Louise Aston
Aus dem Leben einer Frau
Vorwort
Das Leben ist fragmentarisch die Kunst soll ein Ganzes schaffen
Diese Blätter gehören in Dichtung und Wahrheit dem Leben an und machen
nicht Anspruch auf künstlerischen Wert Darum sind sie fragmentarisch wie
diese ganze moderne Welt aus deren gährenden Elementen sie hervorgegangen ein
Beitrag zur Charakteristik unseres Lebens Wer den reichen Zauber der Gestaltung
besitzt und die Idee zu bannen versteht in ewige Formen der wird nach Maß und
Regeln der Schönheit auch dies zersplitterte moderne Leben zu einem
harmonischen Kunstwerk zusammenfassen ihm dauernde Bedeutung geben und sich
selbst mit ihm unsterblich machen Wir andern aber können nur einzelne Blätter
vielleicht Früchte von den Lebensbäumen dieser Zeit pflücken Wir schreiben
flüchtige Zeilen aber wir schreiben sie mit unserem Herzblut Findet dies
Fragment Anklang hat der Kern dieses Lebens und sein Schicksal eine allgemeine
Bedeutung so schließt sich vielleicht ein zweites Fragment daran das manche
Entwicklungen weiter führt und manche »confessions« vollendet
Hamburg im März 1847
Louise Aston
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Eine altertümliche Pfarrerwohnung gilt von jeher für das heimatliche Reich der
Idylle Hier quartiert seit Vossens Louise die gemütliche Phantasie der
Dichter ihre behaglichen Gestalten ein welche in dem Komfort eines stillen in
sich befriedigten Lebens das letzte Ziel und den ganzen Wert der Existenz zu
erschöpfen wähnen Etwas Lindenschatten und Abendrot Mittagessen und Gebet
eine Promenade durch die Kornfelder die Bereitung des Kaffees und wenn es hoch
kommt eines Hochzeitbettes das genügt dieser friedlichen Poesie welche die
breite Prosa des Lebens in ihre langatmigen Verse übersetzt Doch der
idyllische Kuhreigen hat in unserer Literatur ausgetönt da die Beschränktheit
solcher Existenzen auch nicht auf Natur und Wahrheit Anspruch machen kann
sondern mit Recht als ein affectirtes Ignoriren des Lebens in der Welt und ihrer
Geschichte angesehen wird das Utopien einer spiessbürgerlichen Phantasie Diese
Genrebilder ohne Perspective und Hintergrund finden kein Publikum mehr denn sie
sind poetische Grillen welche der Wirklichkeit fern liegen Selbst in das
abgeschlossenste Pfarrhaus hinein dringt das Leben mit seinen Beziehungen und
Gegensätzen mit seiner Not und Bedeutsamkeit dringt der Zeitgeist mit seinen
Kämpfen und seinen Zielen In eine solche Pfarrwohnung die nur äußerlich den
idyllischen Frieden zur Schau trägt während in ihrem Innern das moderne Leben
seine socialen Schlachten schlägt versetzen wir jetzt die Phantasie unserer
Leser
Die ersten Strahlen der Maiensonne drangen verstohlen durch zwei kleine
runde Schiebfenster über welche dichtbelaubte Kastanienbäume die ehrwürdigen
Schatten warfen in ein traulich enges Gemach und beleuchteten hier eine
eigentümliche Szene Auf einem altmodischen mit grossblumigen Kattun überzogenen
Sopha saß ein Greis mit finsteren unheimlichen Zügen Die kleinen grauen Augen
der stechende Blick kontrastirten unangenehm mit dem silberweissen Haar und
störten den Eindruck des ehrwürdigen Alters Vor diesem Greise kniete ein
liebliches Mädchen von siebenzehn Jahren Lichtbraune Locken fielen noch
ungeregelt auf den weißen Hals und Nacken nieder und gaben dem zarten Oval des
Angesichts eine süße träumerische Färbung Die großen blauen Augen sahen in
tiefem Schmerz zu dem Greis empor während ihre Hände krampfhaft gefaltet auf
dem Busen ruhten als wollten sie den heftigen Schlag des Herzens hemmen Die
ganze Erscheinung des Mädchens hatte etwas Rührendes denn ihre Züge waren von
jener eigentümlichen Schönheit deren Reiz durch den Ausdruck des Schmerzes
erhöht wird denen der Menschenkenner schon im Voraus prophezeiht dass sie einst
den Stempel tiefen Leidens tragen werden Die Einrichtung des Gemachs
entsprach dem Sinn der Bewohnerinn Sie war einfach und klar und entbehrte
aller unnützen Zierraten mit denen sich sonst die Eitelkeit der Damen zu
umgeben pflegt Ein blankgebohnter Nussbaumtisch drei geflochtene kleine
Rohrsessel ein Spiegel in Duodezform bildeten mit dem Sopha das ganze
Meublement In einer Ecke lehnte eine Harfe mit einem halbverwelkten
Immortellenkranz geschmückt während auf dem niedrigen Fenstergesimse wie zum
Hohn für das abgestorbene Bild der Unsterblichkeit üppig blühende Geranien und
Rosen prangten Die Wände des Zimmers waren blendend weiß nur hin und wieder
mit schwarzen Kreidezeichnungen dekorirt denen Nussbaumholz zum rohen Rahmen
diente wahrscheinlich Reminiscenzen aus der frühesten Jugend des Mädchens
Mitten in dieser Einfachheit tat es dem Auge fast weh auf dem RoccocoTisch
Gegenstände des feinsten Luxus zu finden In chaotischer Unordnung lagen die
kostbarsten Preciosen umher Ein elegantes rotes SaffianEtui ließ einen
prachtvollen Rubinschmuck hervorschimmern Blonden und Kanten blickten neugierig
aus ihren halbgeöffneten Kartons zu einem AtlasKleid hinüber das über der
Sophalehne hing gleich als ob sie sich sehnten an dem schweren weißen Gewand
als blendender Schmuck zu prangen
»Es ist fest und unwiderruflich Johanna« sprach der Greis mit heiserer
Stimme »heute wirst Du die Gattin des Herrn Oburn Ich habe mein Wort gegeben
ich halte mein Wort Der Mann ist reich sehr reich Du wirst ein glänzendes
vielfach beneidetes Leben führen da vergisst sich rasch die sentimentale
Jugendliebe das Spiel einer müßigen Phantasie das vor dem Ernst des Lebens
verschwinden muss Du wirst es mir später Dank wissen dass ich Dein Geschick
gewählt«
»Mir schaudert Vater« entgegnete das Mädchen »wenn ich an den Mann nur
denke von dem man so viel Unheimliches sagt dessen ganzes Wesen mir
widerwärtig ist Aus seinen Zügen spricht ein Geist der mir ewig fremd bleiben
wird den ich nicht verstehe nicht verstehen will der mir wie eine feindliche
Macht gegenübertritt und mein Gefühl empört Nie nie könnte ich diesem Manne
angehören Drum lass mir mein Glück meinen Frieden Vater Sieh ich bin noch
so jung Du hast mich so oft Deine holde Blume genannt O lass mich hier
fortblühen ungestört bei Dir und wachsen und werden was der innere Trieb
gebietet Dort muss ich verwelken verdorren ich fühls dort ist meine
Heimat nicht Und dann« fuhr sie fort mit lieblicher Schüchternheit »Du weißt
es ja mein Vater ich liebe heiß und innig habe dem Geliebten das Wort
gegeben ihm allein auf immer anzugehören Und Du willst mich zwingen meineidig
zu werden Du ein Diener des Herrn Du musst es ja wissen wie fluchwürdig eine
Untreue vor Gott ist«
Der Greis hörte in höchster Aufregung die Worte der Tochter an doch er
bekämpfte die Aufwallung seines Innern die aus seinen feurigen Blicken und
seinen Zügen sprach und erwiderte ruhig »Höre aufmerksam zu Johanna Was ich
Dir jetzt sage wird Dir jede weitere Einrede ersparen Ich tadle Dich nicht
denn auch mir war die Liebe als ich noch jung war das Höchste das einzig
Begehrenswerte dem man jedes Opfer willig bringen muss Ich war sehr arm hatte
früh die Eltern verloren und stand unter der Aufsicht eines Vormundes eines
redlichen aber strengen Mannes der mich für den Handwerkerstand bestimmte
weil mir die Mittel zu einer höheren Ausbildung fehlten Doch ich traute mir
Kraft und Talente zu eine andere Laufbahn zu wählen und brachte es durch
eifriges Studium dahin dass ich die Universität zu H beziehen konnte Ohne
Geld ohne Konnexionen mit dem bittersten Mangel kämpfend verlebte ich meine
Studienjahre Die Freuden der Jugend das Glück eines frischen Lebens die
ungehemmte Freiheit der Existenz mir war das alles unbekannt Ich suchte
diesen Verlust zu verschmerzen in eifrigem Studium in begeistertem
wissenschaftlichen Streben Ersatz zu finden für ein sonst freudloses Dasein
Aber auch die Schätze der Wissenschaft sind der Armut verschlossen und nur das
Gold ist die Zaubersalbe des Abdallah welche den Zutritt zu ihnen öffnet und
dem Auge erlaubt in ihre Tiefen zu schauen Mit großer Mühe musste ich mich
durchkämpfen zu den Quellen des Wissens welche den begüterten Studenten mühlos
und leicht zuflossen Da schien mir dieses Metall eine Zaubermacht gegen die
anzukämpfen nutzlos ist mit der man sich verbünden muss um das Leben zu
besiegen Seit jener Zeit ist mir der Reichtum ein hohes Gut das ich gehasst
und doch mit Gier erstrebt dem ich nachjagte während es mich floh wie mein
eigener Schatten Du mein Kind kennst die Not und den Hunger nicht Das waren
die Gefährten meiner Jugend die mich von Tag zu Tag hetzten durch ein Leben
das keinen andern Zweck kannte als den sich selbst zu behaupten sich selbst
fortzufristen Wie oft schlich ich mich des Nachts auf die Aecker der begüterten
Bürger um mit den Früchten des Feldes dem fremden Eigentum mich vor dem
Hungertod zu erretten Doch auch diese qualvolle Zeit ging vorüber Ein
glänzendes Examen das ich nach dreijähriger Studienzeit zurücklegte verschafte
mir die Gunst und Empfehlung eines Professors und durch dieselbe eine
Hauslehrerstelle in einer gräflichen Familie Ein achtjähriger Knabe wurde
meiner Sorgfalt anvertraut während ich der fünfzehnjährigen Tochter nur
Musikunterricht erteilen sollte Hier in diesem Hause war ich täglich den
empfindlichsten Demütigungen ausgesetzt Die ungebildete hochmütige Familie
behandelte mich den Erzieher ihres Kindes gleich einem Domestiken Wenn ich
oft nahe daran war das Haus zu verlassen da tödtete der Gedanke an meine
Armut an eine Zukunft ohne Mittel und Aussicht den freien Entschluss
Allmählig fand ich in meinen Zöglingen Ersatz für die bitteren Kränkungen welche
die Eltern mir zufügten Elise die Tochter des Hauses machte mir das Leben zum
erstenmale wünschenswert Unsere gegenseitige Neigung wurde bald zur Liebe die
Liebe zur heftigsten Leidenschaft die nicht nur über mich sondern auch über
die Schülerinn masslosen Jammer brachte Die Mutter eine herzlose Kokette
eifersüchtig auf die Reize der Tochter entdeckte bald mein Verhältnis zu Elisa
Ich wurde in einer entehrenden Weise die meinen Namen an den Pranger stellte
aus dem Hause gejagt Ohne eine andere Stellung zu finden irrte ich lange Zeit
in der Welt umher im Herzen verzehrende Liebe von Not und Sorge treu
begleitet Die bewegtesten Schicksale waren an mir vorübergegangen Jahre voll
Arbeit und Mühe lagen hinter mir ich hatte tüchtig mit dem Leben gerungen
bis ich diese Pfarrstelle erhielt ein bescheidenes Loos das meine Existenz
sicherte ohne mein Streben nach höheren Lebensgenüssen jener Welt die der
Reichtum zu schaffen vermag zu befriedigen Meine Liebe war nicht erloschen
unter allen Kämpfen des Lebens dachte ich mit Sehnsucht an den kurzen Traum
meines Glücks Sechs Jahre lang hatte ich nichts von der Gräfin gehört ich
glaubte sie längst vermählt und hätte ihr keinen Vorwurf daraus gemacht wenn
sie mir ihr gegebenes Wort gebrochen Da hörte ich von einem Freund dass jedem
Zwang allen Misshandlungen zum Trotz mir die Geliebte treu geblieben und mein
in unveränderter Liebe gedenke Diese Nachricht machte mich unaussprechlich
glücklich So geliebt um seines Selbst wegen so geliebt zu sein ist für den
Mann ein berauschendes Glück das mir alle Ruhe und Überlegung raubte Ich fand
Mittel mich der Gräfin zu nahen Sie wollte mein Weib werden mir der Eltern
Liebe Rang und Reichtum zum Opfer bringen und ich war nicht edel genug dies
Opfer abzulehnen Ohne den Segen der Eltern wurde Elise meine Gattin Deine
Mutter« Erschöpft hielt hier der Greis einige Augenblicke inne dann fuhr er
bewegter fort »Aus großer alles bezwingender Liebe war diese Ehe geschlossen
worden dennoch war sie nicht glücklich Glaube mir Mädchen Liebe beglückt nur
auf kurze Zeit Deine Mutter ist edel und liebenswürdig dennoch waren wir
Beide elend deine Mutter weil sie alle gewohnten Annehmlichkeiten des Lebens
entbehren musste ich weil ich nicht im Stande war sie ihr zu verschaffen So
sind uns freudlose Jahre vorübergegangen welche mir die traurige Lehre gaben
dass unter bedrückten äußern Verhältnissen jede Hoffnung auf Glück getäuscht
wird Das Glück kehrt nur bei den Glücklichen ein Du bist mein einziges Kind
die Erfahrung meines Lebens soll Dir zum Heile werden Du sollst einer
jugendlichen Täuschung nicht den wahren Genuss des Daseins opfern Ich muss Dich
schützen vor all dem Jammer den Deine Mutter erlebt«
Mit sichtlicher Spannung hatte Johanna den Worten des Vaters gelauscht und
schien in einer kurzen Pause über ihren Inhalt nachzudenken Aus ihren Zügen sah
man dass dies Denken ein Erleben war das ihr Wesen in seinen innersten Tiefen
fasste dass sich in diesem Augenblick die ganze Zukunft bedeutsam in ihr zusammen
drängte Plötzlich begann sie mit jener Entschiedenheit welche wie mit einem
gewaltsamen Ruck alle Zweifel abschüttelt
»Deine Geschichte Vater passt nicht auf mich Ich bin keine Gräfin bin an
Entbehrungen gewöhnt Mir wird ein einfaches Leben genügen Und dann « fuhr sie
fast feierlich fort »meine Mutter war Dir treu auch ich werde meiner Liebe
treu sein als ihre echte Tochter Ich lasse mich nicht verhandeln gegen
schnödes Gold ich kenne etwas Edleres als dies Metall meine Liebe Ich
schwöre Dirs nie werd ich Oburns Gattin« Alle Heftigkeit die der Greis
bisher bezwungen kam nun bei ihm zum Ausbruch »So wagst Du mit mir zu
sprechen törichtes Kind Bist Du nicht mein Geschöpf Ist nicht mein Wille Dir
Gesetz Du musst ihm gehorchen denn ich bin Herr über Dich Es bleibt dabei
heute Abend wirst Du dem Herrn Oburn ehlich angetraut Ich will es und befehle
es« Bei diesen Worten blitzte es im Auge der Tochter dämonisch auf das
blühende Antlitz wurde marmorbleich doch fest und ruhig erhob sie sich sah den
Vater durchdringend scharf an und sprach mit Bestimmtheit »Aber ich ich will
es nicht So weit gehen die Rechte eines Vaters nicht einer flüchtigen Laune
die Jugend ja das ganze Leben eines Kindes zu opfern Hier hört der Gehorsam
auf und mir allein gebührt die Entscheidung O sieh mich nicht so zornig an
als zöge ich mit diesen Worten auf ewig eine Scheidewand zwischen unsere Herzen
Ich bin jung noch sehr jung kenne die Welt und ihre Freuden nicht dennoch
ahnt es mir dass es ein Glück geben muss ein Glück der Liebe und des Genusses
in das sich zu versenken höchste Befriedigung ist Und ich will glücklich sein
mein Herz hat die Kraft dazu die Kraft in der Seligkeit aufzugehn Das fühl
ich jetzt denn Du verurteilst mich des Lebens unschätzbarste Güter einem
ungeliebten Manne hinzuopfern dessen verlebte Züge nur das Todesurteil
aussprechen über meine Jugend Mich reizt nicht all diese Pracht der äußern
Existenz die seelenlos auch der Seele nichts zu bieten vermag sie nur fesseln
kann in blendender Sklaverei Nie werde ich diese Fesseln ertragen« Bei diesen
Worten nahm sie mit zitternder Hand eine schwere goldene Kette vom Tisch und
ihre zarten Finger rüttelten und spielten gedankenlos mit den Ringen und
Gliedern des prächtigen Geschmeides Doch über den Greis kam der Sturm des
Unwillens und unterbrach gewaltig die kurze Pause sprachlosen Erstarrens in
das ihn die Rede der Tochter versetzt Die unbeherrschte Leidenschaft
triumphirte An dem braunlockigen Haar riss er die Tochter wild hin und her und
stieß sie dann mit den Füßen von sich in masslosem Zorn ausrufend »Ungeratene
Ich fluche Dir« Erschöpft todesmatt mit blauen Lippen und festgeschlossenen
Augen sank der Greis nach diesem Ausbruch der Wut ohnmächtig auf das Sopha
zurück Der gellende Schrei »Mein Vater ist tot« tönte in dem sonst so
stillen Pfarrhaus wider
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Es war Mittag geworden Schwüler drangen die Sonnenstrahlen durch die Fenster
die sie des Morgens nur angenehm erhellt hatten Todtenstille herrscht in dem
Gemach Noch liegt der Kranke bewusstlos da Eine Matrone steht vor ihm reibt
die erstarrten Hände küsst die blauen Lippen um sie zu erwärmen und sieht
nach dem vergeblichen Versuch trostlos zum Himmel empor Der Arzt steht neben
ihr und prüft ruhig nach seiner goldenen Cylinderuhr den Pulsschlag des
Kranken Dann unterbricht er das Schweigen »Es war ein Nervenschlag verehrte
Frau der ihren Gatten getroffen Doch hoffen Sie seine Erstarrung wird
nachlassen er wird zum Leben zurückkehren nur fürchte ich mit einer Lähmung
mancher edelen Organe«
Mit einem seligen Lächeln schaute die Frau den glückverheissenden Arzt an So
traurig auch das Ende seiner Rede war sie hatte es überhört und nur die
Worte »er wird zum Leben zurückkehren« freudig aufgefasst und ihrem Gedächtnis
eingeprägt Sorgsam nahm sie ihre Hand aus der kalten Hand des Greises schlich
leise in eine Ecke des Zimmers wo die Tochter lang ausgestreckt auf dem
Estrichboden lag Segnend legte sie die Hand auf des Mädchens Haupt und sprach
weich »Johanna mein Kind wache auf Dein Vater wird nicht sterben Gott ist
uns gnädig Er lässt diesen Kelch an Dir vorübergehen Doch bete bete Kind dass
auch die Lippen noch den Fluch zurücknehmen den sie über Dich ausgesprochen
denn Vaterfluch ist eine schmerzliche Mitgift fürs Leben« Mit irren Mienen
richtete sich das junge Mädchen auf strich sich die ungeordneten
tränenfeuchten Locken von der Stirn und erwiderte klanglos »Was soll ich
tun Mutter Soll ich beten soll ich heute noch Oburns Weib werden Mein
Mut mein Herz ist gebrochen Dieser unselige Morgen hat mich willenlos
gemacht Ich bin bereit lass die Hochzeitglocken läuten flicht mir den
Brautkranz« Zitternd an allen Gliedern sank sie zurück in ihren Stumpfsinn und
kein äußeres Zeichen gab den innern Kampf der Seele kund Wieder waren einige
bange Stunden vorübergegangen Stunden die ein ganzes Leben voll Freude quitt
machen Da hob der Greis matt die Augenlieder auf die Lippen regten sich er
versuchte zu sprechen doch die Zunge war auf immer gelähmt
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Ein fröhliches Postorn schmetterte in der Ferne Näher kams und näher zum
einsamen Pfarrhaus hinan Bald hielt ein eleganter englischer Reisewagen den
vier prächtige schwarze Rosse zogen vor demselben still Herr Oburn der
glückliche Bräutigam sprang jugendlich keck aus dem Wagen und stürzte auf das
