1847_Gerstaecker_FlusspiratenMississippi.html




        
                              Friedrich Gerstäcker
                        Die Flusspiraten des Mississippi
                           Aus dem Waldleben Amerikas
                                     Vorwort
Schon in früheren Zeiten als die westlichen Staaten noch als Territorium der
Union galten Dampfboote die Wasser jener mächtigen Ströme noch nicht
aufwühlten und nur unbehülfliche Kiel und Flatboote  oft auch sehr passend
Archen genannt  die Handelsverbindung im Innern unterhielten hatte sich auf
einer der zahlreichen Inseln dieses Stromes Stack oder Crowsnest Island  oder
Nr Vierundneunzig wie sie jetzt genannt wird eine völlige Raubbande
organisirt die nicht allein was in ihren Bereich kam mordete und plünderte
sondern auch in ihrem Versteck eine Falschmünzerei unterhielt von wo sie mit
ihren Banknoten das ganze westliche Land überschwemmte Die Gesetze waren nicht
hinreichend die Bewohner der Union zu schützen und die Backwoodsmen mussten
sich deshalb selbst dagegen bewahren
    In einem Lande wo sich der vierte Teil der Bevölkerung stets auf Reisen
befindet ist es aber sehr schwer ja fast unmöglich selbst einen Mord zu
entdecken da man wenn nicht der Zufall dabei tätig ist selten weitere
Beweise hat als dass der Mann eben fehlt Die Seinigen beweinen ihn nicht
einmal denn dass er tot sein könne ist ihr letzter Gedanke Sie vermuten ihn
auf irgend einer Spekulation nach Texas oder anderen neuen Staaten begriffen
und hoffen ihn mit der Zeit zurückkehren zu sehen
    Jedes Verbrechen hat aber sein Ziel die Mordbuben wurden durch die
ungestrafte Ausübung ihrer Schandtaten nach und nach dreister ihre Verbindung
breitete sich immer mehr aus und ihre Entdeckung musste endlich die Folge davon
sein In Arkansas und Texas hatten sich indessen Regulatorenbündnisse gegründet
und so überfielen auch hier die nächsten Nachbarn jene Verbrechercolonie die
Insel und übten so fürchterliche Gerechtigkeit an den Schuldigen dass sie Alle
die sie nicht selber ergriffen und vernichteten weit hinausjagten in ferne
Teile Amerikas um nur ihrem strafenden Arm zu entgehen Ein Teil der
sogenannten »Morrelschen Bande« stand mit diesen Flusspiraten in Verbindung
Morrel selber wurde gefangen und wenn ich nicht irre im Zuchthaus aufgehoben
das aber was den Backwoodsmen unter die Hände fiel kam in kein Gefängnis  es
war ein blutiger Tag der jenen Räubereien ein Ende machte
    Den Schauplatz meiner Erzählung in welcher ich das Räuberunwesen wahr nach
dem Leben zu schildern suche habe ich nach Helena und in dessen nächste
Umgebung verlegt die wirkliche Insel befand sich aber etwas weiter unten als
Einundsechzig
 
                                       1
                                        
                                Der alte Farmer
Dort wo der Wabasch die beiden Bruderstaaten Illinois und Indiana von einander
scheidet und seine klaren Fluten dem Ohio zuführt wo er sich bald zwischen
steilen Felsufern bald zwischen blühenden Matten und blumigen Prairien oder
auch unter dem ernsten Schatten und feierlichen Schweigen des dunkeln Urwalds
hin murmelnd und plätschernd durch tausend stille Buchten drängt mit dem
Schilf und mit einzelnen schwankenden Weidenbüschen spielt und tändelt hier
bald leise und behaglich über runde Kiesel und grüne Rasenstecken dahingeleitet
bald wieder plötzlich wie im tollen Mutwillen herausschiesst in die Mitte des
Bettes und da von der Gegenströmung erfasst kleine blitzende Wellen schlägt und
glitzert und funkelt  da lagen im Frühling des Jahres 184 die Büchsen neben
sich in das schwellende Gras geworfen zwei Männer auf einer dichtbewaldeten
Anhöhe Im Süden stemmte sich dieselbe dem Lauf des Stromes entgegen und zwang
ihn brausend und scheinbar unwillig über die trotzige Hemmung wieder seitab zu
fluten musste er doch den starren Gesellen umgehen der weder durch das leise
schmeichelnde Plätschern der Wellen noch durch den mächtigen Andrang der zornig
aufgeschwellten Wasser hatte bewogen werden können auch nur einen Zoll breit
seines behaupteten Grundgebiets preiszugeben
    Der Eine der Männer war noch jung und kräftig kaum älter als drei oder
vierundzwanzig Jahre und seine Tracht verriet eher den Bootsmann als den
Jäger Der kleine runde und niedere Wachstuchhut mit dem breiten flatternden
Band darum saß ihm keck und leicht auf den krausen blonden Haaren Die blaue
Matrosenjacke umschloss ein Paar Schultern deren sich ein Hercules nicht hätte
zu schämen brauchen und das rotwollene Hemd wurde von einem schwarzen seidenen
Halstuch die weißen segeltuchnen Beinkleider von einem schmalen
festgeschnallten Gürtel zusammengehalten Dieser trug zu gleicher Zeit noch die
lederne Scheide mit dem einfachen Schiffsmesser und vollendete den seemännischen
Anzug des Fremden
    Dass er aber auch in den Wäldern heimisch bewiesen die sauber gearbeiteten
Moccasins mit denen seine Füße bekleidet waren sowie die von seiner Hand
erlegte Beute ein stattlicher junger Bär der vor ihm ausgestreckt auf dem
blutgefärbten Rasen lag Ein großer schwarz und grau gestreifter Schweisshund
aber saß daneben und hielt die klugen Augen noch immer fest auf das glücklich
erjagte Wild geheftet Die heraushängende Zunge das schnelle heftige Atmen des
Tieres ja sogar ein nicht unbedeutender Fleischriss an der linken Schulter von
dem die klaren Blutstropfen noch langsam niederfielen bewiesen übrigens wie
schwer ihm die Jagd geworden und wie teuer er den Sieg über den stärkeren Feind
erkauft habe
    Der zweite Jäger ein Greis von einigen sechzig Jahren wurde allerdings an
Körperkraft und Stärke von seinem jüngeren Begleiter übertroffen trotzdem sah
man aber keiner seiner Bewegungen das vorgerückte Alter an Seine Augen glühten
noch in fast jugendlichem Feuer und seine Wangen färbte das glühende Rot der
Gesundheit Nach Sitte der Hinterwäldler war er in ein einfach baumwollenes
Jagdhemd mit eben solchen Franzen besetzt lederne Leggins und grobe Schuhe
gekleidet In seinem Gürtel stak aber statt des schmalen Matrosenmessers das
sein Gefährte trug eine breite schwere Klinge ein sogenanntes Bowiemesser
und die wollene fest zusammengerollte Decke hing ihm mit einem breiten
Streifen Bast befestigt über der Schulter
    Beide hatten sich augenscheinlich hier wo sie ihr Wild erlegt nach der
gehabten Anstrengung für kurze Rast ins Gras geworfen und der Alte während er
sich auf den rechten Ellbogen stützte und der eben hinter den Bäumen
versinkenden Sonne nachsah brach jetzt zuerst das Schweigen
    »Tom« sagte er »wir dürfen hier nicht lange liegen bleiben Die Sonne geht
unter und wer weiß wie weit wir noch zum Fluße haben«
    »Lasst Euch das nicht kümmern Edgewort« antwortete der Jüngere während er
sich dehnend streckte und zu dem blauen durch die schattigen Zweige auf sie
niederlächelnden Himmel emporblickte  »da drüben wo Ihr die lichten Stellen
erkennen könnt fließt der Wabasch  keine tausend Schritt von hier und das
Flatboot kann heut Abend mit dem besten Willen von der Welt noch nicht hier
vorbeikommen Sobald es dunkel wird müssen sie beilegen denn den Snags und
Baumstämmen mit denen der ganze Fluss gespickt ist wiche Gott Vater selbst
nicht im Dunkeln aus und wenn er sich mit seinen ganzen himmlischen
Heerschaaren ans Steuer stellte Überdies hatten sie von da wo wir sie
verließen einen Weg von wenigstens fünfzehn Meilen zu machen während wir die
Biegung des Flusses hier kurz abschnitten«
    »Ihr scheint mit dieser Gegend sehr vertraut« sagte der Alte
    »Sollte denken« erwiderte Jener sinnend »habe hier zwei Jahre gejagt und
weiß jeden Baum und Bach Es war damals ehe ich Dickson kennen lernte mit
dessen Schooner ich später nach Brasilien ging Der arme Teufel hätte auch nicht
gedacht dass er dort solch ein schmähliches Ende nehmen sollte«
    »Das habt Ihr mir noch nicht erzählt«
    »Heut Abend tu ichs vielleicht  Jetzt denk ich schlagen wir ein Lager
auf und gehen dann mit Tagesanbruch zum Fluss hinunter wo wir warten können bis
unser Boot kommt«
    »Wie schaffen wir aber das Wild hinab Wenns auch nicht weit ist werden
wir doch tüchtig dran zu schleppen haben«
    »Ei das lassen wir hier« rief der Jüngere während er aufsprang und seinen
Gürtel fester schnallte  »wollen die Burschen Bärenfleisch essen so mögen sie
sichs auch selber holen«
    »Wenn sie aber nun vorbeiführen«
    »Denken nicht dran« sagte Tom  »überdies weiß Bill der Steuermann dass er
uns hier in der Gegend erwarten muss im Fall wir nicht früher einträfen also
haben wir in der Hinsicht keineswegs zu fürchten dass wir sitzen bleiben Wetter
noch einmal das Boot wird doch nicht ohne seinen Kapitain abfahren wollen«
    »Auch gut« sagte der alte Edgewort während er dem Beispiel seines
jüngeren Gefährten folgte und sich zum Aufbruch rüstete  »dann schlag ich aber
vor dass wir die Rippen und sonst noch ein paar gute Stücke herausschneiden das
Übrige hier aufhängen und nachher dort links hinunter gehen wo dem Aussehen
der Bäume nach ein Bach sein muss Frisches Wasser möcht ich die Nacht doch
haben«
    Diese Vorsicht war nötig die Männer gingen deshalb schnell an die Arbeit
die kurze Tageszeit noch zu benutzen Sie fanden auch den Quell und neben ihm
eine ganz ungewöhnliche Menge von dürren Ästen und Zweigen von denen freilich
schon ein großer Teil halb verfault war Das Meiste davon ließ sich aber noch
trefflich zum Lagerfeuer benutzen und an der schnell entzündeten Glut staken
bald die Rippenstücke des erlegten Bären während die Jäger auf ihren Decken
ausgestreckt der Ruhe pflegten und in die züngelnden Flammen starrten
    Die beiden Männer gehörten wie auch der Leser schon aus ihrem Gespräch
entnommen haben wird zu einem Flatboot das von Edgeworts oben am Wabasch
liegender Farm mit einer Ladung von Whisky Zwiebeln Aepfeln geräucherten
Hirschschinken getrockneten Pfirsichen und Mais nach NewOrleans oder irgend
einem der weiter oben gelegenen Landungsplätze steuerte wo sie hoffen konnten
ihre Producte gut und vorteilhaft zu verkaufen Der alte Edgewort ein
wohlhabender Farmer aus Indiana und Eigentümer des Boots und der Ladung führte
auch eine ziemliche Summe baaren Geldes bei sich um in einer der südlichen
Städte vielleicht in NewOrleans selbst Waren einzukaufen und sie mit in
seine dem Verkehr etwas entlegene Niederlassung zu schaffen Er war erst vor
zwei Jahren an den Wabasch gezogen und hatte früher im Staate Ohio am Miami
gelebt Dort aber fühlte er sich nicht länger wohl da die mehr und mehr
zunehmende Bevölkerung das Wild verjagte oder vertrieb und der alte Mann doch
»dann und wann einmal« wie er sich ausdrückte »eine vernünftige Fährte im
Walde sehen wollte wenn er nicht ganz melancholisch werden sollte«
    Tom dagegen ein entfernter Verwandter von ihm und eine Waise hatte vor
einigen Jahren ebenfalls große Lust gezeigt sich hier am Wabasch häuslich
niederzulassen Plötzlich aber und ganz unerwartet änderte er seinen Sinn und
als er zufällig den alten Dickson einen Seemann und früheren Jugendfreund
seines Vaters traf ging er sogar wieder zur See
    Damals schiffte er sich in Cincinnati an Bord des dort von Dickson gebauten
Schooners ein der eine Ladung nördlicher Producte nach NewOrleans führte
diese hier verkaufte Fracht für Havanna einnahm und dann eine Zeit lang die
südlichen Küsten Amerikas befuhr bis ihn in Brasilien wie Tom schon vorher
erwähnt sein böses Geschick ereilte
    Wenn nun auch erst seit Kurzem von seinen Kreuzund Querzügen zurückgekehrt
schien ihm die Heimat doch wenig zu bieten was ihn fesseln konnte Er war
wenigstens gern und gleich bereit den alten Edgewort wieder auf seiner Fahrt
stromab zu begleiten und bewies eine so gänzliche Gleichgültigkeit gegen alles
das was seinen künftigen Lebenszweck betraf dass Edgewort oft den Kopf
schüttelte und meinte es sei hohe Zeit für ihn gewesen zurückzukommen und ein
ehrbarer ordentlicher Farmer zu werdender wäre sonst auf der See und zwischen
all den sorglos ins Leben hineintaumelnden Kameraden ganz und gar verwildert
und verwahrlost
    Um nun aber die Einförmigkeit einer Flatbootfahrt wenigstens in etwas zu
beleben waren sie hier wo der Fluss einen bedeutenden Bogen machte mit ihren
Büchsen ans Land gesprungen und hatten auch schon vom Glück begünstigt ein
vortreffliches Stück Wild erlegt Das Boot gezwungen sich nach den Krümmungen
des Flusses zu richten verfolgte indessen unter der Aufsicht von fünf kräftigen
Hosiers1 seine langsame Bahn und trieb mit der Strömung zu Tal
    »So lass ich mirs im Walde gefallen« sagte endlich Tom nach langer Pause
indem er sich auf sein Lager zurückwarf und zu den von der darunter lodernden
Glut beleuchteten Zweigen emporschaute »So kann man's aushalten  Bärenrippen
und trockenes Wetter  etwas Honig fehlt noch solch junges Fleisch schmeckt
aber auch ohne Honig delicat Blitz und Tod Manchmal wenn ich so auf Deck lag
wie jetzt hier unter den herrlichen Bäumen zu eben den Sternen in die Höhe
schaute und dann das Heimweh bekam  Edgewort ich sage Euch das  Ihr habt
wohl nie das Heimweh gehabt«
    »Das Heimweh nein« erwiderte der alte Mann seufzend während er seine
Büchse mit frischem Zündpulver versah und diese das Schloss mit dem Halstuch
bedeckend neben sich legte »das nicht aber anderes Weh gerade genug 
Sprechen wir nicht davon ich möchte mir den Abend nicht gern verderben Ihr
wolltet mir ja erzählen was in Brasilien mit Dickson oder wie er sonst hieß
geschah« 
    »Nun wenn das dazu dienen soll Euch aufzuheitern« brummte Tom »so habt
Ihr einen wunderlichen Geschmack Aber so ist es mit uns Menschen wir hören
lieber Trauriges von Anderen als Lustiges von uns selbst Doch meine
Geschichte ist kurz genug«
    »Wir waren in die Mündung eines kleinen Flusses San Jose eingelaufen und
gedachten dort unsere Ladung von Whisky Mehl Zwiebeln und Zinnwaren  mit
welchen letzteren wir einen besonders guten Handel zu machen erwarteten  an die
Eingeborenen und Pflanzer zu verkaufen Eine bezeichnete Plantage hatten wir
aber an dem Abend nicht mehr erreichen können befestigten unser kleines
Fahrzeug deshalb mit einem guten Kabeltau an einem jungen Palmbaum der nicht
weit vom Ufer stand kochten unsere einfache Mahlzeit spannten die
Mosquitonetze auf und legten uns schlafen
    Eine Wache auszustellen oder sonstige Vorsichtsmassregeln zu treffen fiel
Niemandem ein nur hatten wir den Schooner etwas lang gehangen damit er neben
einen im Wasser festliegenden Stamm kam und nicht dicht ans Ufer konnte Sonst
träumten wir von keiner Gefahr und hielten auch wirklich die Gegend für ganz
sicher und gefahrlos 
    Ich weiß nicht wie spät es in der Nacht gewesen sein kann als Dickson der
dicht neben mir lag mich in die Seite stieß und frug ob ich nichts höre
    Halb im Schlafe noch mocht ich ihm wohl etwas mürrisch geantwortet haben
zum Teufel zu gehen und andere Leute in Ruhe zu lassen auch wahrscheinlich
wieder eingeschlafen sein da fühlte ich wie er mich bald darauf zum zweiten
Mal und zwar diesmal ziemlich derb an der Schulter fasste und leise flüsterte
Munter Tom munter Es ist nicht richtig am Ufer Hallo rief ich und fuhr in
die Höhe denn jetzt kam mir zum ersten Mal der Gedanke an die roten Teufel
die ja doch auch dort vielleicht eben solche Liebhabereien haben konnten wie
das wilde Volk bei uns So saßen wir denn neben einander Jeder unter seinem
langen dünnen Fliegennetz und horchten ob wir irgend etwas Verdächtiges hören
konnten Da rief Dickson auf einmal Hierher Leute  da sind sie  die Schufte
und sprang in die Höhe während ich schnell nach meinem Messer griff und das
verdammte Ding in aller Eile nicht finden konnte Dickson aber musste sich mit
den Füßen in dem dünnen Gazestoff aus dem das Netz bestand verwickelt haben
Ich hörte einen Fall auf das Deck und sah als ich mich schnell danach umwandte
zwei dunkle Gestalten die wie Schatten über den Rand des Bootes glitten und
sich auf ihn warfen
    In dem Augenblick trat ich auf eine Handspeiche die wir am vorigen Abend
gebraucht hatten und das war die einzige Waffe die hier von Nutzen sein
konnte Mit Blitzschnelle riss ich sie in die Höhe rief den Anderen zu  wir
hatten noch drei Matrosen und einen Jungen an Bord  das Tau zu kappen und
schmetterte mit dem schweren Holz auf die Köpfe der beiden dunkeln Halunken
nieder die auch im nächsten Augenblick wieder über Bord sprangen oder
wahrscheinlicher stürzten denn meine Keule saß am nächsten Morgen voll Gehirn
und Blut
    Während die Übrigen ebenfalls noch halb schlaftrunken emportaumelten
hatte der Junge so viel Geistesgegenwart behalten mit einem glücklicher Weise
dortliegenden Handbeil das Tau zu kappen so dass schon im nächsten Augenblick
der Schooner von der starken Ebbe mit fortgenommen stromab trieb
    Meiers und Howitt zwei von den anderen Matrosen versicherten mir nachher
noch sie hätten ebenfalls fünf von den Schuften die am Schiffsrand gehangen
auf die Schädel geklopft ich weiß freilich nicht ob es wahr ist Unser armer
Kapitain war aber tot  er hatte einen Lanzenstich durch die Brust und einen
Keulenschlag über den Kopf bekommen und lag als wir endlich am andern Ufer
wieder etwas freier Atem schöpften starr und leblos an Deck«
    »Und was wurde aus der Ladung«
    »Die verkaufte ich noch in derselben Woche befrachtete dann die Charlotte
so hieß der Schooner mit bei uns verkäuflichen Gegenständen und lief vier
Monate später gesund und frisch in Charlestown wo Dicksons Wittwe lebte ein
Die arme Frau trauerte allerdings über den Tod ihres Mannes das Geld aber was
ich ihr brachte tröstete sie wohl in etwas Acht Wochen später heiratete sie
wenigstens einen Pflanzer in der Nachbarschaft Das sind Schicksale«
    »Sie wusste doch wenigstens wo ihr Mann geblieben« flüsterte der alte Mann
halb vor sich hin »wusste dass er tot und wie er gestorben sei Wie manche
Eltern harren aber Monde  Jahre lang auf ihre Kinder hoffen in jedem Fremden
der die Straße wandert in jedem Reisenden der Nachts an ihre Tür klopft das
geliebte Antlitz zu schauen und  müssen sich am Ende doch selbst gestehen dass
sie tot  lange lange tot sind und dass Haifisch oder Wolf ihre Leichen
zerrissen oder ihre Gebeine benagt haben«
    »Ja Du lieber Gott« sagte Tom indem er um ein etwas lebhafteres Feuer zu
erhalten einen neuen Ast auf die Kohlen warf »das ist eine sehr alte
Geschichte Wie Viele kommen allein in diesen Wäldern um die auf den Flüssen
gar nicht gerechnet von denen die Ihrigen selten oder nie wieder erfahren was
aus ihnen geworden ist Wie viele Tausend gehen auf der See zu Grunde Das lässt
sich nicht ändern und so oft ich auch in Lebensgefahr gewesen bin daran hab
ich nie gedacht«
    »Manchmal kehren sie aber auch wieder zu den Ihrigen zurück« sagte der Alte
mit etwas freudigerer Stimme »Wenn diese sie schon lange auf und verloren
gegeben haben dann klopfen sie plötzlich an das so lange nicht gesehene so
heiß vielleicht ersehnte Vaterhaus und die Eltern schließen weinend  aber
Freudentränen weinend das liebe böse Kind in die Arme«
    »Ja« erwiderte Tom ziemlich gleichgültig »aber nicht oft Die Dampfboote
fressen jetzt eine unmenschliche Anzahl Leben bei denen gehts ordentlich
schockweise Das  aber Ihr rückt ja ganz von der Decke herunter« unterbrach er
sich während er sein erst verlassenes Lager wieder einnahm »die Nacht ist zwar
warm doch auf dem feuchten Grunde zu liegen soll gerade nicht übermäßig gesund
sein«
    »Ich bins gewohnt« erwiderte der Alte und zwar wie es schien ganz in
seine eigenen trüben Gedanken vertieft
    »Und wenn Ihrs auch gewohnt seid die Decke liegt einmal da warum sie
nicht benutzen«
    »An der Stelle dort wo ich lag müssen Wurzeln oder Steine sein  es
drückte mich an der Schulter und ich rückte deshalb aus dem Wege«
    »Nun danach können wir leicht sehen« meinte Tom gutmütig »es wäre
überhaupt besser ein wenig dürres Laub zu einem vernünftigen Lager
zusammenzuscharren als hier auf der harten Erde liegen zu bleiben Steht einen
Augenblick auf und in einer Viertelstunde soll Alles hergerichtet sein«
    Edgewort erhob sich und trat zu der knisternden Flamme in die er mit dem
Fuße einige der durchgebrannten und hinausgefallenen Klötze zurückschob Tom zog
indessen die Decke weg und fühlte nach den darunter verborgenen Wurzeln
    »Hols der Henker« lachte er endlich »das glaub ich dass Ihr da nicht
liegen konntet Eine ganze Partie Hirschknochen steckte darunter und keine
Wurzeln dass wir das aber auch nicht gleich gesehen haben« Er warf bei diesen
Worten die Knochen gegen das Feuer zu und kratzte nun mit den Füßen und Händen
das in der Nähe herumgestreute Laub herbei bis er ein ziemlich weiches Lager
zusammenhatte Dann breitete er wieder sorgfältig die Decke darüber trug noch
einige heruntergebrochene Äste zur Flamme um in der Nacht wieder nachlegen zu
können zog Jacke und Moccasins aus deckte die erstere sich über die Schultern
und lag bald darauf lang ausgestreckt auf der Decke um ein paar Stunden zu
schlafen und die Ankunft des Bootes am nächsten Morgen nicht zu versäumen
    Edgewort hatte dagegen einen der neben ihn hingeworfenen Knochen
aufgenommen und betrachtete ihn mit größerer Aufmerksamkeit als ein so
unbedeutender Gegenstand eigentlich zu verdienen schien
    »Nun  seid Ihr nicht müde« frug ihn sein Gefährte endlich der zu schlafen
wünschte »lasst doch die Aasknochen und legt Euch nieder Es wird Tag werden
ehe wirs uns versehen«
    »Das ist kein Hirschknochen Tom« sagte der Alte indem er sich zum Feuer
niederbog um das Gebein das er in der Hand hielt besser und genauer
betrachten zu können
    »Nun so ists von Wolf oder Bär« murmelte dieser schon halb
eingeschlafen mit schwerer Zunge
    »Bär das wäre möglich« erwiderte nachdenkend der Alte »ja ein Bär könnt
es sein ich weiß aber doch nicht  mir kommts wie ein Menschenknochen vor «
    »Tretet doch dem Hund einmal in die Rippen dass er das verdammte Scharren
lässt« sagte der Matrose ärgerlich »Menschenknochen  meinetwegen auch wie
sollten aber Menschenknochen « er fuhr auf einmal schnell und ganz ermuntert
von seinem Lager empor während er scheu und wild zu den Bäumen hinaufschaute
die um ihn standen
    »Was ist Euch« frug Edgewort erschrocken »was habt Ihr auf einmal«
    »Verdammt will ich sein« sagte Tom sinnend und immer noch ängstlich
umherblickend »wenn ich  nicht glaube «
    »Glaube was Was habt Ihr«
    »Ist das wirklich ein Menschenknochen«
    »Mir kommt er so vor Es muss das Hüftbein eines Mannes gewesen sein denn
für einen Hirsch ist es zu stark und für einen Bären zu lang Aber was ist
Euch«
    Tom war emsig beschäftigt seine Moccasins wieder anzuziehen und sprang
jetzt auf die Füße
    »Wenn das ein Menschenknochen ist« rief er »so kenne ich den dem er
gehörte und habe ihn selbst mit Ästen und Zweigen zugedeckt als wir ihn
fanden Darum lag also auch hier so viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen
Ja wahrhaftig das ist der Platz und dieselbe Eiche unter der wir ihm sein
Grab machten das Kreuz  der Auswuchs hier soll ein Kreuz sein  hieb ich
damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm Der arme Teufel «
    »Auf welche Art starb er denn und wer war es«
    »Wer es war weiß der liebe Gott ich nicht aber er starb auf eine recht
niederträchtige hundsföttische Weise Ein Bootsmann dessen Boot gerade da
unten am Lande lag wo wir das unsrige morgen erwarten schlug ihn tot wie
einen Wolf und das um ein paar lumpiger Dollar willen«
    »Entsetzlich« sagte der Alte und lehnte sich den Knochen neben sich
legend auf seine Decke zurück während Tom ebenfalls seinen so schnell
verlassenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand stützte
    »Wir jagten hier oben nach Bienen« fuhr Tom vor sich niederstarrend und
ganz im Andenken der alten Zeiten verloren fort »und Bill «
    »Der Bootsmann« frug Edgewort
    »Nein jener Unglückliche« sagte Tom
    »Und sein anderer Name«
    »Den nannte er nie wir waren auch nur vier Tage zusammen und er gehörte
so viel ich verstanden habe nach Ohio hinüber Bill hatte jenen Burschen ein
paar Dollar sehen lassen und der wollte ihn gern Abends als wir am Feuer
gelagert waren zum Spielen reizen Er spielte aber nicht und das erbitterte
schon den nichtswürdigen Buben Ein paar Nächte darauf hatte ers denn auf
irgend eine Art und Weise anzustellen gewusst dass er den armen Jungen von uns
fortbekam und die Nacht mit ihm allein auslagerte Wir campirten an demselben
Abend in der Nähe der Schlucht in welcher wir heute zuerst auf die Bärin
schossen denn von der kleinen Prairie aus waren wir dorthin einem Bienencours
gefolgt Den andern Tag ließ sich Niemand von ihnen sehen und als wir mit
Sonnenuntergang zum Flussufer kamen war das Boot fort
    Dicht am Ufer übernachteten wir Der alte Sykomorestamm muss noch dort
liegen wo unser Feuer war denn der hatte sich fest zwischen zwei Felsen
gezwängt und konnte nicht fort Als wir am nächsten Morgen die Bank erstiegen
wurden wir zuerst durch die Aasgeier aufmerksam gemacht von denen eine große
Menge nach einer Richtung hinzog
    Gebt Acht sagte mein Begleiter ein Jäger aus Kentucky mit dem ich damals
in Kompagnie jagte gebt Acht der lumpige Flatbooter hat den Kurzfuss kalt
gemacht«
    »Kurzfuss« fuhr der Alte erschrocken auf »warum nannte er ihn Kurzfuss«
    »Sein rechtes Bein war etwas kürzer als das linke und er hinkte ein wenig
aber nicht viel und richtig  wie wir auf den Hügel hier kommen  ich vergässe
den Anblick nicht und wenn ich tausend Jahre alt würde  da lag der Körper und
die Aasgeier  aber was ist Euch Edgewort was habt Ihr Ihr seid «
    »Hatte der  der Kurzfuss oder  oder Bill wie Ihr ihn nanntet  eine Narbe
über der Stirn«
    »Ja  eine große rote Narbe  kanntet Ihr ihn«
    Der alte Mann presste seine Hände vor die Stirn und sank in stummem Schmerz
auf sein Lager zurück
    »Was ist Euch Edgewort Um Gottes willen Mann  was fehlt Euch« rief der
Matrose jetzt wirklich erschreckt emporspringend »kommt zu Euch  wer war
jener Unglückliche«
    »Mein Kind  mein Sohn« schluchzte der Greis und drückte seine eiskalten
leichenartigen Finger fest vor die heißen trockenen Augenhöhlen
    »Allmächtiger Gott« sagte Tom erschüttert »das ist schrecklich  armer 
armer  Vater«
    »Und Ihr begrubt ihn nicht« frug dieser endlich nach langer Pause in der
er versucht hatte sich ein wenig zu sammeln
    »Doch  er bekam ein Jägergrab« antwortete leise und mitleidig der junge
Mann »wir hatten nichts mit uns als unsere kleinen indianischen Tomahawks und
der Boden war dürr und hart da  aber ich martere Euch mit meinen Worten «
    »Erzählt nur weiter  bitte  lasst mich Alles wissen« bat flehend der
Vater
    »Da legten wir ihn hier unter diese Eiche trugen von allen Seiten Stangen
und Äste herbei dass kein wildes Tier wie stark es auch gewesen ihn
erreichen konnte  denn Bären lassen die Leichen zufrieden  und ich hieb mit
dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm«
    Edgewort starrte still und leichenbleich vor sich nieder Nach kurzer
peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor schaute zitternd und
traurig umher und flüsterte
    »Wir liegen hier also auf seinem Grabe  in seinem Grabe  und mein armer
armer William musste auf solche Weise enden Doch seine Gebeine dürfen nicht so
umhergestreut länger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben Ihr helft sie
mir begraben nicht wahr Tom«
    »Von Herzen gern nur  wir haben kein Werkzeug«
    »Auf dem Boote sind zwei Spaten und mehrere Hacken  die Leute müssen
helfen  Ich will meinem Sohn und wenn auch erst nach langen Jahren die
letzte Ehre erweisen es ist ja Alles was ich für ihn tun kann«
    »Sollen wir lieber unser Lager hinüber auf die andere Seite des Feuers
machen« frug Tom
    »Glaubt Ihr ich scheute mich vor der Stelle wo mein armes Kind
vermoderte« sagte der Greis »es ist ja auch ein Wiedersehen wenngleich ein
gar schmerzliches Ich glaubte an seinem Herzen noch einmal liegen zu können und
finde jetzt  seine Gebeine umhergestreut in der Wildnis  Aber gute Nacht Tom
 Ihr müsst müde sein von des Tages Anstrengungen  wir wollen ein wenig
schlafen und der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit
beschäftigt«
    Sicherlich nur um den jüngeren Gefährten zu schonen warf sich der alte
Mann auf sein Lager zurück und schloss die Augen Kein Schlaf senkte sich aber
auf seine tränenschweren Lider und als der kühle Morgenwind durch die
rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen säuselte stand er auf fachte das
jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller lodernder Flamme an und begann bei
dessen Licht die um das Lager herumgestreuten Gebeine zu sammeln Tom hierdurch
ermuntert half ihm schweigend in seiner Arbeit und näherte sich dabei dem
Platze wo Wolf etwa dreißig Schritt vom Feuer entfernt zusammengekauert neben
einem kleinen Ulmenbusche lag Obgleich die Beiden aber sonst sehr gute Bekannte
waren empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mürrisch und
drohend 
    »Wolf Schämst Du Dich nicht Alter« sagte der junge Mann auf ihn
zugehend »Du träumst wohl Du faules Vieh  weist mir die Zähne«
    Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur
stärker wedelte aber auch dabei leise mit dem Schwanze gerade als ob er hätte
sagen wollen Ich kenne Dich recht gut und weiß dass Du ein Freund bist aber
hierher darfst Du mir trotz alledem nicht
    Tom blieb stehen und sagte zu Edgewort der auf ihn zukam
    »Seht den Hund an er hat da etwas unter dem Laube und will mich nicht näher
lassen Was es nur sein mag«
    Edgewort ging auf ihn zu schob leise seinen Kopf zur Seite und fand
zwischen den Pfoten des treuen Tieres  den Schädel seines Sohnes  wobei Wolf
als Jener die Überreste des teuren Hauptes seufzend emporhob an ihm hinauf
sprang und winselte und bellte
    »Das kluge Tier weiß dass es Menschenknochen sind« sagte der Matrose
    »Ich glaube beim ewigen Gott er kennt die Gebeine« rief der Greis
erschrocken »Bill hat ihn aufgezogen und ging nie von dem Augenblick an wo er
laufen konnte einen Schritt ohne ihn in den Wald«
    »Das ist ja nicht möglich  die Gebeine können keinen Geruch behalten haben
 Wie alt ist denn der Hund«
    »Acht Jahre  aber so klug wie je ein Tier einer Fährte folgte« sagte der
Greis »Wolf  komm hierher« wandte er sich dann an den Winselnden »komm her
mein Hund  kennst Du Bill noch Deinen alten guten Herrn«
    Wolf setzte sich nieder hob den spitzigen Kopf hoch empor sah seinem Herrn
treuherzig in die Augen warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf
den andern und stieß plötzlich ein nicht lautes aber so wehmütig klagendes
Geheul aus dass sich der alte Mann nicht länger halten konnte Er kniete neben
dem Tiere nieder umschlang seinen Hals und machte durch einen heißen
lindernden Tränenstrom seinem gepressten Herzen Luft Wolf aber leckte ihm
liebkosend Stirn und Wange und versuchte mehrere Male die Pfote auf seine
Schulter zu legen
    »Unsinn« sagte Tom dem bei dem sonderbaren Betragen des Hundes ordentlich
unheimlich zu Mute wurde »das Tier wittert menschliche Überreste und da
gehts ihm gerade wie mit Menschenblut Lasst das die Hunde plötzlich spüren so
heulen sie ebenfalls als ob ihnen das Herz brechen wollte« »Lasst mir den
Glauben Tom« bat der Alte sich endlich wehmütig wieder emporrichtend »es
tut mir wohl selbst in dem Tiere das Gedächtnis für einen Freund bewahrt zu
sehen und  wir haben ja des Schmerzlichen genug warum den schwachen Trost
noch mutwillig mit eigener Hand zerstören«
    Ein Schuss aus der Richtung her in welcher der Fluss liegen musste unterbrach
hier seine Rede
    »Verdammt« rief Tom »ob die Burschen nicht schon mit dem Boote da sind 
die Seehunde müssen Nachts gefahren sein es ist ja kaum Tag«
    »Tut mir den Gefallen und ruft sie her« bat Edgewort
    »Mir wärs lieber wenn Ihr mitginget« sagte der junge Mann zögernd »Ihr
quält Euch hier und «
    »Ich bin gefasst wenn Ihr kommt Tom  Tut mir die Liebe und ruft sie«
    Im nächsten Augenblick hatte der junge Mann seine Büchse geschultert und
schritt dem Flussufer zu Edgewort kniete an dem Fuße der Eiche die Jahre lang
ihre Arme schützend über die Überreste seines Kindes ausgebreitet hatte nieder
und lag ernst und still im brünstigen Gebet bis er die Schritte der vom Boote
Kommenden hörte Dann sprang er auf und schritt ihnen fest und ruhig entgegen
    Tom hatte die Männer schon unten am Fluße mit dem Vorgegangenen schnell
bekannt gemacht und ernst und schweigend begannen sie an der engen Gruft zu
arbeiten die des unglücklichen jungen Mannes Gebeine aufnehmen sollte Dann
legten sie sorgsam die gesammelten Überreste hinein warfen das Grab zu
wölbten den kleinen Hügel darüber und trugen nachher eben so still und lautlos
die Jagdbeute die ihnen Tom bezeichnete auf ihren Schultern zum Boote
hinunter
    »Hallo« rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann eine wilde
drohende Gestalt das Gesicht ganz von Pockennarben zerrissen die schwarzen
langen Haare wild um die Schläfe hängend entgegen »Bärenfleisch Verdamm
meine Augen wenn das nicht der vernünftigste Streich ist den unser alter
Kapitain in langer Zeit ausgeführt hat  Macht aber schnell Burschen dass wir
von hier fort kommen wir versäumen die schöne Zeit und das Wasser fällt mit
jeder Sekunde«
    »Wir gehen noch einmal hinauf« sagte der Eine von ihnen
    »Was zum Henker ist nun noch oben«
    »Oben ist nichts mehr wir wollen nur die Backsteine aus unserer Küche
hinauftragen und so gut es geht einen Grabstein daraus machen«
    »Narren seid Ihr« zürnte der Steuermann »wie sollen wir nachher kochen«
    »In Vincennes können wir andere bekommen« sagte Tom »schaden würds Euch
auch nicht wenn Ihr eine Ladung mit hinauftrüget«
    »Ich bin zum Steuern gemietet und nicht zum Steineschleppen« brummte der
Lange indem er sich ruhig aufs Verdeck streckte »Unsinn genug dass Ihr die
alten Knochen da oben noch einmal aufrührt die wären auch ohne Euch verfault«
    Die Männer antworteten ihm nicht luden ihre Last auf und stiegen damit die
steile Uferbank empor An dem Grabe errichteten sie aber das einfache Denkmal
für den ermordeten Jäger frischten das Kreuz in der Eiche wieder auf und
wollten dann langsam den Platz auf dem Edgewort noch immer in Schmerz und Gram
vertieft stand verlassen Da fuhr dieser aus seinen Träumen auf drückte den
Bootsleuten allen freundlich die Hand schulterte seine Büchse rief dem Hunde
und ging mit festen sicheren Schritten voran dem Boote zu
    Eine halbe Stunde später knarrten und kreischten die schweren Ruder des
unbehülflichen Fahrzeugs mit deren Hilfe es in die eigentliche Strömung
hinausgeschoben wurde Dann aber drängte es schwerfällig gegen die Mitte des
Flusses zu und trieb langsam hinunter seine stille einförmige Bahn Wie es aber
nur erst einmal in Gang und richtig in der Strömung war hoben die Bootsleute
ihre »Finnen« wie die langen Ruder solcher Boote genannt sind an Deck und
streckten sich selbst nachlässig und behaglich auf den Brettern aus die ersten
Strahlen der freundlichen Morgensonne zu genießen die jetzt eben in all ihrer
schimmernden Pracht und Herrlichkeit über dem grünen Blättermeer emportauchte
    Edgewort aber saß mit dem Hunde zwischen seinen Knieen am hinteren Rande
des Fahrzeugs und schaute still und traurig nach den mehr und mehr in weiter
Ferne verschwimmenden Bäumen zurück die das Grab seines Kindes überschatteten
 
                                    Fußnoten
1 Hosier ist ein Scherzname der Amerikaner für die Bewohner von Indiana
 
                                       2
                                        
                         Der Kampf  Smart und Dayton
In Helena1 herrschte ein gar ungewöhnlich reges Leben und Treiben und aus der
ganzen Umgegend musste hier die Bevölkerung zusammengekommen sein Überall
standen eifrig unterhandelnde Männer teils in die bunt befranzten JagdHemden
der Hinterwäldler teils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr civilisirten
Städter gekleidet in Gruppen umher während heftige Reden und lebhafte
Gesticulationen ihr Gespräch als ein keineswegs alltägliches verkündeten
    Vor dem UnionHotel  dem besten Gasthause der Stadt  schien sich ganz
besonders ein nicht geringer Teil dieser Menschenmasse concentrirt zu haben
und der Wirt desselben eine lange hagere Gestalt mit blonden Haaren scharfen
Backenwochen etwas spitzer gerade vorstehender Nase aber blauen gutmütigen
Augen kurz jeder Zoll ein Yankee hatte schon eine geraume Zeit dem Drängen und
Treiben vor seiner Schwelle mit augenscheinlichem Wohlbehagen zugesehen Im
Innern des Hauses fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit und die tätige
Hausfrau hatte von ihrem Dienstboten und einem Neger unterstützt alle Hände
voll zu tun die Gäste zu befriedigen und Schlafstellen für Die herzurichten
die zu weit entfernt von Helena wohnten Trotzdem aber verharrte der Wirt in
seiner ruhigen Stellung und kümmerte sich nicht im Geringsten um das innere
Hauswesen
    Durch den Wortwechsel und vielleicht auch durch geistige Getränke erhitzt
artete indes die bisherige ruhige wenigstens friedliche Unterhaltung immer mehr
und mehr aus  Einzelne heftige Flüche und Drohungen überschallten zuerst für
Augenblicke das übrige Wortchaos und plötzlich kündete ein scharfer Schrei und
ein wildes Drängen wie es endlich was der lächelnde Wirt schon lange ersehnt
haben mochte zu Tätlichkeiten gekommen sei
    Mit halb vorgebeugtem Oberkörper die beiden Hände tief in den
Beinkleidertaschen und die rechte Schulter an den Pfosten seiner Tür gelehnt
stand er da und man sah es ihm ordentlich an welch Vergnügen ihm ein Kampf
mache dessen Resultat so ganz seinen Wünschen entsprochen haben musste
    Der nämlich der den ersten Schlag gegeben war ein kleiner untersetzter
Irländer mit brennend roten Haaren und wo möglich noch röterem Barte dazu in
Hemdsärmeln mit offenem Kragen und etwas kurzen eng anschliessenden
Nankingbeinkleidern was seiner Figur einen eigentümlich komischen Anstrich
gab Außerdem bewies sich aber Patrick OToole nichts weniger als komisch oder
auch nur spassig sobald er ein paar Tropfen Whisky im Kopfe und irgend Ursache
zu einem vernünftigen oder »raisonnablen« Streite wie er es nannte hatte Wenn
auch nicht zänkisch so war er doch der Letzte der einen Platz verlassen hätte
wo noch die mindeste Aussicht zu einer anständigen Prügelei zu erwarten gewesen
wäre
    So gerechte Sache aber Patrick oder Pat wie er gewöhnlich im Städtchen
hieß diesmal haben mochte so sehr fand er sich bald im Nachteil denn kaum
lag sein Gegner vor ihm im Staube als der größte Teil Derer die bis jetzt
wenig oder gar keinen Anteil an dem Zanke genommen auf ihn eindrangen und den
Gefallenen rächen wollten
    »Zurück mit Euch  weg da Ihr Blackguards Ihr  Söhne einer Wölfin« 
schrie der Irländer und teilt dabei ohne Unterschied der Person nach links
und rechts so gewaltige und gut gezielte Stöße aus dass er die Angreifer
blitzesschnell zu sicherer Entfernung zurückscheuchte 
    »Ehrlich Spiel hier« schrie er dabei und streifte sich schnell den immer
wieder niederrutschenden Ärmel auf  »ehrlich Spiel Ihr Spitzbuben Einer
gegen Einen oder auch Zwei und Drei aber nicht Acht und Neun die Pest über
Euch  ich klopfe Euch die Schädel so breiweich wie Euer Hirn ist  Ihr
hohlköpfigen Halunken Ihr«
    »Ehrlich Spiel« riefen auch Einige aus der Menge und suchten die übrigen
Kampflustigen zurückzudrängen Der zu Boden Geschlagene hatte sich aber in
diesem Moment ebenfalls wieder aufgerafft und das eine blau unterlaufene Auge
mit der linken Hand bedeckend riss er mit der rechten ein bis dahin verborgen
gehaltenes Messer unter der Weste vor und warf sich mit einem Schrei des
wildesten unbezähmbarsten Ingrimms auf den ihn ruhig erwartenden Iren
    Dieser jedoch ohne weiter seine Stellung zu verändern fing den drohend
gegen ihn gerichteten und sicherlich gut gemeinten Stoß auf indem er den
Angreifer am Handgelenk erfasste zum zweiten Mal niederschlug und nun in dem
Rechtlichkeitssinn der ihn Umgebenden hinlängliche Bürgschaft zu finden glaubte
dass sie einen andern dem ähnlichen Überfall verhindern würden
    Die Volksmenge schien ihm aber keineswegs geneigt  man entzog zuerst den
Besiegten seinen Händen und dann brach der Sturm in plötzlicher aber desto
verheerenderer Gewalt über ihn los
    »Zu Boden mit dem irischen Hund nieder mit ihm« tobten sie  »Er hat Hand
an einen Bürger der Vereinigten Staaten gelegt  was will der Ausländer hier
der übers Wasser Gekommene«
    »Ins Wasser denn mit ihm« schrie ein breitschulteriger bleicher Gesell
dem sich eine tiefe noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter
das Ohr zog was seinem Gesicht etwas unbeschreiblich Wildes und Unheimliches
verlieh  »ins Wasser mit ihm  die irischen und deutschen Halunken verderben
armen ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preise In den Mississippi mit der
dünnbeinigen Kanaille da kann sie mit den Seespinnen Hornpipes tanzen« und mit
diesen Worten während er einen nicht sehr lauten aber ganz eigentümlichen
Pfiff außstieß warf er sich so plötzlich gegen den überraschten Irländer dass
er diesen für den Augenblick zum Wanken brachte Den geübten Boxer würde er
jedoch trotz alledem nicht übermannt haben wären nicht die ihm zunächst
Stehenden und mehrere Andere die sich schnell hinandrängten rasch zu seiner
Hilfe herbeigeeilt und OToole sah sich gleich darauf von mehreren Seiten
erfasst und zu Boden geworfen
    »In den Mississippi mit dem Schuft« tobte der Haufen  »bindet ihm die
Hände auf den Rücken und lasst ihn schwimmen  Fort nach Irland mit ihm  er
kann sich unterwegs ein Schiff bestellen« jubelte ein Anderer und wenn auch
Einzelne der friedlicher Gesinnten die keineswegs wollten dass ein bloßer
Streit ein solch tragisches Ende nehmen sollte dazwischen sprangen und den
Überwältigten zu retten suchten so wurden diese doch leicht zurückgehalten
und jauchzend schleppten die Rasenden ihr Opfer dem Flussrande zu
    OTooles Lage war eine höchst missliche und er selbst wusste nur zu gut wie
feindlich ein großer Teil der Bewohner von St Helena gegen ihn gesinnt sei um
nicht das Schlimmste zu fürchten Schwerlich würden ihm aber seine verzweifelten
Anstrengungen mit denen er versuchte den Mördern Trotz zu bieten etwas
genützt haben Die Übermacht war zu groß und die Nähe des Flusses ließ ihnen
auch keine Zeit zum Überlegen sondern schien ihr Vorhaben eher noch zu
begünstigen  Da war es ein Einzelner der sich plötzlich mitten zwischen die
Wütenden warf und den Arm des Iren ergreifend jeden weiteren Fortschritt
hemmte dieser Einzelne aber niemand Anderes als unser freundlicher Wirt
Jonathan Smart der hier mit einer Autorität sein »Halt  das ist genug«
aussprach als ob er von dem Haufen ganz besonders zum Friedens und
Schiedsrichter bestellt gewesen wäre
    Die Menge zeigte indessen nicht die mindeste Lust das so unerwartete und
ungebetene Einschreiten geduldig zu ertragen
    »Zurück Smart  lasst den Mann los und geht zum Teufel« und mehrere
ähnliche und gleich freundliche Anreden schallten ihm aus fast jedem Munde
entgegen Smart aber behauptete nichtsdestoweniger seinen Platz und rief nur mit
fester Stimme dagegen
    »Ich will verdammt sein wenn Ihr ihm ein Haar krümmt«
    »So sei es denn« schrie der Eine seiner Gegner zog eine kleine
Taschenpistole richtete sie auf den Yankee und drückte ab Nun versagte zwar
zum großen Glück des menschenfreundlichen Retters die Waffe Jonathan Smart war
aber nicht der Mann der ruhig auf sich zielen ließ Mit schnellem Griff riss er
ein unter seinem Rock getragenes wenigstens zwölf Zoll langes Bowiemesser vor
und führte damit schon in der nächsten Sekunde einen so kräftigen wohlgemeinten
Hieb nach dem entsetzt Zurückfahrenden dass er ihm wenn Jener Stich gehalten
den Schädel unfehlbar mit dem schweren Stahl gespalten haben müsste Der aber
dem die jetzt zornfunkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verrieten was
ihn erwarte sprang mit lautem Aufschrei zur Seite und nur noch die Spitze des
Messers traf ihn vorn an der Schulter von wo an sie ihm den Rock bis hinab an
den Saum mit einem Hiebe aufriß
    Der Schlag war zu tüchtig geführt gewesen um an dem vollen Ernst des Mannes
nur einen Augenblick zu zweifeln Sein Auge flog auch jetzt mit so
dunkelglühendem und herausforderndem Trotz über die Anderen hin dass sie scheu
und fast unwillkürlich den Iren losliessen Der aber fühlte seine Glieder kaum
wieder frei als er auch schon rasch emporsprang und nicht übel Lust zu haben
schien den für ihn fast so verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu
erneuern Smart jedoch hielt seinen rechten Arm wie mit eisernem Griff umspannt
und ehe noch die für den Augenblick wie vor den Kopf gestossenen Männer einen
neuen Entschluss fassen oder es über sich gewinnen konnten dem ihnen so
herausfordernd gezeigten Stahl zu trotzen zog der Wirt den kleinen Irländer
mit sich fort seinem eigenen Hause zu und verschwand gleich darauf im Innern
desselben
    »Verdamm meine Augen« schrie da plötzlich der schon früher erwähnte
bleiche Gesell mit der Narbe  »sollen wir uns das gefallen lassen Wer ist denn
der langbeinige Schuft von einem Yankee der hier nach Arkansas kommt und einem
ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorschreiben will was er zu tun und zu lassen
hat Ei so steckt doch dem Halunken das Haus über dem Kopfe an« 
    »Bei Gott das wollen wir  kommt Boys holt das Feuer aus seiner eigenen
Küche« tobte und wütete die Schaar  »nieder mit der Kneipe die Bestie will
so nichts pumpen«
    Die Masse wandte sich  rasch zur Untat erschlossen  gegen das also
bedrohte Haus und wer weiß wie weit sie in ihrem augenblicklich heftig
entflammten Grimme gegangen wäre hätte sich ihr nicht jetzt aber mit der
freundlichsten bittendsten Gebärde ein Mann entgegengestellt der sie mit hoch
erhobenen Armen und lauter Stimme bat ihm einen Moment Gehör zu schenken Er
war hoch und schlank gewachsen mit offener freier Stirn dunkeln Augen und
Haaren und feinen fast weiblich scholl geschnittenen Lippen Auch in seiner
ganzen Haltung lag etwas Gebieterisches und doch wieder Geschmeidiges und seine
Kleidung die aus feinem schwarzen Tuch und schneeweisser Wäsche bestand
verriet ebenfalls dass er entweder diesen Kreisen fremd sei oder doch eine
Stellung bekleide die ihn über seine Umgebung erhebe Er war zu gleicher Zeit
Advokat und Arzt und seit einem Jahr erst aus den nördlichen Staaten hier
eingetroffen wo er sich seiner Kenntnisse und seines einnehmenden Betragens
wegen in gar kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte
sondern auch in Stadt und Kounty zum Friedensrichter ernannt worden war
    »Gentlemen« redete dieser jetzt die ihm wunderbarer Weise rasch
Willfahrenden an  »Gentlemen bedenken Sie was Sie tun wollen  Wir befinden
uns unter dem Gesetze der Vereinigten Staaten und die Gerichte sind sowohl
bereit Sie gegen den Angriff Anderer als Andere gegen Ihren Angriff zu
schützen Mr Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt  er hat Ihnen im
Gegenteil einen Gefallen getan indem er Sie vor einer Gewalttat bewahrte
die wohl böse Folgen für Manche von Ihnen gehabt haben könnte  Sie sollten ihm
eher dankbar sein  Mr Smart ist auch sonst in jeder Hinsicht ein Ehrenmann«
    »Hol ihn der Teufel« rief hier Der nach dem der Wirt mit seinem Messer
gehauen »dankbar sein  Ehrenmann  ein Schuft ist er und hätte mich beinahe
gespalten wie eine Apfelsine  In die Hölle mit ihm  Feuer in sein Nest das
ist mein Rat«
    »Gentlemen Hat Sie Mr Smart beleidigt« nahm hier der Richter aufs Neue
das Wort »so bin ich auch überzeugt dass er Alles versuchen wird seinen
begangenen Fehler wieder gut zu machen kommen Sie wir wollen ruhig zu ihm
hinausgehen und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen
freiwilligen Spende an Whisky die wir ihm auferlegen werden das Geschehene
ausgleichen  sind Sie das zufrieden«
    »Ei hols der Henker  ja« sagte der mit der Narbe  »er soll tractiren 
Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg so will ich verdammt sein wenn ich
ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu kosten gebe«
    »Hätte nur mein verdammtes Terzerol nicht versagt«  zischte der Andere 
»die Pest über den Krämer der  so erbärmliche Waren führt«
    »Kommt Boys ins Hotel  Smart mag herausrücken und wenn ers nicht tut
so soll ihm der  Böse das Licht halten « sagte der Narbige
    »Ins Hotel  ins Hotel« jauchzte die Schaar  »er muss tractiren sonst
schlagen wir ihm den ganzen Kram in tausend Stücken«
    In jubelndem Chor wälzte sich der zügellose Haufe dem Gasthaus zu und wer
weiß ob des Advokaten freundlich gemeinte Beilegung des Streites nicht hier zu
noch viel ernstafteren Auftritten geführt hätte Smart kannte aber seine Leute
zu gut und wusste wie er sobald er den Schwarm wirklich in sein Haus lasse
gänzlich in den Händen der schon halb Betrunkenen sei und dann auch jedem ihrer
Wünsche willfahren müsse wollte er sich nicht der größten Gefahr an Leben und
Eigentum aussetzen Als sich daher die Rädelsführer seiner Tür näherten trat
er plötzlich mit gespannter und im Anschlag liegender Büchse ruhig auf die
oberste Schwelle und erklärte fest den Ersten niederzuschiessen der die Stufen
seiner Treppe betreten würde
    Smart war als ein ausgezeichneter Schütze bekannt und sicherer Tod lag in
der ihnen drohend entgegen gehaltenen Mündung Der Advokat trat aber auch hier
wieder vermittelnd zwischen den Parteien auf bedeutete den Yankee dass die
Männer hier keine Feindseligkeiten weiter gegen ihn nährten und bat ihn die
Büchse fortzustellen damit auch das Letzte entfernt sei was auf Streit und
Kampf hindeuten könne
    »Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whisky« schloss er dann seine Rede
»und sie werden Eure Gesundheit trinken Es ist ja doch besser mit Denen die
unsere Nachbarn in Stadt und Haus sind friedlich und freundlich beisammen als
in immerwährendem Streit und Hader zu leben«
    Der Yankee hatte bei den ruhigen Worten des Advokaten den er selbst schon
seit längerer Zeit als einen ordentlichen und wenn es galt auch entschlossenen
Mann kannte den Büchsenkolben gesenkt ohne jedoch die rechte Hand vom Schloss
zu entfernen und erwiderte jetzt freundlich
    »Es ist recht hübsch von Ihnen Mr Dayton dass Sie nach besten Kräften
Streit und Blutvergießen gehindert haben  mancher Ihrer Herren Kollegen hätte
das nicht getan Damit Sie denn auch sehen dass ich keineswegs geneigt bin mit
den guten Leuten gegen die ich ja sonst nicht das Mindeste habe wieder auf
freundschaftlichen Fuß zu kommen so bin ich gern erbötig eine volle Gallone
zum Besten zu geben aber  ich will sie hinausschicken  Ich habe Ladies hier
im Hause und die Gentlemen draußen werden gewiss selbst damit einverstanden sein
ihren Brandy im Freien zu trinken und sich nicht dabei durch die Gegenwart von
Damen gestört zu wissen«
    »Hallo  Brandy« rief der mit der Narbe  »wollt Ihr uns wirklich eine
Gallone Brandy geben und dabei erklären dass Euch das Geschehene leid sei«
    »Allerdings will ich das« erwiderte Jonathan Smart während ein leichtes
spöttisches Zucken um seine Mundwinkel spielte »und zwar vom vortrefflichsten
PfirsichBrandy den ich im Hause habe  sind die Herren damit einverstanden«
»Ei  Bootshaken und Enterbeile  ja« nahm der Bleiche das Wort  »heraus mit
dem Brandy  wenn Unterröcke drin sitzen wirds einem ordentlichen Kerl doch
nicht so recht behaglich zu Mute  aber schnell Smart  Ihr trefft uns heute
in verdammt guter Laune und könnt Euch gratuliren lasst uns deshalb also auch
nicht lange warten«
    Fünf Minuten später erschien ein starker breitschulteriger Neger mit
achtem Wollkopf und fast ungewöhnlich streng ausgeprägten ätiopischen
Gesichtszügen in der offenen Tür und trug  während er die Versammlung jedoch
noch immer misstrauisch bald links bald rechts zu betrachten schien  in dem
linken Arme eine große breitbäuchige Steinkruke in dem andern ein halbes
Dutzend Blechbecher Die Schaar empfing ihn aber jubelnd untersuchte vor allen
Dingen das Getränk ob es auch wirklich der gute ihnen versprochene Stoff sei
und zog dann jauchzend dem Fluss zu wo sie an Bord eines dort liegenden
Flatbootes gingen und bis in die späte Nacht hinein zechten und tobten Dayton
dagegen blieb noch eine Weile stehen und blickte den Davontobenden still und
wie es schien ernst sinnend nach Smart aber störte ihn bald aus seinem
Nachdenken auf  er lehnte die Büchse oben an einen Pfosten der Veranda und
stieg zu dem ihm so freundlich zu Hilfe gekommenen Richter nieder
    »Dank Euch Sir« sagte er hier während er ihm freundlich die Hand
entgegenstreckte »dank Euch für Euer sehr zeitgemäss eingelegtes Wort  Ihr
hättet zu keinem gelegeneren Moment dazwischen treten können«
    »Nicht mehr als Bürgerpflicht« lächelte der Richter »die Menge lässt sich
gern von einem entschlossenen Manne leiten und wenn man den richtigen Zeitpunkt
auch richtig trifft so vermag ein einzelnes ernstes Wort oft Gewaltiges«
    »Nun ich weiß nicht«  meinte Smart kopfschüttelnd während er einen nichts
weniger als freundlichen Seitenblick nach dem Fluss hinab warf »dergleichen Volk
lässt sich sonst nicht leicht weder von freundlicher Rede noch von feindlicher
Waffe zurückschrecken Es sind meistens Leute die nichts weiter auf der Welt zu
verlieren haben als ihr Leben und deshalb der Gefahr da sie das Leben keinen
Pfifferling achten trotzig entgegengehen Ich bin übrigens doch froh so
wohlfeilen Kaufes losgekommen zu sein denn  Blut zu vergießen ist immer eine
hässliche Geschichte Aber so tretet doch einen Augenblick ins Gastzimmer ich
komme gleich nach  muss nur erst einmal nach meiner Alten in der Küche sehen und
alles Nötige bestellen«
    »Ich dank Euch« sagte der Richter »ich muss nach Hause  Es sind mit dem
letzten Dampfboot heut Briefe angekommen und vom Fluss herunter habe ich auch 
mehrerer Geschäftssachen wegen  einen Besuch zu erwarten Wollt Ihr mir aber
einen Gefallen tun so kommt Ihr nachher ein bisschen zu mir herüber  Bringt
auch Eure alte Lady mit  ich habe überdies noch Manches mit Euch zu
besprechen«
    »Meine Alte wird wohl daheim bleiben müssen« sagte der Yankee lächelnd
»wir haben das Haus voll Leute aber ich selbst  ei nun ich bin überdies recht
lange nicht bei Mrs Dayton gewesen  die  Burschen werden doch nicht etwa noch
einmal kommen« 
    »Habt keine Angst« beruhigte ihn der Richter  »das Volk ist wild und
hitzköpfig auch wohl ein wenig roh  aber überdachter Schlechtigkeit halte ich
sie nicht für fähig Sie hätten Euch vielleicht im ersten wilden Zorn das Haus
über dem Kopfe angesteckt den aber erst einmal verraucht so wird auch Keiner
mehr daran denken Euch zu belästigen«
    »Desto besser« sagte Jonathan Smart »Angst hätte ich übrigens auch nicht 
mein Scipio hält wenn ich fort bin Wacht und der Hornruf aus dem Fenster kann
mich überall in Helena erreichen  Also auf Wiedersehen  in einem halben
Stündchen komme ich hinüber«
    Er trat bei diesen Worten während der Richter seiner eigenen Wohnung
zuschritt ins Haus zurück und stand gleich darauf vor seiner »besseren
Hälfte« wie sie sich selbst zu nennen pflegte die er übrigens teils durch
die überhäufte Arbeit teils durch die vorgegangene Szene in der übelsten
Laune von der Welt fand
    Mrs Smart war denn auch keineswegs die Frau die irgend einen Groll lange
und heimlich mit sich herum getragen hätte Was ihr auf dem Herzen lag musste
heraus mochte es sein was es wollte So schob sie sich denn auch als sie
ihren Herrn und Gemahl nahen hörte das Sonnenbonnet das sie der Kaminglut
wegen auch in der Küche trug zurück stemmte beide Arme  in der Rechten noch
immer den langen hölzernen Kochlöffel haltend  fest in die Seite und empfing
den langsam herbeischlendernden Gatten mit einem scharfen
    »So  was hat der Herr denn heute wieder einmal für ganz absonderlich
gescheidte Streiche angerichtet Man darf den Rücken nicht mehr wenden so ist
irgend ein Unglück in Anmarsch und kein Kuchen kann im ganzen Neste gebacken
werden ohne dass Mr Smart seinen Finger und seine Nase hineinstecken müsste«
    »Mrs Smart« sagte Jonathan der gerade jetzt viel zu guter Laune war um
sich diese durch den Unwillen seiner Gattin verderben zu lassen  »ich habe heut
ein Menschenleben gerettet und das sollte ich denken «
    »Ach was da Menschenleben«  unterbrach ihn in allem Eifer Mrs Smart 
»Menschenleben hin Menschenleben her  was geht Dich das Leben anderer Leute
an An Deine Frau solltest Du denken aber die mag sich schinden und quälen die
mag sich mühen und placken das ist diesem Herrn der Schöpfung ganz einerlei Er
wirft auch die Gallonen guten PfirsichBrandy gerade so auf die Straße hinaus
als ob er sie da draußen gefunden hätte während ich hier im Schweiße meines
Angesichts arbeiten und unser Aller Brod verdienen muss «
     »wäre mit der gehabten Mühe keineswegs zu teuer erkauft gewesen«  fuhr
Smart ruhig ohne die Unterbrechung seines Weibes auch nur im Mindesten zu
beachten fort
    »Ich sage Dir aber es wäre zu beachten gewesen« eiferte die hierdurch nur
noch mehr erzürnte Frau  »es wäre zu beachten gewesen wenn Du nur so viel
Gefühl für Dein eigen Fleisch und Blut hättest Aber Philippchen kann
heranwachsen und groß werden  das kümmert Dich nicht  Nach Deiner Wirtschaft
geht Alles zu Grunde und muss Alles zu Grunde gehen und wenn der arme Junge
einmal das Alter hat so wird er wohl nicht einmal eine Stelle haben wohin er
sein Haupt legt  Du Rabenvater«
    »Der Rabenvater hatte auch keine Stelle wo er sein Haupt hinlegen konnte
als er heranwuchs«  lächelte Mr Smart gutmütig und rieb sich dabei die Hände
 »Mr Smart senior gab ihm aber allerlei gute Lehren und die haben denn auch
so gute Früchte getragen dass sich Smart junior nach mehrmaliger Ernte das
schönste Gasthaus in ganz Helena bauen konnte  Smart senior ist nun tot und
Smart junior ist Smart senior geworden wenn also in natürlicher Folge Smart
junior jetzt «
    »Nun hör einmal auf mit all dem Unsinn von senior und junior  geh an Dein
Geschäft besorge die Pferde die draußen im Stalle stehen  schick mir den
Neger her und lass ihn Bohnen aus dem Felde bringen Zum Kaufmann muss er auch
hinübergehen um das Fass Zucker zu holen  Mann Du wirst mich mit Deinem
Leichtsinn noch in die Grube bringen«
    » dem Rate des Smart senior so folgt wie Smart senior damals dem Rat
seines Vaters folgte« fuhr der unverwüstliche Yankee ruhig und unbekümmert fort
 »so ist alle Hoffnung vorhanden dass auch ohne unser Zutun Smart junior schon
seinen Lebensunterhalt auf anständige Weise gewinnen werde«
    »Scipio soll hierher kommen« schrie jetzt Mrs Smart wirklich zur
äußersten Wut getrieben während sie mit dem Fuße stampfte und den Stiel des
Löffels auf den einzigen kleinen Tisch niederstiess  »hörst Du Jonathan 
Scipio soll herkommen und nun fort mit Dir Mensch der Du meinen Tod willst
oder ich gebrauche so wahr mich unser lieber Herrgott erhören soll mein
Küchenrecht«2  Und mit raschem Griff erfasste sie den kupfernen langstieligen
Schöpfer und fuhr damit in den Kessel voll siedenden Wassers der über dem Feuer
zischte und sprudelte
    Nun wusste Mr Smart allerdings dass es zwischen ihnen trotz dem von Seiten
Madames oft hitzig geführten Zungenkampf nie zu Tätlichkeiten kam denn Madame
kannte zu gut den ernsten und festen Sinn ihres Mannes so etwas je zu wagen Um
aber auch jedem Wortwechsel ein Ende zu machen und die erzürnte Ehehälfte die
ihm sonst eine brave und treue Gattin war freundlicher zu stimmen zog er sich
ruhig zur Tür zurück und frug nur hier die Klinke in der Hand »ob Mrs Smart
sonst noch etwas zu bestellen habe da er ein paar Geschäftswege abmachen müsse«
    Diesen Rückzug nahm Madame übrigens als ein still schweigendes Zeichen der
Anerkennung ihrer Autorität um bedeutend milder gestimmt goss sie das kochende
Wasser wieder zurück in sein Gefäß wischte sich mit der Schürze den Schweif von
der geröteten Stirn und sagte in noch halb ärgerlichem aber doch nicht mehr
heftigem Tone
    »Nein Mr Smart  wenn Sie Ihre Geschäfte außer dem Hause haben so
brauchen Sie sich auch nicht um die meinigen zu kümmern  So viel sage ich
Ihnen aber die Pferde «
    »Sind sämtlich gefüttert und besorgt« bemerkte Smart 
    »Und das Fass Zucker «
    »Steht in der Bar«
    »Aber die Bohnen «
    »Sind von Scipio schon vor einer halben Stunde gepflückt worden«
    »Und die beiden Zimmer die noch für die letztgekommenen Gäste geräumt
werden sollten «
    »Können jeden Augenblick bezogen werden« lächelte Jonathan  »Mr Smart und
Scipio haben das Alles besorgt  sonst noch etwas«
    Madame  jetzt wirklich ärgerlich dass weiter gar nichts zu bemerken war
arbeitete mit immer größerem Eifer und immer röter werdender Physiognomie in
den Kohlen herum auf die sie sich schon zweimal vergebens bemüht hatte den
schweren eisernen Kessel zu heben Jonathan aber dies bemerkend sprang rasch
hinzu  ergriff die Haken und schwang das mächtige Gefäß mit leichter Mühe auf
seinen Ort wandte sich dann lächelnd nach seiner kaum noch schmollenden Ehe
Hälfte um drückte ihr einen raschen aber nichtsdestowenige derbgemeinten Kuss
in das rote gutmütige Gesicht und stieß im nächsten Augenblick  aus
Leibeskräften den Yankeedoodl pfeifend und die Hände tief in die
Beinkleidertaschen vergraben  mit raschen Schritten zur Tür hinaus ins Freie
 
                                    Fußnoten
1 Helena eine kleine Stadt in Arkansas am Ufer des Mississippi
2 Das hier gemeinte und in Nordamerika so geltende Küchenrecht was nicht
selten besonders auf Dampfbooten seine Anwendung findet besteht darin einen
Kochlöffel voll siedenden Wassers gerade über dem den man aus der Küche haben
will an die Decke zu schleudern dass wenn er sich nicht rasch durch die Flucht
den Folgen entzieht die heiße Flut auf ihn hinabträufelt
 
                                       3
                                        
                        Das UnionHotel und seine Gäste
Leser hast Du schon je ein amerikanisches Wirtszimmer gesehen Nein Das ist
schade  es würde mir die Beschreibung ersparen Wie die Bahnhöfe auf unseren
Eisenbahnen so haben die Wirtszimmer in der Union eine Familienähnlichkeit
die sich in keinem Staate weder im Norden noch Süden verleugnen lässt und in
den kostbarsten AusterSalons der östlichen Städte wie in den gewöhnlichen
grogshop der Backwoods sichtbar und erkenntlich bleibt Der Schenktisch mag er
nun mit Marmorplatten belegt oder von einem schmutzigen hölzernen Gitter
beschützt sein trägt seine kleinen Fläschchen mit Pfeffermünz und Staunton
Bitters damit sich jeder Gast sein Getränk mit einem der beiden scharfen
Spirituosen würzen könne und die dahinter angebrachten Karaffen blitzen und
funkeln und laden mit ihrem farbigen Inhalt den Gast ein sie zu kosten
Apfelsinen und Citronen füllen die leeren Zwischenräume aus und bleibehalste
Champagnerflaschen so wie süße mit buntfarbigen Etiketten versehene Liqueure
prangen in den obersten Regalen Nie aber wird sich der Reisende in diesen
öffentlichen Gebäuden mögen sie nun »hotel« oder »inn«  »tavern« oder »
boardingshouse« heißen wohnlich fühlen Wie Alles in Amerika einzelne
Privatwohnungen ausgenommen nur für den augenblicklichen Genuss und Nutzen
eingerichtet ist und jeder wirklichen Behaglichkeit entbehrt so ist es auch mit
diesen doch eigentlich für die Bequemlichkeit der Reisenden hingestellten
Gastäusern
    Schon die ganze innere Einrichtung beweist das  Nur vor dem Kamin stehen
Stühle und um denselben selbst im Sommer wenn kein Feuer darin brennt
sammeln sich aus alter Gewohnheit die Gäste und spritzen ihren Tabakssaft in die
liegengebliebene Asche Keiner setzt sich mit seinem Glas zum Tisch und
verplaudert ein halbes Stündchen mit dem Freunde  keiner liegt im Stuhl
behaglich zurückgelehnt und beobachtet die Kommenden und Gehenden In Gruppen
stehen sie beisammen  das kaum gefüllte Glas wird schnell geleert höchstens
einmal eine Zeitung durchflogen und wieder fort stürmt der erst eingekehrte
Gast seinen Geschäften oder seinem Vergnügen nach
    Das UnionHotel machte keine Ausnahme von dieser ziemlich allgemeinen Regel
Der Tür gegenüber befand sich der Schenkstand hinter dem ein junger Mann kaum
Hände genug zu haben schien die verlangten Gläser zu füllen  Links war der
Kamin rechts führten drei Fenster auf die Elmstreet hinaus während neben der
Tür zwei andere vornheraus eine Aussicht durch die Veranda nach der breiten
Frontstreet und zugleich mit auf die Dampf und FlatbootLandung und den Strom
gewährten In der Mitte des ziemlich großen Raumes stand ein breitfüssiger
viereckiger Tisch auf dem ein paar Zeitungen die State Gazette der Cherokee
advocate und das NewOrleansBulletin lagen und ein Dutzend Stühle ein
kleiner Nürnberger Spiegel und eine unvermeidliche Yankee Uhr über dem Kaminsims
füllten den übrigen Platz an Möbeln aus
    Interessanter aber waren die Gruppen die in den verschiedenen Teilen des
Zimmers umherstanden  Nur zwei Leute saßen nämlich und zwar diese wie zwei
Kaminverzierungen an beiden Seiten desselben die Rücken der Gesellschaft
zugedreht und die Beine hoch oben auf dem Sims neben der Uhr
    Den Mittelpunkt der Gäste bildete ein junger Advokat aus Helena Namens
Robins ein Farmer aus der Nähe von Little Rock ein junger grobknochiger
Gesell der trotz dem hellblauen Frack aus Wollenzeug und dem schwarzen
abgeschabten Filz etwas unverkennbar Matrosenartiges an sich hatte und der
sogenannte Mailrider der zu Pferde den ledernen Briefsack zwischen Helena und
Strongs Postoffice in der Nähe des St Franzisflusses hin und herführte Das
Gespräch drehte sich jetzt um den vorhin stattgehabten und beschriebenen Kampf
die sie aus dem Fenster größtenteils mit ansehen konnten und der Mailrider
ein kleines dürres Männchen von etwa fünfundzwanzig Jahren war ganz besonders
erstaunt dass sich eine solche Menge kräftiger trotzig aussehender Burschen
erst von einem einzelnen Mann einschüchtern und dann von einem andern in der
Ausübung ihrer Rache hatten zurückhalten lassen
    »Gentlemen« sagte er in der mit Eifer geführten Anrede wobei er diesen
Titel ungewöhnlich häufig anwandte als ob er seine Zuhörer dadurch ebenfalls
mit überzeugen wollte dass er selbst zu dieser besonderen Menschenklasse gehöre 
»Gentlemen die Männer von Arkansas fangen an aus der Art zu schlagen  das
demokratische Prinzip geht unter Vom Osten her werden monarchische Grundsätze
von Tag zu Tag gefährlicher Gentlemen ich fürchte wir erleben noch die Zeit
wo sie in Washinton einen König krönen und der  König  heißt  dann  Henry 
Klay «
    »Henry Unsinn« sagte der Farmer verächtlich  »wenn das geschähe so
möchten sie ihren König auch im Osten behalten über den Mississippi sollte er
uns nicht kommen dafür stehe ich Wetter noch einmal unsere Väter die in
ihren blutigen Gräbern schlafen und für ihre Kinder fielen müssten sich ja in
Schande und Schmach umdrehen wenn die Enkel die zu den Millionen angewachsen
sind das nicht einmal mehr behaupten könnten was sie der Übermacht mit
wenigen Tausenden abzwangen Das sind aber die verrückten Ideen die nur
Ausländer mitbringen  In Schmach und Ketten aufgewachsen können sie sich
nicht denken dass ein Volk im Stande ist zu existieren wenn es nicht von einem
Fürsten am Gängelbande geführt wird  Zum Teufel auch ich hab da erst neulich
in einem Buche gelesen wie die Hofschranze über dem großem Wasser drüben in den
Städten herumkriechen und schwanzwedeln und die Feinen und Zierlichen spielen 
Die Pest über sie  solch Geschmeiss sollte einmal nach Arkansas kommen hu  pih
 wie wir sie mit Hunden Hinaushetzen würden«
    »Hahaha«  lachte der kleine Advokat  »Howil gerät ordentlich in Jagdeifer
 Mäßigung wackerer Staatsbürger Mäßigung  Gegen solche Gefahr schützt uns
unsere Konstitution «
    »Ach  was da Konstitution« brummte Howil »wenn wirs nicht selber tun
wärs die Konstitution und das Advocatenvolk auch nicht im Stande  Die eine
würden umgeworfen und die anderen gingen zur neuen Fahne über  das ist Alles
schon dagewesen Nein der Farmer ists der den Kern der Staaten ausmacht denn
sein freies Land wäre gerade das was unter die Botmässigkeit einer willkürlichen
Regierung fiele Er müsste das Land cultiviren und mit dazu beitragen dass sich
die Industrie mehr und mehr höbe und die Einkünfte von Jahr zu Jahr wüchsen und
dürfte dann am Ende noch nicht einmal mit darein reden wenn es sein eigenes Wohl
und Wehe gälte Nein der Farmer oder vielmehr das Volk hält den Staat  nicht
die Konstitution und ein Land das kein Volk hat dem hilft auch die beste
Konstitution nichts«
    »Nun ja das sag ich ja eben« fiel der Mailrider der nicht recht
verstand was Jener meinte mit seiner dünnen Stimme ein  »deshalb wunderts
mich ja gerade dass sich das Volk so von einem einzelnen Menschen leiten und
einschüchtern lässt  Donnerwetter  ich sollte dazwischen gewesen sein  ich
hätte dem Yankee«  und er sah sich dabei um ob der Wirt nicht etwa im Zimmer
sei  »zeigen wollen was es heißt sich an freien amerikanischen Bürgern zu
vergreifen«
    »Gerad im Gegenteil« erwiderte ruhig der Farmer  »mich hats gefreut
dass die Leute Vernunft annahmen Was ich früher von Helena gehört ließ mich
fast glauben der ganze Ort bestehe aus lauter  Gesindel Es ist mir lieb dass
ich jetzt eine andere Meinung davon nach Hause tragen kann denn dass die Köpfe
eines freien sorglosen Völkchens einmal überschäumen ei nun das ist kein
Unglück wenn sie nur immer wieder ins richtige Bett zurückkehren«
    »Verdammt wenig von Denen die heute Nacht in einem Bett schlafen« lachte
hier der im blauen Frack dazwischen  »Die lustigen Burschen fangen mit der
Gallone Brandy an und es sollte mich gar nicht wundern wenn sie mit einem
ganzen Fass aufhörten  Ihr Gejubel und Geschrei schallt ja sogar bis hier
herüber«
    »Was ist denn hier eigentlich heute vorgegangen« frug jetzt der Farmer
sich an die Übrigen wendend »Ich kam gerade wie sie den Irländer draußen in
der Klemme hatten und trug dann meine Satteltasche in die Hinterstube  War
denn heute Gerichtstag«
    »Gerichtstag« sagte der im blauen Frack »nein das weniger aber was ganz
Anderes  Holks Haus und Land wurde verauctionirt«
    »Holks Des reichen Holk Haus« rief Howitt verwundert »ih das ist ja gar
nicht möglich  Alle Werter vor acht Tagen kam ich erst hier durch und da war
ja noch kein Gedanke daran«
    »Ja Sachen ändern sich« lachte der Blaue  »Holk ging wie Ihr wisst mit
einem Flatboot nach NeuOrleans Unterwegs muss er aber wohl auf irgend einen
Snag gelaufen oder sonst zu Unglück gekommen sein kurz das ganze Boot ist
spurlos verschwunden und vor fünf Tagen kam Holks Sohn hier an«
    »Hatte denn Holk einen Sohn« frug der Farmer »er war ja gar nicht
verheiratet«
    »Aus früherer Ehe« erwiderte der Blaue  »mehrere Leute hier kannten die
Familie Der junge Holk wäre auch gern hier geblieben er bekam aber schon am
zweiten Tage das Fieber und damit zugleich einen solchen Widerwillen gegen das
niedere Land selbst dass er schon auf den dritten Tag die Versteigerung seines
sämtlichen Grundbesitzes feststellte Die Auction fand an diesem Morgen statt
und mit dem Dampfboot das heute Mittag hier landete ist der junge Holk wieder
hinunter nach Baton Rouge gegangen«
    »Potz Blitz der hat seine Geschäfte schnell abgemacht Da ist auch wohl der
schöne Platz um einen Spottpreis weggegangen« frug der Mailrider der ebenfalls
erst während des Streites gekommen war
    »Das nicht« erwiderte der Advokat  »die Baustellen sind fast die besten in
Helena und es fanden sich mehrere Bewerber  ich selbst habe geboren Richter
Dayton schien auch große Lust zu dem Handel zu haben Der Wirt hier hat sie
aber zuletzt noch erstanden und was die Bedingung war  gleich baar bezahlt 
Smart muss einen hübschen Taler Geld in Helena verdient haben«
    »Wunderbar wunderbar« murmelte der Farmer vor sich hin  »Mir hat Holk
einmal gesagt er hätte weder Kind noch Kegel in Amerika und wolle alles das
was er sein eigen nenne verkaufen und wieder nach Deutschland zurückgehen«
    »Nun ja« lachte der Blaue »es war so eine schwache Seite von ihm noch für
einen jungen Mann zu gelten Er leugnete immer dass er schon verheiratet
gewesen  Ihr kennt doch die junge Wittwe drüben  gleich neben Daytons« und er
verzog dabei während er mit dem Daumen der Hand über die eigene Schulter
deutete das keineswegs schöne Gesicht zu einem hässlichen boshaften Lachen
    »Die arme Frau« sagte ein junger Kaufmann der eben zu ihnen getreten war
und die letzten Worte gehört hatte »Sie geht herum wie eine Leiche  sie soll
den Holk so gern gehabt haben«
    »Sie waren ja auch schon mit einander versprochen« fiel hier der Advokat
ein »Wenn er wieder von NewOrleans zurückkäme sollte die Hochzeit sein aber
der Mensch denkt und das Schicksal lenkt  Jetzt ist der Mississippi sein
Hochzeitsbett und das eigene Flatboot sein Sarg  Puh  es muss ein hässliches
Gefühl sein so tief unten auf dem Grunde des Flusses gegen die Planken eines
solchen Kastens gedrückt zu liegen und nun immer leichter und leichter zu
werden und doch nicht wieder hinauf zu können an den lichten Tag«
    »Es sind in letzter Zeit recht viele Flatboote verunglückt« sagte der
Farmer nachdenkend  »Ich weiß dass allein von Little Rock drei abgingen die
nie am Ort ihrer Bestimmung ankamen Der Staat sollte mehr dafür tun diese
Unmassen von Baumstämmen wenigstens aus der eigentlichen Strömung zu entfernen
Guter Gott was sind nicht schon für Menschen auf solche Art umgekommen und wie
viele Waren hat der unersättliche Mississippi verschlungen«
    »Ei die Menschen sind aber auch grossenteils selber dran schuld« rief der
Blaue ärgerlich »Wenn irgend ein Bursche der im Leben den Stiefel nicht von
Gottes festem Erdboden weggebracht hat einmal Waren verschiffen will so baut
er ein neues Flatboot oder kauft irgend ein altes packt da seine Siebensachen
hinein stellt sich hinten ans Steuer und denkt der Strom wird mich schon
dahin führen wo ich hin will  wir schwimmen ja den Fluss hinunter  Ja wohl 
wir schwimmen hinunter bis wir irgendwo hängen bleiben und nachher ists zu
spät Der Mississippi lässt nicht mit sich spassen und um die erbärmlichen
vierzig oder fünfzig Dollar für einen tüchtigen Lootsen oder Steuermann zu
sparen hat schon Mancher Gut und Leben darüber eingebüßt«
    »Bitt um Verzeihung« sagte der Farmer  »Alle die von Little Rock
abgingen hatten gerade Lootsen an Bord Leute die auf ihr Ehrenwort
versicherten den Fluss schon seit zehn und fünfzehn Jahren befahren zu haben
und sie sind dennoch zu Grunde gegangen Solchen Menschen kann man aber auch
nicht ins Herz sehen Es gibt sich Mancher für einen Lootsen aus und vertraut
nachher seinem guten Glück das ihn schon sicher stromab führen werde Im
günstigsten Falle lernt er so nach und nach die Strömung kennen und hat dabei
seinen guten Gehalt im ungünstigsten aber kann er vielleicht schwimmen und
bringt seine werte Person doch noch sicher wieder ans Ufer«
    »Sie sind auch vielleicht wirklich so lange gefahren« lachte der Blaue
»aber auf Dampfbooten als Feuerleute und Deckhands  nicht als Flatbootmänner
Auf Dampfbooten können sie denn auch verdammt wenig lernen außer als Pilot und
ein DampfbootPilot wird sich hüten wieder ein Flatboot zu steuern wo er nicht
halb so gute Kost und weit geringe Gehalt bekommt«
    »Gentlemen reden von dem Piloten der neulich hier ans Ufer geworfen
wurde« frug ein kleines ausgetrocknetes Männchen mit schneeweißen Haaren tief
gefurchten Zügen und grauen blitzenden Augen das sich jetzt von einer andern
Gruppe ihnen gesellte  »ja war ein capitales Exemplar von Knochenbruch  der
rechte Oberschenkel  der linke Unterschenkel  Wadenbein und Hauptröhre  vier
Rippen auf der linken Seite den rechten Arm förmlich zersplittert dass die
Knochenstücke durch den Rock drangen den Hinterkopf stark verletzt und doch
nicht tot   Ich hatte es mir zur Ehrensache gemacht ihn eine volle Stunde
am Leben zu halten es war aber nicht möglich  Er schrie in einem fort«
    »Großer Gott« sagte der Farmer und schüttelte sich dabei dem Gedanken  »da
wäre es ja ein Werk der Barmherzigkeit gewesen dem armen Teufel eins auf den
Kopf zu geben  Was war denn mit ihm geschehen«
    »Dem Dampfboot General Brown waren die Kessel geplatzt« sagte der Advokat
»es sind glaub ich fünfzehn Personen dabei ums Leben gekommen«
    »Ja aber nichts Erhebliches weiter von Verwundungen« meinte der kleine
Doctor  »zwei Negern die Köpfe ab  der eine hing noch an ein paar Sehnen und
einem Stück Haut  einer Frau die Brust zerquetscht «
    »Weshalb müssen wir denn das aber eigentlich so genau wissen«  rief der
Farmer und wandte sich in Ekel und Unwillen von ihm ab  »Sie verderben Einem ja
bei Gott das Abendbrot Doctor«
    »Bitte um Verzeihung« sagte der kleine Mann »für die Wissenschaft sind
solche Fälle ungemein wichtig und mir wäre in dieser Hinsicht auch wirklich
kein besserer Platz in der ganzen Welt bekannt um Beobachtungen an Verwundeten
und Leichen zu machen als gerade das Ufer des Mississippi Ehe jener
interessante Fall am Fourche la fave vorfiel wohnte ich etwa drei Wochen in
Victoria der Mündung des Whiteriver und Montgomerys Point gerade gegenüber und
alle Wochen ja oft einen Tag um den andern kamen Leichen dort angetrieben
Einmal war ein Leichnam mit dabei dem hatten sie gerade über dem rechten
Hüftknochen «
    »Ei so hol Euch doch der Teufel« rief der Blaue ärgerlich dazwischen 
»Harpunen und Seelöwen  ich kann auch einen Puff vertragen und manchen Tropfen
Blut hab ich mein Leben lang stießen sehen wenn man aber das Leiden und Elend
so haarklein beschreiben und immer und immer wiederkäuen hört dann bekommt
mans am Ende doch auch satt und ekelt und scheut sich davor«
    »An Menschen die keinen Sinn für die Wissenschaft haben« rief der
hierdurch erzürnte kleine Mann indem er sich den grauen Seidenhut noch fester
in die Stirn hineintrieb »Menschen die von ihren Mitmenschen bloß die Haut
kennen und sich weiter nicht darum bekümmern ob sie mit Knochen oder Baumwolle
ausgestopft sind  an solchen Menschen ist auch jedes wissenschaftliche Wort
das irgend ein vernünftiger Mann so töricht ist ihnen zu bieten verloren und
ich sehe nicht ein weshalb ich meine schöne Zeit hier vergeuden soll solchen
Menschen einen Gefallen zu tun«
    Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten oder die Übrigen noch eines
Blickes zu würdigen ergriff er einen alten am nächsten Stuhl lehnenden roten
baumwollenen Regenschirm drückte ihn sich unter den Arm und schritt rasch und
dabei immer noch vor sich hin gesticulirend zur Tür hinaus
    »Gott sei Dank dass er fort ist Mir grausts immer in seiner Nähe und 
ich kann mir nun einmal nicht helfen aber ich möchte stets darauf schwören es
röche nach Leichen sobald er ins Zimmer tritt« sagte der Advokat
    »Ist denn der hier prakticirender Arzt« frug der Farmer der ihm erstaunt
eine Weile nachgesehen hatte
    »Arzt Gott bewahre« lachte der Blaue »die Leute nennen ihn hier nur so
weil er von weiter nichts als Verwundungen Leichen und chirurgischen
Operationen spricht  Dadurch haben sich aber schon ein paar Mal Fremde
verleiten lassen ihn bei wichtigen Krankheitsfällen zu Rate zu ziehen und das
ist ihnen denn auch verdammt schlecht bekommen«
    »Es wird Keiner zum zweiten Mal zu ihm gegangen sein« meinte der Farmer
    Der Blaue schlug ein lautes Gelächter auf und rief
    »Nein wahrhaftig nicht  kein Lebender kann sich rühmen von Doctor Monrove
behandelt zu sein Die Fünf die er hier in der Cur gehabt  natürlich lauter
Fremde eben Eingewanderte  sind schleunig gestorben und stehen jetzt in
Spiritus und Gott weiß was Alles aufbewahrt teils ganz teils stückweis in
seinem Studirzimmer wie ers nennt herum Keine Haushälterin hat deshalb auch
bei ihm aushalten wollen Selbst die letzte verließ voller Verzweiflung das
Haus als er ihr einmal mitten in der Nacht einen menschlichen und frisch
abgeschnittenen Kopf ins Zimmer brachte den er wie er später gestand aus dem
Grabe eines Reisenden gestohlen hatte Eine Karavane von Auswanderern war
nämlich hier durchgekommen und einer davon am Fieber gestorben wonach sie ihn
gleich an Ort und Stelle begruben und am nächsten Morgen weiter zogen«
    »Das muss ein entsetzliches Vergnügen sein sich so an lauter Greuelscenen zu
weiden« sagte der Farmer schaudernd
    »Ja und es ist bei ihm wirklich zur Leidenschaft geworden« nahm der
Advokat das Wort  »Als er vor kurzer Zeit von dem am Fourche la fave
gehaltenen Lynchgesetz und dem verbrannten Metodistenprediger hörte hat er
fast ein Pferd todtgeritten um noch zur rechten Zeit dort einzutreffen und die
verkohlten Überreste des Mörders an sich zu bringen  was ihm auch wirklich
gelungen sein soll Seiner Wohnung die eine kurze Strecke von Helena entfernt
im Walde liegt kommt denn auch Niemand zu nahe als Wölfe und Aasgeier und ich
muss selbst gestehen ich wüsste nicht was mich bewegen könnte eine so
schauerliche Schwelle zu übertreten«
    »Ich war ein paar Mal dort« sagte der Blaue »es sieht scheusslich drinnen
aus«
    »Hat man denn von jenen den Regulatoren entflohenen Mitschuldigen nie
wieder etwas gehört« frug der Farmer  »in Little Rock hieß es Kotton und der
Mulatte seien entkommen«
    »Ei gewiss« fiel ihm hier der Advokat ins Wort »Die am Fourche la fave
haben sich freilich nicht weiter um sie bekümmert denn sie wollten das Gesindel
nur los sein was aus ihm wurde war ihnen gleichgültig Die Flüchtlinge sind
aber in der Woche darauf im Hot Spring Kounty gesehen worden und da Heatcott 
der erschlagene Regulatorenführer  gerade dort früher ansässig gewesen so hat
man sie Beide mit einer Wut und einem Eifer verfolgt die über ihre gute
Absicht nicht den mindesten Zweifel ließ Kotton ist jedoch ein schlauer Fuchs
und wird wohl um diese Zeit schon über den Mississippi drüben sein«
    »Hm ja« fiel der Blaue ein  »man will ihn schon sogar drüben in Victoria
gesehen haben  Der wird sich nicht wieder in Arkansas blicken lassen«
    »Hat denn der Indianer den Prediger wirklich verbrannt« frug der Helener
Kaufmann immer noch zweifelnd  »allerdings stand es hier in allen Zeitungen
aber ich habe es nie glauben wollen Wie hätten die Gesetze nur je so etwas
zugegeben«
    »Die Gesetze  bah«  rief der Blaue verächtlich  »was können denn die
Gesetze machen wenn das Volk seinen eigenen Kopf aufsetzt Die Gesetze sind für
alte Weiber und Kinder die sich von jedem Tintenkleckser ins Bockshorn jagen
lassen Wer sich hier nicht selbst beschützt dem können die Gesetze auch keinen
Pappenstiel helfen«
    »Da bin ich doch sehr verschiedener Meinung« sagte der Farmer  »die
Gesetze gerade sinds die unsere Union auf den Standpunkt gebracht haben auf
dem sie jetzt steht und jedes guten Bürgers Pflicht ist es sie aufrecht zu
erhalten
    Dass es freilich noch manchmal in der Wildnis Strecken gibt auf die sie
ihren wohltätigen Einfluss auszuüben nicht im Stande sind glaub ich auch und
gewaltsame Handlungen erfordern dann gewaltsame Mittel Sonst aber sollte es für
einen Bürger der Union nichts Heiligeres geben als gerade die Gesetze denn sie
allein sind ihm die Bürgen seiner Freiheit Doch Gentlemen es wird spät und
ich möchte noch gern vor Dunkelwerden hinauf zu Kolbys  also gute Nacht  In
einigen Tagen komme ich wieder hier vorbei und dann Broadly«  wandte er sich
an den Helener Kaufmann »können wir auch den Handel abschließen denk ich Ich
habe nur noch einige alte Schulden dort oben zu bezahlen so viel Geld bleibt
mir aber wahrscheinlich noch Also good bye«  und mit den Worten zahlte er an
der Bar seine kleine Rechnung ließ sich die Satteltasche wieder herausgeben
legte sie über den Sattel seines ungeduldig am Reck scharrenden Braunen stieg
auf und trabte noch einmal herübergrüssend Elmstreet hinab in den das Städtchen
begrenzenden Wald
 
                                       4
                                        
                            Squire Daytons Wohnung
Als »Squire« oder »Doctor Dayton« denn er wurde sowohl das eine wie das andere
in Helena genannt Jonathan Smart verließ und eine der äußersten Grenze des
Städtchens zuführende Richtung einschlug erreichte er bald darauf ein kleines
aber zierlich gebautes Haus an der Westseite Helenas um das herum die
gewaltigen Bäume des Urwalds nur eben weit genug niedergehauen waren um nicht
mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu können Reinlich weiß
angestrichen stachen die hellgrünen Jalousien um so freundlicher dagegen ab
und der jetzt aufsteigende Mond schien gar hell und klar gegen die blitzenden
Spiegelscheiben eines im ersten Stock offen gelassenen Fensters ein Luxus der
in dem einfachen Westen gar selten angetroffen wurde
    Aber auch das Innere der kleinen Wohnung entsprach vollkommen dem soliden
gemächlichen Ansehen seines Äußern Allerdings war es nicht prächtig und kostbar
eingerichtet aber die massiven MahagoniMöbel die schneeweißen Vorhänge die
elastischen mit dunklem Damast überzogenen Ruhesessel und Stühle verkündeten
deutlich genug dass hier Wohlhabenheit wenn nicht Reichtum herrsche Viele
andere Kleinigkeiten  wie zB zierliche Nippesfiguren auf den kleinen
Seitentischen angefangene weibliche Arbeiten  der Nähtisch am linken
Eckfenster mit dem sauber aus Korb geflochtenen Strickkörbchen an der Seite
gossen dabei jenen Zauber über das stille wohnliche Zimmer den nur die
Gegenwart holder Frauen einem Gemach und sei es sonst das prächtigste zu
verleihen im Stande ist
    Ein kleiner fröhlicher Kreis hatte sich aber auch um den runden zum Sopha
gerückten Tisch versammelt auf dem die englischbronzene weitbauchige
Teemaschine zischte und qualmte und fröhliches Lachen tönte dem jetzt eben an
die Haustür pochenden Squire entgegen der wunderbarer Weise einen gar ernsten
ja fast traurigen Blick zu den hell erleuchteten Fenstern hinauswarf
    Da verstummte das Lachen plötzlich oder ward wenigstens von den rauschenden
Tönen eines deutschen Walzers übertäubt den geübte Finger einem wohlklingenden
kräftig besaiteten Flügel entlockten Mr Dayton musste auch wirklich zur Klingel
seine Zuflucht nehmen den Dienstboten die oben auf der Treppe standen und den
so gern gehörten Melodien lauschten seine Gegenwart zu verkünden
    Einmal das Haus betreten schien aber auch seine ganze frühere Heiterkeit
zurückgekehrt zu sein wenigstens blitzte sein Auge freier und fröhlicher Er
flog schnellen Schrittes die Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblicke bei
den Seinen und von all dem Lärmen und Jubel umgeben
    »Endlich  endlich« rief die Klavierspielerin sprang auf und eilte als
Mr Dayton in der Tür erschien diesem entgegen »Der gestrenge Herr haben
heute unverzeihlich lange auf sich warten lassen«
    »Wirklich« lächelte der Squire während er die im Zimmer Befindlichen
freundlich grüßte und dann seinem ihm entgegenkommenden Weibe einen leichten Kuss
auf die Stirn drückte »hat mich meine kleine wilde Schwägerin heute einmal
vermisst«
    »Heute einmal« lachte das fröhliche Mädchen und warf sich mit schneller
Kopfbewegung die langen dunkeln Locken aus der Stirn  »heute nur einmal Ei
mein liebenswürdiger und gestrenger Friedensrichter muss seiner untertänigsten
Dienerin einen sehr schlechten Geschmack zutrauen wenn er glauben könnte sie
fühlte sich ohne ihn nur einen Augenblick wohl und glücklich Heute hat die
Sache aber noch eine besondere Bewandtnis  Hier wartet nun Mr Lively schon
eine volle Stunde auf Sie und trägt sicherlich ein schweres fürchterliches
Geheimnis auf dem Herzen denn keine Silbe ist ihm in dieser ganzen gesegneten
Stunde über die Lippen gekommen  auch Mrs Breidelford «
    »Bitte um Verzeihung mein liebwertestes Fräulein« sagte die also
Bezeichnete die bis dahin auf Kohlen gesessen zu haben schien das Wort zu
nehmen »keineswegs denn ich glaube doch wirklich nicht dass Sie sich bei mir
über Zungenfaulheit beklagen können eher vielleicht das Gegenteil  Ich kenne
meine Schwäche mein Fräulein und wie der ehrwürdige Mr Sotorpe so schön
sagt ist das schon ein Schritt zur Besserung wenn man seine eigenen Schwächen
wirklich kennt Mein seliger Mann freilich  ein Engel von Geduld und Sanftmut
 behauptete immer das Gegenteil Glauben Sie wohl Squire Dayton dass das gute
Herz mir einreden wollte ich spräche wirklich nicht zu viel  Breidelford 
sagte ich aber  Breidelford versündige Dich nicht  ich weiß wie ich bin 
ja Breidelford ich kenne meine Schwäche und wenn ich Dir auch nicht zu viel
rede so fühle ich doch selbst recht gut wie das ein Fehler von mir ist den
ich mir aber da ich ihn einmal kenne auch alle Mühe geben werde zu
verbessern«
    »Eine Tasse Tee beste Mrs Breidelford« unterbrach hier Mrs Dayton den
allem Anschein nach undämmbaren Zungenschwall  »bitte langen Sie zu«  Adele
aber die augenblickliche Pause benutzend warf sich wieder ans Klavier und
ein so rauschender Tanz dröhnte von den starken Saiten wiederfibrirend durch
das Gemach dass jede Fortsetzung von Mrs Breidelfords begonnener
Selbstbiographie dadurch schon im Keime erstickt wurde
    »Ist der Mailrider noch nicht hier gewesen« frug Mr Dayton endlich als
die Ruhe wieder ein wenig hergestellt war
    »Der Mailrider Nein aber Mr Lively hier scheint seinen Auftrag gern
ausrichten zu wollen« sagte Adele und blinzelte schelmisch zu dem sich allem
Anschein nach höchst unbehaglich befindenden jungen Mann hinüber
    James Lively saß auch wirklich da als ob er nicht Drei zählen könnte Alle
Gliedmaßen waren ihm im Wege oder auf irgend einer falschen Stelle  Bald hatte
er das rechte lange Bein hoch oben auf dem linken dass es weit bis mitten in
die Stube hineinragte bald zog er die Füße fest unter dem Stuhle zusammen
faltete die Hände und hetzte seine Daumen um ihre eigene Achse  Dann griff er
mit dem rechten Arm hinunter nach dem hintersten rechten Stuhlbein und versuchte
mit allem möglichen Eifer die Politur herunter zu kratzen dann holte er mit der
Linken das mächtige seidene Tuch aus der Tasche um es gleich darauf wieder
sorgfältig zurückzuschieben Kurz James befand sich so wohl wie ein Hecht auf
dem Sande oder ein Hase auf dem Eise und wenn er auch manchmal den Blick scheu
zu dem schönen munteren Mädchen emporwarf so durfte er doch nur dem
Schelmenauge begegnen als sich auch sein Antlitz in der prachtvollen Farbe
eines gesottenen Hummers wieder niederbog Dann wie in einem wilden
Fluchtversuch griff er tief tief unter den Stuhl wo früher sein Filz
gestanden den aber später auf einen Wink Mr Daytons die junge Mulattin
weggenommen und hinten auf das Klavier gestellt hatte und saß nun in voller
Verzweiflung auf dem weich gepolsterten Stuhl wie auf glühenden Kohlen
    James Lively war übrigens sonst keineswegs so verschämt und blöde Im Walde
aufgewachsen gab es keinen besseren Jäger und Landmann im ganzen Kounty als
ihn Mutig dabei bis zur Tollkühnheit hatte er vor Kurzem erst den Einzelkampf
mit einem Panter gewagt und gewonnen und im Boxen die Besten überwunden Aber
im Walde musste er auch sein wenn er all diese Fähigkeiten entwickeln sollte
In Damengesellschaft getraute er sich nicht den Mund zu öffnen und wenn er auch
 wie Mrs Breidelford  vollkommen seine Schwäche kannte so wäre es ihm
dennoch nicht möglich gewesen eine Scheu zu überwinden die ihm Zunge und
Glieder lähmte So auffallend wie heute hatte sich diese Befangenheit übrigens
noch nie gezeigt Sie schien sogar durch Adelens leise Anspielungen ihren
höchsten Grad zu erreichen als sich Squire Dayton ins Mittel schlug auf den
jungen Mann zuging und ihm mit einem freundlichen »Gott zum Gruß Mr Lively 
was macht der Vater und wie stehts daheim mit der Farm« plötzlich wieder Mut
und Selbstvertrauen ins Herz legte
    Die Worte die ganze Anrede die Beziehung auf die heimische ihm bekannte
Umgebung wirkten wie ein wohltätiger Zauber auf den Waldbewohner Er sprang
auf holte tief Atem ergriff schnell die dargebotene Rechte und antwortete
als ob ihm eben eine Centnerlast von der Brust gewälzt wäre
    »Danke Squire  Alle wohl  so ziemlich wenigstens  die braune Kuh wurde
gestern krank und darum bin ich eigentlich hierher in die Stadt gekommen  aber
 ich hatte noch was Besonderes«  und er warf einen scheuen Seitenblick nach
den Frauen während wieder hohe Glut sein Gesicht überflog  »ich  ich weiß
nur nicht «
    »Ist es etwas was mich allein betrifft« frug der Squire
    »Bitte junger Herr geniren Sie sich nicht« fiel hier ohne weitere
vorherige Warnung Mrs Breidelford wieder ein  »glauben Sie ja nicht dass wir
weil wir Ladies sind etwa ein Geheimnis nicht eben so sicher und gut bewahren
könnten wie Männer Im Gegenteil Mr Lively  gerade im Gegenteil  Ich zum
Beispiel weiß zwar dass ich ein bisschen viel rede es ist nun einmal meine
Schwäche und wofür hat uns denn eigentlich der liebe Gott Mund und Zunge
gegeben Was aber Geheimnisse anbetrifft so hat da schon mein lieber seliger
Breidelford immer gesagt obgleich man sich eigentlich nicht selbst rühmen
sollte doch das liebe Herz liegt ja jetzt kalt und starr im Grabe  Louise
sagte er immer  Louise Du bist zu verschwiegen Du bist wahrhaftig zu
verschwiegen  Zehn Inquisitionen brächten Dir das nicht über die Zunge was Du
nicht hinüber haben wolltest  ich glaube Du bissest sie Dir eher in Stücken 
sagte Mr Breidelford aber «
    Ein rauschendes Allegro von Adelens flüchtigen Fingern schnitt hier wiederum
Mrs Breidelfords Faden ab und Lively der bis jetzt vergebens gesucht hatte
Squire Daytons Frage zu beantworten gewann wenigstens Zeit Atem zu holen
    »Nein Squire« sagte er und schob da er in diesem Augenblick gar nicht
wusste wohin er mit seinen Händen sollte diese aus lauter Verzweiflung in die
Taschen aus denen er sie aber das Unschickliche solchen Betragens wohl
fühlend so schnell wieder herausriss als ob er heiße Kohlen darin gefunden
hätte  »nein Squire  Mutter meinte nur  Vater fügte  ob Sie und  und die
Ladies dort nicht Lust hätten oder  so gut sein wollten morgen ein bisschen zu
uns herauszukommen und  so lange Sie wollten und so lange es Ihnen bei uns
gefiele draußen zu bleiben Mutter meinte «
    Adele horchte hoch auf Mrs Breidelford aber obgleich diese Einladung wohl
keineswegs ihr gegolten hatte nahm die Beantwortung schnell auf sich und ohne
einem der übrigen Anwesenden auch nur die mindeste Zeit zu lassen erhob sie
sich ein wenig von ihrem Platze und rief den jungen Mann dabei mit etwas
niedergebogenem Kopfe und über die Brillengläser hin ins Auge fassend
    »Oh Mrs Lively ist gar zu gütig Sir gar zu gütig und wenn sich auch
allerdings in jetziger Zeit wo der Fluss wieder zu steigen anfängt und Waren in
Hülle und Fülle stromab kommen die Geschäfte häufen so müssen doch schon
einmal ein oder zwei Wochen gefunden werden um seine Nachbarn aufzusuchen und
mit ihnen im guten alten Einverständnis zu bleiben  Mr Breidelford hatte ganz
Recht wenn er sagte Louise  sagte er Du glaubst gar nicht wie schön es ist
mit seinen Nachbarn in Frieden und Freundschaft zu wohnen  Verträglichkeit ist
das halbe Leben Nächste Woche Montag spätestens denk ich mir das Vergnügen
machen zu können Mr Lively bitte mich Ihrer Frau Mutter bestens zu
empfehlen«  und nieder setzte sie sich und trank ihre Tasse aus als ob sie
nach der eben gehabten Anstrengung der Ruhe und Stärke bedürfe
    Adele schien aber diesmal aus lauter Erstaunen über Mrs Breidelfords
Bereitwilligkeit ganz ihre musikalische Hilfe vergessen zu haben und selbst
James obgleich er den Ruf kannte dessen sich Mrs Breidelford in Helena
erfreute stand ganz verstummt da und wusste kaum ob er sie wirklich aus
Versehen mit eingeladen habe oder nicht War das Erstere übrigens geschehen so
half hier weiter nichts als gute Miene zum bösen Spiel zu machen Was aber seine
eigene Mutter dabei von Mrs Breidelford hielt hatte er  zu seinem Entsetzen
fiel es ihm gerade jetzt wieder ein  erst an diesem Morgen gehört Wie sie sich
also zu Hause über den glücklich von ihm erlegten Bock freuen würden ließ sich
ungefähr denken
    In aller Angst haftete sein Blick jetzt noch auf Mrs Daytons sanften
Zügen denn das andere schelmische immer lachende Ding wagte er gar nicht
anzusehen Jene sagte denn auch freundlich
    »Meinen besten Gruß an Ihre liebe Mutter Sir und wir würden sehen es
möglich zu machen  Sie soll sich aber auch in Helena nicht so selten blicken
lassen und einmal bei uns einkehren wenn sie ihr Weg hierher führte Doch
kommen Sie rücken Sie sich Ihren Stuhl zum Tisch und langen Sie zu  trinken
Sie weiß Hier  hier steht Alles  helfen Sie sich selbst Wie geht es denn
Ihrem Vater«
    »Danke Madame danke« sagte James der jetzt da er Adelen den Rücken
zudrehen durfte freier zu atmen anfing »es macht sich mit dem Alten  Wir
sind schon wieder zusammen auf der Bärenjagd gewesen und da können Sie sich
wohl denken dass er nicht mehr todsterbenskrank ist  von so ein wenig Fieber
erholt er sich schnell wieder«
    »Geht er denn noch immer barfuß in den Wald« frug Adele und glitt in den
dicht neben dem Sopha stehenden Stuhl dass sie dem jungen Hinterwäldler jetzt
gerade gegenüber zu sitzen kam
    James fing wieder an unruhig auf seinem Sessel umherzurücken  er musste sich
den Rock aufknöpfen es wurde ihm siedend heiß Mrs Breidelford schien übrigens
auch diese Antwort übernehmen zu wollen denn mit einem »Ja ja Miss Adele  was
das Barfussgehen anbetrifft« wandte sie sich an das junge Mädchen Dayton
parirte aber in lobenswertem Mitleid die ihr zugedachte Rede indem er Mrs
Breidelford selbst in ein Gespräch verknüpfte Dadurch gewann James Zeit sich zu
sammeln und weil sich überdies das Gespräch auf sein eigenes heimisches Gebiet
zog so wurde er auch immer unbefangener und zuversichtlicher
    »Die Erkältung des alten Mannes rührte gewiss von der hässlichen Angewohnheit
her weder Schuhe noch Strümpfe zu tragen« sagte Mrs Dayton  »Mrs Lively
sollte es nur nicht leiden«
    »Ach das würde nichts helfen« meinte James  »Vater ist darin ganz
obstinat  was er einmal will davon bringt ihn kein Mensch wieder ab«
    »Gerade wie mein Seliger  Mr Lively« mischte sich hier die unvermeidliche
Mrs Breidelford trotz aller Ableitung wieder ins Gespräch  »aber ganz so wie
mein Seliger  Breidelford  sagte ich oft  Du wirst Dich noch ruiniren das
nasskalte Wetter ist Dein Tod  ich rate Dir zieh die wollenen Strümpfe an 
Glauben Sie er hätt es getan Nicht um die Welt Louise sagte er  das
verstehst Du nicht  menschliche Konstitution ist wie «
    Leider erfuhr die Familie Dayton an diesem Abend nicht wie menschliche
Konstitution eigentlich beschaffen sei denn gerade hier und als Adele schon im
Begriff war ihren kaum verlassenen Platz am Piano wieder einzunehmen  riss es
auf einmal so stark an der Klingel dass Mrs Breidelford mit einem »Jesus meine
Güte« erschrocken emporfuhr und auch Mrs Dayton und Adele überrascht nach der
Tür blickten Nur Squire Dayton blieb ruhig sitzen und sagte lächelnd
    »Es wird Mr Smart sein ich bat ihn heut Abend noch ein wenig
herüberzukommen  Ja das ist sein Schritt«
    »Ist das Mr Smart der Wirt des UnionHotels« rief Adele und sprang an
den Glasschrank um noch eine Tasse für den neuen Gast herbeizuholen
    »Der Nämliche« sagte der Squire »doch da ist er selbst«  und herein trat
den Hut den er ganz in Gedanken auf dem Kopfe behalten schnell abreissend
Jonathan Smart Allen im Kreise Mrs Breidelford ausgenommen der er eine
stumme Verbeugung machte reichte er die Hand zum Gruß die er Squire Dayton und
James Lively noch ganz besonders herzlich schüttelte und setzte sich hierauf
mit einem höchst selbstzufriedenen und behaglichen Lächeln auf den ihm von der
Mulattin Nancy schnell hingerückten Stuhl nieder
    »Well Ladies und Gentlemen freut mich ungemein Sie Alle wohl zu sehen«
sagte er dabei  »danke Miss danke  ich trinke keine Milch lieber ein bisschen
Rum in den Tee«
    Miss Adele hatte ihm die Tasse überreicht und es war hierdurch da sich die
letzten Worte des Gesprächs gerade auf den Eingetretenen bezogen hatten eine
kleine Pause entstanden Smart bemerkte das übrigens und wandte sich an Mrs
Dayton
    »Bitte Madame es sollte mir leid tun wenn ich hier in etwas Ihre
Unterhaltung unterbrochen oder gestört hätte  ich komme auch allerdings etwas
spät aber Squire Dayton «
    »Ganz und gar nicht Mr Smart  ganz und gar nicht« fiel ihm hier Mrs
Breidelford schnell in die Rede  »ich sprach nur eben von  ach Du lieber
Gott von was sprach ich denn gleich  ja mein unglückseliges Gedächtnis Mr
Smart mein unglückseliges Gedächtnis  schon mein lieber seliger Mann sagte
immer  Louise sagte er  Du hast Deinen Kopf in Deiner Jugend zu sehr
angestrengt Du hast zu viel gerechnet und gesorgt  ein allzu straff
angezogener Bogen muss am Elche erschlaffen  Das waren seine eigenen Worte Mr
Smart Ach Breidelford sagte ich dann Du hast Recht  ich weiß es ich kenne
meine Schwäche aber das Gedächtnis ist eine Gabe von Gott und wem der es
wieder nimmt der darf sich nicht beklagen Das wäre schlecht Breidelford
sagte ich «
    » lud mich so freundlich ein dass ich besonders nach dem was heute
vorgegangen unmöglich Nein sagen konnte« fuhr Mr Smart ohne sich weiter irre
machen zu lassen in seiner einmal begonnenen Rede und zwar gegen Mrs Dayton
gewendet fort
    »Was ist denn heute vorgefallen« frug Adele schnell  »war wieder ein
Streit im Orte  Wir haben das Lärmen und Toben gehört aber weiter noch nichts
darüber erfahren«
    Mrs Breidelford setzte die schon erhobene Tasse wieder nieder und horchte
aufmerksam der jetzt erwarteten Mitteilung
    »Und hat Ihnen Squire Dayton gar nichts erzählt« frug der Yankee
    »Nicht das Mindeste« riefen die drei Ladies wie aus einem Munde
    »Nun er hat mir einen Dienst geleistet« sagte Jonathan Smart »wie ihn ein
Nachbar nur dem andern «
    »Aber bester Smart« lächelte der Squire  »ich habe ja nur getan was
meine Pflicht als Friedensrichter dieses Ortes war«
    » zu leisten im Stande ist« fuhr Jonathan fort  »er hat mir das Leben
gerettet indem er sich die eigene Gefahr ganz außer Augen setzend «
    »Die Burschen hätten es nie zum Äußersten kommen lassen  Sie rechnen mir
die Sache wirklich zu hoch an«
    » einer Bande zu Allem fähiger Bootsleute gerade entgegenwarf und sie davon
zurückhielt mich umzubringen und mein Haus niederzubrennen Das ist das Kurze
und Lange von der Geschichte«
    Der Richter sah wohl ein dass er den Wirt ausreden lassen müsse und ergab
sich lächelnd darein Erst als dieser schwieg erwiderte er dagegen
    »Das aber erwähnen Sie nicht dass Sie vorher mit wirklicher Lebensgefahr da
sogar einer der Buben schon auf Sie abdrückte das Leben des armen Iren gerettet
hatten«
    »Das muss ja schrecklich heute in Helena zugegangen sein« rief Mrs Dayton
entsetzt
    »Nicht schlimmer heute wie alle übrigen Tage fast« sagte der Wirt
achselzuckend »Helena ist nun einmal in dieser Hinsicht berühmt oder besser
gesagt berüchtigt«
    »Gerade was mein lieber seliger Mann immer sagte Mr Smart  gerade
dasselbe  Louise sagte er bleibe nicht in Helena wohnen wenn ich einmal tot
bin  ziehe fort von hier Du bist zu sanft Du bist zu schwach für solch wildes
Leben und Treiben  Du passest nicht hierher in diese rohe Umgebung  der liebe
Mann  Und es ist wahr ich habe es ihm auch noch auf dem Sterbebette
versprochen ich wollte fort  Breidelford sagte ich ihm stirb ruhig  ich
gehe nördlich wenn Du einmal nicht mehr bei mir bist  aber Du lieber Gott
eine arme alleinstehende Frau die kann ja nicht wie sie wohl gern wollte Man
will ja doch leben und hier wo ich einmal notdürftig meine Nahrung habe
werde ich wohl bleiben müssen denn ich sehe nicht ein ob wie und mit was ich
an einem andern Orte wieder beginnen könnte Fleissig bin ich das muss mir der
Neid lassen Mein lieber seliger Mann sagte immer Louise sagte er Du
arbeitest Dich noch tot  Du bedenkst gar nicht dass Du zum zarten Geschlecht
gehörst Später wirst Du es aber noch einmal einsehen  sagte er wenn Du Deine
Gesundheit ruinirt hast und wenn ich nicht mehr bin Sie glauben gar nicht Mrs
Dayton wie der Mann Alles vorausgesehen und gesagt hat  eine wahre
Prophetengabe war es es könnte Einem jetzt beinahe noch die Haut schaudern
wenn man bedenkt dass so etwas menschenmöglich ist  Auch was mein Alleinwohnen
anbetrifft denken Sie sich nur Mrs Dayton auch darüber hat er mir noch eine
Stunde vor seinem Tode  ich sehe das liebe Herz noch mit seinem bleichen
eingefallenen Antlitz und den blauen Lippen vor mir liegen  Vieles gesagt und
mich gewarnt denn Louise sagte er «
    »Ich hoffe doch dass jetzt Jemand bei Ihenn zu Hause ist« fiel hier Mr
Smart schnell und wie es schien mit besonderer Teilnahme in die Rede
    »Bei mir« rief von dem Ton und der Frage erschreckt Mrs Breidelford
während sie schnell von ihrem Sitz emporfuhr  »bei mir Mr Smart Keine Seele
ist zu Hause denn den Deutschen den ich bis jetzt für die grobe Arbeit bei mir
hatte musste ich heute fortjagen weil er einen Ton gegen mich  aber um Gottes
willen Sir  Sie machen ja ein solches bedenkliches Gesicht  Es ist doch
nichts bei mir vorge  Mr Smart ich beschwöre Sie bei Ihrer männlichen Ehre
«
    James Lively und Squire Dayton mussten ihre Stühle rasch zurückschieben denn
Mrs Breidelford kam mit solcher Allgewalt hinter dem Teetische vorgefahren
dass sie ihr kaum aus dem Wege rücken konnten  Mr Smart blieb jedoch ganz ruhig
und sagte
    »Aengstigen Sie sich doch nicht nutzlos Madame   das was ich gesehen
habe hat ja vielleicht «
    »Was um aller lieben Engel im Himmel willen haben Sie denn gesehen« rief
Mrs Breidelford die übrige Gesellschaft kaum mehr beachtend in Todesangst
    » gar nicht so viel zu bedeuten als Sie gegenwärtig zu glauben scheinen«
fuhr Smart in seiner Rede fort 
    »Herr  Mensch  Sie bringen mich noch zur Verzweiflung« schrie Mrs
Breidelford mehr als sie rief ergriff mit der Linken ihr Bonnet das sie sich in
Missachtung jeder Façon und Mode auf den Kopf stülpte wahrend sie mit der
Rechten einen Knopf von Mr Smarts blauem Frack zu erhaschen suchte Diesem
Angriff begegnete er jedoch dadurch dass er ihre nach ihm ausgestreckte Hand
erfasste und herzlich schüttelte
    »Was haben Sie gesehen So sprechen Sie doch nur in des Teu  in des lieben
Himmels Namen«
    »Eigentlich gar nichts von Bedeutung« erwiderte Smart noch immer die
einmal gefasste Rechte der sonderbarer Weise so in Eifer geratenen Frau nicht
loslassend  »Als ich vor etwa einer Viertelstunde an Ihrem Hause vorbeiging
stand Jemand am hintersten Fensterladen und klopfte dort an Wie wir uns nun so
manchmal wenn wir weiter nichts tun haben «
    »Und was machte der Mann weiter« frug Mrs Breidelford ungeduldig
    » um allerlei Sachen bekümmern die uns sonst wenig interessieren würden so
blieb ich einen Augenblick stehen und sah was dieser Jemand  von dem ich
übrigens keineswegs gesagt habe dass es ein Mann gewesen  im Gegenteil war es
eine Frau  denn eigentlich wollte«
    »Eine Frau« rief Mrs Breidelford erstaunt
    »Der Laden blieb verschlossen« erzählte der Yankee weiter »und die Dame
ging jetzt um das Haus herum  wobei ich mir ebenfalls die Freiheit nahm ihr zu
folgen  und probirte dort an der Tür angelangt nachdem sie auch hier wieder
einige Male angeklopft  zwei verschiedene Schlüssel«
    »Ei die Kanaille« rief Mrs Breidelford in höchster Entrüstung  »und
schloss sie auf«
    »Es tut mir wirklich leid Ihnen das nicht genau sagen zu können Madame 
Ich sah in diesem Augenblick nach meiner Uhr und fand dass ich schon eine halbe
Stunde später hierher kommen würde als ich dem Squire versprochen hatte
verließ also die Dame bei ihrer wie ich jetzt allerdings hoffen will
vergeblich gewesenen Bemühung«
    »Und Sie haben sie nicht gefasst und den Gerichten übergeben« rief Mrs
Breidelford in unbeschreiblicher Entrüstung während sie in wilder Eile ihren
Mantel umwarf ihre große Arbeitstasche ergriff und überall im Zimmer noch nach
einem andern Gegenstande umher suchte  »Sie haben nicht nach Hilfe gerufen und
die Diebin zu Boden geschlagen die in friedlicher Leute Häuser bei Nacht und
Nebel einbrechen wollte  Sie haben «
    »Aber beste Mrs Breidelford« frug Adele besorgt »was suchen Sie denn
noch  kann ich Ihnen nicht helfen«
    »Nein  mein Bonnet beste Miss  mein Bonnet« sagte die Dame während ihre
Säcke von einem Ende des Zimmers zum andern flogen
    »Ist auf Ihrem Kopfe  werteste Madame« sagte mit freundlicher Verbeugung
der Yankee
    »Gute Nacht Mrs Dayton gute Nacht Mr Lively  ach Squire wenn Sie mir
die Liebe erzeigen wollten mit mir zu gehen«  rief jetzt Mrs Breidelford 
»Sie sind doch hier Friedensrichter und wenn wirklich Diebe und Mörder «
    Der Richter machte eine Bewegung als ob er der Bitte Folge leisten wollte
Smart schüttelte aber hinter Mrs Breidelfords Rücken so angelegentlichst und
mit so komischem Ernste den Kopf dass er wenn das wirklich seine Absicht
gewesen wäre sie aufgab und nur die Dame zu beruhigen sagte
    »Recht gern würde ich mit Ihnen gehen beste Madame ich habe aber mit Herrn
Lively noch ein wichtiges Geschäft und zwar gleich jetzt abzumachen das
keinen Aufschub weiter leidet Mein Bursche soll Sie jedoch begleiten und wenn
es sich nötig zeigt dann requiriren Sie nur gleich in meinem Namen den
Konstabler und schicken mir Jemanden her  Ich komme dann selbst hinunter«
    Mrs Breidelford hatte die letzten Worte schon gar nicht mehr gehört packte
nur den unten an der Treppe stehenden Mulattenknaben am Handgelenk fest und zog
den Überraschten der ängstlich nach seinem Master zurückblickte mit sich
fort der Haustür zu Mr Dayton winkte ihm aber lachend nur getrost zu folgen
und die Beiden verschwanden gleich darauf durch die Haustür der bedrängten
Wohnung einer »armen verlassenen Wittwe« zu Hilfe zu eilen
    »Aber bester Mr Smart« sagte jetzt Mrs Dayton während sie ans Fenster
trat und der Frau besorgt nachsah  »wenn Sie doch nur wenigstens die Fremde
angeredet hätten die an Mrs Breidelfords Tür einen Schlüssel probirte«
    »Das wäre allerdings ein schwierig Stück Arbeit gewesen« lächelte der
Yankee und rieb sich vergnügt die Hände  »Mrs Breidelford ist auf einer
wilden Gänsejagd das heißt sie wird sich außerordentliche Mühe geben Jemanden
zu finden der gar nicht existiert«
    »Nicht existiert« rief Adele verwundert und James der den Yankee von
früher kannte lachte laut auf  »nicht existiert Die Frau die Sie gesehen
haben «
    »Ich habe keinen Menschen gesehen« erwiderte Jonathan während er seinen
verlassenen Sitz einnahm und Mrs Dayton die geleerte Tasse so ruhig zum
Wiederfüllen hinüberreichte als ob hier nicht das mindeste Aussergewöhnliche
indessen vorgefallen wäre
    »Und die Frau mit dem Schlüssel« rief lächelnd Squire Dayton
    »War der beste Einfall den ich je gehabt habe« bemerkte  immer noch ohne
eine Miene zu verziehen  der Yankee »Mrs Breidelford hätte uns sonst noch den
ganzen Abend Selbstbiographien und geschichtliche Abrisse aus dem Leben ihres
lieben Mannes zum Besten gegeben«
    Hätte die arme in Schweiß fast gebadete Mrs Louise Breidelford das
Gelächter hören können das in diesem Augenblicke die Spiegelfenster des kleinen
freundlichen Zimmers erzittern machte und dann auch noch die Ursache desselben
gewusst ihr Zorn hätte keine Grenzen gekannt Unaufhaltsam fort aber den
unglücklichen Mulattenknaben im Schlepptau stürmte sie der eigenen bedroht
geglaubten Wohnung zu und geheimnisvolle düstere Worte waren es die sie dabei
vor sich hinmurmelte Die kleine jetzt von ihrer lästigen Gegenwart befreite
Gesellschaft rückte aber indessen in der besten Laune von der Welt dichter um
den Tisch herum und selbst James verlor zum großen Teil seine frühere Scheu
Die allgemeine Fröhlichkeit hatte ihn den Frauen näher gebracht und er gestand
nun in aller Unschuld dass er zum Tod erschrocken sei als Mrs Breidelford die
Einladung die doch eigentlich nur den beiden Damen des Hauses gegolten so ganz
ohne Weiteres auf sich bezogen und angenommen habe
    »Daheim« sagte er »würden sie schön schauen wenn sie ihre Drohung wahr
machte denn böse Geschichten sinds die über die Frau erzählt werden«
    »Weiß auch der liebe Gott wie wir zu der Ehre ihres Besuches kommen«
meinte Mrs Dayton »Das ist nun schon das dritte Mal dass sie uns besucht und
bis spät in die Nacht dableibt ohne dass wir einen Fuß über ihre Schwelle
gesetzt oder sie auch nur gebeten hätten ihren Besuch zu wiederholen Was will
ich aber machen Sie kommt setzt sich hin quält uns Stunden lang mit ihren
schrecklichen Erzählungen und borgt beim Weggehen gewöhnlich noch eine Masse von
Kleinigkeiten wie Nadeln Seide Stückchen Leinenzeug oder Küchengeschirr und
sonstige Sachen die sie eben so regelmäßig wieder zu schicken vergisst«
    »Ich kann wohl gestehen« sagte Smart »dass ich erstaunt war sie hier in
Ihrer Gesellschaft zu finden  Mrs Breidelford genießt in Helena nicht einmal
mehr einen zweideutigen Ruf und das will viel sagen Die wirklich wenigen
Guten die noch hier sind haben sich nicht allein von ihr zurückgezogen
sondern ihr sogar das Haus verboten Auch Mrs Smart hatte eines schönen Morgens
ein sehr lebhaftes und für Mrs Breidelford keineswegs schmeichelhaftes Gespräch
mit dieser Dame das seitens meiner Frau von dem oberen seitens jener Lady von
dem unteren Teil der Veranda geführt wurde zu welchem sie durch den Neger aus
dem Hause begleitet worden war Allerdings behauptete in diesem Zungenkampf Mrs
Breidelford das Feld denn von einem sehr großen und sehr zerlumpten Teil des
jungen Helena unterstützt verblieb sie noch mit eingestemmten Armen und äußerst
roten Gesichtszügen eine ganze Weile auf ihrem eingenommenen Posten während
ich Mrs Smart freilich nicht ohne bedeutenden Widerstand hinterrücks und
indem sie immer noch nach außen hin eiferte in das Haus zurückzog Seit der
Zeit hat Mrs Breidelford natürlich unsere Wohnung nicht wieder betreten dürfen
scheint aber den darüber gehegten Groll keineswegs bis auf mich ausgedehnt zu
haben denn sie war heut Abend ungemein ja fast auffällig freundlich und
zuvorkommend gegen mich«
    »Ich glaube man tut dieser Mrs Breidelford  so wenig ich sie auch selbst
persönlich leiden kann doch Unrecht« nahm hier der Squire das Wort »Ich kenne
so ziemlich Alles was an Gerüchten über sie im Umlauf ist und habe sie scharf
beobachtet und beobachten lassen Das Einzige jedoch wegen dessen ich sie in
Verdacht habe und was wirklich straffällig wäre ist der geheime Verkauf von
Whisky an Neger Zeigt sich das als begründet so werde ich sie auch deshalb
wie es ja als Richter meine Pflicht ist in Strafe nehmen und weder ihre
Freundschaft noch ihr Hass soll mich daran hindern Lieb wäre es übrigens auch
mir wenn sie uns mit ihren Besuchen verschonen wollte doch  Sie wissen wie
das hier in Arkansas ist  Wollte man es den Leuten förmlich verbieten die
ganze Stadt schriee dann über Stolz und Hochmut da unterzieht man sich lieber
dem kleinere Übel und hat dafür mit weniger Unannehmlichkeiten und bösem Willen
zu kämpfen«
    »Ja Squire« sagte James und wurde feuerrot hier vor den beiden Damen das
Wort zu nehmen »das mag ganz gut sein so lange es sich auf arme einfache Leute
bezieht Wenn aber bei uns auf dem Lande draußen Jemand einmal als schlecht
erkannt ist und man gibt sich dann nicht mit ihm ab dann wirft Einem das kein
Mensch mehr vor  mein ich«
    »Mr Lively hat ganz Recht Dayton« fiel hier Adele lebhaft ein  »mit
solcher Frau würde ich auch keine Umstände weiter machen  Was kann sie uns
denn tun wenn wir ihr das Haus verbieten Und wir würden dadurch eine Pein
los die manchmal wirklich kaum zu ertragen ist Nun Mr Lively wird es noch
bereuen uns eingeladen zu haben«
    »Miss Adele « stotterte James und erfasste mit beiden Händen fest und
krampfhaft den unteren Teil seines Stuhls als ob er sich einen Zahn wollte
ausziehen lassen  »Mutter wird  Sie können gar nicht glauben wie  ich wollte
sagen  versuchen Sies nur kommen Sie nur einmal heraus  und wenns auch
nicht draußen so schöne Blumen gibt wie « um sein Leben gern hätte er »wie Sie
« gesagt aber es ging nicht  es ging wahrhaftig nicht Die Worte staken ihm
Harpunen gleich in der Kehle und er brachte sie nicht heraus
    »Wie hier Mr Lively« lachte Adele die das wie auf Helena bezog oder ihm
doch wenigstens schnell damit in die Rede fiel  »wie hier Ach Du lieber Gott
hier siehts mit Blumen trüb und traurig aus denn der Wald in der ganzen
Nachbarschaft herum ist zerstampft und zertreten und selbst den Bäumen scheint
der ewige Qualm und Rauch und das wilde rohe Toben der Menschen nicht zu
behagen Sie sehen in der Nähe der Stadt hässlich und vertränkt aus während sie
weiter davon entfernt viel frischere lebendigere Farben viel würzigeren Duft
zu haben scheinen«
    »Ach Miss  Sie sollten nur jetzt einmal sehen wie schön wie herrlich es
bei uns ist« rief Lively dem der Gedanke an seinen Wald frischen Mut gab 
wenn er es auch nicht wagte dem jungen Mädchen zu sagen wenn er vorhin mit den
Blumen gemeint »Es ist ja nirgends herrlicher in der Welt als im Walde
draußen und ein Morgen ein Sonnenaufgang unter den frischen tauigen Blättern
wiegt ein ganzes Jahr aus dem hässlichen Treiben der Städte auf Die wilden
Tiere und Vögel wissen das auch recht gut  Dorthin wo es am heimlichsten am
ungestörtesten ist dahin flüchten sie sich und wo kein menschliches Auge sie
erreichen kann da spielt die Hirschkuh mit dem Kalbe und die munteren Sänger
schlagen die herrlichsten Triller dazu und singen so lange und so wunderschön
bis die Blätter ordentlich anfangen unruhig zu werden und zu tanzen«
    »Ei sieh da Mr Lively«  lächelte Squire Dayton während er sich ein
schmales Stück Kautabak abschnitt und das Übrige an Jonathan Smart
hinüberreichte  »ob er uns am Ende nicht noch ganz poetisch wird  haben Sie
schon einmal Verse gemacht«
    »Ich« rief James und sah jetzt erst zu seinem unbegrenzten Entsetzen dass
die Augen der ganzen Gesellschaft auf ihm allein gehaftet hatten  »ich  nein 
im Leben nicht« und seine Hände griffen vergebens nach ihrem früheren im Eifer
des Gesprächs verschmähten Anhaltepunkt
    »Mr Smart soll aber schon Verse gemacht haben« sagte Mrs Dayton und
suchte durch diese Wendung dem armen Burschen aus der Verlegenheit zu helfen
    Jonathan Smart blickte Mrs Dayton von der Seite an
    »Ein Yankee und Verse machen« sagte er endlich schmunzelnd und nahm sein
linkes Knie zwischen die beiden Hände  »prächtige Idee das Nein Mrs Dayton
damit befasse ich mich weniger Verse bringen nichts ein  Un doch  so komisch
Ihnen das auch vorkommen mag habe ich wirklich einmal ein Gedicht und zwar an
meine Alte gemacht als wir noch Brautleute waren«
    »O bitte bitte Mr Smart das Gedicht müssen Sie uns einmal zeigen« bat
Adele  »Ich lese so ungemein gern Gedichte «
    »Und solche besonders« lächelte der Wirt »nicht wahr wo man sich vor
Lachen dabei recht ausschütten kann  Ih nun wenn ichs noch hätte wär mirs
recht  Später musste ich selbst darüber lachen«
    »So haben Sie es vernichtet«
    »Oh nein im Gegenteil das ist in den Händen Derselben an die es
gerichtet gewesen«
    »In Mrs Smarts Händen«
    »Zu dienen und wird jetzt etwa in derselben Art wie die schlecht
geschleuderten Wurflanzen der Indianer von der nämlichen Person den oder die
es hätte treffen sollen als Waffe gegen den Absender gebraucht«
    »Das ist ein Rätsel« sagte Mrs Dayton
    »Aber leicht zu lösen« fuhr der Yankee fort »Ich machte nämlich in einer
mehr als gewöhnlich schwärmerischen Stunde  nicht wahr Mr Lively Sie haben
deren auch manchmal  ein Gedicht auf die damalige Miss Rosalie Heendor Darin
pries ich denn wie das in solchen Gedichten gewöhnlich geschieht nicht allein
ihre unvergleichliche Schönheit und Liebenswürdigkeit wobei ich die einzelnen
Reize unter den Rubriken Alabaster Perlen Elfenbein Sterne Samt Rosen
Veilchen ins besonders aufführte sondern ich bekannte auch mit einer wirklich
Alles hintansetzenden Bescheidenheit und  Unvorsichtigkeit  meinen eigenen
Unwert ein solches Ideal zu besitzen hielt aber am Schluss nichtsdestoweniger
sehr ernstlich um dessen Hand an So weit ging die Sache gut Miss Rosalie war
nicht von Stahl und Jonathan Smart auch damals noch ein ganz reputirlicher
junger Bursche der seine sechs Fuß zwei Zoll in seinen Strümpfen stand Mehrere
Jahre hatten wir auch so ruhig und vergnügt mit einander verlebt und mir war
das Gedicht und dessen Inhalt natürlich ganz und gar entfallen Da geschah «
    »Ein Brief an Squire Dayton« sagte Nancy die in diesem Augenblick die Tür
öffnete und ein leicht zusammengefaltetes Papier hereinreichte
    »Wer hat es gebracht« frug der Squire
    »Der Mailrider« erwiderte die Mulattin »er sagte es hätte Eile«
    Squire Dayton öffnete das Schreiben und drehte sich damit nach dem Lichte
herum um es besser lesen zu können Jonathan aber der während der
Unterbrechung einen Augenblick stillgeschwiegen hatte fuhr jetzt ruhig in
seiner Erzählung fort und zwar nach seiner gewöhnlichen Art gleich mit dem
Worte bei welchem er stehen geblieben war
     »es einst dass Mr und Mrs Smart wie das bei Eheleuten wohl manchmal
vorfällt einen kleinen Wortwechsel hatten in welchem der Gentleman seiner Lady
hinsichtlich ihrer persönlichen Eigenschaften einige vielleicht nicht gerade
schmeichelhafte Bemerkungen machte Darauf schien diese übrigens vorbereitet
denn plötzlich und ohne alle vorherige Warnung tauchte jetzt  nichts Anderes
als das längst verjährte Gedicht auf und mit lauter  ja immer lauterer Stimme
je mehr ich dagegen protestirte wurde mir der mit meinen eben gemachten
Äußerungen allerdings etwas im Widerspruch stehende Inhalt triumphierend
vorgelesen Diese Szene hat sich seitdem einige Mal wiederholt und wenn man
nach gemachten Erfahrungen berechtigt ist die Jugend zu belehren und vor
Missgriffen zu warnen so möchte ich dem hier anwesenden jungen James Lively
allerdings sehr dringend empfehlen keine Gedichte solchen Inhalts der jungen
Dame zu übersenden die er dereinst als ehrbare Hausfrau heimzuführen gedenkt 
Schon gewählt«  Und die Frage traf Den an den sie gerichtet war so
plötzlich dass er erschrocken auf seinem Stuhl zusammenfuhr Mr Dayton selbst
ersparte ihm aber diesmal eine Antwort denn er stand schnell auf ging zum
Fenster und blickte hinaus sah nach der Uhr und sagte dann
    »Liebe Frau ich bekomme hier eben höchst fataler Weise einen Brief dass ich
heut Abend noch einen sehr gefährlich Kranken besuchen muss«
    »Hier in Helena« frug Mrs Dayton besorgt
    »Nein leider nicht« sagte der Squire  »zehn Miles im Lande drin Da werde
ich denn allerdings vor morgen früh wenn das überhaupt der Zustand des
Patienten erlaubt nicht wieder hier sein können Höre Nancy sage doch Cäsar
dass er mein Pferd sattelt und aufzäumt«
    Mrs Dayton seufzte tief auf
    »Ach Georg« flüsterte sie traurig »es ist ja wohl recht gut für Dich dass
Deine Fähigkeiten so in Anspruch genommen werden aber ich weiß nicht ich
wollte doch Du könntest ein wenig mehr zu Hause bleiben  Die häufigen
NachtRitte müssen ja auch Deine eigene Gesundheit ruiniren«
    »Sei unbesorgt« lächelte der Gatte und zog den Oberrock an den auf seinen
Wink Nancy indessen gebracht hatte  »Schaden tut es mir sicher nicht aber
allerdings bliebe ich auch lieber bei Euch doch was will ich machen Soll ich
die Kranken die mir nun einmal vertrauen in Angst und Sorge liegen lassen
weil ich mich nicht gern in meiner Bequemlichkeit gestört sähe Mir tun sie
leid die Armen da ja überhaupt die Heilkunde des ganzen Staates fast nur in
den Händen von Quacksalbern ist«
    »Da hat der Squire wohl Recht« sagte Jonathan »eine Wohltat ists für
die man nicht genug dankbar sein kann wenn man im Stande ist einen
ordentlichen Arzt zu bekommen Doch aufrichtig gesagt möchte ich Der nicht
sein der nie weiß ob er sich am Abend ruhig in sein Bett legen kann oder
nicht Mit der Bezahlung dafür siehts nachher auch immer windig genug aus 
Wer ist denn krank«
    »Der Deutsche der sich erst vor Kurzem dort angesiedelt hat« sagte der
Richter  »Brander heißt er glaub ich«
    »Aha  kaltes Fieber wahrscheinlich  nun das ist nicht so gefährlich Doch
ich höre das Pferd unten kommen also Ladies ich werde mich jetzt ebenfalls
empfehlen Mr Lively gehen Sie auch mit oder bleiben Sie noch bei den Damen«
    »Nein bewahre«  sagte James schnell und erschrak doch auch gleich darauf
wieder über die Ungezogenheit  »Ich  ich wollte nur sagen dass ich auch nach
Hause muss es wird sonst zu spät  Reiten wir einen Weg Mr Dayton«
    »Schwerlich« erwiderte dieser während er den linken Sporn anschnallte 
»ich reite den Fußpfad der nach Bailys hinüberführt Es ist etwas näher«
    »Da müssen Sie aber durch den Sumpf unten« sagte James »Das ist ein Weg
wo man jetzt kaum am hellen Tage durchkommt«
    »Hat nichts zu sagen« lächelte der Squire »ich kenne da jeden Zoll Landes
und habe mir erst neulich das überhängende Rohr ein bisschen aus der Bahn
gehauen Also gute Nacht Kinder gute Nacht Morgen früh hoff ich trinken
wir wieder zusammen Kaffee und dann kann ich mich nachher recht ordentlich
ausruhen«
    »Ladies« sagte Lively und machte ohne Adele dabei auch nur von der Seite
anzusehen eine tiefe Verbeugung vor Mrs Dayton  »darf ich also den Eltern
sagen dass Sie  morgen kommen werden«
    »Das und noch viele viele Grüße an die Mutter« erwiderte Mrs Dayton
freundlich und reichte dem jungen Mann die Hand Dieser drückte sie herzlich
ließ sie aber in aller Verlegenheit auch gar nicht wieder los da er im Geist
jetzt ebenfalls eine Anrede an Miss Adele vorbereitete Mrs Dayton mochte jedoch
eine Ahnung von dem haben was James Seele vorging denn sie sagte lächelnd
    »Und darf ich also Adele auch mitbringen«
    James drückte ihr die Hand dass sie hätte aufschreien mögen fuhr dann aber
schnell zurück und sagte rot wie Blut
    »Miss Adele wird sich freilich draußen gewaltig langweilen«
    »Dann soll ich vielleicht hier bei Mrs Breidelford bleiben« frug das
schelmische Ding
    »Miss « stotterte James
    »Nun wirds Lively« rief Smart schon von der Haustür aus  »Euer Pferd
steht auch mit hier«
    »Wir kommen also Beide Mr Lively  bestimmt«  lächelte Mrs Dayton und
James dem Nancy indes seinen lange gesuchten Hut gebracht hatte sprang mit
einem fröhlichen »Gute Nacht zusammen« die Treppe hinab und unten mit einem
Satze in den spanischen Sattel des munteren Ponys das ihn dort freudig wiehernd
begrüßte
    Wenige Sekunden später sprengten Dayton und Lively auf zwei verschiedenen
Wegen fort Smart aber drückte den Hut fest auf die Stirn schob beide Hände
tief tief in seine Beinkleidertaschen und schritt dann höchst selbstzufrieden
vor sich hinpfeifend die Straße hinab Indessen ging er nicht gleich dem
eigenen Hause zu denn die Ruhe der Stadt verbürgte ihm dessen Sicherheit 
sondern erst einmal nach der Flatbootlandung des Flusses wo etwa zwölf oder
dreizehn jener langen unbehülflichen Fahrzeuge angebunden lagen Die Boote
hingen nur an Tauen fest breite Planken lagen aber vom Lande aus hinüber und
vermittelten die Verbindung mit diesem Dienten doch diese Boote auch als
schwimmende Kaufläden von denen die Bewohner der südlichen Staaten die Producte
des Nordens zugeführt bekamen
 
