1847_Lewald_Diogena.html




        
                                  Fanny Lewald
                                    Diogena
                         Roman von Iduna Gräfin H H
                                   Erstes Buch
Es ist ein Vorzug alter adeliger Geschlechter dass sie vermöge ihrer Stammbäume
zurückblicken können in die Vorzeit die ihnen speciell zugehört und dass sich
dadurch in dem Bewusstsein der Nachkommen die Schicksalsfäden zu einem Ganzen
verweben die für den Niedriggeborenen nur einzelne zerstreute Tatsachen
bleiben
    Überhaupt wahre großartige Schicksale hat nur die Aristokratie Es gehört
Musse dazu ein Schicksal zu haben es ist eine Vocation eine Distinction ein
Schicksal Ein großes Schicksal adelt das Leben eines sonst ganz mäßigen
eitelen frivolen Menschen es fällt vom Himmel herab wie die edlen Prärogative
der Geburt aber es will nur von feinen Händen aufgefangen sein es will nur in
englische Parks und auf persische Teppiche herniederfallen denn das Schicksal
ist selbst ein Aristokrat des Himmels
    Oder denkt euch ein großes gigantisches ein exclusiv tragisches Geschick
fiele auf das Leben eines Handwerkers herab Wie könnte es sich da gestalten
Not und Sorgen treten so sehr in den Vorgrund der Hunger und die Arbeit
ertödten alle Sentimentalität die Phantasien die vaguen Träumereien die
idealischen Erhebungen fliehen vor dem Klappern der Werkzeuge und das ignoble
Verlangen hungernder Kinder lässt den Eltern weder für die poetischen Alluren
des Herzens noch des Geistes freien Raum
    Wie anders gestaltet sich unser Loos die wir nie arbeiten die wir nie
hungern und die wir von dem Erdendasein Nichts kennen als die Salons und die
daran stossenden Bowlinggreens die Reisekalesche und die eleganten Hotels die
Armen denen wir mit graziöser Nonchalence ein Almosen zuwerfen die
Dienerschaft welche wir mit vornehmer Impertinenz ignoriren und die Frauen
unsers Standes  Rivalinnen mit denen wir eine Lanze brechen  und die
ebenbürtigen Kavaliere Sklaven unserer hochadeligen Kapricen Spielbälle
unserer phantastischen Herzensunersättlichkeit
    O das Leben ist schön auf diesen Höhen der Existenz Wie die ewig
lächelnden leichtlebenden Götter des Olymps leben wir und heißen Dank sollte
das bürgerliche Gros der Menschheit Denjenigen zollen die ihm in ihren Romanen
ein Abbild unsers Daseins gewährten die ihm vergönnten die Portieren zu lüften
hinter denen sich unsere aristokratische Existenz unsere nobeln Passionen
verbergen
    Ich liebe die Großmut in dem Charakter des Edelmannes sie gehört zu ihm
wie der Helmstutz in seinen Blason und ich schätze die Milde in dem Herzen
einer Frau denn sie kommt ihr zu wie die blassgelben Handschuhe ihren
zierlichen Händchen So will ich obgleich es mein Herz zerreißt untertauchen
in die schmerzlichen Erinnerungen meines Lebens und mich sacrificiren zum Besten
der Roture die schon seit Jahren mit blödem adorirendem Staunen den
miraculösen Schicksalen unsers Hauses folgte
    Ich stamme von einem altgriechischen Hause ab dessen Uranfänge sich in die
Zeiten des Deukalion verlieren Der erste Ahne dessen Name in den Registern
unsers Geschlechtes verzeichnet worden ist Diogenes seine Laterne mit der er
Menschen suchte leuchtet in unserm Wappen Er hinterließ keinen männlichen
Erben er selbst hatte in seiner schroffen gewaltsamen Natur die Kraft ganzer
Generationen verbraucht Nur eine Tochter blieb von ihm zurück Ihr vermachte er
seine Laterne sie segnete er in seiner Sterbestunde mit den Worten »Suche
einen Menschen bis Du den Rechten findest«
    Dies mysteriöse Wort ist der Segen und der Fluch unsers Geschlechtes
geworden An ihm sind die edelsten Herzen gebrochen Die ganze wandernde
Rastlosigkeit der ganze cynische Idealismus oder soll ich sagen der ideale
Cynismus und alle Abnormitäten in dem Behaviour unsers Stammvaters sind auf uns
übergegangen und machen heute noch die Grundzüge unsers Geschlechtes aus das
sich merkwürdiger Weise fast nur durch die Geburt von Töchtern fortpflanzt Die
Laterne ist ein Dunkellehn geworden
    Ich übergehe mit rücksichtsvoller Diskretion das Leben der Frauen unsers
Hauses im Mittelalter Man ist es sich schuldig égards zu nehmen und nicht
freiwillig dem blöden Auge der Masse die partie honteuse seiner Familie
preiszugeben Wie leicht könnten bürgerliche Frauen in deren rote von
schwerer Arbeit zerstörte Hände mein Buch fiele das edle unbefriedigte Dasein
meiner Aeltermütter misverstehen Wie könnte eine Frau die sich begnügt mit der
kühlen Liebe eines bürgerlichen Regierungsrates und mit der waschenden und
kochenden Pflichterfüllung in ihrer engen Sphäre das große Leid einer Kaiserin
Messalina einer Lucrezia Borgia einer Königin Johanna von Neapel verstehen
Wie könnte sie die Schmerzen rastlos suchender ewig unbefriedigter Liebe
verstehen die in jenen Frauen so gewaltig wurden dass die glühende Liebe sich
in Hass verkehrte und die Fackel des Hymen sich verwandeln musste in den Dolch und
in das Schwert O es gibt furchtbare Sensationen es gibt tragische Emotionen
in dem Dasein edler adeliger Weiber von denen ihr Nichts wisst die ihr in den
Tälern und nicht auf den Höhen des Lebens geboren seid
    Aber die nivellirende Macht der Zeit hat auch unserm Geschlechte die
Titanenkraft gelähmt Wir sind nicht mehr was wir waren Wir sind nervos
geworden in der engen Atmosphäre der Städte seit wir herabgestiegen sind von
den Zwingburgen des Mittelalters Wir haben das heilige Himmelsfeuer in unserer
Brust zu verbergen gelernt wir müssen uns menagiren Der Dolch ist unserer Hand
entfallen vor Schreck über das plebejische Institut der bürgerlichen Assisen
unsere Empfindungen sind dieselben geblieben
    Wir suchen heute noch das Ideal des Mannes wie es unserer Phantasie
vorschwebt  und wir finden es nicht wir dürfen die Laterne in unserm Wappen
noch nicht verlöschen der »Mann par excellence« ist noch nicht in den Horizont
unsers Hauses getreten Wir suchen ihn durch alle Länder durch alle Stände 
vergebens Wir finden den »Rechten« nicht und doch muss er da sein denn was
bedeutete sonst die mysteriöse Laterne unsers Ahnen Was bedeutete sein Segen
unsere mystische Devise Wir seine unglückseligen Töchter sind die ewigen
Juden des Herzens dieses Suchen hat die Herzen meiner nächsten Verwandten
usirt die edle Toska Beiron die geniale Faustine die himmlische Gräfin Renate
und meine göttliche Mutter Sibylle hatten ihre Herzen erschöpft in vergeblichen
Liebesversuchen und ich  ich verzweifle an der Liebefähigkeit meines Herzens
und ich muss dennoch die Liebe suchen Das ist ein großes tragisches Geschick
    Das Leben meiner Mutter ist bekannt bis zu dem Zeitpunkte wo ihr der schöne
Engel ihre Tochter Benevenuta starb dies Kind ihrer ersten Ehe Benevenutas
Vater Graf Paul war gestorben Meine Mutter hatte den brillanten Grafen Astrau
geheiratet und sich von ihm getrennt sie hatte gefunden dass er nicht »der
Rechte« sei  Vergebens war es gewesen dass der geniale Musiker der edle
Meister Fidelis sie liebte wie man Gott und die Sterne lieben würde wenn sie
sich in ihrer Unerreichbarkeit plötzlich als reizende gefallsüchtige
phantastische Weiber zeigten Weder Astraus »Sibylle wach auf« mit welcher
Zauberformel er das Herz meiner Mutter aus seiner unmenschlichen und wohl darum
göttlichen Apathie zu reißen strebte noch Fidelis tragische verzweifelnde
Klage »Eine immense Seele aber leer« hatten in dem Titanenwesen meiner
unglücklichen Mutter einen Funken wahren Gefühls hervorgerufen Da schien es
als ob des Jünglings des Grafen Wilderich Liebe sie erwärmen wolle aber war es
die Kälte der Gletscher in deren Nähe sie lebten war es einer der
Zaubersprüche die über uns schweben meine Schwester Benevenuta liebte den
Jüngling und meine Mutter fühlte eine edle Aprehension die Rivalin ihrer
Tochter zu werden Sibylle resignirte und Benevenuta starb aus Gram weil
Wilderich Nichts für sie gefühlt hatte Vielleicht waren aber auch die ewigen
Reisen meiner Mutter auf denen Benevenuta sie von Kindheit an begleiten musste
und der daraus folgende Wechsel des Klimas und der Lebensweise Schuld an meiner
Schwester Nervosität und ihrem frühen Tode
    Meine Mutter glaubte zu sterben vor Schmerz und Leere Die Ärzte fürchteten
eine Verknöcherung des Herzens für sie da alle ihre Anlagen sie zu diesem Übel
prädestinirten Die Luft Roms lastete erdrückend auf ihr sie musste fort »in die
Welt« wie meine Tante Toska es bezeichnet hatte als der edle Sigismund Forster
um ihretwillen erschossen worden war »In die Welt gleichviel wohin« rief
meine Mutter ihrem Kouriere zu als sie im Hotel Meloni an der Piazza di Popolo
zu Rom ihren Reisewagen bestieg und da ihr Kourier eine schöne Grisette im
Quartier Latin zu Paris wiederzusehen wünschte ließ er den Wagen nach
Nordwesten fahren
    Mit geschlossenen Vorhängen die Füßchen auf den Rücksitz gelegt und in
kostbare Kaschmirs gewickelt ganz allein so fuhr meine Mutter durch die
blühenden Fluren Italiens Sie blickte nicht hinaus denn ihre Seele war in ein
apatisches Hindämmern versunken Sie sprach kein Wort weder mit dem Kourier
noch mit ihrem Mädchen das seit zwanzig Jahren in ihren Diensten war Wie
konnte sie auch sprechen mit Menschen aus jenen Sphären die von den Elans einer
Seele wie die immense Seele meiner Mutter keine Ahnung haben
    Es war im Späterbste als meine Mutter plötzlich das Halten ihres Wagens
bemerkte und zum ersten Male seit Rom die Augen emporschlagend sich vor dem
Hotel des Grafen Astrau zu Paris erblickte Indignirt über dieses Ereignis
fragte sie den Kourier wer ihr das getan habe Der Kourier sah sie ganz
verwundert an er verstand nicht einmal ihren Zorn In seiner bürgerlichen
Einfalt hatte er gemeint wenn die Gräfin Astrau es ihm überlasse sie »in die
Welt« zu fahren so würde es wohl das Natürlichste sein dass er sie zum Grafen
Astrau bringe von dem sie nur getrennt nie geschieden worden war
    Während meine Mutter noch in sich überlegte was ihr zu tun belieben würde
öffnete ein Stallknecht das Portal des Hotels eine elegante Gigue rollte daraus
hervor Otbert Astrau in tiefer Trauer schöner und fascinirender als je saß
darin an der Seite seines Grooms der eine Trauerlivrée trug
    Sibylle sehen herabspringen ihren Wagen aufreißen und sie in seinen Armen
die breiten Treppen des Hotels hinauftragen war das Werk eines Momentes Meine
Mutter wusste nicht wie ihr geschah Willenlos lag sie in den Armen des Grafen
Seine Augen sprühten flammendes Leben in die erstarrten Glieder der wundervollen
Frau Er warf sich vor ihr nieder er strömte alle Glut seiner Phantasie alle
Poesie seiner Dichternatur vor ihr aus Er sagte ihr wie er sie ersehnt seit
lange er klagte ihr dass auch ihm seine Tochter Arabellas Kind plötzlich
gestorben sei Sibyllas Tränen um Benevenuta die zu Eis erstarrt sich um ihr
Herz gelegt begannen zu schmelzen und zu fließen vor der Flamme seines Auges
Sie fühlte ihr grausenhaftes Isolirtsein der Magnetismus seiner Natur der
Zauber seines ganzen Wesens begannen eine Reaction in ihr zu erwecken und von
widerstrebenden Gefühlen angezogen und abgestoßen sank sie instinctiv seine
Hände ergreifend an seine Brust
    Ein kurzes traumstilles Glück folgte dieser Stunde Ihm verdanke ich mein
Dasein Aber kaum war ich geboren als die Illusionen entschwanden die sich
verhüllend eine Weile zwischen meine Mutter und die Wirklichkeit gestellt Sie
hatte an Astraus Liebe glauben wollen sie hatte gehofft er werde dennoch »der
Rechte« sein nun das wilde Feuer seiner Jugend verraucht wäre Aber was konnte
für Sibylle ein Otbert sein der wie alle Roués und ein Roué war er immer
gewesen zu einem entschiedenen Materialisten geworden war Der Tod seiner
Tochter das Wiedersehen Sibyllas hatten ihm für Momente einen Reflex seiner
Jugend gegeben und blitzschnell hatte er combinirt welche finanziellen
Resourcen eine Wiedervereinigung mit seiner immens reichen Frau ihm dem armen
Weltmanne gewähre Meine unglückliche Mutter war dupirt trotz der vielfachen
Erfahrungen die ihr Leben ihr bereits gegeben hatte
    Wenig Tage nach meiner Geburt starb mein Vater in einem Duelle das er wegen
einer hübschen Tänzerin mit dem Redacteur eines oppositionellen Journales hatte
Meine Mutter war in Verzweiflung nicht über den Tod ihres Gatten denn dieser
erlöste sie von einer freiwilligen Abhängigkeit die sie gerade deshalb wie eine
doppelte Schmach empfand aber der edle Stolz ihrer Seele war verwundet dadurch
dass der Mann dessen Namen sie und ihr Kind tragen mussten sich mit einem
Bürgerlichen geschlagen hatte Sie blieb sich gleich in schöner Marmorkälte in
jedem Moment ihrer Existenz
    Dieses Evenement rief ihren alten Herzkrampf hervor und in der Alteration
jener Tage verschlimmerte sich das Übel der Art dass sie starb noch ehe ich
getauft war Friede ihrer Asche und Ruhe ihrer Rastlosigkeit
    Sie hatte verordnet dass ich zum Andenken an unsern Ahnherrn und als
Bezeichnung unsers tragischen Geschickes das uns »zu suchen und nicht zu
finden« verdammt Diogena heißen sollte O wie ist der Name mir eine ominöse
Vorbedeutung geworden
    Meine Mutter hatte kurz vor ihrem Tode ein Testament gemacht in dem sie
bestimmte dass ich fern von dem Treiben und den Erregungen der großen Welt auf
unsern Stammgütern im Norden Deutschlands erzogen werden sollte Einer Freundin
einem Fräulein von Dornefeld ward meine Erziehung übergeben Diese würdige und
treue Pflegerin war der entschiedenste Gegensatz von meiner Mutter Sie hatte in
ihrer Jugend einen adeligen Referendarius geliebt der früh gestorben war noch
ehe er sie zum Altar führen konnte In treuer Liebe hatte sie den Witwenschleier
über ihr Dasein geworfen und war still und einsam durch das Leben gegangen
Hilfe spendend den Hilfsbedürftigen und überall sich einfindend wo es irgend
eine Lücke auszufüllen gab Meine Mutter hatte ihre Bekanntschaft im Hause
unsers verehrten Verwandten des Bischofs von Bamberg gemacht dem sie eine treue
Pflegerin gewesen war bis an sein Lebensende
    Mit stummer Irritation hatte die gute Dornefeld die Exaltationen das
Meteorartige in dem Wesen meiner Mutter angestaunt das ihr bald miraculös bald
monströs erschienen war Aber ihr ängstliches Staunen wich dem Gefühl des
Mitleids als sie sah wie unglücklich die Frau war welche kometenartig die
Bahn an dem Horizont des Lebens durchstürmte »O meine Gräfin« hatte sie oft
gesagt »wie anders wäre Ihr Loos geworden hätte man Sie früh an eine treue
weibliche Brust gelegt hätte eine linde Frauenhand die wilden Stürme dieser
Natur durch milde Liebe magnetisch calmirt« Und mit solcher Konviction hatte
sie diese Worte gesprochen dass meine Mutter sich derselben noch auf ihrem
Todtenbette erinnerte und mich der treuen Seele zu übergeben beschloss
    Meine ersten Erinnerungen knüpfen sich an unser Stammgut und an die
Dornefeld Meine Mutter hatte gewünscht mich von Allem fern zu halten was
meine jugendliche Seele exitiren konnte Sie hatte es der Dornefeld zur Pflicht
gemacht für eine kräftige Entwickelung meines Körpers zu sorgen und meinem
Geiste Zeit zu gönnen sich innerlich zu developpiren ehe man ihn nach außen
durch Wissenschaft und Kunst zu beschäftigen suchen würde Nur Frauen sollten
mich unterrichten und in meiner nächsten Umgebung leben denn meine Mutter
erinnerte sich wie früh sich ihr Verhältnis zu dem Meister Fidelis eigentlich
entfaltet hatte und wünschte mich davor zu bewahren
    So führte ich ein wunderbares Doppelleben Auf einer Seite klösterliche
Zucht und Einsamkeit auf der andern ein wahrhaftes Elfenleben in Wald und Feld
Da mein Körper durch Übung entwickelt und dennoch männlicher Unterricht
vermieden werden sollte wählte die gute Dornefeld eine Mademoiselle Rosalinde
die früher Mitglied einer Kunstreitergesellschaft gewesen war zu meiner
Lehrerin im Reiten und ließ eine Hallorin Margarete Feller kommen welche
mich im Schwimmen Turnen und Schlittschuhlaufen unterweisen sollte
    Rosalinde war eine ganz aparte Erscheinung Sie war schön gewesen war
adorirt worden von den brillantesten Kavalieren bis ein unglücklicher Sturz vom
Pferde ihre ganze Existenz bouleversirte Sie musste auf ihre Karriere renonciren
und da in der Zeit welche sie an das Krankenlager gefesselt verlebte ihr
Geist sich mit Intensität nach innen wendete war der Wunsch nach einem reinen
moralischen Wandel in ihr rege geworden Sie hatte einen Geistlichen verlangt
dieser hatte sie mit seiner Freundin der guten Dornefeld in Rapport gebracht
und so war sie von dieser in unser Haus aufgenommen worden um sich zu erheben
durch ein ruhiges Leben und mich zu bewahren vor einem unruhigen durch
männliche Leidenschaften getrübten
    An Rosalinde hing ich mit tiefster Inclination Wenn die gute Dornefeld mich
mit dem Nähzeug beschäftigen wollte so scheiterte ihr Bestreben an meinem
ganzen Naturell Nicht als ob ich es nicht hätte lernen können oder wollen im
Gegenteil ich begriff Alles spielend aber die ganze Leidenschaftlichkeit
meiner Natur warf sich bald auf das Stricken bald auf das Tapisserienähen und
während ich Unerhörtes in Beidem leistete während ich in einem Tage die Arbeit
von drei geübten Frauenzimmern verrichtete rieb ich meine Kräfte auf und
versank am Abend in eine Abspannung die fast an Somnambulismus grenzte Es ist
wahr die Strümpfe welche ich damals in der bewusstlosen Geschäftigkeit eines
Kindes strickte hatten einen unwiderstehlichen Charme eine Weiche eine Wärme
und Leichtigkeit die nie ein Anderer erreichen würde Die Blumen meiner
Tapisserie waren von einem Farbenschmelz ich möchte sagen einem Dufte die für
Naturen welche mir sympathisch verbunden sein mochten geradezu berauschend
waren Meiner Umgebung blieb diese Erscheinung ein Rätsel Ich begriff es
später nur zu gut Es ist gleichviel auf welche Gegenstände sich eine immense
Seele wie die Frauen unsers Hauses sie besitzen richtet das Fluidum das sie
ausströmt wirkt überall bezaubernd und dies ist der unglückselige Magnetismus
der uns die Herzen der Männer entgegenführt der sie uns unterjocht ohne unser
Zutun zu unserer furchtbaren Pönitenz wir müssen die fremden Herzen
zertrümmern weil wir selbst keine haben
    Hatte ich meinen TapisserieParoxismus ausgetobt so sank ich müde nieder
und trostlos stand die gute Dornefeld an meiner Seite denn sie wusste in ihrer
Engelsmilde mit solcher impetuosen Natur wie die meine Nichts zu beginnen
Dann kam Rosalinde wie mein guter Engel herbei Sie hatte Erzählungen die mich
ganz anders ablenkten von mir selbst als die stillen Vergissmeinnichtkränze
welche die gute Dornefeld zu meiner Zerstreuung für mich flocht Sie erzählte
mir von Paris vom Cirque Olympique von Franconi Sie beschrieb mir ihr Kostume
und ihre Triumphe sie erzählte mir von den Männern die ihr gehuldigt hatten
von tollkühnen Kunstreitern und sentimentalen Dichtern von verschwenderisch
großmütigen Marquis von knauserigen Bankiers zärtlichen Offizieren galanten
Diplomaten und von ganz bezaubernden Grafen Ach die Grafen waren von jeher
ihre und meine Passion Ich wurde ebenso wenig müde zu hören als sie zu
erzählen Ihre weichen parfumirten Locken ihre feuchtglänzenden Augen der
Schmelz ihrer Zähne und das ganz eigentümliche je ne sais quoi gräflichen
Liebreizes schwebte vor meiner Seele und tauchte als festes Bild aus dem
Purpurgewölk der untergehenden Sonne für mich hervor wo andere unbedeutende
Kinder den lieben Gott mit seinen Seraphim und Cherubim erblicken
    Dann schwand die Abspannung dann fiel ich meiner Rosalinde um den Hals
befahl mein Pferd zu satteln und stürmte in dem Sattel stehend an Rosalindens
Seite hinaus in das Freie in die Welt in die schöne Welt hinein wo die
bezaubernden brillanten irresistiblen Grafen waren Mein Herz schlug dann
hörbar die ganze Glut unsers Familiennaturells klopfte wie Frühlingsahnung in
meinen jungen Adern Mir war als müsse ich fliegen weit weit über die alten
Eichen hinweg hinweg über die Grenzen unsers Gutes die Grafen zu suchen So
mag einem jungen Wandervogel zu Mute sein den man im Frühling mit gestutzten
Flügeln zurückhält in der abominabeln Enge eines Käfigs Hinter jedem Busche
hinter jeder Hecke erwartete ich einen jungen Grafen hervortauchen zu sehen und
wenn es dann ein Bauerbursche oder einer unserer Domestiken war so vermehrte
dies Desapointement den instinctiven Degout den ich gegen diese ganze Kaste
schon mit dem Leben von meiner Mutter geerbt hatte
    Langte ich dann enttäuscht und fatiguirt auf unserm Hofe wieder an so musste
die gute Margarete kommen um mit mir zu schwimmen und durch das frische kühle
Element meine erschöpften Kräfte zu restauriren Stundenlang hatte ich mich
gewöhnt im Wasser zu leben Es war mir homogen geworden und ich bewegte mich
darin ganz mit demselben Behagen mit welchem andere Kinder sich auf der Erde
ergötzen Oft kehrte ich erst spät nach Mitternacht zu der geängsteten Dornefeld
zurück die bleich mit gefalteten Händen da saß vor den Folianten welche über
die Erziehung des weiblichen Geschlechtes geschrieben worden sind und Gott um
die Weisheit bat das rechte Buch zu finden die Zauberformel einen Charakter
wie den meinen zu domptiren
    Wenn ich sie dann so vor mir erblickte mit den Spuren von Tränen und
liebevoller Sorge um mich in ihren guten tristen Augen dann schwand das wilde
Element in mir dahin Aufgelöst in Tränen voll von den besten Resolutionen
kniete ich vor ihr nieder Ich gelobte sie nie wieder durch mein Aussenbleiben
zu ängstigen ich schwor mich nie wieder dem TapisserieParoxismus zu
überlassen ich wollte das wilde Reiten das vehemente Schwimmen und all meine
heftigen Alluren abandonniren Ich bat sie mit mir zu beten damit ich von Gott
die Kraft erhalten möchte meine Vorsätze zu erfüllen und schlief zuletzt in
ihren Armen ein um von den jungen Grafen zu träumen die mir von den höchsten
Zweigen unserer uralten Eichen und aus dem Wellengrün unserer stillen Seen mit
feinen aristokratischen Händchen ihre Liebesgrüsse zuwinkten
    So schwanden in unserer ländlichen Einsamkeit Tage Monate und Jahre dahin
Ein ganzes Korps weiblicher Lehrerinnen war allmälig auf unserm Gute installirt
worden und die Vorträge in den Wissenschaften hatten ihren Anfang meine
Kenntnisse die rapidesten Fortschritte gemacht Ich sprach alle lebenden und
toten Sprachen ich kannte die Geschichte und Geographie wie ein Professor
machte entzückende Verse und sang zeichnete und tanzte wie ein Engel Aber dies
Alles reichte nicht hin mich auszufüllen in früher Jugend war ich geistig
blasirt ich verlangte weil mir das Lernen keine Mühe sondern nur ein
Zeitvertreib ein Lückenbüsser war immer nach mehr und immer nach Neuem Endlich
fiel ich als ich eben eingesegnet war und mein funfzehntes Jahr vollendet
hatte darauf Heraldik zu studieren Die gute Dornefeld übernahm es selbst sehr
bewandert in dieser Branche der Geschichtskunde mich darin zu unterrichten
Bald kannte ich alle Wappen aller adeligen Geschlechter der Welt bis hin zu den
Braminen und Mandarinen Asiens Überall wusste meine Lehrerin mir freundlich
Aufschluss und sinnige Deutung zu geben nur wenn ich sie fragte was die
frappirende Laterne und die mysteriöse Devise meines Wappens bedeuteten so
schloss sie mich mit schwermütigem Air an ihr Herz und sagte »O meine Diogena
forsche nicht Es gibt Geheimnisse welche Gott mit hoher Klemenz dem Auge des
Menschen cachiren will Denke dies sei ein solches und Gott wird Dich davor
bewahren meine Diogena dass es sich Dir nicht zu Deinem Schaden von selbst
entülle«
    Dies Mysterium aber ward mir zu einer wahren Tortur Meine Seele fand keine
Ruhe mehr Es war mein sechzehnter Geburtstag als ich aufs neue in die
Dornefeld drang mir das Geheimnis unsers Wappens mitzuteilen Sei es dass ich
es mit zu vehementer Art gefordert hatte oder auch dass sie durch eine
Entschiedenheit die außerhalb ihres Naturells lag mir ein für allemal
imponiren wollte sie refusirte es mir mit einer Härte die mich tötlich
reizte Ich stürmte hinaus warf mich aufs Pferd und jagte als gälte es ein
Foxhunting hinaus durch Feld und Wald Ich hatte der Margarete Feller die in
meinem Dienste das Reiten erlernt hatte befohlen mich zu begleiten und meinen
Schwimmanzug mit sich zu nehmen
    Es war bereits Abend als ich glühend von der gehabten Szene und dem
starken Ritt an dem See anlangte Ich warf mein Reitkleid ab ließ mir den
Schwimmanzug anlegen und stürzte mich in die limpide Flut die mich liebend
umschloss wie eine Mutter ihr Kind an sich drückt weich und doch fest und
verhüllend Ein zauberisches Abendrot war über die frühlingsgrüne Erde
ausgebreitet Wohin man blickte fielen rosige Streiflichter durch das
Eichengrün und glitzerten goldene Sonnenfunken durch die Luft Ich schwelgte in
idealischem Naturgenusse meine Seele hatte ein wunderbares Epanchement gegen
den Schöpfer wahre Jubelhymnen lebenskräftigen Vollgefühls stiegen aus meiner
Brust empor die bereit war sich neuen längst geahnten ekstatischen
Entzückungen zu eröffnen
    Da plötzlich drang ein unbekannter Ton an mein Ohr Ich horchte auf »Ein
Postorn« rief die Feller welche von Halle her diesen Ton nur zu gut kannte