Zimmer seiner Braut zu wie ein Raubvogel auf seine Beute Am Abende dieses
Tages standen die Türen der altmodischen Dorfkirche weit offen Der mit
hölzernem Schnitzwerk verzierte Altar war reich mit Kränzen und mit frischem
grünen Laube geschmückt zwei Wachskerzen brannten auf kolossalen
Messingleuchtern Eine Bibel in schwarzem Samt eingebunden lag auf dem
Betpult vor dem zwei rote dem Anschein nach neu angeschafte Sammetsessel
standen An dem Weg von der Kirche bis zum Pfarrhaus der mit weißem Sand und
Blüten bestreut war bildeten die festlich geputzten Dorfbewohner ein Spalier
durch welches das Brautpaar nach alter Observanz hindurch gehen musste Jetzt
ertönte das Geläute der einzigen Glocke ein Zeichen bei dem sich alle Blicke
nach der Türe der Pfarrwohnung richteten Gravitätisch überschritt Herr Oburn
die Schwelle und überschaute das Volk mit triumphirendem Blick Seine
Persönlichkeit gab der Menge zu mancherlei Bemerkungen Veranlassung in denen
der idyllische Witz der Landleute sich mit vielem Behagen erging Herr Oburn war
ein Mann von 50 Jahren klein und fett mit einem würdevollen Hängebauch einem
vollen aufgedunsenen dunkelroten Gesicht mit einer unförmlichen großen
Nase neben der sich eine zweite kleinere wie eine Tochterloge etablirt hatte
Beide waren mit den Farben von Burgunder und Rum malerisch schattirt Die
Stirne gewiss von der Natur dazu bestimmt in diesem Gesicht die beste Partie
zu sein war durch veilchenblaue Adern die dick hervorquollen und sich
kreuzten wie Heereszüge auf strategischen Karten unangenehm entstellt Um den
gemeinen breiten Mund zog sich ein Lächeln grober Sinnlichkeit das an ein
tierisches Grinsen erinnerte Um das Gesicht würdig einzurahmen fiel
spärliches rotes Haar genial vernachlässigt von dem ziemlich kahlen Scheitel
auf die Schläfe herab Dies Meisterwerk der Natur war durch eine
modischelegante Kleidung verhüllt Der schwarze feine Anzug die Weste und
Kravatte von weißem Atlas suchten nach Kräften mit dem Gesichtsteint zu
harmoniren dem das feste Zuschnüren der Halsbinde zu der traurigen Ähnlichkeit
mit einem gekochten Krebse verhalf Das ganze Bild erinnerte an den Mann im
feurigen Ofen obgleich jeder Anstrich alttestamentlicher Salbung fehlte
An der Seite dieses Feuerkönigs schwankte ein bleiches Engelsbild ein
Mädchen mit dem höchsten Liebreiz geschmückt voll Harmonie und Ebenmaass Ein
echter Madonnenkopf mit unaussprechlich schönen Augen einer kleinen
feingeschnittenen Nase und einem Munde den die Grazien um sein Lächeln hätten
beneiden können eine hohe schlanke Figur an der dennoch jede Form rund und
weich eine selbstständige Vollendung erstrebte Hals Hand und Fuß von seltener
Schönheit alles das schien diesem Wesen von der Natur mitgegeben auf dass es
beglückend in Liebe glücklich sei Darum empörte der Anblick des Zerrbildes
das wie ein wahrer Popanz an der Seite dieses schönen Menschenbildes
einhertrottirte Heute war das feine Rot das sonst die jugendlichen Wangen
zierte verschwunden der Mund festgeschlossen und das Auge blickte starr und
regungslos umher Ein weißes Atlaskleid umgab in malerischen Falten die
frischen edelen Glieder ein Kranz von blühenden Myrten schmückte die hohe
Stirn sonst war alles an ihr schmucklos und einfach Während das ungleiche
Brautpaar der Kirche zuschritt sprach sich in den verschiedensten Äußerungen
in Lauten der Bewunderung und des Spottes die Stimme des Volkes aus Ein
pietistischer Prediger den man rasch aus der Nachbarschaft herbeigeholt hielt
eine salbungsvolle Traurede durchdrungen von überschwänglichem Christentum
und suchte besonders die große Güte des lieben Gottes nachzuweisen die sich der
Braut so sichtbar offenbarte indem sie ihr einen mit Glücksgütern vielfach
gesegneten Ehegemahl zu Teil werden ließ Als endlich die Zeremonie zu Ende
war und der Prediger nach christlichem Gebrauch die Worte der Bibel vorlas
»und er soll dein Herr sein« da zuckte es schmerzhaft um die Lippen der Braut
und als sie das ewigbindende Ja aussprach da richtete sie die Augen gegen den
Himmel ein Blick aus dem das verzweiflungsvolle Bewusstsein sprach dass sie mit
diesem Wort ihr Leben zu einem ununterbrochenen Opferfeste mache Die Ehe war
geschlossen
Es war ein schöner warmer Maiabend der Vollmond stand groß am Himmel die
Blumen dufteten stärker und zarter Nachtigallen sangen süße Lieder der Liebe
die Natur war still und ruhig und schwelgte in ihren ewiggleichen Harmonieen
als wäre sie bewusst des sichern Gesetzes das ihren wandellosen Kreislauf
beherrscht Was kümmerte es sie dass ein Herz gebrochen ein junges Leben
gemordet war
Eine Stunde später hielt der Reisewagen des Herrn Oburn vor der Türe
Koffer und Schachteln mit Garderobe und Weißzeug der einzigen Aussteuer der
eben vermählten Madame Oburn wurden in den bequemen Wagen gebracht Herr Oburn
sah den Vorkehrungen gemütlich zu rieb sich seelenvergnügt die weichlichen und
doch unzarten Hände spielte mit der übermäßig dicken Uhrkette und sah mit
widerlichem Lächeln von Zeit zu Zeit auf seine Uhr »Gott sei Dank« murmelte er
vor sich hin »der langweilige Tag neigt sich zu Ende und näher kommt die
Stunde in der mein Weib ganz mein eigen wird Wie will ich schwelgen in ihren
jungfräulichen Reizen Wahrhaftig sie ist schön und wert meine Frau zu
sein« Und sich zum Diener wendend fuhr er fort »James höre Du gibst dem
Postillon dreifaches Trinkgeld wenn er mich rasch sehr rasch zur nächsten
Station führt Du nimmst ein Pferd reitest meinem Wagen voraus jage so rasch
Du kannst wenn auch das Pferd drauf geht darauf kommt es nicht an nur
schnell schnell wie der Teufel Bestelle im Hotel Zimmer zur Nacht für mich und
meine Frau hörst Du James so schön wie möglich Ich hab ja Geld ich kanns
bezahlen Nur schnell schnell Ich komme gleich nach mit meiner Frau« Während
dieses Gesprächs verweilte die Heldinn unserer Erzählung allein in dem stillen
freundlichen Gemach in welchem wir ihre erste Bekanntschaft gemacht haben Ihr
Auge haftet unverwandt auf der Stelle wo am Morgen der alte Vater den Fluch
über sie ausgesprochen Sie wirft sich auf die Kniee faltet die Hände und will
beten doch ihr fehlen die Worte sie kann es nicht ihr Elend ist zu groß
selbst für die Gnade des Himmels Tränenlos sieht sie sich um in den
unbegränzten Räumen die sie seit frühester Jugend bewohnt Hier hatte sie ein
kurzes ideales Liebesglück genossen und durch die Reihe der Jahre hindurch
verfolgte sie träumerisch alle Wünsche und Hoffnungen die hier in traulicher
Dämmerstunde ihre Brust geschwellt Nun lag alles hinter ihr abgeschlossen
ein Paradies aus dem sie verbannt war Sie blätterte in dem Buch dieser schönen
Vergangenheit in welches das Leben noch nicht seine ehernen Lettern geprägt
Noch war es ein Stammbuch voll duftiger zarter Blätter Blumen der Freundschaft
und Liebe auch manches unbeschriebene Blatt mit bedeutungsvollen Zeichen über
das die Ahnung hinaus in die unbestimmte Ferne zog Dies Buch war geschlossen
auf immer das Evangelium ihrer Jugend durfte nur noch in der Erinnerung leben
»O könnte ich nur weinen« seufzt sie und schlägt mechanisch einige Töne auf
der Harfe an als könnte sie dadurch eine mildere Stimmung heraufbeschwören und
bewusstlos geht sie dann in eine ihr unendlich teuere Melodie über Diese Töne
versetzen sie außer sich ihr ganzer Körper zittert krampfhaft jede Fiber bebt
ihr Wesen ist im Innersten erschüttert und doch bleibt das Auge trocken keine
Träne kühlt die innere verzehrende Glut Noch einmal faltet sie ihre Hände zum
Gebet dann springt sie unheimlich rasch auf und ruft »Beten kann ich nicht
wohlan so will ich fluchen Es gibt keinen Gott der Liebe warum leide ich
sonst Wenn die Gnade des Himmels nicht allgemein ist wie sein Regen und sein
Sonnenschein wenn sie nicht auch zu mir und meinen Schmerzen segnend
herniedersteigt dann ist sie ja nichts als ein Traum der Glücklichen die ihr
süßes Vorrecht in so schöne Bilder kleiden Ich will nicht länger zu diesen
Träumen schwören Meine Träume hat die Wirklichkeit zertrümmert die
Wirklichkeit dieser Welt und ihre eherne Macht Wohlan so will ich sie
anerkennen und mit ihr kämpfen um jeden Fuß breit Landes den ich mir
umschaffen will in ein Paradies«
»Für die Welt die den Sieg davongetragen über mein Herz« fuhr sie feuriger
fort »für die Welt nur will ich leben Das Geld mit dem der Seelenhandel
getrieben wird dem ich die Ideale meiner Jugend geopfert ist ja der Schlüssel
zu dem Reich dieser Welt zu allen Quellen des Genusses und der Freude Geld war
mein Verhängnis es soll mein Verhängnis bleiben dem ich willig folge gegen
das ich länger nicht töricht kämpfe Ich gelobe es mir fest in dieser
qualvollen Stunde und breche mit den frommen Träumen und heiligen Gelübden
meiner Jugend«
Das Äußere der jungen Frau war wie umgewandelt durch den innern Kampf Mit
stolzer fester Haltung erhob sich die früher so weiche kindliche Gestalt und
überschritt mit einer Entschiedenheit welche auffallend gegen den frühern
schwankenden und zögernden Gang abstach die Schwelle um von ihren Eltern den
letzten Abschied zu nehmen Der Vater lag zwar lebend doch für immer der
Sprache beraubt ermattet auf seinem Bette Bei dem Eintritt der Tochter erhob
er mit großer Anstrengung seine Hände und legte sie auf ihr Haupt das noch
immer mit dem bräutlichen Kranze geschmückt war doch die Lippen bewegten sich
nicht und konnten den Fluch nicht zurücknehmen Mutter und Tochter hielten sich
darauf einige Minuten lang fest umschlungen das Haupt der Tochter ruhthe an
dem eingefallenen Busen der Matrone wie eine geknickte Blume an dem
mütterlichen Erdreich und ihre Tränen vermischten sich Ihr Schmerz war stumm
noch ein Kuss auf die heißen Lippen der Mutter auf die eiskalten des Vaters
und rasch stürzte sie zum Pfarrhaus hinaus Herr Oburn hob mit geckenhafter
Galanterie seine Gattin in den Wagen Die Tür wurde zugeschlagen der Postillon
blies das alte Lied »Welche Lust gewährt das Reisen« und schnell entschwand
der Zug dem schmerzlich nachblickenden Mutterauge
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Die Saison des Jahres 18 war glänzender als alle früheren des an Pracht
gewöhnten Karlsbad Drei gekrönte Häupter waren hier versammelt nicht um
Genesung zu suchen für irgend ein Leiden sondern um über das Wohl ganzer
Nationen zu entscheiden Von Karlsbad aus wurde schon einmal das Schicksal der
Welt bestimmt als die mürrische Diplomatie über die jugendlichen
Freiheitsbestrebungen der Völker den Stab brach und alle der neuen Entwicklung
günstigen Paragraphen mit feinen Wendungen aus der Bundesakte hinaus
interpretirte Damals strömten in Karlsbad alle gewandten Verteidiger und
Anhänger des status quo zusammen welche aus den nationalen Bewegungen der
Jugend das revolutionaire Element herauswitterten das den bestehenden Mächten
und ihrem wohlgeordneten System Gefahr drohte Die ganze Kamarilla des
Absolutismus die Diplomaten mit der eleganten Beweisführung die aus
juristischen historischen und theologischen Fetzen dem gottesgnädigen Königtum
den Mantel zusammenschneiderte die heilige Legitimität proklamirte das
unwandelbare Gesetz der politischen Welt die Aristokraten jeder Art welche
ihre alten Rechte zu wahren hatten gegenüber den Anforderungen einer neuen Zeit
alle schienen hier ein Schutz und Trutzbündniss zu schließen eine heilige
Ligue des neunzehnten Jahrhunderts Doch auch in dem Jahre in dem unser
sociales Drama spielt hatte die Zusammenkunft des Kaisers von Russland des
Königs von Preußen und des Königs von Hannover alle treuen Vasallen dieser
Potentaten in Karlsbad versammelt Der ganze Ort wimmelte von Fürsten und
Grafen Wem daher nicht ein sehr großer Reichtum zu Gebote stand der konnte in
diesem Sommer nicht daran denken in Karlsbad ein Unterkommen zu finden An
einem drückendheissen JuliMorgen an dem die Natur in Glutgedanken zu träumen
schien war die höchste Aristokratie auf der weltbekannten Wiese versammelt
Unter den schönen blühenden Lindenbäumen hatten sich Koterieen gebildet die
Chocolade schlürften Blätter lasen oder durch leichtes Plaudern die Stunden
verkürzten die sich vom Brunnentrinken bis zum Diner träg und langweilig
dahinschleppten Schönheiten aller Art bleich und blühend im ersten und
letzten Stadium junge reiche Wittwen interessante geschiedene Frauen Mütter
mit mannbaren Töchtern alles war wie noch heute auf diesem Markt der
Schönheit anzutreffen Auf der Promenade von der Wiese zum Freundschaftssaal
lustwandelten zwei junge Männer von höherem Rang in lautem Gespräch das für
sie ein besonderes Interesse zu haben schien Plötzlich unterbrach der Eine
seine Rede mit dem Ausruf »ach da kommt sie« Diese begeisterten Worte galten
keiner berühmten Persönlichkeit keiner Prinzessin oder Schauspielerin sondern
einer jungen Frau in einfacher eleganter Kleidung die rasch an den Herren
vorüberging als wollte sie ihre frechen Blicke fliehen »Ich möchte nur wissen
wer sie eigentlich ist« sprach Graf Reitzenstein zu seinem Gefährten dem Baron
Stein »sie lässt sich Madame Oburn nennen aber ich glaube nicht an das
Märchen Dies Gesicht diese Tournüre diese Toilette Baron ma foi das passt
nicht zu einer spiessbürgerlichen Madame Und lebt sie nicht fürstlich Sie hat
vor ihrem Wagen die schönsten Pferde die ich je gesehen Pferde in die der
Fürst Metternich gänzlich vernarrt ist die er als diplomatische Flügelrosse
gern vor seinen Triumphwagen spannen möchte Er bot ihr tausend Dukaten doch
Madame antwortete mit Stolz Durchlaucht ich will so gut wie Sie edle Pferde
vor meinem Wagen haben Ma foi hier werden nicht alle Trümpfe ausgespielt Ich
möchte wohl in die Karten sehen können Hier muss irgend ein KoeurKönig Trumpf
sein Baron wer weiß was hinter dem unscheinbaren Namen steckt« Stein
erwiderte nichts auf diese Vermutungen sah nur der schönen Frau mit glühenden
Blicken nach bis er den Entschluss fasste ihr mit dem Grafen zu folgen Die
junge Dame hatte von alle dem was um sie vorging nichts gemerkt teilnahmlos
und der Außenwelt unzugänglich schwebte sie auf kleinen Füßchen mit großer
Schnelligkeit weiter Nur in der Nähe des Freundschaftssaals sah sie sich
ängstlich um ob Niemand ihren Schritten folge verließ dann plötzlich den
gewöhnlichen breiten Weg und schlug einen Seitenweg ein der durch eine
Nebenpforte zu dem großen parkähnlichen Garten führt welcher zu diesem
beliebten Etablissement gehört Hier saß in einer blühenden Fliederlaube die
fast undurchdringlich von dem grünen Gezweig umschlungen war ein schöner
ernster Mann von 30 Jahren in dessen regelmäßigen römischen Zügen sich
deutlich die Ungeduld der Erwartung und ihre ängstliche Spannung malte Als er
die Pforte leise öffnen hörte sprang er auf stürzte mit ausgebreiteten Armen
aus der Laube umschloss mit unbeschreiblicher Leidenschaft das junge Weib das
eben eingetreten und sagte mit dem Ton der glühendsten Liebe »meine Johanna
Du kommst O ich danke Dir« Dann zog er sie zärtlich in die Laube nahm ihr den
feinen Strohhut ab strich die vollen Locken die sich zu üppig vorgedrängt von
der Stirn kniete dann zu ihren Füßen nieder presste die kleinen Hände fest in
die seinen und drückte lange brennende Küsse auf ihre Lippen So saßen sie
stumm eine geraume Zeit alles war still und heimlich kein fallendes Blatt
unterbrach die Ruhe ringsum Es war jene Mittagsstille in der Natur das
orientalische Brüten die Ruhe die sich selbst genießt welche die Fühlhörner
des Lebens zurückzieht und ihre großen Wünsche die in fernen Blitzen aufzucken
am Horizont in schwülen Schlummer wiegt Doch des Menschen Herz hat den
rastlosen Pulsschlag des Lebens und mächtiger wird sein heißes Begehren wenn
alles ringsum wünschelos und regungslos schlummert Die Blicke des jungen Weibes
zogen den Zauberkreis immer enger um den Geliebten Er flüsterte »Sieh mich
nicht so an das ertrag ich nicht Du willst mir nicht gehören du willst
nicht mein werden o so lass Deinen Blick sanft sein wie den Blick der Taube
ein stilles argloses Glück spiegeln die Idylle der Unschuld den süßen Wahn
der Kindheit Lass ihn ohne Verlangen sein wie die stille abendliche Flut die
keinen Sturm und keine Brandung kennt Doch selber glühend weckst Du meine
Glut die mich verzehrt die mich ringen macht nach Deinem Besitz«
»Und Du siehst es nicht dass ich Dich besitzen will besitzen muss« Er
sprang auf wie von bachantischer Wut erfasst von dem Taumel des Gottes
ergriffen drückte krampfhaft die Frau an sich küsste Busen und Schultern in
flammender Leidenschaft »Franz vernichte mich nicht Du weißt es ja wie ich
Dich liebe Jede Fiber sehnt sich nach Dir jeder Nerv zuckt nach Vereinigung
Ach ich möchte Dir ja alles geben was Dich glücklich macht und doch flehe ich
zu Dir schütze mich vor mir selbst schütze uns Beide Du bist der Stärkere
Deinem Schutz muss ich vertrauen O warum bist Du so heftig Nun ists das letzte
Mal dass ich Dich hier gesehen Unterbrich mich nicht lass mich ganz ausreden
Ich muss Dir jetzt Alles sagen was mich schon lange gequält Seit ich Dich
gesehen liebe ich Dich mein Leben bis dahin ohne Gehalt und Bedeutung hat
in Dir seine wahre Erfüllung gefunden Ich habe mich diesem berauschenden Glück
überlassen ohne zu fragen wie kann wie soll das enden Jetzt aber sehe ich
klar wie unrecht ich daran getan wie gefährlich uns Beiden dieser
Dämmerzustand des Herzens geworden Als ich vor vier Jahren gezwungen wurde
meinen Gatten zu heiraten wider meine Neigung da glaubte ich zu lieben ein
süßer Irrtum in dem jedes junge Mädchen befangen ist Schon damals
unterdrückte ich dies Gefühl nicht aus moralischen Grundsätzen nicht aus
Pflichtbewusstsein sondern aus Stolz Ich war die Frau eines Andern ich wollte
den Menschen gegenüber vorwurfsfrei dastehen Seit ich Dich kenne weiß ich
wohl dass ich früher nie geliebt Und die Seligkeit zu lieben so mit aller
Kraft lieben zu können hat mir nie Zeit gelassen zur Reue Und ich werde es nie
bereuen Dir die ganze Stärke meiner Leidenschaft offen gezeigt zu haben Ich
bin keine von den christlichen Hausfrauen welche die heißen Wünsche ihres
