Adele Schopenhauer
Anna
Ein Roman aus der nächsten Vergangenheit
Erster Teil
Meiner Freundin
Ottilie von Goethe
geb Freiin von Pogwisch
gewidmet
Vorrede
Indem ich diese Blätter dem Publikum übergebe erlaube ich mir die Bitte sie
nicht für eine auf wirkliche Ereignisse basirte Erzählung anzusehen Stadt
Straße Umgebung und das nicht mehr vorhandene Haus in welchem ich selbst meine
frühste Kindheit verlebte Sitten und Ansichten die man damals in vielen
Türingischen Familien wiederfand sind dem Erlebten entlehnt ich wählte diesen
Hintergrund um meinen Schilderungen eine größere Wahrheit zu sichern aber
leider habe ich weder eine Familie von Waldau noch einen Bürgermeister Müller
mit den Seinen in dieser Umgebung gefunden Nur Sophie und Duguet sind wie ich
gern eingestehe naturgetreue Portraits auf denen ich sorglich geweilt die ich
zu meiner eigenen Freude in dankbarer Erinnerung ausgeführt mögen sie im Bilde
dieselbe wohlwollende Beurteilung finden die diesen trefflichen Menschen im
Leben Keiner versagte der sie kannte
Wo aber ein bloß zufälliges Zusammentreffen Aehnlichkeiten durch die sich
vervielfältigenden Wiederholungen gleicher Zustände hervorruft möge man mich
nicht zur Portraitmalerin stempeln ich verwahre mich dagegen denn ich fühle
dass ich auch nicht die mindeste Anlage dazu habe und nur eine so bestimmt und
scharf sich abzeichnende Persönlichkeit wie die unserer alten Diener mich zu
einer Charakteristik wirklich gekannter und mir werter Menschen verlockt hat
Das Allgemeine gewährt so vielfachen so reichen Stoff dass mir das Umbilden
zur Einzelnheit zu angenehm und zu leicht scheint um es gern mit einer Kopie
täglicher Begegnungen zu vertauschen
1806
Draußen wütete der Krieg mit seinem grässlichen Gefolge Brand und Plünderung
in den Häusern in denen die beängsteten Einwohner der Stadt sich vor
körperlicher Mishandlung und dem Eindringen der feindlichen Krieger zu bergen
suchten herrschte die Beklommenheit eines noch ganz ungewissen Geschicks
Obgleich des Kaisers Befehl die Erlaubnis zur Plünderung seit gestern schon
zurückgenommen waren die entzügelten Soldaten nicht zu bändigen die Ordnung
noch nicht herzustellen möglich gewesen
Noch blieben Tor und Türen fest verrammelt alle Fenster und Läden
geschlossen auf dem Steinpflaster der öden nur von Soldatenhaufen durchzogenen
Gassen mischten sich die Spuren des vergossenen Bluts mit den langen weißen
Streifen des aus Übermut verstreuten Mehls und immer noch wirbelten die
schwarzen Dampfwolken aus dem großen Schuttaufen empor zu dem eine Reihe
Häuser geworden die der Feind zuerst beim Eindringen über die Kegelbrücke auf
Napoleons Befehl angezündet Wunderbar genug hatte die Flamme wie eine
Riesenfackel still und gerade fortgebrannt ohne weiter um sich zu greifen Ans
Löschen hatte Niemand denken können im entsetzlichen Drange des Augenblicks
auch mochte es anfangs verwehrt worden sein es wusste kaum Einer vom Andern in
der Jeden aus allen Winkeln einer Hydra gleich anstarrenden Angst
An einem Erkerfenster der Windischen Gasse standen furchtsam einander
umfassend zwei kleine Mädchen und sahen zu wie des Nachbars Hoftor mit
Flintenkolben eingeschlagen wurde da kam die Amme der jüngeren Geschwister und
riss die Kinder zurück dann ließ sie rasch das grüne Rouleau vor den Scheiben
nieder
Aber eben jetzt war drüben das Tor gefallen und aus dem Innern des
nachbarlichen Hauses erklang lautes Wehegeschrei Mit einem Satz war die kleine
Anna vom Stuhl am Fenster hinab und auf dem Boden und ehe noch die Amme
Leontinen die ihr zunächst gestanden aus den Armen zur Erde entlassen konnte
war jene ihrem Blick und Ruf entschwunden
Die Amme scheute vor Allem lauten Verdruss sie wandte sich sogleich zu den
andern Kleinen die ruhig in ihren Bettchen neben einander lagen und schlafen
sollten weil es Nachmittagszeit war zu Mittag war freilich noch gar nicht
gegessen worden
Der Vater Annas und der beiden Zwillingsschwesterchen war als
Bürgermeister noch auf dem Rathause wo er sich selber keinen Rat wusste denn
er konnte kein Französisch die Mutter stand draußen am Herd und sott
Kartoffeln Anna lief an ihr vorüber und durch den Gang der das Vorder und
Hinterhaus verband aber die Türe am Ende desselben fand sie verschlossen
Aengstlich klopfte das Kind mit den kleinen Fäusten rüttelte gewaltsam am
Schloss und schrie aus Leibeskräften Monsieur monsieur Kapitaine
St Luce hatte gehört ein Zufall ließ ihn gerade in der Nähe sein allein
nun hinderte auch ihn die abgesperrte Tür und er begann auf seiner Seite eben
so laut zu rufen Madame Madame öffnen Sie doch Geschwind
Jetzt brachte die vom Lärm geschreckte und aus der Küche hergeeilte Mutter
den Schlüssel St Luce trat ein aber eh noch ein Wort unter ihnen gewechselt
werden konnte hatte Anna die Hand des jungen Offiziers erfasst und riss ihn in
Tränen Schmeicheleien und Bitten zugleich ausbrechend heftig mit sich fort in
das Vorderzimmer ans Fenster Ein Blick genügte Mit einem Sacre dieu fuhr St
Luce die Treppe hinab auf die Straße stieg ebenfalls durch die zerlöcherte
Hoftür und trieb nach wenigen Minuten ein halbes Dutzend bärmütziger Kerls mit
flachen Säbelhieben desselben Wegs wieder hinaus und vor sich her Schurken
schrie er und der Kaiser der es verboten hat Unsinnige
Fluchend zerstreute sich das Gesindel St Luce ging wieder in des
Bürgermeisters Haus zurück verrammelte mit Hilfe der Mutter und der Amme die
Aussentüre und es ward Alles auf ein Weilchen still
Endlich ertönten drei leise Schläge an einem unteren Fensterladen und eine
wohlbekannte Stimme forderte Einlass Es war der Vater aber mit ihm ein
Offizier ein Regimentsarzt der Majorsrang hatte als Einquartierung Der
Bürgermeister hatte ihn sich selbst auf dem Bureau zugeteilt
Der erschöpfte Mann setzte sich noch innerlich bebend von all der Angst und
der Sorge in eine Ecke des Wohnzimmers ihm war zu Mute als habe er in seinem
eigenen Hause und Besitz kein Recht mehr Die Mutter führte schüchtern den
unwillkommenen Gast in die Putzstube sah aber noch im Schliessen der Türe wie
der Ermüdete sich auf das gute nur selten benutzte Sopha warf und kehrte
niedergeschlagen zu ihrem Gatten zurück Und wir haben nichts für ihn zu essen
im Hause nicht einmal Brot seufzte sie
Diable sagte Monsieur August der Bediente des Regimentsarztes ein
baumlanger Grenadier Er hatte die Klage erraten und halb verstanden Und mein
Herr will frühstücken fuhr er fort
Frühstücken um ein Uhr Nachmittags schluchzte die Amme die das eine
französische Wort unterschied
Gib was du hast dass nur Friede bleibt sagte der geängstete Hausherr Gib
doch nur um Gottes willen Du hast ja die eine Wurst und backe etwa einen
Eierkuchen nur mache mir den Major nicht verdrießlich Er ist unsere Sauvegarde
und schützt uns vor der Plünderung
Die Mutter eilte fort Und wir hatten seit gestern früh nur Kartoffeln
sprach Anna da kann er auch wohl zufrieden sein
Unterdessen hatte der Major den Grenadier gerufen und fluchend den Befehl
ein Frühstück zu schaffen wiederholt
Die Bürgermeisterin nahm nun die sechsjährige kleine Leontine die ruhig mit
ihrer Puppe spielte auf den Arm Willst du wohl dem Major sagen Leontinchen
dass wir nichts Besseres im Hause haben dass die Soldaten schon vorgestern Alles
weggenommen
Sie trug das Kind zum Major das Dienstmädchen folgte mit Eiern Wurst und
einer saueren Gurke dem Lieblingsessen der Thüringer Laut lachend blickte der
Major auf die Gruppe Was will uns denn die Närrin rief er aus
Die Mutter brachte zitternd ihre Worte auf Deutsch an der kleine
Dolmetscher auf ihrem Arme wiederholte sie in reinem Französisch
Schwere Bomben sagte der Major noch immer lachend du fingerlanger Schatz
sprichst Französisch
Weil ma bonne eine Französin ist erwiderte eifrig das Kind und ich rate
dir sehr dich nicht über dein Frühstück zu beklagen sonst bekommst du Schelte
Alle Wetter Und wo ist denn diese saubre Bonne
Nun bei der Mama
Und die Mama
Drüben im Hinterhause wo wir wohnen
Und nun sehe mir einer den Dummkopf von Bürgermeister der uns hier
einquartiert
Die Magd und die Hausfrau hatten indessen das spärliche Mahl auf den Tisch
gestellt Anna trat mit den Kartoffeln hinzu Ich spreche auch Französisch
sagte sie aber nur ein bisschen Der Offizier sah auf Ich bitte sehr um
Verzeihung fuhr Anna mit unbeschreiblicher Anmut fort indem sie die
Kartoffeln vor ihn hinstellte und mit der andern Hand eine kleine einladende
Bewegung machte
Kreuz Donnerwetter August sieh mir einmal nach was all dies Geträtsch
eigentlich soll
Und August machte Kehrt ward aber von Niemand zurechtgewiesen und brachte
also nach zwei Minuten einen zitternden Beutlergesellen der im Waschhause
hinter den Waschgefässen versteckt gelegen und mit ihm ein hübsches in Tränen
zerfliessendes Dienstmädchen die er auch unten gefunden
Ist das deine Mama lachte der Major Leontine an
Aber das war zu viel für Annas Herz Sag ihm doch Leontine bat sie dass
deine Mama eine fremde Dame ist und dass ihr im Hinterhause nach der Esplanade
zu wohnt und sag ihm dass dies nur eure Marie ist und dass meine Mutter dich
geholt hat weil du Französisch sprichst
Leontine tat ihr Bestes Ah Deine Mutter ist eine vornehme Dame und der
da fuhr der Major fort indem er auf den Beutler zeigte
Ei das ist ja unser Liebhaber erwiderte Leontine ganz ernstaft
Nun aber war es um des Herrn wie um des Dieners Fassung geschehen Beide
brachen in ein homerischunauslöschliches Gelächter aus Eine Flut von Witzen
und Zweideutigkeiten überschüttete den armen Beutlergesellen mit einer
Verlegenheit die ihm helle Schweissperlen ins Gesicht trieb und um so peinlicher
war da weder er noch die übrigen Anwesenden ein Wort von dem Allen verstanden
Nur die beiden Kinder belustigte die Szene und Anna lachte herzhaft mit
Unterdessen hatte der Major gegessen und eine mitgebrachte Flasche Wein
geleert der gute Humor prädominirte Rasch sprang er auf nahm Leontine auf den
Arm gab dem Beutlergesellen einen Tritt in den Rücken und trieb ihn vor sich
her zur Tür hinaus
Komm mein Liebchen wir wollen deine Mutter besuchen
In tödtlicher Angst folgte die Hausfrau mit Annen an der Hand Auch die
Annemarie wollte ihren Schatz nicht aus den Augen verlieren
Man hatte wie schon erwähnt der Ordnung halber den Gang gesperrt der oben
die beiden Wohnungen verband ungern wollte die Bürgermeisterin ihn anzeigen
dennoch konnte sie dem Fremden das Kind um so weniger allein überlassen als es
ihr anvertraut war Mit bittenden sanften Vorstellungen suchte sie den Offizier
der sie nicht im mindesten beachtete von seinem Vorhaben abzubringen umsonst
und so gelangte die ganze Karavane auf die Hausflur die zwar in Verbindung mit
dem Gange stand aber auch eine Treppe hatte die abgesondert von demselben in
den Hof führte
Hier wohnt Wilhelm sagte im Vorüberkommen Leontine Sogleich machte der
Major Anstalt in die verschlossene Stube zu dringen Der Liebhaber warf sich in
Todesangst dem Helden zu Füßen und flehte um Schonung
Imbécille brüllte der Franzose indem er ihm einen zweiten Fußtritt gab
Monsieur August hatte dem Flehenden längst einen großen Stubenschlüssel aus
der Tasche gezogen mit dem er ganz gelassen das Zimmer öffnete Außer dem Bett
und Handwerkszeuge des armen Burschen war nichts in der Kammer zu sehen und
nun wurde der in seinen Erwartungen getäuschte Major alles Ernstes böse weil er
sich genarrt glaubte dass der arme Beutler sein Bischen Geld unter den Wurzeln
eines abgeblühten Nelkenstockes verborgen der im Winkel stand fiel ihm eben so
wenig ein wie Allen die vor ihm da gewesen
Unter vielen von allen Seiten unverstandenen Reden rückte indessen der
kleine Haufe der jetzt mutig voraneilenden Leontine nach durch Hof und
Schuppen eine andere Treppe hinan und plötzlich standen Alle in dem von Frau
von Waldau bewohnten Hinterhause in einer Küche und vor einer appetitlichen
dicken Französin von etwa sechs und dreißig Jahren die mit Hilfe einer Magd
Tassen und Gläser aufwusch
Oho sagte Madame Sophie da bekomme ich ja viele Zuschauer beim
Gläserspülen
Ist das deine Mutter fragte der Major
Das ist ma bonne Sophie jubelte Leontine ihr in die Arme laufend
Mein Herr Madame nimmt jetzt keinen Besuch an sagte ganz trocken Madame
Sophie
Das wollen wir einmal sehen donnerte der Major
Sophie erschrak doch ein wenig sie versicherte sie wolle nachfragen ob
Madame zu sprechen sei da öffnete sich eine gegenüberstehende Türe
Frau von Waldau rief die Bürgermeisterin Ach es ist nicht meine Schuld
gnädige Frau
Frau von Waldau trat den Eindringenden ruhig entgegen Es war eine
stattliche gelassene Erscheinung nicht schön nicht hässlich mit der sichern
und vornehmen Würde der Haltung die man bei unserer weiblichen Aristokratie oft
findet und die meistens sogar der Zügellosigkeit imponirt Rasch hatte sie sich
mit der Bürgermeisterin verständigt und ehe noch der Major das Zudringliche
seines Eintritts irgend bevorworten konnte war diesem St Luce aus einer
offenen Nebentüre entgegengekommen hatte seine Hand ergriffen und ihn in aller
Form der Frau Baronin von Waldau vorgestellt
Die Szene auf dem Verbindungsgange die Gewalt mit welcher er sein
Erscheinen hier erzwungen Alles wurde durch das besonnene Betragen jener Beiden
so gänzlich ausgelöscht dass der Major selbst kaum sich dessen zu erinnern
vermochte Frau von Waldau versicherte sehr höflich er sei ihr willkommen und
da in der jetzt Alles umwogenden Unruhe ein friedliches Asyl mehr denn je als
Bedürfnis erscheine so habe sie gesucht ein solches in ihren Zimmern sich zu
bewahren wobei ihr die Galanterie und Ritterlichkeit seiner Landsleute zu Hilfe
gekommen Wenn es erst gelungen sein würde die tobenden Massen noch in etwas
mehr zu beschwichtigen hoffe sie ihn bei längerem Verweilen auch bei sich in
ihren kleinen Abendcirkeln zu sehen für den Augenblick sei freilich noch Alles
zu aufgeregt
Der Major stotterte einige unbehülfliche Phrasen und begann Leontinens
Liebenswürdigkeit zu preisen was ihn glücklich in Zug und zu Erwähnung des
Liebhabers brachte der eigentlich sein Kommen veranlasst haben sollte
Die gnädige Frau lächelte erklärte in zwei Worten wie die Liebschaft des
geängsteten Beutlergesellen zu einer ihrer Mägde diesem den Spitznamen
verschafft habe und ehe noch der Major es selbst wusste hatten er und St Luce
sich beurlaubt und dieser ihn in sein Quartier zurückbegleitet
Und nun lieber Major bitte ich Sie der Baronin die unter den ganz
besonderen Schutz des Prinzen Murat gestellt ist im Notfall jeden Beistand
angedeihen zu lassen wenn ich selbst meinem Regiment folgen muss sagte St
Luce sich anmutig verbeugend es scheint dass diese Dame in großem Ansehen
steht
Dass er selbst mit unsäglicher Mühe und Aufopferung Frau von Waldau den
erwähnten Schutz und eine Sauvegarde verschafft davon sagte er kein Wort
Der Major biss sich in die Lippen und murmelte bloß Ich werde dirs
gedenken mein Bester
Die nächsten Tage führten eine Art Stille herbei die wie ein trübes
Wasser ihre Tücke barg Die Plünderer schienen zur Disziplin zurückgekehrt auf
den Straßen war Alles ruhig nur geordnete Regimenter durchzogen sie und
glänzende Offiziere des nun angelangten Generalstabes sah man auf und
niederreiten In den Häusern aber blieb die rohe Gewalt noch eben so entfesselt
als sie früher es gewesen einzelne Mishandlungen fanden immer noch statt nur
war der Unfug minder merkbar In diesen einzelnen Fällen aber zeigten sich
Kenntnis der Sprache und billiges Gewähren gleich unwirksam da die jetzigen
Forderungen nicht durch das Bedürfnis des Augenblicks sondern nur durch
Frechheit und Übermut erzeugt sein konnten
Leontine war nicht wieder zu Bürgermeister Müllers hinübergekommen Frau von
Waldau ängsteten die rüden Späße und Liebkosungen des Majors und Madame Sophie
die sich selbst mit vollem Recht Servantemaitresse im Hause titulirte hatte
schon gestern ihre Meinung gesagt folglich blieb Leontine zu Hause und Müllers
mussten ohne Dolmetscher sich behelfen
Anna war den ganzen Tag betrübt gewesen am Morgen war St Luce auf seinem
schönen Schimmel fortgeritten mit seinem Regiment Nun fiel ihr mit einem Male
ein dass er ein Franzose sei und also nach ihres Vaters Ausspruch zu den bösen
Leuten gehöre die das ganze Land unglücklich machten Es war ihr unbegreiflich
dass er so gut und schön irgend Jemand unglücklich machen sollte und sie wäre
gern zu Waldaus hinübergegangen um Leontinen zu fragen die Mutter hatte ihr
aber die Kleinen zu hüten gegeben weil die Amme Kinderzeug wusch Der Vater war
wieder auf dem Einquartierungsbureau Anna erzählte den Geschwistern als sie
nebenan den Major sehr lustig lachen und singen hörte Leise schlich sie hinzu
die Tür war bloß angelehnt noch leiser schob die kleine Hand sie zurück
Aber Monsieur Major was machst du denn mit der Mutter Shawl und die
Kette und die weißen Spitzen Mutter Mutter brach das arme Kind in lautes
Weinen aus
Die Mutter kam und blieb versteinert an der Schwelle stehen Der Major ließ
sich nichts anfechten Das wird meiner kleinen Freundin Spaß machen sagte er
und die Herrlichkeiten verschwanden in seinen Mantelsack
Die arme Bürgermeisterin nahm ihr schluchzendes Kind in die Arme und
beschwichtigte es mit Küssen sie konnte nicht reden kaum ein Seufzer entglitt
den zitternden Lippen es war ihr zu Mut als sei sie nirgend mehr sicher in
der Welt Anna aber riss sich los Böser Major rief sie französisch aus das
gehört meiner Mutter und streckte die Hand nach den verlorenen Schätzen aus
Ah kleiner Naseweis Was gehts dich an schrie ihr der Major entgegen
Dich soll ja Eh noch die zagende Mutter das Kind an sich zu reißen
vermochte hatte es Monsieur August auf den Arm genommen und tänzelte mit ihm
zur Türe hinaus
Nun nun mein Herzchen stille ich gebe dir etwas anderes Da sagte er
indem er sie niedersetzte und von einer Schnur die er um den Hals trug eine
goldne Berlocke löste die er ihr gab Bah nimm sie nur Sie ist mit vollem
Rechte mein Der sie getragen liegt auf dem Felde der Ehren Nimm nimm und
zur Mutter gewendet fuhr er plötzlich ganz leise fort Ah nix sag Madame
Monsieur le Major bös bös dazu machte er eine erklärende sprudelnd heftige
Bewegung und war fort ehe noch die Rätin vom Schreck sich erholte
Mutter und Kind weinten Anna hielt die Berlocke ans Licht Mutter Mutter
ob er die auch andern Leuten genommen hat und die Kleine wollte hinaus sie ihm
wiederzugeben aber Monsieur August war nirgends zu finden
Als am Abend der Vater heim kam und die Mutter ihm den Unfall klagte war
auch der Major über alle Berge
Anna hatte die Berlocke behalten es war ein zierliches Postörnchen von
Gold eine der damaligen Modespielereien die man häufig an der Uhr trug sie
hatte fest beschlossen sie Monsieur August zurückzugeben wenn er wiederkäme
und sie deshalb an einem Bändchen um den Hals gehängt Das Kind konnte sich gar
nicht denken dass man auf immer fortgehen immer fortbleiben könne sie hatte
nie an Reisen oder Abschied gedacht
Leontine war viel weniger entwickelt als ihre kleine Freundin die äußern
Erlebnisse zogen noch wie Guckkastenbilder an ihrer Seele vorüber Sie erzählte
dass jetzt alle Abende eine Menge Offiziere zur Mama Tee zu trinken kämen und
dass Madame Sophie ihn im Gesellschaftszimmer bereiten müsse Und die alte
Fräulein Wallstädt von oben kommt auch schloss sie
Aber wo ist denn dein Vater fragte Anna
Der sitzt noch im Dachstübchen er kommt nicht und Mama hat mir streng
verboten von ihm zu reden
Und Duguet
O Duguet soll sich gar nicht sehen lassen versicherte die Kleine Sophie
hat gesagt die Franzosen würden ihr ihn gleich wegnehmen wenn sie ihn fänden
weil er auch ein Franzose sei
Kurios sagte Anna daran habe ich noch nie gedacht
So fuhr Leontine altklug fort sie sagt er müsste dann Soldat beim Kaiser
werden und dann hätte sie keinen Mann mehr
Lieber Waldau ich bins sagte flüsternd eine weiche Stimme und ein leiser
Finger klopfte an die Tür des Dachstübchens
Wie lange liebes Kind willst du mich eigentlich hier gefangen halten
sagte Waldau der Eintretenden herzlich die Hand bietend Mich dünken die
Gefahren dort unten für dich weit größer als die mich bedrohenden
Nicht im mindesten erwiderte sie lachend es sei denn dass du für mein Herz
fürchtest denn allerdings muss ich inmitten all der Angst und Unruhe die
liebenswürdige Wirtin machen und alle Abend fünf bis sechs Offiziere bei mir
sehen die mir unsre Einquartierung zuschleppt und sehr schöne Leute obendrein
O Josephine seufzte Waldau die Hand über die Augen legend welch eine
furchtbare Zeit Dich unter den Feinden den rohen Scherzen den Bravaden dieser
Schergen unsers Vaterlandes ausgesetzt und mich hier im Dachkämmerchen
versteckt wie einen Feigling wie einen Hospitalkranken Aussätzigen oder
Narren
Und bist du etwa nicht krank Waldau
O ja an meinen sechsundsechzig Jahren und den tausend Erfahrungen die sie
mir aufgewälzt Aber hast du denn nun ordentlich warm zu Mittag gegessen
Kind
Und ein wenig närrisch bist du auch lieber Freund fuhr sie die Frage
überhörend fort Deine Koblenzer Torheit die jugendliche Excentricität die
dich antrieb dich als Beschützer der Emigranten auszusprechen hat wie die
meisten Kinderkrankheiten späte und böse Folgen hinterlassen
Josephine ich war damals ein Mann Als ich nach Paris kam doch
unterbrach er sich selbst lassen wir das
Wenn die gute alte Wallstädt die ich als einzige Dame meines Bereichs
nicht missen kann mich nur nicht den ganzen Tag von dem unterhalten möchte was
die Soldaten bei ihr geplündert haben Die Langeweile ist auch keine kleine
Qual sagte ablenkend Josephine
Ist ihr denn so viel weggekommen fragte Waldau
Keine Stecknadel In unserm Hause ist gar nicht geplündert worden und nur
teilweise drüben bei Bürgermeisters wo unter andern der saubre Major den mir
St Luce noch zu guterletzt präsentirte eine Kommode ausgeräumt hat Glaube
mir Sophiens Kochen und Backen während der Schlacht die Vorräte die wir
aufgekauft hatten und der überraschende Empfang der den Plünderern ward haben
Wunder getan Nach einem Tage voll Blut und Kampf einen für sie gedeckten Tisch
finden das ist eine Verlockung der es wahrhaftig schwer ist bösen Willen
entgegenzusetzen Diese Frau ist unser guter Engel
Aber du du hattest bis gestern nur Kartoffeln
Bewahre lieber Freund ich hatte auch eine Tafel Chokolade zum Nachtisch
Und heute fuhr er fort in zärtlicher Bewunderung ihres heitern Mutes
ihre Hände an sein Herz drückend und heute
Nun heute musst du Sophien fragen du weißt dass ich mich nicht um die
Details der Wirtschaft bekümmern darf
Ich habe aber gestern von Duguet gehört dass sogar für unsre Herzogin
Übertreibung Die Menge denen die edle Frau den Schutz ihrer fürstlichen
Nähe gewährte hatte vielleicht die Vorräte aufgezehrt die Franzosen hatten
die Bäckerläden geplündert und zerstört die vorrätigen Mehlsäcke auf den
Gassen ausgeleert wo sollten die Leute sogleich das Brot hernehmen oder den
Mut es zu backen Bei uns hat man am ersten Tage für sie nach einer Flasche
alten Wein gefragt schade dass ihn die Kerls schon allen ausgesoffen
Josephine den ganzen Keller
Oui mon ami Bis auf ein Fässchen Malvasier und weißen Burgunder den Sophie
irgendwo in ihrer Tasche glaube ich versteckt hat
Fünf hundert Flaschen
Haben uns gerettet Waldau Das sind Nebendinge Als ich dich glücklich
überredet hatte in dies Dachstübchen zu ziehen da war alles gut Nur einen
Augenblick als die Kanonenkugeln wie Scheeren die Bäume unter unsern Fenstern
beschnitten und die Zweige gegen die Scheiben anschlugen war mir bange
Armes Kind sagte Waldau bewegt hätte ich dich nicht in mein Leben
gerissen
So würde ich auf andre Weise gelitten haben Lieber Freund wer darf in
unsrer Zeit auf ruhige Tage hoffen Dass du durch frühere Begünstigung der
Emigrationen durch deine Freundschaft mit Turgot und Chateaubriand die Augen
auf dich gezogen ist halb vergessen das Schlimmste glaube mir sind deine
Artikel im Tartarus Indessen geht Mancher dem das Herz ängstlich schlug jetzt
sorgenlos umher und spielt den Vermittler zwischen den Feinden und den der
Sprache nicht mächtigen Stadtbehörden Warum sollten wir mehr zu fürchten haben
als sie
Weil ich nicht so handeln werde
Tut nichts dafür hast du eine gar gescheite Frau Habe nur noch ein klein
wenig Geduld ich habe dir bei allen Bekannten ein wunderschönes Podagra
angelogen
Und die Offiziere
Halten mich für eine reiche Witwe Sophie benimmt sich vortrefflich sie ist
abwechselnd die Hausfrau wenn Gemeine kommen und Duguet gerufen wird oder
meine Gesellschafterin meine Haushälterin ich glaube sogar meine Duegna Sie
singt mit ihren Landsleuten Nationallieder in lüttichschem Dialekt die Gott
verstehen mag
Es klopfte wieder leise und Madame Sophie erschien mit der Hälfte eines
gekochten Huhns hinter ihr die beiden Kinder
Eh Sophie wo hast du das her riefen wie aus einem Munde beide Gatten
Dame erwiderte Sophie mit großer Gewandtheit den Tisch mit Silber deckend
man ist nicht umsonst eine Lütticherin Man hat seinen Landsmann
Siehst du sagte lachend Frau von Waldau so macht sie es den ganzen Tag
Die gute Seele ist eine wahre Perle in dieser Zeit
Ich glaube sie fühlt sich im gewohnten Element sie die Revolution
erzeugte
Die Kinder unterbrechen das Gespräch Mitten in Kriegesnot und allgemeiner
Sorge breiteten Bildung und Anmut eine Art Friedensasyl um die Leidenden Aber
auch das angenehme angewöhnte Gefühl der Wohlhabenheit hatte Teil an der
Gestalt des Augenblicks
Daheim traf die von Waldaus rückkehrende Anna die Mutter oft in Tränen
Seit dem Eindringen der feindlichen Truppen wollte das Wirtschaftgeld nirgend
mehr zureichen Manches war in den ersten Tagen der Drangsale vernachlässigt
weggekommen durch die Plünderer fortgeschleppt nun zeigten sich von allen
Seiten Bedürfnisse es musste Vieles neu angeschafft werden alle Ausgaben hatten
sich vergrößert und das Einkommen sich nirgend gemehrt
Der Bürgermeister war ein ängstlicher Mann rechtlich in hohem Grade
dagegen um den Pfennig handelnd und sorgend Die Mutter war dadurch gewohnt das
Geld zu manchem kleinen Putz oder Kleidungsstück von ihrem Wirtschaftsümmchen
abzusparen jetzt musste es einzeln dem Vater für alles Fehlende abgefordert
werden es ward ihr ungern oft mit Vorwürfen gegeben Anna war erst acht Jahre
alt aber sie fühlte mit der Mutter und wenn sie eben drüben gewesen war bei
Waldaus fühlte sie es noch tiefer Wenn ich groß bin will ich reich sein
sagte sie
Aber es hatte nicht den Anschein als ob Anna das Talent des Reichseins oder
Reichbleibens vom Himmel erhalten kaum bekam sie irgend ein Stück Kuchen ein
Spielzeug was es auch sein mochte so trug sie es hinüber zu Leontinen Nie
fiel ihr ein dass sie irgend etwas besitzen könne das nicht eigentlich jener
angehörte und mit stillem Entzücken weidete sie sich an der Freude die sie der
kleinen Freundin bereitete
Man sagt den glücklichen Stunden nach dass sie Flügel haben mir scheinen die
unglücklichen in noch rascherem Flug zu entschwinden nur ist eben ihr
Vorüberziehen ein unmerklicheres es gleicht dem lautlosen Schweben des
Nachtvogels oder der Fledermaus deren Bewegung man nicht hört Jahre des
Elends die im Entstehen unerträglich schienen liegen plötzlich in langer Reihe
hinter uns Hast du das wirklich ertragen fragt rückschauend das vor der
eignen Leidensfähigkeit zusammenschreckende Herz all das Entsetzliche erduldet
all die Schmach überdauert Und vor Allem fragt so der Deutsche der vor und
nach dem Handeln so viel ach oft so nutzlos spricht aber im Augenblick des
Leidens stille hält und Unermessliches sich aufbürden lässt eben weil er die
Kraft des Ertragens und Hebens an sich kennt und so erging es in jener
kummervollen Zeit dem Einzelnen wie den Nationen Es reihten Tage sich an Tage
sie wurden Monde wurden Jahre der Erniedrigung bis wir das Joch das uns zu
erdrücken schien zu dem Ziele hinzutragen gelernt das uns mit dem Bewusstsein
unzerstörbarer Stärke den Vollgewinn der Freiheit wiedergeben sollte
Nach und nach hatte man die Offiziere mit der Anwesenheit eines kranken
Gemahls der Frau vom Hause bekannt werden lassen als endlich Waldau unter sie
trat waren sie längst an ihn gewöhnt hatten von ihren Vorgängern ihn erwähnen
hören Niemand spürte bei seinem Erscheinen seiner Vergangenheit nach der
Feuerbrände des Tartarus ward in jener kaleidoskopartig die Gegenwart stets
umgestaltenden Zeit kaum mehr gedacht Man erzählte dass der Kaiser bei Waldaus
Namennennung gefragt Estil auteur aber die ihn zunächst Umgebenden gehörten
insgesamt zu den immer brillanter werdenden Abendzirkeln des Waldauschen
Hauses ihnen war der Herr desselben so unschuldig unbedeutend erschienen dass
die Antwort verneinend oder ausbeugend den Fall unerörtert ließ
Und wer hätte denn auch in diesem schweigsamen fast teilnahmlosen Mann den
kaum vor wenig Jahren erst einer glänzenden Laufbahn entrückten Staatsmann und
Politiker zu erkennen vermocht
Waldau zeigte sich mit einem Male gänzlich umgewandelt denn er war
zurückgetreten in lautlose Stille und ließ das unselige Geschick seines
Vaterlandes an sich vorüberziehen wie einen verheerenden Lavastrom ohne irgend
ein äußeres Zeichen des Schmerzes Er hatte sogar Stunden in denen das ihm
eigne große Kombinationsvermögen ihn schon damals zu der festen Überzeugung
trieb dass nur ein allgemeines grenzenloses Elend sein Volk allmälig wieder zu
einem siegverheissenden Widerstande kräftigen werde Waldau war ein gelehrter
tiefer Denker der Glanz der damals Preußens Jugend besonders aber das
Militär bis zum Übermut gesteigert hatte musste seinen strengen Blick
ungeblendet lassen Jahre lang hatte er die bunten Erscheinungen seiner Zeit
wie eine rückwärts spiegelnde Fata Morgana betrachtet die das Untere zu oberst
kehrt Noch vor kurzem hatte er es versucht seine Stimme warnend zu erheben
jetzt war er verstummt in dem ihm aller Wahrscheinlichkeit nach eng
zugemessenen Kreis der Tage konnte er nun nichts Großes zu erleben erwarten
Josephine hatte ihren Gatten sehr lieb sie hatte den viel älteren Mann aus
Enthusiasmus geheiratet Wenn man jetzt die anmutig gelassene Erscheinung in
der Färbung sah die ihr mannichfaches Erfahren Zeitenwechsel und ganz
aristokratische Gewöhnungen gegeben konnte man sich gerade in ihr keine solche
Aufregung möglich denken Auch war sie deren nur noch im tiefsten Herzen fähig
und diese sehr seltenen inneren Erschütterungen der Seele nahmen immer eine so
bestimmte äußere Form des Handelns an dass man kaum umhin konnte sie für
Früchte einer großen Besonnenheit zu halten Und eine solche Frucht der ihr
ganzes Wesen durchzitternden Angst um Waldau war die Art und Weise mit der die
noch an der Jugendgrenze stehende Frau es möglich machte sich dem allgemein
lastenden Druck zu entziehen und um sich und ihren Gatten eine Gesellschaftsoase
zu bilden die ihm äußere Sicherheit und das geistige Lebenselement bot von dem
die Erhaltung körper und gemütskranker Menschen weit öfterer abhängt als wir
es uns eingestehen mögen
Umsonst umgibt uns der weite Wesenkreis der auf unsere Geistesfragen ringsum
antwortenden Natur mit analogen äußern die inneren Erscheinungen unsers Lebens