                                       5
                                        
                       Die nächtliche Fahrt  Die Insel
Der Mond schien hell und freundlich auf die rasch dahin strömende
undurchsichtige Flut herab während nur dann und wann einzelne dünne Wolken die
helle Scheibe für kurze Momente verdüsterten und ihre Schatten über die weite
Niederung deckten Leise gurgelte dabei das Wasser unter den gewichtigen Booten
und die Strömung warf schmutziggelbe Schaumblasen gegen die Planken derselben
an Hier und da trieb ein von dem tückischen Nachbar seinem sichern
Jahrhunderte lang behaupteten Platz entrissener Baumstamm vorüber und streckte
die langen Riesenarme wie Hilfe suchend nach den ruhig neben ihm fortrauschenden
Brüdern aus und der Schrei des Loon gab manchmal oft wie spottend den rohen
Jubelruf der Zechenden zurück der noch immer aus einem der im Innern hell
erleuchteten Boote und einem weiter oben gelegenen Trinkhaus erschallte Oft
sprang auch ein gewaltiger Katfisch aus seinem kühlen Element empor und die
glatte silberfarbene Haut blitzte dann im Mondenlicht  Sonst aber lag Ruhe 
stille unheimliche Ruhe auf der breiten Fläche des Stromes und stach nur um so
schauriger gegen das rohe Jauchzen der wilden ausgelassenen Gesellen ab
    Smart schritt langsam am Ufer hin und hatte eben den hoch abgebrochenen
Stamm einer jungen Sykomore erreicht der hier von den Flussleuten benutzt wurde
die Bootstaue daran zu befestigen als sich ihm die Gestalt eines andern Mannes
näherte den er augenblicklich als den vor wenigen Stunden geretteten Iren
erkannte Langsam kam dieser ihm gerade entgegen am Ufer heraufgeschleudert und
schien dann und wann einmal die Boote mit einem misstrauischen Blicke zu
betrachten
    »Ei ei OToole« rief da warnend der Yankee  »juckt Euch das Fell schon
wieder und tragt Ihr so absonderliches Verlangen nach kaltem Flusswasser dass Ihr
Euch alle Vorsicht vergessend in die Nähe von Leuten wagt die erst vor ganz
kurzer Zeit ein Todesurteil über Euch gefällt hatten Ich möchte zum zweiten
Mal nicht ausreichend sein Euch ihrem Griff zu entreißen«
    »Hol sie der Böse « murmelte der Ire der bei der ersten Anrede und ehe
er recht unterscheiden konnte wer zu ihm sprach schnell nach der Seite und
einer dort wahrscheinlich verborgenen Waffe gegriffen hatte Durch den Anblick
des Wirts aber beruhigt doch immer noch mit verbissenem Ingrimm fuhr er fort
»Eine Bande ists  eine raubgierige schurkische Bande von lauter Schuften
die aneinander hängen wie die Kletten  Smart  Ihr mögt mirs nun glauben oder
nicht aber St Patrick soll mich in meiner letzten Stunde verlassen wenn ich
nicht fürchte hinter den Burschen steckt etwas Schlimmeres als wir jetzt noch
vermuten«
    »Hinter den Bootsleuten« lächelte der Wirt verächtlich  »da tut Ihr
ihnen wahrlich zu viel Ehre an  Wildes rohes Volk ists das gedanken und
sittenlos in den Tag hineinlebt und wie die Matrosen jeden Dollar verspielt
und vertrinkt den es sich vorher mit saurem Schweiße verdienen musste«
    »Das ists nicht allein« sagte der Ire kopfschüttelnd  »das ists bei Gott
nicht allein Die Kerle halten zusammen wie ein Sack voll Nägel und haben auch
Zeichen untereinander darauf wollte ich meinen Hals verwetten Sobald der eine
Halunke pfiff  ich habe mir übrigens den Pfiff gemerkt  stürmten sie Alle
mitsammen auf mich los wie eine Meute Braken wenn sie das Horn hören Aber
wartet  wartet Kanaillen ich komme Euch noch auf die Spur darauf könnt Ihr
Euch verlassen und nachher sei Euch Gott gnädig«
    »Dort unten stößt ein Boot ab« sagte Smart und zeigte den Fluss hinab wo
gerade unter den Flatbooten ein kleines scharfgebautes und jollenartiges
Fahrzeug vorschoss zuerst eine Strecke in den Strom hinein hielt und dann
stromab aber immer noch mit beiden Rudern arbeitend seine Bahn verfolgte Ein
einzelner Mann saß darin wer es aber sei konnten sie nicht erkennen
    »Nun wo will denn Der hin« fragte der Ire und nahm den Hut ab um nicht
durch den Rand desselben den Blick beschattet zu haben
    »Es wird irgend ein Flatbooter sein der hier wie gewöhnlich seine paar
Dollar verspielt hat und nun in aller Eile hinter seinem indessen
vorausgegangenen Boote herrudern muss«
    »Dann kommt dort noch die ganze übrige Mannschaft« sagte der Ire und
zugleich glitt ein großes Segelboot in den Strom das aber nicht dieselbe
Richtung wie der Einzelne nahm sondern den Bug etwas stromauf scharf in den
Fluss hinein hielt als wenn sie die Landung am andern Ufer so hoch als möglich
machen wollten
    »Weatelhope drüben bekommt heute Besuch« sagte Smart  »wird sich
unmenschlich freuen«
    »Sollten die bei Weatelhope einkehren«
    »Wenn nicht so haben sie noch wenigstens fünf Meilen heut Abend zu
marschiren ehe sie ein anderes Haus erreichen können und fünf Meilen bei Nacht
und Nebel durch den Sumpf zurücklegen dafür danke ich Lieber blieb ich die
Nacht dicht am Ufer des Stromes da ließ die Mosquitos doch wenigstens noch
etwas von mir übrig in dem Swamp aber drin frässen sie glaub ich einen
Menschen bis an Knochen auf«
    »Es wäre bei Gott kein Verlust wenn das den Kanaillen heute passirte«
brummte der Ire  »Doch gute Nacht Smart es wird spät ich will mich schlafen
legen Von heut an bin ich übrigens Euer Schuldner denn ohne Euch läge ich
jetzt tief dort unten in der schmutzigen Flut  Gebe Gott dass ich Euch das
einmal vergelten kann«
    »Ei OToole« sagte der Wirt lachend während er ihm die Hand
hinüberreichte  »das war bloß Eigennutz von mir ich hätte ja sonst einen
meiner besten Gäste verloren  Doch  ohne Spaß  nehmt Euch vor dem rohen
Volke künftig lieber ein wenig mehr in Acht  Es hat Niemand Ehre davon sich
mit ihnen einzulassen«
    Die Männer schritten jeder langsam nach seiner Wohnung in die Stadt zurück
Nur OToole blieb noch mehrere Male stehen und lauschte aufmerksam nach den
Ruderschlägen des Bootes hinüber die in immer weiterer und weiterer Ferne
verklangen bis sie endlich ganz plötzlich aufhörten oder ein veränderter
Windzug den Laut nicht mehr zum westlichen Ufer trug Der Irländer horchte noch
eine Weile und murmelte dann ärgerlich vor sich hin 
    »Hol sie der Teufel  jetzt lässt sich doch nichts mit ihnen anfangen Aber
wartet  morgen will ich einmal hinüber nach Weatelhope und dann müsste es ja
mit dem Henker zugehen wenn man nicht auf die Fährte der Schufte kommen
könnte«
    Das Boot strebte übrigens keineswegs wie der Ire vermutet hatte dem
andern Ufer zu obgleich es von Helena aus gesehen allen Anschein hatte Es
hielt nur in gerader Richtung durch den Strom bis in etwa fünfhundert Schritt
von seinem scheinbaren Ziel
    »Stop her«1 sagte da plötzlich eine raue tiefe Stimme die aus dem Stern
des Fahrzeugs vortönte und die vier Bootsleute hoben gleichzeitig ihre Ruder
hoch aus dem Wasser dass die glänzenden daran hängenden Tropfen bis zu dem
Bootsrand zurückliefen und hier die Ruderlöcher nässten Es war der Steuermann
der den Befehl gegeben und zugleich ein alter Bekannter von uns der Narbige
der in Helena dem armen Iren bald so gefährlich geworden wäre Auch die neun
Männer an Bord  vier an den Rudern und fünf behaglich zwischen diesen
ausgestreckt bildeten die Mehrzahl Derer die an dem Uferkampf gegen den
Einzelnen einen so ungerechten Anteil genommen hatten
    Das Boot nicht mehr so schnell durch die Flut getrieben blieb doch noch
hinlänglich im Gang um von dem Steuer und zwar stromab regiert zu werden
    »Ich wäre lieber noch ein wenig weiter hinübergefahren« sagte der Eine
jetzt während er den Kopf hob und nach dem noch ziemlich fernen Land
hinüberschaute
    »Und wozu« frug der mit der Narbe  »erstlich liefen wir Gefahr auf den
Sand zu rennen und dann möchten sie auch oben in dem Hause auf uns aufmerksam
werden und das ist Beides nicht nötig«
    »Lassen wir die runde Weideninsel links oder rechts liegen«
    »Links«
    »Da ist ja auch wohl das tiefste Wasser«
    »Deshalb nicht unser kleines Känguru würde schon über die flachen Stellen
fortspringen So arg ists übrigens auch gar auch wir haben an beiden Seiten
der Insel bei jetzigem Wasserstand und an den seichtesten Stellen sechs Fuß und
brauchen höchstens anderthalb«
    »Nun mir recht  ich weiß mit dem Fluss nicht Bescheid aber  wie lange
fahren wir denn wohl bis hinunter«
    »Es mögen etwa vierzehn Meilen von Helena sein« meinte der Narbige »Eine
Meile weiter unten fangen wir wieder an zu rudern gehen über den Fluss zurück
und müssen den Landungsplatz in höchstens anderthalb Stunden erreichen
vielleicht noch eher Jetzt seid aber ruhig hier am Ufer stehen einige Häuser
und je weniger Geräusch wir machen desto besser ists«
    Das scharfgebaute Fahrzeug trieb noch eine ziemliche Strecke geräuschlos
stromab dann aber ließ auf ein Zeichen des Führers die Männer die bis dahin
noch immer emporgehaltenen Ruder wieder ins Wasser der Bug kehrte sich wieder
dem westlichen Ufer zu und hin über die Flut schoss nun das Känguru dass die
kleinen Kräuselwellen vorn hoch emporsprjetzten und dann in langen wogenden
Kreisen seitab strömten
    Die einzelnen Lichter am Ufer blieben weit weit zurück Jetzt näherte sich
das Boot der stärkeren Strömung treu bleibend mehr und mehr dem Ufer ja glitt
so nahe an dem düstern Urwald hin dass die funkelnden Glühwürmer sichtbar wurden
und der klagende Ton der Nachtvögel zu ihnen herüberschallte
    Hier lag eine Ansiedelung und diese jetzt so geräuschlos als möglich zu
passieren waren die Ruder umwickelt worden  kein Laut wurde gesprochen und so
dicht am Lande glitt das Boot vorüber dass sie oft die Wipfel der durch
Abbrechen des Ufers hineingestürzten Stämme berühren konnten Da blieb eins der
Ruder in einem vorragenden Aste hängen und fiel dem der es hielt aus der
vergebens rasch danach greifenden Hand Der Steuermann drückte jedoch das
Hinterteil des Bootes schnell dem forttreibenden Holze zu und ergriff es eben
noch zur rechten Zeit konnte jedoch nicht verhindern dass ein paar der Ruder
gegen Bord schlugen und dadurch auf dem stillen Wasser ein allerdings nicht
unbedeutendes Geräusch verursachten
    Sie befanden sich jetzt gerade unterhalb des einen Hauses Die Hunde
schlugen dort an und liefen dem steilen Uferrand zu von dem aus sie das
vorbeischlüpfende Boot deutlich erkennen konnten
    »Hallo the boat« rief eine laute Stimme die aus der kleinen Lichtung
heraustönte Gleich darauf sprang ein Mann in Hemdsärmeln auf einen halb über
die steile Uferbank hinausragenden Sykomorestamm und schwenkte zum Zeichen dass
er mit den Vorbeirudernden reden wolle ein helles Tuch
    Dass sie gesehen waren ließ sich nicht mehr verkennen der Steuermann gab
auch ohne Zeitverlust und mit ruhiger Stimme sein
    »Was solls«
     zurück und ließ dabei den Bug herumschneiden dass er gegen die Strömung
kam dabei rief er dem im Vorderteil Sitzenden zu irgend einen Ast zu erfassen
und da fest zu halten bis er mit dem Manne gesprochen hätte
    »Aber zum Teufel Ned« flüsterte ihm der vor ihm Sitzende ängstlich zu 
»bist Du denn gescheidt Du willst es Denen am Lande wohl ganz ins Maul «
    »Stille sag ich« unterbrach ihn der Steuermann »lasst mich nur machen 
Wir dürfen keinen Verdacht erregen«
    »Wohin geht das Boot« rief abermals die Stimme vom Ufer aus
    »Stromab bis Montgomerys Point«
    »Noch Platz an Bord«
    Der Steuermann zögerte mit der Antwort  »Was zum Teufel mögen sie wollen«
 flüsterte er vor sich hin
    »Noch Platz an Bord für einen Passagier« wiederholte der Erste
    »Alle Wetter  da gibts was zu angeln« kicherte der eine der Ruderer 
»sag ja Ned  um Gottes willen sag ja der Mann hat sicherlich einen
vortrefflichen Koffer den er los sein möchte«
    »Nein« rief der Steuermann ohne die Einflüsterungen weiter einer Sitte zu
würdigen  »wir haben schon zu viel hier  wenn uns ein Dampfboot begegnet
könnte uns ein Unglück zustossen« und eine nochmalige Frage die durch das
Schäumen des Wassers in der neben ihnen angeschwemmten Eiche ohnedies übertäubt
wurde nicht weiter beachtend gab er laut den Befehl vorn loszulassen  Der
Bug fiel gleich darauf wieder ab und mit dem Worte »Ruder ein« erneuerte das
Känguru seine so plötzlich und unerwartet unterbrochene Bahn
    »Was in Beelzebubs Namen ist Dir denn heut Abend in den Kopf gefahren«
zürnte der frühere Sprecher indem er sich unwillig gegen den Steuernden wandte
»schickst die Leute selbst zurück die uns ihre guten Sachen bringen wollen und
betrügst uns förmlich um unsern Gewinn  Der Kapitain wird schön schimpfen
wenn ers erfährt«
    »Halt Dein ungewaschenes Maul« knurrte der Narbige  »redst wie Dus
verstehst  Wir haben heute genug Unsinn in Helena getrieben ich sollte
denken wir ließ es dabei bewenden Wolltest Du eines einzigen erbärmlichen
Koffers wegen Gefahr laufen unsern Schlupfwinkel aufgestöbert zu wissen  heh
Willst Du hier gleich  uns ganz dicht auf dem Kragen einen Verdacht rege
machen der uns die benachbarten Konstabler in ein paar Wochen auf den Hals
hetzen würde Nein es war töricht genug dass wir heute den Streit anfingen 
zu dem Du ebenfalls wieder den Anlass gegeben dabei mags heute sein Bewenden
haben Fatal ist mirs übrigens dass uns der Laffe am Ufer gesehen hat Nun er
weiß doch wenigstens nicht wohin wir gehören Aber jetzt greift aus meine
Burschen denn der Kapitain wird uns erwarten Ich bin überdies neugierig was
unser nächster Zug sein mag heute Nacht bestimmt ers vielleicht«
    Das Boot flog nun von den elastischen Rudern getrieben pfeilschnell über
die glatte Stromfläche hin und nicht lange mehr währte es bis sich eine
dunkle hoch mit stattlichen Bäumen bewachsene Insel von dem düstern Hintergrund
klar absonderte welche von den Männern als das Ziel ihrer nächtlichen Fahrt
begrüßt wurde
    Diese Insel die wie alle übrigen im Mississippi mit Schilf Weiden und
hohen Baumwollenholzbäumen am Rande bewachsen war glich ganz den Schwestern und
zeichnete sich auch durch kein besonderes Merkmal weiter aus Ihre Nummer2
unter der sie die Bootsleute kannten und mit der sie auf den Flusskarten
verzeichnet stand war »Einundsechzig« Wie die meisten jener kleinen
Landstrecken inmitten des Flusses gelegen wurde sie aber nur selten und in
letzterer Zeit nie mehr von den herabkommenden Booten besucht da ein Hurricane
wie es hieß den größten Teil derselben verwüstet habe
    Wirklich starrten auch und zwar besonders an den Stellen an denen ein
großes Boot bequem hätte landen können eine solche Menge von weitästigen
knorrigen Baumwipfeln überall empor dass ein Hinankommen zum Ufer unmöglich
gewesen wäre Nur ein Platz und zwar an der linken Seite der Insel lag offen
und frei da und schien auch in früherer Zeit begangen gewesen Jetzt aber
umgaben ihn einige Snags und Sawyers3 die aus der rasch daran vorbeischiessenden
Flut hervorschauten und der Flatbooter der vor einbrechendem Abend vielleicht
gehofft hatte hier sein Boot zu befestigen griff mit schnellem ängstlichem
Eifer zu den langen Finnen und trieb in fast verzweifelter Kraftanstrengung
das unbehülfliche Boot fort von dem Platze der ihm Verderben bringen musste
    Der Steuermann an dem langmächtigen Ruder lehnend das weit hinter dem Boot
aus dem Wasser stand fluchte dann wohl dass der Staat nicht mehr Fleiß darauf
verwende den Strom von solch gefährlichen Gesellen zu räumen Er schwur sichs
auch vielleicht heimlich zu künftig in dem in seinem »Navigato« angegebenen
Fahrwasser zu bleiben das ihn auf die andere Seite der Insel verwies und
entging dadurch unbewusst einer Gefahr die ihm wie seinem Boot weit
verderblicher geworden wäre als alle Snags und Sawyers des Mississippi
zusammen Aus den dichtverworrenen Dickichten des Inselufers aber schauten ihm
dann ein paar höhnisch lachende Augen nach und eine raue Stimme brummte
heimlich in den Bart
    »Sei froh Bursche dass Du Dich hast warnen lassen das Land hier zu
betreten Du hättest sonst eine ruhigere und längere Nacht gehabt als Du es Dir
wohl je im Leben träumen ließest«
    Dass jene Snags und Sawyers keineswegs wirklich vom Strom angewaschene
Stämme sondern nur auf künstliche Weise durch Anker und versteckte Bojen
hergestellte Blendwerke seien dachte natürlich Niemand Aus der Ferne sahen sie
auch täuschend genug aus und nur ganz in der Nähe und nach genauer Untersuchung
hätte man dem Geheimnis auf die Spur kommen können Wer von den Schiffern würde
aber seine Zeit daran verschwendet haben Das starre dem Wasser entragende Holz
war ihnen genug und soweit wie möglich beschrieben sie den Kreis der sie aus
der Nähe solcher »Bootvernichter« bringen sollte
    Die ziemlich nahe zum linken Ufer gelegene Insel war drei englische Meilen
lang oben ziemlich breit und auf dieser Seite von einer Menge angeschwemmter
Stämme förmlich verpalissadirt und lief am unteren Teile spitz zu Dort hatte
sich aber eine ziemlich bedeutende und wohl eine volle Meile stromabgehende
Sandbank gebildet die unter dem Wasser hin zu einem eine halbe Meile tiefer
gelegenen Eiland führte Im Ganzen wurde dieses letztere noch mit zu
Einundsechzig gezählt da das Wasser zwischen beiden zu seicht war größeren
Flatbooten eine Durchfahrt zu gestatten in Wirklichkeit war es aber von der
oberen größeren Insel selbst beim niedrigsten Wasserstande vollkommen getrennt
und wurde wenn im Juli die Schneewasser aus den Felsengebirgen herankamen oft
gänzlich von diesen bedeckt Die Insulaner nannten dieses kleine Eiland
übrigens da sie es im Falle einer Entdeckung als letzte Zuflucht betrachteten
die »Notröhre«
    Noch besseren Schutz genoss Nr Einundsechzig von der West oder der rechten
Seite des Flusses Hier umgab sie zuerst eine ziemlich hohe Sandbank die etwa
zweihundert Schritt vom Hauptufer der Insel wiederum in einen schmalen mit
Weiden und Baumwollenholzsprösslingen dichtbewachsenen Landstreifen auslief
Dieser zog sich fast parallel und in gleicher Länge mit der Insel nieder wurde
aber auch seinerseits wieder am rechten Ufer durch eine jedoch nur wenige
Klafter breite Sandfläche geschützt
    Demnach konnte man sich dieser Insel nur von der linken oder Ostseite  wo
ihr nächstes Ufer der Staat Mississippi war nähern und hier hielten die
getroffenen Vorkehrungen sicherlich Jeden vom Landen ab der dazu früher Lust
gehabt haben mochte Die eigentliche Strömung und das Fahrwasser des Mississippi
lag denn auch ganz auf der rechten Seite der Insel und die Entfernung zwischen
jenem schmalen Zwischenstreifen und Arkansas betrug eine englische Meile der
Raum zwischen Einundsechzig und dem Staat Mississippi aber kaum die Hälfte
dieser Entfernung
    An den beiden der Insel gegenüber liegenden Ufern standen nun allerdings ein
paar niedere Blockhäuser wie sie die Holzschläger am Mississippi gewöhnlich
aufrichten um die geschlagenen Klaftern an die vorbeifahrenden Dampfschiffe zu
verkaufen Sie waren aber nur selten bewohnt und auch wirklich fast unbewohnbar
geworden Das in Arkansas stehende hatte nicht einmal mehr ein Dach und drohte
dem nächsten Sturmwind nachzugeben der es unfehlbar in den Strom hinabstürzen
musste
    Etwas besser erhalten zeigte sich die Wohnung auf der MississippiSeite
jedoch glich sie ebenfalls viel eher einem Stall als einem menschlichen
Aufenthalt Zahlreiche Pferdespuren gaben auch Zeugnis dass sie hierzu oft genug
benutzt gewesen und mehrere nicht gerade schwach begangene Pfade führten
östlich auf einen Sumpf zu in dessen schwammigem fast zehn Monate im Jahre
unter Wasser stehendem Boden sie sich verloren
    Wer nun trotz all den getroffenen Vorsichtsmassregeln zufällig an der
Insel gelandet und nicht gleich auf den einzigen gangbaren Pfad gekommen wäre
der hätte seine Bahn mehrere hundert Schritt weit durch den fürchterlichsten
Schilfbruch hin suchen müssen der nur je eine Insel oder ein Festland bedeckte
Dazwischen lagen dann nicht gefällte sondern mit der Wurzel dem Boden
entrissene Stämme so wild und toll durcheinander dass Niemand auch nur hoffen
konnte dieses Pflanzengewirr zu durchdringen der sich nicht mit Messer und Axt
erst Bahn hieb in das Herz der Waldung Da aber durch solch entsetzliche Arbeit
nicht der mindeste Vorteil zu hoffen war so fiel es sehr natürlich auch gar
Niemandem ein Zeit und Mühe an solch nutzlose Arbeit zu verschwenden Wer
wirklich einmal aus Neugierde oder Langeweile begonnen hätte einen solchen Weg
anzutreten wäre gar bald bei einem Geschäft ermüdet das ihm weiter nichts zu
versprechen schien als zerrissene Kleider und Blasen in den Händen
    Dennoch lag hier  so tief versteckt und schlau angelegt dass sie selbst den
scharfen Augen der Jäger entging  eine ganze Ansiedelung verborgen die aus
neun kleinen Blockhütten einem ziemlich geräumigen Waarenhause und fünf dicht
an einander gebauten und verbundenen Pferdeställen bestand Das Ganze bildete
eine Art Hofraum und war nach Art der indianischen Forts so gebaut dass es
gegen einen plötzlichen Angriff selbst einer Übermacht recht wohl verteidigt
werden konnte Das Waarenhaus und eine der kleinen Blockhütten dicht daran
standen in der Mitte und rings herum bildeten auf der Ostseite nach dem
MississippiStaat zu die Ställe eine feste undurchdringliche aber wohl mit
Schiessscharten versehene Wand während auf der westlichen minder bedrohten
Seite nur hohe und doppelte Fenzen die einzeln stehenden Gebäude mit einander
verbanden Als besonderen Schutz betrachteten aber die Insulaner eine lange
messingene Drehbasse die oben auf dem platten Dache des Waarenhauses angebracht
war und mit der sie als letztes Rettungsmittel Tod und Verderben auf ihre
etwaigen Angreifer hinabschleudern konnten
    Der Raum vor dem Waarenhause und der kleinen Blockhütte in welchem der
Kapitain mit seiner Frau wohnte war frei und jetzt in der Sommerzeit mit
großen buntgestreiften Sonnenzelten bespannt In den übrigen Häusern aber
wohnten das obere breit und geräumig gebaute ausgenommen das zu einer
gemeinschaftlichen Junggesellenwirtschaft bestimmt blieb die »verheirateten
Glieder der Gesellschaft« Dieses »Junggesellenhaus« oder »Bachelors hall« wie
es gewöhnlich genannt wurde diente denn auch zum gemeinsamen Versammlungsort
Nur bei geheimen Beratungen kamen die Führer der Schaar in einem kleinen zu
diesem Zweck eingerichteten Kämmerchen des Waarenhauses zusammen um dann erst
die gefassten Beschlüsse später in Bachelors Hall zur Abstimmung zu bringen
    Der Kapitain übte jedoch eine eigene fast unbegreifliche Gewalt über diese
wilden gesetzlosen Menschen aus die sonst nichts auf Erden anerkannten als
ihre eigenen Gesetze Er hatte freilich auch gewusst sich auf die einzig
mögliche Art Achtung zu verschaffen und zwar durch das Übergewicht seines
Geistes sowohl wie durch mehrfach bewiesenen persönlichen Mut der wirklich an
Tollkühnheit grenzte Sie fürchteten ihn deshalb fast so sehr wie sie ihn
ehrten und Kapitain Kelly war ein Name der nie in Scherz oder Spott genannt
werden durfte
    Nur zwei begangene Wege führten zu diesem durch ein scheinbar natürliches
Bollwerk beschützten Zufluchtsorte von Verbrechern Der eine lief vom Ufer aus
und zwar dicht unter den schon erwähnten künstlichen Snags zuerst gerade der
Mitte der Insel zu und zog sich dann ziemlich betreten ein klein wenig links
ab  Der war aber nur dazu bestimmt um selbst dann noch den Eindringling irre
zu führen wenn er den Pfad selbst entdeckt hätte denn er brachte ihn in einen
kleinen Sumpf in dem er wenn er sich nicht zeitig wieder zurückzog unfehlbar
versinken musste Der wirkliche Weg dagegen lief durch darüber geworfene Äste
verdeckt fast in einem rechten Winkel rechts ab und traf das »Fort« gerade
unter dem fünften Stall Eine andere rein gehaltene und ordentlich ausgehauene
Straße lief von der Südostseite des Forts an der rechten oder Ostseite des
Sumpfes hin und gerade der Südspitze der Insel zu wo er zu den hier sorgfältig
versteckten und für den letzten Notfall aufbewahrten Booten führte Doch war
von hier aus kein Angriff auf das Fort zu fürchten da ein einziger richtig
gefällter Baum jede Bahn vernichtet hätte Eine Verteidigung des Forts konnte
überhaupt nur als verzweifeltes Mittel betrachtet werden um so viel Zeit zu
gewinnen die Boote zu erreichen Der Haupt und alleinige Schutz der
Gesellschaft blieb das Geheimnis in das ihre ganze Existenz gehüllt war und
das zu bewahren musste auch vor allem Übrigen ihr wichtigstes Streben sein
    Fürchterliche Eide verbanden die Genossen und so weit verzweigt und so
innig mit einander verkettet waren die einzelnen Glieder dass Der der den Bund
wirklich hätte verraten wollen nie wusste ob der dem er vertraute  und wenn
er Richter oder Rechtsgelehrter war  nicht selbst mit zur Verbrüderung gehörte
und ihn  den Verräter  seiner Strafe überantwortet hätte
    dabei bot die Insel stets dem von den Gerichten Verfolgten einen sichern
Zufluchtsort und einmal dort blieb jedes Nachforschen der Konstabler
vergebens  Es hieß dann gewöhnlich der Flüchtling sei nach Texas entkommen
während er noch sicher und ruhig auf der Insel saß Aber auch ein Preis war
kluger Weise von dem Oberhaupt dieser Schaar Dem bewilligt worden der den
Verrat eines Mitgliedes hinderte und den Täter erschlug Ein solcher bekam
tausend Dollar in baarem Silber ausgezahlt und eine so bedeutende Prämie blieb
an und für sich schon lockend genug die Aufmerksamkeit der im Lande Verteilten
rege zu erhalten hätte es nicht fast noch mehr die eigene Sicherheit getan
    Der erste Sonnabend jedes Monats war zum Versammlungstag bestimmt und
Kapitain Kelly führte dabei den Vorsitz Mit dem festen Lande von Arkansas
standen sie in sehr geringer mit Mississippi dagegen in sehr starker
Verbindung Ein Posten der wie ein Matrose im Mastkorbe in dem Wipfel des
höchsten Baumes seinen Platz hatte konnte von dort aus beide Ufer erkennen und
wurde deshalb dort gehalten etwaige Signale zu beobachten oder bedrängten
Kameraden die wohl das Ufer aber nicht die Insel erreichen konnten zu Hilfe
zu eilen Zu diesem Zwecke lag auch ein vierrudriges Boot gleich über der
Sandbank und an der Nordwestecke der Insel stets zum Auslaufen bereit Der Pfad
aber der zu diesem führte konnte nur von genau Eingeweihten gefunden werden
doch lag das Fahrzeug selbst hier ziemlich offen da das seichte Wasser größere
Boote stets eine bedeutende Strecke davon entfernt hielt und deshalb keine
Entdeckung zu fürchten war
    Doch genug über die innere Einrichtung eines Ortes den wir im Laufe der
Erzählung überdies noch näher kennen lernen werden Wir müssen jetzt auch die
Bewohner dieser VerbrecherRepublik kennen lernen
 
                                    Fußnoten
1 Halt
2 Die zahlreichen Inseln des Mississippi würden eine besondere Benennung jeder
einzelnen sehr erschweren und den Bootsmann verwirren sie sind deshalb von den
Quellen dieses gewaltigen Stromes an bis zur Mündung des Ohio und von da an
wieder bis nach NewOrleans numerirt und nur wenige haben noch wenn sie sich
durch irgend etwas ausgezeichnet oder kenntlich gemacht hatten besondere Namen
erhalten Von der Mündung des Ohio bis NewOrleans etwa tausend englische
Meilen zählt der Mississippi hundertfünfundzwanzig Inseln
3 Snags und Sawyers werden in den Flüssen die im Grunde festgeschwemmten
Baumstämme genannt die noch über die Oberfläche des Wassers hervorragen oder
was noch gefährlicher für die Flussleute ist dicht darunter liegen und ihr
Dasein oft nicht einmal durch eine deutliche Bewegung des Wassers kundgeben Die
Snags  von denen die größeren Äste oder ganze Stämme Planter genannt werden
sitzen fest und unbeweglich die Sawyers tauchen in schneller Strömung
fortwährend auf und nieder
                                       6
                                        
                                 Die Insulaner
In »Bachelors Hall« gings gar munter und lebhaft zu  Um ein großes Feuer
gelagert das in dem breitmächtigen Kamine loderte streckten und dehnten sich
etwa ein Dutzend kräftiger Gestalten und die dampfenden Blechbecher die sie
entweder in Händen hielten oder neben sich stehen hatten kündeten deutlich
genug wie sie den verflossenen Teil der Nacht verbracht Ihre Tracht war die
gewöhnliche der Bootsleute am Mississippi und Waffen trugen sie keine 
wenigstens keine sichtbar An den Wänden aber hingen neben den langen
amerikanischen Büchsen kurze deutsche Stutzen französische Schrotgewehre
Pistolen Bowiemesser spanische Dolche Harpunen Beile und Aexte in Überfluss
und aufgeschlungene Hängematten bewiesen wie die Insassen dieser modernen
Räuberburg sogar einen Teil des früheren Schiffslebens hier fortsetzten und
wenn auch auf festem Lande dennoch den alten Gewohnheiten nicht ganz entsagen
wollten
    Rohe Zech und Liebeslieder tönten doch immer nur mit halblauter Stimme
von den Lippen der Meisten und während Einige sich noch außerdem damit
beschäftigten große Stücke Hirsch und Trutahnfleisch an der Kaminglut zu
schmoren waren Andere emsig bemüht mit Hacken und Zehen den Tact zu den
reißend schnellen Tänzen zu schlagen die ein breitschulteriger Neger mit
ziemlich geübter Hand einer kreischenden doch gedämpften Violine entlockte
    Da öffnete sich die Tür und den breiträndigen schwarzen Filzhut tief in die
Augen gedrückt den schlanken Körper mit einer langen Lootsenjacke und weiten
Matrosenhosen bekleidet trat eine hohe kräftige Gestalt in den Raum und
überflog mit prüfendem Blick die Versammelten
    Es war Richard Kelly der Kapitain der Schaar und so wild und trotzig diese
dem Gesetz verfehmten Männer auch wohl sonst dreinschauen mochten so hörten sie
doch in einem gewissen Grade von Ehrerbietung vielleicht Furcht oder
wenigstens Scheu augenblicklich zu tanzen auf als sie den Führer erkannten
und murrten auch nicht da er nur mit leichtem Kopfnicken ihren laut gerufenen
Gruß erwiderte Schweigend beobachteten sie ihn wie er zum Kamin ging und dort
erst einige Minuten lang in die knisternde Glut schaute dann aber die Hände
auf den Rücken gelegt mit schnellen Schritten auf und abwanderte
    »Ist das Boot von Helena noch nicht zurück« wandte er sich endlich an Einen
der Seinen der gerade in der Tür erschien
    »Noch nicht Sir« erwiderte dieser »aber ich glaube ich habe die Ruder
gehört als ich eben an den Snags stand und nach ihnen ausschaute Ich wollte
nur fragen ob vielleicht etwas nach Mississippi hinüber zu besorgen ist ehe
wir das Boot wieder unten in Sicherheit bringen«
    »Das Boot mag gleich über den Snags unter dem Platanenwinkel liegen
bleiben« sagte Kelly und warf sich auf einen für ihn zum Kamin gerückten Stuhl
 »die Pferde müssen noch heute Nacht von Arkansas kommen denn Jones hat es uns
fest versprochen und nachher dürfen wir sie keinen Augenblick hier behalten
Drei von Euch sollen sie sofort nach Vicksburg schaffen Das Übrige werdet Ihr
dort vom Konstabler Brooks erfahren«
    »s ist doch putzig« lachte der Eine der Männer »wie wir die wohllöblichen
Gerichtsbarkeiten an der Nase herumführen Kaum eine Stadt gibts hier im
ganzen Westen wo nicht entweder Konstabler oder Gefängnisswärter Advokaten
oder selbst Postmeister und Friedensrichter unsere Verbündeten und Kameraden
sind Einen Mann in Mississippi oder Arkansas für ein begangenes Verbrechen ins
Zuchthaus zu stecken ist wenn er zu uns gehört gerade so gut als ob man ihn
begnadigte Denkt Euch nur Kapitain vor acht Tagen haben sie in Sinkville
drüben den Tobi  den Einäugigen sogar zum Staatsanwalt gemacht Wenn ich nur
einmal eine seiner Reden hören könnte«
    Des Kapitains Züge überflog ein leichtes Lächeln dann aber wandte er sich
plötzlich an den Sprecher und sagte
    »Kommt Blackfoot  ich habe etwas mit Euch zu bereden« Und ohne Dieses
Antwort zu erwarten schritt er rasch voran dem freien jetzt vom Mondlicht
beschienenen Raume zu der sich zwischen den Gebäuden und nur von wenigen
niederen Bäumen beschattet ausdehnte
    »Ja Blackfoot« sagte Kelly und blieb hier den ihm Folgenden erwartend
stehen  »unsere Geschäfte gehen gut aber  wir sind noch nicht genug auf einen
letzten Fall vorbereitet Zu Viele kennen unser Geheimnis und wenn auch Verrat
desselben schwierig und gefährlich sein mag so ist er doch nicht unmöglich«
    »Ei zum Henker was wollen sie uns denn eigentlich anhaben« hohnlachte der
Andere  »Und wenn sie wirklich das ganze Nest entdeckt hätten Den möchte ich
sehen der uns lebendig finge«
    »Ist das Alles was uns bedroht« frug der Führer  »und wäre das nicht etwa
schon Verlust genug  Ja ein unersetzlicher Verlust wenn wir unseres
Schlupfwinkels und mit ihm eines Zufluchtsortes beraubt würden wie ihn die
Vereinigten Staaten gar nicht wieder aufweisen können Nein Blackfoot darauf
dürfen wir nicht trotzen  ein solcher Fall träfe uns schlimmer als
Gefangenschaft Solcher könnte man sich allenfalls wieder entziehen aber nie
aufs Neue die Blicke der Nachbarn von dieser Insel ablenken wenn sie einmal
erst mit dem Innern derselben vertraut geworden Doch wie dem auch sei es ist
unsere Pflicht den schlimmsten Fall voraus zu bedenken und jede Vorkehrung zu
treffen die von uns getroffen werden kann«
    »Nun haben wir nicht die Boote  nicht die weiter unten liegende kleine
Insel  Nicht die Hütte im Sumpfe drüben wohin uns sogar Niemand folgen kann
wenn er nicht den ganz genauen und fast stets unter Wasser stehenden Pfad
kennt«
    »Und dennoch genügt das Alles noch nicht« sagte Kelly nahm bei diesen
Worten den großen breiträndigen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch das
lange vom Nachttau feuchte Haar
    Es war eine stattliche Gestalt dieser Kapitain der Flusspiraten die dunkeln
Locken umflatterten ihm wild die fein und hoch geformte Stirn die großen
schwarzen Augen jetzt noch von einem kühnen Gedanken belebt blitzten hell und
feurig und die Oberlippe warf er in Trotz und Hohn empor während er fast mehr
mit sich selbst redend als zu dem Gefährten gewandt nur halblaut vor sich hin
murmelte
    »Sie sollen die trüben Augen vor Verwunderung aufreißen  sie sollen starren
und staunen wenn sie uns einmal recht fest und sicher zu haben glauben und nun
 hahaha  ich sehe schon die dummen verblüfften Gesichter  wie sie am Ufer
stehen und uns nachstarren und dann alle nur möglichen und erdenklichen
Schlussfolgerungen ziehen wie es hätte werden können wenn sie nicht ganz so
albern und kurzsichtig wie jetzt oder doch überhaupt nur ein klein wenig
anders das heißt gescheidter gehandelt hätten«
    »Aber was habt Ihr für einen Plan darf man ihn nicht wissen« frug
Blackfoot  eine grobknochige Gestalt und dem Führer treu ergeben  »Ich kann
mir gar nicht denken was Euch auf einmal so merkwürdig im Kopfe herumgeht«
    »Was ich habe« sagte Kelly nach kurzer Pause  »Ihr sollt es wissen  ich
fange an für unsere Sicherheit besorgt zu werden«
    »Was  Ist ein Verräter unter uns  Habt Ihr Verdacht Kapitain  heraus
damit  wer ist die Kanaille«
    »Nicht doch  nicht doch« sagte Kelly und blickte lächelnd auf das wilde
und doch jetzt so ängstlich zu ihm aufgehobene Antlitz  »Die Gefahr ist
vorüber aber so gut wie sie an einem Orte auftaucht kann sie uns auch unter
gleichen Umständen an einem andern bedrohen Ihr wisst dass Rowson in seiner
Todesangst unser Geheimnis enthüllen wollte  Ein Glück war es dass teils die
gänzliche Verdachtlosigkeit der Regulatoren teils des Indianers Eile seinem
Vorhaben entgegenarbeitete aber  er hatte doch den Willen  es waren doch nur
einzelne Umstände die es verhinderten dass er ihn auch ausführte  Hätte er es
getan unsere schöne Insel läge jetzt in Schutt und Asche denn wenn wir selbst
auch Zeit behalten haben würden unser eigenes Leben in Sicherheit zu bringen
so wäre das auch das Einzige gewesen was wir hätten retten können und mit
unseren Gütern sähen wir zugleich die Früchte dreijähriger harter Arbeit
schwinden Dem müssen wir begegnen eine solche Gefahr darf uns nicht wieder
bedrohen ohne uns besser gerüstet zu finden«
    »Aber wie  Was können wir tun« sagte Blackfoot sinnend
    »Viel  sehr viel  Alles was in unseren Kräften steht So dürfen wir von
jetzt an das was wir in NewOrleans für errungene Beute lösen nicht mehr hier
herauf schaffen Wir sammeln am Ende nur für das Pack was unser Nest
ausstöbert  Wir haben Verbündete in Houston in Texas  dorthin müssen wir alle
erbeuteten Waren senden  Trifft uns dann hier Verrat gut so haben wir
nicht allein einen Ort wo uns der Lohn unserer Arbeiten erwartet sondern auch
ein Kapital mit dem wir wieder neu beginnen können  unternehmende Köpfe finden
stets Arbeit Aber selbst das genügt noch nicht  schneidet uns der Feind den
südlichen Pfad nach den Booten ab oder entdeckt er diese gar so ist auch unser
Leben bedroht denn wenn wir uns wirklich im Fort kurze Zeit halten könnten so
müssen wir dennoch bald einer größeren Macht unterliegen«
    »Ja aber  was lässt sich dagegen tun« brummte Blackfoot »Die Geschichte
spielt überdies schon drei Jahre und es ahnt doch noch keine Katze weder in
Arkansas noch Mississippi welche Gesellschaft hier ihr freundliches
Ruheplätzchen hat«
    »Dass es uns drei Jahre so ruhig hingegangen ist« sagte der Führer ernst
»sollte uns gerade vorsichtig machen  wir haben die Beispiele an allen anderen
solchen Unternehmungen erlebt Außerdem hat unsere Gesellschaft im letzten Jahre
eine Verbreitung erhalten die es fast nicht mehr als Möglichkeit denken lässt
dass sie noch lange geheim bleiben kann Unsere Agenten leben in allen
Flussstädten der Vereinigten Staaten und wie viele werden darunter sein die
wie eben jener Rowson im äußersten Fall auch zum äußersten Mittel greifen und
die eigene Haut zuerst in Sicherheit bringen würden Dem wollen wir vorbeugen
Noch gibt es eine Art auf die wir uns jeder etwaigen Verfolgung entziehen ja
durch die wir einer jeden lachen können«
    »Und die wäre « fragte Blackfoot halb ungläubig aber gespannt
    »Ein Dampfboot« flüsterte der Führer und beobachtete in den Zügen seines
Vertrauten den Eindruck den solch ein Vorschlag auf ihn machen würde
    »Ein Dampfboot« wiederholte dieser von der Kühnheit des Gedankens
überrascht »ha  das wäre nicht so übel  Pulver und Schwefel da könnte man ja
den Mississippi hinauf und direkt in den Golf von Mexiko hinein brennen Bei
Gott ein Dampfboot wollen wir haben das ist ein capitaler Einfall  aber 
sollen wirs kaufen Oder  auf andere Art an uns bringen Und wenn wir es
haben wie wird es möglich sein es stets in unserer Nähe zu halten was doch
mit dem Zweck seiner Anschaffung unzertrennlich wäre  Die Sache klingt
vortrefflich aber  wenn man sie länger überlegt weiß ich doch nicht wie sie
ins Werk gesetzt werden kann«
    »Und dennoch ist es möglich« sagte Kelly  »Blackfoot  Ihr müsst der
Kapitain des Dampfbootes werden und wir machen ein Packetboot daraus das
zwischen Memphis und Napoleon1 laufen mag Das gibt uns zugleich Gelegenheit
die Leute in Tätigkeit zu erhalten und mit den Orten wo die Unseren wohnen in
genauerer Verbindung zu bleiben Dann bringt es schon unsere PaketLinie mit
sich dass wir hier fortwährend in der Nähe sind ja wir können sogar Tage und
Wochen lang vor Anker liegen bleiben und die vorbeifahrenden Boote werden
glauben wir hätten die Passage an der linken Seite der Insel versuchen wollen
und wären auf den Sand gelaufen  Die Bootsleute von Helena haben wohl ihr
Fahrzeug gleich unter die Weiden geschafft« unterbrach er sich plötzlich
selbst
    »Ja  Bolivar ist mit hinunter  sie wollen die Fähre zurückbringen um die
Pferde zu transportiren«
    »Ich wollte Peter würde ein wenig vorsichtiger«  sagte der Kapitain
düster  »Er ist sonst brav und brauchbar sollte aber doch bedenken dass er
durch seine Tollheiten sich selbst noch einmal um den Hals und uns Andere in
kaum geringere Verlegenheit bringen könnte«
    »Er bedenkt nicht gern« lachte Blackfoot »denn Denkzeichen hat er doch
wahrhaftig schon genug bekommen  der letzte Hieb durchs Gesicht war nicht von
Stroh  Aber um wieder auf unser Dampfboot zu kommen  wo kaufen wir das am
besten und wird es nicht überhaupt einen zu großen Riss in unsere Kasse machen«
    »In NewOrleans oder noch besser in Cincinnati glaub ich  Geld ist genug
da« erwiderte der Kapitain  »Nach erhaltenen Briefen bringt auch Teufels
Bill wie Ihr ihn immer nennt ein reich beladenes Boot aus dem Wabasch heraus
auf dem sich besonders viel baares Geld befindet und von Pittsburg Cincinnati
Louisville Shawneetown Paduca St Louis und Memphis sind heute Briefe an mich
gekommen die alle das baldige Eintreffen herrlicher Beute verkünden Wir wollen
jetzt den Wachposten Abends doppelt ausstellen dass wir nicht einmal das Signal
versäumen Die Nächte sind kurz und vor Tage müssen wir das erbeutete Boot
stets am linken Ufer und unter den Weiden haben sonst könnte doch einmal ein
vorbeifahrender Flatbooter Verdacht schöpfen«
    »Und wer soll den Ankauf eines Dampfbootes besorgen« frug Blackfoot 
»Wollt Ihr selbst stromauf gehen und es in einer der nordischen Städte
erhandeln oder soll das einem unserer Kommissionäre überlassen bleiben«
    »Ich selbst würde gehen« sagte Kelly sinnend »wenn nicht gerade in diesem
Augenblick wichtige Verhältnisse meine Afmerksamkeit zu sehr in Anspruch nähmen
 ich werde wahrscheinlich eine kleine Reise in das Innere des Landes machen
müssen Ist von Simrow noch immer keine Antwort eingetroffen«
    »Nein  sonderbarer Weise lässt er kein Wort von sich hören  In Georgia
steckt er noch so viel weiß ich und das Zeichen was er uns kürzlich zukommen
ließ lautet günstig sonst aber kann Niemand Auskunft über ihn geben«
    »In Georgia scheint er sehr tätig gewesen zu sein« erwiderte Kelly 
»Seit der Zeit muss er aber wohl glauben er habe für sich allein gearbeitet und
unsere Hilfe nur so lange benutzt als er sie brauchte Aber dagegen gibt es
Mittel  wartet einmal  unsern kleinen amerikanischen Advokaten Broom kennt er
ja wohl noch gar nicht«
    »Nein  ich glaube nicht  Er kam erst vier Wochen später als Jener uns
verließ«
    »Gut  der soll hinüber  er mag eins von den Pferden reiten und kann es
dort verkaufen Den Brief den er mitnehmen wird will ich Euch morgen früh
einhändigen  Halt dass ichs nicht vergesse  in den Sumpf müsst Ihr ehe die
Pferde abgehen einen Boten schicken  Waterford dort hatte andere Arbeit und
möchte sonst nicht daheim sein Sind die Bretter an die Landung geschafft«
    »Wie Ihr es angabt  es liegt Alles bereit  aber was ich Euch fragen
wollte wie ist es denn mit dem Verkauf des Grundstücks in Helena gegangen Ist
unser neugebackener Erbe acceptirt worden«
    »Vortrefflich« lächelte Kelly  »wir können das Stück nächstens wiederholen
 der Plan war herrlich  er hat viel Geld eingebracht«
    »Und schöpft man keinen Verdacht Sind die Leute wirklich freundlich genug
zu glauben dass Holk mit Mann und Maus versunken und seinen Tod unseren
Sündenböcken den Snags zu danken habe«
    »Gewiss denken sies«  sagte Kelly verächtlich  »das Volk drüben wollte ich
glauben machen der Himmel sei nur blau angestrichene Wachsleinwand und die
Erde ein Futteral alte Gebeine aufzubewahren«
    »Hahaha«  lachte der Gauner  »ein göttlicher Spaß das Es soll mich auch
wundern wie wir die drei letzten Boote in NewOrleans verkauft haben  Wir
hätten sie übrigens doch anmalen sollen der Teufel könnte einmal sein Spiel
haben«
    »Ja  es soll auch künftig geschehen« sagte Kelly sinnend »Farbe habe ich
schon gestern herüberschaffen lassen Das nächste jedoch was wir nehmen mag
wenn die Ladung wertvoll genug ist ebenfalls nach NewOrleans geschafft
werden  Hier ist die Adresse des Kaufmanns der die Spedition der Güter
besorgt«
    »Wer geht da von unseren Leuten mit«
    »Schickt wen Ihr wollt nur den Neger nicht den können wir hier besser
gebrauchen und halt  noch Eins  in Helena ist gestern ein Mann angekommen
der nach Little Rock will um das Land zu kaufen was uns hier gerade gegenüber
in Arkansas liegt Er wird morgen früh von Helena aufbrechen und reitet einen
Schimmel «
    »Ist er allein«
    »Nein  der Mailrider ist bei ihm und wird das Übrige besorgen Bis Strongs
Postoffice müssen die Beiden aber zusammen reiten  Der Fremde wird dort nicht
übernachten weil es ihm zu teuer ist  er will noch das drei Meilen von
Strongs entfernte Haus erreichen  Etwa zwei Meilen von Strongs auf der rechten
Seite könnte er vielleicht ein Licht sehen  Ihr versteht mich«
    »Schon gut  ich glaube nicht dass wir auf dem Lande drüben belästigt
werden  Was soll aber mit dem Mädchen geschehen das die Burschen gestern
eingebracht haben  es ist ganz wie von Sinnen Ich glaube das Ding ist
verrückt geworden«
    »Die Pest  wer hieß Euch die Dirne an Land nehmen« rief Kelly unwillig
dabei mit dem Fuße stampfend  »gab ich nicht dem Kentuckier ganz bestimmte
Befehle sie bei Seite zu schaffen Der Bursche wird mir zu eigenwillig  ich
fürchte «
    »Ich trau ihm auch nicht recht« flüsterte Blackfoot »Bolivar hat mich
neulich auf ein paar Sachen aufmerksam gemacht die mir gar nicht recht gefallen
«
    »Der Neger hat ein gutes Auge  er soll schärfer auf ihn Acht haben  sind
die beiden entladenen Boote versenkt«
    »Ja  ich habe sie ein paar Meilen stromab geschickt   es werden sonst zu
viel hier in der Nähe«
    »Recht so  gut wärs vielleicht die Trümmer von einem oder zweien dicht an
der kleinen Insel hier unten zu zeigen  das schreckt Andere vom Landen zurück«
    »Von dem Dampfboot sagen wir auf der Insel noch nichts«
    »Wir werdens nicht wohl verheimlichen können« meinte Kelly nach kurzer
Pause  »Es muss gemeinschaftlich bezahlt werden und da wollen wir uns auch
gemeinschaftlich darüber beraten Wo ist denn das eingebrachte Mädchen jetzt«
    »Es war in Nr 2 hier gleich oben« brummte Blackfoot »aber  Mrs Kelly 
hatte Mitleiden mit dem armen Dinge und  nahm es zu sich«
    »Was Georgine hat die Dirne ins Haus genommen« zürnte der Kapitain  »ei
Höll und Teufel  sie weiß doch dass ich das nicht leiden kann  Sie muss fort
 sie muss augenblicklich fort Blackfoot Du wirst mir Bolivar herschicken  es
sind überdies zu viel Frauen hier  gibt es Etwas was mich um unsere
Sicherheit beben macht so ist es das Unsere Gesetze bestimmen sogar dass nur
zwölf Weiber auf der Insel bleiben sollen und diese Gefangene ist die
achtzehnte«
    Der Kapitain ging mit festverschlungenen Armen und zusammengebissenen Lippen
schnellen Schrittes vor der Tür der Halle hin und her aus der jetzt wieder die
leisen Töne der Violine herausschallten Seine Aufmerksamkeit ward aber bald den
von Helena kommenden Bootsleuten zugewandt die in diesem Augenblicke Einer
hinter dem Andern den schmalen Pfad heran kamen und in das geöffnete Tor
gelassen hier ihren Führer begrüßten Dieser aber ohne den Gruß mit Wort oder
Blick zu erwidern frug nur ernst und fast unwillig
    »Wo sind die Briefe«
    »Hier Kapitain« sagte Peter oder der Narbige unter welchem Namen er schon
bei dem Leser eingeführt wurde  »den Brief hier gab mir der Postmeister noch
zwei Minuten vorher ehe wir abfuhren«
    Kelly nahm die Papiere an sich und schritt gegen seine eigene dicht am
Waarenhause liegende Wohnung zu ehe er diese aber erreichte blieb er noch
einmal stehen und sagte zu Blackfoot gewandt
    »Den Neger schickt Ihr mir und sollten von Arkansas die Pferde noch in
dieser Nacht eintreffen so lasst sie die Nacht ruhen Morgen früh aber sobald
sie Kräfte genug haben eine neue Reise anzutreten müssen zwei von Euch in das
Innere gen Osten aufbrechen Ist Sander nicht mitgekommen«
    Ein junger schlanker Mann mit langen blonden Haaren und blauen Augen der
wenn ihn nicht jetzt der schwerfällige trunkene Blick entstellt hätte für
schön hätte gelten können schwankte vor und sagte lallend
    »Kapitain Kelly  jai lhonneur  ich  ich habe die  habe die Ehre «
    »Schon gut Sander  leg Dich hin und schlaf aus ich brauche Dich morgen
früh notwendig  also gute Nacht«  Und ohne weiter eine Erwiderung seiner
Worte abzuwarten schritt er zum Hause in dessen Tür er verschwand
    Die übrigen Männer blieben noch eine Weile in dem innern Hofraume stehen
und Sander der augenscheinlich an diesem Abend des Guten zu viel getan
murmelte halblaut vor sich hin während er die Hände tief in die Taschen schob
und der »Bachelors Hall« zuschwankte
    »Verdammt kaltblütig das von Kelly  ich brauche Dich morgen früh notwendig
 so Kapitain Wirklich« Er wandte den Kopf und starrte mit seinem glanzlosen
halbtrunkenen Blick nach dem hellen Lichtschein hinüber der durch jenes dicht
verhangene Fenster fiel  »so Sir Brauchen mich morgen früh notwendig  o ja
wohl Sir soll wohl wieder einem armen unglücklichen Mädchen  unglücklichen
Mädchen den Kopf verdrehen und das Herz brechen Ah Schöne Beschäftigung das
Außerordentliche schöne Beschäftigung aber damn me  ich wünschte der Dame erst
vorgestellt zu werden Gentlemen Es gibt Momente Gentlemen «
    »Kommt Sander« sagte Blackfoot und nahm ihn ohne weitere Umstände beim Arm
 »wir sind Beide müde und wollen zu Bette gehen  Donnerwetter Mann bedenkt
dass Ihr sonst morgen verschlafene und trübe Augen habt und bei den Damen leicht
Verdacht erregen könntet Ihr  hättet geschwärmt«
    »Ah  certainement mom cher Blackfutt  certainement«  lallte der junge
Stutzer  »en avant denn  zu Bett wir  wir Herzensbezwinger wir  Gott Amor
soll leben Blackfutt  Gott Amor soll leben und jedes schöne Gesicht  jede
Engelsphysiognomie aber  Du nimmst mir das nicht übel Blackfoot wie  à bas
mit allen solchen Teufelsfratzen wie Ihr Zwei Du und Peter zwischen Euren
beiden Ohren herumtragt  à bas sag ich  möchte nicht aus solchem Angesicht
herausgucken und wenn die Haut Millionen zu verzehren hätte  möchte bei Gott
nicht«
    »Schon gut« knurrte Blackfoot und ein boshaftes Lachen zuckte um seine
Lippen  »es können nicht Alle solche  Liebchen sein wie Ihr  Aber kommt 
ich bin müde  wir wollen uns hinlegen  vielleicht gibts morgen früh wieder
Arbeit« Und ohne weiter eine Antwort des immer noch mit sich selbst Redenden
und Gesticulirenden abzuwarten zog er dessen Arm fest in den seinigen und
schritt der eigenen Schlafstelle zu Er wollte den trunkenen Kameraden erst
durch seine eigene Gesellschaft beruhigt eingeschlafen wissen damit dieser
nicht aufs Neue dem Becher zuspräche und für morgen ganz untauglich würde
 
                                    Fußnoten
1 Memphis eine der Hauptstädte in Tennessee an der Mündung des Wolfriver
hundertunddrei englische Meilen oberhalb Nr »Einundsechzig«  Napoleon ein
kleines Städtchen an der Mündung des Arkansas siebenundsechzig Meilen unter der
Insel
 
                                       7
                                        
                                   Georgine
Ein kleines wunderliches Gemach ist es in das ich jetzt den Leser einzuführen
wünsche
    Hätte ein Mann in diesem Raume nach langem unruhigen Fieberschlaf zuerst die
Augen geöffnet und hier vor den erstaunten Blicken eine Menge von Sachen
gesehen wie sie ihm seine Träume nicht abenteuerlicher gebracht er würde sich
von eben solchem Traume noch fort geäfft und alles das was ihn umgab für
neues noch tolleres Blendwerk als das frühere gehalten haben Unter keiner
Bedingung hätte er sich aber an der Stelle geglaubt an der er sich wirklich
befand auf einer kleinen weidenumwachsenen Insel mitten im Mississippi  Und
es war auch wirklich ein wunderlicher Platz
    Alle Zonen alle Künste schienen sich hier vereinigt zu haben einen Raum zu
schmücken den sie mit dem zehnten Teil der Sachen die er enthielt in ein
Prachtzimmer verwandelt hätten der aber so durch Schmuck und Zierrat
überladen eher dem Waarenlager einer der größeren östlichen Städte als dem
stillen Aufenthaltsort häuslicher Zurückgezogenheit glich
    Drei Seiten des Zimmers waren von einer prachtvollen seidenen Tapete
bedeckt aber nur an wenigen Stellen ließ sich die glühenden Farben ihrer
silberund azurdurchwirkten Arabesken erkennen mächtige Spiegel prachtvolle
Oelgemälde Bronze und ElfenbeinFiguren schwere silberne Leuchter und
kostbare Waffen bedeckten fast ihre ganze Fläche Ebenso eigentümlich ebenso
mit Zierraten überladen zeigte sich die vierte rechte Wand die nach alledem
was man von ihr sehen konnte in dem Geschmacke einer Schiffskajüte hergerichtet
sein musste die kleinen viereckigen mit Messingplatten eingefassten Fenster mit
schmalen Mahagonistreifen dazwischen verrieten wenigstens etwas Derartiges 
Allerlei indianische Kostbarkeiten wie Waffenschmuck und Kleidungsstücke
verboten jedoch auch hier jedes weitere Forschen Breitfaltige Tropengewächse
streckten dabei ihre saftigen Kronen bis zur Decke hinan und überschatteten die
Fenster während das blasse Licht einer unter der reich verzierten Decke
angebrachten Ampel seinen dämmernden Schein über den kleinen Raum warf
    Es war ein Reichtum der Ausstattung der nicht wohltat eine Überladung
von Schmuck und Pracht die das Auge das vergebens einen Ruhepunkt suchte eher
beleidigte als erfreute
    Mitten in all dieser Herrlichkeit nun lag ein junges Weib in weißen losen
Gewändern die vollen schöngeformten Glieder auf den üppigen Divan gestreckt
der in wirklich morgenländischer Pracht und mit weichen schwellenden Kissen
bedeckt von Wand zu Wand lief Vor ihr aber auf einem niederen Tabouret
kauerte eine andere Gestalt die ihr Antlitz in den Händen barg und in tiefem
entsetzlichen Schmerz fast aufgelöst schien
    »Er wird wiederkommen Kind« tröstete sie die Frau und legte die
feingeformte weiße Hand leicht auf den Scheitel der Weinenden »er wird
wiederkommen beruhige Dich nur Du liebes wunderliches Kind  Sieh
vielleicht sucht er Dich selbst in diesem Augenblicke allenthalben und das
Echo gibt ihm leider vergebens Deinen lieben  ängstlich gerufenen Namen
zurück«
    »Wiederkommen« rief zitternd das junge Mädchen und hob das tränenvolle
Angesicht zu der Beschützerin empor  »wiederkommen Nie  nie  tief unten im
Strome liegt er  von tückischer Kugel getroffen  ich sah ihn stürzen  ich
hörte den Fall ins Wasser und dann  dann vergingen mir die Sinne  Großer
allmächtiger Gott  ich muss wahnsinnig sein denn wäre das  das Wahrheit was
mir nachher ein fürchterlicher Traum vorgespiegelt  mein armes Hirn hätte es ja
nicht ertragen mein Herz wäre gebrochen in all der Angst in all der Schmach
und Schande«  Sie barg das lockige Haupt in den weichen Kissen und ihr ganzer
Körper zitterte von innerer Pein und Aufregung
    Georgine richtete sich halb in Ungeduld von ihrem Lager empor
    »Komm« sagte sie und hob leise den Kopf des schönen Kindes  »komm Marie 
erzähle mir Alles was Dir begegnet bis jetzt habe ich nur und selbst dies
erst nach vielem Fragen Deinen Namen erfahren  Seit ich Dich aus den Händen
jenes rohen Gesellen befreite hast Du fast nichts getan als geweint Ich
interessire mich für Dich willst Du aber dass ich Dir weiter helfen soll so
sei auch aufrichtig Wie kamst Du in  in ihre Gewalt«
    »So soll ich denn all den noch frischen blutenden Schmerz erneuen Soll die
Wunde stacheln die noch nicht zu brennen aufgehört« sagte mit leiser fast
tonloser Stimme die Unglückliche  »doch es sei  Du schütztest mich vor der
rohen Faust jenes Buben  Du sollst in wenigen Worten Alles hören was mich
betrifft«
    »Noch weiß ich nicht wo ich bin« flüsterte sie nach kurzer Pause während
ihre Blicke wirr und staunend ihre Umgebung überflogen  »noch ist es mir fast
als ob ein Zauber mich gefangen ein fürchterlicher Traum mich umnachtet halte 
doch ich fühle wie ich lebe und wache  ich sehe das dämmernde Licht jener
Lampe  ich kann den warmen Atem Deines Mundes an meiner Wange fühlen  ich bin
erwacht   das Erwachen selbst nur war grässlich Sich aber auch im vollen
Besitze jedes Glücks zu wissen das uns diese Erde nur zu bieten vermag und
dann auf einmal  mit der Schnelle des vernichtenden Strahls  Alles Alles zu
verlieren  das tut weh  das frisst sich tief ins Herz hinein Doch Du wirst
ungeduldig oh Du kannst die kurze Zeit nicht erwarten die ich gebrauche Dir
meine Leiden zu erzählen und ich  ich soll sie ein ganzes Leben lang mit mir
fortschleppen bis zum Grabe  Aber Du hast Recht  ich bin nur ein töricht
unwissend Kind  klage nur über mein Elend und denke nicht daran dass er  er
für den ich ja nur leben und lieben wollte meinetwegen starb«
    »Es sind jetzt wohl sechs Monate dass er zuerst meines Vaters Haus betrat 
soll ich Dir sagen wie wir uns kennen und lieben lernten Nein  Du würdest
mich nicht verstehen  Dein eigener Blick schaut so ernst und stolz auf mich
nieder  Du würdest meiner vielleicht gar spotten  Genug  wir liebten uns 
er schloss sein ganzes treues Herz mir auf und hatte das meine gewonnen ehe ich
nur selbst es ahnte dass er darum warb Auch die Eltern achteten ihn  oh er
war so gut so edel  so fromm  sie segneten unsere Verbindung  ich wurde sein
Weib Indessen hatte er meinem Vater von dem schönen und herrlichen Süden
erzählt von dem Plantagenleben in Louisiana  sie fuhren Beide hinab das Land
zu sehen und zu prüfen und Eduard erstand am Atchafalaya die Pflanzung eines
alten Creolen der gesonnen war den Abend seines Lebens in Philadelphia bei
Kindern und Verwandten zuzubringen Vor wenigen Wochen kehrten die Männer zurück
 unsere Farm wurde verkauft ja selbst unsere zahlreichen Heerden machte mein
Vater zu baarem Gelde und auf einem selbst erbauten Flatboot wozu ihn Eduard
eigentlich beredet schifften wir all unser übriges Eigentum ein mit der
Strömung des Mississippi unserer neuen schönen Heimat zuzuschwimmen Mein
Vater wollte einen Mann annehmen der unser Boot den Fluss hinabsteuern sollte
Eduard bestand aber darauf das selbst zu tun  er war wie er sagte mit jeder
Sandbank mit jedem Snag bekannt und glücklich führte er uns auch den Wabasch
und Ohio hinab und immer weiter den Mississippi nieder Hier aber mochte ihn das
tiefer und gefahrloser werdende Wasser zu unvorsichtig machen  vorgestern
Abend gerade über einer Insel  lief unser Fahrzeug auf den Sand und hier 
großer allmächtiger Gott  ich würde wahnsinnig wenn ich das Alles noch einmal
überdenken sollte«
    »Und Eduard« frug die Frau während sie von ihrem Lager aufsprang und
unruhig im Zimmer aufund abschritt  »Dein Vater  Deine Mutter«
    »Tot  Alle tot«  seufzte die Unglückliche
    »Und Du«
    »Erbarmen  Erbarmen  dringe nicht weiter in mich  lass mir die Nacht die
meine Sinne noch umschlossen hält  lass mir jene tollen blutigen Schatten die
mir wild und fieberisch das Blut durchrasen und in ihren sinnverwirrenden
Kreisen die Erinnerung ertödten  lass sie mir und wären sie die Boten des
Wahnsinns  lieber so  lieber tot  als zu denken dass  hahaha  da vorn ist
er wieder der tückische Kopf der meinem Eduard gleicht  Da taucht er wieder
empor aus der Flut und ich  ich strecke die Hände nach ihm aus ich ergreife
sein nasses Kleid  er soll mich retten  retten aus der Hand des Teufels der
mich umschlossen hält und er  oh mein armes Hirn  wie es klopft und schlägt 
wie es zuckt und brennt  ach Dass Eduard fallen musste und nun sein Weib nicht
rächen nicht schützen kann vor den eigenen entsetzlichen Gedanken und Bildern«
    Marie ließ matt die Arme sinken und neigte das Köpfchen auf die Brust herab
vor ihr aber stand das stolze schöne Weib und eine Träne ein seltener Gast
drängte sich ihr in das große schwarze Auge
    »Du sollst bei mir bleiben Marie « flüsterte sie dem armen Kinde leise zu
 »sie sollen Dich nicht fort von mir reißen  er darf es nicht« wiederholte
sie dann leise und mir sich selber redend  »er darf mir die Bitte nicht
versagen und wenn ers tut wenn er wirklich schon alles das vergessen haben
sollte was er mir in früheren Zeiten gelobt  gut  der Versuch sei wenigstens
gemacht «
    »Ich will schlafen gehen« sagte die Unglückliche und strich sich die
feuchten Locken aus der Stirn  »ich will schlafen gehen  mein Kopf schmerzt
mich  meine Pulse schlagen fieberhaft  ich bin wohl krank  gute Nacht
Georgine«
    Marie erhob sich und schritt der Türe zu Georgine aber ob von plötzlichem
Mitleid oder anderen Gefühlen bewegt umfasste das arme Wesen das sich kaum
aufrecht erhalten konnte und führte es durch eine in die linke Wand
geschnittene und von einem prachtvollen Vorhang bedeckte Tür in ein kleines
Gemach das seiner Bauart nach schon in dem Waarenhause lag und nur durch eine
dünne Brettwand von den großen hier zeitweilig aufgestellten Gütern getrennt
wurde Kaum hatte sich dort die Arme auf ein Lager niedergelassen und mit
weichen Decken gegen die kühle Nachtluft geschützt als auch die Tür ihres
Wohnzimmers sich öffnete und Kelly  den Hut in die hohe Stirn gedrückt 
eintrat
    Georgine ließ den Vorhang sinken und stand im nächsten Augenblick vor dem
Gatten
    »Wo ist die Fremde« war das erste Wort das er sprach und seine Augen
durchflogen schnell den kleinen Raum
    »Ist das der ganze Gruß den Richard heut Abend seiner Georgine bringt«
frug diese halb scherzend halb vorwurfsvoll  »suchen meines Richard Augen
heute zum ersten Mal ein fremdes Wesen und fliehen den Blick der Gattin«
    »Nein Georgine« sagte Kelly und die ernsten Züge milderten sich zu einem
leichten Lächeln »die Augen sind Deine Sklaven wie immer die Frage galt nur
der Fremden« und er streckte der Geliebten die Hand entgegen und zog sie leise
an seine Brust  »Guten Abend meine Georgine« flüsterte er dann und drückte
einen Kuss auf ihre Lippen  »aber  wo ist die fremde Frau  Du hast nicht recht
getan sie bei Dir aufzunehmen«
    »Richard  lass mir das unglückliche Geschöpf « bat Georgine und schlang den
weißen Arm um seinen Nacken  »lass sie mir hier  Du weißt die Mädchen die auf
der Insel Hausen sind nicht für mich  es ist rohes wüstes Volk und sie hassen
mich weil ich nicht ihre wilden Freuden teile Mariens ganzes Wesen verrät
dagegen einen höheren Grad von Bildung als man ihn sonst bei solch einfachem
Farmerskind vermuten sollte Ich will sie bei mir behalten vielleicht kann ich
ihr in Etwas das wieder vergüten was  Andere ihr genommen«
    »Liebes Kind« erwiderte Kelly und warf sich nachlässig auf die Ottomane 
»das sind Geschäftssachen und Du kennst unsere Gesetze So sehr ich das schöne
Geschlecht ehre so sehr muss ich doch auch dagegen protestiren dass es sich da
beteiligt wo es an Hals und Kragen gehen könnte«
    »Richard« sagte das schöne Weib und presste die kleinen Lippen fest zusammen
 »Du tust mir nie etwas zu Liebe  ich mag Dich bitten um was ich will  Du
hast eine Ausrede  nicht einmal nach Helena willst Du mich führen«
    »Ich habe Dir schon gesagt dass ich mich dort selbst nicht blicken lassen
darf « lächelte der Führer
    »Gut  so gestatte mir wenigstens die Gesellschaft eines einzigen
menschlichen Wesens das ich  ohne Abscheu ansehen darf«
    »Eine große Schmeichelei für mich«
    »Du bist unausstehlich heute«
    »Du bist ärgerlich Georgine« sagte der Kapitain freundlicher als vorher
»aber sei vernünftig Die Fremde kann nicht hier bleiben wo ihr Sander gar
nicht auszuweichen vermöchte«
    »Also er war jener Bube «
    »Ruhig  Du wirst vorsichtiger und milder in Deinen Ausdrücken werden wenn
Du erfährst dass gerade er es ist der die Ausführung unserer Pläne
beschleunigt  Das zuletzt eingebrachte Boot enthielt ein so bedeutendes
Kapital in baarem Geld  in Gold und Silber  dass ich jetzt entschlossen bin
Deinen bisherigen Bitten nachzugeben Ich sehe ein unsere Lage hier muss mit
jedem Tage gefährlicher werden Das Geheimnis ist kaum noch ein Geheimnis und
mir selbst scheint es rätselhaft wie es so lange verborgen bleiben konnte Wir
wollen nach Houston und von da in das Innere von Mexiko  halte Dich also zu
einem schnellen Aufbruche bereit«
    »Und die Insel«
    »Mag unter Anderer Leitung meinethalben fortbestehen«
    »Werden sie Dich aber Deines Führeramts entlassen«
    »Vielleicht gehen sie mit « sagte der Kapitain augenscheinlich zerstreut 
»doch  wie dem auch sei  die Dirne darf nicht hier bleiben  Verrat vor der
Zeit könnte uns Alle verderben«
    »Was wollt Ihr mit ihr tun« frug Georgine besorgt
    »Bolivar soll sie  nach Natchez begleiten  bist Du das zufrieden«
    »Du musst Deinen Willen durchsetzen « murmelte die Frau und zog ärgerlich
die schönen kühn geschnittenen Brauen zusammen  »früher war Deine Liebe anders
 glühender  Du kanntest kein Glück das ausgenommen das Du an meiner Seite
fandest  Ich fürchtete einen Wunsch auszusprechen denn Du achtetest selbst
nicht Todesgefahr ihn zu erfüllen   jetzt aber «
    »Georgine sei vernünftig« bat Kelly und zog sie ihre Hand erfassend
leise zu sich nieder »Du wirst doch begreifen dass ich nicht unser Aller
Sicherheit unser Aller Leben einer einzigen halb wahnwitzigen Dirne wegen aufs
Spiel setzen darf Könnte ich immer hier sein gern wollte ich dann Deinem
Wunsche willfahren  ich würde selbst über unsere Sicherheit wachen aber so «
    »Du willst wieder fort«
    »Ich muss  dringende Geschäfte rufen mich in früher Stunde morgen nach
Montgomerys Point vielleicht nach Vicksburg«
    Georgine legte ihre Hand auf seine Schulter und blickte ihm lange und
forschend in das ihr ruhig ja lächelnd begegnende Auge
    »Und weshalb willst Du immer fort von mir Weshalb kannst Du jetzt nicht
wie früher  Richard  Richard  wenn ich Dich falsch wüsste «
    »Aber Kind  Du phantasirst wahrhaftig  Die Wahnsinnige hat Dich
angesteckt«
    »Wahnsinnige«  flüsterte Georgine düster vor sich hin  »der Mann der ihr
Liebe log  Richard wenn ich ahnen könnte dass Du falsch wärest  Du dem ich
mein Leben  das Leben meiner Eltern geopfert habe  bei allen Geistern der
Unterwelt ich würde Dein Teufel An Deine Fersen solltest Du mich gebannt
sehen und Rache  Rache wie sie noch kein Weib genossen müsste ein Verbrechen
sühnen für das die Erde keinen Namen hätte«
    »Georgine« flüsterte der starke Mann und legte seinen Arm liebkosend um
ihre Hüfte  »Du bist ein töricht  eifersüchtig Kind Wem zu Liebe schaffe und
arbeite ich denn jetzt Wem zu Liebe habe ich denn mein Leben dem Gesetz
verfehmt  wessen Liebe war die Ursache dass ich  das erste Blut vergoss Sieh
Deine Eifersucht verzeih ich Dir  sie ist ein Zeichen eben dieser Liebe  aber
Du bist auch ungerecht Du darfst mich nicht nach den anderen Menschen
beurteilen wie sie Dir täglich im Leben begegnen  Du weißt ich bin nicht
wie sie  Du wärst mir sonst nicht gefolgt  aber Du musst mir auch vertrauen 
Du musst mir auch glauben wenn ich Dir meine Gründe nenne« dass
    »Gut« rief Georgine und sprang von dem Lager empor  »ich will Dir
vertrauen aber einmal lass mich erst wieder hinaus in die Welt  einmal lass mich
mit den Menschen verkehren mit denen Du verkehrst  dann will ich Dir folgen
als Dein treues Weib wohin Du immer nur begehrst  aber das  das erfülle mir«
    »Und gerade das« lächelte der Kapitain »ist Etwas das mehr
Schwierigkeiten hat als Du Dir wohl träumen lässt«
    »So willst Du nicht« rief Georgine schnell
    »Wer sagt Dir das« frug Kelly und heftete seinen Blick fest und prüfend auf
sie  »Georgine« fuhr er nach kurzer Pause leise fort  »Du bist misstrauisch
gegen mich geworden  Es ist Jemand zwischen uns und unsere Liebe getreten«
    »Richard « rief Georgine
    »Und wenn es nur ein Schatten wäre« fuhr der Kapitain ohne die
Unterbrechung zu beachten fort  »auch Du bist nicht mehr wie sonst  was
sollte der Mestize neulich am Ufer Ich begegnete ihm gerade als er das Land
betrat und sandte ihn zurück  war er bestimmt mich zu bewachen«
    »Und wenn er es wäre« rief Georgine stolz und heftig
    »Ich dachte es« lächelte der Kapitain  »armes Kind  also traust Du
wirklich Deinem Richard nicht mehr Nun gut  der Gegenbeweis soll Dir werden 
Schicke den Knaben wann Du willst ans Land  er soll freien Ausund Eingang
haben und mag Dir sagen wie er mich dort gesehen bist Du damit zufrieden«
    »Und die Fremde«
    »Sander begleitet mich« sagte Kelly sinnend mit sich selber redend »nun
gut sie mag bei Dir bleiben bis Blackfoot zurückkehrt  dann aber widersetze
Dich auch nicht länger einer Maßregel die nur zu Deinem wie zu unser Aller
Besten gegeben ward Zürnt Georgine nun noch ihrem Richard«
    »Du böser  lieber Mann « rief das schöne Weib und schlang ihren Arm um
seinen Nacken  »wer kann Dir zürnen wenn Du so freundlich bist«
    »So komm denn Geliebte« flüsterte lächelnd der Kapitain  »komm und lass
jeden bösen jeden unfreundlichen Gedanken in diesem Kusse schwinden Wir haben
von außen drohenden Gefahren zu begegnen lass uns wenigstens hier innen in
Frieden und Liebe leben und Kräfte sammeln zu dem letzten entscheidenden
Schritt zu Sicherheit und Ruhe«
                                       
    Vor der Wohnung des Kapitains standen indessen in ihre warmen
Matrosenjacken gehüllt Blackfoot und Bolivar der Neger
    »Alle Wetter Massa« sagte der Letztere während er sich der lästig
werdenden Mosquitos zu erwehren suchte  »ich möchte wissen ob Massa Kelly noch
was besorgt haben will heut Abend oder nicht«
    »Hab Geduld Bursche« brummte der alte Bootsmann und knöpfte sich fester
in seine Überjacke ein  »wirst doch warten können wo Unsereiner wartet  Der
Kapitain geht dem Weibchen erst ein bisschen um den Bart herum  mit
Frauenzimmern wird man nicht so gleich fertig wie mit Männern Aber  s ist
wahr  es dauert verdammt lange  wenn ich nur erst wüsste was er eigentlich
wollte nachher könnte man sich seine Berechnung schon selbst ein bisschen
machen«
    »Ja  ja« lachte der Neger vor sich hin »Kapitain Kelly lässt Euch auch
gerade wissen was er will  Das der Letzte zu so was  Bolivar kennt ihn
besser  wenn er sagt er geht stromauf  wette meinen Hals dann darauf er ist
hinunter und wenn er sagt Arkansas so wäre Arkansas der letzte Platz wo ihn
Bolivar suchte«
    Blackfoot sah den Neger von der Seite an schob die Hände in die Taschen und
ging langsam auf und nieder
    »Bist Du schon einmal mit dem Kapitain in Helena gewesen« frug er nach
kurzer Pause
    Bolivar zog den breiten Mund von einem Ohr bis zum andern und nickte
    »Und weißt Du« sagte der Bootsmann dem Neger einen Schritt näher tretend
»weißt Du was «
    »Bst Massa  for Gods sake« flüsterte der Schwarze und streckte ängstlich
die Hand gegen den Redenden aus während er selbst einen scheuen Seitenblick
nach der Tür warf  »Bolivar will lieber dass er mit gebundenen Händen vor dem
Staatsanwalt stände und Massa Blackfoot als Zeugen gegen sich hätte als hier
von Sachen reden die den Kapitain betreffen  Großer Golly wie er neulich
einmal den Spanier bezahlt hat  Ohren ab  Nase ab  Arme ab  und dann gut
verbunden aber sonst nackend in den Sumpf gestellt  brrr Bruckramann1 ist
doch viel grausamer wie Neger«
    Oben aus der Eiche unter der sie standen tönte ein schriller Pfiff wie
ihn der Nachtfalke ausstösst wenn er seine Beute zu erfassen glaubte und nun
getäuscht wieder hinauf in sein luftiges Reich muss
    »Pest und Donner« fluchte der Neger und fuhr schnell empor  »das fehlt uns
auch noch  jetzt kommen bei Gott die verdammten Pferde von Arkansas  nun
gibts Nachtarbeit Ei so wollt ich denn doch «
    »Der Kapitain hat sie lange erwartet« sagte Blackfoot  »Arbeit haben wir
auch weiter nicht damit unsere Leute sind schon drüben seit Sonnenuntergang«
    »Schaffen wir sie denn gleich nach Mississippi hinüber« frug Bolivar
    »Nein  das dürfen wir nicht riskiren  So wie das Land jetzt mit den
verdammten Regulatoren in Aufruhr ist hieße das die Schufte da oben selbst mit
der Nase auf unsere Fährten stoßen  Nur die beiden Pferde die wir notwendig
drüben haben müssen nehmen wir durch den Sumpf dass die Spuren aus dem Lande
heraus in die Stadt führen das besorgt Mowes der ist in Melville bekannt wie
ein bunter Hund und erregt keinen Verdacht mehr Die anderen führen wir zu
Wasser nach Vicksburg«
    »Wenn ich nur wüsste was mit dem fremden Frauenzimmer da drin geschehen
soll« brummte der Neger  »erst wird man hierher bestellt und nachher ists
nichts«
    »Drinnen ist Alles dunkel geworden« sagte Blackfoot  »vor morgen früh
wirst Du auf keinen Fall gebraucht Geh also bis dahin zu den Snags und wenn
wir die Tiere glücklich gelandet haben wollen wir uns ein Stündchen hinlegen
Morgen wirds wahrscheinlich verdammt scharfe Arbeit setzen«
    Von dem rechten Ufer der Insel schallten jetzt regelmäßige aber schnelle
Ruderschläge herüber und deutlich konnten die lauschenden Männer hören wie das
kommende Boot mit aller Macht gegen die dort ziemlich starke Strömung
anarbeitete
    »Aha« nickte Bolivar grinsend  »in dem Boote steuert wieder Mr Klugrabe 
will immer gescheidter sein als andere Leute und hält jedesmal von Anfang an
zu viel über  denkts immer zu erzwingen und muss sich nachher wieder von der
Sandbank heraufleiern«
    »Sie müssen ziemlich oben an der Spitze sein« meinte Blackfoot
    »Ja  aber mit welcher Arbeit  so viel weiß ich  doch wahrhaftig da kommen
sie schon  Wetter noch einmal müssen die in den Rudern gelegen haben«
    Blackfoot hatte indessen die Tür von »Bachelors Hall« geöffnet und die
darin jetzt überall auf Fellen und Decken gelagerten Zecher geweckt Nur murrend
und höchst unzufrieden mit der keineswegs gelegenen Störung gehorchten sie aber
dem Rufe und taumelten von ihren harten Betten auf um bei dem Landen der Pferde
behilflich zu sein Dies ging auch schneller von statten als es der raue Boden
und das ungewisse Mondlicht hätte erwarten lassen Die Insulaner schienen aber
mit solcher Arbeit vertraut und nach kaum einer Stunde lag das breite Boot
wieder wohlverwahrt und dicht versteckt neben den übrigen Kähnen während die
Pferde in den Ställen untergebracht und dort von einem jungen Mestizenknaben
versorgt und mit Nahrung versehen wurden Bolivar bereitete ihnen indessen die
Streu von weichem Laube Die armen Tiere aber so hungrig sie auch wohl sein
mochten schienen zu erschöpft um auch nur einen Blick auf das sonst so eifrig
begehrte Futter zu werfen  Todesmatt fielen sie wo man sie hinstellte
nieder und ihr ganzes Aussehen ihr ganzes Benehmen verriet klar und deutlich
wie sie eben eine Hetze mit durchgemacht die sie kaum noch länger ausgehalten
hätten
    »Hört einmal Jones« sagte Blackfoot als er in die Stalltür trat und die
erschöpften Tiere betrachtete  »ich glaube Ihr habt die armen Dinger zu Tode
gejagt sie schwitzen ja wie die Braten und der kalte Luftzug auf dem
Mississippi wird ihnen wohl den Rest gegeben haben«
    »Ei und wenn sie alle der Teufel geholt hätte« brummte der also Angeredete
 »besser die als ich  Pest und Donner  das sind die letzten die ich aus
Arkansas herausgeschaft habe Überhaupt geb ich dem die Erlaubnis mich bei
den Ohren aufzuhängen der mich noch einmal da drüben erwischt«
    »Sie sollen Euch drüben vor ein paar Wochen die Jacke tüchtig ausgeklopft
haben« lachte Blackfoot
    »Ja  und Der der es getan hat liegt wohl nicht am Elevenpointsriver mit
zerschmettertem Hirn« zischte der kleine Mann  »seine Pferde stehen wohl nicht
jetzt hier auf der Insel im Stalle«
    »Alle Wetter dieselben Pferde« rief der Bootsmann verwundert »da habt Ihr
mehr Kourage als ich Euch zugetraut hätte  doch wer war denn hinter Euch«
    »Wer Der ganze Staat schien auf den Beinen  ich gab mich auch schon
verloren ein wirkliches Wunder kann mich allein gerettet haben Einmal sah ich
meine Verfolger schon doch glücklich erreichte ich hier den Sumpf und dort mit
allen Schlichen bekannt gelang es mir die Feinde irre zu führen Wäre Euer
Boot aber nicht schon drüben gewesen ich hätte bei Gott die Tiere im Stiche
gelassen und meine eigene Haut in Sicherheit gebracht  denen fall ich nicht
noch einmal unter die Hände  so viel weiß ich«
    »Schade dass Rowson so schändlich abgefangen wurde« sagte der Bootsmann 
»das war ein trefflicher Kunde  Mordelement ich weiß keinen Menschen in ganz
Amerika den ich lieber bei irgend einem pfiffigen Unternehmen gehabt hätte wie
den «
    »Geht mir mit dem Schuft« brummte Jones  »wäre der Kapitain nicht noch so
zur rechten Zeit dazu gekommen die Kanaille hätte uns Alle miteinander
verraten  pfui Teufel  ich hatte immer geglaubt Rowson sei ein Mann und wie
ein altes heulendes Weib hat er sich betragen Das sollte mir einmal passieren 
Pest noch einmal die Zunge wollt ich mir eher aus dem Halse reißen ehe ich
ein Wort gestände«
    »Kelly war unter einem fremden Namen oben nicht wahr«
    »Wharton nannte er sich« lachte Jones »und Ihr hättet nur einmal sehen
sollen wie schlau er es anzudrehen wusste dass der meineidige Pfaffe nicht zu
Worte kam  mit dem Indianer war übrigens nicht zu spassen  Wer kommt denn
dort«
    Die beiden Männer blickten sich rasch nach der von dem Pferdediebe
bezeichneten Richtung um und sahen eine in dunkeln Mantel gehüllte Gestalt auf
sich zukommen  Es war der Kapitain der ohne den Andern eines Wortes oder
Blickes zu würdigen Blackfoot am Arm ergriff und eine kleine Strecke mit sich
fortzog Dort als er sich vorher durch einen flüchtig umhergeworfenen Blick
überzeugt hatte dass er unbelauscht sei flüsterte er leise
    »Georgine besteht darauf den Mestizen ans Ufer zu senden  Bolivar soll
ihn also wenn sie es verlangt hinüberrudern  er darf aber den festen Boden
nicht wieder betreten  verstehst Du mich«
    »Der Mestize« frug Blackfoot erstaunt
    Der Kapitain nickte nur einfach und fuhr dann fort
    »Sanders Verhaltungsbefehle sind in diesem Briefe eingeschlossen  alles
Übrige ist Dir ebenfalls bekannt«
    »Bis wann schreibt denn Teufels Bill dass er hier eintreffen kann« frug der
Bootsmann
    »Mit jedem Tage« erwiderte Kelly  »seiner Rechnung nach hätte er
eigentlich schon gestern Helena erreichen müssen  Ihr wisst doch noch sein
Zeichen«
    »Ja  er fährt stets vor der Insel vorbei und schießt wenn er gerade neben
den Snags ist  das Boot lässt er unterhalb auflaufen«
    »Gut  ist mein Pferd gestern Abend hinübergeschaft und gefüttert«
    »Ei versteht sich« versicherte der Alte  »das muss tüchtig ausgreifen
können es hat jetzt zwei Tage ruhig gestanden Was soll aber mit dem Mädchen da
drin geschehen«
    »Die  werde ich der Sorgfalt des Negers anvertrauen« murmelte der Kapitain
 »ich will ihm morgen früh selbst die nötigen Verhaltungsregeln geben doch
für jetzt gute Nacht legt Euch auch ein wenig schlafen und  habt gute Acht auf
den Burschen da «
    »Auf Jones«
    »Ja  er darf ohne Schwur die Insel nicht verlassen«
    »Der ist treu« sagte Blackfoot
    »Gut für ihn« murmelte der Kapitain  und verschwand gleich darauf wieder
in der Tür
 
                                    Fußnoten
1 Der Weiße
 
                                       8
                                        
                        Der Ritt der beiden Botschafter
Die Sonne stand schon anderthalb Stunden hoch als zwei Männer aus schönen
kräftigen Pferden durch jene fast unwegsame und grossenteils unter Wasser
stehende Niederung ritten die den Mississippi an beiden Ufern viele Meilen
breit einschliesst An einen Pfad war dabei gar nicht zu denken nicht einmal ein
Zeichen ließ sich an Busch oder Baum erkennen dass hier die fleißige Hand der
Menschen schon je tätig gewesen Nur Rohr und Unterholz gedieh so weit ihnen
das der dichte Schatten der vollbelaubten Stämme erlaubte nach besten Kräften
und der üppige Wuchs der Schlingpflanzen schien sich in dieser Umgebung
besonders wohl und kräftig zu befinden An wenigen Stellen waren die Strahlen
der Sonne vermögend gewesen durch das Gewirr von Laub und Ästen zu dringen
und wo ihnen das wirklich gelang da spielte auch sicherlich ein dichter Schwarm
schlankhüftiger Mosquitos in dem warmen die feuchten Schwaden der Nachtluft
vertreibenden Lichte Heruntergebrochenes Holz starrte überall vom Boden auf
und an den wenigen Plätzen die das Auge noch erkennen konnte verstattete das
dichte hier nie von einem Wind verwehte Laub den einzelnen Grasspitzen kaum
sich Bahn zum Lichte zu brechen
    Die Reiter schienen aber an ihre öde Umgebung gewöhnt Keinen Blick warfen
sie weder rechts noch links auf die sie umschliessende Wildnis nur vor sich
nieder sahen sie vor die Hufe ihrer Pferde um diesen durch ihre höhere
Stellung begünstigt das Terrain überblicken zu helfen und die beste das heißt
die am wenigsten schlechte Bahn auszusuchen
    So sehr aber auch der Aelteste und Stärkste von ihnen in seine ganze
Umgebung passen mochte so sehr stach der Zweite Jüngere dagegen ab Ein mit
den näheren Verhältnissen nicht Vertrauter hätte auch wahrlich staunen sollen
wenn er die zierliche schlanke fast stutzerhaft gekleidete Gestalt auf dem
prächtigen und edelen Rosse an einem Ort gefunden zu dem sich wie jeder
vernünftige Mensch glauben musste eigentlich nur ein Bärenjäger verirren konnte
    Er war schlank ja fast schmächtig gebaut und ganz nach dem modernsten
Schnitt der damaligen Pariser Mode in einen leichten hellbraunen Frack
weissseidene Weste braunseidenen Shlips und grosscarrirte Pantalons gekleidet
Den unteren Teil der letzteren hatte er aber um sie vor dem Bespritzen zu
wahren nach Art der Hinterwäldler mit einem breiten Stück grellroten Flanells
umwunden der sie bis über das Knie hinauf beschützte und auch zugleich den Fuß
vollkommen umhüllte Den Kopf deckte ein feiner schwarzer Filz und darunter vor
quollen volle und üppige seidenweiche blonde Locken Mit den treublauen Augen
hätte man ihn auch wirklich fast für ein schönes verkleidetes Mädchen halten
können wäre nicht der keimende Flaum der Oberlippe gewesen Nie aber schlug
noch in einer menschlichen Brust ein Herz das eines Teufels würdiger gewesen
wie in dieser  nie im Leben trog Auge und Blick mehr als bei diesem Buben der
sich einer Schlange gleich von seinem glatten Äußeren begünstigt nicht in
die Häuser nein in die Herzen Derer stahl die er vernichten wollte und über
deren Elend er dann frohlockte
    Auf der Insel hatte er sich als Eduard Sander eingeführt und der Bande durch
seine Verstellungskunst und teuflische Bosheit schon unendlichen Nutzen
gebracht Über sein früheres Leben wusste aber Niemand etwas Genaueres und da
der größte Teil der Gesellschaft der er nun angehörte eben so wenig Ursache
hatte mit vergangenen Vorfällen zu prahlen frug ihn Niemand danach Er gab
sich nur kurz für den Sohn eines georgischen Pflanzers aus und stellte damit
seine Umgebung vollkommen zufrieden
    Sein stets verschlossenes Wesen ließ ihn aber auch unter den Kameraden wenn
er ja einmal für kurze Zeit auf der Insel verweilte ziemlich allein stehen Er
schloss sich an Keinen an und stand nur mit dem Kapitain und dessen Frau in
freundschaftlicher Verbindung was sich freilich auch schon leicht durch den
Grad der Bildung erklären ließ den er selbst genoss und durch den auf dem die
Gefährten seiner Verbrechen standen
    Der Einzige von allen diesen mit dem er zu Zeiten plauderte und zu dem er
sich hielt war Blackfoot sein jetziger Begleiter der das Rauben gewissermaßen
als Geschäft betrachtete und oft behauptete es sei bei ihm so zur Leidenschaft
geworden wie beim Jäger das Bärenhetzen Seinem Führer und Kapitain dabei
ergeben war Blackfoot treu und offen wenigstens gegen die Kameraden Sander
hatte er aber besonders deshalb lieb gewonnen weil dieser eine eben solche
Aufrichtigkeit gegen ihn heuchelte In der Tat aber war er weit davon entfernt
ihn mit Sachen bekannt zu machen die er nicht notgedrungen wissen musste
    Blackfoot ging in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet Er trug Büchse und
Bowiemesser und gab sich für einen Ansiedler aus der sich erst kürzlich dicht
am Ufer des Mississippi niedergelassen hätte und nun nicht übel Lust habe einen
Teil seines Vermögens in irgend einer vorteilhaften Spekulation anzulegen
Beider Ziel war aber für jetzt Helena wohin Sander seine besonderen allerdings
geheimen Instructionen hatte
    »Die Pest über solches Reiten« brach endlich dieser das Schweigen das sie
bis dahin  zu sehr mit der Unebenheit des Bodens beschäftigt  beobachtet
hatten  »Hals und Beine könnte man brechen und das Schlammwasser schlägt Einem
fast bei jedem Schritte über dem Kopfe zusammen Dass mich auch der Henker diesen
Weg führen musste ich werde schön aussehen wenn wir nach Helena kommen Wo zum
Teufel mag denn nur die verdammte Straße liegen Wir sind am Ende in all diesem
Gewirr schon drüber hin und ziehen nun gen Westen in irgend eine schöne noch
nicht entdeckte Gegend«
    »Habt keine Angst« lachte der Pilot in diesem Waldmeer »die Helenastrasse
muss wenigstens noch eine Meile weiter hin liegen  Bedenkt doch nur Mann dass
wir auf solcher Bahn haben Schritt für Schritt reiten und oft bedeutende Umwege
machen müssen um nur den Seen und Dickichten auszuweichen die wir unmöglich
durchschneiden konnten Tröstet Euch aber der Boden wird jetzt ein wenig
besser wir haben das Schlimmste hinter uns und können nun doch zum Mindesten
neben einander hintraben und ein vernünftiges Wort mitsammen plaudern«
    Sander schien von diesem einzigen Trost keineswegs sehr erbaut denn er
murmelte ein paar unverständliche und verdrießliche Worte in den Bart machte
aber endlich gute Miene zum bösen Spiel presste die Flanken seines Tieres ein
wenig und sprengte an die Seite seines Kameraden der ihn mit einem halb
lächelnden halb spöttischen Blick betrachtete
    »Ihr seht schön aus« sagte er und sein Mund verzog sich zu einem breiten
Grinsen  »wie eine Forelle oder eine ächte CubaZigarre  Es geschieht Euch
aber recht warum habt Ihr meinen Rat nicht befolgt und die Decke übergehängt«
    »Dass ich die Fasern nachher in einer Woche nicht wieder losgeworden wäre
nicht wahr«  erwiderte mürrisch der Angeredete  »Nein da bürsten sich die
trocken gewordenen Schmutzflecken besser wieder ab  Aber hol der Böse den
Ritt  erzählt mir lieber das Genauere von dem Dampfboot Wir wollen also in
corpore eins kaufen«
    »Nun ja ich habe es Euch ja schon einmal gesagt Das ist der gescheidteste
Gedanke den Kelly je gehabt hat Potz Seelöwen und Eisbären was für einen
verdammt guten Spaß das gäbe wenn unsere Nachbarschaft einmal Wind von uns
bekäme und nun plötzlich das ganze Nest mit Dampf abfahren sähe Nicht mit Gold
wäre der Witz zu bezahlen«
    »Nein« murmelte sein Begleiter »denn der Einsatz dagegen wären unsere
Hälse Das mit dem Dampfboot ließe sich aber auch noch ausdehnen Unsere
Geschützstücke nähmen wir natürlich mit unterwegs ehe wir die mexikanische
Küste erreichten trieben wir ein wenig Seeräuberei Jetzt im Sommer wo im Golf
fast stete Windstille ist müsste die Sache herrlich gehen Was wir an Schoonern
und kleineren Fahrzeugen fänden wäre unbedingt unser ja wer weiß ob wir nicht
auch eins der VereinigtenStaatenDampfboote entern und eine famose Beute machen
könnten Erst müssen wir freilich das Dampfboot haben«
    »Nun die Sache soll übermorgen als am letzten Sonnabend im Juni in
öffentlicher Sitzung vorgetragen und beschlossen werden Acht Tage später können
wir dann ein Dampfboot an Ort und Stelle haben und in zwei Tagen mehr sind wir
im Stande es ganz nach unserem Wunsche nicht allein einzurichten sondern auch
zu stationiren«
    »Es müsste natürlich nur von den Unseren bemannt werden«
    »Das versteht sich und eben diese Wahl der zu den verschiedenen Posten zu
Verwendenden muss ebenfalls zu gleicher Zeit stattfinden sonst gäbe es nachher
Mord und Todtschlag Es würde Jeder Kapitain Keiner aber Feuermann und Deckhand
sein wollen«
    »Der Kapitain muss jetzt viel baares Geld liegen haben« sagte Sander
nachdenkend  »es sind in letzter Zeit gewaltige Posten eingegangen Wie viel
ist wohl in der Kasse«
    »Ich weiß es nicht« erwiderte Blackfoot  »wahrscheinlich wird er doch am
Sonnabend ebenfalls Rechnung ablegen  Er hat aber wohl viel Geld nach Mexiko
geschickt wo er wie mir gesagt ist eine bedeutende Landstrecke für uns
gekauft haben soll«
    »Hat ihm denn die Gesellschaft den Auftrag dazu gegeben« frug Sander und
wandte sich plötzlich nach seinem Begleiter um
    »Ich glaube kaum« sagte dieser  »doch wozu auch Wenn er es einmal für gut
und nötig hielt so können wir Anderen auch damit zufrieden sein Aufrichtig
gesagt ists mir nach der letzten Geschichte am Fourche la fave und nach den
keineswegs tröstlich lautenden Nachrichten gar nicht mehr so heimlich am
Mississippi wie früher Ich denke immer es könnte uns einmal über kurz oder
lang etwas Menschliches begegnen und  das mag dem Kapitain wohl auch so gehen
der Plan mit dem Dampfboot und dem angekauften Land ist deshalb auch ganz gut«
    »Ja« sagte Sander »gewiss  heißt das wenn es von dem Gelde angeschafft
wird was der Kapitain in seiner Verwahrung hat  sonst nicht  Sonst
erschöpfen wir unsere Privatkassen bis auf den letzten Cent und sind dann immer
wieder auf die Gesellschaft oder  den Kapitain angewiesen der uns schon
überdies zu sehr unter dem Daumen hält Nun meinetwegen ich habe weder Kind
noch Kegel und mein Eigentum ist auch ohne Dampfschiff transportabel ich
werde deshalb also auch keinen Deut dazu geben Ihr Anderen könnt natürlich
tun was Euch gefällt  Was mich betrifft so gehe ich meine Bahn«
    »Und worin besteht die diesmal« frug Blackfoot »Ihr habt mir noch gar
nicht gesagt was Ihr eigentlich in Helena wollt «
    »Was ich will« sagte Sander und zog die Stirn in finstere ärgerliche
Falten  »fragt lieber was ich soll  Ich wollte noch ein paar Tage auf der
Insel bleiben um mich nach den letzten gehabten Strapazen auszuruhen Alle
Wetter es ist keine Kleinigkeit ein Boot den Wabasch Ohio und Mississippi
herunter bis hierher zu steuern  und nachher die Szenen Aber nein ich darf
nicht einmal ausschlafen heute Morgen und muss Hals über Kopf einen Weg
zurücklegen auf dem mich  Gott soll mich strafen  kein Christenmensch zum
zweiten Mal antreffen soll«
    »Aber Euer Zweck in Helena«
    »Ein hübsches junges Mädchen von zu Hause fortzulocken«
    »Ein hübsches junges Mädchen Kelly wird doch unmöglich eines
Liebesabenteuers wegen «
    »Schwerlich« unterbrach ihn Sander  »der Preis wäre erstlich zu hoch den
er gesetzt hat und dann stimmen dazu auch nicht die übrigen Umstände  Eine zu
erlangende Erbschaft wäre wahrscheinlicher«
    »Eine Erbschaft Von woher«
    »Ja da fragt Ihr mich zu viel darüber hab ich mir selber den Kopf schon
zerbrochen Apropos  in welchem Staate war der Kapitain neulich als er so
lange fortblieb«
    »In Georgien  Glaubt Ihr dass das mit jener Erbschaft etwas zu tun hat«
    »Warum nicht Ist doch Simrow ebenfalls in Georgien und Kelly steht mit
dort in sehr lebhafter Korrespondenz«
    »So Davon hat er mir noch gar nichts gesagt« meinte Blackfoot und starrte
nachdenkend auf seinen Sattelknopf nieder  »Kennt Ihr denn die Dame schon bei
der Ihr Euch in Helena einführen wollt«
    »Ja wohl  von Indiana her« erwiderte Jener noch immer zerstreut
    »So Eine alte Bekanntschaft also  nun da bedarfs keiner weiteren
Empfehlungen da ist schon halb gewonnen Spiel Wie heißt sie denn«
    »Ich habe trotzdem noch eine Empfehlung an einen Verwandten von ihr in
dessen Haus sie lebt  an einen gewissen Mr Dayton«
    »Mister Dayton ihr Verwandter« rief Blackfoot in lautem Erstaunen und
griff so fest in den Zügel seines Rosses dass dieses zurücksprang und hoch
aufbäumte
    »Ja der Brief ist für ihn« sagte Sander »die Dame aber ein junges
Gänschen vom Lande doch nicht ohne richtigen Mutterwitz Sie kennt mich
übrigens und die Sache hat nicht die mindeste Schwierigkeit«
    »Was kann da nur die Absicht sein«
    »Ei zum Henker was kümmerts mich  Ich habe nur den Auftrag sie wo
möglich in Güte bis spätestens Sonnabend Abend an einen mir genau bezeichneten
Ort zu schaffen und das Weitere dann dem Kapitain zu überlassen Dafür bekomme
ich tausend Dollar aus seiner Privatkasse Aber was wollt denn Ihr oben in
Helena  auch etwa kleine Privatgeschäfte heh Hört Blackfoot Ihr habt Euch
heute so stattlich herausgeputzt  ich will doch nicht hoffen «
    »Hoffen Was« brummte der Alte »Unsinn alberner  Ihr habt weiter nichts
als solche Possen im Kopfe Und dennoch« schmunzelte er nach kleiner Pause
»gilt mein Auftrag diesmal einer Lady«
    »Hab ichs denn nicht gedacht« jubelte Sander und bog sich lachend auf den
Hals seines Pferdes nieder  »hab ichs denn nicht gedacht  Blackfoot auf
Damenbesuch  Blackfoot als angenehmer galant homme in der Stadt  das ist
göttlich  hahaha  das ist capital«
    »Nun ich sehe nicht ein was dabei groß zu grinsen sein könnte wenn es
wirklich der Fall wäre« brummte Blackfoot »Übrigens« fuhr er selber lachend
fort  »werdet Ihr Eure Saiten wohl ein wenig tiefer spannen wenn Ihr erst
einmal erfahrt wer die Dame eigentlich ist der ich nach Eurer bescheidenen
Ansicht den Hof machen soll  Sie heißt Louise Breidelford«
    »Gott sei uns gnädig« schrie Sander entsetzt  »der Drache existiert auch
noch in Helena  Na dann gnade mir Gott wenn mich die einmal gewahr wird
Eigentlich ist mirs fatal  sie hat mir einmal in Vicksburg einen Streich
ausführen helfen den ich in Helena gerade nicht während meines dortigen
Aufenthalts an die große Glocke geschlagen haben möchte  Ich war damals noch
dazu unter einem falschen Namen in Vicksburg«
    »Habt deshalb keine Angst« sagte Blackfoot  »die schweigt denn wenn
Jemand Ursache hätte von der Vergangenheit zu schweigen so wäre es gerade sie
 Sollte sie Euch aber dennoch jemals drohen  wer weiß denn ob sie nicht
dadurch gerade etwas von Euch zu erpressen hofft  so fragt sie nur ganz
freundlich ob sie noch einen kleinen Vorrat von den langen Nägeln hätte die
ihr Mr Dawling vor einigen Jahren verschafft  Hört Ihr  vergesst den Namen
Dawling nicht«
    Sander nahm seine Brieftafel heraus und schrieb sich das Wort auf
    »Dawling« sagte er sinnend  »Dawling  wo habe ich den Namen schon einmal
gehört Was für eine Bewandtnis hat es denn mit den Nägeln«
    »Das kann Euch gleichgültig sein« brummte Blackfoot  »Ich gebe Euch die
Arznei fragt nicht wo sie herkommt und gebraucht sie wenn Ihr ihrer bedürft
 Aber hier ist der Weg  so nun können wir unsere Pferde einmal ordentlich
ausgreifen lassen wir kommen sonst zu spät nach Helena« Aus diesem Grunde
vielleicht oder auch um den weiteren Fragen seines Begleiters zu entgehen
drückte er seinem Tier die Hacken in die Seiten und sprengte rasch auf der nach
Helena führenden Straße hin die diesen Ort zu Lande mit der Mündung des
Whiteriver und dem darüber gelegenen Montgomerys Point verband Sander folgte
ihm Während er aber seinem Tier den Zügel ließ beschäftigte er sich eifrig
dabei mit einer kleinen Taschenkleiderbürste seinen Anzug von den
heraufgesprjetzten Schmutzflecken zu reinigen sein langes weiches Haar zu ordnen
und die durch den bösen Ritt total zerstörte Frisur so weit wieder herzustellen
wie ihm das bei der schnellen Bewegung eines galoppirenden Pferdes und nur mit
der Hilfe eines kleinen Hohlspiegels möglich war
 
                                       9
                                        
                          Alte Bekannte treffen sich
Mrs Dayton hatte ihr am vorigen Abend gegebenes Versprechen zu erfüllen alle
nötigen Anstalten getroffen ein paar Tage über Land bleiben zu können Es war
auch als Mr Dayton etwas spät am Morgen und ziemlich erschöpft von dem langen
Ritt zurückkehrte beschlossen worden gleich nach Tisch aufzubrechen und
Livelys zu besuchen mit denen Mrs Dayton schon in früherer Zeit in Indiana
befreundet gewesen
    Die kleine Familie hatte noch nicht lange ihr einfaches Mittagsmahl beendet
und der erst vor einigen Stunden zurückgekehrte Squire eben zwei wiederum für
ihn eingetroffene Briefe gelesen und in die Brusttasche geschoben als
Pferdegetrappel vor der Tür gehört wurde und Adele ans Fenster sprang um zu
sehen wer es wäre der vor ihrem Hause anhielt Kaum hatte sie aber den Blick
hinabgeworfen als sie auch überrascht ausrief
    »Mr Hawes  bei Allem was da lebendig auf der Erde herumläuft  Nein so
etwas ist noch gar nicht dagewesen«
    »Und wer ist denn Mr Hawes« frug Squire Dayton lächelnd  »der ist
wirklich noch nicht dagewesen Da Du übrigens den Gentleman so gut zu kennen
scheinst so bist Du es auch vielleicht derentwegen er uns hier aufsucht«
    »Das ist sehr leicht möglich« sagte Adele unbefangen  »Seine Frau war
meine beste Freundin Du musst sie noch von früher her kennen Hedwig  Marie
Morris  des alten reichen Morris Tochter Wissen möcht ich aber was ihn nach
Arkansas bringt Ich glaubte er wäre schon lange in Louisiana auf seiner
Plantage«
    »Nun da kommt er selbst und wird Dir das Rätsel wohl lösen« sagte Squire
Dayton Wirklich wurden auch im nächsten Augenblick die leichten schnellen
Schritte auf der Treppe gehört und gleich darauf trat nach kurzem Anklopfen und
ohne fast das einladende »Herein« zu erwarten derselbe junge Mann in die Stube
den wir schon heute Morgen freilich unter einem andern Namen in der
MississippiNiederung gefunden haben
    »Miss Adele« rief er und schritt schnell und die Hand ihr entgegenstreckend
auf die Dame zu  »es freut mich herzlich Sie so wohl und munter zu finden
Wahrscheinlich habe ich die Ehre Mister und Mistress Dayton hier vor mir zu
sehen«
    Squire Dayton und Frau verneigten sich und der Erstere sagte freundlich
    »Unsere kleine Freundin hier hat Sie schon von draußen angemeldet  Mr
Hawes wenn ich nicht irre  sie erkannte in Ihnen einen alten Bekannten «
    »Dann hätte ich ja kaum der kalten Einführung dieses Briefes bedurft« sagte
der Betrüger mit einer leisen Verneigung gegen die junge Dame  »Von Mr
Porrel jetzigem Staatsanwalt in Sinkville der so gütig war nebst einem
freundlichen Gruß Ihnen die Meldung zu machen dass eine so unbedeutende Person
wie ich überhaupt existire«
    »Ach von Porrel  haben Sie ihn erst kürzlich verlassen« frug der Squire
und nahm den Brief an sich  »Es ist manches Jahr vergangen dass wir einander
nicht gesehen haben«
    »Und doch spricht er noch mit vieler Liebe und Anhänglichkeit von Ihnen Er
ist vor wenigen Wochen Staatsanwalt geworden und steht sich jetzt ziemlich gut 
bekleidet auf jeden Fall einen ganz einträglichen und höchst achtbaren Posten«
    »Aber wie geht es Mistress Hawes Sir Was macht Marie und wo ist sie«
unterbrach ihn hier Adele »Sie erwähnen ja kein Wort von ihr und ihren Eltern
Ich glaubte Sie auf Ihrer Plantage in Louisiana«
    »Könnte ich dann schon wieder hier sein« frug Sander »Nein  die Pflanzung
in Louisiana haben wir nicht gekauft denn in Memphis wo wir glücklicher Weise
einen Tag liegen blieben kamen uns so böse und ungünstige Berichte über jene
Gegend zu Ohren dass wir lieber beschlossen das geringe Draufgeld im Stiche zu
lassen als so bedeutende Kapitalien an ein später fast wertloses Grundstück zu
wenden Da hörten wir von dem Verkauf einer Pflanzung bei Sinkville in
Mississippi  landeten dort fanden die Bedingungen mäßig Land und Gebäude
trefflich und wurden noch in derselben Woche handelseinig«
    »Und bei Sinkville wohnt jetzt Marie« rief Adele freudig  »Oh wie
herrlich Das liegt ja kaum sechs Meilen von Helena entfernt  ach da besuche
ich sie in den nächsten Tagen«
    »Sie darum zu bitten ist eigentlich der Zweck meines Hierseins« erwiderte
Sander  »nur machen Sie sich dann auf einen etwas längeren Aufenthalt gefasst
denn so schnell lässt Sie Marie gewiss nicht wieder fort Mir ist sogar der
dringende Auftrag geworden Sie  wenn das irgend möglich wäre  gleich
mitzubringen Drüben am andern Ufer steht mein Kabriolet und ich habe das Pferd
nur deshalb mit herübergebracht weil ich nicht genau wusste ob Sie in oder bei
Helena Ihren Wohnsitz hätten«
    »Ei wie wird es dann mit dem Besuch bei Livelys werden« sagte Mr Dayton
»den wirst Du am Ende gar aufschieben müssen«
    Adele sah die Schwester an und ein leichtes Erröten färbte ihre Wangen
    »Nein das geht unmöglich« warf aber Mrs Dayton ein »Wir haben erst
gestern Abend durch den jungen Lively unser Kommen auf heute bestimmt ansagen
lassen Mrs Lively hat sich auch gewiss eine Menge von Umständen gemach und
würde es nun mit Recht sehr übel nehmen wenn wir unser Wort brächen Wie wäre
es aber wenn uns Mr Hawes dorthin begleitete Geschieht das so kann Adele
ganz gut morgen früh und gleich von dort aus mit Ihnen aufbrechen und Sie haben
doch wenigstens den Weg nicht vergebens gemacht«
    »Sie machen mir durch diese Erlaubnis eine große Freude« erwiderte Sander
»zwar riefen mich eigentlich in einem so neuen Besitztum wohl leicht
erklärliche Geschäfte schnell zurück doch mag Vater einmal auf einen Tag länger
meine Stelle versehen Er ist jetzt Gott sei Dank recht kräftig und wohl und
da wird es ihm nicht gleich schaden  Überdies habe ich seit langer Zeit
gewünscht Squire Dayton genauer kennen zu lernen von dem ich schon so viel
Gutes und Liebes in Sinkville gehört«
    »Um so mehr muss ich dann bedauern das Vergnügen Ihrer Gesellschaft
wenigstens für heute zu entbehren« sagte der Richter verbindlich »meine
Geschäfte erlauben mir nicht Helena auf mehrere Tage zu verlassen ich hoffe
Sie jedoch recht bald einmal und zwar dann für einen längeren Aufenthalt bei uns
zu sehen Aber da kommen die Pferde« unterbrach er sich plötzlich  »nun Mr
Hawes jetzt werden Sie gleich das Amt eines Ritters und Beschützers übernehmen
können das sonst von dem weniger Romantischen einer Wache in der Person meines
alten Cäsar hätte ersetzt werden müssen«
    »Ich bin stolz auf das Vertrauen das Sie schon nach so kurzer Bekanntschaft
in mich setzen und werde suchen mich dessen würdig zu zeigen« sagte Sanders 
»nur Eins macht mich besorgt  der Weg nach Livelys ist mir fremd  ich weiß
nicht «
    »Den werde ich Ihnen zeigen« rief Adele schnell und errötete dann als sie
der Schwester Lächeln bemerkte über den vielleicht zu großen Eifer den sie
hierbei verraten
    »Einer so schönen Führerin würde ich folgen und wenn ich wüsste das Ziel
wäre der Tod« rief Mr Hawes rasch
    »Ei ei Sir« warnte der Richter »das sind gefährliche Äußerungen für
einen jungen Ehemann  wenn das die Frau hörte «
    »Marie und ich wissen wie das gemeint ist« sagte Adele freundlich und
unbefangen »Mr Hawes macht auch manchmal Verse und den Poeten darf man schon
ein wenig Übertreibung gestatten Doch die Pferde warten also Herr Ritter
ich werde Ihre Führerin sein«
    Mit diesen Worten und während Sander noch von Squire Dayton Abschied nahm
ergriff das schöne Mädchen den Arm der Schwester und zog sie lachend mit die
Treppe hinab Cäsar führte dort Mrs Daytons Pferde vor Adele aber leukte ehe
Sander im Stande war ihr die hülfreiche Hand zu bieten das kleine muntere Pony
an einen zu diesem Zweck dort hingewälzten Stamm und sprang leicht und sicher in
den Sattel Der vermeintliche Eduard Hawes konnte ihr nur noch den kleinen
rotsaffianenen Pantoffel der den Steigbügel bildete unter die zierliche
Fussspitze schieben Dann schwang er sich ebenfalls auf den Rücken seines
ungeduldig scharrenden Tieres und fort im kurzen Galopp sprengte die kleine
Kavalcade den schmalen Waldweg entlang der am Fuß der Hügel hin der etwa
sechs bis sieben englische Meilen entfernten Farm des alten Lively zuführte
    Zu derselben Zeit als die beiden Damen und ihre Begleiter in den dichten
Büschen der Waldung verschwanden kam eines jener mächtigen Flatboote mit der
Strömung den Mississippi herab und beabsichtigte allem Anschein nach in Helena
zu landen  Außer den fünf Bootsleuten die mit äußerster Anstrengung ihrer
Kräfte die langen schweren Finnen handhabten um das Fahrzeug dem Lande
zuzuführen standen noch zwei Männer neben dem Steuernden am Hinterruder und
zwar recht gute Bekannte von uns der alte Edgewort und sein Begleiter Tom
Barnwell Dicht bei ihnen aber saß der alte graue Schweisshund gar ernstaft auf
seinem Ende und betrachtete mit unverkennbarem Interesse das Ufer das er wie
das kluge Tier recht gut merkte jetzt bald wieder einmal nach langer
Wasserfahrt betreten sollte
    Eine Person an Bord zeigte sich jedoch mit dieser Maßregel keineswegs
zufrieden und das war der Steuermann Vorher schon hatte er eine Menge von
Gründen gegen das Landen erschöpft war aber doch zuletzt gezwungen zu
gehorchen und stand nun in mürrischem Schweigen an seinem Ruder Endlich brach
sich aber sein verhaltener Ingrimm noch einmal in Worten Bahn und er sagte
einen bitteren Fluch der Rede voranschickend
    »Ich will verdammt sein wenn es nicht barer Unsinn ist hier in dem Neste
anzulaufen  Arbeiten müssen wir wie das Vieh um nur wieder aus der
Gegenströmung heraus zu kommen und nicht die Hälfte von dem bekommen wir hier
was sie uns in Vicksburg oder selbst in Montgomerys Point dafür bezahlen«
    »Ich möchte nur wissen was Ihr fortwährend mit Eurem Montgomerys Point
habt« erwiderte ihm der alte Edgewort  »das muss ein wahres Muster von
Handelsplatz sein  ein Ideal aller Flatboote«
    »Wo liegt es denn eigentlich« frug Tom  »ich bin doch auch früher am
Mississippi gewesen kenne aber den Ort gar nicht«
    »Es wird manchen Ort hier geben den Ihr nicht kennt« brummte der Lootse 
»in einem Jahr verändert sich hier verdammt viel  Seht einmal da drüben Helena
 das waren nur ein paar Häuser als ich zuerst an den Mississippi kam und
jetzt ists eine ordentliche Stadt Montgomery baute vor etwa vier Jahren die
erste Hütte und jetzt ist es der Schlüssel zum ganzen Westen denn alle
stromabkommenden Dampfboote gehen natürlich den näheren Weg durch den
Whiteriver in den Arkansas und passieren dort nie ohne anzulegen Da leben auch
Kaufleute vor denen man Respekt haben muss uns hat einmal einer  ein Einziger
 eine ganze Flatbootladung Mehl abgenommen und das war noch nicht einmal der
reichste«
    »Nun meinetwegen« sagte der alte Edgewort »wenn Ihr solch unmenschliches
Vertrauen zu dem Neste habt so wollen wir da anlegen aber erst will ich sehen
wie der Markt hier steht Ich habe nun einmal meinerseits Vertrauen nach Helena
und sehe gar nicht ein weshalb wirs nicht wenigstens versuchen sollten unsere
Ladung hier los zu werden Also greift aus meine Burschen greift aus  in ein
paar Minuten seid Ihr am Ufer und dann mögt Ihr Euch heute einen vergnügten
Abend machen«
    Die Männer legten sich denn auch mit dem besten Willen von der Welt gegen
die schweren Finnen gaben mit scharfem Nachdruck den letzten Stoß und liefen
während der Eine das an Bord befindliche Ende niederdrückte und rasch zurückzog
mit schnellen Schritten nach um keinen Zoll breit Raum zu verlieren So
erreichten sie endlich die stillere dicht vor der Stadt befindliche
Stromfläche Tom ergriff jetzt das lange Bugtau und trat vorn auf die oberste
Spitze des Bootes von dem er als sie jetzt dicht an den übrigen dort
befestigten Fahrzeugen vorbeitrieben auf das ihm nächste sprang Auf diesem
lief er hin und ans Ufer und befestigte dort das Tau in einem der zu diesem
Zweck angebrachten eisernen Ringe Wenige Sekunden später traf das breite
unbehülfliche Fahrzeug schwerfällig gegen die weiche Schlammbank an und die
schnell heraufgenommenen Ruder oder Finnen wurden an Bord gelegt
    Zwei der Flatbootleute blieben jetzt als Wachen zurück und die Übrigen
der alte Edgewort und Tom mit dem grauen Schweisshund an der Spitze schritten
in die Stadt hinauf um das Terrain zu erkunden die Preise der nördlichen
Produkte zu erfahren und überhaupt auszufinden ob und in welcher Art sich hier
ein Geschäft anknüpfen lasse
    Nur Bill der Steuermann ging nicht mit den Nebrigen sondern schlenderte
erst scheinbar zwecklos am Ufer hin bis er die Kameraden aus den Augen
verloren hatte Dann bog er rechts ab schritt die zum Wasser führende
Walnutstreet schnell hinauf und klopfte gleich darauf an ein niederes
alleinstehendes Haus in dessen oberem Fenster im nächsten Augenblick das
liebenswürdige Antlitz der Mrs Breidelford sichtbar wurde Diese hatte aber
kaum einen Blick auf die Straße geworfen und den Besuch erkannt als sie auch
schon wieder mit einem Schrei des Erstaunens vielleicht der Freude zurückfuhr
denn gleich darauf wurden ihre schnellen Schritte gehört wie sie die Treppe in
fast jugendlicher Eile herabsprang den willkommenen Gast einzulassen
    »Nun Bill  das ist prächtig dass Ihr kommt« waren die ersten Worte mit
denen sie ihn begrüßte und die allerdings verrieten dass sie schon früher auf
einem wenn auch nicht gerade vertrauten doch sicherlich bekannten Fuße
gestanden hatten »seit drei Tagen guck ich mir schon fast nach Euch die Augen
aus dem Kopfe und immer vergebens Mein lieber seliger Mann hatte aber ganz
Recht  Louise  sagte er immer  Louise «
    »Oh geht mit Eurem verdammten Geschwätz zum Teufel« brummte der keineswegs
so gesprächige Gast ohne viel zu berücksichtigen dass er sich mit einer Dame
unterhielt  »sagt lieber wie es mit der Insel steht und ob ich irgend wen von
den Unseren hier in Helena finden kann«
    »Nu  nu Meister Brummbär« rief die Wittwe beleidigt   »ich dächte doch
man hätte oben im Norden nicht alle Artigkeit verlieren sollen und könnte
wenigstens guten Tag sagen wenn man zu anderen Leuten ins Haus käme  Ich bin
auch mein Lebenlang in der Welt herumgekommen und kein Gelbschnabel mehr dass
ich mich von jedem hergelaufenen Narren brauche anfahren zu lassen Aber ich
weiß schon  mein Seliger hatte Recht  Louise sagte er  Du bist «
    »Eine liebe prächtige Frau« unterbrach sie ihr freundlich die Hand
entgegenstreckend Bill denn er kannte Mrs Breidelford zu gut um nicht zu
wissen dass er eben im Begriff gewesen sei es auf immer mit ihr zu verderben
»Ich sollte doch denken Ihr hättet Zeit genug gehabt den rauen Bill kennen zu
lernen Er gehört allerdings nicht zu den Feinsten aber er meints nicht so
böse Also meine schöne Mrs Breidelford wie stehts hier im Territorium Was
macht der Kapitain und die Bande und könnte ich ein paar der Burschen hier in
Helena finden  wenn ich ihre Hilfe brauchen sollte«
    »Zehn für einen Bill« rief da plötzlich eine Stimme vom oberen Rande der
Treppe  »zehn für einen  wie gehts alter Junge Bringst Du Beute Nun die
kommt uns gelegen besonders wenn sie der Mühe wert ist«
    »Blackfoot  so wahr ich lebe« jubelte der Steuermann der Schildkröte  und
sprang fröhlich zur Treppe  »Du kommst wie gerufen und kannst mir helfen einen
alten Narren von Helena wegzubringen der es sich nun einmal in den Kopf gesetzt
zu haben scheint hier zu verkaufen Die Ladung ist nicht bedeutend aber er
führt wenigstens zehntausend Dollar in baarem Golde bei sich und geht wenn er
seinen Kram hier losschlägt auf das erste beste Dampfboot und uns aus dem
Netz«
    »Alle Wetter das soll er bleiben lassen« rief Blackfoot »aber kommt
herauf das besprechen wir oben besser«
    »Ja  ich weiß nicht ob ichs wagen darf« sagte lächelnd der Steuermann
und blickte sich nach Mrs Breidelford um  »unsere liebenswürdige Wirtin «
    »Ach geht zum Teufel mit Eurer Liebenswürdigkeit« zürnte die noch immer
nicht ganz zufrieden Gestellte  »hinterher könnt Ihr schöne Worte machen 
Doch geht hinauf  Blackfoot weiß oben Hausgelegenheit er mag Euch bedienen
Ich habe hier unten noch zu tun«
    »Nun sage mir nur vor allen Dingen wie stehts mit der Insel« rief Bill
als sie oben bei einer Flasche Rum und einem Körbchen voll braungebackener
Cracker beisammen saßen  »noch Alles in Ordnung«
    »In bester  die Sachen stehen vortrefflich « erwiderte Blackfoot  »aber
es ist gut dass Du heute kamst  Morgen Abend haben wir wie Du weißt unsere
regelmäßige Versammlung und es sollen gar wichtige Dinge verhandelt werden
Kelly fürchtet dass wir über kurz oder lang einmal verraten werden und will
uns dagegen durch den Ankauf eines Dampfbootes gesichert wissen Es kommen auch
noch andere interessante Sachen vor Du wirst übrigens noch eine Stunde
wenigstens liegen bleiben müssen sonst kommst Du zu früh an  es dunkelt jetzt
gar spät«
    »Ich weiß wohl « sagte ärgerlich der Steuermann  »fürchte aber ich kriege
den alten Starrkopf gar nicht mehr von hier fort  Er glaubt wunder wie große
Geschäfte hier zu machen«
    »Hm  wie war es denn« sagte Blackfoot sinnend  »wie wär es denn da
wenn ich ihm den Bettel abkaufte«
    »Wer Du Na weiter fehlte nichts mehr « lachte Bill »Jemanden der kauft
 brauchen wir gar nicht  Überreden müssen wir ihn dass er weiter unten einen
besseren Markt für seine Ware treffen wird das Übrige findet sich von
selbst«
    »Bill« sagte Blackfoot und stieß sich mit der Spitze seines ausgestreckten
rechten Zeigefingers sehr bedeutend gegen die eigene Stirn  »Bill bist Du denn
ganz vernagelt Hältst Du mich denn für so dumm dass ich einen Sassafras nicht
mehr von einer Sarsaparilla unterscheiden kann Wenn ich das Boot oder die
Ladung kaufe so versteht sichs doch von selbst dass ich nicht hier wohne und
dass ich es notwendiger Weise nach Montgomerys Point oder sonst wohin geschafft
haben muss«
    »Bei Gott  ein capitaler Gedanke « schrie Bill und schlug mit der Faust
auf den Tisch dass die Gläser gegen einander klirrten  »so solls sein  Du
spielst den Kaufmann gehst mit uns an Bord und ich renne uns dann zusammen
ganz vergnügt unterhalb der Insel auf den Sand Halt  da fällt mir aber etwas
ein einen Spaß wollen wir uns noch machen  Du sagst Du wärst von Victoria 
das gibt mir auch eine Entschuldigung Nr Einundsechzig rechts liegen zu
lassen anstatt links wie es im Navigator steht  und dann kannst Du
meinetwegen auf Montgomerys Point und den jetzigen Handel dort schimpfen Das
wird dem Alten gut tun dann glaubt er ich habe Unrecht gehabt und geht desto
eher in die Falle Er hat überdies eine Art Aversion gegen mich für die er
jedoch keinen Grund weiß  es ist so eine Art Instinkt glaub ich  Nun ich
bin nicht böse darüber er hat alle Ursache dazu und wird ehe zweimal
vierundzwanzig Stunden vergehen noch mehr bekommen«
    »Was für Ursachen« frug Blackfoot
    »Lass gut sein« sagte Bill und leerte das vor ihm stehende Glas auf einen
Zug  »Das sind Dinge von denen ein alter Praktikus nicht gerne spricht
Schweigen über eine Sache hat noch Keinem geschadet Plaudern aber schon Manchem
Unheil gebracht Doch da kommt Mrs Breidelford  nun Frauchen noch böse Ich
hatte gerade den Kopf voll als ich ins Haus trat Blackfoot hier hat aber
Alles wieder in Ordnung gebracht«
    Mrs Breidelford war keineswegs die Person die lange mit Jemandem gegrollt
hätte der wie sie wusste ihr manchen Nutzen bringen sollte und auch schon
manchen gebracht hatte Sie hielt denn auch die ihr zur Versöhnung abverlangte
Hand nicht zurück und sagte nur
    »S ist schon gut Bill ich weiß ja dass Ihrs nicht so böse meint grob
wars freilich immer Aber was um Gottes willen habt Ihr Euch denn da für einen
erschrecklichen Bart stehen lassen Der sieht ja grausig aus  die Kinder müssen
vor Euch davonlaufen Nein geht Bill den müsst Ihr Euch wieder abrasiren Ihr
seid ohnedies nicht so hübsch dass Ihr einen Stock zu tragen brauchtet die
Mädchen abzuwehren Da fällt mir dabei ein was mein seliger Mann immer sagte 
Louise sagte er es gibt Gesichter in der Welt «
    »Aber gute Mrs Breidelford« unterbrach sie hier freundlich ihren Arm
ergreifend Blackfoot  »Sie wissen um was ich Sie gebeten habe und ich sitze
nun vergebens eine volle Stunde hier und warte darauf Ich muss wahrhaftig fort
denn erstlich wird Kelly sonst ingrimmig böse und dann haben wir Beide hier ein
Geschäft mit einander abzumachen das ebenfalls keinen Aufschub leidet also 
wenn es Ihnen irgend möglich wäre «
    »Hat der Mensch eine Eile« sagte die Dame und fing an nach Etwas zu
suchen das unter einer Unzahl geheimer Falten und Röcke entweder auf
Nimmerwiederfinden versteckt oder verloren war Mrs Breidelfords Hirn musste
selbst eine solche Vermutung kreuzen denn sie fing plötzlich an sich ganz
schnell und ängstlich überall zu betasten und ein erschrecktes  »Na weiter
fehlte mir nichts« teilte ihre Lippen Der fragliche Gegenstand was es auch
immer war gab sich aber endlich ihrem Griffe kund  ihre Züge heiterten sich
wieder auf ein tiefer Seufzer  die dem Herzen entnommene Last  hob ihre
Brust und sie brachte nachdem sie untergetaucht und einen der zahlreichen
Röcke beseitigt hatte eine alte braunlederne Tasche mit Stahlbeschlägen zum
Vorschein Diese öffnete sie mit einem kleinen daran hängenden Schlüssel und
nahm eine Anzahl von Banknoten wie sorgfältig in Papier gewickelte Geldstücke
heraus »So  hier Ihr Vampyr  der Ihr einer armen allein stehenden Wittwe
das Letzte abnehmt was sie an baarem Gelde besitzt « sagte sie dabei  »hier
Ihr unersättlicher Einkassirer der so regelmäßig jeden Monat kommt wie
Vollmond und Neumond und noch brummt dass er nicht genug hätte «
    »Ja ja« lachte Blackfoot  »Euch wärs schon recht wir lieferten Euch
bloß die Waren und bekümmerten uns weiter nicht darum was Ihr dafür bekämet
Das glaub ich Ihr solltet Euch aber wahrhaftig nicht beklagen denn wenn
irgend Jemand Nutzen daran hat so seid Ihr es und sitzt noch dazu warm und
sicher in Helena während wir draußen in Nacht und Gefahr unser Leben verbringen
«
    »Warm und sicher« rief Mrs Breidelford scharf  »Ihr schwatzt wie Ihrs
versteht  Sicher als ob nicht gestern Abend so ein schlechtes Geschöpf
versucht hätte hier während ich nur in die Nachbarschaft gegangen war ein
paar Freunde zu besuchen die mich eingeladen hatten bei mir mit Nachschlüsseln
einzubrechen«
    »Was bei Euch« rief Blackfoot schnell  »sollte das nur um zu stehlen
geschehen sein«
    »Nur um zu stehlen Mr Blackfoot Ich dächte da wäre für eine arme allein
stehende Wittwe gar kein nur weiter dabei Nur um zu stehlen jetzt bitte ich
Einen um Gottes willen was verlangt Ihr denn sonst noch von einem Diebe oder
Einbrecher Sir  Aber mein lieber seliger Mann hat mir das schon immer gesagt
 Louise sagte er Du hast zu viel Vertrauen  Du bist zu gut  Du wirst noch
teure Erfahrungen in Deinem Leben machen Du wirst noch viel betrogen noch
viel gekränkt werden  sagte er das liebe Herz was jetzt in seinem kalten
Grabe liegt Aber ich kenne das nichtsnutzige Weibsbild das sich alle mögliche
Mühe gibt in fremder Leute Häuser hineinzukommen  Ich kenne die
Landstreicherin von der Niemand weiß wo sie herkommt und wo sie hingehört 
Wenn sie mir nur einmal unter die Augen kommt wenn sie nur wieder einmal die
Frechheit hat mit ihrer unschuldigen Schafsmiene zu sagen Guten Morgen Mrs
Breidelford « dann will ich ihr doch 
    »Und wer ist es  Wer glaubt Ihr denn dass irgend eine Absicht dabei gehabt
haben könnte Euer Haus zu durchforschen« frug Blackfoot
    »Lassts nur gut sein « zürnte die immer noch gereizte Dame ohne den
Fragenden einer weiteren Antwort zu würdigen  »ich weiß schon selbst wo mich
der Schuh drückt Aber so viel ist gewiss was ich in meiner Kiste habe danach
braucht Niemand zu fragen  Ich bin eine ehrliche Frau und bezahle Alles was
ich kaufe mit baarem Gelde woher es die haben von denen ich kaufe das kann
ich als Lady nicht wissen das geht mich auch nichts an  Louise  sagte mein
Seliger immer  bekümmere Dich um Deine eigenen Angelegenheiten und nicht um die
anderer Leute Einer Frau ziemt es häuslich und zurückgezogen zu sein das ist
es was uns das zarte Geschlecht so lieb macht sagte mein Seliger und wenn Du
die eine Schwäche nicht hättest  und die hab ich das weiß ich und halte es
deshalb auch weil ich es weiß für keinen so großen Fehler  so wollte ich Dich
mancher Frau als Muster aufstellen Und ich denke wenn das der eigene Ehemann
zu einer Frau und das noch dazu wenn sie mit einander allein sind sagt so
muss es wohl wahr sein und nicht bloß geschmeichelt«
    Blackfoot hatte indessen ohne den Redeschwall der Wittwe weiter einer
Bemerkung wert zu halten ruhig das ihm übergebene Geld gezählt und in seine
weite Brieftasche gepackt während Bill aufgestanden und ans Fenster getreten
war von dem er einen Teil des Flusses übersehen konnte
    »Hols der Henker Blackfoot« rief er jetzt »wir müssen ans Werk gehen
sonst vertrödeln wir hier die schöne zeit mit gar nichts Wenn wir die Sache
noch heut Abend abmachen wollen so ist weiter kein Augenblick zu verlieren Es
wäre aber auch vielleicht kein großes Unglück weiter wenn es morgen früh
geschehen müsste Zwischen der Insel und dem linken Ufer stört uns Niemand noch
dazu wenn Ihr selbst mit an Bord geht Dann haben wir keine lange Arbeit und
können in die Sache rasch und geräuschlos genug abmachen Überhaupt will mir
das Schießen bei Nacht nicht sonderlich gefallen Am Tage kümmert sich Niemand
darum Nachts frägt aber ein Jeder der es hört  was war das Wo kam das her
Also wie wärs wenn wir jetzt einmal zu dem alten Hosier hinuntergingen und
ihm auf den Zahn fühlten Es sollte mich schändlich ärgern wenn er hier einen
Käufer fände und uns die ganze schöne Beute so förmlich vor der Nase
weggeschnappt würde«
    »Ich bin dabei« sagte Blackfoot und stand auf  »bei unserem Plane bleibts
also und Mrs Breidelford  was unsere Verabredung betrifft so führt das Boot
von dem ich vorher sagte ein rot und grünes Fähnchen hinten auf dem
Steuerruder  das Übrige wissen Sie Guten Morgen«
    Die würdige Dame schien allerdings keineswegs damit zufrieden ihre Gäste zu
verlieren ohne vorher genau zu wissen was sie eigentlich für Pläne hätten die
beiden Verbündeten bekümmerten sich aber nicht weiter um sie verließen rasch
das Haus und schritten dem Flussrand zu
    Indessen waren die WabaschMänner langsam in die Stadt hinaufgeschlendert
Während aber die Bootsleute in einer der Groceries  in Helena ziemlich
gleichbedeutend mit Schenkläden  eintraten die durstigen Kehlen zu erfrischen
suchte Edgewort sich nach den gegenwärtigen Preisen der Producte zu erkundigen
und erfuhr bald dass er hier eigentlich weniger Nutzen zu erwarten habe als er
vielleicht gehofft hatte Die Kaufleute schienen auch nicht einmal zum Kaufen
geneigt Mit dem Innern standen sie eine reitende Briefpost abgerechnet in gar
keiner Verbindung und das was sie an eigenen Bedürfnissen in der Stadt
brauchten lieferte ihnen zu den billigsten Preisen Mrs Breidelford An diese
wurde er denn auch wenn er seine Waren hier abzusetzen gedenke gewiesen
    »Höre Tom« sagte jetzt der Alte als sie ziemlich im Reinen über den Stand
der Dinge hier zum Boot zurückschritten  »ich habe mir doch Helena anders
gedacht wie es wirklich ist wir werden hier nichts ausrichten können Dem
Burschen dem Bill trau ich aber auch nicht recht Weiß der liebe Gott was
ich gegen den Menschen habe aber ich kann ihn nicht ansehen ohne mich zu
ärgern und fühle doch dass ich Unrecht tue denn er hat uns bis hierher ganz
gut und trefflich geführt Der schwatzt mir da immer so viel von Montgomerys
Point vor  am Ende hat er da Freunde oder Verwandte oder gar ein eigenes
Geschäft für das er billig zu kaufen gedenkt dem möcht ich auf den Grund
kommen Von hier aus soll es nun bloß fünfzig Meilen bis nach Montgomerys Point
und ein wenig weiter bis zur Mündung des Whiteriver sein Bis dahin möcht ich
aber wenn das irgend anginge meine Ladung verkauft haben So setze Du Dich
also in unsere kleine Jolle und fahre sachte am Ufer hinunter voraus
Provisionen kannst Du Dir ja mitnehmen Am Mississippi liegen mehrere kleine
Städtchen wo Du anlegen und Dich erkundigen kannst Findest Du aber nichts bis
Du nach Montgomerys Point kommst nun so hast Du dort wenigstens Gelegenheit an
Ort und Stelle vorher genau die Verhältnisse und Preise zu erfragen ehe ich mit
dem Boote hinkomme Ich will indessen bis morgen früh hier bleiben denn ich muss
mir meine Büchse wieder in Stand setzen lassen in der weiß der liebe Gott wie
das geschehen konnte  plötzlich und ganz von selber die kleine Feder gebrochen
ist Man kann hier auf dem Mississippi manchmal nicht wissen wie man die Waffe
braucht und ich möchte überhaupt nicht gern mit einem nutzlosen Schiesseisen in
der Welt herumfahren«
    »Die Feder gesprungen« sagte Tom verwundert »nun da möchte ich doch
wahrhaftig wissen was die gesprengt hat  Ihr habt ja noch oben an den
Ironsbank den Trutahn von der Uferbank heruntergeschossen«
    »Ja  und bei dem Schuss muss sie gebrochen sein sonst weiß ichs auch
nicht« erwiderte der Alte  »Doch das macht nichts  es ist ein Büchsenschmied
hier im Orte und der kann mir bald eine neue Feder hineinsetzen also halte
Dich dazu mein Junge und sieh dass Du gute Geschäfte machst  Soll ich Dir
aber nicht lieber ein paar von den Leuten mitgeben Besser wärs überhaupt Du
nähmst Einen zum Rudern mit dass Ihr abwechseln könntet«
    »Ei bewahre« lachte Tom  »die Sonne meints wohl gut ich brauche mich ja
aber auch nicht zu übereilen Schickt mir nur Bob den Tennesseer herunter dass
er mir ein bisschen hilft die Jolle mit alle dem auszurüsten was ich unterwegs
brauchen könnte  die kleine Whiskykruke nicht zu vergessen und  bleibt nicht
so lange dass ich doch wenigstens noch vor Dunkelwerden ein tüchtiges Stück
stromab komme Halt noch Eins« rief er als er sich schon zum Gehen gewandt
hatte  »Oberhalb Montgomerys Point wo nach dem Navigator hier Nr
Siebenundsechzig liegen soll gebt mir ein Zeichen dass Ihr kommt Ihr könnt
entweder schießen oder hängt noch besser eins von Euren roten Flanellhemden als
Fahne auf dass ich Euch nicht etwa vergebens ein paar Meilen entgegenfahre«
    Und leichten Schrittes wanderte der junge Mann zum Ufer hinab wo er mit
Hilfe der beiden dort zurückgebliebenen Bootsleute bald die Jolle herrichtete
Er spannte dann durch schon zu diesem Zwecke vorbereitete Seitenhölzer ein
schmales Sonnensegel darüber aus und stieß bald darauf Edgewort noch einen
freundlichen Gruß hinüberwinkend vom Ufer ab und in die Strömung hinaus
    Der alte Mann stand noch eine Weile am Ufer und sah dem kleiner und kleiner
werdenden Boote sinnend nach als er dicht hinter sich Schritte hörte Wie er
sich umwandte erkannte er aber seinen Steuermann der die Abdachung der
Uferbank herabkam und jetzt neben ihm stehen blieb
    »War denn das nicht Tom« sagte der Bärtige während er die Augen nicht von
dem kleinen Fahrzeug abwandte  »ich dächte doch er hätte von oben so
ausgesehen«
    »Ja das war Tom« erwiderte Edgewort kurz und schickte sich an in die
Stadt zurückzugehen
    »Nun was zum Teufel fährt denn der voraus« rief der Steuermann erstaunt 
»ist ihm unsere Gesellschaft nicht mehr gut genug und nimmt dann auch noch die
Jolle vom Boot mit  Wenn wir sie nun brauchen«
    »Dann werden wir uns ohne sie behelfen müssen« sagte der Farmer ruhig 
»Wenns Euch übrigens interessiert  er ist nach Montgomerys Point voraus um die
Preise meiner Ladung kennen zu lernen  Morgen früh wollen wir nach«
    Ein höhnisches Lächeln durchzuckte die wilden Züge des Bootmanns als er die
willkommene Kunde hörte und Edgewort würde hätte er den triumphierend
frohlockenden Blick gesehen der aus seinen dunkeln Augen blitzte sicherlich
aufmerksam geworden sein So aber achtete er gar nicht auf den ihm verhassten
Steuermann der ihn jedoch noch einmal mit den Worten aufhielt
    »Es ist ein Kaufmann von Victoria oben im UnionHotel der von Eurer Ladung
gehört hat  er frug mich ob Ihr auf dem Boote wäret oder vielleicht einmal
hinauf kämet  er hat Lust zu kaufen «
    »Wo liegt Victoria« frug Edgewort und blieb sich gegen seinen Steuermann
wendend stehen
    »Victoria ein bisschen oberhalb der WhiteriverMündung auf dem andern Ufer
drüben« sagte dieser »von Montgomerys Point aus kann mans sehen es ist etwas
weiter unten«
    »Und wie heißt der Mann«
    »Ich weiß nicht  ich habe ihn nicht gefragt  er sieht auch eigentlich
nicht recht aus wie ein ordentlicher Kaufmann  Ihr könnt ja selber mit ihm
sprechen«
    Edgewort schritt langsam dem UnionHotel zu und Bill murmelte mit
tückischem Lachen während er am Ufer hin die Stadt entlang wanderte
    »Geh nur Du alter Narr und sieh zu ob sich Deine Gebeine im Mississippi
eben so gut halten werden wie die Deines Sohnes am Wabasch  Geh und handle
noch einmal  es ist der letzte Handel den Du auf dieser Welt abschliessest«
 