Ich hatte in unserm von der Landstraße entfernten Schloss nie ein Postorn
erklingen hören Noch einmal erschallte der Ton und ehe ich es erwartet hatte
hielt ein eleganter Reisewagen an dem Ufer des Sees
    Zwei Männer saßen darin Der Eine schon über die Lebenshöhe hinaus trug
den Adel jener indestructibeln Schönheit welcher der Vorzug aristokratischer
Geschlechter ist Der Jüngere  ach noch jetzt schlägt mein Herz in schneller
Vibration wenn ich mir die selige Emotion jenes Momentes vergegenwärtige
    Beide Kavaliere denn dies waren sie unwiderleglich bogen sich weit zum
Wagen heraus als sie mich erblickten und der Jüngere besonders schien ganz
bewildert durch meinen Anblick zu sein Auch mochte er etwas sehr Ungewöhnliches
bieten Ich war damals in jener reizenden Periode des weiblichen Daseins in dem
das Kind urplötzlich zum Weibe geworden alle Grazie der Kindheit und allen
Zauber des Weibes in sich vereinigt Der RosaTricot der mich umhüllte
verriet so weit das Wasser mich preisgab die makellose Schönheit meiner
adeligen Gestalt Meine goldblonden Locken hingen wie mit brillantenen Reflexen
übersäet auf meine Schultern herab Die feinen schwarzen Franzen meiner
breiten mächtigen Augenlider verschleierten die schwarze Iris meines Auges die
weich wie Samt doch so brennende Glut in sich verbarg Mädchenhafte Scham
trieb mich mich vom Ufer zu entfernen und doch hielt der flammende Blick aus
dem Auge des Jünglings mich magisch gebannt in seinem Zauberkreise Nur mit
langsamen Stößen schwamm ich der Mitte des Sees zu und den Kopf zurückwendend
sah ich wie das Auge des jungen Mannes mir folgte und hörte die Frage des
Eltern ob dies der Weg nach dem Schloss sei
    Kaum war der Wagen an uns vorüber als ich aus dem Wasser sprang in
fiebernder Hast mich in die Kleider warf das Pferd bestieg und in gestrecktem
Galop dem Schloss zueilte Als ich dort anlangte saßen die Fremden auf der
Terrasse vor dem Gartensaale Ich wollte zu ihnen gehen sie in meinem Hause
willkommen zu heißen als die Dornefeld mir entgegen kam
    »O meine Diogena« sagte sie »wie glüht Dein liebes Antlitz wie funkelt
Dein Auge In Dir bebt noch die ganze Erregung unsers heutigen Streites fort und
doch wollte ich Du wärest jetzt ruhig und mild denn ein werter unerwarteter
Besuch ist uns geworden Graf Mario und sein Sohn Bonaventura sind angelangt und
begierig Dich zu sehen mein Engel«
    »So lass uns zu ihnen gehen« rief ich und flog mit der Leichtigkeit eines
Vogels die Treppe zur Terrasse empor Vergebens erinnerte mich die Dornefeld an
die Unordnung meiner Toilette ich beachtete es nicht Ich hatte gehört dass
Graf Mario sich müde des Reiselebens in unserer Gegend angekauft hatte
nachdem seine Gemahlin die geniale Gräfin Faustine in das Kloster der vive
sepolte eingetreten war »um anzubeten immerfort anzubeten« und so dem Drange
ihrer innern Sehnsucht zu genügen Sie war eine ältere Kousine meiner Mutter
gewesen und der junge Graf Bonaventura also mein Cousin à la mode de Bretagne
    Ich hatte nie Jemanden von meinen Verwandten gesehen ich war ohne
jugendliche Gespielen aufgewachsen welch ein Wunder also dass es mich mit
warmer Sehnsucht den ersten Blutsfreunden entgegenzog die ich erblickte Mit
allem graziösen Elan meines Wesens trat ich ihnen entgegen und bot erst Mario
dann Bonaventura die Hand
    Graf Mario schien bewegt von meinem Anblick Er fuhr mit der Hand über Stirn
und Augen und schloss mich dann wie von unwiderstehlichem Impulse dazu
getrieben an seine Brust
    »Verzeihen Sie einem Freunde Ihrer Mutter teure Gräfin« sagte er »wenn
die Ähnlichkeit mit dieser und die Ähnlichkeit mit meiner unvergesslichen
Faustine mich übermannten O Sie haben die magischen Augen dieser Frauen Sie
haben das unnachahmliche fascinirende je ne sait quoi das Jenen eine so
zauberische Macht verlieh«
    »So lieben Sie mich Graf Mario« entgegnete ich »wie Sie jene Frauen
liebten Denken Sie ich wäre Ihre Tochter Ich habe meine Eltern nicht
gekannt ich habe einsam gelebt und ohne Liebe bis auf diesen Tag und ich sehne
mich nach Liebe«
    Ein tiefer Seufzer der armen Dornefeld unterbrach mich und erinnerte mich
daran dass diese Worte ihr wehe getan haben konnten Zerknirscht von Reue warf
ich mich an ihr Herz »Meine Dornefeld« rief ich aus »o Du hast mich geliebt
Du hast mich geliebt mit jener reinen unirdischen Engelsliebe wie die Seraphim
sie für die Kinder haben die ihrem Schutze anvertraut sind Du hast meiner nie
bedurft und mir doch Alles gewährt Dich verehre ich Dich bete ich an Du bist
zu hoch für meine Liebe«
    »Wunderbares Kind« sagte Graf Mario indem er mich befremdet betrachtete
»Und was denken Sie sich unter der Liebe die Sie bis jetzt vermisst und ersehnt
haben Was verlangen Sie von ihr«
    »Was ich verlange« wiederholte ich träumerisch und versank in ein
momentanes Nachdenken Das hatte ich mir selbst niemals klar gemacht mich
niemals gefragt Mein ganzes Herz hatte das Wort »Liebe« wie ein Zauber erfüllt
wie die Gottheit dem Panteisten das All ist so war es mir die Liebe gewesen
Jetzt da die positive Frage an mich gerichtet wurde da Bonaventuras Augen mit
sehnsüchtigem Ausdruck auf mir ruhten da war es mir plötzlich als erschlössen
sich die verborgenen Tiefen meiner Seele als sähe ich in den aufgetanen
Schachten meines Herzens das funkelnde flammende Gold die strahlenden
Brillanten und die blutroten Rubine der Liebespoesie mir entgegenstrahlen und
das ganze profunde Mysterium der Liebe enthüllte sich mir wie durch eine
instantane Revelation
    Ich schlug die mächtigen Augenlider empor und sagte indem ich mit
prächtigem Stolze die Grafen abwechselnd anblickte »Was die Liebe sei das weiß
ich durch den Glauben meines Herzens so sicher wie der Christ vermöge des
Glaubens weiß dass und was die ewige Seligkeit ist Die Liebe ist das Einssein
von Zweien ich höre auf zu sein um in einem Andern erst wieder zu werden Es
ist eine Regeneration es ist ein Aufgehen in dem Geliebten dessen ganzes Wesen
dafür mein eigen wird mein eigen ganz und gar Ein Mensch allein durchdringt
das Geheimnis des Daseins nicht aber Zwei vereint zu einer Liebe die
durchdringen es Die wirbeln sich empor mit der Lerche im Frühlicht der Sonne
entgegen die lauschen dem schweigenden Pulsschlag der Erde in träumerischer
Nacht die beherrschen mit mächtigem Zauberstab die ganze Skala der Gefühle dass
alle Accorde des menschlichen Daseins sich vor ihrem Willen zusammenfügen zu der
wahren Sphärenharmonie deren ewiger Text das eine Wort ist »Liebe«  »O die
Liebe« rief ich aus und sank totenbleich auf den Fauteuil der mir zunächst
stand
    Der Graf die Dornefeld eilten mir beizustehen aber schneller als sie Beide
war Bonaventura zu meinen Füßen niedergesunken und meine Hände in die seinen
pressend rief er exstatisch »O Diogena Stirb nicht Stirb nicht Mein Ideal
Ehe Du mich mit Dir emporziehst in Deinen Himmel der Liebesseligkeit wo ich
fortan wohnen muss mit Dir wenn ich nicht versinken soll in den Tartarus der
Verzweiflung«
    Ich sprang empor ich warf meine Arme mit Enthusiasmus zum Himmel empor und
sagte »O das ist der Klang der Stimme auf den mein Ohr gelauscht seit Töne
ihm vernehmlich wurden Das ist sie das ist seine Stimme die Stimme par
excellence« 
    Wir lagen uns in den Armen wir mischten unsere Tränen miteinander wir
erbebten unter den süßen Schauern des ersten flammenden Kusses Ein Augenblick
hatte zwei Existenzen indissolible verbunden
    Graf Mario die Dornefeld standen wie sprachlos dabei Eine solche
Precipitation überstieg Alles was sie je erlebt hatten was man voraussehen
konnte Wir knieten vor dem Grafen nieder wir baten um seinen Segen er schloss
uns gerührt an sein Herz »Das ist Naturgewalt« sagte er »möge die Stunde eine
gesegnete sein die Euch zusammenführte«
    Er sprach mit der Dornefeld von bienséances von meinem Vormunde von der
Notwendigkeit ihn zu Rate zu ziehen wir hörten es kaum oder hörten es doch
nur so wie die seligen Bewohner des Jenseits das unheilige Geräusch des
Erdengetreibes vernehmen mögen
    Bonaventura hatte mich hinabgeführt in den Garten zu einer Bank unter dem
Schutze einer mächtigen Linde Hier warf er sich abermals stumm vor mir nieder
Hier betrachtete ich zuerst die ganze magnifique Schönheit seiner Erscheinung
Er zählte damals etwa zweiundzwanzig Jahre Hoch und schlank aufgeschossen
hatte er die ganze Flexibilität und die wundervolle Eleganz der Jünglinge aus
altadeligen Geschlechtern Dunkle Locken schwarz wie die Flügel der
Rauchschwalbe legten sich weich um seine geniale Stirn und wie Sonnenstrahlen
aus dem spiegelhellen Blau eines Schweizersees mit so limpidem Lustre tauchten
seine goldbraunen Augen aus dem verschwimmenden Weissblau der Netzhaut hervor
Ich legte meine Händchen auf sein Haupt und wollte den Mund öffnen um in Worten
die ganze heiße Fülle meiner Seele auszuhauchen da presste Bonaventura meine
Hände urplötzlich fast gewaltsam an sich und sagte leise und mit vor innerer
Emotion fibrirender Stimme
    »O schweig schweig meine Diogena Fühlst Du denn nicht dass die Seele des
Erdgebornen nur gradatim die Wonne des Himmels erträgt Fühlst Du denn nicht
Diogena dass mich heute Dein bloßes Anschauen außer mir wirft Und willst Du
mich vernichten durch Ekstase indem Du noch den Zauber Deiner Rede gegen mich
benutzest Sei barmherzig Himmlische und schweige«
    Ich bebte vor Wonne wie er selbst Die ganze gefährliche Macht solchen
Schweigens wuchtete sich über uns und bedrohte mich mit seiner Gewalt Wie ich
nun so dasaß eingewiegt in die berauschende Wonne seiner Nähe so fühlte ich
dies Gefühl zu einer so excessiven Höhe erwachsen dass meine junge Natur in ganz
oppositionnelle Empfindung übersprang und von einem Extrem in das andere
vaguirte Ich brach in das inertinguibelste Lachen aus sodass Bonaventura mich
erschrocken fragte was mir begegnet sei
    »O mein Bonaventura« rief ich aus »ist es denn nicht zum Lachen dass zwei
Sprossen altadeliger Geschlechter eine Verlobung feiern wie die unsere Wo ist
da eine Spur von Etikette von Konvenienz Wo sind da alle Präliminarien solcher
Verbindungen Aber das gerade entzückt mich Das gerade ist absolut vornehm
denn es ist über alle Berechnung erhaben So ohne Frage um alle irdischen
Interessen kann sich nur die Creme der Aristokratie verbinden die wie die
Lilien auf dem Felde leben ohne zu denken dass man arbeiten und sich kleiden
müsse dies ist nur der Elite der Menschheit möglich bei der diese Rücksichten
fortfallen bei der Reichtum und Adelsgleichheit und Sorgenfreiheit ein cela va
sans dire sind O mein Bonaventura Lass uns Gott danken dass wir zur Creme der
Aristokratie gehören und diese Wonnestunde unsers Lebens ohne arrièrepensée
feiern und genießen können«
    Bonaventura stimmte mir aus voller Seele bei als der Graf und die Dornefeld
uns zu suchen kamen und nun selbst lachen mussten da sie uns erblickten denn
ein wunderlicher ajustirtes Paar hat wohl nie in den Regionen in denen wir uns
bewegten seine Verlobung gefeiert Bonaventura der nach beendigten
Universitätsstudien mehre Jahre auf Reisen gewesen war kehrte jetzt von diesen
zurück Sein Vater war ihm bis Berlin entgegengefahren ihn auf seine Güter zu
holen Bonaventura trug den bequemen sandfarbenen Paletot moderner Touristen
die ungebleichte Leinwandweste den grauen breitkrämpigen Filzhut und die
leichten Kamaschen welche die Engländer diese Meister des Komforts en vogue
gebracht haben Ich hatte ein dunkelbraunes Reitkleid das an einer Seite in die
Höhe geknöpft war Da ich alle Kleinlichkeit und alle Gêne in meiner Toilette
hasste so mochte ich von Chemisetts und Cravatten und Manschetten und all den
tausend aimables riens in denen andere Frauen ihre Freude suchen Nichts
wissen Ein breiter weißer Kragen der Hals und Brust frei ließ fiel über meine
Schultern herab und war halb verdeckt von den Locken die durch das Wasser beim
Schwimmen geglättet und durch den Ritt noch nicht ganz getrocknet in einer
prachtvollen Grazie wie verdichtete Sonnenstrahlen um mich her funkelten
    Der Haushofmeister erschien uns zu melden dass der Tee servirt sei Ich
hatte in der Wonne meines Herzens nicht gedacht dass es noch eine Teestunde auf
der Welt gäbe und dass jetzt da ich so glückselig sei noch Jemand auf Erden
essen werde Wie erschrak ich also als Bonaventura mir seinen Arm bietend um
mich in das Haus zu führen mit großer Zufriedenheit in die Worte ausbrach »O
vortrefflich meine Diogena Du sollst es sehen wie ich Deine Gastfreiheit
benutzen will Die lange Fahrt und all die heftigen Emotionen meiner Seele
machen ihr Recht geltend und ich bringe Dir einen wahren Homerischen Appetit
für unsere erste gemeinsame Mahlzeit mit«
    »Das freut mich für Dich« sagte ich aber eine Wolke des Nichtverstehens
legte sich um meine Seele
    Während wir an der Tafel saßen während Bonaventura mit großem Eifer der
Mahlzeit zusprach und alle leichten Konfituren vermeidend sich die festen
nahrhaften kalten Fleischspeisen aussuchte und dazwischen heiter mit seinem
Vater und mit mir von seinem Glücke sprach weinte mein Herz im stillen Innern
die ersten bitteren Tränen herben Desappointements
    O er liebte mich nicht Wie konnte er hungern und dürsten gleich einem
gemeinen Menschen der Mann der eben erst von meinen Lippen den Nektar des
ersten Kusses getrunken der begehrt hatte ich solle schweigen damit er nicht
der Wonne dem Glücke erliege Und jetzt sprach er selbst ganz heiter von den
gleichgültigsten Evenements lobte den Tee und erzählte von seinen Reisen comme
si de rien nétait und ich ich Diogena saß an seiner Seite und ich liebte
ihn ich glaubte es wenigstens damals O was glaubt nicht ein candides Herz mit
sechzehn Jahren was glaubt nicht eine Diogena deren Wappen die Laterne ist
und die den Rechten zu suchen prädestinirt ist von dem unerbittlichen Fatum
    Tränen traten mir in die Augen ich vermochte nicht zu sprechen ich konnte
Nichts entgegnen auf Alles was mir Graf Mario Gütiges und Bonaventura
Zärtliches sagten Was sie von meinem Vormunde von seiner zu fordernden
Einwilligung zu unserer Verbindung von meinen Gütern von meinem Besitz und der
Verwaltung desselben sprachen das verstand ich nicht Das war ja auch Alles
ganz unaussprechlich indifferent gegen das große Eine unsere Liebe Aber je
länger wir beisammen waren je mehr Graf Mario mit der Dornefeld über den
Zustand meiner Untertanen zu sprechen anfing je eifriger hörte auch
Bonaventura auf diese Unterhaltung Er sagte die Leute seien bis jetzt mit
beispiellosem Mangel an Philantropie mit Hintausetzung all ihrer Interessen
behandelt er sehe dass es ihnen an dem Nötigsten fehlen müsse er sprach von
Schulenanlegen von Hospitälern und Gott weiß wovon noch  und ich saß an
seiner Seite und all dies wüste Gespräch fiel in meinen ersten seligen
Liebestraum hinein um mich furchtbar schmerzlich zu erwecken Was kümmerten
mich meine Untertanen und ihr Elend oder ihr Glück Was hatte mein prächtiger
aristokratischer Egoismus zu schaffen mit den Tränen jener uneleganten
rothändigen Horden Wie durften sie es wagen ihre bleichen Jammergestalten zu
drängen bis in die Seele eines jungen Grafen eines Bonaventura der eine
Diogena liebte dem eine Diogena sich gelobt seit wenig Stunden
    Ich hätte aufschreien müssen bei dem ersten Versuche zu sprechen und um
dies zu evitiren fing ich zu essen an mit einer krampfhaften Vehemenz
Bonaventura sollte nicht sehen wie tötlich ich litt ich wollte ihm meine
furchtbare Alteration nicht zeigen ich gönnte ihm nicht die Regrets zu sehen
die es mir erregte dass er mich nicht liebte Aber ich stand noch nicht am Ziele
meiner Deceptionen Mit Entsetzen ward ich gewahr dass das Essen mir deliciös
schmeckte Ich fühlte dass ich also Bonaventura nicht liebte dass ich ihn nicht
lieben könnte nie lieben würde denn die Liebe die ich ersehnte die erhob den
Menschen über solch niedriges Bedürfnis die emancipirte ihn von allem
Irdischen so weit es sich nicht auf das geliebte Object bezog  und wir
soupirten Beide und wir sollten uns heiraten und ich hatte geglaubt diesen
Menschen zu lieben
    Graf Mario und Bonaventura bemerkten das Changement das sich in mir
apparirt hatte und mit jenen zärtlichen Soins deren Naturen wie Bonaventura
capabel sind drang er in mich ihm den Grund meiner Verstimmung zu enthüllen
Ich schwieg standhaft Da ich nicht glücklich sein konnte durch ihn wollte ich
wenigstens so elend als möglich werden denn meine immense Seele strebte
instinctiv nach dem Immensen und begehrte alle Radien der Seelenzustände zu
durchlaufen So nahm ich meine Resolution heroisch mit dem Schmerze statt mit
dem Glücke den Anfang zu machen
    Bonaventura war untröstlich über mein Schweigen was kümmerte mich das in
meiner Abgeschlossenheit Ich fühlte er war nicht der Mann den ich ersehnt er
war nicht der Rechte nicht mein anderes Ich selbst Er war ein Wesen von dem
Fatum in meinen Lebensweg lancirt um mich leiden zu machen Ich nahm dies
fatalistisch auf mit stolzer Resignation unbekümmert darum ob auch Bonaventura
litt Er war nur Nebenperson in diesen Schicksalswirren deren Mittelpunkt immer
eine Frau ist von der Trempe der Frauen unsers Hauses Sie sind die Axe um die
sich in stupender Willen und Anspruchslosigkeit die ganze übrige Welt zu drehen
hat
    Graf Mario von seiner himmlischen Gräfin Faustine und von meiner Mutter der
wunderbaren Sibylle an diese capricieusen Alluren der Frauen aus unserer
Familie gewöhnt sagte zu Bonaventura »Lass sie mein Sohn und störe sie nicht
Ihr Geist hat nun einmal seine miraculösen Alluren und wer eine Diogena zum
Weibe begehrt muss sich bei Zeiten daran gewöhnen Man muss sie lieben denn
dompliren kann man sie nicht«
    »Oder man muss liebenswert sein und von ihnen geliebt zu werden verdienen«
rief ich mit prächtiger Impertinenz und eilte auf mein Schlafzimmer wo ich in
bittere Tränen ausbrach
    Verwundert hatten mir die Grafen nachgeblickt
    Am Morgen war ich müde und abgespannt von der durchweinten Nacht das machte
mich anscheinend milder Ich ging mit Bonaventura spazieren ich hörte all
seinen Liebesworten seinen philantropischen Ideen die sein ganzes Wesen warm
durchglühten mit der Ruhe zu mit der ein hoffnungslos Kranker der seinen
Zustand kennt und resignirt hat auf die Trostesworte seiner Freunde hört Seine
Liebesworte fand ich kalt seine Menschlichkeitsprincipien seine Ideen von der
Gleichheit menschlicher Berechtigung kamen mir wahnsinnig vor Ich schwieg und
lächelte der arme Bonaventura glaubte ich sei glücklich
    Man hatte einen Erpressen geschickt um meinem Vormunde das Evenement zu
annonciren und seine Zustimmung zu erhalten Sie langte am Abende des nächsten
Tages an Unsere Verbindung war so wohl assortirt dass sie das Entzücken aller
Angehörigen machte Die Hochzeit sollte in der Mitte des Sommers gefeiert werden
und dann sollten wir reisen weil doch ein aristokratisches Ehepaar unmöglich
ruhig an Ort und Stelle bleiben konnte Mein Schwiegervater wollte während
unserer Abwesenheit die Verwaltung meiner Güter übernehmen
    Ich übergehe die ersten Tage meines Brautstandes den Abschied von meinem
Bräutigam Ein Gefühl apatischer Stumpfheit war über mich gekommen Manchmal
meinte ich ich müsse Bonaventura schreiben dass ich ihn nicht liebe Dann nahm
ich die Feder zur Hand aber kaum war es geschehen so blickte von dem Papiere
mich sein goldglänzendes Auge an Mir war als dränge der Strahl bis tief in
meine Seele ich fühlte seinen flammenden Atem meine Stirn berühren seine Arme
mich an sich ziehen und seine Stimme hörte ich die Worte sprechen »Und Du
willst nicht mein Weib werden« Dann schien es mir als müsse ich zu ihm
fliegen ihn um Verzeihung flehen dass ich ihn nicht anbete Ich wollte ihn
heiraten die Seine werden aber  ich liebte ihn nicht Ich fühlte mein Herz
klopfen in gesunden kräftigen Schlägen ich hatte also ein Herz und doch liebte
ich den schönsten Mann nicht den vielleicht die Erde je getragen hatte Und
Bonaventura war geistreich edel großmütig Ich war mir selbst ein Rätsel
    Je näher mein Hochzeitstag kam je mehr stieg meine Beängstigung Da fiel
ich in meiner Angoisse darauf mich an Rosalinde zu adressiren die mir die
ersten Details über die Liebe in den höheren Sphären gegeben hatte Die gute
Dornefeld konnte mir nicht helfen das fühlte ich klar Ihre blöde bornirte
Weiblichkeit lag ganz außer den Grenzen einer Diogena aber Rosalinden klagte
ich meine Not Sie hörte mir schweigend zu und sagte »Meine Komtesse Wie Sie
ein adorabler schuldloser Engel sind Aber wer denkt denn daran in der
vornehmen Welt seinen Mann zu lieben Darauf konnte nur ein so candides
Geschöpf kommen wie meine holde Komtesse Man heiratet seinen Mann man wird
die Mutter seiner Kinder aber man liebt ihn nicht im Gegenteil man findet
ihn unerträglich annuyant und er ist es auch denn er denkt an materielle
Interessen er will sich ein Sort machen das Sort seiner Kinder sichern den
Namen seines Hauses erheben und dergleichen Er will ein Staatsbürger ein
Landstand oder gar ein Kosmopolit sein  Solch ein Wesen kann man ja nicht
lieben Solch ein Wesen hat einen Schlafrock«
    »Auch in der Aristokratie« fragte ich mit Entsetzen
    »Auch in der Aristokratie« bekräftigte Rosalinde unerbittlich und fügte
hinzu »Einen Schlafrock und oft sogar Pantoffeln und es raucht Zigarren am
Morgen und gähnt bisweilen am Abend und liest Journale und ist in unserer Zeit
da er gewöhnlich Landbesitzer und Landstand ist der öffentlichen Meinung des
bürgerlichen Pöbels unterworfen«
    »Aber das ist ein Horreur« rief ich und schlug schaudernd die Händchen
zusammen »aber ein solches Wesen kann man ja nicht lieben das hat ja kaum Zeit
an die Liebe zu denken«
    »Nein es denkt auch gar nicht daran«
    »Aber was soll ich denn anfangen rief ich in Verzweiflung »Du siehst es
Rosalinde ich liebe meinen Bräutigam schon jetzt nicht weil der ganze künftige
Ehemann schon aus seinem Wesen hervorblüht Ich muss ihn ja hassen und
verabscheuen wenn er wirklich ein veritabler Ehemann geworden sein wird Was
soll ich dann beginnen Sieh meine Verzweiflung Rosalinde ist so übermächtig
dass sie meine Natur bouleversirt dass sie mich zwingt sogar vor dir die du mir
nicht ebenbürtig bist mein Herz auszuschütten fühle die Ehre die ich dir
tue hilf mir rate mir wen soll ich lieben Denn lieben muss ich«
    Ich schwamm in Tränen Ich hatte mich auf die braune Sammetcouchette meines
hellblauen Salons geworfen In dunkelblaue Shawls gehüllt die mir von Schultern
und Armen herabgeglitten waren sah ich mit meinen goldblonden Locken wie ich
so auf der braunen Kouchette dalag wie Korreggios büssende Magdalene aus die
sich in bereuendem Schmerze auf den dunkelbraunen Steinen der Felshöhle
niedergeworfen hat
    Rosalinde kniete neben mir nieder halb zu meinen Füßen hingezogen von dem
Dankgefühl über die Gnade meiner Konfidenz halb überwältigt von dem Zauber
meiner fascinirenden Schönheit Sie küsste meine fabelhaft kleinen Füßchen und
sagte »O Komtesse menagiren Sie ihren gerechten Schmerz Das Leben hat
Kompensationen Es ist wahr es ist ein Horreur dass man einen Ehemann nicht
lieben kann auf jenen aristokratischen Höhen aber es gibt Liebhaber
bezaubernde müßige magnifique Liebhaber die Nichts tun Nichts absolut
Nichts als lieben und diese Liebhaber liebt man«
    Man hat von Leuten erzählt die plötzlich von einem furchtbaren Schmerze
befreit nach vielen langen schlaflosen Nächten mit einer fabelhaften
Spontaneität in Schlaf versinken und miraculös geheilt erwachen So ging es
mir Jener Revelation Rosalindens folgte seit meinem ganzen Brautstande der
erste ruhige Schlaf Ich sah einen Hoffnungsstern leuchten durch die Nacht
meines Ehelebens und mit dem Blick auf diesen Stern kam Friede und Freudigkeit
in mein Herz
    Ich hatte mit Zuversicht mein Jawort am Altare gesprochen wir waren in die
Reisekalesche gestiegen und in BadenBaden angelangt bald der Mittelpunkt der
beau monde geworden um den sich die Elite dieser Saison bewegte
    Mein Mann fand viele seiner Reisebekanntschaften in Baden schon anwesend und
sehr begierig mich kennen zu lernen Schon am ersten Abend präsentirte er mir
drei junge Männer den Fürsten Kallenberg einen Vicomte Servillier und einen
Lord Ermanby mit denen die Ausflüge für die nächsten Tage verabredet wurden
    Diese drei Männer waren von sehr divergirenden Charakteren Fürst
Kallenberg der Sohn des Fürsten Gottard von Kallenberg und der edelen Kornelie
Witwe des Grafen Sambach hatte ganz das wunderbar impassible Temperament seines
Vaters geerbt Jahre lang hatte Fürst Gottard mit einer instinctiven nie
encouragirten Treue an Gräfin Kornelie gehangen war ihr instinctiv gefolgt und
hatte constant geschwiegen oder im Halbschlummer vor ihr in den Fauteuils
gelegen so lange Eustach Graf Sambach lebte Da er in seinem Leben Nichts
wahrhaft empfunden Nichts entschieden gewollt hatte und doch von der
magnetischen Attraction der Gräfin jahrelang wie ihr Schatten an sie gebannt
blieb so präsumirte er das werde wohl Liebe sein Er heiratete die Gräfin nach