rückspiegelnden Erfahrungen wir beachten sie nicht Die Lösung so mancher
quälenden Verworrenheit liegt in Riesenhieroglyphenschrift um uns her gebreitet
aber wir wenden unser Auge ab
Der Kappflanze geben wir mit stets erneuter Fürsorge die ihr zusagende Erde
wir stellen sogar die Gewächse zu einander deren Odem eine verwandte Atmosphäre
um sie her bildet ängstlich entfernen wir die fremdartigen denen vielleicht
gerade diese Ausströmung gefährlich werden könnte nur den Menschen die
edelste Blüte der Schöpfung stoßen wir kalt in eine ihn erdrückende seinen
besten Eigenschaften fremde Umgebung Wir knicken die zarten Keime seines
angeborenen Empfindens und dann fodern wir eine Entwickelung von ihm die kaum
das günstigste Verhältnis zu sichern vermocht hätte
Zum Glück gibt es Frauen die allenthalben instinctmässig das Amt der
Pflegerinnen übernehmen Wie man zuweilen Kinder eine Blume an die Lippen
drücken und gleich darauf ein runzliches altes Muhmengesicht mit gleicher
Inbrunst herzen sieht als leuchte dem frischen jungen Blick das Göttliche durch
jede Hülle zu eben so unbewusst verleihen jene edelen weiblichen Naturen der
schwankenden Ranke den Stab dem wankenden Schritt den Arm dem zagenden wie dem
erstarrenden Herzen die Umgebung deren es zum Genesen bedarf
Und eine solche geborene Soeur grise alles Lebens war Josephine
Waldau hätte ohne sie das Dasein nicht zu ertragen vermocht Sie wusste ihn
von einem Tage zum andern hinzuhalten und durch stete Teilnahme und stets
erneutes Interesse zu hindern dass ihn diese Mitteltemperatur der Existenz die
so plötzliche Untätigkeit nicht vernichte
Was damals Weimar an ungewöhnlich begabten Männern und anmutigen Frauen in
sich schloss das verstand Josephine um sich und Waldau herzuziehen das Störende
suchte sie mehr und mehr zu entfernen und ihr Haus ward bald mitten im Drang
der drückenden Zeitumstände zum Sammelplatz aller wissenschaftlich Gebildeten
und Künstler
Fast möchte es unserer objectiven Zeit unmöglich scheinen die jenen
gewaltsamen Kriegsmomenten vorangegangnen stillen Jahre sich zu
vergegenwärtigen Fabelhaft klingt es wenn die ergrauten Denker und Gelehrten
jener Tage uns von der Abgeschlossenheit ihres damaligen geistigen Schaffens
erzählen unglaublich die Versicherung dass in Jena selbst am Vorabende der
entscheidenden Schlacht jeder von ihnen nur mit seinem wissenschaftlichen
Zwecke beschäftigt den Riesenschritt des Geschicks erst am Kanonendonner
erkannte
Und doch war dem so und doch wurde eben durch diese Begrenzung so
Vollständiges geleistet und sogar die Schöpfung einer Volksbildung durch eine
bloße Teaterbühne möglich
Von dieser jetzt untergegangenen Subjectivität die so ganz verschieden von
der unsern nur in ihrer eignen Tätigkeit sich spiegelte gab es in Josephinens
Umgebung gar manche Beispiele Was kümmerte diese die Politik Freudig kehrten
alle die von Außen ungern gestörten Naturen in das durch sie ihnen gebotene
Lebenselement zurück Ihre geselligen Kreise wurden bald land ja weltberühmt
im Grunde dachte sie nur daran ihren Gatten zu erheitern unbewusst aber fühlte
sie selbst sich hingerissen gefiel gern lernte gern im lebendigen
Geistesverkehr und ward bald zum Mittelpunkt desselben denn sie verstand mit
unnachahmlicher Grazie zuzuhören
Auch Anna war jetzt viel bei Waldaus Die kleine Leontine hatte eine Menge
Lehrer es fehlte ihr aber noch an Stätigkeit Annas Eltern schickten diese in
eine öffentliche Mädchenschule in der sie nichts lernen konnte weil nichts in
derselben gründlich gelehrt ward Die Eltern kümmerte das wenig schrieb doch
die Mutter selbst nicht ortographisch Auch waren die Brüder die früher bei
einem Verwandten einem Landpfarrer in Pension gewesen nun heimgekehrt Der
Bürgermeister fand dass deren Erziehung ihm täglich mehr kostete und wandte um
so weniger an Annas Unterricht
Die Buben aber waren wild und ungezogen war der Vater im Rat konnte die
Mutter nicht mit ihnen fertig werden und die Amme die zur Wartung der Kleinen
im Hause geblieben machte ihr viel böse Stunden durch tägliches Anklagen
derselben
All diesen Übelständen gründlich abzuhelfen nahm endlich der Bürgermeister
einen Gymnasiasten ins Haus der den Knaben das nötige Latein einbläuen
sollte Anna meinte er könne beim Repetiren der Weltgeschichte und Geographie
gegenwärtig sein und die Krümchen der brüderlichen Gelehrsamkeit auflesen
Es versteht sich dass der achtzehnjährige Primaner die Buben ebenso wenig in
Ordnung zu halten im Stande war als die Bürgermeisterin höchstens vergaß er bei
ihnen sein eigenes Latein
Der armen Anna ging es durch Mark und Bein wenn Herr Schmied in seiner
Verzweiflung die Jungen beim Papa verklagte und dieser sie mit väterlicher Hand
fürchterlich durchprügelte noch mehr widerte es sie an wenn der Schüler mit so
einer Execution den Knaben drohte und andere Male Versteckens oder Blindekuh mit
ihnen spielte zuweilen sogar zu seltsamen Bestellungen sie benutzte Anna
fühlte ein dunkles Unrecht einen Schmerz in dem Allen und nahm mit doppelter
Freude die Erlaubnis an Leontinens Unterricht mit dieser zu teilen
Aber wenn es nun nach langer Woche endlich Sonntag war und die Magd die
Stube mit feinem Sand bestreut hatte wenn die mit rotem Kattun bezogenen
eichenen Meubles im Sonnenschein glänzten Mutter und Kinder geputzt zur Kirche
gingen o dann war Anna weit lieber zu Hause denn drüben merkte man ja den
Sonntag gar nicht
Sie freute sich an Allem am Sonntagsbraten am Tröpfchen Wein das die
Geschwister bekamen an den frisch gefüllten Blumenvasen und vor Allem an der
Mutter denn an diesem Tage zog die Bürgermeisterin einen weißen garnirten Rock
an und ein Negligéejäckchen mit rosa Bandschleifen und dann kam ihr alter
Verehrer und Hausfreund der Präsident Ballheim und machte ihr eine
Morgenvisite
Und das Alles war so feierlich und schlug wie eine Wünschelrute aus Annas
poetischer Seele tausend Quellen des Glücks hervor
Wer in jenen Tagen Thüringen und Weimar gekannt hat muss sich erinnern dass
die jetzt so oft an einzeln uns erhaltenen Beispielen bewunderte Einfachheit der
häuslichen Einrichtungen damals ganz allgemein war und der Luxus unser Ländchen
weit später berührt hat Dennoch waren die Stände durch Umgang und äußere
Lebensbedingungen geschieden das Waldausche Haus hielt die Mitte zwischen
Hof Bürger und Künstlerwelt
Waldaus waren Fremde sie hatten grossstädtische Sitten in ihrem Hause
geschahen eine Menge Dinge die »Bürgermeisters« für unpassend erklärt haben
würden wären sie je in diese Zirkel gekommen das aber fiel beiden Familien
auch nicht im Traume ein
Josephine hatte eine Ahnung von Annas Charakter allein die tausend
Nadelstiche des so früh gestörten Lebens konnte sie nicht gewahren weil sie
deren Häuslichkeit nicht kannte
Wenn die Bürgermeisterin ohne Vorwissen ihres Mannes Kartoffeln oder Äpfel
aus dem Garten verkaufte und sich von deren Erlös ein Tuch eine Haube
anschafte ahnte Niemand dass Anna der Vergleich der Art und Weise wie Waldau
und seine Gattin lebten so schmerzlich ins Herz schnitt und doch wenn ein
ander Mal das Kind von seinem Bettchen aus die Mutter in tiefer Nacht bei einem
einzigen Licht an der Christbescheerung für die Kleinen heimlich arbeiten sah
wenn es die tausend Ersparungen und Berechnungen bemerkte durch welche die
teure Frau den Geschwistern ein Spielzeug mehr auf den Weihnachtstisch legen
konnte dann fühlte es sich wieder tausendmal glücklicher als Leontine deren
Wünsche so leicht und nebenher erfüllt werden konnten Annen ward dann Alles
lieber instinctmässig empfand sie einen Vorzug ihres Geschicks und es ward ihr
ernst und still beim Fest zu Mute Das schwarze Kleid der Mutter das
Kuchenbacken ja sogar das vorangehende Fasten rührte sie durch einen
geheimnisvollen beglückenden Zauber aber Anna verstand sich selbst eben so
wenig als Frau von Waldau sie begriff
Drüben zerfiel indessen das äußere Leben auch in zwei Hälften Madame Sophie
hatte eine eigentümliche Atmosphäre die eben so sehr von der ihrer Herrschaft
als von dem türingischbürgerlichen Leben abwich Man spricht so viel über das
Festalten der Engländer an ihren Sitten und Gebräuchen auf dem Kontinent sie
machen etwas mehr Umstände dabei als die Franzosen die am Ende dasselbe tun
Denn es bleibt höchst bemerkenswert dass selbst die Revolution mit ihren Folgen
die eigentliche Familiensitte des Petit bourgeois nicht anzugreifen vermocht
hat
Madame Sophie wurde noch mit altväterischer Galanterie von ihrem Manne
behandelt der trotz seiner zahlreichen Infidélités sie entschieden als
Hauptperson anerkannte und von seinen Landsleuten sich le mari de la femme de
regret nennen ließ liebte ihn doch diese Frau aus Herzensgrunde und verdeckte
unermüdlich alle seine Schwächen
In der höheren Gesellschaft war der Mut mit welchem sie ihre Herrschaft vor
der Plünderung bewahrt zu allgemein bekannt als dass man sie einer gewöhnlichen
Dienerin hätte gleichstellen mögen
Auch war sie eine durchaus angenehme Erscheinung voller Witz und Verstand
ungezwungen und dennoch bescheiden In ihrer rein bewahrten Nationalität lag ein
so eigentümlicher Reiz dass beinahe keiner der berühmten Gäste des Waldauschen
Hauses an Madame Sophiens Türe vorüberging ohne auf ein Viertelstündchen bei
ihr einzusprechen Bei diesen Gelegenheiten entfaltete sie eine Menge durch
Erfahrung erworbener Kenntnisse und belustigte oft ihre Zuhörer durch die
wunderlichsten Aufklärungen über Zeitumstände die ihnen in ganz anderem Lichte
erschienen waren
Die Kinder waren viel um sie und hörten solchen Gesprächen gern zu noch
lieber aber ließ sie von ma bonnes eigener Vergangenheit sich erzählen War
die Gesellschaft oben beisammen und Duguet beschäftigt nahm Sophie die beiden
kleinen Mädchen auf den Schoos und erzählte ihnen von Ludwig des Sechszehnten
Tode von der Emigration und wie sie damals als Kammerfrau im Dienst der schönen
Gräfin DAlvigni gestanden Und Bild auf Bild drängte sich hervor aus dem tiefen
Schacht ihrer Erinnerung
Dann sprach sie weiter von den Klubs den Jakobinern und der Zeit der
Terreur deren Greueln sie mit der gräflichen Familie entflohen sie beschrieb
den Kleinen den Stromübergang der Verbündeten über den Rhein bei Mühlheim und
die herzzerreissende Trennung des Grafen von seiner Gemahlin die erst nach
Jahren erfuhr dass auch ihn bald nachher das Beil der Guillotine getroffen
Dazwischen aber webte ihr heiteres Naturell humoristische Skizzen des
Emigrantenlebens Grafen und Marquis traten als Schneider und Schuster auf um
wiederum an Galatagen bei ihren Zusammenkünften mit den alten Abzeichen ihres
Ranges zu glänzen
Die bunte Mischung all dieser Bilder führte die Kinder in eine Realität des
Lebens ein die ihnen kein Geschichtslehrer geboten haben würde
Nun malte Sophie die sich steigernde Not aus die Szenen wechselten immer
geschwinder schon hatte die Gräfin alles verkauft was sie von Wert gerettet
ma bonne ward Wäscherin und ernährte sie und ihre beiden Kinder
Anna ward sehr ernstaft sah sie freundlich an und fiel ihr endlich
schweigend um den Hals
Aber das Elend wuchs Sophiens Erwerb reichte nur spärlich Duguet war
seinem Herrn gefolgt mit ihm verkleidet über die französische Grenze
zurückgegangen Nun ward es Winter Mit fürchterlicher Gewalt schwemmte der
Eisgang seine Krystallblöcke daher als Sophie zum zweiten Male mit ihrer
Gebieterin Mühlheim berührte In wilder Eile setzten eben Truppen über den
teilweise freiwerdenden Strom Das Gedränge war unbeschreiblich beängstigend
durch lange Gassen verschlossener Häuser irrten Sophie und die gräfliche Familie
auf und nieder ohne ein Unterkommen zu finden den Kindern bluteten die zarten
Füße und versagten den Dienst Mühsam schleppte Sophie sie weiter endlich ward
eine schlechte Schlafstätte mit vielem Gelde erkauft Mutter und Kinder ruhten
Sophie wagte noch einmal sich hervor Nachrichten einzuziehen und Lebensmittel
einzukaufen auf diesem Wege aber ward ihr sehr unwohl Die Unglückliche blieb
in einem fremden Hause auf den Marmorquadern eines Vorplatzes liegen als es
ihre Kräfte gestatteten kroch sie mühsam auf Händen und Füßen unter einen
dunkeln Treppenvorsprung Niemand beachtete niemand gewahrte sie und dort
gebar die Arme einen Sohn
Wenn Sophie bis dahin erzählt hatte brach sie in unaufhaltsames Weinen aus
und schickte die kleinen Mädchen zu Bette
Aber die Kinder konnten nicht schlafen Leontine sah wie Sophie eine seidene
Schnur hervorzog die sie um den Hals trug und ein daran hangendes zerbrochenes
Geldstück lange betrachtete Als einmal Anna sie fragte was denn aus ihrem
Kinde geworden sagte sie es sei lange tot man müsse nicht davon sprechen
Längst hatten die Tage der Unterdrückung zu Jahren sich gereiht Napoleon hatte
den Kaiser Alexander zu sich nach Erfurt berufen und der spanische Feldzug
bereitete sich daselbst vor
Josephine saß allein in ihrem Zimmer Waldau war seit einigen Wochen
leidender und schwächer geworden Beklommen sah sie dem Feind aller zehrenden
Übel dem Herbst ins bunte Blumenauge ach mit den Blättern und Früchten
fallen die Menschen der Erde zu und die farbigen Blütensterne legen sich
Auferstehung verheissend auf deren Gräber
Josephine hielt eine Menge uneröffneter Briefe in der Hand Sie erwartete
weder Gutes noch Böses aus der Ferne die nächste Nähe wars die so beengend
auf ihr lastete Es ist etwas Entsetzliches um das unaufhörliche gespenstische
Auftauchen der Angst um ein geliebtes Leben wie man auch den Gedanken an das
uns Drohende zu bannen suche immer umschleichen uns die Schatten der Sorge mit
ihren heimlichen Dolchen und überfallen uns in heiterer Gegenwart wie Diener
eines Vehmgerichts mit plötzlichem Entsetzen
Endlich fiel Frau von Waldaus trüber Blick auf die Briefe Eine
französische Handschrift Aus Erfurt Rasch erbrach sie das Siegel und las
Gnädige Frau
Wenn das Bild eines jungen Mannes dem während der Tage der Schlacht bei Jena
das Glück Ihrer Bekanntschaft ward noch nicht ganz Ihrer Erinnerung
entschwunden ist so wird die milde Güte die noch einem Sterne gleich in der
seinen steht diesem Schreiben gern Verzeihung gewähren Denn wie ein
Posaunenstoss des jüngsten Gerichts rufen meine Worte einen Toten aus dem Grabe
und geleiten hoffentlich einen glücklichen Sohn in die Arme seiner gewiss noch
glücklichern Mutter Ohne Zweifel haben Sie hochverehrte Frau schon erraten
dass ich meine Erzengelschaft dem Zufall danke den so lange beweinten Sohn Ihrer
Madame Sophie gefunden zu haben die wie ich von meinen beneideten Kameraden
erfahren Ihr Hauswesen noch wie ehemals besorgt
Der Kaiser hat mich in diesen zwei heißen Kriegsjahren zum Rang eines
Obersten erhoben und als Adjutant des Marschall Nei bin ich ihm nach Erfurt
gefolgt
Eben hier glaube ich in einem jungen Soldaten der an den Folgen in Portugal
empfangener Wunden krankt und von Lazaret zu Lazaret geschleppt wird den in
Mühlheim ausgesetzten Sohn der wackeren Frau Duguet erkannt zu haben Die Klagen
des kaum dem Knabenalter entwachsenen Jünglings der seiner Existenz fluchte
weil er der weder Vater noch Mutter gekannt und Niemanden angehöre als nur
seinem Kaiser den Feldzug nicht mitmachen solle zogen mich an der Zorn den
er den ärztlichen Ratschlägen entgegensetzte rührte mich tief ich gewann mir
sein Zutrauen Jetzt nachdem ich alle Details seiner Lebensgeschichte gehört
das Stück Taschentuch mit dem Zeichen Marc Duguet und die treubewahrte Hälfte
des FünfsousStücks gesehen das er wie seine Mutter am Hals trägt scheint
mir unzweifelhaft dass er wirklich das in Mühlheim ausgesetzte so lang beweinte
Kind sei Sein Alter trifft auch zu Wenige Stunden nachdem Sie verehrte Frau
diese Zeilen erhalten hoffe ich selbst meinen Kranken bei Ihnen einzuführen
und als Belohnung das Glück zu genießen Sie und Herrn von Waldau zu begrüßen
und um die Fortdauer Ihres Andenkens und mir unschätzbaren Wohlwollens zu
bitten
Mit ausgezeichneter Achtung
und Verehrung
Ihr tief ergebener
St Luce
Sophie rief aufspringend Frau von Waldau großer Gott ich habe die Briefe seit
drei vollen Stunden Sie können jeden Augenblick hier sein Sophie so komm
doch
Madame erwiderte die Gerufene den mit einem Foulard umwundenen hübschen
Kopf zur Türe hereinsteckend es ist nur weil ich das Bett mache
Sophie Monsieur de St Luce ist Oberst geworden und wird vielleicht schon
in einer Stunde hier sein
Ach Madame welches Glück der gute junge Mann Aber da muss ich mich
beeilen Madame werden ihn zu Tische bitten vielleicht logiren wollen Pardon
Madame charmanter junger Mann und Oberst Ja ja das sieht dem kleinen
Korporal ähnlich der kennt seine Leute Wundert mich nicht dass sie einen Gott
aus ihm machen Duguet Duguet rief sie im Gehen zur andern Tür hinaus Du
hilf mir Monsieur de St Luce ist Oberst geworden
Die Freude kann sie töten sagte Josephine leise vor sich hin der Schlag
kann sie rühren sie ist so heftig Aber Sophie fuhr sie fort sie beim Arm
ergreifend um sie zu halten es ist noch eine andere Nachricht mitgekommen es
ist aber nur eine schwache Hoffnung Der Oberst hat von einem jungen kranken
Soldaten gehört in Portugal der den Namen Marc Duguet führt
Sophie wandte den Kopf kein Zug des sonst so regen Gesichts bewegte sich
mit starrem Auge blickte sie die Sprechende wie bewusstlos an sie hatte das sah
man keinen klaren Gedanken all ihre Fähigkeiten hatte das eine Wort
erschüttert
Bald aber überflog ein leises Zittern die ganze Gestalt die Brust hob sich
langsam und schwer ohne einen Laut ausströmen zu lassen die bleichen Lippen
bebten convulsivisch endlich hauchte sie fragend Madame
Ja erwiderte Josephine indem sie nun auch den andern Arm ergriff um die
Schwankende wie zufällig zu stützen er hat hingeschrieben um Nachrichten
einzuziehen
Nachrichten er lebt er ist nicht in Portugal umgekommen er lebt noch
Wenn er es nur ist sagte Frau von Waldau um den Eindruck zu schwächen
Es wäre möglich schrie Sophie mit plötzlich freiwerdendem Jubel auf
möglich mein Sohn mein Sohn könnte leben ich wäre nicht seine Mörderin O
setzte sie wieder ermattet hinzu ihre Arme sanken und große Tränen perlten
über ihr wieder erwärmtes Gesicht ich könnte mir verzeihen und Gott auch Sie
legte die Hände auf ihr Herz und wurde still
Aber der junge Mensch soll verwundet sein meint St Luce
Verwundet Wollen sie sagen tot Duguet Duguet rief sie mit einem Mal
wieder auf ihren Mann sich besinnend
Waldau öffnete eben die Türe hinter ihm trat Duguet ein Josephine hielt
ihrem Gemahl den Brief entgegen sie wusste dass er keiner Unbesonnenheit fähig
sei Sophie sprang auf Duguet zu sie wollte ihm um den Hals fallen aber ihre
Knie brachen zusammen sie fiel ihm zu Füßen und brachte nur die Worte hervor O
jetzt jetzt wirst du mir verzeihen
Bis zu diesem Augenblicke hatte der wütende hoffnungslose Schmerz zu
harpyenartig an ihr Herz sich angekrallt sie hatte nie begreifen können dass
sie auch an Duguet ein großes Unrecht getan indem sie ihn und sein Kind
verlassen
Ja sagte Josephine zu Waldau Schiller hat recht ein glücklicher Mensch
ist ein Heiliger
Unterdessen hatte Waldau gelesen Der junge Mann scheint mir sehr flüchtig
sagte er halblaut ich fürchte Josephine du hast dich übereilt Es ist so
vieles unklar in dem Briefe
Duguet hatte seine Frau aufgehoben und auf einen der Türe nahen Stuhl
niedergesetzt Nun überschüttete er sie mit tausend Fragen dazwischen bat er
seine Herrschaft einmal um das andere um Verzeihung Sophiens nach seiner
Ansicht ganz unerklärlichen Betragens wegen indem er bald zu Waldau bald zu
Josephinen gewendet sein unaufhörliches Aber was ist ihr wiederholte
Sophie schluchzte nur Mein Sohn mein Sohn und war durchaus keines andern
Gedankens fähig
Es war ein Glück dass in eben diesem Augenblick St Luces Wagen vorfuhr
Die menschliche Natur erträgt solche Spannung nicht lange Mit Blitzeseile war
der kranke Waldau hinter den mit einander beschäftigten Gatten weg an der
Haustüre vor welcher eine Extrapost hielt
Oberst St Luce hatte einen schönen schwarzäugigen todtblassen Soldaten
neben sich die Bedienten halfen denselben herausheben und führten ihn langsam
ins Haus Der junge Mann ging sehr gekrümmt es schien als habe eine Kugel die
inneren edleren Teile verletzt vielleicht die Lunge berührt
St Luce begrüßte die nun auch herbeigeeilte Josephine und sagte indem er
ihre Hand an seine Lippen zog Ich habe gewollt dass Sie selbst es ihm
aussprechen denn das Glück wird am besten durch einen Schutzengel den Menschen
verkündigt
Aber die Wunden werden am besten durch eine Soeur grise behandelt lächelte
sie ihm freundlich zu
Beides weil Sie beides sind gnädige Frau
Waldau hatte den Arm des jungen Kranken ergriffen Fühlen Sie sich stark
genug eine heftige Erschütterung zu ertragen fragte er sehr sanft
Der Soldat sah ihn verwundert an Ist der Kaiser hier fragte er in zitternd
jubelnder Hast
Eben so schön nein noch viel schöner ist die Freude die Sie erwartet
sagte Josephine Haben Sie niemals etwas Anderes sich gewünscht
Sie müssen weit zurückschauen in ihre früheste Vergangenheit setzte Waldau
hinzu
Gott meine Mutter rief außer sich der Kranke O Madame Madame Sie sind
zu jung um es selbst zu sein aber um Gottes willen wenn Sie etwas von ihr
wissen o geschwind geschwind lassen Sie mich bei ihr sterben da ich nicht
bei ihr leben durfte
Er schwankte Waldau hielt ihn mit Mühe Bitte bitte fuhr er fort vor
Josephine wie zum Gebet die Hände faltend
Ei junger Freund drohte freundlich St Luce haben Sie denn nur dem Feinde
gegenüber Kourage Haben Sie doch jetzt den Mut für Ihre Mutter zu leben
Aber des Sohnes Herz war nun mit Gewalt erweckt und vermochte die Überfülle
eines geahneten Glücks nicht länger schweigend zu tragen Mutter Meine Mutter
rief er laut aufschreiend
Und die Mutter hörte und erkannte beim ersten Laut die Stimme ihres Kindes
Mein Sohn mein Sohn klang es von drinnen und im Augenblick lag sie an seiner
Brust Sie fragte nichts untersuchte nichts der Ton hatte wie ein Zauber
gewirkt und sie herbeigezogen Bewusstlos war sie ihm gefolgt die Erschlaffung
war verschwunden sie hatte mit einem Male Kraft Riesenkraft aber ach wie sie
das Haupt hob um nun auch die geliebten Züge zu sehen fühlte sie die leblose
Schwere des seinen auf ihrer Schulter Der junge Krieger war ohnmächtig
geworden
Die Umstehenden versuchten ihn aufrecht zu erhalten das Zimmer war noch
nicht erreicht kein Stuhl auf dem Hausflur sie vermochten die Last des
hochgewachsenen starken Jünglings nicht zu tragen und mussten ihn langsam auf
den Boden sinken lassen die Mutter aber hielt ihn fest und legte geschickt
seinen Kopf auf ihren Schoos indem sie neben ihm kniete Es gibt kein
schmeichelndes Liebeswort mit dem sie ihn nicht nannte sie riss ihm die Uniform
auf um ihm Luft zu verschaffen und fand das FünfsousStück das sie lachend
und weinend zugleich an die Lippen drückte
Immer lag er ihr noch nicht sanft nicht bequem genug bald küsste sie seine
Haare bald seine Hände oder flüsterte ihm ins Ohr und hauchte ihn an als
wolle sie ihr Leben ausströmen in seine Brust es ihm zu geben Duguet war ihr
gefolgt allmälig schien auch er zu begreifen er sprang auf Waldau zu und stand
zitternd mit gerungenen Händen vor ihm Die Stimme versagte ihm Ist es wahr
war alles was er hervorbringen konnte
Ich glaube ja lieber Duguet erwiderte Waldau aber fassen Sie sich denn
er ist krank Sie müssen ihn schonen
Duguet nickte seinem alten Herrn das gewohnte Verstehen zu und kniete erst
leise neben dem Ohnmächtigen Nur die gewaltig pulsirende Ader auf seiner Stirn
und die kurzen fast röchelnden Atemzüge zeugten von der Kraft die er anwandte
sich zu beherrschen als er aber nun das Gesicht seines Sohnes so ganz in der
Nähe sah so dass ihn sogar dessen Haare berührten da riss ihn der innere Jubel
doch unaufhaltsam fort dicke Tränen rollten über das braune Gesicht der feste
Mann bebte an allen Gliedern und sah den Wiedergefundenen mit unbeschreiblicher
Zärtlichkeit an Armes Kind armes Kind flüsterte er dann wandte er sich zu
seiner Frau Aber Sophie sie sah auf und wäre ihm gern um den Hals gefallen
aber sie musste ihren Sohn unterstützen es lag eine Welt von Gefühl in ihrem
Auge
Aber Sophie sagte er endlich er liegt hier schlecht Komm komm Und wie
eine Feder nahm er den schweren Körper des Soldaten auf den Alle nur mühsam
gehalten und trug ihn unten in die Hinterstube hinein die er und Sophie
bewohnten dort legte er ihn still auf das Bett
Waldau Josephine und St Luce blieben an der Schwelle des Zimmers stehen
es wagte keiner sie zu überschreiten sie hörten eine Weile schweigend von
außen zu
Sophie hatte ihren Sohn ins Leben zurückgerufen jetzt saß er aufrecht im
Bette zwischen den Eltern Und nun ging es an ein so seliges Fragen und
Erzählen und an das Erkennen des Vaters den zu sehen ihn ja die Ohnmacht
gehindert Der junge Soldat hatte die Hälfte seines FünfsousStück an die seiner
Mutter gehalten und o Freude die Stücke passten aneinander
Wie die arme Frau den Jüngling mit den Blicken verschlang und wie Duguet
stolz auf seinen Sohn höher zu werden und zu wachsen schien Jetzt sprachen
alle Drei zugleich Sophie erzählte von jener entsetzlichen Nacht wie sie ihr
armes kleines Kind auf die Schwelle eines reinlich und wohlhäbig aussehenden
Hauses niedergelegt und unter einen Schuppen gekauert lange abgewartet dass
man es abhole wie endlich ein Mann aus der Türe gekommen und es gefunden wie
sie bei dem Anblick einen Moment kraftlos zusammengesunken sei dann aber habe
laufen müssen weit weit weg um es nur dem Manne nicht aus den Armen zu reißen
Gleich darauf war sie unter einen Trupp betrunkener Soldaten geraten die
sie festgehalten und gezwungen die Karmagnole mit ihnen zu singen kaum diesen
Wütenden entflohen musste sie mit der Gräfin weiter Von der Stunde an hab ich
noch oft gelacht zufrieden bin ich nie wieder geworden schloss sie
Arme Mutter armes Weib sagten Duguet und der junge Soldat wie aus einem
Munde
Marc Duguet er hieß so nach dem Vater Sophie hatte da sie nicht
schreiben konnte ein abgerissenes Stück Wäsche mit dem Namen dem Kinde auf die
Brust gelegt und es mit Stecknadeln an die wenigen Hüllen befestigt in denen
sie es eingewickelt wie hätte sie im Drang des Augenblicks Kinderzeug sich
verschaffen können Marc Duguet war vom Leben herumgeworfen worden und in all
dessen Wendungen ein Findelkind geblieben Er erzählte den Seinen da schlichen
die Horchenden still davon in Frau von Waldaus Zimmer zurück
In diesem Augenblick fasste eine kleine Hand die Josephinens und ein leiser
Kuss streifte ihre Finger es war Anna die ein unbemerkter Zeuge des ganzen
Auftritts geworden St Luce freute sich ungemein seine junge Freundin
wiederzusehen Das Kind schlang beide Arme um seinen Hals und dankte ihm unter
heißen Tränen dass er ma bonne so glücklich gemacht Ich hatte längst gemerkt
dass ihr Sohn nicht tot war sagte sie
St Luce blieb noch bis zum nächsten Tage Anna war jetzt zehn Jahr alt und
fesselte seine Aufmerksamkeit mehr und mehr Er begleitete sie zu den Eltern
hinüber und obschon Sprache und Nationalität ihm ein eigentliches Verstehen
ihrer häuslichen Lage unmöglich machten hatte er doch bald genug gesehen um
das Mädchen Josephinen aufs Dringendste zu empfehlen Während seiner
Anwesenheit wich sie kaum von seiner Seite und erzählte ihm alle ihre kleinen
Leiden und Freuden sie zeigte ihm auch das vom Grenadier August erhaltene
Postörnchen das sie noch immer am Halse trug und konnte nicht begreifen dass
er ihr keine Nachricht von dessen ehemaligem Besitzer zu geben vermochte
Nach der Abreise des jungen Obersten der dem noch kranken Marc einen Urlaub
bis zu seiner Genesung ausgewirkt hatte nahm Josephine sich Annas ernstlicher
an St Luces Besuch ward zum Kapitelstrich ihres Lebens das von jenem
Augenblicke an eine edlere Gestalt gewann
Der junge Marc blieb vorläufig im Hause und erhielt ein eigenes Wohnstübchen
brachte jedoch den größten Teil des Tages in dem seiner Eltern zu Die Kinder
nahm Josephine in ein an das ihre stossendes Zimmer wo sie ihre Stunden
erhielten nur die Abende durften sie noch teilweise bei ma bonne bleiben
Durch diese Einrichtung sah Anna die ausgezeichneten Männer die mit Waldaus
verkehrten sie fiel Jedem von ihnen auf und gewann sich hier die belehrenden
Freunde die in späteren Jahren einen unschätzbaren Einfluss auf ihre Bildung
äußerten
Der Winter verging Waldau fühlte sich kräftiger Josephine atmete
sorgenfreier auf Da trat eines Morgens Madame Sophie in Tränen fast
aufgelöst in ihr Zimmer Ah Madame er will fort
Allerdings wollte Marc fort Der Kaiser hatte Madrid erobert seinen Bruder
Joseph von Neuem auf Spaniens Thron gesetzt und die Engländer geschlagen
Zu Astorga wohin er am ersten Januar gezogen traf ihn die Nachricht der
ernstlichen Kriegesrüstungen Oestreichs Am dreiundzwanzigsten war er bereits
selbst in Paris um dem kaum erst noch vierhundert Stunden von ihm entfernten
Feindesdrohen sogleich zum vierten Mal die Stirn zu bieten
Von Tag zu Tag erwartete man den Ausbruch des Kriegs jetzt ließ es dem
jungen Soldaten nicht länger Ruhe das Korps zu welchem er gehörte marschirte
Freude und sorgliche Pflege hatten ihn gestärkt wie hätte der Kriegsgeborne
länger noch zu säumen vermocht Lempereur va à Vienne wiederholte er zehnmal
in einem Tage wo sein Kaiser war leuchteten ihm Glück und Leben
Sophie hätte ihn gern dem Soldatenstande ganz entzogen im Herzen noch
Royalistin konnte sie nicht umhin den petit Kaporal mitunter noch für eine Art
Landesverräter anzusehen obschon sie mit großer Teilnahme den Erzählungen
ihres Sohnes zuhörte er kam ihr höchstens wie ein Kaiser der Armee vor wenn
nur von dieser die Rede war konnte sie mit den Andern an Enthusiasmus
wetteifern doch auf den Thron Frankreichs auf welchem sie den Märtyrer Ludwig
gesehen vermochte sie nicht sich ihn zu denken
Wie aber den kaum wiedergefundenen tausend Gefahren entrissenen Sohn vor den
von Neuem drohenden Übeln bewahren Zu fest hing er seiner glänzenden Laufbahn
an ihn dem Auge seiner Vorgesetzten zu bergen schien allzu schwer Am Ende
blieb der Armen nur die Qual ihn fern von sich dem möglichen Elende
preisgegeben zu wissen Konnte er nicht von Neuem erkranken verwundet
verkrüppelt wieder von Lazaret zu Lazaret geschleppt werden
Lange kämpfte das arme Weib die Mutter siegte Sie beschloss ihm zu
folgen sein unsicheres Loos wenigstens so lange zu teilen als sie ihn nicht
für ganz genesen hielt Dass Duguet seinen sterbenden Herrn verlassen könne kam
weder ihm noch ihr in den Sinn Die Gatten mussten sich trennen Das blieb
unausweichlich aber zum Glück wollte ja der Kaiser in kurzer Zeit mit Oestreich
fertig sein und in Wien einziehen dann konnte Sophie zurück die Oestreicher
mochte sie ohnehin nicht leiden und gönnte ihnen alles Böse
Nachdem Sophie ihrer Gebieterin ihr ganzes Herz eröffnet bat sie um ihre
einstweilige Entlassung obschon es wahrscheinlich mein Tod sein wird unsere
Leontine zu entbehren schloss sie aber ich bin ja nur drei Monate meines armen
Kindes Mutter gewesen und Marc ist achtzehn Jahr alt
Josephine fühlte dass an keine Änderung des so gewaltsam gefassten