                                      10
                                        
                                 Livelys Farm
Dicht hineingeschmiegt in den grünen Wald wo die fleißige Hand des Menschen
kaum der riesenmässigen Vegetation ein freies Plätzchen abgewonnen hatte und die
mächtigen starr emporragenden Nachbarstämme immer noch so aussahen als ob sie
das kleinliche Treiben der Zivilisation unter sich nur eben duldeten und nicht
übel Lust hätten sich nächstens einmal in ganzer Länge und Gewichtigkeit selbst
drein zu legen  da wo zwar Menschen sorgende geschäftige Menschen starke
Männer und zarte Frauen wirkten und schafften und fröhlicher Kinderjubel von
lieben herzigen Mäulchen die heilige Ruhe der Wildnis unterbrach wo der
Haushahn Morgens seinen schmetternden Gruß der Morgenröte entgegenjubelte wo
die Schwalbe in besonders dazu angebrachten Kästen ihr Nest gebaut hatte und
sich jetzt alle nur mögliche Mühe gab die kleinen unbehülflichen Gelbschnäbel
das Fliegen zu lehren  wo aber auch Nachts noch der Wolf die Fenzen umschlich
und Panter oder Wildkatze das zahme Hausvieh oft in Augst und Schrecken setzte
wo der Hirsch nicht selten zwischen den weidenden Heerden getroffen wurde und
der Bär nur zu oft in stiller Abendstunde die Maisfelder besuchte da stand ein
für solche Umgebung gar stattliches und wirklich wohnlich eingerichtetes
Doppelhaus Es war von hoher regelmässiger Fenz umgeben und wie es schien mit
allen den Bequemlichkeiten versehen die man außerdem nur möglicher und
vernünftiger Weise in solcher Wildnis beanspruchen konnte
    Vor diesem Hause saß auf einem erst frisch gefällten und hier zum Sitze
hergerollten Stamme ein silberhaariger noch rüstiger lebensfrischer Greis
dessen gesundheitstrotzende Wangen und muntere klare Augen wohl schon mehr als
sechzig Mal den Frühling hatten kommen und gehen sehen und doch noch keck und
freudig in das schöne Leben hinausschauten Sein Kopf war unbedeckt und das
schneeige Haar hing ihm in langen glänzenden Locken bis auf den sonngebräunten
Nacken hinunter Er trug einen pfefferund salzfarbenen wollenen Frack eben
solche Beinkleider eine blauwollene Weste und ein schneeweisses Hemd aber 
bloße Füße und nur dann und wann schienen ihn an diesen die dort ziemlich
zahlreichen Mosquitos zu belästigen Mit dem rotseidenen Taschentuche das er
in der Hand hielt um sich Wind und Kühlung damit zuzufächeln schlug er
wenigstens zuweilen nach ihnen ohne jedoch nur einen Blick hinab zu werfen
    Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand ein anderer aber bedeutend
jüngerer Mann und zwar eben eifrig beschäftigt einen frisch erlegten Spiesser
abzustreifen Dieser war mit den Hinterläufen an einem Baume aufgehangen und
ein großer schwarzer Neufundländer mit weißer Brust und weißen Füßen und der
braunen Zeichnung amerikanischer Braken an den Lefzen und über den Augen hob
gar klug und aufmerksam die treuen Augen zu ihm auf als ob er nur Interesse an
der Arbeit nähme und nicht etwa seinem Herrn durch störendes Betteln zur Last
fallen wolle
    Der junge Jäger dessen ledernes abgeworfenes Jagdhemd neben ihm am Boden
lag war ganz nach Art der westlichen Jäger gekleidet die blonden krausen
Haare aber und das blaue Auge hätten ihn fast als einen Ausländer erscheinen
lassen wäre nicht in einem kleinen Liede das er bei der Arbeit vor sich hin
summte sein reines nur mit dem leisen westlichen Dialekt gefärbtes Englisch
Bürge seiner amerikanischen Abkunft und Erziehung gewesen Es war William Kook
der Schwiegersohn des alten Lively der erst vor wenigen Tagen vom Fourche la
fave hierher zu den Eltern seiner Frau gezogen war und nun im Sinne hatte eine
eigene dicht an die seiner Schwiegereltern stossende Farm urbar zu machen Für
den Augenblick aber und bis sein noch zu errichtendes Haus stand hielt er sich
mit seiner kleinen Familie bei Livelys auf und bewohnte dort den linken Flügel
jenes schon erwähnten Doppelgebäudes
    In der Tür desselben erschien indessen gerade eine allerliebste junge Frau
seine Frau mit dem jüngsten Kind auf dem Arme zwei andere weissköpfige und
rotbäckige kleine Burschen tummelten sich aber zwischen den abgehauenen
Baumstümpfen des Hofraumes umher und jagten bald bunten flatternden
Schmetterlingen nach bald ärgerten sie den ersten Haushahn der mit höchst
missvergnügtem Gekake und mächtig langen Schritten seinen kleinen unermüdlichen
Quälgeistern zu entgehen suchte Erst wie er das unmöglich fand flog er
endlich des Spielens überdrüssig auf die Fenz schlug hier mit den Flügeln
und fing nun zum großen Ergötzen der darunter stehenden kleinen Schelme an aus
Leibeskräften zu krähen
    Das Kleine aber das die Mutter noch auf dem Arme trug hatte indessen die
sich munter herumtummelnden Geschwister entdeckt streckte nun ungeduldig
strampelnd die dicken Aermchen nach ihnen aus und wollte unter jeder Bedingung
Teil an dem Spiele nehmen
    »Ei so lass doch den Schreihals herunter Betsy« rief ihr da lachend der
Gatte zu  »lass ihn nur nieder siehst Du denn nicht dass er helfen will«
    »Er wird sich Schaden tun« sagte besorgt die Mutter  »es ist hier so rau
und steinig«
    »Torheiten  der Junge muss Grund und Boden kennen lernen  er mag seinen
Weg suchen« und die Mutter ließ während sie sich von der hohen Schwelle des
Hauses niederbog lächelnd den kleinen Schreier auf die ebene Erde nieder die
dieser mit lautem Jubelgekreisch begrüßte Ohne weiteren Zeitverlust arbeitete
er auch gleich auf allen Vieren zum Vater hin der ihm freundlich zuwinkte
    Der große schwarze Neufundländer aber der bis jetzt neben seinem Herrn
gesessen hatte sprang nun mit weiten Sätzen dem kleinen Burschen entgegen hob
die schöne buschige Fahne und das mit kleinen krausen Löckchen versehene Behänge
hoch empor bellte ihn ein paar Mal mit tiefer volltönender Stimme an und
versuchte dann vorsichtig das Kind am Gurt des kleinen Röckchens zu fassen um
ihm die Bahn zu erleichtern oder es seinem Herrn ganz zu apportiren
    »Lass ihn gehen Bohs« rief dieser lachend »lass ihn gehen  Warte Bursche 
glaubst Du der könne nicht allein kommen Will der Hund  Nun seh Einer den
ungeschlachten Schlingel an  dreht er mir den Jungen ganz herum«
    Der Zuruf galt aber wirklich dem Hunde Als es diesem nämlich verboten
worden das Kind in die Schnauze zu nehmen übersprang er dasselbe mehrmals mit
hohen Sätzen und versuchte dann den Kopf dabei zur Seite gebogen und mächtig
dazu mit dem Schwanze wedelnd es mit der breiten kräftigen Tatze zu sich
herüber zu ziehen Allerdings rollte er die kleine unbeholfene Gestalt des
Kindes dabei rund herum das aber nahm die Freiheit keineswegs übel sondern
schien sich im Gegenteil sehr über den ungeschickten Spielkameraden zu freuen
Es jauchzte ein paar Mal laut auf und setzte dann seine Bahn zum Vater fort der
ihm nun auf halbem Wege entgegenkam und es lächelnd zu sich emporhob
    »William« sagte der Alte während er sich vergnügt und schmunzelnd die
Hände rieb »William  das ist ein capitales Stück Wildpret  das reine Feist
wie man sichs nur wünschen kann und die Rippen werden unmenschlich gut
schmecken Es war doch gut dass Du heute Mittag noch einmal am Rohrbruch
hingingst  ich dachte mirs immer Du würdest dort was finden«
    »Ach mit dem Denken Vater« lachte der junge Mann während er das
rotwangige Kind herzte und küsste und auf den Armen schaukelte  »mit dem Denken
ists eine gewaltig unsichere Sache So sagt man nachher immer und wenn mans
genau nimmt so hat man sich beim Burschen hinter jedem Dickicht an jedem
sonnigen Hügel ein Stück Wild gedacht  Dafür lob ich mir aber auch das
Burschen  Es gibt kein herrlicheres Vergnügen auf der weiten Gotteswelt 
eine gute Bärenhetze vielleicht ausgenommen und ich glaube ich könnte gleich
aus freien Stücken ein Indianer werden wenn ich «
    »Wenn ich Jemanden dabei hätte der mir Mais und süße Kartoffeln baute
nicht wahr« unterbrach ihn lachend der Alte  »oh ja so zum Vergnügen den
ganzen Tag im Walde herum zu spazieren und weiter keine Arbeit zu haben als
gute Stücken Fleisch zum Haus zu tragen das glaub ich schon das ließe ich mir
auch gefallen das geht aber nicht  Mein Junge zum Beispiel würde jetzt schön
gucken wenn sein alter Vater in seiner Jugend weiter nichts getan hätte als
Büchsenläufe schmutzig gemacht Nein dafür sind wir  der Henker soll doch die
Mosquitos holen sie beißen heute wie besessen«  und er rieb sich abwechselnd
mit den rauen Sohlen die kaum zarteren wenigstens eben so braun gebrannten
Spannen seiner bloßen Flüsse  »dafür sind wir hierher gesetzt dass wir im
Schweiß unseres Angesichts  wie der alte Schleicher sagt  unser Brod verdienen
sollen Das heißt wir müssen uns schinden und plagen um das Jahr über genug
Mais und süße Kartoffeln zu haben«
    »Alle Wetter« lachte Kook während er erstaunt von seiner Arbeit aufsah
»Ihr haltet ja heute ordentliche Reden  die sind doch sonst Eure Passion nicht
«
    »Nein Junge«  sagte der Alte  »Euch jungem Volke muss man aber dann und
wann ins Gewissen reden das ist Pflicht und Schuldigkeit und da tut mirs
gut wenn ich einmal so mit meiner Meinung herausbrennen kann ohne dass die Alte
gleich ihren Senf dazu gibt denn die nimmt Eure Partei«
    »Hallo«  sagte Kook »da wollt Ihr mir wohl eine Predigt gegen die Jagd
halten Das ist göttlich  hol mich Dieser und Jener das ist kostbar«
    »Ja und nicht allein gegen die Jagd« fuhr der Alte fort während er
langsam und vorsichtig das rechte Bein emporhob und mit der Hand scharf auf
einen seine große Zehe belästigenden Mosquito visirte  »nicht allein gegen die
Jagd auch gegen das gotteslästerliche Fluchen«  die Hand schlug herunter der
Mosquito hatte aber Unrat gemerkt und sich bei Zeiten der Gefahr entzogen 
»verdammte Bestie« unterbrach der alte Mann mit halblauter Stimme seinen
Vortrag  »auch gegen das gotteslästerliche Fluchen«  fuhr er dann gleich
darauf wieder fort
    »Hahaha « rief Kook und wandte sich gegen den Alten »ich soll wohl nicht
wieder verdammte Bestie sagen«
    »Unsinn« brummte Lively und kratzte sich die Stelle wo das kleine Insect
eben gesogen hatte  »Unsinn  aber heda  Bohs fährt auf  unsere Gäste kommen
wahrscheinlich«
    Bohs fuhr in diesem Augenblicke wirklich rasch empor windete wenige
Sekunden lang gegen den Wald hin und schlug dann in lauten vollen Tönen an
Blitzesschnell wurde das von den übrigen meistens im Schatten gelagerten Rüden
begleitet die gleich darauf herbeistürmten um nun auch zu sehen was die
Aufmerksamkeit ihres Führers erregt habe James fröhlicher Jagdruf antwortete
aber dem drohenden Gebell der Meute Jauchzend sprangen sie ihrem jungen Herrn
entgegen und begrüßten bald darauf mit fröhlichem Gebell und Heulen die kleine
Reiterschaar die nun am Holzrand sichtbar wurde und rasch zu dem roh
gearbeiteten Gattertor das Einlass in die Farm gewährte herantrabte
    Kook sprang schnell hinan die Vorlegebalken zurückzuziehen James aber
hier ganz in seinem Element rief ihm nur ein fröhliches »Loock out« entgegen
und in demselben Moment hob sich auch von Schenkeldruck und Zügel getrieben
das wackere Tierchen das ihn trug auf die Hinterbeine und flog mit keckem
Satz über die doch wenigstens vier Fuß hohe Barriere Sander ebenfalls ein
tüchtiger und sattelfester Reiter wollte natürlich nicht hinter dem rohen
Backwoodsman der ihnen eine kurze Strecke entgegengeritten war zurückstehen
und folgte seinem Beispiel Als Beide aber jetzt aus dem Sattel sprangen und zur
Fenz eilten die Stangen niederzulegen vereitelte Adele deren munteres Tier
unter ihr tanzte und in die Zügel schäumte diese Absicht denn sie schien
keineswegs gesonnen den Männern etwas nachzugeben
    »Habt Acht Gentlemen« rief sie nur tummelte ihren Zelter noch einmal zu
kurzem Anlauf zurück und ehe noch Mrs Dayton die nur erschreckt ein kurzes
»Um Gottes willen  Adele« ausstoßen konnte recht begriff was das kecke
Mädchen eigentlich wollte sprengte sie an und setzte nicht über das niedere
Eingangstor sondern über die wohl einen Fuß höhere Fenz hinweg In der
nächsten Sekunde hielt sie auch schon neben der Tür des Hauses wo sie ehe die
Männer ihr beistehen konnten rasch aus dem Sattel die Stufen des Hauses
hinaufsprang und hier von der alten Mrs Lively und Kooks junger Frau auf das
Herzlichste aber auch mit Vorwürfen über ihr wirklich tollkühnes Reiten begrüßt
wurde
    Kook hatte indessen die Stangen niedergeworfen Mrs Dayton einzulassen und
die kleine Gesellschaft fand sich bald ganz gemütlich vor der Tür des Hauses
im Schatten eines breitästigen Nussbaumes zusammen wo sie auf Stämmen Stühlen
und umgedrehten Kästen was gerade in der Nähe zu finden war Platz suchten
Mrs Livelei ließ es sich indessen trotz ihrer Jahre nicht nehmen die große
Kaffeekanne herbeizubringen füllte mit Mrs Kooks Hilfe die blauen Tassen und
Blechbecher  denn so viel Tassen zählte der Hausstand nicht  und reichte sie
den willkommenen Gästen herum
    »Ei Kaffee nach Tische Mrs Lively« rief da Adele erstaunt »das ist ja
eine ganz neue Sitte  wer trinkt denn um solche Zeit Kaffee«
    »Das hab ich von den Deutschen meinen früheren Nachbarn gelernt
Kindchen« sagte die alte Dame und klopfte den Nacken des schönen Mädchens 
»und das ist eine gar prächtige Erfindung  Kaffee schmeckt nie besser als nach
Tisch  Morgens und Abends ausgenommen  und für so liebe liebe Gäste muss man
denn doch auch ein bisschen was herbeischaffen dass sie nicht ganz trocken
sitzen«
    »Wer ist denn der hübsche junge Mann der da mit Euch gekommen ist«
flüsterte Kook dem jungen Lively zu neben dem er stand  »Mir kommt das
Gesicht bekannt vor «
    »Weiß der Teufel wer es ist« sagte James und warf dem Fremden einen
keineswegs freundlichen Blick zu  »eingeladen hab ich ihn nicht und er
behandelt Miss Adele als ob er mit ihr aufgewachsen oder ihr Bruder wäre und
doch weiß ich dass sie gar keinen Bruder hat«
    »Prächtiges Haar« sagte Kook
    »Prächtiges Haar« murmelte James verächtlich  »wie ein Bündel Flachs
siehts aus  und das käseweisse Gesicht könnte mir den ganzen Appetit verderben
wenn mir den nicht schon überdies seine Gegenwart verdorben hätte«
    Kook lächelte  es war nicht schwer die Beweggründe zu durchschauen die
des jungen Mannes Ärger erregt hatten Aber auch Adele schien etwas von dem
gewahrt zu haben denn sie warf während sich ihr Nachbar eifrig mit ihr
unterhielt den Blick mehrere Male halb lächelnd halb ungeduldig nach ihm
hinüber und rief ihn endlich indes Mrs Dayton eine lange Abhandlung mit den
beiden Farmerfrauen über Butter Käse junge Ferkel und alte Kühe hatte an ihre
Seite
    »Nun Sir« sagte sie und blickte dabei den ohnedies schon dadurch in die
entsetzlichste Verlegenheit Gebrachten mit den großen glänzenden Augen so fest
und durchdringend an dass der arme Bursche obgleich er gewiss die besten
Vorsätze gehabt haben mochte liebenswürdig zu erscheinen und die verwünschte
Blödigkeit bei Seite zu werfen den breiträndigen Strohhut abnahm und erst
langsam und dann immer schneller und schneller zwischen den Fingern herumlaufen
ließ  »Sie versprachen mir doch unterwegs das Abenteuer zu erzählen was Sie
neulich mit dem alten Panter gehabt  Wie ich höre hängt dort drüben an dem
Persimonbaum das Fell  Herr Hawes hier behauptet eben es sei einem einzelnen
bloß mit einem Messer bewaffneten Mann gar nicht möglich einen Panter zu
besiegen«
    »Nun ich weiß nicht« stotterte James denn hier vor der jungen Dame von
seinen Taten zu sprechen kam ihm fast wie eine hässliche Prahlerei vor  »ich
weiß doch nicht  Mr Hawes  es ist auch vielleicht «
    » schwieriger mit einem Panter anzubinden als sichs nachher erzählt«
sagte Sander und ein spöttisches Lächeln spielte um seine Lippen  »Ja ja
man vergisst bei solcher Erzählung gewöhnlich die Hunde die ihre Leiber dem
Feinde blossgeben schießt das Tier aus sicherer Ferne mit der Kugel nieder und
stößt dem schon Verendeten das Messer noch ein paar Mal in Brust und Weichen um
an dem aufgespannten Felle die  Beweise unserer Heldentaten zu haben  Ich
bin ja auch schon auf solcher Jagd gewesen«
    James blickte zu dem Sprecher auf und selbst das ganze Wesen des Mannes
der in nachlässiger Stellung dicht neben einem Mädchen lehnte wo er selbst sich
schon beklommen und eingeschüchtert fühlte wenn er ihr nur gegenüber stand
hatte etwas ungemein Widriges ja Empörendes für ihn Kaum begriff er aber den
Sinn dieser Worte die dem einfachen Hinterwäldler anfangs fast unverständlich
blieben als ihm das Blut schneller und heftiger in die Wangen schoss und damit
auch seine bis dahin fast unüberwindbare Scheu und Verlegenheit mehr und mehr
schwand
    »Wenn ich einmal behauptet habe« sagte er und seine Stimme wurde beinahe
von dem in ihm auflodernden Zorn erstickt  »ich hätte einen Panter im
Zweikampf und mit dem Messer erlegt so meine ich damit nicht dass mir die Hunde
oder Pulver und Blei dabei geholfen hätten Ich weiß nicht Fremder wo Ihr
solche Ansichten gelernt haben mögt aber hier in den Wald passen sie nicht 
Kein Mann hier den James Lively zu seinen Freunden zählt würde eine Lüge
sagen«
    »Bester Mr Lively« lächelte Sander in dessen Plan es keineswegs lag
Streit zu beginnen  »Sie wissen gewiss recht gut dass das was man
Jägergeschichten nennt nicht unter die Rubrik von Lügen gesetzt werden darf
Ein Jäger hat das Privilegium Poet zu sein und wie der Novellist nicht in
seiner Erzählung die trockenen Tatsachen rein und ungeschmückt hinstellen darf
so ist es jenem ebenfalls nicht allein erlaubt sondern wird sogar teilweise
verlangt dass er seine Jagdabenteuer in einem bunten Kleide bringt und  wenn er
keine zu bringen hat  aus einfachen Jagden interessante Jagdabenteuer macht«
    »Ich verstehe nicht recht was Sie mit alle dem meinen« sagte James und
leerte die ihm von seiner Mutter gereichte Tasse auf einen Zug »auch begreife
ich nicht gut wie man Jagdabenteuer machen kann  So viel ist aber gewiss ich
habe noch keinen Messerstich gegen ein Tier getan wenn es nicht nötig war
Was übrigens die Haut da drüben betrifft so war Kook hier Zeuge der ganzen
Sache und hat gesehen ob und wie ich sie verdient habe«
    »Bei den Messerstichen« unterbrach hier der alte Lively das etwas ernstaft
werdende Gespräch noch ganz zur rechten Zeit »fällt mir eine kostbare Anekdote
ein die meinem Vater einmal begegnet ist«
    »Wollen Sie sich denn nicht setzen Mr Lively« redete hier Adele den
jungen Farmer an und schob zugleich ihren eigenen Stuhl etwas zurück so dass
dicht neben ihr auf einem dort gelegenen Baumstamm ein Sitz frei wurde James
machte auch schnell genug von der Erlaubnis Gebrauch rückte aber aus wirklich
unbegründeter Furcht seiner schönen Nachbarin lästig zu werden so weit von ihr
fort als ihm das die noch emporstehenden Äste nur immer verstatteten Dadurch
kam er freilich auch auf das scharfe und raue Holz zu sitzen und er würde
sich was die Bequemlichkeit anbetraf wohl gerade so wohl auf einem Beine
stehend befunden haben Trotzdem hätte er aber doch seinen Sitz in diesem
Augenblick nicht um den schönsten gepolsterten Stuhl der ganzen Vereinigten
Staaten eingetauscht
    »Also mein Vater« begann Lively senior wieder 
    »Komm Alter  die Geschichte kannst Du uns lieber drin erzählen« fiel ihm
da plötzlich die Frau ins Wort  »Es wird Nacht hier draußen Kinder die
Sonne ist unter und die Damen aus der Stadt könnten sich erkälten das wäre mir
nachher eine schöne Bescheerung wenn sie hier bloß zu uns herausgekommen sein
sollten die lieben guten Wesen um sich einen Schnupfen oder noch was
Schlimmeres zu holen«
    »Aber liebe gute Mrs Lively« sagte Mrs Danton »es ist hier draußen ja
noch so schön und gerade jene wunderherrlichen Tinten der mehr und mehr dort
verblassenden Abendwolken geben dem dunkeln Fichtenwald auf dem sie ruhen
etwas so ungemein Reizendes und Romantisches«
    »Das mag Alles recht gut sein« sagte die alte würdige Dame  »es klingt
wenigstens sehr schön die Sache bleibt sich aber doch gleich  Im Hause ists
besser und wenn Mrs Dayton die Wolken noch ein bisschen betrachten will so
kann sie das am allerbequemsten durchs Kamin tun da ziehen sie gerade drüber
hin Jetzt aber komm James  hilf die Sachen ein bisschen ins Haus tun  wo
ist denn Kook Ach de bringt die Hirschkeulen und Rippen hinein Das ist
gescheidt von ihm  einen Trutahn hat James auch heute Morgen geschossen Du
Lively magst die leere Kanne nehmen  so Kinder nun kommt in zehn Minuten
können wir uns ganz prächtig drinnen eingerichtet haben und dann wollen wir
auch recht munter und vergnügt sein Es tut einer alten Frau wie ich bin
wohl einmal so viele liebe freundliche Gesichter um sich zu sehen wie heut
Abend«
    Und ohne weiter eine Einrede anzunehmen oder überhaupt abzuwarten fing Mrs
Lively selbst an die umherliegenden Sachen ins Haus zu tragen so dass die
jungen Leute schon mit angreifen mussten Bald darauf saßen Alle um den großen
in die Mitte gerückten Tisch fröhlich versammelt und der alte Lively der sich
ganz in seinem Element zu fühlen schien erzählte eine Menge von Iagdanekdoten
und Abenteuern Seine Frau aber fuhr indessen hin und her trug Alles auf was
Küche und Rauchhaus zu liefern vermochten und hielt nur dann und wann in ihrem
geschäftigen Eifer ein um von Adele zu Mrs Dayton zu gehen und ihnen mit einem
herzlichen Händedruck zu wiederholen wie sie sich freue dass sie endlich einmal
ihrer Einladung gefolgt wären und dass sie nun auch nicht daran denken dürften
sie unter sechs oder acht Tagen zu verlassen Dass Adele am nächsten Tage schon
eine Freundin am Mississippi besuchen wolle verwarf sie total und erklärte
Mr Hawes sei ihr ein sehr lieber und willkommener Gast wenn er ihr aber ihre
liebe Adele entführen wolle dann habe er es mit ihr zu tun und das zwar nicht
in Liebe und Güte
    James Herz klopfte wild und stürmisch  deshalb also war jener glattzüngige
Fremde mit hierher gekommen Miss Adele wollte er schon am nächsten Morgen wieder
mit fortnehmen  Pest  in welchem Verhältnis stand er überhaupt zu Adelen 
wäre er am Ende gar  es überlief ihn siedendheiss
    »Miss Adele« sagte er mit von innerer Bewegung erregter Stimme  »Sie  Sie
wollen uns also verlassen«
    »Ja Mr Lively« erwiderte das junge Mädchen und ein eigenes schelmisches
Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel  »Mr Hawes hier will mich auf seine
neugekaufte Plantage führen zu  zu seiner Schwester«
    Hätte ein zündender Strahl in diesem Augenblick vor James Lively den Boden
aufgerissen ihm wäre das Blut in den Adern nicht schneller nicht erkältender
gestockt  Sie wollte Mr Hawes neugekaufte Plantage besehen  seine Schwester
besuchen  armer James da war für Dich wenig Aussicht Er fühlte wie sein Blut
die Wangen verließ und jeder Tropfen in das erstarrende Herz zurückkehrte
Gleich darauf aber strömte es ihm auch mit nicht zu dämmender Gewalt wieder
aufwärts in Stirn und Schläfe und er sprang die innere Bewegung zu verbergen
von seinem Sitz empor
    »Heh James wo willst Du denn hin« frug der Vater
    »Das übrige Hirschfleisch hinters Haus schaffen« rief der Davoneilende
zurück  »es hängt hier vorn zu niedrig am Ende könnten sich doch die Hunde
darüber machen«
    »Da hast Du Recht« sagte der Alte  »daran hätt beinahe nicht gedacht Da
ists uns hier einmal vor vierzehn Tagen beinahe komisch gegangen  die
Geschichte muss ich Ihnen erzählen Mr Hawes«  und der vermeintliche Mr Hawes
der mit einem höchst selbstzufriedenen Lächeln bemerkt hatte wie und weshalb
James aufgestanden und hinausgegangen war lieh sein Ohr geduldig der Anekdote
von einem erlegten Hirsch und den damit verknüpften Umständen  In der Tat
aber lauschte er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den Worten der jetzt im
eifrigen Gespräch begriffenen Damen Dayton und Lively die sich über eine
Familie des Staates Georgia unterhielten mit der Mrs Dayton und Adele entfernt
verwandt wo aber die letztere erzogen und wie das Kind im Hause behandelt
worden war
    »Sie können sich fest darauf verlassen Mrs Dayton« beteuerte die alte
Dame »Lively hat erst vorgestern einen Brief von da erhalten  Lieber Gott
wir sind ja dort sechzehn Jahre ansässig gewesen und kennen jedes Kind Der alte
Benwick soll seine Frau nur dreimal vierundzwanzig Stunden überlebt haben und
das Testament ist dem Schreiben nach schon am Mittwoch eröffnet worden  Sie
können mit jeder Stunde Nachricht erhalten«
    »Es kamen heute Morgen zwei Briefe an meinen Mann« sagte Mrs Dayton »das
schienen aber Geschäftsbriefe zu sein er hätte doch sonst gewiss etwas erwähnt«
    »Ei die Gerichte nehmen sich auch bei so etwas Zeit meine gute Mrs
Dayton« sagte Mrs Lively  »so geschwind sind die nicht im Nachrichterteilen
besonders wenns darauf ankommt Geld außer Land zu schicken«
    »Welche von den beiden wäre Ihnen nun lieber gewesen« wandte sich jetzt der
alte Lively plötzlich und zwar so direkt an seinen bis dahin nichts weniger als
aufmerksamen Zuhörer dass dieser fast wie auf einem Abwege ertappt
zusammenfuhr und nur noch Geistesgegenwart behielt die Frage ins Blaue hinein
zu beantworten
    »Die erste unbedingt die erste«
    »Nun sehen Sie das freut mich« sagte der alte Mann »das war auch meine
Meinung  James sagt ich Du musst unbedingt die erste nehmen und  soll mich
der Henker holen wenn ers am Ende nicht doch noch gewann«
    »Wunderbar« sagte Sander zerstreut und hatte keine Idee davon welche
letzte und erste da gemeint und was eigentlich zu gewinnen gewesen Adele aber
die sich so plötzlich allerdings etwas durch eigene Schuld von ihren beiden
Nachbarn vernachlässigt sah setzte sich hinüber zu Mrs Kook die eben die
müden Kinder zu Bett gebracht hatte Hier aber indem sie ganz in das einfache
Wirken und Leben der guten Frau einging und bald nach dem und jenem frug und
über dies und das mit ihrer kindlichen Gutmütigkeit plauderte gewann sie sich
das Herz derselben so sehr dass diese endlich mit einem freundlichen Händedruck
ausrief
    »Ach Miss Adele wie wünschte ich doch dass Sie hier draußen bei uns blieben
und eine wackere tüchtige Farmersfrau würden Sie sollten einmal sehen wie es
Ihnen bei uns gefiele  Es ist gar zu hübsch hier und besonders im Frühjahr
und Sommer wenn sie in den Städten fast vor Hitze und Staub umkommen«
    »Mir gefällt es auch recht gut auf dem Lande« sagte Adele  »ich bin « und
eine leichte Röte färbte ihre Wangen »ich bin am liebsten unter grünen Bäumen
aber  wir armen Mädchen Mrs Kook müssen ja doch am Ende stets dahin gehen
wo uns das Schicksal hinwirft und ein Glück noch wenn wir dabei der Stimme des
Herzens folgen dürfen«
    »Ja Miss Adele das ist ein Glück« sagte die wackere Frau  »Sie glauben
gar nicht wie leicht und gern man alles Überflüssige entbehren lernt wenn man
nur bei Dem sein kann den man so recht herzlich lieb gewonnen hat  Es wird
Einem auch Alles noch einmal so leicht und Arbeiten von denen man sonst gar
nicht geglaubt hat dass man sie verrichten könne tun sich fast von selber Und
nun gar erst die Kinde  ja in den lieben Dingern wird man noch selbst einmal
wieder jung«
    »Haben Sie Ihre bisherige Farm ungern verlassen« frug Adele
    »Wir Jh nun ja und nein« sagte Mrs Kook  »es war herrliches Land am
Fourche la fave und nach all dem Vorgefallenen ließ es sich erwarten dass wir
nun vor dem schlechten Gesindel dort Ruhe haben würden Aber dann lebten doch
hier die Eltern und der Bruder und Vater Mutter und James sind so liebe
treffliche Leute da glaubten wir denn Beide es sei besser in deren Nähe zu
wohnen und sie zu Nachbarn zu haben Vielleicht sucht sich dann James mit der
Zeit auch irgendwo ein Mädchen das ihn gern hat aus und dann könnten wir eine
ganz prächtige kleine Kolonie bilden oh Miss Adele wenn Sie nur dann in die
Nähe kämen«
    »Kommt Kinder  es ist Zeit zum Schlafengehen« sagte jetzt plötzlich der
alte Lively der seine Geschichte glücklich zu Ende gebracht hatte und dann müde
geworden war Der alte Mann hielt überhaupt seine ziemlich regelmäßige Zeit und
da des engen Raumes wegen der männliche und weibliche Teil der Gäste für diese
Nacht in verschiedenen Häusern untergebracht werden musste  die Damen sollten
nämlich in Livelys die Männer in Kooks Wohnhause schlafen  so konnte er
selbst nicht eher zur Ruhe kommen bis die Anderen nicht ebenfalls ihre
Schlafstätten angewiesen bekommen Mrs Dayton die seine Gewohnheit kannte
schob deshalb auch ihren Stuhl zurück und gab damit das Zeichen zum allgemeinen
Aufbruch
    Adele sprang ebenfalls empor aber als ihr Blick den kleinen Raum schnell
durchfliegen wollte begegnete er plötzlich und zwar dicht neben sich dem auf
ihr haftenden Auge James das sich freilich als ob er auf einer Freveltat
ertappt wäre schnell und schüchtern abwandte Adele aber mit dem Gefühl als
ob sie einen Fehler begangen hätte fürchtete fast und wusste selbst doch
eigentlich nicht warum ihn beleidigt zu haben und sagte leise
    »Mr Lively  ich  Sie sind wohl böse auf mich dass ich die freundliche
Einladung Ihrer Eltern so wenig zu schätzen scheine und schon morgen wieder fort
will  Es ist aber eine liebe Jugendfreundin von mir die ich seit ihrer
Verheiratung nicht gesehen habe und  wenn ich Mrs Lively nicht zur Last
falle dann komm ich recht bald wieder heraus  und bleibe dann auch wohl
längere Zeit hier  Es gefällt mir recht gut hier draußen  viel besser als in
Helena drin«
    »Sie sind zu gütig Miss Adele« erwiderte James in größter Verlegenheit 
»wie sollte ich denn böse auf Sie sein dürfen  ach  Sie wissen gar nicht «
    »Gute Nacht Ladies« sagte Sander und trat ohne weitere Umstände zwischen
die Beiden »gute Nacht Miss  schlafen Sie hübsch aus denn wir haben einen
scharfen Ritt vor uns« Die Hand des jungen Mädchens ergreifend die er leise an
seine Lippen drückte verließ er schnell das Haus und James der jetzt zu
seinem Schrecken sah dass er der letzte der Männer war und die Damen
augenscheinlich warteten allein gelassen zu werden folgte ihm eben so rasch
Mehr aus alter Gewohnheit als zu irgend einem andern Zweck nahm er noch seine
Büchse und Kugeltasche über der Tür weg und mit zu dem eigenen Lager hinüber
Er schlief nicht gern wie er selbst gestand ohne die Waffe in der Nähe zu
wissen
    In Kooks Hause lag jedoch schon Kooks eigene Büchse über der Tür und der
junge Mann hing deshalb seine Kugeltasche auf die eine Stuhllehne und stellte
das treue Rohr in die Ecke neben sein Bett
 
                                      11
                                        
                                Kotton und Dan
Um die Vorgänge dieses nächsten Kapitels richtig verstehen zu können möchten
wir uns lieber erst mit dem Terrain etwas näher bekannt machen auf dem Livelys
und Kooks Farmen lagen
    Das ganze MississippiTal und besonders das westliche Ufer dieses
ungeheuren Stromes bietet eine nur selten von niederen Hügeln unterbrochene
Sumpfstrecke dar die gar oft in unzugängliche Moräste und Seen ausartet Fast
durchgängig besteht es aus zwar sehr fruchtbarem aber so niedrig gelegenem
Lande dass es sowohl durch die Überschwemmungen des Mississippi wie der übrigen
es durchkreuzenden Ströme als auch durch Regen deren Wasser keinen Abfluss
finden im Winter überschwemmt und nur erst durch die heißen Strahlen der
August und Septembersonne wieder ausgetrocknet werden kann Tausende von
Quadratmeilen liegen also auf solche Art acht oder neun Monate des Jahres unter
Wasser und hauchen in dem andern Vierteljahre so pestilenzialische Dünste aus
dass der Ansiedler froh sein darf wenn er mit einem ihm Mark und Bein
durchschüttelnden kalten Fieber davonkommt Das Land aber was der Kultur in
solchem Boden gewonnen werden kann  und einzelne trockene Stellen durchlaufen
diese Niederungen  ist vortrefflich und liefert Ernten wie sie sich selbst
die kühnste Einbildungskraft unserer mit dürrem Boden stets im Kampfe um die
Aussaat liegenden Landwirte kaum träumen lässt Solche Fruchtbarkeit allein kann
denn auch dem Farmer der trotzdem nur wenig Land urbar macht und sich mehr auf
Viehzucht legt bewegen die warme ungesunde Luft dieser Sümpfe zu atmen
Natürlich sucht er sich zu diesem Zwecke die höchst gelegenen Stellen die er
finden kann seine Wohnung und seine Felder wenigstens den steigenden Wässern zu
entziehen
    Daher kommt es auch dass die Nachbarschaft Helenas sonst so abgelegen wie
alle übrigen Plätze des MississippiTales am stärksten bevölkert und angebaut
war denn bis hierher erstreckte sich von Nordwest herunter kommend fast die
einzige Reihe niederer Hügel zwischen St Louis und dem dreizehnhundert Meilen
entfernten Golf bis an das Ufer des Mississippi Einzelne kleine Städtchen
waren sogar weiter im Innern darauf errichtet worden und der Mensch mit
seiner unermüdlichen Tatkraft drängte sich so gewaltsam in die fürchterlichste
Wildnis ein dass er ein naher Nachbar des wilden Büffels wurde den er nicht
einmal aus seinen Weidegründen heraustreiben konnte sondern ruhig im Besitz
derselben lassen musste1
    Am nördlichen Fuße dieser Hügelkette lag Livelys Farm Südöstlich vom Felde
standen die Gebäude während sie an der Ostseite ein ziemlich geräumiger und
selbst holzfreier Raum von dem Urwald trennte Die nicht übermäßig hohe
Umzäunung wurde von einem dichten Gestrüpp rotblütiger Sumachs Sassafras
Gewürzbüsche und Dogwoods umschlossen und diese überschatteten wieder
ihrerseits einen kleinen Bach der etwa eine halbe Meile weiter oben aus den
Hügeln kam am nördlichen Fuße derselben hinströmte und dicht über Helena in den
Mississippi einlief
    Gleich über dem Bache drüben und den Wohngebäuden gerade gegenüber dennoch
aber etwa zweihundert Schritt von ihnen entfernt lag ein alter indianischer
Grabhügel und hob sich eben genug aus dem ihn umwuchernden Pflanzengewirr
hervor einen Blick auf die kleine Ansiedelung zu gestatten Lively hatte erst
kürzlich den Plan gefasst hier eine kleine Blockhütte herzubauen und
gewissermaßen eine Art Sommerpavillon daraus zu machen Zu dem Zweck waren denn
auch schon alle die Büsche und Äste die etwa die Aussicht nach ihren Wohnungen
versperrt hatten entfernt und einzelne Stämme welche die Grundmauern bilden
sollten in der Nachbarschaft gefällt und hinaufgeschaft
    Der Mond warf nun zwar seinen silbernen Schein auf die Erde nieder und
übergoss die tauperlenden Blätter mit einem magischen Licht diesen kleinen Raum
konnte er aber nicht erhellen denn dichte Holly und Maulbeerbüsche bildeten an
der Ost und Südseite eine jedem Strahl trotzende Laube
    Der Platz lag jedoch nicht so einsam und verlassen wie die plaudernden und
lachenden Menschen wohl glauben mochten die jetzt noch sich des
wunderherrlichen Abends erfreuend vor den Gebäuden auf und abgingen Manchen
Blick warfen sie nach den dunkeln Waldesschatten hinüber wo tausend und tausend
Glühwürmer in unbeschreiblicher Pracht hin und herzuckten und den finsteren
Hintergrund wie mit tausend und tausend Diamanten besäeten und ahnten nicht
dass von dorther sorgsam versteckte Augen sie beobachteten
    Zwei dunkle Gestalten standen hier in dem Schatten der sie überhängenden
Büsche und laut und regungslos hatten sie schon lange das geschäftige Treiben
der ihre Gegenwart nicht ahnenden Farmer belauscht Da endlich brach der Eine
von ihnen das Schweigen und wandte sich mit leise gemurmelten Worten zu dem
Andern
    »Die Pest über das schlabbernde plappernde Volk« sagte er mit vorsichtig
gedämpfter Stimme  ists denn nicht gerade als ob ein Pack Franzosen und
Indianer hier ihr Nachtlager halte  Höre Dan mir gefällt der Platz überhaupt
nicht muss uns auch heute gerade der Teufel herführen wo die ganze
Nachbarschaft zusammengekommen ist und ihre Hunde mitgebracht hat Wenn uns die
Bestien erst einmal wittern dann gute Nacht  ich glaube wir setzen uns hier
ganz unnütz einer großen Gefahr aus
    »s ist nicht so schlimm als Ihr denkt« sagte der Andere indem ein
grimmiges Lächeln seine dunklen Züge überflog »dicht nebenbei fließt der Bach
mit wenigen Sätzen können wir drin sein und wie der Wind jetzt steht so ist
Zehn gegen Eins zu wetten dass sie uns gar nicht wittern können Übrigens habt
keine Angst um mich  es wäre das erste Mal dass ich bei solchem Spaß erwischt
würde nein ich halte mein Wort und hole Euch eine Büchse darauf könnt Ihr
Euch verlassen Wenn ich nur nicht einen so nichtswürdigen Hunger hätte«
    »Hunger  immer Hunger und Essen und Essen und Hunger « murrte ärgerlich
sein Gefährte  »wenn ich nur Waffen hätte ich wollte gern hungern«
    »Essen und Hunger« rief der Mulatte denn ein solcher war es der jetzt zu
dem bleichen Antlitz seines weißen Kameraden emporsah  »und wann habe ich denn
das letzte Mal gegessen Massa Kotton und was war das Mais  harter Mais den
ich aus einer Dachkammer stehlen musste und wofür ich die zwei Schrote noch im
Schenkel trage Sind wir nicht jetzt ein paar Wochen lang wie die wilden Bestien
gehetzt worden Und tragt Ihr dabei nicht die meiste Schuld Wir wären lange
vergessen gewesen und hätten unsern Weg unbelästigt fortsetzen können aber
nein da müsst Ihr den Reisenden mitten auf der Landstraße überfallen und
wundert Euch nachher noch wenn uns die Bevölkerung von drei Kountys auf den
Hacken und der ganze Staat in Aufregung unsertalben ist Überdies seid Ihr
weiß und könnt immer noch eher ohne gleich Verdacht zu erregen in irgend einem
Hause einkehren und eine richtige Mahlzeit halten Wenn ich mich aber mit meiner
farbigen Physiognomie irgendwo blicken ließe so wäre die erste Frage nach einem
Pass und die zweite nach einem Konstabler Nein solch ein Leben hab ich satt
und will froh sein wenn ich die Sclavenstaaten erst im Rücken weiß und
kanadiensische Erde unter den Füßen fühle«
    »Und ehe das geschieht hast Du noch manche Meile zu durchwandern« murmelte
der Weiße  »Dan Dan Du glaubst gar nicht wie sie in Missouri und Illinois
hinter entlaufenen Negern her sind Es ist entsetzlich schwer durchzukommen«
    »Ja ja« erwiderte der Mulatte sinnend  »ich habe schon oft daran gedacht
am Ende wärs doch noch besser wir gingen auf die Insel  Hölle und Verdammnis
ein Hund führt ja ein besseres Leben als wir hier Es ist dann auch kein
Wunder dass man schlimmer wird als man eigentlich ist und ein Menschenleben
nicht mehr höher achtet wie eben das eines Wolfs oder Panters«
    »Nein  auf die Insel gehe ich nicht« brummte Kotton  »wenigstens so lange
noch nicht als ich hoffen darf auf andere Art zu entkommen Das ist schon
recht gut dass man dort sein Leben gesichert weiß und von den Mühen und
Strapazen die wir Beide mitsammen durchgemacht ausruhen könnte aber der
Schwur  und nachher ist man von lauter Spionen und Aufpassern umgeben die
immer nur darauf lauern Jemanden zu bekommen durch dessen vielleicht
unbedachtes gar nicht so bös gemeintes Wort sie eine hohe Prämie gewinnen
können nein das ist meine Sache nicht Überdies traue der Teufel dem Kram
heut oder morgen nimmt die Sache einmal ein trübseliges Ende und so viel
Erfahrung hab ich doch auch in der Welt gesammelt dass ich weiß wenn irgend
Welche bei solcher Gelegenheit die Zeche bezahlen müssen so sind es stets Die
die am wenigsten damit zu tun gehabt am wenigsten bekannt und vertraut mit dem
Ganzen gewesen Geht es indessen gar nicht anders können wir auf keinem Boote
den Verfolgern entgehen gut dann hab ich nichts mehr dagegen Jetzt aber
wollen wir erst einmal eine Reise nach dem Osten versuchen denn dass wir unsere
Flucht dorthin nehmen könnten halten sie gewiss für am wenigsten glaublich
Sorge also nur für eine ordentliche Büchse denn wir müssen noch Geld zur Reise
anschaffen und das kann nicht ohne Waffen geschehen nachher hab keine Sorge
In der Gesellschaft eines Weißen fragt Dich Niemand nach einem Pass  hat Niemand
ein Recht dazu Dich zu fragen und es müsste mit dem Teufel zugehen wenn wir
nicht glücklich die lumpigen paar hundert Meilen zurücklegen könnten«
    »Nun wenn weiter nichts dazu fehlt « grinste Dan »so hoffe ich dem heute
Nacht abhelfen zu können Ist überhaupt eine Büchse in einem der beiden Häuser 
und ich wette meinen Hals darauf dass wenigstens drei dort sind  so haben wir
sie noch vor Tagesanbruch hier draußen und dann ade Arkansas«
    »Vergiss aber auch die Kugeltasche nicht« sagte Kotton  »es wäre sonst nur
ein nutzloses Stück Eisen«
    »Ihr haltet mich für gewaltig dumm  aber ein paar Stunden müssen wir noch
warten denn die Burschen da drin scheinen gar nicht zur Ruhe zu kommen«
    »Mich wunderts dass die Hunde so still sind« sagte der Weiße nach kurzer
Pause in der er aufmerksam das Haus und seine Umgebung beobachtet hatte 
»keiner der Köter rührt sich und es müssen doch wenigstens elf oder zwölf von
ihnen dort sein«
    »Lässt sich sehr leicht erklären« kicherte der schlaue Mulatte indem er die
Hand gegen das Gebäude ausstreckte  »Dort hinten gerade zwischen dem Haus und
Feld hängt das Hirschfleisch  wir haben Beide gesehen wie es der Eine noch
nicht so lange dorthin getragen hat  Die Hunde aber sind gut genug und keiner
würde es anrühren keiner gönnt es aber auch dem andern oder traut einem der
Kameraden sie liegen alle darunter und bewachen es und ich setze meinen Hals
zum Pfande dass mich keiner wittert wenn ich zum Hause schleiche«
    »Das tust Du allerdings« murmelte der Weiße »Wenn ich nicht ganz irre so
ist dies die Farm auf der Kook wohnen soll und der versteht keinen Spaß
Erwischte er Dich so wäre der Hals gerade derjenige Körperteil der die Zeche
bezahlen müsste Hast Du Deine Waffen«
    »Ihr fragt sonderbar« sagte der Mulatte indem er ein langes schweres
Messer aus der versteckten Scheide zog und in dem matten Dämmerlicht das sie
umgab blinken ließ  »Unbewaffnet  ein Nigger zwischen lauter Weißen Nein
wahrhaftig das wäre nicht mehr Tollkühnheit das wäre Wahnsinn Wer mich
lebendig fangen will der muss früh aufstehen denn auch meine Pistole hier ist
mit kleinen Kugeln geladen«
    »Und sollten die Hunde dennoch anschlagen« sagte Kotton ernst
    »Dann springt nach unserer Verabredung in den Bach« flüsterte der Mulatte 
»an den drei Cypressen finden wir uns wieder«
    »Wäre aber der Platz besetzt«
    »Hm das ist nicht wahrscheinlich  aber freilich möglich nun dann müssen
wir wieder nach dem Hause zurück in dem wir vorgestern Nacht eingebrochen sind
 Ihr kennt da schon unsern Versteck Von da aus können wir auch den Mississippi
leicht erreichen Hölle und Verdammnis hättet Ihr nur das unnütze Blut nicht
vergossen so wären wir auch nicht so weit hier hinunter nach Süden getrieben
und könnten jetzt schon vielleicht in Kanada sein «
    »Oh geh mit Deinen moralischen Vorlesungen zum Teufel« knurrte Kotton 
»hol die Büchse und überlass das Andere mir  Wie ists denn  mir kommts vor
als ob sie drüben zu Bett gehen wollten«
    »Nun Zeit wärs« sagte der Mulatte »aber einschlafen müssen wir sie auch
erst lassen« 
    Kotton hatte recht gesehen Die Nachtluft war wie das stets in diesen
Sümpfen der Fall ist, ungemein feucht und die Männer zogen sich bald in Kooks
Haus zurück um sich ihre Lagerstätten so gut es gehen wollte herzurichten
    Zwei Betten standen nur in dem kleinen Raum und die hatten das eine der
alte Lively das andere Kook und Sander inne James dagegen lag mit Kooks
ältestem Knaben einem Burschen von acht oder neun Jahren auf einem
ausgebreiteten Bärenfell mitten in der Stube Auf dem kleinen an der rechten
Wand befindlichen Tischchen flackerte ein Talglicht und erhellte den Raum kaum
hinlänglich um noch ein paar rohgearbeitete Stühle und eine Art Essschrank
erkennen zu lassen der links vom Eingang und zwischen Kamin und Tür stand
Sonst war einige Regale auf denen die bescheidene amerikanische Wäsche einer
Haushaltung lag ausgenommen nichts von Möbeln zu sehen und die über den
Betten aufgehangenen Kleider der Mrs Kook dienten auch noch indem sie einen
Kleiderschrank vollkommen entbehrlich machten zu Tapeten und Zierraten
    Kooks Knabe war der Letzte der sein Lager suchte dieser hatte eben das
Licht ausgelöscht und sich auf sein Fellbett niedergeworfen als ihn der Vater
der sich indessen auf der knarrenden Bettstelle zurechtrückte frug ob er auch
den Pflock vor die Tür geschoben habe
    »Nein Vater« sagte dieser  »die Hunde sind ja draußen «
    »Die Hunde lagern wie ich eben gehört habe alle hier hinten unter dem
Hirschfleisch« erwiderte Kook
    »Es wird uns wohl Keiner stehlen« lachte Sander »wir sind doch auch
Personen genug und haben ein paar Büchsen im Hause«
    »Nun zu spassen ist nicht« sagte der alte Lively und streckte sich
behaglich aus  »in der vorigen Woche sind weiter im Lande drin viele Diebstähle
vorgefallen und erst vorgestern haben sie wie uns James erzählte einen Mann
gar nicht weit von hier in seiner Hütte überfallen Nicht wahr James Du
brachtest ja die Geschichte mit nach Hause«
    »In Bolweis Haus haben sie wahrscheinlich eine Büchse stehlen wollen«
sagte der also Aufgerufene»Bolwei kam aber noch zeitig genug dazu und vertrieb
sie wieder Weiter hierher zu sind sie dann in derselben Nacht bei Isloos
eingebrochen haben den alten Jsloo schwer am Kopfe verwundet und was sie in
der Geschwindigkeit erwischen konnten meistens Kleider und wertlose Sachen
auch eine Pistole mitgenommen«
    »Ja Jsloo vermisst aber auch jetzt wie ich von Draper gehört habe seine
Brieftasche« sagte Kook »und in der sollen wenn auch kein Geld doch für ihn
sehr wertvolle Papiere sein«
    »Wo hast Du denn Draper gesehen« frug James
    »Draußen im Walde als er meinen Schuss hörte kam er herbei und half mir den
Hirsch mit aufs Pferd heben«
    »Hat man denn gar keine Vermutung wer diese Spitzbuben sein könnten
Gentlemen« frug Sander
    »Wahrscheinlich Kotton und der frühere Mulatte und Helfershelfer Atkins«
sagte Kook  »Kotton soll auch den Mann in Poinsett Kounty erschlagen haben
wenigstens sind alle Sheriffs und Konstabler wenn auch vergebens hinter ihm
hergewesen ihn zu fangen«
    »Und weiß man nicht welche Richtung er überhaupt genommen« meinte Sander
    »Nein  jetzt nicht  wie es den Anschein hat so wollten die Flüchtigen
gen Norden hinauf denn vom Fourche la fave aus waren sie über den Arkansas
gegangen und schon bis an die Straße gekommen die den St Francissumpf von
Memphis nach Batesville durchschneidet Dort aber verübten sie den Mord und
hatten nun augenblicklich die ganze Ansiedelung am Languille  lauter tüchtige
Jäger  hinter sich so dass sie genötigt waren wieder zurück in die Sümpfe zu
flüchten Ob sie nun ihren Plan geändert haben und vielleicht über den
Mississippi wollen oder ob das hier gar Andere sind wer weiß es So viel aber
ist gewiss hier in der Gegend treiben sie sich umher und wir haben uns schon
verabredet beim ersten Zeichen das wir wieder von ihnen finden die ganze
Nachbarschaft aufzubieten und einmal ein ordentliches Treibjagen auf die
Kanaillen anzustellen«
    »Bei Heinze sind vor einigen Tagen ebenfalls mehrere Sachen weggekommen«
meinte der alte Lively schon halb im Schlafe  »ein paar Schuhe und  und der
alte Heinze «
    »Den haben sie gestohlen« lachte Kook
    »Ahem« murmelte der Greis und sein schweres Atmen bewies gleich darauf
seine Unzurechnungsfähigkeit in Allem was für den Augenblick Fragen oder
Antworten betraf
    Auch die Übrigen fingen nach und nach an müde zu werden Kook machte noch
einige Bemerkungen aber schon mit ziemlich schwerer Zunge und geschlossenen
Augen und endlich verriet auch sein Schnarchen wie der ermattete Körper dem
Schlummergott unterlegen war
    Mehrere Stunden mochten so entschwunden sein  tiefe Ruhe herrschte auf der
kleinen Ansiedelung  kein Laut wurde gehört nur das monotone Quaken der
Frösche und dann und wann der Ruf eines auf Beute ausgehenden Nachtvogels
unterbrach das Schweigen Der Mond zeitweise durch vorbeiziehende
Wolkenschleier verhüllt sandte seine matten ungewissen Strahlen über die
Lichtung und es schien fast als ob er selbst da oben müde würde und sich
hinabsehne in sein kühles laubiges Bett 
    Da schlich leise und vorsichtig eine dunkle Gestalt über den schmalen freien
Raum der die Wohnung von dem benachbarten Dickicht trennte Lautlos war ihr
Schritt geräuschlos jede ihrer Bewegungen und als sie die nur angelehnte Tür
erreicht hatte stand sie dicht an den Pfosten geschmiegt still und lauschte
wohl mehrere Minuten lang auch dem leisesten Atemzug im Innern der Hütte Dann
erst als sich dem scharfen Ohr nichts Verdächtiges darbot öffnete der
Verbrecher mit sicherer Hand die Pforte und schlüpfte hinein
 
                                    Fußnoten
1 Zwischen den beiden kleinen Flüssen Kash und Day de view liegt eine so
undurchdringliche Sumpfstrecke dass nur selten ein Jäger kühn genug ist dort
einzudringen da er es nie möglich machen kann das was er wirklich auf der
Jagd erbeuten sollte auch fortzuschaffen Es ist das jetzt der einzige Platz in
den Vereinigten Staaten wo sich der Büffel noch ringsum von Ansiedelungen
umgeben in einzelnen Heerden findet und auch nicht trotzdem er fast nur Jäger
in seiner Nachbarschaft hat ausgerottet werden kann
 
                                      12
                                        
                                  Der Mulatte
Der Mulatte denn dieser war es hielt noch immer die wieder festangedrückte
Tür in der Hand Vorsichtig lauschte er dabei dem geringsten Ton um sich erst
vollkommen davon zu überzeugen ob auch wirklich Alle schliefen und nicht
vielleicht ein Einzelner nur ruhig auf der Lauer liege den nächtlichen Feind zu
beobachten und zu überfallen  Lange verharrte er auch in dieser Stellung und
glich eher einer aus dunklem Stein gehauenen Statue als einem menschlichen
atmenden Wesen
    Undurchdringliche Finsternis herrschte in dem kleinen Raume welcher die von
des Tages Anstrengung und Hitze ermüdeten Männer umschloss Das Feuer im Kamin
war niedergebrannt und nur zwischen den oberen Balken hindurch fand das matte
Dämmerlicht des Mondes einen schwachen Eingang  Nichts regte sich  kein Ton
wurde laut als das regelmäßige Atmen der Schlafenden Der Mulatte konnte das
Schlagen seines eigenen Herzens deutlich ja so deutlich hören dass er schon
fürchtete es müsse ihn verraten und er presste die breite schwielige Hand fest
darauf diese augenblickliche Schwäche zu besiegen
    Endlich mochte er sich wohl überzeugt haben dass ihm hier noch keine Gefahr
drohe Er griff jetzt leise hinauf über die Tür wohin die Farmer stets auf
dort eingeschlagene Pflöcke ihre langen Büchsen legen und ein triumphirendes
Lächeln durchzuckte sein dunkles Angesicht als er den Lauf der gehofften Waffe
fühlte Schnell und ohne Zögern hob er sie herunter Nun musste er aber auch noch
die Kugeltasche haben und dem Jägergebrauch nach hing diese an der andern Seite
beim Kolben und zwar an demselben Haken der diesen trug
    Mit einem Schritte war er drüben aber  »Pest« knirschte er leise zwischen
den Zähnen hindurch als er den leeren Platz dort fühlte Sie war nicht da und
wo sollte er jetzt zwischen den nur leicht schlafenden Männern die kleine Tasche
finden Musste ihn nicht das unbedeutendste Geräusch verraten und würde es ihm
möglich sein zu entkommen sobald er erst einmal von diesen kühnen und in der
Verfolgung so scharfsichtigen Söhnen des Waldes entdeckt und wirklich verfolgt
würde Hier aber half kein Besinnen denn er wusste dass ihn sein weißer
Begleiter nicht ohne Gewehr durch die Sclavenstaaten der Freiheit entgegenführen
würde Überdies war er nun doch einmal mitten zwischen den Feinden die Zähne
also fest auf einander gepresst die Rechte am Griff des scharfen Stahls fühlte
er seinen Weg links an der Wand hin und hoffte dabei die ersehnte Kugeltasche
auf irgend einer Stuhllehne oder auf jeden Fall neben dem Kamin aufgehangen zu
finden
    Jetzt war er an dem Wandschrank der das einfache Haus und Küchengerät der
Familie trug und unten  er streifte mit dem Bein daran  stak der Schlüssel
Das musste jedenfalls der Aufbewahrungsort für Lebensmittel sein und so stark
quälte ihn in diesem Augenblick nagender Hunger dass er alles Andere vergaß ja
selbst die Gefahr nicht achtete der er sich aussetzte und so geräuschlos wie
möglich die kleine Tür öffnete
    Mit welcher Gier fühlte er aber dort eine große Schüssel die wie er sich
bald überzeugte Milch enthielt Freudig hob er sie an die trockenen Lippen um
in langen durstigen Zügen die süße Labung einzusaugen Kaum konnte er sich
entschließen wieder abzusetzen und tappte nun vor allen Dingen nach etwas
Kompacterem umher was er auf seine Wanderschaft mitzunehmen gedachte Er fand
zwar nur wenige Stücken Maisbrod schob diese jedoch schnell in sein Hemd vorn
das der Gürtel zusammenhielt und hob nun noch einmal das Gefäß an den Mund
    »Lasst mir auch noch was drinnen« sagte da plötzlich eine Stimme dicht
neben ihm und fast wäre ihm vor lähmendem Schreck das schwere Gefäß aus der
Hand gestürzt  Seine Glieder bebten  regungslos stand er da und wagte kaum zu
atmen
    »Mr Kook« sagte dieselbe Stimme jetzt wieder  »Mr Kook«
    »Was gibts« frug dieser schlaftrunken aus seinem Bett  »treib ihn
hinaus  er ist über die Fenz gesprungen«
    »Wer« frug Sander erstaunt
    »Der Rappe« murmelte Kook
    »Unsinn  schwatzt der im Schlafe von Pferden und Fenzen  ich glaubte Ihr
wäret aufgestanden und tränkt einmal«
    »Ja ja  was gibts« rief jetzt Kook der sich munter werdend im Bette
aufrichtete  »rieft Ihr mich«
    »Ich bin fürchterlich durstig« sagte Sander »und glaubte ich hörte Euch
trinken  Wo steht denn das Wasser«
    »Draußen vor der Tür auf dem kleinen Brett  gleich links« erwiderte ihm
der jetzt ganz munter gewordene Kook  »der Flaschenkürbis zum Ausschöpfen hängt
dicht darüber am Nagel Wollt Ihr aber nicht lieber Milch trinken im Schranke
steht eine ganze Schüssel voll  sie wird doch bis morgen früh sauer«
    Der Mulatte setzte schnell und leise die Schale nieder und zog das Messer
aus der Scheide  seine Entdeckung schien jetzt unvermeidlich denn in der
Dunkelheit durfte er ohne sich zu verraten keinen Schritt wagen Wusste er
doch gar nicht wohin und auf wen er treten konnte
    »Nein ich danke« sagte Sander  »Wasser wäre mir lieber das ist aber eine
Finsternis hier man kann Hals und Beine brechen«
    »Blast die Kohlen im Kamin ein wenig an« rief ihm Kook zu  »rechts in der
Ecke liegen ein paar Kienspäne«
    Der Mulatte fasste sein Messer mit festerem Griff und hoffte jetzt nur noch
sobald das Feuer emporflackerte auf die erste Überraschung der Männer um das
Freie glücklich zu erreichen Vorher durfte er keinenfalls wagen seinen Platz
zu verlassen da er im Dunkeln ja kaum die genaue Richtung kannte die er zu
nehmen hatte und ihm überdies dort wo er sich gerade befand noch allein die
Hoffnung blieb nicht entdeckt zu werden Sander blies jetzt mit aller Macht in
die heiße Asche vermochte aber keine Flamme zu erwecken sondern blies sich nur
die Asche ein paar Mal selber in die Augen Endlich sprang er unwillig wieder
auf und rief aus
    »Der Teufel mag das Feuer holen  nicht die Probe von einer Kohle ist mehr
zu finden«
    »Ihr könnt ja nicht fehlen und braucht gar nicht aus dem Hause zu treten«
bedeutete ihn Kook  »wenn Ihr auf die Schwelle tretet habt Ihr den Wassereimer
gleich linker Hand«
    »Wie viel Uhr ists« frug jetzt James der ebenfalls wieder munter geworden
war
    »Es kann noch nicht so spät sein« erwiderte Sander  »aber Donnerwetter
jetzt hab ich mir die Knochen an einem Büchsenschloss geschunden  und  was ist
denn das Die Tür steht ja hier auf  da wird wahrscheinlich einer von den
verwünschten Kötern hereingekommen sein Wer lässt aber auch die Büchse hier
unten stehen«
    »Nun meine Büchse kann es doch wahrhaftig nicht sein« rief Kook »die hab
ich gestern Abend selbst hinauf auf ihren Platz gelegt«
    »Dann ist sie auch von selber wieder heruntergekommen« brummte Sander
»denn hier steht sie und das Zeichen davon trag ich am Schienbein«
    »So hat sie der verwünschte Junge gehabt  he Bill«
    »Oh lasst den um Gottes willen schlafen es wäre schade das schöne
Schnarchen zu stören Der Herr sei uns gnädig der bläst ja wie nach Noten«
    Sander legte bei diesen Worten das Gewehr wieder an seine Stelle hinauf
trat dann in die Tür fand den Eimer und trank das kühlende Wasser mit mehreren
Ausrufungen unverkennbaren Wohlbehagens
    »Ach« sagte er als er mit dem langstieligen Flaschenkürbis wieder den
Nagel suchte an dem er gehangen »das tat gut  es gibt doch nichts
Herrlicheres wenn Einen recht durstet als ein Schluck Wasser«
    »Besonders wenn halb Whisky drin ist« fiel hier Kook ein der ebenfalls
zum Eimer trat seinen Durst zu löschen  »wo sind denn aber all die Hunde 
he Deik  he Ned Bohs Watch hallo hier Wo steckt Ihr Kanaillen alle«
    Die Tiere die bis jetzt hinten am Hause gelegen hatten kamen winselnd
hervor wedelten vor der Tür herum und wollten an ihrem Herrn hinausspringen
    »Fort mit Euch Ihr Bestien  nieder« rief aber Kook  »was liegt Ihr alle
miteinander dort hinten unter dem Hirschfleisch  Einer ist genug  Du Watch
 willst Du hinaus  Du Bohs  so hol doch der Teufel die Hunde  willst Du
fort Kanaille«
    »Was haben sie denn« frug James
    »Ei die Sappermenter wollen mit aller Gewalt hier herein« rief Kook
ärgerlich  »und schnüffeln als wenn sie eine wilde Katze auf dem Baume hätten
 hol sie der Henker«
    Mit vieler Mühe gelang es ihm erst die Tür zu schließen denn die beiden
größten der Hunde schienen sich ihren Weg in das Innere der Wohnung erzwingen zu
wollen Endlich aber brachte er den hölzernen Pflock vor tappte während er
Sander dabei führte zu seinem Lager zurück und legte sich wieder nieder
schimpfte jedoch dabei noch fortwährend auf die »Bestien« wie er sie nannte
die draußen vor der Tür lagen und winselten
    Sander schlief endlich wieder ein Kook wälzte sich aber noch immer unruhig
auf dem Bett herum denn die Hunde wurden mit jedem Augenblick lärmender und
kratzten jetzt schon an der Pforte und an der Seite des Gebäudes an welcher der
Schrank stand Einer  wahrscheinlich Bohs der Hausgelegenheit kannte  hatte
sich sogar durch irgend ein lockeres Brett unter dasselbe gearbeitet und heulte
nun hier auf schauderhafte Art
    »Nein« schrie Kook endlich indem er wieder aufsprang  »das ist zum
Rasendwerden Wenn die Kanaillen jetzt nicht augenblicklich ruhig sind so
begehe ich einen Mord Sie müssen aber doch wahrhaftig etwas wittern sonst
könnten sie sich ja gar nicht so toll und wunderlich anstellen«
    »Wittern« brummte Sander der durch den Lärm ebenfalls wieder munter
geworden war  »was sollen sie denn hier wittern  Ich hatte als ich in der
Tür stand die Büchse in der Hand und nun glaubt das dumme Viehzeug
wahrscheinlich wir wollten Waschbärjagen gehen  Mir wärs jetzt gerade so«
    Kook stolperte indessen mit halb verbissenem Fluchen zur Tür riss diese auf
und begrüßte hier die ihn fröhlich anbellenden Köter mit einem Hagel von
Schimpfwörtern wie auch noch anderen derberen Gegenständen die ihm gerade in
die Hand fielen
    »Da« rief er dabei als er etwas nach dem ihm zunächststehenden schleuderte
 da Du Kanaille  und da  Du Beest Du  und da das für Dich Du feinpipige
Quietscheule Du und das für Dich Du nichtsnutzige heulende Hundeseele Und
nun rührt Euch wieder Ihr Racker  muckst Euch wenn Ihr es wagt Und Du
Bohs kommst unter dem Hause vor  hierher Sir  hol Dich Dieser und Jener
rühr Dich aber noch einmal dann weißt Du wie wenig ich Spaß verstehe Fort
mit Euch ans Fleisch wo Ihr hingehört  Du Bohs  zurück da  dass Du Dich
unterstehst
    Die Hunde gehorchten endlich wenn auch mit vielem Widerstreben und Kook
schloss die Tür zum zweiten Mal
    »S ist doch eine Finsternis hier« sagte er jetzt während er sich
umdrehte um zu seinem Bett zurückzutappen dass »man die Hand nicht vor Augen
sehen kann  wo bin ich denn hier eigentlich hingeraten  Wetter noch einmal
das ist hier der Schrank  da muss ich ja rechts hinüber«
    »Hier lieg ich« sagte Sander der sein Lager mit ihm teilte
    »Komme gleich« erwiderte Kook und stand in diesem Augenblick unter dem
gezückten Jagdmesser des Mulatten kaum zehn Zoll von diesem entfernt der sich
so dicht es gehen wollte an die Wand gedrängt hatte Ein einziger Schritt  ein
einziges Ausstrecken der Hand musste ihn mit dem hier Eingeschlichenen in
Berührung bringen und dass der zum Äußersten getriebene Gelbe sich dann auch
nicht bedenken würde den Feind unschädlich zu machen der für den Augenblick
seiner Flucht hemmend im Wege stand war vorauszusehen Kooks guter Geist
lenkte jedoch seine Schritte dass er sich dicht vor der dunkeln Gestalt wandte
und quer über Bills Bett über diesen und James hinweg seinem eigenen Lager
zuschritt auf das er sich ermüdet warf und auch bald wieder einschlief
    Grabesschweigen herrschte aufs Neue in der kleinen Wohnung  Das
regelmäßige Atmen unterbrach allein wieder die Stille und vorsichtig hob der
Mulatte jetzt noch einmal die Schale trank auch den letzten Rest Milch und
schlich nun so geräuschlos als möglich zur Tür zurück Da stieß er mit dem Fuß
an einen ihm durch Kook in den Weg geschobenen Stuhl und zwei Stimmen atmeten
nicht mehr  er wusste sie waren erwacht oder wenigstens gestört Bewegungslos
blieb er an seiner Stelle und fand bald dass  glücklich für ihn  nur das
Letzte der Fall gewesen sein musste denn bald darauf fielen sie wieder in den
allgemeinen Chor ein und Dan begann seinen Weg weiter zu fühlen
    Als er aber den Stuhl vorsichtig bei Seite schieben wollte berührte sein
Finger an der Stuhllehne einen Ledergurt rasch fuhr er daran hinunter und fand
hier  die lang ersehnte Kugeltasche Schnell hing er sie um seinen Nacken und
wollte eben den Stuhl verlassen da fühlte er auf dem Sitz desselben noch eine
zweite Welches war nun die richtige Und einen Moment stand er unschlüssig 
aber auch nur einen Moment denn solche Kleinigkeit konnte ihn nicht lange die
gefährliche Lage vergessen machen in der er sich befand Um sicher zu gehen
nahm er alle beide trat geräuschlos an die Tür fühlte nach der Büchse die
Sander wieder hinaufgelegt hatte hob sie leise herab und zog jetzt den Pflock
heraus der die Tür verschlossen hielt
    Waren die Hunde noch auf der Wacht  In diesem Falle war er verloren
gewesen denn die Meute die erst vor wenigen Wochen einen fünfjährigen Bären
gestellt und bezwungen hatte würde den fast wehrlosen Schwarzen augenblicklich
in Stücke zerrissen haben Sein Herz schlug daher als er die Tür ein klein
wenig öffnete wie ein Hammer Glücklicher Zufall  keiner der Hunde lag vor der
Tür  Der Befehl des Herrn hatte sie alle hinter das Haus gewiesen und konnte
er jetzt nur fünfzig Schritt Vorsprung gewinnen so war er gerettet 
geräuschlos öffnete er die Pforte
    »Seid Ihr es Mr Hawes« frug jetzt James der in diesem Augenblick von dem
kalten gerade über ihn hinstreichenden Luftzug erwachte  »ha  wer ist an der
Tür«
    Keine Antwort erfolgte  kein Laut ließ sich hören und der Fragende glaubte
schon geträumt zu haben Der Dieb aber stand auf der Schwelle  im Freien  die
kalte Nachtluft kühlte seine in Fieberglut brennenden Wangen und vorsichtig
glitt er in der Dunkelheit dem nahen Dickicht zu um die schlafenden Wächter
nicht zu ermuntern und unentdeckt zu entkommen Schon hatte er die niedere Fenz
erreicht welche die Wohnung umgab und zitternd überstieg er sie als er mit
dem linken Fuß den Stiel einer Hacke berührte die daran lehnte und jetzt
umfiel
    Da schlug Bohs an  ihm folgte Watch und im nächsten Augenblick brachen die
Hunde um das Haus herum Mit langen mächtigen Sätzen floh aber auch jetzt der
Mulatte die gewonnene Büchse hoch emporhaltend dem Walde zu hatte gerade als
die Meute auf seiner Fährte heulend anschlug das Dickicht erreicht rief da er
den Gefährten nicht sehen konnte »Ins Wasser  ins Wasser«  sprang dann
selbst ohne auch nur eine Sekunde Zeit zu verlieren in den kleinen Bach und
watete so schnell es ihm möglich war stromab
    Noch hatte er sich übrigens keine fünfzehn Schritt von der Stelle wo er den
Wasserrand zuerst betrat entfernt als auch die Hunde bellend und kläffend
mit den Nasen am Boden dort ankommend ohne Weiteres hindurchsetzten und auf
der andern Seite in der Irre umhersuchten Da schlug ein junger Brake
wahrscheinlich auf einer Kaninchen oder Waschbärenfährte an und obgleich Bohs
und Watch im Anfang gar nicht gesonnen schienen dem Lärmenden zu glauben so
wurden sie doch zuletzt selbst durch das wilde Toben der Meute verlockt und
brachen jetzt in langen Sprüngen hinterher um die Jagd nicht zu versäumen und
in der Verfolgung wie gewöhnlich die ersten zu sein
    »Hahaha« lachte der Mulatte vor sich hin als er dem sich weiter und weiter
entfernenden Toben lauschte  »wie sich das Hundezeug jetzt abquälen wird um
etwas zu finden was gar nicht da ist Aber die Zeit vergeht  heh Kotton  wo
seid Ihr«
    »Hier« flüsterte dieser der leise in dem Bach heranschritt  »alle Wetter
das hätte schlecht ablaufen können  und die Büchse hast Du wohl auch nicht«
    »So Meint Ihr etwa  Hier ist sie  nehmt schnell  da  die Taschen auch
eine von beiden wird wohl die rechte sein Aber nun fort hatten wir früher als
die Hunde noch am Hause lagen vortrefflichen Wind so wird er jetzt wenn sie
zurückkehren um so schlechter«
    »Wir müssen in die Hügel  Dort entgehen wir am leichtesten jeder
Verfolgung« sagte Kotton
    »Ja aber den Bach dürfen wir in der ersten halben Stunde noch nicht
verlassen und nachher heißts erst recht Fersengeld geben Kook ist ein
verdammt guter Spürer und die Anderen werden ihm wohl auch nichts nachgeben«
    »Also fort« flüsterte sein Begleiter während er mit dem Ladestock
versuchte ob die Waffe geladen sei  »hier wirds mit jeder Sekunde unsicherer
und seit ich das Eisen in der Hand fühle ist mirs um hundert Procent leichter
ums Herz«
    Die beiden Männer schritten jetzt schnell in dem seichten Bach hinauf der
mehrere der niederen Hügel von einander trennte und verließen ihn erst dann
als er sich zu weit westlich wandte und sie doch vor allen Dingen dem
Arkansasfluss zustreben mussten Es war dies eine Stelle wo sich die Ufer von
beiden Seiten ziemlich schroff und felsig emporhoben und nur rechts in eine
ebenere aber auch steinige Fläche ausliefen während sie links bis zum Gipfel
des höchsten Bergkammes aufstiegen
    Dieser wollten sie ihre Bahn wieder zurücknehmend folgen denn sie wussten
dass sie dann Helena oder doch die Umgegend der Stadt erreichen mussten Hier
hofften sie im Stande zu sein sich eine Weile versteckt zu halten Drohte ihnen
aber auch da Gefahr ei nun so ließ sich dort leicht ein Boot stehlen um damit
das gegenüberliegende sichere Ufer zu erreichen
                                       
    »Ei so wollt ich denn doch dass die verdammten Hunde beim Teufel wären«
rief James aufspringend  »das ist ja ein Heidenlärm die ganze Nacht hindurch 
kein Auge kann man zutun Nun hör nur Einer die Bestien«
    »Hallo  was gibts« sagte jetzt auch gewaltsam den Schlaf abschüttelnd
Kook  »mit wem spracht Ihr James  wer war an der Tür«
    »Was haben denn die Hunde« frug ebenfalls der noch halb schlaftrunkene
Sander
    »Mit wem ich sprach« sagte der Angeredete sich die Augen reibend »ja wie
zum Henker soll ich denn das wissen Die Tür ging auf das wollt ich
beschwören und ich dachte es wäre Einer von Euch ich war aber so im Schlafe
dass ich mich geirrt zu haben glaubte und wieder zurück aufs Kissen fiel Gleich
darauf ging der Skandal mit den Hunden los die jetzt in «
    »Beim ewigen Gott  die Tür ist offen und meine Büchse fort« schrie in
diesem Augenblicke Kook der indessen auf die Schwelle getreten war dort aber
kaum den innern Vorstecker weggezogen fand als er auch schon fast
instinctartig nach der eigenen Waffe griff
    »Kann man denn die Tür von außen öffnen« frug jetzt Sander
    »Gott bewahre« rief Kook ingrimmig mit dem Fuße stampfend »die Spalten
sind alle sorgfältig mit Klötzen und Brettern vernagelt  Einer von Euch muss den
Vorstecker wieder zurückgezogen haben«
    »Es hat sich Keiner von uns gerührt« rief James
    »Dann ist auch Jemand hier drinnen gewesen«  tobte Kook  »Pest und Donner
 jetzt weiß ich auch weshalb die Hunde so außer sich waren und mit
Teufelsgewalt hier herein wollten  und ich Esel muss dem Schuft auch noch
fortelfen«
    »Habt Ihr kein Feuerzeug hier im Hause« frug jetzt Sander  »es ist ja eine
Dunkelheit dass man Hals und Beine brechen möchte«
    »Wartet  lasst mich vor « sagte James  »ich will gleich Feuer anmachen 
ich weiß hier Hausgelegenheit  Ihr findets doch nicht«
    Kook tappte indes im Dunkeln nach den Kugeltaschen umher
    »Himmel und Hölle« brummte er dabei vor sich hin  »sollte der
gottvergessene Halunke  Bill  Bill Hat der Bengel einen Schlaf  Bill Sag
ich  wo hast Du die Kugeltasche hingehängt«
    Bill fuhr nun zwar empor als er seinen Namen hörte begriff jedoch noch
lange nicht was man von ihm wollte James aber emsig damit beschäftigt
einzelne Kohlen unter der Asche vorzuschüren und zu neuer Glut anzublasen 
sagte
    »Auf dem Stuhl  links von der Tür  hängt die eine  und die andere 
verdammte Asche das beißt schändlich in den Augen  und die andere muss auf dem
Sitze liegen  die gehört zu meiner Büchse«
    »Auf welchem Stuhl« rief Kook schnell indem er den ihm nächst stehenden
von oben bis unten befühlte
    »Auf dem dicht an der Tür  zwischen dieser und dem Schranke«
    »Dann sind sie fort« knirschte Kook den Stuhl gewaltsam von sich
schleudernd dass er über den noch immer halb schlafenden Bill wegfiel und diesen
schneller als es sonst wohl der Fall gewesen auf die Beine brachte
    »Beide« rief James erschreckt und leuchtete mit einem eben entzündeten
Kienspan überall im Zimmer umher  »die meine auch Beim ewigen Gott  auf den
Stuhl da habe ich sie selbst gelegt  die Büchse ist auch fort und die Türe
offen  über das Geschehene brauchen wie also gar nicht mehr im Zweifel zu sein
Der diebische Hund war hier im Zimmer und lacht sich jetzt ins Fäustchen«
    In wilder Hast kleideten sich nun die Männer an während Bill das Feuer im
Herde heller lodern machte und das Licht ebenfalls wieder anzündete dass sie
wenigstens den kleinen Raum übersehen konnten Kooks Wut aber als er das
geleerte Milchgefäss fand kannte keine Grenzen und er schwur und fluchte auf
höchst gotteslästerliche Art Was aber jetzt tun Nach den Sternen war es kaum
Eins vorbei und in solch dunkler Nacht ohne die Hunde eine Verfolgung zu
beginnen wäre Wahnsinn gewesen Liessen sie aber die Flüchtigen bis Tagesanbruch
unverfolgt so gewannen diese einen solchen Vorsprung dass ein Nachsetzen
hoffnungslos werden musste
    »Dass man auch gar nichts mehr von den Hunden hört« rief James ärgerlich und
horchte noch immer nach ihnen in die Nacht hinaus »das Beste wird doch am Ende
sein ich sattle mein Pferd und reite in den Wald Vielleicht sind die Tiere
der rechten Spur gefolgt haben den Schuft auf irgend einen Baum getrieben und
liegen darunter und heulen«
    »Unsinn« sagte der alte Lively der indessen ebenfalls mit Ankleiden fertig
geworden war  »wenn der Bursche da aus der Tür sprang als Du ihn anriefst 
denn das habe ich deutlich gehört  so hat er auch höchstens zweihundert Schritt
Vorsprung gehabt ehe ihm die Hunde auf den Hacken waren und dann blieb ihm
keine Zeit mehr zu entkommen In hundert Schritt weiter mussten sie ihn eingeholt
haben wären sie wirklich der richtigen Fährte gefolgt Nein sie sind ins
Blaue hinein getobt und wer weiß wann sie wieder zurückkommen«
    »Wie wärs denn wenn wir einmal das Horn bliesen Vater« sagte Bill
»vielleicht sind sie nicht so weit fort und können es noch hören«
    »Wird wenig helfen wir wollens aber versuchen  Tod und Teufel was für
ein Hauptspass wäre das geworden wenn die Hunde den Schuft auf frischer Tat
erwischt hätten«
    »Nun zu spät ists noch immer nicht« brummte James »ich habe wenigstens
eine Kugel im Rohr und die hoff ich werd ich dem nächtlichen Halunken wohl
noch auf den Pelz brennen Wo aber zum Donnerwetter ist denn mein einer Schuh 
Ich habe doch alle beide hier neben einander hingestellt«
    »Ich kann meine Stiefel auch nicht finden« sagte Sander  »nun weiter
fehlte nichts als dass uns die Kanaille auch noch das Schuhwerk mitgenommen
hätte«
    »Die werden draußen liegen« brummte Kook ärgerlich während er in die Türe
trat  »ich habe glaub ich solche Dinger wie Schuh oder Stiefeln nach den
verwünschten Kötern geworfen als sie das Heulen gar nicht lassen wollten«
    »Sehr schön das« meinte Sander als er jetzt draußen im Dunkeln mit bloßen
Füßen zwischen den Spänen und Holzstücken nach den verlorenen Schuhen
umhersuchte »das geht sich hier prächtig barfuß auf den scharfen Splittern 
Herr Gott  ich glaube  ich habe mir die Zehen abgestoßen«
    James kam ihm jetzt mit einem brennenden Kienspan zu Hilfe und sie fanden
bald ihr wild umhergestreutes Schuhwerk während Kook den Schall des Horns laut
und gellend in die stille Nacht hinaustönen ließ Lange aber musste der Farmer
vergeblich blasen und schon wollte er das einfache Instrument unmutig bei
Seite werfen als ein leises Winseln wenigstens einen der sich nähernden Rüden
verkündete Gleich darauf kam auch Vohs den langen buschigen Schwanz fest
zwischen die Läufe geklemmt mit dem Bauch fast die Erde streichend heran und
schlich demütig zu seinem Herrn hinan Es war fast als ob er diesem auf jede
nur mögliche Art und Weise dartun wollte wie tief zerknirscht er sich seines
so ganz eines ordentlichen Hundes unwürdigen Betragens wegen fühle und wie leid
ihm der begangene Fehler tue
    Kook war jedoch über des treuen Tieres Rückkehr viel zu sehr erfreut als
dass er es lange hätte mit Vorwürfen überhäufen sollen Er schleuderte ihm nur
als erste Begrüssungsformel einige Kernflüche entgegen die Bohs auch ohne
weitere Bemerkung einsteckte und streichelte dann dem durch ein einzig gütiges
Wort Beruhigten mit unverkennbarer Freude den Kopf
    »So recht mein Alter  lass die anderen Kanailleu laufen wir Beide wollen
dem Burschen schon auf die Spur kommen Wirds nur erst wieder hell so müsste er
ja mit dem Bösen im Bunde stehen wenn er nicht wenigstens eine Fährte
hinterließ denn durch die Luft kann er doch wahrhaftig nicht davongesegelt
sein«
    »Wo aber jetzt suchen« sagte James  »ich begreife gar nicht dass die
Hunde die so dicht hinter ihm gewesen sein mussten seine Spur sollten verloren
haben«
    »Passt einmal auf der hat den Bach angenommen« beteuerte der Alte »Der
Wind streicht von hier dort hinüber wittern konnten sie ihn nicht gut und wenn
er von seiner Fährte absprang so ist nichts wahrscheinlicher als dass die Hunde
dadurch irre geführt wurden«
    »Dann wird er sich auch stromab dem Mississippi zu gemacht haben« rief
James »wo der Bach wenigstens für ein Kanoe schiffbar wird hat er das
vielleicht angebunden und ist während wir in den Bergen auf kalter Fährte
umherhetzen lange im Strom oder im andern Staate drüben«
    »Dort hat gestern Abend kein Kanoe gelegen« wandte hiergegen der junge Kook
ein »das weiß ich gewiss Noch vor Dunkelwerden war ich mit Turners Henry
unten um ein paar Fische zu fangen und wir sind unter jedem Busch in der
ganzen Nachbarschaft herumgekrochen«
    »Waren keine Fährten zu sehen« frug sein Vater
    »Nicht eine denn wir schauten uns auch noch besonders genau nach
Otterzeichen um und hätten doch gewiss in dem weichen Boden die Fußstapfen eines
Mannes erkennen müssen«
    »Dann sind sie in die Hügel« rief Kook »Hat übrigens hier wie ich kaum
noch zweifeln kann der verdammte entsprungene Mulatte die Hand im Spiele so
sei Gott unseren Pferden gnädig  dann dürfen wir auch keinen Augenblick Zeit
mehr verlieren«
    »In Nacht und Nebel wird Ihnen aber eine Verfolgung wenig nützen« nahm hier
Sander das Wort der bis dahin sinnend am Kamin gestanden  »Wär es nicht
besser Sie warteten das Tageslicht ab und ritten dann gleich zum nächsten
Richter die nötige Anzeige davon zu machen«
    »Und was sollte der uns helfen« frug der alte Lively verächtlich während
er aus Leibeskräften in den verkehrten Ärmel seiner Jacke fuhr  »wenn der was
ausrichten wollte müsste er uns doch immer wieder dazu rufen Nein nach müssen
wir und das gleich Bill mag die Pferde holen glücklicher Weise sind sie
drüben über dem Bache im Schilfbruch wo der Mulatte nicht hin sein kann sonst
hätten ihn die Hunde schon«
    »Ja wohl Lively hat Recht« rief Kook »wir können ja so lange es dunkel
ist die Pferde an den Zügeln nehmen und vorsichtig am Bachufer hin suchen
Begreift Bohs erst einmal was wir wollen so hats weiter gar keine Not«
    »Mit dem einen Hunde wird es freilich eine langweilige Geschichte werden«
meinte James »Bohs kann doch bloß auf einem Ufer suchen und der Flüchtling
indessen immer auf dem andern den Bach verlassen haben wenn er  was überhaupt
noch erst bewiesen werden muss diesem wirklich gefolgt ist«
    »Gefolgt muss er ihm sein« meinte Kook »sonst hätten ihn die Hunde auf
jeden Fall gespürt  Wie dem aber auch sei Glück gehört allerdings zu einer
solchen Nachtetze Bleiben wir jedoch ruhig im Haus so können wir gar nicht
erwarten dass wir irgend etwas ausrichten denn hierher kommt er nicht wieder
Also fort Bill hol uns die Pferde  die Sättel liegen dort in der Ecke 
gehen Sie mit Mr Sander«
    »Ei das versteht sich« lachte dieser »bin ich auch kein so vorzüglicher
Spürhund wie ein alter Pionier so hoffe ich doch meinen Mann zu stehen 
Übrigens möchte ich Sie noch einmal darauf aufmerksam machen ob es nicht doch
vielleicht besser wäre die Sache zuerst den Gerichten anzuzeigen wir können ja
nachher immer noch «
    »Wir wollen um Gottes willen die Gerichte nicht bemühen« sagte James
unwillig  »jetzt haben wir auch wirklich gar keine Zeit mehr an sie zu denken
Der Dieb ist noch dazu bewaffnet und gut bewaffnet denn Kooks Büchse schießt
scharf und da sind wir es sogar den Nachbarn schuldig ihm wenigstens wenn wir
ihn wirklich nicht einholen könnten doch so dicht auf den Fersen zu bleiben
dass er weiter keinen Schaden anrichten kann«
    »Ja wahrlich gut bewaffnet ist er«  knirschte Kook zwischen den
zusammengebissenen Zähnen hindurch indem er sich den breiten Ledergurt mit dem
Jagdmesser umschnallte »Gott sei ihm aber gnädig wenn er mir unter die Hände
fällt das Eisen renne ich ihm zwischen die Rippen bis ans Heft«
    Er sprang jetzt hinaus dem Sohne mit dem Einbringen der Pferde zu helfen
die mit solch nächtlichem Ritt keineswegs einverstanden schienen Auch die
Hunde kehrten nun nach und nach einzeln zurück doch hatten sie sich zu schlecht
bewährt um großes Vertrauen beanspruchen zu können Sie erhielten deshalb mit
Wort und Peitsche gemessene Befehle beim Hause zu bleiben denn die Jäger
fürchteten auch nicht ohne Grund durch die vielen Nasen Unheil und Verwirrung
anzurichten Bohs blieb jetzt seines Herrn einzige Hoffnung aber auch diese war
schwach genug wenn er bedachte wie unsicher eine solche Verfolgung sei wusste
ja doch der Hund nicht einmal welches Wild er hetzen sollte
    Der alte Lively ging nun vor allen Dingen an das andere Haus um seine
Büchse von dort zu holen und Kook damit zu bewaffnen er selbst nahm einen
leichten Reifel der ebenfalls über dem Kamine lag und seines kleinen Kalibers
wegen sonst nur zu Eichhörnchenjagden benutzt wurde Sander bekam eine alte
Schrotflinte  ebenfalls Kooks Eigentum die dieser einmal von einem deutschen
Krämer erhandelt hatte und also bewaffnet gingen die Männer an die Verfolgung
des kühnen Diebes
    Das Einzige was ihnen jedoch nur eine Aussicht auf Erfolg versprach war
gleich von Haus aus den klugen Hund auf die Fährte zu setzen und dieser schien
auch da recht gut zu begreifen was er eigentlich solle Am Bach hörte aber jede
Spur auf und stromauf und ab suchten sie nun mit ungeschwächtem Eifer bis der
Morgen schon seinen grauen Dämmerschein über die rauschenden Wipfel der
Niederung ausgoss ohne dass sie ihrem Ziele auch nur eine Hand breit näher
gerückt wären
    Trotz Bills Beteuerung hatten sie nämlich noch einmal den Bach hinab
gesucht freilich ohne auch nur das mindeste Zeichen von einem Boote zu finden
und sie mussten es sich nun eingestehen stromauf liege noch die einzige
Möglichkeit den Flüchtling einzuholen
    »Es bleibt uns nichts weiter übrig« sagte Kook endlich unmutig »als noch
einmal in die Hügel zu steigen  Es wird jetzt hell und wer weiß ob der
Bursche nicht doch vielleicht in der Dunkelheit seine Fährte irgendwo so
hinterlassen hat dass wir sie bei Tageslicht erkennen und dann natürlich
verfolgen können Du Bill magst die Pferde bis zu dem zweiten
Hügeldurchschnitt nehmen  reite nur voran und warte dort wo wir vorgestern den
Bienenbaum fällten Brauchen wir sie eher was ich von Herzen wünschen will so
blase ich das Horn Finden wir aber ihre Spuren bis dorthin nicht so bleibt uns
nichts Anderes übrig als verschiedene Richtungen einzuschlagen um die Nachbarn
von dem Geschehenen in Kenntnis zu setzen und dann vereint eine förmliche
Treibjagd anzustellen Gefangen muss und soll der Bursche werden denn einem
Hinterwäldler in die eigene Wohnung einzubrechen und seine Waffen zu stehlen
das ist ein Vergehen das schon seiner unerhörten Frechheit wegen exemplarische
Strafe verdient«
    So großen Eifer nun auch die Jäger bei dieser Verfolgung zeigten so
unbehaglich schien sich Sander dabei zu befinden und er wäre sicherlich da er
ja auch mit seiner Kleidung gar nicht auf den Wald eingerichtet war
zurückgeblieben hätte ihn nicht die Furcht angetrieben jener Flüchtling könne
mit zur Insel gehören und wenn eingefangen vielleicht Sachen gestehen die für
sie von verderblichster Folge sein mussten War er gegenwärtig so konnte er in
solchem Falle ein Geständnis entweder verhindern oder doch die Folgen ablenken
und möglicher Weise auch die Flucht des Diebes wer es immer sein mochte
begünstigen
 
                                      13
                                        
                                Die Verfolgung
Die Männer schritten jetzt vorsichtig am Bache hinauf der alte Lively und Kook
mit Bohs am westlichen oder linken Ufer von der Quelle aus und James und
Sander am östlichen den Bergen am nächsten Bohs schien übrigens jeden Gedanken
an Jagd aufgegeben zu haben Immer wieder von Neuem angetrieben Fährten und
Spuren zu suchen wo auch kein Zeichen irgend eines lebendigen Wesens zu finden
war  kleinere Wildfährten vielleicht ausgenommen die er aber gründlich
verachtete  und noch dazu in einer Gegend in der sich größeres Wild nie
aufhielt hatte er jede Lust an der Sache verloren ließ den Schwanz hängen und
schlenderte verdrossen hinterdrein
    »Auf den Hund dürfen wir nicht weiter rechnen« sagte endlich Sander zu
James als er mit diesem mehrere hundert Schritt über starre Felsblöcke
hinweggeklettert war und nun von einer etwas vorragenden Bergspitze nach den
beiden anderen Männern und Bohs hinüberblickte  »er sieht gerade so aus als ob
er eben einschlafen wollte«
    »Lasst uns nur das mindeste Verdächtige finden« erwiderte James »und er ist
wieder Feuer und Flamme  Mit uns Menschen ists ja auch so Bei erfolgloser
Jagd werden wir müde und matt und haben in demselben Augenblick jedes Gefühl
von Schwäche vergessen wo wir nur das Laub rascheln hören oder gewisse
Anzeichen von der Nähe der ersehnten Beute finden  das ist mir ja schon
tausendmal selber begegnet«
    »Ich begreife aber wirklich nicht wo wir etwas Verdächtiges finden sollen«
brummte Sander »Hier könnte eine ganze Armee marschirt sein und in den
umhergestreuten Steinen und Felsstücken wäre es nicht möglich eine Spur zu
erkennen«
    »Meinen Sie« sagte James und ein triumphirendes Lächeln zuckte um seine
Lippen  »ja ja im Walde sind die Herren aus der Stadt gewöhnlich so im Trüben
wie «
    »Die Herren aus dem Walde in der Stadt« spöttelte Sander mit einem etwas
boshaften Seitenblick James mochte auch fühlen dass er Recht hatte denn er
wurde feuerrot warf aber die Büchse über deren Kolben seine linke Hand
herabhing und sie im Gleichgewicht hielt über die Schulter und zeigte jetzt vor
sich zwischen die Steine nieder
    »Für was halten Sie das hier«
    »Das« sagte Sander und bog sich zu der bezeichneten Stelle aufmerksam
nieder  »das ei nun das ist gar nichts als etwas Laub und sehr viel Steine
mit ein paar spärlichen Grashalmen dazwischen«
    »Und doch ist vor kaum einer Viertelstunde ein Hirsch zwischen eben diese
Steine hineingetreten« erwiderte James
    »Aber woran sehen Sie das Ich kann auch nicht das Mindeste erkennen das
eine solche Vermutung bestätigte«
    »Wirklich nicht« sagte der Jäger indem er sich noch weiter zu der
bezeichneten Stelle niederbog »so will ich Ihnen hier den Beweis geben dass wir
eine solche Verfolgung nicht unternommen haben ohne im Stande zu sein sie
auszuführen Sehen Sie wie der eine kleinere Stein hier etwas zur Seite
geschoben ist  zwar nur ein wenig der schmale Streifen lässt sich aber
deutlich auf dem feuchteren Grunde erkennen  Dort  gerade an dem grauen Moos
nieder hat die Schale gescheuert und hier unten ist auch noch zum Überfluss
der Eindruck der Spitze  aber ha  was ist das  so wahr ich lebe «
    »Nun« frug Sander erstaunt »was sehen Sie denn da Besonderes auf der
Steinplatte Wenn der Bursche keine Meissel unter den Füßen gehabt hat so kann
er doch dort unmöglich eine Spur hinterlassen haben«
    »Habt Ihr etwas gefunden James« rief jetzt Kook von drüben herüber
    »Kommt her und seht selber« sagte dieser  »hier ist etwas das auf jeden
Fall Beachtung verdient«
    In wenigen Sekunden waren die Übrigen an seiner Seite und blickten jetzt
forschend und gespannt umher
    »Wann hat es zum letzten Mal geregnet« frug James
    »Vorgestern Abend« sagte der Greis
    »Und glaubt Ihr dass sich seit vorgestern Nacht dieses Wasser hier auf dem
Steine gehalten haben könnte« fuhr James fort und deutete auf eine dicht vor
ihm befindliche Stelle der Felsplatte  »hätte der Wind dies hier nicht schon
lange auftrocknen müssen«
    »Der Wind kann es ja gerade aufgetrocknet haben« sagte Sander  »und das
was wir hier sehen sind nur noch die Überreste«
    »Nein das ist nicht möglich« rief der alte Lively  »gerade hier ist
dieser Stein etwas abschüssig und der Regen hätte ablaufen und sich hier unten
sammeln müssen diese tiefe Stelle aber ist trocken  Beim ewigen Gott wir
sind auf der rechten Spur«
    »Ja wahrhaftig« rief Kook freudig  »das muss die Stelle sein wo der
Flüchtling den Bach verlassen hat und wo das von seinen Füßen abträufelnde
Wasser noch nicht die Zeit hatte zu trocknen«
    »Das war mein erster Gedanke« bestätigte James »und nun Kook lasst uns
sehen ob Euer Bohs auch nur einen Pflaumenkern wert ist Wir sind die ganze
Nacht umhergerannt und er muss wissen dass wir etwas suchen  Bringt ihn also
auf die Spur und seht was er sagt«
    »Bohs« rief Kook den Hund an »Bohs  komm her Alter  was hältst Du von
der Fährte hier Such mein Hund  such  und nimm Dich zusammen mein
Bursche«
    Bohs gehorchte zwar der Aufforderung schien aber sonst ungemein wenig Lust
zu haben sich irgend weiter zu bemühen Seine Meinung war in dieser Nacht schon
zu oft befragt worden als dass er darin etwas besonders Ehrenvolles oder
Außerordentliches hätte sehen können und mit schwerfälligen langsamen
Schritten stieg er auf die höher liegende Felsplatte hinauf ohne sich auch nur
die Mühe zu nehmen die Nase auf den Boden zu halten
    »Nun seh Einer das faule Vieh an« rief James unwillig »mich wunderts nur
dass die Bestie überhaupt noch die Beine hebt Ich legte mich doch lieber gleich
nieder und  ha  jetzt wittert er etwas«
    Bohs schien in der Tat plötzlich auf andere Gedanken zu kommen denn er
blieb stehen spitzte die Ohren blickte rechts und links mit schnellen
lebhaften Gebärden umher und jetzt als er noch einmal den Stein auf dem er
stand berochen hatte sträubten sich seine Haare  er knurrte leise und
schaute mit dem Schwanze wedelnd zu seinem Herrn auf
    »Das muss ein Wolf gewesen sein« sagte James unmutig
    »Ein Wolf oder Neger« rief Kook  »er zeigt beide auf gleiche Art an«
    »Ein Neger Dann wahrhaftig ists der vom Fourche la fave entflohene
Mulatte und er soll uns nicht mehr entgehen Zum Henker mit ihm es ist Zeit
dass wir ihm das Handwerk legen Was sagt der Hund«
    Bohs sah mit seinen klugen Augen fragend zu dem Herrn empor und als dieser
ihm schmeichelnd den breiten Nacken streichelte und ihn ermunterte der Spur zu
folgen wedelte er aus Leibeskräften mit dem Schwanze um vor allen Dingen seine
unbedingte Bereitwilligkeit auszudrücken dem Befehl Folge zu leisten Dann aber
wies er knurrend die Zähne ging ein paar Mal mit majestätischen Schritten um
den Stein herum und stieg nun die Nase dicht am Boden langsam den steilen
Gebirgsrücken an dessen Fuß sie standen hinauf
    Kooks Jagdruf brachte den Sohn mit den Pferden zur Stelle und feuerte
zugleich den treuen Hund an Die Männer sprangen in die Sättel und fort gings
dem Führer nach der nur im Anfang manchmal stehen blieb um die Jäger auch
nachkommen zu lassen diese aber kaum beritten sah als er mit fröhlichem
halblautem Gebell einige gar wunderseltsame Luftsprünge ausführte und dann in
langgestrecktem Trabe schnell und sicher der Bahn folgte
    Die Reiter blieben ihm da der Wald hier nicht sehr verwachsen war dicht
auf den Hacken und Bohs der im Anfang in ziemlich gerader Richtung den Berg
hinanklomm folgte jetzt dem Gipfel desselben der sich von Nordwest nach
Südosten laufend aus dem Innern des Landes kommend zum Mississippi hinabzog
Sander wollte nun hiergegen allerdings Einwendungen machen und behauptete der
Hund müsse sich irren der Flüchtling sei gewiss eher waldeinwärts als dem
ziemlich dicht besiedelten Flussufer zu geflohen Kook dagegen meinte lächelnd
er solle seinen Hund nur gehen lassen der wisse was er wolle und werde sie
wahrhaftig nicht auf der Rückfährte fortnehmen Das geübte Auge des
Waldbewohners hatte indessen auch selbst auf weicheren Stellen des Bodens
mehrere Fußstapfen gefunden die unstreitig von dem Flüchtling hinterlassen
waren und ihn ebenfalls nicht mehr über die von ihm genommene Richtung in
Zweifel ließ
    Plötzlich hielt Bohs suchte rings auf dem Boden umher und schien dann die
Männer erwarten zu wollen Diese die bis dahin weniger auf den Hund geachtet
als den Wald selbst im Auge behalten hatten um wo möglich selbst irgendwas zu
erspähen und dann augenblicklich auf warmer Fährte nachsetzen zu können langten
bald an der Stelle an wo der Rüde unschlüssig zu werden schien und fanden hier
die deutlichen Spuren eines noch nicht lange verlassenen und nur flüchtig
benutzten Lagers Ein kleines Feuer hatte hier gebrannt und herumliegende
Federn und Knochen wie spitzig zugeschnittene Hölzchen bewiesen deutlich genug
dass hier ein Trutahn überrascht erlegt und auch teilweise gleich verzehrt
worden war
    »Beim Himmel der hat sichs hier ordentlich bequem gemacht« lachte Kook
»dass wir aber den Schuss nicht gehört haben«
    »Wer weiß denn wie weit der Bursche noch Vorsprung hat« erwiderte James
»das Braten muss ihn aber auf jeden Fall aufgehalten haben er kann gar nicht
glauben dass es irgend Jemandem eingefallen ist ihm zu folgen Nur vorwärts
jetzt wir dürfen die schöne auf solche Art gewonnene Zeit nicht wieder durch
Gassen und Plaudern vergeuden Bohs wird ebenfalls ungeduldig«
    James hatte Recht Bohs saß neben den halbverbrannten Kohlen blickte
winselnd zu seinen Herren auf und scharrte bald mit der rechten bald mit der
linken Vorderpfote als ob er hätte sagen wollen nun so kommt doch und guckt
nicht die Asche und Knochen Stunden lang an Kook war aber abgestiegen und rief
jetzt als er sich den Boden mehrere Minuten lang genau und aufmerksam
betrachtet hatte
    »Hier sehe ich Spuren und möchte mein Pferd gegen ein Kaninchen verwetten
dass sie von zwei Menschen herrühren Die eine ist die breite Fährte eines
Schuhs die andere der leichte runde Eindruck eines Moccasins Der Schuh hat
scharfe Hacken  sind die Beiden auf dem Bergrücken geblieben wo sie allerdings
am schnellsten fortkommen könnten so brauchen wir den Hund gar nicht mehr dem
Schuh folg ich mit bloßen Augen«
    Er hatte auch in der Tat nicht zu viel versprochen Wieder im Sattel ritt
er etwas vorgebeugt und die Augen fest auf den Boden geheftet rasch voran und
da Bohs ebenfalls durch das schnellere Weiterrücken neue Anregung fand und
eifriger suchte so schien ihre Verfolgung jetzt das glücklichste Resultat zu
versprechen Trotz des Aufenthalts mussten die Flüchtlinge aber doch keine
weitere Zeit verloren haben denn eine volle Stunde waren sie noch und zwar in
ziemlich scharfem Trabe auf den Fährten geblieben ohne dass sie auch nur das
Mindeste entdeckt hätten als Bohs plötzlich stehen blieb die Ohren spitzte
den Schwanz hoch und gerade emporhielt und mit leisem Knurren andeutete dass er
etwas sehr Verdächtiges bemerke
    Die Reiter hielten ihre Tiere augenblicklich an und spähten nach allen
Richtungen umher Da presste Kook auf einmal dem seinigen wieder die Hacken in
die Seite stieß den Jagdschrei aus und rief den Gefährten zu
    »Dort laufen sie  vorwärts und fangt sie tot oder lebendig«
    »Hurrah« jubelte James »jetzt will ich doch einmal sehen ob ich mir meine
Kugeltasche nicht wieder holen kann die Pest über die Schurken  hallo wie sie
auskratzen  hupih ihr Hunde das ist ein besseres Wild als ob ihr einem alten
Tatzensauger auf den Hacken wäret«
    Im vollen Rennen flogen die Pferde über den rauen steinigen Boden dahin
und wenn auch Sander nicht an solche Hetzen gewöhnt sein mochte so ließ ihm
schon das Tier das er ritt gar keine Zeit zu langen Betrachtungen Im
Gegenteil versuchte es fortwährend und zwar keineswegs zur großen
Zufriedenheit seines jetzigen Reiters das erste zu sein Nicht mit Unrecht
fürchtete Sander nämlich wenn er ein zu grimmer und eifriger Verfolger schien
etwas von dem Blei als Vorausbezahlung zu empfangen was die Flüchtigen in
letzter Nacht entwendet hatten Er fand jedoch bald dass es unmöglich wäre sein
Pferd einzuzügeln und fort stürmten die Reiter fort in unaufhaltsamer
Schnelle wie die wilde Jagd brausten und prasselten sie mit klappernden Hufen
über die hinter ihnen hinausstiebenden Steine hin und mit jedem Augenblick
näherten sie sich mehr und mehr den Flüchtigen
                                       
    Dort wo die Verfolger jene Überreste eines kleinen Feuers fanden hatte
Kotton der es wirklich gar nicht für möglich hielt dass sie aufgespürt werden
könnten einen wilden Trutahn erlegt und schnell in einzelnen Stücken gebraten
um wenigstens nicht durch Hunger erschlafft und an schnellerer Flucht gehindert
zu werden Kotton wäre denn auch hier ganz ruhig eine Zeit lang liegen
geblieben da er sich mit der guten durch die Keckheit des Mulatten gewonnenen
Büchse fast sicher fühlte Davon wollte aber Dan nichts hören und drängte so
ungestüm in den Weißen und redete so viel von der Gefahr der sie hier
ausgesetzt seien dass Kotton endlich auch einzusehen begann diesseit des
Mississippi dürften sie wie die Sachen jetzt ständen nicht lange mehr
verweilen
    Der Bergrücken auf dem sie sich befanden war derselbe an dessen Fuß
Liveleis Wohnung stand und sie passirten diese auch nachdem sie ihn
erstiegen in kaum fünfhundert Schritt später aber mit dem Walde hier nicht
vertraut hatten sie eine linke Abdachung für die gehalten die sich nach Helena
hinabzog und waren ihr gefolgt Diese dagegen beschrieb einen Halbkreis mehr
gegen Norden hinauf und endete weiter oben im Sumpf und zwar in einem ziemlich
schroffen Abhang der sich von Ost nach West mit seinen steilen Seiten in ein
dichtes Sassafrasgebüsch hinabzog Wären sie übrigens unverfolgt geblieben so
konnte ihnen jener Sumpf auch weiter keine große Schwierigkeiten in den Weg
legen denn ein östlicher Kours brachte sie in kaum einer Stunde an das Ufer des
Mississippi der hier einen Bogen in das Land hinein machte Kotton jedoch
glaubte sie befänden sich in ziemlich gerader Richtung nach Helena zu schlug
also den größten Teil des Trutahns in seine wollene Decke teilte das Andere
mit Dan um es unterwegs zu verzehren und schulterte nun die Büchse von dem
Neger gefolgt der jedoch weit weniger sorglos als sein weißer Begleiter
fortwährend ängstlich hinausspähte ob er nicht irgend etwas entdecke das ihnen
Gefahr bringen oder ihre Flucht aufhalten könne
    »Wir hätten doch lieber wie es gleich meine Absicht war die Pferde
mitnehmen sollen« brach der Mulatte endlich das Schweigen »Jetzt wären wir
lange am Mississippi«
    »Und hätten Spuren hinterlassen denen sie bei Nacht und Nebel im Stande
wären zu folgen« brummte Kotton  »Nein so ists besser überdies denk ich
gehen wir über den Fluss hinüber und dort wird schon Rat werden ein paar gute
Tiere zu erwischen  Nun  was hast Du wieder Gift und Tod Du bist ja heut
wie ein altes Weib Alle Augenblicke bleibst Du stehen horchst und siehst aus
wie verdorbenes Bier  Was gibts denn in des Teufels Namen« rief der
Verbrecher jetzt selbst geängstigt als er den Ausdruck des Schrecks und
Entsetzens in den Zügen seines Gefährten las
    »Hört Ihr nichts Massa Kotton« frug Dan flüsternd
    »Was denn Was soll ich hören So tu doch das breite Maul auf wozu hast Du
denn den Rachen Was soll ich hören«
    »Hufschläge«
    »Hufschläge Unsinn« zürnte der Jäger unwillkürlich aber fast verließ
seine Wangen das Blut  »nach welcher Richtung«
    Der Mulatte legte sich ohne die Frage gleich zu beantworten mit dem Ohr
auf die Erde sprang aber auch fast in demselben Augenblick wieder empor und
rief
    »Fort fort bei Allem was lebt wir werden verfolgt« und ohne eine weitere
Zustimmung seines Gefährten abzuwarten floh er in langen flüchtigen Sätzen auf
dem Abhange hin wobei Kotton der sich nicht einmal die Zeit nahm die Wahrheit
dieser Befürchtung selbst zu prüfen ebenfalls nicht zurückblieb Dans Ausruf
sollte aber auch nur gar zu bald bestätigt werden denn das Geräusch welches
die durch das Dickicht brechenden Verfolger machten wurde immer deutlicher
immer lauter und nun konnte der Weiße sogar als er den scheuen Blick
zurückwarf die Männer erkennen wie sie jubelnd heranstürmten und in wenigen
Minuten fast ihre Opfer einholen mussten
    Kotton fühlte wie er am Rande eines Abgrunds stehe erkannte aber auch dass
nur die einzige Hoffnung noch für ihn darin liege die Aufmerksamkeit der
Verfolger zu teilen Wenig kümmerte es ihn dabei ob sie den Neger erwischten
oder nicht wenn er nur seine eigene Haut in Sicherheit brachte und als der
jetzt wenige Schritte vor ihm am Rande einer schroff abfallenden Terrasse
hinfloh warf er sich diese plötzlich mit kühnem Satz hinunter drängte sich
dort durch ein dichtes Gewirr von Kastanienbüschen und Hickories und glaubte
so die Verfolger gänzlich von seiner Spur abgebracht zu haben Das wäre ihm
auch vielleicht vollkommen gelungen denn kein Pferd konnte ihm gerade da
folgen wo er den Bergkamm verließ Kooks scharfes Auge hatte aber schon seine
eigene Büchse auf des Flüchtigen Schulter und in diesem den berüchtigten Kotton
erkannt mit jedem Zollbreit Boden vertraut setzte er also gleich da wo er
sich befand den Hügel hinab um Jenem den Weg abzuschneiden und Sander der
seinerseits ebenfalls mehr Interesse an dem Weißen als an dem Neger nahm folgte
dem kühnen Jäger so gut es gehen wollte
    Nun war der Weg den Kotton eingeschlagen allerdings so wild verwachsen und
völlig rau dass er für ein Pferd fast unzugänglich schien Kook aber von
Jugend auf an die rasenden Bärenhetzen gewöhnt sah in diesem Ritt gar nichts
Außerordentliches und folgte dem Flüchtling mit völliger Nichtachtung seiner
Gliedmaßen die Sander mehrere Male dazu brachte sein eigenes Pferd scharf
einzuzügeln Das half ihm aber gar nichts die beiden Tiere schienen einen
Wettlauf halten zu wollen und Alles was ihm zu tun übrig blieb war den
Sattel zu behaupten
    Kotton hatte wieder durch die Unebenheit des Bodens begünstigt einen
kurzen Vorsprung gewonnen jetzt aber wo eine etwas offenere Bahn den Pferden
die augenscheinlichsten Vorteile gewährte schien sich seine Flucht ihrem Ende
zu nähern Kook ihm dicht auf den Fersen rief ihm schon zu sich gutwillig zu
ergeben oder er würde ihn wie einen Wolf über den Haufen schießen dabei hatte
er die größte Mühe Bohs zurückzuhalten der sich immer und immer wieder auf den
Flüchtigen werfen und ihn erfassen wollte In dessen Hand blitzte aber der
scharfe Stahl und Kook wusste recht gut dass sein wackerer Hund verloren gewesen
wäre hätte er sich dem Verzweifelten auf Armeslänge genähert Aber auch Kotton
fürchtete nicht die Büchse des Verfolgers denn diesem blieb ja keine Zeit zum
Halten viel weniger zum Zielen und im Wald vom Pferd herab zu schießen wäre
einfach eine weggeworfene Kugel gewesen Das Pferd kam aber mit jedem Sprung ihm
näher und er sah dass er in wenigen Sekunden in der Macht seines Feindes sein
müsse wenn er nicht das eigene Leben zu retten das des Verfolgers nehmen
konnte
    Kaum drei Pferdelängen waren die Beiden noch von einander entfernt da
wandte sich der Flüchtling sein Auge sprühte Feuer die Büchse fuhr mit
Blitzschnelle empor und Kooks Leben schien verfallen denn Kotton war ein
ausgezeichneter Schütze Die rasche Flucht aber hatte sein Blut in Aufregung
gebracht  große Schweißtropfen perlten ihm Stirn und Wangen hinab und trübten
seinen Blick  wohl richtete sich das tödtliche Rohr auf den trotzig
Herbeisprengenden aber die zitternde Hand vermochte es nicht mehr fest und
sicher zu halten  es schwankte hin und her und als der Finger den Drücker
berührte zischte die Kugel harmlos an der linken Schläfe des Jägers vorüber und
durchbohrte noch den Hut des ihm dicht folgenden Sander
    Ein wildes herausforderndes Triumphgeschrei von Kooks Lippen verriet wie
gänzlich erfolglos der Schuss gewesen und noch einmal wandte sich der Verfolgte
zur Flucht Der Augenblick aber war gekommen wo sich sein Schicksal entscheiden
sollte Kook versuchte zwar zu schießen sah aber ein wie zweifelhaft in diesen
Verhältnissen ein Schuss sein musste er ergriff also das leichte Rohr am
schlanken Lauf hob es hoch empor und holte schon aus zum gewaltigen und für den
Flüchtigen dann auf jeden Fall verderblichen Schlag Da blieb sein Pferd mit den
Vorderbeinen an einer schwachen Weinrebe hängen tat noch im Versuch sich
loszureißen einen Sprung nach vorn stürzte dann auf die Knie nieder und
schleuderte Kook der in diesem Moment gar nicht auf sein Tier geachtet
sondern nur den Feind im Auge behalten hatte mit der schon geschwungenen Waffe
neben den rasch zur Seite schreckenden Verbrecher nieder
    Das Blatt hatte sich für den jungen Mann gar traurig gewandt denn er war in
der Hand eines unerbittlichen Feindes Als sich Kotton aber rasch gegen ihn
wandte und trotzig dem grimmig auf ihn einfahrenden Hund den Angriff wehren
wollte kam  allerdings keineswegs in der Absicht die Kotton fürchten musste 
Sander herangesprengt In diesem musste er natürlich einen neuen Verfolger sehen
seine eigenen Kräfte waren aber erschöpft kaum vermochten die überspannten
Glieder ihn noch zu tragen und nur der Trieb der Selbsterhaltung weckte noch
einmal den schon fast erloschenen letzten Funken von Kraft und Energie  Er
schleuderte seine leere Büchse mit verzweifelter Kraft gegen den heulend
zurückfahrenden Hund ergriff die welche dem gestürzten Reiter entfallen war
sprang einen ziemlich steilen von rollenden Steinmassen übersäeten Abhang
hinab sah unten dass ihm der zweite Reiter nicht folge und floh nun noch
einmal jetzt aber mit besserer Aussicht auf Rettung den letzten Hügeldamm
nieder in das sumpfige Talland hinein
    Durch Kottons Absprung von ihrer beabsichtigten Bahn nahm er zwar auch zwei
Verfolger von Dans Fersen dieser aber zögerte nichtsdestoweniger unschlüssig
ob er seine Flucht wirklich allein versuchen oder dem weißen Gefährten folgen
solle mit dem er ja noch gar keinen Platz besprochen hatte wo sie sich wenn
getrennt wiederfinden wollten James ließ ihm aber nicht lange Zeit zum
Besinnen die Hufe seines wackeren Pony rasselten über die scharfen Steine heran
und mit einem »Hurrah Du Hund jetzt bist Du mein« flog er die Büchse
jubelnd emporgehalten heran
    Instinctmässig wandte sich der Mulatte wieder zur Flucht mehrere quer über
den Weg gestürzte Fichten hemmten aber gleich darauf seinen Lauf und wenn er
sie auch in wilder Hast übersprang so boten sie doch dem nachstürmenden Pferde
fast gar kein Hindernis Im keckem Satze flog dieses darüber hin und als der
Unglückliche den Blick wandte sah er seinen Verfolger kaum zwanzig Schritt
hinter sich
    Da fiel  weiter unten am Abhang des Hügels  ein Schuss dort entschied sich
vielleicht für seinen Gefährten der Sieg  das blieb auch seine letzte Hoffnung
 Nur zwei der Feinde waren hinter ihm  noch lag die Möglichkeit vor ihm diese
durch entschlossene Gegenwehr zurückzuhalten Rasch sprang er also ein paar
Schritte zur Seite auf eine hochwüchsige Fichte zu und hier  sein Pistol in
Anschlag  stellte er sich und rief mit vor Anstrengung und innerer Aufregung
fast erstickter Stimme
    »Zurück Der ist ein Kind des Todes der noch einen zweiten Schritt gegen
mich tut«
    Vater wie Sohn hatten lange genug in den Wäldern gelebt um nicht an die
Wahrheit dieser Drohung zu glauben Beide wussten aber auch jetzt dass ihr Opfer
gestellt sei und nicht weiter könne während sie selbst noch mit frischen
Kräften ihm in Kampf und Flucht begegnen konnten Sich aber ganz nutzlos als
Ziel preiszugeben fiel keinem von ihnen ein Noch aus den indianischen Kriegen
her hatten sie sich auch deren Taktik angeeignet und kaum sahen sie dass der
Flüchtling einen Baum annahm so flogen mit Blitzschnelle ihre eigenen Pferde
herum Wie auf Kommandowort sprangen sie gleichzeitig aus den Sätteln und jeder
glitt eben so rasch hinter den ihm nächsten Stamm um sowohl selbst gegen die
feindliche Kugel gedeckt zu sein als auch jede Bewegung ihres ausersehenen
Opfers überwachen zu können
    Dan nun der vielleicht glaubte diesen ersten Augenblick benutzen zu
können um wieder kurzen Vorsprung zu gewinnen wollte als er kaum die Männer
absitzen sah rasch hinein ins Dickicht Wohl aber war es gut dass er noch
einmal den Blick zurückwarf denn schon lag des alten Lively Büchse so ruhig wie
in einem Schraubstock auf ihn geheftet und fast unwillkürlich schmiegte er sich
schnell an den Boden nieder der tötlichen Kugel zu entgehen
    »James« rief der Alte hinter seinem Baum vor »der Racker hält sich von
hier aus gut versteckt ich kann nur die Mündung seiner Pistole sehen  wenn Du
im Stande bist ihn irgendwo unten an den Beinen zu erwischen lass es ihm
zukommen aber  hab Acht auf Dich«
    »Nur keine Angst Vater« lachte der Sohn zurück  »er darfs nicht wagen
auf mich anzulegen denn ich liege schon im Feuer und wo er mir nur einen Zoll
breit Raum gibt sitzt meine Kugel«
    Kurze Zeit verharrten die Drei in ihrer gleich von Anfang an genommenen
Stellung denn auch die beiden Livelys hatten den Schuss gehört und wollten nun
ohne das eigene Leben irgend einer nutzlosen Gefahr auszusetzen erst einmal
abwarten welch Resultat Kooks Verfolgung gehabt ehe sie selbst etwas
Entscheidendes unternähmen Dass ihnen der Mulatte nicht mehr entgehen konnte
wussten sie recht gut und James stieß jetzt seinen laut gellenden Jagdschrei
aus der auch nicht lange ohne Erfolg blieb Die Büsche brachen in jener
Richtung nach welcher der Weiße geflohen war und Sander sprengte auf
schäumendem Rosse durch das Dickicht
    Dan hörte ebenfalls das Geräusch und bog sich etwas nach vorn zu sehen
welch neuer Feind ihm dort erscheine Da berührte des alten Lively Finger den
Stecher und der Schuss dröhnte durch den stillen Wald Nun hatte Lively aber
keineswegs auf den Mulatten selbst gezielt gehabt sondern nur ein am Stamm
locker hängendes Stück Rinde aufs Korn genommen um den Flüchtling vielleicht
zu erschrecken und zur Übergabe zu zwingen dieser aber der wahrscheinlich
glaubte dass er durch seine vorige Bewegung irgend eine Blöße gegeben hätte
oder auch vielleicht von der abspringenden Rinde leicht berührt wurde sprang
rasch und unwillkürlich nach vorn und vergaß dabei ganz welch gefährlicher
Feind ihn hier bedrohe Mit Blitzschnelle richtete sich James Rohr und in
demselben Moment zuckte auch der Strahl aus seiner sichern Büchse während der
unglückliche Mulatte durch den Schenkel getroffen wehklagend zu Boden stürzte
    Diese Wunde wäre nun allerdings nicht tötlich gewesen sondern entsprach
nur dem Zweck »den Nigger zu fangen« wie es die Absicht der Hinterwäldler
gewesen war Jetzt aber sprengte mit wildem Schreien die blonden Locken wild um
die Schläfe flatternd den seinen Tuchrock durch Dorn und Rebe zerrissen die
Flinte aber hochgeschwungen in der Hand Sander auf den Schauplatz warf sich
neben dem verwundeten Mann vom Pferde und schmetterte ihm auch schon im nächsten
Moment den schweren Kolben auf den Schädel nieder dass er nur noch kaum den Arm
zum Schutz emporwerfen konnte und dann von dem gewaltigen Schlag besinnungslos
zusammenbrach Sander aber damit keineswegs zufrieden holte schon aufs Neue
aus jetzt aber hatte auch James den Platz erreicht und warf sich ihm entgegen

    »Halt Sir halt sag ich  ist das bei Euch Sitte einen Menschen zu
misshandeln wenn er verwundet am Boden liegt«
    »Die Pest über den Schuft« schrie mit heiserer Stimme Sander und versuchte
sich von dem jungen Mann loszumachen  »lasst mich dem Buben den Schädel
einschlagen Mann oder wollt Ihr Einen von der Bande entkommen lassen während
Euer eigener Freund unten in der Schlucht durchs Herz geschossen liegt«
    »Was  Kook« rief James entsetzt und ließ den Arm des jungen Bösewichts
frei der rasch die schwere Waffe zum dritten Mal hob und schon mit
zornblitzenden Augen die Stelle ersah wo er sie am tödtlichsten einsenken
könne Indessen war aber auch der alte Lively nicht so flink mehr auf den Füßen
als sein Sohn herangekommen ritz ohne Weiteres die Schrotflinte aus des
Wütenden Hand und warf sie weit von sich trat dann zwischen ihn und den
bewusstlosen Mulatten und rief ärgerlich
    »Gottes Tod Sir wenn Ihr mit Gentlemen auf die Jagd reitet so betragt
Euch auch wie ein Gentleman Der Gefangene hier ist unser und wir wollen ihn
schon deshalb lebendig behalten um über Manches was uns hier weggekommen ist
Aufschluss zu hören«
    »Er hat aber Euren Kameraden ermordet« rief Sander dagegen
    »Der kommt da eben über den Berg herüber« erwiderte der Alte ruhig und in
der Tat kam auch Kook der den Schuss gehört hatte zu Fuß und mit blutender
Stirn seine eigene Büchse aber in der Hand über den niederen Hügelkamm der
sich hier wellenförmig nach Nordwesten hinaufzog Kook wollte jetzt aber vor
allen Dingen wissen weshalb Sander ihm nicht besser beigestanden und den
Flüchtigen mit seiner Schrotflinte wenigstens in die Beine geschossen habe
Sander behauptete dagegen viel zu weit entfernt gewesen zu sein und sagte er
hätte ihn selbst von der Kugel tötlich verwundet geglaubt
    »Dann wars allerdings recht freundlich mich so allein zwischen den Steinen
liegen zu lassen« brummte Kook  »Doch wahrhaftig  dort liegt der Mulatte 
ist er tot«
    Mit wenigen Worten erzählte er nun den Hergang seiner Verfolgung und wie
ihm unglücklicher Weise im entscheidenden Moment das Pferd gestürzt sei Weiter
nachzusetzen blieb nutzlos da Bohs wohl der Spur eines Mulatten keineswegs
aber der eines Weißen gefolgt wäre wenn er noch überhaupt hätte laufen können
Der Schlag nämlich den der Flüchtling gegen ihn geführt als er an ihn
anspringen wollte hatte seine Schulter und sein Rückgrat getroffen so dass er
wenn ihm auch vielleicht kein Knochen beschädigt war doch kaum mehr von der
Stelle konnte und mit augenscheinlicher Anstrengung und Pein hinter seinem Herrn
herhinkte
    Sie beschlossen also den Neger vor allen Dingen mit nach Hause zu nehmen
das ihnen auf jeden Fall näher als Helena lag und dort das Weitere zu bereden
    James Kugel war dem armen Teufel oben durch den rechten Schenkel gegangen
und er blutete stark Der Kolbenschlag schien aber viel gefährlicher für ihn
geworden zu sein denn sein rechter Arm den er der niederschmetternden Waffe
entgegengehalten war dicht über dem Handgelenk abgebrochen und das Blut quoll
auch in dunkeln langsamen Massen aus dem schwarzen Wollhaar an der rechten
Seite seines Kopfes hervor Der alte Lively verband ihn nun zwar so gut es gehen
wollte der Mulatte gab aber kein Lebenszeichen von sich nur das schwache
Schlagen seines Herzens verriet noch dass er atme und sie konnten ihn nicht
anders transportiren als vermittelst zweier Satteldecken die sie zwischen die
Pferde Kooks und des alten Lively ausspannten und so eine Art Trage bildeten
mit der sie freilich nur entsetzlich langsam über den rauen Boden vorzurücken
vermochten
    James jedoch erklärte den entflohenen Weißen diesmal nicht so leichten
Kaufs davon zu lassen sondern auf seiner Fährte bleiben zu wollen so lange ihm
das irgend möglich sei Er bat also nur noch seinen Vater ihn bei den Damen zu
entschuldigen da eine Sache von Wichtigkeit ihn abhalte die nicht aufgeschoben
werden könne schulterte dann seine Büchse warf sich auf sein Pferd und folgte
so rasch es ihm sein Scharfblick ja und selbst der Instinkt des Jägers
gestattete den Spuren des Weißen Dieser musste übrigens verwundet sein da er
an mehreren Orten Blutstecken fand An einem Stein aber wo er sich
wahrscheinlich keine Verfolger mehr fürchtend verbunden hatte hörten diese
auf und dem jungen Mann blieb es jetzt überlassen da eine Fährte zu erkennen
wo das Auge des Laien nur noch eine Wildnis gesehen haben würde die nie ein
menschlicher Fuß berührte
 