dem Tode ihres Mannes und nach der Verstossung ihres Liebhabers des bürgerlichen
Lenor Brand
    Ich kannte zufällig diese Geschichten und Verwickelungen und war durch die
superbe Herzenskälte seiner beiden Eltern zu Gunsten des jungen Fürsten
prävenirt Auch entsprach er vollkommen dem edelen Bilde das ich mir von ihm
gemacht hatte Stundenlang konnte er mit seiner Gigantentaille mir
gegenüberstehen und mich regungslos anstarren ohne eine Sylbe zu sagen ohne
durch ein Zeichen zu verraten dass er mir nur zuhöre wenn ich sprach Aber so
wie ich mich erhob stand auch er auf Er trug meine Echarpe und meine Ombrelle
er machte meinen Stallmeister wenn ich reiten wollte holte mir den Mantel aus
dem Wagen sobald es kühl wurde und tat all die Dienste die bei ordinairen
Frauen ein indifferenter Lakei verrichtet mit einer Devotion mit einem Eifer
dass man sah er werde durch den Impuls eines tiefen sich selbst nicht bewussten
Gefühls getrieben
    Ich kann nicht sagen dass diese Art der stummen Huldigung so sehr sie bon
genre war mich wesentlich interessiert hätte Ich gewöhnte mich bald daran den
Fürsten mir folgen zu sehen wie ein Planet seiner Sonne folgt aber es ließ
mich kalt Nur wenn ich mit andern Männern sprach wenn ich andern brillantern
Männern einen Vorzug vor ihm gab und eine Wolke schweren Depits sich über das
impassible Gesicht des Fürsten lagerte dann machte es mir eine Art von Freude
ihn anzublicken und zu denken dass ich selbst diesem Marmorherzen ein wenn auch
nur momentanes und factices Leben einzuhauchen verstände
    Und brillanter war der Vicomte Servillier allerdings Feurig
phantasiereich petillant und vacillirend wie alle Kinder der Provence glich
er auch in seinem Äußern den sinnigen glühenden Troubadours der cours damour
Er machte entzückende Verse und sang sie vortrefflich nach selbst erfundenen
Melodien Gleich als mein Mann mir ihn vorstellte sagte er mit einem Blicke
in dem sich die ganze heiße Innerlichkeit seiner Natur enthüllte »Um
Gotteswillen Bonaventura wie kannst Du in dem Strahlenglanze dieser
Göttererscheinung leben ohne zu fürchten dass sie dich emporwirbelt von der
Erde hinweg in die flammende Sonnenregion der sie entsprossen ist«
    Es lag allerdings etwas provencalische Jactance in dieser Interjection aber
der Graf war diese von Servillier gewohnt und mich söhnte die Wunderlichkeit der
Begrüßung mit dem Auffallenden derselben aus Lord Ermanby sagte gar Nichts
setzte sich schweigend nieder den rötlich blonden Lockenkopf gegen einen
Baumstamm die Füße auf einen Stuhl gelegt den er hin und her balancirte
während er den Knopf seiner Badine im Munde hielt Er war ein Typus von good
breeding
    Mein Leben ging nun seinen ruhigen Gang wie das Leben aller Neuvermählten
Ich hatte Rosalinde mit mir genommen da sie durch ihre frühere Liaisons mit
Männern der beau monde sich eine gewisse elegante Ausdrucksweise angewöhnt
hatte die sie mir erträglicher machte als andere gewöhnliche Kammerjungfern
Zudem besaß sie aus der Zeit ihrer Seiltänzercarriere eine große
Toilettengeschicklichkeit war klug und mir mit vollkommener Treue attachirt und
hatte wirklich alle Qualitäten einer ausgezeichneten Kammerfrau
    Am Morgen ging mein Mann und ich an den Brunnen wo wir unsere Freunde
trafen dann pflegte Bonaventura in das Lesecabinet zu gehen und die
Tagespapiere zu durchblättern auch Lord Ermanby und der Vicomte schlossen sich
ihm an Nur der Fürst besaß den Vorzug eines echten deutschen Kavalieres sich
nicht im Geringsten um die Vorgänge in der Welt zu bekümmern Die Welt die
Tagesereignisse Politik und Literatur interessirten ihn nicht seine Güter
verwaltete ein Intendant seine Revenuen wurden ihm zugeschickt er fragte nicht
um Politik nicht um Literatur er lebte ein durchaus müssiges und vornehmes
Dasein
    Diese phänomenal aristokratische Natur fing an mich allmälig zu
beschäftigen Eines Abends kehrten wir um zwölf Uhr von einem Spaziergange in
unsere Wohnung zurück Unsere Freunde hatten uns verlassen wir waren seit
langer Zeit zum erstenmale allein mein Mann und ich und ich ließ den Tee in
meinem kleinen Boudoir serviren
    Es war ein comfortables lauschiges Plätzchen Grüne Weinranken zogen sich
zu den geöffneten Fenstern hinein und fielen bis auf den grünen Sammetdivan auf
dem ich lag Ich hatte ein weißes Negligee übergeworfen kleine blassblaue
Atlaspantöffelchen angezogen und lag nun so da wie eine Nachtviole die in
holder Schönheit bewusstlos blüht unter dem sanften Strahl des Mondes Eine
Astrallampe mit leichtem Überwurf verbreitete ein mildes Licht und unter der
silberhellen Teevase sprühte die kleine rötliche Flamme in die ich
träumerisch blickte als Bonaventura hereintrat
    Er sah mich ganz bezaubert an und kniete zu mir nieder »Wie Du schön bist
meine Diogena« sagte er »wie Du schön bist« wiederholte er und ergriff meine
Hände die er küsste
    Ich ließ es schweigend geschehen Bonaventura setzte sich auf den Divan
nieder und sprach »Nimm nur Deine Füßchen in Acht dass ich sie Dir nicht
drücke denn sie müssen müde sein meine Diogena Du bist heute miraculos
umhergewandert und ich selbst fühle mich fatiguirt«
    Ich legte mich schweigend mehr gegen die Wand zurück um ihm Platz zum
Sitzen zu lassen da rief er »Aber Diogena warum antwortest Du mir nicht mein
Engel Warum soll ich den süßen Ton Deiner Stimme nicht hören«
    »Es gab eine Zeit in der es Dir genügte mich anzuschauen eine Zeit in
der Du zu erliegen fürchtetest wenn ich dies Glück noch durch den Zauber meiner
Stimme erhöht hätte«
    »O das war damals« sagte er scherzend »nun bin ich aber schon an Deinen
Schönheitszauber gewöhnt er ist mein eigen geworden und Du kannst mir die süßen
Worte Deiner Lippen gönnen ohne Furcht dass ich vor Seligkeit Dir sterbe so
selig Du mich machst Darin besteht ja die Wonne der Gewohnheit meine Diogena«
    »Ich bitte Dich Bonaventura verschone mein Ohr mit solchen Worten
erniedrige mich nicht durch solche Reden Als ob das Schöne uns nicht ewig neu
nicht ewig entzückend bliebe als ob Sonne und Mond und Sterne und die Natur
uns nicht ewig die gleiche Sensation einhauchten«
    »Sonne Mond und Sterne wohl aber vielleicht grade darum weil sie uns
unerreichbar sind weil sie trotz unserer Sehnsucht trotz unsers Verlangens
nie zu uns herabsteigen Täten sie dies und würden sie unser eigen wie ein
geliebtes Weib auch der Besitz der himmlischen Gestirne würde uns zu einer
süßen wenn auch unentbehrlichen Gewohnheit werden« meinte Bonaventura und
wollte mich zärtlich in seine Arme ziehen
    Ich machte mich aber mit einer prächtigen Indignation von ihm los und sagte
»Nun so will ich wenigstens nicht dazu tun Dir zur süßen Gewohnheit zu
werden ich will Dir lieber entbehrlich sein und ich bin es Dir schon denn wir
Beide verstehen und verstanden uns nie«
    »Diogena um der Liebe willen welche Anwandlung« rief Bonaventura ganz
foudroyirt von meinem wundervollen Zorn
    »Nein nein Bonaventura« sagte ich und schüttelte schmerzlich lächelnd
mein Haupt indem ich die rosigen Händchen abwehrend gegen ihn bewegte »täusche
Dich nicht Du liebst mich nicht ich weiß es Du ermüdest an meiner Seite« 
    »Aber Diogena wer kann wie Du Strapazen ertragen die den stärksten Körper
vernichten müssten Du hast heute zwei Stunden am Morgen promenirt mit dem
Vicomte dann bist Du in brennender Sonnenhitze nach Karlsruhe gefahren die
Museen in Augenschein zu nehmen hast das Schloss die Bibliothek die
indifferentesten Kirchen durchwandert Heimgekehrt bist Du auf die Iburg zu
einem Dejeuner geritten dann zu Fuß hinabgegangen Wir haben in dem wüsten
Menschengewühle des Hôtel dAngleterre dinirt haben einen langen Ritt über
Lichtental hinaus in die Berge gemacht zwei Stunden im Salon der Fürstin
Orzelska getanzt und schon als wir nach Hause fuhren und ich vor Ermüdung
zusammenbrach hat Deine üble Laune ihren Anfang genommen Wohl Dir dass Du
trotz Deiner Irritabilität und Nervosität dergleichen Fatiguen täglich erdulden
kannst ich kann es nicht und will es nicht und Niemand kann das«
    »Der Fürst Kallenberg kann es dennoch« warf ich hin
    »Weil er nur ein Körperleben führt nicht denkt nicht fühlt und durch dies
wahnsinnig leere Treiben nicht zu Tode gelangweilt wird wie ich«
    »Und was denkst Du« fragte ich
    »Ich denke dass ich Dich davon erlösen Dich einer edlen Weltanschauung
entgegenführen muss weil ich Dich liebe Diogena weil ich nicht leben kann ohne
Dein mildes sonniges Lächeln weil ich die Ekstase Deines Kusses nicht
entbehren kann O Diogena wende Dich nicht von mir Denke an den ersten Abend
unsers Begegnens denke an 
    »Spare Deine Worte ich glaube Dir nicht mehr« sagte ich kalt »Du hängst
an der Erde an der Zeit und ihren Interessen  die Liebe aber stammt vom Himmel
und ist unendlich Sie kennt keine Zeit die Menschheit kümmert sie nicht und
sie hat keinen Zweck als sich selbst Solch eine Liebe muss ich finden oder
untergehen Du hast sie nicht Du kennst sie nicht und kannst sie nicht bieten
darum habe ich Nichts mit Dir gemein«
    Mein Busen hob sich in convulsivischem Weinen meine Augen sprühten in
unerhörtem Lustre ich glich einer zürnenden Gottheit und war irresistible Mein
Mann warf sich vor mir nieder er küsste meine Füßchen er versprach sich von
allen vernünftigen Interessen loszusagen er wollte seine ganze ernste
Vergangenheit desavouiren und nur ein Leben der Liebe leben für mich Seine
Worte ließ mich kalt seine flammenden Küsse machten mich fast schaudern ich
war in Desespoir mir selbst ein Gegenstand des Horreurs Meine Kraft drohte zu
erliegen da nahm Bonaventura mich in seine Arme und leise weinend wie ein
müdes Kind faltete ich trostlos meine Händchen zum Gebete und schlief von
seinen Küssen überdeckt in seinen Armen ein
    Am Morgen erwachte ich in Zorn gegen mich selbst Ich hatte keinen Glauben
in die Versprechungen meines Mannes und dennoch sah ich gleich an dem Tage dass
er Ernst mache sie zu erfüllen Er besuchte das Lesecabinet nicht mehr er
vermied alle Männer von geistiger Distinction mit denen er sonst zu conversiren
pflegte er wich wie Fürst Kallenberg nicht von meiner Seite
    Servillier eitel wie alle Franzosen hielt dies für ein Zeichen von
Jalousie fühlte sich dadurch geschmeichelt und vermehrte seine Attentionen für
mich Mich brachte dieses Benehmen meines Mannes in eine wunderbare Position
Wollte ich nicht das Ridicule über mich nehmen von der Laune eines
eifersüchtigen Gatten tyrannisirt zu werden so blieb mir keine Wahl als zu
zeigen dass ich frei sei die Huldigung der Männer anzunehmen Ich schwankte
welchen von meinen Adorateuren ich bevorzugen wolle denn alle Drei waren mir
unaussprechlich indifferent Da entschied ein Moment ein Zufall meine Wahl
    Bonaventura hatte nach wenig Tagen da ihm seine sogenannten ernstaften
Occupationen fehlten und ich unmöglich in der Laune sein konnte ihn in seinem
Attachement an meine Person zu encouragiren angefangen sich furchtbar zu
langweilen So oft ich nach ihm hinblickte saß er mismutig da und schon
mehrmals hatte ich ihn gähnen sehen das machte ihn mir vollends insupportable
Ich nahm gar keine Rücksicht auf ihn und es war mir ein Soulagement als ich
bemerkte dass ein ganz unbedeutendes schlichtes Fräulein von Elsleben eine
Kousine des Fürsten die mit ihrem Vater einem preußischen Gutsbesitzer eben
angekommen war ihn zu beschäftigen anfing Sie war eine ganz gewöhnliche
weibliche Erscheinung ein unschuldiges Kind das für mich dadurch ein Ridicule
bekam weil der Vater sie immer »meine Mieze« nannte Eigentlich hieß sie
Aurora nach ihrer verstorbenen Mutter aber auch diese war von dem Vater
»Mieze« genannt worden und so führte er aus Pietät den Namen auch in der Tochter
fort
    Aurora zu Ehren war ein Dejeuner auf dem alten Schloss veranstaltet worden
Man ritt teils auf Eseln teils zu Pferde hinauf Mein Mann machte den
Kavalier Auroras und tat ängstlich um sie besorgt während ihr Vater ihm
unablässig zurief »Geben Sie Acht bester Graf dass meine Mieze nicht vom Esel
fällt halte Dich fest Miezchen Du bist noch nie geritten so ein Esel ist eine
eigensinnige Bestie und keine bequeme Familienkutsche in der man so sicher
sitzt wie in Abrahams Schoos biege Dich weiter nach hinten Miezchen« und wie
dergleichen Ermahnungen denn weiter hießen
    Mich packte ein solcher Degout vor diesen ganz ignobeln Menschen und vor
Bonaventura den dies höchlich zu belustigen schien dass ich zu Servillier
sagte der grade in meiner Nähe war »Um Gottes Willen Vicomte lassen Sie uns
absteigen und einen Fußpfad einschlagen denn die Anwesenheit dieser Menschen
macht mich nervos«
    Servillier bot mir die Hand ich ließ mich von meinem Pferde herabheben und
wanderte mit ihm durch den Baumschatten den Berg in die Höhe wie immer folgte
der Fürst in gewisser Entfernung Ganz gegen seine Gewohnheit schwieg Servillier
eine Weile dann sagte er »Wenn ich Sie so ansehe meine Gräfin so frage ich
mich immer welch ein splendides Gestirn über dem Grafen geleuchtet hat dass ihm
eine Diogena zu Teil ward ja welches Gestirn über diesem Jahrhundert leuchtet
dass Sie uns gegönnt sind«
    »Sie sind grandios in Ihren Exagerationen Vicomte« warf ich mit der
Gleichgültigkeit hin mit der man solche banale Phrasen beantwortet und selbst
verschwendet
    »Meine Gräfin« rief er aus »o hören Sie mich an«  Er führte mich zu
einer der Bänke die sich auf dem Wege fanden nötigte mich darauf
niederzusitzen und legte sich mir zu Füßen hin während er anmutig meine Hände
hielt und sie mit spielender Grazie an seine Lippen drückte Dann erhob er sich
etwas und sagte knieend »Madonna Du musst ein Kind des Südens sein Nur der
Süden erzeugt solch glänzend poetische Erscheinungen wie Du Im schönen
Griechenland stand die Wiege Deiner Ahnen dort hat der goldene Sonnengott Deine
goldenen Locken angestrahlt dorthin nach dem Süden gehört Deine flammende
Existenz  O Madonna Du hättest im Mittelalter leben müssen bei uns in der
schönen Provence an den Ufern des blauen Meeres die Königin der Herzen und der
Kours damour«
    Ich hörte ihm schweigend zu und träumte mich zurück in die Tage von denen
er sprach in ein Zeitalter in dem Liebe ein Cultus war und man die Frauen wie
Göttinnen anbetete aus scheuer blöder Ferne Ich fragte mich ob das die Liebe
sei die ich gesucht  Servillier blickte mit seinen großen brennenden Augen
so fest in die meinen dass es schien als wolle er in den profundesten Tiefen
meiner Seele lesen Ich empfand Nichts für ihn mein Herz war kalt und still
aber ich erbebte vor seinem fascinirenden Blick seine Glut dominirte mich Ich
wollte mich erheben er ließ es nicht zu Mit festen Armen umschlang er meine
Taille »Diogena Madonna« rief er aus »nicht diesen kalten herzlosen Blick
der in das Weite vaguirt auf mich Diogena wende Deine Augen Sieh mich zu
Deinen Füßen fühle meine Arme die Dich enlaciren die Dich halten um Dich
Deinem kalten berechnenden Gatten zu entreißen Dich dem Norden zu entführen
wo Schnee und Eis sich um Dich lagern  Diogena mein Engel folge mir in meine
schöne Provence denn Du musst folgen Du musst mein sein denn ich lasse Dich
nicht auf mein Wort ich lasse Dich nicht Aber Diogena Du hast kein Herz«
    Er hatte mich an sich gepresst mir schwindelte meine Sinne drohten mich zu
verlassen Ich lehnte meinen Kopf an seine Brust ich wusste nicht ob ich träume
oder wache glücklich oder miserabel sei Ich empfand eigentlich gar Nichts und
willenlos duldete ich die stürmischen Küsse und Schwüre des Vicomte
    Als ich mich erholte fiel mein erster Blick auf den Fürsten Kallenberg der
in einiger Entfernung stehen geblieben war Mit der ihm eigenen Impassibilität
und Diskretion hielt er meinen Shawl und meinen grünen Fächer und tat als ob
er sich mit diesem spielend gegen die Sonne schütze nur um mir durch seine
unvermeidliche Gegenwart nicht à charge zu sein
    In der Ferne erblickte ich meinen Mann und Aurora So wenig liebte er mich
dass er mich ruhig den leidenschaftlichen Bewerbungen des Vicomte überließ die
ihm nicht entgangen sein konnten Das ganze Gewicht des schmerzlichen Irrtums
der mich mit ihm verbunden hatte die trostlose Leere meines Herzens an seiner
Seite das passionirte Verlangen nach Liebe und Liebesglück standen in
frappirender Deutlichkeit vor meinem innern Auge Alles was Bonaventura mir zu
bieten hatte kannte ich nun à fond hatte ich ungenügend gefunden Ich wusste
dass solche ekstatische Momente wie er sie in den Stunden unsers ersten
Begegnens gehabt eben nur Momente waren die seinen modernen Ideen von der
Pflicht gegen die Zeit und die Menschheit immer weichen mussten Ich musste mir
gestehen dass er in den Augen der Welt ein sehr achtbarer Charakter das Muster
eines jungen Edelmannes sei aber er war nicht das Ideal eines Mannes wie ich
es mir geträumt hatte wie ich es zu finden berechtigt war Ich fühlte es würde
mir nicht Ruhe lassen bis ich den Rechten gefunden hätte und in diesem
Augenblicke ward mir wie durch mysteriöse Revelation der Sinn meines Wappens
klar und zum Lebensgesetze
    Servillier hielt wie vernichtet durch mein Schweigen noch immer meine
Hände in den seinen eine tiefe Glut lag über seinem ganzen Wesen ausgebreitet
Eine dämonische Stimme in mir rief Versuche vielleicht ist er es  Ich
blickte ihn fest an ich wollte es mit meinem Auge in dem seinen lesen meine
fascinirende Kraft magnetisirte ihn »Diogena« rief er mit einer solchen Gewalt
und Intensität der Liebe dass der Ton tief in meinem Innern wiederklang eine
Ahnung möglichen Erfolges durchzuckte mich und überwältigt von einer namenlosen
Sehnsucht nach Glück lehnte ich mein Haupt an ihn und sagte ganz bewildert »O
wenn Du lieben kannst lehre mich lieben«
    »Und Du hast nie geliebt« fragte er beseligt von dem Gedanken der erste
Mann zu sein der all die seligen Emotionen in mir hervorzurufen erwählt war
welche wir Liebe nennen »Du hast nie geliebt O Aber das ist ja zu viel Wonne
zu viel Madonna«
    »Nein Anatole« sagte ich »nicht zu viel für das Gut das ich von dir
erwarte nicht zu viel wenn Du ein Mann bist wie ich ein Weib wenn Du die
Kraft besitzest das Perpetuum mobile meines Herzens zu sein es unablässig in
der immer gleichen Vibration ekstatischen Vollgefühls zu erhalten«
    »Und was muss ich dazu tun Madonna«
    »Wie kann ichs wissen da ichs noch nicht fand«
    »O rief er nun sollst Dus kennen lernen Komm komm mein Engel lass uns
hinauf zu den hellsten Höhen des Berges Lass uns hinauf ins Freie und wenn die
Erde in ihrer zauberischen Schönheit sich vor dir ausbreitet wenn die Sonne
Alles goldig beleuchtet dann denke dass ich der Beherrscher der Welt sein
möchte um Dir sie zu Füßen zu legen und dass ich wollte meine Liebe wäre wie
die Sonne um Dein ganzes Wesen zu beleben und zu durchleuchten wie jene die
Welt«
    Mit einem Jubelrufe hob er mich in den Sattel und wir sprengten mit solcher
Eile den Berg hinan dass wir trotz des Aufenthaltes oben in den Ruinen vor
allen Andern angelangt waren Zum ersten Male fehlte der Fürst an meiner Seite
Er war in einen wunderlichen Konflict mit sich selbst geraten Als wir seinen
Blicken entschwunden waren fuhr er sich mit der Hand über die Stirne wie
Jemand der einen wüsten Traum geträumt hat
    »Diable« sagte er zu sich selbst »wie ist mir denn Mir ist so warm als
hätte ich eine Wette gehalten beim Pferderennen und hätte die Partie verloren
Aber was kümmert mich denn die Komtesse mit ihrer Miene à la sainte Ny touche
mag sie doch lieben wen sie will das ist des Grafen Sache Was kümmerts mich
Ich liebe sie nicht aber dieser Servillier ist mir odios Wo er nur mit ihr
sein mag«
    Verdriesslich schlug er mit der Reitpeitsche gegen die zunächst stehenden
Bäume und trabte meditirend und übler Laune den Berg in die Höhe
    Wie im Rausche vergingen mir die nächsten Tage und Wochen Anatole war wie
ein angezündetes Feuerrad in rastlos brennender Bewegung Er liebte mich
wirklich er begriff die tödtliche Leere meines armen unersättlichen Herzens er
begriff die Apathie in die ich versank wenn ich nicht ewig in immer neuen
Emotionen erhalten wurde Er war erfinderisch wie nur die wahre Leidenschaft es
macht Unablässig hörte ich von ihm sprechen und immer in der Weise welche für
uns Frauen so viel Charmes hat Bald sprach man davon dass er Unsummen an der
Bank pointirt und verloren oder gewonnen habe bald hatte er der magnifiqueste
Reiter ein Racepferd acquirirt das der Grossherzog zu kaufen refusirt hatte
wegen des enormen Preises Da ich erklärt hatte dass die impassible Galanterie
des Fürsten mir unerträglich sei und dass mich nur eine Huldigung entzücken
könne die mich wie die Liebe meines Schutzgeistes unsichtbar umschwebe wusste
Anatole tausend Mittel ausfindig zu machen um in meiner Nähe zu sein und
unbemerkt für mich zu sorgen
    Machte man eine Partie auf Eseln so trat oft der Führer desselben den ich
als einen bezahlten Menschen nicht beachtet hatte leise an mich heran als ob
an dem Sattelzeuge Etwas verdorben sei und aus dem gewaltigen blonden Barte
der ihn für Jedermann unkenntlich machte fragten mich Anatoles blühende
Lippen »Madonna schlägt Dein Herz«  Aber Anatoles Anbetung fing an die
allgemeine Aufmerksamkeit zu erregen nur mein Mann schien sie nicht zu
bemerken Fräulein Aurora dominirte als Sonne an seinem Horizonte und blendete
ihn so dass er für mich kein Auge mehr hatte Mein Stolz war auf das
Empfindlichste verletzt Eines Tages fand mich Anatole in Tränen
    Der Glanz meiner Farben war wie erblichen mein Antlitz sah wie ein klarer
weißer indischer Mousselin aus den man mit dem zartesten rosenroten Taffet
gefüttert hätte wie leichte blauseidene Plattschnürchen liefen die Adern
darunter hin
    »Du weinst Madonna« fragte er »Bist Du nicht glücklich durch meine
Liebe«
    »Ich liebe Dich nicht Anatole« sagte ich »Ich kann Dich nicht täuschen
Du bist brillant Du bist sublime als Kavalier und Du liebst mich aber fühle
es mein Herz klopft ruhig und still Meine Nerven versinken in ihre frühere
Apathie und in diesem Momente ist es allein der Depit über meines Mannes
Vernachlässigung der meinem Dasein noch einen Impuls einen Anschein von Leben
gibt Ach ich fühle es ich werde sterben denn mir fehlt die bewegende Kraft
für meine Existenz Ich schlafe ein vor Unmöglichkeit zu leben«
    »Aber Madonna« rief Anatole in Verzweiflung »Du empfindest Nichts Nichts
Und ich verzehre mich in Gluten die Deine Schönheit anfacht Deine Blicke
nähren Du erwiederst den Druck meiner Hand Du duldest meine flammenden Küsse 
und Du liebst mich nicht Du sagst Du empfändest Nichts Aber was soll ich denn
tun damit Du lebst statt zu sterben«
    »Lehre mich lieben Lehre mich fürchten und hoffen aufjauchzen und
verzweifeln lass mich die ganze Scala der Sensationen durchlaufen in dem
Gedanken an Dich und mache dass dies nie niemals ende und wie eine Sklavin
ihrem Herren will ich Dein eigen sein«
    Anatole kreuzte die Arme über der Brust sah mich mit einem langen
desidirten Blicke an sagte mit gepresster Stimme »Leb wohl Diogena« und
sprang vom Balkon auf dem ich saß hinunter in den Garten
    Ein furchtbares Zittern durchflog meine Nerven Ich schickte als ich mich
erholt hatte meinen Diener in die Wohnung des Vicomte mich nach seinem
Befinden zu erkundigen man brachte mir die Antwort er sei heimgekehrt dann
ausgegangen und seine Domestiken packten seine Sachen da er in einer Stunde
abreisen werde
    Ich blieb ruhig und kalt wie immer Er war mir eine Zerstreuung gewesen
Nichts mehr Nichts weniger Dennoch fehlte er mir am Morgen und die Frage
meines Mannes wo mein Kavaliere servente geblieben sei die Auskunft welche
die Gesellschaft von mir über sein Verschwinden verlangte hatten in der Tat
etwas Embarrassirendes
    Ich hielt mit aller Sicherheit einer Weltfrau Kontenance und Fürst
Kallenberg und Lord Ermanby benutzten den Zeitpunkt ihre nicht beachteten
Prätensionen geltend zu machen Ich war nicht in der Stimmung sie zu
encouragiren dennoch nötigte mich meine wunderbare Position dazu Von meinem
Manne gänzlich negligirt von Servillier urplötzlich verlassen musste ich die
sehr auffallende Lücke durch eine neue Wahl füllen und Servilliers Abreise
dadurch motiviren
    Des Fürsten war ich gewiss Er war eine jener seltenen Naturen die niemals
ihren Posten verlassen ich war so gewiss ihn zu finden wie den Reflex meiner
Person in dem ungetrübten Glase eines Spiegels und zudem lag in dem
wunderlichen Wesen des Lords ein je ne sais quoi das mich agacirte
    Er selbst war dermaßen ennuyirt und blasirt dass es fast das non plus ultra
dieses Genres war aber ich habe nie einen Mann besser gekleidet gesehen als
ihn nie einen Mann gekannt der so vollkommen Gentleman war als er Er hatte
nie versucht sich an die Stelle meines Mannes zu drängen so lange er mich in
gutem Einverständnis mit diesem wähnte nie daran gedacht die Rechte streitig
zu machen welche ich Servillier später zugestand Dazu war er zu delicat aber
dennoch glaubte ich dass er sie beneide dass er mich liebe und dass ein Blick
ein Wort von mir ihn glücklich und elend machen könne
    Als Servillier abgereist war und ich am nächsten Morgen auf der Promenade