Herzens aus Furcht vor moralischer Abkanzelung oder ewiger Strafe
unterdrücken und in ihrem Tugendbewusstsein reichlichen Ersatz für alles
geopferte Glück finden Ich bin nichts weiter als stolz ich will keine
Seligkeit die ich mir stehlen über die ich vor der Welt erröten müsste Darum
und darum allein gehöre ich Dir nicht ganz in Liebe an Erschwere mir nun
durch kein Wort keine Bitte mein Opfer Beklage mich auch nicht ich bin
durch die Liebe zu Dir so selig gewesen als eine Sterbliche sein kann Was sie
auch für Schmerzen in ihrem Gefolge haben mag ich scheue sie nicht ich werde
Dir ewig für das höchste Glück meines Lebens dankbar sein« Eine Pause folgte
diesen Worten Den Kopf fest in die Falten des Kleides gedrückt saß der Mann
unbeweglich da Als er das Gesicht erhob war es bleich zum Erschrecken doch
ruhig Seine Hand zitterte sichtbar als er die andere ihm so teure Hand
erfasste Doch fest stand er auf und erwiderte »Ich verstehe Dich Johanna
wir müssen uns trennen Ich habe in Dir gefunden was mir von Jugend an
vorgeschwebt als das Ideal des Weibes Und wenn der Traum eines ganzen Lebens
zur Wirklichkeit geworden so verrauscht er nicht mit den andern flüchtigen
Wellen der Zeit sondern er prägt sich tief ein in das innerste Wesen mit ewig
bleibender Bedeutsamkeit So standest Du vor mir so wirst Du immer vor mir
stehen in dem schalen Marionettenspiel aufgeputzter Puppen mit dem Hauch des
Lebens und seiner Würde Doch dass auch die Weiblichkeit die sich selbst
behauptet die nimmer herabsteigt zu unedlem Tun und Treiben und dem Pariatum
trotzt zu dem das Gesetz dieser Gesellschaft die Frau verurteilt dass auch
diese Weiblichkeit der rohen Gewalt verfällt und schmachvoller Misshandlung dass
ein roher Wüstling Macht hat über eine Seele deren Heiligtum ihm verschlossen
ist deren unendlichen Reichtum er nicht ahnt das empört mein Innerstes gegen
dies unverständige Gesetz der Welt das solche Frevel zu heiligen Rechten und
solche Tempelschänderei zu einem gottgefälligen Wandel stempelt
O wie viel wirst Du noch leiden müssen unter den Menschen die Deines Wesens
Bedeutung nicht verstehen Und ich der ich sie verstehe der ich wert bin sie
zu verstehen der ich beseligt von jeder neuen Offenbarung auch aus dem
kleinsten Zug seine ganze Tiefe herausfühle der ich Dich wenn die
verständnisslose Kälte der Welt Dich eisig anhaucht mit meinem Odem erwärmen
mit meinen Pulsen beleben möchte ich kann nichts tun als Dich fliehn«
Der Schmerz des Mannes musste groß sein denn eine Flut schwerer Tränen
entstürzte seinen Augen doch er schämte sich dieser Zeichen seiner Qual
drückte noch einen innigen Kuss auf die Augenlieder seiner Geliebten und
verschwand rasch
Sie selbst saß starr und unbeweglich so lange sie noch die verhallenden
Tritte hören konnte Dann bedeckte sie noch einige Minuten mit beiden Händen die
Augen und erhob sich plötzlich mit entschiedener Willenskraft Nur den
verstörten Zügen war es anzusehen dass sie erst nach schwerem Kampf diesen Sieg
über ihr Gefühl errungen Mit fester Haltung das Haupt kühn und frei erhebend
ging sie dann nach ihrer Wohnung dem lieblichen Wiesentale
»Wieder einmal ein Schäferspiel gratis ohne Entrèe eine rührende Szene«
ließ sich die kreischende Stimme des Grafen Reitzenstein vernehmen »was sagen
Sie dazu Baron Irgend eine wohlmeinende Fee führt uns a tempo herbei wenn von
dem Gott der Liebe eine Episode in Szene gesetzt wird Doch zum Teufel wer war
denn der Glückliche der diesen Schäfer spielen und im Schatten dieses
Paradieses flott drauflos lieben konnte Ein beneidenswertes Loos Im Salon
dürfen wir armen Weltkinder die Liebe nur mit Glacéhandschuhen anfassen hier in
Gottes freier Natur wird die Aktion lebhafter es arrangirt sich alles
ungenirter wie weiland im seligen Olympos Doch wer mag der Kavalier gewesen
sein der in diesem romantischen Irrgarten herumtaumelte bis er seiner Dulcinea
ans Herz sank Ich muss ihn schon irgendwo gesehen haben es ist eins von jenen
KupferstichGesichtern die an den Läden zu hängen pflegen etwas Apartes was
den Weibern gefällt etwas in seinem Wesen was sich nicht nach dem gewöhnlichen
Versmaass unserer Salons skandiren lässt Ach nun fällt mir ein Es ist ja der
Leibarzt des Prinzen C ein sehr liebenswürdiger Doktor der schon manche recht
glückliche Kuren besonders bei den Frauen gemacht haben soll Aber
wahrhaftig Stein die Oburn ist süperb Wie trefflich sie die kleine
Tugendhafte spielte Man hätte fast glauben können es wäre ihr damit Ernst
Doch ich möchte wohl sehen wie weit ihr gerühmter Stolz ausreichen würde wenn
unser Prinz selbst einmal mit dem Leibarzt die Rollen vertauschte«
»Glauben Sie an die Tugend dieser Frau Heuchelei nichts als Heuchelei Die
Tugend einer Frau das perpetuum mobile die Unsterblichkeit der Seele das
sind so verschiedene Variationen zu dem unerschöpflichen Thema der Chimären
lauter Erfindungen müßiger Köpfe patentirter Unsinn Wie wär es lieber Stein
wenn wir selbst unser Glück versuchten Sollte es uns so schwer werden ihr
Trost zu spenden und ihrem Stolz ein wenig unter die Arme zu greifen« Kühn und
siegsgewiss strich der Graf nach dieser Philippika seinen Schnurrbart trällerte
eine beliebte Opernmelodie und spielte mit der Reitgerte Doch Stein entgegnete
empfindlich »Ich muss Sie bitten ein für allemal über diese Dame in einem
andern Ton mit mir zu sprechen Nach dem Auftritt dessen Zeugen wir eben waren
achte ich sie sehr hoch wer sie auch sein mag und wenn Sie es wagen sollten
über diese Szene die wir unritterlich genug waren zu belauschen frivole
Klatschereien zu verbreiten so werde ich die Ehre der Dame zu vertreten
wissen« »Aha steht es so mein Freund Nun ich gratulire und wünsche besseren
Erfolg als Daphins der Erste erlangt« entgegnete hämisch Graf Reizenstein
5
Am Abende dieses Tages gab der Grossfürst Konstantin von Russland der hautevolée
Karlsbads einen glänzenden Ball Dieser Ball war ein Ereignis für die Badewelt
die sich in mancherlei spöttischen und geistvollen Bemerkungen über die
persönlichen Beziehungen des Fürsten über sein Familien und Herzensleben
erging Denn diese Verhältnisse waren keinem der Karlsbader Gäste ein Geheimnis
Sah man doch seine Gemahlin die edle Fürstin Helene täglich bleicher und
kränker am Brunnen erscheinen während das Auge ihrer Hofdame der üppig schönen
Gräfin Sidonie von Lichtenfels jeden Morgen freudiger strahlte wenn es den
flammenden Blick des Fürsten traf Daraus schloss denn die natürliche Logik der
Karlsbader Gesellschaft dass dieser Ball von dem Fürsten weniger zu Ehren der
kranken Gemahlin als zur Unterhaltung der Gräfin Sidonie gegeben wurde welche
den Tanz leidenschaftlich liebte
Da Schönheit und Reichtum sich überall Geltung verschaffen so war auch
Madame Oburn mit zu diesem Feste geladen Es war nicht Leichtsinn dass sie
erschien nach so tiefen schmerzvollen Erlebnissen des Herzens es war der
Stolz der weder andern noch sich selbst einräumen wollte dass sie unendlich
litt
Als sie am Morgen ihre Wohnung wieder erreicht schloss sie ihr Gemach ließ
die Vorhänge nieder drückte das Gesicht tief in die Kissen des rotseidenen
Divans und presste die Hände fest an das Herz Das war die Feierstunde in der
sie alle Bilder der Seele heraufbeschwor den Schmerz walten ließ mit aller
Macht bis die wilden zerreissenden Akkorde allmählich übergingen in sanftere
Melodien bis sie schwelgen konnte in diesen phantastischsüßen Übergängen und
so den Schmerz besiegte indem sie sich ganz ihm hingab Als die Zeit der
Toilette kam erhob sie sich ruhig klingelte ihrem Kammermädchen und ließ sich
zum Ball schmücken Gleichgültig betrachtete sie in dem hohen MahagoniSpiegel
ihr Bild Und wenn sie auch ohne Eigenliebe sich zugestehen konnte dass es
reizend war so konnte dies Geständnis doch kein Lächeln der Befriedigung
hervorrufen Ein echtes Weib ist nur dann eitel wenn sie den Geliebten durch
ihre Reize beseligen will Was lag ihr Heute an ihrer Schönheit da ihr
Geliebter sie nicht bewundern konnte
Ihr Anzug war einfach aber schön Sie trug ein weißes Blondenkleid mit
RosaAtlas gefüttert einen Kranz von natürlichen Rosen in den langen braunen
Locken und um den marmorweissen Hals eine Schnur echter Perlen »O Madame wie
engelsschön sind Sie heute« sprach die treue Lisette die schon Jahrelang die
Dienste einer Kammerjungfer versah dabei musterte sie die holde Erscheinung von
allen Seiten »Wie werden die alten hässlichen vornehmen Damen noch hässlicher
werden vor Neid und gelber als sie schon jetzt sind und wie glücklich werden
all die schönen feinen Fürsten und Grafen sein wenn sie nur einen Blick von
Ihnen erhaschen« »Schweig doch Lisette mit diesen albernen Reden Du weißt es
ja zu gut wie traurig mein Herz unter diesem Atlas schlägt Ich bin wohl
kindisch dass ich solche Angst habe doch ich fürchte mich fast allein in diese
Gesellschaft zu gehen Der heutige Tag steht so bedeutsam vor meiner Seele als
müsste er ein Wendepunkt meines Geschickes sein der mich unvermeidlich in ein
neues Verhängnis hineinreisst« Sinnend und ernst sah sie sich darauf noch einige
Sekunden im Spiegel mit prüfendem Blick an ließ sich dann die weiße
SpitzenMantille um den edlen Nacken legen sprang graziös in den Wagen und
rief mit jugendlich heller Stimme dem Kutscher zu »Zum Palais des Grossfürsten
Konstantin«
Hier saß im Empfangzimmer die Fürstin auf sammetnem Divan neben ihr die
ältesten und vornehmsten Damen und hatte für jeden der ankommenden Gäste ein
freundlichgewinnendes Lächeln in Bereitschaft Doch hinter diesem Lächeln
hinter all dem Glanz der sie umgab lauerte der schadenfrohe Dämon welcher
den Großen dieser Welt auf der Ferse folgt
Noch am Abend waren die Augen der Fürstin trübe und geschwollen durch
anhaltendes Weinen Vergebens umstrahlte sie die Pracht der Diamanten vergebens
borgten ihre eingefallenen Wangen von der Schminke einen lügnerischen Glanz Ihr
unseliges Schicksal sprach allzu beredtsam aus ihrem Blick Der jüngere Teil
der Damen ging indes gruppenweise auf die ersten Töne des Orchesters
sehnsüchtig harrend im Saale auf und nieder Unter den jugendlichen Gestalten
zeichnete sich die Gräfin Lichtenfels auffallend aus Es war eine Junonische
Figur mit tiefschwarzen Locken brennenden großen braunen Augen und
strengregelmässigen Zügen Ihr Teint war blendendweiss äterisch gehoben durch
ein feuerrotes Creppkleid das den üppigen Busen die Schultern und Arme frei
ließ Ähren von Diamanten waren überreich in die Locken genestelt und zeugten
von dem feinen Geschmack und dem Reichtum der Dame Mit herausforderndem
frechem Blick musterte sie durch die geöffneten Flügeltüren die Herren die in
dem nächsten Salon versammelt waren Bei aller Schönheit war diesem Wesen doch
der Stempel einer Sinnlichkeit aufgedrückt die jedes geistige Element
ausschloss und sich im vollen Bewusstsein ihrer alleinigen Berechtigung breit zu
machen suchte Unangenehm berührt wandte die reine Fürstin ihr gekränktes Auge
von ihr so oft sie eine unfreiwillige Zeugin von der heißen Glut war mit der
ihr Gemahl an jeder Bewegung dieser Circe hing Ein Geräusch im Vorzimmer
verkündete den Eintritt eines neuen Gastes Die Herren hielten ihre Lorgnetten
unverschämt vor die blöden Augen und nahmen die widerlich süßesten Minen an
Auch Gräfin Sidonie wandte ihr schönes Köpfchen dorthin und ein unangenehmer
höhnischer Zug um den kirschroten Mund ließ erraten dass die neue Erscheinung
gerade keinen erfreulichen Eindruck machte Mit großer Verachtung die sich
besonders im Ton der Stimme aussprach wandte sich die Gräfin zu einer neben
ihr stehenden Dame mit den Worten »Nein das ist empörend das ist zu arg
Sehen Sie nur da erscheint sogar die Madame Oburn in unserem Kreis Ich
begreife wirklich nicht wie der Fürst die Rücksichten die er der Gesellschaft
und seinem Range schuldig ist so sehr vergessen kann dass er diese Bürgerliche
hier einführt Aber so sind die Männer Wo sie ein hübsches Lärvchen entdecken
da übersehen sie die fehlenden Ahnen und ergehen sich noch in lächerlichen
Phrasen in denen die guten und bösen Geister eine Hauptrolle spielen der gute
Zeitgeist der den bösen Kastengeist besiegt und wie die schönen Redensarten
alle heißen Ich werde aber nie vergessen was ich mir schuldig bin Auf denn
meine Damen wir wollen uns gegen diese Toleranz der Herren opponiren und für
den heutigen Abend auf die Freude des Tanzes verzichten wenn wir sie mit Madame
Oburn teilen sollen Sie muss es fühlen dass sie in diese Gesellschaft nicht
gehört und uns künftigen Skandal ersparen« »Sehen Sie nur sehen Sie nur«
zischelte es von vielen süßen Lippen »wie unbeholfen und ängstlich sie scheint
wie haltlos sie nach Rat und Hilfe sucht Und welche gewöhnliche Schönheit
ein frisches Landgesicht wie mans bei der Heuernte dutzendweise sieht nichts
weiter Und darüber machen die Kavaliere so viel Geschrei dass man in allen
Gesellschaften von dieser obskuren Person hören muss« Die junge Frau welche den
hochadligen Damen so großes Ärgernis verursachte schien indes nichts weniger
als verlegen Mit einer Sicherheit als sei sie von Jugend auf an so prächtige
Räume und an so geistlos vornehme nichtssagende Physiognomien gewöhnt schritt
sie stolz durch das Vorzimmer in den Empfangssalon der Fürstin Helene sah die
unglückliche Frau mit lieben unschuldsvollen Augen so bittend so
verständnissinnig an dass sie bei ihr augenblicklich das regste Mitgefühl
erweckte Die Fürstin verließ ihren Platz trat der Oburn einen Schritt
entgegen reichte ihr freundlich wie zum Schutze die Hand und zog sie neben
sich auf ein leeres Tambourett nieder Die Hofgesichter wussten nicht wie sie
bei diesem unerwarteten Anblick ihre Mienen zurecht legen sollten Zum Glück für
sie wurden jetzt die Türen des Ballsaals geöffnet und ein rauschender Walzer
des in jenem Sommer so beliebten Komponisten Labitzki überhob sie aller Zweifel
Die beatlasten Füßchen der Damen trippelten vor Ungeduld ob der Vornehmste der
Gäste Prinz C nicht das Signal zum Tanze geben werde Alle hatten den
großartigen Entschluss mit einer ahnenlosen Frau nicht in die Reihen zu treten
über der verführerischen Melodie vergessen Gräfin Sidonie stand graziös in
stummer Erwartung denn es handelte sich um die Frage mit welcher Dame wohl der
Prinz den Reigen eröffnen werde Obgleich sie die erklärte Geliebte des
Grossfürsten war hatte sie doch alle ihre Koketterieen angewandt während der
Saison die Aufmerksamkeit des Prinzen auf sich zu ziehen dessen Empfänglichkeit
für weibliche Schönheit keineswegs zu den Mysterien Karlsbads gehörte Bis jetzt
hatte er allen ihren Lockungen ein kalt höfliches Benehmen entgegengesetzt und
ihren Hochmut dadurch bitter gekränkt Gerade deshalb war sie bereit zu dieser
Eroberung alle ihre Kräfte aufzubieten und hoffte viel von dem heutigen Abend
weil sie die Königin dieses Festes war welcher der Prinz nach allen Regeln
der Etikette sich nähern musste Schon eine geraume Zeit hindurch ertönte die
Musik und noch immer stand der Prinz vornehm nachlässig in der Salontüre
den reich und bunt geschmückten Frauenkreis mit gleichgültigem Blick übersehend
Endlich ging er dem Ceremoniell gemäß langsam auf die Grossfürstinn zu um mit
ihr als der Dame vom Hause die Polonaise aufzuführen Als er ganz nahe vor ihr
stand blieb er plötzlich wie verzaubert stehen ein unbeschreiblicher
Ausdruck der Überraschung und des Entzückens überflog seine Züge Starr blickte
er einige Sekunden die Madame Oburn die neben der Fürstin saß an ging wie
bewusstlos zu ihr und bat sie fast schüchtern um das Glück mit ihr zu tanzen
Freundlich reichte sie ihm den Arm und von den Wellen der Musik getragen
schwebte das schöne Paar durch den Ballsaal Das Geflüster der Medisance
aufgeregt durch so unerhörten Vorfall zischelte rechts und links Nur wenige
Herren namentlich der Grossfürst räumten ein dass der Prinz ganz vernünftig
handle wenn er unbekümmert um Rang und Etikette mit der Dame tanze die ihm
am besten gefalle Zu jener Zeit war der Prinz C ein verführerischer Mann mit
einem schönen Kopf geistreichen Augen einer edelen griechischen Nase einem
überaus feinen Mund der bei dem eigentümlichangenehmen Lächeln zwei Reihen
auffallend kleiner weißer Zähne blicken ließ mit einer eleganten großen und
schlanken Figur Auch lag in seinem Wesen eine Ritterlichkeit deren Zauber
durch echt modernen esprit erhöht wurde und dem Prinzen da wo es ihm darauf
ankam all die brillanten Pointen seiner Persönlichkeit zusammen zu fassen
unwiderstehlich machte Zum ersten Male in seinem Leben war dieser feine
Weltmann befangen und um Worte verlegen Dieser Frau gegenüber wollte ihm eine
gewöhnliche BallKonversation nicht gelingen Er fühlte wohl dass er hier andere
Saiten berühren müsse Mit leidenschaftlichem Blicke versenkte er sich in das
reizende Formenspiel dieser Frau fester als es die Sitte des Tanzes verlangt
umschlang er ihre zarte Taille für alles andere waren seine Sinne verschlossen
Er bemerkte weder die boshaften Blicke der Gräfin Sidonie noch die
ängstlichbesorgten der Fürstin Helene frei und ohne Zwang überließ er sich
seinem Gefühl Doch seine Tänzerinn verriet deutlich die Angst die sie über
diese sichtbare Auszeichnung fühlte Sie entzog sich ihm wo es nur irgend
möglich war obgleich der Prinz sie fast keinen Augenblick verließ In höchster
Bedrängnis irrte ihr Auge umher Schutz suchend bei irgend einem befreundeten
Wesen Doch alle Gesichter waren ihr fremd alles sah sie an mit lauernd kaltem
Blick Niemand tanzte mit ihr aus Respekt vor dem Prinzen dessen Gewalt sie
ganz anheim gegeben schien und so Reden ruhig anhören musste die ihr das Blut
immer heißer in die Wangen trieben Endlich als der Prinz sich einen Augenblick
entfernt um ihr ein Glas Eis zu holen trat ein ernster junger Mann der Baron
Stein zu ihr und bat sie um einen Tanz Freudig als sei sie erlöst von einer
großen Qual sah sie ihn an und schloss sich als der Prinz wieder eintrat
fester an seinen Arm Der junge Mann verstand dies stumme Zeichen der Furcht und