                                      14
                                        
                           Bolivar  Maries Flucht
In derselben Zeit etwa wo Tom Barnell von Helena abstiess um in Montgomerys
Point Vorerkundigungen einzuziehen und das Flatboot am nächsten Morgen wieder zu
treffen schoss auch aus den tief überhängenden Weiden der Insel ein kleiner
schmaler Kahn in die Strömung des Mississippi hinaus und hielt dem arkansischen
Ufer zu Zwei Personen saßen darin der Neger Bolivar und der Mestizenknabe Olyo
 und der Erstere handhabte die beiden Ruder in die er sich aus allen Kräften
hineinlegte während der Andere in nachlässig vornehmer Stellung hinten im Stern
des kleinen Bootes lag und das leichte Steuer regierte
    Er trug eine einfache graue Livré und zwar nur in Jacke und Beinkleid
bestehend deren Nähte mit karmoisinen Schnüren besetzt waren eine eben solche
Mütze lag neben ihm seinen Kopf aber schützte ein großer breitrandiger Strohhut
gegen die sengenden Sonnenstrahlen Bolivar dagegen schien diese wenig zu
achten ja im Gegenteil sich eher behaglich darin zu fühlen denn er hatte Hut
Jacke und Hemd abgeworfen und nur die weiten grauleinenen Beinkleider
anbehalten so dass die Sonnenglut unmittelbar auf seine muskulösen
feuchtsammtnen schwarzen Schultern herabbrannte Im Kahne lagen mehrere starke
Bleitafeln über die zusammengelegtes Leinen  vielleicht ein Sack  hingeworfen
war
    Ein gar freundliches Verhältnis musste aber zwischen den Beiden dem Manne
und dem Knaben nicht obwalten denn der Neger blickte ohne ein Wort mit seinem
Gefährten zu wechseln mürrisch vor sich nieder während Olyo wie zum Hohn
eins der sogenannten Niggerlieder pfiff und dabei spöttisch lächelnd über die
dunkeln Glieder des Aetiopiers hin nach dem breiten Waldstreifen sah dem sie
sich mehr und mehr näherten 
    Der Knabe Olyo war nämlich ein Mestize  von weißer und indianischer Abkunft
 was ihn den nordamerikanischen Ansichten nach weit über den Neger stellte
Ohnedies wurde er aber auch noch von seiner schönen Gebieterin vor allen Anderen
wie ein verzogenes Kind begünstigt so dass er sich selbst gegen die weißen
Männer der Insel wenn nicht herrisch doch jedenfalls trotzig und unfreundlich
benahm Keiner liebte ihn deshalb und nur die Scheu vor dem Kapitain hielt die
wilden Burschen zurück dass sie nicht den Favoriten seines Weibes einmal recht
derb und nachdrücklich züchtigten Bolivar aber der als der einzige Neger und
daher unter dem Knaben stehend dessen Tyrannei schon mehrere Male hatte
ertragen müssen ohne weder von Kelly selber Genugtuung noch bei Georgine auch
nur Gehör zu finden nährte einen finsteren Hass gegen den jungen leichtsinnigen
Burschen und wohl nichts Gutes mochte es diesem prophezeien dass der Blick des
Aetiopiers manchmal und wenn auch nur für Sekunden mit einem wilden
triumphirenden Lächeln auf dem schönen Antlitz des schwarzlockigen Knaben ruhte
    Endlich brach Bolivar das Schweigen und brummte während er eine kurze Zeit
mit Rudern einhielt
    »Steuert zum Donnerwetter gerade oder lassts ganz sein  der Henker soll
eine solche Arbeit holen wo man einmal im rechten und einmal wieder im linken
Ruder liegen muss weils dem jungen Herrn da eben bequem ist bald hierherüber
bald dahinüber zu halten  s ist kein Kinderspiel in solcher Hitze zu rudern«
    »Deinen Teint wird sie Dir wenigstens nicht verderben« spottete der Mestize
 »aber Ruhe da vor dem Mast  Es kann oder muss Dir vielmehr gleich sein ob
Du ein paar Ruderschläge mehr tust oder nicht Unship your stor board wheel 
hörst Du Bolivar  Du sollst mit dem rechten Ruder einmal aufhören  Holzkopf
versteht den gewöhnlichsten DampfbootAusdruck nicht«
    »Wir dürfen nicht so hoch oben landen« erwiderte finster der Neger  »seht
Ihr dort weiter unten den hellgrünen Fleck  es ist gerade da wo der Rohrbruch
bis vorn an das Ufer läuft dort geht eine kleine Bayou hinein und da wollen
wir das Boot lassen also steuert jetzt ordentlich oder lasst das Ruder ganz
liegen«
    »Huh huh huh  alter Brummbär« spöttelte ihm der Knabe nach  »wenn ich nun
nicht will  He Aber meinetwegen desto eher werde ich Deine hässliche
Gesellschaft los so habe denn dieses eine Mal Deinen Willen Wo sind ich das
Pferd«
    »Ich zeig Euch den Platz wenn wir hinkommen«
    »Und die Straße«
    »Keine fünfhundert Schritt westlich von dort«
    »Führt keine rechts oder links ab«
    »Keine« sagte der Neger düster  »habt keine Angst Ihr könnt den Weg nicht
verfehlen«
    Olyo schien beruhigt und regierte von da aus das Steuer regelmässiger
Bolivar aber überflog jetzt forschend mit den Blicken die weite Fläche des
Stroms die er von dort aus übersehen konnte Nichts ließ sich erkennen als
drei oder vier Flatboote die langsam und träge mit der Flut stromab kamen Das
kleine Boot geriet jetzt in die stärkere Strömung die dicht am Ufer hinschoss
und Bolivar ruderte aus Leibeskräften
    »Haltet ein klein wenig mehr stromauf« rief er dem Knaben zu  »noch mehr 
so  die Flut reißt uns sonst unter jenen Baumwollenholzbaum«
    »Der Fluss steigt« meinte der Mestize während er auf die rasch
vorbeitreibenden gelben Schaumblasen sah  »Nun Zeit ists auch  die
MissouriWasser haben dieses Mal lange auf sich warten lassen Aber halt
Bolivar  halt sag ich  verwünschter Nigger Du führst mich ja mitten in die
nassen Büsche hier hinein« rief der Kleine plötzlich als der Neger scharf in
die schmale Mündung der Bayou hielt die von tief in das Wasser hängenden Reben
und Ranken fast verschlossen war  Bolivar schien den Rat aber nicht zu
achten  »Wirst noch nässer werden« murmelte er vor sich hin und im nächsten
Moment warf er mit schnellem Ruck die Ruder aus ihren Ruderlöchern in das Boot
während dieses durch die letzte Anstrengung pfeilschnell vorwärts getrieben
rasch in das grüne Gewinde hineinglitt und dahinter verschwand
    Was bedeutete jetzt jener scharf abgebrochene wilde kreischende
Angstschrei Jenes kurze aber verzweifelte Ringen  Die Schlinggewächse
erzitterten und aus der Bayou vor drängten sich kurze kleine Schlagwellen als
ob da drinnen irgend ein großer Fisch das Wasser peitschte  Kein Laut aber
wurde mehr gehört  die Reben hörten endlich auf zu schwanken das Wasser
beruhigte sich wieder und mehrere Minuten lang herrschte ein lautloses
unheimliches Schweigen  Endlich teilten sich die Büsche  der Kahn glitt
daraus hervor und hinten darin stand der Neger  allein Sein ganzes Aussehen
war wild und verstört und sein Antlitz hatte eine graue Aschenfarbe angenommen 
er strich sich die wirren Wollbüschel aus der Stirn und blieb als das Boot
langsam mit der Strömung hinabtrieb  mehrere Sekunden lang tief Atem holend
stehen Endlich warf er einen scheuen trotzigen Blick nach dem grünen Dickicht
zurück das er eben verlassen hatte griff dann wieder zu den Rudern und
arbeitete sich langsam am arkansischen Ufer hinauf um weiter oben quer durch
nach der Insel zurückhalten zu können
    Nur einmal hielt er unterwegs an und zwar vor der Strömung geschützt
dicht hinter einem dort in den Strom gestürzten Baum an dessen Ästen er seinen
Nachen auf kurze Zeit befestigte Hier wusch er sich den Oberkörper scheuerte
einzelne Teile des Bootes aus und zog dann sein Hemd und seine Jacke an Als er
die Jacke aufnahm fielen zwei darunter geschobene und schon vergessene Briefe
ins Boot hinein Bolivar konnte zwar nicht lesen aber dennoch betrachtete er
die Adresse des einen mit großer Aufmerksamkeit  es war ein Blutfleck darauf
Mit dem breiten angefeuchteten Finger versuchte er ihn wegzuwischen doch das
ging nicht der Flecken wurde nur noch größer und hässlicher Er hielt den Brief
jetzt ein paar Sekunden in der Hand und schien nicht übel Lust zu haben ihn
über Bord zu werfen Er drehte ihn bald rechts bald links dann aber als ob er
sich eines Besseren besänne trocknete er die feuchte Stelle mit dem Ärmel
seiner Jacke so gut es gehen wollte und schob die beiden Schreiben in die
weiten Taschen seiner Beinkleider
    Schon wollte er das Tau wieder lösen das den scharfen Bug des Fahrzeugs
noch schäumend gegen die unruhigen kleinen Wellen anzog da fiel sein Blick auf
den Platz wo der Knabe vorher gesessen und auf dessen dort zurückgelassene
Mütze Er trat ein paar Schritte vor nahm sie auf und sah sich rings im Boote
nach etwas um  der Sack und die Bleiplatten waren verschwunden  im Boote lag
weiter nichts als die beiden Ruder und sein eigener Strohhut
    »Verdammt« murmelte er vor sich hin  »hab ich denn gar nichts«  Mit den
Händen befühlte er sich am ganzen Körper Da traf seine suchende Hand einen
harten Gegenstand  es war sein großes breites Messer  eine schwere massive
Klinge mit gewöhnlichem braunen Holzgriff und einer kleinen Kreuzplatte daran
die Hand vor dem Hineinrutschen zu bewahren Er betrachtete es einen Augenblick
dann murmelte er leise vor sich hin
    »Hols der Henker  von dem Zeug gibts drüben noch mehr und bessere Ware
 das hier mag seine letzten Dienste verrichten«
    Und damit spiesste er die kleine Mütze auf den spitzen Stahl  drückte sie
bis dicht unter das Heft und hielt sie mit ausgestrecktem Arm hinaus über das
Wasser Im nächsten Moment spritzten die Wellen empor und schlossen sich
augenblicklich wieder über der tief hinabtauchenden Waffe
    Der Neger ruderte langsam zur Insel zurück
    Dort gings aber heut gar wild und lustig zu reiche Beute war am vorigen
Tage eingekommen noch reichere wurde in Kurzem erwartet und die Führer hatten
Beide die Insel verlassen was Wunder dann dass sich dieses wüste Volk
zügelloser Völlerei überließ und jetzt nur noch mit Mühe von dem fast allein
nüchternen Peter im Zaume gehalten werden konnte Wieder und immer wieder musste
sie dieser vor den Folgen warnen wenn vorüberfahrende Boote den Lärm hören
sollten Die Schaar war fast nicht einmal mehr einzuschüchtern und behauptete
das sei schon oft vorgefallen und kein Flatbootmann würde darin etwas
Außerordentliches finden wenn er Lärmen und Geschrei auf irgend einem sonst
unbewohnten oder ihm wenigstens unbekannten Platze höre Überdies könne ja doch
keiner landen dafür wäre gesorgt
    Peter der sich nicht anders zu helfen wusste hatte schon mehrere Male des
Kapitains Frau zu bereden gesucht zwischen die Trunkenen zu treten und sie zur
Ordnung anzuhalten diese aber tröstete ihn fortwährend mit Kellys baldigem
Erscheinen und immer wieder umsonst verschwendete er Bitten und Drohungen an
die zügellose Bande
    Da landete Bolivar verbarg seine Jolle und betrat den innern von den
Gebäuden eingeschlossenen Raum wo er mit wildem Jauchzen von den Zechenden
begrüßt wurde Nun war der Neger sonst allerdings eher mürrischer
verschlossener Natur und hielt sich am liebsten fern von den Weißen die ihn
doch stets seiner Hautfarbe und Abstammung wegen verachteten Heute aber in
seiner jetzigen Stimmung und Aufregung kam ihm ein solches Treiben gerade
gelegen Seine Augen glänzten in lebendigerem wilderem Feuer und mit einer Art
Schlachtschrei  wer weiß denn ob er nicht in dem Augenblick an die tollen
Kämpfe in Kongo oder Guinea zurückdachte  ergriff er die dargereichte Flasche
und schien sie im wahnsinnigen Rausche leeren zu wollen
    »Hallo« rief aber da ein langer Bursche aus Illinois  »hallo mein
TurkeiBussard willst wohl den Brunnen auf einen Ansatz austrinken Abgesetzt
Schneeherzchen abgesetzt und Atem geholt nachher kann man auch noch ein
vernünftiges Wort mit zur Unterhaltung beitragen«
    »Die Pest auf Eure Unterhaltung« brummte der Neger »Euer Brandy ist mir
lieber  aber gebt her die Flasche  er schmeckt Wo habt Ihr den wieder
aufgegabelt Aus den nördlichen Staaten wie«
    »Hahaha  die braune Chocoladentafel hat eine superfeine Nase« lachte der
Illinoiser »wittert den Braten auf Tischlänge  weiß dass wir ganz kürzlich ein
kostbares Nordboot gekapert haben und ist nun so verdammt scharfsichtig zu
ergründen dass dieser vortreffliche Pfirsichbrandy aus dem Norden kommt Aber
Schätzchen Du musst auch Kunststücke machen wenn Du trinken willst musst Dir
Dein tägliches Brod verdienen auf dass Dirs wohlgehe und Du lange lebest auf
Erden«
    »Oh geht mit Euren Narrheiten zum Teufel Korny gebt die Flasche sag ich
mich durstet  nein  ei so behaltet Euer Gesöff und fahrt zur Hölle  s wird
wohl noch anderer aufzutreiben sein« Und damit wandte er sich ab und wollte zu
seinem eigenen kleinen Wohnhause das dicht an das seines Herrn angeschmiegt
stand gehen Korny vertrat ihm aber den Weg und während er ihm mit der linken
Hand die bis dahin verweigerte Flasche vorhielt erfasste er mit der rechten
seinen Arm und rief
    »Halt da meine Alabasterkrone so kommst Du mir heute Abend nicht fort 
ich habe den Burschen hier  Gelbschnäbel Bolivar die eben aus den
Buckeiestaaten herauskommen elende erbärmliche Hosiers nur  von Deinen
Schädelfähigkeiten und Kopfarbeiten erzählt  nicht Hirnproducte Bolivar
sondern reine Schädelmanufactur  Weißt Du wohl alter Bursche wie Du uns
neulich mit der Stirn den Käse durchgeschlagen hast Denk Dir die Lumpe hier
wollen mir das nicht glauben  Landratten die es sind  ich habe um zwanzig
Dollar mit ihnen gewettet Schneeball willst Du sie mir verdienen helfen
Halbpart mein Silberfasan«
    »Ich wär gerade heut Abend zu solchen Albernheiten aufgelegt« knurrte der
Neger » die Pest auf Eure zwanzig Dollar ich habe heute mehr Dollar verdient
als Ihr in Euren Hut schütten könnt  zwanzig Dollar  bah«  und er schlug dem
Weißen ein Schnippchen und wollte sich von ihm losmachen Der aber nicht
gesonnen den einmal Gefassten so bald wieder loszulassen hielt nur um so fester
und rief während er den Übrigen einen von dem Neger unbemerkten schlauen Blick
zuwarf und Etwas an seinem Körper umherfühlte
    »Hier Bolivar  hier meine zuckersüsse Puderquaste meine liebenswürdige
Teerose  hier sieh einmal was sagst Du zu dem Messerchen ah Verlohnte es
sich denn der Mühe eines solchen Prachtstücks wegen einmal einem Freund
gefällig zu sein«
    Die Übrigen drängten jetzt auch auf Bolivar ein und während einige von
ihnen ihn bestürmten lachten andere und riefen er wisse selber am besten dass
er es nicht könne deshalb sei er auch so bereitwillig Bolivar dagegen ohne
sich weiter um Hohn oder Bitten zu kümmern griff nach dem Messer und heftete
den funkelnden Blick auf den herrlich verzierten Stahl Es war ein türkischer
Scimitar  Gott weiß wo erbeutet auf jeden Fall aber leicht gewonnen  mit
mattgrüner gewässerter Klinge und kostbarem gold und silbergeschmücktem Griff
 eine Waffe die ein Sultan hätte tragen können
    Wäre er nüchtern gewesen so musste er Verdacht schöpfen weshalb der wilde
Bootsmann so wertvollen Preis auf eine geringe Wette setze so aber durch das
rasch hinabgeschüttete feurige Getränk erregt  gerade einer Waffe bedürftig
schien er sich plötzlich eines Besseren zu besinnen Er blickte mit den
rollenden Augen rasch im Kreise umher jauchzte dann den alten Strohhut weit in
die Ecke zurückschleudernd laut auf und schrie
    »Hurrah meine Burschen  der Genickfänger ist prächtig  Bolivar will Euch
zeigen wie man sich in einen Westlichen ReserveKäse hineinarbeitet Hussah 
wer will noch mehr dagegen setzen«
    Ein wildes Getümmel entstand jetzt Alles drängte und schrie durcheinander
und Bolivar mitten zwischen den Übrigen die blanke Waffe gezogen das dunkle
Gesicht mit den weißen rollenden Augen und den Elfenbeinzähnen tanzte in
phantastischrasenden Sprüngen einen Jim Crow während er mit gellender scharfer
Stimme die Melodie dazu sang
»Dreht Euch nur Ihr Niggers  dreht Euch nur im Ring
Dreht Euch nur und wendet Euch und hört was ich sing 
Singen will ich Euch ein Lied vom braunen Bill und Joe
Und jedesmal beim letzten Vers da springe ich Jim Crow«
Und mit einem Ton auf der letzten Silbe der durch Muck und Bein drang tanzte
er unter dem Beifallsruf der jetzt einen Kreis Bildenden den beliebten und von
ihm mit bewundernswerter Muskelkraft ausgeführten Negertanz während er mit
Hacken und Zehen den schneller und immer schneller wirbelnden Tact dazu schlug
    »So haltet zum Donnerwetter die Mäuler« rief jetzt Peter noch einmal
zwischen sie springend während er den Neger bei den Schultern fasste und ihn zu
beruhigen suchte »heilige Dreifaltigkeit«  Peter schwur nur dann bei etwas
Heiligem wenn er wirklich ernstlich wütend war  »s ist ja rein um toll zu
werden Wollt Ihr uns denn die Nachbarschaft mit Teufelsgewalt auf den Hals
schreien«
    »War einmal ein Nigger« jauchzte Bolivar indem er trotz des Gegendrucks 
immer wieder wie eine niedergedrückte Stahlfeder emporschnellte
»War einmal ein Nigger  gar ein großer Mann
Hatte gelbe Hosen und auch gelbe Stiefeln an
Aber seinen Hut dabei den trug er etwa so
Und jedesmal beim letzten Vers da tanzte er Jim Crow«
Hurrah hoh
    »Bravo  bravo« schrie die Schar  »Peter soll auch tanzen  hurrah für
Peter«
    »Ruhig Ihr Kreuzkröten Ihr  ruhig sag ich« tobte Peter dagegen und
machte fast noch mehr Lärm als die Übrigen der Illinoiser aber brachte den
Haufen wieder auf das frühere Thema zurück
    »Den Käse her« rief er  »den Käse her  Bolivar will ihn chinesisch
begrüßen  bringt einen Käse« 
    Einige liefen augenblicklich fort und kamen bald mit einem der sogenannten
»Westlichen ReserveKäse« zurück die in den nördlichen Staaten besonders in
Ohio und Pennsylvanien sehr viel bereitet und nach dem Süden verschifft werden
Es sind große runde Käse etwa zwei Fuß im Durchmesser und vier bis fünf Zoll
stark mit gewöhnlich dunkelgelber zäher Schale so dass der Käse etwas ungemein
Elastisches hat Ein gewaltiger Schlag gehört denn auch dazu einen solchen Käse
so zu treffen dass sich die Schale in der Mitte bricht denn gewöhnlich weicht
sie vor dem Stoß wie Gummi elasticum zurück Bolivar hatte dieses Kunststück
aber schon mehrere Male gemacht und war seines Erfolges ziemlich gewiss
Überhaupt zeichnen sich die Neger durch eine entsetzlich harte Hirnschale aus
die sie ja auch oft unempfindlich gegen ihre stahlharren Kriegskeulen macht
deren Schlag den Schädel eines Weißen wie eine Eierschale zertrümmern müsste Im
Ringkampf benutzt der Afrikaner ebenfalls die Stirn fast mehr als die Faust und
sucht hauptsächlich seinen Gegner zu erfassen und mit dem eigenen Vorderkopf zu
Boden zu schlagen Zwei mit einander ringende Neger geben sich daher oft Stöße
die wie das Zusammenrennen zweier Widder weit hinausschallen und dem Weißen beim
bloßen Zusehen Kopfschmerz verursachen Der Illinoismann der den Neger nicht
recht leiden konnte hatte ihm aber etwas ganz Anderes zugedacht und beredete
sich jetzt schnell flüsternd mit einigen Anderen
    Indessen hob ein junger Bursche den Käse mit dem Rand auf eines der an der
Wand hier aufgestellten Zuckerfässer Bolivar aber der indes der Flasche noch
immer wilder und unmässiger zugesprochen hatte woran ihn die Anderen auch gar
nicht verhinderten machte noch ein paar Luftsprünge schob sein schon im Voraus
beanspruchtes Messer in den Gürtel fasste dann den Käse mit beiden markigen
Fäusten zog den Kopf so weit er konnte zurück  und schlug mit seiner Stirn
mit solch unwiderstehlicher Gewalt auf die zähe Rinde dass diese barst und sein
krauses Wollhaar in die weiche innere Masse eindrang
    Ein donnernder Jubelruf feierte den Triumph des Afrikaners der den Käse in
die Höhe hob und ihn höhnisch lachend vor die Füße der Jauchzenden warf
    »Da  Ihr Buckras« rief er dabei  »da habt Ihr Euren Quark  in ein solch
breiweiches Ding fährt Bolivar mit der Nase hinein«
    »Das ist auch nur Quark« schrie der kleine Hosier indem er sich durch die
Übrigen vordrängte  »mit einem ordentlichen Indianakäse sollst Du das bleiben
lassen  Russbutte«
    »Was« tobte dagegen der von Illinois an »bleiben lassen  Bolivar bleiben
lassen Ihr verkümmerten Hosiers da oben in Euren Holzländern wollt wohl was
Apartes haben heh  Her mit dem Indianakäse  hier sind fünf Dollar für einen
 bringt den zähesten den Ihr finden könnt und setzt nachher was Ihr wollt
ich halt es dass Bolivars Eisbrecher eben so leicht hineinfährt als obs eine
New Yorker Damenhutschachtel wäre Hurrah Bolivar nicht wahr wir sind die
Beiden dies der Bande zeigen können«
    »Hurrah« schluckte Bolivar dessen Augen schon anfingen gläsern und stier
zu werden  »hurrah  bringt einen von Euren verdammten Hosierkäsen  her damit
sag ich  hier ist das Kind das ihn vernichten und bis in die Mitte nächster
Woche hineinstossen kann  wo ist der Hosierkäse«
    »Hier Herzchen« sagte der kleine IndianaMann während er einen neuen Käse
brachte und auf eine flache dicht an der Wand lehnende Kiste stellte  »so den
versuch und wenn Du in den auch hineinfährst dann nenne ich mich einen
Dutchman«
    »Hussah  hier kommt Bolivar« jubelte der Neger und wollte sich schon wie
ein Widder auf das neue Ziel stürzen hieran aber verhinderte ihn für den
Augenblick Korny und rief
    »Halt mein Schneekönig  den Käse hab ich eben für teures Geld gekauft
und möchte nicht gern einen Teil Deiner Wollperrücke als Angedenken darin
aufbewahrt nachher zwischen die Zähne bekommen  denn dass Du mitten
durchfährst ist gewiss  So  lass mich nur erst das Handtuch hier darüber
decken nachher magst Du wie Gottes Gericht zwischen die Maden fahren«
    »Deckt ein Tuch darüber« jauchzte der Neger während sich die Übrigen um
ihn sammelten und seine Aufmerksamkeit ablenkten Korny aber warf den Käse
schnell bei Seite und hob dagegen einen kleinen Schleifstein von ganz demselben
Umfange rasch an seine Stelle den er mit dem breiten Handtuch überhing 
»deckt ein Tuch darüber wenn Ihr keine afrikanische Wolle brauchen könnt«
    »Aber er darf ihn auch nicht mit den Händen anfassen« schrie der kleine
Hosier  »hol ihn der Teufel er drückt ihn an der Seite ein  nachher muss er
in der Mitte wohl platzen«
    »Hohoho« jauchzte der Neger und schlug eine wilde Lache auf »hohoho 
meiner Mutter Sohn wirds Euch zeigen wie man westliche Käse anschneidet 
Platz da Ihr Bukras Platz
Wenn ich dann am Sonntag  zu der Liebsten geh
Bring ich bunten Kalico und Kaffee ihr und Tee
Küsse sie dann auf den Mund und mach es grade so
Und jedesmal nach jedem Kuss da springe ich Jim Crow
    Hurrah für AltVirginy« und mit zurückgezogenen Ellbogen den Kopf vorn
niedergebogen die Augen geschlossen sprang er hoch in die Höhe und flog im
nächsten Augenblick  während ihn die Übrigen in erwartungsvollem Schweigen
umstanden  mit fürchterlicher Gewalt gegen den verhüllten Stein
    Der Schlag hätte einen Ochsen zu Boden werfen müssen und Bolivar stürzte
denn auch wie von einer Kanonenkugel getroffen hinterrücks auf die Erde
nieder wo er mehrere Sekunden lang wie tot liegen blieb Endlich aber von dem
lauten Jubeln der Schaar wieder einigermaßen zum Bewusstsein gebracht richtete
er sich langsam empor und schien im ersten Anfang nicht recht zu begreifen was
das Ganze bedeute auf wessen Kosten dieses convulsivische Gelächter den Raum
erschüttere und was eigentlich mit ihm selbst vorgegangen Der Kopf mochte ihm
aber wohl wirbeln und dröhnen denn er drückte beide kräftige Fäuste fest gegen
die Schläfe an und schloss eine Weile die Augen Dann aber als er den Blick
wieder aufschlug fiel dieser gerade auf den noch an der Wand lehnenden
Schleifstein von dem das Tuch durch den Stoß herabgerissen war und überrascht
und verstört sah er die Männer im Kreise an Das übte jedoch auf die wilde
Schaar eine noch viel komischere Wirkung und betäubendes Gelächter schallte ihm
von allen Seiten entgegen
    Bolivar der sich hier verachtet und verspottet sah und jetzt leicht
begriff welcher Streich ihm gespielt sei stand mehrere Sekunden lang mit von
Zorn und Wut blitzenden Augen und fest auf einander gebissenen Zähnen da bis
ihm Korny noch spottend in den Weg trat und ihn frug ob er nicht glaube die
Hosierkäse seien zu sehr in der Sonne getrocknet Da wurde es ihm klar wer der
Anstifter des ganzen Streiches sei und ehe nur Einer an Gefahr dachte oder sie
verhindern konnte fuhr der Neger wie ein abgeschossener Pfeil auf den Matrosen
zu und hatte den überrascht Zurückprallenden im Nu wie der Panter seiner
Wüsten mit den Zähnen an der Kehle gepackt Wohl sprangen die Nächststehenden
hinzu den Rasenden von seinem Opfer hinwegzureissen Fest fest hielt er dieses
aber umklammert und als es ihnen endlich gelang Korny zu befreien stürzte
dieser blutend in die Arme seiner Freunde zurück
    Der Neger wehrte sich jetzt mit verzweifelter Wut gegen die Überzahl und
versuchte besonders das Messer zu ziehen das er im Gürtel trug Daran
verhinderten ihn aber die Piraten warfen ihn zu Boden und banden ihm Hände und
Füße ja ein Teil derselben und besonders Kornys Freunde schien nicht übel
Lust zu haben schnelle Gerechtigkeitspflege zu üben und ihn an Ort und Stelle
zu strafen dass er Hand an einen Weißen gelegt
    Peter der sein Bestes versucht hatte die Tobenden zu besänftigen und nun
wohl einsah seine Macht reiche nicht aus wandte sich noch einmal an Georgine
und bat sie den Sturm zu beschwören er stehe sonst für nichts Von
vorbeifahrenden Flatbooten hätten sie allerdings wenig zu fürchten  es könnten
aber auch Jäger an dem gegenüberliegenden Ufer sein und der Wind wehe gerade
nach Arkansas hinüber Er versicherte ihr dabei wie ihm Kelly selbst ganz
besonders aufgetragen habe jetzt da sie am Ziel ihrer Wünsche ständen Ruhe zu
halten und jede unnötige Gefahr zu vermeiden Niemand Anders aber als sie
selber sei in diesem Augenblick im Stande dem rohen Haufen zu imponiren
    »Und Marie hier« frug Georgine
    Das arme Mädchen kauerte bleich und tränenlos in der einen Ecke  sie hatte
am vorigen Nachmittag mehrere Male versucht das Haus zu verlassen Georgine sie
aber stets daran verhindert während diese selbst oder der Mestizenknabe oder
auch Bolivar sie fortwährend im Auge behielten Heute Morgen war sie noch nicht
von ihrem Platze aufgestanden und schien ihre Umgebung nicht zu beachten ja
kaum von ihr zu wissen
    »Bleibt indessen ruhig hier sitzen« rief der Narbige während er einen
mürrischen Seitenblick auf die Unglückliche warf  »Es fehlte auch noch dass
uns die im Wege wäre«
    Wildes Gebrüll schallte in diesem Moment von den trunkenen Bootsleuten
herüber Georgine raffte schnell den neben ihr liegenden Shawl um sich und trat
gleich darauf ernst und drohend zwischen die Schaar
    Kein Wunder war es aber dass selbst die Rohesten scheu und ehrerbietig vor
ihr zurückwichen und der Lärm wie durch ein Zauberwort gebannt verstummte Die
hohe edle Gestalt des schönen Weibes blieb stolz und gebieterisch dicht vor
ihnen stehen  das schwarze seidenweiche Haar floss ihr in vollen Locken um den
nur halb verhüllten Nacken und die dunkeln von langen Wimpern beschatteten
Augen schweiften finster über die vor wenigen Sekunden noch so unruhigen Männer
hin und schienen Den herausfordern zu wollen der es wage ihrer Macht zu
trotzen
    Nur der Neger wütete noch immer gegen seine Bande an so dass es die ganze
Kraft der ihn Haltenden erforderte seinen rasenden Anstrengungen zu
widerstehen
    »Was hat der Mann getan« frug Georgine endlich mit leiser aber
nichtsdestoweniger auch in ihrem kleinsten Laut verständlicher Stimme »was soll
der Aufruhr«
    Alle wollten jetzt antworten und ein verworrenes Getöse von Stimmen machte
jedes einzelne Wort unhörbar  endlich trat Peter vor und erzählte mit kurzen
Worten den Lauf der Sache während der Haufe als er den Angriff des Negers
erwähnte mit wilder Stimme dazwischen schrie
    »Nieder mit der blutigen Bestie die einen Mann wie ein Panter erwürgen
will«
    »Seid Ihr Männer« zürnte jetzt Georgine und ihre Augen hafteten drohend
auf den Rädelsführern der Schaar  »wollt Ihr in unserem Herzen Aufruhr und
Kampf entzünden während uns außen von allen Seiten der Feind umgibt Habt Ihr
den Neger nicht zuerst gereizt Wundert es Euch dass die Schlange sticht wenn
sie getreten wird Fort mit Euch an Eure Posten  Euer Kapitain kann jeden
Augenblick zurückkehren und Ihr wisst was Euch geschähe wenn er in diesem
Augenblick statt meiner hier stünde  Fort  schlaft Euren Rausch aus und
verhaltet Euch ruhig  der Erste der noch einmal den Gesetzen entgegenhandelt
verfällt ihrer Strafe  so wahr sich jener Himmel über uns wölbt Hat sich der
Afrikaner vergangen so soll er der Züchtigung nicht entgehen  ich wäre die
Letzte die ihn schützte  Sobald Kelly zurückkehrt wird er Euren Streit
untersuchen  bis dahin aber Friede«
    Die Bootsleute traten mürrisch doch dem Befehle gehorsam von dem
gefesselten Afrikaner zurück und Peter wandte sich eben gegen ihn um ihn bis
zu des Kapitains Rückkehr zu verwahren als sein Blick auf die Tür von Kellys
Wohnung fiel Dort aber erkannte er die blasse zarte Gestalt der Wahnsinnigen
wie sie sich die wirren Haare aus der marmorbleichen Stirn zurückstreichend
einen Moment nur forschend nach der vor der Bachelors Hall versammelten Schaar
hinüberstarrte dann mit hellem fast kindischem Lachen rechts hinaus über den
freien Platz sprang und plötzlich zwischen den einzelnen Hütten verschwand
    Das Ganze war so schnell und plötzlich geschehen dass der Narbige im ersten
Augenblicke kaum zu wissen schien ob er wirklich recht sehe Georgine aber die
seinen Blick dorthin gerichtet fand und ihm rasch mit den Augen folgte erkannte
kaum noch den eben hinter dem kleinen Haus verschwindenden Schein des
flatternden Gewandes als sie auch den Zusammenhang ahnte
    »Folgt ihr« rief sie schnell und deutete nach jener Richtung  »folgt ihr
Bolivar  Peter  Wesslei bei Eurem Leben  bringt sie zurück«
    Peter gehorchte rasch dem gegebenen Befehl und Einige von den Nüchternsten
taumelten hinterher während die Anderen vielleicht der Gelegenheit froh sich
unbeachtet fortstehlen zu können schnell in ihre verschiedenen Wohnungen
verschwanden Bolivar blieb allein und noch gebunden am Boden zurück Georgine
löste jetzt zwar schnell seine Bande denn ihr galt es in diesem Augenblicke nur
darum die Entflohene zurückzubringen Der Afrikaner aber durch den Brandy
jenen fürchterlichen Stoß und den letzten mit verzweifelter Kraftanstrengung
geführten Kampf betäubt und entnervt taumelte ein paar Schritte nach vorn und
stürzte dann schwerfällig zu Boden nieder
    Georgine biss sich die zarte Unterlippe und stampfte mit dem kleinen Fuß den
Boden
    »Tier« murmelte sie halblaut vor sich hin Die Verfolgung selbst nahm aber
für den Augenblick ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch um des Negers weiter
zu achten  Sie eilte der Stelle zu wo Marie die nicht unbeträchtliche starke
Fenz überklettert haben musste und schien hier ungeduldig die Rückkehr der
Gefangenen zu erwarten Konnte sie sich doch nicht denken dass das wahnsinnige
Kind mit nur wenigen Schritten Vorsprung und in dem ihr gänzlich unbekannten
Dickicht im Stande sein würde Männern zu entgehen die jeden umgeworfenen Stamm
und jeden einzelnen Platz kannten wo ein Fortkommen überhaupt unmöglich war
Wussten aber die halbtrunkenen Bootsleute vielleicht selbst kaum recht was sie
wollten und stürmten sie nur eben blind hintennach oder war Peter durch die
erstgenommene Richtung der Wahnsinnigen irre geführt dass er glaubte sie würde
solche beibehalten kurz die Insulaner durchkreuzten den ganzen umliegenden
Waldstrich ohne auch nur die mindeste Spur von der Entflohenen zu finden und
mussten unverrichteter Sache zurückkehren
    Nun behauptete Peter allerdings in den Büschen könne sie nicht mehr
stecken da hätte sie ihnen nicht entgehen sollen sie werde wahrscheinlich in
den Strom gestürzt und ertrunken sein Georgine beruhigte sich jedoch nicht
damit Noch einmal mussten die Männer hinaus sie zu suchen und nicht eher
kehrten sie freilich wieder ohne Erfolg zurück bis die Dämmerung ihnen in dem
dichten Walde jedes weitere Vordringen unmöglich machte Für diese Nacht blieb
auch weiter nichts zu tun übrig und Georgine tröstete sich nur damit dass die
Entflohene unmöglich die Insel verlassen konnte und am nächsten Morgen leicht
wieder aufgefunden werden musste
 
                                      15
                                        
                                Das Wiedersehen
Mississippi  Riesenstrom jener fernen Welt  wild und großartig wälzest Du
Deine mächtigen Fluten dem Meere zu und hinein greifst Du mit den gewaltigen
Armen nach Ost und West in das Herz der Tausende von Meilen entfernten
Felsengebirge wie in die innersten Klüfte der kühn emporstarrenden Alleghanies
Aus den nördlichen eisbedeckten Seen holst Du Deine Wasser und Bett und Bahn
ist Dir zu eng wenn Du Deine Kräfte gesammelt und sie zum wilden Kampf gegen
den stillen Golf hinabführst Wie ein zuchtloses Heer erkennen sie dann keinen
andern Herrn an als nur Dich rechts und links durchbrechen sie gesetzlos Ufer
und Damm ganze Strecken reißen sie hinab in ihre gährende Flut  vernichten
was sich ihnen in den Weg stellt zertrümmern was ihre Bahn hemmen will und
plündern den weiten rauschenden Wald der sich ängstlich zusammendrängt dem
fürchterlichen Ansturm zu begegnen Viele tausend Stämme und junge
lebenskräftige Bäume reißen sie wie zum Hohn selbst aus seinen Armen heraus
und führen sie im Triumph spielend und wirbelnd hinab immer hinab ja
gebrauchen sie sogar als Waffen gegen die Schutz und Notdämme der zitternden
Menschen schleudern sie mit entsetzlicher Kraft und Sicherheit wider sie und
durchbrechen nicht selten ihre Besten Gnade dann Gott dem armen Lande das
diese fessellosen Massen überschwemmen nicht einmal Flucht hilft mehr Mit
Sturmesschnelle wälzen sich die schäumenden Wogen durch friedliche Felder und
über fruchtbare Ebenen hinaus  erbarmungslos schleppen sie hinweg was sie
tragen können und vernichten das Übrige Und wenn sie weichen  wenn sie dem
vorangegangenen nicht rechts noch links schauenden Kern der Armee folgen dann
lassen sie eine Wüste zurück wo oft selbst die letzte Spur menschlichen Fleißes
vernichtet wurde
    Solch fürchterliche Macht übt der Mississippi  Ist er aber vorübergetobt
künden nur noch die schlammigen Streifen an Hügel und Baum welch furchtbare
Höhe er erreicht dann strömt er gährend und innerlich kochend aber doch in
sein Bett hineingezwängt zwischen den unterwühlten Ufern hin von denen er nur
hier und da wie aus Grimm dass ihm jetzt die Kraft fehlt über sie hinaus zu
brechen einzelne Stücke abreisst und sie spielend in seine Flut verwäscht 
Die gelbe lehmige Strömung schießt reißend schnell hier und da mit trüben
Wirbeln und Strudeln gemischt von Landspitze zu Landspitze hinüber schmutzige
Blasen treiben auf ihrer Fläche und selbst die sich weit hinüberbiegenden
Weiden und Baumwollenholzschösslinge suchen vergebens ihr Spiegelbild in dem
flüssigen Schlamme Dazu starren dort oben fast von keiner menschlichen Wohnung
unterbrochen die Riesenleiber der Urbäume ernst und finster selbst dicht vom
Rande der schroff abgerissenen Uferbank aus zum Himmel empor und weite
undurchdringliche Rohrbrüche von dornigen Lianen durchwoben dehnen sich unter
ihnen aus den einzigen Raum noch erfüllend der durch die Baum und
Strauchmassen zu führen schien
    Tom Barnwell hatte seine Bahn auf der angeschwollenen Flut ohne sich
sonderlich anzustrengen langsam verfolgt und etwa zehn Meilen teils rudernd
teils in seinem Kahn nachlässig ausgestreckt zurückgelegt Er sah jetzt eine
kleine runde Insel vor sich die dicht mit Weiden bewachsen ziemlich mitten im
Strome lag und an der ihn die Strömung rechts vorüber zu nehmen schien Er ließ
denn auch sein Boot ruhig und selbstständig gehen und wurde bis ziemlich an das
westliche Ufer genommen wo sich der Schilfbruch bis so dicht ans Ufer
hinanzog dass die vordersten Stangen desselben stromüber in die Flut gestürzt
waren und nun mit ihren langen starren Blättern die Schaumblasen aufgriffen und
zerteilten Gestürztes Holz lag hier so wild durcheinander dass Tom fast
unwillkürlich den Blick einen Augenblick darauf haften ließ und noch eben bei
sich dachte wie es hier doch selbst einem Bär schwer werden würde
durchzukommen als  fast neben ihm und höchstens zwanzig Schritt entfernt
mitten aus dem tollsten Gewirr von Rohr und Schlingpflanzen heraus  die
munteren scharf gellenden Töne einer Violine zu ihm drangen Tom blickte
erstaunt auf es blieb ihm aber bald kein Zweifel mehr dass dort wirklich ein
Unbekannter die Violine spiele und der Bootsmann sah sich ordentlich scheu
einen Augenblick um ob er auch in der Tat auf dem Mississippi und dicht neben
einem Rohrbruch schwimme und nicht etwa aus Versehen an irgend eine bis dahin
noch unentdeckte Stadt gekommen sei
    Die Umgebung blieb aber unzweifelhaft ebenso die Musik und fest
entschlossen sich selbst zu überzeugen wer hier im Urwald von Arkansas
SoloKonzert gäbe lief er mit seinem Kahn dicht ans Ufer band ihn hier fest
an einen jungen Sykomoreschössling der zwischen zwei größere Stämme
eingeklammert lag und kletterte dann  ein Weg war nirgends zu sehen  mit
Hilfe eben des Sykomore das steile Ufer hinauf wo er sich aber erst mit seinem
Messer nach der Richtung aus welcher die Musik herübertönte Bahn hauen musste
Mühsam arbeitete er sich durch und erreichte endlich den ihm entgegen liegenden
Wipfel eines umgestürzten oder wie er später fand gefällten Baumes durch den
er sich vordrängte und nun plötzlich laut auflachte als er hier mitten im
Rohrbruch von weiter nichts als Schlingpflanzen und Mosquitos umgeben den
einsamen Musikanten vor sich sah
    Es war ein junger Mann vielleicht von vier oder fünfundzwanzig Jahren mit
krausen dunkelbraunen Haaren und starkem sonnverbranntem Nacken nur in ein
baumwollen Hemd und eben solche Hosen gekleidet neben sich einen breitrandigen
Strohhut und eine Axt die ruhig an dem Stamme lehnte an welchem er noch eben
gearbeitet haben musste Er selbst aber höchst behaglich an einem
emporstarrenden Ast gelehnt drehte Tom den Rücken zu und strich so eifrig auf
seiner keineswegs Cremoneser Geige herum als ob er zahlreiche Zuschauer um sich
versammelt sähe und den Ruf bedeutender Virtuosität zu wahren hätte
    Als er hier in dieser Wildnis das Lachen eines menschlichen Wesens hinter
sich hörte drehte er sich sein Spiel jedoch keineswegs unterbrechend halb
nach dem Fremden herum den er die kurze Rohrpfeife zwischen den Zähnen mit
einem fast noch kürzeren
    »Nun wie gehts Sir« anredete als ob das Jemand sei den er schon den
ganzen Morgen erwartet habe und der nun aus weiter Ferne gesehen auf breiter
Fahrstrasse herankomme nicht aber hinterrücks aus dichtem unwegsamen Busch
heraus zu ihm anschleiche
    
    »Hallo Sir« erwiderte Tom während er von dem ziemlich hohen Stamm
heruntersprang und zu dem Violinisten trat  »schon so fleißig heut Ihr spielt
ja dass Einem fast die Füße anfangen zu zucken  was Wetter noch einmal macht
Ihr denn hier mit der Violine mitten im Rohrbruch«
    »Ich spiele Yankee Doodle« meinte der Backwoodsman sehr naiv  »Yankee
Doodle und Lord Howes Hornpipe oder auch manchmal Washingtons Marsch und Such
a getting up stairs I never did see  ich bin mannigfaltig« und seinen Worten
treu fiel er aus dem amerikanischen Nationallied in den kaum weniger populären
Negersang ein und schien Toms Verwunderung ihn überhaupt hier zu finden gar
nicht zu bemerken
    »Ja aber um Gottes willen Mann« rief dieser endlich ganz erstaunt aus 
»habt Ihr Euch denn hier den vier Fuß dicken Baumwollenholzbaum nur apart
umgehauen um Euch darauf zu setzen und Such a getting up stairs zu spielen 
Ist denn hier nicht irgend eine Wohnung irgend ein Lager in der Nähe wo Ihr
hingehört«
    »Ei gewiss« lachte der junge Mann setzte zum ersten Mal die Violine ab und
schaute Tom mit seinen großen dunkeln Augen treuherzig an  »gewiss ist ein Haus
hier  und was für eins  aber seht Ihr den Pfad nicht Der führt hier gleich
zum Mississippi hinunter wo er eine kleine Bucht im Ufer bildet Dicht dabei
habe ich mein Klafterholz stehen das ich an die vorbeifahrenden Dampfboote das
heißt an die die nicht vorbeifahren sondern bei mir anlegen verkaufe aber
kommt nur mit ich muss Euch doch meine Residenz zeigen Jetzt fällt mirs
übrigens erst ein wo kommt Ihr denn eigentlich her Ihr schient zwar im Anfange
wie aus den Wolken gefallen zu sein müsst aber doch wohl noch irgend wo anders
herstammen«
    »Mein Boot liegt unten am Mississippi« sagte Tom
    »Wo an meinem Haus«
    »Ich habe kein Haus gesehen ich kam mitten durch die Dornen«
    »Hahaha dann glaub ichs Euch dass Ihr erstaunt über mein Spiel wart
wenn Ihr durch das Dickicht gekrochen seid« lachte der junge Holzschläger 
»aber kommt nur ich habe da drüben ein gar behagliches Plätzchen und muss Euch
doch wenigstens einen Bissen zu essen vorsetzen dass Ihr mir nicht hungrig
wieder fortgeht Seht« fuhr er fort als er dem erstaunten Bootsmann voran
auf dem kleinen kaum bemerkbaren Pfade hinschritt  »hier den Baum hab ich
gefällt um ihn klein zu spalten und die Klafterstücken zum Fluss hinab zu
nehmen In einem fort aber so ganz allein Holz zu hacken ist höchst langweilige
Arbeit und da nehm ich denn gewöhnlich die Violine ein wenig mit und wenn ich
müde mit Hauen bin spiel ich ein bisschen bis mir die Arme wieder gelenk
werden Aber hier ist mein Haus  noch wenig Land dabei urbar gemacht sonst
jedoch ganz bequem und meinen Bedürfnissen vollkommen entsprechend«
    Mit diesen Worten schob er die letzten über den Pfad hängenden Rohrstangen
zurück und Tom stand auch schon im nächsten Augenblicke dicht vor der aus
unbehauenen Stämmen aufgeführten Wand des kleinen Hauses um das sie sich erst
herumdrücken mussten den schmalen niederen Eingang desselben zu erreichen Hier
aber dehnte sich auch ein etwas freierer Platz vor ihnen aus der nach dem Fluss
zu offen lag und einen Überblick über den freien Strom gewährte
    Die Hütte stand auf der sogenannten »zweiten Uferbank« die ein wenig von
der ersten zurück und wohl noch eine Elle höher als diese selbst lag Dicht
davor waren einige fünfzig Korde oder Klaftern Baumwollen und Eschenholz
aufgestapelt sonst zeigte aber auch gar nichts weiter dass menschliche Hand in
dieser Wildnis gearbeitet oder ein menschliches Wesen seinen Wohnsitz da
aufgeschlagen habe Kein Dornbusch war abgehauen er wäre denn dem Holztransport
im Wege gewesen weder Spaten noch Hacke hatte hier je eine Scholle aufgeworfen
und der Pflug musste dem ganzen Platz ein eben so fremder Gegenstand sein wie es
Hobel oder Kelle dem Haus gewesen Nur die Axt hatte für den kecken Menschen ein
Asyl aus dem Walde herausgehauen und den Bär und Panter aus seinem angestammten
Wohnsitze vertrieben in das sich unser munterer Musikfreund ein Sohn des alten
Kentucky häuslich und mutterseelenallein niedergelassen hatte
    Ein paar große gelbe Rüden über und über mit Narben bedeckt waren seine
einzigen Gesellschafter und lagen vor der Tür der Wohnung ausgestreckt
Obgleich sie aber bemerkten dass sich ein Fremder näherte schienen sie es doch
nicht einmal der Mühe wert zu halten auch nur den Kopf deshalb zu heben Er
kam ja in Gesellschaft ihres Herrn und diesen nur begrüßten sie mit einem
lebhaften Versuch die außerordentlich kurzen Schwänze in eine wedelnde Bewegung
zu bringen was ihnen übrigens ohne starke Anstrengung des ganzen Hinterteils
gar nicht möglich gewesen wäre
    Was der Kentuckier an Lebensmitteln bedurfte musste ihm der Wald liefern
seinen sehr geringen Brodbedarf bezog er von den dort anlegenden Dampfbooten
und im Übrigen versorgte ihn der Mississippi mit Wasser und Fischen Durch
seine Axt konnte er aber ein gut Stück Geld verdienen von dem es ihm selbst
mit dem besten Willen nicht möglich gewesen wäre auch nur einen Cent wieder
auszugeben und er erreichte so wie er dem jungen Bootsmann versicherte wenn
auch nicht gerade außerordentlich schnell doch ziemlich gewiss seinen Zweck ein
kleines Kapital zu sammeln um sich später in gesünderer Gegend und »mehr unter
Menschen«  jedoch mit der Bedingung »keinen Nachbar näher als fünf Meilen zu
haben«  niederzulassen
    Sie traten jetzt in das kleine Haus und einfacher was Möbeln und
Hausgerät betraf konnte allerdings keine Wirtschaft eingerichtet sein  Ein
leeres Mehlfass war der Tisch  ein paar gerade abgehauene Klötze bildeten die
Stühle  er hatte deren zwei um wie er meinte nicht auf der Erde zu sitzen
wenn er einmal Gesellschaft bekäme  sein ganzes Kochgeschirr bestand in einem
einzigen eisernen Topf ohne Henkel und Deckel einem Blechbecher und zwei aus
Rohr geschnitzten Gabeln Eine Art Löffel hatte er sich ebenfalls aus Holz
geschnitzt der musste aber nur bei festlichen Gelegenheiten benutzt werden denn
er stak ruhig und mit Staub bedeckt über dem Kamin Besser im Stande schien sein
Schiessgerät zu sein eine treffliche Büchse lag mit der Kugeltasche daran
über der Tür und das sogenannte »Scalpirmesser« das unsere Jäger Genickfänger
nennen war in dem Riemen derselben befestigt
    Außerdem lagen noch verschiedene Felle mit einer wollenen Decke auf der
Erde ausgebreitet und ein in der Ecke aufgespanntes Mosquitonetz zeigte den
Platz an wo sein Bett gewöhnlich war denn eine Bettstelle war weiter nirgends
zu sehen Ohne Mosquitonetz hätte es hier aber kein Mensch ausgehalten
wenigstens hätte er kein Auge schließen können
    Die Speisekammer schien noch am besten bestellt denn oben im Kamin hing
eine Anzahl geräucherter Hirsch und Bärenkeulen und breitmächtige Speckseiten
ebenfalls von Bären  Vorrat für die Zeit wo die Arbeit entweder zu dringend
oder die Jagd nicht besonders war oder der einsame Mann vielleicht gar krank
auf sein hartes Bett ausgestreckt lag und vom Fieberfrost geschüttelt kaum zum
Fluss hinabkriechen konnte sich selbst einen Trunk frischen Wassers zu holen
    »Nun Fremder« sagte jetzt der Kentuckier während er unter dem
Mosquitonetz eine bis dahin verdeckt gestandene roh aus Holz gehauene Schüssel
hervorholte die kalte aber feiste und delicate Hirschrippen und ein paar
Stücke gebratenen Trutahns enthielt »machts Euch bequem und langt zu  viel
ist nicht da  halt da drunter liegen auch noch ein paar kleine Weizenkuchen 
so  ein Schelm gibts besser als er kann  Das Essen ist übrigens nicht zu
verachten  das Wildpret schmeckt delicat und der Trutahn kann gar nicht
besser sein  ein Tropfen Whisky fehlt nur die compacteren Sachen damit
hinunter zu spülen« 
    »Hallo wenns Euch an Whisky fehlt da kann ich aushelfen« rief Tom
lachend »ich habe mir von Helena aus genug Vorrat mitgenommen acht Tage damit
auszukommen und will doch nur eine Nacht unterwegs sein aber  wie komme ich
dazu Die Flasche liegt im Boot da werd ich wohl wieder durch die Dornen
zurück müssen«
    »Ei Gott bewahre« sagte der Kentuckier »wenn wir den Whisky so nahe haben
so soll auch schon Rat geschafft werden ihn herzubekommen ohne durch solche
Wildnis zurückzukriechen Ich fahre rasch in meinem Kanoe hin und hole das Boot
hierher Alle Wetter war mirs doch fast so gerade ehe Ihr kamt als ob ich
Whisky röche  entweder habe ich eine verdammt gute Nase oder es gibt
Ahnungen«
    Damit sprang er rasch die Uferbank hinunter stieg in sein Kanoe verschwand
damit um die kleine Landspitze die der Fluss hier oben bildete und kehrte schon
nach wenigen Minuten mit Toms Boot zurück das er jetzt an seiner eigenen
Landung befestigte während Tom selber ihm dabei zu Hilfe kam und die
Whiskykruke mit hinaufnahm
    »Nun sagt mir aber in aller Welt wo wollt Ihr so allein mit der Kruke hin«
frug der Kentuckier endlich als sie ihren Hunger einigermaßen gestillt hatten
und einen zweiten »steifen Grog« in dem einzigen Blechbecher bereiteten »Ihr
gedenkt doch nicht nach NewOrleans hinunter zu treiben Das wäre ein verwünscht
langweiliger Spaß«
    »Nein« sagte Tom »ich will nur sehen wie die Preise in Montgomerys Point
sind  Wir haben hier oben in Helena ein Flatboot und da unser Steuermann so
großes Wesen von jenem Ort machte so gedachte ich einmal vorauszufahren und
mich ein bisschen nach Allem zu erkundigen«
    »Nun Gott sei Dank« lachte der Holzschläger »das war der Mühe wert auch
noch nach dem Nest einen besonderen Boten vorauszuschicken Wenns noch
Napoleon an der Mündung des Arkansas wäre aber auch da sind keine besonderen
Geschäfte zu machen denn die Leute dort kaufen wenig mehr als sie für ihren
eigenen Bedarf nötig haben und das ist sehr wenig Nein da hättet Ihr in
Memphis noch viel bessere Geschäfte machen können als hier wenn Ihr überhaupt
nicht bis Vicksburg oder Natchez hinunter wollt Seid Ihr denn in Memphis
gelandet«
    »Nein unser Steuermann meinte dort sei auch gar nichts mehr abzusetzen da
die MemphisKaufleute ihre bestimmten Waren jetzt fast einzig und allein aus
Kentucky bezögen«
    »Unsinn  Ihr mögt einen besonders klugen Steuermann haben vom Handel
versteht er aber wenn er das sagt nichts«
    »Vielleicht nur zu viel« lachte Tom »ich habe den Burschen in Verdacht
dass er irgend einen guten Freund in Montgomerys Point hat dem er die Waren
zuzuschieben gedenkt Da soll er aber unter dem falschen Baum gebellt haben
denn so lange ich ein Wort mit hineinreden darf bekommt sie Keiner den er
recommandirt«
    »So so« meinte der Kentuckier »auch möglich  in Kentucky habe ich
überhaupt viel über die MississippiBootsleute munkeln hören was keineswegs
sehr zu deren Vorteil spräche Hier kann man freilich nichts Näheres darüber
erfahren obgleich ich mich schon manchmal gewundert habe wie oft hier in der
Nacht Boote vorbeirudern und zwar nicht allein stromab denn das wäre nichts
Besonderes nein auch stromauf und zwar ziemlich regelmäßig vor der
Morgendämmerung Weiß der Henker wer da so große Eile hat dass er nicht
Tageslicht wie ein stromauf gehendes Dampfboot abwarten kann und sich lieber
abquält und plagt gegen die starke Flut dieses Flusses anzuarbeiten
Wahrscheinlich muss in Helena oder auch in Montgomerys Point irgend eine
heimliche Spielhölle sein zu der das alberne Volk bei Nacht und Nebel
hinschleicht um sein gutes Geld förmlich in einen Abgrund zu werfen Gestern
Nacht rief ich einmal eins an das gerade hier unten an der Spitze und noch dazu
mit umwickelten Rudern vorüberfuhr   es war ein Nachbar hier der nach
Victoria hinüber musste  sie wollten ihn aber nicht mitnehmen und meinten sie
wären schon überdies zu schwer geladen Ich hatte wahrhaftig gleich nachher das
Vergnügen ihn selber hinunter zu fahren Doch was kümmerts mich lass sie ihr
Geld todtschlagen wie sie wollen ich weiß besser wohin damit und wenn jene in
den Tag hinein lebenden wilden Gesellen einmal keinen Platz haben wohin sie ihr
Haupt legen können dann sitz ich behaglich auf meiner guten Farm und bin für
mein übriges Leben versorgt«
    »Behaltet Ihr denn aber das Geld was Ihr verdient bei Euch« frug jetzt
Tom »da würd ich doch nicht recht trauen  in der Art hat der Mississippi
keinen besonders guten Namen Wenn Ihr nun einmal vom Hause fortgeht«
    »Ei das halt ich gut versteckt« lachte der Holzhauer »finden solls
schon so leicht Keiner Es lässt sich dabei aber auch nichts Anderes tun denn
ehe ichs einer von den Arkansas oder MississippiBanken anvertraute könnt
ichs eben so gut verspielen da hätt ich doch wenigstens ein Vergnügen davon
wenn auch ein schlechtes«
    »Nun ich weiß nicht« meinte Tom »mit Geld hier so ganz allein im Walde zu
sitzen würd ich jedenfalls für gefährlich halten  Es schwimmt eine ganz
anständige Zahl von Leichen in diesem Vater der Wasser wie Brocken in einer
Suppe herum  ich möchte nicht gern einer von den Brocken sein«
    »Ja das ist wahr« sagte der Kentuckier »vor Victoria besonders treiben
viele vorüber denkt aber auch nur wie manches Dampfboot zu Grunde geht Da
ists ja dann kein Wunder dass die erst versunkenen Leichen auch wieder zum
Vorschein kommen Aber wollt Ihr denn schon fort Wenn Ihr bloß nach Montgomerys
Point gedenkt habt Ihr wahrlich nichts zu versäumen«
    »Ei nun ich bin einmal unterwegs« meinte Tom während er aufstand und den
letzten Rest aus dem Blechbecher leerte »und da will ich doch auch hinunter
überdies soll ich ja dort meinen Alten wieder treffen der hier am Ende an mir
vorbeifährt Aber hört einmal  wo giess ich denn den Whisky hinein Ich möchte
ihn Euch gerne dalassen denn da Ihr hier so schlecht damit beschlagen seid «
    »Gar zu gütig« lachte der Mann »die Gabe nehme ich übrigens mit Dank an
an Gefässen fehlts freilich doch habe ich hier ein paar Rohrstöcke die halten
wohl eine Pint«
    »Ach was da geht ja gar nichts hinein« brummte Tom  »doch halt gebt sie
einmal her wie weit ists noch bis Montgomerys Point und wann kann ich unten
sein«
    »Ei doch wohl noch vierundvierzig Meilen wenn Ihr aber bis Abend rudert und
die Nacht hindurch treibt so könnt Ihr es mit Tagesanbruch erreichen«
    »Gut so behaltet Ihr die Kruke hier  das Rohr hält so viel als ich
brauche bis ich hinunter komme und unten gibts mehr«
    »Was Die ganze Kruke« rief der Kentuckier erstaunt  »ei Mann Ihr seid
großmütig«
    »Ihr seht« sagte Tom lächelnd »ich weiß wies tut ohne Whisky zu sein
bins auch schon manchmal gewesen und fühle deshalb mit jedem Menschen
Mitleiden der sich in gleich trauriger Lage befindet Unser halbes Boot ist
übrigens mit Whisky geladen und da könnt Ihr wohl denken dass es gerade nicht
auf eine Gallone ankommt Aber ade  es wird spät und ich möchte doch noch gern
morgen früh alle die Geschäfte abmachen derentwegen ich eigentlich
heruntergekommen bin so guten Abend denn  wie war Euer Name«
    »Robert Bredschaw  und der Eurige«
    »Tom Barnwell« lautete die Antwort während das schmale Boot schon wieder
in die Strömung hinausschoss sich bis Tom die Ruder ergreifen konnte ein paar
Mal umdrehte und dann dem starken Arm des jungen Mannes gehorsam rasch über
die gelben Fluten dahinschoss
    Tom hatte sich bei seinem neugewonnenen Freunde doch länger aufgehalten als
es anfangs seine Absicht gewesen noch dazu da er erst einen sehr kleinen Teil
seiner Fahrt zurückgelegt  Bredschaws bescheidene Wohnung lag nämlich nur
sieben englische Meilen zu Wasser von Helena entfernt  doch hoffte er auf die
starke Strömung die ihn wohl auch ohne große Anstrengung seinem Ziele zuführen
würde
    Die Sonne lag schon auf den Wipfeln der Bäume als er aus der kleinen Bucht
vorschoss und da es in Nordamerika fast gar keine Dämmerung gibt sondern die
Nacht sich scharf von ihrem freundlicheren Bruder abscheidet so legte er sich
noch recht wacker in die Ruder den letzten Tagesschein soviel als möglich zu
benutzen Links von ihm lag die sogenannte »runde Weideninsel« ein flaches
unbewohnbares Stück Land dessen äußerste Ränder schon jetzt da der Mississippi
erst zu steigen anfing unter Wasser standen während es fast in jedem Jahr von
der Flut vollständig bedeckt wurde Inmitten dicht mit Weiden bewaldet hatten
rings um diese herum ein Zeichen neu angeschwemmten Bodens junge
Baumwollenholzschösslinge Wurzel geschlagen und bildeten nun je nach der Mitte
zu höher und höher emporsteigend eine so regelmäßige Anpflanzung dass es fast
gar nicht aussah als ob sie nur der wildstreuenden Natur ihre dortige Existenz
zu danken hätte sondern von Menschenhand in terrassenförmiger Ordnung gepflanzt
und gehegt sei
    Diese ließ er jetzt hinter sich und mitten im Bett des ungeheuren Flusses
zog sich die Strömung mehrere Meilen lang hin bis dort wo eine andere Insel
»Nr Einundsechzig« die Flut teilte und die größere Hälfte der Wassermasse an
das westliche Ufer hinüberwarf dies wurde noch dadurch befördert dass die
Strömung durch eine ziemlich scharfe Biegung des linken Ufers gerade oberhalb
»Einundsechzig« schräg fast über die ganze Flussbreite getrieben ward Fast
alle herabkommenden Boote ließ deshalb auch diese Insel links liegen und
schnitten nur bei hohem Wasser die zwei oder drei Meilen ab die sie sonst
zurücklegen mussten um wieder zwischen dem östlichen Ufer von Nr Zwei und
Dreiundsechzig und dem Mississippistaate durchzufahren
    Tom nun der die Flussbahn des Mississippi nicht kannte und nur nach dem
Überblick den er von einer Uferspitze bis zur andern bekam seine Fahrt
regelte sah dass der Strom hier einen ziemlich starken Bogen zur Rechten mache
und hielt um den abzuschneiden scharf gegen das östliche Ufer hinüber was
auch für sein leichtes Boot der nächste und der beste Weg stromab sein musste
Immer schneller dunkelte es aber jetzt ein leichter Nebel legte sich wie ein
dünner Schleier über die trübe Stromfläche und selbst der letzte lichte Schein
an den hohen Uferbäumen hatte einer blässeren mattgrauen Färbung Platz gemacht
    In einzelne der hohen Sykomoren und Pappeln stiegen ganze Schaaren weißer
und blauer Reiher nieder um hier ihren Nachtstand zu nehmen Quer über den
Strom zogen zwitschernde Flüge von Blackbirds  die nordamerikanischen Staare 
Auch die Krähen suchten mit dumpfem Krächzen ihren gewöhnlichen Ruheplatz
während lange Ketten von Wildenten dicht über das Wasser mit schnell
schwirrenden Flügelschlägen dahinstrichen und hier und da einen scheuen Loon
auftrieben der dann wenn sie vorüber waren wieder wie ärgerlich mit den
leise klagenden Lauten seinen früheren Platz auf einem alten treibenden
Baumstamm einnahm mit dem er vor Tag vielleicht mehrere zwanzig Meilen stromab
zurücklegte
    Aus dem Walde heraus wurden dabei die Frösche lauter und lauter und
zwischen das helle monotone Geschrei der kleineren Gattungen fiel manchmal im
harmonischen Bass und mit grimmig tönender Stimme irgend ein ernsthafter
Ochsenfrosch ein und gab dadurch dem rauschenden Tenor und Sopranchor eine
gediegenere Grundlage Zahlreiche Nachtfalken kreuzten dicht am Lande hin und
über dem westlichen Ufer schwebte sogar in diesen flachen Gegenden als seltener
Gast ein weissköpfiger Adler das Symbol der Vereinigten Staaten und suchte
den schönen Kopf mit den großen klugen Augen gar scharfsichtig seitwärts
gebogen nach irgend einem unglücklichen Trutahn den er gern aus den Zweigen
herausgeholt und seinem eigenen Horst zugetragen hätte
    Tom Barnwell musste scharf rudern um nicht von der Strömung auf den oberen
Teil der Insel getrieben zu werden Einmal aber die äußerste Spitze umschifft
nahm ihn auch die Flut selbst daran hin und da er auch keine Snags und
vorragenden Baumstämme zu fürchten brauchte von denen sich sein leichtes Boot
bald selbst wieder losgeschwungen hätte so legte er die Ruder bei lehnte sich
behaglich zurück und trieb nun die Augen fest auf die hier und da
hervorblitzenden Sterne geheftet den Strom hinab Lange hatte er in dieser
Stellung verharrt  der dunkelblaue Himmel blitzte und funkelte in seinem
prachtvollen Schmuck und der Wald rauschte neben ihm während unter den Planken
des leichten schlanken Fahrzeugs die wilde Flut gurgelte und murmelte und ihre
eigenen wunderlichen Betrachtungen zu haben schien Es war eine wundervolle
Nacht und stiller heiliger Friede lag auf dem breiten ruhigen Strom
    Ach was für ein aus tiefster Brust heraus geholter Seufzer entfloh da den
Lippen des jungen Matrosen  hatte der wilde Bootsmann des Mississippi solch
bitteres geheimes Weh zu tragen  Waren das Tränen die dem rauen Mann die
Wimpern netzten und ihm leise leise an den Schlafen hinabträufelten 
    Er sprang auf und warf sich die langen braunen Locken halb unwillig aus der
Stirn ohne die Augen zu berühren  er wollte die Tränen nicht anerkennen
    »Zum Henker mit den Dämmerstunden« murmelte er vor sich hin »ists doch
immer als obs einem ordentlichen Kerl da gleich breiweich ums Herz werden
müsste und wenn man erst einmal in das endlose Blau da hinaufstarrt und hier
und da so ein paar glänzenden Sternen begegnet die wie Augen zusammenstehen 
da möchte man doch fast glauben der ganze Nachttau liefe Einem in den
Tränendrüsen zusammen und wollte nun auch augenblicklich wieder hinaus ins
Freie Bah  hier im Walde blitzen die Sterne ebenfalls und diese tausend und
tausend Glühkäfer die in einander schwirren und glitzern und ein förmliches
Feuernetz um die düsteren Baumschatten zu ziehen scheinen glänzen auch wie
Augen  fliegen aber doch vernünftiger Weise umher und starren Einem nicht
immer so ernst und wehmütig entgegen«
    Er nahm langsam das eine Ruder auf und legte es ins Wasser Er wollte
seinen Kahn damit näher zu den rauschenden Baumwipfeln hinlenken in deren
Dunkelheit Miriaden von Glühwürmern das heimliche Reich der Bäume mit einem ganz
eigentümlichen fast zauberhaften Licht erhellten
    »Wetter noch einmal« murmelte er jetzt vor sich hin und suchte sich
augenscheinlich dabei auf andere Gedanken zu bringen  »was für ein Paradies
müsste das hier in diesem herrlichen Klima unter dieser wundervollen
Pflanzenwelt sein wenn es keine « er schwieg einen Augenblick und sah trübe
sinnend vor sich nieder fuhr aber dann wieder rasch auf und rief halblaut und
finster »Mosquitos und Holzböcke gäbe  die Pest über alle Insecten mögen sie
nun der unvernünftigen oder vernünftigen Tierwelt angehören  die Pest über die
Kanaillen  sie wären im Stande selbst das Paradies in eine Hölle zu
verwandeln«
    Er horchte plötzlich hoch auf denn gar nicht weit von ihm entfernt und
dicht aus dem wildesten das Ufer umdämmenden Baumsturz tönte ihm helles
fröhliches Lachen einer Mädchenstimme entgegen
    »Nun bei Gott das ist wunderlich« sagte der junge Mann erstaunt »hat
sich denn hier in gerade solchem Dickicht eine Einsiedlerin niedergelassen
wie da oben ein Einsiedler  Die Beiden sockten doch wenigstens
zusammenziehen« Und fast unwillkürlich lenkte sich die Spitze seines Bootes dem
Orte zu von welchem her das Lachen klang
    »Hahaha wie sie da drinnen durch die Büsche kriechen und den entflohenen
Vogel wieder hinein haben wollen in den goldenen Käfig«  rief da die Stimme
»Hol über Bootsmann hol über  ans andere Ufer Fährmann  es wird dunkel
und die feuchte Nachtluft dringt mir kalt und schneidend durch die dünnen
Kleider«
    Tom schaute erstaunt nach dem Walde hinüber und suchte unter dem Gewirr von
Ästen und Stämmen hin mit den Blicken bis ans Ufer zu dringen wo er ein
menschliches Wesen erst vermuten konnte Er befand sich jetzt an der südlichen
Spitze von »Einundsechzig« und dicht neben dem Platz wo die Boote der Insulaner
versteckt lagen Hier aber dämmte auch um so wilderes Dickicht das Ufer ein und
Baum über Baum lag von innen herausgestürzt während die starren Äste derselben
wieder ihrerseits alles hier vorbeitreibende Driftolz aufgefangen und gegen die
Strömung angestemmt hatten Die Boote wurden dadurch vollkommen gedeckt und ein
Uneingeweihter hätte den schmalen zu ihnen führenden Kanal gar nicht gefunden
hier aber auch kein menschliches Wesen vermuten können wo sich kaum ein
Eichhörnchen über die wirbelnde Flut hinauswagte Da fesselte ein heller
flatternder Schein sein Auge  Dort wo ein dünner weißer Sykomorenast über den
gährenden Strom hinausstarrte oben fast auf seiner äußersten Spitze wie sich
der Falke auf schwankendem Zweige wiegt saß von dem dünnen weißen Kleide
umweht eine weibliche Gestalt und ihr fröhliches Kichern mit dem sie von
ihrer gefährlichen Stellung aus auf den erschreckten Bootsmann niederschaute
machte diesem das Herzblut vor Furcht und Entsetzen gerinnen Er glaubte im
ersten Augenblick wirklich ein übernatürliches Wesen vor sich zu sehen
    »Hahaha Fährmann« rief da wieder die Gestalt zu ihm nieder »komm lande
Dein Boot  der Mond scheint mir sonst von da drüben herüber ins Gesicht herein
und ich bekomme Sommersprossen  so  noch ein wenig  jetzt hab Acht« und ehe
nur Tom der von einem ihm unbegreiflichen Gefühl getrieben dem Rufe des Weibes
folgte selbst die Hand ihr reichen konnte oder im Stande war das Boot zu
befestigen flog sie mit kühnem Satz von oben hinein und als er hinzusprang
sie zu unterstützen denn durch die entgegengesetzte Bewegung des Fahrzeugs
taumelte sie und wäre bald wieder über Bord gestürzt  trieb der Kahn an der
Südseite der Insel vorüber und mitten im Strome in reissender Schnelle dahin
    Es war schon ziemlich dunkel nur die Sterne verbreiteten ein mattes
ungewisses Licht
    Die Frau aber  von den Armen des jungen Mannes gehalten verharrte in ihrer
ersten Stellung und blieb mehrere Minuten lang den Blick fest auf die immer
mehr verschwimmende Insel geheftet stehen dann aber wandte sie sich gegen
ihren Retter um sah ihm während sie sich mit der rechten Hand den Scheitel
langsam zurückstrich kurze Sekunden starr ins Auge und flüsterte dann leise
und ängstlich
    »Kommt Tom Barnwell  kommt  fahrt mich ans andere Ufer hinüber  dort
muss Eduards Leiche angewaschen sein«
    »Marie« schrie da plötzlich der junge Mann und seine ganze starke Gestalt
zitterte und bebte  »Marie  bei dem ewigen Gott da oben  Ihr hier  in diesem
Zustande«
    »Ruhig mein guter Tom« bat die Wahnsinnige  »ich weiß wohl Du hattest
mich lieb aber  es sollte nicht sein  Eduard kam  ha Eduard  was schwimmt
da drüben im Strome  Lass uns hinüberfahren ich denke ich kenne das bleiche
Antlitz auf das die Sterne niederscheinen  das muss mein Vater sein«
    »Marie um Gottes willen was ist geschehen« bat jetzt der junge Barnwell
während er sie langsam und vorsichtig auf den im Stern befindlichen Bootssitz
niederließ  »was ist Euch Fürchterliches begegnet Wo sind Eure Eltern Wo ist
Euer Gatte«
    »Meine Eltern  Mein Gatte« wiederholte die Unglückliche und es war
augenscheinlich sie verstand im Anfange nicht einmal den Sinn der Worte die
sie nachmurmelte  Endlich aber mochten wohl all jene in Wahnsinnsnacht fast
versunkenen größeren Bilder die ihr Hirn und Herz verwirrt vor ihrer Seele
wieder auftauchen denn sie barg plötzlich ihr Antlitz in den Händen und
während ein Fieberfrost ihre Glieder zu durchfliegen schien stöhnte sie
halblaut vor sich hin
    »Alle tot  Alle  Alle  in ihrem blutigen Grabe liegen sie  Nein« rief
sie plötzlich und sprang empor  »nicht blutig  der Strom wusch sie rein  er
wollte die hässlichen Leichen nicht so rot mit fortnehmen  Als Eduard wieder
an der Seite emportauchte sah er weiß und rein aus und der Kopf war ihm nicht
gespalten  Er lachte  heiliger allmächtiger Gott  das Lachen ist es ja
gerade was mich wahnsinnig gemacht hat«
    Zwischen den bleichen zarten Fingern quollen jetzt unaufhaltsam die großen
hellen Tropfen vor und ihr Schmerz schien dadurch wohl nicht
leidenschaftsloser aber doch ihrem ganzen zerrütteten Nervensystem weniger
gefährlich zu werden Tom hütete sich auch wohl diesen Ausbruch langverhaltenen
Grames zu unterbrechen Mit krampfhaft gefalteten Händen stand er vor der Armen
und noch immer kam es ihm fast wie ein wilder entsetzlicher Traum vor dass
Marie  Marie an der früher sein ganzes Herz gehangen jetzt hier  allein 
wahnsinnig  von all den Ihrigen getrennt oder verlassen in seinem Kahne ruhe
und er nun für die sorgen dürfe für die er ja so gern sein bestes Herzblut
geopfert hätte
    Endlich fühlte er aber doch dass hier etwas geschehen müsse nicht allein
ein Unterkommen für das kranke Wesen zu finden sondern auch zu erfahren wie
ihr zu helfen und was die Ursache ihres Unglücks gewesen Allerlei wirre
Vermutungen kreuzten dabei sein Hirn er verwarf sie aber alle wieder und nur
das Eine blieb ihm wahrscheinlich dass sie hier irgendwo an jener Insel mit Boot
oder Fahrzeug verunglückt sei vielleicht den Untergang aller Übrigen gesehen
und sich allein dort auf einem der in den Fluss ragenden Äste gerettet habe
    Einzelne nur wenig zusammenhängende Worte die sie noch später außstieß
bestärkten ihn auch in dieser Vermutung und er wusste für den Augenblick keinen
andern Rat als sie mit sich stromab zu nehmen bis er entweder ein Dampfboot
fände das im Stande wäre Helena noch vor des alten Edgewort Abreise zu
erreichen oder diesem selbst wieder begegnete Dieser kannte Marie ebenfalls
von früher her und wusste wohl überdies besser was mit dem armen unglücklichen
Weibe anzufangen oder wo es unterzubringen sei
    Mehrere Stunden trieb er so langsam stromab und saß noch immer das Haupt
des armen Kindes stützend in seiner Jolle als er am linken Ufer ein Dampfboot
liegen sah das dort Holz einnahm  Er richtete jetzt so gut das in der Eile
gehen wollte mit der Jacke eine Art Lager für seinen Schützling her der
teilnahmlos um Alles was um ihn her vorging sich das auch ruhig gefallen
ließ  Dann aber griff er wieder zu den Rudern und hielt nun gerade hinüber
nach jenem Holzplatz ihn noch vor Abfahrt des Bootes zu erreichen Kaum hatte
er denn auch seine Jolle daran befestigt und das arme Mädchen mit Hilfe einiger
ihr beispringenden Matrosen an Deck gehoben als die Maschine wieder anfing zu
arbeiten und der »Van Buren«  das war der Name des Dampfers  mit rauschenden
Rädern seine Bahn stromauf verfolgte
 
                                      16
                                        
                       Sanders Pläne  Der alte Lively
Langsam zogen die Männer mit ihrer traurigen Last heimwärts Livelys Farm
wieder zu Übrigens waren sie von dieser gar nicht so weite Strecke entfernt
da wie schon gesagt der Hügel welchem die Flüchtigen gefolgt einen ziemlich
starken Bogen machte  Der Mulatte lag fast während der ganzen Zeit
besinnungslos in der Decke und nur manchmal wenn eins der Pferde auf dem
rauen Boden einen Fehltritt tat zuckte er zusammen und stieß einen
Schmerzenslaut aus
    Als sie sich der Farm näherten hielten sie um vor allen Dingen zu
beraten auf welche Art sie den Verwundeten am besten zum Hause brächten ohne
die Frauen dabei zu sehr zu erschrecken Sander erbot sich allerdings voran zu
reiten Kook meinte aber es wäre besser wenn das Einer von der Familie täte
und zwar kein Anderer als der alte Lively da er selbst mit seinem blutigen
Gesicht sie vielleicht noch mehr erschreckt hätte Der Alte war damit auch
vollkommen einverstanden schulterte seine Büchse und wollte eben zu Fuß voraus
wandern als ihm Sander sein Pferd anbot was er auch bestieg und nun rasch
damit seiner eigenen Wohnung zutrabte
    Unterwegs zerbrach sich aber James Lively senior gewaltig den Kopf wie er
es am klügsten anfange die Frauen gleich von vornherein so zu beruhigen dass
sie nicht einmal erschräken sondern augenblicklich wüssten es wäre Alles
glücklich abgelaufen Jene hatten nämlich noch vor dem Aufbruch der Männer
gehört dass die Diebe nicht unbewaffnet geflohen seien was es denn auch außer
allen Zweifel setzte sie würden sich nur nach verzweifelter Gegenwehr gefangen
nehmen lassen So gut und brauchbar nun aber auch der alte Mann im Walde oder
überhaupt da sein mochte wo es galt kaltes Blut und eine mutige Stirn zu
zeigen oder den Weg durch bahnlose Wildnisse zu finden so sehr fühlte er sich
hier außer seiner Sphäre und es kostete ihm nicht geringe Mühe eine nur irgend
haltbare Anrede heraus zu klügeln Endlich war er jedoch damit im Reinen und
beschloss ihnen vor allen Dingen zu sagen dass sie sämtlich wohl und unverletzt
seien ihm auf dem Fuße folgten den einen der Diebe gefangen brächten und den
andern ebenfalls noch vor Abend einzufangen gedächten Damit musste er sie
vollständig beruhigen und hierüber mit sich selbst einig presste er auch dem
munteren Tierchen das er ritt die bloßen Hacken kräftig in die Seite  denn
der alte Mann ging wie immer barfuß  und sprengte in kurzem Galopp den Hügel
schräg hinab an dessen Fuß er schon das helle Dach seines kleinen Hauses
erkennen konnte
    Die Frauen schienen aber die Rückkunft der Männer mit größerer Angst und
Sorge erwartet zu haben als diese vielleicht selbst glauben mochten denn dass
es einen ernsten Kampf galt bewies ihnen schon der Umstand wie sie alle nur
vorhandenen Waffen mitgenommen hatten Es ließ sich ja wohl denken wie bei so
ernster Verfolgung ernster Widerstand zu fürchten wäre Diese Furcht wurde noch
vermehrt als sie jetzt den alten Mann allein zurückkehren sahen und obgleich
eine die andere beruhigen wollte so eilten sie ihm doch sämtlich und zwar in
aller Hast entgegen das Schlimmste was er sagen konnte sogleich aus seinem
eigenen Munde zu hören
    »Lively  um Gottes willen was ist vorgefallen«  rief seine Frau und
musste sich gewaltsam aufrecht halten um nicht in die Kniee zu sinken  »wo  wo
ist James« 
     »Wo ist Kook Vater  wo ist mein Mann« rief die Tochter eilte zum
Pferde und ergriff seine Hand  »wo habt Ihr  großer allmächtiger Gott  hier
ist Blut an Eurem Fuß und hier auch  an Knie und Schenkel  auch Eure Hand ist
blutig  wo um des Heilands willen ist mein Mann«
    »Wo ist James  wo der Fremde Was ist mit den Dieben geschehen« riefen
erschreckt auch Mrs Dayton und Adele
    Der alte Lively so von allen Seiten in einem Anlauf bestürmt der ihn gar
nicht zu Worte kommen ließ vergaß natürlich auch jede Silbe von dem was er zur
Beruhigung der Frauen hatte sagen wollen und vermehrte durch sein bestürztes
Schweigen und Umherstarren nur noch die Angst und das Entsetzen der Frauen
Endlich aber als ihm diese nur einen Augenblick Zeit gaben seine Gedanken zu
sammeln fühlte er selbst dass jetzt eine Antwort unumgänglich nötig sei hielt
sich aber da ihm jeder weitere Faden abgerissen war fest an die letzte Frage
und stotterte nur indem er dabei ein höchst beruhigendes Gesicht zu machen
versuchte und in einem fort mit dem Kopfe schüttelte
    »Er ist noch nicht tot  sie bringen ihn«
    »Wen Um aller fünf Wunden unseres Heilands willen«  schrien die beiden
Frauen wie aus einem Munde während Adele leichenblass wurde und krampfhaft der
Schwester Arm erfasste »Wen Mann  Wen bringen sie  Wo ist James Wo ist
Kook«
    »Hinter dem Andern her« rief der alte Lively jetzt durch die vielen Fragen
total verwirrt  »er kommt mit dem Einen den wir durchs Bein geschossen
haben«
    »James« rief die alte Dame
    »Kook« stöhnte dessen Frau
    »Unsinn« brummte aber jetzt der Alte dem es anfing siedendheiss zu werden 
»der Mulatte  Herr Jesus Weiber macht Einen nicht toll  James und Kook sind
Beide so gesund wie ich  Kook hat sich die Nase ein bisschen wund geschlagen 
den Mulatten haben sie geschossen der Andere ist entflohen und James ist auf
der Fährte geblieben  Vater Unser der Du bist im Himmel  Ihr fragt ja dass
es Einem wie mit Kübeln den Rücken hinunterläuft«
    »Beruhigen Sie sich« sagte Mrs Dayton jetzt indem sie die alte Frau
unterstützte »es ist keiner unserer Freunde verwundet  sie haben nur einen der
Diebe gefangen den sie nach Hause bringen«
    »Aber was in aller Welt erschreckst Du uns da nur so« rief mit
vorwurfsvollem Tone die alte Frau
    »Ach Vater« beteuerte auch Mrs Kook »die Angst bekomm ich in vier
Wochen nicht wieder aus den Gliedern«
    »Na das ist eine schöne Geschichte« brummte der Alte in komischer
Verzweiflung  »ich werde hier ganz besonders vorausgeschickt um gleich als
persönliches Beispiel zu dienen dass sich Alle wohl befinden und springe nun
gerade mit beiden Füßen ins Porzellan hinein Aber besser noch so wie so Sie
sind Alle wohl  Kook und Hawes werden gleich hier sein  Bohs ist aber mit
Kooks James  Heiland der Welt man verliert hier noch das bisschen Verstand 
James ist mit Kooks Bohs  nein doch nicht  der Hund wollte nicht mit  dem
weißen Diebe nach und wird wohl nicht eher wieder kommen bis er ihn selber
bringt oder doch genaue Kunde sagen kann wohin er sich gewendet«
    Der alte Mann musste jetzt umständlichen Bericht über das Geschehene
abstatten denn als er in der Nacht die Gewehre holte hatte er ihnen nur
flüchtig sagen können dass Jemand gestohlen habe und sie dem nachsetzen wollten
Diesem Berichte schloss sich aber eine von dem alten Lively bis dahin noch gar
nicht bemerkte Person an die erst diesen Morgen eingetroffen war und noch beim
nachträglich bereiteten Frühstück saß als die beiden Frauen dem Botschafter
entgegeneilten Dieses Individuum war aber niemand Geringeres als Doctor Monrove
oder der Leichendoctor wie ihn die Hinterwäldler nannten der jetzt noch
zwischen Hunger und Neugier schwankend mit einem halb abgenagten
Trutahnknochen in der einen und einem Stück braungebranntem Maisbrod in der
andern fettigen Hand zu den Frauen trat und mit immer wachsendem Interesse
hörte dass ein Mann verwundet gefährlich verwundet sei und sogar hierher
geschafft werden würde
    »Bester Mr Lively « wandte er sich jetzt an diesen
    »Ach Leich  Doctor Monrove« sagte der alte Mann während er sich erstaunt
und vielleicht auch erschreckt nach dem sonst gern gemiedenen Mann umblickte
Erzählten sich doch die Landleute überhaupt schon von ihm er witterte eine
Leiche so weit wie ein TurkeiBussard  »Ihr kommt apropos  und könnt hier
gleich Eure Kunst zeigen ob einem armen Teufel noch zu helfen ist dem das
Tageslicht an mehr als einer Stelle durch die Haut scheint  Aber da kommen sie
wahrhaftig schon  so mögt Ihr gleich mit anfassen Alte wo wollen wir ihn denn
hinlegen«
    »Ach Du lieber Gott« sagte die alte Dame  »hier ins Haus soll er«
    »Nun wir dürfen «
    »Nein nein Du hast Recht es ist auch ein Mensch so gut wie wir wenn auch
ein sündhafter den Gott gestraft hat Ja da weiß ich aber meiner Seele keinen
Rat weiter als Ihr müsst ihn in Kooks Haus schaffen und Ihr Anderen zieht
bis er transportirt werden kann zu uns herüber  Ach beste Mrs Dayton dass
Sie auch gerade zu so unglücklicher Zeit zu uns kommen mussten und wir hatten
uns Alle so auf Sie gefreut«
    Mrs Dayton wollte sie nun zwar hierüber beruhigen es blieb ihnen aber
keine Zeit weiter denn die kleine Kavalcade hielt in diesem Augenblick vor dem
Tore und Kook und Sander an der einen wie Doctor Monrove und der alte Lively
auf der andern Seite trugen den Verwundeten langsam und so vorsichtig als
möglich in dieselbe Tür hinein aus der er in voriger Nacht so schlau und
flüchtig entwichen
    Der Mulatte stöhnte als er die Augen ausschlug und den Platz wieder
erkannte
    Doctor Monrove der indessen auf des Alten Anfrage nur unzusammenhängende
und diesem vollkommen unverständliche Worte erwidert hatte denn er nannte ihm
in aller Geschwindigkeit eine Masse von Brüchen Quetschungen wie Hieb Stich
und Schusswunden bei denen es ihm ungemeine Freude machen würde ihre Heilung an
irgend einem menschlichen Wesen zu beobachten  schien die Zeit kaum erwarten zu
können wo er im Stande war die Verwundungen des Unglücklichen zu untersuchen
Er versicherte auch ein über das andere Mal es sei der glücklichste Zufall von
der Welt der ihn hier zu so guter Stunde hergeführt habe Auf Sanders Frage
endlich ob er Wohl glaube dass der Mann sein Bewusstsein wieder gewinnen könne
antwortete er sich freudig dabei die Hände reibend
    »Ei gewiss gewiss  soll mir noch zwei drei Tage leben hoffe ihn zu
trepaniren und am rechten Arme wie rechten Beine zu amputiren«
    »Zu was« frug der alte Lively erstaunt
    »Lassen Sie mich nur machen bester Herr« erwiderte der kleine Mann ohne
die Frage weiter zu beachten in größter Geschäftigkeit  »lassen Sie mich nur
machen  Hier am Feuer Gentlemen wird wohl der beste Platz sein sein Lager
zu bereiten  ein Paar wollene Decken genügen  verlange nichts weiter für meine
Mühe Gentlemen als die Leiche  Werden mir wohl ein Pferd borgen sie nach
Helena zu schaffen  ein alter Sack genügt  schneiden sie von einander«
    Der alte Lively drückte sich leise aus dem Zimmer ihm fing es an in der
Gesellschaft des kleinen Mannes unheimlich zu werden und selbst Kook wäre ihm
gern gefolgt wenn nicht noch einige zu treffende Anordnungen seine Gegenwart
erheischt hätten Sander der eine Zeit lang sinnend und ohne mit Jemandem ein
Wort zu wechseln an dem Schmerzenslager des Mulatten stand beobachtete
aufmerksam den Zustand desselben und erklärte endlich als dieser matt die
Augen wieder aufschlug bei ihm bleiben zu wollen In jedem andern Falle hätte
nun Kook das vielleicht nicht einmal zugegeben hier aber schien es ihm sogar
lieb zu sein und er verließ selbst auf kurze Zeit das Haus versprach jedoch
bald zurückkehren zu wollen um von dem Mulatten wenn dieser aus seiner
Betäubung erwache noch über Manches Aufklärung zu erhalten
    Das zu verhindern war jetzt Sanders einziger Zweck und mit verschlungenen
Armen und fest auf einander gebissenen Zähnen ging er als er sich mit dem
Doctor und dem Kranken allein sah im Zimmer auf und ab seine Pläne zu ordnen
und die nötigen Maßregeln zu ergreifen
    Er befand sich aber auch hier in einer kritischen Lage Seine Absicht
weshalb er hierher gekommen war durch eine Bemerkung der alten Mrs Lively
wenn nicht ganz bei Seite geworfen doch sehr erschüttert worden Er hatte
nämlich durch ihr Gespräch mit Mrs Dayton erfahren dass die alten Benwicks in
Georgien gestorben wären und er wusste durch seine frühere Bekanntschaft mit
Adele Dunmore recht gut wie sie von Jenen erzogen und einem eigenen Kinde
gleich behandelt worden sei Kellys Absicht mit ihr glaubte er nun zu
durchschauen  wahrscheinlich wartete ihrer eine bedeutende Erbschaft Blackfoot
hatte ihm ja gesagt dass Kelly mit Simrow in Georgien auf das Lebhafteste
correspondire In diesem Falle stand sonach der auf seinen Dienst gesetzte Preis
in gar keinem Verhältnis mit dem Gewinn Unter jeder Bedingung musste er also
ehe er des Kapitains Plan selber förderte noch einmal mit diesem sprechen und
ihm wenigstens zu verstehen geben dass er mit der Sache näher bekannt sei als
Jener jetzt zu ahnen scheine Fand er diesen dann was er jedoch kaum fürchtete
unnachgiebig ei nun so gab es vielleicht irgend einen Ausweg die schöne Beute
für sich selber zu entführen Wie das möglich zu machen wäre wusste er für den
Augenblick allerdings noch nicht dem eitlen Wüstling schien aber nichts un
möglich wo seine eigene Person mit ins Spiel kam Auf jeden Fall musste er
Kellys Plan aufschieben um auch selbst noch seinerseits die nötigen
Erkundigungen einzuziehen und hierbei gab ihm des Mulatten Gefangennehmung eine
herrliche Ausrede weshalb er den erhaltenen Befehl nicht ohne Zögern
ausgeführt
    Des Mulatten Zustand wurde aber auch ohnedies ein neuer Grund solcher
Handlungsweise Er durfte diesen nicht verlassen ohne sich vorher überzeugt zu
haben ob er noch überhaupt im Stande sein werde Geheimnisse zu enthüllen und
wie weit seine Kenntnis derselben reiche Konnte er der Insel gefährlich werden
so verlangte es nicht allein sein Schwur  um den hätte er sich vielleicht wenig
gekümmert  nein seine eigene Sicherheit dass er unschädlich gemacht würde und
seine einzige Hoffnung blieb jetzt alle Zeugen zu entfernen und dem Mulatten
dann schnell und unbemerkt den Todesstoss zu geben Mit Blut bedeckt wie er war
hätte Niemand daran gedacht ihn näher zu untersuchen und rasch beerdigt dann
oder auch dem Doctor überliefert brauchte er von der Leiche weiter keinen
Verrat zu fürchten
    Dieser Plan scheiterte aber an der fürchterlichen Leidenschaft die der
Doctor für Schwerverwundete hegte Nicht durch alle Versprechungen der Welt wäre
er auch nur einen Augenblick zu vermögen gewesen das Zimmer zu verlassen und
er fing sogar jetzt schon an obgleich der Unglückliche bei jeder Berührung die
heftigsten Schmerzen zu empfinden schien den Körper zu untersuchen welche
Teile besonders verletzt wären Dies suchte Sander dadurch zu verschieben dass
er den kleinen Mann darauf aufmerksam machte wie unumgänglich notwendig es
sei Schienen für die gebrochenen Gliedmaßen herzustellen Davon wollte jedoch
der Doctor nichts wissen indem er auf schleuniger Amputation bestand und er
kramte zu diesem Zweck seine rasch herbeigeschleppte Satteltasche aus Oben
enthielt diese eine Menge von kleinen Fläschchen und Büchsen worunter nachher
das schwere Geschütz  Messer Sägen Scalpels und andere grässlich geformte und
markdurchschneidend blank und sauber gehaltene Instrumente folgten
    Die Fläschchen und Büchsen stellte der kleine geschäftige Doctor damit ihm
nicht irgend ein Unglück damit passire auf den Kaminsims und die Sägen und
übrigen Instrumente breitete er auf dem einzigen kleinen Tische der im Zimmer
stand aus so dass sich Kook als er einmal hereintrat einen heimlichen aber
heiligen Eid schwur von dem Tische nie wieder einen Bissen zu essen
    In Livelys Hause drüben hielten die Männer indessen Rat was jetzt am
besten anzufangen sei um den entflohenen Weißen einzuholen denn Kook meinte
nach des Doctors Äußerungen dürften sie schwerlich darauf rechnen den Mulatten
so weit wieder hergestellt zu sehen irgend eine Frage vernünftig beantwortet zu
bekommen Als sie jedoch noch mit einander darüber verhandelten kehrte James
zurück und erklärte Kotton habe sich wieder dem Fluße zugewendet und es sei
kein Zweifel dass er entweder südlich hinab oder den Strom bloß kreuzen wolle
Beides mussten sie zu verhindern suchen denn nicht allein hatte er schon in
Arkansas gemordet weshalb sogar ein Preis auf seinem Kopfe stand sondern in
seiner jetzigen Lage blieb ihm auch fast nichts weiter als Raub und Mord übrig
Den Nachbarstaat also teils vor solcher Geissel zu sichern teils auch nicht
der Gefahr ausgesetzt zu sein dass der Verbrecher in ihre eigene Gegend
zurückkehre beschlossen sie dem Mississippi zu die Nachbarn zu warnen und
aufzubieten James sollte zu diesem Zweck  da Kook zu kurze Zeit in der Gegend
war um sie genau zu kennen nach Helena zu oder vielmehr etwas über Helena
alle Waldleute requiriren während der alte Lively dem Strom in gerader und
nächster Richtung zu ging um von hier aus ebenfalls die nötigen Maßregeln zu
treffen Abends wollten sie jedoch zurückkehren um zu hören ob vielleicht von
anderen Seiten Nachrichten eingegangen seien Dass der Mörder den Mississippi
hinauf suchen sollte zu entkommen schien ihnen und mit Recht unwahrscheinlich
für unmöglich hielten sie es aber dass er nach Helena selbst fliehen würde da
sie ja die Verbindungen nicht ahnen konnten in welchen Helena verbrecherischer
Weise mit den Nachbarstaaten stand
    Kook sollte also indessen suchen mit des Doctors Hilfe den Neger wieder
ins Leben zurückzurufen und ihm da er ja schon gegenwärtig genug für seine
Sünden litt gänzliche Straflosigkeit sichern wenn er gestehen wollte wo
besonders einzelne bei Little Rock geraubte wertvolle Gegenstände verborgen
seien und wer seine bis dahin noch unentdeckten Helfershelfer wären
    Die Damen rüsteten sich jetzt ebenfalls zum Aufbruch da ja auch der Raum in
Livelys Hause auf so traurige Art beschränkt worden war James aber musste
natürlich vermuten Mr Hawes wie sich Sander hier nannte würde sie auch
zurückgeleiten indem er ja überdies Miss Adele abzuholen gekommen war Ehe er
also sein eigenes indessen rasch gefüttertes Pferd wieder bestieg ging er noch
einmal hinüber zu den Damen und bat diese ihn zu entschuldigen dass er sie
nicht noch ein Stückchen begleiten könne aber der Gegenstand um den es sich
handle verlange zu dringende Eile um auch nur eine Viertelstunde aufschieben
zu können In nächster Woche sei jedoch hoffentlich Alles beigelegt und dann
käme er wieder hinunter nach Helena und wolle die Ladies wenns ihnen recht sei
 und James wusste gar nicht wie gut ihm seine jetzige Verlegenheit stand es
wäre sonst noch viel verlegener geworden  einmal auf recht ordentlich lange
Zeit hierheraus holen
    Treuherzig ging er dann auf Beide zu reichte und drückte ihnen herzlich die
Hände sprang in den Sattel und trabte rasch von dannen während der alte Lively
ebenfalls seine Büchse schulterte die für ihn hingelegten Lebensmittel in die
Kugeltasche schob und mit einem kurzen »Godd bye« seinen eigenen Weg einschlagen
wollte
    »Aber Mr Lively« bat da Mrs Dayton und trat ihm in den Weg »wieder
barfuß Sie sind erst kürzlich krank gewesen  das kann ja auch gar nicht gesund
sein Wenn Sie sich nun recht ordentlich erkälten und einmal Monate lang das
Lager hüten müssen«
    Der alte Mann lächelte  der Gedanke war ihm fremd ja dergleichen hatte er
sich noch nicht einmal für möglich gedacht  Monate lang krank im Bett  nein 
ein paar Tage lang vielleicht wenn ihn einmal das kalte Fieber schüttelte aber
auf keinen Fall länger
    »s hat keine Not« sagte er und griff dabei in den Nacken um einen ihn
dort lästig werdenden Holzbock fortzunehmen  »bin einmal daran gewöhnt  ich
kann das Schuhwerk nicht leiden«
    »Ach dazu bringen Sie ihn nicht« meinte die alte Mrs Lively
kopfschüttelnd »was habe ich da nicht Alles schon geredet und gebeten er
bleibt bei seinem Dickkopf und lässt die Schuhe lieber verschimmeln als dass er
sie anzöge Höchstens Sonntags bequemt er sich einmal dazu wenn er mit mir zur
Kirche reitet«
    Dem Alten fing es an unbehaglich zu werden und er wollte gehen Adele aber
trat ihm jetzt in den Weg und sagte bittend dabei seine Hand ergreifend
    »Kommen Sie Mr Lively zeigen Sie einmal dass die Frau Unrecht hat und dass
Sie auch nachgeben können  Nicht wahr Sie ziehen die Schuhe heut an Sehen
Sie da drüben steigt ein Wetter herauf wenn es regnet und Sie sind mit bloßen
Füßen weit im Walde drin da müssen Sie ja krank werden«
    Lively blickte verzweiflungsvoll nach der Tür Das junge schöne Mädchen war
aber nicht so leicht abgefertigt wie seine Frau  Mit den großen sprechenden
Augen blickte sie ihm so bittend und treuherzig ins Gesicht dass er schon fast
wie unwillkürlich anfing die rauen Sohlen auf der Diele abzustreichen als ob
er direkt in die heute wirklich unvermeidlichen Schuhe hineinfahren wollte Das
bemerkte seine Frau aber kaum als sie auch schon rasch an den Schrank lief um
die von dem Gatten sonst so wenig gebrauchten und »Fussquetschen« genannten
Schuhe herbei zu holen Gleich darauf standen sie mit gelösten Riemen und
sauber abgestäubt dicht vor ihm und als er noch einmal von Mrs Dayton wie von
Adele recht freundlich gebeten war nur dieses Mal ihrem Rate zu folgen und
dann vorsichtig erst in den rechten und dann in den linken Schuh hineingesehen
hatte als ob er etwa glaube es habe sich in der langen Zeit in der sie
unbenutzt gestanden irgend ein junges Schlangenpaar häuslich darin
niedergelassen schüttelte er lächelnd mit dem Kopfe blickte noch einmal ins
Freie und fuhr endlich als er hier jeden Rückzug dreifach abgeschnitten sah
tief aufseufzend in die ihm lästige Fussbekleidung Während er sich die Riemen
zuband hielt ihm seine Frau das Gewehr
    Als er endlich zum zweiten Mal Abschied genommen hatte und über den schmalen
Hofraum schritt begegnete ihm Kook und er ging dicht hinter einem
dortliegenden Trog weg damit Jener nur nicht sehen sollte er trage Schuhe 
Es kam ihm so fremdartig vor dass er sich ihrer ordentlich schämte
    »Ich bin wirklich froh« sagte Adele lächelnd als der alte Mann endlich
über die Fenz gestiegen war und hinter den dichten Büschen der Waldung
verschwand »dass wir ihn so weit gebracht haben In seinen Jahren ist es doch
sicherlich gefährlich dem Wetter auf solche Art zu trotzen«
    »Mich wundert dass ers tat« meinte Mrs Lively »das hab ich aber nur
Ihnen zu verdanken meine gute Miss  so gern er mich hat mir zu Liebe hätte er
sie im Leben nicht angezogen Jetzt will ich aber auch sehen ob ich ihn nicht
dabei behalten kann und wenn er mir eine Weile die Schuhe getragen hat ei
dann schwatz ich ihm am Ende auch noch die wollenen Socken auf«
    Gute Mrs Lively  wie Du in Deiner Unschuld da so freundliche Pläne auf
rindslederne Schuhe und wollene Socken bautest  Hättest Du Deinen Alten in
demselben Augenblick wo Du Dich Deines Sieges freutest gesehen Deine kühnen
Hoffnungen würden sich nicht zu solcher Höhe hinauf geschwungen haben
    Und was tat old man Lively
    Er schritt langsam und vorsichtig als ob er auf Eiern ginge in dem teils
ungewohnten teils verhassten Schuhwerk wirklich in den Wald wie es seine Frau
von ihm verlangt Kaum aber hatte er das düstere Dämmerlicht der Holzung
betreten da warf er den Blick zurück und schaute sich um ob er die Heimat
noch von da aus wo er sich gerade befand erkennen könne Ja  er sah durch die
Büsche den hellen Schein der Häuser schimmern  Weiter wanderte er noch etwa
hundert Schritt bis er zu einem kleinen Dickicht von Dogwoodbäumen kam das
tief versteckt im stillen Haine lag
    Und was tat old man Lively hier
    Er lehnte vorsichtig seine Büchse an einen Hickory band sich dann beide
Schuhbänder wieder eins nach dem andern auf zog die Schuhe aus hing sie
sorgsam oben hinein in den laubigen Wipfel eines niederen Dogwoodbusches
streckte dann das linke und dann das rechte Bein als ob er irgend ein lähmendes
oder beengendes Gefühl hinausdehnen wollte schulterte aufs Neue aber diesmal
viel rascher und freudiger seine Büchse und zog nun mit so schnellen und
lebhaften Schritten in dem leise rauschenden Walde hin und lächelte dabei so
stillvergnügt und selbstzufrieden in sich hinein dass gewiss Jeder der ihn so
gesehen hätte seine recht herzliche Freude an ihm gehabt haben müsste ob er
auch barfuß mit den hornigen Sohlen durch gelbes Laub und dürre Äste
dahinschritt
    Von dem Tage an weigerte sich Vater Lively nie wenn seine Frau ernstaft in
ihn drang die Schuhe anzuziehen Sonderbar war es aber dass er dann auch stets
genau wieder an derselben Stelle aus dem Walde kam wo er diesen zuerst betreten
hatte Seine Frau wusste nicht warum  er aber desto besser Er musste ja die
aufgehangenen Schuhe erst wieder anziehen ehe er sich vor dem Hause durfte
blicken lassen
 
                                      17
                                        
                           Doctor Monrove und Sander
Die beiden Ladies hatten sich jetzt zum Aufbruch gerüstet ihre Pferde waren
vorgeführt und nur Sander fehlte noch sie zur Stadt zurück zu geleiten
Obgleich dieser aber recht gut fühlte wie man auf ihn allein warte ja es sogar
für ganz in der Ordnung fand dass er die Damen die er herausgeführt auch
wieder zurückgeleite so konnte und wollte er doch aus den schon früher
angegebenen Gründen den Platz jetzt unter keiner Bedingung verlassen Eine
Ausrede musste aber gefunden werden und da ihn die in den Dornen zerrissenen
Kleider nicht länger entschuldigen konnten indem ihn Kook sehr bereitwillig mit
einem von seinen eigenen Anzügen versah so bat er Mrs Danton um wenige Worte
unter vier Augen Hier erklärte er ihr der Doctor Monrove sei ein verzweifelter
Mensch dem nur daran zu liegen scheine die Leiche unter sein Scalpel zu
bekommen Er selbst aber habe Medizin studiert und fühle sich überzeugt dass der
unglückliche Verwundete durch sorgsame Behandlung noch gerettet werden könne
verliesse er ihn aber in diesem Augenblick so sei er rettungslos verloren
    Natürlich beschwor ihn Mrs Danton wie er das auch vorausgesehen hatte
nicht von des Armen Seite zu weichen und dankte ihm zugleich für die
Teilnahme die er für einen wenn auch verbrecherischen doch immer
unglücklichen Menschen zeige Sie selbst hätten den Weg schon mehrere Male
allein zurückgelegt und hofften nur ihn bald und zwar mit recht guten
Nachrichten wieder bei sich zu sehen Sander versprach das auch und bat nun Miss
Adele der Mrs Dayton mit wenigen Worten den Stand der Dinge erklärte ihm
nicht wegen seines jetzigen Mangels an Aufmerksamkeit zu zürnen Er hoffe aber
vielleicht schon heut Abend den Verwundeten so weit versorgt zu sehen dass
dieser wenigstens seiner Hilfe entbehren könne und er würde dann augenblicklich
nach Helena zurückkommen um die junge Dame der Freundin zuzuführen
    Adele konnte natürlich hiergegen nichts einwenden Alle kannten ja auch den
Doctor Monrove und fürchteten den entsetzlichen Menschen von dem das Gerücht
vielleicht noch schrecklichere Sachen erzählte als verbürgt waren Missmutig
aber bestieg sie heut ihr kleines Pony und sprengte  nach allerdings herzlichem
Abschied von den beiden gutmütigen Frauen und besonders gegen die alte Dame
mit dem Versprechen recht baldiger Rückkehr  schweigend voran in den heimlichen
Schatten des Waldes
    Sie war verdrießlich  ärgerlich über sich selbst und über  sie wusste oder
wollte nicht wissen über wen noch sonst und das kleine Tier das sie trug
fühlte plötzlich so scharfen und ungewohnten Peitschenschlag dass es erschreckt
emporfuhr und dann in raschem Galopp den schmalen Pfad entlang flog Mrs
Dayton konnte kaum Schritt mit dem Wildfang halten
    Indessen saß Doctor Monrove neben dem Mulatten und beobachtete aufmerksam
und wie es schien mit wohlwollender Zufriedenheit die schmerzdurchzuckten Züge
des Unglücklichen während Sander am Kamin lehnte und ungeduldig seine Nägel
kaute
    Endlich schien der Mann des Blutes einen Entschluss gefasst zu haben  Er
stand auf ging an den Tisch und fing an die kleinste der Sägen hier und da
nachzufeilen Kook der eben in der Tür erschien wandte sich schaudernd wieder
ab und ging in den Wald nur um das Gespräch nicht zu hören das ihm durch Mark
und Nieren drang
    Sander vernahm kaum was um ihn her vorging so sehr war er mit seinen
eigenen Plänen beschäftigt Desto entsetzlicheren Eindruck machte es aber auf
den armen Teufel von Mulatten der in diesem Augenblick zum ersten Mal sein
volles Bewusstsein wieder erlangt zu haben schien Wenige Sekunden starrte er
von keinem der Männer beachtet nach dem Doctor hinüber dann aber als ob ihm
eine Ahnung dessen was ihn erwarte dämmere sank er stöhnend auf sein Lager
zurück Sander schaute sich rasch nach ihm um der Unglückliche hatte aber die
Augen schon wieder geschlossen und lag starr und regungslos da
    »Hört einmal Mr Hawes« brach der Doktor endlich das Schweigen indem er
sich über seine Brille hinüberlächelnd an Sander wandte als ob ihm da eben
bei seiner Beschäftigung etwas ungemein Komisches eingefallen sei  »es ist doch
eigentümlich wie man manchmal in der Praxis  so alt und erfahren man auch
sein mag  irgend einen lächerlichen Schnitzer macht  Bei dem Sägeschärfen muss
ich gerade wieder daran denken Oben in  aber Ihr hört mir doch zu«
    »Doctor was ist denn hier in dem Fläschchen« unterbrach ihn da Sander
    Der Doctor sah einige Sekunden scharf mit der Brille dorthin und rief dann
    »Nehmen Sie sich in Acht  ziehen Sie den Pfropfen ja nicht heraus  das ist
Arsenik  und das gelbe Gläschen enthält Scheidewasser«
    »Und das hier mit dem blauen Papier und der darunter gebundenen Blase
Verwahrte«
    »Ist acidum zooticum oder Blausäure  das Gefährlichste von Allem lassen
Sies lieber stehen  ich habe nur das eine Fläschchen mit und es könnte Ihnen
aus der Hand fallen und entzweigehen«
    »Die Blausäure wirkt wohl als Gift am stärksten« sagte Sander während er
das Fläschchen sinnend in der Hand wog
    »Allerdings  ist ein fürchterliches Mittel animalisches Leben zu
zerstören« erwiderte der Doctor
    »Könnte Ihnen darüber auch zwei wunderbare Geschichten mitteilen  ich habe
nämlich schon zweimal Unglück wirkliches Unglück mit Blausäure gehabt Doch man
schweigt lieber über solche Sachen  Es kommt nichts dabei heraus und wenn es
nachher weiter erzählt wird machen es die Leute gewöhnlich viel schlimmer als
es eigentlich ist«
    »Und dieses Gift tötet unfehlbar und schnell« fragte Sander noch einmal
    »Stellen Sie mir um Gottes willen das Glas hin« rief der Doctor ängstlich
und sprang von seinem Sitze auf  »Sie richten wahrhaftig noch etwas an  das
ist fürchterliches Gift und kann in den Händen des Laien zu ensetzlichen Folgen
führen«
    Sander sah sich gezwungen das Fläschchen wieder auf den Kaminsims zu
stellen
    »So« sagte jetzt Monrove  als er die Säge durch sein eines Brillenglas
genau betrachtete  »ein Mulattenbein hab ich mir lange gewünscht  Ich wollte
schon einmal Daytons Burschen amputiren der Squire gabs aber nicht zu und es
war auch vielleicht gut  für den Jungen heißt das  denn die Natur half sich
wieder«
    Er trat jetzt zu dem Bewusstlosen hin legte die Instrumente neben diesen auf
einen Stuhl und betrachtete ihn aufmerksam
    »Ja ja« sagte er endlich nachdem er den Puls des Verwundeten gefühlt und
die Hand auf dessen Stirn gelegt hatte  »er bessert sich wie ich sehe da
werden wir also doch ans Amputiren gehen müssen«
    »Glauben Sie wirklich dass er sich wieder erholt«
    »Ja  wahrscheinlich  er atmet ganz regelmäßig und der Puls geht auch
allerdings noch fieberhaft aber doch ruhiger als vorher  Wäre er mir
gestorben so hätt ich ihn lieber ganz mitgenommen so aber werd ich ihn nur
um ein Bein bitten Dafür will ich ihm aber den Arm wieder ordentlich
einrichten und er wird deshalb seinem künftigen Herrn gewiss nicht weniger
vielleicht noch mehr wert sein Es ist manchmal recht gut wenn Neger zwei Arme
zum Arbeiten und nur ein Bein zum Weglaufen haben Alle Wetter jetzt hab ich
aber meine Schienen zu Hause gelassen ei nun im Walde kann man sich da schon
helfen  der Hickory wird sich wohl noch schälen und da hol ich mir ein paar
Rindenstreifen Bitte Sir bleiben Sie einen Augenblick bei dem Kranken hier 
ich gehe nur dort zu den nächsten Bäumen um mir die passenden Stücke zu holen 
bin gleich wieder da Aber  hab ich denn gar nichts womit ich die Streifen
abschälen könnte«
    Er wandte sich von dem Bette ab irgend ein Instrument zu suchen und Sander
griff fast convulsivisch wieder nach dem Giftfläschchen das er rasch in seiner
Hand verbarg
    »Ah  dieser Tomahawk wird gut sein« rief der kleine Mann als er die in
der Ecke liegende Waffe aufhob und damit zur Tür schritt »Da drüben steht auch
Mr Kook den werde ich Ihnen indessen herüberschicken«
    Sander löste rasch das Papier von der Viole ab und zog sein Messer die
Blase zu durchschneiden er durfte keinen Augenblick mehr verlieren der nächste
konnte schon entscheidend sein
    »Wasser« stöhnte da der Mulatte  es war das erste Wort das er seit seiner
Verwundung sprach Sander aber zuckte mit wild gemurmeltem Fluch zusammen denn
in dem Moment fast wo er Verrat für immer unmöglich gemacht hätte drehte sich
der Doctor der jenen Ausruf vernommen rasch wieder herum und kam eilenden
Schrittes zurück Auch Kook näherte sich dem Hause
    »Alle Wetter« rief da Monrove nachdem er einen flüchtigen Blick auf den
Kranken geworfen  »völlig bewusster Zustand  klare Augen  freies Atmen  und
unbezweifelt rückkehrende Lebenskräfte  ich bekomme wahrhaftig nur das Bein 
Mr Hawes wir werden augenblicklich zur Operation schreiten müssen«
    
    »Wasser« stöhnte der Unglückliche  »ich verbrenne  ich will ja Alles 
Alles bekennen  nur  Wasser  Wasser«
    Der Doctor so eifrig er auch seine eigenen Zwecke im Auge haben mochte
begriff doch dass es sich hier um Etwas handle was für die Farmer von
besonderer Wichtigkeit sein musste Er unterstützte also den Kopf des
Verwundeten was diesem jedoch einen lauten Schmerzensschrei auspresste und
hielt ihm dann einen neben dem Bett stehenden Blechbecher an die lechzenden
Lippen
    Sander schlug  die Zähne vor machtlosem Ingrimm zusammenknirschend  das
kleine Fläschchen rasch wieder in seine Papierhülle ein die Blase war aber
schon durch der darangesetzten Stahl verletzt worden und ein Bittermandelgeruch
erfüllte das Haus
    »Blausäure« rief der Doctor und wandte sich während er jedoch den Kranken
noch nicht aus dem Arm lassen konnte halb gegen Sander um »Blausäure so wahr
ich gesund bin  Alle Wetter Sir Sie werden mir mit dem Glase so lange
gespielt haben bis es zerbrochen ist es riecht hier ganz danach  Mr Kook es
ist gut dass Sie kommen hier  der Bursche da scheint noch etwas auf dem Herzen
zu haben  lassen Sie ihn erst einmal beichten und dann wollen wir sehen was
die Wissenschaft für ihn tun kann«
    »Lebt er Hat er gesprochen« rief Kook und trat schnell zum Bett »wie geht
es ihm«
    »Schlecht Sir« flüsterte der arme Teufel  »schlecht  sehr schlecht 
mein Kopf  oh mein Kopf«
    »Ja die Wunde ist bös« bestätigte der Doctor  »Hirnschale hier oben auf
jeden Fall sehr bedeutend verletzt  Knochenhaut getrennt und Gehirn blossgelegt
Mulatten haben zwar höchst anerkennenswert harte Schädel  das Instrument aber
mit dem der Schlag geführt wurde muss ein tödtliches gewesen sein  Bitte
beeilen Sie sich nur mit den Fragen ich möchte gern noch im Stande sein den
Mann zu trepaniren  man hat überhaupt viel zu wenig Erfahrung wie lange ein
Mensch im Stande ist bei bewusstem Zustand den Gebrauch der Säge an der
Hirnschale auszuhalten«
    »Massa Kook« sagte der Mulatte und streckte langsam die Hand nach dem
jungen Farmer aus »ich kenne Sie noch von früher her  Sie sind gut  wollen
Sie mir  wenn ich Alles bekenne eine Liebe tun«
    »Sprich Dan« sagte Kook mitleidig und reichte ihm noch einmal den Becher
hinüber da er merkte dass seine Augen schon wieder matt und glanzlos wurden 
»wenn Du aufrichtig Alles bekennst so soll Dir weiter nichts geschehen darauf
gebe ich Dir mein Ehrenwort Du hast Strafe genug in diesen Wunden gelitten«
    »Und jener Mann« stöhnte der Mulatte denn der Doctor war in ganz Arkansas
berüchtigt und er kannte und fürchtete ihn noch von früher her  »der
Leichendoctor  soll mich  soll mich nicht haben und  zerschneiden«
    »Unsinn  Leichendoctor  zerschneiden« rief der Doctor und richtete sich
unwillig auf  »zwischen Löschpapier kann ich ihn natürlich nicht trocknen«
    »Er soll Dir nichts tun Dan  ich habe Dir mein Wort gegeben  weder
Messer noch Säge darf er an Dich legen aber Du musst auch aufrichtig bekennen
was Du weißt«
    »Mr Kook« sagte Monrove indem er sich schnell an den jungen Farmer
wandte  »Sie geben da ein höchst unüberlegtes Versprechen  ein Versprechen
was Sie unmöglich werden halten können wenn Sie nicht die Wissenschaft mit
ihren segensreichen Folgen gänzlich hintan setzen wollen Ich glaube überdies
gar nicht dass dieses Niggers Leben wird erhalten werden können wenn es ihm
nicht gerade meine Säge erhält«
    »Dann will ich sterben« stöhnte der Mulatte und sank für den Augenblick
wieder bewusstlos zurück
    »Doctor« sagte Kook als er den Mulatten eine Weile beobachtet und gesehen
hatte dass er wahrscheinlich kurze Zeit der Ruhe bedürfe ehe er wieder im
Stande sein würde irgend eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten  »ich
will einmal hinübergehen und die Frauen fragen was wir mit dem armen Teufel am
besten anfangen denn Pflege muss er doch haben Ich bin gleich wieder hier aber
 tut mir den Gefallen und redet wenn er früher wieder zu sich kommen sollte
als ich zurück bin nicht mit ihm von den grässlichen Dingen wie Ihr das
gewöhnlich tut  nicht wahr Ihr vergesst das nicht Einem Gesunden gerinnt ja
schon das Blut in den Adern wenn er solche Sachen nur erwähnen hört wie viel
mehr also einem Unglücklichen dem das Alles versprochen wird«
    Und damit verließ er rasch das Haus während ihm der Doctor  sehr eifrig
und ungeduldig dabei mit seinem langen goldnen Petschaft spielend  ärgerlich
nachsah
    »Hm  ja  hm« sagte er und nahm aus seiner kleinen silbernen Dose eine
entsetzliche Prise  »hm  das ist nicht recht«  das fehlte auch noch dass sich
solche Holzköpfe um die Wissenschaft bekümmerten Soll nicht einmal davon reden
 soll weder »Messer« noch »Säge« wie sich dieser Barbar ausdrückt an den
schwarzen Kadaver legen dürfen  »ich möchte nur um Gottes willen wissen wozu
er sonst noch gut wäre«
    Sander hatte die ganze Verhandlung in wirklich peinlicher Ungeduld mit
angehört  Was aber konnte er machen Einen Schritt tun der auf ihn selbst
den Verdacht lenkte und dann fliehen Er hatte erst an diesem Morgen gesehen
wie die Hinterwäldler einer Spur folgten Überdies war es ja noch nicht einmal
bestimmt ob der Mulatte um die Existenz der Insel wirklich wisse und unnütz
eine solche Gefahr zu laufen wäre mehr als töricht gewesen Da brachten ihn
des Farmers letzte Worte und des Doctors Unwillen darüber auf einen neuen
Gedanken  Vielleicht konnte dieser gewonnen werden ihm beizustehen wenn er
seine Liebhaberei mit zu Hilfe rief und nach kurzem Überlegen sagte er indem
er sich an den grimmig auf und ab laufenden kleinen Mann wandte
    »Doctor Monrove ich würde mich nicht über einen Menschen wundern der weder
von Arznei noch Wissenschaft einen weiteren Begriff hat als dass Indianphysik
auf die eine und Ricinusöl auf die andere Art wirkt  Was hält uns denn ab
doch zu tun was wir wollen«
    »Was uns abhält« rief der Doctor unwillig indem er stehen blieb und dem
Ratgeber ins Antlitz sah  »was uns abhält  Haben Sie gesehen was der
Mensch für Fäuste hat Liesse sich mit Gewalt dagegen etwas ausrichten«
    »Nein« sagte Sander lächelnd  »aber mit List  wenn man da überhaupt
wirkliche List anzuwenden hat wo es nur gilt einem solchen mit der Axt
zugehauenen Verstande zu begegnen«
    »Aber wie« frug der Doctor und warf einen scheuen Seitenblick auf den
Verwundeten
    »Er verweigert Ihnen Hand oder vielmehr Instrument an den Lebenden zu
legen« sagte Sander
    »Ja «
    »Gut wenn der Mann nun stürbe«
    »Aber er stirbt ja nicht« lamentirte der Doctor  »Solche Mulatten haben
Katzenleben und an einer Hirnwunde ist glaub ich noch nicht ein einziger
draufgegangen  Zähe Naturen sinds denen das Leben nur im Magen sitzt«
    »Gut  was hindert Sie dann es auch dort anzugreifen« frug ihn Sander
lauernd
    »Was mich hindert Wie verstehen Sie das«
    »Ei nun die Sache ist einfach genug  wozu führen Sie diese Gifte bei
sich«
    »Doch nicht um Menschen zu vergiften Sir« rief der kleine Doctor
erschreckt aus
    Allerdings war es bei ihm zur Leidenschaft geworden menschliche Glieder zu
seciren und sich in eine »Wissenschaft hineinzuarbeiten«  wie ers selber
nannte  von der er kaum im Stande gewesen oberflächliche Kenntnis zu erwerben
In der Ausübung derselben hielt er denn auch Alles für vollkommen
gerechtfertigt was einem ihm einmal unter die Hände gefallenen Opfer zustiess
Nie aber hätte er es so weit getrieben wirklichen Mord zu begehen um eben
dieser Leidenschaft zu fröhnen ja der Gedanke war vielleicht noch nicht einmal
in ihm aufgestiegen denn er starrte den jungen Verbrecher mehrere Sekunden lang
ganz erstaunt und bestürzt an Dieser aber der einsah dass er vielleicht
gleich beim ersten Anlauf ein wenig zu weit gegangen sei lenkte rasch wieder
ein und sagte
    »Verstehen Sie mich nicht unrecht Sir  nicht tödtliches Gift würde ich dem
Burschen geben nur irgend einen unschädlichen aber doch dahin wirkenden Trank
dass er in einer Art Starrkrampf liegen bliebe wo Sie dann nicht allein im
Stande sein würden ihn mit fortzunehmen da die unwissenden Farmer das
sicherlich für den Tod selbst hielten sondern ihn auch  ein Sieg der
wirklichen Kunst  wieder herzustellen«
    »Hm so  ja so  auf die Art meinten Sie das  hm ja das wäre vielleicht
eher möglich Da könnte man zum Beispiel «
    Seine Rede wurde hier durch Kook kurz abgeschnitten der in diesem
Augenblick mit einem großen Blechbecher irgend eines kühlenden von Mrs Lively
selbst bereiteten Getränks in der Tür erschien und ohne weitere Umstände zum
Lager des Kranken schritt
    »Dan« sagte er  »Dan  wie geht Dirs«
    »Besser« flüsterte der arme Teufel nach kleiner Pause während er die Augen
aufschlug und einen leisen Dank murmelte als ihm Kook den Becher an die Lippen
hielt  »Massa Kook  Ihr seid gut« sagte er dann während er mit einem tiefen
Seufzer wieder zurücksank  »recht gut  aber  lasst die beiden Männer einmal
hinausgehen  will Euch  will Euch wichtige Nachricht mitteilen«
    »Die beiden Herren da Dan  ei die mögen dableiben« meinte Kook  »es ist
doch kein Geheimnis was mich allein betrifft«
    »Nein« stöhnte Dan und man sah es ihm an wie schwer ihm das Reden wurde 
»nein  nicht allein  geht Alle an in Arkansas  viel böse Buckras  wills
Euch aber allein sagen«
    Kook bat nun die beiden Männer das Zimmer einen Augenblick zu verlassen
Sander natürlich suchte alle möglichen Entschuldigungen vor nur wenigstens in
der Nähe zu bleiben Kook aber da der Mulatte unter keiner andern Bedingung
reden wollte bestand fest darauf und er musste sich zuletzt fügen
    Kook und Dan hatten nun eine gar lange und heimliche Konferenz mit einander
bei der selbst der Pflock innen vor die Tür geschoben war um auch die
geringste Störung zu vermeiden
    Erst als Dan wieder vom vielen Reden erschöpft ohnmächtig wurde oder doch
in eine Art bewusstlosen Zustand verfiel rief der junge Farmer die beiden Frauen
herüber die sich erboten hatten die Wunden zu besorgen und besprach sich nun
während es sich der Doctor nicht nehmen ließ wenigstens gleichfalls hülfreiche
Hand anzulegen mit dem vermeintlichen Mr Hawes über das was er eben von des
Mulatten Lippen gehört
    Dieser nämlich obgleich er recht gut das Bestehen der Insel kannte da
Atkins schon sehr viele Pferde dorthin besorgt und ihn selbst einmal bis zum
Stromufer mitgeschickt hatte war doch nicht im Stande die Lage derselben genau
anzugeben ja wusste nicht einmal bestimmt ob sie dicht über Helena oder weiter
abwärts liege  wenn er sie auch in der Nähe dieser Stadt vermutete So viel
aber sagte er als gewiss aus dass sich die Bewohner derselben fürchterlicher
Verbrechen schuldig gemacht hätten und Kook wollte jetzt nur noch die Rückkunft
der Freunde abwarten um augenblicklich die entscheidenden Schritte zu tun
Diese nämlich sollten nicht allein dahin gehen jenes Raubnest aufzuheben
sondern auch die Verbrecher selbst zu überraschen und sie den Arm strafender
Gerechtigkeit fühlen zu lassen Früher hatte er schon gehört dass Sander mit dem
Mississippi ziemlich vertraut sei und verlangte nun zu hören wie dieser wohl
glaube dass man der gesetzlosen Bande am besten und zwar so beikommen könne um
besonders die Flucht derselben zu verhindern
    Sander schaute lange und sinnend vor sich nieder  seine schlimmsten
Befürchtungen waren eingetroffen  ihrer Aller Leben war bedroht ihr
Schlupfwinkel verraten und er selbst stand machtlos da konnte den Verräter
nicht züchtigen ja wusste im ersten wirren Augenblick selbst weder Rat noch
Tat diesem fürchterlichen Schlage zu begegnen In seinem ersten Schreck suchte
er denn auch ehe er im Stande war irgend einen andern Plan zu fassen die
Sache geradehin als unglaublich und unwahrscheinlich aufzustellen und meinte
der Mulatte habe allem Anschein nach solch tolle wahnsinnige Schreckbilder nur
erfunden um sein eigenes Leben zu retten  seine eigene Haut in Sicherheit zu
bringen Davon wollte Kook aber nichts wissen und erst als Jener fand dass er
ihn auf keinen Fall dazu bringen würde des Mulatten Aussage zu missachten
beschloss er nach einem andern nach dem letzten Plane hinzuarbeiten
    Kook war allerdings jetzt noch der einzige Mensch der um das Geheimnis
wusste und wäre er allein mit ihm im Walde gewesen wer weiß ob er da nicht
versucht hätte sein Leben zu nehmen Hier aber wäre das für ihn mit zu großer
persönlicher Gefahr verknüpft gewesen und überdies genügte es ihm ja die
Entdeckung der Insel nur noch zwei Tage hinauszuschieben Bis dahin behielt er
vollkommen Zeit seine Freunde zu warnen die Beute konnte dann rasch verteilt
und Alle konnten in Sicherheit sein ehe die schwerfälligen Waldleute im Stande
waren einen Schlag gegen sie zu führen
    »Gut Sir« sagte er nach langem ernsten Nachdenken zu dem Farmer  »wenn
Sie denn wirklich glauben dass jener Bursche die Wahrheit gesagt hat und
gesonnen sind eine Bande wie er sie beschreibt aufzuheben so dürfen Sie das
auch als kein Kinderspiel betrachten denn solche Burschen wenn sie wirklich
existieren würden da ihr Alles auf dem Spiele steht auch wie Verzweifelte
kämpfen Fallen Sie also nicht mit der gehörigen Macht über sie her so geben
Sie ihnen nur eine Warnung und finden später das Nest leer denn dazu kenne ich
den Mississippi und seine Ufer zu genau  und Sie vielleicht auch  um Ihnen
nicht die feste Versicherung geben zu können dass an eine Verfolgung darauf
nicht zu denken ist Wollen Sie also das was Sie tun auch mit Erfolg tun so
bereden Sie die Sache heut Abend mit Ihren Freunden benachrichtigen dann morgen
Ihre Nachbarn und kommen morgen Abend oder Sonntag früh nach Helena Ich selbst
will augenblicklich nach Helena zurück dort den Richter davon in Kenntnis
setzen und dann nach Sinkville hinüberfahren um dort ebenfalls Alles an
waffenfähigen Leuten aufzubieten Sonntag Nachmittag spätestens bin ich wieder
in Helena und dann müssen wir noch an demselben Abend den Schlag ausführen da
wir keine lange Zeit darüber versäumen dürfen«
    Dieses Alles leuchtete dem jungen Farmer der Sander natürlich nicht selbst
in Verdacht haben konnte vollkommen ein Früher das wusste er selber war es
auch kaum möglich die nötigen Kräfte zusammen zu bringen Er versprach also
bis längstens am Sonntag Morgen wohlbewaffnet mit allen Nachbarn in Helena
einzutreffen und Sander dem jetzt natürlich nur daran liegen musste die
Freunde so schnell als möglich von der ihnen drohenden Gefahr in Kenntnis zu
setzen erklärte keinen Augenblick länger verlieren zu wollen um die nötigen
Schritte noch vor der zum Aufbruch bestimmten Zeit in Sinkville zu tun Rasch
holte er sein Pferd das er selbst aufzäumte und sattelte und sprengte bald
darauf dem Tier vollkommen die Zügel lassend in wildem Galopp die Straße nach
Helena entlang
 