des Lords Arm annahm war er ganz bewildert von diesem Glücke und nahm es als
ein Signal mir von nun an ausschließlich seine Zeit zu weihen Anfangs quälte
mich sein Phlegma unbeschreiblich seine grenzenlose Schweigsamkeit
impatientirte mich bald aber fand ich darin einen Reiz den ich nie in der
Impetuosität des Vicomte empfunden hatte Was kann ein Mann uns sein der uns
unablässig die Gefühle seines Herzens enthüllt der nichts Verborgenes in seiner
Seele hat den wir auswendig wissen
    Mit dem Lord war das ein Anderes Er sprach halbe Tage lang gar nicht und da
ich dennoch fest von seiner Liebe überzeugt war so lag ein eigentümlicher
Zauber für mich darin in seinem stillen kalten Antlitz nach den Gedanken nach
den Gefühlen zu spähen von denen er bewegt war Oft saß er mir dann Stunden
hindurch gegenüber und der schaukelnde Stuhl und ein leises Gähnen verrieten
mir dass er lebe Ich respectirte dies Gähnen es war nicht wie bei meinem
Manne das Gähnen nach der Arbeit und Ermüdung des Tages das Gähnen der
Teilnahmlosigkeit das mich so unsäglich in ihm beleidigt hatte es war jenes
erhabene Gähnen der Blasierheit der Leere der tödtlichsten Langeweile das mir
sympathisch war das ich vollkommen begriff O und es ist auch ein Unterschied
zwischen dem Gähnen des Liebhabers und dem Gähnen eines Ehemannes Das Eine
reizt unsere Eitelkeit das Andere vernichtet sie das Eine belebt uns das
Andere ist der Tod
    Lord Ermanbys Blasierheit interessierte mich denn sie war der Reflex meiner
eigenen Leiden Ich hatte Erbarmen mit ihm ich beschloss Alles daran zu setzen
diesen Unglücklichen zu galvanisiren durch die Macht meiner Gefühle ich wollte
ihn glücklich machen und darin vielleicht selbst eine Befriedigung finden
    Man sprach in jenen Tagen unablässig von Servilliers Verabschiedung und von
meiner neuen Liaison mit dem Lord Mein Mann mochte es für angemessen halten
mich darüber zur Rede zu setzen und trat eines Abends mit aller Majestät eines
beleidigten Gatten in mein Zimmer als Rosalinde grade einem neu engagirten
Kellner die Arrangements für meinen Teetisch zu machen zeigte
    Der Graf hieß die Dienerschaft sich zu entfernen der Kellner zögerte und es
frappirte mich dass er mit einer Art von Angst abwechselnd den Grafen und mich
betrachtete indessen währte das nur einen Moment da Rosalinde ihn mit sich
hinauswinkte Kaum waren wir allein als der Graf sich förmlich in Position
setzte um mir in aller Form zu imponiren
    »Diogena« sagte er »wir sind kaum zwei Monate verheiratet und schon ist
jedes Band der Liebe zwischen uns zerrissen Wie soll das werden für die
Zukunft«
    »Handle nach Deinem Belieben wie Du es ja auch jetzt tust Oder hindere
ich Dich etwa dem blonden Fräulein zu folgen von früh bis spät« sagte ich
stolz
    »Du bist prächtig in diesem Stolze Diogena« fuhr Bonaventura auf »Du Du
wagst es mir Vorwürfe zu machen Und war es nicht Deine caprizieuse Kälte war
es nicht Deine ganz wahnsinnige Exigence die mich von Dir trieben und meine
Neigung für Dich erkalten machten Zwei Monate sind wir verheiratet und schon
ist der Vicomte verabschiedet und der Lord an seine Stelle getreten des
immobilen Fürsten nicht zu gedenken«
    »Und wer will es mir verargen wenn ich in der Immobilität des Fürsten mehr
Reiz finde als in Deiner Beweglichkeit die sich durch den geringsten Schatten
am Himmel meiner Liebe verscheuchen lässt« fragte ich spöttisch denn es
indignirte mich dass Bonaventura der mir kein Glück gewährt hatte es wagte
mir Vorwürfe zu machen weil ich es anderwärts suchte
    »So wirst auch Du es begreiflich finden dass ich wenn schon nicht Glück so
doch Zerstreuung suche und Herrn von Elsleben und Aurora auf einem Ausflug in
den Elsass begleite bei dem ich Deine Anwesenheit nicht fordere Auch bist Du ja
unter dem unwandelbaren Schutze des unwandelbaren Fürsten und also besser
geborgen als durch die Liebe eines wankelmütigen Mannes wie ich  Ich reise
morgen früh«
    Mit den Worten verließ er mich und ich trat auf den Balkon hinaus der in
den Garten ging da sah ich den Lord lang ausgestreckt auf einer Bank unter
meinem Fenster liegen das Lorgnon in das rechte Auge geklemmt die Zigarre im
Munde sehnsüchtig nach meinem erleuchteten Fenster emporblicken Er stand auf
grüßte mich und ging von dannen Der Gruß tat mir wohl denn in jener Stunde
bedurfte ich eines Liebeszeichens weil ich traurig war
    In der Morgendämmerung hörte ich den Wagen des Grafen über den Hof rollen
und seine Stimme verschiedene Befehle geben Nun war ich allein ich fühlte mich
frei wie in den Tagen vor meiner Verheiratung und beschloss eine
Morgenpromenade zu machen Ich schellte nach Rosalinde der neue Kellner kam mir
zu melden sie sei in der Nacht erkrankt und der Arzt geholt der ihr befohlen
habe im Bette zu bleiben Das desappointirte mich indessen machte ich selbst
meine Toilette und ging aus mit dem Befehle den Lord zum Frühstück zu mir
einzuladen
    Ich war noch nicht tausend Schritte von unserm Hotel entfernt als der Fürst
erschien mir seinen Arm und seine Dienste anzubieten So anerkennenswert diese
ewig wache unermüdliche Fürsorge auch sein mochte so war es mir in dieser
Stunde fatal dass ich keinen Moment ohne ihn sein konnte sobald ich mein Zimmer
verließ und in ziemlich übler Laune sagte ich »Aber um Gottes Willen lieber
Fürst sind Sie denn wirklich mein Schatten Kann ich denn nie sicher vor Ihrer
Begleitung sein Nie einen Augenblick allein der Natur genießen«
    »O meine Gräfin« sagte er »tun Sie als existirte ich nicht Sie sind
allein wenn Sie es sein wollen und ich bin da wenn Sie es begehren«
    »Aber werden Sie es denn nicht müde mir ohne Lohn ohne Hoffnung zu folgen
Nichts zu tun Nichts zu denken als«  
    »O meine Gräfin ich tat und dachte niemals Etwas auch ehe ich Sie sah
und jetzt denke ich an Sie«
    »Und das befriedigt Sie«
    »Vollkommen«
    »Und Sie fragen sich nie ob  «
    »Ich frage mich Nichts Ich sehe Sie an Sie sind schön und ich folge
Ihnen um Sie anzusehen Der Graf der Vicomte berauben sich freiwillig dieses
Glückes so genieße ich es dreifach Und nun gehen Sie allein spazieren ich
folge Ihnen in einiger Entfernung aber nur so fern dass mein Blick Sie
erreichen kann denn Sie sind schön meine Gräfin«
    »Unbegreiflich« sagte ich zu mir selbst »Ich gehe aus die Liebe zu suchen
und finde die Treue  aber das ist bleiches Silber für strahlendes Gold« Ich
versank in schwermütige Träumereien und wanderte fort weit über Lichtental
hinaus dem kleinen Wasserfalle zu und wieder zurück nach Baden ohne dass der
Fürst sich mir genähert oder ein Wort mit mir gesprochen hätte Als ich die
Treppe vor meinem Hotel erreicht hatte sah ich wie er eine starke
schwerfällige Gestalt sich mit dem Battisttuche die Stirn trocknete und
erschöpft auf einer Bank Platz nahm von der aus er meine Fenster und die Türe
des Hotels beobachten konnte
    Ich erkannte mein Zimmer nicht wieder als ich es betrat Es war auf das
Eleganteste mit Blumen decorirt und ein superbes Album mit meinem Namen lag auf
meinem Schreibtische Ich schellte dem Kellner und fragte wer die Sachen
hierhergebracht hätte Er behauptete sie wären ihm von einem Gärtner gebracht
worden mit dem Bemerken ich hätte sie gekauft
    Gleich darauf kam der Lord Da er gar nicht frappirt schien durch die
Blumenflora die am Tage vorher nicht vorhanden gewesen war drängte sich mir
natürlich der Gedanke auf dass es eine Galanterie von ihm sei und ich beeilte
mich ihm dafür zu danken
    Er hatte sich in eine Kouchette geworfen und sah mich mit seinem gewohnten
kalten Blicke an »Wovon sprechen Sie teure Gräfin« fragte er »ich verstehe
Sie nicht«
    »Von der liebenswürdigen Attention welche Sie für mich an diesem Morgen
gehabt haben von den Blumen welche ich Ihrer Güte verdanke und von dem
superben Album«
    »Haben Sie Blumen erhalten«
    »Aber mein Gott Mylord sehen Sie denn nicht dass mein Zimmer in ein
kleines Indien verwandelt ist«
    »Ich habe mich nicht umgesehen und bin Indien sehr gewohnt« antwortete er
ruhig während er sich sein Toast mit Butter bestrich da man indessen das
Dejeuner servirt hatte
    »So waren Sie es nicht dem ich die angenehme Überraschung verdanke«
    »Unmöglich teure Gräfin Ich habe bis jetzt geschlafen«
    »Bis jetzt in diesem wundervollen Wetter«
    »Wundervolles Wetter ist mir sehr indifferent nur schlechtes Wetter ist mir
horrid Zudem sind die Tage so lang«
    »Aber die Welt ist auch groß und schön« sagte ich
    »O teure Gräfin Ich kenne die Welt schon ich habe sie schon zweimal
umschifft habe Alles gesehen nun kann ich doch nicht immer von Neuem anfangen
Das ist langweilig für mich und darum verschlafe ich gern einen Teil des Tages
Das ist bequem«
    »Und Sie sehnen sich nach keiner andern Existenz« fragte ich ihn förmlich
erschüttert durch seine Ruhe
    »Wie kann ich mich nach Etwas sehnen das ich für unmöglich halte Aber
lassen Sie den Tee nicht zu lange brühen teure Gräfin das macht ihn
ungeniessbar«
    »Ah« rief ich erfreut davon dass dieser Mann doch wenigstens in dieser
Kleinigkeit die Spur eines Wollens oder Nichtwollens verriet »so ist Ihnen
doch nicht Alles gleichgültig Mylord«
    »Alles bis auf den Komfort« sagte er behaglich den Tee schlürfend den
ich ihm präsentirt hatte
    Es entstand eine lange Pause er trank mit großem Genuße und ich
betrachtete ihn mit Staunen Ich fand die Resignation adorable mit der er ein
so trostloses Dasein wie das seine ertrug Ich fing an ihn zu achten ihn zu
beklagen plötzlich fiel mir ein Gedanke sternenhell in die Seele und schnell
sagte ich »Beantworten Sie mir eine Frage Wenn Ihnen Alles indifferent ist
wenn Nichts Sie fesselt welches Interesse haben Sie mir zu folgen
    »Die Neugier teuerste Gräfin«
    »Die Neugier« wiederholte ich
    »Ja die Neugier zu wissen wie Sie ein gleiches Schicksal wie meines dem
Sie entgegengehen ertragen werden Es ist langweilig blasirt zu sein und doch
zu leben es erfordert Kraft Heroismus und ich möchte wissen ob Sie die
haben«
    »Und was werden Sie tun Mylord« fragte ich
    »Leben« antwortete er und tranchirte ein Kotelett
    Mir schauderte und der Lord imponirte mir Ich gestand ihm das freimütig
    »Das wundert mich nicht« entgegnete er »das ist mir schon oft begegnet
aber es freut mich von Ihnen dabei empfinden Sie doch Etwas und das gönne ich
Ihnen«
    »Und Sie empfinden Nichts gar Nichts Mylord Sie haben keinen Wunsch«
    »O doch Ich möchte mit Ihnen zusammen sterben Ich dachte mir es gestern
als ich Sie Abends so schön dastehen sah in der Lampenbeleuchtung welche aus
Ihrem Zimmer auf den Balcon fiel Sie sind die schönste Frau die ich seit lange
erblickte Ich möchte wissen wie dieses schöne Antlitz in der Agonie des Todes
aussieht ich möchte wissen was ich empfände hätte ich das schönste Weib
umgebracht um deren Besitz andere Männer alle Torheiten der Welt begehen
würden  und wüsste ich das dann glaube ich möchte ich selbst sterben wollen
weil ich dann Nichts mehr finden möchte was meine Neugier reizte«
    »O Du bist entsetzlich Mann« rief ich zitternd vor nie gefühlter Emotion
»aber Du bist ein Mann Warum fanden wir uns nicht früher Warum lernte ich Dich
nicht kennen als Dein Männerherz noch nicht alle seine Pulsschläge des Wollens
des Wünschens und Begehrens verlernt hatte als noch die Liebe Dir das Leben zur
Lust machen konnte O das Fatum ist unerbittlich in diesem entsetzlichen
Zuspät Eine Gigantenseele eristirte hienieden und ich fand sie zu spät Aber
warum kamst Du nicht früher warum fanden wir uns nicht«
    Der Lord sah mich mit starrem festem Blicke an setzte die Teetasse nieder
und sagte nach einer Pause innerlicher Meditation »Man hat mir in Kairo von
Saaten erzählt die Jahrtausende hindurch in den Pyramiden gelegen hatten und zu
blühen anfingen in Frühlingsfrische als sie dem Lichte der Sonne wieder
exponirt wurden Bist Du die Sonne Diogena dass Du in meinem Herzen ein neues
Blühen hervorrufst Es wäre remarquabel wie jenes«
    Indolent wie immer blieb er in seiner Kouchette liegen die er bis zu
meinem Sopha heranrollte dann ergriff er meine Händchen und zog mich empor so
dass ich vor ihm stand
    »Ich glaube wir lieben uns« sagte ich ohne recht zu wissen was ich
sprach
    »So scheint es mir« entgegnete der Lord indem er meine Hände und Arme mit
seinen Küssen bedeckte
    In diesem Momente erscholl im Nebenzimmer ein heftiges Geklapper ich fuhr
erschrocken empor und der Lord sagte mismutig »Aber teure Gräfin wie
uncomfortable ist Ihr Arrangement dass man durch Geräusch beleidigt wird in
Stunden in denen die Seele der Ruhe bedarf Aendern Sie das für die Zukunft«
    Es war der neue Kellner gewesen der eine Tablette mit verschiedenen
Gerätschaften zur Erde geworfen hatte Als ich ihm Vorwürfe deshalb machte
trat er dicht an mich heran und sagte so leise dass es nur für mich vernehmbar
war »Madonna noch ein Wort mehr und Ermanby und ich sind Beide verloren«
    Ich bebte zusammen Es war der Vicomte der in dieser mysteriösen
Verkleidung sich wieder in meine Nähe introducirt hatte
    Ich war wie vernichtet ich wusste mir nicht zu helfen keinen Ausweg zu
finden Eine innere Stimme sagte mir opfre den Mann den Du nicht liebst für
den den Du liebst Aber das war eben die Verzweiflung ich liebte sie Beide
nicht ich sah es mit erschreckender Deutlichkeit in diesem Momente Und doch
rührte mich die Devotion des Vicomte doch interessierte mich Ermanbys Apathie
doch lag ein belebendes Element in der Gefahr meiner Position das mich anregte
wie der Schall der Kriegsdrommete den jungen Krieger der sich tatendurstig
nach Schlachten und Kämpfen sehnt
    »Liebe ist Gehorsam Liebe ist Glaube« sagte ich leise zu Servillier
»Verlassen Sie mich Anatole wenn ich an Ihre Liebe glauben soll«
    Er tat wie ich es verlangte Ich atmete auf soulagirt von der Angst
dieses Momentes und entzückt über die schöne Hingebung des Vicomte Der Lord
hatte nicht einmal den Kopf gewendet er sah ruhig auf seine Fußspitzen nieder
plötzlich fragte er mich
    »Wann wollen wir reisen Diogena«
    »Reisen« wiederholte ich verwundert »und wohin«
    »Gleichviel«
    »Aber wozu denn«
    »Um mit einander zu sein so lange es uns Freude macht so lange wir uns
lieben«
    »Und dann Und wenn wir uns nicht mehr lieben«
    »Dann trennen wir uns oder versuchen ob es uns tentirt zusammen zu
sterben« sagte er mit einem Gleichmut vor dem ich schauderte Wie konnte ein
so junger Mann bereits alle Quellen des Lebens erschöpft haben Bot denn das
Leben so wenig oder war er einer der Titanen die den schäumenden Becher schnell
bis auf seine Hefe leeren um ihn dann mit Degout von sich zu schlendern Was
für trostlose Erfahrungen was für Deceptionen musste er erlitten haben um nicht
mehr an Liebe an Freude zu glauben um nur im Tode einen neuen Reiz für seinen
Geist zu finden Ich dachte an mein eigenes unverstandenes Dasein ich fragte
mich wie wenn wir Beide berufen wären die trostlose Leere zu füllen die wir
fühlen Er fesselte doch wenigstens mein Interesse er gab meinen Gedanken eine
Richtung er machte mir Furcht
    Ich setzte mich an seine Seite und sagte indem ich zu lächeln versuchte
»Sie erwarten schwerlich dass ich Ihren Reiseplanen beistimme Mylord Ich bin
Graf Bonaventuras Frau «
    »Das eben reizt mich« meinte Ermanby »Ich möchte wissen wie er sich dabei
betragen würde wenn sein Freund ihm seine Frau entführte die Deutschen sind so
troublesome in diesen Angelegenheiten«
    »Und wenn ich nun dennoch fest erklärte nicht reisen zu wollen«
    »So würde ich nicht weiter darauf bestehen«
    »Und Sie behaupten dass Sie mich lieben«
    »Ja Diogena ich liebe Dich  O« rief er plötzlich und ein Feuer wie ich
es nie in ihm gesehen hatte flammte über sein ganzes Wesen empor »o Diogena
lass den Funken unter der Asche schlummern die sich über mein Herz gelegt hat«
    Er stand auf seine Bewegungen waren ganz Nerv und voller Energie Er ging
heftig im Zimmer auf und ab Plötzlich blieb er vor mir stehen und sagte »Es
war eine Zeit in der ich an das Leben glaubte in der ich die Liebe erstrebte
und die Treue erwartete weil ich selbst treu war Damals hatte ich eine Braut
so rein so hold wie das erste Weib das hervorging aus den Händen des
Schöpfers Sie war mir verlobt und entfloh mit meinem Bruder den ich geliebt
hatte mit allen Fibern meines Herzens Ich gab den Beiden ein Rendez vous auf
der Insel Chios mein Bruder   doch wozu dies« rief er und ging wieder mit
großen Schritten auf und nieder Eine dunkle Wolke hatte sich über seine Stirne
gelagert es war etwas Dämonisches in ihm ich konnte meine Blicke nicht von ihm
wenden
    Bebend vor angstvoller Erwartung fragte ich leise »Und wo ist Ihr Bruder«
    »Er starb auf Chios« antwortete er kalt und tonlos
    »Und das Mädchen«
    »Überlebte ihn nicht lange«
    Eine dumpfe Pause trat ein während welcher der Lord seine heftige Wanderung
in meinem Zimmer fortsetzte Ich wagte nicht zu sprechen ich war dominirt von
der miraculösen Empfindung welche die Vögel zwingt der Anakonda in den Rachen
zu fliegen die ihnen todbringend ist Nach einer Weile setzte sich der Lord so
ruhig neben mich nieder als wäre nie eine Emotion durch seine Seele gegangen
Er nahm meine Hand und sagte mit seiner gewohnten glacialen Kälte »Diogena
höre mich recht an es ist Ernst was ich Dir sage Du bist so schön dass Deine
Schönheit wie die Sonne alle Nebel alle Gewitterwolken zerstreut die sich über
mein Leben gelagert haben Mir ist als liebte ich Dich als wäre mir Deine
Liebe wirklich noch ein Besitz welcher der Mühe ihn zu empfinden wert wäre
So will ich Dich denn besitzen  Verstehst Du mich nicht Diogena Willst Du
mein sein im Leben Oder wollen wir sterben zusammen noch heute noch in dieser
Stunde«
    Mir war als öffne sich eine neue Welt meinen Augen Aber dies war ja ein
Mann wie ich ihn gesucht hatte ein Mann der Nichts verlangte vom Leben als
Liebe Ich fragte mein Herz was es für ihn empfände Es schwieg wie immer
Meine Phantasie war occupirt durch ihn ich fühlte dass ich die Seine werden
könne mit jener horribeln Indifferenz mit der ich des Grafen Frau geworden
war aber das war es nicht was er verlangte nicht was ich erstrebte Ich war
außer mir über die Kälte meines Herzens ich wollte ja lieben dies war eine
Natur weit über die Grenzen des Gewöhnlichen erhaben warum konnte ich ihn
nicht lieben Warum fühlte ich keinen Impuls für ihn zu leben ihm den Glauben
an Glück wiederzugeben ohne Egard ob ich selbst es fände oder nicht Ich war
innerlich deprimirt ich verzweifelte an mir selbst am Leben Ich fühlte es
würde niemals anders werden und mir immer lästiger und doch hatte ich die
Apprehension vor dem Tode die allem Lebenden so tief inne wohnt Ich war mir
incomprehensible Aber die innere Wahrheit meiner Natur trug den Sieg auch
diesmal gloriös davon Ich gestand dem Lord dass er mir Staunen aber keine
Liebe abgewinne
    Er sah mich mit einem furchtbaren Blicke an »Und wozu das elende Spiel in
dieser Stunde Diogena« fragte er »Wozu das Verbrechen noch einmal Leben zu
erwecken in einem Herzen das aufgehört hat zu vibriren« fragte er
    »O« rief ich »vergib vergib Ich wollte ja versuchen ob ich Dich lieben
könne«
    »Und Du glaubst ein Mann sei der Spielball Deines törichten Willens Du
glaubst ein Mann sei da Deine müßigen eitelen Kapricen zu befriedigen weil Du
schön bist Denn schön bist Du«
    Ich schwieg Er hielt mich am Handgelenk fest das er mit einer Vehemenz
presste welche mir Tränen in die Augen trieb
    »Liebst Du mich« fragte er
    Mein Stolz war auf das Empfindlichste verwundet Ermanby imponirte mir aber
er sollte es nicht wissen weil ich ihn nicht liebte und mit vollkommener Ruhe
sagte ich während ich zu lächeln versuchte ein deutliches »Nein«
    Da schleuderte der Lord meine Hand von sich und sagte mit einem eisigen
Hohne »So soll doch der Moment in dem ich das lästige Leben von mir werfe
wenigstens dazu dienen das kälteste hochmütigste Weib zittern zu lehren so
soll doch das herzloseste Weib mich niemals vergessen«
    »Um Gottes Willen Ermanby was willst Du tun« rief ich schaudernd »Mann
um der Liebe willen die ich suche suche ohne sie zu finden was ersinnst Du«
    Ich hatte noch nicht die letzten Worte vollendet als ein kleines Terzerol
in des Lords Hand aufblitzte ein Knall  und Ermanby sank lautlos in die
Kouchette zurück Mit einem Schrei des furchtbarsten Entsetzens brach ich
zusammen
    Als ich erwachte lag ich auf meinem Lager Rosalinde saß an meiner Seite
durch die geöffnete Türe entdeckte ich den Fürsten Kallenberg aufgestützt an
einem mit Arzneigläsern besetzten Tische Es war Nacht eine Lampe erhellte das
Zimmer der Fürst schien zu schlummern Ich hatte keine distincten
Vorstellungen nur die Ahnung eines terriblen Evenements schwebte mir vague vor
der Seele Ich mochte meinen Erinnerungen nicht durch meine Kammerfrau zu Hilfe
kommen lassen ich befahl ihr den Fürsten zu rufen
    »Wo ist Ermanby« fragte ich ihn als er an meinem Lager stand
    »Beerdigt gestern Morgen«
    Eine eisige Hand legte sich über meine Stirn und mir war als wolle mein
Bewusstsein aufs Neue schwinden aber ich raffte die ganze Energie meines Wollens
zusammen und fragte wie man von einem Gestern sprechen könne da Ermanby ja
noch am Morgen bei mir dejeunirt hätte
    »Pardon meine Gräfin« sagte der Fürst »Sie haben mehr als zwei Tage in
tiefem Todesschlummer gelegen Sonst würden Sie ja die Vorgänge von gestern und
heute wissen«
    »Die Vorgänge Und was ist denn vorgegangen«
    »Sie meinen nach der Ankunft Ihres Mannes«
    »Ist der Graf von seiner Excursion retournirt«
    »Mein Gott auch das wissen Sie nicht einmal« fragte der Fürst »Sie wissen
nicht dass als Sie aufschrieen im Moment von Ermanbys Tode Servillier
hineinstürzte und Sie in seinen Armen hielt in dem Moment in dem Ihr Mann
heimkehrte« Er hatte Servillier gleich am ersten Abende in seiner Verkleidung
erkannt die Excursion mit den Elslebens war nur fingirt er wollte Sie
überraschen weil er sicher wusste den Vicomte in Ihrer Nähe zu finden
    »Und dann« fragte ich indignirt über diese Perfidie meines Mannes
    »Nun Dann hat er den Vicomte gefordert sie haben sich geschossen und noch
am Abende ist Ihr Mann nach England gegangen« berichtete der Fürst
phlegmatisch
    »Aber Servillier«
    »Ist vierzehn Stunden nachher gestorben in meinen Armen gestorben Ihr
Name meine Gräfin war sein letztes Wort«
    Ich schwieg Eine Welt von Emotionen drang auf mich ein Geister der
Verstorbenen blutige Leichen hielten ihren wahnsinnigen Reigen vor meinem
innern Auge Mein Hirn schwindelte meine Seele erbebte mein Herz war kalt Ich
sehnte mich nicht nach meinem Gatten ich dachte ohne Liebe an die beiden
Männer welche für mich und durch mich gestorben waren Ja selbst ein Gefühl
des Hasses mischte sich in die Erinnerung an sie Sie waren mir durch ihren Tod
Gegenstände des Entsetzens und weshalb  Hatte ich Einem von ihnen ein Glück
zu danken Warum hatten sie sich in die verzehrende Glut meiner Nähe gewagt
diese erbärmlichen Eintagsfliegen Warum hatten sie versucht diese schwachen
Naturen in den Kreis einer Diogena zu treten deren Kometenlauf sie fortreißen
musste aus der bescheidenen Bahn welche solch kleinen Seelen prädestinirt ist
    Ich richtete mich empor groß und frei wie Marius auf den Ruinen von
Kartago »Rosalinde« sagte ich »legen Sie mir ein elegantes Reisenegligee
zurecht und lassen Sie packen Sobald es Tag wird gehen wir nach Paris«
    »Darf ich Ihnen folgen« fragte der Fürst
    »Fürchten Sie nicht das Schicksal der Andern«
    »O nein meine Gräfin wie sollte ich da ich nicht die Prätensionen habe
wie Jene Ich kann ja weder hier allein zurückbleiben noch Sie allein reisen
lassen so folge ich Ihnen nach Paris«
    Ich reichte dem Fürsten die Hand »O« rief ich »Sie sind sublime in Ihrer
Treue Das ist die wahre instinctive Treue des Hundes der liebt und folgt ohne
zu wissen weshalb ohne Dank ohne Anspruch ohne Verlangen O die Tiere sind
unegoistischer als wir und glücklicher obenein denn sie kennen nicht das ewig
wache ewig ungestillte Sehnen in unserer Brust das vom Himmel stammend hier
rastlos und vergebens nach Befriedigung sucht«
    »Schlafen Sie noch eine Stunde meine Gräfin« sagte der Fürst »ich will es
auch tun  und dann lassen Sie uns reisen es freut mich dass ich doch nun
weiß wohin ich von Baden gehen soll Ich konnte zu keinem Entschlusse kommen
bis jetzt Gute Nacht meine Gräfin« Und innerlich sagte er sich Welch ein
Tor ist doch der Graf sich von dieser Frau zu entfernen deren prächtige
Kapricen alle Tage neu sind so dass man vollauf beschäftigt ist und gar keine
Langeweile hat wenn man nur all das tut was sie verlangt Solch eine Frau
wenn sie jung und reich und schön ist wie diese Gräfin ist ja ein veritabler
Tresor
 
                                  Zweites Buch
Ich hatte das ganze südliche Frankreich nach allen Richtungen durchstrichen war
über die Pyrenäen gegangen hatte in Alhambra einsam schöne Stunden in süßen
Erinnerungen an die goldene Zeit der Abenceragen verträumt und auf den