Entschlusses zu denken sie versuchte nur dem Plan eine praktischere Gestalt
und die Möglichkeit des Gelingens zu geben indem sie St Luce schriftlich um
seine Vermittlung bat Der Kaiser gestattete nur Marketenderinnen den
Regimentstrains sich anzuschließen es blieb der einzige Ausweg Sophien in den
Dienst einer der begünstigten Offizierdamen zu bringen die einzelnen Chefs
folgen durften Der junge Oberst hatte längst Erfurt verlassen dennoch
erreichte ihn der Brief und nach Verlauf weniger Wochen war Sophie von ihm als
Kammerfrau der Geliebten eines seiner Freunde empfohlen der Marcs Regiment
befehligte und in Magdeburg der Marschordre harrte
Gottlob nun ists überwunden sie schläft sagte Madame Sophie indem sie leise
Leontinens Kammertüre an sich zog schon im Reisekleid sich zu Duguet an den
Tisch setzte und mit dem Rücken der Hand ein Paarmal über die Augen fuhr Wie
groß sie sein wird wenn ich sie wiedersehe
Hols der Teufel ich glaube armes Weib dass du eine ungeheure Torheit
begehst brummte Duguet aus dumpfem Sinnen auffahrend er reichte ihr über den
Tisch hin die Hand als müsste er die Härte des Wortes vergüten
Sophie hatte nicht recht hingehört ihre Gedanken waren schon unterwegs Sie
zog eine große silberne Taschenuhr aus dem Kleide hervor und sagte jetzt wird
er wohl schon in Buttstädt sein morgen früh vier Uhr meinte er würde das
Bataillon von dort abmarschiren er hätte doch lieber schon gestern gehen
sollen der arme Junge so könnte er nun ein Paar Stunden schlafen
Duguet ging im Zimmer auf und nieder und stäubte mit einer Damastserviette
um sich schlagend die reinen Meubles ab
Du hast nichts als ihn im Kopf murmelte er halb ärgerlich
Wenns Glück gut ist glaubst du wohl gar mir wäre das Herz nicht schwer
erwiderte sie euch Alle zu verlassen dich und Madame und unsern armen Herrn
Die Tränen traten ihr ins Auge
Nun nun so wars nicht gemeint begütigte sie Duguet iss doch einen
Bissen Er versuchte ihr vorzulegen Die Nacht ist grimmig kalt in einer Stunde
wird der Postwagen da sein Ja ja mein armer Herr fuhr er fort die
gekreuzten Hände sanken ihm aufs Knie wird es nicht lange mehr machen Ich
hielte es nicht aus ihn jetzt zu verlassen Seitdem die Bäume treiben ist er
so mager und Nachts hustet er es möchte Einem das Herz spalten
Gott gebe ihm nur noch ein Jahr seufzte Sophie dass ich ihn wiederfinde Er
und Anna machen mir am meisten Sorge
Anna wie so
Der Vater ist ein schlimmer Mann da haben sie ihm in den Kopf gesetzt das
Kind würde hier im Hause zu einer vornehmen Dame gemacht und die
Bürgermeisterin soll es nicht so oft herlassen An den Stunden meint er sei
auch nichts gelegen Küche und Haus gingen ihm vor Du lieber Gott er wird das
Kind nicht hindern die geht ihren eigenen Weg Und unser Leontinchen ist so
allein und viel zu schwächlich um Anna entbehren zu können sie lernt besser
sie ist sogar viel gesünder und frischer wenn sie die kleine Freundin um sich
hat Herr mein Gott da ist sie
Anna hatte die Küchenmagd beredet die beide Wohnungen verbindende Gangtüre
offen zu lassen bei Bürgermeisters lag Alles um zehn Uhr in den Federn jetzt
war es über Mitternacht Die Kleine schlief mit den Geschwistern allein in der
Kammer sie konnte leise aufstehen um sich zu Madame Sophie zu schleichen
deren Reiseplan sie längst entdeckt und stürzte jetzt unerwartet in deren Arme
Wo kommst du her liebe Anna woher weißt du
Ach ma bonne erst hat es mir das Herz gesagt Dann fuhren mich die Brüder
auf der kleinen Schleife spazieren du weißt wohl auf der Leontine nicht fahren
darf Sie hatten versprochen mich kein einzigmal in den Schnee zu werfen so
nahm ich ihren Vorschlag an Als wir um die Ecke bogen kam der Postwärter und
hatte deinen Koffer auf dem Karren ach sei nicht bös Da frag4e ich ihn
Aber wo ist denn Leontine
Madame Sophie verschluckte ein Paar Tränen und sagte ganz leise und
wehmütig Leontine muss schlafen Du weißt wohl dass sie sonst krank wird Anna
nickte Und fuhr jene fort das Kind zwischen ihre Knie nehmend wenn sie
morgen aufwacht und ich fort bin so sei du da und tröste sie und sage ihr ich
käme gewiss wieder Der Kaiser wills nicht lange machen mit den Oestreichern
ist er in Wien so kehre ich zurück dann lass mich dich und Leontinen
zusammenfinden Wenn aber der liebe Gott Ernst mit mir oder mit meinem armen
Jungen machen sollte was eigentlich eins ist so bleibe du bei ihr verlasse
sie niemals sei ihre Schwester dir vertraue ich sie an Dein Vater freilich
Ach erwiderte betrübt Anna nun er einmal seine Meinung gesagt hat denkt er
nicht mehr daran er merkt so wenig auf mich Und die Tante hat ihm auch
zugeredet und versichert ich könnte wenn ich recht gut Französisch spräche und
keinen Mann kriegte Kammerfrau bei der Frau Herzogin werden
Warum nicht gar fuhr Duguet dazwischen
Nein nein sagte ma bonne du darfst nicht dienen Sieh doch Duguet steht
sie nicht da wie eine kleine Gräfin
Und wozu wäre denn die ganze Revolution gewesen wenn das Verdienst nicht
erhoben werden könnte aus dem Staube salbaderte Duguet von alten Erinnerungen
erfasst Gewiss Mademoiselle fuhr er fort wenn mein guter Herr uns erhalten
wird so werden Sie unsere Familie niemals verlassen dürfen Man sieht er
rechnete sich dazu
Die Uhr schlug Noch eine Viertelstunde Sophie atmete schwer machte sich
allerlei zu tun öffnete und schloss wohl zehnmal ihren Reisesack setzte die
warme Mütze auf sah wieder nach ihrer Uhr endlich eilte sie festen Tritts
hinaus die Treppe hinan sie nahm von ihrer Gebieterin Abschied
Wenige Minuten später hatte sie schon an Duguets Seite die Hausschwelle
überschritten Anna hatte ihren Arm ergriffen und umklammerte ihn mit beiden
Händen Stumm wanderten sie durch die frühlingsklare Nacht dahin einzelne
Sperlinge schreckten auf als sie an den Esplanadenbäumen vorübergingen die
Straßen waren still nur ganz von weitem dutete ein verspäteter Nachtwächter
Vor dem Postause hielt der Wagen Sophie zitterte ein wenig aber bei solchen
Gelegenheiten weinte sie nicht es lagen so viele bange Abschiede hinter ihr
Einen Augenblick hielten alle Drei sich umschlungen denn Anna wollte ma bonne
nicht loslassen da schmetterte das Postorn und die arme Kleine wusste selbst
nicht wie es zuging dass plötzlich der Wagen schon in der Ferne weit weit die
lange Straße hinabfuhr jetzt bog er um die Ecke Anna hielt sich beide Augen zu
und der erste heftige Schmerz ihres Lebens hatte sie ergriffen
Duguet sah sie an und schüttelte den Kopf Armes Kind sagte er damit wird
man nicht glücklich Dann nahm er die Kleine in die Arme und lief eilends mit
ihr nach Hause als wollte er sie von dem Kummer hinwegtragen der sie und ihn
betroffen
Der Eindruck den Sophiens Abschied dem zarten Kindesgemüt hinterlassen war
ein dauernder Anna hielt Wort mit immer tiefer wurzelnder Liebe blieb sie
Leontinens Gefährtin ertrug nun ihretwillen die Scheltworte des Vaters und
erschmeichelte sich täglich von Neuem die Erlaubnis hinüberzugehen Annas
Vater war kein gemeiner oder harter Charakter es lag eine tüchtige nur
unentwickelte Eigentümlichkeit in dieser Natur die alle Kräfte deren sie sich
bewusst war der strengen Realität des Lebens zuwandte Aber in den Winkeln
seiner Seele blieb dennoch manches unverstandene Edle unausgebildet liegen so
war ihm Freundschaft durchaus weder fremd noch unbegreiflich er hatte sogar
selbst einen reichen vornehmen Herrn zum Freunde für welchen er sich in jüngeren
Jahren eben so treu und hingebend geopfert als jetzt Anna für Leontine es tat
Aber an seiner äußern Lebensgestaltung hatte dieser adlige Freund nichts
geändert und dass eine solche Empfindung auch bei Frauen stattaft sei gab er
überhaupt gar nicht zu Erst nach einer Reihe von Jahren nachdem er sich von
der unerschütterlichen Festigkeit des Charakters seines Kindes überzeugt hatte
gewann ihn Anna in so weit dass er keinen Versuch mehr machte hemmend in die
Räder ihres Geschicks einzugreifen
In dieser Zeit war er von mehren Seiten sehr hart gebeugt worden Beide
blühende Zwillingsschwestern Annas sanken von einem nervösen Fieber
ergriffen zugleich ins Grab und an den Söhnen erlebte er wenig Freude
Vielleicht hätten bedeutendere Geldmittel und durch diese eine planmässigere
Erziehung den Knaben einen regeren Eifer und eine entschiedenere Richtung
gegeben aber obgleich der Tod seiner jüngeren Töchter das einstige Erbteil der
übrigen Kinder vergrößerte vermochte der ängstliche Mann nicht darüber mit sich
ins Reine zu kommen was er für sie zu tun berechtigt sei und wie es
auszuführen ohne sich und seine Frau an den Bettelstab zu bringen
Jedes an sich noch so unbedeutende Ereignis erhöhte die Sorglichkeit mit
welcher er den eigentlichen Betrag seines Vermögens selbst seinen Kindern zu
verhehlen suchte und die Sparsamkeit mit der er sie und seine Frau täglich
peinigte Unter zahllosen kleinlichen Rücksichten und Einschränkungen wuchsen
die Buben auf ohne eigentliche Wahl eines einstigen Fachs wurden sie blindlings
ihrer Bahn zugestoßen von nichts sagenden Umständen gedrängt ergriffen sie
bald diese bald jene Bestimmung verlernten das kaum Erlernte wieder in der
neugewonnenen Richtung und wechselten dann kleinlaut das noch unerreichte Ziel
abermals mit einem noch ferneren Leider ist dieses die Geschichte einer Menge
junger Leute jener Zeit die in dem betrieb und industrielosen Thüringen aus
Mangel innerer Energie als taube Blüten dem großen Baum des Lebens fruchtlos
entfielen
Die Weigerung des Vaters den Söhnen die ihnen zu Begründung einer Karriere
nötigen Mittel reichlich zu geben erbitterte die Buben und machte sie
abwechselnd stöckisch und leichtsinnig Der Eine lief aus Überdruss unter die
Soldaten der Andere spielte dem Alten zum Trotz als Kommis bei einem Krämer
im nahen Auslande den vornehmen Herrn en miniature und machte Schulden
Anna litt sehr die Tränen und die Sanftmut der Mutter taten ihr so weh
Einzelne heftige Auftritte mit den Verwandten ihrer Eltern die bald für bald
gegen des Vaters Ansichten sich aussprachen verschüchterten sie ganz Dass sie
ihren Lebensunterhalt verdienen lernen sollte sagte man ihr den ganzen Tag
ohne ihr jedoch irgend ein Hilfsmittel zu Erreichung dieses Zwecks zu bieten
Die Mutter hoffte auf eine frühe Heirat für sie die Tante wollte sie in
Hofdiensten wissen Was konnte natürlicher sein als dass Anna wieder und immer
wieder zu Waldaus hinüberflüchtete wo all diese Qual sie nicht berührte
Dass sie in so untergeordneter Stellung auch nicht einen Augenblick an die
einstige Benutzung der ihr dort gebotenen Vorteile dachte dass sie im
Gegenteil unaufhörlich bemüht war Sophien Wort zu halten nur darauf sann für
Leontine etwas zu tun zeugt von der Unbefangenheit ihres Charakters
Madame Sophie hatte nicht so streng Wort gehalten als der Kaiser er war
längst mit den Oestreichern fertig und in Wien eingerückt sie war aber nicht
zurückgekehrt Leider erkrankte der junge Mann dort von Neuem Sie zog den
Vorteil aus ihrer wunderlichen Lage ihren Sohn nie ganz aus den Augen zu
verlieren Auch hatte das treue Herz dieser Frau eine zu warme Tiefe um der
neuen Gebieterin die ihr dieses Glück verschafte und ihrer Dienste nötig
bedurfte mit Undank zu lohnen
So kam der Frühling des Jahres 1812 herbei ohne die Gatten vereinigt zu
haben
In Deutschland erhob sich damals ein innerer Frühling die von Osten nach
Norden gehenden unaufhörlichen Bestrebungen deutsch gesinnter Männer brachen der
Freiheit unseres Vaterlandes langsam und besonnen Bahn
Oft zeigten sich Boten dieser wachsenden Hoffnungen im Waldauschen Hause
ungehemmt und vom Feinde nicht bemerkt flog die Kunde besserer Tage seinem
sinkenden Leben vorüber Er nahm indessen nur einen wehmütigen Anteil an dem
Allen denn er hielt sein Volk für noch nicht hinlänglich gereift
Eines Abends saß er in seinem Lehnstuhl von wenigen nahen Bekannten und
Gleichgesinnten umgeben und unterhielt sich lange mit ihnen von einem in der
guten Sache sehr tätigen Freunde dem ehemaligen preußischen Obersten von
Geiersperg
Liebes Kind sagte er plötzlich zu Josephinen gewendet ich kenne keinen
zuverlässigeren Menschen auf Erden
Als die Andern Abschied genommen erneuerte sich das Gespräch zwischen ihm
und seiner Gattin Ich habe Geiersperg nie gesehen sagte sie und du kennst ihn
so lange Jahre
Waldau lächelte seltsam Du wirst ihn bald kennen lernen fuhr er fort und
wenn er kommt so bitte ich dich ihm unbedingt zu vertrauen Unbedingt liebe
Josephine Er küsste sie auf die Stirn und ließ sich von Duguet in sein
Schlafzimmer geleiten Am andern Morgen fand man ihn tot in seinem Bett auf
seinem Nachttische lag ein versiegelter Brief an Geiersperg
Wenige Wochen später ließ sich ein Jäger bei der noch immer tief betrübten
Witwe melden er habe eine Botschaft an den verstorbenen Herrn gehabt hieß es
die er der gnädigen Frau selbst zu überbringen wünsche
Das ist Geiersperg blitzte es in ihr auf und er war es Auf einer
geheimen Sendung des Bundes begriffen dem er angehörte überraschten ihn in
Helgoland des sterbenden Freundes letzter Gruß und dessen Bitte seine Witwe
noch vor Ausbruch des russischen Kriegs in die Nähe ihrer Verwandten nach
Breslau zu geleiten Und Geiersperg kam
Es war ein stattlich schöner Fünfziger voller Feuer und Enthusiasmus für
die Sache Deutschlands auf deren glückliches Ende er mit frommem Gottvertrauen
bauete
Der Oberst blieb acht Tage Anna sah ihn wenig auch Frau von Waldau kam
während der Zeit nicht viel zum Vorschein sie war beschäftigt Leontine
erzählte von vielen Veränderungen im Hause plötzlich kündete Frau von Waldau
ihre morgende Abreise an Sie versprach wiederzukommen und behielt einen Teil
ihres Quartiers Geiersperg hatte die ganze Zeit hindurch für einen Förster
ihres Schwagers gegolten und begleitete sie als solcher nach Breslau Duguet
blieb zurück Nach einigen Wochen verschwand auch er man sagte er sei nach
Dresden gegangen wohin Napoleon eben die deutschen Fürsten berufen hatte
Vielleicht hoffte er von dort aus Gelegenheit zu finden sich dem Obersten zu
nähern bei dessen Geliebter Sophie in Diensten stand und diese
zurückzubringen
Die erste Stunde des verhängnisvollen Jahres dreizehn gewährte Annen nach
einer langen traurig hingebrachten Zeit die erste Freude In Freiberg wohnte
von der Mutter ein älterer Bruder der im Bergwerk Geschworener war und daselbst
ein heiteres etwas mühseliges von der übrigen Außenwelt abgeschlossenes Leben
führte Sein einziger Sohn Otto ein ungewöhnlich fähiger Junge von fünfzehn
Jahren hatte sich selbst zum Chemiker bestimmt Der Vater brachte ihn zum neuen
Jahre nach W in die Lehre eines alten Vetters der als bedeutender
Pharmaceut dort lebte und ihm die nötigen Vorkenntnisse beibringen das heißt
ihn zur Universität vorbereiten sollte die er im nächsten Jahre zu beziehen
gedachte
Wie fast alle im Bergbau Erwachsenden war der Jüngling lustig phantastisch
und fromm Die Einfachheit seines Wesens gewann ihm bald die Herzen der ganzen
Familie sogar das des Bürgermeisters Auch ihn hatte wie seinen Vater das
Leben »Jenseits der Berge« kaum berührt die Politik war ihm ganz fern
geblieben Er hatte zwar mitunter auch tüchtig auf die Franzosen geschimpft
doch etwa so wie wir auf den Teufel ohne etwas Besonderes dabei zu denken
Die Neigung zur Analyse alles Sichtbaren schien Otto angeboren Der Alte
ein Bergmann mit Leib und Seele hätte ihn lieber auch zum praktischen Bergbau
ausgebildet und wirklich hatte der Knabe die ersten mühseligen Jahre der
Lehrzeit bestanden und in den Gruben von unten auf gedient Aber es trieb ihn
gewaltsam weiter der Bahn seiner Wissenschaft zu und der Vater konnte es nicht
übers Herz bringen den Willen des sonst so nachgiebigen Kindes zu brechen Um
in Freiberg aufgenommen zu werden wo es damals etwas aristokratisch zuging
waren des Alten Verhältnisse nicht günstig genug und Otto selbst entzog sich
gern dem Kreis seiner Gefährten um der einmal erwählten Richtung bestimmter
folgen zu können
Der fröhliche Ohm fiel in der Neujahrsnacht dem ängstlichen Schwager wie
eine Bombe ins Haus beide alte Herren contrastirten wunderlich aber sie
vertrugen sich und Ottos Gegenwart brachte Leben in den kleinen Familienkreis
Anna atmete auf in seiner Nähe er rief den Frohsinn wieder wach den der
Familie Waldau Verlust in Schlummer versenkt hatte Die beiden schönen jungen
Leute entwickelten sich im Umgange mit einander und als im Verlauf der nächsten
Monate der allgemeine Enthusiasmus auch sie erfasste entfaltete der volle
kräftige Sonnenstrahl jener Tage ihre Kindheit mit zauberischer Schnelle zur
Jugendblüte
Es ist viel über jene Zeit geschrieben worden wer sie in gesunder Jugend
frisch durchlebt hat dem wird keine der Beschreibungen völlig genügen sie
hatte das mit der Liebe gemein dass obgleich sie in Aller Herzen widerhallte
jeder Einzelne sie ganz anders durchfühlt durchlebt oder durchträumt zu haben
wähnt als seine Genossen Am ersten März hatten die Verbündeten Frankreich den
Krieg erklärt
Der Herbst des nämlichen Jahres der zum Frühling der Völkerfreiheit ward
reifte das nun funfzehnjährige Mädchen zur Jungfrau und den um ein Jahr älteren
Knaben verhältnismäßig noch rascher zum Jüngling
Die ausgezeichneten Männer und Frauen denen Anna im Waldauschen Hause
begegnet war hatten auch nach Josephinens Abreise das wunderbare Kind nie ganz
aus den Augen verloren Trotz aller häuslichen Hemmungen ward Annen manche
schöne Gelegenheit geboten ihre Anlagen zu entwickeln ihr Zeichnen oder
Sprachtalent zu fördern und mit glühendem Eifer hatte sie instinctmässig jede
derselben ergriffen Konnte dieser aphoristischen Bildungsweise nun gleich keine
gründlichere Kenntnis entwachsen so hatten doch wenigstens geliehene Bücher
freundliche Ermunterungen und gelegentliche ernstere Gespräche jeden edelen Keim
ihrer jungen Seele frisch und lebendig erhalten
Otton war es nicht so gut geworden das GeistigSchöne schlummerte noch in
ihm er kannte nur die Poesie seines erratenden Gefühls und hatte sich dagegen
eine Menge praktischer und empirischer Kenntnisse erworben denen jetzt der
schnelle Zeitenwechsel störend entgegentrat Um so entschiedener drängte sich
das volle wogende Freiheitsgefühl als poetisches Streben plötzlich in seine
Existenz
Rings im ganzen Lande stand Deutschlands Jugend auf rüstete sich und
bildete Freicorps Ottos Blut kochte unaufhörlich lag er dem Bürgermeister an
ihn nun auch mit in den Krieg ziehen zu lassen Brief auf Brief trug die
flehentlichsten Vorstellungen nach Freiberg zu seinem Vater aber die beiden
Alten blieben unerbittlich Otto schien ihnen noch immer ein Kind
Wie viele heiße Tränen weinte der Bayard in der Knospe um seinen
unerreichten Ruhm wie bebte Anna vor Zorn und Schmerz als sein Vater endlich
mit einem Machtwort all diesen heroischen Plänen ein Ende machte und den Ritter
ohne Furcht und Tadel mit der Aussicht zu Ostern immatriculirt zu werden nach
Jena in Pension tat Aber freilich begann für die beiden jungen Leute eine
Serie ganz neuer Leiden und Freuden durch diese Trennung
Das Jenaische Studentenleben hatte durch die Nähe Weimars für dort
Einheimische einen sonderbar eigentümlichen fast könnte man sagen einen
häuslichen Reiz Da gab es zweimal die Woche Markt und Botentage an denen die
Gemüseweiber ihre grünen Waren hinübertrugen und im Heimkehren Otton die von
der Tante besorgte Wäsche oder irgend einen für ihn bewahrten Leckerbissen ganz
gewiss aber ein Briefchen von Anna überbrachten Ach man schreibt so gern mit
fünfzehn Jahren
Und dann die Komödienabende an denen er mit den Gefährten hinüberwanderte
und Anna von weitem im Parterre sitzen sah ihr wohl gar beim Nachhausegehen
begegnete Schon wenn er durch das Kegeltor singend mit seiner Landsmannschaft
einzog war es möglich sie am Fenster einer Freundin zu gewahren Zum Onkel
durfte er nicht so oft der schalt über die Verschwendung der acht Groschen die
der Eintritt ins Theater kostete Vor allem aber gab es eine Aussicht auf ein
noch nie genossenes Glück das Annen auf den ersten Ball zu begleiten als die
bis dahin mit französischen Expeditionsbureaux angefüllten Säle endlich
ausgeräumt wurden und nach jahrelanger Pause wieder öfters getanzt werden
konnte
Arme Kinder es sollte ihnen nicht so gut werden
Längst schon zog die Bürgermeisterin Sonntags keine rosa beschleiften
Negligées mehr an sie war blass geworden und mager und dann stiller und immer
stiller Seit dem Tode der zwei kleinen Mädchen war sie nie wieder zu voller
Kraft gelangt sie atmete schwer und wenn sie mit dem Nähzeug Annen
gegenübersass sank ihr die Arbeit in den Schoos und sie konnte die Tochter so
halbe Stunden lang wehmütig ansehen ohne mit ihr zu sprechen
Wenn die Buben einmal schrieben oder zufällig einer ihrer Streiche dem
Vater zu Ohren kam ging sie den ganzen Tag keichend und tief gebückt einher
aber sie klagte nicht
Der Bürgermeister hatte seine Amtsgeschäfte im Kopf er sah nicht wie
bleich sie war früh morgens ging er auf das Rathaus das Mittagsmahl ward
eilig eingenommen zu Nacht aß er nach türingischer kleinbürgerlicher Sitte
allein warm die Andern nahmen mit einem Butterbrot fürlieb Der Bürgermeister
hatte gar keine Zeit den Zustand seiner Frau zu bemerken
Als nun einmal an einem wunderschönen Frühlingstage Otto als Fuchs den Rock
am Stock über der Schulter tragend fröhlichen Sinnes mit andern Studenten zur
Aufführung der Räuber herüberkam gewahrte er das Mädchen nirgends Es trieb ihn
zu ihr hin im Zwischenact eilte er in des Oheims Haus öffnete schnell die
Zimmertür er wollte sie überraschen da lag die Tante schon auf der Bahre
Anna saß still weinend zu den Füßen derselben der arme junge Freund hatte
nicht einmal von der kurzen Krankheit etwas erfahren
Wie er am Begräbnisstage vom Kirchhof heimkehrte stand Anna am Fenster sie
hatte das kleine von ihr und der Verstorbenen bewohnte Gemach aufgeräumt wie
zu der Mutter Zeiten und blickte starr und besinnungslos die Gasse entlang
ohne zu sehen sie war nun fertig mit Allem fertig sie konnte sich durchaus
keinen Begriff der kommenden Tage ja nicht einmal der nächsten Stunde machen
Sie bemerkte den eintretenden Otto gar nicht als er sie leise umfasste und
an seine Brust zog wehrte sie ihm nicht hörte nicht die tausend
Schmeichelnamen mit denen der arme Junge sie zu trösten versuchte Ihr
Schweigen riss ihn weiter fort ihre Nähe die eine unbekannte Seligkeit durch
alle Pulse seines Lebens jagte steigerte ihn immer bestimmter in seinen
Wünschen und Empfindungen schloss er damit ihr zu sagen wie unaussprechlich
teuer sie ihm sei wie er nur einzig sie liebe und lieben werde und wie sie
ihm vertrauen den Vater nicht scheuen solle Tag und Nacht wolle er arbeiten
in vier bis fünf Jahren müsse er ganz gewiss schon eigen Brot haben dann dann
könne er sie heimholen als seine Frau Jetzt sah sie auf und mit den großen
blauen Augen eine Sekunde starr ihn an enger umrankte sie sein Arm Otto
Otto rief sie was fällt dir ein Ich Du aber das ist ja ganz unmöglich und
mit einer heftig raschen Bewegung riss sie sich los und lief hinaus
erschrocken blindlings unbewusst den alten Weg hinüber durch den Gang der
nach Waldaus Wohnung führte Jahrelang war die Türe verschlossen geblieben
sie bedachte es nicht jetzt wich sie bei der ersten Berührung und mit einem
jubelnden Freudenschrei stürzte Leontine in Annas Arme
Lange hielten sich die Mädchen eng umschlungen Anna konnte es nicht
begreifen keinen klaren Gedanken fassen sie sah nur mit Entzücken ihrer
Freundin in das strahlende Gesicht
Aber hattest du mich denn nicht gehört nicht meine Stimme erkannt fragte
wieder und wieder Leontine ich hatte ja geklopft ich wollte ja zu dir dich
überraschen
Plötzlich fiel Annen der Mutter Tod ein sie brach in lautes Weinen aus und
die Tränen des herben Wehs und der kindlichsten Freude mischten sich auf der
jungen Mädchen Wangen Allmälig wurde Anna ruhiger sie konnte sprechen Hand in
Hand gingen Beide endlich hinüber zur Generalin Geiersperg Josephine hatte dem
Wunsch ihres verstorbenen Gemahls zufolge dem edelen Freunde ihre Hand gereicht
Der erste Augenblick des Wiedersehens war tief erschütternd Josephine hatte
während Leontinens Abwesenheit den Tod der Bürgermeisterin erfahren Als Anna
das Haupt aus der Umarmung der mütterlichen Freundin erhob an deren Brust sie
lange leise geschluchzt bemerkte sie einen jungen Offizier des
Freiwilligencorps der neben ihnen stand und sie mit tiefer Teilnahme
betrachtete
Sieh Anna sagte Josephine das ist mein Bruder von dem ich dir so oft
erzählt den ich bei meiner Heirat mit Waldau als kleinen Knaben verließ es
ist glaub ich eigentlich mein Sohn fuhr sie lächelnd fort indem sie mit den
Fingern über seine schönen braunen Locken hinstrich er könnte es wenigstens den
Jahren nach wohl sein
Anna machte einen halbverlegenen Knicks und schlug die Augen nieder dann
eilte sie mit Leontinen fort Das ist ein wunderbar schönes Mädchen flüsterte
der junge Mann der bereits Verschwundenen immer noch nachsehend
Leontine war dreizehn Jahre alt und noch ganz und gar ein Kind Sie hatte
alle ihre Puppen und all ihr Spielzeug mitgebracht das sie nun vor Annen
ausbreitete Anna sah wie ihr Schutzengel aus als sie so ernst und freundlich
neben der am Boden Knienden stand die immer neue Herrlichkeiten aus einem
Köfferchen hervorzog Sie dachte unwillkürlich an Madame Sophie Und weißt du
denn nicht wo jetzt Duguet ist fragte sie Leontinen
Ach sagte diese seit vielen Monaten haben wir nichts mehr von ihm gehört
Er hatte in Dresden Sophien nicht gefunden und der gute Mann ist nun bei unsern
Feinden bei den Franzosen wer weiß ob er nicht mit gegen uns fechten muss
Anna sah mit einem Male so mitleidig und traurig aus dass der junge
Offizier der eben mit Josephinen eingetreten war laut ausrief Aber das
Mädchen ist ja wirklich ein Engel
Die Kinder hörten es nicht sie waren zu sehr miteinander beschäftigt
Josephine blieb nur wenige Tage sie ordnete ihre Geschäfte und den Verkauf
des größeren Teils ihrer Mobilien packte ihre Kunstschätze und bereitete sich
vor nach Berlin zu gehen wo sie Geiersperg erwarten sollte An dem glücklichen
Ausgange des Kriegs zweifelte damals schon Niemand man zitterte nur der Opfer
wegen die er vom Einzelnen fordern musste
Roderich der Generalin Bruder hatte schon am folgenden Tage Weimar
verlassen er war zu seinem Regiment zurückgeeilt
Auch Otto hatte nach Jena zurückgemusst und zwar ohne Annen wiedergesehen zu
haben die Josephine den ganzen Tag bei sich behalten hatte Aber er gönnte der
Geliebten den ihr wie vom Himmel zugefallenen Trost des Wiedersehens ihrer
teuren Freunde und trug sein Herz voll himmlischer Träume und Hoffnungen nach
Jena hinüber Mit brennender Sehnsucht erwartete er dort den nächsten Sonnabend
an dem er wieder nach Weimar zu kommen gedachte er hatte keinen rechten Mut
zum Schreiben denn die erste Liebe macht ja des Jünglings Herz schüchtern wie
das der Jungfrau Auch hatte sein Gefühl plötzlich die Welt zur Ewigkeit
ausgedehnt zu der hinüber die Liebe tausend Brücken schlug was galten ihm acht
Tage blieb sie ihm von nun an auf immer
Josephine ging am nächsten Morgen zum Bürgermeister was noch nie geschehen
war und blieb zwei volle Stunden bei ihm Als sie aus seinem Zimmer trat
sprang ihr Anna entgegen sie drückte das schöne Kind freundlich ans Herz und
sagte weich und innig Liebe Anna du gehst mit uns nach Berlin dein Vater hat
mir erlaubt dich auf ein Jahr mitzunehmen
Anna zitterte und weinte vor Schmerz und Glück sie umarmte bald Josephinen
bald ihren Vater Leontine jauchzte und tanzte im ganzen Hause umher sie war
außer sich vor Freude
Gerade acht Tage nach dem Begräbnis der Bürgermeisterin reisten sie ab Anna
schrieb einen herzlichen ja fast zärtlichen Abschiedsbrief an Otto des letzten
Gesprächs erwähnte sie mit keinem Wort
Als er das Blatt gelesen packte Otto sein Ränzel und verließ Jena Der alte
greise Vater erfuhr es erst hinterdrein und musste das einmal Geschehene
ertragen wenn er es auch nicht gutzuheissen vermochte
1822
An einem der bis zur Erde hinabreichenden Balkonfenster die eine
Eigentümlichkeit der Bauart des alten Berns sind saß eine elegant gekleidete
junge Frau und blickte gedankenschwer vor sich hin in die klare Gebirgsweite
Die Alpengipfel begannen aufzuleuchten im Tal war die Sonne bereits
verschwunden das lichte Grün der vorliegenden Unterberge ward noch einen
Augenblick von ihrem schwachen Widerschein erhellt im Hintergrunde der
Landschaft aber da wo sich die Hügelkette weitete und hob färbten sich die
mattern Abendtinten zu tieferem Purpur violett und blau langsam rollte die
Dämmerung ihr Dunkel darüber hin und hell und heller durchflammten es die
rosigen und goldgelben Spitzen der Gletscher
Die beiden Eiger die Breiten und Blümelisalp eine nach der anderen
erglühte nur das finstre Aarhorn streckte über seine Schneescheitel noch zwei
schwarze Felsspitzen in den heitern Abendhimmel deren gerad ansteigende
Flächen keine Schneedecke dulden
Alle diese Herrlichkeit überflog das ernste Auge der schönen Frau dann
schaute es so fest in sie hinein als ob es noch darüber hin ins Weite sähe
Sie hatte den einen Arm auf die eiserne Balustrade gestützt der liebliche Kopf
ruhte in der schmalen von blonden Locken überflossenen Hand Dieses Anlehnen
hatte etwas Mattes Müdes das Auge aber das so durchdringend die Ferne suchte
war dunkel und frisch wie die Veilchen der Eisspalten am Rande der Gletscher
Zu ihren Füßen dicht vor ihr lagen auf einem Teppiche zwei kleine fünf
bis sechsjährige Knaben die sich zankten und den Beschwichtigungen einer
englischen Kinderfrau Trotz boten Die blonde Frau hörte nicht darauf
Jetzt trat ein stattlicher schöner Mann von einigen dreißig Jahren ins
Zimmer und zu ihr eine Sekunde lang hob sie die Augen senkte sie aber sogleich
wieder auf die Gegend hin
Als sich jedoch der junge Mann in ihrer Nähe auf ein Sopha setzte schien
sie sich zu besinnen wandte sich rasch zu ihm und begann ein heiteres Gespräch
Nun ja erwiderte er mir ist es am Ende auch recht Ich kann es hier so gut
abwarten wohin sie mich versetzen als in B nur sehe ich nicht ein warum das
nicht eben so leicht nach Rom Florenz oder Neapel sein könnte als nach jeden
andern Ort Graf Fink ist zu alt er kann dem Posten nicht länger vorstehen
Baron Stein will nach Deutschland zurück wir aber haben drei volle Jahre in
Italien zugebracht kennen das Terrain und
Ich glaube nicht daran sagte Anna ich fürchte wir müssen uns an den
Gedanken eines nördlichen Aufenthalts gewöhnen Wärst du lieber Roderich nur
erst völlig hergestellt
Torheit versicherte ihr Gemahl meine Brust ist wieder kräftig ja ich
denke sobald ich nur diese mich beengenden Berge und ihre verdammten
weichlichen Molken hinter mir habe werde ich reiten können wie sonst
Lass dir noch die wenigen Wochen Ruhe bat sie sind wir doch jetzt aus dem
eigentlichen Hochgebirg heraus und hier in der Stadt wo du mehr Zerstreuung
hast der Umgang mit den Professoren und sonstigen Honoratioren ist ja so übel
nicht und dann sie zog ihn zu sich ans Fenster sieh doch diese Pracht