                                      18
                                        
         Die Abfahrt  Mrs Breidelfords Einspruch  Die Begegnung
Edgeworts Steuermann trieb den ganzen Freitag Morgen dass sie abfahren
sollten und drohte mit Wettern und Nebel Edgewort aber der in den Wolken
nichts sah was die ersten verkündete und die gewaltigen Nebel des südlichen
Mississippi noch gar nicht kannte also auch nicht fürchtete hatte einen
Freund einen früheren Nachbar aus Indiana angetroffen und mit diesem in
Smarts Hotel drüben ein Stündchen verplaudert Smart selber saß dabei das
eine Bein hoch heraufgezogen und mit beiden Händen haltend und hörte den
Erinnerungen der beiden alten Leute zu die sie nicht allein auf Jagd und Wald
sondern auch auf die wilden Kriege mit den Indianern auf Prairiekämpfe und die
nächtlichen Hinterhalte jener dunkeln Race zurückführten
    Da trat endlich Blackfoot ins Zimmer und mahnte dringend zum Aufbruch  Er
habe wie er sagte  die Güter gleich morgen früh zu versenden und müsse
bestimmt darauf dringen jetzt abzufahren damit sie noch vor Tagesanbruch an
Ort und Stelle kämen
    Hierin pflichtete ihm der Indianamann selber bei indem er versicherte sie
hätten keinen Augenblick mehr zu verlieren wenn sie noch in der Zeit Victoria
erreichen wollten Der Steuermann Bill der einige Minuten nach Blackfoot ohne
sich aber um die Übrigen zu kümmern zum Schenktisch getreten war frug jetzt
den alten Edgewort ob er noch heute Morgen abfahren wolle sonst ginge er gern
einmal ein Viertelstündchen vor die Stadt wo ein alter Schiffsgefährte von ihm
wohnen solle
    »Nein Mann« rief Blackfoot schnell dazwischen »das geht unmöglich mehr 
Ihr habt die ganze Nacht Zeit dazu gehabt  Entweder wir fahren jetzt oder ich
kann die ganze Ladung nicht brauchen«
    »Ei nun meinetwegen« brummte der Steuermann und trank sein Glas auf einen
Zug aus drückte sich den Hut trotzig in die Stirn und verließ wie ärgerlich das
Zimmer
    »Unfreundlicher Gesell das « sagte der vermeintliche Kaufmann als er dem
Bootsmann nachblickte  »habt Ihr den schon lange an Bord«
    »Ja von Indiana aus« erwiderte Edgewort »und ich weiß nicht was mir den
Menschen so verhasst gemacht hat  doch wir sind ja bald geschieden Er ist
übrigens ein wackerer Steuermann und versteht seine Sache den Fluss kennt er
wie ich meine Tasche und hat mein Boot bis dahin wacker und gut geführt Aber
wie gesagt ich will froh sein wenn ich von ihm los bin  sein Blick hat für
mich etwas Abstossendes das ich nicht überwinden kann Apropos Landlord«
wandte er sich da plötzlich an den Wirt der indessen Blackfoot von der Seite
mit flüchtigem Blicke maß  »hat denn der Büchsenschmied mein Schloss
hergeschickt Er versprachs wenigstens«
    »Ja die Büchse steht da drin«  sagte Smart ohne seine Stellung zu
verändern  »Francis  reich einmal das lange Schiesseisen heraus an dem Toby
erst herumgearbeitet hat«
    »Habt Ihr ihm die Reparatur bezahlt« frug Edgewort
    »Ja«  erwiderte der Barkeeper  »es war ein halber Dollar  Er sagte die
Feder wäre zerbrochen und die ganze Nuss hätte drin gefehlt Ihr müsstet sie
einmal auseinander genommen und die Nuss verloren haben«
    »Unsinn« rief der Alte  »ich habe die Büchse seit ich sie abschoss
auswischte und wieder lud nicht angerührt  Tom eben so wenig denn der hat
seine eigene Weiß der Henker wie die Nuss herausgekommen sein kann Nun
meinetwegen  sie schießt doch jetzt wieder Da kann ich ja auch gleich den
Schuss herausbrennen der noch im Rohre steckt und einen andern hineinladen Wo
schießt man denn hier wohl am sichersten hin«
    »Ei nun am sichersten gar nicht« meinte Smart »eigentlich ists auch in
der Stadt verboten wir nehmens aber immer nicht so genau Schiesst nur hoch
Seht da oben sitzt ein Specht an dem trocknen Stumpf  ganz hoch  gerade über
dem rechts hinaussehenden Ast  seht Ihr ihn  Ihr könnt Euer Gewehr da an den
Pfosten anlegen«
    Edgewort war indessen mit der Büchse im Anschlag vor die Tür getreten
und blickte scharf nach dem bezeichneten Gegenstande hin
    »Anlegen« sagte er dabei lachend  »auf neunzig Schritt anlegen Das fehlte
auch noch wenn das Schloss ordentlich Feuer gibt könnt Ihr den Specht holen«
Er hob rasch die Büchse zielte einen Augenblick und mit dem Krach des Gewehrs
fast zuckte das arme kleine Tier hoch empor und stürzte dann dicht am Stamm
herab auf die Erde
    »Es geht ja noch«  lächelte der alte Mann während er die Büchse neben sich
niederstellte und aus der umgehangenen Kugeltasche den Krätzer nahm sie erst
ordentlich wieder auszuwischen »Da man aber nicht mehr auf Indianer zu schießen
braucht schießt man Spechte das ist so der Welt Lauf Der Mensch ist wenn
nicht das größte doch sicherlich das gefährlichste Raubtier  er mordet zum
Vergnügen Doch mein Handelsmann da wird ungeduldig  geht nur voraus guter
Freund ich lade bloß meine Büchse bezahle meine Rechnung und bin gleich
unten«
    Blackfoot schien damit zufrieden bat ihn nur noch einmal nicht lange mehr
zu zögern und verließ das Zimmer Smart aber als Jener die Tür hinter sich
zugedrückt hatte wandte sich an Edgewort und frug ihn
    »Kennt Ihr den da schon von früher«
    »Nein  weshalb«
    »Wie seid Ihr denn zu ihm gekommen den Handel mit ihm abzuschließen«
    »Wie Ei nun ich fand ihn hier im UnionHotel Ihr wart ja selbst dabei 
Bill hat ihn irgendwo in der Stadt getroffen«
    »Bill Wer ist Bill«
    »Mein Steuermann«
    »So« sagte der Wirt nach ziemlich langer Pause und fing an das Knie das
er wieder zwischen den Händen hielt hin und her zu schaukeln  »so  also Bill
hat Euch den recommandirt Hört einmal Mr Edgewort  der Bursche gefällt mir
nicht«
    »Weshalb« lachte der Alte »weil er nicht wie ein Handelsmann aussieht Ei
lasst Euch das wenig kümmern Unsere indianischen Händler sind immer mehr Krieger
und Jäger als Kaufleute und müssen ihre Waffen so gut wie ihre Gewichte zu
führen wissen«
    »Aber die Beiden verstehen sich mit einander« sagte Smart
    »Wer der Kaufmann und Bill  hm das ist wohl kaum möglich Der Mann hat
mir treffliche Preise geboten und einen Teil sogar schon als Draufgeld baar
ausgezahlt«
    »Ich sah wie sie Blicke wechselten« versicherte Smart indem er ausstand
»und müsste mich sehr irren wenn sie nicht wenigstens bekannter mit einander
sind als sie hier anzugeben scheinen Habt lieber Acht es gibt gar
nichtsnutziges Volk am Fluss und besonders Helena weiß eine Geschichte davon zu
erzählen Auf Eure Leute könnt Ihr Euch doch verlassen Denn ein Fremder hat
hier unten gerade nicht viel Hilfe zu erwarten«
    »Ei gewiss kann ich das« sagte der alte Mann »mehr jedoch verlass ich mich
auf mich selber es hat übrigens keine Not So klug ist der alte Edgewort auch
noch dass er sich nicht von bloßem Gesindel frei zu halten wüsste Aber was ich
noch sagen wollte Mr Smart es hat mich eine junge Frau hier die von irgend
Jemandem erfahren haben muss dass ich in Victoria landen will gebeten sie und
ihre Sachen mit an Bord dorthin zu nehmen  eine gewisse Mrs   Mrs 
Everett glaub ich Sie will von Helena fortziehen um sich wenn ich nicht
irre in Victoria niederzulassen  ist das eine ordentliche Frau«
    »Ei gewiss Sir« rief Smart eifrig  »ein braves wackeres Weib dessen
Bräutigam erst kürzlich im Fluss verunglückte und dessen Land ich kaufte Ich
habe ihr alle nur mögliche Hilfe angeboten sie weigert sich aber hartnäckig
auch nur die geringste Unterstützung anzunehmen Und sie will wirklich nach
Victoria ziehen«
    »Ja so sagte sie aus  doch ich muss wahrhaftig fort Also Good bye Sollte
ich Tom Barnwell verfehlen und er wieder hierher nach Helena kommen so sagt
ihm er möchte nur gleich wieder zurückfahren  Werde ich mit Ausladen früher
fertig nun so wart ich auf ihn bis er kommt«
    Und damit warf sich der alte Mann die Büchse auf die Schulter und schritt
dem Wirt noch einmal die Hand zum Abschied reichend zum Fluss hinab wo eben
auf einer sogenannten Dray einer Art zweirädrigem Güterkarren die wenigen
Habseligkeiten Mrs Everetts angefahren kamen Die Frau ging neben ihnen her
    Es war eine schlanke schöne Gestalt das junge Weib von Kopf bis zu Fuß in
Schwarz gehüllt aus dem das bleiche gramgedrückte Schmerzensantlitz gar
traurig mit den großen blauen Augen herausblickte Das hellkastanienbraune Haar
quoll ihr dabei in vollen Locken unter dem eng anschliessenden Kopftuche hervor
und manchmal noch fuhr sie sich wie verstohlen über die blassen Wangen nach
den rotgeweinten Augen hinauf als ob sie da jede ungehorsame Träne die sich
trotz allem festen Willen unter den langen Wimpern vorstehlen wollte gleich auf
frischer Tat zu ertappen und fortzunehmen gedenke
    Der Karren hielt an der Flatbootlandung dicht vor Edgeworts Boot und der
Mann der Peitsche und Hut zu Boden warf wollte eben einen Teil seiner Ladung
über die schmale Planke an Bord tragen als sich ihm hier Bill der Steuermann
in den Weg stellte und ihn mit einem herzhaften Fluche fragte was er da noch
für Packen und Passagiere an Bord bringe  sie hielten keine Fähre und brauchten
keine Gesellschaft weiter
    »Lassts nur sein Bill« sagte Edgewort der gerade oben von der Uferbank
herabschritt  »wir setzen die Lady in Victoria ans Land  Es ist schönes
Wetter und die Sachen können oben an Deck bleiben«
    Der Steuermann trat brummend bei Seite der Fluss schien aber seine
Aufmerksamkeit jetzt mehr in Anspruch zu nehmen als das Land Den Mississippi
herunter trieben gerade sechs oder sieben Ohioboote  als was sie das geübte
Auge der Bootsleute bald erkannt  und dem ruhigen Aussehen der an Bord
Befindlichen nach mussten sie auch gar nicht gesonnen sein hier zu landen Oben
an Deck ausgestreckt lagen die meisten der Männer höchst behaglich in der
ziemlich heiß niederbrennenden Sonne und nur an der hintersten langen
Steuerfinne lehnte der Lootse  beide Arme rechts und links hinausgelegt über
das baumlange Holz  und schaute gemächlich nach der kleinen Stadt hinüber
    »Nun da finden wir Gesellschaft« meinte Edgewort  »schnell Ihr Leute 
nehmt die Sachen an Bord  wenn wir uns ein bisschen scharf in die Ruder legen
können wir die da drüben wohl noch einholen«
    Damit schien aber der Steuermann nicht besonders einverstanden und meinte
sie hätten nicht so gar weit von Helena eine Insel mit ziemlich schmalem
Fahrwasser zu passieren durch das sie aber wohl acht Meilen Biegung abschnitten
Wären dann viele Boote beisammen so geschehe es nicht selten dass sie einander
auf versteckte Snags trieben Sie wollten deshalb die Boote immer voraus lassen
und wenn sie nicht ganz vortreffliche Lootsen an Bord hätten gedächte er ihnen
vor Victoria den Weg schon wieder abzuschneiden
    Blackfoot stimmte ihm darin bei und die Leute trugen eben die letzten
Sachen an Bord denen Mrs Everett gerade folgen wollte als diese auf eine eben
so unerwartete als gewaltsame Weise daran verhindert werden sollte
    Mrs Breidelford nämlich war Mainstreet herabgekommen und erkannte dort die
schwarzgekleidete Gestalt der jungen Wittwe die wie sich nicht verkennen ließ
mit all ihrer Habe in Begriff war Helena zu verlassen  Einer Rachegöttin
nicht unähnlich  sofern man sich nämlich Rachegöttinnen in einem höchst
altmodischen verblichenen Seidenhut mit gemachten Blumen einem hochroten
großen Umschlagetuch gelb und grünem Kattunkleid und ledernen Schuhen mit
Kreuzbändern denken kann  fuhr sie da plötzlich auf die wirklich erschreckte
Frau ein fasste sie am linken Handgelenk und schüttete nun eine solche Flut von
Schimpf und Drohwörtern über sie aus dass die unglückliche junge Frau nur noch
bleicher wurde und sich zitternd dem Griff der Wütenden zu entziehen suchte
    Diese aber dadurch noch mehr erbost hob drohend die geballte Rechte gegen
sie empor und rief mit vor innerer Bosheit fast erstickter Stimme
    »So Fortlaufen will Sie Sie Kreatur Sie Fortlaufen wie ein Dieb in der
Nacht Oh wo ist Sie denn die letzten zwei Tage überhaupt gewesen Madame Wo
hat man sich denn so lange es hell war heimlich aufgehalten um Nachts in
Dunkelheit und Nebel fremder Leute Schlösser zu probiren und durch fremder Leute
Schlüssellöcher zu gucken«
    »Um Gottes willen  befreien Sie mich von der Rasenden« rief Mrs Everett
und sah sich überall nach Schutz und Beistand um Die Leute aber die sie rings
umstanden konnten natürlich nicht anders glauben als dass die junge schöne Frau
auch wirklich ein ganz absonderliches Verbrechen verübt haben müsse solcher Art
auf öffentlicher Straße angehalten zu werden und scheuten sich da wo allein
das Gesetz entscheiden konnte dazwischen zu treten
    »So« rief aber hier wieder jetzt auch zugleich an ihrer Ehre angegriffen
Mrs Breidelfort aus und rückte sich den ihr immer in das Gesicht rutschenden
Blumenhut wohl zum zwanzigsten Mal nach hinten »So  eine Rasende bin ich
wohl weil ich auf meinem Recht bestehe und mein Haus nicht Nachts von fremden
Menschen visitirt haben will Ich bin auch eine einsame Wittwe  ich stehe auch
allein  mutterseelenallein in der Welt aber ich betrage mich anständig und
zurückhaltend und laufe nicht Nachts allein und heimlicher Weise in der Stadt
herum und anderen Männern nach dass ich um jeden Bootsmann trauern müsste der
im Mississippi ersäuft Louise sagte mein Seliger immer  Louise Du «
    »Mr Edgewort« bat die zur Verzweiflung getriebene Frau  »schützen Sie
mich vor dieser Wahnsinnigen  Sie bringt mich um«
    »Zurück da Master Eschhold oder wie Sie sonst heißen mögen« rief diesem
aber die erzürnte Dame entgegen »laufe einmal Einer von Euch zum Richter 
Squire Dayton soll einmal herkommen  gleich  der Konstabler soll her  da
drüben stehen ihre Sachen  Stück für Stück muss sie auspacken Ich will doch
sehen was sie Nachts an meinem Schloss zu probiren hat  ich will doch sehen
ob ordentliche Bürgersfrauen turbirt und geängstigt werden sollen dass sie
Abends nicht einmal bei Freunden eine Tasse Tee ruhig trinken können Wo ist
der Konstabler sag ich«
    »Großer Gott ist denn Niemand hier der sich eines armen Weibes annimmt«
rief die unglückliche junge Frau
    Bill und Blackfoot hatten heimlich lachend die ganze Szene ruhig beobachtet
Der Aufenthalt kam ihnen überdies gelegen denn dadurch gewannen die anderen
Boote einen Vorsprung und nach Allem was sie sahen glaubten auch sie
natürlich die gute Dame habe das junge Frauenzimmer auf irgend einer bösen Tat
ertappt und wolle sie nun dafür vor Gericht ziehen Edgewort aber der
Menschenkenntnis genug zu haben glaubte in dem bleichen edlen Antlitz der
Einen nichts Schlechtes und Unehrenhaftes dagegen alles nur mögliche Widerliche
in dem ihrer Anklägerin zu lesen brach die Sache kurz ab erfasste Mrs
Breidelfords Arm und zwang sie während er ihr das Handgelenk fest
zusammenpresste Mrs Everetts Arm los zu lassen dabei schüttelte er jedoch der
darüber empörten und laut aufschreienden Frau herzlich und nachdrücklich eben
dieselbe Hand  erklärte ihr dass jene Dame sein Passagier sei und die Fahrt
nicht versäumen dürfte reichte Mrs Everett den eigenen Arm und führte diese
nun wahrend seine Leute dicht hinter ihm der nachstürmenden Wittwe Breidelford
den Weg vertraten rasch auf sein Boot wonach die Planken schnell eingezogen
und die Taue gelöst wurden Die übrige Mannschaft sprang an Bord und die
Schildkröte löste sich langsam von den übrigen Fahrzeugen ab
    Im Anfange trieb das breite gewaltige Boot dicht an der Flatbootlandung
nieder und drohte auf einen unten angeschwemmten Baum aufzulaufen Dann aber
als die Leute erst rasch die langen Finnen in ihre eisernen Halter gestoßen und
Raum gewonnen hatten mit diesen mächtigen Rudern ordentlich auszugreifen
gehorchte auch das sonst so unbehülfliche Fahrzeug dem Steuer Mit dem Bug
langsam der Mitte des Flusses zustrebend arbeitete es sich weiter und weiter
von der gefährlichen Stelle hinweg bis es über jenen Platz hinaus die
eigentliche Strömung erreicht hatte die in gerade südlicher Richtung der schon
früher erwähnten runden Weideninsel zuführte
    Wer beschreibt aber die Wut Louise Breidelfords als sie sich ihr Opfer so
plötzlich und ganz hoffnungslos entrissen sah Sie war nämlich Gott weiß
weshalb zu der unumstösslichen Überzeugung gelangt dass Mrs Everett jene Frau
sein müsse die nach Mr Smarts Aussage vor einigen Abenden ihr Haus
umschlichen und versucht hatte mittelst Nachschlüssels ihre Tür zu öffnen
Einige Gegenstände die sie wohl verlegt haben musste oder sonst nicht finden
konnte bestärkten sie noch mehr darin und sie hatte jetzt wirklich nichts
Eiligeres zu tun als zu Squire Daytons Haus zu laufen und die Gerechtigkeit
allen Ernstes anzurufen damit jenes Boot aufgehalten und ihr zu ihrem Rechte
verholfen würde Squire Dayton war aber eben so wenig zu Haus als irgend eine
der Damen wenigstens gab ihr Nancy hierüber die Versicherung aus dem Fenster
heraus ohne sich dabei die Mühe zu nehmen der sehr erhitzen Lady die Tür zu
öffnen
    Ihre einzige Hoffnung blieb jetzt der Konstabler Um aber rasch zu dessen
Hause zu kommen da er an dem andern und äußersten Ende der kleinen Stadt
wohnte musste sie etwa zweihundert Schritt auf einem schmalen Fahrweg hin
durch ein Dickicht gehen das hier aus einer früheren Rodung wieder aufgewachsen
war Rasch schlug sie auch diesen Weg ein und hatte etwa die Hälfte desselben
zurückgelegt Eine Eiche war hier quer über die Straße gestürzt und als sie um
diese herum ihre Bahn suchen wollte trat ihr plötzlich wie es schien zu
beiderseitiger Überraschung ein Mann entgegen dessen ganzes Aussehen in
diesem etwas abgelegenen und selten betretenen Teile allerdings ein Erschrecken
der sonst gerade nicht sehr schreckhaften Dame rechtfertigte
    Die Kleider hingen ihm fast in Streifen vom Leibe  die Haare umstarrten ihm
wild den bloßen Kopf und der Bart musste Wochen lang kein Rasirmesser gefühlt
haben Schweiß und Blut klebten ihm dabei auf Gesicht und Händen und Mord stand
ihm mit fürchterlichen Zeichen auf der Stirn und sprach aus seinen stier aber
misstrauisch umherschweifenden Augen
    »Jesus Maria« rief Mrs Breidelford als der Mann plötzlich vor ihr stand
und den Blick  gleichfalls überrascht fest und prüfend auf sie geheftet hielt
 »Was wollen Sie Sir Was sehen Sie mich so stier an Sir Ich bin auf dem
Wege zum Konstabler  er wohnt keine zehn Schritt von hier und der
Friedensrichter kommt dicht hinter mir« Und damit trat sie rasch etwas zur
Seite und suchte an der unheimlichen Gestalt vorüber zu schreiten Der Fremde
rührte sich auch gar nicht er folgte ihr nur mit den Augen Als sie aber gerade
an ihm vorüberschritt und nur noch einmal misstrauisch den Kopf nach ihm
hinwandte flüsterte er leise
    »Mrs Dawling«
    Wären die wenigen Silben der Bannfluch irgend eines morgenländischen
Zauberers gewesen nach denen Mrs Breidelfort von nun an verdammt sein sollte
drei bis viertausend Jahre unbeweglich und in der gerade angenommenen Stellung
auf einem Platz stehen zu bleiben so hätte die würdige Lady über den einfachen
eben genannten Namen nicht mehr erschrecken können Ihre Augen fingen dabei an
sich aus ihren Höhlen zu drängen so erstaunt und zugleich entsetzt hafteten sie
auf dem Mann der unzweifelhaft ein für sie fürchterliches Geheimnis kennen
musste Dieser aber ohne auch nur im Mindesten den hervorgebrachten Eindruck
weiter zu beachten  außer dass vielleicht ein trotziges Lächeln für einen Moment
um seine Lippen zuckte  trat rasch einen Schritt gegen sie vor und flüsterte
    »Folgt Euch der Friedensrichter wirklich dicht auf dem Fuß«
    »Nein« stammelte Mrs Breidelford und schien noch immer weder zu Atem noch
zu völliger Besinnung gekommen zu sein  »nein  er kommt  er kommt nicht«
    »Desto besser  Ihr müsst mich verbergen  die Verfolger sind mir auf den
Fährten Im Walde konnte ich den verdammten Schurken nicht mehr entgehen  wie
die Indianer spürten sie meiner Fährte nach und ich musste mich endlich als ich
die breite Straße traf auf dieser halten Vielleicht aber sind sie dicht hinter
mir  jede Minute kann mich in ihre Hände bringen also macht schnell  führt
mich in Euer Haus«
    »Heiland der Welt Henry Kotton so wahr ich wünsche gesund zu bleiben und
selig zu werden Kotton nach dem ganz Arkansas fahnt Zu mir wollt Ihr Mann
In mein Haus Das geht nicht das ist unmöglich  Ihr müsst fort«
    »Ich kann nicht weiter« knirschte der Flüchtling  »Matt und abgehetzt
wie ich bin würde ich den Verfolgern augenblicklich in die Hände fallen  ich
muss wenigstens einen Tag rasten Gift und Pest Über vierzehn Tage werde ich nun
schon wie ein Panter gehetzt und zehnmal den Rettungsweg vor Augen den
sichern Hafen fast erreicht immer und immer wieder zurückgetrieben in Elend und
Not  immer wieder gejagt und umstellt und auf Mord und Raub förmlich
angewiesen Verbergt mich deshalb in Eurem Hause bis ich im Stande bin über den
Fluss zu setzen oder vielleicht auch in irgend einem Boot stromab  ja  wenn es
nicht anders sein kann bis auf die Insel zu gehen Ich habe dieses Leben satt
und will es nicht länger führen«
    »In mein Haus könnt Ihr nicht Sir« rief die Wittwe schnell  »ich bin eine
alleinstehende Frau und wenn «
    »Oh lasst zum Donnerwetter den Unsinn« rief Kotton ärgerlich  »die Pest
über Euer Schwatzen  bringt mich in Sicherheit«
    »Es geht wahrhaftig nicht an« rief die würdige Dame in Verzweiflung »denkt
nur wenn Ihr in dem Aufzug durch die Stadt und in meine Wohnung ginget was das
für Aufsehen erregen müsste Die geringste Nachfrage hier nach Euch würde auch
Eure Verfolger augenblicklich auf die richtige Spur bringen und wenn sie bei
mir Haussuchung anstellten  nein das darf nicht sein Bleibt hier im Walde
irgendwo versteckt und ich will Euch heut Abend abholen und sicher auf die
Insel befördern lassen mehr kann ich für Euch nicht tun«
    »So wirklich nicht« höhnte Kotton »sagt lieber mehr wollt Ihr nicht
tun  aber Ihr werdet wohl müssen Doch die Zeit drängt und nochmals sage ich
Euch ich werde verfolgt und bin wenn Ihr mich nicht verbergt heut Abend noch
in den Händen meiner Feinde Ihr seid jetzt im Stande mich zu retten tut ihr
es nicht wohl so mögen auf Euer Haupt auch die Folgen fallen Glaubt aber
nicht etwa dass ich den Grossmütigen spiele und als Märtyrer in Kerker und
Ketten verkomme oder gar am Galgen paradire während Ihr hier hochnäsig als
fromme Lady sitzt  Ich werde States evidence und was Euch dann bevorsteht
könnt Ihr Euch etwa denken«
    »Seid Ihr rasend« rief Mrs Breidelford erschreckt »wollt Ihr mich und uns
Alle unglücklich machen Mann«
    »Nein  gewiss nicht Ihr müsstet mich denn dazu zwingen Aber  in einem
Stück habt Ihr Recht  Ginge ich so in die Stadt wie ich hier stehe so müsste
ich die Aufmerksamkeit Aller auf mich ziehen denen ich begegnete  geht also
und holt mir Kleider  Ihr werdet sie Euch schon zu verschaffen wissen ich will
indessen hier in diesem kleinen SassafrasDickicht liegen bleiben und Eurer
Rückkunft harren Bleibt aber nicht zu lange denn wenn ich bis dahin entdeckt
werde tragt Ihr die Schuld  und die Folgen«
    »Wo soll ich denn um Gottes willen die Kleider hernehmen« rief Mrs
Breidelford erschreckt  »ich weiß ja gar nicht «
    »Das ist Eure Sache« unterbrach sie Kotton und wandte sich gleichgültig von
ihr ab  »denkt aber an Dawling oder  soll ich Euch vielleicht noch einen
andern Namen nennen  ich dächte doch der genügte Euch«
    »Schrecklicher Mann« stöhnte die Frau  »ha fort  rasch fort  ich höre
Jemand kommen  verbergt Euch«
    Kotton hatte schon seit einigen Momenten hoch aufgehorcht denn auch er
vernahm Schritte und wusste nur noch nicht recht von welcher Seite sie nahten
Endlich schien er sich davon überzeugt zu haben und glitt jetzt rasch  den
Finger nur noch einmal drohend gegen die Frau erhoben in die Büsche die sich
wieder hinter ihm schlossen
    Gleich darauf schritt pfeifend die Hände in die Taschen geschoben den Hut
etwas nach hinten auf den Kopf gedrückt Jonathan Smart auf der Straße heran
und Mrs Breidelford hatte wirklich kaum Zeit sich zu sammeln und einen
Entschluss zu fassen nach welcher Seite sie sich überhaupt wenden wolle als
Jonathan auch um die schon früher erwähnte umgestürzte Eiche bog und nun
seinerseits ebenfalls überrascht war Dame Breidelford in unverkennbarer
Verlegenheit hier allein zu finden Sein erster Verdacht fiel auf ein
Liebesabenteuer den verwarf er jedoch augenblicklich wieder als total unmöglich
und konnte nur ein in aller Eile herausgestossenes »Guten Morgen Madame«
vorbringen als auch diese schon in voller Eile an ihm vorbeistürmte und der
Stadt wieder zueilte
    »Potz Zwiebelreihen und Holzuhren« rief der Yankee lächelnd als er stehen
blieb und ihr erstaunt nachblickte  »gewaltige Eile Mrs Breidelford
gewaltige Eile   wichtige Geschäfte wahrscheinlich  wieder vielleicht eine
Freundin mit einem Besuch für einen ganzen Abend elend machen oder einen guten
Namen vernichten oder auch einmal zur Abwechselung eine Frau gegen ihren Mann
aufhetzen  wäre noch gar nicht dagewesen  o Gott bewahre Was aber hat sie in
aller Welt nur hier zu tun gehabt irgend eine Zusammenkunft oder war der
Aufenthalt hier zufällig Weshalb aber bewies sie sich da so augenscheinlich
verlegen«
    Smart fing an die Straße gerade da wo er sie zuerst gesehen hatte zu
untersuchen um vielleicht Spuren andern Schuhwerks darauf zu erkennen Obgleich
er aber die Fußstapfen eines Männerschuhs zu sehen glaubte die sich hier und da
abgedrückt zeigten so war er doch zu wenig geübt zu wenig Waldmann um auf dem
betretenen Wege etwas Genaueres darüber bestimmen zu können Er schüttelte also
ein paar Mal gar bedeutsam mit dem Kopfe  schob seine Hände auf ihren alten
Platz zurück schritt wieder langsam weiter und fiel genau in demselben Ton
mitten im Liede wieder ein wo er vorhin durch Mrs Breidelfords Anblick
unterbrochen worden war
    Etwa eine Stunde später verließ die Dame zum zweiten Mal an diesem Tage
dieselbe Straße und eilte ohne sich höchst ungewöhnlicher Weise auch nur im
Mindesten um das zu kümmern was um sie her vorging ihrem eigenen Hause zu Am
andern Ende der Straße aber folgte ihr ein in die gewöhnliche Tracht der
Landleute gekleideter Mann den breiten Strohhut jedoch tief ins Gesicht
gedrückt Hinter ihm schloss sich bald darauf ihr Haus und wurde jetzt von innen
fest verriegelt
 
                                      19
                                        
          Der Van Buren  Mr Smart fügt sich dem Willen seiner Frau
Tom Barnwell hatte wie schon früher erwähnt seinen unglücklichen Schützling an
Bord des Van Buren gebracht und gab ihn hier um allen lästigen Fragen
überhoben zu sein einfach für eine kranke Schwester aus die er nach Helena zu
Verwandten bringen wolle Marie war dabei durch die gehabte Aufregung so
erschöpft und angegriffen dass sie ohne auch nur die geringste Einwendung
dagegen zu machen Alles mit sich geschehen ließ Die Kammerfrau der Kajüte
erstaunte allerdings als sie das durch die Dornen und Zweige zerrissene
Oberkleid sah und mochte wohl nach dem stieren an Nichts haftenden Auge der
Unglücklichen ihren wahren Zustand ahnen Doch was kümmerte sich die Mulattin um
den Zustand der Weißen sie hatte darauf zu sehen dass ihre Kajüte nicht das
Hirn ihrer Passagiere in Ordnung sei und sie bereitete ihr deshalb das Lager
und überließ sie dann ihren eigenen wilden Phantasien und Traumgebilden
    Der Van Buren war ein wackeres Dampfschiff eins der sogenannten Klipper
die nach St Louis oder Louisville und Cincinnati einlaufen gewöhnlich mit
einer Tafel vorn auf welcher die Zeit ihrer Fahrt mit großen weitscheinenden
Zahlen gemeldet wird In der Tat grenzt auch die Schnelle mit welcher diese
Boote oft ungeheure Strecken und zwar gegen die starke Strömung des Mississippi
 zurücklegen ans Unglaubliche So rühmte sich der Van Buren auf seiner
letzten Fahrt von NewOrleans nach Louisville nur eine halbe Stunde länger
gebraucht zu haben als die Diana  welche Zeit er auf einer Sandbank im Ohio
festgesessen haben wollte  und das war 5 Tage und 2312 Stunden  eine
Entfernung von 1350 englischen Meilen stromauf
    Der Van Buren arbeitete denn auch diesmal gar wacker gegen die steigende
Flut an und hoch und gewaltig tanzten und schlugen die Wogen hinter ihm drein
und brachen sich in trübem gährendem Schaum In wenigen Stunden hätten sie
Helena erreichen müssen gerade aber an jener schon mehrmals erwähnten runden
Weideninsel war der Lootse der den Ohio vielleicht gut genug kannte diesmal
aber zuerst den Mississippi und zwar nach seinem »Navigator« befuhr zu nahe an
die kleine Insel hinangeraten und aufgelaufen und konnte trotz dem gewaltigen
und stundenlangen Arbeiten der Maschine nach rückwärts nicht wieder loskommen
Da sie nun endlich sahen dass jeder weitere Versuch nutzlos die Nacht dagegen
eingebrochen war und der Fluss mit jeder Stunde stieg so hofften sie mit
Tagesanbruch vielleicht schon selber flott zu werden und versuchten deshalb mit
der Jolle ans Ufer zu fahren und ein Springtau dort irgendwo zu befestigen Es
geschah das nur deshalb damit sie wenn sie wirklich loskämen nicht wieder mit
der Strömung hinabtrieben
    Die mit der Befestigung des Taues beauftragten Leute fanden indes ein
schwereres Geschäft als sie im Anfang vermutet haben mochten Die ganze Insel
war allerdings dicht mit Bäumen bewachsen jedoch nur mit schwachen
Baumwollenholzstämmen die kaum ein Flatboot viel weniger denn ein so schweres
Fahrzeug gehalten hätten An dem äußern Rande der Insel stand dabei der junge
Aufwuchs lauter Schösslinge der Baumwollenholzbäume und diese die starr und
dicht wie Schilf aus dem schon etwas angeschwellten Mississippi herauswuchsen
verweigerten dem breiten Bug der Jolle hartnäckig den Eingang Die ersten bogen
sich zwar wenn die Matrosen mit allen Kräften dagegen ruderten elastisch zur
Seite wie Stahlfedern pressten sie aber dann auch augenblicklich mit
rückwirkendem Druck wieder gegen das Boot an sobald die Ruder nur einen Moment
aufhörten zu arbeiten
    Die Matrosen mussten den Versuch endlich aufgeben und hinein in das hier etwa
drei Fuß tiefe Wasser springen was des Triebsandes wegen an und für sich schon
mit großer Gefahr verknüpft war Mit vereinter Anstrengung zogen sie nachher das
lange schwere Tau so weit inselwärts als ihnen das möglich war schlugen es
hier wo sie wieder trocknen das heißt wenigstens nicht unter Wasser stehenden
Boden fanden um eine Anzahl der schwachen Stämme herum und kehrten dann an
Bord zurück um zu weiteren Operationen den anbrechenden Tag zu erwarten
    Nun waren allerdings zwei Wachen an Deck gelassen die auch die Feuer unter
den Kesseln unterhalten sollten Wie das aber mit fast allen Wachen geht so
blieben sie im Anfange ungemein munter  warfen sorgsam Holz nach und sahen
nach dem Tau ob es noch immer straff sei und festalte sobald jedoch einmal
Mitternacht vorüber und keine Ablösung für sie bestimmt war legten sie sich auf
das vor den Kesseln aufgeschichtete Holz fingen an sich Geschichten zu
erzählen und suchten sich damit munter zu halten Der Erzähler wurde aber auch
endlich schläfrig  der Zuhörer hatte schon lange aufgehört Zuhörer zu sein
und tiefes Schweigen herrschte bald auf dem schlummernden Koloss
    Leise murmelnd brach sich die Flut an seinem Bug und in der nicht fern
gelegenen Weideninsel rauschte und brauste es  das vorn angeschwemmte Holz
stemmte die Strömung und dann und wann warfen sich mächtige losgeschwemmte
Stämme dagegen und versuchten diesen natürlichen Damm zu durchbrechen
Rabenschwarze Nacht lag dabei auf dem dumpf grollenden Strom und es war als ob
die Waldgeister von beiden Ufern wunderliche unheimliche Weisen herüber und
hinüber riefen während der alte Mississippi die langgehaltenen Melodien dazu in
seinen schäumenden Bart summte
    Auf dem Boote rührte sich nichts mehr Nur die beiden Wachen hoben noch
dann und wann einmal müde und schon halb bewusstlos die Köpfe und blickten
nach den Sternen empor und nach den zu Starbord leise schwankenden Weiden ob
sie noch auf der alten Stelle lägen Das monotone Summen des Stromes schloss aber
bald wieder ihre Augenlider und das harte Lager war doch nicht hart genug
festen gesunden Schlaf von ihnen fern zu halten
    An dem Springtau zerrte und zog indes die kräftige unermüdliche Flut und
der steigende Strom hob das Boot aus seinem sandigen Bett Je mehr es aber
anfing flott zu werden desto mehr wirkte auch die Strömung darauf ein und
begann schon das noch haltende Tau straff anzuspannen Im Anfang hielten die
schwanken jungen Stämme allerdings noch sicher die ihnen anvertraute Last je
stärker aber das Boot anzog desto mehr bogen sie sich desto mehr rutschte das
Tau nach oben Wohl leistete die Zahl noch einigen Widerstand hier und da brach
aber einer der am meisten in Anspruch genommenen ein anderer ließ das Tau über
den elastischen Wipfel gleiten  mit jedem Augenblick verminderte sich der Halt
den jenes ungeheure Gewicht erforderte und jetzt  knickte auch der letzte
Stamm
    Der Ruck der das Van BurenTau befreite zitterte aber durch das ganze Boot
und störte den Schlummer der sorglos im Bug ausgestreckten Wachen Zuerst
schlugen sie erstaunt die Augen auf und sahen nach dem Himmel der spannte sich
aber noch in seiner alten Gestalt über ihnen aus Dieselben Sterne schauten
funkelnd auf sie nieder auf die sie beim Einschlafen ihre Blicke geheftet
hatten doch entsetzt sprangen sie empor denn die Baumwollenholzschösslinge
deren träumendes Wiegen sie bis dahin ebenfalls neben sich beobachtet und deren
Nicken sie mit dem eigenen Kopf gar oft accompagnirt lagen hinter ihnen  Das
Wasser rauschte nicht mehr gegen ihren Bug an  die Weiden rückten weiter und
weiter zurück Die Männer wurden mit einem Male munter und sprangen von einem
Gefühl getrieben nach dem Tau  es hing locker über Bord und ihr Ruf
                              »Das Boot ist los«
weckte mit Blitzschnelle die noch hier und da in der warmen Sommernacht am
Deck umher gestreuten Gefährten
    Alles sprang jetzt herbei und lief wild und ratlos durcheinander Einige
fühlten nach Grund Andere rissen am Tau ein Paar sprangen nach dem Lootsen um
diesen ans Steuerrad zu rufen Keiner aber dachte an die Hauptsache dass das
Dampfboot auch nicht ohne Dampf regiert werden könne und erst die Feuer wieder
aufgeschürt und das Wasser erhitzt werden müsse ehe sie hoffen durften
wirklich ernster Gefahr für ihr Boot zu entgehen
    Des Steuermanns fester Ruf sammelte die Schaar zuerst wieder zu geregelter
Tätigkeit Rasch wurden vor allen Dingen um die stets bereit liegenden kleinen
Anker Taue geschlagen diese über Bord zu werfen und sie wenigstens da zu
halten wo sie sich gerade befanden Die Feuerleute mussten indessen unter allen
Kesseln die Feuer aufschüren und zu gleicher Zeit nachpumpen damit nicht durch
Wassermangel ein noch größeres Unglück  das Zerspringen derselben 
herbeigeführt würde Diese Vorsichtsmassregeln zur rechten Zeit getroffen wären
auch hinlänglich gewesen das Boot gar bald wieder in Stand zu setzen Durch die
ungemein starke Strömung aber waren sie schon weiter hinabgerissen als sie im
Anfange selber vermutet hatten denn diese führte sie mit reissender Schnelle
und zwar rückwärts dem westlichen Ufer entgegen
    »Stangen hinter  an Larbord Steragedeck« schrie der Steuermann mit
heiserer Stimme »stemmt Euch meine Burschen sucht die Bäume zu treffen und
schiebt ab«
    Die Matrosen gehorchten in flüchtiger Eile dem Befehle  alles von
Passagieren niederrennend was ihnen zufällig in den Weg trat die langen
Stangen wurden nach hinten geschleppt und dort rasch über Bord und gegen die
Seitenwand gestemmt um das jetzt unvermeidliche Anprallen wenigstens so viel
als möglich zu mildern Die Anker waren zu gleicher Zeit ebenfalls übergeworfen
der weiche Schlammboden gewährte aber noch keine Festigkeit  sie schleppten
nach und in demselben Moment rannte auch der Van Buren seitwärts gegen das
Ufer treibend mit der Larbordseite und mit dem hinteren Teile zugleich so
gewaltig gegen die Stämme an dass das mächtige Boot bis in seinen Kiel hinunter
erzitterte und das Larbordradhaus krachend und prasselnd zusammenbrach
    Die Passagiere stürmten jetzt erschreckt von allen Seiten herbei einzelne
sogar schon mit ihren Habseligkeiten unter dem Arm oder auf dem Rücken bereit
mit nächster Gelegenheit ans Ufer oder doch wenigstens in ein rettendes Boot
zu springen Auch die Mannschaft selbst war im ersten Augenblick bestürzt denn
man wusste noch nicht genau wie bedeutend der angerichtete Schaden sei und ob
der Rumpf wirklich so gelitten habe dass das Fahrzeug sinken müsse
    Der Zimmermann sprang denn auch vor allen Dingen in den Rumpf hinunter und
die Pumpen wurden versucht Da ergab es sich denn dass der Van Buren
wahrscheinlich nur mit dem breiten Oberteil in das starre Treibholz
hineingerannt sei und weiter nicht gelitten habe als an Rad Bulwarks und
Steuer Allerdings wurde der Schaden jetzt so schnell als möglich und so gut es
gehen wollte ausgebessert ehe das Steuer aber wieder hergestellt war konnten
sie nicht daran denken auszulaufen und die Sonne stand schon hoch am Himmel
als dieses erst mit Hülfsstücken und starken Ketten geschnürt und befestigt so
weit hergerichtet war um den Van Buren wenigstens bis Helena zu nehmen Dort
musste dann Alles wieder ordentlich reparirt werden
    Zweimal machten sie dabei vergebens den Versuch auszulaufen denn noch immer
verweigerte das Steuer den Dienst Das LarbordRad war nämlich ganz zertrümmert
und sie mussten mit dem ebenfalls beschädigten StarbordRad allein gegen den
Strom anarbeiten Hierdurch wurde der Bug aber natürlich gegen Larbord
hinübergeworfen was das Steuer aussergewöhnlich anstrengte Endlich noch mit
einem starken Tau versehen schien es genügend zu sein die Maschine fing wieder
an zu arbeiten und wie ein verwundeter Leu der traurig die zerschossene Pranke
nachschleppt so keuchte und ächzte das verletzte Boot schwerfällig stroman
    Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten als sie Helena erreichten
und dort landeten um vor allen Dingen erst wieder ordentlich flusstüchtig zu
werden Tom Barnwell aber der in peinlicher Ungeduld sich zehnmal ans Ufer
gewünscht hatte um zu Fuß schneller noch die Stadt zu erreichen und der Abfahrt
des alten Edgewort zuvorzukommen war indes den ganzen Morgen bittren Unmuts
voll auf dem Hurricanedeck hin und her gelaufen und hatte vergebens nach den
zahlreichen vorbeitreibenden Flatbooten ausgeschaut Eins sah aus wie das
andere und er konnte unmöglich erkennen welches das sei zu dem er gehöre
    Einmal zwar glaubte er an mehreren nur dem Auge eines Bootmannes
bemerklichen Kleinigkeiten und trotz des beginnenden Nebels die Schildkröte zu
erkennen und hatte schon die Hände trichterförmig an den Mund gelegt sie wo
möglich anzurufen da entdeckte er an Bord jenes Bootes eine Menge Kisten und
zwischen diesen eine Frau die wie es ihm vorkam geschäftig unter ihnen
herumging Das konnte ihr Boot also auch nicht sein  an Bord der Schildkröte
war keine Frau und er hoffte jetzt nur Edgewort werde vielleicht durch
irgend etwas aufgehalten Helena noch gar nicht verlassen haben
    Darin sollte er sich freilich getäuscht sehen  das Boot war wirklich und
wie er später erfuhr erst ganz kurze Zeit vor seiner Ankunft abgefahren und
als er hörte dass der Alte eine Frau als Passagier mitgenommen wusste er auch
gewiss er habe sich in dem Boote damals nicht geirrt Hier half aber freilich
kein langes Überlegen weiter und er geleitete nur vor allen Dingen das arme
Mädchen das sich willenlos an seinen Arm hing so rasch als möglich in das
UnionHotel und erzählte dort allen weiteren Fragen darüber auszuweichen
ebenfalls wie auf dem Dampfboot dass es seine Schwester sei die von NewOrleans
heraufgekommen wäre
    Hier aber hatte er noch mit einer und allerdings am allerwenigsten
erwarteten Schwierigkeit zu kämpfen denn Mr Smart der ihm in das Zimmer
hinauf folgte und sich bald selbst von dem trostlosen Zustande der Unglücklichen
überzeugte erklärte ihm ganz frei und offen dass er was ihn selbst beträfe
das arme Wesen von Herzen gern bei sich aufnehmen und verpflegen würde dass
dieses aber weiblicher Pflege bedürfe und seine Frau jetzt so mit Geschäften
überhäuft sei wie noch nie vorher Sie befand sich deshalb auch in keineswegs
rosenfarbener Laune und er versicherte dem jungen Manne sie würde wenn ihr
das Mädchen so ohne Weiteres aufgebürdet werden sollte nicht allein aus
Leibeskräften dagegen protestiren sondern auch in diesem Departement wo ihr
Befehl vor allen anderen gelten musste ohne Umstände die Wiederentfernung der
Kranken verlangen
    »Aber wo um Gottes willen soll ich mit dem armen Wesen hin« sagte Tom
traurig als er dem Wirt den wahren Verlauf der Sache erzählt hatte »Das Boot
ist fort ich muss nach denn ich habe nicht allein mein ganzes kleines Vermögen
sondern auch alle meine Kleider dort an Bord und dieses unglückliche Weib darf
ich in ihrem Zustande ohne Schutz ohne Freunde hier in einer fremden Stadt
unmöglich zurücklassen  Eben so wenig kann ich sie aber mit mir nehmen
behaltet sie deshalb hier mein guter Herr und seid versichert dass ich
vielleicht schon in wenigen Tagen wieder zurück bin und Euch dann reichlich
vergüten werde was Ihr an ihr getan«
    Ihr Gespräch wurde hier von außen her und auf etwas laute Weise
unterbrochen denn draußen auf dem Gange hörten sie plötzlich Mrs Rosalie
Smart die eben in keineswegs freundlichen Ausdrücken dagegen eiferte dass hier
jeder »lumpige Bootsmann« hereinfallen sollte um ihr seine Dirne ins Haus zu
schleppen
    »Schwester« rief sie dabei wahrscheinlich auf eine von dem Neger gemachte
Entgegnung  »Schwester  was da Schwester  da könnte Jeder kommen und seine
Schwester bringen Und noch dazu nicht recht bei Sinnen  na weiter fehlte mir
gar nichts Jetzt wo ich Tag und Nacht nicht weiß wo mir der Kopf steht
jetzt wo ich mich placken und quälen muss um nur das Haus in Ordnung zu halten
und die gesunden Gäste zu bedienen ja wo nur erst noch gestern mein Mädchen
fortgelaufen ist das mir diese Person diese Mrs Breidelford abspenstig
gemacht hat jetzt soll ich auch noch Krankenwärterin werden So oder will Mr
Smart das junge Ding vielleicht gar selber warten und pflegen Nein daraus wird
nichts aus dem Hause muss sie mir wieder und das gleich ich will doch sehen
wer hier Zimmer zu vergeben hat Mr Smart oder ich Wenn er das besorgen will
so soll er auch die Wirtschaft führen und die Betten in Ordnung halten und
dann bin ich nachher ganz überflüssig  ich werde so schon mehr wie ein
Dienstbote behandelt Hier will ich denn aber doch einmal sehen wer «
    Das Weitere wurde unhörbar denn Madame arbeitete sich in gewaltigem Eifer
die Treppe hinauf und es war augenscheinlich dass sich die Aussichten diese
Sache in Frieden und Freundschaft beizulegen mit jeder Minute verringerten
    »Ich will hinauf und sie selbst darum bitten« sagte Tom jetzt rasch und
griff nach seinem Hut  »sie kann und wird mirs nicht abschlagen Sie muss auch
wissen was sie dem eigenen Geschlecht schuldig ist und darf ihr Herz dem
Mitgefühl nicht ganz verschließen«
    Er wollte hinaus Smart aber der sich bis jetzt das Kinn mit dem
Zeigefinger und Daumen der rechten Hand sinnend gestrichen und starr dabei vor
sich niedergesehen hatte ergriff ihn rasch am Arme und sagte schnell
    »Halt Sie verderben die ganze Geschichte  Meine Frau ist herzensgut wir
haben aber einen Fehler gemacht dem Mädchen ist nämlich eine Stube angewiesen
ehe sie darum befragt wurde und das vergäbe sie nie  Gehen Sie jetzt
nachträglich zu ihr und bitten Sie um etwas was wir schon vorher als gestattet
angenommen haben so möchte ich Sie nur ersuchen mich vorher etwa zweihundert
Schritt fortzulassen denn Sie bekämen das schönste Aufgebot das man sich
wünschen kann und Ihre Bitte erfüllte sie nachher erst recht nicht Darin kenn
ich «
    »Aber um Gottes willen was sollen wir denn da tun« rief Tom in
Verzweiflung  »Sie sind der einzige Mensch hier in ganz Helena dem ich diese
Unglückliche anvertrauen möchte und gerade Sie verweigern es Oh fürchten Sie
ja nicht dass ich etwa nicht wiederkäme und die Schuld abtrüge  Sie wissen
nicht wie teuer mir jenes arme Wesen einst war «
    » meine Alte zu gut« fuhr Smart fort »Ein Mittel gibt es aber noch und
das wäre wenigstens eines Versuches wert«
    »Und das ist«
    »Ruhig  lassen Sie mich machen  warten Sie einmal« und er sah sich dabei
rings im Zimmer um  »ja das wird gehen Springen Sie einmal zu dem Fenster da
hinaus«
    »Aber Mr Smart« sagte erstaunt der junge Bootsmann
    »Ja ich kann Ihnen nicht helfen« lächelte der Yankee  »wir müssen heute
ein bisschen Komödie spielen Springen Sie nur da zum Fenster hinaus und kommen
Sie mir vor Abend nicht wieder ins Haus«
    »Das geht unmöglich« rief Tom  »ich kann die Unglückliche nicht eher
verlassen bis ich sie sicher untergebracht weiß und  und was sollte ihr denn
das auch nützen  ich muss erst wissen wie es mit ihr wird«
    »Ja dann müssen wirs unterlassen« sagte der Yankee gleichgültig und schob
die Hände wieder in die Taschen  »Das ist das Einzige was ich weiß wenn Sie
dafür keine Zeit haben so tuts mir leid  Vielleicht nähme sie Squire
Dayton«
    »Wer ist Squire Dayton«
    »Der Friedensrichter hier im Orte  er ist verheiratet und hat auch noch
ohnedies eine weitläufige Verwandte seiner Frau bei sich  Vielleicht nimmt der
sie ins Haus«
    »Glauben Sie dass ich ihn jetzt finden kann« frug Tom schnell
    »Nein« sagte der Yankee ruhig  »der ist fortgeritten und die beiden Damen
sind auch nicht daheim«
    Tom ging unruhig ein paar Mal im Zimmer auf und ab
    »Und hoffen Sie wirklich dass Sie Ihre Frau dazu überreden können die
Unglückliche aufzunehmen« sagte er endlich als er wie verzweifelt vor Smart
stehen blieb
    »Überreden Nein« erwiderte dieser  »Es kann sich Niemand auf dieser
Welt rühmen meine Frau zu etwas überredet zu haben doch  ich bringe sie dazu
 ich hoffe es wenigstens und das ist ja Alles was Sie wollen Also  wenns
Ihnen gefällig wäre  dort ist das Fenster «
    »Aber weshalb nur zum Fenster hinaus«
    »Weil Sie jetzt gerade meiner Frau nicht draußen begegnen sollen  oh Sie
können wohl die fünf Fuß nicht hinunterspringen«
    Tom wollte noch etwas erwidern  bezwang sich aber öffnete den einen
Fensterflügel und drehte sich dann noch einmal gegen den Wirt um
    »Sir« sagte er  »wenn Sie nur ahnen könnten «
    Ein Schritt wurde auf dem Gange gehört
    »Meine Frau« sagte der Yankee einfach und machte dabei eine leise
Verbeugung als ob er dem jungen Mann Jemanden der eben in die Tür trete
vorstellte Dieser verstand den Wink legte ohne weiter ein Wort zu erwidern
die rechte Hand auf das Fensterbrett und war mit einem Satz unten auf der
Straße
    Keine drei Sekunden später ging die Tür auf und Mrs Smart trat mit fast
eben so erhitztem Gesicht als wir ihr im Anfang unserer Erzählung begegneten
ins Zimmer obgleich diesmal ihre Röte wohl einen andern viel gefährlicheren
Grund haben mochte
    Smart aber ging plötzlich  die Hände auf dem Rücken den Hut fast noch
weiter nach hinten gedrückt als gewöhnlich mit schnellen Schritten in der Stube
auf und ab
    »Wer hat mir die Mamsell ins Haus « Waren die ersten Worte die sie
sprach und sie stemmte dabei als ob sie ihren Grimm erst recht von unten
heraufdrücken wollte die Arme in die Seite Sie unterbrach sich aber selbst in
ihrer Rede als sie Niemanden bei ihrem Mann bemerkte wo sie doch gewiss
glaubte Stimmen gehört zu haben  »Mit wem sprachst Du denn eigentlich eben
hier« sagte sie dann erstaunt und schaute sich überall um  »ich weiß doch dass
ich Jemanden reden hörte«
    »Wohl möglich« erwiderte der Gatte kurz ohne den Blick auch nur einmal auf
sie zu heften  »ich kann mit mir selbst gesprochen haben Doch das ist
einerlei ich will nichts mit vagabondirendem Gesindel zu tun haben und ich
muss Dich bitten mein Kind mich künftig ehe Du Gäste das heißt solche Gäste
kranke Gäste ins Haus nimmst davon zu benachrichtigen«
    Mrs Smart blieb vor Verwunderung ohne auch nur eine Silbe darauf zu
erwidern stehen
    »Es ist ganz gut mildtätig zu sein« fuhr der Wirt ihr Erstaunen gar
nicht beachtend fort  »ich will aber mit dem Bootsgesindel nichts zu tun
haben Niemand hat weiter Not und Sorge davon als ich und Niemand «
    »So« fuhr jetzt plötzlich Mrs Smart auf denn Jonathan hatte eine Saite
berührt die jedesmal bei ihr einen rauschenden Anklang fand  »so  der
gestrenge Herr da hat Not und Sorge davon wenn Gäste im Hause sind Er kocht
wohl das Essen oder hält Betten und Stuben rein oder besorgt Wäsche und
sonstige Gegenstände die zu Küche und Haus gehören Hat nun je ein Menschenkind
schon so etwas gehört Wo aber kommt das Mädchen her Wer hat sie mir ins Haus
gebracht und was soll mit ihr geschehen«
    » wird dann auch später einmal dafür verantwortlich gemacht« sagte
Jonathan der während sie sprach ihr ruhig ins Auge gesehen hatte und nicht
um die Welt einen einmal begonnenen Satz unvollendet gelassen hätte
    »Wer sie ins Haus gebracht hat will ich wissen« rief Mrs Smart
ärgerlich
    »Das kann uns gleichgültig sein« entgegnete Jonathan  »ein junger Farmer
von Indiana wars  es ist seine Schwester und er ist fremd hier und meint die
Person müsste elend umkommen wenn sich nicht eine rechtschaffene Frau ihrer
annehme weil er jetzt um seinen Geschäften nachzugehen und sein Leben zu
fristen den Fluss hinab muss Was geht das aber uns an Ich kann hier kein
krankes Geschöpf warten und pflegen und  will die Umstände und den Spectakel
auch nicht in meinem Hause haben«
    »Person  Geschöpf Ja das ist so die Art wie die Herren der Schöpfung von
einem armen Frauenzimmer reden das nicht ein Seidenkleid an und einen Federhut
auf hat«  fiel ihm hier Mrs Smart etwas pikirt in die Rede  »Du brauchst auch
kein krankes Geschöpf zu warten und zu pflegen  das wäre auch die rechte
Wartung und Pflege die es bekäme Wo ist denn aber der Musjö der hier anderen
Leuten seine Schwester ins Haus bringt«
    »Fort« rief Mr Smart in höchster Aufregung  »fort ist er  das ärgert
mich ja eben so  zwingt mir die Person ordentlich auf  sagt ich hätte
überhaupt darüber gar nichts zu bestimmen das wäre der Hausfrau Sache und Mrs
Smarts Edelmut wäre bekannt und noch mehr solchen Unsinn und fort ist er nun
mitten in den Wald hinein vielleicht nach Little Rock oder sonst wohin Doch
was geht das mich an  Macht er sich so wenig aus seiner kranken Schwester dass
er sie auf solche Art fremden Leuten überlässt so brauch ich noch weniger Teil
an ihr zu nehmen Nicht einmal ein einziges Kleidungsstück hat sie mit  nicht
einmal ein Hemd ihre Wäsche zu wechseln«
    »Mr Smart« rief Mrs Smart auf das Tiefste empört aus  »ich muss Sie
bitten Ihre Ausdrücke anständiger zu wählen wenn Sie in meiner Gegenwart von
solchen Sachen reden wollen Ich bin gerade so gut eine Lady als ob ich in
NewYork oder Philadelphia wohnte Wo hat übrigens der gestrenge Herr bestimmt
dass die Kranke hingeschaft werden soll«
    »Hingeschaft Was kümmert das uns« sagte Jonathan »Scipio soll sie vor
die Tür führen und sie mag gehen wohin es ihr beliebt Ich will weiter nichts
mit ihr zu tun haben«
    »Vor die Tür können wir sie nicht setzen« sagte Mrs Smart »das ist gegen
Menschen und Christenpflicht und ich will mir nicht nachgesagt haben dass ich
so ein armes Ding aus dem Hause geworfen hätte bloß weil es kein Geld und keine
Kleider hatte und sonst noch unglücklich war  Übrigens hast Du auch gar
nichts damit zu tun die Sache geht Dich weiter nichts an das Mädchen mag
meinetwegen ein paar Tage hier bleiben und wenn es sich ordentlich beträgt und
sich wieder erholt so wollen wir sehen was weiter wird Ich brauche so
Jemanden als Hilfe im Hause wenn ich nicht förmlich draufgehen und mich
aufreiben soll Das ist Dir aber einerlei  Du gehst Deinen Geschäften oder
Vergnügungen nach und kümmerst Dich nicht darum wie sich Dein armes Weib plagen
und quälen muss Du weißt freilich nicht wie es so einem armen Wesen zu Mute
ist das keine Eltern mehr hat und nun verlassen in der Welt steht  So seid
Ihr Männer aber  harterzige Egoisten alle mit einander und uns die wir so
etwas besser wissen müssen denen der liebe Herrgott ein Herz in die Brust
gelegt hat das Leiden Anderer zu fühlen  uns wollt Ihr dann auch noch
vorschreiben was wir tun oder lassen sollen wenn es sich um etwas handelt wo
eben nur ein Weib über ein Weib entscheiden kann Das lass Dir aber nur nicht
weiter einfallen das Mädchen bleibt jetzt bei mir bis ich sie selber
fortschicke«
    Und damit verließ Madame das Zimmer warf die Tür heftig hinter sich zu
und stieg stracks zu dem Zimmer des armen Kindes hinauf  freilich jetzt in
anderer Absicht als sie vorhin in ihrem Selbstgespräch geäußert hatte Jonathan
aber schob wieder wie das so seine Art war wenn er entweder gar ernstaft über
etwas nachdachte oder sich ganz aussergewöhnlich freute die Hände tief in seine
Beinkleidertaschen hinein und schritt aus Leibeskräften den Yankee Doodle
pfeifend in dem kleinen Zimmer auf und ab
 
                                      20
                                        
  Der Ire teilt Jonathan Smart seinen Verdacht mit  Tom Barnwells Zeugnis
Jonathan Smart wurde in seinen höchst erfreulichen Selbstbetrachtungen durch
einen Besuch unterbrochen der ihn nicht allein störte sondern auch ohne
weitere Umstände seine Aufmerksamkeit auf längere Zeit verlangte
    »Nun OToole« frug der Wirt als er ihn erstaunt betrachtete  »wo habt
Ihr denn gestern und heute den ganzen Tag gesteckt Ihr wart ja auf einmal
ordentlich verschwunden Donnerwetter Mann wie seht Ihr denn aus«
    »Verschwunden« wiederholte OToole  »nein das wohl nicht aber heimlich
fortgegangen  ja Doch hört Smart  ich habe ein Wort mit Euch zu reden und
machte das aufrichtig gesagt lieber mit Euch im Freien ab Hier in dem Zimmer
denk ich immer kann man nichts sagen was der Nachbar der an der andern Seite
der Wand steckt nicht ebenfalls hören müsse und da mir keineswegs damit
gedient wäre dass die ganze Stadt gleich von Haus aus erführe was ich Euch
mitzuteilen habe so dächt ich gingen wir ein bisschen meinetwegen ans
Flussufer hinunter spazieren«
    »So Also Geheimnisse« lachte Smart »nun da muss ich ja wohl mitgehen
Aber was betriffts«
    »Kommt erst hinaus dort draußen spricht sichs besser« erwiderte der Ire
und ohne weiter eine an ihn gerichtete Frage zu beachten verließ er rasch das
Haus und schritt dem Flussufer zu wo ihn Smart bald einholte und stellte
    »Nun zum Henker was rennt Ihr denn so« rief er hier als er den kleinen
Mann hinten am Rockkragen fasste und festhielt »Wir wollen doch wahrlich nicht
zu Fuß nach dem Arkansas dass Ihr dorthin SiebenMeilenSchritte macht«
    »Smart« sagte OToole indem er plötzlich stehen blieb und sich gegen den
Wirt wandte »Ihr erinnert Euch doch dass neulich Abends jenes Boot dort hinüber
ruderte «
    »Ja wohl«
    »Gut  das Boot ist nicht bei Weatelhope gelandet«
    »Das ist erschrecklich« meinte der Yankee lächelnd  »aber wo denn sonst«
    »Das weiß ich eben nicht« rief der Ire ärgerlich und stampfte mit dem Fuße
den Boden
    »Ihr habt mir in der Sache allerdings kein Stillschweigen auferlegt Mr
OToole« bemerkte Smart feierlich »ich versichere Euch aber nichts
destoweniger und zwar ganz von freien Stücken dass ich keiner sterblichen Seele
dieses mir anvertraute Geheimnis je  selbst nicht unter peinlicher Tortur
vertrauen oder gestehen werde«
    »Smart  die Sache ist ernsthafter als Ihr glaubt« rief OToole ärgerlich
 »Allerdings weiß ich nichts Bestimmtes ein Geheimnis liegt aber diesen Booten
zum Grunde Jenes Fahrzeug ist nicht drüben gelandet aber auch nicht weder
stromauf noch stromab am Ufer hingefahren ich bin eine ganze Strecke hinauf und
hinunter gegangen und überall haben mir die Leute versichert es könne kein
Ruderboot außer mit umwickelten Rudern zu jener Stunde an ihrem Ufer
vorbeigefahren sein ohne dass sie es gehört hätten Weshalb sind nun die
Burschen da hinüber gefahren wenn sie nicht landen wollten Einfach deshalb um
uns hier glauben zu machen sie gingen dort hinüber während ihr Ziel ganz wo
anders lag  und weit kann das Ziel auch nicht von hier sein sie hätten sich
sonst nicht solch unnütze Mühe mit uns gegeben Ich bin jetzt  und das ist
eigentlich die Sache die ich Euch mitteilen wollte  fest davon überzeugt dass
die Bootsleute irgendwo drüben im Sumpf  ja vielleicht sogar hier auf der
ArkansasSeite  einen Schlupfwinkel haben wo sie wenn sie nichts Schlimmeres
tun wenigstens ihre Spielhöllen halten und andere ehrliche Christenmenschen
dadurch unglücklich zu machen suchen Meinen armen Bruder haben sie in solcher
Spielspelunke auch einmal bis aufs Hemd ausgezogen und nachher halbnackt vor
die Tür geworfen Es wäre ein Werk der Barmherzigkeit ein solches Nest zu
zerstören und überhaupt eine Bande hier aus der Gegend zu vertreiben die nichts
Gutes aber unendlich viel Elend über ihre Nachbarn bringen kann Hier oben das
Haus der graue Bär wie sies nennen ist auch ein solcher Platz dem ich von
Herzen wünsche dass ihn der Mississippi einmal bei nächster Gelegenheit mit
fortspült«
    »Hm  ja« sagte Smart endlich nach ziemlich langer Pause während er sich
das Kinn strich und gar ernstaft vor sich nieder sah  Das was ihm Tom
Barnwell an diesem Morgen erzählt hatte fiel ihm fast unwillkürlich wieder ein
und er blickte sinnend nach dem Strom hinaus den aus Sümpfen kommende leichte
Nebelschleier umzogen und über die noch immer hier und da in der Sonne blitzende
Flut einen dünnen beweglichen Schleier woben »Und Ihr wisst ganz sicher dass
sie nicht drüben gelandet sind« frug er endlich  »nicht etwa bei Millers
unten Denn von da an führt auch noch ein Weg durch den Sumpf«
    »Das dacht ich ebenfalls« rief OToole »und ließ mich deshalb die Mühe
nicht verdrießen hinab zu laufen aber Gott bewahre Millers Nigger Jim Ihr
kennt ihn ja hat von Dunkelwerden an das Ufer nicht verlassen und schwört Stein
und Bein es sei keine Katze in der Zeit vorbeigeschwommen viel weniger an Land
gestiegen Und in den Rohrbruch unten und oben können sie doch wahrhaftig auch
nicht ohne ganz besondere Gründe hineingekrochen sein Beiläufig gesagt war ich
auch bei dem Deutschen dort unten Brander heißt er glaub ich der neulich
hier auf einmal krank gesagt wurde und nach dem der Doctor in Nacht und Nebel
fortsprengen musste Aber kein Finger tut ihm weh oder hat ihm in den letzten
acht Wochen weh getan Ich will gerade nicht be  aber da kommt Einer von der
Bande seid ruhig wir bereden die Sache ein ander Mal«
    Smart wandte sich schnell nach dem also Bezeichneten um erkannte aber
niemand anders als unsern alten Freund Tom Barnwell der nach seinem Boot
gesehen hatte und nun am Ufer heraufschlenderte Als er den Wirt bemerkte ging
er rasch auf ihn zu und rief ihn schon von Weitem an
    »Nun Sir  wie ists Habt Ihr Euch des armen Mädchens erbarmt  Wollt Ihr
sie nicht wieder heraus auf die Straße stoßen«
    »Ei nun« lächelte Jonathan  »ich hätte das schon gern getan aber  meine
Frau will nicht  Sie besteht darauf das arme Kind bei sich zu behalten und es
zu pflegen bis es wieder gesund ist  nachher soll es aber erst recht da
bleiben und ihr in der Wirtschaft helfen«
    »Das haben Sie durchgesetzt« rief der junge Mann freudig
    »Wer Ich« sagte Mr Smart  »fragen Sie einmal meine Frau darüber  Aber
 Scherz bei Seite Sir  erzählen Sie uns doch noch einmal  uns Beiden hier 
Mr OToole ist ein Freund von mir und ein braver Mann  wie und wo aber
besonders genau wo Sie das Mädchen gefunden haben und was es dort für Auskunft
über sich gab«
    Tom willfahrte gern diesem Wunsch und gab über jenen Platz wo er die
Unglückliche auf so wunderbare Art angetroffen hatte so ausführlichen Bericht
als es ihm möglich war
    »Und konntet Ihr gar nichts weiter von dem armen Kinde herausbekommen wie
es auf die Insel geraten sei Ob es Schiffbruch gelitten ob das Boot
vielleicht einfach auf einen Snag gerannt oder vielleicht gar  angefallen
wäre« frug Smart endlich während der Ire mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
dem Berichte lauschte
    »Nein« sagte Tom sinnend  »nichts Gewisses denn in ihrem Zustande konnten
ihre Reden kaum für zurechnungsfähig gelten obgleich einzelne Worte die ihr
entschlüpften auch wieder das Fürchterlichste ahnen ließ  sie sprach von
gespaltenen Köpfen und blutigen Leichen  von ihrem  Gatten der rein und weiß
aus der Flut emporgetaucht wäre Ich hoffe ihr Zustand wird sich bis ich
zurückkehre gebessert haben und sie selbst dann vielleicht Näheres über ihr
Unglück anzugeben wissen Ach Gott es ist ja auch möglich dass irgend ein
entsetzliches Loos die Ihrigen betraf und Schreck und Entsetzen ihre Sinne
verwirrten Es sollen sich wie ich gehört habe noch immer Indianer in der Nähe
des Flusses aufhalten«
    »Sie sprach also gar nichts was auf das Vorgefallene weiter Bezug haben
konnte« frug der Ire
    »Die ersten Worte die ich hörte« sagte der junge Mann nachdenkend 
»klangen von einem Vogel den sie in seinen goldenen Käfig zurück haben wollten
und sie redete von durch die Büsche kriechen und ihn wieder fangen wollen Doch
das war der Wahnsinn  sie saß auch wie ein Vogel auf dem Aste eines
niedergebrochenen Baumes«
    »Nun einen goldenen Käfig hätte sie wahrlich nicht gehabt wenn sie auch
gefangen gewesen wäre« meinte der Yankee
    »Auf welcher Insel war das« frug der Ire »unten auf Dreiundsechzig«
    »Ja ich kenne die Zahlen nicht genau« erwiderte Tom »es muss die zweite
oder dritte von hier gewesen sein«
    »Es lagen zwei von ihnen nicht weit von einander entfernt«
    »Ja ich glaube  erst kam eine runde kleine Insel dicht mit
Baumwollenholzschösslingen bedeckt  an der haben wir auch die Nacht mit dem
Dampfboot gelegen«
    »Die hat keine Nummer und ist unbewohnbar« sagte der Ire
    »Dann  ja wahrhaftig dann muss die gekommen sein wo ich Marie fand  ich
weiß mich wenigstens auf keine weiter zu erinnern als noch ein Stück weiter
unten zwei größere nebeneinander zwischen denen ich hinfuhr«
    »Das ist Zwei und Dreiundsechzig  also war das Einundsechzig Die hat aber
ein Hurricane durch und durch verwüstet  ich wollte dort einmal ans Land es
war jedoch nicht möglich einzudringen die Bäume lagen wild und toll
durcheinander«
    »Ja ganz recht  an der Insel wars und Gott nur weiß wie sie in das
Zweig und Astgewirr hineingeraten ist ein wahres Wunder muss sie gerettet
haben«
    »Smart Smart« sagte der Ire kopfschüttelnd »ob am Ende nicht doch jenes
Boot mit der ganzen Geschichte zusammenhängt«
    »Das wäre kaum möglich« meinte der Wirt »am Mittwoch Abend sind die hier
abgefahren und Donnerstag  nun ja es könnte schon sein das glaub ich aber
nicht«
    »Was für ein Boot« frug Tom aufmerksam werdend   »am Mittwoch Abend«
    OToole erzählte ihm den Verdacht den er habe und wie ein Boot das hier
vom Land gestoßen und gerade über den Strom gerudert doch von Niemandem drüben
gesehen worden sei
    »Und das war am Mittwoch Abend«
    »Ja spät«
    »Ein junger Farmer Namens Bredschaw den ich unterwegs sprach erzählte
mir dass er an jenem Abend ein mit vielen Männern besetztes Boot angerufen
habe« sagte Tom
    »Bredschaw der wohnt ja gleich hier unten keine sechs oder sieben Meilen
von hier und an dieser Seite des Flusses«
    »Ja ganz recht  er hat es mir noch gestern erzählt  er behauptet auch es
gingen besonders Nachts recht häufig Boote dort vorüber und zwar eben so oft
stromauf als stromab Er meint es müsse irgendwo in Helena oder Montgomerys
Point eine Spielhölle sein dass sich die Leute nächtlicher Weise des
Stromaufruderns unterzögen um nur nicht entdeckt zu werden und in Strafe zu
verfallen«
    »Sonderbar bleibt das« sagte Smart  »das Flussvolk  Ihr nehmt mir die
Benennung nicht übel  ist doch sonst gerade nicht so entsetzlich furchtsam vor
den Gesetzen die sie wahrhaftig am allerwenigsten geniren«
    »Smart«  rief jetzt der Ire plötzlich  »ich habe mein Wort gegeben dem
Boote nachzuspüren und ich will es halten  vorerst lande ich einmal bei
Bredschaw und lasse mir von dem sagen was er weiß und dann untersuch ich die
Weideninsel und die darauf folgenden Nummern  eine nach der andern Find ich
verdächtige Spuren so hol ich Hilfe so spür ich die Sümpfe ab Bei St
Patrick ich will doch sehen ob ich so auf den Kopf gefallen bin dass ich am
hellen lichten Tage Gespenster sehe wenn keine da sind«
    »Wann fahrt Ihr ab« frug Tom
    »Gleich  das verschieb ich keinen Augenblick länger« lautete die Antwort
»wollt Ihr mit«
    »Ich gehe allerdings auch stromab aber jetzt noch nicht  Ich darf jenes
unglückliche Mädchen wenigstens heute noch nicht aus den Augen lassen und kann
morgen immer noch zeitig genug in Victoria eintreffen ehe Edgewort sein Boot
ausgeladen hat noch dazu da er Mr Smarts Versicherung nach auf mich warten
will bis ich ihm nachkomme Ein solcher Fall wird sicherlich mein etwas
längeres Zögern entschuldigen«
    »Gut mir auch recht« sagte OToole »desto ungestörter und vielleicht
auch unbemerkter kann ich meine Nachforschungen beginnen aber  etwas von
Provisionen sollt ich eigentlich mitnehmen«
    »Die mögt Ihr bei mir zu Hause einpacken Geht zu meiner Frau bittet sie
darum und sagt nur Ihr hättet «
    »Die gibt sie mir im Leben nicht« rief OToole  »Acushla machree
Smartchen kennt Ihr Eure Alte so wenig dass Ihr noch glauben könnt die
gehorchte einem solchen Befehl Sie hat mich ganz gern und weiß dass ich ihr wo
ich nur kann gefällig bin heute ist sie aber in so bitterböser Laune dass ich
ihr nicht gern wieder zu nahe kommen möchte Ich sprach vorher einen Augenblick
mit ihr«
    » mich schon darum gebeten ich aber habe Euch grob angefahren und Euch
geheißen zum Teufel zu gehen«
    »Hahahaha«  lachte OToole  »Smart spielt einmal wieder den Herrn im
Hause  Nun meinetwegen versuchen kann ich das und auf jeden Fall ists
besser als wenn ich sagte Ihr schicktet mich deshalb Good bye Gentlemen
Good bye die Zeit vergeht und bei Gott wir bekommen auch einen ächten
MississippiNebel Nun wahrhaftig wenn das nur nicht ärger wird und ich habe
noch dazu neulich meinen Kompass verloren Da geh ich lieber zum Richter und
borge mir da einen der führt ihn so immer in der Tasche  Der Henker mag das
Rudern holen wenn man nicht weiß wo Nord und Süd ist«
    »Und soll ich jetzt mit zum Hause gehen« frug Tom als OToole des Richters
Wohnung zuschritt »ich hätte gern Gewissheit über ihr Schicksal denn zu lange
darf ich mein Boot nicht verlassen«
    »Nein jetzt noch nicht« sagte Smart  »bleibt meiner Frau lieber noch ein
bisschen unter den Augen weg Sie ist herzensgut will aber immer gern ihren
eigenen Willen haben und so lange mir der nicht geradezu in die Quere läuft
lass ich ihr auch die Freude Ihr habt übrigens keine Eile das Flatboot erreicht
heute Victoria nicht ja liegt vielleicht jetzt schon irgendwo an einer Sykomore
festgebunden denn bei dem Nebel der gerade den Fluss heraufkommt also weiter
unten schon ärger ist als hier dürfte der beste Lootse nicht wagen mit einem
Flatboot unterwegs zu sein Er würde auf irgend eine Sandbank laufen und das
Steigen des Wassers abwarten müssen oder gar was noch viel schlimmer wäre auf
irgend einen Snag rennen und dann sänk er so tief dass ihm nicht einmal das
Steigen etwas Weiteres hälfe Also geduldet Euch  die Nacht bleibt Ihr bei mir
und morgen früh wollen wir schon sehen wie es weiter wird«
    Tom Barnwell der wohl einsah dass er dem Rate des gutmütigen Yankee
folgen müsse schlenderte langsam am Ufer hin um zu sehen ob er nicht auf
einem der anderen Flatboote vielleicht einen Bekannten finde Das war jedoch
nicht der Fall und er wollte eben in die Stadt zurückgehen als er
Pferdegetrappel hinter sich hörte Gleich darauf sah er zwei Damen die Straße
herabsprengen die aus dem Innern des Landes kommend den Fluss gleich oberhalb
Helena berührte und dicht an dessen Ufer etwa hundert Schritt hinführte ehe sie
wieder nach Squire Daytons Wohnung zu rechts abzweigte
    Tom blieb einen Augenblick stehen um sie an sich vorüber zu lassen und sah
zu ihnen empor die Sonnenbonnets aber die beide trugen verhinderten ihn ihre
Züge genau zu erkennen Nur einmal als die Jüngste ihre klaren Augen einen
Moment fest auf ihn heftete war es ihm fast als ob er das Gesicht schon einmal
gesehen habe doch wurde ihm der Anblick zu schnell wieder entzogen als dass er
zu irgend einer Gewissheit darüber hätte kommen können Überdies gingen ihm
jetzt viel andere ernstere Dinge im Kopfe herum und er schritt schweigend der
unbekannten Reiterin nicht mehr gedenkend in die Stadt
 
                                      21
                                        
 Tom Barnwell findet eine Freundin Maries  Seine Unterredung mit dem Squire
Jene beiden Damen welche der junge Bootsmann am Ufer des Flusses gesehen waren
Adele und Mrs Dayton gewesen die von Livelys zurückkehrten und nun in kurzem
Galopp vor ihr Haus sprengten Ihr Mulattenknabe empfing sie schon an der Tür
und nahm ihnen rasch die Pferde ab während Mrs Dayton zuerst nach ihrem Gatten
frug
    »Squire Dayton ist diesen Nachmittag fortgeritten« lautete des Knaben
Antwort  »Mr OToole hat ebenfalls nach ihm gefragt Er muss aber schon wieder
in Helena sein denn vorhin brachte ein Matrose von dem Dampfschiff was unten
an der Landung liegt sein Pferd und sagte Master würde bald nach Hause
kommen«
    Die Frauen stiegen schweigend die Treppe hinauf und Adele legte nur ihr
Bonnet ab warf sich die langen vollen Locken aus der Stirn und öffnete das
Klavier Langsam glitten ihre Finger zuerst über die Tasten hin in leisen kaum
hörbaren Accorden deutete sie mit leichtem Griff einzelne Melodien an Immer
fester aber wurde die wehmütig ernste Weise in die sie hineingeraten schien
immer weicher verschmolzen die sanften Töne in einander und erst da als sie
plötzlich schroff in einen DurAccord überging und nun in rauschenden wilden
Harmonien die frühere Schwäche zu bannen wenigstens zu betäuben suchte
glänzten und blitzten ihre holden Augen wieder in dem alten gewohnten Feuer und
die kleinen zarten Finger berührten die Tasten mit so festem sicherem Anschlag
dass dieser auch wieder in seiner Rückwirkung der Seele der Spielenden Festigkeit
und Sicherheit zu geben schien
    Mrs Dayton hatte indessen von Nancy dabei unterstützt ihre Reitkleider
abgelegt saß in ihren weichgepolsterten Stuhl zurückgelehnt das reizende aber
etwas bleiche Antlitz in die Hand gestützt sinnend da und heftete nur manchmal
das Auge fest und prüfend auf das halb von ihr abgewandte Köpfchen der jüngeren
Freundin
    »Was fehlt Dir Adele« frug sie endlich leise während ein kaum merkliches
Lächeln um ihre Lippen spielte  »weshalb bist Du so verdrießlich«
    »Wer Ich Verdriesslich Was mir fehlt Ein paar wunderliche Fragen Hedwig
 es ist mir nie wohler und ich bin nie munterer gewesen als eben jetzt  was
soll mir fehlen Ach Du meinst weil ich das alberne days of absence einmal
durchspielte Hahaha es kam mir nur gerade so unter die Finger  Nein tanzen
möcht ich jetzt  tanzen bis ich  bis ich mich einmal recht satt getanzt
hätte Apropos Hedwig  der junge Mann der gerade da wo die ersten Flatboote
lagen am Ufer stand kam mir recht bekannt vor ich bemerkte ihn nur eben erst
als wir vorbeisprengten aus Helena ist er aber nicht  Ich muss das Gesicht
schon früher einmal gesehen haben wenn auch in anderer Tracht und anderer
Umgebung«
    »Mir war er fremd« sagte Mrs Dayton  »seiner Kleidung nach schien er zu
einem der Boote zu gehören Doch wo nur Dayton wieder bleiben mag ach wenn er
doch das was er vor kurzer Zeit zum ersten Mal erwähnte wahr machen und von
hier fortziehen wollte  ich weiß nicht  Arkansas will mir gar nicht mehr
gefallen Dieses rüde Leben und Treiben verletzt mich  die Leute sind mit
wenigen Ausnahmen so roh und teilnahmlos und Dayton sieht sich so von allen
Seiten in Anspruch genommen dass er sein Leben ja gar nicht mehr genießen kann
Wie er mir sagte will er nach NewYork ziehen«
    »Ich gehe mit Euch« sagte Adele indem sie rasch vom Klavier aufstand ans
Fenster trat und mit den kleinen Fingern der rechten Hand langsam die Scheiben
trommelte  »mir gefällts ebenfalls nicht mehr hier  ich will auch fort 
ich glaube  dies Arkansas ist ein recht ungesundes Land  es wundert mich dass
Ihr es so lange hier ausgehalten habt«
    »Allerdings ist das Klima hier in Helena gerade nicht besonders« erwiderte
mit leichtem Lächeln Mrs Dayton »aber etwas weiter im Lande drin  in und auf
den Hügeln  soll die Luft doch «
    »Sieh dort kommt der Fremde«  unterbrach sie schnell Adele »er scheint
sich die Stadt ein bisschen besehen zu wollen Jetzt bin ich neugierig wer das
sein  Tom Barnwell bei Allem was da lebt  Tom Barnwell von Indiana Den
glaubte ich eher in Afrika oder Europa«
    »Aber wer ist Tom Barnwell«
    »Ein früherer guter Bekannter unserer Familie und ein damaliger wie es
hieß sehr starker Anbeter von Marie Morris der jetzigen Mrs Hawes Jene Liebe
soll auch die Ursache gewesen sein dass er zur See ging er ist aber rasch
wieder zurückgekehrt«
    »Er kommt gerade auf das Haus zu«
    »Ei  ich rufe ihn an«  sagte Adele plötzlich  »Tom war stets ein
wackerer Bursche und überall beliebt Marie verstand ihn nur damals nicht so
wenigstens glaube ich und als er sah dass sie den andern Bewerber vorzog
räumte er freiwillig das Feld und verließ die Staaten Ob er wohl weiß dass sie
so ganz hier in der Nähe ist  Aber er geht wahrhaftig vorüber ohne herauf zu
sehen  Der muss in tiefen Gedanken sein unser Haus fiele ihm doch sonst gewiss
vor allen übrigen auf Höre Nancy  geh einmal rasch hinunter und sage dem
jungen Mann dort  siehst Du den der da gerade um die Ecke biegen will  eine
alte Bekannte ließe ihn bitten einen Augenblick hierher zu kommen  sie
wünschte ihn zu sprechen«
    Die Mulattin folgte rasch dem Befehl und Tom war nicht wenig erstaunt auf
solche Art und in einer ihm wildfremden Stadt angeredet zu werden gehorchte
aber ohne Weiteres der Einladung und stand bald darauf vor Adelen die ihm
freundlich grüßend die Hand entgegenstreckte
    »Willkommen in Arkansas Mr Barnwell es ist hübsch von Ihnen dass Sie des
alten Onkel Sams Territorien nicht ganz vergessen haben  Mr Barnwell von
Indiana Mrs Dayton von Georgia«
    »Miss Dunmore« rief Tom erstaunt und erfasste wie mechanisch die ihm gebotene
Rechte  »Miss Dunmore  träum ich denn oder wach ich  Sie hier in Helena 
und wissen Sie denn  Nein nein wie könnten Sie es denn wissen  Marie «
    »Um Gottes willen« sagte Adele erschreckt  »was fehlt Ihnen Sir erst
jetzt seh ich  Sie sind leichenblass  Sie haben Marie gesehen«
    »Ja«  stöhnte der junge Mann und barg für einen Augenblick das Antlitz in
den Händen dann aber sich rasch wieder sammelnd sagte er leise »Sie ist
hier«
    »Ja ich weiß es« erwiderte Adele mitleidig  »wenn auch nicht hier so
doch nicht weit entfernt in Sinkville«
    »In Sinkville Nein  hier  hier  in der Stadt«
    »Wer  Marie« rief Adele  »und ihr Mann«
    »Oh Miss Dunmore« bat Tom ohne die letzte Frage zu beantworten ja ohne
sie vielleicht zu hören  »Sie waren stets Marien eine treue liebende Freundin
 verlassen Sie jetzt nicht die Unglückliche in ihrer größten fürchterlichsten
Not «
    »Um aller Lebendigen willen was ist geschehen« rief Adele und erfasste
krampfhaft den Arm des Unglücksboten Dieser aber erzählte der atemlos
Zuhörenden die Erlebnisse des gestrigen Abends und wie und wo er das arme Wesen
getroffen teilte ihr seine Befürchtungen mit und bat sie nochmals sich der
Schutzlosen hier in der fremden Stadt anzunehmen
    Mrs Dayton die teilnehmend dem Bericht zugehört hatte fiel hier als sie
das trostlose Entsetzen in Adelens Angesicht bemerkte dem jungen Mann in die
Rede und versicherte ihm die Freundin ihrer Adele solle in ihrem eigenen Hause
ein Asyl finden
    Das Mädchen fasste dankend ihre Hand
    »Wie aber teilen wir Hawes die Schreckensbotschaft mit« rief sie
ängstlich »und wie kommt Marie gestern Abend auf den Fluss da er sie doch erst
gegen Morgen auf seiner Plantage verlassen haben kann«
    »Wer  Hawes« frug Tom erstaunt  »Eduard Hawes Der muss mit auf dem Boote
gewesen sein Mariens Phantasien kehren immer wieder zu ihrem Gatten zurück den
sie wie ihre Eltern tot sagt«
    »Was ist das« rief Adele entsetzt  »sie wahnsinnig  ihre Eltern tot 
und Hawes hier  gesund und wohl Großer Gott wie kann das zusammenhängen 
waren wenige Stunden im Stande solch fürchterliche Veränderungen
hervorzubringen  oder  ich weiß nicht mir schwindelt selbst der Kopf wenn
ich nur so Entsetzliches denken soll es kann ja wahrhaftig nicht sein«
    »Fasse Dich liebes Kind« beruhigte sie Mrs Dayton  »gewiss herrscht hier
noch irgendwo ein Missverständnis vor Marie Hawes die Mr Hawes erst gestern
Morgen auf seiner Plantage verlassen hat «
    »Liegt jetzt krank halb wahnsinnig in Mr Smarts Hotel in Helena«
unterbrach sie Tom erschüttert  »wollte Gott ich hätte mich wirklich geirrt 
doch das Alles ist nur zu wahr  zu fürchterlich wahr«
    »Ich muss hin  ich muss sie sehen« rief Adele  »komm Hedwig  nicht wahr
Du begleitest mich«
    »Gewiss Adele es wäre mir sogar lieb wenn uns auch Georg dort aufsuchen
wollte  Er ist Arzt wie Friedensrichter und ich fürchte fast das arme Wesen
wird die Hilfe des Einen wie des Andern gebrauchen«
    »Oh so lass uns eilen« bat Adele  »jeder Augenblick Verzögerung könnte der
Tod der Unglücklichen sein  komm Hedwig komm«
    Rasch setzte sie das erst abgelegte Bonnet wieder auf half Mrs Dayton ein
Tuch umhängen und schritt hastig voran zur Tür Hedwig aber blieb hier noch
einmal stehen und hinterließ bei Nancy die ihnen öffnete Mr Dayton sobald er
nach Hause kommen sollte zu sagen sie seien in das UnionHotel gegangen eine
Kranke zu besuchen und ließ ihn bitten doch auf jeden Fall dort sobald ihm
das nur irgend möglich wäre vorzusprechen
    Unten im Hotel trafen sie weiter Niemanden als den Neger der ihnen auf
ihre Frage mitteilte Mrs Smart sei oben bei der kranken jungen Frau Mr
Smart aber abwesend und ihm selber wäre befohlen worden keine menschliche
Seele die hinauf wollte passieren zu lassen den Doctor ausgenommen
    »Schon gut Scipio schon gut« sagte Adele und drückte ihm aus ihrer
kleinen Börse einen halben Dollar in die raue schwielige Hand  »wir müssen die
junge Dame sprechen hörst Du«
    »Ja Missus wenn Sie müssen da ists was Anderes« lachte der Neger mit
breitem Grinsen  »meine Missus hat mir nur ausdrücklich gesagt alle Die
abzuweisen die hinauf wollten  selbst Massa  aber wenn Sie müssen« und er
machte eine etwas ungeschickte Verbeugung während die Damen an ihm vorüber die
Treppe hinaufstiegen Nur erst als Tom ihnen folgen wollte fasste er dessen Arm
und erklärte er würde ihn unter keiner Bedingung hinauf lassen Tom aber
darauf wohl vorbereitet flüsterte ihm mit einem ähnlichen Geschenk rasch zu 
»es ist meine Schwester Bursche und ich muss ebenfalls hinauf« wonach er auch
schon dadurch allen Bedenklichkeiten des Aetiopiers ein Ende machte dass er
diesen ohne Weiteres mit riesenstarker Faust zur Seite schob und den Damen in
raschen Sätzen treppauf folgte Scipio aber steckte die beiden halben
Dollarstücke in die Tasche und murmelte während er sich mit breitem innig
vergnügtem Lachen abwandte
    »Es war doch ein Glück dass Missus den Posten hierher gestellt hat  hätte
sonst das größte Unglück passieren können«
    Im nächsten Augenbick standen die beiden Damen mit Tom an der Tür der
Kranken und auf ihr leises Klopfen öffnete Mrs Smart dieselbe das heißt nur
so weit als nötig war die Aussenstehenden zu erkennen wobei sie schon mit
scharfer Zunge aber sehr gedämpfter Stimme eine grimmige Zornrede von innen
heraus begann Kaum erkannte sie jedoch Mrs Dayton und die muntere Miss Adele
Dunmore ihren Liebling als sich ihr eben noch so finsteres Angesicht auch
aufklärte und sie zurücktretend die Frauen und ihren auf dem Fuße folgenden
Begleiter eintreten ließ Stillschweigen übrigens durch alle nur möglichen
Zeichen und Gebärden als etwas unumgänglich Nötiges anempfahl und zur Pflicht
machte
    Marie schlief und noch immer trug sie das weiße dornzerrissene Oberkleid
Die langen Locken hingen ihr wirr und unordentlich um die fast leichenbleichen
Schläfen die rechte Hand hielt sie fest auf das Herz gepresst und die linke
stützte die blutleere Wange gegen welche die langen dunklen geschlossenen
Wimpern nur noch mehr abstachen und ihre Blässe hervorhoben Ihre Brust hob sich
ängstlich und die Lippen bewegten sich leise  ihr zerrütteter Geist ließ ihr
selbst im Schlafe keine Ruhe
    Adele blickte starr und entsetzt auf die Freundin hinüber und die großen
hellen Tränen liefen ihr an den Wangen herab 
    »Marie o Du arme unglückliche Marie« stöhnte sie
    Leise fast unhörbar waren diese Worte gelispelt worden dennoch hatten sie
das Ohr der Schlummernden erreicht  Sie öffnete die großen blauen Augen und
ihre Blicke hafteten im ersten Moment erstaunt auf ihrer Umgebung Dann richtete
sie sich halb auf dem Lager empor strich sich das wirre Haar aus der Stirn und
streckte Adelen lächelnd die Hand entgegen Sie schien gar nichts
Außerordentliches darin zu finden die Freundin die sie doch weit von da
entfernt glauben musste so plötzlich hier zu sehen
    »Marie« rief aber diese und warf sich schluchzend über sie  »Marie  armes
 armes unglückliches Kind  wo bist Du gewesen was ist Dir widerfahren«
    »Das ist schön von Dir dass Du mich zu besuchen kommst« sagte die Frau
schob ihr leise mit beiden Händen die Locken zurück und küsste ihre Stirn  »auch
Tom Barnwell ist da  armer Tom«  und sie bot ihm mit mitleidigem Blick die
eine kleine Hand die er schweigend nahm und leise drückte
    »Marie  willst Du mir eine Frage beantworten« flüsterte endlich Adele und
suchte sich soviel als möglich zu sammeln »willst Du mir über Einiges was uns
Beide angeht Auskunft geben«
    »Ei ja wohl  recht gern«  lächelte die Kranke  »gewiss will ich das warum
nicht«  Sie war ganz ruhig und gefasst nur der unstete umherschweifende Blick
verkündete noch die wilde Richtung die ihr Geist genommen
    »Gut«  sagte Adele und hielt gewaltsam die Tränen zurück die ihr
fortwährend die Stimme zu ersticken drohten  »wann  wann hast Du Sinkville
verlassen«
    »Sinkville« wiederholte Marie erstaunt  »Sinkville Den Namen habe ich nie
gehört  in Indiana liegt doch kein Sinkville«
    »Ich meine Deine Plantage drüben in Mississippi«
    »Plantage In Mississippi« sagte Marie noch eben so verwundert und halb
lächelnd  »Du träumst wohl närrisches Kind  wie sollte ich denn zu einer
Plantage in Mississippi kommen  Ich kenne den Staat gar nicht und habe ihn
nie betreten«
    »Hat sich denn nicht Eduard bei Sinkville angekauft« frug Adele verwundert
    Marie war bis jetzt vollkommen ruhig gewesen und augenscheinlich musste sie
die letzten fürchterlichen Vorgänge ganz vergessen haben Der fremde Ort an dem
sie sich befand die Personen von denen keine eine Erinnerung an das Geschehene
zurückrief  die Erwähnung fremder ihr unbekannter Namen lenkte sie mehr und
mehr von den Erlebnissen jener Nacht ab oder mochte ihr diese wenigstens wenn
sie in düsteren Bildern dennoch wieder vor ihrer Seele aufsteigen wollten wie
irgend einen wilden fürchterlichen Traum erscheinen lassen
    Eduards Name aber ihr so plötzlich entgegengerufen war das Zauberwort
das diesen glücklichen Schleier zerriss Krampfhaft fuhr sie empor  die Hände
presste sie gegen die Stirn und die stieren Blicke heftete sie wild auf die
zurückbebende Freundin Dann aber sprang sie rasch von ihrem Lager auf und rief
während sie mit ausgestrecktem Finger dem ihr Blick in glanzloser Leere folgte
nach dem Fenster deutete
    »Dort  dort steigt er hinauf  Seine Locken sind nass  aber sein helles
Lachen schallt über das Verdeck Eduard  Heiland der Welt  Eduard schütze
Dein Weib  Hahaha Kinder  das ging vortrefflich  über Bord mit dem Aas 
gebt ihnen nur die Steine mit  Eduard  schütze Dein Weib  Eduard 
hahahahaha« und mit krampfhaftem Lachen sank sie bewusstlos auf ihr Bett zurück
    Die Frauen hatten ihr schaudernd zugehört und selbst Toms Herz erbebte
als er den markdurchschneidenden Schmerzensschrei der einst  ach der noch
Geliebten hörte Mrs Smart war die Erste die sich wenigstens so weit sammelte
dem armen Kinde alle nur mögliche äußerliche Hilfe zu leisten Marie kam bald
wieder zu sich und die wilde Angst die sie bis dahin erfasst schien jetzt
einem sanfteren Schmerze Raum geben zu wollen  Sie weinte sich an Adelens
Brust recht herzlich aus und horchte wenigstens ruhig den Trostworten der
Freunde Alles aber was diese versuchten Aufklärung über das entsetzliche
Geheimnis von ihr zu bekommen blieb fruchtlos denn was sie darüber äußerte
verwirrte da es mit Eduard Hawes Worten so gar nicht zusammen stimmte nur
immer noch mehr
    Dieser musste nun vor allen Dingen von seines Weibes Zustand benachrichtigt
werden und Adele beschloss ihn brieflich in ihre eigene Wohnung zu bestellen
um ihn dort erst auf das Grässliche vorzubereiten Ein Bote sollte zu diesem
Zweck augenblicklich nach Livelys Farm hinausgesandt werden und während Adele
die kurze Note schrieb beriet sich Mrs Dayton mit Mrs Smart wie und auf
welche Weise Marie am besten in ihre eigene Wohnung geschafft werden könne
    Das wollte nun die gute Frau im Anfang allerdings gar nicht zugeben Da sie
aber doch wohl einsehen musste die Unglückliche würde sich von der Freundin
gewartet und gepflegt viel schneller erholen als das bei ihr möglich sei so
gab sie endlich nach ja erbot sich sogar die Kranke in ihrem eigenen Kabriolet
hinüber zu schicken damit sie nicht die Aufmerksamkeit des stets müßigen und
gaffenden Volkes zu sehr errege
    Der Bote der nach Livelys Farm hinausritt sollte zu gleicher Zeit vor
Daytons Haus halten und Nancy davon benachrichtigen das kleine Zimmer im
oberen Stock herzurichten damit sie wenn sie dort ankämen Alles bereit
fänden Scipio der zu diesem Dienst erwählt war hatte denn auch eben Squire
Daytons Wohnung verlassen und den breiten nach Livelys Farm hinausführenden
Reitpfad eingeschlagen als der Squire selbst zurückkehrte und von Nancy die
hinterlassene Botschaft seiner Frau empfing
    »Eine kranke Freundin Woher« frug er diese erstaunt
    »Missus sagte nichts davon« erwiderte das junge Mädchen »aber Sip der
eben hier war und einen Brief nach Livelys Farm hinausbringen soll meinte es
wäre die Schwester eines Bootsmanns der sie mit dem Dampfschiff von NewOrleans
gebracht hätte«
    Squire Dayton ging ohne hierauf etwas weiter zu erwidern in sein Zimmer
hinauf schloss in den dort stehenden Secretär ein ziemlich großes Paket Papiere
zog den Schlüssel wieder ab und schritt dann in tiefem Nachdenken und
augenscheinlicher Unruhe rasch dem UnionHotel zu
    Marie hatte sich indessen beinahe vollständig von ihrer ersten Aufregung
erholt Adele war nämlich eifrig bemüht gewesen ihr das Ganze was jetzt ihre
Seele ängstige und quäle als einen fürchterlichen Traum zu schildern der aber
auch weiter nichts als eben ein Traum sei denn ihr Eduard lebe sei gesund und
werde sie noch heut Abend in seine Arme schließen Das aber was sie da immer
von hohen Palmen einer wunderschönen stolzen Frau und wilden Gestalten
phantasire die ihr Leben bedrohten sei auch eben nur eine Phantasie der sie
sich nicht so macht und willenlos hingeben sondern die sie bekämpfen müsse
    Da wurden Schritte auf der Treppe gehört und gleich darauf frug dicht vor
ihrer Tür Squire Daytons Stimme in welchem Zimmer sich die Kranke befinde
Kaum aber hatte Marie diese Töne gehört als sie ein Bild starren Entsetzens
von ihrem Lager emporfuhr
    »Um Gottes willen was ist Dir wieder Marie« frug Adele erschreckt
    »Hier gleich in dieser Tür« sagte noch einmal der Squire draußen als ihm
dieselbe wahrscheinlich von unten herauf bezeichnet worden war
    »Heiland der Welt  das ist er« schrie Marie entsetzt  »das ist der
Fürchterliche  schützt mich vor ihm  er will mich wieder haben«
    »Marie  beruhige Dich doch nur«  bat sie Adele »das ist ja Squire
Dayton hier dieser Dame Gatte  ein braver wackerer Mann der Dich vor jedem
Schaden bewahren wird«
    In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und der Squire trat ein Marie
heftete dabei fest und prüfend den Blick auf ihn und schien mit peinlich
ängstlicher Spannung in seinem Innern zu lesen als aber dieser nach einigen
flüchtig mit seiner Frau gewechselten Worten auf sie zuging ihre Hand erfasste
und sie mit seiner gewinnenden Stimme und zwar jetzt mit den sanftesten Tönen
derselben begrüßte ließ die Furcht in ihrem ganzen Wesen nach  sie sank auf
ihr Lager zurück und wurde ruhig Nur noch manchmal wenn sie die Augen schloss
und dann nur den Laut seiner Worte vernahm fuhr sie wieder empor und sah sich
scheu im Zimmer um als ob sie sich überzeugen wolle wo sie denn eigentlich
und was ihre Umgebung sei
    Der Wagen fuhr indessen vor und die Frauen geleiteten Marie die Treppe
hinab Tom aber der mit dem Squire noch zurückblieb erzählte diesem jetzt
umständlich was es eigentlich für eine Bewandtnis mit dem armen Mädchen habe
wie er sie gefunden und wie sein Verdacht durch alles Gehörte immer mehr
verstärkt würde hier irgend eine planmässige Büberei zu vermuten wenn es auch
jetzt noch nicht möglich sei sie zu ergründen Mr Hawes Gegenwart müsse
indessen viel dazu beitragen Licht auf die Sache zu werfen
    »Und Sie glauben dass Sie die Unglückliche an einer Insel gefunden haben«
frug ihn der Squire der bis jetzt der Erzählung des jungen Mannes mit dem
gespanntesten Interesse gefolgt war
    »Glauben« sagte dieser  »das weiß ich gewiss  es ist die zweite von hier
stromab und muss nach jenes Irländers Bericht Nr Einundsechzig sein«
    »Wessen Irländers  jenes der im UnionHotel aus und ein geht«
    »Das weiß ich nicht doch sprach ich ihn allerdings mit Mr Smart am Ufer
und er ist jetzt stromab um jene Insel zu untersuchen«
    »Wer der Ire« frug der Squire schnell
    »Nun ja er will überhaupt allerlei Verdächtiges in letzter Zeit bemerkt
haben und behauptete sogar es müsse dort irgend eine Art von Spielhölle
existieren die das böse nichtsnutzige Gesindel so in Helenas Nähe halte Er war
seiner Sache ziemlich gewiss und ist jetzt den Strom hinunter um sich vollkommen
davon zu überzeugen Ich selbst möchte nur noch abwarten wie die Veränderung
auf den Zustand jener unglücklichen Frau einwirkt und dann nehme ich meine
Jolle und fahre so rasch als möglich nach Victoria unser Flatboot zu überholen
Unterwegs will ich übrigens selbst dort landen wo ich die Arme gefunden und
einem alten Jäger wie ich bin wird es nicht schwer werden zu entdecken was
jener Ort verbirgt«
    »Sie fahren allein« frug der Squire
    »Leider ich muss Steuermann und Bootsknecht spielen doch das kann nichts
helfen wenn sich nur der verwünschte Nebel ein klein wenig aufklären wollte«
    »Ja ja« sagte Dayton »wie es jetzt ist würde es Ihnen auch unmöglich
werden stromab zu gehen sobald Sie die Ruder eingelegt haben wissen Sie nicht
mehr wohin Ich rate Ihnen auf jeden Fall erst den Nebel abzuwarten
vielleicht finden Sie bis dahin auch eine Begleitung Es sind fast stets Leute
hier die nach Victoria hinüber wollen«
    »Nun statt mancher Begleitung führ ich lieber allein« meinte Tom »Wenn
mich übrigens Jemand um seine Passage zu verdienen hinabrudern wollte hätt
ich nichts dagegen Das wird übrigens Keiner tun und ich habe auch keine Zeit
darauf zu warten Kann ich in dem Nebel nicht rudern ei nun so lass ich das
Boot eben treiben und die Strömung muss es ja dann mit hinab nehmen jeder Snag
an dem ich vorbeikomme sagt mir die Richtung der Flut und überdies kann ich
mich ja auch im Anfange noch ein wenig in der Nähe des Ufers halten Doch ich
muss einmal nach meinem Boote sehen  es ist nicht angeschlossen und ich traue
den Burschen hier nicht besonders viel Gutes zu«
    »So erwarten Sie mich wenigstens ehe Sie abfahren an Ihrem Boote« sagte
der Richter »ich will Ihnen ein paar Zeilen an den Friedensrichter in Sinkville
mitgeben damit Sie im Fall Sie wirklich etwas Verdächtiges entdeckten dort
gleich Unterstützung fänden Die junge Dame soll indes gut aufgehoben sein«
    »Ich fürchte das Schlimmste für die Unglückliche« seufzte Tom und schritt
langsam dem Flussufer zu während der Richter stehen blieb und ihm lange und
sinnend nachschaute
    Noch stand er so als ein kleiner weißer Knabe auf ihn zutrat und ihm ein
locker und unordentlich zusammengefaltetes aber mit vielen Siegeln fest
verklebtes Briefchen gab das er las und zu sich steckte Dann ging er langsam
Mainstreet hinab und verschwand in der nächsten rechts abführenden Straße
 
                                      22
                                        
                              »Zum grauen Bären«
Dicht an Helena und zwar die nördlichste Grenze der Stadt bildend ja
eigentlich fast wie ein verlorener Posten schon über das Weichbild derselben
hinausgerückt stand ein einsames Häuschen ganz dicht am Ufer im Norden und
Westen hoch von Bäumen im Osten vom Mississippi im Süden aber und zwar nach
der Stadt zu von dichtem niederem Buschwerk eingeschlossen das einer
vorjährigen unbenutzten Rodung entwuchert war Frontstreet führte übrigens bis
hier heraus wenigstens verkündete das ein neben der »ausgehauenen« Straße an
eine starke Eiche genageltes kleines Brett und der ganze umliegende Platz war
auch in einzelne »Lots« oder Bauplätze abgeteilt von Speculanten aber
angekauft und liegen geblieben da sich die meisten Ansiedler lieber dem wacker
gedeihenden Städtchen Napoleon an der Mündung des Arkansas anschlossen Dieses
erhielt nämlich durch den Arkansas eine ununterbrochene Verbindung mit dem
ganzen ungeheuren Westen der Vereinigten Staaten während Helena gerade im
Westen fast gänzlich durch jene ungeheuren Sümpfe von den auch nur sparsam dort
zerstreuten Ansiedelungen abgeschlossen war Nur durch jene niedere Hügelreihe
konnte es mit Little Rock und Batesville eine Verbindung unterhalten die noch
überdies nach der ersteren Stadt das ganze Jahr hindurch leichter auf
Dampfbooten bewerkstelligt wurde Selbst nach Batesville liefen kleine Dampfer
schon bei nur mässigem Wasserstande
    Der Besitzer jener dicht am Ufer gelegenen »Lots« schien auch geglaubt zu
haben seine Rechnung in der Bebauung des Platzes selbst zu finden denn er
errichtete dort ein ziemlich geräumiges Häuschen lichtete den Wald um dieses
herum und begann sogar ein in der Nähe gelegenes und ihm gehöriges Feld zu
bebauen Bald aber wie es bei den westlichen Pionieren und Backwoodsmen
gewöhnlich geschieht fing ihm der Ort an zu missfallen Helena hatte sich nicht
so rasch wie er es erwartet vergrößert und er verkaufte kaum zum Betrag der
darauf verwendeten Arbeitskosten sein kleines Besitztum an einen früheren
Bootsmann Dieser ließ sich dort nieder erhielt vom Richter die Erlaubnis
spirituöse Getränke  nur nicht an Indianer Neger und Soldaten nach dem
amerikanischen Gesetze  zu verkaufen und musste auch wohl ganz gute Geschäfte
machen denn er legte bald darauf noch ein Flatboot dicht an sein Haus an das
bei hohem Wasser mit diesem fast parallel stand im Frühjahr aber tief unten auf
dem Strome an langen Tauen befestigt lag während eine in die Ufererde
gestochene Treppe die Verbindung zwischen Land und Wasser unterhielt
    Allerdings wollte man in der Stadt ziemlich bestimmt wissen es werde
besonders auf jenem Flatboote Nachts und zwar um bedeutende Summen gespielt
Der Richter hatte aber schon mehrere Male mit dem Konstabler selbst und zwar
ganz unerwartet Nachsuchung gehalten ohne auch nur das mindeste Verdächtige zu
bemerken und da das Haus ziemlich getrennt von der Stadt lag und man das
nächtliche Singen und Zechen dort nicht hören konnte so bekümmerte sich bald
Niemand mehr darum Der Wirt der seine Bedürfnisse ebenfalls nur von Flat
oder Dampfbooten bezog kam überdies selten oder nie nach Helena hinein so dass
ihn viele Bewohner desselben nicht einmal von Ansehen kannten
    Der Nachmittag war jetzt ziemlich weit vorgerückt trübe und düster lag er
aber auf der niederen Sumpfstrecke die sich fast nach allen Himmelsgegenden hin
in weiter ununterbrochener trostloser Fläche ausdehnte Der Nebel der bis
dahin in einzelnen noch zerrissenen Wolken bald hier bald da hinüberdrängte und
dann und wann kleine Strecken des Flusses ja manchmal sogar bei einem etwas
stärkeren Luftzug das gegenüberliegende Ufer sichtbar werden ließ hatte sich
jetzt zu einer festen Masse verdichtet und lagerte ruhig auf der unheimlich
unter ihm dahinschiessenden Flut Selbst der leise noch nicht ganz erstorbene
Wind vermochte nicht mehr auf ihn einzuwirken und konnte nur dann und wann
einen wehenden Streifen von ihm losreißen und über das feste Land hinauspressen
Dieser durchzog es dann in weißen durchsichtigen Wolken um später mit den
Schwaden der Niederung vermischt nur neue Kräfte in seinen rötlich ungesunden
Dünsten zu sammeln und in das nebelgefüllte Strombett zurückzuführen
    Die Sonne selbst vermochte nicht durch die in ihrem Lichte trotzenden Massen
zu dringen und ihre blutrote Scheibe stand strahlenlos und düster am Firmament
 Die ganze Mittagszeit hindurch hatte sie den Titanenkampf gegen die ineinander
gepressten Schwaden gekämpft doch vergebens und jetzt schien es fast als ob
sie voll zornigen Unwillens das unerfreuliche Ringen aufgebe und ernst und
mürrisch in ihr waldumschlossenes Lager niedersteige Brach sich dann die
Abendluft nicht Bahn und zerstreute diese nicht mit starkem Hauch den stämmigen
Feind dann konnte die Nacht wohl schwerlich seine Massen bewältigen Feuchter
Nachttau und der Atem der schlummernden Erde nährten ihn mehr und mehr so dass
er sich noch nach allen Seiten ausbreitete und zuletzt sogar den Wald was ihm
am Tage nicht möglich gewesen bis zum Rand mit milchweissem Schaum erfüllte
    Das dicht am Ufer stehende kleine Haus befand sich ebenfalls im Bereich
dieser Schwaden oder doch wenigstens so dicht an der Grenze derselben dass bei
jedem nur leise herüberwehenden Luftzug der ganze Drang des Nebels sich über
dasselbe hinwälzte und es förmlich umhüllte Wenig schien das aber die darin
versammelte lustige Schaar von Bootsleuten zu kümmern deren Lärmen und Jauchzen
nur einmal und selbst da nur auf Sekunden unterbrochen werden konnte als ein
augenscheinlich nicht zu ihnen gehörender sehr modern und selbst elegant
gekleideter Mann eintrat und rasch ohne links oder rechts zu sehen den
menschengedrängten Raum durchschritt und gleich darauf in einer zu dem hinteren
Teil des Gebäudes führenden Tür verschwand
    Als er das auf den Strom hinaussehende niedere Gemach betrat wollte sich
eine andere Person wie es schien leise und unbemerkt zur gegenüberliegenden
Tür hinausstehlen des Fremden scharfes Auge vereitelte aber den Versuch
    »Waterford« rief er ernst  »bleibt hier  ich will jetzt nicht
untersuchen weshalb Ihr Euren Posten verlassen habt  ich bedarf Eurer  später
werdet Ihr vielleicht darüber Rechenschaft zu geben wissen Ist Toby
eingetroffen«
    »Nein Kapitain Kelly« lautete die demütig gegebene Antwort des sonst wild
und trotzig genug aussehenden Burschen der mit dem einen funkelnden Auge  das
andere hatte er in einem Gouchkampf1 verloren  scheu unter den grauen buschigen
Augenbrauen hervorblinzelte
    »Nein« rief Kelly und stampfte unmutig den Boden »dass die Pest seine
faulen Sohlen treffe  Schick ihm rasch Jemanden entgegen  er muss unterwegs
sein und noch heute Nacht auf der Insel eintreffen  rasch  sende Belwy der
ist leicht und kann dem Rappen eher etwas zumuten Er soll sich gleich
übersetzen lassen und reiten bis ihm das Ross unter dem Leibe zusammenbricht
und halt  noch Eins Sobald Ihr drüben das Raketenzeichen seht braucht Ihr
keine weiteren Befehle von mir abzuwarten Ihr wisst dann was Ihr zu tun habt
Seid aber schnell und sendet Alle die Ihr auftreiben könnt und zwar Alle auch
zu augenblicklicher Flucht gerüstet«
    Der Einäugige verschwand durch die Tür und der Kapitain schritt mit fest
verschlungenen Armen und schweigend wohl mehrere Minuten lang rasch im Zimmer
auf und ab Endlich blieb er vor Torby dem Wirt dieser Diebesspelunke
stehen der ihm ehrfurchtsvoll mit der Mütze in der Hand zuhörte und sagte mit
leiser aber schneller Stimme
    »Es wird  hoffentlich in kurzer Zeit  ein Bote von dem See hier sein  der
soll mir augenblicklich auf die Insel folgen auch dann wenn es Sander selbst
ist  ich muss ihn sprechen Im Übrigen haltet Euch heute und morgen ruhig 
entfernt Alles was bei einer etwaigen Hausuntersuchung Verdacht erregen könnte
und  seid wachsam Dass mir die Burschen an den Raketen ihre Plätze nicht
verlassen vielleicht ist die Vorsicht nur noch «
    Kelly horchte hoch auf denn heftiges und rasches Pferdegetrappel ließ sich
im nächsten Moment hören und hielt wenn ihn sein Ohr nicht täuschte vor der
Tür Torby glitt hinaus den Besuch zu erkunden kehrte aber gleich darauf mit
dem erschöpften Sander zurück der in den fremden Kleidern mit den flatternden
Haaren  den Hut hatte er unterwegs in den Büschen verloren  gar wild und
verstört aussah
    »Sendet einen Boten nach Kelly«  waren die ersten Worte die er dem Wirte
flüsternd zurief  »aber rasch  rasch  rasch  habt Ihr die Ohren verstopft
Holzkopf einen Boten sollt Ihr an Kelly senden«
    »Der Kapitain ist hier« sagte endlich der durch die wilde Anrede und das
wunderliche Aussehen Sanders erstaunte Wirt  »er hat schon nach Eurem eigenen
Boten gefragt«
    Ohne ein weiteres Wort des Alten abzuwarten schob ihn der junge Mann zur
Seite warf sich die Haare aus der Stirn und trat rasch in den mit Gästen
gefüllten Raum Lauter Jubelruf schallte ihm hier entgegen und von mehreren
Seiten hoben Einzelne die Becher zu ihm auf dass er mit ihnen trinken solle
Aber nur einen von diesen ergriff er leerte ihn ohne es auch nur erst der Mühe
wert zu halten zu prüfen was er enthalte bis auf die Hefe und trat dann
nicht einmal mit einem Kopfnicken dafür dankend rasch in die vorerwähnte Tür
die er hinter sich verriegelte
    Kelly war allein und fasste ihn scharf ins Auge Sander aber nachdem er nur
einmal den Blick scheu im Kreise umhergeworfen hatte um sich vor allen Dingen
zu überzeugen dass Niemand weiter seine Worte höre trat dicht an den Kapitain
hinan und flüsterte leise
    »Wir sind verraten«
    Erstaunt sah er zu dem Führer auf denn dieser anstatt wie er erwartete
vor der fürchterlichen Botschaft zurückzuschrecken hielt den ruhigen kalten
Blick fest auf ihn geheftet Das Einzige was er darauf erwiderte war
    »Weshalb habt Ihr Euren Auftrag nicht erfüllt«
    Sander hierüber fast außer Fassung gebracht zögerte einen Augenblick und
Kelly der gewohnt war in der Seele der Menschen zu lesen durchschaute ihn im
Nu Der junge Verbrecher aber vielleicht mehr durch des Kapitains Betragen als
durch die Frage überrascht sammelte sich gleich wieder und erzählte nun so
kurz aber auch so genau als möglich die Vorgänge bei Livelys bis zu des
Mulatten Geständnis bei dem Kook und der Doctor Zeuge gewesen waren  Seine
Gründe weshalb er zu solcher Zeit den Mulatten nicht verlassen durfte waren 
das wusste er auch recht gut  wichtig genug und alle Nebenpläne mussten jetzt
fallen wo es galt das Leben vor den aufmerksam gewordenen Bewohnern des
Staates zu retten
    Kelly erwiderte ihm keine Silbe sondern trat nur an das kleine nach dem
Strom gelegene Fenster und blickte sinnend in das weiße Nebelmeer hinaus das
seine Fläche bedeckt hielt Sander schritt indessen ungeduldig auf und ab bis
ihm das lange Schweigen peinlich wurde und er es mit einem halb ängstlichen halb
trotzigen »Nun Sir« brach
    »Nun Sir« wiederholte der Kapitain und wandte sich langsam gegen ihn 
»das was ich lange befürchtet ist endlich eingetroffen und es wundert mich
weiter nichts davon als dass diese sonst so scharfsichtigen Waldläufer mit all
ihrem gepriesenen indianischen Spürsinn die Sache nicht früher herausbekommen
und uns jetzt vollkommen Zeit gegeben haben unser Schäfchen ins Trockene zu
bringen«
    »Ins Trockene« sagte Sander erstaunt »verdammt wenig Schafe sinds die
ich ins Trockene gebracht habe  ich hoffte auf die morgende Teilung der in
Euren Händen befindlichen Vereinskasse und habe mich so rein ausgegeben dass
ich nicht einmal Kajütenpassage nach NewOrleans bezahlen könnte Ins Trockene
bringen  zum Henker Kapitain Ihr nehmt die Sache verdammt kaltblütig Wisst
Ihr denn dass uns die verdammten Schufte in jedem Augenblick hier auf den Hacken
sitzen können Doch  noch Eins  ich muss Euch um Vorschuss bitten Sir man weiß
doch jetzt nicht wie die Sachen stehen und was Einem passieren kann und da
ists gut wenigstens so viel in der Tasche zu haben um vielleicht für den
Augenblick eine kleine Reise machen zu können Schiesst mir fünfhundert Dollar
vor und zieht sie mir morgen Abend von meinem Anteil ab Ich muss auch in den
Kleiderladen in Helena und mir neue Sachen schaffen Ich sehe wahrhaftig wie
eine Vogelscheuche im Herbst aus und kann mich gar nicht so vor den Damen
wieder sehen lassen«
    »Ihr tätet überhaupt besser Euch von denen heut etwas fern zu halten«
sagte Kelly ruhig lächelnd »wie ich gehört habe ist dort Besuch angekommen«
    »Besuch  Was für Besuch  Ist Lively schon hier«
    »Nein Damenbesuch  Mrs Hawes von Sinkville«
    »Unsinn  lasst Euren Scherz jetzt Donnerwetter Mann das Messer sitzt uns
an der Kehle und Ihr steht da und lacht und spasst als ob wir uns auf irgend
einem guten Segelschiff und etwa tausend Meilen von Amerika entfernt befänden
Mir ist jetzt gar nicht wie spassen«
    »Und wer sagt Euch denn dass es mir so wäre« erwiderte Kelly ernst »Ich
spasse nicht Sir  Mrs Hawes befindet sich in diesem Augenblick in der Pflege
von Mrs Dayton und Miss Adele Dunmore und heute Nachmittag ist der Ire OToole
nach Nr Einundsechzig abgefahren auf welche unschuldige Insel er solchen
Verdacht geworfen hat dass er eine genaue Untersuchung derselben beabsichtigt
Ebenso wird in etwa einer Stunde ein anderer junger Bootsmann von hier
auslaufen und zwar zu demselben Zweck  Das sind meine Neuigkeiten nicht
wahr meine Spione sind gut«
    Sander hatte ihm starr vor Schrecken und Entsetzen zugehört
    »Wie in des Teufels Namen ist Marie «
    »Ruhig Sir«  unterbrach ihn Kelly  »ich ahne den ganzen Zusammenhang
aber noch ist nichts verloren  die Insel müssen wir allerdings aufgeben doch
uns selber sollen sie nicht fangen Ich bin gerade deshalb hier Gegenmassregeln
zu ergreifen In der Stadt dürft Ihr Euch übrigens so lange es hell ist noch
nicht sehen lassen und selbst dann möchte es geraten sein irgend ein Tuch
ums Gesicht zu binden Ich selbst will augenblicklich auf die Insel hinunter
um dort die nötigen Anordnungen zu treffen Glück genug dass wir Alles so
zeitig erfahren haben das hätte sonst ein böser Schlag werden können«
    »Und ein junger Bootsmann wird wie Ihr sagt von hier auslaufen die Insel
aufzuspüren«
    »Ja« erwiderte Kelly und seine Lippen umzuckte ein höhnisches Lächeln 
»das ist jetzt wenigstens seine Absicht doch die wird zu vereiteln sein Er
darf die Stadt nicht verlassen  Aber das ist das Wenigste Nichts ist
leichter als einen solchen Burschen auf ein paar Tage unschädlich zu machen 
wofür haben wir denn die Gesetze«
    »Die Gesetze« frug Sander erstaunt
    »Lasst mich nur machen  meine Maßregeln sind schon getroffen«
    »Aber der Ire «
    »Kann die Insel bis ich hinunterkomme noch nicht wieder verlassen haben
und wenn auch  ehe unsere langsame Justiz die Sache in die Hände nimmt sind
wir lange außer aller Gefahr«
    »Die Justiz Ihr glaubt doch nicht dass die Nachbarn hier auf die warten
werden«
    »Desto weniger können sie dann ausrichten Lebendig fangen sie uns nicht
und in unsere Schlupfwinkel in den Sümpfen von Mississippi sind sie eben so
wenig im Stande uns gleich zu folgen Auf jeden Fall behalten wir Zeit zur
Flucht und ich glaube fast dass wir die morgende Nacht noch ruhig abwarten
können Übrigens sind wir auf das Schlimmste gerüstet Hier an gewissen Stellen
befestigte Raketen die eine laufende Linie bis zu uns bilden künden uns unten
ob uns von hier aus Gefahr drohe und dafür sind meine Pläne ebenfalls bis zur
Ausführung fertig Wollen die Burschen Gewalt gut dann soll sichs auch
zeigen in wessen Händen sich die befindet  wir sind fürchterlicher als sie
es jetzt noch ahnen«
    Er sprach die letzten Worte mehr zu sich selbst als zu dem Kameraden der
indessen ganz in Gedanken vertieft mit seinem Bowiemesser lange Späne von dem
rohen Holztisch abhieb
    »Pest« murmelte er nach einiger Zeit  »dass wir jetzt unser freundliches
Plätzchen verlassen müssen  es ist schändlich  Konnte diese vermaledeite
Katastrophe nicht noch wenigstens zwei Tage später kommen  Nun wie ists
Kapitain wollt Ihr mir das Geld geben«
    »Ich habe nicht so viel bei mir« sagte Kelly ruhig und schritt zur Tür
deren Griff er erfasste »seid aber um acht Uhr wieder hier dann sollt Ihr es
haben bis dahin hat es noch keine Gefahr  Auf Wiedersehen  Vorsicht brauch
ich Euch weiter nicht anzuempfehlen«
    Er verschwand aus dem Zimmer und Sander blieb noch einige Minuten in tiefem
Nachdenken die Augen fest und finster auf die wieder geschlossene Tür
geheftet sitzen
    »So« sagte er endlich und stieß während er von seinem Sitze aufstand das
Messer wohl einen Zoll tief in das weiche Holz  »Deine Pläne sind also zur
Ausführung fertig aber Du hast nicht einmal lumpige fünfhundert Dollar für
Jemanden der in den letzten Monaten Deiner Privatkasse solch ungeheure Summen
eingebracht Und warten soll ich mich hier bis acht Uhr versteckt halten um
dann vielleicht aufs Neue halsbrecherische Aufträge zu bekommen aber kein
Geld Nein mein Alterchen da Du so für Dein eigenes Wohl gesorgt zu haben
scheinst so vergönne mir wenigstens ein Gleiches Mrs Breidelford kann
unmöglich schon von der uns drohenden Gefahr wissen die will ich anzapfen Das
Zauberwort was mich Blackfoot gelehrt wird wenn es das fast Unglaubliche
vermögen soll ihre Zunge zu hemmen doch auch wohl ein paar hundert Dollar aus
ihr heraus pressen  die alte Hexe hat früher überdies genug durch meine
Vermittlung verdient Ans Werk denn es kennt mich ja doch Niemand hier in der
Stadt als Daytons und deren Wohnung kann ich vermeiden«
    Er verließ rasch das Haus und verschwand bald in dem sich immer mehr und
mehr verdichtenden Nebel der jetzt sogar selbst die vom Fluss am weitesten
entfernten Straßen erfüllte
 
                                    Fußnoten
1 Das gouching ist eine den sonst so kräftigen und offenen Charakter der
Amerikaner wahrhaft schändende Sitte und wird überhaupt nur in einem sehr
kleinen Teil der Union vorzüglich aber in Kentucky ausgeübt Hat nämlich beim
Boxen oder Ringen der eine Kämpfer den andern niedergeworfen und will dieser
sich durch Treten oder Beissen befreien  denn bis der Besiegte nicht sein
»enough«  genug  ruft wird der Kampf nicht für beendet angesehen  so sucht
der Obenliegende den schon so weit Überwundenen zu gautschen  das heißt er
drängt ihm einen oder auch beide Daumen in die Augenhöhlen hinein aus denen er
wenn nicht daran verhindert die Augäpfel herauspresst Nicht selten wickelt er
dabei mit raschem geschickten Griff die an den Schläfen wachsenden Haare des
Opfers um seine Zeigefinger um dadurch in seinem fürchterlichen Geschäft nicht
allein mehr Sicherheit zu gewinnen sondern auch den Niedergeworfenen zu
verhindern sich die ihm Blindheit drohenden Daumen in den eigenen Mund zu
ziehen und mit verzweifelter Wut abzubeissen Hunderte können bei solchem Kampfe
gegenwärtig sein Keinem wird es einfallen das grässliche Resultat zu
verhindern ausgenommen der Eine gesteht mit dem Ruf »genug« seinem Gegner den
Sieg zu Dann müssen augenblicklich alle Feindseligkeiten eingestellt werden
Das Gouchen bedingt übrigens nicht jedesmalige Blindheit zu Zeiten können die
Augen wieder in ihre Höhlen ohne ihre Sehkraft zu verlieren zurückgeschoben
werden nur zu oft zieht es jedoch seine entsetzlichen Folgen nach sich und
Hunderte sind die so teils halb teils ganz erblindet die Wirkung eines
natürlichen Kampfes durchs ganze Leben schleppen Der Verlust eines Auges gilt
auch dabei als vollkommen hinreichende Entschuldigung einen angebotenen Kampf
auszuschlagen ohne dabei in den Verdacht der Feigheit zu geraten da man es
erklärlich findet der also Verkrüppelte wolle nicht gern auch sein zweites Auge
gleicher Gefahr aussetzen
 
                                      23
                                        
                          Die unerwartete Verhaftung
Tom schritt ungeduldig in Frontstreet auf und ab Dem Richter hatte er
versprechen müssen auf ihn zu warten und der kam jetzt nicht zurück Seine
Jolle befand sich zur Abfahrt bereit dicht neben dem dort noch immer vor
Spring und Sterntau liegenden Dampfboot Van Buren das seine Schäden so weit
ausgebessert hatte um am nächsten Morgen elf Uhr wieder abfahren zu können und
zweimal schon war er die vom Fluss abführende Wallnutstreet in aller Ungeduld
hinauf und herunter gelaufen und immer noch wollte sich der Squire nicht sehen
lassen Der Abend brach dabei mehr und mehr herein und Tom blieb plötzlich
mitten in seinem Marsch stehen stampfte ärgerlich mit dem Fuße und rief
    »Ei so hol ihn der Henker ich gehe wieder zum Fluss hinunter und lässt er
dann noch nichts von sich sehen dann fahr ich ohne seinen Wisch ab Wetter
noch einmal der Konstabler in Victoria muss mir überdies beistehen wenn ich
gerechte Sache habe und wenn ich die nicht habe kann mir auch die Empfehlung
nichts helfen«
    Er schritt Wallnutstreet wieder hinab und bog eben scharf um
FrontstreetEcke als ihm auch ganz unerwartet ein Mann entgegenkam der den
Fremden kaum bemerkend sein Taschentuch schnell vor das Gesicht hielt als ob
er Zahnschmerzen habe und dann rasch aber den Kopf gesenkt an ihm
vorüberschritt
    Nebel und Abenddämmerung vergönnten dem scheidenden Tageslicht nur noch
einen schwachen Strahl Dennoch war er dem Scharfblick des jungen Mannes
hinreichend in dem schnell verhüllten Antlitz des Fremden die Züge eines Mannes
zu entdecken die sich außer ihren ganzen Eigentümlichkeiten ihm auch noch
mit einer Schärfe in Herz und Gedächtnis eingegraben hatten um ein Vergessen
unmöglich zu machen
    Es war Eduard Hawes  die blonden flatternden Locken ließ ihm keinen
Zweifel wenn auch der grobe Farmersrock den für einen Moment erweckt haben
mochte  Es war der Mann der ihn damals als er in der Nähe der reizenden
Marie Morris sein ganzes irdisches Glück zu finden glaubte und wirklich fand
aus all seinen süßen seligen Träumen riss und wieder in die kalte Welt
hinausstiess Ach Marie hatte ja nicht einmal geahnt mit welcher Glut und
Leidenschaft der raue Jäger an ihr hing  Wie einen Bruder hatte sie ihn
geliebt und als Hawes mit Reichtum Schönheit und dem einfachen Kinde
imponirenden Geist dazwischentrat reichte sie ihm des Schrittes kaum sich
bewusst den sie tat die Hand Erst als Tom jetzt in Verzweiflung floh und sie
beim Abschied seinen tiefen kaum bezwungenen Schmerz erkannte mochte ihr eine
Ahnung seiner Gefühle dämmern Da war es aber zu spät  schon am andern Tage
legte der alte Friedensrichter Morris der Onkel der Braut der Tom Barnwell wie
einen Sohn liebte und auf dessen Verbindung mit seiner Nichte schon als auf den
Trost seines Alters gehofft hatte die Hände der beiden Verlobten in einander
und drückte dann die weinende zitternde Braut selbst mit Tränen im Auge an
sein Herz
    Dieser Hawes dessen Bild sich Tom Barnwells Seele mit unauslöschlichen
Zügen eingeprägt hatte stand plötzlich vor ihm und das ganze Wesen und
Benehmen desselben musste in Tom den fast unwillkürlichen Gedanken erwecken
Jener wolle nicht gesehen sein Mit Blitzschnelle stiegen da all die wirren
und fürchterlichen Vermutungen wieder in ihm auf die er seit er Marie
gefunden oft hatte fast gewaltsam zurückdrängen müssen Hawes hier wo ein
Brief an ihn auf das Land hinausgeschickt war in einem ganz andern Teile der
Stadt als in dem sich Marie befand  Wollte er wirklich unerkannt sein oder
war diese Bewegung nur Zufall All diese Gedanken zuckten pfeilschnell durch
Tom Barnwells Hirn als er stehen blieb und der Gestalt des rasch Davoneilenden
nachsah Im Augenblick hatte er sich aber auch wieder insoweit gesammelt einen
festen Entschluss zu fassen auf keinen Fall durfte er jenen Mann aus den Augen
verlieren denn wusste er wirklich noch nichts von seines Weibes Zustand so war
es nötig dass er es erfuhr und wusste er es  ihm blieb keine Zeit zu längerem
Überlegen mit flüchtigen Schritten folgte er dem jungen Mann der gerade um
die nächste linke Ecke bog und wollte ihm dort angelangt eben nachrufen Da
sah er ihn keine zwei Häuser entfernt vor einer Tür stehen an die er
augenscheinlich eben erst angeklopft haben musste  Dass ihm der dem er
begegnet gefolgt war hatte er nicht einmal bemerkt
    Die Straße bildete hier eine Art von freiem Platz denn die linke Reihe der
Häuser war die zwei vordersten abgerechnet weiter zurückgerückt und enthielt
neben anderen Privatwohnungen auch das etwas allein stehende Gerichtshaus und
die Kounty Jail oder das Gefängnis Schräg diesem gegenüber befand sich aber das
Haus vor welchem der vermeintliche Mr Hawes jetzt stand und Tom Barnwell
schritt rasch und ohne Zögern auf ihn zu Jener jedoch viel zu sehr in sein
Klopfen vertieft und vielleicht ungeduldig dass ihm von innen nicht geöffnet
wurde musste den sich nahenden Schritt des leichten mit Moccasins bekleideten
Fußes gar nicht gehört haben denn er bog sich eben zum Schlüsselloch und rief
ärgerlich hinein
    »Aber ins drei Teufels Namen Mrs Breidelford  ich bin es ja Sander und
muss Euch wichtiger «
    Er schrak empor  dicht neben sich vernahm er in diesem Augenblick zum
ersten Mal die Tritte des ihm Folgenden und als er überrascht auffuhr blickte
er in das ernste ruhige Antlitz Tom Barnwells Dieser stutzte allerdings über
die eben gehörten Worte war jedoch zu sehr mit dem Zustande Mariens
beschäftigt um ihnen auch nur mehr als flüchtiges Gehör zu schenken Über den
Mann selbst aber der vor ihm stand blieb ihm kein Zweifel mehr  Es war Hawes
 und Tom da er das Zurückschrecken und den ängstlichen Blick seines einstigen
Nebenbuhlers bemerkte der scheu die Straße hinabsah als ob er sich dem
vermuteten Feind durch die Flucht entziehen wollte sagte ihn missverstehend
ruhig
    »Fürchten Sie nichts Sir  ich bin Ihnen nicht in feindlicher Absicht
gefolgt und hege in der Tat keinen Groll gegen Sie Wenn das aber auch wirklich
der Fall wäre so müsste er jetzt ganz anderen Gefühlen weichen Wissen Sie dass
Mrs Hawes hier in der Stadt ist«
    »Ich  Ja  ich  ich weiß es  ich bin eben auf dem Wege dorthin«
stotterte der sonst so kecke und zuversichtliche Verbrecher der aber in diesem
Augenblick ganz außer Fassung schien Stieg ihm der Mann den er da plötzlich
vor sich sah doch fast wie aus dem Boden herauf und der Gefahr bewusst in der
er sich befand vielleicht selbst durch den Platz beunruhigt an dem er
betroffen worden konnte er sich kaum zu einer Antwort sammeln
    »Was  Sie wissen es  und sind auf dem Wege dorthin« frug Tom erstaunt 
»Mr Haves ich begreife nicht  wer wohnt denn in diesem Hause«
    »Nun Squire Dayton doch« rief Sander der kaum wusste was er sagte und
noch nicht einmal gesammelt genug selbst nur dem fest auf ihm haftenden Blick
des jungen Bootsmanns zu begegnen
    »Squire Dayton« wiederholte Tom langsam und zum ersten Mal mit wirklichem
Misstrauen  »Sie nannten eben einen andern Namen Sie riefen eine Dame an der
Sie Wichtiges mitzuteilen hätten  nicht so«
    »Ich sage Ihnen ich bin eben im Begriff Squire Daytons Haus aufzusuchen«
rief da Sander jetzt zum ersten Mal seine verlorene Fassung wieder gewinnend 
»Die Dame die hier wohnt wollte ich nur  sie sollte Krankenwärterin meiner
Frau werden aber sie  sie scheint nicht zu Hause zu sein«
    »Nein  so scheint es« erwiderte Tom kalt und war jetzt fest entschlossen
dem Manne nicht von der Seite zu weichen bis ihm dessen sonderbares Benehmen
erklärt sei  »wissen Sie Squire Daytons Haus«
    »Ja  ja wohl  es liegt an der oberen Grenze der Stadt  ich bitte Sie mich
dort anzumelden  Ich werde gleich nachkommen Mr Barnwell ich hoffe dort das
Vergnügen zu haben «
    Er lüftete den Hut und wollte sich von dem jungen Mann abwenden
    »Halt Sir« sagte dieser aber und ergriff seinen Arm  »ich kann Sie nicht
so fortlassen  Marie  Mrs Hawes liegt ihrer Sinne nicht mächtig nur wenige
Straßen von hier entfernt  und Sie  wie ich jetzt kaum anders glauben kann
wissen darum und wandern in diesen Kleidern offenbar nicht Ihren eigenen in
einem fremden Teil der Stadt umher«
    »Sie nennen Ursache und Wirkung in einem Atem Sir « erwiderte Sander mit
einiger Ungeduld und jetzt wieder vollkommen gefasst  »Ich kann Ihnen aber
unmöglich hier auf der Straße erzählen wie ich zu diesen Kleidern gekommen bin
oder was mich gezwungen hat sie anzulegen  Sollte Sie das interessieren so
können Sie es morgen von Mr Lively erfahren  jetzt aber bin ich eben um diese
Lumpen los zu werden im Begriff mir andere zu kaufen damit ich mich vor den
Ladies in Mr Daytons Hause anständiger Weise sehen lassen kann Übrigens
fühle ich mich Ihnen für den Anteil den Sie an Mrs Hawes nehmen sehr
verpflichtet möchte Ihnen aber zugleich bemerken dass ich jetzt da ich
zurückgekehrt und selber im Stande bin für meine Frau zu sorgen Sie dieses
Dienstes oder dieser Gefälligkeit wie Sie es nun auch nennen wollen vollkommen
entbinde«
    Sander hatte sich nach und nach ganz wieder in seinen alten Trotz
hineingearbeitet und Tom würde auch wohl bei jeder andern Gelegenheit durch
seine jetzige Ruhe und Sicherheit getäuscht worden sein Seine erste
augenscheinliche Verlegenheit aber  die groben Kleider des sonst in dieser
Hinsicht förmlich stutzerhaften Gecken ja sogar die Worte die er von ihm als
Jener sich unbeobachtet glaubte vernahm das Alles hatte einen Verdacht in ihm
erweckt den einfache Unbefangenheit von Hawes Seite nicht allein besiegen
konnte Nur den Arm des Mannes gab er frei da aus einigen der nächsten Türen
die Köpfe Neugieriger hervorsahn die Ursache des etwas lebhafter werdenden
Gesprächs zu erfahren
    Auch in Mrs Breidelfords Hause ließ sich oben mit äußerster Vorsicht die
Spitze einer Haube blicken der dann und wann  jedoch rasch niedertauchend
sobald sich einer der beiden Männer gegen ihr Haus wandte  eine rotglänzende
Stirn und ein Paar große graue Augen folgten
    »Sie haben Recht Sir« sagte Tom  »die Straße hier ist nicht der Platz zu
langen Erzählungen Ich begleite Sie aber jetzt zu Squire Daytons Haus und
dort werden Sie hoffentlich den Damen  Ihrer Frau solche nicht verweigern
Folgen Sie mir «
    »Ich sehe nicht ein Sir welches Recht Sie haben mich hier auf
öffentlicher Straße anzugreifen« sagte jetzt Sander mit ärgerlicher doch
unterdrückter Stimme  »Ihre Gesellschaft ist mir überdies nicht angenehm genug
sie bis dorthin zu beanspruchen Wie ich Ihnen schon einmal gesagt habe bin ich
eben im Begriff Toilette zu machen und ehe das geschehen ist bringen Sie mich
nicht einmal in die Nähe jener Damen viel weniger in ihre eigene Wohnung Ich
denke Sie haben mich jetzt verstanden«
    »Vollkommen« sagte Tom seine Züge nahmen aber einen ernsten finsteren
Ausdruck an und er flüsterte während er sich zu dem halb von ihm abgewandten
Mann niederbog  »Sie wollen nicht mit mir gehen ich aber schwöre es hier bei
meiner rechten Hand  und den Schwur brech ich nicht Sir  dass ich Sie zwingen
will mir zu folgen  ein Geheimnis liegt hier zu Grunde und ich will es
enthüllen«
    »Mein Herr«
    »Ha  dort kommt der Squire  so Sir Widerstand wäre jetzt nutzlos  Ihres
eigenen Selbst wegen vermeiden Sie jedes Aufsehen und folgen Sie uns gutwillig«
    Sander war in peinlicher Verlegenheit  Wie sollte er die Umstände jener
Nacht erklären die Marie doch jedenfalls schon entdeckt hatte Sollte er suchen
in den Wald zu entkommen Kaum hundert Schritt von dort wo sie standen
begannen die Büsche Er war dabei schnellfüssig wie der Wind und fürchtete kaum
von seinem Feind eingeholt zu werden Wenn es aber doch geschah  dann hatte er
Alles auf eine Karte gesetzt  und verloren Nein noch blieb ihm ein anderer
Ausweg Flucht sollte das Letzte sein denn er wusste recht gut dass ihm der
Kerker von Helena nicht hätte daran verhindern können die Insel wieder zu
erreichen
    »So kommen Sie Sir« erwiderte er nach kaum secundenlangem Nachdenken
»kommen Sie ich will jetzt Ihrem sonderbaren Willen Folge leisten später aber
werden auch Sie sich nicht weigern mir für ein Betragen Rede zu stehen das ich
in diesem Augenblick nur in Ihrer ungeheuren Frechheit begründet sehen kann«
    »Genug der Worte« sagte Tom mürrisch und wandte sich an des jungen
Verbrechers Seite rasch zum Gehen  »es sind deren schon zu viel gewechselt 
Squire Dayton  ich habe das Vergnügen Ihnen hier Mr Hawes vorzustellen «
    »Oh wahrhaftig Sir  das ist ein glücklicher Zufall dass Sie jetzt schon
eintreffen  der Brief hat Sie wahrscheinlich unterwegs erreicht  Aber Mr
Barnwell ich suchte Sie unten vergebens an Ihrem Boote und wurde erst von ein
paar Dampfbootleuten heraufgewiesen«
    
    »Ein glücklicher Zufall ließ mich Mr Hawes treffen« sagte Tom hier mit
einem ernsten Blick auf diesen
    »Das Glückliche ist dann ganz auf Ihrer Seite gewesen Sir« entgegnete
mürrisch der so wider seinen Willen ans Licht Gezogene »ich habe Ihre
Gesellschaft wahrhaftig nicht gesucht «
    »Aber Gentlemen« sagte Dayton erstaunt  »ich begreife nicht «
    »Das ist er Mr Nickleton« rief da plötzlich eine fremde Stimme von der
Mitte der Straße aus und zwei Männer die eben an ihnen hatten vorbeigehen
wollen wandten sich jetzt des Richters Rede unterbrechend scharf gegen diesen
und seine beiden Begleiter um
    »Welcher Der mit dem Wachstuchhut« frug der mit Nickleton Bezeichnete der
Konstabler von Helena
    »Ja bei Gott  das trifft sich prächtig«  jubelte der Andere »packen Sie
ihn mein wackerer Haltefest  bringen Sie ihn auf Numero Sicher«
    »Sir  Ihr seid mein Gefangener« sagte der Konstabler und legte seine Hand
auf Toms Schulter  »im Namen des Gesetzes«
    Tom blickte ihn erstaunt an und wirklich kam das Ganze so schnell und
unerwartet und er selbst war mit dem aufgefundenen Gatten Mariens so ganz und
gar beschäftigt gewesen dass er die Gegenwart der Übrigen erst bemerkte als
sie ihn anredeten Jetzt aber mit dem gefürchteten Bannspruch im Ohr richtete
er sich rasch auf und sagte lachend
    »Hallo Sir  der Waschbär wird auf dem andern Baume sitzen  Diesmal habt
Ihr Eure Zauberformel wohl an den Unrechten verschwendet das muss ein Irrtum
sein«
    »Seid Ihr nicht gestern den Fluss hinab und dann ganz plötzlich wieder mit
einem Dampfschiff aufwärts gefahren« frug der Fremde
    »Allerdings bin ich das« erwiderte Tom »und was weiter«
    »Ich wusste es  ich wusste es« rief Jener  »tut Eure Pflicht Konstabler
und lasst den Burschen nicht wieder entspringen«
    »Das muss auf jeden Fall ein Irrtum sein Sir« unterbrach ihn hier der
Richter und legte seine Hand auf den Arm des Konstablers der Tom noch immer an
der Schulter hielt  »Dieser Gentleman ist ein gewisser Mr Barnwell von
Indiana mit meinem Hause befreundet und gewiss nicht der «
    »Tut mir leid Squire  hier hört die Freundschaft auf Ihr habt mir
übrigens selber den Verhaftsbefehl ausgestellt «
    »Ja auf Den der bei diesem Manne eingebrochen war und seinen Geldkasten
gewaltsam aufgerissen hatte« sagte Dayton  »aber nicht auf «
    »Und das ist der hier« rief der Kläger und deutete mit grimmigem Blick auf
Tom Barnwell  »das ist der niederträchtige Bursche der sich heimlicher Weise
vom Flussufer aus an einzeln gelegene Häuser anschleicht und dort wenn man
draußen im Walde an der Arbeit ist raubt und plündert  Das ist die Kanaille
und ich bin fest überzeugt er wird schon gestehen wohin er meine silberne Uhr
gebracht hat wenn er sie nicht etwa gar bei sich trägt«
    Der Abend hatte indessen mehr und mehr gedunkelt dennoch versammelten sich
durch das laute Gespräch herbeigezogen eine Menge neugieriger Menschen um
Konstabler und Richter und umgaben so die kleine Gruppe Sander der es jetzt
für das Beste hielt sich leise zu entfernen suchte unbemerkt hinter den
Bootsmann zu treten Tom aber ließ ihn trotz dieser plötzlich gegen ihn
auftauchenden Klage keine Sekunde aus den Augen und Jener sah wohl dass er
wenn er nicht ebenfalls Aufsehen erregen wollte die Flucht auf gelegenere Zeit
verschieben müsse Tom Barnwell wandte sich jetzt im Bewusstsein seiner Unschuld
ruhig an den Richter und sagte lächelnd
    »Dem Manne hier ist wahrscheinlich Etwas aus seiner Hütte entwendet worden
und er hat nun Gott weiß aus welchem Irrtum auf mich einen falschen Verdacht
geworfen ich kann mich auch deshalb nicht durch seine Reden beleidigt fühlen
So unangenehm mir das übrigens in diesem Augenblicke sein mag so soll es und
darf es doch auf keinen Fall die Aufklärung eines grässlichen Geheimnisses
hindern die uns Mr Hawes hier wahrscheinlich im Stande ist zu geben Fürchten
die Herren hier dass ich ihnen entspringe so mögen sie mit uns gehen  Ihre
Gegenwart Squire wird hinlängliche Bürgschaft dabei sein Meine Anklage kann
sich nachher bald beseitigen lassen«
    »Was ist denn vorgefallen« frug der Konstabler
    »Auf jeden Fall Etwas das mich ganz und gar nichts angeht« rief der Kläger
unwillig  »ich bin keineswegs gesonnen mit dem Burschen hier in der Stadt
herum zu laufen bis er irgend Gelegenheit findet zu entspringen  Konstabler
tut Eure Schuldigkeit  Richter Dayton Ihr müsst mir in dieser Sache beistehen
 wenn der Mann entkommt halt ich mich wegen Allem was mir abhanden gekommen
an Euch«
    »Könnt Ihr denn aber beweisen dass dieser Mann auch wirklich Der ist für
den Ihr ihn haltet« frug der Richter
    »Kommt nur mit zum Fluss hinunter« erwiderte Jener  »zwei von meinen Leuten
haben ihn gesehen und wollen auf ihn schwören«
    Tom Barnwell dem das was er erst für ein tolles Missverständnis gehalten
doch jetzt anfing zu ernst zu werden noch dazu da es wirklich drohte ihn in
seinen freien Bewegungen zu hindern tat jetzt ernstaften Einspruch und rief
den Richter zum Beistand an Dieser aber zuckte mit den Schultern und erklärte
»nicht selber gegen das Gesetz handeln zu können« Mr Nickleton wisse hier eben
so gut wie er was er zu tun habe und eine Einrede von ihm würde nicht einmal
von Nutzen sein Tom sah bald dass er sich den Umständen fügen müsse denn ein
dichter Menschenhaufe umstand schon die Redenden aus dem ein Entrinnen zur
Unmöglichkeit wurde Nichtsdestoweniger ließ er Sander nicht aus den Augen und
bat nur den Richter da er selber nicht im Stande sei es zu tun jenen Mr
Hawes mit sich nach Hause zu nehmen und dort Aufklärung über das Geschehene zu
verlangen Mr Dayton versprach ihm das auch und schritt gleich darauf durch die
ihm Bahn machende Menge mit Sander an seiner Seite in der Richtung dem eigenen
Hause zu während der Konstabler von einem großen Teil Müßiggänger gefolgt
den jungen Bootsmann in die Kounty Jail brachte und ihn dort seinen eigenen
Betrachtungen überließ
 
