Jeremias Gottelf
Uli der Pächter
Vorwort
Der erste Teil dieses Buches enthielt die Geschichte eines Knechtes welcher
durch Treue aus einem Knechte zum Meister wurde Dieser zweite Teil enthält die
Geschichte eines Meisters welcher in den Banden der Welt lag und welchen der
Geist wirklich frei machte Der erste Teil war den Einen zu weltlich was nun
dieser Teil den Einen oder Andern sein wird lässt der Verfasser dahingestellt
Der Verfasser behauptet nicht das Rechte getroffen sondern bloß das mit
ehrlichem Willen nach dem Rechten gestrebt zu haben Ob das Publikum billig und
damit zufrieden ist weiß der Verfasser nicht Mag es aber nun so oder anders
sein so ist das sein Trost dass ihm so Gott will nirgends ein gedankenloses
oder feiles Segeln mit herrschenden Winden wird nachgewiesen werden können
Lützelflüh den 13 Oktober 1848
Jeremias Gottelf
Erstes Kapitel
Eine Betrachtung
Drei Kämpfe warten des Menschen auf seiner Pilgerfahrt Drei Siege muss er
erkämpfen will er dem vorgesteckten Ziele sich nahen bei seinem Scheiden sagen
können Vater es ist vollbracht in deine Hände befehle ich meinen Geist In
einander hinein schlingen sich die drei Kämpfe doch bald der eine bald der
andere drängt sich in den Vordergrund bald nach dem Lebensalter bald nach den
Umständen
Wenn der Frühling des Lebens blüht die Kräfte sich entfalten das Herz von
Wünschen schwellt die Seele zum Fluge nach oben die Flügel regt aus dem
sichern Hafen des väterlichen Hauses hinaus ins Leben hinaus auf des
trügerischen Meeres Höhe das Schifflein strebt da wenden die reinsten und
edelsten Kräfte sich dem Suchen einer Seele zu im Ringen nach ihrem Besitz
erglänzt zum ersten Male des Mannes göttliche Gestaltung Es lebt ein tief
Gefühl im Manne und Gott hat es gepflanzt in den Mann dass er um zu kämpfen
mit des trügerischen Meeres wilden Wellen um zu besiegen die andringende Welt
eine zweite Seele bedürfe dass er ein Weib bedürfe um sich in dieser Welt zu
schaffen und zu gründen ein bleibend Denkmal die schönste Ehrensäule eine
tüchtige Familie fest gewurzelt in der Erde und kühn und fromm hoch zum Himmel
auf die Häupter hebend Hat er die Seele gefunden mit welcher vereint er sich
getraut ein Haus zu erbauen eine feste Burg gegen die lockende andringende
Welt dann will er diese Seele an sich fesseln durch der Ehe heilig Band
welches nur Gott lösen soll Nur wer des Lebens Bedeutung und seinen Ernst
verkennt das Leben hält für ein Schaukeln auf den Wellen der Lust ohne Ziel und
Zweck nur der verkennt der Ehe hohe Bedeutung verhöhnt sie als veraltet als
eine morsche Schranke gegen wahre Kultur Der ist dann aber auch kein Sohn der
Ewigkeit sondern ein Kind des Augenblicks wie ein Irrlicht hüpft im Moor so
ist sein Wandel durchs Leben wie ein Irrlicht versinkt im Moor so sein Leben
im Schlamme der Welt
Hat er das Gefundene errungen mit sich vereint durch der Ehe heilig Band
dann hat er den ersten Sieg erkämpft Aber wehe dem der mit dem Siege allen
Kampf zu Ende glaubt Das Wahren des Sieges ist oft schwerer als desselben
Erringen wie ein rascher kühner Anlauf leichter ist als ein fest und standhaft
Ausharren diesen Wahn hat mancher Sieger mit Schmach und Tod gebüßt Jetzt gilt
es die Ungleichheiten der Seelen auszugleichen vor der Selbstsucht sich zu
hüten und das innere geistige Band die Liebe zu wahren die da langmütig ist
und freundlich sich nicht aufbläht nicht ungebärdig stellt nicht das Ihre
sucht und sich nicht verbittern lässt
Dem Ehemann beginnt so recht eigentlich der Ernst des Lebens der Kampf mit
der Welt Wahrscheinlich hat er schon lange mit ihr gehändelt manch Scherzspiel
mit ihr getrieben aber so recht mit Bewusstsein beginnt doch erst jetzt die
ernste Schlacht
Dem Feldherrn vor beginnen der Schlacht gleicht der Hausvater am Morgen nach
geschlossener Ehe Wenn bei grauen dem Morgen am Schlachttage aus seinem Zelte
der Feldherr tritt ist ernst bewegt sein Herz prüfend schweift sein Auge
durchs Gefilde ermisst die Höhen erforscht die Schluchten erwägt die Kräfte
die ruhen hier und dort schlummern viel leicht den letzten Schlaf die bald
sich messen werden in graulichem Gewühle Er überschlägt den Anfang und denkt an
das Ende Während er sinnt und denkt erwacht um ihn die Welt Schildwachen
rufen Tritte rasseln Pferde wiehern Bajonette blitzen in der aufsteigenden
Sonne Rauch steigt auf und zum Aufsitzen ruft die Trompete die Reiter Des
Tages Getöne verbreitet sich es erwacht aus seinen Sinnen der Feldherr Er
rafft sich zusammen ordnet die Kräfte ruft zur Schlacht Über dem Gewirre
wacht sein Auge mit starker Hand lenkt er dasselbe rollt es auf zieht es
zusammen einem Netze gleich in welchem der Fischer seine Fische fängt Er
beginnt den Kampf die Kräfte messen sich wie ein Wirbelwind wirbelt die
Schlacht durch Schluchten Felder und Berge Der Donner der Kanonen erfüllt die
Luft blutrot färben sich die Waffen schwarz und dunkel ein grausig
Leichentuch legt der Rauch sich über Leichen und Lebendige verhüllt den Augen
der Gebietenden das Wogen der Schlacht Da bedarf der Feldherr ein scharfes
Auge eine feste Seele um mit starker sicherer Hand die Wirbel der Schlacht zu
schürzen und zu lösen nach seinem Sinne sie zu behalten in seiner Macht dass
das Ende der Sieg ist und gebunden und ohnmächtig der Feind zu seinen Füßen
liegt
Glänzt endlich auf des Siegers Haupt des Sieges Krone so gilt es sie zu
bewahren nicht ein Opfer seiner Siege zu werden schmählich zu enden Es ziehen
Siege und Kronen gar zu leicht ins Herz hinein schwellen das Herz regieren das
Herz trüben den Blick lähmen die Hand jagen den Sieger in den Untergang das
Ende so vieler Sieger
Wie der Feldherr vor die Schlacht trittet vor die Welt der junge Hausvater
Er will ihr abringen eine sichere Stätte Platz zu einer Ehrensäule er prüft
die Welt misst seine Kräfte beginnt endlich den Kampf mit den vorhandenen
Kräften und im Vertrauen auf sie Tausende werden rasch niedergerannt von der
Welt verlieren alsbald Mut und Leben sie waren nicht befähigt zum Kampfe ihr
Dasein war und ist ein trostloses
Viele ringen immer und kommen nimmer zum Siege Ihr Dasein ist ein
mühseliges das Schöpfen in ein durchlöchertes Fass das Rollen des Steines der
immer wieder niederrollt den Berg hinan zu einem festen Sitz kommen sie nicht
die Krone der Ehre schmückt ihre Scheitel nicht der Welt ringen sie nichts ab
eitel und voll Mühe war ihr Leben und keine Beute ward ihnen weder eine äußere
noch eine innere Andere dagegen scheinen glücklich siegreich zu kämpfen mit
der Welt große Beute von allen Seiten fällt ihnen zu aber diese Beute ist eben
das trojanische Pferd welches die Mauern ums Herz sprengt dem verräterischen
Feind den Zugang öffnet Wie die Siege dem Sieger zieht sie ein in des Eroberers
Herz wirft dort zum Herrn sich auf zum Knechte wird der Mensch zu immer neuen
Kämpfen hetzt sie den armen Sklaven jagt ihn gleichsam alle Tage Spiessruten
was er auch erbeuten mag von der Welt ihren Schätzen und Genüssen Ruhe und
Genügen findet er nimmer jeder neue Gewinn ist Öl in die alte Gier und Glut
neue Jagd durch die Wüste beginnt an jedem neuen Morgen bis er endlich
elendiglicher verendet als der welcher der Welt nichts abgewonnen hat Und so
wird es jedem ergehen in höherem und geringerem Grade augenscheinlicher und
minder bemerklich in welchem nicht ein dritter Kampf sich erhoben hat und
siegreich nicht zu Ende geführt aber doch dem Ende zugeschritten ist Er ist
der höchste der Kämpfe aber auch der schwerste es ist der Kampf mit dem
eigenen Herzen der Kampf des neuen Menschen mit dem alten der Kampf des
Geistes mit der Materie Glücklich gefochten bringt er aber auch den höchsten
Lohn hier ein Genügen welches über allen Verstand geht drüben die Krone der
Gerechtigkeit die Kampfgabe des ewigen Jerusalems
Im Herzen steckt von Anfang an und von Natur der alte Mensch der da böse
ist und verkehrt Gott und den Nächsten hasst sich allein liebt lüstern ist
nach der Welt ihren Genüssen und Schätzen der da einen Boden hat für alles
Unkraut empfänglich nicht für die Lust allein absonderlich auch für Neid
Zorn Hass und Rachgierigkeit Dieser alte Mensch vom Fleische geboren ist es
der von der Welt sich locken lässt und gefangen genommen wird dem Affen gleich
dem man in einer Flasche Nüsse beizt in den engen Hals der Flasche zwingt wohl
der Affe die leere Pfote aber die mit Nüssen gefüllte bringt er nicht durch den
engen Hals die Nüsse fahren lassen will er nicht lässt lieber Freiheit und
Leben Dieser alte Mensch ist der Zwillingsbruder der Welt draußen je mehr
derselbe der Schwester abgewinnt desto üppiger schwillt er auf desto üppiger
wird die Welt drinnen desto größer ihre Gewalt desto grausiger ihre Tyrannei
über die arme Seele wenn nämlich der dritte Kampf nicht entbrannt ist um die
Emanzipation der Seele oder des neuen Menschen der Kampf um das Himmelreich Im
dritten Kampfe soll eben nämlich der Himmel gewonnen und dieser gezogen werden
ins Herz hinein dass die Welt nicht Platz habe darin dass man sie hat als hätte
man sie nicht sie genießt als genösse man sie nicht übrig haben davon und
Mangel leiden kann daran und beides unbeschwert
Der alte Mensch ist der erste der erstgeborne wenn man will Es schlummert
aber im gleichen Gehäuse ein zweiter Mensch geschaffen nach dem Ebenbilde
Gottes aber gefesselt in dunkler Höhle gefangen gehalten durch den alten
Menschen dem alten Barbarossa ähnlich der da auch schlummern muss in dunklem
Bergesschosse bis ihn ein junger Tag zu frischem Heldentume weckt Der neue
Mensch muss eben auch geweckt werden und zwar durch den Geist dessen Brausen man
wohl hört aber von dem man nicht weiß woher er kommt noch wohin er fährt Auf
ihm liegt schwerer als der schwerste Stein auf märchenhaften Schätzen Moder
und Schutt von Welt und Sünde Gewaltiger als das Wehen der Winde welche das
Gebirge sprengen wollen das auf den himmelstürmenden Riesen liegen soll muss
der Hauch des Geistes sein welcher wegfegt Moder und Schnitt von Welt und
Sünde hebt den Stein vom engen Gehäuse in welchem gefesselt liegt der neue
Mensch ihn kräftigt dass er sich erhebt den Kampf mit dem alten Menschen
beginnt um den Besitz des Herzens um des Lebens Ziel und Richtung
Ohne Gott kann hier nicht gekämpft werden am allerwenigsten glücklich aber
wo Gott mitkämpft muss der Kampf zum Siege führen Doch nie zum vollständigen
solange in sterblichem Gehäuse die Seele wohnt erst im Grabe das ist des
Christen Hoffnung versenkt er mit dem Leibe auch Sünde und Sündhaftigkeit Der
alte Mensch wenn auch vom Throne gestoßen ergibt sich auch in Fesseln nicht
erhebt alle Tage sich neu gleich dem Satan gegen Gott wie hoffnungslos das
Beginnen auch ist Mit dem letzten Atemzuge erst legt er sich in ewige Ohnmacht
Darum bleiben fort und fort so bedeutsam die Worte Wachet und betet dass ihr
nicht in Versuchung fallet Je schwächer der Bruder darum ist desto mehr
verliert die Schwester die Welt draußen ihre Macht über den Menschen sie hat
nicht mehr Platz im Herzen sie regiert nicht mehr sondern wird regiert Der
Kampf mit ihr nimmt in dem Masse ab als der gegen den alten Menschen sich dem
Siege nähert Wer also kämpfet der ist ein guter Kriegsmann Jesu Christi darf
hoffen gekrönt zu werden des Lebens Bestimmung hat er erfüllt das ewige Leben
ergriffen darf befehlen seinen Geist in des Vaters Hände
Oh groß und wunderbar ist des Lebens Bedeutung und eng und schwer durch das
Leben der Weg der zum Ziele führt Oh und wie leichtfertig und vermessen
schlendern die Menschen durchs Leben als ob sie weder Ohren noch Augen hätten
keinen Verstand die Tage mit Weisheit zu zählen als ob sie hundert Leben
hätten hundertmal von vornen wieder beginnen könnten wenn eins in
Liederlichkeit Torheit und Sünde schmählich zu Ende gelaufen als ob der Glaube
abgeschafft sei und erlaubt nach vieltausendjähriger Erfahrung erst sich zu
bekehren durch hundert verlorne Leben endlich klug geworden
Heil denen welchen in diesem Leben Augen und Ohren aufgehen und das rechte
Verständnis kommt dass mitten in der Welt der Himmel errungen werden muss wenn
wir die Liebe bewahren die Welt überwinden den Himmel jenseits schauen wollen
dass wir Gott hienieden finden unser Herz seine Herberge werden muss wenn er
droben uns herbergen unser Teil werden soll in alle Ewigkeit
Zweites Kapitel
Der Antritt der Pacht
Dieses alles dachte Uli nicht als er am Morgen nach seiner Hochzeit vor das
Haus trat unwillkürlich am Brunnen vorbei hinter das Haus schritt von wo man
einen großen Teil des Hofes übersah aber Ähnliches regte sich doch in ihm Ein
Weib hatte er errungen ein besseres gab es nicht das wusste er Aber vor ihm
stund nun die Welt an dieser besaß er so viel als nichts das bedachte er und
bange ward es ihm Er hatte sie angefasst diese Welt den Kampf mit ihr
begonnen die Pacht um ein großes Gut war geschlossen in wenig Tagen musste er
sie antreten übers Jahr mehr als achthundert Taler Zins ausrichten und diese
achthundert Taler überstiegen sein Vermögen Woher sie nehmen wenn das Glück
nicht auf seiner Seite stund wem die Welt stärker war als er ihm nichts
ablassen wollte von ihren Schätzen ihm entriss was er bereits hatte Bangen kam
über ihn des Bangens Unruhe fuhr ihm in die Glieder trieb ihn durch die
Ställe trieb ihn ums Haus herum bis er wieder stillestund hinter demselben
Äcker und Wiesen rechnend übersah rechnete und rechnete dass ihm Hören und
Sehen verging darob dass er nicht wusste mehr stund er auf dem Kopfe oder auf
den Füßen die Rechnungen sich verschlangen in einander dass er nicht mehr
wusste wo der Anfang war geschweige dass er das Ende finden konnte
Plötzlich wurde er umschlungen hochauf fuhr er als ob es wirkliche
Schlangen wären Es war auch eine an Klugheit aber eine ohne Gift und Galle
wie wir jedem Christen eine ins Haus wünschen möchten es war Vreneli das
freundlich vor ihn trat traulich ihm ins Auge sah beide Hände ihm auf die
Schultern legte und sagte »Aber Uli Uli hast die Ohren verloren Das
Frühstück steht auf dem Tische dreimal rief ich dir und allemal lauter und
allemal umsonst Uli lieber Uli fange mir nicht schon an mit Sinnen und
Rechnen weißt nicht wie leicht man sich erst verrechnet und dann hinter
sinnet Lass uns beten und arbeiten das Andere auf Gott stellen der soll unser
Rechenmeister sein Der wird schon rechnen dass es gut kommt und der böse
Kummer und das plaghafte ängstliche Wesen welches immer auf dem Trocknen
ertrinken will und an der Sonne erfrieren kommen nicht an uns Uli lieber Uli
wollen wir« frug Vreneli fast wehmütig und streckte ihm die Hand dar Uli
schlug ein folgte zum Frühstück aber heiter ward doch sein Gesicht nicht
Wahrscheinlich wusste er auch kaum so recht was er seinem Weibchen
versprochen hatte Es gibt gar viele Menschen welche sich von einem
Gedankenzuge der sich ihrer bemächtigt hat kaum mehr losmachen können Der
Gedankenzug reißt sie dahin und wenn sie schon Rede und Antwort geben so
wissen sie doch nicht worauf und was Sie sind wie Solche die in einem
Eisenbahnzug dahinfahren und ihre Lieben schreien ihnen nach und sie schreien
den Lieben zurück aber Keines weiß was geschrien wird
Es ist aber wirklich dem guten Uli zu verzeihen wenn seine Gedanken
gefangen und unwillkürlich in einer Richtung dahingerissen wurden seine Lage
war auch danach Vor ihm stund in nächster Nähe der Tag wo er wie man
heutzutage zu sagen pflegt ein Geschäft übernehmen sollte welches weit weit
über sein Vermögen das er so schwer und langsam erworben ging ihn in
Jahresfrist ohne Wunder und absonderliche Greuel zugrunde richten konnte Nun
Vielen hätte dieses nichts gemacht Hunderte springen wenn sie nur irgend wie
ein Geschäft erblicken mit beiden Beinen hinein Tausende gar mit dem Kopf
voran ohne sich zu kümmern mögen die Beine nach oder nicht Uli gehörte nicht
zu dieser Rasse Uli hatte eine der bedächtigen Berner Naturen und war nicht
demoralisiert durch den Zeitgeist das heißt durch den Schwindelgeist der Zeit
Er besaß tausend Gulden zirka sechshundert Taler Vermögen legt der Berner
gerne auf solides Unterpfand an ehedem bloß auf dreifaches jetzt nimmt man
schon mit nur doppeltem vorlieb Uli aber setzte das seine aufregen und Sturm
auf Hagel und Dürre auf Blitz und Seuche Nicht bloß konnte ihm alles verloren
gehen sondern namentlich wenn Unglück in die Ställe brach konnte er zwei
dreimal mehr verlieren als er besaß Dann war nicht bloß der beste Teil seines
Lebens scheinbar verloren sondern der Rest desselben schien kaum hinreichend
sich dürftig von dem Schlage zu erholen So ist es wohl erlaubt dass es einem
bange wird ums Herz dass Vertrauen und Sorgen mit einander ringen Wem es nicht
so geht der müsste wirklich sehr leichtfertig neumodisch genaturt sein
Die Vorbereitungen zur Übernahme wurden allmählich getroffen Joggeli und
seine Frau ließ nach und nach in den Stock schleppen was sie behalten
wollten und Vreneli half treulich der Base einhausen war ihr Kind nach wie
vor und wenn es auch das Eigene darob versäumen musste verzog es doch keine
Miene Es fanden sich eine Unmasse von Dingen vor welche Uli nicht brauchte und
Joggeli nicht Diese wurden sämtlich in eine große Kammer zusammengetragen und
aufgestapelt An einer Steigerung hätte man daraus eine Summe gelöst welche
eine herrliche Erquickung für den Baumwollenhändler gewesen wäre Aber auf der
Glungge sollte keine Steigerung abgehalten werden Überhaupt in allen soliden
Häusern liebt man das Alte mehr als das Neue Kleider verkauft man nicht An
jedes Stück knüpfen sich Erinnerungen und an diese Erinnerungen knüpfen sich
Lehren und Erfahrungen und gar mancher Bauer zieht aus seiner Rumpelkammer und
allen Winkeln seines Hauses weit mehr Weisheit ein als englische Lords und
deutsche Gelehrte aus den kostbarsten und größten Bibliotheken angefüllt mit
Büchern gebunden in Schweinsleder oder halb oder gar ganz Franzband
Das Inventar von dem Geräte und dem Viehstand war groß und die Schatzung
obgleich alles äußerst billig machte Uli die Haare zu Berge stehen Man denke
sich zum Beispiel nur acht Kühe und jede durchschnittlich zu sechzig Talern
Dieses Inventar überstieg mehr als um das Vierfache Ulis Vermögen musste zu vier
Prozent verzinset und später allfälliger Abgang ersetzt werden Uli hatte großen
Vorteil dabei aber bedenklich war es doch in alle Wege
Endlich kam der verhängnisvolle fünfzehnte März an welchem wie man zu
sagen pflegt Uli Nutzen und Schaden angingen Es war ein schöner heller
Märztag und doch kam er allen trüb und unheimlich vor Es tat allen weh die
Alten ausziehen zu sehen Als man ihr Hinterstübchen ausräumte und namentlich
das große Bett hinüberschleppte war es fast als trage man ihnen einen großen
doppelten Sarg voran Die Base hatte den ganzen Tag das Wasser in den Augen
aber lauter heitere aufmunternde Worte im Munde sie hatte eine Gewalt über
sich welche allen Gebildeten zu wünschen wäre Man sah es ihr an sie
betrachtete dieses Überziehen aus dem großen Hause in das kleine als eine
Vorübung auf das Beziehen des allerkleinsten Häuschens welches Armen und
Reichen aus wenig Brettern zusammengeschlagen wird In diesem kleinen Häuschen
schläft man auch doch wie wohl oder wie übel das weiß Gott
Als aber das alte Ehepaar zum erstenmal in ihrem großen Bette im Stocke
schlafen wollte da wollte der Schlaf nicht kommen er war nicht gewohnt sie
hier in diesem Stübchen zu suchen Ob Joggeli es zürnete wissen wir nicht es
schien fast als sei die Nacht ohne Schlaf ihm willkommen um seiner Alten alle
ihre Sünden bis weit in die Urwelt hinauf vorzuhalten und sie für alle Folgen
derselben verantwortlich zu machen nicht bloß bis auf Kinder und Kindeskinder
sondern bis drei Tage nach dem Jüngsten
Die gute Alte schwieg lange endlich lief es ihr doch über »Ich hoffte«
sagte sie »wenn dir die Last abgenommen werde so werdest du einmal mit Gott
dir selbst und der Welt zufrieden Aber wie ich leider sehen muss bleibst du
immer der gleiche Stürmi Du hättest eigentlich zu einem armen Mannli einem
Korbmacher oder Besenbinder geraten und dreizehn oder neunzehn lebendige Kinder
haben sollen dann hättest du klagen können vielleicht dass Gott es gehört
hätte Aber jetzt ists nur ein böser Geist der dich immer klagen lässt und der
ist mit mir hinübergekommen und wird bei uns bleiben sollen Ich muss mich
versündigt haben dass ich mich damit muss plagen lassen In Gottes Namen ich muss
es so annehmen Unser Herrgott wird doch hoffentlich bald finden jetzt sei es
Zeit Warum ich nicht von dir lief als ich noch junge Beine hatte die laufen
konnten und so weit weg als sie mich tragen mochten das begreife ich noch auf
die heutige Stunde nicht Jetzt trüge Fortlaufen nicht viel mehr ab und meine
alten Beine trügen mich kaum so weit dass mir dein Stöhnen und Klagen um nichts
oder wieder nichts nicht noch zu Ohren käme besonders wenn der Wind ein wenig
ginge« Das wollte Joggeli doch fast gemühen »Wer laufen will kann« sagte er
»ich will niemand dawider sein und mit Nachlaufen werde ich niemand plagen
Wenn ich schon wollte täten es meine Beine nicht wenn andere ausgestanden
hätten was sie sie wären auch froh an die Ruhe zu kommen« Ihm wäre es je
eher je lieber Gutes hätte er nie viel gehabt und was ihm noch warte könne
denken wer Verstand habe Jetzt vermöchte er doch noch seinen Sarg schwarz
anstreichen zu lassen gehe es länger so sei es wohl möglich dass man froh sei
wenn man noch so viel bei ihm finde um die ersten besten rohen Bretter zu
bezahlen »Du bist doch immer der Wüsteste wirst dich versündigen wollen dass
es keine Art hat« sagte seine Frau »Schweigen wird am besten sein es weiß
sonst kein Mensch was du noch stürmst« Darauf drehte die Mutter sich gegen die
Wand und blieb stumm Joggeli mochte gifteln und klönen so stark und so lange
er wollte
Drüben im großen Hause ging es anders zu Die Bauart des Hauses brachte es
mit sich dass die Meisterleute im Hinterstübchen wohnen mussten Dasselbe war
gleichsam des Hauses Ohr jeder Schall aus Kammern und Ställen von vornen und
hinten schien dort landen zu müssen das ist kommod für einen rechten
Hausmeister
Uli und Vreneli mussten dieses Stübchen auch beziehen aber sie taten es
ungern sie schämten sich fast als Knecht und Magd nun zu schlafen wo früher
der Meister und die Meisterfrau Sie kamen sich wirklich im Stübchen als so gar
nichts vor und auch bei ihnen wollte der Schlaf nicht einbrechen
»Ja ja« stöhnte Uli »es wäre schön hier und im Winter bsonderbar warm da
ließe sich sein Wenn es nur immer währte aber das Ändern tut weh Wenn man am
Ende doch wieder in eine kalte Kammer muss so wäre es hundertmal besser man
hätte sich nie an ein warmes Stübchen gewöhnt« Aber zwängt sei zwängt und
jetzt müsse man es nehmen wie es sei So jammerte Uli ähnlich wie Joggeli der
Unterschied war bloß der dass sein Jammer nicht aus einem zähen verhärteten
Herzen kam sondern aus einem jungen warmblütigen demütigen welches sich in
seine höhere Stellung nicht finden konnte In einem solchen finden gute Worte
noch gute Stätte An solchen ließ es auch Vreneli nicht fehlen tröstete so gut
es konnte sprach vom Werte des Hofes von seinem guten Willen von dem
Vertrauen zu Gott der alles wohl machen werde dass Uli die Ruhe kam und er
andächtig mit Vreneli beten konnte darauf kam leise der Schlaf gezogen hüllte
die Beiden in seinen dicksten Schleier und als die Sonne kam schlummerten
Beide noch süß und fest darin und lange ging es bis ihre Strahlen die Schläfer
zu wecken vermochten
Hui wie Beide auf die Füße fuhren als vor ihren langsam sich öffnenden
Augen plötzlich der helle Tag stund in vollem sonnigem Gewande Draußen
polterte das Gesinde prasselte das Feuer gackelten bereits die Hennen und
Meister und Meisterfrau hatten sich noch nicht gerührt Wohl da schämten sie
sich und durften fast nicht aus dem Stübchen Sie hatten sich wohl schon mehr
als einmal verschlafen aber so ungern es wirklich doch nie gehabt als heute
Wie die Leute das auslegen würden dachten sie
Der Frühling ist eine herrliche Zeit eine ahnungsreiche wonnevolle
Darüber werden doch wohl die Parteien von allen Farben einig sein wie weit sie
sonst auseinandergehen mögen Wie prosaisch und trocken ein Bauer auch sein mag
im Frühling wird ihm doch das Herz größer und er denkt weiter als die Nase
lang Er hat es seinen Äckern Wiesen und Gärten gegenüber wie ein Vater der
mitten in einem Dutzend blühender Kinder steht Was wird aus ihnen werden was
werden sie für Früchte tragen muss er unwillkürlich denken Wie der Kinder
Gesichter blühen Gesundheit ihre Glieder schwellt blühen und schwellen Freude
und Hoffnung in seiner Seele So hat es auch der Landmann besonders der junge
welcher noch nicht manchen Frühling auf eigene Rechnung erlebt hat Jede
Pflanzung wird ihm zum Kinde und je üppiger sie grünt und blüht desto üppiger
grünen und blühen seine Hoffnungen
Der Frühling von welchem wir sprechen war ein ganz eigen von Gott
gespendeter als wollte er die Probe machen ob die Menschen so weit in der
Aufklärung gekommen dass sie zu begreifen imstande seien sie selbst könnten
keinen solchen machen auch sei es unmöglich dass er von ungefähr käme sondern
dass er von Gottes väterlicher Hand müsse gegeben sein
Mit Fleiß und Kunst bestellte Uli Saat und Acker und Vreneli machte nicht
bloß fast alleine seine schwere Haushaltung sondern half doch noch draußen dass
männiglich sich wunderte sorgte für den Garten dass Kraut darin wuchs und Salat
nebst allerlei Kräutlein welche einer vernünftigen Suppe wohl anstehen und
sonst in gesunden und kranken Tagen gut zu gebrauchen sind
Vrenelis rührigem Treiben sah die Base mit der größten Freude zu Alle Tage
war sie im Garten oder guckte wenigstens über den Zaun besah die andern
Pflanzungen und häufig kam sie setzte sich zu Vreneli half ihm das Essen
rüsten oder sagte »Gehe nur wenn du was zu machen hast ich will dir zum Feuer
sehen und sorgen dass das Essen nicht anbrennt« Wollte Vreneli sich wehren oder
danken so meinte sie »Ich habe Ursache zu danken dass du es annimmst Was
meinst müsste die Langeweile mich nicht töten wenn ich auf einmal von allem
käme und nichts mehr anrühren dürfte« Kam sie dann heim hatte sie zumeist ein
lachend Gesicht denn dass es drüben so gut ging freute sie sehr und was sie im
Herzen hatte zu verbergen war ihr nicht gegeben und sagte wohl zu Joggeli
»Gottlob es geht da drüben gut besser noch als ich gedacht Wenn die es nicht
zu was bringen so gelingt es niemanden mehr Vreneli läuft als wenn es Räder
unter den Füßen hätte und Uli schafft als sei er aus lauter Uhrenfedern
zusammengesetzt Es ist mir ein recht schwerer Stein ab dem Herzen hätte mir ja
mein Lebtag ein Gewissen machen müssen wenn es nicht gut gegangen wäre«
Joggeli welcher wohl auch herumgetrippelt war an seinem Stocke und hinter
Zäunen und Bäumen hervor dem Treiben zugesehen hatte zog auf solche Reden sein
grämliches Gesicht und meinte »Glaub es wie sollte es anders sein wenn ihnen
alles hilft die Fische in das Netz zu jagen sogar das Kraut in den Hafen
Hätte man für mich halb gearbeitet und gesorget wie für sie ich wäre noch
einmal so reich Aber mir hat niemand helfen wollen ja wenn man mich hätte auf
die Gasse bringen können man hatte es getan und dazu noch den Hals voll gelacht
und dazu noch die denen es dabei am übelsten gegangen wäre und zuletzt hätte
ich denn doch an allem schuld sein sollen Ja die Welt ist bös Trau schau
wem heißt es nicht umsonst« »Ja da hast einmal recht« antwortete die Base
»die Welt ist wüst und Trauen bös aber von den Allerwüstesten bist du und
wegen Trauen solltest schweigen Wenn das Gewissen nicht wäre und deine Frau
weiß Gott was du für ein Unflat geworden wärest So alt bist schon und wirst
doch noch alle Tage wüster denkst nicht an deine arme Seele und was Gott mit
ihr anfangen soll«
So verschiedene Gedanken wachsen bei gleicher Witterung in den Herzen der
Menschen es ist aber eben der Grund der Herzen verschieden Giftkräuter wachsen
auf dem einen Heilkräuter treibt der andere Du mein Gott wie sollte es dem
Menschen welcher den Gärtner vorstellen sollte in seines Herzens Garten so
himmelangst werden wenn er in seinen Garten kommt und es weht ihm entgegen ein
giftiger Hauch und gleich Schlangenaugen glitzern ihm lauter Giftkräuter
entgegen Ach Gott nein denen wird gar nicht himmelangst die bleiben
kaltblütig ja sie haben noch Freude und Spaß an den giftigen Kräutern lassen
sie nicht bloß nach Belieben wuchern sondern pflegen sie noch sorgsamst als
obs die kostbarsten Pflanzen wären und je üppiger sie aufschiessen mit desto
größerem Behagen weisen sie als große Raritäten dieselben vor allen welche sie
zum Betrachten herbeibringen können
Fröhlich wie im Fluge rannen die Tage dem jungen Ehepaare dahin wie es zu
gehen pflegt wenn voll Arbeit die Hände sind voll Sinnen der Kopf die Arbeit
wie ein Uhrwerk läuft und das Erdachte zur Tat wird ohne Säumnis und Hindernis
Es war als ob der liebe Gott erst nachsehe was Uli meine und Vreneli sinne
ehe er das Wetter mache regnen lasse oder die Sonne scheinen Dachte Uli jetzt
wäre ein warmer Regen gut so kam ein warmer Regen man wusste gar nicht woher
und wenn er dachte Jetzt ists genug die Sonne wäre wieder gut so ging der
Regen man wusste nicht wohin und die Sonne war da Wer auf Sonne und Regen nur
des Spazierens wegen achtet und nicht weiß welche Bedeutung beide für den
Landmann haben der weiß gar nicht welch Unterschied wir wollen nicht sagen im
Gedeihen der Pflanzen sondern im Betrieb der Arbeit ist bei günstigem oder
ungünstigem Wetter
Es gibt Jahre in welchen man bei gedoppelter Anstrengung und Kosten
nirgends hinkömmt immer im Rückstand ist alles pfuschen muss wenn man das
Dringlichste machen will ehe der Winter wieder da ist und wiederum Jahre wo
alles geht wie auf einer Eisenbahn nirgends ein Rückstand ist Hasten und Jagen
nie nötig sind man Zeit zu allem hat und keinen Kummer vor dem Kommen des
Winters wo alles wohl gerät und wo es ist als sei Meister der Mensch seine
Hand ein Zauberstab sein Mund allmachtsvoll er streckt die Hand aus so
springt der Schoss der Erde auf er gebietet und es steht da Es sind
gefährliche Jahre diese Jahre sie füllen wohl Spycher und Scheuren aber sie
leeren das Herz von Demut und Gottvertrauen darum müssen dann wiederum böse
Jahre kommen wo der Mensch mit allem Fleiß und aller Kunst nichts machen kann
Sie leeren wohl Spycher und Scheuren aber dafür füllen die Herzen sich wieder
mit Demut und die Augen gewöhnen sich wieder nach oben zu sehen und das
Gedeihen von Gott zu erwarten
Uli wuchs sein Glück fast über das Haupt dass er vor lauter Bäumen den Wald
nicht mehr sah das heißt vor lauter Hoffnungen und Erwartungen sein Glück nicht
mehr berechnen konnte weil es seine Rechenkunst zu übersteigen anfing wie aber
Manchem über dem Essen der Appetit kommt und das Begehren nach immer Mehrerem
so ging es auch Uli Uli hatte Ställe voll Pferde und Kühe übernommen um eine
sehr billige Schatzung Bei allfälligem Abgeben der Pacht musste er wieder für
die gleiche Summe Ware einliefern oder den Abgang ersetzen oder hatte den
Mehrbetrag zu fordern Er konnte also mit der übernommenen Ware ganz schalten
und walten nach seinem Belieben was bei seinem Abgang in den Ställen stund
wurde wieder geschätzt und je nachdem es sich fand fanden Vergütungen von der
einen oder andern Seite statt
Joggeli hatte auf dem Handeln nicht viel gehalten und selten zu rechter Zeit
abstossen können Uli kalkulierte anders er hatte namentlich zwei Pferde und
drei Kühe übernommen welche auf dem höchsten Punkte ihrer Reife stunden
behielt man sie länger fielen sie stetig im Preise verkaufte er sie kaufte
dagegen junge Tiere so stiegen diese im Preise bezahlten neben der Nutzung
noch ihre Fütterung Uli entschloss sich alsbald zu diesem Handel Vreneli
wehrte »Recht hast« sagte es »aber merkt es Joggeli so gibt es böses Blut
das muss man verhüten so lange als möglich übrigens sind die Tiere so geschätzt
dass sie nach einem Jahre noch die Schatzung gelten du also jedenfalls dazumal
noch nichts daran verlierst« Geld hätten sie eben auch noch nicht so nötig und
im Fall es gegen Herbst rarer werden sollte so konnte man immer noch verkaufen
nur nicht jetzt gleich wo Joggeli es als eine absichtliche Prellerei ansehen
könnte wenn Uli vielleicht hundert Taler in Sack mache oder doch fünfzig Uli
hatte recht aber Vreneli noch rechter und wie es geht in der Welt das Beste
geschieht am seltensten Uli gewann ein Erkleckliches und meinte Joggeli
vernehme es nicht
Aber die Leute welche früher Joggeli alles zugetragen hatten lebten noch
und wären sie gestorben gewesen so wären aus ihrem Grabe herauf alsbald neue
aufgewachsen von wegen diese Sorte stirbt nie aus Joggeli wusste richtig
alsbald bei Heller und Pfennig was Uli gelöst das gab böses Blut Die Base und
Vreneli mussten viel leiden deretwegen Uli hätte das nicht tun und den Frieden
auch für etwas rechnen sollen da Gott es so gut mit ihm meinte und er es so
wenig nötig hatte
Das Frühjahr ist für den Landmann welcher nicht Vorräte hat sonst eine
Zeit welche Geld frisst oder zu Schulden nötigt das war bei Uli nicht der Fall
seinen Handel nicht gerechnet Vreneli löste aus Butter und Milch viel Geld so
dass nicht bloß die Hauskosten bestritten wurden sondern hie und da noch ein
großes Silberstück beiseitewanderte um bei der Hand zu sein wenn der Pachtzins
gezahlt werden musste Ferner wurde er mit einigen Prachtkälbern beschenkt Diese
mästete er bis sie nahe an zwei Zentner wogen half zuweilen sogar mit Eiern
nach welche er entbehrlich glaubte Solche Kälber sind rar gehen in die Bäder
nach Basel usw und werden schwer bezahlt so dass Uli wirklich Glück in allen
Ecken hatte das Geld nicht von ihm wollte sondern immer vermehrt zurückrann
einer guten Taube gleich welche nie ausfliegt ohne mit einem neuen verlockten
Tauber zurückzukehren
Drittes Kapitel
Das Erntefest oder die Sichelten
Dennoch setzte sich Uli ein Wurm ans Herz von wegen was er einnahm das gehörte
ihm versteht sich was er ausgeben musste das verstand sich nicht von selbst
er kehrte es sieben mal um bis er sicher war dass er es schuldig sei Es ist
eine eigene Geschichte wenn ein großes Bauernhaus sich umwandelt in ein bloßes
Pächterhaus Ein großes Bauernhaus welches seit hundert und mehr Jahren im
Besitz der gleichen Familie war und absonderlich wenn gute Bäurinnen darinnen
wohnten ist in einer Gegend fast was das Herz im Leibe drein und draus strömt
das Blut trägt Leben und Wärme in alle Glieder ist was auf hoher Weide eine
vielhundertjährige Schirmtanne den Kühen unter welche sie sich flüchten wenn
es draußen nicht gut ist wenn die Sonne zu heiß scheint wenn es hageln will
oder sonst was im Anzuge ist was die Kühe nicht lieben ist der große
unerschöpfliche Krug welcher nicht bloß einer Witwe und ihrem Söhnelein das
nötige Öl spendet sondern Hunderten und abermal Hunderten Trost und Rat Speise
und Trank Herberge und manch warmes Kleid jahraus jahrein Ein solches Haus ist
das Bild der größten Freigebigkeit und der sorglichsten Sparsamkeit Da liest
man die Strohhalme zusammen und zählt die Almosen nicht da findet man die
Hände welche nie lässig sind im Schaffen und im Geben denen zur Arbeit nie die
Kraft ausgeht und nie die Gabe für den Bedrängten So ein Haus ist ein wunderbar
Haus aber darum ist es auch eine Art heiliger Wallfahrtsort wohin wandert wer
bedrängten Herzens ist Not leidet am Leibe oder an der Seele Zieht aber nun
aus einem solchen Hause die Seele das heißt die Bäurin oder der Bauer so
bleibt das Haus und wie Kinder immer wieder zum toten Körper ihrer Eltern
zurückkehren forschen ob die Seele nicht zurückgekehrt so kommen die Leute
immer und immer noch zum Hause klopfen an die alte Türe horchen ob die alte
treue Hand die nie leer ward nicht wieder da sei Gaben spendend begleitet
von einem freundlichen Worte Sind Bauer und Bäurin auch nur neben dem Hause in
den Stock oder das Stöcklein gezogen so gehen doch nur die Bekanntern oder die
Bettler von Profession dahin denn das Stöcklein ist kein Haus es ist kein
Stall daran und acht Milchkühe drinnen sind nicht Keller nicht Kammern
gespickt mit allen möglichen Vorräten Zum Stöcklein gehört der Hof nicht
gehören die unzähligen Obstbäume nicht gehören alle die reichen Quellen nicht
welche einer guten Bäurin Hand unerschöpflich machen Es sind wohl Zuflüsse da
aber in bestimmten Grenzen und nach kleinerem Maßstabe Zieht nun ein Pächter in
das Haus ein in die Schatzkammer des Hofes den Wallfahrtsort der Armen und
Bedrängten so er lischt des Hauses Heiligenschein nicht alsobald die Menge
wallfahrtet noch immer zu demselben nach alter Gewohnheit achtet nicht der
geänderten Verhältnisse macht ans Haus die nämlichen Forderungen Die Menge
nimmt an die Guttätigkeit des Hauses sei Pflichtigkeit welche jeder Bewohner
sei er wer er wolle zu übernehmen habe Geschieht dieses nicht vollständig so
spricht eine bedeutende Anzahl »Ach Gott da hat es auch böset Gottlob dass
ich so alt bin Müsste sonst noch erleben dass die guten Leute alle aussterben«
Eine andere Anzahl aber wird erbittert im Gemüte als wie über versagte Rechte
und sagt Das werde gehen und gehen bis es endlich zu dem komme wovon man
immer rede wie man auch von der Fasnacht rede bis sie komme dass man selbst
zugreifen müsse wenn man etwas erhalten wolle
Ähnliches geschah in der Glungge Vreneli war schon unter der Base
Almosnerin gewesen hatte dabei wohl auch unverschämten Bettlern einen Zuspruch
gegeben der ihnen ins Leben ging Vreneli war jetzt seine eigene Almosnerin
machte wohl die Stücke Brot etwas kleiner als früher und Kleider oder
Leinenzeug konnte es nicht austeilen in einer neuen jungen Haushaltung findet
es sich nicht Das ging bös an Eine Bettlerin sagte Vreneli ins Gesicht »Du
warst von je ein Wüstes und gönntest keinem Armen was und wirst eher zehnmal
schlimmer als einmal besser von wegen es wird noch immer sein wie es im
Sprichwort heißt Es ist keine Schere die schärfer schiert als wenn ein
Bettler zum Herren wird« Die Meisten jedoch sagten Vreneli ihre Gedanken nicht
an den Kopf heraus aber sie verlästerten es desto jämmerlicher hinterwärts Da
sie nichts Böses wussten ersannen sie um so Greulicheres namentlich machten sie
geltend wie sie den Hof fast um nichts hätten den Kindern das Brot von dem
Munde wegstöhlen da sei es kein Wunder wenn sie auch gegen die Armen wären wie
Türken und Heiden Schlecht sei schlecht und schlechte Leute habe es immer
gegeben aber Leute wie die ohne Religion seien doch noch nie erlebt oder
erhört worden Das alles tat Vreneli sehr weh denn begreiflich wurden ihm alle
diese Reden wieder hinterbracht und wahrscheinlich von denen selbst welche sie
gehalten nur dass sie dieselben dann Andern in den Mund legten Doch sagte es
davon Uli nichts es verarbeitete das in seinem eigenen tüchtigen Sinn Es
dachte Klagen trage nicht viel ab warum ein zweites Herz betrüben wenn man
imstande sei es alleine zu verwinden Hilfe leisten könne ihm Uli nicht und
alle Armen diese Wehtat entgelten lassen wollte es nicht Uli war wenig zu Hause
und hatte den Kopf so voll von Geschäften und Gedanken dass er gar keine Augen
für diese Dinge hatte Er war es gewohnt Leute an den Türen zu sehen oder bei
Vreneli in der Küche achtete sich derselben nicht frug nicht was sie wollten
dachte gar nicht daran dass es jetzt über ihn ausging und um seine Sache ließ
Vreneli also ganz gewähren nach seinem Belieben
Der Heuet war vorbeigeflogen wie gewünscht die Kirschen mit den Sperlingen
im Frieden geteilt worden und die Ernte vor der Türe ehe man sich dessen
versah
Die Ernte ist dem Landmann eine wichtige Zeit eine heilige Zeit von ihrem
Ertrage hängt sein Bestehen ab oder wenigstens sein Wohlergehen Er erkennt
dieses auch an und als Zeichen dieser Erkenntnis richtet er am Schluße
derselben eine Art von Opfermahlzeit aus er speiset Arme speiset und tränket
Knechte Mägde Tagelöhner deren Weiber und Kinder und den Fremdling der da
wohnet innerhalb seiner Tore Solche Mahlzeiten bilden die Glanzpunkte in dem
Leben so Vieler würden sie aufhören wäre es über dem Leben gar Vieler als
wenn alle Sterne erlöschen würden am Himmel Es ist traurig wenn über einem
Leben keine andern Sterne stehen als Mahlzeiten aber es ist dumm wenn man
ihnen Wert Bedeutsamkeit absprechen will
Die Ernte war prächtig das Wetter schön der Acker reich Uli war
glücklich Joggeli knurrte Er schrieb des Ackers Fülle Uli zu der im Herbste
dichter gesäet besser hätte arbeiten lassen und im Frühjahr stark gewalzt
Einen solchen Acker voll Korn habe er sein Lebtag nie gehabt Dicht wie die
Haare einer Bürste stünden die Halme und doch sei nicht einer gefallen Der
arme Joggeli bedachte nicht dass säen und wässern der Mensch kann aber nicht
das Gedeihen geben Ob dicht oder dünn das Korn auf dem Acker steht ob aufrecht
oder ob es auf dem Boden liegt das ist Gottes Sache Wer es zu treffen wüsste
allezeit wüsste ob viel oder wenig säen gut sei ein kalter Winter käme oder
ein milder der wäre eben ein Hexenmeister aber solchen gibt es nicht es ist
ein Einziger der dieses weiß und der ist eben der der kalte oder milde Winter
macht und der ist Gott
Bei allem Segen hatte Vreneli das Herz voll Angst Niemand besser als es
wusste was jene Opfermahlzeit Sichelten genannt verzehrt hatte unter Joggelis
Regiment Im ersten Teile vom Uli steht auch was darüber zu lesen Dass sie
dieselbe nicht nach dem gleichen Masse auszurichten vermöchten das wusste Vreneli
wohl aber wieviel Uli abbrechen wolle und wieweit es das Verlästert werden zu
fürchten hätte das wusste es nicht Vreneli war tapfer das wissen wir aber es
fürchtete sich doch vor böser Weiber bösen Zungen es wusste dass weiter als die
Blitze fahren weiter als die Winde wehen böser Weiber böse Töne tönen Einige
Wochen vorher hatte Vreneli Uli Milchgeld eingehändigt mit dem Bemerken es
werde eine Zeitlang nicht mehr viel geben was es immer erübrigen könne an
Milch müsse zu Butter gemacht werden für die Sichelten Darauf hatte Uli
gesagt »Allweg wird es was brauchen aber den Narren wirst nicht machen wollen
ich bin nicht Joggeli und du einstweilen keine Bäuerin« »Weiß wohl« sagte
Vreneli »Zu tun wie sie kommt mir nicht in Sinn aber wenn man es nur gering
macht so wird es dir grauen Du weißt gar nicht was es braucht an solchen
Tagen« »He« sagte Uli »so macht man es noch geringer bis es einem nicht mehr
darüber graut Gesetz darüber wieviel einer ausrichten müsse wird keines
sein« Dieses Gespräch hatte Vreneli nicht vergessen darum war ihm so bange Es
sah voraus dass Verdruss kommen müsse Uli wollte es nicht gerne böse machen
abbrechen ganz und gar brachte es nicht übers Herz auszuhausen im ersten Jahre
begehrte es auch nicht da wars fast noch böser als anderwärts die rechte Mitte
zu treffen Es suchte mit Sparen abzuhelfen brach sich die Milch am Munde ab
und doch ward ihm fast schwarz vor den Augen wenn es seine Vorräte musterte und
dann dachte wie manchen Kübel voll geschmolzener Butter ehedem an diesem Tage
die Base verbacken hatte
Eines Tages nun als Vreneli im Schweiße seines Angesichts haushaltete und
eben dachte kommod wäre es ihm wenn es vier Hände hätte mit zweien könne es
kaum alles beschicken zu rechter Zeit kam die Base setzte sich aufs Bänklein
und frug »Kann dir was helfen so sags Die Leut werden hungerig wollen lieber
früher essen als später und eine alleine kommt fast nicht zurecht habs oft
erfahren« »Wahrhaftig Base« sagte Vreneli »Ihr kommt mir akkurat wie ein
Engel vom Himmel wenn ich Euch nicht hätte ich wüsste wahrhaftig nicht wie ich
es machen sollte Will die Erdäpfel vom Brunnen holen Ihr seid dann so gut und
beschneidet mir diese« Flugs war Vreneli wieder da stellte das Körbchen der
Base dar samt einem Kessel mit Wasser in welchen die zerschnittenen und
gerüsteten Kartoffeln zu werfen waren und half ab und zugehend der Base »Habt
ihr es abgeredet mit der Sichelten wie ihr es machen wollt« frug diese
»Nein« sagte Vreneli »aber sie macht mir großen Kummer Es ist Gottlob ein
gesegnetes Jahr und wir können Gott nicht genug danken dass wir einen solchen
Anfang haben aber Uli ist doch ängstlich wegem Zins und ich kann es ihm nicht
verargen Es ging ihm gar schwer bis er hatte was er hat und dass er nicht
gerne plötzlich darum kommt ist begreiflich Ich fürchte daher er werde nicht
Geld brauchen wollen sagen es trage nichts ab und schuldig sei man niemand
was man solle zufrieden sein wenn man am Ende des Jahres alles ausgerichtet
habe was man schuldig sei Aber es käme mir schrecklich vor wenn wir im
Trockenen sitzen an Käs und Brot kauen müssten und dies noch an einem solchen
Orte« »Selb nicht daran wird er nicht denken« sagte die Base »Ich dachte
auch daran die Sache mache euch Ungelegenheit Dass ihr es nicht haben könnt wie
wir versteht sich es machte mir manchmal fast übel wenn ich zwei Tage lang
küchelte und unter den Händen gingen mir die Küchli an den Türen weg dass mir
für uns keine bleiben wollten Aber ungerne hätte ich es doch wenn auf einmal
alles aufhörte alle Leute umsonst kämen und zleerem fortgewiesen würden Du
weißt wie Meiner ist sonst könnte ich im Stöcklein küchlen und den Armen
ausrichten was üblich und bräuchlich Darum will ich dir was an die Kosten
steuern viel nicht seit uns der Tochtermann Gott behüte uns davor
ausgeplündert hat ist das Geld auch rarer geworden bei mir Rede dann mit Uli
wie ihr es ausrichten wollt anständig nicht übertrieben Lieb wäre es mir ihr
lüdet Meinen auch ein viel leicht kommt er vielleicht nicht aber er sieht
doch den guten Willen« »Allweg« sagte Vreneli »und Ihr fehlt auch nicht es
wäre sonst wie ein Tag ohne Sonne oder eine Nacht ohne Sterne es freute mich
nicht dabeizusein« »Bist immer ein Narrli« sagte die Base »Und Uli tut sonst
gut« frug sie »wenigstens arbeitsam ist er dass ich nie einen so gesehen«
»Ja Base« sagte Vreneli »und wenn ich klagen wollte so wäre es dass er es zu
ängstlich nimmt und dass ich Kummer haben muss er mache es nicht lang sondern
arbeite sich zu Tode« »Bist ein Tröpfli« sagte die Base lachend »das
Mannevolk stirbt nicht so bald und besser er tue zu nötlich als er sei zu
gelassen Sieht er dass er auskommen mag so bessert es ihm von selbst aber ist
einer zu gelassen da ists nicht zu machen Brennt das Haus so ist ein Solcher
imstande er stopft erst die Pfeife und zündet sie an ehe er Anstalt macht das
Haus zu verlassen«Vreneli lachte sagte jedoch mit einem kleinen Seufzer »Zu
wenig und zu viel verderben alle Spiel« nahm die Erdäpfel und setzte sie übers
Feuer
Noch selben Abend eröffnete Vreneli die Verhandlungen mit Uli Uli sagte es
sei ihm schon lange zuwider gewesen nur daran zu denken Schon als ihn die
Sache nichts angegangen sondern alles über den Meister ausgegangen sei habe er
sich darüber geärgert wie so viel durchaus unnütz und überflüssig draufgehe
Wenn er einmal was dazu zu sagen haben sollte so müsste es ihm anders gehen
habe er immer gedacht Viel wohler sei man bei Wenigem und dass jeder arme
Mensch an diesem Tage Küchli essen müsse bis sie ihm zum Mund heraushingen
selb stehe nirgends geschrieben Wenn sie Küchli haben wollten so möchten sie
sehen wo sie welche bekämen sollten zu Joggeli gehen der könne den alten
Gebrauch fortsetzen »Rede mir nicht so Uli« sagte Vreneli »das ist ungut
Sieh der liebe Gott speiste von deinem Acker auch seine Vögel Wie lustig waren
sie nicht dabei es war ihre gute Zeit im Jahre und du musstest es geschehen
lassen Und nun wie viel besser sind doch Menschen als Spatzen und die sollten
nicht einmal einen guten Tag haben und wenn Gott sie dir vor die Türe schickt
um deinen guten Willen zu sehen zu erfahren ob du weißt wer dir den guten
Anfang gibt denen willst du dann nichts geben Selb Uli wirst du nicht
machen« »Bin ich denn Pächter geworden um Bettlern zu küchlen Was brauchen
die solche Speise Brot wenn was sein muss tuts Oder meinst etwa man solle
auch den Vögeln küchlen und Schüsseln voll in den Acker stellen«
»Lieber Uli rede dich doch nicht in Zorn hinein denn das ist dein Ernst
nicht Christenbrauch ists ja dass man die Armen wie Brüder hält und nicht wie
Hunde abspeiset und gibt man ja selbst den Hunden Brosamen vom Teller jagt sie
nicht mit ungesättigten Gelüsten vom Tische weg Sollte man dann einem armen
Fraueli oder einem armen Kinde welches das ganze Jahr durch nichts Gutes hat
kaum Salz zu den Kartoffeln hat nicht eine gebackene Brotschnitte geben oder
sonst ein Küchli Soll es umsonst den ganzen Tag wohin es kommen mag den Duft
der in der Pfanne brodelnden Butter in der Nase haben Denke doch an die
Geschichte vom reichen Manne und vom armen Lazarus« »Soll ich jetzt etwa noch
gar der reiche Mann sein« frug Uli nicht sanft »Aber Uli« sagte Vreneli
»versündige dich doch nicht ich kenne dich ja gar nicht wieder Bist du nicht
der reiche Mann so bist du doch ein gesegneter Mann Welch gut Jahr haben wir
nicht und das hat Gott gemacht Leicht hätte er die Hälfte weniger geben
können und damit hätten wir auch müssen zufrieden sein Willst du nun mutwillig
die Armen erbittern machen dass ihre Flüche ums Haus fliegen wie die Schwalben
willst nicht lieber sie wünschen uns alle Gottes Glück und Segen Was haben wir
ja nötiger als dies Dem ohne dies wären wir nichts ohne dies werden wir
nichts«
»Das wäre alles gut und bös meine ich es ja nicht das weißt du« sagte Uli
»Aber fangen wir einmal an mit Grosstun und Austeilen so müssen wir so
fortfahren ist denn jedes Jahr ein gesegnetes dass es es ertragen mag Sollte
man nicht gleich anfangs so anfangen wie man zu jeder und aller Zeit fortfahren
kann« »Ja sieh« sagte Vreneli »verstehe mich recht nicht wie ehedem begehre
ich es zu machen dies wird kein vernünftiger Mensch uns zumuten Man kann die
Schnitten ungleich groß abschneiden sie ungleich backen kann das Pack
abweisen Ich kenne seit Jahren die Leute welche kommen glaube mit Wenigem
will ich weit reichen zudem sieh die Base hat mir vier Taler gegeben sie
hätte es ungern hat sie gesagt wenn die Leute alle umsonst kämen und zleerem
wie der fort müssten« »Das wäre wohl gut wenn es mit dem gemacht wäre aber
denk was wir noch alles kaufen müssen für die eigenen Leute und denen dann auch
noch jedem ein Tuch voll heimgeben Die Weiber der Tagelöhner werden wir noch
einladen müssen und einige davon sind imstande sie bringen uns noch die Kinder
mit Schlachte ich ein Schaf so braucht man kein anderes Fleisch mit dem Weine
mache ich es kurz Wenn ich auf zwei Personen eine Maß rechne die Maß vier
Batzen höchstens so kostet mich das schon ein Sündengeld« »Das tue nicht«
sagte Vreneli »es wäre unser eigener Schade Vergiss nie wie es uns war als
wir noch dienten was wir gesagt hätten wenn man uns die Sichelten so spärlich
zugemessen hätte Die Arbeiter haben solange Joggeli lebt nie so angestrengt
gearbeitet können nichts dafür dass wir nur Pächter sind und eine Mahlzeit ist
immer eine Mahlzeit macht auf Fromme und Nichtfromme auf Reiche und Arme einen
seltsamen Eindruck Der Arme welcher Monate lang weder Fleisch noch Wein sieht
freut sich darauf wie ein Kind auf Weihnacht und warum sollte er nicht An
einer Mahlzeit will man genug haben von allem satt werden was man noch möchte
und nicht bekommt das kommt viel höher in Anschlag als das was man erhält
Mahlzeiten sind im Leben was Sterne am Himmel in mondloser Nacht und nicht
bloß wegen Essen und Trinken Es tauen auch die Herzen auf es wird einmal
wieder Sonntag darin es bricht die Liebe einmal wieder hervor wie aus den
Wolken die Sonne und wie aus Holland der Nebel flieht aus mancher Seele der
böse Kummer das Elend wird vergessen sie wird einmal wieder froh fasst
frischen Mut und danket einmal wieder Gott von Herzen Nein lieber Uli zu
mager mach es nicht mach es um der Menschen willen nicht Gott hat uns so große
Ursache zu Lob und Dank gegeben gib du jetzt deinen Leuten nicht Ursache zu
Groll und Widerwillen sondern zu Lob und Dank zu Mut und Freude Vielfältig
bringen wir dieses ein denn wenn bei allen guter Wille ist so wird rasch viel
wieder eingebracht während bei bösem Willen unendlich viel zuschanden geht Das
hat Joggeli viele tausend Gulden gekostet bei ihm habe ich gesehen wie das
gehen kann Schlechten Wein nimm nicht er freut niemand wird getrunken wie
Wasser und ist also der teuerste Nimm guten Wein der er freut die Herzen sie
rechnen ihn dir hoch an und trinken weniger als vom Wein der keine Tugend hat
als die Köpfe bös zu machen Denke doch es ist mir so gut daran gelegen dass
wir mit Ehren bestehen als dir es geht auch mich was an denn gewöhnlich soll
die Frau daran schuld sein wenn der Mann zugrunde geht aber Sparen und Sparen
sind zwei An einer Kuh welche Milch geben soll das Heu an einem Pferde
welches springen soll den Hafer sparen wollen hat noch niemand großen Nutzen
gebracht wie man Beispiele von Exempeln an manchem Bauer sehen kann«
Uli begriff Vreneli und hatte sogar Glauben zu ihm aber gegen Glauben und
Verstand stritten Geld und Angst trieben Uli vielen Schweiß und manches Aber
aus Indessen siegten doch die Erstern denn Vreneli half ihnen mit all seiner
Liebenswürdigkeit Uli schaffte guten Wein an und so viel dass er nicht bei jeder
Flasche welche er aus dem Fässlein zog Kummer haben musste es möchte die letzte
sein und in Versuchung kam Käsmilch aufzustellen in Ermangelung des Weines
ein bös und dünn Surrogat desselben Ein Schaf wurde geschlachtet indessen auch
dem Rind und Schweinefleisch die landesüblichen Stellen angewiesen
Nun war Vreneli hellauf es glaubte alles gewonnen aber die Angst kam ihm
wieder und zwar am Tage der Sichelten selbst und nicht von Uli her Als das
Sieden und Braten an ging die Feuer prasselten die Butter brodelte und
zischte die Bettler kamen als schneie es sie vom Himmel herunter die Pfannen
zu alles verschlingenden Ungeheuern wurden Vreneli wie viel es auch
hineinwarf immer frisch wieder angähnten mit weitem ödem schwarzem Schlund
da kam die Angst über ihns aber sie half ihm halt nichts wie die Sperlinge den
Kirschbaum wittern welcher frühe Kirschen trägt weiter gezogen kommen mit
ihren raschen Schnäbeln und nimmersatten Bäuchlein so kamen die Bettler daher
vom Duft der brodelnden Butter gezogen schrien heisshungrig von weitem schon
»Ein Almosen dr tusig Gottswille« und trippelten ungeduldig an der Tür herum
weil sie vor süßer Erwartung die Beine nicht stillehalten konnten Vreneli
begann Schnittchen zu backen dass es sich fast schämte so klein und so dünn die
Kruste und alles half nichts es war als ob sie Beine kriegten und selbst
zuliefen einem Schreihals vor der Tür Es ward ihm immer himmelängster für die
eignen Leute konnte es gar nicht sorgen
In der größten Not erschien die Base unter der Kuchentüre wahrhaftig wie
ein Engel und zwar einer von den schwereren denn sie wog wenig unter zwei
Zentnern »Es dünkt mich es sei noch nie so gegangen mit Betteln« sagte der
dicke Engel »es ward mir himmelangst für dich die Leute haben doch je länger
je weniger Verstand und wenn es nicht die Halben versprengt vom Küchlifressen
so meinen sie es sei ihnen übel gegangen Da habe ich dir eine kleine Steuer
denn Viele werden meinen wir seien noch auf dem Hofe und kommen unsertwegen
und vielleicht kann ich dir sonst noch helfen« Sie stellte einen bedeutenden
Butterkübel den sie hinter Joggelis Rücken aus ihrem Keller stibjetzt hatte dem
besten Schmuggler zum Trotz auf den Küchentisch
»Aber Base Base nein das hat doch wirklich keine Art jetzt noch so viel
Butter Ihr seid doch gewiss die beste Base unter der Sonne Was kann ich Euch
dagegen tun Vergelts Euch Gott zu hunderttausend Malen« »Tue nicht so
nötlich« sagte die Base »und sag wo ich dir helfen soll Es wäre ja unsere
Pflicht auszurichten was üblich und bräuchlich ist und dass ihr schon zum
erstenmal aufgefressen werdet wie das Kraut von den Heuschrecken selb meinte
sicher selbst Joggeli nicht Bloß dass ihr scharf gebürstet werdet das wohl das
möchte er euch gönnen« »Base glaubt nur geben tue ich gar gerne ich fühle es
recht dass Geben seliger ist als Nehmen Es kommt mir dabei immer vor als sei
ich Gottes selbsteigne Hand welche er öffnet zur Stunde damit sich sättigt
was da lebt Aber wenn es dahergeflogen kommt wie Krähen im Winter über einen
spät gesäeten Acker dann wird es einem doch angst ums Herz man kommt in
Versuchung und versündigt sich fast wird ungeduldig wenn die Zeit verrinnt
der Abend kommt und unsre Leute hungrig kommen und nichts finden« »Allweg«
sagte die Base »aber wart ich will dir helfen«
Nun half die Base sie machte die Schaffnerin und Spenderin nun wirklich so
dass Vreneli Zeit und Stoff für seine Leute die Fülle blieb Ging jemand
unzufrieden weg so fiel der Groll auf die Bäuerin deren bekannte Gestalt unter
die Tür stund und ihn abgefertigt hatte
Wie Vreneli in der Küche schwitzte Uli auf dem Felde Es war ein Tag in
welchen sich fast mehr Arbeit drängte als hinein mochte Zweitausend Garben
sollten eingeführt werden Mit zwei Stieren führte er den Wagen auf dem Acker
war er geladen so fuhren vier Pferde denselben heim Eine Partie lud zu Hause
die Garben ab eine andere band Garben die dritte lud sie Zu dieser gehörte
Uli er gab alle Garben selbst auf den Wagen alles griff in einander ward in
halbem Lauf getan Uli hatte keinen Augenblick zum Verschnaufen Aber Uli hatte
zwei Augen und die sahen einen bedeutenden Teil der Bettler welche bei dem
Hause ab und zugingen
Anfangs achtete er sich nicht so viel derselben Erst als einer sagte »Es
geht heute aber stark so wie noch nie« ward er aufmerksam wollte sie zählen
aber zugleich sollte er die Garben zählen welche er auf den Wagen gab und
Bettler und Garben kamen ihm untereinander dass er nicht mehr wusste woran er
war Dies machte ihn noch giftiger auslassen durfte er seinen Grimm nicht
höchstens den Stieren konnte er rauhere Worte geben als sonst und unsanfter sie
zerren an ihren Hörnern Aber sie nahmen keine Notiz davon und frassen gemütlich
das vorgelegte Gras und ließ sich behaglich durch einen Knaben Fliegen und
Bremsen wehren »Wart nur bis ich heimkomme« dachte Uli »dann will ich sehen
was übrig geblieben Hoffentlich gibt es Gelegenheit die Narrheit ein für alle
Male abzustellen«
Indessen bis er mit dem letzten Wagen heim konnte stund er eine Hitze und
Ungeduld aus dass er von nun an vollkommen wusste wie es den Menschen im
Fegfeuer zumute sein muss Auf dem Wege begegnete ihm Joggeli »Führe nur brav
ein« sagte ihm dieser »hast es nötig Bettler und Mäuse bedürfen viel und das
Jahr ist lang« Uli antwortete nicht aber wer sich auf das Knallen einer
Peitsche versteht konnte an demselben dessen Gedanken abnehmen Es war viel
dass er den Wagen nicht umwarf oder keinen Abweisstein umfuhr aber Gewohnheit
macht viel Aber sobald die Pferde stillestunden übergab er das Abspannen
dienstbaren Geistern und ging der Küche zu Gewaltig nahm er sich zusammen um
nicht mit der Türe ins Haus zu fallen sondern gemässigt aufzutreten mit dem
Anstand welcher dem Meister ziemt Gepolter und Aufbegehren an diesem Tage
würde sein Ansehen bedenklich geschädigt haben Das bedachte Uli Als er unter
der Küchentüre erschien stieß er auf die Base vor welcher er auch Respekt
hatte so dass er fast kleinlaut frug »Wie stehts In einer halben oder ganzen
Stunde höchstens sind wir fertig«
Freundlich kam Vreneli aus Rauch und Qualm ihm entgegengesprungen glühend
von Schweiß und Arbeit »Gut« sagte es »kommt wann ihr wollt es ist alles
zweg und lieb ists mir gar sehr wenn es mit der Arbeit nicht geht bis tief in
die Nacht hinein habe es an diesem Tage sehr ungern denn gewöhnlich geschieht
noch was Ungeschicktes Aber zu tun haben wir gehabt du glaubst es nicht wäre
die Base nicht gekommen und hätte mir geholfen ich darf nicht sagen wie du
hättest mich nicht mehr gefunden ich wäre davongelaufen so weit mich die Beine
hätten tragen wollen Komm und sieh was wir geschafft« »Muss gehen und helfen«
sagte Uli »die Pferde sind nicht ausgespannt müssen noch geputzt und
abgerieben sein« »Wärest mir ein schöner Meister wenn du immer dabeisein
müsstest wenn der Wagen laufen soll und nicht einen Augenblick Zeit hättest zu
sehen was dir deine Frau zeigen will Komm« rief Vreneli schalkhaft »Base
seht zur Pfanne« und sprang die Kellertreppe hinab dass Uli folgen musste er
mochte wollen oder nicht Weit sperrte Vreneli die Kellertüre auf und drinnen
auf dem üblichen Tische sah er mit großem Erstaunen Berge von Küchlein von allen
Sorten »Sieh hier diese sind für diesen Abend diese für morgen mittag jene
dort für nach Hause zu geben und für Unbestimmtes backen wir noch man weiß
nie was es geben kann Was meinst haben wir genug«
Ganz verstaunet stund Uli vor den hohen Türmen machte Augen wie
Pflugsräder und doch konnten sie das Wunder nicht fassen fast wäre er
davongelaufen weil er dachte dieser Segen könne nur durch den Rauchfang
heruntergekommen sein endlich sagte er »Gott behüt uns davor Woher dies alles
und so viel Bettler« »Bst Bst« sagte Vreneli schalkhaft »das frägt man nicht
und darfs nicht sagen wenn es die Erdmännchen hörten sie zürnten es denke
wie kommod wenn man nur ein Küchlein auf eine Schüssel zu legen braucht um
handkehrum noch sieben andere darauf zu haben« »He ja kommod wärs« sagte Uli
»aber vielleicht dass du das Hexli warst« machte aber dabei doch ein Gesicht
dem man es ansah dass er nicht wusste was er glauben sollte wandte sich und
wollte wieder die Treppe auf »Nit nit« sagte Vreneli und fasste ihn am Arm
»es ist noch was anders da welches du auch sehen musst es wartet dir schon
lange« Hinter einer Schüssel voll Küchli holte es eine Flasche und ein Glas
her vor schenkte ihm ein und sagte »Weißt nicht dass es Brauch ist dass der
Meister an heißen Erntetagen zuweilen selbst ein Fuder nach Hause fährt und dann
was Kühles im Keller findet Ein andermal vergiss es nicht aber nicht wahr du
wolltest kommen und sehen ob ich noch was hätte hattest Angst die Bettler
hätten alles vorweggegessen wolltest mörderlich aufbegehren und hättest fast
Freude daran gehabt wenn ich in Schmach und Schande gekommen wäre Da du
wüster Kerli du da nimm noch eines und schäme dich nicht wahr bist halb böse
dass alles anders ist als du dachtest und du nicht Freude haben kannst an meiner
Schmach Komm und gib mir ein Müntschi aber nur leise dass es die Base nicht
hört und denke daran du hättest dich an mir versündigt und wollest nicht mehr
so tun und so sein« »Sagte ja kein Wort« meinte Uli »kam nur zu sehen ob du
fertig seist« »Meinst« erwiderte Vreneli »ich kenne dein Gesicht nicht und
wisse nicht am Trappen deiner Füße wie das Herz dir schlägt und am Ton der
Worte was hinter denselben steckt Arme Weiber sind wir aber schlauer als ihr
denkt und was euch durch den Kopffahrt und was ihr brütet im Herzen das merken
wir von weitem jetzt weißt es kannst dich hüten und in einer halben Stunde
ist das Essen fertig mach dass wir nicht warten müssen« und husch war es die
Treppe auf und schon mitten in der Küche
Uli war guten Mutes geworden Er zog die Kellertüre zu mit lachendem
Gesichte und lustig pfeifend ging er den Ställen zu Er dachte ein solch
Weibchen sei doch kommod und rar fleißig und lustig immer mehr gemacht als
man gedacht und immer gute Worte und ein hell Gesicht dass man auch ein solches
machen müsse man möge wollen oder nicht »Was hat er gesagt« frug droben die
Base »Augen hat er gemacht wie Pflugsräder und weiß noch jetzt nicht ists mit
rechten Dingen zugegangen oder nicht Aber Gottlob zufrieden ist er und das ist
die Hauptsache« antwortete Vreneli Es steht einem Bauernhause nichts
schlechter an als wenn abends wenn Feierabend gemacht ist oder Sonntag
mittags oder an einer Sichelten die Leute stundenlang herumlungern müssen ehe
sie zum Essen gerufen werden Es gibt Häuser in welchen dieses Verspäten
regelmäßig ist Die Weiber in diesen Häusern müssen eine wahre Hausplage sein
es nimmt einem recht wunder was die für ein Eingericht in ihrem Kopf haben und
was sie auch denken Wahrscheinlich werden sie erst das Ross beim Schwanz zäumen
dann lange es betrachten hinten und vornen endlich wird es ihnen langsam
kommen eigentlich zäume man ein Ross beim Kopf und nicht beim Schwanz und dann
wird es ihnen kommen und wiederum langsam das Beste wäre sie täten den Zaum
hinten wegnehmen und brächten ihn nach vornen dann endlich schreiten sie zur
Ausführung dieser Einsicht aber langsam begreiflich Was während dieser Zeit
in den Magen und Köpfen der hungrig Harrenden vorgeht und zwar nicht langsam
daran zu denken haben sie nicht Zeit begreiflich Eigentlich wäre es
interessant zu untersuchen ob solche Weiber wirklich denken Wir glauben sie
bringen es höchstens nur zu einem Quasidenken und auch dieses nur einoder
zweimal des Jahres etwa wenn sie den Schneider ins Haus kriegen oder Schweine
zu ringen sind
In der Glunggen ging es aber nicht so in Kopf und Beinen hatte Vreneli ein
ander Eingericht Kaum hatten die Leute die Arbeit beendigt Staub und Schweiß
sich abgewaschen erscholl der willkommene Ruf zum Essen Dieser Ruf kommt nicht
vom Himmel her noch ruft er in den Himmel aber am Wohllaut desselben mag der
arme Sterbliche abnehmen wie herrlich und süß einmal der Ruf dorthin klingen
wird Diesmal zögerten die Leute nicht so unerträglich wie es sonst der Fall
ist, es war etwas welches sie schneller in Bewegung setzte Sie hatten alle ein
gutes Vorurteil für Vreneli es war allen lieb ein solcher Verstand bei einer
so Jungen sei selten hieß es Uli schien ihnen dagegen wohl streng und
allzusehr den Meister zu machen Sie meinten einer der selbst Knecht gewesen
sei sollte Verstand haben und begreifen dass man sich nicht gerne zu Tode
arbeite das heißt nichts danach frage in einem Tage zu schaffen woran man
füglich zwei Tage trödeln könne Es nahm sie nun aber doch sehr wunder und
darüber war die ganze Ernte durch gesprochen worden wie Vreneli aufwarten und
aufstellen werde ob gehörig dass man dabeisein könne oder Speise und Trank
apotekermässig ihnen zugeteilt werden würden
Als so rasch gerufen wurde dachten sie Von zweien ist eins entweder geht
es verdammt mager zu oder verdammt brav hat Vreneli sich gestellt denn fast
die ganze Last lag ihm alleine ob Die Neugierde welches von den zweien der
Fall sei machte ihnen so rasche Beine Sie kamen fast in die Stube wie Kinder
ins Zimmer wo zu Weihnachten ihnen beschert wird bemerkten aber nichts
Besonderes es schien alles akkurat wie ehedem so dass es ihnen ganz traulich
und heimelig ward ums Herz und Einer zum Andern sagte Er hätte geglaubt das
ändere hier von wegen was einem recht und gut sei das ändere das Schlechte
könne man behalten Es sei aber nichts als billig dass es einmal umgekehrt gehe
Das Beste und Schönste was zu sehen war war Vreneli welches mit
Freundlichkeit und Sicherheit alles ordnete für jeden ein gutes Wort hatte
jeden mit dem Hauche der Heiterkeit berührte welches ein wunderbar Ding ist
aber die allerbeste Würze ohne welche das reichste Mahl nichts ist als eine
schädliche gefährliche Abfütterüng Uli war es eigen zumute es war das
erstemal dass er so gleichsam präsidierte und als Gastgeber eine Gesellschaft
bewirtete und mit selbsteigenen Speisen wer es gewohnt ist tut es mit einem
eigenen Behagen und einem gewissen Selbstgefühl welches wir nicht Stolz nennen
möchten Uli tat noch linkisch das Behagen kam erst später aber er zeigte
Geschick dazu die Leute waren mit ihm zufrieden Sie freuten sich auch der
alten Frau welche mit einer großen Schüssel Fleisch erschien und dann zu ihnen
sich setzte Besonders erquickte ihr Anblick die alten Tagelöhner welche seit
Jahren auf dem Hofe gearbeitet und in gesunden und kranken Tagen ihre milde Hand
erfahren hatten Da war keiner der ihr sein Glas nicht brachte wollte dass sie
ihm Bescheid tue Wenn sie jedem seinen Willen hätte tun wollen so wäre sie
nicht bloß zwei Zentner schwer geblieben sondern so schwer geworden dass
wenigstens zweimal vierundzwanzig Stunden lang ihre Beine sie nicht mehr hätten
tragen können
Da kam in die Herrlichkeit hinein die Botschaft die Base solle heimkommen
Joggeli lasse es sagen Diese Botschaft machte ungefähr den Eindruck wie wenn
in eine prächtig dampfende Fleischsuppe nach welcher alle Löffel sich
ausstrecken plötzlich eine Kröte plumpsen würde Nach Joggeli war schon
mehreremal gesandt worden aber Joggeli liebte es Pfeffer in die Milch zu
rühren hintendrein hätte er ihn wohl wieder herausgefischt aber dies ist nicht
allemal mehr möglich Als die Base aufstehen wollte kam Vreneli und sagte
»Nit nit Base was denkt Ihr doch Ich will hinüber zum Vetter und ihm die
Mucken ausklopfen Was gilts in wenig Minuten bin ich mit ihm da«
»Bist immer die gleiche Hexe« sagte die Base und lachte herzlich und ein
alter Tagelöhner sagte »Frau nicht für ungut aber dem Alten wäre zu gönnen
gewesen Ihr wäret vor ein paar Jahren gestorben und er hätte Vreneli
geheiratet Wohl die hätte ihn tanzen lassen bis er gelernt hätte nach Gott
schreien und es ihm verleidet wäre andere Leute zu plagen und ihnen die Freude
zu verderben« Es war wirklich sonderbar wie Joggeli Vreneli so wenig leiden
mochte und doch durch niemand so regiert werden konnte wie durch Vreneli
Es ging wirklich lange nicht zehn Minuten so hatte das Fraueli den Alten
knurrend und brummend auf den Beinen »Warte« sagte er als er zur Türe des
Stöckleins aus war und ging in den Keller welcher unter demselben war kam mit
einer großen Strohflasche herauf welche mehrere Maß fasste gab sie Vreneli und
sagte »Nimm die und schenke mir davon ein habt heute Schmarotzer genug möchte
nicht auch noch euch in den Kosten sein« »O Vetter« sagte Vreneli
unwillkürlich oft von Mutwillen gestachelt »das lasst euch nicht kümmern der
Hof mag das alles ertragen und Vetter Joggeli kann einen Pächter erhalten
welcher alles auszurichten vermag was einem stolzen Bauernorte wohl ansteht
Wenn der Pachtzins verfallen ist und das Geld ist nicht da so vermag Vetter
Joggeli zu warten oder gar zu schenken Indessen den Wein nehme ich doch gerne
und mit gar großem Danke allweg ist er viel besser als der unsere und es hat
mir Kummer gemacht wir könnten dem Vetter nicht recht aufwarten Uli hat zwar
angewendet und meint er habe recht guten Wein aber aufwarten könnten wir Euch
doch nicht so recht damit Johannes hat Euch allzusehr verwöhnt« »Du hast immer
das gleiche Schlangenmaul« sagte Joggeli »Aber warte du nur dir wird es
schwer werden wenn du abweinen musst was du gelacht hast und vergehen werden
dir deine Flausen vor der letzten Weihnacht« »Nehmts nicht für ungut Vetter«
sagte Vreneli »weiß wohl dass die Flausen vergehen werden aber vertreiben soll
man sie nicht so wenig als die Muttermäler sonst gehen Haut und Knochen damit
weg Aber kommt alle verlangen nach Euch alle fragen wo der Bauer sei ob
krank oder sonst nicht recht im Strumpf dass man ihn nicht sehe« Was Joggeli
hinter Vreneli her brummte verstand es nicht machte die Türe auf und sagte
»Seht da hab ich ihn« Nun entstand Lärm und Lachen sehr fröhlich wurde
Joggeli empfangen und von allen Seiten begrüßt und mit Gläsern bestürmt dass er
fast nicht wusste wo wehren Anfangs wusste er nicht recht wie er das Lachen
deuten solle als aber alle so freundlich blieben und ihn als eine
Respektsperson bewillkommneten da ward ihm auch wohl er fühlte sich als der
Glunggenbauer ließ sich obenansetzen und hart nötigen bis er nach Speise
griff und wenig war was er aß er ließ es bei jedem Bissen durchblicken dass
er sie doch nicht in zu große Kosten bringen möchte
Die Leute hatten tapfer gearbeitet aßen nun auch tapfer und nicht mit der
angeborenen Gemächlichkeit nicht viel anders als das Klappern der Löffel und
Teller ward gehört Doch nicht lange so kam ihnen die Besonnenheit sie
gedachten dass sie die ganze Nacht zum Essen hatten und je langsamer sie es
täten desto mehr möchten sie und desto länger könnten sie Da begann das Reden
und zwischendurch scholl Gelächter Die Jüngern wechselten Witze trieben
Neckereien die Alten erzählten die Heldentaten ihrer Jugend wie Viele sie
geprügelt und wie manchen Bauer der gemeint er sehe das Gras wachsen und höre
die Flöhe husten sie angeschmiert und was der Dinge mehr waren Dann
schwatzten auch die Honoratioren unter einander doch so laut wie drüben ging es
nicht her Lange machte hier Joggeli den Hauptredner und erzählte eine Menge
Geschichten wie es Pächtern ergingen ungesühnt Seuchen ihnen die Ställe
geleert Hagel die Ernte zerschlagen dass ihnen nichts übrig geblieben sei als
in den Wald zu gehen und sich zu hängen an den ersten besten Baum Er erzählte
von andern welche den Pachterren bestohlen die Milch von der Kuh welche sie
ihm futtern sollten nicht halb gegeben alles auf das Aller schlechteste
ausgerichtet hinterrücks Holz aus dem Walde verkauft bis ihnen endlich der
Bauer über die Schelmerei gekommen und sie mit Schimpf und Schande weggejagt
und wie sie Bettelleute geworden und ihr Brot vor den Türen hätten suchen
müssen da ihnen niemand mehr eine Pacht habe anvertrauen wollen So erzählte
Joggeli legte ein Gedächtnis an den Tag wie eine Heuscheuer bis ihm endlich
seine Frau sagte »Jetzt schweig mir bald mit deinen Lausgeschichten du
könntest einen zu furchten machen dass sie einem im Traum vorkämen« Vreneli
aber welches dem Vetter seit er in der Stube war auch nicht eine witzige
Antwort gegeben hatte sondern die artige Wirtin machte als ob es in einer
sechshunderttalerigen Pension gewesen sagte »Lasst den Vetter reden Base ich
habe ihn lange nicht so kurzweilig gesehen ich könnte ihm zuhören bis am
Morgen es schläferte mich nicht« Jä so hatte es Joggeli nicht gemeint an
Vrenelis Kurzweil war ihm wenig gelegen er brach daher mit seinen
Höllengeschichten ab und machte sich zu den älteren Tagelöhnern Hier hörte er
eine Zeitlang zu gab selbst Einiges zum Besten freilich keine Heldentaten
denn von einem Helden hatte Joggeli kein Haar an sich aber pfiffige Streiche
wie er sich aus der Patsche gezogen und Andere hineingestossen Er erregte viel
Gelächter dass selbst die Jüngern ihre Ohren ihm zuwandten denn Fuchsenstreiche
sind leider eine beliebte Speise für alte und junge Ohren von je gewesen und
werden es bleiben leider
»Ach ja« sagte er endlich »selbe Zeit war eine lustige Zeit da hatte man
noch Zeit hie und da zu einem lustigen Lumpenstücklein und meinte nicht es
müsse alles in einem Tage erhastet und erjagt sein« Er erinnere sich noch an
die Zeit in welcher man mit der Sichel das Korn geschnitten langsam sei es
gegangen aber lustig Schnitter und Schnitterinnen seien aus dem Berglande
gekommen scharenweise wie Rinderstaren im Herbst Ganze Haufen hätte ein
einziger Bauer angestellt und doch so drei bis fünf Wochen zu ernten gehabt Da
sei man nicht so müde geworden wie jetzt wo man am Abend kein Glied mehr rühren
möge Er wisse dass man oft nach dem Feierabend noch bis gegen Mitternacht
getanzt hätte im Grase oder in der Tenne Unter der Schar sei immer einer
gewesen der ein Tänzlein hätte pfeifen können auf dem Blatte oder sonst und
nicht selten hätten die Schnitter neben der Sense eine Geige mitgebracht oder
eine Zither »Jetzt ists mit Pfeifen und Tanzen aus und es kommt noch die Zeit
wo man in einem Tage alles macht Ja ja die Leute werden alle Tage gescheuter
und abgerichteter auf ihren Nutzen Wann habt ihr angefangen und seid schon
fertig« frug Joggeli mit einem andächtigen Seufzer Auf erhaltene Antwort sagte
er »Das ist nie erhört worden und wenn man das früher jemanden gesagt hätte
er hätte gesagt es fehle einem im Kopfe Aber Uli ist auch ein Ungeheuer zum
Arbeiten es geht ihm von der Hand ich habe noch niemand so gesehen Wenn ihr
es von ihm lernet so kommt es euch in alle Wege kommod« Nun schlug er Ulis
Ruhm auf dieser Saite in allen möglichen Variationen an bis ihm die Base
welcher es katzangst dabei ward rief sie möchte ihn was fragen Ob es nicht
Zeit wäre heimzugehen meinte sie es sei über Mitternacht Als Joggeli nicht
Lust bezeigte wahrscheinlich hatte er wieder was Neues Interessantes im
Kopfe warf sie so hin Man könne nie wissen aber es gebe schlechte Leute in
der Welt und zwar immer mehr wenn die merkten dass der Stock leer und alles
hier sei so könne sie die Lust ankommen nachzusehen ob sie drinnen nicht was
fänden welches ihnen anständig sei Jä wohl das wirkte und machte Joggeli
Beine Wenn sie es erzwungen haben wolle so sei es ihm am Ende gleich Ob
gleich nun Uli und Vreneli einredeten und von seiner Flasche mit Wein sprachen
welche noch nicht halb leer sei usw so hatte er doch kein Bleiben mehr die
Alte hatte ihm den schwachen Punkt berührt sie kannte den so gut wie ein Husar
den Fleck an seinem Pferde wo man es nicht anrühren darf wenn es nicht hinten
und vornen ausschlagen soll Nachdem Beide abgegangen ward es einförmiger am
Mahle wenn auch lärmender mehrere Stunden lang Zuweilen legte einer den Kopf
auf die Arme und schlief wachte er wieder auf so trank er erst ein Glas Wein
dann begann er zu essen als komme er neu zum Tisch Andere gingen hinaus was
sie trieben wissen wir nicht aber kamen sie wieder so aßen und tranken sie
ebenfalls so als hätten sie noch sehr wenig gehabt Wenige blieben sitzen als
wären sie da fürs ganze Leben angenagelt es waren die Veteranen welche an
fünfzig Sichelten sich die kaltblütige Ruhe erworben hatten welche imstande
ist vierundzwanzig Stunden lang wenn es sein muss zu essen und zu trinken
ohne je zu viel zu kriegen Aber furchtbar langweilig wurden sie und schienen
nur dar auf zu horchen ob sich die verschluckte Masse nicht setzte so dass sie
einen Bissen hinunterschieben und einen Schluck nachtrinken könnten Dazu kam
nun allgemach der Tag herauf und nicht leicht was Grausigeres gibt es als wenn
der Tag durch die Fenster kommt hinter welchen herabgebrannte Lichter glimmen
Tabaksqualm schwer über grauen blassen Menschen mit gläsernen Augen liegt über
Menschen welche essen trinken rauchen reden singen aber alles in
unsäglicher Schwerfälligkeit und Langsamkeit wie im Traume zu nichts mehr
tauglich sind nicht einmal zum Aufstehen und zu Bette zu gehen Ja das ist
wüst aber nicht bloß so einfach wüst sondern gleichzeitig eine Geduldprobe
für den Wirt und besonders wenn er bloß Pächter ist kann kaum eine ärgere
erdacht werden Er muss also aushalten vielleicht geht auch seine Frau ins Bett
da sie zur Zeit wieder auf dem Platz sein muss um das Mittagsmahl zu bereiten
während der Mann schlafen kann bis es auf dem Tische steht Er ist müde von der
Arbeit schläfrig von kurzem Schlafe in vergangener Zeit hat Wein getrunken
eine Nacht ganz durchwacht und sitzt da und sieht den Tag kommen sehnt sich
nach dem Bette dorthin zieht es ihn mit Himmelsgewalt aber da herum sitzen
noch die Angenagelten und nageln auch ihn fest
So wie der Tag kam kam es Einen nach dem Andern an wie die Eulen er suchte
die Finsternis nachdem er noch in sich geschafft hatte was die Haut ertragen
mochte aber die alten verpichten Häute bleiben und der Wirt muss auch bleiben
Es sieht der Gastgeber dass sie sich offenbar Gewalt antun dazubleiben zu
essen zu trinken dass sie es ihm offenbar zum Trotz tun nicht bloß um ihm so
wenig als möglich übrig zu lassen so viel als möglich abzuessen sondern um ihn
zu peinigen mit dem Dableiben ihn zu versuchen dass er ungeduldig wird endlich
in die Worte ausbricht »Es dünket mich ihr solltet einmal genug haben und euch
ins Bett packen das würde euch wohl anstehen und schöner als dort seid ihr
nirgends« Dann hätten sie was sie wollten würden einige spitzige Worte sagen
gehen aber dann während ihrer ganzen übrigen Lebenszeit an jeder Sichelten und
sonst noch bei jedem Anlasse es rühmen wie sie es einmal dem Meister gemacht
was er gesagt und was sie gesagt
Das Aushalten in Ruhe und Würde hat etwas Ähnliches mit dem gelassenen
Aushalten eines indianischen Häuptlings welcher von einem feindlichen Stamme
langsam dem Tode entgegengemartert wird um schließlich skalpiert zu werden Was
dabei das Unerträglichste ist dass solche Peiniger sehr oft nicht etwa die
schlechtesten Arbeiter sind oder die feind seligsten sondern die fleissigsten
mit denen man das Jahr durch im besten Verhältnisse gestanden hat von denen man
freundschaftliche Rücksichten erwarten sollte ein Eingehen in des Meisters
Pein Aber es ist als ob sie einmal des Jahres genießen wollten Herren zu
sein den Meister zum Knecht zu haben ihn ihre Laune empfinden zu lassen so
recht bis auf den Grund Ein ganz ähnliches Gefühl herrscht da vor welches bei
den Römern das merkwürdige Fest erzeugte wo die Herren ihre Sklaven bedienten
als seien diese zu Herren sie zu Sklaven geworden Darin lag Sinn und Witz und
beide tief die Herren sollten ein ganzes Jahr lang nicht vergessen dass ein
Sklave fühlt und wie er fühlt die Sklaven sollten im Glücke dieses Tages ihr
Elend vergessen nicht vergessen dass sie Menschen seien und den Göttern
angehörten so gut als ihre Herren Nun so an einer Sichelten erfahrt auch der
Berner Bauer was es heißt von Launen abhängen aus der Haut fahren mögen und
es nicht dürfen
Uli musste aushalten bis morgens halb sechs Da erst sagte der Letzte Wenn
niemand mehr bleiben wolle so werde er auch gehen müssen sonst müsse er aber
der Unverschämteste heißen und wäre ihm doch noch wohl da Es dünke ihn er sei
erst abgesessen Indessen ging er und zwar so dass man wohl sah er müsse eine
geraume Zeit abgesessen gewesen sein denn er fand die Türe kaum und als er sie
endlich hatte sah er die Türklinke nicht obgleich die Sonne daran schien Uli
hatte die Geduldprobe männlich bestanden aber nicht aus selbsteigener Kraft
Der liebe Gott hatte zur Geduld den Schlaf gesandt dieser wenn in Uli der Zorn
aufbrennen wollte drückte ihm rasch die Augen zu lähmte die Zunge gaukelte
ihm ein klein Traumbild vor dann wich er wieder
Uli fuhr auf aber erfrischt als hätte er ein kühlend Bad genommen Die
Nerven hatten sich abgespannt das Sieden des Blutes sich gelegt eine halbe
Stunde konnte er sich wieder halten dann brannte es wieder in ihm dann kam der
Schlaf wieder kühlte ihn rasch ab so gings bis er endlich vom letzten wüsten
Gaste erlöset war
Viertes Kapitel
Wie zwei Säemänner an zwei Äckern stehen und wie verschiedenen Samen sie aussäen
Den folgenden Tag wollen wir nicht beschreiben denn dieser ist schauerlich
langweilig Allen ists wenn er nur vorüber wäre verschiedene Mittel werden
angewendet ihn vorbeizubugsieren Schlafen Essen Trinken und wieder Schlafen
das sind die Hauptfaktoren welche angewendet werden An einigen Orten kommen
noch Tanzen und Mädchen dazu Jedenfalls sind diese beiden Bugsiermittel nur auf
die Jugend berechnet und da wo das Erntefest meist in die Häuser ein gegrenzt
ist ziehen beide auch nicht sonderlich sondern bloß da wo das Wirtshausleben
in vielen Beziehungen das häusliche überragt
In der Glunggen ging es nicht kurzweiliger Als der Letzte das Schlachtfeld
verlassen hatte konnte Uli nicht einmal ins Bett er musste sich seines Viehs
erbarmen Als es Mittag war hatte man große Mühe die Schläfer aus Löchern und
Winkeln zusammenzutrommeln und zuschleppen Als sie mal saßen saßen sie
wieder doch nun diesmal nicht so lange besonders da es ein schöner Tag war
Als Uli nach aufgehobener Tafel vor das Haus trat um seine Sonntagspfeife zu
rauchen rief ihn Joggeli »Willst hineinkommen und eine Flasche trinken mit
mir« sagte er »oder bist genug gesessen
Wenn selb ist so komm mit mir nach Gramslige hätte dort was zu verrichten
kriegen morgen den Schuhmacher und haben noch keine Nägel« Uli war das
anständig er kannte diese ehrbaren Vorwände der Männer wenn sie zu einer guten
Flasche kommen wollen bei einer solchen und allfälliger Gesellschaft verdämmert
man am besten die langen Stunden Zu Gramslige setzte Joggeli hinzu bekomme er
das Tausend Nägel drei Kreuzer wohlfeiler als hier und dabei seien sie auch
noch recht gut Kreuzer seien freilich nur Kreuzer aber wenn man viele
derselben beisammen habe gebe es auch einen Haufen und wer zu ihnen nicht
Sorge tragen könne komme auch nicht zu den Talern »Dir braucht das freilich
keinen Kummer zu machen du hast einen Anfang wie selten einer Du kannst es dir
und Andern gönnen und allweg nehmen es die Leute je besser desto lieber wie
sie aber auch recht haben Du hast gestern es laufen lassen es hätte es mancher
Bauer nicht vermögen und mit den Heischleuten ist es gegangen es hat mir
selbst anfangen wollen zu grausen wenn es mich schon nichts anging Das Vreni
wird wohl wissen was es erleiden mag und wenn es es nicht weiß so ist es doch
schwer anders zu brichten was das einmal im Kopfe hat das bringt man ihm mit
einem Dutzend Purganzen nicht mehr raus Das hat ein Köpflein wohl es weiß es
niemand als wer es erfahren hat Nun jetzt macht es sich im Sommer ist es
eine gute Zeit besonders bei solchem Wetter da geht nur ein Ausgaben hat man
keine Die kommen erst im Winter Zinsen Steuern Dienstenlöhne dann ists
freilich kommode wenn man nicht leere Hände hat Die Dienstlöhne werden dir zu
Weihnacht eine tüchtige Lücke machen von wegen du hast kostbare Knechte
mancher Bauer vermöchte sie nicht so teuer Man meint sonst wenn der Meister
immer mit und dabei sei könne er es mit wohlfeilen Knechten auch machen« So
sprach Joggeli im Verlauf der Zeit entwickelte eine große Unterhaltungsgabe
legte Weisheit und Gutmeinen an den Tag fuderweise zahlte nicht bloß eine
sondern zwei Flaschen Wein wahrscheinlich aus den auf den Schuhnägeln ersparten
drei Kreuzern und ein Herz und eine Seele wie Vater und Sohn wanderten sie
zusammen heim Schon ging die Sonne nieder aber nicht in den klaren Hintergrund
der Berge sondern hinter eine schwarze Wolkenwand welche sich über den Kamm
der Berge gelagert hatte
»Es ist gut sind wir fertig« sagte Uli »das Wetter ändert hinter Wolken
geht die Sonne nieder« »Ja« sagte Joggeli »Pressieren ist gut und bei den
Löhnen welche man jetzt den Dienstboten gibt kann man wohl pressieren es mags
ertragen Und wie man sie jetzt speisen muss potz Sacker es hat keine Art mehr
und sind doch niemals zufrieden und ehedem hätte ein Bauer gemeint er lebe wie
ein Herr wenn er es gehabt hätte wie jetzt der schlechteste Knecht leben will
Ich mag mich noch erinnern dass man Kaffee selten sah auf einem Tische und Brot
selten Man hatte Rüben Kraut Obst grünes solange es dauerte dann
gedörrtes Hafermus Haferbrei und Milch das aß man und dabei war man wohl und
mochte arbeiten wohl so gut als jetzt Fleisch hatte man an den meisten Orten
bloß den dritten Sonntag Schon beim Frühstück stellte man es auf ließ es den
ganzen Tag auf dem Tische dass jeder gehen und nehmen konnte so oft es ihm
beliebte Aber zu Tode aß sich Keiner grünes Fleisch war es selten sondern
dürres gut gesalzen oft drei Jahre alt und mit Einlegen ins Wasser gab man
sich nicht große Mühe Brav Durst gab das der Bauer ging in den Keller und
löschte ihn mit Milch das Gesinde hing den ganzen Tag an der Brunnenröhre dass
man hätte glauben sollen es müsste jeder zur Feuerspritze geraten und dabei
waren alle wohl zufrieden man wusste nichts anders Dann erst vom Bettlervolk
wusste man wenig oder nichts Es waren kaum halb so viel Leute und zu essen für
alle da Zur selben Zeit meinte es unser Herrgott noch gut mit den Menschen und
nahm zuweilen den Zehnten mit Pestilenz oder Krieg Aber jetzt muss ihm das
erleidet sein er lässt alles aufwachsen es dünket einen das schwächste Kind
könne nicht mehr sterben es müsse leben und so kommt es dann dass man sich die
Haut abreibt und zuletzt noch einander fressen muss wie die Ratten es machen
sollen Und wie muss man den Menschen noch dazu aufwarten Brot darf auf dem
Tische nie fehlen Kaffee wollen sie wenigstens zweimal im Tage Kraut sehen sie
kaum mehr an und wenn man ihnen mehr als dreimal des Jahres mit Rüben kommt so
schreien sie zu Gott sie seien ganz erkältet und wenn er sie nicht von den
Rüben erlöse müssten sie zu lebendigen Eiszapfen werden Alle Sonntage muss
Fleisch sein per se und grünes noch welches man kaufen muss wovon einer wenn
er noch drei gute Zähne im Maul hat in einer halben Stunde ein ganzes Pfund
frisst wenn er es kriegt nämlich Ja jetzt wollen sie morgens um neun Uhr noch
was wollen um drei Uhr wieder was wollen nichts mehr als liegen und fressen
und sind doch nie zufrieden wie man es auch machen mag man wird den Löffel
ganz aus der Hand geben sollen Wenn mein Vater selig wüsste wie es ginge jetzt
er kehrte sich noch im Grabe um und wer weiß ob er nicht aufstände und
versuchte Ordnung wieder zu schaffen von wegen das war ein Mann der nicht
meinte er müsse alles annehmen wie es kommt und über sich ergehen lassen was
jedem Maulaffen gefalle Der wollte zu allem was ihn anging ein Wörtlein
sagen ließ sich die Ordnung nicht machen sondern machte sie selbst und nicht
bloß so eine auf dem Papier sondern eine nach der er ging und eine die er
hielt Ja ich bin froh dass ich daraus bin es wird je länger je böser und wer
erst anfangen muss kann mich dauern begehre nicht an seinem Platze zu sein
wüsste nicht wie machen«
Joggeli war zu einem Einheizer geboren namentlich würde er auf einem
amerikanischen Dampfboote wo man bekanntlich liebt die Kessel zu heizen bis
sie springen die vortrefflichsten Dienste geleistet haben So heizte er
allenthalben ein wo er an einen Menschen kam und wie es schien um so heißer
je älter er ward So heizte er auch Uli ein dass derselbe zu dampfen begann
doch sprang der Kessel der Kopf ihm nicht denn nun begann ein Anderer das
Heizen und zwar bei Joggeli Der liebe Gott rollte mit seiner Hand den mächtigen
Donnerwagen durch des Himmels unendliche Räume gewaltig und hehr Es war um
sich menschlich auszudrücken als ob der Herr über seinen Fluren dahinfahre zu
schauen was seine Kinder machen ob heilige Sabbatsruhe sei auf Erden oder ein
wüst heidnisch Getümmel oder ob irgendwo ein töricht Menschenkind sich beigehen
lasse sein Korn welches des Herren Hand ihm wachsen ließ vor des Herrn
Wettern zu bergen als ob man irgendwo hinfliehen könne vor des Herrn Macht Nun
begann Joggelis Herz zu beben und seine Stirne rauchte denn er fürchtete das
Donnern sehr er fürchtete es mehr als den Herrn selbst denn erst wenn es
donnerte gedachte er an seine Ohnmacht und seine Sünden an des Herrn Wort und
Macht Er war ein Kind geblieben sein Leben lang aber der Art eines welche
hinter dem Rücken der Eltern alles sich erlauben nie ihrer gedenken sobald
dieselben außerhalb dem Bereich ihrer Sinne sind aber in die Knie fallen
zitternd und bebend wenn unerwartet sie derselben Stimme hören und bitten und
betteln um Schonung und Milde oder in Ecken sich zu bergen und zu sichern
suchen Adam und Eva gleich als sie des Herrn Stimme hörten Als ernst und
feierlich des Herrn Stimme aus den Wolken brach da strebte Joggeli mit
schwachen Beinen vorwärts und sagte Er helfe pressieren Aber die Wolken riefen
dem Sturme und schneller reiten auf des Sturmes Flügeln die Wolken als so ein
Joggeli mit schwachen Beinen höpperlet Das komme streng daher sagte er wenn
sie nur irgendwo schirmen könnten Bäume wären wohl aber bei solchem Wetter
hülfen sie wenig und seien sehr gefährlich Wilder gewaltiger schmetterte der
Donner blendend fuhren die Blitze rot glühte die Straße und doch wars noch
heller Tag groß und schwer fielen Tropfen nieder und tief beugten die Bäume
sich Es war als ob sie die Nähe des Herrn fühlten Er würde was geben wenn er
zu Hause wäre sagte Joggeli es blende ihn gar in den Augen das möge er nicht
ertragen Der Mensch sei doch dumm zu laufen wenn er zu Hause auch sein
könnte Wegen drei Kreuzern bringe ihn niemand mehr fort Kreuzer hin Kreuzer
her am Ende sei ihm das Leben lieber und was man an den Kleidern verderbe
wenn man so nass werde an einen Regenschirm hätte er gar nicht gedacht »Ein
schöner Regen schadet allweg nichts« sagte Uli »wenn es nur nicht hagelt mein
Korn habe ich Gottlob unter Dach« Gewaltig prasselte der Regen nieder jeder
Regenstrahl einen Finger dick »Nass nass wird man und du mein Gott wie das
donnert so habe ich es lange nicht gehört Ja du hättest deines unter Dach
aber denk an Andere Gewiss war noch Mancher dumm genug und machte heute nicht
Garben weil es Sonntag ist Es gibt Leute welche nie weise werden was wird
das doch unserm Herrgott machen ob einer Garben macht oder nicht am Sonntag
Die Leute sind doch noch so« und ein glühender Blitz zuckte vorüber geblendet
schlossen sich ihre Augen und ein Donner krachte nach als ob der Himmel
geborsten wäre wie eine gläserne Decke und in Millionen Scherben zur Erde
rieselte »Das walte Gott« sagte Joggeli »wir kommen nicht lebendig heim wenn
ich nur den Brief bei mir hätte welchen einst die Mutter Gottes zur Erde fallen
ließ Ich kaufte ihn einem Luzerner ab für zwei Gulden Wer den bei sich trägt
dem tun die Elemente nichts und der Blitz nichts und das Wasser nichts aber ich
dachte heute nicht dar an dass es gut sein könnte«
Fortan ward Joggeli stille wahrscheinlich sagte er den Brief her den er
vom vielen Lesen auswendig wusste und glaubte er werde im Munde so gut sichern
und schirmen als in der Tasche Er tat es wirklich auch sie kamen lebendig
heim aber so nass wie sie ihr Lebtag wohl nie gewesen Uli meinte wenigstens
einen halben Fuß tief durch die Haut in den Leib hinein habe es ihm geregnet Er
wird wohl übertrieben haben denn wenn dies auch bei Joggeli der Fall gewesen
wäre so hätte es in der Mitte zusammengeregnet und sicher eine Wassernot
abgesetzt und wir haben nichts davon vernommen Hingegen schlotterte Joggeli
bedenklich brachte vor Zittern die nassen Kleider kaum vom Leibe kroch so
schnell als möglich zu Bett zog den Umhang fest zu damit er das Leuchten der
Blitze nicht sehe und hütete vier Tage das Bett dieweil er Fieber zu haben
glaubte Noch viel länger aber als vier Tage brummte er wie das ein sauber
Eingericht sei in der Welt dass wer sparen und hausen wolle von unserm Herrgott
beregnet werde dass er fast ums Leben komme Sein Lebtag versetze er wegen
Schuhnägeln und drei Kreuzern keinen Schritt mehr Dass ihm noch ganz was anderes
im Kopf gestochen als Schuhnägel und drei Kreuzer als er den Uli nach Gramslige
gelocket dass er dem Uli Kopfnägel einklopfen wollte und dass unser Herrgott mehr
als recht gehabt hätte wenn er ihn nicht bloß beregnet sondern auch behagelt
hätte das dachte Joggeli nicht von ferne Er war nicht bloß von denen einer
die nimmerdar zur Wahrheit kommen können sondern von den Unglücklichen einer
welche Menschen Gott und sich selber immerfort belügen und es nicht einmal
merken
Es gibt Worte sie gehen in den Kopf wie Splitter ins Fleisch man merket es
nicht Erst nach einer Weile fangen sie an zu schmerzen und zu eitern und oft
hat man seine liebe Not ehe man sie wieder rauskriegt
Im August ist die Zeit wo man die Dienstboten und namentlich die Knechte
frägt ob sie bleiben wollen oder nicht oder wo man wenn man sie nicht mehr
will andere sucht und dingt Der Wechsel findet erst auf Weihnacht statt oder
eigentlich nach dem Neujahr Die zwischen beiden Tagen liegende Zeit gibt man
meist frei besonders den Mägden zum Zurechtmachen ihrer Kleider und weil sie
doch das ganze Jahr gearbeitet will man sie nicht um das Neujahren das heißt
eine ähnliche Mahlzeit wie die Sichelten bringen Rechte Meister und rechte
Dienstboten versehen sich in dieser Zeit machen dass sie wissen woran sie
sind Was leichtere Ware ist läuft noch lange herum um Meister aus oder lässt
auf den Zufall es ankommen oder verspricht einer Dienstbotenmäklerin einige
Batzen wenn sie ihm einen Platz zuhanden habe Spekulative oder kaltblütige
Meister warten auch oft bis zuletzt Sie sagen es gebe Leute genug warte man
bis zu Weihnachten so kriege man die welche noch keine Plätze hätten ganz
wohlfeil wie man ja auch auf Viehmärkten zumeist das Vieh zuletzt am
wohlfeilsten kriege weil es den Leuten zuwider sei dasselbe unverkauft wieder
nach Hause zu treiben Die Leute kalkulieren verschieden und fast jeder Mensch
hat nicht sowohl eine andere Rechnungsweise sondern er wertet die verschiedenen
Faktoren anders und auf seine Weise Und das ist eben eine Kunst welche Wenige
verstehen jedem Faktor den wahren und echten Wert beizulegen und dies allein
schützt doch vor dem fatalen Verrechnen
Es war August und Uli sagte nichts von Dingen oder Wechseln es ward Vreneli
ganz angst dabei und doch fing es nicht gerne davon an Es gibt in jeder Ehe
Punkte von welchen das Eine oder das Andere nicht gerne anfängt Punkte wo man
fürchtet man möchte verschiedener Meinung sein Punkte wo dem Einen oder dem
Andern sein Gewissen sagt es sei auf dem Holzweg während es diesen Holzweg dem
Andern zulieb nicht verlassen mag Punkte wo das Eine oder das Andere den
Schein vermeiden möchte als wolle es meistern und regieren So zum Beispiel
regieren alle Weiber für ihr Leben gerne aber die sind selten welche es
eingestehen und den Namen dass sie regieren haben wollen Vreneli fürchtete
eben diesen Schein auch Es kam ihm oft dazu einen Entscheid geben zu müssen in
aller Liebe oder für dieses oder jenes reden zu müssen da Ulis Kopf für die
Meisterschaft und das Rechnen und Sorgen ums Auskommen fast nicht groß genug war
und er alle Tage klagte er glaube es komme nicht gut mit ihm er werde gar
vergesslich Der gute Uli dachte nicht daran dass jeder Kopf sein Maß hat dass
man Weniges leicht fassen und behalten kann aber von gar zu Vielem einem eine
Menge entfallen muss ohne dass deswegen das Gedächnis schwächte Zu viel ist zu
viel Äpfel kann man in einem guten Korbe behalten aber häuft man sie zu sehr
auf so rollen sie herab und will man es zwingen so kann man seine ganze
Lebenszeit mit Auflesen und Drauftun und wieder Auflesen zubringen Das wäre was
für Pädagogen wenn die noch was lernen könnten aber eben sie haben mit dem
Auflesen mehr als genug zu tun Vreneli wollte nicht gerne der Treiber Jehu
sein auch nicht gerne etwas zur Sprache bringen wo es eine geheime Ahnung
hatte Uli möchte an etwas denken was ihm nicht anständig sei
Doch einmal war Vreneli mit seiner bessern Magd alleine zu Hause sie hatten
Flachs und Hanf gekehrt und fochten jetzt in den Bohnen Es ist nun nicht bald
ein vertrauter Plätzlein und geschickter zu vertraulichen Mitteilungen als ein
Bohnenplätz »Los Vreneli« sagte die Magd »du sagst nichts ich muss dich doch
fragen kann ich bleiben oder muss ich weitersehen« »Ich weiß nichts anders«
sagte Vreneli »es wäre mir zuwider wenn du gehen wolltest ich muss noch mit
Uli reden aber es wird ihm auch das Rechte sein wenn du bleibst er weiß am
besten was man beim Ändern gewinnt und was das fördert wenn man an einander
gewöhnt ist und weiß wie man es gerne hat«
Am Abend als sie im Allerheiligsten des Hauses waren sagte Vreneli »Mädi
hat mich gefragt ob es bleiben könne oder weitersehen müsse Ich habe ihm
gesagt ich wüsste nichts anders wolle aber erst mit dir reden ehe ich
bestimmten Bescheid gebe«
»Ja« sagte der Uli »das ist eine Sache sie hat mich schon lange zu sinnen
gemacht« und kratzte dabei am Kopf als ob er einen Splitter aus dem Fleische
ziehen wollte es war einer der Kopfnägel welche Joggeli unvermerkt ihm
eingetrieben »Sieh wir sind gar zu teuer drin Für die Dienstenlöhne welche
ich zahlen muss könnte man ein ordentlich Gut in Pacht nehmen denke
zweihundert Taler die Taglöhner nicht gerechnet und Schmied und Wagner und
Schneider und Schuhmacher nicht Ich weiß weiß Gott nicht wo ich all das Geld
auftreiben soll Da habe ich gedacht ich könnte es mit wohlfeilern Diensten
ebenso gut machen und wenigstens fünfzig Taler an einem Punkte ersparen
Daneben wenn du Mädi behalten willst so habe ich nichts dawider Vielleicht
dass es mit etwas weniger Lohn auch zufrieden ist denk es hat vierundzwanzig
Taler im Jahr ein Paar Schuhe und zwei Hemden das ist ja ein Knechtenlohn«
»Zweifle dass es weniger nimmt« sagte Vreneli »ein Mädchen im besten Alter
schlägt mit dem Lohne eher auf als ab und Mädi verdient ihn wirklich besser als
mancher Knecht der einen doppelt so großen Lohn hat« »Habe nichts dawider
aber mit einem Mindern könnte man es auch denk vierundzwanzig Taler ohne
Zugaben«
»Aber Uli« sagte Vreneli »was denkst und wie rechnest
Ja das Jahr geht vorbei habe man gute oder schlechte Dienstboten und alle
Tage hat man dreimal gegessen geheuet geerntet und geemdet aber wie ging
alles und wie viel Zorn und Galle hat man geschluckt und wie selbst schaffen
müssen Und am Ende für was Um zu erfahren dass man nicht alles alleine machen
kann und erzwingen so wenig als ein Hauptmann ohne Soldaten keine Schlacht
gewinnt« »Ja alleine wollen wir diesen Hof auch nicht arbeiten« sagte Uli
»so dumm wie du meinst bin ich doch nicht aber mit wohl feilern Leuten Wenn
man diese recht anführt und brichtet so sind sie oft besser als die teuersten
welche Köpfe machen und alles besser wissen wollen Der beste Soldat war einmal
Rekrut« »Lieber Uli disputieren unnütz wollen wir nicht du weißt ja am
besten wie ich es meine du weißt am besten wie man so mit halbbatzigem Zeug
daran ist Auf alles muss man ihm die Nase stoßen ist man nicht immer dabei so
ist nichts gemacht Was sie im Stall beim Füttern kurz überall verwahrlosen
können weißt musst das Meiste selbst machen bleibst in allen Arbeiten zurück
und wenn man am Ende zusammenrechnen würde ohne noch zu rechnen was man für
das Abtreiben der Galle gebraucht so hat man sicher mehr als doppelt so viel
Schaden als man am Lohn erspart hat du würdest es erfahren«
»Das frägt sich noch« sagte Uli »wenn man recht zur Sache sieht und jedes
von uns tut was es kann Man kann die Leute dressieren sieh Grosstun ist
lustig aber es kommt bei reichen Leuten nicht gut geschweige bei armen Was
würden die Leute sagen wenn wir fortfuhren groß tun mit kostbaren Dienstboten
Da erst würden die Bettler kommen und uns fressen von Haus und Heim die Leute
glauben wie eine geringe Pacht wir hätten Joggeli hat mir das schon um die
Nase gerieben und er ist imstand er lässt sich aufweisen kündet uns die Pacht
unter irgend einem Vorwand« »So ist der alte Schelm dahinter dachte ich es
doch« sagte Vreneli »Der kann sein Lebtag nichts anders als Unheil stiften
Das ist einer der einmal dem Teufel ab dem Karren fiel als derselbe eine
Ladung heimkutschierte Indessen mach was du willst ich will nicht regieren
am Ende musst du dabei sein der Leute wegen würde ich es weder so noch anders
machen sie helfen dir doch nicht wenn du nicht kommen magst sei es mit der
Arbeit sei es mit dem Gelde Hast du mich aber lieb so lass mir Mädi Wenn ich
dahinten bleiben muss wer sollte die Haushaltung machen Mädi ist treu wie Gold
und weiß alles wenn ich einer Fremden alles in die Hände geben sollte ich wäre
keine Stunde ruhig im Bette« »Wider Mädi habe ich nichts daneben wäre es für
ein paar Tage nicht gefochten« antwortete Uli »Du weißt nicht wie es gehen
kann« sagte Vreneli »manchmal geht es ein paar Wochen und manchmal kann man
sterben und ist dann aller Not und Elend ab« »Bist bös« sagte Uli endlich
aufmerksam werdend »Bös wollte dich nicht machen Zürn mir nicht ich meine es
für mich und dich gut Wäre es dir anständig wenn im ersten Jahre wir mit dem
Schelmen draus müssten wie es schon so Vielen ergingen wie Joggeli an der
Sichelten erzählt hat Ja und die Sichelten was die gekostet hat weißt du
wenn wir nicht so fortgefahren hätten im Gleichen mit den gleichen Dienstboten
so wären die Bettler auch nicht so dahergekommen So hätte er es nie gesehen
hat Joggeli mir gesagt er hätte ein rechtes Bedauern mit uns bekommen es hätte
ihm übel gegraust«
»So das alles hat dir der alte Schelm gesagt Ich wollte dass der wäre
zhinderst am hintersten Stern wo nirgends eine Seele mehr ist nicht einmal
ein Teufel Wenn Teufel dort wären so hätte er noch seine Freude er könnte
ihnen die Haare zusammenknüpfen und sie hintereinander bringen Wo aber niemand
ist zum Aufweisen wo er alleine ist da ist seine Hölle und er der einzige
Teufel darin der Unflat was er ist der Allerweltsvergifter«
Vreneli war zornig und wenn Vetter Joggeli in der Nähe gewesen wäre so
hätte er Sorge tragen können zum Rest seiner Haare Uli besänftigte aber es
gibt wenige Leute welche statt zu besänftigen nicht Öl ins Feuer gießen
Besänftigen ist eine rare Kunst um sie zu üben muss man das Herz welches man
besänftigen will vollständig kennen und aller seiner Schwingungen Meister sein
Uli rühmte den Joggeli wie er es gut meine ein erfahrener Mann sei von allem
einen guten Begriff habe und wie man ihn in Hulden behalten müsse denn er sei
ihre eigentliche Stütze Man müsse nicht so sein und einen Menschen wenn er es
so gut meine mit Händen und Füßen von sich stoßen man könnte sich einst reuig
werden
»Das meine ich auch« sagte Vreneli »man könnte reuig werden wenn man
einfältig genug ist wegen ein paar guter Worte und einiger Gläser Wein zu
vergessen was man an einem Menschen seit Jahren oder wie ich von Kindesbeinen
auf erfahren hat und einem zu glauben der keinem Menschen traut und nur daran
Freude hat alles hintereinander zu hetzen Wie hat er es gehabt mit seinen
Leuten Hätte er einen guten Begriff gehabt vom Bauern und wie man es machen
müsse um vorwärtszukommen es wäre ihm besser gegangen Weißt du schon nicht
mehr wie du es angetroffen hast und wie er es dir gemacht«
»Nun du weißt jeder Meister kann mit seinem Gesinde bös zwegkommen und
ist einmal ein böser Geist eingerissen so hat man es damit wie mit dem Schwamm
in den Häusern man bringt ihn nicht weg wenn man schon ein oder zwei mal
ändert Daneben musst du denken die Menschen können sich ändern Joggeli weiß
wer wir sind darum hat er uns den Hof gegeben Ein Mann der so viel betrogen
worden ist wie er der darf wohl misstrauisch sein aber sieht er einmal dass man
es gut mit ihm meint so kann er ganz anders auch sein Gegen mich ich muss es
sagen hat er sich ganz geändert er ist fast wie ein Vater gegen mich ich muss
es sagen ich hätte nie gedacht dass er so sein könnte« Solche lange Rede tat
Uli dar
»Nun so dann so halte ihn als Vater dann kommt es gut Kratzen wirst du
einst in den Haaren aber es wird zu spät sein Lebt wohl Friede und Einigkeit
Wo der Teufel dazu kann da ists vorbei damit und dass du so verblendet werden
könntest hätte ich nie geglaubt Ach ach ich wollte lieber es wäre uns die
Ernte verhagelt worden es wäre ein kleines Unglück gewesen« Und bitterlich
weinte und schluchzte Vreneli
Uli ward sehr missstimmt fast böse Hatte er doch so vernünftig und
sachgemäss geredet hatte zum Frieden ermahnt wie es einem Christen ziemt und
Vreneli wollte keinen Verstand brauchen sich nicht begütigen lassen Dass es so
aus dem Häuschen fahren könnte hatte er gar nicht geglaubt und eine Frau alles
erzwingen lassen dürfe man doch nicht am wenigsten mit Wüsttun dachte er
»Ja« sagte Uli »wenn du so tun willst und nicht Verstand brauchen so kann man
nicht mit dir reden Gut Nacht« Vreneli schluchzte laut auf konnte nicht
einmal »Gute Nacht auch« erwidern
Das war das erste Ehegewitter welches bei ihnen stattfand Kleine Stäupeten
oder Schauer hatte es wohl schon gegeben aber war die Wolke vorübergezogen
schien die Sonne wieder Das erste Gewitter dagegen zieht gerne trüb und
namentlich kalt Wetter nach sich denn es verzehrt allzu viel Wärme und die
wäre der frisch erwachten Erde so nötig sie vermisst sie so schmerzlich Trübe
wars auch am folgenden Morgen an ihrem Ehehimmel dass das Gesinde sich fragte
was es wohl gegeben zwischen der Meisterfrau und dem Meister Sie hätten sich
heute noch nicht angesehen geschweige ein Wort zu einander gesagt
Vreneli war am Morgen im Garten und zog Salat aus Es hatte seit jenem
Gewitter nicht geregnet es war sehr trocken wahrscheinlich glaubte Vreneli
ein weicher warmer Regen komme er nun aus dem Himmel oder aus eines armen
Weibes Augen täte dem Kraut wohl »Bist fleißig« erscholl hinter ihm der Base
währschafte Stimme »Muss den Salat nehmen er stengelt sonst auf und wenn es so
heiß ist essen die Leute nichts lieber als Milch und Salat süß und sauer
durcheinander wie es auch geht in der Welt« entgegnete Vreneli sah aber nicht
auf »Ja warum ich komme« sagte die Base »habe was Merkwürdiges vernommen
muss es dir erzählen aber mach nur Wenn du genug Salat hast so will ich dir
ihn rüsten Denk diesen Morgen war ein Besenmann da aus dem Emmental wo die
guten Birken wachsen und sagte was da oben einem Bauer der Gott und Menschen
nichts nachfrägt und bloß nach dem eigenen Kopf fahren will begegnet ist Am
Sonntag nach eurer Sichelten wo unser Alter so nass geworden ist dass er drei
Tage im Bette lag und immer klagte er könne nicht erwarmen und nicht
ertrocknen am selben Sonntage hatte bei ihnen oben ein Bauer viel Korn draußen
liegen gehabt Als er nachmittags an den Bergen die Wolken gesehen und die nasse
Brunnröhre die ordentlich tropfte da habe er das Gesinde zusammengerufen und
gesagt Rasch hinaus gehäufelt und gebunden Es wettert auf den Abend bringen
wir tausend Garben trocken ein so gibts danach Wein genug Das habe seine
Großmutter gehört die sei achtzig Jahre alt und gehe an zwei Krücken die sei
mühsam dahergekommen und habe gesagt Johannes Johannes was denkst doch auch
So lange ich mich zurückerinnern mag ward hier am Sonntag nie eine Handvoll
eingeführt und meine Großmutter hat mir gesagt sie wisse auch nichts darum
und doch sei immer Segen bei der Sache gewesen und von Mangel habe man hier
nichts gewusst Und wenn es noch Not am Mann wäre Johannes ein nass Jahr Aber
trocken wars bis dahin und trocken wird es wieder werden und nass werden schadet