nicht mit so unstätem Blick an der Geschäfts und Gesellschaftswirbel wird dich
bald genug wieder erfassen
In diesem Augenblick übertönte das Geschrei der beiden Kinder das Gespräch
bis zu gänzlicher Unterbrechung Der Wärterin Beruhigungsmittel reichten nicht
mehr aus Die Mutter eilte den Jüngsten in die Arme zu nehmen und dadurch dem
Streite ein Ende zu machen
Die Buben werden unerträglich ungezogen schalt Graf Kronfeld so hieß der
junge Mann ich werde diese Interimszeit benutzen ihnen einen tüchtigen
Hofmeister zu suchen
Den sechsjährigen Kindern lachte Anna
Egon ist im siebenten
Seit gestern und die heutige Unart stammt glaube ich noch direkt vom
Geburtstagskuchen her
Aber liebe Anna mit fünfzehn Jahren kann der Eine Offizier sein mit
achtzehn der Andere eine diplomatische Karriere beginnen Wir können doch unsre
Söhne nicht wild aufwachsen lassen wie diese Alpenpflanzen
Anna seufzte Nach einer Weile ward sie heiterer und als sich die Wärterin
mit den Kleinen entfernt hatte fuhr sie fast neckend fort während sie die
Blumen ordnete die Kronfeld im Eifer seines Vergleichs auf den Tisch geworfen
Du scheinst einen ganz außerordentlichen Wert auf eine möglichst frühe und
möglichst vielseitige Entwickelung zu legen Müssen denn nun unsere Söhne
durchaus in der Diplomatie Pferde zureiten und im Kürass ministerielle Noten
dechiffriren
Warum nicht wenn sie es gescheiter machen als ihr Papa nicht vom Gaule
fallen wenn er durchgeht und sich nicht gerade in dem Augenblicke verlieben
in dem sie einen Kabinetsbefehl studieren sollen Er war aufgestanden und blickte
ihr freundlich in die Augen sie lächelte ihm zu man sah Beide belebte eine
angenehme Erinnerung
Sie standen zwei vollkommen edle wahrhaft schöne Gestalten neben
einander der Graf war lichtbraun groß von aristokratischem doch kräftigem
Gliederbau man sah ihm weder den frühen Lebensgenuss noch die frühe
Geistesarbeit an
Warum fragte er weiter sollten sie nicht eben so lebhaft an ihrem
Vaterlande hangen wie ich Warum sollen die Jungen zu ihrer Zeit nicht auch für
die Freiheit schwärmen und sie jubelnd begrüßen ohne dass sie deshalb gerade
Wartburgenser zu werden brauchen oder gar ihr Ehrenwort brechen wie leider
leider so Mancher unserer jetzigen Jugend Ist es mir selbst doch schwer genug
geworden den Glanz jener Tage in uns Allen nach und nach ermatten und
verdumpfen zu sehen Warum sollte ich nicht hoffen dass meinen Kindern auf der
nämlichen Bahn ein besseres Loos blühen werde
Weil sie keinen Freiheitskrieg wirklich mit zu durchfechten haben werden
weil eh sie erwachsen ganz andere Interessen die Welt bewegen müssen und
endlich weil es eben dem Herrn Papa recht sehr schwer geworden den kurzen
Kriegestraum zu vergessen die Uniform wieder an den Nagel zu hängen und in die
alte abgemessene Laufbahn zurückzukehren
Kronfeld seufzte Sehr wahr indessen habe ich mich doch darein gefunden
O ja bis auf das Zureiten wilder Pferde was soviel ich weiß nicht zum
Chargé daffaires gehört
Immer kommst du darauf zurück
Weil es uns zurückbringt ins Vaterland lieber Freund das du übrigens
fürchte ich sehr verändert finden wirst
Wollen sehen brummte Kronfeld Ich bin aber genesen und es kann auch
anders kommen und wäre überhaupt gar nicht dahin gekommen wenn die
italienischen Ärzte besser wären und wenn die dumme alte Wunde nicht gerade
dem Armbruch so nah ich hätte bleiben können sollen
Roderich Du hast Mutter und Schwester am Brustleiden verloren
Aber Josephine ist sie nicht gesund und kräftig bin ichs nicht auch
Haben mich die vielen Reisen angegriffen Hast du mich vor dem unglücklichen
Sturze klagen hören
Anna wollte etwas erwidern als sie durch den Eintritt einer alternden
trotz den ergrauenden Haaren noch immer hübschen Frau unterbrochen ward deren
äußere Erscheinung zwischen der einer Dienerin und einer bürgerlichen Hausfrau
in sehr glücklich gewählter Mitte stand Sie war ein wenig altmodisch gekleidet
mit kurzen Aermeln ein klares etwas gesteiftes über einander gefaltenes
Battisttuch umschloss ihren Hals die schwarze seidene Schärpe mit den
Seitentaschen fehlte auch nicht die Französin war vom Scheitel bis zum
zierlichen Fuß unverkennbar Auch sprach sie Französisch und nur zuweilen ein
übelbehandeltes Deutsch Ihr erster Blick suchte die Knaben dann übergab sie
der Frau Gräfin eine Visitenkarte
Kann weder der Jäger noch der Bediente sie bringen Sophie fragte der
Graf etwas gereizt Sie wissen ich liebe dergleichen Unordnungen im Dienst
nicht
Verzeihung Herr Graf aber «
Mein Gott rief Anna welche die Karte angesehen mein Vetter Otto
Was der kleine Bergstudent der deinetwegen in die weite Welt lief
Ist nun groß und stattlich geworden beinahe so stattlich wie der gnädige
Herr versicherte Sophie In einer Stunde will er wieder anfragen Er ist ein
gelehrter Professor in Basel geworden und der Wirt erzählte mir er sei ein
entsetzlich berühmter Mann und habe irgend was entdeckt auch zogen eine ganze
Menge Schüler hinter ihm drein
Das ist ja kaum möglich sagte Anna die Karte wieder und wieder überlesend
der ganze Mensch ist ja doch erst fünfundzwanzig Jahre alt
Wird auch nicht so arg sein meinte Kronfeld Ma bonne ist immer freigebig
gegen ihre Lieblinge gewesen und hat auch mich vom Secondlieutenant zum
Hauptmann avanciren lassen
Aber der Herr Graf sind es ja doch auch nachher geworden sagte seufzend
Sophie eine weit zurückliegende Erinnerung umflorte ihr Auge
Leider ja durch das Abschiedspatent Ach liebe Sophie das waren schöne
Tage obschon du während derselben meine Freundin und Feindin zu gleicher Zeit
gewesen bist Aber wir wollen nicht davon reden ich bin nun ein ergrauender
Diplomat und muss meine Jungen versorgen
Die Kinder waren längst wieder hereingeschlichen sie hingen an Sophie wie
Kletten
Jungens wollt ihr einen Hofmeister haben
Von Pfefferkuchen Papa fragte der kleinste
Nein nein schrie der älteste ich mag keinen Hofmeister
Anna stand immer noch da wie eine Träumende es war dunkel geworden die
Bedienten hatten den Tee servirt und Licht gebracht Sie schaute gedankenvoll
in die kleinen Flammen derselben wie früher in die leuchtenden Alpen hinein
endlich sagte sie gepresst Ich wollte ich hätte ihn wiedergesehen
Fürchtest du die Erinnerung fragte Kronfeld
Ja erwiderte Anna an seinem Bilde hängt das meiner ganzen Kindheit
Ich bitte dich liebe Anna sprach Kronfeld plötzlich wie durch Zauber ein
Andrer geworden indem er so edel und ruhig vor sie hintrat dass sie
unwillkürlich zusammenschrak als habe sie etwas Ungerechtes gedacht ich bitte
dich bedenke wie sehr dieser junge Mann dich geliebt hat und was er gelitten
haben mag sei besonnen Ich will noch einen Augenblick zu Lady Frederic
hinübergehen fuhr er französisch mit einer leichten Wendung zu Sophien fort
bringen Sie die Knaben zu Bette oder übergeben Sie sie der Betty ich kehre bald
zurück Wenn der Herr Professor Schulze kommt wird Madame wohl die Güte haben
ihn anzunehmen und zu unterhalten bis ich wieder hier bin
Anna blieb allein Sie hatte längst ihre heitere Fassung wieder errungen
als nach etwa einer halben Stunde ein Bedienter den Professor anmeldete Otto
hatte sich vorteilhaft entwickelt er war sehr groß geworden und seine ehemals
zu kleinen zusammengedrückten Züge hatten sich ausgearbeitet und erweitert
sein Gesicht war bleich aber auffallend schön Rasch trat er auf Annen zu als
wollte er sie in die Arme schließen dann wich er um ein Paar Schritte zurück
und stand fast ungeschickt verlegen vor ihr ohne das begrüssende Wort sogleich
finden zu können
Lieber lieber Otto rief Anna ihm die Hand reichend wie freue ich mich
dass du da bist
Wirklich Anna wirklich es freut dich Er zog ihre Hand einen Augenblick
an sein Herz ließ sie aber sogleich wieder los Nun so freut es mich auch
Ohne ihre Aufforderung abzuwarten setzte er sich gepresst nach Atem
ringend auf einen Stuhl ihr gegenüber sie nahm ihren Fauteuil am Fenster
wieder ein Nun betrachteten sich Beide einige Minuten lang schweigend in
Beider Züge strahlte die Freude an des Andern Erscheinung
Und du bist schon Professor Otto nahm endlich Anna das Wort und wo
Vorläufig nur in Basel Ich bin nach der Schweiz gekommen um einige
Localbeobachtungen zu machen Eine Entdeckung die mir in die Hand gefallen hat
mir hier überall die Leute gewonnen Sie haben mir die in Basel erledigte
Professur angeboten die manche Vorzüge hat meine Zeugnisse waren gut Ich habe
die Stelle angenommen Ein paar Jahre werde ich bleiben Ich studire Schwedisch
ich will später zu Berzelius er ist der Einzige der mich anzieht Davy ist
noch in Italien
Du bist gerade so geworden wie ich mir dich dachte sagte Anna nur noch
geschwinder als ich es erwartete
Ja siehst du erwiderte Otto und wurde feuerrot ich sagte dirs im
Voraus Du aber bist sehr vornehm geworden eine Gräfin eine große Dame du
hast Lakaien und Jäger Kammerdiener und Zofen und du hast auch noch deine
prächtige alte Madame Sophie von der du mir so oft erzähltest ich habe sie den
Augenblick nach deinen Worten wieder erkannt
Ach die Arme fuhr Anna fort froh das gefahrlose Thema erfassen zu
können sie hat vor einigen Jahren ihren durch so viele Gefahren hindurch
geretteten Sohn nun doch verloren Der arme junge Mann ist an den Folgen einer
Wunde gestorben die er an den Ufern der Beresina erhalten hatte
Wir waren nach Italien gegangen Kronfeld konnte nach mehrjährigem
Kriegsleben sich nicht sogleich an die diplomatische Laufbahn gewöhnen die ihm
frühere Studien und Vorbereitungen anwiesen Dort angelangt übernahm er
indessen doch einzelne geschäftliche Sendungen und diplomatische Reisen und ward
endlich als Attaché der preußischen Gesandtschaft in Mailand angestellt Etwa
zwei Jahre nach meiner Vermählung gingen wir dahin ab Da trat eines Abends auf
der Straße eine todtbleiche und wie es schien todtmüde Frau auf mich zu und
fragte mich nach mir selbst sie hatte mich nicht erkannt
O sagte Otto das ist natürlich du bist unglaublich schön geworden aber
ich hätte unter Tausenden dennoch dich erkannt
Als ich den Klang der lieben wohlbekannten Stimme hörte rief ich laut
ihren Namen sie fiel ohnmächtig auf das Steinpflaster noch ehe ich sie in
meinen Armen aufzuhalten vermochte Wir ließ sie sogleich nach unserer Wohnung
bringen von da an hat sie bei uns gelebt Auch an der Beresina hatte sie ihren
Marc trotz seiner Wunden glücklich am Leben erhalten in der Schlacht bei
Leipzig die der kaum Geheilte wieder mitfocht erhielt er eine nicht
gefährliche Quetschung am Bein von dem Druck einer Kanonenkugel die ihn aber
dienstunfähig machte Sie flüchtete mit ihm nach Frankreich wohin eine fast
fanatische Verehrung seines Kaisers ihn zog dort blieben sie Die gute Sophie
musste zuletzt zu so mancher äußeren Not einen gewaltigen inneren Kampf
bestehen als die Bourbons wieder auf den Thron kamen und sie ihrem Herzen nach
sich über die erneute goldne Zeit zu freuen hatte während sie mit Marc die
untergegangene Sonne des Kaisertums beweinte Marcs Enthusiasmus für den
Gefallenen fristete ihm eine Weile das Leben im beglückenden Traume der hundert
Tage endete er Duguet war bei Geierspergs geblieben indessen wollte es mit dem
neuen Herrn nicht recht gehen er folgte seiner Frau nach Paris Als aber die
redlichen Menschen ihren Sohn begraben hatten war es ihnen am natürlichsten
mich aufzusuchen und sich meinem Schicksal anzuschließen Sophie nimmt sich
jetzt meines Hauswesens an wie einst des Waldauschen und pflegt meine Kinder
Kinder Du hast Kinder Eine nicht zu bewältigende Rührung überhauchte die
aufblitzende Empörung in Ottos Zügen Er schwieg Auch Anna fand kein Wort es
war gut dass eben jetzt Kronfeld eintrat Nach einer Stunde schon standen Anna
und Otto einander ohne Verlegenheit gegenüber Beim Abendessen hatten die Männer
bereits eine Menge gemeinschaftlicher GesprächsInteressen und jede Spur von
Verlegenheit war verschwunden
Anna ging früh auf ihr Zimmer Sie fühlte sich todtmüde Denken mochte sie
nicht Kronfeld fand sie schlafend als er durch ihre Stube in die seine ging
er beleuchtete sie scharf mit dem Lichte das er in der Hand hielt Sie schlief
wirklich Bin ich nicht ein Tor lachte er vor sich hin und schlich leise
vorüber
Am nächsten Morgen war Anna ihrer vollen Kraft sich wieder bewusst Nein
sagte sie ich wäre doch nicht glücklicher mit ihm Was er forderte hatte ich
damals nicht hätte es wohl auch jetzt nicht für ihn Er wird mich vergessen er
hat es wohl schon tausend Mal getan in dieser langen Zeit Aber ihr Herz strafte
sie Lügen
Otto hatte sie nicht vergessen er hatte nur nicht Zeit gehabt den Schmerz
zu hegen der ihn so gewaltig ergriffen denn er hatte zuerst sich in den Krieg
gestürzt und als dieser endete tief in seinen Studien sich vergraben Die
Nachricht von Annas Heirat hatte ihn da sie gleich nach Beendung des ersten
Feldzugs vollzogen worden schon in Paris erreicht Ein paar leere Liebeleien
ein paar Momente des Sinnenrausches abgerechnet hatte die Liebe sein Leben
nicht eher wieder berührt als eben jetzt in Bern wohin er in den Ferien
gekommen war Annas Wiedersehen verlöschte den leichten Eindruck und gab ihn
der alten nie ganz überwundenen Qual zurück
Die ersten Tage vermied er sie dann führte ein Zufall ihn ihr wieder zu
Sie hatte sich auf eine so verwandtschaftlich sichere Weise zu ihm gestellt dass
ihm sehr bald bei ihr am ruhigsten zu Mute ward
Männer wie Otto die ihre Kindheit und Jugend in den Mittelständen verlebt
haben sind dem Einfluss des aristokratischen Benehmens vornehmer Frauen in hohem
Grade ausgesetzt Ohne eben verlegen zu sein fühlen sie dennoch in höheren
Gesellschaftskreisen sich etwas unsicher um Alles in der Welt möchten sie
keinen Verstoss begehen besonders plagt sie eine geheime Scheu lächerlich oder
gar ungehobelt zu erscheinen so geben sie unbewusst der Einwirkung einer
anmutigen nicht schwer sie niederdrückenden Überlegenheit sich hin Schlägt
doch diese Überlegenheit über all solche Abgründe leicht fliegende Brücken
erscheint sie doch so unbedeutend der Gewalt und Kraft des männlichen
Charakters gegenüber nur bestimmt sie in all ihrer Unbedeutenheit erst diesen
dann den nächsten Augenblick reiht Schritt an Schritt und Stunde an Stunde Und
auf diese Weise ist manche vornehme und sogar manche dabei recht hässliche und
nicht sonderlich geistreiche Frau zur Circe gescheiter und ausgezeichneter
Männer geworden
Und nun Anna Anna die mit dem sichersten Weltanstande das einfache
wohlwollende Gefühl eines Kindes vereinte Anna die nichts für sich suchte
keine Art heimlichen Strebens hinter angenommenen Formen barg in der Alles
lauter Wahrheit geblieben war wie hätte Otto sich ihr zu entziehen vermocht
Bald sah er sie täglich sie war wieder eben so freundlich und herzlich zu ihm
als in den Zeiten ihres früheren Beisammenlebens Wie hatte sie jede Erinnerung
derselben sich zu bewahren gewusst und dennoch mischte sich auch nicht die
leiseste Andeutung eines Gedankens seiner damaligen Liebe in diese Bilder die
sie im magischen Glanze seinem Blicke täglich aufs Neue entfaltete ja oft
vermochte er ihr gegenüber selbst kaum mehr daran zu glauben dass sich damals
sein leidenschaftliches Gefühl gegen sie ausgesprochen dass er in jener
unvergesslich schönen traurigen Stunde ein Glück geträumt vor dem ihm jetzt
schwindelte dass er seine heißen Wünsche ihr gestanden seine Hand ihr geboten
Und doch war Otto keiner von den Männern die sich die Vergangenheit
absprechen sie annulliren wollen weil sie nicht mehr in ihre Gegenwart passt
Der helle Strom des Lebens floss ihm voll und tief durch die Seele und er scheute
den Rückblick auf dessen veränderte Ufer nicht Es ist unbegreiflich wie wenig
Menschen den Mut haben wirklich glücklich oder elend zu sein wie die meisten
aus purer Feigheit mit einem Mittelzustande sich begnügen Otto traute sich zu
beiden die Kraft zu darum schloss er die Augen nicht vor dem was abgegrenzt
schmerzlich weit hinter ihm lag er vergaß es nur momentan weil sie es so
wollte
Anna dagegen berührte das Verlassen ihres väterlichen Hauses ungern Es war
der Wendepunkt ihres Daseins gewesen es hatte ihrer Existenz eine andere
fremdartige Färbung gegeben die sie nicht mit Bewusstsein sich gewählt die
nicht ihr ganzes Wesen durchdrungen in einzelnen Stunden war sie sich dessen
bewusst
Wenn sie von ihrer Mutter sprach war es von deren Leben ihren Tod erwähnte
sie nie Sie sprach überhaupt ungern vom Tode er ist so rätselhaft sagte
sie und darum schaudert mir vor ihm es geht mir wie den Kindern die sich vor
allem fürchten was sie nicht kennen Könnte ich ergründen was der Tod ist mir
würde nicht mehr bangen
Anna ehrte die christlichen Dogmen aus innigster Überzeugung nur äußerte
sie oft hat Christus selbst zu wenig über den Tod gesagt denn die Auferstehung
erklärt den Tod nicht sie springt über das Grab hinaus in einen neuen Zustand
mitten hinein
Auch die Fabel der Alten das schöne Bild geistiger Verklärung der
PsycheSchmetterling genügte ihr nicht Die Raupe ist geflügelt worden hat
ihre Farben gesteigert ihre Formen entwickelt und hinterlässt die Larve wie
eine Blume ihre Knospenkapsel aber des Menschen Leib verwelkt und bricht
endlich ganz und gar zusammen ihm entsteigt keine sichtbar veredelte und doch
seiner Urform verwandte Gestalt Ich glaube an die Fortdauer eben darum graust
mir vor den unlösbaren Rätseln des Todes
Als du ein Kind warst erwiderte Otto lächelnd hast du mich oft mit
dergleichen Fragen und Äußerungen geplagt die ich der Sprache nie sonderlich
mächtig dir nicht zu beantworten vermochte Weißt du noch wie ich mir damals
half Ich zeigte dir auf einem der Blätter im großen Bilderbuche der Natur die
Antwort Ich wills heute wieder so machen und aus unscheinbaren Substanzen aus
Gas und formenlosen Stoffen eine Gestalt dir erwecken die wir zu den Urformen
der unorganischen Natur zählen Er ließ nach bekannten chemischen Proceduren
einige Stoffe sich krystallisiren und fragte ganz trocken Auf die Größe kommt
es dir doch nicht an Nun könnte denn die flüchtige Substanz der Seele im
Übergange mit uns noch unbekannten Stoffen sich nicht wie dieser Krystall zur
eigenen Urgestalt erwecken Da hättest du die Auferstehung des Geistes die
Verklärung seiner früheren verborgenen Wesenheit Lass den Körper als bloße
Schale der Erde
Du bist sagte Anna trotz all deiner Gelehrsamkeit immer noch der alte
philosophirende Phantast und glaube mir ich bin immer noch das gläubige aus
allen Kräften der Seele aufhorchende Kind
Ja ja sagte Kronberg ein wenig schläfrig Sie beide harmoniren als
unbewusste Poeten im Märchenfache das merke ich gedenken Sie aber einmal der
Realität eines unpoetischen ungelehrten krüppelhaften
Und krystallisiren Sie ihn in seine Urform als Whistspieler setzte Anna
scherzend hinzu
Allerdings spielte ich gern wenn wir einen vierten Mann hätten
Vor dem toten Whistmann fürchte ich mich gar nicht versicherte Anna
Und alle Drei setzten sich lachend an den Spieltisch und Kronberg fand seine
Frau allerliebst
Kronberg war ein wirklich gebildeter unterrichteter Weltmann die
Naturwissenschaften aber waren damals keineswegs ein Gemeingut der Gesellschaft
Nur wenn durch seine Anwesenheit ein hochberühmter Reisender sie zum belehrenden
Gesprächsstoff umschuf erweckten sie ein durchgehendes Interesse das demnach
in den meisten Fällen entschieden der Persönlichkeit des Erzählers viel zu
danken hatte
Es war daher Kronberg durchaus nicht zu verargen dass ihn Ottos Gespräche
mitunter langweilten und er sich ärgerte dass wie er oft Annen versicherte ein
so grundgescheiter Mensch nicht im Stande sei eine ordentliche Konversation zu
machen und nicht einmal dir gegenüber setzte er kopfschüttelnd hinzu
Eigentlich hatte Otto überhaupt noch nie ordentlich mit einer Dame
gesprochen die jungen Mädchen mit denen er auf selten besuchten Bällen
verkehrt hatte verstanden es eben so wenig als er ein fortgesetztes Gespräch
zu führen In so jungen Jahren ist es meistens der Liebe allein vorbehalten die
Brücke des Verstehens zwischen den Geschlechtern zu schlagen
In Bern erst war er einem Mädchen begegnet mit der zu reden ihm gelungen
war er wusste kaum selbst wie es zugegangen Es war die Tochter eines armen
Schreiblehrers Der Vater gelähmt und altersschwach wünschte sie in einem
Institute in welchem er selbst bisher den Dienst versehen an seiner Statt als
Lehrerin unterzubringen Die dem Plane sich entgegenstellenden Schwierigkeiten
hatten Otto in dem Hause in welchem er bei einem älteren Kollegen wohnte mit
dem hübschen Vrenely zusammengeführt Die Professorin interessierte ihn für das
arme Kind und suchte seine Fürsprache bei dem ihm befreundeten Institutsdirector
für dasselbe zu gewinnen
Trotz ihrer niederen gesellschaftlichen Stellung war das Vrenely ungemein
beliebt in Bern Der Vater mochte auch wohl bessere Tage gekannt haben
wenigstens hatte er seinem Töchterchen eine sorgfältige Erziehung gegeben In
einigen höheren Kreisen freundlich aufgenommen hatte das schöne junge Mädchen
durch die Lieblichkeit seiner äußeren Erscheinung durch die Anspruchlosigkeit
seines ganzen Wesens die regste Teilnahme sich erworben
Vrenely war durchaus von Anna verschieden sie hatte wenig Mut aber viel
Pflichtgefühl das den Mangel an jenem übertrug und so unternahm sie in fast
gleicher Lage mit der aus welcher Anna zu ihrer jetzigen Stellung durch die
Generalin von Geiersperg gelangte ihren eigenen Weg zu gehen weil sie für
ihren Vater es als nötig erkannte Mit vierzehn Jahren schon hatte sie kleine
Kinder im Lesen Rechnen und Schreiben unterrichtet und den Alten fast ganz und
gar erhalten Jetzt war sie siebenzehn Es war die Rede davon sie bei einem
Doppelinstitute für Knaben und Mädchen statt besoldeten Lehrers die Stunden
geben zu lassen der Fall war noch nicht vorgekommen und der größte Teil der
Gesellschaft interessierte sich für sie und ihr Anliegen
Vrenely war wie sonst wohl eigentlich echte Katholiken zu sein pflegen
fromm und still die lange Arbeitswoche ja den ganzen Sonntagsmorgen hindurch
dann aber nach vollendetem Geschäft fröhlich und guter Dinge als breite das
Leben einen Reichtum von Festtagen um sie her Sie hatte den vollen kräftigen
Wunsch das Dasein zu genießen aber auch den Genuss zu verdienen Sie hoffte
unendlich viel von der Zukunft und stellte in ihrem Herzen jedem Worte das sie
ihren kleinen Zöglingen vorschrieb eine mit allen Farben einer regen Phantasie
ausgeführte Initiale voran aus Engeln und Blumen zusammengesetzt aber alle
flossen in einen einzigen Wunderrahmen zusammen der sich um ein schönes
ritterliches Heiligenbild hinzog als sie Otto gesehen Er fand sie fast jeden
Abend bei der alten Professorin ihr gefälliges Äußere und ihre Herzensgüte
gewannen ihn Das Mädchen schien ihn zu lieben aber sie dachte weder an Liebe
noch an Heirat dabei sie dachte nur an Ihn Sie hatte auch gar keine Zeit
ihr Gefühl zu betrachten oder zu analysiren sie ließ es in sich walten wie man
die Sonne sich bescheinen lässt
Da sah Otto unvermutet Annen wieder Es war vorbei er dachte nicht mehr an
das Vrenely er kam gar nicht mehr herunter zur alten Frau Professorin und hatte
des selbst kein Arg Ihn hatte eine höhere Gewalt ergriffen seine Seele war wie
von einem Blitzstrahl durchleuchtet er konnte sich auf nichts Anderes besinnen
Anna war wirklich unbefangen geworden sie hatte die kurze Störung einer ihr
unsäglich lieben Vergangenheit vergessen wollen um den Jugendfreund sich zu
bewahren und es war ihr gelungen In solchen Fällen ist das Gemüt der Frauen
beweglicher ja wechselnder als das der Männer
Mit jedem Tage fühlte sich Kronberg mehr und mehr gesunden er betrachtete
sich als völlig hergestellt und stand in eifriger Korrespondenz mit dem Fürsten
H dem allgewaltigen Minister der ihm gewogen war und durch dessen Gunst er
eine wirkliche Gesandtenstelle in Rom Florenz oder Neapel zu erlangen hoffte
Die nächsten Wochen oder wenigstens die nächsten Monate mussten hierüber eine
Entscheidung bringen Kronberg schwankte ob er dieselbe in der Schweiz abwarten
solle oder nicht
Die Verhältnisse in Deutschland waren ihm unangenehm sie drückten ihn Mit
einer rein legitimen fast ritterlich poetischen Anhänglichkeit an König und
Vaterland die ihm sein kurzer Kriegerstand zurückgelassen verband er den schon
damals erwachenden in unsern Tagen so allgemein und allgewaltig heranwachsenden
Drang nach persönlicher Freiheit die amtlichen Verhältnisse wie günstig sie
sich ihm auch gestalten mochten ekelten ihn an die für ihn zu hoffende
Karrière welche ihn unter unmittelbare Leitung des Ministeriums stellen musste
genügte ihm durchaus nicht nur ein Gesandtenposten wo möglich der eines
Ministerresidenten gewährte selbst wo er ihm die größten Rücksichten
aufzubürden schien seiner Ansicht nach die Garantie einer persönlichen
Unabhängigkeit die ihn trotz allen mit ihr verbundenen Lasten der
Gesellschaft lockte und alle ihm sonst gebotenen Vorteile abweisen ließ
Aber sagte ihm Otto in einer langen Unterredung über diesen Gegenstand
fühlen Sie denn nicht Herr Graf dass im Verhehlen einer Gesinnung in
Darstellung irgend einer Tatsache deren Färbung ein bestimmter Zweck bedingt
auch ein Zwang liegt Und sollte dieser nicht größer sein als der eines Amtes
das seine feststehenden Formen und seinen festsitzenden Schlendrian mit sich
führt
Lieber Freund erwiderte Kronfeld man wird identisch mit seinem Staate und
verhehlt beschönigt verschweigt gerade so wie etwa der Einzelne in der guten
Gesellschaft sich gern von der besten Seite zeigt Glauben Sie mir der Triumph
eines feinen Diplomaten ist der süßeste auf Erden ausgenommen der einer
schönen Frau schloss er lachend zu seiner Gemahlin gewendet Pardon Er küsste
ihr schmeichelnd die rosigen Fingerspitzen
Otto fühlte sich unangenehm berührt ja wunderlich geärgert und verletzt
Diese Galanterie mochte sie noch so zart und ritterlich sein verwundete ihn
jedesmal wenn Anna der Gegenstand derselben war Sie war ihm so heilig und er
noch ein recht gläubig Liebender Er ließ das Gespräch fallen
Kronfeld glaubte er habe ihn nicht verstanden Diese Gelehrten sagte er
verdrießlich zu sich selbst vermögen mit ihrer mathematischen Weisheit die
Sonnenstäubchen zu berechnen aber im gemeinen Leben können sie nicht drei
zählen Wenns Glück gut ist meint der ich wolle den pschen Staat auf
meine Schultern nehmen und durchs Weltmeer tragen wie St Christophorus den
Herrn
Anna sah Beide an und lächelte sie verstand Beide nur hielt sie Ottos
Liebe für minder ernst sie hatte gerade genug über das hübsche Vrenely gehört
um nicht an die Unvergänglichkeit dieser Liebe für sich selbst glauben zu müssen
so glaubte sie nicht daran An die Möglichkeit einer heftigen Leidenschaft
dachte sie gar nicht teils traute sie dem Jugendfreunde sie nicht zu teils
fehlte ihr der Maßstab für dieselbe und überhaupt träumte Anna nicht und wiegte
sich nicht in Emotionen Ihr ernster Charakter gehörte nicht zu den
romantischen sie bebte zurück vor der eigenen Kraft und Tiefe ihres Wesens
wenn irgend ein Umstand den Schatten derselben an ihr vorübergleiten ließ ohne
ihn zu erkennen wie zuweilen ein unverstandenes Geisterleben durch einen Mark
und Bein erschütternden Schauder uns schreckt den wir nicht zu erklären
vermögen So vergingen mehre Wochen
Otto fing indessen doch allmälig an sehr zu leiden er sah täglich mehr
ein dass Anna weder ihn noch seine Liebe begriff und die Leidenschaft will
verstanden sein um jeden Preis verstanden Er verlangte dass sie wisse was er
um sie erduldet wie damals ihr Verlust sein ganzes Dasein umgestaltet welchen
unermesslichen Schmerz sie ihm gegeben Mehr forderte er nicht er suchte nichts
zu erreichen nicht einmal ihre Liebe Was konnte diese Liebe ihm gewähren Otto
war ein frommer ganz einfacher Mensch ihm war die Ehe eine chinesische Mauer
die unwiderruflich von jeder Hoffnung auf die Geliebte ihn schied
Auch Vrenely ward des eigenen Herzens sich mehr und mehr bewusst es war so
finster in ihrer Seele geworden Der frohe Mut mit dem sie sonst
allmorgendlich erwachte war plötzlich wie versunken in ihrer Brust Wie ward
ihr Alles so bitter schwer Sie hatte nun die lange gewünschte Stelle erhalten
sie konnte ihren alten Vater ernähren und pflegen aber ach ihre Stunden gab
sie nicht mehr gern Wie erbärmlich kam es ihr jetzt vor nur kleine Kinder
schreiben und buchstabiren zu lehren wie gar gering wie mangelhaft war nicht
eine solche Kenntnis Was musste nicht die wunderschöne Frau die sie so oft mit
Otto am Schulhause vorübergehen sah alles wissen und Ihm sagen können
Sie besann sich jetzt auf jedes Wort das er früher mit ihr gewechselt
das hatte sie sonst auch wohl Nachts oder in einzelnen freien Stunden und ach
wie gern getan aber damals war es ihr immer vorgekommen als enthalte die
ganze Welt nichts Schönes oder Edles das sie nicht mit ihm besprochen nun sie
es sich so recht inniggrausam überlegte hatte er ja nur ganz oberflächlich von
dem Nächstliegenden zu ihr geredet Er hatte ihr Vieles erzählt aber vielleicht
hatte er damals schon bei dem Allen gar nicht an sie gedacht sondern immer nur
an die schöne Fremde mit den langen blonden Locken
Otto ahnte von dem Allen nichts Gibt es etwas Traurigeres als dieses
Nebeneinanderleben und Leiden wo keiner auf den Andern sieht ja nicht einmal
die Qual eines nahen und liebenden Herzens beachtet Und jeder meint dennoch
eine Unermesslichkeit der Empfindung in sich zu tragen und sie reicht nicht
einmal für den dicht neben ihm Stehenden neben ihm Weinenden aus
Das Ende der Herbstferien nahte mit Entsetzen dachte Otto des Augenblicks
der ihn von Annen trennen musste War er schon nicht glücklich in ihrer Nähe
empfand er dennoch einen Todesschauer bei dem Gedanken die Abende die er jetzt
grossenteils bei Kronfelds zubrachte künftig ohne sie in Basel durchleben zu
müssen Unwillkürlich ging er jeden Tag etwas früher hinüber mit jeder Stunde
ach mit jeder Minute hätte er geizen mögen
Eines Abends als er dem Hause zueilte gewahrte er den Reisewagen des
Grafen der eben schwer bepackt aus dem Hoftor und die Straße entlang rollte
Duguet mürrisch in seinen dicken Pelz gehüllt saß auf dem Bock das musste
nach Norden die Nacht hindurch weit weit gehen großer Gott war sie ihm denn
schon wieder verloren
Das nämliche Gefühl mit dem er einst den Brief aus der Hand legte der ihm
Annas Reise nach Berlin verkündigt hatte überfiel ihn jetzt mit plötzlicher
Gewalt und wälzte sich erstickend auf sein Herz ihm vergingen die Sinne Ohne
zu bedenken dass er auf offener Straße sei lief er dem Wagen eine weite Strecke
nach als die Unmöglichkeit ihn zu erreichen endlich seine Schritte hemmte
stürzte er eben so mechanisch in wilder Hast zurück und dem Hause zu das die
Familie bewohnte Unten im Hofraum stand Philipp des Grafen Reitknecht und
wusch den zweiten Wagen in welchem Anna häufig auszufahren pflegte Sie ist
noch da schlug es an Ottos Herz Er trat in das Haus die Mägde waren emsig
mit der täglichen Arbeit beschäftigt nirgend gewahrte er eine Spur von
Reiseanstalten oder Unruhe O guter Gott sie ist noch da Er lehnte sich
erschöpft an die Treppenbalustrade und vermochte nichts weiter zu denken kaum