                                      23
                                        
    Die Schildkröte nähert sich der gefährlichen Insel  Blackfoots Plan
»Hebt die Finnen  Munter meine braven Burschen« rief der alte Edgewort
während er inmitten auf dem gebogenen Deck seines breitspurigen Fahrzeugs stand
und mit dem Blick die Entfernung maß die sie wohl noch zwischen sich und den
letzten an der Landung liegenden Booten zu fürchten hatten  »greift aus dass
wir hinüber in die Strömung kommen  die Boote drüben gehen ja fast ganz am
andern Ufer«
    »Das sieht nur in dem Nebel so aus sie müssen wie wir im Fahrwasser
bleiben« meinte Blackfoot der sich neben ihn stellte aber noch immer zurück
ans Ufer blickte wo die Gestalt der empörten Mrs Breidelford auf und abflog
Diese schien sich nämlich keineswegs in das Unabänderliche  die Flucht ihres
Opfers  gefügt zu haben sondern durch rachedrohende Gesticulationen irgend
einen wohltätigen Snag zu beschwören seinen scharfen Zahn in dieses
nichtswürdige Fahrzeug zu bohren und es mit Mann und Maus zu versenken
    Der Steuermann der indessen stromauf zu mit den Augen die dunstige
Atmosphäre zu durchdringen suchte ob vielleicht den vorangegangenen Fahrzeugen
noch andere folgten schien jedoch mit dem Befehl des alten Mannes ganz
zufrieden Er gehorchte ihm wenigstens schnell und willig und hielt den Bug
gerad über den Strom hinüber während die Ruderleute mit vorgelegten Schultern
gegen die langen über das Verdeck ragenden Finnen pressten und jedesmal ehe sie
das unten angebrachte Schaufelbrett wieder aus der Flut hoben diesem noch mit
einem Ruck den stärksten Nachdruck zu geben suchten Dann drückten sie die
Stange an Deck nieder liefen rasch damit zu ihrem Ausgangspunkte zurück und
begannen ihr mühseliges Geschäft von Neuem
    Das Flatboot schon an und für sich ein unbehülflicher schwerer Kasten ist
auch eigentlich nur auf die Strömung angewiesen und hat die Finnen einzig und
allein dazu um vorstehenden Landspitzen und drohenden Snags auszuweichen oder
vielleicht mit den Rudern einen nicht gerade durch bloßes Treiben zu gewinnenden
Landungsplatz zu erreichen Die auf solchen Fahrzeugen angestellten Ruderleute
tun auch nichts so ungern als gerade rudern obgleich das die einzige von
ihnen begehrte Arbeit sein mag Es dauerte deshalb gar nicht lange so murrten
sie gegen das »Querüberschinden« wie sies nannten Bill dagegen machte wenig
Umstände warf ihnen ein paar kräftige Flüche entgegen und nannte sie »faule
Bestien« die lieber ihre breiten Kehrseiten in der Sonne brieten als ihre
Pflicht tun wollten
    Bill war ein breitschultiger kräftiger Gesell mit ein Paar Fäusten gleich
Schmiedehämmern es mochte auch deshalb nicht gern Einer mit ihm anbinden noch
dazu da sie im Unrecht waren Edgewort aber der jetzt sah dass sie mit den
vorangegangenen Booten in einem Fahrwasser seien sagte endlich
    »Nun so lassts gut sein  ich denke auch wir sind weit genug hinüber 
easy boys  easy  wir rennen sonst am Ende drüben auf die Sandbank die hier im
Navigator angegeben steht«
    »Hat keine Not« brummte Bill  »die Sandbank ist schon teilweise
weggewaschen und überdies haben wir die lange passiert  und drüben liegt sie
wo die Nebel dicker und massenhafter herüberkommen Bleibt nur noch eine Weile
bei den Rudern bis ichs Euch sage  nachher habt Ihrs leichter dafür«
    »Wie weit ists noch bis zu der hier angegebenen Sandbank« frug Edgewort
jetzt und deutete auf das Buch das er in der Hand hielt
    »Noch ein gut Stück« mischte sich Blackfoot da in das Gespräch »wenn wir
übrigens wie der Steuermann ganz Recht hat noch ein bisschen in Zeiten
überhalten so bekommen wir gar nichts von ihr zu sehen  Doch  Alligatoren
und Moccasins der Nebel wälzt sich immer derber herauf  Nun weiter fehlte uns
nichts als eine recht ordentliche Mississippimütze die sich uns über Augen und
Ohren zöge nachher könnten wir die Finnen wie Fühlhörner vorstrecken und
wüssten noch nicht einmal ob wir rechts oder links abkämen«
    »Nun so gefährlich siehts doch nicht aus« meinte Edgewort  »man kann ja
noch den halben Fluss übersehen und die Bäume auf beiden Seiten des Ufers
erkennen  Es sind nur ganz dünne duftige Schatten die ein richtiger Abendwind
leicht vor sich herscheucht«
    »Ich wills wünschen« sagte der angebliche Handelsmann und schritt langsam
zum Steuer zurück an dem Bill jetzt beide Hände in den Taschen nachlässig mit
dem Rücken lehnte und wie träumend vor sich niedersah
    »Das tuts« sagte Einer von den Ruderleuten der beim Rückgehen die
Finnenspitze führte indem er das lange Ruder durch Niederdrücken seines
Teils vollständig aufs Verdeck hob und niederlegte  die übrigen folgten
darin augenblicklich seinem Beispiel
    »Hallo was ist das« rief der Steuermann  »hab ich Euch geheißen
aufzuhören Bob  Johnson  nehmt Eure Ruder wieder auf wir müssen noch weiter
hinüber«
    »Dem Kapitain sind wir weit genug drüben« erwiderte trotzig der erste
Sprecher  eine lange Hosiergestalt mit breiten scharfen Achselknochen und
sehnigen Fäusten  »wenns dem nicht recht ist wird ers sagen«
    »Die Pest über Dich Kanaille« rief Bill wütend ließ sein Steuer los und
sprang auf den ruhig ihn erwartenden Bootsmann ein
    »Nun Sir« lachte dieser während er sich rasch in Boxerstellung gegen ihn
drehte und die beiden Fäuste bis etwa in Schulterhöhe brachte »bedient Euch 
tut als ob Ihr zu Hause wäret  Langt einmal aus und seht dann ob ich nicht
klein Geld bei mir habe Euch zu wechseln«
    »Halt da Leute« sagte Blackfoot und trat zwischen sie  »halt  werdet
doch auf einem und demselben Boote Frieden halten  Schiffskameraden und wollen
sich untereinander schlagen  pfui  Geht an Eure Ruder Leute und tut Eure
Pflicht  s ist nicht mehr weit und Ihr habt das bisschen Arbeit bald
überstanden«
    »Ich will verdammt sein wenn ichs tue« brummte der Hosier trotzig
»außer Kapitain Edgewort sagts  Dann meinetwegen und wenn wir bis Victoria
hinter den Quälhölzern liegen sollten  sonst aber keinen Schritt wieder auf
Deck Donnerwetter ich habe das Wesen von dem Burschen da satt  warum hielt er
denn das Maul so lange Tom Barnwell noch an Bord war der ihm die Spitze bot 
Er glaubt wohl er kann über uns nur so weglaufen  Steckt da in einem
verwünschten Irrtum den ich ihm gern noch nehmen möchte ehe wir von Bord
gehen«
    Bill heftete sein Auge mit wilder tückischer Bosheit auf die unerschrockene
Gestalt des Rudermannes und schien nicht übel Lust zu haben den Streit noch
einmal zu beginnen Blackfoot warf ihm aber einen schnellen warnenden Blick zu
und trotzig kehrte er mit leise gemurmeltem Fluch zu seinem Platz zurück
Edgewort hatte keine Silbe während der ganzen Zeit gesprochen und nur
vielleicht der Worte Smarts eingedenk die Streitenden beobachtet Dadurch war
ihm aber auch der zwischen seinem Abkäufer und Steuermann gewechselte Blick
nicht entgangen der ihm das jetzt fast zur Gewissheit machte was er bis dahin
schon gefürchtet  dass jene beiden Männer zusammen im Einverständnis waren
Natürlich bezog er das noch immer nur auf den Verkauf seiner Waren und
beschloss ein besonders wachsames Auge nicht allein auf die Ablieferung der
Güter sondern auch auf das dafür zu empfangende Geld zu haben
    Das Boot trieb langsam mit der Strömung hinab und die Leute waren in
verschiedenen Gruppen oben an Deck teils am Bug teils in der Mitte des
Fahrzeuges gelagert Auf dem hinteren Teile desselben dem Quarterdeck wie es
scherzweise genannt wurde standen nur Bill und Blackfoot zusammen und dieser
machte jetzt dem wilden Gesellen leise Vorwürfe über sein unbedachtes Handeln
    »Ei zum Henker Bill« sagte er und deutete dabei nach dem linken Ufer
hinüber als ob er mit ihm über Gegenstände am Lande spreche »Du bist wohl
toll dass Du noch kurz vor Torschluss Händel suchst  ich dächte doch Du
könntest Deinen Groll in gar kurzer Zeit vollständig genug auslassen als dass er
jetzt vor der Zeit übersprudeln und vielleicht Alles verderben sollte  Weshalb
hast Du Dich nicht mit den Leuten in besseres Einverständnis gebracht
Vielleicht hätten wir sogar Einige davon für unser Vorhaben gewinnen können«
    »Nicht von denen« erwiderte Bill trotzig »nicht einen Einzigen  Dolch und
Gift  die Brut hasst mich von oben bis unten  Selbst der Hund knurrt wenn ich
ihm nur zu nahe komme und hätte mich neulich als ich ihn streicheln wollte
fast an der Kehle gepackt Ich würde die Bestie lange einmal über Bord gestoßen
und ersäuft haben  aber sie geht ihrem Herrn nicht von der Seite«
    »Also Hilfe haben wir von denen auf keinerlei Art zu erwarten« sagte
Blackfoot sinnend
    »Nein  eher das Gegenteil aber hol sie der Teufel das soll ihnen wenig
frommen  Sieh nur dass Du Edgeworts Büchse einmal auf eine oder die andere
Art in die Hand bekommst  hier sind ein paar Stifte und treibe einen von ihnen
ins Zündloch nachher kann er schnappen  Ich sehe nicht ein weshalb man
seine Haut nutzlos zu Markte tragen soll«
    »Gib her ich wills wenigstens probiren glaube aber kaum dass mich der
alte Bursche das Schiesseisen wird haben lassen Nun es kommt auf einen Versuch
an «
    »Wie wärs denn wenn Ihr mit den Büchsen tauschtet« sagte Teufelsbill 
»die Deine ist reich mit Silber beschlagen und sieht prächtig aus  schießt auch
famos  die seine ist alt und schlecht  er wird leicht dazu zu bringen sein 
Du darfst aber dann in der Deinigen den Stift nicht vergessen«
    »Hm  das wäre ebenfalls etwas  die Burschen tauschen alle gern und wenn
ich ihm ein geringes Aufgeld abverlangte «
    »Nur nicht zu wenig sonst würde er misstrauisch «
    »Nein nein so klug bin ich auch Wie haltet Ihrs denn diesmal mit dem
Zeichen Wieder das vorige oder ist etwas Anderes bestimmt  Ich mag das
Schießen nicht leiden «
    »Und doch ists das Beste« sagte Bill  »überdies ist nichts Anderes
verabredet und wir werden es beibehalten müssen Was könnte man denn auch sonst
in dem Nebel für ein Zeichen geben  Denn Nebel und recht richtigen handfesten
Nebel bekommen wir noch in dieser Nacht darauf kannst Du Dich verlassen«
    »Meinetwegen  ich hoffe nur die Burschen sind gleich bei der Hand ehe sie
hier an Bord etwas merken«
    »Sie werden doch  wenn aber auch nicht so haben wir Zeit genug  Laufen
wir in dem Nebel auf den Sand so ist gar kein Gedanke daran vor morgen früh
davon abzukommen und Edgewort ist auch klug genug den Versuch nicht einmal zu
machen«
    »Getraust Du Dich denn die Insel wirklich zu finden wenn es sich ganz
umziehen sollte« frug Blackfoot jetzt besorgt und schaute ringsum auf die
dünnen milchigen Streifen die mehr und mehr die Gestalt von kleinen rollenden
Wolken annahmen  »Hol mich der Teufel ich glaube wahrhaftig es wäre besser
wir legten an ehe wir am Ende vorbeitrieben«
    »Hab keine Sorge« lachte Bill  »als ich das letzte Mal herunterkam 
Ihr wart gerade in Vicksburg  da konnte man den Nebel mit einem Messer
schneiden und ich fand den Platz als ob es im hellsten Sonnenschein gewesen
wäre  Treff ich die Sandbank wirklich nicht oben an der Insel nun so nimmt
mich die Strömung gerade auf die Zwischenhaut und das wäre auch weiter kein
Unglück als dass wir nachher ein bisschen Arbeit hätten das Boot wieder flott
und stromab zu bekommen  Die Fracht können wir so nicht ganz gebrauchen«
    »Von wo fahren wir denn da ab« frug Blackfoot  »denn einen Anhaltepunkt
müssen wir doch auf jeden Fall haben«
    »Ei ja wohl  gerade etwa zwei Meilen unter der Weideninsel liegt das
Treibholz das Du kennen wirst Wenn wir nicht im Stande sind das zu sehen
hören wir sein Rauschen eine halbe Stunde weit und von dort an kann man nur
durch unausgesetztes Rudern Einundsechzig oder vielmehr unsern künstlich
aufgeworfenen Damm vermeiden  Im neuen Navigator steht er sogar schon
angegeben als eine erst kürzlich durch sich selbst entstandene Sandbank«
    »Gut  sonach kommen wir also etwa gleich nach Dunkelwerden an die Insel
desto besser dann ist die Geschichte bald abgemacht und wir können ordentlich
ausschlafen Aber höre Bill wird uns der Lasse der vorausgerudert ist nicht
etwa Verdrießlichkeiten machen Wenn der das Boot nicht findet schlägt er auf
jeden Fall Lärm«
    »Dafür ist gesorgt« lachte Bill »ich habe schon meine Maßregeln danach
getroffen  Aber jetzt Ruhe  der Alte scheint aufmerksam auf uns zu werden 
Geh ein wenig nach vorn und höre was er so viel mit dem Weibe zu schwatzen hat
 später wollen wir unsern Plan noch besser bereden  Der Augenblick muss
freilich zuletzt immer noch den Ausschlag geben«
    Und damit wandte er sich von ihm ab und arbeitete mit dem Steuer den Bug
ein klein wenig mehr gegen den Strom anzubringen
    Inmitten des Bootes mehr jedoch nach vorn zu standen die Effecten der
jungen Frau und diese saß der letzten Szene noch immer mit unheimlicher Angst
gedenkend auf dem einen Koffer während ihre Sachen unordentlich wie sie die
Ruderleute an Bord geworfen um sie her lagen Seit dem letzten Streite der
rohen Bootsmänner der das Interesse Aller erregt zu haben schien kümmerte sich
auch Niemand weiter um sie Nur Wolf des alten Edgewort treuer Schweisshund
hatte sich mitten in das Gepäck hinein neben Mrs Everett und zwar seinen
Kopf so auf ihren Fuß gelegt als ob sie ganz alte liebe Bekannte wären diese
ließ das auch gern geschehen hatte doch selbst eines Hundes Annäherung unter
all den fremden wilden Männern etwas Wohltuendes und Beruhigendes für sie
    Edgewort schritt endlich auf sie zu setzte sich auf die neben ihr stehende
große Kiste und sagte freundlich
    »Aengstigen Sie sich nicht Madame  Bootsleute sind fast stets roh und
derb und einige der unseren vorzüglich Ihre Fahrt wird aber bald beendet sein
 Wenn dieser Nebel nicht gar so bösartig werden sollte hoff ich Victoria
bald nach Abend zu erreichen Wird es dunkel so lass ich Ihnen hier oben von
meinen Decken ein kleines Zelt aufschlagen und da können Sie dann ganz
ungestört schlafen bis wir an Ort und Stelle die Taue auswerfen«
    »Sind Sie in Victoria bekannt Sir« frug Mrs Everett jetzt und heftete
ihre großen tränenfeuchten Augen auf den alten Mann
    »Nein Madame« sagte der Greis und streichelte den Kopf seines wackeren
Hundes der sich jetzt an ihm aufrichtete  »ich war nie in Victoria habe aber
den Platz oft erwähnen hören«
    »So sind Sie ganz fremd in dieser Gegend« frug die Frau besorgt  »mit dem
Wasser und seinen tückischen Gefahren unbekannt und fürchten nicht in diesem
Nebel an Sandbank oder Drift aufzulaufen«
    »Die Gefahr ist wohl nicht so groß als Sie glauben« erwiderte Edgewort 
»Wir haben einen sehr guten Steuermann der den Fluss genau kennt und nicht mehr
weit zu fahren der Mann der meine Ladung gekauft hat befindet sich ebenfalls
an Bord und ist mit dem Strom vertraut da glaub ich wirklich nicht dass viel
zu fürchten ist«
    »Ach Gott es verunglücken so viele Menschen auf diesem bösen Wasser«
seufzte die arme Frau
    »Ja wohl Madame ja wohl« stimmte ihr mit wehmütigem Kopfnicken der Alte
bei  »an diesem und den anderen westlichen Strömen Tausende  aber es gibt
auch böse Menschen Nicht der Strom allein reißt die zahlreichen Opfer in seine
Tiefe«
    »So haben auch Sie schon von jenen Fürchterlichen gehört die hier auf dem
Mississippi ihr Wesen treiben sollen« flüsterte Mrs Everett erschreckt und
ängstlich  »vielleicht wissen Sie etwas Näheres über ihr Bestehen«
    »Ich verstehe nicht recht wen Sie meinen Madame« sagte Edgewort
    »Sie haben in Helena gehört dass mein Bräutigam vor kurzer Zeit im Fluss
verunglückte« frug die Frau dagegen
    »Ja  Mrs Smart sprach davon«
    »Man sagt das Boot sei auf einen Snag gerannt«
    »Das ist wenigstens das Wahrscheinlichste  Du lieber Gott so mancher arme
Bootsmann hat ja schon auf solche Art seinen Tod gefunden«
    »Ich glaube es nicht«  flüsterte Mrs Everett  aber noch viel leiser als
vorher
    »Was« frug Edgewort erstaunt
    »Dass Holks Boot auf natürliche Weise untergegangen sei« erwiderte die
junge Frau wie früher flüsternd  »ich habe einen fürchterlichen Verdacht und
will eben nach Victoria ziehen wo sich ein Bruder von mir ein wackerer
Advokat niedergelassen hat Der soll sehen ob er die Täter nicht aufspüren
kann«
    »Wäre aber da nicht Holks Sohn der wie ich höre des Verstorbenen Land so
schnell verauctioniren ließ eine viel passendere Person gewesen« meinte der
alte Mann »ich weiß doch nicht ob eine Frau im Stande sein sollte gegen
dieses Volk aufzutreten  wenn es nämlich wirklich existirte«
    »Holk hatte gar keinen Sohn« fuhr Mrs Everett noch eben so leise als
früher fort  »Mein Leben setze ich zum Pfande dass jener Mann der sich für
seinen Sohn ausgab ein falsches Spiel spielte Ich habe oft  oft mit dem armen
Holk über seine Familie gesprochen und er verbarg mir nichts Ach wie manchmal
hat er mir versichert er stehe ganz allein in der Welt und habe nur mich auf
die er sein künftiges Lebensglück baue Hätte er den Sohn verleugnen sollen
Nie«
    »Hm« murmelte Edgewort und schaute eine ganze Weile sinnend vor sich
nieder  er gedachte dessen was ihm Smart noch vor seiner Abfahrt gesagt hatte
 Unwillkürlich schweifte dabei sein Blick nach den beiden Männern hinüber die
jetzt in sehr angelegentlichem Gespräch begriffen schienen  »hm  ich wollte
Tom wäre hier Weiß auch der Henker weshalb ich den Jungen allein voranfahren
ließ Hör einmal BobRoy«  und er wandte sich damit zu Einem der Bootsleute
der ihm am nächsten stand und zwar an denselben der schon früher den Streit
mit dem Steuermann gehabt  »was hältst Du von dem Nebel Du bist doch auch
nicht das erste Mal auf dem Mississippi«
    »Ich halte davon dass wir sobald als möglich irgendwo an Land laufen oder
den Notanker über Bord lassen« sagte der Mann unwillig  »hier so in den
Nebel hineinzusegeln ist wahre Tollkühnheit  Wenn uns ein Dampfboot begegnet
sind wir verloren und begegnet uns keins so bleibt uns doch noch immer die
ziemlich sichere Aussicht irgendwo fest zu rennen Wenn ich ein Boot zu
befehligen hätte so wüsste ich so viel dass es bei solchem Nebel lieber
Mississippisand als Mississippiwasser unter sich haben sollte  obgleich beides
noch Manches zu wünschen übrig lässt«
    »Also Ihr meint wenn der Nebel dichter würde sollte ich beilegen«
    »Gewiss meine ich das wenn Ihr mich denn einmal drum fragt« sagte der
Rudermann »s ist mir ohnedies ein unheimliches Gefühl so gar nicht zu sehen
wohin man fährt und dann dem Burschen da « und er wies rückwärts über die
Schulter mit dem Daumen nach Bill hin  »anvertraut zu sein«
    Edgewort folgte der Bewegung mit den Augen brach aber jetzt als Blackfoot
langsam auf ihn zuschritt und bald darauf neben ihm Platz nahm das Gespräch mit
dem Mann ab
    »Es wird trüb« sagte der während er dabei den Strom hinabdeutete wo die
Nebelmauer höher und höher zu steigen schien  »es wird verdammt trüb  Wir
können froh sein dass wir einen so guten Lootsen an Bord haben«
    »Ja ja« erwiderte Edgewort und blickte unruhig umher »es sieht bös dort
unten aus  dauern diese MississippiNebel lange«
    »Sehr verschieden Sir  sehr verschieden  manchmal treibt sie ein
leichter Abendwind wie gar nichts vor sich hin manchmal aber liegen sie so zäh
auf dem Strom als ob sie von Gummi elasticum wären und immer weiter und weiter
sich ausbreiteten je mehr der Wind daran zerrte und zöge  Wahrscheinlich
wirds aber wenn der Mond aufgeht besser jedenfalls können wir noch ein oder
zwei Stündchen ruhig fortfahren bis wir einmal in die Nähe von Dreiundsechzig
kommen  Dort pflegen die Boote gewöhnlich beizulegen«
    »So Also nachher ratet Ihr mir selbst das Boot irgendwo zu befestigen
Ich hatte Lust schon früher anzulegen«
    »Nein ja nicht« rief Blackfoot  »wozu die schöne Zeit versäumen wenn es
nicht unumgänglich nötig ist Habt nur keine Angst Sir mir liegt wie Ihr
Euch denken könnt die Wohlfahrt des Bootes jetzt ebenso am Herzen als Euch und
ich würde seine Sicherheit gewiss nicht unnütz oder leichtsinnig aufs Spiel
setzen  Ihr habt da eine stattliche Büchse  KentuckiFabrikat oder
pennsylvanische«
    Edgewort hatte seine Büchse noch zwischen zwei dort stehenden Fässern
lehnen und griff jetzt hinüber sie an sich zu nehmen  jeder Jäger hört es
gern wenn seine Waffe gelobt wird
    »Ja« sagte er während er das gute Gewehr vor sich auf den Schoss legte die
Mündung jedoch vorsichtig dabei dem Wasser zu richtete  »es gibt wohl
schwerlich ein besseres Stück Eisen in Onkel Sams Staaten als dieses alte
unansehnliche Ding hier  Manchen Hirsch hab ich damit umgelegt und manchen
Bären dazu auch gute Dienste gegen die Rothäute hat sie schon geleistet und
manchen heißen blutigen Tag gesehen«
    »Ihr möchtet sie wohl nicht gegen irgend ein anderes wenigstens besser und
zierlicher aussehendes Gewehr vertauschen« warf hier der Fremde ein und hielt
dem Alten seine eigene Büchse hin die er noch nicht aus der Hand gelegt hatte
Es war ein herrliches reich mit gravirtem Silber verziertes und beschlagenes
Gewehr mit damascirtem Lauf und wunderlichem Sicherheitsschloss versehen wie es
dem alten Jäger noch gar nicht vorgekommen
    »Hm« sagte er und nahm die fremde Waffe fast unwillkürlich in Anschlag 
»das ist ein prachtvolles Stück Arbeit  liegt vortrefflich  ganz ausgezeichnet
 gerade wie ichs gern habe  mit hellem Korn und nicht zu grobem Visir muss
viel Geld gekostet haben in den Staaten  sehr viel Geld Schiesst es gut«
    »Ich parire auf sechzig Schritt aus freier Hand einen viertel Dollar
achtmal auch zehnmal zu treffen«
    »Ei nun das wäre aller Ehren wert  warum wollt Ihrs aber vertauschen«
    »Aufrichtig gesagt«  meinte der Andere und blickte sinnend dabei vor sich
nieder  »tut mirs weh von der Büchse zu scheiden dann aber auch wieder hab
ich mich fest entschlossen  Sie kommt aus lieber Hand und erweckt dadurch nur
zu oft recht bittere und schmerzliche Erinnerungen  Ich gebe sie auf jeden
Fall weg und  wenn sie doch einmal in eines Fremden Hand kommen soll so wäret
Ihr gerade der Mann dem ich sie wünschen könnte Kommt Ihr findet mich gerade
in der Stimmung und könnt einen guten Handel machen«
    »Ich wäre der Letzte Vorteil aus der Stimmung eines Andern zu ziehen«
sagte der alte Jäger »das aber bei Seite so scheinen wir auch in einer andern
Sache sehr verschiedener Ansicht zu sein  Was Euch durch schmerzliche
Erinnerung peinigt macht es mir teuer und ich möchte mich nicht um vieles
Geld von dieser alten lieben Waffe trennen Ich hatte einst einen Sohn der sie
zuerst führte  ich brachte sie ihm aus Kentucky mit  und der arme Junge  doch
einerlei das  Dies ist das einzige Andenken was ich noch von ihm habe und es
soll bei mir ausharren in Freud und Leid«
    »Also Ihr habt keine Lust zum Tausch«
    »Nicht die mindeste und wenn Euer Gewehr so von Gold strotzte als es jetzt
von Silber tut«
    »Ach Mr Edgewort das Silber ist das Wenigste an einem guten Gewehr«
sagte der Händler  »das wisst Ihr selber wohl besser als ich es Euch sagen
kann der Wert liegt im Innern und da habt Ihr denn wohl ganz Recht wenn Euch
das Eure unscheinbare genügt  das finde ich auch schon ohne irgend einen
andern Grund der es Euch noch werter machen könnte natürlich  Bitte
erlaubt mir einmal Euer Gewehr   steht der Stempel des Fabrikanten nicht
daran«
    »Ich weiß wirklich nicht« sagte Edgewort  »ich habe nie danach gesehen
 Es bleibt sich auch ziemlich gleich ob der Mann John oder Harry geheißen hat
wenn seine Arbeit nur gut war«
    »Ja allerdings  aber ich bin mit mehreren Büchsenschmieden in Kentucky
befreundet und es wäre mir interessant einen bekannten Namen hier zu finden«
    Er nahm bei diesen Worten die Büchse in die Hand und drehte sie langsam nach
allen Seiten hin betrachtete besonders aufmerksam den Lauf an dem noch einige
wenngleich undeutliche Zeichen sichtbar waren und öffnete endlich auch die
Pfanne
    »Gebt Acht  Ihr werdet mir das Pulver herunter schütten« rief Edgewort
    »Es scheint ohnedies vom Nebel feucht geworden zu sein« erwiderte
Blackfoot »während er sein eigenes Pulverhorn hervorzog  wir wollen anders
darauf tun«
    Mit der linken Hand hielt er die Büchse und die rechte mit der er zugleich
das Pulverhorn öffnete bewahrte einen der kleinen von Bill empfangenen Stifte
 Edgewort wollte aber noch immer nicht den Blick von ihm wenden
    »Was habt Ihr für Pulver« frug er den Fremden
    »Dumontsches  natürlich«  erwiderte Blackfoot  »haltet einmal Eure
Hand her  nun seht das Korn  Ist das nicht herrliche Ware«
    Edgewort prüfte das Pulver mit dem Finger und in demselben Augenblick saß
der Stift im Zündloch seiner eigenen Waffe  Blackfoot schüttelte gleich darauf
frisches Pulver auf und schloss die Pfanne wieder
    »Ja das Pulver ist gut« sagte der Alte während er er es noch mit der
Zunge kostete »reinlich und von gutem Geschmack  man bekommts selten von der
Art in Indiana  Ich will mir auch ein Fässchen davon mit hinaufnehmen  es
steht schon auf meinem Zettel«  und damit nahm er sein Gewehr wieder aus
Blackfoots Hand und stellte es neben sich Mrs Everett hatte dabei gesessen
und nur manchmal und flüchtig den Blick zu den Männern erhoben
    »Hallo Sir« rief da plötzlich der Händler und zeigte auf die junge Frau 
»was ist denn mit der Lady  die wird ja plötzlich leichenblass«
    »Um Gott Mrs Everett« sagte Edgewort aufspringend  »fehlt Ihnen etwas
Sie sehen wahrlich ganz aschfarben aus«
    »Es wird schon vorübergehen« flüsterte die junge Frau leise und hielt sich
einen Augenblick ihr Tuch fest gegen die Augen gedrückt  »es war nur so ein
Anfall  die Aufregung in Helena  der schnelle Wechsel  vielleicht auch die
feuchte Flussluft «
    »Ja ja« sagte Edgewort  »die ist hauptsächlich daran schuld ich hätte
das schon früher bedenken sollen Aber warten Sie nur ich hole Ihnen gleich die
Decken herauf und dann wollen wir schon ein ordentliches Lager für Sie
herrichten es gibt nichts Besseres feuchte Luft abzuhalten als wollene
Decken«
    Und der alte Mann ergriff sein Gewehr und schritt ohne weiter auf die
Einwendungen der Frau zu achten vorn zum Bug und dort eine kleine Treppe
hinunter in den unteren Raum Von dort kehrte er auch bald mit drei großen
Makinawdecken zurück und ging nun mit Blackfoots Hilfe emsig daran eine Art
Zelt herzustellen unter dem sich Mrs Everett ungesehen und ungestört der Ruhe
überlassen konnte Es ist dies eine Art Galanterie und Aufmerksamkeit für das
weibliche Geschlecht wie sie selbst der roheste Hinterwäldler fast
instinktartig beweist und jede Frau kann deshalb auch ohne fürchten zu müssen
der geringsten Unannehmlichkeit ausgesetzt zu sein die ganzen Vereinigten
Staaten allein durchreisen Sie wird in jedem Fremden der durch Zufall ihr
Begleiter geworden einen bereitwilligen aber fast selten oder nie benötigten
Schutz finden
    Mrs Everett schien übrigens so herzlich sie auch dem alten Mann für seine
Güte dankte dennoch keinen Gebrauch von derselben machen zu wollen denn sie
blieb unruhig an Deck und schien von jetzt an besonders aufmerksam die noch
immer sorglos gelagerten Gestalten der Flussleute zu betrachten Sie befanden
sich auch alle oben nur Einer von ihnen war unten im Raume beschäftigt auf dem
dort befindlichen Roste oder Kochofen das einfache Abendmahl der Mannschaft zu
bereiten und tauchte von dort manchmal mit glühend rotem Gesicht auf um sich
entweder abzukühlen oder Holz von oben mit hinunter zu nehmen
    »Hallo  was für Land ist das da drüben« sagte da plötzlich Edgewort als
er auf einen im Nebel kaum erkennbaren etwas dunkleren Streifen deutete den
sie zu ihrer Linken liegen ließ »kann das wohl das MississippiUfer sein«
    »Oh bewahre« erwiderte ihm Blackfoot  »das muss ja der Steuermann wissen 
Was für Land ist das Sir«
    »Runde Weideninsel« erwiderte Bill lakonisch und drückte den Bug etwas
davon ab denn er fürchtete selbst eine von dieser Insel auslaufende Sandbank
auf welcher ja auch das Dampfschiff Van Buren festgesessen hatte
    »Wie wärs denn wenn wir hier eine Weile vor Anker gingen« meinte
Edgewort  »wenigstens so lange bis sich der Nebel etwas verzogen hätte«
    »Geht nicht« rief Bill ruhig dagegen  »Wir können nicht bis an hundert
Schritt von der Insel selbst kommen  Der Sand läuft hier ein tüchtiges Stück
in den Strom hinein  nehmt einmal das Senkblei«
    Edgewort nahm die Leine an welcher das Blei befestigt war und warf dieses
über Bord  Bill hatte Recht der Strom war hier höchstens acht Fuß tief und
sie durften allerdings nicht wagen näher hinan zu halten Die Strömung lag aber
 dem Navigator nach  von hier an rechts an der Insel vorüber dem Arkansasstaat
zu und drängte erst von dort aus etwa vier bis fünf Meilen unterhalb der
Mitte des Stromes wieder zu Nr Einundsechzig lag wie schon früher erwähnt
dreizehn englische Meilen unter der Weideninsel
    Durch den Nebel noch beschleunigt fing es jetzt recht ernstlich an dunkel
zu werden und der alte Farmer schüttelte gar bedenklich den Kopf als selbst
die letzten bis dahin fast noch immer sichtbar gebliebenen Wipfel der nächsten
Uferbäume verschwanden Sie trieben ja auch nun fast auf gut Glück und ohne den
leisesten Halt von irgend einer Seite aus stromab und wie er recht gut wusste
zwischen unzähligen Gefahren hin Er stand vorn auf dem Bug und lauschte auch
dem unbedeutendsten Geräusch ob er nicht das Brechen der Wasser an irgend einer
Drift oder das Wehen der vielleicht nahen Uferbäume hören könne Aber Alles lag
ruhig und still kein Laut ließ sich vernehmen die ganze Natur schien wie
ausgestorben und selbst der Wind der noch früher den Nebel einigermaßen
zerteilt hatte musste gänzlich eingeschlafen sein denn die Dünste lagen wie
ein graues Leichentuch fest und unbeweglich auf dem Strome und müde und
träumend schwamm das schläfrige Boot auf seiner mattblinkenden Fläche
    Eine halbe Stunde mochte auf diese Weise verflossen sein und Edgewort war
oft ungeduldig zum Steuermann gegangen um mit diesem eine mögliche Gefahr zu
bereden dann wieder mit raschen Schritten auf dem runden Verdeck hin und her
gelaufen  unschlüssig was er tun ob er seinem Lootsen folgen oder selber
handeln solle wie er es für gut finde das heißt augenblicklich zum nächsten
rechten Ufer rudern und dort anlegen bis sich der Nebel verziehen möchte
Blackfoot hatte sich indessen fast immer an seiner Seite gehalten um jeden
möglicher Weise in ihm aufsteigenden Verdacht abzulenken Jetzt aber da sie
sich mehr und mehr dem verhängnisvollen Punkt näherten war noch so Manches was
er mit dem Verbündeten zu besprechen wünschte und er zog sich nach und nach dem
Steuer wieder zu wobei er zuerst eine Zeit lang in Bills Nähe auf und abging
ohne ein Wort an diesen zu richten Endlich tat er einige laute Fragen über den
Fluss in dieser Gegend und knüpfte zuletzt ein leiseres dem Ohr des entfernter
Stehenden unverständliches Gespräch mit dem Steuermann an
    Mrs Everett hatte sich erst in ganz letzter Zeit in ihr hergerichtetes Zelt
zurückgezogen oft aber den Vorhang gelüftet der es verschloss und jenen Teil
des Verdecks mit ihren Augen überflogen auf dem sich Mr Edgewort befand
Jetzt da sie ihn zum ersten Mal auf kurze Minuten allein und ungestört sah
verließ sie ihr Lager wieder und schritt  mit flüchtigem Blick sich
überzeugend dass Keiner der übrigen Männer in der Nähe sei auf ihn zu
    »Ach Madame« sagte der alte Mann als er ihren Tritt hörte und sich nach
ihr umwandte »Sie sind auch noch munter Ja ja man hat keine Ruh wenn man
nicht weiß wo man ist und Gefahren jeden Augenblick erwarten kann ohne im
Stande zu sein sie zu sehen  Geht mirs doch selbst nicht besser«
    »Ich fürchte nicht die Gefahren die uns der Fluss selber entgegenstellt«
flüsterte jetzt Mrs Everett rasch und sah sich scheu nach den Männern am Steuer
um  »Ihnen  vielleicht uns Allen droht etwas Schlimmeres und gebe nur Gott
dass es noch Zeit ist es zu vermeiden«
    »Was haben Sie Mrs Everett« sagte Edgewort erstaunt  »Sie scheinen ja
ganz aufgeregt  was fürchten Sie«
    »Alles« sagte die Frau aber immer noch mit unterdrückter Stimme  »Alles
sobald Sie nicht der Treue Ihrer Leute gewiss sind«
    »Aber ich begreife nicht «
    »Wo haben Sie Ihre Büchse«
    »Unten an meinem Bett«
    »Gehen Sie hinab und untersuchen Sie das Schloss«
    »Das Schloss«
    »Zögern Sie keinen Augenblick der nächste kann unser Aller Verderben
besiegeln«
    »Aber was fürchten Sie denn Was ist mit dem Schloss meiner Büchse«
    »Sie gaben es vorhin in die Hand jenes Mannes  ich selber aber im Walde
auferzogen und oft gezwungen die Schusswaffe zu führen wenn Everett Tage und
Wochen lang auf der Jagd blieb warf fast zufällig den Blick auf jenen Menschen
als er aus seinem eigenen Horn Pulver auf die Pfanne schüttete Wäre mir der
Gebrauch jener Waffe fremd so hätte ich nichts Auffallendes in seinem Benehmen
finden können  er trug etwas Spitzes in der Hand und öffnete scheinbar damit
das Zündloch aber der lauernde Blick den er dabei auf Sie warf machte mich
zuerst stutzig  ich lehnte den Kopf in die Hand und behielt ohne dass er mein
Gesicht sehen konnte seine Hand im Auge Wohl drehte er sich während Sie sein
Pulver prüften so weit von Ihnen ab dass sein eigener Arm das Schloss verdeckte
deutlich aber erkannte ich wie er irgend etwas ob Holz oder Nagel weiß ich
nicht in das Zündloch drückte und seine Hand zitterte als er gleich darauf
wieder Pulver auf die Pfanne schüttete  ich sah wie das Pulver reichlich an
Deck hinabfiel So übermannte mich bei dieser Wahrnehmung Angst und Schreck dass
mir das Blut stockte und ich beinahe ohnmächtig an Deck niedergesunken wäre
Seit der Zeit war es mir aber nicht möglich Ihnen auch nur eine Minute lang
unbemerkt meinen Verdacht mitzuteilen und ich fürchte nur es ist fast zu
spät dem zu begegnen was Jene Schreckliches beabsichtigen mögen«
    Edgewort stand mehrere Minuten lang in tiefem Nachdenken versunken und
starrte schweigend in den sein Boot jetzt dicht und undurchdringlich umgebenden
Nebel hinaus  endlich sagte er während er sich langsam gegen die Frau
umwandte
    »Gehen Sie ruhig wieder in Ihr Zelt meine gute Mrs Everett  ich danke
Ihnen für Ihre Mitteilungen wir dürfen aber für den Augenblick noch Jene nicht
merken lassen dass wir irgend Verdacht geschöpft haben Ich durchschaue jetzt
Alles oh dass Tom doch hier wäre Doch  es wird auch ohne ihn gehen ich will
nur gleich unten nach meiner Büchse sehen und sie wieder in Stand setzen 
Fürchten Sie aber nichts  meine IndianaMänner sind treu wie Gold«
    Er schritt langsam dem vorderen Teil des Fahrzeugs zu wohin die Bootsleute
einige der Kisten geschafft hatten damit sie beim Rudern nicht im Wege wären
und wo sich auch der alleinige Eingang in das untere Deck und zu den
Schlafstellen der Männer befand Dieser bestand in einem viereckig
ausgeschnittenen und nur drittehalb Fuß im Durchmesser haltenden Loche in dem
eine kurze Leiter lehnte Er stieg hinab und verschwand gleich darauf im unteren
Raum
 
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                   Das Flatboot legt bei  Der Piraten List
Der Nebel hatte sich während die Schildkröte mit der reißenden Strömung rasch
hinabtrieb mehr und mehr verdichtet Die nur kurze Strecke vom Boot entfernten
Stücken Flossholz ließ sich kaum noch erkennen und an eine Bestimmung des
Ufers war längst nicht mehr zu denken Blackfoot der den Strom nicht so genau
kannte wie sein Kamerad fing denn auch bald an unruhig zu werden blickte oft
forschend nach allen Seiten hinaus und wandte sich endlich mit etwas
ängstlicher und bedenklicher Miene an den Steuermann
    »Höre einmal Bill« sagte er »die Sache fängt an verdammt unklar zu
werden Bist Du auch sicher und Deiner Sache gewiss dass Du die Insel findest
Bedenke wohl die Strömung ist jetzt durch das steigende Wasser selbst viel
stärker geworden und ich bin fest überzeugt sie würde einen Gegenstand den
sie früher vom ArkansasUfer aus gerade auf unsere Sandbank warf wie die Sache
jetzt steht weit darüber hinweg führen«
    »Darin magst Du Recht haben« erwiderte mit dem Kopfe nickend Bill »Du
weißt aber auch dass unsere Insel ein paar Meilen lang ist und wir fast die
ganze Strecke daran hin das Brechen des Wassers gegen die in den Strom
geworfenen Baumstämme hören können Leicht wird es dann sein die Bootsleute zum
Anlegen zu bewegen denn es fängt ihnen allen schon jetzt an unheimlich auf dem
Wasser zu werden Wenns nicht dasselbe mit mir wäre wollte ich sagen es gäbe
Ahnungen«
    »Hm  ja das möchte gehen  haben wir noch weit bis zur Landspitze«
    »Meiner Berechnung nach kanns keine halbe Meile mehr sein  geh aber
indessen einmal vorn aufs Boot und horch ein wenig aus ob Du das Rauschen
noch nicht hören kannst Halt noch Eins  bist Du auch sicher dass des Alten
Büchse von der Pfanne blitzt«
    »Haha«  lachte der dunkle Geselle höhnisch »das war ein verdammt guter
Einfall  der kann schnappen bis ihn der Finger schmerzt Vielleicht war es
aber gar nicht nötig er hat das alte Schiesseisen heruntergetragen damit ihm
das Pulver nicht feuchtet und da unten wirds denn auch wohl liegen wenn er
sichs hier an Deck wünschen soll«
    Still und höhnisch vor sich hin lächelnd schritt der Pirat nach vorn und
traf hier Mrs Everett die noch immer mit gefalteten Händen und gesenktem Haupt
auf einer ihrer Kisten saß und sich nicht entschließen konnte den freien Raum
zu verlassen Ihre ganze Gestalt zitterte und bebte als sie der schlauen List
der Fremden dachte die auf Fürchterliches schließen ließ
    »Nun meine junge Lady« sagte der Händler als er neben ihr stehen blieb
und in das bleiche rasch und erschreckt zu ihm aufgehobene Antlitz des jungen
Weibes sah  »noch immer die Szene mit der Dame nicht verschmerzt Hahaha Mrs
Breidelford ist ein wenig oben hinaus wenn sie sich in ihren Rechten gekränkt
glaubt  was war denn eigentlich vorgefallen«
    »Gott weiß es« stöhnte die Arme und zwang sich gewaltsam gefasst zu bleiben
 »irgend ein Missverständnis wahrscheinlich  Ich bin ihr nie zu nahe getreten
ja habe früher nie ein Wort mit ihr gewechselt noch ihre Schwelle je
überschritten«
    »Wunderlicher Kauz das diese Mrs Breidelford« lachte Blackfoot  »sehr
wunderlicher Kauz  aber seelensgut wo was zu verdienen ist  aufopfernd für
Freunde wo sie Nutzen erwartet  uneigennützig wie Keine wenn sie Alles hat
was sie will  und nützlich  Sie glauben gar nicht wie nützlich Mrs Everett
 Eine sehr vortreffliche Frau diese Mrs Breidelford« 
    Der Mann war augenscheinlich in äußerst guter Laune denn er schritt lachend
bis an den Vorderteil vor und blieb hier auf die Vorfinne gelehnt jetzt aber
mit nicht zu verkennender Aufmerksamkeit lauschend stehen Er hörte gar nicht
wie Edgewort wieder in diesem Augenblick von dem langen Hosier gefolgt die
Leiter heraufkam  Die übrigen Leute waren kurz vorher in den Raum
hinabgestiegen
    »Hallo Sir« sagte Blackfoot plötzlich als er sich umwandte und den alten
Mann mit der Büchse neben sich stehen sah  »wollt Ihr Nebelkrähen schießen Ich
hatte eben Lust mein Gewehr hinunter ins Trockene zu tragen und Ihr bringt
das Eurige wieder herauf«
    »Eine alte Angewohnheit« sagte der Jäger  »ich kann nicht gut ohne die
Büchse sein und da ich die Nacht an Deck schlafen will soll sie wenigstens
neben mir liegen Meine Pfanne schließt ausgezeichnet und das Pulver was Ihr
mir aufgeschüttet habt wird sich ja wohl trocken halten«
    »Ei gewiss aber ich würde Euch nicht raten oben zu schlafen die Nässe
dringt förmlich durch und in Euren Jahren «
    »Schadet nichts  bins gewohnt und habe schon manchmal in Sturm und Regen
draußen gelegen Aber komm Bob Roy«  wandte er sich dann an den Hosier  »ruf
einmal die Anderen auch herauf  ich denke wir legen lieber bei  ich mag nicht
länger in dem Nebel herumfahren«
    »Beilegen jetzt« sagte Blackfoot rasch  »das ist noch zu früh  Bill
meint es hätte jetzt noch gar keine Gefahr«
    »Ich will aber auch nicht warten bis Bill meint dass es wirklich Gefahr
hätte« erwiderte Edgewort »Ob wir nun noch ein paar Meilen weiter fahren
oder jetzt anhalten das wird sich in der Zeit ziemlich gleich bleiben  Da
drüben hör ich die Schläge einer Axt und zwar gar nicht weit entfernt dort
muss also auch Land sein und da wollen wir denn nicht warten bis uns die
Strömung wieder mitten in den Fluss hineinnimmt Von dort an fahr ich auch nicht
eher wieder ab bis es nicht heller lichter Tag geworden und der Nebel gewichen
ist«
    Die Bootsleute kamen jetzt rasch an Deck machten die Finnen frei und
stellten sich bereit sobald das Steuerruder gerichtet wäre einzufallen Bill
aber der von seinem Platz aus die ganze Bewegung mit keineswegs freudigem
Staunen beobachtet hatte rief jetzt ärgerlich aus
    »Ei Zum Donnerwetter  wer hat Euch denn gesagt dass Ihr rudern sollt Ihr
wollt wohl auf irgend einen Snag mit aller nur möglichen Gewalt auflaufen«
    »Nein Bill« sagte Edgewort stellte seine Büchse an das Zelt neben dem
Wolf noch immer lagerte und ging auf ihn zu  »wir wollen dort drüben wo Ihr
noch jetzt die Axt hören könnt anlegen bis sich der Nebel verzogen hat Haltet
ein bisschen hinüber «
    »Unsinn« brummte der Steuermann  »das Ufer dort drüben starrt vor lauter
Snags und Sawyers  wenn wir nicht ganz genau den Landungsplatz treffen so
laufen wir so sicher auf wie wir jetzt gutes Fahrwasser unter dem Rumpfe haben
Legt die Finnen wieder hoch und wartet noch ein paar Stunden  am Fuß von
Zweiundsechzig ist ein trefflicher Landungsplatz und ich glaube auch wir
können am östlichen Ufer von Einundsechzig ohne Gefahr eine Stelle erreichen wo
wir im Stande sind die Taue zu befestigen«
    »Schadet nichts Bill« sagte der alte Mann ruhig »haltet nur nach Arkansas
hinüber ich will lieber ein bisschen zu vorsichtig sein als nachher Boot und
Ladung einbüßen«
    »Aber ich sage Euch Sir« fiel Blackfoot hier etwas ärgerlich ein  »wir
dürfen die schöne Zeit nicht noch länger nutzlos versäumen  Ich muss die Ladung
morgen früh mit Tagesanbruch in Victoria haben wenn ich sie überhaupt
gebrauchen kann«
    »Ei Sir von muss darf hier gar keine Rede sein« erwiderte Edgewort ernst
»Wenn es übrigens bloß die Ladung wäre so möchte es noch angehen ich würde
sagen lassts uns riskiren geschähe ein Unglück so wäre weiter nichts als Geld
verloren aber hier stehen auch Leben auf dem Spiel Wir haben nicht einmal die
Jolle am Boot um uns bei irgend einem Zufall hinein zu flüchten  die Dame hier
hat mir ebenfalls Alles anvertraut was sie noch auf dieser Welt besitzt und
wir müssen deshalb vorsichtig ja vielleicht vorsichtiger sein als es sonst
nötig wäre«
    »Aber mir nützt die Ladung nicht einen Cent wenn ich sie nicht «
    »Ei so lasst sie in Gottes Namen mir« erwiderte Edgewort kaltblütig 
»Liefere ich Euch die Güter nicht zur bestimmten Zeit nach Victoria so seid Ihr
an nichts gebunden die Waren sind doch deshalb nicht schlechter geworden dass
schon Jemand darauf geboten Haltet hinüber Bill oder wir treiben wieder
vorbei«
    Blackfoot stampfte ärgerlich mit dem Fuße Bill aber der wenige Sekunden
unschlüssig dagestanden schien sich jetzt eines Besseren besonnen zu haben hob
rasch das Ruder drückte es nach Larbord hinüber und ließ den Bug langsam gegen
die Richtung zu anluven von wo aus die regelmäßigen Schläge der Axt noch immer
herübertönten Die Ruderleute legten sich dabei scharf hinter die Finnen denn
sie wussten doch nun einmal wieder nach welcher Richtung zu es eigentlich ging
und langsam strebte der breite Bug ein klein wenig nach oben gehalten quer
durch die Strömung dass sich die Wasser leicht an seiner Starbordseite
kräuselten Einzelne niedertreibende Stämme und Holzstücke legten sich dabei
nicht selten gegen die mächtige Flanke des Bootes so dass sie dieses wenn der
Andrang und das Gewicht solcher Holzmassen zu schwer wurde völlig stromauf
halten mussten um jene Anhängsel abwerfen zu können
    »Aber sag einmal Bill bist Du denn ganz des Teufels dass Du diesem alten
Seehund gehorchst« zürnte Blackfoot als er während die Leute eifrig mit ihrer
Arbeit beschäftigt waren zu dem Kameraden ans Steuer getreten war »Wenn wir
jetzt anlegen und bis Tagesanbruch hier liegen bleiben so ist Zehn gegen Eins
zu wetten dass unser schöner Plan zu Wasser wird  Der Nebel geht dann
allerdings fort aber wir haben helles Tageslicht und müssen gewärtig sein dass
uns vorbeitreibende Flatboote oder Dampfboote die Ausführung unserer Absicht
total vereiteln«
    »Bist Du nun fertig« grollte der Steuermann während er das Boot eben
wieder gerade stromauf hielt  »Avast da mit den Starbordrudern  so  das
tuts  nun wieder ein« Die laut gerufene Rede galt den Bootsleuten die
solchem Befehl auch willig gehorchten »Willst Du Dich jetzt widersetzen« fuhr
dann Bill nach kurzer Zeit mit gedämpfter Stimme fort  »wo wir Zwei gegen die
Überzahl nicht allein nichts ausrichten könnten sondern uns selbst noch
mutwillig in die größte Gefahr stürzten Willst Du jetzt einen Verdacht
erwecken der jenen Burschen dann gleich von vornherein gegen uns misstrauisch
machen müsste«
    »Aber wie zum Henker «
    »Bist doch sonst nicht so auf den Kopf gefallen« höhnte der Steuermann
ohne die Einrede zu beachten  »so nimm die fünf Sinne auch jetzt ein bisschen
zusammen und lass ihnen für den Augenblick den Willen  Du hast den Alten durch
Dein tolles Dazwischenfahren ohnedies schon stutzig gemacht  In zwei Stunden
von hier aus treiben wir hinunter an Ort und Stelle Haben sie aber jetzt ihr
Boot befestigt und finden sie dass wir ebenfalls damit einverstanden sind so
legen sie sich ruhig aufs Ohr und es ist dann nichts leichter als das Tau
sachte zu lösen oder durchzuschneiden das uns ans Ufer befestigt hält Merken
sies nicht so erwachen sie wenn sie eben so gut hätten bis in die Ewigkeit
fortschlafen können und sehen sies vor der Zeit ei dann haben wir einen
kleinen Tanz zu bestehen aber ändern können sie nachher nichts mehr an der
Sache noch dazu da der Alte nicht einmal einen Kompass bei sich führt und des
Nebels wegen ruhig wird stromab treiben müssen«
    »Das ist eine gefährliche Sache« sagte Blackfoot mürrisch  »Gift und
Klapperschlangen wenn die verwünschten Hosiers nur noch eine Stunde gewartet
hätten Da muss aber jener vermaledeite Holzhacker da drüben noch bis in die
späte Nacht hinein an seinem Holze herumschlagen und richtig die alte
Landratte hört kaum die bekannten Laute da segelt sie auch schon mit vollen
Backen darauf los  hol sie der Böse«
    »Steht bei dem Springtau« rief Bill jetzt seinen Gefährten nicht weiter
beachtend laut den Bootsleuten zu  als plötzlich vor ihnen die dämmernden
Schatten der Uferbäume sichtbar wurden Edgewort stand vorn am äußersten Ende
des Bugs und suchte mit den Augen die Dunkelheit zu durchdringen denn er
fürchtete nicht mit Unrecht die in der Nähe des Landes stets häufigen Snags
Dicht unterhalb tauchten da plötzlich die weitgespreizten weißen Arme einer erst
kürzlich stromeingestürzten Sykomore auf und gleich unter dieser zog sich  das
konnten sie deutlich erkennen  der Strom wieder scharf nach Westen hinüber
Diese Spitze einmal passiert so konnten sie nur durch gewaltiges Rudern und
vielleicht selbst dann nicht das Ufer wieder gewinnen da die Strömung von hier
aus mit ungeheurer Kraft zur Mitte zurückschoss
    »Hurrah« jubelte Blackfoot mit unterdrückter Stimme  »die Sache geht
besser als ich dachte  ich glaubte noch gar nicht dass wir der Spitze so nahe
wären Jetzt sollen sies wohl bleiben lassen das Land zu erreichen und sind
wir nur erst einmal wieder so weit ab dass uns der Nebel umgibt dann brauchst
Du den Bug nur ein klein wenig weiter nieder zu halten und wir treffen die
westliche Sandbank unserer Insel nach Herzenslust«
    Bill erkannte gleichfalls wie ihr Plan hier ganz unerwarteter Weise durch
Ufer und Strömung begünstigt wurde und wollte eben den Bug wieder abfallen
lassen damit sie an den starren Ästen der Sykomore vorbeitrieben Bob Roy
aber der mit dem Springtau vorn am Bug stand und diese Bewegung von vornherein
beobachtet hatte schrie ihm wild zu
    »Port Sir  hart an Port  verdamm Euch Wollt Ihr unsere ganze Arbeit zu
Schanden machen«
    »Geht zum Teufel« fluchte Bill und hob das Ruder nach der entgegengesetzten
Seite Edgewort aber sprang rasch nach dem vorn eingefügten Stiershorn und riss
es nach der LarbordSeite hinüber Bill schien nicht übel Lust zu haben sich
dem zu widersetzen Blackfoot war aber nach vorn zu gegangen um wahrscheinlich
zu sehen was Bob Roy eigentlich mit dem Springtau wolle und die Ruderleute
hatten sämtlich ihre Finnen herausgehoben und zum Wiedereinsetzen bereit
zurückgetragen was die Hintersten bis dicht an den alten Mann brachte Die
Übermacht war unstreitig gegen ihn und er fügte sich Seine Aufmerksamkeit
wurde übrigens in diesem Augenblick ebenfalls nach vorn gelenkt denn Bob Roys
sonore Stimme rief aus
    »Steht bei hier  Boys  steht bei  nehmt das Tau  ahoi« und ehe nur
irgend Einer recht begreifen konnte was er eigentlich meine denn er rief
gerade als ob er Jemandem der draußen stände das Tau zuwerfen wolle
schleuderte er es mit kräftigem Wurf über den alten SykomoreStamm hinüber und
folgte dann mit Blitzschnelle dem vorangesandten
    Alles drängte sich jetzt nach vorn das Resultat eines solchen Wagstücks zu
sehen denn das Boot trieb rasch vorüber und gelang es ihm nicht in wenigen
Sekunden das Tau so zu befestigen dass es dem ganzen ungeheuren Druck des
schweren Bootes widerstehen konnte so war Zehn gegen Eins zu wetten dass es ihn
selbst in die Flut hinabriss wo sein Untergang zwischen den starren knorrigen
Ästen der Sykomore ziemlich gewiss war Bob Roy hatte das Ganze aber keineswegs
unternommen ohne sich ziemlich sicher in der Ausführung zu fühlen Kaum erfasste
er einen der gerade emporragenden Zweige als er auch mit der Gewandtheit in
solchen Sachen geübter Matrosen das Tau um einen starken Ast schlug und das
ziemlich kurze Ende einmal durchzog und befestigte Den zweiten sichern Halt
war er noch nicht im Stande ihm zu geben als sich plötzlich das starke Tau
straffte etwa zwei Fuß auf der schlüpfrig nassen Rinde fortglitt und dann
als es in anderen Ästen Widerstand fand mit fürchterlichem Ruck vom Gewicht
des ganzen Bootes gezogen den zitternden Stamm aus seinen Fugen zu reißen
drohte
    Der alte Baum saß aber gar ingrimmig fest in seinem schlammigen Bett und war
nicht so leicht zu überreden den lange behaupteten Platz zu verlassen  er
wich und wankte nicht aber der blattlose Wipfel wurde durch den Anzug tief
hinein in den Strom gerissen und ein Schrei der Angst rang sich gewaltsam aus
der Brust der sonst gerade nicht sehr empfindsamen Bootsleute als plötzlich im
entscheidenden Moment der ganze weitästige Baum mit dem fest daran geklammerten
Kameraden in der gelben sprudelnd aufgähnenden Flut verschwand
    Es war aber auch nur ein Augenblick denn gleich darauf tauchten wieder
einzelne Spitzen aus der kochenden Stromfläche empor und während das tolle
Anschäumen der Wasser gegen den breiten Bug des Flaatboots und das rasche
Herumschwenken seines Sterns verriet wie es wirklich und glücklich von dem so
keck befestigten Tau gehalten werde kam auch das nasse von langem braunen Haar
umklebte Gesicht des Bootsmannes wieder zum Vorschein Der aber öffnete die
Augen nur eben weit genug um den Ort zu erkennen wo das Tau saß ergriff
dieses rasch den angefangenen Knoten erst noch fester durch ein zweites
Umschlagen zu schürzen und arbeitete sich dann an dem straffgespannten Tau so
schnell als möglich zum Boot zurück Er fürchtete nämlich nicht mit Unrecht
durch den hier wirbelnden und reißenden Strom unter das Boot gezogen zu werden
wenn er es mit Schwimmen erreichen wollte denn die Anziehungskraft solcher
flachen »Bottoms« ist ungemein stark und äußerst gefährlich
    Aller Arme streckten sich ihm hier entgegen und während ihm noch ein Teil
vollends heraufhalf bemühte sich der andere das Tau auch an Bord ordentlich
und sicher zu befestigen Das Ganze aber hatte kaum so viele Sekunden gedauert
als ich hier Minuten Zeit zum Erzählen brauchte und noch standen die Männer
über die Tollkühnheit des Kameraden plaudernd zusammen als auch dieser schon
wieder in trockenen Kleidern oben erschien und sich behaglich auf seine dort
ausgebreitete Decke streckte Das Abendessen das vorher durch den schnellen
Aufruf zum Rudern unterbrochen war wurde jetzt beendet wobei der Whiskybecher
fleißig im Kreise herumging und die Mannschaft schien sich überhaupt mit der
solchen Leuten eigenen Sorglosigkeit ungestörtem Frohsinn hinzugeben War ja
doch für den Augenblick jede Gefahr und Ungewissheit beseitigt und ihr Boot lag
sicher und ruhig vor starkem Tau Brach sich mit der Morgendämmerung dann der
Nebel so konnten sie ruhig und bequem stromab treiben und ihre Fahrt beenden
    Mürrisch ging Blackfoot indessen an Deck auf und ab während sich Bill
dagegen den Zechenden anschloss und in bester Laune von der Welt mit dem
jetzigen Beilegen des Bootes vollkommen einverstanden schien Edgewort hielt
sich von seinen Leuten etwas abgesondert und sprach nur einmal als er an ihm
vorüberging einige Worte mit Bob Roy während sich Mrs Everett in ihr Zelt
zurückzog und dort Gott in heissbrünstigen Gebeten anflehte sie Alle aus einer
Gefahr zu retten die um so peinlicher und fürchterlicher war da sie ihren
Umfang wie ihre Nähe nicht einmal kannten
    Nach und nach wurde es ruhiger an Deck  die Leute waren meistens in ihre
Schlafkojen hinabgegangen Nur Blackfoot und der Steuermann lagen dieser am
Steuer der Andere dem Vorderteil des Bootes näher wo das Springtau an Bord
befestigt war und zwar mit seinem Kopf auf dem Koil desselben Edgewort hatte
sich gleichfalls mehr nach vorn aber dicht an dem dort aufgeschichteten Gepäck
ein Lager gesucht neben dem auch Wolf dicht zusammengerollt schlief und
träumte
    Obgleich Edgewort aber still und regungslos dalag so schlief er doch
keineswegs und horchte vielmehr mit durch innere Aufregung noch mehr
geschärften Sinnen selbst dem leisesten Geräusch das ihn umgab Das heute
Erlebte ließ ihn nicht ruhen und er konnte auch kaum noch einen Zweifel hegen
dass jene beiden Männer sein Steuermann und der fremde Händler ein
Einverständnis und zwar zu unrechtlichen ja vielleicht gar gewalttätigen
Zwecken mitsammen hatten Den in sein Zündloch geschobenen Stift hatte er
richtig gefunden und einen Grund musste der Fremde gehabt haben seine Waffe
unbrauchbar zu machen Was es aber auch sei er fürchtete es nicht und es lag
ihm jetzt fast eben so viel daran ihre Pläne zu ergründen und zu nichte zu
machen als die Schuldigen zu gleicher Zeit zu ergreifen und der strafenden
Gerechtigkeit zu überliefern
    Mehrere Stunden waren so verflossen und dunkle rabenschwarze Nacht lag auf
dem Strom  Lautloses Schweigen herrschte und nur das Wasser schäumte und
rauschte um die emporragende Äste der Sykomore und gegen den breiten Bug des
Flatbootes an Oben vom Himmel aber doch nur gerade über ihren Häuptern denn
der Nebel erlaubte ihnen nicht in schräger Richtung seine finsteren
undurchsichtigen Massen zu durchdringen blitzten einzelne Sterne wie aus mattem
Schleier hernieder und vom nicht fernen Ufer trug dann und wann ein starker
Luftzug das Quacken der Frösche und den einsamen Ruf des Whippoorwill herüber
Es war eine stille aber unfreundliche Nacht auf dem gewaltigen Strom  Die
ungesunden Dünste der Niederung rollten in immer dichteren Massen hervor und
mischten sich mit dem zähen Nebel des Mississippi und wenn der Himmel auch klar
und heiter darüber ausgespannt blieb so fiel doch ein hässlicher feuchter
Schwaden nieder und durchnässte die ihm Ausgesetzten fast stärker als es ein
derber aber schnell vorübergehender Regen getan haben würde
    Bill der schon seit einigen Minuten mehrmals den Kopf erhoben und über das
ruhige Boot hingehorcht hatte warf jetzt seine Decke von sich und stand leise
auf Nichts regte sich und die ausgestreckten Gestalten Blackfoots und des
Alten waren das Einzige was seinem Blick begegnete Leise und vorsichtig
schritt er dem Bug zu und lauschte hier mehrere Minuten aufmerksam irgend einem
entfernten Geräusch  Er kannte es gut genug es war das Schäumen der Wasser an
der gar nicht weit mehr entfernten Drift Trieb das Boot von hier fort so
führte es die Strömung unrettbar gegen den künstlich gebildeten Damm von
Einundsechzig wo es wenn die Ruder nicht scharf dawider anarbeiteten auf
jeden Fall festrennen musste
    Nur Eins blieb zu fürchten  der Ruck den das Boot tat sobald es sich in
solcher Strömung von seinem Tau befreite oder plötzlich von ihm getrennt wurde
musste fast die Schläfer erwecken die überhaupt auf längeren Reisen eine Art
gemeinsames Leben mit ihrem Fahrzeug zu haben scheinen und fast jeden Stoß jede
unregelmässige Bewegung desselben so genau fühlen als ob die Einwirkung
unmittelbar auf sie selbst geschähe Fanden sie dann das Tau durchschnitten so
war ein Verdacht unvermeidlich und die Folgen konnten für sie Beide gefährlich
werden Außerdem blieb es auch ziemlich wahrscheinlich dass sich die Hosiers in
diesem Falle aus Leibeskräften in die Finnen legen würden um ihr Fahrzeug so
lange sie noch wussten auf welcher Seite das nächste Land eigentlich lag auch
in der im Navigator angegebenen Strömung zu halten
    »Ist es Zeit« frug jetzt Blackfoot der dicht neben ihm lag und vorsichtig
den Kopf hob
    »Ja« sagte Bill leise  »aber ich weiß nicht « er sah auf den Kameraden
nieder und bemerkte wie dieser ohne weiter eine Erklärung seiner Absicht zu
geben den Arm ausstreckte so dass seine Hand auf das fest und stramm
angespannte Tau zu liegen kam im nächsten Moment vernahm das scharfe Ohr des
Steuermanns das Reissen einzelner Hanffasern
    »Gut« murmelte er leise und lächelte still vor sich hin  »sehr gut  wenn
Du aber «
    Blackfoot winkte ihm ungeduldig sich zu entfernen um die Aufmerksamkeit
der vielleicht Erwachenden nicht unnützer Weise hierher zu lenken und Bill
nachdem er noch einen flüchtigen Blick umhergeworfen folgte schnell der
Aufforderung deren Zweckmässigkeit er selber einsah Eben so leise als er
gekommen schritt er wieder auf seinen früheren Platz zurück und warf sich hier
in seine Decke gehüllt aufs Neue nieder jetzt aber mit dem Gesicht dem
Steuerruder zu damit er sobald sich das Boot von seinem Halt losrisse die
Richtung die es nähme im Auge behalten und seine Berechnung der Inselnähe
danach machen könne
    Edgewort hatte als der Steuermann nach vorn ging vorsichtig nach seiner
Büchse gegriffen und den Kopf gehoben um zu sehen was Jene mitsammen trieben
Die stille Nacht trug ihm auch die leise gemurmelten Laute einer Stimme aber
nicht die Worte selbst herüber und als er bald darauf die lange Gestalt seines
Lootsen wieder auf ihren früheren Platz schreiten sah und hörte wie sie sich
dort an Deck streckte ließ auch er den Kopf zurücksinken auf sein hartes
Kissen und das matte Blinken der auf ihn niederscheinenden Sterne das
melancholische monotone Rauschen der Wasser das Murmeln und Plätschern des
rasch vorbeiflutenden Stromes fing bald an den Schlummer auf seine müden
Augenlider herabzuziehen
    Es dauerte nicht lange so verschmolzen die äußeren ihn umgebenden Szenen
mit seinem innern Geist und Traum und Phantasie führten ihn zurück zu den Ufern
des Wabasch an das Grab seines Sohnes über dem die kreuzbezeichnete Eiche
rauschte und wunderlich wilde Weisen in ihren weitausgestreckten Ästen und
Zweigen sang und murmelte
    Das starke Tau aber durch welches sein gefährdetes Boot an sicherem
Ankerplatz gehalten wurde zitterte und zuckte unter der leichten doch scharfen
Schneide des feindlichen Stahls  Faser nach Faser gab wiederfibrirend nach und
kaum ein Dritteil des Ganzen hielt noch die gewaltige an ihm hängende Last
Blackfoot lag jetzt ebenfalls regungslos still  er erwartete geduldig die
Wirkung des einmal verletzten Taues Das aber schien in seinen letzten Teile
auch seine zäheste Kraft vereinigt zu haben und ein kaum daumenstarkes Seil
stemmte sich wacker gegen Strömung und Flut der auf es eindringenden
Wassermasse Da glitt noch einmal rasch und vorsichtig die scharfe Schneide über
die schon ohnedies zum Zerspringen angespannten Fasern hin von denen zum
Bestehen des Ganzen keine einzige mehr entbehrt werden konnte  Blackfoot
hörte wie in rascher Reihenfolge eine nach der andern sprang und jetzt 
ängstlich und selbst erschreckt hob er den Kopf  jetzt riss auch der letzte
schwache Halt und mit plötzlichem Ruck aber sonst still und geräuschlos
verließ das Boot im nächsten Augenblick pfeilgeschwind die alte Sykomore die
nun von ihrer gewaltigen Last befreit in dem sie umschäumenden Strome auf und
niederflog und sich in grimmer Lust zu freuen schien
 
                                      26
                                        
                Die Entscheidung  Das Zeichen und der Erfolg
Der entscheidende Schritt war getan  das Boot trieb in der reißenden Strömung
rasch hinab der Insel und seinem sichern Verderben entgegen Die aber über
deren Haupte das haargehaltene Schwert noch hing träumten ruhig fort und
schienen alles das was am vorigen Abend ihre Seelen mit Besorgnis erfüllt
hatte vergessen zu haben Selbst Mrs Everett durch die Aufregung der vorigen
Stunden ermüdet lag in leichtem Schlummer auf ihrer für sie unter dem Zelt
ausgebreiteten Decke
    Bill war jetzt aufgestanden und schlich nach vorn zu dem Gefährten und als
dieser seinen Schritt auf den schwanken Brettern mehr fühlte als hörte hob er
den Kopf und folgte dann leise seinem Beispiel
    »Wir sind dicht an der Insel« flüsterte Bill als er an Jenes Seite stand 
»ich höre schon den Bruch der Wasser in den an der oberen Spitze hineingeworfenen
Wipfeln«
    »Das hab ich auch gehört« erwiderte Blackfoot mit vorsichtig gedämpfter
Stimme  »aber es kommt mir fast so vor als ob es zu weit rechts wäre Möglich
könnte es doch sein dass uns die Strömung weiter hinübergenommen hätte als wir
erwarteten am Ende ists besser Du gehst ans Steuer und lenkst den Bug ein
klein wenig rechts hinüber  vorbei fahren wir an der rechten Seite auf keinen
Fall«
    »Das geht nicht« sagte Bill  »das Knarren des schweren Ruders würde die
Schläfer oder doch auf jeden Fall den Alten wecken  bst  der Hund knurrt
schon Wenn ich nur die verdammte Bestie über Bord hätte«
    »Dort drüben hör ich Land« flüsterte Blackfoot rasch  »das muss bei Gott
die Insel sein und zwar rechts  Höll und Teufel wie weit uns der Strom
hinübergetrieben hat Wie wärs denn wenn wir die Mannschaft rasch an Deck und
an die Finnen riefen  Die Burschen sind jetzt alle schlaftrunken und werden
sich wenn sie das zerrissene Tau sehen aus Leibeskräften auf die Sandbank
rudern«
    »Vielleicht« sagte Bill kopfschüttelnd »und wenn wir das verbürgt wüssten
wäre der Plan vorzüglich wollen sie aber nicht so haben wir verspielt oder
setzen uns selbst fast gewisser Todesgefahr aus Nein sobald wir noch eine
Meile weiter unten sind mag sie mein Schuss wecken vorher aber schieben wir die
schwere Kiste die dicht an der Luke steht über diese und dass nachher aus der
keiner der Eingesperrten herausklettert soll meine Sorge sein Du fertigst
indessen rasch den Alten ab  Dein Schuss mag zugleich unser Signal werden und
wir schlagen so während Du von seiner Büchse nicht das Mindeste zu fürchten
hast zwei Fliegen mit einer Klappe Wenn Du nachher mit Deinem Kolben das hier
zu Larbord angebrachte kleine Küchenfenster bewachst damit uns von da aus
Keiner an Deck steigt so haben wir die ganze Gesellschaft wie in einer
Rattenfalle gefangen und können sie nachher einzeln wie wir sie herauf lassen
abfertigen Die Burschen drüben werden doch aufpassen«
    »Ei gewiss« rief Blackfoot  »Das Enterboot wird schon nach Deinem Brief
seit gestern Abend ununterbrochen von sich ablösenden Wachen besetzt gehalten
und stößt in dem Augenblicke wo es den Schuss hört vom Lande Das zweite Boot
folgt dann augenblicklich nach Es schadet übrigens nichts wenn wir auch an der
Insel hier vorbeitreiben sobald die Unseren an Bord kommen legen wir uns in
die Ruder und sind nachher mit leichter Mühe im Stande die Notröhre zu
erreichen  Das wird Kelly ohnedies lieber sein als wenn wir das Boot gleich
oben hätten aufrennen lassen«
    »Desto besser« sagte Bill  »aber jetzt lass uns auch keinen Moment länger
verlieren  wir müssen schon ein hübsches Stück an der Insel hinunter sein
Wetter  die Kiste ist schwer  nimm Dich in Acht dass sie nicht so scharrt«
    »Das wirds tun  so « flüsterte Blackfoot  »die kleine Ecke «
    »Nein  wir dürfen kein Luftloch lassen  mehr hier an dieser Seite«
erwiderte ihm rasch der Steuermann und Beide stemmten eben wieder alles Andere
um sich her vergessend die Schultern gegen die schwere riesige Kiste an
    Der alte Mann indessen den Müdigkeit zu kurzem Schlummer übermannt hatte
schlief wirklich nicht fest genug um alles das was keineswegs geräuschlos um
ihn her vorging zu verträumen Der Schritt des Steuermanns der als er an ihm
vorüberschlich auf dieselbe Planke treten musste auf der er lag da die
DeckBretter solcher Flatboote stets über das ganze Fahrzeug von Larbord nach
Starbord hinüberreichen und zwar an beiden Seiten etwas niedergebogen in der
Mitte dagegen etwas rund erhöht sind wie das leise Knurren seines Hundes
hatten ihn geweckt und wenn er auch regungslos seine Stellung beibehielt so
lauschte er doch mit der gespanntesten Aufmerksamkeit den leise geflüsterten
Lauten der beiden Männer Das Boot glaubte er aber natürlich noch immer an
seinem früheren Platz festgebunden Da fiel sein Blick zufällig auf einen
dunkeln Schatten der nicht weit von ihnen festzuhalten schien Noch halb im
Schlafe blickte er darauf hin plötzlich aber richtete er sich erschreckt empor
 der Gegenstand den er sah befand sich ja auf der Starbordseite und ihr
Boot das mit dem Bug stromauf gehalten wurde hatte jetzt doch das Land auf
Larbord 
    »Träum ich denn« flüsterte er halblaut vor sich hin  »ist denn das da
nicht der schwimmende Wipfel eines Baumes  bei Gott  die Schildkröte treibt«
    Rasch ergriff er die Büchse sprang empor und sah wie die beiden ihm jetzt
schon mehr als verdächtigen Männer eifrig bemüht waren die eine der Kisten dem
Rande des Bootes zuzuwälzen
    »Hallo da« rief er fast unwillkürlich aus und sein Fuß stampfte das Deck 
sein Zeichen für Bob Roy rasch herauf zu kommen  »beim ewigen Gott wir sind
los «
    »Da hast Dus« brummte Bill  »nun geht der Tanz los  jetzt mach schnell
und fertige ihn ab«
    »Nun  werdet Ihr Rede stehen  Was ist das Mein Boot schwimmt  was
solls mit der Kiste dort«
    »Werd es Dir gleich auseinandersetzen« knurrte Blackfoot vor sich hin und
sprang nach seiner Büchse die er neben sich hingelegt hatte um bequemer an der
Kiste arbeiten zu können Edgewort stand halbverdeckt von einem großen Koffer
der ebenfalls auf anderem Gepäck lag der Pirat aber nahm die Büchse in Anschlag
und tat rasch noch ein paar Schritte nach vorn um die Brust seines Feindes
frei zu bekommen und ein sicheres Ziel zu haben
    »Höll und Teufel« schrie in dem Augenblick Bob Roy von unten  »wer hat
den Eingang hier versperrt Bahn frei Ihr Schufte  oder Euch soll der «
seine Rede wurde in gewaltsamen wenn auch noch erfolglosen Versuchen erstickt
die mächtige Last zu lüften denn die eine Leitersprosse auf der er stand
konnte das so übermäßig vermehrte Gewicht nicht tragen und brach unter ihm Der
augenblickliche Versuch war aber dennoch hinreichend gewesen Bill davon zu
überzeugen wie die Last einem erneuten und von Mehreren ausgeführten Angriff
vielleicht doch nicht widerstehen konnte Einen flüchtigen Blick nach dem alten
Edgewort hinüberwerfend rief er dem Gefährten also schnell zu
    »Schiess ins drei Teufels Namen und gib damit das Zeichen  wir könnens
brauchen« Er hatte auch die letzten Silben noch nicht ausgesprochen als schon
der scharfe Krach einer Büchse durch die stille Nacht dröhnte
    Rasch wandte er den Kopf den Erfolg zu beobachten fuhr aber mit wildem
Fluch empor als er sah wie sein Kamerad die Büchse hoch in der Hand
taumelte ein paar Schritte nach vorn tat und dann schwerfällig an Deck
niederstürzte Der alte Jäger mit der eigenen Waffe schussfertig hatte kaum
gesehen wie sein Feind die Maske abwarf und die Büchse zum tötlichen Angriff
erhob als er auch rasch sein treues Rohr in die Höhe riss und die Kugel mit fast
nie fehlender Sicherheit durch den Kopf des Verräters sandte
    Hiermit aber nicht zufrieden  denn er musste jetzt natürlich in seinem
eigenen Steuermann einen eben so feindlichen Gegner vermuten  sprang er rasch
vor um sich der noch geladenen Waffe zu bemächtigen Bill jedoch wusste
seinerseits eben so gut wie er dass er wenn Jener seine Absicht wirklich
ausführte ganz in dessen Hände gegeben sein würde In gleicher Schnelle flog er
also dem Kampfplatze zu erfasste zugleich mit dem alten Mann das Rohr und schrie
dabei mit vor Wut erstickter Stimme
    »Warte Kanaille  warte  hab Deinem Sohn in die Ewigkeit geholfen will
ihm jetzt den Alten nachschicken  wehr Dich mein Bursche«  und mit riesiger
Kraft der die altersschwachen Sehnen des Greises nicht widerstehen konnten
entriss er diesem die Waffe Diese entlud sich allerdings in demselben Augenblick
und sandte die Kugel harmlos in die Luft wer weiß aber wie der Kampf für den
alten Mann geendet haben würde denn die beschriebenen Vorgänge folgten
blitzesschnell aufeinander und der schwere Kolben einer amerikanischen Büchse
blieb ein fast noch tödtlicheres Werkzeug in der Hand eines solchen Giganten
als das bloße Kugelrohr Die Worte aber die dieser sprach wirkten mit wahrhaft
elektrischer Kraft auf die fast schon ermatteten Arme des Alten
    »Ha  Mörder  Mörder« schrie er und fuhr in wildem sein eigenes Leben
missachtendem Sprung nach der Kehle des Buben dass dieser dem raschen und schon
nicht mehr vermuteten Angriff kaum begegnen konnte Er fasste nur gerade noch
die ihm Verderben drohende Hand und presste sie zwischen seine Eisenfinger hob
aber auch zu gleicher Zeit mit dem rechten Arm die gewonnene Büchse und wollte
sie eben auf das Silberhaar des Greises niederschmettern als ein anderer Feind
auf dem Kampfplatz erschien
    Wolf der bis dahin den Lärm nur insoweit beachtet hatte dass er nach dem
ersten Schusse aufgefahren und rasch von einer Seite des Boots zur andern
gelaufen war das erlegte Wild zu erspähen  denn sein Herr hatte schon früher
manchmal Wildenten und andere Wasservögel von Bord aus geschossen  sah jetzt
kaum den Kampf und hörte die in Wut fast erstickte Stimme seines Herrn als er
wild nach dem Nacken des ihm ohnedies verhassten Steuermanns fuhr und diesen
dadurch zwang die Büchse fallen zu lassen Edgewort hatte ihn indessen um den
Leib gefasst und alle Drei stürzten ringend an Deck
    Die durch die schwere Kiste in den Raum geschlossenen Leute waren aber unter
der Zeit auch nicht müßig gewesen drückten durch rasch hingerollte Fässer
erhöht die eigenen Rücken unter die Last und schoben diese mit gemeinsamer
Kraft doch wenigstens so weit von ihrer Stelle dass ein einzelner Mann sich
hindurch zwängen konnte Dies hatte Bill auch schon früher berechnet und sein
Plan war demnach ganz richtig gewesen Konnte er nämlich an seinem Posten
bleiben so verteidigte er diesen Engpass ohne die mindeste Gefahr für sich
selbst so vollkommen dass Jeder rettungslos verloren sein musste der den
eigenen Schädel in den Bereich des feindlichen Armes brachte Jetzt sah er sich
dagegen gezwungen diesen Platz zu verlassen die List mit dem Unschädlichmachen
des Gewehres war dabei ebenfalls nicht allein gescheitert sondern ein
wirklicher und gefährlicher Gegner erwuchs ihm sogar da wo er vorher nur einen
alten Mann geglaubt hatte den die Kugel des Kameraden noch überdies schnell
beseitigen würde
    Bob Roy presste sich zuerst aus dem engen Raum heraus und flog seinem
»Kapitain« wie der Alte gewöhnlich genannt wurde zu Hilfe Der Kampf war auch
bald entschieden trotzdem aber dass er dem übermannten Verräter das eben
gezogene Bowiemesser entwand und ihn der in wilder Verzweiflung gegen die
Übermacht ankämpfte vollkommen unschädlich machte konnte er den Greis nicht
bewegen seinen Hals los zu lassen In blinder nichts mehr achtender Wut hing
der alte Mann mit der einen Hand fest eingeklammert in den Kleidern von seines
Sohnes Mörder während seine Augen die fast aus ihren Höhlen drängten stier
auf dem bleichen Antlitz desselben hafteten und die andere convulsivisch
zitternde Hand vergebens nach dem ihm im Kampfe entfallenen Messer an seinem
Körper umhersuchte
    Wolf der seinen Herrn noch immer in persönlichem Kampfe sah dachte eben so
wenig daran los zu lassen und hielt Halstuch und Rockkragen des gefangenen
Verbrechers so fest als ob er ihn im Leben nicht wieder freigeben wollte
    Die übrigen Ruderleute kletterten jetzt ebenfalls nach banden mit einzelnen
an Deck liegenden Seilen den unausgesetzt dagegen anwütenden Lootsen und
suchten nun den alten Mann zu bewegen ihn ihrer Wachsamkeit zu übergeben Da
richtete sich Bob Roy plötzlich auf und rief während er über Bord hinüber
horchte
    »Still  ich höre ein Ruderboot  dort drüben ists«
    »Boot ahoi« schrie da plötzlich der gebundene Steuermann und versuchte mit
letzter Anstrengung eine kleine an einer Schnur ihm locker um den Hals hängende
Pfeife zu erfassen  »ahoi  ih« und der letzte Ruf drang gellend über die
stille Wasserfläche Bob Roys Hand lag aber in der nächsten Sekunde fest auf
seinem Munde während er rasch und flüsternd sagte
    »Halt  um Gottes willen still  mir fängt die Sache an klar zu werden 
Einen Knebel her  rasch und Ihr hier Leute bei Eurem Leben keinen Laut
mehr«
    Ein scharfer Schrei wie ihn der Nachtfalke manchmal ausstösst wenn er in
stürmischer Nacht die Luft mit den starken Fittigen schlägt antwortete und
schien des Bootsmanns Verdacht bestätigen zu wollen dieser flüsterte aber jetzt
leise
    »Ruhig  rühre sich Keiner von Euch  dieser Bube hier gehört mit zu jenem
Boot  sind wir aber still so können wir ihnen vielleicht in dem Nebel und in
so finsterer Nacht entgehen  haltet ihm die Füße fest  der Bestie liegt jetzt
nur daran einen Laut von sich zu geben  Mr Edgewort nehmen Sie den Hund zu
sich ein einziges Bellen von ihm könnte unser Aller Tod sein  bst «
    »Ahoi  ih« rief in diesem Augenblick die Stimme aus dem Boot herüber 
»Bill  ahoi ih hol Dich der Böse So antworte doch«
    Edgewort lauschte seinem Halt an dem Gefangenen jetzt zum ersten Mal
entsagend aufmerksam nach jener Richtung hin während die Männer den fast
rasenden Steuermann nur mit größter Anstrengung und allein durch ihr sämmtliches
Gewicht so niederhalten konnten dass er nicht mehr im Stande war auch nur ein
Glied zu regen
    Da knarrte ihr Steuerruder ein wenig und Bob Roy schritt rasch dorthin
zurück und wollte es um auch den geringsten ihnen Gefahr drohenden Laut zu
vermeiden aus dem Wasser heben Aber es war ungewöhnlich schwer  irgend ein
fremdes Gewicht musste daran hängen und der Bootsmann suchte mit vorgebeugtem
Körper zu erspähen was die Ursache davon sei  Die Nacht war jedoch so dunkel
und die lange Steuersinne reichte so weit ab vom Boot dass ihm das unmöglich
wurde  Er erkannte wohl auf dem etwas heller schimmernden Brett einen dunkeln
Gegenstand was dieser aber sei oder aus was er bestehe konnte er nicht
bestimmen drückte also die Ruderfinne soweit es die Last erlaubte an Deck
nieder und verhinderte dadurch indem er sie in dieser Lage hielt das ihnen
sonst gefährlich gewordene Knarren derselben
    »A  hoi  ih« riefen jetzt plötzlich die Männer in dem Ruderboote und
zwar gar nicht weit mehr entfernt aber etwas mehr in den Strom hinaus als
früher »a  hoi  ih  Bill  wo zum Teufel steckst Du«
    Bill machte einen neuen verzweifelten Versuch auch nur ein Zeichen seines
Daseins von sich zu geben vier kräftige Männer lagen aber über ihn hingebeugt
und acht Arme hielten jedes seiner Glieder wie mit eisernen Banden an Deck
gezwängt  Nicht einmal den Kopf konnte er auf die Bretter niederschlagen
obgleich er selbst den Versuch machte Einer der Leute der seinen linken Arm
umklammert hielt nahm den Kopf zwischen die Kniee und hielt ihn da wie in einem
Schraubstock
    Das Boot kam jetzt  nach den Ruderschlägen konnten sie es deutlich hören 
wieder zurück und es war fast als ob es in gerader Richtung hinter ihnen
herfahre  eine Pause fürchterlicher peinlicher Erwartung machte fast den Atem
der Männer stocken  die Verfolger konnten kaum zwanzig Schritt von ihnen
entfernt sein und mit jedem Augenblick erwarteten sie den Ruf dass sie entdeckt
wären Da hörten für kurze Zeit die Ruderschläge auf  Jene hielten
wahrscheinlich eine kurze Beratung wohin sie ihren Kours richten söllten denn
einige Minuten lang blieben sie halten und so nahe lagen sie damals dem
Flatboot mit dem sie jetzt stromab trieben dass sie auf diesem die Stimmen von
dort herüber hören und sogar abgebrochene Worte und Flüche verstehen konnten
Endlich griffen die fremden Bootsleute wieder zu den Rudern  sie fürchteten
sicherlich zu weit hinab zu kommen und dann im Nebel den Rückweg zu missen
Dicht hinter dem Indianaboot strichen sie vorbei und zwar dorthin zu wo
Edgewort Land vermutete und gleich darauf tönte noch einmal der frühere Ruf
über den Strom  er wurde nicht beantwortet und lautlos glitt die Schildkröte
mit der Flut fort während die Ruderschläge nach und nach in immer weiterer
Ferne langsam verschollen
 
                                      27
                                        
               Georginens Verdacht  Kelly rettet seinen Neger
An demselben Abend an welchem Kelly im »grauen Bären« jene Anordnungen traf
die den Schlag wenn auch nicht von ihren Häuptern abwenden doch ihn noch
aufhalten sollten bis sie selbst einer Entdeckung wie Verfolgung lachen
konnten ging Georgine die Königin des Verbrecherstaats mit raschen
ungeduldigen Schritten in ihrem kleinen prachtvollen Gemach auf und ab Nur dann
und wann blieb sie am Fenster um hinaus zu horchen als ob sie Jemanden
erwarte der immer und immer noch nicht kommen wolle
    Die Augen des schönen Weibes glühten in Zorn und Unmut ihre kleinen
schwellenden Lippen waren fest zusammengepresst ihre feingeschnittenen
Augenbrauen berührten sich fast und der zierliche Fuß stampfte mehrmals in
rücksichtslos ausbrechendem Unmut den teppichbelegten Boden Kelly hatte am
Donnerstag Morgen fast mit Tagesanbruch die Insel verlassen und sie seit der
Zeit nicht wieder betreten ihr ausgesandter Bote der Mestize ein Knabe den
sie aufgezogen und der sich nur ganz und allein ihrem Dienst geweiht war
ebenfalls nicht zurückgekehrt und ihre Gefangene entflohen  Gott allein wusste
wohin Grund genug ein Gemüt wie das ihre zu äußerster Aufregung zu treiben
Zwar hatte sie schon mehrere Boten dem Mestizen nachgeschickt doch umsonst
keiner konnte ihr Nachricht über ihn bringen keiner wollte ihn gesehen haben
Nur noch Einer war jetzt aus  Peter  und lange Stunden hatte sie in immer
peinlicher werdender Ungeduld gewartet ihn zu sehen und günstigen Bericht von
ihm zu hören
    Endlich konnte sie das ruhige untätige Harren nicht länger ertragen sie
öffnete rasch und heftig die Tür und wollte eben nach Bachelors Hall
hinüberschreiten als das schmale Eingangstor knarrte und gleich darauf Peters
breitschulterige Gestalt aus dem jetzt dicht auf der Insel lagernden Nebel
hervortrat Dieser als er die winkende Bewegung der Herrin sah schritt auf sie
zu und musste ihr augenblicklich zurück in das Haus folgen Hier aber kündete
sein ernstes bedenkliches Gesicht keineswegs Gutes und er wollte auch im
Anfange gar nicht so recht mit der Sprache heraus Georgine jedoch die ihn erst
mehrere Sekunden lang scharf und prüfend fixierte fasste plötzlich seine Hand
zog ihn zur eben entzündeten Ampel die ein sanftes wohltuendes Licht über den
kleinen Raum warf und flüsterte endlich  als ob sie durch den leisen Ton der
Frage die gefürchtete Antwort zu mildern hoffe
    »Wo ist Olyo«
    »Ich weiß nicht« lautete die halb scheue halb mürrische kurz
herausgestossene Antwort des Narbigen der dabei den Kopf zur Seite wandte und
mit der andern ihn frei gelassenen Hand emsig in seiner Tasche nach dem
Kautabak suchte
    »Wo ist Olyo« wiederholte aber mit noch dringenderem ernsterem Tone die
Gebieterin  »Mensch sieh mich an und beantworte mir meine Frage  wo ist
Olyo«
    »Ich weiß es nicht  habe ich Euch schon gesagt« knurrte der Bootsmann und
spuckte seinen Tabak ziemlich ungenirt auf die blankgescheuerten
Messingzierraten des Kamins  »ich bin im ganzen Walde herumgekrochen hab ihn
aber nicht finden können«
    »Im Walde Weshalb im Walde« frug Georgine misstrauisch  »in der Stadt
musste er sein nicht im Walde  weshalb suchtest Du ihn im Walde«
    »Weil er nicht in der Stadt war  Donnerwetter durch die Luft kann er nicht
davongeflogen sein und da glaubt ich müsst ich ihn entweder in der Stadt im
Walde oder im  oder wo anders finden  Irgendwo muss er doch stecken aber
umsonst  in der Stadt ist er nicht im Walde auch nicht «
    »Und im Wasser Peter  im Wasser« flüsterte Georgine mit kaum hörbarer
Stimme
    »Im Wasser« sagte der Bootsmann erschreckt und blickte sich scheu nach ihr
um  »wie kommt Ihr darauf«
    
    Georgine begegnete seinem Auge in stummem Entsetzen und stöhnte endlich 
aber so leise dass er die Worte kaum verstehen konnte
    »Also im Wasser  im Wasser hast Du ihn gefunden Mensch rede  Du bringst
mich beim ewgen Gott noch zur Verzweiflung«
    »Nein  auch nicht« sagte der Alte und biss ein großes Stück von seinem
Tabak herunter
    »Also hast Du doch im Wasser nach ihm gesucht Du musst Verdacht geschöpft
haben  Du glaubtest ihn dort zu finden  Sprich und reiße mich aus einer
Ungewissheit die fürchterlicher ist als selbst die grässlichste Wahrheit sein
könnte«
    »Im Wasser gesucht Ich  Unsinn Weshalb sollt ich im Wasser suchen 
Harris meinte nur «
    »Was meinte Harris Peter« frug Georgine jetzt mit erkünstelter Fassung da
sie bemerkte dass der Narbige endlich zu erzählen begann und ihn irre zu machen
fürchtete wenn sie sich nicht soviel als möglich bezwang
    »Ei nun dass der Mestize nicht ans Ufer gekommen wäre«  fuhr der
Bootsmann fort und hustete dabei ein paar Mal als ob die Worte nicht recht aus
der Kehle wollten  »Harris sah das Boot ans Land kommen und wollte gern
nachher mit Olyo sprechen Den einzigen möglichen Weg aber der von dort aus wo
das Boot eingelaufen in den lichteren Wald führte hatte er nicht betreten und
kein Mensch antwortete ihm auch als er später nach allen Richtungen hin den
Namen rief «
    »Olyo wird sich versteckt haben« flüsterte Georgine mit kaum hörbarer
Stimme  »er  er traute sicherlich dem Rufe nicht und wünschte ungesehen zu
bleiben«
    »Ja das meinte Harris auch« fuhr Peter fort der jetzt durch die
angenommene Fassung der Frau selbst beruhigt und sicher gemacht wurde  »das
meinte Harris auch es  es kam ihm aber sonderbar vor dass der Neger so schnell
wieder zurückruderte da er ihn doch eigentlich wie es am wahrscheinlichsten
gewesen wäre wenigstens so weit hätte begleiten müssen dass er sich nicht mehr
verirren konnte Bolivar trieb überdies noch ein ganzes Stück stromab ehe er
wieder zu rudern anfing und war indessen emsig mit Etwas beschäftigt das Jener
aber der weiten Entfernung wegen nicht erkennen konnte Nachher wollte er gern
sehen wo das Boot in der kleinen Bucht in der es eingelaufen gelandet wäre 
nirgends aber war eine Spur davon zu entdecken und der weiche Erdboden hätte
auf jeden Fall selbst den leisesten Eindruck bewahren müssen«
    »Nun  Und was weiter« frug Georgine als Jener einen Augenblick schwieg
und dann unschlüssig zu der Frau aufblickte Aber er sah nicht das leise kaum
merkbare Zucken der Lippen er sah nicht das innerliche Beben der ganzen Gestalt
 er sah nicht wie die eine kleine Hand krampfhaft die Stuhllehne umklammert
hielt auf die sie sich stützte als ob sie in das reichgeschnjetzte Mahagoniholz
die zarten Finger fest und tief eingraben wollte  Nur die todtenbleichen
Wangen sah er und das kalt und ruhig auf ihn geheftete Auge und fuhr nach
kurzem Zögern wieder fort
    »Am Ufer war nichts zu erkennen  aber auf dem Wasser «
    »Auf dem Wasser«  wiederholte Georgine leise und tonlos
    »Ei zum Teufel er kann sich auch geirrt haben« brach da der Bootsmann die
Mitteilung plötzlich kurz ab  er wusste recht gut wie Georgine an dem Knaben
hing wenn er auch dafür keinen Grund angeben konnte Es wurde ihm dabei selber
peinlich eine Geschichte die ihm selbst fatal schien so aus sich
herauspressen zu lassen während er sich doch auch wieder scheute gerade von
der Leber weg zu reden
    Georgine war aber nicht gesonnen ihn so wieder los zu geben da sie jetzt
wohl fühlte er wisse mehr als er gestehen wollte
    »Er hat etwas auf dem Wasser schwimmen sehen Peter« sagte sie fast eben
so leise als vorher  »was war es Verheimliche mir nichts  selbst wenn es nur
noch Vermutung sein sollte «
    »Hm Unsinn« brummte Peter und sah sich sehnsüchtig nach der Tür um Die
jetzt auf ihm haftenden Augen des schönen Weibes ließ ihm aber nicht Ruhe noch
Rast wohin er den Blick auch wenden mochte Er wusste der ihrige war auf ihn
geheftet und er knurrte endlich während er halb trotzig den alten schwarzen
Filz mit beiden hornigen Fäusten knetete
    »Zum Donnerwetter wenn Ihrs denn einmal wissen müsst so kann mirs auch
recht sein  Blut meinte er wärs gewesen fettige Blutflecke mit ihren
hässlich schillernden Farben die sich in der kleinen Bucht herumtrieben und
gerade als er den Platz erreichte dem Einfluss zuströmten  auch ein paar gelbe
Schaumblasen waren dabei  andere als sie der Regen auf den Fluss ruft Der
ganze Platz sah unheimlich aus und ihm sagt er war es ordentlich so
vorgekommen als ob sich das ganze Schilf des Ufers hinauf und von dem einsamen
Platze fortdrängen wollte«
    » Hat er die Leiche gefunden« flüsterte Georgine aber so leise dass sie
die Frage wiederholen musste ehe sie der Bootsmann verstand
    »Die Leiche Nein Gott bewahre  es ist ja auch noch immer nur ein
Verdacht den er hat Olyo kommt vielleicht heute oder morgen wieder zurück und
dann ist die ganze Sorge um nichts gewesen«
    »Peter « sagte die Frau nach kurzem Sinnen während sie die Hände fast
bewusstlos auf die Stuhllehne faltete auf welche sie sich jetzt wirklich stützen
musste  »willst Du mir in dieser Sache  Gewissheit verschaffen Willst Du mir «
    »Die könnte am besten der Neger geben« entgegnete Peter mürrisch 
»aufrichtig gesagt möcht ich auch mit der ganzen Geschichte nicht viel zu tun
haben  Der  der Kapitain könnt es nicht gern sehen«
    »So Vermutest Du das auch« frug Georgine rasch
    »Nun ja  er machte sich so nicht besonders viel aus dem Knaben und wusste
auch dass er ihm aufpassen sollte «
    »Er wusste das Und so glaubst Du vielleicht gar dass es ihm lieb sein
möchte den Knaben auf solche Art losgeworden zu sein  dass es vielleicht gar
auf seinen Befehl «
    »Bitt um Verzeihung« rief Peter rasch und erschrocken »so lange in meinem
Kopf nur ein Fingerhut voll Verstand bleibt soll solche Behauptung wahrhaftig
nicht über meine Lippen kommen Das sind auch überdies Sachen um die ich mich
nie bekümmere Ich tue meine Arbeit und lasse den Rest in Ruh so lange sie
mir ein Gleiches gönnen«
    »Gut dann Peter das ist recht von Dir aber  würdest Du Dich weigern
mir wenn ich Dich recht dringend darum bäte einen großen Dienst zu leisten 
einen Dienst den ich Dir fürstlich lohnen wollte«
    »Einen Dienst zu leisten  weigern Ei Gott bewahre Es wäre ja nur
eigentlich meine Pflicht und Schuldigkeit besonders gegen eine Lady«
    »Gut  Du versprichst mir also meine Bitte zu erfüllen«
    »Wenn ich es kann von Herzen gern«
    »Gib mir Deine Hand darauf«
    Peter zögerte die Sache fing ihm an zu ernstaft zu werden und es gereute
ihn schon fast sein Wort so ganz bestimmt gegeben zu haben Georgine streckte
ihm aber die weiße und jetzt marmorkalte Hand so bittend entgegen dass er nicht
nein sagen konnte und einschlug Die Hornfinger ruhten für einen Augenblick in
dem weichen Griff der zarten Rechte
    »Du hast Dein Wort gegeben« flüsterte jetzt die Frau »Du wirst es als Mann
nicht brechen wollen  Nimm Haken und Seile mit  jene Bucht von der Du
sprichst wird nicht so tief sein  und schaffe mir die Leiche  Du kannst einen
von den Enterhaken mitnehmen  der auf dem Boden hingezogen muss sich in die
Kleider « sie hielt einen Augenblick inne und barg das Gesicht in den Händen
gleich darauf aber fuhr sie mit der vorigen Ruhe und Festigkeit fort  »in die
Kleider des unglücklichen Knaben einhaken Die Leiche schaffst Du mir sobald Du
sie hast hier hierüber  Olyo soll wenigstens ein Grab in trockener Erde haben
Willst Du das tun«
    »Wenn aber Kapitän Kelly indessen kommt und nach mir fragt«
    »Die Entschuldigung Deiner Abwesenheit lass meine Sorge sein  willst Du mir
die Leiche schaffen«
    »Meinetwegen denn ja«  brummte Peter  »die Bucht ist höchstens zehn Fuß
tief vielleicht nicht einmal das wo aber schaffe ich den  den Kadaver hin«
    »Hier in mein Haus  dort in jenes Kabinet das Weitere besorg ich selber
Doch jetzt noch Eins  wo habt Ihr den Neger aufbewahrt«
    »Der liegt in dem einen Stalle drüben den sie für ein zeitweiliges
Gefängnis hergerichtet haben« sagte Peter »Korny ist heute richtig an den
Bisswunden gestorben  es war doch wohl eine Ader gesprengt und nicht recht
gebunden und wir wollen jetzt nur des Kapitains Ankunft abwarten dass dieser
beschliesst was mit dem Schuft werden soll Wenns kein Neger wäre so hätten
wir uns allerdings nicht so viel Müh um die Sache gegeben denn Korny hatte ihn
auch genug gereizt und sie konntens zusammen ausmachen Dass sich aber ein
Neger an einem Weißen ungestraft vergreifen sollte dürfen wir doch nicht
gestatten seis auch nur des bösen Beispiels wegen und Kapitain Kelly mag
deshalb bestimmen was mit ihm werden soll Losgeben darf er ihn aber nicht die
Leute sind wütend auf das schwarze Fell«
    »Bring ihn hierher« sagte Georgine jetzt als sie wie aus tiefem Sinnen
emporfuhr
    »Wen Den Neger«
    »Bolivar  gebunden wie er ist  und  schick mir zwei von den Männern mit
 wähle ein paar von Kornys Freunden«
    »Hm« meinte der Alte »da bedeutet das wohl nichts Gutes für den Schwarzen
 Wenn Ihr übrigens glaubt dass Ihr den zu irgend einem Geständnis zwingt so
seid Ihr verdammt irre  der ist stöckisch wie ein Maulesel Doch meinetwegen
ich gehe indessen mein Wort zu lösen wenn Ihr mir und Euch übrigens einen
Gefallen tun wollt so erwähnt nichts gegen den Kapitain wenn er etwa kommen
sollte«
    Er verließ mit diesen Worten das Zimmer Georgine aber kaum von seiner
Gegenwart befreit warf sich auf die Ottomane und machte ihrem gepressten und
bis dahin nur gewaltsam bezwungenen Herzen Luft in einem wilden lindernden
Tränenstrom Der Schmerz des schönen leidenschaftlichen Weibes konnte sich aber
nicht auf solch sanfte Art brechen ihr Charakter wollte nicht leiden und
dulden er wollte ankämpfen gegen den Druck der ihn beengte und Rache üben an
Dem der es wagte ihr feindselig gegenüber zu treten Grenzenloser Liebe war
sie fähig aber auch grenzenlosen Hasses und diese Leidenschaften wurden nur
verstärkt da Zweifel und Eifersucht die eine umnachtete während noch immer die
Gewissheit fehlte der andern freien und ungehinderten Lauf zu lassen Sie hatte
Richard Kelly mit einer Stärke geliebt die sie selbst erbeben machte  Alles 
Alles hatte sie ihm geopfert Gefahren mit ihm geteilt Verfolgung und Not mit
ihm getragen in seinen letzten Schlupfwinkel war sie ihm gefolgt  unter dem
Auswurf der Menschheit lebte sie mit ihm  für ihn  jede Rückkehr in das
gesellschaftliche Leben war ihr abgeschnitten  ihre einzige Hoffnung auf dieser
Welt er der einzige Stern zu dem sie bis jetzt mit Vertrauen und Liebe
emporblickte er der einzige Gott fast zu dem sie gebetet er und jetzt  zum
ersten Mal der fürchterliche Verdacht  nein fast die Gewissheit schon dass er
falsch sei Das Alles machte ihr Hirn schwindeln jagte ihr das Blut in
Fieberschnelle durch die Adern Er war schuldig  wozu brauchte er denn auch
sonst ihren Boten zu fürchten  wozu hätte er  großer allmächtiger Gott  die
Sinne vergingen ihr wenn sie den Gedanken fassen wollte  das Kind ermorden
lassen
    »Gewissheit« stöhnte sie mit krampfhaft gefalteten Händen  »Heiland der
Welt gib mir Gewissheit nur Gewissheit und überlass das Übrige mir  Richard
Richard wenn Du Dein Spiel mit mir getrieben «
    Ein Stimmengewirr wurde vor der Tür laut und als sie diese öffnete
standen etwa ein halbes Dutzend der Insulaner davor von denen einige Fackeln
trugen andere den gebundenen Neger in der Mitte führten Bolivar schritt
trotzig zwischen ihnen einher den Kopf umwand eine Binde und das eine Auge war
ihm vom Kampfe mit der Übermacht angeschwollen Des Messers hatten sie ihn
beraubt dass er nicht doch noch Unheil damit anrichte
    Georgine trat auf ihn zu sah ihm erst einige Sekunden lang fest und starr
in das halb trotzig halb scheu zu ihr aufgeworfene Auge und sagte dann während
sie ein kleines silberverziertes Terzerol spannte und in der Hand hielt jetzt
aber auch in kaum zwei Fuß Entfernung von dem Afrikaner stehen blieb
    »Bolivar  Deine Tat ist verraten  Du bist in meiner Macht und kein Gott
könnte Dich vor der verdienten Strafe retten wäre nicht noch ein Anderer
hineinverwickelt dessen Entdeckung mir wichtiger ist als Dein Leben Sklave Du
hast den Knaben der Deiner Obhut anvertraut wurde  ermordet in jener Bucht
drüben den Leichnam versenkt Du siehst ich weiß Alles jetzt gestehe aber
auch so Dir Dein schwarzes Leben nur den Wert einer Glasperle hat was und wer
Dich dazu bewogen Der Knabe hatte Dir nie ein Leid getan  er war manchmal
übermütig nach der Knaben Art aber sonst noch fast ein Kind  in Deinen
Händen musste er wie die Taube in des Geiers Krallen sein Wer hat Dich also
gedungen Mensch oder wessen Befehlen hast Du dabei gehorcht Sprich denn ich
weiß Alles aber ich will nur erst durch Deinen Mund Gewissheit  sprich«
    »Ich weiß nicht wer Euch all den Unsinn in den Kopf gesetzt« knurrte
Bolivar »aber so viel ist gewiss dass ich hier um nichts und wieder nichts
niederträchtig behandelt werde  Wäre Massa Kelly hier «
    »Der würde Dir beistehen das glaub ich« flüsterte die Frau  »doch Deine
Ausflüchte helfen Dir nichts  gestehe sag ich oder beim ewigen Gott ich
jage Dir diese Kugel durchs Hirn  Du kennst mich dass ich Wort halte wenn es
gilt eine Drohung auch auszuführen«
    »Ja darin kenn ich Euch« trotzte der wilde Sohn der Wüste  »darin kenn
ich Euch nur zu gut aber ich lache Eurer Drohungen Dieses Leben das ich in
letzter Zeit hier geführt ist doch kaum besser als das eines Hundes gewesen 
drückt in drei Teufels Namen ab aber glaubt nicht dass ich mich vor solchem
Kinderspielwerk fürchten soll  s wäre lächerlich«
    »Löst ihm die Hände und bindet sie an jenen Baum« rief Georgine jetzt die
ihren Entschluss geändert hatte während sie die kleine Unterlippe fast blutig
mit ihren hellglänzenden Zähnen presste  »Ich will doch sehen ob ich die
schwarze Bestie nicht zum Reden zwingen kann  Tusk bringt die Peitsche
heraus und peitscht ihn mir so lange bis er bekennt und wenn Ihr ihm das
schwarze tückische Fell in Streifen vom Rücken ziehen solltet Tod und
Verdammnis dieser mörderischen Kanaille er soll mir wenn er nicht gestehen
will unter der Knute verbluten«
    »Das war mein Rat von vornherein« rief der angeredete Bootsmann er hatte
seinen Namen von einem eberähnlich vorstehenden Zahn erhalten der seinem
Gesicht etwas Fürchterliches gab  »Hier hab ich die Knute gleich mitgebracht
und nun wollen wir doch einmal sehen ob das Blut eben so schwarz ist wie die
Schwarte unter der es steckt  Herunter mit dem Kittel mein Mohrenprinz und
tu mir den Gefallen und schrei nicht gleich genug dass der Spaß nicht so bald
aus ist«
    Bolivar warf ihm einen wilden trotzigen Blick zu aber kein Laut kam über
seine Lippen und schweigend ertrug er es als der herkulische Bursche die
schwere Sclavenpeitsche nach besten Kräften über seinen nur mit einem dünnen
Kattunhemd bekleideten Rücken zog so dass dieses bald in Streifen herunterhing
und das helle Blut den fürchterlichen Streichen folgte  Schweigend knirschte
er nur mit den Zähnen als sie ihn seiner Abkunft und Race wegen verhöhnten
seine Eltern verfluchten und ihm in übermütigem Grimm ins Gesicht spieen
Schweigend hörte er die Drohungen noch fürchterlicherer Strafe Georginens an
die mit zornfunkelnden Augen vor ihm stand und in der Empfindung befriedigter
Rache Gefühl und Weiblichkeit vergessen zu haben schien Bolivar blieb aber
standhaft seine zerrissenen Schultern zerfleischte die unbarmherzige Knute mehr
und mehr seine Glieder zuckten im grässlichen Schmerz und die Kniee zitterten
unter ihm er konnte kaum noch aufrecht stehen aber abgebissen hätte er eher
die Zunge ehe sie seinen Henkern das verriet was sie begehrten  Fest auf
einander knirschte er die Zähne und fest auf das stolze Weib heftete er den
wilden drohenden Blick Vor seinen Augen fing es jetzt an sich in tollen
schwarzen und schillernden Nebeln zu regen  Sterne blitzten auf und nieder und
eine unbezwingbare Schwäche überkam ihn  Er wollte sich mit letzter
Anstrengung aufrecht halten  er lehnte seine Schulter an den Baum der seine
Fesseln hielt  aber es war vergebens  die Gestalten fingen an sich vor seinen
Augen zu drehen  purpurschimmernde Nacht folgte und er sank halb ohnmächtig in
die Kniee
    »Will die Bestie beten« rief der Eine mit dem Eberzahn  »auf Kanaille
wenn wir mehr Zeit haben  rufe Deine schwarzen Götzen an eh Du gehangen
wirst  jetzt ists noch zu früh «
    »Halt« rief da dicht neben ihnen eine Stimme und zwar so kalt und
gebieterisch so ruhig und doch so fürchterlich ernst dass die Henker überrascht
in ihrer blutigen Arbeit inne hielten und auch Georgine sich erschreckt dem
wohlbekannten Tone zuwandte Es war Kelly der den bunten mexikanischen Mantel
über die Schultern hängend den schwarzen breiträndigen Filz tief in die Stirn
gedrückt dicht neben ihnen stand und die Hand gegen die mit Peitschen
Bewaffneten ausstreckte  »Wer hat hier ein Urteil zu vollziehen das ich
nicht gefällt«
    »Ich sprach das Urteil« sagte Georgine mit fest auf ihn gehefteten Augen
indem sie die noch immer gegen die Männer ausgestreckte Hand ergriff »ich
verurteilte ihn weil er  den Knaben ermordet hat Das Kind das ich aufgezogen
und gepflegt hat er mit seinen teuflischen Händen erwürgt und Du darfst mich
nicht hindern ihn zu strafen  Du darfst es nicht « und sie zischte die
letzten Worte mit leiser vor innerer Aufregung fast erstickter Stimme  »wenn
Du nicht  selbst als ein Teilnehmer jenes Mordes erscheinen willst«
    »Bindet den Neger los« lautete des Kapitains ruhiger den Einwand gar nicht
beachtender Befehl  »bindet ihn los sag ich  die Tat soll untersucht
werden«
    »Sie ist untersucht Mann« rief Georgine sich heftig und wild
emporrichtend  »ich ich trete gegen ihn auf und rufe den allmächtigen Gott zum
Zeugen an dass er den Mord verübt Willst Du ihn jetzt noch schützen und
befreien«
    »Bindet ihn los sag ich« wiederholte Kelly mit finsterer drohender
Stimme  »zurück da Georgine  Dein Platz ist nicht hier  willst Du alle meine
Befehle übertreten«
    Georgine wandte sich erbleichend ab der Eberzahn aber rief sich trotzig
gegen den Gebieter kehrend
    »Ei zum Henker Sir der Bursche hier hat Hand und Zähne an einen weißen
Mann gelegt und verdammt will ich sein wenn er nicht dafür hängen soll
Subordination ist ganz gut muss aber auch nicht zu weit getrieben werden Wir
sind freie Amerikaner und die Majorität entscheidet sich hier für Strafe
Nichts für ungut aber den Neger binde ich nicht los«
    Schneller zuckt kaum der zündende Blitz aus wetterschwangerer Wolke in den
stillen Wald als Kellys schweres Messer in seiner Hand blitzte zurückfuhr und
dem trotzigen Gesellen im nächsten Augenblick mit fürchterlicher Sicherheit das
Herz durchbohrte Er blieb noch mehrere Sekunden mit stieren entsetzt vor sich
hin starrenden Augen stehen schlug dann die Arme empor und stürzte eine
Leiche nach vorn auf sein Gesicht nieder Die Anderen sprangen wild empor
Kelly aber unbewaffnet die Gefahr verachtend warf sich ihnen entgegen und rief
zürnend
    »Rasende  wollt Ihr Euch selbst verderben Verrat umgibt Euch von allen
Seiten  unsere Insel ist entdeckt  Spione von Helena durchziehen nach allen
Richtungen hin den Strom  unser Leben und das was wir mit saurem Schweiß
erbeutet steht auf dem Spiele und Ihr hier in wahnsinnigem Übermut fröhnt
dem eifersüchtigen Trotz eines Weibes und schlagt gegen die Hand an die allein
im Stande ist Euch zu retten Toren und Schufte die Ihr seid an Eure Posten
Ein fremdes Boot ist hier gelandet und sein Besitzer liegt vielleicht nur
wenige Schritte von uns versteckt unser Treiben zu belauschen Er darf die
Insel nicht wieder verlassen Fort  in Bachelors Hall erwartet meine Befehle 
ich bin im Augenblick bei Euch  bindet den Neger los sag ich und Ihr Beiden
 schafft den Leichnam hinaus aus der Fenz und begrabt ihn  Der Bursche kann
froh sein noch so aus dieser Welt hinausgeschickt zu sein  er hatte
Schlimmeres verdient  Er war in Helena schon einen Kontract eingegangen uns
zu verraten  nur die Gier noch höheren Lohn zu erhalten hatte ihn bis jetzt
daran verhindert  fort mit ihm und Du Bolivar erwartest mich hier bis ich
zurückkehre«
    Die Männer gehorchten schweigend den Befehlen Kelly aber folgte Georginen
in ihre Wohnung wo ihn diese mit kaltem mürrischen Trotz empfing
    »Wo ist die Kranke« sagte er als er in der Tür stehen bleibend mit
seinen Blicken den kleinen geschmückten Raum überflog  »wo ist das Mädchen das
Du hier bei Dir behalten und bewahren wolltest«
    »Wo ist der Knabe« rief Georgine jetzt vielleicht noch durch das
Bewusstsein eigener Schuld gereizt wild und heftig dagegen auffahrend »wo ist
der Knabe den jener teuflische Afrikaner auf Deinen Befehl erschlug Wo ist das
Kind das ich mir aufgezogen hatte  das einzige Wesen das mit wahrer
aufopfernder Liebe an mir hing und dessen alleinige Schuld nur  die Treue
gegen mich gewesen sein konnte Kelly  Du hast ein entsetzliches Spiel mit mir
gespielt und ich fürchte fast ich bin das Opfer einer grässlichen Bosheit
geworden«
    »Du phantasirst« sagte Kelly ruhig während er den breiträndigen Hut abnahm
und auf den Tisch warf  »was weiß ich wo der Knabe ist  weshalb hast Du ihn
von Dir gesandt  Ich riet Dir stets ab  Überhaupt kann er ja auch heute
oder morgen zurückkehren wer weiß ob er nicht froh der neugewonnenen
Freiheit in tollem Übermut in Helena herumtummelt wo unser Aller Leben an
seiner kindischen Zunge hängt Wo ist das Mädchen  ruf es her«
    »Zurückkehren« rief Georgine in bitterem Schmerz  »ja seine Leiche 
Peter holt sie aus der Bucht drüben wo sie der Neger versenkte  sein »toller
Übermut« wurde in gieriger Flut gekühlt und seine kindische Zunge droht
keinem Leben mehr Gefahr«
    Der lange zurückgehaltene Schmerz des stolzen Weibes brach sich jetzt
endlich in wilden undämmbaren Tränen Bahn Georgine barg das Antlitz in ihren
Händen und schluchzte laut
    Kelly stand ihr erstaunt gegenüber und hielt das dunkle Auge fest und
verwundert auf ihre zitternde Gestalt geheftet
    »Was war Dir jener Knabe« sagte er endlich mit leiser schneidender Stimme
 »welchen Anteil nimmst Du an einem Burschen der aus gemischtem Stamm
entsprossen Dir nur als Diener lieb sein durfte  Georgine  ich habe Dich nie
nach jenes Knaben Herkunft gefragt jetzt aber will ich wissen woher er
stammt«
    »Aus dem edelsten Blut der Seminolischen Häuptlinge« rief das schöne Weib
und richtete sich ihren Schmerz gewaltsam bezwingend stolz empor  »seines
Vaters Name war der Schlachtschrei einer ganzen Nation er ist unsterblich in
der Geschichte jenes Volks«
    »Und seine Mutter«
    Georgine fuhr wie von einem jähen Schlage getroffen zusammen  ihre ganze
Gestalt zitterte und fast unwillkürlich griff sie eine Stütze suchend nach
dem Stuhl neben welchem sie stand Kellys Lippen umzuckte ein spöttisches
Lächeln aber er wandte sich als ob er ihre Bewegung nicht bemerke oder doch
nicht bemerken wolle rasch dem kleinen Kabinet zu wo Marie ihren Schlafplatz
angewiesen bekommen
    »Wo ist die Kranke« frug er den Ton zu dem gleichgültigen Gesprächs
verändernd  »ist sie in ihrer Kammer«
    »Sie schläft« sagte Georgine wohl überrascht über das kurze Abbrechen
seiner Frage doch schnell gesammelt  »störe sie nicht  sie bedarf der Ruhe«
    »Ich will sie sehen« erwiderte der Kapitain und näherte sich dem Vorhang
der das kleine Gemach von dem Wohnzimmer trennte
    »Du wirst sie wecken« bat Georgine  »tu mir die Liebe und lass sie
ungestört«
    Kelly wandte sich gegen sein Weib und schaute ihr mit so scharfem
forschenden Blick ins Auge als ob er ihre innersten Gedanken ergründen wollte
 Ihr Antlitz blieb aber unverändert und sie ertrug ohne Zucken den Blick
Schweigend drehte er sich von ihr ab und lüftete den Vorhang  Das Bett stand
diesem gerade gegenüber und auf ihm die schlanken Glieder von warmer Decke
umhüllt  den Rücken ihm zugewendet dass nur der kleine von wirren Locken
umschmiegte Kopf ein Teil des blendend weißen Nackens und die rechte auf der
Decke ruhende zarte Hand sichtbar blieben lag eine weibliche Gestalt Die
äußeren Umrisse hatten auch Ähnlichkeit mit dem entflohenen Mädchen aber
Kellys scharfer Blick entdeckte rasch den Betrug
    Im ersten Moment machte er allerdings eine fast unwillkürliche Bewegung als
ob er noch weiter vortreten wolle  plötzlich aber hielt er wieder ein ließ
noch einmal seinen Blick erst über die ausgestreckte schlummernde Gestalt dann
über das schöne doch marmorbleiche Antlitz seines Weibes schweifen und verließ
dann rasch die Kammer und das Haus
    Draußen schritt er an dem Neger vorüber der noch neben dem Baum kauerte an
welchem er misshandelt worden und trat zwischen die jetzt in Bachelors Hall
versammelten Männer Die Zeit drängte  keinen Augenblick durfte er verlieren
denn der nächste konnte schon Verderben bringend über sie hereinbrechen und in
kurzen klaren Befehlen verteilte er Einzelne der Schaar über die Insel von
denen einige die Ufer nach einem gelandeten Kahn absuchen andere die Dickichte
durchstöbern sollten Fanden sie den Kahn so war weiter nichts nötig als ihn
wohlversteckt zu bewachen der Ire musste dann in ihre Hände fallen Ahnte er
aber dass er endeckt sei und hielt er sich verborgen nun so konnte er auch die
Insel nicht verlassen und war für den Augenblick unschädlich gemacht bis ihn
das Tageslicht seinen Verfolgern entdecken musste Posten wurden dann auch jeder
andern bis jetzt noch unbekannten Gefahr zu begegnen an all den Plätzen
ausgestellt wo eine Landung überhaupt möglich war und die Bewohner der Insel
erhielten gemessenen Befehl ihre Sachen gepackt in Bereitschaft zu halten um
jeden Augenblick zum Aufbruch fertig und gerüstet zu sein Ihre Boote mussten zu
diesem Zweck doppelt bewacht und überhaupt Alles getan werden den Ausbruch des
ihnen drohenden Wetters so lange als möglich zu verzögern Noch war ja auch
nicht einmal die Gewissheit da dass ihr Schlupfwinkel ernstlich verraten sei
denn die Beiden die auf dessen Erforschung ausgegangen konnten unschädlich
gemacht werden
    Liessen sich die Bewohner von Helena oder besonders die der Umgegend wieder
beruhigen so wäre es töricht gewesen in unkluger Furcht voreilig einen Platz
zu verlassen wie es vielleicht keinen zweiten für sie in den Vereinigten
Staaten gab Auf jeden Fall konnten sie ihn dann so lange behaupten bis sie im
Stande waren all ihre Habseligkeiten in die südlicher gelegenen Staaten
besonders nach Texas und Mexiko zu schaffen so dass wenn später ja einmal eine
Nachsuchung gehalten wurde die Nachbarn höchstens den leeren Horst die Geier
aber ausgeflogen fanden Zu diesem Zweck musste Kelly jedoch augenblicklich
wieder nach Helena hinauf und wollte nur in dem Fall gleich zu ihnen
zurückkehren wenn unverzögerte Flucht nötig werden sollte Galt es die letzte
Rettung so blieb ihnen auch immer das letzte Mittel gewiss sich Bahn zu hauen
ehe die Feinde auch nur eine Ahnung bekamen wie stark und zahlreich sie wären
    Diese Anordnungen waren alle so umsichtig getroffen und die Kräfte derer
deren Macht sie zu fürchten hatten so genau dabei berechnet dass wirklich eine
ganz genaue Kenntnis jener Verhältnisse dazu gehörte mit solcher Sicherheit
selbst den letzten Augenblick abzuwarten wo eine einzige versäumte Stunde Alle
ins Verderben stürzen konnte Sei es aber nun dass die Insulaner nicht von der
Nähe der Gefahr so genau unterrichtet waren denn Kelly teilte ihnen nur das
mit was sie notwendiger Weise wissen mussten oder vertrauten sie ihm und
seiner Klugheit wirklich so viel kurz die Meisten schienen die Sache ungemein
leicht zu nehmen und trotzten sogar auf ihre Übermacht Solch lange
Ungestrafteit ihres verbrecherischen Treibens hatte sie übermütig gemacht und
Einige äußerten sich sogar ganz offen darüber es wäre ihnen gleichgültig ob
sie entdeckt seien oder nicht Den wollten sie sehen der sie hier in ihrer
eigenen Veste angriffe
    Kelly dachte hierüber freilich anders und kannte recht gut die Gefahr die
ihnen drohte wie die Mittel die ihnen zu Gebote standen ihr zu begegnen Ihn
beunruhigte aber auch jetzt das Ausbleiben des schon längst von Indiana
erwarteten Bootes denn der Zeit nach und wenn es fortwährend flott geblieben
hätte es die Insel lange erreichen und passieren müssen Der entsetzliche Nebel
erklärte freilich in etwas dieses Zögern Entweder hatte der alte Hosier die
Sicherheit seines Bootes nicht preisgeben wollen oder Bill mochte auch selbst
gefürchtet haben vielleicht zu früh aufzulaufen oder gar vorbei zu rennen und
die kostbare Beute dadurch aufs Spiel zu setzen Es schien indessen als ob
sich der Nebel lichten würde der Wind fing wenigstens an zu wehen immer
hierfür ein gutes Zeichen und es war also möglich dass jenes Fahrzeug mit oder
vielleicht gleich nach Tagesanbruch eintreffen würde
    Während sich jetzt die Männer über die Insel zerstreuten um die gegebenen
Befehle zu erfüllen und ihr Asyl gegen Verrat zu schützen schritt Kelly
langsam zu dem Neger zurück und legte leise seine Hand auf dessen Schulter Der
Afrikaner zuckte zusammen als er den leichten Druck der Finger auf seiner
Achsel fühlte sie hatten eine durch die Peitsche gerissene Wunde getroffen 
Bald erkannte er aber seinen Herrn und erhob sich schweigend
    »Bolivar« flüsterte der Kapitain und blickte finster in das Antlitz des
Negers  »sie haben Dich misshandelt und mit Füßen getreten weil Du mir ergeben
bliebst«
    Der Neger knirschte mit den Zähnen und warf den funkelnden Blick nach dem
hell erleuchteten Fenster der Herrin hinüber
    »Ich weiß Alles« sagte Kelly und hob beruhigend die Hand gegen ihn auf 
»aber  vielleicht ist es gut dass es so gekommen auf keinen Fall soll es Dein
Schade sein Doch hier darfst Du nicht bleiben« fuhr er nach kurzer Pause fort
 »Georgine weiß was Du getan und kennt in diesem Punkte keine Grenze ihrer
Rache  wir haben uns Beide dagegen zu wahren Packe das was Du mitzunehmen
gedenkst zusammen und komm mit mir«
    Bolivar blickte staunend zu dem Kapitain empor Es lag ein finsterer
Ausdruck in diesen Worten  wollte er die Insel  wollte er Georgine ihrem
Schicksal überlassen
    »Kehren wir nicht zurück« frug er als er den Blick des Herrn von sich
abgewendet sah
    »Du nicht wenigstens nicht in nächster Zeit  ich vielleicht schon morgen«
sagte Kelly  »doch eile Dich eile Dich  unsere Minuten sind gemessen wir
haben manche lange Stunde gegen die Strömung des Mississippi anzurudern«
    »Ich kann nicht rudern« murrte der Neger  »meinte Arme sind gelähmt  die
Peitsche hat mich meiner Kraft beraubt«
    »Du wirst steuern« sagte der Kapitain  »hast mich manchmal hinübergerudert
und magst heute Deine Arme ruhen lassen Doch Bolivar willst Du fortan auch
mir nur folgen Dein Leben meinem Dienst weihen und in unveränderter Treue an
mir hängen Willst Du gehorchen was auch immer der Befehl sein möge«
    »Ihr habt mich heute gerächt Massa« flüsterte der Neger und seine
dunkelglühenden Augen hafteten an der Gruppe die eben den Leichnam des
Erstochenen durch die Einfriedigung schleppte »Das Blut jenes Schurcken von
Eurer Hand vergossen ist über mich weggesprjetzt und jeder einzelne Tropfen war
wie Balsam auf meine brennenden Wunden glaubt Ihr dass ich das je vergessen
könnte«
    Kellys prüfender Blick haftete wenige Sekunden auf ihm dann sagte er
leise
    »Genug  ich glaube Dir  geh jetzt und rüste Dich mein Boot liegt auf
seinem gewöhnlichen Platz« Und rasch wandte er sich von ihm ab ihn zu
verlassen Da hemmte des Negers Ruf noch einmal seine Schritte
»Massa« sagte Bolivar und griff in die Tasche seiner Jacke  »hier sind zwei
Briefe die  der Rothäutige bei sich gehabt hat  sie scheinen aber nicht für
Euch bestimmt« »Schon gut« flüsterte Kelly und nahm sie an sich  »ich danke
Dir«  und schnell verließ er durch das kleine nordwestliche Tor die innere
Einfriedigung die ein schmaler Pfad mit dem oberen Teil der Zwischenbank
verband Bolivar aber schlich in seine eigene Hütte raffte dort das Beste
seines Eigentums zusammen und verließ ohne Gruß oder Wort weiter an irgend ein
lebendes Wesen der Insel zu richten durch den feuchtdunstigen Nebel hin und dem
wohlbekannten Pfade folgend die Kolonie um seinen Kapitain an dem bestimmten
Platz zu treffen
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                          Patrick OTooles Abenteuer
Patrick OToole schritt als er die Männer am Ufer verließ rasch zu des
Richters Wohnung hinaus Diesen wollte er jedoch nicht sowohl von seiner Absicht
in Kenntnis setzen denn er verlangte die Hilfe des Gesetzes noch nicht sondern
ihn vielmehr um den Kompass bitten da der Nebel immer dichter und hartnäckiger
zu werden schien Er fand aber wie wir schon früher gesehen haben den Richter
nicht zu Hause und da ihm die Leute dort auch nicht einmal bestimmt angeben
konnten wann er wieder zurückkehren würde so beschloss er kurz und gut auch
ohne Kompass aufzubrechen und sein gutes Glück zu versuchen Ohne weiteres Zögern
schritt er also zu seinem kleinen Boot zurück machte es flott und ruderte nun
langsam am westlichen Ufer hin Bredschaws Wohnung zu die er mit der Strömung
in etwa einer Stunde erreichen konnte So lange er sich so nahe zum Lande hielt
dass er das Ufer oder wenigstens die dunkeln Schatten der Bäume noch erkennen
konnte ging das auch recht gut Von Snags und Sawyern hatte er nichts zu
fürchten sein Fahrzeug war zu leicht um von diesen ernstlich bedroht zu
werden und warf ihn auch die Flut dagegen so trieb er bald wieder los
Höchstens konnte ihn vielleicht wie das in der Tat manchmal geschieht ein
plötzlich emporschnellender Sawyer so auf die Seite werfen dass er etwas Wasser
einnahm Das kam aber sehr selten vor und rüstig nur manchmal den Kopf
wendend ob er nicht ein erhebliches Hindernis vor sich sehe legte er sich
scharf in die Ruder Der leichte Kahn schoss fast pfeilschnell auf der
schäumenden Strömung und an Wald und steiler Uferbank vorübergerissen hin bis
sich rechts die Bucht ihm öffnete die Bredschaw bewohnte In diese lief er ein
und hörte nun von dem jungen Mann dieselbe Kunde nur noch ausführlicher und
bestimmter wie jener sie dem IndianaBootsmann mitgeteilt Er fühlte sich
jetzt auch ziemlich fest überzeugt dass sein Verdacht nicht allein begründet
gewesen sondern dass er sogar die ziemlich sichere Spur habe dem nichtsnutzigen
Gesindel gegen das er einen unbesiegbaren Groll hegte auf die Spur zu kommen
    Allerdings riet ihm Bredschaw ebenfalls ab solchen Weg so unvorbereitet
und allein wie auch bei solchem Nebel zu unternehmen wo er ja gar nicht im
Stande sein würde die Insel zu finden OToole aber störrisch das einmal
angenommene Ziel verfolgend erklärte unter jeder Bedingung wenigstens den
Versuch machen zu wollen und meinte dabei ziemlich richtig eigentlich sei
solches Wetter gerade das geeignetste da jener Platz wenn er wirklich der
Aufenthaltsort von Verbrechern wäre heute gewiss nicht so sorgsam bewacht würde
als sonst Er hielt sich denn auch um die schöne Zeit nicht unnötig zu
versäumen nur kurze Zeit bei Bredschaw auf und nahm von diesem fast gezwungen
noch eine wollene Decke mit im Fall er genötigt sein sollte länger
auszubleiben als er jetzt beabsichtigte Dann band er mit frohem Mute sein
Fahrzeug los dem jungen Mann noch dabei zurufend er solle bald wieder von ihm
hören den Bootsschuften wolle ers aber eintränken ihn auf solche Art
behandelt zu haben
    Bredschaw blieb am Ufer stehen und sah ihm nach bis das Boot seinen Blicken
entschwand nur noch eine Zeit lang hörte er die regelmäßig langsamen
Ruderschläge des wackeren Irländers und dann verschollen auch diese endlich in
weiter weiter Ferne
    OToole ging keck und unverzagt ein echter Sohn der »grünen Insel« seinem
Abenteuer entgegen und mehr noch war es fast ein glücklicher Leichtsinn ein
sorgloses Überlassen der Zukunft als reiner tierischer Mut der ihn zu
allerdings ungeahnten Gefahren trieb Niemand in Arkansas hatte es aber auch für
möglich gehalten dass sich inmitten civilisirter Staaten auf dem breiten jedem
Boot offenen Wege des ganzen westlichen Handels eine so wohlorganisirte und so
fürchterliche Bande festsetzen und behaupten konnte als es hier wirklich der
Fall gewesen Nicht einmal Waffen hatte er mitgenommen ein einfaches kurzes
Jagdmesser ausgenommen das er unter der Weste mit einem Bindfaden befestigt
am Knopf seines Hosenträgers und eigentlich mehr zum wirklichen Haus und
Feldgebrauch denn als Verteidungswaffe bei sich führte
    Der Abend konnte nicht mehr fern sein So angenehm unserem Kundschafter aber
auch sonst wohl dieser Umstand gewesen da er ihn immer noch mehr vor Entdeckung
schützte so zweifelhaft wurde es ihm nun selber ob er in solch
undurchdringlichem Nebel jene Insel auch wirklich finden würde Weit entfernt
war er auf keinen Fall mehr davon Die Distance von der Weideninsel bis
Einundsechzig wurde auf dem Wasser nur für acht Meilen gehalten und die
Strömung allein musste ihn bei dem gegenwärtigen Wasserstand fünf Meilen die
Stunde führen ruderte er also nur ein wenig zu so konnte er recht gut die
ganze Strecke in eben der Zeit zurücklegen So lange er dicht am Ufer blieb
ging das auch an er sah das Flussufer neben sich und behielt dadurch die genaue
Richtung bei jetzt aber und nicht weit unter der Weideninsel machte der
Mississippi nach Arkansas hinein einen starken Bogen und zwang ihn dadurch wenn
er sich nicht ganz aus dem Wege fahren wollte das Ufer zu verlassen
    Nun war OToole allerdings noch nie in einem recht ordentlichen
Mississippinebel auf diesem Strome gewesen sonst hätte er das auch wohl
schwerlich ohne Kompass gewagt Er arbeitete im Gegenteil noch immer mit dem
Glauben die Strömung müsse ihm ja auf jeden Fall die Bahn zeigen wohin der
Fluss gehe wobei das zahlreich treibende Holz einen vorzüglichen Wegweiser
abgeben werde Außerdem war die Insel Einundsechzig ziemlich lang und breit und
er durfte wenn er sich nur in der Mitte des Stromes halten konnte allerdings
hoffen sie zu erreichen Eins jedoch hatte er in dieser sonst vielleicht sehr
vorzüglichen Berechnung vergessen dass nämlich die Bestimmung einer Strömung
ganz unmöglich wird wo jeder feststehende Haltpunkt für das Auge fehlt Ebenso
wie man auf der See auch nur dadurch die Richtung der Meeresströmungen bestimmt
dass man das Fahrzeug auf kurze Zeit entweder durch einen wirklichen oder bloßen
Notanker soviel als möglich auf einer Stelle festhält und die Bewegung irgend
eines in die Flut geworfenen schwimmenden Gegenstandes beobachtet ebenso ist
es auf einem so ungeheuren Strom wie der Mississippi unmöglich irgend eine
Richtung anzugeben wenn man sich in starkem Nebel auf seiner ruhigen Fläche
befindet
    OToole ruderte nun zwar als er das Ufer nicht mehr erkennen konnte noch
eine ganze Weile ruhig und zwar nach der Gegend fort die er für die rechte
hielt gar bald aber machten ihn einzelne Stücke schwimmenden Holzes irre und
er hielt einen Augenblick um zu sehen welchen Weg diese trieben Ja  die
lagen als er selbst mit Rudern aufhörte und also ebenfalls seinen Kahn der
Flut überließ gerade so ruhig da wie er selbst und das Ganze sah aus wie ein
von dichtem Dampf umschlossener See der weder Ab noch Zufluss habe und
vollkommen still stehe Er beobachtete nun eine Zeit lang einzelne treibende
Stämme um zu sehen auf welche Seite die Flut gegen sie drücke das war aber
nicht möglich  sie schwammen eben ungedrängt im Wasser und zeigten da sie der
Flut auch nicht den geringsten Widerstand leisteten sondern sich ruhig mit
fortnehmen ließ auch nicht den mindesten Einfluss derselben Er fing jetzt
wieder an zu rudern aber auch das blieb sich gleich  es war eben als ob er
auf einem Teiche oder stillen See herumfahre und wo Ost Nord Süd oder West
sein könnte wurde ihm jetzt zu einem vollständigen Rätsel Der Fluss lag in
spiegelglatter Ruhe um ihn her und nur die Nebel schwebten in dichten fest in
einander gedrängten und wie es schien vollständig mit einander verbundenen
Wölkchen darüber hin und wichen und wankten nicht Was hätte er jetzt für einen
einzigen noch so fernen Blick des Ufers gegeben um nur eine Idee zu bekommen
wo er sich eigentlich befinde Der Wunsch schien aber nicht in Erfüllung zu
gehen ja die Dämmerung fing sogar an deutlich merkbar zu werden und er
verzweifelte nun fast daran nicht allein die Insel sondern sogar in vielen
Meilen Entfernung ein Ufer zu erreichen
    Nun gibt es allerdings ein Mittel selbst in solchem Verhältnis und ohne
Kompass eine gerade Richtung beizubehalten ist man nämlich gänzlich in Zweifel
woher die Strömung kommt oder wohin sie geht so braucht man nur so lange im
Kreise herumzurudern bis man die Flut vorn unter dem Bug rauschen hört Dann
kann man überzeugt sein dass man gegen die Strömung anhält und ist nun im
Stande die zu nehmende Richtung zu bestimmen Allerdings würden aber selbst
dann nur wenige Ruderschläge den Rudernden wieder auf den alten Fleck bringen
denn weil die seitwärts gegen das Fahrzeug andrängende Wassermasse auch den Bug
bald stärker bald schwächer niederdrückt je nachdem man ein ganz klein wenig
mehr auf oder abhält so wäre es unmöglich die Richtung so genau im Gefühl der
Hand zu haben Das einzige Mittel in diesem Falle ist  da man doch in einem
zweirudrigen Boot mit dem Rücken nach vorn sitzt  die Augen fest auf das
Fahrwasser seines Kahns zu halten dh auf den Streifen den das Boot beim
schnellen Durchschneiden des Wassers hinter sich lässt So lange dieser eine
durchaus gerade Linie beschreibt  denn eine kurze Strecke kann man selbst beim
stärksten Nebel sehen  so lange behielt auch das Boot dieselbe bei denn die
geringste Abweichung würde es gleich hinter dem Stern durch eine krumme Linie
verraten Man darf aber während dieser Zeit natürlich keinen Augenblick mit
Rudern aufhören oder nachlassen denn eine gleichmäßige Fortbewegung ist zu
solcher Bestimmung unumgänglich nötig
    Davon hatte jedoch OToole der sich sonst wenig mit Wasserfahrten
beschäftigte keine Ahnung er wusste nur dass er noch nicht weit genug vom Land
entfernt sein könne um sich schon oberhalb der Insel zu befinden Trieb er also
jetzt mit der Strömung abwärts so führte ihn diese an seinem Ziele vorbei und
rasch griff er daher wieder zu den Rudern Nur einmal noch betrachtete er mit
prüfendem Blick die ruhige Nebelfläche um sich her drehte dann den Bug dorthin
wo er die Mitte des Stromes glaubte und zeigte in Handhabung der elastischen
Ruder bald so guten Willen dass das Wasser an seinem Buge rauschend schäumte und
hoch aufsprjetzte So arbeitete er wohl eine volle Stunde lang dass ihm der
Schweiß in großen perlenden Tropfen auf der Stirn stand und er bei richtiger
Führung den Mississippi schon zweimal gekreuzt haben konnte aber kein Land
bekam er zu sehen weder rechts noch links weder vor noch hinter sich und er
fühlte nun wohl dass er die falsche Richtung gefahren sei
    Einen Augenblick ließ er die Ruder sinken und wischte sich den Schweiß von
der Stirn dann aber ergriff er sie wieder und legte sich von Neuem mit aller
Kraft und bestem Willen hinein bis er endlich einsah dass alle seine
Anstrengungen vergeblich sein mussten Das Beste also was er jetzt tun konnte
war nach Arkansas zurückzukehren um den Versuch ein anderes Mal unter
günstigeren Verhältnissen zu erneuen  Aber guter OToole es erwies sich als
eben so schwer nach Arkansas wie nach Mississippi hinüberzuhalten Nacht und
Nebel umgab ihn bald mit undurchdringlichem Schleier keinen Laut hörte er
nicht einmal das Gequake von Fröschen das ihm die Nähe des Landes  gleichviel
nun welchen Ufers  verraten hätte Er musste sich inmitten des gewaltigen
Stromes befinden
    Da hielt er endlich nachdem er sich noch eine ganze Zeit lang bis zu
tödtlicher Ermattung abgemüht mit Rudern ein warf die Ruder in den Kahn und
streckte sich selbst  gleichgültig gegen Alles was ihn befallen könnte in dem
Stern des Bootes aus  Einmal musste er ja doch irgendwo antreiben oder doch
wenigstens Geräusch von irgend einem Boot oder dem Ufer in dessen Nähe ihn die
Strömung zuerst bringen würde hören und er hatte eingesehen dass er selbst
nicht im Stande sein würde das Mindeste dafür oder dagegen zu tun Er war
förmlich verirrt und wusste in der Tat nicht mehr wo er sich befand ob er
irgendwo festänge oder immer stromab der Mündung des Arkansas zutreibe
    In dumpfem Brüten lag er in seinem Boot ausgestreckt und schaute schweigend
zu der grauen Masse hinauf die ihn in fast fühlbarer Schwere und Feuchtigkeit
umgab  da war es ihm plötzlich als ob er das Quaken eines Frosches höre  er
horchte hoch auf Fast in demselben Augenblick vernahm er ein dumpfes Rauschen
und ehe er sich noch recht umschauen konnte von welcher Richtung dies
eigentlich komme  da er es natürlich auf der ganz entgegengesetzten Seite
erwartet hatte  trieb auch sein schwankendes Boot schon in den starren Wipfel
einer Eiche hinein
    Land hatte er jetzt  Bäume wenigstens  und er wusste doch nun dass er nicht
mehr weiter stromab und von Helena fortgenommen werden könnte Wo er sich aber
befand ob in Arkansas Mississippi oder an einer der weiter unten gelegenen
Inseln vielleicht Drei oder Vierundsechzig das war ihm unmöglich zu
bestimmen ja so hatten sich seine Gedanken verirrt dass es einer langen Zeit
bedurfte bis er mit sich überhaupt im Reinen war er befinde sich noch im
Mississippi und sei nicht etwa in irgend einen Fluss oder eine Bayo unversehens
hinein und diese Gott weiß wie weit hinaufgerudert Das Einzige worüber er
vollkommen Gewissheit zu haben glaubte war dass er wenigstens fünfzig bis
sechzig Meilen von Helena entfernt sein müsse 
    Wo aber befand er sich Im Anfange wollte er rufen denn vielleicht befanden
sich Menschen in seiner Nähe die ihn hörten Doch konnte es nicht eben so gut
möglich sein dass er gerade in jenes Nest geraten wäre nach dem er suchte und
welchen Empfang durfte er von Denen hoffen die ihm noch vor kurzer Zeit so
unzweideutige Beweise ihres Hasses gegeben Nein  da heute nun doch einmal kein
Gedanke daran war Einundsechzig noch zu erreichen und der Nebel auch auf jeden
Fall den Morgenwinden weichen musste so beschloss er seinen Kahn an einer
sichern Stelle zu befestigen und nachher ruhig darin ausgestreckt den Tag
abzuwarten
    Das war nun freilich nicht so leicht als er es anfangs erwartet hatte Eine
Masse Baumgewirr versperrte ihm überall den Eingang und dort bleiben wo er
sich gerade befand konnte er eben so wenig Die Flut presste gerade dagegen
und brachte sie irgend einen fortgeschwemmten Baumstamm mit so musste ihm
dieser mit der Gewalt solcher Wassermasse vereint unfehlbar das leichte
Fahrzeug zertrümmern und ihn selber unter das Treibholz schwemmen  Er
arbeitete sich jetzt also mit aller Anstrengung links hin bis er zu einer Art
Landspitze kam denn die Strömung brach sich hier mit großer Stärke am Ufer und
schoss dann rasch und schäumend vorbei Dort hatte auch augenscheinlich die Kraft
des Wassers einen früher dagelegenen Baum zur Seite geschwemmt so dass eine Art
kleine Bucht dadurch entstanden war In diese lief er ohne Zögern ein und
richtete nun gegen äußere Gefahr geschützt sein Lager so gut es gehen wollte
her um wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können
    Kurze Zeit mochte er so gelegen haben und das gleichförmige Rauschen des
Wassers begann trotz des harten Lagers seine Wirkung auf ihn auszuüben als es
ihm schon halb im Traume vorkam als ob er Stimmen höre die in ziemlich
lebhaftem Gespräch mit einander begriffen wären Im Anfange horchte er halb
bewusstlos den unverständlichen Tönen er hatte schon geträumt er sei in die See
hinausgetrieben und vom Ufer aus riefen sie hinter ihm her und warnten ihn vor
den Gefahren des Golfes Mehr und mehr aber wieder munter werdend staunte er
zuerst über den Ort wo er sich befand und konnte sich endlich nur mit vieler
Mühe des Vorgefallenen erinnern
    Nun war OToole allerdings nicht Waldmann genug ein solches Lager in dem
feuchten Flussnebel einem warmen Bette vorzuziehen dennoch aber hielt ihn eine
gewisse Angst zurück jene Sprechenden anzurufen denn die Absicht schon in der
er ausgezogen war ließ ihn in jedem Menschen den er traf einen Räuber Mörder
und falschen Spieler erblicken Er kroch also um vor allen Dingen zu
recognosciren wo er eigentlich sei und in welcher Umgebung er sich befinde aus
seinem Boot heraus über ein paar umgestürzte Stämme ans Ufer und schlich nun
hier so geräuschlos als es ihm die jetzt wirklich aussergewöhnliche Dunkelheit
und die raue Wildnis erlaubten vorwärts dem Schalle nach
    Das Geräusch und Sprechen schien auf einem Orte zu bleiben und OToole
vermutete hier natürlich nichts weiter als eine Farmerwohnung zu der er nur
nicht den rechten Pfad getroffen habe sondern in irgend eine neue Rodung
geraten sei Er hatte denn auch obgleich mit entsetzlicher Anstrengung schon
einen ziemlichen Teil des Dickichts durchdrungen als plötzlich Alles wieder
ruhig war und jetzt nur noch das einförmige Quaken der Frösche und das Zirpen
einzelner Locusts die Todtenstille unterbrach Nichtsdestoweniger behielt er die
Richtung bei in der er früher die Laute gehört und erreichte gerade einen
kleinen ziemlich freien Platz als er aus dem Nebel und zwar dicht vor sich
zwei Gestalten treten sah so dass er nur noch eben Zeit genug behielt hinter
einem niederen Busch auf die Erde zu sinken
    »Und ich sage Euch Jones Ihr dürft die Insel bei Gott nicht verlassen
ohne den Schwur geleistet zu haben« beteuerte jetzt plötzlich der Eine von
ihnen während er stehen blieb und sich gegen seinen Begleiter umwandte  »Es
ist uns Allen streng befohlen worden Euch nicht fortzulassen«
    »Aber ich habe ja den Schwur leisten wollen« rief der Andere ärgerlich 
»Höll und Teufel ich kann doch nicht mehr tun als Euch sagen ich will
beschwören was Ihr begehrt Es ist schändlich mich jetzt hier gegen meinen
Willen zurückzuhalten wo ich in Mississippi drüben die besten Geschäfte machen
könnte«
    »Auch das wisst Ihr warum das jetzt nicht möglich ist« erwiderte ihm der
Andere  »solcher Schwur muss seine gehörige Feierlichkeit haben und von Allen
gehört werden damit es später keine Ausrede gibt  Die Versammlung ist aber
erst morgen Abend und bis dahin werdet Ihr Euch also zu gedulden haben«
    »So und wenn nun bis morgen Abend schon die saubere Bescheerung
hereinbricht von welcher der Kapitain gemunkelt hat« brummte Jones  »was hab
ich dann für ein Interesse meine Haut ebenfalls dabei zu Markte zu tragen eh
Gehör ich schon mit dazu und würd ich nicht mit gefangen auch ganz
unschuldig mit gehangen werden«
    »Unschuldig« spöttelte der Andere
    »Ja ja unschuldig« rief Jones mürrisch  »wenigstens in dieser Sache und
was am Ende noch viel fataler wäre mit dem Bewusstsein dass die Kanaillen aus
Versehen den Rechten erwischt hätten Nein Ben Ihr müsst mir einen Kahn
verschaffen ich will Euch den Eid leisten und das wird Euch doch genügen
können«
    »Mir verdammt will ich sein wenn ich meinen Kopf statt Euren in die
Schlinge zu stecken gedenke« brummte Ben und wandte sich wieder zum Gehen
jetzt aber gerade auf den Iren zu der dicht und regungslos an die Erde
geschmiegt lag  »Sobald Ihr einmal versprecht den Eid zu leisten so seid Ihr
auch  Gift und Donner« rief er plötzlich vor der Gestalt zurückprallend die
sein Fuß berührt hatte
    »Was ists« frug Jones erschrocken und blickte scheu umher
    Der Ire rührte sich nicht  Die Unterredung der beiden Männer hatte ihm
bald verraten er befinde sich an seinem Ziel obgleich er jetzt noch nicht
wusste wo das eigentlich lag und teils lähmte die Angst seine Glieder teils
war er auch noch unentschlossen wie er sich verhalten solle Floh er so mussten
ihn die mit dem Platz Vertrauten augenblicklich wieder einholen können  stellte
er sich zur Wehr  er war fast unbewaffnet die Feinde dagegen sicher mit
Messern und Pistolen versehen  Endlich beschloss er sich zu stellen als ob er
schlafe sie mussten dann wenigstens glauben dass er nichts von ihrer
Unterhaltung gehört habe und suchten in diesem Falle vielleicht selber ihn so
schnell als möglich wieder fortzubringen
    Das waren etwa die Gedanken die ihm pfeilschnell durchs Hirn schossen und
er stellte sich für den Augenblick schlafend Bens nächste Worte teilten ihm
aber nicht allein eine andere Rolle zu sondern ließ ihn auch die Gefahr
ziemlich deutlich ahnen in welcher er sich befand
    »Seeschlangen und Meerwölfe« rief Jener während er heruntergriff und den
Arm des Regungslosen erfasste  »soll mich dieser und der holen wenn die
verdammten Halunken nicht Tusk hierher geschleppt und liegen gelassen haben 
Hol doch der Teufel das faule Zeug  Nicht einmal zu dem Ort ihn hinzutragen
wo wir ihn einscharren wollen Ei da mag er zum Donnerwetter auch hier liegen
bleiben s ist weit genug von der Fenz und er schläft hier eben so gut wie
hundert Schritt weiter oben« Damit warf er das Werkzeug das er trug neben den
vermeintlichen Leichnam von der Schulter nieder und fing an die Erde mit der
schweren Hacke aufzuschlagen
    »Dann will ich indessen hingehen und einmal zusehen ob nicht irgendwo hier
oben ein Boot befestigt ist« sagte Jones  »so lautete ja Kellys Befehl«
    »Ja  und mich hineinsetzen nicht wahr Und ruhig den Strom hinabrudern«
äffte ihm der wilde Bootsmann nach während er mit der Hacke auf den Boden
stampfte  »ei zum Teufel Sir Ihr müsst uns doch hier für gotteslästerlich dumm
halten dass Ihr uns auf solch erbärmliche Art anzuführen gedenkt Ihr bleibt
hier  die Ursache weshalb Ihr mir zur Gesellschaft mitgegeben seid ist das
Grab mit graben zu helfen und nachher des Irländers Boot aufzuspüren sowie den
Burschen abzufangen  wenn wir ihn erwischen heißt das Also greift zu wenns
gefällig und glaubt nicht dass Ihr mich von der rechten Fährte durch irgend
einen Seitensprung abbringt«
    Damit warf er dem kleinen Mann den Spaten zu und bedeutete ihn die Erde
aus aber nicht zu weit fortzuwerfen damit sie dieselbe zum Aufhäufen gleich
wieder bei der Hand hätten
    OToole zitterte all allen Gliedern  »Dicht neben ihm wurde ein Grab
gegraben in das er lebendig hineingeworfen werden sollte sobald er nur
regungslos liegen blieb  und zeigte er dass er noch lebe so war sein Tod
ebenfalls gewiss Er war verraten so viel sah er ein  aber durch wen Und wie
konnte die Botschaft schon an diesen von Helena so entfernten Punkt gelangt
sein Hatte er nicht die ganze Zeit aus Leibeskräften gerudert und seinen
Entschluss hier herabzugehen erst kurz vor seiner Abfahrt irgend einem
Menschen und dann natürlich nur lauter Freunden mitgeteilt« Es blieb ihm
aber keine Zeit zu langen Betrachtungen die Gefahr lag hier zu fürchterlich
nahe und jede ausgeworfene Erdscholle brachte ihn seinem Geschick näher
    Das Einzige was ihn möglicher Weise retten konnte war ein schneller
Entschluss  Er wollte emporspringen und die Männer die ihn jetzt noch für
irgend einen Erschlagenen hielten waren vielleicht im ersten Augenblick so
überrascht dass er ehe sie sich ermannten sein Boot wieder erreichen konnte
Der Eine schien überdies so viel sich in der Dunkelheit erkennen ließ klein
und schwächlich und den Andern hätte im schlimmsten Falle ehe er ihm selbst
gefährlich wurde ein Messerstich unschädlich gemacht Vorsichtig griff er also
um sich durch keine Bewegung zu verraten nach dem scharfen Stahl zog ihn
leise aus der Scheide und bog sich langsam auf die linke Seite hinüber  er
hatte sich die Richtung von der er gekommen ziemlich genau gemerkt und an
rasche Verfolgung war dorthin überhaupt nicht zu denken  Einmal dann im Nebel
wieder auf dem Strom hätte ihn auch nur der Zufall seinen Verfolgern verraten
können Der Eine der Männer stand nur jetzt gerade zwischen ihm und dem Stamm
über den er zuerst wegsetzen musste  den Raum wollte er erst noch frei haben
ehe er den Angriff wagte Es war Ben er hatte die Hacke bei Seite geworfen und
den zweiten Spaten in die Hand genommen der dort lag Jetzt trat er wieder
zurück auf seinen früheren Platz und jetzt war auch der einzige vielleicht
letzte Augenblick gekommen
    »Ben« rief da plötzlich eine leise unterdrückte Stimme die gerade von der
Richtung her tönte wo sein Fahrzeug lag und in den dichten Büschen und Dornen
rauschte es und regte es sich
    »Ja« sagte dieser und hielt in seiner Arbeit ein »was gibts Wer ruft
da«
    »Hier liegt bei Gott das fremde Boot« flüsterte die Stimme wieder  »lasst
Euer Graben jetzt lieber sein und kommt mit hierher es gibt vielleicht nachher
gleich Zwei hineinzuwerfen«
    OTooles Herzblut stockte  nicht allein der Rückweg war ihm abgeschnitten
sondern sein Boot sogar entdeckt  Er konnte falls er sich wirklich auf einer
Insel befand den Platz gar nicht wieder verlassen Seine einzige Hoffnung blieb
jetzt nur noch die dass die Totengräber dem Rufe Folge leisten und ihn allein
lassen würden
    »Wo liegt es denn« frug Ben und hielt inne mit Erdeauswerfen
    »Gleich hier  dicht an der äußersten Landspitze unter der alten Sykomore
«
    »So tut wie Euch Kelly befohlen und haltet das Maul« brummte der
Bootsmann  »wer weiß denn ob er nicht gerade hier in der Gegend herumkriecht
Nehmt Eure Plätze ein und verhaltet Euch ruhig  kommt er zurück so fertigt ihn
ab  doch ohne Schuss«
    »Wie wirds aber wenn Teufelsbill mit dem Flatboot kommen und das Zeichen
geben sollte« frug Jener aber immer noch mit unterdrückter Stimme zurück
    »Das geht Euch nichts an  Ihr bleibt auf Eurem Posten und wir Anderen
wenn das Boot abgefertigt ist treiben nachher die Insel von unten herauf vor 
finden wir ihn dann nicht so läuft er Euch in die Hände«
    Wieder fing er an zu graben und die Gruft musste bald tief genug sein denn
ein ziemlich bedeutender Erdhaufen lag schon an ihrer Seite  Des Iren Herz
schlug so laut dass er schon durch dessen Klopfen verraten zu werden fürchtete
 auch die letzte Stimme hatte er erkannt es war jener Bube den er in Helena
zu Boden geschlagen Erbarmen hatte er hier nicht zu hoffen wurde er entdeckt
so konnte kein Gott ihn retten Ein Gedanke durchzuckte ihn jetzt wenn er nun
vielleicht während Jene sich emsig mit ihrer Arbeit beschäftigten leise in die
Büsche kroch dann erst einmal im Dickicht entweder im Sumpf einen
Schlupfwinkel suchte oder auch sobald er den Fluss erreichte hinausschwamm in
den Nebel  Es trieb jetzt so viel Holz im Strom dass er nicht zu fürchten
brauchte zu ertrinken  und das wäre ja doch noch immer besser gewesen als
sich hier wie einen Hund todtschlagen zu lassen
    Langsam schob er den linken Arm zur Seite um sich darauf zu stützen und den
Körper nachzuziehen doch das raschelnde Laub machte die größte Vorsicht nötig
Zwar gruben die beiden Männer noch immer eifrig und das Geräusch der fallenden
Erde übertäubte jede nicht zu auffällige Bewegung auch hatte er sich schon auf
diese Art wohl zwei Schritt zurück und dicht zum Rand eines wirren Dornbusches
gezogen hinter dem ihm ein weicher moosiger Fleck raschere Bewegung möglich
machte Gerade aber als er sich ein wenig aufrichten wollte über einen dort
liegenden heruntergebrochenen Ast zu gleiten presste er mit der Hand auf einen
dürren und morschen Zweig desselben der mit ziemlich lautem Krachen abbrach
    OToole schrack zusammen und blieb regungslos in der gerade eingenommenen
Stellung liegen Ben aber sprang rasch aus dem fast beendigten Grabe heraus auf
den Erdhügel hinauf und blickte überall forschend in die nebelige Nacht hinein
    »Hörtet Ihr nichts Jones« frug er nach einem kleinen Zwischenraum »mir
wars als ob irgend Jemand auf einen Ast trat «
    »Ich habe nichts gehört« brummte der Andere während er mürrisch den Spaten
aus der Grube warf und selbst nachkletterte  »so  das Loch ist jetzt tief
genug hol der Teufel das Maulwurfsgeschäft Wenn Ihr glaubt dass ich hier auf
die Insel gekommen bin Totengräber zu werden so habt Ihr Euch verdammt geirrt
 werft das Aas hinein dass wir fertig werden  Verwünscht unheimliches
Geschäft ohnedies so in Nacht und Nebel dazustehen und Leichen einzugraben 
Ihr habt wohl derlei Arbeit manchmal hier«
    »Dass Ihr doch das Maul nicht halten könnt und in einem fort Euer
ungewaschenes Zeug schlabbern müsst« brummte Ben  »Mir wars als ob hier
Jemand auf einen Zweig trat  nun Donnerwetter  wo ist denn der Leichnam Ah
hier  ich dachte er läge weiter drüben  Kommt Jones  der Bursche ist
schwer schleppt ihn mit über den Hügel hinüber  Zum Teufel fürchtet Euch
nicht ihn anzufassen  es wird nicht die erste Leiche sein die Ihr mit unter
die Erde bringen helft«
    »Er ist noch ganz warm« sagte Jones während er schaudernd dem Befehl
gehorchte  »am Ende lebt er gar noch«
    »Unsinn« sagte Ben lachend »wer Kellys Messer einmal geschmeckt hat
braucht keine Medizin mehr  Warum soll er denn auch schon kalt sein er ist ja
kaum eine Stunde tot«
    Sie fassten den vermeintlichen Leichnam und trugen ihn an die Grube  Jones
der die Schultern hob rutschte dabei aus und fuhr in die frischaufgeworfene
Erde so dass er den Oberkörper des Iren loslassen musste der allein in sein Grab
hineinglitt
    Jetzt war auch der Augenblick erschienen wo er handeln oder verderben
musste denn noch sah er sich unendeckt Zwar zuckte er zusammen als ihn jener
fallen ließ und griff fast unwillkürlich mit den Armen aus sich zu schützen
doch die Dunkelheit der Nacht verhinderte Ben daran es zu sehen Er fühlte wohl
das Zucken schrieb es jedoch dem Übergewicht des schweren Körpers zu und ließ
jetzt die Beine ebenfalls hinab die Erde wieder einzuwerfen und die Arbeit zu
beenden
    Die erste Scholle fiel auf den entsetzten Iren  Sprang er auf und floh er
so war sein Verderben fast gewiss  die Männer hätten ihn nie fortgelassen und
einmal entdeckt wusste er recht gut dass er kein Erbarmen zu hoffen habe  blieb
er aber liegen so war er in wenigen Minuten lebendig begraben  Nur eine
Möglichkeit auf Rettung sah er noch  Jones Worte erweckten einen neuen
Gedanken in ihm Sobald sie ihn für noch nicht tot hielten begruben sie ihn
auch nicht und in solcher Dunkelheit brauchte er kaum zu fürchten gleich
entdeckt zu werden Auf jeden Fall gewann er dadurch Zeit und das war ihm jetzt
 das sichere Verderben hier vor Augen  Alles
    Der zweite Spaten voll Erde fiel auf ihn nieder und er stöhnte laut
    »Herr Jesus« schrie da Jones erschreckt zurückfahrend  »hab ichs Euch
nicht gesagt Der lebt noch  beinahe hätten wir ihn lebendig verscharrt«
    »Hm« brummte Ben und hielt mit Erdewerfen ein  »wäre auch noch kein so
fürchterlicher Verlust gewesen aber was zum Donnerwetter fangen wir den da «
    Ein ferner Schuss unterbrach hier seine Worte  und er sprang als er den
Knall vernahm rasch empor und horchte hoch auf Ein scharfer Pfiff  das
wohlbekannte Zeichne der Bande  wurde in demselben Augenblick laut und schien
sich mit Blitzeschnelle am ganzen Ufer hin fortzupflanzen
    »Das ist Teufelsbill  bei Gott« rief der Pirat und schwenkte jubelnd den
Hut  »hurrah da gibts frische Beute Jetzt aber  alle Wetter Den Kadaver
hätte ich bald vergessen Jones scharrt ihn einmal wieder aus und seht was Ihr
mit anfangen könnt  ich bingleich wieder da und will nur einmal nach dem Boot
oben springen dass die Burschen ihre Schuldigkeit tun«
    »Aber bester Sir« rief Jones ängstlich  »ich soll doch nicht «
    »Tut beim Teufel was man Euch sagt und rührt Euch nicht hier von der
Stelle« rief Ben drohend »in zwei Minuten bin ich wieder da« und ohne seine
Einrede weiter zu beachten warf er den Spaten hin und sprang im nächsten
Augenblick über den nebenliegenden Stamm hinweg dem Orte zu wo des Iren Boot
angebunden lag
    OToole wusste jetzt aber dass für ihn der einzige vielleicht letzte Moment
zum Handeln gekommen sei und er war nicht der Mann der den hätte unbenutzt
vorübergehen lassen
    »Hilfe« stöhnte er mit halbunterdrückter Stimme leise und kläglich  »Hilfe
 ich  ich ersticke«
    »Ei so wollt ich denn doch« murmelte Jones vor sich hin während er in
die Grube sprang den Iren unter die Arme fasste und mit äußerste Anstrengung
seiner Kräfte emporhob  »dass den verdammten Wassertreter der Teufel hole  lässt
mich hier mit dem  schweren  Burschen  Herr Gott Hat der Mensch ein Gewicht
 ganz allein So Sir könnt Ihr das eine Bein heben  Ich will Euch nur für
jetzt  alle Wetter Ihr seid ja ganz kräftig auf den Füßen  was ist denn d«
    Er hatte alle Ursache erschreckt zu sein denn der vermeintlich schwer
Verwundete den er aus der Grube mit emporheben half richtete sich plötzlich
und anscheinend mit aller Leichtigkeit auf fasste ehe der zum Tode Erschreckte
auch nur einen Hülfeschrei ausstoßen konnte diesen mit der Linken und schlug
ihn im nächsten Augenblick mit der geballten Rechten so urkräftig und boxerrecht
zwischen die Augen dass dem so gewaltig Getroffenen mit Blitzschnelle die
ganze Himmelskarte vor seinem innern Gesicht vorüberflog und er bewusstlos neben
dem Grabe zusammenknickte
    OToole war denn auch nicht lässig die ihm jetzt gebotene Freiheit zu
benutzen rasch übersprang er das ihm nächste Gewirr von Ästen und Strauchwerk
und floh dem Strome zu als Ben eben wieder zu dem Grabe zurückkehrte
    »Jones« rief er hinter dem Davonspringenden her  »Jones  wo zum Teufel
wollt Ihr denn hin Ei so hol doch die Pest den Halunken« brummte er dann
halblaut in den Bart »wenn der glaubt dass ich ihm in solchem Dickicht
nachrenne ist er verdammt irre und fort kann er auch nicht so viel ich weiß
denn vom Schwimmen versteht er nichts und die Boote sind besetzt  wird schon
wiederkommen Aber zum Donnerwetter« wandte er sich dann als er mit dem Fuß an
den regungslosen Körper stieß gegen diesen »wirklich tot und nur noch einmal
zuguterletzt gestöhnt Nun dann komm Tusk dann wollen wir auch keine längeren
Umstände mit Dir machen  Danks überhaupt dem Kapitain der Dir den Strick
erspart hat«  Er stieß bei diesen Worten den Körper in die Grube zurück
tappte dann nach dem Spaten umher und der nächste Augenblick fand ihn eifrig
beschäftigt den nur betäubten Genossen  lebendig zu begraben
 