dem Korne nichts und würde es ihm schaden so hast du zu denken der Herr der
das Korn gegeben gibt auch den Regen und wie ers gibt hast du es anzunehmen
Johannes tue es nicht ich halte dir dringlich an Das Gesinde sei
umhergestanden die Alten hätten ernsthafte Gesichter gemacht die Jungen
gelacht und unter sich gesagt das Altväterische sei abgetan jetzt sei es eine
neue Welt Großmutter habt nicht Kummer hat der Bauer gesagt Alles muss einmal
zum erstenmal geschehen und deretwegen ists nicht bös Unserem Herrgott wird
das nicht viel machen ob wir heute schaffen oder schlafen und ebenso lieb wird
ihm das Korn am Scherm als am Regen sein Was drin ist ist drin man braucht
deswegen nicht Kummer zu haben denn wie es morgen sein wird weiß niemand
Johannes Johannes drin und draußen ist die Sache des Herrn und wie es diesen
Abend sein wird weißt du nicht aber das weißt dass ich deine Großmutter bin
und dir den tusig Gottswille anhalte lass heute dein Korn draußen Ich will
wenn du es sonst nicht machen kannst ein ganzes Jahr kein Brot mehr essen
Mutter hat darauf der Johannes gesagt deretwegen sollt Ihr nicht desto weniger
Brot haben aber eine Zeit ist nicht alle Zeit es gibt alle Jahre neue Bräuche
und dSach sucht man alle Tage besser zu machen Aber Johannes hat die Mutter
gesagt die Gebote bleiben die alten und kein Düpflein wird daran vergehen und
hast du dein Korn unter dem Dache was hilft es dir wenn du Schaden leidest an
deiner Seele Für die kümmert nicht Mutter hat der Johannes gesagt und jetzt
Buben auf und gebunden was das Zeug hält Die Zeit wartet nicht Johannes
Johannes hat die Mutter gerufen aber Johannes hörte nicht und während die
Mutter betete und weinte führte Johannes Garben ein Fuder um Fuder mit
Flügeln schienen Menschen und Tiere behaftet Tausend Garben waren unter Dach
als die ersten Regentropfen fielen schwer als wären es Pfundsteine fielen sie
auf die dürren Schindeln Jetzt Mutter sagte Johannes in die Stube tretend mit
seinen Leuten jetzt ists unter Dach Mutter und alles ist gut gegangen mag es
jetzt stürmen wie es will und morgen schön oder bös Wetter sein ich habs
unter meinem Dach Johannes aber über deinem Dach ist des Herrn Dach sagte die
Mutter feierlich und wie sie das sagte ward es hell in der Stube dass man die
Fliegen sah an der Wand und ein Donner schmetterte überem Hause als ob das
selbe mit einem Streich in millionenmal Millionen Splitter zerschlagen würde
Herrgott es hat eingeschlagen rief der Erste der reden konnte alles stürzte
zur Türe aus In vollen Flammen stand das Haus aus dem Dache heraus brannten
bereits die eingeführten Garben Wie stürzte alles durch einander Wie vom Blitz
geschlagen war jede Besonnenheit Die alte Mutter alleine behielt klare
Besinnung sie griff nach ihren beiden Stecken sonst nach nichts suchte die
Türe und einen sichern Platz und betete Was hülfs dem Menschen wenn er die
ganze Welt gewönne und er litte Schaden an seiner Seele Dein und nicht mein
Wille geschehe o Vater Das Haus brannte ab bis auf den Boden gerettet wurde
nichts Auf der Brandstätte stand der Bauer und sprach Ich habs unter meinem
Dach Aber über deinem Dache ist des Herrn Dach hat die Mutter gesagt Und seit
dieser Stunde spricht er nichts mehr als Ich habs unter meinem Dach Aber über
deinem Dache ist des Herrn Dach hat die Mutter gesagt Gar grausig soll das
anzusehen sein Viele Leute gehen hin und nehmen ein Exempel daran dass alles in
des Herrn Hand ist sei es auf dem Acker oder unter einem Dache dass was man vor
dem Regen geflüchtet vom Blitz ereilt werden könne wohin man es auch
geflüchtet«
So sprach die Base Unterdessen hatte Vreneli den Salat ausgezogen wie
langsam es auch machte und wie andächtig und gsatzlich die Base erzählte so
musste es doch endlich aufstehen und wenn es schon nicht die Augen aufschlug so
sah die Base doch alsbald dass es geweint hatte
»Was hast Meitschi hätte ich bald gesagt du und weinen Was zum Tütschel
hast du Unebenes Oder etwa Kummer du kommest mit dem Leben nicht davon Du
Tröpflein alte Soldaten gibt es ja mehr als genug und erst alte Weiber ganze
Dörfer voll du dummes Tröpflein Aber das wird wohl was andres sein Was hast
Wenn du Glauben an mich hast und ich dir helfen kann so sags Meinst du
könnest es alleine verwerchen so schweige sag es aber auch sonst niemanden«
»Base« sagte Vreneli halblaut »es kam ein Jemand zwischen uns« Da fuhr die
Base einen Schritt zurück und rief »Was du nicht sagst Mädi« »Nein Base was
denkt Ihr So schlecht ist Uli nicht deretwegen habe ich nichts zu fürchten und
kann ruhig sein« »Wer dann« frug die Base »wenn es nicht selb ist« »Sollte
es nicht sagen« entgegnete Vreneli »aber kann weiß Gott nicht anders wart Ihr
doch immer Mutter an mir Euer alter Gnäppeler ists der hat Uli über Ort
gebracht«
Da lachte die Base dass es sie schüttelte über und über und sagte »Oh
wenn ich ein so jung hübsch Fraueli wäre wegen einem ganz grauen und
halblahmen Mannli wollte ich nicht aus der Haut fahren wäre es ein hübsch
Dirnchen selb wäre eine andere Geschichte du Babeli was du bist Uli kennt ja
den Alten so gut als du du wirst ihn unrecht verstanden haben da hat er den
Kopf gemacht und du hast ihn gemacht aber das kommt schon alles wieder gut
Glaube mir es ist nicht das erstemal dass das so gegangen ist in der Welt«
»Kommt Base« sagte Vreneli »Ihr seid meine Mutter gewesen von je Euch
darf ich es wohl klagen sonst vernimmt es niemand in der Welt«
Nun erzählte ihr Vreneli wie der Vetter sich an Uli gemacht ihm den Kopf
groß gemacht wegen vielem Brauchen und kostbaren Dienstboten und ihn
eingenommen dass Uli auf einmal das beste Zutrauen zu ihm habe glaube es meine
es niemand auf der ganzen Welt so gut mit ihm als der Vetter Joggeli und alles
vergessen habe was er vorher an ihm erfahren So dumm und leichtgläubig hätte
es sein Lebtag Uli nicht geglaubt wenn das so sei so könne jedes alte Weib ihm
den Kopf kehren und so komme es wahrhaftig nicht gut Es habe ihm sagen wollen
wie die Sache sei da habe er ihm abgeputzt und den Vetter erhoben als ob er
ein Seraphim oder gar ein Cherubim wäre das alte Giftbecherli »Und dass er
glaubt so einer meine es besser mit ihm als ich selb will mir fast das Herz
abdrücken«
Erst ward die Base bös und sagte »Dä Tüfels Alt kann der das nicht lassen
Ich glaube er wäre imstande die Engel im Himmel hintereinander zu bringen«
Doch erfahren im Besänftigen sagte sie »dSach würde mich auch böse machen
daneben danke Gott dass es nur das ist es könnte leicht was anders sein
welches hundertmal schlimmer wäre« »Aber Base wenn Uli mit wohlfeilen
Dienstboten fahren will kommen wir in ein Wesen hinein dass ein Wespennest ein
Himmelreich dagegen ist und wenn Uli andern Leuten mehr glauben will als mir
so begehre ich gar nicht mehr dabeizusein« eiferte Vreneli
Da lachte die Base und sagte »Zürne nicht dass ich lache das Weinen wäre
ja freilich anständiger aber ich kann nicht anders Was meinst wenn alle
Weiber sich hängen oder ersäufen wollten deren Männer andern Leuten zuweilen
mehr glauben als ihren Weibern was meinst Vreneli wie manches lief lebendig
herum Meinst nicht es hingen mehr Weiber an den Bäumen als Kannenbirnen
schwämmen mehr in den Flüssen als Hechte und Forellen Die Sache ist auch nicht
halb so schlimm als man meinen möchte wenn man sie nur so von ferne ansieht
hab es selbst erfahren kann davon reden Meinte es auch so wie du hatte auch
Ursache dazu war eine Bauerntochter von Jugend auf bei der Sache und kam
nicht mit leeren Händen dass Joggeli hätte meinen können es ginge bloß um seine
Sache Aber ich musste mich anders gewöhnen es hielt hart und war doch gut Es
ist nicht gut wenn man sich gewöhnt alles nach seinem Kopfe erzwingen zu
wollen Das gibt am Ende einen Zwang unter dem die Andern leiden alles
versteht man doch nicht und wenn es nicht gut kommt so muss man dann auch
alleine an allem schuld sein Wenn die Andern auch ihr Recht haben ihrem Kopf
nach fahren oder anderer Leute Räten und es kommt nicht gut und sie sagen dass
es gut gewesen wenn sie nur geglaubt so ist das kommod für ein andermal es
stärkt das Vertrauen Denn sieh liebes Kind man muss nie glauben das Vaterland
hänge an einem Haar und alles Heil daran dass es so und nicht anders gehe Man
wird gar unglücklich wenn man so den Kopfmacht und zuletzt wird man auch mit
dem lieben Gott unzufrieden und hadert mit ihm alle Tage Nein lieb Kind so
den Kopf machen muss man nicht Denken sagen tun muss man so gut als möglich
aber dann daran festhalten dass es geschehe was da wolle es denen die Gott
lieben zum Besten und zur Seligkeit dienen müsse und dies ist am Ende doch die
Hauptsache Man muss sich nur nie lassen verbittern nie rachsüchtig werden oder
schmollsüchtig sondern sanftmütig bleiben und demütig grad zu machen suchen
was Andere krumm gemacht Die Sache mag sein wie sie will wenn man nur kann
zufrieden bleiben dabei mit einander das Hauptglück ist doch immer im Gemüte
Es ist freilich eine schwere Sache und manchmal kam es mir vor ich hätte einen
halben Zentner Pulver im Leibe es gehe an und ich müsse bolzgrad auf in die
Luft und kein gut Wort wolle ich mein Lebtag mehr einem Menschen geben Am Ende
wurde ich wieder zufrieden die Sache machte sich auch nicht so schlecht als
ich dachte es ging nicht ums Leben nicht um Hab und Gut und allweg lernte ich
was ward weiser und erkannte von Tag zu Tag besser die Hand Gottes in allem und
wie er alles zum Besten leitet An den musst du denken wenn es dir übers Herz
kommen dich dünken will es werde dir schwarz vor den Augen und vor den Füßen
sei dir die Hölle Bete und lasse nicht ab zähle darauf es wird dir wieder
heiter vor den Augen und leicht werden dir die Füße dass es dich dünkt du
könnest springen eines Satzes über die Hölle hinweg in den Himmel mitten hinein
Was ich ausgestanden weißt du nicht und Uli ist noch lange nicht Joggeli Es
ist allweg dumm von Uli wenn er mit halbbatzigem Zeug fahren will es wird ihm
schon erleiden er ist am meisten plaget damit aber ztöten geht es doch allweg
nicht und ist man genug dabei gewesen so kann man das wieder ändern Ach Gott
es gibt Sachen welche man nicht mehr ändern kann und wenn man das Leben dafür
geben wollte da ists böse sich hineinzuschicken und doch muss man was will
man anders Mach nur kein so trübes Gesicht tue als sei gar nichts
vorgefallen schmollen tut nie gut« So sprach die Mutter ward selbst gerührt
und fuhr oft mit der Hand über die Augen besonders als sie davon sprach dass es
Dinge gebe welche man nicht ändern könne Sie dachte an Elisi und dass sie da
auch etwas habe machen helfen welches bodenbös sei
Vreneli hatte manchmal dreingeredet endlich sagte es noch »Ach ja Base
recht werdet Ihr haben mehr als recht aber wer wollte das können so sich in
alles schicken wie ein Lamm besonders wenn man genaturt ist wie ich und so
heißes Blut hat«
»He Kind für was bist auf der Welt Etwa für Lehenmannin auf der Glungge
zu sein ein Dutzend Kinder aufzustellen und ein paar tausend Gulden an einen
Haufen zu kratzen Eben um dich zu ändern zu lernen was du nicht kannst statt
der alten Natur nach einer neuen zu trachten dafür bist du da dafür bist du
getauft und unterwiesen Sieh ich rede von solchen Dingen nicht gerne die
gehören in das innerste Herzkämmerlein Wie ein jung Mädchen nicht gerne von
seinem Schatz redet als mit der allerbesten Freundin und allemal rot wird wenn
es dessen Namen hört so habe ich es mit dieser Sache und mit dem der mich
allein selig machen kann Dir will ich sagen dass er mein einziger Trost ist im
Leben und im Sterben und ohne ihn hätte ich es wahrhaftig nicht ausgestanden
hier auf der Welt Am Morgen Verdruss und am Abend Verdruss Da hätte ich unsern
Herrgott fragen müssen Herr warum bin ich da woran habe ich mich so schwer
versündigt oder ist die Welt ein Narrenspiel Aber so fragte ich nicht ich
erkannte warum ich da war ich sollte Gott erkennen seinen Willen tragen
lernen mich ändern und bessern dass ich geduldig und sanftmütig aushalten könne
vom Morgen bis zum Abend wie Gott ja auch alle Menschen ertragen muss und doch
langmütig bleibt was uns wohl kommt Als ich das einmal begriffen hatte ward
das was mir vorher Hauptsache war Nebensache und woran ich nicht gedacht
ward mir zur Hauptsache Butter und Milchgeld am Abend zu zählen war nicht
mehr meine größte Freude sondern zu rechnen was ich an der Seele gewonnen und
gewerchet Von da an ward mein Leben anders ich konnte es aushalten konnte
wieder lachen konnte Gott danken für alles was er tat stach er mich oder hieb
er mich Aber was ich dir da sage sage niemanden ich schämte mich wenn jemand
wüsste wie es mir wäre im Gemüte Dir wollte ich es sagen du lachst mich nicht
aus und willst was recht ist und hast du mal was ergriffen so lässest du es
nicht los Du erbarmtest mich als ich dich über Kleinem so trostlos sah du
armes Tröpfli dir werden wohl noch ganz andere Punkte warten Da dachte ich es
möchte ein Gotteslohn dabei zu verdienen sein wenn ich dich an den wahren
Tröster weisen würde Aber hörst was ich dir sagte behalt für dich«
»Base« sagte Vreneli »ganz habe ich nicht vergessen was Ihr mir sagtet
als ich zum erstenmal zum Nachtmahl ging Der liebe Gott wolle es Euch
vergelten dass Ihr mich daran mahnet zu rechter Zeit ich will es nicht mehr
vergessen Aber die Welt will immer obenauf und je weniger man von der Welt
hat desto mehr will sie einem den Kopffüllen und stellt sich vor die Augen dass
man gar nicht darüber weg mehr sehen kann Was man sinnen sollte sinnet man
nicht und was man nicht sinnen sollte das liegt einem Tag und Nacht im Sinn
lässt nicht einmal den Schlaf kommen damit man es nicht etwa vergesse oder
seiner los werde Man kanns nicht erwehren und dann kommt die Natur versündigt
sich an Gott und Menschen und will Meister sein und bleiben Wäret Ihr abermal
nicht wie ein guter Engel gekommen so wäre ich wohl unwirsch geworden und
finster in meinem Gemüte Aber Base ists nicht seltsam dass der liebe Gott mir
und Uli so gleichsam zwei Engel zum Geleit gegeben einen guten und einen bösen
mir den guten und ihm den bösen Und warum hat er Euch Beide zusammengetan und
Euch eine solche Qual geordnet dass Ihr mit so einem zusammengebunden gehen müsst
durchs Leben Ich habe einmal gehört dass man auf den Galeeren immer Zwei und
Zwei zusammenschmiedet dass sie Tag und Nacht nicht von einander können da
geschehe es oft dass man unschuldig Verurteilte mit den größten Bösewichtern
zusammenschmiede und das sei das Schrecklichste für die Besten oder gar
Unschuldigen denn die Andern quälten sie teuflisch und hätten noch große Freude
dran Gerade daran mahnt Ihr mich und was der liebe Gott damit gewollt
begreife ich nicht«
»Kind schweige versündige dich nicht an Joggeli und am lieben Gott du
bist noch gar zu rasch mit dem Urteilen und Verdammen und weißt doch dass ein
Einziger ist der das kann und will Begreifst du nicht dass wenn ich schon
schrecklich ungeduldig werde und bitterlich mich auslasse wenn er seine Art an
Andern auslässt ich ihn doch eigentlich als einen guten Engel betrachten und
Gott für seine Sendung danken muss Er hat mich zum wahren Tröster geführt denn
wenn ich ein so gutes Mannetoggeli gehabt hätte oder einen währschaften Bauer
so wäre es mir kaum je in Sinn gekommen Hätte ja gemeint keinen Trost nötig zu
haben Darum wird es gewesen sein dass ich den Joggeli vorzog und haben wollte
Der liebe Gott schickt keine bösen Engel lauter gute denn wer ihn liebt dem
ist jeder Mensch ein guter Engel der ihn zum Guten führt es kommt eben nur auf
das Herz an Der arme Joggeli ist nicht halb so bös er kann mich oft von Herzen
dauern dass er es nicht anders nehmen kann dass er so misstrauisch ist er lebt
selbst am übelsten dabei Wenn er mich am bösten gemacht hat dass es mich dünkt
es sei mir nicht mehr zu helfen so muss ich doch sagen sobald ich wieder bei
mir selbst bin ich hätte den bessern Teil und gegen ihn eine ganz leichte
Bürde Von wegen er hat ein gar großes Leiden nie zufrieden zu sein und immer
misstreun warum ihm das Gott auferlegt habe sinnete ich schon oft und mag es
doch nicht ergründen Helfen kann ich ihm nicht und das plaget mich Wollte ihm
schon drauf deuten wo es fehle aber er spottet mich aus und mit Johannes und
Elisi ists noch ärger und das ist das große Leiden welches ich habe Ich habe
die Hoffnung dass Gott gnädig ist ihm tue ich sie anbefehlen und ansehen wird
er mich wohl«
»Ja Base ich stünde es bei Joggeli nicht aus ich wunderte mich oft wie
Ihr es könnt Aber Ulis böser Engel ist er doch er gibt ihm das Gift ein
welches alles verderben wird« »Das weißt du nicht« sagte die Base »so darfst
nicht urteilen den Ausgang kennst nicht Joggeli kann auch Ulis guter Engel
sein das kommt auf Uli an und wenn er sein böser Engel bleibt ist Uli selbst
schuld wehr du auch was du magst dass ers nicht bleibt« »Ach Mutter« sagte
Vreneli »es ist mir so bange Es ist mir es stehe ein schwer groß Unglück
vor und bald ists mir wenn ich nur sterben könnte und bald muss ich weinen
wenn ich denke ich müsste sterben denn gerne stürbe ich doch nicht« »Du hast
es wie die Andern auch das bessert von selbst wollte Gott jeder Plage würde
man ein so bestimmtes Ende sehen Doch potz wie habe ich mich verschwatzt
schon läutet es zu Kuhwyl Mittag Es gibt noch nicht ander Wetter wenn man es
dort läuten hört« Vreneli sah der rasch dahin sich schiebenden Base nach und
sagte für sich O Base du hast recht das böse Wetter hat erst angefangen es
wird seine Zeit haben wollen wie alles in der Welt Du hast geredet wie ein
Engel und deine Worte waren Samen vom rechten Aber Base der Same ist noch
nicht Frucht erst muss er verwesen dann keimen dann grünen dann blühen dann
reifen Ach Base wie lange wird es gehen bis er Früchte trägt bei mir von
wegen meine Natur ist hitzig und wild und wenn die Sonne höher steigt wird das
Beste verwelken
Vreneli bangte nicht umsonst seine Natur war eine echt aristokratische sie
hatte große Anlagen zum Regieren Solchen Naturen wird die christliche Ergebung
und das Unterordnen unter einen Willen der eng ist kleinlicht vielleicht auch
verderblich gar zu schwer gar zu schwer sich selbst Gott zu fügen in allen
Dingen und zu sagen Vater nicht mein sondern dein Wille geschehe Schmutzige
Naturen haben heiße Reinigungsfeuer nötig bis sie christliche Naturen geworden
sind aber edle großartige Naturen haben nicht weniger schwere Prüfungen zu
bestehen bis sie zu Kindern Gottes sich aufgeschwungen haben Satan war nicht
der niedrigste der Engel
Doch wohl verstanden wir reden von aristokratischen Naturen welche auch im
Zwilchkittel zu finden sind nicht von aristokratischen Angewöhnungen und einem
gemachten aristokratischen Äußeren Es gibt solche gemachte Figuren welche zu
den aristokratischen Gebärden noch die christlichen annehmen Dann ist es aber
ein wunderlich Zusehen wie bald eine Sorte von Gebärden und Redensarten
sichtbar wird bald die andere wie im Umgang mit der einen Klasse von Menschen
die christlichen Gebärden vorstehen bei einer andern die aristokratischen Als
Regel kann man annehmen dass das Christliche vorherrscht solange weder
Befürchtung äußerer Beeinträchtigung der Ansprüche oder Widerspruch stattfinden
Über beide erhebt das Christliche sich nicht sondern gegen sie werden die
aristokratischen Manieren und Gebärden Meister Überhaupt werden in solchen
gemachten Figuren Aristokratisches und Christliches nie sich verschmelzen sie
treiben sich abgesondert im Leibe herum wie Kraut und Rüben in einer
Bettlersuppe Es gibt aber auch eine gewisse Sorte Christentum welches sich für
das aristokratische hält welcher die Plätze zur Rechten und zur Linken im
Himmelreich gehören Die Christen welche zu dieser Sorte gehören mühen sich
auch ab mit Gebärden welche fast wie aristokratische aussehen diese ihre
Meinung von sich selbst auszudrücken Sie sollten es nicht tun es steht so
übel
Fünftes Kapitel
Kraut und Rüben durcheinander wie es sich gibt in einer Haushaltung
Uli wurde von so freundlichem Winde nicht angeweht sondern blieb sich selber
überlassen Ihn dünkte er hätte nicht bloß recht in der Sache sondern er müsse
einmal zeigen dass er auch jemand sei und zwar eigentlich der Mann der die
Hosen anhabe Wenn er das immer so gehen ließe so könnte seine Frau zuletzt ein
Recht daraus machen wollen und meinen er solle zu keiner Sache was sagen Zu
solchen Ansprüchen berechtige sie doch endlich ihr Vermögen nicht was sie
eingebracht habe an einem kleinen Orte Platz Er nahm da her das Gespräch über
das Gesinde nicht wieder auf nahm Vrenelis Freundlichkeit mit dem Misstrauen
als ob es auf diesem Wege probieren wolle was es auf dem andern nicht zuwege
gebracht Da er sich auf dieser Seite schwach fühlte so verpalisadierte er sich
mit desto düstererer Miene
Noch ungerner als mit Vreneli sprach Uli mit dem Gesinde selbst darüber nur
daran zu denken war ihm zuwider Es waren eine gewisse Schüchternheit und eine
gewisse Unbehülflichkeit bei einander von wegen nicht bloß Meister zu sein
sondern sich auch als Meister darzustellen auf die rechte Weise und in allen
Dingen ist eine Kunst zu welcher viele alte Bauern nie gelangen wie sollte
man sie von einem jungen Pächter fordern können der erst noch selbst Knecht
gewesen Darüber wurden die Knechte ungeduldig »Hat er mit dir gesprochen«
frug einer den andern »dich gefragt ob du bleiben oder gehen wollest« Der
eine der Knechte sagte »Ich halte ihm nicht an mein Brauch war es nie dass ich
um den Dienst fragte der Meister musste mich fragen und frägt er mich bis
Sonntags nicht so sage ich dem Kabismüller zu Es ist ein schwerer Dienst aber
der Lohn auch danach und verdienen muss man während man jung ist« Ein anderer
sagte »Wollte nicht pressieren er wird das Maul schon noch auftun mir wäre es
zuwider fort wechsle nicht gerne« »Wartet am Samstag soll ich mit dem Meister
Spreu holen da gibt vielleicht ein Wort das andere« »Meinetalb« sagte der
andere »aber dass es mir viel machen würde weiterzudingen kann ich nicht
sagen Er ist nicht mehr der Gleiche Man kann nicht genug schaffen und doch
ist er nie recht zufrieden Es dünket mich er habe schon vergessen was ein
Knecht gerne oder ungerne hat und meint er müsse aus Äckern und Wiesen Vieh
und Menschen das Äußerste das letzte Tröpflein Saft herauspressen damit er ein
reicher Mann werde Bloß wegem Zins hätte er das nicht nötig Wie ich habe
merken mögen ist der so dass er deswegen keinen Kummer zu haben braucht Warum
nun alle bös haben sollen um einen zu mästen weiß ich eben auch nicht es wäre
ein Anderes wenn Not am Mann wäre« »Oh« sagte der Erste »so viel wirst doch
nicht zu klagen gehabt haben einmal wegen der Speise nicht die ist wie man
sie nicht an allen Orten antrifft« »Einstweilen wohl« sagte der Erste »aber ob
es so bleibt frägt sich Was ich merken mochte nimmt man aus der Metzg alle
Samstag ein Pfund bis zwei weniger Fleisch und in letzter Woche hatten wir
zweimal keine Milch auf dem Tisch und bin ich recht berichtet so mussten sie
vorgestern dem Brot erst den Bart abmachen ehe sie es auf den Tisch stellen
konnten Wenn es so käme so wäre dies mir nicht anständig von wegen ein Jahr
ist lang und aus dem Jahr zu laufen ist nicht meine Sitte« »Man muss nicht
immer das Bösere glauben und mit dem grauen Brot kann das allenthalben
geschehen am Geschmack merkte man nichts und der Müller kann vielleicht auch
noch daran schuld sein
Die Haglen netzen manchmal das Mehl dass man Schneeballen daraus machen kann
oder es als Mehlsuppe brauchen ehe es noch in der Pfanne ist« entgegnete der
Erste
Am Samstag also fuhren sie nach Spreuer aus und luden in Bern an der Matte
ein gewaltig Fuder Spreuer war sehr wohlfeil und die Müller froh wenn er ihnen
aus dem Wege kam Manchmal wird er rar ist schwer und teuer zu bekommen wenn
man ihn am nötigsten hätte Mit dem Spreuer unter den Menschen ists umgekehrt
da wird er am teuersten wenn er am zahlreichsten ist da schätzt er sich dann
selbst und zwar wie ein Jude seinen lumpichten Trödel Obgleich Uli wohlfeilen
Spreuer kaufte so war er doch sehr übler Laune Der Müller hatte ihn
aufgezogen wie wohlfeil der Bauer das diesjährige Korn werde geben müssen da
sollten sie nicht Kummer haben dass sie die Zeit versäumen müssten Müller in
ihre Spycher zu führen um das Korn zu zeigen Da versetze wahrlich kein Müller
einen Fuß »Die Bauern können zu uns kommen es vor das Haus bringen das beste
wollen wir auslesen uns noch sehr bedenken ob wir für das Malter drei Taler
geben wollen« Uli wollte das in Abrede stellen behaupten die Preise würden
eher steigen als fallen »Pah pah Junge belehre einen Alten nicht stehe
zuerst ein paar Jahre an der Sonne und lasse dich trocknen hinter den Ohren«
sagte der Müller »Die Spycher sind ganz voll altes Korn neues wird es geben
es weiß kein Mensch wie viel und auf der Straße nach Deutschland hanget ein
Schwab am andern jeder hat einen vierspännigen Wagen voll Korn und man sagt
sie würden bald den Leuten anhalten um Gottes willen umsonst es ihnen
abzunehmen nur damit sie Platz kriegten für das neue draußen im Schwabenland
Jetzt wollen wir den Bauern die Preise machen sie haben uns lange genug das
Blut unter den Nägeln hervorgepresst«
Wer mit Metzgern Müllern und Schweinhändlern Umgang zu haben das Glück
gehabt kennt diese Sprache wohl und weiß sie zu erwidern in ähnlicher Tonart
Indessen macht sie doch Eindruck Ein alter Pfiffikus weiß alsbald was an der
Sache ist bleibt kaltblütig und richtet sich danach Jüngere zartere Gemüter
wie zum Beispiel Uli noch eins hatte die empfinden den Eindruck solcher Reden
nicht bloß sondern sie können ihn auch nicht verbergen Je weniger sie das
können desto größere Freude hat so ein alter Müller oder Metzger ihnen recht
heiß sie so ganz klein zu machen dass er sie füglich in einen Darm stoßen und
als Bratwurst präsentieren könnte So machte es auch der Müller Uli dass der
ganz mürbe und klein von ihm wegging und dachte wie er doch der Unglücklichste
sei und das doch so schrecklich sich treffen müsse dass er eine Pacht
übernommen jetzt wo das Korn nichts gelte ja Schwaben es ins Land brächten und
anhielten um Gottes willen dass man es ihnen abnehme nur damit sie daheim Platz
kriegten für das neue
Dass es nicht halb so schrecklich sei zu ernten hundert Malter statt nur
fünfzig und die hundert Malter einen Drittel wohlfeiler zu verkaufen daran
dachte Uli nicht Uli dachte nicht dass das das Schrecklichste ist wenn man
nichts geerntet nichts hat als einen Tisch voll hungriger Leute und doppelt so
teuer als sonst das Brot ist Er kalkulierte wie die Meisten und dachte nicht
wie töricht ja sündlich ein solcher Kalkul ist Er kalkulierte dass er am
weitesten kommen täte wenn er recht viel Korn mache und es recht teuer
verkaufen könnte Um die welche es kaufen müssten kümmerte er sich nicht aber
dass es nun nicht gehen wollte wie er dachte nicht alles Wasser alleine auf
seine Mühle laufen wollte das zürnte er schrecklich an Gott und Menschen
Der arme Knecht welcher in diesem Augenblick sein Nächster war musste es
zuerst entgelten Es ist sonst Sitte dass man bei solchen Gelegenheiten sich und
dem Knechte so einigermaßen gütlich tut ein ordentlich Mittagessen macht ohne
sich eben aufwarten zu lassen Der Knecht erwartete auch nichts anders
besonders da man den Spreuer fast umsonst erhalten Da kann man denken wie ein
lang Gesicht er machte als Uli gefragt was er verlange hastig sagte »Eine
Flasche Wein und Suppe« »Und Fleisch nachher« fragte die Wirtin »Ho« sagte
Uli »wenn man eine gute Suppe hat so kann man es schon machen es wäre Mancher
zufrieden wenn er alle Tage eine hätte« Die Wirtin hatte schon mehr mit Bauern
zu tun gehabt sie trat nicht weiter ein sondern fragte »Was für Wein soll ich
bringen« »Sechsbatzigen« sagte Uli »der ist gut für den Durst und es macht
heiß« »Potz« dachte der Knecht »das geht mager zu« stopfte sein Pfeifchen
um nachzubessern und machte ein tiefsinniges Gesicht Wein und Suppe kamen mit
eingestützten Armen wartete die Wirtin bis die letztere halb gegessen war dann
fragte sie »Fleisch werde ich doch auch bringen sollen Hätte Voressen
bsunderbar schöns Rindfleisch und Speck zum Kraut wie es üblich und bräuchlich
ist wenn man weit herkommt weit heim muss Wenn man läuft so ist so ein
Süpplein gleich runter und so zleerem zlaufen oder zfahren ist nicht gut
man ist gar übel dabei« »Magst so sags« sagte Uli zum Knecht »Es ist nicht
an mir zu befehlen« sagte der Knecht »wer zahlt der befiehlt« Auf dieses
Wort hin machte die Wirtin rechtsum und sagte »Ich hole Ihr seid gewiss nicht
reuig Daneben könnt ihr immer noch nehmen oder nicht wie es Euch beliebt« Nun
machte Uli ein tiefsinnig Gesicht und als die Wirtin brachte reichlich gab es
ein seltsam Hin und Herschieben der Herrlichkeiten Keiner wollte zuerst
nehmen »Kannst nehmen wenn du magst« sagte Uli »Es ist nicht dass es sein
muss kann es sonst auch machen Allweg nehme ich nicht zuerst« sagte der
Knecht und das Ende vom Lied war dass Beide böse wurden Uli weil er mehr
gebraucht als er gedacht der Knecht weil er sah wie ungern es ging
Es ist sehr leicht bei solchen Gelegenheiten an einem Knechte drei Batzen
zu ersparen aber sehr schwer zu berechnen ist es wie groß der Schade werden
kann welcher aus drei ersparten Batzen erwächst
Der Knecht muckelte stark im Gemüte und war anfangs willens dem Meister das
Wort nicht zu gönnen denn wenn es so seinen Fortgang haben solle so sei am
wohlsten wer am weitesten davon weg sei Indessen der Abend war so mild und
lieblich dass sein Schimmer unwillkürlich die düstersten Gemüter verklärte wie
ja auch die untergehende Sonne die schwärzesten Berge vergoldet Uli hatte die
Zeche verwunden und sprach mit dem Knechte erst über die Rosse dann über die
Arbeit der nächsten Woche die vorzunehmende Ansaat usw Dem Knecht war es auch
nicht mehr so säuerlich ums Herz der Wüstest sei er doch noch nicht dachte er
»Und Uli« sagte er die Pfeife ausklopfend »was bist Vorhabens wegen den
Dienstboten Solls beim Alten bleiben oder willst ändern« Da fuhr eine Wolke
über die Sonne und Uli sprach »He nun weil du davon anfängst so will ich dir
sagen was ich gedacht Ein Bauer und ein Pächter sind zweierlei selb weißt
Anständig wäret ihr mir gegen Keinen habe ich was aber mit den Löhnen mag ich
nicht gfahren besonders wenn das Korn nichts giltet und ein Schwab am andern
hängt vom Bodensee bis nach Zürich wie mir der Müller gesagt hat Wenn ich es
weil die Zeitläufe bös sind mit weniger Lohn machen könnte so begehrte ich
nicht zu ändern« »An selb denk nicht« sagte der Knecht »mehr arbeiten und
weniger Lohn reimt sich nicht und zu uns selbst müssen wir auch sehen es tuts
niemand anders Eher solltest du noch mit dem Lohn nach wenn man jung ist so
muss man sehen dass man zu etwas kommt und für den alten Mann sorgen selb hast
du uns oft gesagt und wie dich dein früherer Meister darüber berichtet« Er habe
nichts dagegen sagte Uli aber das Gleiche gelte für ihn auch Er müsse sehen
wie er den Zins aufbringe daneben Steuer und Brauch ausrichte da helfe ihm
auch niemand und was das heiße stelle sich niemand vor als wer es erfahren
Wenn das Korn nicht mehr gelten solle als drei Taler das Malter so wüsste er
nicht wie das gehen solle »Aber meinst du dann mit wohlfeilen Knechten
gewinnest du was« antwortete der Knecht »Zwischen einem Schuhmacher der des
Tages einen Schuh macht und dem der ein Paar macht ist ein Unterschied und
so auch zwischen einem Weber welcher zehn Ellen und dem welcher sechs Ellen
wibt selb weiß man Aber bei einem Knechte will man das nicht wissen man sieht
nur den Unterschied im Lohn und meint der Unverschämtest fordere auch am
meisten und doch ists ebenso wie bei den Handwerkern Auch in der Arbeit ist
ein Unterschied denn Weben und Weben sind zwei und zum Beispiel Mähen und
Mähen auch Daneben mach was du willst es ist deine Sache du wirst bald genug
erfahren wie es gehen kann wenn du es schon vergessen hast« »Mit Schein
rechnest du den Meister nichts« sagte Uli gereizt »Ein guter Meister macht mit
wohlfeilen Knechten mehr als ein schlechter Meister mit guten Knechten Es ist
schon aus manchem Klotz ein rechter Bursche geworden wenn ihn ein guter Meister
recht auseinandernahm« Darwider hätte er nichts sagte der Knecht wenn er es
probieren wolle so solle er es machen Gehört hätte er zwar nie dass einer aus
einem Zwilchsack einen Sammetrock gemacht oder aus einem Kalbe einen Hengsten
Hier wurden sie unterbrochen und das Gespräch ward nicht wieder angeknüpft
Die Folge davon ward dass die zwei besten Knechte andere Plätze annahmen welche
ihnen längst angeboten waren Uli vernahm dieses alsbald denn es ist eine gar
rege Aufmerksamkeit unter dem dienenden Volke um diese Zeit sie visieren und
gucken nach guten Plätzen schärfer noch als auf ihren Sternwarten die Astronomen
nach neuen Kometen und derlei Dingen Da kamen die Bursche daher und einer gab
sich für einen Karrer aus ein anderer für einen Melker redeten als kämen sie
vom Himmel her und gebärdeten sich als seien alle Fürstentümer und Gewalten
über Kühe und Pferde unter ihre Füße getan Von diesen hörte dann Uli der sich
über das Geläufe für bestimmte Plätze wunderte sein Karrer hätte zum
Kabismüller gedungen und sein Melker in den Krautboden Das machte ihn böse dass
sie dieses getan ohne mit ihm zu reden ihm das Wort zu gönnen Er dachte nicht
daran dass er es akkurat so gemacht hatte dass gute Knechte ihr Bewusstsein
haben sich weder am Lohn abbrechen lassen noch um Plätze betteln Er hielt es
ihnen nicht vor aber gab ihnen kein gut Wort mehr und suchte andere Knechtlein
aber so wohlfeil als möglich
Wer Landmann ist weiß welche verhängnisvolle Zeit der Herbst ist wie man
alle Hände voll zu tun hat eigentlich gar nicht in das Bett sollte oder es
machen wie man von reichen Bauern zu Raxligen erzählt sie hingen wenn sie zu
Bette gingen ihre Hosen an die Stange auf welche um den Ofen läuft aber
sobald die Hosen aufhörten zu blampen stünden sie wieder auf und machten sich
frisch an die Arbeit Im Herbst ists nun Not dass alles flink sich rührt und
geschickt in die Hände arbeitet Menschen und Vieh Schmollen aber Meister und
Dienstboten gönnen sich die Worte nicht dann hat es gefehlt dann harzet es
überall und es ist als ob die Glieder der Arbeitenden mit Blei gefüllt wären
Vreneli machte gut so viel es konnte musste aber oft die Augen trocknen wie
Uli unwirscher wurde damit aber die Arbeit nicht förderte Es wäre sonst ein so
gesegneter Herbst gewesen aber was ist aller Segen des Landes wenn die Gemüter
nicht gesegnet sind mit Frieden Es war viel Obst und da Uli das Holz zum
Dörren nicht zu kaufen brauchte sondern Holz nach Notdurft zur Pacht hatte so
ward ein reicher Vorrat für Fehljahre gesammelt Erdäpfel gabs dass man sie kaum
unterzubringen wusste Rüben und Möhren wie sonst selten Man hätte ganze Fuder
zu Markte führen können wenn man entbehrliche Leute und Rosse gehabt hätte
Indessen löste Uli doch schön Geld aus der sogenannten Stümpelten weit mehr
als er sich vorgestellt hatte Auf jedem Gute sind nämlich Hauptprodukte auf
welche man hauptsächlich und alle Jahre zählt Heu oder wo das Heu abgefüttert
wird Käs oder Milch oder Korn oder Vieh Dann gibt es noch eine Menge
Nebensachen welche zugleich zufällig sind Obst zum Beispiel und Erd speisen
das heißt Speisen die in der Erde wachsen Erdäpfel Kohl Rüben usw Hanf
Flachs in unsren Gegenden auch Ölpflanzen welche anderwärts zu den
Hauptprodukten gehören Je besser nun ein Gut bewirtschaftet wird und je besser
namentlich die Frau ist desto mehr wird auf diese Weise gleichsam so nebenbei
gewonnen Es wird gar manche Frau hoch gerühmt über ihr Geschick aus der
Stümpelten ein bedeutend Geld zu machen indem sie alles zu Ehren zu ziehen weiß
und es zu Nutzen bringen kann während andere Weiber nichts zu machen wissen
das Entbehrliche weder bemerken noch an Mann zu bringen wissen es brauchen
wenn und wie der Gebrauch es mit sich bringt oder es sich selbst überlassen
wenn sie es nicht selbst brauchen können Das sind die Weiber denen das Denken
eine Pein ist oder die ihre Gedanken allenthalben haben nur nicht bei ihrem
Hauswesen Dies macht natürlich einem Mann einen bedeutenden Unterschied ob
seine Frau die Kleinigkeiten alle zu verwerten verstehe oder nicht Auf größeren
Gütern kann es in die hundert Gulden gehen
Vreneli nun verstund das Ding vortrefflich und machte es dem Uli doch nicht
ganz recht es ging nach dem Sprüchwort dass über dem Essen der Appetit wachse
Uli freute sich des schönen Geldes aber er hätte lieber noch einmal so viel
gehabt Vreneli war eine von den altväterischen Seelen welche gerne Vorräte
haben im Hause auf mehr als einen Tag welche gerne die Schränkefüllen mit
Leinenzeug Andenken guter Jahre Vreneli meinte sie sollten anfangen zu
sorgen dass sie eigenes Bettzeug hätten in alle Spiel nicht an Joggelis
gebunden seien oder wenn sie einmal hier wegkämen dann alles auf einmal
anschaffen müssten Fange man frühe an so komme man weit und anfangen müsse man
in guten Jahren wie sie jetzt eines hätten da merke man es nicht weil man
sonst kommen möge mit dem Gelde
Aber Uli ärgerte sich fast an allem was über das Notwendige hinaus im Hause
blieb Geld zu machen dass man sich in alle Spiele kehren könne selb sei die
Hauptsache meinte er Für das Haus könne man noch lange sorgen wenn Gott einem
das Leben lasse das wäre gut dass man sein Korn nicht verkaufen müsse wenn es
so wohlfeil sei sondern den Zins sonst machen könne Nun gab Vreneli etwas
nach und etwas machte es nach seinem Kopf Da ist aber keine rechte
Freudigkeit wenn Eines hieraus zerrt das Andere dortaus das Eine als Beute
betrachtet was es erzerrt das Andere als Raub was man ihm abgezerrt
Vreneli zog die Base zu Rat ob es nicht gut wäre einmal verflümert
abzustellen und aufzubegehren dass Uli wüsste woran er sei und dass es sich bei
solchem Schaffen und Sorgen doch nicht meistern lasse wie ein klein Kind »Mach
es nicht« riet die Base »Was trägt es dir ab Kannst etwas an Vorräten erobern
und etwas an Bettzeug und wenn dir dann die Mause darüber kommen was hast du
dann davon Hundert Jahre wenn ihr das Leben habt musst du es noch hören
Fahre in Gottes Namen fort wie du angefangen hast und verkauft er dir noch
mehr so lasse es auch geschehen denke an einigen Ellen Leinenzeug und einigen
Metzen Obst hängen Heil und Seligkeit nicht« Während die Base so sprach strich
Joggeli um ein Wägelchen herum welches geladen wurde um auf den Markt gefahren
zu werden »Ja ja« sagte er »so ist es recht das müsste mir auch verkauft
sein und je mehr je lieber die Weiber sehen es freilich nicht gerne wollen
Vorräte haben aber wofür Um die gute Frau zu machen oder einen Kreuzer Geld
von dem der Mann nichts weiß Meine Frau hat mir damit geschadet es weiß kein
Mensch wie viel und Vreni wird wohl von ihr was davon gelernt haben Daher hast
recht gleich anfangs zu zeigen wer Meister ist und welchen Weg es gehen muss
Das Geld wirst brauchen können allweg fressen es die Mäuse nicht und die
Motten kommen nicht darein« Solche Reden gefielen natürlich Uli wohl stärkten
seinen Glauben an Joggelis Wohlmeinenheit an die Notwendigkeit den eigenen
Willen durchzusetzen und in der Ansicht Geld machen sei unter allen Künsten
die erste und dringlichste
Als Weihnacht kam hatte Uli wirklich ein schön Stück Geld aus all der
Stümpelten gelöst weit weit über den Bedarf zu den Gesindelöhnen und doch war
es keine fröhliche Zeit und das Neujahr war ebenfalls kein heiteres Es ist oft
der Fall dass wenn man Dienstboten ändert man den Wendepunkt wo die alten
aus die neuen einziehen nicht er warten mag und zwar beidseitig nicht Das
Verhältnis ist so giftig geworden dass man sich nicht bloß kein gut Wort mehr
gibt nicht bloß zornig wird wenn man sich sieht sondern sogar wenn man sich
aus der Ferne husten hört So war es aber in der Glungge nicht im Gegenteil
als der Zeitpunkt rückte wo geschieden werden müsste mochten beide Teile nicht
gerne daran denken hätten gerne dem Rade der Zeit den Hemmschuh untergelegt
Selbst Uli kam es jetzt er hätte sich doch vielleicht den unrechten Finger
verbunden allweg habe er sich eine schwere Bürde aufgeladen und Jahre werde es
gehen ehe er aus den Klötzen welche er angestellt ordentliche Knechte
herausgehauen und zurechtgemeisselt Begreiflich gestand er es nicht nicht
einmal vor sich selbst wollte er so recht den Namen haben dass es ihm so sei
Den Knechten ging es ähnlich sie verließen ungern die Glunggen zeigten es
jedoch nur Vreneli wie es ihnen war und dass sie wohl wüssten wenn es nach
seinem Kopfe gegangen sie beisammen geblieben wären Äusserlich hatten alle das
Aussehen als ob sie sich bitterlich hassten aber innerlich war bloß ein
Grollen und zwar ein Grollen dass man von einander musste und zwar ohne
Notwendigkeit sondern weil jeder einen aparten Kopf hatte und Uli den
allerapartesten gespickt mit Joggelischen Brocken
Abgehende Dienstboten feiern wie bekannt das Neujahrsmahl noch mit es ist
das Abschiedsmahl nach welchem sie weiterziehen auf ihrer Pilgerreise nach
einer neuen Station Viele essen und trinken da noch zum Platzen um die alten
Meisterleute zu ärgern und von ihren Rechten den ausgedehntesten Gebrauch zu
machen und leben doch am besten am Gedanken wie zornig sie ihre Meisterleute
verlassen Das ist auch ein wüst Zeichen der verkehrten Natur der Menschen eine
wahre Teufelsüchtelei So gings in der Glungge nicht man war karg mit den
Worten mit Essen und Trinken ging es auch nicht recht wie sehr Vreneli
nötigte Daher kam die Offenheit nicht welche der Wein manchmal bringt die
frostigen Bernernaturen tauten nicht auf kurz machte man die Sache und düster
zog das Jahr auf der Glungge ein und als am folgenden Morgen die Abgehenden
Abschied nahmen und sagten »Lebet wohl und zürnet nüt« waren die Gesichter
auch duster doch war keine Stimme die nicht gebebt hätte wenn sie Vreneli
sagte »Leb wohl und zürne nüt« »Leb wohl« sagte dann Vreneli »und wenn du
vorbeigehst so komme ins Haus und berichte wie es dir geht Hörst und vergiss
es nicht ich zürnte es wenn du es nicht tätest Je besser es dir geht desto
mehr wird es mich freuen Aber es ist keine Gefahr um dich stellst dich gut so
gehts dir gut gibts dir etwas Ungesinnetes und können wir dir helfen so vergiss
uns nicht und denke an uns« Selbst Uli sagte Sie sollten ihm nicht zürnen
wenn sie einmal selbst in seine Lage kämen so würden sie ihn begreifen Wenn
einer einen Anfang hätte wie er so müsse er sich sturm sinnen woher er die
Kreuzer alle nehmen wolle So schieden sie im Frieden auseinander und dies ist
allemal schön Wer aus allen Häusern im Frieden scheidet darf hoffen einst
auch im Frieden zu scheiden aus dieser Welt und einzuziehen mit Freuden in
Gottes himmlisches Haus
Am Nachmittag und am folgenden Tage zogen die neuen Dienstboten ein und
Vreneli ward es ein um das andere Mal übel
Es ist ein wunderlich Geschöpf so ein Menschenkind und noch wunderlicher
krabbelt es ihm im Kopf herum noch viel wunderlicher als in einem chinesischen
Wörterbuche die achtzigtausend Schriftzeichen welche die chinesischen Gelehrten
ersonnen haben sollen krabbeln mögen Ja müssen noch ganz andere Gelehrte
haben die Chinesen als wir haben aber auch um so längere und dickere Zöpfe
begreiflich Was so in eines Knechtleins Kopfe krabbelt stellt sich selten ein
Mensch vor und wäre es auch ein Gelehrter selbst ein deutscher Sie kamen
daher wie Dampfkessel auf zwei schlechte Beine gestellt zwar aber aus allen
Löchern pfiff und schurrte der Dampf sintemalen sie aufgeblasen waren was die
Haut ertragen mochte Erstlich bildeten sie sich schrecklich viel ein dass sie
wirklich einen Platz hatten und noch dazu an einem so berühmten großen
Bauernorte Wer ihnen begegnete frugen sie wie weit es noch bis zur Glungge
sei und jeder musste vernehmen dies sei der Berühmte man werde schon davon
gehört haben der dort als Melker oder Karrer einziehe oder gar als
Meisterknecht denn so genau nahmen sie es nicht Sie bildeten sich auch
wirklich ein Solche wie sie seien noch nie diese Wege gewandelt denn sie
gingen nicht sie wandelten Als sie endlich an Ort und Stelle angewandelt
kamen mussten sie natürlich zeigen wer da angewandelt käme und so kamen sie
wirklich wie aufrechte Dampfkessel auf zwei Beinen Vreneli weinte zuletzt doch
bloß für sich Uli stunden die Haare bolzgerade auf vor Zorn er verwerchete ihn
jedoch auch im Stillen Joggeli saß hinter dem Fenster und verwerchete nur
Galgenfreude jedoch auch im Stillen erfürchtete sich doch zuweilen vor den
Kernsprüchen seiner Frau
Nach und nach langte auch die Bagage an die war traurig es war als käme
sie aus dem siebenjährigen Kriege und härte alle Schlachten mitgefochten Mädi
wars welche rekognoszierte und sichere Berichte darüber brachte Mädi war also
geblieben Vreneli zu Lieb und Ehr Uli konnte es nicht verzeihn dass er die
Andern zum Abzug gebracht Mädi hatte keinen Liebhaber unter den Abgehenden
aber das Ehrgefühl rechter Mägde welchen alles daran gelegen ist dass es gut
gehe da wo sie dienen dass es heißt da werde recht gearbeitet und bessere
Ordnung sehe man nirgends So viel Verstand hatten zur selben Zeit die
Dienstboten dass die Ehre des Orts auch auf die fiel welche zu dieser Ordnung
beitrugen Mädi hatte Schadenfreude und sagte es geschehe Uli recht dass er
solchen Zeug gekriegt der werde das Jahr über für mehr als zweihundert Taler
Zorn und Verdruss zu schlucken haben Nur sei es nicht recht sagte es zornig
dass die Unschuldigen mitleiden müssen Das werde eine Zuversicht geben dass man
vor Zorn nicht mehr werde die Augen auftun mögen Aber was ihns am zornigsten
mache sei dass man die Lumpen alle Wochen werde waschen müssen und dann die
halbe Woche ums Haus herum werde zu hängen haben das werde doch der Glungge
wohl anstehen Die Leute werden glauben es sei da ein Lumpensammler eingezogen
und trockne an den Zäunen was er nass zusammengetragen Es hasse nichts mehr
als so verhudelte Hemdchen zu waschen Anrühren dürfe man sie nicht das Wasser
ertrügen sie nicht an der Sonne führen sie auseinander und das leiseste
Lüftchen trage die Fetzen dem Teufel zu und wenn dann nichts mehr sei so müsse
man alles gestohlen haben Am besten sei es Uli wasche selber Vreneli solle es
ihm sagen Mädi wolle damit hell nichts zu tun haben Vreneli sagte nichts aber
Mädi konnte sich nicht enthalten Uli zu fragen »Sag Uli in der hinteren
Kammer sind noch zwei große alte Tröge soll ich diese etwa ausputzen damit die
neuen Knechte Platz haben für ihre Sachen« »Wenn es nötig ist so will ich es
dir schon befehlen« schnauzte Uli »Einstweilen siehe nur zu dir und mache dass
du immer Platz hast« »Jä so« sagte Mädi »ist das so gemeint Das wird eine
strenge Obrigkeit geben sollen wo man nicht mehr das Maul auftun soll und
sagen was einem dreinkommt« »Höre Mädi« sagte Vreneli »schweig und lass der
Sache den Lauf« »Aber darf man dann kein Wort mehr sagen hier Soll das so
streng gehen« »Reden kannst so viel du willst aber Öl ins Feuer schütten
selb tue mir nicht selb ist nie erlaubt und war es zu keinen Zeiten Aber es
ist halt eine böse Zeit was klar war wird finster und je mehr die Menschen
sich einbilden auf ihre Weisheit desto dümmer gehen sie mit allem um und was
gesetzlich beschränkt war soll jetzt gesetzlich erlaubt sein Gift und Feuer in
jedes Kindes Hand zu freiem Gebrauch gestellt werden«
Es war in der Tat nicht nötig bei Uli Öl ins Feuer zu schütten es brannte
ohnehin sattsam in ihm Uli hatte sich vorgestellt wenn er wohlfeile Knechtlein
dinge für seine höheren Stallstellen so kämen die demütig daher im Gefühl wie
ihre dermaligen Kräfte ihrer Aufgabe nicht gewachsen seien und mit dem Vorsatz
das Fehlende baldmöglichst zu ergänzen Aber potz Himmeltürk wie gröblich hatte
Uli sich geirrt Den Bürschchen kam nicht von weitem in Sinn dass sie noch was
zu lernen hätten so wie sie ihre Posten hatten hatten sie auch das Bewusstsein
vollständiger Vollkommenheit Sie hätten es immer so gemacht sie seien es so
gewohnt allenthalben wo sie gewesen sei es so recht gewesen sie wüssten
nicht warum es hier nicht auch recht sein sollte Das war ihre Antwort mit
welcher sie bei jeder Zurechtweisung bei der Hand waren Um so trotziger gaben
sie diese Antwort weil sie Uli als ihresgleichen betrachteten So einer der
auch nur erst Knecht gewesen solle nicht kommen und sie dressieren wollen von
einem der nicht mehr sei als sie ließ sie sich nicht kujonieren dem wollten
sie es zu merken geben dass sie wohl wüssten wer er gewesen wenn er es etwa
vergessen wolle solche liebliche Gedanken hatten sie Man kann sich denken
welch lieblich Dabeisein Uli hatte und durfte nicht klagen Selbst getan
selbst haben musste er denken
Aus der Tenne war viel Korn getragen worden was nicht immer der Fall ist,
wenn auch viel Garben eingefahren worden sind Aber aufschlagen wollte es nicht
die Müller taten sehr wählig und selten sah man einen bei einem Bauernhause
Dagegen schneite es mächtig regnete drein fror wieder zu schneite wieder so
dass Uli dachte es lege sich eine Eiskruste über die Äcker unter dieser
ersticke der Samen oder die Mäuse täten ihn fressen Im Frühling oder gegen den
Sommer müsse das Korn allweg aufschlagen und da sei es doch hart unter dem
Preise verkaufen zu müssen um den Zins zahlen zu können den Joggeli durchaus
nicht nötig hatte Die Pachterren haben es gar verschieden gegenüber ihren
Pächtern Es ist hier nicht von irländischen nicht von englischen Pachterrn
die Rede sondern von schweizerischen begreiflich Einem Pachterrn der noch
lebt brachte einmal ein Pächter den Zins gleich am Verfallstage Der Pachterr
fuhr ihn schrecklich an »Meinst ich habe das Geld so nötig wie so ein
Lumpenbub von deinem Kaliber« Und fast hätte er den armen Teufel vom Hofe
gejagt Der Pächter hatte gemeint wie gut er es mache hatte das Geld in allen
Ecken zusammengelesen kam stolz daher im Hochgefühl freudiger Erwartungen und
wurde angefahren dass ihm die Knie noch lange nachher wackelten So kann man
sich täuschen in seinen Erwartungen wenn man die Menschen nicht kennt der kam
aber sein Lebtag nie mehr am Verfalltage mit dem Zins daher Ein anderer Pächter
kam zu seinem Pachterren auch ohne langes Warten mit dem vollen Zins und
meinte was er tue und wie wohl er ankäme »Es scheint« sagte der Pachterr
»die Pacht sei gut dass Ihr den Zins so schnell machen könnt Ja ja die Zeiten
sind gut für die Pächter alles gerät wohl und gilt viel ein Birnstiel ist wie
bar Geld Apropos was ich habe sagen wollen ich gönne Euch die Pacht aber per
Jucharte muss ich zwei Taler Zins mehr haben anders tue ich es nicht Für mich
sind die Zeiten bös alles ist teuer ich muss sehen wie ich mich durchbringe«
Wart du alter verfluchter Schelm dachte der Pächter der auch nicht dumm war
dir bin ich schlau genug für die Zukunft wenn du mich jetzt nicht kriegst Und
demütig tat er rutschte fast auf den Knien herum und redete verblümt von einem
Erblein welches ihn in den Stand gesetzt die Pacht zu zahlen kurz er brachte
es dahin dass der Herr bei dem gleichen Pachtgelde blieb Von da an kriegte
selber Herr den Zins nie schnell und ganz sondern erst auf langes Mahnen hin
verstückelt und unter hundert Seufzern und Bitten doch abzulassen dieweil der
Zins nicht zu erschwingen sei das Blut unter den Nägeln hervorgepresst werden
müsse um ihn aufzubringen Das freut dann den Herrn gar sehr dass er sein Land
so hoch angebracht den Pächter so hart gepresst lässt aber nicht ab schlägt
aber auch nicht auf und er und der Pächter sind herzlich wohl zufrieden mit
einander Sind doch zuweilen kuriose Leute die Menschen
Uli wusste aber dass Joggeli weder zu der einen noch zu der andern Sorte
gehörte Er war zu misstreu um gerne lange Geld ausstehend zu haben hatte es zu
gerne in den Händen und trieb Kurzweil mit Zählen als dass er es gerne lange
misste Sollte er also verkaufen um geringen Preis um den Zins zu machen sollte
er sein Geldlein einziehen und das Korn sparen Das ging ihm im Kopfe herum dass
er oft aussah akkurat wie eine wandelnde Brummelsuppe
Das dritte Ding an zweien wäre es mehr als hinreichend gewesen um einen
Uli rappelköpfig zu machen war Vrenelis Zustand Vrenelis Zustand war eben kein
besonderer aber es war das erstemal dass Vreneli darin war Uli so was erlebte
und da meint man dann wunder wie apart alles sei und das Allerschrecklichste
vor der Türe stehe Je inniger die Liebe desto größer auch die Angst Und Uli
hatte Vreneli von Herzen lieb er sah gar wohl was er an demselben hatte aber
seine Liebe war halt nicht besser als ein Diamant der selbe läuft im Nebel der
Welt auch an ja sogar mit irdischem Kote kann man ihn bedecken
Wie sehr Uli Vreneli auch liebte den rechten Verstand in solchen Dingen und
Zuständen hatte Uli doch nicht bei aller Angst Die Weiber haben es gerne wenn
man sie an Ruhe mahnt und die Arbeit ihnen wehrt sie tun dann gerne noch einmal
so viel als sonst und ohne sich zu beklagen Uli kannte das nicht und wenn
Vreneli nicht immer bei allem war wie sonst so vermisste er es frug ihm nach
fragte ob ihm was fehle dies und jenes sollte gemacht sein wenn man nicht
immer hinten und vornen sei so sei nichts gemacht usw Er merkte in seiner Hast
nicht dass er damit Vreneli weh tat er meinte es gut hatte aber halt den
Verstand nicht Wer ihn halt nicht habe dem müsse man ihn machen meinte die
Base Sie hielt Uli eine scharfe Predigt machte ihm himmelangst und die Hölle
heiß er versprach das Beste Fortan wenn er fragte »Wo ist Vreneli Vreneli
das und das sollte gehen das und das solltest machen« so setzte er allemal
hinzu »Oder magst etwa nicht so sag es ich will dann sehen wer es macht oder
wie es geht« Die Base sagte oft Ein Kalb sei dumm aber so mit einem jungen
Mann sei es doch noch lange nicht zusammenzuzählen »Selbst mit manchem alten
nicht« brummte sie manchmal nachsätzlich So geduldig die Alte mit dem lieben
Gott war so sehr sie überzeugt war dass alles komme aus seiner väterlichen Hand
zu unserm Besten Käfer sogar und Mäuse so geduldig war sie auch mit dem
Mannevolk aber sie betrachtete es eben wie Käfer und Mäuse wie eine Art
Ungeziefer welches man in Geduld und Langmut zu ertragen habe weil es eben von
Gottes väterlicher Hand geordnet sei Ihre Ansicht darüber freimütig aus
zudrücken hielt sie erlaubt Es war Uli aber auch etwas zu verzeihen Wo er
nicht war ging was Krummes bald was mit den Rossen bald was mit den Kühen
War er im Walde so gabs daheim was Dummes war er daheim so kam man aus dem
Walde mit einem zerbrochenen Wagen heim oder einem blessierten Rosse Da kommt
dann gerne so eine all gemeine Ungeduld in die Glieder Wie es gehen solle
wenn Vreneli ganz dahinten bleiben müsse das begriff Uli nicht Indessen so was
muss man begreifen lernen man mag wollen oder nicht
Sechstes Kapitel
Ein Kindlein kommt und wird getauft
Unwiderstehlich rücken die Tage vor einer nach dem andern unerwartet kommt der
rechte der die Entscheidung bringt Leben oder Tod Weh oder Freude hält in
seiner Hand und eben darum ein so banger ist weil man nicht weiß welches von
beiden er birgt in der verschlossenen Hand So kam er auch unerwartet auf der
Glungge eben als Vreneli noch eine kleine Wäsche abtun wollte damit die
Knechtlein wieder was Sauberes am Leibe hätten Er brachte weder Weh noch Tod
sondern ein klein Mägdelein das mörderlich schrie den Mund aufriß bis hinter
die Ohren von welchem jedoch die Base versicherte dass sie ein so hübsches nie
gesehen hätte Elisi sei auch hübsch gewesen und kein Mensch würde gedacht
haben dass es am Ende nur so zu einem dürren Birnenstiel auswachse aber gegen
dieses sei es doch nur ein Schatten gewesen Die Freude war groß bei Uli und
Vreneli doch konnte Uli sich nicht enthalten merken zu lassen wie er lieber
einen Buben gehabt wegen der Hilfe So ein Bub könne man gar früh brauchen und
glaube nicht wie kommod er einem Vater komme »Warte nur du wirst noch Buben
genug kriegen darum hat dir Gott das Kindermädchen vorausgesandt« sagte die
Base »Mit den Buben ist es halt nichts als dass sie in allem sind und man ganze
Tage ihnen abwehren muss Mädchen hangen der Mutter an der Schürze und wie sie
auf den Füßchen stehen können hat man Hilfe von ihnen sie heben was auf sie
tragen was nach sie sehen zur Milch auf dem Feuer dass sie nicht überläuft zum
Kraut im Hafen dass es nicht anbrennt Klein können sie es groß vergessen sie
es manchmal« setzte sie seufzend bei
Die Base war der Wächter über Mutter und Kind Sie sorgte dass Beide das
Nötige erhielten zu rechter Zeit Vreneli sich nicht selbst darum mühen musste
oder sonst zu früh in Anspruch genommen würde Da Mädi bereits bei der Base
gedient so gab es keine Kompetenzstreitigkeiten wie sie bei ähnlichen
Gelegenheiten sonst nicht selten sind namentlich zwischen einer allfälligen
Frau Schwiegermutter welche in solchen Fällen eigens herkommt und dem
Gesindepersonal Es musste schon mancher arme Schwiegersohn taufen lassen über
Hals und Kopf damit er der mit aller Welt im Kriege liegenden Schwiegermutter
los und wieder zu Frieden käme Solch ein vernünftiger Wächter täte jeder
Wöchnerin wohl aber eben ein friedlicher der nicht mit Krieg und
Kriegsgeschrei sie in neue Nöten und gefährliche Fieber bringt Diese Wächter
müssen sich aber freiwillig eben in befreundeten Personen finden fremde irren
allfällige Vereine sind auf dem Lande was Treibhauspflanzen versetzt in
bäuerische Gärtchen Solche Wächter finden sich auf dem Lande unter den älteren
Frauen soweit es ihre Geschäfte erlauben Wie alte Offiziere immer bereit sind
Freiwillige vor zustellen und wenn das nicht mehr möglich ist doch gar zu
gerne ihre alten Kriegszüge repetieren und sich dieselben so recht lebendig
vergegenwärtigen so lieben Weiber welche die Zeit unbarmherzig über die Tage
der Kindbetten hinausgetragen die Betten junger Weiber und erquicken sich dabei
an der Vergegenwärtigung der eigenen Feldzüge
Die Base war wirklich da wie der gute Engel und wenn Joggeli schon brummte
sie täte dümmer als eine Großmutter und wenn er sterben täte sie merkte es
kaum so nahm sie es kaltblütig hin und tat was ihr not schien Mehr ärgerte
sie sich über Uli der ihr alles zu kaltblütig nahm und so in seinem Treiben und
Jagen befangen war dass er weder Zeit nahm zu besonderen Vaterfreuden noch recht
Zeit der Sache wie man zu sagen pflegt nachzulaufen und doch war es Winter
Kaum dass er Zeit hatte die Taufzeugen auswählen zu helfen Begreiflich war
Patin die Base des Bodenbauern Frau die zweite mit der Wahl des Paten hatte es
Not Endlich ward dazu ein alter Vater erwählt von dem die Base sagte Der
müsse doch einmal auch herbei wüst getan habe der sein Lebtag Es nehme sie
wunder was der für ein Gesicht mache und ob er daran denke eins zuwege zu
bringen welches er dem lieben Gott zeigen dürfe von wegen in Sinn werde es dem
doch kommen dass wenn man siebzig Jahre alt sei das Abmarschieren nicht mehr
fern sein könne
Vreneli schüttelte den Kopf dazu dies Gesicht hätte es lieber nicht
gesehen Von diesem Manne hatte es immer nur mit dunkeln Worten reden gehört als
wie von einem Gespenst und wenn es weiterfragen wollte so hatte man gesagt
»Das ist ein Wüster am besten ists man rede nicht von ihm« »Ein Unflat war
er du hast recht« sagte die Base »und ich werde das Unservater auch zweimal
statt nur einmal beten an selbem Tag wo ich ihn sehen muss Aber sieh
vielleicht kommt es ihm in Sinn gut zu machen vielleicht denkt er dabei an
seine Sünden und an ein Gesicht welches unser Herrgott gerne sieht und es
fehlt ihm die Gelegenheit dazu die wollen wir ihm geben er hat doch dann
keinen Vorwand wenn der Richter ihn frägt Hans Und Vreneli Tut er dann nicht
darum je nun so dann so haben wir doch das Unsere getan«
»Aber Base« sagte Vreneli »wer soll ihn zu Gevatter bitten« »Uli
versteht sich« sagte die Base »Nein Base« sagte Vreneli »dies darf ich Uli
doch wirklich nicht zumuten er könnte mich dauern das Gevatterbitten ist ihm
ohnehin schrecklich zuwider Seht nur was er für ein Gesicht macht wenn er
Euch die Sache vorbringt und sieht Euch doch alle Tage und hält Euch fast für
die Mutter Auch zu Bodenbauers Frau zu gehen macht ihm Kummer Erst dann noch
zu dem Vetter den er nicht kennt der sein Lebtag nie was von mir wissen
wollte der jagt ihn mit dem Stock vom Hause weg Jahrelang vergisst mir Uli das
nicht wenn wir ihn an einen solchen Ort schicken« »Schweige nur er muss gehen
das tut ihm nur wohl die Manne müssen nicht meinen dass sie nur das zu machen
hätten was ihnen anständig ist und für gut dünkt« sagte die Base »Wofür hätte
man sie sonst die Tabakstinker wenn man sie nicht zuweilen an etwas
hinschicken könnte welches man nicht selbst anrühren mag« »Aber Uli geht Euch
nicht Base und warum ihn böse machen so für nichts und wieder nichts« sagte
Vreneli »Das verstehst du nicht« sagte die Base »Uli geht man muss es nur
machen wie der Tüfel mit den Menschen zu guten Sachen wird das wohl erlaubt
sein Man muss ihn bei der schwachen Seite nehmen Da kommt er Will dir gleich
zeigen wie man das macht«
Vreneli wollte noch einreden wie das ihm auch nicht anständig sei aber Uli
trat schon ein und die Base sprach »Du hast mich noch nicht zu Gevatter
gebeten und die Leute sagen doch ich solle Pate sein lass doch sehen wie
kannst du das und was für ein Gesicht machst du dazu«
»Wenn Ihr das verrichten wolltet so wäre es mir grausam anständig und dass
Ihr Euch deretwegen gar verköstigen solltet selb meinten wir nicht« sagte Uli
»He nun kurz und gut es ist immer besser als so ein Gestürm wo man nicht
weiß was hinten was vornen ist« sagte die Alte »Die andern Male machst es
schon besser besonders beim Pate musst anwenden« »Wenn wir nur schon einen
hätten« sagte Uli »das Andere würde sich schon machen Wir haben uns schon die
Köpfe kraus gedacht und Keinen brachten wir heraus bei dem nicht ein Wenn oder
ein Aber war« »So geht es gerne beim Ersten« sagte die Base »später nimmt man
es schon nicht halb so genau mehr Wir haben schon an einen gedacht rate mal«
Uli riet aber erriet nichts »Hagelhans im Blitzloch« sagte endlich die
Base »nicht wahr an den hättest nicht gedacht« »Ihr vexiert Base« sagte
Uli »das soll ja der größte Unflat sein und mit dem werdet Ihr nicht begehren
zu Gevatter zu stehen« »Euretwegen wohl« sagte die Base »Er ist eigentlich
Vrenelis nächster Verwandter hat keine Kinder und man weiß nie was solchem
Menschen am Ende noch ins Gewissen kommt Man hat Beispiele von Exempeln wie
die Wüstesten lind wurden wenn es zum Abfahren ging Man ists seinen Kindern
schuldig den Verwandten sich zu zeigen und dass man noch an sie denkt Und wer
weiß wenn er dich mal kennt könnte er dir auch noch kommod kommen mit seinem
Gelde man kann nie wissen was so einem grauen Hagelhans durch den Kopf fahren
kann Daneben ists auch möglich dass er dich mit dem Stock vom Hause wegjagt
aber fressen wird er dich nicht und wenn er in Kurzem sterben sollte so
brauchst doch nicht in den Haaren zu kratzen und zu sagen Wer weiß wenn ich
gegangen wäre käme jetzt auch was an mich Aber ich machte den Kopf bin jetzt
reuig gefressen hätte er mich allweg nicht und einen Verwandten zu Gevatter
bitten ist noch lange nicht gebettelt«
»He ja wenn Ihr meint Base« sagte Uli zu Vrenelis großer Verwunderung
»so könnte ich probieren Zuwider ists mir aber der Kinder wegen wird man sich
noch Manches gefallen lassen müssen habe ich mir sagen lassen und wenn dies
das Ärgste wäre so wollte ich nicht klagen es ist mir nur dass ich deretwegen
einen ganzen Tag versäumen muss« »Ach Base« sagte Vreneli als Uli nach
abgemachter Sache wieder gegangen war »ich sollte lachen und das Weinen ist mir
zuvorderst Das hätte ich von Uli nicht erwartet und dass das arme Kindlein den
Hagelhans zum Paten haben soll das Base ist doch wahrlich nicht recht von
ganzem Herzen erbarmt es mich sehen mag ich ihn nicht ich bleibe im Bett«
»Dies wäre kurios wäre das erstemal dass du vor einem Menschen dich nicht
zeigen dürftest Der liebe Gott gibt ganz schlechten Eltern Kinder dass man es
gar nicht begreifen kann warum er das den armen Würmchen zuleide tut Man muss
sich damit trösten dass er am besten weiß warum er es macht aber darum wird es
wohl erlaubt sein einem Kind einen Paten zu geben der nicht der Sauberste ist
bin doch ich noch da und die Bodenbäuerin du Uli da wird doch Hagelhans am
Kind wenig machen können und lässt Gott es zu nimmt er die Gevatterschaft an
so weiß niemand für was das gut ist vielleicht dass es Hagelhans herumführt und
zum Frieden bringt Darum lass es jetzt gehen wie es angesponnen ist mach mir
Uli nicht etwa abwendig hörst« Vreneli gehorchte Uli ging Das Blitzloch wo
Hagelhans wohnte war von der Glungge ungefähr fünf Stunden entfernt und lag in
einer Gegend welche ziemlich unbekannt ist aus einem großen Hügelknäuel
besteht durch den keine Heerstraße führt aber von Metzgern Fürkäufern
Hühnerträgern Taubenkrämern und Haberhändlern fleißig besucht wird denn da
kriegt wer Geld hat zu kaufen was er an Landesprodukten sucht zum Handel
oder eignen Gebrauch Uli war noch nie in der Gegend gewesen geschweige denn im
Blitzloch selbst Anfänglich marschierte er wie ein Pfarrer der seiner Predigt
noch nicht recht sicher ist und sie auf dem Kirchweg noch einmal probiert
halblaut und mit Händeverwerfen Er studierte seine Gevatterbitte ein sagte die
Worte bald so bald anders und war er hinten aus so wusste er nicht wie er
angefangen hatte musste frisch an das Studieren Nun kennt ein Pfarrer seinen
Kirchweg die Steinchen alle sind ihm wohlbekannt er verirrt sich nicht er
stolpert kaum mit den Beinen Uli aber kannte weder den Weg noch viel weniger
die Steine auf demselben daher er tapfer stolperte seine Nase bedenklich
gefährdete und am Ende noch verirrte Er war genötigt sein Studieren zu lassen
und auf den Weg zu achten denn wo keine Heerstraße ist da laufen desto mehr
kleine Wege durcheinander und in einem Hügellande verliert man auch die
Richtung leicht
Das Blitzloch war ein großer Hof lag wie es sich von selbst versteht in
einem Loch und hatte seinen Namen daher weil vor hundert Jahren als der Hügel
gegen Westen abgeholzt war fast alle Jahre der Blitz dort eingeschlagen hatte
so dass man sich lange nicht mehr getraute ein Haus daselbst aufzurichten
Hagelhans war ein Bauer groß von Statur und reich an Geld hatte Knochen wie
ein Ochs ein Gesicht wie ein Löwe und Augen wie eine Katze wenn weder Sonne
Mond noch Sterne am Himmel stehen Lieb war er so weit man wusste niemanden
kam er in einen Stall so schlotterte das Vieh sah ihn ein armer Mensch auf der
Straße so floh er über alle Zäune weg kam er in ein Wirtshaus so floh das
Stubenmädchen auf den Estrich und rief den Wirt als täte es am Messer stecken
einen Hund hatte er groß wie ein vierteljährig Kalb der begleitete ihn Tritt
für Tritt und Tauben trippelten furchtlos um seine Füße
Uli kannte ihn nicht aber was er von ihm gehört veranlasste ihn
stillezustehen und sich bestmöglichst zu fassen als er auf der Höhe stund wo
man ihm das Blitzloch zu seinen Füßen gezeigt Er repetierte seine Rede aber er
musste zwischendurch auch seinen Augen Gehör geben welche das Blitzloch
musterten und darum kam er mit dem Repetieren nicht weit Im Blitzloch sah es
schön aus das heißt für eines Landmanns Augen nicht für Herren oder eines
Dämchens Augen Die Gebäulichkeiten aller Art waren nicht elegant aber Uli
sagte für sich Verdammt kommod Was er sah an Äckern und Wiesen Bäumen und
Zäunen war so dass er sagte Da könnte man noch was lernen Er vergaß endlich
seine Rede ganz und gar und schaute sich das Ding da unten an wie ein Künstler
ein Gemälde ein Liebhaber eine Dame »Wo willst« erscholl plötzlich eine tiefe
Stimme neben ihm Erschrocken fuhr er auf sah sich um sah hinter einem
Haselzaun eine Gestalt welche die seine fast um Kopfslänge überragte und
zwischen den grünen Blättern ein grau Gesicht mächtig wie ein Löwengesicht
Zollang stund ein grauer Bart im Gesichte nicht nach Wiedertäuferart sondern
weil es dem Eigentümer beliebte denselben bloß alle Monate oder alle sechs
Wochen herunterzuholen »Wo willst oder hast im Sinn das Gschickli zu kaufen«
frug noch einmal das graue Gesicht und ein großer Hund legte seine vorderen
Tatzen auf den Zaun tat das Maul auf und sah seinen Herrn an
Da fand Uli es sei Zeit zu reden und sagte Er habe sich umgesehen ob er
wohl recht gegangen sei Er wolle ins Blitzloch zum Bauer
»Was willst bei ihm« frug das graue Gesicht und über blitzte Uli mit
seinen kuriosen Augen dass Uli alsbald wusste wen er vor sich hatte »Seid Ihr
ihn etwa selbst« frug er »Was willst« frug der Alte dumpf knurrte der Hund
»Ich hätte einen Paten gemangelt und hätte fragen wollen ob Ihr die Sache
verrichten wollt« sagte Uli erschrocken und ganz außer allem Gestudierten »Du
Hagels Lümmel Habe ich den Leuten dies noch nicht sattsam vertrieben« sagte
er »Ist immer noch einer dumm genug und kommt mit der alten Bettelei« sagte
der Alte mit einer Stimme wie dumpfer Donner laut schlug der Hund an und
rüstete sich zum Sprung
Das fuhr Uli in die Glieder er stellte sich fest denn er gehörte zu den
Leuten welchen der Mut mit der Gefahr kommt und nicht zu denen welche Helden
sind solange keine Gefahr da ist denen es aber geht sobald die Gefahr kommt
wie Schönen welche eine ungeheure Keuschheit zu Felde tragen solange keine
Gelegenheit zur Sünde sich zeigt Uli stellte sich fest und sagte Er sei nicht
zum Betteln da sondern um einen Paten zu suchen wie es üblich sei unter
Verwandten
»Verwandten« sagte der Alte »wer bist« »Bin Pächter auf der Glungge habe
dort das Mädchen geheiratet welches sie auferzogen« antwortete Uli »Die Base
lässt Euch grüßen Ihr werdet sie wohl noch kennen hat sie gesagt« »So
erinnert sich die noch an mich« sagte der Mann nachdem er Uli scharf
betrachtet hatte »und du willst dem Mädchen welches sie auferzogen sein Mann
sein so Wenn du doch ein Vetter sein willst und nicht ein Bettler so kannst
hinunterkommen«
Somit stellte der Alte seinen Stock über den Zaun ergriff zwei Zaunstecken
und ohne mit einem Fuß den wenigstens fünf Fuß hohen Zaun zu berühren hob er
sich hinüber wie kaum ein Zwanzigjähriger es ihm nachgetan hätte in hohem
Satze sprang der Hund ihm nach Wie ein alter Riese wandelte Hagelhans
schweigend seinem Gehöfte zu Uli unbehaglich hintendrein ungewiss ob er als
Vetter oder Bettler behandelt werden solle Ein andermal dachte er bei sich
könne die Base selber gehen das sei gar kommod zu befehlen und dann daheim
zu bleiben
Der Weg fest und eben wie man bei Schlössern sieht führte durch einen
prächtigen Baumgarten wo die Bäume in guter Ordnung sauber und reinlich
stunden schöner als manch Regiment wenn es zur Musterung zieht Ungewöhnlich
groß war das Haus und still wie das Grab lag es da kein Leben schien dasselbe
zu bergen wenn nicht Tauben es rings umflattert hätten Tauben saßen auf dem
Dache an der Sonne Tauben stunden auf dem Brunnen und nippten den köstlichen
süßen Trank Tauben beinelten rund ums Haus Uli sah Mägde spinnen in der Stube
aber keine drehte ihre neugierige Nase dem Fenster zu oder streckte sogar das
ganze Gesicht durch das Schiebfensterchen sie spannen emsig wussten es dass es
sie hell nichts anging kam einer oder ging einer
Blank wars im Hause aber düster sah es aus keine Art von Schmuck war in
der weiten Stube in welche Hagelhans ihm voranging kein Glasschrank kein
Geräte irgend einer Art nicht einmal der große Ofen trug einen Zierat einen
ein gebrannten Spruch oder ein eingehauen Bild Da hieß Hans ihn absitzen
klopfte mit dem Stocke ein Gesicht erschien unter der Türe nach einem kurzen
Befehl ging es kam bald wieder mit Brot Käs und Schnaps verschwand dann
wieder ohne einen Laut von sich gegeben zu haben
»Also Pächter auf der Glungge bist« unterbrach der Alte endlich das
unheimliche Schweigen und begann nun eine Art von Examen trotz dem besten
Professor Wie ein alter Edelmann die Geschlechter kennt und mehr oder weniger
um den Bestand der Familien sich kümmert so hatte es auch Hagelhans lebte aber
geschieden von der Welt suchte Gelegenheit Bericht einzuziehen nicht kam sie
aber zufällig benutzte er sie Lange hatte er von der Gegend woher Uli kam
nichts vernommen daher war ihm das Meiste neu was Uli berichtete Aber ob er
an dem Einen oder dem Andern mehr oder weniger Anteil nehme verriet er weder
mit einem Wort noch einer Miene Er lachte nicht einmal als Uli vom Elisi und
dem Baumwollenhändler erzählte von der Trinette und dem Johannes er nahm es
mit der gleichen Gleichgültigkeit hin wie den Ruhm den Uli seinem Vreneli
spendete und der Base sagte zu allem nichts als endlich Es sei ein verwegen
Stücklein mit keinen Mitteln eine so große Pacht zu übernehmen Aber so sei es
halt jeder mache was er könne denke er sei nicht der Erste der über nichts
komme ob einer mehr oder minder sei ja gleichgültig Nun legte sich Uli des
Langen aus wie er das nicht so habe wie er es zu machen gedenke dass es ihm
nicht so gehe Während er erzählte schielte er so unvermerkt als möglich nach
der Türe der Magd gewärtig welche warmes Essen bringe Aber er spähte umsonst
es erschien keine Magd Da sagte er endlich er müsse machen und gehen der Weg
sei lang die Tage kurz »Kannst mich einschreiben lassen« sagte endlich der
Alte »Aber um es zu verrichten bestelle jemand anders oder mache es selbst
ich habe keine Kutte für die Kirche« »Werde der Base Euren Gruß ausrichten
sollen« fragte Uli »Selb mach wie du willst aber das sage ihr dass wenn sie
mir wieder jemanden zusende mich nicht ruhig lasse Hagelhans noch immer der
gleiche Unflat sei« Mit diesem Bescheid entließ er Uli und er und sein Hund
sahen ihm nach bis er oben am Hügelrand verschwunden war
Missmutiger ärgerlicher war Uli kaum je von einem Hause weggegangen als
jetzt vom Blitzloch So behandelt hatte man ihn wirklich lange nie und einen
zum Paten einschreiben lassen zu müssen der ihm kein gut Wort gegeben ihn wie
einen Bettler gehalten statt wie einen Vetter selb kam ihm in den Hals fast wie
eine Kannebirne welche bekanntlich die würgende Kraft haben an welcher Kinder
wohl leben aber nicht erwachsene Leute Dass das Gevatterbitten nicht eben die
angenehmste Verrichtung sei hatte er immer gehört aber sich doch nicht
vorgestellt dass man dabei wie ein Hund behandelt werde Ein andermal könne dann
wer anders gehen und wenn die Base befehlen wolle so könne sie es auch
ausrichten Nicht einmal was Warmes anbieten und noch dazu über Mittag und noch
dazu einem Vetter selb war unerhört War er doch nur Pächter und hätte sich
sein Lebtag geschämt wenn er jemanden der um diese Zeit zu ihm gekommen ohne
was Warmes aus dem Hause gelassen Uli dachte nicht dass die Vettern von links
nicht gleich wert kommen wie die Vettern von rechts und dass man ihnen nicht die
gleichen Ansprüche zugesteht Er dachte ferner nur was man dem Uli schuldig
sei und nicht was bei Hagelhans bräuchlich sei Wäre der heilige Bastian
gekommen oder eine lebendige Majestät Papst oder Kaiser was Warmes hätten sie
im Blitzloch nicht gekriegt und es ist hohe Frage ob Hagelhans so höflich
gegen sie gewesen wie gegen Uli und sie hätte heißen in die Stube kommen
Hagelhans war Hagelhans und wegen irgend einem Menschenkinde tat er keinen
Schritt mehr oder weniger machte eine Miene anders er frug allen den Teufel
gleich viel nach Wir ihm am nächsten kam war ihm am widerlichsten gleich viel
ob Bettler oder Kaiser So war Hagelhans und so konnte er sein denn er wollte
nichts bedurfte nichts mit den Menschen hatte er ab und ausgerechnet ein für
allemal wie er glaubte
Was Warmes müsse er haben machte Uli bei sich aus und im nächsten
Wirtshause kehrte er ein »Einen Schoppen Suppe und sonst noch was auf einem
Teller« befahl er Der Wirt war selbst daheim ein schwerer Mann am Leibe sein
Schritt war so gewichtig dass es den Gästen allemal angst wurde wenn er
ihretwegen einen Tritt versetzte sie müssten ihn bezahlen eben weil er so
gewichtig war Sein Geldbeutel und sein Ansehen waren desto leichter daran aber
dachte Uli nicht er war noch so gewohnt von der äußern Schwere auf die innere
zu schließen und von einem doppelten Kinn auf einen doppelten Geldsack hier
voll Silber dort voll Gold Große aber hohle Bäuche außen fix und innen nix
war damals noch nicht so gebräuchlich
»Gar weit seid Ihr nicht gewesen« sprach der stattliche Wirt mit einem
Gesicht wie ein klösterlicher Kellerherr oder ein oberkeitlicher Korn oder
Amtsschaffner ihn an »Ich sah Euch diesen Morgen vorbeigehen« »Nein« sagte
Uli »ganz zunächst nur im Blitzloch oder wie man sagt« »Potz« sagte der
Wirt »Nehmt es nicht übel aber besehen muss ich Euch ob Ihr noch ganze Knochen
habt von den Kleidern will ich nichts sagen Mit ganzen Beinen kommt selten
einer aus dem Blitzloch oder wenn die Beine ganz so ist er doch halb
gefressen bsunderbar wenn er wohl am Leibe ist Um Verlaub zu fragen was habt
Ihr mit Hagelhans wollen Kauscher bei dem ists nicht« Er hätte eine
Verrichtung gehabt von einer Base von Hans sagte Uli aber es wäre ihm auch
lieber er wäre nicht gegangen obgleich er ungeschlagen und ungebissen
davongekommen »Ja das ist einer« sagte der Wirt »zwei Solche laufen nicht
auf der Welt herum Nicht dass ich meine dass ich alles glauben müsse was die
Pfaffen stürmen selb ist nicht aber wenn ein Teufel ist so glaube ich
Hagelhans mache Halbpart mit ihm wenn er ihn nicht selber ist Allweg mit
rechten Dingen geht das nicht zu Keinem Menschen gibt er ein gut Wort keinem
armen Menschen ein Almosen Geld hat er wie Steine sein Hof wird gearbeitet wie
keiner er selbst tut keinen Streich Sein Gesinde hält er wie Sklaven und doch
läuft selten jemand fort und klagen wird Keins wie bös sie es auch haben und
wie gut man es mit ihnen auch meint und es ihnen auf die Zunge legt Aber es
heißt wie man es mit den Hunden mache welche man kauft dass sie nicht
fortlaufen mache es Hagelhans auch mit den Dienstboten Es nimmt mich ds Tüfels
wunder was seine Dienstboten für ein Trank trinken müssen dass sie so bei ihm
aushalten oder ob sie sich gleich verschreiben müssen mit Leib und Seele wie
man sagt dass es der Teufel im Brauch habe Wenn er einem Menschen aus der Not
helfen könnte er ließ sich eher schinden als dass ers täte Wie wüst der ist
es glaubt es kein Mensch ein jedes Kind auf der Gasse weiß Euch hundert Proben
davon Nur für Euch ein Beispiel zu sagen Wer in Handel und Wandel ist weiß
wie es geht das Geld geht aus und zahlen sollte man doch wenn die Termine um
sind Es gibt immer Leute welche keinen Verstand haben wie gut Freund sie auch
sind solange man zahlen kann und wenn man schon hundertmal reicher ist als sie
und hundertfach Unterpfänder hätte so kommen sie einem nicht daran und wollen
Geld und aus Land und Häusern kann man nicht Geld machen versteht sich Nun
wie geht es mir Ich bin stark im Handel wie bekannt und so ein Grosskopf sagt
einst zu mir Andreas wenn du Geld mangelst so komm zu mir habe zweitausend
Gulden liegen daheim weiß nicht wo aus damit würde sie niemanden lieber geben
als dir und wegen Wiedergeben brauchst nicht Kummer zu haben Mir war es
anständig war damals gerade gut was zu machen wenn man Geld hatte Ich dumm
genug nehme es dachte nicht daran dass das mich je plagen werde Aber was
macht mir der Schelm Dem kommt es anders in Kopf will das Geld plötzlich
wiederhaben ich konnte es weiß Gott nicht aus den Steinen schlagen und er
nicht faul lässt mich betreiben darum Das werde nicht alles machen dachte ich
Geld für den zu zahlen werde genug im Lande sein Aber wohl da habe ich es
erfahren was es heißt Geld suchen in der Not die welche es haben haben es
die Andern können zusehen wo sie es nehmen und wie sie es machen Ich wusste
dass Hagelhans manchtausend Gulden im Hause hatte und dachte es werde doch
erlaubt sein darum zu fragen und dann nicht etwa auf die nackte Hand sondern
gegen Versicherung wo jeder Vernünftige sich hätte ersättigen können Ich
hinauf an einem schonen Morgen hatte noch eine Flasche vom Besten in der
Tasche unter dem Vorwand ich wollte ihm den zum Versuchen bringen wenn er
wieder etwa kaufen wollte Dachte der werde ihm den Mund schon süß machen und
er hätte es gewiss gemacht wenn es dazu gekommen wäre Aber ich kam eben nicht
in die Stube vor dem Hause ist er gestanden so breit wie eine Stallstüre und
neben ihm der verfluchte Hund Ich mache mein Kompliment und zwar honett wie es
nur immer der Brauch ist und sage ich hätte was mit ihm wollen Aber er nichts
mit mir sagte er mir gleich an den Kopf heraus Ich dachte nicht daran dass das
so gröblich Ernst sei sondern sagte Es werde doch erlaubt sein ein paar Worte
mit ihm zu reden Du hast es gehört sagte er ich will nichts mit dir und
jetzt streiche dich rate ich dir Das kam mir in Kopf dass er mich so wegjagte
wie einen Hund oder Bettler ich sagte Schon mit manchem vornehmen Herrn hätte
ich geredet Gehör hätte mir jeder gegeben abgehen werde ihm nichts an seiner
Hübsche wenn er schon ein paar Worte höre Und jetzt packe dich sagte er und
so stark als du magst Ich komme auch nicht dich zu plagen darum lass auch mich
in Ruhe du Lumpenwirt willst dich packen oder nicht Mein Seel gerade so
sprach er zu mir und mit dem ists nicht genug gewesen Der verfluchte Hund kam
langsam auf mich zu mit aufgehobenem Schwanze und brummend wie ein Ochse Ich
wollte mich nicht erschrecken lassen und vom Hause weg wie ein Dieb Ich sagte
ihm wie er ein wüster Mann sei und dies keine Manier Da mir nichts dir nichts
schießt mir der Hund ins Gesicht und kriegt mich zu Boden Das ging so
ungesinnet ich konnte nichts dazu sagen Ich will auch auf den Hund dar Pump
liege ich wieder am Boden mit der Nase tief in der Erde und allemal wenn ich
aufstehen wollte schoss der Hund mich nieder aber ohne zu beißen Wer auf allen
Vieren vom Hause weg und den ganzen Hügel hinauf muss wie ein Unvernünftiges das
war ich und erst als ich oben im Weg war ließ mich der Ketzer aufstehen
Da wollte ich noch ein paar Worte sagen aber wohl ich hatte Zeit zu
gehen Ja die ganze Seite hinauf auf allen Vieren ich werde allemal krank vor
Zorn wenn ich daran denke Es dünkt mich es freue mich nicht zu sterben wenn
ich es Hagelhans nicht noch eingetrieben«
So erzählte der Wirt dass Uli sich sehr verwundern musste wie er
ausnahmsweise mit Höflichkeit behandelt worden indem er auf den Beinen sich
habe entfernen dürfen Der Wirt wusste nun eine Greueltat nach der andern zu
erzählen und sagte oft Es sei Mancher gehangen worden er habe nicht die Hälfte
getan was der Aber er sei mörderlich reich und mit Geld habe man zu allen
Zeiten viel gemacht und es dünke ihn je länger je mehr Je ärmer die Herren
würden desto besser gefiele ihnen das Geld
Bei einem geschwätzigen Wirte hat man sich leicht länger versäumt als man
dachte Es war schon ziemlich über Mittag als Uli aufbrach Die Gevatterrede
war abgetan und zwar kurz die plagte Uli nicht mehr auf dem Heimweg wohl aber
der Ärger für sein Mädchen einen solchen Paten zu haben und das Werweisen ob
es nicht am besten wäre den Hagelhans gar nicht einschreiben zu lassen sondern
einen andern zu suchen Je mehr er darüber nachdachte desto deutlicher kam es
ihm vor von dem wolle er nichts und da er keinen andern Paten wusste so kam es
ihm als das Gescheuteste vor sich selber einschreiben zu lassen Es war nicht
mehr Tag als er durch das Pfarrdorf ging doch noch zu einer Zeit wo man zum
Pfarrer darf ohne Angst zu haben ihn aus dem Bette herauszuklopfen Bei
weltlichen Beamteten wird man freilich auch um diese Zeit selten Audienz suchen
man setzt voraus ob mit Grund oder ohne Grund lassen wir dahingestellt sie
seien anderswo als daheim
Er klopfte also im Pfarrhause an freundlich empfing ihn der Pfarrer und
holte alsbald ein Buch hervor fast größer als der Pfarrer selbst »Ich weiß
schon« sagte derselbe »warum Ihr kommt am Sonntag wollt Ihr taufen lassen
Die Frau ist doch wohl und was habt Ihr einen Knaben oder ein Mädchen« »Nur
ein Mädchen« »Nun wenn es Eurer Frau gleicht so habt Ihr bald viel Hilfe von
ihm und nur Geduld die Buben werden schon noch nachkommen Im Anfang hat man
große Sehnsucht nach ihnen aber zählt darauf bald kommen sie einem lange
schnell genug Indessen wo rechte Eltern sind sind Kinder immer eine reiche
Gabe Gottes Wo viele Kräfte tätig sind recht gerichtet und im rechten Grunde
gewurzelt da bauen sie ein Haus sind Säulen für die Eltern Wen soll ich als
Pate einschreiben« »Denk mich selbst« sagte Uli »brauche dann niemanden
weiter zu plagen« »Es ist mir leid« sagte der Pfarrer die Feder niederlegend
»das darf ich nicht Niemand kann sein eigener Bürge sein« »Da weiß ich
wahrhaftig nicht was ich machen soll« sagte Uli »Hört Herr Pfarrer wie es
mir heute gegangen ist« Als Uli auserzählt hatte sagte der Pfarrer »Ich denke
doch ich schreibe den Hagelhans ein ein schöner Name ist es freilich nicht für
ein Kirchenbuch Aber Uli die Sache ist so Ihr habt es ihm gesagt er hat es
angenommen und namentlich in solchen Dingen darf man nicht stürmen da muss das
einmal gegebene Wort gelten Es ist leicht möglich Hagelhans käme nicht
darüber aber würde er es vernehmen denkt was er glauben würde Für einen
Preller müsste er Euch halten Ich kenne den Mann nicht und habe wenig von ihm
gehört aber selten ist einer so böse dass er nicht noch Gutes an sich hat und
wie Viele schlechter sind als sie scheinen so ist doch auch hier und da einer
besser als er scheint Ich täte es an Eurem Platze« »Nun wie Ihr meint Herr
Pfarrer so schreibet aber zuwider ists mir und das Kind kann mich dauern Wenn
ein Vater oder eine Mutter im Zuchtbaus waren oder am Galgen starben als das
Kind noch in der Wiege war so sagt man es dem Kinde auch nicht gerne wer Vater
oder Mutter gewesen sind so wird es mir mit dem Paten gehen wenn das Kind nach
ihm frägt« »Wer weiß« sagte der Pfarrer »Manchmal geht es ganz anders als
man denkt Die Mutter wird wohl ihre Gründe gehabt haben als sie Euch sandte«
»Weiß es nicht« sagte Uli »Manchmal zwingen die Weiber was nur um das
Mannevolk zu plagen und ich glaube schier die Base habe es auch so gehabt und
hat nur so aus Bosheit mich an den Vetter gehetzt gegen den sie einen Zahn zu
haben scheint so wie er gegen sie« »Man muss immer das Bessere glauben Uli«
sagte der Pfarrer »Vielleicht wollte sie eine Gelegenheit zur Versöhnung
suchen« »Ja ja man sollte« sagte Uli »aber man kann nicht immer«
Die Sache war also verrichtet aber einen zufriedenen Bericht brachte Uli
nicht heim und der Base gab er manchen Tag kein gut Wort und nur hintenum durch
Vreneli vernahm sie wie es Uli ergingen »Ihr hättet das Uli nicht anrichten
sollen« setzte Vreneli bei »Warum nicht« antwortete die Base »einen Paten
musstet ihr haben und gefressen hat er Uli nicht Mich nahm aber wunder mal
wieder was von ihm zu vernehmen dem Unflat Er ist scheints immer der Gleiche
schade ists um ihn wäre der anders ausgefallen aus dem wäre was geworden
einen Kaiser hätte er abgegeben wegen Befehlen und Regieren aber dann hätte der
liebe Gott den Leuten die Köpfe anders befestigen müssen sonst wäre in Hanse
Reich bald keiner mehr auf einem Halse gestanden« Der Tauftag eines Kindes ist
in all Wege immer ein sehr feierlicher Tag Die Eltern heiligen ein Pfand der
Gnade Gottes und drücken damit öffentlich das Bewusstsein aus dass sie es von
Gott empfangen und dass es einst aus ihrer Hand wieder werde gefordert werden
sie drücken ihre Freude aus denn wo gibt es auf Erden reinere und süssere
Freuden als aus einem Kinde erblühen können aber zugleich auch die
Überzeugung dass wie Gottes Hand und Macht auf dem Acker walten müssen wenn der
Same gesegnet sein und zur reichen Ernte reifen soll so auch seine Huld und
Gnade über dem Kinde wenn es zum Weinstocke erwachsen soll von welchem die
Eltern Trauben lesen können und nicht zum Dornenstrauch an welchem die Dornen
wachsen an welchem so gern elterliche Herzen verbluten
Der Täufling ward an diesem Tage zum kleinen Herzkäfer den ganzen Tag ließ
er keinen einzigen Schrei aus bloß hier und da machte er ein kleines Dureli
wie man zu sagen pflegt sonst allezeit das lieblichste Mieneli von der Welt
dass alle die größte Freude dran hatten Ein bsonderbar Kind sei das meinte die
Bodenbäuerin sie hätte noch keins so gesehen es sei akkurat als ob das mit
Freundlichkeit gut machen solle was Hagelhans mit Sauersehen sich versündige
»Mich nimmt nur wunder was der für ein Gesicht machen würde wenn das Kind ihm
unter die Augen käme ob er auch den Hund an ihns hin hetzen würde Was hat er
geschickt zum Einbund und sonst« frug sie halblaut die Base »Nichts gar
nichts« sagte die Base »das macht mich eben so böse er ist noch ein ärgerer
Unflat als ich dachte« »Hans tat nie wie andere Leute« sagte die
Bodenbäuerin »je nun man kann immer nachbessern seinetwegen sollen sie nicht
in Schaden kommen und lieber ists mir er sei nicht etwa selbst gekommen mit
seinem Hunde ich wäre den ganzen Tag in Angst gewesen was für ein Zeichen er
tun werde und hoffentlich muss ich ihn nie sehen habe am Hören schon zu viel«
Der Bodenbauer war Uli sehr willkommen er dürstete ordentlich nach dessen
reifen Räten die gar gediegen kamen aus dessen reicher Erfahrung Vor allem aus
sollte derselbe ihm sagen ob er Korn verkaufen oder sein Geld einziehen solle
Gegeben müsse der Zins werden es ließe Joggeli nicht leben wenn derselbe nur
einige Tage ausstünde Überdem glaube er jetzt habe derselbe das Geld nötig
»Ich an deinem Platz täte das Korn verkaufen« sagte der Bodenbauer »solange du
nicht reicher bist darfst mit Spekulieren dich nicht befassen Spekulieren ist
gar ein seltsam Ding ungesühnt schlägt es einem das Bein unter das Geld hast
du sicher über das Korn kann dir gar allerlei gehen Zudem wer sagt dir dass
übers Jahr das Korn teurer ist und nicht wohlfeiler Dann musst du doch in alle
Wege verkaufen denn für zwei Zinse reicht dein Vermögen kaum aus was hast du
dann gewonnen Verkaufe was du musst hast übrig so behalte es betrachte es
als Vorschlag und Sparbüchse womit du dir aus helfen kannst wenn dir sonst
was anderes fehlt Es ist sehr gut wenn man so nach und nach in einem Hause zu
recht vielen Vorräten von allem was das Land bringt kommt Das macht sich so
nach und nach man weiß nicht wie rechnet es nicht aber wenn Zeiten kommen wo
man die Sachen braucht oder Zeiten wo man Geld nötig hat so hat man einen
Schatz im Hause den man gesammelt ohne es zu merken das ganze Haus ist
gleichsam eine Schatzkammer in allen Ecken findet man Schätze und wenn man
alles zusammenträgt so hat man einen großen Reichtum an den man kaum dachte
Dagegen wenn man alle Jahre aufräumt das Entbehrliche alles zu Gelde macht so
scheint kein Segen in den Sachen zu sein man ist mit allem immer fertig und
wenn mal ein Fehljahr kommt so kann man dreifach wie der ausgeben was man
einfach eingenommen ist übel dabei in Not und Sorge Ich hasse die
Hudelwirtschaften wo oben und unten nichts Vorrätiges ist die Mäuse die
Schwindsucht kriegen und elendiglich verkümmern« Uli sagte nicht viel zu dieser
Predigt er dachte bloß es sei gut dass Vreneli sie nicht höre
Dem Vetter Johannes gefiel es sonst wohl in den Ställen nur warf er einige
seltsame Blicke durch die Gänge in den Ställen und ums Haus Uli fasste diese
Blicke beschämt auf und sagte »Ja wenn man nicht immer hinten und vornen ist
so machen sie auf und davon und obs allenthalben aussieht wie in einem
Schweinestall dem fragen sie nichts nach wenn nur der Tag umgeht und zu
rechter Zeit das Essen auf dem Tische steht es ist ein Leiden mit dem
Lumpenpack man glaubt es nicht« »Hast geändert auf Weihnacht« frug Johannes
»Getroffen« antwortete Uli »ich habe müssen« und erzählte nun des Langen und
Breiten wie er es gemeint und wie er gerechnet »Hast bass gemacht« frug
Johannes Uli gestund den Irrtum in seiner Rechnung nicht ein sondern erzählte
bloß wie übel er es getroffen wie an seinen Bürschchen nichts sei als Hochmut
trügen die Nasen so hoch als wollten sie die Sterne vom Himmel runterstüpfen
und was das Ärgste von allem sei sie wollten sich gar nicht weisen lassen
meinten sie verstünden alles sie seien so viel als er der ja auch nur Knecht
gewesen So einer dächten sie wie er wohl merke solle nicht kommen und sie
kujonieren wollen so einem stehe es übel an Habe geglaubt er könne auch was
verdienen dass er halbbatzige Bürschchen zu brauchbaren Knechten mache »Das
wäre wohl gut« sagte Johannes »aber du wolltest es nur zu gut machen Für
Plätze wie du sie hast stelltest du die Bürschchen viel zu leicht an sie
begreifen wie es scheint gar nicht was sie versehen sollen sondern bloß dass
sie Karrer und Melker sind Wo einer nicht weiß was er zu tun hat sieht er
alles Zurechtweisen als Kujonieren an Nimm ein Mensch welches sein Lebtag nur
den Schweinen gekocht hat und stelle es in eine Herrenküche als Köchin so wird
es Jahre gehen ehe es begreift dass ein Unterschied ist zwischen einem
Schweinetrog und einem Herrentisch und die Frage ist ob es je dahin kommt
menschlich zu kochen für die Herrschaft Das Gleiche hast mit dem Handwerker Am
übelsten fährst immer mit denen welche aus Lehrjungen sich eigenmächtig zu
Meistern avancierten So hast du es allenthalben Mache aus einem gemeinen
Schreiber oder Schreibersknecht einen Staatsrat oder einen Kreispräsidenten so
wird er sein Lebtag nie lernen was er soll nie die rechte Wurde kriegen
sondern nur Hochmut und eine Anmassung vom Teufel« »Ja ja« sagte Uli »ich
hatte nicht Glück ein andermal hoffentlich geht es mir besser« Wetter dachte
Johannes ist der auch schon so avanciert dass er seine Böcke nicht mehr für
Böcke ansehen kann
Übrigens hatten sie einen recht gemütlichen heimeligen Tag Sie hatten das
Taufemahl daheim besondere Gäste waren nicht geladen was auf die Zunge kam
handelte man traulich ab wurde nicht alle Augenblicke gezwungen die besten
Faden im Gespräche abzureissen weil Unberufene in die Stube stürmten Gut und
währschaft wartete Vreneli auf dass selbst Vetter Joggeli sagte eine Wirtin
hätte es werden sollen es verstünde es und dazu stehe es ihm noch wohl an zwei
Dinge die nicht immer beisammen seien Die Bodenbäurin erzählte viel von ihren
Kindern namentlich von der ältesten Tochter welche am Heiraten war Eine
Mutter kann nie glücklicher sein selbst an ihrem eigenen Hochzeittage nicht
als wenn sie ihrer Tochter die Hochzeitpredigt halten kann ohne Tränen geht sie
nie ab das reinste Glück presst bei echt weiblichen Herzen immer Tränen aus den
Augen Wie am herrlichsten im Himmelstau die Blumen funkeln so weibliche Augen
in Tränen der Wonne
So eine rechte mütterliche Hochzeitpredigt hat unabänderlich drei Teile Im
ersten Teile laufen die Augen an im zweiten trocknen sie wieder im dritten
laufen sie über Es gibt aber auch selten schönere herzlichere Predigten als
die welche quellen aus treuen Mutterherzen Im ersten Teile erzählt die Mutter
wer ihre Tochter sei was sie sei und was sie könne Sie erzählt wie sie
einstehe in der Haushaltung keine Magd wert sei ihr die Schuhriemen
aufzulösen unverdrossen früh und spät und wenn sie an etwas sinne so sei es
schon gemacht Sie rühmt aber ganz besonders ihren Verstand wie sie auf Frieden
halte das Klapperwerk hasse den Vater nie böse mache und wenn sie sehe dass
irgendwo was Ungerades sei sie nicht ruhe bis sie dasselbe ausgeebnet und
gerade gemacht Sie könne nichts weniger leiden als wenn irgendwer im Hause
und sei es nur der Rossjunge nicht zufrieden sei Aber erst wenn jemand was
fehle erfahre man was das für ein Kind sei Von weitem sehe es einem an den
Augen es an wenn man nicht wohl sei und plage einem da nicht mit Frägeln und
Reden Es wisse was man nötig hätte und bringe es einem ungesinnet und
ungeheissen Es sage bloß »Mutter jetzt lass mich machen gehe und halte dich
still schlafen täte dir gut Habe nicht etwa Kummer dass was vergessen werde
du weißt ja ich habe das schon oft gemacht« Wenn sie dann nachsehe so sei es
so sie wüsste nichts zu verbessern Dem Vater mache sie es gerade so er sage
oft er hätte gemeint nur an Buben könne man Freude haben was ein rechtes
Mädchen sein könne das habe er nicht gewusst Er müsse sagen er tauschte das
seine nicht an ein Dutzend Buben »Es war aber auch berühmt es sahen noch
andere Leute was mit ihm ist wenn es unser einzig Kind wäre und wir noch
einmal so reich es hätte nicht stärker um ihns gehen können und dazu von
vornehmer Seite her wo ich nicht daran hätte denken dürfen Aber darauf hat es
nicht gesehen und wir ließ ihns machen wir dachten es hätte den Verstand
selbst Und Gottlob als es ihm war den möchte es jetzt und keinen Andern da
kam es und sagte es möchte Vater und Mutter was sagen aber es dürfe fast nicht
der und der setze ihm stark nach und wolle nicht nachlassen und es müsse es
sagen wenn es einmal einen möchte so sei es diesen Aber es wolle uns dieses
zuerst sagen wenn wir im Geringsten etwas dawider hatten so sollten wir es nur
sagen es sei nicht dass es meine das müsse sein es wolle sich uns
unterziehen Es hat meinen Alten selbst gedünkt es hätte keine Art wie das
Meitschi sich unterzog und alles in unsere Hand legte Wenn sie alle so wären
es würde weniger Unglück geben hat er gesagt Was wollten wir dagegen sagen Es
las aus wir selbst könnten es nicht besser und dass es bloß unseretwegen ledig
bleiben solle das meinen wir nicht das wäre ja gottlos Es ist ein Bursche von
den bravsten und hübschesten einer hat einen bezahlten Hof versteht das
Bauernwesen aus dem Fundament ist selbst dabei früh und spät und selbst voran
Zu scheuen ist nichts in der Familie weder leiblich noch geistlich wir haben
gute Nachfrage gehalten und lauter gut Lob gehört Es sei eine berühmte Familie
gewesen solange man sich erinnern möge Nur die Mutter lebt noch bsunderbar
eine brave Frau sie hat gesagt sie möge die Stunde nicht er warten bis mein
Meitschi ihr ins Haus komme dann solle es Meisterfrau sein vom ersten
Augenblick an Sie habe genug regiert danke Gott wenn sie abgeben könne Nein
besser hätte das Kind es nie machen können Aber wie es dann bei uns gehen soll
das weiß ich nicht nein ich weiß es nicht darf nicht daran denken wie übel
es mir geht niemanden es sagen« Da nun geht das Überlaufen recht an und doch
ist der Schmerz ein süßer Zweifacher Trost steht ihm zur Seite das Bewusstsein
eine solche Tochter zu haben und die Hoffnung auf ein jüngeres Mädchen das
zwar noch nicht Verstand hat an der ganzen Hand was jenes am kleinen Finger
das aber einsehen werde was jetzt an ihm sei und so viel Gedanken dass es der
Schwester nicht ganz werde nachstehen wollen »Aber« usw
Das war die Hochzeitpredigt welche die Bodenbäurin aus der Fülle ihres
Herzens hielt und welcher die Glunggenbäurin in rührender Andacht zuhörte Sie
konnte keine solche halten die arme Frau Sie wünschte Glück von ganzem Herzen
sagte aber auch aufrichtig sie erfahre das Gegenteil Wenn die Bodenbäurin ihre
Tochter einmal sehen werde daherfahren mit ihrem Manne werde sie absitzen
müssen vor Freude sehe sie aber Elisi und seinen Mann dahergefahren kommen so
müsse sie absitzen vor Kummer und Angst Das Elisi könne sie aber doch erbarmen
von ganzem Herzen an allem sei es nicht schuld es sei ihnen zu wert gewesen
von Jugend auf und kränklich sei es auch gewesen darum habe man es mit Arbeit
verschont dummerweise sie hätten den Verstand nicht besser gehabt Man habe
ihnen gesagt Elisi müsse gebildet werden mit Welsch und Brodieren dann könne
es eine vornehme gebildete Frau werden und brauche nicht zu arbeiten dazu sei
es zu zart und wer reich sei solle eigentlich gut haben und Andere machen
lassen um den Lohn Es hätte ihr geschienen etwas sei an der Sache Wenn sie so
oft des Abends mit müden Beinen abgesessen sei und fast nicht mehr habe
aufstehen können vor Schmerzen sei es ihr oft vorgekommen es sei dumm sich so
zu mühen wenn man das Geld hätte jemand den Lohn zu geben dass er es für einen
mache Da habe sie gedacht man könne das mit Elisi so probieren wenn die
Schulmeister und sonst die Gelehrtesten es so meinten so werde es wohl auch so
sein »Wie dumm man ist kann ich jetzt erfahren und wie es einem geht wenn
man Gottes Wort nicht achtet und auf das Klügeln der Menschen hört Es heißt
Sechs Tage sollst du arbeiten und Wer nicht arbeiten will soll auch nicht
essen und da heißt es nicht von Reich und Arm von Zart und Grob es heißt Du
sollst Und das wird wohl alle angehen nenne man eine Elisi oder Lisi Wenn
eines nicht arbeiten kann so ist es der ärmste Tropf von der Welt Nicht von
wegen dessen weil niemand weiß wie es ihm noch einmal gehen kann dass Gott
erbarm sondern weil eines nicht befehlen kann wenn es nicht weiß wie etwas
gemacht werden muss Eine Frau ist der ärmste Tropf von der Welt wenn sie nicht
in jedem Augenblick die Magd vorstellen kann Weiß sie nicht wie man eine Sache
macht so hat keine Magd Respekt vor ihr hält sie zum Besten Sie ist nicht
bloß am schlechtesten bedient hat das ganze Jahr das Herz voll Verdruss und
Gift sondern sie muss sich auch verschreien lassen in der ganzen Welt als die
böseste Hexe welche je dem Teufel von dem Karren gefallen Ach Gott das
erfahre ich an Elisi Ich mag ihm Mägde herbeischaffen so viele ich will es
plagen ihns alle es verschreien ihns alle es klagt und jammert oft darüber
hat schrecklich böse dabei und ich weiß in Gottes Namen nicht zu helfen Wenn
ich schon sehe wo der Fehler ist so kann ich doch nichts daran machen so
wenig als bei Johannes Frau die auch ein Narr ist vom Kopf bis zu den Zehn Die
wäre grob genug zur Arbeit aber man hat sie auch nichts gelernt als den Narren
zu machen dass Gott erbarm«
So ergoss sich die Glunggenbäurin und dass auch ihre Augen nicht trocken
blieben versteht sich Aber weder neidisch auf die Bodenbäurin noch unglücklich
war sie dabei Wer hat nicht schon erfahren wie durch eine flotte
Herzensergiessung in gemütlicher Traulichkeit der Geist sich erleichtert und
aufheitert wie nach strömendem Regen der Himmel Die Zeit schwand wie den
Seligen die Ewigkeit unbemerkt und dunkel wards ehe jemand daran gedacht
Entschieden weigerten sich der Bodenbauer und seine Frau über Nacht zu bleiben
Es sei ihnen nicht wohl an einem andern Orte sagten sie über Nacht Solange
sie verheiratet seien seien sie nie Beide mit einander außerhalb dem Hause über
Nacht gewesen und Eins ohne das Andere nicht oft Man wisse nie was es geben
könne Dieses Gefühl welches heimzieht an allen Haaren dem Manne Kraft gibt
dass er jeder Überredung unzugänglich wird an allen Wirtshäusern vorüberwandelt
die Müdigkeit der Glieder überwindet und heimkehrt wenn auch erst nach
Mitternacht ist ein eigentümliches es ist ein Kind der Treue welche auf dem
einmal erkornen Posten stehen will in der Nacht die niemandes Freund ist
Solche in trauter Gemütlichkeit verbrachte Tage wo Sterblichen die Zeit
verrann wie Seligen die Ewigkeit glänzen durchs Leben wie ein goldenes Gestirn
am hohen Himmelsbogen weite Räume erhellen sie und einmal erlebt werden sie
nicht wieder vergessen Solche Tage sind manchmal eingestreut ins Leben wie am
Himmel die Sterne manchmal gleichen sie der klaren Morgensonne welche einen
hellen Tag bringt manchmal der Abendsonne nach welcher die Nacht kommt und
nach der Nacht stürmische Tage
Diesmal war dieser Tag wirklich der Abendsonne ähnlich welcher erst die
Nacht dann wilde trübe Zeiten folgen
Siebentes Kapitel
Eine Überraschung aber keine angenehme
Am folgenden Morgen wollte Vreneli eben die Base rufen dieweil es im
Hinterstübchen noch einige Schinkenschnittchen und eine Flasche Wein
zweggestellt hatte um den Nachdurst zu löschen und den blöden Magen zu
verbessern wie es sagte als ein schlecht Fuhrwerk um das Haus gefahren kam
aber noch viel blöder als irgend ein Magen nach einem Kindtauftag sein kann
Vreneli hatte gute Augen »Herr Jeses Herr Jeses« sagte es »Was ist was
ist« frug die Base »es wird doch nicht etwa eine Bettelfuhre sein« »Nein
Base nein« sagte Vreneli sich fassend »ich weiß nicht wo ich meine Augen
gehabt es ist ja ds Elisi es wird zu Besuch kommen wollen« »So ungesinnet du
mein Gott was hat es wohl gegeben« jammerte die Base
Unterdessen war das Pferd blöde herangeschritten und drinnen saß wirklich
Elisi so mager und grüngrau wie ein vorjähriger Rosmarinstengel hatte ein
eingewickelt Päcklein auf dem Schoße und im Päcklein quakte was man wusste
nicht wars ein Laubfrosch oder sonst eine lebendige Kreatur »Da nehmt und da
bin ich« sagte Elisi und reichte das Paket hinaus in welchem es gar heiser und
jämmerlich quakte »Jetzt müsst Ihr mich behalten Ihr mögt wollen oder nicht
ich bin hier daheim« Vreneli half ausladen musste dem Fuhrmann einen Platz für
das Ross im Stalle zeigen da das Mannsvolk im Walde war hörte also die
reichlichen Ausrufungen der Base nicht Die gute Alte ward inne dass das
quiekende Paket aus einem Kindlein bestand welches fest eingewickelt war in ein
Umschlagetuch und ließ es aus Schreck fast fallen »Du bist doch immer das
schrecklichste Babeli auf dem ganzen Erdboden« sagte sie zu Elisi »ein Kind so
einzumachen ein Wunder ists dass es nicht dreimal erstickt und siebenmal
erfroren ist Nein aber das arme Tröpflein Es ist nichts grässlicher als wenn
ein Mensch keinen Verstand hat und dazu noch eine Mutter vorstellen soll« »Dass
ich eine bin daran seid gerade Ihr allein schuld« sagte Elisi »warum geht Ihr
und erzwingts dass ich den Hudelbub heiraten muss Ledig wäre es mir noch lange
lange wohl gewesen« »Was« sagte die Alte »ich soll an deiner Heirat schuld
sein und dir wäre es noch lange wohl gewesen ledig Jawohl dass Gott erbarm und
wie Gerade wie dem armen Würmli da Gott verzeih mir meine Sünde Aber was
bringt dich Böses Denn nach dem Guten darf ich dich nicht fragen« Da begann
Elisi ein schreckliches Geheul wie es ihm jetzt ergehe weil man es gezwungen
habe den verfluchten Möff zu heiraten Es habe gedacht die müssten doch auch
was davon haben welche an all dem schuld seien Wüst sich sagen lassen den
ganzen Tag Hund sein sollen und nichts fressen obendrein noch Schläge diese
Lebweise habe es satt es könne sie seinetalben jemand anderes auch probieren
Da kam Vreneli mit Schinkenschnittchen Backwerk Wein mit allem was im
Hinterstübchen für die Base aufgehoben gewesen Es habe gedacht es könne
vielleicht was helfen und Elisi werde hungrig und durstig sein sagte Vreneli in
allem guten Meinen und dachte wie es da was Gescheutes mache Aber kurios im
Verkehr mit dummen Leuten wird gerade das Gescheuteste zum Verkehrtesten mit
Minus ist halt gerade das umgekehrte Rechnen als mit Plus Wie Elisi Wein und
Schinken sah fing es ein ganz mörderlich Geschrei an akkurat als ob Vreneli
Elisis eignen Schinken da präsentiere wohlgeräuchert auf einem Teller Man
begriff lange an dem Geheule nichts bis man endlich aus einigen artikulierten
Tönen entnehmen konnte dass es Elisi das Herz zerriss wie man auf der Glungge
ein Leben führe seit es fort sei Während es Hunger leide kaum hartes
Kuhfleisch habe und schlechte Kartoffeln samt Wasser wenn es möge habe man
hier schon des Morgens Schinken und Wein wie die vornehmsten Engländer Aber vor
Gott sei es nicht recht und sie würden es einst zu verantworten haben dass man
die eigenen Kinder ins Elend stoße und mit Fremden und Lumpenleuten die Sache
verfresse und versaufe Jetzt sehe es wie man es mit ihm meine und immer
gemeint habe
Man sagte ihm gestern sei Taufe gewesen und was da stehe sei übrig
geblieben Aber mache jemand einem zornigen Weibsbild was begreiflich Zudem tat
das Kindlein erbärmlich dass es der Großmutter himmelangst wurde und sie und
Vreneli ihm ihre Hauptsorge zuwenden mussten Sie ließ also das Elisi heulen
und suchten das Kind zu beschwichtigen
Umsonst heult selbst ein Elisi nicht gerne sobald es also sah dass man
seiner sich nicht mehr achte setzte es ab mit Heulen und sich hinter Schinken
und Wein und sagte es wolle zugreifen wenn es schon niemand heiße es wolle
nehmen während noch was da sei es merke wohl wie das gehen solle die Leute
werden halt nie aussterben welche Andere um ihre Sache brächten oder eheliche
Kinder aus dem Neste stießen Man ließ es reden und essen beides brachte es
nach und nach zu sich selbst und auf den rechten Grund seines Herkommens
Gestern spät am Abend war der Mann heimgekommen fand kein Licht im Hause
nichts Warmes für sich da tat er wie ein Menschenfresser und prügelte Elisi Am
Morgen wollte er frühstücken da war weder Holz noch Kaffee da alles sollte
erst zusammengeholt werden hierher dorther da ward das Untier wieder zornig
und prügelte Elisi wieder ab und zwar mit der Elle »Soll ich für alles sorgen
Soll ich an alles denken Soll mir alles in den Sinn kommen Der Unteufel der
er ist Für was ist er da Für was hat man eine Magd Und wenn man nicht wüsste
dass er kein Geld hätte so würde man uns solche Sachen ins Haus senden man
brauchte nicht lange danach zu laufen Wenn meine Mutter einen Batzen wert
wäre hat er gesagt so würde sie kein solch Lumpenmensch erzogen haben denn
keinen faulen Pfennig sei ich wert und wenn ich schon einen Taler im Maul
hätte von schlechten verfluchten Leuten her müsste ich sein dass ich so
nichtsnutz geraten zu einem Mensch welches kein Bettler auf dem Mist auflesen
würde und dabei hat er mich nun geschlagen bis ich aus dem Bette sprang in
die Kleider fahr und fortlief Bringt mir nun nicht der Unflat von Magd das Kind
nach und sagt der Herr schicke es Was jetzt machen Fahren wollte mich