sich auf den Füßen zu erhalten Ein Strom von Glück und Dank flutete auf in
seinen Adern in seiner Seele Sie musste noch da sein da lagen ihre Handschuhe
ihr Hut Sie war im Nebenzimmer sechs Schritte so stand er ja vor ihr
Der starke Mann zitterte wie ein Kind und hatte lange nicht den Mut die
sechs Schritte zu tun Endlich öffnete er die Tür des Salons am Tische saß
das Vrenely zwischen den beiden kleinen Knaben und gab ihnen Schreibstunde Otto
rang nach Atem und blieb an der Schwelle stehen da trat Anna hinzu sie war im
Hintergrunde des Zimmers gewesen Das Vrenely war aufgesprungen von seinem
Stuhl die beiden Frauen standen neben einander
Zum ersten Mal durchzuckte ihn eine Erinnerung an sein früheres Benehmen
gegen das Mädchen welches schon wieder zwischen den Kindern saß Seit den acht
Tagen da die Stunden begonnen hatte sie ja Zeit gehabt auf diesen innerlich
schon hundertmal durchlebten Augenblick sich vorzubereiten sie beugte sich
unter dessen Gewalt wie eine Lilie unter dem aufstürmenden Nachtauch aber sie
blieb gefasst Anna war ruhig wie immer sie blickte sinnend bald Otto bald das
Vrenely an Ob er sie liebt fragte sie sich leise und eine helle Röte überflog
ihre Wangen sie wusste ja er liebe sie selbst
Otto blickte mit tiefer Glut auf Annas schöne Züge die der rosige Hauch
verklärte er hatte das arme Vrenely bereits wieder vergessen Ich glaubte dich
fort Anna ich hatte den Wagen gesehen entrang sich fast tonlos seiner Brust
Du er nennt sie Du widerklang es in Vrenelys Herzen
Fort ohne dir Lebewohl gesagt zu haben wie wäre das möglich Otto
Hast du es nicht bereits einmal getan fragte Otto sehr bitter Zum ersten
Mal war er empört über Annas Unbefangenheit
Die Röte auf ihren Wangen wich sie ward blass sehr blass Du solltest jetzt
und überhaupt niemals mich daran erinnert haben Otto es wäre großmütiger
gewesen edler Du hast Kronfelds Reisewagen gesehen er ist nach Karlsruhe
Der Minister H kommt auf der Rückreise dort durch Roderich will ihn sprechen
Es hat sich schnell in wenig Stunden gemacht Nach beendigter Lection der
Knaben wollte ich zu dir schicken dir es sagen zu lassen Kronfeld grüßt dich
herzlich er kommt in sechs bis acht Tagen zurück Übrigens mein Freund fuhr
sie freundlicher und sehr weich fort übrigens sollte man Tote ruhen lassen
und diese Vergangenheit mit all ihrer Lust und all ihrem Leide muss tot sein
sie ist an der Gegenwart gestorben Otto ist uns denn nicht noch unendlich viel
an einander geblieben Sie bot ihm mit tiefer Rührung die Hand
Vrenely saß mit dem Rücken gegen die Sprechenden gewandt aber sie hörte das
halblaut geführte Gespräch Sie hatte ihre Stärke überschätzt das empfand sie
jetzt erst Hatte sie doch das ganze Anerbieten den Kindern Stunde zu geben
nur angenommen weil sie Ihn sehen wollte Ihn neben ihr Es war ihr gewesen
als müsse sie dann mit einem Male genesen von all der Qual oder daran sterben
und nun tödtete das Allerunerwartetste sie nicht sondern die Qual wuchs und
überwuchs in tausend Gestalten zugleich all ihre Vorsätze und Kräfte
Anna und Otto standen in einer Fensterbrüstung vor einander und sahen sich
wehmütig an das Vrenely hatten jetzt Beide vergessen
Anna flüsterte er endlich die dargebotene Hand leidenschaftlich an sich
ziehend ich habe es lange schweigend ertragen Warum hattest du mir das getan
War ich dir denn damals gar nichts Ist dir denn in diesen vielen Jahren nie
eingefallen was du in mir zerstört was ich um dich gelitten
Otto ich war ein Kind fünfzehn Jahre Kannte ich denn das Leben wusste
ich was ich tat Jetzt weiß ich es ich hätte anders handeln sollen und
müssen Ach glaube mir es hat mir oft unsäglich leid getan
Wo wäre die Liebe die bei solchen wenn auch absichtslos gesprochenen
Worten nicht von tausend zündenden Funken durchglüht aufloderte zur
verzehrenden jedem Gesetze Trotz bietenden Leidenschaft Anna die er so kalt
geglaubt Anna fühlte also dass sie unrecht an ihm gehandelt sie hatte es
bereut sie hatte um ihn mit ihm gelitten Wie anders wäre vielleicht Alles
gekommen wenn Josephine sie nicht überredet ja durch ihr Übergewicht sie
vielleicht gezwungen Jeder Vorwurf den er der Geliebten gemacht war aus
seinem Gedächtnisse entschwunden O wie sophistisch ist die Neigung Otto vergaß
die ganze schmerzliche Vergangenheit ja die ganze noch schmerzlichere
Gegenwart er zog schweigend Annas zitternde Hände an seine Lippen und zum
ersten Mal im Leben überströmten heiße Tränen das schöne männliche Gesicht
Anna erschrak sie wusste nicht was zu tun sie empfand ihre eigne
Unvorsichtigkeit ihrer Kinder und Vrenelys Nähe Sie vermochte nichts als ihn
bittend anzusehen und leise ihre Hände den seinen zu entziehen Jetzt kehrte
auch ihm die Besinnung und das Gefühl des unwiederbringlichen Verlustes zurück
schneidend kalt ließ er sie los und wandte sich von ihr ab
Musst du die Wege noch weiter von einander leiten Otto fragte sie mit einem
unaussprechlich trüben ernsten Ausdruck Aber der Schmerz hatte ihn überwältigt
er zitterte heftig und griff in der Aufregung nach einem in der Nähe stehenden
Tischchen um sich zu stützen die auf demselben befindlichen Gläser klirrten
gegeneinander und Vrenely wandte unwillkürlich den Kopf Er weinte nun wusste
sie ja Alles und so ganz war sie vergessen dass er in einem solchen Augenblicke
nicht einmal ihre Anwesenheit gewahrte Auch das Mädchen weinte heiß und still
aber die arbeitgewohnte Hand führte dennoch die kleine Hand des Knaben der
eifrig seine Grundstriche machte Das arme Vrenely war nicht an heftige
Äußerungen gewöhnt
In Annas Seele regte sich jetzt zum ersten Mal eine Ahnung der tiefen
Leidenschaft die Otto seit Jahren für sie empfunden und treu bewahrt hatte und
vor ihr richtete einem Gorgonenhaupte gleich die Verantwortlichkeit sich auf
der leiseste Hoffnungsschimmer musste ihn verwirren die entschiedene
Zurückweisung konnte seine Tatkraft hemmen im Augenblicke ihrer Entwicklung
Ach und die Seele hat auch ein Janushaupt mit doppeltem Antlitz Mitten in
diese wahrhaft edle Empfindung mischte sich der egoistische Schmerz Beide nicht
glücklich beide liebelos den langen leeren Weg des Lebens Noch nie hatte Anna
so klar sichs einzugestehen gewagt dass sie ihren Gemahl eigentlich nie
geliebt vor der ungeheueren Wahrheit in Ottos Gefühl brach plötzlich diese
Überzeugung herzzerreissend fast vernichtend grell an das Licht aber sie stand
ruhig den Blick zur Erde gesenkt und nur die blonden Locken zitterten über der
heftig pulsirenden Ader an den Schläfen
Gerade dies Schweigen vernichtete den letzten Rest der Kraft in Vrenelys
Brust sie hielt diese plötzliche Stille für den lautlosen Ausdruck des Glücks
weil sie selbst wortlos so unsäglich glücklich gewesen ihr war als stürbe sie
in diesem Augenblick ihr Köpfchen sank auf die Lehne des Stuhls auf welchem
ihr kleiner Zögling saß und unaufhaltsam flossen ihre Tränen Da trat Sophie
zu ihr die vor wenig Sekunden durch die Alkoventür hereingekommen war die
Stunde hatte geschlagen ma bonne wollte die Knaben abholen Der kleinste saß in
seinem hohen Stühlchen fest eingeschlafen Vrenely hatte es nicht bemerkt der
ältere schrieb noch aber in immer krauseren Schriftzügen Sophiens Falkenauge
überflog die beiden Gruppen sie begriff alles
Sie sind unwohl liebe Mamsell sagte sie leise indem sie hinter des
Mädchens Stuhl trat um die Weinende mit ihrer Gestalt den im Fenster Stehenden
zu verdecken Fürchten Sie nichts es hats niemand gesehen Kommen Sie wir
wollen auf mein Zimmer oder in den kleinen Hausgarten gehen es ist beklommen
hier frische Luft wird Ihnen wohltun
Vrenely richtete das freundliche Auge dankend zu ihr auf an den langen
schwarzen Wimpern hingen die hellen Tränen wie Tau an einer dunkeln Blume
sie war keines erwidernden Lautes mächtig
Die Kinder der Kleine war erwacht sprangen fröhlich auf die Mutter zu
Anna beugte sich liebkosend zu ihnen nieder ihr Herz ward stiller
In Otto regte sich plötzlich bei diesem Anblicke die entzügelte Furie der
wildesten Eifersucht mit einem unterdrückten Schmerzensschrei schlug er beide
Hände vor das Gesicht
Vrenely war aufgestanden und schwankte eben an Sophiens Arme der Türe zu
der leise Aufschrei traf ihr Ohr Unfähiger noch seinen als den eigenen Schmerz
zu ertragen erlag das arme Kind so vielen zugleich es bestürmenden heftigen
Gefühlen es fiel ohnmächtig in ma bonnes Arme und musste hinausgetragen werden
in deren Stube
In tiefster Seele erschüttert blieben Otto und Anna zurück des Mädchens
Schmerz hatte zu unwiderlegbar laut gesprochen er bedurfte wenigstens vor
diesen Beiden keiner Erklärung Lange fanden weder sie noch er ein Wort Otto
stand mit untergeschlagenen Armen als trotze er der neuen Qual die ihren
Schatten über seine Tage legte die Gräfin saß wie am ersten Abende im Fauteuil
am Fenster aber sie blickte nicht mehr auf die erglühenden Gletscher und Alpen
sondern in die viel starrere und schroffere Natur des menschlichen Gemüts
Was wirst du tun fragte sie endlich
Ich weiß es nicht antwortete er wild und es kümmert mich nicht ich bin an
dem allen nicht Schuld Leide ich denn etwa nicht
Otto sagte sie sehr sanft ich glaube du musst uns so bald wie möglich
verlassen
Du willst mir die einzige kurze Freude meines geknickten Jugendlebens
misgönnen Bleibt mir denn etwa außer diesen paar Augenblicken mit dir noch so
gar viel dass ich sie wegwerfen könnte wie welke Blüten oder sind sie dir eine
Last Hat dich meine Leidenschaft etwa überlaufen wie ein zudringlicher
Gläubiger Habe ich irgend etwas verlangt dir eine Untreue eine Erwiderung
aufgebürdet Ich will ja nichts von dir als deine Gegenwart die jeder Bettler
hier mit mir teilt
Anna Anna fuhr er fort immer heftiger im Zimmer auf und
niederschreitend du kennst mich nicht reize mich nicht durch Sophistereien
mache mich nicht zum wilden Tier das in der Wut des Schmerzes alles zerreißt
und niedertritt Was geht das Mädchen mich an Habe ich ihr je ein Wort von
Liebe gesagt Was kümmert mich außer dir die ganze Welt
Ich weiß es nicht aber sie hat sich geliebt geglaubt Ein Recht dazu
konntest du auch ohne Worte ihr geben und musst es irgendwie getan haben
das Kind ist so bescheiden O glaube mir es ist gut ja nötig dass du gehst
Werde ich dich denn nicht vermissen Ach ich hatte mich ja so unbeschreiblich
auf Basel und unser Wiedersehen dort gefreut
Nun Anna nun
Ich irre vielleicht wir Frauen verstehen ein Männerherz so schwer in all
diesen Verhältnissen Ich kann dich nur bitten lade keine neue Schuld auf dein
Haupt keine auf mein gedrücktes Herz
Du rief er auf sie losstürzend als wolle er ihr zu Füßen sinken du
schuldig und durch mich Engel und worin Er presste ihre zitternden Hände
gegen seine glühende Stirn dann eilte er fort
Mehre Tage traf er sie nie allein Er hatte anfangs wegbleiben wollen doch
es nicht vermocht Jetzt fand er sie beständig von Sophien und ihren Kindern
umgeben sogar Frauen aus Bern als Besuchende bei ihr Nie war ihm Anna
reizender erschienen als in diesem milden besonnenen Versagen in dieser Scheu
vor allem Unrecht aber ihre Absicht erreichte sie nicht denn sie entflammte
ihn nur zu immer heftigerer Leidenschaft Sie bedachte nicht dass sein ernster
einfacher Sinn sie ohnehin jetzt vor neuem Aussprechen seines Gefühls schütze
nur das Überraschende des Moments hatte ihn zu Ausbrüchen fortgerissen die er
selbst strenger tadelte als sie
Vrenely war krank geworden Anna besuchte sie täglich sie erzählte ihr wie
zufällig von ihren Kinderjahren und der schönen mit ihrem Vetter verlebten
Jugendzeit So schien äußerlich alles beschwichtigt und in das alte Geleise
zurückgekehrt die Stunden mit den Kindern sollten nächstens wieder beginnen
Otto hätte wahnsinnig werden mögen jede Regung seines Wesens fühlte er gezügelt
und tief im Innern den gigantisch tobenden blind wütenden Schmerz
Mit bewundernder Schwärmerei schloss sich das arme Mädchen der schönen
gütigen Frau an die ihr so viel Wohlwollen erzeigte sie glaubte Sophien die
ihre Ohnmacht dem plötzlichen Eintritt der Krankheit zuzuschreiben schien
obschon ihr klarer Sinn sich nicht zu bergen vermochte dass des Geliebten Herz
sich von ihr gewendet sie fand nur eine Milderung ihres Geschickes in dem
Gedanken dass er Annen vor ihr gekannt und geliebt
Dennoch müsste dieser künstliche Bau eines erträglichen Zusammenlebens zu
einem sehr zweifelhaften Glück für alle geworden sein hätte nicht ein ganz
unerwarteter Brief Leontinens dem Augenblick plötzlich eine neue Färbung und
neue Interessen aufgedrungen Sie schrieb
»Tue mir den Gefallen herzliebe Anna gleich bei Empfang dieser Zeilen so
recht gründlich auf mich zu schelten sage ich sei von einem Leichtsinn den
man bei meinen einundzwanzig Jahren nicht zu entschuldigen vermöge Meine
Unüberlegteit und Koketterie müssten und würden mich gewiss noch in unabsehbare
Abgründe stürzen auf diese Weise müsse ich geistig und körperlich zu Grunde
gehen Letzteres Gott seis geklagt fängt bereits an nämlich beim Teint den
ich in diesen Tagen gar sehr vernachlässigt
Wenn du nun im Zuge bist kannst du gleich sagen dass ich bei einem Haar
zwei höchst achtbare treffliche Kavaliere durch meine entsetzliche Frivolität
auf zeitlebens elend gemacht haben würde wenn sich diese lieben Kreaturen
Gottes nicht glücklicherweise gleich mit einem zweiten Meisterstück der
Schöpfung getröstet hätten Wirf mir nun auch noch vor dass ich bei der letzten
an mich ergangenen jedenfalls unverdienten Bewerbung weil sie etwas sehr lange
dauerte am Ende nicht mehr recht Acht gab aufsprang und beinahe aber nur
beinahe in der Zerstreuung davongegangen wäre und den Freier stehen gelassen
hätte ohne alles abzuwarten was er vorzutragen für nötig fand Ach liebe
traute Anna zeichne mich schwarz so recht kohlpechrabensündenschwarz dann
aber ruhe aus und fasse dich denn das Schlimmste kommt noch ich habe einen
viel ärgeren viel tolleren Streich begangen als diese alle ich bin
davongelaufen Mit einem Liebhaber O Gott nein Kind vor einem Liebhaber
weil er sehr langweilig wurde
Nun bin ich aber in Soloturn zwei drei Meilen von euch und meine Babet
sitzt neben mir betrachtet verzweifelnd meine zerknitterte Haube und meinen
entfärbten Kapot und versichert dass sie nicht weiß wie das alles enden soll
Nun gerade so weit bin ich auch
Im Grunde war die Geschichte ganz einfach Als die Saison in Baden beendigt
wollten wir wie du weißt nach Strassburg wo Geierspergs Nichte heiraten und
wir das heißt ich dazu tanzen sollten So weit war alles gut nun aber denke
dir meinen Todesschreck macht uns am zweiten Tage unseres Aufenthaltes dort
mein frühester ehemaligster Ver und Entlobter Vetter Albert eine angenehme
Überraschung kommt von Koblenz aus angefahren und trifft mir nichts dir
nichts in Strassburg mit uns zusammen
Und nun geht das Anhalten noch einmal los und ich bin in dem letzten halben
Jahre um ein ganzes älter geworden denn Geiersperg erklärt mir peremptorisch
ich sei mündig und ganz mein eigener Herr vermutlich aber nicht meine eigne
Frau da ich wie Babet sagt absolument seinen Vetter Albert nehmen soll
Ich höre das alles an sage nicht ja nicht nein Nun wird der General
zornig und fragt Misfällt dir sein Äußeres Gar nicht Papa Ist er nicht
gebildet wohlhabend Graf Was kann in seinen Verhältnissen dich abschrecken
Rien au monde papa Hast du irgend eine andere Neigung Für den Augenblick
nein Papa Nun ging ein entsetzliches Donnerwetter über meinen Übermut los
Ach HerzensAnna sie redeten alle so in mich hinein Albert war so
außerordentlich zärtlich schön glücklich dazu war es himmlisches Wetter man
konnte an einem solchen Tage Niemand betrüben
Da habe ich vermutlich ja gesagt denn gleich darauf gings an ein Herzen
Küssen Danken Gratuliren dass es eine Lust war
Nach der Hochzeit der Kousine machten wir alle eine kleine Reise nach Trier
Albert immer mit wir sahen schöne Altertümer und unverfängliche Leute es ging
prächtig Gerade unter der Porta nigra überkömmt mich der alte Ennui Ich fange
an zu experimentiren gerade wie in der Pension Bald servire ich ihm heiß bald
kalt bald glüht er dass er fast besinnungslos zu meinen Füßen liegt bald
schilt er mich wird bitter heftig scharf schroff Das war doch nun wirklich
endlich eine Abwechselung und ich bitte ihn um Verzeihung Aber mit einem Mal
wird mirs fatal aber ganz fatal ich begegne einem jungen Manne er grüßt
her ich grüße hin Ach lieber Engel es war eine so unschuldige
Liebesgeschichte Mädchen von vierzehn Jahren könnten sie lesen Wird mir mein
Verlobter wild aber wild wie ein Türke Geiersperg hält lange wohlgesetzte
Reden Mama macht Vorstellungen Babet sagt Aber wenn nun das gnädige Fräulein
durchaus nicht mögen da täte ichs absolument nicht
Babet hat den Stein der Weisen gefunden denke ich und kurz wie wir eben
von St BernKastell aus das himmlische Moseltal entlang schauen sage ich
Albert wir wollen es doch lieber gut sein lassen wir passen doch nicht für
einander Und wie nun so recht das Lamento und die ganze betrübte Geschichte im
Gange sind fängt mir der Mensch an zu weinen Großer Gott denke ich das
Weinen halte ich nicht einmal von der Babet aus wenn sie ein Battisttuch
versengt hat sondern schenke es ihr immer lieber damit sie nur gleich aufhört
was soll daraus werden Ehe ich mich noch besinnen kann heirate ich einmal
in solch einem Accès den Vetter Albert frischweg und muss mich hinterher wieder
von ihm scheiden lassen Das geht nicht
Und da fiel mir wie ein Lichtstrahl meine Anna ein mit ihrer festen
treuen starken Seele und mein verehrter schöner Onkel dem ich nicht die Hand
aber die Stirn küsse halt denke ich nach Bern fährt gewiss ein Eilwagen oder
du nimmst einen Char à banc die Babet packt so etwas notwendigstes Zeug
zusammen und du flüchtest zur Tante Anna Gesagt getan wir erreichen Abends
Kehl Strassburg gegenüber wo wir übernachten sollen wir trennen uns ziemlich
spät ganz doloros und schwärmerisch Geiersperg geht glorreich davon weil er
mich wieder einmal durch die Kraft seiner gediegenen Gründe besiegt gedemütigt
und so zu sagen total herumgekriegt hat Mama denkt Alles geschlichtet zu haben
und geht ihrerseits mit ihrem Kompensations und Nivellirungssystem zu Bette
Albert küsst mir die Hände ich ich lasse alles gut sein wie sie aber sämtlich
in ihren Kammern sind schreibe ich wies Maidli am Brünnli meinem Schatz den
allerletzten Abschiedsbrief schleiche früh um vier Uhr in der Morgendämmerung
ganz sachte mit der Babet und ihrem Päckchen zum Hause hinaus und sitze nun in
Soloturn Hier habe ich fürs Erste ausgeschlafen dann mir die Gegend durchs
Fenster beschaut und von fern aber nur ganz von fern kann ich den Montblanc
erblicken
Die Soloturnerinnen tragen hässliche Mützen Hier im Hause ist eine Dirne
aus Schwyz diese hat eine schwarze Flügelhaube von Spitzen auf die auf ihrem
Kopfe wie ein dunkler Schmetterling aussieht der auf einer Rosenknospe sitzt
das allerliebste Gesichtchen ist das einzige Lustige was mir bis jetzt hier
vorgekommen Die Soloturnerinnen sehen alle entsetzlich fromm und ehrbar aus
die Stadt ist winklig und schmutzig das hat mich zur Reflexion gebracht Ich
will doch lieber hier warten bis ihr mich holt Dass ich mit der Babet über
Nacht allein im Wirtshause geblieben mag wirklich unpassend genug sein und
nun ich aufgewacht bin fürchte ich mich fast die Leute sehen einen so
besonders an Wir haben gleich gefragt ob der Onkel noch nicht da sei und
getan als ob wir ihn erwarteten Zögere nicht lieber Engel schicke schnell
Duguet mit Pferden und Wagen oder komme selbst zu
Deiner törichten Leontine«
Otto war bei Annen als sie den Brief empfing Lies sagte sie ihm denselben
reichend ich muss doch sogleich hin Ohne weitere Erklärung verließ sie das
Zimmer um die nötigen Reiseanstalten zu treffen
Duguet ist mit dem Grafen fort und sie will allein in der Nacht fahren
schoss es ihm durch die Gedanken Er eilte ihr nach sie stand im Vorzimmer von
ihren Leuten umringt denen sie ihre Befehle gab
Anna sagte Otto sehr sanft und ernst es wird spät werden lass deinen
Jugendfreund dich begleiten
Sie sah ihm fest in die Augen eben in diesen immer ganz einfachen Worten
lag Ottos Gewalt tausend Eide hätten sie nicht sicherer gestellt Sie fühlte
das und das Bewusstsein der edelen Zuverlässigkeit dieses Charakters leuchtete
einen Moment auf in ihr fast wie ein Glück Schweigend bot sie ihm die Hand Um
welche Stunde fragte er Sogleich erwiderte sie ich lasse nur anspannen
In diesem Augenblicke übertönte das lustigste Charivari von Postornklängen
Jauchzen und Schreien Jubeln und Lachen ihre Worte unwillkürlich eilten beide
ans Fenster unten hielt Kronbergs Wagen Er selbst stieg eben heraus ein
junger Mann stand bereits am Schlag den Rücken dem Fenster zugekehrt Ehe noch
Ottos fragender Blick dem ihren zu begegnen vermochte legten sich zwei warme
weiche Händchen auf Annas Augen sie wandte sich rasch es war Leontine
Leontine in all ihrer Frische in all ihrer glänzenden Heiterkeit
Bist du mir bös fragte unter tausend Liebkosungen der süßeste
Schmeichellaut einer weiblichen Stimme Bist du mir wirklich ganz bös Aber es
war schwer ihr zu zürnen wenn man sie ansah
Leontine war blond aber von jenem durchleuchtenden Blond das in den blauen
Adern des schneeigen Teints in den wie hingehauchten zarten Farben der Lippen
der Wangen der blassrötlichen Fingerspitzen überall sich ausspricht Es war
nicht möglich etwas DämonischLieblicheres zu sehen als dies Amorsköpfchen das
wiederum zuweilen aber selten seine eigene Psyche schien wenn Mitleid oder
Neigung die reizenden Züge durchstrahlten Und so war ihr ganzes Wesen Dämon
Amor und Psyche und der Mutwille der Hauptzug ihrer Erscheinung im täglichen
Leben Sie hatte sich ungewöhnlich spät entwickelt jetzt war sie einundzwanzig
Jahre alt und sah aus wie siebzehn
Aber wie kamst du zum Onkel fragte Anna nach den ersten Ausbrüchen der
Freude wie du Kronberg zu Leontinen
Par compagnie wie der Staar von Segringen ins Netz kam würde Freund Hebel
sagen antwortete lachend Leontine
Ganz recht sagte Kronberg ich sah das Vöglein auf dem Zweige sitzen und
fing mir es Was sollte ich anders am Tor von Soloturn gewahren
Als meine schönen Augen nicht wahr Onkel
Er küsste ihr die Hand Die meinen riss ich allerdings ein wenig groß auf Das
Übrige könnt ihr euch ja leicht denken
Nicht ganz erwiderte Anna denn noch immer begreife ich nicht wie du so
schnell wieder hier sein konntest
Davon nachher sagte Kronberg freundlich
Otto war es als führe ihm ein Messer in die Brust Sie werden reisen
dachte er dumpf dazwischen gaukelte Leontinens Bild vor seinen Sinnen
Sophie war hereingeschlichen sie vermochte es nicht Leontinens Nähe zu
entbehren Leontine herzte und küsste sie und schmeichelte ihr wie ein Kind
Komisch war es anzusehen wie in der guten alten Bonne Respekt und abgöttische
Liebe für ihren Zögling miteinander kämpften sie nannte Leontinen wohl zehn Mal
in einem Atem gnädiges Fräulein und Du küsste ihre Hände und schalt sie
zugleich wegen ihrer in Unordnung geratenen Locken
Auch Duguet hatte unaufhörlich im Zimmer zu tun servirte zum ersten Mal in
seinem Leben schlecht präsentirte Pfeffer zum Tee und lachte endlich sogar mit
über seine eigenen dummen Streiche was bei seiner Dienstgewöhnung ganz unerhört
war
Erst jetzt fiel Annens Blick auf den Fremden Es war ein junger Mann von
vier bis fünfundzwanzig Jahren nicht groß nicht klein kaum ausgezeichnet in
der äußeren Erscheinung und dennoch blieb der erste Blick auf ihm haften es war
durchaus kein schönes nur ein sehr edles Gesicht nichts auffallend darin als
die gedankenklare elfenbeinweisse und hohe Stirn dann vielleicht noch der
kleine etwas trotzig gewölbte Mund in unserm Deutschland gehört ein schön
geschnittener Mund zu den Seltenheiten vielleicht also war es dieser
künstlerisch geformte fast ideale Mund der so unbegreiflich das Auge fesselte
vielleicht war es auch nur das reine Ebenmass der ganzen Gestalt und jedes
einzelnen Zuges Otto war unendlich schöner aber jener sah vornehmer aus Otto
erinnerte an einen jungen Aar von dem man jeden Augenblick erwartet nun werde
er die Flügel ausbreiten jener schien keiner bestimmten Zeit keinem bestimmten
Lande anzugehören und es fiel Niemand ein ihn mit irgend etwas Anderem zu
vergleichen
Vergeben Sie lieber Herr Gottard sagte der Graf die Damen tragen die
Schuld wie Sie sehen machen sie mich so verwirrt dass ich vergessen habe Sie
meiner Gemahlin vorzustellen Liebes Kind Herr Gottard will so gut sein
unserer Knaben sich anzunehmen was um so nötiger ist als doch wo sind denn
die Kinder
Der ein Hofmeister dachte Anna das ist ja unmöglich Sie verneigte sich
verbindlich und sprach einige höfliche Worte zum ersten Mal in ihrem Leben war
sie verlegen es überkam sie das Gefühl einer Mystification Leontine hatte
indessen mit angeborner Koketterie Otto in ein langes Gespräch gezogen dessen
Wogenspiel ihm über dem Kopfe zusammenschlug ihm war es als spräche er mit
einer Fee oder Sylphide so flatterten Wort und Gedanken hin und her Als aber
die Knaben kamen die sie noch nicht gesehen vergaß sie ihn mit einem Mal und
ward mit diesen zum Kinde Otto sah ihr verwundert nach
Der junge Fremde schien überrascht seine Zöglinge so klein zu finden
beugte sich aber mit einer gewinnenden Herzlichkeit zu ihnen nieder und begann
ein halblaut geführtes Gespräch das ihn gleichsam mit den Kindern isolirte Im
Verlauf einer halben Stunde hatte er sie gewonnen eigentlich hatte er sie nur
befragt und sich von ihnen erzählen lassen er hatte nicht mit ihnen gespielt
nicht einmal gescherzt aber er hatte ihr Zutrauen erworben denn als er sich
beurlaubte um auf seinem Zimmer Einiges zu ordnen liefen beide ihm nach
Anna fragte jetzt Otto leise was soll der junge Mann
Gott weiß es erwiderte sie ich kann kaum umhin die ganze Sache für einen
Scherz zu halten
Nicht im mindesten versicherte Leontine der Onkel hat ihn von Karlsruhe
mitgebracht um eure Kinder zu erziehen und mir ihn gleich in dieser Eigenschaft
vorgestellt
Ich habe den Minister gesprochen sagte Kronberg als er endlich am späten
Abend mit Anna allein war ich erreichte Karlsruhe drei Stunden vor seiner
Abreise und sah ihn bei sich und dann bei Sternheim wo wir dinirten Er hat mir
goldene Berge versprochen leider aber mit der unglücklichen Idee geendigt mir
den Vorschlag zu einer Sendung nach Petersburg zu machen unterdessen hofft er
mir die Stelle in Neapel verschaffen zu können an Rom meint er sei vorläufig
nicht zu denken Ich bin nun genötigt nach Berlin zu gehen und dort zu
verweilen bis ich meine Instructionen erhalte und bin jetzt nur
zurückgekommen um dir vorzuschlagen hier oder am Rhein zu bleiben
Otto geht ja zurück nach Basel dachte Anna Gut sagte sie ruhig
Ich meine fuhr der Graf etwas verlegen fort die Einrichtung für so kurze
Zeit in Berlin mit den Kindern dem indispensabeln Bediententross den Ausgaben
einer Hofpräsentation werden große Unkosten verursachen
Ich bleibe gern sagte Anna Aber was soll der junge Mann hier
Sonst fuhr Kronberg fort müsstest du in Berlin verweilen bis ich von
Petersburg zurückkehrte und unserem Range nach ein brillanteres Haus machen als
etwa Geierspergs Freilich kann es einige Monate dauern und du bliebest allein
dort
Kronberg sagte Anna fest dann kann ich nicht hier bleiben Frage mich
nicht weitläufig ich will hingehen wohin du willst aber nicht etwa Jahre lang
ohne dich hier sein glaube mir Indessen sage mir was soll der junge Mann
hier
Die Kinder erziehen liebe Anna Es ist ein seltsames Ding mit diesem jungen
Menschen er ist mir sehr dringend vom Minister empfohlen Näheres weiß ich
selbst nicht Indessen scheint er das Seine gelernt vorläufig aber keine
Aussichten zu haben Der Minister bat mich ihn auf ein paar Jahre zu nehmen er
meint späterhin werde man ihn als Privatsecretär bei einer Legation anwenden
können Der neueren Sprachen ist er vollkommen mächtig und ein sehr klarer Kopf
Dir gefällt er nicht
Gefallen Roderich Ich habe zehn Worte mit ihm gesprochen Zum Glücke sind
die Kinder zu jung er kann ihnen nicht schaden Mir sieht er zu vornehm aus er
macht einen ungewöhnlichen Eindruck das meint auch Leontine
Bah die findet Alles ungewöhnlich weil sie es selbst ist Ihre kleine
Escapade macht mir aber Kopfbrechen Mein Schwager hat Unrecht schon als Albert
das erste Mal um sie anhielt mochte sie ihn nicht Schade es wäre eine
brillante Partie der kleine Trotzkopf aber
Albert ist ein Schwächling
Eh bien ma chère sie ist bedeutend genug ihm nachzuhelfen Das geben die
besten Ehen Aber du willst also nicht hier bleiben
Einige Monate ja länger nein
Liebes Kind du weißt dass ich nicht eifersüchtig bin Du hast wahrlich
Verehrer genug gehabt um diese Eigenschaft in mir zu wecken und zu
unterdrücken schloss er fast galant Aber die kleine Vrenely
Anna errötete sie vermochte es nicht Ottos Gefühl preiszugeben Ich
werde bleiben sagte sie bis Leontine mit ihrer Mutter ausgesöhnt ist dann
musst du das Weitere bestimmen
Ich danke dir und traue dir vollkommen erwiderte er mit einem Anflug des
edelen Ernstes der ihn in einzelnen Momenten so liebenswert erscheinen ließ
aber ich bin achtundvierzig Stunden gefahren und falle um vor Ermüdung Er küsste
sie auf die Stirn und ging
Beklommenen Herzens blieb Anna vor ihrer Toilette sitzen sie kleidete sich
gern allein aus wie sie überhaupt ungern persönliche Bedienung brauchte Madame
Sophie erschien Abends nie ohne dass ihr geklingelt worden Es war eigen
welchen Unterschied ma bonne zwischen Annen und Leontinen machte Die erste
blieb immer ihre Gebieterin die andere trotz ihren tausend Launen
Bedürfnissen und Eigenheiten das Kind das sie erzogen
Lange saß Anna so vor den tief heruntergebrannten Kerzen Also nun wieder
hingehalten mit leerem Versprechen Wieder nach Petersburg und einem Phantom des
Glanzes nachjagen ohne Zweck und Ziel Wieder ein momentanes Wirken nach außen
hin das der nächste Windstoß des Geschickes spurlos verweht Armer Kronberg
Und dann zu guterletzt die wiedergewonnene Last einer Geselligkeit die
sogar mich schon ermüdet Mein Gott und ich bin so jung Wie viele viele
Jahre das so fortgehen kann dies schön geistreich witzig brillant sein
müssen Alles das nach gegebenen Gesetzen wie einen Zehnten den man abliefert
Und dagegen Otto mit dieser stillen Unergründlichkeit seiner tiefen Seele
Nein ich liebe ihn nicht Kronberg hat recht so ruhig zu sein aber ich will
für ihn sorgen wie eine Schwester O wie bliebe ich so gern hier diesen weißen
Alpenhäuptern gegenüber einsam und still wie sie
Es war weit über Mitternacht sie trat ans Fenster die Alpen hatten
ausgeglüht Der Herbst hatte sein Schweigen über die Landschaft gebreitet auf
dem dunkeln Grunde der ungestörten Nachtstille leuchteten die Bilder ihrer
Vergangenheit auf Kronberg stand wieder vor ihrem inneren Auge wie er sich
nach dem ersten Feldzuge um sie beworben Wie fern schien jene Zeit zu liegen
Damals wie edel wie fest zeigte sich sein Streben Welcher Aufopferung musste
sie ihn nicht fähig halten wenn er seine künftigen Pläne und Wünsche ihr