                                      29
                                        
                    Der blinde Passagier  Der Black Hawk
Lautlos trieb die Schildkröte mit dem Strom hinab  Bob Roy hielt fest im
eisernem Griff das schwankende Steuer und die Männer noch immer um den
Lootsen gedrängt machten es ihm unmöglich auch nur das geringste Zeichen den
nahen Freunden zu geben Wohl eine Stunde konnte so in peinlicher Erwartung
verflossen sein lange schon waren die Ruderschläge des fernen Bootes verhallt
und weiter immer weiter ließ sie den Platz zurück der ihnen bald so
verderblich geworden wäre Aber noch immer wussten sie nicht wo sie sich
eigentlich befänden und ob mit der Vermeidung des einen Feindes die Gefahr auch
wirklich vorüber sei
    Edgewort lud indessen so rasch und geräuschlos als möglich die beiden
Büchsen aber kein Auge verwandte er dabei von dem Mörder seines einzigen
Sohnes der jetzt in grimmem Trotz doch ohne weiteren überdies nutzlosen
Widerstand zu leisten von Seilen umwunden an Deck lag Bob Roy dagegen
beobachtete seinerseits kaum weniger aufmerksam und immer noch misstrauisch das
Steuer an dem unstreitig irgend ein fremdartiger Körper hing Was es aber sei
konnte er unmöglich erkennen und hoffte nur auf das nicht mehr ferne
Tageslicht Bis dahin sollte er jedoch nicht über den Gegenstand seiner
Neugierde und Besorgnis in Ungewissheit gelassen werden noch stand er und suchte
durch irgend eine vielleicht zufällige Bewegung des Anhängsels dessen Natur zu
erkennen als plötzlich sein scharfes Gehör ein leises Stöhnen vernahm Es blieb
ihm jetzt kein Zweifel mehr dass irgend ein Mensch  ob Freund ob Feind musste
noch dahin gestellt bleiben  an dem weit in den Strom hinausragenden Holze
hing
    Wäre das übrigens wirklich ein Feind gewesen so hätte er sicherlich schon
früher das getan was der gefesselte Bill in verzweiflungsvoller Anstrengung
umsonst versucht  ein Zeichen den nahen Kameraden zu geben Wenn aber das
Gegenteil weshalb hing er sich da so heimlicher Weise an ihr Boot und verriet
durch keinen willkürlichen Laut seine Gegenwart Bob um die Ungewissheit die
ihm peinlich wurde los zu werden winkte dem Kapitain Dieser aber hätte er
seine Bewegungen auch wirklich in der dunkeln Nacht erkennen können achtete
nicht auf ihn und die übrigen Leute waren ebenfalls so mit sich selbst
beschäftigt dass er endlich beschloss die Sache auf eigene Hand abzumachen
    »Hallo the boat« sagte er in dem gewöhnlichen Anruf mit halb unterdrückter
Stimme und bog sich so weit er konnte über Bord hinaus dem fremden
Gegenstande zu  Keine Antwort erfolgte und es war augenscheinlich der
»Passagier hintenauf« wünschte incognito weiter zu reisen
    »Hallo the boat« wiederholte Bob Roy und schüttelte das eine Ende der
langen Steuerfinne das er in der Hand hielt ein wenig um wahrscheinlich dem
am andern Ende Befindlichen dadurch anzudeuten dass er gemeint sei Die Worte 
es waren die ersten die nach jenem Kampf an Bord der Schildkröte gesprochen
worden erregten die Aufmerksamkeit der Übrigen und sie wandten Alle die Köpfe
zurück während Edgewort leise die Büchse im Anschlag dem Steuer zuschritt
»Hm« meinte der lange Hosier als seine freundliche Anrede noch immer erfolglos
blieb  »verstockter Geselle das wie es scheint  verdammt schweigsam  liebt
trockene Unterhaltung müssen ihn einmal ein wenig anfeuchten« und indem er dem
Wort die Tat folgen ließ hob er das bis dahin niedergedrückte Steuer welches
er in den Händen hielt empor und tauchte dadurch da es ziemlich auf der Mitte
balancirte das andere Ende an welchem er den geheimnisvollen Besuch
vermutete natürlich unter Wasser Das geschehen zog er die Spitze wieder so
weit wie früher herunter lehnte sich mit der Brust darauf und rief nun noch
einmal als ob in der Zwischenzeit gar nichts Besonderes vorgefallen wäre
    »Hallo the boat«
    Lauteres Schnaufen und Atemholen war die Folge dieses Experiments aber
immer noch kam keine Antwort wonach Bob ohne besondere Umstände die Taufe
wiederholte das Steuer diesmal aber etwas länger unter Wasser hielt als früher
    »So mein Herzchen« sagte er dann als er es zum zweiten Mal an Deck
niederdrückte »wenn Du jetzt nicht redest so lass ich Dich wieder hinab und
stemme dann hier den Stock unter die Finne nachher wirst Du «
    »Nehmt mich  nehmt mich  an  Bord« stöhnte da eine menschliche Stimme
und Edgewort der jetzt wohl einsah dass ihnen von dieser Seite keine Gefahr
drohe ließ den Hahn seiner Büchse nieder und legte sie an Deck
    »Ja  nehmt mich an Bord« brummte Bob Roy leise vor sich hin »das ist
leicht gesagt aber wie  Die Jolle ist nicht da  kannst Du nicht am Ruder
heraufklettern mein Herzchen«
    »Nein  ich kann  nicht« lautete die Antwort und die Sprache schon
bewies wie der Fremde erschöpft und selbst kaum noch im Stande sei sich dort
festzuhalten viel weniger denn mit den nassen schweren Kleidern an der
schlüpfrigen Stange hinaufzuklimmen
    »Wir wollen ihm ein Tau zuwerfen« flüsterte Edgewort
    »Wird auch nicht viel helfen« meinte Bob  »er scheint halb fertig  ich
werde wohl wieder hinaus müssen«
    »Wenn es nun Einer jener Buben wäre«
    »Glaub es kaum« sagte Bob und warf Jacke und Hose an Deck  »aber wenn
auch er ist caput und  auf solche Art möchte ich ihn doch nicht dahinten
umkommen lassen Steht einmal hier bei dem Tau ein paar von Euch aber haltet
fest  ich will hinunter und es ihm um den Leib schlagen nachher kann er sich
mit größter Bequemlichkeit wie ein Katfisch an Deck ziehen lassen« Und damit
kletterte er rasch das eine Ende des Taues in der Hand auf dem Steuerruder
hinauf bis er einen fest an das nasse Holz geklammerten Arm ergreifen konnte
an dem fühlte er sich hin ließ sich rasch neben ihm ins Wasser hinab schlang
das Tau um den Körper des Fremden zog den Knoten fest und rief nun während er
selbst mit der Rechten in die Schlinge griff
    »Holt an Bord«
    Wenige Minuten später lag der also Gerettete an Deck aber es bedurfte
geraumer Zeit ehe er sich nur insoweit erholt hatte einzelne an ihn gerichtete
Fragen verständlich zu beantworten Kälte und Angst hatten ihn fast seiner Sinne
beraubt und er musste in wollene Decken eingeschlagen und tüchtig gerieben und
geknetet werden Sein erstes Wort nach allen diesen Vorbereitungen war ebenfalls
eine Art instinctartigen Gefühls des besten Hülfsmittels  er stöhnte »Whisky«
und die Bootsleute welche selbst die vorzüglichste Meinung von solcher Arznei
hegten waren rasch mit dem Labsal zur Hand Als er sich aber so weit erholt
hatte einen nur etwas umständlichen Bericht über sich geben zu können und
zugleich einsah er befinde sich unter guten ehrlichen Menschen  wobei er
allerdings noch manchmal scheu den Blick nach dem erschossenen Insulaner wie
nach dem gebundenen und wohlbewachten Lootsen warf  entdeckte er dem alten
Edgewort wer er sei und was ihm begegnet wäre
    Es war OToole der als er das Ufer des Mississippi erreicht hatte ohne
Zögern in den Strom sprang und so weit er konnte hinausschwamm um in dem
Nebel jede Verfolgung unmöglich zu machen Da der Mississippi stieg so wusste er
auch dass er sobald er die Strömung erreichte Treibholz genug finden würde
sich darauf auszuruhen Zu diesem Zweck hielt er so weit er das vermochte quer
über bis er plötzlich das Flatboot vor sich sah und an dessen Steuerruder
stieß Wohl erfasste er es augenblicklich aber der Lärm an Bord machte ihn schon
unschlüssig ob er es doch nicht lieber wieder fahren lassen und suchen sollte
irgend einen schwimmenden Stamm zu erreichen Da vernahm er dicht hinter sich
das Rudern des Bootes  er wusste es waren seine Verfolger und in Angst und
Entsetzen klammerte er sich fester an das Holz das ihn jetzt noch hielt und
vielleicht allein retten konnte Eben dieses feste Anklammern machte aber das
freihängende Ruder auch knarren und bewog Bob Roy es festzuhalten Der Ire
fürchtete indessen immer noch in Feindes Hände zu geraten wenn er sich Denen
an Bord zu erkennen gäbe und erst das gewaltsame Eintauchen des Ruders bei dem
er hätte Bob seine Drohung wahr gemacht ersticken musste zwang ihn sich auf
Gnade oder Ungnade zu ergeben  Seine Kräfte waren erschöpft  er konnte nicht
mehr
    Aufmerksam lauschten jetzt die Männer dem Bericht über das was OToole
gesehen und erlebt und Edgewort schauderte zusammen als er der Gefahr dachte
der sie so glücklich und fast wunderbar entgangen Großer Gott  wie
weitverzweigt musste diese Bande sein der er selbst aus dem Norden Indianas
kommend durch einen ihrer Helfershelfer hatte in die Hände gespielt werden
sollen Was aber jetzt tun In der nächsten Stadt die Anzeige machen und die
Bewohner aufrufen den Platz zu zerstören War es wahrscheinlich dass sich
gleich Männer genug zusammenfanden einen solchen sicherlich wohlbefestigten Ort
mit Erfolg anzugreifen Und mussten sie nicht im entgegengesetzten Falle jene
selbst vor der Gefahr warnen dass sie sich ihr durch die Flucht entziehen
konnten Ja war das nicht vielleicht jetzt schon durch all das Vorhergegangene
geschehen und welches Elend konnte über das Land gebracht werden wenn sich
eine solche Verbrecherbande nach allen Richtungen hin zerstreute 
    Rasch trieben sie indessen mit der Strömung hinab  sie mochten vielleicht
seit sie die gefährliche Insel verlassen hatten  zehn bis zwölf englische
Meilen gemacht haben  Da rief der Mann der vorn als Wache auf dem Boot saß
ein Licht an  neben dem sie rechts vorbeitrieben und das wie sie bald fanden
von einem dort gelandeten Dampfboot herrührte Die Ofentüren waren geöffnet
und so nahe strichen sie daran vorüber dass sie deutlich zwei vor den halb
niedergebrannten Kesselfeuern lagernde Neger erkennen konnten
    »Greift zu den Finnen meine Burschen« rief Edgewort »rasch Boys das
Ufer kann hier kaum fünfzig Schritt entfernt sein  Komm Bob lass den Bug
anluven  halt  ruhig noch mit den Larbordfinnen  so nun greift zusammen aus
 ein bisschen mehr hinauf Bob wir kommen sonst zu weit von dem Dampfer ab 
das wirds tun «
    Und mit raschen und kräftigen Ruderschlägen trieben die Leute das schwere
Boot dem Lande zu warfen um den ersten Baum den sie erreichen konnten das
Tau und lagen bald etwa zweihundert Schritt unter dem Dampfer ruhig und
sicher vor Spring und Sterntau OToole aber der sich jetzt wieder vollkommen
erholt und erwärmt hatte sprang mit Edgewort an Land um auf der noch trocken
gelegenen Uferbank hin das Dampfboot zu erreichen und den Kapitain desselben von
den Ereignissen der letzten Nacht in Kenntnis zu setzen
    Das Dampfboot war der Black Hawk  von Fort Jonesboro am Redriver für St
Louis bestimmt und führte die von der indianischen Grenze abgelösten Truppen
nach der MissouriGarnison hinauf Der Nebel hatte es ebenfalls gestern Abend
gezwungen hier beizulegen und es musste sich ohnedies als altes schon
ziemlich mitgenommenes Boot gar sehr in Acht nehmen und schonen um nicht durch
ein zufälliges Aufrennen der größten Gefahr ausgesetzt zu werden
    Kaum vernahm übrigens Kapitain Kolburn  selbst ein alter Soldat und früher
Kapitain der texanischen Insurgenten  das Nähere jener von OToole
beschriebenen Verbrechercolonie als er erklärte unter jeder Bedingung dort
landen und den Platz untersuchen zu wollen Lag ein Irrtum zum Grunde so
konnten es ihm die Ansiedler nur Dank wissen dass er wenigstens den Willen
gezeigt habe ihnen beizustehen und erwies sich die Sache als begründet so war
es vielleicht nur durch augenblickliche und nachdrückliche Maßregeln zu
ermöglichen die Flusspiraten zu überraschen und gefangen zu nehmen
    OToole warf zwar hiergegen ein dass er eben so wenig eine Idee habe wo
jene Bande hause als wo er sich selber gegenwärtig befinde da er im Nebel
förmlich blind umhergefahren sei Edgewort dagegen bezeichnete Kapitain Kolburn
ziemlich genau den Platz wo sie am letzten Abend gelandet waren und da von
dort aus die Strömung gerade auf Nr Einundsechzig zuführte so blieb es denn
auch nicht langem Zweifel unterworfen dass diese bis dahin für öde gehaltene
Insel der Zufluchtsort der Verbrecher sei
    Vor allen Dingen wurden einige Matrosen mit der Jolle nach dem Flatboot
hinunter gesandt um den Steuermann Bill an Bord des »Black Hawk« zu bringen
dieser aber verharrte trotz Versprechungen und Drohungen in hartnäckigem
Schweigen und ließ nur als er die fremden Matrosen um sich sah den Blick von
Einem zum Andern schweifen ob er nicht doch vielleicht ein ihm freundlich
gesinntes Antlitz darunter entdecke Überall aber hafteten die Augen der Männer
mit dunklem Unheil verkündendem Ernst auf seiner gefesselten Gestalt und er
wandte sich endlich mit wildem Unmut in Wort und Miene ab von der feindlichen
von flammenden Kienholzspänen grell beleuchteten Schaar
    Ehe sich der Nebel zerteilte war übrigens ein Vordringen unmöglich denn
erstlich hätten sie stromauf die Insel gar nicht aufs Ungewisse hin gefunden
und dann durften sie sich auch nicht der Gefahr aussetzen auf den Sand zu
laufen da sich sonst die Verbrecher leicht und ungestraft auf Booten gerettet
hätten
    Edgewort wollte nun allerdings auf seinem Fahrzeug bleiben um nicht allein
seine Ladung stromab zu nehmen sondern auch das Mrs Everett gegebene
Versprechen zu halten Das sah er aber bald durch zwei Umstände unmöglich
gemacht erstlich durch den Kapitain Kolburn selbst der seine Gegenwart
unbedingt verlangte um ihn auch für diese eigentlich willkürliche Handlung bei
der nächsten Behörde zu vertreten mehr aber noch durch die feste und bestimmte
Erklärung seiner Leute lieber den letzten Cent ihres Gehalts im Stiche zu
lassen ehe sie nicht das Räubernest mit aufsuchen und die Schlangen zertreten
möchten die die giftgeschwollenen Fänge auch gegen sie erhoben hätten Allein
konnte Edgewort das Boot unmöglich stromab nehmen Der Kapitain beseitigte aber
endlich auch die letzte seiner Bedenklichkeiten dadurch dass er als er erst
erfahren hatte welche Ladung Jener führe erklärte die Waren selber und zwar
für die Garnison am Missouri ankaufen zu wollen Über den Preis verständigte er
sich leicht mit dem alten Mann und da er selbst fast gar keine Fracht an Bord
hatte so ließ er sein Dampfboot langsam den Strom hinab bis neben das Flatboot
schaffen Während nun die Mannschaft beider Fahrzeuge von den Soldaten redlich
dabei unterstützt mit einem Eifer arbeitete als hinge ihre künftige
Glückseligkeit an dem schnellen Überladen der Fracht und als handle es sich
hier nicht darum einem Kampf mit Verzweifelten vielleicht dem Tod entgegen zu
gehen schlossen die beiden Männer in der Kajüte den Handel ab Das der Dame
gegebene Versprechen durfte den alten Mann jetzt auch nicht länger hindern denn
diese erklärte nach den Vorfällen der letzten Nacht viel lieber wieder mit dem
Black Hawk nach Helena zurückkehren und das nächste Dampfboot stromab benutzen
zu wollen als sich noch einmal solcher Gefahr auszusetzen Überdies konnte man
nicht wissen ob die Verbrecher nicht vielleicht auf ihren Booten flüchtig
geworden wären oder noch würden und dann machten sie gewiss den Strom auf die
nächste Zeit unsicher
    Die Zerteilung des Nebels war nun das Einzige was noch abgewartet werden
musste und ein frischer Morgenwind der sich gegen Sonnenaufgang erhob ließ sie
in dieser Hinsicht das Beste hoffen Indessen verträumten sie ihre Zeit nicht
unnütz alle Vorbereitungen wurden getroffen einem gefährlichen Feind zu
begegnen die Waffen in Ordnung gebracht und die Leute gemustert Der Kapitain
wollte anfangs Freiwillige auswählen die erste Landung mit diesen zu wagen sah
sich aber bald gezwungen selbst eine Auswahl zu treffen denn Alle traten vor
und verlangten den ersten Fuß an Land setzen zu dürfen Außer ihren
gewöhnlichen Waffen empfingen die Leute noch um das von OToole beschriebene
Dickicht zu durchdringen Beile Aexte und schwere Messer so viel sich
auftreiben ließ und ihr erster Angriff sollte sich auf den Platz richten von
dem die Männer auf der Insel gesprochen  die untere Spitze wo aller
Wahrscheinlichkeit nach ihre Boote versteckt lagen Gelang es sich dieser zu
bemächtigen so schnitten sie den Piraten die Flucht ab und der Tapferkeit der
Angreifenden blieb es in dem Fall allein überlassen der gerechten Sache den
Sieg zu gewinnen
 
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                        Mrs Breidelford und ihre Gäste
Der Leser muss noch einmal mit mir zu jener Zeit zurückkehren wo Tom Barnwell
so unerwarteter Weise angeklagt und verhaftet von dem Konstabler dem Gefängnis
oder der sogenannten Kounty jail zugeführt wurde während der Squire mit Sander
den Weg nach dessen eigenem Hause einschlug Diese Jail befand sich aber in
derselben Straße mit Mrs Breidelfords Haus und zwar gerade schrägüber von
ihm auf der andern Seite des schon früher erwähnten freien Platzes so dass also
die beiden Männer sobald sie in die links abführende Straße traten den dem
Gefangenen nachdrängenden Menschenhaufen verließen Tom dagegen sah sich bald
darauf in einer kleinen nach dem Platz hinausführenden Zelle einquartirt und
seinem eigenen nichts weniger als angenehmen Nachdenken überlassen
    Unruhig schritt er in dem engen dunkeln Raum auf und ab und suchte sich die
wunderlichen Vorgänge dieses Abends nach Möglichkeit zusammen zu reimen doch
umsonst des Richters Betragen selbst blieb ihm rätselhaft und dass Hawes ein
Schurke sei bezweifelte er jetzt keinen Augenblick mehr War er verhaftet
worden um an der Entdeckung irgend eines Bubenstücks verhindert zu werden Er
blieb  als ihm dieser Gedanke zum ersten Mal das Hirn durchzuckte schnell und
betroffen stehen und sah starr vor sich nieder War das möglich  Nein nein
der wirkliche Konstabler hatte ihn ja verhaftet  der Richter war dabei gewesen
das konnte nicht sein ja der Mann selbst der ihn beschuldigt war ihm fremd
er hatte ihn in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen das wusste er gewiss es
musste also ein Irrtum sein der sich bald aufklären würde Sollte er aber
indessen hier sitzen Edgewort hätte unmöglich so lange auf ihn warten können 
und Marie  Was wurde aus dem armen unglücklichen Wesen
    Wiederum schritt er schnell und heftig auf und ab und suchte in der raschen
Bewegung auch jene wilden tobenden Gefühle zu beschwichtigen die ihm Herz und
Sinn durchglühten Endlich als sein Blut anfing sich ein wenig abzukühlen
trat er an das kleine durch schwere Eisenstäbe wohlverwahrte Fenster und
blickte in die nebligte nur hier und da von einem mattschimmernden Licht
erhellte Straße hinaus
    Der Platz vor der Jail war menschenleer Die die ihm dorthin gefolgt
hatten gesehen wie sich die schwere eichene Tür hinter ihm schloss  eben diese
Tür dann noch eine Weile angestarrt und nun langsam wieder den Weg nach ihren
verschiedenen Wohnungen eingeschlagen Nur ein einzelner Mann kam durch die
Straße herunter und blieb  er hatte sich den Ort deutlich genug gemerkt 
gerade vor demselben Hause stehen vor dessen Tür er jenen jungen Mann
überrascht hatte Sollte das Hawes wieder sein War er zurückgekehrt von seinem
kranken Weibe Und suchte er jetzt noch einmal da wo ihm der Einlass früher
verweigert worden Zutritt zu erhalten Es dunkelte zu sehr  er konnte die
Gestalt nicht mehr erkennen deutlich aber vernahm er das mehrmalige zuletzt
ungeduldige Klopfen und endlich wurde es in dem Hause lebendig An den unteren
Fenstern erschien ein Licht bald darauf öffnete sich die Tür  ein heller
Strahl fiel wenigstens auf den Weg hinaus  und gleich darauf verschwand die
Gestalt Nach und nach erstarb auch das letzte Geräusch die letzten Lichter
die er teils oben teils unten an der Straße beobachtete erloschen Nur in
jenem Hause blieb es hell
    Stunde nach Stunde stand Tom so an dem kleinen Fenster und blickte hinaus in
die feuchte trostlose Nacht Stunde nach Stunde lauschte er dem fernen
monotonen Geräusch der Frösche und dem wunderlichen dann und wann die Stille
unterbrechenden Schrei einzelner über die Stadt hinwegstreichender Nachtvögel
Träumend hingen seine Augen an dem Nebel und er dachte der vergangenen Tage 
der vergangenen Liebe Manche Träne war ihm dabei so recht heiß aus dem Herzen
kommend über die gebräunte Wange geträuft und er gab sich nicht einmal die
Mühe sie wegzuwischen ja er fühlte sie vielleicht nicht einmal
    Allein  ganz allein stand er in der Welt keine Seele hatte er mehr die
ihn liebte kein Herz das an ihm hing starb er jetzt wer war da der sich
viel um ihn gekümmert der seiner vielleicht mit einer Träne gedacht hätte 
Niemand Niemand und als ihn der Gedanke durchbebte barg er tief aufseufzend
das Antlitz in den Händen und starrte in die wilden wirren Bilder hinein die
an seinem inneren Auge vorüberstürmten
    Einmal fuhr er empor  es war ihm fast als ob er über die Straße herüber
einen schwachen Schrei gehört hätte  sein Blick traf auf das noch schimmernde
Licht in dem geheimnisvollen Hause aber Alles war ruhig kein Laut störte die
tiefe Stille und ermüdet warf er sich endlich auf sein hartes Lager nieder um
ein paar Stunden zu schlafen und wenigstens für kurze Zeit alles das zu
vergessen was ihn jetzt mit so schmerzlichem Weh erfüllte
                                       
    Gar lebhaft ging es indessen in dem kaum zweihundert Schritt entfernten und
noch erleuchteten Hause zu wo Mrs Louise Breidelford ihre wie sie oft
äußerte »bescheidene und anspruchslose Wohnung« aufgeschlagen hatte Allerdings
hatte Tom Barnwell ganz recht gesehen oder wenigstens recht vermutet  jene
Gestalt die bald nach seiner Gefangennehmung vor das Haus zurückkehrte war
wirklich die des vermeintlichen Hawes gewesen und lange musste er wieder
klopfen ehe er Einlass erhielt Der junge Verbrecher war aber nicht so leicht
abzuweisen und viel zu schlau als sich durch ein einfaches Ruhigverhalten der
Inwohnenden gleich davon überzeugen zu lassen das Haus sei wirklich für den
Augenblick unbewohnt Er kannte seine Leute besser und vermutete gar nicht mit
Unrecht dass Mrs Breidelford trotz ihrer sonst in der Tat ungewöhnlichen
Schweigsamkeit sicherlich hinter der Tür stehe und jede seiner Bewegungen
belausche Als sein Klopfen deshalb immer noch erfolglos blieb bog er sich zum
Schlüsselloch nieder und flüsterte durch dieses
    »Meine verehrte Mrs Breidelford es tut mir zwar unendlich leid dass Ihnen
meine Gesellschaft nicht übermäßig interessant oder wünschenswert zu sein
scheint ich muss aber nichtsdestoweniger Einlass haben und wenn Sie die Tür
nicht öffnen so klopf ich hier so lange bis die ganze Nachbarschaft
rebellisch wird  dort unten hör ich schon wieder Leute kommen« Und wiederum
begann er mit beiden Fäusten an die Tür zu hämmern Keine halbe Minute hatte er
es diesmal fortgesetzt als er von innen einen schweren Riegel zurückschieben
hörte  gleich darauf noch einen dann war Alles wieder ruhig Er versuchte
jetzt die Tür zu öffnen diese musste aber auf jeden Fall noch verschlossen
sein und ohne sich auf weitere Demonstrationen einzulassen begann er sein
Klopfen aufs Neue
    »Herr Du mein Gott« sagte da die entrüstete Stimme der ehrsamen Mrs
Breidelford während sie jedoch den Schlüssel im Schloss umdrehte und die Tür
ein klein wenig aufmachte  »dass sich unser Herr Jesus erbarme  wer in aller
Welt «
    Sander schnitt ihr hier den Redeschwall kurz ab denn kaum zeigte die Tür
so viel Öffnung dass er einen Fuß dazwischenschieben konnte so legte er sich
rasch mit seinem ganzen Gewicht dagegen und befand sich im nächsten Augenblick
im innern Raum Ohne jedoch hier den Ausruf des Schrecks wie die entfernte
Andeutung unverweilt eintretender Krämpfe weiter zu beachten warf er die Tür
schnell hinter sich zu und verwahrte sie nun seinerseits eben so sorgfältig mit
Schloss und Riegeln wieder wie sie vorher verwahrt gewesen war
    »Aber ich bitte Sie um Gottes willen « rief die bestürzte Frau
    »Ruhe meine süße Lady« bat Sander lächelnd »Ruhe holde Louise  Deine
Unschuld ist unbedroht Deine freundlichen Augen sind nicht gefährdet nur Deine
herzigen Lippen musst Du verschließen
Und wenn Dir dann das Herz zu voll
Im wilden Drange überquillt
Dann wirf Dich Lieb an diese Brust
Und all Dein Sehnen ist gestillt
Dein Sehnen das Dir «
    »Der Henker ist Euer Du« unterbrach ihn jedoch hier Louise Breidelford auf
nicht gerade freundliche Art »was in des Teufels Namen vollführt Ihr für einen
Lärm an einsamer Wittwen Türen als ob Ihr Euch ein Gewerbe daraus gemacht
hättet die Füllungen einzuschlagen Mensch seid Ihr rasend oder wollt Ihr
mich und Euch selber unglücklich machen«
    »Keins von Beidem holde Ariadne« sagte Sander und machte einen Versuch
seinen rechten Arm um ihre Taille zu legen welche Bewegung sie aber auf
geschickte und ärgerliche Weise parirte  »keins von Beidem ich hatte nur
Wichtiges mit Ihnen zu bereden und da meine Zeit etwas beschränkt ist  aber
holdseligste der Krämerinnen Helenas wollen Sie mich denn hier die ganze Nacht
auf der Hausflur stehen lassen Ich bin kalt nass hungrig durstig beraubt
verliebt und in Gefahr  Eigenschaften von denen jede einzelne hinreichend sein
müsste bei einer so liebenswürdigen entzündlichen Frau auch das größte Interesse
für den Eigentümer zu erwecken Zuerst bitte ich also um Beseitigung der ersten
vier nachher wollen wir über die anderen reden Mrs Breidelford mein Name ist
Sander und ich habe schon früher das Vergnügen gehabt «
    »Ei so soll Einem doch der liebe Gott in Gnaden beistehen« rief die Frau im
höchsten Erstaunen aus  »geht dem nicht das gesegnete Mundwerk wie die
YankeeDampfmühle am Whiteriver Was wollt Ihr von mir Sir Was kommt Ihr in
später Nacht in einzelner und allein stehender Frauen Häuser und macht zuerst
einen Lärm vor der Tür dass die ganze Nachbarschaft aufmerksam werden muss Bin
ich hier in Helena um Logis für vagabondirende Landstreicher zu halten soll
ich jeden hergelaufenen Bootsmann bei mir aufnehmen jeden nichtsnutzigen
Galgenstrick der gerechten Strafe entziehen Aber das geschieht mir schon recht
mein Seliger  wenn er jetzt von oben auf mich herabsieht weiß er dass ich die
Wahrheit rede  mein Seliger hat mir das schon immer tausendmal gesagt  und
tausendmal reichen nicht  Louise sagte er  halt was solls da Die Tür ist
verschlossen  was wollt Ihr an der Tür«
    »Nur Einlass holde Louise« sagte lächelnd Sander »wenn nicht hier doch
oben  ich höre solche moralische Bemerkungen des alten seligen Breidelford
ungemein gern aber ich muss ein Glas heißen Grog oder Stew vor mir und einen
weichen behaglichen Sitz unter mir haben  also wenns gefällig wäre «
    »Die Tür da ist verschlossen sag ich« rief Mrs Breidelford jetzt
wirklich ärgerlich »hol Euch doch der Henker Mann was wollt Ihr Weshalb
kommt Ihr her«
    »Nachtquartier will ich teuerste Louise« erwiderte Sander mit
unzerstörbarem Gleichmut  »Nachtquartier ehrbare Wittib und einen guten
warmen Imbiss um dabei mit Dir von einigen Geschäftssachen reden zu können«
    »Das geht nicht  ich beherberge Niemanden« rief Mrs Breidelford schnell 
»kommt morgen am Tage wieder wenn Ihr Geschäfte mit mir abzumachen habt«
    »Mrs Breidelford«
    »Geht zum Teufel mit Eurem Unsinn ich will nichts mehr hören  macht dass
Ihr fortkommt oder ich rufe so wahr ich selig zu werden hoffe den
Konstabler«
    »Mrs Breidelford« sagte Sander mit sanfter schmelzender Stimme  »teure
Mrs Breidelford  wollen Sie einen Unglücklichen von Ihrer Schwelle wollen Sie
mich jetzt in den feuchten Nebel fast in der Gewissheit eines lebensgefährlichen
Schnupfens und Katarrhs harterzig hinausstossen«
    »Geht gutwillig Sir oder ich rufe wahrhaftig den Konstabler« rief die
Frau und schob die beiden Riegel wieder zurück Sander aber der jetzt einsah
dass er den Scherz weit genug getrieben flüsterte ernst und drohend
    »Halt Madame nicht weiter  Gutwillig wollen Sie mich nicht hören meine
Bitten konnten Sie nicht bewegen so mag die Furcht Sie dazu zwingen«
    »Furcht Sir« rief Madame heftig auffahrend
    »Soll ich Ihnen vielleicht einen Namen nennen der wenn nur laut
geflüstert Ihren Hals schon dem Henker überliefern würde« sagte Sander jetzt
mit immer gesteigerter Stimme  »soll ich Ihnen einen Nagel nennen der der
Nagel Ihres Sarges werden könnte  Soll ich Ihnen  doch nein« brach er
plötzlich ruhiger ab »ich will das nicht tun ich bitte Sie nur um ein
Nachtlager und Speis und Trank das Übrige bereden wir drin  ich bin ein
Freund  Sie verstehen was ich damit meine Kann ich hier bleiben«
    Mrs Breidelford sah ihn verstört an  ein leichtes Lächeln spielte um seine
Lippen und seine Augen schienen ihr in nur zu deutlicher Sprache zu sagen ich
weiß mehr als ich Dir jetzt mitteilen will  hüte Dich  Ihr Gewissen schlug
sie  ihr Herz klopfte ängstlich  und sie sagte mit zitternder Stimme die sie
nur noch durch angenommene Verdriesslichkeit zu verdecken suchte
    »Ei zum Henker Sir Ihr gebraucht sonderbare Worte Jemanden um eine
Gefälligkeit zu bitten aber  geht nur hinauf  s ist ein hässlicher Abend
heut und  es ist auch noch Jemand oben den Ihr vielleicht kennt Eigentlich
ist mirs sogar lieb dass ich mit dem  mit dem Herrn nicht ganz allein bleibe
 Nein hier ist die Treppe  ach Du lieber Gott ob denn mein Seliger nicht
Recht hatte wenn er sagte  Louise  es sind seine eigenen Worte «
    »Bitte Madame wen soll ich oben finden wenn ich fragen darf« unterbrach
sie Sander hier »Sie werden begreifen dass ich nicht jede Gesellschaft «
    Louise Breidelford sah sich einen Augenblick um als ob sie selbst hier
fürchte gehört zu werden und flüsterte dann während sie mit dem Lichte rasch
an ihm vorbei und die Stiegen hinaufschritt
    »Henry Kotton  Ihr werdet begreifen dass ich Ursache hatte vorsichtig zu
sein ehe ich Gäste einnahm«
    »Hm« sagte Sander und blieb sinnend das rohe Treppengeländer mit der einen
Hand erfassend noch einen Augenblick unten an der Treppe stehen  »hm 
wunderbar  Henry Kotton jetzt hier und heute Morgen  doch  was tuts
Vielleicht ist es sogar gut dass ich ihn hier treffe« Und mit flüchtigen Sätzen
folgte er der schon vorangeschrittenen Lady die jetzt ein Seitenzimmer öffnete
und dem späten wenig willkommenen Gast hineinleuchtete
    Es war ein kleines düsteres Gemach von innen und nach der Straße zu mit
Gardinen verhangen die Wände nicht tapeziert doch die Spalten der Stämme aus
denen sie bestanden wohlverklebt und das Ganze übertüncht der Fußboden auch
ziemlich rein und sauber gehalten Die Möbel schienen übrigens wenn auch
einfach doch bequem und das im Kamin lodernde Feuer über dem ein
breitbauchiger kupferner Kessel zischte gab dem Ganzen etwas Heimliches und
Gemütliches Dies aber schien besonders dem hier schon früher eingetroffenen
Gaste wohlzutun Er lag die Hände auf der Brust gefaltet in einem großen
Sorgenstuhl dem sonstigen Leibsitz der Eigentümerin behaglich zurückgelehnt
und musste so ganz in die Betrachtung des vor ihm stehenden halbgeleerten Glases
vertieft sein dessen purpurroter funkelnder Inhalt von einer hellbrennenden
Studirlampe beleuchtet wurde dass er den jetzt Eintretenden kaum eines Blickes
würdigte Er tat auch wirklich als ob er hier Herr im Hause und nicht ein
Flüchtling und vogelfreier Verbrecher wäre auf dessen Einlieferung sogar schon
bedeutende Prämien gesetzt worden Übrigens wusste er recht gut dass ihm seine
Wirtin Niemand bringen würde der ihm gefährlich war und es freute ihn sogar
Gesellschaft zu bekommen da er in der alleinigen Gegenwart von Mrs Breidelford
wohl nicht mit Unrecht einen höchst langweiligen Abend befürchtete Madame hatte
nämlich um selbst nicht in die Gefahr zu kommen dass ihr Dienstmädchen ahnen
konnte wer ihr Gast sei dieses heute Nachmittag und noch ehe Kotton ihr Haus
betrat unter irgend einem Vorwande zu ihren Eltern geschickt von wo sie vor
morgen früh auf keinen Fall zurückkehren würde
    Sander schritt auf den Tisch zu an dem der Flüchtling saß und sagte
lachend
    »Nun wie gehts Sir Die Bewegung gut bekommen«
    Kotton sah staunend zu ihm auf und es dauerte wohl eine halbe Minute ehe
er den früheren Kameraden und Gehülfen erkannte dann aber streckte er ihm rasch
und freudig die Hand entgegen und sagte schnell
    »Ach Sander bei Gott  das ist kostbar dass ich Euch hier finde  haben
uns verdammt lange nicht gesehen«
    »Nun so verdammt lange ist das eigentlich nicht« meinte der junge
Verbrecher die dargebotene Hand ergreifend  »es müsste denn sein dass Ihr einen
so ausgedehnten Begriff von zehn oder zwölf Stunden hättet«
    »Von zehn oder zwölf Stunden« frug Kotton verwundert und Sander erzählte
ihm jetzt lachend wie und auf welche Art er einer seiner Verfolger geworden
sei und sehr wahrscheinlich vielleicht auch etwas unfreiwillig das Leben des
mit dem Pferde gestürzten Kook gerettet habe
    »Ei zum Teufel das hätte ich wissen sollen« rief Kotton erstaunt und
schlug mit der Hand auf den Tisch  »die Pest noch einmal wie hätte ich dem
vermaledeiten Hund den Ritt versalzen wollen Doch  s ist vielleicht so eben
so gut es hätte das Kounty nur noch rebellischer gemacht das mir überdies
gerade genug auf den Hacken sitzt«
    Die beiden Männer unterhielten sich jetzt von seiner Flucht und den am
Fourche la fave vorgefallenen Szenen über die Sander wenig Bestimmtes wusste
während Mrs Breidelford geschäftig das Abendbrot auftrug das sie für ihre
Gäste reichlich und schmackhaft bereitet hatte Diese ließ sich denn auch
nicht lange dazu nötigen Kotton obgleich er schon zu Mittag wirklich
fabelhafte Portionen zu sich genommen fing noch einmal an zu essen als ob er
Wochen lang gefastet habe und Sander der ebenfalls seit diesem Morgen
gehungert hatte unterstützte ihn hierin mit einem Eifer der die würdige Wittib
bald für ihre Speisekammer besorgt machte Während des Essens wurde denn auch
nach amerikanischer Sitte fast kein Wort zwischen den Männern gewechselt Jeder
schien zu sehr mit sich selbst beschäftigt um an irgend etwas Anderes zu
denken und erst als die Mahlzeit beendet und die Bowle mit dem dampfenden
Gebräu gefüllt war lösten sich wieder ihre Zungen und Kotton fing nun an  ein
Gegenstand den sie bis dahin Alle vermieden  von der Insel zu reden über die
er von dem Gefährten Auskunft verlangte
    »Hols der Henker« rief er dabei  »ich sehe ein dass ichs am Ende doch
nicht umgehen kann Die Pest über die Schufte aber sie hetzen mich wie einen
Wolf und es ist ordentlich als ob sie mir nur mit Willen den einen
Schlupfwinkel offen gelassen hätten Gut  sie treiben mich zum Äußersten so
mögen sies denn haben  Wer dick aufstreicht darf sich nachher nicht wundern
wenn ihm das Brod zu fett wird  es wäre möglich dass ich der Brut auch noch
einmal zu fett würde Sander ich bin Euer Mann  nehmt mich morgen oder
meinetwegen noch heute Nacht mit auf die Insel hinunter  aber nein heute und
morgen muss ich mich erst einmal ordentlich ausruhen  ich bin halbtodt gehetzt
und abgemattet mag ich mich da unten nicht vorstellen Aber nun sagt mir auch 
wie stehts mit der Insel  wie sind die Bedingungen unter denen man
aufgenommen werden kann und was hat man dafür zu tun Es ist nicht um der
Gewissensbisse willen aber man möchte doch gern eh man in eine solche Falle
geht ein klein wenig vorher wissen was dort von Einem verlangt wird Nun Ihr
schweigt Ihr habt doch nicht etwa Angst dass ich Euch verraten könnte«
    Sander schüttelte mit dem Kopf und sah eine Weile sinnend vor sich nieder 
Sollte er jetzt dem Mann von der Gefahr sagen in der sie schwebten  Dass Alles
auf dem Spiele stand und ihre ganze Sicherheit an einem Haar hing  Nein  Mrs
Breidelford war noch im Zimmer oder ging doch wenigstens ab und zu und erfuhr
sie das so blieb ihm natürlich keine Hoffnung auch nur einen Cent von ihr zu
erhalten 
    »Das hat keine Gefahr Kotton« sagte er endlich »also Ihr wollt mit
hinüber  Kennt Ihr denn schon die Wirksamkeit der Insel«
    »Ih nun Rowson hat mir einmal einen kurzen Überblick gegeben  Es
existiert auch ein gewisses Zeichen nach dem sie Einen aufnehmen«
    »Allerdings  kennt Ihr aber auch den Schwur den Ihr leisten müsst«
    »Ich kann ihn mir wenigstens sehr lebhaft denken« brummte Kotton  »doch 
heraus mit der Sprache  seid nicht so verdammt geheimnisvoll Donnerwetter
Mann bei mir habt Ihr doch weiß Gott nichts zu fürchten denn wenn irgend Einer
in der weiten Welt Ursache hat Schutz zu suchen so bin ich es«
    Mrs Breidelford hatte in diesem Augenblick das Geschirr hinausgetragen und
Sander bog sich rasch zu Kotton hinüber und flüsterte
    »Lasst die Alte nur erst zu Bette sein Ich habe Euch wichtige Nachrichten
mitzuteilen von denen sie aber gerade nichts zu wissen braucht«
    »So Über die Insel«
    »Ruhig  sie kommt wieder  reden wir jetzt lieber von etwas Anderem«
    In diesem Augenblick trat die würdige Dame wieder ein und Sander erzählte
jetzt lachend dem Kameraden wie sie vorhin unten vor ihrer Tür einen ganz
unschuldigen Mann verhaftet hätten von dem sie fürchteten dass er ihnen
gefährlich werden könnte
    »Nun wie ists« sagte da Mrs Breidelford und trat mit zum Tisch  »wie
stehts Schon verabredet Geht Kotton mit hinunter s ist das Beste Mann was
Ihr tun könnt und ich würde noch diese Nacht dazu benutzen« Louise sagte
mein Seliger immer »schneller Entschluss guter Entschluss  nur nicht zaghaft
wenn Du auch eine Frau bist«  »Ein merkwürdiger Mann war Mr Breidelford 
Gentlemen und «
     »Musste ein so unglückliches Ende nehmen« fiel Sander hier mit einem
Seitenblick auf Kotton ein
    »Unglückliches Ende Sir« rief Madame schnell und ihre Blicke flogen von
einem der Männer zum andern  »Unglückliches Ende Oh ich weiß recht gut was
Sie damit meinen Sir  Pfui schämen Sie sich Mr Sander solche
niederträchtigen Gerüchte auch noch in den Mund zu nehmen seine Zunge solchen
nichtswürdigen Verläumdungen zu leihen  Aber ich sehe wohl wie es ist mein
Seliger das liebe gute Herz hatte ganz Recht  Louise sagte er immer «
    »Lassen Sies gut sein meine liebe Mrs Breidelford« sagte Sander rasch
und suchte ihre Hand zu ergreifen die sie ihm jedoch unwillig entriss  »s war
wahrhaftig nicht so bös gemeint Sie müssen auch nicht immer gleich das
Schlimmste darunter verstehen Haben Sie mir nicht selbst einmal versichert dass
Ihr Seliger gesagt hätte  Louise sagte der gute Mann der nun im Grabe liegt 
denk nicht gleich von Jedem das Schlimmste  die Welt ist besser als man sie
macht«
    »Ja Mr Sander das hat er gesagt mehr wie tausendmal hat er das gesagt«
fiel hier die Frau an ihrer schwachen Seite angegriffen schnell beruhigt
wieder ein »und darin hab ich ihm auch gefolgt  Breidelford sagte ich oft 
ich weiß Du hast Recht und wir sind Alle sündige Menschen aber ich kenne
meine Schwäche und wenn ich auch in manchen Stücken selbst schwach und
fehlerhaft sein mag meine Nebenmenschen acht ich und verehr ich und bisse
mir eher die Zunge ab eh ich mir ein böses Wort gegen sie über die Lippen
kommen ließe«
    »Nun sehen Sie wohl beste Madam« fiel hier Kotton mit einem spöttischen
Zucken um die Mundwinkel beruhigend ein  »es ist manches nicht so schlimm wie
es aussieht Aber  um was ich Sie noch bitten wollte  Sie redeten mir da erst
von Zigarren  Denken Sie ich habe seit drei Wochen keine vernünftige Zigarre
geraucht und vergehe fast vor Sehnsucht danach  Nicht wahr Sie tun mir den
Gefallen«
    »Und habe nachher mein bestes Zimmer so verräuchert dass ich mich zu Tode
pusten kann Der Geruch zieht Einem in die Betten dass ihn zehn Pfund Seife
nicht wieder herausbringen« erwiderte Mrs Breidelford
    »Wir rauchen Jeder nur eine einzige« beteuerte Sander  »seien Sie nur
nicht so harterzig  Ach Mrs Breidelford ich habe auch drüben einen Kasten
mit Bändern und Pariser Blumen stehen«
    »Wie die Herren artig und höflich sein können wenn sie von einem armen
Frauenzimmer etwas haben wollen« sagte Mrs Breidelford aber schon bedeutend
milder gestimmt  »also Bänder und Blumen Ach Du lieber Gott was sollte eine
alte Frau wie ich bin mit Bändern und Blumen Übrigens sehen möcht ich sie
doch einmal  es wäre doch möglich «
    »Alte Frau« wiederholte staunend Sander  »alte Frau Mrs Breidelford ei
ich möchte Ihnen nicht gern widersprechen aber so viel weiß ich doch dass Sie
es in manchen Stücken mit den Jüngsten «
    »Oh  Schmeichler«  sagte Madame und schlug naiv lächelnd nach ihm  »aber
ich sehe schon ich werde die Zigarren holen müssen Nein ich danke ich
brauche kein Licht  ich bin gleich wieder oben« und mit raschen Schritten
verließ sie das Zimmer und eilte die Treppe hinab
    »Ihr könnt nicht auf die Insel« flüsterte Sander schnell als sich die Tür
hinter der Frau schloss  »der Mulatte der mit Euch floh ist gefangen und hat
Alles bekannt  Wir sind verraten und müssen sobald als möglich fliehen«
    »Was Die Insel verraten« rief Kotton wirklich erschreckt  »also auch der
letzte Zufluchtsort abgeschnitten  Pest und Tod Das fehlt noch  und was habt
Ihr jetzt im Sinn«
    »Mrs Breidelford muss mir Geld vorstrecken Sie weiß noch nichts von der uns
drohenden Gefahr und braucht es auch jetzt noch nicht zu erfahren«
    »Hat sie Geld«
    »Sie leugnet es zwar immer ich bin aber fest überzeugt dass sie Tausende
liegen hat  sie ist zu schlau als dass sie umsonst Jahre lang die Hehlerin
eines solchen Geschäfts gewesen sein sollte«
    »Und Ihr glaubt dass sie Euch gutwillig Geld gibt« frug Kotton rasch
    »Ruhig  nicht so laut  ich hoffe es wenigstens das bleibt auch meine
einzige Aussicht denn wir Alle müssen jetzt flüchtig werden und verbreitet
sich erst einmal das Gerücht im Lande dass ein solches Nest aufgehoben und die
Mannschaft zerstreut sei dann wäre Der der ohne Geld entkommen wollte rein
verloren Jeder erbärmliche Farmer würde zum Polizeispion und er würde den
Gerichten überliefern was ihm nur irgendwie verdächtig vorkäme«
    »Und wann wollt Ihr fort« frug Kotton
    »Ich ginge gleich« erwiderte Sander mürrisch  »aber noch hoff ich dass
wir bis morgen Abend ungestört bleiben dann haben wir unten unsere
Hauptversammlung und auch Teilung der Beute  Jedenfalls muss ich mich aber auf
das Äußerste vorsehen und dazu soll mir unserer freundlichen Wirtin
Schatzkammer helfen«
    »Wenn aber« sagte Kotton sinnend und sah starr vor sich nieder  »wenn aber
nun  wenn wir aber nun  noch diese Nacht ein sicheres Unterkommen brauchten 
wäre das hier in Helena zu finden«
    Sander sah ihn fragend an und sagte dann endlich mit einem halb spöttischen
Lächeln
    »Das sicherste liegt uns hier schräg gegenüber  ein guter Bekannter von mir
ist dort einquartiert«
    »Unsinn« brummte Kotton  »wisst Ihr keinen Platz  bst  ich glaube die
Frau kommt wieder  wisst Ihr keinen Platz« fuhr er schnell mit noch viel
leiserer Stimme fort »wo man so lange es morgen Tag ist vor Nachforschungen
sicher wäre«
    »Gerade über der Stadt oben  fragt nur nach dem grauen Bären« flüsterte
Sander schnell zurück »ha  ich glaube unsere Mistress horcht«
    Die beiden Männer saßen einige Minuten schweigend neben einander bis die
Tür ohne dass sie vorher einen Schritt gehört hätten aufging und Mrs
Breidelford mit den erbetenen Zigarren eintrat Sander war nun allerdings ganz
Freundlichkeit Er bat die Dame an ihrem Tische mit Platz zu nehmen um doch
auch ein Glas von dem höchst delicaten Stew zu kosten während Kotton ganz in
seine Gedanken vertieft fast bewusstlos näher zum Lichte rückte die Zigarre an
der hellen Flamme zu entzünden Mrs Breidelford dankte aber und schöpfte sich
nur ein kleines Töpfchen voll Stew aus der Bowle trug dieses in die
entfernteste dunkelste Ecke des Zimmers wohin sie sich auch einen anderen
Lehnstuhl zog und schien nun  ihrer sonstigen Gewohnheit sicherlich ganz
entgegengesetzt  gar nicht den mindesten Anteil mehr an dem ferneren Gespräch
der Männer zu nehmen Ja als diese noch ein halbes Stündchen etwa unter sich
geplaudert bewies der vorgebeugte Oberkörper und das unregelmässige oft
lebensgefährlich aussehende Nicken des grossbehaubten Kopfes dass Madame dem
Schlummergott in die Arme gesunken und heut Abend auf jeden Fall für die
Unterhaltung verloren sei
    Dem war keineswegs so  Madame behielt ihre Sinne so gut beisammen wie
irgend einer der beiden Männer aber ihr Verdacht war erregt worden An der Tür
draußen hatte sie gehört wie jene leise zusammen flüsterten  sie horchte eine
ganze Weile konnte jedoch kein Wort davon verstehen und beschloss nun auf jeden
Fall herauszubekommen was es sei das sie so geheim zu halten wünschten Durch
Fragen würde sie nie etwas erfahren haben das wusste sie recht gut List musste
ihr also helfen und ihr eifriges Nicken wie ihr ziemlich gut nachgeahmtes
schweres Atmen täuschte auch die beiden Verbrecher bald so weit dass Kotton
dem jetzt vor allen Dingen daran lag etwas Näheres über die Gefahr die ihnen
drohe zu hören erst eine Weile nach der Schlummernden hinüberhorchte und sich
dann mit leise geflüsterter Rede wieder an den Kameraden wandte
    Sander erzählte ihm jetzt aber ebenfalls noch mit unterdrückter Stimme die
Begebenheiten auf Livelys Farm wobei er jedoch natürlich verschwieg was ihn
selbst dorthin geführt habe und riet ihm dann sich nur an Kelly zu wenden und
Unterstützung von ihm zu verlangen  Er würde sie ihm keinesfalls versagen
    »Aber treff ich den Kapitain auch« frug Kotton ängstlich  »bedenkt Mann
hier kann das Leben an jeder Sekunde hängen Finden sie mich so werden davon
mögt Ihr überzeugt sein wahrhaftig keine Umstände gemacht  mich knüpfen sie an
dem ersten besten Baum auf Hätt ich den Rückhalt der Insel nicht gehabt  nie
würd ich so keck den ganzen Staat fast herausgefordert haben Jetzt ist mir der
mit einem Schlage abgeschnitten und ohne einen Cent in der Tasche weiß ich bei
Gott nicht wie ich entkommen soll Wie wärs denn wenn wir lieber gleich
aufbrächen und nach dem grauen Bären hinaufgingen Die Straßen sind ruhig und
mir brauchen nicht zu fürchten dass uns Jemand sieht«
    »Noch nicht« sagte Sander  »erst muss ich mit der Frau da reden«
    »Und glaubt Ihr dass sie Euch gutwillig Geld auszahlen werde« frug Kotton
lauernd
    »Ja« sagte der junge Verbrecher  »ich kenne einen Zauberspruch der sie
wahrscheinlich überreden wird«
    »Hm  vielleicht derselbe der mir hier Einlass verschafft hat  aber sie muss
sich fügen  Die Pest über sie  sie hat das Geld und wir « sein Blick flog
durch die linke Hand gegen den blendenden Schein des Lichts gedeckt nach der
Gestalt der Frau hinüber aber mit einem lauten Ausruf der Überraschung sprang
er empor und rief als er die großen grauen Augen der schlafend Geglaubten fest
und entsetzt auf sich gerichtet sah  »verdammt sie schläft nicht«
    »Nun Sir« frug die Witwe die trotz der fürchterlichen Angst die ihr für
den Augenblick den Atem zu benehmen drohte dennoch ihre Geistesgegenwart
behielt  »das ist dann wahrhaftig nicht Eure Schuld Wenn Ihr so verwünscht
langweilige Geschichten erzählt könnt Ihr kaum verlangen dass man die Augen
offen behält  Jesus die Lampe geht ja beinahe aus  wie spät ists denn«
    Die Blicke der beiden Männer begegneten sich was sollten sie tun  Wie
sollten sie sich benehmen
    »Zehn Uhr muss es vorbei sein« sagte Sander endlich  »ich habe die Stöcke
der Wachen schon unten an der Straßenecke gehört«
    »Dann will ich noch ein wenig Öl für die Lampe holen« sagte Mrs
Breidelford während sie aufstand und sich nach der Tür wandte  »nachher zeig
ich Euch Euer Bett  Ihr müsst Beide vor Tagesanbruch unterwegs sein und wollt
doch vorher ein wenig schlafen«
    Sie erfasste die Klinke und wollte eben die Tür öffnen aber das Herz drohte
ihr dabei vor Furcht und Entsetzen die Brust zu zersprengen Der Blick des
Mörders dem sie begegnet hatte ihr das Schrecklichste verraten  ihr Leben
stand auf dem Spiel  Nur noch zwei Schritt und sie konnte die Tür von außen
verriegeln und das Freie erreichen  nur noch eine Sekunde und sie war gerettet
 ihr Fuß betrat die Schwelle und Sander der an einen Gewaltstreich kaum
gedacht sah ihr unschlüssig nach Da sprang Kotton der ihre Absicht ahnte und
jetzt wusste es galt das Äußerste rasch auf sie zu und fasste als sie gerade
die Tür hinter sich zuziehen wollte ihren Arm
    »Mörder« schrie die Frau in Todesangst und der Ruf hallte gellend und
schauerlich in dem leeren Hause wieder  »Mör «
    Es war ihr letztes Wort gewesen  Kottons Faust voll riesiger Kraft
geführt schmetterte sie mit einem einzigen Schlag bewusstlos zu Boden und
Sander sprang in wildem Entsetzen empor Kein Laut unterbrach Minuten lang die
Stille und der ausgestreckte Körper der unglücklichen Frau lag auf der Schwelle
ihres eigenen Zimmers
    »Kotton« flüsterte Sander endlich und sah sich erschreckt um »was habt Ihr
getan  ist sie tot«
    »Ich weiß nicht« brummte der Mörder und wandte sich scheu von der zu Boden
Geschlagenen ab  »macht jetzt schnell dass wir finden was wir brauchen  wo
hat sie denn wohl ihr Geld aufbewahrt Donnerwetter Mann steht nicht da als
ob Ihr mit Tran begossen wäret jetzt ist keine Zeit mehr zum Gaffen s ist
geschehen und an uns liegts nun den Zufall so gut als möglich zu benutzen«
    »Wie soll ich wissen wo sie ihr Geld hat« sagte Sander  »doch wohl dort
wo sie schläft «
    »Dann kommt« entgegnete Kotton  »der Platz muss gleich hier nebenan sein 
ich sah die Tür offen stehen als ich eintrat  Nun  Fürchtet Ihr Euch etwa
über den Kadaver zu treten Ihr habt wohl noch keine Leiche gesehen«
    Kotton hatte die Lampe ergriffen und war über den Körper weggestiegen 
Sander folgte ihm doch die Schlafkammertür fanden sie verschlossen und der
Mörder drehte sich noch einmal gegen sein Opfer um
    »Ach beste Mrs Breidelford« sagte er höhnisch und sein Gesicht verzog ein
in diesem Augenblick wirklich teuflisches Lächeln »dürft ich Sie wohl einmal
um Ihre Schlüssel ersuchen«
    Er bog sich rasch zu dem Körper nieder und hakte das Schlüsselbund auf
Sander hatte ihm die Lampe aus der Hand genommen und Beide betraten nun das
Schlafzimmer der Wittwe Vergebens durchstöberten sie aber hier alle Winkel und
Kasten vergebens wühlten sie selbst das Bett auf und suchten jede einzelne
Schieblade aus Es war Alles umsonst keinen Cent an Geld fanden sie nur
einzelne Schmucksachen die sie zu sich steckten die ihnen aber doch für den
Augenblick das nicht waren was sie bedurften Wer kannte in dieser Wildnis den
Wert solcher Sachen und musste nicht allein schon der Besitz derselben den
Verdacht noch mehr auf sie lenken 
    »Schöne Geschichte das« knirschte Sander endlich als er eine Masse
wertlosen Plunders mit wildem Fluch neben sich auf die Erde schleuderte  »das
kommt von Eurem verdammten gleich mit Fäusten Dreinschlagen Hättet Ihr mich
gewähren lassen «
    »So war Madame jetzt auf der Straße und schrie Zeter und Mord« erwiderte
Kotton unwillig »Sie hatte gemerkt was wir wollten und wäre auf jeden Fall
geflohen«
    »Und jetzt«
    »Verrät sie wenigstens nicht mehr wen sie beherbergt« brummte der Mörder
»Doch ich dächte wir beeilten uns ein wenig  wo nur die alte Hexe ihre
Schätze stecken hat  Hols der Teufel mir wirds unheimlich hier und je eher
wir den Mississippi zwischen uns und «
    Ein lautes donnerndes Pochen an die Tür machte dass er entsetzt emporfuhr
und fast krampfhaft den Arm seines Kameraden fasste
    »Pest« zischte er dabei und sah sich wild nach allen Seiten um  »wir sind
verloren Können wir nicht hinten hinaus entfliehen«
    »Ich weiß nicht« flüsterte Sander  »der Teufel traue aber der Platz hier
ist mir völlig unbekannt und sprängen wir in einen fremden Hof und würden von
Hunden angefallen und gestellt so wär es um uns geschehen«
    »Hallo da drinnen« rief jetzt eine raue Stimme von außen und der schwere
Hickorystock schlug gegen die Tür an  »Mrs Breidelford was gibts da Sind
Sie noch munter«
    Kotton stand wie vom Schlage gerührt Sander aber dem die Nähe der Gefahr
auch wieder seinen ganzen kecken Übermut gab riss schnell eine der vielen im
Zimmer umhergestreuten Hauben der Ermordeten vom Boden auf zog sie sich über
den Kopf und schritt nun rasch damit zum Fenster
    »Was wollt Ihr tun« frug Kotton erschreckt
    Sander gab ihm gar keine Antwort schob die Gardinen von innen zurück
öffnete das Fenster ein wenig so dass sein Kopf von unten herauf nur etwas
sichtbar blieb und frug die kreischende Stimme der Mrs Breidelford auf das
Treffendste nachahmend anscheinend ärgerlich und rasch
    »Nun was gibts da wieder Hat man denn in diesem unseligen Neste nicht
einmal des Nachts Ruhe dass sich eine arme alleinstehende Frau «
    »Hallo  nichts für ungut« rief da eine raue Stimme von unten die wie
Sander augenblicklich hörte von einem der in den Straßen postirten Wachmänner
oder sogenannten Watchmen herrührte  »mir wars als ob ich hier im Hause einen
Schrei gehört hätte und da ich durch die Fensterspalten noch Licht sah «
    »Schrei  Fensterspalten« rief unwillig die vermeintliche Mrs Breidelford
und zog sich vom Fenster zurück  »wer weiß wo Ihr die Ohren gehabt habt Geht
zum Teufel und lasst arme alleinstehende Frauen « das Andere wurde dem
Nachtwächter draußen durch das Zuschlagen des Fensters unverständlich
    »Nu nu« sagte der Mann lachend als er hörte mit welcher Heftigkeit sich
Madame zurückzog  »wieder einmal nicht richtig im Oberstübchen  der Stew muss
heut Abend absonderlich gut geschmeckt haben  hahahaha das hat mein Seliger
tausend und tausendmal gesagt  Louise sagte er immer ich weiß Du
verabscheust geistige Getränke und mit Recht  sie passen auch nicht für das
zarte Geschlecht aber Du musst das auch nicht übertreiben  sagte er ach ich
sehe ihn noch vor mir das liebe gute Herz das jetzt kalt in seinem Grabe
liegt  es gibt Zeiten wo ein Tröpfchen Rum mit Mäßigkeit genossen Arznei
werden kann und Du bist eine zu verständige Frau Louise  das waren seine
eigenen Worte Ladies  als dass Du nicht wissen solltest wann Dir ein Tröpfchen
nützen und wann es schaden könnte  hahahaha«
    Und der Mann ging halblaut dabei die im ganzen Städtchen bekannten
Redensarten der würdigen Dame citirend während er mit dem rechten Arme dazu
gesticulirte langsam die Straße hinunter Erst an der Ecke stieß er den
schweren Stock den er bis dahin im linken Arm getragen auf die Steine nieder
ein Zeichen das von anderen Teilen der Stadt beantwortet wurde und
hauptsächlich dazu diente die Wachen gegenseitig zu überzeugen ihre Kameraden
seien munter und sie könnten im Notfall auf deren Schutz rechnen
    Die Schritte des Wächters waren lange verhallt und noch immer standen die
beiden Verbrecher lautund regungslos neben einander Sander aber der sobald
er den Laden geschlossen die Mütze gleich abgeworfen hatte brach zuerst das
Schweigen und flüsterte
    »Wir sind gerettet  den Wachen wird es jetzt nicht wieder einfallen
nachzufragen und die ganze Nacht bleibt uns das versteckte Geld zu suchen
vergraben kann es doch unmöglich sein«
    »Wär es nicht besser wir flöhen jetzt wo es noch Zeit ist« sagte
ängstlich der Mörder  »mir graut es hier in dem Hause«
    »Ist Euch das Herz in die Schuhe gefallen weil Ihr da unten den Zauberstab
habt klopfen hören« lachte höhnisch Sander der in der plötzlichen Angst des
Gefährten und durch die gelungene List neuen Mut gewann  »nein nun wollen wir
auch sehen ob unsere blutige Saat nicht goldene Früchte tragen wird Geld
befindet sich hier im Hause davon bin ich überzeugt nur den Platz brauchen wir
zu finden«
    Und rasch nahm er die vorhin auf den Tisch gestellte Lampe wieder auf und
begann von Kotton dabei eifrig unterstützt seine Nachforschungen aufs Neue
Es blieb aber Alles vergebens sie öffneten zwar mit den Schlüsseln alle Türen
und Kästen und durchstöberten jeden Winkel aber keine Spur von Geld konnten sie
entdecken  Waren und Güter genug nur nicht das was in diesem Augenblick für
sie zehnfachen Wert gehabt hätte  Silber oder Banknoten
    Der dämmernde Tag mahnte sie erst ihre nutzlosen Bemühungen einzustellen
und auf die eigene Rettung zu denken  traf man sie in diesem Hause so konnte
selbst Dayton sie nicht retten Sie verschlossen also rasch wieder die Türen
um nicht gleich beim ersten Betreten des Hauses augenblicklichen Verdacht zu
erregen trugen dann den Leichnam der Unglücklichen auf ihr Bett  lauschten
vorher sorgfältig aus dem jetzt dunkeln Zimmer auf die Straße hinaus ob auch
keiner der Wächter in der Nähe sei und sie aus dem Hause der Wittwe kommen sähe
schlichen dann schnell die Treppe hinunter ins Freie und eilten nun als sie
erst einmal die Stadt hinter sich hatten schnellen Schrittes der Schenke zu in
welcher sie den Kapitain zu sprechen und Hilfe und Schutz zu erwarten hofften
 
                                      31
                                        
                            Kook kommt nach Helena
Der Tag dämmerte  die Dunkelheit der Nacht wich unbestimmten grauen Schatten
die Grabesschleiern gleich das ganze düstere noch immer von dichtem
schwadigen Nebel erfüllte Land wie den leise gurgelnden Strom überhingen Die
Massen aber die bis dahin mit der Nacht verschmolzen gewesen schienen sich
jetzt erst wieder zu einem festeren compacteren Ganzen auszuscheiden Es sah
fast so aus als ob sie den Feind ahnten der sich im Osten gegen sie rüste
denn immer drängten sie ineinander und bildeten bald einen förmlichen Schutz und
Wall gegen den gefürchteten Gegner Wolke türmte sich über Wolke und links und
rechts klammerte sich der wilde Nebelkreis mit den milchweissen Armen kräftig ein
in Busch und Baum des waldigen Ufers links und rechts stemmte er sich gegen die
Landspitze ja gegen jeden in den Strom hinausragenden Baum als ob er selbst
durch die kleinste Hilfe und Stütze auch neue Kraft und Festigkeit gewinnen
könnte So matt und entkräftet aber auch gestern die Sonne als sie der
Übermacht weichen musste in ihr stilles Lager gestiegen war so kampfesmutig
und frisch erstand sie heute Morgen wieder und schon der kühle Luftzug den sie
voraussandte trieb die Plänkler des Feindes zu Paaren und warf sie auf die
Hauptmacht zurück Das waren aber auch eben nur Plänkler kleine naseweise
Wölkchen die in tollem Mutwillen hoch oben in freier Luft spielten und die
ersten sein wollten die dem Vater Nebel das Nahen des Feindes verkündeten
Schon sein Anblick jagte sie wie Spreu vor sich her und hoch errötend von
seinem rosigen Licht übergossen flüchteten sie schnell in die Arme des Vaters
der sie sich rasch in den Busen schob und nun dem anrückenden Kämpfer die Stirn
bot
    Von Westen aus hatte gestern der Sonnengott umsonst gesucht mit seinen
Pfeilen den Schuppenpanzer des Alten zu durchbohren heute griff er die Sache
vom andern Ende an Der scharfe Nord lieh ihm dazu die Hülfstruppen 
pausbäckige Gesellen die sich rücksichtslos auf den Feind warfen rohes Volk
freilich aber zu solchem Kampfe ganz geeignet Die griffen denn auch ohne
Zögern von allen Seiten zugleich an und als sich der Kern der Bestürmten mehr
und mehr in sich selbst zusammenzog da demaskirte plötzlich Gott Phöbus seine
gewaltigen Batterien  Hellleuchtende Strahlen schoss er mitten hinein in die
scheu Zurückweichenden  wie glühende Keile trieb er die Licht und Sonnenboten
selbst in das Herz der nach allen Himmelsgegenden hin geformten Karrés von oben
herab kamen seine Streiche das Haupt trafen sie trotz Schild und Wehr und
zurückgeworfen von der fürchterlichen unwiderstehlichen Gewalt wichen die
Massen und gerieten in Schwanken
    Das aber hatten die leichten Bataillone der derben Nordwinde kaum bemerkt
als sie sich mit erneuter Kraft auf den einmal in Unordnung gebrachten Feind
stürzten Hier und da sonderten sie einzelne schwache Schwärme von dem
Hauptcorps ab und trieben sie rasch hinaus in alle Weite  mehr und mehr drangen
sie nach dem Zentrum vor wo noch der trotzige Alte in voller Stärke die weiße
wehende Fahne schwang immer näher rückten sie dem Panier immer näher und
näher und jetzt  jetzt hatten sie es erreicht jetzt trieben sie die um dieses
geschaarten Kerntruppen erst langsam und schwerfällig dann immer rascher vor
sich hin und nun  einmal zum Weichen gebracht zeigte das ganze Gefilde bald
nichts als flüchtige Massen die sich links und rechts in wilder unordentlicher
Eile durch die wehenden Wipfel des Urwalds jagten Hinterdrein aber dass die
alten Bäume gar bedenklich dazu mit den wehenden Zweigen schüttelten die jungen
schlanken Weiden aber den Flüchtigen sehnend die Arme nachbreiteten stürmten
die kecken Nordbrisen immer toller immer mutwilliger und drangen durch den
rauschenden Hain und sprangen über die leichtgekräuselte Flut Droben am Himmel
indes in all ihrer siegreichen Herrlichkeit stieg die glühende funkelnde
Sonnenscheibe empor zu stolz den Feind zu verfolgen den sie geschlagen zu
rein aber auch um sich ihr helles Himmelslicht durch seinen giftigen Hauch
verhüllen zu lassen
    Adele stand in Hedwigs Zimmer an dem Eckfenster und blickte sinnend nach
dem aufsteigenden Tagesgestirn hinüber dessen Strahlen eben die Nebel teilten
und ihr holdes Antlitz mit zartem rosigen Hauch übergossen
    »Sieh Hedwig« sagte sie jetzt plötzlich und wandte sich nach der Freundin
um  »sieh nur wie die Sonne jetzt auch den letzten Zwang abzuwerfen scheint
und frei und rein aus den hässlichen Schatten heraustritt man sieht fast wie
sie hoch aufatmet und ordentlich froh ist all den Zwang und Dunst überwunden
zu haben  Ach ist mirs doch gerade so wenn ich aus der Stadt komme und den
Fuß in den freien herrlichen Wald mit seinen Blüten und Blumen setze«
    Mrs Dayton war neben sie getreten und schlug das große treue Auge zu dem
reinen von keinem Wölkchen getrübten Firmament empor Zwei klare Tränen hingen
aber an ihren Wimpern und sie wandte sich ab sie zu verbergen
    »Hedwig« sagte Adele leise und ergriff die Hand der Freundin  »was fehlt
Dir Du bist seit gestern Abend so ernst geworden  hat Dich Mariens Zustand «
«
    Mrs Dayton schüttelte leicht mit dem Kopf und sagte seufzend
    »Weiß ichs denn selbst was mich drückt Seit gestern ja seit wir von
Livelys zurückritten ist mir das Herz so beklemmt dass ich in einem fort weinen
möchte und doch nicht sagen kann warum«
    »Jener Vorfall dort hat Dich so angegriffen« beruhigte sie die Freundin
»liegt mirs doch selber seit der Zeit ordentlich in den Gliedern Es war recht
hässlich dass wir auch gerade draußen sein mussten«
    »Ach nein  das ist es nicht allein« erwiderte Mrs Dayton unruhig  »auch
hier  das ganze Verhältnis in Helena wird mir von Tag zu Tag drückender Dayton
lebt jetzt mehr außer dem Hause als bei uns und ist seit kurzer Zeit total
verändert«
    »Ja das sei Gott geklagt« beteuerte Adele »sonst war er froh und heiter
oft sogar selbst ausgelassen lustig  weißt Du noch wie Du über mich lachtest
als ich mich deshalb vor ihm gefürchtet hatte  und jetzt ist er ernst wie ein
Metodist spricht wenig raucht viel und fährt vom Stuhl auf wenn nur irgend
Jemand unten vorbeigeht«
    »Er hat davon gesprochen dass wir Helena verlassen wollen« sagte Mrs
Dayton  »wollte Gott das könnte heute geschehen  Helena wird mir mit jedem
Tag verhasster je mehr die Einwohner wilder und roher zu werden scheinen«
    »Das sind die Einwohner nicht« entgegnete Adele »die verhalten sich
ziemlich ruhig nur die vielen fremden Bootsleute welche hier fortwährend
kommen und gehen werden die Ursache des ewigen Haders und Unfriedens ach ich
wollte ja auch froh sein wenn ich Helena verlassen könnte Ist denn Mr Dayton
die Nacht noch nach Hause gekommen Ich hörte die Tür öffnen«
    »Ja er kehrte etwas nach zwei Uhr und todtmatt zurück  das ewige Reiten
und noch dazu in Nacht und Nebel und in der feuchten Sumpfluft muss ihn ja
endlich aufreiben  Aber es wird bald Zeit dass ich ihn wecken lasse er wollte
um acht Uhr aufstehen«
    »Wer war denn der fremde Neger dem ich heute Morgen hier unten im Hause
begegnete« frug jetzt Adele  »er schaute ganz entsetzlich wild und verstört
drein  ich erschrak ordentlich als er mich ansah«
    »Den hat Dayton wie er mir nur flüchtig sagte gestern von durchziehenden
Auswanderern billig gekauft  er ist wohl unterwegs krank geworden Morgen oder
übermorgen will er ihn auf eine Plantage nach Mississippi hinüberschicken Aber
wie geht es denn Marie«
    »Hoffentlich besser  ich sah heute Morgen einen Augenblick in ihre Kammer
hinein und sie schlief sanft und süß Nancy soll mich rufen wenn sie erwacht
Vorher werde ich auch noch auf einen Augenblick nach Mrs Smart hinübergehen
müssen sie hat mich darum gebeten ihr Nachricht von dem Befinden der Kranken
zu geben«
    »Dann leg Dich aber auch nachher selbst ein wenig nieder« sagte Mrs
Dayton »Ruhe wird Dir gut tun Du hast ja fast die ganze Nacht kein Auge
geschlossen«
    »Ich bin nicht ermüdet« entgegnete Adele wehmütig  »ach wie gern wollte
ich Nacht für Nacht an der Unglücklichen Bett sitzen wenn ich nur dadurch ihren
Zustand um das Mindeste lindern könnte Wo aber Mr Hawes sein mag Wie Mrs
Lively Cäsar draußen gesagt hat ist er schon gestern Nachmittag hierherzu
aufgebrochen Es ist doch kaum wahrscheinlich dass er gleich übergefahren wäre
ohne noch einmal hier erst vorzusprechen«
    »Sollte er vielleicht von dem Zustand seiner Frau Kunde erlangt haben und
ihren Aufenthalt nicht kennend nach Hause gesprengt sein  Aber wahrhaftig 
da kommt er die Straße herab und zwar im vollen Karrière gerade auf unser Haus
zu  Der arme  arme Mann«
    »Das ist Mr Hawes nicht« rief Adele die sich rasch nach ihm umwandte und
den Blick hinabwarf »das ist der Mann dessen Kleider er gestern trug  Mr
Kook  was mag der wollen«
    Der Reiter zügelte in diesem Moment und zwar dicht vor ihrem eigenen Hause
sein schnaubendes Pferd scharf ein sprang aus dem Sattel und gab sich nicht
einmal die Mühe das schäumende Tier anzuhängen Ruhig ließ er ihm den Zügel
auf dem Sattelknopf liegen und trat rasch in die Tür während sein Pony erst
den schlanken schöngeformten Hals schüttelte und den Kopf auf und niederhob
dass der weiße Schaum rings um es her flog und dann mit dem rechten Vorderhuf
den Grund vor sich zerscharrte und stampfte als ob es nur ungeduldig hier des
Herrn warte und die Hetze so schnell als möglich fortzusetzen wünsche
    Im nächsten Augenblick wurde Kooks rascher Schritt auf der Treppe gehört
und seine Stimme frug nach Squire Dayton Mrs Dayton übernahm aber hierauf die
Antwort sie öffnete die Tür und bat den jungen Farmer einzutreten Dieser
leistete allerdings der Einladung augenblicklich Folge entschuldigte sich aber
auch zugleich mit der dringenden Notwendigkeit der Sache dass er so ungebeten
und in so wildem Aufzug vor ihnen erschiene
    »Ich muss den Squire sprechen Ladies und möchte Sie bitten mich sobald als
möglich zu ihm zu führen  Es betrifft Sachen von dringendster Wichtigkeit«
sagte er heftig
    »Ich will ihn gleich rufen Sir« erwiderte Mrs Dayton »er schläft noch
müde und matt von gestriger vielleicht zu großer Anstrengung «
    »Dann tut es mir leid ihn gleich wieder so in Anspruch nehmen zu müssen«
sagte Kook »aber die Sache wegen der ich hier bin betrifft Leben und
Eigentum von vielleicht Tausenden und wird wie ich fast fürchte unserer
ganzen Energie unseres stärksten Zusammenwirkens bedürfen ihr mit Erfolg zu
begegnen Doch Mr Hawes hat dem Squire wahrscheinlich gestern schon einen
ungefähren Überblick über das was wir entdeckten gegeben«
    »Mr Hawes« riefen beide Frauen erstaunt und zu gleicher Zeit aus und Mrs
Dayton die schon die Türklinke in der Hand hatte blieb stehen
    »Mr Hawes war nicht hier  wir haben ihn jede Stunde ja jeden Augenblick
erwartet« versicherte Adele  »der Neger brachte den Brief an ihn wieder
zurück«
    »Ja  allerdings aber  wie ist mir denn« sagte Kook verwundert »er kann
sich doch wahrlich auf der ebenen breit ausgehauenen Straße nicht verirrt
haben und sprengte doch gestern Nachmittag nicht allein nach Helena um selber
Squire Dayton aufzusuchen sondern sogar mit in unserm Auftrag um ihm vorläufig
eine Meldung zu machen damit er die nötigen Schritte tun könne«
    »Er war nicht hier«
    Kook blickte sinnend vor sich nieder und stampfte endlich ziemlich in
Gedanken ungeduldig und fest den schweren Hacken so stark auf den Teppich dass
die Gläser auf dem Tische aneinander stießen Er schrak zusammen und errötete
andere Gedanken verdrängten aber bald diese Kleinigkeit  Er strich sich wie
im Nachdenken über etwas das er nicht recht begreifen könne langsam mit der
Linken über die Stirn und flüsterte dann noch einmal aber mehr mit sich selber
redend wie als Frage
    »Also Mr Hawes war nicht hier«
    »Nein mit keinem Schritt«
    »Ach bitte Mrs Dayton  rufen Sie den Squire« sagte der junge Farmer
jetzt plötzlich  »ich muss ihn wahrhaftig sprechen denn ich fürchte fast «
    »Was fürchten Sie« rief die Frau besorgt  »ist denn etwas so
Erschreckliches vorgefallen  betrifft es meinen Mann selber«
    »Nein nein« beruhigte sie Kook »ganz und gar nicht ich verlange auch
nicht Mister Dayton sondern den Squire in ihm zu sehen  Ich habe überhaupt
noch gar nicht einmal das Vergnügen ihn persönlich zu kennen«
    »So will ich ihn rufen bitte bleiben Sie einen Augenblick hier bei Adelen
ich bin gleich wieder zurück«
    Sie verließ rasch das Zimmer und Kook die junge Dame fast gar nicht
beachtend ging rasch und mit untergeschlagenen Armen auf und ab in dem kleinen
Raume
    »Sie finden Mrs Hawes Betragen sonderbar« sagte Adele endlich »Sie
scheinen sogar unruhig darüber«
    Kook blieb vor ihr stehen und sah ihr einige Sekunden noch ganz in seine
Gedanken vertieft ins Auge
    »Ja Miss« sagte er dann und nickte leise mit dem Kopfe  »ja rätselhaft
und  verdächtig verdächtig von vornherein Doch das sind Sachen wegen deren
ich lieber mit dem Squire sprechen will und ich hoffe wir werden schon Alles
zu gutem Ende führen«
    »Wie befindet sich denn der Verwundete« frug jetzt Adele  »Haben Mr
Hawes Mittel ihm genützt«
    »Mr Hawes Mittel Hawes ist doch kein Doctor«
    »Allerdings  wenigstens sagte er uns dass er deswegen zurückbleiben müsse«
    »Hm  also nur deshalb  doch es mag sein  Ja der Verwundete befindet
sich besser  seine kräftige Natur lässt ihn vielleicht sich wieder erholen Also
Mr Hawes wollte ihn curiren  Und gerade er war es doch der ihn ohne der
Übrigen Dazwischenkunft getötet hätte  Ich will verdammt  ah  bitte um
Verzeihung Miss aber  ha ich glaube der Richter kommt  ich höre Schritte«
    Squire Dayton war es wirklich der seine Kleider als ihn Mrs Dayton von
dem Besuch benachrichtigte rasch übergeworfen hatte und eben jetzt ins Zimmer
trat Er ging auf den jungen Farmer zu und sagte ihm die Hand
entgegenstreckend
    »Herzlich willkommen Sir in Helena und in meinem Hause  Das müssen
wichtige Dinge sein denen ich Ihren angenehmen Besuch so früh zu verdanken
habe«
    Er sah blass und angegriffen aus die Haare hingen ihm noch wirr um die
marmorbleiche Stirn und die Augen lagen tief in ihren dunkeln Höhlen Es war
fast als ob Krankheit ihren Schreckensarm nach der sonst so kräftigen Gestalt
des starken Mannes ausgestreckt und seine Sehnen erschlafft habe
    »Squire Dayton« erwiderte Kook und hielt dabei den Blick fest und erstaunt
auf den Richter geheftet als ob er hier Jemandem gegenüberstehe den er schon
früher einmal gesehen habe und sich nun gar nicht erinnern könne wo und wann
das gewesen »Squire Dayton  ich weiß nicht  alle Wetter ich muss  ich muss
Sie doch schon irgendwo einmal  ha  Mr Wharton  am Fourche la fave  Waren
Sie nicht vor vierzehn Tagen etwa bei dem Regulatorengericht am Fourche la
fave«
    »Ich Nein in der Tat nicht« lächelte der Squire und sah dem jungen Mann
unbefangen ins Auge  »Ein Regulatorengericht würde zu meiner Stellung als
Friedensrichter auch gerade nicht besonders passen Wie kommen Sie darauf«
    »Dann haben Sie eine merkwürdige Ähnlichkeit mit irgend einem andern Mann
der sich  am Fourche la fave wenigstens  für einen Mr Wharton von Little Rock
ausgegeben hat« sagte Kook sah aber noch immer dabei dem Squire fest und wie
es schien ungläubig ins Auge  »Eine solche Ähnlichkeit in den Gesichtszügen
wäre noch gar nicht dagewesen«
    »Wharton  Wharton« wiederholte sinnend der Richter  »den Namen habe ich
erst kürzlich gehört  Wharton Wharton  wer erzählte mir doch von einem
Wharton  Advokaten ganz recht Nun es wird mir schon wieder einfallen Trösten
Sie sich übrigens ich bin schon mehrere Male für einen Andern angesehen worden
 Mein Gesicht muss doch so ziemlich alltäglich sein dass es einer Menge anderer
gleicht«
    »Das wüsst ich gerade nicht« erwiderte immer noch fest das Auge auf ihn
geheftet Kook  »Squire  mich soll der Teufel holen wenn ich nicht glaube 
nein wenn ich es nicht fast gewiss weiß dass Sie jener Wharton sind  Ich habe
mir die Züge des Advokaten damals zu deutlich eingeprägt«
    »Mr Kook« sagte der Richter jetzt lachend »ich habe das Vergnügen Ihnen
hier Mrs Dayton meine Frau vorzustellen Der werden Sie doch wenigstens
glauben dass ich nicht der Advokat Wharton sondern George Dayton
Friedensrichter hier in Helena und dem Kounty bin«
    Kook machte eine etwas verlegene Verbeugung gegen die ebenfalls lächelnde
Dame und sagte dann jedoch immer noch wie halb zweifelnd
    »Eine wunderbare merkwürdige Ähnlichkeit bleibt es dann aber  eine
Ähnlichkeit wie sie mir noch gar nicht vorgekommen ist Selbst die kleine
Narbe da auf der Stirn hatte jener Wharton«
    »Und was war es was mir die Ehre Ihres Besuches heute verschafte«
    »Kann ich ein paar Worte mit Ihnen allein reden« sagte Kook  »durch solch
directe Frage rasch auf die Ursache seines Kommens zurückgeführt Es ist etwas
von höchster Wichtigkeit und betrifft nicht allein die Sicherheit Helenas
sondern die des ganzen Staates des ganzen Mississippi«
    Dayton wandte sich als ob er mit dem Gaste das Zimmer verlassen wollte
nach der Tür in welcher zu gleicher Zeit Nancy erschien und Mrs Dayton sagte
rasch
    »Wir wollen gehen Adele Marie wird erwacht sein  nicht wahr Mr Kook
Sie bleiben doch zu Mittag bei uns«
    »Ich weiß wahrhaftig nicht Madame ob ich Ihre freundliche Einladung werde
annehmen können« erwiderte der Farmer  »es hängt wohl ganz davon ab wie sich
hier unsere Maßregeln gestalten«
    »Nun gut Sie sollen sich nicht binden sind Sie zu der Zeit noch in Helena
so finden Sie sich hübsch ordentlich ein  um ein Uhr wird gegessen« und ohne
weiter ein Antwort abzuwarten verließ sie von Adele gefolgt rasch das Zimmer
 
                                      32
                                        
                    Die Aufforderung  Der entdeckte Mord
»Squire Dayton« sagte Kook als sich die Tür hinter den Frauen schloss  »Mr
Hawes verließ gestern Nachmittag unsere Farm und zwar einzig und allein in der
Absicht ja sogar mit dem ganz besonderen Auftrag Sie zu sprechen und Ihnen
wichtige Mitteilungen zu machen Wie ich aber eben höre so hat er sich hier in
Helena nicht einmal sehen lassen Mrs Dayton «
    »Sie irren sich« entgegnete ihm ruhig der Squire  »er war hier und wenn
Sie in derselben Absicht hierher kommen wie er selbst so sehe ich allerdings
Ihre Eile und Aufregung gerechtfertigt«
    »Er war hier« frug Kook erstaunt  »Mrs Dayton sagte aber doch «
    »Ich traf ihn unten in der Stadt« fiel ihm der Squire ins Wort »und weil
mir die Sache zu wichtig schien auch nur eine Sekunde zu verzögern so sandte
ich ihn damit er nicht durch einen bloßen Höflichkeitsbesuch die kostbare Zeit
vergeuden sollte augenblicklich nach Sinkville während ich selbst das zu
besorgen übernahm was hier zu tun blieb Wie er mir sagte wollten Sie im
Lande oben an Männern aufbieten was Sie in der Eile zusammen bekommen könnten
damit wir sobald er zurückkehrte den entscheidenden Streich führen könnten
Ist das geschehen«
    »Ich sollte es meinen« rief Kook schnell  »der Alte und Bill mit noch ein
paar von Drapers sind mit einer tüchtigen Schaar im Anzuge«
    »Gut dann wollen wir uns wenigstens jetzt so lange ruhig verhalten bis wir
von Sinkville Nachricht bekommen Mr Hawes hatte ganz Recht dass er mir
besonders ans Herz legte die Verbrecher nicht vor dem entscheidenden Schlage
gegen das aufsteigende Unwetter zu warnen Auf jeden Fall möchte es geraten
sein die Farmer nicht früher nach Helena selbst herein zu lassen bis wir nicht
auch ungesäumt gegen den Feind aufbrechen können«
    »Mr Hawes mochte damals Recht haben« fiel ihm hier Kook in die Rede  »die
Sache hat sich jetzt aber geändert Allerdings waren wir ebenfalls der Meinung
nicht Alle auf einmal in die Stadt zu rücken denn jene Bande hat ganz gewiss
ihre Spione in Helena James und ich ritten deshalb sogar voraus und die
Übrigen lagern etwa eine Meile von hier in der Scalpprairie Ihr kennt ja wohl
den Platz Squire wo vor zwei Jahren die beiden Männer beraubt und scalpirt
wurden Der entscheidende Streich wird auch verschoben werden müssen bis wir
die hinreichende Macht zusammen haben andere Vorbereitungen sind aber indessen
und zwar hier in der Stadt selbst nötig geworden«
    »Hier in Helena«
    »Ja  Hawes wird Ihnen gesagt haben dass Kotton entflohen ist«
    Der Squire nickte einfach mit dem Kopfe
    »Gut« fuhr Kook fort  »im Anfange glaubten wir er würde entweder suchen
in die Sümpfe oder über den Mississippi hinüber zu entkommen Dem ist aber
nicht so  er muss hier nach Helena zu geflüchtet sein mein Schwiegervater und
Drosly haben seine Spur verfolgt und so ritten wir Beiden denn James und ich
gestern Abend noch von zu Hause fort um heute Morgen gleich von Tag an unsere
Forschungen beginnen zu können Unterwegs wollten wir nun ein paar Stunden
lagern und die Pferde rasten lassen überlegten uns aber die Sache dass wir
nicht wissen könnten ob wir die Tiere vielleicht in nächster Zeit sehr
anstrengen müssten deshalb beschlossen wir scharf zuzureiten und im UnionHotel
den Nigger herauszuklopfen So kam es denn auch dass wir etwas vor Tagesgrauen
den oberen Teil der Stadt und zwar wie James sagte das Wirtshaus zum grauen
Bären erreichten wo noch Licht und Lärm genug war James verspürte hier
merkwürdige Lust nach einer Tasse heißen Kaffee und da ich ebenfalls nichts
dagegen hatte klopften wir an Wäre das einfache Klopfen ein Donnerschlag
gewesen der das kleine Nest bis in die Wurzel hinein getroffen so hätte die
Wirkung nicht zauberhafter sein können Der ganze Lärm verstummte im Nu und
James der noch ein paar Schritte hinter mir war und die erleuchteten
Seitenfenster übersehen konnte meinte sie seien dunkel geworden ehe er hätte
Jack Robinson sagen können«
    »Und antwortete Niemand dem Klopfen« frug der Richter gespannt
    »Ei allerdings« fuhr Kook fort »ganz Opossum konnten sie doch nicht gut
spielen1 und ein alter Bursche kam endlich heraus und frug was wir wollten
James der indessen neben mich trat brachte jetzt unser Anliegen vor der Alte
aber ließ ihn nicht einmal ausreden versicherte keinen Mais und keinen Kaffee
zu haben wünschte uns einen guten Morgen und schlug uns die Tür vor der Nase
zu«
    »Nun  und das Verdächtige« frug der Richter
    »Ei ich sollte denken das wäre verdächtig genug gewesen« meinte Kook
»doch hatten wir noch immer kein Arg gingen wieder zu unseren Pferden zurück
die indessen auf der Straße angebunden standen und ritten eine kurze Strecke
nach Helena zu Da  gerade als wir den offenen Fleck erreichten wo der
einzelne rebenumhangene Gum neben dem Papaodickicht steht  sahen wir von über
dem Fluße drüben ein paar Raketen aufsteigen die nach gar nicht langer Zeit
vom grauen Bären aus erwidert wurden Natürlich blieben wir jetzt wo wir uns
gerade befanden halten um das was hier vorging abzuwarten und hörten auch
in kaum einer halben Stunde die regelmäßigen Ruderschläge eines Bootes das vom
andern Ufer drüben herüberkam Es konnte etwa von derselben Stelle ausgefahren
sein wo die Raketen aufgebljetzt waren«
    »Und es landete am grauen Bären«
    »Allerdings tat es das« erwiderte ihm Kook »wenigstens an dem Flatboot
welches unter dem Haus am Ufer liegt Weiter konnten wir freilich für den
Augenblick nichts erkennen«
    Der Squire blickte lange Zeit nachdenkend vor sich nieder endlich wandte er
sich rasch gegen den Farmer um und frug ihn »Wie viel Raketen waren es  und
was für Licht hatten sie«
    »Was für Licht« frug verwundert der Farmer der wohl schon Raketen gesehen
und davon gehört hatte eine Lichtunterscheidung aber nicht kannte  »wie viel
 Kennen Sie etwa das Zeichen«
    »Ich Nein« lächelte der Richter  »ich meine nur wenn es vielleicht bloß
eine irgend eine gewöhnliche Rakete war so konnte die auch zufällig geworfen
sein Flatboote machen sich oft den Spaß oder geben sich auch manchmal Zeichen
wenn zum Beispiel Arbeiter von ihrem Boot vorausgerudert sind und am Ufer
warten ihnen das Fahrzeug anzudeuten zu dem sie gehören«
    »Ja ja das weiß ich wohl« sagte Kook  »dasselbe würden wir auch gedacht
haben  wozu aber dann das augenscheinliche Verborgenhalten Derer im Haus
Weshalb ließ sie uns nicht ein und öffneten den Anderen die später kamen
die Tür«
    »Ich weiß nicht« meinte Squire Dayton  »Sie können sich doch wohl irren«
    »Ja Squire« sagte der Farmer etwas eifriger werdend »wir können uns
irren jetzt aber ist nicht die Zeit solche Sachen auf die leichte Schulter zu
nehmen Dass eine gefährliche Bande auf jener Insel im Mississippi existiert
wissen wir und es ist mehr als Wahrscheinlichkeit vorhanden auch in Helena ein
Absteige und Hehlquartier dieser Schurken zu vermuten Jener graue Bär soll
noch dazu wie mir James versichert schon seit lange einen fast mehr als
zweideutigen Ruf haben und andere Verbrechen sind ebenfalls in unserer Nähe
und zwar auf dem festen Lande verübt von denen der Verdacht noch stärker auf
Helena fällt Der Farmer Howitt der am Mittwoch Abend hier von Helena fortritt
ist gestern im Walde gar nicht weit von uns entfernt erschlagen gefunden und
einen andern armen Teufel haben sie hinter Strongs Postoffice kalt gemacht und
beraubt Kotton ist ebenfalls nach Helena her geflohen und wir müssen jetzt
ernsthafte Maßregeln ergreifen dem ein Ziel zu setzen«
    »Aber wo ist denn jetzt James Lively« frug der Richter und blickte sinnend
vor sich nieder  »ist er mit nach Helena gekommen«
    Die Tür öffnete sich und Adele schaute herein
    »Ist es erlaubt mir nur mein Bonnet zu holen« frug das junge Mädchen
lächelnd  »ich möchte einen Sprung zu Mrs Smart gehen und habe es hier liegen
lassen  oder sind es Geheimnisse in denen ich störe Ich gehe gleich wieder
fort«
    Der Richter sah zerstreut zu ihr auf Kook aber erwiderte
    »Oh bewahre Miss nicht für Sie wenn auch vielleicht für andere Leute 
James Lively Sir« wandte er sich dann wieder die Frage beantwortend an den
Squire während Adele die schon das Bonnet ergriffen hatte und eben wieder
hinaus wollte fast unmerklich zusammenfuhr und ordentlich fühlte wie sie rot
wurde Das durfte sie die Männer doch nicht merken lassen und verließ sie jetzt
das Zimmer so musste sie gerade an ihnen vorbei Sie trat schnell an den
Nähtisch wo sie den Beiden den Rücken zukehren durfte und zog ihn auf als ob
sie darinnen etwas suche Kook fuhr fort
    »James Lively als wir Zeugen des Vorherbeschriebenen gewesen waren traute
dem Frieden nicht recht und meinte dem geheimnisvollen Wesen läge wohl noch
mehr zu Grunde Er bat mich also hierher zu reiten und Sie von dem
Vorgegangenen in Kenntnis zu setzen während er selbst sein Pferd in dem
Papaodickicht neben dem wir hielten befestigte und dann zurück zum Hause
schleichen wollte Von Nebel und Dunkelheit begünstigt hoffte er heraus zu
bekommen was dort getrieben würde und er flüsterte mir nur als ich ihn
verließ noch zu wir sollten ihn falls wir selber herauskämen oder nach ihm
schickten in dem Kieferndickicht gleich über dem grauen Bären droben finden«
    Adele hatte indessen ihr Sonnenbonnet aufgesetzt zog es sich fast ganz in
die Stirn hinein und schlüpfte gleich darauf mit einem kaum halblaut
geflüsterten »Guten Morgen Gentlemen« rasch aus der Tür
    »Mein Rat ist jetzt« sprach Kook weiter ohne den Gruß zu erwidern ja
wahrscheinlich ohne ihn zu hören »dass wir vor allen Dingen die Spelunke da oben
umzingeln den Insassen derselben die Flucht zu Wasser und zu Lande abschneiden
und dann einmal sehen was für ein Kern in der Schale sitzt Wer weiß ob wir da
nicht die Wurzel des ganzen Übels fassen und vernichten können so dass wir
nachher mit den Übrigen leichtes Spiel haben«
    »Lieber Mr Kook« sagte der Squire ernst  »auf einen bloßen Verdacht hin
kann ich in das Privateigentum eines Bürgers der Vereinigten Staaten nicht gut
eindringen Ja wenn Sie nur für irgend etwas eine Art Beweis hätten «
    »Ei zum Henker mit Ihren Beweisen Sir« rief der Hinterwäldler trotzig aus
 »wenn ich die hätte brauchten wir Sie und alle Umstände nicht Beweise sind
es ja gerade zu denen uns das Gesetz verhelfen soll finden wir die nachher
werden wir auch wissen wie wir zu handeln haben«
    »Mein guter Sir« erwiderte der Richter achselzuckend  »Sie scheinen zu
glauben dass Sie noch am Fourche la fave sind und nur einen Aufruf ergehen zu
lassen brauchen um die ganze Nachbarschaft zur Ausübung des Lynchgesetzes
bereit zu finden Nicht wahr Sie gehörten mit zu den Regulatoren«
    »Allerdings« sagte finster der junge Mann
    »Nun sehen Sie wohl  Sie werden sich getäuscht finden Wir leben hier in
einer civilisirten Stadt und so sehr ich auch selbst geneigt bin jeden
Verbrecher seiner gerechten Strafe überliefert zu sehen so werde ich mich doch
andererseits sicherlich jedem willkürlichen Gerichtsverfahren widersetzen«
    »Also haben wir auf Ihre Hilfe nicht zu rechnen« frug Kook scharf
    »Allerdings haben Sie das« entgegnete der Richter »ich halte es sogar für
meine Pflicht Ihnen in jeder gerechten Sache Vorschub zu leisten ebenso aber
auch jede ungerechte zu unterdrücken Übrigens glaub ich wirklich« brach er
plötzlich lächelnd ab »dass Sie diese Sache mit zu schwarzen Farben sehen Ich
habe jenes Haus schon seit längerer Zeit selber im Verdacht bin aber ziemlich
fest überzeugt dass es nichts Schlimmeres wenn das wirklich als eine
Spielhölle ist die allerdings auch ungesetzlich wäre und deshalb nächstens
einmal aufgehoben werden soll Nur fehlen mir erst noch die Beweise hab ich
die erst so sollen auch die Gesetze in aller Strenge ihre Ausübung finden«
    »Ja das haben wir in Vicksburg gesehen« sagte Kook unwillig »was hat der
Magistrat dort ausrichten können  Nichts Die Bürger mussten sich erst selbst
ihre Hilfe verschaffen und hätten sie nicht damals die Verbrecher ohne weitere
Umstände gehangen so liefen sie jetzt noch zum Skandal der Menschheit und zur
Schande der Stadt herum Doch wir vertrödeln hier die schöne kostbare Zeit
Squire Dayton deshalb jetzt direkt zu meinem Auftrag Ich fordere Sie vermöge
der mir verliehenen Vollmacht hiermit im Namen meiner Nachbarn nochmals auf
uns vor allen Dingen und ohne weiteren Aufschub Ihre Hilfe zu leihen jene
Kneipe zum grauen Bären genannt zu umstellen und durchsuchen zu lassen Ich
verspreche Ihnen auch noch dass wir Farmer uns bei der ganzen Sache gar nicht
wirklich tätlich beteiligen sondern nur Ihre Schutzwache bilden wollen Das
Übrige mag sich später nach dem bestimmen was wir dort finden«
    »Sir« entgegnete ernst der Richter »bedenken Sie was Sie tun Sie wollen
gesetzlose Menschen bestrafen und stellen sich zu gleicher Zeit auf dieselbe
Stufe mit ihnen  Sie wollen «
    Er hielt plötzlich inne und horchte hoch auf und auch Kook bog sich
aufmerksam lauschend dem Fenster zu Ein wunderlicher Laut tönte von dort
herauf Fast wie das schäumende Gebraus der See vor Ausbruch eines Sturmes
murmelte es in dumpfen drohenden Tönen und nur dann und wann scholl der
einzelne gellende Schrei einer zürnenden Menschenstimme hervor aus dem Chaos von
immer wachsendem Lärm und Aufruhr Aus dem Fenster an dem sie standen konnten
sie die in die Stadt hineinführende Straße übersehen und von dorther wälzte
sich jetzt ein wildverworrener Menschenknäuel gerade auf des Squire Haus zu und
verlangte den Konstabler an der Spitze nach dem Friedensrichter
    »Hallo da gährts schon« rief jetzt Kook freudig »nun Sir wollen wir
doch einmal sehen ob die Männer von Helena aus anderem Teig geknetet sind als
die vom Fourche la fave«
    Er riss schnell das Fenster auf und rief mit lauter fröhlicher Stimme auf
die Straße hinunter
    »Was gibts meine wackeren Burschen Wo hats eingeschlagen Wo brennts«
    Ein tolles entsetzliches Geschrei aus dem nur manchmal die einzelnen Worte
»Breidelford  Mörder  Räuber« hervorschallten war die Antwort und Kook der
sich rasch gegen den Richter wandte sah dass dieser leichenblass wurde und vom
Fenster zurücktrat
    »Alle Wetter Sir« rief der Farmer und blickte ihn erstaunt an  »Sie
werden ja käseweiss  sind Sie krank«
    »Krank  Ich Nein  wahrhaftig nicht« sagte Squire Dayton schnell  »aber
die Nachricht überraschte mich  Ich weiß kaum ob ich recht gehört habe  es
wäre fürchterlich«
    »Was ich aus dem Gebrüll heraushören kann« sagte Kook und griff rasch nach
seinem Hute »ist dass sie einen gewissen Breidelford ermordet haben  kenne den
Menschen nicht« Und mit flüchtigen Sätzen sprang er die Treppe hinab riss
beinahe den Konstabler um dem Cäsar eben die Tür geöffnet hatte und sprang
mitten zwischen das Volk hinein
    »Hallo Boys« rief er als er hier mehrere Bekannte aus der Nachbarschaft
erblickte »seid Ihr gekommen die Gerichte zu holen oder was gibts sonst
Keine Spur von den Mördern gefunden«
    »Noch keine Kook« sagte ein langer Virginier der sich vorarbeitetete und
dem Freunde die Hand bot »ich denke aber wir finden sie haben auch noch gar
nicht gesucht denn die Burschen da wollten sich absolut erst den Richter holen
damit der Magistrat vor allen Dingen die Nase in die Geschichte stecke Nun mir
kanns recht sein Zeit wärs aber dass auch in Helena ein bisschen nachgespürt
würde«
    »Schändlich ists« rief ein Anderer aus der Schaar  »eine arme
alleinstehende Frau zu überfallen  Das Haus muss versiegelt werden bis ihre
Verwandten kommen  so eine gute brave Seele wie sie war«
    »Nun ihre Güte ließ sich allenfalls noch tragen« murrte Einer von der
entgegengesetzten Seite »sie hat in letzter Zeit besonders viel mit
verdächtigem Gesindel verkehrt  Aber Donnerwetter wenn das hier dem Einen
mitten in der Stadt passieren kann so ist auch der Andere nicht besonders
sicher und da müssen wir doch sehen ob wir den Mörder nicht herausbekommen
können«
    »Heda Richter« schrie jetzt ein Vierter aus der Menge »macht dass Ihr
herunterkommt  die Zeit vergeht und die Schufte gewinnen mit jeder Minute nur
noch größeren Vorsprung«
    »Gentlemen« sagte Squire Dayton der neben dem Konstabler in der Tür
erschien und die Versammelten aufmerksam und forschend zu prüfen schien mit
tiefer fast tonloser Stimme »es ist wie ich eben höre ein entsetzlicher Mord
geschehen Ohne Zögern sollen augenblicklich die nötigen Vorkehrungen «
    »Ist schon sämtlich in bester Ordnung besorgt« fiel ihm hier der Virginier
ohne große Umstände in die Rede »der Konstabler hat gleich Alles getan was
sich für den Augenblick nur tun ließ Vor allen Dingen haben wir den Fluss
besetzt dass uns kein Kahn entrinnen kann Es fehlt jetzt nur noch eine
Untersuchung des Hauses selbst ob wir dort vielleicht irgend eine Spur von den
Mördern finden und wir wollten Euch dazu abholen Sir damit die Sache doch
auch ein bisschen gesetzlich aussehe und wir später keine weiteren Umstände
haben«
    Der Richter schaute wie in tiefen Gedanken die Straße hinunter und hinauf 
sein Antlitz hatte eine unheimliche Blässe angenommen und seine Augen blickten
stier und glanzlos Die Wege die er übersehen konnte waren menschenleer Alles
schien sich dem Schauplatze des Mordes zugedrängt zu haben Da tönte das
Geräusch knarrender Ruder an sein Ohr  Sein Blick flog über den Strom hin und
erkannte dort eins jener mächtigen Kielboote die im Westen Amerikas gewöhnlich
noch solche Flüsse befahren auf denen Dampfer nicht gut angewandt werden
konnten wie sie auch manchmal auf dem Mississippi zu allerlei Zwecken benutzt
und mit Waren beladen stromab geführt werden Es trieb augenscheinlich auf
die Stadt zu und vier Bootsleute arbeiteten langsam mit den schweren Finnen das
breitbauchige Fahrzeug dem Land entgegen Daytons Lippen umzuckte aber ein
triumphirendes Lächeln denn auf der langen knarrenden Steuerfinne der
sogenannten Arche2 flatterte ein rot und grünes Fähnchen
    »Habt Ihr die Geschworenen schon zusammengerufen Konstabler« frug er und
wandte sich gegen diesen
    »Ja Sir« sagte der Mann »sie werden wohl schon oben sein«
    »So komm Gentlemen« entgegnete der Squire und schritt von den Wenigen
gefolgt die bis dahin noch zurückgeblieben waren rasch dem Hause der Wittwe
zu
    Kook war schon ein kleines Stück voraus und der Virginier wollte ebenfalls
gerade folgen als er sich von der Hand eines jungen Burschen gehalten fühlte
der ihn wie schüchtern mit einem kaum hörbaren »Sir« anredete
    Er ging in die gewöhnliche Tracht der Hinterwäldler gekleidet aber Alles
was er trug schien nicht für ihn gemacht und viel zu weit und groß Der blaue
grobe Rock hing ihm förmlich auf den Schultern und die Ärmel bedeckten fast
seine Hände Besonders war ihm der alte schwarze Filz bis tief in die Augen
hineingerutscht Der Virginier lachte als er ihn ansah
    »Sir« sagte der Kleine und wandte sich um den Davoneilenden nachzusehen
halb von dem Mann mit dem er sprach ab  »war der Eine  ich meine den mit dem
weißen Filzhut  wirklich der Richter hier aus Helena«
    »Ja wohl mein Bursche« sagte der Lange  »weshalb«
    »Und er heißt  wie heißt er denn eigentlich«
    »Dayton  Squire Dayton nennen sie ihn gewöhnlich  der Andere der mit ihm
geht ist der Konstabler«
    »Wohnt er hier in der Stadt«
    »Wer  Der Konstabler«
    »Nein der Richter«
    »Das versteht sich doch wohl von selber wo denn sonst Aber ich muss fort 
Nun was gibts jetzt noch«
    »Kennt Ihr ihn sonst nicht  ist er vielleicht  wisst Ihr nicht ob «
    »Nein  kenne ihn weiter gar nicht« rief der Virginier und machte sich von
der Hand die ihn hielt frei »habe auch jetzt keine Zeit denn ich möchte
nicht gern zu weit zurückbleiben Wollt Ihr mehr über ihn wissen so steht da
oben am Fenster seine Frau die wird Euch nähere Auskunft geben«  Und er eilte
fort blieb aber gleich darauf unwillkürlich wieder stehen und sah sich nach dem
jungen Burschen um Die Hand die er eben in der seinigen gehalten war so weich
und warm gewesen  der Hutrand hatte ihn bis jetzt noch ganz daran verhindert
gehabt das Gesicht des Kleinen zu sehen Dieser musste sich indessen rasch von
ihm abgewandt haben denn er drehte ihm jetzt den Rücken zu und starrte nach dem
geöffneten Fenster hinauf aus welchem Mrs Dayton ängstlich der davonstürmenden
Volksmenge nachschaute
    »Hallo Mills« rief da Kook dem Virginier zu »kommt  wir dürfen nicht die
Letzten drüben sein«
    »Ay ay« lautete dessen Antwort indem er dem Rufe rasch Folge leistete
»bin gleich dort  merkwürdig zartes Bürschchen das« murmelte er dann vor sich
selber hin während er durch schnelleren Lauf das Versäumte wieder nachzuholen
suchte »die Hand fühlte sich an wie fliegendes Eichhornfell  muss mir ihn doch
nachher einmal genauer betrachten«
    Der junge Bursche stand vor Squire Daytons Tür allein und sein Blick hing
stier an dem lieblichen Frauenbild das sich bleich und tränenden Auges aus dem
Fenster bog
    Wenige Sekunden schien er mit sich zu kämpfen tat ein paar schnelle
Schritte nach dem Hause zu  blieb nochmals stehen wandte sich als ob er den
Platz fliehen wollte und trat dennoch plötzlich wie von einem raschen
Entschluss bestimmt hinein Gleich darauf schloss sich hinter ihm die Tür
                                       
    Im Hause der sonst so genauen und ordentlichen Mrs Louise Breidelford sah
es gar wild und schauerlich aus  Die stets festverschlossen gehaltene Haustür
stand heute weit geöffnet und aus und ein strömten Schaaren von Neugierigen
treppauf treppab in dem kleinen Gebäude Freilich konnten sie nur ein einziges
Zimmer betreten die übrigen hatte der Konstabler schon durch gewaltige
Vorhängeschlösser verwahrt und nur hier und da suchten die in reichlicher
Anzahl versammelten Knaben und jungen Burschen durch Schlüssellöcher und
Türspalten wenn auch meist erfolglos einen Blick in die geheimnisvollen Räume
zu gewinnen
    Oben in dem Zimmer aber wo man die Leiche gefunden standen in ernstem und
feierlichem Schweigen die Leichenbeschauer  geschworene Bürger von Helena  und
sahen auf das bleiche krampfhaft verzerrte Antlitz der Erschlagenen nieder
Wunden hatten sich weiter nicht an ihr gefunden als am Kopf Dort war die Haut
von dem gewaltigen Faustschlag versehrt und einzelne Tropfen geronnenen Blutes
zeigten die Stelle an wo sie zum Tod getroffen worden Der Richter der zu den
Geschworenen trat hielt ein Paket Papiere in der Hand das man nebst einigen
Schlüsseln und einem Geldtäschchen bei ihr gefunden und ihm überliefert hatte
    Der Konstabler gab jetzt Bericht wie man heute Morgen dem Mord auf die Spur
gekommen Die Wachen wollten ihrer Aussage nach in der Nacht einen Schrei
gehört haben waren jedoch später durch den Anblick der jetzt Ermordeten selbst
beruhigt worden und achteten nicht weiter darauf bis sie und zwar erst mit
grauendem Morgen zwei Männer aus eben dieser Straße kommen und die Uferbank am
Fluße hinaufgehen sahen Wohl fiel ihnen jetzt der gehörte Schrei wieder ein
und sie schritten rasch hinter den Beiden her verloren sie aber in Dunkelheit
und Nebel bald wieder aus den Augen Indessen war aber doch erst mit
Sonnenaufgang das Mädchen zurückgekehrt das Mrs Breidelford am vorigen Abend
zu ihren vor der Stadt wohnenden Eltern geschickt hatte und fand zu ihrem
Erstaunen die Haustür nicht allein nur angelehnt sondern auch noch unten im
Hause Manches in höchst auffallender Unordnung Rasch lief sie die Treppe
hinauf und ihr Hülfeschrei als sie zurückschreckend die Leiche erkannte rief
bald nachher die Nachbarn zusammen Dort konnte natürlich über den gewaltsam
verübten Mord  den noch überdies die wild in den Zimmern umhergestreuten Sachen
als Raubmord bestätigten  kein weiterer Zweifel bleiben Der Ausspruch der
Geschworenen lautete
    »Durch heftigen Schlag an den Kopf gewaltsam getötet«
    Die Aufmerksamkeit der Männer richtete sich jetzt auf das Zimmer selbst um
hier vielleicht etwas zu entdecken was auf die Spur der Mörder führen konnte
Besonders wichtig schienen hierbei einige Gegenstände die man neben einer
geleerten StewBowle und der niedergebrannten Lampe auf dem Tische fand Es
waren dies eine kleine lederne Brieftasche ein gewöhnliches aber noch neues
und erst wenig gebrauchtes Jagdmesser mit ordinärem Holzgriff und zwei
halbgerauchte und verlöschte Zigarren Mrs Breidelford obgleich das sonst im
Westen von Amerika nichts Ungewöhnliches gewesen wäre hatte selber nie
geraucht Männer mussten sich also auf jeden Fall und zwar eine ziemlich geraume
Zeit im Innern des Hauses ja wenn man das Zeugnis der Wache annahm auch mit
Bewilligung der Frau aufgehalten haben  Wer aber konnten diese gewesen sein
    Kook dem es grauste in all dem wilden lauten Treiben der Gerichtsbeamten
die Leiche der Frau mit dem blutigen Angesicht so kalt und starr daneben
ausgestreckt zu sehen war mit dem Virginier wieder unten vor die Tür getreten
während indessen oben die gefundenen Sachen von Hand zu Hand gingen und genau
besehen und geprüft wurden
    Unter den Leuten die sich jetzt herzudrängten befand sich auch ein
deutscher Krämer der in Helena mit allerhand Sachen sie mochten Namen und
Wert haben wie sie wollten handelte Dieser aber hatte kaum das Messer
gesehen als er rasch danach griff es von allen Seiten aufmerksam betrachtete
und schnell hin und herwandte Die Augen der Umstehenden hafteten schon auf
ihm als wenn sie eine Erklärung erwarteten Da sagte der kleine Mann während
er das Messer in die Höhe hob und die rechte Hand dabei aufs Herz legte
    »Soll mer Gott helfe  ich waiss wem das Messerche ischt«
    »Und wem gehört es Bamberger« rief der Konstabler und fasste den kleinen
Burschen an der Schulter  »heraus mit der Sprache Mann  Die Frau ist
allerdings mit keinem Messer getötet aber der Mörder kann es hier vergessen
haben«
    »En elender Mensch will ich sain« beteuerte Bamberger indem er sich gegen
den ihn scharf beobachtenden Richter wandte  »en erbärmlicher elender Mensch
wenns Messerche nich ä jungem Borschen vom Lande isch  Schämes Lively heißt er
met Nomen  Hot er mer doch erscht am vergangena Donnerschtog ä blanken baaren
Silberdoller defir gegebe«
    »James Lively« brummte der Konstabler »nun der hat die Frau nicht
ermordet  weiß aber der Henker wie sein Messer hier hereinkommt«
    »James Lively« wiederholte der Richter schnell  »das wäre wunderbar  wo
ist Mr Kook Nach jenes Mannes Geständnis soll er selbst gerade mit diesem
James Lively heute Morgen schon vor Tagesanbruch in Helena gewesen sein
Watchman  Ihr saht heute Morgen zwei Männer rasch am Flussufer hinaufgehen«
    »Ja allerdings« entgegnete der Angeredete  »aber ich kann natürlich nicht
gewiss behaupten dass es die Mörder waren«
    »Gentlemen« sagte der Richter ernst  »die Sache verdient mehr Erwägung
als Sie vielleicht jetzt glauben  Dieser Kook ist ganz plötzlich und zwar
gleich nach jenem am Fourche la fave gehaltenen Regulatorengericht von dort her
hier eingetroffen«
    »Das spricht in der Tat nicht besonders für Kook« erwiderte der
Konstabler »James Lively aber ist ein ehrlicher braver Mann und als solcher
auch hinlänglich bekannt«
    »Sein Messer ist hier gefunden worden« sagte ruhig der Richter
    »Ja  und zum Henker auch  wir wollen den Burschen doch erst einmal
sprechen« fiel hier Einer der Beistehenden ein »Auf jeden Fall sind die
Beweise stark genug einen Verdacht zu erwecken Überdies möchte ich hier noch
bemerken dass vorgestern erst  kaum eine Meile von eben dieses Lively Haus
entfernt  ein Mann erschlagen und beraubt gefunden worden ist  Und wenn er
auch des Konstablers Freund wäre «
    »Halt da Sir« fiel ihm der Konstabler ins Wort »es soll Niemand sagen
dass ich meine Freunde begünstigte  Ich bin augenblicklich bereit James Lively
zu verhaften desto schneller wird er seine Unschuld beweisen können«
    »Heda  wer sagt hier was gegen James Lively oder Bill Kook« rief in
diesem Augenblick der Letztere indem er rasch in die Tür sprang Ein Freund
von ihm hatte ihn schnell gerufen damit er sich gegen die auftauchende Anklage
verteidigen könnte »Hier kommt Kook und Lively ist auch nicht weit  wer hat
Mut oder Unverschämtheit genug meiner Mutter Sohn einen Mord ins Gesicht zu
werfen«
    »Halt Sir« bedeutete ihn ernst der Squire  »nicht mit Prahlen kann solche
Sache beseitigt werden Hier  dieses Messer hat man auf dem Tische neben der
Ermordeten gefunden«
    Kook drängte sich durch die ihm bereitwillig Raum gebenden Männer zum
Richter hin erblickte aber kaum das Messer als er auch die geballte Faust auf
den Tisch schlug und ausrief
    »Heilige Dreifaltigkeit  Hat dieser neunhäutige Schurke auch hier wieder
die Hand mit im Spiele  Steckt denn die blutige Bestie überall Aber wart Du
sollst uns nicht lange mehr äffen einmal kommst Du uns doch in die Hände und
dann «
    »Sir« sagte der Richter ungeduldig
    »Dieses Messer« wandte sich jetzt Kook rasch gegen ihn »kann kein Anderer
als der berüchtigte Kotton hierhergebracht haben  Der hat es vorgestern Abend
mit noch zwei Kugeltaschen aus unserem Hause gestohlen Jetzt dürfen wir aber
auch keinen Augenblick mehr verlieren wenn wir diesen niederträchtigen Schurken
noch erreichen wollen Kommt Leute hier gilt es den Staat von einer wahren
Geissel zu befreien«
    Der Konstabler vertrat ihm auf einen Wink des Richters den Weg und dieser
frug jetzt ohne des jungen Mannes Entrüstung darüber weiter zu beachten
    »Wann sind Sie heute nach Helena gekommen Sir«
    »Ich Weshalb« rief Kook ärgerlich
    »Ich verlange meine Frage beantwortet« lautete die ernste Entgegnung
    »Nun gut denn heute Morgen«
    »Und zu welcher Zeit«
    »Ei zum Donnerwetter  ich führe keine Taschenuhr bei mir« sagte Kook
unwillig  »s war noch dunkel  das mag Euch genügen«
    »Und wo hält sich der junge Mann jetzt auf der wie Ihr sagt mit Euch
gekommen ist und dem dieses Messer hier gehört«
    »Squire Dayton  ich habe darüber schon heute Morgen «
    »Ich muss Sie bitten Sir meine jetzigen Fragen einfach zu beantworten Wo
ist James Lively in diesem Augenblick«
    »Squire« sagte Kook und richtete seinen Blick fest und ernst auf den
Richter  »es will mir fast so vorkommen als ob hier eine Art Spiel mit mir
getrieben werden sollte  Wetter noch einmal ich bin kein Kind mehr Was
bedeuten diese Fragen«
    »Einer Frage gebührt auch eine Antwort« sagte in diesem Augenblick eine
scharfe schneidende Stimme und ein langer hagerer Mann dem vier oder fünf
Andere ebenfalls Fremde folgten wandte sich freundlich gegen den jungen
Farmer Fast Aller Blicke hefteten sich verwundert auf die so plötzlich
Eintretenden der Richter aber fuhr mit einem freudig überraschten  »Ah« 
empor streckte dem Ersten die Hand entgegen und rief in frohem Erstaunen
    »Mr Porrel von Sinkville  Sie kommen wie gerufen um Teil an unseren
Verhandlungen und Geschäften zu nehmen die wie ich fast zu fürchten anfange
gar ernster Art werden könnten«
    »Guten Morgen Squire« sagte der eben Gekommene   »es ist wie ich höre
ein Mord geschehen «
    »Lassen Sie sich die Geschichte ein anderes Mal mitteilen« rief Kook
unwillig dazwischen und wandte sich der Tür zu  »wir haben jetzt keine Zeit
weder für Erzählungen noch für leere Gerichtsformen wenn wir nicht die
Schuldigen indes wollen entfliehen lassen Hallo meine Burschen wer geht mit
mir«
    »Ei eine ganze Menge denk ich« sagte der Virginier und sah sich dabei im
Kreise um  »vor allen Dingen müssen wir die Kneipe da oben aufheben«
    »Halt Sir  Ihr seid mein Gefangener« rief in diesem Augenblick der
Konstabler und legte seine Hand auf die Schulter des Farmers  »im Namen des
Gesetzes«
    »Das Gesetz soll zum Teufel gehen« schrie der Backwoodsman der keineswegs
gesonnen schien sich solcher Willkür geduldig zu fügen  »Zurück da Mann 
hierher Virginny  hierher meine HelenaBurschen Das ist Gewalt«
    »Schützt das Gesetz« rief es aber von allen Seiten und wenn der junge
riesige Hinterwäldler auch den Konstabler wie einen Federball zurückschleuderte
und von dem Virginier und zwei oder drei Anderen unterstützt der Tür
zukämpfte so sahen sich diese doch bald von der Übermacht bewältigt die Kook
endlich umschlangen und trotz seines wütenden Sträubens mit schnell
herbeigebrachten Stricken banden
    »Die Pest über Euch« schrie der Farmer und suchte freilich vergebens
seine Arme frei zu bekommen  »nennt Ihr das Gesetz ehrliche Männer
festzuhalten damit Eure Schurken frei ausgehen Und Ihr da  vermaledeiter
Dintenkleckser  Dayton oder Wharton wie Ihr nun heißen mögt Ihr sollt mir
Rede stehen für dies  Hallo Virginny  sind denn keine Männer mehr da«
    »Raum da« schrie in diesem Augenblick der baumlange Virginier und stürzte
sich mit einigen rasch geworbenen Freunden aufs Neue zwischen die hinein die
Kook gefangen hielten
    »Schützt das Gesetz« tönte es ihm aber überall entgegen und nur Widerstand
fand er wo er Hilfe erwartet Es schien auch für kurze Zeit wirklich zu einem
ernsten Kampfe zu kommen die Mehrzahl befand sich jedoch zu stark auf Seiten
der gesetzlichen Partei  die Übrigen waren nicht im Stande den Gefangenen zu
befreien und Dayton der mit kaltem Lächeln dem tollen Wirniss zugeschaut hatte
gab jetzt ruhig den Befehl den Gefangenen in die Jail hinüber zu schaffen
    »Virginny« rief Kook als er unten in der Tür stand und den Virginier sah
der sich noch immer vergebens bemühte bis zu ihm hinzudringen  »wollt Ihr mir
einen Gefallen tun«
    »Ruhe da Sir« rief der Konstabler  »kein Wort weiter oder «
    »Ay ay« rief der Lange hinüber
    »Keine Verabredungen Sir  duldet keine Verabredungen Konstabler« schrie
jener Mr Porrel und eilte rasch herbei  »Leute  bringt die Beiden
auseinander«
    »Warnt James Lively« schrie da der Farmer so laut er schreien konnte und
sah sich im nächsten Augenblick von den Wächtern erfasst und fortgerissen
    »Ja aber  wo find ich ihn« rief der Virginier zurück
    »Fort da  weg mit dem Burschen  habt Acht auf Euch  damn you  schlagt
ihn zu Boden« tobte es indessen von allen Seiten und während die Einen den
Farmer mit sich auf die Straße zogen verhinderten die Anderen den Virginier
ihm zu folgen so dass ehe er im Stande war sich Bahn zu brechen die Tür des
KountyGefängnisses hinter dem jungen Mann ins Schloss fiel
    Der Virginier schritt da er sah dass jeder weitere Versuch vergebens sein
würde die Straße hinunter während sich die Übrigen teils um das Haus der
Wittwe schaarten das der Konstabler eben verschloss teils auf dem Platze
selber zusammentraten und das Geschehene mit einander besprachen  Mit seinem
Auftrag war er aber gar nicht zufrieden »Hm« brummte er vor sich hin und schob
die Hände in die Taschen »jetzt soll ich Jimmy Lively warnen  da werd ich nach
Livelys hinauslaufen können  Zum Henker auch  ob man denn hier nicht irgendwo
ein Pferd kriegen könnte  He Bob« rief er dann einen Bekannten an der auf
der andern Seite der Straße dem eben beschriebenen Schauplatz gerade zueilte 
»wer borgt Einem wohl in der Stadt ein Pferd wenn man keins hat«
    »Smart« lautete die allerdings lakonische Antwort und der Angeredete der
sich weiter gar nicht nach dem Frager umschaute eilte rasch vorwärts
    »Smart  so« murmelte der Virginier und sah dem Laufenden nach 
»verdammte Eile  kommt auch noch zur rechten Zeit  Smart muss einmal zu Smart
gehen und hören was er sagt Dass der Henker übrigens das Reiten hole  bin noch
in meinem Leben auf keinem so vierbeinigen Dinge gesessen außer einmal wos
mich aber schon abwarf eh ich nur recht aufgestiegen war«
    Und mit leise in den Bart gebrummten Flüchen schritt der Lange dem
UnionHotel zu dort sein Glück zu versuchen
 