niemand gehen mochte ich nicht zurück wollte ich nicht der könnte mich töten
oder gar vergiften ihm war das Schlimmste zuzutrauen Endlich erbarmte sich
Lugihausi meiner er war früher auch ein vornehmer Mann und weiß jetzt wie es
jemand ist dem niemand helfen und glauben will der spannte endlich an und
jetzt bin ich da und jetzt Mutter musst du Fuhrlohn zahlen«
Das waren begreiflich keine erfreulichen Nachrichten und Aussichten gerne
hätte Vreneli den doppelten Fuhrlohn bezahlt wenn Elisi wieder weitergefahren
wäre Der Base war es wahrscheinlich ebenso sie wusste was das Fortlaufen für
eine missliche Seite hat nämlich das Wiederkommen Dass der Mann die Frau
geprügelt fand sie freilich sehr fatal besonders für den geschlagenen Teil
Indessen musste sie gestehen dass ein Mann ungeduldig werden muss und
wirbelsinnig wenn die Frau für nichts sorgt nichts denkt immer nichts da ist
was man eben brauchen sollte wenn sie ist als wäre sie ohne Gehirn oder hätte
höchstens das Gehirn einer Gänsin in einem solchen Gehirn steckt gewöhnlich
noch die Unart dass man es nicht einmal mahnen darf da soll eine Magd probieren
und sagen Frau dies Frau jenes wäre nötig sollte man holen sie würde
allemal einen Schnauz kriegen eine Elle länger als der längste Husarenschnauz
Da kriegt denn so eine Magd auch Bosheit in den Leib und denkt Meinetalb
wird stumm wie ein Fisch hat erstlich Freude wenn man auskömmt mit einer Sache
und die Frau merkt es nicht und zweitens noch eine größere Freude wenn der
Mann darüberkömmt und mit einem Haselstecken am Gedächtnis seiner Frau
herumflickt wenn auch mit schlechtem Erfolg
Was die gute Großmutter dabei tröstete war das Erbarmen mit dem armen
Kinde so heillos verwahrloset war ihr die längste Zeit kein Bettelkind vor
Augen gekommen so mager unsauber gelb blau und grau es war ein Elend Sie
sagte Elisi sie hätte gute Lust noch nachzubessern was ihm der Mann zu wenig
gegeben vor Gott sei es nicht zu verantworten wie es mit dem Kinde umgehe sie
müsste sich schämen eine Tochter zu haben welche nicht halb so viel Verstand
gegen ein Kind habe als eine Katze gegen ihr Junges Wenn sie mehr hätte sagte
Elisi so sollte sie das Kind nehmen dass es nicht mehr habe dafür könne es
nichts sie hätten ihns erzeugt und erzogen traurig genug sei es für ihns dass
man ihns so verwahrloset dass es so dumm geblieben Es trat gar deutlich hervor
dass Elisis ganze Lebenskraft im Maul sich zentralisiert habe
Es ist sehr oft der Fall dass die geistige und körperliche Kraft eines
Menschen sich in ein Glied oder ein Talent zusammenzieht da Ausgezeichnetes
leistet im Übrigen aber schwach oder kreuzdumm ist Man hatte ausgezeichnete
Maler und nebenbei waren sie einfältige Menschen man hatte Menschen denen
alle Kraft in den Füßen lag schlaff hingen die Arme am Leibe nieder Hasenfüsse
nannte man sie kommode Leute besonders bei einer Retirade Bei Elisi zogen
alle geistigen und leiblichen Kräfte sich in einem Gliede zusammen und zwar in
der Zunge Die Zunge ist ein klein wunderbar Ding »ein klein Glied« wie der
Apostel Jakobus sagt »und erhebet sich doch gewaltiglich Siehe ein klein
Feuer wie einen so großen Haufen Holz zündet es an Also ist auch die Zunge ein
Feuer eine Welt voll Ungerechtigkeit also steht die Zunge unter unsern
Gliedern welche den ganzen Leib befleckt und zündet das Rad unserer Geburt an
und wird angezündet von der Höllen« Ja das ist ein Ding die Zunge und zwar
eines von doppelter Natur ein geistig und ein leiblich Werkzeug dem Geiste
dem Leibe unentbehrlich Es ist aber nichts merkwürdiger als die Wahrnehmung
dass die Zunge sobald sie zum herrschenden Gliede im Körper wird sie sich in
beiden Richtungen geistig und körperlich geltend macht und das große Wort
führt Das Wort »Kaffeeschwestern« ist ein altes wohlbekanntes und niemand
der es hört ist so einfältig wenn er es hört zu glauben es sei da die Rede
von Schwestern welche bloß den Kaffee lieben er weiß alsbald dass es
zungenfertige Dinger sind welche nebst Kaffee das Geschwätz lieben über alles
Es ist halt mit der Zunge akkurat wie mit einem Wagenrad wird dieses viel
umgetrieben so muss es auch viel und gut gesalbet werden Die Sache ist ganz
natürlich wie Krieger mit dem Degen fechten die Diplomaten mit der Zunge sind
aber auch allbekannte Gutschmecker und diplomatische Mahlzeiten sind
wohlbekannt von alters her Wenn nun ein ganzes Volk sich auf die Diplomatie
legt und mit Schwadronieren sich befasst Herrgott was da gesalbet und
geschmiert werden muss Man frage einen Waadtländer der wird auch was erzählen
können über diesen Punkt Es wird also niemand ungläubig den Kopf schütteln ob
unserer Äußerung über die Doppelnatur der Zunge die zwei ist und doch eins und
also niemand sich wundern wenn sie auch bei Elisi scharf hervortrat Wir haben
im Berndeutsch gar herrliche Worte die verschiedenen Sorten und Abarten des
Geschwätzes zu bezeichnen dampen dämperlen klapperen stürmen
schwadronieren poleten hässelen giftlen schnäderen ausführen kifeln
rühmseln usw Hässeln und schnädern möchten die beiden bezeichnendsten Worte für
die Richtungen von Elisis Unterhaltungen sein Am liebsten salbete es seine
Zunge mit was Süssem und was Rotem doch verschmähete es auch Fische Pasteten
Geflügel nicht so wenig als weißen Wein vom Jahre 1834 und Muskatwein welcher
bekanntlich gelb ist Von Arbeiten war gar keine Rede mehr selbst nicht mehr
von Korallenanziehen zog es doch nicht einmal sein eigen Kind an hätte es
wenn es niemand anders tat tagelang liegen lassen
Die elf ägyptischen Plagen sind bekannt eben angenehm sind sie nicht zu
nennen aber auf einem Bauernhofe wo alles arbeiten soll jeder sein
angewiesenes Tagewerk hat eine Person zu haben welche nichts tut als
allenthalben herumstehen alle versäumen mit Schnädern und Befehlen mit Gerede
von allen Sorten alle Augenblicke was wollen welches nicht zu haben und zu
machen ist und dann ein Geschrei und einen Jammer verführen ärger als ein
junges Schwein in eines ungeschickten Metzgers Händen das ist eine Plage an
welche Moses nicht gedacht zu haben scheint Mach wie wenn du daheim wärest so
sagt man zu einem Menschen wenn man wünscht dass es ihm recht behaglich und
heimlich werde So brauchte man aber zu Elisi nicht zu reden es tat wirklich
als wäre es daheim und nahm von dem neuen Verhältnis nach welchem Uli und
Vreneli im Hause Meister waren keine Notiz Es lief im Hause herum wie im
Stock es stellte sich bei Mägden und Knechten nahm sie in Anspruch bald für
dieses bald für jenes strich besonders Uli nach wenn es ihn irgendwo merkte
hatte es keine Ruhe bis es bei ihm war Bitterlich dagegen hasste es Vrenelis
schönes Kind und zeigte das so unverhohlen dass man es so wenig allein bei ihm
lassen durfte als man eine Katze bei einem Kinde lässt Elisi wäre imstande
gewesen es zu kneifen und zu kratzen und da es das nicht durfte grinste es
ihns wenigstens an so dass dasselbe allemal sich zu fürchten und zu weinen
anfing wenn es Elisi von weitem sah Nun sollte auch sein eigen Kind auf einmal
so hübsch werden und dazu wusste es kein ander Mittel als demselben den ganzen
Tag zu essen zu geben oder geben zu lassen es förmlich zu mästen und zwar mit
dem größten Unverstand gute Milch gab es ihm keine mehr es musste dicker Rahm
sein stopfte ihm den ganzen Tag Brei in den Leib schüttete ihm Wein darüber
stieß Zuckerbrot oder so was nach dass das Kind erst fast erstickte und dann
Bauchweh oder so was kriegte jämmerlich schrie bis es himmelblau wurde im
Gesicht Wollte die Mutter wehren dann schrie Elisi die Mutter gönne ihm kein
schönes Kind sie halte es mit Vreneli und dessen Balg wenn es wüsste wie dem
vergeben es täte es noch heute sparte es nicht bis morgen sie sollten sich in
acht nehmen wenn es dasselbe einmal in die Hände kriege wolle es ihm die
Hübsche vertreiben für sein Leben lang Dann kam Joggeli und begehrte auf über
das fortwährende Geschrei es sei eine halbe Stunde in der Runde kein Winkel wo
man einen ruhigen Augenblick haben könne höre Eines auf so fange das Andere
an Dass es ihm in seinen alten Tagen noch so gehen könne daran habe er nie
gedacht aber er wisse wohl wer an allem schuld sei man möge es glauben wollen
oder nicht
Die gute Base hatte wirklich böse Tage Tage von denen sie sagen musste sie
gefielen ihr nicht Sie sah alle Tage eine Sache heller ein an welche sie
früher nicht gedacht hatte sie war ihr nie so recht vor die Augen gekommen und
die Erfahrung ists welche Wissenschaft und Weisheit bringt Sie hatte nämlich
nie gesehen was eine Person von Elisis Schlage für eine Mutter wird Man
kümmert sich manchmal darum welche Haushälterin ein Mädchen werde aber was es
für eine Mutter werde daran denkt man nicht oder man meint der Verstand dazu
werde ihm schon kommen es wer de ihns schon lehren Ja dass Gott erbarm
lehren Mutter wird Manche ungesinnet aber eine rechte Mutter sein das ist
ein schwer Ding ist wohl die höchste Aufgabe im Menschenleben Schon alleine
der bloße Anblick der Mutter ist von unnennbarem Einflusse auf das Kind kann
das Kreuz mit der Schlange sein bei welchem die Juden in der Wüste Heilung und
Sicherheit vor den Schlangen fanden Was gewährt aber nun so ein grinsend
unfreundlich unsauber Ding wie Elisi einem Kinde für einen Anblick Welche
Eindrücke saugt es ein Oder was meint man muss es dem Kinde nicht ganz anders
werden im Gemüte wenn ihm an seiner Wiege des Tages und in der Nacht ein
holder schöner Engel erscheint der mit süßen Tönen tröstet mit milden Händen
die rechte Labung spendet als wenn an der Wiege Rand ein hässlicher grüngrauer
keifender Kobold auftaucht ein unsauber Ding von dem man lange nicht weiß ist
es eigentlich ein Mensch oder ein Affe über die Wiege hereingrännet hässliche
Töne von sich gibt heftig und krampfhaft reißt und stößt und schaukelt dass
Glied um Glied davonfahren möchten Was meint man sollte man nicht solch
grinsenden keifenden nichtsnutzigen selbstsüchtigen Dingern seien es
meinetalb Gräfinnen Bauerntöchter oder Stallmägde das Heiraten verbieten von
Obrigkeits wegen und jede welche es doch versucht einsperren lassen hinter
Gitter und zwar enge und eiserne und bis zum dreiundfünfzigsten Jahre Die
Base wäre sicherlich dieser Meinung gewesen wenn man ihr den Fall vorgelegt
hätte Es lag ihr unendlich schwer im Gewissen dass sie daran nicht gedacht oder
geglaubt es werde Elisi der nötige Verstand seinerzeit schon kommen dass sie
nicht mit Händen und Füßen sich jeder Heirat widersetzt Es beelendete sie
unendlich wenn sie sah wie Elisi das arme Kind misshandelte aus unverständiger
Eitelkeit wie eine Hoffartsnärrin ein beliebig Kleidungsstück welches sie in
die Form zwingen will die ihr gerade in die Augen geschienen
Am wohlsten schien bei dem ganzen Handel der Baumwollenhändler zu sein
wenigstens nahm er Elisis Abwesenheit höchst kaltblütig zeigte sich nicht nur
nicht sondern ließ auch kein Wörtlein von sich hören Die Unbequemlichkeiten
des Fortlaufens dagegen fingen nachgerade an recht unangenehm sich fühlbar zu
machen Anfangs ärgerte sich Elisi bloß dass der Unflat ihm nicht nachgelaufen
kam um ihm alles sagen zu können was es ihm eingebracht hätte Nach und nach
stieg ihm die Eifersucht zu Gemüte es nahm ihns bitter wunder was der Unflat
jetzt vornehme da er keine Frau mehr habe
Wenn nur einmal eine Frau auf diesen Punkt gekommen ist dann kriegt die
dickste Phantasie Leben fängt sich an zu bewegen in den schauerlichsten Bildern
und malt der Frau Dinge vor dass sie das Zittern kriegt in alle Glieder Noch
ungeduldiger ward Joggli Der Lumpenhund habe ihn geplündert kein Spitzbub
könne es besser jetzt schicke er ihm Frau samt Kind über den Hals um ihn des
Todes oder des Teufels zu machen Aber das wolle er nicht so Dem Schelm wolle
er seine Familie nicht erhalten in seinen alten Tagen noch Kindbette halten und
dazu keinen Augenblick Ruhe weder Tag noch Nacht
Endlich ließ Joggeli Bescheid machen dem Tochtermann er solle seine Frau
holen Dieser ließ sagen Er hätte sie nicht gehen heißen er hieße sie auch
nicht wiederkommen sie werde den Weg wohl noch wissen er werde ihr ihn nicht
zu zeigen brauchen Am liebsten sei ihm sie bliebe wo sie sei sie dünke ihn
dort am schönsten Potz Blitz wie gab das Feuer Auf der Stelle sollte Uli mit
ihm fahren meinte Elisi und dann müsse er ihm den Unflat prügeln in seinem
Namen bis derselbe kein Glied mehr rühren könne dem wolle es zeigen dem
Hagel wo es schön sei Das wollten aber weder Vater noch Mutter tun Es sehe
jetzt was Fortlaufen sei ein andermal möge es die Sache besser bedenken und
denken auch an seine Fehler Sei es so lange schon dagewesen so könne es ein
paar Tage auch noch warten Elisi zeterte gewaltig und wenn es gewusst hätte
wie zu Fuße gehen es wäre gelaufen aber eine halbe Stunde zu Fuße zu gehen
war ihm ein Greuel Schuhe hatte es auch keine welche einen solchen greulichen
Feldzug ausgehalten hätten Die Base hatte gewünscht Joggeli wäre selbst zum
Tochtermann gefahren und hätte ihn zum Verstand gebracht denn sie waren Beide
der Meinung Elisi hätte ihm so viel zugebracht und noch so viel zu erwarten
dass Geduld haben und sich auch in etwas unterziehen ihm wohl anstehen würde
Wenn man den Geldsäckel in der Hand habe so wüsste man nicht warum man so mit
einem Bürschchen nicht ein ernstaft Wort sollte reden dürfen Sie waren Beide
akkurat gleicher Meinung bloß darin wichen sie ab dass Joggeli dies nicht
selbst ausrichten wollte er war nicht der Mann jemanden unter den Bart zu
stehen Er wollte den Johannes schicken der tue es gerne sagte er und wenn er
den Spitzbuben schon ein wenig in die Finger nehme so werde es ihm wenig
schaden allweg schlechter werde er dadurch nicht Gegen das sträubte die Base
sich Es könnte doch zu böse gehen meinte sie Sie hätte nichts wider Johannes
aber wenn es sei um Frieden zu machen so schickte sie lieber nicht ihn
sondern jemand anders Elisi müsse doch alles wieder abbüssen was von ihrer
Seite dem Manne angetan werde Die gute Alte hatte selbst eine Art von Mitleiden
mit dem Tochtermann so sehr er ihr sonst zuwider war Sie müsse bekennen sagte
sie oft zu sich selbst sie würde auch ungeduldig wenn Elisi ihre Frau wäre
und wenn es dazu noch so böse sei wie hier so könne sie sich nicht einmal
verwundern wenn es ihm zuweilen in die Finger käme von wegen Mannevolk sei
immer Mannevolk und bekanntlich gehöre das Mannevolk nicht unter die geduldigen
und sanftmütigen Kreaturen
Achtes Kapitel
Wie Zögern wechselt mit Überraschen aber ebenfalls nicht auf angenehme Weise
So verzögerte sich die Ausführung einige Tage bis endlich die Mutter nachgab
und erkannt wurde es müsse dem Johannes geschrieben werden dass er die Sache
alsbald verrichte Aber wer sollte schreiben Die Mutter konnte nicht Joggeli
war eine Feder ärger zuwider als ein angezündet Schwefelholz unter der Nase
Elisi schmierte endlich einen Bogen voll von dem aber erkannt wurde den könne
man nicht abgehen lassen denn der gelehrteste Professor könne nichts daraus
machen Elisi heulte aber damit entstund kein verständlicher Brief Joggeli
musste endlich das Wort geben er wolle morgen selber einen machen Am Morgen
fiel es Joggeli plötzlich ein heute sei der Tag an welchem der Lehenzins
verfallen sei und nun plagte ihn die Neugierde ob Uli wohl zahlen werde oder
nicht Er hatte gesehen dass der Müller Korn geholt hatte auch die Zahl der
Malter gezählt den Preis zu vernehmen gesucht und daraus geschlossen Uli werde
im Sinn haben zu zahlen Joggeli hatte nicht Angst er könne um seine Sache
kommen aber er freute sich auf das Geld Kinder und alte Leute sind auch darin
sich ähnlich dass sie gerne mit Geld spielen es zählen es rollen lassen durch
die Finger Häufchen machen es durcheinanderwerfen es transportieren aus einem
Sack in den andern Sack Er vergaß den Brief ganz sah gleich mit Tagesanbruch
erst lange durch die Fensterscheiben ob Uli nicht anrücke Später träppelte er
ums Haus herum zeigte sich in der Erwartung Uli lasse sich dann auch hervor
mit einem großen Bündel Geld Da kein Uli erschien trippelte er hinüber zum
Hause kam zu den Knechten frug wie von ungefähr ob der Meister daheim sei
oder fort Sie wüssten nichts anders sagten die Knechte sie hätten ihn erst
noch gesehen und gsunntiget sei er nicht gewesen Er scheuet sich vor mir
dachte Joggeli darf oder will sich nicht sehen lassen entweder hat er das Geld
nicht oder er will mich nicht bezahlen eins ist so schlimm als das Andere aber
wenn es vierzehn Tage geht so schreibe ich Vetter Johannes er ist Bürge er
kann zur Sache sehen Doch trotz diesem Rückhalt hatte er den ganzen Tag keine
Ruhe er trappete herum als ob er ein Wurmpulver im Leibe hätte und trotz
seinem Trappen sah er Uli den ganzen Tag mit keinem Auge
Uli lebte er lebte einen großen Tag er machte seine Jahresrechnung zog
seine Bilanz verglich mit der Rechnung die Kasse Das ist ein Stück Arbeit für
einen Uli Zehn Jucharten Roggen säen in einem Tage ist Kinderspiel dagegen Ja
Rechnen hat eine Nase besonders wenn man es nicht wohl kann
Uli hatte begreiflich das Jahr durch schon gar oft gerechnet vielleicht nur
zu viel doch so recht bis auf den Grund noch nie und das sei notwendig hatte
er gehört besonders für Anfänger Es sei schon gar Mancher zugrunde gegangen
weil er nie nachgesehen wie er stehe ob er vorwärts oder rückwärts gehe Am
Jahrestag seiner Meisterschaft übernahm er nun diese Arbeit Er zählte zuerst
das Geld welches er hier in einem Bündelchen dort in einem Körbchen
anderwärts in einem Strumpfe hatte Ein reicher Bauer hatte ihm gesagt wenn man
viel Geld im Hause habe müsse man es verteilen kämen Diebe so kriegten sie
doch niemals alles sondern nur einen Teil Das Zählen schon trieb ihm den
Schweiß aus denn so oft er zählte so oft gestaltete sich die Summe anders Zu
der Gewissheit kam er dass jedenfalls über tausend Taler seine Kasse enthielt
Nun versuchte er die richtige Summe aus seinem Buche zu finden das war aber
erst ein Hexenwerk aus welchem noch ein ganz Anderer als Uli nicht gekommen
wäre Uli hatte aufgemacht und hatte nicht aufgemacht Grössere Posten waren
aufgeschrieben aber kleinere begreiflich nicht Verkaufte Kühe waren
aufgemacht aber von verkauften Kälbern fand man wenig Spuren von verkauften
Ferkeln gar keine so wollten im Buche sich nicht reimen Ausgaben und Einnahmen
und mit dem vorhandenen Gelde passte die Bilanz im Buche erst nicht Im Buche
fehlten alle kleinen täglichen Ausgaben nur die größeren Summen stunden da Wer
aber einige Zeit hausgehalten hat weiß wie viel Kleines zu was Grossem sich
summiert Kurz ins Reine brachte er es nicht er kam bloß so weit ins Klare dass
er mehr als zweihundert Taler in bar gespart Das Vieh im Stall war von
geringerem Werte als das welches er übernommen dagegen besaß er noch ein
ziemlich Quantum Korn weit mehr als für den Hausbedarf bis zur Ernte Vorräte
von allen Sorten wie sie einer Haushaltung wohl anstehen hatte Vreneli doch
gemacht seit der Bodenbauer seine Vorlesung über Hausökonomie gehalten war es
von Uli weniger gehindert worden Was er an Vorräten harte schätzte er zu
ungefähr hundert Talern so dass also sein Gewinn oder Arbeitslohn zum wenigsten
dreihundert Taler betrug Zuerst wollte er sich freuen darüber dieweil das ein
so schöner Anfang sei aber nach und nach flogen ihn allerlei Mücken an Er
fand dass dies doch eigentlich nichts sei Es sei ein ausgezeichnet gutes Jahr
gewesen sagte er und nur dreihundert Taler Jetzt habe er bar auf der Hand
dass er in ordinären Jahren nichts verdiene nicht so viel als sein schlechtest
Knechtlein Sollte es aber Fehljahre geben könne er nicht bloß dreihundert
sondern sechshundert Taler verlieren so gut als einen Batzen Wo dann die
nehmen Und gesetzt meinte er endlich was seien doch dreihundert Taler für so
viel Not und Mühe und so große Gefahr um alles zu kommen Da müsse man es sein
Lebtag böse haben und komme doch zu keinem Vermögen Dann sei es nicht gesagt
dass man immer gesund bleibe und arbeiten möge wie ein Hund bis in das höchste
Alter Am Ende wäre es besser gewesen er wäre Knecht geblieben dachte Uli so
finster kam es ihm ins Gemüt Der Uli der vor Jahren dreihundert Taler für ein
unerschwinglich Vermögen angesehen hatte der achtete sie jetzt für nichts und
hatte gute Lust wirbelsinnig zu werden weil er in einem einzigen Jahre bloß
dreihundert Taler verdient So kann der Mensch sich ändern so wunderlich kann
es ihm in den Kopf kommen
Vreneli sprach ihm zu und sagte ihm Er mache ihm recht angst Das sei
Undank gegen Gott und wo der sei da zeige Gott gerne dass die Sache an ihm
liege und wenn man nicht zufrieden sei mit seiner Güte man sich fügen müsse in
seine Strenge Es wären Tausende welche Gott auf den Knieen danken würden wenn
sie zu dreihundert Talern kämen Es sei noch kein großes Vermögen aber doch ein
schöner Anfang es decke den Rücken und um so getroster könne man der Zukunft
warten Dass es so viel sei hätte es nicht geglaubt und wenn nur Uli zufrieden
sei so habe es den festen Glauben es komme alles gut aber zu viel auf einmal
wollen das sei vom Bösen damit verderbe man es gerne bei Gott und bei den
Menschen Zur Beredsamkeit enfaltete Vreneli noch seine ganze Liebenswürdigkeit
und brachte es wirklich dahin dass es aus Ulis Kopf die Mücken ausjagte und
dieser als er sich endlich aufmachte um Joggeli den Zins zu bringen ein ganz
zufriedenes Gesicht hatte
Derselbe hatte wirklich schon alle Hoffnung aufgegeben heute sein Geld zu
sehen Das sei Bosheit vom Uli sagte er seiner Frau Derselbe hätte es er
wisse es wohl aber er wolle ihn nur plagen doch das solle ihn nichts nützen
je länger er mit dem Gelde warte desto mehr schlage er ihm mit dem Zinse auf
Er tat noch viel nötlicher als drüben Uli so dass auch hier das Weib das
Mittleramt übernehmen musste Er solle sich doch schämen so nötlich zu tun Das
wäre wohl gut wenn sie kein Geld mehr hätten oder sonst nicht zu leben Es
könnte sein dass ihm zuletzt noch lieber wäre Uli sei ihm das Geld noch
schuldig als dass er es in Händen habe Es sei heute der erste Tag wo es
verfallen sei er solle doch denken wie Viele froh wären wenn sie den Zins im
ersten Jahre erhielten Selten einem komme es in Sinn den Zins auf den ersten
Tag zu bringen und Mancher hätte es noch ungern wenn sein Pächter am ersten
Tage käme als ob der Herr ohne das Geld nicht mehr auskommen könne »Das ist
mir hell gleich« sagte Joggeli »wie es Andern dünkt aber mir hat er
versprochen an die Hand zu gehen und wenn einer was verspricht sollte er es
halten sonst halte ich nichts mehr auf ihm« »Du hast mir auch manchmal schon
was versprochen und es nicht gehalten« sagte die Frau »Ja das ist was ganz
anderes« sagte Joggeli »ich bin nicht dein Pächter und du nicht mein
Lehenherr« antwortete Joggeli »Habe gemeint Halten sei Halten« entgegnete
die Frau Da klopfte es »Sieh doch Frau lauf doch kannst nicht vom Platz
vielleicht ist ers noch wäre brav von ihm Aber vielleicht hat er falsches Geld
und hat gedacht wenn es Nacht sei sehe ich es nicht Muss die bessere Brille
nehmen wenn er es ist«
Richtig war es Uli »Bin wohl spät« sagte derselbe »wenn man so viel Geld
in allen Winkeln zusammenlesen muss kann man sich darob versäumen Aber ich
wollte den guten Willen zeigen Da wärs alles in einem Seckel es ist ein großer
Bündel Aber wenn es Euch wohl spät ist so kann ich ja morgen wieder kommen Es
ist eine Zeit wo man so viel nicht versäumt« »Nein nein bleib bleib« sagte
Joggeli »Hat man einmal Geld im Hause wäre es ja dumm es wie der forttragen
zu lassen So ein Zinschen ist bald gezählt und wenn es auch größer wäre
könnte man daran machen bis man fertig ist« »Ja« sagte Uli »glaube für Euch
sei es nicht viel Ihr würdet ihn auch noch größer nehmen aber Geben ist nicht
gleich wie Nehmen Wenn Ihr ihn geben solltet und herausschlagen aus den
Steinen dann würde er Euch mehr als groß genug scheinen und billig und recht
wenn er kleiner wäre und abgemacht würde« So zählten sie und fochten mit
Worten wie es üblich ist wenn Pachtzinse gegeben und genommen werden Joggeli
brauchte die schärfere Brille fand jedoch trotz derselben kein falsches Geld
Die Sache sei recht sagte er wie er es erkennen möge Sollte aber am Tage sich
was noch zeigen so werde Uli nicht dawider sein es zurückzunehmen Er glaube
nicht dass was sei sagte Uli daneben könne man sich irren ja freilich Und
wenn Joggeli was finde ehe er dieses Geld mit dem seinen zusammengetan so
nehme er es schon wieder »Du wirst doch nicht etwa glauben dass ich dich
betrügen wolle« fragte Joggeli »Bewahre« sagte Uli »aber man kann sich
irren«
Joggeli tat wirklich das erhaltene Geld nicht zu dem seinen den Genuss mit
Zählen und Sortieren desselben den folgenden Morgen sich zu verkürzen ließ er
sich nicht rauben Am folgenden Morgen sagte seine Frau »Schreibe doch dem
Johannes ehe du was anders anfangst sonst wird heute wieder nichts daraus ich
muss es sagen es wäre mir lieb wenn die Sache an ihren Ort käme ds Elisi tut
so wüst ich halte es nicht lange mehr aus« »Freilich freilich« antwortete
Joggeli »geschrieben muss werden aber jetzt muss das Geld gezählt sein das
wirst doch begreifen Tue ich es mal weg und komme Uli hintendrein mit Irrtum
oder falschem Gelde so will er nichts mehr davon und ich habe das Nachsehen
begreifst«
Nun setzte sich Joggeli zurecht zu einem behaglichen flotten
Privatvergnügen beide Brillen legte er neben sich Bleistift und ein Stücklein
weißes Papier ebenfalls schüttete den Sack aus reihete das Bild recht
auseinander und begann nun eine vergnügliche Musterung welche bei der
speziellen Inspektion der einzelnen Stücke anfing Wo sie geendet hätte wissen
wir nicht denn wie Joggeli am besten daran war erschien unter der Türe die
breite Gestalt von Sohn Johannes »Ho da komme ich gerade recht« tönte es wie
aus einem mächtigen Weintrichter hervor
Wenn ein Blitz ins Stübchen gefahren wäre Joggeli hätte nicht ärger
zusammenfahren können die bessere Brille fiel auf den Boden und zertrümmerte
mit beiden Händen fuhr Joggeli über den Haufen her als wie zum Schutze »Gerade
recht beim komme ich nie hätte es mir anständiger sein können einen so
großen Haufen Geld beisammen zu sehen« sagte Johannes »den kann ich brauchen
mit dem lässt sich was machen« »Ja ja« sagte Joggeli »glaubs es weiß ein je
der was zu machen einen guten Schick hier einen guten Schick dort wenn ich
auch nur mal was davon hätte Aber ob den guten Schicken komme ich am Ende um
meine Sache darum will ich nichts mehr von guten Schicken hören diesmal
brauche ich das Geld selbst aber eine feine Nase musst haben dass du so manche
Stunde weit es gerochen hast dass ich einen Kreuzer Geld im Hause habe« »Nicht
wahr Vater« sagte Johannes »die Nase ist noch gut die habe ich noch nicht
versoffen die muss erst zuletzt an den Tanz Aber Scherz beiseite Vater die
Sache ist die ich muss Geld haben um mit Wein zu spekulieren jetzt ist was zu
machen gerade jetzt beim Abzug Wenn einer jetzt mit Geld ins Welschland
kommt so kann er einen prächtigen Schnitt machen fünfzig Prozente hat er so
gut als einen Kreuzer ich habe mit einigen Wirten es abgeredet hineinzufahren
sie sind gut bekannt kennen die besten Plätze aber mit dem Gelde steht es bei
ihnen schlecht da dachte ich an Euch und komme eben recht so mit tausend
Talern bar lässt sich schon was machen«
Potz Kuckuck wie speite Joggeli Feuer über diesen Vorschlag »Meinst ich
solle einen Geldseckel halten für das ganze Vaterland und mit demselben jedem
Hudelwirte zu Gevatter stehen Das Geld habe ich schon lange selbst nötig gehabt
brauche es selbst habe es verheißen musste ein ganzes Jahr mit Bangen darauf
warten es ist der Pachtzins und kaum habe ich ihn im Hause so führt dich der
Kuckuck daher als ob das Geld ein Aas wäre und du ein Fleischvogel Aber da
wird nichts daraus gehe zu deinem Schwäher der tut immer so groß hat das Maul
voll Gold soll mal auch die Hand in Sack stoßen und dir helfen es ist an ihm
so gut als an mir er soll mal zeigen dass er Geld noch wo anders hat als nur im
Maul«
Während der langen Rede strich Joggeli unwillkürlich den Haufen zusammen und
suchte nach dem Sacke er wähnte wahrscheinlich wenn es mal darin sei so sei
es geborgen Aber Johannes kannte den Vater und die eigene Macht Potz
Himmeltürke wie ließ er eine Rede fahren was das von einem Vater gemacht sei
wenn er dem Sohne vor seinem Glück sein wolle Was er mit seinem Reichtum
anfangen wolle mit in den Boden werde er ihn doch nicht nehmen wollen Der
Schwäher sei nur der Schwäher einstweilen ein Unflat tue er aber mal die Augen
zu so werde er im Ausmetzgen desto besser ausfallen Dann sei es ja nicht dass
er das Geld um Gottes willen begehre er wolle Papier dafür ausstellen es
genügend verzinsen wenn es sein müsse Ja ja sagte Joggeli Papiere hätte er
viele er könnte drei Jahre die Pfeife damit anzünden etwas anders würde er
damit wohl nicht anfangen können jetzt habe er mal Geld und zu demselben wolle
er jetzt Sorge tragen und während er sprach packte er so unmerklich als nur
möglich Geld in den Sack »Nun« sagte Johannes kalblütig und klopfte seine
Pfeife aus »wenn das so gemeint ist und Ihr mir nicht helfen wollt Wirt zu
sein wie es sich gehört so kann ich es anders machen ich gebe mein Wirtshaus
in Pacht oder verkaufe es wie es sich besser schickt komme her und will da
Bauer sein«
Das war ein Kernschuss Joggeli hörte alsbald mit Einpacken auf und sagte
»Bist doch gleich so aufbegehrisch man kann nicht mehr vernünftig mit dir
reden habe ja nie gesagt dass ich dir nicht helfen wolle aber alles Geld
fortgeben kann ich doch auch nicht ich und meine Alte müssen auch leben Du
glaubst nicht welch weit Maul eine Haushaltung hat was man alles kaufen muss«
»He« sagte Johannes »wenn Ihr die Zinse von dem Kapital braucht welches Euer
Herr Tochtermann Euch eingehändigt hat für verkaufte Vorräte so kommt Ihr schon
weit damit« »Schweig mir von dem Lumpenhund wegen ihm wollte ich dir
schreiben er bringt mich noch vor der Zeit ins Grab der Lumpenhund prügelt
Elisi Elisi läuft fort ist jetzt hier verpestet uns das Leben und er tut
kein Lebenszeichen lässt das Mensch uns auf dem Halse« »Warum gabet Ihr es
ihm« sagte Johannes »Bin nicht schuld daran« antwortete Joggeli »wollen
lieber nicht davon reden Aber wahrhaftig das Geld kann ich dir nicht alles
geben wieviel musst haben« »He mit sechshundert Talern ließe sich schon was
machen« antwortete Johannes Endlich marktete Joggeli bis auf fünf hundert
Taler hinunter leerte den Sack wieder aus zählte sie langsam mit bedenklichen
Seufzern zweg Johannes sah mit behaglichem Lächeln zu seit langem hatte er
nicht mit solcher Freude an einer Pfeife gezogen als an der welche er eben im
Maul hatte Als Joggeli endlich fertig war betrachtete er wehmütig den Rest es
war als dünke es ihm es lohne sich kaum der Mühe denselben wieder in den Sack
zu tun
Da ging die Tür auf und unter derselben stand der Lumpenhund der
Tochtermann Wohl da kam Leben in Joggelis Hände hui wie die fuhren nach dem
Gelde und es bergen wollten im Sacke Aber allzu große Eile tut nicht gut unter
den Tisch statt in den Sack rollten die Taler mit großem Gepolter und mit
schlauem Lächeln sagte der Baumwollenhändler »Da treffe ich es doch gut der
Vater wird was zu teilen geben wollen und ich komme wie gerufen« Johannes sah
ihn an mit dem Blicke eines Stiers der einstweilen noch an der Kette liegt
Joggeli aber sagte sie hätten zusammen gerechnet und er käme gerade recht auch
mit ihm hätte er noch zu rechnen wenn es ihm recht im Kopfe sei Das sei ihm
ganz recht sagte der Baumwollenhändler Besseres wünsche er nicht gleiche
Kinder gleiche Rechnung der Herr Schwager werde selbst es billig finden so Es
hätte ihn schon lange gelüstet mit ihm abzurechnen sagte Johannes besser
treffen hätte er es nicht können Mit ihm hätte er einstweilen keine Rechnung
sagte der Baumwollenhändler es könnte eine Zeit kommen wo es freilich noch
eine muntere absetzen werde jetzt wolle er davon nichts sagen sondern sich an
den lieben Vater halten der habe dem Herr Schwager Geld zurechtgelegt er wolle
sich jetzt auch rekommandiert haben es sei ein Kind wie das andere
Nun gab es einen wüsten Lärm der mehr als einmal in Handgemenge überzugehen
drohte dass mehr als einmal man Uli zu Hilfe zu rufen drohte der endlich damit
endete dass Johannes mit fünfhundert Talern der Tochtermann mit vierhunderten
davonfuhren Joggeli nichts übrig blieb als der leere Sack an dem er seinen
Zorn ausliess ihn mit seinem Stecken in der Stube herumtrieb bis derselbe unter
das Bett fuhr wo er einstweilen in Sicherheit war Der Tochtermann hatte eine
so gute Handhabe am Geldseckel als Johannes Er drohte Elisi dazulassen selbst
nachzukommen da eine kleine Fabrik einzurichten kurz Dinge ob welchen dem
Vater und der Mutter die Haare zu Berge stunden und vierhundert Taler ihnen als
ein sehr billig Lösegeld aus so großen Plagen er schienen wenigstens solange
Elisi und sein Mann noch da waren Aber als die Plagegeister abgefahren waren
nichts da war als der leere Sack unterm Bette da kam großes Elend über Joggelis
Gemüt Aus den Händen hatte er den Hof gegeben aus den Händen rissen ihm die
Kinder das Geld nahmen ihm wie mit Gewalt den Löffel ehe er gegessen hatte
Das hatte er also vom Verleihen welches man ihm so herrlich vorgestellt hatte
Aus dem Regen war er unter die Traufe gekommen Er hatte nun Ruhe aber eine
Ruhe vom Teufel wie er sagte ob welcher er verhungern konnte und wer war
daran schuld als seine Frau welche auch zum Verleihen geraten dasselbe ihm so
dringlich geraten und gleichsam mit Gewalt erzwungen hatte Die gute Frau hatte
einen schweren Abend und wusste nicht sollte sie wirklich bereuen ein Wort zur
Sache gesprochen zu haben denn erzwungen hatte sie dieselbe nicht erzwingen
tat sie ja nie was nur reden wie es sie dünkte und wo sie es in ihrer Pflicht
glaubte Auch das wird dem Menschen oft erleidet und verkümmert so dass ihm die
Vorsätze kommen fürderhin zu schweigen und zu keiner Sache mehr was zu sagen
Wenn solche Vorsätze stichhaltig wären so hätten die Pfarrer in den Kirchen für
nichts anderes zu bitten als für plötzlich stumm gewordene Weibspersonen nach
dem Beispiele welches einst ein Pfarrer gab Seine Frau war auch zum Vorsatze
des Schweigens gekommen der Pfarrer darüber wahrscheinlich geängstigt da die
verstummte Zunge sonst nicht zu den schweigsamen gehörte führte am nächsten
Sonntage wo seine Frau in der Kirche saß unter den Kranken welche der
Fürbitte der Gemeinde empfohlen wurden eine plötzlich stumm gewordene
Weibsperson an Man sagt der Erfolg soll wirklich so auffallend gewesen sein
dass der Pfarrer darüber erstaunt und in großen Schrecken gefallen Es ist
allerdings sehr schwer abzugrenzen zwischen Reden und Schweigen und unmöglich
wenn man die Grenze bestimmen möchte nach den Reden eines Joggeli der in seiner
Schwäche das Beste verkehrte die besten Ratschläge zunichte machte und dann die
Schuld dass er wirklich Dornen las von Weinstöcken Andern zuschob Schweigen
und Reden beides gleich zum Vorwurf machte Bei solchen Gemütern entrinnt man
Vorwürfen nimmer darum muss man tun nach seiner Pflicht und nach dem Masse seiner
Stellung Ein Mann darf gebieten ein Weib darf sagen mahnen warnen
Joggeli gehörte zu den unglücklichen Menschen welche weder was Gutes
ausführen können noch was Gutes ausführen lassen Wollte er was recht war so
lähmten ihn böse Einflüsse welche stärker waren als seine Kraft wollte jemand
anders was Gutes so stach ihn der alte böse Mensch in der eigenen Seele dass er
diesem Willen hemmend in den Weg trat und ihn wenn nicht ganz hinderte so doch
lähmte Das sind unglückliche Menschen ihnen geht alles schief sie selbst sind
immer Klagens voll aber sie erkennen nun und nimmer wie ihr Charakter ein
Gemisch von Schwäche und Bosheit ist ein bitterer Kelch aus dem sie und Andere
trinken müssen und der nie leer wird sondern stets neu sich füllt weil eben im
Kelch eine lebendige bittere Quelle ist das dem Eigentümer unbekannte Gemüt
Alle Leute können nicht Helden sein aber alle Leute sollten doch zu der
Erkenntnis gebracht werden dass zwischen unglücklichen Verhältnissen und
Gemütskrankheiten ein wunderbarer Zusammenhang ist und zu dem ernstlichen
Bestreben diesen Zusammenhang zu fassen um namentlich zu der Weisheit zu
kommen welche nie Ursache mit Wirkung nie Wirkung mit Ursache verwechselt nie
die Quelle des Unglücks in der Luft sucht wahrend sie tief im eigenen Ich
sprudelt
Neuntes Kapitel
Vom Gemüt und vom Gesinde
Ein Jahr ist nicht alle Jahre so sagt ein Sprüchwort die Wahrheit desselben
erfuhr Uli Es war ein spät Frühjahr war wetterwendisch Wetter man musste die
Zeit zur notwendigen Arbeit stehlen musste in Wind und Wetter in Schneegestöber
manchmal aushalten fast wie die Franzosen in Russland Nun die waren
diszipliniert darum schlugen sich noch so viele durch und kamen mit dem Leben
davon Wäre es lauter undiszipliniertes Volk gewesen kein Mann wäre aus Russland
gekommen Nun aber hatte der arme Uli weder alte noch junge Garde sondern
undiszipliniertes Volk in der Mehrzahl Das war ein schrecklich Fuhrwerken mit
demselben Wer hat wohl schon an einer Ziege gerissen damit sie rascher
marschiere Der hat es erfahren wie die Ziege statt rascher zu marschieren
mit all vier Beinen verstellt und gar nicht mehr vom Platz will So geht es auch
mit Dienstboten welche undiszipliniert sind sie halten zurück sie machen
immer langsamer am Ende gar nichts mehr Jeder stellt so gleichsam einen
Knittel vor der sich dem Meister zwischen die Beine wirft wenn er rascher
zufahren will Von dieser Widerspenstigkeit wurden allgemach auch die Tagelöhner
angesteckt es entstand eine heillose Wirtschaft Uli arbeitete sich ab wie ein
Ross in einer Tretmühle wie das Rad umgeht liefen die Tage vorbei aber wie das
Pferd nicht weiter kommt so schien Uli gebannt und nicht vorwärts zu kommen
Je schlechter man arbeitete desto mehr klagten die Leute über Ulis
Unverständigkeit wie man ihm nie genug arbeiten könne auch wenn man sich quäle
wie ein Hund Natürlich hatte man immer später Feierabend Uli immer mehr zu
treiben und zu tadeln daher die Leute scheinbar Grund zu klagen Begreiflich
suchten sie den Splitter in Ulis Augen den Balken im eigenen sahen sie nicht
Sonst hatte Uli den Sonntag respektiert Misten Grasen und sonstige Arbeit
vermieden war gerne am Sonntag zur Kirche gegangen hatte ordentlich Appetit
nach Gottes Wort er hatte die Natur welcher die Worte des ewigen Lebens wohl
taten Bedürfnis waren gleichsam eine Nahrung welche die Natur verlangte Wie
aber Nebel in Täler sich drängen allgemach bis die Täler endlich voll Nebels
sind und unsichtbar die Sonne geworden ist so drängte sich allgemach die Arbeit
in den Sonntag hinein er ward finster das ewige Licht schien immer düsterer
schien am Ende gar nicht mehr hinein Was sonst am Samstag gemacht worden war
ward verlegt auf den Sonntagmorgen und wenn Uli nicht selbst dabei war ward es
gar nicht gemacht Die lumpigsten Knechtlein waren Nachtschwärmer wie es die
meisten sind stunden am Sonntag nicht auf und was Uli darüber sagen mochte es
half alles nichts sie hatten keinen Glauben zu ihm sondern das Vorurteil gegen
ihn dass allem was er sage eigennützige Absichten zum Grunde lägen Wo das
einmal so ist hat es gefehlt da hilft alles Zureden nichts Bei den meisten
Menschen muss der Glaube es machen zum Erwägen und Erkennen einer Sache sind sie
untauglich Dieses fühlen sie dunkel daher das Misstrauen namentlich gegen
alle welche über ihnen stehen daher die unbegreifliche Hartnäckigkeit mit
welcher sie das Verderblichste treiben wenn es ihnen von Leuten eingebläuelt
ist zu welchen sie den Glauben haben Die Menschheit steht unendlich mehr unter
der Herrschaft des Glaubens als man wähnt Freilich frägt sich dann immer an
wen man glaubt Je nachdem die Gemüter sind hat ein Glaube Gewalt über sie wie
die verschiedenen Stoffe verschieden empfänglich sind für das Licht daher auch
in verschiedenen Farben sich darstellen Nur kann nie genug gesagt werden dass
der Glaube nicht abhängt von Verstand oder Bildung Bei Verstand oder Bildung
findet man sehr häufig eine Glaubensweise oder eine Leichtgläubigkeit welcher
jeder Christ sich schämen müsste Es gibt sogar Gelehrte welche glänzende Examen
gemacht sie verachten die Evangelien aber sie schwören mit einem wahren
Köhlerglauben zu den Kollegienheften eines versoffenen Professors
Ulis Knechtlein ists also nicht zu verargen dass sie das Heilsame in seinen
Ratschlägen nicht begriffen dieweil sie halt keinen Glauben zu ihm hatten Aber
Uli ist zu bedauern dass er sich den Sonntag rauben ließ gleichsam so
unvermerkt wie Diebe die Börsen stehlen sollen denn war er vormittags nicht in
der Predigt kam er nachmittags noch viel weniger in die Kinderlehre kam aber
auch zu keinem Buche Nachmittags musste er irgendwo aus wo er an den
Arbeitstagen sich nicht Zeit nahm einem Handwerksmann nach oder um eine Kuh aus
oder wollte Geld von einem Müller für Korn oder einem Wirte für eine fette Kuh
Es war immer etwas zu laufen und manchmal lief er sich außer Atem und ward doch
nicht fertig
Man glaubt aber nun gar nicht was das für einen Einfluss auf ein Gemüt hat
wenn kein Lichtstrahl von oben es mehr erleuchtet kein Himmelsbrot es mehr
kräftigt die Dornen und Disteln des Lebens es überwuchern die Sorgen und
Gedanken um Gewinn und Gewerbe es dichten Nebeln gleich umschleiern Man denke
sich eine wilde Kluft in welche die Sonne nie scheint aus welcher die Nebel
nie weichen man denke sich was da wächst was da kriecht und flattert man
denke sich das grausige Leben wenn man gebannt würde in eine solche Kluft da
leben müsste in den Nebeln unter dem giftigen Gezüchte und ohne Sonne nicht
einmal sich heben dürfte empor über den Rand der Kluft nicht einmal mehr den
Kopf recken könnte über die Nebel empor in frische gesunde Luft hinein Ähnlich
nun ist es wo der Geist des Herrn nicht über den Wassern schwebt das Wort von
oben nicht mehr die Sonne ist welche die Nebel niederschlägt wo im Dunkeln
kriechen und wachsen kann was dem finsteren Gemüt entwächst was die Welt
ablagert in das finstere Gemüte Man denke sich doch wie es werden muss wenn
die Gedanken welche dem Leibe entstammen die Empfindungen welche Hass und Neid
gebären die Sorgen welche das Gefühl der eigenen Ohnmacht emportreibt die
Kümmernisse ums tägliche Brot und des äußeren Daseins Bestand alle bleiben
kriechen und schleichen durchs Gemüte wie es da frostig und finster und
unheimlich werden was da für ein Leben sich gestalten muss wenn des Herren Wort
die Empfindungen nicht läutert Kümmernis nicht verscheucht die Gedanken und
das Trachten nicht nach oben zieht wenn es immer und immer nur tönet Was
werden wir essen womit werden wir uns kleiden wie kann ich meinen Bruder
übervorteilen im Handel wie kann ich mich rächen mich erhöhen ihn
erniedrigen Eine unerhörte Verkümmerung der Gemüter wird täglich sichtbarer
die Bande der Liebe und der Verwandtschaft faulen und lösen sich das Hohe und
Edle bleibt unbegriffen ungesucht Begeisterung wird lächerlich Selbstsucht
zur Sittlichkeit und woher wohl das Weil die Sonne fehlt die den Nebel
niederschlägt weil das Wort fehlt welches die Seelen speiset die Liebe
zeuget zum Himmel zieht
Diesen Wandel bei Uli fühlte niemand schmerzlicher als Vreneli Es tat ihm
vor allem weh dass die Sonntagsruhe von der Glungge wich das Getümmel der
Arbeitstage nicht verstummte das rechte Feierkleid so glänzend rein und schön
Haus und Hof nie mehr so recht angezogen wurde Wie Uli auch trieb und selbst
zuweilen Hand anlegte so recht aufgeräumt wurde nicht mehr Zeit und Hände
fehlten Zeit und Hände mussten immer mehr da verwendet werden wo ihr Tun was
eintrug Aber mehr noch grämte sich Vreneli wegen der Verdunklung von Ulis
Gemüt Seine Gedanken waren bloß auf Gewinn und Gewerb gerichtet Sinn für was
anderes zeigte sich immer weniger immer weniger konnte Vreneli ein hoher
besser Wort mit ihm reden auf der Stelle war er bei Haushaltungssachen und dem
was in Mein und Dein einschlug Er hatte selten Zeit mehr das liebliche Mädchen
auf den Knieen zu schaukeln oder auf den Armen ums Haus zu tragen und machte
ein ärgerliches Gesicht wenn zuweilen sich jemand mit ihm versäumen musste was
doch bei einem so jungen Kinde nicht anders möglich war Ja manchmal schien es
Vreneli als sei Uli bereits auf dem Punkte angekommen wo man nicht mehr frägt
Was ist recht vor Gott und macht das Herz nicht schwer wenn es noch heute
gestorben sein muss sondern Wie komme ich am weitesten und was trägt mir am
meisten ein Das ist ein so gewöhnlicher gemeiner Standpunkt und es stehen so
viele Menschen darauf dass man es nicht einmal merkt auf was man steht und wer
darauf steht Vreneli stund aber nicht auf diesem Standpunkte Ehrlich währe am
längsten daran glaubte es und für unehrlich hielt es was man nicht gern
hatte dass es einem in Handel und Wandel angetan würde Es sah zu seiner Sache
nahm gerne einen guten Preis dafür über vorteilte jedoch niemand hing niemand
was Schlechtes für was Gutes an Es hatte die ganz sichere Ansicht dass bei der
Ehrlichkeit der größte Vorteil sei Betrüge ich jemand so hütet sich der vor
mir und sagt es noch Andern Gebe ich ihm die Sache recht und gut so kommt er
wieder und sagt es Andern So habe ich guten Absatz und gerne gibt man mir was
ich fordere Ich möchte mir nicht nachreden lassen dass ich jemand verkürzt
hätte sei es Reich oder Arm so kalkulierte Vreneli Uli im Nebel seines
Treibens verlor die Fassungskraft für diese Grundsätze sein Gesichtskreis zog
sich zusammen er begann dafür zu halten dass ein Spatz in der Hand besser sei
als eine Taube auf dem Dache dass man nicht einen Kreuzer nach einem Taler
werfen solle indem man leicht um beides kommen könne dass jeder heute machen
müsse was er könne dieweil er nicht wisse ob morgen noch ein Tag für ihn sei
Das ist die kurzsichtige Politik kurzsichtiger Menschen welche nie an die
Folgen denkt eine Politik an welcher so unendlich Viele verarmen an Leib und
Seele eine Politik welche jedoch durchaus nicht zu verwechseln ist mit dem
Ausspruch des Herrn Sorget nicht für den morgigen Tag Es ist genug dass jeder
Tag seine eigene Plage habe Der führt uns bloß zu Gemüte dass wir uns nicht
kümmern sollen um das woran wir nichts machen können was aus Gottes Hand
alleine kommt dass wir trachten sollen nach dem Reiche Gottes und seiner
Gerechtigkeit also darum uns kümmern sollen das Rechte zu tun in allen Dingen
den Willen Gottes zu vollbringen wie die Engel im Himmel dass zu uns komme sein
Reich dass geheiligt werde sein Name
Es schien Vreneli als ob es kalt werde um ihns Es war ihm wie es dem
Frühling sein muss wenn er in der Liebe der Sonne aufgeblüht allmählich
abnehmen fühlt der Liebe Wärme kalte Winde um ihn wehen eisig tödlich der
Reif sich naht wie es der Erde sein müsste wenn feindselig unwiderstehlich eine
Macht ihr ins Herz dringen würde und dort ausblasen wollte mit eisigem Munde die
Feuer welche des Herrn Hand selbsteigen sich angezündet auf dem aller
heiligsten der Altäre auf dem Herzen der Erden Die Sterne über seinem Leben
schienen erbleichen sein Leben sich gestalten zu wollen zum Leben eines Hundes
in einer Tretmühle wo die Tage umgehen aber das Trippeln und Trappeln alle
Morgen neu angeht in gleicher Pein und gleichen Ängsten bis am Abend die
Glieder steif geworden und die Ruhe gesetzliche Notwendigkeit Es war nicht die
Arbeit welche Vreneli beschwerlich fiel es war die Atmosphäre in welcher die
Arbeit verrichtet werden sollte Mit erfrornen Fingern macht man keine Knoten
auf mit erkältetem Gemüte wird Leichtes schwer verbracht Liegt wohl hier ein
bedeutender Teil der Schuld dass Arbeit so schwer wird die Klagen darüber so
laut die Sucht nach bloßem Genuss so mächtig der Neid gegen Begünstigtere so
giftig die Menge oben und unten so weichlich Sehr möglich dass der Dunstkreis
des Gemütes der Arbeit so günstig ist bei uns wie der Dunstkreis in Grönland
Äpfeln und Birnen von Trauben wollen wir nicht einmal reden
Es ging schwer und alle Tage schwerer das fühlte Vreneli wohl und mit alle
Tage größerem Schmerze In Beziehung auf den Landbau gehörte das Jahr zu den
mühseligen zwar und doch zu den gesegneten Es gibt solche Jahre zuweilen wo
man alles so mühsam stehlen muss und wenn man am Ende alles übersieht so hat
man einen reichen Segen gewonnen Jahre wo unser Herrgott das ganze Jahr
hindurch es selten jemand recht macht ein beständiger Jammer ist es sei nicht
gut es komme nicht gut und am Ende ist alles wohl geraten alles gut gekommen
und jedermann muss sagen Es ist doch gut dass ein Anderer als ich das Wetter
macht und dass unsere Gedanken nicht seine Gedanken und unsere Ungeduld nicht
seine Ungeduld ist Uli machte mehr als hundert Taler mit Raps oder Reps mit
Klee und Flachssamen hatte eine Masse überflüssiger Kartoffeln war glücklich
im Stall gewesen er hatte das Meiste selbst besorgt so dass er aus Sachen
welche man sonst eben weniger rechnet eine bedeutende Summe löste Es lässt sich
mit solchen Pflanzungen aller Art viel machen aber sie brauchen fleißige Hände
Sie nehmen Leute und Zeit in Anspruch und wo man ohnehin von beiden zu wenig
hat schaden sie mehr als sie nützen Man versäumt entweder sie oder die
Hausarbeiten und nichts ist beim Landbau nachteiliger als unrechte Zeit und
schlechte Arbeit Was man an der Arbeit spart muss man doppelt und dreifach am
Lande büßen manchmal alsbald manchmal erst nach zwei drei Jahren Das nun
fasste Joggeli ins Auge und behauptete Uli nutze ihm den Hof aus und so sei es
keine Kunst Geld zu machen Wenn der Hof dann nichts mehr abtrage so gebe er
ihn ihm wieder an die Hand und er könne zusehen was damit machen er ward
hässig darüber er sagte er hätte es auch machen können wenn er gewollt aber
er hätte nicht das Haus zum Fenster aus werfen wollen die welche ihm zu einem
Pächter geraten sollten jetzt kommen und sehen wie es ihm ergehe geraubet
werde ihm das Geld verhunzet das Land und wer sich das alles müsse gefallen
lassen und froh sein wenn man ihm nicht noch die Kleider nehme das sei er
Joggeli der Glunggenbauer
Aber neben diesem großen Verdruss hatte er doch auch seine große Freude und
diese Freude erwuchs ihm aus dem Missgeschick welches Uli mit seinem Gesinde
hatte Es war ein edler Stoff Ulis alter Meister der Bodenbauer hatte ihn
belehrt über die Bedeutung welche ein guter oder böser Name für einen Knecht
oder eine Magd hat und dieses hatte Uli vollkommen begriffen danach gelebt
und den Erfolg erfahren Nun hätte der Bodenbauer Uli auch Vorlesungen halten
sollen über den Wert des guten oder bösen Namens für Meisterleute das hatte er
leider unterlassen Wahrscheinlich dachte er Uli werde die allgemeine Regel
auch auf sein neu Verhältnis anwenden können aber im Anwenden insbesonders auf
sich und seine eigenen Verhältnisse sind nicht alle Leute stark Gar viele
haben es wie der Vogel Strauss der wenn der Jäger ihm an der Ferse liegt den
Kopf unter einen Flügel steckt und meint der Jäger sehe ihn nun so wenig als er
den Jäger Überhaupt haben die meisten Menschen die Meinung sie seien gerade
recht wie sie seien und wer anders sei als sie der sei nicht recht Diese
Meinung findet man auf allen Stufen der Gesellschaft sie macht sich geltend in
allen Lebens gebieten vom absoluten Staate weg bis ins Bettlerhandwerk hinein
Einem Absoluten oder einem mit absoluter Meinung von sich selber kommt es nie
in Sinn dass er nicht den rechten Namen habe dass er mit besonderer Vorsicht für
einen guten zu sorgen hätte Von solch absoluter Gesinnung sind nun unendlich
viele Meisterleute es fällt ihnen nicht ein dass in der Masse der Dienstboten
jedes Haus jeder Meister und jede Meisterfrau einen viel ausgeprägtern Namen
haben als Dienstboten unter den Herrschaften Es ist unter den Dienstboten ein
viel größerer Zusammenhang ein viel inniger Zusammenhalten als unter den
Herrschaften Ach Gott wenn so manches gute liebe Frauchen wüsste wie sie
betitelt wird unter dem Gesinde wie schwarz ihr Name angeschrieben stünde in
der Weltgeschichte der Gesindestube welch schrecklich dumme lächerliche
Geschichten man ihr nacherzählte sie kriegte sicherlich Ohnmachten Sie meint
es nicht böse aber sie hat keinen Begriff von diesen Verhältnissen darum
tölpelt sie darin so schrecklich herum Es ist merkwürdig wie dumm die Leute
sind besonders die Gebildeten Da lassen sie zum Beispiel ihre Töchter bilden
mit großer Not und Geld im Ausland und im Inland in Klöstern und Pensionen
mit Gouvernanten und Tanzmeistern damit der Tölpel abgeschliffen werde damit
sie sich in gebildeter Gesellschaft in Salons und auf Dampfschiffen ohne
Anstoß aber mit Anstand leicht und angenehm bewegen könnten Denn wohl
gemerkt dies müsse gelernt sein sagen sie und eingeübt von selbst gebe das
sich nicht so viel Verstand haben sie und richten ihre Töchter zum einfachen
Teeservieren zum Beispiel monatelang ab Aber so viel Verstand haben sie nicht
zu begreifen dass man auch das Bewegen nach unten in Gesindestube und Küche
erlernen und einüben muss dass man da mit Anstand und taktfest sich bewegen
lerne nicht tölpelhaft werde und verhöhnt von Spandau bis Magdeburg Man glaube
es doch nur es kommt unendlich mehr Elend ins Haus ins Gemüt ins tägliche
Leben wenn die Herrschaft namentlich die Frau taktlos und tölpelhaft in der
Küche und unter dem Gesinde hantiert als wenn sie linkisch im Salon tut und
eben nicht graziös sich zu beugen und zu neigen weiß Ach Gott wie manches
gute liebe Frauchen sah dies nach Jahren nachdem sie unsäglichen Jammer
ausgestanden ein Elend geschluckt hatte ein zehnmal größeres als Napoleon im
Feldzug von Russland endlich ein lernte was sie versäumt hatte suchte gut zu
machen den Ruf zu verbessern aber wie lange versuchte sie dies umsonst Ein
guter Name geht in Augenblicken verloren ein schlechter wird in Jahren nicht zu
einem guten Ist bei einer Herrschaft welche nicht im guten Geruch steht eine
Stelle leer so melden sich diejenigen nicht welche etwas auf ihrem Rufe
halten Ein guter Knecht hält sich für hundertmal mehr als ein schlechter
Meister und es tief unter seiner Würde bei ihm sich zu melden er findet
überall sein Fortkommen Es meldet sich also lauter mittelmäßig oder schlecht
Zeug und auch dieses tritt mit vorgefasster Meinung ein »Da mache nur was du
willst und lass dich nicht kujonieren da bleibst doch nicht lang da ist noch
Keins lange geblieben« heißt es in allen Ecken Ja so ein Mägdlein würde es
für eine eigentliche Schmach halten wenn es länger bliebe als die Andern und
was es während der kurzen Zeit der Madame zu schlucken gibt und für Ärger macht
wer spricht es aus wer schreibt es nach Und dies alles rühmt es als
Heldentaten beim Brunnen beim Bäcker beim Fleischer und wenn es beten täte
würde es dasselbe sagen es Gott rühmen so verdienstlich kommt es ihm vor Dass
endlich dabei das Gemüt eines Meisters oder einer Meisterfrau versauert und
verbittert wen will das wundern Was ist dies für ein Dabeisein Wir fragen
Aber kann es anders kommen wenn man mit solchen Vorurteilen in ein Haus kommt
oder wer will von ungebildeten rohen Menschen erwarten dass sie alsbald
Misstrauen und Vorurteile ablegen die Verhältnisse sehen wie sie sind Wer will
das Aufgeklärten zumuten Jeder neue Dienstbote erneuert also den alten Ruf ob
mit Recht oder Unrecht das untersucht niemand mehr man nimmt es als einmal
gegeben an als ein fait accompli frischt also damit das alte Elend neu auf
und fast unmöglich wird es beim besten Willen diesem Ruf bei Lebzeiten noch ein
Ende zu machen
Daran hatte eben Uli nicht gedacht und musste es erfahren hatte nur eines im
Auge gehabt musste erfahren wie es einem geht der nur nach den Sternen am
Himmel guckt und nicht auch auf die Steine im Wege Uli hatte den Karrer
fortgejagt den Melker einmal geprügelt er hatte die Ruhe eines
altaristokratischen gewiegten Bauern noch lange nicht Kaum ein Bauer verstund
die Arbeit besser als er war befähigter zu befehlen und das machte ihn am
zornigsten dass sein Gesindel dieses nicht einsehen wollte sondern ihn immer
betrachtete als seinesgleichen dass wenn er was befahl mit groben Zügen auf
ihren Gesichtern zu lesen war Du bist nicht mehr als wir warum solltest du das
besser wissen dass sie so gar keinen Respekt vor ihm hatten mit seiner Sache
umgingen als wäre sie die ihre als hätte er gar nichts danach zu fragen Er
erfuhr was es heißt Knechte und Mägde dressieren der Faden seiner Geduld riss
und nach jedem Riss war es schwerer ihn zusammenzuknüpfen Immer weniger
Komplimente machte er mit seinem Gesindel wie er es nannte Es seien deren wie
Sand am Meere welche froh seien über solchen Dienst und gerne was lernten er
wolle besser auslesen da habe er gefehlt sagte er Aber der fortgejagte
Karrer der geprügelte Melker Andere welche fort sollten Tagelöhner welche
es mit den Dienstboten gehalten und die Uli entlassen alle kriegten Mäuler wie
Trompeten und verschrien Uli zehn Stunden in der Runde als ob er Hörner hätte
auf dem Kopfe Krallen an den Fingern und Klauen an den Füßen und logen
nebenbei noch klafterhoch dass man eigentlich darüber hätte stolpern können
Aber es glaubten dieses die Bauern gerne denn Uli gehörte nicht zu ihnen hätte
aber gerne werden mögen was sie es glaubten es die Dienstboten gerne weil er
einer war der sich über sie er heben wollte und weil es alle gerne glaubten
so glaubten sie es um so fester
So war der Zudrang zu Ulis Dienst nicht halb so groß als er gedacht Die
Besten kamen nicht weil er nur Pächter war Man sage was man will im Grunde
des Herzens sind alle Menschen Aristokraten denn so hat sie unser Herrgott
geschaffen Bei einem Bauer dient der Knecht der sich für einen Pächter zu gut
glaubt bei einer Herrschaft eine Magd welche für ihr Leben nicht eine
Bauernmagd gewesen wäre und wenn ein Dienstbote sich was Gutes zu Gemüte führen
oder sich recht rühmen will so sagt er Er habe in lauter vor nehmen Häusern
gedient nur so zu gemeinen Bürgersleuten hätte man ihn mit keiner Gewalt
gebracht Die Zweitbesten schreckte der böse Ruf ab Man sage ein Jahr sei bald
um meinten sie aber wenn man es in der Hölle zubringen müsse so strecke es
sich dass man verzweifeln müsse das Ende zu erleben einmal hätten sie es schon
erfahren probierten es ferner nicht
Bloß unter den Drittbesten hatte Uli auszulesen Ja da ists schwer auslesen
und was Gutes treffen Diese Drittbesten zerfallen zumeist in zwei Abteilungen
die erste besteht aus angehendem Volke undisziplinierter Miliz zu vergessen
ist dabei nicht dass die besten Angehenden nicht unter diese Klasse gehören Die
besten machen ungefähr den Kurs durch den Uli machte Die zweite Abteilung der
dritten Klasse wird aus denen geschaffen welche was Unrichtiges haben daher in
nächster Nähe nicht Dienst finden sondern ihr Heil weiter suchen müssen Sie
kennen mehr oder weniger den Dienst wissen sich als Gediente darzustellen
haben aber was an sich welches nicht jedermann liebt die Einen haben zu lange
Finger Andere zu weiten Schluck zu langen Durst Andere zu langsame Beine
Andere ein zu geläufig Maul Andere zu heißen Zorn Andere zu heiße Liebe kurz
was welches nicht passt und namentlich für einen Meister sehr unbequem ist Das
Ding welches nicht jedermanns Sache ist ist in der Nähe bekannt geworden sie
müssen daher ihre Platze in der Ferne suchen wohin ihr Ruf noch nicht gedrungen
ist müssen vorlieb nehmen mit allem was sie finden Solche unbeliebige
Eigentümlichkeiten sollten von Rechtswegen in Zeugnissen bemerkt oder wenigstens
angedeutet sein denn wofür hat man eigentlich Zeugnisse Aber gerade hier ist
ein fauler Fleck im ganzen Verhältnis und eine Meisterschaft schmiert die
andere auf das schmählichste an
Ein solches Zeugnis soll enthalten den Ausdruck der Zufriedenheit oder
Unzufriedenheit mit einem Dienstboten die Gründe von beiden sollen wenn auch
nicht ausdrücklich bemerkt so doch angedeutet sein Denn ein Zeugnis soll
Wahrheit enthalten es wird als Wahrheit bezeugt durch Namensunterschrift man
soll dazu stehen können mit einem Eide Diese Zeugnisse wurden eingeführt um der
Meister und der Dienstboten willen Einem Hausvater darf und soll es nicht
gleichgültig sein wen er in sein Haus aufnimmt Jeder Mensch hat seine
Bedeutung in einem Hause trägt mehr oder weniger zur Stimmung des Hauses bei
kann vergiftend und verpestend des Hauses größtes Unglück sein ein Laster
einschleppen wie ein Pestkranker die Pest Darum will ein Hausvater wissen wen
er in sein Haus aufnimmt Wenn derselbe Fehler hat so kann er vor denselben
sich in acht nehmen aufpassen bessern Bedingungen stellen usw Die Zeugnisse
sind aber noch wichtiger für die Dienstboten selbst Wenn ein Knecht weiß Ich
verdiene in diesem Jahre nicht bloß den Lohn sondern auch ein Zeugnis und zwar
eines nach der Wahrheit akkurat wie ich mich aufführe ein gutes oder ein
böses so kommt dieses seiner Schwachheit zu Hilfe lehrt ihn aufpassen stärkt
seine Kräfte Sie sind was dem Studenten seine Examen Promotionen und daherige
Testimonien sind Ach wir sind gar armselige schwache Geschöpfe Mit allen
möglichen Mitteln muss man unserer Schwachheit aufhelfen uns auf klepfen aus
unserer Faulheit und Selbstvergnüglichkeit und dahin bringen dass wir unsere
Tage mit Weisheit zählen damit wir Erfahrungen ins Herz bringen Dienstboten
haben solche Stärkungen wohl so nötig als Studenten Leichtsinn und
Gedankenlosigkeit kommt über das rohere Gesindel wohl so häufig als über
gebildete Jünglinge welche denn doch täglich geistige Speise zu sich nehmen
Und wie oft schleicht sich die Bosheit ein welche die Herrschaft absichtlich
plagt mit Vorbedacht allen möglichen Schabernack ihr antut und weder durch
Bitten noch Drohungen sich abwendig machen lässt Wenn nun rechte wahr hafte
Zeugnisse wären wenn jeder Dienstbote wüsste was er treibt kommt in die
Rechnung ins Zeugnis und da steht es geschrieben und bleibt geschrieben bei
jedem neuen Meister muss ich mich ihretwegen entschuldigen und kann den Fleck
nicht tilgen sondern bloß durch gute spätere Zeugnisse bedecken so gleichsam
annullieren es würde gar Mancher größere Aufmerksamkeit auf Tun und Dienst
verwenden würde allmählich zu einem tüchtigen Wesen heranwachsen zu
selbsteigenem Nutz und Frommen Es würde wirklich ganz anders aussehen in der
Gesindewelt
Nun aber ist das Ding verpfuscht die meisten Zeugnisse sind untreu lügen
an wer sie liest und warum Vor allen Dingen wahrscheinlich aus einem gewissen
Mitleiden einer falschen Barmherzigkeit Das Mensch weinte flehte bat man
möchte ihm doch verzeihn es nicht unglücklich machen seine Sünden ihm nicht im
Zeugnis verewigen es wolle sich gewiss und wahrhaftig bessern Die weichen
Meisterherzen ließ sich bewegen dachten es wäre doch wirklich hart das
Mensch unglücklich zu machen ihm sein Lebtag mir ein paar Buchstaben so schwer
zu schaden und bedecken die Menge der Sünden mit dem Mantel der Liebe Und das
Mensch geht triumphierend mit dem schönen Zeugnis ins neue Jahr hinein treibt
sein wüstes Wesen fort denkt mit einer Stunde Heulens erpresse es zuletzt doch
wiederum ein gut Zeugnis und eine Stunde zu heulen gehe ihm doch allweg viel
leichter als ein ganzes langes Jahr hindurch gut zu tun Es lebt sein schlecht
Leben wohlgemut und trotzig fort verschanzt sich keck hinter seine guten
Zeugnisse macht die Schanze alle Jahre um ein Zeugnis stärker und höher Sagt
ihm eine Meisterfrau was so brüllt es ihr ins Gesicht wie manch gut Zeugnis es
habe wie es allenthalben wohl angewesen es allen habe treffen können nur ihr
alleine nicht Aber man kenne sie wohl sie sei bekannt von Spandau bis
Magdeburg und wenn ein Engel vom Himmel käme keine Stunde könnte er es ihr
recht machen Die Meisterfrau gibt wiederum ein prächtig Zeugnis sie denkt sie
wolle doch nicht allein die Böse sein hätten die Andern die schönen Worte über
das Gewissen gebracht so werden sie ihr das ihrige auch nicht abdrücken besser
sei es sie bringe das Mensch im Frieden fort als unter Donner und Blitz der
ihr zündend in Galle oder Nerven fahre oder dass sie gar noch mit ihm vor den
Richter müsse Das Mensch aber hebt triumphierend das Stück Papier empor und
sagt »Es kommt Euch wohl dass Ihr Verstand gebraucht und mir ein Zeugnis
gegeben wie ich es verdient und mit den andern Zeugnissen beweisen kann Das
waren brave Leute welche sie ausgestellt es wäre wohl gut es würde keine
schlimmern geben Es kommt Euch wohl sonst hätte ich es probieren wollen ob
noch Gerechtigkeit sei auf der Welt es gibt Gottlob noch Richter welche
wissen was Recht ist« Das Mensch wusste wohl worauf es pochte denn es gibt
wirklich viele Richter welche aus Grundsätzen der Humanität allen Mägden recht
geben gegen ihre Meisterleute und es gibt Richter welche ganz besondere
Vorliebe zu schlechten Menschern haben und streng an den christlichen Grundsatz
wie sie sagen sich halten Wer viel liebt dem wird viel vergeben werden So
kommt das Mensch denn endlich dahin dass es sich selbst für ein Tugendmuster
hält denn es hat es ja schriftlich und mehr als ein dutzendmal und wenn es
endlich in Laster und Not untergeht so schreit es über die schlechte Welt und
wenn es so schlecht hätte sein wollen wie die Andern so wäre es ihm auch besser
ergangen Was für eine Gerechtigkeit auf Erden sei habe es erfahren wenn im
Himmel keine bessere sei so So geht es mit falschen Zeugnissen und so
wirken sie
Aber wird man schreien soll man Menschen zeitlebens unglücklich machen
Was sind nicht ebenso viele oder mehr schlechte boshafte niederträchtige
Meisterleute als Dienstboten Soll es dann in Willkür stehen arme Unschuldige
welche vom Schicksal ohnehin so hart geschlagen sind dass sie dienen müssen
zeitlebens um ihr einzig Eigentum zu bringen um den guten Ruf sie zeitlebens
unglücklich zu machen usw usw Es ist eine so herrliche Teilnahme für alle
Armen Unterdrückten Geplagten Gestraften aufgetaucht dass es uns gar nicht
wundern würde wenn man nächstens auf den Richtstätten Altäre errichten die
Gebeine der Gefangenen als Reliquien verehren und Galeerensklaven und andere
Zuchtäusler als Priester bei diesem neuen Dienste anstellen würde Wir geben
gerne zu dass es schlechte Meisterschaften gibt aber deswegen soll man mit dem
Bade nicht das Kind ausschütten wollen Es ist akkurat das gleiche
Humanitätsgeschrei welches weil mal einer unschuldig gestraft worden nun
niemand mehr gestraft wissen will Entweder keine Zeugnisse oder wahre entweder
oder und das Weitere Gott überlassen Das ist auch eins von den vielen Dingen
worüber die Weisen dieser Welt hundert Jahre disputieren und prozedieren können
ohne klug zu werden darüber und welches den Unmündigen geoffenbaret ist welche
da recht zu tun suchen in kindlicher Treue und niemanden scheuen als Gott
Bei Uli meldete sich also die dritte Klasse in beiden Abteilungen Der Buben
hatte er satt er wandte sich mehr der zweiten Abteilung zu Freilich wusste er
dass es in dieser oft nicht sauber sei Er inquirierte streng besonders warum
man so weit herkomme und nicht lieber in der Nähe des früheren Wohnortes bleibe
Da erzählte ihm dann Einer er sei vor seiner Meisterfrau niemals sicher er
habe siebenmal Strengeres ausgehalten als Joseph und wenn er in der Nahe sich
aufhalte so laufe er Gefahr dass sie am hellen Tage ihm nach laufe Ein
Anderer erzählte von Verwandten welche an ihm saugen denen er den ganzen Lohn
opfern müsse Wenn er in die Welt gehe hoffe er Ruhe zu finden vor ihnen Ein
Dritter hatte seinem Meister ein Schelmenstücklein ausgebracht oder ihn daran
verhindert jetzt sage er nicht bloß alles Schlechte von ihm sondern er sei
selbst seines Lebens nicht sicher Eine Magd weinte bitterlich welche
Nachstellungen sie erleiden müsse wegen ihrer Schönheit Vor keinem Manne sei
sie sicher selbst der Ammann der siebzig Jahre alt sei und dreizehn
erwachsene Kinder habe laure ihr auf deretwegen hassten sie alle Mädchen und
die Weiber noch viel verfluchter Darum wolle sie fort so weit die Beine sie
tragen möchten vielleicht dass an einem anderen Orte brävere Leute angetroffen
würden Dass unser Herrgott sie so schön erschaffen und nicht wüster dessen
vermöge sie sich nichts So viele dieser Tugendbilder kamen die um ihrer
Gerechtigkeit willen verfolget wurden Uli dachte alles könne doch nicht
erlogen sein er wisse ja selbst am besten wie es gehe wenn man dienen müsse
Aus dieser Klasse wählte er sich sein Volk mit der größten Vorsicht aber auch
mit Sparsamkeit mit dem Lohne hielt er nieder Er dachte wenn es ihnen so
daran gelegen sei weiter zu können so werde der Lohn ihnen nicht die
Hauptsache sein Das sagten sie denn auch ein paar Taler täten sie nicht
ansehen es sei ihnen nur darum zu tun weiterzukommen und er sei ihnen
besonders angerühmt da könnte man was lernen und es heiße auch er habe
Verstand Das tat Uli wohl dem guten Uli Wäre der dreißig Schritte von seinem
Hause hinter einem Kirschbaume gestanden oder im nächsten Wirtshause gesessen
so hätte er was ganz anderes gehört Er hätte gehört wie so ein Knechtlein
gesagt hätte er hätte Unglück gehabt sein Meister habe ihn versäumt so sei er
dienstlos geworden und es sei ihm wenn er nur wieder mal abstellen könnte für
einstweilen So sei er zum Pächter in die Glungge gekommen derselbe hätte von
ihm gehört und ihm Bescheid machen lassen Gedinget hätte er endlich aber
gefallen habe es ihm nicht dort sei sein Bleiben nicht Es sei ein hoffärtig
Wesen man sollte meinen wer sie seien und doch sei er nur Knecht gewesen und
sie eine Uneheliche Nun einige Wochen könne er schon dort sein derweilen könne
er dem Mannli den Hochmut vertreiben
Worte sind Münzen Wie es Kinder gibt welche das Geld nicht kennen und
unterscheiden lernen können denen man fast ihr Lebtag Zahlpfennige anhängen
kann so gibt es noch viel mehr Menschen welche ihr Lebtag nie dahin kommen
die Worte richtig zu würdigen Das gilt namentlich mit dem Renommieren und
Aufweisen Grosssprechen und Schmeicheln oder mit dem Rühmen seiner selbst oder
Anderer In dieser Beziehung klebt ein unheilbarer Unverstand den Menschen an
halt eine Familienkrankheit von Mutter Eva her Der Ruhmredige macht schnellen
Eindruck der Demütige findet erst in die Länge Gnade
Zehntes Kapitel
Wie bei einer Taufe Weltliches und Geistliches sich mischen
Noch ehe der zweite Lehnzins gegeben werden sollte er hielt Vreneli das zweite
Kind und diesmal einen munteren Buben An diesem hatte Uli sehr große Freude
er rechnete schon wie schnell er ihn brauchen könne was er ihm ersparen werde
nur war er noch ungewiss ob er ihm als Karrer oder Melker erspriesslichere
Dienste leisten werde Die Gevatterschaft gab auch diesmal viel Redens Uli und
Vreneli wurden lange nicht einig endlich musste Vreneli nachgeben Uli hielt ihm
den Hagelhans vor Es handelte sich absonderlich um die beiden Paten die Gotte
ward einhellig erwählt in der Schmiedin welche Vreneli noch weitläufig verwandt
war Die Paten waren Wirt und Müller mit welchen Uli im Verkehr stand aber
nicht zu Vrenelis Freude es war ihm immer als könnten die Uli verderblich
sein als suchten sie ihn in ihre Gewalt zu erhalten um ihn auszubeuten Ihre
zärtlichen Worte schienen ihm eben falsche Münze zu sein Der Wirt war ein
dicker schwerer Mann jeder Zoll an ihm ein Zentner Holdseligkeit mit welcher
man eine große Stadt voll saurer Engländer hätte süß machen können Die
Freundlichkeit ist die freundlichste aller Tugenden hat unter allen das
lieblichste Gesicht sie ist der Schlüssel zu allen Herzen sie ist eine
erquickende Essenz erscheine sie am Krankenlager oder im Gesellschaftszimmer
bei der Magd im Schweinestall oder bei dem Regenten auf dem Throne sie wird
viel zu wenig beachtet viel zu wenig bei den Kindern darauf gesehen tausendmal
des Tages sollte man daran erinnern Gott gibt sie den begabtern Menschen
umsonst aber desto wüster ists wenn sie auf Gewinn ausgelegt wird benutzt
wie man den Honig braucht wenn man Fliegen fangen will mit ihr auf Menschen
spekuliert mit durch sie gewonnenem Zutrauen Wucher treibt Gewinn und Gewerbe
dem Anderen ablockt was er hat mit der größten Gewissenlosigkeit unbekümmert
darum hängen die Betrogenen sich springen sie ins Wasser oder gehen sie
einfach und simpel zu Grunde
Eine Person der Art war unser Wirt mit schlauem Verstand kaltem Herzen und
holdseligem Wesen hatte er ein schönes Stück Geld verdient Wer mit ihm handeln
wollte dem tat es im Herzen wohl und seine Worte schienen viel besser zu sein
als anderer Leute bares Geld Er hatte eine grossherzige Weise die Leute
glücklich zu machen »Sieh weil du es bist gebe ich dir einen Gulden mehr Die
Sache ist mir recht da braucht man nicht Kummer zu haben man kriege seine
Sache nicht oder schlecht ja wenn alle wären wie du dann könnte man handeln
Sieh du bist mir zu hoch im Preise aber weißt du was Versuche was du lösen
kannst halte die Sache feil wem du willst sieh was dir geboten wird und
einen Gulden mehr als der Höchstbietende will ich dir geben es kann Keiner
geben was ich ich habe den Absatz und Leute an der Hand welche zahlen welche
um eines Kreuzers willen nicht reden bis sie Löcher in die Zunge kriegen
reiche Leute und wenn sie schon nicht auf den Tag zahlen von wegen sie sind in
gar vielen Dingen so kommt es dann zusammen da gibt es Haufen Geld du magst
mir es glauben oder nicht mein Rösslein hat mich manchmal übel erbarmet wenn es
heimziehen musste« Nebenbei war er auch den meisten Weibern lieb Er kannte das
Handwerk des Flattierens aus dem Grunde und wusste ihnen so zärtlich in die Augen
zu gucken dass sie die Fuße nicht mehr stillehalten konnten unterm Tische Ihn
vorzüglich hasste Vreneli »Du wirst dich mit ihm abgeben bis du einen Schuh
voll herausnimmst« sagte es oft zu Uli
Den Müller hasste Vreneli etwas weniger doch immer noch genug um ihn nicht
zum Götti zu wollen Er hing sich auch an Uli war alle Augenblicke da war
nicht ganz mit Honig bestrichen doch wusste er sich auch zu rühmen und zu
ködern dass Uli ihn für einen trefflichen Freund hielt Bald holte ihn der
Müller um ein Pferd zu besehen bald sollte er ihm eine Kuh kaufen helfen das
kenne niemand wie Uli bald holte er einige Malter Getreide und sagte er müsse
es haben er solle für diesen oder jenen Bäcker besonders schönes Mehl haben
und Korn wie bei Uli fände er nirgends er wolle es ihm dann aber auch danach
bezahlen sobald sie mit einander rechneten Das wusste er immer ganz
vortrefflich zu karten dass sie mit einander in Rechnung blieben von welcher
Rechnung er beständig auch sprach sehr selten aber sie zum Abschluss machte
sondern immer so dass etwas auf neue Rechnung blieb Es ist wirklich auch nichts
Bequemeres im Handel als wenn man immer sagen kann »Ich zahle dir das jetzt
nicht es geht zum Andern behalte alles gut in Rechnung die Sache wird sich
dann schon finden«
Wenn Vreneli Seufzer über solche Rechnungen außstieß so sagte Uli »Sieh
dies verstehst du nicht die Sache findet sich und was brauche ich einstweilen
Geld Es ist mir sicherer dort als wenn ich es daheim hätte ich begreife gar
nicht was du wider die Männer hast und weißt doch wie kommod sie uns kommen
und wie da nie Nein ist man mag wollen was man will Gehe ich zum Wirt so
bringe ich das beste Fleisch Wein wie er sagt wie man ihn sonst nirgends
findet nimmts mit Gewicht und Maß nicht spitz meint nicht dass ich jeden
Schoppen zahlen müsse Ein Fass hat er uns zum Einbeizen geliehen und mir
hundertmal gesagt wenn ich was mangle sei es Tag oder Nacht so solle ich nur
herkommen er zürne wenn ich an einen andern Ort gehe und wenn niemand
gegenwärtig sei nur nehmen ungeniert was ich bedürfe einen behülflicheren
Mann habe ich nirgends angetroffen solche Leute sind rar wo man sie findet
muss man Sorge zu ihnen tragen Ich muss sagen es freut mich allemal wenn ich
ihn sehe und wenn ich schon nur Pächter bin so schämt er sich meiner doch
nicht Er hätte noch Keinen so wie mich angetroffen hat er mir schon manchmal
gesagt wenn ich so fortfahre werde es nicht lange gehen so sei ich Bauer
trotz einem Beim Müller ist es gerade so fehlt mir Spreuer so sind für mich
da wenn für niemand sonst da sind mit Pferdefutter ists auch so und um einen
Preis wie ich es sonst nirgends bekomme aus dem Getreide lässt er mir gehen
was Keiner sonst Mein Lebtag habe ich gehört es sei nichts kommoder auf der
Welt als gute Leute zu solchen müsse man mehr Sorge tragen als zum Brote Ich
kann gar nicht begreifen was du gegen sie hast« »Ja Uli gute Leute sind
kommod das haben wir am besten erfahren ohne gute Leute wären wir nicht wo
wir sind« antwortete anfangs Vreneli »aber es ist auch ein großer Unterschied
zwischen guten Leuten und guten Leuten Es gibt gute Leute welche einem
aufhelfen und am besten sich zeigen wenn man in der Not ist und es gibt Leute
welche gut scheinen solange sie jemand ausnutzen können und ist er
ausgenutzet so lassen sie ihn hängen wie eine Spinne die Fliege im Netz wenn
sie ausgesogen ist Wenn die es gut meinten sie wären nicht halb so
schmeichelhaft und machten dir den Kopf so groß Mit der Dienstfertigkeit gehe
mir ich möchte doch wissen wer mehr dienet ob sie dir oder du ihnen Haben sie
je was zu fahren oder ein Pferd nötig so stehen sie vor der Türe und wie viel
sie dir dafür geben weißt du es steht zu verdienen werden sie dir sagen und
hast was nötig so sprich auch zu Leiht man ihnen etwas einen Wagen oder ein
Wertzeug so geben sie es nicht wieder und lässt man es endlich holen so ist es
entweder nicht da oder es weiß niemand wo es ist oder es ist zerbrochen und
wir haben die Kosten es ausbessern zu lassen Ein alter Pfarrer hat immer
gesagt Fründ wie Hünd und die mahnen mich wohl daran Du wirst es aber wohl
noch erfahren ob ich recht habe oder nicht«
Uli dachte es sei doch eine verfluchte Sache mit der Eifersucht der Weiber
Stelle man dem Weibervolk nicht nach so erstrecke sie sich auch auf das
Männervolk und am Ende dürfe man mit niemand mehr reden als mit seinem Weibe
und dem Hund doch mit diesem nur halblaut Das dürfe er nicht aufkommen lassen
und jetzt sei ein Anlass zu zeigen wer Meister sei Der gute Uli hatte was
läuten hören und das ist das Verfluchteste wenn man was läuten hört aber
weder weiß woher das Läuten kommt noch was es bedeutet Die Weiber sind
eifersüchtig das versteht sich und zuweilen nicht bloß auf Mannsvolk und
Weibervolk sondern wirklich auch auf Hund und Katze Nun ist es mit dieser
Eifersucht wirklich wunderlich Eigentliche Eifersucht halten wir kaum durch
äußere Mittel zu heilen weder durch Reizungen noch durch die strengste Treue
Reizungen machen Krämpfe und je offenbarer die Treue ist desto verdächtiger
erscheint sie der Eifersüchtigen scheint Deckmantel von was Geheimem Diese
Eifersucht kann bloß von innen heraus geheilt werden und zwar bloß durch den
Sinn der von oben kommt der den Splitter in des Nächsten Auge nicht sieht
aber den Balken im eigenen der Misstrauen hat in die eigene Tugend und nicht in
die der Andern der durch Liebenswürdigkeit zu gewinnen und festzuhalten sucht
was ein schnödes Wesen behandelt wie ein Kind eine Uhr sie zernichtet zerstört
und doch fordert dass sie in regelrechtem Gange gehe und die Stunden gehörig
zeige
Dann aber wird wirklich Manches Eifersucht geheißen und als Eifersucht
ausgelegt was es nicht ist Wenn eine Frau den Mann vor Menschen warnt sei es
männlichen oder weiblichen wenn sie ihn nicht gern tagelang herumlaufen sieht
oder ganze Nächte schwärmen lässt so kann dieses sehr edle Beweggründe haben
Sorge um den Bestand des Hauswesens Sorge für die Kinder Sorge für Ehre und
Wohlergehen des Mannes selbst Wir halten dafür dass bei Vreneli die letzteren
Gründe alleine vorwalteten und nicht wirkliche Eifersucht Wir halten Eifersucht
immer als den Ausbruch des Bewusstseins der eigenen Schwäche oder der eigenen
Unliebenswürdigkeit und nun müssen wir sagen dass Vreneli kräftiger im
Charakter und liebenswürdiger in seinem Wesen war als Uli dass wir daher Vreneli
nicht der eigentlichen Eifersucht untertan glauben Uli nun aber nahm es
freilich so wollte ein Exempel statuieren und erzwang die beiden Paten Dass bei
Vreneli nicht Eifersucht im Spiel war hätte er daraus sehen können dass Vreneli
darüber nicht wüst tat nicht schmollte Billig und recht wäre es eigentlich
dass eine Mutter welche das Kind geboren in derlei Dingen das erste Wort haben
sollte aber wenn er es erzwingen wolle nun so dann in Gottes Namen so solle
er es Er werde die Leute schon kennen lernen nur dauern tue es ihns dass das
arme Bubi zwei solche Paten haben müsse von denen es einst denken werde wenn
es nur niemand wüsste dass sie ihm zu Gevatter gestanden Die kindliche Freude an
Ehrenhäuptern welche man zu Paten habe sei doch so schön und eine gar mächtige
Kraft in kindlichen Gemütern Aber in Gottes Namen die Base habe gesagt man
solle nichts erzwingen sondern denken was geschehe sei sicher gut für etwas
und wenn man es recht nehme diene es zum Besten dabei musste es aber an den
Hagelhans im Blitzloch denken und fragen Es nehme ihns nur wunder was da Gutes
herauskommen werde dass er des Mädchens Götti sei derselbe hätte nichts von
sich hören lassen Aber strenge sei es doch dachte das Weibchen dass es an
keiner Gevatterschaft so eine rechte vollständige Freude haben solle
Am Tauftage selbst hätte man von dieser Stimmung nichts bemerkt denn
kreuzlustig war die Gesellschaft und kurz weiliger hätte es nicht zugehen
können Die Drucke worin die Schnurren und lächerlichen Erzählungen aufbewahrt
liegen im Gedächtnis der Menschen war aufgesprungen Erzählungen eine lustiger
als die andere jagten sich Joggeli lachte laut auf und die Base fuhr ein über
das andere Mal mit der dicken Hand über die Augen wischte die Tränen aus
welche das Lachen hineingetrieben und bat um Gottes willen man solle doch
aufhören es versprenge sie sonst Mit diesen Drucken ists wunderlich denn es
gibt deren mehrere in der Schatzkammer der Seele da ist zum Beispiel die
Liederdrucke die Gespensterdrucke die Krankheitsdrucke die Liebesdrucke und
die große Grümpel oder Plauderdrucke Diese letztere ist immer bei der Hand
offen fast Tag und Nacht ohne Boden wie der Himmel und enthält alles was wir
vom Nächsten gesehen gehört gerochen geschmeckt gefühlt gedacht gemeint
vermutet und geglaubt haben In dieser kramt man beständig herum gibt auf die
freigebigste Weise zum Besten was man in die Hände kriegt Die andern Drucken
dagegen liegen verwahrt und verschlossen man merkt ihr Dasein oft die längste
Zeit nicht Dann wie von einem Zauberstäbchen berührt springt die eine der
Drucken bei einem Menschen plötzlich auf und hervor quillt der Inhalt und
allgemach gehen bei allen Anwesenden die gleichnamigen verschlossenen Drucken
auf ihr Inhalt quillt herauf mischt sich mit dem Strome der Andern Und wo
dieses Quellen mal begonnen ist es schwer zu stillen mit schwerem Seufzen
schließen diese Drucken sich wieder denn groß war die Wonne solang die Quellen
rannen es war wie ein Säuseln aus der Ewigkeit in welchem die rinnende Zeit
die ganze Gegenwart vergessen wird und je schauerlicher der Inhalt der Drucken
ist desto größer die Wonne desto mächtiger er greifender das Säuseln aus
einer andern Welt
Es war aber sonderbar bei Vreneli wollte die Drucke mit den lustigen
Geschichten nicht aufspringen obgleich es auch eine hatte und zwar eine große
und wohlgefüllte Wenn den Andern die Lachtränen die Augen füllten waren die
seinigen auch voll aber eine unerklärliche Wehmut hatte sie heraufgetrieben
und wenn die Base bat man möchte um Gottes willen schweigen das Lachen
versprenge sie sonst hätte es auch so bitten mögen aber aus dem
entgegengesetzten Grunde Die Wehmut stieg ihm auf es wusste nicht woher warum
Als sie da war machte es entsprechende Gedanken hinein wie ein Lehrer
Buchstaben oder Zahlen auf eine schwarze Tafel oder eine Dame Menschen Vieh und
sonst allerlei auf sogenanntes Beuteltuch ein gelöchert Zeug welches vornehme
und andere Damen mit schönen Dingen flicken Nicht unkommod wäre es für manchen
Mann wenn seine gelöcherten Strümpfe zuweilen geflickt würden und nicht einmal
mit schönen Dingen sondern mit simplem Baumwollengarn oder ebenso simplem
flächsernem Faden So machte Vreneli sich auch Gedanken und dachte Es sei doch
eigentlich nicht recht an einem Taufrage so liederlich und lustig zu sein das
sei keine Weise für ein christlich Kind zu einem christlichen Leben Wenn das
lustige Leben dem Kinde nur nicht angetan werde dass es auch meine es müsse
sein Lebtag so zugehen in Saus und Braus in Lust und Lachen Vreneli war
himmelweit von einer Kopfhängerin aber Vreneli war ein Weib welches was auf
Ahnungen hielt und meinte man könnte sich versündigen dieses oder jenes könnte
einem nachgehen und die Sünden der Eltern kämen bis in das zweite und dritte
Geschlecht Es war weit entfernt zu glauben man sollte an einem Tauftage nicht
fröhlich sein nicht was Gutes essen und trinken aber doch alles so in einer
ehrbaren Gsatzlichkeit so dass man der ganzen Gesellschaft es ansehe dass sie
Christen seien und zur Ehre Gottes gleichsam essen und trinken täten und nicht
so wie eine liederliche Wirtshausgesellschaft welche keinen andern Zweck hat
als sich lustig zu machen Es wusste der Sache eigentlich keinen rechten Namen zu
geben und es wäre in große Verlegenheit gekommen wenn es hätte beschreiben
sollen was ihm nicht recht sei und wie es es eigentlich haben möchte
Nur eines wars was es bestimmt nennen konnte und um welches endlich alle
seine Wehmut zusammenlief und sein Glaube dass man sich versündige und das Kind
es einst büßen müsse sich klammerte und zwar Folgendes Als es später war und
die Schmiedin von Aufbrechen sagte was bekanntlich immer eine geraume Zeit vor
dem wirklichen Aufbruch geschieht sagte der muntere Wirt Man solle noch
warten er hätte da noch was das müsse man versuchen dann wisse man erst was
Wein sei Er zog nun Champagner Haschen hervor welche er unvermerkt
herbeigeschmuggelt hatte Nun wehrte man von allen Seiten er solle doch nicht
aufmachen man hätte bereits zu viel getrunken und was er doch denke so
köstlichen Wein Eben sagte er müsse man den trinken wenn man vom andern
genug hätte der mache einem dann ganz wohl wieder und leicht dass es einem
dünke man möchte fliegen Und als man von den Kosten sagte und wie solcher Wein
nicht in ein Bauernhaus gehöre so sagte er Darüber sollten sie sich keinen
Kummer machen allweg koste er sie nichts ihn hätte er auch nichts gekostet
oder doch nicht viel Er hätte in Frankreich einen guten Freund einen ganz
charmanten Herrn einen so freundlichen der gemeinste Bauer könnte nicht so
gemein sein mit allen Leuten »Wenn er zu uns kommt so isst er ihr mögt es
glauben oder nicht mit uns an einem Tische wo die Kinder essen und Knechte und
Mägde Dem komme ich manchmal kommod er handelt mit Kühen Rossen Kirschgeist
kurz mit vielen Sachen Es ist ein gar grausam vornehmer Herr« die Base
flüsterte Vreneli der und der Tochtermann werden einander wohl kennen »aber
nicht ganz fest mit der Sprache da muss man ihm zuweilen zurechtelfen Die
Leute sind gar unverschämt man glaubt es nicht und wenn sie ihn betrügen
könnten sie täten es und noch dazu Leute man glaubt es nicht Aber das tue
ich nicht und das sieht er wohl und erkennts auch So schickt er mir alle Jahre
was Gutes und dieses Jahr einen Korb Champagner Man hat ihn in Körben der Korb
enthält fünfzig Flaschen und ihr mögt es mir glauben oder nicht drinnen
angenommen kostet die Flasche geringsten zwei Gulden Es ist aber auch Wein
der König in Frankreich wäre froh wenn er solchen kriegte Aber er kriegt ihn
nicht der wird heillos betrogen der Herr hat es mir erzählt Dieser Wein sei
nur für gute Freunde hat mir der Freund gesagt Auf meine arme teure wenn er
zu uns kommt er klopft mir den ganzen Tag auf die Achsel und wie oft er mir
mon ami das ist auf deutsch mein guter Freund sagt könnte kein Mensch
zählen« Beiläufig gesagt war an der ganzen Geschichte nicht ein wahres Wort
Jedenfalls war der Wein nicht aus Frankreich sondern aus dem Waadtlande wo man
auch Champagner fabriziert aber Champagner der so schwer im Kopfe liegt wie
dreijähriges Sauerkraut im Magen Nun aber war es gar schön wie der Wirt mit
der Flasche umging mit welchem schmunzelnden Behagen er zeigte wie die
zugemacht sei Und dann werden sie noch was hören sagte er Bedenklich ward
sein Gesicht als der Pfropf gelöst es ans Knallen gehen sollte aber es lange
zweifelhaft blieb ob es wirklich knallen werde oder ob es nur eine der vielen
Waadtländer Flaschen sei welche ein Gesicht machen als ob sie knallen konnten
und am Ende doch nicht knallen Doch endlich sprang der Pfropf es knallte
wirklich ja und mit glücklichem Gesichte sah der Wirt rundum stillschweigend
fragend »Habt ihr je so was gehört« Und mit großem Behagen führte er sich alle
Verwunderung zu Gemüte welche er auf den Gesichtern sammelte und prägte sie
tief in sein Gedächtnis um gelegentlich sie hervorzunehmen und zu zeigen wie
die Verwunderung aussehe welche man einmal in einem Bauernhause gemacht als er
Champagner habe springen lassen
Das nun schmerzte Vreneli sehr dass man am Tauftag seines armen Bubli solch
köstlichen Wein trinke zwei Gulden die Flasche von dem man sagte dass ihn der
König von Frankreich nicht einmal so trinke Das arme Kind vermöge sich dessen
nichts und doch werde es diesen gottlosen Aufwand mitbüssen müssen denn Hochmut
komme vor dem Falle Sie hätten kein Vermögen die Andern nicht viel mehr und
da könne man doch denken ob das gut kommen könne wenn solche Leute solchen
Wein trinken wollten wo sie ja nicht einmal den Verstand hätten zu wissen ob
er gut sei oder nicht »Wenn bei Leuten wie wir sind solch Aufwand getrieben
wird was sollen erst die Leute anfangen welche tausendmal reicher als wir
sind Einer der mit solchem Weine kommt dem fehlt es entweder im Kopf oder es
weiß der Teufel was er im Sinn hat allweg nichts Gutes und wir können den
verfluchten Wein vielleicht einmal noch ganz anders bezahlen als zu zwei Gulden
die Flasche« Es fand auch den Wein bitter ganz abscheulich während die Andern
ihn nicht genug rühmen freilich heimlicher unwillkürlicher Grimassen sich nicht
enthalten konnten Es ist allenthalben Sitte gut zu finden was kostbar ist
und schlecht was wohlfeil ist und was man alle Tage haben kann Darum sind so
schrecklich viele Leute so schrecklich unglücklich dieweil sie so schrecklich
dumm sind dass sie meinen sie müssten auch alles Schlechte haben was viel
kostet und das Gute verachten dieweil es wohlfeil ist Da ist unser lieber
Herrgott gescheuter und es wäre gut wenn all unsere dummen Leute ein Beispiel
nehmen würden an ihm und so gescheut werden würden wie er es ist Er hat die
Kartoffel so wohlfeil gemacht das Brot nicht teuer lässt Kraut wachsen mehr
als Manchem lieb ist lässt die Kühe süße Milch geben und Schlächter lernen das
älteste Kuhfleisch als kräftiges Ochsenfleisch verkaufen lässt den Ärmsten die
kühnsten Zähne wachsen das nahrhafteste Fleisch zu verarbeiten Was meint man
wohl wenn unser Herrgott den Armen Austern Schnecken Frösche Konfitüren
Bittersüsses samt chinesischen Vogelnestern und passabler Limonade wohlfeil
gemacht und darauf sie angewiesen hätte Wäre man wohl da bei oder würde man
schreien über schreckliche Ungerechtigkeit Was kriegten die Armen bei den
wohlfeilen Fröschen und Schnecken Limonaden und Polnisch Bittern für dünne
Wangen und lasterhafte Zähne Wie würden sie doch wieder schreien nach den
teuren Kartoffeln und dem unbezahlbaren Schwarzbrot Aber so ist halt die Welt
hat das ganze Paradies und will halt nichts als Äpfel vom schlechten Baume an
welchen man sterben muss So hatten sie es auch in der Glunggen gränneten über
den waadtländischen Göttertrank und rühmten ihn doch über die Massen und redeten
ihr Lebtag davon sie hätten Champagner gesehen und sogar davon getrunken
Vreneli allein sagte es finde ihn nit e Tüfel nutz und man solle ihns ruhig
lassen damit Der Wirt tat sehr gekränkt »Musst eine wunderliche Zunge haben«
sagte er »daneben will ich niemand zwingen es wird schon jemand sein der ihn
nimmt« und darin täuschte er sich wirklich nicht »Mag sein« sagte Vreneli
»dass ich nicht weiß was gut ist daneben bin ich froh darüber Mich dünkt gut
was ich habe und was wir vermögen und Gottlob alle Tage solange wir gesund
sind dabei bin ich wohl und habe Ursache Gott zu danken Es dünkt mich ich
möchte es nicht anders denn was hätte ich davon wenn mich die Krankheit
ankäme nur das gut zu finden was ich nicht hätte und nicht vermöchte eine
Gluste die ihre Zunge in allem haben möchte was man selbst nicht hat aber
Andere Habe von dieser Krankheit schon gehört aber bis dahin geglaubt sie sei
bloß eine vornehme Krankheit Sollte sie aber auch unter das gemeine Volk
kommen wie es den Anschein hat dann gnade Gott den armen Menschen dann adiess
Zufriedenheit dann wird der Teufel Meister«
Endlich brachte es die Schmiedin doch zum Aufbruch obgleich der Wirt sagte
So sei es in der Welt wenn es am lustigsten gehe und es einem am besten
gefalle so müsse man aufprotzen und fort Früher hätten sie bloß so Flausen
getrieben wie etwa an andern Orten auch jetzt aber wäre das Predigen
angegangen das wäre was Neues gewesen es hätte ihn wunder genommen dies zu
hören es scheine ihm die Frau Gevatterin könnte es noch besser als mancher
halbsturme Pfaff Er müsse sagen mit dem was sie da von der Kanzel runter
pralatzgeten könne er hell nichts machen er verstehe nichts davon und in
diesen Zeiten wo man nicht mehr so dumm sei werde es den Meisten so gehen es
nehme ihn wunder ob er es nicht erlebe dass das Zeug ganz aufhöre
Vreneli ward blass da sagte die Base sie hätte auch schon gehört dass
solche Dinge geredet würden selbst sei sie aber nicht dabeigewesen und habe es
nicht glauben wollen jetzt wisse sie es es wäre ihr aber lieber sie erführe
es nicht noch einmal »Dir Wirt wird es auch noch anders kommen entweder hier
oder dort Wie es dir dann sein wird wenn du draußen stehst und klopfst und
hören musst Ich kenne dich nicht selb wirst dann erfahren aber leider wird es
zu spät sein Aber eins will dir sagen wenn im Winter Stein und Bein gefroren
ist und so recht eisig der Wind durch die dicksten Kleider zieht bis ins Mark
hinein und es steht ein arm Bettlerkind im dünnen Kleidchen zitternd vor deiner
Türe und bittet um Gottes willen dass man ihns hineinlasse nur einen
Augenblick um sich zu wärmen es müsse sonst erfrieren und man tut ihm die
Türe nicht auf und von innen her aus tönt eine Stimme Packe dich fort Wir
kennen dich nicht denk wie es dem armen bebenden Kinde sein muss denk Wirt
Und doch findet es nicht weit davon eine andere Türe und einen barmherzigeren
Hausvater sterben muss es noch nicht Denk wenn du aber einmal so vor der Türe
dort stehst zitternd und klopfst und hörst Ich kenne dich nicht so ist keine
Türe für dich kein barmherziger Hausvater es ist der Allerbarmer der dich
nicht kennen will denk wie wird dir dann sein« »Ich sehe die Glunggebäuerin
kann das Predigen auch und wenn unser Pfarrer abgeht so brauchts keinen
Pfarrer mehr eine von euch oder abwechselnd könnt ihrs auch machen und
vielleicht macht ihrs besser und wohlfeiler als der jetzige Es will niemand
rühmen dass er ein sehr Geschickter sei daneben frage ich dem nicht viel nach
lieb ists mir allweg dass meine Frau auf das Predigen sich nicht so versteht es
könnte mir missfallen Nun so dann so wollen wir« schloss der Wirt der jetzt
zum Aufbruch sehr bereitwillig sich zeigte den Predigten wollte er entrinnen
und sein Champagner war zu Ende »Die Flaschen nehme ich wieder mit« sagte er
»oder braucht ihr sie zu was« Seine Freigebigkeit hatte ihre Grenzen wie man
sieht
Elftes Kapitel
Von einer Falle welche Uli abtrappet aber diesmal noch ohne Schaden
Joggeli hatte das ganze Jahr hindurch Verdruss gehabt mit seinen Kindern der
Tochtermann betrachtete sein Elisi wie ein Schröpfhörnchen wenn er Geld nötig
hatte setzte er es dem Vater auf den Hals Der Johannes dagegen kam selbst
angefahren mit Gepolter und Schnauben und holte seinen Teil unter Donner und
Blitz Jedesmal wenn eine solche Operation vornüber war Joggeli in Schmerzen
lag und Lust zu einer Ohnmacht hatte verschwor er sich hoch und teuer das
müsse die letzte sein möge es gehen wie es wolle bei Lebzeiten gebe er keinen
Kreuzer mehr Und wenn sie wieder kamen so ging es doch wieder und Joggeli
musste sich am Geldseckel operieren lassen er mochte sich winden und drehen wie
er wollte Als nun die Verfallzeit des Lehnzinses heranrückte welche Sohn und
Tochtermann kannten so gut als er war er in großer Verlegenheit was machen
Sollte er an Uli wachsen und versuchen ob derselbe nicht eine Woche oder zwei
früher zahlen wolle oder aber dass er warten solle bis der Sturm abgeschlagen
sei mit dem Vorwande der Pächter habe nicht bezahlt und könne nicht bezahlen
Beides hatte seine zwei Seiten kriegte er den Zins früher so hatte er ihn
also und das ist immer schön wenn man einmal was hat aber was dann machen Im
Hause durfte er das Geld nicht behalten und brachte er es unter so musste er
angeben wo es sei Sage er das so ruhten die Hagle Gott verzeih mir meine
Sünde nicht bis sie es haben »Das ist ein Elend« jammerte er Sage er Uli
er solle nicht bezahlen auf den Termin so sei das wohl gut aber dann habe Uli
das Geld und nicht er könnte es ihm weiß Gott wann geben und vielleicht gar ein
Recht daraus machen und alle Jahre später kommen mit dem Zins bis er ihm
zuletzt gar keinen gebe Darauf könne er es also nicht ankommen lassen
kalkulierte er
Endlich schoss ihm ein Blitzgedanke durch das Haupt er rieb mit
vergnüglichem Gesichte die Hände und dachte Für solche Gedanken zu kriegen muss
man Joggeli in der Glungge sein Man könnte manches Dorf aus laufen ehe man
einen fände dem beifiele was ihm Der gute Joggeli war noch nicht zu der
Erfahrung gekommen was Einfälle auf die man sich am meisten zugute tut für
Schwänze haben Er dachte er wolle Uli sagen derselbe solle ihm den Zins acht
Tage zum voraus geben denselben wolle er gehörig in Sicherheit bringen und
wenn dann seine Blutsauger kämen sagen im Einverständnis mit Uli Uli habe
noch nicht bezahlt er werde den Zins einstweilen nicht geben können Er trug
seinen Gedanken alsbald seiner Frau vor »Was Tüfels ersinnest du aber Dummes«
sagte ihm diese »das kommt nicht gut zähle darauf« »Ich wüsste eigentlich auch
nicht wann du etwas gut gefunden hättest was mir beigefallen es war von
Anfang so und wird so bleiben bis ans Ende« So sprach Joggeli in zornigem
Brummen drehte sich und ging ab ging zu Uli und trug ihm den Handel vor Uli
war das sehr zuwider Er glaube sagte er das Geld könne er geben aber mit dem
Verleugnen wollte er lieber nichts zu tun haben Man könne am Ende nicht wissen
was das für Folgen haben könne jeden falls begehre er keinen Streit mit den
Beiden denn wenn sie ihm etwa auf den Hals steigen und wüst sagen würden so
nehme er dies nicht gelassen hin »Habe nicht Kummer« sagte Joggeli »ich will
das schon machen und Folgen hat es keine gebe dir eine gesetzliche Quittung
und schreibe es als bald ein Es ist ein bloßer Gefallen dich kostet es nichts
und mir ists ein großer Dienst und etwas wirst mir doch auch tun wollen oder
meinst etwa es wäre nicht recht« Uli fügte sich Vreneli hatte nichts dawider
begehrte bloß über den Alten auf der immer was erlisteln wolle und Andere
hineinstossen und doch nichts ausrichte weil er keinen Mut hätte sondern
allezeit das Herz in den Hosen
Uli musste ans Rechnen gehen vor der Zeit und das war ihm sehr zuwider
nicht deswegen weil er dachte es könnte der Pünktlichkeit schaden wenn er
acht oder vierzehn Tage vor der Zeit die Rechnung schließe Nein daran dachte
er gar nicht so einen Ketzer von Rechnung könne man ja stellen wie man wolle
einige Wochen vorwärts oder rück wärts wie man wolle darauf komme es nicht
an wenn es ihm so recht sei Akkurat wie er mit dem Zeiger seiner Uhr auf zehn
oder zwölf fahren könne je nach seinem Belieben weil es ja seine Uhr sei und
niemand weiters angehe Aber solch Rechnen war ihm zuwider solch Rechnen nicht
alles Rechnen denn er rechnete eigentlich wo er ging und stand wir hätten
fast sagen mögen alle seine Gedanken hätten sich ins Rechnen aufgelöst aber er
rechnete im Kopf was dieses ihm eintragen jenes kosten würde wie viele Malter
er aus jenem Acker machen wieviel Flachs wieviel Reps usw was er davon
beiseitelegen und was er brauchen müsse das ging ihm fort und fort im Kopf
herum akkurat wie ein Mühlrad kam ihm im Traum vor machte ihn zuweilen
glücklich zumeist aber steinunglücklich Er wollte halt reich werden viel
gewinnen stellte daher alle seine Rechnungen auf Gewinn dachte hauptsächlich
bloß an die Einnahmen Ausgaben sah er nicht und dachte nicht daran Die
Einnahmen sieht der Landmann vor sich in Äckern und Wiesen die Ausgaben kommen
ungesinnet zerbrochene Wagen abgesprengte Rosseisen fallen nicht zum voraus
ein und an eine Masse von Haushaltungsausgaben denkt ein Mann namentlich ein
junger nicht Alle diese ungesitteten Ausgaben verdarben immer die Rechnung er
musste immer von vornen anfangen verdarb damit alle andern Gedanken und kam doch
nicht zu Ende Aber auf dem Papier rechnen zusammenziehen alles was man
gemacht hat und zwar so dass es sich treffen soll ja das ist was anders Uli
hatte es erfahren und obendrein noch so viel Geld zählen und zwar so dass man
allemal gleichviel hat das ist noch was viel anderes und Uli hatte es
ebenfalls erfahren Nachdem er einen halben Tag gezählt hatte und zweimal
endlich die gleiche Summe herausgebracht fand Uli dass er mehr Geld hatte als
der Pachtzins betrug doch ziemlich weniger als im vergangenen Jahre Es blieben
ihm wenn er die Schuld abgetragen noch ungefähr hundert Taler übrig dagegen
hatte er mit Wirt und Müller bedeutend zu rechnen Der Wirt namentlich war ihm
zwei fette Kühe von denen jede über sechzig Taler wert gewesen und vier
Schweine welche zusammen wohl zwölf Zentner gewogen schuldig dagegen hatte er
was genommen aber eben viel nicht eben darum stunden sie in Rechnung und Uli
hatte das Geld nicht Der Müller stand ebenfalls mit Uli in Rechnung für eine
ganze Menge von allerlei Uli hatte auch was genommen aber von ferne glich es
sich nicht aus da hatte er sicherlich sehr viel zu fordern aber wie viel
wusste er doch nicht bestimmt
Bei solchen Rechnungen namentlich wo sie en détail gehen und lange nicht
bereinigt werden hat es eine ganz verfluchte Bewandtnis sie sind imstande zu
wachsen während man sie macht zu einer ganz unglaublichen Größe ungefähr wie
Blutegel welche ganz schmächtig sind wenn man sie anlegt und fast faustdick
wenn sie abfallen Wer mit einem Müller oder einem Wirte in Rechnung steht der
hat ein ganz verflucht Zeug am Halse Kriegt er endlich den Müller zwischen die
Knie um mit ihm zu rechnen so hat er eine große Reihe voll Semmelmehl
Kuchenmehl Kleien Spreuer Taubengrütze Hühnerfutter von welchem allem der
Bauer nichts weiß Sagt er dem Müller in hohem Zorn »Donner von dem allem weiß
ich nichts wird auch nicht sein« so sagt der Müller »Wirst doch nicht
glauben ich hätte falsch aufgesetzt Sieh mache mich nicht böse das ist mein
Gebrauch nicht Das hat deine Magd geholt welche letzte Weihnacht fort ist und
dies das arme Mädchen welches du im vorigen Jahr von der Gemeinde hattest und
dies der Knecht welchen du vor vier Wochen fortjagtest das Eine kam von deiner
Frau gesandt und ein Anderer sagte er habe von dir den Befehl und da schicket
es sich doch unsereinem nicht solches alles schriftlich zu wollen oder gar auf
Stempelpapier Was meinst was würde deine Frau sagen wenn die Magd zurückkäme
und sagte der Müller gebe nichts wenn er es nicht schriftlich von dir hätte«
Wer will sich nun an alles erinnern Und wenn gar die Rechnung sich hinauszieht
bis Knecht Kind Magd fort sind wer Teufel will alles erforschen Und wenn man
es zu erforschen versucht was gewinnt man Uneinigkeit Misstrauen usw und am
Ende bleibt die Rechnung Rechnung so lang sie war so lang bleibt sie Ja es
ist ein kurios Ding mit solchen Rechnungen gar Mancher hat sich mit solchen um
Hab und Gut verrechnet doch das wusste Uli nicht und wenn es ihm schon jemand
gesagt hätte er hätte den Glauben nicht gehabt dass es so sein könnte er
hielt was er an Wirt und Müller zu fordern zu haben glaubte wie bar Geld
Wenn er Geld Vorräte Rechnungen überschlug hatte er wieder ein gut Jahr
gehabt und mehr gemacht als im vorigen Jahr Bös hätte er gehabt sagte Uli ein
Jahr verlebt er möchte es keinem Hund gönnen aber es sei doch was dabei her
ausgekommen die geringeren Dienstbotenlöhne seien doch wirksam »Weiß nicht«
sagte Vreneli »ob der Gewinn daher kommt und ob wirklich ein Gewinn da ist«
»He« sagte Uli »wenn du weißt was zweimal zwei ist so sieh was da ist so
viel bar und noch so viel in Rechnung« »Ja« sagte Vreneli »das Geld sehe ich
und wenn ich auch das sehen könnte was noch in Rechnung ist wäre es mir noch
lieber« Da fuhr Uli auf gab einen bösen Blick von sich und ging hinaus »Haben
es ihm die Ketzer schon so weit angetan« sagte Vreneli »dass er blind ist und
man ihm über sie weniger sagen darf als einem Christen über seinen Herrgott«
Diesmal konnte Joggeli mit Behagen sein Geld zählen und hatte große Freude
daran Uli hatte darauf gehalten schönes Silber zu geben was Kindern und
andern Leuten den Wert desselben bedeutend erhöht jedenfalls immer ein Zeichen
von Achtung und dem Wunsche ist in Huld zu bleiben Als Joggeli es genug
gezählt hatte ging die Sorge für das Verbergen an welche nicht größer hätte
sein können wenn er fremdes Volk Kosaken Italiener eine Nation welche sich
im Krieg auf das Mausen versteht erwartet hätte Wie einen Feldherrn auch wenn
er mit dem größten Vorbedacht seine Dispositionen gemacht hat immer ein kleines
Herzklopfen anwandelt wenn die Stunde naht wo der Feind kommen soll so hatte
es auch Joggeli und zwar schon am Verfalltag selbst am Vorabend großer
Ereignisse wie er dachte
Aber es war der Ereignisse selbst nicht der Vorabend sondern der wirkliche
Tag Dem Johannes fiel es ein wenn er einen Tag früher käme als das letztemal
kriegte er vielleicht das Ganze Dem Tochtermann fiel akkurat das Gleiche ein
denn sie hatten innerlich ungeheure Ähnlichkeit und äußerlich auffallend gleiche
Sympatien wenn sie auch körperlich kein Haar von einander hatten Der
Baumwollenhändler glich einem halbverkohlten Schwefelholz Johannes einem fünf
Fuß zehn Zoll langen Kürbis Beide kamen gleich nach mittags angefahren und
nicht nur die Rosse schnauften entsetzlich sondern auch beide Aspiranten
Prätendenten oder wie man sie sonst nennen will Jetzt hätte Joggeli gern das
Hasenpanier ergriffen »Ware ich nur gegangen« murmelte er für sich als es
dahergefahren kam wie das Donnerwetter noch viel ärger als an einem englischen
Wettrennen die langbeinigen Lords daherrennen Joggeli hatte es wie ein
Renommist und zwar hatte er es siebzig Jahre lang so gehabt und kannte doch
diese Schwäche nicht Er war ein Held weit vom Geschütz oder wenn er hinter
seiner Frau stund kam er aber auf die Mensur so kriegte er den Schotter und
stund nicht seine Frau sondern ein Mann vor ihm so drückte er sich gerne
beiseite Springen hätte jetzt Joggeli wenig geholfen er musste warten Eben
freundlich empfing er die beiden Herren wirklich nicht und wenn sie eine Haut
gehabt hätten welche empfindliche Redensarten nicht hätte ertragen mögen sie
wären Beide alsbald wieder abgefahren Aber Beider Häute waren sattsam gegerbt
nicht bloß in solches Wetter sondern wenn man Stiefel daraus gemacht hatte sie
wären ohne besondere Salbe wasserdicht geblieben bis zum letzten Fetzen
Es ging nicht lange so musste er ihnen sagen er habe den Zins noch nicht
empfangen und werde ihn einstweilen auch nicht empfangen der Pächter sei nicht
bei Gelde er habe ihm Stündigung gestattet Sie sollten doch nicht tun wie
Hunger leider welche den Lohn immer zum voraus einzögen Wenn sie Hungerleider
wären so sei niemand anders schuld als er weil er sie Hunger leiden lasse und
wenn da was zu schämen sei so komme es an ihn sagte der Tochtermann und ging
hinaus Nun setzte Johannes mit Ungestüm auf den Vater ein brach aber plötzlich
ab und fuhr auch zur Türe hinaus Er hatte durch das Fenster den Schwager
hinüber zu Uli gehen sehen und fasste alsbald was der drüben wollte und machte
sich ihm nach Joggeli lächelte ihm nach kriegte aber alsbald Angst Uli möchte
vielleicht mit der Wahrheit ausrücken Gut sei es dass er ihm die Quittung noch
nicht gegeben dachte er er könne es allweg nicht beweisen und da wüssten die
Blutsauger nicht woran sie seien und wem sie glauben sollten
Drüben ging ein tapferer Lärm an Erst biss der Baumwollenhändler nach dem
Schwager was er ihm nachzulaufen habe darauf fertigte Johannes den Schwager
grob genug ab Darauf manöverierten Beide gegen Uli Erst kamen sie mit Manier
und wünschten auf Abschlag so viel Geld als er im Hause hätte es sei des
Vaters Wille und Begehr dass er gebe Da komme er schön in die Klemme dachte
Uli der Alte stelle ihm zum Ausessen die Suppe dar welche er selbst nicht
möge Uli entschuldigte sich er habe nur das nötigste Geld für die Hauskosten
bei der Hand am Zins könne er nichts machen er habe ein böses Jahr gehabt
Mehreres ausstehen Anderes nicht verkaufen können so sei es ihm unmöglich
ihnen mit Geld an die Hand zu gehen Nun redeten die Beiden erst von Lumpenware
und Hudelbuben so komme man dran wenn man Leute von der Gasse nehme da hätte