Kalkfelsen Gibraltars die blonden rotgeröckten Söhne Albions ihre
Parademärsche halten sehen Wie Lord Byron hatte ich in Cintra geseufzt und wie
er war ich ohne Befriedigung geblieben
    Wohin ich kam umgaben mich die Huldigungen der Männer alt und jung waren
überwältigt von meinem Zauber Fürsten knieeten zu meinen Füßen schwarzlockige
Hidalgos sangen zur Nachtzeit unter meinen Fenstern die glühenden Serenaden
ihres Landes und selbst der wilde Matador verdoppelte im Stiergefechte seine
Anstrengungen wenn mein Auge auf ihm ruhte und ihn inspirirte Alle diese
Huldigungen nahm ich an Ich war unermüdlich in der Recherche nach dem Rechten
ich empfand süße elegische Rührung am Herzen eines Abkömmlings der Abenceragen
dessen orientalische Phantasie mich einwiegte mit wundersamen Träumen ich fand
die aufgetaute Wärme eines jungen Irländers von der Garnison zu Gibraltar
pikant ich amüsirte mich mit den Liebesextravaganzen eines Portugiesen  ich
lernte spanisch und portugiesisch ich copirte sämtliche Murillos der
spanischen Schlösser in wenig Monaten und als ich nach Neujahr in Paris
anlangte war ich tot müde und trotz dieser ernsten Anstrengung glücklich zu
werden ebenso unbefriedigt als je
    Der Ruf meiner Schönheit war mir vorausgegangen Alle books of beauty und
keep sakes brachten mein Portrait ich war der Gegenstand der stupendesten
Erwartung Ich hatte bei den ersten Putzhändlerinnen so enorme Bestellungen
gemacht dass man sie selbst in Paris surprenirend fand und gespannt war mich
diese vielgepriesene Frau zu sehen Der Fürst mein treuer Kavalier auf der
ganzen Reise war nach Paris vorausgeeilt um mir ein Hotel einrichten zu lassen
und empfing mich mit der Nachricht wie sehr man mir entgegenharre
    Das ennuyirte mich und ich beschloss ein ganz neues Regime zu beginnen Ich
machte keine Visiten sah nur einmal meinen Onkel welcher Gesandter war und mir
die Scheidungsakte zwischen mir und meinem Manne zu unterzeichnen brachte und
verließ mein Haus gar nicht Die Folge davon war dass alle Fenster der
gegenüberstehenden Häuser von den fashionabelsten jungen Männern zu ganz enormen
Preisen gemietet waren Man macht Paris darauf wer der Erste sein werde die
miraculose Gräfin zu erblicken der Fürst selbst in Verzweiflung über mein
wiederholtes Refusiren ihn zu empfangen ward sehr recherchirt weil man von ihm
Auskunft über mich zu erhalten erwartete Ich erfuhr durch Rosalinde all diese
Extravaganzen und war degoutirt davon
    Eine finstere lugubre Melancholie kam über mich ich fing an die Welt und
die Menschen zu hassen dem Schicksal zu zürnen Ich wollte versuchen mir die
Türen des Jenseit zu eröffnen Es schien mir picant grade in Paris wo alle
Welt die Genüsse der Erde sucht diese gänzlich zu verschmähen und umgeben von
einem wahrhaft eblouirenden Luxus das Leben eines Anachoreten zu führen
    Ich ließ neben meinem pompösen comfortablen Boudoir ein kleines schlechtes
Zimmer seiner Tapeten berauben alle Möbel daraus entfernen den Kamin vermauern
und das Fenster verhängen Aus einem Kloster schaffte ich mir das abgelegte
Gewand einer verstorbenen Nonne Als ich es angelegt hatte sah ich mich zum
letzten Male im Spiegel Strahlender als je erschien meine fascinirende
Schönheit in dieser Verhüllung Dann zog ich mich in meine Zelle zurück und
beschloss den Pater Benoit holen zu lassen der berühmt war durch seine strenge
Ascese seine große Schönheit und sehr en vogue in der beau monde um mich mit
ihm über den Zustand meiner Seele und meines Herzens zu beraten
    Als er die Prachtsäle meines Hotels durchwandert hatte vermutete er
sicher in eines jener eleganten Betzimmer geführt zu werden in denen die
vornehmen Damen kokett vor ihren priedieu hingegossen die Sünden des vorigen
Tages bereuen Wie sehr war er erstaunt eine Zelle eine von allem eitlen Tande
entblößte Frau in voller Schönheit der Jugend vor sich zu sehen Aber nicht
minder frappirt war ich selbst
    Der Pater war ein Mann von kaum dreißig Jahren Zehn Jahre lang Missionair
in dem Innern von Afrika war von der Sonne des Südens sein edles Antlitz
gebräunt Seine Züge waren scharf geschnitten wie die des Nero oder August sein
Blick ruhig und sicher sein Mund fest geschlossen Schwarzes glattes Haar
legte sich weich um seine Schläfe und er trug sein einfaches Priestergewand mit
der Eleganz mit der Distinction eines Fürsten Seine Hände waren aristokratisch
fein und soignirt wie er denn auch vortrefflich chaussirt war
    Einen Moment betrachtete er mich mit schweigendem Erstaunen Dann sagte er
»Sie haben mich rufen lassen und ich finde Sie hier in einem Zustande meine
verehrte Gräfin der mich zu der Frage ermächtigt welch Leid Ihre Seele
bedrückt«
    »O mein Vater« rief ich »ich bin von Gott verlassen«
    »Das ist Niemand der ihn sucht«
    »Mein Vater ein schwerer Fluch ruht auf meinem Geschlechte hören Sie mich
an Ich stamme von Diogenes ich muss einen Menschen suchen wie er es tat
einen Menschen einen Mann in der vollen Idealität des Wortes den rechten Mann
Unzählige Frauen unsers Geschlechtes sind daran zu Grunde gegangen denn nur das
Herz und die Seele sind die Wünschelrute mit denen man Herz und Seele mit
denen man den Rechten findet und  wir Alle haben weder Herz noch Seele«
    »Sie freveln meine Tochter« sagte der Pater Aber ich ließ ihn nicht
weiter sprechen »O« rief ich ihn unterbrechend »hören Sie mich an Submiss
dem Schicksalsspruch unsers Geschlechtes habe ich die Liebe und den Rechten
gesucht mit einer Ardeur mit einer Vehemenz die ihnen adorabel scheinen würde
Ich bin erst siebenzehn Jahre und schon war ich einem Grafen verheiratet von
dem ich geschieden bin schon ist ein Lord zum Selbstmorde getrieben durch mich
ein Vicomte für mich im Duell geblieben ein Fürst folgt mir mit stupider
Hundetreue ohne zu wissen weshalb noch warum Unter unzähligen Hidalgos der
pyrenäischen Halbinsel habe ich umher gesucht nach Liebe und nach dem Rechten
ich habe Nichts gefunden als passagere Emotionen und gewöhnliche Kavaliere Ich
bin der Verzweiflung nahe Ich finde es unter meiner Würde zu den Regionen der
Bourgeoisie hinabzusteigen und doch fürchte ich fast ich finde nicht in der
Aristokratie was ich erstrebe Da habe ich mich in meinen Zweifeln an Sie
gewendet mein Vater Raten Sie mir que faire«
    »Frau Gräfin« sagte der Pater »wenn Sie nicht ein unwürdiges Spiel mit mir
treiben vor dem schon die Heiligkeit meines Gewandes mich schützen sollte so
ist es hohe Zeit dass Sie Ihre Seele in sich sammeln zum Gebete ehe Sie der
Schwindel erfasst der Sie hinabreissen muss in den Abgrund des Wahnsinns«
    Er wollte sich setzen um mit mir zu sprechen es war kein Sessel in dem
Gemach Da ich in Allem gern ganz war so hatte ich nun ich daran dachte mich
von allem Luxus zu debarrassiren auch die gewohnte Bequemlichkeit eines Stuhles
verschmäht und lag an der Erde Ich sah dann frappant wieder wie eine Magdalena
Korreggios aus
    Der Pater ging in das Boudoir nahm einen Fauteuil und trug ihn in meine
Zelle wo er sich darauf niedersetzte Ich kniete vor ihm nieder
    »O« sagte ich »Sie sehen aus mein Vater als ob Sie eine Seele hätten
aus Ihren Augen spricht ein mildes liebendes Herz Haben Sie Erbarmen mit mir
geben Sie mir von dem Überflusse Ihrer Seele Ihrer Liebe einen Funken dass er
in mir ein Mirakel wirke Sehen Sie ich bin das unglückliche Götterbild des
Pygmalion die Schönheit ohne den belebten Hauch der Liebe Lieben Sie mich
mein Vater Sie dessen Herz dessen Seele groß und mächtig genug waren den in
Heidentum versunkenen Völkern den Geist der Liebe einzuflößen Sie müssen die
Kraft haben auch mir eine Seele ein Herz zu geben auch mir die Gnade der
Liebe zu gewähren Lieben Sie mich mein Vater Es ist ein Gott wohlgefälliges
Werk«
    Ich war außer mir Aufgelöst in Tränen umklammerte ich seine Kniee und
presste meine brennenden Lippen auf seine eleganten Hände die er mir entzog um
sie segnend auf mein Haupt zu legen Er betete leise ich blickte zu ihm empor
er sah wunderschön aus
    »Gräfin« sagte er dann ruhig »Sie haben wohl getan dass Sie sich zu Busse
und Andacht wendeten denn Gott muss ein Wunder tun um Sie von Ihrer
furchtbaren Verblendung zu heilen Sie haben Gott gelästert und vergessen und
sich an seine Stelle gesetzt Sie haben sich angebetet in fürchterlichem
Egoismus und dem Götzen Ihrer Eitelkeit die Herzen und das Leben von Männern
geopfert Nicht in der Natur des elendesten Kaffernweibes fand ich die
Grausamkeit spielender Selbstsucht die sich in Ihren koketten Worten verrät
Nicht Liebe haben Sie gesucht sondern Befriedigung Ihrer Sinnlichkeit
Beschäftigung für Ihre unersättliche Phantasie Suchen Sie Gott im Geiste nicht
in der makellosen Schönheit eines Mannes und Gott wird sich Ihnen offenbaren in
jener heiligen unvergänglichen Liebe die nicht zu suchen braucht nach dem
Rechten weil jeder Mensch auch der elendeste einer rechten Liebe wert ist
Aber Sie wollen Nichts lieben als sich selbst und das ist Sünde das ist Tod«
    Er war aufgestanden ich hielt ihn zurück »O mein Vater« rief ich
»sprich sprich immer weiter Deine milde Stimme calmirt den wilden Sturm meines
Herzens wie Öl das Meer die Wogen meines Innern legen sich zur Ruhe die
Fluten aplaniren sich und wie der Mond sich spiegelt im ruhenden Meere so
schwebt Dein heilig ernstes Antlitz auf dem Spiegel meines Innern Verlass mich
nicht mein Vater halte mich nicht unwert Deines Gebetes Du der hinabstieg
zu dem Stumpfsinn miserabler Wilden hässlicher Negerinnen niedrigen Pöbels
Sieh mein Vater ich bin Gräfin ich bin von edelstem Stamme ich bin schön
ich bin jung o bete bete mit mir dass ich das Einzige erlange was mir fehlt
gib mir die heilige Liebe Deines Herzens gib mir Dein Herz damit es lebe in
meiner Brust und Deine Liebe mächtig werde in meiner Seele«
    Ich sprang empor und schloss ihn in meine Arme ein flammender Kuss Benoits
brannte auf meiner Stirn dann riss er sich los und verschwand Ich sank auf die
Erde zurück ich träumte von den langen unabsehbaren Wüsten Afrikas
verschmachtend lag ich da im öden Sonnenbrand ich hörte den Tritt von Kameelen
lange Karavanen zogen an mir vorüber Niemand beachtete mich Niemand hörte den
leisen Ruf den meine erschöpften Kräfte mir gestatteten Da kroch ich mühsam
weiter und fand das Lager eines Negerstammes Schwarze garstige Weiber
affenartige Kinder wälzten sich unter den Zelten umher die elend aus Fellen und
Tüchern bereitet waren Ein schöner Mann stand inmitten des Lagers und teilte
Worte der Liebe und Gnade den geistig Dürstenden aus während ich ihn vergebens
um einen Tropfen Wasser flehte meine glühenden Lippen zu kühlen um ein Wort
des Trostes meine Seele zu erfrischen Ich sah ihn ungerührt an mir
vorüberschreiten er sagte sich abwendend »Sieh Diogena diese elenden
schwarzen Weiber sind glänzende Engel des Lichtes gegen Dich denn sie lieben
den Mann dess harte Hand sie schlägt und Du liebst Nichts«
    »O Dich liebe ich« wollte ich rufen aber er war schon verschwunden
    Ich lief in mein Boudoir ich befahl Rosalinde mir noch einmal den Pater
holen zu lassen Sie schickte fort und der Diener kam mit dem Bescheide zurück
der Pater Benoit sei im Dienste des Klosters beschäftigt Er könne erst morgen
wiederkehren
    Die Nacht verging mir in tödtlicher Unruhe zuweilen war mir es wirklich
als liebte ich den Pater als sei mit seinem Erscheinen ein neues Gefühl in mir
erwacht als perlten neue Quellen aus den profundesten Tiefen meiner Existenz
hervor Ich weinte wenn ich an ihn dachte ich wusste nicht ob vor Liebe oder
aus Depit weil er kalt genug geblieben war nicht auf meinen zweiten Ruf
sogleich zu retourniren
    Am Morgen ließ ich meine goldenen Locken glätten arrangirte meine Händchen
und meine fabelhaft kleinen Füßchen die in den Sandalen noch viel charmanter
erschienen als in der elegantesten pariser Chaussure und erwartete sehnsüchtig
die Ankunft des Paters denn trotz aller Meditationen fing ich an mich in
meiner Solitude ganz unbeschreiblich zu langweilen Ich grollte mit meinem
Geschick Da sah ich so weit das möglich war bei der Distance welche mich von
der Bourgeoisie trennte ganz einfache Bürgerfrauen die gar kein Schicksal
hatten denen Nichts arrivirt war die Nichts suchten und die dennoch ganz
zufrieden waren Sie hatten einen Mann Kinder Arbeit Liebe für all dies 
lauter furchtbar ignoble Dinge  aber sie sahen vergnügt und zufrieden aus und
hatten so wenig Langeweile dass sie selbst die Agrements von Teatern und Bällen
selten besuchten die ihre Männer ihnen offerirten sondern still begnügt in
ihrer Häuslichkeit lebten
    Aber dies war ja ganz incomprehensibel Warum hat die kleine Frauennatur in
der Begrenzung ein Glück für das immense Seelen wie meine bei dem
rastlosesten Suchen kein Aequivalent finden Ich fühlte Widerwillen gegen die
Erde der Himmel lockte mich Ich dachte an die Gefilde der Seligen O im
Jenseits wenigstens sind die Stände scharf geschieden dort sagte ich mir
müsse es deliciös sein Alle Freuden alle Genüsse auf der Seite der
Aristokratie der Seligen alle Pein alle Schmerzen für das Gros der
Verdammten Darin fand ich die göttliche Gerechtigkeit wieder das erhob meine
Seele zur Adoration und ich hoffte Gott würde mir im Himmel die Kompensation
für alles Ennui der Erde bereiten
    In diesen Betrachtungen störte mich die Meldung dass der Pater gekommen sei
Ich ließ ihn bitten einzutreten Aber wie erstaunte ich als statt des Paters
Benoit den ich erwartet hatte ein alter düsterer Priester erschien Ich
fragte nach seinem Begehren
    »Der Pater Benoit hat mir gesagt dass Ihre Seele meine Tochter in den
Fesseln des Bösen sei und dass Sie Beistand suchen sie daraus zu erlösen«
    »Und warum kommt er nicht selbst«
    »Er ist abgereist heute in aller Frühe«
    »Und wohin«
    »Zurück in die Wüsten Afrikas wo er den Heiden das Wort des Lebens
gepredigt hat und wo er Menschen zu retten findet«
    »Warum verschmähte er mich zu retten deren Seele sich ihm hilfesuchend und
vertrauend nahte«
    »Das beantworte Dir selbst meine Tochter« sagte der Priester »Er floh die
Erbsünde denn Du bist die Schlange Du bist der Satan in seiner
verführerischsten Gestalt und wohl dem reinen Jünglinge dass er sich Deiner
teuflischen Arglist entzog Dir wäre besser Dein gleissend Antlitz überzöge sich
mit Aussatz und Deine Seele würde rein von Schuld und Sünde«
    Ich richtete mich majestätisch empor Eine Träne prächtigen Zornes trat in
die schöne Iris meines Auges O grade in dem Herzen dieses unentweihten reinen
Jünglings hatte ich die ewig glühende Liebe jenes Naphta des Lebens zu finden
gehofft von dem ich mich zu ernähren strebte Ich begriff dass die durch
tausend Leidenschaften usirten Männer der beau monde mir jenes heilige
primitive indestructible Feuer nicht entgegenbringen konnten von dem ich
allein noch Rettung aus meiner Blasierheit erwartete Es verdross mich dass
dieser junge Mönch mich die göttliche Diogena verschmäht hatte mein Zorn
wendete sich gegen den alten Pater der dies fühlte ich mehr oder weniger zu
jener mir verhassten Abnegation Benoits beigetragen haben musste Ich wollte dem
Pater zeigen wie wenig Einfluss er auf mich habe und während er sich zu einer
foudroyanten Rede vorbereitete und diese anfing schellte ich Rosalinden und
befahl ihr mit prächtiger Impertinenz dem Pater einen Fauteuil in meinem
Boudoir neben meiner Toilette zurecht zu setzen da ich heute Abend meine
Antrittsvisiten zu machen gedächte und mich sogleich coeffiren lassen müsse«
    Der Pater sah mich bewildert an Dergleichen mochte ihm noch nicht
vorgekommen sein Er sagte keine Sylbe sondern entfernte sich über mir das
Zeichen des Kreuzes machend
    Die Erinnerung an meine Pönitenzversuche an Benoit hatten Etwas das mir
penibel war und das ich zu verscheuchen trachten musste Die Gesellschaft
ersehnte mich so lange dass ich mich ihr wirklich schuldig war Ich machte noch
denselben Abend meine erste Visitentournée und nach wenig Tagen war ich auch
hier der Mittelpunkt des geselligen Treibens
    Paris war wie in einem Zaubertraum Meine Anwesenheit inspirirte die Poeten
und Musiker die Dichter benutzten die interessanten Episoden aus meinem Leben
welche allmälig public geworden waren Die Fabrikanten nannten ihre neuesten
Producte à la belle Komtesse oder à la Diogène und unter den jungen Kavalieren
war eine vollkommene Koncurrenz um den Besitz meiner Gunst eingetreten
    Ich wanderte geschmückt mit allen Kolifichets des raffinirtesten Luxus
unter diesem Treiben einher so kalt so nichtachtend wie die himmlischen
Gestirne über die Erde schreiten Oftmals versuchte ich die Wünschelrute
auszuwerfen wenn aus den Herzen der Männer das Liebesmeer unter dem Strahl
meiner Augen zu mächtiger Flut emporschäumte aber während ich alle Herzen
entzündete blieb das meine kalt Ich sagte mir selbst dein Herz wenn du eines
hast ist ein Diamant blendend strahlenwerfend hart von Allen begehrt und
kalt  aber auch der Diamant verbrennt wenn nur das rechte intensive Feuer ihn
ergreift dies Feuer muss existieren auch für mein Herz und wenn es einst brennt
dann sind all meine Skrupel auf einmal gelöst dann weiß ich dass ich ein Herz
habe und dann habe ich den Rechten gefunden
    Diese Gedanken brachten mich auf die Gesetze der Schöpfung auf
Naturwissenschaften Chemie und Anatomie Die oberflächliche Konversation der
Salons war mir insupportable geworden ich wurde fast nervös wenn die jungen
Männer wieder mit den sich ewig gleichbleibenden banalen Liebesphrasen mir das
matte Glühen ihrer usirten Herzen andeuteten ich hatte keine Freude keine
Zerstreuung mehr von ihnen zu erwarten und ich war doch noch so jung ich war
Gräfin und schön das heißt zum Glück berechtigt Um mich zu desennuyiren fing
ich an mich in die Wissenschaften zu werfen Ich besuchte einen Cursus um den
andern der Fürst der sich dabei noch mehr als gewöhnlich langweilte
begleitete mich überall
    Ich ließ meine Zelle in ein Laboratorium verwandeln ich verdampfte
Quecksilber experimentirte mit Jod und hatte es bald zu einer Erkenntnis in
den tiefsten Tiefen der Wissenschaft gebracht die Berzelius und Faraday denen
ich in elegantem Salonjargon die tiefsinnigsten Briefe schrieb in Entzücken
versetzten Da brachte mir eines Tages als ich ermüdet von einer anstrengenden
mehrtägigen Beobachtung erschöpft auf meine Chaise longue gesunken der junge
Professor welcher mir bei meinen Studien behilflich war einen seiner Freunde
mit um ihn mir zu präsentiren
    Ich hatte mir ein Kostume arrangirt das vortrefflich für meine dermaligen
Zwecke passte Ich trug eine Robe montante von graubraunem Wollenstoffe oben mit
einer schwarzen Spitze geziert die nur mit einer Kordelière um die Taille
befestigt war Lose Ärmel ließ sich während der Arbeit leicht zurückschlagen
und zeigten meine superben Arme mit schwarzen SteinkohlenBraceletts geschmückt
Um den Kohlenstaub für meine goldenen Locken zu vermeiden hatte ich mir ein
kleines schwarzes Käppchen von Velours anfertigen lassen das in der Form den
mittelaltrigen Koeffuren gleichkam Schwarze Stiefelchen chaussirten meine
Füßchen vortrefflich das Ganze war eben so graziös einfach als distinguirt
    Als die beiden jungen Männer bei mir eintraten fanden sie mich mit dem
neuesten Werke über den ElektroMagnetismus beschäftigt Es war von der
belebenden Wirkung desselben auf die Nerven die Rede Ich hatte lange darüber
nachgedacht und mochte Etwas zerstreut sein als mir der Professor seinen Freund
nannte Der Diener präsentirte den Männern die Fauteuils und es entstand eine
wunderliche Pause weil ich in Meditationen der neue Gast in den Anblick meiner
Schönheit versunken war
    Endlich raffte ich mich empor und sagte »Verzeihen Sie mein Herr wenn ich
Sie bitte mir noch einmal Ihren Namen zu wiederholen Ich kenne sämtliche
Namen aller adeligen Geschlechter auswendig nebst ihren Wappen ich habe ein
immenses Gedächtnis indessen für die Namen der Bürgerlichen ist es miraculös
schwach und sie entschwinden mir sehr leicht wieder«
    Der Angeredete sagte sehr ruhig »Ich heiße Friedrich Wahl«
    »Ein Deutscher also«
    »Ja gnädige Gräfin«
    »Und was führt Sie nach Paris«
    »Ich bin Prosector an dem anatomischen Kabinet«
    Ein plötzlicher Gedanke durchzuckte mich Ich fragte »Sagen Sie mir mein
Herr gibt es Menschen die das Unglück haben ohne Herz geboren zu sein«
    »Unmöglich gnädigste Gräfin« entgegnete Friedrich »auch ist dies ein
Mangel über den sich wie mich dünkt noch Niemand beklagt haben wird am
wenigsten in Ihrer Nähe«
    Ein glühendes Rot überflog sein Gesicht Der milde Klang seiner Stimme
frappirte mich angenehm Ich zog mein Lorgnon hervor ihn zu betrachten Er
machte mir einen lebhaften Eindruck Groß kräftig und regelmäßig gebaut mit
schönen gradlinigen Gesichtsformen großen blauen Augen über die sich oft ein
feucht verschwimmender Glanz ergoss und mit reichem hellbraunem Lockenhaar war
er der Typus eines Deutschen eine angenehme Diversion unter all den dunkeln
Franzosen und fadblonden Engländern Seine Tournure hatte Nichts von der
recherchirten Nachlässigkeit der eleganten Kavaliere seine Toilette war die
simpelste von der Welt sein ganzes Maintien erinnerte mich an die Haltung
Napoleons wie er in sich selbst ruhend mit übereinander geschlagenen Armen
dargestellt wird
    Er hielt meinen Blick ruhig aus und sagte indem ein leises Lächeln über
seine Züge glitt »Sie scheinen kurzsichtig zu sein Frau Gräfin Befehlen Sie
dass ich Ihnen näher rücke«
    Diese Worte von einem Manne gesprochen der noch wenig Augenblicke vorher
ganz fascinirt gewesen war von dem Zauber meiner Schönheit machten mir einen
wunderbaren Effect Ich wollte diese Impertinenz mit einem wahrhaft
aristokratischen Kontrecoup vergelten und fragte »Wollen Sie mir sagen mein
Herr Wahl was Sie zu mir führt Sie bedürfen wahrscheinlich einer Protection
die Sie in mir zu finden hoffen und die ich gern gewähren will«
    Friedrich lächelte wieder und entgegnete »Gnädige Gräfin ich bedarf keiner
Protection denn ich bin ganz und gar unabhängig«
    »Sie sind reich«
    »Im Gegenteil Ich würde Ihnen vermutlich arm erscheinen hätten Sie
Gedächtnis genug die Einkünfte eines Bürgerlichen zu behalten aber ich bin
reich weil ich früher ganz arm gewesen bin und mir also relativ sehr reich
erscheine«
    »Und wem verdanken Sie diese Wandlung Ihrer Verhältnisse«
    »Mir selbst und ich möchte auch sonst Niemandem Etwas verdanken«
    Friedrichs Selbstgefühl enchantirte mich weil es mir in dieser Weise neu
war Ich hatte mich bis dahin in halbliegender Stellung mit prächtiger
aristokratischer Nachlässigkeit verhalten und mit der Kette meines Lorgnon
gespielt Jetzt fand ich dass dieser Mann die Mühe verlohnte sich für ihn aus
den indolenten Alluren zu reißen Ich richtete mich empor kreuzte graziös meine
Füßchen auf dem Tabouret und lehnte meine superbe sammetweiche fabelhaft
kleine Hand auf das dunkle Sophakissen Sie sah darauf aus wie eine rötliche
chinesische Primel die im Frühjahr zum ersten Sonnenstrahl aus dem dunkeln
Erdreich hervorguckt Ich merkte dass Friedrich trotz seines Selbstgefühls
trotz seines forcirten Spottes kein Auge von meinen Händchen verwenden konnte
und ich gönnte ihm generös die Freude des Anstaunens indem ich sie in das
rechte Licht brachte
    »Aber um Alles in der Welt lieber Professor«
    sagte ich lachend zu dem Chemiker der schweigend und ganz verwundert über
diese originelle erste Entrevue dagesessen hatte »was haben Sie mir da für
einen wunderlichen Gast gebracht Ich glaube Sie wollen mich persuadiren statt
der chemischen Analysen einmal einen Charakter zu analysiren wer weiß ob ich
dazu das Talent habe und ob die Elemente nicht so flüchtig sind dass ich sie
nicht zu fixiren verstehe«
    »Sie würden noch mehr erstaunen verehrteste Gräfin« sagte der Chemiker
»wenn Sie wüssten was meinen Freund zu Ihnen geführt hat Er ist ein
begeisterter Anhänger der Jetztzeit des Liberalismus der Entwickelung der
Humanität wie sie sich jetzt unter uns offenbart und war begierig Sie
gnädige Gräfin kennen zu lernen weil ich ihm erzählt hatte dass all dieses für
Sie gar nicht existire«
    »In der Tat,« fiel ihm Friedrich abermals flüchtig errötend in das Wort
»in der Tat, ich war begierig eine Frau kennen zu lernen die ganz Paris als
das Wunder der Schöpfung anstaunt deren Geist alle Welt anerkennt und die es
dennoch möglich gemacht haben sollte sich vor dem Einflusse der heiligsten und
erhabensten Ideen zu bewahren die die bewegende Kraft unsers Jahrhunderts
sind«
    »Also auf eine Proselytin war es abgesehen« rief ich aus »O mein Herr
Wahl den Gedanken desavouiren Sie gewiss wenn Sie mich kennen Ich bin nun
einmal von einer besonderen Natur ich bin wunderbar exclusiv mein Geist hat
seine eigentümlichen Alluren Vielleicht dass ich mich zu groß fühle mich in
Ihre heilige Allgemeinheit zu verlieren vielleicht scheine ich mir eines
besonderen Loses würdig ein être à part zu sein Denken Sie was Sie wollen
Geben Sie mir Seraphsschwingen mich zum Äther zu tragen oder die