                                    Fußnoten
1 Das Opossum die amerikanische Beutelratte stellt sich wenn angegriffen oder
auch nur berührt augenblicklich tot und lässt Alles über sich ergehen es ist
daher ein in den Backwoods sehr häufiges und allgemeines Sprüchwort für
Jemanden der sich verstellt zu sagen »Er spielt Opossum«
2 Eine häufige Benennung dieser Fahrzeuge
 
                                      33
                                        
       Squire Dayton beschliesst mit seinem Weibe aus Helena zu fliehen
Squire Dayton war während sich das übrige Volk zerstreute mit Porrel und einem
Teil seiner Verbündeten zurückgeblieben und stand die Arme fest verschlungen
mitten auf dem breiten Platze der Mrs Breidelfords Haus von dem Gefängnis
trennte Er wusste recht gut dass sich jetzt  vielleicht heute noch  nicht
allein sein Schicksal sondern auch das aller Übrigen entscheiden musste und
tollkühne Pläne waren es die für den Augenblick sein Hirn durchkreuzten Sollte
er hier der Gefahr ausgesetzt bleiben verraten und vielleicht einmal
überrascht und gefangen zu werden Sein Blick schweifte wild über die wogenden
Menschenmassen hin  oder sollte er sich  der Macht die er jetzt um sich
versammelt sah vertrauend  im letzten entscheidenden Streich den Feinden
entgegen werfen Noch war ihm Zeit gegeben das was er an Schätzen angehäuft
in Sicherheit zu bringen der nächste Augenblick vernichtete vielleicht schon
alle Hoffnungen und Pläne  Porrel der eben erst von Sinkville eingetroffene
Verbündete mochte ahnen was in seiner Seele vorging er schritt auf ihn zu
blieb wenige Sekunden neben ihm stehen und flüsterte dann indem er leise seine
Schulter berührte
    »Nun Sir  beschliesst rasch was Ihr tun wollt unsere Augenblicke sind
gezählt«
    »Wisst Ihr« frug Dayton und schaute fragend zu ihm auf
    »Ich weiß Alles« entgegnete mürrisch der Fremde  »Sander der Euch oben
im grauen Bären sehnsüchtig erwartete hat mir wenigstens das Wichtigste
mitgeteilt«
    »Wo ist Simrow« frug der Squire rasch  »habt Ihr nichts von ihm gesehen«
    »Die Pest über den Burschen« rief der Advokat »ich habe ihm nie getraut«
    Dayton sah ihm überrascht und misstrauisch ins Auge
    »Wahrscheinlich spielte er ein falsches Spiel« fuhr Porrel ohne den Blick
zu beachten fort »so viel ist gewiss er hatte sich als der alte Benwick kaum
begraben war bedeutender Kapitalien ganz gegen seinen Auftrag bemächtigt und
wollte damit fliehen Ein paar Georgier setzten ihm nach holten ihn ein und 
schossen ihn glücklicher Weise gleich nieder«
    »Und das Testament« frug Dayton mit fest zusammengebissenen Zähnen
    »Man soll allerlei darüber munkeln« grollte der Sinkviller »ich glaube es
wird das Beste sein wenn wir uns nicht weiter um die Sache bemühen«
    »Sind denn alle Teufel heut auf einmal losgelassen« rief der Richter mit
dem Fuße stampfend »Mord und Tod Es ist ja fast als ob uns das Schicksal
selbst zum letzten entscheidenden Schritt treiben wollte«
    »Verzögert den wenigstens so lange als möglich« warnte Porrel »denn wenn
der misslingt sind wir natürlich verloren weil es eben der letzte war«
    »Seid außer Sorge« entgegnete finster der Richter »wir haben bisher zu
trefflich gebaut um uns jetzt Wahnsinnigen gleich das Sparrwerk selber über
den Häuptern zusammen zu reißen Ich habe einen Plan entworfen der uns nicht
allein Freiheit sondern auch Rache sichert Vor allen Dingen müssen wir aber
die Unseren die sich noch oben im grauen Bären aufhalten in Sicherheit
bringen«  Wohl ahn ich wer der Rasende war der am Tage der Entscheidung
durch einen solchen Mord uns Alle der »größten Gefahr aussetzte doch dürfen wir
die Kameraden nicht verderben lassen und dorthin wird sich die bis jetzt nur
mühsam gedämmte Rache des Volkes am ersten Bahn brechen Eilt also schnell
hinauf und schickt mir Alle die man hier in Helena nicht kennt augenblicklich
herunter Sander aber mit Torby und  noch einigen Anderen die ich dort
vermute mögen gleich den oberhalb liegenden und für sie bestimmten kleinen
Chickentief1 benutzen und so rasch als möglich mit der Strömung unterhalb
Helena antreiben«
    »Was aber zum Donnerwetter habt Ihr vor« sagte Porrel ärgerlich »tut doch
nicht so verdammt geheimnisvoll und schießt einmal los Wie kann ich denn sonst
wissen wie ich zu handeln habe«
    »Die Sache soll für Euch Alle gar kein Geheimnis mehr sein« entgegnete der
Führer »Wollten wir jetzt in offenem Ansturm das Dampfboot das gerade an der
Landung liegt nehmen so würde uns natürlich die ganze Bevölkerung von Helena
nicht daran hindern können ich selbst verstehe ein Dampfboot zu führen und der
Van Buren ist auch schnell genug um jeder Verfolgung zu spotten«
    »Weshalb greifen wir denn da nicht zu« sagte Porrel  »wo böte sich eine
bessere Gelegenheit«
    »Wir selbst wären vielleicht im Stande uns zu retten« fuhr Dayton den
Einwurf nicht beachtend fort »dürften es aber gar nicht wagen an der Insel zu
halten Das Land wäre augenblicklich in Aufruhr und Ihr wisst recht gut dass bei
dem jetzigen Wasserstand fast keine Stunde vergeht in der nicht Dampfboote hier
vorbeikommen die wir dann augenblicklich auf den Fersen hätten Nicht allein
unsere ganze mühsam aufgespeicherte Beute wäre in dem Fall verloren nein auch
unser Leben fast mehr als gefährdet wir müssen daher sicher gehen«
    »Aber wie das« frug Porrel gespannt
    »Einfach genug« sagte der Richter »Die Existenz der Insel ist den Farmern
verraten wie ein Lauffeuer fliegt jetzt die ihnen fast noch fabelhaft
scheinende Mähr von Mund zu Mund Leugnen können wir es nicht mehr und eben so
wenig den Sturm aufhalten der sich noch heute dort hinunter wälzen wird Ein
einziges Mittel gibt es nur den Todesstreich der unserem Haupte droht nicht
allein abzuwenden sondern auch auf Stirn des Feindes zurückzuführen In wenigen
Stunden werden wir Hunderte von berittenen Waldleuten hier in der Stadt sehen
dieser Kotton hat das ganze Land gegen uns in Aufruhr gebracht und offenen
Kampf in Helena dürfen wir nur als letzte Rettung wagen Sie werden jetzt
ungesäumt gegen die Insel aufbrechen wollen bleiben wir zurück so erregen wir
nicht allein Verdacht sondern teilen auch zugleich unsere Kräfte also müssen
wir vereint mit den Feinden sie scheinbar begleiten und unterstützen  Einen
Boten habe ich vor etwa einer Viertelstunde schon abgeschickt der setzt die
Insulaner von unserem Plane in Kenntnis Wir selbst aber mit allen
kampfesfähigen Männern des Kountys ziehen mit dem United StatesPaketboot gegen
die Insel In etwa zwei Stunden landet ews hier auf seiner Fahrt von Memphis
nach Napoleon und muss mir als Richter zu diesem Zweck wo es die Sicherheit des
ganzen Staates gilt zu Diensten stehen Meine wackeren Backwoodsmen würden auch
gar nicht anstehen den Kapitain zu zwingen sollte der wirklich genewigt sein
Schwierigkeiten zu machen«
    Porrel nickte lächelnd mit dem Kopfe
    »So dampfen wir rasch zur Insel hinunter« fuhr Dayton schon in der
Begeisterung des Kampfes freudig fort »Dort ordne ich die Schaaren die
Unseren unter die Farmer gemischt und in ihrem Rücken bis wir das Fort in Sicht
haben hinter dem die Freunde lauernd des Zeichens harren Langes Zögern dulden
die Hinterwälder nicht in ihrem tollen Mut werden sie blind darauf losstürmen
wollen Dann aber brechen die Insulaner von allen Seiten hervor wir fallen den
überraschten Gegnern in die Flanke und in dem dichten Unterholz unserer
Verhaue von Denen selbst angegriffen die sie bis dahin als die Ihrigen
betrachtet erschreckt  zerstreut  werden sie nicht einmal mehr wissen gegen
wen sie sich verteidigen wen sie bekämpfen sollen Haben wir dann gesiegt 
und der Sieg muss unter diesen Umständen ein ganz leichter sein  dann schaffen
wir unsere Schätze auf das dort liegende  auf unser Dampfboot und fort mit
wehender Flagge durch den Atchafalaya fliegen wir in den Golf von Mexico«
    »Der Plan ist vortrefflich« rief Porrel  »die hitzköpfigen Hinterwälder
gehen unbedingt in die Falle  aber  weshalb haltet Ihr da noch Kook und den
andern Bootsmann gefangen Das wird böses Blut machen«
    »Sie hätten mir durch ihre Hitze den ganzen Plan verdorben« sagte Dayton 
»eilt nur jetzt hinauf zum grauen Bären dass wir die Unseren früh genug
zurückziehen und nachher bleibt uns immer Zeit die Gefangenen zu befreien 
wenn das überhaupt nötig ist Vielleicht sind wir sogar im Stande aufzubrechen
ehe sie Allle hier eintreffen desto leichtere Arbeit haben wir dann Auf jeden
Fall müssen wir suchen Einen von ihnen den jungen James Lively hierher zu
bekommen ehe er uns die ganze wilde Schaar auf den Hals hetzt und  auch mehr
vielleicht sieht als gerade nötig ist  Er liegt in dem kleinen dem grauen
Bären fast gegenüber befindlichen Kieferndickicht versteckt um von dort aus das
ihm verdächtige Haus zu beobachten Bringt ihn wo möglich in Gutem mit her geht
aber das nicht  ei dann auch mit Gewalt  Es ist derselbe dessen Messer in
dem Hause der Ermordeten gefunden wurde«
    »Gut« sagte Porrel und rieb sich freudig die Hände »vortrefflich da
gibts doch endlich einmal ein ordentliches Dreinschlagen wo man nicht mehr
süß und freundlich zu sein braucht Tod und Teufel das Leben hatt ich satt 
nun weiß man doch woran man ist und braucht nicht mehr in steter Angst und
Not zu leben Also Good bye  meinen Auftrag richt ich aus sorgt Ihr nur auch
dafür dass wir wenn das MemphisPaketboot kommt die Unseren alle beisammen
haben«
    Und rasch eilte er die Straße hinab wo er bald ein paar seiner Freunde an
sich rief und mit ihnen um die Ecke der seitabführenden Gasse verschwand
    Der Squire schritt indessen langsam und sinnend der eigenen Wohnung zu
                                       
    »Wer war der Knabe der da eben das Haus verließ« frug Squire Dayton als
er in die Tür trat und auf der Schwelle stehend nach einem jungen Burschen
zurücksah der jetzt flüchtigen Laufes die Straße hinabeilte »Was wollte er
und von woher kommt er«
    »Gott weiß es Massa« sagte Nancy die ihrem Herrn zugleich einen eben für
ihn eingetroffenen Brief überreichte  »noch gar nicht so lange ists da kam er
herein  ging zu Missus hinauf blieb ein paar Augenblicke oben und wäre dann
beinahe die Treppe wieder heruntergefallen Unten setzte er sich auf die Stufen
da hin und weinte als ob ihm das Herz brechen wollte Weil ich mich vor ihm
fürchtete schickte ich den neuen Nigger zu ihm den Massa gestern mitgebracht
hat Von dem wollte er aber gar nichts wissen steckte den Kopf fest unter die
Arme  er schämte sich wahrscheinlich weil er weinte  und rührte und regte
sich nicht Erst als Bolivar wieder fort war stand er auf drückte sich den Hut
fast bis in die Augen hinein und verließ rasch das Haus  keine zwei Minuten
ehe Massa kam«
    »Sind die Damen oben« frug der Squire jetzt ohne des fremden Burschen
weiter zu gedenken
    »Miss Adele ist nach Mr Smarts gegangen« erwiderte Nancy  »Missus ist aber
oben soll ich «
    »Lass nur« sagte der Squire und stieg langsam die Stufen hinauf  »käme
Jemand und früge nach mir so mag er hier im Zimmer warten  Ich bin gleich
wieder unten«
    Der Friedensrichter Helenas  der blutige Piratenhäuptling des Mississippi 
betrat das Gemach seines braven unschuldigen Weibes das keine Ahnung hatte
welche Verbrechen die Brust barg die ihr Liebe gelogen und ihr reines Herz an
sich zu fesseln gewusst hatte
    Das Zimmer war leer  Hedwig saß während Adelens Abwesenheit oben am Bett
der armen Marie Dayton aber blieb an der Tür stehen und ließ die Augen sinnend
in dem kleinen friedlichen Raum umherschweifen wo er Alles Alles besaß was
ihn zum Glücklichsten der Menschen hätte machen können Alles was das Herz
eines braven rechtlichen Mannes mit Stolz erfüllen musste Aber der Ehrgeiz
hatte die scharfen giftigen Krallen in seine von wilden Leidenschaften
durchwühlte Brust gehauen  kalte Berechnung allein leitete seine Handlungen
und das Heiligste opferte er rücksichtslos dem eigenen Ich Wohl gibt es
Tausende wie er war  Menschen mit eisernem Herzen die eben so kalt und
entsetzlich in das Leben hineingreifen und alles Andere rücksichtslos unter die
Füße treten wenn sie nur für sich jede Lust jede Befriedigung ihrer Wünsche
erlangen können aber der kecke tollkühne Mut fehlt ihnen den der
Piratenhäuptling in so entsetzlichem Masse besaß  sie strecken die spitzigen
behandschuhten Finger vorsichtig aus dass sie nirgends anstossen und nur dann
wenn sie sich vollkommen unbeachtet wissen zeigen sie sich in ihrer wahren
Gestalt  Und die Welt ehrt sie  das Gesetz schützt sie denn »es ist ihm
gegen sie ja nichts bekannt geworden« aber dennoch fluchen ihnen zahllose
Unglückliche die sie elend gemacht die Verwünschungen der Wittwen und Waisen
heften sich an ihre Sohlen und Schätze und Reichtümer in verzweiflungsvoller
Stunde an fromme Stiftungen hinausgeschleudert können nicht die feige Angst der
letzten Augenblicke betäuben
    Anders war es mit dem Führer jener gesetzlosen Schaar  seine Rechnung mit
dieser Welt hatte er abgeschlossen und ruhig und fest sein Facit gezogen Er
scheute weder den Tod noch achtete er das Leben deshalb aber war er gerade so
entsetzlich so fürchterlich geworden denn die Gesetze der Menschen konnten ihn
nicht mehr schrecken Glaube und Schwur an das Heiligste ihn nicht mehr binden
Fest und bestimmt ging er seine verbrecherische Bahn und wie auf dem Brett die
Schachfiguren so stellte und benutzte er die Menschen zu seinen Zwecken und
Plänen  nur dann besorgt um sie wenn ihr Verlust ihm selber schaden konnte
    Und jetzt als er so dastand und wilde Szenen des Bluts und Entsetzens vor
seinem innern Auge vorüberglitten schweiften seine Blicke im Anfang fast
bewusstlos über den kleinen freundlichen Raum hin der ihn umschlossen hielt
Mehr und mehr aber hafteten sie an den einzelnen Gegenständen die Gegenwart
erzwang sich den Eintritt in sein Herz und zum ersten Mal vielleicht seit
langer Zeit durchzuckte ihn ein Gedanke an das was er sein könnte an das was
er war  Hier  hier wohnte Liebe und Treue  hier schlug ein Herz für ihn das
ihm mit freudigem Lächeln in Not und Elend gefolgt wäre  hier atmete ein
Wesen das nur in ihm seine Seligkeit kannte  und er 
    Die Sonne schien warm und freundlich in das trauliche Gemach die finsteren
Nebelschatten hatte sie überwunden und spielte jetzt in funkelnder Luft mit den
Staubkörnchen die der Schritt des finsteren Mannes aufgeregt hatte legte sich
über die bunten Farben des Teppichs hin dem sie noch weit höheren Glanz verlieh
und drang wie ein neugieriges Kind in alle Winkel und Ecken Dort aber an dem
einen Fenster wo sich ihre Strahlen erst sanft und leise durch blühende Myrten
und Rosenstöcke stahlen die Orangeblüte küssten und die sanfte Vanille und
einen purpurnen Schein zogen um die blauroten Glocken der prachtvollen Fuchsie
da ruhten sie auch um so friedlicher und lieber auf dem freundlichen Plätzchen
der Herrin vom Hause auf dem weichgepolsterten Stuhl und dem kleinen zierlichen
MahagoniNähtisch auf den Strick und Arbeitskörbchen und dem kleinen
eingespannten Stickrahmen Selbst nach der zierlichen Fussbank blinzelte ein
etwas gar zu geschäftiger Strahl hinab und von Blumen und grünem Laub umgeben
auf dem noch die klaren Perlen des Frühtrunks blitzten und funkelten lag ein
Zauber über dem Ganzen der nicht beschrieben nur gefühlt und empfunden werden
konnte
    Und in diesem Kreise häuslicher Glückseligkeit und Ruhe stand die dunkle
ernste Gestalt des Mannes der ihn zum Paradies hätte schaffen können wie der
vernichtende starre Todesengel  die Faust schon zum letzten fürchterlichen
Schlage erhoben Sein Auge aber das immer wilder und ängstlicher den Raum
überflog haftete endlich fast unwillkürlich an dem Bilde seines Weibes das
neben dem seinigen dort drüben hing Das waren die sanften Engelszüge des holden
Angesichts die mit freundlichem Lächeln zu ihm herüberblickten das war das
treue dunkle Auge das ihm damals Liebe  Liebe wie sie nur das Weib gewähren
kann geschworen und ihren Schwur nie  nicht einmal durch einen leisen
Gedanken gebrochen hatte  und er
    Starr und regungslos stand er dort seine Hände hatten sich krampfhaft
geballt und Alles um ihn her schien sich plötzlich im tollen wirren Kreise mit
ihm zu drehen Da rang sich das Herz noch einmal frei einmal noch tauchte es
auf aus Sünde und Verbrechen die Zeit kehrte vor sein inneres Auge zurück wo
er zuerst die holde züchtige Jungfrau gesehen und um sie geworben hatte Was
hatte er ihr damals gelobt welche Schwüre hatte er der hold Errötenden in das
Ohr geflüstert und jetzt  jetzt War er nicht hierher gekommen um diesen Raum
auf immer zu meiden War er nicht hierher gekommen um Die zu verlassen die
kein Glück weiter kannte als das welches sie an seiner Seite in seiner Liebe
fand Wollte er nicht jetzt mit roher Hand das Band zerreißen das in dem Herzen
seiner Gattin die festen unzerreissbaren Wurzeln geschlagen Der Gedanke an
Alles Alles was sie ihm bisher gewesen so lange und gewaltsam zurückgehalten
stürmte da mit ganzer vernichtender Kraft auf ihn ein 
    »Hedwig  Hedwig« stöhnte er und barg das bleiche starre Antlitz
verzweifelnd in den Händen
    Da vernahm er auf der Treppe leichte Schritte  sie war es selbst und
kräftig zwang er den Schmerz hinein in sein altes Bett  Die Züge nahmen wieder
ihren starren Ernst an nur die Augen lagen noch hohl und glanzlos in ihren
Höhlen und seine Wangen waren bleich und gefurcht
    »Georg« rief die junge schöne Frau als sie in die Tür trat und freudig
erstaunt den fern geglaubten Gatten erkannte  »Georg  Gott sei gedankt dass Du
wieder bei mir bist Ach Georg ich kann Dir gar nicht sagen wie beengt mir
das Herz war als Du heute von mir gingst«
    »Närrisches Kind« sagte der Squire und ein mattes Lächeln zuckte um seine
Lippen »musst Dir nicht unnötige Sorge um mich machen es gibt Leid genug in
der Welt  wir sollten es nicht bei den Haaren herbeiziehen«
    »Tu ich denn das« flüsterte Hedwig bittend  »sieh nur einmal Georg
sieh nur wie bleich und angegriffen Du aussiehst  habe ich da nicht Ursache
besorgt zu sein«
    Sie zog ihn mit leiser Hand vor den breiten Spiegel der zwischen den beiden
Fenstern befestigt war und Daytons Blick fiel auf das Glas rasch aber wandte
er sich ab  sein eigenes Antlitz neben dem ihren  der Gegensatz war zu
fürchterlich Da wurden rasche Hufschläge auf der Straße gehört  Mrs Dayton
wandte sich unwillkürlich dorthin und Beide riefen im gleichen Moment gleich
überrascht aus
    »Adele«
    Und wohl hatten sie Ursache erstaunt sein denn auf schnaubendem Rappen
das Köpfchen gegen den scharfen Luftzug niedergebogen das Sonnenbonnet mit der
Linken haltend indes sie mit der Rechten die Zügel des feurigen Tieres
regierte flog Adele in sausendem Galopp vorbei und kaum war der Ruf ihren
Lippen entflohen so verschwand auch schon die wilde Reiterin um die nächste
dem oberen Teil des Flussufers zuführende Ecke
    »Nun seh Einer das tolle Mädchen an« sagte endlich Mrs Dayton während
der Squire im ersten Augenblick einen raschen fast unwillkürlichen Schritt nach
der Tür getan hatte als ob er sie zurückhalten wollte jetzt aber wieder
langsam zum Fenster trat  »kein Pferd ist ihr zu wild und unbändig sie muss es
besteigen was sie nur wieder vorhaben mag Sie wird es so lange treiben bis
sie einmal wirklich Schaden nimmt«
    Der Richter stützte die Hand auf das Fensterbrett und blickte sinnend der
Richtung nach welche die Reiterin genommen  Was wollte Adele dort Weshalb
trieb sie ihr Pferd zu so wilder entsetzlicher Eile an War etwas vorgefallen
was ihn selbst bedrohte
    »Dayton« rief seine Frau die sich jetzt gegen ihn umwandte  »Du siehst
totenbleich aus fehlt Dir etwas«
    »Mir« sagte der Squire und bog sich mit einem krankhaft gezwungenen Lächeln
zu ihr nieder »mir Was soll mir fehlen Du wunderliches Kind Nur den Kopf
hab ich voll von all dem Lärm und Treiben dieser guten Stadt  Mir wird
dieses wilde ruhelose Leben nachgerade verhasst«
    »Ach Georg« flüsterte die junge Frau und schmiegte sich leise an den
Gatten an »wie oft ist es  lange lange Nächte hindurch die Du fern von mir
weilen musstest  mein heißer inniger Wunsch gewesen dass Du dieses Leben
wirklich verlassen möchtest Sieh Du bist hier geachtet und geehrt bist der
Erste in dieser Stadt und ich kann begreifen dass der Ehrgeiz einen Teil an
dem Herzen des Mannes haben muss wie es dem des Weibes fremd sein sollte aber
Deine Gesundheit leidet Deine Kräfte reiben sich auf Ärger und mühevolle
Arbeiten und Pflichten rauben Dir jede Ruhe halten Nächte lang den Schlaf von
Deinen Augen Ach wenn Du Dich losreißen könntest von all diesem Schaffen und
Treiben wenn Dir das Herz Deines Weibes genügte das nur durch Dich nur in Dir
seine ganze Seligkeit findet «
    Sie barg das Haupt an seiner Brust und viele Sekunden lang hielt er sie
fest fest umschlungen aber ein anderes wunderbares Gefühl überkam ihn 
Seine Züge verloren das Finstere und Starre  seine Blicke hafteten sinnend mit
einem neuen belebenden Glanz auf dem liebend an ihn geschmiegten Haupt seines
Weibes seine Hand zitterte die ihre schlanke Gestalt umschloss unterstützte
und bunte freudige Bilder waren es die plötzlich an seiner innern Seele
vorüberglitten Dort in weiter Ferne auf einsam gelegener meerumtoster Insel
unter Palmen und Blütenhainen erstand eine Hütte  milde Lüfte fächelten seine
Wangen an seiner Seite ruhte sein treues Weib und der Ozean wälzte sich
zwischen ihm und seinen Verbrechen die mächtige Flut wusch und tilgte an der
Vergangenheit  und die Gegenwart  Ein Eden erstand ihm in jedem neuen
sonnigen Tag Noch war es Zeit  noch war der letzte entscheidende Schritt nicht
geschehen  noch hatte ihn das Verderben nicht ganz in die ehernen Arme
geschlossen
    Er bog sich nieder zu ihr  seine Lippen pressten sich fest und innig an ihre
reine Stirn und dort  ha war das eine Träne die dem Auge des finsteren
Mannes einen so herrlichen Glanz verlieh War es eine Träne der Reue die ihn
noch durch den Kuss der Peri mit dem Himmel verband
    »Hedwig« flüsterte er und sein Arm zog sie fester und inniger an sich
    Da läutete draußen die erste Glocke des Van Buren  das Boot rüstete sich
zur Abfahrt  in kaum einer Viertelstunde verließ es den Landungsplatz In
wenigen Tagen konnte er in Louisville sein und floh er von dort aus unter
fremdem Namen nach irgend einem der östlichen Hafenplätze so war es unmöglich
ihn zu verfolgen  Der nächste Monat schon sah ihn frei auf offenem Meere Tod
und Verderben lag hinter ihm  er war gerettet
    »Hedwig« flüsterte er und die Erregung dieser neuen mächtigen Gefühle
drohte fast ihn zu ersticken seine Lippen zitterten als sie die flüsternden
Worte sprachen  »Hedwig ich bin Deiner unwert ein Sünder bin ich den Du
reiner Engel zu Dir emporziehen sollst  aber ich muss fort  fort von hier oder
ich bin verloren  für immer und ewig verloren  Doch jetzt jetzt ist es noch
Zeit  noch ist Rettung möglich  Hörst Du den Laut jener Glocke Nur Minuten
noch und das stolze Boot das sie trägt braust in gewaltiger Kraft dem Norden
zu Jetzt  jetzt ist es mir noch möglich mich loszureißen von Allem was mich
bindet  in der nächsten Stunde wäre es vielleicht zu spät  Willst Du mich
retten Hedwig  retten vor mir selbst und aus diesem Gewirr das mich zu
erdrücken droht«
    »Du willst fort Georg« rief sein Weib und blickte erstaunt zu ihm empor
»wir sollen Alles verlassen Ohne Abschied hier von Allen scheiden die uns
lieben«
    »Alles  Alles musst Du verlassen wenn Du mich liebst wenn Du mich retten
willst« drängte ihr Gatte »an Deinen Lippen hängt jetzt mein Geschick  Tod
oder Leben bindet sich an ihren Spruch  Hedwig Du ahnst nicht wie glücklich 
wie elend Du mich mit wenigen Worten machen kannst«
    »Und Adele« frug Mrs Dayton schon halb besiegt
    »Bleibt hier  ihr mag das Haus gehören und Alles was wir zurücklassen 
ich habe genug für uns und führe Dich dem Überfluss entgegen«
    »Aber jetzt Georg Wie soll ich Alles packen und besorgen was nur  Du
lieber Gott es ist ja gar nicht möglich ich brauchte wenigstens acht Tage ehe
ich daran denken könnte«
    »Hedwig willst Du mir folgen« rief der Mann und seine Stimme sein ganzer
Körper zitterte vor wilder innerer Bewegung »noch kannst Du mich der Liebe
dem Leben erhalten  ja Hedwig mein Leben vielleicht hängt an dem Ausspruch
Deines Mundes  meine und Deine Seligkeit Willst Du mir folgen oder  mich
allein in die kalte Welt mit dem Verderben im Herzen hinausstossen«
    »Georg« rief Mrs Dayton erschreckt und ihr Blick haftete angstvoll an dem
des Geliebten  »Georg um Gottes willen was redest Du da für Worte Dich
allein hinausstossen Heiliger Gott wenn Du mich lieb hast sprich  was ist
geschehen«
    »Ich muss fort« flüsterte der Richter und sein Blick wandte sich
erschüttert von ihr ab  »die fürchterlichste Gefahr schwebt über meinem Haupte
 Du Du allein kannst mich jetzt noch retten  willst Du mir folgen  Hedwig«
    »In den Tod Georg  wohin Du mich führst«  rief sie aus und warf sich an
seine Brust  »in Mangel und Elend nur nicht  nur nicht getrennt von Dir«
    Lange Minuten hielten sie sich so fest umschlungen dann richtete sich der
Squire langsam auf und flüsterte ihre Stirn noch leise mit einem Kuss berührend
    »Dank Geliebte Dank innigen Dank  aber jetzt eile Dich auch mein süßes
Kind das Wenige was Du mitnehmen musst kann bald geordnet sein Ich selbst
schicke indessen Bolivar voraus und lasse den Kapitain des Van Buren bitten
noch wenige Minuten auf uns zu warten Cäsar und Nancy mögen unter der Zeit
hinabtragen was Du ihnen gibst und die nächste Stunde finde uns fern von
hier neuem Leben neuer Freiheit entgegen eilend«
    Er trat jetzt rasch an seinen Secretär aus dem er mehrere fest versiegelte
Briefe und Pakete nahm und in den nicht weit entfernten Kamin warf  »So«
sagte er »diese Papiere mag die Glut zerstören und hiermit reiße ich mich von
der Vergangenheit los diese Brieftasche bewahre Du mir sie enthält was ich an
eigenem Vermögen mein nennen kann Jetzt muss ich Dich für wenige Minuten
verlassen  noch bleiben Anordnungen zu treffen die ich nicht versäumen darf 
Du aber mein süßes Lieb rüste Dich schnell und bald  bald kehr ich zu Dir
zurück mich nie wieder von Dir zu trennen«
    Noch einen Kuss drückte er auf ihre Lippen schob sie dann leise von sich und
verließ rasch das Zimmer während Hedwig die sich kaum überreden konnte sie
wache und das Ganze sei nicht ein wilder wirrer Traum gewesen die wenigen
Gegenstände die sie auf einer nur etwas ausgedehnten Reise bedurfte in einen
kleinen Koffer packte und dann aber mit tränenverdunkelten Augen den kurzen
Abschiedsgruss an die Freundin schrieb Mit ängstlich klopfendem Herzen harrte
sie jetzt der Rückkehr des Gatten um Helena und Alles was ihr sonst noch hier
durch einen längeren Aufenthalt lieb geworden war für immer zu verlassen
    Der fremde Neger verließ indessen ein kleines wohlverschlossenes
Mahagonikästchen unter dem Arm tragend das Haus und schritt dem Dampfboot zu
während auf diesem die zweite Glocke das Signal zur baldigen Abfahrt läutete
 
                                    Fußnoten
1 Chickentief oder Hühnerdieb ist besonders an der Louisianaküste auf dem
Mississippi der Name kleiner scharfgebauter Segelboote die ihrer Leichtigkeit
und Schnelle vertrauend wohl früher manchmal die Hühnerhöfe der Pflanzer
geplündert haben mögen und davon ihren Namen bekamen
 
                                      34
                                        
                           Adele warnt James Lively
Vor dem UnionHotel der guten Stadt Helena war es an diesem Morgen wie
ausgestorben Einige Pferde standen allerdings an dem Reck und ließ unmutig
ob des langen Wartens die Köpfe hängen oder blickten schläfrig zur Seite nach
den Hausschwalben die sie in kreisenden Zügen umschwärmten um Mosquitos und
andere in ihre Nähe gezogene Insecten wegzufangen Aus der Einfriedigung aber
die des Wirts eigenen Tieren und denen seiner Gäste gewöhnlich zum
Aufenthaltsort diente kam Scipio und führte Mr Smarts Rappen am Zügel dem
Hause zu aus welchem eben Smart und unser Bekannter von vorhin der Virginier
traten
    »Leg rasch den Sattel auf Sip« rief Jonathan seinem langsam
heranschlendernden Neger entgegen  »potz Zwiebelreihen und Holzuhren Du gehst
ja als ob Du Blei in den Beinen hättest  ah Miss Adele  schönen guten Morgen
nun nehmen Sie meine Alte mit ja s gibt heute Morgen nicht viel zu tun
hier  Mrs Breidelford hat all die Kundschaft «
    »Pfui Mann schäme Dich wie kannst Du nur so hässlich reden« sagte hier
Mrs Smart die eben mit gewaltigem Sonnenbonnet und riesigem Arbeitsbeutel
neben Adele auf die Veranda trat und die linke Treppe niederstieg  »ich machte
mir auch nichts aus ihr aber solch schreckliches Ende «
    »Mr Smart meints nicht so bös« entgegnete sie beruhigend Adele  »ach
wissen Sie wohl Sir wie Sie vor wenigen Abenden noch jenen Scherz mit ihr
trieben  Wer hätte da gedacht dass ihr auf fast ähnliche Weise ein so
fürchterliches Schicksal bevorstand Sie ist sicherlich überfallen worden«
    »Nein Miss« sagte der Virginier indem er die Mittelstufen hinabstieg und
auf das Pferd zuging  »ich war dort Die Buben die sie erschlagen haben
hatten sichs vorher ganz bequem gemacht es sind wahrscheinlich welche von
ihren Freunden gewesen die auch Hausgelegenheit kannten Aber Smart  ich muss
wahrhaftig fort sonst komm ich zu spät Wie weit ists denn eigentlich bis zu
Livelys und nach welcher Richtung zu liegt die Farm«
    »Ihr könnt sie wenn Ihr Euch dazu haltet in zwei Stunden recht gut
erreichen« erwiderte der Yankee »die Richtung ist ziemlich Nordwest«
    »Wen wollen Sie denn von Livelys sprechen« frug sich gegen den Virginier
wendend Adele denn sie gedachte des heute gehörten Gespräches zwischen dem
Squire und William Kook  »Ich glaube kaum dass Sie Jemand von ihnen zu Hause
finden werden«
    »Na weiter fehlte mir nachher nichts« brummte der Virginier  »erst den
Ritt und dann umsonst Ich will James Lively aufsuchen und die Sache hat Eile
 er ist in Gefahr«
    »In Gefahr« frugen Smart und Adele zu gleicher Zeit  »wie so Durch wen«
    »Ei sie haben Kook verhaftet «
    »Kook verhaftet« rief der Yankee und zog aus lauter Verwunderung zum ersten
Mal die Hände aus den Taschen  »William Kook«
    »Ei ja wohl und wollen James auch an den Kragen  man hat James Messer in
der Ermordeten Haus gefunden«
    »Das ist nicht möglich« rief Adele entsetzt  »großer Gott sie können doch
nicht solch fürchterlichen Verdacht  Squire Dayton weiß ja selbst dass er erst
heute Morgen und weshalb er in die Stadt gekommen ist«
    »Der Squire Hm das glaub ich kaum  der ists gerade der mir am meisten
auf Livelys Verhaftung zu dringen scheint  Wenn ich nur wüsste wo er wäre «
    »Oben gleich über der Stadt am Flussufer« sagte Adele rasch und heftig 
»es ist keine Viertelstunde von hier  gerad an der kleinen Schenke vorüber wo
das Kieferndickicht steht «
    »So nahe Hm da werd ich wohl zu spät kommen« meinte der Virginier und
drückte sich den Filz mit beiden Händen fest in die Stirn  »den Henker auch
wenns nicht weiter ist sind sie schon lange oben «
    »Ja aber was macht er denn im Kieferndickicht« fragte Smart verwundert
    Adele beobachtete die Frage wahrscheinlich ganz überhörend die jetzigen
Bewegungen und Anstalten des langen Virginiers mit fast fieberhafter Aufregung
Dieser nämlich auf der linken Seite des Pferdes stehend hob höchst sorgfältig
das rechte Bein in die Höhe und stellte es in den Bügel und wurde erst durch
das vergnügte Grinsen des Negers darauf aufmerksam gemacht das er die
»LarbordFinne« zuerst lüften müsse um Bug nach vorn ins Fahrwasser zu
kommen  Er wechselte hierauf die Füße
    »Sie können nicht reiten Sir« rief Adele ängstlich während sich Smart mit
hochgezogenen Brauen ganz ungemein auf das in den Sattel Klettern des Langen zu
freuen schien
    »Ein Boot wäre mir lieber« meinte Mills  »s hat mir was schrecklich
Unbehagliches dass die Beine so an beiden Seiten herunterhängen sollen«
    Er hatte jetzt den richtigen Fuß in den Steigbügel gebracht warf das rechte
Bein über den Sattel und kam als das kleine muntere Tier ein wenig
zusammenfuhr mit plötzlichem Ruck »an Bord« wie ers nannte
    »Großer Gott ist der Steigbügel kurz« sagte er während er erschreckt auf
seine bis fast an die Brust gezogenen Kniee blickte »und wo hängt denn
eigentlich das andere Ding«
    Er bog sich etwas rechts hinüber und suchte vorsichtig mit dem Fuß den
ziemlich hochhängenden Riemen zu treffen das Pony aber schon durch den
schwankenden Sitz des Bootsmanns etwas geängstigt warf scheu den Kopf zur
Seite
    »Brrrrr« rief Mills  »Brrrrr mein Tierchen  no bottom«1 und immer noch
fühlte er mit dem rechten Bein vergebens nach dem weiter oben hin und
herschlenkernden Bügel Da kam dieser unter den Bauch des Pony das einen
raschen und kurzen Seitensprung machte Mills »Hinterläufe« wie sie der alte
Lively betitelt haben würde zuckten schnell und unwillkürlich zusammen und
begegneten sich unter dem Rappen dieser aber solcher Behandlung ungewohnt
schlug kräftig hinten aus und warf den Kopf zwischen die Vorderbeine während
der Virginier mit einem
    »Avast da «
gerade über die Ohren des scheuen Tieres hinweg und mit dem ganzen langen Leibe
auf den Hofraum flog
    »Hallo« lachte Smart »bedeutendes Stück Arbeit das  war der längste Wurf
den ich in meinem Leben gesehen habe«
    »Mrs Smarts Sattel  Sip«  rief Adele und zitterte vor Angst und
Aufregung  »Mrs Smarts Sattel «
    »Meinen Sattel« rief während Scipio rasch dem Befehl gehorchte Rosalie
Smart etwas erstaunt  »meinen Sattel Kind Ich denke gar nicht daran zu
reiten«
    »Nicht wahr Sie borgen ihn mir auf wenige Stunden« bat Adele und ergriff
dabei den Zügel des ihr willig gehorchenden Tieres  »Mr Smart  bitte den
anderen Sattel «
    »Aber beste Miss Adele «
    »Mr Smart« sagte das schöne Mädchen und der Ton mit dem sie diese Worte
sprach klang so weich so ängstlich dass Jonathan Smart hätte kein Yankee sein
müssen wenn er dem widerstehen konnte Mit einem Ruck hatte er den Sattelgurt
geöffnet und den Sattel abgehoben Scipio legte den andern in derselben Minute
von der rechten Seite wo der Damensattel auch geschnallt wurde auf und ehe
noch Mrs Smart die durch das Schnelle dieses Entschlusses total aus den Wolken
zu fallen schien auch nur im Stande war eine Frage zu tun ja kaum von Smart
selber so weit unterstützt dass er ihr leise den linken Ellenbogen hob legte
das schöne in ihrer Eile jetzt lieblich erglühende Mädchen die rechte Hand auf
den Sattel und schwang sich hinauf Smart reichte ihr auf der einen Seite den
kleinen für den linken Fuß bestimmten Bügel Scipio eine kurze dort gerade
liegende Weidengerte und im nächsten Moment ja bevor sich Mills ganz von
seinem Sturz erholt hatte warfen schon die rasch über den harten Boden dahin
klappernden Hufe des kleinen Pony den Staub hinter sich auf die Männer vor
Allen aber Mrs Smart in wirklich unbegrenztem Erstaunen zurücklassend
                                       
    James Lively hatte indessen sobald Kook ihn verlassen vorsichtig seinen
Platz gewechselt und sich einem Indianer gleich bis dicht an das Haus
geschlichen Das aber war viel zu gut verwahrt ihm auch nur das Geringste zu
verraten Blos ein dumpfes Stimmengemurmel hörte er als ob viele Menschen mit
einander sprächen und ein paar Mal wurden Türen geöffnet und wieder
geschlossen Da vernahm er aufs Neue vom Fluße her Ruderschläge die näher und
näher kamen und glitt nun so rasch und geräuschlos als möglich zum Ufer
hinunter wo er den Platz übersehen konnte der zwischen dem Boot und dem Hause
lag Es waren dies etwa zwölf bis vierzehn Schritt Zwischenraum denn der Strom
hatte noch lange nicht die Uferhöhe erreicht Ein Versteck fand er aber hier
weiter nicht als den Stamm einer angeschwemmten Cypresse hinter der er sich
niederkauerte und mit gespannter Aufmerksamkeit dem näher und näher kommenden
Fahrzeug entgegensah
    Endlich erkannte er durch den Nebel den dunkeln Schein desselben  es legte
an und acht Männer einige in der Tracht der Bootsleute andere wie Städter
gekleidet stiegen aus
    »He Torby« sagte eine große grobknochige Gestalt als ihr ein Anderer 
der Wirt der Schenke  entgegenkam »war Kelly schon da Was gibts denn
eigentlich Waterford hat uns weiter nichts gesagt«
    »Weiß auch nicht recht« brummte der Wirt »werdets schon erfahren 
Donnerwetter es geht jetzt wild in der Stadt zu s ist fast so als ob Jemand
auszöge Habt Ihr Porrel mitgebracht«
    »Toby Nein der kommt mit einem Kielboot  muss aber auch bald da sein
Kelly zieht ja seine ganze Mannschaft zusammen es muss uns doch von irgend einer
Seite Gefahr drohen Wie stehts mit der Insel«
    »Gut« sagte Torby  »es ist eben ein Boot von dort hier eingetroffen doch
geht hinein drinnen besprechen wir das Alles viel besser kommen noch mehr«
    »Ja  Waterford selbst bringt alle die Sumpfmänner mit Wie er uns sagt
wollen wir dann gleich von hier aus heut Abend zur Versammlung nach
Einundsechzig hinunterfahren«  Und mit diesen Worten verschwanden die Männer
im Innern des Hauses das sich augenblicklich hinter ihnen schloss
    James Lively blieb noch ein Weilchen in seinem Versteck liegen bis er ganz
sicher war dass keiner der mit dem Boote Gekommenen mehr in diesem weile und
kroch dann vorsichtig und geräuschlos wie er gekommen zum Hause zurück
Obgleich er dort aber deutlich genug hören konnte wie die darin Befindlichen
ein lebhaftes Gespräch mit einander unterhielten und hier also keineswegs nur
zum Spielen und Trinken zusammengekommen schienen so war er doch auch nicht im
Stande etwas Näheres darüber zu bestimmen Übrigens fühlte er sich jetzt fest
davon überzeugt der »graue Bär« stände wie sie schon heute Morgen vermutet
mit jener Insel dem Nest der Piraten in genauer Verbindung und ungeduldig
harrte er der Rückkehr des Schwagers die entscheidenden Schritte deshalb zu
tun
    Der Tag dämmerte endlich  Die dem jungen Farmer nächsten Gegenstände
ließ sich deutlicher erkennen und ein leiser sich erhebender Luftzug der die
dichtbelaubten Zweige der Niederung durchrauschte fing an die schwerfälligen
Nebelmassen nach und nach in Bewegung zu setzen James hielt es für geratener
sich zurückzuziehen um nicht durch das schnell hereinbrechende Tageslicht
überrascht und vielleicht vom Hause aus gesehen zu werden So leise als möglich
schritt er deshalb an der Wand des kleinen Gebäudes hin bis er den vorderen
Teil desselben und mit diesem die Straße erreichte Gleich hinüberkreuzen
wollte er aber nicht weil ein neben der Tür angebrachtes Fenster auf den
offenen Platz hinausführte dicht am Wege hin waren dagegen eine Anzahl junger
Hickories aufgewachsen die er zwischen sich und das Haus zu bringen suchte
damit sie ihn in ihrem Schatten verbargen Kaum zehn Ellen mochte er in denen
langsam fortgekrochen sein als er den Schritt von Männern auf der Straße hörte
die rasch herankamen Zuerst glaubte er sie würden an ihm vorbeigehen und
schmiegte sich fest auf die Erde nieder als sie jedoch am Hause waren blieben
sie stehen und er konnte deutlich erkennen wie der Eine vorsichtig viermal
anklopfte und dann horchte
    Von innen heraus schien da irgend Jemand zu fragen und die Antwort lautete
    »Sander  Macht auf«
    Die Stimme kannte er  das war Hawes er hatte sich den Mann nur zu gut
gemerkt  Was aber wollte der hier zu so früher Tageszeit In welcher
Verbindung stand er mit diesen Männern Und was sollte das Zeichen Er strengte
jetzt seine Augen an die Gestalt des Zweiten zu erkennen es war aber noch zu
dunkel und ehe er auch nur einen ordentlichen Blick darauf hinwerfen konnte
schloss sich die vorsichtig geöffnete Tür rasch wieder hinter den Beiden
    Was jetzt tun Sollte er dem Freunde folgen und diesen von dem Gesehenen in
Kenntnis setzen Das hätte ihm nichts genützt denn Kook war ja schon in der
Absicht zum Richter geritten eine Untersuchung dieser verdächtigen Schenke zu
beantragen Er beschloss also seine Beobachtungen hier fortzusetzen und Jenes
Rückkehr abzuwarten ehe er selber von der Stelle ging Zu diesem Zweck aber
und um unentdeckt zu bleiben brauchte er einen besseren Versteck und verfolgte
jetzt in den Hickories seine Bahn bis er sich dem kleinen Kook bezeichneten
Kiefernanwuchs gerade gegenüber sah Dieser begann etwa sechzig Schritt vom
»grauen Bären« und lief bis zur Mündung desselben Baches hinauf an welchem
weiter oben Livelys und Kooks Farmen lagen Hier kreuzte er den Weg und blieb
in der spitzen Ecke des Dickichts geduldig Stunden lang auf dem Anstand liegen
    Mehrere Reiter passirten indessen die Straße nach Helena zu von denen die
meisten ebenfalls vor dem geheimnisvollen Hause anhielten abstiegen und nach
kurzem Aufenthalt ihren Ritt fortsetzten Selbst als es schon vollkommen Tag
geworden war sah James noch mehrere ihm jedoch gänzlich fremde Gestalten dort
einkehren und dann in die Stadt hineinreiten Von dort aus kamen nur Zwei der
Eine ein Kaufmann aus Frontstreet der Andere ein Farmer aus der nächsten
Umgebung die sich jedoch nicht bei der Schenke aufhielten sondern an dem
versteckten jungen Mann vorbei der Eine in die Hügel der Andere einen schmalen
Pfad einschlagend am Ufer hinaufzogen
    So mochte es zehn Uhr geworden sein und in Helena selbst hatten indessen
die oben beschriebenen Vorfälle stattgefunden Da als ihm die Zeit schon anfing
lang zu werden und er eben mit sich zu Rate ging ob er nicht doch vielleicht
jetzt trotz seiner Verabredung mit Kook diesen aufsuchen ihm das Gesehene
mitteilen wie auch um Beschleunigung der zu nehmenden Maßregeln treiben solle
sah er aus der Stadt heraus vier Männer kommen die aufmerksam nach Etwas zu
spüren schienen und von denen zwei sogar in die Büsche an der Seite der Straße
hineingingen Gleich an einem niederen Papaodickicht dem gegenüber ebenfalls ein
kleiner freilich kaum hundert Schritt im Durchmesser haltender Kiefernschlag
lag hatten sie angefangen und es dauerte nicht lange so fanden sie dort sein
angebundenes Pferd
    »Wetter noch einmal« dachte James als er aus seinem Versteck heraus sah
wie es vorgeführt und einem der Männer übergeben wurde  »was haben die Burschen
im Sinn  was geht sie mein Pferd an und wer sind sie denn eigentlich«
    Er richtete sich ein wenig empor und erkannte deutlich wie zwei von ihnen
die Kiefern abgesucht hatten und wieder auf die Straße kamen Eine kurze
Beratung fand jetzt statt und der Führer wenigstens der den er dafür hielt
deutete den Weg hinauf nach dem Platze zu wo er sich befand Der Zug setzte
sich gleich darauf und zwar nach ihm hin in Bewegung Da vernahm sein scharfes
Ohr donnernde Hufschläge und er sah wie sich die Männer ebenfalls danach
umschauten Gleich darauf traten sie rasch aus dem Wege zurück und im selben
Moment flog auch ein schäumender Rappe daher auf dessen Rücken  konnte er denn
seinen Augen wirklich trauen  mit fliegenden Locken und vom scharfen Ritt
erhitzen glühenden Wangen  Adele Dunmore saß und weder rechts noch links zur
Seite blickend das feurige Tier durch raschen Gertenschlag zu noch immer
wilderer Eile antrieb
    So gern er sie aber gesprochen und um das Ungewöhnliche dieses einsamen
Rittes befragt hätte so war es auch wieder ein Gefühl über das er sich selbst
keine Rechenschaft zu geben wusste und das ihn fast unwillkürlich zwang sich
vor der Jungfrau zu verbergen Er trat rasch hinter eine niedere buschige Kiefer
und erwartete natürlich sie im nächsten Moment vorbeibrausen zu sehen Da hielt
durch plötzlichen Zügeldruck der das feurige Tier fast auf die Hinterbeine
zurückbrachte Adele ihr Pony an und James hörte zu seinem unbegrenzten
Erstaunen wie sie mit rascher ängstlicher Stimme seinen Namen rief
    »Mr Lively  Mr James Lively Wo um des Himmels willen sind Sie Sir«
    Hätte James in diesem Augenblick eine zwanzig Fuß hohe Kluft hinabspringen
müssen um dem Rufe Folge zu leisten er würde sich nicht eine Sekunde lang
besonnen haben Was Wunder also dass er mit Blitzschnelle aus dem Dickicht
vorglitt und so plötzlich und unerwartet wenigstens von Seiten des Pony vor
diesem stand dass es entsetzt zurückfuhr und alle Anstalten machte aus
Leibeskräften empor zu bäumen James aber warf seine Büchse hin und fiel ihm mit
schnellem Griff in die Zügel während Adele mit einem leise gemurmelten »Gott
sei Dank« aus dem Sattel und in den ihr helfend entgegengestreckten Arm des
jungen Farmers glitt Ohne aber auch nur einen Augenblick zu zögern warf sie
den scheuen Blick zurück nach den rasch herbeieilenden Männern und rief mit
vor Angst fast erstickter Stimme
    »Fort Sir  um Gottes willen fort  nehmen Sie mein Pferd und fliehen Sie«
    »Miss Adele « rief James ganz überrascht aus
    »Fort« bat aber diese  »wenn Sie  wenn Ihnen meine Ruhe nur etwas gilt 
fort  Mr Kook ist gefangen  Helena in Aufruhr  jene Männer dort kommen Sie
zu fangen«
    »Mich  weshalb«
    »Mein Pferd  Heiland der Welt es wird zu spät«
    »James obgleich er in diesem Augenblick wirklich nicht wusste ob er wache
oder träume begriff leicht dass hier irgend etwas ganz Aussergewöhnliches und
ihm wahrscheinlich Gefahrdrohendes geschehen sein müsse Wenn auch sich selber
keiner Schuld bewusst erschreckte ihn doch Kooks Gefangenschaft ein dunkler
Verdacht durchzuckte sein Hirn und als er auch noch die Fremden wie er jetzt
glauben musste in feindlicher Absicht herbeieilen sah fühlte er dass er sich
wirklich in Gefahr befinde Adele hatte aber indessen schon für ihn gehandelt
schnell löste sie den Sattelgurt des Ponny das ihr indessen vor dem
herbeigesprungenen Jäger scheuend die andere Seite zugedreht hatte und warf
den Damensattel ab  Die Verfolger waren nicht fünfzig Schritt mehr entfernt«
    »Und Sie Miss Adele soll ich hier allein zurücklassen« rief James
unschlüssig  »das kann ich bei Gott nicht«
    »Mir droht keine Gefahr« rief die Jungfrau »ich habe nichts  gar nichts
zu fürchten  aber Sie  großer Gott es ist ja jetzt schon zu spät«
    »Nein noch wahrlich nicht« lachte der junge Hinterwäldler der bald
erkannte dass die herbeieilenden Männer unbewaffnet seien während er rasch
seine Büchse vom Boden aufgriff  »den will ich doch sehen der «
    »Wenn Ihnen mein Frieden heilig ist« flehte Adele jetzt in wilder
Verzweiflung denn sie fürchtete das Schlimmste  »wenn Sie mich lieben  James
oh so fliehen Sie«
    Oh hätte sie ihn doch mit diesen Worten aufgefordert sich dem Feind
entgegen zu werfen James wäre dem Tod mit Freuden in die Arme gestürmt  aber
fliehen Doch ihr flehender Blick traf ihn  mit der Linken in der er die
Büchse hielt legte er sich auf den Rücken des Pferdes schwang sich hinauf und
griff jetzt erst in die Zügel
    »Halt da Sir« rief Porrel der kaum noch zehn Schritt von ihm entfernt war
 »halt  wir kommen als Freunde  Ihr habt nichts zu fürchten«
    »Fürchte auch nichts« brummte James und hielt sein Pferd noch immer
eingezügelt  »wenn ich nur «
    »Glaubt ihnen nicht« bat Adele in Todesangst »fort  zu den Euren  fort«
    »Squire Dayton schickt mich nach Euch« rief Porrel sprang auf ihn zu und
griff nach dem Zügel  Adele die den jungen Mann verloren glaubte starrte mit
wildem verzweifeltem Blick zu ihm empor
    »James« hauchte sie und musste sich an dem Baum an dem sie stand aufrecht
halten
    »Ich gehorche« rief da James und stieß mit dem Kolben seiner Büchse die
Hand die schon fast seinen Zaum berührte bei Seite  »zurück da Sir«
donnerte er dann den Fremden an »seis in Freundschaft oder Feindschaft  in
einer Stunde bin ich in Helena«  und während er den Zügel locker ließ bohrten
sich seine Hacken in die Flanken des Pony das mit flüchtigem Satz nach vorn
sprang  Im nächsten Augenblick flog es von der ruhigen Hand des Reiters
gelenkt seitab in die Büsche hinein und war gleich darauf in dem dichten
Unterholz der Niederung verschwunden
    »Miss Dunmore« sagte Porrel der sich jetzt gegen das noch immer zitternde
und erschöpfte junge Mädchen wandte »ich begreife wahrlich nicht was Sie
veranlassen konnte den Burschen da so dringend zur Flucht zu bewegen Ihm droht
keine Gefahr«
    »Sie wollten ihn verhaften Sir« rief Adele noch immer in höchster
Aufregung  »man hat ihn des Mordes angeklagt«
    »Und sollte das etwa ein Beweis seiner Unschuld werden wenn er anstatt
sich freizustellen dem Richter entflieht« frug der Mann von Sinkville und ein
spöttisches Lächeln zuckte um seine Lippen Adele schwieg bestürzt still »Doch
wie dem auch sei« fuhr er endlich fort »der Squire ist wie er mir versichert
schon auf der Spur der wirklichen Mörder ich war eben hierher geschickt das
dem jungen Mann mitzuteilen und ihn von jeder Besorgnis zu befreien Sie mögen
jetzt selber urteilen Miss ob Sie ihm mit dieser Warnung wenn Sie ihm in der
Tat wohl wollen einen Gefallen getan haben«
    »Mr Porrel« sagte Adele und errötete tief  »die bestimmte Nachricht die
jener Bootsmann brachte der selbst hierher wollte Mrs Lively aufzusuchen «
    »Wollen Sie sich überzeugen mein Fräulein ob ich die Wahrheit geredet«
erwiderte Porrel »so fragen Sie Squire Dayton selber Kook den man wie ich
gehört habe heute Morgen allerdings aber nur wegen Ruhestörung  verhaftete
ist jetzt wahrscheinlich auch schon wieder frei es lastet wenigstens kein
Verdacht mehr auf ihm  Bitte Jim legt doch einmal der jungen Dame hier den
dort heruntergeworfenen Sattel auf  sie wird sicherlich lieber reiten wollen
als in unserer Gesellschaft in die Stadt zurückzugehen«
    Der Mann gehorchte schnell dem Ruf und führte bald James Livelys Pferd
Adelen vor Diese wandte sich erst in aller Verlegenheit gegen den Advokaten
als ob sie sich bei ihm entschuldigen wolle aber sie besann sich bald eines
Bessern stieg rasch auf das Holz neben dem das ungeduldig scharrende Tier
stand sprang in den Sattel und sprengte unwillig über sich und die ganze Welt
in die Stadt zurück
    Porrel sah ihr mit leise gemurmeltem Fluche nach und ging dann nachdem er
seine Begleiter nach dem nicht mehr weit entfernten Chickentief gesandt und sie
unterrichtet hatte ihn so schnell als möglich zu dem Flatboote des »grauen
Bären« herunter zu bringen auf den kleinen Gasthof zu in dessen Tür er bald
darauf verschwand
 
                                    Fußnoten
1 No bottom  kein Grund Der Ruf des Senkbleiwerfers wenn er mit der Leine
keinen Grund gefunden hat
 
                                      35
                                        
           Die Flucht der Männer des »Grauen Bären«  Smart erzürnt
Waren Mr und Mrs Dayton schon über den wilden Ritt Adelens erstaunt gewesen
so beobachteten die gegenwärtigen Insassen des »grauen Bären« mit kaum
geringerem Interesse die sich in ihrer unmittelbaren Nähe ereignenden Vorgänge
Galt diese scheinbare Verfolgung des Einen den sie durch die Büsche nicht
erkennen konnten ihrer Sache oder hatte die Begegnung so vieler Menschen auf
der Kountystrasse nur zufällig stattgefunden Ihr böses Gewissen machte sie
zittern und von Allen stand Sander als er unter den Männern Adele erkannte
mit bleichem Antlitz und ängstlich pochendem Herzen oben an dem kleinen im
zweiten Stock befindlichen Fenster um von da aus sowohl die Vorgänge auf der
Straße zu übersehen als auch im Fall ihm wirklich Gefahr drohe augenblicklich
zu wissen nach welcher Richtung hin er sich am besten retten könne
    Was hatte Adele Dunmore hier so allein zwischen die fremden Männer geführt
Und wer war es der dort in tollen Sätzen durch den wildverwachsenen Wald
davonsprengte Einzelne dichtbelaubte Hickories verstatteten ihm nicht den
ganzen Schauplatz zu übersehen aber nur um so mehr fühlte er sich beunruhigt
da ihm das Wenige was er erkennen konnte so rätselhaft schien
    Da wurde seine Aufmerksamkeit plötzlich von der Straße abgezogen denn einer
der Fremden kam rasch auf das Haus zu Sander war noch in Zweifel wer es sein
könne denn die Männer trugen fast sämtlich Strohhüte und von oben herunter
entzog ihm der breite Rand das Gesicht Da öffnete sich die Haustür und ließ
den Klopfenden ein er gehörte also auf jeden Fall zu den Freunden Torby hätte
ihm sonst nimmer den Eintritt verstattet und rasch sprang der junge Verbrecher
die Stufen hinab um zu hören was jener bringe
    Es war Porrel selbst der hierher kam den Auftrag ihres Führers
auszurichten und den Kameraden in der Kürze zu melden was in Helena geschehen
welcher Gefahr sie ausgesetzt gewesen welche Vorkehrungen dagegen getroffen
wären und welchen Plan vor allen Dingen Kelly entworfen habe nicht allein ihre
Flucht zu sichern sondern auch zugleich Rache an den Feinden zu nehmen
    »Aber beim Teufel« rief da Sander ärgerlich aus »weshalb kommt der
Kapitain nicht einmal selber hierherauf er weiß was er mir versprochen hat und
weshalb ich mich jetzt in der Stadt nicht gut sehen lassen darf Wenn die ganze
Sache was mit jedem Augenblicke geschehen kann wirklich auseinanderbricht
dann sitzen wir nachher fest auf dem Sande während er sehr behaglich im Trüben
fischt und angelt oder doch auf jeden Fall seine eigene wertgeschätzte Person
in Sicherheit bringt«
    »Habt keine Angst« beruhigte ihn lachend Porrel oder Toby wie er
gewöhnlich von den Kameraden genannt wurde »glaubt ja nicht dass Ihr wenn es
wirklich an den Kragen ginge beim letzten Tanze fehlen sollt Ihr die Ihr Euch
jetzt noch versteckt halten müsst bleibt in dem Chickentief mit dem Ihr nun so
schnell als möglich unter die Helenalandung hinabfahrt ruhig liegen Gelingt
unser Plan und gehen wir mit den Bewaffneten von Helena wirklich
gemeinschaftlich auf das Dampfboot dann setzt Ihr Eure Segel und mit diesem
und etwas Rudern könnt Ihr wenn auch nicht mehr zum Kampf doch auf jeden Fall
noch zur Einschiffung kommen Gelingt er aber nicht müssen wir was ich uns
übrigens nicht wünschen will schon in Helena zuschlagen so sind vier schnell
hintereinander abgefeuerte Schüsse das Signal Dann ist Alles entdeckt und nur
Gewalt kann uns befreien in dem Fall zögert aber auch nicht wenn Ihr nicht
abgeschnitten werden wollt Die Maske haben wir nachher überhaupt abgeworfen
und Ihr braucht Euch nicht länger zu scheuen ans Licht zu treten«
    »Ich für meinen Teil wollte fast es wäre so weit« brummte Sander »meines
Bleibens ist hier nicht mehr und ein Glück wars nur dass sie in Helena den
verwünschten Hosier verhafteten der hätte mich sonst in eine böse Patsche
bringen können Was wolltet Ihr mit dem Burschen der da so merkwürdig eilig
durch den Wald sprengte«
    »Das war James Lively« erwiderte Porrel »der hier im Kieferndickicht auf
der Lauer gelegen und dieses Haus beobachtet haben muss«
    »Nun da habt Ihrs« rief Sander erschreckt  »das sind die Folgen dieses
verdammten Zögerns und wir die wir unsere eigenen Physiognomien zum
allgemeinen Besten haben müssen verdächtigen lassen werden wohl noch zum guten
Ende während Ihr Anderen frei durchbrennt in einer sauber gedrehten
Hanfschlinge ans Licht gezogen werden Tod und Verdammnis so ganz in die Hände
dieses Kelly gegeben zu sein«
    »Nun das hat die längste Zeit gedauert« beruhigte ihn Porrel  »dort kommt
auch das Boot schon jetzt zu Schiffe Ihr Herren James Lively wird wenn er so
schnell zurückkehrt als er gegangen ist die Hinterwäldler bald genug hier
versammelt haben dann lasst sie das leere Nest finden und wir ziehen indessen
in Helena unsere Mannen zusammen Sind Eure Sachen gestern Abend noch hinunter
auf die Insel geschafft Torby«
    »Nein gestern Abend nicht wer Teufel sollte denn bei dem Nebel fahren«
erwiderte der Gefragte »aber heute Morgen hab ich sie abgeschickt auf jeden
Fall treffen wir sie dort bis wir selbst hinunterkommen«
    »Sollen wir denn aber so offen aufs Boot gehen« frug Sander  »wenn nun
noch irgend ein Halunke hier versteckt läge und nachher in Helena unsern
Schlupfwinkel verriete«
    »Da hängt die Decken über« sagte Torby  »sie mögen Euch für Indianer
halten und nun rasch mir ists immer als ob ich schon Hufschläge hörte«
    Die Männer stiegen ohne weiteres Zögern in das dicht am Flatboot liegende
kleine Segelboot hinunter und Porrel eilte von noch Mehreren der Leute aus dem
»grauen Bären« begleitet schnellen Schrittes nach Helena zurück
                                       
    Indessen hatte sich Jonathan Smart der von dem Virginier die näheren
Umstände über Kooks Verhaftung rasch erfragte ohne Zögern mit diesem auf den
Weg gemacht um den Richter selbst darüber zur Rede zu stellen Der war aber
nirgends zu finden und der Konstabler erklärte die angebotene Bürgschaft ohne
dessen Bewilligung auf keinen Fall annehmen zu können
    Dagegen ließ sich nicht wohl etwas einwenden das wusste Smart gut genug und
obgleich sich der Virginier höchst entrüstet verschwor er habe unmenschliche
Lust der ehrsamen Gerichtsbarkeit in Helena Arme und Beine zu zerschlagen so
hatte er doch an diesem Morgen selber gesehen dass er sich mit denen die
gleichgesinnt waren bedeutend in der Minorität befinde und machte deshalb für
den Augenblick seinem gepressten Herzen nur in einer unbestimmten Anzahl von
Kernflüchen und Verwünschungen Luft
    Die beiden Männer waren unter der Zeit langsam die Straße hinab und dem
Gefängnis zu gegangen dem gegenüber vor der seligen Mrs Breidelford Hause
sich noch immer einzelne Bootsleute und Kinder aus der Nachbarschaft
herumtrieben wenn auch die festverschlossenen Türen jeden ferneren Eintritt
versagten Da wurden sie plötzlich aus einem der oberen Jailfenster mit einem
»Boot ahoi« begrüßt und Smart der im Anfang glaubte es sei Kooks Stimme
erstaunte nicht wenig hier auch seinen Freund von gestern den jungen
IndianaBootsmann zu treffen Es war derselbe der ihm das junge Mädchen
gebracht und den er schon lange weil er sich gar nicht wieder hatte sehen
lassen stromab vermutete
    »Hallo Sir« rief er erstaunt aus »was zum Henker macht denn Ihr hier
hinter den Eisenstäben Potz Zwiebelreihen und Holzuhren was ist denn auf
einmal in den Richter gefahren der war doch sonst nicht so bei der Hand mit
Leuteeinsperren«
    »Gott weiß auf welches Schurken Anklage ich hier sitze« rief der junge
Matrose  »der Halunke hat sich nicht wieder sehen lassen und wie es scheint
bekümmert sich gar Niemand um uns hier Ist denn das ein freies Land wo man die
Bürger ohne Weiteres in ein Loch wie dieses hier werfen darf und dann auch
ruhig darin stecken lässt«
    »Aber weshalb sitzt Ihr denn« frug Smart erstaunt
    »Gentlemen« mischte sich da ein Fremder  Smart hatte ihn wenigstens früher
noch nie in Helena gesehen  in das Gespräch »derlei Unterhaltungen dürfen hier
nicht stattfinden Ein Freund von mir hat den Mann da verklagt und  der
Konstabler hat verboten dass Jemand zu ihm gelassen werde«
    »Schlagt doch dem einmal Eins auf den Kopf Smart« rief Tom von oben
herunter  »ich bin Euch auch wieder einmal gefällig«
    »Mein lieber Sir« sagte der Yankee ruhig ohne jedoch dem Gefangenen diesen
kleinen Dienst zu erweisen »es wäre für Sie gewiss höchst vorteilhaft glaub
ich wenn Sie sich um Ihre eigenen Geschäfte bekümmern wollten Ich meines
Teils wenigstens bin keineswegs «
    »Das sind aber meine Geschäfte Sir« fiel ihm der Andere trotzig ins Wort
und von der entgegengesetzten Strassenreihe zogen sich nach und nach einzelne
Männer herüber  »ich bin ganz besonders hierher gestellt derlei Unterhaltungen
zu hindern und verbiete sie hier ein für alle Mal«
     »geneigt mir von irgend einem Fremden Vorschriften machen zu lassen«
fuhr Smart fort Der Virginier aber dem die Galle schon gleich von der ersten
Anrede gekocht hatte trat ohne weitere Worte vor warf seine Jacke ab streifte
die Ärmel auf und bat Smart das Gespräch nur ruhig fortzusetzen denn er wolle
verdammt sein wenn er dem »Breitmaul« wie er sagte nicht den Rachen stopfe
sobald er seinen Bug nur noch ein einziges Mal hier einschiebe
    »Ruhe hier Gentlemen da drüben liegt eine Leiche« riefen jetzt Andere
die hinzutraten »pfui wer wird sich schlagen und raufen vor dem Todtenhause«
    »Ich wenn Ihrs wissen wollt« rief trotzig der Virginier  »ich sobald
ich die Ursache dazu bekomme und vor der da drüben brauch ich noch lange keine
Ehrfurcht zu haben  Verdient hat sie was ihr geworden ist und das
hundertfach  mich hat sie zum Beispiel betrogen dass mir die Augen übergegangen
sind«
    »Ei so dreht doch dem lügnerischen Schuft den Hals um« rief da ein Anderer
aus der sich jetzt mehr und mehr sammelnden Volksmenge heraus und als sich der
Virginier rasch nach ihm umwandte begegnete er lauter kampffertigen Gesichtern
unter denen er seinen Angreifer nicht im Stande war zu erkennen
    »Heilige Dreifaltigkeit  wenn ich doch jetzt unten wäre« wünschte sich Tom
aus dem Fenster hinaus aber Smart über solche Feigheit einer Mehrzahl gegen
den Einzelnen aufs Tiefste empört wandte sich gegen die Menge und rief den
langen Arm mit der keineswegs unbeträchtlichen Faust gegen sie ausstreckend
    »Fellows  denn Gentlemen kann man Euch Lumpengesindel nicht mehr nennen 
feiges erbärmliches Pack das sich nicht schämt in Masse gegen Einen
aufzustehen  Amerikaner wollt Ihr sein  Niederträchtiges Halbbrutzeug seid
Ihr das man in NeuEngland bei den «
    »Hurrah für Smart« tobte jubelnd der Haufe der durch diesen derben Ausfall
des sonst so ruhigen und gleichmütigen Wirtes mehr ergötzt als gereizt wurde 
»Hurrah für den Yankee  bringt einen Stuhl  einen Tisch herbei  Smart soll
auf den Tisch  eine Rede halten  Smart soll reden  Hurrah für Smartchen«
     »Beinen aufhängen würde« überschrie Smart jetzt wirklich in Wut
gebracht den Haufen  »Bande verdammte  flusswassersaufendes Piratenvolk  das
Ihr seid  Einer und Alle  Eure Väter haben ihr Blut für die Unabhängigkeit
ihres Vaterlandes vergossen und Ihr Schandbuben wegelagert jetzt dasselbe Land
und bringt Schimpf und Schmach auf die Gräber Eurer Eltern auf Euer Vaterland
Aber Ihr habt gar kein Vaterland  Ihr seid vogelfrei  Wasserratten seid Ihr
die man mit Gift ausrotten sollte dass die Erde von solcher Brut befreit würde«
    »Bravo Smart bravo« jubelte es ihm von allen Seiten entgegen und der
Virginier stand mit halb erhobenen Fäusten und schien sich jetzt wirklich nur
ein Gesicht auszusuchen in das er seinen Arm zuerst hineinstossen konnte
    Es wäre am Ende doch noch zu Tätlichkeiten gekommen und wer weiß wie weit
nachher der Übermut des Pöbels diesen geführt hätte wenn nicht jetzt der
Konstabler zwischen die Männer und ernstlich und nachdrücklich Ruhe geboten
hätte Smart musste aber noch keine Lust haben dem Rufe Folge zu leisten denn
es sah aus als ob er eben wieder mit frisch gesammelten Kräften gegen die ihn
umgebenden feixenden Gesichter einen neuen Anlauf nehmen wollte Da besann er
sich wahrscheinlich eines Bessern warf noch einen verächtlichen Blick über die
rohe Schaar schob plötzlich beide Arme fast bis an die Ellbogen in seine tiefen
Beinkleidertaschen hinein und schritt pfeifend die Straße hinab dabei gaben ihm
übrigens Alle willig Raum denn sie hatten den Yankee schon früher als einen
entschlossenen und wenn gereizt auch gefährlichen Mann kennen gelernt mit dem
wenigstens kein Einzelner Streit auf eigene Faust zu beginnen gedachte
    Der Konstabler der indessen mit ernsten aber zugleich freundlichen Worten
die wilde Schaar zu beruhigen suchte teilte dabei dem Virginier mit er habe
schon mit einem hiesigen Kaufmann gesprochen der sowohl für Kook als auch für
James Lively Bürgschaft leisten wolle und Mills verschwor sich hoch und teuer
das sei der einzige vernünftige Mensch in ganz Helena und er wolle verdammt
sein wenn er von jetzt an bei irgend jemand Anderem als bei ihm seinen Tabak
kaufe
    Als Porrel die Stadt wieder betrat fand er den Richter der ihn schon
ungeduldig an der Dampfbootlandung erwartet zu haben schien
    »Alles besorgt« rief ihm der Sinkviller entgegen und deutete auf den Strom
hinaus über dessen Fläche eben mit geblähten schneeweißen Segeln den scharfen
Ostwind in die straff gespannten Arme fassend das kleine schlankgebaute
Fahrzeug heranglitt und seine Bahn gerade dem Platze zu zu nehmen schien aus
dem sie standen »Der Kahn dort birgt unsere Musterexemplare für die wohl
Arkansas einen ganz hübschen Eintrittspreis geben würde um sie nur sehen zu
dürfen  Wir können jetzt alle Augenblicke losschlagen«
    »Ja« sagte der Richter und schaute finster vor sich nieder »und uns hier
und was wir in unserer Nähe haben bringen wir in Sicherheit  Andere aber die
wir zurücklassen sind verloren  wir können nicht fort«
    »Alle Teufel« rief Porrel erschreckt »das wäre ein schöner Spaß  der
junge Lively ist durch Eure Verwandte gewarnt entflohen und wir werden die
ganze Waldbande in noch nicht einer Stunde auf dem Halse haben  längerer
Aufschub ist bei Gott nicht mehr zu erhalten  wer fehlt denn jetzt noch«
    »Eben bekam ich einen Brief von Memphis« sagte der Richter  »ein reitender
Bote hat ihn durch die Sümpfe gebracht  drei von unseren Kameraden befinden
sich da oben in größter Gefahr und nur mein Erscheinen dort kann sie retten«
    »Wegen der Drei darf doch nicht das Ganze zu Grunde gehen« rief Porrel
unwillig
    »Nein« sagte der Squire »aber unsere Pflicht ist es für sie so lange das
noch in unseren Kräften steht wenigstens einen Versuch zu machen«
    »Doch wie«
    »Porrel  Ihr kennt unsere Pläne und wisst dass ihr Gelingen ganz in unsere
Hände gegeben ist Bin ich im Stande mich auf Euch zu verlassen Wollt Ihr die
Unseren führen jetzt in den leichten Kampf und nachher der Freiheit entgegen
Wollt Ihr die Beute an Bord des Dampfbootes schaffen die Gelder die Euch
Georgine bei Vorzeigung dieses Ringes übergeben wird in Verwahrung nehmen und
bis dahin wo ich Euch an dem verabredeten Orte in Texas treffe halten oder 
wenn ich unterginge  verteilen«
    »Was habt Ihr vor« frug Porrel erstaunt  »Ihr wollt nicht mit«
    »Ich allein kann Die deren Sicherheit bisher meine Pflicht war noch
retten« fuhr Dayton ohne die Frage direkt zu beantworten fort  »noch hat
Niemand eine Ahnung wer ich sei oder dass ich überhaupt in solcher Verbindung
stand dieses Dampfboot geht in wenigen Minuten stromauf  heut Abend schon bin
ich in Memphis  morgen kann der Rest der Unseren auf dem Weg nach Texas sein«
    »Und was nützte das« erwiderte Porrel  »Hunderte sind noch oben in den
verschiedenen Flüssen und Flussstädten verteilt  die Alle müssen dann
zurückbleiben und haben sie nicht dasselbe Recht als die in Memphis«
    »Sahet Ihr heute Morgen den alten Baum fällen der hier am Ufer stand« frug
ihn Dayton
    »Ja  was hat der mit meiner Frage zu tun«
    »Er ist allen stromabkommenden Booten das Wahrzeichen vom Bestehen der
Insel« entgegnete ihm der Richter  »sehen sie den Stamm nicht mehr so wissen
sie dass die Inselcolonie entweder untergegangen oder es für jetzt doch nicht
möglich ist dort zu landen und fahren vorüber«
    »Hm  verdammt vorsichtig« brummte Porrel und blickte halb überzeugt halb
misstrauisch den Gefährten an Es war ein eigener Verdacht der in ihm aufstieg 
wollte der Kapitain sie im entscheidenden Moment verlassen Des Richters
Aussehen bestätigte das Alles und er sagte
    »Hört  Squire  soll ich das was Ihr mir da eben mitteilt den Leuten
erzählen wenn sie nach Euch fragen und wollt Ihr mir offen sagen was Ihr
vorhabt oder  ist die Geschichte für mich mit erdacht«
    Der Squire sah ihn einen Augenblick unschlüssig zögernd an dann streckte er
dem Freunde rasch die Hand entgegen
    »Nein« rief er  »nicht für Euch Porrel  Euch werde die lautere Wahrheit
Ich will fort  will dies Leben wie diese Schaar verlassen  Ihr Porrel mögt
der Vollstrecker meines letzten Willens  mein Erbe sein«
    »Und Euer Weib nehmt Ihr mit« frug der Mann von Sinkville Der Squire
nickte schweigend mit dem Kopfe
    »Aber Georgine «
    »Lest den Brief« sagte dumpf der Richter Porrel nahm das Schreiben und
überflog es rasch
    »Eifersucht« sagte er lächelnd  »blinde Eifersucht  an«  er drehte um
die Aufschrift zu lesen das Papier herum  »ha da sind Blutflecken  mit einem
Tuche verwischt Wer hat dies Schreiben so rot gesiegelt«
    »Der Träger« entgegnete Dayton finster  »doch wie dem auch sei nie will
ich sie wiedersehen aber sie soll auch nicht darben  hier dies Paket und
seinen Inhalt übergebt ihr von mir«
    »Also Ihr habt fest beschlossen «
    »Fest Porrel  fest und Euch  wenn Ihr meine Bitte treu erfüllt die
Leute in Sicherheit bringt und die Beute redlich unter sie teilt  sei mein
Anteil bestimmt genügt Euch das«
    »Der ganze Anteil« frug erstaunt der Advokat  »Mann wisst Ihr auch
welche Reichtümer wir besonders in letzter Zeit erübrigt haben«
    »Wohl weiß ich es« flüsterte mit abgewandtem Antlitz der Richter  »es ist
das Eure  Wer von den Unseren nach mir fragen sollte dem sagt zu welchem
Zweck ich mit diesem Boot und wohin ich mit ihm gegangen Doch jetzt beruhigt
die Leute da oben ich höre noch immer den wilden Lärm und Zank Die Burschen
sind doch unverbesserlich und nicht im Zaume zu halten ob ihnen Tod und Henker
auch schon vor Augen ständen Good bye Porrel  ich gehe jetzt hinauf mein
Weib zu holen  Glück zu  der beste Wunsch den ich für Euch habe ist Texas
und den Golf hinter Euch«
    Adele war indessen rasch die kurze Strecke zum UnionHotel getrabt um Mrs
Smarts Sattel zurückzubringen Dort fand sie aber das ganze Haus wie
ausgestorben der einsame Barkeeper schaukelte sich in der Veranda auf den
Hinterbeinen seines Stuhles Madame war wie Scipio sagte zu Squire Daytons
Mr Smart selbst mit dem Virginier fortgegangen und er Scipio wusste nun  wie
er meinte  vor langer Weile nicht ob er seine gewöhnliche Arbeit besorgen oder
hinter den Anderen hergehen solle
    »Ist Mrs Smart schon lange drüben« frug Adele während der Neger den
Sattel abnahm und den Zügel des Pferdes über das Reck warf
    »Nein Missus« lautete die Antwort  »gar noch nicht lange  Golly Jesus 
Missus hat ja das Pferd verwechselt  Nancy war hier  ist bei Jingo Mr
Livelys Pony  fremde Missus soll recht krank geworden sein«
    »Marie« rief Adele erschreckt  »armes armes Kind  aber ich bin gleich
bei Dir  ach Scipio weißt Du nicht ob Squire Dayton zu Hause ist  ich muss
ihn augenblicklich sprechen«
    »Steht unten am Wasser Missus« sagte Scipio »gleich unten wenn Ihr hier
die Straße hinuntergeht  Ihr könnt gar nicht fehlen er müsste denn wieder
weggegangen sein«
    »Scipio« sagte Adele »willst Du mir die Liebe tun und einmal
hinunterlaufen und ihn bitten er möchte doch  oder nein  ich will lieber
selber gehen  Scipio nicht wahr Du begleitest mich an den Fluss Eine solche
Menge fremder Bootsleute ist heute in der Stadt ich fürchte mich fast allein
zu gehen«
    »Großer Golly« sagte Scipio und schüttelte bedenklich mit dem Wollkopf 
»geht heute merkwürdig wild in Helena zu  dies Kind hier«  Scipio wenn er von
sich selber sprach nannte sich immer gern mit diesem allerdings für ihn etwas
zu jugendlichen Beinamen  »dies Kind hier hat noch keine solche Wirtschaft
gesehen  Wundert mich dass der Leichendoctor noch nicht da ist «
    »Willst Du mit mir gehen Scipio«
    »Be sure  Miss be sure  Scipio geht immer mit«  und der Afrikaner
drückte sich seinen alten abgegriffenen Strohhut noch fester in die Stirn hob
sich nach Matrosenart den Bund ein wenig streckte erst das rechte dann das
linke Bein und gab nun durch eine kurz abgeknickte Vorbeugung der jungen Dame
zu verstehen dass seine Toilette beendet und er vollkommen bereit sei zu
folgen wohin sie ihn führen würde
 
                                      36
                                        
Die Piraten zum Äußersten getrieben  Der Van Buren vom Black Hawck verfolgt
Adele schritt rasch ihrem schwarzen Begleiter voran und sie erreichten in
demselben Augenblick Frontstreet als der Richter von Porrel Abschied genommen
und Elmstreet hinauf seinem Hause zueilen wollte Obgleich er die junge Dame
nun freilich lieber vermieden hätte so ging das doch nicht an sie hatte ihn
schon gesehen und kam rasch auf ihn zu Da blieb sie plötzlich stehen und
schaute die Straße am Ufer hinab  Scipio starrte ebenfalls dorthin und schlug
die Hände in lauter Verwunderung zusammen und als der Squire ihrem Blick mit
den Augen folgte sah er eben noch wie dicht am Ufer ein Pferd mit seinem
Reiter zusammenbrach und diesen weithin über sich schleuderte Von allen Seiten
eilten Menschen herbei ihm beizustehen der Mann aber obgleich von dem
gewaltigen Sturz etwas betäubt raffte sich doch schnell wieder empor und warf
den Blick scheu im Kreise umher Dort aber musste er wohl bekannte Gesichter
treffen denn Dayton sah wie er dem Einen die Hand reichte und ein paar Worte
mit ihm wechselte und wie dieser dann der Stelle zudeutete wo er selber stand
    Dayton erschrak  es lag etwas Unheimliches in dem ganzen Benehmen des
Reiters der nicht einmal nach dem gestürzten Tier zurückschaute sondern nur
weiter und weiter strebte als ob er etwas Entsetzliches hinter sich wisse das
er fliehen wolle Er ging ihm ein paar Schritte entgegen und blieb als er ihn
erkannte wie in den Boden gewurzelt stehen Es war Peter  bleich und mit Blut
bedeckt  die Kleider zerrissen und beschmutzt den Hut verloren das Haar wirr
um den Kopf hängend  die kaum geheilte Narbe auf der Wange blutrot und
entzündet  er hätte ihn kaum wieder erkannt
    »Kapitain Kelly« stöhnte der Mann als er ihn jetzt erreichte und den Blick
scheu zurückwarf ob auch der dem die Worte galten sie allein vernähme 
»rettet Euch  die Insel ist genommen«
    »Bist Du rasend« rief der Richter und trat entsetzt zurück  »rasend oder
trunken«
    »Gift und Verdammnis« zischte der Narbige durch die zusammengebissenen
Zähne hindurch  »ich wollte ich wär es und spräch eine Lüge  ein Dampfboot
landete dort heute Morgen  bei allen tausend Teufeln da unten kommts schon um
die Spitze  ich habe Euren Fuchs todtgeritten und so dicht sind sie hinter
mir«
    »Alles verloren« rief Dayton und sah den Unglücksboten mit stierem Blick
an
    »Alles« stöhnte dieser
    »Und Georgine« frug der Kapitain
    »Verliess heute vor Tag in Eurer Jolle die Insel«
    »Allmächtiger Gott Dayton  was ist Dir  Du bist totenbleich« rief die
in diesem Augenblick herbeieilende Adele  »die ganze Stadt scheint in Aufruhr 
Mr Kook und Tom Barnwell sollen verhaftet sein  der Konstabler sprengt zu
Pferde hin und wieder  eine Masse fremder Menschen zieht bewaffnet durch die
Straßen «
    »Fort von hier Adele« sagte der Richter und tat sich Gewalt an ruhig zu
bleiben  »fort  dies ist nicht Dein Platz  Scipio geleite sie wieder nach
Hause ha  was ist das«
    Er horchte den Fluss hinauf und die Erde schien plötzlich von den donnernden
Hufen heransprengender Rosse zu beben  die Straße herab stürmte es in wilder
Hast  Reiter nach Reiter jagte heran  Elm Walnut und Frontstreet nieder und
über den Platz hin dem Gefängnis zu Es waren die wilden Rotten der
Hinterwäldler in Jagdhemden und Moccasins die langen Büchsen auf der Schulter
die Messer an der Seite Wie ein Ungewitter stürmten sie herbei  der gellende
Jagdruf scharf hinaustönend wie der Schlachtschrei der kaum wilderen Indianer
sammelte sie auf dem freien Platze vor den Häusern und ganz Helena schien sich
jetzt um sie sammeln zu wollen
    Adele schmiegte sich ängstlich dem Richter an  James war der Führer der
Schaar und sein Befehl sandte flüchtige Reiter hinauf und hinab in die Stadt
mit Windesschnelle
    Der Squire stand starr und regungslos von tausend auf ihn eindrängenden
Gefühlen bestürmt Dort fast neben ihm lag das Boot das ihn der Rettung
entgegenführen konnte  seine Schornsteine qualmten das Oeffnen der Ventile
die den eingehemmten Dampf mit wildem Rauschen ins Freie ließ bewies
deutlich die Ungeduld des Ingenieurs  die schnellen Schläge der Glocke mahnten
zur Abfahrt Bolivar drängte sich in diesem Augenblick zu ihm hin
    »Massa« flüsterte er leise »der Kapitain vom Dampfer lässt Euch sagen er
müsse fort  er könne nicht länger warten«
    »Ha  Squire Dayton« rief da James Lively dessen Blick durch das lichte
Kleid der jungen Dame angezogen den Richter erkannte  er ritt noch das Pferd
das ihm Adele gebracht und sein Schenkeldruck trieb es rasch dem Platze zu wo
Dayton stand
    »Squire« sagte er hier während er rasch von seinem schnaubenden Tier
herabsprang und tief errötend die junge Dame grüßte  »Squire  es sind heute
Morgen wunderliche Sachen in Helena vorgegangen Wir hatten die Nachbarn
aufgeboten dem Gesetz wo es Hilfe brauche beizustehen  Kook eilte zu diesem
Zweck voraus und wie ich jetzt höre ist er verhaftet«
    »Mr Lively« sagte der Squire und sein Herz klopfte als ob es ihm die
Brust zersprengen sollte  das Dampfboot von stromauf kam mit jedem Augenblick
näher  nur Zeit jetzt gewonnen nur wenige Minuten Zeit  »Kooks wilder
Hitzkopf hatte sich allein das zugezogen  ich musste ihn fast mehr noch seiner
eigenen Sicherheit wegen verhaften lassen als eines andern Grundes wegen  Das
Alles hat sich jetzt jedoch erledigt und da nun auch kein weiterer Grund
vorliegt will ich selbst hinausgehen und ihn in Freiheit setzen«
    »Möchte kaum nötig sein Sir« sagte lächelnd der junge Hinterwäldler
»Vater ist dorthin aufgebrochen und wird ihn wohl mitbringen  wahrhaftig ich
glaube dort kommen sie schon« Er richtete sich rasch empor und in der Tat
sprengten eben einzelne Reiter mit Kook und Tom Barnwell in ihrer Mitte aus
der oberen Straße heraus Der Squire bog sich schnell zu seinem Neger nieder
    »Bolivar« flüsterte er  »hinauf und bringe Mrs Dayton hin aufs Boot 
Leben und Freiheit hängt an Deiner Eile«
    »Squire Wir haben eben den grauen Bären gestürmt« wandte sich James wieder
an diesen  »aber das Nest ist leer Unser Geheimnis ist verraten  die Bande
hat «
    Ein lauter Ruf des Entsetzens den Bolivar in Furcht und Staunen außstieß
unterbrach ihn  Der Neger schon im Begriff den ihm gegebenen Befehl zu
erfüllen hatte aber auch Ursache zurückzuschrecken denn dicht vor ihm  den
alten schwarzen Filzhut abgeworfen  das marmorbleiche Antlitz von wilden
dunkeln Locken umwallt  die Augen stier und geisterhaft  die blassen Wangen
von zwei kleinen blutroten Flecken gefärbt  die Lippen zitternd und halb
getrennt  stand ein Knabe  und hob langsam die Hand gegen den Richter auf 
    »Georgine« stöhnte der Häuptling und das Blut wich aus seinen Wangen
    »Dayton« bat Adele in Todesangst  »was um des Himmels willen ficht Dich an
 was bedeutet dies Alles«
    »Hahahaha« lachte mit markdurchschneidendem Hohn Georgine und richtete sich
stolz und wild empor  sie hielt in diesem Augenblick Adele die sie früher noch
nicht gesehen für des Richters Gattin  »Richard Kelly der Kindesmörder
fürchtet die eine seiner Frauen zu begrüßen weil die andere daneben steht 
herbei Ihr Leute herbei«
    »Wahnsinnige« rief Dayton und ergriff rasch ihren Arm
    »Zurück von mir« schrie aber das Weib in wilder Wut  »wahnsinnig Ja ich
bin wahnsinnig ich will es sein  aber Du  Du hast mich dazu gemacht 
Herbei Ihr Farmer  herbei Ihr Männer von Helena  herbei  der der hier vor
Euch steht als Richter und Squire  der der Jahre lang in Eurer Mitte gelebt
hat  wie sich die Schlange im stillen Haus in der Nähe der Menschen ihr Nest
sucht «
    »Georgine« rief Dayton in Entsetzen
    » ist Kelly der Häuptling der Piraten  der Herr jener Räuberinsel  und
ich  ich  ich bin sein Weib«
    Der schwache Körper konnte nicht mehr ertragen  Aufregung Schmerz Wut
und Rache hatten ihre Kräfte wohl noch bis zu diesem Augenblick aufrecht
erhalten jetzt aber ließ auch die letzte zu straff angespannte Sehne nach und
bewusstlos sank sie zurück und wäre zu Boden gestürzt hätte nicht James sie in
seinem Arm aufgefangen
    Dayton stand einer aus Stein gehauenen Bildsäule gleich starr und
regungslos da und hörte die Worte die sein Todesurteil sprachen wie Einer
der einem fernen fernen Tone lauscht So lange der Blick Georginens auf ihm
haftete war er nicht im Stande sich zu regen  jetzt aber als sie zurücksank
als ein Ausruf des Entsetzens den Lippen Adelens entfuhr und der Racheschrei der
ihn umgebenden Feinde zum Himmel emporstieg durchzuckte auch ihn wie mit
wilder zündender Glut das Gefühl seiner Lage das Bewusstsein der Gefahr in
der er schwebe Jetzt war jede Verstellung unnütz  der letzte Augenblick
erschienen die Maske gefallen
    »Fasst den Räuber  lasst ihn nicht entkommen« schrie es von allen Seiten
und Adele trat unwillkürlich und erschreckt von ihm zurück James aber ihm der
Nächste wurde noch durch die Gestalt Georginens am Vorspringen verhindert und
war auch wirklich durch das Überraschende und Fürchterliche dieser Anklage so
betäubt dass er kaum wusste ob er wache oder träume Während aber jetzt von
allen Seiten die übrigen Männer herbeieilten Farmer und Bootsleute  zum
Angriff  zur Verteidigung die bis dahin offen getragenen oder verborgenen
Waffen gezogen riss Kelly zwei kleine Doppelpistolen aus seinen Taschen
    »Verloren« schrie er mit heiserer Stimme  »verloren und verdammt  herbei
denn Piraten herbei Schaart Euch um Euren Führer  Freiheit und Rache« Und
die Ersten die ihm entgegenstürmten fielen von den nur zu sicher gezielten
Kugeln durchbohrt während die Angreifer überrascht zurückfuhren denn rechts
und links tauchten Feinde auf  in ihrem Rücken knallten Pistolenschüsse und
blitzten Messer und für einen Augenblick wussten sie nicht wie es der
entsetzliche Mann ja auch berechnet hatte wer Freund noch Feind sei und für
wen oder gegen wen sie zu kämpfen hätten
    Das Signal ward gegeben  oben und unten in der Stadt wurde es beantwortet 
aus den Straßen kamen eilenden Laufes wilde trotzige Gestalten  die Boote
spieen sie aus mit Büchsen Aexten Messern und Harpunen der kleine
Chickentief besonders der dicht vor dem Dampfboot lag wurde lebendig und
Kotton und Sander von jubelnden Piraten gefolgt sprangen ins Freie
    Der Kapitain des Van Buren sah erstaunt die plötzlich der Erde und dem
Wasser scheinbar entsteigenden Schaaren und fürchtete nicht mit Unrecht für die
Sicherheit seines Bootes denn über dessen Planken flohen auch schon viele
Einzelne an Bord Rasch gab er den Befehl die Taue zu kappen und die Planken
einzuziehen während die Klingel des in sein Haus springenden Lootsen den
Ingenieur zum Bereitsein mahnte Wohl kam eben so schnell die Antwort zurück
und die Matrosen flogen an ihre Plätze aber  es war zu spät
    »An Bord Boys« schrie die donnernde Stimme des Piratenhäuptlings  »entert
das Dampfboot  an Bord«
    Die Matrosen die sich niedergebogen hatten die Planken zu fassen und
einzuziehen wurden von schon früher Eingeschlichenen rasch zur Seite geworfen
 Im nächsten Augenblick sprangen von allen Richtungen her dunkle Gestalten über
die Bretter An den Seiten des Bootes und aus Kähnen kletterten sie herauf und
während die noch am Ufer Befindlichen Front gegen die jetzt vorstürmenden Farmer
machten bemächtigten sich jene des ganzen Dampfers rannten auf die erste
Kajüte und auf das HurricaneDeck hinauf und eröffneten von hier aus ein
tödtliches Feuer gegen die mehr und mehr sie umzingelnden Feinde
    Georgine wenn auch für den Augenblick durch den sie bewältigenden Sturm der
Leidenschaften betäubt raffte sich jetzt von dem Lärm und Schießen umtobt
wieder empor James aber sah sich kaum von seiner Last befreit als er auch auf
Adele zusprang und sie rasch aus dem Getümmel führte wo ihr Leben ja von allen
Seiten bedroht war  Hier traf er glücklicher Weise Cäsar und Nancy die gerade
im Begriff gewesen waren mit Koffern und Schachteln dem Van Buren zuzueilen
und übergab ihnen das arme Mädchen das nach dem eben Erlebten fast Alles
willenlos mit sich geschehen ließ
    Dann aber sammelte auch der wohlbekannte scharf ausgestossene Jagdruf die
Seinen mit denen er sich von Kook Smart und dem Virginier unterstützt im
wilden Ansturm auf die Feinde warf Diese von den Übrigen umdrängt behielten
natürlich keine Zeit die abgeschossenen Gewehre wieder zu laden und suchten
die Angreifer nur mit Messern und Büchsenkolben abzuhalten Mehr und mehr aber
zogen sie sich dabei auf das Boot zurück der Raum den sie zu verteidigen
brauchten wurde immer kleiner das Feuer vom Boot selbst aus immer
vernichtender und fast alle Farmer waren verwundet während Kelly in der
Linken sein breites Bowie in der Rechten den Lauf einer abgebrochenen Büchse
Tod und Verderben um sich her säete
    Oben auf dem Hurricanedeck stand Sander und jubelte während er sein Gewehr
zwischen die am Ufer Stehenden abschoss
    »Hurrah Boys Kommt an Bord  Anker gelichtet der Freiheit entgegen«
    Aus einem rasch in den Fluss hinausgeruderten Boot sprang ein Mann und
schwang sich auf das Steuer des Van Buren
    »An Bord« schrie Kelly  »an Bord Ihr Leute  kappt die Taue «
    »Hierher  Ihr Rächer  hierher« rief eine weibliche Stimme und Georgine
den Tomahawk eines der Gestürzten in hochgeschwungener Rechte sprang den
Kämpfenden zu
    James dessen Absicht es jetzt war die Planke zu gewinnen damit er denen
die am Ufer standen den Rückzug abschneiden und den Häuptling wo möglich lebend
fangen könnte sprang in das Wasser und wollte das Boot schwimmend erreichen
zwei Kugeln aber trafen ihn fast zu gleicher Zeit und er sank Kook warf sich
indessen von Mills und Smart unterstützt auf den Kern des Ganzen wo Kelly die
Seinen antrieb auf das Boot zu flüchten während er selbst ihren Rückzug decken
wollte
    Der Virginier hatte sich dabei den Kapitain der Schaar ganz besonders zum
Angriff ausersehen
    »Teufel« schrie er und warf sich ihm mit keckem Sprung entgegen »die
Stunde der Rache ist gekommen  fahre zur Hölle« Und mit seinem Messer führte
er einen Streich nach dem Piraten der sein Schicksal sicherlich besiegelt
hätte doch Bolivar fiel dem jungen Mann in den Arm umfasste ihn und schlug ihn
mit dem Eisenschädel so gewaltig gegen die Stirn dass er bewusstlos hintenüber
stürzte Kelly sprang auf die Planke  die Taue waren gekappt das Boot lag frei
und die Räder fingen an zu arbeiten  die Planken bewegten sich schon  ein
Kolbenschlag warf Jonathan Smart der überdies auf dem durch Blut schlüpfrig
gewordenen Holze ausglitt in den Fluss hinab  er war gerettet
    »Du bist mein« drang da ein gellender Ton in sein Ohr  »mein und mein sei
auch die Rache« Und Georgine in wilder Alles um sich her vergessender Wut
stürzte sich mit funkelnden Augen und Jubelgeschrei ihm entgegen Fast
unwillkürlich zuckte Kellys Hand empor und die stahlbewehrte Faust senkte sich
im nächsten Augenblick auf die Schulter des schönen Weibes nieder  Georgine war
zum Tode getroffen aber fallend ergriff sie die Kniee des Verräters und
während sich dieser bemühte das dadurch gefährdete Gleichgewicht zu bewahren
sprang Kook vor schlug den Neger zu Boden deckte sich mit dem rechten Arm
indem er sein Bowie schwang gegen den nach ihm geführten Hieb eines der Feinde
ergriff mit der Linken den Piratenführer und stieß ihm mit dem Racheschrei auf
den Lippen das breite Messer in die Brust Eine nach ihm geschossene Kugel
streifte ihm die Schulter  ein Kolbenschlag fuhr ihm am Haupte nieder aber er
wankte und wich nicht und als die Planke von dem zurückgleitenden Boot in den
Fluss stürzte und Alle in dem hoch aufschlagenden Wasser versanken hielt er sich
krampfhaft fest in die Kleider des Feindes geklammert und musste mit dem Leichnam
ans Ufer gezogen werden
    Da während das flüchtige Boot vom Lande schoss wurde ein Schrei vom
menschengedrängten Hurricanedeck gehört  Aller Augen richteten sich dorthin
und der alte ebenfalls aus zwei tiefen Wunden blutende Lively der seinen Sohn
gerade ans Ufer gezogen hatte rief erstaunt aus
    »Hawes  bei Gott« Im nächsten Augenblick stürzten aber auch schon zwei
menschliche fest zusammengeklammerte Gestalten von der nicht unbeträchtlichen
Höhe des oberen Decks herab in den aufgewühlten Strom während von allen Seiten
Boote abstiessen die wütenden Kämpfer aufzunehmen
    Noch hatte der Van Buren die Landung aber keine zweihundert Schritte
verlassen als der Black Hawk seine Decks mit Soldaten erfüllt unter dem
raschen Anschlagen der Glocke heranfuhr Wohl standen auch die Matrosen vorn mit
den Tauen bereit sie ans Ufer zu werfen aber Kapitain Kolburn der das
Schießen gehört und den Kampf schon von Weitem mit dem Fernglas beobachtet
hatte schrie oben vom Pilotaus mit dem Sprachrohr sein 
    »Whats the matter« herunter Die einzelnen dem davonbrausenden Dampfboot
nachgefeuerten Schüsse das Winken und Schreien der am Ufer Stehenden und die
umhergestreuten Leichen waren seine Antwort und ließ ihn mit dem was er schon
selbst über die Verhältnisse in Helena erfahren nicht länger mehr in Zweifel
    »Give her hell boys« rief er vom Deck herunter  »feuert dass die Kessel
rot werden den Burschen da vorn müssen wir einholen  hurrah für old Kentucky
«
    Rasch an den weiter oben liegenden Flatbooten vorbei glitt der Black Hawk
wie der Vogel dessen Namen er trug die Feuerleute schürten mit ihren mächtigen
Eisenstangen in der Glut die Soldaten und Mannschaften trugen Holz und Kohlen
herbei und die Maschine tat ohne selber Gefahr zu laufen ihr Aeusserstes
Aber der Black Hawk war ein altes der Van Buren dagegen ein neues und fast das
schnellste Boot des Mississippi  Wie ein Pfeil schoss es eine kurze Strecke den
Strom hinauf dann fiel sein Bug plötzlich vor der Flut ab  von Helena aus
konnten sie das von Menschen gedrängte Steragedeck übersehen  und Jauchzen und
Jubeln scholl von dort herüber Die Schnelle mit der es die Flut durchschnitt
war entsetzlich  der eingehemmte Dampf jagte die Räder in rasendem
Wirbelschwung um ihre Achsen  Fett und Öl schleppten die Piraten herbei und
warfen es unter die Kessel  während sich zwei der Männer an die Ventile hingen
um selbst der unbedeutendsten Quantität Dampf den Ausgang zu verwehren Es galt
ja auch hier nicht allein dem Feind zu entgehen sondern weiten Vorsprung genug
zu gewinnen um nicht Gefahr von anderen Booten fürchten zu müssen
    Aber wo war der Mann der diese wilde zuchtlose Schaar hätte in Ordnung
halten können Wer verstand die Leitung dieser Maschinen um die Sicherheit
ihrer Kraft zu bestimmen Nur wilde ungeregelte Flucht war der Gedanke der
Piraten  Die Maschine arbeitete  Holz lag noch an Bord die Kessel glühten
die Bucketplanken der Räder peitschten die Flut  vorn am Bug zischte der gelbe
Schaum empor und dort  ha wie weit zurück hatten sie schon die Verfolger
gelassen Fast war die Landspitze erreicht die sie ihren Blicken entzog  und
dort vor ihnen lag der weite ruhige Strom der sie der Freiheit entgegentragen
sollte Noch leuchtete hoch und hell die Sonne am Himmel und wenn sie
unterging wenn dunkle Nacht  heiliger Gott der Schlag der das Innerste des
stolzen Baues erbeben machte  Weisser siedender Qualm stillte den Raum oder
quoll aus den Seiten des Decks und zum Himmel emporgeschleudert schossen
zerstückte Leichname und Bootstrümmer und stürzten nach kurzem schauerlichen
Flug schwerfällig und matt tönend auf die zitternde Wasserfläche nieder  Das
halbe Boot war verschwunden aber Verzweifelnde kämpften noch mit den Wogen als
der Black Hawk vorüberbrauste und auf derselben Stelle einschwenkte auf welcher
wenige Minuten vorher die Kessel des Van Buren gesprungen waren
    In Helena stieg als sie von dort aus die Explosion des Piratenbootes
erkannten ein Jubelruf aus hundert Kehlen und mischte sich mit dem fernen
Angstschrei und Todesröcheln der Verbrecher  Die Feinde waren vernichtet die
Insel hatte der Black Hawk gestürmt und was nicht im Kampfe seinen Tod fand
brachte er gefesselt an Bord An der Landung von Helena aber suchten weinende
Frauen und Mädchen unter den Toten ihre Lieben und Freunde und ernste Männer
trugen die verwundeten Kameraden in die nächsten Häuser hinauf
    Wer aber waren die Beiden die noch immer mitsammen ringend dem Wasser
entstiegen  das Volk sammelte sich um sie und Manche wollten mit Hand anlegen
und die Feinde trennen Tom Barnwell der Eine von ihnen hatte aber sein Opfer
zu fest und sicher gepackt und wenn auch dieses in verzweifelter wilder Wut
gegen ihn ankämpfte und Nägel und Zähne einschlug in das Fleisch seines ihm
überlegenen Siegers so schien der die Wunden kaum zu fühlen viel weniger zu
achten
    »Zurück« rief er  »gleichen Kampf und Einer gegen Einen  der hier ist
mein  bei dieser rechten Hand hab ichs geschworen dass ich ihn zwingen will
mir zu folgen und meine rechte Hand soll den Schwur halten ob er den Arm auch
bis auf die Knochen abnagte«
    »Hallo Tom« rief ihn hier ein Bekannter an »will ihm die Beine ein
bisschen heben dass ers bequemer hat«
    »Zurück da Bredschaw  zurück« schrie aber der junge Bootsmann  »hinauf
schleifen will ich ihn wenn die Bestie nicht mehr gehen kann aber kein Mann
weiter soll Hand an ihn legen«
    Mit wildem Jauchzen schleppte in fast wahnsinniger Aufregung der wilde
Bootsmann sein heulendes Opfer die Straße hinauf des Richters Wohnung zu
einzelne der Männer folgten ihm aber er sah sie nicht  nur vorwärts  vorwärts
strebte er »Marie« war das Wort das er manchmal zwischen den
zusammengebissenen Zähnen vorknirschte  »Marie ich bring ihn Dir  ich
bring ihn Dir«
    Jetzt erreichte er das Haus  Niemand war in dem Vorsaal  die Haustür nur
angelehnt  Adele hatte selbst kaum stark genug sich aufrecht zu erhalten die
über den Kampf zum Tod erschrockene Hedwig hinauf in ihr Zimmer geführt dass sie
das Grässlichste noch nicht hören noch nicht erfahren sollte Unten aber in dem
kleinen kühlen Gemach das man erst heute der Kranken angewiesen  an dem
Lager auf dem eine bleiche Mädchengestalt starr und regungslos ausgestreckt
lag standen zwei Frauen  Mrs Smart und Nancy  und der ersteren liefen
während sie mit gefalteten Händen vor sich nieder sah die klaren hellen
Tränen über die Wangen hinunter indes sich Nancy zu Füßen des Bettes
niederkauerte und die großen dunkeln Augen fest und ängstlich auf die Züge der 
Leiche geheftet hielt
    »Ich bring ihn Marie  ich bring ihn« schallte die wilde jubelnde
Stimme des Rasenden in das Zimmer der Toten  »hier herein hierher und jetzt
auf die Kniee nieder vor einer Heiligen  herein hier Bestie« Und mit
gewaltigem Griff dem selbst der in verzweifelter Angst sich sträubende
Verbrecher nicht widerstehen konnte riss er den Verräter in den schmalen
Hausgang und in die erste offene Tür die er erreichte
    Mrs Smart und Nancy stießen einen Schrei der Angst und Überraschung aus
und Tom der den Verbrecher nachschleppte schlug jetzt selbst erschreckt die
Augen auf und starrte verwundert umher Sein Blick flog über die beiden entsetzt
zu ihm aufsehenden Frauen über die ganze wohnliche Umgebung des kleinen
Gemachs über die dichtverhangenen Fenster hin durch die sich nur hier und da
ein einzelner schimmernder Strahl die leuchtende Bahn erzwang  es war fast
als ob er Jemanden suche und sich doch fürchte nach ihm zu fragen  Da 
erkannte er das Bett das in der dunkelsten Ecke stand nur dort wo sich der
Vorhang ein klein wenig verschoben hatte stahl sich von der dünnen Gaze noch
gemildert ein lichter Glanz hindurch und legte sich wie ein Heiligenschein um
das bleiche ruhige Todtenantlitz
    Der Bootsmann zuckte wie von einer Kugel getroffen zusammen  er sah
weiter nichts mehr als jene blasse rührende Gestalt  seine Hand ließ bewusslos
in ihrem Griff nach mit dem sie ihr Opfer bis dahin in eisernen Fängen
gehalten Sander aber den vielleicht nie wiederkehrenden Augenblick zur Flucht
benutzend schlüpfte von jenem unbeachtet rasch aus der Tür und ins Freie
    Tom sah ihn nicht mehr  als ob er die vielleicht nur Schlummernde zu wecken
fürchte trat er auf das Bett zu faltete die Hände und schaute ihr lange still
und ernst in das liebe bleiche Angesicht   Viele viele Minuten stand er so
kein Laut entfuhr seinen Lippen kein Seufzer seiner Brust und die Frauen
wagten kaum zu atmen der stumme Schmerz des Armen hatte etwas gar zu
Ehrfurchtgebietendes und Gewaltiges  sie konnten es nicht übers Herz bringen
ihn zu stören Endlich beugte er langsam den Kopf zum toten Liebchen hinab ein
einzelner Wehelaut
                                    »Marie«
rang sich aus seiner Brust und laut schluchzend sank er neben der Leiche in die
Kniee nieder
 
                                      37
                                        
                                    Schluss
Wenn die wilden und zerstörenden Aequinoctialstürme ausgetobt den Wald recht
tüchtig abgeschüttelt und die heißen drückenden Sommerlüfte mit polterndem
Brausen gen Süden gejagt haben wenn die Wildnis ihr in den wundervollsten
Farben und Tinten prangendes Herbstkleid angelegt wenn der Sassafras seine
blutroten Flecken bekommt die den Jäger so oft irre führen und necken wenn
die Hickoryblätter während das übrige Laub sich noch einmal um nur nicht alt
zu scheinen von Frischem schminkt und putzt ganz allein jenes herrliche
hellleuchtende Gelb annehmen wenn die Wandervögel lebendig werden und die
fallenden Eicheln und Beeren das Wild schrecken und scheu machen dann beginnt
im nördlichen Amerika die schönste herrlichste Zeit  der »indianische Sommer«
 und blau und wolkenlos spannt sich das äterreine Firmament Monate lang über
die fruchtbedeckte Erde aus
    Dann kommt die Zeit wo im fernen Westen der naschhafte Bär
Fensterpromenaden unter den Weisseichen macht die schönsten und reichsten
aussucht hinaufklettert und mit einem Kennerblick und leisem behaglichen
Brummen die schwerbeladenen Äste fasst und niederbricht Dann zieht der Hirsch
auf den Fährten der Hirschkuh durch den Wald die Trutühner tun sich in Völker
zusammen und geben sich nicht einmal mehr die Mühe ihrer Nahrung nach in die
Bäume hinauf zu fliegen denn die süßesten herrlichsten Beeren decken ja den
Boden das graue Eichhörnchen raschelt im Laub und hascht nach den fallenden
Nüssen der blaue Heher schreit und lärmt in den Zweigen und die Taube streicht
in ungeheuren Zügen gen Süden Die ganze Natur lebt und atmet und wirkt und
webt sich aus weichen welkenden Blättern in die sie gar sinnig Früchte und
Ähren hineinflicht ihr warmes behagliches Winterkleid ihren Schutz gegen den
kalten unfreundlichen Nordwind
    Es war an einem solchen milden lauen Sonnentag zu Ende des Monats Oktober
als im Staat Georgia zwei Reiter auf der breiten trefflichen Straße
dahintrabten die von dem kleinen Städtchen Cherokee aus dicht an dem rasch dem
Golfe zuflutenden Apalachicola hinauf einer großen wohlbestellten Plantage
zuführte Vor dem Gartentor des reizend gelegenen Herrenhauses neben dem aus
fruchtbedeckten Orangenhainen die hellen Dächer der Negerwohnungen
hervorschimmerten hielten sie einen Augenblick und übersahn von hier aus das
wunderliche Schauspiel das sich ihren Blicken bot
    Das nur einstöckige aber mit breiter es rund umlaufender Veranda versehene
Haus stand mit dem Tor durch eine Allee schlanker breitästiger Chinabäume in
Verbindung um deren mächtige Beerenbüschel Schaaren von Seidenvögeln schwärmten
und die berauschenden Früchte naschten Die Treppe die von der Gallerie in den
Garten führte war von wilden Myrten fast wie von einer Laube umschlossen und
daneben glühten schwellende würzig goldene Orangen und überreife Granaten
    An den beiden Ecken des Hauses standen zwei stattliche Peconbäume von deren
Zweigen lange wehende Streifen grauen Mooses herabhingen einen fast
wunderbaren Anblick aber gewährte ein hoher graustämmiger Magnoliabusch an dem
die weiße rotgefüllte Lianenrose ihre Ranken hinaufgeschlungen und die
herrlichen duftigen Arme fest hinein in sein tief dunkelgrünes Laub und
zwischen die vollen saftigen Blätter gewoben hatte Wie mit lebendigen
Guirlanden umschlossen sie diesen duftenden Strauch und noch einmal so laut und
freundlich sang hier zu Nacht der Mockingbird seine süßen schmelzenden Weisen
wenn tausend und tausend Feuerkäfer die stillen heimlichen Plätzchen mit ihrem
Funkenlicht erhellten
    »Wahrhaftig Bill« sagte jetzt der Eine der Reiter und strich sich zugleich
den Spann des nackten Fußes auf den ihn ein Mosquito gestochen hatte unter dem
Bauch seines Pferdes  »Jimmy wohnt merkwürdig fein hier  seh mir Einer den
Jungen an wird nun Pflanzer und lässt seinen alten Vater in Arkansas sitzen und
trockenes Hirschfleisch kauen«
    »Hat er Euch denn nicht bis aufs Blut gequält Lively Euch und die
Schwiegermutter dass Ihr mitkommen solltet und hier bei ihm wohnen« frug da der
Andere »habt Ihr denn gewollt«
    »Werde nicht so dumm sein Kook« lachte der Alte und richtete sich ein
wenig in den Steigbügeln auf um über das Staket zu sehen  »werde nicht so dumm
sein Sind wir nicht heute Morgen sieben richtige Meilen geritten und haben wir
auch nur eine Hirschfährte gesehen Ist hier ein Trutahnzeichen in dem ganzen
Wald  von Bären gar nicht zu reden die wahrscheinlich in Menagerien
hergebracht werden Nein Billy für uns Beide passt Arkansas am besten wir
müssten denn Lust kriegen in Kalifornien drüben mit anzufangen Ich werde aber
beinahe zu alt dazu Doch  wie ists denn da drinnen wie kommen wir hinein Ob
die Tür wohl auf ist«
    Er ritt dicht an die Gartenpforte hinan und trat auf die Klinke diese ging
auf und die Tür knarrte langsam in ihren Angeln
    »Hallo the House« rief der Alte mit weit dröhnender Stimme und
blitzschnell glitt um die viereckigen Backsteinsäulen die das ganze Gebäude
trugen ein Mulatte und eilte auf die Männer zu
    »Dein Master zu Hause Dan« frug Kook und bog sich nach ihm hinüber
    »Mein Master« wiederholte der Mulatte und starrte dazu die beiden Männer so
verwundert an als ob er sie eben hätte aus dem Monde fallen sehen Da
plötzlich als er sich erst überzeugt dass es Die auch wirklich seien für die
er sie im Anfang kaum seinen Augen trauend gehalten sprang er hoch empor und
rief jauchzend
    »Bei Golly  Massa Lively  Massa Kook  oh Jimmini Jimmini wie wird sich
Missus freuen« und er flog rasch auf die Männer zu ergriff ihre Hände die er
küsste und drückte und dachte gar nicht daran die Pferde abzunehmen die ihm
ungeduldig entgegenwieherten
    »So Dan  das tuts nun« sagte Kook und gab ihm den Zügel seines Tieres
in die Hand  »wie gehts hier Alle wohl«
    »Alle wohl Massa« bestätigte freudig der Bursche während er geschäftig
nach den Zäumen griff und einen Kratzfuss nach dem andern machte  »Alle mit
einander Dan auch  behielt sein Bein selber  Leichendoctor kann sehen wo er
ein Mulattenbein sonstwo herkriegt «
    »Und Dein Herr« frug der Alte
    »Geht auch besser« versicherte Dan  »nur noch ein bisschen krank  Hier
Nancy  führ mal die Gentlemen zu Missus und Massia nauf Golly was für eine
Freude wird Missus haben«
    Dan plauderte noch fortwährend vor sich hin die beiden Männer aber folgten
rasch dem jungen Mädchen das schnell die niedere Treppe hinaufsprang und die
Tür des Hauses öffnete Da blieb der alte Lively auf einmal stehen
    »Wetter noch einmal Das hätt ich bald vergessen Dan  heh Dan  bring
einmal schnell mein Pferd wieder her«
    »Was gibts denn« frug Kook erstaunt und sah sich nach ihm um »Dan führt
es in den Stall und bringt uns unsere Sachen nachher heraus«
    »Willkommen tausend und aber tausendmal willkommen« rief da eine freudige
Stimme und Adele  aber nicht Adele Dunmore sondern James Livelys reizendes
kleines Frauchen  flog die Treppe herab und ihnen entgegen »Lieber lieber
Vater Lively  herzlich willkommen  Schwager Kook  das ist schön dass Ihr
endlich einmal Euer Versprechen erfüllt habt«
    Sie fiel dem Vater um den Hals und reichte dem jungen Farmer die Rechte hin
Obgleich der alte Mann aber mit dem herzlichen Kuss den sie ihm auf die Lippen
drückte vollkommen einverstanden sein mochte so blieb er doch immer noch wie
verlegen stehen und sah sich ängstlich nach dem ruhig mit seinem Pferd
davonschlendernden Mulatten um Ja er rief ihm sogar noch einmal mit lauter
Stimme nach und verlangte das Pony
    »Aber so kommen Sie doch nur herauf Vater« bat Adele  »James wird auch
gleich wieder da sein Nancy mag Ihnen nachher bringen was Sie brauchen«
    Der alte Lively stand auf dem einen Fuß und hielt den andern dahinter
versteckt Adele sah zufällig hinunter und lachte laut auf
    »Hahaha  wieder keine Schuhe  noch immer der Alte  oh Mr Lively  Mr
Lively«
    »Sie stecken wahrhaftig in der Satteltasche« beteuerte der alte Mann und
blickte wehmütig hinter dem eben um die Ecke verschwindenden Dan her
    »Aber die wollenen Socken hat er unterwegs verloren« lachte Kook »Wie wir
aus Cherokee herausritten schob er sie in den Hut um sie nachher anzuziehen
und da sind sie ihm wahrscheinlich herausgefallen«
    Der alte Lively drohte seinem nichtswürdigen Schwiegersohn mit der Faust
Adele aber fasste ihn unter dem Arm gelobte ihm strenge Verschwiegenheit gegen
Mrs Lively die ältere und führte nun ihre lieben Gäste rasch in das Haus
hinauf
    Hier musste übrigens Dan schon Lärm geschlagen haben denn aus dem Garten
sprang zwar noch den linken Arm in der Binde aber sonst wohl und kräftig
James herbei und in dem Saale oben begrüßte sie mit herzlichem Wort und
Händedruck Mrs Dayton Sie ging ganz in Trauer gekleidet und um den kleinen
feingeformten Mund hatte sich ein wehmütig ernster Zug gelegt der dem
bleichen zarten Antlitz etwas ungemein Rührendes gab Freude aber über die
lieben so lange herbeigewünschten und erwarteten Gäste rötete ihre Wangen ein
wenig und verlieh ihren sanften Augen einen höheren Glanz
    Kook und Lively mussten jetzt erzählen wie es all den Lieben zu Hause ging
was Mutter und die Kleinen machten  wie sich Bohs und die übrigen Hunde
befänden ob die und die Kuh noch recht wacker Milch gäbe und das und das Kalb
noch immer den Melkeimer umstiesse und tausend und tausend Kleinigkeiten über
Farm und Haus über Feld und Wald Immer aber wenn Einer der Beiden nur mit
Wort oder Miene auf jene entsetzlichen Vorgänge in Helena zurückkommen wollte
lenkte Adele rasch ein und hatte so viele und wichtige Fragen zu tun so manche
Kleinigkeiten und Schätze zu zeigen und bewundern zu lassen dass Kook wohl
endlich merkte sie wollte die Sache nicht berührt haben und nun auch
seinerseits die dorthin zielenden Äußerungen des alten Lively parirte Dieser
aber Winke und Blicke nicht achtend arbeitete nur immer auf das neue Ziel
wieder los fing schon wenigstens zum zehnten Mal von Helena an und schien noch
eine ganze Menge Sachen auf dem Herzen zu haben die er unmenschlich gern los zu
sein wünschte
    Endlich stand Mrs Dayton auf flüsterte Adelen leise einige Worte ins Ohr
küsste sie und verließ dann mit ihr das Zimmer
    »So  nun schießt los« sagte jetzt Kook zum Alten der ihn verwundert ansah
 »ist mir schon im ganzen Leben so ein alter Mann vorgekommen «
    »Aber Kook« rief erstaunt Vater Lively  »ich will mein Lebenlang Schuh
und Strümpfe tragen wenn ich weiß was Ihr wollt«
    »Bester Vater« sagte James und trat seine Hand ergreifend auf ihn zu
»nicht von Helena reden wenn Mrs Dayton dabei ist Wir vermeiden es hier
stets und es erneut nur ihren Schmerz«
    »Aber« entgegnete der alte Mann  »sie weiß doch «
    »Kein Wort von dem was ihr wenn sie nur eine Ahnung davon hätte das Herz
brechen würde«
    »Was« rief Kook erstaunt  »sie weiß noch nicht dass Dayton der heimliche
Führer der Piraten und ein Verbrecher war wie ihn die Welt kaum wieder
aufzuweisen hat«
    »Nein  und soll es nie erfahren« sagte James  »Ihr erinnert Euch noch
dass sie an jenem unglückseligen Tage gleich auf die Farm hinausgeschaft wurde
und wie sie nach der Nachricht von ihres Gatten Tode den sie im Kampf gegen die
Piraten geblieben glaubte lange Wochen krank lag«
    »Allerdings« erwiderte Kook »und Ihr wart ja alle Beide damals so elend
dass Euch der Arzt mit Gewalt aus Arkansas fortschickte wir glaubten aber immer
sie müsste die Wahrheit am Ende doch noch erfahren«
    »Sie würde es nicht überleben« versicherte James »und Adele wacht
sorgfältig darüber dass sie mit Niemandem spricht der ihr das Schreckliche aus
Unwissenheit oder Schwatzhaftigkeit verraten könnte Auch die Zeitungsblätter
sind deshalb für jetzt noch streng aus unserem Hause entfernt gehalten so dass
ich eigentlich selbst nichts Genaueres über die damaligen Vorgänge weiß
obgleich ich im Anfang mittendrin stak Dies Andenken hier werde ich wohl noch
eine Weile zu schleppen haben bin aber doch froh dass ich Monrove damals nicht
gewähren ließ der mich fast auf den Knieen bat ihn den Arm absägen zu lassen«
    »Der Leichendoctor hat in jener Zeit eine gar bedeutende Rolle gespielt«
sagte Kook schaudernd  »ist denn Daytons Leiche die er einbalsamiren musste
glücklich hier angekommen«
    »Ja« erwiderte James  »wir haben den Körper in unserem Garten beigesetzt
und Mrs Dayton verbringt an jedem Morgen die Stunde in der sie in Helena
Abschied von ihm nahm auf seinem Grabe Sie ist auch jetzt dorthin gegangen
und findet in diesem Todtenopfer Beruhigung und Trost«
    »Da haben die Übrigen die es vielleicht weniger verdient ein schlimmeres
Bett bekommen« sagte Kook düster  »Dayton starb doch noch im wilden Kampfe
Mann gegen Mann und mit den Waffen in der Hand aber seine Kameraden «
    »Also ist es wahr was das Gerücht darüber sagt« frug James leise
    Kook nickte schweigend mit dem Kopf und der alte Lively flüsterte
    »Ja Jimmy  das war ein schlimmer Tag und Du magst froh sein dass Du im
Bett lagst und nichts davon wusstest  Ich kann seit der Zeit gar kein
Mississippiwasser mehr trinken denn es ist mir immer noch als ob ich die weite
Blutfläche vor mir sähe Denke Dir nur vierundsechzig Menschen nahmen sie dem
Konstabler weg und «
    »Ich bitt Euch Vater  hört auf« bat Kook  »lasst die Toten ruhen  sie
haben fürchterlich genug gebüßt Nein da lob ich mir offenen wackeren Kampf
wie wirs zuerst begonnen und da hat von Allen Tom Barnwell den sie mit mir
aus dem Gefängnis holten den kecksten verwegensten Streich ausgeführt Auf dem
Hurricanedeck des Van Buren ersah er sich seinen Feind kletterte ganz allein
zwischen die Piraten an Bord die ihn natürlich eben dieser grenzenlosen
Tollkühnheit wegen für einen der Ihrigen halten mussten lief auf das oberste
Deck fasste mitten aus der Schaar seinen Mann heraus und riss den Entsetzten mit
sich über Bord«
    »Aber er hat sich doch später wieder von ihm losgemacht« sagte der alte
Lively  »er war wenigstens bald nachher wieder allein auf der Straße und wollte
spornstreichs in den Wald«
    »Nun fort ist er nicht« erwiderte Kook  »denn Bredschaw muss ihn gleich
nachher wieder aufgefangen haben Ich sah selbst wie er ihn dem Fluße
zuschleifte  Er kam zu den Übrigen«
    »Was ist denn nur aus Tom Barnwell geworden« frug James »das muss ein
wackerer Bursche gewesen sein«
    »Ich weiß nicht« sagte der alte Lively »Edgewort jener Indianafarmer
der eigentlich die Ursache war dass die Insel so rasch und glücklich gestürmt
wurde blieb noch ein paar Tage in Helena und ging dann auf den nächsten
stromaufgehenden Dampfer Tom jedoch der zu seinem Boot gehört hatte blieb
zurück und ist wohl später nach NewOrleans gefahren ich glaube er wollte nach
Texas Aber höre Jimmy Dan scheint sich ja ganz hübsch hier eingerichtet zu
haben  sind die alten Mucken vergessen«
    »Die Lection scheint ihm sehr gut bekommen zu sein« erwiderte James »Dan
ist jetzt ein recht wackerer Bursche und Adele hat schon nach Texas an Atkins
geschrieben und ihm angezeigt dass sein Neger bei uns sei und wir ihn zu
behalten wünschten Ich schickte den Brief an Smart der ihn auch besorgt haben
wird«
    »Apropos Smart« rief der alte Lively »wo steckt denn der jetzt
eigentlich  Aus Helena wo er Alles verkauft hat ist er seit vierzehn Tagen
fort seine Frau behauptet aber er wäre mit OToole nach NewOrleans gefahren
um sich eine neue Einrichtung zu kaufen die er hier in Georgia zu benutzen
gedenke Ist das wahr«
    »Allerdings« lachte James  »ich habe für ihn hier in Cherokee das Bunker
HillHotel gekauft und erwarte ihn schon seit gestern Morgen jeden Augenblick
um das Weitere mit ihm in Richtigkeit zu bringen«
    »Und er kommt wirklich hierher« frug Kook rasch
    »Gentleman noch zu Hause« frug in diesem Augenblick unten eine Allen
bekannte Stimme und Kook der rasch das Fenster aufwarf rief fröhlich hinab
    »Smart  hallo da  wie gehts in Georgia«
    »Gut  uncommonly so« sagte Smart glitt von seinem Rappen und rieb sich
während er zu dem Fenster hinaufnickte vergnügt die Hände  »prächtige Gegend
hier  ungewöhnlich prächtige Gegend« Damit sprang er in zwei Sätzen die kleine
Treppe hinauf die aus dem Garten ins Haus führte und stand im nächsten
Augenblick im Zimmer zwischen den Freunden denen er die Hände schüttelte als
ob er ganz besonders hier nach Georgia gekommen wäre ihnen bei erster
Gelegenheit sämtlich die Arme auszurenken
    »Nun Smart« rief James als die ersten Begrüßungen vorüber waren »habt
Ihr Euer neues Besitztum schon in Augenschein genommen Gefällts Euch und seid
Ihr mit dem Handel zufrieden«
    »Unmenschlich« sagte Smart und fing an James gesundem Arm die kaum
eingestellte Operation von vorn wieder an »unmenschlich in vier Wochen bin ich
mit Kind und Kegel hier OToole ist jetzt schon drin geblieben und kommt heut
Abend nach Aber  wo ist denn die kleine Frau« sagte er sich überall dabei im
Zimmer umsehend  »Mrs Adele Lively möcht ich doch vor allen Dingen begrüßen«
    »Wird gleich wieder da sein Smart« erwiderte James »aber was habt Ihr in
Eurer Tasche  Was arbeitet Ihr denn da aus Leibeskräften  sie hat sich wohl
verstopft«
    »Ich weiß nicht« murmelte Smart und suchte dabei mit aller nur möglichen
Anstrengung ein fest zusammengedrücktes Paket aus der linken Fracktasche ans
Licht zu bringen »ich habe da auf der Straße hierherzu was gefunden«  Kook
sprang auf und trat rasch neben den Yankee  »es muss es wohl ein Reisender oder
Jemand aus Cherokee verloren haben«
    »Hurrah Schwiegervater  das ist ein Glück« jubelte jetzt Kook als Smart
ein Paar wollene Socken zum Vorschein brachte  »sie sind wieder da«
    »Hätten eben so gut fortbleiben können Bill« brummte der Alte  »hol der
Henker die Dinger  meinen Kautabak hab ich auch verloren den bringt mir kein
Mensch wieder  die aber sind nicht los zu werden« Er fuhr rasch mit ihnen in
die eigene Tasche denn die Tür ging in diesem Augenblick wieder auf und die
Damen traten ein
    »Ah Mr Smart« rief Adele und eilte mit ausgestreckter Hand auf ihn zu 
»willkommen in Georgia  herzlich willkommen  und Sie werden jetzt wie früher
in Helena unser Nachbar«
    »Verlasse die Union« sagte Smart lächelnd »und ziehe nach Bunker Hill
Schade dass Mrs Vreidelford nicht ebenfalls «
    »Und Ihre liebe Frau kommt auch bald nach wie« fiel ihm Adele die jede
Beziehung auf jene Zeit gern vermeiden wollte rasch in die Rede Jonathan Smart
aber war der alten Gewohnheit treu nicht leicht aus dem einmal eingeschlagenen
Satz zu bringen
    » im Stande ist ihre bescheidene Wohnung hier aufzuschlagen« fuhr er
deshalb höchst bekümmert fort  »könnten doch noch manchmal eine Tasse Tee
zusammen trinken Sehen Sie Mrs Lively da hatt ich doch einmal wieder Recht
 Gottes Wort im Munde und den Teufel im Herzen diese Frau die sich und ihren
seligen Mann wie sie ihn so gern nannte in einem fort lobte gehörte ebenfalls
mit «
    »Ach bester Mr Smart wenn Sie nur wenigstens Mr Kook und Vater Lively
bewegen könnten hierher zu ziehen es wäre gar zu hübsch wenn wir Alle
zusammenwohnen könnten «
     »zu jener schändlichen Raubbande« versicherte Jonathan ohne für jetzt
wenigstens von dem Einwand Notiz zu nehmen »Man hat in ihrem Hause eine Unmasse
von Waren und viele über die ganze Sache Aufklärung gebende Briefschaften
gefunden Etwas aber was ein noch fürchterlicheres Licht über die Tätigkeit
und Wirksamkeit dieser scheußlichen Verbrecher gab ist ein Teil von des
ertrunken geglaubten Holk Sachen von dem es nun außer allem Zweifel bleibt dass
er ebenfalls ermordet wurde Der Bube der sich für Holks Sohn ausgegeben war
denn auch richtig mit unter den Gefangenen Mrs Breidelford soll übrigens wie
man aus unter der Diele versteckten Papieren ersehen früher schon einen andern
Namen geführt und Dawling geheißen ihren ersten Mann aber mit Hilfe des zweiten
und vermittelst eines großen ihm in den Schlaf getriebenen Nagels getödet
haben wonach Breidelford in Missouri von Regulatoren gehangen wurde sie selbst
aber mit genauer Not nach Arkansas entkam«
    »Aber mein guter Mr Smart wenn ich sie nun recht herzlich bitte alle die
alten grässlichen Geschichten ruhen zu lassen« bat Adele  »tun Sie mir den
Gefallen und erzählen Sie uns lieber etwas Freudiges«
    »Hm« meinte Smart »auch damit kann ich dienen  Mrs Everett hat nach
ziemlich einstimmigem Beschluss einen sehr großen Teil der gefundenen Güter als
Entschädigung ausgeliefert bekommen und in Helena ist jetzt Ruhe und Frieden
Doch um wieder auf Ihre frühere Anfrage zurückzukommen Mrs Lively so stimme
ich selber dafür dass die Firma Kook und Lively so schnell als möglich Anstalten
mache den Sqatterstaat Arkansas zu verlassen um hier zwischen Chinabäumen und
Kocogras ein neues Leben zu beginnen Wie Gentlemen  keine Lust Ihre Farm zu
verkaufen und mit herzuziehen Prächtiges Land hier und die ganze Familie dann
auf einem Plätzchen zusammen«
    »Hm« meinte Kook »ich weiß nicht  ich wohnte wohl gern hier  meine Frau
wünscht sichs auch «
    »Ne Kinder« sagte Lively senior und schüttelte bedeutend mit dem Kopfe
»ich hab Euch recht lieb und meine Alte auch und ich  ich wäre ganz gern mit
Euch zusammen aber östlich zieh ich nicht mehr  Hier gibts keinen Wald
lauter Plantagen und Niggers  die wildesten Tiere sind die Kaninchen und die
größten Vögel die zahmen Gänse  Selbst die Hunde wissen hier nicht mehr von
Bärenfährten als Smart da der glaub ich noch gar keine gesehen hat und man
kann keine zehn Schritt von der breiten Straße abgehen ohne über zwölf Fenzen
klettern zu müssen Jimmy ist nun einmal aus der Art geschlagen aber ich passe
nicht hierher und da wir die Flusspiraten einmal «
    »Mr Lively da bringt Dan Ihre Schuhe« flüsterte Adele lächelnd und
deutete nach dem grinsenden Mulatten zurück
    »Kinder« sagte Lively und sah erschreckt und mit komischer Verzweiflung zu
dem jungen Frauchen auf  »morgen  morgen will ich wahrhaftig Schuh und
Strümpfe anziehen und so lange tragen wie ich hier bin aber heute  heute
wollen wir noch einmal recht vergnügt sein«
                                     Ende