flüsterte ihr zu »Vertrauen Sie mir ich schütze Sie und müsste ich mein Blut
für Sie opfern« Mit großer Heftigkeit drängte sich der Prinz an den Baron Stein
heran versuchte auf jede Art ihn zu reizen und geriet fast außer sich als
er die Ruhe bemerkte mit der Stein sich selbst bezwang Den nächsten Tanz
eröffnete er wieder mit der Oburn Unter dem Vorwand sie müsse sich in einem
kühlen Zimmer durchaus etwas erholen zog er sie in ein kleines Gemach über das
Orangenblüten ihren Duft und eine dunkelrote KristallAmpel ihr dämmerndes
Licht ausgoss führte sie zu einem AtlasDivan und nahm neben ihr Platz Stumm
saßen beide da ihr Busen flog heftig die Hände bebten sie hatte nicht den
Mut in seine flammenden Augen zu sehen Stürmisch sprang er auf kniete vor
ihr nieder und rief in höchster Extase »Sie sind das göttlichste Weib das ich
je gesehen Ich liebe Sie liebe Sie wahnsinnig will Sie besitzen um jeden
Preis Wohin Du auch gehst süßes Weib ich werde Dir folgen ich werde nicht
eher ruhen bis ich Deine Liebe errungen Das schwöre ich Dir bei meiner
fürstlichen Ehre« Mit leiser aber fester Stimme erwiderte die Frau ohne ihre
innere Bewegung zu verraten »Was hab ich Ihnen getan mein Prinz dass Sie es
wagen mich so tief zu kränken mir Worte zuzurufen aus denen ich nur sehe wie
tief Sie mich verachten Mögen Sie Ihre galanten Phrasen an Damen von Stande
richten die das zu würdigen verstehen mir ist eine Liebe wie sie aus Ihren
Worten spricht gänzlich unverständlich Sie kennen mich nicht was lieben Sie
denn an mir O Sie profaniren die heilige Liebe denn das weshalb ich
vielleicht wert wäre geliebt zu werden das ahnen Sie nicht Sie lieben die
flüchtigen jungen Reize meines Körpers und darin liegt die Schmach und
Entwürdigung für mich« Nach diesen Worten wollte sie sich erheben doch er
hielt sie gewaltsam zurück und rief leidenschaftlich »Weib so darst Du nicht
von mir gehen um Gottes Willen Weib so nicht Sieh ich bin reich ich bin
Fürst allen Glanz alles Glück der Erde lege ich zu Deinen Füßen nieder Du
sollst Herrinn werden über alles was ich besitze nur liebe liebe mich Und
wenn Dein zögernder Mut Dir nicht hinweghilft über alle Schranken und Hemmnisse
zu raschem Entschluss o so lass mir wenigstens die Hoffnung dass ich einst nach
Wochen Monaten oder selbst nach Jahren Dich besitzen werde« Mit einem
prächtigen stolzen Blick sah die junge Frau den Prinzen an und erwiderte nur
»Ich verachte Ihren Glanz und Sie selbst von Herzen« Außer sich vor
Leidenschaft umklammerte der Prinz Ihre Kniee und drückte heftige Küsse auf ihr
Gewand In diesem Augenblicke wurde die Türe leise geöffnet und das schöne
doch maliciöse Gesicht der Gräfin Lichtenfels schaute hinein Ein spöttisches
Lächeln verklärte gleichsam ihre Züge und bildete den besten Kommentar zu ihren
Worten »Entschuldigen Ew Königl Hoheit wenn ich störe ich wünschte nur
mich hier an diesem kühlen Ort etwas von der Hitze des Balles zu erholen«
Gräfin Sidonie sorgte nach den Grundsätzen der christlichen Liebe und
weiblichen Ritterlichkeit dafür dass nach wenigen Minuten die ganze
Ballgesellschaft über die Liebesscene im Klaren war Überall flüsterte man von
der zärtlichen Attitüde in der Prinz C mit Madame Oburn im einsamen Gemach
betroffen worden und fügte natürlich hinzu dass die Frau den Bewerbungen des
Prinzen ein williges Ohr geschenkt Die Stimmung in der Gesellschaft war
hierüber sehr verschieden Die jungen Fräuleins nebst den altadligen Müttern
konnten es einer Bürgerlichen nimmer vergeben zu der Ehre einer fürstlichen
Maitresse nach der sie alle selbst strebten erhoben zu werden Darum sprach
man das Anatem über sie aus aus Neid wurde sie geächtet Bei den Männern hatte
die Frau dadurch an Ansehen gewonnen und man war nur unschlüssig wie man das
Betragen gegen sie einrichten müsse um die hohe Gnade des Prinzen nicht zu
verscherzen Doch auch nicht einem Einzigen in der Gesellschaft schien es
möglich dass eine bürgerliche Frau zu stolz sein könne Maitresse zu werden Nur
Baron Stein entgegnete dem Grafen Reizenstein der sich auf seine
Prophezeihungen viel zu Gute tat »Nach dem was ich heute Morgen gehört werde
und kann ich nimmer glauben dass die Oburn dem Prinzen gegenüber sich nur das
Geringste vergeben habe es ist ein Etwas in dieser Erscheinung was mich
durchaus an eine edle Natur glauben lässt«
Fürstin Helene hatte sich ihrer Kränklichkeit wegen früh in ihre
Privatzimmer zurückgezogen Gräfin Sidonie geärgert und gelangweilt war
weniger liebenswürdig als sie es sonst zu sein pflegte und folgte bald dem
Beispiel der Fürstin Dies war das Signal zum allgemeinen Aufbruch und zeitig
trennte sich die Gesellschaft Prinz C führte die Oburn zu ihrem Wagen hob
sie scheinbar vertraut hinein wurde aber von zwei nervigen Armen unsanft
zurückgeschoben als er sich selbst ohne Umstände mit hinein setzen wollte Er
wandte sich um und ihm entgegen blitzten die zornigen Augen des Baron Stein
der ihm die Worte »Du Schurke« verständig ins Ohr flüsterte
Im Innersten aufgeregt und erschüttert betrat die Oburn ihr trauliches
Gemach »O das war ein böser böser Tag für mich« sprach sie zu ihrer
vertrauten Lisette froh ein Wesen zu finden dem sie alles mitteilen konnte
was auf ihrem Herzen lastete »ach wäre ich doch fort weit fort von hier fort
von allen diesen Erinnerungen Wie reizend dachte ich mir als Kind das Leben der
Welt wie verwebten sich stets in alle meine Träume Bilder des Glanzes und
Glücks und nun Wie fade erscheint mir alles wie hat doch so Nichts von all
dem Glück mich befriedigt Ich bin doch recht elend« fuhr sie in einem Tone
fort der für die Wahrheit der Worte die beste Bürgschaft war »so jung und so
freudlos hinsterben zu müssen mein Herz so heiß und nirgends Erquickung die
Eltern tot und mein Mann o mein Mann das ist ja gerade mein Elend denn
in meiner Ehe fühle ich mich am einsamsten weil ich nie verstanden werde weil
mein Herz mit all seinem glühenden Ringen nach einem edelen Leben hier an
Gemeinheit und Bosheit scheitert o das ist wohl ein tiefes Unglück« Einzelne
Tränen entströmten den schönen Augen dann fuhr sie leise doch
leidenschaftlich fort »Vergieb mir Franz Nein ich bin nicht elend ich habe
Dich ja gefunden und die Liebe zu Dir ist Erlösung von all der Not von all
dem Schmerz des Lebens Welche Seligkeit liegt darin den Mann den man liebt
in jeder Beziehung edel und groß zu wissen Ob ich ihn wohl lieben könnte«
sprach sie träumerisch weiter »wenn diese Größe eine erlogene wäre zu der ihn
die Sophistik eines vielgewandten Geistes emporgeschwindelt oder die trunkene
Phantasie meiner Liebe Ob ich ihn lieben könnte wenn ich ihn verachten müsste«
Ahnungsvoll hielt sie hier inne bedeckte die Augen mit der Hand als wolle sie
ein Bild verhüllen das unheimliche Angst in ihr erwecke
Bei dem Auskleiden übergab ihr Lisette einen Brief ihres Mannes Er lautete
»Meine liebe Johanna
Es freut mich herzlich dass Dir das Leben in Karlsbad auch ohne mich
gefällt Wie ich höre sollst Du und unsere schönen Pferde allgemeines Aufsehen
bei den Männern machen Mir ist das recht Sehen doch die Leute daraus dass ich
einen guten Geschmack habe Meine Frau muss bemerkt werden das verlange ich
denn ich bin ein reicher Mann Dass Du mein Vertrauen nicht täuschest das ich
in Betreff Deines Umgangs mit den Männern in Dich setze weiß ich sehr gut denn
ich kenne ja Deine platonische Liebe von der ich nichts verstehe und nichts
verstehen will weil sie dummes Zeug ist Adieu liebe Frau Morgen reise ich
von hier ab um Dich zurückzuholen und hoffe Dich recht blühend und kräftig
anzutreffen
Dein Dich liebender Mann
David Oburn«
Seufzend legte die Frau das zarte Billet wieder zusammen und suchte auf ihrem
einsamen Lager Schlaf und Vergessenheit
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Das Wiesental bei Karlsbad ist eine überaus nette kleine Meierei und zugleich
ein sehr beliebter Vergnügungsort der Kurgäste Es liegt ungefähr 18 Meile von
der Stadt entfernt dicht unter dem Kreuzberge in einer entzückenden Umgebung
Ein sehr schöner großer Garten mit den reichsten Blumenpartieen und
dichtverwachsenen Laubgängen durch den sich die Eger gleich einem Silberbande
schlängelt umgibt das freundliche Wohngebäude Alles war hier so friedlich und
still und bildete einen schneidenden Kontrast mit all den Leidenschaften der
Menschen die das bewegte Karlsbad umschloss Madame Oburn mit ihrer Dienerschaft
bewohnte in diesem Sommer die für Badegäste eingerichteten Zimmer der Meierei
Mit den Fremden die Nachmittags dort herauskamen um ihre Tasse Kaffee mit
Schmellen und Hörnchen zu trinken kam sie in keine weitere Berührung Nur an
Koncerttagen öffnete sie wohl die Flügeltüren ihres Gartensaales oder setzte
sich in die Geisblattlaube die eigens zu ihrem Logis gehörte Doch sah man sie
gewöhnlich allein Nur dann und wann ließ sie einen Musiker bei dem sie ein
bedeutendes Talent entdeckte zu sich einladen Weil sie Musik leidenschaftlich
liebte zeigte sie sich solchen Künstlern gegenüber stets artig und generös
und wurde in manchen Kreisen die Beschützerin der Kunst genannt Auch kam sie in
den Ruf eines beispiellosen Reichtums Die Besitzerin der Meierei eine gewisse
Frau Meyer war ein originelles Weib das eine nähere Charakteristik verdient
Von ihrem wahren Namen und ihrer Herkunft wusste man nichts Der Sage nach war
sie vor vielen Sommern mit einem polnischen Grafen der sie seine Frau nannte
nach Karlsbad gekommen Obgleich ziemlich roh hatte sie doch während der Saison
die Aufmerksamkeit vieler stattlichen Kavaliere auf sich gezogen und da sie
glänzend lebte war sie sogar eine von den Damen geworden welche den Ton in der
Gesellschaft angaben Eines Morgens war der Graf plötzlich verschwunden und die
trauernde Gattin blieb allein zurück ohne Geldmittel dem allgemeinen Hohn
preisgegeben Doch die PseudoGräfin fasste sich kurz verkaufte ihre Juwelen
und kostbaren Gewänder und erstand für das daraus erlöste Geld die Meierei
Wiesental die gerade zum Verkauf ausgeboten wurde Hier lebte sie nun schon
seit 10 Jahren still und zurückgezogen von der übrigen Welt eine echte
Philosophinn ruhig weiter bis sie durch die vielen Fremden die dort eifrig
die Gegend durchstreifen vielfältig dazu aufgefordert ihr kleines Eldorado zu
einem öffentlichen Lustort umschuf Zu den schwächsten Seiten dieser Frau
gehörte eine große Schwatzhaftigkeit die besonders mit vielem Behagen bei den
Taten ihrer Jugend und all den Eroberungen die sie gemacht verweilte Die
jungen Herren die namentlich in diesem Sommer sehr häufig zu ihr herauskamen
hatten diese Schwäche bald bemerkt hörten mit übergrosser Geduld Stundenlang den
Erzählungen ihrer Erlebnisse zu bis es ihnen gelang ganz unvermerkt die Rede
auf die jetzige Einwohnerin der Meierei die Madame Oburn zu bringen So hatten
sie glücklich entdeckt dass die junge Frau sehr unglücklich sein müsse dass sie
viel viel weine und ihr Mann in einigen Tagen erwartet werde um seine
Gemahlin zurück zu holen Diese Notizen genügten den neugierigen Forschern um
selbstgefällige Hoffnungen und Folgerungen daran zu knüpfen wie es junge Männer
immer tun wenn sie von einer unglücklichen Ehe hören
Es war schon spät am Morgen als Madame Oburn nach jener Ballnacht erwachte
Ihr fieberhaft gerötetes Antlitz ihr wogender Busen zeugten von keiner süß
durchträumten Nacht Im Zimmer war es unerträglich schwül rasch zog sie die
grün seidenen Vorhänge zurück öffnete das Fenster und sah ungenirt noch im
weißen Nachtkleide und Schlafhäubchen in den blühenden Garten hinaus Der
frische von Blumenduft durchwehte Morgen tat ihr unendlich wohl die Brust
atmete geregelter die unnatürliche Röte wich ihrer gewöhnlichen gesunden
Farbe Heiter wie ein Kind schlug sie die tiefinnigen Augen bald zum
Himmelsgewölk auf bald ließ sie den Blick auf einer durch die Nacht
erschlossenen Blume haften Da plötzlich schrack sie sichtbar zusammen sie
erblickte den Prinzen C der höchst leutselig im eifrigen Gespräch mit Frau
Meyer im Hauptgang des Gartens auf und ab promenirte Wie ein gescheuchtes Reh
sprang sie vom Fenster und zog sich in die entfernteste Ecke des Zimmers
zurück Der gestrige bewegte Abend den sie noch vor wenigen Minuten wie einen
bangen Traum ansah stand lebendig vor ihr verworrene Ahnungen eines nahen und
großen Unheils ergriffen sie und als wollte sie dem eigenen dunklen Verhängnis
entfliehen vertiefte sie sich in die Lektüre der »Indiana« Während sie
andächtig alle Empfindungen und Leidenschaften nachfühlte die in diesem Buche
so hinreißend geschildert sind während sie in dem Geschick der »Indiana« das
Walten derselben Mächte erkannte die ihre Gegenwart beherrschten und mehr noch
ihrer Zukunft verhängnisvoll zu werden drohten wurden in dem Nebenzimmer mit
geschäftiger Hast die Waffen geschmiedet zu ihrem Verderben Das dicke
morchelartige Gesicht der Frau Meyer strahlte vor Wonne und Glück Geschäftig
lief sie hin und her blieb dann vor ihrem Schenkmädchen einer verschmitzten
Wienerin stehen und sprach mit Mund und Händen »Terese Schnell Spute Dich
Prinz C wollen höchsteigen heute Mittag hier speisen Schlachte die Hühnel
pflücke Schoten oder rühr lieber erst die Mehlspeise ein Nur rasch rasch
Mädchen Wir haben wenig Zeit und der Prinz wird viele Gerichte essen wollen
Gott« fuhr sie mit komischem Patos fort »ist das ein liebenswürdiger Prinz
Terese denke nur Se Durchlaucht haben lange mit mir gesprochen und finden
alles so schön bei mir dass Sie hier häufig diniren wollen Das ist noch ein
Prinz so familiair so leutselig an dem sollten alle Kavaliere sich ein Muster
nehmen Es ist recht schade meinen der Prinz dass mein Logis schon vermietet
ist sonst würden Sie es gern bewohnen doch vertreiben wollen Sie die Oburn
nicht um keinen Preis Nun das ist wahr sie zahlt auch gute Miete doch
nicht wahr Terese schöner würde es klingen Prinz C nebst Gefolge logiren
im Wiesental als Madame Oburn nebst Dienerschaft Doch es ist nun einmal so
und weil es dem Prinzen hier gar so sehr gefällt und er doch inkognito leben
will so habe ich ihm mein eigenes Wohnzimmer abgetreten Terese Ich verbiete
Dir darüber zu sprechen am wenigsten mit der zimperlichen Jungfer Lisette
denn wenn die Oburn das erführe wäre sie im Stande gleich abzureisen Bei Tage
wollen Se Durchlaucht auch gar nicht hier sein nur des Nachts um hier ruhiger
zu schlafen als in der geräuschvollen Stadt So kann es auch Niemand erfahren
Wenn Du klug bist und schweigst haben Dir der Prinz 3 Friedrichsdor Trinkgeld
versprochen danach richte Dich Mädchen« Mit einer sehr bezeichnenden
Pantomime gelobte die würdige Gehülfinn der Frau Meyer Verschwiegenheit und
beide fuhren eifrig in ihrem Gespräche fort Ganz vertieft in dasselbe hatten
sie die leisen Fußtritte eines Mannes nicht gehört und erschracken gewaltig
als der Baron Stein mit lauter Stimme um eine Tasse Chokolade bat In
lebhaftestem Selbstgespräch schritt er hierauf dem Garten zu »Ists Dir und
allen Deines Gelichters nicht genug euch zu nähren von dem Schweiß und Blut der
geknechteten Völker müsst ihr auch noch tief hineingreifen in das Allerheiligste
der Herzen und Seelen vergiften Seelen deren innerstes Leben ein Gottesdienst
ist aller großen und edelen Gedanken Und jetzt da Rang Schönheit und Geld
machtlos sind gegenüber dieser innern stillschaffenden Gewalt der Seele die
an sich selber ein unwandelbares Gesetz hat jetzt verbindest Du Dich
Nichtswürdiger mit einer Kupplerinn um das Weib das Dich stolz verschmäht
hat durch List und Gewalt zu besiegen Doch solchem frechen Beginnen will ich
entgegentreten und beglücken soll es mich wenn Du Schiffbruch leidest mit
Deinen nackten Hoffnungen und Wünschen und die Qual unbefriedigter Liebe Dich
aufzehrt Die Oburn soll nichts erfahren von dem Gewölk das sich an ihrem
Himmel zusammenzieht Sie schlafe in Frieden ich selbst will ihren Schlummer
bewahren« Zum erstenmale besuchte Baron Stein heute das Wiesental und es
gefiel ihm in seinen Phantasien diesen bedeutungsvollen Zufall einem dunkeln
Beruf zuzuschreiben der ihn zum Schutzgeist der Oburn bestimme Der Zug der
Sympatie führte ihn in die Geisblattlaube hier saß er träumerisch und schrieb
Hieroglyphen in den gelben Sand der die Erde bedeckte Nachdem Madame Oburn
sicher war dass ihr Schreckbild der Prinz C den Garten verlassen nahm sie
Buch und Handschuhe und ging ihrer Laube zu Verwundert und zögernd blieb sie
einen Augenblick stehen als sie den fremden jungen Mann dessen Anblick die
Erinnerung an den letzten verhängnisvollen Abend in ihr erweckte darin sitzen
sah Dann trat sie jedoch rasch ein und sprach als sie bemerkte dass er sich
entfernen wolle freundlich zu ihm »O bleiben Sie doch wenn Ihnen der Platz
gefällt Ich verdränge Niemanden von da wo es ihm wohl ist« Dann setzte sie
sich dem jungen Manne gegenüber und las ohne die geringste Notiz von seiner
Gegenwart zu nehmen ruhig in ihrem Buche weiter Regungslos saß Stein da in
seinen Zügen wechselten Farbe und Ausdruck er wollte gehen aber es hielt ihn
mit unsichtbaren Händen zurück Was ihn so magisch hinzog zu dieser Frau war es
Liebe war es Mitleid Er wünschte sie möchte zu ihm sprechen denn die
Lieblichkeit ihres Wesens gewann durch den geistigen Ausdruck der beim
Sprechen ihre Züge verklärte und ihre Worte klangen so einfach und innig ein
Evangelium des Herzens
Es war eine liebenswürdige Eigentümlichkeit der Oburn mit den fremdesten
Menschen sobald sie mit sicherem Blick einen geistig verwandten Zug in ihnen
entdeckt so vertraut umzugehen als sei sie längst mit ihnen befreundet ohne
die Furcht dies offne Entgegenkommen könne missverstanden werden So sah sie
auch hier den ihr gegenübersitzenden Mann traulich an und sprach während sie
das Buch fortlegte und einige Geisblattblüten zerpflückte »Ich las eben in der
Indiana und bin von der lebenswahren Schilderung der Leidenschaft und des
Schmerzes so ergriffen dass ich heute nicht weiter lesen kann«
»Im Glücke gnädige Frau« entgegnete Stein »muss man ein solches Buch nicht
lesen so schön es auch sein mag Sie begehen damit ein Unrecht an sich selbst!