entfaltete Mit ihr auf seinen Gütern leben seine so lange gedrückten zur
Knechtschaft herabgewürdigten Bauern in ihren Rechten vertreten sie beglücken
das war sein einziges Ziel Er wollte dem Staat nicht dienen als Beamter er
wollte sich seine eigene Stellung in demselben suchen und erbauen wie der Adler
seinen Horst
Gedachte sie dann ferner all der Versuche seiner Verwandten diesen
grillenhaften Eigensinn zu brechen wie sie es nannten wie tat ihr das Herz so
unsäglich wehe um ihn Dann kam die Reise nach Italien Ach dass gerade diese
die ihn so vielen störenden Einwirkungen entziehen sollte dass gerade diese
Reise die anfangs einer genialen Flucht glich ihn nach und nach allen seinen
früheren Zwecken entfremdete Wie drängten einander die reichen
Erinnerungsgarben der ersten Jahre die sie und ihr Gemahl in Italien und
Sizilien verlebt hatten Rom Florenz Genua Palermo und das schwimmende
Venedig Nur dass zuletzt im goldenen Freudenbecher der schwere bittere
Bodensatz geblieben
Eben diese immer wechselnden Szenen besonders der in Nichts zerflatternde
Freiheitstraum der Neapolitaner waren es die Kronbergs Ansichten und Vorsätze
nach und nach umgeschmolzen und so gänzlich umgewandelt hatten An die Stelle
eines nationalen Ganzen war ihm die Kleinheit des eigenen Ichs getreten und ein
gelungenes Miteingreifen in den momentanen Gang der Ereignisse hatte eine
masslose Eitelkeit in ihm erweckt die wie ein feines Gift allmälig alle
Lebensfasern seines intellectuellen Seins durchdrang Seitdem war er ein
Spielball in der Hand der Mächtigen geworden hatte viel getan und im Ganzen
wenig geleistet Das ist die Macht des Lebens seufzte Anna
Wenige Tage später reiste Kronberg wirklich nach Berlin Über ihren
Winteraufentalt wollte er von dort aus ihr schreiben wenn das Geschäft das
ihn nach Petersburg berief erst deutlicher in seinen Verzweigungen
ausgesprochen Anna ließ ihn gewähren sie war ja entschlossen Otto schwieg
er hatte noch acht glückliche Tage vor sich
Die Abende hatten sich belebt einzelne Kunstfreunde junge Maler die schon
früher erwähnte alte irländische Dame Lady Frederic und vor Allen Leontine
hatten einen poetisch regen Geist in der kleinen Gesellschaft geweckt Sogar das
Vrenely fand den Mut zu kommen wenn gleich nicht immer den zu reden
Leontine nannte sie ihr Veilchen sich selbst deren Schmetterling
Sehen Sie Komtesse sagte ein alter Professor zu Leontine ich behaupte
unsre Gegend allein ist wirklich im Stande dieser immer wieder heranwachsenden
Künstlermenge stets neue frische Motive zu gewähren Der Wechsel der
Beleuchtung und Färbung bringt phänomenartige Wandelungen hervor die in der
Darstellung treu zurückgespiegelt den Vorwurf des Gemäldes immer neu und
originell erscheinen lassen und es unsern jungen Burschen leicht machen ein
Bild zum Ganzen abzurunden
Charmant sagte Leontine aber bester Professor es ist doch viel
Verwandtschaftliches in den Bildern so etwas à la cousin germain Ähnliches
Die Herren und ihre Schüler haben es der Mama Natur treulichst
abgelauscht wie sie es hier mit Himmel und Erde hält sie gewährt
liebenswürdige Charakterbilder diese Schweiz mit ihren frischen grellen
Tinten aber mir träumt von größeren edler gehaltenen Landschaften Lachen Sie
mich nur aus wenn ichs gestehe dass mich diese Art Bilder alle alle an
Genregemälde im Riesenstyl erinnern
Die Hintergründe gnädiges Fräulein entbehren der großartigen
verschwimmenden Linien der Ferne in dem Teil der Schweiz den Sie kennen sagte
mit einem Male Herr Gottard Die nächstliegenden Berge werden von höheren
Gebirgsketten oder gar von den Alphörnern in ihren Talweitungen unterbrochen
die sich nur schluchtenartig öffnen um neue Höhenreihen zu zeigen Das Berner
Oberland ist ja durch und durch Gebirg Sie müssten es von höheren und ferneren
Standpunkten übersehen Schaffhausen wo die Künstler leben die Sie nannten
liegt in diesem Sinne etwas günstiger doch wird auch dort die Gegend Ihren
Kunstanforderungen nicht genügen
Kennen Sie die so genau fragte das Fräulein
Vergebung wenn ich ja sage Aus Ihrem vorhergehenden Gespräch kann ich
ziemlich bestimmt entnehmen dass Sie die Landschaft wie ein historisches Bild
behandelt wünschen und dass während Ihnen in der Wirklichkeit hier die Gegend
einen frischen kräftigen Eindruck gewährt sie im Gemälde dennoch Ihnen beengt
erscheint Ihr Landschaftsideal würde schon nicht mit der treuen
Portraitauffaffung unserer hiesigen Landschafter sich genügen lassen selbst
wenn die Gewohnheit ihnen nicht einen gewissen Rhythmus der Auffassung gegeben
hätte
Kann es denn etwas Höheres in der Landschaft geben als das treue
Spiegelbild der Natur zu sein fragte Otto
O ja wie es etwas Edleres gibt als die individuelle Ähnlichkeit der
Menschen die vergeistigte Natur in ihrer möglichsten Vollendung das Ideal
Nur sind die einzelnen Züge des unorganischen Lebens weit schwieriger
aufzufassen und deren höhere Harmonie noch schwerer zu erraten und
herzustellen als die der menschlichen Erscheinung Es gehört also ein viel
feineres und ausgedehnteres Proportions und Schönheitsgefühl dazu um hier
alles Störende und Disharmonische zu meiden und nicht der Farbe allein das
Erreichen eines Effects anzuvertrauen der nur durch Zusammenwirkung alles
Genannten erreicht werden darf Ach man müsste schloss er possirlichwehmütig
ein Poussin und ein Klaude le Lorrain und noch einiges mehr sein als beide
Alle lachten der Professor aber fragte Sind Sie denn ein Maler
Nein sagte Herr Gottard es ist mir schwer geworden der Kunst ganz zu
entsagen aber ihre Ausübung würde mich auf meinem Lebenswege hemmen Anna sah
auf Er stand so ruhig da als habe er das Allergewöhnlichste gesagt
Ich wette flüsterte Leontine ihr zu dieser Rattenfänger von Hameln wird
nächstens sein Zauberlied singen und uns Alle sich nach ziehen wie jetzt deine
Knaben die den ganzen Tag an ihm hangen wie Kletten Anna war sonderbar
nachdenkend sie nickte schweigend
Die Andern hatten von Singen gehört und fingen an Leontinen zu bestürmen
Lady Frederic quälte sie um ein irländisches Lied
Bewahre sagte Leontine ich tue niemals was man von mir will ich mag
heute nicht singen und werde Ihnen lieber eine Geschichte erzählen Beiher
können die gelehrten Herren dann von mir selbst erfahren was ich eigentlich von
der dargestellten Landschaft verlange denn wenn ich sie reich und großartig
will bis über das Maß des Alltäglichen hinaus so will ich sie doch auch
wechselnd und treu wie der Laddy und das irische Mädchen
Alle rückten eifrig zusammen Leontine setzte sich auf einen niedrigen
Sessel zu Annas Füßen und begann Vrenely saß ihr gegenüber Es war schwer
etwas vollendet Schöneres zu sehen als diese drei Frauenköpfe neben einander
aber wenn Leontine wie ein Amor Vrenely wie eine Waldnymphe aussah blieb Anna
immer die schönste und eigentümlichste Erscheinung unter ihnen man musste an
Titians Frauenbilder denken wenn man sie ansah deren bestimmte Individualität
auch keinen Vergleich duldet Seltsam dass sie diese Eigenschaft einer so streng
abgeschlossenen Eigentümlichkeit mit Gottard gemein hatte
Leontine sprach ihre Ballade nur den Mittelsatz derselben sang sie ohne
alle Begleitung in wiegend einförmiger Melodie deren Weise zwischen
Intonation und Rezitativ gehalten einen wunderlichen geisterhaften Eindruck
hinterließ
Ballade Irländisch
Nach Limrick klar der Shanon wellt
Am grünen Ufer sitzt die Maid
In tiefster Liebe Herzeleid
Sie weint um ihren trauten Knaben
Den ihr entführt die Elfen haben
Die Jemmys Schöne nachgestellt
Von Knockfiörn das »Kluge Weib«
Das sie befragt in nächtgem Rat
Ein Mittel bald gefunden hat
»Wol kann die Maid den Liebsten retten
Aus aller Geister Zauberketten
Liebt sie die Seele nicht den Leib
Trifft voll den Fluss des Mondes Strahl
So jagt vorbei auf weißem Ross
Er in der Elfen Wirbeltross
Sie muss hinauf zu ihm sich schwingen
Mit ihren Armen ihn umschlingen
Und halten ihn trotz Graun und Qual«
Über den Rasen hin
Über die Heide grün
Flimmert und schwirrt es
Nebelt und wirrt es
Wie glänzende Seide
Sie schweben und schimmern
Sie schwinden und flimmern
Zu Lust und Leide
Über die Heide grün
Jagt Er unhörbar hin
Im Elfenkreise
Schnell auf das Ross das Mägdlein springt
Fasst ihn mit starker Liebe Arm
Ob ihr auch folgt der Elfen Schwarm
Sie denkt Marias Gnad und Schmerzen
Da fühlt sie weh am bangen Herzen
Den Schlangenleib den sie umringt
Das Scheusal fest sie an sich presst
Ob es ihr droht mit spitzem Zahn
Lautlos durchfliegen sie die Bahn
Jetzt wird er Uhu Bär und Katze
Er grinst sie an als Teufelsfratze
Doch hält ihr Arm den Trauten fest
Da graut der Tag Das Morgenlicht
Legt sich auf aller Berge Höhn
Sie wagts den Liebsten anzusehen
Es liegt in ihrem Arm geborgen
Den sie erlöst in Angst und Sorgen
Und blickt ihr selig ins Gesicht
Gewähr uns Gott in Glück und Not
Ein treues Herz das fest uns hält
Und wie die Sünde uns entstellt
Es wagt in mutger Liebe Walten
Trotz allem Wandel uns zu halten
Bis wir erwacht in selgem Tod
Sie schwieg Otto starrte sie tief erschüttert an Liebende finden überall etwas
ihrer Empfindung Analoges
Vrenely war im Zuhören der Sprechenden immer näher gerückt sie horchte noch
immer auf wie ein Kind nachdem jene geendet Endlich strich sie mit der kleinen
schön geformten Hand die dunkeln Haare aus der Stirn und flüsterte für sich hin
Was für ein Glück das sein muss
Leontine lachte Das hab ich schön gemacht sagte sie ich dachte eine
rechte Qual und Angst sonst habe ich wahrhaftig schlecht geschildert
Es ist ein großes Talent was Sie da haben mein gnädiges Fräulein meinte
der alte Professor Haben Sie denn das alles erdacht
O dear no seufzte die Lady das liebe Herz Ich habe die Sage schon gehört
da ich noch in my green years und in green Erin war Bei uns sind die Elfen den
Familien durch zahllose Bande verknüpft und die Geschichten wachsen mit uns auf
Sie war ganz aufgeregt von ihren Erinnerungen Aber schloss sie Kind die
Anwendung ist weder nationell noch katholisch
Gottard hatte bisher stumm dagesessen nach einer Weile wandte er sich zu
Anna Es wäre ein Unermessliches ein solches Erkennen durch alle
Lebensverwandlungen der Zeit hindurch wenn es gegenseitig wäre und zwei
kräftige Naturen vereinte
Und glauben Sie wirklich ein Mann wäre eines solchen festaltenden Glaubens
fähig fragte Anna
Er sah sie durchdringend an Ja sagte er endlich ich glaube es Beide
schwiegen
Aber meine Herrschaften wo ist denn die Landschaft geblieben rief
Leontine der das Recensiren langweilig war Sie hatte das Loben in ihrer
Familie stets wie eine Art Landplage Pestilenz oder Heuschreckenschwarm
betrachtet und ertragen Das ist das eine Auge meinte sie was zu haben
schrecklich und gar zu verlieren noch schrecklicher wäre Ach seufzte sie
höchst drollig in der Mark sitzt mir ein ganzes Nest Waldaus die zwitschern
alle die nämliche Weise drucken lassen sie mich nicht ich könnte ja in
Recensentenhände fallen Sie geben mir aber mein Teil Bewunderung rein umsonst
Du bist nicht mit gemeint Anna schloss sie ihr liebes Gesichtchen an deren
Schulter legend und sie so von unten auf ansehend Weißt du wohl noch die Zeit
da wir gar nicht zu singen wagten um nicht etwa Ausdruck in die Gesangsweise zu
legen ich spielte damals in Gesellschaft bloß Klavier aus lauter Gefühl meiner
Würde und der ihr anklebenden Anstandspflichten
Wildes irisches Mädchen sagte die Lady
Aber die Landschaft die Landschaft fuhr Leontine fort Sehen Sie bester
Professor ich gestatte es recht gern dass man durch Licht Schatten und
allerlei Zufälligkeiten der Landschaft einen sogenannten Charakter aufbürde man
kann sie meinetwegen düster schaurig oder so lieblich verlockend machen wie den
Kuss einer Geliebten man mag dabei wie die Indier lehren alle fünf
Liebespfeile der fünf Sinne losschnellen aber sie muss am Ende doch immer wieder
in den Grundzügen ihrer Eigentümlichkeiten erkennbar bleiben die Steine müssen
nicht wie Wollenballen Gletscher nicht wie gefrorne Wasserfälle aussehen und
Granitfelsen nicht wie behauener Sandstein sie muss sich in eingeborner alter
Treue uns ans Herz schmiegen wie der Laddy an des Mädchens Brust im
Vollgefühl des ihr Heimatlichen dass wir sie zu erkennen vermögen
O Jerum Jerum sagte der Professor so wie der grimme Leu ein
fleischfressend Tier ist also sollen auch wir in einem gottesfürchtigen und
christlichen Wandel leben Sind mir das Kunsturteile
Es war mit der Aufmerksamkeit vorüber Alle lachten und der Abend schloss auf
heitre Weise mit Musik und allerlei Scherzen Von Poesie und Kunst war nicht
weiter die Rede
Das Scheiden und der Tod kommen gleich unvermeidlich darum sucht man so
gern den Gedanken an beide zu bannen Die Ferien gingen zu Ende Otto musste nach
Basel seine Vorlesungen zu eröffnen Die letzten Tage waren leidlich
vorübergegangen er hatte viel gearbeitet chemische Versuche und andere
wissenschaftliche Beobachtungen angestellt auch eine Untersuchung der
nächstliegenden Gletscher mit andern Gelehrten unternommen Anna hatte ihm
versprechen müssen dass er Abschied von ihr nehmen dürfe zu ihrer Verwunderung
trat er völlig heiter und ruhig in ihr Kabinet
Er brachte eine große Menge getrockneter Alpenpflanzen die er auf den
Gletscherrändern und den höchsten Gebirgen für sie gesammelt und erklärte ihr
wohl eine Stunde lang deren eigentümliche Beschaffenheit Endlich kam der
gefürchtete Augenblick Er reichte ihr die Hand Ich danke dir Anna für die
unsäglich schönen Stunden die du mir gegeben sagte er mild du hast mir das
Leben wieder lieb gemacht gleichviel um welchen Preis Eh sie ihm zu antworten
vermochte war er ihr entschwunden
Anna war schmerzlich bewegt War das eine Überanstrengung der Kraft es sah
nicht so aus Ihre Gedanken jagten einander in peinlicher Hast sie gedachte
Leontinens und Vrenelys O sagte sie wehmütig ich werde nie das Leben
ertragen lernen Also auch in ihm haftet kein Gefühl Und doch ist es gut so
ich habe es ja selbst gewollt gewünscht Da flog die Tür auf Vrenely trat
ein Das arme Mädchen war Otto auf der Treppe begegnet er hatte ihr freundlich
und hastig Lebewohl gesagt unten hielt bereits sein Reisewagen er war fort
Seit den letzten Wochen war eine große Veränderung mit Vrenely vorgegangen
sie hatte sich plötzlich in sich selbst kräftig entwickelt ihre Gedanken waren
scharf geordnet ihr Urteil war klar geworden sie las und lernte in jeder
freien Stunde und gab ihren Unterricht gut und besonnen Auch jetzt trat sie
zwar mit hochgeröteten Wangen und fliegender Brust ein aber so vernichtet und
aufgelöst in Lieb und Leid wie sie bei jenem Gespräch zwischen Otto und Annen
gewesen war sie jetzt keineswegs
Er ist abgereist sagte sie fast tonlos Schon erwiderte Anna Armes Herz
sie reichte Vrenely die Hand
O er wird wiederkommen versicherte die Kleine es ist nicht anders
möglich Bei den Worten flossen ihr die Tränen aus den Augen
Leontine sah sie traurig an Ach Vrenely Sie sind viel viel zu gut Wenn
wir die Männer lieb haben mishandeln sie uns Kommen Sie Kind wir wollen
Musik machen lernen Sie von mir eine leichtfertige Seele sein ich tauge gar zu
nichts Anderem als euch arme weiche Gemüter zu rächen Wir wollen die neuen
Walzer einüben
Liebes Fräulein meine Augen sind trübe ich habe die halbe Nacht hindurch
geschrieben seufzte Vrenely
An Ihn fragte unbesonnen Leontine
Vrenely erglühte wie eine Rose An wen hauchte sie bebend hervor An wen
könnte ich wohl zu schreiben haben Ich habe aus dem Englischen übersetzt der
Professor lernt es auch eben und da hatte ich Lust bekommen und fing es vor
Kurzem an
Aus welchen Fäden die Liebe ihr Glück spinnt flüsterte Leontine Annen zu
Aber ihre Lockungen zogen das Mädchen am Ende doch hinüber in den Saal und ihre
Gutmütigkeit gaukelte ihr so lange vor bis sie heiterer gestimmt schien
Gottard brachte einige von Annen gewünschte Bücher und Noten er sah sehr
ernst fast trübe aus und erwähnte ebenfalls Ottos Abreise Wir werden ihn alle
vermissen erwiderte Anna Gottard antwortete nicht sogleich Anna war dieses
Schweigen gewohnt an ihm er war einer von den still und besonnen immer nach der
einmal innerlich angeschlagenen Richtung fortdenkenden Menschen auch jetzt
glaubte sie ihn mit irgend einem Vorschlag für der Kinder Unterricht
beschäftigt Basel ist sehr nahe sagte er nach einer Weile Sie sah erschreckt
auf dass Otto im Laufe des Semesters kommen könne war ihr nicht eingefallen
Jetzt schien ihr seine Heiterkeit erklärlich Leontine und Vrenely waren
unterdessen in den Salon gegangen Gottard war zum ersten Mal mit der Gräfin
allein
Es regte sich ein Gefühl des Unmuts und der Unzufriedenheit mit Otto in
ihrer Brust als habe er absichtlich sie getäuscht sie arbeitete emsig an ihrer
Tapisserie ohne ein anderes Gespräch zu beginnen Als folge Gottards Blick
wortlos dem Zuge ihrer Gedanken fuhr er nach einer Pause fort Und Sie gnädige
Gräfin Sie finden es nicht natürlich dass in unserer so streng und viel
fordernden Zeit wir Männer einzelne glückliche Stunden fester zu ergreifen und
zu halten streben als die zarteren vom Aussenleben minder hart behandelten
Frauen Wie lange Jahre hindurch bleiben wir nicht gezwungen mit einem eilends
errafften Genuss des Glücks Verlangen zu beschwichtigen das die Natur in jede
Menschenbrust gelegt Anna zählte ihre Stiche Und gewiss einem solchen Kreise
nahen zu dürfen in ihm vermisst zu werden ist ein so großes seltenes Glück
dass ein Nachtritt es nicht zu teuer erkauft Darum zweifle ich auch nicht dass
wir den Professor recht bald wieder hier begrüßen
Ich habe geglaubt der Weg sei weiter sagte Anna etwas verlegen
Gottard hatte bis dahin mit gesenkten Augen gesprochen jetzt schlug er sie
auf sie fühlte sich mit diesem einen Blick bis in ihr tiefstes Seelenleben
durchschaut rasch entschlossen heftete sie den ihren fest auf ihn er hatte ja
kein Recht in das von ihr Verschwiegene sich zu drängen aber ihr Auge traf auf
ein todtenbleiches Antlitz dessen zitternde Lippen eine tiefe Gemütsbewegung
verrieten
Nach wenigen Sekunden empfahl sich Gottard um nach den Knaben zu sehen
Anna blieb nachdenkend auf ihrem Stuhl sitzen Worüber sann sie denn so
seltsam ernst und tief Sie fühlte sich gereizt und doch war ihr als müsse sie
Gottard eine Art Aufklärung schuldig sein
Ihm dem Hofmeister meiner Kinder fragte sie sich mit plötzlich erwachendem
Stolz Wie kann dieser Mensch es wagen mich zu beurteilen mich zu richten
Warum argwohnt er zwischen mir und Otto eine Leidenschaft ein Verhältnis
Aber tut er es denn wirklich
Verstimmt schritt sie im Zimmer auf und nieder und entwarf allerlei Pläne
Gottard sich fern zu halten
Weißt du sagte jetzt Leontine die unterdessen zurückgekommen dass die
Kleine trotz ihrem Liebesunglück glücklicher ist als wir beide
Wie so fragte Anna zerstreut
Du mein Herz fuhr Leontine fort indem sie sich in eine Sophaecke warf
bist an einen vortrefflichen Mann verheiratet dem du die unendliche Ehre
erzeigst seine Gemahlin zu sein O still still Du wirst mir doch nicht von
dem Glück sagen dass wir dich in die reichsgräfliche Krone unsers Hauses gefasst
als deren besten Edelstein Halte mich doch um Gottes willen nicht für
miserabel Anna Dein Glück kenne ich innen und außen wie meine alten
Handschuhe Mein Oheim ist wirklich ein guter Mensch und ein echter Kavalier er
hat sogar eine Menge vorzüglicher Eigenschaften unglücklich bleibt es indessen
doch dass gerade Er in eurer Ehe der Mann ist
Leontine du quälst mich
Und ich möchte dich doch nur veranlassen deine Stellung genauer zu
überblicken um sie etwas leichter zu nehmen
Lass mich den einmal scharf bestimmten Weg so fortgehen bat Anna
Wahrhaftig du hättest irgend einen meiner Kousins in Pommern oder wenn
man dort nicht katholisch wäre nach Westphalen hin heiraten sollen so einen
der vielen blonden Johannes Karls und Egons von Kronberg Du wärst ihm eine
züchtige demütige Hausfrau geblieben wie ich deren dort eine Menge kenne und
liebe hättest ihm aus langer Weile eine Reihe blühender Kinder geschenkt
kurz es wäre bei deinem Charakter immer alles gegangen nur hättest du nicht
vorher dem Zweige der phantastisch kühnen Waldaus aufgepfropft werden müssen In
meinem Papa steckte noch die ganze französische Revolution mir ist sie ins
Blut übergegangen und siedet darin fort Mamas Eltern waren respectable
Philister und Geiersperg ist ein tapfrer Ritter den das Mittelalter aus
Versehen zurückgelassen hat als es über die Erde schritt
Du aber armes Kind in unserm Hause mitten unter allem erwachsen was
Deutschland an Geist Anmut Verstand und Witz zusammenbringen konnte du
sollst nun unsern guten prächtigen Roderich beständig leiten und schieben und
zwar so fein dass ers selber nicht merkt Du sollst dem in seiner Art
ehrenwerten sehr aristokratischen Edelmanne eine elegante ebenso
aristokratische Gefährtin sein pas plus denn das Übrige ist vom Übel du
mit deinem KoturnenCharakter du die für ein geliebtes Herz zu sterben
vermöchte
Leontine ich hoffe ich kann auch für dasselbe leben
Wahrhaftig ja das kannst du Du bist eine gute Frau eine vortreffliche
Mutter du bist ein Stern der Gesellschaft der oft ihre Existenz bedingt und
beherrscht Anna weißt du wenn du im weißen Atlaskleide durch unsre Hofsäle
rauschest so kann ich weiß Gott nie recht begreifen dass man nicht »Ihre
Majestät« zu dir sagt und vergesse immer wieder dass mein guter dummer Onkel
Gesandter geworden ist um dich an den Hof zu bringen
Ja sagte Anna lachend warum hat er auch eine Roturière geheiratet
Siehst du rief aufjauchzend Leontine so himmlisch gut und gescheit hätte
mir unter tausend Bürgerlichen nicht eine geantwortet Das ists ja eben mein
Kronjuwel dass du ein geborner Prinz Regent innerlich deiner eignen höchsten
Vornehmheit dir bewusst bist Darum ist man auch immer à son aise mit dir und
kann dir alles sagen Ach ich wollte nur ich hätte die Kourage dir auch etwas
recht Schlechtes recht Fatales von mir selbst zu sagen Sie barg das Gesicht in
den Händen
Von dir Bist du ein Falschmünzer geworden und hast uns betrogen
Apeuprès gelogen habe ich wirklich pon honnour sagt Lady Frederic und
das Schlimmste schloss sie aus ihrer Sophaecke aufspringend und in einem höchst
aufgeregten Zustande zu Annen hinlaufend das ganz Erschreckliche ist ich lüge
noch
Was wird da herauskommen dachte Anna die irgend eine Narrensposse
erwartete Aber Leontine warf ihr beide Arme um den Hals küsste sie wiederholt
und heftig und zwei helle Tränen fielen auf Annas Wange die sie nicht selbst
geweint Tränen Leontine du Mein Gott was ist denn geschehen
Morgen Morgen flüsterte die Schluchzende und eilte in ihr Kabinet das sie
hinter sich abschloss
Aber der nächste Tag brachte nicht die gewünschte Erklärung es kam nicht
dazu War es Absicht war es Zufall Anna konnte sich keine Rechenschaft darüber
geben Leontine schien heiterer als je phantasirte den ganzen Tag von
Bergfahrten vom Gletschermeer vom Grindelwald und wollte trotz dem
Spätherbst noch überall hin besonders lag ihr ein Ausflug nach Luzern zum
Markt in Gedanken sie hatte den Kopf voller Äußerlichkeiten und Mutwillen
Annen war dieser plötzliche Wechsel der Stimmung ihrer Freundin nicht fremd
sie kannte an dem wunderlichen Mädchen einen sie seltsam und stossweise
überfallenden Hang zu philosophischem Grübeln der zuweilen in fast skeptischen
Unglauben ausartete Leontine verdankte diese Richtung dem frühen bei
wiederholtem Aufenthalt in Schlesien sich stets erneuenden Umgang mit einer sehr
bigotten katholischen Familie deren Hauskaplan ihrem kindischen Witze zum
Stichblatt dienen musste Der Eifer des alten Domine sein Mangel an Kenntnissen
die groben Widersprüche zu welchen seine beschränkten Religionsansichten ihn
hinrissen alle diese sich in katholischen Ländern oft ganz gefahrlos
wiederholenden Zufälligkeiten die den wirklich Frommen kaum berühren reizten
die junge Protestantin erst zum Widerspruch dann zur Analyse endlich zu
gänzlichem Misverstehen des nur mit einfachem Sinne auf wohltuende Art zu
Erfassenden
In Berlin gewährte Geierspergs Bibliothek die sie heimlich durchstöberte
dem noch an der Grenze der Kindheit stehenden Mädchen Gelegenheit zu einer Art
Kontroverse mit ihrer jungen Freundin die auf Annen einen vorübergehenden auf
Leontinen einen dauernden Eindruck machte der mit den Jahren tiefer ward als
ihr glänzender Scharfsinn sich entwickelte Sie schrieb Annen lange höchst
geistreiche Briefe über solche Gegenstände die diese sanft und völlig ruhig
erwiderte
Bei späterem Wiedersehen begann Anna durch den momentanen Unfrieden in den
sie die geliebte Zweiflerin verfallen sah insgeheim zu leiden ein längeres
Beisammenleben hatte jedoch diesen ersten Eindruck längst gemildert Wie oft
hatte sie Leontinen tiefsinnig spottende an Voltaires Geist erinnernde
Bemerkungen aussprechen gehört wie oft aber auch in weicheren Augenblicken die
heißen Reuetränen gesehen die das liebenswürdige Wesen über die Unmöglichkeit
vergoss sich einen überzeugenden Glauben an die tröstlichen Verheißungen unserer
Kirche anzueignen Stunden lang konnte sie die Möglichkeit einer individuellen
Fortdauer bestreiten und andere Male am Krankenlager alter Diener und
Notleidender denselben durchdringenden Geist zur Erweckung des innigsten
reinsten Gottvertrauens anwenden Dass dieser stete Wechsel eines unaufhörlich in
sich bewegten Gemüts dem starken festen Sinn der jungen Frau widerstand ist
begreiflich aber die Verschiedenheit ihrer Naturen wirkte nicht störend auf die
Zärtlichkeit der so lange und eng Verbundenen Allmälig war Annen die
Überzeugung geworden dass dieser flutenreiche ewig auf und niederwogende
Charakter Gefühlstiefen in sich berge die dem Senkblei willkürlichen
Eindringens stets unerreichbar bleiben müssten Sie hatte sich darein ergeben
wie man eben an das Ungewöhnlichste sich gewöhnt wenn ein seltenes Geschick uns
dasselbe aufdringt und das was die Welt als Phänomen anstaunt in die Bahn
unserer Alltäglichkeit wirft Natürlich machten aber jetzt weder Leontinens
Tränen noch ihr späteres Schweigen über deren Ursache einen so tiefen Eindruck
auf sie als dies bei jeder Andern der Fall gewesen sein müsste Sie schrieb
Leontinens Aufwallung einer augenblicklichen Erregung zu und mochte sie nicht
mit lästigen Fragen verletzen als dieselbe vorüber schien
Gottard beschäftigte sich mit immer regerem Eifer mit den beiden Knaben
Ihre Entwicklung grenzte ans Staunenswerte doch quälte er sie wenig oder gar
nicht mit Lectionen er entfaltete die reichen Anlagen der Kinder wie ein
geschickter Gärtner eine frische Pflanze zur gesunden Blüte bringt Halbe Tage
streifte er mit ihnen umher über die minder hohen Berge durch Täler und
Schluchten hin er gab ihnen Unterricht in den einzelnen Zweigen der Naturkunde
er führte sie in Städte und Dörfer zu Handwerkern und Bauern bildete ihr Auge
und zeigte ihnen alles was er sie lehrte sie mussten es mit Händen greifen
dann begriffen sie es auch geistig Zum eigentlichen positiven Lernen hatte er
den nächsten Winter bestimmt
Sie machen meine Kinder zu Amerikanern sagte lachend Anna wenn die Knaben
ein unbegreiflich klares Auffassen äußerer Eindrücke zeigten Geht das so fort
so werden die Buben mit fünfzehn Jahren heiraten wollen und ich mit dreißig
eine alte Frau sein müssen
Er blickte ihr mit einem fast jubelnden Ausdruck in das reizende Gesicht Im
Gegenteil gnädige Gräfin ich sichere Ihnen eine nie unterbrochene Jugend und
immer frische Sinne zu
Sie sah ihn dankbar an Sie fühlte zwar dunkel dass er die Kinder um
ihretwegen liebe aber sie gestand es sich nicht
Von Otto war nicht wieder unter ihnen die Rede gewesen Anna dachte nicht
mehr ihrer Pläne Gottard sich fern zu halten Es ist etwas Furchtbares um die
Gewalt des sich alltäglich Wiederholenden wie es leise die Seele umspinnt
Kronberg war immer noch in Berlin Sie schrieb ihm lange Berichte über der
Knaben Fortschritte die er in wenigen Zeilen mit der Versicherung erwiderte es
freue ihn durch die Erfahrung ihr beweisen zu können dass er sich in Herrn
Gottard nicht geirrt Übrigens ließ er sich in keine Details ein der
Aufenthalt in den ehemals heimischen Kreisen der rasche Diplomatenwechsel der
zu Verona eröffnete Kongress an welchem der Minister so bedeutenden Anteil
nahm hatten seine ganze Seele mit so mannigfaltigen Eindrücken überfüllt dass
er Gott dankte alle Familiensorgen seiner Gemahlin überlassen zu können
So freundlich Kronbergs Schreiben war lag dennoch unendlich viel
Schmerzliches für sie in dem Briefe das leise Gefühl dem Gemahl lästig zu
werden überschlich sie mehr und mehr mit kältender Qual Dass er als Diplomat
dem Reactionssysteme unbedingt anhangen die monarchischen und conservativen
Grundsätze zur Norm all seiner Urteile machen und dabei mit wachsendem Egoismus
eine immer rücksichtsloser ausgedehnte persönliche Unabhängigkeit behaupten
könne war ihr unbegreiflich Diese Art Freiheitsliebe die nur ihn selbst von
jeder individuellen Pflicht lösen sollte kam ihr unedel vor Die
Oberflächlichkeit mit welcher er die griechische Freiheitssache behandelte die
ihr frisches Herz mit dem glühendsten Enthusiasmus erfüllte tat ihr wehe Das
Hinwegschlüpfen über Josephinens Stimmung gegen Leontine vor allem aber die
Gleichgültigkeit gegen die Fortschritte der Kinder die nur im Triumph über die
getroffene Wahl eines Hofmeisters eine Spur der Teilnahme zeigte alles dies
verletzte sie unaussprechlich Über die Bestimmung eines Winteraufentalts für
sie enthielt der Brief keine Zeile und doch ging der Oktober bereits zu Ende
Kronberg musste es ganz und gar vergessen haben
Otto war noch nicht von Basel herübergekommen Gottard lebte nur den
Kindern und seinen Studien Seit ein paar Tagen hatte er sich fast ganz
zurückgezogen wenn die Kleinen ihn nicht beschäftigten kam er gar nicht aus
seinem Zimmer Seine Lampe brannte immer noch wenn Anna an grossstädtische
Stunden gewöhnt lange nach Mitternacht von Leontinen sich trennte der bleiche
Strahl erhellte die Hautelissetapete ihres Schlafzimmers auf der die Schlacht
bei Sempach dargestellt war erwachte sie gegen Morgen so lag der matte Schein
immer noch auf irgend einem Teile des graulichen Bildes Der junge Mann
arbeitet sich tot sagte sie leise zu sich selbst Am Morgen erzählte sie es
Leontinen
Welch ein entsetzlicher Ernst in dieses Menschen Willen Er will Minister
sein und glaube mir er wird es
Minister fragte Anna
Ja erwiderte Leontine er will eine unerhörte Karrière machen und wenn er
sein Ziel erreicht hat irgend etwas Großes Ungewöhnliches durchsetzen
Vielleicht ist er verliebt und hofft auf diese Art die Hand seiner höher
gestellten Geliebten zu erhalten
Was für romantischtörichte Ideen du von allen Leuten dir machst sagte
Anna etwas gereizt Nun soll der junge Mann verliebt sein weil er des Nachts
schreibt
Ja so meinte lachend die Gescholtene ich vergaß in unsern raisonnirenden
und revolutionairen Zeiten muss man ein Weib oder ein sechszehnjähriger Jüngling
sein um zu lieben O dolce amore ragion cui non sintende e se ragion intende
subito amore non è Mit fünfundzwanzig Jahren ist man viel zu alt zum Lieben
nicht wahr