Fledermausflügel eines Dämons mich hinabzusenken in die nächtlichen Tiefen der
Existenz  nur vor den Alluren Ihrer staubgeborenen Menschen lassen Sie mich
sicher sein Ich mag nicht im Staube leben ich mag Nichts mit der Menge gemein
haben und mein Fatum ist mir gnädig gewesen ich heiße Diogena ein Name den
vielleicht Niemand außer mir trägt auf Erden Vielleicht hat mich dies für meine
exclusiven Neigungen prädestinirt«
    Indem ich diese Worte sprach hörten wir in meinem Laboratorium das Platzen
einer Retorte und der Professor auf den dieser Ton eine magnetische Attraction
übte stand auf um sich zu überzeugen was geschehen sei Ich blieb mit
Friedrich allein und sagte »Mir wäre es ganz recht wenn das ganze Laboratorium
in die Luft gesprengt würde den Professor ausgenommen«
    »Und doch behauptet mein Freund Sie wären mit dem Studium der Chemie
leidenschaftlich beschäftigt« meinte Friedrich
    »Ich war es jetzt ist die Zeit vorüber Ich kenne jetzt von der Chemie
Alles was man bis auf diese Stunde entdeckt hat ich bin zu neuen unerhörten
Forschungen vorgedrungen was ich suchte fand ich nicht und so hat ihr Reiz
für mich aufgehört«
    »Und darf ich fragen welches Problem Sie zu lösen begehrten«
    »Ich hoffte aus der Art in der sich in der Natur die wahlverwandten
Elemente ergreifen um sich unauflöslich zu fassen und zu vereinen eine
Analogie zur Decouverte des Wahlverwandten in den Menschennaturen zu finden
Während ich die Dinge in ihre Elemente auflöste hoffte ich den Weg zu der mir
verwandten mir ewig eigenen Menschennatur zu finden es reussirte nicht und so
bin ich der toten Wissenschaft müde und um eine Illusion ärmer«
    »Das heißt um eine Wahrheit reicher« sagte Friedrich
    
    »Das ist auch eine von den modernen Tendenzphrasen die ich hasse Ich suche
die Wahrheit nicht ich suche die Liebe und das Glück«
    »Sie suchen die Liebe In Andern oder in sich«
    »Ich fand sie weder in jenen noch in mir«
    »Sie Sie Gräfin Sie suchten nach Liebe und vergebens Aber das ist ja
unmöglich da Jeder anbetend und verlangend vor Ihnen niederstürzen muss«
    »Was wollen Sie« sagte ich indifferent »es mag in einer fehlerhaften
Organisation meines Herzens liegen dass die Liebe nicht in demselben agiren und
reagiren kann Ich möchte das Herz in seiner physischen Structur kennen um es
in seinen Empfindungen danach zu beurteilen Ich möchte wissen wie das
Fluidum das die Welt beseelt das in dem einzelnen Menschen agirt und von ihm
ausströmt auf die ihm verwandte Natur influirt Mit einem Worte ich möchte
Antropologie studieren und Anatomie treiben Wollen Sie mein Lehrer sein«
    »Haben Sie jemals eine Leiche gesehen gnädige Gräfin«
    Ich dachte an Ermanby und mir schauderte Ein leichter Frison fuhr über
meine Glieder aber ich schämte mich seiner als einer unwürdigen Schwäche Ich
sagte Friedrich dass ich vor den Schrecken einer Wissenschaft nicht zurückbebe
dass freilich mich die geringste Geschmacklosigkeit in der Ausdrucksweise eines
Menschen au dernier degré degoutire dass mich ein unharmonisches Geräusch nervös
mache dass ich aber mehr ertragen könne als ein Mann wenn es darauf ankäme
mich durch neue Sensationen aus meinem Ennui zu befreien
    »So haben Sie die Gnade Frau Gräfin Ihren Wagen zu befehlen und erlauben
Sie mir Sie heute versuchsweise in die Morgue zu führen«
    Es geschah Als wir in dem feuchten nebligen Winterwetter durch die nassen
dampfenden Straßen von Paris fuhren blickte Friedrich mehrmals seufzend zu den
geschlossenen Fenstern hinaus Ich fragte ihn was ihm fehle
    »O« sagte er »in diesem Momente Frau Gräfin fehlt mir Nichts aber grade
das erinnerte mich an eine Zeit in der ich Alles entbehrte in der ich hungernd
und frierend aus der Armenschule in meine elende Bodenkammer heimkehrte und
meine kranke Mutter ohne Feuer fand weil sie für dies Ersparnis das Licht
kaufte bei dem ich mich für meine Lectionen vorbereitete Meine Mutter ist in
der Armut gestorben und ich genieße jetzt zu meinem Schmerze ohne sie ein
Wohlleben das ihr fürstlich scheinen würde und das ich so gern mit ihr geteilt
hätte«
    »Und haben Sie keinen Bruder keine Schwester die jetzt an Ihrem Success
Teil nehmen«
    »Ich habe Niemand Mein Vater starb vor meiner Geburt ich bin ganz allein
in der Welt ich habe Niemand der liebend an mich denkt Niemand der meiner
bedarf in besonderer Liebe da wendet denn das Herz sich der Menschheit zu und
sucht in ihr die Liebe seines Herzens«
    Bei diesen Worten legte sich wieder der feuchte Glanz über die Iris seines
tiefblauen Auges Die Rührung in dem Angesichte eines schönen Mannes hat eine
aparte Grazie ein Charakter ist so selten eine weiche impressionable Natur
Ich fragte mich innerlich was mich an diesem deutschen Professor interessire
dessen Manieren dessen Moquerie zu Anfang unserer Entrevue wirklich so sehr an
das Beleidigende streiften dass man es nur pardonniren konnte wenn man annahm
er ignorire den usage du monde Endlich fiel es mir ein es sei eben dies
bürgerliche Element das mir neu und darum reizend sei Die ausgezeichnetsten
Frauen unseres Hauses Gräfin Ilda Schönholm Gräfin Kornelie meine Mutter
Sibylle Margarete Tierstein Alle hatten einen bürgerlichen Liebhaber eine
Episode mit einem Bürgerlichen gehabt und Alle hatten einen passageren Reiz
darin gefunden Dies beruhigte mich über die unwillkürliche Sensation die ich
empfand ich hatte gewähnt mein adelig Blut revoltire dagegen dass ein
gewöhnlicher Professor ein Friedrich Wahl es schneller fließen machte
    So weit war ich in meinen Meditationen gekommen als wir in der Morgue
anlangten Friedrich war dort bekannt Er führte mich in den Saal in dem die
Leichen ausgestellt waren Dort lag ein junger Mann aufgedunsenen blau
unterlaufenen Gesichts man hatte ihn aus dem Wasser gezogen ganz in der Nähe
des Pontneuf Ein Greis mehr einem Skelett als einer menschlichen Gestalt zu
vergleichen mumienhaft eingetrocknet war sein Nachbar »Er ist wohl vor Hunger
und Schwäche gestorben« meinte Friedrich und führte mich weiter an der Leiche
eines jungen Mädchens vorüber die sich im Kohlendampfe erstickt hatte Lange
aufgelöste Haarflechten hingen an ihrem Haupte hernieder die Augen waren starr
geöffnet ein weißer Schaum stand vor dem schön geformten Munde Ich bebte vor
Entsetzen der furchtbare Leichengeruch drohte mich ohnmächtig zu machen meine
Sinne schwanden »O« sagte ich zu Friedrich »aber dies ist ja horribel und
unter solchen Szenen des crassesten Todes konnten Sie leben O um des Himmels
willen aber das ist insupportabel«
    »Und doch Frau Gräfin lehrt uns nur der Tod das Leben verstehen doch
finden wir indem wir die tote menschliche Gestalt in ihrer wunderbaren
Organisation betrachten das Mittel dem lebenden Organismus zu Hilfe zu kommen
wenn ihn Störung bedroht Aber lassen Sie uns gehen dies ist ich wusste es
kein Anblick für eine Dame wie Sie«
    Er hatte meinen Arm genommen und wollte mich hinausführen Es schien mir
als läge eine leichte Färbung von Spott auch in diesen letzten Worten Das
verdross mich Ich überwand den Degout den instinctiven Schauder den ich
fühlte dieser stolze Mann sollte sich nicht rühmen können eine Faiblesse an
mir gesehen zu haben Ohne die geringste Flection der Stimme rief ich lächelnd
»O fürchten Sie Nichts Herr Wahl in uns Frauen der Aristokratie ist Mut und
Race wir dauern aus wo Ihre Bürgerfrauen matt zusammenbrechen Für die
Wissenschaft ist mir kein Sacrifice zu schwer Führen Sie mich jetzt nach Hause
bestellen Sie die nötigen Bestecke sorgen Sie für die anatomischen Präparate
die uns indispensabel sind und kommen Sie in drei Tagen zu mir wir wollen
unsern Cursus dann beginnen«
    »Sie scherzen Frau Gräfin« sagte Friedrich
    »Was berechtigt Sie zu dem Glauben dass ich dies der Mühe wert finde«
fragte ich mit einem superben Accent von Hochmut vor dem Friedrich erbleichte
Als ich dies sah fühlte ich dass man diesem Manne gegenüber andere Alluren
annehmen müsse als gegen die an weibliche Impertinenz gewöhnten Männer der
Salons Ich lenkte ein gab ihm mit graziösem Lächeln mein Händchen und sagte
neckisch »Auf übermorgen also mein Herr Professor Sein Sie nur nicht zu
rigorös mit Ihrer Elevin und denken Sie hübsch dass wir Frauen der Aristokratie
unsere eigentümlichen Alluren haben für die ich im Voraus Ihre Nachsicht
erbitte Wollen Sie die haben«
    »Frau Gräfin« rief Friedrich »o Sie wissen es dass diesem Blicke diesem
Klange kein Mann widersteht warum ziehen Sie mich in einen Zauberkreis in dem
ich niemals zu leben hoffen darf«
    »So tragisch« sagte ich »Aber wer denkt denn an Zauber und Zauberkreise
Von Anatomie ist die Rede und ich erwarte Sie also übermorgen Auf Wiedersehen
mein Herr Professor«
    Ich sprang aus dem Wagen er geleitete mich zu meinem Zimmer wo ich ihn mit
einer nobeln Handbewegung congedürte
    Während ich meine Toilette machte für einen Ball bei dem preußischen
Gesandten ließ ich meinen Kammerdiener kommen und sagte ihm ich wünsche ein
Changement mit meinem Laboratorium vorzunehmen Der Schornstein müsse vermauert
die Fenster mit Spiegelgläsern versehen ein Fenster oben an dem Plafond
angebracht werden weil ich volle Lumière brauche Dann bestellte ich einen
Sectionstisch mit einer Marmorplatte Schränke für anatomische Präparate
Glasflaschen und Spiritus zur Konservirung derselben und eine Menge von Odeurs
der kostbarsten Art um während der Lectionen zu räuchern und sich später damit
zu desinficiren dabei machte ich die Kondition dass Alles in zwei Tagen beendet
sein müsse
    Als ich eben mein Bracelett anlegte und Rosalinde noch einen Esprit von
Brillanten an meiner Koiffure befestigte trat der Fürst Kallenberg ein und
blieb wie geblendet von meiner Schönheit in der halb erhobenen Portière meines
Boudoirs stehen in das ich bereits aus dem Toilettenzimmer getreten war
    »Sie kommen sehr apropos lieber Fürst« rief ich ihm entgegen »Ich war
heute in der Morgue um mich mit dem Anblick von Kadavern zu familiarisiren da
ich übermorgen meinen anatomischen Cursus beginne Könnten Sie mir nicht die
Leiche irgend eines Kindes aus einem aristokratischen Hause verschaffen Es
liegt mir etwas Unbehagliches darin an einer Leiche von niederm Stande zu
operiren«
    Der Fürst sah mich mit einem fast stupiden Ausdrucke von Bewilderung an
»Aber meine Gräfin« sagte er »was für miraculöse Inclinationen hat Ihre
immense Seele Sie vaguiren aus einem Extrem in das andere Werden Sie denn
niemals ein Genügen finden Sie wissen ich respectire Ihre Alluren indessen
dies scheint mir doch fast zu extravagant Sie Sie teure Gräfin wollten die
rosigen Händchen mit Blut beflecken Aber wo wollen Sie denn enden«
    Es war die längste Rede welche Fürst Kallenberg jemals gehalten das erste
Raisonnement das ich jemals von ihm gehört hatte Auch wirkte es auf mich wie
das maidenspeech eines immer schweigenden Parlamentsmitgliedes Ich sah wie
sehr der Fürst mich lieben müsse um zu einer Demonstration verleitet zu werden
die so ganz außer den Grenzen seiner Natur lag Deshalb nahm ich mir die Mühe
ihm zu antworten was ich nicht immer tat
    »Sie fragen mich lieber Fürst wann ich Ruhe und Genügen finden würde
Sehen Sie das Leben meiner Mutter und meiner Tante Faustine an und antworten Sie
sich selbst Wir sind die Incarnation der Rastlosigkeit der Leere des
Müssigganges unserer Tage wir sind die weiblichen ewigen Juden auf uns ruht ein
Fluch wir sind tragische Gestalten Vampyrnaturen  und doppelt destructiv
weil wir das Bewusstsein davon haben weil eine Eiseskälte des starrsten Egoismus
uns unverwundlich macht Sehen Sie denn nicht Alles um mich her geht zu Grunde
die Herzen brechen und verbluten sich wohin ich wandernd komme und ich muss
fort immer weiter fort  o darin liegt aber ein furchtbares Malheur« rief
ich und warf mich in Verzweiflung dem Fürsten an die Brust in heiße Tränen
ausbrechend
    Der Fürst hatte mich nie eblouirender gesehen als in diesem Momente Er
schloss mich an sich und sagte »O meine Diogena dürfte ich Dich ewig so
halten dürfte ich meine Arme einen Talisman sein lassen der Dich einfriedete
in eine andere Welt«
    Die enorme Liebe machte ihn fast beredt Eine Weile ruhte ich an seinem
Herzen dann richtete ich mich empor und sagte »O wiegen Sie mich nicht ein in
Reverien von Glück und Ruhe die für mich nicht existieren meine tragische
Mission ist noch lange nicht beendet ich muss fort und suchen wo ich den
Rechten finde Und nun lassen Sie uns eilen zu dem Ball bei dem Ambassadeur
ich bin zu allen Kontretänzen engagirt«
    Zwei Tage darauf waren alle meine Befehle erecutirt und der anatomische
Cursus begann Ich ward der Wissenschaft mit unglaublicher Leichtigkeit Herr
meine kleinen Händchen kamen mir wunderbar bei dem Präpariren zu Statten Mit
derselben Perfection mit der ich früher die elegantesten Decoupuren von
schwarzem Papier gefertigt machte ich jetzt die feinsten Nervenpräparate
spritzte Venen aus und secirte die zartesten Zellgewebe Mein Lehrer war in der
vollsten Admiration dieses stupenden Talentes Vorzüglich aber interessierte mich
das Herz als wir nach einigen Tagen uns damit zu beschäftigen anfingen Es
tentirte mich diesen Muskel in dem sich unsere sublimsten Sensationen
vibrirend kund geben in seinen minutiösesten Details zu kennen und ich
arbeitete noch fort als schon die Dämmerung begann und Friedrich sein Messer
aus der Hand legte
    »Lassen Sie uns aufhören gnädige Gräfin« sagte er »es wird zu dunkel«
    »O dunkel ist Alles« rief ich achtlos aus
    »Alles« fragte Friedrich  »auch Ihr sonnenhelles Dasein«
    »Unseliger müssen Sie mich daran mahnen«
    Ich hatte die kleine Aermelschürze von dunkelm Taffet abgeworfen die ich
bei der Arbeit trug und war aus dem Kabinet in mein Boudoir getreten Rosalinde
präsentirte mir ein Lavoir von Sèvresporzellan in dem ich mich säuberte
reichte es dann Friedrich goss Odeurs über unsere Hände parfumirte das Zimmer
und entfernte sich Ich warf mich in einen Fauteuil zunächst dem Kamin gab
Friedrich ein Zeichen sich ebenfalls niederzusetzen kreuzte meine Füßchen auf
dem Tabouret vor dem Feuer dessen Glut mich beschien und beobachtete in
halber Distraction den schweigsamen Friedrich dessen Auge mit Spannung all
meinen Bewegungen folgte
    »Frau Gräfin« sagte er endlich »wissen Sie wohl dass Sie mich meiner
Wissenschaft abwendig machen Ich werde nicht mehr wiederkehren dürfen«
    »Wie das«
    »O ich empfand es gestern Frau Gräfin ich kann nicht mehr seciren Ich
sehe Nichts als Sie Ich kann die Spitze meines Messers nicht mehr in die Iris
einer Pupille stoßen ohne dass mir Ihr wundervolles Auge vorschwebt Meine Hand
zittert meine Gedanken verwirren sich Ihr Name schwebt auf meinen Lippen ich
werde zerstreut meine Schüler kennen mich nicht wieder«
    »So werden Sie mindestens wieder den Reiz der Neuheit für dieselben haben«
    »Sie scherzen« sagte Friedrich »und doch spreche ich ernstaft über eine
heilige ernsthafte Empfindung Wollen Sie mir die Güte erzeigen mich
anzuhören«
    »Mit wahrem Interesse für Alles das Sie berührt lieber Friedrich«
    »So hören Sie Ich habe Ihnen gesagt dass ich einsam aufgewachsen bin in
Not und Arbeit dass ich mir langsam und stufenweise den Weg gebahnt habe zu der
Stellung die ich jetzt einnehme und die mir bis vor wenigen Tagen genügte all
meinen Forderungen und Wünschen entsprach Ich lebte ein ernstes Dasein mitten
in dem Vergnügungswirbel und mitten unter dem wilden Lebensstrudel von Paris
ganz meiner Wissenschaft angehörend mit dem Geiste ganz dem Volke mit meinem
Herzen Es war ruhig und friedlich in meiner Seele«
    Er hielt inne und schien zu erwarten dass ich ihn unterbrechen würde da ich
dies nicht tat fuhr er fort »Mein Freund Ihr Lehrer in der Chemie lernte
Sie kennen und statt der ernsten Gespräche die wir sonst auf unsern Promenaden
an unserm Kamine führten trat Ihre Strahlenerscheinung zwischen uns Ich ward
begierig eine Frau kennen zu lernen die im vollsten Glanze der Jugend und
Schönheit von den brillantesten Festen heimkehrt zu tiefsinnigen Forschungen an
dem Schmelzofen Mein Freund verschafte mir die Gunst Ihnen vorgestellt zu
werden«
    Noch einmal unterbrach er sich fuhr mit der flachen Hand über die Stirn und
sagte dann tief atemholend wie Jemand der einen entscheidenden Schritt zu
tun bereit ist »Ihre erste Erscheinung wirkte auf mich wie ein neuer Tag wie
ein neues Licht Ihre aristokratisch hochmütige Weise stieß mich ab beleidigte
mein Selbstgefühl ich hätte Sie fliehen und verabscheuen mögen hätte nicht ein
trügerisches Gefühl das ich damals nicht erkannte mir zugerufen bleibe um
die Hochmütige zu demütigen Zeige ihr durch eine Einsicht in das All der
Wissenschaft die große geheimnisvolle Weltmacht den Allgeist vor dem ihr
Hochmut so töricht ist wie das Revoltiren eines Insektes gegen die
Weltordnung Zeige ihr dass sie Deinesgleichen ist  denn das allein wollte ich
um Ansprüche machen zu dürfen an Sie«
    Ich fuhr empor Friedrich bemerkte es und hielt mich zurück indem er vor
mir niederknieend meine Hände in den seinen festhielt
    »Unterbrechen Sie mich nicht sagte er mit einer Art von Heftigkeit es
handelt sich hier nicht um eine flüchtige Declaration Ich stehe nicht als ein
Bettler vor Ihnen der um ihre Gunst fleht ich stehe als ein Mann da als ein
liebender Mann der  selbst sehr leidend  unsägliches Erbarmen hat mit Ihnen
und Sie retten möchte weil er die Kraft der Liebe zu seinem Beistande hat«
    »Und wissen Sie ob ich diesen von Ihnen anzunehmen geneigt bin« fragte
ich während meine Seele in ungekannter Verehrung zu ihm emporblickte
    »Das müssen Sie Gräfin ich würde versuchen Sie dazu zu zwingen weil ich
Sie liebe«  Er schwieg abermals und schien zu überlegen dann sagte er »Ich
hielt Sie für kokett für untergegangen in dem Schlammpfuhl niedriger
Sinnlichkeit die unablässig nach neuem Genuße jagt Ich hatte von Ihrem Leben
gehört was man in den Salons und aus diesen in die Kaffees berichtet Man
nannte mir die große Zahl Ihrer begünstigten Liebhaber  aber ich glaubte nicht
mehr daran als ich Sie gesehen hatte mit Ihren Kinderhändchen mit Ihrem edelen
zarten Wesen den Schrecken des Todes gegenüber Stich halten  als ich gesehen
hatte wie Sie in dem Ernste der Wissenschaft Trost und Ersatz suchten für ein
Glück welches das Leben Ihnen grausam versagte Sie sind nicht schlecht
Gräfin o nein nein Ein Engel sind Sie an Leib und Seele aber Sie sind sehr
unglücklich gewesen«
    »O namenlos namenlos unglücklich« rief ich aus »einsam ohne Liebe und
die Liebe suchend die Liebe die allein mich glücklich machen konnte die ewig
ekstatische nimmer verglühende Liebe«
    Friedrich sah wie verklärt aus er legte sich meine Hände über seine
Schultern und umschlang meinen Leib mit seinen Armen »Du armes armes Kind«
sagte er selbst mit der spielenden Grazie eines Kindes »ich ahnte es gleich
was Du suchtest in den Herzen der Gestorbenen  Du suchtest die Liebe  Ach
meine Diogena mein holdes Engelsbild die Liebe ist nur in dem lebenden Herzen
denn die Liebe ist das Leben Sieh mein Engel hier hier fühle es da klopft
die Liebe in meiner Brust zum ersten Male in meinem Leben Sieh hier ist ein
Herz in dem nie ein anderes Frauenbild lebte als das Deine  hier ist ein
unentweihter Altar  wohne hier Du Göttliche Du Du allein und für ewig«
    Eine seltsame Wehmut überschlich mich Friedrich war magnifik in dieser
Ekstase die den ernsten ruhigen Mann wunderbar embellirte Es schmeichelte
mir das erste Weib zu sein das ihn die Gewalt der Liebe kennen lehrte es
freute mich den stolzen Bürgerlichen vor mir knieen zu sehen und während mich
die Hoffnung er sei vielleicht der Rechte in süße Emotion versenkte beruhigte
mich der Gedanke dass ja auch all die andern exclusiven Gräfinnen sich ihrer
Liaison mit einem Bürgerlichen nicht geschämt hätten Vor allen Dingen aber
gefiel er mir und ich raisonnirte mir dies Alles nur vor um mir die Regungen zu
seinen Gunsten nicht einzugestehen Indessen hielt ich es meinem Range
angemessen ihm den Sieg nicht zu leicht zu machen
    Ich machte mich sanft von ihm los und sagte indem ich meine Rechte auf sein
Haupt legte und mit der Linken sein Kinn in die Höhe hob so dass ich ihm fest in
die schöne blaue Iris seines treuen Auges sah »Und wer bürgt Ihnen dafür
lieber Friedrich dass ich überhaupt für Liebe sensibel der Liebe capabel sei«
    »O Diogena« rief er mit dem Tone der vollsten Konviction
    »Sehen Sie Friedrich ich war verheiratet der Graf hat mich geliebt Lord
Ermanby der Vicomte Servillier sind aus Liebe für mich gestorben Fürst
Kallenberg betet mich an ich habe sie Alle zu lieben versucht ich habe es
nicht vermocht Mein Herz ist tot geblieben und kalt ich denke ihrer nicht
mehr Ich suche heute noch nach Liebe nach der Liebe die ich meine  und «
    »Und« fragte Friedrich bebend und erbleichend
    »Ich hoffe ich habe sie gefunden«  lispelte ich leise und lehnte mich an
ihn
    »O Gott des Himmels« rief er und presste mich mit glühender Leidenschaft an
sich mich mit seinen Küssen bedeckend
    Ach es liegt ein eigentümlicher Charme in der Fülle unentweihter Liebe
Friedrichs Ekstase enchantirte mich und während ich ihm immer und immer
wiederholen musste dass ich noch nie geliebt dass ich immer unbefriedigt immer
kalt gewesen sei schwor er mit höchster Konviction jetzt würde ich lieben
lernen denn seine Liebe müsse mich erwärmen
    »Sieh Diogena« sagte er »die Liebe ist ein ewig bindendes Gefühl Du musst
mein werden durch den Segen der Kirche mein Weib meine Hausfrau Du musst da
sein wenn ich müde bin von der Arbeit mir zulächelnd mich belebend die Hebe
welche dem Hercules den Trank ewiger Jugend bietet O Süße willst Du mein Weib
sein«
    Ich war wie aneantirt Von Ehe von Heirat zu sprechen mir der Gräfin
Diogena mir der Nichte Faustinens das war doch wirklich zu bürgerlich Aber
das ist der Fehler der Roturiers sie sind materiell in ihren Begriffen sie
verlangen solide Possession wohl hypotekirt ins Kirchenbuch geschrieben Sie
verstehen Nichts von der Aisance unserer Liaisons die wir binden und lösen nach
unserm Ermessen Was uns idealste Poesie scheint ist ihnen profunde
Depravation Das ist ein großes Übel mit der Bourgeoisie Ich bedachte mich
einen Moment was ich tun solle Sagte ich ein decidirtes Nein so riskirte
ich Friedrich mit seinen sogenannten moralischen Idealen auf ewig von mir zu
entfernen und das wollte ich nicht denn er gefiel mir ich liebte ihn sogar
auf meine Façon Da fiel mir ein wie sich Gräfin Ilda Schönholm auch eine nahe
Verwandte meiner Mutter klug aus dem Embarras gezogen hatte und als Friedrich
mich noch einmal fragte »Diogena willst Du mein Weib sein mein treues
liebendes Weib« antwortete ich wie Jene
    »Ich will es versuchen«
    »Und wirst Du glücklich sein wirst Du mich lieben«
    »Ich will es versuchen« antwortete ich wieder
    Friedrich ließ mich los und sah mich forschend an »Diogena« rief er »mein
Engel mein Kopf verwirrt sich ich verstehe Dich nicht Was will es sagen dies
wunderbare Ich will es versuchen und wie versucht man die Ehe  O mein Engel
das ist ein hässliches böses Wort  das sprach die kalte herzlose Gräfin nicht
Du nicht meine süße schöne Geliebte«
    Friedrich war so ganz Glück so ganz zum frohen Jüngling umgewandelt dass er
mich mit sich fortriss Er schilderte mir die Seligkeit der Ehe wie er sie sich
bisweilen in seinen einsamen Reverien ausgemalt hatte dies Du und Du engsten
Beisammenseins paisibler Begrenzung mit einer Liebe mit einer Innigkeit dass
ich anfing ein Penchant dafür zu fühlen und mich selbst danach zu sehnen
    »O« rief ich »mein Friedrich das was Du mir da schilderst ist wohl
schön aber unerreichbar für die Gräfin Diogena so sehr Deine süße Geliebte
sich danach sehnt Sieh mein Friedrich an die Gräfin hat die Welt Ansprüche
ich habe die Gesellschaft zu menagiren ich habe Egards zu nehmen für meine
Position die ich durch meine wissenschaftlichen Kapricen wohl ein wenig
compromittirt habe die Gesellschaft  «
    »Ach mein Engel wirf sie von Dir diese Sklaverei der Gesellschaft Ich
liebe nicht die Gräfin ich liebe Dich Du Geliebte Komm meine süße Diogena
lass uns Paris verlassen lass uns fortgehen von hier nach irgend einem stillen
Fleck der Erde an dem Niemand uns kennt Niemand unsere traute Einsamkeit
stört Willst Du das Liebe«
    »Mit tausend Freuden« rief ich aus Die Proposition war so originell bei
unsern beiderseitigen Verhältnissen dass sie mich um ihrer Originalität willen
reizte Friedrich verließ mich um sich einen Urlaub zu erbitten ich expedirte
meine Visitenkarten mit dem officiellen p p c an alle meine Bekannten ließ
eine simple Toilette packen befahl nur Rosalinden sich zu meiner Begleitung
parat zu halten und verbot den Domestiken den Fürsten auch wenn er danach
frage über meine Abreise zu avertiren Das anatomische Kabinet wurde
geschlossen die Studien in den toten Herzen der Kadaver fürs Erste
suspendirt denn ich war entschlossen noch einmal mit einem lebenden liebenden
Herzen zu experimentiren
    In den Emotionen des unerwarteten Glückes der ersten Liebe unter den