Eine edle Natur muss ein reines ungetrübtes Glück genießen und wie ein
gerechtes Geschick den Schmerz und die Trauer von ihr fern halten würde so muss
sie selbst jede Berührung mit diesen unheimlichen Gewalten vermeiden gleich als
würde sie dadurch entweiht und herabgezogen«
»Das sind ideale Träume Und wissen Sie denn so sicher ob ich glücklich
bin ob nicht ich gerade ein Recht habe alle Schmerzen der Indiana
mitzufühlen«
Stein sah ihr mit prüfendem Blick den sie nicht vermied in das
tränenfeuchte Auge
»Wohl ich will glauben dass Sie leiden und bin gewiss dass Sie wert sind
solche Schmerzen zu ertragen«
»Nun das klingt sonderbar« entgegnete sie mit erzwungener Heiterkeit »Sie
wünschen mir Kummer und Elend so ernstaft so von Herzen wie die gewöhnliche
Welt Freude und Glück zu wünschen pflegt«
»Wenn ich einer Frau Schmerzen wünsche wie sie Georges Sand die Indiana
fühlen lässt heilige Schmerzen über die Entwürdigung des Weibes und ihre
modernste Knechtschaft dann muss ich diese Frau sehr hoch stellen und ihr
große Kraft und eine alles bezwingende Liebe zutrauen«
Wiederum trat eine längere Pause ein die beiden gleich peinlich war Sie
fühlte nur zu gut dass die innerste Quelle ihrer Leiden entdeckt sei und er
erkannte dass es nicht in seiner Macht stehe diese Schmerzen zu heilen Sie
reichte ihm stumm und ohne Ziererei die Hand es war ein geistiges Verständnis
das diese edelen Naturen einander näher führte
»Es tut mir wirklich leid« brach die Oburn das Schweigen »dass uns das
Schicksal erst jetzt kurz vor meiner Abreise zusammengeführt wir hätten doch
manche gemütliche Stunde verplaudern können Wie habe ich mich während der
ganzen Zeit meines hiesigen Aufenthalts nach einem echten wahren Menschen
gesehnt Diese Puppen und Zerrbilder dies ganze Marionettenspiel einer
innerlich hohlen Gesellschaft diese platten indifferenten Gesichter denen
eine Spur zurückzulassen der Gedanke und das Gefühl der Schmerz und die Freude
wie aus gerechtem Stolz verschmähn das alles mattet mich innerlichst ab und
lässt mich an der menschlichen Natur verzweifeln«
»Sie wollen Karlsbad wirklich so bald verlassen« fragte Stein gepresst
»In einigen Tagen wird mich mein Gatte von hier abholen« erwiderte sie
leise
»Und gehen Sie gern von hier O verzeihen Sie diese unbescheidene Frage
gnädige Frau Nicht wahr Sie sehnen sich nach der Heimat nach dem
Familienleben Wohl kann ich mir denken wie Sie dort vermisst werden welchen
Segen Sie über Ihre Umgebungen verbreiten«
»Ich habe keine Heimat ich kenne kein Familienleben« entgegnete sie
tonlos »überall stehe ich allein deshalb ist es mir gleichgültig wo ich lebe
Vielleicht würde ich mich wenn mir die Wahl freistünde gerade für Karlsbad
entscheiden denn hier hatte meine Seele auf kurze Zeit eine Heimat gefunden«
Stein fühlte zu zart um hierauf etwas zu erwidern er bemühte sich nur
den Trübsinn der Frau durch eine leichte Unterhaltung zu verscheuchen Als er
bemerkte dass sie sich entfernen wolle bat er sie innig um die Erlaubnis sie
in diesen Tagen noch öfter sehen zu dürfen er wolle eine teure Erinnerung mit
fortnehmen dies zu gewähren sei ihr so wenig ihm so unendlich viel
»Gern gewähre ich das« entgegnete sie lächelnd »und damit Sie sehen wie
ernst es mir damit ist bitte ich Sie mit mir heute Nachmittag nach meinem
Lieblingsplatz Schlackenwert zu reiten« Bei diesen Worten erhob sie sich und
ging auf ihren Salon zu Hier wandte sie sich noch einmal um und rief
freundlich »Bitte Sie Unbekannter Ihr Name« »Eduard von Stein« »Das
klingt ja ritterlich genug und erinnert an die ganze reichsunmittelbare
Romantik Also auf Wiedersehen mein lieber Ritter« Der junge Mann sah ihr in
stillem Entzücken nach Diese Erscheinung übte eine Macht über ihn aus der er
sich nicht entziehen konnte Gerade die liebenswürdige Kindlichkeit vereinigt
mit einem tiefsinnigen Zug der Zauber einer seltenen Harmonie der alle
Gegensätze versöhnend über ihr ganzes Wesen ausgebreitet war mussten einen Mann
fesseln den Denken und Leben in allen Widersprüchen herumgeworfen der gerade
nach einer Harmonie suchte in der die schreienden Missklänge aufgelöst würden
Doch dass sie selbst nicht glücklich war sie die zum Glücke berufen schien die
den Mann ihrer Liebe zum Gott beseligen musste das war ein neuer schmerzlicher
Riss in der harmonisch vollendeten Schöpfung die er im flüchtigen Traume dieser
seligen Minuten sich zusammenphantasirt
7
Um vier Uhr hielten die gesattelten Reitpferde vor dem Wiesentale Madame Oburn
sah reizend aus in ihrem stahlgrünen enganschliessenden Reitkleide mit dem keck
in die Locken gedrückten schwarzen Sammetbarett Sie ritt sicher und kühn mit
Grazie in jeder Bewegung Stolz auf seine Begleiterinn ritt Stein ihr zur Seite
Unter leichten scherzhaften Gesprächen den Eingebungen des Augenblickes
erreichten sie den Schlossgarten Schlackenwerts Leicht sprang die Reiterinn vom
Pferde übergab es dem Diener und warf sich nachlässig auf eine geflochtene
Weidenbank die in der alten Kastanienallee unter dem Schatten hoher Bäume
stand »Hier ist mir wohl und heimlich« rief sie aus »hier erinnert mich alles
an meine Jugendzeit Drüben die alte Dorfkirche das kleine trauliche Pfarrhaus
O welches friedliche Glück mag jene engen Räume bewohnen Wie töricht sich
immer hinauszusehnen ins Weite während allein in dem nächsten Kreis in enger
Umgränzung wahre Befriedigung möglich ist«
»Sie sind auf dem Lande erzogen gnädige Frau O schildern Sie mir Ihre
Kindheit Meine aufrichtige Teilnahme macht mich ihres Vertrauens wert«
»Mein Vater war Prediger auf dem Lande ich sein einziges Kind Aus den
engen Lebensverhältnissen sehnte ich mich hinaus und vor meiner Seele stand als
einzig erstrebenswert ein bewegtes Leben mit allen Freuden der Welt Ich war
bis zu meinem sechszehnten Jahre fast nie über die Gränzen unseres Dorfes hinaus
gekommen nur meine Phantasie deren angeborene Glut durch mannigfache Lektüre
genährt war schuf mir jenseits des idyllischen Bereichs ein Eldorado voll
unbestimmten Glückes Jedes Postorn das von ferne her durch die einsame Gegend
schmetterte entlockte mir Tränen der Sehnsucht Ich wollte in die Welt ich
wollte glücklich sein Jetzt« fuhr sie bewegter fort »jetzt habe ich die
Welt und was darin Glück heißt kennen lernen Reichtum ein glänzendes Leben
hat mir das Schicksal geschenkt und nun ich alles das erreicht alles genossen
nun ist es mir wertlos hat in Wahrheit nie für mich Wert gehabt Das habe
ich mir längst mit Schmerz bekannt und fühle es stündlich drückender Und so
sehne ich mich jetzt zurück nach der friedlichen Heimlichkeit engumschlossener
Verhältnisse die ich einst in jugendlicher Hast zu durchbrechen wünschte«
»Sie sind ungerecht gegen sich gegen andere gnädige Frau Ein freundliches
Schicksal hat sie in die Welt geführt uns allen zum Heil Es liegt in Ihrem
Wesen etwas Freies und Frisches das Erlösung bringt von all den verknöcherten
morschen Verhältnissen von all der Heuchelei einer in sich zerfallenen
Gesellschaft Und ist es nicht lohnender Beruf genug auch nur einzelne Geister
erquickend aufzurichten welche in der allgemeinen Erschlaffung und Zerrüttung
sonst ratlos untergehen würden Solche Erlösung haben Sie mir gebracht solche
Erlösung werden Sie noch Vielen bringen«
»O Egoismus der Männer Auch die besten denken nur an sich selbst!«
entgegnete die Oburn scherzend
Der Abend war drückend schwül geworden ein schweres Gewitter war am
Horizont heraufgezogen einzelne Blitze zuckten durch grauschwarze Wolken denen
kein kühlendes Nass enttropfte Es ging ein stummer drückender Schmerz durch die
Natur und das Auge des Himmels schien fast krampfhaft seine Tränen
zurückzuhalten Die Blitze fuhren hin und her angstvoll wie prophetische Boten
eines nahen Unheils und unheimlich dumpfe Ahnungen bemächtigten sich der
Gemüter der Menschen Schweigend ritt Madame Oburn mit ihrem Begleiter wieder
dem imposanten Karlsbad zu Sie war sehr ernst geworden Ihre Brust hob sich
unter tiefen Seufzern und ihr Auge folgte den kreuzenden Blitzen in stiller
Melancholie Stein sah nichts außer ihr Fast verzückt mit der Inbrunst des
Sünders der die verklärte Himmelsköniginn um Gnade fleht hingen seine Blicke
an ihrem Antlitz an der jugendlich idealen Gestalt und nahmen dies Bild in
sich auf unvergesslich unverlöschbar Er suchte ihre Gedanken zu enträtseln
und erkannte wohl an dem schmerzlichen Ausdruck ihrer Züge dass sie nicht von
Liebe träumte denn die Liebe musste diese Züge ja wunderbar lichten und
erhellen wie die Frühlingssonne die Erde nach starrem Winter Mit einer ihr nur
eigenen holden Biegung des Halses sah die Oburn jetzt zu ihrem Begleiter
herüber »Ich bin maßlos langweilig lieber Stein vergeben Sie mir Ich gab
meinen Gedanken Audienz Wie wechselvoll ist doch das Innere des Menschen
Früher erfasste mich stets eine große Bangigkeit während des Gewitters Um den
Blitz nicht zu sehen verbarg ich als Kind mein Köpfchen in den Schoss der
Mutter als wäre ich hier gegen jede Gefahr gefeit Heute weitet sich meine
Brust bei dem Rollen des Donners mein Auge labt sich an den feurigen Strahlen
die so keck wie junge lebensfrische Gesellen den Wolkenvorhang zerreißen als
wollten sie der Natur ins Herz sehen Ja ich kann es mir schön denken zu
verglühen von diesen Strahlen getroffen O die Welt mit ihren Freuden ist mir
oft zu verächtlich« Auf diese Worte aus dem Munde einer ein und
zwanzigjährigen schönen gefeierten Frau wusste der junge Mann nichts zu
erwidern und stumm langten Beide in dem Wiesentale an
»Mögen die guten Geister der Liebe Sie in dieser Nacht umschweben« rief der
Baron bedeutungsvoll zum Abschiedsgruss
Kaum war Madame Oburn unter ihr schützendes Dach getreten als sich das
Gewitter gewaltig entlud Frau Meyer als gute Katolikinn lag vor ihrem
Kruzifix das auf einer Art Betpult im Schlafzimmer stand auf den Knieen Sie
betete ihr Ave Maria flehte die Mutter Gottes um Schutz an zankte dann wieder
mit ihrer Terese und wechselte so mit himmlischen und irdischen Gedanken
Sobald die Heftigkeit des Donners etwas nachgelassen öffnete sie die Haustüre
und sah sich rings mit spähenden Blicken um Endlich gab ein heftiger
grosstropfiger Regenguss dem krampfhaft zusammengezogenen Gewölk das in schwüler
Spannung am Himmel lagerte und den durch Angst zusammengepressten Menschenherzen
die ersehnte Erleichterung Frau Meyer wünschte der Madame Oburn wie sie es
gewöhnlich zu tun pflegte eine sanfte Nacht versicherte »Dero Gnaden« das
Gewitter sei vorüber sie brauche sich nicht zu ängstigen und solle es ja
wiederkehren so schlafe sie dicht neben Madame und sei zu jedem Dienst bereit
Hierauf öffnete sie noch einmal die Pforte um den Himmel zu observiren und
ließ dabei leise eine hohe dicht in den Mantel gehüllte Gestalt
hereinschlüpfen Dann verrichtete sie ihr übliches Nachtgebet und entschlief mit
dem stolzen Bewusstsein einen wichtigen Tag verlebt zu haben
Madame Oburn hingegen ging unruhig im Zimmer auf und ab Endlich öffnete sie
die Fenster wieder und sah in die schöne nun stille Nacht hinaus Die Luft war
prächtig frisch und kühl geworden Die Oburn konnte dem Verlangen nicht
widerstehen noch im Freien umherzuwandeln Rasch warf sie über das leichte
Nachtkleid eine Mantille steckte die zarten Füßchen in feste Schuhe und
huschte gedankenleise zum Saal hinaus Es war gerade die reichste üppigste
Blütezeit des Jahres tausend erschlossene Blüten strömten süß betäubenden
Duft aus der wie ein magisches Netz die Sinne gefangen hielt Von Rose zu Rose
ging die junge Frau trank mit durstigen Lippen aus jedem Kelch die frischen
Regentropfen und nachdem sie so erquickende Frische eingezogen brach sie noch
tyrannisch die beraubten Blüten und warf sie zerpflückt den Wellen der Eger zu
Einzelne helle Sterne lauschten dem kindischen Spiel und blickten doch so heilig
ernst dazu als begriffen sie des Spieles tiefe Bedeutung »Ich bin mild gegen
euch ihr schönen schönen Blumen ich vernichte euch in eurer Schönheit ich
erspare euch den Schmerz nach und nach verwelken zu müssen Ich bin gerechter
als die Natur die auch uns nur so kurze Zeit das Recht auf Glück und Liebe
erteilt und uns dann wenn die Tage der Jugend vorüber zu den Qualen langer
Entsagung verdammt« So wühlte die junge schöne Frau gedankenvoll in den
unheimlichen Tiefen des Lebens Am Ufer des Flusses stehend sah sie starr in
das Wasser hinein so lange bis es ihr unheimlich wohl ward und die Flut sie
lockend herab zu ziehen drohte Da eilte sie rasch fort als wollte sie der
Gefahr entfliehen und es war ihr als ob sie hinter sich leise Fußtritte hörte
Geängstigt beflügelte sie ihren Schritt dem Schlafgemach zu
8
Mitternacht war vorüber Madame Oburns Gemach war ganz von frischem würzigem
Dufte durchdrungen den es aus tausend Blumenkelchen nach dem Gewitterregen
eingeschlürft hatte durch die offenen Fenster Es wurde erhellt durch eine weiße
AlabasterAmpel die zwischen den faltigen durchsichtigen Vorhängen des
Himmelbettes hing das auf bronzenen Füßen ruhthe Das trauliche Helldüster die
üppigen bunten Fussteppiche eine kleine Orangerie die auf zierlichen
Blumentischen am Fenster stand und nur einzelne große Silberflecken des
anschwellenden Mondlichtes auf den Fußboden durchfallen ließ alles das gab dem
Zimmer einen so malerischen Anstrich dass die hohe dunkle Gestalt welche so
eben die Türe öffnete und dann fest hinter sich verschloss eine Zeitlang wie
festgebannt dastand und hochaufatmend die Blicke umherschweifen ließ Es war
der Prinz C in ein feines etwas phantastisches Negligée gekleidet Leichte
mit Gold gestickte Stiefel von weißem Samt machten sein Auftreten fast
unhörbar Weite orientalische Beinkleider von rosenroter Seide und ein
faltiger kurzer Rock von dem selben Stoff bildeten die übrige Bekleidung Ein
weißer schöner Männerhals von dichtem schwarzem Bart beschattet stieg aus dem
zurückgeschlagenen BattistHemdkragen hervor und machte der Weiße einer
schöngeformten Hand an der es von wertvollen Steinen blitzte den Preis
streitig
Eine fieberhafte Glut hatte sich auf seinen Schläfen gelagert und mit jedem
Schritte den er vorwärts tat fing sein Herz lauter an zu schlagen Von einem
tiefen gesunden Schlaf leise gerötet lag die junge Frau auf ihrem Bette
dessen leichte rot seidene Decke sich gesträubt zu haben schien die vollen
reizenden Formen ganz zu verhüllen Sie lag dem Zimmer zugewandt die Hände auf
dem Busen gefaltet Ein süßer Traum schien im Vorüberschweben sich in dem
seligen Lächeln ihres Mundes gefangen zu haben In dem ganzen zauberhaft
wirkenden Bilde lag nichts Üppiges nichts Kokettes Keine herabwallenden
Locken keine entblößte Schulter Aber das Nachtäubchen welches die
aufgewickelten Haare barg umschloss mit seinem Rahmen von feinen Brüsseler
Kanten ein so liebliches Madonnenantlitz zwei übereinandergeschlagene Füßchen
sahen am Ende des Bettes so unschuldig aus den weißen Leinen hervor dass dies
ganze reizende Bild mehr zur Andacht einlud als zu wilder Begierde Dem Prinzen
aber dem jede höhere Regung fern lag weil er nur eine Liebe kannte die dem
Schimmer des Goldes feil war oder der Eitelkeit zum Opfer fiel zog es mit
stets wachsender Gewalt zu dem Bette der schönen Frau Zitternd vor Aufregung
gepresst und heissatmend war er nur noch einen Schritt von der Schläferinn
entfernt Leise ließ er sich auf ein Knie nieder hob noch unschlüssig über
seinen Angriff die Decke in die Höhe und küsste den rosigen Fuß der Madame
Oburn Das aufwallende Blut rötete seine Augen Einen Augenblick verweilte er
halb betäubt von so vollendeter Schönheit dann plötzlich mit den Zähnen
knirschend stürzte er mit den Worten »Weib Du musst mir gehören« über sie
schloss ihren Mund fest durch den seinigen so dass sie nur einen schwachen Laut
von sich zu geben vermochte zerriss mit gewaltiger Kraft ihr Nachtgewand und
schleuderte es mit der Decke weit in das Zimmer hinein Madame Oburn hatte ihn
erkannt doch trotz der gewaltigsten Anstrengungen war es ihr unmöglich sich
loszuwinden sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe als der Prinz der ihre
allmählige Abspannung für ein Zeichen der Nachgiebigkeit hielt das Haupt
emporhob um etwas zu sprechen Diesen Augenblick benutzend stieß die Oburn
einen Schrei aus der seine Wirkung nicht verfehlte Man hörte eine
Fensterscheibe klirren sah eine kräftige Männerfaust durch die Öffnung
hindurch nach dem Fensterriegel langen während der Prinz durch den Lärm aus
seinem Taumel geweckt aufsprang und regungslos dastand die Oburn aber alles
was sie von Leinenzeug und Gardinen zusammenraffen konnte um sich zog damit
zur Türe hinstürzte wo die Klingel für ihre Dienerschaft hing heftig
schellte und dann ohnmächtig niedersank In diesem Augenblick sprang Herr von
Stein denn er war es der die ganze Nacht hindurch unter dem Fenster der von
ihm so hochgeehrten Frau zugebracht in das Zimmer und stand bleich vor Wut
mit funkelnden Augen vor dem Prinzen der nicht mehr wusste was um ihn vorging
Die Worte des Barons voll heftigster Beleidigung brachten ihn endlich wieder
zur Besinnung Er der mit dem Bewusstsein eines ertappten Schulknaben dem Baron
gegenüberstand schien plötzlich einen raschen Entschluss zu fassen und sprach
in spöttischem Ton »Es tut mir leid lieber Baron Ihnen hier zuvorgekommen zu
sein« und ging auf die Türe zu vor welcher man schon die Tritte der nahenden
Dienerschaft hörte Seine Absicht war augenscheinlich wenigstens den guten Ruf
der Oburn zu vernichten Die Dienerschaft kannte ihn nicht und wäre auch seine
Anwesenheit im Zimmer dieser Dame bekannt geworden so hätte doch Niemand
vorausgesetzt dass der schöne geistreiche Mann hier Widerstand gefunden Im
schlimmsten Fall ließ sich die Geschichte mit einem geringen Aufwand von
Escamotage drehen indem man das Gerücht verbreitete dass der Prinz die Madame
Oburn vor den Zudringlichkeiten des Herrn von Stein gerettet Natürlich wäre es
hier wiederum allen einleuchtend gewesen dass der Prinz nicht unbelohnt einen
solchen Ritterdienst geleistet Stein ein Mann von vieler Geistesgegenwart und
raschem Überblick hatte in einem Moment alle diese Möglichkeiten erfasst und
überdacht Schnell sprang er nach der Wand zu wo ein Paar Pistolen des Herrn
Oburn hingen ein Blick überzeugte ihn dass sie geladen seien und so bewaffnet
trat er zwischen den Prinzen und die Türe an welcher schon die Kammerjungfer
von Zeit zu Zeit um Hilfe rufend mit aller Anstrengung rüttelte Oben im Hause
war alles lebendig geworden »Noch einen Schritt weiter« flüsterte Stein »und
bei Gott ich schieße Ihnen diese Kugel vor den Kopf durch das Fenster ist
unser Weg« Der Prinz wollte vorwärts Stein legte an Der starre durchbohrende
Blick der festzusammengepresste Mund dieses Mannes zeugten dafür dass er es bei
einer bloßen Drohung nicht lassen würde Der Prinz dem die nahe Mündung einer
Pistole ein unerwarteter Anblick schien ward kreideweiss wandte sich rasch um
und schwang sich über das Fenstergesimse des hohen Parterres hinab in den
Garten wo er im Dunkel verschwand Stein folgte ihm sogleich nachdem er noch
einen Blick unaussprechlicher Trauer auf die ohnmächtig daliegende Frau
geworfen und einen Rubinschmuck der sich auf den Toilettentisch befand zu
sich gesteckt Die fast gleichzeitig durch die aus ihren Angeln gehobene Türe
eindringenden Diener sahen ihn noch am Fenster verschwinden und fanden auf dem
Boden das leere SchmuckEtui Der Ruf »Diebe Diebe« tönte durch das ganze
Wiesental Laternen zeigten sich in der Ferne alles war in Aufruhr und
Bewegung bis zum lichten Tage dauerten die Nachforschungen doch weder von den