man keine Sicherheit die machten sich nichts daraus mit dem Schelmen
davonzugehen Das kam Uli über den Magen Wenn es mit dem Schelmen davongelaufen
sein müsse so sei er in alle Wege der Letzte von ihnen Dreien welcher laufe
sagte er »Zuletzt« sagte der Tochtermann »ist das ein abgeredet Spiel sie
stecken Beide unter einer Decke Es war schon lange der Gebrauch hier die
Kinder zu betrügen zum Besten von Lumpenpack welches uns unsere Sache
abstiehlt Lass sehen du Hagels Lehenmannli jetzt gib Bescheid kurz Ja oder
Nein Hast bezahlt oder nicht bezahlt Wir wollen wissen woran wir sind« Uli
stutzte sagte aber bald mit ihnen hätte er nichts zu tun ob er bezahlt habe
oder nicht gehe sie nichts an sie sollten ihre Wege gehen ihn ruhig lassen
die Sache mit ihrem Alten ausmachen Johannes hätte beinahe an Uli seine Kraft
versucht denn von einem Fremden lasse er sich aus seinem Hause weder stellen
noch weisen sagte er Aber Uli sagte er gedenke weder das Eine noch das Andere
zu tun aber plagen um etwas welches sie nichts anginge lasse er sich ebenso
wenig und wenn sie nicht gingen so ginge er Da sagte der Tochtermann »Zanken
mit dir wollen wir nicht lange aber zähl darauf innerhalb einer Stunde wissen
wir woran wir sind und wollen dich dann in den Schraubstock spannen dass du
nach Gott schreien lernst Du sollst es erfahren wie es so einem vierschrötigen
Kuhstrumpf ergeht der sich einfallen lässt Leute von unserm Schlage zum Besten
haben zu wollen Warte nur Bürschli du wirst froh sein andere Saiten
aufzuziehen« Darauf ging er ab husch Johannes ihm nach
Das Horchen ist auf dem Lande nicht halb so verpönt als in den Städten Man
hat meist vergebene Mühe wenn man Mägden das Schmähliche welches darin liegt
begreiflich machen will Weiber behaupten förmlich das Recht dazu zu haben so
gut als zum Schlüssel zum Bureau denn wo Zwei Eins sein sollen wie sollte da
ein Geheimnis zwischen ihnen sein können So hatte auch Vreneli gehorcht und
als die beiden Unholde abgefahren waren kam es mit der Frage auf Uli zu »Du
hast doch eine gesetzliche Quittung« »Nein« sagte Uli »Joggeli hatte nicht
Stempelpapier und seither ging die Zeit herum ich wusste nicht wie und daran
mahnen durfte ich ihn nicht« »Du bist doch ein Tropf nimm es mir nicht übel
Aber gehst sagst du habest nicht bezahlt hast keine Quittung in Händen und
Joggeli ist Joggeli du solltest ihn doch kennen Was die jetzt mit ihm anfangen
und wozu sie ihn nötigen das weiß Gott Achtundert Taler ohne den Zins für die
Schatzungssumme kannst du verklappert haben mit einem Worte« Da ward es Uli
katzangst sein Mund tat nichts als donnern auf der Stelle wollte er hinüber
»Nein« sagte Vreneli »jetzt gehst nicht mache dich nicht selbst zuschanden
Ich gehe zur Base dass sie aufpasse was vorgeht sie lässt uns nicht betrügen
und ists nötig kann sie dich rufen«
Als die Base hörte worum es sich handle entrannen ihr aber einige
herzhafte Seufzer über das Mannevolk wo Keiner was rechts sondern wer nicht
Esel Schelm sei und sagte »Sei nur ruhig denen will ich den Marsch machen
dass es eine Art hat Aber sage Uli ein Lümmel sei ein Lümmel und wenn er einer
bleibe so könne er sich und Andere plagen mit Arbeit und Sparen und doch
zuletzt im Winter barfuß laufen und ein schön Liedlein pfeifen statt eine warme
Suppe essen« Alsbald begab sich die Base auf die Lauer und vernahm an der Türe
wie der Tochtermann vorbrachte Sie müssten allerdings glauben der Zins sei
nicht bezahlt ob mit Guteissen vom Schwäher oder nicht sei ihm gleichgültig
er verlange bloß eine Anweisung auf Uli er wolle dann sehen ob er Geld kriege
oder nicht er kenne solche Geschäfte Johannes ging plötzlich ein Licht auf es
war das erstemal dass er eine Art Respekt vor dem Schwager kriegte Er wolle
auch eine brüllte er der Teufel solle ihn lotweise zerreißen wenn er vom
Platze gehe ehe er eine hätte Erst weigerte sich Joggeli mit allerlei
Ausflüchten als aber die Andern immer heftiger in ihn drangen ward sein
Widerstand schwächer Die Base an der Türe dachte Was Tüfels ist ihm aber in
Sinn gekommen Er ist Hunds genug er tuts Richtig endlich ging Joggeli nach
Tinte und Papier und suchte die bessere Brille welche er seither angeschafft
hatte
Da tat sich die Türe auf die Base trat ein Es verzogen sich ärgerlich oder
verlegen alle Gesichter sie aber ließ sich dies nicht anfechten sondern sagte
es nehme sie wunder was es gebe und was da geschrieben werden solle Sie musste
zweimal fragen da munkelte Joggeli »Nicht viel anders« Der Tochtermann aber
sagte »Der Vater sieht ein was recht ist und tut was der Brauch ist Es ist
in allen vornehmen Häusern der Fall dass die Eltern wenn sie alt werden nicht
mehr kapitalisieren sondern ihre Ersparnisse den Kindern austeilen weil
jüngere Leute das Geld besser zu nutzen verstehen Da will der Vater so gut sein
und uns Anweisungen auf den rückständigen Pachtzins geben« »Welch rückständigen
Pachtzins« frug die Base »Geh Frau« sagte Joggeli »lass uns machen die
Sache ist bald richtig mach dass wir dann was zu essen und zu trinken haben«
»Essen und Trinken ist da und die Sache ist richtig denn du schreibst die
Anweisungen nicht« sagte die Base Joggeli wollte ihr zublinzen der
Tochtermann sagte »Aber Mutter wollt Ihr denn wüster gegen uns sein als der
Vater Ihr wart sonst Eurer Kinder Stütze und jetzt redet Ihr wider sie Warum
wollt Ihr uns zböst sein Was haben wir Euch zuwider getan« »Warum Darum«
sagte die Base »weil der Zins bereits bezahlt ist ihr ein Hudel und
Schelmenpack seid Alt und Jung und ich nicht zugeben will dass unter meinem
Dache solche Schelmenstücke verübt werden« »Mutter das sind Flausen« sagte
der Tochtermann »der Pächter hat selbst gesagt er habe den Zins nicht bezahlt
und so was sagt man sonst nicht wenn es nicht wahr ist Er zeige uns die
Quittung wenn wir es glauben sollen der Vater würde auch nicht Anweisungen
schreiben wenn der Zins bezahlt wäre so schlecht ist der Vater nicht« »Was er
ist das weiß ich nicht« sagte die Base »aber der Sache will ich ein kurzes
Ende machen schreibt dann meinethalben Anweisungen ein ganz Fuder voll«
Rasch ging sie zum Bette warf den unteren Teil auf den oberen zurück zog aus
dem Strohsack einen schweren klingenden Beutel den sie kaum heben mochte
sagte das sei die rechte Quittung und wenn die sei wo sie hingehöre so werde
die Sache sich schon machen Ehe die Andern recht wussten was geschah war sie
zur Türe hinaus Unter der Haustüre sah sie Vreneli welches aufgepasst hatte
stellte den Beutel ab und winkte Rasch war es drüben »Nimm lauf der Atem
fehlt« sagte die Base Vreneli nahm lief und war in ihrem Hause ehe die
Andern sich gefasst hatten und nach gestolpert kamen Nun das Ende vom Liede
war dass Joggeli wieder um den größten Teil des Geldes kam
»Aber Base« sagte Vreneli »ist der Vetter wirklich so schlecht dass er
begehrte arme Leute um Hab und Cut zu bringen ihr Eigentum ihnen abzuleugnen«
»Nein so schlecht ist er nicht« sagte die Base »aber so ist er dass er alles
macht um das Unangenehme von sich ab und auf Andere zu walzen und wenn dann
was Schlechtes daraus entstünde so würde er sagen er vermöge sich dessen
nicht sondern der oder jener sei schuld daran Warum habe zum Beispiel Uli
selbst gesagt er hätte den Zins nicht bezahlt Dazu habe ihn niemand gezwungen
ihm hätte es in Sinn kommen sollen was daraus entstehen könne er mische sich
nicht darein die Andern wo was mit einander hätten könnten es ausmachen«
»Aber Base ist das recht« fragte Vreneli »He das weißt« antwortete
dieselbe »aber ists gescheut von Uli keine Quittung zu haben und zu sagen er
habe nicht bezahlt Gefälligkeit hin Gefälligkeit her Wahrheit ist Wahrheit er
sollte sich doch nicht in Sachen einlassen welche er nicht versteht und von
denen er nicht weiß wie weit sie gehen Mit solchen Lumpensachen kann man nicht
bloß um Hab und Gut sondern auch um den ehrlichen Namen kommen« »Base Ihr
habt recht und mir macht solches Kummer Uli möchte gerne der Gute sein lässt
sich gerne zum Großen machen und je schneller er reich wäre desto lieber hätte
er es Es scheint mir oft der Teufel habe eine Angelschnur mit drei Haken nach
ihm ausgehängt an welcher noch hängen bleibt weiß Gott Base ich habe einen
Kaffee gemacht bleibt bei mir drüben habt Ihr doch böse Gesichter hier möchte
ich Euch zu hunderttausend Malen danken und Uli hätte auch Ursache dazu«
»Nein muss hinüber gucken was es gibt schlimm wird es nicht gehen Ich habe
ein gut Gewissen sie böse ich mache ein keck Gesicht und sie wissen nicht
welche sie schneiden sollen Wenn ich komme so werden sie lange schweigen
endlich viele Redensarten ins Feld führen wie sie ja keinen Betrug im Sinne
gehabt und wenn ich das erstemal hinausgehe kommt mir Johannes nach und sagt
Mutter du bist immer die Beste hättest mir nicht noch einen schönen Kram für
Trients das Pflaster «
Kaum hatte der Johannes gemacht wie die Mutter es vorausgesagt kam der
Tochtermann hätte die Mutter gerne gestreichelt und gehätschelt wenn sie nicht
drei Schritte rückwärts gegangen wäre und sagte ob sie ihm nicht was Gutes
hätte für Elise einen Schinken eine Wurst Käse Butter usw Elise liebe
derlei Dinge sehr und er gönne sie ihm von Herzen zuweilen sei sie etwas
wunderlich aber er habe die Hoffnung mit Ernst sei sie ganz zu kurieren Ernst
sei gut sagte die Mutter aber mit der Fünffingerkur solle er nicht mehr
probieren in St Gallen oder wo er daheim sei die Menschen noch halb wild
seien da sei sie vielleicht gut aber im Bernbiet schlage sie schlecht an man
nehme sie von der Regierung nicht an geschweige denn so von einem
halbbaumwollenen Mannli Probiere sie eine Regierung so könne sie darauf
zählen ehe ein Jahr umgehe liege sie im Graben Aber das gutmütige Wesen tat
ihr doch wohl der Tochtermann ging auch bei ihr nicht leer aus In Gottes
Namen dachte sie Elisi hats desto besser und dass ich an nichts schuld sei
will ich nicht sagen Wir möchten einen hohen Preis auf die Beantwortung der
Frage setzen wie arm eine Mutter sein müsse dass sie für das Kind welches ihr
oder für welches man ihr ans Herz klopfe nichts mehr zu geben habe
Vreneli suchte den Zuspruch der Base Uli beizubringen aber er war nicht
mehr empfänglich dafür er sah den Fehler selten mehr auf seiner Seite war in
einen Widerspruchsgeist hineingeraten der schwer zu bekämpfen ist wo er sich
einmal eingebürgert hat Es sei böse wenn man nicht mehr den Nächsten trauen
könne sagte er übrigens sei die Geschichte lange nicht so gefährlich gewesen
wie sie ausgesehen Joggeli habe nur die Beiden vom Halse schaffen Ruhe haben
wollen wenn sie fortgewesen hätte er ihm die Quittung gegeben wenn auch das
nicht so wäre die Sache wenn sie zum Prozess erwachsen bald aus gewesen so
viel kenne er von der Sache »Uli das glaube doch nie« sagte Vreneli »die
Prozesse kriegen eigene Köpfe laufen meist ganz anders als der Mensch in
seinem Kopfe gehabt Was man sich ganz kurz gedacht wird lang lang länger als
ein Bandwurm und nimmt kein Ende Vor den Prozessen muss man sich hüten wahr
sein lauter in keine Kniffe und Anschläge sich einlassen alles rund abmachen
Ist man einmal darin ist man auch nicht mehr Meister« »Man kann nicht vor
allem sein« sagte Uli »ungesinnt wird man in einen Prozess verflochten und
wenn man zu allem Ja sagen wollte was Andere vor sagen käme man lustig weg«
»Ja« sagte Vreneli »vor allem kann man nicht sein aber vor dem hättest sein
können und gerade das war so eine Geschichte welcher man hätte eine Nase
drehen können wie man sie haben wollte Wenn die Beiden geschworen hätten du
hättest selbst gesagt du seist den Zins noch schuldig was meinst dann« »Ah
bah das verstehst du nicht« sagte Uli und ging weiter
Zwölftes Kapitel
Dienstbotenelend
Anfangs war Uli mit seinem Dienstbotenpersonal so übel nicht zufrieden gewesen
Er glaube er habe es getroffen es gehe besser als im letzten Jahre sagte er
zu Vreneli »Rühme nicht zu früh« sagte Vreneli »neue Besen kehren gut«
Natürlich plumpst so ein neuer Knecht oder eine neue Magd welche zur zweiten
Abteilung der dritten Klasse gehören nicht so mit allen Lastern zur Türe
herein Der Knecht macht ein Sonntagsgesicht und stellt sich gut nach Vermögen
teils will er ein gutes Vorurteil für sich erwerben teils muss er doch erst die
Gelegenheit erkundschaften die Faden suchen sein alt Leben am neuen Orte
anzuknüpfen Zudem mag in Manchem wirklich der Sinn sich regen anders tun wäre
besser so komme es am Ende doch nicht gut An einem neuen Orte wo die alten
Gefährten die alten Gelegenheiten fehlten er das Auslachen nicht zu fürchten
hätte ließe es sich schon tun Er nimmt sich zusammen tut gut einige Wochen
bis der Teufel ihm nachgeschlichen ist ihn wieder gefunden neue Gelegenheit
bereitet hat die Begierden im Leibe recht gierig und hungrig geworden sind da
geht es wieder los und der neue Besen ist handkehrum zum alten geworden
Das erfuhr Uli allgemach Uli hasste das Rauchen in der Scheuer und bei der
Arbeit Auf die Mahnung des Bodenbauers hatte er es sich nach und nach abgewöhnt
und sich sehr wohl dabei befunden jetzt da er Meister war begriff er erst
recht wie lästig und unangenehm dasselbe einem Meister ist Wenn man alle Hände
voll zu tun hat jeder versäumte Schritt von so großem Nachteil ist und
gelassen klopfen Knechte und Tagelöhner die Pfeifen aus stopfen ein reichen
sich gegenseitig den Tabak versuchen Feuer zu machen erst mit Zündhölzchen
welche sie in offener Tasche tragen endlich wenn das nicht gehen will mit
abgenutztem Feuerzeug und wenn endlich alle Feuer erhalten einer wieder
spricht »Du gib mir wieder Feuer es ist mir erloschen« und wenn der endlich
hat ein Zweiter ein Dritter sagt »Du gib mir Feuer es ist mir erloschen«
was da für angenehme Empfindungen dem Meister in alle Glieder fahren erfuhr er
Wenn er dazu rauchen sieht um das Heu herum ins Stroh die Pfeifen ausklopfen
die Zündhölzchen hinwerfen sieht wo es sich eben trifft da kommt zum Ärger die
Angst was aus solchem Leichtsinn werden solle Wie unendlich viele Häuser sind
durch diese Ursachen abgebrannt von denen man hintendrein sagte sie seien
angezündet worden Bei einer allfälligen Untersuchung ergeben sich keine
Ursachen des Brandes man nimmt also einfach Brandstiftung an das ist wirklich
das Simpelste Ein Knecht wird natürlich nicht sagen er habe beim Heurüsten
geraucht habe Zündhölzchen verloren er wisse nicht wo habe die Laterne mit
den Fingern geputzt und den glimmenden Docht in den Mist geworfen der
möglicher weise trocken habe sein können Das alles und noch viel anderes
woraus ein Brand entstehen kann vernimmt man nicht Da nun die dickköpfigen
Juristen dieses nicht begreifen auf der andern Seite an keine Wunder glauben
so finden sie in Erwägung dass sie sonst nichts wissen sich veranlasst
Brandstiftung anzunehmen Uli hasste also jetzt das Rauchen mehr als er es
früher geliebt fragte die Knechte wenn es ums Dingen zu tun war ob sie
rauchten Wenn einer sagte Ja aber nicht dass es ihn zwinge und er meine es
müsse sein so am Feierabend habe er gerne sein Pfeifchen oder am Sonntage statt
eines Schoppens so sagte Uli Dawider könne er nichts haben lieber wärs ihm
freilich es würde gar nicht geschehen Aber bei der Arbeit und in der Scheune
wolle er es durchaus nicht haben das sage er rundweg Begreiflich sagte der
Knecht das verstehe sich von selbst hatte aber natürlich keinen Augenblick im
Sinn auch also zu tun
So hatte er es auch mit dem Karrer gehabt und der auch gesagt »Das versteht
sich von selbst« Nun aber merkte Uli dass derselbe sein Wort nicht hielt
sondern mehr und mehr bei der Arbeit rauchte und starken Verdacht hatte er er
rauche auch abends oder morgens wenn er glaube der Meister komme nicht dazu
im Stalle Wenn Uli kam unversehens sah er natürlich keine Pfeife mehr und
wenn er fragte wer geraucht habe er rieche Tabak so erhielt er zur Antwort
man wisse es nicht es sei vielleicht jemand rauchend vorübergegangen Sah er
ihn rauchen und mahnte es wäre ihm lieber es geschehe nicht so steckte der
Karrer anfangs schweigend die Pfeife in die Tasche später sagte er sie sei
bald ausgebrannt endlich meinte er Oh ein Pfeifchen werde doch wohl erlaubt
sein er hätte noch keinen Meister angetroffen der so unvernünftig in der Sache
gewesen Der gute Karrer war durchaus ungebildet aber er kannte aus Instinkt
die Art und Weise wie man in Gesetz und Ordnung einbricht und am Ende sie mit
Füßen tritt In Friesland dem Meere nach im Emmental der Emme nach sind Deiche
oder Dämme lässt man in einem solchen Damm ein Mauseloch unverstopft und
unverstampft so kann man darauf zählen es geht nicht lange so bricht durch
das kleine Löchlein die gewaltige Flut reißt es auf zu weitem Bruch bringt
Graus und Zerstörung über das dahinter liegende Land
Es ist wirklich sehr schön wie es zugeht in der Welt Erst kommen Mörder
Diebe und sonstige Spitzbuben von allen Sorten und machen in Gesetz und Ordnung
die Mauselöcher dann kommen Richter mir blöden Augen blödem Verstand und
blödem Gewissen und übersehen die Mauselöcher und hintendrein kommt die
Springflut sturmköpfiger Juristen reißt Gesetz und Ordnung ein beweist aus der
Vernunft klar wie eine Wurstsuppe dass Gesetz und Ordnung unvernünftig seien
Hemmschuhe der Humanität und des entschiedenen Fortschrittes und machen Platz
der aufgewühlten Grundsuppe des menschlichen Herzens der tierischen
Begehrlichkeit welche dem reinen Lichte welches in schwarzen Wolken den
Regenbogen bildet und in der trüben Welt ein tausendfältig Farbenspiel ähnlich
ist Denn das Tierische im Menschen ist überall im Herzen das gleiche während
es die Welt berührend in hundert und abermal hundert Brechungen schillert eine
schmutziger als die andere Von der allerschmutzigsten jedoch würde so ein
rechter Jurist von der wahren Sorte aus der reinen Vernunft auf das Klarste
beweisen dass sie der reinste Ausdruck des wahren Menschlichen sei rein wie das
reinste ungebrochene Sonnenlicht Es ist merkwürdig wie die Resultate der
hochgebildetsten Juristen mit dem einfältigen Instinkt eines ungebildeten rohen
Karrers zusammentreffen Die Extreme berühren sich sagt ein Sprüchwort könnte
man vielleicht nicht auch sagen sie fielen in eins zusammen und deckten sich
wie gleichschenklige Dreiecke
Uli verstund das Ding noch nicht so recht was ihm nicht zu verübeln ist
verstehen es doch dato mancher König und manches Volk nicht Er wollte nicht der
Wüstest sein nicht noch mehr verbrüllet werden als er bereits war er hielt
den Karrer nicht einfach an seinem Versprechen sprach nicht »Entweder oder
folg oder marsch« er fürchtete das könnte inhuman illiberal geheißen werden
Er verschluckte schrecklichen Zorn drückte nur hie und da und noch dazu halb
verbissen ein zornig Wort hervor kriegte dazu noch Angst und Bangen Uli merkte
nach und nach auch dass der Karrer ein förmlicher Trinker war Im Wirtshause saß
er nicht viel die Glungge stund abhanden und die gnädige Obrigkeit war noch
nicht so ungnädig gewesen dem Glunggenbauer gegen seinen Willen eine
obrigkeitliche Zersittlichungsanstalt vor die Fenster zu setzen Freilich wenn
er mit dem Zug auf der Straße war kam er selten nüchtern heim Merk würdig
war wie er allemal wenn er einen Stich hatte mit der Peitsche ganz eigen
knallte so dass Uli von weitem hörte was Trumpf war und nachsehen konnte Aber
besonders daheim war er angestochen roch nach Branntenwein auf Schussesweite
setzte die Beine auseinander und verstellte zu beiden Seiten wie ein Matrose
der drei Jahre hintereinander ununterbrochen zur See gewesen Uli stellte ihn
zur Rede er möchte doch wissen was das zu bedeuten hätte Da begann der Karrer
gar wehlich zu wimmern wie er einer grausamen Krankheit unterworfen sei
Magenkrämpfe sage man ihr Es sei akkurat die gleiche an welcher der Bonaparte
gestorben Er hätte gemeint er müsse sich totkrümmen kein Doktor habe ihm
helfen können Da sei einmal einer zu ihm gekommen ganz ungefähr und habe
gesehen wie er tun müsse wenn die Krämpfe ihn ankämen Der habe gesagt er
wolle ihm schon helfen das seien eben akkurat die gleichen Krämpfe welche der
Bonaparte gehabt Magenkrebs sage man ihnen Hätte er es zu rechter Zeit
vernommen so hätte er Ross und Wägeli genommen und wäre zu ihm gefahren dem
hätte er helfen wollen da wäre er ein reicher Mann geworden Als er es
vernommen sei er schon tot gewesen da hätte er begreiflich nichts mehr machen
können »Aber wenn er jemanden helfen könne so helfe er und wenn ich wolle so
wolle er mir auch helfen Was habe ich anders wollen Wenn ein Mann wie der
Bonaparte dran hat sterben müssen was hatte ich zu er warten Ihr Meister
Wisst nicht was solche Krämpfe bedeuten wo es einem ist als hätten zwei
Wäschweiber den Magen in den Händen und drehten ihn und drehten ihn und wenn
sie mit den Händen nicht mehr mögen mit Stöcken dass man meint die Seele fahre
zum Hirn aus Ich nahm also das Mittel es ist starkes Zeug es gleicht dem
Wacholderbranntwein wenn ich davon nehmen muss weiß ich oft lange nicht stehe
ich auf dem Kopfe oder auf den Füßen Aber was sein muss muss sein und Ihr
werdet es mir nicht verbieten wollen so unvernünftig war noch kein Meister bei
welchem ich gewesen« Was sollte Uli machen Sollte er so unvernünftig sein wie
der Karrer noch Keinen getroffen Er konnte unter Angst und Bangen Tag und Nacht
nachsehen damit kein Unglück geschehe und er eine Gelegenheit finde den Kerl
fortzujagen ohne ihm den ganzen Jahrlohn bezahlen zu müssen
Während Uli mit dem Karrer seine Nöten hatte und sie seiner Frau nicht
merken lassen durfte in zusammenhängen der Rede höchstens in einzelnen
Ausrufungen stund Vreneli andere Qualen aus und mochte sie Uli auch nicht
klagen es fürchtete nicht Glauben zu finden weil es nicht Beweise hatte Es
suchte welche Vreneli merkte nämlich dass etwas geschehen müsse im Stalle mit
der Milch Es schien ihm es werde nicht gemolken wie sonst Es wollten ferner
im angehenden Frühjahr die Hühner nicht legen wie man es sonst gewohnt war Es
konnte nicht recht glauben dass sie ihre Natur geändert und zu dem Korps sich
geschlagen welches nur fressen will und nichts dafür tun
Vreneli war eine von den Hausfrauen welche nicht miss trauisch sind aber
es im Gefühl haben wenn etwas nebenausgeht Sie haben die zweite Art von
Instinkt welcher nicht sowohl angeboren als von Jugend auf angewöhnt wird eben
wenn man von Jugend auf bei einer Sache ist Es warf natürlich sein Auge auf den
Melker Mädi seine Adjutantin unterstützte es getreulich aber sie konnten
nichts erkunden Der Melker war eine bequeme Natur machte nicht mehr als er
müsste und tat so liederlich er durfte ohne ausgescholten zu werden Aber er
war nicht undienstfertig brauchte gute Worte kurz er hatte etwas welches
namentlich dem Weibervolk gar nicht unangenehm ist Er war oft nachts nicht da
heim doch am Morgen zumeist zu rechter Zeit da so dass weiter nicht viel gesagt
werden konnte Man musste es als eine Unart betrachten welche leider noch Viele
haben Da der Melker unschuldig schien die Hühner aber wie verhexet begann
Vreneli Verdacht auf Marder oder auf Katzen welche zuweilen auch Eierliebhaber
sind zu werfen obschon man keine Schalen fand Es war stark die Rede von
Beizen Fallenstellen usw Da solche Maßregeln zumeist lange in Rede stehen ehe
sie zur Ausführung kommen werden sie oft durch etwas Unvorhergesehenes ganz
überflüssig gemacht
Wie gewohnt kam einmal die Eierfrau und hätte gerne eine mächtige Ladung
Eier gekauft für einen Bäcker welche das Backwerk zu einer großen Hochzeit zu
liefern hatte Vreneli konnte wenige geben und klagte seine Not Wenn es an
Hexen glaubte und eine in der Nähe wüsste so müsste es jetzt glauben dass man es
den Hühnern antun und das Legen verhalten könnte Da meinte die Eierfrau
Vielleicht dass sie ihm über den Marder welcher seine Eier fresse kommen könne
oder über die Hexe welche das Legen verhalte Sie hätte einen Ton gehört wenn
was dran sei so würde der Marder sich bald finden Vielleicht dass sie ihm schon
das nächste Mal Bericht geben könne Mehreres wollte sie durchaus nicht sagen
Gar lange ging es nicht so kam sie wider und zwar mit einem Gesicht welchem
man es von ferne ansah hinter dem stecke eine wichtige Botschaft »Hör« sagte
sie zu Vreneli »ich kann dir drauf helfen aber bei Leib und Leben verrat mich
nicht« Nachdem das Versprechen in bestmöglicher Form abgelegt war rückte sie
aus Drüben im Mühlengraben stehe ein Häuschen am Walde man könne dazu und
davon es sehe es kaum ein Mensch Dort sei nach dem Neujahr ein Mensch
eingezogen angeblich eine Wollenspinnerin aber sie sei die meiste Zeit daheim
mit Arbeit viel verdienen werde sie nicht Doch lebe sie gut Es rieche manchmal
so gut ums Häuschen als ob Engländer da wohnten mit einem vornehmen Koch
Pfannkuchen Eierbrot und dergleichen könne man alle Tage riechen und Kaffee
mache das Mensch des Tags wenigstens dreimal Lange habe man geglaubt es trinke
ihn schwarz denn es kaufe selten für einen Kreuzer Milch und wo es die Eier
hernehme habe man lange nicht begriffen Hühner habe das Mensch keine
herbeitragen hätte man auch keine gesehen Die Leute hätten bald geglaubt es
lege sie selbst und hätten ihm das gerne abgelernt denn kommode wärs für eine
Hexe hätte es ihnen wohl jung geschienen und zu wenig Runzeln an den Backen
gehabt und Kröpfe am Hals Nicht dass es gar jung und hübsch sei aber ein
appetitlich Weibervolk eine muntere Witwe im besten Alter wie sie am
liederlichsten seien Sie hätten ihr aufgepasst und endlich ihr Leghuhn entdeckt
Es komme ein Mann zu ihr und von dem komme alles Milch Eier und sie wollten
sagen noch mehr Sachen »Der Bursche ist von der Größe Euers Melkers das
Gesicht konnten sie noch nicht sehen er kommt spät und geht früh aber nicht
den Weg welcher hier her führt daneben kann er einen Umweg machen um auf
falsche Spur zu leiten wie ich glauben muss Von wegen dir zulieb Fraueli war
ich mal selbst dort wo er früher diente und frug unter der Hand nach warum er
dort fortging Da hieß es nun wegen einem Mensch dem er alles zutrage was er
erreichen möge aber er wisse die Sache schlau anzufangen denn sie hätten ihn
nie darob erwischen können Was sie ihm bloß auf den Verdacht hin zugemutet
habe er abgeleugnet dass sie ihn bald hätten besser machen müssen als er sein
Lebtag je gewesen sei Nun sei dort das Mensch mit ihm verschwunden und es
werde nicht fehlen er werde dasselbe an irgend einem Orte in seiner Nähe
haben«
So berichtete die Eierfrau Das war eine schöne Geschichte Also im Rossstall
war es nicht sauber musste wegen Tabak und Magenkrämpfen aufgepasst werden im
Kuhstall war es nicht sauber dort ging es an Milch und Eier das war doch wohl
viel auf einmal Vreneli musste es Uli sagen der ward anfangs böse und meinte
nur Mädi rupfe dem Melker was auf Es hasse ihn weil es denselben lieben
möchte und der Melker dieser Liebe nichts nachfrage Er wisse selbst wie das
gehe und der Melker habe so was merken lassen wenn auch nicht gerade
herausgesagt Da stellte indessen Vreneli ab und sagte Es nehme ihns wunder ob
es keine Wahrheit mehr sagen könne und auf einmal nichts verstehe Nicht Mädi
habe es aufgerupft sondern es selbst habe gesehen dass da was nebenausgehe
nachgefragt und nun so und so Bericht erhalten Glaube er nicht daran so solle
er mal selbst hingehen und Nachfrage halten von wegen die Sache sei zu wichtig
als dass man sie so hingehen lassen könne ein ganzes Jahr lang Uli passte dem
Melker auf konnte aber hell über nichts kommen Der Melker hatte keine Art von
Gefäß im Stalle beim Melken als das übliche man mochte dazukommen wenn man
wollte oder ihn belauschen von der Futtertenne aus Man sah auch nicht das
geringste Verdächtige und Uli ward unwillig hätte fast Verdacht gefasst das
Unrichtige komme von ganz anderer Seite her
Da kam einmal ein schöner Sonntagnachmittag und Mädi trug sein
Herzkäferchen das kleine Vreneli an der schönen Sonne herum stellte es auf
den Boden ließ es träppeln und stampfen segelte mit ihm in der Richtung nach
welcher das kleine Ding mit den Füßchen strebte mit den Händchen zeigte Sie
lebten selig zusammen das Mädi hatte volle Zeit dem lieblichen Spiele sich
hinzugeben Der Ruf des Gewissens dass es den Lohn habe zur Arbeit und nicht zum
Tändeln versalzte ihm die Freude nicht die weil es Sonntag war und das
Vreneli wurde nirgends hingesetzt mit einem Steinchen oder Blümchen welche
weder reden noch laufen konnten um mit ihnen sich die Zeit zu vertreiben Es
ist eine gar strebsame bildungshungerige Zeit die Zeit vom zehnten Lebensmonat
hinweg Da ists über einem freundlichen Kinde alle Tage wie über der Erde an
jedem schönen Frühlingsmorgen Neue Herrlichkeit hat sich entfaltet es ist ein
Anderes geworden und doch das Gleiche geblieben denn die Freude ist über Nacht
neu geworden hat neue Pracht entdeckt über Nacht erblüht Aber stumm sind die
Blümchen keine Beine haben die Steinchen wohl spielt das Kind mit ihnen aber
nicht lange es wird ihm öde dabei und unheimlich unbewusst ist es ihm als
solle es nicht reden lernen als müsse es sitzen bleiben auf der gleichen Stelle
lebenslang Darum aber wird es dem Kinde wie dem Fischlein im Bache wenn eine
gute Seele mit ihm springt und spricht spricht und springt es trampelt mit den
Füßchen schlägt mit den Händen hell jauchzt es auf ihm ist als gehe es zum
Himmel auf Weiter und weiter strebet es hinaus in die Welt Plötzlich kehrt es
sich um streckt die Händchen auf nach dem Halse des Gefährten birgt das
Gesichtchen an seiner Brust segelt mit allen Kräften heimwärts Ein fremd
Gesicht hat es gesehen etwas Ungewohntes hat seine Sinne berührt es fühlt
plötzlich sich fremd in der weiten Welt das Heimweh taucht auf in seinem
kleinen Herzen es beruhigt sich nicht bis dass die Heimat es wieder umfängt Zu
klein waren noch die Flügel für die weite große Welt
So waren Mädeli und Vreneli trappelnd und jauchzend auf Reisen gegangen
waren nach vielen Irrfahrten endlich hinter einen alten Holzschopf gekommen um
welchen allerlei Gräbel lag und namentlich altes sogenanntes Zäuneholz mit
welchem man im Herbst beim Weidgang provisorische Zäune herzustellen pflegt Der
alte Schopf stund tagelang einsam und verlassen und hätte er ein Gesicht
gehabt er würde ein sehr verwundertes gemacht haben dass zwei Menschen auf
einmal durch seine stille Einsamkeit trappelten und jauchzten
Indessen gab es doch ein verwundert Gesicht Vreneli hatte plötzlich eine
Erscheinung In den alten Zaunstecken raschelte es ein prächtig gelbes Huhn
trat majestätisch aus denselben und verkündete der Welt mit hellem Geschrei
seine eigene Heldentat es habe nämlich ein Ei gelegt »Ja so du Ketzers
Täsche legst du da Das wäre mir nicht beigefallen« sagte Mädi »so geht es in
der Welt immer anders und schlechter Hier zu legen fiel noch keinem Huhn ein
aber es ist alles gleich Menschen und Hühner es muss alles verstohlen und
verschleppt sein da ist niemand mehr zu trauen« Vreneli welches am gackelnden
Huhn seine Freude hatte ward ins Gras gesetzt und Mädi kroch dem entdeckten
Schatze nach ins alte Holz hinein »Tüfel Tüfel« rief es plötzlich aus dem
Holze Doch sah Mädi nicht wirklich den Teufel sondern was anderes Es fand
nicht so viel Eier hier als es gehofft nur etwa vier oder fünfe Das Nest fiel
ihm auf es schien nicht von einem Huhn sondern von einem Menschen gemacht
zudem war ein altes Nestei darin Mädi war Expertin im Hühnerfach es wäre gut
es würden in keinem Fache schlechtere Experte gebraucht Mädi schloss alsbald
das sei nicht bloß eine einfache Hühnerverlegete wo einfach ein Huhn sein
Naturrecht geltend macht seine Eier legt wohin es will und nicht wo die Frau
Prinzipalin will um brüten zu können wenn es ihm ankömmt ohne es der Willkür
der Frau Prinzipalin zu unterstellen welche imstande ist ihm zum Dank für
seine Bereitwilligkeit das Nest mit Nesseln zu reiben Mädi schloss alsbald auf
eine menschliche Schelmerei welche den Hühnern hier an dem abgelegenen Orte
ein Nest gemacht und sie durch bekannte Mittel verführt ihre Eier an den Ort zu
legen an den kein ehrlicher Mensch dachte Als Mädi sich kundig umsah nach
allen Merkmalen welche zu einem sichern Schluße führen konnten sah es
nebenbei im alten schwarzen Holz was Weisses und als es dasselbe hervorzog war
es eine große Milchflasche von weißem Bleche und voll Milch Das trieb ihm den
»Tüfel« ins Maul und triumphierend kroch es hervor die Eier in der Schürze
die Flasche in der Hand und im Triumph ging es dem Hause zu Endlich hatte es
ihn erwischt hatte auch ein Heldenstücklein vollbracht wie noch keines von dem
die Leute reden würden als wie vom Tellenschuss so lange nämlich als die
Schweizerberge stehen Noch viel lauter als das gelbe Huhn gackelte Mädi dass
alles was im Hause war herausschoss und Mädi nach dem Vreneli zu Da ward
alles besichtigt um und um endlich fragte Uli den Mädi auch herbeigegackelt
hatte »Jetzt möchte ich doch wissen wer der Spitzbube ist Seh wem ist die
Flasche« Da blieb es stille ringsum kein Eigentümer meldete sich niemand
wollte die Flasche gesehen haben niemand um das Einest wissen hinterm alten
Holzschopf Uli mochte fragen drohen wie er wollte Keiner wollte sagen
»Meister ich bin der Schelm«
Es gibt auf der Welt nichts Fatalers frage man nur jeden Knaben als wenn
man am seichten Bache stund einen großen Fisch unter einen alten Weidstock
fahren sah rasch sich niederlegte mit der Hand nachfuhr Lebendiges in die
Hand kriegte rausfuhr und man hat eine Kröte in der Hand nicht den Fisch und
wenn man die Hand wieder nachstreckt ist kein Fisch mehr da man hat nichts
mehr als das Gramseln in der Hand von der Kröte her und den Ärger über den
falschen Griff Mädi hatte gemeint was es habe an Flasche und Eiern aber den
Fisch hatte es doch nicht der Fisch war fort Als nun der Fisch sich gar nicht
finden wollte sagte Uli unwillig »Du bist immer das gleiche dumme Mädi wirst
dein Lebtag nicht gescheut warum musste nicht jemand anders die Sachen finden
Wenn man Vögel fangen will brüllt man nicht die Haut voll Hättest alles am
Orte gelassen wo du es gefunden und mir es gesagt dann wäre ich auf der Lauer
gestanden hätte den Dieb mit den Sachen in der Hand erwischt und der Handel
hätte eine Nase gehabt Jetzt ist es aus denn wenn man einen Dieb nicht kriegt
wenn er die Sache genommen hat und sieben Zeugen welche gesehen haben dass er
sie wirklich genommen und nicht bloß gefunden so hat man das Nachsehen und kann
die Kosten bezahlen« »Ist das jetzt mein Dank« begehrte Mädi auf »Wenn es dir
Ernst ist den Schelmen an Tag zu bringen so frage nur den Melker der kennt
ihn wohl hat ihn vielleicht in seinen eigenen Hosen« Potz Himmel da gab es
Spektakel Der Melker war dabei als Mädi so sprach und husch hatte es eine
Ohrfeige weg ehe jemand es hindern konnte und hätte auch die Haare lassen
müssen wenn Uli nicht mit starkem Arme Halt gemacht
Mit der Ohrfeige hatte aber der Melker dem Mädi den Zapfen aus dem Redefass
geschlagen und heraus sprudelte eine Zornesflut in welcher der Melker
sicherlich zuschanden gegangen wäre er nicht ein hölzernes Kamel und an solche
Fluten längst gewohnt gewesen Alles was die Eierfrau gesagt und nicht gesagt
von seinem Mensch und seinem Leben das warf Mädi dem Melker an den Kopf Der
brüllte wie ein angestochener Urochs und begehrte auf von wegen seiner Unschuld
schrecklich und schlug mit seinen Zeugnissen alle Anschuldigungen tot Da könne
man sehen was er sei und was er nicht sei und zwar auf Stempelpapier Aber der
Teufel sei Meister in der Welt und Menschen gebe es welche kein einzig Zeugnis
hätten und wollten Andere zu Schelmen machen die verfluchten Luder Denen wolle
er es zeigen sie müssten erfahren wer er sei und selbst den Namen tragen den
sie ihm gerne angehängt hätten Der Melker tat schrecklich wie zu Olims Zeiten
der Gouverneur von Magdeburg der sich vermass Hundsleder zu fressen ehe er die
Festung übergebe war aber kuraschierter als derselbe Gouverneur und saß nicht
allsogleich auf den Nachtstuhl als der Feind stand hielt und sogar
näherrückte Der Melker wusste dass schlechter die Welt wird das Recht immer
mehr dem zufallt der am meisten aufbegehrt am wüstesten tun kann alles von
wegen der Unschuld Aber Mädi war eine Batterie welche nicht so bald zum
Schweigen zu bringen war sondern immer schärfer schoss je wilder die andere
feuerte Scheltungen waren hin und hergeflogen wie Hagelsteine wenn es recht
ha gelt dass ein gewöhnlicher Richter acht Tage gebraucht hätte sie
auseinanderzulesen und ordentlich zu sortieren
Endlich lange hatte er es umsonst versucht kam Uli zu Worten hob alles
Gesagte auf von Amtes wegen jagte Mädi in die Küche den Melker in den Stall
machte so den Feindseligkeiten einstweilen ein Ende jedoch nicht der
Feindschaft Dem Melker grollte es im Kopfe wie einem Vulkan im Bauche den
Ausbruch fand er jedoch nicht rätlich speite Rauch und Flammen bloß wenn der
Meister und die Meisterfrau es nicht hörten redete alle Tage morgen mache er
die An zeige beim Richter und machte sie doch nicht Er war ein alter
Praktikus und wusste dass wenn man mal was einem Richter oder Advokaten zur Hand
gegeben man nicht mehr Meister sei zu sagen bis hierher und nicht weiter
sondern das Ding mit einem durchgehe wie wilde Rosse mit einem sturmen Kutscher
und ein Ende nehme mit Schrecken Es ist gar schlimm in mürbes blödes Tuch
einen kleinen Riss machen zu wollen wie leise man macht husch reißt es durch
und die Stücke bleiben einem in der Hand
Mädi glich einer lebendigen Schlüsselbüchse pfupfte den ganzen Tag tat
aber niemand weh als ihm selbst Auf seiner Heldentat hielt ihm niemand viel als
Vreneli welches aber doch oft über das ewige Pfupfen sich beklagte und Mädi
schweigen hieß was Mädi begreiflich sehr übel nahm über unsern guten Herrgott
böse ward dass er die Welt so schlecht werden ließe und keine Dankbarkeit mehr
sei auf Erden Es wollte den Leuten zeigen wer Mädi sei und was es könne legte
sich nun dem Melker an die Fersen und lauerte ihm auf Tag und Nacht Aber das
gute Mädi fing nichts mehr der Fisch war fort Es trug ihm nichts ein als
einige Kübel verdammt kalten Wassers mit welchen es auf seinen nächtlichen
Gängen begossen wurde es wusste nicht woher und von wem Der Melker habe es
getan winselte es Es wolle keine gesunde Stunde mehr haben wenn es nicht so
sei darum solle Uli ihn fortjagen er treffe sicher den Rechten und wenn auch
nicht der Milch oder der Eier wegen so habe derselbe es doch ob ihm verdient
»Wärst im Bette geblieben« antwortete Uli endlich unwillig »es hieß dich
niemand herumstreichen Wenn es gemacht sein muss so lass es an die denen es
zukömmt willst aber den Haushund machen so musst auch nehmen was ein Hund«
Uli hatte das nicht böse gemeint sondern es im bitteren Unmute ausgestoßen Von
Mädis Entdeckung hatte er keinen Nutzen gehabt aber ein andauernder Verdruss
schien ihm daraus erwachsen zu wollen Mädi aber gingen diese Worte tief und
eiterten Das ist das schlimmste aller Übel wenn Worte eitern und doch wissen
so viele Menschen nichts von dieser Krankheit Mädi hatte einen Schwung
genommen es hatte sich ihm der Himmel aufgetan zu einer großen Tat aber nur
von ferne hatte es das gelobte Land gesehen als es über die Schwelle wollte
entschwand die ganze Herrlichkeit gleich der Fata Morgana in den Wüsten Afrikas
es sollte bloß das wüste böse Mädi sein recht in keinen Schuh Das schlug ihm
ins Gemüt machte es unwirsch misstrauisch böse gegen alle Nie dachte es
daran dass in ihm eine Schuld des ganzen Elends liege statt Vrenelis Hilfe ward
es Vrenelis Plage Der dümmste Junge kann ein Glas Wasser färben mit einigen
dunkeln Tropfen aber getrübtes Wasser klar machen gesalzenes Wasser wieder
süß eine überpfefferte Suppe geniessbar das kann kein dummer Junge das kann
mancher Gelehrte nicht es ist Arbeit für eine höhere Hand Es ist gar
wunderbar wie die Mischungen in den Gemütern sich machen und wer achtet auf
die Tropfen alle welche in die Gemüter fallen sie zuckern oder pfeffern
säuren oder salzen und wer verstehts Salz und Pfeffer zu tun ans rechte Ort
wieder wegzubringen vom unrechten und zu passender Zeit
Mädi hatte einen von den Köpfen für welche man im Bernerland ein prächtig
Wort hat das Wort »eitönig« einen Kopf in welchem nur ein Ton Platz hat und
klingt der einmal weder mit Liebe noch Gewalt ein anderer Ton hervorzubringen
ist im Gegenteil je mehr man es anders tönen machen will desto stärker tönet
der gleiche alte Ton
Indessen der Krug geht so lange zum Wasser bis er bricht Den Melker
ertappte man freilich nicht als Dieb fand weder Eier noch Milch mehr aber die
Kühe bekamen kranke Euter die Milch ward ziegerig Uli der sich auf Kühe
verstund suchte alsbald die Schuld beim Melker Er sah ihm zu er visitierte
einige Male die Kühe ob der Melker etwa nicht gehörig ausmelke Milch in den
Eutern lasse was höchst verderblich ist aber er fand alles in der Ordnung Er
ging zu einem Vieharzt der war ein schlauer Kundius und half ihm auf die Spur
»Sieh« sagte dieser »das ist von den Feinern einer dem kannst lange
aufpassen der riecht hinten und vornen nimmt nicht die leere Guttere zur
gewohnten Zeit zum Melken und stellt sie neben sich als hätte sie das Recht
dazu oder lässt einzelne Kühe oder Stricke an den Eutern ungemolken der rupft
dir an den Kühen wenn er sich ganz sicher weiß um Mitternacht um Mittag kurz
wenn nichts zu furchten ist Der treibt das nicht zum erstenmal und nicht zum
letzten Was willst du dich plagen dich auf die Lauer legen bis du halbtot
bist Mach dass du von ihm kommst so bald als möglich Begehre mit ihm auf aus dem
ff wegen den kranken Kühen sage ihm er sei ein Bub kein Melker vielleicht
wirft er dir den Bündel dar und magst du ihn nur mit dem kleinen Finger
erreichen so hebe ihn auf und mach Weihnacht Der Lumpenkerl verpfuscht dir in
einem Jahr zehnmal mehr als sein Lohn beträgt«
Das begriff Uli aber der Melker biss nicht in den Apfel der wollte nicht
töricht sein und um seinen Platz kommen ehe das Jahr um war er nahm seinen
Worten gehörig das Maß und sagte höchstens er sei schon an manchem Orte Melker
gewesen noch habe ihm niemand gesagt er könne nicht melken man solle doch
seine Zeugnisse nachsehen ob was darin stehe dass er nicht melken könne den
Kühen die Euter verderbe Aber was für ein Meister er sei sei zu Stadt und Land
bekannt und wenn er ihm nicht recht sei könne er ihn senden er gehe auf sein
Geheiß die erste Stunde aber dann wolle er auch den Lohn für das ganze Jahr
nach Brauch und Gesetz Das war Uli auch nicht anständig er marterte sich
lieber mit Zorn Angst und Aufpassen ward immer saurer und übler im Gemüte es
war nichts mehr da welches die Wolken zersetzte den Nebel auflöste die
finsteren Stimmungen abklärte in milde und freundliche Sonst tut dieses das Auge
Gottes oder das Licht von oben wenn eine Seele sich ihm aufschliesst hinein die
hellen Strahlen leuchten oder es tuts der Hauch der Liebe wenn er leise
säuselt um die düstere Stirne oder es tuts eines Kindes Lächeln wenn es dem
beängstigten Vater aufgeht wie dem Verzagten der Regenbogen das Zeichen der
Gnade und Verheißung am Himmel In die Dornen und Disteln des Lebens drangen die
hellen Strahlen nicht mehr die Nebel der Welt waren zu dick Lächeln und Liebe
vermochten nichts mehr über sie Nichts drang mehr durch und gab lichtere
Stimmungen als der Gewinn an einem Ross welches schlecht war und für gut hatte
verkauft werden können das Rühmen des Müllers wenn er Uli Korn abdrang oder
Späße des Wirtes wenn er Uli für eine Kuh zehn Taler mehr versprach als irgend
ein Metzger geboten indessen einstweilen nicht bar zahlte »Sieh« sagte er
gewöhnlich »du kannst das Geld haben welche Stunde du willst aber du hast es
nicht nötig ich weiß es willst es ja nur beiseitelegen um im Frühjahr den
Zins zu machen Bis dahin verdient mir das Geld viel jetzt ist mit bar Geld
viel zu machen dein Schade solls nicht sein und einem Freund wirst doch einen
Gefallen tun Hör Uli ich habe es meiner Frau schon manchmal gesagt lieber
ist mir auf der ganzen Welt niemand als du man kann das Land auf und ablaufen
ehe man dir einen Gespan findet Unter Tausenden kommt Keiner so weit in ein
paar Jahren bist ein Mann und wenn du nicht noch Ammann wirst so verstehe ich
mich auf nichts mehr Ja Uli so ists Frau hol eine Flasche vom Bessern« Von
Geld war keine Rede mehr denn Uli lebte wohl an den Worten und dachte an den
Ammann
Aber übel steht es doch in dem Gemüte in welchem ein Wirt und ein Müller
und ein Rosshandel Sonne Mond und Sterne vorstellen und wie viel tausend
Menschen haben kein ander Licht in ihren Gemütern als das welches von solchen
Lichtern kommt oder noch viel schlechtern Man muss sich immer wundern dass die
Menschen deren eine so große Zahl nur von solchen Talglichtern und stinkenden
Öllämpchen erleuchtet werden nicht noch unendlich schlechter sind und mit
rasender Schnelligkeit noch schlechter werden wie Krebse auch um so schneller
gesotten werden je heißer das Wasser wird und je schneller man es zum Sieden
bringt Aber eben daraus sieht man dass Gott die Welt regiert und nicht der
Teufel noch viel weniger ein Seminardirektor sie wäre sonst seit vielen Jahren
schon unheilbar verpfuscht Doch muss man sich durchaus nicht vorstellen Uli
sei was man zu sagen pflegt gottlos geworden Die Menschen machen das Kreuz
vor dem Worte gottlos und doch ist kein Mensch der nicht gottlos ist Bei
jeglicher Sünde und namentlich wenn jemand sein Handeln nicht durch Gott und
sein Wort bestimmen lässt sondern durch sein eigen Fleisch und Blut oder andere
Kreaturen ist der Mensch immer gottlos und in dem Sinn war es Uli auch oft
und je länger je öfter Aber Uli merkte es nicht sein Entfernen von Gott merkte
er nicht und von einem Lossagen von Gott war keine Rede Der eigentliche
Gottlose ist eben ganz los von Gott sowohl im Erkennen als Bekennen sowohl in
Worten als Taten der eigentliche Gottlose wird ein Rekrut des Teufels und
versucht zu lernen den Kampf gegen Gott und sein Reich den unseligen Kampf wo
nichts zu lernen ist als Gottes Macht und des Teufels Ohnmacht und nichts zu
gewinnen als der eigene Untergang und die Überzeugung dass Gott der Wahrhaftige
sei und des Reiches Feinde zu des Herrn Fussen lege wie er es verheißen hat
Dass es so ist zeigte Gott Es war gegen Herbst als man mitten in der Nacht
ein mörderlich Geschrei vernahm das durch das ganze Haus drang und selbst die
Kinder weckte Uli fuhr auf zündete alsbald wie es einem guten Hausvater
ziemt die Laterne an um zu sehen was es für ein Unglück gegeben Uli hielt
dafür es seien Kiltbuben aneinandergekommen und einer schwer getroffen oder
gestochen worden Als er vor das Haus kam war es stille draußen Von den
Knechten welche herbeikamen wollte der eine es dort vernommen haben ein
anderer in entgegengesetzter Richtung Man suchte hier man suchte dort und
allerwärts umsonst Man horchte in die stille Nacht hinein man vernahm weder
Fußtritte Fliehender noch Seufzen oder Röcheln eines Verwundeten Das Ding ward
unheimlich den Meisten rieselte es kalt den Rücken auf doch nur einer sprach
es aus und sagte Er möchte zu Bette gehen das Ding gefalle ihm nicht es sei
nicht ein Schrei gewesen wie ein anderer und wer zu neugierig sei lese leicht
eine geschwollene Nase auf oder gar ein böses Bein sein Lebtag Man habe der
Beispiele viele und man sollte sich ihrer achten was nützen sie sonst Die Worte
fanden Anklang Sie müssten doch noch einmal sehen und etwas weiter gehen der
Schrei sei gar zu nötlich gewesen der welcher ihn getan sei nicht weit mehr
gelaufen und dass es ein Gespenst sei oder sonst der Art was könne er nicht
glauben man hätte sonst wohl schon was gehört sagte Uli »Das erstemal ist
eins hat Hamglaus gesagt« sagte einer Er möchte doch nachsehen sagte Uli
wer sich fürchte solle ins Bett Uli ging und alle kamen nach Einer dicht am
Andern aber nicht wegen Heldenmut und Nächstenliebe sondern weil Keiner
alleine heim ins Bett durfte Sie gingen und fanden in einer wilden Ecke hinten
bei einem Schopf einen Menschen bewusstlos liegen Als man zündete war es der
Melker dessen Abwesenheit aufgefallen war Er schlafe gar hart hatte darauf
der Karrer gesagt und sei nicht zu erwecken Neben ihm lag eine nagelneue
blecherne Flasche und zerbrochene Eierschalen knatterten unter den Füllen »Da
wäre also doch der Dieb hat es ihn einmal So wäre es recht so wüsste man doch
bestimmt ob ein gerechter Gott im Himmel sei oder gar keiner« hieß es von
allen Seiten Der Melker war hinaufgestiegen gewesen unters Dach in sein
Versteck im Herabsteigen hatte ihm ein Tritt gefehlt er stürzte hinab brach
ein Bein beschädigte sich sonst übel blieb sein Lebtag ein Krüppel
Einige Tage lang war auf der Glungge stark die Rede vom Melker und von Gott
man ging sogar in die Kirche die Einen weil sie wirklich dachten es könne
nicht schaden und wenn ein gerechter Gott im Himmel sei so möchten sie es
wirklich nötig haben Andere in der Hoffnung der Pfarrer ziehe den Melker in
der Predigt an und wenn er schon nicht alle nenne welche ihn gesucht und
gefunden könnten sie doch hintendrein sagen »War auch dabei So sollte es
allen gehen welche es so machen und damit ihre ehrlichen Nebendiensten in
Verdacht bringen Daneben dünkt es mich doch der Pfarrer habe es wohl stark
gemacht Nicht dass ich mich mit dem Melker zusammenzähle bewahre mich davor
aber wir sind alle arme Sünder und der Pfarrer wird nicht besser sein als
Andere« In diesen Tagen ließ Uli manchen Zuspruch fahren worin er auf den
deutete der an die Sonne bringe was im Verborgenen geschehe und den rechten
Meisterleuten beistehe wenn sie mit schlechten Dienstboten nicht auskommen
könnten »Was fängt er dann mit schlechten Meisterleuten an wenn es einen
gerechten Gott gibt denn er wird doch nicht bloß für Dienstboten da sein wie
Käsmilch und Mehlsuppen ohne Mehl sondern auch für schlechte Meisterleute«
frug ein naseweises Bürschchen welches eine Zeitlang in einer Schenke gedient
hatte und nichts glaubte Das sei ein leer Gerede dass Gott dem Melker das Bein
gebrochen Sei er gerecht so müssten alle Diebe die Beine brechen da hätte er
wohl viel zu tun und er mochte wissen wieviele auf ganzen Beinen herumliefen
Am übelsten ginge es dabei den Geigern denn das Tanzen ließ wohl die Meisten
sein Das habe niemand anders getan als Mädi das habe dem Melker leise die
Leiter weggestellt und als der darauf treten wollte sei er hinuntergestürzt
das sei der ganze Handel Mädi verdiente Kettenstrafe wenn nicht den Galgen
denn auf diese Weise könne ein Mensch den Hals brechen nicht bloß ein Bein und
Mörder solle man hängen heiße es Wenigstens müsste es ihm den Melker heiraten
und ihn ernähren und billiger als dieses sei nichts und besser könne es selbst
Gott nicht machen wenn einer sei nämlich
Mädi begehrte schrecklich auf über diese Zumutung aber nicht weil es sich
ein Gewissen daraus gemacht hätte die Tat zu tun sondern weil es sie nicht
getan und doch jetzt schuld sein sollte Es sei nur da um Sündenbock zu sein
und das sei ihm erleidet und jetzt sollte es noch den Melker erhalten Je böser
Mädi wurde desto mehr hatten die Andern Freude daran da half alles Zureden
nichts nichts bei Mädi nichts bei den Andern ein täglicher Krieg war los so
dass wenn der Melker schon fort war das Leben um nichts freundlicher wurde
Dreizehntes Kapitel
Von Haushaltungsnöten und daherigen Stimmungen
Vreneli ward das Leben wirklich schwer Sie hatten zu allem Verdruss im
Inwendigen auch nach außen nicht Glück gehabt Es war nicht eigentlich Misswachs
aber ein mager Jahr wo es wenig zu verkaufen gab Das sogenannte Beiwerk fiel
größtenteils weg der Lewat geriet nicht der Flachs war nicht gut Obst gab es
keins hinter den Kartoffeln waren die Käfer das Gras war nicht melchig das
heißt die Kühe gaben wenig Milch dabei es hatte zu viel geregnet das Korn war
gefallen brandig gab wenig aus in der Tenne das Geld im Schranke wollte sich
nicht mehren die Kasten im Speicher sich nicht füllen es füllte sich nichts
als Ulis Seele mit Ungeduld und Missmut und Vrenelis Seele mit Wehmut
Vreneli hatte wie wir wissen aristokratisches Blut in seinen Adern und
einen nobeln Sinn wie er einer wahren Bäuerin so wohl ansteht und ihr eine
Bedeutung im Volksleben gibt welche selten ein Mann erringt Drei Dinge hat so
eine Bäuerin einen verständigen Sinn einen goldenen Mund und eine offene Hand
Ein gut mild Wort tut einem armen Weibe welches nur an Schelten und harte
Worte gewöhnt ist viel besser als eine schöne Gabe und ein verständiger Rat
ist oft weit nötiger als ein reiches Almosen So ein »Chumm mr zHülf« in aller
Not ist ein Posten der weder erschlichen noch ererbt werden kann er wird aus
freier Wahl nach Verdienst vergeben So war es auch Vreneli allmählich gegangen
Die Weiber der Tagelöhner anderer Arbeiter usw hatten sich ihm allmählich
zugewandt da es häufiger mit ihnen in Verkehr kam als die Mutter auch rüstiger
Hand bieten konnte an einem Krankenlager oder wenn eine Kindbetterin in Nöten
war Begreiflich nahm dieses Amt etwas Zeit hinweg und noch allerlei anderes
wenn man zum Beispiel im Küchenschrank einer Wöchnerin nicht so viel fand um
eine stockblinde Suppe zu machen und im ganzen Häuschen kein Hüdelchen groß
genug den kleinen Staatsbürger darein zu wickeln
Seit der ersten Ernte hatte Uli nicht viel mehr gesagt Vreneli nahm sich in
acht tat verständig das heißt nicht reicher als sie waren schonte Uli
bestmöglichst und suchte ihm doch wirklich nichts geflissentlich zu verbergen
Es gibt nicht leicht was Schlimmeres als wenn die Weiber sich gewöhnen des
Mannes Rücken lieber zu sehen als sein Gesicht als ihren besten Freund der
ihnen nichts ausplaudert Nun aber da das Jahr ein mageres war wenn auch kein
eigentlich Fehljahr die Brünnlein alle versiegt schienen oder spärlich flossen
ward Uli ängstlich Wird einer aber ängstlich spitzt er Augen und Ohren und
was er fürchtet sieht und hört er all überall Fürchtet einer das Feuer so
riecht er allenthalben Rauch hört Flammengeknister träumt vom Verbrennen
Fürchtet einer Gespenster so kriechen ihm solche aus allen Gräbern nach gucken
durch alle Zäune reißen ihm regelmäßig alle Nächte das Deckbett vom Leibe Wird
einer mit der Eifersucht behaftet fürchtet seine Frau kriege die Untreue so
wird ihm alles gefährlich Katzen Spatzen und Zaunstecken und sieht er eine
Mannsperson durchs Fernrohr greift er nach Säbel und Pistolen und schreit
»Jetzt weiß ichs und habs endlich klar und jetzt muss mir der Donner erschossen
sein hilft es dann nicht so schlage ich ihm mit dem Säbel Kopf und Beine ab
und wenn das noch nicht hilft vergrabe ich den Hund schließlich lebendig« Nun
ward es Uli nicht angst ums Reichwerden sondern angst vor dem Armwerden und da
ward es ihm als helfe alles dazu als habe die ganze Welt sich verschworen ihn
um alles zu bringen Auf alles guckte er und allem sah er nach alles was
gebraucht wurde biss ihn und was fortgetragen wurde ging durch seine Seele
Uli hatte ein nicht ganz so beschränktes Hirn als Mädi aber wenn ihn was recht
erfasste ward er immer so eintönig nur eines und immer das Gleiche klang in ihm
nach
Jetzt fiel ihm Vrenelis Ehrenamt spitzig in die Augen »Du kannst geben bis
wir selbst nichts mehr haben sieh dann zu wer dir geben wird Die und die ist
abermal eine ganze Stunde bei dir gestanden hat nichts getan und dich versäumt
Wundern muss man sich nicht dass es so arme Leute gibt Wie sollte es anders
kommen wenn die Weiber ganze Tage herumstehn und nichts tun Lieber wäre es
mir es ginge uns nicht auch so Was doch das für eine verfluchte Unvernunft
ist wenn eine sieht dass man alle Hände voll zu tun hat und dann einem vor der
Nase steht dass man nicht vom Platz kann Ich begreife nicht wie du ihnen
zuhören magst Es dünkt mich es sollte dir dabei himmelangst werden Den
Verstand könntest du ihnen machen wenn sie ihn nicht selbst haben du hättest
nicht Zeit ihrem Geklatsch zuzuhören du hättest Schweine welche gefüttert
werden und Menschen welche arbeiten müssten und essen wollten zu rechter Zeit«
Umsonst entschuldigte sich Vreneli es hätte dabei nichts versäumt sondern
immer zugeschaft und aufs Essen hätte niemand warten müssen weder Menschen
noch Schweine Umsonst entschuldigte Vreneli die armen Weiber damit sie hätten
ihns um Rat gefragt oder es tue ihnen so wohl ihr Elend klagen zu können Wenn
jemand ihnen freundlich zuhöre so leichtere es ihnen wenigstens um die Hälfte
Umsonst entschuldigte Vreneli die Gaben dieweil sie nur so klein seien wenn
sie es ohne die nicht machen könnten so sei es bös bestellt mit ihnen und wenn
sie Gottes Gnade und Hilfe so nötig hätten so seien sie doch um so mehr
schuldig zu tun nach seinem Wort und Befehl Er solle doch nur denken an der
armen Witwen Scherflein im Gotteskasten Umsonst war das alles Ulis Augen
wurden immer spitziger sein Ärger beim kleinsten Anlasse größer
Vreneli hielt seine Kinder sorgfältig wie ein Mädchen seine Blumen
reinlich mussten sie ihm sein um und um Narrenzeug mochte es für sein Leben
nichts an ihnen leiden Es hatte nicht Augen wie so manche Mutter welche nicht
Farben genug an ihrem Kinde anbringen kann und es am schönsten findet wenn
dasselbe Dinger am Leibe hat wie sie niemand hat und grelle glitzernde die
in allen Gassen schrei en und haben doch keine Zunge im Munde Nun hatte zum
Beispiel der Wirt oder dessen Frau dem Johannesli ein Ungeheuer von Turban
geschenkt hochrot von Farbe mit blauem Borde eine Elle hoch oben eine Elle
breit mit Ohrenlappen groß wie die Blatten an einem Pferdekommet und einem
handbreiten gelben Bande ihn unter dem Kinn zu binden Das arme Kind sah darin
aus wie ein Zwerg in einer Grenadiermütze oder ein klein Spätzlein welchem man
einen großen Hahnenkamm aufs Köpflein gepflanzt Vreneli konnte es nicht übers
Herz bringen das Bübchen in das Ungetüm zu stecken Aus einem Kinde eine
Vogelscheuche zu machen sei eine Sünde sagte es so was könne einem Kinde sein
Lebtag nachgehen Wer ein Kind so spöttisch verpuppt gesehen der erinnere sich
daran wenn das Kind ihm längst erwachsen vor die Augen komme nehme es für dumm
und lächerlich und gewöhne sich mit Mühe daran die Sünden der Eltern zu
vergessen und das verständig gewordene Kind als verständig anzunehmen Vreneli
kaufte dem Bürschchen ein klein Käpplein wohlfeil und doch schön und was will
man mehr Darüber ward Uli auch wieder sehr böse Unnütz Geld auszugeben sollte
man sich hüten in solchen Umständen sagte er Es werde sehen wie weit man
komme damit aber dann werde es zu spät sein Die Hoffart habe reichere Leute
auf die Gasse gebracht und dümmer sei nichts als vorstellen zu wollen was man
nicht sei was man erst mit Mühe und Not werden könne Übrigens begreife er
nicht was ihm an der Kappe nicht recht sei ihm gefalle sie und zwar besser als
die für welche es Geld verschleudert Es sei aber nur Weiberwunderlichkeit
weil es die Wirtin hasse so gefalle ihm nichts was von ihr komme So eine
Wirtin welche an einer Straße wohne wo alle Tage Herrschaften vorbeiführen
Engeländer und Huttwyler werde doch wohl besser wissen was schön sei und Mode
als so eine Pächtersfrau welche jahraus jahrein niemand sehe als die Eierfrau
den Hühnerträger und zuweilen einen Lumpensammler Und dass es das Bübli nur den
er wusste selbst nicht wie er dem roten Turm sagen sollte tragen lasse Wenn
die Wirtin mal käme und das Kind hätte ihn nicht auf dem Kopfe so hätte sie es
ungern und meinte man schätzte ihn nicht
Uli hatte für derlei Dinge durchaus keinen Sinn Was nichts kostete gefiel
ihm am besten daneben dann was so recht buntscheckigt war so recht
himmelschreiend Er meinte auch für Kinder sei gleich alles gut und je weniger
man an sie wende an Zeit und Kleidern desto besser kämen sie fort desto
weniger ungezogen würden sie an desto weniger gewöhnten sie sich Uli dachte
nicht daran dass keine Zeit kostbarer angewendet wird als die welche man an das
Reinigen der Kinder wendet und dass keine versäumte Zeit sich schwerer rächt als
die welche man zu wenig dazu braucht Der Landmann mistet fleißig wäscht den
Schweinen den ganzen Leib den Pferden Schwänze und Fuße usw und der gleiche
Landmann lässt seine Kinder in nassen Betten liegen und tut als ob jeder Tropfen
Wasser Champagner wäre den man bekanntlich nicht alle Tage braucht Ja es gibt
Leute welche ihr Lebtag nie am ganzen Leibe gewaschen wurden als am Tage ihrer
Geburt diese Waschung hielts dann bis zum Tage des Todes war eine währschafte
Er dachte ferner nicht daran dass die Art wie ein Kind gekleidet wird in der
Jugend ihm gerne nachgeht im Leben und Kleider machen ja Leute Es gibt nicht
bloß Familien sondern ganze Geschlechter bis ins dritte und vierte Glied
welche ihr Lebtag ungewaschen scheinen alle Kleider an ihnen schmutzig ja Leib
und Seele schmutzig sie mögen sich gebärden kleiden so kostbar sie wollen
Wir glauben Demanten würden auf ihren Personen den Glanz verlieren und Farbe
kriegen wie abgestandener Froschlaich Wenn sie auch vornehm werden diese
abgestandenen Gesichter und nach Seife und Pomade langen erst im dritten und
vierten Glied fängt man an zu merken dass da was Ungewöhnliches in Gebrauch
gekommen Uli gehörte nicht zu diesem Schmutzgüggelgeschlecht er war im
Gegenteil er mochte machen was er wollte immer sauber anzusehen aber er war
von Natur so und wusste nicht wie schnell man in die Familie der Schmutzgüggel
geraten kann
Je mehr Mädi aus dem Häuschen kam desto mehr kam an Vreneli Viel machen
macht sich noch aber viel machen und nicht das Rechte machen und daher nicht
genug schaffen können das ist hart und drückt schwer aufs Herz besonders wenn
man noch was unter dem Herzen hat Auch am Essen mäkelte er es war ihm nicht
mehr recht Es klagen gar viele Weiber sie könnten es ihren Männern nicht gut
genug geben das ist von den Weibern dumm sobald ihnen die Männer Geld genug
geben und Geld dafür da ist Lernen sie halt besser kochen nehmen sie sich die
Mühe nachzusehen ob was in der Küche ist und nachzudenken zu rechter Zeit und
nicht erst wenn es auf den Tisch sollte was sie in die Küche geben so wird
das Ding sich wohl machen der Mann müsste denn gar ein Unflat sein Aber wenn
die Frau es zu gut gibt schlechter geben soll als es sich mit ihrem Gewissen
verträgt weil sie denkt Dienstboten seien doch eigentlich genau genommen
keine Hunde wenn sie zehn und mehr Jahre gekocht mit Verstand und zur
Zufriedenheit und auf einmal ists nicht mehr recht sie sollte es mit dem
Halben machen und hat doch gleich viel Mäuler zu sättigen oder noch mehr denn
je schlechtere Arbeiter man hat desto mehr muss man ihrer haben und schlechte
Arbeiter essen zumeist mehr als gute dann ists böse denn es ist nichts böser
als wenn man mit Bewusstsein und wider Willen unverständig handeln soll Es ist
wohl nichts dümmer auf der Welt als wenn man zu schlecht zu essen gibt und es
besser geben könnte Es ist dumm und schlecht wenn man es der eigenen Familie
zu schlecht gibt da wachsen keine Kräfte nach die Kinder müssen es oft büßen
lebenslang hat ähnliche Folgen wie wenn man das Land den Boden ermagern lässt
Es ist aber noch viel dümmer wenn man fremde Leute zu schlecht hält erstlich
wird man tapfer verbrüllet und zweitens stehlen sie wieder an der Arbeit ab
was man ihnen am Essen abstiehlt das fehlt nicht Das Sprüchwort »Eine Hand
wäscht die andere« erwahrt sich wohl nirgends unfehlbarer als hier
Es ist sonderbar wie Menschen in einfachen Dingen so wunderliche Augen oder
Gedanken haben können Uli wollte es nicht schlecht geben aber minder gut Ihm
möge es eine große Summe bringen im Jahr die Andern merkten es nicht oder
hätten jedenfalls nicht weniger meinte er Der gute Uli hatte vergessen wie
feine Nasen die dümmsten Dienstboten in dieser Beziehung haben und wie hoch sie
den geringsten Abbruch anschlagen er dachte jetzt so wenig daran als früher an
der Ernte denn es sind gar viele Leute welche meinen sie alleine hätten ein
Hirn zum Merken und eine Nase zum Riechen
Vreneli war übel daran Diese Zumutungen alle waren nicht in einem Tage zu
übersehn sondern sie wurden alle Tage neu sollten die Regel für das Tägliche
werden und Vreneli konnte sie wirklich nicht erfüllen wenn es des Hauses
Bestes im Auge hatte konnte nicht denken Meinetalben wenn er es so haben
will so habe er es es ist seine Sache Es redete mit der Base Die Base riet
leise zu tun nicht viel zu widerreden und wenn es geredet sein müsste ohne
Hitz mit Liebe »Vorschreiben wird er dir nicht wieviel Butter oder Schmalz du
ins Gemüse tun sollst und wieviel Kaffeepulver in die Kanne wird dir weder die
Eier nachzählen noch das Mehl kellenweise messen so kannst du immer das rechte
Maß halten wie du es vor Gott und Menschen zu verantworten meinst Verliere den
Mut nicht sonst ist alles verloren Lass dich auch nicht unterdrücken in Gram
und Sorgen dass du lauter trübselige Gesichter machst und lauter massleidige
Worte von dir gibst Dann hat es auch gefehlt Ich meine nicht du sollest
jubilieren wie ein Hagspatz oder ein Buchfink das klänge wie Trotz und würde
Uli ärgern aber freundlich sollst du sein lieblich fragen und antworten kein
bös Wort aus deinem Munde lassen Sieh in solcher Trübsal sollte die Frau immer
die Haussonne vorstellen Du weißt ja wie wohl einem Kranken welcher das
Fieber hat oder die Auszehrung die Sonne tut wie er sich gestärkt fühlt und
halb gesund wenn er eine Stunde daran gesessen ist So geht es auch einem
Menschen der an der Seele krank ist und das Bessere in ihm die Auszehrung hat
Freundlichkeit und gute Worte tun ihm doch wohl sie alleine vermögen zu
erhalten das Bessere bringen wieder gute Stunden mildes Hauswetter die
vergangene Traulichkeit habe das vielhundertmal erfahren Ich sagte Joggeli
wohl harte Worte so hart wie er sie ertragen mochte aber waren sie gesagt so
wars vorbei Ich gab guten Bescheid zeigte guten Mut dann war er auch wohl
dabei und froh mit mir ein vertraulich Wort reden zu dürfen Das machte dass er
mir nicht von Hause schlug und ich immer wusste was er tat und wollte Mag einer
die Freundlichkeit nicht mehr ertragen macht sie ihn nur böser oder flieht er
sie dann steht es schlecht dann hat seine Seele die beste Handhabe verloren
und zumeist schlägt er auch von Hause«
Die Weiber mögen urteilen ob der Rat der Base richtig oder unrichtig war
Vreneli glaubte daran und versuchte ihn wenn er auch schwer war in seiner
Ausführung Das Andauernde Stätige ist viel schwerer als einzelne Heldentaten
oft Früchte flüchtiger Aufwallungen Schwer ists immer liebenswürdig zu
bleiben wenn das Herz voll Leid und Kummer ist Man stoße sich nicht etwa am
Worte liebenswürdig wir halten dafür Weib sei Weib stehe es am Herde oder im
Tanzsaale manöveriere es im Salon oder vor dem Schweinestall und meinen es
könne und solle allerwärts wahrhaft liebenswürdig sein Denn die wahre
Liebenswürdigkeit hängt nicht am seidenen Kleide oder an himmlisch gekämmten
Haaren sondern am Herzen welches sich auf einem freundlichen Gesichte
spiegelt Man halte es auch nicht für Heuchelei wenn man ein freundlich Gesicht
mache während das Herz voll Leid und Kummer ist Leid und Kummer sind Zustände
welche man immer zu überwältigen ihr Weitergreifen zu verhindern hat Jeder
Zoll Haut welche man von ihnen befreit ist großer Gewinn Gewinnt man ihnen
gegenüber ein ganz freundliches gesundes Gesicht ab so hat man nicht bloß
ihnen etwas abgenommen sondern man hat eine Macht gegen sie gewonnen Denn
solange man ein freundlich Gesicht macht fühlt man Leid und Kummer weniger sie
verlieren ihre Schärfe milder wird ihr Schmerz Und die Kraft welche man zu
einem freundlichen Gesichte braucht ist ja eben auch die Kraft welche Kummer
und Leid verzehrt welche zu der Stärke führt welche spricht Der Herr hat es
gegeben der Herr hat es genommen der Name des Herrn sei gelobt Kömmt einmal
der Mensch dazu diese Kraft zu suchen und zu versuchen dann ist das Bessere in
ihm erwacht der erste Schritt zur Genesung getan
Nun ist auf der Welt nichts vollkommen vor allem alle Anfänge nicht und
nichts Böses weicht aus dem Menschen ohne den hartnäckigsten Widerstand Es
geschah Vreneli dass das zurückgepresste Weh unwillkürlich ausbrach dass es
weinen musste die hellen Tränen es mochte wollen oder nicht Dann machte es wie
es sein soll den Pfarrer und versuchte sich selbst tapfer abzukanzeln dass es
so nötlich tue Es sei ihnen doch eigentlich gar kein Unglück begegnet kein
Kind sei ihnen gestorben keine Krankheit habe sie geschlagen Not sei keine da
wenn auch das Jahr ein ungünstiges sei das wisse man ja zum voraus und müsse
sich darauf gefasst machen dass gute Jahre mit bösen wechseln und sie vermöchten
es doch zu ertragen Rückstände hätten sie ja keine sondern Geld im Vorrat Und
wenn sie schon Verdruss von den Dienstboten hätten so sei das allerwärts wo man
solche habe das sei nicht wohl anders zu machen in einem andern Jahr sei es
vielleicht besser
Aber es ging Vreneli mit seinem Predigen wie es vielen andern Pfarrern auch
geht wie schön und richtig es auch predigte es wollte doch nicht anschlagen
der böse Feind nicht weichen So sei es wohl sagte der Teil in ihm welcher
nicht den Pfarrer machte aber es könne in Gottes Namen nicht helfen Nicht Geld
und Not liege ihm im Herzen sondern was ganz anderes es könne fast nicht sagen
was Aber es sei nicht mehr wie ehedem es sei als tappten sie im Nebel wüssten
nicht mehr Steg und Weg und fänden ihn nimmermehr Wie man in einen bösen Luft
kommen könne man geschwollen werde über und über dass man die Augen nicht mehr
sehe so müsste auch an sie ein böser Luft gekommen sein aber an ihre Seelen
dass sie einander selbst nicht mehr kennten und seien sie doch Mann und Frau
Dann liege ihm so schwer auf dem Herzen ein Bangen es wisse nicht vor was aber
vor einem großen Unglück Es sei ihm als stehe vor ihm eine große schwarze
Wolke und in der Wolke ein grausig Etwas es wisse nicht was aber es erwarte
mit Zittern und Beben dass es herausfahre und ihns verschlinge und alles alles
mit Dieses Weinen Predigen Bangen versteckte Vreneli bestmöglichst vor allen
aber am Neujahrstage vermochte es dieses nicht die Brunnen der Tiefe brachen
unwillkürlich auf Wie der liebe Gott größere und kleinere Lichter gemacht hat
am Himmel welche Tag und Nacht regieren und die Jahre zumessen den
Menschenkindern so hat er auch diesen Menschenkindern ein Gefühl in die Seele
gelegt welches die schwindenden Tage mit Bangen zählt und mit Zagen jedes neu
zugemessene Jahr betrittet denn am Ende der Tage ist der Tod und im neu
angetretenen Jahre kann man treten auf diesen Tod Es ist überhaupt jedes Jahr
welches kommt mit seinen 365 Tagen eine dunkle Wolke schwanger mit Tod und
Not mit Freude und Lust Wie diese Wolke tritt in die Zeit hinein wird es
lebendig in ihrem Schoße die Wolke glüht speit Blitze aus zahllos
ununterbrochen blitzt ins ohnmächtige Menschengeschlecht hinein Not und Tod
Lust und Freude Millionen fallen Millionen weinen Millionen jauchzen auf
verstummen wieder wenn von entgegengesetzter Seite her millionenfacher Jubel
schallt
Als nun früh am Neujahrsmorgen Vreneli erwachte berührt sich fühlte von der
schwarzen Wolke Rand war es ihm als höre es das Schmieden der Blitze welche
fahren sollten durch sein Herz es füllen mit Not und Tod Ein unendlich Bangen
ergriff ihns ein unaussprechlich Weh in lautes Schluchzen brach es
unwiderstehlich aus Uli erwachte darob fragte bestürzt »Vreneli was hast
was fehlt« Lauter noch schluchzte Vreneli aber Worte fand es nicht Uli ward
angst er wollte Licht machen wollte nach Hoffmannstropfen gehen endlich
konnte Vreneli sagen »Ach Uli mein Uli es ist mir so bang so angst aber
Tropfen helfen nichts Es ist nicht mehr wie ehemals die böse Welt kam über uns
und zwischen uns und mir ists als stehe vor uns ein groß groß Unglück noch
ist Nacht darum ich höre wohl sein Schnauben aber seine Gestalt sehe ich
nicht Wie soll das gehen wie wollen wir es ertragen wenn wir einander nicht
mehr verstehen du so misstrauisch so unzufrieden bist mit mir allen Andern
mehr glaubst als mir Ach Uli mein Uli das dauert mich so sehr drückt mir fast
das Herz ab« Uli war nicht hart stieß das sich öffnende Herz nicht wieder zu
und warum Weil Vreneli nicht alle Tage jammerte weil dieser unwillkürliche
Ausbruch der erste dieser Art war welchen Uli erlebte Wer alle Tage Pillen
schlucken muss den widern sie entweder so an dass er das Gesicht jämmerlich
verzieht oder kaltblütig schluckt als ob es gewöhnliche Brotkügelchen wären
Uli war auf eine gewisse Weise freudig erschrocken Er hatte Vrenelis
Freundlichkeit nicht begriffen sie nicht selten für Gleichgültigkeit
Leichtsinn oder gar Bosheit genommen
Es geht so wenn man nicht alle Tage zusammen ein traulich Wort spricht oder
nicht in einem Höhern den Einklang findet Es geht so in der Richtung dieser
Zeit wo jeder Lümmel jeden der nicht in sein Horn bläst nicht bloß für einen
Esel sondern für seinen Todfeind hält in der Richtung dieser Zeit wo der
dreckigste Kuhjunge oder der vierschrötigste Bärenwirt mit Dolch und Pistolen
umherfährt und jeden ersticht und dann erschiesst der nicht Gax nachsagt wenn
er Gix vorgesagt es geht so bei der zunehmenden Dummheit welche man für
Weisheit hält welche aber nichts ist als die eintönigste Janitscharenmusik
verbunden mit Spiessen Hängen und Kopfrunter wenn einer einen Ton fehlt Es
reißt eine Intoleranz ein gegen welche die der Pharisäer ein Liebkosen war
welche alle Gebärden der französischen Revolutionsmänner nachäfft Es ist aber
kurios wenn mal dieser Wind weht man heißt ihn den Zeitgeist so wird alles
davon ergriffen mehr oder weniger jeder in seinem Verhältnis Wer hat schon
einen großen Wirbel in einem Fluße gesehen oder wenn man will einen
Wasserfall den Rheinfall zum Beispiel Da kommen die Wasser angezogen klar
ruhig majestätisch Wie sie in Bereich des Wirbels kommen werden sie unruhig
verlassen den natürlichen Lauf müssen in den Wirbel hin ein müssen schäumen
sich drehen müssen auf den Grund Allmählich löst sich der Zwang sie werden
frei ziehen weiter aber noch schäumend kochend bis allmählich die Ruhe
wiederkehrt der feierliche Gang die majestätische Haltung Solche Wirbel sind
auch im Strome der Zeiten und wenn der Mensch je als Tropfen eines Meers
erscheint so ist es im Zwange dieser Wirbel und dieser Zwang herrscht nicht
bloß in der Mitte der Strömung wo die hohen Häupter schwimmen die sogenannten
Lichter des Jahrhunderts Ach nein und dieses ist eben das Erbärmliche und
Demütigende ins gleiche Loch werden gewirbelt die Grössten die Kuhjungen die
Irländer die Waadtländer und Hausväter welchen die Weiber nicht Gix nachsagen
wollen wenn sie Gax vorgesagt und Hausweiber welche Zeter schreien wenn der
Mann nicht alle anspuckt welche ihns angrännen
Um Politik bekümmerte sich nun Uli nichts aber der Wirbel hatte ihn doch
erfasst der Wirt hatte die Verbindung vermittelt Darum war er diesmal um so
teilnehmender und meinte »Jä ja lueg es ist mir auch schon lange bange und es
freut mich dass es dir auch kommt« Nun musste Vreneli freilich sich erläutern
und das ist nicht leicht bei solchen Umständen und bedarf einer zarten Hand
Indessen diese hatte Vreneli und indem es Ulis Bangen nicht schnöde und radikal
zurückwies sondern in seinem Werte gelten ließ fand es auch mehr oder weniger
Geltung für das seine fand ein schönes Neujahrkindlein fand eine freundliche
Verständigung hatte einen milden Tag und doch wollte die Beklommenheit nicht
von ihm weichen das Weinen war ihm immer zuvorderst Es war ihm als sollte es
von jemand Abschied nehmen und wusste nicht von wem Hatte es das kleine Vreneli
auf dem Schoße so meinte es es gelte dem und küsste es bis auch ihm das
Weinen kam Hatte es den Johannes so war es ihm ebenso und es machte es ihm
gleich Es ging ihm mit der Base so ließ sie aber nicht bis Beide die hellen
Tränen weinten und die Base endlich sagte »Nimm dich zusammen und tue es aus
dem Kopf Du machst mir sonst Angst solches bedeutet manchmal etwas und
manchmal nichts aber was nützt es wenn man vorher so ängstet und sich grämt
An der Sache macht man doch nichts Am besten ists immer man sei zweg auf alles
und nehme unterdessen was kommt mit Dank Komm ich habe ein Kaffee zweg nimm
ein Kacheli es bessert dir dann ums Herz« Es ist wohl nichts auf der Welt und
von der Welt was einem Weibsbilde so wohl macht und so guten Trost gibt als
ein Kacheli guten Kaffee
Vierzehntes Kapitel
Von Verträgen und allerlei Künsten und Kniffen
Drei Jahre waren bald verflossen seit Uli die Pacht angetreten hatte Der
Akkord war ziemlich vorsichtig geschlossen dank dem Bodenbauer welcher in
solchen Dingen Erfahrung hatte Es ist wohl nichts schwerer als solche Akkorde
so abzufassen dass nicht jeder Artikel ein Tor zu Misshelligkeiten oder zu einem
Prozesse wird Es gibt Spitzbuben von Lehenherren hohe und niedere welche eine
eigene Kunstfertigkeit im Abschliessen solcher Verträge haben eine
Kunstfertigkeit ähnlich der welche Katzenhändler haben sollen Es soll nämlich
solche geben welche so geschickt eine gekaufte Katze zu entäuten wissen dass
dieselbe lebendig davonläuft und unversehens ihren frühern Eigentümern vor der
Türe sitzt Also Pachterren gibt es welche regelmäßig alle ihre Pächter
entäuten so dass diese sich noch glücklich preisen wenn sie endlich mit dem
nackten Leben entrinnen können Solche Pachterren hat man nicht bloß in Irland
sondern auch in der Schweiz und zwar Liberale von Farbe Kurios Oder aber der
Akkord wird in holdseliger Stimmung geschlossen Man ist gut Freund oder
verwandt oder hat sich endlich gegenseitig gefunden in süßer Liebe Der Pächter
sagt dem Lehnsherrn er sei ein Engel der Lehnsherr sagt dem Pächter er sei
ein halber Engel sie reden vom ewigen Frieden und nicht selten ists dass sie
wirklich zu singen anfangen und wenn sie auch nicht singen wie die Engel im
Himmel so meinen sie es doch In einer solchen Stimmung findet man hundert
Dinge nicht nötig auf das Papier zu bringen Bald sagt der »Das versteht sich
von selbst ich müsste mich ja schämen« bald sagt es der Andere Ja es würde
nichts zu Papier gebracht wenn es nicht wäre wegen dem allgemeinen Gebrauch
oder wegen Leben und Sterben was aber Beide nicht zu erleben hoffen wie sie
sagen Ja aber Stimmungen sind veränderlich besonders wo Weiber dabei sind und
eine Pacht im Spiel wenn allerlei Produkte zu entrichten sind und allerlei
Vettern und Basen ab und zugehn Stimmungen sind gar wunderlich was uns
lieblich dünket in einer Stimmung kommt in einer andern uns schauerlich vor
der Mensch mit dem wir sangen in himmlischer Harmonie als wie die Engel kann
uns später als das bockfüssigste Untier erscheinen mit Lastern gespickt ärger
als der alte Hiob mit Eiterbeulen Dann geht erst das Jammern an »Ei nein aber
dem hätte ich es doch nicht angesehen wie man sich doch täuschen wie ein
Mensch sich verstellen kann Ei nein aber das hätte ich doch niemand geglaubt«
Nach dem Jammern kommt das Zanken und endlich das Prozedieren Wo liegt der
Fehler Gewöhnlich auf beiden Seiten wie man zu sagen pflegt In ihrer
holdseligen Stimmung hatte jeder dem Andern das Beste verheißen im Grunde aber
jeder auf des Andern Gutmütigkeit spekuliert von ihr viel größeren Vorteil
erwartet als von geschriebenen Bedingungen der ganzen schönen Geschichte lag
also eigentlich Eigennutz zugrunde freilich Vielen unbewusst und wenn Eigennutz
an Eigennutz wächst so gibt es Reibungen Zank und endlich geht es ans
Prozedieren
Nun auf solch wandelbarem Fundamente ruhte Ulis Akkord nicht aber nicht
durch seine Schuld sondern der Bodenbauer hatte Vorsehung getan Einen Punkt
hatte er jedoch nicht umgehen können den Joggeli ausdrücklich begehrte und
wider den Uli nichts hatte weil er ihn für sich selbst vorteilhaft erachtete
Der Akkord war auf sechs Jahre gestellt aber im dritten Jahre hatten beide
Teile das Recht aufzusagen wenn es ihnen nicht mehr anständig sei Joggeli
dachte wenn er sehe dass es Uli zu gut gehe oder zu schlecht so könne er zu
rechter Zeit das Heft wieder zur Hand nehmen Uli dachte wenn es ihm übel gehe
er sein Auskommen nicht hätte könnte er das Joch abschütteln ehe er ganz
zugrunde gerichtet sei
Nun ward Joggeli von seinen beiden Kindern gerupft viel ärger als eine Gans
von ihrer Meisterfrau Eine Frau rupft ihre Gans doch selten mehr als zweimal im
Jahre wartet bis Flaum und Federn einigermaßen nachgewachsen sind Der arme
Joggeli konnte kaum zählen wie oft des Jahres an ihm gerupft wurde Man rupfte
und fragte nicht wie groß Flaum und Federn seien wenn sich nur irgend was
rupfen ließ In einem so gerupften Menschen entsteht der Trieb den Schaden
einzuholen und wieder zu rupfen Wenn einer einen Verlust erleidet sei es im
Handel im Spiel oder durch Nachlässigkeit irgendwie so entstehen
augenblicklich Gedanken wie die Lücke auszufüllen sei an wem man sich wieder
er holen könne Da wird die Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit verdammt in
Versuchung geführt Solange es einem gut geht da ist ehrlich sein leicht aber
wenn das Glück umschlägt wird der Teufel los Dass der baumwollene Tochtermann
beständig auf den Pachtakkord schimpfte Joggeli vorwarf wenn er gehörig aus
seinem Gute zöge hätte er auch mehr und bessere Federn versteht sich von
selbst Nun war Joggeli dieser Punkt im Vertrage beigefallen Er dachte der
ließe sich wohl zur Rupfmaschine machen aber von diesen Gedanken sagte er
seiner Frau wohlweislich nichts Joggeli hatte auch ein Gewissen aber es
merkwürdigerweise nicht auf Gott sondern auf seine Frau gestellt Bei allen
Kniffen und Schelmereien welche ihm beifielen schämte er sich nie vor Gott
sondern er sagte »Musst machen dass sie es nicht merkt vernimmt sie es muss ich
wieder der wüsteste Hund der größte Unflat sein« oder »Ja wenn die nicht
wäre da ließe sich was machen dem wollte ich es zeigen aber wenn sie es
vernehmen würde weiß der Teufel wie die täte ich wäre niemals sicher Es wird
doch besser sein ich lasse es unterwegs« Joggeli wird nicht der einzige Mann
sein der ein also gestelltes Gewissen hat und wir denken Gott wird nichts
darwider haben sondern hat eben deswegen einem solchen Züttel von Manne eine
solche Frau geordnet
Er begann bei Uli sachte anzuklopfen wie sie es mit einander hätten er
werde es wissen dass es jetzt Zeit sei zu oder abzusagen wie er willens sei
Uli hatte allerdings diesen Punkt vergessen und weil er ihm weiter keine
Bedeutung gegeben so sagte er Er wisse nichts anders und sei gesinnt zu
bleiben wenn er Joggeli anständig sei und ihm nicht zuwider gedient Reich
werde er nicht dabei aber wenn er zum Lande recht sehe es verbessere dass es
mehr Sachen gebe so gehe es in Zukunft besser und es sei auch Joggelis Nutzen
Klagen wegen Ausnutzen oder schlechter Arbeit oder sonst wolle er nicht sagte
Joggeli aber Uli gebe schier zu wenig Zins das dünke ihn und Andere auch Uli
hätte die Pacht um einen hellen Spott Erst gestern habe ihm einer gesagt
zweihundert Taler mehr wolle er ihm Zins geben und bar vorauszahlen wenn er
wolle
Da ward Uli zornig und sprach »So macht es mit ihm« und ging in den Stall
Da stund Joggeli wie Butter an der Sonne denn es war nicht wahr dass ihm jemand
etwas geboten Freilich war es möglich diesen Augenblick so viel Pacht zu
erhalten aber vielleicht von einem Pächter der sich mästete und das Gut
ermagern ließ Einen Pächter wie Uli der zahlte und zum Gut sah als wäre es
sein eigen verlor Joggeli nicht gerne so viel Verstand hatte er Wie ein Kind
welches einen Topf mit Milch umgestossen und es der Mutter eröffnen will ohne
Schuld daran zu haben steckelte er endlich heim setzte sich auf den Ofentritt
und sagte endlich »Mit dem Uli ists nicht mehr auszuhalten er ist ganz
kolderig und so brutal wie ein junger Landjäger« »Was hast mit ihm« frug die
Mutter »ihr werdet ja sonst so gut mit einander fertig« »Gesagt hat er mir«
antwortete Joggeli »ich könne seinetwegen einen andern Pächter suchen er
begehre das Gut nicht wieder« »Du wirst ihn böse gemacht haben« antwortete die
Base »so mir nichts dir nichts hat er dir das nicht gesagt das weiß ich«
»Nichts habe ich gesagt« antwortete Joggeli »gar nichts Ich habe ihn bloß
daran erinnert dass die drei Jahre da seien wo wir einander aufsagen könnten
und es nehme mich wunder was er denke« »Ah bah« sagte die Base »das ist eine
Sache von der ich nichts hören mag«
Drüben tat Uli wie ein angeschossener Eber der Streich kam ihm ganz
unerwartet erschien ihm wie eine förmliche Brandschatzung und gerade jetzt wo
es ihm den Schweiß austrieb wenn er daran dachte dass bald der Zins verfallen
sei und er sein vorrätig Geld übersah Er wollte auf der Stelle fort andere
Schuhe anziehen um ein ander Gut aus ein Mann wie er brauche nicht lange zu
suchen er finde was so Gutes als dieses hier Der Wirt sei gut bekannt in Bern
dort sei mancher Herr schrecklich froh über einen vertrauten Hausknecht oder
einen hablichen Pächter und solche Plätze seien hundertmal besser als ein solch
Gut wo man sich totarbeiten müsste und am Ende nichts davonbringe als dürre
Erdäpfelschalen und einen Haufen Kinder Er möge die Stunde nicht erwarten wo
er wegkäme von dem alten Schelm der meine er wolle ihn jetzt ausnutzen wie er
sich von seinen beiden Blutsaugern ausnutzen lasse Vreneli tat alles Mögliche
um ihn zu besänftigen aber seine Worte waren 01 ins Feuer Alles was es
abbrachte war dass er erst zu Mittag esse ehe er gehe es sei bald gekocht es
wolle pressieren
Aber Vreneli dachte nicht ans Pressieren sondern passte auf die Base welche
um diese Zeit sich gerne unter ihrer Küchentüre sehen ließ Diesmal ließ sie
nicht lange auf sich warten und alsbald war Vreneli bei ihr und alsbald wussten
Beide woran sie waren »Er ist immer der gleiche alte Unflat« sagte die
Mutter »Wenn es mal ordentlich geht ist es ihm nicht wohl er muss alles
untereinanderrühren wenn er Garn abwindet so ist ihm nicht wohl wenn es glatt
läuft er ruht nicht bis er die Strange verhürschet hat dass man sie bloß mit
Messer und Schere lösen kann Als Junger soll er die größte Freude daran gehabt
haben den Mägden die Spinnräder zu traktieren dass sie nicht mehr darüber noch
darunter wussten Aber warte dem wollen wir diesmal den Marsch machen denn
Ernst ist es ihm nicht Daneben kann er mich dauern er muss fort und fort Geld
auftreiben und muss daher sehen woher er es nimmt und bekommt er solches so
ist es ihm in acht Tagen wieder abgedreht« »Ja« sagte Vreneli »mich erbarmet
er auch er plagt sich selbst am meisten und merkts nicht Es gibt viele solche
Menschen welche ihre eigenen Feinde sind und sich immer selbst das Ärgste
antun Es nimmt mich eigentlich nur wunder warum unser Herrgott der doch alles
so gut gemacht solche Leute erschaffen hat und immer noch schafft« »Das wirst
einmal vernehmen« antwortete die Base »Aber ich denke wenn sie die rechte
Salbe brauchten so würden die Blinden sehend und die Hinkenden wären nicht mehr
lahm Unser Heiland hat nicht umsonst leiblich Blinde und Lahme geheilt er will
damit sagen dass er auch da sei für die geistig Blinden und die da hinken auf
Gottes Wegen und wenn sie begreifen dass sie krank sind und zu ihm kommen
will er sie heilen das ist seine Barmherzigkeit Wer nun den wahren
Lebensbalsam die Wundersalbe nicht brauchen will der wird ein Blinder und
Lahmer und hinterlässt die Krankheit seinen Kindern Verkehrt hat Gott die
Menschen nicht erschaffen aber verkehrt lässt er sie werden und immer
verkehrter je leichter sie zum wahren Lebensbalsam kommen könnten denn wer des
Herren Willen weiß und ihn nicht tut wird mit doppelten Streichen geschlagen
werden Doch gehe mach dass Uli nicht pressiert dann kann er seine Schuhe
abziehen und wieder in die Holzböden fahren«
Rasch brachte die Base Joggeli das Essen auf den Tisch stellte ihm dann
seine Schuhe frisch gesalbet unter den Ofen und seine Kamaschen dazu »Habe
nichts gesagt dass ich fort wolle« sagte Joggeli »warum stellst mir die Schuhe
zu recht« »Du musst um einen neuen Pächter aus« sagte die Base »Uli will fort
Vreneli hat mir berichtet von einem Herrn der hinter ihm sei wegen einem
bsunderbar guten Platz Nun will er gehen und sehen wie die Sache ist eher als
nicht kann die Sache abgemacht werden« Da tat der alte Gnäppeler sehr zornig
im Grunde aber war er in seinem Herzen sehr erschrocken So seien die Leute
heutzutage begehrte er auf kein vernünftig Wort könne man mehr mit ihnen
reden Wenn man ein Wörtchen rede protzen sie auf werfen den Bündel vor die
Türe Es werde doch erlaubt sein seinen Pächter zu fragen wie sie es mit
einander hätten Was geschrieben sei sei geschrieben es nehme ihn wunder ob
es nicht auch für ihn geschrieben sei und Fragen werde erlaubt sein »Du hast
ja nicht gefragt« sagte die Frau »du hast gefordert« »He nun so hätte er
sich wehren können das wäre ihm wohl angestanden und erlaubt gewesen aber
nicht so den Kopf zu machen« zürnte Joggeli »Nun« sagte die Frau »ich war
nicht dabei mach was du willst ich kann mich darein schicken habe mich schon
in vieles geschickt Aber such jetzt alsbald einen Pächter der dir zum Land
sieht die Sach in Ehren hält und zinset auf den Tag« Es seien viele Leute auf
der Welt sagte Joggeli Aber rechte zu finden selb sei schwer antwortete die
Alte schenkte Kaffee ein und schwieg während Joggeli allerlei brummte Noch
hatte Joggeli sein erstes Kacheli nicht ausgetrunken als er sagte »Geh sieh
ob der Kolder noch daheim ist er soll hinüberkommen Dem will ich sagen was
Manier ist und was gekoldert« »Ich kann gehen aber ich will mich dann nicht
dareingemischt haben hörst will nicht schuld sein wenns doch Lärm gibt«
sagte die Frau »Und wer sollte dann daran schuld sein« sagte Joggeli »etwa
ich« Darauf gab die Frau keine Antwort sondern ging Joggeli aber ärgerte sich
ingrimmiglich über die verfluchten Weiber welche alles zwängen wollten und doch
an nichts schuld sein Das komme auch immer ärger dachte er Seine Mütter hätte
es dem Vater so machen sollen wohl der würde er die Faxen vertrieben haben
Es ging eine Zeitlang ehe Uli kam Seine erste Antwort war gewesen Joggeli
hätte so weit zu Uli als Uli zu Joggeli und wenn der etwas von ihm wolle so
könne er herkommen Dem setzte aber die Alte den Kopf zurecht und wusch ihm
denselben mit scharfer Lauge dass Uli begriff was Waschen heißt Er hatte vor
der Alten Respekt und wusste dass sie es gut meinte wenn er auch wohl darüber
klagte sie hielte es immer mit seiner Frau und gebe ihr alle Listen und Ränke
an welche je von Weibern gegen ihre Männer ersinnet worden seien
Als die beiden Männer wieder zusammengebracht waren ging es gegen alles
Vermuten sehr ruhig zu Joggeli sagte Es sei dann nicht halb so bös gemeint
gewesen und ehe man so zornig werde sollte man doch erst recht sehen ob es
Ernst oder Spaß sei oder halb Ernst und halb Spaß besonders wenn man schon so
lange beisammen gewesen Uli entschuldigte sich nun auch Kurz zuvor hätte er
etwas nachgerechnet und sei erschrocken wie böse das Jahr gewesen er wisse
nicht ob er den Zins aufbringe oder nicht allweg habe er umsonst sich halbtot
gearbeitet Und jetzt noch mehr Zins Das sei ihm zu Haupt gefahren von wegen
wenn man sich solche Gedanken mache wie er so denke man nicht an Spaß sondern
nehme die Sache ernstaft So gab ein Wort das andere Joggeli ließ eine Flasche
Wein holen sagte wie er dran sei mit dem Gelde und es ihn dünke Uli könnte in
bessern Jahren wohl etwas mehr tun doch begehre er ihn nicht zu drücken und
sehe wohl dass das vergangene Jahr nicht das beste gewesen aber Uli solle an
die zwei frühern denken dass Uli zugab er begehre nicht weiter es sei ihm hier
recht und wenn wieder gute Jahre kommen so wolle er sehen was etwa billig und
recht sei Jetzt wüsste er wirklich nicht wie machen um den Zins zu geben er
habe ihn noch nicht vorrätig »Wirst aber einzuziehen haben« sagte Joggeli dem
es angst zu werden anfing »Das wohl« antwortete Uli »und ziemlich viel Aber
es sind gute Leute welche mir schuldig sind plagen mag ich sie nicht wenn ich
was zu verkaufen habe gibt mir niemand darum was sie und dazu ohne Markten
und wenn es abgeliefert ist sind sie zufrieden damit und klagen nicht noch
sieben Jahre hinterher wie sie an der Sache verspielt auch wenn sie das Halbe
daran gewonnen wie es Andere zu treiben pflegen« »Weiß wohl wen du meinst«
sagte Joggeli »sind gute Leute stark im Handel kehren ihr Geld ich muss
sagen anständiger als der Wirt ist mir nicht bald einer und wenn dir der
schuldig ist so kann ich dies mal vielleicht etwas warten es ist mir
vielleicht sicherer in seinen Händen als wenn ich es selbst hätte daneben sieh
was du bekommen kannst die Welt ist schlimm man weiß fast nicht mehr wem
trauen« So kamen sie in die schönste Einigkeit gaben sich die besten Worte
kurz kamen in die friedseligsten Stimmungen hinein in welchen man sich das
Himmelreich nicht bloß verspricht sondern verschreibt und nicht daran denkt
was für Stimmungen eintreten könnten wenn es ans Halten käme
Achtundert Taler sind ein schönes Geld und im Raume eines Jahres muss gar
mancher Batzen zum andern gelegt wer den bis man es beisammen hat Uli hatte
es nicht beisammen bei weitem nicht aber allerdings bei Müller Wirt usw
bedeutende Summen einzuziehen das heißt nach seiner Rechnung Wunder nahm es
ihn ob die andern Rechnungen mit seiner übereinstimmten Er setzte durchaus
keinen Zweifel in ihre Ehrlichkeit aber er hatte die Erfahrung dass er im
Aufmachen noch kein Hexenmeister sei dass es sich ihm in den eigenen Rechnungen
nie so recht treffen wollte Darum nahm es ihn wunder wie seine Rechnung zu den
Rechnungen der Andern passte er hoffte da werde es besser gehen Aber der gute
Uli kam einstweilen nicht aus dem Gwunder »Ja freilich« sagte ein jeder »wann
du willst es ist alles aufgemacht punktum habe nicht Kummer Doch die nächste
Woche schickt es sich mir nicht« Der eine musste um Korn aus oder um Hafer oder
um Vieh oder um Bauholz oder hatte sonst was aber in vierzehn Tagen drei
Wochen oder gar den oder den Tag sollte er mit seinem Buche kommen da wollten
sie sehen wie sie stünden »Aber da habe keinen Kummer keinen Kreuzer wird es
fehlen einmal wenn du recht aufgemacht hast was allweg sein wird« Aber vor
jenem abgeredeten Tage kam Bescheid der Müller habe ungsinnet Bescheid bekommen
und könne an jenem Tage nicht daheim sein Oder Uli kam zum Wirte da hieß es
es sei ein Herr gekommen ein Weinkäufer und er habe mit ihm müssen trinken er
habe mögen wollen oder nicht Es sei ein gar grausam guter Herr den er nicht
habe böse machen dürfen Nun ging es wieder lange bis neue Termine bestimmt
waren und als die wieder kamen gings mit allerlei Variationen wieder so und
Uli kam nicht zur Rechnung
Als er endlich ungeduldig ward und sagte er müsse auch zu sich sehen sein
Zins sei verfallen und wenn er ihn nicht auf den Tag gebe so wisse kein Mensch
wie es ihm gehe lachten sie ihn aus und sprachen ihm gar herzlich zu er solle
doch nicht so dumm sein und meinen er müsse exakt zahlen Dem alten Geizhals
tue es nur wohl wenn er ein Jahr oder zwei auf den Zins warten müsse und kein
vernünftiger Mensch meine mehr dass er alles auf den Tag zahlen müsse was er
schuldig sei Seit Mannsdenken sei das nicht mehr der Gebrauch und wer es tue
werde nur ausgelacht Ja sagte Uli hier sei eine Sache so dort anders
Joggeli sei misstrauisch zahle er nicht so werde er geplagt »Dem wollte ich
das Plagen vertreiben der müsste mir lernen was Brauch ist« usw hieß es von
allen Seite man machte Uli den Kopf so groß dass er kaum zur Stubentür aus kam
Indessen so ganz zleerem abspeisen wollte Uli sich doch nicht lassen »Ja«
hieß es »Geld kann ich dir wohl geben Geld bewahre habe ich immer im Hause
wenn ein guter Schick einem zuhanden kommt dass man ihn machen kann Aber meine
Meinung ist eben die dass man das Geld nutzen soll so gut man kann So einem
alten Geizhals schuldig bleiben kostet nichts je mehr man auf diese Weise
schuldig bleibt desto mehr Geld kann man im Handel abträglich anlegen Hat
einmal so ein Batzenklemmer das Geld zwischen seinen fünf Fingern so ist nichts
mehr damit zu machen Das musst du lernen Uli dein Schade soll es nicht sein
von einem wie du möchten wir den Profit nicht nehmen bewahre du sollst deinen
Teil dar an auch haben Aber was man so einer hundshärigen Bauernseele
ausdrehen kann das ist sicherlich Gott und Menschen wohlgefällig« Uli erhielt
Geld auf Abschlag doch ohne zu rechnen und als er von Rechnen sprach sagte
man ihm »Du hast nun für einmal Geld deine Sache ist all aufgemacht und
sobald es sich mir schickt will ich dir Bescheid machen dann bring deinen
Kalender die Sache wird bald fertig sein und viel fehlen wird es kaum zwischen
uns«
In solchem Aufschieben des Rechnens liegt allerdings Spekulation aber
ebenso sehr eine große Schlaffheit der Seele ein Widerwille zu irgend einem
bestimmten Resultat zu kommen Ach und das ist so begreiflich So eine
gemästete Menschenseele gehöre sie nun einem Wirte einem Müller oder sonst
einem zweibeinigen Geschöpf welch Schlussresultat soll sie ziehen und soll es
ihr nicht grauen vor demselben muss sie nicht den Gedanken daran zu entfernen
suchen so lange als möglich Unwillkürlich muss immer als Resultat der Spruch
sich vor Augen stellen Wer auf das Fleisch säet wird vom Fleisch das ewige
Verderben ernten Und weil es ihnen vor der allerletzten Rechnung graut graut
es ihnen vor allen übrigen sie mögen nicht ehrlich können sie nicht bestehen
müssen alle betrügerisch stellen und am Ende hilft doch alles nicht Der Krug
geht zum Wasser bis er bricht Ach es ist so merkwürdig einen zwei bis drei
Zentner schweren Wirt tanzen zu sehen auf allen Ästen herum dem aller besten
Eichhörnchen zum Trotz Verwegener werden nach jedem Sprünge die späteren
Sprünge pauz glaubt man ihn am Boden auf dem dicken Rücken aber husch ist er
wieder auf den Beinen tanzt lustiger als nie bis es doch endlich sein muss und
patsch er auf dem Rücken liegt denn geht der Krug so lange zum Wasser bis er
bricht so tanzt auch ein Wirt nicht länger als bis er liegt
Uli brachte nicht den ganzen Zins auf wenn er auch alle Schubfächer
ausräumte aber weil Joggeli getan hatte als sei ihm dies mehr als halb recht
brachte er getrost was er hatte Diesmal war die Stimmung bei Joggeli aber
anders er machte ein sauer Gesicht und sprach von nicht warten können das Geld
nutzen zu wollen denn ihm trage es auch Zins wenn er es anlegen täte usw Uli
merkte Joggeli meine er ziehe Zins von seinen Ausständen wie es allerdings
Manche treiben tapfer schuldig bleiben und das Geld anderwärts gebrauchen und
nutzen Es treiben dieses schmähliche Spiel große Herren und zwar mit armen
Handwerkern und andern Arbeitern Die arme Handwerksfrau muss oft das
Schlechteste kaufen auf dem Markte muss die günstigste Zeit zum Einkaufen
unbenutzt vorüberlassen weil das Geld rar ist bei ihr und die Batzen spärlich
in ihrem Beutelchen Den Koch oder die Köchin eines großen Herrn sieht sie das
Köstlichste kaufen an Fischen und Geflügel Geld auswerfen als ob es
Kieselsteine wären und das Geld gehört eigentlich dem armen Handwerksmann der
große Herr ist ihm schuldig aber der Mann kann nichts vom Herrn kriegen als
grobe Worte muss darben während jener schwelgt Was das Weib denken muss wenn
es die Hände voll Geld sieht und aus seinem Beutelchen den letzten Groschen
drückt Wenn es ein keck Weib ist so vernimmt es der ganze Markt wie ein
großer Herr am armen Manne den Schelm macht Wie muss es einem Schneider oder
Schuster oder Bäcker zumute sein der eine bedeutende Ausgabe machen sollte für
das Gewerbe sein Haus seine Kinder und die bedeutendsten Ausstände bekommt er
nicht ein denn die Herren spekulieren in Staatspapieren gerade jetzt sind die
Zeiten günstig wer Geld hat ist glücklich spekuliert jetzt um seine
Gläubiger kümmert er sich nicht und um so weniger je ärmer sie sind je
nötiger sie das Geld selbst hätten denn je kleiner die Götter sind desto
weniger sehen sie die welche niedrig gehen Die armen Schelme alle können
warten gewinnt der Vornehme kriegen sie nichts und verliert er so kriegen
sie noch nichtser haben ihre Gesellen bezahlt haben Zeit versäumt Arbeit
gehabt und können dem Herrn nachseufzen der an der Sonne herumspaziert im
Glanze ihres Geldes und ihres Schweisses Und solch Pack schämt sich nicht solch
Pack tut vornehm solch Pack begehrt auf wenn man es an seine Schulden mahnt
ja solch Pack tut sogar auch fromm aber wahrlich auf eigene Rechnung Und wie
viel Seligkeit wirft den armen Tröpfen die eigne Rechnung ab Ach das sind
nicht die Unmündigen denen Gott im Geiste sich geoffenbaret sonst würden sie
wahrlich die fasslichen Worte fassen Was ihr einem von diesen tut das habt ihr
mir getan
Doch Uli gehörte unter diese Schächerkinder nicht er war zu jung und zu arm
dazu Wenn mit dem Gelde welches Joggeli zu wenig erhielt spekuliert wurde
taten es reifere Füchse Übrigens hatte Uli von diesem Mangel an Barschaft viel
größeren Schaden als Joggeli er war ihm ein Hemmschuh in Handel und Wandel Uli
wusste eigentlich wohl dass ein Bauer immer mit etwas Geld versehen sein muss
wenn es gut gehen soll Behalten und kaufen können und immer zur gelegenen Zeit
ist eine Hauptsache in bäuerischer Staatswirtschaft aber es ging Uli wie
Vielen Wissen und Halten sind zwei man kann die besten Grundsätze haben und
doch ganz entgegengesetzte Wege gehen Die sogenannten Grundsätze haben halt
keine Kraft die bewegende Kraft wird entweder durch eigne Triebe regiert oder
durch fremde Personen Uli sollte seinen Kuhstall instand stellen er hatte den
Winter durch weniger Kühe gehabt als sonst weil er das Heu sparen musste
Zweihundert Gulden bedurfte er zu gehöriger Ergänzung zu verkaufen hatte er
nichts Erkleckliches Korn und Hafer hatte er wohl noch aber er hielt ratsam
bis nach glücklich eingebrachter Ernte nicht zu verkaufen Es war ihm als seien
Hände und Füße ihm gebunden ja als liege er krummgeschlossen in einem Loche Er
ward sehr böser Laune alle Welt sollte schuld daran sein und wenn alle Welt an
einer Sache schuld sein soll so muss es das Weib entgelten Eigentlich billig
und von Rechts wegen Denn ist nicht durch das Weib die Sünde in die Welt
gekommen und dadurch dieselbe so schlecht und miserabel geworden dass ein Mann
wie Uli nicht einmal zweihundert bare Gulden hat um mit denselben den Kühen
nachgehen zu können nach Herzenslust Uli war oftmals in der Laune welche die
Suppe kalt haben will wenn sie heiß ist und heiß wenn sie kalt ist da
braucht es wirklich einer eignen und leider noch nicht erfundenen Kunst wenn
man es jemanden recht machen will Diese Laune ist gewöhnlich der erstgeborne
Sohn der Unzufriedenheit mit sich selbst die man begreiflich nicht an sich
selbst auslässt das wäre ja dumm sondern an allen welche einem über den Weg
laufen
Vreneli litt bitter es war in der Aufklärung und Bildung weiter gekommen
nicht bloß als mancher Schulmeister sondern sogar als Professoren es begriff
dass wenn man Missgeschick habe mit bösen Launen und Zanken mit Leuten die
dessen sich nicht vermögen man demselben nicht abhelfe im Gegenteil neues
schaffe Wie bei unfreundlicher nasskalter Witterung aller Wachstum stockt so
mehr oder weniger auch die Arbeit bei bösen Launen und launenhaftem Gezänke
Vreneli hatte voll wie man zu sagen pflegt Das ist ein eigentümlicher Zustand
das Herz ist voll die Seele ist voll der Kopf ist voll es will zu den Augen
aus man fühlt es im Halse man fährt mit der Hand bald an die Stirne bald auf
die Brust als ob man was halten wolle was zerspringen möchte
Es war an einem wüsten Apriltage sie hatten ackern wollen aber Sturm
Schnee und Regen hatten sie heimgejagt denn draußen war es nicht zum Aushalten
Sie hatten alten Grasboden auffahren die Furchen gründlich hacken wollen denn
bei schwerem Schweizer Lande muss man gründlich bis auf den Boden die Furche
hacken wenn ein zahm Gewächs gesund wachsen soll sie ist zäh und schwerfällig
eben wahrhaft die Schweizer Natur Sie wird auch krank tut als ob sie am
Sterben wäre zu nichts mehr tauglich als zu Schling und Schmarotzerpflanzen
aber dann kommt sie ein Winden und Drehen an wilde Wehen rühren alles
durcheinander wie die Köchin eine Krautsuppe dann kriegt sie ein schrecklich
Erbrechen gibt von sich zum Grauen und Erstaunen ganze Knäuel Ungeziefer von
allen Sorten die wir nicht nennen mögen kleines großes und ist das mal aus
dem Leibe und da wo es hingehört da stillen sich die Wehen das Grimmen
Winden Krümmen hört auf und frisch und gesund ist wieder die alte Natur den
hohen Alpen gleich wenn die wilden Stürme verrauscht sind der holde Frühling
der immer junge Frühling vom Himmel wieder auf die hohen Alpen steigt
Je nach der Länge der Furche steigt die Zahl der Hacker steigt wohl auch
auf großen Gütern bis auf ein volles Dutzend an vielleicht noch darüber Jagt
nun der liebe Gott die hackende Truppe mit scharfem Geschütz vom Acker dem Bauer
heim über den Hals so muss der sehen was er mit den Leuten anfängt So ein
hartölziger Bauer mit Schweinsleder überzogen macht es kurz er schickt die
Taglöhner nach Hause unbekümmert darum haben sie dort was zu beißen und zu
brechen berechnet ihnen den Lohn nach den Stunden welche sie gearbeitet und
da nicht er sondern Gott das Wetter gemacht so überlässt er auch diesem die
allfällige Entschädigung Warum nicht machen was man kann und dümmer sein als
nötig Sorge der Vater im Himmel für die Tiere des Feldes und die Vögel des
Himmels so werde er um so viel mehr für einen Taglöhner mit Weib und einem
halben Dutzend Kinder sorgen wenn der Bauer ihm statt zwölf Kreuzer Taglohn
bloß die Hälfte oder ein Drittel gibt und werde seinen Segen der Mahlzeit
geben welche eigentlich für die Kinder bereitet war an welcher jetzt aber auch
der Vater der bei dem Bauer sich hungrig gearbeitet hat teilnehmen will
Nun Andere machen es auch nicht so wenn unser Herrgott die Leute
heimschneit oder heimhagelt überlassen sie ihm dieselben nicht dass er sie
jetzt auch speise und tränke dieweil er sie angehagelt oder angeschneit
sondern tun dies selbst und geben ihnen was zu tun bis der Tag ganz um ist Es
gibt Zeiten wo das geht man sogar froh ist über einen wilden Nachmittag um
Arbeiten zu verrichten die man des schönen Wetters wegen immer verschoben
hatte Es gibt andere Zeiten wo man wirklich nicht recht weiß was mit machen
und fürs Zähnetrocknen im Winde gibt man doch nicht gerne den Taglohn
In solcher Zeit eben war Uli mit seinem Volke nach Hause gejagt worden er
sandte die Taglöhner nicht fort wusste für sie aber auch nichts zu tun welches
viel abtrug rechnete wie manchen Batzen er ausgeben müsse um nichts und wieder
nichts und ging gegen das Haus um Vreneli mit Brummen und Klönen zu
unterhalten Dort stund Vreneli im Gespräch mit einem Mannli der einen Hut auf
dem Kopfe hatte »Es ist gut dass du kommst« sagte Vreneli »da ist einer er
will mich zur Gotte seine Frau ging mit mir in die Unterweisung wir saßen
neben einander und waren bsunderbar wohl für einander Ich sagte ihm zu doch
behielt ich dich vor Was sagst dazu« »Ho« sagte Uli »wenn du zugesagt hast
so wird wenig mehr zu sagen sein« und ging weiter
Vreneli zuckte zusammen aber mit angeborner adeliger Art begabt fasste es
sich alsbald hieß das Mannli hinein kommen wartete ihm nach üblicher Sitte
mit Speise und Trank auf Eine schöne Sitte die aber manchem ausgehungerten
Kindbettmannli gefährlich wird besonders wenn er dazu noch das Reden liebt Man
denke was das kann wenn so ein arm Mannli der selten einmal im Tag sich satt
isst nun in einem Tage dreimal genötigt wird zu essen und zu trinken bis er
genug hat Das bringt Manchem die Beine in Verlegenheit wenn er vom dritten
Gevatter wegstolpert Aber noch in viel größere kommt schließlich der Kopf wenn
er endlich zum Pfarrer stolpert und dort die Namen der Gevattersleute angeben
soll Da wird manchmal das Denken bedenklich und je länger einer denkt desto
weniger kann er an einen Namen kommen und doch hatte er ihn noch gewusst als er
zur Türe hereingekommen sagt er Es ist bedenklich wie Fleisch und Geist in
die seltsamsten Kollisionen kommen bei den ernstaftesten Gelegenheiten Wo Gott
ein Zeichen seiner Huld gibt legt der Teufel einen Stein des Anstoßes
Das Mannli war bereits am dritten Orte und glücklich innen und außen Er
hatte nirgends eine Abfertigung erhalten sondern guten Bescheid und tapfer zu
essen und zu trinken Solchen glücklichen Menschen wächst ein eigenes Redwerk im
Munde und dieses liefert Lob Ruhm und Preis für sich und seine Frau und all
das Seine in einer Stunde mehr als manche St Galler Baumwollenspinnerei Garn in
einer Woche Die St Galler sollten wären sie gescheut mit dem Maul zu spinnen
anfangen in diesem Gliede sind sie stark ganz verflucht ja brauchen nicht
einmal Most geschweige Wein um ganze Ballen Eigenlob ruhm preis tschuren
zu lassen in die Welt hinaus siehe Tagsatzungsprotokolle Vom schmählichsten
Renommage wollen wir nicht einmal reden Das Männlein war nun freilich kein St
Galler aber es konnte doch nicht fertig werden mit Rühmen wer er sei und was
sein Fraueli sei und wie er Kinder habe und was sie täten und wie sie sich
erzeigen wollten in der Welt dass man weit und breit von ihnen reden müsse man
möge wollen oder nicht
Vreneli ward wind und bange aber es konnte nicht von ihm kommen und gehen
heißen mochte es ihn auch nicht So viel Mitgefühl hatte es dass es niemand
einen Kübel kalt Wasser über den Kopf goss wenn er in süßen Träumen befangen
lag Solch Glück ist gar zu selten in der Welt und wer ein gut Herz hat jagt