Sollte Gottard lieben Aber wen Lange sann Anna schweigend nach nicht die
leiseste Äußerung hatte jemals Leontinens Vermutung bestätigt Aber warum
arbeitete er denn so rastlos Ihr fielen die Volksbewegungen der letzten Jahre
in Spanien Portugal und Brasilien ein was konnte er mit ihnen allen zu
schaffen haben In Deutschland war ja alles ruhig Und dennoch sollte er irgend
einer geheimen politischen Verbindung angehören unmöglich das glich ihm
nicht Zum ersten Male dachte sie daran dass sie ihn nie nach seinem Vaterlande
gefragt Ein Deutscher war er obschon er mehre Sprachen mit gleicher Fertigkeit
sprach das schien ihr gewiss Kann man zugleich so ganz einfach und dennoch so
rätselhaft sein dachte sie Sie sprach ihre Gedanken nicht wieder gegen
Leontine aus
Duguet räumte den Salon auf Leontine wollte tanzen heute Abend auch ohne Ball
lieber nach dem Klavier als gar nicht Eine kleine Gesellschaft war dazu
eingeladen Jetzt war er fertig er sah sich ein paar Mal um dann zog er ein
gefaltetes Blatt aus der Tasche das er ans Fenster tretend zwischen den
Fingern hin und her schob und in den hellen Sonnenstrahl hielt
Mais cest malhonnête ce que tu fais là sagte mit einem Male Madame
Sophie Als er seine Frau gewahrte steckte Duguet das Blättchen ein es war
ein versiegelter Brief und begann ganz tapfer Marlborough sen vaten guerre
zu singen was bei ihm das entschiedene Zeichen eines großen inneren Triumphs
war Zugleich rückte er Tische und Stühle zurecht und stäubte sie auf schon
erwähnte Weise mit dem Tuch den Takt schlagend ab Sophien sah er gar nicht
an er war auf dem höchsten Gipfel seines Hochmuts
Mais je dis que cest malhonnête ce que tu fais là
Hein fragte er
Was hattest du denn für ein Papier fuhr sie fort
Hein questce fragte er immer heftiger um sich schlagend Aha si eine
Rechnung vom Herrn
Die man nur auf der Rückseite lesen kann wenn man sie in die Sonne hält
Er schwieg und ordnete mit wachsender Hast die Sessel
Es ist eine Indiscretion Gib mir das Papier bat sie dringend
Diable sagte er comme tu y vas was geht dichs an
Gib mir das Blatt Duguet ich weiß was es ist
Hoho Du weißt was es ist Ich will es nicht hoffen Meine Frau meine Frau
will wissen was ein Papier enthält das unsre ganze Familie das heißt unsre
Herrschaft in Not und Schande bringen kann Sacre bleu und wie sie mir das
ganz ehrlich und unschuldig mir nichts dir nichts so hinsagt Wie kannst du
so etwas von dir sagen Und mir mir von dir hein Begütigend fuhr er fort
Allons allons ne the fàche pas Ich weiß schon es ist dir nur so entfahren
Nichts auf der Welt weißt du von diesem Gott vermaledeiten Wisch es geht dich
nichts an das verfluchte Papier
Duguet willst du mir das Papier geben
Nein
Ich bitte dich um Gottes willen Duguet gib mir das Papier Du weißt nicht
was du tust
Sophie zitterte an allen Gliedern
Diable sagte nochmals Duguet sie von Kopf zu Fuß mit den Augen messend
und woher weißt denn du den Inhalt eines versiegelten Blattes
Weil ich ich kann ich darf es dir nicht sagen aber bei allem was dir
heilig ist beschwöre ich dich schweige und gib es mir
Schweigen Ich Schweigen wenn es die Ehre den Namen das Blut meines
Herrn gilt Was geht mich der Narr an der jetzt Weib mach mich nicht rasend
Ich darf gar nicht daran denken es reißt mir das Herz aus dem Leibe Da da
ist dein verfluchtes Papier ich will es nicht lesen aber nicht du nicht sie
Niemand solls lesen Und du sollst sehen schloss er immer drohender und wilder
dass ich alles vereiteln werde O mein Herr mein armer Herr Mit Händen und
Zähnen riss er das Papier in tausend kleine Stückchen und warf es in die Kohlen
des Kamins
Nach Atem ringend stand Sophie vor ihm und sah zu wie das Feuer den Brief
verzehrte während Duguet die geballten Hände vor den Augen hinauseilte Als
die Türe heftig dröhnend hinter ihm zugeworfen war blieb sie noch eine Weile
gespannt horchend regungslos stehen seine Schritte verhallten endlich auf dem
Korridor ja er war fort Sie sammelte die letzten am Kaminrande herumliegenden
Papierfetzen und warf sie den andern nach in die Kohlenglut Gott sei Dank er
hat nichts gelesen Tief aufatmend als sei eine Riesenlast ihr entnommen
verließ Sophie den Salon
Es war ein schöner aber kalter Herbstabend die Gesellschaft hatte sich
entfernt es war Niemand mehr im Saal als die Hausgenossen und der alte
kunstliebende Professor das nämliche Kaminfeuer das zum stillen Träger des
Geheimnisses geworden das Madame Sophie so bedrückte hielt den kleinen Kreis
noch beisammen
Aber warum Herr Gottard wollten Sie nicht mit mir tanzen fragte
Leontine
Ich habe es nie gelernt Gnädigste und fürchtete sie mit einem schlechten
Tänzer in Verlegenheit zu setzen
Gott Lob und Dank Die Achillesferse rief laut auflachend das Fräulein
Anna Anna Herrn Gottards verwundbarer Fleck Wahrhaftig lieber Herr
Gottard Sie konnten mir gar keine größere Gefälligkeit erzeigen als durch
diese kleine menschliche Unvollkommenheit aber nun müssen Sie sich auch mir zur
Liebe blamiren und auf der Stelle mit mir tanzen Der Professor und Anna
stimmten scherzend bei
Wenn Sie mich unterrichten wollen gnädiges Fräulein werde ich wenigstens
nie mehr die Entschuldigung haben nicht tanzen zu können sagte Gottard
verbindlich er war in Leontinens Zauberbann geraten
Sie war aufgesprungen und hatte bereits ihre Hand auf seinen Arm gelegt
Einen Walzer lieber goldner Professor Erst aber langsam wenn ich bitten darf
Sie schwebte mit Gottard dahin er tanzte wie die meisten Deutschen
seinen Nationaltanz gut sogar schön Schneller immer schneller rief Leontine
Der alte Professor trommelte immer heftiger auf dem Klaviere herum mit und
neben dem Takt Gottard folgte mit größter Gewandheit und sicherem Taktgefühl
jedem Wechsel des Rhythmus
Herr Gottard sagte plötzlich stillstehend Leontine das ist abscheulich
Sie tanzen vortrefflich Ich bitte dich Anna walze nur ein einziges Mal um den
Saal Gottard stand bereits schüchtern aber doch bittend vor ihr
Zum ersten Male berührte ihn der Gräfin Hand das Blut stieg ihm ins
Gesicht aber er tanzte sicher und besonnen fort Das ungewöhnlich reine Ebenmass
seiner durchaus edelen Gestalt trat während des Ländlers auf das Vorteilhafteste
ans Licht seine Züge waren ruhig geworden er machte einen sehr angenehmen
Eindruck Anna empfand zum ersten Mal in ihrem Leben eine wirkliche Freude am
Tanz sie fühlte keines ihrer Glieder auch nicht den sie leicht stützenden Arm
ihres Tänzers jede Bewegung des schönen Paares passte harmonisch an einander
Aber Anna rief Leontine die sich im Sopha recht bequem zurechtgesetzt
hatte um mit kritischem Blicke zuzusehen aber Anna es ist ja wundervoll wie
ihr Beide zusammen tanzt
Der Professor wollte es geschwind auch sehen vergaß zu spielen und drehte
sich um Der improvisirte Ball hatte ein Ende
Und warum sagten Sie denn eigentlich Sie könnten nicht tanzen fragte der
Professor
Weil ich nur walzen kann Einen Tanzlehrer mir zu halten war meinen Eltern
zu kostspielig Von den ausländischen Tänzen die ich heute hier sah kann ich
keinen
Schade dass ichs nicht gesehen habe sagte der Professor
Nun wollte Leontine durchaus dem Professor zu Ehren an dessen Stelle
spielen und Gottard und Anna sollten und mussten ihm noch einmal vorländlern
sie hatten jedoch kaum die Hälfte des Zimmers erreicht als die Saaltüre
aufflog und Otto durch dieselbe eintrat
Er blieb an der Schwelle stehen und schreckte sichtlich zusammen überhaupt
schien er von der ganzen Szene obschon sie ihm augenblicklich laut lachend
erklärt ward so unangenehm berührt dass weder Leontinens einschmeichelndes
Entgegenkommen noch Annens herzliche Freundlichkeit den Eindruck sogleich zu
verlöschen im Stande waren An Kronbergs späte Stunden gewöhnt hatte er es
gewagt zu fast nächtiger Zeit und in Reisekleidern zu kommen Der folgende
Morgen war zu einer nochmaligen Gletschermessung hinter Grindelwald bestimmt
von welcher er Abends nach Bern zurückzukehren und dann den folgenden Tag wieder
nach Basel zu reisen gedachte
Alles dies erzählte er mit so seltsam kalter Miene dass Leontine aufmerksam
wurde und ihn mit dem durchtriebensten Übermute zu necken begann Sie
behauptete er wolle sich selbst als Gletscher ausmessen lassen anstatt wie er
vorgebe das Vorrücken des Eismeeres zu beobachten was auch in der Tat viel
unbequemer sei Anna blieb in ihrer Einfachheit ganz arglos sie suchte
Leontinens heftige Ausfälle gegen Otto zu mildern und ihr Wohlwollen besiegte
nach und nach den eifersüchtigen Unmut des Freundes er ward etwas heiterer
Gottard hatte sich an das Klavier gesetzt und phantasirte ungemein schön
Nur der alte Professor achtete darauf und nickte still entzückt gegen den Takt
Otto fragte nach allem nach den Kindern nach Briefen und Nachrichten nach
Sophien seine warme bürgerlichhäusliche Teilnahme legte sich balsamisch weich
auf Annas verwundetes Herz Sie mied jedoch alle nähere Erörterung über ihres
Gemahls Schreiben Nach ihrem Winteraufentalt zu fragen fehlte Otto der Mut
so kam weder ihr Reisen noch Bleiben zur Sprache und leise und allmälig
entfaltete sich ihm die Wunderblüte des Glücks die immer die Nähe eines
geliebten Gegenstandes selbst unter den traurigsten Beziehungen mit sich
bringt Sass er doch neben ihr Die Zimmer die sie bewohnte all die kleinen
Tee und Arbeitsgerätschaften zu sehen hatte er ja so unendlich lange
entbehrt und nun war alles noch da und wie sonst es zog sich wie ein Zauber um
seine Sinne Dass Gottard sich nicht in das Gespräch mischte gewährte ihm
ebenfalls eine Erleichterung Allmälig wurde er immer fröhlicher und begann von
seinen Vorlesungen seinem Leben in Basel den eben damals die Geologen und
Naturforscher zuerst beschäftigenden Gletscheruntersuchungen und seiner
morgenden Expedition zu erzählen Aber fragte er plötzlich sich besinnend wer
ist denn der Fremde der eben von euch ging Ich bin ihm an der Haustüre
begegnet
Du irrst erwiderte Anna wir haben keine neue Bekanntschaft gemacht
Doch kam er aus eurem Hause sogar aus eurer Etage die Treppe herunter
Vielleicht ein Bekannter von Herrn Gottard
Dieser verneinte stumm
Leontine versicherte es müsse ein guter oder böser Geist sein der sich
ihrer drohenden Winterlangeweile anzunehmen denke sie hatte tausend Fragen
immer eine possirlicher als die andere und baute zuletzt aus Ottos Antworten
eine so groteskburleske Gestalt des Fremden zusammen dass Alle in lautes Lachen
ausbrachen und die lustigste Stimmung des kleinen Zirkels sich bemächtigte
Nun wenn es sich nicht so verhält wie das gnädige Fräulein zu meinen
belieben sagte endlich immer noch lachend der alte Professor so muss er eine
Traumgestalt des Herrn Gottard sein der seit einer halben Stunde dasitzt als
brüte er wie Doctor Fausts Famulus über einen Homunculus
Gottard hatte keinen Teil an dem Gange des Gesprächs genommen auch jetzt
war er zerstreut und hatte nicht recht hingehört Ach sagte er ernst und weich
welcher Mensch ist am Ende individuell genug um so ganz genau Dichtung und
Wahrheit in sich zu scheiden und mit Gewissheit zu sagen das habe ich erlebt
das habe ich geträumt
Otto maß ihn von Kopf zu Füßen ein furchtbarer Zorn loderte auf in seinen
Augen Ihm war Gottards Zerstreuung sehr erklärlich dieser bemerkte es nicht
und blieb still in seinem Winkel sitzen
Leontine war aufgestanden und hatte trotz der Novemberkälte ein Fenster
geöffnet sie sah eine Weile hinaus Als sie auf Annas wiederholtes Bitten zur
Gesellschaft zurückkehrte erschien sie den Andern bleich und angegriffen sie
zitterte sogar Sie schob es auf die Nachtluft
Der Professor den die plötzliche ihm ganz unerklärliche Verstimmung
drückte hatte sich wieder zu Gottard an das Klavier gesetzt und bat ihn eine
seiner Lieblingscompositionen zu singen Gottard fragte die Gräfin ob sie es
erlaube und willfahrte dem alten freundlichen Mann gern aber er sang andere
als die gewohnten Textworte
Mitten in der Brandung auf den Felsentrümmern
Ruht der alte Schiffer schauend in die Flut
Unter blauen Wogen wo die Muscheln schimmern
Bergen sich Korallen vor des Blickes Glut
Durch das Meergebrause ruft er den Erschreckten
Und den Bernsteinwäldern und den Perlen zu
Schlaft in euren Tiefen Die euch sonst erweckten
Meine Taucherblicke gönnen euch die Ruh
Glänzt mit eurem Schimmer euren Purpurzweigen
Ruhig durch die klare raschbewegte Nacht
Bleibt in eurer Schöne der Najade eigen
Zu des Wellenbettes hochzeitlicher Pracht
Hörens die Najaden unten in den Wogen
All die Nereiden steigen still herauf
Und ein Netz von Klängen die sein Herz durchzogen
Schlagen unter Wellen sie dem Fischer auf
Doch der alte Schiffer schüttelt seine Locken
In des Auges Muschel schläft die Träne fort
Er sieht Netz und Schlingen die Gesänge stocken
Seinen Nachen treibt es aus dem Felsenport
Rasch in sicherm Sprunge steht er in der Barke
Fasst das Steuerruder mit erfahrner Hand
Ruhig Klang und Welle Euch bezwingt der Starke
Und ihr tragt den Nachen mir zum sichern Strand
Mit jedem Vers war Gottards Stimme voller und tönender sein Ausdruck mächtiger
geworden Als er an die Worte kam Ruhig Klang und Welle leuchtete eine fast
blendende Kraft und Sicherheit aus seinen ganz vergeistigten Zügen so dass Alle
in dem kleinen Kreise davon ergriffen ihn starr und bewegungslos anschauten
etwa wie einen plötzlich unter ihnen erstandenen Propheten oder einen von
höherer Kraft Begeisterten Leontine stand einen Moment das schöne Köpfchen zu
einer fast demütigen Stellung herabgebeugt neben ihm am Klavier Ja sagte sie
leise Sie werden ein glücklicher Schiffer sein denn Sie vermögen die inneren
wie die äußeren Gewalten zu bändigen Sie haben die Kraft dazu
Kraft ist nicht Glück mein Fräulein sagte Gottard sehr ernst
Er war aufgestanden und mit an den kleinen runden Tisch getreten um den die
Andern saßen Wunderbar der untergeordnete der besoldete Hofmeister der Kinder
stand unter ihnen wie ein Fürst Sogar Sophie staunte ihn mit einer Art dumpfen
Respekt an mit dem sie nicht leicht bei der Hand war Gottard bat sich
beurlauben zu dürfen verbeugte sich tief vor Annen leicht vor den Übrigen und
verließ den Saal
Das ist doch ein sehr ungewöhnlicher Mensch sagte Otto düster Anna
schwieg Ach erwiderte Leontine wie in Traumeswogen versunken halb flüsternd
vor sich hin redend wenn sich diese Überlegenheit an die Spitze eines
bedeutenden Unternehmens stellte wenn in Oberitalien
Sophie warf den Nähkorb des Fräuleins um und brachte mit den unbedeutendsten
Fragen und Suchen nach den herumrollenden Wollenknäueln das Gespräch aus dem
Gange Leontine errötete heftig Anna reichte Otto quer über den Tisch die
Hand
Als Anna in ihr Schlafzimmer trat leuchtete die stille Arbeitslampe wie
gewöhnlich herüber Er schreibt noch Sie trat ans Fenster und legte die heiße
Stirn gegen die kühlenden Glasscheiben Zum ersten Mal hatte Gottard vergessen
seine Vorhänge zu schließen Sie sah hinüber sah ihn ein Paquet Schriften
packen siegeln und adressiren Lange stand er dann es betrachtend am
Schreibtische er sah sehr ernst fast trübe aus Plötzlich wandte er sich und
trat mit einer unerwartet raschen Bewegung ihr gegenüber an sein Fenster
Das altertümliche Haus das die Familie bewohnte umschloss mit seinem
Nebenbau und Seitenflügeln im Viereck nach hinten zu einen ziemlich engen Hof
Gottard sah also durch die einander schräg gegenüber liegenden Zimmerfenster
Annen unerwartet ganz nahe vor sich Er hatte scharfe Augen und musste bemerken
dass sie ihn beobachtet hatte Ein unbeschreiblicher Ausdruck von Seligkeit und
Schmerz überflog einen Augenblick seine Züge dann senkte er die Augen Als er
sie wieder hob war das Meteor seines Glückes verschwunden und tiefe Finsternis
umhüllte das ganze Gebäude Für das ganze lange Leben einen Augenblick des
Glücks sagte er wehmütig vor sich hin Er löschte auch seine Lampe dann sank
er im Dunkeln auf einen Stuhl und blickte tiefsinnig in die Nacht hinaus
Als er am nächsten Morgen nach dem Frühstück seine Zöglinge abzuholen bei
Annen erschien sah er unbefangen und heiter aus wie immer
Muss dem armen Kinde dem Vrenely gerade heute einfallen sich einen guten
Tag zu machen sagte Leontine Hut und Mantel abwerfend Ich wollte keinen von
euren Leuten hinschicken und lief selbst hin sie einzuladen Sie ist nach
Brienz zu Verwandten
Ich habe gar nicht gewusst dass sie hier aus der Umgegend ist antwortete
Anna
O wie ist das möglich fragte Leontine indem sie ihren alten
Lieblingsplatz eine Art niedrigen Kinderstühlchens zu der Freundin Füßen
einnahm und ihren zierlichen Arm auf deren Knie legte Hat sie dir nie vom
Haslital erzählt Wenn dich die alten erfahrungsgrauen Granitgeister durch die
Felsenpforte in das liebliche kleine Eden einlassen so kannst du dort gewahren
woher ich all meine Elfen und Nixenbekanntschaften habe Das frische grüne Tal
ist ihr Tanzboden und Sammelplatz plätschernd flüsternd und wiegend steigt es
von allen Seiten zu ihm hinab da wehen Wasserfälle wie silberne Fahnen sie
stäuben so duftig geisterhaft hernieder in lauterem Glanz sie schwingen ihre
Regenbogenschleier über die grünen Felsenwände hin oder schmeicheln in kleinen
krausen Schaumwellen zwischen den Gräsern und Blumen sich ein und Alle erzählen
das nämliche Märchen jedes trägt es ein Stückchen weiter ins bunte Leben
Haben sie aber die Tiefe des Tales erreicht und sind glücklich dem liebenden
Drohen des Sonnenstrahls entgangen der in tausend Küssen ihre Schönheit an sich
ziehen will dann eilen die Plauderinnen die gar nicht auf ihn hören weiter
sie eilen eilen überlaufen einander bis zum Ulschibach dem größten und
schönsten der Gebirgsbäche der mit einer ganzen Kaskadenfamilie den Bergrücken
hinunterstürzt und nun geht es lustig fort in schäumendem Jubel Über die
grünen Berge schauen die ernsten Wetterhörner auf das plätschernde Kinderspiel
nieder sie strecken ihre alten Schneehäupter dicht übereinander her aber so
alt und klug sie sind hats ihnen die Sonne dennoch angetan sie erröten noch
immer wenn sie so seitwärts über die Felswand weg nach den tanzenden Bächlein
hinlugt Und wenn die Nacht kommt dann solltest du erst sehen wie alle mit
einem Mal leichenhaft bleich werden ordentlich graulich aber man muss tief in
die Mitternacht wachen um das zu erfahren Die Bächlein haben dess nicht Acht
sie springen und tanzen lustig fort bei Mondenschein und Sternenlicht und bis
zur Morgenröte
Gottard hatte ihr mit steigendem Interesse zugehört Welch ein Schatz
innerer Poesie sagte er leise Leontine drehte languissant ihr Köpfchen ihm zu
und erwiderte halb schläfrig Ach bester Herr Gottard ein einziger Regentag
macht ihn zu Schanden
Ich stehe recht ärgerlich arm zwischen Ihnen Beiden meinte Anna Ihr ward
diese bunte alles überkleidende Phantasie Ihnen Ihr rastloses
wissenschaftliches Streben mir aber treten Poesie und aller Ernst des Lebens
immer nur ins Herz Das ist recht unbequem damit kann man eigentlich nichts
anfangen
Wie können Sie gnädigste Gräfin mein Streben beurteilen ich meine
eigentlich wie es bemerkt haben Kaum waren die unglücklichen Worte über
Gottards Lippen so fiel ihm die Nachtscene ein und er verstummte in
sichtlicher Verwirrung
Wo es das Herz zu bergen gilt sind Frauen mutiger als Männer Sie erzählte
ganz unbefangen wie sie von ihrem Zimmer aus sein Licht herüberschimmern sähe
und oft gesorgt er werde zu sehr auf seine Jugendkräfte bauen und sich
überarbeiten Da lag die arme kleine Blüte eines geheimnissreichen Glückes vor
ihm entblättert zu seinen Füßen Es musste sein dachten beide
Nach einem Augenblicke erwiderte er Ich habe eine alte gichtbrüchige Frau
gekannt die fast den ganzen Tag zu Bette lag aber dennoch täglich um fünf Uhr
in die Frühmesse ging und während derselben auf den kalten feuchten Steinen
kniete sie behauptete es schade ihr nicht während sie sonst sehr besorgt um
sich war und wirklich wurde sie nicht kränker dadurch und die Ärzte ließ sie
gewähren Lassen Sie mir meine Kirche Gräfin und ihren etwas strengen
Dienst
Und wie heißt diese Kirche fragte Anna
Der Staat gnädige Frau und allgemeines Wohl
Ich fühle die Wesenheit wenn ich auch nicht die Form des Gehalts erkenne
die Sie Ihrem Leben geben Jedenfalls werden beide edel sein Sonderbar fuhr
sie nach einer Weile fort dass ich auch nicht einmal die Richtung derselben
kenne ja nicht einmal weiß welcher Teil Deutschlands Ihr Vaterland ist
Ich bin ein Rheinpreusse mein Vater war ein Schlesier Die Liebe zu meiner
Mutter hatte ihn bewogen sein Vaterland zu verlassen und in das ihre zu ziehen
Wir lebten in Mehlem einem der kleinen weißen RheinuferStädtchen die Sie
kennen Ich machte meine Studien zu Bonn Berlin und Breslau in den Ferien
besuchte ich Frankreich Belgien Oberitalien Ich bin sogar einmal auf kurze
Zeit in England gewesen Der bekannte und geehrte Präsident Hellemon meines
Vaters Freund und mein Pate leitete meine ersten Schritte in das öffentliche
Leben Ich verdanke ihm viel doch wollte er mir eine meinem Wesen fremdartige
Richtung geben Meine Eltern hatte ich verloren ich konnte mich nicht
entschließen in seiner Hand das Instrument seiner Zwecke sein Geschöpf zu
werden Ich riss mich los Im Jahre 1817 hatte mich ein günstiges Ungefähr in
die Nähe des Fürsten gebracht der damals die Rheinprovinzen durchreiste
Hellemon stellte mich ihm vor später hatte er ihm Arbeiten von mir gezeigt
mich ihm empfohlen Mir ward dessen Gunst auf eine noch unverdiente Weise Das
Übrige gnädige Gräfin ist Ihnen bekannt
Aber wie konnten Sie wenn Ihrer Familie Mittel beschränkt waren so
bedeutende Reisen machen
Klima Boden und Jugendkraft begünstigten mich ich arbeitete mich durch
ich gab sogar an kleinen Orten ein paar Mal Koncerte wo ich länger blieb
Musikstunden ich schrieb ab ich behalf mich Kurz ich habe die erwähnten
Länder in interessanten und bedeutenden Momenten gesehen und wollte da meine
Studien vollendet eben nach Spanien als der Krieg von Neuem das unglückselige
Land überzog
Auf dem Rückwege traf ich den Fürsten in Karlsruhe er concentrirte für den
Augenblick meine Kraft er gab mir Beschäftigung und öffnete mir Ihr Haus
Ein jubelndes frisches Kindergelächter unterbrach von der Treppe herauf
schallend das ernste Gespräch Leontine die wie halb schlummernd in ihre
eigenen Gedanken und Träume versunken still gesessen fuhr auf und lief den
Kleinen entgegen die mit großem Eifer ihr Zuspätkommen entschuldigten ma bonne
habe sie weit weit auf die Bastei spazieren geführt um die Alpen zu sehen
Und fuhr der Aeltere fort mit den tiefblauen Augen seiner Mutter an
Gottard hinauf sehend wenn du nur mit oben gewesen wärest die Leute sagen
dass Lawinen gefallen sind eine ganze Menge Denke nur du hättest sie uns
gezeigt Die Berge brauen sagte der alte Senne unten am Tor und das sei so
rechtes Lawinenwetter da fielen sie dutzendweise ins Tal Wärst du nur
mitgegangen lieber Herr Gottard
Mein Gott rief Leontine plötzlich aufgeschreckt und unsre
GletscherReisenden Reicht das Wetter wohl so weit
Das wäre entsetzlich
Gottard gestand ihm fehle genaue Kenntnis der Wetterscheiden und der
ganzen Wettergestaltung im Hochgebirg Gleich nach der Stunde die ohnehin heute
im bloßen Erklären einiger naturgeschichtlichen Gegenstände bestehe wolle er
selbst zum Sennen gehen und ihn befragen Die Kinder zogen ihn fort
Gegen Mittag noch ehe Gottard wiederkehrte kam Besuch aus der Stadt und
sogleich war von Lawinen die Rede die hier nahe an Bern selbst gefahrlos und
ganz unbedeutend wären im Oberlande aber sehr gefährlich
Es sei gar toll meinten einige Herren in solchem Wetter Excursionen ins
Gebirg zu wagen es heiße Gott versuchen Und wiederum ward die ganze
Gletschermessung als unnütz als törichte Spielerei gescholten denn die
Unwissenheit reibt sich ja so gern an ihr unverständlichem wissenschaftlichen
Streben
Auf den Seen brause der Föhn hieß es weiter und die Luft hange weit und
breit voll Schnee so wie es windstill werde würde sichs in Massen
niedersenken
Gnad ihnen Gott und behüte sie sagte eine junge freundliche Frau So ein
Herr aus der Fremde denkt sich einen sächsischen oder bairischen Winter zu
finden bei uns aber beginnt er zeitig und ist gar hart und scharf Und wir
haben den zweiten November es wäre kein Wunder hingen die Eiszäpfli schon am
Dächli ümme
Annen starrte das Herz in der Brust Leontine fertigte leise Duguet ab und
dann noch einen zweiten Diener sie sollten sich beide erkundigen ob man von
irgend einem Unfall oder Unwetter im Oberlande gehört Es war nichts zu
erfahren
Der Tag verging der Abend kam Sie begannen zu warten zu horchen auf jeden
Laut auf den Schritt in der Gasse auf das Oeffnen der Haustür es kam
Niemand Die Kleinen hatten etwas von der Unruhe gemerkt sie fragten alle
Augenblicke ob denn Onkel Otto nicht komme den sie noch gar nicht gesehen und
der ihnen immer etwas mitbrächte und sie auf seinem Fuße tanzen oder fliegen
ließ
Die Nacht brach ein Die alte Turmuhr schlug Stunde um Stunde so bleischwer
langsam es kam Niemand Die unter den Häusern hinlaufenden Arcaden in denen
Tags hindurch ein fast südlich reges Leben sich bewegte wurden öde Schon waren
längst alle Läden und Werkstätten geschlossen die Lichter erloschen nach und
nach die ganze Gasse entlang es ward so todeseinsam Anna hörte ihr eigenes
Herz schlagen mit peinlicher Gewalt sonst nichts gar nichts
Vergebens suchte sie das Törichte Kindische ihrer Angst sich einzureden
es überwältigte sie wieder und wieder
Gegen Morgen hörte sie ein Pferd aus dem Stalle ziehen Sie flog ans
Fenster es war Duguet er hatte sich vom Nachbar einen Charabanc geliehen
dem er jetzt heimlich ein Pferd einspannte Er vermochte es nicht die Angst
seiner jungen Gebieterin so untätig zu ertragen Sophie stand mit einer Laterne
im Hof und leuchtete ihm dann packte sie ein und steckte eine Menge kleiner
Paquete auch eine Flasche Wein in das Wägelchen sie musste doch wohl auch an
ein mögliches Unglück glauben Endlich schleppte sie noch einen alten Pelz ihres
Herrn herbei Duguet nahm ihn nicht um er legte ihn sorgsam gefaltet auf den
Sitz augenscheinlich bestimmten ihn die wackeren Leute für Otto Kalte Tränen
rollten über Annas bleiche Wangen als Sophie vorsichtig das Tor öffnete und
der Charabanc aus dem Hofe fuhr leise leise um sie nicht zu wecken Sie
trat zurück als der alte treue Diener schon im Abfahren den Blick noch einmal
ihrem Fenster zuwandte sie wollte seinem so ergebenen Eifer kein Mislingen
zeigen und aus der weit entlegenen Zeit ihrer Kindheit flog zauberschnell ein
Bild ihrer Seele vorüber wie Duguet nach dem allerersten Abschiedsleid in
seinen Armen sie nach Hause getragen als wolle er mit ihr dem Schmerz
entlaufen
Beim Frühstück fand Anna Leontinen fast noch besorgter als sie selbst war
Gottard ließ um Erlaubnis bitten einen Augenblick zu den Damen
herüberzukommen sie ward ihm gern gewährt man ist so ungern allein wenn man
sich fürchtet Gottard trat in seinem mit Pelz gefütterten Jagdrock ein er
näherte sich der Gräfin mit der Frage ob sie ihm gestatten wolle eines der im
Stalle befindlichen Pferde zu benutzen um nach Grindelwald zu reiten Anna
sagte ihm Duguet sei bereits hin sie nehme indessen sein Anerbieten an da
jener der Sprache nicht mächtig Wenige Minuten später hörte sie das Pferd
vorübertraben
Und nun begann von Neuem und in immer sich steigerndem Grade die
Seelenmarter des Wartens Diese Qual der Frauen Männer kennen sie nicht sie
werden zornig sie laufen fort sie handeln sie zertrümmern sogar Frauen
müssen warten Ach wüssten Männer was es ist für so ein armes gequältes
Frauenherz zu warten sie würden diese trostlose Pein nicht so oft über uns
verhängen Mich dünkt ich würde dem Himmel entsagen wenn ich ihn lange
lange erwarten sollte wenigstens bedürfen unsere Seelen keines Fegfeuers Das
Warten der Liebenden auf den Geliebten der Gattin auf den Gatten der Mutter
auf den nicht heimkehrenden Sohn dies Übermaß tausendgestaltiger Angst mag
wohl als unser Fegfeuer schon auf Erden gelten
Gegen Abend zog der Lärm vieler Schritte auf dem Steinpflaster und das
dumpfe Gemurmel leiser Menschenstimmen von der Gasse herauf sie kommen
Langsam Schritt vor Schritt nahte der Charabanc Gottard ritt daneben mit
angestrengter Kraft hielt die eine Hand sein Pferd zurück die andere wehte
grüßend mit dem Tuch augenscheinlich traute er sich des Geräusches wegen nicht
Trab zu reiten
Im Wagen lag Otto ob tot ob verwundet ließ sich nicht unterscheiden
Vrenely und Duguet hielten ihn stützend in ihren Armen
Gott sei Dank er lebt rief Leontine ich sehe es Herrn Gottard an
Anna war bereits unten am Tore Gottard stand vor ihr Ja er lebt aber
er ist verwundet doch hoffe ich nicht gefährlich
Ohne weitere Worte schlossen sich beide dem nach der Treppe hingewandten
Zuge an Vrenely hatte fortwährend des betäubten wie es schien bewusstlosen
Otto Haupt auf ihrer Schulter und trug mit mutig und fest wie ein Mann Das
Tuch das sie im Wagen über den Kopf genommen gehabt war zurückgesunken in
reicher Fülle fielen ihre dunkeln Locken und Flechten über Hals und Achsel und
umschleierten ihr und Ottos bleiches Gesicht sie sah aus wie eine Mater
dolorosa
Otto ward auf ein Ruhebett in einem an den Salon stossenden Zimmer gelegt
Anna hatte schon einen Wundarzt rufen lassen Mit unhörbar leisen Bewegungen
trug Leontine alles herbei was zu des Kranken Pflege dienen konnte Sophie
früh an solche Szenen gewöhnt bereitete still dem Wundarzt das Nötige zum
neuen Verbande Duguet hatte ihr gesagt dass Otto den Arm zwei Mal gebrochen
So erwachte nach einem leichten Aderlass der so lange Jahre Vereinsamte
rings von liebenden sorgenden Blicken umgeben fast wie zu einem schmerzlichen
Glück keiner hatte ihn aus den Augen verlieren wollen Anna war sein erster
Laut als er sie neben sich sah reichte er ihr die Hand und sank lächelnd aber
erschöpft zurück in die stützenden Kissen
Allmälig langten nun auch die übrigen Naturforscher an mit denen er die
verunglückte Expedition unternommen Alle waren ihm besorgt und voll warmer
Teilnahme gefolgt und einstimmig nannten alle das Vrenely seine Retterin Erst
jetzt fiel den Hausbewohnern ihre Gegenwart auf
Lauterbrunn Grindelwald und das Haslital liegen nahe bei einander nur die
große und kleine Scheideck trennen sie Am Tage ehe die Gletscheruntersuchung
vorgenommen werden sollte hatte das Vrenely ihren Herrn Ohm den gewesenen
Landammann nach Lauterbrunn begleiten müssen wohin ihn ein Geschäft berief
Im Gasthof hörten sie noch Abends vom Unternehmen einiger fremden Herren
die am nächsten Morgen gar die Gletscher auszumessen gedächten Auch dort ward
das Wagstück vielfach getadelt ein alter Hirt zeigte sich besonders bedenklich
er war den Weg über die Wenger Alp und Scheideck herabgekommen und sagte Wind
und Wetter seien drüben gar wüst auch erzählte er eine Menge schauerlicher
Unglücksfälle die bei derlei tollen Wagstücken sich ereignet
Nach Grindelwald zu habe es schwer geschneit meinten andere es werde sich
wohl kaum ein Führer finden nach so böser Nacht
Das Mädchen überkam eine dunkle namenlose Angst Ob er dabei sei wusste sie
nicht nicht einmal dass er Tags vorher nach Bern gekommen
Jetzt trat ein Fuhrmann aus Wengern mit an den Schenktisch sie kannte den