Dieben noch von dem Schmucke war irgend eine Spur aufzufinden
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Aus einem kurzen und unruhigen Schlummer wurde Madame Oburn nach jener Nacht
durch die Ankunft ihres Gatten geweckt Lärmend und pfeifend wie es seine
gewöhnliche Art war polterte er ins Zimmer und rief »Gott verdamme mich Da
finde ich Dich noch Mittags in den Federn Habe ich Dich nicht nach Karlsbad
geschickt damit Du mit den Hühnern aufstehn lernst Brunnen trinkst und tüchtig
spazieren läufst Na Kleine mach nur nicht ein gar zu betrübtes weinerliches
Gesicht Es ist ja nicht böse gemeint aber mach nur rasch lass Dich ankleiden
und komme zum Frühstück in den Garten denn ich trinke gern ein Gläschen Wein
mit Dir Donnerwetter« unterbrach er sich plötzlich selbst »was ist denn das
Da liegen ja meine Pistolen auf der Erde die Fensterscheiben sind
eingeschlagen Du siehst bleich und angegriffen aus was ist hier geschehen
Verschweige mir nichts Denn ich bin strenge und wütend wenn Du mich
hintergehst«
Am ganzen Körper zitternd und sichtbar mit sich selbst kämpfend schlug die
Frau das Auge scheu zu Boden Sie war immer wahr gewesen Ohne dass sie ihren
Mann liebte hielt sie die Ehe doch für so heilig dass sie aus ihren Erlebnissen
ihm nie ein Geheimnis machte So wollte sie auch jetzt treu die Vorfälle der
letzten Nacht schildern doch als sie erschreckt von dem zornigen Blick ihres
Gatten sich umwandte sah sie das leere SchmuckEtui Wie ein Blitz durchzuckte
sie der Gedanke dass Stein um ihre Ehre zu retten mindestens allen
Klatschereien die das Abenteuer nach sich ziehen könnte vorzubeugen ihren
Schmuck zu sich gesteckt Sobald ihr diese Absicht klar geworden stand auch ihr
Entschluss fest Die Farbe vom zartesten Weiß bis zur Purpurglut wechselnd
erwiderte sie erschöpft und zitternd
»In vergangener Nacht müssen hier Diebe eingebrochen sein und meinen
Rubinschmuck entwandt haben Als ich durch das Klirren der Fensterscheiben aus
meinem festen Schlaf geweckt wurde sah ich zwei männliche Gestalten durch das
offene Fenster dringen Trotz meines großen Schrecks hatte ich noch die
Besonnenheit rasch aufzuspringen und meine Leute durch das heftige Ziehen der
Klingel zu wecken Dann schwand mir das Bewusstsein und ich sank ohnmächtig zu
Boden Was weiter geschehen weiß ich nicht Als ich nach langer Zeit wieder zu
mir kam fand ich mich im Bett und neben mir die gute Lisette die mir unter
dem heftigsten Weinen meinen Verlust mitteilte«
Eine Flut von Tränen verhinderte sie weiter zu reden Herr Oburn der
diese Tränen dem verlorenen Schmuck zuschrieb dem überhaupt nichts in der Welt
verhasster war als das Weinen sprach liebkosend »Nun gräme Dich nicht zu sehr
um das bisschen Gold mein Herzchen Ich kaufe Dir wieder einen andern Schmuck
aber nun sei auch heiter zeige mir ein freundliches Gesicht das ist mir
lieber als alle Deine Preciosen« Durch diese unerwartete Milde ihres Gatten
weich gestimmt lehnte sie ihr Haupt an seine breite Brust und flüsterte »Du
hättest mich nicht so lange allein hier lassen sollen lieber Oburn Ich sehnte
mich fort von hier nun lass uns aber auch schnell abreisen heute noch oder
lieber gleich in dieser Stunde« Herr Oburn geschmeichelt durch diese
Sehnsucht seiner Frau nach Hause zurückzukehren strahlte vor Glückseligkeit
nahm sie jubelnd in seine Arme tanzte mit ihr im Zimmer umher und erdrückte
sie fast vor lauter Zärtlichkeit
All die vielen unangenehmen Vorbereitungen die eine Abreise immer mit sich
bringt waren beseitigt Rechnungen und Trinkgelder bezahlt die Reisekoffer
gepackt Madame Oburn ging noch einmal in den Garten nahm wehmütig von jeder
Lieblingsstelle Abschied pflückte hier und da eine Blüte und band sie zum
Strauss den sie vor den wallenden Busen befestigte Als sie eben den Reisewagen
besteigen wollte kam ihr Brunnenarzt um für das reichlich übersandte Honorar
seinen pflichtschuldigen Dank abzustatten Die unermüdliche Zunge dieses jungen
Aeskulaps erging sich noch nebenbei in mancherlei Mitteilungen aus der
Badewelt Er schloss die Karlsbader Tageschronik mit einer interessanten aber
traurigen Neuigkeit »Wissen Sie schon dass heute Morgen im Schlossgarten zu
Schlackenwert ein Duell zwischen dem Prinzen C und dem Baron Stein
stattgefunden hat und dass der Letztere dabei gefallen ist Man beklagt
allgemein den liebenswürdigen jungen Mann und die Neugier müht sich ab die
verborgene Veranlassung zu diesem unglücklichen Duell zu entdecken Prinz C
soll wie mir eben sein Leibarzt erzählt durch diesen Fall tief erschüttert
sein und ist wie Sie meine Gnädige eben im Begriff Karlsbad zu verlassen«
Madame Oburn presste ohne ein Wort zu entgegnen krampfhaft ihre beiden
Hände auf das Herz Ihrem Gatten sowohl wie dem Arzt entging es welch
unheilbaren Riss diese Worte in ihr Leben gemacht Fast gefühllos ließ sie sich
in den Wagen heben und lehnte das Haupt in die weichen Kissen Bei der ersten
Barrière traf ihr Wagen mit dem Reisezug des Prinzen zusammen dann fuhr sie
gen Osten er nach Westen
10
Das traurige Schicksal des Baron Stein hatte in Karlsbad überall die regste
Teilnahme erweckt Wenn auch die Bedeutung seines Wesens der Menge entging
wenn ihn auch viele für einen Schwärmer für einen Sonderling hielten für einen
Melancholiker der mitten in dem Leben und Treiben der großen Welt für seine
Gedanken sich ein eigenes Reich erschuf so wurde er doch in allen Salons gern
gesehen denn er galt für eine interessante Erscheinung und hatte die feinen
Manieren und den edelen Anstand eines Gentleman Baron Stein war von seiner
Familie für die diplomatische Karriere bestimmt worden doch sein Herz blieb der
kalten Taktik dieses FederDespotismus fremd und hing mit treuer Begeisterung
an den burschenschaftlichen Idealen seiner Jugend So war sein Inneres in einen
unlösbaren Zwiespalt zwischen Neigung und Beruf zwischen den Ansprüchen des
Herzens und den Forderungen der Welt hineingeraten Dieser innere Kampf der
ihn nach außen hin kalt und abgeschlossen machte und auch jedes versöhnende
Element fernhielt mit dem vielleicht ein edles weibliches Herz in treuem
innigem Verständnis sein Leben beglückt hätte spricht sich in seiner ganzen
Bedeutung in dem Tagebuch des Barons aus Einzelne Blätter daraus wollen wir
unsern Lesern nicht vorenthalten da gewiss die kurze Episode aus dem Leben des
Barons die wir mitgeteilt bei ihnen das Interesse für sein inneres Leben
erweckt
TagebuchBlätter
Die Feuer der Wartburg sind ausgebrannt und die officielle Geschichte trägt
eine jugendliche Verirrung in ihre Bücher ein während die Inquisition mit ihren
Ketten und Torturen wiederum durch die deutschen Lande rasselt Eine
jugendliche Verirrung Doch diese Jugend kam ja nicht von den Schulbänken her
träumte ja nicht von der Republik eines Kato und Brutus mit der Inbrunst eines
schwärmerischen Lateiners der die toten Lettern seiner Klassiker zum Leben
erwecken will in der Gegenwart Diese Jugend hatte mitgestritten in den
Schlachten von Leipzig und BelleAlliance nährte sich mit dem Marke großer
Taten hörte die Würfel eines bedeutsamen Weltgeschicks auf den blutigen
Schlachtfeldern fallen sah dem Tod in das Auge und lernte die Geschichte
indem sie dieselbe schaffen half Das eiserne Kreuz schmückte ihre Brust So
hatten sie das Vaterland erlöst aus langer Knechtschaft auf dass es von innen
heraus nach eigenem Gesetz sich emporringe zur Freiheit und sie nicht
empfange als die Gabe eines fremden Volkes als die Nachlese einer fremden
Revolution Wohlan ihr diplomatischen Kläger ihr habt Recht Ihr macht diese
Begeisterung die eure Schlachten schlug die an die Freiheit glaubte sie nach
außen errang sie nach innen erringen wollte ihr macht sie zu einer
jugendlichen Verirrung
Fast wird es mir schwer zu glauben an den Fortschritt der Menschheit an eine
innere heilige Notwendigkeit an des Geistes siegreiche Macht der in immer
neuen Formen zu immer höheren Entwickelungen reift Aber ich muss daran glauben
soll mir die Geschichte nicht zu einem großen Leichenfeld werden auf dem eine
masslose Willkür triumphirt auf dem des Lebens Gestalten zu gespenstischen
Schatten werden Und doch Griechenland und wir das Volk der göttlichen
Schönheit und Jugend und Freiheit und wir der Areopag und der Bundestag
Oder die Zeiten des vorigen Jahrhunderts das römische Reich mit seinen
Reichstagen seiner Reichsarmee seinem Reichskammergericht seinen lächerlichen
Reichsmittelbarkeiten mit den Fürsten die das Mark und Herzblut vergeudeten
mit ihren Maitressen und Juristen und Pfaffen mit ihren Kriegen um ein
Titelchen des Rechts oder der Etikette um einen Fetzen Landes mit ihren
Ministern und Juden die sich in die Beute teilten O auch der Glaube an den
Fortschritt der Menschheit muss stark sein in der innersten Seele so stark dass
er Berge versetzen kann Denn die Geschichte selbst scheint an ihm zu
verzweifeln ihre Blätter stehen voll kühner Skepsis und die Gegenwart bietet
keinen Trost und keinen Halt
Ein blasirtes Geschlecht hält es für Torheit an Ideen zu glauben und nach
ihrer Verwirklichung zu ringen Die feine Welt verachtet die Ideologen die
Schwärmer deren Kompass nicht von dem Wind der faden Mode umgetrieben wird die
in dem flüchtigen Genuss des Augenblicks nicht aufzugehn vermögen Da schlürfen
sie die Diplomaten die Aristokraten die ganze Seligkeit eines komfortablen
Lebens spielen wie Mückenschwärme in der Abendsonne während es in den Völkern
rollt und grollt wie Donner ferner Revolutionen und ihre Blitze aufzucken am
Horizont der Geschichte Ein gewandter Styl eine glückliche Wendung ein
Federstrich eine Laune hat über das Schicksal ganzer Nationen entschieden
deren blutige Heldentaten nichts waren als Tagelöhnerdienst im Sold der
Diplomatie welche Siege und Niederlagen das credit und debet der Geschichte
in ihre offiziellen Kontobücher eintrug Doch die Zeit wird und muss anders
werden es sind nicht bloß Gespenster die in meinem Kopf herumpoltern es ist
ein Geist der draußen in den Völkern groß wird eine neue Geschichte nervig und
markig die nicht mehr in den Salons der bevorzugten Stände die diplomatischen
Polonaisen aufführt um deren Gunst man nicht freit mit GlacéHandschuhen und
eleganten Phrasen nein eine ungezogene demokratische Geschichte mit der
wilden Musik der Ça iras dem stürmischen Aufjauchzen einer lang unterdrückten
Volkskraft Die Kirche und Pfaffen der Restauration haben das Volk lange genug
mit ihren Hungersuppen gespeist Panis et circenses Brodt will das Volk die
blutigen Spiele gibt es aus eigenen Mitteln dazu
Das nennen sie leben Aus einem Boudoir in das andere aus einem Salon in den
andern tanzend über das Parquet mit gefirnissten Stiefeln oder den Estricht
fegend mit den Schleppen ihrer Kleider Eine Minute jagt atemlos der andern
nach und so hetzen sie sich selbst durch das Leben Und mit wilder Gier häufen
sie Amüsement auf Amüsement nur die Stunden auszufüllen und dennoch fühlen sie
immer wieder trostlos und geängstigt die ewige fürchterliche Leere
Und was ist aus den Frauen geworden Wir Burschenschafter glaubten an das Ideal
der Jungfräulichkeit Es war eine Reminiscens aus Tacitus oder aus dem
katholischen Glauben des Mittelalters Doch die Zeit der alten germanischen
Frauen ist vorübergegangen wie die Zeit der Madonnen Jede Zeit hat ihr eigenes
Recht Nicht in der Entsagung sondern in der liebenden Hingabe finden wir die
edle Weiblichkeit Eine reflektirende Zeit die in den Gedanken in das
Bewusstsein die Göttlichkeit setzt kann keinen Respekt mehr haben vor
paradiesischer Unschuld und Bewusstlosigkeit die nur einem naiven Zeitalter
eigen ist Darum wäre es töricht von den Frauen solche utopische
Gedankenarmut zu fordern oder wohl gar das weibliche Ideal in diesen
schuldlosen Zustand zu setzen der bei unseren Verhältnissen nur gemacht sein
kann eine affectirte Prüderie Eine andere Schranke aber muss die Weiblichkeit
wahren und wenn sie die Scylla der Prüderie vermeidet nicht in die Charybdis
der Prostitution geraten Prostitution aber ist die Hingabe der Liebe in oder
außer der Ehe ist das Wegwerfen der eigenen Persönlichkeit Diese hoch zu
halten diese nur gegen den Preis der Liebe hinzugeben dies schöne Maß zu
bewahren das ist in unserer Zeit des Weibes einzige Unschuld und Sittlichkeit
Nichts geht doch über eine harmonische Erscheinung der Triumph den die Natur
in ihren Schöpfungen feiert Wenn der Körper zum lebendigen Ausdruck der Seele
geworden jede seiner Bewegungen ihre Grazie atmet und das Ebenmass seiner
Formen ein Abbild ist ihrer innern massvollen Schönheit dann ist schon der
Anblick eines solchen Wesens Göttergenuss ein trunkenes Schwelgen in den ewigen
Rhytmen der Welt Ich habe ein solches Weib gesehen und ich bin andächtig
geworden O es gibt einen schönen Katholizismus des Herzens der mich zum
Proselyten machen könnte Eine solche gnadenreiche Madonna in ihrer Glorie eine
fleischgewordene Offenbarung der ewigen Schönheit kann Wunder tun an mir Und
sie befreit den Geist und knechtet ihn nicht denn Schönheit ist Freiheit
Leidenschaftlich rücksichtslos folgt er ihrem Schritt hängt sich an ihre
Fersen Denn die Herren der Welt machen ihre Rechte geltend und fordern die
Schönheit als ihr Regal Mit dem unwiderstehlichen Zauber ihrer Macht der die
fluchwürdig erniedrigte Sclavenwelt mit den Schauern der Untertänigkeit
schüttelt sprengen sie alle Riegel die man vorsichtig dem Gewissen des Volkes
vorschiebt und sanktioniren das Verbrechen indem sie es selber begehn Es
liegt etwas Großes in der ungebundenen Schrankenlosigkeit eines nur sich selbst
gehorchenden Lebens Doch wenn diese Größe ein Recht der Menschheit ist so darf
sie nicht ein Vorrecht Einzelner sein So kann sie nur zerrütten zerstören und
ich werde ankämpfen gegen dies Monopol des Verbrechens bis zum letzten Atemzug
Ein schöner Nachmittag Dies Weib ist Poesie ihr ganzes Wesen ein Gedicht Mir
wars als umschwebten sie all die herrlichen Geister der Vergangenheit von
den lieblichen Idyllen Griechenlands über denen ein ewig heiterer Himmel ruht
wie das klare Auge eines Gottes bis zu Petrarkas träumender Romantik die an
Vaucklüsens rauschendem Quell der Liebe unsterbliche Lieder singt Und dann
wetterleuchtets wieder auf in ihr von modernen Gedankenblitzen aus dem Schoss
einer zerrissenen gährenden Zeit geboren prophetisch die dunklen Tiefen der
Zukunft erleuchtend Der Besitz eines solchen Weibes wäre der Schlüssel zu allen
Mysterien des Lebens zu allen Offenbarungen der Poesie
Ich habe nie geliebt Auch das ist nicht Liebe Liebe ist unruhig und voller
Wünsche stets unzufrieden mit dem Nächsten stets hinauslangend in die Ferne
Von einer Stufe der Seligkeit strebt sie nach der höheren hinan und ihre
Himmelsleiter ist unendlich Ich bin ruhig und zufrieden glücklich wenn ich
vor roher Hand ein vollendetes Werk beschützen kann das die Natur in ihrem
Allerheiligsten aufgestellt Das beseligt mich das genügt mir Ich bin ein
treuer Wächter und werde es nicht dulden dass der Vandalismus der rohen
Begierde dies harmonisch gestimmte Saitenspiel zertrümmert
Das Gewitter hat sich entladen So folge Schlag auf Schlag und sei er auch
tötlich Er wagt sein prinzliches Blut gegen das meine er nimmt es auf mit
dem Tod dem uralten Demokraten Ich seh ihm dreist in das Auge Ich falle wie
der Soldat auf seinem Posten Oder ist meine Kugel dreist genug ihm ins Herz
zu dringen und ihm unwiderleglich das Evangelium der Gleichheit zu predigen
so bezieh ich wieder meine Wacht stumm und treu ohne Dank zu verlangen Doch
ich werde fallen ich weiß es Solcher Tod ist schön und das Leben könnte
noch schmerzlich werden Es könnte anders kommen Eine Leidenschaft so tief sie
verborgen so schwer sie gefesselt könnte aufsteigen maßlos alles verlangend
alles durchbrechend und den treuen Hüter zum frevelnden Räuber machen Dagegen
gibt es nur ein Radikalmittel der Tod Die Pistolen sind geladen Glück auf
11
Im Komtoir des Fabrikherrn Oburn war wenige Monate nach seiner Rückkehr vom Bade
unter den Kommis eine große Unruhe und Untätigkeit wahrzunehmen Die Feder
hinter das Ohr geklemmt sahen sie entweder neugierig in die nahe Fabrik die
von den Fenstern des Komtoirs zu übersehen war oder auf den Buchhalter Ehrig
und flüsterten sich dabei verstohlen einige Worte ins Ohr Das Gesicht des
Herrn Ehrig gab ihnen indes nicht den gewünschten Kommentar es war heute so
undurchdringlich ernst wie es immer zu sein pflegte Nur die hohe
tiefgefurchte Stirn war noch etwas finsterer als gewöhnlich zusammengezogen und
die schwarzen intelligenten Augen verschlangen gleichsam die Zahlen des vor ihm
aufgeschlagenen Hauptkassenbuchs »Da muss es nicht richtig sein« lispelte einer
der pomadeduftigen Komtoristen seinem Nachbar zu der ihm ähnlich sah wie ein
nichtssagender Abdruck »da fehlts o das habe ich schon lange bemerkt«
Der Buchhalter der mit seinem Ohr diese Bemerkung gehört wandte sich rasch
auf seinem runden hohen Schreibsessel um sah die faden Gestalten drohend an
und schien im Begriff ihnen eine Lektion geben zu wollen als das plötzliche
Oeffnen der Tür die zur Fabrik führte und der Anblick der sich ihm hier
darbot ihn alles andere vergessen machte Zwölf Männer aus der arbeitenden
Klasse dem Greisenalter nah sichtbar abgemagert mit eingefallenen hohlen
Augen den Rücken krumm gezogen durch übermässiges Arbeiten die Hände voller
Schwielen um den elenden Leib einige Kleiderfetzen hängend traten langsam
einer nach dem andern ein Es waren die verschiedenen Werkmeister der
Oburnschen Fabrik Kummervoll überschaute Ehrig jede einzelne Figur doch er
suchte seine Rührung zu verbergen und frug ziemlich barsch »Nun was soll das
Warum verlasst ihr die Fabrik während der Arbeitsstunden Ich muss euch für diese
Versäumnis die übliche Taxe eures Wochenlohns abziehn Geht schnell zurück was
wollt ihr hier« Da ergriff der älteste unter ihnen Webermeister Schmidt das
Wort »Was wir wollen Herr Buchhalter das will ich Ihnen jetzt im Namen aller
meiner Kameraden sagen Wir sind hier um mit unserm Herrn zu reden weil wir
nicht Hungers sterben wollen mit Weib und Kind Das ist wahrhaftig Grund genug
Ihr Herren wisst nicht wie weh der Hunger tut wie es einem alten Vater fast
das Herz bricht wenn die Kinder die ihm der Himmel geschenkt vergeblich nach
Brod rufen Ja Herr Ehrig so kann es nicht länger mit uns bleiben Wir sind
Menschen und wollen auch menschlich leben Vor Jahren als Herr Oburn diese
Fabriken gründete bekamen wir doch wenigstens Lohn genug um wenn wir des Tags
rechtschaffen und fleißig gearbeitet des Abends ein gesundes Nachtessen zu
genießen und in einem reinlichen Bett Kräfte für den kommenden Morgen zu
sammeln Sonntags ruhten wir uns aus gingen mit unseren Kindern in die Kirche
und dankten dem lieben Gott für die Wohltat der Ruhe Dann gings in die
Schenke und bei einem Kruge Bier bei einer Pfeife Taback vergaßen wir alle
Lasten des Lebens Mehr brauchen wir nicht dabei waren wir glückliche Leute
und trösteten uns dafür dass wir auf Erden nicht alle gleich sein können mit
der Hoffnung auf ein besseres Jenseits Denn wer hier Arbeit und Mühsal hat dem
verspricht ja die heilige Schrift im Himmel tausendfältigen Lohn Mit uns ists
aber von Jahr zu Jahr schlechter geworden Unser Herr ward inzwischen ein
reicher Mann Unser saurer Schweiß hat die Fabriken gehoben und das Gold in
seiner Kasse gehäuft Wir meinen denn da wärs recht und billig gewesen uns
eine kleine Zulage zu geben Es hätte uns schon gefreut weil wir des Herrn
Freundlichkeit und Menschenliebe daraus ersehen Und das tut wohl und weckt