sicherlich niemanden der in solcher Wonne liegt süßer als in einem warmen
Bette daraus auf
Vreneli wusste dass ihm ein Gewitter wartete und je länger eine schwarze
Wolke stocket das heißt mit Elektrizität sich auf bläht desto härter kracht
es wenn es mal losbricht Der Mann aß nicht mehr dann trank er auch nicht
mehr endlich gab er selbst das Sitzen auf und stund so gut er konnte aber das
Reden wollte kein Ende finden es war akkurat als ob er auch so ein auf ein
Pfäfflein gepfropfter St Galler Diplomat sei und doch war er nur ein ganz
gemein Knechtlein schwatzte nicht einmal um den Taglohn nicht einmal um dann
daheim sagen zu können »Dunder denen hab ichs gesagt habt ihrs gelesen«
sondern wirklich von Herzen und schwatzte und stund und ging und stund und
schwatzte dass es Vreneli den Schweiß austrieb und es ihm als es endlich dessen
Rücken sah leichtete als hätte es wenigstens eine halbe Kindbetti glücklich
überstanden
Nun musste es ans Zweite hin musste die geschwollene Wolke sich entladen
lassen Das Ding ging aber nicht halb so leicht als eine andere elektrische
Flasche welche man nur mit einem Finger zu berühren braucht um sie in allen
Gliedern zu fühlen Uli schmollte eine Weile indessen endlich brachs doch los
und wüst Es habe sich alles gegen ihn verschworen um ihn zu Boden zu machen
polterte er sogar den Herrn des Regens und des Sonnenscheins rechnete er
darunter Der heutige Tag koste ihn wenigstens drei Gulden nicht gerechnet was
die verspätete Arbeit schade Wenn er genug hätte bis obenaus so stehe noch so
ein Hagel vor dem Hause und bitte zu Gevatter Das sei sonst nicht erhört
gewesen dass man fremde Leute welche ihr Brot mit Mühe verdienen müssten zu
Gevatter genommen sondern reiche Leute welche es hätten und vermöchten Das
käme aber nur daher weil Vreneli die vornehme Frau spiele da meinten die Leute
was dahinterstecke und wüssten nicht dass sie bald fertig seien Das sei wieder
so ein Spaß von zehn Gulden nicht gerechnet was später ausgerichtet werden
müsse Er hätte geglaubt Vreneli hätte so viel Verstand den Lümmel mit ein
paar Batzen und einer langen Nase weiterzuschicken Aber nein da müsse das
Gebettel angenommen sein die vornehme Frau habe es gemacht werde gedacht
haben welche schöne Gotte es vorstellen werde Nun könne es aber sehen wie es
es mache er gebe keinen Kreuzer dazu es wisse dann ein andermal ob es zusagen
solle oder nicht Er hätte nie geglaubt dass es es ihm so machen würde aber
wenn es nicht gute so wolle er stoßen wo es ziehe je eher der Karren über
Bord fahre desto lieber sei es ihm
Vreneli kam diese Rede über den Magen die Augen blitzten doch vergaß es
die Manieren nicht »Weißt du wie die Base dem Vetter sagt wenn er so wüst tut
wie du jetzt« frug Vreneli »Er sei der wüsteste Unflat unter der Sonne und
gute Lust hätte ich dir auch so zu sagen Ganz unbegründet fährst du über mich
aus und wenn was geht das dir nicht recht ist dreschest du es auf meinem
Rücken aus Dass du kein Geld hast dafür kann ich nichts ich habe weder Wirt
noch Müller was verkauft und wenn du mit ihnen zur Rechnung kämest so würdest
du sehen wo dein Vermögen steckt Heute habe ich weder hageln noch schneien
lassen und dass ich zu Gevatter gebeten wurde ist nicht meine Schuld und wenn
du wieder bei dir selbst bist so wirst du einsehen wie wüst es gewesen wäre
wenn ich es ausgeschlagen hätte Du weißt wie es einem ist wenn man zu
Gevatter bitten muss aber erfahren hast noch nicht wie es einem tut wenn man
grob abgefertigt wird und was meinst wie hätte es dem armen Fraueli getan
wenn der Mann ihr den abschlägigen Bescheid heimgebracht Da hätte es geheißen
ich sei vornehm geworden und schäme mich seiner und es hätte geweint weil
seine letzte Freundin ihm untreu geworden denn je weniger Leute man hat auf der
Welt desto weher tut es einem wenn diese abfallen und wenn man endlich
niemanden mehr hat dann sollte einem das Herz brechen mir wenigstens würde es
Merke dir das Das gute Weibchen freut sich sicher mich zu sehen denn manch
Jahr ist verflossen seit wir als die besten Freundinnen uns getrennt und wird
auch nicht viele gute Freunde haben auf der Welt Denk Uli wenn wir so wüst
sein wollten was mussten wir von andern Leuten erwarten und wenn wir diesen
Augenblick nicht im Überflusse sitzen hören deswegen unsere Pflichten auf
Sollen wir des wegen nicht mehr Christen sein Denk auch wenn wir später wieder
zu Geld kommen sollten so könnten wir das doch nicht mehr gut machen was wir
den Leuten weh getan und was man uns deshalb nachgeredet hätte wäre an unserm
Namen kleben geblieben unabänderlich Kosten soll es dich nichts Ich habe auch
noch Geld welches mein ist womit ich machen kann was mir beliebt dir geben
oder andern Leuten je nachdem ich es nötig finde und habe ich keines mehr so
will ich schon zu Gelde kommen das sage ich dir frank und frei Betrügen will
ich dich nicht obgleich es mir ein sehr Leichtes wäre des Jahrs viele viele
Gulden in meine Tasche zu machen ohne dass du das Geringste merken solltest
Aber weißt das Geld welches wir haben sei es viel oder wenig ist mein so gut
als dein ich verdiene daran so viel als du ich regiere die Haushaltung du das
Feld stehe mit dir auf gehe mit dir zu Bette bin nicht deine Magd sondern
deine Frau Zu billigen Dingen nehme ich Geld frage oder frage nicht nach
meinem Belieben Hältst du mir dieses vor so rechne ich mit dir und will dir
zeigen wer daran schuld ist dass wir kein Geld haben du oder ich«
Uli war noch Keiner von denen auf welche eine feste Sprache keinen Eindruck
macht Er besaß noch das Gerechtigkeitsgefühl welches die Streitsucht dämpft
sobald das Recht des Andern klar ist »Tue nur nicht so« sagte er »wie eine
Katze am Strick Es hat dir noch niemand gesagt du sollest kein Geld haben oder
du vergeudest du tuest nichts Dass du mit den Leuten bekannt bist das wusste
ich nicht und wenn es einem zuweilen wunderlich in den Kopf schießt das soll
dich nicht wundem Da sollte ich eigentlich Kühe kaufen mit Pferden wäre auch
was zu machen Schweine müssen auch gekauft sein du redest ja alle Tage davon
und kein Geld Ich liege da wie ein Hungriger dem die Hände gebunden das Maul
verstopft ist mitten unter Brot und Würsten«
Dieses Einlenken von Uli führte zu einer ehelichen anständigen Ratssitzung
in welcher man in reiflicher Erwägung dass man kein Geld habe und solches
bedürfe beschloss es solle das Nötige von Ulis Ersparnissen aus der Kasse
erhoben werden Vreneli schlug als zweiten Artikel vor dass die übrigen
ausstehenden Gelder mit allen Mitteln eingetrieben die Schuldner zur Rechnung
angehalten würden Auf die Versicherung von Uli das verstehe sich von selbst
und bedürfe keines weitern Beschlusses ließ Vreneli den Artikel fallen und es
wurde zur Tagesordnung geschritten
Fünfzehntes Kapitel
Wie viel man an einem Tage gewinnen und wie viel man verlieren kann
Am Sonntag also musste Vreneli zu Gevatter stehen da gab es einen kleinen
Streit Uli sagte »Nimm das Fuhrwerk es ist weit und die Rosse haben nicht
viel geschafft« »Will nicht die vornehme Frau machen« sagte Vreneli »das
würde sich übel schicken für uns« »Bist noch immer böse« sagte Uli »das wäre
dumm« »Nein« sagte Vreneli »bin weder böse noch dumm aber wo du recht hast
da gestehe ich es gerne Ich will nicht über meinen Stand hinaus und nie
vergessen dass wir nichts haben und nichts sind als Arbeitsleute Wir haben wohl
Rosse im Stall aber sie sind nicht unser das große Bauernwesen ist wohl da
aber wir sind nicht der Bauer und den Schein als wären wir es will ich mir
nicht geben Fahren ist für vornehme Leute oder wenigstens für solche welche es
scheinen möchten« Und was Uli auch sagte Vreneli blieb auf seinem Sinn Als am
Morgen in aller Frühe Vreneli zum Gehen fertig stund und noch links und rechts
befahl wie es gehen solle den Tag über da wollte Uli dem Vreneli wieder
kanzeln Vreneli war ganz einfach angezogen hatte nicht etwa die
Hochzeitkleider an um im Glanze aufzutreten hatte nicht einmal seine schweren
silbernen Göllerkettelein eingehängt und gar nichts von Seide am Leibe und doch
derlei Dinge im Schranke »Wann willst dann dies brauchen« frug Uli »Das wäre
ein Anlass gewesen die Kleider verderben dir wenn du sie nicht brauchst« »Habe
deswegen nicht Kummer« sagte Vreneli »dafür lass mich sorgen und wenn wir mal
Bauer und Bäurin sind dann sollst du Wunder erleben wie ich aufziehen will
Bis dahin will ich lieber die Leute sagen Die kommt doch gering da her sie
werden es nicht besser vermögen als Die mag wohl wird meinen man wisse
nicht wer sie ist der wird es noch anders kommen Sieh Mannli vornehm täte
ich gerne im Guttätig nicht im Hoffärtigsein da ist ein Unterschied den
musst du noch lernen er hat viel auf sich Doch behüte dich Gott und lebe wohl
muss pressieren es ist ohnehin wohl spät« Als Uli dem Weibchen nachsah musste
er sich gestehen dass heute trotz der einfachen Kleidung wohl kaum ein
schmuckeres Weibchen auf Berner Wegen gehen werde als eins eben von seinem
Hause ablief
Es war das erstemal seit seiner Heirat dass Vreneli so weit von Hause sich
entfernte mehr als drei Stunden weit Es war ein klarer aber rauer
Frühlingsmorgen ein starker Reif lag auf den Feldern Schnee bedeckte die
niederen Höhen Noch sah man bedeutendere Sterne am Himmel die minderen hatte
der beginnende Tag verschlungen das heißt für Vrenelis Augen Andere Augen nur
einige Stunden weiter sahen es anders und Gottes Augen noch ganz anders So
geht es mit den Augen und der Sterne Bedeutung und noch ganz anders mit den
Menschen welche man sinnbildlich Sterne nennt Sterne hier könnte man zwanzig
Stunden weiter nicht für Stallaternen brauchen und noch zehn Stunden weiter
wären sie nichts als schmutzige Öltöpfe oder winzige Talgstümpfchen
So einmal aus dem Gesurre des täglichen Getriebes herauszukommen ist
äußerst wohltätig Es ist als ob die Sinne freier würden als steige man auf
ein Berglein und übersehe nun den Wald den man sonst vor lauter Bäumen nicht
gesehen So ging es Vreneli Ihre ganze Lage rollte sich vor ihm auf wie eine
Landkarte Es sah die schönen Punkte die steilen Höhen die gefährlichen Pässe
es sah wie mit Gottes Hilfe keine Gefahr für sie wäre wenn die gehörige
Vorsicht gebraucht würde eine weise Sparsamkeit am rechten und nicht am
unrechten Orte kein närrisches Vertrauen in unbewährte Menschen Wenn schon das
letzte Jahr nicht das beste gewesen so war es mit ihnen doch vorwärtsgegangen
nur hatten sie leider das Geld nicht beisammen das machte Vreneli seufzen
Hätten wir es doch nur dachte es Was hilft viel lösen wenn man nichts kriegt
Viel versprechen kostet ja nichts zahlen ist die Hauptsache Mit Behagen
dagegen überschlug es wie sich ihr Hausrat gemehrt und ihre Vorräte mehr als
Uli dachte Wenn es sein müsste ein paar hundert Gulden ließ sich lösen aus
Entbehrlichem meinte es Mit Behagen dachte es an seine Kindlein deren es
bereits drei hatte die so lustig blühten als wären sie drei Röselein im
Garten zählte sich die kleinen Handbietungen auf welche Vreneli bereits
leistete Es freute sich wie sie mehren würden fast Tag um Tag und dachte an
die Zeit wo das Mädchen sein rechter Arm sein werde seine wahre
Meisterjungfrau Wenn nur die Pässe nicht gewesen wären mit ihren Grün den und
Schlünden Es hätte Vreneli keinen Kummer gemacht sie zu durchfahren wenn es
die Peitsche geführt das Fahren in seiner Hand gelegen wäre es glaubte zu
sehen wo man mehr hüst und wo mehr hott fahren müsse wenn man sicher
durchkommen wolle Aber das ist das Peinliche auf Fahrten und gar auf der
Lebensfahrt wenn man sich fuhr werken lassen muss sieht sich bald rechts am
Abgrunde bald links in den Lüften kann nichts dran machen als höchstens hüst
oder hott schreien Der welcher fährt sieht Abgründe und Wände nicht hört das
Schreien nicht fährt zu immer blinder und toller je mehr man wehrt und
schreit express hüst wenn er hott fahren sollte und hott wenn hüst ihn retten
könnte er fährt bis es aus ist mit dem Fuhrwerk dann fängt er mörderlich zu
brüllen an wie man mit dem Wehren und Geschrei schuld sei am Unglück hätte man
ihn alleine machen lassen es wäre ganz anders gegangen Ach wie viele solche
Fuhrwerke holpern wohl nicht auf dem Lebenswege es wackeln die Räder taumeln
an den Rändern der Ab gründe Eins fährt das Andere schreit sie wackeln sie
taumeln bis endlich das Fahren aus das Fuhrwerk geborsten ist Wie peinlich
und angstvoll ein solches Fahren ist ist so begreiflich aber am wenigsten
begreifts wer die Zügel führt und die Peitsche kann er so haut er wer
schreit und Pein zeigt Wenn Staatswagen so karren und taumeln ists noch
schauerlicher und graulicher als bei Familienwagen Daran dachte Vreneli und wie
das Ding wohl anzufangen sei dass Uli so recht auf ihns höre sich nicht
umgarnen lasse von falschen Freunden nicht umstricken von den Netzen des
Geizes Es fehlte ja nirgends als da aber das war doch so gefährlich dass ihm
angst und bange ward bei dem Sinnen und Denken der Weg ihm unter den Füßen
schwand ohne dass es es merkte es am Häuschen stand wo das Patekind lag ehe
es daran dachte
Im Häuschen sah es armütig aus und wehmütig das Hausgeräte und die
Hausbewohner Vreneli hätte seine Gespielin nicht wieder erkannt hatte Mühe
sich zu überzeugen dass sie es wirklich sei Zu einem alten Weibe war das
lustige Mädchen zusammengealtert die blanke Haut war gelb geworden und matt
sehr matt waren Gebärden Schritte ja selbst das Gangwerk ihrer Rede Die
Kinder glichen Zwetschgen über welche ein früher Reif gegangen der Kaffee war
so dünn die Milch so blau dass sie als beide zusammengegossen waren aussahen
akkurat wie der blaue Himmel wenn ein leiser Nebel darüberliegt Der Tisch
wackelte die Kaffeekanne machte ein weinerliches Gesicht denn sie hatte
Spalten die Tassen waren zusammengeborgt die Untertassen kamen hierher die
Obertassen dorther sie sahen aus wie die Gevatterschaft selbst welche aus
einem kleinen dummen Bauernsöhnchen und einer alten grauen Frau und also
Vreneli bestund Die Kindbetterin war anfangs gegen Vreneli schüchtern und tat
fremd es schmerzte Vreneli fast Zehn Jahre waren zwischen ihnen
durchgeflossen seit sie ein Herz und eine Seele gewesen diese zehn Jahre wie
weit hatten sie sie auseinandergerissen Jahre verknöchern sich gerne zu Bergen
stellen sich zwischen die Menschen scheiden sie durchaus höchstens sehen sie
sich noch kennen einander aber nicht Wenn nun so nach zehn Jahren der Strom
der Zeit Zwei zusammenschwemmt in ein Stübchen dass sie bei einander sitzen
sich ansehen und Rede stehen müssen so sehen sie einander an und lesen sich
gegenseitig ein Blatt Weltgeschichte ab und was sie sich gegenseitig ablesen
macht die Einen neidisch die Andern dankbar Andere demütig Andere hoffärtig
Andere giftig Andere wehmütig Als das arme Weiblein Vreneli vor sich hatte
war es eben demütig und wehmütig denn der Grund seines Gemütes war gut und
treu Es sah mit Demut an Vreneli auf dem seine einfache nette Kleidung so
vornehm stund Respekt einflößte denn wer eine so einfache Kleidung so zu
ordnen und zu tragen wusste der war von Jugend auf in guter Kleidung und hatte
daheim noch bessere als es am Leibe trug während man oft scheinbar kostbarer
aber verschliffener Kleidung von weitem ansieht dass unter derselben ein
verlumpt Hemd steht und daheim nicht drei ganze sich vorfinden würden Dachte
mit Demut wenn es gewusst wie es geworden es hätte nicht an ihns sprechen
dürfen aber schön sei es von ihm dass es doch gekommen und seiner sich nicht
geschämt Dachte aber auch mit Wehmut wie die Zeit sie verschieden gestellt an
ihm gezimmert und genagt Vreneli zu einer Frau gemacht dachte mit Wehmut wie
es erst in zehn Jahren sein werde wie da wohl es zusammengemagert und ein
verdorret Laub von der Erde verschlungen sein werde während Vreneli
vollständig zu einer Bäuerin sich abgerundet habe Je mehr Vrenelis
Freundlichkeit auf blühte desto weh und demütiger ward das arme Frauchen
zwischenein kam die Freude es zu sehen und zu gedenken der vergangenen Zeit
ohne Gram und ohne Sorgen
Die Armütigkeit trat erst so recht hervor als man das Kindlein schmücken
wollte zur Kirche So rein und schön als sie können zieren die Eltern das
Taufkind aus es soll diese Sorgfalt so gleichsam ein Pfand sein dass sie es
schmücken und zieren wollen nicht bloß äußerlich zum Gang in den Tempel des
Herrn sondern von Stunde an auch innerlich und es auf erbauen zu einem Tempel
darin der Herr wohnen mag Da waren gelbgewaschene Windeln und keine ganze
Käppchen gar erbärmlich dünn das Decklein in welches man es legte und
verschossen und schlecht das Tuch mit welchem man es deckte Das arme Kind
musste sich früh gewöhnen dass des Lebens raue Winde ihm hart an die Haut
gingen Die alte Gotte hatte das grausam ungern konnte sich gar nicht darein
schicken mit einem so schlecht angekleideten Kinde zur Kirche zu gehen Wenn
sie das gewusst hätte sagte sie sie hätte die Magd gesandt die hätte dieses
auch verrichten können Das arme Frauchen hatte die Tränen in den Augen
entschuldigte sich bestmöglichst Sie hätte Besseres leihen wollen aber fremd
hier hätte man allenthalben Ausreden gehabt da hätte sie gedacht wegem lieben
Gott hätten sie sich nicht zu schämen den Leuten aber nicht mehr nachzufragen
als sie ihnen Da hätte sie es ja den Gevattersleuten können sagen lassen die
würden ihretwegen schon dafür gesorgt haben zürnte die graue Alte die eben
auch nicht sehr appetitlich aussah
Da trat Vreneli ins Mittel durch dieses unwürdige Geträtsche sehr bemüht
Es wolle das Kind schon tragen sagte es es schäme sich seiner gar nicht
vielleicht sei das Kind welches Jesus unter die Jünger gestellt und gesagt So
ihr nicht werdet wie dieses Kindlein werdet ihr nicht ins Reich Gottes kommen
nicht besser geschmückt gewesen als dieses und allweg wollten sie Gott danken
wenn sie Beide Gott so wohl gefielen als dieses Kindlein und ein Beispiel hätte
man dass ein Kind welches nicht einmal ein Deckeli gehabt sondern bloß in
Windeln gewickelt gewesen sei groß geworden sei und noch jetzt allen armen
Sündern zum Heil »Du wirst eine Stündlerin sein mit Schein« grinste die Alte
»Nicht dass ich wüsste« antwortete Vreneli »aber mich dünkt man sollte sich in
die Umstände schicken können auf die Hauptsache sehen an Nebensachen sich
nicht stoßen und dies um so mehr je älter man ist« »So« sagte die Alte »das
wird sollen gestochen sein Ja ja es gibt Leute sie meinen sie hätten die
Weisheit mit dem Breilöffel gefressen und sehen den Dreck auf der eignen Nase
nicht He nun so dann so gehts Bin alt habe darum schon manchmal erfahren
dass unser Herrgott Solchen den Verstand mit der Muskelle anrichtet und dann
sagten ich und Andere So recht nur angerichtet und je mehr je besser So
sollte es allen gehen welche besser sein wollen als andere Leute oder gar noch
fromm« »Ich sehe dich doch noch« frug das Fraueli weichmütig Vreneli »Gewiss«
sagte Vreneli »aber jetzt ists Zeit Gebt mir das Kind in Gottes Namen und
gehen wollen wir in Gottes Namen und dass des Kindes Eingänge und Ausgänge sein
ganz Leben lang alle geschehen in Gottes Namen das wolle Gott« Wie nötig das
arme Würmlein das hätte musste Vreneli denken den ganzen Weg entlang während
die andere Gotte alle möglichen Manövers machte damit die Leute nicht meinten
sie gehöre zum Kinde sie dachte nicht daran wie wenig ihr alle Künste hülfen
da sie in der Kirche vor aller Leute Augen doch zum Kinde stehen musste
Man kann allerdings nicht genug daran denken wenn man ein arm Kind zur
Kirche trägt wie nötig dasselbe Gott habe wenn das Elend der Sünde es nicht
verschlingen soll
Der Taufschmaus oder wie man merkwürdigerweise sagt die Kindbetti
wahrscheinlich weil der Mann die Kosten dazu mit Weh und Schmerzen aufbringt
wurde im Wirtshause ausgerichtet Die eigentliche Kindbetterin blieb zu Hause
wohin auch das Kind getragen wurde Vreneli verarbeitete grausam viel
Langeweile ehe die Mahlzeit aufgetragen wurde Mit seiner Mitgevatterin stund
es auf gespanntem Fuße mit den Andern war nicht viel zu reden die Wirtin war
nicht redselig und der Wirt handelte mit Juden um Kühe Der Wirt gehörte nämlich
unter die Wirte welche weder Sonntag noch Sabbat kennen um alles handeln und
die eigne Seele verschachern würden wenn man sie an einen vierkreuzerigen
Strick binden und weiterführen könnte Wahrscheinlich um solcher Wirte willen
wird der liebe Gott die Seele unsichtbar gemacht oder keinen Strick geschaffen
haben an dem man sie halftern kann Der kleine Bauernsohn war ein
Dorfrenommist Ungeheure Heldentaten hatte er vollbracht aber alle waren mit
Schmutz angemacht oder nahmen ein schmutziges Ende Vreneli kriegte großen Ekel
darüber Sobald es das Nötigste gegessen und getrunken hatte verschwand es ganz
in großem Stile Der Wirtin trug es auf später seine Entschuldigungen zu
machen nahm noch Wein und Fleisch mit sich versteht sich für sein Geld und
machte dem verlassenen Fraueli sich zu
Über den so frühen Besuch war dieses fast erschrocken denn so früh verlässt
sonst selten eine Gotte den Patenschmaus es fürchtete der Mann könnte es an
ihm zürnen dass Vreneli so frühe fortgelaufen Indessen verlor sich dieser
Schreck in der Freude die alte Gespielin vor sich zu haben Das Herz ging ihm
auf es erzählte Vreneli seine Geschichte Diese war nicht viel anders als die
Geschichte von Tausenden aber sie ging Vreneli doch zu Herzen als sei sie ihm
neu von Anfang bis zu Ende Leichtsinnig hatte sie sich mit einem
Nebenknechtlein eingelassen musste ihn heiraten hatten nichts erspart bekamen
ein Kind nach dem andern sie konnte nichts verdienen er war von den
Mittelmässigen einer welche nur geringen Lohn erhalten Er war wohl fleißig
aber er war kein Meister in irgend einer Arbeit konnte nur taglöhnern oder als
Nebenknecht in einem Dienste stehen wo er keinen besonderen Zweig der
Landwirtschaft eigen zu beschaffen hatte er war von denen einer welche einen
Tag nach dem andern hinnehmen wie er kommt ohne Streben und Anspannung durch
Ausbildung seiner Kräfte oder tüchtigere Anwendung derselben seine Lage zu
verbessern So erzählte nun das Weib Vreneli so ganz ins Einzelne hinein wie
kümmerlich sie sich durchbringen müssten wie Kreuzer um Kreuzer abgezählt werden
müsste welche Angst und Sorgen es verursache wenn unerwartet Schuhe geflickt
werden müssten und welche Freude wenn unerwartet ein Stück Brot ins Haus käme
oder ein altes Kleidungsstück
Vreneli kannte diese Art von Haushaltungen im allgemeinen ganz gut aber so
ganz ins Kleinste hatte es sie nicht verfolgt die ängstliche tägliche Pein nie
so anschaulich vor Augen gehabt als sie ihm jetzt durch seine Freundin
dargestellt ward so dass es ihm wurde als sei es selbst mitten drin und müsste
sie mitmachen Tag für Tag Es hatte unsägliches Erbarmen mit dem armen Weibe es
fühlte wie es in solchem Zustande in welchem man zu wenig hat um zu leben
und zu viel um zu sterben wo man keine Aussicht hat ihn zu verbessern die
höchsten Hoffnungen nicht einmal mehr bis an eine Ziege reichen höchstens bis
an ein Huhn namenlos unglücklich wäre ihn nicht ertragen könnte In einem
solchen Zustande gleichsam mit gebundenen Händen und Füßen jahrelang bis ans
Lebensende zu zappeln in täglicher endloser Not zu verkümmern die Brosamen
zählen zu müssen und immer zu wenig zu haben den eigenen und der Kinder Hunger
zu stillen das ist das Schrecklichste unter der Sonne Es schauderte zusammen
bei dem Gedanken wenn es doch das erleben müsste es konnte nicht begreifen wie
die arme Frau das so erzählen konnte ohne Jammer und Weinen Es konnte nicht
begreifen wie sie fast noch mit einer Art von Behagen erzählen konnte wie sie
ihre Armütigkeit verwalte es dachte nicht daran wie der Mensch nach und nach
an alles sich gewöhnt und auch daran im engsten Raume sich zu bewegen und seine
Tätigkeit in die kleinsten Schranken gebannt zu sehen Wer an weite Aussichten
gewohnt ist an großen Geschäftsverkehr und weithin reichendes Wirken dem
scheint ein so eng beschränktes Dasein die schrecklichste Pein auf Erden und
doch würde er sich im Laufe der Jahre vielleicht daran gewöhnen es erfahren
dass die Bürden welche alle Menschen tragen wohl anders aussehen aber nicht so
verschieden sind als sie scheinen dass ihre Schwere oder ihre Leichtigkeit
nicht vom eigenen Gewicht abhängt sondern von der Gewohnheit und dem Gemüte
welches sie trägt Schwer trägt ein Kind an einem Pfunde leichter der starke
Mann einen Zentner
Vreneli fühlte das wahre Mitleid fühlte wie es ihm wäre im Mieder des
armen Fraueli gab ihm was es bei sich hatte und hieß es ihns bald mit dem
Kinde zu besuchen Jetzt schossen dem armen Weibchen Tränen die Backen herunter
es stund vor Vreneli und konnte lange nicht reden »Du bist immer das Beste das
gleiche Vreneli« sagte sie »bringst schon für das Kind schier mehr als ich
nehmen durfte kommst vom Wirtshaus hockest da in meiner Armut hörst einen
ganzen halben Tag mein Gestürm an und gibst mir jetzt noch mehr als ich dir
abnehmen darf« Als Vreneli auf der Annahme bestund dieweil es komme aus gutem
Herzen und es nichts desto weniger es machen könne sagte das Fraueli »He nun
so dann so will ich es nehmen und alle Tage für dich beten anders kann ich dir
nicht vergelten Du weißt nicht aus welcher Not du mich ziehst und wie
glücklich du mich machst und ich kann es nicht sagen Jetzt kann ich drei
Batzen hier sieben Batzen dort bezahlen die ich geliehen hinter dem Rücken
meines Mannes und die mich schon lange schlaflos gemacht Ich brauchte sie nicht
für mich sondern für den Arzt mein Mann hatte gemeint es sei nicht nötig es
werde dem Kinde schon bessern wenn es Gottes Wille sei Ich habe mein
Sonntagsmieder versetzen müssen das kann ich auslösen und vielleicht einmal
Schuhe machen lassen Nein du gutes Vreneli du weißt nicht was du an mir
tust ein rechter Engel vom Himmel bist du mir und unser Herrgott wolle es dir
vergelten an dir und deinen Kindern Gott Lob und Dank jetzt werde ich wieder
schlafen können und wenn Gott uns gesund lässt so wird es schon noch besser
kommen ich zweifle nicht«
So glücklich hatte Vreneli lange niemand gesehen kaum Uli als es ihm
endlich Ja sagte glücklicher gemacht als dieses arme Fraueli Kaum konnte es
sich von ihm trennen was doch endlich sein musste
Als Vreneli wieder allein war und seines Weges ging da wogten die Gedanken
stromsweise durch seine Seele Das Glück des armen Weibes schwebte ihm vor den
Augen Das ist doch groß und schön von Kleinem so glücklich werden zu können
das ist ein groß Gegengewicht gegen das tägliche Elend Solch Glück wird denen
nicht welche man gewöhnlich die Glücklichen nennt welche sich in einem
Zustande befinden welcher allen Wünschen zu genügen scheint ein Glück welches
aber so langweilig und peinlich werden kann dass schon mancher Engländer oder
anderer Narr in Verzweiflung geriet und sich vor den Kopf schoss Es überschlug
was es wohl noch alles hätte für das arme Weib und erstaunte wie reich es war
an alten Schuhen Strümpfen und andern Herrlichkeiten welche es nicht mehr
brauchen konnte und welche Schätze waren in diese Armut hinein Es über schlug
ob es sie nicht in seine Nähe ziehen zu einem bessern Dasein ihnen verhelfen
könnte das wäre ihm reich vergolten durch eine treue Seele welcher es
vertrauen und die es gebrauchen könnte im Hause für Dinge welche man nicht
gerne allen anvertraut und von welcher es sicher wäre dass sie nicht Partie mit
den Andern gegen sie machen würde
Dann musste es denken in welcher ganz andern Lage es sei als seine Freundin
welche vor zehn Jahren gleich berechtigt an das Glück der Welt mit ihm auf
einer Bank gesessen Es hatte so oft Gott und der Base geklagt hatte sich in
gedrückter Lage gefühlt Angst gehabt um ihr Dasein Kummer Sorgen aller Art
gemeint die Zukunft sei eben eine schwarze Wolke voll Blitz und Donner hatte
es sich nicht schwer damit versündigt Es hatte gesehen nach denen welche über
ihm stunden und nicht mit den Millionen sich verglichen welche die unteren
Stufen der menschlichen Gesellschaft füllen oder es hatte gar nichts
verglichen sondern bloß bitterlich geseufzt über seine Bürde ohne zu bedenken
dass ohne diese kein Mensch sein darf auf Erden so wenig als ohne Druck der
Luft Vreneli fühlte sich als eine reiche vornehme Frau gegenüber der armen
Freundin es konnte schenken Schätze konnte ihr Herz glücklich machen trotz
einem Kaiser hatte zu essen vollauf Vorräte brauchte mit dem Kreuzer nicht zu
knausern konnte seine Kinder kleiden lassen nach Bedürfnis und Verstand hatte
Hoffnung es zu etwas zu bringen Es stund vor ihnen eine weite Bahn freilich
vielen Wechselfällen ausgesetzt auf welcher aber doch schon so Viele durch
Fleiß und Nachhaltigkeit reich geworden Da schämte sich Vreneli bitterlich und
bis zum Weinen So gehe es einem wenn man nicht von Hause komme und bloß seine
Sache sehe und seine Lage warf es sich vor da werde man ungeduldig undankbar
wisse nicht wie gut man es habe und werde unverträglich Man wisse nicht mehr
wie alle Menschen an einander zu tragen hätten meine nur die mit welchen man
lebe hätten ihre Fehler wollten sie aus Bosheit nicht ablegen machten einen
mit Fleiß unglücklich sehe man sich aber um so sei es anders der alte Mensch
sei überall und nur da am wenigsten drückend wo man mit Geduld ihn trage mit
Sanftmut arbeite am neuen Menschen Es kam ihns so eine rechte Wehmut an wenn
es dachte wie viele Menschen sich versündigten mit Klagen und Undankbarkeit und
so glücklich sein könnten im Vergleich gegen Andere wenn sie nur den Verstand
hätten es zu begreifen
Wenn sie nur einen Augenblick sich in andere Strümpfe denken könnten so
käme sie eine unendliche Dankbarkeit an Es schauderte ihns wenn es dachte es
sollte an seiner Freundin Platz nur eine Woche lang und ihr Mann sollte sein
Mann sein Da war doch dann Uli ein ganz Anderer und wenn es schon zuweilen
Vreneli dünkte Uli sollte auf festern Füßen stehen so war er doch ein Mann und
nicht so ein Züttel ein Fösel und Höseler Erst wenn man mit eigenen Augen so
recht in andrer Menschen Verhältnisse hineinsehe begreife man wie gut man es
habe wie gütig Gott sei wie grob man sich versündige mit Unzufriedenheit
sehne sich heim und fühle sich erst glücklich wenn man alles so finde wie man
es verlassen und zwar in aller Unzufriedenheit
Je mehr es so dachte desto mehr trabte es vorwärts es war ihm als könnte
ihm sein Heim gestohlen werden und wenn es hinkomme sei nichts mehr da als eine
Öde das Haus verbrannt die Kinder tot Uli weg Aber es ging Vreneli wie
vielen Weibern welche nicht viel vom Hause kommen seine Schuhe fingen ihns an
zu plagen Die Hausgeschäfte werden in Holzschuhen oder sonst bequemen großen
Schuhen verrichtet die bessern eleganten Lederschuhe zieht man selten an sie
trocknen wohl aus und wenn dann zur Seltenheit weiter gegangen werden soll
vertragen sich die bequem gewordenen Füße schlecht mit den knappen spröden
Schuhen Es gibt viele unangenehme Verhältnisse in der Welt aber das Verhältnis
zwischen einem weichen Fuß und spröden Schuh wo der eine zu breit ist der
andere zu eng ist doch eins der allerunangenehmsten besonders wenn soll
gelaufen werden und zwar stundenweit Es gibt Leute welche kein Verhältnis
begreifen und namentlich dieses Verhältnis nicht Köchinnen und selbst
Kammerzofen vorzüglich aber Stall und andere Untermägde befinden sich in
diesem Falle Wenn der Schuhherr kommt das Maß zu nehmen biegen sie die Zehen
zusammen oder unter die Sohle befehlen dazu »Ganz klein ganz klein
Sonntagsschuhe« wahrscheinlich Betmaschinen um sie zum Seufzen und Beten zu
zwingen Nun da gehts dann eben wie bei allen unnatürlichen Verhältnissen
solange man in denselben lebt ist man sauübel schrecklich unglücklich man
schreit nach Gott und hat man genug geschrien platzen sie endlich Ganz
jämmerlich musste Vreneli pilgern wie wenn es Erbsen in den Schuhen hätte Auf
Wallfahrten büsst der Mensch halt seine Sünden Ehedem wallfahrtete man nach
heiligen Orten Jerusalem Loretto Einsiedeln mit Erbsen in den Schuhen oder
gar rückwärts nach Rom Heutzutage pilgern die Mädchen nach Tanzplätzen stehen
große Qualen aus dabei barfuß trifft man sie oft an an Orten wo sie meinen
es sehe sie niemand oder rückwärts gehend von Wirtshäusern vorwärts Buben
lockend bis sie plumps liegen in schmutzigem Loche Nun Vreneli pilgerte auf
guten Wegen aber auf solchen muss man oft leiden was auf schlechten Wegen und
noch mehr und nicht böse werden darüber Das ward Vreneli auch nicht seufzte
bloß zuweilen ward in seinen Gedanken unterbrochen und dachte endlich wenig
mehr als es wollte es wäre daheim Es schämte sich seines hinkenden Ganges
sah so wenig als möglich auf in der Hoffnung wenn es sich um die Begegnenden
nicht kümmere kümmerten sie sich auch nicht um ihns was jedenfalls ein sehr
einseitiger Schloss ist
Da hielt neben ihm ein Wägelchen von demselben herab kam eine Stimme
»Wieweit noch heute« Da zuckte Vreneli zusammen sah auf und auf dem Wägelchen
saß Uli Der lachte über Vrenelis Studieren ob welchem es nicht wisse wer an
ihm vorbeikomme und Vreneli war es eine höchst angenehme Überraschung erstlich
wegen den Füßen und zweitens wegen Uli Wer einmal schlimme Füße in engen
Schuhen gehabt hat und noch zwei lange Stunden wenigstens vor sich der weiß
wie hell es plötzlich vor den Augen wird und wie eine Stimme von einem Fuhrwerke
herab welche aufsteigen heißt ungefähr tönet wie eine Stimme aus dem Himmel
Wenn es dann noch gar die Stimme des Mannes ist welcher seiner Frau ungeheissen
und unerwartet entgegengefahren aus bloßer Liebe und Zärtlichkeit ja dann
fehlen alle Vergleichungen um auszudrücken wie die Stimme tönet im Herzen der
angerufenen Frau Vreneli konnte nicht satt werden Uli Dank und Freude
auszusprechen für seine Güte und dass er ihm seine Höllenqualen abgekürzt Uli
dagegen entschuldigte sich dass er nicht weiter gekommen Erstlich sei er
aufgehalten worden und zweitens habe er nicht gedacht dass Vreneli so früh sich
heimmachen werde das Heimgehen falle manchmal Gotten erst ein wenn es zu spät
sei Nun erzählte Vreneli wie es ihm ergangen wie es die Gesellschaft
verlassen ehe der Braten gekommen und wie es den Rest des Nachmittags
zugebracht Es konnte sich nicht innig genug ausdrucken wie zufrieden es
geworden mit seinem Schicksal Uli nicht sattsam genug zu Gemüte führen wie sie
Ursache hätten Gott zu loben und zu preisen für seine Güte an ihnen Wenn sie
nur genügsam wären so hätten sie mehr als genug brauchten sich nicht so zu
kümmern ums tägliche Brot und hätten doch immer noch was übrig dem Dürftigen
zu helfen in seiner Not
Uli hatte die Not nicht selbst angesehen hatte überhaupt nicht die
Fertigkeit sich in eine fremde Lage hineinzudenken als ob es die eigene wäre
er nahm daher die Sache kaltblütiger und widerredete er war fast anzuhören wie
ein alter Bauernaristokrat oder Dorfmagnat und stund doch so nahe in jeglicher
Beziehung der Grenze innerhalb welcher die Menschen wohnen von denen er so
über die Achsel hin sprach Man müsse das nicht so nehmen sagte er das komme
ihnen nicht halb so streng vor als andern Leuten sie seien daran gewöhnt und
kennten es nicht besser Sei der Verdienst auch nicht groß so hülfen sie mit
Bettelei nach und Stehlen und je mehr Kinder sie hätten desto mehr trügen sie
ein wie die Bienenstöcke auch den meisten Honig hätten in welchen die größten
Schwärme wohnten Übrigens müsse man sich hüten ihnen alles zu glauben zumeist
sei es schon an der Hälfte zu viel Betteln sei halt ihr Handwerk je nötlicher
sie zu tun wüssten desto mehr trüge es ihnen ab und je mehr sie gewahreten dass
man ihnen höre und glaube desto dicker lögen sie das sei halt nicht anders Es
gebe Leute sie wüssten einem nicht bloß das Geld aus der Tasche sondern fast
die Augen aus dem Kopfe zu schwatzen wahrscheinlich gehöre das Mensch bei
welchem Vreneli so viel Mitleid und Rührung aufgelesen hatte auch zu dieser
Sorte »Und was nicht zu vergessen diese Leute haben gar viele Sorgen und
Plagen nicht welche wir haben Haben sie gegessen so sind sie fertig legen
sich schlafen und wenn es wieder Zeit zum Essen ist stehen sie auf verlassen
sich darauf dass wieder was auf dem Tische sei Unsereiner muss für alles sorgen
sorgen wo er den Zins nehme woher er Speise schaffe am Ende noch großen Lohn
und tut er obendrein nicht jedem alles woran er sonst noch denkt muss er ein
wüster Hund sein Hat man endlich dieses alles überstanden und gemeint man sei
mit jedem fertig so kommt einem unerwartet was zwischendrein ob welchem man
aus der Haut fahren möchte«
»Mein Gott was ist hat es einem Kinde was gegeben« frug Vreneli
erschreckt »Das nicht« sagte Uli »sie sind alle wohl haben nur nicht viel
nach dir geweint ein schlechter Beruhigungsgrund aber da kam einer wegen der
Kuh welche ich letzthin verkauft sagt mir wüst droht mir mit einem Prozess
oder ich soll die Kuh zurücknehmen Kosten zahlen und der Teufel weiß was alles
Ich habe ihn unsauber vom Hause weggejagt aber die Sache ist mir doch nicht am
rechten Ort Geht er zu einem Agenten so habe ich einen Handel am Halse und
wie recht ich auch habe so weiß man wohl wie es geht wenn mal die Hagle die
Finger darin haben« »Was klagt er was ist « frug Vreneli Nun trug Uli die
Geschichte vor soviel er aus des Mannlis Gestürm hätte klug werden können wie
er sagte Er selbst trug aber auch nicht zu der Verdeutlichung der Geschichte
bei denn es war einer von den zahllosen Händeln welche sittlich und christlich
schlecht sind wo bloß das formelle Recht in Frage gestellt werden konnte
welches in der Schweiz nach Ordnung verzwickt werden kann da bei den engen
Grenzen der Kantone wo täglich hinüber und herüber gehandelt wird gezankt
werden kann nach welchen Gesetzen der Handel geschlossen worden oder nach
welchen er entschieden werden solle Vreneli begriff die Sachlage alsbald und
sagte »Aber Uli wie kannst du so handeln Wie oft habe ich dir doch
angehalten du möchtest ehrlich sein und niemand anführen betrügen soll man ja
nicht sagen auch den fremdesten Menschen nicht Das bringt nicht Segen macht
einen schlechten Namen und wie wenig oder nichts trägt es dir ab«
»Oh« sagte Uli »es machte mir wenigstens zehn Taler Unterschied und zehn
Taler sind nicht zu verachten besonders wenn man sie so nötig hat wie ich zehn
Taler findet man nicht auf der Gasse« »Aber Uli was sind zehn Taler wenn du
nun allgemeinverbrüllet wirst wie du einen angeschmiert« »He« sagte Uli »es
macht jeder was er kann Warum ist er ein Narr und glaubt mir Ich bin nicht
der Erste und werde nicht der Letzte sein der zu lösen sucht so viel er kann
da gegen wird wohl kein vernünftiger Mensch viel haben können«
»He ja« sagte Vreneli »das ist so rühmst du den Handel in einem
Wirtshause so wird dir jedermann beipflichten sagen gerade so müsse man es
machen und jeder wird zu er zählen wissen wie er diesen oder jenen noch
zehnmal ärger angeschmiert und der sei froh gewesen sich stillzuhalten und zu
schweigen denn machen hätte er nichts können und das Auslachen gefürchtet
Kömmt dann der Handel vor Gericht und verlierst du ihn so wird es allgemein
heißen es geschehe dir ganz recht man hätte dir das vorher sagen können Man
hätte aber nicht geglaubt dass du so schlecht seist vor so einem müsse man
sich in acht nehmen werdest aber das Geld nötig haben es hätte ihnen schon
lange geschienen es gehe nicht am besten So werden sie reden Uli darum mach
aus ich bitte dich um Gottswillen leide Schaden er wird nicht groß sein und
wie groß er ist weißt du Wie groß er aber werden kann wenn du prozedierst
das weißt du nicht und davor graut mir«
»Ho« sagte Uli »gesagt ist nicht dass es einen Handel gebe er wird sich
wohl bedenken ehe er angreift Dumm wäre es ja von mir wenn ich gleich
nachsagen wollte was man mir vorsagt dafür bin ich doch endlich nicht auf der
Welt Aber das Gescheuteste wäre man würde von solchen Dingen den Weibern
nichts sagen sie verstehen nichts davon meinen es doch und haken es gewöhnlich
mit allen andern Menschen nur nicht mit dem Manne«
»Rede doch nicht so« sagte Vreneli »es tut mir sonst weh und ich verdiene
es gewisslich nicht Mit wem wollte ich es halten als mit dir denn wen habe ich
auf der Welt als dich Wenn es dir gut geht geht es mir gut und geht es dir
übel wer muss zuerst aushalten als ich Aber ich bitte dich sei doch nicht wie
die andern Menschen mit ihrem Gestürm von Mit halten und nicht Mitalten das
hat mich schon oft fast die Wände aufgetrieben Der hält es mit mir und der hält
es nicht mit mir hört man alle Tage und wenn ich es höre möchte ich allemal
beten Vater vergib ihnen sie wissen nicht was sie tun Wer einem Menschen
der über Vater und Mutter schimpft über die Meisterleute flucht die Obrigkeit
lästert schimpfen fluchen lästern hilft ihm den Zorn noch heißer anbläst
den Kopf noch größer macht von dem heißt es Das ist ein braver Mensch hat
Verstand der hält mit mir oh wenn die Leute alle so wären dann wäre es noch
zu leben in der Welt Wenn ich aber einem verirrten Kinde einer erbosten Magd
einem Taugenichts zuspreche in wahren Treu en weil ich Erbarmen mit ihnen habe
und mit unverblendeten Augen den Ungrund ihres Geschreis sehe und den Ausgang
wenn sie so fortfahren so schreien sie ich sei wider sie halte es mit den
Andern begehren schrecklich auf gegen mich und großen Verdruss habe ich von
meinem Zuspruch So haben es die Menschen mit dem Mitalten Wer akkurat ins
gleiche Horn bläst in welches sie blasen und akkurat in der gleichen Tonart
in welcher sie blasen von dem sagen sie der sei ein Guter halte es mit ihnen
und wer das nicht tut sondern redet der Sache gemäß über den erzürnen sie
sich schimpfen nach einigen Tagen und einigen Jahren sehen sie wer es
eigentlich gut mit ihnen gemeint das heißt es mit ihnen gehalten Denn mit
einem halten meine ich heiße nicht mit einem dumm tun ihn noch dümmer machen
sondern seinen Vorteil im Auge haben oder wie es heißt im Eid Schaden wenden
Nutzen fördern Nun lieber Uli halte ich es fort und fort in Freud und Leid
in gesunden und kranken Tagen mit dir wie ich es dir verheißen habe des sollst
du überzeugt sein aber ich möchte eben auch Schaden wenden und Nutzen fördern
und wo meine Augen anders sehen als deine da sage ich es dir und das nimm mir
ja nicht übel vier Augen sehen ja wie das Sprüchwort sagt mehr als zwei und
deswegen auch wird der liebe Gott den Ehestand eingesetzt haben«
»Oh« meinte Uli »wegen selbem wird es ihm wohl nicht gewesen sein Ich
weiß eigentlich wohl dass du es gut meinst aber gut Meinen und Verstehen sind
zwei und nebendem regieren die Weiber gerne jedes will den bessern Daumen
haben von wegen der Ehre und die größte Kunst ist das Meister sein und alles
zwängen und doch die Gute sein und vor den Leuten als eine Demutsvolle gelten«
»Sei nicht böse« sagte Vreneli »lass deinen Verdruss mich nicht entgelten
ich meine es so gut Es ist schlimm wo über die Meisterschaft geredet wird
denn da ist Streit Ich meine das Beste solle immer geschehen da solle man
nicht fragen welche von den vier Augen welche Gott zusammengefügt es gesehen
sondern eben alles prüfen und das Beste erwählen Und mit dem Verstehen ists so
wie unser Heiland sagt oft begreift ein Unmündiger was den Weisen der Welt
verborgen bleibt So weiß sicher oft ein dumm Weib besser was schlicht und
recht ist als so ein Kabinettskopf und Rechtsfresser in all seiner gestudierten
Weisheit«
»Ho« sagte Uli »das kann zuweilen der Fall sein zur Seltenheit dass eine
Frau noch schlauer ist als der schlimmste Rechtsagent welcher dem Teufel von
dem Karren gefallen ist aber für so eine wirst du dich nicht ausgeben wollen«
»Nein das nicht« sagte Vreneli »aber du willst nicht verstehen was ich
meine und das geht mir zu Herzen Ich will nichts mehr sagen als prozediere
nicht das ist des Teufels ärgster Lockvogel wer mal anbeisst den fasst er beim
Ohr« »Und lieb wäre es mir auch« sagte Uli »du würdest mir keine Stündelerin
sonst gut Nacht Friede und Hausen Uha Kohli Sollte was füttern unterdessen
können wir eine Flasche trinken dir wirds auch recht sein da du so frühe vom
Mahl gegangen« sagte Uli »Wie du willst« sagte Vreneli um nicht zu
widersprechen Es verlangte ihns nach seinen Kindern schon mehr als zwölf
Stunden hatte es sie nicht gesehen und dies noch nie erlebt
Es war sogenannter Tanzsonntag das heißt ein Sonntag wo so gleichsam von
Obrigkeits wegen getanzt werden muss Es besteht nämlich im Kanton Bern ein
Gesetz welches im Jahr sechs Sonntage bestimmt an welchen allenthalben getanzt
werden darf Das junge Volk legt dies nun oft so aus als ob wirklich getanzt
werden müsse Diese Auslegung haben schon viele Wirte und noch mehr Väter
erfahren Die Auslegungskunst ist eine ganz eigentümliche Nun gibt es viele
Jungens und Mädchen welche in Kritik und Auslegungskunst noch viel stärker sind
als Strauss und es noch weiter treiben so dass selbst die Allerstraussigsten um
einen allgemein gewordenen Ausdruck zu brauchen in ihrer Schule noch
entschiedene Fortschritte machen könnten
Das Wirtshaus war sehr angefüllt das stampfte und trampelte als ob da eine
Trittmühle für viele hundert Personen angelegt sei Es war das Wirtshaus in
welchem Ulis Freund wirtschaftete dies war Vreneli noch unangenehmer als das
Stampfen und Trampeln welches alle Augenblicke das Zusammenbrechen des
hölzernen Hauses befürchten ließ Sie konnten sich kaum durchdrängen doch
sobald der Wirt sie bemerkte machte er ihnen mit seinem kolossalen Buckel
stattlich Raum und verhalf ihnen zu gutem Platz Es war schade dass er nicht ein
päpslicher Schweizer geworden er hätte zu nichts besser getaugt als an großen
Kirchenfesten in Rom Platz zu machen für die rotgestrümpften Herrn Kardinäle
Vreneli war lange nie an einem solchen Sonntage in einem Wirtshause gewesen um
so schärfer ließ es in dem ihm neu gewordenen Gewimmel seine Augen schweifen Es
kam ihm erst vor als sei es entweder selbst verrückt oder es sei in ein
Tollhaus geraten Es sah da halbbatzige Knechtlein noch wohlfeilere Mägde
Lehrbuben sogenannte Bauernsöhne deren Väter mehr schuldig waren als der
Hofwert war die seit Jahren unbezahlten Zinse nicht gerechnet
Handwerksbursche an denen es durch die Woche keinen ganzen Schuh gesehen ja
Bettelpack welches es oft vor seiner Türe gehabt durcheinanderwimmeln in
glitzerndem Staate aufgeschwollen von Hochmut Trotz und tierischer Lust
vollgefressen und gesoffen zum Verspritzen tun als wäre nicht bloß die ganze
Welt die ihre sondern als hätten sie wenn sie diese Welt verklopft oder
verkegelt hätten noch sieben siebenmal größere Welten zum Verklopfen und
Verkegeln Es war ihm wie einem der einen Trupp Flöhe betrachtet durch ein
Vergrösserungsglas und sie ihm vorkommen wie langhärige Elefanten Es waren ganz
ungeheuer andere Leute als es in der Woche gesehen ein einzig Stück schien die
Stube zu füllen Es duckte und drückte sich bestmöglichst in einer Ecke und
doch fürchtete es gequetscht und erdrückt ja durch den Luftzug der
aufgerissenen Mäuler durch einen der aufgesperrten Schlünde in einen
unterirdischen Schlauch gewirbelt zu wer den so trampelten und
himmelsappermenteten sie im ganzen Hause herum Als es sich ein bisschen gefasst
da rief es das Bild welches es heute ins Gemüt gefasst hervor und es war ihm
als hätte es eines Rätsels Lösung als stelle das Bild sich in den Hintergrund
dieser Herrlichkeit und was im Vordergrund so groß und himmelsappermenterlich
sei werde nach und nach dem Hintergrunde zugedrängt werde kleiner dürftiger
erbärmlicher jämmerlicher zu einem Stübchen voll halbnackter gramselnder
hungriger Kinder zu einem Stübchen voll Elend und Not ohne Kleider ohne Brot
Diese Wandlung der Gegenwart in die Zukunft dieses Zusammenschrumpfen
einiger Jahre in einen Augenblick diese Art von Vision oder Gesicht lebendig
in der Phantasie hatte Vreneli selbst der Gegenwart entrückt so dass ihm
entging wie Uli mit dem Wirte welcher der vielen Leute ungeachtet Zeit machte
um neben Uli abzusitzen in ein Gespräch geriet und ihm den Kuhhandel vortrug
Erst als der Wirt mit seiner mächtigen Stimme sagte »Sei nur ruhig lass den
anlaufen zeige ihm den Meister du kannst nicht verlieren du hast recht ja
wenn dies nicht erlaubt wäre wer wollte handeln das käme mir sauber heraus«
usw Vreneli erschrak sehr es hätte weiß kein Mensch was gegeben sie wären
nicht hier eingekehrt Es sagte »Ich habe immer gehört ein magerer Vergleich
sei besser als ein fetter Prozess die Sache wirft nicht viel ab und was ein
Prozess kosten kann weiß man nicht Mich dünkt wenn du es gut mit Uli meintest
so würdest du zu Uli sagen Vergleicht euch wenn du auch viel oder wenig leiden
musst so ists doch besser als prozessieren« »Das verstehst du nicht Fraueli«
sagte der Wirt »das ist Männersache darin habt ihr gar nicht zu reden am
besten ists man sage euch nichts davon Schweine mästen und kochen Kaffee
trinken und alle Jahre ein Kind haben das ist eure Sache und damit punktum Du
musst das machen wie ich« sagte er zu Uli »meine Frau ist mir lieb und wert
warum nicht was man nicht ändern kann darin muss man sich schicken aber was
über die Haushaltung aus geht von meinem Geschäft gebe ich nicht Bericht
Warum Darum sie versteht es nicht und würde doch meinen sie müsse das Maul in
alles hängen und was trüg das ab« Vreneli wurde böse und spitzig »Es meine«
sagte es »wenn man hilfe das Geld verdienen so habe man auch das Recht ein
Wort dazu zu sagen wie es solle gebraucht werden Es liefe mancher Lump weniger
in der Welt herum wenn er zu rechter Zeit auf seine Frau gehört hätte Auf den
Männern welche ihren Weibern nicht alles sagen dürften halte es nicht viel
gewöhnlich stecke was Verdächtiges dahinter etwas was besser wäre sie täten
es nicht« »Ist das gestichelt oder sonst getrümpft« frug der Wirt »Nimm es
wie du willst« antwortete Vreneli »so viel kann ich dir bloß sagen es ist mir
Ernst damit« »Du hast eine handliche Frau Uli die wäre mir nur zu böse«
sagte der Wirt »die musst du nicht Meister werden lassen sonst bleibt die
Kirche nicht mitten im Dorfe Ein wenig böse schadet nicht gerade so wie ein
Haushund wenn der nicht bellen kann und im Notfall beißen so ist nichts mit
ihm aber Bettlerpack und Fremde muss er anbellen und beißen nicht den Meister
da muss er wedeln mit dem Schwanze und kusch machen« Da wurde der Wirt
abgerufen sonst hätte er wahrscheinlich er fahren dass Vreneli wirklich zu den
Haushunden gehöre welche bellen und beißen können
Auf dem Heimwege versuchte Vreneli noch einige Male den Kuhhandel zur
Sprache zu bringen aber Uli gab uneinlässlichen Bescheid sagte endlich »Hast
nicht gehört was der Wirt gesagt hat Man solle den Weibern über solche Sachen
nicht Bericht geben sie verstünden sich nicht darauf« »Verstehst du dich denn
darauf« fragte Vreneli »du weißt von den Gesetzen und dem Prozedieren gerade
so viel als das Kind welches wir heute getauft und darum dünkt mich du
solltest dich nicht damit abgeben wollen« »Darum weil ich und du davon gleich
viel verstehen« antwortete Uli böse »kann ich nicht bei dir zu Rate gehen
sondern muss zu jemand gehen der mehr von der Sache weiß als ich und du und
damit punktum wie der Wirt sagte«
Dieser Schluss des Tages jammerte Vreneli sehr Es hatte an diesem Tage so
viel erlebt erfahren gedacht es war gleichsam von den allezeit strömenden
göttlichen Offenbarungen umflossen gewesen wie ein schöner Abendstern hatte ihm
Ulis Entgegenkommen geleuchtet und nun zum Ende Ulis Erkalten Abwenden zu
Andern Zuwenden einer Klippe an welcher schon das Dasein von Millionen
zerschellte Es weinte bitterlich weil Uli den Glauben an es ganz verloren
hatte und öffentlich ihm gleichsam abschwur Jedermann hat einen Glauben es
kommt eben nur darauf an was und hauptsächlich an wen er glaubt Der Glaube
ist abhängig von der Richtung des Gemütes ein Sprichwort sagt man glaube was
man gern habe oder was einem in den Kram diene Man glaubt den Personen welche
reden was einem in den Kram dient oder was man sonst gerne hört Wer hat nicht
schon Katzen gesehen wie gerne sie am Kopfe sich krauen lassen wie behaglich
es ihnen wird wenn jemand ihnen mit Manier den Balg streicht wie sie sich auf
die Seite legen alle Viere von sich strecken jetzt das Bein jetzt ein anderes
aufheben dass man ihnen auch da krauen solle dass es auch hier dem Balg
wohltäte wenn er gestrichen würde mit Manier Wer hat nun nicht auch schon
erfahren dass es so viele Menschen akkurat haben wie die Katzen manierlich
Krauen und Streichen lieben und nicht zufrieden werden bis man ihnen den Balg
an allen vier Beinen gestrichen Wer nun dieses Streichen und Krauen welches
sich begreiflich nach dem Balge richten muss ein Winterbalg mag mehr er tragen
als ein Sommerbalg so wie auch Stubenkatzen und Feldkatzen anders zu traktieren
sind wohl versteht der findet Glauben Tausende erheben sich nicht über
diesen Glauben an alles und an alle dagegen glauben sie nicht wer oder was
ihnen nicht wohl macht nicht ihre Behaglichkeit vermehrt was sie beißt oder
juckt Mit Abscheu und Hohn wenden sie sich davon ab werfen gewaltig wie Buben
mit Steinen mit Aberglauben Pfaffen Jesuiten und altväterischem Gedampe usw
um sich
Dieser Glaube wurde durch den Teufel schon im Paradiese eingeführt als er
der Eva den Balg strich Er verträgt aber keine gewisse Erkenntnis das hat Eva
alsbald erfahren aber bis auf den heutigen Tag sind Millionen nicht klug
geworden haben die Erfahrung von der Eva nicht geerbt sondern bloß den Balg
der sich gerne streicheln lässt und die Lust an allem was wohl macht und
behaglich sein lässt Zum rechten Glauben bedarf es schon rechter Leute dass
heißt ganz anderer als solcher welchen es nur um das Behagen des Balges zu tun
ist Der rechte Glaube geht vom Unbehagen aus nicht vom Behagen nicht vom
Gefühle des Wohlseins sondern vom Gefühl der Armut und des Wehs will nicht
behaglich den Leib pflegen sondern gesund machen die kranke Seele erkennt es
der Mensch sei keine Sau für den Schlamm geboren sondern ein Wesen das
gereinigt werden müsse um zum Leben in höheren reinern Regionen zu gelangen
Dieses Gefühl ist kein angebornes entstammt nicht dem Fleische Wie eine Taube
aus den Himmelshöhen mag es sich zuweilen niederlassen auf erwählte
Himmelskinder sonst ist es ein Kind der Zucht der Zucht von Gott der Zucht
von denen durch deren Hand Gott die Menschen erziehen will Wen der Herr lieb
hat den züchtigt er und lässt ihn züchtigen und diese Zucht wirket die
friedsame Frucht der Gerechtigkeit Die Zucht wirket das Gefühl der Armut und
des Krankseins ist die wahre Augensalbe welche den Blinden das Gesicht gibt
sie schauen lässt des Übels wahren Sitz welche die Erfahrung gibt aus welchem
Samen das Gute wächst aus welchem das Böse welche eben den Glauben gibt dass
lieb der Herr die hat welche er züchtigt weil es nach den Züchtigungen dem
Menschen leichter wohler wird seine Kräfte sich gestählt seine Freudigkeit
zugenommen hat Diese Zucht wirkt ganz was anderes als die Unzucht der heutigen
großen Pädagogen und anderer Schulmeister Diese Unzucht führt die Schüler nicht
weiter als dazu Gott und Menschen zu hassen und unter allen Menschen die großen
Pädagogen und sonstigen Schulmeister am allermeisten Man frage nach dem
Respekte der Schüler gegen die Lehrer man frage nach Liebe und Anhänglichkeit
nach Gehorsam und lebendigem Fleiße nach gläubigem Vertrauen man suche Trauben
auf Dornenbüschen Unter der Zucht bildet sich der zarte Keim der Erkenntnis
dessen aus was gut und heilsam ist den Menschen bildet sich die Kenntnis der
Menschen aus Man lernt unterscheiden wer es gut meint oder gut zu meinen
scheint wer bloß der Katze den Balg zu streichen oder den Menschen an der Seele
zu doktern weiß da bildet sich der Glaube an Gott und seine väterliche Liebe
der Glaube an die Erlösung durch Christum der gekommen zu suchen das Verlorne
der durch Leiden gegangen am Kreuze gestorben um zu erquicken die Mühseligen
Ruhe zu schaffen für ihre Seelen der Glaube an den engen Weg mit Dornen besäet
der zum Himmel führt
Es bildet sich überhaupt der Sinn für die Wahrheit aus sei sie bitter oder
süß komme sie vom Freund oder Feind und der Hunger nach der Wahrheit der in
ehrlicher Treue nach Befriedigung strebt um ein immer erleuchteterer Christ zu
werden Dieser Hunger ist beiläufig gesagt was ganz anderes als das Jagen nach
was Neuem bloß um Professor zu werden und nichts weiter Vom Vater der Lügen
und all seinen Propheten wendet man sich mit Abscheu ab und kriegt einen
förmlichen Ekel ob allem Balgstreichen und sonstigem Kitzeln des Fleisches
Diese verschiedenen Richtungen treten auf das Klarste ins Leben hinaus in allen
Verhältnissen in allen Ständen in allen Altern Es gibt auch Menschen welche
an jeder Wahrheit zweifeln Misstrauen haben gegen jeden ehrlichen Menschen
welche immer sagen »Weiß nicht kann sein wird sein ist möglich weiß aber
doch nicht« so bei den klarsten Wahrheiten welche man mit Pelzhandschuhen
greifen könnte Die gleichen Leute glauben den schlechtesten Leuten freilich
keine tausendjährige Wahrheit sondern am liebsten die allerneusten und
widersinnigsten Lügen und lügen sie hundertmal im Tage so glauben sie es
hundertmal waren sie hundertmal in einem Tage schon angeführt sie ließ zum
hundertundersten Male sich noch anführen natürlich bei gehöriger Bearbeitung
des Balges von einem dieser kunstfertigen Gerber Je mehr das Fleisch im Preise
steigt desto mehr und häufiger tritt diese schauerliche Verkehrtheit zu Tage
Ein ehrlicher Mensch muss des Tages es kann kein Mensch zählen wie oft nach dem
Kopfe greifen um zu erfahren ob er ihn noch habe und stundenlang grübeln ob
er bei Verstand sei oder nicht wenn er unter Menschenkindern sich befindet
welche auf dieser Kulturstufe sind Musterreiter Postalter oder gar
Schulmeister Maurer oder andere Gesellen
Jetzt kann man sich denken wie es einer ehrlichen Frau zumute werden muss
wenn sie diese Glaubensrichtung in ihrem Manne sich entwickeln sieht wenn er
ihren wohlgemeintesten Räten seit tausend und tausend Jahren bewährt beiläufig
gesagt erschlugen die alten Deutschen in den Hermannsschlachten mit besonderer
Vorliebe Schreiber und Rechtsmenschen werden einen natürlichen Grund gehabt
haben die Ohren verschließt und den Balgstreichern sich zuwendet wenn sie
sieht wie er umgarnt wird und eingesponnen gleich einer Fliege im Spinnennetz
wenn sie erfahren muss wie ihm ein Dünkel eingepflanzt wird absichtlich um
denselben ihr zu entfremden seine Ohren gleichsam verpicht werden
grundsätzlich ungefähr wie man denen welche man erschießen will die Augen
verbindet wenn sie wohl weiß der Mann liebt sie aber der Esel der Mann lässt
sich aufweisen weiß ferner wie man sie lächerlich macht ihm Misstrauen
einflößt ihre Einsicht verdächtigt ihr Recht etwas zur Sache zu sagen in
Abrede stellt Und doch geht es um ihre Sache geht um der Kinder Sache und sie
soll stumm wie ein Fisch den Esel fuhrwerken lassen je nach der Lust und der
Bosheit einiger Spottbuben welche die Sache bloß so weit angeht wie
einbrechende Diebe eine Geldkiste Das ist wirklich ein hart Ding und besonders
für eine Frau welche glaubt einen gescheuten Mann geheiratet zu haben einen
Ausbund der wird auf einmal rappelköpfig sturm am Hirn viel ärger als wenn
ein Ross den Koller hat Wenn sie wirklich aus der Haut fahren täte es könnte
ihr es niemand verübeln aber was ist erst erlaubt wenn diese Richtung des
Mannes in einem bestimmten Fall klar hervortritt wenn er an den äußern Rändern
des Wirbels schwebt
Uli verstand von Recht und Gesetz Formen Terminen Kosten usw gar nichts
er war in diesem Gebiete einem Wanderer gleich der in stockfinsterer Nacht in
einem Urwalde tappet Wer das erfahren hat weiß wie man da dran ist Wenn nun
so ein stockdummer Mensch noch einen stockblinden Glauben hat zu irgend einem
der Propheten welche Lügen predigen welche der Teufel angestellt hat die
Leute ins Unglück zu reiten wie ein Stallmeister Stalljungen hat um die Pferde
in die Schwemme zu reiten so kann man sich etwas davon denken wie es geht
aber um es so recht zu wissen muss man solche Leute selbst reden gehört haben
so aus bloßer Phantasie en téorie kann man sich dies doch nicht vorstellen
Sie sind akkurat wie Kinder welchen man die Buchstaben A B C zeigt Das Lernen
des A B C beruht auf dem Glauben denn dass die wunderlichen Striche diesen und
jenen Laut repräsentieren müssen die Kinder glauben und wenn sie einmal durch
Zucht dazu gebracht sind dass sie wissen welches Zeichen den großen A bedeutet
so drücken sie mit ungeheurem Nachdruck den Zeigefinger oder Daumen auf den
großen A und schreien gewaltiglich »A« und dünken sich groß absonderlich Mit
Zeit und Weile lernen sie auch B und C kennen daran glauben kommen vielleicht
noch weiter dünken sich alle Tage größer und schreien alle Zeichen gewaltiger
aber den Zusammenhang der Zeichen kennen sie noch nicht und wenn man ihnen
denselben schon zeigt so begreifen sie ihn nicht Deswegen dünken sie sich
nicht minder groß sondern eben desto größer Von einem Zusammenhang der
Buchstaben wissen sie nichts dar um scheint es ihnen lächerlich sie wissen
was sie können und können was sie wissen darum scheinen sie sich so wichtig
und wer was mehr weiß scheint ihnen dumm oder schlecht
Nun so ein Uli der einen Prozess anfängt und sein Lebtag kein Gesetzbuch
gesehen hat geschweige gelesen der ist akkurat so ein ABCBub der eine neue
Fibel oder Namenbuch wie wir hier sagen unter dem Arme hat und zur Mutter
läuft mit großem Geschrei »Mutter Mutter das große A wo ist es wo das große
A« Zeigt ihm die Mutter das große A so schreit er wochenlang »A A« tut wie
ein Elefant in den ersten Hosen Kriegt der Uli einen Prozess unter den Arm so
läuft er damit zu den Gelehrten diese sagen »A heißt A und auf das A folgt
das B das kann nicht fehlen punktum hier steht es geschrieben siehst Der
Prozess ist gewonnen ich nähme es nicht zum voraus wenn man mir es schon geben
wollte« Das glaubt nun der Uli steif und fest und bildet sich ein ein
Rechtsgelehrter zu sein weil er das A auswendig weiß und etwas vom B kennt wer
ihm Zweifel äußert der hält es nicht mit ihm mag ihm sein Glück nicht gönnen
ist ein Lumpenhund und meint es mit dem Gegner gut Es ist ein förmlicher
Fanatismus in diesem Glauben und je blinder und beschränkter er ist desto
leidenschaftlicher unduldsamer äußert er sich Wenn so ein Uli könnte er würde
jeden köpfen oder gar hängen lassen welcher den geringsten Zweifel schimmern
lassen würde als hätte er den besten Handel von der Welt So ein Uli würde
immer so stark verfahren als ehemals der Grossinquisitor von Spanien oder die
ehemaligen Ketzerriecher und Ketzerrichter in Deutschland Die Eintönigkeit wo
kein anderer Ton mehr anklingt die Wut wenn doch ein anderer zu den Ohren
tönet werden nie aussterben im Menschengeschlechte und zutage treten allemal
wenn man der Katze lange genug den Balg gestrichen hat Die Erfahrung machte
nicht bloß Vreneli die Erfahrung macht man dato im ganzen Schweizerlande Was
dabei noch sehr merkwürdig ist ist die Festigkeit des Glaubens wenn er sich
einmal gehörig an eine Person geheftet hat Wie der Tiroler zum Beispiel an
seine Amulette glaubte welche hieb und schussfest machen sollten und daran
glaubte so oft er auch verwundet wurde indem er allemal einer besonderen
Ursache oder eigener Schuld die Zulassung der Wunde zuschrieb wie man einen
Schatzgräbertoren siebenmal prellen konnte und zum achtenmal doch noch Glauben
fand gerade so hat es so ein zum Prozess angedrehter Uli Es gibt Leute welche
durch rechtskundige Spitzbuben um ihr ganzes Vermögen gekommen sind und dennoch
an die Spitzbuben glauben und wenn sie wieder zum Vermögen kämen wieder durch
sie sich darum bringen ließ Man möchte manchmal vor Zorn die Wände auf
springen oder vor Wehmut sich die Augen aus dem Kopfe weinen wenn man die
altertümliche und volkstümliche Balgstreicherei und ihre Folgen sieht blinden
Glauben narrochtiges Treiben und endliches Verderben
Wenn man das Obige begriffen hat so wird man auch begreifen wie es Vreneli
war dass Uli in diesen Wirbel gezogen wurde Der gute Uli begriff nicht was
Menschen zu reden und zu tun imstande sind wenn in ihren Bereich eine Kuh
läuft welche sie hoffen mit Streicheln und Sanfttun dahin zu bringen dass sie
sich melken lässt Vreneli versuchte mehr als einmal noch ihn vom Prozesse
abzubringen denn das Mannli ließ die Sache nicht liegen wie man Uli um ihn
trotzig zu machen vorgespiegelt hatte Aber das half alles nicht er hatte
einmal jetzt den Glauben nicht zu ihm sondern zu Andern Vergebens stellte
Vreneli ihm vor es sei bei dem Prozess nichts zu gewinnen nur einen kleinen
Schaden zu leiden wenn man den Prozess unterlasse verliere man denselben aber
so könne der Schaden leicht zehnmal größer werden Verdruss und versäuerte Zeit
nicht gerechnet Aber da half alles nichts »Das verstehst du nicht« hieß es
»Ja wenn ich reich wäre und vermöchte zu schenken aber ich muss zum Kreuzer
sehen es sieht mir sonst niemand dazu« Wenn dann Vreneli frug »Aber magst du
solche Kreuzer Hast du nie gehört dass ein ungerechter Kreuzer zehn gerechte
frisst Und recht hat das Mannli du magst es mir glauben oder nicht« »Das
verstehst du aber nicht« sagte Uli »das eben wird sich zeigen wer recht hat
darum prozediert man ja Wenn man es vorher wüsste so prozedierte man ja nicht
So ists und weiser als alle Leute wirst doch nicht sein wollen« Vreneli musste
sich darein ergeben aber es hielt ihns hart »Es wird in Gottes Namen sein
müssen Uli wird eins von den Kindern sein welche sich brennen müssen um das
Feuer fürchten zu lernen Gott wird sorgen dass mit der Zeit die Erfahrung kommt
und mit der Erfahrung die Weisheit Wenn das ist in Gottes Namen so prozediere
er und wenn alles drauf muss wenn nur am Ende die Hauptsache gewonnen wird so
ist alles gut denn was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele« So fasste
sich Vreneli bestmöglichst aber schwer zu diesem Verdruss kam ein Bangen
welches den Verdruss verschlang
Sechzehntes Kapitel
Es kommt Angst und über jedes eine andere
Die Base begann stark zu kränkeln und ernstaft die Füße liefen ihr auf der
Husten plagte sie die Nächte waren ohne Schlaf Das sei eine beginnende
Brustwassersucht sagte der Arzt Wenn man Fleiß habe die Mittel gebrauche
hoffe er der Krankheit zuvorzukommen tröstete er Die Base schüttelte dazu den
Kopf Mutter und Großmutter seien ungefähr im gleichen Alter an der gleichen
Krankheit gestorben das Gleiche werde ihr auch warten sagte sie zum ebenfalls
Hoffnung machenden Vreneli »Es ist nicht dass ich das Sterben scheue ach Gott
wie vielem bin ich entronnen wenn ich einmal im Grabe ruhe aber was soll aus
den Meinen werden Da ist meine Sünde und da werde ich hart gestraft Was ist
sterbenden Eltern der beste Trost Wenn sie ihre Familie so hinterlassen können
wie einen gesunden Baum der gesund in Wurzeln und Ästen langes Leben und ein
hohes Alter verspricht wenn die Kinder so sind dass man weiß man kommt einst
wieder zusammen Nun weißt wie ich es habe habe keine Hoffnung« und gar
bitterlich weinte die Base »Denn« sagte sie »ich bin an allem viel selbst
schuld Ich habe gemeint mit dem Alter komme der Verstand wo die Kinder dann
von selbst einsehen würden was recht sei Ich zankte nicht gerne mit Joggeli
der große Freude an ihnen hatte ihnen alles nachließ dachte das werde sich
später schon machen Ich ließ sie beten aber ob sie in die Kirche gingen oder
nicht darum kümmerte ich mich nicht konnte ich doch selbst nicht viel gehen
eine Bäurin hat so viel zu tun Dachte man könne sonst fromm sein und recht
tun wenn man schon nicht in die Kirche gehe man sei ja unterwiesen worden und
wisse was man solle und nicht solle so dachte ich Später sah ich dass ich
unrecht gedacht wollte nachbessern und konnte nicht Ich mochte sagen was ich
wollte so hörten sie mich nicht oder begriffen mich nicht lachten mich endlich
gar aus weil so altväterisches Zeug nicht mehr passe in die heutige Zeit Von
der Welt waren ihre Herzen voll das hatte ich sorglos zugelassen als ich
später den rechten Samen ausstreuen wollte hatte er nicht Platz darin fand den
guten Boden nicht Dornen und Disteln hatten bereits ihn bedeckt Ihr Trachten
war auf die Augenlust Fleischeslust die Hoffart des Lebens gestellt ich
konnte lange reden ich predigte tauben Ohren und predige noch heutzutage tauben
Ohren Was soll aus meinen Kindern was soll erst aus ihren Kindern werden Bin
froh es nicht erleben zu müssen und doch graut mir vor dem Sterben hätte so
gerne noch was für sie getan Denk wenn sie sterben und am Ende ihnen die Augen
aufgehen über ihr Elend und sie dann sagen Daran ist unsere Mutter auch schuld
Oder wenn sie kommen an den Ort der Qual und ich sie da sehen müsste und denken
in alle Ewigkeit Daran bist du auch schuld könnte da wohl ein Himmel für mich
sein Was soll aus Joggeli werden Ist in vielen Sachen ganz wie ein Kind hat
er noch einige Jahre zu leben so bringen sie ihn rein um seine Sache Ihr
dauert mich auch denn was sie jetzt Joggeli alles angeben werden kann man sich
denken Macht ja dass ihr immer den Zins geben könnt dein Mann soll sich
losmachen von denen beiden Burschen wo immer mit dem Maul zahlen wollen sonst
geht es nicht gut So ist wohin ich sehe bloß Trübes und Trauriges ich bin
froh es nicht erleben zu müssen und sollte es doch gut machen helfen dieweil
ich auch schuld daran bin Ach ich kann nicht sagen Vater es ist vollbracht
wenn ich nicht die Hoffnung hätte dass Gott gelinder strafe als man es
verdient dass bei ihm möglich sei was Menschen unmöglich scheint dass er alles
zum Besten leite sieh ich verzweifelte noch in meinen letzten Tagen Härter
liegt nichts auf dem Herzen glaub es mir als zwei Kinder zu sehen im Rachen
der Welt der Pforte der Hölle und an den Armen keine Hände zu haben sie
herauszuziehen«
Vreneli wollte trösten aufrichten aber wie schwer ist das nicht wenn man
das Herz selbst voll hat zum Zerspringen und wenn es einem dünkt die Klagen
seien wahr in gleicher Lage wäre es einem ebenso Was hatten sie zu erwarten
wenn die Base starb und wen hatte Vreneli noch auf der Welt bei dem es Rat und
Trost schöpfen sein Herz ergießen konnte seit Uli seinen Glauben seinen Götzen
zugewandt ungläubig gegen Vreneli geworden war Es wusste nichts als mit der
Base zu weinen sie zu bitten guten Mutes zu sein ihr Leben zu fristen solange
als möglich seinetwegen denn wenn sie mal im Grabe sei dann sei ihr Stern
erloschen und das Elend vor der Tür Es hätte nicht umsonst Gotte sein müssen
einem armen Fraueli und sich entsetzen über dessen Armütigkeit es wisse jetzt
dass es sich dazu vorbereiten solle und dies wolle es tun alle Tage denn dahin
werde es mir ihnen kommen wenn nicht noch weiter jammerte Vreneli »Du guter
Tropf« sagte die Base »wenn es mir besser drum wäre fast müsste ich lachen Ihr
habt noch nichts erlebt wem geht es immer wie gewünscht ohne Angst und
Anstand Glaubst ihr wäret die Einzigen welche nicht Lehrgeld zahlen müssen in
der Welt welche Torheit büßen müssen oder welchen Gott handgreiflich darlegt
dass man sich nicht auf Menschen verlassen müsse noch auf des Menschen
Herrlichkeit Wenn ihr hier schon nichts verdient oder noch dazu um alles kommt
was ihr habt ich habe doch nicht Kummer um euch wegen Durchschlagen durch die
Welt Du und Uli werden ihr Brot allenthalben finden solang ihr euren guten
Namen habt dafür wirst du sorgen Bereite dich noch viel Härteres zu ertragen
Was kommt nimm immer mit Dank auf dass es nicht härter ist und mache dich
wieder auf Härteres gefasst Sorge nur dafür dass du die Kleinen dem zubringst
der da gesagt hat Lasst die Kindlein zu mir kommen denn ihnen gehört das
Himmelreich Absonders dieses da mein klein Schätzeli«sagte die Base und
drückte das kleine Vreneli welches auf ihrem Schoße saß an ihr Herz
Das kleine Mädchen war ihre Freude auf der Welt so gleichsam das einzige
Blümlein welches einem alten Gärtner übrig blieb Das Kind vergalt diese Liebe
treulich Vom frühen Morgen an war es drüben und musste abends zumeist schlafend
heimgetragen werden Es war der Base kleine Aufwärterin trug ihr hin und her
was sie bedurfte ihre Gesellschafterin kläpperlete mit ihr so viel sie
wollte ihr Schulkind sie lehrte es buchstabieren und zwar mit Sanftmut und
Geduld so dass die Kleine Fortschritte machte wie ein klein Hexelein dazu
erzählte sie ihm schöne Geschichten und redete ihm zu was es Vater und Mutter
sein solle und das Kindlein nahm zu an Alter Weisheit und Gnade bei Gott und
bei den Menschen und alle sagten und wirklich nicht ohne Grund es sei weit
über sein Alter sie hätten noch keins so gesehen Mit dem Kinde gab sich jemand
ab und zwar nicht pedantisch mit Buchstabenzeigen bloß oder sonstiger
Schulfuchserei sondern in warmer Liebe mit schönen Geschichten und lieblichen
Worten welche einem Kinde sind was im Frühling den Blumen der Tau Es
verderben gar unendlich viele Kinder am Geiste weil ihnen eben dieser warme
weiche Tau fehlt die edelsten Keime vertrocknen gehen nie auf Es haben gar
unendlich viele Kinder ihrer Großmutter viel mehr zu verdanken als den
gelehrtesten Herren Professoren welche oft nicht viel anders sind als
vertrocknete Haarseckel
Joggeli benahm sich eigen gegen seine Frau er war böse über sie zürnte
ihr dass sie krank war Der alte Mann fühlte wohl was sie ihm war seine
Stütze sein Stab im Leben und was er würde ohne sie aber eben deswegen hätte
sie nicht krank sein sollen den Ärger darüber ließ er gleich einem unartigen
Kinde an ihr aus Bald sagte er sie bilde sich nur ein krank zu sein bald
schonte sie sich zu wenig brauchte ihm nicht Arznei genug fuhr zu wenig den
Quacksalbern nach sie hatte ihre liebe Not mit ihm Er schleppte ihr sogar
einmal einen Arzt herbei sie wusste lange nicht war es ein alter Bettelmusikant
oder ein verkleideter Kapuziner dem Dreck nach der rund an ihm herumlag hätte
er am ersten das Letztere sein können indessen die Tonsur fehlte ihm statt
dessen hatte er altes Haferstroh vom vergangenen Jahre und Bruchstücke von
Hanfstengeln in seinen verwilderten Haarzöpfen deren einige Dutzend ihm um
seinen ungewaschenen Kopf hingen Denselben hatte Joggeli einmal in einem
Wirtshause erzählen hören von seiner erstaunenswürdigen Geschicklichkeit wusste
aber nicht dass seine Frau ihm selten anders sagte als »du Hagels Lügner«
Derselbe erzählte wie er schrecklich berühmt sei und manchmal gar nicht wisse
wie wehren von zuhinterst in Deutschland schrieben ihm die berühmtesten
Doktoren wenn sie in Verlegenheit seien und frügen ihn was er meine Er habe
schon Manchen aus der Tinte gezogen der es nicht rühmen werde aber er habe es
aufgeschrieben So habe ihm einer geschrieben aus einer Stadt man sage ihr nur
Berlin es sei die Hauptstadt von Russland derselbe sei Hofrat und heiße Schüli
und ihn gefragt was er machen solle wegen der Cholera die wolle kommen Das
sei eine grausame Krankheit fange bei den Beinen an bis zuletzt die Haare auf
dem Schädel so feurig würden dass man Schwefelhölzer daran anzünden könnte dem
habe er geschrieben was er machen müsse der Ketzer habe ihm noch nicht
gedankt Aber so machten sie es die Hagle sie behielten seine Räte würden
Hofräte und kein Mensch in Russland wisse dass die Sache von ihm komme Er habe
angeraten jedem Patienten sieben Tage ehe bei ihm die Krankheit ausbreche
nichts zu geben als Buttermilch mit Saanenkäse in die Maß Milch ein Pfund Käse
geschabt alle zwei Stunden eine Portion er sei gut dafür die Krankheit breche
nicht aus Nun sterbe in ganz Russland kein Mensch mehr an der Cholera da sei er
gut dafür aber dem Kaiser werde man nicht sagen das habe Lürlipeterli
angegeben er glaube seiner Seele nicht dass er sein Lebtag je Hofrat werde Es
nehme ihn jetzt wunder wie es ihm mit dem Papste gehe Es hätten ihm nämlich
zwei sonderbar vornehme Herren von Rom er glaube sie seien dem Papste
verwandt wenigstens seien sie nach allem zu schließen sehr gute Freunde von
ihm geschrieben Die hätten den Star und schrieben ihm sie hätten von ihm
gehört wie er berühmt sei im Stechen Keiner so und hätten das Vertrauen
alleine zu ihm er solle kommen und sie operieren wenn er es begehre wollten
sie ihm ihre Kutsche schicken sechsspännig sonst solle er kommen wie es ihm
beliebe sie wollten zahlen bis er zufrieden sei Gelänge ihm die Operation so
könne er ein steinreicher Mann werden denn in Rom sei fast die Hälfte der
Menschen blind von wegen dem feuerspeienden Berg welcher dort sei der
verblende die Menschen und mache ihnen den Star den Berg nenne man Vulkan Er
wisse nicht ob er gehen werde von wegen sie wären imstande und behielten ihn
dort mit Gewalt wenn sie merkten was er könne und das wäre ihm doch nicht an
ständig er müsste vielleicht gar noch katholisch werden und das möchte er erst
zuletzt er habe sein Lebtag keiner Religion viel nachgefragt verschweige der
katholischen So erzählte der Doktor und je abenteuerlicher er berichtete
desto mehr fand er Glauben und Respekt denn die meisten Leute sind eben nicht
aus der Wahrheit haben kein Gefühl für die Wahrheit glauben eher zehn Lügen
als einer Wahrheit
Den schleppte Joggeli seiner Frau zu wollte dass sie ihn brauche denn er
müsse mehr können als alle Anderen weil man so weit herum von ihm wisse meinte
Joggeli
Als er kam machte er ein sehr bedenklich Gesicht und sagte Die Sache sei
böse und wohl weit gegangen wenn einer helfen könne so sei er es aber er
wisse nicht gehe es noch oder gehe es nicht der Brustkasten sei zu eng Lunge
und Leber hätten nicht mehr Platz das gehe vielen fetten Leuten so so wie sie
dicker würden würden auch Lunge Leber und das Herz größer begreiflich da
werde es ihnen dann zu eng im Kasten von wegen der wachse nicht der sei von
Knochen und bekanntlich sei Knochen Knochen Die Hauptsache sei nun dass man
den Kasten größer mache damit es wieder Platz gebe er hätte schon lange eine
Maschine ersinnet um solch zu eng gewordenen Kasten auszudehnen aber er hätte
noch keinen Schmied gefunden welcher sie ihm zu Dank gemacht von wegen die
müsse aparte fein gemacht sein wegen des Hineinbringens dasselbe sei nicht
leicht Einstweilen sei das Beste die Brust alle Tage zweimal mit heißem
Hundsschmalz einzureiben das bringe sie auch auseinander aber nur langsam
Dessentwegen müsse man auch etwas machen um Lunge und Leber zusammenzuziehen
und Platz zu machen inwendig da sei nichts besser als alle Abend vor dem zu
Bette Gehen ein Glas Branntewein und brav abführen So hätte er einstweilen bis
er die Maschine in Gang hätte schon Manchem geholfen an welchem die
geschicktesten Ärzte nichts hätten machen können So schwatzte Herr
Lürlipeterli und Joggeli sperrte Maul und Nase auf über solche Weisheit welche
in Israel noch nie erhört worden Seine Frau aber schüttelte den Kopf wollte
keinen Glauben fassen als der Arzt fort war sagte sie eine solche Kuh sei ihr
noch nie vor die Augen gekommen mit dem solle er sie ruhig lassen
Joggeli war böse darüber klagte sehr es wäre seiner Frau noch gut zu
helfen aber sie mache sich so köpfig dass nichts mit ihr anzufangen sei Die
gute Mutter wusste wohl dass ihr Übel nicht zu heben bloß der Verlauf desselben
zu erleichtern sei dafür hatte sie einen Arzt der freilich weder Hundsschmalz
noch Branntwein verordnete Ihren Kindern hätte sie gerne geholfen ihnen die
Augen aufgetan fürs Zeitliche und Leibliche auf bessere Wege sie geführt aber
alle ihre Mühe war vergeblich Die Juden meinten als Jesus ihnen ein mal die
Wahrheit sagte »Das sind harte Worte wer mag sie hören« und gingen hinter
sich Nun gibt es viele Naturen welche christliche Worte nicht mehr vertragen
mögen so wenig wie verdorbene Magen tüchtige Speise Widerwillen und Ekel läuft
ihnen im Munde zusammen und schüttelt den ganzen Körper Soll man das
Christentum diesen verdorbenen Magen zu lieb akkommodieren und verdünnern bis
sie es ertragen mögen oder soll man diese hinter sich gehen lassen in Gottes
Namen Was versteht Paulus unter der Milch welche er für Kinder bereite und
darunter dass er allen alles werde damit er sie Christo gewinne Sicherlich
nicht ein Verkümmern oder Verleugnen der Wahrheit denn wer redet Menschen
schärfer ins Gewissen als Paulus den Korintern und frägt er nicht »Oder suche
ich den Menschen gefällig zu sein Zwar wenn ich den Menschen noch gefällig
wäre so wäre ich Christi Knecht nicht und so jemand euch ein anderes
Evangelium predigt als ihr es empfangen habt der sei verflucht« Mit der
Akkommodation wird ein gar schmählich Spiel getrieben Christus wird aus dem
Christentum herausakkommodiert das Christentum aus den Kirchen uns dagegen
eine Moral eingewässert in welche jede Regierung jeder Polizeiminister das
Beliebige rührt Eine Moral in Juristenhänden ist ein Stücklein Wachs in
Schneidershänden Bald rund bald viereckig bald so bald anders wird es
geknetet es ist eine Moral dass Gott erbarm ob welcher die Menschen nicht bloß
des Teufels werden möchten sondern wirklich auch des Teufels werden Es ist
eine Staatsmoral ob welcher sogenannte Staatsmänner leiblich den Hals brechen
und was dann aus ihren armen Seelen wird ist Gott bekannt
Dem Baumwollenhändler sagte die Mutter nichts an dem hatte sie nichts
erzogen und wusste wohl dass man Perlen nicht vor die Säue werfen soll So einem
geschliffenen Schliffel von Religion zu reden dazu braucht es wirklich schon
einen großen Mut Selbst mit Johannes redete die Mutter nur leise und mit Zagen
Was er auch denke und wo das hinaus solle Er und seine ganze Familie machten
ihr so großen Kummer Johannes war nicht ohne Gefühl die Mutter war ihm immer
lieb gewesen er sagte oft wenn sein Babi wäre wie die Mutter er würde einen
Finger von der rechten Hand geben Aber geistige Zusprüche mochte er doch nicht
sie machten ihn wunderlich sie krabbelten ihm in den Gliedern er wurde
ungeduldig kriegte einen seltsamen Kitzel im Halse dass er lachen musste wenn
es ihm schon nicht ums Lachen war »Mutter habt nicht Kummer« sagte er dann
»die Sache ist nicht halb so gefährlich so bös gehen wird es nicht Braucht das
Doktorzeug nur gut so wird es Euch schon bessern Es ist schon mancher Mensch
krank gewesen und ist wieder besser geworden« und unter irgend einem Vorwande
machte er sich von der Mutter weg Mit Elisi war es aber anders das war als ob
es ein Herz von Blech hätte die Mutter mochte sagen was sie wollte es machte
ihm weder kalt noch warm es nahm weder Anteil daran noch Notiz davon schimpfte
über seinen Mann hässelte mit den Kindern plagte die Mutter fürchterlich mit
Eifersucht gegen das große und das kleine Vreneli sagte höchstens sie solle
doch aufhören mit ihrem Gestürm sie mache ihm so Langeweile dann konnte es
wieder angesichts der Mutter die kindlichste Freude haben an einem
Kleidungsstück sich vor dem Spiegel hin und her wenden und mitten in
Hustenanfällen sollte die Mutter ihm sagen ob es ihm nicht gut stehe ob es ihr
nicht bsonderbar gefalle So eine Tochter zu haben die schon Mutter mehrerer
Kinder ist das ist wirklich ein hartes Kreuz auf dem Totenbette O Mütter
bedenkts Und zu der Tochter eine Schwiegertochter um kein Haar besser und auch
wieder mit mehreren Kindern behaftet das war ein zweites Kreuz und ein nicht
minder schweres Trinette zwar zeigte sich nicht Kranke besuchen war nicht ihre
Liebhaberei alte Leute verachtete sie in Bausch und Bogen Es sei doch nichts
wüster sagte sie als so eine alte Frau die nichts mehr von neuen Moden wissen
wolle und am liebsten ihre fünfzigjährigen Hochzeitskleider trüge Pfi Tüfel
Einmal sie begehre nicht so alt zu werden oder wenn es sein müsse denn express
jung hängen möge sie sich doch nicht so wolle sie dafür sorgen dass kein Mensch
wisse wie alt sie sei sie wisse wie man das mache eine alte Hebamme habe es
ihr einmal gesagt diese hätte lange in der Stadt gedient und gewusst wie die
Stadtfrauen das machten Trinette und Elisi waren Beide ungefähr gleich blechern
ums Herz Trinette hatte vielleicht etwas mehr Energie und Elisi mehr Bosheit
sie waren wie zwei Kutschenpferde von gleichem Schlag und gleicher Farbe von
denen das eine lieber schlägt das andere lieber beißt eines besser ausgreift
im Trott das andere sich aber hütet die Stricke anzuziehen Die gute Mutter
konnte nichts abbringen an ihren Kindern konnte nichts als für sie beten sie
hatte nicht einmal den Trost dass Joggeli aufnehmen werde was sie umsonst
versucht
Joggeli und die Kinder redeten mit Ärger davon wie geistlich die Mutter
werde frugen wer Tüfel ihr das angetan ob etwa ein Pfaff zu ihr komme oder
eine Betschwester Wenn sie wüssten wer schuld daran wäre dem wollten sie den
Marsch machen Sie meinten so etwas könne bloß von außen herkommen von diesem
oder jenem wie in der Tat oft besonders bei Entstehen von Sekten etwas an die
Leute kommt sieht aus wie Christentum ists aber nicht Sie hatten keinen
Begriff davon dass in gesunden Gemütern ein Keim liegt der frühe belebt
langsam wächst unbemerkt im Innern sich entwickelt und vielleicht erst
leuchtend sichtbar wird wenn das Licht des Lebens erlöschen will Einen solchen
Keim hatten sie aber eben nicht in sich Indem er eben nicht in ihnen war die
Welt aber ganz anderes in ihnen ausgebildet hatte war eine Kluft zwischen ihren
Gemütern entstanden fast wie zwischen dem reichen Mann und dem armen Lazarus
sie konnten nicht mehr zu einander kommen die Mutter und die Kinder Das hatte
gewissermaßen sein Gutes sie kamen ungern und blieben nicht lange Die Furcht
die Mutter möchte von Vreneli ausgeplündert werden an Kleidern und Kleinodien
hatten sie nicht so weit hatten es Beide im Vertrauen gebracht dass man es
weder dem Einen noch dem Andern zutraute
Desto mehr war Vreneli dort es war ihm dort wie bei einer Mutter Es ist
ein eigenes Wort bei der Mutter sein Es gibt Mütter wo es den Kindern wenn
sie zur Mutter kommen wird wie einem Küchlein das unter die Flügel der Henne
flieht wenn es ihm zu kalt wird draußen in nassem Grase oder eine Krähe in der
Nähe ist Sind dann augenscheinlich die Tage der Mutter gezählt macht man sich
gegenseitig kein Hehl mehr daraus dann mischen Wohl und Weh gar seltsam sich
ineinander »Will noch bei dir sein« sagt die Tochter »es kommt eine Zeit ich
kann nicht mehr zur Mutter« die Tränen rinnen und schmerzlich zuckt das Herz
zusammen Dann wird es der Tochter wohl fast möchten wir sagen selig bei der
Mutter wenn die Krankheit Ruhe gibt Beide Herzen liegen offen vor einander
was die Tochter hofft was die Mutter wünscht was Beide freut oder kümmert
schwillt ineinander verwebt sich zu dem wundersamen Gemeingut welches die
Mutter hinübernimmt die Tochter hier behält Keine mehr Keine minder hat jede
alles hat welches ein kleiner Teil des großen Schatzes ist den die Kirche
Gemeinschaft der Heiligen nennt Das ist das wundersame Gut wo je mehr einer
hat desto mehr er den Andern gönnt je größer die Menge der Teilnehmer wird
desto größer die Teile der Einzelnen werden mit der Zahl der Erben das Erbteil
wächst Aus dem süßen Weh weckt wohl der Schlag der Uhr den Verlauf der Zeit
welche kein Erbarmen kennt verkündend »Muss gehen« sagt die Tochter »Bleibe
noch ein klein Weilchen weißt nicht wie lange es währt« meint die Mutter
Endlich muss es doch sein es muss die Tochter gehen aber allemal begleitet sie
bis heim der gleiche Seufzer »Wenn die Mutter nicht mehr ist wie wird es mir
sein«
Vreneli hatte vielfach Ursache so zu seufzen Wenn es daheim war so sagte
es oft »Will zur Base gehen kann es dort vielleicht vergessen aber wie es
gehen soll wenn ich nicht mehr dorthin kann das weiß ich nicht« Es war
wirklich ein bös Dabeisein die ganze Hausgenossenschaft schien eine große Bande
zu sein Einer des Andern Feind Einer wider alle und wiederum alle wider Einen
Sie waren vollständig in den Gesindeverruch gekommen welcher früher schon
angedeutet wurde Was Rechtes meldete sich gar nicht mehr bei ihnen und je
schlechtere Leute Uli hatte desto böser musste er mit ihnen sein desto öfter
musste er ändern desto mühsamer und schwerer ging jede Arbeit desto mehr ward
er verrufen Ist man mal in dieser Lage so ist man wie verhexet wie ein
Krammetsvogel auf einer Leimrute wie ein Mensch der in einen Sumpf gefallen
je mehr er zappelt desto tiefer sinkt er ein Es verleidete Vreneli ordentlich
das Leben wenn alle Augenblicke was Neues losbrach eine Liebesgeschichte mit
bösen Folgen eine Diebesgeschichte von der man nicht wusste wie weit sie
reichte und schwer auszumitteln war ob nicht wenigstens Hehler sei wen man
des Diebstahls nicht beschuldigen konnte eine Vernachlässigung in den Ställen
welche Uli viel Geld kostete und fast aus der Haut trieb oder was das
Allerärgste war Leichtfertigkeit mit dem Feuer ob welcher das Haus in Feuer
aufzugehen drohte Bald hatte einer im Stall die Laterne geschneuzt den
glimmenden Docht ins Stroh geworfen bald einer Heu gerüstet und Feuer drein
gemacht als er die Pfeife räumte eine Magd heiße Asche an eine hölzerne Wand
gestellt oder war unvorsichtig mit offenem Lichte in brennbaren Stoffen
herumgefahren oder hatte Holz eingelegt wider allen Befehl nur damit sie am
Morgen eine Minute oder zwei länger faulenzen könnte Kurz alle Augenblicke war
so was los und das höchste Wunder war dass das Haus ihnen nicht längst über den
Köpfen zusammengebrannt war Nun ist auf der Welt kaum was peinvoller als die
Angst vor Feuer besonders wenn es Abend wird und Nacht Man geht noch
allenthalben herum und forscht ob nichts Verdächtiges sei hat man die Runde
gemacht so riecht man entweder was Verdächtiges oder hört Töne wie Knistern
Spretzeln und fängt die Runde von neuem an legt sich endlich zu Bette hat aber
kaum den Kopf auf dem Kissen so fährt man von neuem auf denn jetzt hat man es
gar zu deutlich gehört wandert frisch im Haus herum und findet nichts legt
sich wieder nieder schläft ein träumt das Haus brenne ist an Händen und
Füßen gebunden kann nicht aus den Flammen Hat man sich endlich nach
schrecklichen Qualen freigerungen springt auf in Schweiß gebadet so ist all
nichts nichts als Nacht und nirgends Flammen man hat bloß geträumt Ja das
sind Qualen welche nur der kennt welcher mal diese Angst vor dem Feuer so
recht im Leibe gehabt hat
Dazu kam noch der Prozess welcher in vollem Gange war Der kleine Handel war
von kundigen Mäulern zu einer großen Geschichte aufgeblasen worden Wenn Vreneli
vom Feuer träumte träumte Uli vom Prozess plädierte manchmal im Traume dem
besten Advokaten zTrotz redete von Terminen Beweisen Zeugen und Leumden Es
ging Uli wie es den Meisten geht wenn sie zum erstenmal mit einem Prozesse
behaftet werden der Prozess frisst sich in ihre Seele bildet den alleinigen
Mittelpunkt ihrer Gedanken Tage wochenlang buchstabieren sie denselben bald
vorwärts bald rückwärts schlagen mit einzelnen Paragraphen welche ihr Agent
sie gelehrt wie mit Knütteln drein verlieren Mut und Sinn für andere Sachen
kommen sich nebenbei sehr wichtig vor dieweil sie einen Prozess haben welchen
ja nicht jeder hat meinen ihr Prozess müsse allen Menschen ungeheuer wichtig
vorkommen darum geben sie ihn männiglich zum besten der ihnen auf Schussweite
nahe kommt Dazu kommt noch ein gewisses Bangen über den Ausgang dessen sind
sie im Herzen doch nicht so ganz sicher wie ihr Mund es ausspricht sie suchen
daher dieses Bangen durch die Urteile zustimmender Menschen zu beschwichtigen
Nun werden allerdings mit seltenen Ausnahmen alle denen man in Wirtshäusern
auf Straßen während dem Kirchengehen oder Marktgeläufe den Handel vorträgt dem
Erzähler vollkommen recht geben »Nur ausgefahren« wird es heißen »du hast
recht deren Händel habe ich schon hundertmal erlebt kenne die Sache ds Land
auf ds Land ab Keiner besser aber glaubst mir nicht so frage noch Andere«
Nun geht der Prozessmann glücklich heim schläft diesmal ruhig aber am andern
Morgen fängt das Bangen schon wieder an zu wurmen er läuft wieder einer
Bestätigung nach freilich keiner richterlichen aber doch einer welche ihm
wohl macht einige Stunden und zu einer ruhigen Nacht verhilft denn den Meisten
hängt vom Ausgang eines Prozesses ihre Existenz ab Der Wert um den prozediert
wird mag vielleicht bloß einige Groschen betragen aber die Kosten welche auf
den verlierenden Teil fallen können rasch auf einige hundert Gulden steigen
die Herren Advokaten wissen noch ganz andere Rechnungen zu stellen als die
Herren Schneider welche gewöhnlich an die Rechnung setzen was sie zu wenig ans
Kleid gesetzt es ist halt so ein kleiner Verschuss dem sie unterworfen sind so
von Handwerks wegen Man hat Beispiele im Kanton Bern dass Prozesse wegen einem
Ei und wegen einer Strohbürde über zehntausend Gulden kosten Ja zehntausend
Gulden machen eine Summe aus welche ins Tuch geht und selten einer in der
Hosentasche mit sich trägt Indessen muss man das doch den meisten Herren
Advokaten nachreden sie nehmen bloß die Wolle selten die Haut dazu sie sind
kluge Schafscherer diese schinden die Schafe auch nicht sondern scheren sie
bloß denn wenn sie die Schafe schinden täten so wüchse keine Wolle mehr nach
und das Scheren wäre ein für allemal aus tut man aber klüglich so kann man
alle Jahre frisch dran sein bei Schafen mit gröberem Haar sogar zweimal im
Jahr
Probiere aber einmal einer diesen Rat machten wir dringlichst geben und
trage immer seines Gegners Sache als die seine vor und zwar so scharf und
bündig als sie seines Gegners Rechtskundius vorträgt und höre dann auf das
Urteil der Menschen Unter zehn werden ihm wiederum neune recht geben und sagen
»Du hast recht fahr aus es fehlt dir nicht habs schon hundertmal erfahren«
Dann weiß er woran er ist und was an dem Urteil der Menge ist Nun das tat
eben Uli nicht er lief auch dem Urteil der Menge nach um sich zu trösten die
Summe welche nach und nach sich aufs Spiel stellte war nicht unbedeutend
betrug schon mehr als doppelt so viel als die ganze Kuh wert war Ulis Agent
hatte ihm schon mehr als einmal gesagt »Wenn du mir etwas Geld auf Abschlag
geben könntest so wäre es mir anständig es sind böse Zeiten es geht nichts
ein und gewiss weißt wohl läuft jede Sache besser gesalbet als ungesalbet Du
gewinnst dann kriegst alles wieder es fehlt dir nicht«
Indessen lag alles noch in hängenden Rechten der Entscheid schob sich immer
wieder hinaus Diese Ungewissheit dazu der tägliche Verdruss die harte Arbeit
und doch das Nichtvorwärtskönnen zehrten gar mächtig an Uli er sah aus wie ein
Marterbild und Vreneli bekam recht Angst um sein Leben Darum konnte es um so
geduldiger seine zunehmende Missstimmung in welcher er selten einem Kinde mehr
ein gutes Wort gab ertragen Er hatte von seinem Gelde gekündet aber es half
nicht viel wenn unten in einer Flasche ein Loch ist so kann man lange
obeneingiessen die Flasche wird nicht voll Bin solch Loch war der Prozess Es
lebt selten ein Pächter auf Erden welcher das Prozedieren ertragen mag ohne
die Auszehrung zu bekommen Es ist wirklich nicht angenehm wenn man einen
Geldseckel hat welcher einer halben Sanduhr gleicht und zwar dem oberen Teile
wo das Sand allmählich aber unaufhaltsam niederrinnt bis die ganze Büchse leer
ist Nun an einer Sanduhr macht das nichts ists oben leer kehrt man den
unteren Teil herauf so ists oben wieder voll es ist alles im Alten und das
Rinnen beginnt aufs neue Aber bei einem Geldseckel ists eben was anders dem
fehlt der untere Teil ists oben leer so ist unten auch nichts mehr da kann
man den Geldseckel hundertmal rundum drehen leer bleibt leer Man könnte die
Vergleichung drehen und sagen der obere Teil der Büchse sei der Klient der
untere der Advokat was oben wegrinne laufe dem Andern ins Maul und so ja
freilich drehe man das Ganze um so finde man oben beim Advokaten wieder was
der Klient habe rinnen lassen die Frage sei nur ob der Advokat Gegenrecht
halten und wieder wolle laufen lassen was er habe Aber die Sache ist doch
nicht so denn drehe man lange den Advokaten in den alles geronnen obenauf so
ist doch nichts oder wenig mehr in der Büchse So ein Advokat ist noch lange
nicht der untere Teil einer Sanduhr welcher behält was obeneinkommt weil er
unten kein Loch hat ein Advokat hat gewöhnlich viele Löcher wo rasch abrinnt
was oben reinkömmt dass je mehr hineinkommt desto mehr unten ausrinnt so dass
wenn man ihn schon lange auf den Kopf stellt ja schüttelt und rüttelt nichts
mehr unten ausläuft bis man ihn halt wieder irgendwo unterstellt Klienten oder
fette Ämtchen obenauf
Es kam Vreneli wirklich oft der Gedanke Was wartet meiner noch Die Base
stirbt Uli ist nicht zweg wo aus das will ist Gott bekannt alle Tage tiefer
darin und in einem Ghürsch wo was kriegt wer betrügt darf nichts sagen um
die Sache nicht noch schlimmer zu machen wenn Gott nicht wäre meines Lebens
wüsste ich wahrhaftig keinen Rat Dieser passive leidende Verhalt war für
Vreneli um so schwerer da dasselbe rasch und unternehmend zur Regentin von
Gott geschaffen war Das ist gar ein eigener Punkt zu etwas erschaffen scheinen
und was anderes sollen aber eben will uns Gott an schwachen Seiten doktern das
sollten wir fassen was uns leicht geht und lustig scheint dazu bedürfen wir
keiner Ausbildung aber da wo wir nichts sind und nichts können und doch schön
wäre wenn wir es könnten da müssen wir geschult und angetrieben werden wenn
wir was werden sollen Die heutigen Schulherren Schulmeister darf man nicht
mehr sagen denn die Schule ist emanzipiert und die denen sie gehört sind ja
deren Herren und sonstigen Pädagogen sind freilich anderer Meinung aber von
wegen der Erbsünde und einem höheren ewigen Leben sind wir ganz anderer Meinung
Eben was uns sehr schwer geht fast unmöglich scheint das müssen wir lernen
Wer zum Eingreifen ja Einhauen sich geschaffen glaubt soll oft eben das
Dulden das Zuwarten das stille Wirken und das geduldige Ertragen Solcher
welche zum Regieren und Befehlen halt nichts taugen aber es eben lernen
sollten aushalten lernen ohne sich zu hängen und aus der Haut zu fahren siehe
Exempel dato im Vaterland Freigebige sollen von Batzenklemmern und
Kreuzerschabern selbst Juden schaben sonst bloß Gold stocke die Vorschriften
zu gesetzlicher Freigebigkeit sich machen lassen und ihre wohltätige Hand
Hochdenselben Kreuzerschabern zu gesetzlicher Verfügung stellen damit diese
freiwillige Almosen aus anderer Leute Sack verwalten lernen da aus ihren
eigenen Säcken nie welche geflossen wären
So wurde das rüstige feldherrliche Vreneli nach innen getrieben zum
stillen Ergeben gezwungen zum Schweigen und Ansichhalten zum Sammeln und
Prüfen der eigenen Gefühle und Gedanken Aber schadet das was Schneidet der
kundige Gärtner die am üppigsten wachsenden Bäume nicht gerade am meisten und
schärfsten zurück damit sie nicht zu luftig in den Ästen zu dünn im Stamm zu
schwach in der Wurzel werden für das üppige Geäste welches keinem Sturmwinde
widersteht Der liebe Gott bleibt immer der allerbeste Lehrmeister darum werden
die andern alle Tage um so weniger taugen weil sie nach den eigenen Köpfen
fahren wollen und zwar jeder nach seiner eigenen gestern erdachten Methode
statt den alten Lehrmeister zum Vorbilde zu nehmen Daher wird es denn auch wohl
kommen dass die meisten Kinder dieser Zeit eben nur Lehrplätze sind so äußerst
selten mehr ein Charakter zu finden ist so selten einer als Mann hält was er
als Kind versprochen so selten einer erleuchtet stirbt wie erleuchtet er schon
vom sechsten Jahre das heißt schulpflichtigen Alter an gepriesen wurde Es ist
aber auch wahr Vreneli hatte mit sich selbst eine harte Arbeit und oft musste es
unwillkürlich mit der Hand ans Herz fahren um es zu halten dass es nicht
zerspringe musste sich zwingen mit den Kindern zu reden und zu tändeln es war
ihm als müsse es seinen Mund verschließen und seine Rede aussterben lassen und
manchmal wollte ihns ein wilder zorniger Geist ergreifen wollte in seine Hände
fahren sie reizen zu turnieren mit Pfannen und Schüsseln wollte Glut werfen
in seine Seele um dann als zorniger Feuerstrom zu fahren aus seinem Munde in
die Schweine hinein das heißt in Mägde und Knechte ja manchmal auch über Uli
und Kinder Es musste Vreneli gar heftig kämpfen mit sich selbst um zu bewahren
einen ergebenen Sinn Ruhe des Gemütes und ein mildes Wort Manchmal wollte es
sich ihm schier nicht geben es erfuhr was es heiße Niemand wird gekrönt er
kämpfe denn recht
Siebzehntes Kapitel
Nach der Angst kommt der Tod
»Lenore fuhr ums Morgenrot empor aus schweren Träumen« so gings auch Vreneli
Vom Brennen hatte es geträumt hatte seine Kinder in den Flammen gesehen zu
ihnen gewollt und nicht gekonnt war wie in Ketten und Banden gelegen Ein
heftiges Klopfen am Fenster brach den Bann mit einem Satze war Vreneli mitten
im Zimmer riss die Augen auf stockfinster wars ob es geträumt oder nicht war
ihm nicht klar Da klopfte es noch heftiger rasch riss es das Fensterchen auf
und rief »Wo brennts« »Komm geschwind die Frau will sterben sie kommt nicht
mehr fort mit dem Reden sie wollte nie machen was ich angab drum gehts ihr
jetzt so hätte sie gehorcht sie hätte es noch lange machen können so wohl am
Leibe wie sie war« Es war Joggeli der so sprach Ehe er wieder beim Stock
war war Vreneli hinter ihm vor ihm in der Stube und fand die gute Base im
Sterben Nach Tropfen und Salben griff es schnell die Base tat wohl die Augen
auf tappte nach seiner Hand strengte sich augenscheinlich an etwas zu sagen
brachte bloß undeutliche Töne hervor man wusste nicht wollte sie Haus oder Geld
oder Hand sagen und wenn man nach diesem oder jenem deutete schüttelte sie den
Kopf und deutete auch aber man wusste nicht nach was Bei allem was man ihr
vorwies oder sagte schüttelte sie den Kopf seufzte tief auf schloss die Augen
und öffnete sie hienieden nimmer wieder
Sie habe die Sache nie zu rechter Zeit sagen können und man habe eigentlich
nie recht gewusst was sie meine wenn man geglaubt jetzt sei es ihr einmal das
Rechte so sei es ihr eben nicht recht gewesen wenn sie auf ihn gehört sie
lebte noch aber sie hätte es immer so gehabt was er gesagt habe nie etwas bei
ihr gegolten Daneben sei sie eine rechte Frau gewesen und niemanden sei es
übler gegangen als ihm sie seien an einander gewöhnt gewesen und so alt wie
er sei gewöhne man sich nicht mehr gerne anders da dünke es ihm sie hätte
wohl können ihm zu Gefallen mehr ums Leben tun das Geld hätte ihn nicht gereut
aber so sei sie immer gewesen was sie im Kopf gehabt das hätte man ihr nicht
mehr herausgebracht Das war Joggelis Leichenklage von welcher indes Vreneli
wenig hörte denn ihm war die Mutter gestorben Es war als sei es vom Eckstein
seines Daseins weggestossen schwebe über einem Abgrunde der unergründlich
unerforschlich seinen Schlund ihm entgegendehne Doch seinem Schmerze gab es
nicht lange ungemessen sich hin Vreneli hatte sich untertan gemacht der
Pflicht wo Pflicht erschien gehorchte es ihr mitten in jeder Bewegung wie der
Soldat in allen Lagen sie mögen heißen wie sie wollen die Hand an den Tschako
Helm oder Käppi legt wenn ein Offizier vorübergeht Dass wir hier nicht von
bernerischen Soldaten reden versteht sich zwar nicht von selbst sondern
sonst
Vreneli fühlte dass ihm jetzt hauptsächlich die Besorgung aller Formalitäten
oblag denn Joggeli hatte weder Übersicht des Nötigen noch das schnelle Wort zur
Beschickung des Nötigen Es drückte die Hand aufs Herz wischte die Augen aus
stund auf und frug Joggeli was er meine dass jetzt gemacht werden müsse Eben
sagte er habe er gedacht und schluchzte erbärmlich dazu es sei doch nichts
gemacht von seiner Frau selig dass sie nicht gesagt wie sie es wünsche es sei
doch sonst überall Gebrauch dass wer sterbe sage wie man es mit seinem
Leichenbegängnis halten solle und sonst befehle was es noch möchte Sie habe
kein Wörtlein davon gesagt und das hätte sie doch sollen wenn sie es gut mit
ihm gemeint Nit klagen wolle er nicht es sei eine brave Frau gewesen bravere
werde es wohl nicht viele geben aber das Wort hätte sie ihm nicht gegönnt und
wenn er was von sich aus gemacht so sei es doch nicht recht gewesen er wolle
jetzt auch nichts dazu sagen vielleicht wäre es doch nicht recht es solle
machen was nötig sei es habe es ihr sein Lebtag besser getroffen als er
Vreneli versuchte nicht zu berichtigen oder zu widersprechen fertigte vor allem
einen Boten an Johannes ab sandte ein Fuhrwerk nach Elisi tat sonst das
Nötigste was üblich ist in solchen Fällen und hatte noch viel mit Uli zu tun
dem der Tod der Base auch sehr nahe ging den Schmerz aber auf ähnliche Weise
wie Joggeli ausdrückte Ihnen sei es viel zu übel gegangen es sei eine brave
Frau gewesen hätte mit allen Leuten es wohl gemeint Jetzt könnten sie zusehen
wie es ihnen erginge Vor dieser Pacht hätte ihm immer gegraut aber es hätte
müssen erzwungen sein und jetzt werde man erfahren wer recht gehabt und wie es
einem gehe wenn man höher fliegen wolle als man Flügel dazu habe
Vreneli gab darauf nicht einlässigen Bescheid es war zu weich gestimmt um
die Weise seinen Schmerz in Beschuldigungen Anderer auszudrücken zu züchtigen
wie sie es verdiente Diese Unart haben übrigens sehr viele Leute Bei allen
Unfällen und Widerwärtigkeiten auch wenn sie sich dieselben auf die
augenscheinlichste Weise selbst zuziehen fassen sie rasch nach einem
Sündenbock ziehen ihn bei den Hörnern herbei laden ihm alle Schuld auf finden
sie keine Menschen denen sie die Schuld aufladen können so muss Gott selbst
herbei und das Lamm sein welches die Sünden und Schulden der Menschen trägt
Die Kinder säumten nicht mit Johannes kam auch Trinette Vielleicht noch
nie in ihrem Leben hatten Elisi und Trinette ihre Toiletten so schnell gemacht
denn wenn es ans Erben geht kriegen selbst die kriechenden Tiere Beine
Indessen war es mit dem Erben ein quasi heillos Ding denn nach der Sitte
fallen Kleider und Kleinodien einer Mutter den Töchtern zu Söhne und ihre
Weiber haben keinen Teil daran als was allfällig im guten Willen der
Berechtigten liegt Elisi war zuerst auf dem Platze Kaum hatte es den Vater
gegrüßt hatte an der Mutter Bette einige Male das Gesicht abgewischt sagte es
»He ja gestorben muss sein man wird sich drein schicken müssen Wehren hilft
nichts und mit Wüsttun macht man niemand wieder lebendig« Somit drehte es sich
um sagte es müsse ein ander Schnupftuch haben das seine sei ganz nass öffnete
Schrank um Schrank um eines zu suchen und wahrscheinlich geflissentlich zu
allerletzt den rechten wo die Schnupftücher wie es wohl wusste verwahrt lagen
Unterdessen war auch Trinette erschienen und als sie Elisi über geöffneten
Schränken sah demselben zugefahren ohne um die gestorbene Mutter sich zu
kümmern hielt die Inspektion mit Elisi nun war boshaft genug dieselbe nicht
abzukürzen sondern so recht auseinanderzulegen was da war es zu preisen und
zu sagen was dieses und jenes gekostet haben möge und was es damit zu machen
gedenke So redete es bis der Trinette das Gift im Herzen siedete bis in den
Kopf hinauf und Funken sprühte zum Mund heraus »Du wirst doch nicht etwa
meinen das alles sei dein« sagte sie giftig »Es nimmt mich doch wunder wo
das geschrieben steht dass eine Tochter alles vorwegnimmt soviel Mund so viel
Pfund das ist das wahre Erbrecht Das käme mir sauber heraus wenn die Tochter
alles alleine haben sollte da könnte ja eine Mutter all ihr Vermögen in Kleider
stecken und somit hätten die Söhne und ihre Weiber das Nachsehen das wäre
kommod da könnte jede scheinbar den Narren machen wie jene bekannte Wirtin
welche über hundert Dutzend Hemden hatte über hundert seidene Schürzen die
andern nicht gerechnet seidene Tüchlein unzählbare fünfzehn schwere silberne
teilweise mit Gold ausgelegte Göllerketten und alles andere in gleichem
Verhältnis so dass in ihren Schränken ein großes Vermögen stak So könnte es
jede machen und darum soviel Mund so viel Pfund hörst« »Ja ja« sagte
Elisi »wenn es auf dich ankäme so wäre es so ich glaubs aber es haben
glücklicherweise andere gescheute Leute vor dir gelebt und die Ordnung gemacht
wenn deine Mutter stirbt kannsts dann auch nehmen heißt das wenn was zu
nehmen ist was ich nicht weiß« Potz Himmel wie es da losging und Trinette
keifte wie sie auch irgendwo zu Hause sei wo man noch ganz andere Sachen hätte
und das hier nur ein Bettel dagegen sei »Warum willst du dann von diesem
Bettel« grinste Elisi »der ist jetzt mein und bleibt mein« zog die Schlüssel
ab und steckte sie in die Tasche Ja jetzt gab es erst Wetter mit bedeutendem
Donner drohte es loszubrechen da streckte Johannes sein schwer Gesicht zur Türe
herein und sagte »Es wäre beim anständig ihr hieltet euch still ihr Hagels
Gränne Was werden die Leute sagen Höre ich euch noch einmal so hocke ich euch
kehrum aufs Maul dass ihr das Reden für acht Tage vergesst zählt darauf« Die
Drohung wirkte einen zweiundeinenhalben Zentner schweren Wirt auf dem Munde
haben ist allerdings ein gewichtig Heftpflaster
Johannes hätte eigentlich nicht Ursache gehabt so hart zu reden sintemalen
er ein Zwiegespräch mit seinem Vater führte freilich etwas leiser welches die
Selige vielleicht ebenso sehr betrübt hätte wenn ihre Ohren noch offen gewesen
wären menschlicher Rede Aber Gott schließt den Toten mit den Augen auch die
Ohren er weiß wohl warum Sie disputierten miteinander freilich mit Anstand
das heißt ohne Gebrüll Keiner wollte wegen der Mutter Tod zum Pfaffen das
heißt Pfarrer denn so betiteln reformierte Wirte eidgenössische Lieutenants
sogenannte Schullehrer und andere Staatsmänner gewöhnlich die Geistlichen und
allgemach geht die Redeweise auch auf Schneider Schuhmacher Schreiner
Schinder Sattler und andere Majestäten des Tages über ja sogar Schulbuben