Präparationen für unsere Abreise dachte Friedrich nicht mehr an das bürgerliche
Amusement einer solennen Kopulation Ich war sein dies satisfaisirte ihn und
machte ihn indifferent gegen die ganze übrige Welt
    Nach wenig Tagen saßen wir in meiner höchst comfortablen Kalesche ohne
Domestiken nur Rosalinde mit uns Dies gab ein wunderliches Dilemma denn
während ich mich über die bürgerliche Simplicität dieser improvisirten Reise
divertirte war Friedrich enchantirt von dem ungekannten Komfort den er in
einer eigenen Reiseequipage genoss Ihn machte es glücklich tausend kleine
Dienste zu übernehmen die sonst mein Kammerdiener mir leistete und ich fand es
süß von seiner adorirenden Liebe bedient zu werden so waren wir Beide sehr
heiter und animirt Es war die angenehmste Zeit deren ich mich erinnere
    Wir gingen von Paris nach Marseille schifften uns für Neapel ein und
durchwanderten die Inseln und Italien nach allen Distancen Friedrichs profunde
Gelehrsamkeit bot ihm überall Stoff zu neuen Entdeckungen die er vor meinem
immensen Geiste niederlegte wie ein Anderer den duftenden Strauss an den Busen
der Geliebten drückt Meine divinatorischen Apercus inspirirten ihn und unter
seinen heißen Liebesküssen dictirte er mir ganze Volumen voll tiefsinniger
Forschungen die seinen Namen auf die späteste Nachwelt tragen werden
    Dies Reisen geteilt zwischen Liebe und Wissenschaft hatte etwas wunderbar
Ausfüllendes Ich ennuyirte mich nie ich gewann Geschmack an einem laborieusen
Leben bei rastlosem Reisen die Existenz eines gelehrten Touristen contentirte
mich so sehr Friedrichs Liebe war so ungeheuchelt frisch und warm dass ich in
der Tat nicht daran dachte ob ich ihn liebe oder nicht Ich fragte mich nicht
was empfindest du Ich ließ mich in diesem passiven bien être gehen
    Indes Friedrich fand nachdem mir selbst ein Mirakel dies Touristenleben
mehr als ein Jahr gedauert hatte ohne mich zu ennuyiren diese Art der Existenz
unbefriedigend Er verlangte nach einem festen Domicil er wollte wieder ein
bürgerliches Glück und häusliche Ruhe Mich in Paris in bürgerlicher
Glückseligkeit als Frau Professorin zu etabliren wäre ein Heroismus gewesen
dessen ich mich nicht capabel fühlte Mir bangte davor Personen meines Kreises
während dieses bürgerlichen Idylls zu begegnen obschon es mich noch immer
merveilleusement contentirte So schlug ich Friedrich vor nach Pisa zu gehen
und sich dort um die vacante Professur der Anatomie bei der Universität zu
bewerben
    Friedrich fand die Idee zusagend meldete sich zu dem Amte und erhielt es
da sein Ruf bereits ein europäischer war Nach wenig Wochen war ein stilles Haus
an dem Katarinenplatze gemietet und ich hauste darin mit Rosalindens Beistand
unter dem Titel der Frau Professorin Aber nach dem Eintritte in dies Haus ging
ein veritables Changement mit Friedrich vor
    Er zeigte Kollegia an es meldeten sich Zuhörer sein Auditorium ward das
frequentirteste Das spornte seine Ambition er fing an rastlos zu studieren er
operirte und secirte den ganzen Tag Ich fand es horribel es langweilte mich
tötlich und ich konnte nicht umhin mich darüber zu beklagen
    Wenn ich in dem stillen toten Pisa die langen Tage allein zugebracht
hatte so erschien Friedrich am Abende strahlend vor Satisfaction über irgend
ein Problem das er in Bezug auf die Blutkügelchen oder die Nervenphysik
decouvrirt hatte  Mit komischer Konsequenz wollte er mich bereden ich müsse
ein Interesse dafür haben weil ich einst selbst hätte Anatomie studieren wollen
Er begriff nicht dass man aus bloßer Kaprice sich für eine Wissenschaft portiren
könne dass man sie cultivire um sich zu desennuyiren und sie abandonnire wenn
sie diesem Zwecke nicht mehr entspreche Es tat ihm leid mich dafür
indifferent zu sehen und er bot die ganze Gewalt seiner Liebe auf die Wolken
der Unzufriedenheit der Ermüdung zu bannen die anfingen sich über meine
immense Seele zu lagern Aber auch dies gelang nur temporär Ich hatte seine
Liebe nun durch mehr als fünfzehn Monate genossen sie war immer dieselbe immer
ernst und mild bisweilen feurig und überwältigend aber das Alles kannte ich
nun à fond
    Ich regrettirte diese herannahende Ermüdung nicht cachiren zu können ich
wollte es ernstlich es mislang Naturen wie die meine können nicht heucheln es
gibt einen Grad des Egoismus der die Heuchelei unmöglich macht weil er in
wahnsinniger Verblendung sich ein despotisches Recht der Selbstbefriedigung
zugesteht und nicht einmal die Milde hat das Unrecht mit möglicher Schonung zu
tun
    Eines Abends saß ich auf dem Balcon unsers Hauses und sah hinab durch das
Laub der dichten Bäume vor unserm Fenster auf den Platz Einige Kinder spielten
daselbst es war sehr still Friedrich kam von der Anatomie nach Hause er war
müde und lehnte seinen Kopf an meine Schulter um zu ruhen während sein Arm
mich umschlang Es war ein heißer siroccoschwüler Abend und nach wenig Minuten
fühlte ich dass Friedrichs Haupt schwer und schwerer auf meiner Schulter wurde
Er war eingeschlafen
    Eine Träne trat mir in die Augen ich fühlte mich tief degradirt So weit
war ich gesunken dass ein bürgerlicher Professor es wagte einzuschlafen in
meinen Armen in den Armen der Gräfin Diogena Mit prächtiger Indignation sprang
ich empor Friedrich fuhr auf wie elektrisirt »Was gibt es Diogena« fragte er
erschrocken
    »O Nichts eine Kleinigkeit« sagte ich kalt die Gräfin Diogena wird es
müde dem Professor Friedrich Wahl in Sklavendiensten zu huldigen
    Friedrich sah mich ganz bewildert an und sagte »Ich verstehe Dich nicht
meine Diogena«
    »Du wirst es begreifen wenn ich Dir sage dass Du an meiner Seite
eingeschlafen bist«
    »Dann war ich sicher sehr müde«
    »Nicht müder als ich es bin dergleichen zu ertragen«
    »Aber mein holdes Leben« rief Friedrich der jetzt erst zu bemerken schien
dass ich wirklich irritirt sei »wie oft hast Du an meinem Herzen geschlummert
und welch ein Glück ist mir das gewesen Mit welch andächtiger Liebe habe ich
Dein Köpfchen an meine Brust gedrückt und die sanften Atemzüge Deiner Lippen
belauscht wie kannst Du zürnen wenn ich einmal ausruhe an dem Herzen meines
Weibes Du törichtes liebes Kind«
    Friedrich wollte mich umarmen aber ich ließ es nicht zu »Ich mag wohl
unverständig sein lieber Friedrich« antwortete ich »aber ich will Dir
bekennen dass mir unsere ganze Lebensweise anfängt au suprême degré zu
misfallen Wir kommen ganz in die bequemen Alluren der Ehe hinein das ist ein
Horreur Du tust als hättest Du positive Rechte an mich 
    »Diogena« rief Friedrich »und habe ich die nicht«
    »Und wodurch«
    »Du redest irre Diogena« rief Friedrich und fasste meine Hand »Wodurch
Und bist Du nicht mein Weib Hast Du nicht liebend Dich mir zu eigen gegeben mit
heißen flammenden Worten Bist Du nicht mein gewesen seit fast zwei Jahren
mein ganz und gar so dass ich des Kirchenbundes nicht mehr begehrte weil ich es
empfand es konnte dessen nicht mehr bedürfen Ich liebe Dich ich bin Dir eigen
mit Seele und Leib in treuster Hingebung und Du kannst fragen wodurch ich ein
Recht habe an Dich Du kannst das fragen das liebende Weib«
    »Friedrich« sagte ich  und zum ersten Mal im Leben empfand ich einen
tötlichen Schmerz bei diesen Worten denn ich wusste dass ich ein vergiftetes
Stilet drücke in sein Herz  »Friedrich ich mag Dich nicht täuschen ich liebe
Dich nicht mehr«
    Er erblasste trat einige Schritte von mir zurück und stand da in starrer
Versteinerung »Kann man denn aufhören zu lieben« sagte er wie Jemand in
wüstem Traume nach dem Unmöglichen fragt  »kann man denn aufhören zu lieben
was man geliebt hat wie ich Dich«
    »O« rief ich »ich glaube ich habe Dich niemals geliebt Vergib mir mein
Friedrich Du weißt es ich kann wohl nicht lieben Du kennst das Herz das
anatomische Herz in seinen geheimsten Verzweigungen mein Herz ist Dir ein
Mysterium geblieben es ist aber unergründlich Dir mir selbst ein Rätsel Du
hast gewähnt Deine Liebe eheliches Glück könne mir genügen aber  mein
Friedrich ich bin ja kein gewöhnliches Weib keine gewöhnliche Frauennatur O
ich wusste es wohl als ich es Dir sagte Ich will es versuchen Dein Weib zu
sein ich wusste ich könne die tödtliche Dauer der Ehe nicht ertragen die
vehemente Impetuosität meines Wesens revoltirt gegen die Dauer gegen die
unwandelbare Treue«
    Friedrich sah mich an als sei die Welt im Versinken begriffen und sagte
tonlos »Diogena ein Weib das sich einem Manne zu eigen gibt ohne den Vorsatz
wandelloser Treue ist sehr elend«
    »O« rief ich mit allem prächtigen Stolze meines aristokratischen
Bewusstseins »so urteilst Du befangen in blödsichtiger Bürgerlichkeit Die
Treue ist Bornirteit ich bin unbegrenzt meine Untreue ist sublim ist
göttlich Was Du Wankelmut nennst ist die erhabene Forschungslust des Adepten
der rücksichtslos das letzte Geldstück welches die Seinen vor dem Hungertode
retten sollte seinem Schmelztiegel übergibt um den Stein der Weisen zu finden
den er so wenig kennt als ich das Herz die Liebe den Mann den ich suche Wir
glauben Beide an die Existenz eines Unmöglichen eines Mirakels und wir müssen
es suchen bis wir es finden«
    »Diogena ich glaubte an Dich ich liebte Dich Du brichst mir das Herz«
    »Ich darf die Opfer nicht achten die es mich kostet« sagte ich »denn auch
ich leide in diesem Momente O ich leide sehr« rief ich und fing zu weinen
an
    Als Friedrich meine Tränen sah stürzten auch die seinen unaufhaltsam
hervor »Diogena« sagte er »meine ganze Liebe war Dein ist Dein und das
genügt Dir nicht«
    Ich war gerührt nahm mild seine Hand und sagte »Mein Friedrich Du bist
der erste Mann den ich beklage weil er mir nicht genügte Aber sieh ich kann
nicht anders Deine Liebe bleibt sich ewig gleich ist immer dieselbe gewährt
ein ruhig Glück Das habe ich nie gewollt Ich verlange eine göttliche Anbetung
in täglich neuer Form ich verlange täglich neue gesteigerte Glut ich
verlange vielleicht Unmögliches  aber das Mögliche widert mich an Ich weiß
ich bin eine Titanennatur ein weiblicher Faust was kann ich dafür dass Ihr nur
Männer nur Menschen seid Schaffe mir einen Halbgott ihn will ich lieben und
treu sein  wenn ich es kann«
    »Diogena um Gottes willen ein Fieberwahnsinn umnebelt Deine Seele so kann
kein Weib reden zu dem Manne dessen Herz ihr Bild in sich schließt dessen
Gattin sie geworden Du bist krank meine Diogena«
    Ich hielt ihm ruhig meine Hand hin und sagte »Fühle die gleichmäßigen
Pulsschläge meines Blutes ich bin nie ruhiger gewesen als in dieser Stunde«
    »Dann sei Gott Dir gnädig in Deiner wahnsinnigen kalten Verblendung« rief
Friedrich und stürzte hinaus
    Ich blieb allein zurück grandios in meinem Bewusstsein mich von diesem
bürgerlichen Despotismus befreit zu haben Friedrich kehrte am Abende nicht
zurück Ich befahl Rosalinden meinem Kammerdiener nach Paris zu schreiben dass
er mein in Florenz warten solle ließ packen und verließ Pisa noch in der Nacht
entschlossen mich durch neue Reisen von der Fatigue dieses Stilllebens zu
erholen
 
                                  Drittes Buch
Mein gewöhnliches Reiseleben nahm denn nun wieder seinen Anfang Schon in
Venedig traf ich den Fürsten der in Paris durch meinen Kammerdiener erfahren
hatte dass ich mich von Friedrich getrennt habe und wieder reisen würde Diesen
Zeitpunkt hatte er abgewartet um mir aufs neue seine Dienste anzubieten die
mir sehr willkommen waren Ich liebte ihn nicht aber ich war gewöhnt an ihn
ich hatte sogar eine Art von Vorliebe für ihn bekommen und seine Zufriedenheit
war mir nicht indifferent
    Ich klagte ihm wie ich wieder um eine Illusion ärmer geworden jetzt reisen
müsse ohne Unterbrechung bis ich den Rechten entdeckte und bat ihn mir seine
Begleitung zu gönnen da ich vielleicht gezwungen sein könnte meiner Recherchen
wegen Europa zu verlassen Er war bereitwillig dazu wie immer Es lag etwas
wahrhaft Chevalereskes in dieser Beharrlichkeit das ich sehr estimirte
    Wir durchstreiften noch einmal Italien Frankreich Deutschland damit
vergingen einige Jahre ich machte einen Reiseversuch nach Norden aber
vergebens  Die Herzen der Skandinavier sind von einer impatientirenden Kälte
ich fühlte dies sei kein Feld für meine Bestrebungen und drehte bald wieder
um Wir gingen nach Russland und England aber Länder in denen die Männer aus
Zärtlichkeit ihre Frauen züchtigen und aus Überdruss mit einem Stricke um den
Hals verkaufen hatten keine Reize für mich boten mir keine Hoffnung auf
Success Ich war förmlich decouragirt Ich sah bleich und leidend aus meine
Kräfte waren usirt meine Nervosität nahm zu und meine Lebensgeister waren
dermaßen deprimirt dass der Fürst von diesem état de langueur das Aergste
befürchtend mir einen decidirten Wechsel von Klima und Zuständen proponirte um
mich neu zu animiren
    Wir gingen durch die Türkei und Griechenland nach dem Orient O welche
Sympatie flößte er mir ein Nie niemals hatte ich zwischen Himmel und Erde
Etwas gefunden das mir mit meiner Seele zu correspondiren geschienen hätte nie
ein Emblem für meine Seele entdeckt Jetzt lag es vor mir da
    Ja die Wüste war das Bild meiner Seele Immens leer von glühendem
Sonnenbrande verdorrt tötlich dem Pilger der sie glaubensvoll betritt und
dessen Dasein spurlos verlöschend ohne Blüte ohne Erquickung für den
Menschen voll trügerischer Phantome die ihn verlocken um ihn zu vernichten 
O die unabsehbare Wüste war das Bild meiner immens leeren Seele
    Ich warf mich auf den Boden nieder ich küsste die glühende Erde ich fühlte
mich in meiner Heimat Die Nomaden die heute hier und morgen dort das luftige
Lager etabliren wie homogen waren sie meinen eignen Alluren wie ähnlich ihr
Leben dem zigeunerhaften Umherziehen der großen Welt das so sehr bon genre ist
Der Orient entzückte inspirirte mich die wunderbaren urtypischen Männernaturen
imponirten mir indes hier konnte ich nicht einmal zu suchen wagen weil bei der
mohammedanischen Uncultur der Geister auf jene Blüte des Seelenlebens gar nicht
zu rechnen war die ich als Resultat erstrebte
    Eines Abends hatten wir unser Lager bereits wieder etablirt die Kameele
waren abgezäumt und ruhten in der Nähe meines Zeltes der Kavass ging geräuschlos
hin und her die Zurüstungen für unser Souper zu machen Ich lag auf meinen
Polstern der Fürst hielt an der Türe Wache Rund um uns her waren die Feuer
angezündet in deren roter Beleuchtung die Burnus der Araber erglänzten welche
unsere Escorte bildeten Der Himmel mit seinen goldenen Sternen ruhte wie ein
superber Baldachin über uns und Nichts unterbrach die sublime Stille als das
Heulen der Schakals
    Der Ton drang mit terribler Gewalt in meine Seele  So gerade so rief es
oft wild klagend und furchtbar in der Wüste meiner Seele nach dem Rechten  und
ich fand ihn nicht All diese Reisen waren ja nur Versuche ihn zu finden mein
Leben epanchirte sich in diesen Versuchen ich hatte nur Distractionen nur
temporäre Occupationen gefunden und jetzt seit Jahren mich einer Art von
Indolenz ergeben die aus gänzlicher Verzweiflung entsprungen war Hier in der
Wüste in der sublimen Stille der Nacht ward mir urplötzlich wieder der Glaube
an die intensive Macht meines Naturells und der Vorsatz rege noch einmal das
Werk zu beginnen Das Andenken des edelen Robert Bruce schwebte vor meinem
Geiste der durch eine den zerrissenen Faden immer neu knüpfende Spinne zu
perseverirender Tatkraft angespornt wurde nachdem er schon förmlich
decouragirt gewesen war
    Ich nahm die ganze Energie des Geistes zusammen und fragte mich was bleibt
mir jetzt zu tun Die christlich europäische Zivilisation die orientalische
Polygamie sind es nicht welche den Gottmenschen der Liebe hervorbringen den
ich finden muss Europa entnervt durch Lurus und macht kalte Raisonneurs aus den
Männern die philosophiren von Principien schwatzen Ansprüche machen wo man
nur das Nieendliche empfinden soll Der Orient der Mohammedanismus stehen auf
dem tiefsten Punkte der Entsittlichung denn das Weib dieser Mittelpunkt der
Creation ist Sklavin der männlichen Willkür wie der Mann es sein sollte der
weiblichen Kaprice Es muss einen normalen Zustand geben sagte ich mir der
unberührt von der Zivilisation eine naturgemässe Position der Geschlechter
gegeneinander zeigt in diesem normalen Zustande allein kann sich der
Culminationspunkt der Liebe präsentiren Es lag in meinem Charakter neben aller
Eleganz der Weltfrau ein gewisses sauvages je ne sais quoi das mir immer die
Kooperschen wohlgewaschenen durch die Liebe dressirten nobeln Wilden
interessant gemacht hatte Ich glaube nicht daran dass sie ausgestorben seien
ich hoffte noch einen Descendenten dieser edlen Race zu entdecken ich ahnte in
ihm könne ich den Rechten finden
    Wie ein Lichtstrahl fiel dieser Gedanke in meine Seele Ich rayonnirte von
der animirenden Hoffnung und rief den Fürsten um ihm meine Ideen mitzuteilen
Als der Fürst aufstand und mich erblickte sagte er ganz bewildert von dem
neuen Leben das aus der sammetweichen Iris meines Auges strahlte »Aber meine
Gräfin was haben Sie begonnen Sie sehen aus als hätten Sie aus dem Quell der
Jugend getrunken Sie sind wieder die blendende fascinirende Diogena die ich
zuerst in BadenBaden erblickte Das sind nun doch fast ein zehn Jahre her«
    Das Entzücken des Fürsten freute mich aber seine letzte Äußerung machte
mich pensive Zehn Jahre ein Decennium rastloser vergeblicher Anstrengungen 
O welch ein trauriges Loos war mir geworden Ich gestand mir dass ich sieben
und zwanzig Jahre alt dass ich nicht fern von der äußersten Grenze der Jugend
sei Das decidirte mich um so schneller an die Realisirung meines Planes zu
gehen
    Ich setzte ihn dem Fürsten auseinander er hatte Kapacität genug ihn zu
begreifen obgleich er ihm nicht vollkommen angenehm war Indessen mir zu
folgen war seine Vocation wir erkannten es Beide dafür und ließ die Kameele
am nächsten Morgen auf der Straße nach Kairo retourniren
    Wir durchflogen Meere und Länder Nichts reizte mich mehr ich hatte ja
schon Alles gesehen und oft kam mir Lord Ermanbys Ausspruch in den Sinn »man
kann ja nicht immer wieder von Neuem anfangen zu bewundern« In kürzester Zeit
erreichten wir Deutschland und den Rhein Die Anwesenheit eines Monarchen hatte
die ganze schöne Welt an seinen Ufern versammelt Eines Tages saßen wir in
Koblenz an der table dhôte der Fürst und ich Plötzlich sehe ich den Erstern
erbleichen und höre wie er sich bei dem Kellner erkundigt ob keine andern
Plätze für uns zu haben wären
    »Und was misfällt Ihnen an diesen lieber Fürst« fragte ich graziös
lächelnd
    »O ich meine wegen des visàvis« entgegnete er verlegen
    Ich nahm mein Lorgnon und blickte hinüber da saß Graf Bonaventura mein
Mann mit Aurora Elsleben die er geheiratet hatte wie ich wusste Bonaventura
schien überrascht und bewegt Aurora war in sichtlicher Unruhe man sah Beiden
die Emotion ihres Innern an Mich ließ es ganz kalt Ich dachte an das Begegnen
von des Fürsten Mutter Gräfin Kornelie mit ihrem frühern Geliebten Lenor
Brand und richtete mein Lorgnon als ob es gleichgültige Bekannte wären
freundlich grüßend fest auf die mir Gegenübersitzenden Und in der Tat, was
ist uns ein Mann den wir nicht mehr lieben Warum haftet man an Impressionen
des Herzens mit so ridiculer Konsequenz Männer sind für Frauen meines geistigen
Ranges Mittel sich durch die Langeweile des Lebens zu kämpfen Wer aber ist
töricht genug ein Ding festhalten zu wollen in der Pietät des Andenkens das
ihm Nichts mehr ist weil er einmal glaubte es könne ihm Etwas sein Dies sind
Schwächen kleinlicher Naturen die mir vollkommen fremd sind
    Das Ehepaar war nicht auf dieser Seelenhöhe Sie hielten kaum die Hälfte des
Diners aus und entfernten sich Der Fürst atmete auf »Meine Gräfin« sagte er
»wie froh bin ich dass der Graf sich entfernte ich litt für Sie«
    »Zu gütig« rief ich lachend denn ich befand mich vortrefflich und hatte
niemals bessern Appetit
    »So quälte Sie die Anwesenheit Ihres Mannes nicht«
    »Sie war mir lästig als er noch mein Mann war jetzt ist sie mir
indifferent Lernen Sie doch endlich die Göttlichkeit meiner Natur begreifen
Ich behalte Alles was mir schmeichelt ich ignorire Alles was mir unbequem
ist Ich lebe nur im Moment und die Vergangenheit versinkt spurlos in die
Eisschluchten meiner immensen Seele wie die unglücklichen Bergersteiger in den
Eisspalten der Gletscher Das ist der Vorzug einer immensen Seele«
    »Und das wird auch mein Loos sein« fragte der Fürst
    »O gewiss wenn ich Sie nicht mehr brauche wenn ich einen Remplaçant für
Sie habe ohne Zweifel« rief ich mit entzückender Naivetät
    Der Fürst schien nachdenklich aber ein süßer Blick meiner sammetweichen
Augen verscheuchte seine Launen und er blieb wie immer befriedigt unter dem
Lächeln meiner Huld
    Wir fuhren den Rhein hinab und schifften nach London über wo wir einen
längeren Aufenthalt machen mussten uns für die projectirte Excursion nach
Nordamerika zu arrangieren Ich kaufte eine neue Equipage auf deren Türe statt
des Wappens mein Emblem die trostlose Wüste gemalt war Oben über dem Wagen
war von Gold die Laterne des Diogenes meine Laterne angebracht die ich aus
einer gewissen Superstition von jetzt an brennend zu erhalten beschloss Ich ließ
mir und dem Fürsten passende Kostume machen und dann schifften wir uns auf dem
GreatWestern ein
    Während der ganzen Reise verhielt ich mich absolut passiv wie ein
königlicher Tiger der ruhig daliegt bis die Zeit gekommen ist in der er sein
Opfer zu erreichen hoffen darf Ich las alle Kooperschen und Sealsfieldschen
Romane um die Sitten der Wilden kennen zu lernen studierte die Sprache der
Delawaren und lernte alle Reden auswendig welche Partenia in Halms
miraculosem Sohn der Wildnis dem TektosagenHäuptling Ingomar hält
    So vorbereitet landete ich in Neuyork und trat meine Excursion in das Innere
an Man muss jetzt in Amerika lange reisen ehe man Wilden begegnet die Welt ist
terribel civilisirt nirgend mehr ein Zug lieblicher Sauvagerie Als wir bis zu
den Grenzen der von Europäern bewohnten Gegenden gekommen waren ließ ich meine
Equipage in einem der Blockhäuser und veränderte mein Kostume in der Weise dass
es dem der Myrrha im unterbrochenen Opferfeste einigermaßen nahe kam Der Fürst
legte ein bequemes Jagdkleid an nahm ein Paar Pistolen eine Flinte und ein
Seitengewehr mit sich und so gingen wir von einem Führer geleitet den
Urwäldern zu
    Als ich im Blockhause zum letzten Male in den Spiegel schaute musste ich mir
selbst bekennen dass ich unwiderstehlich sei Ich sah vollkommen wie eine
indianische Squaw aus ins DeutschAristokratische übersetzt Denn selbst in der
leichten Bemalung meines Körpers die aus lauter kleinen wunderlich
verschlungenen Laternchen bestand in dem Federschmuck meines Hauptes in meinen
Fuß und Armspangen wie in den Mokassins welche der erste Schuhmacher Londons
gearbeitet hatte lag die ganze reizende Nonchalance einer nobeln Gräfin Ich
trug einen Plaid den ich für alle Fälle mitgenommen hatte einige
BouillonTafeln und verschiedene Konfituren in einem Körbchen an dem rechten
Arme In der Linken hielt ich die brennende Laterne
    Es war hoch am Tage als das flache Land die fetten Wiesengründe zwischen
den Flüssen sich in Waldungen zu verwandeln anfingen Die Erhabenheit dieser
Urwälder wirkte gewaltig auf mich Riesenbäume verschlangen liebend ihre Äste
zu einem festen Dache Blumen rankten sich daran empor und hingen wie Sterne von
den höchsten Zweigen hernieder Ein Teppich von weichem Moose bewegte sich
elastisch selbst unter meinem federleichten Tritte Einzelne Vögel wiegten sich
in ruhiger Sicherheit auf den Ästen und ein wunderbarer Duft voll entzückender
Frische wehte durch die Luft
    Niedergeworfen von dieser Erhabenheit sank ich in das Knie unwillkürlich
falteten sich meine Händchen zum Gebete und auf Delawarisch sagte ich O Du
mein Gott der Du jeder Kreatur das Glück der Existenz gewährst der Du jedem
Tiere ein Genügen gönnst Du wirst ein Auge haben für eine Gräfin aus altem
Hause Du wirst ihr geben was sie bedarf ein immenses nie dagewesenes Glück
für ihre immense Seele  O es wäre unbarmherzig es wäre ein immenses Unrecht
an meiner Seele könntest Du es mir versagen
    Ich erhob mich neugestärkt durch die Konviction der Erhörung Ich war froh
geworden und harmlos wie ein Kind Ich fand die neue Position entzückend und sah
mit klopfendem Herzen dem ersten Wilden entgegen Unser Führer der seit Jahren
Handel trieb zwischen den letzten Blockhäusern und den ersten Wigwams
berichtete uns dass wir uns einem solchen näherten
    Als es dunkel ward hörte ich plötzlich einen leisen Ton als ob ein scheues
Reh durch die Zweige schlüpfe Der Führer gab ein Zeichen durch eigentümliches
Pfeifen ein ähnlicher Laut antwortete ihm und wie aus der Erde
hervorgezaubert stand die Gestalt eines Kriegers vom Delawarenstamme vor uns
    Ich hob die brennende Laterne in die Höhe und nahm mein Lorgnon das ich
natürlich nicht zurückgelassen hatte um ihn zu beobachten Es war eine Gestalt
wie ein jugendlicher Antinous aus rotem Granit Schwarze ruhige Augensterne