auch bei uns Liebe und Vertrauen und in die Arbeit kommt ein guter Geist Doch
statt einer verdienten Zulage hat man uns nach und nach immer mehr Abzüge
gemacht so dass jetzt unser ganzer wöchentliche Verdienst sich auf anderthalb
Taler beläuft Davon können wir mit unseren Familien nicht leben Sehen Sie
unsere morschen ausgemergelten Knochen woher soll uns die Kraft kommen Tag
für Tag sechszehn Stunden zu arbeiten Wir wollen daher alle einstimmig unsern
Herrn bitten uns wieder unseren früheren Lohn auszuzahlen Sonst arbeiten wir
alle nicht mehr Not kennt kein Gebot Kommt keine Hilfe von oben so müssen
wir uns selbst helfen« Fast drohend hatte der alte Mann die letzten Worte
gesprochen und schwieg hier erschöpft still Seine Kniee zitterten und
schienen ihn nicht länger tragen zu können Der Buchhalter aber sprach
freundlich und begütigend »Setzt euch Meister Schmidt Ihr seid müde geworden
und ich hab auf euer Anliegen doch Manches zu erwidern Leider ist es wahr
dass euch in den letzten Jahren bedeutende Abzüge gemacht sind doch nicht dem
bösen Willen des Herrn dürft ihr diese harte Maßregel zuschreiben die er nur
mit Widerstreben ergriff von ungünstigen Konjunkturen gezwungen Ihr wisst es
nicht welche großen Verluste der Herr in den letzten Messen erlitten hat durch
Gründung neuer Fabriken welche dieselben Stoffe billiger liefern Doch vertraut
mir eure Angelegenheit an Ich will sie vor eurem Herrn vertreten als wäre es
meine eigene und alles aufbieten dass eurer größten Not abgeholfen werde«
Diese Worte der Hoffnung übten einen mächtigen Zauber aus auf die Gemüter der
Bittenden Alle diese abgemagerten Gestalten die nicht das Alter sondern das
Elend der Hunger und die Sorge zu Greisen gemacht drängten sich zu dem
Buchhalter reichten ihm zum Dank für diese Aussicht die harten Hände und
ließ sich getröstet von diesem Hoffnungsschimmer geduldig wieder einspannen
in das alte Joch Während dieser Szene saß der Fabrikherr in einem eleganten
Negligée mit seiner jungen Gattin an einem reichgedeckten Frühstückstische
Alles war komfortable eingerichtet in dem wöhnlichen Arbeitszimmer Ein lustiges
Kaminfeuer wetteiferte mit der mattgelben Oktobersonne die mitunter neugierig
einen Strahl durch das Fenster fallen ließ und dem Gemach den Schein einer
behaglichen Wärme lieh Düfte von gebratenen Speisen und ausländischen Weinen
stiegen so lieblich auf als sollten hier den alten Göttern Opfer dargebracht
werden Gemütlich schlürfte Oburn ein Glas Burgunder nach dem andern
verspeiste dazwischen mit seltener Virtuosität ein halbes Schock Austern und
tranchirte eben ein delikates Rebhuhn als der Buchhalter in das Zimmer trat
»Verzeihen Sie Herr Oburn wenn ich jetzt störe aber die Angelegenheit ist so
dringend dass ich jede Verzögerung mir als ein Unrecht anrechnen müsste«
Erschreckt durch diese Anrede ließ Oburn aus seiner Hand die schwere silberne
Gabel fallen und fragte heftig »Nun was gibts Wieder ein neuer Verlust
Sind die Ballen Baumwolle welche wir von England steuerfrei erwarten etwa in
die Hände der Zollbeamten geraten Sprechen Sie doch Mann Machen Sie mir
keine Angst«
»Nein Herr das Geschäft ist gut beendet die Ballen sind in Sicherheit Es
erwächst Ihnen durch diesen billigen Einkauf ein großer Gewinn und gerade dies
gibt mir den Mut jetzt als Abgesandter sämmtlicher Arbeiter zu Ihnen zu
sprechen Die Not der Leute hat den höchsten Grad erreicht Erbittert durch die
letzten Abzüge die ich auf Ihren Befehl machen musste haben sie fest
beschlossen unverzüglich die Fabrik zu verlassen und die Arbeit bei Ihnen
gänzlich aufzugeben wenn Sie den Lohn nicht wieder bis zu der früheren Taxe
erhöhen«
»Was« schrie Oburn wütend »das Volk will nicht mehr arbeiten Ist für
solche Kreaturen nicht 1 Rtlr 15 Sgr wöchentlich ein reiches Einkommen Was
brauchen sie denn mehr zum Leben Wollen sie übermütig ein ganz besonderes
Glück in Anspruch nehmen Ein für allemal Herr Ehrig reden Sie hierüber kein
Wort mehr es bleibt so und damit Punktum«
Ehrigs Blick überflog mit bedeutsamen Ausdruck den mit den feinsten
Leckereien besetzten Tisch den er mit der kärglichen KartoffelMahlzeit der
Arbeiter verglich Seine Gedanken verweilten bei der masslosen Kluft zwischen den
Besitzenden und den Besitzlosen nach deren Ausfüllung das Jahrhundert in
jugendlichem Streben ringt bei jenem Bruch der Gesellschaft den noch kein
System der edelsten Denker zu heilen vermochte bei jenem Abgrund an dessen
Rand die Revolutionen der Zukunft stehen Voll Verachtung gegen die Herren der
Welt die ihren Besitz als den sichtbaren Ausdruck der göttlichen Gnade als ein
Monopol betrachten die nicht einmal die bescheidensten Procente einer masslosen
Einnahme auf dem Altar der leidenden Menschheit niederlegen entgegnete Ehrig
»Nun denn wenn Sie die herzzerreissende Lage Ihrer Leute nicht rührt ich habe
Ihrem Willen keine Macht entgegenzusetzen Doch Sie erlauben mir dass ich Ihr
Geschäft verlasse denn der immerwährende Anblick von Sorge und Gram und
Verzweiflung reibt mich auf Ich hatte mein Wort gegeben bei Ihnen Fürsprache
zu tun Da sie fruchtlos geblieben so will auch ich nicht länger auf Unkosten
der Armut ein gutes Gehalt beziehn und gebe hiermit freiwillig meine Stellung
auf
Nach diesen Worten entfernte sich Ehrig schnell Oburn sah ihm bestürzt
nach der Appetit war ihm vergangen er stand hastig auf und ging im Zimmer auf
und nieder Madame Oburn war eine stillschweigende Zeuginn dieser Unterredung
gewesen Sie hatte sich während der ganzen Ehe nie um die Geschäfte ihres Gatten
gekümmert Sein Reichtum überhob sie sogar jeder kleinen Sorge für die
Häuslichkeit der auch Frauen aus den höchsten Ständen sich sonst oft
unterziehn Besonders seit ihrer Rückkunft von Karlsbad hatte sie der Außenwelt
fast unzugänglich sich ganz einem innerlichen Leben zugewendet und träumerisch
vor ihrer Seele die Gestalten vorübergehn lassen die so bedeutsamen Eindruck
auf ihr tiefstes Wesen gemacht Nur auf den Klängen der Musik wiegte sie oft die
wechselnden Gefühle Schmerz und Freude all die Erinnerungen einer inhaltvollen
Zeit Denn die Töne sind die sanftesten Dollmetscher des Gefühles und der
Schwärmerei und lassen die leisesten Schwingungen der Seele ausklingen wo das
Wort in seiner scharfen und schneidenden Bestimmtheit das Gefühl verletzen
würde Oburn hielt diesen apatischen Zustand für Krankheit und ängstigte sich
ab bis ihm der Arzt die Versicherung gab dass seine Frau sich körperlich
vollkommen wohl befinde Getröstet begann er nun sie eine Närrinn zu schelten
die ihm das Leben durch ihre Launen verbittere und immer ihren abgeschmackten
Träumereien nachjage Auch zog er sich ganz von ihr zurück und nur eine
zufällige Stimmung hatte die beiden Gatten zusammengeführt Madame Oburn tief
erregt durch Ehrigs Worte folgte scharf betrachtend jeder Bewegung ihres
Mannes erhob sich dann plötzlich näherte sich ihm leise legte freundlich
ihren Arm auf den seinen und sprach »Du tust nicht wohl daran den Arbeitern
Abzüge zu machen es wird für Dich selbst schlimme Folgen haben glaube es dem
redlichen Ehrig und lass es um keinen Preis dahinkommen dass der treue Mann
der so eifrig für Dein Wohl sorgt das Haus verlasse«
Erstaunt sah Oburn seine Frau an denn es war das erstemal dass sie über
Angelegenheiten seines Geschäftes mitsprach Erfreut über diese Teilnahme und
überzeugt von der Notwendigkeit Ehrig zu behalten sprach er in einem
liebevollen Ton »Du hast wohl recht liebe Johanna doch nach den vielen
Verlusten die ich kürzlich erlitten bin ich wirklich nicht im Stande die Lage
meiner Arbeiter zu verbessern Doch das findet sich vielleicht mit der Zeit
wieder Und dann mein Kind Du kennst dies Volk nicht Wenn sie sehen dass ich
jetzt bei meinem Willen bleibe dass ich mich nicht schrecken lasse so werden
sie schon ruhig fortarbeiten Wo wollen sie denn hin Die sind mir sicher Grade
ihre Armut fesselt sie an mich Ich kann ihnen noch weit größere Abzüge machen
sie müssen doch bleiben und nach meiner Pfeife tanzen Aber den Ehrig kann
ich nicht entbehren ich will ihm das Doppelte seines Gehaltes bieten wenn er
bleibt« Verwundert hörte die junge Frau ihrem Manne zu »Du hast Verluste
gehabt lieber Oburn Du kannst deshalb den Leuten nicht geben worauf sie durch
mühsame Arbeit ein Recht sich erworben Aber warum brauchen wir denn so viel
Lass uns einfach leben Fort mit dem übermäßigen Aufwande Die Summen welche wir
dadurch nutzlos vergeuden könnte die Lage aller Deiner Arbeiter sorgenfrei
machen Hätte ich nur früher von Deinen Verlusten gewusst ich würde schon längst
Einschränkungen im Hause gemacht haben«
Bei diesen Worten lachte Oburn hell auf »Närrchen Wir wollen uns deshalb
nichts abgehen lassen Kümmere Dich nicht weiter darum und sei zufrieden wenn
Deine kleinen Füßchen auf weichen Teppichen gehen und die niedlichen weißen
Hände nicht durch Arbeit ihre Schönheit einbüßen«
Errötend mit vorwurfsvollem Blick sah Madame Oburn den Gatten an und
entgegnete »Oburn hätte ich die Not Deiner Leute in ihrer ganzen Größe
gekannt ich würde mich geschämt haben ihnen mit Gold und Samt geschmückt
unter die Augen zu treten O dass ich mich nicht früher darum bekümmert Wie
mancher Not hätte ich abhelfen wie manchen Fluch in Segen verwandeln können«
Rasch als könnte jeder ungenützte Augenblick ihr verderblich werden eilte
sie in ihr Boudoir öffnete eilig alle Fächer ihres Sekretairs packte
verschiedene sehr wertvolle goldene Ketten Ringe Geschmeide Arm und
Stirnspangen aus wog mit sichtlicher Freude diese Preciosen in der Hand hin und
her schellte und ließ den Buchhalter zu sich rufen Als dieser bald darauf
eintrat rief sie ihm zu »Herr Ehrig Ich war zugegen als Sie meinem Gatten
die Bitte der Arbeiter um Erhöhung ihres Lohnes vortrugen Da Oburn selbst
bedrängt sie für den Augenblick nicht erfüllen kann so bitte ich Sie dringend
meine Schmucksachen zu verkaufen und den Erlös zum wöchentlichen Zuschuss für
die Leute insgeheim zu verwenden Lange wird diese Summe leider nicht
ausreichen doch wenigstens für den kommenden Winter die größte Not lindern
Und im Frühjahr hoffe ich wird mein Gatte im Stande sein die pekuniäre Lage
der Arbeiter für immer besser zu gestalten«
Ehrig sah sprachlos bald die glänzenden Preciosen bald die liebliche junge
Frau an und frug darauf zweifelnd »Gnädige Frau Sie wollten wirklich zum
Vorteile der Armut sich von ihrem Schmucke trennen« »Das will ich in allem
Ernste Jetzt da ich mit den Zuständen der Armut vertraut geworden will ich
solchen Schmuck nicht eher tragen bis unsere Leute vor Not geschützt sind
Aber Herr Ehrig bitte Sagen Sie meinem Gatten nichts davon Ich kenne ihn
Sonst würde auch diese kleine Hilfe den Armen entgehn« Stumm packte Ehrig die
Sachen zusammen und verließ eilig das Gemach um die ihn übermannende Rührung
zu verbergen Sobald Madame Oburn sich allein sah rief sie Köchinn
Stubenmädchen Bediente und Kutscher zu sich herein zahlte ihnen den
rückständigen Gehalt aus und verabschiedete sie sämtlich Nur die treue
Lisette behielt sie um sich Als Herr Oburn später diese eigenmächtige Maßregel
erfuhr polterte er arg im Hause umher schalt seine Frau eine Romanheldinn und
beruhigte sich endlich durch die Hoffnung dass diese Grille doch nur von kurzer
Dauer sein und das ancien régime im Haushalt bald wieder herrschen würde Doch
Madame Oburn blieb fest in ihrem Vorsatz Die bis dahin so verwöhnte weichliche
Frau übernahm jede häusliche Beschäftigung mochte sie ihr noch so ungewohnt und
fremd sein ohne je den Wunsch nach Unterstützung zu äußern Von früh bis spät
sorgte sie bereitwillig für die Bedürfnisse und Bequemlichkeiten ihres Mannes
und fand immer noch Zeit genug die Fabriken zu besuchen Ihr natürliches
richtiges Gefühl sagte ihr dass freundlicher Zuspruch und menschliche Behandlung
diesen Leuten noch nötiger sei als die Erhöhung ihres Lohnes Desshalb sprach
sie freundlich mit allen erkundigte sich nach den Familien und half nach
Kräften wenn sie von einer Krankheit oder einem Unfall hörte Die Arbeiter die
sie bisher als die Ursache ihres gesteigerten Druckes angesehen hatten beteten
sie jetzt an Die bärtigen Gesichter glänzten vor Freude wenn sie in die
Arbeitssäle trat und von dem Wiederschein dieser Freude wurde selbst das sonst
undurchdringlich ernste Gesicht des Buchhalters verklärt der seine Herrinn auf
diesen Gängen zu begleiten pflegte Bei all ihrer Milde und Menschlichkeit
trotz des Segens den sie überall verbreitete konnte Madame Oburn doch bei den
Werken der Wohltätigkeit ein peinliches Gefühl nicht überwinden Ihr richtiger
Takt gab ihr das Bewusstsein das die tiefsten Denker dieses Jahrhunderts
erkannt und in kühnen Problemen wissenschaftlich ausgearbeitet das Bewusstsein
dass in der Wohltätigkeit selbst und mag sie mit noch so viel christlicher
Liebe prunken eine Erniedrigung liege für die Bedürftigen deren ewige
Menschenrechte zu einem Gegenstand frommer Herablassung herabgewürdigt würden
zu einem Gnadengeschenk das eine aus dem Katechismus geschöpfte Sittlichkeit
mit den andern zugleich sich selbst macht Abgesehen von dem Posaunenton des
Pharisäertums der noch jetzt in allen Gassen an allen Ecken ertönt wenn er
sich auch in den Heroldruf überschwänglicher Christlichkeit verwandelt
abgesehen von der eigennützigen Wohltätigkeit welche ihre Gaben nur auf
Abschlag himmlischer Belohnung spendet wird nicht durch unsere socialen
Verhältnisse selbst die milde Humanität gezwungen die Miene der Herablassung
anzunehmen und einem entwürdigten Pariatum als Gnade und Segen gegenüber zu
treten Doch allmählich beginnt auch in den Massen das Bewusstsein der ewigen
Menschenrechte wie sie die französische Revolution proklamirt die keine Form
der Freiheit geben ohne ihren Inhalt sondern den Anspruch auf eine Existenz
die in allem Reichtum der Schöpfung sich mit Freiheit auszubreiten berechtigt
ist In den neuesten Entwickelungen des französischen Geistes gähren diese
Probleme mit dunkler Gewalt eine Gährung die noch keine feste Form gewinnen
kann die proteusartig ihre Gestaltungen wechselt oft in leere Luftbilder
verweht in eitelen Dunst ausdampft aber stets Zeugnis ablegt von der innern
schaffenden Notwendigkeit welche fortzuleugnen eine Blasphemie ist gegen den
neuen Geist der Menschheit Die deutsche Philosophie hat die Aufgabe diese
Erscheinungen auf ihren wahren Gehalt zurückzuführen ihre innerste Bedeutung
aufzufassen ihnen ihre Stelle anzuweisen in der Entwickelung des Geistes
In Rousseaus Urwälder zurück zu fliehen die ganze Kultur als Flitterwerk
und Unnatur als aufgedrungene Last von sich zu werfen und ein vierbeiniges
Leben zu führen das ist der neuen Menschheit nicht möglich das hieße ihre
innerste Entwicklung verleugnen das ist der Gedanke der kolossalsten Reaktion
den je ein Menschengeist gedacht Doch die tieferen Gegensätze welche aus dieser
Kultur hervorgegangen müssen auf ihrem eigensten Terrain sich auskämpfen Die
Industrie die Mutter des Proletariats die zugleich den Reichtum und die
Armut bringt den Reichtum für Einzelne welche die Nation repräsentiren die
Armut für die Massen sie ist das neueste Kind der Kultur unter bedenklichen
Auspicien geboren einer bedenklichen Zukunft entgegensehend Sie hat die
Armut die bisher zufällig war und isolirt oder in der Knechtschaft Rettung vor
dem Hunger fand zuerst freigegeben und organisirt so dass sie jetzt als eine
imposante Macht in die Geschichte tritt
Die Associationen der Armut der englische Chartismus ihre ersten
Schlachten in Lyon und Paris ihre verzweifelte ExperimentalRevolution in den
schlesischen Gebirgen das sind Taten mit denen ein neues Blatt in der
Geschichte beschrieben wird Dazu der Zweifel an dem Eigentum dessen
Heiligkeit von der kühnen Kritik eines Proudhon aufgelöst wird der
phantastisch organisirte Kommunismus eines Kabet und Weitling Die socialen
Theorien eines Dezamy und Louis Blanc sie alle legen Zeugnis ab von den neuen
Gedanken welche der Gemüter der Menschen sich bemächtigen und von dem tiefen
Bruch in unseren Verhältnissen der sie hervorruft In all diesen prophetischen
Träumen in diesen oft chimärischen Zukunftsbildern wie in der kühnen
zersetzenden Dialektik der Denker welche keine bestehende Einrichtung wegen
ihres verjährten Brauches respectirt webt und lebt ein neuer
Menschheiterlösender Genius eine neue erhabene und aufopferungsfähige
Sittlichkeit die in Frieden und Krieg in Leben und Tod mit der Tat des
Hasses oder dem Werk der Liebe mit Überredung oder Gewalt den Segen der
allgemeinen Verbrüderung heraufführen will über eine innerlich verfallene Welt
Du armes Proletariat Erbe des alten Fluches vom Paradiese verdammt im
Schweiße des Angesichts dein Brod zu essen und nimmer frei und unbefangen den
Blick emporzurichten mit all der Majestät der Menschenwürde verdammt die
Maschine zu sein die gedankenlos von Tag zu Tag sich abarbeitet für fremden
Genuss und nimmer die Früchte des eigenen Fleißes ärndtet auch dir wird bald die
Sonne eines bessern Lebens aufgehen eines Lebens dass deine Arbeit mit
Bewusstsein und mit Genuss belohnt und alle Entbehrung und Bedürftigkeit
kümmerlicher Verhältnisse von dir fernhält
Die Arbeit der Denker wird und kann nicht vergebens sein die Macht des
Gedankens wird und muss die Welt unterwerfen Das geheiligte Recht das eine
sklavische Gelehrsamkeit nur zu glossiren und zu erläutern wagte ist von der
Wissenschaft nachgewiesen als ein Unrecht das in seinen neuesten Entwickelungen
schwer auf der Menschheit lastet und sich selbst auflösen muss Eine Reform tief
eingreifender Übel die den Schein des Guten das bestehende menschliche und
göttliche Gesetz für sich haben muss eine Revolution verhindern
Die Besitzenden müssen nicht länger ihre Ohren verstopfen vor dem neuen
Evangelium der Liebe das ihnen gepredigt wird ein verstocktes Pharaonentum
wird ihr eigenes Verderben sein Die kleinen Geldtyrannen welche auf ihr Erbe
so stolz sind wie die Herren von Gottes Gnaden auf das ihre und einen
Despotismus en miniature ausüben werden wenn sie nicht freiwillig abstehen von
so quälendem régime eine Revolution hervorrufen welche den ganzen Bau der
Gesellschaft zusammenschüttelt der gegenüber die französische Revolution nur
ein politisches Kegelschieben war Darum ihr Besitzenden Erkennt die
unveräusserlichen Menschenrechte an in einer Association des Friedens und der
Liebe ehe sie euch proklamirt werden von einer blutigen Association des Hasses
und des Krieges
Herr Oburn war indes von solchen Gedanken weit entfernt Er sah dass die
Arbeiter sich beruhigten ohne die geheime Ursache zu kennen Darüber
triumphirte er »Sehen Sie Herr Ehrig die Leute sind ohne Lohnerhöhung doch
geblieben O ich weiß sie zu beurteilen ich verstehe sie zu behandeln Das
Volk muss gedrückt sein der Druck ist sein LebensElement Wenn es erst
anfängt frei aufzuatmen dann ist es um den Wohlstand der Fabrikherrn
geschehen«
Ehrig erwiderte nichts auf diese Reflexion Seine Gedanken waren bei der
schönen jungen Frau die durch eine so edle Praxis der Humanität ihres Gatten
Teorieen beschämte
12
In der ziemlich bedeutenden Provinzialstadt in welcher Oburn seinen Wohnsitz
aufgeschlagen war in diesem Winter ein aussergewöhnliches reges
gesellschaftliches Leben Zwar nahm Oburn und seine Frau gegen die frühere
Gewohnheit keinen Teil an diesen Vergnügungen sondern lebte still und
zurückgezogen in einsamer Verstimmteit während der ganze Ort wie ein in Szene
gesetzter Roman der Gräfin HahnHahn aussah in welchem bekanntlich die
Gesellschaft und die Gesellschaften die Hauptrolle spielen und alles Heil der