werden bei Anlass der neuen Sprachlehren in die neuen Sprachweisen eingeübt
begreiflich Wenn die Hexenmeister des Tages die Kinder nicht alles lehren
dürften was sie wüssten könnten wollten möchten ja du lieber Gott da wären
sie in einem halben Tage am Ende ihrer Weisheit und dann was weiter Nein da
sind sie viel klüger akkurat wie viele Müller welche auch nicht meinen dass
sie das Mehl rein geben müssten sondern Kleien und Spreue noch beilaufen lassen
ja Taubenmist und Hühnerbohnen und was sie irgend vom Mühlstein abkratzen
können denn wer Liebhaber ist von reinem Mehl kann es wenn er es rein haben
will selbst auseinandermachen
Joggeli wollte nicht gehen Er sei zu krank und angegriffen sagte er
Johannes sagte er wisse nicht wie man dies verrichte es sei ihm noch nie dazu
gekommen und wenn es nicht sein müsse gehe er zu keinem Pfaffen Sie wurden
rätig Uli zu senden aber wohl Vreneli sagte ihnen was Ordnung sei Sein
Lebtag hätte es nie gehört dass man irgendwo solche Dinge durch einen Knecht
verrichten lasse wie man etwa ein Stück Vieh mit einem Knechte zur Metzg
schicke Solches werde durch die nächsten Verwandten verrichtet überall Nun
nehme es ihns wunder ob die gute Base es verdient um sie dass niemand zum
Pfarrer wolle um sie anzugeben Drüben zanke man sich wegen ihren Kleidern
hier um einen kurzen Gang Es sei himmelschreiend und wunder nehme es ihns ob
es irgendwo in Heidenlanden ärger zugehen könne Wenn die Base diese Liebe
mitansehen müsste und hören die Worte welche geredet würden so würde ihr das
Herz zu bluten anfangen wenn es schon aufgehört habe zu schlagen
Johannes hatte einen gewissen Respekt vor Vreneli und bequemte sich endlich
zu dem Gang Begreiflich trank er erst einen Schoppen oder zwei ehe er ins
Pfarrhaus ging unter dem Vorwande mit dem Wirte wegen dem Leichenmahl zu
reden eigentlich aber um sein Herz zu stärken und Kourage zu trinken Es ist
kurios mit solchen Menschen sie scheinen ein Herz von Eichenholz zu haben
einen Mut welcher den Teufel bei den Hörnern fassen darf tun gewaltige Reden
und zeigen gegen jeden Pfaffen die gründlichste Verachtung renommieren vor
ihren Gästen förmlich mit dieser Verachtung und predigen den Satz wann endlich
die Zeit komme dass man mit solchen Tagdieben abfahre auf alle mögliche Weise
Aber wenn sie dann mal zum Pfarrer sollen so wird es ihnen unheimlich und öde
ums Herz sie müssen mühsam die Bruchstücke ihres Mutes zusammensuchen und sie
dann erst noch zusammenleimen mit einem oder zwei Schoppen Sie sagen zwar es
sei ihnen verflucht zuwider zum Pfaff zu gehen meinen vielleicht selbst oder
machten wenigstens Andern es glauben machen es sei wegen der Verachtung Aber
es ist durchaus nicht sondern es ist nichts als Grimmen Krümmen Wenden
Aufblähen welches nach der Sage die bösen Geister dem gegenüber welcher sie
bannen und austreiben will versuchen Der böse Geist fühlt es steht ihm
gegenüber eine feindliche Macht vor welcher er sich beugen welcher er weichen
müsse wenn sie dazu kommt sich an ihm zu versuchen Er bietet daher allem auf
sie nicht an sich kommen zu lassen sie ferne vom Leibe zu halten Er fühlt es
ist da eine Macht welche gegen ihn berechtigt ist die er fliehen oder sich ihr
unterwerfen muss er fühlt es aber in unheimlichen Wehen in peinlichem Regen
zum hellen Bewusstsein kommt es ihm nicht wie übrigens diese Menschen selten
oder nie im hellen Bewusstsein ihrer selbst sind Dazu mag auch kommen dass sie
das Totenregister nicht gerne sehen dass sie sich vor dem Gedanken furchten wie
lange es gehen werde bis wieder einer zum Pfarrer kommt und sagt »Guten Tag
Herr Pfarrer muss eine Leiche angeben und ihren Namen nennend fragen wann wir
ihn begraben können«
So ging es Johannes Der Pfarrer bedauerte während dem Einschreiben den
Verlust der guten Frau sehr sagte viel Gutes von ihr Der Segen eine solche
Mutter zu haben sei groß es sei nur zu wünschen »Ich werde fertig sein«
frug Johannes aufstehend »Die Sache ist eingeschrieben« antwortete der
Pfarrer »ja und wünschen möchte ich« »So lebt wohl Herr Pfarrer« sagte
Johannes »muss pressieren wir haben eine große Verwandtschaft nur bis allen
Bescheid gemacht ist und niemand vergessen gibt es zu tun und zu denken Lebet
wohl« und wie ein Berg wälzte es sich ihm von der Brust als er vom Pfarrhause
wegging und immer leichter und wohliger ward es ihm ums Herz je näher er dem
Wirtshaus kam und als er endlich wieder drinnen saß da ward es ihm akkurat
als sei er zu Hause Der Pfaff hätte ihm noch eine Predigt halten wollen sagte
er zur Wirtin aber dem habe er es schön gemacht die Türe in die Hand genommen
und sei gegangen Gewiss stehe er noch mitten in der Stube und glotze die Türe an
wie eine Kuh das neue Tennstor So sollte man es allen denen Pfaffen machen
Wenn alle es so machen würden das Predigen und Leuteplagen verginge ihnen
denen Dazu stieß Johannes die Augen aus dem Kopf dass sie anzusehen waren wie
zwei Mailänderäpfel riss das Maul auf dass man es füglich für das berühmte
Urnerloch hätte ansehen können aus dem einfach geöffneten Tor flogen
abwechselnd ganze Wolken Rauch und ganze Wolken Flüche und mit den breiten
Fäusten schlug er den Takt dazu Kurz er gebärdete sich ganz als ein Mann dem
ein Berg sich von dem Herzen gewälzt hat oder der einer großen Gefahr entronnen
ist und es sich nun behaglich macht Jetzt hatte er nichts mehr zu pressieren
ließ es sich so wohl sein dass er geholt werden musste um Nötiges zu beschicken
Vreneli verlebte die nächsten Tage voll Zorn und Wehmut es gedachte der
Worte der Seligen über ihre Kinder und begriff sie Es betete zu Gott dass was
bei Menschen unmöglich sei Gott möglich machen möge der Seligen die Last von
der Seele nehmen und sie nicht entgelten lassen möchte was sie in Unwissenheit
und aus gutem wenn auch schwachem Herzen getan Am bösten war es über die zwei
Weiber Es war ihm unmöglich ihnen ein gutes Wort zu geben dass so gemein
herzlos blechern ums Herz zwei Menschen sein könnten das hatte es sich nicht
vorgestellt Fressen und Zanken war ihr Tagewerk Am besten kam es mit Johannes
aus Der hatte doch noch ein Herz von Fleisch und Blut und manchmal war es
sogar als fahre wie ein Blitz ein höheres Gefühl durch dasselbe aber wenn man
es fassen wollte siehe so war es schon nicht mehr da Indessen begehrte er doch
bestmöglichst den Anstand und das Übliche zu berücksichtigen hörte Vreneli an
wenn es etwas anbrachte gab ihm zumeist recht und half zuweilen selbst etwas
anordnen aus eigenem Antriebe
Johannes hatte eine von den brüllhaften Naturen welche die ganze Welt voll
himmeldonnern dass man glauben sollte in ihnen sei die Macht aller wahren und
falschen Gotteiten von Saturn bis auf Hegel welche bekanntlich darin große
Ähnlichkeit haben dass sie ihre eigenen Kinder fressen konzentriert Betrachtet
man diese Naturen in der Nähe so sind sie zumeist ohne alle innere Kraft und
Macht ihr ganzes Vermögen geht eben in ihrer Brüllhaftigkeit auf Man sieht
zuweilen Menschen in Kaffeehäusern bei Spiel und Champagner die bedeutendsten
Rollen spielen dass man meinen sollte sie wohnten in Palästen schliefen auf
Schwanenfedern unter seidenen Decken und es sind die ärmsten Schlucker von der
Welt wohnen zur Miete oder wohnen auch gar nicht und wenn sie Kinder haben so
haben diese oft gar nichts um die Nase zu wischen als was sie auf die Welt
gebracht Hört man sie so glaubt man Gott habe einmal statt Frösche wie er
zuweilen tut Helden regnen lassen hageldick die halbe Welt voll prüft man
sie so sind es lauter Windbüchsen bläst man nichts hinten rein kommt nichts
vornen raus sind ohnmächtige Wesen untertan jeglichem Winde der über sie
hinfährt haben aber große Fähigkeit den Wind zu fassen große Fähigkeit ihn
verflucht ring wieder von sich zu geben wäre aber kein Wind so wären sie auch
nichts Es sind moderne Naturen oder etwas vulgär gesagt die Schweinsblasen
des Zeitgeistes oder jedes andern Geistes der sein Maul an ihr Röhrchen wagt
Derlei Naturen stolpern zu Tausenden in der Welt herum vom Himmel geregnete
Frösche brüllen die Welt voll dass man in Versuchung gerät sich zu ducken als
wäre eine Herde von zehntausend Büffeln im Anzug Wer aber Kourage hat
standhält merkt gleich dass es eben nur Frösche sind und wer Geduld hat und
warten mag bis übermorgen merkt Keinen mehr von ihnen unerwartet sind sie
gekommen unerwartet verschwinden sie woher wohin weiß man nicht aber
wahrscheinlich ihrer Natur nach aus dem Schlamm und in den Schlamm So war
auch der Johannes ein Koloss an Gestalt und Gebrüll und ein klein Kind konnte
seine Grundsätze lenken seine Redensarten bestimmen konnte alles mit ihm
machen Speise und Trank vorbehalten denn in dieser Beziehung alleine besaß er
große Selbständigkeit
Zu allem Peinlichen kam noch der ausgebrochene Kinderkrieg welcher man
möchte fast sagen Tag und Nacht kein Ende nahm Elisis Kinder waren da
Trinettes ebenfalls die letzteren größer die ersteren kleiner mischten sich
unter einander und mit Vrenelis Kindern und so unartig zanksüchtig meisterlos
als möglich erzogen gab es ununterbrochenen Streit begleitet mit einem Geheul
ungefähr wie die Indianer heulen wenn sie die Hütte eines Blassgesichts
überfallen Zuweilen stürzte in das Geheul mitten hinein scheltend und schreiend
ein Weib schlug drein links und rechts trug zappelnd und blutend ein Kind von
dannen und hinter ihr her scholl mit verdoppelter Macht das Geheul Wenn es
noch eine Woche so ginge so liefe es fort sagte Vreneli solcher Spektakel
sei so lange die Glungge stehe nicht erlebt worden So viel als möglich schloss
es seine Kinder ein denn mit diesen gingen die andern akkurat um als wenn es
junge Katzen wären welche man plagen und martern dürfe ungestraft
Endlich kam der Tag an welchem die gute Mutter begraben werden sollte Da
konnte man sehen was eine gute Frau zu bedeuten hat in einer Gegend sie ist
was ein warmer Ofen im harten Winter jeder dem es schaurig wird in der kalten
Welt läuft ihm zu sucht und findet Behagen in seiner Nähe Gar Viele legten in
lauter Wehklage Zeugnis ab dass sie nackt gewesen von ihr gekleidet hungrig
und durstig von ihr gespeist und getränkt worden Diese Zeugnisse werden wohl
noch ihren alten Wert besitzen was sie diesen getan wird der der einst zu
richten kommt die Lebendigen und die Toten ansehen als hätte er es empfangen
und hier wird wohl auch die Sühnung liegen von allem was sie gefehlt in
Unwissenheit und allzu großer Milde Indessen wem die Klage am tiefsten aus dem
Herzen floss waren doch Joggeli und Vreneli Joggeli fühlte dass man seinen Stab
und Stütze zu Grabe trug ein düsteres Ahnen der Tage die seiner warteten
beschlich ihn Schon jahrelang war er immer am Stock gegangen und hatte es sich
so angewöhnt dass er vom Tische zum Bette den Stock zur Hand nahm Aber viel
schwächer als seine Beine war sein Wille der änderte sich alle Tage und jedes
Kind konnte ihn meistern seine Frau hatte ihn auch gemeistert aber zu seinem
Besten Solange sie lebte klagte er dar über bitterlich jetzt da sie tot
war vermisste er dieses Meistern noch viel bitterer er fühlte dass er den Halt
im Leben verloren Vreneli ging es fast ebenso es war ihm wie es dem Schiffer
ist dem auf wild bewegtem Meere das Ruder entgleitet der Kahn der Willkür der
Wellen preisgegeben ist Es war ihm wie einem Kinde welchem im Marktgetümmel
der Mutter leitende Hand entfährt hin und hergestossen wird von des Marktes
Wellen umsonst nach der Mutter sieht und schreit
Das Verschwinden eines Menschen von der Erde ist schauerlich und Wenige
werden wenn sie an einem offenen Grabe stehen diesen Schauer nicht fühlen
sich nicht sagen »Siehe so sieht auch die Türe aus durch die du musst zum
andern Leben so sieht dein Grab auch aus aber wie wird dein und aller Erwachen
sein« So werden die Meisten denken welche nicht mit besonderer Liebe an die
Leiche gefesselt sind Wo die Liebe recht lebendig ist da verzehrt sie alle
Gedanken nur der Schmerz des Missens das Sehnen nach Wiedersehen fluten durch
die erregte Seele Da wird uns klar wie wir selbst ein Geheimnis sind im Werden
und im Sterben ein Geheimnis welches kein Sterblicher offenbart da begreifen
wir dass wir wandeln müssen im Glauben nicht im Schauen dass wir nichts sind
als ein Hauch des Allmächtigen aber ein wunderbarer der kommt und schwindet
nach seinem Wohlgefallen Da fühlen wir dass alles Wissen und Sagen der
Gelehrten Stückwerk ist und ein kindisch Gerede und nichts Kraft und Macht hat
in den Schauern des Todes und des Grabes als die Verheißung dass auferstehen
werde in Kraft und Herrlichkeit was verweslich und in Schwachheit ausgesäet
worden
Wenn einer geht ins bessere Land entsteht wohl eine Lücke in der Welt
kleiner oder größer je nach des Menschen Stand und Bedeutung aber schnell ist
die Lücke zugewachsen in der Welt schneller noch als das Gras wächst auf dem
Grabe Nur die Lücken in den Herzen wachsen nicht zu wenn sie aufhören zu
bluten blüht ein freundlicher Gedanke auf schöner als je Rosen auf einem
Grabe geblüht
So verschwand auch die Base Die Arbeit welche sie noch getan verrichteten
Andere der Lauf der Welt blieb der gleiche aber die welche sie geliebt
vergaßen sie nimmer und lange wird kaum ein Tag vergangen sein dass ihrer
hienieden nicht in Liebe gedacht wurde von denen denen sie wohl getan Sie
ruhte im Grabe im Herrn und darum sicher auch sanft Desto weniger Ruhe hatte
Joggeli Beide Kinder oder statt Elisi vielmehr der Baumwollenhändler denn was
frug Elisi dem Vater und allem Übrigen nach seit es der Mutter Schätze
geerbt stritten sich um ihn schrecklich jeder wollte er solle zu ihm
ziehen um auf den Händen getragen zu werden dass sein Fuß an keinen Stein mehr
stoße wie der Teufel es dem Herrn verhieß als er ihn verleiten wollte von der
Zinne des Tempels zu springen Hier könne er nicht bleiben so verlassen wo
niemand zu ihm sehe ihm begegnen könnte was da wollte niemand sich dessen
achte Nun wollte ihn aber jeder zu sich darüber entbrannte der Streit Jeder
wusste was mit Joggeli zu machen war wenn man ihn in Händen hatte ungestört
darum wollte ihn jeder aber um alles in der Welt nicht dass er zum Andern
ziehe
Johannes stellte ihm vor wie kurzweilig es bei ihm sei da habe er den
ganzen Tag Gesellschaft und zu essen was ihm nur in den Sinn komme er habe
eine Köchin wo er ausbieten wolle sie mache gebackene Fische und saure Leber
trotz dem Koch beim Falken Der Baumwollenhändler dagegen schilderte grässlich
die Unruhe in einem Wirtshause wo fast kein Schlaf möglich sei man auch nie
das Essen zu der Zeit haben könne sondern wenn es der Köchin gelegen sei und
oft nichts als die Tellerräumeten der Fremden Bei ihm hätte er goldene Ruhe und
ausgesuchtes Essen welches er befehlen könne nach Belieben wolle er
Gesellschaft so könne er auslesen nach Belieben im Orte wo er wohne seien
neununddreissig Wirtschaften allenthalben finde er ausgesuchte Gesellschaft und
wolle er Ruhe so finde er sie daheim da solle er Herr sein und kommandieren
wie er wolle gehorcht solle ihm werden wie wenn er der Napoleon wäre Das
waren die Präliminarien von denen kamen sie immer tiefer in die Materie hinein
zerrten erst die Weiber gegenseitig im Maul herum dass wenig gute Fetzen an
ihnen blieben dann sich selbst und fast wäre es zum tätlichen Abschluss
gekommen wann Joggeli nicht selbst gemahnt hätte was die Leute sagen würden
wenn man sich sozusagen über der Mutter Grab prügle
Das endliche Resultat war dass Joggeli bleiben durfte so gleichsam auf
neutralem Boden und so war es Joggeli wirklich auch am liebsten denn wenn er
auch über niemand mehr zu klagen wusste als über Vreneli so vertraute er sich
ihm doch am liebsten an er wusste er hatte es hier am besten und ruhigsten
Sein Aufbegehren war eigentlich nichts als der Ärger darüber dass er der hohen
Natur untertan sein müsse während nach der äußern Stellung das umgekehrte
Verhältnis stattfinden sollte
Indessen traute weder Johannes noch der Tochtermann dem Handel jeder
dachte sobald er glaube der Andere sei fort so komme er wieder her und mache
mit Joggeli was er gut finde Begreiflich aber dachte er zugleich der Andere
werde es auch so machen der verfluchte Schelm sei nicht zu gut dafür Jeder
suchte daher bei Vreneli eine Privataudienz so versteckt als möglich versprach
ihm man werde ihm daran denken wenn es aufpasse was der Andere mache wenn er
kommen sollte Sobald es was Verdächtiges merke solle es Bescheid machen
plötzlich sein Schade solle es nicht sein
Vreneli aber wollte sich mit solchen Aufträgen nicht befassen zum Vetter
wolle es sehen dass es es einmal verantworten könne bei der Base wenn sie
wieder zusammenkämen sagte es Daneben würde es ihm übel anstehen wenn es bei
ihm den Landjäger machen wollte Es werde ein jedes Kind das Recht haben mit
dem Vater zu reden ohne dass jemand anders dabei sei einstweilen sei er bei
gutem Verstand und trauten sie nicht sollten sie ihn bevogten lassen da seien
sie Kummers ledig Aber das wollte Keiner dieweil jeder von ihnen
Privatabsichten hatte welche unausführbar wurden sobald ein Vogt oder Vormund
Joggeli beschirmte und selbst verantwortlich war Ob aber den Leuten hier zu
trauen sei frug der Baumwollenhändler dem diese Abfertigung verdächtig vorkam
und der Verdacht auftauchte sie könnten Joggeli selbst melken wollen
Gutsprechen wolle er für niemand sagte Johannes indessen traue er den Leuten
mehr als den nächsten Verwandten denn bis dahin hätte er noch nichts Schlechtes
von ihnen gehört Übrigens würde der Vater es bald genug klagen wenn sie an ihm
rupfen wollten Der Schwager nahm die Prise Also aufgepasst dachte er
jedenfalls tue ich den ersten Zug dann macht jeder was er kann
Elisi mochte nicht warten bis es mit seinen Sachen fort konnte sie in
Sicherheit bringen vor Trinettes gierigen Blicken und hatte doch wieder Freude
daran alles so recht vor Trinettes Augen herumzuziehen hatte eine leise
Hoffnung sie sterbe vielleicht vor seinen Augen an Neid und Ärger Da hatte
sich Elisi verrechnet Trinette mochte mehr ertragen Trinette passte auf ob
Elisi nicht unter den Sachen der Mutter Dinge fortschaffe welche zum Haushalt
gehörten und hatte den festen Entschluss wenn das geschehe Elisi tüchtig zu
prügeln kratzen raufen denn Trinette wusste sich die Stärkere hatte sich
nicht umsonst Speise und Trank ungemessen behagen lassen während es bei Elisi
oft knapp genug zuging Indessen es ging gerecht zu Trinette kam so wenig dazu
Elisi zu prügeln als Elisi Trinette sterben zu sehen Drauf und dran war es
einige Male besonders als endlich alles geladen war ein ziemlich groß Fuder
schwer genug für zwei Pferde im Hofe stund und Elisi Trinette spöttisch fragte
»Willst mich etwa begleiten und mit Auspacken helfen Es käme mir kommod« Da
wars gut stund Elisi im Hofe und war sonst noch jemand da das Ding hätte
gefährlich werden können
Das gute Elisi hatte niemand nötig zum Auspacken Uli war mit dem Fuder
vorausgefahren der Baumwollenhändler fuhr mit Frau und Kindern nach säumte
sich unterwegs ebenso oft und lange und Elisi hatte allenthalben so viel zu er
zählen von den Schätzen welche es bei seiner Mutter gefunden dass Uli längst
auf dem Heimweg war als sie anlangten Uli hatte Kasten und Kisten ihnen ins
Haus gestellt wo er Platz dazu fand und dort ließ man sie stehen Die kurze
Zeit vor dem Schlafengehen musste Elisi verschwatzen noch hier und dort Bericht
geben wie es gegangen und was es mitgebracht das war eine notwendige
Erleichterung ohne welche es nicht hätte schlafen können Elisi hatte zwei gute
Dinge an sich, Appetit und Schlaf selbst die Freude über sein Heimgebrachtes
trieb ihns nicht aus dem Bette Längst war acht Uhr vorüber als es sich
schläfrig aus dem Bette wälzte in den Haaren kratzte und nach dem Kaffee
schrie Als der Kaffee kam frug es »Wo ist er« »Weiß nicht« sagte die Magd
Als der Kaffee getrunken war ging Elisi nach seinen Kisten und Kasten aber wo
sie am Abend gestanden stunden sie nicht mehr stunden nirgends mehr wohin es
auch sehen mochte »Tüfel wo sind sie« schrie Elisi der Magd zu »Weiß nicht«
antwortete diese
Ja jetzt gabs Lärm »Wo sind meine Sachen wo sind meine Sachen« erscholl
es durch Stadt und Land Unerschütterlich blieb die Magd bei der Antwort »Weiß
nicht« Die Leute lächelten hinter den Fenstern verschwanden aber wenn das
Geschrei »Wo sind meine Sachen wo sind meine Sachen« in ihre Nähe kam
Endlich kriegte es eine Frau Nachbarin satt und erschien dem schreienden Elisi
unter der Türe und sagte »Schweiget doch und brüllt nicht das Land voll hilft
Euch doch nichts diesen Morgen in aller Früh ist Euer Mann damit fort
herbeibrüllen werdet Ihr sie nicht mehr und solltet Ihr brüllen bis zum
jüngsten Tag und noch zehnmal so laut« So sprach sie und verschwand Ja jetzt
war Elisi nicht mehr zu helfen es wurde wirklich in allem Ernste fast gar
ohnmächtig »O meine Sachen meine Sachen O Mutter o Mutter« Und »Der
verfluchte Schelm« Und usw Ja das ging schrecklich ein Schlosshund ist
dagegen nur ein Anfänger Aber es ging wie die Nachbarin sagte Elisi brüllte
die Sachen nicht herbei und wenn es gebrüllt hätte wie zehntausend Ochsen Der
liebe Gemahl war allerdings damit fort auf Nimmerwiedersehen das heißt der
Sachen er selbst wartete noch auf fettere Beute er war in immerwährender
immer engerer Geldklemme in welcher er sich jedoch mit großer Gewandtheit zu
bewegen wusste indessen trotz derselben hätten ihn die Gläubiger längst über
Bord geworfen wenn nicht der reiche Schwiegervater im Hintergrunde gewesen
wäre Trieben sie ihn zum Geltstag oder Konkurs so war zehn gegen eins zu
wetten dass er nichts erbte sondern das ganze Erbe seinen Kindern zugestellt
wurde was gesetzlich zulässig war dann hauen die Gläubiger das blinde
Nachsehen Man schenkte ihm also so gleichsam wie die Katze der Maus mit
aufgehobener Tatze das Leben vertraute ihm jedoch so wenig als möglich Neues
an Das brachte den Herrn in große Geldnot und setzte ihn fast vor die Geschäfte
hinaus Der Nachlass der Mutter selig war für ihn ein prächtiger Fang der ihn
wieder Hott machte für eine Zeit Er machte sich keinen Augenblick ein Gewissen
daraus die Hand darüber zu schlagen ihn zu versilbern so gut er konnte so
was verstund er und kannte die Gelegenheit Er löste eine beträchtliche Summe
ließ Elisi kaltblütig heulen und schreien und fuhr herum wie ein Fischlein
welches vom Trocknen wieder ins Wasser gekommen Elisi hintersinnete sich fast
aber was half ihm das Es war wirklich in einer sehr traurigen Lage Vom Manne
war es verraten und verkauft auf der ganzen Welt hatte es keinen Menschen der
sich seiner annahm und wenn der Bruder und seine Frau es vernahmen wie es ihm
ergangen so lachten sie sich den Buckel voll das wusste es
So in der Welt zu stehen ist wirklich trostlos und Mancher wurde ein Narr
darob Aber Elisi hatte keine so spröde sondern eine zähere Natur viel Heulens
mochte es ertragen und wenn es einmal zu einem frischen weißen Brötchen kam
einigen Kotelettes oder einigen Batzen welche es dem Manne stehlen konnte so
fand es darin großen Trost für manchen Tag
Achtzehntes Kapitel
Ein Gericht und zwei Sprüche
Unterdessen war Ulis Prozesslein fortgelaufen hatte sich ausgesponnen auf
wunderbare Weise zu einem langen langen Faden Wenn er meinte er packe das
Ende husch war es ihm entronnen und weit weg wie dem Kinde das Fischlein nach
welchem es hastig gegriffen Schon tüchtig war Uli durch seinen Agenten
angepumpt worden als es endlich hieß an dem und dem Tage werde wenn nichts
dazwischenkomme abgesprochen Uli müsse dabei sein müsse auch einmal wissen
wie dies gehe und sehen wie der Gegner ein Gesicht mache wenn er verspiele
er werde sich verwundern Es machte indessen Uli doch angst auf diesen Tag es
fiel ihm ein es wäre noch immer möglich dass er verliere dann könnte es ihn
ärgern und der Andere zusehen er habe schon gehört es gehe bei den
Abstimmungen oft verflucht ungerecht zu und der beste Handel könne verloren
gehen denn die meisten Richter verständen nichts vom Recht und die übrigen
seien sonst nicht sauber im Nierenstück dachte er Bekanntlich müssen die
Richter immer als Sündenböcke der Advokaten vor dem Volke paradieren
Die Nacht vor dem Abspruch konnte er wenig schlafen er wäre zu einem
ziemlichen Opfer bereit gewesen wenn er den Prozess hätte ungeschehen machen
können »Das soll mir eine Warnung sein« sagte er mehr als einmal halblaut
»ist der mal aus fange ich mein Lebtag keinen neuen an wenn es nicht sein
muss« Er war früh auf und Vreneli versäumte ihn nicht mit dem Frühstück war
freundlich aber vom Prozess redete es nicht Da war ein wunder Fleck in seinem
Herzen der nicht heilen wollte und schmerzte so oft er berührt ward Es war
ein heißer schwüler Sommertag kurz vor der Ernte der Roggen beugte bereits
seinen philisterhaften Rücken und neigte sein Haupt wie ein alter Professor
wenn er sich der Höflichkeit befleisst Das Korn hatte verblüht stand keck
gradauf wie junge Fähndriche welche Generale werden möchten Uli dachte in
acht Tagen muss der Roggen ab in drei Wochen das Korn überschlug seinen Ertrag
machte Preise handelte dass er darüber fast den Prozess vergaß und an Ort und
Stelle war ehe er es sich versah Es war noch ziemlich stille die Stunde des
Gerichts noch nicht da und bekanntlich gehören die Advokaten welche früh zur
Stelle sind entweder zu den Ausnahmen oder zu den Anfängern Wer des Abends zu
viel Wein im Munde hat frägt dem Golde welches die Morgenstunde im Munde hat
nicht mehr viel nach
Nach und nach trappeten die Parteien an oder fuhren wohl auch stunden ums
Schloss wo das Gericht saß oder sitzen sollte oder bewegten sich der Gaststube
des Wirtshauses zu um an einem Schnaps oder einem halben Schoppen Wein sich für
die Operationen der Gerechtigkeit zu stärken Auch seinen Gegner sah Uli
herantrappen an einem langen Stock gelb und mager sah unter dem breiten Rande
des schwarzen niederen Wollhutes das Gesicht hervor Der ging nicht dem
Wirtshause zu sondern dem Schloss sah sich erst lange bedächtig um lehnte
sich dann noch lange an seinen Stock endlich saß er auf eine Bank ab nachdem
er sich sorgfältigst überzeugt hatte dass er am rechten Orte sei und sich nicht
verfehle wenn er sich da setze
Endlich als das Volk sich gehäuft hatte die übliche Stunde längst
geschlagen kamen sie daher die Helden des Tages die Agenten und Fürsprecher
wie Divisionärs und Brigadiers auch erst kommen wenn die Bataillone
aufmarschiert sind und oft schon lange stehen In wunderlichen Kleidungen in
Kopfbedeckungen von allen Sorten kamen sie dahergefahren drei kamen sogar
geritten Eben ritterlich sahen sie nicht aus einer von ihnen saß auf seiner
Rosinante wie eine junge Laus auf einem alten Spittler Wenige Agenten kamen zu
Fuß was ihnen dadurch an Ansehen abging suchten sie zu er setzen durch die
Majestät mit welcher sie ihre Pfeife hielten den Stock handhabten oder den
Kopf trugen Sie alle gingen der innern Stube des Wirtshauses zu sammelten da
ihre Gedanken bei einem Glase Roten oder stärkten ihre Stimme mit Schinken oder
Braten stellten sich zuweilen in die Mitteltüre groß und breit und schauten
hinaus in des niederen Volkes welches sich in der Gaststube gesammelt hatte
lautes Gesumme Mit Schauer und Respekt sah das Volk auf die Helden hin welche
die Gerechtigkeit in den Händen hatten wie der Töpfer den Lehm um sie zu drehen
nach Belieben »Sieh dort ist der Meine« sagte einer und wies mit seinem
langen Stock auf eine Figur welche unter offenem Fenster stund »Dort der
Meine« sagte ein Anderer zog seinen Hut und machte dem Seinen einen tiefen
Bückling mit langem Scharwenzel doch umsonst derselbe hatte ein kurzes Gesicht
und eben seine Brille in den Händen um ihr den Morgentau auszuwischen Ganz
verblüfft und verwundert über dieses kalte Benehmen sagte der Klient »Das
letztemal als ich bei ihm war war er nicht da heim und hat ihm vielleicht
seine Frau vergessen zu sagen die Fische seien von mir Ich sagte ihr meinen
Namen dreimal vergessen wird sie ihn doch nicht haben« »Ich bringe nichts
mehr« sagte ein Anderer »sie führen einem die Sache zu stark aus man weiß
nicht mehr was ihnen recht ist Letzt hin brachte ich meinem Fürsprecher zwei
Hasen verflucht brave da sagte die Frau sie wolle nur einen der andere
stinke Sonst hat man geschenkten Rossen nicht ins Maul gesehen«
»Warte hier muss doch noch ein Wörtlein mit dem Meinen reden« sagte ein
Anderer »und ihn mahnen dass er nur ja den und den Punkt nicht vergesse und die
Satzung welche darauf sich schickt es ist die und die Solche Herren sind oft
gar schrecklich vergesslich besonders wenn sie vom Dischinieren kommen So einer
hat so viel Händel dass er um den einen oder den andern nicht die Hand umdreht
verliere ich den he nun so dann so gewinne ich einen andern spekuliert er
Unsereiner der nur einen Handel hat kann es minder leicht nehmen gewinnt oder
verliert er ihn«
So sieht man Manchen an der Tür sich drehen um seinem Fürsprecher
abzupassen ihm noch ein vertraut Wort zu sagen vielleicht mitzuteilen was man
selbst Schlagendes gedacht oder gesinnt Der Eine oder der Andere flucht in
einer Ecke wenn er seinen Advokaten mit dem des Gegners vertraut unter einem
Fenster reden sieht denn er hatte geglaubt sie Beide sollten sich mit dem
gleichen Hasse hassen mit welchem er und sein Gegner einander hassen »Da
werden sie mit einander abreden wer gewinnen und wer verlieren soll wie die
Schwinger am Ostermontage in Bern Es ist doch von denen Hagle keinem was zu
trauen es ist ein Schelm wie der andere wenn man es sagen dürfte und
Unterschied ist keiner weder dass der eine um etwas der Schlimmere und der
andere um etwas der Dümmere ist« so wird geurteilt
Endlich wird das Publikum ungeduldig Einige steigen voran Einige schimpfen
über das Zögern sie hätten weit heim und seien nicht zweispännig hergefahren
und es dünke sie die Herren sollten an Hunger und Durst auch etwas sparen für
den Mittag sonst möchten sie da nichts mehr Endlich kommt der Gerichtsweibel
und sagt den Herren des Tages Die Richter säßen schon lange und verlangten nach
den Herren wenn man erst mittags anfange so finde man den Feier abend nie
Indessen ist der Herr Gerichtsweibel nicht halb so pressiert dass er nicht mit
einem oder zwei Gläsern Wein Bescheid tun kann Hätten sie drüben schon so lange
gewartet so würden sie noch um einer kleinen Weile willen nicht aus der Haut
fahren kalkuliert er und gewöhnlich ganz richtig denn sein Kalkul gründet
sich auf Erfahrung Endlich muss doch aufgebrochen werden denn unter all den
Helden ist denn doch kein Josua der die Sonne stellen kann und nach
Sonnenuntergang sind Gerichtshandlungen nicht mehr gültig Vor Gericht beginnt
die Schlacht mit Plädieren und Replizieren und endlichem Judizieren Partei um
Partei treten vor und treten ab und reiche Studien macht wer die Wirkungen
beobachtet welche Gewinnen und Verlieren auf den Gesichtern hervorbringen und
bemerkt manch Gesicht dem man es durchaus nicht anzusehen vermag ob ihns ein
günstig oder ungünstig Urteil getroffen
Uli war einer der Letzten welche vorkamen ihm war ungefähr wie einem der
gehängt werden soll aber erst noch einige Andere zu seiner Stärkung und
Erquickung muss hängen sehen wer dies erlebt hat weiß wie es ihm war Endlich
wurden sie vorkommandiert Seines Gegners Agent eröffnete das Feuer und zwar so
scharf dass es Uli fast schwarz ward vor den Augen Der wusch ihm den Pelz dass
er glaubte er könne sein Lebtag keinem Menschen mehr ins Gesicht sehen dass er
viel Geld gegeben hätte nicht bloß wenn er den Handel nie angefangen sondern
wenn er nur nie hergekommen wäre denn fortan werde jedes Kind wo er sich
zeige mit Fingern auf ihn weisen und sagen »Seht da den Betrüger den
verlogenen Kuhhändler« und dass was an dem Gerede wäre das sagte Uli was unter
dem Brustlatz He nun so ists dachte er gut für einmal Ich merke jetzt wie
es die Leute meinen hätte ich der Frau geglaubt so wäre es mir nicht so
gegangen
Nun trat auch sein Anwalt auf Wenn der nur schweigen oder die Sache ganz
kurz machen würde dass sie bald vorbei wäre dachte Uli aber dem Lumpenhund
wolle er es doch einmal sagen wie er ihn hineingeführt denn mit Schein laute
das Gesetz ganz das Gegenteil als der Hagel es ihm angegeben So gehe es wenn
man von der Sache nichts verstehe sich bloß müsse brichten lassen und noch dazu
von solchen Beinschabern Nun aber kam sein Anwalt nach einigen Präliminarien
auch in Fluss der Rede Potz Himmel wie tat Uli erst das Maul auf und wie fing
es ihm dann zu wohlen an das Ding kam heraus wie ein umgekehrter Handschuh und
Uli musste immer denken Persche ja so Kuh was ich bin dass ich das nicht
gedacht Er fing an zu wachsen mit souveräner Verachtung auf den andern Anwalt
und das Lumpenmannli das heißt seinen Gegner herabzusehen der zuweilen das
Maul auftat als ob er reden eine Bewegung machte als ob er auf den Redner
einspringen wolle und ihn traktieren mit seiner Faust die er immer geballt
hatte und mehr oder weniger vorstreckte je nach dem Siedpunkte seines Zorns
Uli kam sich fast vor als sei er eins von den Gespenstern von denen man
erzählt dass sie sichtlich wachsen und wachsen bis ihr Kopf in den Wolken ist
während sie mit den Beinen noch auf Erden stehen Man hätte glauben sollen im
ganzen Bernbiet sei kein ehrlicherer Mann und noblerer Staatsbürger als Uli Und
wirklich hatte selbst Uli nie daran gedacht dass er so einer sei und fürchtete
fast er könne künftig vor lauter Rechtschaffenheit Tugend Vaterlandsliebe und
entschiedenem Fortschritt sich nicht vor den Leuten sehen lassen dieweil die
Einen aus Neid zerspringen die Andern aus Begierde so einen zu sehen ihn
erdrücken könnten recht hätte er und ohne Laterne sehe man es und wenn die
Richter nicht Schelme seien so müsse er gewinnen und dass sein Agent so reden
könne als wäre er schon im Himmel gewesen das hätte er ihm sein Lebtag nie
angesehen weder hinten noch vornen weder im Wirtshaus wenn er die Andern im
Spiel betrog noch daheim wenn er die Frau prügelte Das Gewinnen hätte er bar
so dachte Uli und so war es auch
Als sie nach kurzer Beratung des Gerichtes wieder hinein gerufen wurden
war sein Gegner mit seiner Klage abgewiesen und in die Kosten verurteilt Das
Mannli ward blass sein langer Stab tanzte auf dem Boden und weit weit streckte
er seine Faust vor und es war als wolle er sich ducken zum Sprunge auf die
Richter dumpfe Laute quollen über seine Lippen wahrscheinlich drückten sie
nicht den größten Respekt aus denn sein Agent welcher ihm am nächsten stund
fand sich veranlasst ihn mit möglichster Schnelligkeit vor sich her aus dem
Gerichtssaale zu schieben
Uli wars wie einem der in eine Dornenhecke gefallen gefürchtet hatte er
komme nur zerfetzt und wie ein gerupftes Schaf mit Hinterlassung aller Wolle
daraus plötzlich auf freien Fussen steht mit heiler Haut oder wie dem Daniel
als er ungefressen aus der Löwengrube kam die Bestien ihn nicht angetastet und
waren doch im Gerichtshofe acht Anwalte sechs Agenten und Geschäftsmänner in
ungezählter Menge und alle trotz asiatischen und afrikanischen Bestien
amerikanische sollen weniger wild und grausam sein mit Hunger und Durst
behaftet Also gewonnen gewonnen Was wird die Frau sagen Es ist doch gut dass
man andern Leuten auch glaubt als nur den Weibern aber so leichtlich bringt
mich nicht mehr jeder zu einem Prozess Es ist allweg eine verteufelte Plag man
wäre leichter eine kleine Weile gichtisch oder sonst krank so dachte Uli
So war er ohne dass er es merkte hinter das Mannli und seinen Agenten
gekommen und hörte wie der Erstere zum Letzteren sagte »Machet was Ihr wollt
aber einen solchen Handel zu verspielen muss man ein Esel oder Schelm sein Ich
habe recht vor Gott und Menschen in aller Ewigkeit die Ochsen da oben mögen
erkennen was sie wollen Macht jetzt was Ihr wollt ich habe kein Geld habe
nichts als ein mager Höflein Kinder und Schulden und wenn Ihr die wollt könnt
Ihr sie haben welche Stunde Ihr wollt ich will sie Euch noch vors Haus bringen
unentgeltlich Vor und nach kann ich vielleicht was zahlen aber überstürzt Ihr
mich werfe ich den Schlegel rufe den Konkurs an Die Kinder können betteln
gehen und ich will stehlen bis ich an obrigkeitliche Kost komme«
Da sagte Ulis Agent »Mit Reden zahlt man niemand das wäre bequem ich habe
auch noch eine Rechnung und die wird müssen bezahlt sein es hat schon Mancher
der nichts haben wollte gezahlt wenn man ihn recht angefasst hat« Da drehte
sich das Bäuerlein um sah Uli stund still und sagte »So du bist auch da
Hast mich betrogen und jetzt noch den Handel gewonnen und ich werde mit Weib
und Kind dem heiligen Almosen nach müssen Mein Lebtag hat mich doch kein Mensch
so verführt Meinte du seist ein ehrlicher Mann den Halunken sah ich dir
nicht an Aber ist ein gerechter Gott im Himmel so treibt er dir dein
Schelmenstück zehnfach ein und bald oder Lässt es dich bis zum Galgen bringen und
jagt dich dann dem Teufel zu besser verdienst du es nicht« Als er das gesagt
hatte drehte er sich um ging rasch seines Weges Es war Uli als sehe er ihn
mit dem Ärmel über die Augen fahren
Die Agenten lachten sehr über den Zorn des Bäuerleins und lebten noch
manchen Tag wohl daran ungefähr wie Buben welche sich am Zappeln von Maikäfern
ergötzen die sie an Faden gebunden haben und denen sie allgemach Flügel und
Beine ausreißen Auf Uli dagegen machte die Rede Eindruck es lag ein Fluch
darin und solche Worte hielt er nicht für gleichgültig besonders da sich in
seinem Herzen etwas rührte welches sich mit dem Troste dass hätte er nicht
recht gehabt die Richter ihm nicht recht gegeben durchaus nicht beschwichtigen
lassen wollte Anlügen ist anlügen ein Gericht mag sagen was es will
Es ist eine wunderbare Sache um die Macht des Wortes nicht umsonst hat so
mancher Aberglaube sich damit vermischt dass zum Beispiel das Wort des Menschen
Macht habe über Gott so dass er müsse töten oder wettern je nachdem das Wort
die Macht habe aus den Gräbern die Toten zu rufen und zu öffnen die
Schatzkammern der Erde Aber ein fromm vertrauensvolles Wort zum Vater im
Himmel eine Bitte aus innigem Herzen was hat sie nicht vermacht und wie oft
hat nicht ein Wort geschlagen in das Herz des Sünders wie der Blitzstrahl aus
einer Donnerwolke Wie oft nicht ein Wort das Andenken großer Verstorbenen
herbei gerufen neues Leben geweckt in den Herzen der Enkel Wie oft ist nicht
das Wort in Herzen gedrungen hat Steine von den Gräbern gesprengt unter
welchen die edelsten Kräfte begraben lagen und ein junger schöner Frühling
erblühte wo früher Öde war und totes Gestein Wie oft ward das Wort nicht zur
feurigen Röte welche den Bösewicht unstät jagte über die Erde Das Wort ist
unendlich mächtiger als das Schwert und wer es zu führen weiß in starker
weiser Hand ist viel mächtiger als der mächtigste der Könige Wenn die Hand
erstirbt welche das Schwert geführt wird das Schwert mit der Hand begraben
und wie die Hand in Staub zerfällt so wird vom Rost das Schwert verzehrt Aber
wenn im Tode der Mund sich schließt aus dem das Wort gegangen bleibt frei und
lebendig das Wort über dasselbe hat der Tod keine Macht ins Grab kann es nicht
verschlossen werden und wie man die Knechte Gottes schlagen mag in Banden und
Ketten frei bleibt das Wort Gottes welches aus ihrem Munde gegangen Aber auch
mächtiger als Dolch und Gift ist das böse Wort das durch die Herzen fährt und
in die Seelen schleicht oder schlüpft Schlangen und Banditen sind greuliche
scheussliche Dinger aber viel scheusslicher sind glattzüngige Verführer welche
Gift träufeln in arglose Herzen sind viele Wortführer des Tages falsche
Propheten des Lügengeistes der im Paradiese sein heillos Amt begann
Es war lange über Mittag als sie zum Wirtshaus kamen heiß war es zum
Ersticken kein Lüftlein regte sich zum Himmel heraus hingen schwarze Wolken
Trauerfahnen welche Gottes Hand heraushängt wenn er seine Gerichte bereitet
Uli begab sich ins große Gastzimmer in die innere Stube wohin die Agenten
gingen wo auch die Richter er wartet werden gehören die Laien nicht Er ließ
sich etwas zu Mittag geben er meinte er sei sehr hungrig aber der Appetit
fehlte ihm als er begann zu essen Der Wirt munterte ihn zum Essen auf »Es ist
alles frisch und sauber« sagte er »und lange her seit du etwas im Magen
gehabt haben wirst« Eben das mache es sagte Uli dass er nicht essen möge wenn
es über die gewohnte Zeit gehe so vergehe der Hunger
Dem war aber nicht so das Wort des armen Mannli hatte Uli ins Gemüt
geschlagen gärte dort verdarb ihm den Appetit Was er auch anderes denken
wollte es stund ihm immer vor der Seele und wie er auch zum Zorn sich stacheln
wollte gegen das Lumpenmannli welches solche Reden führe die Rede löschte
immer den Zorn und Bangen war da Bah sagte er solchen Worten müsse man sich
nicht achten Recht sei Recht und wer recht habe hätten die Richter gesagt
die sollten es wissen So tröstete sich Uli und der Trost hielt doch nicht
Solche Worte sollte man verbieten beim Hängen zu bedeuten hätten sie nichts
das wisse ja jedes Kind aber man höre sie doch nicht gerne alles Fluchen sei
ja schon von Gott verboten und wenn er das daheim forttreibe vielleicht noch
mit seinen Kindern so könnte ihnen allen das an der Seele schaden und es wäre
doch schrecklich wenn sich die Kinder dessen entgelten müssten Man sieht Uli
hatte bereits viel von den Agenten gelernt
Der Wirt fragte »Du wirst doch gewonnen haben Was hast für einen Handel
gehabt« Uli erzählte »Da hast gewinnen müssen« sagte der Wirt »jedes Kind
auf der Gasse kanns ja begreifen aber ich kenne das Mannli das ist nicht das
richtigste ein böses Tüfelsmannli ist das es hat auch den Ruhm dafür Es ist
gut dass der einmal an den Rechten gekommen ist gerade recht hast du es ihm
gemacht er besinnt sich dann ein andermal ob er die Leute plagen soll
Brandschatzen hat er dich wollen und gerade so sollte es allen gehen« Aber die
Worte welche er ihm hätte drin zugemessen hätte er doch ungern er möchte
nicht dass jemand meine er hätte sie verdient entgegnete Uli »Dessen musst du
dich gar nichts achten« sagte der Wirt »solche Worte haben gar nichts zu
bedeuten Worte sind Worte und sonst nichts um einen guten Schoppen will ich
dir abnehmen alles was dir dein Lebtag angewünscht wird Was meinst wie bös
wäre ein Wirt daran wenn solche Worte was zu achten wären Jedes Hagels
Bäuerlein wenn es meint ich habe an einem Kalb zu viel Profit gehabt oder an
einem Leichenmahl zu viel Wein angerechnet wo es doch gewiss nicht ist sagt
gleich der Tüfel solle den Wirt holen und ich habe ihn noch nie gesehen«
So tröstete der Wirt und der Trost eines Wirts ist auch gut warum nicht
Er währt wenigstens so lange als seine Schoppen und dies ist auch schon was
Durch die ins andere Zimmer einbrechenden Gerichtsmänner wurde der Wirt in
seinem Troste unterbrochen denn wenn Priester und Krieger der Gerechtigkeit
einem Wirte zuhanden kommen gilt so ein Uli nichts mehr und wenn er Trost noch
so nötig hätte Es war bereits über vier Uhr als Uli sich auf den Heimweg
machte er förderte rasch seinen Schritt Der Wein des Wirts Worte das Gefühl
gewonnen zu haben drängten den empfangenen Eindruck in den Hintergrund machten
ihn guten Muts Es sei schon viel geschwatzt worden in der Welt dachte er und
habe nicht viel zu bedeuten gehabt
Schwarz stund im Westen ein Wetter aber es bewegte sich nicht in kurzen
Flügen flatterten die Schwalben um Bäume und Häuser still und matt hingen die
Blätter an den Zweigen In den Wiesen sah man in breiten schwarzen Hüten und
hohen Holzschuhen die eingefleischten Wässerbauern stehen und den zu erwartenden
Wassern die Wege bereiten denn das Wasser bei Gewitterregen welches die
Straßen fegt und die nicht wohlbewahrten Düngerhaufen umspült ist für einen
rechten Wässerbauer oder vielmehr seine Wiesen das beste Labsal Wer bei solchen
Umständen den Andern am besten um dieses köstliche Labsal betrügen kann der
geht mit den erhabensten Gefühlen mit dem gehobensten Selbstbewusstsein heim
Das hat wohl auch zu der Sage Anlass gegeben dass wer ein Fronfastenkind sei vor
dem Ausbruch der heftigsten Gewitter alte längst verstorbene Wässerbauern
welche sich gegenseitig ums Wasser betrogen in den Wiesen wässern sehe Graben
auftun Bretter einschlagen dann stehen hinter diesem oder jenem Strauch oder
Baume Feuer schlagend und ihr Pfeifchen rauchend Man denkt dabei nicht an die
Sitte der rechten Wässerbauern die alten hundertjährigen währschaften Röcke
ihrer Grossväter anzuziehen und uralte Hüte aufzusetzen da modernes Zeug ins
Wasser hinaus nicht taugt So sieht man von ferne allerdings ein uralt längst
zu Grabe gegangenes Geschlecht in den Wiesen hantieren und manche Gestalt mag
sich vor der andern fürchten hinter einen Dornstrauch sich bergen Ginge man
den Gestalten zu Leibe würde man ganz bekannte Gesichter sehen deren Beine
noch auf Erden wandeln aber in den Schuhen der Väter gehüllt in ihre Röcke
übend ihre Sitten
Uli sah diese Gestalten in den Gründen Muss pressieren dachte er werden
glauben es gebe ein starkes Gewitter muss auch profitieren bin ich nicht
daheim so macht es mir niemand Er eilte durch einen Boden oder Tal welches
ein stattlicher Bach bewässerte und wie es schien gut Von weitem sah er
etwas nicht weit vom Weg welches ihm unheimlich vorkam dass er dachte er
wollte er wäre schon vorbei Es glich einem gestutzten ungeheuren Weidenstrunk
und doch war es keiner denn es schien sich zu bewegen oder einem kleinen alten
Ofenhaus mit russichtem Dache welches auf schwachen Stützen schwankte Uli ging
langsamer Er hatte noch kein Gespenst gesehen der Drang einem zu begegnen
war durchaus nicht groß bei ihm und noch dazu am heiterhellen Tage Es wäre doch
eine strenge Sache dachte er wenn man vor ihnen nicht mehr sicher ist wenn
noch die Sonne am Himmel steht Als er näher kam schien das Ungetüm zu wachsen
richtete sich auf und stellte sich an eine Wasserschaufel und war anzusehen wie
ein Riese aus dem Gebirge oder wie der Rübezahl geschildert wird Da stund Uli
einen solchen Wassermann hatte er nie gesehen Da kam das Ungetüm mit der
Schaufel auf der Achsel auf ihn zu und unter einem Hut hervor den
wahrscheinlich ein Spanier im dreissigjährigen Kriege verloren hatte rief eine
Stimme »Komm nur komm fürchte dich nicht bin kein Gespenst« Es war die
Stimme des Wirts seines Freundes unter dem breiten schwarzen Hut hervor der
seine kolossale Gestalt in einen alten Oberrock seines Vaters der noch viel
kolossaler als er gewesen gehüllt hatte so dass er allerdings von weitem
anzusehen war wie ein Elefant oder ein Rhinozeros welches auf den hinteren
Beinen aufrecht stund Es leichtete Uli er bekannte dass er wirklich nicht
gewusst wer da so eine Postur mache ein solcher Grüsel sei ihm noch nie vor
gekommen »Und wie ist es gegangen« frug der Wirt »hast gewonnen« Als Uli es
bejahte stimmte der Wirt einen Lobpsalmen an aber wohlverstanden auf sich
selbst »Nicht wahr ich habs gesagt nicht wahr es kam besser dass du mir
Gehör gabest als deinem sturmen auf begehrischen Fraueli Ja sieh geirrt habe
ich mich in solchen Sachen noch nie wie ich sagte ists noch allemal gegangen
Muss ich einmal auf hören zu wirten fange ich an zu agenten und nicht lange
soll es gehen so will ich alle überwunden haben Komm jetzt auf den Schrecken
hin wollen wir eins nehmen es soll dich nichts kosten« Uli dankte sagte er
müsse pressieren das Wetter gefalle ihm nicht Es drohe grausam und breche es
los so könne es übel gehen wo es durchfahre »Komm du nur« sagte der Wirt
»eine Flasche ist bald getrunken So bald gehts nicht los und daran machen
kannst du nichts ob du daheim seist oder nicht das fährt durch wo es will
Uns tut es diesmal nichts zähle darauf das fährt obenein den Bergen nach«
Neunzehntes Kapitel
Ein ander Gericht und ein einziger Spruch
Uli wars nicht wohl Gewohnt dem immer sehr bestimmt ausgesprochenen Willen des
Wirts sich zu unterwerfen ging er wohl hin erzählte wie es gegangen aber was
das Mannli ihm gesagt verschwieg er das wollte ihm nicht den Hals herauf
hastig trank er den Wein und pressierte weiter denn schon bewegte sich stark
das Laub an den Bäumen wie von unsichtbarer Hand denn kein Wind bewegte die
dicke heiße Luft Fernher donnerte es dumpf fast aneinander als ob ein
schwerer Wagen über eine hölzerne Diele fahre Wenn es wettern will eilt der
rechte Hausvater heim so stark als möglich dort ist sein Platz wie der des
Obersten an der Spitze des Regiments wenn der Feind naht Man weiß nie was es
geben kann und beim Hausvater soll der Rat sein in allen Dingen und die Hand
zur Tat in allen Fällen. Uli eilte weiter trotz den Versicherungen des Wirtes
er komme ohne Pressieren heim zu rechter Zeit und das Wetter ziehe obenein er
solle darauf zählen
Es war merkwürdig am Himmel drei vier große Wetter standen am Horizonte
eines drohender als das andere Feurig war ihr Schoss schwarz und weiß gestreift
ihr Angesicht als ob mit der Nacht der Tod sich gatte dumpf toste es »Dort
geht es bös dort hagelts« sagte Uli halblaut für sich »wie angenagelt steht
das Wetter dort hagelt es fast alle Jahre da möchte ich nicht wohnen hier
durch kommen solche Wetter nicht der Wirt hat recht Joggeli hat gesagt als er
die ersten Hosen getragen da habe es einmal gehagelt er möge sich noch gar
wohl daran erinnern seither nie mehr dass es der Rede wert« Indessen schneller
wurden ihm unwillkürlich seine Schritte langsam rückten auch die Wetter herauf
am Horizonte zogen sich rechts zogen sich links feindlichen Armeen gleich
die sich bald in der Fronte bald in den Flanken bedrohen es ungewiss lassen ob
und wo sie zusammenstossen Das gefährlichste der Wetter zog seinen gewohnten
Weg obenein da kam von dorther ein ander Gewitter rasch ihm entgegen stellte
seinen Lauf drängte es ab von seiner Bahn Gewaltig war der Streit schaurig
wirbelten die Wolken zornig schleuderten sie einander ihre Blitze zu Wie zwei
Ringer einander drängen auf dem Ringplatze ringsum bald hierhin bald dorthin
rangen die Gewitter am Himmel rangen höher und höher am Horizonte sich herauf
und je wilder es am Himmel war desto lautloser war es über der Erde Kein Vogel
strich mehr durch die Luft bloß ein Lämmlein schrie in der Ferne Uli ward es
bang »Das kommt bös« sagte er »Ich habe es noch nie so gesehen Da ist ein
großer Zorn am Himmel wenn ich nur daheim wäre Hageln wird es so Gott will
nicht es ist mir wegen Einschlagen es ließe mir niemand das Vieh heraus In
einer guten Viertelstunde zwinge ichs« Wie er das für sich selber sagte ward
er scharf auf eine Hand getroffen Er zuckte zusammen sah um sich sah einzelne
Hagelsteine aufschlagen auf der Straße durch die Bäume zwicken nur hier und da
einer ganz trocken ohne Regen aber wie große Haselnüsse waren die Steine Es
wird doch nicht sein sollen dachte Uli und sein Herz zog sich zusammen dass
das Blut nicht Platz hatte in demselben dessen Wände zu zersprengen drohte Es
hörte wieder auf Uli dachte »Gottlob es wird nicht sein sollen böser hätte
es nie gehen können als gerade jetzt so kurz vor der Ernte und jetzt bin ich
daheim oder so viel als« Uli stund auf einem kleinen Vorsprunge wo der Weg
nach der Glungge abging und das ganze Gut sichtbar vor ihm lag da zwickte ihn
wieder was und zwar mitten ins Gesicht dass er hoch auffuhr ein großer
Hagelstein lag zu seinen Füßen Und plötzlich brach der schwarze Wolkenschoss
vom Himmel prasselten die Hagelmassen zur Erde Schwarz war die Luft betäubend
sinneverwirrend das Getöse welches den Donner verschlang Uli barg sich mühsam
hinter einen Kirschbaum welcher ihm den Rücken schirmte verstiess die Hände in
die Kleider senkte den Kopf bestmöglich auf die Brust musste so stehen bleiben
froh noch sein dass er einen Baum zur Stütze hatte weiterzugehen war eine
Unmöglichkeit
Da stund er nun gebeugt am Baume in den sausenden Hagelmassen seines Lebens
kaum sicher fast wie an den Pranger gebunden vor seinen vor kurzem so schön
prangenden Feldern welche jetzt durch die alles vernichtenden Hagelwolken
verborgen waren Uli war betäubt keines klaren Gedankens fähig er stund da wie
ein Lamm an der Schlachtbank er hatte nichts als ein unaussprechlich Gefühl
seines Nichts ein Zagen und Beben an Leib und Seele das oft einer Ohnmacht
nahekam dann in ein halb bewusstlos Beten überging Das Zagen und Beben entstund
eben aus dem dunkeln Gefühl dass die Hand des Allmächtigen auf ihm liege
So stund er eine Ewigkeit wie es ihm vorkam in Fetzen schien Gott die Erde
zerschlagen zu wollen Da nahm das schreckliche Brausen ab wie eine milde
liebliche Stimme von oben hörte man das Rollen des Donners wieder sah die
Blitze wieder zucken der Gesichtskreis dehnte sich aus die Schlacht tobte
weiter die Wolkenmassen stürmten über neue Felder rasch hörte der Hagel auf
freiern Atem schöpfte wieder der bis zum Tode geängstigte Mensch
Auch Uli hob sich auf zerschlagen und durchnässt bis auf die Haut aber das
fühlte er nicht Vor ihm lag sein zerschlagener Hof anzusehen wie ein Leichnam
gehüllt in sein weißes Leichentuch von den Bäumen hing in Fetzen die Rinde und
verderblich rollten die Bäche durch die Wiesen Aber Uli überschlug den Schaden
nicht schlug die Hände nicht über dem Kopfe zusammen fluchte nicht
verzweifelte nicht Uli war zerknirscht war kraftlos an Leib und Seele fühlte
sich vernichtet von Gottes Hand niedergeschlagen Ob er was dachte oder nicht
wusste er nie zu sagen Er wankte heim merkte Vreneli nicht welches weit vom
Hause die Knechte regierte dass sie Einhalt täten den stürmenden Wassern bis es
ihm um den Hals fiel mit lautem Jubel und sprach »Gottlob bist da Nun wenn du
da bist ist alles wieder gut und gut zu machen Aber was ich für einen Kummer
um dich ausgestanden das glaubst du nicht Mein Gott wo warst in diesem
Wetter Gewiss im Freien und kamst lebendig davon« Die freundliche Teilnahme
weckte Uli aus der stumpfen Betäubung doch bloß bis zu den Worten »Es wäre
vielleicht besser anders mir wäre es wohl gegangen und niemand übel« »Nit
nit« sagte Vreneli »versündige dich nicht Es ist übel gegangen viel zu übel
als es am stärksten machte wollte es mir fast das Herz abdrücken es war mir
als sollte ich dem lieben Gott zuschreien was er doch denke Da fiel mir ein
du könntest im Wetter sein vom Blitze getroffen werden oder sonst übel
zugerichtet Da war es mir weder um Korn noch Gras noch Bäume mehr es kommt ein
ander Jahr und da wachsen wieder andere Sachen aber wenn es nur Uli nichts
tut dieser recht nach Hause kommt so macht alles andere nichts ward mir Da
fasste ich mich und sobald man vor das Dach durfte sah ich nach dem Wasser und
siehe da kommst du daher und jetzt ist alles gut Jetzt komm heim du hast es
nötig« »Siehst« sagte beim Gehen Uli »kein Halm steht mehr kein Blatt ist an
den Bäumen alles am Boden alles weiß wie mitten im Winter Was jetzt« Er
stund still und zeigte Vreneli hin über das Gut
Es bot wirklich einen herzzerreissenden Anblick sah schaurig aus ein
Schlachtfeld Gottes wo seine Hand über den Saaten der Menschen gewaltet
Unwillkürlich tränten Vrenelis Augen und seine Hände falteten sich aber es
suchte sich stark zu machen es sagte »In Gottes Namen es sieht schrecklich
aus aber denk Gott hat es getan wer weiß warum Wir müssen es nehmen wie er
es gibt er der uns geschlagen hat kann uns auch helfen mit Kummern und
Klagen richten wir nichts aus Denk wie es heißt Sorget nicht für den
morgenden Tag es ist gut dass jeder Tag seine eigene Plage habe« »Das steht
schön geschrieben aber wer kann es so nehmen« sagte Uli »bsunders « Doch
Vreneli fiel ihm ins Wort und sagte »Nit nit Uli Immer denken muss man so
dann kommt es einem auch so ins Herz und man weiß nichts mehr anders Aber sieh
was ist das Du mein Gott« Es war eine Brut junger Wachteln wahrscheinlich
hatte die Mutter mit ihren Kleinen ins nahe Gebüsch fliehen wollen und als sie
merkte dass es nicht ging die Jungen welche ihr gefolgt noch einmal unter
ihre schirmenden Flügel gesammelt und so mit ihnen den Tod gefunden Sie lag mit
ausgebreiteten Flügeln tot unter denselben und um sie her ihre Jungen alle sie
war den Tod der Treue gestorben »So wäre es einem am wöhlsten« sagte Uli
Vreneli antwortete nicht darauf sondern sammelte die armen Tierchen in seine
Schürze und sagte Die müsse ihm keine Katze fressen oder ein ander wüst Tier
Die Alte mit ihren Kindern verdiene begraben zu werden wie ein Mensch denn
braver als mancher Mensch hätte sie gehandelt
Unter dem Dache seines Stöckleins steckelte Joggeli im Hagel der dort hoch
aufgetürmt lag und sagte »Groß wie Baumnüsse sind sie so große Steine sah ich
nie Es war ein schrecklich Wetter es weiß kein Mensch wie übel es gegangen
gleich vor der Ernte das wird manch Lehnmannli schütteln und erlesen Aber sie
sind selbst schuld warum tun sie nicht in die Assekuranz gerade für solche
Leute die ein Hagelwetter nicht ertragen mögen wäre sie Aber wunder nimmt es
mich warum es gerade in diesem Jahre nach siebzig Jahren zum erstenmal wieder
gehagelt hat und so grob da muss was Apartes dahinter sein ich wüsste sonst
nicht warum Gott es gerade jetzt wieder hätte hageln lassen Wenn es nur so
wegen dem allgemeinen Gebrauch wäre so wäre es schon lange wieder geschehen
aber warum gerade jetzt wieder Das dünkt mich kurios« Er erhielt keine
Antwort Als sie ins Haus waren sagte Joggeli »Jetzt ist dem das Reden doch
einmal auch vergangen es dünkt mich nicht anders Ich will nicht sagen dass ich
es ihm gönnen mag aber recht ist dass dem auch mal was auf die Nase kommt Wenn
ich nur schon meinen Zins hätte da lässt sich zur rechten Zeit zusehen dass ich
zu meiner Sache komme«
Vreneli unterdrückte mit aller Macht Klagen und Kummer war mit aller
Teilnahme um Uli besorgt legte trockne Kleider zurecht bereitete einen guten
Kaffee der Weiber Tröster in allen Nöten Aber duster blieb Uli sprach nicht
legte statt zu essen und zu trinken den Kopf in die Arme auf den Tisch und
seufzte tief Vreneli sprach zu guten Muts zu sein das sei die Hauptsache Noch
hätten sie auch noch etwas hätten gute Leute und an dem was Gott tue sei
doch noch selten jemand zugrunde gegangen wenn er standhaft geblieben und Herz
und Kopf am rechten Flecke behalten wer zugrunde gehe sei gewöhnlich selbst
daran schuld »Eben das ists« sagte Uli »du weißt darum nicht alles« »Und
wenn du den Prozess auch verloren hast« sagte Vreneli »so macht das wieder
nichts es geht nicht um Frankreich es ist ein Lehrgeld für ein andermal« »Ja
wenn ich ihn verloren hätte da wäre es wohl gut ich wäre dessen noch froh
dann hätten wir das Hagelwetter nicht und ich nichts auf dem Gewissen welches
mir niemand mehr von demselben nimmt«
Nun erzählte er Vreneli wie er den Prozess gewonnen nach dem Gesetze habe
er recht gehabt so hätten es die Richter gesagt Angelogen habe er das Mannli
das sei wahr aber das sei nicht gegen das Gesetz gewesen und über den Gewinn
sei er ganz froh gewesen bis das Mannli von Weib und Kindern gesprochen und ihm
angewünscht dass Gottes Hand ihn entweder beizeiten treffen oder er am Galgen
sterbenmöchte Die Worte hätten ihm schwer gemacht und nicht aus dem Sinne
wollen es sei ihm immer gewesen wäre er nur daheim aber an ein Hagelwetter
habe er nicht gedacht da es ja hier nicht hagle höchstens alle hundert Jahre
einmal Er habe wohl gesehen dass es hagle gegen das Oberland er habe den
Zusammenstoß der Wetter gesehen und wie sie einander heraufgetrieben gerade
gegen ihn zu es sei ihm kalt geworden ums Herz er habe denken müssen kommt
ein Blitz und trifft er dich Als der Hagel losgebrochen als er wie ein armer
Sünder am Halseisen unter dem Baume gestanden da habe er den Blitz erwartet und
nichts denken können als Gott sei meiner armen Seele gnädig Mit dem Leben sei
er davongekommen aber was jetzt Ein armer Tropf solange er lebe dass ärmer
keiner auf der Welt sei Er sei nun um seine Sache sei um ein gutes Gewissen
müsse sein Lebelang denken er habe sich und noch einen unglücklich gemacht und
wenn er schon gut machen wollte so seien ihm die Hände gebunden da er selbst
nichts habe Als der Alte vorhin gesagt es nehme ihn wunder warum es gerade
jetzt hageln müsse da hätte er es ihm sagen können aber nichts als wünschen
wenn er doch nur zehntausend Klafter tief unter dem Boden wäre
Vreneli hatte mit Beben Ulis Beichte gehört Es war weit entfernt die Sache
leicht zu nehmen und Uli die Art wie er das Gewitter auffasste auszureden Es
hatte einen innigen Glauben an den Zusammenhang der göttlichen Fügungen mit den
menschlichen Handlungen glaubte an eine Vorsehung welche die Haare auf dem
Haupte kennt und die Sperlinge auf dem Dache behütet es glaubte an die
zeitlichen Strafen aber als eine Zucht welche wirken soll bei denen welche
Gott lieben eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit Als es stumm dagesessen
und lange um das rechte Wort gerungen und es nicht gefunden klagen Vorwürfe
machen wollte es nicht und wie trösten da stund es plötzlich auf holte das
heilige Buch suchte fand und las »Betrachtet doch den der ein solches
Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat auf dass ihr nicht matt
werdet den Mut fallen lasset Ihr habt noch nicht bis aufs Blut widerstanden
über dem Kämpfen wider die Sünde Und Lieber habt ihr schon allbereits
vergessen die Vermahnung die mit euch als mit Söhnen redet Mein Sohn spricht
sie achte nicht gering die Züchtigung des Herrn und verzage nicht wenn du von
ihm gestraft wirst denn welchen der Herr lieb hat den züchtigt er er geisselt
aber einen jeglichen Sohn den er aufnimmt So ihr die Züchtigung erduldet so
erbeut sich Gott gegen euch als gegen Söhne denn welcher Sohn ist den der
Vater nicht züchtigt Seid ihr aber ohne Züchtigung deren sie alle sind
teilhaftig worden so seid ihr Bastarde und nicht Söhne Danach so haben wir
die Väter unseres Fleisches zu Züchtigeren gehabt und sie gescheuet sollten wir
dann nicht viel mehr untertan sein dem Vater der Geister dass wir leben Denn
jene haben uns gezüchtigt wenig Tage nach ihrem Gutdünken dieser aber züchtigt
uns zunutze auf dass wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden Eine jede
Züchtigung aber wenn sie gegenwärtig ist dünket sie uns nicht Freude sondern
Traurigkeit zu sein aber danach gibt sie denen die durch sie geübet sind
eine friedsame Frucht der Gerechtigkeit Darum richtet wieder auf die sinkenden
Hände und die müden Knie und macht richtige Wegleisen euren Füßen auf dass
nicht was lahm ist abgestoßen werde sondern vielmehr gesund werde Jaget dem
Frieden nach gegen jedermann und der Heiligung ohne welche niemand den Herrn
sehen wird Und seht darauf dass nicht jemand Gottes Gnade versäumet dass nicht
etwa eine Wurzel der Bitterkeit auf wachse und Unruhe anrichte und Viel durch
dieselbige befleckt werden«
»Das wäre schön« sagte Uli als Vreneli zu lesen aufhörte und ihn ansah
»wer es fassen könnte« Da wurde er abgerufen die Knechte fühlten einmal dass
sie den Meister bedurften Die Ställe waren voll Vieh und keine Hand voll Gras
wäre in diesem Augenblick auf dem ganzen Gute zu haben gewesen die Trümmer
waren mit Hagel bedeckt das neue Heu noch in Gärung Da kam es Uli wohl dass er
dafür sorgte so viel als möglich durch den größten Teil des Sommers altes Heu
zu haben dies kommt in gar vielen Fällen äußerst bequem immer ists freilich
nicht zu machen es gibt Jahre wo man froh ist wenn Heu und Gras einander
erreichen
Vreneli war sehr bewegt in seinem Gemüte es fühlte wohl wie schwer es sei
den wahren Trost zu fassen wie schwer über alle irdischen Kümmernisse den
Glauben zu erheben dass das was Gott tue wohlgetan sei Es pries als ein groß
Glück das Unglück wenn dadurch Uli aus dem Wirbel des Zeitlichen dem höheren
Ziele zugewendet worden aber dazwischen kamen ihm doch die Sorgen was werden
wir essen und womit werden wir uns kleiden Am tiefsten ergriff ihns dass indem
sie unglücklich geworden und geschlagen das Mannli seine Sache doch nicht
wieder hätte doch vom Höflein komme mit den Kindern dem heiligen Almosen nach
müsse dass sie nicht imstande seien ihn mit Geld zu sühnen was sie aufund
anbringen möchten gehöre Joggeli dem alten Gläubiger und wie es herauskäme
wenn sie diesem geben würden was sie ihm nicht schuldig seien und da nicht
zahlen wo die Schuld verschrieben sei Das plagte ihns Es sagte sich freilich
das Mannli sei auch etwas schuld an der Sache es habe sich immer sehr hässig
gebärdet und aufbegehrt wenn es freundlicher getan so hätte Uli vielleicht
nachgegeben Indessen hatte eben das Mannli recht und Uli unrecht Vreneli wusste
sich nicht anders zu helfen als die Sache auf Gott zu stellen ihn zu bitten
dort gut zu machen was selbst zu tun er ihnen selbst die Hände gebunden
Das Haus war ihnen also nicht verbrannt aber alles was auf dem Gute
grünte verhagelt worden So geht es oft man fürchtet etwas als das größte
Unglück damit wird man verschont dagegen bricht ein anderes über uns herein
an das man nicht gedacht welches aber viel größer und schwerer ist
Der Morgen nach einem Brande ist ein trauriger Morgen da steht man an der
Brandstätte und denkt ans Haus wie es gewesen und was alles darin gewesen Dann
geht man auf die Brandstätte sucht im rauchenden Schutte dieses jenes das
eine findet man nicht von anderm Bruchstücke die nicht zu brauchen sind dann
will man traurig weg und kann doch nicht und immer wieder zieht es einem
zurück zu suchen nach diesem nach jenem zu schauen wie es jetzt ist zu
denken wie es gewesen
Aber nicht viel weniger traurig ist der Morgen nach einem großen
Hagelschlag besonders für einen Pächter der den verschiedenen Pflanzungen
nachgeht traurig die Stummel und Trümmer betrachtet und überschlägt Soviel
hätte mir dieses ertragen soviel jenes und jetzt nichts die Bäume betrachtet
und denkt So manches Jahr sind sie nun unfruchtbar und viele sterben denken
muss Wo jetzt zu essen nehmen was jetzt pflanzen dass man im Herbst doch noch
einen kleinen Ertrag hat etwas für die allerhöchste Not Das sind traurige
Wanderungen besonders wenn bei der Heimkunft der Pachterr unter dem Dache
steht und sagt »Höre du was ich sagen wollte es wäre mir lieb wenn du mir
geben könntest was du mir vom vorigen Jahre noch schuldig bist es war diesen
Morgen jemand bei mir und ich sollte Geld haben« Besonders wenn man dazu noch
angegriffen ist an Leib und Gemüt alle Glieder schmerzen die Beine so schwer
sind dass man glaubt sie gingen knietief in der Erde und die Seele so voll
ist dass man sich hinlegen sterben möchte der Mut zu allem fehlt Vreneli
munterte Uli auf gab verständigen Rat tröstete ihn über Joggelis Unverstand
dass der nichts zu bedeuten hätte doch alles umsonst Uli blieb zerschlagen in
Gliedern und Gemüt
Nachmittags sagte ihm Vreneli sie wollten zusammen die mit dem Gute nicht
zusammenhängenden Äcker besuchen Auf einem derselben der durch einen Hügel vom
Ganzen getrennt war hatten sie eine sehr bedeutende Kartoffelpflanzung Mit
großer Mühe konnte Vreneli ihn dazu bewegen und bloß durch die Vorstellung dass
sie doch zusehen müssten ob man noch irgend einen Ertrag erwarten könne oder
neue setzen müsse Wenn man gleich dran hingehe so könne man bis im Spätherbst
noch Erdäpfel erwarten besonders von rasch wachsenden schnell reifenden
Sorten In den nähern Äckern fanden sie die gleiche Verheerung mit großer Not
bewegte Vreneli den Mann noch zu den Erdäpfeln zu gehen Er möge nicht sagte
Uli es seien ihm die Beine wie zusammengebunden Vreneli gab nicht nach Uli
ging Als sie auf der Höhe waren sahen sie zu ihrer großen Verwunderung den
ganzen Acker fast unversehrt Je stärker ein Hagelschlag ist desto schärfer ist
er zumeist begrenzt Auf der einen Seite eines Weges oder eines Zaunes sieht man
alles zerschlagen auf der andern keine Spur eines Hagelkorns Fast laut auf
hätte Vreneli gejauchzt Es fühlte so recht die Freude über etwas welches man
verloren geglaubt und unversehrt wieder gefunden Es nahm es als ein Pfand dass
alles besser kommen werde als es den Anschein habe »Nun freue dich Uli«
sagte es »hat man Kartoffeln so hat man alles die Sache wird sich schon
machen« »Ja wenn es mit dem Essen gemacht wäre« sagte Uli »Es wäre schier
besser es wäre alles im gleichen Loch so wüsste man woran man wäre was helfen
Erdäpfel« Dem Mutlosen gilt alles nichts dem Mutigen wenig viel
Am folgenden Tag fuhr ein Wägelchen an Vreneli stieß einen Schrei der
Freude aus Uli hob kaum den Kopf denn ihm war noch schlimmer als am vorigen
Tag Auf dem Wägelchen saßen der Bodenbauer und seine Frau Sie waren lange
nicht dagewesen hatten das Unglück vernommen kamen nun selbst zu sehen wie
es stehe und welche Hilfe die beste sei es waren wahre Freunde in der Not Sie
sahen mit innigem Mitleid die Verwüstung wie ihnen seit langem keine
vorgekommen besonders erbarmten sie die armen Bäume welche jahrelang siechen
und fruchtlos bleiben mussten Auf Vrenelis Antrieb gingen sie allenthalben
herum und Vetter Johannes musste raten und sagen was man vorzukehren hätte um
noch so viel möglich Nutzen zu ziehen aus diesem und jenem was umzufahren sei
was man stehen lassen was ab mähen solle usw Uli war wohl auch dabei aber es
war fast als ob er keine Ohren hätte die Sache ihn nichts anginge Joggeli
trappete auch nach gab hier und dort verblümte Stiche die niemanden trafen als
Vreneli welches seine Redeweise am besten kannte Es lud ihn ein mit ihnen zu
essen er gab jedoch zur Antwort sie hätten ihre Sache selbst zu brauchen und
niemanden nötig ihnen dabei zu helfen
Dem Bauer und der Bäuerin war Ulis Niedergeschlagenheit aufgefallen nach
der Weise bedächtiger Leute hatten sie aber nichts davon gesagt Nach dem Essen
stellte Vreneli nach Landessitte wo der Wein erst nach dem Essen erscheint
wenn nämlich welcher erscheint eine Maß auf den Tisch und schenkte ein »Warum
hast doch Kosten« sagte die Bodenbäurin »wir haben es nicht nötig und ihr das
Geld sonst zu brauchen daneben wenn ihr was nötig habt so sprechet zu wenn
wir es haben so soll es nie Nein heißen Gerade in solchen Zeiten hat man
einander nötig gehts gut so kann man es alleine machen« »So ists« sagte der
Bodenbauer »und was meine Frau sagt ist nicht bloß geredet sondern ist Ernst
Aber sag mir Uli was ist mit dir Dich kenne ich gar nicht wieder warst sonst
doch nicht so verdrückt und ohne Mut warst wohl manchmal obenaus und ließest
wieder die Flügel sinken vor der Zeit aber wenn du sahst dass man dir zu
helfen begehre und man dir das Kinn in die Höhe drückte so warst wieder ein
Mann Aber heute will gar nichts anschlagen bei dir essen und trinken tust du
nichts reden nichts und seit einer Weile ists als hörtest du nichts Rede
was ists« »Ich bin nicht zweg« sagte Uli matt »es ist mir in allen Gliedern
es ist mir als wäre ich unter der Erde Es wäre gut ich wäre es schon denn an
allem bin ich schuld« Vreneli wollte unterbrechen der Bodenbauer fragte Uli
sagte zu Vreneli »Rede selbst und sag wie die Sache sich verhält es tut mir
der Kopf so weh Sage nur alles es ist am besten sie wissen wie es ist«
Vrenelis Verstand sah alsbald dass Offenheit hier am Platze sei Johannes
war Bürge und wenn jemand mit Rat und Tat beistehen konnte so war er es Wenn
man Beistand will muss man offen sein nichts schreckt hülfsbereite Menschen
mehr ab als wenn sie merken dass man ihnen viel oder die Hauptsache
verheimlicht wodurch jede Hilfe nichts ist als in einen Abgrund geworfene
Schätze Vreneli erzählte klar aber so schonend als möglich Als es ihre
Finanzzustände auseinandersetzte berührte es begreiflich auch das Verhältnis
mit Wirt und Müller aber nur leise so dass wer nicht die ländlichen
Verhältnisse ganz genau kannte nichts Besonderes bemerkte Ebenso machte es es
mit dem Prozess als es aber zu dessen Ende kam und dessen Zusammenhang mit dem
Hagelwetter erzählte und wie Uli dies jetzt so schwer nehme da sagte die
Bodenbäurin ein über das andere Mal »Mein Gott mein Gott ist das möglich«
und der Bodenbauer meinte so was sei doch wirklich seit langem nicht er lebt
worden Aber wenn es so sei so solle Uli sich eben trösten denn es sei ein
Zeichen dass Gott es gut mit ihm meine Eine Züchtigung und sei es auch ein
solch Hagelwetter sei doch immer besser als am Galgen zu sterben Auch vergaß
Vreneli nicht zu erwähnen wie Joggeli keinen Verstand habe was sie auch an ihm
täten Doch hätte dieses so viel nicht zu bedeuten denn Ernst würde er von sich
aus nicht machen aber Sohn und Tochtermann seien immer geldbedürftig ließ
sich vielleicht seine Anforderungen abtreten oder beschummelten ihn auf andere
Weise dass sie zwischen Tür und Angel kämen Es sei Keinem zu trauen namentlich
der Tochtermann sei des Ärgsten fähig und Joggeli obgleich beständig
aufbegehrend sei so leicht einzuschüchtern wie ein Huhn und obgleich alle
Menschen tadelnd in vielen Dingen einfältiger als die dümmste Frau So sei er
nicht immer gewesen aber das Alter sei da und die Frau fehle ihm
Johannes ging hinüber zu Joggeli und hatte eine lange Konferenz mit ihm
Diese Konferenz war keine Intervention auch keine Mystifikation auf die Weise
wie ein übermütiger englischer Junge sie wohl probiert an neugebackenen
Diplomaten sondern sie war bloß ein Sondieren ein freundlich Bestimmen ein
Zusichern man sei dann auch noch da und deswegen solle Joggeli keinen Kummer
haben sondern bloß Geduld wenn es sein müsse Das Beste versprach Joggeli
denn Respekt hatte er vor dem Bodenbauer und als die besten Freunde schieden
sie Darauf hatte Johannes noch eine Privatkonferenz mit Vreneli »Sieh
Fraueli« sagte er »dein Mann ist nicht zweg das Zeug hat eingeschlagen bei
ihm es ist sich aber auch nicht zu verwundern so was wird nicht alle Tage
erlebt daneben ists besser nicht zu viel davon zu reden einstweilen Lass
morgen den Doktor holen besser wärs er würde krank als dass es ihm ins Gemüt
schlägt das ist schwer zu heilen Du musst die Zügel fassen lass alsobald dies
und jenes machen und wenn du mich nötig hast oder Geld willst so lass es mir
sagen Bös stehts nicht mit euch aber gut wärs ihr stündet in keinen
Rechnungen das ist ungut besonders wenn euer Hausbuch nicht in Ordnung ist
was kaum sein wird Ich kenne das Hagelwerk und die Hagle welche auf diese
Weise handeln nie rechnen wollen und endlich wenn es sein muss mit Rechnungen
ausrücken vor welchen des Teufels Großmutter sich schämen würde Du kannst
daran nichts machen musst warten bis Uli wieder zweg ist aber dann muss die
Sache abgetrieben sein und ausgemacht bis auf den letzten Kreuzer Können solche
Leute einem nur die Fingerspitze berühren so wird man ihrer nie los Dann sage
aber Uli alle Tage Ehrlich währt am längsten dass er es nie mehr vergisst Von
Joggeli habt ihr einstweilen nichts zu fürchten daneben kann man auf solche
Leute sich nie verlassen es kommt immer darauf an wer zuletzt bei ihnen ist
Sieh gut zu ihm so viel Verstand hat er noch dass er dies einsieht« Vreneli
jammerte wegen Uli Wenn man meine man habe das größte Unglück erlebt welches
möglich sei so zeige sich schon ein anderes noch viel größeres dass man bitten
müsse Nur das nicht und versprechen das Vergangene wolle man gerne ertragen
und nicht mehr klagen So habe es es jetzt vom Hagelschaden wollte es nun
nichts mehr sagen wenn nur Uli zweg wäre der mache ihm jetzt den größten
Kummer »Zeige ihn nur nicht und rede nicht zu viel mit ihm von der Sache es
wird schon bessern aber man muss einige Zeit vorüberlassen Hast gehört sei nur
nicht verzagt es war schon Mancher tiefer drin und kam wieder zweg«
Auf dem Heimwege sagte er seiner Frau »Es ist doch kurios mit dem Menschen
Dass Uli so einfältig sei und so dumm tun könnte hätte ich mein Lebtag niemand
geglaubt aber es muss halt alles gelernt sein auf der Welt und wenn einer auf
einem Platze gut ist, so ist es noch lange nicht gesagt dass man ihn auf einem
andern auch wieder brauchen könne Da war der Uli ein vortrefflicher Knecht
besser war er nicht zu wünschen jetzt als Pächter macht er dummes Zeug und
wenn man nicht zu ihm sieht so stellt es ihn auf den Kopf Es ist halt Mancher
ein guter Soldat und ein schlechter Oberst Ist sparsam häuslich hat bös und
macht doch alles was dumm ist und zu nichts führt macht den guten Mann
handelt mit Händlern prozediert hat schlechtes Gesinde es fehlen nur noch die
Juden Übersteht ers so zweifle ich nicht daran es gibt noch ein Mann aus ihm
die Frau ist gut die hält ihm den Kopf über dem Wasser Gut ists dass es zu
rechter Zeit so kam später hätte es doch fehlen können aber merkwürdig ists
wie unser Herrgott die Menschen fasst« »Der alte Gott lebt gewiss noch« sagte
die Bäurin »ich zweiflete zwar nie daran aber wohl hart hat er es dem armen
Uli gemacht Es ist noch die Frage ob er es aussteht er hat zuletzt Sachen
gesagt wo ich nicht wusste war er noch bei Verstand oder nicht« »Habe nicht
Kummer« sagte der Bodenbauer »wen Gott doktert der geht an diesem Doktern
nicht zugrunde er ist kein junger Pfuscher der sich im Zeug vergreift und
pfundweise gibt was man bloß lotweise verträgt er kennt das Maß was einer
ertragen mag und was ihm gut ist er wird es wohl machen« »Amen« sagte die
Frau
Zwanzigstes Kapitel
Des Spruches Folgen
Vreneli war von den seltenen Weibern welche regieren und gehorchen können
beides am rechten Orte das sind rare Vögel Es lief nicht umher wie ein
Kiebitz wenn er einen Frosch sieht mit schrecklichem Geschrei »Was soll ich
machen Was soll ich machen« und machte am Ende von allem was man ihm angab
das Gegenteil damit die Welt merke wer da regiere und Meister sei Es regierte
auch nicht von vornenherein in die Kreuz und in die Quer und fuhr nachher wenn
alles krumm kam herum um Rat wie eine Katze welcher man Nussschalen an die
Tälpchen oder Glöcklein an den Schwanz gebunden Diese Sorten von Weibern sind
weniger rar Vreneli war es weder um eine törichte Erhebung seiner Person zu
tun noch war es von einer törichten Selbstverblendung besessen welche so rasch
in trostlose Ratlosigkeit übergeht Vreneli war es um die Sache zu tun es besaß
die Klarheit des Geistes zu erkennen den besten Rat die Selbstüberwindung ihn
da mit Dank zu nehmen wo es ihn fand und die Kraft ihn mit Energie als ob er
in ihm selbst entstanden durchzuführen
Uli mochte am andern Morgen wirklich nicht aufstehen lag in einer
Abspannung welcher Vreneli keinen Namen zu geben wusste Der Doktor ward
berufen sah den Zustand lange an und sagte endlich er wisse nicht recht wo
das hinaus wolle er wolle etwas geben und ein oder zwei Tage die Wirkung
abwarten Es war der gleiche Arzt zu welchem die Base ihr Zutrauen gehabt und
es auf Vreneli vererbt hatte Joggeli konnte ihn aber durchaus nicht leiden er
behauptete immer derselbe habe seine Frau getötet aber sie sei selbst schuld
gewesen hätte sie einen andern gebraucht so hätte sie noch bis zum jüngsten
Tag leben können Sobald der Arzt fort war kam Joggeli dahergesteckelt und
frug was es gegeben dass der wieder da sei Es wäre ihm lieber gewesen er
hätte ihn nicht mehr sehen müssen Er erschrak sehr als er hörte Uli sei im
Bett und gar nicht zweg der Doktor wisse noch nicht recht wo die Sache hinaus
wolle die Krankheit habe den entscheidenden Charakter noch nicht angenommen
Das glaube er sagte Joggeli das wisse der noch nicht aber lang könne man
warten bis es ihm in Sinn komme Man werde doch nicht wollen den brauchen der
verstehe sich auf das Wasser nicht sehe es kaum einmal an verstehe sonst
nichts wenn man es begehre so wolle er es Lürlipeter sagen dass er komme wenn
man den nur höre so dünke es einem es habe schon gebessert so verstehe der
die Sache dar zutun und könne exakt sagen wo es fehle Joggeli hatte sehr
Angst nicht sowohl wegen Uli sondern wegem Gelde plagte daher Vreneli sehr
bald mit dem Gelde und bald mit dem Arzte Dazu hetzten ihn der Tochtermann und
teilweise auch der Sohn auf Er sehe ja dass das nicht gehe er solle machen
dass die Schuld nicht zu groß werde sonst habe er das leere Nachsehen Was er
dem Bodenbauer versprochen war vergessen und was Vreneli jetzt für eine Zeit
hatte das kümmerte ihn nicht denn Vetter Joggeli hatte sich nie in die Lage
eines Andern gedacht zum Mitleiden war er nicht geschaffen
Vreneli hatte viel auf den Schultern sehr viel eine Menge Arbeiten mussten
rasch gemacht werden um den Boden einigermaßen noch zu benutzen und den Schaden
zu verkleinern dazu schlechtes Gesinde Uli in einem hülflosen Zustande zu
welchem der Arzt den Kopf schüttelte ein Nervenfieber hatte ihn erfasst Wenn
man ihm zuvorkommen möchte sagte der Arzt zwar habe er diese Wendung so ungern
nicht viel lieber als wenn es sich ihm ins Gemüt verschlagen hätte Bei
solchen Krankheiten merke der Arzt wie alles Wissen Stückwerk sei gar
wundersam seien leibliche und geistige Zustände in einander verflochten diese
Verschlingungen zu verfolgen gebe es keine Brille man möge deren nehmen von
welcher Sorte man wolle Zu diesem allem immer den nachsteckelnden Joggeli mit
seinem Gestürm wegen Lürlipeter und wegen dem Gelde Vreneli ertrug ihn mit
großer Geduld aber endlich wusste es sich nicht mehr zu helfen und schrieb dem
Bodenbauer
Der kam und wusch Joggeli tapfer den Kopf zahlte ihm zugleich auch den
Rückstand »Aber jetzt plaget mir die Frau nicht mehr das ist eine die Hosen
anhat und tüchtiger ist als mancher Mann Wenn unser Herrgott einem Menschen
Unglück geordnet hat so sind die andern Menschen nicht dafür da dass sie nun
auch auf ihn losfahren und ihm vollends den Garaus machen sondern um Geduld zu
haben und nach Kräften zu helfen« Zugleich suchte er mit Joggeli wegen dem
Hagelschaden in Beziehung auf den laufenden Zins zu unterhandeln Ehe eine
Hagelversicherungsanstalt da war stund in den meisten Pachtakkorden ein
Artikel welcher das Verhältnis bestimmte nach welchem Pächter und Pachterr
den etwaigen Hagelschaden tragen sollten Jetzt übergeht man entweder diesen
Punkt ganz der Pachterr überlässt dem Pächter zu versichern oder nicht
kümmert sich dann aber um den etwaigen Schaden nicht oder aber es wird
bestimmt dass man versichern solle und ein Beitrag des Pachterrn zu den
Versicherungsgeldern bestimmt So etwas stund auch im Akkord auf der Glungge
Aber nun hatte Joggeli zu Uli gesagt »Sei doch nicht ein Tropf und versichere
was willst du für die zahlen welche alle Jahre verhagelt werden Es hagelt ja
nie hier Wenn du zehn Jahre zusammenlegst was es dich in die Kasse jährlich
kosten würde so kannst du ruhig im eilften hageln lassen und vielleicht hagelt
es die nächsten fünfzig Jahre noch nicht« Uli gefiel das er hatte das Geld
nötig behielt daher gerne den Kreuzer und vergaß den Taler der dadurch
gefährdet war Er dachte nicht an die Hälfte welche Joggeli an die Kasse zahlen
musste und nicht daran Joggeli zu fragen »Und wenn es dann hagelt tragt Ihr
mit die Hälfte des Schadens« Auch der Bodenbauer als Bürge hatte vergessen
dar nach zu fragen Er wusste was im Akkord stund und hielt Beide für gescheut
genug den Artikel zu erfüllen Er war erschrocken als er hörte wie es stund
und ging nun hinter Joggeli Joggeli gab als er den Rückstand eingestrichen
hatte den besten Bescheid aber keinen einlässlichen Das werde sich schon
machen wenn es um das Zahlen zu tun sei könne man dann sehen jetzt wüsste man
ja noch nicht einmal recht wie groß der Schade sei »Wie teuer Vetter« frug
der Bodenbauer »wollt ihr das Übriggebliebene« »Bin nicht kauflustig« sagte
Joggeli »was sollte ich damit machen«
Mit Uli stund es bedenklich er war tagelang verirret wie man zu sagen
pflegt und was auf dem Lande gewöhnlich als ein sicheres Zeichen eines
hoffnungslosen Zustandes angesehen wird Er lag bewusstlos in Fiebern und sprach
gar seltsame Sachen dass denen welche es hörten ganz bange war denn besonders
viel hatte er mit dem Teufel zu tun und den Züchtigungen welche er ihm antat
Wenn nun Vreneli den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war sich fast
allgegenwärtig gemacht hatte dass oft ein Knechtlein oder eine Magd sagte »Die
Donners Frau ist die schon wieder da Wenn die nicht schon eine Hexe ist so
wird sie eine zählt darauf« so saß es des Nachts an Ulis Bett und wachte
Das sind schwere bedeutsame Stunden welche ein Weib am Bette ihres Gatten
der zwischen Leben und Tod in der Schwebe liegt durchwacht Das Geräusch des
Tages ist verstummt das Ab und Zugehen hat aufgehört das Schaffen und
Befehlen hat ein Ende das wachende Weib ist ungestört und alleine beim kranken
Manne über ihnen ist Gott wohl ihnen wenn er auch zwischen ihnen ist Ist der
Mann seiner Lage sich bewusst so werden es Stunden der Heiligung sie gleichen
den Stunden in den Tagen der ersten Liebe was das Herz bewegt geht über die
Zunge man freut sich in weicher Rührung der schönen vergangenen Tage dankt
sich für Liebe und Treue Geduld und Sanftmut bespricht die gegenwärtige Lage
und wenn das Weib jammert um die Zukunft das Schicksal der Witwen und Waisen
die Not einer Mutter mit Kindern ohne Vater so tröstet der Mann gibt weise
Räte und stärkt des Weibes Gemüte indem er sie dem Allmächtigen empfiehlt dem
Vater der Witwen und Waisen Wenn sie betet um sein Leben und dass dieser Kelch
an ihr vorübergehen möchte so sagt er Amen dazu »doch nicht unser sondern
dein Wille geschehe« Das sind heilige Nächte wie auf Engelsflügeln schweben
sie vorüber
Aber anders ists wenn im Irrsinn der Mann liegt das Weib alleine ist
seine Gedanken ihm niemand abnimmt als Gott Auch vor sein Auge stellt sich sein
ganzes Leben das vergangene das gegenwärtige das zukünftige und klarer jede
Nacht immer mehr schwinden die Schatten es wird ein großes lebendiges
Lebensbild Süße Wehmut schöne Träume bitteres Weinen geduldiges Ergeben
mutvolles Erheben wechseln in des einsamen Weibes Seele Die Bilder welche erst
regellos durcheinanderfluteten gestalten sich in immer festeren Zügen und
bestimmter Ordnung immer klarer bildet sich aus der Gegenwatt die Zukunft Auch
dieses Weib fleht »Ists möglich so gehe der Kelch an mir vorüber doch nicht
mein sondern dein Wille geschehe« Aber weil des Herrn Wille ihm nicht offenbar
ist bildet sich vor seinem innern Auge die Zukunft in doppelter Weise Es sieht
sich Hand in Hand mit dem Manne durchs Leben gehen es trägt in den nächsten
Tagen ihn zum Grabe steht alleine mit den Waisen muss alleine sie führen ins
Leben sie stärken zum Leben Wie dunkle schwere Gewitterwolken wälzen sich
diese Bilder anfänglich an seinem Auge vorüber aber allmählich klären sie sich
ab gestalten bestimmter sich gleichförmiger nur aber schöner jede Nacht
gestalten zu bestimmten Entschlüssen sich zu einem Leben den Gedanken eines
Malers ähnlich in denen er ein Bild feststellt in großen Umrissen zuerst und
allmählich von Gestalt zu Gestalt bis zur Ausprägung der einzelnen Züge an
dessen Ausführung er Jahre ja sein Leben setzt
Man hat oft bewundert mit welcher klaren Umsicht und großen Energie Witwen
die Zügel großer Haushaltungen fassten und führten wie ernst und fest sie ihre
Kinder erzogen wie mächtig sie dem Schmerze geboten der doch sichtlich ihren
Körper schüttelte Wer dabeigewesen wäre in jenen stillen langen Nächten
gesehen hätte wie sie mit ihrem Schmerze wir möchten fast sagen mit Gott
gerungen hätten bis sie zu der Kraft und Klarheit gekommen welche sie üben bis
zum Grabe durch welche sie hineinglänzen in das An denken der Ihren wie Sterne
in die Nacht der würde sich nicht wundern woher ihnen das Wesen gekommen
welches niemand in ihnen ahnte welches so segensvoll wirkte Doch auch in einer
andern Richtung bildet die Seele schafft eigentliche Lebensbilder sie denkt in
Wehmut wenn Gott den Geliebten ihr wieder schenke wie sie Beide ein neues
Leben führen wollten in mildem Frieden teuer Liebe wie alle Schatten fort
müssten aus dem Leben alles Trübe alles Zagen alles Kümmern um Kleines wie
sie schaffen wollten in aller Freudigkeit ihr Tagewerk absonderlich aber
trachten nach dem Einen das not tut Heitere Bilder folgen einander in längerer
Reihe glänzen immer heller je mehr die Krankheit weicht das Leben aus der
Krankheit wieder emporblüht werden trüber und trüber wenn die Krankheit
steigt wenn der Tod kommt erblassen sie werden begraben im Gemüte der wahren
Familiengruft in welcher die geliebten Toten geistig weilen bis zum
Wiedersehen
Manche solche stille lange Nacht wachte Vreneli an Ulis Bette war
versunken in tiefe Gedanken oder horchte mit blutendem Herzen auf die Irreden
des Mannes Mehr als eine Woche kam es nicht aus den Kleidern wollte trotz des
Doktors Befehl niemanden anders wachen lassen aus Liebe aus Bangen was die
Leute denken und sagen würden wenn sie Ulis Reden hörten Von Irreden haben die
Menschen keinen Begriff kennen zumeist nur einen Grund derselben das böse
Gewissen das Aufwachen der Angst über geheime Verbrechen Was hätten sie
gedacht und gesagt von Uli der immer mit dem Teufel zu tun hatte am Ort der
Qual sich glaubte
Eines Abends wars als ob der Arzt nicht fort könnte vom Bette er nahm eine
Prise nach der andern endlich kehrte er sich um stäubte den Schnupftabak von
den Kleidern und sagte »Fraueli wenn es was geben sollte in der Nacht so lass
mich rufen« »Mein Gott Doktor was meint Ihr Stirbt er mir stirbt er«
wimmerte Vreneli »Kann es dir nicht sagen« antwortete der Arzt »aber endlich
muss es einen Weg gehen den oder diesen so kann es nicht bleiben die Zeit ist
um wo es sich entscheiden soll vielleicht dass es diese Nacht geschieht und
schaden tut es nichts wenn der Arzt nicht weit ist manchmal kann man helfen
manchmal nicht manchmal kann man Diener der Natur sein manchmal muss man es
nehmen wie Gott es will«
»Guten Tag Fraueli guten Tag geschlafen ein wenig Es ist kein Wunder
Wie gehts Mit Schein nicht bös« Diese leisen freundlichen Worte weckten
Vreneli welches vom Schlafe überwältigt worden war Hochauf fuhr es vom Stuhle
es war helle im Stübchen der Arzt den die Teilnahme unberufen hergetrieben
stund am Bette und prüfte den Kranken »Mein Gott mein Gott« rief Vreneli Da
legte der Arzt den Finger auf den Mund winkte Vreneli vom Bette weg durch die
Türe in die andere Stube und sagte leise »Fraueli er kommt dir auf die Sache
ist gut jetzt schläft er ruhig schwitzt recht jetzt nur nicht geredet«
Vreneli wollte laut auffahren bachweise strömten ihm die Tränen über die Backen
nieder »Bsch bsch« machte der Arzt »geh und mache mir ein Kaffee Nehme
sonst nichts bei den Patienten sie meinten gleich man wolle den Lohn doppelt
Aber ich möchte ihn erwachen sehen und hatte noch nichts diesen Morgen
Zpressieren hast nicht es wird noch eine Weile gehen will unterdessen in den
Stall sehen wie du haushast und deine Knechte rühmen oder schelten je
nachdem sie es verdienen Ein fremd Wort wirkt manchmal zuweilen nehmen sie es
einem übel aber was frage ich den Hudelbuben nach« Vreneli musste wieder ins
Stübchen bevor es des Arztes Befehl nachkam Was es dort machte weiß Gott
Der Arzt trappete mit den Händen in den Taschen ums Haus herum und las dem
Dienstbotenpersonal in seiner barschen aber heitern Weise tüchtig den Text
»Was zum Teufel den Mist welchen du gestern aus den Ställen gemacht noch
nicht verlegt Wohl das sollten mir meine Buben machen ich führte sie beim
Hagel am Hals auf den Mistaufen Das Jaucheloch läuft ja über Was ist das
gemacht Was gibt es doch einem von euch zu tun ein Fass oder zwei auszuführen
Aber wenn man nicht immer hinten und vornen ist, so ist nichts gemacht wohl
das wird sauber aussehen in den Ställen Auf meine Seele wenn ich es einmal so
fände ich jagte das ganze Pack mit dem Stecken vom Hof ihr solltet euch
schämen wie Laushunde Auf die Ehre hättet ihr es nehmen sollen die Sache recht
zu machen Das Fraueli hat sich fast getötet aber an allen Orten kann es nicht
sein Ich habe einen alten siebenzigjährigen Trappi und einen jungen nur so
einen Löhl aber es ist mir ein jeder von ihnen der Alte und der Junge am
kleinen Finger lieber als ihr alle miteinander Nein hört Buben so geht das
nicht das muss anders aussehen und zwar heute noch Ja lacht nur aber gebt
acht was ihr macht es ist Ernst Euer Meister kommt auf wenn er Sorg hat und
man Sorg zu ihm hat Er ist durch die Gefahr Gottlob Aber kommt er da heraus
und sieht die Schweinerei und das Gesudel so bekommt er das Gallenfieber dann
streckt es ihn dann heissts der Doktor habe ihn getötet und Frau und Kinder
können ihm nachweinen Das will ich nicht habe ich ihn mit Gottes Hilfe
gerettet so soll solch Volk mir ihn nicht töten da bin ich gut dafür In zwei
Tagen komme ich wieder macht dass es dann aussieht wie es sich gehört sonst muss
mein Seel die Frau alle ausjagen ich will es verantworten Ich komme alle Tage
in zwanzig Dörfern herum weiß Knechte für sieben solche Höfe will dann aber
auch allenthalben sagen was ihr für Bursche seid«
Unter der bekannten Ecke seines Stöckleins so gleichsam sein Wartturm oder
seine Sternwarte wenn er ausgucken wollte was im Hause vorging stund Joggeli
Die laute Stimme des Arztes dem er sonst aus dem Wege ging hatte seine
Neugierde gereizt Als der Arzt ihn dort sah marschierte er in langen Schritten
auf ihn zu und sagte »Früh Papa früh so alte Manne sollten im Bette bleiben
bis bald um Mittag Sie sind den Leuten sonst nur zur Plage mit ihrer
Wunderlichkeit besonders wenn sie nichts tun Ihr hättet aber jetzt etwas
machen können und es wäre Euch wohl angestanden Ihr hättet es gemacht Ja ja
Papa seht mich nur so sauer an ich sage meine Sache gerade heraus und fürchte
mich nicht vor einem Paar sauren Augen die haben noch niemand erstochen Ihr
hättet dem Fraueli an die Seite stehen sollen und die Lumpenbuben da in Ordnung
halten die Frau konnte nicht an allen Orten sein Ihr hättet wohl Zeit gehabt
es wäre aufs Gleiche herausgekommen ob Ihr hier ums Häuschen herumsteckelt oder
dort bis zur Scheune hinunter Aber so habt ihrs ihr Hagels Bauern wenn ihr
nur Geld habt so fragt ihr keinem Menschen was nach dem eigenen Bruder nicht
Ja ihr seid ein Volk ihr hab es erfahren Rette ich Hunderten das Leben und
bringe sie davon so denkt mir kaum einer daran Tut ihm der Bauch wieder weh
läuft er zu einem andern Arzt oder gar so zu einem verfluchten Wasserschmöcker«
»Ja ja« sagte Joggeli »zuweilen kommt einer davon und oft gehts dem
Kirchhof zu ihr tapfern Lieferanten was ihr seid Meine Frau selig die
brachtet Ihr nicht davon und der drüben wird ihr wohl nach müssen apartig
glücklich seid Ihr hier nicht« »Um Eure Frau ists schade wenn sie nicht einen
so wunderlichen Mann gehabt hätte sie lebte vielleicht noch aber um sie
davonzubringen hätte man Euch doktern sollen« entgegnete der Arzt »der drüben
kommt davon ja freilich wenn Ihr mir ihn nicht hintendrein tötet mit Plagen
Quälen Kummern wegen dem Zins Aber eben das will ich Euch sagen nehmt Euch
in acht damit so gewiss Ihr das tut will ich Eure Zunge spannen dass Ihr
sieben Wochen das Reden lasset Das Wasser gschauen tue ich nicht aber vom
Hexenwerk verstehe ich vielleicht mehr als ein Anderer und wenn es nötig ist
mache ich was ich kann Jetzt wisst Ihr woran Ihr seid und behüt Euch Gott und
lebt wohl« Joggeli sah ihm mit offenem Maule nach »Er wärs imstand der
Hagels Ketzer« sagte er steckelte in sein Stöcklein zurück und machte sorgsam
die Türe zu
Uli war erwacht aber unendlich matt es war ihm wie einem der aus dem
Grabe kommt Er schloss bald wieder die Augen »Komm« sagte der Arzt »lass ihn
machen schlafen so viel er will rede nicht zu viel freue dich nicht zu
sichtlich frage ihn um nichts und was du ihm zu essen geben sollst und
wieviel will ich dir draußen sagen Halte dich tapfer mit den Portionen du
wirst deine liebe Not haben mit dem Hunger wenn der einmal erwacht oft hören
müssen du gönnest ihm das Essen nicht Aber dessen musst du dich nicht achten
Sag nur ich habs befohlen«
Vreneli hatte das Herz voll von Dank und Freude die Augen voll Tränen aber
reden konnte es nicht es konnte dem Arzt bloß die Hand geben als sie draußen
waren Der verstund das aber wohl drehte sich um stund ans Fenster tat als
nehme er eine Prise und wische den überflüssigen Schnupf ab Der Arzt war sehr
rau aber nur auswendig es gibt andere welche es umgekehrt haben
Uli war zum Kind geworden musste in jeglicher Beziehung ein neues Leben
anfangen so dass er es anfangs kaum merkte Nachher beelendete es ihn dass er
darüber weinte Vreneli auch und den Arzt beschied Der tröstete schärfte aber
aufs neue die größte Vorsicht ein leibliche und geistige Es fehlten Uli die
Kräfte er konnte nicht gehen nicht einmal den Löffel zum Munde führen vor
Zittern Er hatte das Gedächtnis mehr oder weniger verloren musste seine
Erinnerungen mühsam zusammenlesen wie ein Kind Glasperlen welche es im hohen
Grase verschüttet oder zwischen losen Steinen Es war zum Weinen wie das kleine
Vreneli des Vaters wartete ihn führte und half fast als wäre er eine große
Puppe Joggeli hielt sich aus Respekt vor des Arztes Worten ferne doch konnte
er sich einmal nicht enthalten Uli der in der Sonne saß näher zu treten und
ihm etwas zu sagen Die Antwort fiel etwas linkisch aus dass Joggeli sagte »Dir
wärs besser du lägest im Kirchhof« Aber wie das Wort welches Uli nicht einmal
verstund heraus war erschrak er sehr steckelte so streng er es vermochte
seinem Stöcklein zu und schloss sorgfältig hinter sich die Türe
Indessen ging es bei Uli rascher als bei einem Kinde jeder Tag brachte
seinen Fortschritt derselbe ward immer entschiedener und zwar hier auf
erfreuliche Weise Er konnte alle Tage besser gehen das Gedächtnis stellte sich
allmählich wieder ein aber dazu auch ein Hunger welcher Vreneli manchmal den
Angstschweiß auf die Stirne trieb Wenn ein Mann um Essen bittet noch um ein
Stücklein um ein ganz kleines ganz wie Kinder es tun und die Frau sagen muss
ganz wie einem Kinde »Ich darf weiß Gott nicht warte nur eine Stunde dann
gebe ich dir wieder« und der Mann die Minuten zählt so ist es allerdings ein
schwer Ding für eine Frau fest zu bleiben und nicht an das Sprüchwort sich zu
halten Wenig schadet wenig nicht zu denken dass aus vielem Wenigen viel wird
und endlich um eines einzigen Tropfens willen ein Glas überfliesst Was Vreneli
ganz besonders freute war eine Weichheit des Gemütes eine Ergebung in seine
Lage von der Uli in letzter Zeit so himmelweit entfernt schien Anfangs
erschrak es darob hielt sie für kindische Teilnahmlosigkeit für Mangel an
Begreifen in welcher Lage sie seien aber es stellte sich alle Tage deutlicher
heraus dass es was anderes war
Vor seiner Krankheit waren alle seine Kräfte überspannt seine Stimmung
unnatürlich gereizt er glich einem Schwimmer welcher alle seine Kräfte
zusammennimmt die Strömung zu durchschneiden das Ufer zu gewinnen Je schwerer
es ihm wird desto großer werden seine Anstrengungen alles bietet er auf das
Letzte setzt er daran bis plötzlich die Kräfte brechen einem zu stark
gespannten Bogen gleich und der Strom ihn verschlingt So war auch Uli
zusammengebrochen im Kampf mit seinem Geschick ein Krankheitsstrom war ihm über
Seele und Körper gegangen Als er wieder auf tauchte aus demselben aus langer
Ohnmacht zu neuem Leben erwachte war die Spannung vorüber die Stimmung eine
ergebene dankbare es stellte sich das Vertrauen ein die Züchtigung sei
vorüber der Herr der in die Hölle führt und wieder heraus der bis hierher
geholfen werde auch ferner helfen Uli konnte sagen »In Gottes Namen komme
was da wolle wir wollen es annehmen wir wollen das Mögliche machen dass
niemand an uns verliert auch haben wir ja gute Leute welche Geduld haben
werden Wir sind jung und wenn uns Gott gesund lässt so ist nichts verloren und
es macht mir keinen Kummer uns mit Ehren durchzubringen was will man mehr Das
Reichwerden wollen wir aufgeben was hat man davon als Angst und Not und Zorn
und Streit«
Diesem pflichtete Vreneli vollkommen bei Wenn sie nicht zappelten und
hasteten nicht allzu nötlich täten und Gott ihnen ein oder zwei bessere Jahre
sende so werde es so schlimm nicht gehen wenn man einander treulich helfe sei
viel zu machen und alles zu ertragen es danke dem lieben Gott dass es so
gekommen Uli war auch dieser Meinung Wohl kam ihm zuweilen eine Hast an dass
er aufsprang meinte er müsse dran hin müsse alle seine Kräfte anspannen um
den steckengebliebenen Wagen zu heben und zu stoßen aber Vreneli konnte ihm
durch ein freundlich Wort die ihm noch so nötige Ruhe geben dass er wieder
nachließ und sagte »Du hast recht«
Einundzwanzigstes Kapitel
Wie Uli mit Menschen rechnet und Gott sucht
Ihre Lage war allerdings trüb und bedenklich Wenn Uli seine frühern Ersparnisse
einzog so konnte er den Bodenbauer bezahlen und was er sonst noch schuldig war
Sein so sauer Erworbenes war also zugesetzt vor ihm war ein Jahr ohne Ernte wo
er genötigt war einen Teil des Brotes zu kaufen Sein Freund der Müller hatte
ihm so viel Korn abgeschwatzt dass sein Speicher fast leer war Woher das
Saatkorn nehmen Brot kaufen müssen bei einem Haufen Gesinde ist übel Er hatte
nichts als Heu und Kartoffeln beides reichlich und gut Mit Milch und Butter
konnte er etwas Weniges machen aber es gab kaum die Hauskosten noch viel
weniger die Dienstenlöhne wenn man Brot sparen muss muss man mit etwas anderm
nachhelfen
Aus dem Stalle konnte er etwas ziehen Jetzt sah er ein wie gut es gewesen
dass Vreneli für Vorräte gesorgt welche größer waren als er glaubte Hanf und
Flachs hatte man reichlich zum Spinnen und vielleicht war vom erhaltenen Garn
etwas zu erübrigen zum Verkauf Dazu endlich hatte er noch die Rechnungen mit
Müller und Wirt welche nicht erledigt waren von denen Uli Bedeutendes
erwartete Wie Vreneli manchmal gesagt hatte »Mach doch die Sache fertig ich
ließe mich nicht immer so abspeisen du bist viel zu gut und wirst sehen wie es
dir geht« wehrte es jetzt vom Rechnen ab und sagte »Wart das pressiert doch
nicht so« Die beiden Busenfreunde hatten in Ulis ganzer Krankheit nichts von
sich hören lassen und während seiner Genesung ließ sie sich nicht sehen Sie
machten vielleicht das Wort Nervenfieber fürchten jedenfalls aber fühlt ein
Schuldner welcher nicht gerne zahlt kein entschiedenes Bedürfnis sich einem
Gläubiger unter Augen zu stellen von dem er voraussetzen muss er sei Geldes
bedürftig Vreneli fürchtete Ärger und Zorn für Uli und ob jetzt eine Woche
früher oder später darauf kam es in Beziehung auf das Geld nicht viel an wohl
aber in Beziehung auf Ulis Gesundheit Endlich sagte Uli »Ich merke wohl warum
du mir das Rechnen mit den Beiden verhalten willst aber sei ohne Sorge ich
kann es geduldig nehmen wie es kommt Sieh ich habe da auch was verdient ich
sehe es je länger je besser ein Wären sie die Freunde wie sie sich immer
gestellt sie wären wohl schon gekommen und hätten ihre Hilfe angeboten Warum
stellte ich meinen Glauben auf sie und bildete mir ein wie wunder gut sie es
mit mir meinten Merke wohl woher es kommt und damit soll mich niemand mehr
fangen wie man mit Speck die Mäuse fängt Es tat mir einerseits wohl Freunde
zu haben Männer von denen ich meinte sie bedeuteten was und meinten es gut
Solche Freunde sind was nicht nur wegen der Hilfe sondern es tut einem wohl im
Herzen wenn man denken kann es mag dir gehen wie es will so hast du Freunde
und rechte Männer Ich muss es bekennen an diesem Gedanken habe ich große Freude
gehabt und oft gedacht nicht jeder hat Freunde so wie nicht bei jedem Menschen
die Hunde bleiben Aber wahr ists ich lebte noch wöhler an ihren Worten sie
rühmten mir alles und lobten mich immer da war nichts als Uli hinten und Uli
vornen Wenn man nichts gewesen tut es einem so wohl wenn man auf einmal so
viel sein soll man weiß manchmal nicht geht man auf dem Kopf oder auf den
Füßen man kommt ordentlich in einen Schwindel wo man sich dreimal größer
sieht als man ist und in süße Träume wo man meint man sei wirklich im
Schlaraffenland und die gebratenen Würste hingen bereits zunächst dem Maule
Jetzt aus diesem Traume Gottlob erwacht schäme ich mich kann nicht begreifen
wie ich das nicht merkte dass dieses eben die Speckbrocken waren mit welchen
man die Mäuse fängt dass ich mich so ganz blindlings fangen ließ Aber es dünkte
mich sie täten den Nagel auf den Kopf treffen und weil ich ihnen dieses
glaubte glaubte ich ihnen alles andere hielt sie für die glaubwürdigsten
Männer auf der Welt Ungefähr so wird es der Eva im Paradiese mit dem Teufel
ergangen sein Ward sie gestraft werde ich billigerweise es auch Wie ich
merke wird es vielen Menschen schon so gegangen sein Ich sehe erst jetzt wie
gefährlich es ist mit dem Glauben wie leicht man ihn am unrechten Orte
anwendet Habe daher nicht Kummer ich muss es nehmen wie es ist mich dauert
nur dass auch du damit leiden musst«
An einem schönen Abend machte Uli sich endlich auf zu dem Müller weit war
es nicht aber müde ward er doch Als er zur Mühle kam wollte ihn lange niemand
sehen dann lange niemand wissen wo der Müller sei dann niemand Zeit haben
ihn aufzusuchen und als endlich jemand sich dazu herabliess verging eine
mörderliche Zeit bis der Müller sich zeigte Das sind immer schlimme Zeichen
und lassen eben auf den zärtlichsten Empfang nicht schließen
Endlich erschien der Müller »Lebst auch noch« sagte er »Es hielt dich
hart wollte kommen und sehen wie es dir gehe es wollte sich aber nie
schicken daneben hätte ich doch nichts helfen können« »Du hast recht« sagte
Uli »da musste ein Anderer herbei aber was ich sagen wollte schickt es sich
dir etwa mit mir zu rechnen Es wäre mir sehr angenehm Es plagte mich die Zeit
über oft dass ich meine Sache nicht im Reinen hatte wenn ich hätte sterben
sollen wer hätte die Sache auseinandermachen sollen an das sollte man immer
denken« »Du hast recht« sagte der Müller »es ist auch gut für die
Überlebenden Wie aufrichtig man ist so sollte man am Ende doch betrogen haben
besonders ist immer alles auf den Müllern wenn die einmal was eingeben so soll
es falsch und erlogen sein Es ist akkurat als ob alle Leute die Wahrheit
redeten und nur sie lügen könnten«
So begehrte der Müller in einem fort auf und Uli musste denken »Hat der
etwa schon auf meinen Tod hin eine Eingabe gemacht gehabt in mein Beneficium
Inventarii oder Vermögensliquidation und erscheine ich ihm jetzt so gleichsam
als ein Gespenst oder wie ein alter Papa aus dem Grabe erblustigen Söhnen«
»Hast das Hausbuch bei dir« fragte der Müller »Den Kalender habe ich« sagte
Uli »Hast denn kein Hausbuch« fragte der Müller »Ich denke« sagte Uli »der
Kalender werde einstweilen wohl genug sein« Er hatte eine ganz andere Antwort
auf der Zunge allein während seinem Prozessieren hatte er doch was gelernt das
teure Lehrgeld war nicht umsonst ausgegeben wie es übrigens oft genug der Fall
ist; er hatte uneinlässlich antworten lernen dies ist keine unbequeme Redeweise
»So gib an was sollte ich dir schuldig sein« sagte der Müller »Wenn du dann
fertig bist so will auch ich dir deine Sünden ablesen es wird dann bald aus
gerechnet sein«
Wir wollen dem Verlauf dieser Rechnung nicht folgen das Ding wäre zu lang
und langweilig Wir wollen bloß sagen dass der Müller sich offenbar auf Ulis Tod
eingerichtet zu haben schien wenigstens dem Hausbuch nach welches er in Händen
hatte denn vielleicht hatte er mehr als eins eins für die Lebendigen und eins
für die Toten Bei jedem Ansatz von Uli gab es Anstoß bald wegen dem Preise und
bald wegen der Zahl der Säcke und als erst der Müller seine Gegenrechnung
ablas gab es der Anstände bei jedem Wort und nicht bloß über Maß und Preis
sondern ob die Sache wirklich geliefert worden oder nicht Es war da Geld
angesetzt für Mehl Spreuer Kleien Abschlagszahlungen dazu und weiß Gott was
alles von dem Uli entweder gar nichts wusste oder aber überzeugt war dass er
dasselbe frei in den Kauf gedungen oder dass es von Mehl kam welches er hatte
mahlen lassen der Müller Kleien und Spreuer von Rechts wegen ihm schuldig war
Aber man gehe und mache eine dreijährige Rechnung auseinander und dazu aus
Büchern welche ein Uli und ein Müller führten Uli sah mit Schrecken dass der
Müller dessen Rechnung nach ihm viel weniger schuldig war als er gedacht
auch wenn Ulis Rechnung für Verkauftes als gültig angenommen wurde Des Müllers
Gegenrechnung war gar greulich Es dünkte Uli doch stark zu jedem A welches
der Müller vorsagte B nachzusagen aber was sollte er machen Mit seinem Buch
konnte er vor dem Richter nicht viel ausrichten ob das des Müllers besser sei
wusste er nicht prozedieren wollte er nicht seinem Kopf traute er nicht und
bei dem vielen Wechsel seines Gesindes während dem ganzen Verlaufe der Rechnung
wusste er nicht ob nicht das Eine oder das Andere etwas auf des Meisters Namen
genommen oder nicht Man sollte immer wenn man das Gesinde wechselt und offene
Rechnungen sind irgendwo wo Knechte und Mägde zu und abgehen bringen oder
holen diese beim Wechsel abschließen oder untersuchen es gibt da manchmal
fatale Entdeckungen Uli kam das Aufschieben in Sinn was gewöhnlich der beste
Ausweg scheint wenn man in Verlegenheit ist Er solle es ihm auf ein Papier
machen was er zu fordern habe sagte Uli er wolle es der Frau zeigen und mit
seinen Leuten reden ob sie um dieses und jenes wüssten Zudem könne man den
Karrer bescheiden welcher früher bei dem Müller gewesen und jetzt beim
Sternenmüller sei der habe das meiste Korn gefasst und werde wohl noch im Kopfe
haben wieviel es sei der vernünftigste Mensch der ihm je vorgekommen zudem
werde er dies Jahr viel aus der Mühle bedürfen und dem Müller noch schuldig
werden so dass es ihm im Grunde nicht so pressiere mit der Rechnung Das alles
leuchtete dem Müller schlecht ein Er kannte Vreneli wusste also im voraus was
es sagen würde mit seinem Karrer war er in großem Unfrieden auseinander
gekommen auch diente derselbe bei seinem ärgsten Feind er wusste also im