tauchten aus der weißen Iris mit miraculöser Intensität hervor die Nüstern
seiner Nase hoben sich aristokratisch stolz wie bei einem jungen Schlachtrosse
ich sah ich hatte keinen gemeinen Krieger ich hatte einen Häuptling vor mir
Da er fühlen mochte dass ihm von uns keine Gefahr drohe hielt er sich ruhig und
erwartete die Anrede unsers Führers
    »Warum ist Koeur de Lion nicht bei seinem Volke im Wigwam sondern einsam
streifend zu dieser Stunde« fragte der Führer
    »Weil die Blassgesichter ihm den Frieden an seinem Feuer genommen haben weil
ihre Habsucht ihm das Land seiner Väter misgönnt«
    »Aber das Kriegsbeil ist begraben« sagte der Führer
    »Die Blassgesichter wissen wo es liegt und können es ausgraben zu jeder
Stunde Was wollen der Jäger und die weiße Squaw in dem Schatten dieser Wälder«
    »Sie wollen wandern durch das Land des Delawaren hinab zu den großen Seen
und haben die Kleidung der roten Leute angelegt zu zeigen dass sie in
friedlicher Absicht kommen«
    Koeur de Lion sah uns prüfend an die Waffen des Fürsten schienen ihm
Zweifel zu erregen da legte ich mich in das Mittel und sagte delawarisch »Ist
Koeur de Lion kein Sohn seines Volkes dass er einem müden Weibe das Blätterlager
und das Feuer seines Heerdes versagt wenn sie ihn darum bittet«
    »Komm« rief er »und folge mir Du hast die Haut der Blassgesichter aber
Deine Zunge redet unsere Sprache und Deine Augen sind flammend und nächtlich
dunkel wie die großen Sterne am Himmel der Nacht Lass die Männer zurück und Du
sollst mit mir gehen zu dem Wigwam unseres Volkes in das Zelt unserer Weiber«
    Der Fürst hatte ein zauderndes Bedenken ich war ohne alle Apprehension Mit
voller Zuversicht sagte ich Koeur de Lion er möge vorgehen und ich wolle ihm
folgen Dieses Vertrauen schien ihn stolz zu machen Er stieß jenes
eigentümliche »Hugh« aus mit welchem die Indianer alle ihre Emotionen
bezeichnen und ging vor mir dem tiefen Walde zu Aber kaum waren wir einige
Schritte gegangen als mir glücklicher Weise einfiel dass mein sale volatile und
meine Nägelbürste in dem portativen Necessaire des Fürsten geblieben waren Ich
drehte also um es mir zu holen und schritt dann mit meinem Begleiter ruhig und
anfangs schweigend vorwärts
    Es waren mysteriöse Sensationen welche durch meinen Geist wogten Tiefe
Nacht und tiefe Stille lagerten sich über die Erde nicht einmal unsere
Fußtritte waren hörbar auf dem weichen Moose Durch dichtes Gesträuch führte
mich Koeur de Lion mit einer Sicherheit als ob wir im Bois de Boulogne
spazierten Vorsichtig bog er jeden Zweig zurück der mich hindern konnte und
blickte mich an als wolle er sehen ob ich Nichts entbehre Ich hatte im Kooper
gelesen dass die Indianer die Schweigsamkeit auf Märschen estimiren und richtete
danach mein ganzes Maintien mit jener vornehmen Entschlossenheit ein die
eigentlich ein angeborenes Zeichen der Aristokratie ist Dies imponirte dem
jungen Häuptlingssohne denn dass er dies wirklich sei hatte der Führer uns
mitgeteilt
    Wir waren wohl schon anderthalb Stunden gegangen mich fing zu dursten an und
ich verzehrte heimlich etwas chocolat praliné als der Delaware sich umwendete
»Die Füße der weißen Frau sind klein und der Weg ist lang« sagte er »wird ihre
Kraft reichen sie bis zum Wigwam zu bringen«
    »Wenn der Häuptling die Straße sieht in der Dunkelheit der Nacht dass er die
weiße Frau nicht irre führt so soll ihre Kraft die Squaws seines Volkes
beschämen«
    »Der Delaware kennt seine Straße und die Augen der weißen Frau können sie
ihm erleuchten denn sie sind hell« entgegnete er
    Mein Herz klopfte in vorahnender Freude O dies war eine Erhörung meines
heißen Gebetes Gleich in dem ersten Wilden dem wir begegneten sandte er mir
den Ersehnten entgegen Die Zeichen konnten nicht trügen Warum war es ein Fürst
seines Volkes der an jenem Abende die Wacht in den Wäldern hielt wenn ihn
nicht ein günstiges Geschick in meinen Weg schicken wollte Ja nur die
ungebrochene Kraft des Männerherzens konnte die Blüte der Liebe erzeugen die
ich suchte Wohl war ich Friedrichs erste Liebe gewesen wohl hatte er mir die
frische Glut seines Herzens geweiht aber nur sein Herz war mein Sein Geist
gehörte nicht mir allein es lebte noch Etwas in ihm außer mir er hatte
Erinnerungen Intensionen Plane die nicht mit mir zusammenhingen Das war ein
Malheur Dieses Delawaren Seele war rein ein leeres Blatt ein großer Tempel
auf dessen Altar nur die Gottheit fehlte  er war es wert in seiner frischen
Naturwüchsigkeit das Bild Diogenens allein in sich aufzunehmen
    In tiefer Mitternacht langten wir vor dem Wigwam an Einzelne Feuer brannten
umher die Wölfe fern zu halten Das rote Licht der Flamme beleuchtete magisch
die dunkeln grünen Baumhallen die Zelte sahen wie davon vergoldet aus Ein
leiser Anruf der Wachen und wir schritten in das Lager ein
    Koeur de Lion führte mich an eines der größeren Zelte hob das Bärenfell
empor das davor herunterhing und hieß mich eintreten Er schritt mit einer
brennenden Kienfackel neben mir und schickte die anwesenden Weiber und Kinder
heraus »Hier ist die weiße Frau sicher wie in dem Hause ihres Vaters« sagte
er steckte die Fackel zwischen das Laubgeflecht der Innenwand und wollte sich
entfernen
    Dies war gegen meine Erwartung Ich gestand ihm dass ich lange keine Speise
erhalten hätte und dass ich deren bedürfte Er ging hinaus und kehrte bald mit
einem gerösteten Rehrücken einem Kruge Wasser und einer Flasche Arack zurück
    In dem Hintergrunde der Höhle befand sich ein duftiges Lager von frischem
Sassafras auf dem ich mich niederließ Draußen um das Zelt hatten sich indes
eine Menge neugieriger Männer und Weiber versammelt die nur durch die Autorität
des Koeur de Lion von dem Eintreten zurückgehalten wurden
    Ich nötigte den jungen Häuptling sich neben mich niederzusetzen und dies
frugalste aller Soupers mit mir zu teilen Er tat es und ich versuchte ihm
geistig näher zu treten während wir aßen
    »Warum kehrt keine der Frauen zurück die weiße Frau zu begrüßen unter dem
Wigwam ihres Häuptlings« fragte ich
    »Koeur de Lion hat keine Frau und auch die Frauen seines Vaters sind tot
Seine Mutter ist heimgegangen in die Wohnungen des großen Geistes und die andere
ist getötet worden weil sie ungehorsam war den Befehlen ihres Mannes«
    »Und der junge Häuptling hat keine Todtenklage für sie Er hat keine Liebe
für sie«
    »Was ist das Liebe« fragte er während er mit miraculoser Gourmandise die
Knochen des Rehes benagte
    Diese Frage elektrisirte mich Sie war das Stichwort das Zentrum aus Halms
Sohn der Wildnis und mit Partenia antwortete ich sogleich
           Zwei Seelen und ein Gedanke zwei Herzen und ein Schlag 
Ich hatte von dem Herzensinstinkt des Häuptlings erwartet dass er nun wie der
Tektosage Ingomar weiter mit Fragen über dies interessante Sujet in mich dringen
werde aber so war es nicht Ach das Leben bleibt überall hinter unsern
gerechtesten Prätensionen zurück Der junge Wilde sah mich ganz bewildert an
schlang ein horribles Stück des Rehes hinunter und trank die Hälfte des Aracks
dazu
    Aber ich wollte mich nicht decouragiren lassen obgleich diese Verocität des
Jünglings mir so degoutant erschien dass ich zu meinem sale volatile meine
Zuflucht nehmen musste galt es doch die Entwickelung einer primitiven nobeln
Natur zu unserer Beider höchstem Glücke
    »Hat Koeur de Lion nie daran gedacht ein Weib zu suchen die ihm sein
Haupthaar flechte und seinen Kopf ruhen lasse auf ihren Knien wenn er
heimkehrt beladen mit der Beute der Jagd und dem Wampum geziert mit den
Skalpen seiner besiegten Feinde«
    »Es ist noch nicht Gras gewachsen auf dem Grabe seines Vaters« antwortete
er »aber ehe es hoch genug ist die Sohle seines Mokassin zu bedecken wird
Koeur de Lion sich Weiber gefunden haben denn der Weiber sind viele und der
Häuptling besitzt Felle und Reichtum genug sich die schönsten zu kaufen«
    »Und wenn aus den Wolken hernieder aus den Wohnungen des großen Geistes ein
Weib herniederstiege in den Wigwam des Häuptlings ihm gesandt vom großen
Geiste eine schöne weiße Frau um in freier Liebe ohne Kaufpreis sein eigen zu
sein was würde der junge Häuptling ihr bieten«
    Mein Herz zitterte vor seiner Entscheidung diese Antwort musste mir
ausdrücken auf welcher Stufe geistigen Developements er stände Er sah mich an
mit einem Ausdruck gänzlichster Bewilderung er hatte mich gar nicht verstanden
O in solchen Positionen hat die Zivilisation doch ihr Gutes Es ist so süß
verstanden zu werden Meinem jungen bewilderten Wilden musste ich es deutlicher
machen
    »Koeur de Lion« sagte ich ein unbarmherziger Häuptling dem mich mein
Vater verkaufte hat mich verjagt aus seinem Wigwam und mein Volk hat mich
verstoßen«
    »Ein Weib das ihr Herr verjagt verdient nicht mehr zu leben bei ihrem
Volke Dein Volk hat recht getan« entgegnete Koeur de Lion
    »Aber die weiße Frau irrt heimatlos durch die Wälder und sucht ein neues
Leinwandhaus und einen neuen Herrn Will Koeur de Lion sie behalten und sie
seine Magd sein lassen an seinem Feuer«
    Der Häuptling fuhr auf von dem Lager eine plötzliche Glut loderte in ihm
empor »Die weiße Frau gefällt dem Auge des Häuptlings sie soll bei ihm
bleiben« sagte er »Sie soll sein Wasser schöpfen sein Kornfeld hacken und
sein Wildpret kochen sie soll ihn pflegen wenn er von seinen Kämpfen
heimkehrt sie soll sein Weib werden und seine Kinder tragen auf ihrem Rücken
und er wird schlafen in ihren Armen«
    Koeur de Lion schwieg und ich wartete doch auf die Fortsetzung seiner Rede
auf die Aufzählung der Kompensationen die er mir dafür zudenke aber er war zu
Ende wie es schien So musste ich mich entschließen zu sprechen
    »Und was wird Koeur de Lion der weißen Frau dafür gewähren wenn sie sein
Wasser schöpft sein Kornfeld hackt und sein Wildpret kocht« fragte ich
    »Sie soll sich wärmen an seinem Feuer sie soll sich sättigen von den
Überbleibseln seines Mahles und sie soll sein Weib sein«
    »Und wird er sie lieben wie er den großen Geist liebt wird er sie ehren
und anbeten wie ihn«
    »Der Delaware ehrt den großen Geist denn der große Geist ist furchtbar und
kann ihn strafen und ihn vernichten aber der Delaware ehrt nicht ein Weib denn
es ist ein schwaches Weib und er verachtet die Schwäche«
    »Und wird der Delaware kein Weib kaufen wenn die weiße Frau sein Eigentum
wird«
    »Die weiße Frau ist schön und gefällt dem jungen Häuptling« antwortete er
»aber es sind schon viele Lenze und viele Winter über ihrem gelben Hauptaare
hingezogen Er wird sie behalten so lange ihr Haar gelb ist und sie seinem Auge
gefällt und wenn ihr Haar grau wird will er sie nicht töten sondern sie
leben lassen und jüngere Frauen kaufen«
    Mir schauderte vor dieser unbezwingbaren Roheit O wo blieben meine
Hoffnungen was fand ich in dieser horribeln Realität von den Idealen Koopers
Wo fand ich die Perfectibilität des jungen Tektosagenhäuptlings Ich begriff die
geschmacklose Unwahrheit jenes Gedichtes ich fluchte ihr denn sie hatte mit zu
meiner Excursion beigetragen Ich verzweifelte daran diesen Barbaren in so viel
Monaten zu civilisiren als Partenia Sekunden gebraucht hatte Ich sollte
Waffen und Kinder tragen Sklavin sein und der Tektosage trug für Partenia ein
Körbchen Erdbeeren und zerbrach seine Waffen ihr ein Feuer daraus zu machen
    Ich konnte die Tränen nicht unterdrücken Tränen des Zornes der
bittersten Enttäuschung Koeur de Lion sah es Er trank den Rest seines Aracks
hinunter und sagte sich zu mir wendend und seine Arme nach mir breitend »Warum
weint die weiße Frau Der Häuptling will sie ja behalten und gleich jetzt sollen
die Männer seines Volkes den Hochzeitsgesang für ihn anstimmen Noch an diesem
Tage dessen Sonne emporsteigt soll sie sein Weib werden«
    Mit tiefer Indignation über seine Insolenz stieß ich ihn von mir er schien
dies nicht zu achten und fragte mich verwundert »Warum weigert sich das
Blassgesicht mein Weib zu werden da es zu mir kam in dieser Absicht«
    Ich war außer mir ich empfand dass er nicht eine Ahnung habe von den
erhabenen Intentionen welche mich in die Wälder geführt hatten ich warf mich
vor ihm nieder umklammerte seine Kniee und sagte ihm Alles was mein Herz mir
eingab Ich sprach von dem Leid verkannter Frauenherzen mit der Inspiration
einer Prophetin er verstand es nicht Ich blickte nach der Türe und dachte an
Flucht Der Delaware beobachtete mich scharf er schien meine Gedanken zu
erraten »Koeur de Lion ist leichtfüssig wie der Hirsch und sein Auge scharf wie
das Auge des Luchses Wohin will das weiße Weib sich flüchten ohne dass er sie
entdeckte und einholte« sagte er lächelnd
    Da fasste ich eine Resolution Ich ergriff den Tomahawk der in der Ecke
lehnte und rief ich wolle mich töten Und wieder lachte der Barbar höhnisch
bei den Worten »Die Hand der weißen Frau ist klein und der Tomahawk ist
schwer«
    Er nahm ihn mir spielend aus den Händchen und band mir diese auf den Rücken
zusammen Dann sah er mich ruhig an und rief indem er hinausging »Die weiße
Frau zieht morgen mit uns in das Innere der großen Wälder zu den
Winterquartieren des Volkes Drei Tage wird der Häuptling warten ob sie ihn
bittet sein Weib zu werden am vierten Tage wird sie sterben wenn sie es
weigert denn Koeur de Lion ist kein Blassgesicht das erzittert vor den Tränen
eines Weibes«
    Die Angst die Qualen dieser drei Tage waren über jede Schilderung groß und
nirgend eine Aussicht auf Rettung Ich war meines Erfolges in der Männerwelt so
gewiss gewesen dass ich den Fürsten gebeten hatte mich ruhig im Blockhause zu
erwarten Ich sah nur zwei Auswege beide gleich entsetzlich Ich konnte mich
nicht entschließen die Frau dieses Barbaren zu werden dessen unsoignirte Hände
mir ein Horreur waren wie sein Branntweintrinken und sein Tabackrauchen und
ich wollte nicht sterben Ich war ja noch jung und meine Mission noch nicht zu
Ende ich hatte ja den Rechten noch nicht gefunden die Laterne des Diogenes
durfte noch nicht erlöschen
    Die Nacht des vierten Tages war ihrem Ende nahe Mit wunden Füßchen ruhte
ich in dem Zelte des Häuptlings umgeben von einigen Weibern des Stammes deren
wüstes Schnarchen mein Ohr beleidigte Man hatte mich gezwungen bei den
Vorkehrungen zu den Mahlzeiten zu helfen ich hatte kochen Wasser tragen und
Arbeiten verrichten sollen von denen meine Händchen bluteten Wie wenig glichen
sie jetzt weißem Mousselin mit RosaTaffet gefüttert Die forcirten Märsche die
widerwärtigen Nahrungsmittel die ich durch Hunger gezwungen zu mir nehmen
musste hatten meine Nervosität auf das Höchste gesteigert Ich fieberte und
drohte den Fatiguen und der Angst meiner immensen Seele zu unterliegen
Todesbang spähte ich nach der Türe und ein Schrei der Verzweiflung rang sich
aus meiner Brust als die ersten Schimmer des Tages in das Zelt fielen und der
Häuptling eintrat
    Die Körper und Seelenleiden mochten meine Schönheit alterirt haben Der
Häuptling blickte mich prüfend an und wendete sich dann mit einem Blicke von
mir ab den ich mir nicht zu deuten wusste während er befahl die Zelte
abzubrechen und sich zum Marsche zu rüsten In wenig Momenten war dieser Befehl
executirt Die Weiber beluden sich mit dem Gepäcke und machten sich auf den Weg
die Krieger gingen teils voraus teils zur Bedeckung hintennach
    Von mir nahm Niemand Notiz ich blieb allein zurück mit dem Häuptlinge
ahnend dass er meinen Tod nun vollziehen werde wenn ich länger seinen Wünschen
Widerstand leistete
    Wie ein strenger Richter wie ein junger Kriegsgott im Stolze seiner
vollkräftigen Männlichkeit stand er vor mir Ich musste so sehr ich ihn
fürchtete mir in diesem Momente gestehen dass er von admirabler Schönheit und
sein Maintien so weit es bei einem Wilden möglich vollkommen das eines
Gentlemans sei Weinend warf ich mich ihm zu Füßen  O das war ein schwerer
Moment Ich die göttliche Gräfin Diogena vor der die Elite der civilisirten
Nationen gekniet kniend zu den Füßen eines hochmütigen unbezähmten Sohnes der
Wildnis Der ganze prächtige Stolz des aristokratischen Weibes revoltirte sich
dagegen und doch musste ich knien
    Er betrachtete mich und meine Tränen mit supremer Verachtung dann sagte
er »Das weiße Weib ist in wenigen Tagen alt geworden und krank in der Freiheit
der Wälder Es ist die frische Luft des großen Geistes nicht wert nicht mehr
wert das Weib des jungen Kriegers zu werden der die kranke Frau nicht
begehren kann Sie kann nicht kochen und nicht die Waffen tragen sie weint und
würde elende feige Memmen gebären Sie mag heimgehen zu den Städten der elenden
Blassgesichter für deren Männer sie gut genug ist mit ihren zitternden Händen
und ihren Tränen Koeur de Lion wird sich ein gesundes junges schönes Weib
seines Stammes kaufen Die schwache weiße Frau ist ihm ein Greuel«
    Stolz wendete er sich ab rief einen alten Krieger seines Stammes herbei und
befahl ihm mich an das Blockhaus zurückzugeleiten Fast sterbend erreichte ich
es der Fürst kannte mich kaum wieder Tage und Wochen hindurch lag ich in einem
Zustande der es nicht gestattete mich nach Neuyork zurückzubringen Meine
Seele litt mehr noch als mein Körper
    Im Frühjahr war ich so weit genesen dass ich Neuyork verlassen konnte Der
Fürst führte mich nach Bagnères Meine Nervosität war unglaublich er blieb ewig
voller Soins für mich was ich natürlich in der Ordnung fand Ich war sehr
sauvage geworden ich hatte eine Apprehension meinen Bekannten zu begegnen
wegen des Changements das in Folge aller meiner Aventuren in meinem Äußern
visibel geworden war Mein Körper war sehr debil und doch lebte die alte
ungestillte Sehnsucht in meiner Seele noch in all ihrer Intensität
    Ich fing an Astronomie zu studieren in der Einsamkeit in der ich lebte Ich
strengte die ganze Kraft meines Geistes an zu combiniren ob ich vielleicht auf
andern Sternen das Ziel meines Strebens erreichen könne Ich las Alles was über
die Bewohner des Mondes geschrieben ist und erkundigte mich nach der
Konstruction eines Luftballons um zu wissen ob man diesen mit Komfort für
längere Reisen versehen könne
    Bisweilen war ich unglaublich maussade der Fürst selbst impatientirte sich
Er war es müde da er auch nicht mehr ganz jung war den Kavaliere servente zu
machen und ewig auf Reisen und an den Ruheorten für meinen Komfort zu sorgen
ohne selbst den geringsten zu genießen Er hatte jetzt oft Momente in denen er
mir Vorwürfe machte über Langeweile klagte und davon sprach sich auf seine
Güter in Steiermark zurückzuziehen die er um meinetwillen negligirt hatte
    Ein solcher Tag war es an dem wir Beide moros dasassen Ich dachte über die
Möglichkeit nach den Rechten zu finden und die ganze Trostlosigkeit des Alters
dehnte sich vor mir aus während ich mir es vergegenwärtigte was aus mir werden
solle falls ich ihn nicht entdeckte Ich war noch jung aber durch Leidenschaft
und Strapazen usirt vollkommen passiert Rosalindens Nachhilfe bei meiner
Toilette wurde immer nötiger Meine immense Seele war leerer denn je Ich fing
bisweilen an zwischen meinen astronomischen Studien bei dem Scheine meiner
ewig brennenden Laterne die Bibel und andere Erbauungsbücher zu lesen Ich
suchte mit Verzweiflung die Spur die Andeutung des Rechten in der Apokalypse
ich dachte daran ob vielleicht der Heiland der Rechte sei den ich zu finden
verlangte
    Mitten in diesen Meditationen unterbrach mich der Fürst mit der Nachricht
der Einnahme von Kanton die er in einem Zeitungsblatte entdeckte Ein
Lichtstrahl fiel in meine Seele »Nach Kanton« rief ich aus
    Der Fürst sah mich an und sagte ruhig »Dann gehe ich nach Steiermark«
    Ich war empört »Mein Freund« rief ich »soll ich auch an der absoluten
Treue verzweifeln da ich schon so unglücklich war die rechte Liebe nicht zu
finden Sehen Sie Sie dürfen mich jetzt nicht abandonniren in China jenseits
der großen Mauer muss ich ihn finden Es ist incomprehensibel dass ich darauf
nicht lange gekommen bin Die Chinesen sind die wahren Aristokraten Sie haben
die kleinsten Füßchen die soignirtesten Nägel die magnifiksten Bärte und keine
Spur von Liberalismus Bei so viel ungemeinen Vorzügen muss auch die Liebe zu
finden sein die endlich meine Seele füllt O eine unaussprechliche Zuversicht
kommt über mich nur diese eine Reise noch mein Freund nur diesen Reiseversuch
nach China und «
    »Und« fragte der Fürst
    »Und wenn ich den Rechten dort nicht finde so werde ich Ihre Frau bei
meiner Rückkehr und begnüge mich die Treue zu belohnen da ich Niemand fand
der mich lieben zu lehren verstand«
    »Ich hoffe Sie finden die Liebe meine Gräfin« sagte er ruhig »denn nach
der Belohnung der Treue gelüstet mich nun nicht mehr«
    »Und Sie folgen mir dennoch Und weshalb« fragte ich »Aber das ist sublim
lieber Fürst«
    »Bah meine Gräfin« entgegnete er »was wollen Sie Ich habe die Kaprice
der Fügsamkeit und da ich Nichts zu tun habe ist es ebenso gut sich in China
zu langweilen als anderwärts Lassen Sie uns reisen«
    Wir schifften uns in London mit der ersten Handelsexpedition ein die nach
China absegelte
So weit gehen die Memoiren der unglücklichen Frau die weitern Nachrichten
verdanken wir teils eigener Anschauung teils den Mitteilungen eines Arztes
der in der Nähe von Paris Vorsteher eines Irrenhauses ist
    Wir hatten verschiedene Höfe und Zellen durchwandert als wir an der
Ringmauer der Anstalt ein kleines Häuschen mit einem äußerst sauber gehaltenen
Gärtchen erblickten das auf wunderliche Weise mit kleinen chinesischen Tempeln
und andern Spielereien der Art besetzt war Es mochte etwa Mittag sein die
Sonne stand hoch am Himmel dennoch ging die Bewohnerin des kleinen Besitzes
eine zusammengefallene von Leiden gealterte Person mit einer eigentümlich
geformten brennenden Laterne umher und schien unruhig Etwas zu suchen Ihr
starrer Blick ihre Rastlosigkeit hatten viel Trauriges für den Beschauer Wir
fragten wer sie sei
    O sagte der Doctor ein geistreicher junger Mann dies ist die einst durch
ihre Schönheit in den Sälen der Gesellschaft bewunderte Gräfin Diogena Ihr
Wahnsinn ist das Product einer Geistesrichtung unter den müßigen Frauen der
vornehmen Welt die kaum ein anderes Resultat zulässt Unkluge Nachbeter der
geistreichen George Sand haben in gänzlichem Misverstehen Dessen was diese
große Frau meinte und bezweckte eine Theorie der weiblichen Selbstsucht
geschaffen deren Höhenpunkte in der deutschen Frauenliteratur jetzt erreicht
sind Die Frauen bilden sich ein Ausnahmwesen zu sein und unfähig etwas
Anderes zu lieben als sich selbst sich für den Mittelpunkt der Welt haltend
fordern sie einerseits wie die verderbten römischen Kaiser göttliche Anbetung
und klagen andererseits dass sie keinen Mann fänden den sie zu lieben
vermöchten Sie verstehen ihren Egoismus nicht und behaupten nicht verstanden
zu werden sie sind unfähig zu lieben und jammern dass Niemand die Leere ihres
Herzens und ihrer Seele fülle
    Diese Gräfin Diogena ist durch die ganze Welt gereist den Mann zu suchen
der ihr Herz ausfüllen ihre Seele befriedigen könne natürlich vergebens
Krank und erschöpft beschloss sie noch einen Versuch in China zu machen und
langte glücklich dort an Aber auch dort fand sie ihr Traumbild nicht und dort
entwickelte sich ein Fieberwahn zur fixen Idee der sich schon auf der Reise
mehrmals gezeigt hatte Sie bildet sich ein um der Sünden ihrer Voreltern oder
um anderer Gründe willen verdammt zu sein mit der Laterne des Diogenes den
Rechten zu suchen so nennt sie ihr Ideal und meint nicht eher sterben zu
können bis sie ihn gefunden haben wird
    Ein Fürst Kallenberg der sie begleitete sah kaum eine Möglichkeit sie in
diesem trostlosen Zustande nach Europa zurückzubringen als er in Kanton einem
gelehrten Deutschen einem Professor der Anatomie dem berühmten Friedrich Wahl
begegnete Dieser hielt sich seiner Studien wegen in jenen Gegenden auf und die
Gräfin war während ihrer Entdeckungsversuche auch eine Zeit hindurch seine
Geliebte gewesen Gut und großmütig wie er ist jammerte ihn die traurige Lage
der Frau und mit seinem Beistande brachte der Fürst sie hierher wo sie nun
seit einigen Monaten lebt Sie ist fast immer ruhig nur bisweilen tobt sie und
schreit dass sie den Rechten nicht fände Dann muss man sie mit Strenge
behandeln bis der Paroxysmus vorüber ist Sonst bringt sie ihre Zeit mit
unschuldigen Toilettenspielereien hin kauft Schuhe von den vorzüglichsten
Fabrikanten wäscht und putzt abwechselnd ihre Hände und ihre Laterne und
gefällt sich in allerhand verbrauchten Minauderien und Koketterien die uns eben
nicht sehr gefährlich sind
    »Und haben Sie Aussicht sie herzustellen« fragte Einer von uns
    »Dasselbe wollte in diesen Tagen der Fürst Kallenberg wissen der nun auf
seinen Gütern in Oestreich lebt Wir haben aber nicht die geringste Hoffnung
dazu Wahnsinn aus Hochmut und Egoismus pflegte immer unheilbar zu sein«
    Der Doctor führte uns weiter vorwärts im Fortgehen wendete ich den Kopf
nochmals nach der Wahnsinnigen zurück sie suchte noch immer fort und wird
suchen bis sie stirbt Es war ein unangenehmer unheimlicher Eindruck