Welt in den feinen Ton und in die konventionellen Formen gesetzt wird
Veranlassung zu diesem lebendigen Treiben mochte wohl der Aufenthalt des
Prinzen C geben Ihm zu Ehren reihte sich Fest an Fest Ball an Ball die
reiche Kaufmannschaft ließ ihre Goldminen springen selbst Offiziere und Beamten
stürzten sich in ehrgeizigem Wetteifer in eine Schuldenlast um mit der
Bewirtung eines fürstlichen Hauptes prahlen zu können eine Begnadigung und
Ehre die sich in heiligen Familiensagen forterbt von Kind zu Kindeskind
Besonders zeichnete sich das Banquierhaus Neumann durch seine glänzenden
geschmackvoll arrangirten Feste aus Obgleich man gewohnt war dass der reiche
Banquier jedes Quartal mit einem großen diner begann bei welchem aller Glanz
des Silbers und Tafelzeuges entfaltet wurde so staunte man doch ins geheim
über diesen noch nie dagewesenen Pomp zuckte die Achseln und zischelte sich
bedeutsam in die Ohren Man fürchtete allgemein dieser Hochmut werde zu Fall
kommen und das Fortunatussäcklein seine Fülle urplötzlich erschöpfen An dem
Tage als diese Furcht größere Begründung zu gewinnen schien herrschte gerade
in den Oburnschen Fabriken eine besondere Freude wie sie nur Festtagen eigen zu
sein pflegt Die Dampfmaschinen waren polirt und blank geputzt die Säle
reingefegt und mit frischem Sande bestreut die Arbeiter mit reinlicher Wäsche
bekleidet saßen vor ihren Webstühlen die ebenfalls von dem verjährten Staube
gesäubert waren die Komptoiristen hatten mit noch kunstgeübterer Hand als
gewöhnlich Busenstreif und Manschetten geordnet und die blauen Fracks mit den
gelben Knöpfen angezogen Alles schien gespannt und erwartungsvoll am meisten
wohl der Fabrikherr selbst Unruhig ging dieser in seinem geöffneten Prunkzimmer
auf und ab besah dann wohl eine Minute lang seinen neuen eleganten Anzug im
Spiegel sprach laut wie mit einer andern Person mit sich selbst indem er mit
den Händen gestikulirte und tiefe Reverenzen machte Dann öffnete er eine
Nebentüre die in das Boudoir seiner Gattin führte sah hinein und rief
ungeduldig »Johanna bist du noch nicht angekleidet Was in diesem einfachen
schwarz seidenen Kleid willst Du den Prinzen empfangen Wo ist Dein Schmuck Ich
will nicht dass meine Frau wie eine Nonne einhergehen soll Rasch Putze Dich
Zieh ein reiches Gewand an und schmücke mit den Rubinen Deinen weißen Hals«
Madame Oburn die überhaupt nicht mehr so frisch und blühend aussah wie in
Karlsbad war gerade heute auffallend blass doch diese edle Blässe das Attribut
geistigen Leidens raubte ihr nichts von ihrer Schönheit In dem schlichten
tiefschwarzen Kleide das Haar auf der hohen Stirn kindlich gescheitelt sah sie
so ideal aus hatte ihr Wesen eine so eigentümliche Verklärung dass es schwer
zu bestimmen war ob sie an jenem Abend auf dem Ball des Fürsten Konstantin
oder an diesem Morgen einen größeren Zauber ausübte Ruhig doch bestimmt
erklärte sie ihrem Gatten dass es ihre Absicht nicht sei den Prinzen zu
empfangen dass sie in ihrer gewöhnlichen häuslichen Toilette bleiben würde Die
aufschwellende blaue Stirnader des Gatten ließ eine heftige Gegenrede erwarten
doch das Heranrollen der prinzlichen Equipage verhinderte den Ausbruch des
drohenden Sturms Noch einmal musterte der Fabrikherr seine Figur in dem hohen
Trümeaux postirte sich dann mit seinem KomptoirPersonal an dem Portal des
Hauses um hier den Prinzen zu empfangen der nur von seinem Adjutanten und
Leibarzt begleitet war Oburn hatte zu der feierlichen Anrede das ganze
Wörterbuch der stammelnden Untertänigkeit auswendig gelernt und war in
Mienen Bewegung und Sprache ein leuchtendes Vorbild der treuesten Loyalität
»In seines Nichts durchbohrendem Gefühle« stand er da mit gesenktem Haupt und
stotterte einige Redensarten von unendlicher Ehre und Gnade heraus in denen
sich sein zusammengepresstes Innere Luft machte Der Prinz übersah mit vornehm
nachlässiger Miene die Befangenheit oder Unbeholfenheit des Herrn Oburn und
verlangte gleich die Fabriken zu besichtigen Persönlich umhergeführt von dem
Besitzer dem das Bewusstsein seines Besitzes einigermaßen eine behäbige Fassung
wiedergab fand er alles vortrefflich eingerichtet lobte die Intelligenz des
Gründers sprach leutselig mit den Arbeitern und ließ ihnen von seinem
Adjutanten ein reiches Douceur überreichen Als die Umschau vorüber war nahte
für Herrn Oburn ein schwerer Augenblick dessen Erwartung ihm schon seit Ankunft
des Prinzen den Angstschweiß auf die Stirn getrieben nämlich die Bitte der
Prinz möchten die Gnade haben höchsteigen ein Frühstück bei ihm einzunehmen
Doch wie es ein harmloser Witz des Schicksals ist dass gerade das was man im
Leben am meisten fürchtet am glücklichsten vorübergeht so hatte auch Oburn für
seine ausgestandene Angst die große Genugtuung dass der Prinz sichtbar erfreut
die Einladung annahm und mit raschen Schritten in die geöffneten Gastzimmer
eintrat Die Einrichtung derselben war elegant und geschmackvoll das servirte
Frühstück hätte die verwöhnteste Zunge eines Epikuräers befriedigen können
Madame Oburn war nicht sichtbar Der Prinz in irgend einer lieben Hoffnung
getäuscht wurde verstimmt und schweigsam Herrn Oburn überfiel bei dieser
sichtlichen Veränderung ein panischer Schrecken auf allerlei geistlose Fragen
die er an den Prinzen richtete erhielt er kurze einsilbige Antworten seine
Verzweiflung steigerte sich immer mehr je mehr die Aussicht schwand dass seine
Frau ihn durch ihre Ankunft von dieser Marter erlösen werde Der Gedanke an
seine Frau brachte ihn übrigens auf den glücklichsten Einfall Ihr lebensgrosses
sehr ähnliches Portrait von einem der ersten jetzt lebenden Künstler gemalt
hing in reichem goldenen Rahmen in seinem Geschäftszimmer Schnell öffnete er
die Türe die dahin führte und zog den Prinzen hinein mit den Worten »Wie
gefällt Ihnen dies Bild«
Wie die Sonne plötzlich durch finsteres Gewölk bricht so erhellte sich das
verdüsterte Gesicht des Prinzen zu einem Freudenschein der im Nachglanz noch
die Züge des Herrn Oburn verklärte »O mein Gott wie schön ist sie doch«
sprach der Prinz nach langem Anschauen fast bewusstlos vor sich hin »und wie
wunderbar ist dies Bild getroffen« Den Schritten des Prinzen war sein Leibarzt
unmittelbar gefolgt Auch er stand vor diesem Portrait wie festgebannt
Erinnerungen an eine teure Vergangenheit überkamen ihn mächtig bei dem Anblick
dieser Züge Sein Auge blitzte auf wie vor Freude und Seligkeit die strengen
edelen Züge wurden weicher ein Hauch des Friedens wehte darüber hin doch diese
stille Seligkeit wich plötzlich einem höhnischen bitteren Ausdruck Wie von
heftigen innerem Leiden erfasst ballte er beide Hände presste die Lippen fest
zusammen und wandte sich dem Fenster zu Herr Oburn hatte beide aufmerksam
beobachtet eine Ahnung durchzuckte sein misstrauisches Gemüt als ob nicht das
schöne Bild sondern das Original der Gegenstand sei der Beiden ein so
lebhaftes Interesse einflösse doch wusste er sich zu beherrschen und frug
unbefangen »Kennen Sie mein Prinz vielleicht meine Frau«
»Ich war vergangenen Sommer so glücklich in Karlsbad eine Dame flüchtig zu
sehen der das Bild sprechend gleicht Wo die Schönheit so überraschend ist
prägen sich alle Züge tief ein Desshalb mag es Sie nicht befremden wenn ich
dies Portrait mit Bewunderung betrachte Ist diese Dame wirklich ihre Gattin
so sind Sie der beneidenswerteste Mann den ich kenne« Wie eine herbe Pille
schluckte der Ehemann diese Schmeichelei herunter »Ja wohl bin ich das und ich
bedaure nur dass meine Frau durch Krankheit verhindert ist die Wirtin meines
hohen Gastes zu sein«
Alle drei Personen waren in eine Stimmung versetzt welche den materiellen
Genuss eines feinen Frühstücks verschmähen musste Die auserlesensten Leckereien
verließen unberührt den Tisch nur dem Wein dessen Güte und Alter solchen
Vorzug verdiente ließ sie sein volles Recht widerfahren Als der Rebentrank
eben anfing das Gespräch frischer und lebendiger zu machen wurde die Türe
rasch und heftig aufgerissen der Buchhalter Ehrig trat leichenblass in das
Zimmer und schrie fast konvulsivisch ohne auf den hohen Gast die geringste
Rücksicht zu nehmen »Banquier Neumann hat fallirt«
Die Wirkung dieser wenigen Worte auf Oburn war unbeschreiblich Vollkommen
erstarrt ohne die geringste Spur des Lebens stand er einige Minuten an die
Wand gelehnt Dann arbeitete seine breite Brust gewaltig und die Worte »dann
bin auch ich ruinirt« entrangen sich mühsam seinen Lippen Im Innern des
Prinzen musste während dieser Szene irgend ein Entschluss reifen Fast freudig sah
er auf die vom Schreck zerschmetterte Gestalt des Fabrikherrn reichte ihm
herablassend die Hand und sprach »Adieu für Heute lieber Oburn Sollten Sie
in irgend einer Beziehung Hilfe brauchen so wenden Sie sich nur an mich Meine
Kasse und meine Konnexionen stehen Ihnen gern zu Gebote«
Durch das Fallissement des Banquierhauses verlor Herr Oburn eine baare Summe
von 50000 Talern Dieser Schlag hatte ihn so unerwartet getroffen dass er in
den ersten Tagen nach diesem Ereignis wie betäubt umherging Dann raffte er sich
auf nahm mit dem Buchhalter seine Kredit und Debetbücher genau durch und
erhielt als Resultat die traurige Gewissheit dass sein Ruin unabwendbar sei wenn
er nicht irgendwo eine Anleihe von 50000 Taler machen könnte Oburn war
übrigens eine tatkräftige Natur Sobald ihm seine verzweifelte Lage ganz klar
geworden sah er diesem Schreckbild fest ins Auge und versuchte Alles um
diesem Unglück vorzubeugen Alles was an ihn zahlbar war wurde eingezogen und
wo er selbst Verpflichtungen hatte bat er auf einige Monate um Stundung Doch
selbst die befreundetsten Kaufleute schlugen ihm dies ab und drangen
vielleicht selbst durch Neumanns Bankerott gezwungen auf augenblickliche
Zahlung Eben so vergebens war Oburns Bitte um ein Darlehn obgleich er selbst
in ähnlicher Lage oft seinen Freunden tätige Hilfe geleistet Doch jetzt fand
sich keiner dazu bereit alle lehnten es unter diesem oder jenem Vorwande ab
Seine Lage wurde wirklich verzweifelt als auch noch ein englisches Haus das
für ihn Geschäfte in Baumwollgarn machte ihm einen bereits acceptirten Wechsel
von 10000 Rtlr zu augenblicklicher Zahlung präsentirt und über Oburn im Fall
einer Zögerung als säumigen Wechselschuldner PersonalArrest verhängte
Dieser Schlag vernichtete Oburns letzte Hoffnung Er verschloss sich 24
Stunden lang in sein Zimmer man hörte ihn darin laut ächzen und stöhnen Tag
und Nacht mit heftigen Schritten auf und ab gehen Nachdem der wildeste Sturm
ausgetobt trat er in das Zimmer seiner Frau Er musste fürchterlich gelitten
haben denn seine Züge waren tief eingefallen und der hochrote Bart an dem
einen Tage grau geworden
Madame Oburn hatte alle diese Schreckensnachrichten mit bewundrungswürdiger
Ergebenheit aufgenommen Der Gedanke dass sie von jetzt ab in Armut und
Dürftigkeit leben müsse hatte für sie nichts vernichtendes denn sie kannte den
Wert des Geldes noch nicht und war durch den Besitz desselben zu wenig
glücklich geworden Liebevoll eilte sie ihrem Gatten entgegen und brach bei dem
Anblick seiner verfallenen Gestalt in heftiges Weinen aus Dieser Beweis ihres
Mitgefühls erschütterte ihn und als ob er sich jeder weichen Regung schämte
unterdrückte er schnell eine hervorquellende Träne und sprach »Prinz C wird
heute zu uns kommen ich muss bei ihm eine bedeutende Anleihe machen Ich erwarte
von Dir Johanna dass Du Dich vernünftig beträgst und Deine ganze
Beredungskunst und Liebenswürdigkeit aufbietest um den Prinzen willfährig zu
stimmen denn von der Herbeischaffung dieser Summe hängt nicht allein unser
eigenes Glück und das Wohl unserer Arbeiter ab sondern meine Ehre merke Dir
Johanna meine Ehre Bis Morgen früh muss ich im Besitz dieser Summe sein oder
mein Name ist gebrandmarkt für immer und meiner wartet gefängliche Haft Alles
steht auf dem Spiel alles muss gewagt werden und daran gesetzt an die Rettung«
Wie ein schwerer Unheil drohender Traum aus dessen Banden sich die Seele
vergebens loszureißen sucht so wirkten diese Worte auf Madame Oburn und es
währte lange ehe sie ihren ganzen Sinn gefasst Außer sich warf sie sich vor
ihrem Gatten auf die Kniee nieder und rief leidenschaftlich »Oburn verlange
das nicht von mir Ich will für Dich arbeiten für Dich betteln doch nimmer den
Prinzen um Hilfe flehen Wenn Du wüsstest ja wenn Du wüsstest « ein eisiger
Frost schüttelte bei dieser Erinnerung die zarten Glieder »welch unseliger
Stern mich schon mit ihm zusammengeführt Du würdest das nimmer von mir
verlangen« »Närrinn Ich mag ich will nichts wissen es ist mein fester
Entschluss dass Du gerade Du den Prinzen bewegen sollst uns zu retten Auf ein
paar Weibertränen kann ich nicht Rücksicht nehmen wo es darauf ankommt
Hunderte von Menschen vor gänzlichem Verderben zu retten Das solltest Du selbst
überlegen wenn es Dir überhaupt mit Deinen schönklingenden Redensarten Ernst
ist Hier ist nichts mehr zu wählen und zu besinnen«
Herr Oburn hatte das Zimmer schon längst verlassen als seine Gattin noch
immer starr dasaß bewusstlos und gefühllos Es gibt solche Augenblicke in
denen die Seele alle Farben und Formen des Lebens alle festen Gedanken und
festen Gefühle verliert und sich ganz in die einförmig schwarze Nacht der
Existenz versenkt Nur das dumpfe Brüten bleibt und der Alpdruck eines
namenlosen Schmerzes
Madame Oburn rang sich plötzlich aus dieser Apathie los sprang hastig auf
lief in das Komtoir und ersuchte atemlos den Buchhalter um das Kontobuch ihres
Gatten »Ich beschwöre Sie Ehrig sagen Sie mir aufrichtig wie steht es mit
meinem Mann«
Ehrig schaute sie mit kummervollen Blicken an und erwiderte ganz leise
»Gnädige Frau Werden Sie auch stark genug sein die Wahrheit zu ertragen
Wohlan denn ich schwöre es bei meiner Ehre Wenn Ihr Gatte nicht bis Morgen die
Wechselschuld von 10000 Rtlr decken kann so ist das Geschäft ruinirt und die
Fabriken werden von den Kreditoren um einen Spottpreis verkauft«
»Haben Sie alles versucht alles« frug die junge schöne Frau mit einem
flehenden Blick der dem Buchhalter bis ins Innerste drang »Oburn hat viele
Freunde will ihm Niemand helfen«
»Niemand gnädige Frau«
»Unser Mobiliar und Silberzeug ist von bedeutendem Wert Verkaufen Sie
alles und retten Sie die Ehre meines Mannes«
»Die Summe ist zu groß und kann dadurch nicht getilgt werden Auch ist es
zu spät In zwölf Stunden muss die Zahlung geschehen sein oder «
Madame Oburn bedeckte die Augen mit den Händen und rief leidenschaftlich
»Genug Ehrig genug«
Eine Stunde später hatte Herr Oburn eine lange geheime Unterredung mit dem
Prinzen C Sie musste für beide befriedigend ausgefallen sein denn das Gesicht
des Prinzen sah beim Abschied triumphierend aus und auch Herr Oburn trat
sichtlich erheitert und ruhig in das Komtoir und verkündete dem Buchhalter dass
der Prinz bereit sei Morgen früh die Summe von 10000 Rtlr vorzuschiessen Bei
dieser Nachricht erbleichte Ehrig und sah Oburn mit einem vorwurfsvollen Blicke
an den dieser nicht ertragen konnte Rasch wandte er sich ab und ging in das
Gemach seiner Frau
Stumm trat er ein es war eine unheimliche Pause Sie lag auf dem schwarzen
SamtSopha betäubt und lautlos er ging hastig im Zimmer auf und ab Dann
sprach er plötzlich in bittendem Ton »Johanna Johanna
Bei meiner Ehre Es gibt nur dies eine Mittel uns zu retten Glaube nicht
dass ich leichten Sinnes mich dazu entschlossen Es hat mich schweren Kampf
gekostet denn ich liebe Dich Du musst «
»Oburn« schrie die Frau ihm entgegen« Du willst mich verkaufen wie eine
Sache wie Dein Eigentum verhandeln Fühlst Du nicht die namenlose Beschimpfung
und Entwürdigung die Dich trifft wie mich«
»Die Welt erfährt nichts davon diese Beschimpfung bleibt im Stillen und
wir können uns wenn es uns auch schwer fällt über Vorurteile hinwegsetzen
Hier gilt es die Ehre vor der Welt unsere ganze bürgerliche Stellung davon
hängt der Wert unseres Lebens ab und sie müssen wir gegen jedes Opfer
erretten« »Oburn es ist nicht möglich noch glaub ich nicht dass es Dir
Ernst ist mit so schimpflicher Barbarei «
»Es ist mein Ernst ich bin entschlossen Gerade an diesem Opfer will ich
Deine Liebe erkennen Es bleibt dabei«
»Du hast kein Recht über meine Liebe und meine Ehre zu bestimmen Ich werde
die heiligsten Rechte meines Herzens und Lebens wahren dies ist die Stelle
die uns auf ewig trennen muss«
Oburn nahm einen bittenden Ton an ein Ton der seinem Wesen fremd war zu
dem ihm nur die schmerzlichste Zerknirschung seines Innern treiben konnte Das
höchste Gut seines Lebens stand auf dem Spiel und in die Gewalt seiner Frau
war es gegeben den drohenden Sturm zu beschwören Gerade der nahe Verlust
zeigte ihm den ganzen Wert des klingenden Mammons seine fiebernde Angst ließ
ihn ängstlich nach Rettung umhersuchen das Gold stand wie ein Phantom vor
seiner Seele unentfliehbar ihn fesselnd mit eherner Macht und wuchs in den
phantastischen Bildern die durch seine Seele jagten zu riesenhafter Gestalt
Wie klein schien ihm dagegen das Opfer das seine Frau bringen sollte ein
kurzes Liebesglück an einen Fremden verschwendet eine selige Nacht untreu den
Laren des Hauses unter einem fremden Gestirn geträumt Dennoch ängstigte ihn
die fieberhafte Spannung seiner Frau Er stand vor ihr wie ein Delinquent der
um Gnade fleht doch sie wies ihn mit Entschiedenheit zurück
Er wollte ihre Erklärung nicht als fest ihren Entschluss nicht als wandellos
hinnehmen und verließ das Zimmer mit dem Versprechen nach zwei Stunden
zurückzukehren indem er die Hoffnung aussprach sie dann bekehrt zu sehen und
geheilt von ihren törichten Vorurteilen
Madame Oburn war in jene Spannung versetzt die wenn sie nicht die Seele
aufzehren sollte sich in äußerer Handlung rasch und entschieden betätigen
musste Der Bruch in ihrem Leben war vollendet sie fühlte sich durch die
Zumutung ihres Gatten entehrt in dem innersten Kern ihres Wesens verletzt
Die vollständige Entfremdung ließ sie nicht einen Augenblick länger mit ihm
unter demselben Dache verweilen Er hatte sich des Rechts auf ihre Liebe unwert
gemacht eine Liebe die gerade jetzt im Unglück ihm treu zur Seite stehen
sollte
Dieser Gedanke verzögerte auf kurze Zeit ihren Entschluss doch sie wurde
sich darüber klar dass von Pflichten zwischen ihr und ihrem Gatten nicht mehr
die Rede sein könne Rasch und geheim ließ sie ihre Sachen einpacken den
Reisewagen fertig machen und fuhr ohne von Oburn Abschied zu nehmen aus dem
Hause die Schande fliehend die ihr drohte Frei atmete sie draußen auf es
ging der Hauptstadt zu einer stürmischen Welt voller Klippen und Untiefen
deren Wogen manch leuchtendes Segel zur Tiefe hinabziehen aber auch manch
lichte Perle aus ihrem Schoße zu Tage fördern
Das war der erste Abschnitt ihrer Ehe reich an allen Konflikten welche das
Leben der Gegenwart bewegen Gewaltsam hatte sie sich losgerissen von qualvollen
Verhältnissen die in innerer Auflösung sie zu zertrümmern drohten Ihren Gatten
ließ sie allein anheimgegeben dem modernen Fatum das Menschen und Götter
beherrscht dem Golde das wie Saturn seine eigenen Kinder verschlingt Sie
rettete ihr besseres Selbst vor der brutalen Gewalt die sich in hundert
Gestalten gegen sie verschwor Sie rettete die Heiligkeit der Ehe indem sie
dieselbe zerriss Doch noch hatte sie eine Gewalt nicht besiegt die mächtiger
war als Rang und Geld und Freiheit die im Hintergrund zurückgedrängt bald
siegsgewiss auftrat ein Gestirn das ihr Leben beherrschte von jetzt ab eine
Kraft welche in ureigener angestammter Heiligkeit die Formen zerbrach die das
Gesetz und die Sitte der Menschen geheiligt die Liebe