voraus was er von diesem zu erwarten hatte zudem machte er mit Uli nicht
ungern fertig er gab ihm nicht gerne mehr was aus seiner Mühle er war
überzeugt Uli sei zugrunde gerichtet wer an ihn zu fordern habe verliere Vor
allem aus aber wollte er eine richterliche Untersuchung seiner Rechnung bei Ulis
Lebzeit nicht und am allerwenigsten eine Abtretung dieser Rechnung an Joggeli
wo deren Bereinigung wahrscheinlich dem Baumwollenhändler übertragen worden
wäre den kannte der Müller und hasste ihn
Der Müller sagte daher sie seien jetzt bei einander das Gestürm wegen
Rechnen sei ihm zuwider und wenn sie nicht übereinkommen könnten wer es denn
solle Übrigens habe er geglaubt er habe es mit einem braven Manne zu tun und
nicht daran gedacht dass hintendrein müsse gezankt sein sonst hätte er die
Sache längst ins Reine gebracht daneben könne Uli machen was er wolle aber
das wolle er ihm sagen er Müller sei dann nicht das Mannli mit welchem Uli
den sauberen Kuhhandel gehabt Wenn er dort gewonnen habe so solle er ja nicht
denken es gehe immer so Das war fast zu viel für Uli er dankte Vreneli im
Herzen dass es ihn so lange hingehalten die Unverschämtheit des Müllers war
doch gar zu groß Uli war es noch nicht klar wie viele Menschen und zwar
kleine und große den Mangel an Recht durch Frechheit ersetzen Er musste
gewaltig sich zusammennehmen um nicht abzubrechen sondern einzutreten in ein
Markten welches doch endlich nach manchem harten Worte und mit bedeutendem
Schaden für Uli zum Ziele führte Da Müller warf das Geld welches er noch
schuldig blieb hin fast wie einem Hund ein Stück Brot und sagte da solle er
das ungerechte Geld nehmen wenn er das Herz habe Wenn er aber künftig Mehl
oder was sonst nötig habe so sei es ihm lieber er nehme es an einem andern
Orte Mehr als der Verlust schmerzte Uli der Vorwurf er sei der Betrüger der
ungerechte Forderer und dass der Müller dabei auf seinen Kuhhandel sich stützte
und zwar nicht ganz mit Unrecht Er fühlte jetzt was ein gut Gewissen wert sei
und dass der geringste Makel daran sei was eine Spalte in einem Bogen Wenn nun
der Makel im Gewissen auch zum Makel am Namen werden sollte wenn es an jedem
Markttage und bei jedem Handel heißen sollte er sei ein ungerechter Mann und
begehre die Leute zu betrügen so war er ja für sein ganzes Leben unglücklich
gleichsam gebrandmarkt das fühlte er so recht lebendig und es ward ihm
himmelangst dabei denn welch armer Tropf war er wenn er den ehrlichen Namen
verloren hatte der war sein Vermögen seine beste Bürgschaft da er von Anderer
Vertrauen leben musste Hatte er den nicht mehr so war ihm der Weg zum ehrlichen
Fortkommen versperrt er musste künftig vom Betrug oder vom Betteln leben Da
erkannte er wie eine einzige Handlung unbedacht und leichtsinnig vollbracht
als unbedeutend geachtet entscheidend für ein ganzes Leben werden kann
Tief gedemütigt und niedergeschlagen kam Uli heim Nun wäre das für manche
Frau ein wahres Herrenfressen gewesen »Siehst ich habe es dir gesagt es gehe
so habe gewarnt habe gemeint ehrlich währe am längsten aber du hast mir
nicht geglaubt hast gemeint ich sei nur so ein Weib und du viel gescheiter
siehst jetzt erfährst wer recht hat Jetzt denkst hätte ich nur geglaubt
aber jetzt ists zu spät kannst lange jammern Ein andermal denk daran Ich
hätte jetzt gute Lust nie mehr was zu sagen und meinen Rat für mich zu
behalten« Doch Vreneli war nicht von dieser Rasse es tröstete er solle es
nicht so schwer nehmen das Lehrgeld sei nicht so groß der Müller werde sich
hüten viel von der Sache zu reden es sei nicht das erstemal dass er es so
mache und er wisse wohl dass man ihn kenne Gut sei es dass die Sache abgemacht
sei so wisse man doch jetzt woran man mit ihm sei wenn es nur mit dem Wirte
auch in Ordnung wäre Uli hätte gute Lust gehabt Vreneli zum Wirte zu senden
aber Vreneli wollte nicht gehen Wenn es nicht sein müsse so bleibe es lieber
einige hundert Schritte von dem weg sagte es der werde es aber nicht so machen
wie der Müller der werde mit guten Worten zahlen wollen denn man sage das
Geld sei rar bei ihm wenn ihm ein Taler eingehe so seien Zehne da und möchten
ihn
Wie Vreneli sagte so war es auch »Will schon mit dir rechnen warum nicht
Die Sache ist punktum aufgeschrieben und in der Ordnung zähle darauf aber Geld
kann dir mein Seel keins geben habe selber keins und wo nichts ist ist
nichts wie du weißt« so sprach der Wirt »Ich glaube wenn es mir drei Tage
lauter Taler durch den Rauchfang runterregnete sie wären immer alle weg So
hungrig nach Geld habe ich mein Lebtag die Leute noch nie gesehen Wenn ich von
weitem jemand mit langen Schritten kommen sehe so weiß ich schon der wird auch
Geld wollen ich muss allemal lachen nimm wenn du findst denke ich Sie wissen
wohl dass nichts zu verlieren ist bewahr ich habe mehr als Sachen genug aber
es gibt Zeiten wirst es auch schon erfahren haben wo man beim besten Willen
nicht zahlen kann Da wird es den Leuten angst und sie kommen daher wie Tauben
wenn man Hanf gesäet hat und wollen Geld für Sachen welche ich beim Hagel
nicht einmal mehr im Hause habe aber denen will ich daran denken die müssen
warten bis zuletzt Du aber sei nur ruhig sobald ich Geld bekomme musst du es
haben und lieber als dass du einen Kreuzer an mir verlieren solltest wollte
ich es zusammenbetteln und sollte ich laufen müssen bis nach Konstantinopel
Einer der seine Sache auch nur verdienen muss soll an mir nie was verlieren
lieber wollte ich so lange ich lebe Hunger leiden und keinen Schoppen mehr
trinken Sieh ich habe selbst viel Geld einzuziehen aber es läuft nicht Du
glaubtest es nicht wenn ich dir meine Schuldner nennen würde aber sie können
mir in diesem Augenblick nicht an die Hand gehen Dann habe ich auch noch was
verloren es ist ein Nichts das heißt es ist viel genug aber es würde nichts
machen wenn es nicht alle Leute wüssten und nun alle daherkämen und Geld
wollten So könnte man dem Rotschild die Hosen umkehren wenn er in einem Tage
alles bezahlen sollte was er schuldig ist Hast du das Geld so sehr nötig
diesen Augenblick« Ho sagte Uli wenn er es haben könnte würde er es gerne
nehmen Indessen setzte er durch die guten Worte des Wirts bestochen hinzu
»So einige Wochen könnte ich im Falle der Not warten der Lumpenhund der
Müller hat mir einiges Geld geben müssen ungern genug aber wenn man Brot
kaufen muss so ist bald viel gebraucht« »Es ist schlecht vom Müller es dir so
zu machen« sagte der Wirt »er ist nicht der Sauberste es gelüstete mich
manchmal dir zu sagen du solltest dich in acht nehmen aber wenn ich dann sah
wie gut ihr zusammenhieltet und weil er der Gevattersmann ist so wollte ich
nicht was Böses zwischen euch hineinmachen dass es hinterher hieße ich hätte
euch gegeneinander aufgehetzt« »Joggeli ist misstrauisch er hat schon Kummer
er müsse an mir verlieren Wenn ich ihm zeigen könnte dass ich noch einzuziehen
hätte so ließ er mich desto ruhiger« sagte Uli »Weißt was« sagte der Wirt
»komm ins Stübli wir wollen sehen wieviel ich dir schuldig bin dann mache ich
es dir aufs Papier auf Stempelpapier eine rechte Obligation mein Seel und
verzinsbar zu vier Prozent oder wenn du fünfe willst so sage es Die kannst du
ihm zeigen sie ist so gut als bar Geld und sobald mir Geld eingeht und du es
begehrst so löse ich sie ein und gebe dir Geld« Wenn es nicht anders sein
könne sagte Uli so lasse er es sich gefallen Geld wäre ihm freilich lieber
gewesen
Ihr Rechnung hatte nicht viel Stössiges und wo was sich zeigte gab alsbald
der Wirt nach »Du wirst recht haben« sagte er »nimm es nicht für ungut aber
wenn man in einem so großen Wesen ist wie ich bin und so viel im Kopf haben
sollte dass es mir manchmal ist als fahre der Napoleon mit seiner Reiterei
darin herum so ist bald was vergessen oder bald was unrichtig aufgeschrieben
Nimm es nicht übel dass ich in deiner Krankheit nicht zu dir kam aber es hieß
du kämest nicht davon Das hat mich zu sehr gedauert als dass ich hätte kommen
können ich hätte deiner Frau nur angst gemacht Es weiß kein Mensch wie ich so
ein lindes Herz habe ich muss mich manchmal deretwegen schämen und darf es nicht
zeigen es kommt gar zu lächerlich heraus für so einen großen Mann wenn er
plären muss wie ein Kind«
Uli musste dann noch mit ihm zu Abend essen eine Flasche vom Besten trinken
kurz der Wirt war die Liebe und Güte selbst Die Wirtin brachte noch was in
einem Papier ein alt Stück Kuchen das sei für den Gevattersmann sagte sie
dass Uli ganz glücklich und Rühmens voll nach Hause kam Es seien doch nicht alle
Menschen gleich sagte er und wenn man von Einem Unrecht leide so müsse man
sich hüten auch Andern Böses zuzutrauen man könnte sich sonst leicht
versündigen »Ich will dem Wirt nichts Böses nach reden« sagte Vreneli »aber
urteile auch du nicht zu schnell sondern warte bis du das Geld hast Hast du
dann einmal dies dann will ich dir gegen den Wirt gar nichts mehr haben ich
verspreche es dir« Es ist immer das Gleiche dachte Uli bei sich selbst hasst
es jemanden so hasst es ihn und wen es liebt den liebt es und dann ists
fertig Indessen versprach er sein Urteil nicht abzuschließen und einstweilen
vor dem Handeln mit dem Wirte sich zu hüten
Dass Uli wiederum so viel Glauben zu ihm hatte freute Vreneli sehr doch
eins freute ihns noch mehr Ulis Gedanken hatten wieder eine höhere Richtung
genommen verarbeiteten nicht mehr bloß in ewigem und doch mühseligem Kreislauf
das Einmaleins sondern betrachteten Gottes Worte und Wege forschten nach
seinem Willen und bestimmten nach ihm das Tun Er sprach gerne mit Vreneli über
höhere Dinge und erzählte gerne göttliche Fügungen welche die die ihn lieben
zur Seligkeit führen und wie Gott das Verlorne suche und trachte selig zu
machen Er fühlte einen unbestimmten Drang ein Ungenügen und dieses
verschwand wenn er mit Vreneli sprach oder las in der heiligen Schrift oder an
göttliches Schaffen dachte die Wunder der Welt betrachtete Es war dies der
geistliche Hunger und Durst welche begehren nach den Worten welche aus des
Herrn Munde gehen welche kennen die Speise des Erlösers das Vollbringen von
des Vaters Willen Es war der eigentliche Zug in ihm erwacht ohne welchen
niemand zum Vater kommt das wunderbare unerklärliche Verlangen ward in ihm
stark und mächtig welches Christus mit den Worten ausdrückte »Mich verlanget
das Passahmahl mit euch zu essen« Es verlangte ihn nach dem Pfande dass er
einer sei der wohl in der Irre gewesen aber wieder gefunden worden und über
den nun Freude im Himmel sei nach dem Bewusstsein zu denen zu gehören welche
lebendige Glieder sind am Leibe dessen Haupt Christus ist
In gesunden Menschen lebt ein Trieb des Zusammenhaltens des Einsseins mit
Andern man nennt ihn auch den gesellschaftlichen Trieb Derselbe kommt in
hunderterlei Gestalten zum Vorschein Wie oft ists einem Menschen wenn er doch
nur da oder dort eingeladen in diese oder jene Gesellschaft aufgenommen würde
es ist der höchste Gegenstand seines Sehnens und Strebens Ist er aufgenommen
ist er mitten unter ihnen sitzt er am ersehnten Tische dann fühlt er sich
unendlich gehoben er steht an einem Ziele er ist glücklich hoffnungsvoll er
gehört einem Kreise an der ihm Halt im Leben gibt eine Stellung verschafft
Ähnlich hat es das Kind mit dem Triebe in die Kreise der Erwachsenen
aufgenommen zu werden und einmal aufgenommen wird es nicht fehlen wenn der
Kreis sich sammelt die Stunde mag es nicht erwarten lange vor der Zeit steht
es draußen und klopfet an Grade das gleiche Sehnen und Trachten nach der
Gemeinschaft ergreifet die welche Christus angenommen haben Es zieht sie zu
den Brüdern sie sehnen sich das Pfand zu erhalten und das Bewusstsein zu
stärken dass sie aufgenommen seien Christus angehören und vom Vater zu seinen
Kindern gezählt werden Es strömt eine eigene Wonne durch die Berechtigten wenn
sie weilen dürfen in den heiligen Kreisen und empfangen die heiligen Pfänder
und keiner betrachtet die Berechtigung so gleichsam als ein altes Recht welches
man ererbt hat nichts abträgt man jedoch nicht erlöschen lassen darf Davon
hat natürlich keinen Begriff wer den christlichen Zug nicht in sich trägt
nicht geistigen Hunger und Durst hat sondern bloß fleischliche Triebe und
moderne Richtung nach Kneipen Kaffeehäusern Spektakeln von allen Sorten kurz
nach etwas Diesseitigem Solcher Richtungen und Triebe schämt man sich
begreiflich nicht sondern trägt sie offen zur Schau mit großem Gepränge rühmt
sich ihrer mit mächtigem Behagen betrachtet sie gleichsam als ein Siegel dass
man an der Spitze der Menschheit marschiere munter nach dem Gipfel der Kultur
der freilich einstweilen noch verhüllt im Nebel liegt Gepränge treiben mit dem
Zuge nach oben mit seiner Freude an der Gemeinschaft kann der Christ nicht
sonst hat er weder den Zug noch kennt er die Gemeinschaft doch schämen wird er
sich der selben nicht sonst kennt er sie ebenso wenig Er wird den Hohn der
Kinder der Welt nicht scheuen der Kinder der Welt welche in ihrem kurzen Sinne
keinen Unterschied zu machen wissen zwischen einer veralteten Mode und der
Erlösung durch Christum
Schüchtern tritt man in unbekannte Kreise oder in solche denen man fremd
geworden und eine gewisse Scheu ist immer zu überwinden ehe man über ihre
Schwelle tritt und eine Weile gehts bis das Bewusstsein dass man hierher
gehöre das Gefühl des Fremdseins überwunden hat Nun hatte Ulis Entfremdung
nicht so lange gedauert um recht Wurzel zu fassen sie glich mehr einem Wirbel
in welchem er eine Weile halb bewusstlos herumgetrieben worden einem Windspiel
einer Wasserhose welche ihn ergriffen durch die Luft geführt ihn wieder
hingestellt dass ihm alle Gebeine knackten er nicht wusste wo er war dass er
sich erst langsam zurechtfinden mühsam seine alte Heimat wieder suchen musste
Uli hatte das Glück welches nicht jedem wird die Brücke ins alte Heimatland in
der Nähe zu haben es war Vreneli Ulis Abwenden und Weggerissenwerden hatte bei
der eingerissenen Lauheit und Gleichgültigkeit wahrscheinlich niemand bemerkt
außer eben Vreneli hatte er nun mit diesem sich verständigt hatten sie sich
gemütlich wiedergefunden so achtete sich wahrscheinlich niemand seiner und wer
sein Wiedererscheinen bemerkte fand es sicher sehr natürlich dass nach so
schwerer Krankheit er im Hause Gottes und an des Herrn Tisch erschien wie ja
auch der Kindbetterinnen erster Ausgang ins Haus des Herrn ist und die nächsten
Anverwandten welche einen Geliebten zu Grabe getragen es nicht versäumen am
nächsten Sonntage in der Kirche zu erscheinen
In der Mitte des Herbstmonats war es als Uli mit Vreneli zur Kirche ging
Es war ein feuchter Nebelmorgen nicht zehn Schritte weit sah man Kahl wie
mitten im Winter waren die armen zerschlagenen Bäume Emd lag gemäht in den
Matten und harrte traurig der Sonne um sich trocknen zu lassen Hier und da wo
man das spärlich gewachsene Gras des Mähens nicht würdig fand hörte man das
Läuten der weidenden Kühe »Wie doch die Zeit vergeht und was sie alles bringt
und nimmt in wenig Jahren wird es ganz anders um uns und immer nicht so als
wir es uns gedacht« sagte Uli »Wie lange ist es wohl dass ich das erstemal
hier zur Kirche ging Es war im Winter und mächtig kalt es ist mir als ob es
erst gestern gewesen und doch wird es schon neun Jahre sein oder mehr Damals
dachte ich nicht daran dass ich jetzt noch da sein werde damals wiesen mich die
Leute auf dass ich fast noch selben Tages fortgelaufen wäre Jetzt bin ich noch
hier ein verhagelter Pächter damals ein munterer Knecht den es dünkte die
halbe Welt sei sein jetzt ein geschwächter Mann der nicht weiß wo er übers
Jahr ist und ob Frau und Kinder zu essen haben oder nicht« »Bist reuig dass es
so gegangen dass du nicht am selben Tage fortgelaufen bist« frug Vreneli mit
weicher Stimme »Nein wahrhaftig nein« sagte Uli »dann hätte ich ja dich
nicht und die Kinder nicht und was will ich mehr auf der Welt Nein ich danke
Gott aufrichtig dass er mich so geführt hat und nicht anders Wenn man alles
was einem begegnet zu Nutzen anwendet so soll man nicht reuig werden und wenn
man hineinkömmt dass das Unglück über den Kopf hinausgeht so ist das wohl große
Pein aber es setzt sich auch wieder und wenn man endlich es überstanden hat
so ist man froh dar über und mochte gar nicht dass es nicht begegnet wäre Es
freut mich nichts mehr denn es ist mir ein Zeichen dass die Zucht Gottes bei
mir wohl angeschlagen hat als dass ich so zufrieden bin mit meinem Lebenslauf
und Gott aufrichtig danken kann Ich weiß zwar nicht wie es gehen wird Macht
Joggeli das Wüsteste so kündigt er uns aber wenn wir einander verstehen und
helfen so schadet alles nichts der liebe Gott der bis hierher geholfen hat
wird ferner helfen«
Ulis Vertrauen und Ergebung hatte noch eine Probe zu bestehen Als er unter
die Menschen kam war es fast als sei er ein Gespenst welches aus dem Grabe
komme frech am hellen Tage Mit weiten Augen glotzten ihn die Leute von ferne
an als sei er eine Giraffe aus Afrika und kam er näher so drehten sie sich
weg und machten sich auf die Seite Da waren Wenige welche ihm standhielten
und noch Wenigere welche ihm die Hand boten freundlich ihm Glück wünschten
über seine Genesung ihn bedauerten wegen seinem Unglück Sie wussten zwar wohl
dass er kein begrabener Mann war aber es wäre ihnen recht gewesen er wäre es
dann aber auch im Grabe geblieben Sie betrachteten ihn als einen verlorenen
Mann und von solchen hat man es lieber wenn sie einem aus den Augen kommen
solche setzen die meisten Leute in die größte Verlegenheit Bloß die welche
allen feinern Gefühlen abgestumpft sind die gröbste Selbst sucht für die
größte Tugend halten haken ihnen kaltblütig stand und fertigen sie sackgrob ab
Andere kommen aber eben in große Verlegenheit Den Einen sagt das Gewissen sie
könnten helfen und sollten helfen aber sie mögen nicht Andere fürchten sie
möchten um Hilfe angesprochen wer den sie wollen sie abschlagen natürlich
aber ihnen fällt nicht gleich eine Ausrede ein noch Andere glauben
herabgekommene Leute müsse man verachten man schade der eigenen Ehre und seinem
Kredit wenn man mit ihnen freundlich sei gut bekannt scheine aber es drückt
sie eine gewisse Unbeholfenheit mit Manier das alte Verhältnis abzubrechen und
ein neues festzustellen Das Kürzeste und Kommodeste wäre immer in alle Wege
einen solchen Menschen totzuschlagen und sechs Fuß hoch mit Erde zu bedecken da
kriegte man ihn nicht mehr zu Gesichte Wir sind halt in alle Wege von Natur
schwache schlechte Geschöpfe und zwar ehemals und jetzt siehe Petrus in
Kaiphas Hofe siehe auf jeder Börse und an jeder Kirchtüre absonderlich auf den
Rataustreppen Das sind aber harte Erfahrungen für einen Menschen der ohne
seine Schuld wie man zu sagen pflegt obgleich es nur teilweise richtig ist
ins Unglück gekommen wenn er sieht wie man ihm ausweicht ihn aufgibt Da gibt
Mancher sich selbst auch auf Es braucht Mut dazu das Vertrauen festzuhalten
wenn man sieht dass alle keines mehr zu uns haben An die Stelle des Vertrauens
kommt der Zorn der Hass und die Rache und aus einem der zu retten gewesen
wird ein unversöhnlicher Feind der Menschen
So geschah es jedoch mit Uli nicht Er bemerkte das Benehmen der Menschen
wohl und Vreneli fühlte es noch besser da sogar Bettelweiber sich seiner
verschämten und ihm auswichen Anfangs tat es Uli im Herzen weh als er aber in
die Kirche kam die Orgel rauschte die Gemeinde sang der Pfarrer betete und
predigte die Gemeinde zum heiligen Tische wallte da vergingen ihm die bitteren
Gefühle er vergaß das Tun der Einzelnen er fühlte nur die Wonne der Gemeinde
Christi anzugehören und Pfänder und Siegel zu empfangen dass auch ihm seine
Sünden vergeben und Gerechtigkeit und ewiges Leben um Jesu willen aus Gnaden
geschenket sei Wenn schon die Einzelnen von ihm wichen er blieb doch in der
Mitte der Gemeinde blieb teilhaftig der Schätze und Gaben welche unser große
Meister und Herr seiner Gemeinde erworben hat Was hat das Abwenden Einzelner zu
bedeuten wenn man dabei ein lebendig Glied des großen Ganzen wird dessen Herr
und Meister der ist von dem sich auch alle gewandt über den ein toll und
töricht Volk das »Kreuzige« gerufen hat Aber wenn einer die Gemeinde Gottes
verlassen und Fleisch für seinen Arm gehalten hat und nun wird er auch von den
Menschen verlassen der ist dann allerdings ein armer Verlassener ein
unglücklicher Tropf
Ein Herz voll reichen Segens trug Uli aus der Kirche sein Sinn war so mild
wie die Sonne welche den Nebel durchbrochen hatte und gar lieblich schien er
konnte von Herzen sagen Vater vergib ihnen sie wissen nicht was sie tun Er
konnte wie ein Kind sich freuen und sagen Weichet nur von mir ich gehöre euch
doch an und es kommt die Zeit wo ihr mich werdet als Bruder erkennen euch
meiner freuen werdet und mir danken dass ich nicht Gleiches mit Gleichem
vergalt in Gott die Gemeinschaft festhielt als die Welt feindselig sich
zwischen uns stellen wollte Als sie alleine auf dem Wege wieder waren und
Vreneli frug »Und was sagst zu den Leuten« antwortete Uli »Nicht viel es
ist immer wie immer und wird also bleiben man kann es zum voraus wissen und
doch tut es anfangs weh wenn man es selbst er fährt« Nun erzählte er Vreneli
was ihn getröstet das freute Vreneli sehr und einiger als nie kamen sie heim
Es war als hätten sie neu ihren Bund geschlossen und mit neuer Kraft und
Besonnenheit gingen sie an ihr schweres Tagewerk
Eine große Freude hatten sie An einem schönen Morgen kam ein Wägelchen
daher fast anzusehen wie ein Müller wägelchen denn Kornsäcke lagen darauf Den
munteren Jungen auf demselben kannten sie nicht und erst als er den Gruß von
Vater und Mutter vermeldete erkannte ihn Uli als des Bodenbauern Kind welches
ihm aber aus den Augen gewachsen war Der brachte einige Scheffel vom schönsten
Samenkorn und anderes Gesäme Der Vater habe gesagt sie könnten es wohl
entbehren und hier werde man es brauchen können berichtete der Junge Eine
solche Gabe in der Not hat nicht bloß einen äußern Wert sondern einen noch viel
größeren innern ist so gleichsam das Ölblatt welches die Taube dem Noah brachte
als das Zeichen dass Gottes Zorn im Aufhören sei und seine Güte wieder
hervorbreche im Grünen und Blühen der Erde Joggeli ärgerte sich über des
Bodenbauern Güte wahrscheinlich nahm er sie als Vorwurf für sich Er fragte den
Jungen was das Malter kosten solle Soviel er wisse nichts sagte der Junge
es sei Steuer an den Hagel wie das so der Brauch sei unter rechten Leuten von
je »Aber Junge wenn dein Vater sein Korn so billig verkauft was erbst du
dann« frug Joggeli hämisch »Gottes Segen sagt die Mutter« antwortete der
Junge »Ja« sagte Joggeli »aber damit hat man nicht gegessen und nur mit dem
kriegst du keine reiche Frau Wenn mein Vater so gewirtschaftet hätte es hätte
mir angst gemacht« »Glaubs« sagte der Junge »Ihr und der Vater werdet danach
gewesen sein mir aber macht es nicht angst habe noch nie gesehen dass der
Vater was Unrechtes getan und wenn er auch alles weggibt so ist es seine Sache
und nicht meine Und wenn ich schon nichts erbe so hat der Vater uns so
erzogen dass wir uns was erwerben können und nicht zu Tagdieben und um von
seiner Sache zu schmarotzen und sie zu verbrauchen« Das kam Joggeli in die
Nase er kehrte sich steckelte ins Stöcklein und machte die Türe zu
Ulis ruhigere Gemütsweise sein milderes Wesen welches nicht immer erhitzt
war zu Feuer und Flammen im Jagen nach einem unerreichbaren Ziele einem Wagen
gleich den man ohne Ross und ohne Schmiere dahintreibt hatte einen wohltätigen
Einfluss auf die Arbeiter und das Gesinde Das selbe schaffte williger schickte
sich in die Lage und der Eine oder der Andere sagte Es sei kurios er habe
geglaubt erst jetzt hätten sie es recht bös das sei aber nicht es sei ein
viel besser Dabeisein als vor Hagel und Krankheit Der Junge wusste nicht dass
für das Dabeisein es viel mehr ankömmt auf die Stimmung im Gemüte als auf das
Schmalz im Gemüse Diese Ruhe muss sein wenn die notwendige Besonnenheit welche
alleine den Sturm der Umstände siegreich bestehen kann sich entwickeln soll
Napoleons großer Heldenmut bestund bekanntlich eben in diesem besonnenen
Zusammenziehen seiner Kräfte vermittelst welchem er nirgendwo unnütze Kräfte
liegen hatte sondern alle schlagfertig unter Augen nicht bloß um Angriffen zu
begegnen sondern am geeignetsten Punkte durch rasches Durchfahren sich Luft zu
machen
Gelehrte Schulmeister und andere Züchtlinge der modernen Schule werden
diese Vergleichung sehr ab Ort finden denn Krieg und ein Hauswesen Napoleon
und ein Uli scheinen weit außerhalb dem Kreise möglicher Vergleichungen Wir
bemerken einfach dass nicht bloß jeder Christ ein Kriegsmann sein soll sondern
dass jeder Hausvater einer sein muss er mag wollen oder nicht dass die Welt
ringsum auf ihn schaut Tag für Tag und dass er gegen diese Welt bestehend aus
Umständen und Persönlichkeiten stehen muss wenn er nicht zu Boden getreten sein
will dass er ihr abstreiten muss was er sein nennen will Die erlaubten
Streitweisen das wahre Kriegsrecht findet sich in Gottes Gebot und nicht in
ochsenhaften Gelüsten Wahre Grundsäue müssen aber wahr sein im Kleinen und
Großen sich bewähren Daher meinen wir Napoleons Kriegsgrundsätze mit welchen
er die halbe Welt bezwang dann der halben Welt standhielt bis die Übermacht
ihn ohnmächtig machte seien von jedem Hausvater zu brauchen der eine Ziege und
drei Hühner hat Es liegt eine so wunderbare Einfachheit darin dass sicher so
mancher Holzhacker wunderbare Triumphe über die Welt feiern würde wenn er sich
die Mühe nehmen täte dieselben sich zu eigen zu machen Dass aber menschliche
Berechnung und die kaltblütigste Besonnenheit ihre Schranken haben und dass nicht
ein Mensch es ist sondern ein ganz Anderer der sagt Bis hieher und nicht
weiter das hat niemand wiederum besser erfahren als eben der Napoleon Die
Anwendung aller in ihm liegenden Kräfte und die Bestimmung der Richtung dieser
Anwendung liegen am Menschen den Ausgang aber bestimmt Gott
Das sind große Worte für kleine Dinge aber die kleinsten Dinge sind für
den welcher nicht größere erlebt groß genug um mit den größten Worten sie
auszudrücken und die Zahl derer welche nur sogenannte kleine Dinge erleben
ist unendlich größer als die Zahl der Herkulesse Alexander und Napoleon Daher
wird dem Volksschriftsteller welcher nicht für große Helden nicht einmal für
eidgenössische schreibt erlaubt sein das sogenannte Kleine aber den Weisen
das Wichtigste auch mit den gewichtigsten Worten darzustellen welche ihm zu
Gebote stehen
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Uli erlebt ein Abenteuer
Uli zählte seine Kühe maß sein Heu und musterte seine Pferde übersah sein
Stroh und was sonst in Speicher und Keller Gänterli und Kammern war hielt
Kriegsrat mit Vreneli und entwarf mit ihm Operationspläne Da der Wirt nie Geld
hatte sein Papier einzulösen die Düngungsmittel fehlten das Futter knapp
zugemessen war weil das zweite Gras ganz oder doch ziemlich gefehlt so ward
angemessen gefunden den Viehstand zu beschränken Schafe und Kühe welche eben
nicht besondere Nutzung gaben zu veräussern Uli tat es ungern er hatte
auserlesenes Vieh im Stalle wusste wohl dass zu wenig Vieh dem Hof schade und
was die Leute dazu sagen würden Indessen muss man sich eben nach der Decke
strecken und dem Hofe glaubte er so wohl getan zu haben dass der jetzt um eines
bösen Jahres willen ihm auch dankbar sein könne Landmann und Land müssen
gegenseitig sich aushelfen und ist der Landmann treu lässt das Land sich nie
beschämen lässt seinen Meister nie im Stich
Indessen scheute Uli sich doch trotz seines guten Rechtes mit seiner Ware
auf einen benachbarten Markt zu fahren Er dachte die lieben Nachbaren würden
allenthalben sagen »Klemme den recht der bedarf Geld er muss verkaufen Wären
wir Pachterr wir wollten dem das Verkaufen vertreiben Wenn alles fort ist und
das Geld vertan ist dann hat dieser das Nachsehen« Auch fürchtete er das
Mannli anzutreffen und übles Nachreden Er wählte sich daher einen entfernten
Markt aus nahm zwei junge schöne Kühe welche aber eben nicht viel Milch gaben
und fuhr mit ihnen nach eingebrochener Nacht fort Er ließ sie trappen nach
Bequemlichkeit friedlich zottelten sie ihm nach der Mond stund im ersten
Viertel nach Mitternacht ward es finster So konnte er seinen Kühen alle Musse
lassen und war doch am Morgen früh auf dem Platze selbst wenn er sie einige
Stunden in einem Wirtshause fütterte und ruhen ließ Ganz einsam war es auf der
Straße und mit aller Musse konnte Uli seinen Gedanken Gehör geben Diesmal waren
sie weltlich doch ohne Bitterkeit Er dachte über Joggeli nach und seine
Stellung zu ihm Der Mann schitterte Sohn und Tochtermann waren häufig bei ihm
was Uli sehr verdächtig vorkam Joggeli wollte Uli wegen Vergütung beim
Hagelschaden oder Zinsnachlass kein bestimmtes Wort geben Das werde sich schon
machen sagte er »sieh nur gut zum Hof und lass mir ihn nicht ermagern« Ja so
von sich aus Dünger kaufen wenn man auch Brot kaufen muss ist für einen armen
Pächter eine strenge Sache
Allmählich ging der Mond zur Neige schien zu wachsen ehe er versank Er
glich einem mütterlichen Auge welches noch einmal ehe es sich schließt mit
besonderer Innigkeit über die Kinder strahlt welche weinend stehen um sie her
oder einer väterlichen Seele welche im letzten Augenblicke noch mit erhöhter
Weisheit über die Kinder leuchtet Wenn vor dem einsamen Wanderer Gestirne
untergehen und verschwinden wird er selten einer gewissen Wehmut ganz fern
bleiben es müsste denn sein Gefühl versteinert oder seine Gedanken anderswo
gefangen sein So wie beim Untergang der Sonne der Tau fällt auf die Erde so
kommt es über das Gemüt des Menschen So wanderte Uli auch achtete sich nicht
der zunehmenden Finsternis es war ihm als sei er alleine auf der Welt
Plötzlich schlug tief und wild dicht neben ihm ein Hund an Uli erschrak
dass alle Glieder bebten die Kühe nicht minder sprangen auseinander Die
Bewegung reizte den Hund zu wilderem Bellen und Nachspringen Da pfiff es grell
und nah dass Uli wieder zusammenfuhr der Hund aber stille ward Bellen und
Springen einstellte Uli fasste seinen Stock fester er sah in der Dunkelheit
dass ein Fußweg in die Straße sich münde und auf demselben kam eine große
Gestalt auf ihn zu Es war Uli unheimlich denn er wusste wohl dass an Markttagen
nachts hier und da einer auf der Lauer stehe um einem reisenden Händler seine
Geldkatze abzunehmen und dass es wohl geschehe dass man sich dabei vergreife und
einen erschlage der keine Geldkatze habe Jedenfalls wären seine Kühe immerhin
ein schöner Fang gewesen wenn auch ein gefährlicher
»Habe nicht Angst« sagte eine tiefe harte Stimme »es tut dir niemand was
Aber was tust du auf der Straße so spät«
Uli gab Bericht Der Mann gesellte sich zu ihm ein Wort gab das andere Es
ward schon bemerkt wie offen ein bäuerischer Wanderer sehr oft gegen den
wildfremdesten Menschen auf der Straße ist und ihm Dinge erzählt welche er da
heim nicht vor den Mund lassen würde Es kommt ein Bedürfnis zu reden die Leute
an dessen man daheim sie durchaus nicht für fähig gehalten hätte So auf der
Straße lassen die reichsten biographischen Studien sich machen So erzählte
sobald er seine Kühe wieder hinter sich hatte und die friedfertige Weise seines
Begleiters sah Uli woher er komme warum er verkaufen müsse und so weit zu
Markte fahre damit es nicht heiße er pfeife auf dem letzten Löchlein Als Uli
sagte was für Kühe er habe und wie lange sie trächtig seien usw meinte sein
Begleiter »Du musst zwei Monate länger angeben das merkt niemand und jagt dir
manchen Taler in die Tasche« Das mache er nie mehr sagte Uli um keinen
Kreuzer wolle er mehr betrügen »Du bist ein rarer Vogel« antwortete der Mann
»Wie kommst du vorwärts wenn du so ehrlich sein willst« Nun leerte Uli sein
Herz und erzählte wie es ihm ergangen mit dem Mannli und dem Hagelwetter und
wie er begriffen dass Übervorteilen nichts helfe weil Gott es einem hundertmal
eintreiben könne Gehe er mit der Ehrlichkeit zugrunde was er übrigens nicht
hoffe da er die Sache verstehe und sich selten verfahre und das Sprüchwort
»Ehrlich währt am längsten« nicht umsonst sein werde so habe er doch den Trost
er sei nicht selbst schuld und die Leute täten am Ende doch sagen »Es ist
schade um den er kann uns fast erbarmen daneben war er ein braver Bursche«
Gehe er aber als Schelm zugrunde so müsse er denken er habe es verdient und
die Leute würden sagen »Dem geschieht recht da kann man wieder sehen was
Betrügen hilft« »Aber was sagt dann deine Frau dazu wenn du so fahren willst«
fragte der Mann »Oh der ist es ganz recht« antwortete Uli und erzählte wie
sie eine sei so eine adeliche dass man meine sie sei eine Bauerntochter
gewesen aus dem vornehmsten Hause und doch so tätig rühre alles an und wie er
längst ein armer Mann wäre wenn er die nicht hätte wie sie sich in alles
schicke und ihn tröste wenn sie sich doch eigentlich am meisten zu beklagen
hätte »Aber das hat sie von der Base selig die hat sie erzogen und bis auf die
letzte Stunde lieber gehabt als die eigenen Kinder und geraten und geholfen es
hätte ein Engel es nicht besser können Es war mir manchmal zuwider und ich
ärgerte mich dass die Weiber immer ihre Köpfe zusammensteckten bildete mir ein
sie reisten einander auf Man erkennt gar oft erst was ein Mensch war wenn er
im Grabe ist«
»Also die Bäuerin in der Glungge ist gestorben« sagte der Mann »ich hörte
nichts davon He nun einmal muss es sein und gewöhnlich geht es niemandem übel
und denen wohl die sterben können« Nun erzählte Uli wann sie gestorben wie
Vielen es übel gegangen und namentlich ihrem Mann für den sie immer gesorgt wie
eine Mutter wie wüst er auch gegen sie gewesen sei Sie sei schon lange nicht
recht gesund gewesen aber dass das Sterben so nahe sei daran habe sie kaum
gedacht In der Nacht habe man seine Frau geholt da hätte sie schon nicht mehr
reden können Sie hätte noch gerne was gesagt es sei allen himmelangst geworden
dabei man habe nicht gewusst wolle sie Hand oder Haus oder Hals sagen und auch
aus dem Denken habe man nicht kommen können so dass sie gestorben sei ohne dass
man begriffen was sie gewollt Das habe seiner Frau grausam weh getan Er wolle
nicht einmal davon reden wie übel es ihnen gegangen da die Base selig dafür
gesorgt dass alles in Ordnung bleibe jetzt wisse man von heute auf morgen
nicht was geschehen könnte sie liefen alle Augenblicke Gefahr aus dem Hof
vertrieben zu werden
Sein Begleiter fragte dies und jenes und treulich gab Uli Bericht und zwei
Stunden oder mehr waren dahin ehe er sichs versah Endlich frug er wie hoch er
die Kühe im Preise habe »Hundertunddreissig Taler wären sie unter Brüdern wert«
sagte Uli »Ob ich es lösen werde weiß ich nicht Aber da es nicht anders geht
kann ich auf einige Taler nicht sehen heimführen täte ich sie sehr ungerne«
»Weißt was« sagte der Mann »Ich habe einen Nachbar der Kühe kaufen will und
nicht nötig hat auf ein paar Taler zu sehen wenn er nur recht versorget ist
das ist alles was er will Ist nun alles wie du gesagt und ich will es dir
glauben so sind das gerade Kühe für ihn Ich gehe bald da ab und will es ihm
sagen Fordere dann aber herzhaft hundertvierzig Taler er zahlt sie und zwar
noch gerne«
»Ja« sagte Uli »wäre wohl gut so aber wie machen dass wir zusammenkommen
Es gibt heute dort so viele Leute und ich bin gar nicht bekannt« »Weißt was«
sagte der Mann »stelle dort beim Wildenmann ein er ist gleich wenn du zum
Tore hineinkommst links Sage weiter niemanden was iss ruhig deine Suppe in der
Gaststube bis dir jemand nachfrägt dem Mann mit den zwei Kühen Längstens bis
um acht Uhr soll er dort sein Kömmt er bis um diese Zeit nicht so fahre auf
den Markt es ist noch frühe genug Kühe wie diese verkaufen sich immer« Uli
dankte und fragte ob er nicht auch auf den Markt käme Würde der Handel
richtig so gebe er ihm gerne ein schönes Schmausgeld oder zahle ihm das
Mittagessen und eine gute Halbe »Bin kein Jude« sagte der Andere »indessen
habe Dank für den guten Willen Möglich ists dass wir einander sonst noch
antreffen« »Wo« frug Uli »Wollen ja sehen« antwortete der Mann schwenkte
rechts um und verschwunden war er im dichten Tannenbusch
Der Mann gab Uli viel zu denken Es dünkte ihn es sei an ihm etwas
Bekanntes aber er wusste nicht was Die Züge konnte er nicht sehen denn diese
zu erkennen war es zu dunkel Der Mann war ihm überhaupt ein Rätsel er war
sehr geneigt ihn für einen Räuberhauptmann zu halten welche ja ebenso
erscheinen und verschwinden Gutes und Böses tun nach ihren Launen Er wurde
misstrauisch und spintisierte was wohl hinter dem Vorschlag beim Wildenmann
einzukehren stecken möge Vielleicht dass dort der Wirt mit dem Unbekannten im
Bunde sei und während er Suppe esse die Kühe aus dem Stalle stehlen lasse Er
hatte gute Lust den Wildenmann zu lassen und direkt auf den Markt zu fahren
Die Kühe hatte er wohl gefesselt und die Stricke gut um die Hand gewickelt Er
konnte nicht klug werden aus der ganzen Sache und namentlich daraus nicht dass
er des Mannes Nachbar zehn Taler mehr abfordern solle und der Mann doch keinen
Vorteil wolle weder Schmaus noch Mittagessen Solche Uneigennützigkeit wird
sonst sehr selten gefunden in Israel Er konnte bloß denken der Mann hasse
seinen Nach bar und möge ihm es wohl gönnen wenn er zehn Taler mehr zahlen
müsse als ein Anderer wenn nämlich überhaupt an der Geschichte mit dem Nachbar
was Wahres sei
Der im Reden so offenherzige Uli wurde als es zum Handeln ging plötzlich
misstrauisch wozu die so selten vorkommende Uneigennützigkeit des Mannes nicht
wenig beitrug Es ist wirklich eigen dass man bei gewissen Klassen von Menschen
sich mit nichts mehr verdächtigt als mit Uneigennützigkeit Wer ungestraft
gemeinnützig oder uneigennützig sein will muss wenigstens wer es über sich
bringen kann der Person oder der Gemeinde welcher er Gutes tut wacker den
Balg streichen sagen ihr und keiner andern täte er das denn sie sei eine wie
keine mehr gefunden werde zwischen Himmel und Erde Das ist aber dann auch ein
gültiger Grund der zwischen Himmel und Erde allenthalben begriffen und hie und
da selbst dankbar beinahe anerkannt wird
Die Nacht verschwand allmählich es zeigten sich Schweinhändler ja Menschen
auf den Straßen Da man auf Markt wegen Gespräche beginnen darf wenn man sich
schon nicht gegenseitig vorgestellt ist so war Uli alsbald wieder in vollen
Mitteilungen Er wollte sich verblümt nach dem Wildenmann erkundigen und lief
um unverdächtig bis zu diesem zu kommen erst das Register aller wilden Tiere
durch bis zum Ochsen herab von welchem der Sprung bis zum Wildenmann ziemlich
unverdächtig konnte unternommen werden Der Wildenmann wurde sehr gerühmt der
Wirt sei Ratsherr hieß es Das wolle heutzutage nicht viel sagen meinte Uli
Nur wer nicht arbeiten möge nicht mehr mit Ehren durchkommen könne und dem man
nichts nehmen könne wenn der Schuss hintenaus gehe sehe auf solche Pöstlein Es
komme noch dazu dass wenn man einem Ratsherr sage der vermahne weil er es für
eine grobe Scheltung nehme Potz Himmeltürk jetzt hätte Uli der in letzter
Zeit bloß seinem Hause vorgestanden war den Geist der Zeit in den Wirtshäusern
nicht eingeschlürft hatte also auch nicht auf der Höhe der Zeit stund bald
erfahren was es heißt mit unbekannten Menschen politisieren auf der Straße
Der Schweinhändler mit dem Uli sprach war eben neugebackener Ratsherr kehrte
den Geisselstecken um und wollte Uli einen Begriff von neugebackener Würde
beibringen Uli dagegen war kein ABCKind mehr verstund bloß noch etwas vom
gegenseitigen Unterricht und versuchte nun seinerseits dem Ratsherrn den
Begriff von Freiheit im allgemeinen und den Begriff von der Redefreiheit
insbesondere so recht vaterländisch einzuölen Offenbar hatte Uli mehr
Lehrtalent und größere Eindringlichkeit im Vortrag wahrscheinlich waren auch
seine Lehrmittel bündiger und kürzer gefasst kurz der Schweinhändler schrie
»Willst aufhören du Vieh weißt wen du vor dir hast Ich bin Ratsherr«
»Meinetalben Ratsherr Schweinhändler oder Schinder« ein solcher sitzt
wirklich jetzt im Großen Rate des Kantons Bern männiglich zur Erbauung und zum
Nachdenken »wir sind ja alle gleich vor dem Gesetz« sagte Uli dem das Blut
heiß war und dem daher mehr einfiel als wenn es kalt war »Hol der Henker das
Gesetz« sagte der Ratsherr »und schweigst nicht und gehst deiner Wege so
kommst ins Gefängnis bis du vergessen hast wie Sonne und Mond eine Nase
haben« »Mach was kannst« sagte Uli »Streit hast du angefangen und wir haben
Pressfreiheit auf der Straße kann jeder machen was er will Komm verbinde mir
das Maul wenn du darfst« »Mach was du willst schreib was du willst aber
dsRede das will ich dir du verfluchter Aristokrat und Jesuit zeigen was das
zu bedeuten hat« schrie der Schweinhändler Da von der stillschweigenden
Pressfreiheit Gebrauch machend maß ihm Uli noch einen zweieinhalb Fuß langen
Artikel auf stillschweigend versteht sich und trieb darauf seine Kühe zum
Wildenmann obgleich derselbe Ratsherr war
Es war aber wirklich ein braves Haus ein ererbtes mit altem Schilde und
alten wohlanständigen Sitten Es war ein bedeutender Verkehr da und ein starkes
Zutrauen Gar manchen Gurt voll Geld sah Uli dem Wirte übergeben zur
Aufbewahrung Kauften sie was so kämen sie mit den Leuten hieher sie wollten
lieber hier bezahlen als draußen auf dem Markte sagten die Händler Nun begriff
Uli wohl dass er bei keinem Mitglied einer Räuberbande sei und doch war es ihm
nicht so recht behaglich hinter seinem guten Kaffee denn es kam ihm immer
wahrscheinlicher vor der Mann habe bloß eine Probe machen wollen wie gescheut
oder wie dumm er sei Hier könne er vielleicht die beste Zeit verpassen dann
komme hintenher einer und presse ihm die Kühe welche er nicht heimführen wolle
wohlfeil ab
Juden schwirrten herum mit der ihnen eigenen Geschäftigkeit beschnoberten
ganz ohne Komplimente Menschen und Vieh um zu erfahren ob nicht e Handel zu
machen sei Bald trat einer zu Uli und frug ob er nicht ein Ross kaufen wolle
er könne ihn versorgen wolle tauschen begehre nicht bar Geld ein anderer
pries ihm Uhren an wie keine noch auf der Welt gewesen und wollte sie
garantieren bis eine Woche nach dem jüngsten Tage ein dritter hatte
Schnupftücher Halstücher von echter Seide und sonst noch Tuch von allen Sorten
wollte allen alles halb schenken aus reiner Liebe und gerade weil sie es seien
und weil ihm das Artikelchen verleidet sei Uli war fast seines Lebens nicht
sicher sein Kaffee wurde kalt weil er ob dem Bescheidgeben nach allen Seiten
nicht Zeit fand ihn zu trinken »Was kommt er denn auf den Markt wenn er
nichts kaufen will« frug endlich ein Jude hässig Er habe zwei Kühe da
antwortete Uli »Wo hat er die zwei Kühe wo sind die zwei Kühe« frugen Zwei
Drei Sie seien unten im Stalle antwortete Uli »Komm zeige sie Bauer Wollen
sie schauen kaufen sie dir ab tauschen mit dir e Ross e Kuh wie du willst«
Als Uli sagte jetzt komme er nicht runter er müsse hier auf jemanden warten
wollten sie wissen wo die Kühe stünden wollten sie schauen sagten wollten e
Handel mit ihm machen
Nicht lange ging es so kam ein schlichter Bauersmann daher und frug ob
nicht einer mit zwei Kühen da sei Da fiel Uli ein Stein von dem Herzen im Ring
der Juden war ihm ordentlich bang geworden er wusste wie man oft wider Willen
auf einem Markte in ihre Hände gerät und nie anders drauskömmt als geschoren und
beschnitten »Mein Nachbar hat mir gesagt du hättest zwei Kühe welche mir
dienen könnten Zeige sie mir wollen sehen ob wir Handels eins werden wo
nicht ist Keiner versäumt« sagte der Mann zu Uli
Als sie hinunterkamen hörten sie großen Streit Ein Jude hatte Ulis Kühe
abgelöst und wollte mit ihnen aus dem Stalle um draußen bei Licht sie besser
beschauen zu können als drinnen im finsteren Stall wie er sagte Der Stallknecht
wollte es nicht geschehen lassen bis der da sei welcher sie ihm übergeben Er
sei verantwortlich dafür und lasse nicht jeden Schelm aus dem Stalle nehmen was
ihm beliebe da käme er sauber an
Als Uli kam hingen sie an ihm wie Kletten »Wie teuer Bauer« frug einer
»Sind magere Kühe« sagte ein Anderer »für die ist kein Kauf« ein Dritter ein
Vierter wollte Ulis Begleiter der unterdessen die Kühe untersuchte von
denselben wegjagen Sie seien mit dem Manne im Handel sagte er die Kühe gingen
ihn also nichts an er solle gehen das sei keine Manier zwischen einen Handel
zu kommen »Nun Bauer was willst du für die Kühe« Doch Beide Uli und der
Andere waren nicht zum ersten Male auf einem Markte Uli schätzte die Kühe
nicht der Andere ließ sich nicht stören und als er fertig war befahl Uli dem
Stallknecht die Kühe wieder anzubinden einstweilen gingen sie niemanden was an
als ihn und Beide verließen den Stall um das Geschnatter sich nicht kümmernd
Hui die Juden ihnen nach sortierten sich alsbald in zwei Hälften die eine
rühmte zuhanden des Verkäufers die Tiere die andere machte zugunsten der Käufer
die Kühe runter dass man hätte glauben sollen es seien zwei miserable Ziegen
welche noch dazu kein gesundes Haar am Leibe hätten Da der Handel ihnen
einstweilen gefehlt zielten sie jetzt nach Schmausgeld und zwar hartnäckig so
dass der fremde Mann der in dem Hause bekannt schien Uli in ein besonderes
Zimmer winkte wohin denn doch die Juden nicht nachkamen
Hier wurden sie wirklich Handels alsbald einig Mit schönem Gelde zahlte der
Käufer aus legte noch einen blanken Taler als Trinkgeld für die Frau zu und
sagte wenn er diesmal gut versorget sei so solle es nicht das letztemal sein
dass sie mit einander handelten Er hätte ein großes Hauswesen müsse viel ändern
und sei froh ohne viel Geläufe aus versorgter Hand seine Ware zu kaufen Da es
Uli wunder nahm wer der Mann gewesen der ihm nachts begegnet war so sagte ihm
der Andere er sei ein Metzger der aber das Geschäft nur noch für seine Freunde
treibe nötig hätte er es nicht mehr Er sei ein wenig wunderlich aber ein
guter Mann sie seien gute Freunde und wenn Einer dem Andern dienen könne so
spare es Keiner Diese Auskunft setzte Uli über alles was ihm dunkel war ins
Klare Er dachte solche Wunderlichkeit die einem Freunde zehn Taler abnimmt
und sie einem Fremden in die Tasche jagt möchte er alle Tage erleben
Es mögen vom selben Markte wahrscheinlich Wenige fröhlicher aus gutem Grunde
heimgekehrt sein als Uli Von Markten kehrt freilich gar Mancher frohgemut heim
jauchzt das Land voll tut als sei er nun Hans oben im Dorfe Aber das ganze
Glück kommt aus dem Weingrunde ist der verdunstet wird das Gemüt zu einer
jämmerlichen Pfütze über welcher wie ein stinkender Nebel eine elende Stimmung
schwebt welche das Publikum mit dem Ausdruck Katzenjammer bezeichnet Nun der
geht in einem oder zwei Tagen vorüber aber Mancher trägt einen Katzenjammer im
Gewissen davon und der geht nicht vorüber regt sich immer neu und wenn er auch
vergangen besonders bei schönem Wetter kehrt er doch zurück wenn es donnert
Und Mancher und Manche trägt das Gift heim welches ihr Lebensglück für ihre
ganze Lebenszeit zerstört und vielleicht noch hinüber ins Jenseits wirkt
Uli freute sich nicht bloß der zehn Taler wegen sondern als er im Heimwege
das Vergangene überschlug fiel es ihm ein der Mann habe ihm deswegen zehn
Taler mehr zugeschlagen weil er ehrlich sein und punktum bei der Wahrheit habe
bleiben wollen den Mann aber habe ihm recht eigentlich Gott gesandt um ihm
Freude über seine Umkehr zu bezeugen und zum Zeichen dass Ehrlichkeit immerhin
die größte Klugheit sei Uli war weit entfernt zu glauben nun müsse und werde
Gott ihm allemal wenn Ehrlichkeit die Versuchung überwinde ein besonderes
Zeichen tun und den Lohn ihm immer gleich bar auszahlen Aber es freute ihn
diesmal das so aufzufassen er glaubte er habe das Recht was ihm begegne
aufzufassen wie es ihm am wohlsten tue sein Gemüt am meisten stärke also je
frömmer desto besser Er wusste wohl dass gar Viele höhnisch ihn auslachen
würden wenn er ihnen die Sache erzählte als hätte Gott sich ihm da eigens
geoffenbart und ihn gestärket aber er glaubte wie sie das Recht zum Lachen
hätten hätte er das Recht Gottes Segen zu erkennen in allen Dingen und daran
sich zu erbauen Und wie sie das Recht hätten um seines frommen Sinns ihn
auszulachen habe er das Recht von ganzem Herzen sie zu bedauern dass alles
ihnen bloßer Zufall sei dass sie des trostlosen Glaubens seien sie seien nichts
als Rohre im Sumpfe aufs Ungefähr von jeglichem Winde hin und hergetrieben
Als er heimkam so früh wäre Vreneli fast ob ihm erschrocken denn wenn es
mit rechten Dingen zugegangen konnte er noch nicht schon da sein meinte es
Als es nun den Verlauf hörte hatte es große Freude denn es nahm die Sache
gerade wie Uli zu großer Erbauung und zur Stärkung im Vertrauen dass am Ende
alles zum Besten sich wenden werde Diese Stärkung hatten sie aber auch sehr
nötig
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Joggeli erlebt auch was und was Altes dass was einer säet er auch ernten muss
Joggeli ließ eines Abends Vreneli hinüberrufen Es müsse ihm da etwas lesen
sagte er er möge Brille nehmen welche er wolle so könne er nichts daraus
machen er verstehe sich gar nicht auf die neue Gschrift welche aufkäme man
sehe es allem an wie der Glaube abnehme und bald keiner mehr sei Vreneli
verstand sich wie es schien besser darauf denn es ward blass las einmal las
zweimal sagte endlich »Das ist kaum das kann nicht sein« »Was nicht« sagte
Joggeli ungeduldig »was nicht Sage es doch und stürme nicht« »Vetter da
steht Ihr hättet Elisis Mann eine Gschrift gegeben gut für fünfzehntausend
Taler die habe er eingesetzt oder versilbert und jetzt wolle man das Geld«
Joggeli begehrte mit Vreneli grässlich auf es könne nicht Geschriebenes lesen
und wolle ihn zum Besten halten Man ließ Uli kommen Mit großer Not und vielem
Buchstabieren brachte derselbe ungefähr das Gleiche heraus Das sei ein
abgeredet Spiel sagte Joggeli um solche Sachen ihm abzulesen hätten sie nicht
gebraucht zu kommen Wie sie das hätten abreden wollen fragte Vreneli sie
seien ja Einer nach dem Andern gekommen Uli hätte nicht gehört was es gelesen
Wenn sie einen Narren haben wollten so sollten sie sich einen eisernen machen
lassen das begreife ja jedes Kind dass sie gewusst was im Briefe sei sie
hätten ihn sonst nicht so punktum gleich ablesen können wenn sie ihn nicht
auswendig gewusst hätten belferte Joggeli »Komm Uli« sagte Vreneli »der
Vetter ist aber so wunderlich da ist nichts mit ihm zu machen Morgen hat er
vielleicht sich anders besonnen dass wieder mit ihm zu reden ist« Sie gingen
und kümmerten sich was da für ein neuer Schelmenstreich abgekartet worden
rieten was sie machen sollten und wurden endlich einig nichts zu sagen bis
Joggeli wieder anfange oder die Sache sich von selbst mache Joggeli sagte
nichts mehr sie also auch nichts
Einige Tage darauf kam Elisi daher und zwar zu Fuß in einem schrecklichen
Aufzuge heulend und schreiend Es suchte den Mann der war verloren gegangen
Er hatte eine kleine Reise vorgegeben nun war er seit vierzehn Tagen fort
niemand wusste wohin Das Gerede schwoll an er hätte sich mit dem Schelmen
davongemacht Dort wohin er vorgeblich gereist sei er nie gewesen an einem
andern Orte hätte er viel Geld auf Joggeli hin genommen und sei damit voraus
wahrscheinlich den Weg aller Spitzbuben das heißt nach Amerika So heulte Elisi
in Absätzen und wollte seinen Mann haben oder weil er nicht da sei solle man
ihm ihn herschaffen Nun der Mann war nicht da aber ein bös Licht ging Uli und
seiner Frau auf doch enthielten sie sich ihre Gedanken zu äußern Sie dachten
jetzt sollte es doch dem Joggeli einfallen was der Brief zu bedeuten hätte es
sei denn er hätte ihn vergessen Aber Joggeli hatte ihn nicht vergessen und
sagte doch nichts Er schweige dazu dachte er Wenn er nichts sage so werden
sie auch schweigen und er wollte ein Narr sein da Bescheid zu geben wo er
nichts schuldig sei Wollten sie im Ernst etwas so könnten sie ihn aufsuchen
wie üblich und bräuchlich
Da kam Johannes dahergefahren wie aus einer Kanone und blies Tabakswolken
von sich dass man von weitem hätte glauben können sein Charabanc sei eine
Höllenmaschine oder ein kleiner feuerspeiender Berg und blase Rauch von sich Er
hatte auch vernommen der Schwager sei zum Teufel und zwar mit hunderttausend
Gulden vom Vater Man kann denken wie der schnaubte und tobte Joggeli wollte
nichts von allem wissen und das kam Elisi wohl Johannes hätte es zwar nicht
gefressen aber doch halb zerrissen im ersten Zorn Joggeli wollte auch nicht
glauben dass der Tochtermann fort sei er werde nur dem Geheul ein wenig aus dem
Wege gegangen sein auch er hätte Lust zu gehen so sei es ihm erleidet und
doch hätte er es noch nicht so lange gehört Er wollte lieber man ließe ihn
endlich ruhig und plagte ihn nicht bis auf den letzten Tag Geplagt zu werden
werde ihm beschieden sein Viele Jahre hätte ihn die Frau geplagt es sei nie
recht gewesen was er gemacht zu guter Letzt plagten ihn nun die Kinder und
seien ihm immerfort vor der Türe So kifelte Joggeli während die Kinder heulten
und tobten Der Alte sei ein Kind brüllte Johannes den Uli an man könne kein
vernünftig Wort mehr aus ihm herausbringen Sie hätten besser zu ihm sehen
sollen oder Bescheid machen als sie gesehen wie er sei und den Schelm nicht
zu ihm lassen Wenn etwas geschehen sei so mache er sie dafür verantwortlich
Jetzt wolle er der Sache nachfahren bis er wisse woran er sei das werde nicht
so schwer zu erfahren sein Und hätte er es mal dann schone er niemand Da
solle er machen was er könne sagte Uli an Joggeli hätten sie nichts
Besonderes bemerkt ihn auch nicht zu hüten gehabt Sie die nächsten
Verwandten seien gekommen und gegangen wann es ihnen gefallen ihm und seiner
Frau wäre es übel angestanden wenn sie ihnen hätten den Zugang verwehren
wollen Er hätte es ihm doch befohlen sagte Johannes »Selb hast« sagte Uli
»aber ich und die Frau dir wiederum gesagt dass wir mit der Sache nichts zu tun
haben wollen und können« Johannes ging ab ganze Mäuler voll Lumpen und
Schelmenpack dem er es eintreiben wolle vor sich herstossend
Es war Johannes allerdings nicht wohl bei der Sache und er hatte Ursache
dazu was der Bock an sich selber weiß trauet er der Geiß Er ließ anspannen
und fuhr dem Gerücht nach Das ist ein Ding welches oft weit schwerer ist als
das Verfolgen eines flüchtigen Hirsches durch amerikanischen Urwald Diesmal war
es Johannes viel leichter denn das Gerücht war nicht bloß ein leises Gemurmel
sondern ein lautes Geschrei und nicht Johannes allein sondern gar Viele jagten
ihm nach und suchten den wahren Grund So vernahm man bald dass der Bursche
wirklich einen nicht sehr alten Pass habe den man ihm ohne Bedenken gegeben da
er immer mit einem versehen gewesen sei angeblich wegen Handelsgeschäften den
er regelmäßig wenn er nach dem Gesetze ausgelaufen gewesen mit einem neuen
vertauscht habe Man vernahm wo er Geld aufgenommen haben solle Johannes fuhr
darauf los dort fand er den wahren Grund und ein Papier mit seines Vaters
Unterschrift auf welchem dem Schwager fünfzehntausend Taler zugeschrieben
stunden Dem Johannes verging eine ganze Weile das Fluchen selbst die Pfeife
löschte aus Als er wieder Atem hatte ging es freilich wieder los und das
Versäumte hatte er bald reichlich eingeholt Erst ging es über den Schwager los
dann über den Vater und endlich über den Herrn Handelsmann oder Banquier oder
wie man ihm sage der auf das Papier hin das Geld gegeben hätte Dem sagte er
alle Schande drohte ihm mit Galgen und Rad und als dies nichts half wollte er
ihn prügeln Der aber war nicht dumm hatte zu rechter Zeit für Hilfe gesorgt
und Johannes musste abmarschieren tat es aber nur unter Donner und Blitz und mit
dem Drohen wann er wieder komme so bringe er dann Leute mit Handschellen und
Stricken Nun kam er auf die Glungge wieder gefahren wie eine gejagte Seekuh
durch den Schilf fährt Der Vater wollte nichts unterschrieben haben wenigstens
nichts solches Ein paarmal hätte der Tochtermann ihm Päcklein von der Post
gebracht und da hätte er die Quittung unterschrieben sonst wisse er von
nichts Wahrscheinlich hatte ihm einmal der Spitzbube das Papier als Postschein
untergeschoben nach dem er ihn früher einige Postscheine über Päcklein welche
durch seine Vermittlung Joggeli zukamen unterschreiben lassen Wenigstens
hatte die Schrift Ähnlichkeit mit einem solchen Postschein und Joggeli hatte
schwache Augen einen schwachen Sinn und war sein Lebtag kein Held im
Geschriebenen gewesen Wahrscheinlich stak der sogenannte Banquier mit dem
Spitzbub unter einer Decke sonst hätte er wohl bei Joggeli selbst über den Wert
des Papiers sich näher erkundigt ehe er Geld darauf gab Aber bei solchen
Händeln ist was zu profitieren und weit mehr als bei ehrlichen wieviel in seine
Tasche floss vernahm man nicht auch würde es kaum in seinen Büchern zu finden
gewesen sein
Was das nun für einen fürchterlichen Spektakel auf der Glungge gab kann man
sich denken Vreneli musste Elisi ins Haus nehmen um es vor Johannes und der
Trinette welche nachgefahren kam zu sichern Nun aber heulte Elisi drinnen das
Haus voll und Trinette heulte draußen ums Haus herum wie ein Hund unter einem
Baum auf den eine Katze sich geflüchtet Vreneli musste seine ganze Tapferkeit
aufbieten um vor dem Ärgsten zu sein Es musste für Joggeli in Riss stehen und
gegen die Kinder den Vater schützen über den das ganze Wetter losbrach den
selbst Elisi verwünschte auf eine schauerliche Weise Vreneli war vielleicht der
einzige Mensch auf der Welt vor dem Johannes noch einigen Respekt hatte und
von Jugend auf mit ihm bekannt kannte es auch was auf ihn Eindruck machte
Freilich musste es sich von ihm bittere Sachen sagen lassen wie sie mit unter
der Decke gesteckt und wie man endlich sehen werde wie sie den Vater
beschummelt und was man an ihnen verlieren müsste Es musste sehen wie bei
Trinette zum Zorn noch die Eifersucht kam als sie sah dass Vrenelis Worte Macht
über Johannes hatten »So von der nimmst du das an von so einer lässest du dir
das sagen So jetzt merke ich warum du immer hierher gefahren und mich nicht
hast mitnehmen wollen Jetzt das noch zu allem andern« und fing an zu heulen
als ob sie hundert hungrige Hyänen im Halse hätte und gute Lust ihre Tatzen an
Vreneli zu versuchen
Dann brachte man noch Elisis Kinder samt der Nachricht daheim hätte man ihm
alles versiegelt Johannes wollte alles mit der Peitsche fortjagen und Trinette
wollte alles was Joggeli hatte aufpacken und fortnehmen und Joggeli saß da
und stierte herum wollte an nichts schuld sein sagte sie könnten seinetalben
machen was sie wollten Die Frau selig habe alles auf dem Gewissen sie hätte
ihm den Spitzbub hergeschleppt sie könne seinetwegen jetzt auch zahlen er habe
nichts mehr und werde wohl noch dem heiligen Almosen nach müssen Er habe ihr
oft gesagt es käme so aber sie habe es ihm nie glauben wollen
Vreneli wusste in dem greulichen Spektakel nicht anders zu helfen als zu Uli
zu sagen»Um Gottes willen tue mir den Gefallen nimm das beste Ross im Stalle
fahr so schnell du kannst zum Bodenbauer und bringe ihn her der alleine kann
sie setzen und weiß den besten Rat sonst gibt es wahrhaftig noch ein Unglück
Ich kann nicht allenthalben sein und alle hüten Statt dass sie allmählich sich
fassen und ergeben werden sie nur noch zorniger erbitterter auf einander es
ist ein greulich Dabeisein und traurig wie ein Mensch sein Unglück sich selbst
noch unerträglich machen muss Es ist gerade wie wenn ein Mensch der einen
Zentner Eisen tragen soll und schwer daran zu tragen hat denselben noch glühend
macht um ja recht doppelt Qual zu leiden unter ihm«
Uli war dieses Gedankens froh doch bangte er um Vreneli »Aber du bist dann
alleine« sagte er »und selb ist nicht richtig unter solchen Menschen« »Habe
nicht Kummer« antwortete Vreneli »Johannes tut mir nichts und die Weibsbilder
fürchte ich nicht Aber fahre rasch es ist mir angst um Joggeli Wenn niemand
wehrt so plündern sie ihn vollends aus und hintendrein wenn die Gläubiger
kommen und nichts mehr da ist gibt es wüste Geschichten Mit dem Johannes ist
es auch nicht richtig wie ich merken mochte der wird auch gemacht haben was
er konnte Die Liebe war es nicht welche so oft ihn hergebracht«
Uli sputete sich schonte das Pferd nicht »Wenn die Base das hätte erleben
müssen dachte er Aber dachte er wieder wenn sie gelebt wäre das nicht
begegnet Wie wenn man in einem Gebäude einen einzigen Stein wegnehme und
dadurch dasselbe aus allen Fugen vielleicht zum Umsturz bringen könne so gebe
es auch einzelne Personen in Familien Auf einer einzigen Person ruhe das Ganze
sie halte es zusammen bei ihren Lebzeiten merke man es vielleicht nicht einmal
so recht erst wenn sie gestorben sei in Trümmer das Ganze auseinandergehe
merke man dass sie der Eckstein gewesen Wie man doch das Gleiche verschieden
nehmen könne dachte er und wie man erst wenn was zu tragen sei merke ob
einer Kraft habe oder keine Er wisse wohl er sei ein armer Sünder aber um
alles in der Welt möchte er nicht an ihrer Stelle sein Er sehe wohl ein dass er
nichts davon bringe denn dies Unglück werde auch ihm an die Beine gehen und
jedenfalls werde ihnen noch etwas übrig bleiben ihm aber nichts als vielleicht
noch Schulden Indessen wüssten er und Vreneli zu sparen und zu arbeiten Angst
habe er nicht er habe sich darein ergeben es zu nehmen wie es komme und
damit zufrieden zu sein Aber wie Joggelis Kinder es mit Wenigem machen würden
da es nicht mit Vielem gegangen dazu weder arbeiten noch entbehren könnten das
begreife er nicht Das gebe die unglücklichsten Leute welche immer zwischen
Können und Mögen hingen an allen andern Orten den Fehler suchten nur nicht an
ihnen selbst und da her auch so wüst täten ohne Unterlass sich verfeindeten
allenthalben wo sie Freunde doch so nötig hätten Er dankte Gott nicht dass er
nicht sei wie jene aber er fühlte sich doch glücklich dass er nicht in ihrer
Haut war und das ist erlaubt Dankbar soll man sein für alle Gnadengaben
Gottes und ist das nicht eine große Gabe wenn man die Kraft empfangen hat dem
Willen Gottes sich zu unterziehen und das Genügen welches übrig haben und
Mangel leiden kann und bei des unbeschwert Diese Gaben sind sehr zu
unterscheiden von persönlichen Eigenschaften oder Vorzügen auf die man stolz
wird um deretwillen man Andere verachtet oder verfolgt Hier liegt eben das
unterscheidende Merkmal für alle welche auch hier den Baum nur an den Früchten
zu er kennen vermögen Wer um eigener Vorzüge willen sich erhebt und Gott
ihretwegen dankbar sein zu müssen glaubt der verachtet Andere beneidet sie
sucht sie zu erniedrigen Wer um Gaben Gottes willen dankbar ist der ist
demütig er weiß woher er das Beste hat er bedauert von ganzem Herzen den der
es nicht hat er würde von ganzem Herzen mit teilen von seiner Gabe um die zu
erhöhen welche sie nicht haben«
Daran eben dachte auch Uli Nicht dass er glaubte er könne da was machen
dazu war er zu bescheiden und allzu sehr auf dem bürgerlichen Standpunkte als
dass er daran nur gedacht hätte er könne was machen Das ist nämlich der
bürgerliche Standpunkt der im Christentum und namentlich im protestantischen
eingerissen ist weil der Staat die Alleinherrschaft usurpiert hat dass es auf
die äußere Stellung eines Menschen zu Andern ankömmt ob Einer dem Andern eine
Ermahnung geben darf oder nicht ob die christlichste Ermahnung als anständig
oder unanständig gewertet wird Es ist in reformierten Ländern so weit gekommen
dass der würdigste Geistliche einem unbedeutenden weltlichen Beamten zum
Beispiel einem obrigkeitlichen Schaffner oder Stattalter oder gar
Gerichtspräsidenten welcher den unchristlichsten Wandel zur gröbsten Ärgernis
der Gemeinde führt nicht die geringste Vorstellung unter vier Augen machen
darf wenn er sich erstlich nicht den ärgsten Grobheiten aussetzen zweitens als
pfäffischer Zelot verschrieen und drittens oberen Orts nicht als Jesuit
denunziert sein will So kam es Uli wirklich nicht in Sinn dass er als Pächter
und Schuldner da was machen könnte aber er dachte daran den Bodenbauer darum
zu bitten und hätte gerne ihm gesagt wo die armen Leute am besten zu erfassen
sein möchten Aber er mochte denken wie er wollte er fand nirgends eine
Handhabe zu einem christlichen Griff
Seine Sendung setzte den Bodenbauer in große Verlegenheit »Lieber nit Uli
lieber nit Kann ich dir was zu Gefallen tun so soll es nicht Nein sein aber
da lass mich ruhig Was soll ich da tun so unberufen Wenn schon du kamest so
sandte dich nur deine Frau und ebenfalls unberufen Sie würden mir doch da
wunderliche Augen machen wenn ich hinkäme und befehlen wollte«
»Musst doch gehen Johannes« sagte die Frau »Brauchst ja nicht zu sagen
kommst du geheißen oder ungeheissen brauchst auch nicht mit dem Rat ins Haus zu
fallen Du brauchst sie ja nur zu grüßen und wollen sie nichts von dir so
kannst wieder gehen Sieh tue das der Base unter der Erde zulieb und denke
wenn unsere Kinder in einen solchen Fall kämen wovor Gott sie bewahre wir
wären auch unterm Boden dankbar wenn ein guter Freund ungeheissen käme und sich
ihrer annehmen würde«
Kurz Johannes musste gehen er mochte wollen oder nicht Auf dem ganzen Wege
wand er sich als einer der Bauchweh hat »O Uli« sagte er »du weißt nicht
wie mir das zuwider ist Wenn man mit seinen eigenen Sachen fast mehr zu tun
hat als man fertigen kann in der Gemeinde zu tun hat dass man oft lange Zeit
durch nicht zum Sitzen kommt oder tagelang sitzen muss dass man glaubt man sitze
auf Feuer wenn draußen die Sonne scheint und alle Hände voll zu tun sind und
dann noch die Nase unberufen in fremde Händel stecken unberufen und ohne einmal
zu wissen was man um bei der Wahrheit zu bleiben für ein Fürwort brauchen
soll dass man da ist das ist dumm Und zu wissen dass das noch einen langen
langen Schwanz haben kann und es doch tun das ist noch viel dümmer« »Was
meint Ihr« fragte Uli »was für einen Schwanz« »He was für einen« sagte
Johannes »Wenn da so einer dazwischenkommt so mir nichts dir nichts so denkt
man er habe Freude an solchen Sachen und spricht ihn an und am Ende er mag
wollen oder nicht muss er darhalten mitmachen Läuf und Gänge haben und am Ende
des Teufels Dank« »Wenn Ihr das fürchtet so habt Ihr ja eine gute Ausrede Ihr
seid mein Bürge und leider Gott kann es beide Wege gehen und manche Sache ist
ja nicht ausgemacht Wäre das nicht Grunds genug« »Uli gibst noch einen
Gemeindsvater« sagte der Bodenbauer »Du hast recht dass mir dies nicht
einfiel Aber die Sache ging mir zu rund und rasch im Kopf herum«
Nun traf es sich dass der Bodenbauer nicht in einem ruhigen Augenblick
ankam wo man Zeit hatte zu denken »was will der und wo kommt er her« Es wurde
gebrüllt gestritten gelärmt und als Joggeli den Bodenbauer von weitem sah
rief er »O Vetter Vetter wie gut ist doch dass du kommst da haben sie mich
zwischeninne als ob sie mich morden wollten hilf mir Vetter rate mir« Es
waren nämlich Gerichtspersonen da der bekannten Schuld wegen Da solche
Formalitäten allenthalben anders sind so enthalten wir uns aller nähern
Spezialitäten
Der Sohn welcher eben erst heimkam von einer Rundreise auf welcher er bei
Freunden Rat und Trost erst halbschoppen dann schoppen endlich flaschenweise
geschöpft wollte sie vom Hause wegprügeln Joggeli wollte nichts
unterschreiben auch keinen Abschlag geben kein Zeugnis dass das Ding bei ihm
verrichtet worden sei Er rühre keine Feder mehr an sagte er ein Narr sei wer
es tue Wenn er gewusst wie man sich damit verfehlen könne er hätte sein Lebtag
keine zur Hand genommen Trinette und Elisi gränneten einander an erst aus der
Ferne rückten sich aber näher und näher und wäre Vreneli nicht dazwischen
gestanden so wären sie einander sicher bis auf Nagelweite nahegerückt Weiber
liefern ihre Gefechte gern in nahen Distanzen je näher je lieber Männer haben
es bisweilen umgekehrt Die Gerichtspersonen begehrten ebenfalls auf Hinter dem
Mist krähte der Hahn und zwei feindselige Hunde gingen zähnefletschend um
einander herum
Auch Vreneli verließ seinen Posten unbedacht grüßte den Bodenbauer
freundlich da risch die Trinette auf das Elisi dann ermutigt durch das
Beispiel ein Hund auf den andern und ein Brüllen Wälzen Spektakel entstand
von Hunden Trinetten Elisi bunt durcheinander dass niemand wusste war man ganz
im Tierreich oder noch halb und halb unter Menschen Man riss Weiber und Hunde
auseinander nahm es aber nicht so genau ob die Fußtritte Weiber oder Hunde
trafen Bekanntlich streckt man auch die Hände nicht gern zwischen streitende
Weiber oder beissende Hunde man kriegt gern Zähne drein Nun am Ende stoben die
zusammengebissenen Parteien heulend auseinander und die andere Partei welche
eigentlich nicht beißen wollte sondern bloß reden konnte ihre Verhandlungen
wieder eröffnen Die Gerichtspersonen beklagten sich bitterlich und sprachen des
Bodenbauers Vermittlung dringlichst an Sie trügen ja keine Schuld an der Sache
sagten sie täten nichts als ihre Pflicht begehrten nichts als was gesetzlich
sei da ließ sie sich nicht persönlich beleidigen dafür sei ein Richter Die
Leute ins Unglück zu bringen begehrten sie nicht sie seien bereits tief genug
darin das sollten die Leute begreifen dünke sie
»Ja aber Vetter Johannes Vetter Johannes Der Lumpenhund der Spitzbube
hat mich betrogen ists dann recht dass ich bezahle Soll ich allein darunter
leiden dass der Spitzbube mich betrogen hat« Der Vetter Johannes sagte das
könne er begreiflich nicht entscheiden da er nicht wisse worum es sich
eigentlich handle und was die Vorgänge seien Nun erzählen es ihm alle aber das
Ding war noch schwerer zu fassen als eine neubarbarische das heißt
philosophische Vorlesung Endlich brachte der Bodenbauer Ordnung in das Chaos
begriff und endlich sagte er das sei eine fatale Sache sie bekümmere ihn
sehr Er könne nicht begreifen dass man da so mir nichts dir nichts mit den
Gerichten komme ehe man gütlichen Weg versucht das sei sonst Sitte Da musste
auf die Einrede der Gerichtspersonen Joggeli endlich sagen es seien ihm zwei
Briefe gekommen mit allerlei Redensarten die er nicht begriffen Er habe nicht
gedacht dass das was zu bedeuten hätte und das Papier abseits gelegt es könnte
ihm jeder Narr schreiben und in den Brieftun was ihm gefalle »Ja so« sagte
der Bodenbauer »also geschrieben hatten sie aber angefragt vorher wie die
Sache sich verhalten das wird nicht geschehen sein Das wäre jedenfalls
anständig gewesen aber die Sache ist wie sie ist mit Prügeln macht sich das
allweg nicht Gebt eine Antwort dass eine Einigung Zeit und Platz hat eines
Tages macht sich das allweg nicht«
So geschah es endlich das Gerichtspersonal entfernte sich und der
Bodenbauer wollte ebenfalls gehen Aber er musste bleiben und sollte raten »Ja«
sagte er »die Sache ist schlimm Da wird wenig anders zu machen sein als
Zahlen« Die Unterschrift ableugnen täte er nicht von wegen es möge gegangen
sein wie es wolle unterschrieben sei unterschrieben ein Dritter vermöge sich
dessen nichts und wenn er auch unter der Decke sein sollte so sei es noch
nicht bewiesen Elisis arme Kinder könnten ihn dauern denen sei es abgestohlen
daneben wie er Vetter Joggelis Vermögen kenne schade das weiter niemanden
etwas Vielleicht dass was Joggeli dem Tochtermann geschwitzt als Weibergut
könne geltend gemacht werden und was später noch auf diese Seite fallen werde
solle er alsbald durch ein Testament bestimmen und regeln dass der flüchtige
Vater nichts mehr dazu zu sagen habe
Ein Wort gab das andere und endlich sah der Bodenbauer mit Schrecken zwei
Dinge dass Joggelis Vermögen nicht mehr das war was es gewesen und Joggeli
statt ein Mann ein Kind sei das nicht wusste was es machte nicht
zurechnungsfähig war »Wisst Ihr was Vetter« sagte er endlich »wisst Ihr was
geht vor Eure Gemeinde und begehrt einen Beistand der in diesen verwickelten
Dingen mit Verstand Euch beistehe Ihr seiet alt Euer Sohn weit und was es
koste zahltet Ihr gern« Potz Himmel wie fuhr da Johannes der Sohn auf Ehe
dass er dulde dass der Vater gevogtet werde schlage er Himmel und Erde entzwei
brüllte er »Da würdest du zu tun haben« sagte der Bodenbauer ruhig »Mache was
du willst aber wäre ich an deiner Stelle ich besönne mich nicht zweimal
daneben mach was du willst die Sache ist nicht meine sondern ganz
hauptsächlich deine So wie ich merken mag hast du deinen Teil auch erhalten
und den guten Vater habt ihr beerbt bei Lebzeiten Es scheint da allweg viel
weggegangen zu sein Kommt nun deiner Schwester Vormundschaftsbehörde dahinter
so trittet sie klagend auf beschuldigt den Vater unverständiger Handlungen usw
Dann sieh wie es geht Begehrt ihr es aber selbst so behaltet ihr die Sache in
Händen könnt euch mit eurer Gemeinde verständigen und die Sache läuft so böse
nicht Wenigstens friedlich soviel an euch«
Da wolle er lieber den Teufel fressen samt dem Stiel und die Großmutter als
Dessert als dass er seinen Vater wolle bevogten lassen Wer es gut meine könne
so nicht raten aber wer was Unsauberes in der Wäsche habe kriegte es vielleicht
auf diese Weise am leichtesten ohne Wascherlohn wieder brüllte der brüllhafte
Wirt »Ja so« sagte der Bodenbauer »ist das so gemeint Sieh dir sagt man nur
Rubigenstrub aber doch hielt ich dich für witziger Ich meinte es gut dein
Vater dauert mich du aber nicht Dir bessert es nicht bis du von der tauben
Kuh gefressen hast und dann vielleicht noch nicht Ich habe da allerdings etwas
in der Wäsche aber ich vermag den Wäscherlohn zu bezahlen und wäre er noch
einmal so groß ich bin kein Wirt der am Verlumpen ist Und weißt ich zahle
den Wascherlohn noch dazu gerne ich weiß ich erhalte ihn wieder ich würde für
Uli lieber zehntausend Gulden zahlen als für dich tausend weißt Und jetzt
behüt euch Gott und lebt wohl wem nicht zu raten ist ist auch nicht zu
helfen« So sprach der Bodenbauer hochaufgerichtet und im Zorn Denn in solchen
Punkten verstand er nicht Spaß Sie hätten ihm nicht gesagt dass er helfen
solle wenn sie dann seine Hilfe begehrten so wollten sie es ihm sagen lassen
sagte Johannes der Rubigenstrub halblaut Die Frau selig habe viel auf dem
gehabt jetzt sehe man was er sei sagte Joggeli der von der ganzen Sache
wenig oder nichts mehr begriff
»Fraueli« sagte der Bodenbauer zu Vreneli »wenn du mir nicht so lieb
wärest so wäre ich mein Lebtag böse über dich dass du mich da hineingezogen
Aber so habt ihr Weiber es ihr meint es müsse allenthalben geholfen sein und
wo eure Arme zu kurz sind Stosst ihr die Männer hinein Da ist nicht mehr zu
helfen das ist was ich euch sagen wollte Macht euch gefasst auf alles wo ich
wohne wisst ihr wenn ihr was nötig habt und solltet ihr rasch fort müssen so
hat mein Tochtermann ein klein Heimwesen welches für den Aufenthalt euch
vielleicht anständig wäre So viel im Vorbeigang damit ihr euch nicht etwa
ängstigt und nach dem ersten Besten fasst Sie haben den Alten ausgesogen auf
eine heillose Weise wie Spinnen eine Fliege Vielleicht dass noch Ordnung zu
machen etwas zu retten wäre aber Ordnung zu rechter Zeit will der dicke Büffel
nicht er weiß warum Nun wird alles drüber und drunter gehen vielleicht gibt
es Prozesse vielleicht Gott weiß was kurz zählt darauf innerhalb Jahresfrist
ist das Gut verkauft und der Alte wenn Gott sich seiner nicht erbarmt im
Spital oder der reiche Glunggenbauer kann von Türe zu Türe sein Essen suchen«
»Nein Gevattersmann nein das geschieht nicht eher tue ich es für ihn aber
solange ich sonst noch ein Stück Brot habe hat er auch« sagte Vreneli »Er war
nie gut gegen mich aber auch nicht böser als gegen andere Leute Ich aß sein
Brot als mir niemand welches gab so soll er es nun auch bei mir haben« »Das
ist brav« sagte der Bodenbauer »Es ist schade dass du nicht eine große Bäuerin
bist du hättest den Sinn dafür und könntest Vielen Gutes tun daneben ist noch
alles möglich«
Trotz ihrer Fassung und des Bodenbauers Anerbieten erschreckte sie die Lage
der Dinge doch so arg hatten sie dieselbe nicht gedacht so nahe den Wendepunkt
nicht geglaubt Ein oder zwei günstige Jahre noch und sie hätten sich erholt
gehabt Uli hätte gerne die Richtigkeit von Bodenbauers Ansicht in Zweifel
gezogen Aber Vreneli sagte Je mehr es darüber nachdenke desto überzeugter
werde es von derselben Die Schlingel seien nicht umsonst so oft dagewesen und
sicher nicht bloß wegen der Kurzweil Die Beiden hätten was gebraucht Bei einem
einfachen Bauernwesen habe man keinen Begriff was zwei solche Bursche in einer
Wirtschaft oder im Handel durchzubringen vermöchten Das gehe zweispännig oder
vierspännig wenn die Weiber helfen und nichts nutz seien wie an beiden Orten
der Fall sei Uli meinte wenn man nie viel gehabt so könne man sich noch drein
schicken nichts mehr zu haben und es liege die Hoffnung nahe wieder zu
gewinnen was man verloren Wenn aber so große Vermögen mit denen man es nicht
hätte machen können dahingingen so komme ihm das Totgrämen sehr begreiflich
vor »Da ist keine Hoffnung wieder zu Vermögen zu kommen und das Leben mit
Nichts wo man an so viel gewöhnt war muss eine wahre Hölle sein Es muss einem
zumute sein als sei man eingenäht in einen Gallensack Die Hauptsache für uns
ist nun die dass wir mit Ehren davonkommen wenn schon mit sonst nichts als
vielleicht noch mit Schulden« Sie wollten machen was möglich und daneben das
Beste hoffen bis hieher hätten Gott und gute Leute sie nicht verlassen und
würden es wohl auch ferner nicht Und wenn es sein die Prüfung bis dahin gehen
sollte dass sie in Pfändung fielen so müssten sie sich auch darein schicken sie
hätten dabei doch den Trost dass es weder mutwillig noch verschuldet sei
sondern hervorgebracht durch Unglück von höherer Hand dachten sie
Ihr Schicksal lag allerdings in der Schwebe hing von Gottes Segen und des
Bodenbauers gutem Willen hauptsächlich ab Diesem waren sie dreihundert Taler
schuldig ihr Geld welches sie auf Zins gehabt war eingezogen Dagegen hatten
sie freilich eine Schrift vom Wirt von fast vierhundert Talern auf dem Papier
Aber ob sie nicht mehr wert sei als etwa österreichisches Papier oder gar
nichts das wussten sie noch nicht Ein ganzer Zins von achthundert Talern war
nächstens fällig dazu noch der Zins für die Effekten Nun hatten sie freilich
etwas Geld vorrätig etwas konnten sie noch machen aber achthundert Taler sind
eine Summe Bis zur Ernte mussten sie auch leben und ob ihnen am Zins etwas
geschenkt werde das war unter obwaltenden Umständen mehr als zweifelhaft
Freigebig war Joggeli sein Lebtag nie gewesen dazu besaß er eine zu kleinliche
Natur Eine solche Natur kann bei großem Vermögen und einer guten Frau noch so
quasi mit Ehren durchkommen ohne als ein Geizhals verschrieen zu werden
Genau genommen ist es eigentlich gar keine große Kunst bei großem Vermögen
nicht schmutzig und ungerecht zu sein Aber wenn das Vermögen geschwunden oder
sonst klein ist das Geld nirgends reicht immer neue Forderungen kommen und
dazu immer neue Verluste da nicht zu machen was man kann die Schere ins
Fleisch gehen zu lassen wo man was zu scheren hat nicht den letzten Tropfen
auszupressen wo man das Recht zum Pressen zu haben glaubt das ist schwer
Darüber können so Viele sich nicht erheben sondern halten sich an dem Spruche
Mache jeder was er kann Sie mussten dieses auch von Joggeli erwarten der dazu
alle Tage kindischer fast ganz regiert wurde von dem Sohne der ganz erwildet
war und im Lande herumfuhr wie der Teufel im Buche Hiob Dazu kam noch die
Abschatzung der Effekten welche Uli zur Nutzung hatte Beim Abtreten des Gutes
mussten die wieder geschätzt werden Den Minderwert musste er ersetzen etwaiger
Mehrwert ward ihm vergütet Hier konnte es einige hundert Gulden auf oder
niedergehen ohne eigentliche Ungerechtigkeit aber doch je nachdem man ihm wohl
oder übel wollte Dann kam es wie gesagt hauptsächlich darauf an ob er die
Pacht ausmachen oder früher davongestossen werde was bei Verkauf des Gutes oder
Tod des Besitzers gegen eine billige Entschädnis freilich der Fall sein konnte
und ob die Jahre gesegnet oder ungesegnet seien
Er überzeugte sich immer mehr dass der Bodenbauer richtig gesehen und
richtig geraten hatte So wie der Fall mit dem Tochtermann bekannt war schneite
es von allen Seiten Forderungen und Abkündigungen wie es geht in solchen
Fällen Es hatten gar Viele Ursache zur Angst wenn der Glunggenbauer noch mehr
solche Stücklein gemacht hätte so könnte es ihnen fehlen Joggeli stand noch
mancher Schuld als Bürge zu Gevatter und ganz besonders bei seinem Sohne Diesem
wurden nun alle Schulden welche ablöslich waren und von den unablöslichen die
ausstehenden Zinse eingefordert das lief zu großen Summen auf den Forderungen
konnte auf keine Weise begegnet werden Da machte es Johannes wie Viele er
wehrte sich mit Prozessen das ist aber akkurat wie wenn man um dem Fegfeuer
zu entrinnen in die Hölle springt Er verflocht auch seinen Vater in diese
Prozesse und namentlich verführte er ihn wegen den fünfzehntausend Talern
einen Rechtshandel zu beginnen Das war ein Geflecht von Prozessen Forderungen
aller Art dass es einem vernünftigen Menschen die Haare zu Berge gestellt hätte
Dies ward bekannt Allgemein hieß es wenn der Tochtermann am Schwiegervater
den Schelm gemacht so sei es sich nicht zu verwundern denn der Sohn sei noch
der viel ärgere Schelm an ihm gewesen Elisi das nirgends anders zu sein wusste
als in der Glungge heulte und lärmte bis endlich der Gemeindebehörde seiner
Heimat welche eben nicht zu den erleuchteten gehörte die Augen aufgingen so
dass sie auf Bevormundung von Joggeli drang Nun erst gab es Spektakel Dieser
Antrag kam Joggeli vor wie ein Majestätsverbrechen und hätte er die Macht
gehabt er hätte die Antragsteller erst köpfen lassen Begreiflich gab das einen
neuen Prozess auf die andern alle Diese Prozesse sind die allerangreiflichsten
für die Person welche bevogtet werden soll und es nicht annehmen will Die
Antragsteller sind also genötigt ihr Begehren gehörig zu begründen Um das zu
können müssen sie nun alle möglichen Merkmale aufführen dass der Besagte nicht
mehr imstande sei sein Vermögen selbst zu verwalten Freilich werden Kinder
welche so was begehren im Eingang sagen wie das Begehren ihr Herz zerreisse
wie sie es aber den eigenen Kindern schuldig seien sie werden nie anders reden
als von ihrem geliebten verehrten unglücklichen Vater werden dann aber dazu
alle Schwachheiten Dummheiten welche er von den ersten Hosen an gemacht
aufzählen Ja sie sind imstande des Vaters Heirat mit ihrer Mutter als seine
größte Dummheit als ein Zeichen seiner momentanen Verrückteit anzuführen
Zuweilen wird des Vaters kindischer Zustand nicht von der Heirat sondern von
der Mutter Tod weg datiert Dann wird aber doch gesagt dass er eigentlich sein
Lebtag nie ein Mann gewesen die Mutter die Hosen angehabt hätte seit sie aber
gestorben sei er vollends dumm geworden Nichts wird geschont sein Bild nicht
bloß aschgrau sondern brandschwarz gemalt Das alles nun muss der Betreffende
lesen sollte es verdauen und kann nicht geschweige sich daran erbauen Dann
muss er ein ander Bild von sich entwerfen lassen wo er wie ein Herrgott strahlt
und hat er Malice auf seine verstorbene Frau so wird der munter ausgewischt
wobei er sie jedoch immer seine liebe Selige nennt welche er dem lieben Gott
von ganzem Herzen gönne Hintendrein kommen Ärzte manchmal noch der Pfarrer und
manchmal noch Andere und untersuchen einen nach Stand und Vermögen gründlich und
nicht gründlich ob der zu Bevogtende dumm sei oder gescheut entweder ganz oder
halb zurechnungsfähig oder nicht zurechnungsfähig entweder ganz oder halb Das
ist für den Betreffenden eine äußerst interessante und lehrreiche Untersuchung
man kann es sich denken
Vierundzwanzigstes Kapitel
Wie Gott und gute Leute aus der Klemme helfen
Unterdessen verfiel der Zins Joggeli wollte keinen Kreuzer daran schenken Wenn
man das Geld nötig hätte wie er so schenke man nichts das wäre ja das Dümmste
was er machen könnte Dann wohl dann hätte man das Recht ihn zu bevogten Wenn
er schon wollte er dürfte nicht Johannes täte viel zu wüst er glaube er
risse ihm den Kopf ab sagte er Es dünkte Uli streng er hatte Lust wenn auch
nicht zum Prozedieren so doch Vermittler anzusprechen oder wie man hier sagt
eine Freundlichkeit anzustellen Überdem meinte er könnte man ja eine
Gegenrechnung machen Vreneli müsse so viele Zeit mit Joggeli versäumen sie
lieferten mehr als sie schuldig seien und Elisi samt seinen Kindern müssten sie
ja fast alleine erhalten die Kinder seien immer bei ihnen und über ihrem
Tischkasten als ob es ihr eigener wäre Vreneli wehrte »Wo kein Verstand mehr
ist kann man keinen machen Bei der Vermittlung käme nichts heraus wenn die
Männer schon einreden würden Johannes der Unflat täte es nicht der ist zu
geldhungrig Mit dem Rechnen ists ebenso Sie würden sagen wenn wir mehr
gegeben als wir schuldig seien so sei das unsere Sache Warum wir es getan
warum wir Elisi und seine Kinder nicht fortgejagt Wenn wir die Guttätigen
machen wollten so sollten wir nicht hinten drein abrechnen wollen das hätte
keine Form So würde man uns antworten dann könnten wir prozedieren vielleicht
täten wir es gewinnen vielleicht verlieren und wollen wir das«
So sprach Vreneli Uli sagte er wisse was Prozedieren sei die Lust dazu
habe er verloren Er habe bloß gemeint man könnte probieren so gleichsam an
die Türe pochen »Weißt nicht Uli« sagte Vreneli »dass der Teufel ein Schelm
ist Gibt man ihm einen Finger nimmt er gleich die ganze Hand Und dann ist
das die Sache scheint sich in die Länge zu ziehen wir können sicherlich
dableiben noch ein Jahr und die Aussichten sind prächtig Wir haben ja Lewat
der alleine macht uns wenigstens den halben Zins wenn es gut geht Zudem
bedenke ich habe lange das Gnadenbrot gegessen hier Es war freilich oft stark
gesalzen doch nicht durch die Base und wenn ich später auch etwas dafür
geleistet so wussten sie doch dies nicht als sie anfingen es mir zu geben
denn ich war ein böser Drache von Mädchen Wenn wir es jetzt auch nicht
überflüssig haben so haben wir es doch und wer weiß ob wir je wieder ein
Zeichen tun könnten dass wir erkennen was ich empfangen« »Es wäre recht so«
sagte Uli »wenn wir nur wüssten wo nehmen und nicht stehlen« Ja sagte
Vreneli stehlen sei eine wüste Sache das helfe es auch nicht Aber als das
letztemal der Bodenbauer dagewesen sei habe er gesagt sie wüssten wo er wohne
Ja sagte Uli das sei alles gut aber immer und immer wieder Bettlerwege laufen
zu sollen sei er doch endlich satt Vreneli verstand den Ton besser als die
Worte und in seinem lebendigen Gerechtigkeitsgefühle war es ihm klar dass Uli
allerdings Mehreres habe austreten müssen was es angegeben dass ihm das
wiederholte Hülfesuchen bei dem Bodenbauer sehr zuwider sein müsste
Vreneli hatte Vernunft und hielt seinen Mann nicht für einen dummen
Schweizermann zu nichts nutz als deutschen Jungen und Allerweltsbuben
bankerotten Italienern und herrschsüchtigen Weibern Kastanien aus dem Feuer zu
holen kurz es hielt ihn nicht für einen Neidgauer »Weißt du was« sagte
Vreneli »unser jüngstes Kind ist noch nicht eingeschrieben das älteste bittet
schon lange einmal zur Gotte zu fahren sie habe ihns eingeladen nächsten
Sonntag nehme ich den Fuchs er ist ein guter alter Trappi mit dem darf ich
fahren und will suchen was da zu machen ist Es ist jedenfalls am
anständigsten man verrichte solche Sachen selbst« Uli begann keinen edlen
Wettstreit er sagte bloß »He ja wenn du meinst«
Vreneli fuhr wirklich am nächsten Sonntage mit dem alten Fuchs und seinen
jungen Kindern Es war ihm wie einer Henne wenn sie zum ersten Male ihre Brut
zu Felde führt voll Stolz und Angst Es waren aber auch drei allerliebste
Kinder mit welchen es ausfuhr Sie hatten eine ganz absonderliche Freude und
je mehr sie sich freuten desto wehmütiger ward Vreneli »Ihr armen Tröpflein«
musste es immer denken »ja freut euch nur es ist das erste Mal und
wahrscheinlich auch das letzte dass ihr mit einem Pferde fahren könnt dann ihr
armen Tröpflein könnt ihr einander selbst ziehen wenn ihr fahren wollt« Seit
seiner Hochzeit war es nie da oben gewesen eine rechte Hausfrau kommt selten
weit vom Hause auf dem Lande besonders wenn Gott sie alle Jahre mit einem Kinde
segnet in den Schaltjahren mit zweien Da gab es wohl Vergleichungen zwischen
den frühern Reisen zu Bodenbauers und der jetzigen Es wäre zu wünschen solche
Vergleichungen würde kein Gemüt peinlicher fassen Die erste Reise war die auf
welcher Uli Vreneli eroberte die zweite zur Hochzeit die dritte also die mit
drei Kindern das jüngste war daheim geblieben Es lag in den äußern Umständen
wohl eine Demütigung Pläne Hoffnungen sind zu Wasser geworden verhagelt
fremde Leute müssen um Geld angesprochen werden Aber ists wiederum doch nicht
was Schönes eine eroberte Würde darin dass eine Frau mit solchem Vorhaben
ausfahren darf mit unbeschwertem Gewissen und in heiterem Vertrauen die Bitte
werde nicht abgeschlagen Sackerlot ihr Weiber im Oberland und Seeland in
Baselland und Waadtland wie Manche unter euch darf sich zu Wagen setzen mit
keinem Vermögen als einem Häuflein Kinder zu einem alten Gläubiger fahren und
ihn ersuchen aufs neue einzustehen und zwar nicht etwa insgeheim dass es unser
Herrgott selbst nicht einmal vernehmen soll sondern offen vor Weib und Kindern
Ja das ist doch etwas Großes darin liegt ein schönes erobertes Vermögen
Ja wie Manche aus aller Herren Ländern könnte mit Titeln vornen und Titeln
hinten zu Fuß zu Wagen zu Ross mit oder ohne Kinder in allen fünf Weltteilen
herumfahren sie kriegte vielleicht mit Betteln einige Kreuzer zusammen aber
anvertrauen anvertrauen auf ihr ehrlich Gesicht oder ihren ehrlichen Namen
würde kein vernünftiger Christenmensch ihr drei Kreuzer Ja Mesdames zu Stadt
und Land so schlecht ists mit Tausenden unter euch bestellt nicht drei Kreuzer
auf euer ehrlich Gesicht oder euren ehrlichen Namen Das ist verdammt wenig von
wegen es sind beide danach bestellt Doch tröstet euch Mesdames es ist mit
den Herren oder Männern wie man will noch schlechter bestellt Wie viele und
hochgestellte und hochberühmte schießen im Lande herum wie eingeschlossene
Fledermäuse an den Fenstern suchen Vertrauen und finden keins ja nicht einen
einzigen Kreuzer kriegen sie auf Gesicht oder Namen sie mögen schießen surren
stürmen so viel und so lange sie wollen Höchstens vertraut man ihnen das
Vaterland an ein Zeichen wie hoch man dasselbe achtet Ja wenn man alle die
sammeln und zusammenstellen würde Weibervolk und Männervolk welche Geld borgen
möchten und gar keines oder höchstens drei Kreuzer kriegen man könnte mit ihnen
ganz Hinterasien bevölkern und Vorderasien wenigstens halb Nun wenn diese
Völkerwanderung mal stattfinden sollte was für die Bequemlichkeit und Ruhe
Europas nicht so unpassend wäre man denke wie viel Stellen ledig würden in
Königstümern in Republiken an Höfen in Wasch und Ratshäusern so kann
Vreneli daheim bleiben es bekäm Geld und notabene gern Das gern ist noch
seltener als Geld
Des Bodenbauers Frau war aber auch eine wie man sie nicht hinter jeder
Haustüre findet Sie dachte nicht bei sich Gibt wohl der alte Narr der Jungen
da Geld Wohl dem wollte ich Sie rief ihn auch nicht beiseite und sagte ihm
»Probier und gib dieser Machsts beim ich lasse mich scheiden das wäre mir
wohl so alt wie du bist schäm dich und denk an Kinder und Grosskinder« Die
Bodenbäurin hatte tiefes Bedauern »Nur nicht den Mut verlieren« sagte sie »es
kommt schon noch gut ein paar Jahre so könnt ihr euch wieder aufhelfen Ja
freilich helfen muss man euch Es ist ja hundertmal nützlicher man unterstütze
brave Leute wo man noch den Glauben haben kann das Geld sei nicht zum Fenster
hinausgeworfen als man werfe es in Spekulationen wo ein paar Spitzbuben reich
werden während man keinen Kreuzer davon wiedersieht Aber freilich die Leute
sind selbst schuld dass man nicht so Vielen aufhilft als man wohl könnte und
möchte So Viele begehren nicht wieder zu zahlen und werden die ärgsten Feinde
wenn man sie mahnt ans Wiedergeben es ist akkurat als ob man ihnen ihre eigene
Sache stehlen wolle Und wie wohl käme es so manchem Handwerksmann der was
anfangen möchte und kein Geld hat wenn das alte Vertrauen noch wäre Früher
wenn so einer kam redete ich meinem Mann immer zu jetzt freilich wehrte ich
schon öfter ab Aber schämen muss ich mich dass es bei unsern Verwandten
freilich so ganz nahe sind wir ihnen nicht mehr so geht darum ist es nur
billig dass wir gut machen was sie sündigen Haltet es dem Alten nicht für
ungut denkt er wisse nicht was er mache und dass er in der Klemme ist und da
wird man gerne wüst gegen die Leute will sich damit helfen und macht die Sache
immer schlimmer Denk an die gute Base und sieh um ihretwillen zum Alten sie
hatte auch nicht gute Zeit bei ihm und tat ihm doch was sie konnte«
Das war eine schöne Rede welche die Bodenbäurin fallen ließ in Kammern und
Parlamenten hört man langweiligere und kommt dazu doch nichts dabei heraus Der
Bodenbauer gab das Geld »Probiert aber« sagte er »und gebt dem Vetter das
Papier welches euch der Wirt gegeben hat an Zahlungsstatt Er ist auch schuld
dass Uli sich da eingelassen und wenn er es schon nicht annimmt für immer so
ist es doch nichts als billig dass er dem Wirt ein wenig die Faust macht Ein
Handel mehr oder weniger soll ihm nichts machen und vielleicht trifft er einen
glücklichen Augenblick wo es wieder tropfet beim Wirt« Vreneli nahm aber auch
das Geld nicht leichtfertig nicht mit den Worten halb Spaß halb Ernst »Jetzt
habe ichs jetzt könnt ihr sehen dass ihr es wieder kriegt« sondern mit einem
tiefen Seufzer »Weiß Gott wann wir es wieder geben können aber es soll
geschehen wenn Gott uns das Leben lässt und sollte ich es mit Kuderspinnen
verdienen« »Das würde dich doch noch blangen« sagte die Bodenbäurin lachend
»Wir wollen hoffen es werde dir besser gehen Ihr seid Beide jung eine Zeit
ist nicht alle Zeit und wer das Unglück brav ertragen hat der wird dann wohl
auch mit dem Glück umzugehen wissen Je schwerer es dir ist das Geld zu nehmen
desto leichter hoffe ich wird dir das Wiedergeben oft geht es umgekehrt«
Sie waren also sozusagen wieder unter Dach geborgen im Wohlwollen oder in
der wohlerworbenen Gunst guter Leute und konnten ruhig die Tage kommen sehen
Uli glaubte er sei es ihrer alten Freundschaft schuldig dem Wirt das Papier
zuerst zum Einlösen zu präsentieren ehe er es in fremde Hände zu geben
versuche Diese Zartheit rechnete ihm aber der Wirt nicht eben hoch an »Mache
du mit dem Wisch was du kannst Wenn ihn jemand will so gib ihn und wirf noch
die Kappe nach Aber Geld begehre nicht von mir und wenn du mich auf den Kopf
stelltest nicht einen halben Gulden fändest du Wenn es der eigene Bruder wäre
jetzt könnte ich ihm nichts geben Mit Betreiben habe keine Kosten wenn ich dir
einen guten Rat geben kann Machst du mich unglücklich kriegst du erst nichts
Da sind viele Hunderte vor dir welche ihre Sache vorab wollen wenn sie was
finden heißt das Wartet man mir ist mir einmal der Schwäher gestorben und hat
unser Herrgott mir den Vater abgenommen er muss ihm nicht lieb sein er hätte
ihn sonst längst begehrt so gehts dann schon Aber einstweilen setze man ab
Wenn ich schon wollte beim besten Willen könnte ich nicht« Es sei doch hart
meinte Uli dass er sein Geld so nötig habe und es nicht erhalten könne und
vielleicht gar für einen Andern Geld borgen müsse »Kann dir nicht helfen«
sagte der Wirr »da siehe du zu« ging und zeigte sich nicht wieder
Als Uli den Joggeli zahlte kam es diesem doch selbst über das Herz dass er
es Uli wüst mache »Ich würde dir gerne was zurückgeben« sagte er »aber ich
mangle das Geld gar übel Das andere Jahr aber da will ich dir daran denken
sinn daran und mahne mich« Das künftige Jahr soll gar oft gut machen was im
laufenden gefrevelt worden Aber kommt es dem Frevler immer Mit dem Papier
sagte er möge er nichts zu tun haben er wollte er hätte es sein Lebtag so
gehabt Er solle es dem Johannes zeigen wenn es dem recht sei so sei es ihm
auch recht Dem Johannes war es aber begreiflich nicht recht Er fluchte gar
mörderlich Uli an Ob er auch einer von denen schelmen sei welche den Vater
um den letzten Kreuzer betrügen wollten Er wisse ja der Alte wisse nicht mehr
was er rieche oder schmecke geschweige denn was er lese und doch käme er ihm
mit einem Papier daher welches keinen faulen Heller wert sei er möchte es
nicht für eine Pfeife damit anzuzünden
Uli ward böse Er habe nichts darwider dass Joggeli durch Schelme um sein
Vermögen gebracht worden sei aber mit denen lasse er sich noch lange nicht
zusammenzählen eiferte er Er habe hier nichts gewonnen das Widerspiel was er
gehabt lasse er dahinten und warum Weil man ihn behandle wie es vor Gott und
Menschen nicht recht sei zum Dank dass er den Hof in Aufgang gebracht Das sei
doch wohl nie erhört worden dass man erst einen Pächter verleite nicht in die
Assekuranz zu tun um den Beitrag zu ersparen und hintendrein den
Hagelschaden alleine tragen lasse keinen Kreuzer am Zins schenke Dass er da
Papier hätte statt Geld sei auch nicht alleine seine Schuld Er werde sich aber
hüten von einem Wirte Papier anzunehmen deren Zeug sei mit Schein heutzutage
nicht einen faulen Heller wert »Wie meinst das« schnaubte Johannes »Nimms wie
du willst es ist mir gleich« sagte Uli »Potz« brüllte da Johannes »ich will
dir zeigen wer du bist nackt musst du mir auf die Gasse und vielleicht noch
anderswohin« »Meinst ich solle dir nach« sagte Uli »habe keine Lust dazu
und zwingen wird mich niemand von wegen ich habe ein reines Gewissen und
saubere Finger« »Wart nur« sagte der Wirt schwarzrot im Gesicht »dir will
ich den Marsch machen« »Mach was du willst« sagte Uli »aber ich denke es
gehe nicht mehr lange so werden ich und du hier auf der Glungge akkurat gleich
viel zu befehlen haben und wenn ich dann noch was schuldig bin so bin ich es
sicher nicht dir schuldig«
Sie griffen nicht zusammen aber großen Zorn hatten Bei de zu verwürgen
Johannes konnte dieses nicht trocken tun er musste Wein dazu gießen und zwar
brav Er ging daher zum Wirt dessen Papier er soeben so hart ausgescholten
Derselbe war sein bester Freund geworden seit Johannes öfters auf der Glungge
war Je ähnlicher ihre Verhältnisse wurden desto mehr näherten sich ihre
Herzen Keiner konnte dem Andern mit Geld helfen aber mit Rat und wenn Einem
kein Kniff einfiel so stolperte der Andere über einen Ihr Hauptwitz drehte
sich um folgende drei Punkte so viel möglich auf Borg zu kaufen der Bezahlung
auszuweichen oder die Last von einer Achsel auf die andere zu legen wie man zu
sagen pflegt
Hier erzählte nun Johannes wie er es dem Uli gemacht und noch ferner es
machen wolle »Du hast recht nur ausgefahren mit dem« sagte der Wirt »Das ist
der dümmste Mensch auf Gottes Erdboden jedes Kind kann ihn zum Narren halten
Man kann ihm angeben was man will er glaubt alles und rühmt man ihn erst so
steht er dir zweg wie ein Hund den man streichelt Er ist mir alle Augenblicke
vor der Türe und will Geld aber er kann noch lange kommen und wird doch keines
sehen Da wäre man ja dumm sein Geld zu verwerfen um Leute zu bezahlen welche
man nicht zu fürchten hat Zu denen muss man sehen welche wissen wo angreifen
die hat man zu fürchten aber die welche man zurückschrecken kann die kann man
unbesorgt springen lassen Einmal gibt man ihnen gute Worte ein andermal böse
und laufen sie endlich zu einem Agenten so steckt man dem was und die Sach
bleibt jahrelang am gleichen Orte der Lümmel kann nichts daran machen und kommt
nie darüber wo es hält So muss man es solchen Menschen machen Gott Lob und
Dank es gibt noch viel Solche sonst wäre unsereiner böse bestellt«
Was der Wirt da so bündig auseinandersetzte ist wirklich auch so Es gibt
Leute welche mit Taschenspielergewandteit dem Bezahlen auszuweichen wissen
immer noch Kredit finden eine unbegreifliche Schuldenmasse aufhäufen ihre Last
jahrelang nicht einmal zu fühlen scheinen bis endlich das künstliche Gebäude
schauerlich zusammenbricht Hinwiederum gibt es Leute welche verdammt zu sein
scheinen nie zu ihrem Gelde kommen zu können beständig verlieren Es sind
dieses zumeist noch Leute welche das Geld sehr nötig hätten welche der Verlust
tief schmerzt wie zum Beispiel Uli Es sind zumeist gutmütige leichtgläubige
Leute welche man traulich zu machen weiß eben wie Hunde mit Streicheln Leute
welche entweder keinen Begriff vom Rechtsweg oder nicht Mut haben ihn zu
verfolgen Leute welche von den Agenten noch gerupft werden statt bei ihnen
Hilfe zu finden Für die ärmere Klasse ist in diesem Punkte ein schweres Leiden
Was soll man aber zu einer Gesetzgebung sagen welche dieser Sorte von
Taschendieben ihr Handwerk erleichtert und wohlverstanden auch sichert während
sie den Kredit der ärmeren aber ehrlichen Klasse zerstört
Wie wenn es wirbelt in Fluss oder See die Kreise sich immer enger und enger
ziehen bis endlich eine unwiderstehliche Kraft die Wasser und was sie tragen
niederwirbelt auf den Grund um sie loszulassen die Wasser in Schaum aufgelöst
tot oder zerbrochen was sie trugen so zogen sich Joggelis Prozesse an denen
er nichts begriff enger und enger zusammen
So sollte er zum Beispiel einen Eid schwören er hätte dem Tochtermann die
Schuldverschreibung nicht unterschrieben während er auf der andern Seite
bevormundet werden sollte wegen Geistesschwäche anderer Händel nicht zu
gedenken Den Eid wollte er schwören durchaus gegen den klaren Buchstaben Aber
der Sohn hatte es ihm ausgelegt mit einigen Flachen Die Auslegung hatte Joggeli
gefasst und hielt sie fest und was Pfarrer und Andere sagten es war alles an
eine Mauer geredet Vreneli machte ihm einmal Vorstellungen ob er mit einem
falschen Eide ins Grab wolle Um sein Vermögen habe er sich gebracht ob er nun
zu guter Letzt auch seine Seligkeit verwerfen wolle »Das verstehst du nicht«
antwortete Joggeli »Weiber sollten in solche Sachen gar nicht reden Meine Frau
selig tat es auch immer darum kam die Sache endlich so Johannes hat es mir
ausgelegt dass der Eid mich gar nicht berühre er wird das besser wissen als du
Ungerechteres könnte es doch nichts geben als wenn ich so mir nichts dir nichts
ein solch Geld zahlen sollte Das wird mir doch kein rechter Mensch zumuten
Aber du hievest es immer mit allen Andern gegen mich Was ich dir zuleide getan
weiß ich nicht Wenn wir dich nicht angenommen als dich niemand wollte so
könntest du jetzt sehen was aus dir geworden Das wird wahrscheinlich der Dank
dafür sein sollen Ich sagte es der Frau selig immer was du für eine seist
aber sie wollte es nie glauben Jetzt könnte sie es wieder erfahren«
Was sollte Vreneli darauf sagen Kömmt einmal ein Mensch in diese
Verstockteit wird er so kindisch oder hat er sich so tief in einen Wahn
festgerannt so nützen Worte nichts mehr Die Tränen schossen Vreneli in die
Augen »Ja wenn die Base noch lebte es wäre viel anders und manches das noch
geschehen soll würde unterbleiben« sagte es »Ich kann nichts als beten dass
jemand anders weiser sei als Ihr und den Eid Euch nicht zulasse«
Diesen heillosen Eid von welchem alle Welt wusste dass er falsch war
während man dem alten armen Tropf alle Tage einredete er solle ihn tun weil er
ihn tun könne so dass er allein es glaubte er schwöre recht während er doch am
besten wissen sollte dass er falsch schwur bejammerte Vreneli unendlich Es
meinte es sei da was zu machen nicht bloß mit Beten bei Gott sondern auch mir
Vorstellungen bei Menschen denn was man selbst ausrichten könne das überlasse
Gott dem eigenen Vermögen Es lief herum es lief zum Pfarrer zu diesem zu
jenem alle waren seiner Meinung das Ding sei ein heilloses Spiel Der Pfarrer
meinte am besten wäre es wenn der Eid verschoben werden könnte bis der Streit
über Joggelis Zurechnungsfähigkeit entschieden sei Dieser Aufschub sei sehr
wohl möglich sagte er wenn das Gericht oder der Richter den guten Willen
hätten Diesen hatte der Richter aber nicht er war ein Jurist von der gröbern
Sorte er fragte einer Seele gar nichts nach und ob ein alter Mann einen
falschen Eid tue kümmerte ihn viel weniger als dass zu den Bratwürsten welche
er besonders liebte kein Kalbfleisch genommen werde Der Tag der Eidesleistung
blieb angesagt
Da einige Tage vor demselben fand eines Morgens Vreneli den Alten dem es
das Frühstück bringen wollte sprachlos im Bette ein Schlagfluß hatte ihm die
Zunge und eine Seite gelähmt Im ersten Augenblick erschrak Vreneli Dann aber
hob es sein Auge auf und sagte leise »Das hat Gott getan« Der Arzt wurde
geholt das Möglichste zu Joggelis Wiederherstellung versucht doch umsonst Der
Schlag wiederholte sich am dritten Tage war Joggeli eine Leiche Jetzt waren
die Prozesse zu Ende ein höherer Richter hatte gesprochen Das habe Gott gewiss
der Base zulieb getan sagte Vreneli zu Uli Es vergebe dem Vetter von ganzem
Herzen alles was er ihm gesagt und getan aber sagen müsse es Gottes Güte habe
er nicht verdient denn keinen Menschen hätte es gekannt der Gott weniger
nachgefragt »Aber wie es jetzt gehen wird was meinst Uli Wer will die
verwickelte Strange Garn lösen dass eine Elle groß ganz bleibt« »Weiß Gott wie
es geht« sagte Uli »Ich wollte mich in alles gerne schicken wenn nur der
Wirrwarr vorüber wäre und die Ungewissheit einmal aufhörte Aber ungeduldig
wollen wir nicht werden es ist schon vieles vorübergegangen das wird auch zu
überleben sein«
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Wie der Knäuel entwirrt wird
Ein harter Schlag war dieser Tod für Johannes Wenn er früher auch Joggeli die
Seligkeit wie er sagte gerne gegönnt hätte weil es dem Vater wohl und ihm
nicht übel gegangen wäre jetzt war dieser Tod für ihn ein großes Unglück Jetzt
kam die Vermögensmasse in unparteiische Hände ihr Bestand musste ausgemittelt
werden so wie Schuldner und Gläubiger Er war nicht gerührt aber tobte
gewaltiglich dass das hätte geschehen müssen es sei gerade als ob das ihm
absichtlich zuleid getan sei um ihn zugrunde zu richten Noch acht Tage so
hätte der Vater geflucht gehabt dann hätte er seinetalben gehen können wohin
er gewollt die Sache wäre gewonnen gewesen
Über solche Reden schalt Vreneli den Johannes fürchterlich Er solle doch an
die Mutter im Grabe denken wenn er auch den Vater nicht achte Es nehme ihns
doch auch wunder wo er so gottlos und frevelhaft geworden sei als Junge sei er
anders gewesen Wäre er Bauer geblieben auf der Glungge so wäre es nicht so
gegangen er wäre ein Anderer inwendig und auswendig Jetzt sei es froh dass es
bald von ihm komme und hoffentlich ihn nicht mehr sehen werde Es sei ihm immer
angst in seiner Nähe vom Himmel komme ein Blitz und schlage ein in sein gottlos
Maul »So wäre es für mich« sagte Johannes »und dich ginge es nichts an
Vielleicht dass es gut wäre wenn es so ginge dann wäre ich draus und weg und
allem los Jetzt schweige mir aber mit dem Gestürm und mache was zur Sache
gehört Ich mag viel von dir ertragen aber genug ist genug ich will meinen
Zorn auslassen wie ich will magst es nicht hören so geh weiter«
Vreneli ging und fiel Elisi und Trinette in die Hände die gar jämmerlich
hintereinander waren Beide wollten geschwind von des Vaters Sachen nun erben
was da war dann zum Krämer dann zu Schneider und Näherinnen und sich neu
kleiden lassen für das Leichenbegleit Da tat Pressieren not innerhalb drei
Tagen musste alles geschehen sein und in der Nähe wohnten keine Pariser Künstler
weder Schneider noch Näherin ein Geschöpf welches auf dem Lande auch die
Putzmacherin vorstellt Trinette wollte jetzt alleine erben wie Elisi bei der
Mutter auch alleine geerbt was in ihrem Sinne so dumm nicht war Aber Elisi
begehrte schrecklich auf dieweil Vater und Mutter ganz verschiedene Kreaturen
seien Es wäre so was für Lumpenhunde von Söhnen und deren Schleipfen wenn sie
den Vater welcher das Vermögen in Händen hätte alleine beerben könnten Potz
Schiess wie spitzte Trinette die Nägel akkurat wie ein Kater dem ein anderer
in sein Revier kommt So kamen die Gerichtspersonen und teilten den Kuchen sie
versiegelten alles Bekanntlich hatte Achilles eine Ferse welche verwundbar
war bekanntlich war sogar der hörnerne Siegfried zwischen den Achselbeinen so
empfindlich dass der wilde Hagen ihn von dorther erstechen konnte die beiden
Gerichtspersonen aber welche kamen waren mehr als Achill mehr als der
hörnerne Siegfried sie hatten keine verwundbare Stelle sie waren ledern
hörnern eisern über und über Die Weiber mochten lieblich oder grimmig tun
Johannes blitzen oder donnern sie versiegelten kaltblütig alles gut und
währschaft es waren nicht bloß Halbgötter wie Achill zum Beispiel es schienen
wirklich ganze Götter Es waren nämlich Männer welche Nasen hatten die den
Braten rochen kaltblütig ihre Pflicht taten die Weiber auslachten den
Johannes kurz abfertigten Wo die Mehrzahl der Erben zahm sind und nicht viel
verstehen oder jung daher blind wie Katzen vor dem neunten Tag oder alles
unter einer Decke liegt ja da lässt sich schon was machen da können
Gerichtspersonen human liberal halb oder ganz blind sein das lässt sich schon
machen und ist manchmal noch was zu verdienen dabei Aber wo es heißt »Feinde
ringsum« das Erbe mit Luchsaugen bewacht gleichsam umstellt ist wie der Bau
eines eingejagten Fuchses da lässt es sich aufpassen wenn man nicht Schmutz an
Ärmel kriegen will statt Geld in die Tasche Ja felsenfest und unerbittlich
wird man hat nicht einmal an der Ferse einen blessierlichen Fleck wenn in
solchen Fällen nicht eine Hand die andere waschen muss das heißt wenn der
Versucher nicht zum Andern sagen kann »Weißt nicht mehr was dort und dort
gegangen Jetzt mach was du willst aber machst es nicht wie ich will so rede
ich«
Unglücklicherweise für Johannes und die Weiber hatten sie eine solche
Handhabe an diesen Männern nicht Johannes hatte seit langem nicht hier gewohnt
war hier nie in Geschäften gewesen die Männer kamen daher nicht in
Verlegenheit und scharf ward nach Pflicht und Vorschrift gehandelt Heulend
legte sich Trinette auf ein Bett da stellte sich Elisi lachend davor und
schabte Rübchen bis Johannes dem armen Tropf eine Ohrfeige gab dass es blutend
und schreiend zu Vreneli lief welches ihnen vergeblich vorstellte welch eine
Schande es für alle sei so zu tun während ein Toter im Hause liege Selbst die
geringsten Leute täten leise während dieser Zeit als ob sie die Ruhe nicht
stören wollten und hätten Respekt vor der Leiche und sie die vornehm und
gebildet sein wollten täten wie betrunkene Menschen Aber es half nichts Es
ist gar wunderlich mit der sogenannten Bildung sie ist gar oft nichts als ein
simpler Kleister über eine rohe Natur Bekanntlich aber mag der Kleister das
Wetter nicht ertragen die Sonne nicht den Regen nicht den Frost nicht so
dass wie man auch kleistert und frisiert alle Augenblicke die Nase der alten
Natur wieder hervorguckt
So schied der alte Mann von der Welt wie er in der Welt gelebt hatte in
Missvergnügen und Uneinigkeit Es war ein großer Leichenzug man sah wohl dass
man einen großen Bauer zu Grabe trug den Gesichtern dagegen sah man an dass im
Sarge weder ein bedeutender noch geliebter Mann lag denn nicht nur weinte
niemand als Vreneli und wahrscheinlich dieses auch mehr der Base zu Lieb und Ehr
als dem Vetter sondern es war ein Geschnatter selbst ein Lachen oft im langen
Zuge wie man es sonst hinter einem Sarge her nicht für anständig hält
Die Hinterlassenen konnten sich kaum des Streites unter einander enthalten
sobald sie ein geneigtes Ohr fanden schimpften sie über einander und Johannes
sobald er ein Glas Wein im Kopfe hatte pülverte dem Vater seinen Missmut noch
ins Grab nach Der Vater sollte jetzt an allem schuld sein er der Johannes
hatte keinen Fehler Die Andern welche außerhalb der Hörweite der sogenannten
Erben saßen ergingen sich in Mutmaßungen ob wohl etwas Vermögen übrig bleiben
werde dass das Gut verkauft werden müsse darüber waren sie einig
Sie hatten aber auch recht die Umstände waren noch viel schlechter als man
es sich vorgestellt hatte Auch hier wollen wir die Formen in welchen eine
solche Erbschaft ermittelt gesichtet so gleichsam bis zu ihren reinen
Bestandteilen abgeklärt wird nicht näher bezeichnen Jedermann in aller Herren
Ländern wird daran hauptsächlich das begreifen dass bei einem solchen
Läuterungs oder Aufklärungsprozess ein großer Abgang sein muss Ja manchmal ist
die Masse so konfus und seltsam dass wenn man sie aus den chemischen
Apotekertiegeln herausnehmen will man ein Erkleckliches weniger als nichts
darin findet Die Destillation musste um so genauer vor sich gehen da über die
eine Hälfte der Erbschaft der Konkurs verhängt jeder Gläubiger ein natürlicher
und berechtigter Wächter war
Joggeli hatte keine Art von Verfügung hinterlassen Im Gewirre der Prozesse
hatte man weder daran noch an Joggelis Tod gedacht Es fiel Manchem auf dass
Johannes sich den Hof nicht um halb nichts vom Vater habe abtreten lassen Wir
wissen nicht warum es nicht geschah Wollte Joggeli nicht weil er misstrauisch
geworden auch gegen den Sohn oder wollte Johannes nicht weil er dachte
einstweilen sei der Hof sicherer in des Vaters Händen als in den seinen und
wenn des Schwagers Angelegenheiten beseitigt seien lasse dies sich besser und
sicherer machen als jetzt
Als die Angelegenheit vom Gericht zu Handen genommen wurde tat Johannes
anfangs wie ein angeschossener Eber Aber da der Gemeinde in solchen Fällen eine
gewisse Verantwortlichkeit aufgelegt ist da sie zunächst die damit beauftragten
Personen erwählt so hatte sie Männer erwählt von denen sie sagen konnte »Die
werden das Bürschli schon ebha da haben wir keinen Kummer« Es fanden sich so
wenige Zinsschriften und Geld vor und so viele Anforderungen häuften sich dass
es sich bald herausstellte das Gut müsse verkauft werden Begreiflich wollte
Johannes nicht und sagte er sei der Sohn und tue es nicht »An eine Steigerung
es bringen ist gesetzlich da kannst du bieten wie ein Anderer Oder wenn du
einen Preis zahlst mit welchem man kann zufrieden sein und Geld schaffest so
viel man nötig hat so kann man beraten was zu machen« sagte ihm ein
Vorgesetzter Aber da eben lag der Haken wo er möglicherweise noch an andern
Orten liegen mag wo Geld nehmen und nicht stehlen
Johannes hatte also ein Wirtshaus mit bedeutender Landwirtschaft Je größer
das Geschäft ist welchem Menschen wie Johannes vorstehen desto rascher geht es
dem Kuckuck zu Es ist bekanntlich wegen Wasserverbrauch ein Unterschied ob man
an eine Feuerspritze ein oder zwei oder ein halb Dutzend Röhren schraubt Die
Landwirtschaft will von allen Wirtschaften den nachhaltendsten Fleiß und eine
stetige Behandlung sonst verzehrt sie nicht bloß mehr als sie gibt sondern
das Kapital wird alle Tage geringer das heißt das Land schlechter Die
Gastwirtschaft von Johannes wurde alle Tage schlechter in dem Masse als der Wirt
und die Wirtin die besten Gäste wurden wenn das nämlich die besten Gäste sind
welche am meisten brauchen und nichts zahlen Je schlechter ihre Wirtschaft
wurde desto mehr neue Wirtschaften entstanden um sie herum desto weniger trug
die ihre also ein desto mehr verringerte sie sich in ihrem Werte Des Johannes
Besitzung war also eigentlich eine fressende nicht eine nährende keine
einträgliche sondern eine austrägliche Doch konnte Johannes nicht von ihr
lassen das Leben eines Wirtes der alle Tage frisches Brot Fische und Fleisch
von allen Sorten haben kann war seiner Natur zu zuträglich um es lassen zu
können auch hätte er für unsittlich gehalten es zu lassen denn auf der
heutigen Kulturhöhe hält man für die höchste Sittlichkeit ein Leben der Natur
gemäß Er sagte wenn er sie jetzt verkaufen wollte so würde er fast die Hälfte
daran verlieren Beide Besitzungen vermochte er nicht zu behalten besonders da
sein Schwiegervater ihm nicht helfen wollte sondern grobe Worte gab statt Geld
er hatte sie wahrscheinlich auch besser Den Vater hätte er gemolken gab
derselbe zum Bescheid jetzt werde er auch den Schwäher melken wollen aber ohä
das sei ein anderer Knebel Wenn noch was da sei wenn er sterbe so komme es
allweg den Kindern kommod es sei Zeit dass einmal auch jemand an die denke Er
war einer von denen dieser Schwäher welche immer die schönsten Fürwörter
haben mit den Hauptwörtern dagegen desto schlechter bestellt sind Er war einer
von denen welche gerne viel vorstellen Er hatte ein großes Haus und das Haus
voll hoffärtiger Töchter von denen jede die Schönere sein und am wenigsten tun
wollte Dies ist freilich auch eine strebsame Richtung führt aber selten an ein
glänzendes Ziel sondern zumeist an ein lumpichtes Des Vaters Betragen musste
begreiflich Trinette entgelten dadurch wurde sie nicht liebenswürdiger
Johannes sagte Man solle sie nur ansehen was er mit einem solchen Storch als
Bäurin anfangen solle für Wirtin um unter der Türe zu sitzen und die Hände zu
reiben möge sie noch gehen wenn man es nicht zu genau nehme Aber wenn er auch
nicht selbst bauern könne wegen dem Storch so lasse er doch des Vaters Hof
nicht der käme einst seinen Kindern kommod er müsste sich ja vor ihnen noch im
Grabe schämen wenn er denselben verkaufen ließe den schönsten im ganzen
Bernbiet Das war auch ein schönes Fürwort denn hätte er ihn wohlfeil erhaschen
können so würde er sich keinen Augenblick besonnen haben ihn zu verkaufen
wenn der Profit ihm aus seinen Verlegenheiten geholfen hätte
Wir wollen jedoch nicht in Abrede stellen dass es Johannes hart hielt den
väterlichen Hof zu verkaufen das adeliche Element war noch nicht ganz in ihm
verflüchtigt Kurios dass Kinder so oft als Fürwörter gebraucht werden von
Verschwendern und Geizigen wobei jedoch zwischen beiden zumeist ein bedeutender
Unterschied im Gemüte ist Der Verschwender der nicht ganz zum Vieh geworden
denkt wirklich an seine Kinder aber leider zumeist hintendrein wenn es zu spät
ist der Geizige aber wirklich selten Ein Geiziger ward einmal um einen Beitrag
zur Erziehung armer Kinder angesprochen Das sei doch Verstand ihm so was
zuzumuten antwortete er Wie er es im Grabe verantworten wollte wenn er den
eigenen Kindern entzöge um es fremden zuzuwenden Der gleiche Geizige plagte
jedoch ganz getrost durch unverständige Arbeit die eigenen Kinder bis in den
Tod so viel dachte er an sie
Aber wenn einer weder Geld hat noch Kredit so wird er da wo es auf Geld
ankömmt wenig geästimiert mag er noch so laut brüllen Da Johannes keine
annehmbaren Bedingungen weder stellen wollte noch konnte musste der Hof an eine
Steigerung kommen Das tat auch Uli und seiner Frau sehr weh Vreneli war da
aufgewachsen wusste kaum wie es anderwärts war Uli hatte schöne Träume gehabt
An einem schönen Herbstsonntage saßen sie nachmittags vor dem Hause Tauben
Hühner Kinder trippelten um sie her in traulicher Freundschaft Keins das
Andere fürchtend Es war ein gar freundlich Sitzen da und ein lieblicher Anblick
ringsum Desto größer ward in Beiden die Wehmut und die gleichen Gedanken
stiegen in Beiden auf »Wie manchmal wohl sitzen wir noch hier« seufzte endlich
Vreneli »Es wird hart halten ehe ich mich an einen andern Ort gewöhnt habe
Schöner mag es an manchem Orte sein wo weithin das Auge sieht an den schönen
Seen oder wo die Berge glühen oder glitzern über das Land herein Aber
heimeliger wird es mir wohl nirgends werden als hier wo es grün und so still
ist am Sonntage man wie in einer großen Kirche ist alles versunken in heiliger
Andacht und am Himmel das große Licht so mild und freundlich über der Erde und
im Herzen das ewige Licht das da leuchtet in der Finsternis und jetzt noch
Kinder und Tiere durcheinander glücklich und friedlich fast wie im Paradiese
Uli was meinst bekommen wir es wieder so Das Herz will mir so schwer werden
je näher das Scheiden kommt ich wähnte ich sei gefasst und könne mich in alles
schicken aber man kann wohl denken wie man alles nehmen wolle wenn es kommt
da erst sieht man wie schwach man ist«
»Weiß nicht recht wie mir ist« sagte Uli »bald dünkt mich ich möge die
Stunde nicht erwarten in der ich gehen kann bald dünkt es mich ich sei so
müde und matt dass ich es nicht einmal ertragen möchte auf den Kirchhof
getragen zu werden lieber gleich hier möchte ich begraben sein Es war eine
Zeit wo ich viel daran dachte wenn ich alleine arbeitete oder einsame Wege
ging ob es nicht möglich sei dass ich hier Bauer werden könnte Ich dachte
wenn die Kinder um ihre Sache kämen Joggeli und die Base sehr alt würden wir
glückliche Jahre hätten reich würden bis wir zuletzt das Gut kaufen könnten
dann ward es mir so frei und leicht wenn ich mich als Bauer dachte und was mir
da alles in Sinn kam wie ich schalten und walten wollte du glaubst es nicht
Gott wollte es anders seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken Es ging
umgekehrt was wir langsam erworben ging geschwind dahin mehr dazu und wie
wir jetzt stehen weiß Gott Was unser Gevattersmann uns schuldig ist das wird
verloren sein kein Mensch will das Papier ansehen DSchrift wäre ganz gut
sagen sie wenn man nur das Geld hätte Mit der Schatzung wollten uns die Leute
nicht so übel und auch mit dem Abzug nicht Sie haben noch Erbarmen mit uns
Dachte das nicht als sie so schnöde mir auswichen als ich zum erstenmal nach
meiner Krankheit zur Kirche ging Glaubten wahrscheinlich es werfe mich alsbald
auf den Rücken ich begehre sie um Geld zu plagen oder Gott weiß was Jetzt wo
die Plage ihnen anderswoher kommt sind sie billig gegen mich ich kann nicht
klagen In den Steigerungsgedingen wird alles was ich in der Schatzung habe
der Zahl nach als Zugabe angeboten gilt es gehörig und findet sich einer
welcher es so kauft um den gehörigen Preis so kann ich noch manches verkaufen
womit ich das Inventar vermehrt habe Ich kann bleiben bis im Frühjahr oder
wenn ich abziehen muss soll mich der Käufer entschädigen nach Ehrenmänner
Befinden Sie hätten mich härter halten können Da graut es mir nun bald von
vornen anzufangen wie einem der von einem Baume welchen er erklettern wollte
heruntergerutscht sich dreimal besinnt ehe er wieder ans Klettern gehen mag
bald ists mir wenn ich nur Berg und Tal zwischen mir und hier hätte damit ich
vergessen konnte wie es mir hier gegangen und wieder Mut fassen für die
Zukunft irgendwo anhängen könnte wo mir die Hoffnung aufginge dass wir mit
Arbeit in Ehren fortdauern Es ist mir fast wie einem der zwischen Leben und
Tod schwebt und nicht weiß was er lieber will leben oder sterben Nur hier
bleiben in der Schwebe so als ein Hampelmannli zwischen Leben und Tod zittern
müssen vor jeder schwarzen Wolke zappeln und angsten das ganze Jahr durch und
doch am Ende des Jahres Gefahr laufen mit einigen hundert Talern im Rückstande
zu bleiben und mit Schmach und Schande davongejagt zu werden das möchte ich
nicht ich glaube ich hielte es nicht aus am Leibe nicht und an der Seele
nicht Ich fühle hier so wie wir jetzt stehen eine Ohnmacht bis zum Sterben
fühle dass unsere Kräfte nicht reichen darum sehne ich mich fort während es
mir das Herz zerreißt vom Hofe zu lassen der mir fast wie eine Mutter so lieb
geworden ist«
»Ja du hast recht« sagte Vreneli und Beide begannen ein Lobpreisen des
Gutes was zu machen wäre noch und wie trefflich es bereits sei als wäre es ihr
neugekauftes Eigentum sie vergaßen gänzlich dass sie es vielleicht in den
nächsten Wochen mit dem Rücken ansehen mussten
Auf Erden dauern schöne Träume selten lange die raue Wirklichkeit lässt
ihre Rechte sich nicht nehmen und wenn die Träume am himmlischsten sich
gestalten macht sie einen Strich durch dieselben und streut Sand darauf
Johannes kam dahergerasselt und brachte einen mit um ihm das Gut zu zeigen
Natürlich tat er als ob er daheim sei ging ungefragt überall herum und wo er
was Verschlossenes fand befahl er zu öffnen und wenn er ein hart bös Wort
fliegen lassen konnte versäumte er die Gelegenheit nicht Es ist nicht bald was
Bittereres als dieses freche Durchstöbern eines Hauses dieses rücksichtslose
Dahinwerfen giftiger oder roher Bemerkungen Das Gefühl das man dabei hat ist
ähnlich dem welches uns ergreift wenn jemand uns die Kleider vom Leibe reißen
will Da fühlen wir es denn so recht dass wir keine bleibende Stätte haben
sondern Pilgrime und Fremdlinge seien welche eine zukünftige suchen müssen gar
gerne schlägt dazu das Heimweh scheiden möchte man von hier heim möchte man
wo einem in jedem Falle viel besser wäre
Bald nach Johannes rasselte es wieder daher Es waren Gläubiger vom
flüchtigen Schwager welche es wunder nahm was etwa für sie noch zu hoffen sei
Diese machten mit der gleichen Freiheit ihre Runde kümmerten sich um die
Bewohner bloß wenn sie was fragen was tadeln wollten und dozieren wie es
hätte gehen sollen und wie es in Zukunft gehen müsse Wollten Uli oder Vreneli
sich davonziehen machten sich nebenaus so wurden sie entweder gerufen oder
stießen auf die andere Partei gerieten von einem Arger in den andern Es war
nicht bloß als ob sie in keinen Schuh gut wären sondern als glaube man sie
seien mit Büffelhaut überzogen fühlten Büchsenkugeln nicht geschweige denn
Worte
Nun kam auch noch der Mann welcher Uli die beiden Kühe abgekauft hatte und
hätte wieder gerne zwei teuer gekauft Es war als ob es heute wieder hagle in
der Glungge aber nicht Steine diesmal sondern Menschen Es war Uli sehr
unangenehm dass der Mann sehen musste wie er auf dem Punkte war leer
abzuziehen Der Mann hätte Uli gerne noch zu einem Handel verleitet welcher
nicht redlich indes zu machen gewesen wäre und Uli ein schön Stück Geld
abgeworfen hätte Aber Uli wollte nicht Er glaube sagte er man könnte vor dem
Richter nichts mit ihm machen die Sache sei eigentlich noch nicht verkauft und
er hätte so noch etwas für seinen Schaden Aber es hätten nun schon Viele alles
besehen und wenn man schlechtere Ware hinstelle um die Zahl der Stücke richtig
zu machen falls jemand in Bausch und Bogen kaufen wolle sei dieser betrogen
Er habe mit Ehren nichts vor sich gebracht mit Kniffen wolle er jetzt auch
nichts Der Mann sah sich das Gut auch an Es gefiele ihm sagte er ein
abträglicheres und gelegeneres hätte er nicht bald gesehen aber es sei nicht
jedermanns Kauf weil zu viel bar Geld gezahlt werden müsse und um alles recht
in Gang zu setzen müssten wieder einige tausend Taler sein so viel Geld wüsste
er nicht aufzutreiben es würden Wenige sein die so viel flüssig hätten »Bei
so einem der dies Gut zu kaufen vermag wäre nicht bös wieder Pächter zu sein
wenn derselbe einen haben will froh wäre er sicher dich zu behalten weil dir
alles bekannt ist« meinte der Mann schließlich
Das war eine Möglichkeit an welche Uli gar nicht gedacht hatte Er warf sie
aber weit weg Wenn er schon könnte er wollte nicht er möge die Stunde gar
nicht erwarten bis er los sei Es sei ihm wie einem Finken der einen Fuß in
der Schlinge hätte und Froheres könne dem Finken nicht begegnen als wenn er
sein Füßchen frei kriegen könnte sagte Uli »Allweg verrede dich nicht« sagte
der Mann »dann kannst du immer machen was du willst Sieh dir die Sache von
beiden Seiten an Mich reute es wenn ich hier Pächter gewesen wäre und fort
müsste lebendig Freilich wohl zusehen muss man wenn man solche große Dinge
unternimmt wie man es macht so hat mans und wie man bettet so liegt man
aber wenns zu machen wäre ich machte es und wenn ich Geld hätte ich ließe den
Hof nicht aus den Händen Solche Höfe sind rar und wo liegt das Geld besser als
in solchem Lande welches nicht bloß sicheren Zins gibt sondern wo das Kapital
alle Jahre wächst Mach es wenn du kannst ein andermal handeln wir doch dann
vielleicht wieder mit einander« sagte er und ging
Das ging Uli stark im Leibe rum dem gleichen Uli der vorhin gesagt hatte
er möge die Stunde nicht erwarten in welcher er endlich ziehen könne Es war
als habe ihm einer das Herz umgedreht und andere Augen in den Kopf gemacht So
felsenfest ist der Mensch zumeist in seinen Ansichten und Grundsätzen Er musste
immer denken wie schön es doch hier sei und wenn ein Besitzer käme und der ihm
recht anhalte und gute Gedinge stelle so sei es noch möglich dass er ihm den
Gefallen tue doch wolle er es auf Vreneli an kommen lassen wenn es diesem ein
Gefallen sei so sei noch möglich er tue es es hätte auch was verdient um ihn
Des Mannes Rede setzte sich in dem guten Uli immer fester aber Vreneli
sagte er nichts davon wahrscheinlich wollte er es angenehm überraschen Er
dachte es sich immer fester in den Leib wie da sicher ein reicher Herr kommen
werde das Gut zu kaufen so ein reicher Neuenburger vielleicht oder gar ein
englischer Narr welcher Geld hätte wie Bettler Läuse und es ebenso ästimiere
wie Bettler Läuse Apropos von englischen Narren Es gibt deren welche hinter
dem Narren den Schelm verbergen hinter dem ungezogenen Jungen den Fuchs hinter
einem liederlichen ärgerlichen Wandel politische Kniffe und Umtriebe und die
noble Nation verschmäht es nicht sich durch Jungen welche eines solchen Wesens
sich nicht schämen dargestellt zu sehen durch ungezogene Jungen welche wenn
sie ausgescholten oder aus der Schule gejagt werden sich mit Gassenbuben die
Zeit vertreiben so recht wie Buben
Aber Uli sah sich umsonst um nach englischen Narren und englischen
Equipagen nach reichen Neuenburgern nicht einmal ein Basler welche auch
schrecklich viel Geld haben jedoch immer noch das Geld mehr lieben als das
Land wollte kommen Es kamen wohl Leute aber zumeist solche in Halbleinen und
mit Stäben in den Händen fast wie die Kinder Israel sie hatten als sie dem
gelobten Lande zu wollten Noch am Morgen als am Nachmittag die Steigerung
abgehalten werden sollte sah er sich umsonst nach Neuenburgern oder sonstigen
Herrenbeinen um es kamen keine sonst Leute genug welche die Nase allenthalben
hinsteckten um dann einen Vorwand zu haben an die Steigerung zu gehen um da
vielleicht einige Maß Wein zu erbeuten Denn gebräuchlich ist es dass jedem der
ein Gebot tut eine Maß Wein vorgestellt wird so kann der Unverschämte der
keinen Batzen im Sack hat leicht zu einer Maß Wein kommen der Unverschämteste
zu mancher
Als Mittag vorüber war ward es endlich leer auf der Glungge Vreneli sagte
es danke dem lieben Gott dass dies überstanden sei das Gschaue und immer
Gschaue hätte ihm fast das Herz abgedreht und wenn es schuld wäre dass die
Glungge verkauft werden müsste es hätte sich totgegrämt »Willst nicht hingehen
und hören wie es geht« sagte Vreneli zu Uli »Du hast kürzere Zeit dort
siehst wie es geht und kannst mir Bericht bringen wenn es vorüber ist«
»Nein« sagte Uli »um keinen Preis brächte man mich dahin ich glaube das
Wasser schösse mir in die Augen oder ich könnte mich vor Zorn nicht halten wenn
ich so von hundshärigen Käufern den Hof müsste verlästern hören wie er
verwahrlost sei und in zwanzig Jahren nicht zurecht zu machen Sie redeten ja
schon hier so die Halunken um sich gegenseitig abzuschrecken und Keiner
kümmerte sich darum wie tief mir das ins Herz ging«
Gegen Abend bekam er doch große Neugierde und ward sehr ungeduldig Es ist
allerdings ein Eigenes einsam und in aller Stille zu verharren wenn man weiß
es geht in der Nähe Wichtiges und Entscheidendes vor Man wird von einem eigenen
Bangen ergriffen und fast unwillkürlich dem Orte der Entscheidung zu gezogen
Uli widerstand dem Zug das Grauen vor dem was er hätte hören müssen war
stärker als der Zug aber als es dunkel ward sagte er zu seiner Frau »Was
meinst wenn wir den Hans schicken würden zu hören wie es geht und uns
Bericht zu bringen« »Machs« sagte Vreneli »wenn du nicht selbst gehen magst
Aber er solle wiederkommen zur Zeit und nicht meinen er müsse warten bis alles
aus sei und der Letzte fort Nimmts uns dann noch mehr wunder so kann er ja
wieder gehen«
So lautete die Ordre Hans schwoll die Brust als er sie empfing samt zehn
Kreuzern zu einem Schoppen Er wusch sich tapfer und stolz marschierte er ab
stellte er doch mal einen Abgeordneten oder so gleichsam einen Repräsentanten
vor Zudem war sein Vater ein St Galler gewesen seine Mutter eine
Waadtländerin und in einem Keller im Aargau ward er weiland geboren man kann
sich das Gefühl nun denken und die Beine welche er zu machen sich anstrengte
auf diesem wichtigen Gange
Es verliefen zwei lange Stunden es zeigte sich kein Hans
Vreneli schickte den Benz nach denn Uli war sehr ungeduldig aus den
Ställen wo er sich herumgetrieben hatte in die Stube gekommen und hatte
gedroht Hans noch diese Nacht fortzujagen möge es seinetalben wohl oder übel
gehen im St Gallerlande Benz war einstweilen noch ein ehrlich Emmentalerblut
freilich sehr ungebildet aber pünktlich tat er was man ihm auftrug Ist auch
was wert Benz lief ab wie ein Pudelhund und gar nicht so stolz gebeinelt wie
Hans der früher lange um Zürich herum gedient hatte drängte sich nicht vor wie
Hans der an einem Tische saß mit breiten Ellbogen und vom Schlaraffenland
erzählte wo sein Großvater der ein Appenzeller sei ein großes Gut hätte
nebenbei große Geschäfte mache im Lehrfache großes Geld verdiene neben ihm
Keiner aufkommen könne von wegen weil er dieses Fach verstehe Benz stund in
eine Ecke wo niemand seiner sich achtete horchte gut blickte scharf und nach
einer halben Stunde lief er wieder ab Viel Leute seien da berichtete er doch
die Meisten mehr um zu saufen als um zu bieten Johannes brülle die Stube voll
aber man achte sich seiner nicht viel einer mit einem Bocksbart und Bollaugen
sei da und schiebe zuweilen ein Gebot ein aber es scheine ihm nicht recht Ernst
zu sein Ein alter Bauer sitze in einer Ecke er habe nichts gesehen als seinen
Kopf der sehe aus fast wie ein hundertjähriger Weidenstock aus diesem komme
hie und da ein Gebot wie aus einer verrosteten Kanone Allem an werde der
Meister er benehme sich wie es einer mache wenn er es zwingen wolle Gefallen
tue der ihm nicht er mache eine Miene dass er glaube der fresse Kinder wenn
er nicht Kalbfleisch bekommen könne Allweg könne es nicht lange mehr gehen
eine Unsumme sei bereits geboten es werde zuletzt darauf ankommen wer das
nötige Geld zeigen könne
»Und Hans wo ist denn der« frug Vreneli »Oh der sitzt hinter einem
Tische« sagte Benz »und berichtet den Leuten vom Zuchthaus in St Gallen und
wie Viele dort Platz bekommen könnten man hätte ihm auch einen angeboten aber
einstweilen hätte er doch noch keinen begehrt und vom Großvater im
Schlaraffenland wie der ein Gut hätte auf welchem der Mistaufen so groß sei
als das ganze Glunggengut und wo der Großvater bloß für Besen Jahr für Jahr so
viel ausgebe als die Turgauer in einem Jahre verprozedierten und die
Rechtsgelehrten mit Leugnen und Lügen verdienten was sie so wohl könnten dass
es ihnen ihr Lebtag nach gehe sie möchten zu Ehren kommen wie sie wollten
und kämen sie in die Tagsatzung«
Dieser Bericht ging Uli ins Herz Er hatte immer noch gehofft aber was
sollte er so von einem hundertjährigen struben Weidstock erwarten »He nun so
dann so wissen wir jetzt wie es ist Das Beste ist wir gehen ins Bett so
wachen wir morgen auf« sagte er und ging Vreneli sah noch nach Feuer und
Licht und als es ebenfalls nieder wollte begann das jüngste Kind Spektakel
Dessen ist man in einer Haushaltung gewohnt und wenn die Mutter treu ist
schläft der Vater um nichts weniger ruhig wenn er nämlich sonst ruhig schlafen
kann wenn schon ein Kind schreit Wie müde auch die Mutter ist sie nimmt das
Kind und pflegt es nach seinen Umständen sie beklagt sich darüber nicht ihr
ists ganz ordinäre Pflicht welcher sie mit Liebe obliegt Uli hatte in frühern
Nächten wachend viel geträumt seine Träume hatten jetzt ein Ende er konnte
schlafen und das Kind störte ihn im Schlafen nicht
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Der neue Bauer in der Glungge erscheint
Endlich war das Kleine wieder entschlummert Vreneli hatte es abgelegt
zugedeckt wollte eben auch die Ruhe suchen da pochte es draußen Der Lümmel
dachte Vreneli wäre der doch jetzt im Wirtshause geblieben oder drüben in sein
Bett gekrochen was braucht der jetzt so spät mit seinem Gestürm uns unruhig zu
machen Unwillig öffnete es die obere Tür aber draußen stand nicht Hans
sondern ein alter Mann mit einem Kopf der wirklich einem hundertjährigen
Weidenstock glich »Möchte hier über Nacht sein« sagte rau der raue Kopf
Erschrocken sagte Vreneli »Es ist wohl spät mein Mann ist nieder und schläft«
»Selb ist mir eben recht« sagte der Mann »deswegen brauchst du nicht zu
erschrecken Bin kein Vagabund sondern der neue Glunggenbauer Im Wirtshaus ist
mir zu viel Lärm will probieren wie hier ein Schlafen ist« Da blieb Vreneli
nichts übrig als Platz zu machen vor der Türe dem großen Mann hinter dem ein
Hund dreinkam wie ein großes Kalb Um Uli nicht zu wecken führte es ihn in die
jenseitige Stube und frug ob es ihm mit etwas aufwarten könne »Ein Kaffee wäre
mir recht« sagte der Mann »wenn es dir nicht zu viel ist« und dazu
betrachtete er Vreneli mit zwei so scharfen Augen dass Vreneli nicht wusste was
das bedeuten sollte
Doch Vreneli war keine erschrockene Frau bekanntlich war eine Frau von dem
Selbstgefühl welches Frauen eigen ist dass ihnen nichts Unanständiges begegnen
werde und dass je ungestörter sie mit einem Menschen eine halbe oder eine ganze
Stunde zubringen könnten sie um so besser wüssten wie sie mit ihm dran seien
Wichtig schien es wirklich Vreneli zu wissen woran man mit dem neuen Bauer sei
und manierlich mit ihm zu sein damit er nicht Ursache zum Gegenteil hätte In
diesem Punkte traute es Uli wirklich nicht ganz denn auch ihns kostete es Mühe
freundlich mit ihm zu sein Es zwang sich hieß ihn sichs bequem zu machen
fragte ihn wie er den Kaffee liebe stark oder schwach legte buchene Scheiter
ans Feuer damit tannerne durch ihr Sprätzeln niemanden wecken möchten fragte
ob es dem Hund auch was reichen solle und was derselbe liebe Der Alte gab ganz
kurzen Bescheid Er sprach fast als ob er seine Sprache aus einem
Exerzierreglement gelernt hätte Rasch war das Kaffee fertig sauber
appetitlich wackeres Hausbrot samt einer schönen Schnitte Käs stunden dabei
Oder ob er Butter liebe frug Vreneli dieselbe sei aber nicht mehr recht
frisch Mit der Milch seien sie gegenwärtig nicht am besten bestellt Zucker
hätten sie keinen im Hause entschuldigte es sich dergleichen brauche ein
Pächter nicht
Als alles da war der Alte es sich behaglich gemacht zog es einen Korb mit
dürren Bohnen an sich hülsete sie um die Finger nicht müßig zu lassen Ob sie
schon lange da seien frug der Alte »Ihr werdet euch da gewärmt haben« »Wäre
gut« meinte Vreneli erzählte dann ruhig welch Unglück sie gehabt und wie sie
jetzt davon müssten ehe sie sich erholt Wenn es ihm nass ward in den Augen so
trocknete es sie so unvermerkt als möglich
»So gehts« sagte der Alte »wüste Leute tun wüst drum gehts ihnen bös«
Wen er damit meine frug Vreneli »Den Glunggenbauer und seine Frau wen sonst
Hätten die bräver getan so wäre der Hof schwerlich verkauft worden« entgegnete
der Alte Da wurde Vreneli warm stund ein für Ba se und Vetter absonderlich
für die erste und ließ die Tränen laufen ohne Scheu »So warst noch dazu
verwandt« sagte der Mann »und machten es euch so« »Ja« sagte Vreneli »und
dass ich unehlich war ließ mich die Base nie entgelten sie war mir eine Mutter
und ich ihr Kind und oft werter als das eigene Kind« »So und wo warst du
daheim« sagte der Alte Vreneli nannte kurz den Ort »So« sagte der Alte
»deine Mutter wird geheiratet haben« »Sie starb bei meiner Geburt und wäre die
Base nicht gewesen die Grosseltern hätten mich vielleicht nicht taufen lassen
Aber Bericht warum und wie wollte mir die Base nie geben kann also auch nicht
Auskunft geben Doch Ihr werdet müde sein und Ruhe Euch anständig Euer Bett ist
gemacht ich will es Euch zeigen«
»Also seither warst hier« frug der Alte »So so und jetzt wohin« Dafür
sei gesorgt sagte Vreneli kurz sie hätten sich noch guter Leute zu trösten
welche sie nicht im Stiche ließ wenn sonst auch alles fehle »So« sagte der
Alte »das ist allweg kommod Sie sind rar diese Leute aber noch rarer sind
die welche die guten Leute wenn sie sie auch finden auch gut behalten
können« Das käme immer auf den Verstand an und wie man tue sagte Vreneli »Mit
Schein weißt du was davon weil du deiner Base nicht davonliefest als sie dich
erzogen hatte wie es die Meisten machen He nun so dann so will ich ins Bett
so kannst du auch hinein«
Somit stund er auf Vreneli erschrak fast vor dem Mann und seiner gewaltigen
Gliedermasse Wenn in einem Walde er ihm begegnet wäre hätte es ihn für einen
übergebliebenen Riesen gehalten und die Flucht genommen Auch sein Hund erhob
sich dehnte sich stund auf die hinteren Beine legte seine vorderen Tatzen auf
Vrenelis Achseln und leckte ihm das Gesicht Ein kleiner Schrei entfuhr Vreneli
als das Untier ihm so nahe kam doch fiel es nicht in Ohnmacht
»So« sagte der Alte »das ist seltsam das hat er noch keinem Menschen
gemacht als mir Niemanden wollte ich raten ihn nur von ferne anzurühren
Kurios« »Ich gab ihm zu fressen« sagte Vreneli »und manchmal sind die Hunde
dankbarer als die Menschen« »Er frisst alle Tage dreimal aber deswegen ist er
noch nie an jemanden aufgestanden es mag ihm das Fressen geben wer will«
Kopfschüttelnd suchte der Alte sein Lager nachdem ihm Vreneli gute Nacht
gewünscht und ihn ermahnt recht auszuruhen und am Morgen nicht zu früh
aufzustehen
Als Vreneli sich niederlegte schlief Uli fest und Vreneli weckte ihn
nicht Als es erwachte war Uli fort ohne dass er um den Gast im Hause wusste Er
hatte die Kehr das heißt die Reihe war an ihm das Wasser auf seine Matte zu
lassen die versäumt kein Bauer und wacht bis das Wasser aufgelaufen um zu
sehen wie es überall seine Pflicht tue und damit nicht etwa ein guter Freund
und Nachbar in Versuchung gerate an ihm zum Schelme zu werden und das Wasser zu
stehlen An der Sonne sah Vreneli dass es sich verspätet hantierte nun um so
rascher trieb mit kundiger Hand das Räderwerk des großen Haushalts Es glaubte
den Gast noch im Bette sorgte für Stille um so lange als möglich nicht von ihm
gestört zu werden Am Herde hantierend fühlte es plötzlich was Kaltes in der
Hand erschrocken und mit einem kleinen Gix drehte es sich um da war der
mächtige Hund der liebkosend seine kalte Schnauze Vreneli in die Hand gestoßen
hatte und unter der Türe dieselbe fast ausfüllend stund des neuen Bauern
gewaltige Gestalt
Eben willkommen war sie nicht doch Vreneli besaß die Freundlichkeit welche
Missliebiges überwindet dasselbe nicht tagelang ablagern lässt bot freundlich
einen guten Tag hieß ihn zum Frühstück kommen frug wie es ihm gefalle hier
usw Neugierig streckten die Kinder eins ums andere ihre Gesichtchen durch die
Türe welche ins Nebenstübchen wo sie schliefen führte fuhren dann mit
Schreien und Lachen zurück wenn sie den fremden Mann und den großen Hund sahen
der sie noch mehr interessierte als der Mann Der Mann war ernst doch nicht
unfreundlich gab gut Lob ihrer Wirtschaft frug nach Uli und als endlich die
Kinder sich dem Hund zulieb in die Stube wagten war er freundlich mit ihnen
besonders mit dem kleinen Vreneli Der Hund ließ mit ruhiger Ehrenhaftigkeit der
Kinder Streicheln sich gefallen nahm ihnen das Brot ab welches sie der Mutter
für ihn abgebettelt hatten Vreneli musste von den Kindern erzählen musste
abwehren dass sie nicht zutäppisch wurden
Da ging die Türe auf »Vater Vater sieh was das für ein Hund ist hast du
auch schon so einen gesehen« schrien die Kinder Uli stand da wie Lots Weib
als es Sodom und Gomorrha brennen sah und glotzte den Mann an mit offenem
Munde »Das ist der neue Bauer« sagte Vreneli »er war hier über Nacht Als er
kam schliefest schon und heute warst fort ehe ich es dir sagen konnte«
Uli glotzte noch immer so dass Vreneli es recht ungern hatte dass Uli so
unmanierlich tat Der neue Bauer sah Uli auch an und seltsam zwitzerte es ihm
um den Mund und in den Augen Endlich frug er »Dünkt es dich etwa du hättest
mich schon gesehen und weißt nicht wo« »So ists« sagte endlich Uli »aber es
wird nicht sein« »Wen meinst« sagte der Mann »Es wird nicht sein« sagte Uli
»Wir haben einen der noch unser Vetter sein soll von der Frau her der wohnt
weit weg bei dem war ich einmal es ist schon lange her An den mahntet Ihr
mich im ersten Augenblick aber der ist ein wüster und struber Mann und es ist
besser man rede nicht viel von ihm« »Wirst doch nicht den Hagelhans im
Blitzloch meinen« frug der Bauer »Wohl gerade den« sagte Uli »meine ich
kennt Ihr ihn« »Allweg den kenne ich« sagte der Mann »von wegen gerade der
bin ich der Hagelhans im Blitzloch und jetzt der neue Glunggenbauer«
Ja jetzt gab es Gesichter man kann sichs denken und lange gings bis
Vreneli sich fasste und sagte »Seid Gottwillche Vetter und zürnet nicht Böse
gemeint wars nicht und dass ein Mensch absonderlich ein Mann wenn er nicht
gebartet hat daheim strüber und wüster aussieht als wenn er gsunntiget ist
selb versteht sich und ist nichts Böses Es wäre uns grausam leid wenn Ihr es
uns nachtrüget und entgelten liesset was Uli in der Unachtsamkeit gesagt hat«
»Ihr guten Tröpfe« sagte der Mann »Hagelhans hat schon ganz andere Dinge
gehört wenn er was er gehört nachtragen und eintreiben sollte so müsste er
den ewigen Juden ablösen Hagelhans ist aber nicht so wüst als er scheint und
wenn er den Menschen schon nicht die Hände unter die Füße legt und jedem Narr
flattiert lebt wie es ihm gefällt so hat er das Recht dazu ihm ward auch
nicht flattiert jede Katze meinte sie könne ihm den Talpen geben und jeder
Hund er könne seine Schnauze an ihm abwischen Übrigens kam ich nicht in böser
Absicht her sondern eigentlich wegen euch Dass ihr mich zum Gevatter nahmet
darauf hielt ich euch nicht viel und noch viel weniger als ich hörte dass die
Bäurin hier dazu geraten Sie ist viel schuld an dem was ich geworden den Hans
hielt sie für nichts gut als um ihn zum Besten zu haben die alte
Blindschleiche war glatter und ihr lieber sie hat es erfahren wie weit man mit
einer solchen kommt Wenn er nicht tot wäre ich redete noch ganz anders von
ihm Deine Mutter Gott verzeihe ihr ihre Sünde hat es mir noch viel ärger
gemacht Möglich dass ich es ärger nahm als es war als es nachher den Schein
gewann möglich dass der Teufel seine Hände im Spiele hatte Dachte oft darüber
seit das Blut kälter ward dass der Hund dir flattiert ist wunderlich Du trafst
es gut als du kamest« sagte er zu Uli »ein andermal wärest du übel
weggekommen Ich hörte nicht ungern Bericht von der Glungge freute mich
darüber wie es ging dachte oft weißt jetzt wer schuld ist dass es dir nicht
besser geht Aber dass ich deswegen einen Tritt versetzt hätte ich ihr nicht zu
Gefallen getan Ich wusste wohl die Alte vernahm gerne etwas von mir hätte
vielleicht gerne mich gesehen aber jetzt war es an mir den Kaltblütigen zu
machen Doch kam mir seit jener Zeit das vergangene Leben oft in die Gedanken
und manches anders vor als bisher Als ich in jener Nacht dich antraf wo ich
eigentlich auch zu Markte wollte den Tod der Alten und deinen Zustand vernahm
da kam mir Mitleiden und es dünkte mich ich möchte auch mal was tun und zeigen
dass der Hagelhans innen besser sei als außen schön Dass du ehrlich warst und
aufrichtig gefiel mir so habe ich die Leute gerne so sie nötig obgleich ich
Schelmen und Lumpenpack nicht fürchte Hagelhans weiß wie man mit Pack umgeht
und kennt das Pack Aber eins hing am andern dass nichts zu machen war bis
endlich das Gut zum Verkaufen stund Das ließ ich nicht gerne aus der Familie
hatte ich es einmal konnte ich machen was ich gut fand Das Blitzloch ist
nicht bös die Glungge ist aber doch was anders dass die mal in meine Hände
kommen würde hätte ich nicht gedacht das freute mich sehr wäre sie vor Zeiten
mein gewesen wer weiß wie alles gegangen Der Lumpenhund der versoffene Sohn
wollte mir die Freude verderben konnte es aber nicht musste sie bloß einige
tausend Gulden teurer haben macht aber nichts«
»Vernahm es beim Wässern« sagte Uli »Wenn Ihr dem Johannes gesagt hättet
wer Ihr wäret und dass Ihr es eigentlich wie es scheint für ihn wollt hättet
Ihr das Geld sparen können«
»Wer sagt es dass ich es für ihn will Mit dem Lumpenhund will ich nichts zu
tun haben bin kein Narr der wenn ein Haus brennt Holz herbeischleppt damit
das Feuer nicht aus gehe Das Gut ist mein und fragen wollte ich willst mein
Pächter sein einstweilen bis mir was anderes einfällt«
Da waren Beide wie aus dem Himmel gefallen daran hatten sie nicht gedacht
Hagelhans glich so wenig einem Engländer nicht einmal einem Neuenburger
Vreneli schossen die Tränen in die Augen und Uli sagte endlich dSach wäre ihm
wohl recht und hart halte es Beide hier fortzugehen aber er sei zu arm um so
was mehr übernehmen zu dürfen und Bürgen wüsste er ihm keinen zu stellen Dem
Bodenbauer der wie ein Vater an ihm gehandelt habe sei er bereits mehr
schuldig als er ihm bezahlen könne Ihn nun noch einmal ansprechen wolle er
nicht die Sache könnte fehlen dann müsste er sich sein Lebtag ein Gewissen
daraus machen
»Wenn der Bodenbauer vermag dir Bürge zu sein so vermag ich vielleicht
dir das Gut ohne Bürgen zu verpachten bin ich doch sogar Gevattersmann und habe
meiner kleinen Gotte noch gar nichts gegeben nicht einmal einen Einbund Ihr
werdet mich doch oft schmählich herumgerissen haben du und die Base« sagte er
zu Vreneli und blitzte scharf ihm in die Augen
»Nicht einmal« sagte Vreneli »Ich hatte es von Anfang ungern dass man so
einen fremden unbekannten Menschen ansprach dem es wie eine Bettelei vorkommen
musste Aber sie wollte es haben und als alles ging wie es ging hatte sie es
ungern und man sprach nicht davon« »Und jetzt wegen der Pacht was meinst«
»Ach Gott« sagte Vreneli »was soll ich meinen Mein Lebtag war ich hier wie
mirs ums Herz sein muss hier fort zu müssen kann man denken Aber hier zu sein
zwischen Leben und Sterben und in beständiger Angst die Leute müssten an uns
verlieren das ist ein ängstlich Leben welches ich in die Länge nicht aushielte
und Uli es nicht zumuten möchte um am Ende doch auf die Gasse zu kommen«
»So hast ein schönes Zutrauen zu mir« sagte der Alte »Indessen man nimmt
es wie es ist bis es besser kommt Einstweilen habe ich nicht im Sinn euch
auf die Gasse zu bringen und wie man es macht so hat mans Nach dem was ich
gesehen habe wirtschaftet ihr Beide nicht übel jedes an seinem Orte habt
ziemlich Ordnung und könnt es vielleicht noch besser lernen denn im Blitzloch
siehts besser aus Das geht mir einstweilen über den Zins besonders wenn es
mich noch ankäme selbst Glunggenbauer zu werden Ich könnte dich zum Hausknecht
machen mag aber nicht Hausknechte erfaulen gerne verlassen sich auf des Herrn
Geldseckel und scharf gibt die Frau nicht acht wieviel Mehl und Butter sie zu
einer Suppe braucht geht es doch über des Herrn Buckel aus es gibt selten
etwas Gescheutes aus solchen Leuten besonders wenn ihr Dienst lange währt und
Lust zum Sterben habe ich einstweilen noch nicht«
»Ihr habt ein schlecht Zutrauen zu uns dass Ihr glaubt wir können zu
fremder Sache nicht so gut sehen als zu der eigenen« sagte Vreneli »Mensch ist
Mensch« sagte der Alte »Aber warum sagst du nicht Vetter« Vreneli wurde rot
und sagte Kinder wie es eins sei wüssten eigentlich nie recht ob sie
Verwandte hätten oder nicht »Wie sagtest du der Bäurin hier« frug barsch
Blitzhans »Base und manchmal Mutter wie sie auch eine an mir war« sagte
Vreneli
»Ho« sagte Hagelhans »so ist es dir einstweilen erlaubt mir Vetter zu
sagen vielleicht wenn du siehst wie ich es meine sagst du mir einmal auch
noch Vater Also in den Schulden bist dem Bodenbauer bists Du weißt ich habe
den Hof sehr teuer samt Schiff und Gschirr und aller Bsatzung Wie ich mir habe
sagen lassen hat man dich hart gehalten und doch habest du den Hof verbessert
was mir zugut kommt Das musst dem Alten und dem Jungen nicht für übel nehmen
wer ertrinken will hält sich an jedem Rohr denkt nicht dass es ihm nichts
hilft als dass er das Rohr ausreisst Wer es aber hat und so es macht der ist
ein Hund und ist zu achten als ein Hund Willst es mit mir probieren so wollen
wir zusammen hinauf zum Bodenbauer die Sache richtig machen mit ihm denn er
hat seine Arbeit und ich habe besser Zeit ihm nachzulaufen als er mir Ich
heiße nicht umsonst Hagelhans aber schlechter ist doch Mancher am kleinen
Finger als ich am ganzen Leibe Nicht dass ich mich rühmen will aber wenn mich
schon alles fürchtet so hat doch niemand Ursache mich zu hassen als
vielleicht Doch redet mit einander Ists euch anständig so gehen du und
ich diesen Nachmittag zum Bodenbauer bleiben dort über Nacht und machen die
Sache Wenn Hagelhans was anfängt so fährt er gerne gleich aus bis zhinterst
Jetzt will ich in die Schreiberei mach dass wir was essen können wenn ich
zurückkomme halte nicht viel auf Warten Bhüt euch Gott unterdes«
Da saßen sie nun Uli und Vreneli sahen einander an wussten nicht hatten
sie ein Gespenst gesehen oder einen guten Engel Unerwartet wie ein Hagel vom
Himmel war der grauliche Mann in ihr Leben hineingeplumpst aber nicht
zerstörend sondern Gaben verheissend Er war wie eine Gestalt in der Finsternis
von der man nicht weiß ist sie Freund oder Feind die wohl ein Losungswort
gibt von dem man aber nicht weiß hat man es richtig gehört ist es das rechte
oder nicht
»Was sagst dazu« fragte endlich Uli »Weiß nicht« sagte Vreneli »Glauben
tue ich er meint es jetzt gut aber wie lange das Gutmeinen währt das weiß ich
nicht Es ist mir gar wunderlich um ihn herum bald wohl bald angst bald graut
mir vor ihm bald dünkt mich ich müsse ein großes Erbarmen haben mit ihm Die
Base selig redete immer mit Schrecken von ihm als wie von einem halben Ungeheuer
und doch glaube ich fast die letzten Worte welche wir nicht verstehen konnten
haben ihm gegolten er lag ihr doch im Sinn« »Aber glaubst es sei ihm Ernst
er stelle uns nicht etwa Fallen« frug Uli »Glaube es nicht« sagte Vreneli
»dass er an so was denkt Es möchte mir fast scheinen als sei er so ein alter
Menschenfeind der wieder das Verlangen nach Menschen bekommt Daneben aber
schadet in acht Nehmen nicht und dass er zum Bodenbauer begehrt gefällt mir es
ist ein Zeichen dass er uns nicht so ungesinnet zu übernehmen begehrt« »Aber«
sagte Uli »ich kann es doch fast nicht glauben wir wären ja viel zu glücklich
wenn das sich jetzt so machen sollte und wie es scheint viel besser als es
früher war gerade als wir meinten wir seien auf dem Äußersten« »So geht es
mir freilich auch« antwortete Vreneli »Aber das erstemal wäre es nicht dass so
was geschieht daneben kann man immer vorsichtig sein Du hast gehört wie er
schon lange was im Kopf gehabt er sagte aber nicht was aber nicht Gelegenheit
gehabt bis zur Steigerung«
»Da hätte es bald Streit gegeben« sagte Uli »Johannes hoffte es werde ihn
niemand abbieten und hatte wie man sagt einen Käufer an der Hand und die
Aussicht eine schöne Summe zwischenauszunehmen Als nun Bott um Bott aus der
Ecke kam von einem alten Mann dessen sich niemand geachtet fing Johannes
Händel an Jeder Lump und Stöffel könnte ihm den Hof herauftreiben um Wein oder
aus Bosheit Der alte Hund solle schweigen oder er werfe ihn zur Türe hinaus
Der Alte rührte sich nicht bot kaltblütig weiter Johannes wollte ihm auf den
Leib da stund der Alte auf der Hund auch und der Alte sagte Büebli lass dich
nicht gelüsten du bist am Unrechten Ich bin der Hagelhans im Blitzloch
vielleicht habt ihr auch schon von dem gehört Da kann der Schreiber sehen dass
ich nicht bloß bieten sondern auch zahlen kann und zwar bar so viel man will
und so schnell man will Er legte vor den Schreiber eine Brieftasche und
nachdem derselbe hineingesehen ward er höflich und sagte ja so sei es Und
jetzt frug Hagelhans und streckte seine Glieder dass er anzusehen war fast wie
ein alter Turm aus der Römerzeit und jetzt will mich noch jemand hinaustun
oder mir das Bieten wehren« Aber niemand hatte Lust dazu weit um ihn stund
niemand mehr Die Einen hatten von ihm gehört und hielten ihn so gleichsam für
des Teufels Halbbruder die Andern erschreckte der große Mann mit dem knurrenden
Hunde Johannes fluchte alle Zeichen dass der Teufel den hergebracht und dass er
ihn nicht gekannt Es sei eigentlich ein Vetter von der Mutter selig her habe
keine Kinder und wenn er es gewusst so solle ihn der Teufel nehmen den hätte
er ins Garn jagen wollen dass es einen prächtigen Fisch für ihn abgegeben hätte
Solche Kühe seien das lustigste Metzgen sie fielen gut ins Gewicht hätten
zumeist mehr Fett als man glaube Es müsse den Teufel tun wenn er den Alten
nicht um den Finger wickle ehe die letzte Halbe getrunken sei Doch Johannes
kannte Hagelhans nicht musste das Feld räumen wenn er sein Fell ganz erhalten
wollte und natürlich halfen alle welchen mit barem Gelde gedient war dass dem
Alten das Gut baldmöglichst zugeschlagen werde »Jetzt wird er gegangen sein um
Kaufbrief und Zahlung zu besorgen«
»Weißt was es kostet« frug Vreneli »Grässlich Geld« sagte Uli
»sechzigtausend Gulden Kein Christ bringt da den Zins vom Gelde heraus und wer
weiß ob er nicht meint mit Gutmeinen könne er uns locken dass wir es um diesen
Zins übernehmen« »Zweifle« sagte Vreneli »er würde wenn er das wollte nicht
zum Bodenbauer begehren Und was hülf es ihm wenn er uns schon hineinsprengte
er weiß ja dass wir nichts haben begehrt keinen Bürgen und wo nichts ist hat
ja selbst der Kaiser sein Recht verloren Mich dauert nur der Johannes und seine
Kinder dass die um das Gut kommen und für immer Jetzt ist kein Pardon mehr für
sie sie müssen herunter bis zum Bettlerbrot Er hat uns schlimm behandelt aber
ich kann mir nicht helfen seine Mutter tat mir Gutes und nichts kann mich mehr
erbarmen als wenn Familien auf diese Weise zugrunde gehen Hundert und
vielleicht mehr Jahre geht es bis vielleicht wieder ein Glied derselben festen
Fuß fasst wurzelt aus dem abgehauenen Stamme ein Sprössling hervorwächst der
wieder sein Haupt erhebt über das niedere Gesträuch«
»Und deine Kinder erbarmen dich die nicht auch« frug Uli den jetzt eben
kein großes Mitgefühl plagte »Nicht halb so viel« sagte Vreneli »die werden
gewöhnt wie sie es ihr Lebtag haben können lernen arbeiten kommen hoffentlich
einst mit Ehren durch und wer weiß was aus ihnen wird was recht Gutes so
Gott will Was jene an Gut haben verprassen ihnen die Eltern zu was Besserm
helfen sie ihnen nicht Was meinst wer ist mehr zu bedauern wenn sie nichts
erben ihre Kinder oder unsere Kinder« Er meine es nicht so sagte Uli sondern
er meine jene Kinder gingen sie nichts an die ihren wohl Böses wünschen wolle
er ihnen nicht aber sagen müsse man doch wenn es ungeheissen komme unverdient
sei es nicht »Uli Uli nicht so« sagte Vreneli »sind nicht vielleicht auch
noch Leute die sagen könnten Gott strafe unsere Kinder um der Eltern willen«
Uli stutzte gab Vreneli die Hand und sagte »Du hast recht Wie schnell man
doch so was vergisst Umsonst sollst du mich nicht gemahnt haben«
Hagelhans kam zurück Vreneli war mit dem Essen noch nicht fertig »Jetzt
ist das Geschäft mein jetzt will ich mir es recht ansehen da gibt es was zu
schaffen« Die Sache hätte man in Ehren gehabt so gut man gekonnt sagte Uli
dem die Bemerkung ins Fleisch gegangen war Aber Joggeli hätte nicht gerne Geld
ausgegeben für Handwerksleute er selbst hätte es sonst zu brauchen gehabt Er
hätte auch nicht immer alles aufputzen können wenn man das Meiste mit fremden
Leuten machen müsse so graue es einem am Ende des Jahres über die vielen
Taglöhne Daneben sei das Haus so alt nicht noch währschaft mit Wenigem komme
man weit Der Alte sagte nicht viel darauf guckte überall herum und als sie
zum Essen kamen sagte er Vreneli »Was sagst du dazu wenn ich ein neues Haus
da baue eins das einer hoffärtigen Frau besser ansteht als diese alte Hütte«
Vreneli meinte das werde ihm nicht Ernst sein wäre Sünde »Denn das hieße das
Geld in Bach geworfen das alte ist noch hundert Jahre gut«
Den Alten hatte der seltsame Baugeist ergriffen der unwiderstehlich fassen
soll wer sich ihm einmal ergeben hat Das alte Haus schien ihm Reparaturen
nicht wert zu klein zu unkommod zu viel Hüttchen aller Art darum herum so
übel anzusehen so unbequem man müsse sagte er was zusammengehöre unter ein
Dach ziehen Er sprach als ob morgen der Bau beginnen müsste dass Vreneli
endlich sagte Wenn es an seiner Stelle wäre so wollte es sich einstweilen
damit nicht so plagen sollten sie dableiben so wollten sie ja zufrieden sein
sie begehrten es nicht besser Dann dünke ihns man hätte ihm einstweilen stark
genug zu Ader gelassen er sollte froh sein frisch Atem zu fassen »Das Base
wenns erlaubt ist dies zu sagen verstehst du nicht« antwortete Hagelhans
»Kommt einer mal in Zug dem Geld den Lauf zu lassen so ist ihm nicht wohl bis
der letzte Kreuzer durch die Finger ist Der Anfang ist schwer im Sparen und
Ausgeben wenn Hagelhans was anfängt so fährt er zu bis ans Ende halbwegs
bleibt er nicht Doch wegem Weg wenn wir zum Bodenbauer wollen so mach dich
fertig es ist Zeit« Er sei fertig sagte Uli er wolle anspannen lassen wenn
er es befehle »Was anspannen« sagte Hagelhans »Du wirst doch nicht einer von
denen sein welche meinen dass wenn sie drei Schritte vor das Dach hinausgehen
es gefahren sein müsse Das wäre mir nicht anständig« Es sei wegen ihm dass er
fahren wolle die Rosse hätten eben nicht viel zu versäumen sagte Uli
»Meinetwegen braucht es sich nicht« sagte Hagelhans »Ob unsere Beine müde
werden vom Fahren oder müde vom Laufen kommt auf eins heraus und wenn du nicht
zu vornehm bist so schämst dich nicht und nimmst mit mir den Weg unter die
Füße« Dagegen war nichts zu sagen
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Die dritte Reise zum Bodenbauer
Uli musste sich anstrengen Schritt zu halten mit dem Alten der einherschritt
wie ein aus einem Hünengrabe erstandener Recke dem die Leute aus dem Wege
gingen und nachsahen mit Verwundern Uli dachte im Stillen besonders wenn die
Rede des Alten heraufquoll wie ferner Donner Eigentlich sei es kein Wunder
wenn seiner Zeit die Mädchen eben nicht sonderlich durch ihn angezogen worden
seien von wegen seiner Liebenswürdigkeit dazu sei er doch wohl zu groß und
unghürig Sein Tun in früheren Jahren mochte seiner Gestalt entsprochen haben
Wenn man zusammen wandert so gibt ein Wort das andere unvermerkt rutscht
man der Materie zu von welcher man gerne spricht die Alten gerne von
Jugendzeit und Jugendstreichen Uli hörte mit offenem Munde zu Er glaubte auch
was verrichtet manchen tüchtigen Streich ausgeteilt zu haben aber gegen
Hagelhans war er ein bloß Kind gewesen Der hatte Schlägereien gehabt dass das
Blut durch die Straße floss Schabernack geübt und zwar groben wo er konnte Er
hatte eine eigene Freude daran gehabt den lieben Gott zu machen und zu
züchtigen und zu plagen mit grober Hand wen er für schlecht hielt oder wer ihm
sonst nicht gefiel denn es ist Vielen schwer zwischen Beiden zu unterscheiden
auf die rechte Weise Er hatte Geld verklopft ein Pferd hätte es kaum gezogen
dafür aber auch einen Namen gehabt mit dem man die Kinder zu Bette jagte das
Wort »Wart Hagelhans nimmt dich« war ein Zauberspruch Wenn er in einem
Wirtshause erschien so wars als sei der Kindlifresser gekommen allgemach
schoben die Leute sich zur Türe hinaus der Wirt räumte so unvermerkt als
möglich alles Zerbrechliche weg und die Stubenmagd tänzelte so graziös als
möglich um ihn herum wie ein Pudelhündchen um einen Löwen doch wohlweislich
immer sechs Schritte ihm vom Leibe Hans rühmte sich alles dessen eben nicht er
sah zu wohl ein wie er den Menschen vorkommen musste und wie schreckhaft er sich
aufgeführt aber er erzählte doch mit einem gewissen Behagen ungefähr wie man
überstandene Krankheiten erzählt erlebte Gefahren Gespenster oder sonst
Geschichten
So kamen sie an das Ziel ihrer Reise Uli wusste fast nicht wie Bodenbauers
waren eben beim Nachtessen als die Beiden klopften und auf ein lautes »Herein«
in die Stube traten Als der große Mann mit seinem großen Hund in die Stube kam
ging es fast wie ehedem in den Wirtshäusern es erschraken alle selbst den
Bauer überfloss ein gewisses Erschrecken Unwillkürlich wurde das naturgemässe
Manöver ausgeführt hinter dem Vater dem Schild und Schwert der Familie barg
sich alles Befangen streckte der Bodenbauer dem Hagelhans die Hand zum Willkomm
und sagte »Ihr seid es aber ich hätte eher den Kaiser von Russland bei mir
erwartet als Euch Sah Euch an die zwanzig Jahre nicht und es hieß Ihr ginget
nie vom Hause« »Man sagt manches in der Welt« sagte Hans »was nicht wahr
ist« bot der Bäuerin die Hand und die schlotterte wie ein Mädchen wenn es die
Hand zum erstenmal einem Jungen geben soll In Hans wachte offenbar der alte
Schalk auf und hatte seinen Spaß an diesem Schreck und Schlottern Uli machte
den Vermittler stellte Hagelhans als den neuen Glunggenbauer vor und sagte sie
kämen um mit Johannes über die Sache zu reden
Die Bodenbäuerin wurde ganz bleich als sie das hörte Nun auf das Geld
habe ich so stark nicht gerechnet dachte sie das ist verloren und ich will
nichts dazu sagen aber die armen Leutchen dauern mich die sucht doch unser
Herrgott einmal um das andere wohl stark heim Erst das Hagelwetter jetzt noch
Hagelhans als neuer Bauer der schindet sie lebendig Auch Johannes konnte sich
ähnlicher Gedanken nicht erwehren vergaß jedoch die Pflichten der
Gastfreundschaft nicht hieß sich setzen und essen Besondern Platz zu machen am
Tische für die Gäste brauchte er nicht denn kaum war die Tür frei so war der
ganze Haufe verschwunden an das Essen dachte Keiner mehr Sie hatten manchmal
vom Hagelhans im Blitzloch reden hören als wie von einem greulichen Kobold und
manchmal gewünscht wenn sie ihn doch einmal sehen könnten aber nur von weitem
Jetzt hatten sie ihn gesehen nur zu nahe Hagelhans hatte die alte Sünde nie
ablegen können sich den Leuten als den zu geben für welchen sie ihn nahmen
wendete oft größere Mühe an sein Gutmeinen zu verbergen als Heuchler anwenden
gutmeinend zu scheinen Merkwürdig war wenn er gegen diese Sünde kämpfte wie
bald das Gutmeinen hervorbrach und dann wieder desto greller die Bosheit wie
wenn am gewitterhaften Himmel bald die Sonne scheint bald die Blitze zucken
durchs schwarze Gewölke
Er habe die Glungge nicht gerne in fremden Händen gesehen und da er niemand
hätte auf der Welt der nach ihm frage so habe er auch niemanden zu fragen
wenn es ihn gelüste einige Kreuzer mehr oder weniger wegzuwerfen bemerkte er
dem Bodenbauer Er würde gerne noch einige Handvoll nachwerfen wenn er wüsste
was jetzt die alte Glunggenbäuerin im Himmel dazu sage und was sie für ein
Gesicht mache dass Hagelhans Glunggenbauer geworden Nun könne er nicht alsbald
aus dem Blitzloch fort sondern müsse einen Pächter haben auf der Glungge Man
sei halt geschlagen mit solchen aber der welchen er gefunden scheine ihm von
den weniger schlechten zu sein und noch dazu sei er Götti von einem Kinde des
Pächters und solle sogar dessen Vetter sein da müsse man begreiflich ein
Einsehen tun auf die Gasse begehre er die Leute nicht zu bringen »Uli ist dir
schuldig und du warst sein Bürge Nun wirst du nicht ferner Lust haben die
Finger in die Tinte zu stoßen ich habe aber auch nicht Lust einen Pächter
anzustellen den mir einer sobald es ihm beliebt auspfänden und bloß machen
kann ich mache dies lieber selbst wenn es sein muss Du hast den vorigen Akkord
machen helfen und jetzt musst auch unsern machen helfen Uli der Vetter hat
das Zutrauen zu dir weil der vorige so gut gewesen und ich habe nichts
dawider Er soll nicht meinen dass ich ihn übernehmen will Aber vergessen muss
man jedenfalls nicht dass der Hof mich sechzigtausend Gulden kostet nicht
gerechnet was ich verbauen muss daneben mag ich es den Leuten gönnen dass sie
wieder aufkommen«
Du alter Schelm dachte Johannes bist immer der gleiche Unflat aber
diesmal fängst du uns nicht ehe wir eintreten muss ich mit Uli reden Die
Bodenbäuerin hatte sich erholt erfüllte ihre Pflicht als Wirtin wieder und als
man mit Essen fertig war unterhielt sie sich mit Uli Da sagte der Bodenbauer
zu Uli »Komm doch geschwind mit mir in den Stall während es noch Tag ist
möchte dir ein Füllen zeigen und fragen was du meinst ob ich es fällen oder
zum Hengst geraten lassen soll«
»Weißt was« sagte Hagelhans »schick die Frau mit Uli hinaus er ist
hübscher als ich und lieber geht sie mit ihm in den Stall als dass sie bei mir
in der Stube bleibt Hätte übrigens auch noch ein Wort mit dir zu reden« Die
Bodenbäuerin kriegte einen Kopf so rot wie ein Kupferkessel aber eine Antwort
wollte ihr nicht kommen
Draußen erst brach es ihr los im Halse und hageldick flogen ihr die
Schimpfwörter aus dem Munde dass die Kinder sagten »Mutter Mutter um Gottes
willen was hast du So tatest du nie mache die Haken auf am Göller du
erstickst ja Herr Jeses Herr Jeses was hast« »Das Ungeheuer der Unflat der
Utüfel was er ist Dass doch einen Solchen Gottes Erdboden trägt Ich habe von
dem schon gehört als ich ein junges Mädchen war aber gesehen habe ich ihn
nicht Da war nichts Schlechtes was man ihm nicht nachredete der Schlechteste
war er der je in einer Menschenhaut über die Erde lief Den schönsten Mädchen
lief er immer nach und wenn sie nichts von ihm wollten verfolgte er sie
schrecklich sie waren ihres Lebens nicht sicher vor ihm So machte er es der
Glunggenbäuerin noch viel schlechter soll er es deiner Frauen Mutter gemacht
haben Man erzählte Sachen ich darf sie nicht denken geschweige aussprechen
Er quälte sein Lebtag alle Menschen Teufel und Hagelhans sind wie Brüder wer
besser sei weiß man nicht Und jetzt muss der Unflat mir noch ins Haus kommen
mich beschimpfen und wir sollen helfen euch ihm ins Netz jagen und unglücklich
machen Nein beim Hagel der Utüfel muss doch auch er fahren was man auf ihm
hält und dass man ihn kennt und dass nicht alle Leute sich vor ihm fürchten und
dass er nicht machen kann bis zu allerletzt was er will der Unflat der Utüfel
Dass ihr mir aber auch nicht ds Herrgotts seid mit dem alten Unflat euch
einzulassen sonst halte ich mein Lebtag nichts mehr auf euch Wir haben wenn
es sein muss für euch zu arbeiten und zu essen Was er an der Mutter nicht alles
ausüben konnte das wird er mit der Tochter treiben wollen das Untier«
So begehrte die Bodenbäuerin draußen vor dem Hause auf dass man mit keinem
Hämmerlein hätte dazwischenkommen können und es Uli ganz angst wurde dass er
nicht hineinging bis es dämmerte und Johannes mit seinem Gaste herauskam »Wie
habt ihr das Füllen gefunden« fragte Hagelhans und der Spott zuckte ihm in
jeder Runzel »Geht und seht selbst Ihr versteht Euch besser darauf als ich«
schnellte die Bäuerin und fuhr ins Haus als ob sie auf einem Hexenbesen säße
der Rest ihr nach bis an Uli der nicht wusste sollte er auch gehen oder sollte
er bleiben
»Kannst es ihm jetzt sagen« sagte Hagelhans zum Bodenbauer »Uli« sagte
der Bodenbauer »wir haben einen Akkord abgeredet ich soll ihn ausfertigen
lassen wenn du damit zufrieden bist ich denke aber Ja ich hätte ihn mir nicht
besser erdenken können wenn ich schon gewollt hätte Du bekömmst den Hof auf
zehn Jahre die gleichen Zugaben brauchst hundert Taler weniger Zins zu zahlen
und kannst einen Zins immer verzinsen wenn du das Geld zum Betrieb brauchst
Auszurichten hast du nichts als den Bauer zu speisen wenn er da ist und will
er das Stöcklein beziehen welches er sich vorbehalten so macht sich dies dann
besonders Das ist die Hauptsache damit denke ich kannst du wohl zufrieden
sein«
Uli wusste nicht was er sagen sollte war das was er hörte ein Glück oder
eine Mäusefalle Endlich frug er »Und mit den Schulden wie ist dies« »Der
neue Bauer übernimmt sie« sagte der Bodenbauer »Ich wollte zuerst sie nicht
abtreten aber als er es nicht anders haben wollte machte ich es mit ihm dass
er sie die ersten fünf Jahre nicht absagen darf bis dahin wirst du dich
hoffentlich erholen können« Da Uli mit der Sache immer noch tat wie mit einem
vortrefflichen Bissen mit dem man aber den Mund zu verbrennen fürchtet und ihn
daher erst von allen Seiten anbläst so sagte der Alte der den Handel wohl
merkte und dem der Spott im ganzen Gesichte herumfuhr wie ein Schwärmer durchs
Gras »Wenn du nicht weißt was du willst so besinne dich Gehe das Land auf
das Land ab bei jedem Babi zRat dann sage ab oder zu wenn ich noch lebe Gut
Nacht« Uli musste mit da sie in einer Stube schliefen konnte es aber lange
nicht zum Schlafen bringen
So hatte es aber auch der Bodenbauer Der Bodenbauer war den berüchtigten
Gardinenpredigten ganz entwöhnt Mann und Frau lebten so einig verstunden sich
so gut dass ein Blick ein Wort genügte sich zu verständigen Aber wohl diesen
Abend brach eine los dass der Mann lange seinen Ohren nicht traute nicht wusste
kam sie wirklich von seinem Weibe oder von einem bösen Geiste
»Mit einem solchen Utüfel und Untier machst du gemeine Sache« brach es bei
der Frau los »um zu deinen paar Batzen zu kommen und die armen Leutchen um
alles zu bringen nicht bloß um das Geld Das wird die Leute wundern wenn sie
vernehmen was der Bodenbauer vor dem sie so lange Respekt gehabt für einer
sei und lange Zeit werden sie nicht wissen ist er zu einem Esel geraten oder
zu einem Schelm und untreuen Manne Mich selbst nimmt es wunder für welchen von
beiden man in Zukunft ihn halten solle« Das ist so gleichsam der Text über
welchen die Bodenbäuerin predigte Die Predigt war viel länger und bündiger
Endlich konnte der Bodenbauer sagen »Frau du gibst dir viel zu viel Mühe
die Sache ist anders ganz ds Gegenteil« Potz Himmeltürk bisher war der
Bodenbauer im einfachen Plotonsfeuer gewesen jetzt kam er unter
Vierundzwanzigpfünder Wer mal dabeigewesen ist wenn die krachten der weiß
was dreinreden hilft Endlich sagte der Bodenbauer als ihm schien die Munition
sei am Ausgehen »Du tust wie ein trunkenes Fraueli weiß gar nicht was dich
ankömmt Habe dich nie so gesehen als sechs Wochen nach der Hoch zeit da du
einmal eifersüchtig wurdest auf deine eigene Großmutter Wann du ausgeredet
hast so sags Ein Wörtlein möchte ich endlich doch auch dazu sagen« Aber es
surrete lange noch bei der Bodenbäurin ehe sie sagte »Nun so rede Es würde
mich doch wunder nehmen was du dazu zu sagen hast«
Der Bodenbauer setzte der Frau die günstigen Bedingungen der Pacht
auseinander und frug ob da böser Wille sein könne »Du Tropf« sagte die Frau
»dass du das nicht einsiehst das ist gerade so wie beim Teufel er verspricht
alles um nichts als nur arme Seelen in seine Klauen zu kriegen« »Du hast
unrecht Frau« sagte der Bodenbauer »Der Mann hat sich in meine Hand gegeben
und mir Sachen gesagt und aufgetragen dass ich weiß woran ich mit ihm bin und
dass vielleicht nicht Viele herumlaufen welche bräver sind als der verrufene
Hagelhans und dass Uli ein glücklicherer Mann werden kann als bald einer« »Was
hat er dir denn gesagt« frug die Bodenbäurin »Ich musste ihm versprechen es
niemanden zu sagen bis er es mir erlaube« sagte der Bodenbauer »Ho mir doch
wirst du es sagen können« sagte die Bodenbäuerin »Darf nicht« sagte der
Bodenbauer »er hat noch extra gesagt dir solle ich es nicht sagen und ich
habe es ihm in die Hand versprechen müssen«
Potz Himmel wie ging da das Feuer frisch auf und wer mal selbst solch
Ehespektakel erlebt hat kann sich den Gang des Stückes denken und wie manchen
Aufzug es gab Doch vielleicht ist selbst dem Erfahrensten das Ende
überraschend Der Bodenbauer hielt sein Wort was er versprochen hatte nicht zu
sagen das sagte er nicht Das ist selten Es mag der Welt unglaublich ja
unnatürlich scheinen und doch ist es ganz einfach und naturgemäß Der
Bodenbauer hatte seiner Frau keine eigenen Geheimnisse zu verschweigen darum
konnte er fremde bewahren Wer aber eigene Geheimnisse hat sucht gerne mit dem
Ausplaudern fremder Geheimnisse die seinen zu verdecken die Weiber abzulenken
Wir wollen offen sein und gestehen der Schluss befriedigte die Bodenbäurin
durchaus nicht Die Bodenbäurin verarbeitete eine schlaflose Nacht nicht
eigentlich wegen der Neu gierde sondern wie sie sagte dass der Mann sie so
wenig liebe ihr so wenig traue dass er nach fünfundzwanzig Jahren ihr nicht
sagen möge was ihm gesagt worden sei Als es endlich gegen Morgen ging kam es
ihr denn sie war vernünftig wie selten eine Versprechen sei eigentlich
Versprechen und Ausnahmen seien Ausnahmen und Löcher ins Versprechen und wo mal
ein Loch sei sei die Sache nicht mehr ganz Ihr Mann hatte dem Hagelhans was
versprochen er habe aber auch ihr versprochen Treue und sonst noch viel Sie
begehre dass er ihr halte und sie glaube er habe es getan warum solle sie ihn
verführen dass er jemand anders nicht halte Genau genommen sei das schlecht von
ihr und wenn er ihr abfalle so geschehe es ihr ganz recht dem Einen recht
dem Andern billig Es tat der Bäurin sehr leid dass es so lange gegangen war
ehe sie dies begriff und als am Morgen der Mann erwachte da bat sie ihn
dringlich dass er ihr doch nicht zürne Da hätte er es bei einem Haar gesagt
denn er war noch schlaftrunken und die unerwartete Liebe war fast wie ein
englischer Zapfenzieher welcher alles öffnet Zu rechter Zeit noch erwischte er
das entspringende Wort beim Bein und sagte bloß »Zähle darauf die Sache kommt
gut Mache Uli guten Mut und einst werden die Leute das Maul offen vergessen
und nicht Babi sagen können vor lauter Verwundern«
Am Morgen wusste die Bodenbäurin nicht recht wie sie mit Hagelhans umgehen
solle Hagelhans schlug ihr seine großen Augen ins Gesicht so gleichsam als ein
Blasenpflaster welches wieder herausziehen konnte was nicht drin sein sollte
Die Bäurin merkte gleich was das sein solle und sagte »Habt nicht Kummer ich
habe einen wüsten Mann eigentlich sind alle wüst aber meiner vor allen sagt
mir nichts als was er gerne will Nun ich bin auch nicht halb so neugierig es
wäre mir ein Leid wenn ich alles wissen müsste was mich nichts angeht Es gibt
dagegen Sachen welche man gerne wüsste und wo dies wohl zu verzeihen ist Wenn
man zum Beispiel jemanden für gutmeinend halten soll den man für einen Unflat
gehalten so wäre einem ein Warum doch vielleicht erlaubt«
»Auf ein Warum von der Frau passt nichts besser als ein Darum vom Mann Das
ist der wahre Mannsbrauch« sagte Hagelhans »Wie weit kam Mancher mit solchen
Bräuchen« antwortete die Bodenbäuerin mit sanfter Stimme aber dem bekannten
Weiberblick welchen sie an die Worte heften welche zünden sollen gleich wie
das berühmte griechische Feuer ehedem auch mit Pfeilen geschossen wurde Da tat
der Hagelhans seine Augen wieder weit auf und sagte »Habe er es dir nun gesagt
oder nicht gesagt so bedenke dass wenn ein Wort von dem geschwatzt wird was
ich ihm gesagt aus allem nichts wird du aber dein Lebtag reuig wirst so wahr
ich Hagelhans heiße Jetzt mache was du willst« Die Weiber haben zuweilen ein
eigen Geschick zu treffen aufs Geratewohl dass man meinen sollte sie kennten
das Ziel und hätten scharf gezielt und ist doch all nichts Die Bodenbäuerin
beteuerte umsonst sie wüsste wahrhaftig nichts Hans traute nur halb »Mach was
du willst« sagte er »aber zähl darauf was ich gesagt das halte ich« Der
Bodenbauer der jetzt mit Uli das Füllen besehen hatte und mit ihm in die Stube
kam machte dem Gespräch ein Ende
Hagelhans pressierte mit dem Aufbruch die Sach sei gemacht Gschwätz trag
nichts ab die Zeit welche vorbei sei sei vorbei und nicht mehr zu gebrauchen
sagte er Er nahm Uli mit fort trennte sich aber bald darauf von ihm und
marschierte dem Blitzloch zu Wann er wiederkomme wisse er nicht sagte er sie
sollten alle Tage seiner gewärtig sein
Uli ging heim als wäre er trunken Also war er wieder Pächter auf der
Glungge und unter Bedingungen wo es ihm fast nicht fehlen konnte und doch
wüsste er nicht sollte er sich freuen oder nicht es war ihm etwas Dunkles im
Hintergrunde von dem er nicht wusste war es gut oder bös Bald kam ihm sogar
der Johannes verdächtig vor der erst so bedächtig getan und dann so stark
eingeredet und am Morgen sogar die Frau es war gleichsam als hätten sie kalt
und warm aus einem Munde geblasen
Mit großer Spannung harrte seiner Vreneli lief ihm weit entgegen als es
ihn von ferne sah »Und du bangst noch« sagte es als es alles vernommen »bist
du so misstrauisch geworden Hast den Glauben so gutmütig auf jeden faulen Stock
abgestellt und jetzt ist dir kein Stein gut genug dafür Sieh Bodenbauers
sollten wir aus ihren Werken erkennen wegen einigen Talern verkaufen die uns
nicht und Vetter Hagelhans ist zu alt um Bosheit mit uns zu treiben sonst was
wäre an uns nichts zu gewinnen Glaube mir das ist ein Anderer als Joggeli
Hagelhans kann einen Menschen totschlagen aber den Wurm zertritt er nicht
Warum er es gut meint weiß ich nicht aber gut meinen tut er es dafür wollte
ich meine Hand ins Feuer halten Den wildesten Menschen kommt es manchmal an wie
Heimweh wenn sie alt werden Sie hätten niemanden klagen sie und suchen
jemanden der Anteil an ihnen nimmt und dem sie zeigen können dass sie doch noch
Menschen sind Vielleicht dass es Hagelhans auch so kam dazu sind wir nicht ganz
fremd sondern verwandt freilich nur entfernt aber böse haben wir ihn nie
gemacht und er ist Vrenelis Götti So habe ich alles Vertrauen und wenn er
kommt will ich zu ihm sehen als ob er mein Vater wäre Mag kommen was da
will so ist die Pacht gut und zehn Jahre denk da lässt sich was machen und
dass die Sache recht gemacht wird darauf kannst du zählen der Bodenbauer ist
lauter wie Gold Was meinst soll ich Eierkuchen backen heut abend und Nidle
stoßen recht dick Lange haben wir nichts Gutes gehabt und das ist ein kleines
Mählchen wert Ei wie werden die Kinder sich freuen wenn sie wissen dass wir
dableiben den Anken riechen auf dem Feuer und die Nidle stoßen sehen Möchte ja
selbst springen und jauchzen wie ein Kind weiß gar nicht wie leicht es mir ums
Herz ist« So jubelte Vreneli kindlich und große Freude war auf der Glungge
selben Abend
Achtundzwanzigstes Kapitel
Wie die Welt im Argen bleibt und gebesserten Menschen es gut geht mitten in der
argen Welt
Als die Leute vernahmen dass Uli frisch gepachtet und gut und welche Freude
darüber gewesen sei auf der Glungge da wunderten sie sich sehr Anfangs hatten
sie Mitleid gehabt mit Uli und gedacht der wüste Mann werde ihn handlich
plagen er könne sie übel erbarmen verdient hätte er es nicht wenn er schon
einige Zeit von dem Kraut welches nichts koste man nenne es Hochmut wohl viel
gehabt
Als sie nun aber vernahmen dass es umgekehrt gegangen Uli besser zweg sei
als vorher ja dass Hagelhans gar noch Vetter sei und Götti von einem Kinde da
hielten sie alles für ein abgeredet Spiel um Joggelis Kinder und Kindeskinder
zu verstoßen Ob es so sei oder nicht untersuchte man begreiflich nicht
sondern man hielt es einfach für grimmig schlecht So viel Gutes sie dort
genossen und die Alte ihnen mehr getan als den eigenen Kindern und jetzt es
ihnen so machen wo sie in der Not seien das sei über das Bohnenlied Da könne
man wieder sehen wie schlecht die Welt werde und dass gar keine Religion mehr
sei ehedem hätte sich der schlechteste Hund geschämt so was zu machen
Als man nun gar sah wie Hagelhans oft auf die Glungge kam und wie da eine
Einigkeit war die Kinder dem Alten nachliefen der Alte kein Geld sparte zu
allerlei dem Hofe vorteilhaften Arbeiten Uli Geld hatte und seinen Viehstand
ordnete wie er ihm am vorteilhaftesten war da ward es den Leuten gar zu kraus
Sie rührten im Moder der Vergangenheit rührten halbverweste Bruchstücke herauf
aus der Vergangenheit setzten daraus grausame Geschichten zusammen dass einem
die Haare zu Berge stunden und flochten daraus Verhältnisse alte und neue
zwischen Hagelhans und Vreneli an denen niemand hätte Freude haben sollen als
höchstens der Teufel Und doch hatten gar viele Leute Freude daran und unter
andern auch die welche so bitter klagten wie die Welt immer schlimmer werde
Am bittersten missgönnten begreiflich Elisi und Trinette Vreneli ihr
sogenanntes Glück das heißt dass sie die Pach wieder hatten und da im Schweiße
ihres Angesichts ihr Brot essen durften Hätten sie gearbeitet und geschwitzt
wie Uli und seine Frau sie besässen den Hof noch eigentümlich und nicht bloß das
Recht ihn zu bearbeiten aber so weit denken solche Weiber nicht Je weniger
sie taugen je tiefer sie in selbstverschuldetes Elend sinken desto giftiger
nagen in ihren Herzen Neid und Rache Hass und Zorn das sind die Schlangen
welche schon hienieden die Herzen zu Höllen machen während sie Tempel des
Friedens Gottes der über allen Verstand geht sein könnten
Sobald Elisi das Gebräu der Leute zu Ohren bekommen machte es sich auf die
Füße um Vreneli alles was es wusste in die Nase zu reiben Elisi hatte
begreiflich den Verstand nicht zu begreifen dass durch Hagelhanses
Dazwischenkunft ihm einige tausend Gulden zugut kamen sondern bloß den Sinn
Vreneli so weh als möglich zu tun weil Vreneli auf der Glungge bleiben konnte
und Elisi nicht
Doch wie es geht in der Welt die Sache ging ganz umgekehrt als Elisi
gedacht Vreneli war von früh an gewohnt Elisi zu ertragen alle seine Tücken
und Bosheiten mit Gelassenheit geschehen zu lassen ohne sich viel darum zu
kümmern Freilich hatte es Vreneli viel gekostet ehe es zu dieser Gelassenheit
gekommen war Solange Elisi im Glück war musste Vreneli von Zeit zu Zeit neu
ansetzen dieselbe sich zu bewahren nun da Elisi im Unglück war ward es
Vreneli leicht in Geduld anzunehmen was Elisi tat und sagte und je ärger es
es trieb desto größer war sein Erbarmen mit der unglücklichen Person Wer
drinnen sei wie Elisi der Mann mit dem Schelmen davon der größte Teil des
Vermögens drauf einen Rudel Kinder ohne Zucht und Hoffnung sei geschlagen
genug sagte es Wenn man Verstand habe und Gottvertrauen und den Leuten lieb
sei so mache sich alles man habe Trost in Gott Hilfe von guten Leuten und
Hoffnung auf die Zukunft Aber wo weder Verstand noch Liebe weder Religion noch
Kraft sei da sei der Mensch geschlagen und ohne Hoffnung weder für die Erde
noch für den Himmel Und wenn der Mensch noch so boshaft neidisch zänkisch
sei dann mache er sich zu allem andern noch ein schwer Leiden selbst dazu alle
Leute bös dass er das Schlimmste gewärtigen müsse von ihnen
Das ist eben die Weise der edleren Naturen dass das Unglück ihnen die
Personen heiliget wie widerwärtig sie an sich auch sein mögen so wie den
Muhammedanern die Wahnsinnigen heilig sind Umgekehrt haben es die gemeinen
Naturen für das Edle haben sie keinen Sinn ists im Glanze kriechen sie vor
ihm im Staube und lecken ihm die Füße ists im Unglanz werfen sie es mit Kot
treten sie es mit Füßen Vide Weltgeschichte bis auf die allerneuste Zeit
Vreneli dachte bei Elisi immer Vater vergib ihm es weiß nicht was es tut
Was Vreneli schmerzte war das Benehmen der Leute überhaupt Missgunst trat
überall zutage und diese erzeugte das heilloseste Streben für edles Handeln
schlechte Gründe zu er grübeln Das ist eine heillose Weise die wenn sie dem
Tun nichts anhaben kann demselben einen schlechten Sinn unterschiebt Diese
Weise vergiftet das Leben der edelsten Menschen zerstört Erfolge lähmt alle
welche über das Urteil der Menge sich nicht erheben können Vreneli war sich so
klar bewusst jedermann das Glück zu gönnen mit beiden Händen und ganzem Gemüte
bereit zu sein Anderer Glück zu fördern und ihr Unglück zu wenden und hatte
davon so manchen Beweis geleistet dass es ihm wirklich wehe tat diesen Sinn der
Welt in all seiner Bitterkeit erfahren zu müssen Indessen will es Gott so und
es ist gut so das sind die kühlen frostigen Frühlingswinde welche den zu
raschen und zu üppigen Aufwuchs der Pflanzen welcher denselben so gefährlich
ist hemmen Dieses Sumsen und Reden soll den Christen demütig bewahren dass er
sein Glück nicht als ein verdientes betrachtet sondern als einen Segen Gottes
Um Gottes willen soll er nach seinen Fehlern und Flecken spähen sie ausreißen
und ausreiben mit schonungsloser Hand und gälte es das rechte Auge und wäre es
die rechte Hand an welcher das Ärgernis klebte damit die Menge nicht sage
Gott teile seinen Segen blindlings aus sei darin den Großen der Erde gleich
welche sehr oft ihre Gnaden an die Unwürdigsten verschwenden Um Gottes willen
soll er sich als einen Verwalter der Gaben Gottes betrachten und treu sein soll
durch Güte und Milde versöhnen soll feurige Kohlen sammeln auf der Feinde
Häupter soll zeigen wie der Christ das Sprüchwort »Es gibt keine Schere die
schärfer schiert als wenn der Bettler zum Bauern wird« Lügen strafet Der
Christ wird nie hochmütig schämt sich nie derer welche früher seinesgleichen
waren verleugnet sie nicht um so greller je mehr er fürchtet man möchte
seiner Herkunft gedenken und die frühern Genossen ihm vorwerfen im Gegenteil
um so mehr Erbarmen hat er mit denen deren Schmerzen er aus eigener Erfahrung
kennt und um so brüderlicher hält er Herz und Hand offen je tiefer er fühlt
dass Gott ihn zu einem Werkzeuge erwählet und den wahren Lohn ihm nach der Treue
zumisst in welcher er in seinem Amte steht
Wären nun die Emporkömmlinge Christen auf diese Weise demütig statt
hochmütig milde statt hart dann würden sie nicht bloß die Menschen versöhnen
mit sich sondern es würde auch Mancher denken An dem habe ich mich versündigt
habe Schlechtes von ihm geredet ihn nicht bloß verurteilet sondern
leichtfertig und unverhört ihn verdammt und mit welchem Masse ihr messet mit
diesem soll euch wie der gemessen werden heißt es ja Ein andermal werde ich
anders sein mich nicht ärgern an Gottes Güte die er über Andere ausgiesst dem
Kain gleich mich nicht versündigen an Andern durch ein lieblos Verdammen um
nicht selbst verdammt zu werden
Vreneli suchte diese Versöhnung und zwar nachhaltig und standhaft Es
meinte nicht dass wenn es einmal einer armen Frau ihr Säcklein gefüllt mit
einer andern freundlich gesprochen habe nun alles gut sein solle alle Mäuler
umgewandelt nun nichts mehr als Lob und Preis allenthalben Für Schlechte
schlägt die öffentliche Meinung plötzlich um von einer Stunde zur andern macht
Purzelbäume die schrecklich sind ins Gute aber wandelt sie sich langsam um
und wenn man meint jetzt sei alles wieder gut so reibt einer die alten Flecken
wieder auf macht neu den Verdacht und lange geht es wieder bis Achtung und
Vertrauen sich wiederum eingestellt
Was Vreneli seine Langmut erleichterte war der Friede und das Behagen
welche sich bei ihnen eingestellt Uli war ein Anderer geworden Den alten
heitern Sinn und die emsige Rührigkeit hatte er wieder verband sie aber mit
Ruhe und Besonnenheit Da war keine Ängstlichkeit mehr kein Zappeln und Hasten
er meinte nicht dass heute alles gemacht sein müsse als ob morgen kein Tag mehr
sei zog dem Himmel keine schiefen Gesichter mehr wenn es nicht regnen wollte
wenn Regen Uli passend dünkte Er hatte in sich die Ergebung gewonnen welche es
nimmt wie Gott es gibt welche macht was sie kann aber nie meint dieses oder
jenes müsse so und nicht anders gehen müsse erzwungen sein Er hatte die
Erfahrung gemacht dass wo der Herr nicht das Haus behütet umsonst die Bauleute
arbeiten wie wenig früh Aufstehn und spat Niedergehen und sein Brot mit Sorgen
Essen helfen wenn der Herr nicht dabei ist mit seinem Segen Zum Innern kam
dann auch das Äußere welches alleine aber nie die Ruhe gibt ohne innern Grund
Er konnte sich wieder helfen mit dem Gelde Flut und Ebbe wechselten nicht so
dass alles was eingegangen wieder abfloss es blieb wieder etwas zurück setzte
sich so gleichsam festes Land an auf welches er mit immer größerer Sicherheit
seinen Fuß stellen konnte Es schien als ob der Hof ersetzen wolle was Uli
eingebüßt als ob er vergelten wolle was Uli an ihm tat
Zudem half Hagelhans der immer öfter da war mit gar manchem nach fast
unvermerkt Es tut einem Hof bald dies bald jenes not oder täte ihm wohl aber
niemand will es machen Der Pächter scheut die Ausgabe oder denkt wenn er von
der Pacht müsse entschädige ihn niemand Der Besitzer denkt ich kriege gleich
viel Pachtzins sei das gemacht oder nicht gemacht schiebt die Arbeit auf von
einem Jahr zum andern Jahr oder schlägt gar sie ab Es gibt keine Form des
Pachtakkordes in der ganzen Welt wo solche Nachteile die erst der Pächter
leidet welche aber später auf den Besitzer zurückfallen vermieden werden
können Von Joggeli hatte Uli gar nichts mehr erhalten können er selbst hatte
es je länger je weniger vermocht jetzt griff Hagelhans mit beiden Händen zu
dass es Uli manchmal graute und er sagte Es dünke ihn mit dem könne man noch
warten bis das andere Jahr es sei schon so viel geschehen und zu viel möchte
er ihm doch nicht zumuten »Wenn ich es zahle was geht es dich an« fragte
Hagelhans »Warum aufs Jahr versparen wozu jetzt Geld und Wille da sind« Das
waren zwei schlagende Gründe gegen welche nicht viel zu sagen war
Nur am Hause selbst wollte er nicht reparieren nur das Nötigste in den
Ställen und an den Bschüttilöchern Was man an die alte Hütte wende sei
verloren sagte er Er hatte immer fester einen Neubau im Kopf hier aber stieß
er auf Vrenelis Willen welches nichts weniger als diesem geneigt war Vreneli
hatte eine große Gewalt über den Alten es herrschte zwischen ihnen die
Traulichkeit wo Vrenelis ganzes Wesen in Ernst und Scherz seine Macht üben
konnte Es suchte ihm das Bauen auszureden und als das nicht möglich war doch
Zeit zu gewinnen Die Gründe wie lieb ihm das alte Haus sei wie es in einem
neuen sich nicht zu gebärden wüsste wie es sich für einen Pächter nicht schicke
in einem solchen Hause zu wohnen und ihm viel Kosten nach sich ziehe ließ er
nicht gelten Hingegen leuchtete ihm das ein dass wenn man zu rasch baue man
schlecht baue und dass allemal das Land das Bauen entgelten müsse denn während
man baue richte man sein Augenmerk auf den Bau brauche den Zug für das Bauen
und gröblich werde das Land vernachlässigt Es wäre daher zehnmal besser man
setze erst das Gut recht in Stand führe nach und nach in müßigen Zeiten das
nötige Material herbei so komme man vor und nach mit allem zurecht keines
schade dem andern und der Pächter laufe nicht Gefahr sich und seinen Zug
zugrunde zu richten Es müsse sagen es würde ihm Kummer machen für Uli wenn er
wieder so in ein Gewirre hineingestossen würde Derselbe habe gar ein ängstlich
Gemüt wenn man ihm schon jetzt nichts anmerke so könnte so leicht es ihm
wieder kommen wenn man ihn in Versuchung führe ehe er so recht erstarket sei
Der Alte war seit Jahren nicht gewohnt dass jemand ihm widersprach was er
wollte das wurde ausgeführt und um so unerbittlicher wenn er sah dass jemand
ein schief Gesicht dazu machte das hatte sein Gesinde oft erfahren Der fremde
Wille von Vreneli würgte ihn im Halse wie ungewohnte seltsame Kost und doch
würgte er ihn herunter mit manch seltsamem Gesicht und ergab sich darein aber
nicht wie Joggeli es getan hatte unter Knurren und Murren und beständigem
Widerstreben sondern als er ihn endlich hinunter hatte sagte er »Nun dir zu
Gefallen dass du es nur weißt Aber darauf zähle ich dann auch dass wenn ich
finde der Hofhabe seinen Teil und die Sache sei beisammen du kein Wort mehr
sagst Hasse nichts mehr als das beständige Wiederkauen«
Vreneli zögerte noch seine Hand in die dargebotene zu schlagen und das
Versprechen abzulegen denn das alte Haus war ihm ans Herz gewachsen aber da
tat Hagelhans seine großen Augen auf und Vreneli schlug ein
Über einen andern Punkt kamen sie dagegen nie zum Ein schlagen da war
beständiger Streit doch nie ein feindseliger Hagelhans hasste den Johannes
aber mehr noch Elisi wenn er es sah ward es ihm wie Andern wenn sie Mäuse
oder Kröten sehen Johannes ließ sich auf der Glungge nicht mehr sehen seiner
Väter Gut hatte er den Rücken gewendet auf immer Elisi hingegen hatte es wie
die Katzen welche nicht an den Personen sondern an den Häusern hängen sollen
es konnte nicht von der Glungge lassen Obgleich einige Stunden davon entfernt
erschien es doch alle Augenblicke auf der selben als wie vom Himmel herab
gebärdete sich daselbst als des Hauses Tochter und behandelte Vreneli auf die
alte Weise als ob dasselbe um Gottes willen da sei sagte ihm das
Unverschämteste und forderte von ihm was ihm beliebte
Man wusste nicht recht war es Dummheit war es Bosheit war es
eingefleischter Hochmut oder war es die Art von Anhänglichkeit die sich bloß
durch Kratzen Beissen Klemmen zu äußern vermag Vreneli ertrug dieses mit
klarem Gemüte wie die Eiche die Fledermaus welche in ihr nistet der Berg den
Morast der an seinen Fuß sich schmiegt Hingegen Hagelhans vermochte das nicht
gerne hätte er es gleich einer Made im Käs mit dem Fuße zertreten Er befahl
Vreneli mit Elisi abzubrechen es einmal vom Hofe wegzujagen wie einen Hund
dass es das Wiederkommen bleiben lasse das Mensch wolle er nicht mehr antreffen
Es könnte ihn ankommen er stecke ihm eine dass es mehr als genug daran hätte
für immer Aber Vreneli wollte das nicht Der Base Kind jage es nicht vom Hofe
weg Lieb sei ihm Elisi nicht und werde es nicht aber es erbarme ihns an allem
sei es nicht schuld und sollte jetzt nirgends mehr sein in der Welt Die Base
drehte sich noch im Grabe um wenn sie wüsste wie es ihren Kindern erginge »So
drehe sie sich meinetalb« sagte Hagelhans »aber das Mensch lässest du mir
nicht mehr ins Haus und jagst es mit dem Besen vom Hofe das tust« »Und das tue
ich nicht« antwortete Vreneli »Und das tust du« sagte Hagelhans und seine
Augen glühten lichter und wurden rund wie Pflugräder »Und das tue ich nicht«
sagte Vreneli und seine Augen wurden rund und flammten »und das tue ich nicht
und risset Ihr mir den Kopf vom Halse Recht ist recht und schlecht ist
schlecht und da hat mir niemand was zu befehlen als mein Gewissen und Gott« So
hatte zu Hans noch niemand gesprochen Erstaunt sah er die glühende Frau an
sagte endlich »Sollte ich wohl vor dir mich fürchten müssen« ging sagte von
Stunde an nichts mehr von Elisi aber wo er Vreneli einen Wunsch anmerkte ward
er erfüllt
Es klopfte einmal an einem recht wüsten windigen Regentage wo Vreneli die
Küchentüre zugemacht hatte damit der Wind ihm nicht ins Feuer komme an der
Türe Vreneli öffnete draußen stand seine Freundin welcher es zu Gevatter
gestanden pudelnass mit einem ebenso pudelnassen Kinde auf den Armen »Mein
Gott bist du es« sagte Vreneli »bei solchem Wetter was denkst doch dass du
bei solcher Zeit zur Türe aus gehst und noch dazu mit einem Kinde« Nun begann
die Frau sich weitläufig zu entschuldigen dass sie nicht früher gekommen aber
bei gutem Wetter habe sie Arbeit gehabt und diese nicht versäumen wollen
Vreneli dachte dazwischen ihns zu mahnen an das Gutjahr hätte es nicht
gebraucht es sei ihm leid dass die Freundin so unverschämt geworden aber die
Armut werde dies machen Aber fuhr die Frau fort sie hätte nicht länger warten
wollen ihm zu danken es hätte sonst glauben können es sei ihr nichts daran
gelegen und doch könne sie nicht sagen wie schrecklich es sie gefreut dass es
so an sie gedacht sie hätte einen ganzen Tag das Wasser in den Augen gehabt
»Weiß nichts« sagte Vreneli »was meinst« »Vexiere nicht« sagte die Frau
»du oder der Bauer wird ja auf eins heraus kommen haben uns ja Bescheid
machen lassen es sei hier eine Behausung leer Wenn wir keine hätten oder noch
nicht zugesagt so sollten wir kommen sie sei gut wohlfeil und das ganze Jahr
Arbeit Ich kann dir nicht sagen wie das mich freute dass du an mich dachtest
und dass ich in Zukunft doch auch jemanden haben soll dem ich klagen darf was
mich drückt und Rat holen wenn ich nicht mehr weiß wo ein und aus« »Daran bin
ich wahrhaftig unschuldig« sagte Vreneli »weiß kein Wort davon« »Verschäm
dich dessen nicht« sagte die Frau »sonst dauert es mich Für einen Narren
gehalten wird mich doch niemand haben« setzte sie erschrocken hinzu »das wäre
doch schlecht mein Gott«
»Habe nicht Kummer« sagte Vreneli »und wäre es so so lässt sich aus Spaß
Ernst machen Aber mir fällt ein was es sein könnte Ich erzählte einmal unserm
Bauer von dir wie du mich erbarmet wie ich gedacht wenn es zu machen wäre so
möchte ich dich in die Nähe dein Mann sei gut zur Arbeit und eine vertraute
Person käme mir in hundert Fällen so kommod Jetzt ist ein Häuschen welches der
Bauer zu vermieten hat leer was gilts er hat dran gedacht was ich ihm
gesagt und er ists der dir Bescheid gemacht hat« »Ists noch ein Junger«
fragte die Frau »Fragst wegen mir oder fragst wegen dir« frug Vreneli mit
einer Miene von welcher man nicht recht wusste ob Zorn oder Spott in ihr stach
Die Frau erschrak und wusste nicht was sie sagen sollte »Sieh« sagte Vreneli
»das macht mich am bösten dass wenn ein Mensch tut was recht ist Andern zulieb
zu leben sucht so sucht man gleich was Schlechtes dahinter und fast ohne dass
man es weiß Es ist ein alter Mann ein Bölimann ein Kindlifresser von außen
hat aber ein gutes Herz und wenn er mal weiß dass man treu ist und es gut mit
ihm meint so tut er einem zu Gefallen was er kann und mag Er ist darin ganz
das Gegenteil vom frühern Bauer Doch das kannst am besten selbst erfahren Er
ist da dort drüben im Stock gehe hin und machs mit ihm ab« Vreneli zeigte der
Frau den Weg zum Bauer »unterdessen mache ich dein Kind trocken und lege es ins
Bett«
Die Frau wollte nicht gerne gehen meinte dies meinte das aber Mutter
Vreneli konnte auch befehlen besonders wenn wunde Flecken berührt worden waren
Es ging nicht lange so kam die Frau wieder daher mit gröblich langen Schritten
platzte fast zur Türe herein und schrie »Wenn ich geschwollen werde am ganzen
Leibe so bist du schuld mein Lebtag hab ich noch kein Ungeheuer gesehen als
heute es zittern mir alle Glieder« Hagelhans war wahrscheinlich im Négligé
gewesen hatte langen Bart gehabt und die Stimme tief unten herauf genommen als
er den kurzen Bescheid gegeben sie solle die Sache mit Vreneli machen wie es
sie mache sei es ihm recht daneben machen dass sie fortkomme sie sei eine
Stürme Das habe ihr doch noch niemand gesagt und das habe er in einem Ton
gesagt dass es gerade gemacht als ob es donnere Es sei ihr gewesen als
zittere der Boden unter ihren Füßen sie hätte gemacht dass sie fortkomme und
ihr sei immer gewesen als sei hinter ihr eine Hand fasse sie am Hals und wolle
ihn umdrehen
»Und was dünkte dich« frug Vreneli boshaft »ists ein Junger oder ein
Alter« »Verzeih mir Gott meine Sünde« sagte die Frau »Ich bin eine arme
Sünderin aber die schlechteste doch nicht aber wenn ich den sehe wäre es mir
immer der Leibhaftige wäre da und wolle mich nehmen« Vreneli hatte Mühe die
gute Frau zu beruhigen und sie zu bewegen das Anerbieten anzunehmen Wer weiß
wenn ihr die Behausung nicht so anständig gewesen die Bedingungen nicht so
eingeleuchtet hätten und Vreneli nicht so lieb ob sie sich hätte bewegen
lassen so hatte der Alte ihr das Herz wackeln gemacht Sie freute sich endlich
doch der Sache ging reich beschenkt weg Aber sobald sie Vreneli nicht mehr
sah kam ihr die Angst wieder sie lief als ob der Leibhaftige ihr auf der
Ferse sei
Vreneli war äußerst dankbar für des Vetters zuvorkommende Güte Einer
vertrauten Person bedurfte es Eine solche Person bildet die Brücke welche die
Meisterfrau mit der ihr untergeordneten oder sie umgebenden Welt verbindet so
wie der König mit sämtlichem Gesindel in Zusammenhang steht durch seinen
Justizund Polizeiminister Nun kommt es immer darauf an dass der König genau
die Beschaffenheit der Brücke kenne Zwischen einer faulen und einer soliden ist
bekanntlich ein bedenklicher Unterschied Mit Bedauern bemerkte es freilich wie
weit wenn auch die Herzen eins bleiben die Wogen des Lebens die Menschen in
ihren Anschauungen des Lebens auseinandertragen können Die Einen werden in
Niederungen abgesetzt wo sie keinen freien Blick haben sondern nur anschauen
und auf Lassen was die Fluten an ihnen vorüberführen während Andere auf Hügel
getragen werden wo sie weite Umschau haben schauen können was sie wollen und
ein sicher Urteil sich bilden in dem Vergleichen des Vielerlei über jedes
Einzelne Oft geschieht es dass dabei die Herzen auseinandergerissen werden oft
bleiben sie in Liebe eins wenn die Treue über dem Dünkel steht das Gefühl über
der Meinung Vreneli fühlte mit Schmerz diese Verschiedenheit des Standpunktes
doch tröstete ihns das Bewusstsein der Überlegenheit welche es von je auf die
Freundin geübt Die wolle es anders machen dachte es die müsse es lernen wie
es gute Leute gebe welche das Gute wollten und das Rechte übten weil sie es
liebten und nicht aus Hinterlist und als Deckmantel der Sünde
Zum Vetter ging es hinüber um ihm zu danken für seine Güte Dieser frug
nach Uli er habe ihn heute nicht gesehen und möchte mit ihm reden Er sei fort
sagte Vreneli wahrscheinlich komme er heute wieder doch wisse es es nicht
bestimmt »Wo ist er hin« frug Hagelhans »ist doch heute kein Markt hier
herum« »Darf es Euch Vetter fast nicht sagen« antwortete Vreneli »So lass es
bleiben« sagte der Vetter »werde gleichwohl schlafen können«
»Vetter es ist nichts Böses« sagte Vreneli »Damit Ihr nicht böse werdet
kann ich es Euch wohl sagen jetzt da die Sache abgetan sein wird Vorher
wollten wir nichts davon sagen dieweil je mehr man von solchen Dingen redet
man um so weniger sie tut von wegen all den Wenn und Aber welche
dazwischengesprochen werden Schon lange drückte uns was und besonders Uli Ihr
wisst wie er einen Prozess gewonnen der im Gründe ungerecht war und was das
Mannli ihm gesagt Wir durften nie nach ihm fragen wie es ihm ging und Uli
ging immer mit Angst auf einen Markt hierherum und nur wenn es sein musste er
musste immer fürchten dem Manne zu begegnen Er sagte oft er wollte fast lieber
einen Stich in den Leib als das Mannli vors Gesicht Was hätte es uns geholfen
wenn wir seine Armut vernommen während wir nicht helfen konnten Wir fürchteten
nur noch unglücklicher zu werden Jetzt geht es uns Gottlob wieder gut wir
haben Geld mehr als wir brauchen aber keine rechte Freude daran gehabt Es
drückte uns immer das Gefühl es sei ungerechtes Geld und zwar so lange als
jemand unschuldig durch uns um seine Sache gebracht worden Nun wisst Ihr wie
letzthin Uli so viel Geld aus dem Lewat gelöst Als er es versorge sagte er
mir Was meinst wenn ich es probierte und ab machte mit dem Mannli Das war
ein Wort wie aus dem Himmel was ich sagte könnt Ihr denken Aber wir wurden
rätig es im Stillen zu machen niemanden davon zu reden Vor der Welt sind wir
es nicht schuldig darum hätten die Einen uns ausgelacht Andere abgeraten und
die Dritten wären böse darüber geworden«
»Meinst mich« meinte der Alte und machte Vreneli die bekannten Augen
»Werdet nicht böse Vetter« sagte Vreneli »heute wo Ihr mir eine so große
Freude gemacht möchte ich das nicht auf mein Gewissen laden Aber wenn Ihr mich
fragt so muss ich Ja dazu sagen ja an Euch haben wir gedacht Nicht dass wir
glaubten Ihr seiet unter allen der Wüsteste wir haben das Gegenteil erfahren
aber Euch sind wir noch Geld schuldig freilich ists nicht fällig aber Schuld
ist Schuld Wir meinten es müsste Euch ärgern wenn wir unser Geld brauchten für
etwas was wir nicht gesetzlich schuldig sind und unbezahlt ließ rechtmäßige
Schulden Ihr hattet das Recht zu sagen wir sollten zuerst bezahlen was wir
von Gottes und Rechtes wegen schuldig seien dann wenn dies geschehen könnten
wir mit unserm Gelde machen was wir wollten Aber wir dachten es könnte uns
ehe dieses möglich sei so viel dazwischenkommen dann blieben unsere Gewissen
immer beladen oder wir könnten Sinn ändern was so gerne geschieht wenn man
Gutes aufschiebt denn es scheint dann von Tag zu Tag schwerer bis es unmöglich
scheint und man es zu vergessen sucht wie ich schon oft erfahren dann bleibe
unsere Schuld vor Gott und vielleicht bete der unglückliche Mann Tag um Tag
gegen uns vor Gott und wenn das einmal weg sei hätten wir um so frohern Mut
größeren Segen könnten um so leichter auch Euch bezahlen was Ihr so guttätig
uns vorgestreckt Darum wollten wir vorher niemanden was sagen Uli hielt es
hart zu gehen einen schweren Tag hat er heute zu bestehen Er erwartete der
Mann werde ihm wüst sagen statt zu danken und das ist ungut zu ertragen wenn
man es gut meint Aber darauf kommt es nicht an wie er tut dSach ist die
gleiche und etwas ist ihm auch zu verzeihen denn viel zu leiden darunter hatte
er allweg Anders als dass er selbst gehe wussten wir es nicht zu machen Zudem
glaubte Uli es gehöre auch dazu dass er sage ich habe gefehlt verzeih mir«
»So meinst das gehöre zur Sache« sagte Hagelhans in seltsamem Tone »Seid
doch ja nicht böse« sagte Vreneli »es wäre mir so leid und schlimm wäre zu
sein dabei wenn man auf der einen Seite bös macht was man auf der andern gut
machen möchte Glaubt nur wir wollen schaffen früh und spät zu kurz sollt Ihr
nicht kommen und was ich Euch an den Augen absehen kann will ich tun und Euch
auf den Händen tragen so gut es mir möglich ist aber zürnet nicht und seid
nicht böse«
»So willst das« sagte Hagelhans »und meinst man solle sagen ich habe
gefehlt verzeih mir Kannst vielleicht noch recht haben wenn es von dem Herzen
ist, so ist es um eine Bürde leichter So höre ich will dir auch was sagen Ich
habe auch gefehlt und du bists die mir verzeihen muss Ich habe gegen deine
Mutter gröblich gefehlt und sie ins Unglück gestürzt Sie trieben es zwar auch
arg mit mir die Alte von hier hielt mich zum Besten Als ich meinte ich hätte
die Sache mit ihr richtig ließ sie sich mit Joggeli verbinden Einige Jahre
später trieb es deine Mutter noch ärger meinte ich sei eigentlich nichts als
ein Tanzbär der tanzen müsse wie sie geige Ich hatte es mit ihr mehr als
richtig aber das Schätzeln mit Andern konnte sie nicht lassen hatte um so
größere Freude je wüster ich tat Ich musste glauben ich solle nur der
Deckmantel sein sie nehme mich den Eltern und meinem Gelde zulieb der Mann
könne ich sein aber dass sie dann meinetwegen meine sie müsse alle Andern
hassen das nicht So dumm als man ihn hielt war aber Hagelhans nicht war
wenn man ihn böse machte ein Utüfel und was er vornahm ging ans Leben war
das Ärgste welches zu ersinnen war Als ich des Spiels endlich satt war trieb
ich deiner Mutter ihre Leichtfertigkeit fürchterlich ein stellte ihr Fallen
sprengte sie hinein gab sie der öffentlichen Schande preis Als dein Vater galt
ein hübscher aber liederlicher Bursche der um Geld tat was man wollte und
solange die Rache in mir frisch war und das war sie manches Jahr redete ich es
mir selbst ein und glaubte daran dann trieb ich alles aus meinem Kopf bis der
Rat der Alten mich zum Götti zu nehmen alles auffrischte Sie wusste
wahrscheinlich am allerbesten den Zusammenhang der Dinge glaubte was deiner
Mutter niemand geglaubt wenn sie es auch gesagt hätte was sie aber nicht tat
denn sie war ein wildes trotziges Mädchen und das war warum sie mir so wohl
gefiel warum ich so lange sie nie vergessen konnte im bittersten Hasse in
welchen die Liebe sich verwandelt hatte Was die Alte dir sagen wollte war
sicher mein Name an mich wollte sie dich weisen wollte dir sagen ich sei dein
Vater Gut war es dass du sie damals nicht verstundest jetzt glaube ich es
selbst auch und gerne Vreneli du seist meine Tochter und will es dir auch
bekennen Magst es nun sein oder nicht sein ich habe den Glauben hier macht
die Liebe die Sache aus und die habe ich mein Hund hat sie auch und der irrt
sich nicht Für meine Tochter will ich dich halten mein Leben lang und Vater
sollst mir sagen Bin ich auch ein struber will ich doch ein guter sein darauf
zähle«
Den Eindruck welchen diese Worte auf Vreneli machten kann man sich denken
Daran hatte es wirklich nicht gedacht obschon es große Liebe zum Alten hatte
und großes Erbarmen mit ihm Es empfand sein gutes Herz und begriff dass ihm
früher weil man nur sein ungeschlacht Wesen beachtet arg mitgespielt worden
sein mochte Es freute ihns von ganzem Herzen an ihm gut machen zu können was
die Base und Andere an ihm gesündigt ihn wiederum zu versöhnen mit den
Menschen
Nachdem es seinen Empfindungen den Laufgelassen endlich den ersten Eindruck
verwürget hatte sagte es »Aber Vater eins wir wollen es niemanden sagen« Da
fuhr Hagelhans auf dass selbst der Hund erschrak und winselnd eine Ecke suchte
»So schämst du dich meiner« »Nein Vater o nein« sagte Vreneli »Aber hört
mich an bis ich fertig bin wie ich es meine Uli und ich haben erst eine große
Krankheit überstanden kommen langsam vorwärts wir machten das plötzlich reich
Werden nicht vertragen könnten uns nicht darein finden Lasst uns die Freude
nach und nach aufzukommen durch eigene Kräfte Ein schöner Anfang ist gemacht
ich zweifle nicht am Fortgange nehmt die Zinsen ists nötig könnt Ihr uns
nachhelfen Ulis Leben ist die Arbeit was würden die Leute dazu sagen wenn er
fürder arbeiten wollte wie ein Knecht was würden sie überhaupt für einen Lärm
und Geschrei anfangen Wir möchten tun wie wir wollten wäre es nicht recht
Lebten wir sparsam so würden sie schreien ließ wir es rutschen würden sie
wieder schreien Niemanden könnten wir es treffen und vielleicht würden wir
wirklich das Rechte auch nicht treffen Sind wir in einigen Jahren in guten
Stand gekommen so lernen wir auch so nach und nach mit dem Gelde ohne
Ängstlichkeit umgehen Wenn dann später noch mehr dazu kommt ist der Sprung
nicht so groß die Leute gönnen es uns besser und wir schicken uns besser dazu
Ich fürchte wirklich Uli würde irre wenn er so auf einmal vernehmen würde ich
sei Eure Tochter das Geld käme ihm wieder in Kopf Jetzt hat er nur so eben
rechte Freude daran überlässt Gott was kommt und was kommt darf er brauchen«
»Dein Mann soll es also auch nicht wissen« grollte Hagelhans und seine
Augen brannten »Eben meine ich nein und zwar von wegen mir meine ich es
Zürnen musst mir nicht Vater Wir kamen zusammen und hatten Beide nichts Keins
dem Andern was vorzuhalten was wir hatten verdienten wir was sein war war
mein das Meine sein wir hatten Beide daran geschafft Beim Armwerden beim
Reichwerden hatte Keins dem Andern etwas vorzuwerfen und wenn schon Uli hier
oder dort eine Schuld trug so hatte ich meine Fehler auch Jetzt geht es
vorwärts mit uns Beide haben wir gleiche Freude gleichen Teil daran Werde ich
auf einmal zu deiner reichen Tochter zu der du mich machen willst so hat das
ein Ende und wer weiß und eben da traue ich mir nicht ob ich nicht dächte
das Vermögen käme von mir stolz würde und Uli es fühlen ließe oder ob Uli
nicht misstrauisch würde und meinte weil ich jetzt reich sei so sei ich reuig
dass ich ihn genommen und verachte ihn Wo dieser Wurm sich eingräbt da sind
Friede und Liebe hin So lange Uli nichts davon weiß muss ich mich halten als
das alte arme Vreneli und nach ein paar Jahren wenn wir selbst warm sitzen
macht es dann schon weniger aus Der Sprung ist nicht so groß wir sind Beide
vernünftiger geworden und wenn er weiß dass ich bereits die Probe bestanden so
wird er mir nicht misstrauisch und hinterstellig Darum Vater soll er
einstweilen nichts wissen und die Sache beim Alten bleiben Es ist uns so wohl
jetzt so wie Fischlein im Wasser Warum ändern«
»Magst was recht haben« sagte Hagelhans »Lieber wäre es mir die Sache
wäre offen und abgetan Auf alle Fälle es mag geben was es will so ist
gesorget der Bodenbauer weiß davon hat das Nötige bei sich Ich habe Respekt
vor dir du bist aber auch die Erste vor der ich ihn habe Aber Blau Blitz was
wärest du für ein Hagelweib geworden wenn du zbösem geraten Seltsam dass die
Alte hier dich so gut und tüchtig erziehen musste während ihr die eigenen Kinder
so arg missrieten dass sie dem Hagelhans sein Meitschi zu einer solchen Frau
machen musste dem Joggeli seine Kinder aber zu solchen Taugenichtsen Nun sei
das wie es wolle so habe ich Ursache ihr zu danken und will ihr verzeihen
was sie an mir getan Und wer weiß ob sie nicht an mich dachte als sie dich
erzog und dachte ich werde ihr einst verzeihen wenn ich wüsste was sie
hintendrein für dich getan und wer weiß doch zu hart nachsinnen hilft nichts
danken wir Gott dass es jetzt so ist«
Das brauchte Hagelhans seinem Vreneli nicht zu sagen sein Herz war Jubels
voll So lange hatte es niemanden gehabt auf der Welt jetzt auf einmal einen
Vater Es hatte nicht gewusst wie Schweres es sich aufgab als es den Vater bat
einstweilen ihr Verhältnis zu verheimlichen Es ist schwer es zu bergen wenn
das Herz voll Jammer ist aber unendlich schwerer noch ist das Bergen wenn das
Herz voll Freude ist
Wäre Uli nicht selbst voll Freude heimgekehrt Vreneli hätte sich verraten
nun aber nahm er Vrenelis Freude für innigen Anteil an seiner Freude Er hatte
nämlich das Mannli glücklich gefunden und in so großer Not wie er gefürchtet
Anfangs hatte derselbe große Augen gemacht als Uli vor ihm stand und dessen
Frau als sie vernommen wer er sei hatte die Schleusen ihrer Galle aufgezogen
und Uli mit Schmähreden überflutet dass er fast den Atem verlor geschweige dass
er zur Rede gekommen wäre Indessen alles Irdische hält nicht ewig aus selbst
der Atem eines zornigen Weibes nicht endlich konnte Uli sagen warum er da sei
Anfangs sah man ihn an als ob er Hörner habe am Kopf denn so was war seit
Langem nicht erhört worden in Israel Als man aber lauter verständliche Worte
hörte die blanken Taler sah welche er auspackte klaren lautern Ernst sah im
Handel da fehlte wenig sie hätten ihn für einen Engel an gesehen und hätten
ihn angebetet Er kam ihnen eben in die bitterste Verlegenheit hinein sie waren
hinausgedrängt auf die äußerste Spitze hinter sich eine Wand vor sich einen
Schlund und jetzt kam einer und schlug eine silberne Brücke sie mussten ihn für
einen Engel halten Es machte Uli unendlich glücklich als er ihr freudiges
Erstaunen sah ihr unaussprechlich Glück Mit den reichsten Segnungen beladen
kehrte er heim und ward nicht müde Vreneli zu versichern wie er erst jetzt mit
rechter Freudigkeit arbeiten wolle und den Glauben habe es werde ihnen gut
gehen bei ihnen und ihren Kindern werde Gottes Segen bleiben Sie hätten ihm
angewünscht sein Lebtag habe er es nie so gehört es käme ihm noch jetzt das
Wasser in die Augen wenn er daran denke und den Glauben habe er dass frommer
Segen von Gott erhöret von seiner Hand reich und gütig verwaltet werde zu Heil
und Frommen der Gesegneten
Uli wurde durch seinen Glauben nicht getäuscht Der Herr war mit ihm und
alles geriet ihm wohl seine Familie und seine Saat Offen blieben ihm Herz und
Hand und je offener sie waren desto mehr segnete ihn Gott Hagelhans blieb
mitten unter ihnen als Vater geliebt aber nicht als Vater bekannt Vreneli
hatte die größte Mühe seiner Güte Schranken zu setzen ihre Kräfte durch seine
Freigebigkeit nicht zu lähmen Es naht der festgesetzte Zeitpunkt wo Hagelhans
sagen will wer er ist wo Uli aus einem wohlhabenden Pächter ein reicher Bauer
werden soll Vreneli sieht der Sache mit Bangen entgegen es bebt vor der neuen
Prüfung ob sie wohl Beide darin bestehen werden frägt es oft am Tage sein
Gewissen Wir glauben sie werden es Der Gott der ihnen durch so manche Not
über so manchen hohen Stein geholfen wird ihre Füße halten wenn sie einmal
auch wandeln sollen auf geebneten Wegen durch ein reiches Gelände