Seppi Es führt ein gefahrloser Weg von einem Tal ins andere der Gebirgspfad
ist der bereits erwähnte über die große Scheideck hin
Der Fuhrmann war im Begriff mit seinen Karren abzufahren Vrenely
schmeichelte dem Ohm die Erlaubnis ab die Gelegenheit benutzen zu dürfen um
eine Bekannte in Grindelwald zu überraschen sie wolle zeitig wieder zu
Lauterbrunn eintreffen versprach sie Der alte Mann hatte noch gar nicht einmal
Zeit gehabt sich auf das Ja oder Nein zu besinnen so saß sie schon auf dem
Wägelchen neben dem Seppi und rollte mit ihm das Tal entlang
Als sie in die Weitung desselben kamen begegneten ihnen Bauern und Hirten
die auch von den Fremden erzählten die wirklich schon seit mehren Stunden
aufgebrochen und dem Eismeer zugewandert wären
Unter einem Vorwande stieg das Mädchen am ersten Hause des Grindelwalds ab
in ihrer Seele hatte plötzlich die Sorge eine feste Gestalt bekommen sie war
Ahnung ja fast Gewissheit eines drohenden Unglücks geworden Es war grimmig
kalt obschon die Luft jetzt heiterer war sie wickelte sich fest in ihr
Mäntelchen und eilte querfeldein einem Sennbuben zu der jetzt im Tal auf der
Herbstweide das Vieh hüten half Der Knabe war halb blödsinnig sie hatte ihn
oft beschenkt und er war ihr mit großer Neigung zugetan Diesen holte sie
jetzt und beredete ihn mit ihr hinauf nach dem unteren Gletscher zu gehen es
mochte eine Stunde Wegs sein
Lange sahen sie nichts von den Fremden endlich bei einer Wegkrümmung
gewahrten sie hoch über sich am Schneegebirg schwarze sich fortbewegende
Punkte sie schienen nach dem oberen Gletscher sich hinzuziehen Aber der Wind
hatte sich heftig erhoben hier in der Höhe und wehte ihr den Schnee der noch
ganz weich und flockig in den Aarfen und Fichten hing wie einen Schleier ins
Gesicht noch immer vermochte sie nichts zu unterscheiden Sie eilten weiter Wo
der obere Weg an die Gebirgsschlucht führt sah sie von Neuem die dunkeln
Gestalten
Herr mein Gott fuhr das Vrenely fort dort oben lag schon allenthalben
fusshoher fester Schnee und seitwärts an der Alp rollten donnernd Lawinen hinab
in den Bach und in die Enge bald sah ich die Wanderer bald sah ich sie wieder
nicht Mit der Gletschermessung wird es heute nichts dachte ich in meinem
Herzen Ob er nur dabei ist Es hatte mir Niemand die Namen der Fremden nennen
können und keiner von allen denen ich begegnet hatte sie mir zu beschreiben
vermocht Die kalte Bergluft versetzte mir den Atem und den Friedli fror und er
wollte nicht weiter mit Ich gab ihm alles Geld was ich bei mir hatte und
lockte es dem Bübeli ab dass wir noch fortstiegen Jetzt sah ich die Männer
wieder aber seitwärts hoch über uns und weit sie gingen sichtlich nach dem
zweiten dem Obergletscher Scharf zeichneten sich ihre Gestalten gegen die
hellgraue Schneeluft ab dem Einen fiel im Gehen der Mantel von der Schulter er
haschte mit der Hand danach Mein Jesus das war er an der Bewegung hatte ich
ihn erkannt
Das Herz stand mir still vor Scham was sollte ich nun sagen wenn sie das
Unternehmen aufgaben das nicht gelingen konnte bei dem Wetter und wenn sie
herunterkamen und mich da fanden
Schrillend scharf pfiff der Wind grell wie ein Nachtvogelschrei Der Schnee
wirbelte immer dichter um mich her ich musste gar die Augen schließen und
dennoch litt michs nicht umzukehren Als ich wieder aufblinzle steht er ganz
allein am Bergrand und ich sehe keinen der Andern mehr um ihn und wie ich
beklommen scharf und schärfer hinüberschaue kommt es weiß und schwer die Alpe
heruntergerollt zwei drei kleine Lawinen zugleich stürzen tobend neben ihm und
uns in die Talschluchten Die Gletscher konnte keine derselben treffen ich
fühlte es an der Windspur und doch sträubte mir die Angst das Haar Plötzlich
fragt ich mich selbst Wo ist er hin Ich sehe ihn nicht mehr Da riss es mich
vorwärts mit unwiderstehlicher Gewalt ich sprang ich lief das Friedli konnte
nicht nach Nun war ich oben an dem Gletschermeer Es klang herüber wie fernes
Rufen weiter noch gewahrte ich die Führer sie gingen eilig hin und wieder sie
suchten sie riefen O es war sein Name den ich hörte
Ich hab ein scharfes Aug wie ein Falkenblick hielt es die Spitze fest
auf der ich ihn zuletzt gesehen Immer ängstlicher rannten die Führer auf der
Höhe an mir vorüber indem sie rückwärts schrien es könne ihn keine Lawine
erreicht haben und endlos seinen Namen wiederholten aber all ihr Umherlugen
war umsonst er blieb verschwunden Ich ich weiß wo er ist kreische ich auf
mit einer Gewalt dass mir fast das Herz in der Brust zerspringt ich habe ihn
gesehen und springe auf den Gletscher und packe den Führer am Arm und reiße ihn
fort mit mir es war der Jacquelin ich kannt ihn wohl Er ist in einen
Eisspalt gefallen und der mir nach und alle Andern hinterdrein Es fragt
keiner es zögert keiner ich reiße sie mit mir fort durch die unsäglich
bebende Angst meiner Seele ich wusste er war von dem Brausen der Lawinen
erschreckt in irgend eine verschneite Tiefe getreten im Fallen vom Schnee
überdeckt ich wusste es gewiss klar und deutlich wie ich meines Lebens mir
bewusst bin Ich flog den Übrigen voran bis ich nicht mehr konnte da nahm mich
Jacquelin auf den Arm und kletterte mit mir über die Eisblöcke hin um den Platz
schneller zu erreichen
In den Spalten lag viel lockerer Schnee er musste kürzlich erst als Ball
herabgekollert und durch die Schwere seiner eigenen Wucht geplatzt sein Lange
konnten wir nichts entdecken ein Riss sah aus wie der andere Ich kroch auf
Händen und Füßen bis an die äußersten Ränder Nein Gottes Barmherzigkeit wird
es nicht zugeben dass mein Gedächtnis fehle Es muss da sein Jetzt erst gewahrte
ich etwas in dem tiefblauen Spalt es schimmerte rot es war das Futter seines
Mantels Ich sah hinab dass mir die Augäpfel schier verglasten es regte sich
nicht Was ich von da an getan weiß ich nicht sie hatten Hacken Schaufeln
Stricke geholt wie Jacquelin hinabgestiegen wie sie ihn heraufgewunden ich
weiß es nicht Ich war die Erste fuhr sie nach einer Pause fort die seine Hand
ergriff als er nun vor uns auf dem Eise lag sie war noch warm Nach einigen
Sekunden schlug er die Augen auf und erkannte mich
Das Andre weiß ich du herzig Mädchen rief Leontine indem sie dem Vrenely
mit tränenüberströmtem Gesicht in die Arme fiel Ich weiß wie du als er
heraufgezogen ward immer noch besonnen jede Handreichung tatest ich weiß wie
du voranliefst mit größter Gefahr und den alten Mann holtest der ihn verband
und seinen Arm schiente wie du die ganze Nacht bei ihm wachtest bis endlich am
Morgen Duguet kam und euch alles Nötige brachte noch eh dein Bote abgegangen
O Vrenely rief sie immer heftiger weinend jetzt muss er dein werden Verlörst
du ihn jetzt du müsstest ja daran sterben
Jetzt O nein sagte kopfschüttelnd das Mädchen das Vrenely hat ja nun ein
Glück fürs ganze Leben O Fräulein Fräulein fühlen Sie es denn nicht Ich
ich habe ihn gerettet Wenn er nun fort durch die Welt zieht setzte sie
träumerisch und tiefernst hinzu in weit weit entlegene fremde Länder und alle
die großen Studien und Entdeckungen macht von denen er manchmal so schön
sprach und wenn er immer berühmter wird und allen Menschen ein Gottessegen
das Vrenely hat ihm ja das Leben erhalten mit dem er das alles tut Und
sie errötete tief und schlug die Augen nieder jetzt schäme ich mich auch gar
nicht mehr dass Sie und er und so viel andre Leute es wissen dass ich ihn so
lieb habe ihm so ganz unaussprechlich gut bin wie gar keinem andern Mann auf
Erden denn sehen Sie sie heftete den klaren Blick auf Leontinen das Vrenely
will ja nun gar nichts weiter in der Welt Darum lassen Sie ihn nur ruhig seine
Straße ziehen und wenn er auch das arme Schweizermaidly oft Jahrelang vergisst
manchmal wird er doch daran denken Das ist mein Segen bis an den Tod
Mit immer gleich heiterer Kraft stand das Mädchen Annen bei als Otto nun
schwer erkrankte Mit unerschütterlicher Ausdauer pflegten ihn die Frauen
dazwischen musste Vrenely noch für den alten Vater sorgen und im Institut ihre
Stunden geben Ottos Zustand blieb mehre Tage bedenklich er hatte eine starke
Kontusion am Hinterkopf und man fürchtete eine Hirnentzündung Es war graulich
mit welcher wirbelnden Hast die Gedanken in seinem Kopfe sich drängten welch
entsetzliche Lebendigkeit und Unruhe aus allen seinen Zügen sprach Oft rief er
halbe Stunden lang Annas Namen
Vrenely saß still neben ihm ihre Hand reichte ihm den kühlenden Trank und
ihr liebes Gesicht behielt den freundlichen gütigen Ausdruck keine Träne trat
in ihr Auge das nur jedes seiner kleinen Bedürfnisse zu entdecken bemüht für
nichts Anderes einen Blick hatte
Allmälig legte sich der nervöse Zustand er kam zur Besinnung zur
Erinnerung dessen was geschehen Als er kräftiger ward und die Frauen ihn
mitunter ein paar Stunden lang sich oder Sophiens geübter Pflege überließen saß
Gottard viel bei ihm Die beiden jungen Männer kamen einander näher und ein
Bandtiefer gegenseitiger Achtung schlang sich um beider Seelen Lieben konnte
Otto Gottard nicht er war ihm nur dankbar Das Herz hat Fühlfäden die
unendlich weiter reichen als das Erkennen des klarsten Geistes
Als Otto wieder auf zu sein vermochte ließ er sich von Duguet zu Annen
geleiten Mit welcher Freude flog sie ihm entgegen wie sorgsam rückte sie dem
Freunde den Sessel in den jetzt selten gewordenen Sonnenstrahl Wie suchte sie
gleich einer liebenden Schwester ihm alles recht bequem zu machen Sie war
überglücklich dass er lebe und genese Otto sah sie mit unaussprechlich inniger
Wehmut an dann reichte er ihr die Hand Ach sagte er du meinst es gut
unendlich gut und doch Anna wie weh er vollendete nicht
Wunderlich verschieden schien Ottos Leiden auf die drei Freundinnen gewirkt
zu haben was sich am deutlichsten in der Art ihrer Krankenwartung aussprach
Leontine war an fast geister oder elfenstiller Pflege kaum zu erreichen sie
flog mehr als sie ging und doch wie in unhörbar leisem Fluge Sie saß oft
viele Stunden bei ihm meist unbemerkt hinter dem Vorhang seines Bettes war er
trübe schaute sie hervor und erzählte ihm sang ihm mit halber Stimme seine
Lieblingslieder oder sie las ihm ihre Gedichte vor sie zeichnete bei ihm
lauter närrischpossenhaftes Zeug das ihn lachen machte so dass er seinen
Schmerz vergaß
Anna war sich immer gleich weich und ernst erriet sie immer seine Seele
Sie schrieb für ihn nach Basel und an seinen noch in Freiberg lebenden Vater
Sie tat eigentlich weniger als die Andern beschwichtigte aber mehr und regte
ihn weniger durch äußere Dinge auf nur dass eben sie die Welt ihm sonnenhell und
dennoch so finster machte
Mit unbeschreiblicher Zartheit trat das Vrenely zurück sowie seine Genesung
vorwärtsschritt mit jedem Tage sittsam scheuer stellte sie sich wieder an die
alte Stelle des ganzen Unfalls erwähnte sie mit keinem Wort Verlangte er
jedoch zufällig einmal gerade von ihr eine kleine Handreichung dann zuckte der
elektrische Strahl namenloser Seligkeit durch ihr ganzes Wesen und man wusste
kaum das Auge abzuwenden von dem Licht des Glücks das ihre Züge durchleuchtete
und allem was sie tat den Zauber der tiefsten Herzensneigung verlieh dem
einen sich ihm Jugend und Schönheit kaum ein Männerherz widersteht
Anna sagte eines Morgens Otto dieser Zustand muss enden Ich kann meine
Vorlesungen wieder beginnen den linken Arm brauche ich nicht dazu ich muss
zurück nach Basel Aber ich habe vorher noch vieles mit dir zu besprechen eh
wir scheiden
Wird es dich nicht angreifen lieber Freund
Er verneinte schweigend Dann fuhr er fort Ich muss es aussprechen denn ich
denke doch unaufhörlich daran
Soll ich dir entgegenkommen Otto Soll ich dir sagen
Ich habe Kraft liebe Anna Du weißt genauer vielleicht als ich selbst
was geschehen was Vrenely für mich getan Ich kann kaum weniger tun als ihr
das Leben geben das sie mir erhalten Ich bin entschlossen ihr meine Hand zu
bieten
Anna sah ihn freudig an Ich wusste es Otto und glaube mir du wirst
glücklich werden
Glücklich Anna sagte er sehr trübe du solltest jetzt nicht mehr so reden
Sie erbleichte Ruhig Kind ich rufe keine Dämonen aus ihrem Dunkel ans Licht
Ich will lieber unglücklich sein als unglücklich machen siehst du das ist
Alles Es kostet mich einen hohen Preis die volle Freiheit meiner Wissenschaft
Anna blieb eine Weile nachdenkend stumm Eine Ehe ohne gegenseitige Liebe
Otto
Lass das unterbrach er sie streng Ein Mann Anna liebt einmal einmal
nicht öfterer Unsre Sinne und unsre Eitelkeit unser Egoismus und eure Schwäche
mögen uns in tausend Verhältnisse hineinziehen vielleicht ist keiner sicher in
keinem Alter in keiner Stellung vielleicht bin ich es noch am ehesten durch
meine Wissenschaft sie hat mein Leben bisher mir erhalten trotz seiner Gluten
Gluten von denen deine Engelsseele keine Ahnung hat Still still ich bin kein
Teufel aber ich bin nur ein Mensch Anna ein Mann Keiner von deinen
PapiermachéWeltfratzen Nun denn versteh mich recht hätte ich die
Möglichkeit deiner Liebe noch vor mir die Möglichkeit sage ich denn fuhr er
immer wilder fort dein Mann ist sterblich und das Leben ist lang nie würde
ich einer Andern meine Hand reichen möchten die Geier dieser Qualen an mir
nagen gleichviel Aber komme es wie es wolle ich kenne dich deine starke
Seele Anna mich wirst du nie lieben mich nicht das Glück blüht nicht mir
O wer an ein Jenseits glaubte so recht glaubte mit der blinden Sicherheit des
Köhlerglaubens um sagen zu können aber dort Nun gleichviel oder
vielleicht ich bin kein Frömmler aber ich glaube an ein Jenseits Dort also
vielleicht
Er neigte seinen Kopf auf ihre Schulter und schwieg
Lange saßen sie beide so stumm neben einander
Weißt du fuhr sie nach einer Weile gepresst fort es war als klammere sich
ihre Seele gewaltsam an einen andern Gedanken wie man im Wellenstrudel ein
schwimmendes Bret ergreift weißt du dass Leontine dich liebt
Ja sagte er fest Lass sie Ich bin wie ein dunkler Schmetterling durch ihr
Blumenleben geflogen und habe einen fliegenden Schatten darauf geworfen Ein
Sonnenkuss des nächsten Tages und sie hat mich vergessen Ach diese
glücklichen ewig bewegten Naturen Er strich mit der Hand schwermütig über
seine edle Stirn und die noch feuchten Augen Ich werde das Mädchen nicht
betrügen ich werde nicht heucheln ich kann ihr Treue geben Liebe Liebe in
deinem und meinem Sinne nicht O bitte bitte fuhr er fast heftig auf lehre
mich nicht dein Herz kennen Ich fühle es wie das meine in der eigenen Brust
Was die Welt was Millionen Weiber Liebe nennen was sie selbst in ihrer zarten
Unerfahrenheit so nennt und glaubt das gebe ich ihr
Anna erwiderte nichts sie hatte seine Hand gefasst und lange in der ihren
gehalten Plötzlich beugte sie sich nieder und eine Träne und ihre Lippen
berührten sie zugleich
Anna Um Gottes willen Anna schrie Otto Er sprang auf riss sich los
stand einen Moment wie besinnungslos schwankend dann stürzte er vor ihr auf die
Knie nieder und barg sein Gesicht in ihren Schoos Endlich hob er die Augen
wieder umschloss sie immer noch kniend mit dem gesunden Arm und sah sie so
nahe lange und innig an
Anna meinte zu vergehen sie hatte keinen Mut keine Kraft mehr gegen dies
Übermaß der Qual aber kein Hauch der Scheu vor der Gewalt seiner Leidenschaft
befleckte auch nur eine Sekunde ihre Gedanken Da bog sich Otto noch näher zu
ihr hinüber küsste leise erst ihre Augen dann ihren Mund und ließ los
Schon an der Türe wandte er sich und sah sie noch einmal mit dem Ausdruck des
tiefsten Seelenschmerzes an und ging stumm ohne wieder aufzublicken von ihr
Am nächsten Morgen aber ging er zum Vrenely und bat sie um ihre Hand Er
sagte ihr dass sie ihm das teuerste Mädchen auf Erden sei dass er die Hoffnung
habe sie glücklich zu machen sie möge ihm nun das Dasein wieder lieb werden
lassen das er ja nur ihr verdanke
Das gute Kind war tief bewegt sie wehrte es nicht dass Otto sie an seine
Brust zog und legte sanft ihr Köpfchen an sein Herz Dann aber hob sie das
Rosengesichtchen zu ihm auf und sagte es sei nun allzuspät ihm zu bergen wie
sehr sie ihn liebe als er aber sie noch näher zu sich hinziehen wollte wand
sie sich still aus seiner Umarmung und sprach ohne Schüchternheit mit der
zartesten Hingebung und doch ganz fest es aus dass sie ihn genug liebe um nicht
sein schönes der Wissenschaft geweihtes Leben verderben zu wollen Wenn er sie
heirate müsse er seine großen Reisen aufgeben und das würde ihn gewiss
unsäglich unglücklich machen darum möge er von ihr ziehen frank und frei
durch kein Versprechen an sie gebunden und ihrer zuweilen gedenken Sie aber
wolle daheim den alten Vater pflegen und seiner auch nicht vergessen Und käme
er einst nach Jahren wieder und habe dann sein Sinn sich nicht von ihr gewandt
dann ja dann werde sie unaussprechlich glücklich sein ihm anzugehören
Nein sagte Otto ernst und bestimmt indem er ihre Hand inniger drückte
dein schönes Herz irrt Der Mensch hat nur den Augenblick nur dessen ist er
gewiss Er ist der feste Strand auf dem er sicher fusst die Zukunft ist ein wild
bewegtes Meer man muss nicht unnütz sich ihm vertrauen Und die Trennung ach
armes Kind du kennst sie nicht das ist die Brandung an der das Schiff
zerschellt Nein nein jetzt lass mich in Basel dir und mir die neue Heimat
gründen den sichern Hafen bauen Lass mich sogleich mit deinem Vater sprechen
Ich reise diese Nacht ab aber ich hole dich er wollte sagen wenn Anna fort
ist sagte aber wenn die nächsten Rosen blühen
Und setzte er immer freundlicher hinzu denn ihr Glück leuchtendes Gesicht
erhellte auch sein Inneres bist du erst eines Naturforschers Frau ei nun so
musst du eben mit forschen lernen Warum kannst du denn nicht mit nach Schweden
Wer weiß ich könnte wieder in ein Schneeloch fallen
Vrenely hätte nicht so ganz Wahrheit und Natur sein müssen um es zu
vermögen dem Drängen des so heiß Geliebten der ja längst ihr ganzes Wesen
beherrschte zu widerstehen Beide gingen zum alten Vater hinüber dessen
rührende Freude Otton an den seinen erinnerte und sehr bewegte Seinem Selbst
zum Trotz fühlte er sich glücklich und blieb es bis er Annens Haus wieder
betrat und sie sah
Er war aber den Einwohnern desselben nicht bestimmt auf dem jeden von ihnen
anders aber doch so gewaltig ergreifenden Eindruck dieser Stunde zu weilen
noch war das Vorgefallene obschon Allen bewusst nicht zur Sprache unter ihnen
gekommen als sich die Tür öffnete und Herr Gottard totenbleich und mit
zerstörten Zügen ins Zimmer trat Er hatte soeben die Nachricht vom Verscheiden
des Ministers H erhalten der unerwartet auf dem Rückwege von Verona
gestorben war Der Brief den seine zitternden Finger krampfhaft umschlossen
war im Augenblicke abgesandt in welchem ein Kourier die Trauerpost nach Berlin
gebracht
Großer Gott schrie Anna aufspringend und mit gerungenen Händen vor
Gottard hintretend und alle Ihre Hoffnungen alle Ihre Arbeiten
Für den Augenblick vernichtet gnädige Gräfin erwiderte er dumpf aber
Der Fürst ist tot riefen Leontine und Otto zugleich Aber Kronbergs
Gesandtenstelle seine Reise nach Petersburg
Das bricht ja alle seine Pläne sagte Otto und ward plötzlich noch
bleicher als vorhin Gottard
Anna kam zur Besinnung der kalte Schweiß trat ihr auf die Stirn Sie hatte
weder an Petersburg noch an den Gesandtenposten gedacht
Es ist nicht zu redressiren sagte Leontine vor sich hin sie hat ihn total
vergessen
Otto war aufgestanden die Stirnadern drohten ihm zu springen er trat ans
Fenster den innern wilden Aufruhr seines Wesens zu verbergen
Ein Brief vom Herrn Grafen flüsterte Sophie Annen zu ich habe ihn draußen
Duguet abgenommen Gott sei Dank nun werden die Frau Gräfin doch gleich
erfahren wo wir den Winter zubringen
Er enthielt die nämliche Nachricht
Gottard hatte sich gefasst er berichtete noch einige mit dem Todesfall in
Verbindung stehende Nebenumstände und verließ dann den Salon Otto war wie
vernichtet
Und Vrenely ach die saß daheim überselig an ihrem Nähtischchen und nähte
dem Verlobten dem Geliebten ein längst heimlich gesticktes Halstuch fertig Vor
ihr saßen der alte Vater und die fast eben so alte Professorin bei welcher sie
ihren ja ihren Otto kennen gelernt und alle drei erzählten einander zum
hundertsten Mal jeden kleinen Umstand der glücklichunglücklichen Zeit dieser
Bekanntschaft und malten sich die Zukunft mit den glänzendsten Farben der
Hoffnung und Erinnerung aus
Zuweilen sank dem Mädchen die Arbeit in den Schoos die Tränen schossen ihr
ins Auge sie musste die kleinen Hände über der hochschlagenden Brust falten
weil der innere Jubel die tiefe selige Dankbarkeit gegen Gott sie
überwältigte Ach ich bins ganz gewiss nicht wert seufzte sie errötend und
dann lachte sie wieder über alle die vielen Schneelöcher in die er noch fallen
werde beim Berzelius und schalt dass er noch immer nicht da sei bis ihn die
Hausklingel verkündigte und ihr der Schreck in alle Glieder fuhr er kam ja um
Abschied zu nehmen
Mit drückender Schwere schlich den Andern der Tag hin Die plötzliche
Wendung in Aller Geschick war obschon jedem Einzelnen bewusst dennoch keinem in
ihrem ganzen Umfange deutlich Vrenely sogar fühlte mitten im Glück den heimlich
ritzenden Dorn der Rose Sie hätte Otto um keinen Preis aufgeben und dennoch ihm
volle Freiheit lassen mögen es drängte sie ein unbekanntes Etwas ihm Zeit zu
gönnen das Krankenlager hatte ihr nur allzuklar gezeigt mit welcher
schmerzlichleidenschaftlichen Hingebung er Annen anhing aber eben so gewiss war
sie dessen dass diese ihn nicht wieder liebe Annas erwachende Neigung für
Gottard war des Mädchens scharfem Blicke nicht entgangen doch eine leise Scheu
ließ sie vor ihr das Seelenauge niederschlagen ihr Herz wollte nicht darum
wissen dass die verheiratete Anna ein anderes Bild in sich trage obschon sie
ihr Otto zu lieben vergeben hätte Stand er aber selbst ihr gegenüber sah sie
ihn so fest und kräftig ihrem zweifelnden Blicke begegnen dann war ihr wieder
als sei alles gut was er gewollt als könne er gar nicht irren als müsste
gerade sie ihn aus dieser Schlucht glühender Qual herausziehen wie aus der
eisigen Tiefe
Otto sprach sich über seine Verlobung ernst und würdig aus Leontine
wünschte ihm mit bezaubernder Freundlichkeit Glück ihre Wangen glühten
fieberisch aber sie blieb völlig Herr ihrer selbst und jeder Äußerung Die
große Welt gewöhnt ja auch die heftigste Natur die Erregungen des Gemüts und
der Leidenschaft zu bergen
Der gute Professor der sehr willkommen Abends sich einfand vermochte es
indessen auch nicht den Stunden eine heitere Färbung zu geben Otto war mit
Vrenely übereingekommen ihre Verlobung bis zu seiner baldigen Rückkehr zu
verschweigen weil er am nächsten Morgen in aller Frühe abzureisen gedachte Der
Professor der sich halb und halb im Vertrauen fühlte war schalkhaft und leicht
wie ein bleierner Vogel Sophie und Duguet wurden den ganzen Abend mit
Reiseanstalten und wiederholten Befehlen gequält Sophie sah abwechselnd Annen
und Leontinen an und schüttelte betrübt den Kopf aber sie beugte sich jeder
ihrer Launen und war unermüdlich in Herbeischaffung des Verlangten
Plötzlich entstand ein Tumult auf der Straße der Lärm schien aus einem am
Ende derselben gelegenen Kaffeehause heraufzudringen es war ein mistönendes
wüstes Geschrei man unterschied französische und italienische Flüche deutsches
Schelten und Drohen Ein dichter Menschenknäuel schien sich in einer Ecke der
Gasse um etwas herum zu winden und zu drängen Anna klingelte heftig Duguet war
in Ottos Angelegenheiten ausgeschickt der Kutscher trat ein Die Gräfin
befahl sogleich die Ursache des Auflaufs zu erfragen
Nach wenigen Minuten kehrte er zurück und brachte die Antwort die gnädige
Herrschaft möchte unbesorgt sein es wären nur eben ein paar italienische
Spitzbuben und Maleficanten arretirt worden die Aufruhr stiften und die Schweiz
verraten wollten
Die traurigen Maßregeln zu welchen im Jahre zweiundzwanzig die Verfälschung
einer ministeriellen Note Veranlassung gab sind allgemein bekannt Einem
Lauffeuer gleich durchflogen beängstigende Gerüchte einer drohenden Umwälzung
des bis dahin friedlich erhaltenen Zustandes die ganze Schweiz in krassester
Entstellung verbreiteten sich die seltsamsten Gerüchte durch die höheren und
niederen Volksclassen Unzählige meist harmlose Fremde denen die Kantone Genf
Waadt und Wallis bisher ein sicheres Asyl geboten mussten plötzlich des
Karbonarismus verdächtig dasselbe verlassen sie wurden polizeilich aufgehoben
gewaltsam entfernt sogar gefänglich eingezogen Der panische Schreck hatte
jetzt auch in Bern der Gemüter sich bemächtigt und wirkte um so gewaltsamer
als er später denn in den anderen Städten erwacht war
Annens freiheitschlagendes Herz hatte schon Wochen lang mit den
Unglücklichen gelitten die schuldig oder nicht ein so unerwartet hartes
Verhängnis in fremdem Lande traf Sie ließ sich eben noch einmal die näheren
Umstände des traurigen Vorfalls berichten als Leontine und Otto zugleich
eintraten die in ihren gegenüberliegenden Zimmern von dem ganzen Lärm nichts
gehört hatten Der Kutscher wiederholte sogleich seine Erzählung Kaum aber
hatte Leontine die ersten Worte derselben vernommen als sie totenbleich und
bebend wie von einem heftigen Schwindel befallen mit sehenden Augen blind
tappend den ersten Stuhl zu erreichen suchte und unfähig sich auf den Füßen zu
erhalten wie bewusstlos darauf niedersank Anna Sophie und Otto sprangen zu
sie zu halten es dauerte mehre Minuten ehe sie den Anfall gegen den sie
sichtlich mit allen Kräften rang gewaltsam überwand Der Kutscher wollte
sogleich zum Doctor laufen Sophie wehrte es Annen zuwinkend ab sie
versicherte es wären Vapeurs sie sei dergleichen am Fräulein längst gewohnt
und das englische Salz das irgend auf Tisch oder Konsole liegen müsse würde
augenblicklich helfen Alle Anwesenden sogar der alte Professor liefen
natürlich das Salz suchend im Zimmer umher nur Gottard der hinter Madame
Sophie stand blieb unbeweglich Ce nest pas lui flüsterte ma bonne der noch
halb Betäubten ins Ohr Herr Gott da ist das Salz in meiner Tasche Mille
pardons fuhr sie zur Gesellschaft gewendet fort Sehen Sie es wird schon
besser
Leontine hatte sich wirklich erholt mit großer Anmut entschuldigte sie den
ihr selbst unbegreiflichen Zufall
O dear o dear schrie im Eintreten Lady Frederic die express von ihrem
lieben Professor Abschied zu nehmen kam Ist das da draußen ein Spectakel In
ihrem Eifer bemerkte sie natürlich Leontinens Unwohlsein gar nicht Da haben sie
einen von meinen Landsleuten das heißt ich wollte gerade das Gegenteil sagen
einen von meinen Nichtlandsleuten einen Engländer arretirt Ein Irländer hätte
sie nicht hier vier Wochen lang dazu erwartet Der arme Mensch ist tipsy ich
glaube sie nennen das hier ein wenig betrunken und will sich durchaus mit der
Polizei boxen Sie suchen nach drei Andern die aber nach dem enormen Lärm sich
schwerlich finden lassen werden
Ich bitte Sie Gottard sagte Anna was ists eigentlich
Landammann Wateville hat leider eine zweite und diesmal wirklich
autentische Note österreichischer Seits erhalten die allerdings auch die hier
sich aufhaltenden Fremden bedroht Man spricht von Stiftung einer neuen
carbonarischen Freimaurerei auch der französische Minister scheint sehr
ernstliche Maßregeln zu Entfernung ihm verdächtiger Personen zu nehmen
In dichtem Kreise umschlossen alle Anwesenden den Erzähler Lady Frederic
begann zu fragen Leontine nahm jetzt lebhaft Teil am Gespräch ihr Unwohlsein
schien vergessen Otto Gottard und der Professor arbeiteten das vorgeschlagene
Thema nach allen Seiten durch
Draußen war es still geworden bis auf den Sturm der an die Fenster schlug
und den ein lustig gepfiffenes italienisches Volksliedchen durchtönte
Ah sagte Anna nenna sta grazia toja und Venedig tauchte vor ihr auf Gott
sei Dank den haben sie nicht
Leontine war jetzt brillanten Humors und zankte sich aufs Possirlichste mit
dem alten Professor
Hätte ich Sie mein gnädiges Fräulein doch wahrhaftig nicht für eine solche
Erzdemagogin gehalten
Bitte bitte erwiderte sie lachend nur für mein Herz bitte ich um das
Konservativ oder wie es jetzt heißt Reactionssystem
Man reizt die Jugend zum bestimmtesten Widerspruch durch diese scharfen
Maßregeln perorirte Lady Frederic Es hat einen eigenen zauberhaften Reiz den
Märtyrer einer Idee zu spielen
Hier ist von einer im Allgemeinen untergegangenen im Einzelnen leider nur
allzu wunderlebendig erhaltenen Überzeugung die Rede sagte Gottard
In diesem Augenblicke variirte unten der Pfeifende und ging in
wunderlichkecken Modulationen in das Thema des bekannten Polenliedes »Noch ist
Polen nicht verloren« über
Da haben wirs schmunzelte der Professor unser musikalischer Demagog ist
mit der Geographie brouillirt
Leontine lachte laut sie und Lady Frederic liefen ans Fenster es war aber
Niemand zu sehen
Aber mein gnädiges Fräulein sagte der Professor wenn Sie mit dem Lichte
in der Hand ans Fenster treten zeigen Sie sich anstatt den Gegenstand auf der
Straße zu beleuchten
Oh Oh yes of course meinte Lady Frederic
Otto hatte sich still in eine Ecke gesetzt zuweilen sah er aus derselben
Annen wehmütig lächelnd an als wollte er sagen Das nanntest du Liebe
Gottard sprach schön und ernst über politische und Staatsangelegenheiten
mit dem Professor und suchte die gescheiten aber etwas schonungslosen Fragen
der Lady die sie wie Raketen in die Unterhaltung warf abzupariren Am Ende
ging der Abend wie viele seiner trüben Brüder vorüber
Als am nächsten Morgen Anna mit ihrem bedrückten Herzen wieder allein war
überlas sie nochmals Kronbergs Brief Der größte Teil desselben war vor Empfang
der Todesnachricht geschrieben Wie bei seiner Abreise schien er einen
verlängerten Aufenthalt seiner Familie in Bern zu wünschen wie sollte sie ihm
sagen dass dieser ihrer Empfindung nach unmöglich geworden Von der Liebe eines
Andern mit einem Mann der uns liebt zu sprechen ist schwer aber einem
Gemahl der uns nicht mehr liebt und doch als sein Eigentum mit eifersüchtigem
Blicke bewacht das Gefühl dieses Andern als Hebel unserer Handlungen zu
bezeichnen scheint fast unmöglich Sie fürchtete im besten Falle Spott
gleichgültiges Hinnehmen des ihr so Wichtigen im schlimmern arges Misverstehen
und kränkenden Verdacht Ihr Verlassen Berns war Kronberg unbequem und leider
ist Unbequemlichkeit in unsern Tagen fast das Wichtigste
Verabscheuungswürdigste in den Augen unserer Männer geworden Ich glaube die
Bequemlichkeitsliebe ist an die Stelle des Faustrechts getreten wenigstens
wirkt sie zuweilen eben so schonungslos und gewaltsam als jenes Ich habe
Freundschaft Liebe Vertrauen und vielgestaltiges Glück an dieser unserer
fatalen Zeiteigenschaft scheitern sehen und nie begreifen können warum man sie
noch nicht zu den größten Leidenschaften zählt die einzelnen Auserwählten das
Leben zum Paradiese den meisten aber zu einer sich täglich wiederholenden Qual
und Sorge machen
Es wird ihm sehr unbequem sein wiederholte sich Anna und sann und sann
einen Vorschlag aufzufinden der ihrem Gemahl die Mühe spare ihr einen andern
Aufenthaltsort anzuweisen Im wiederholten Lesen des Briefes ward ihr immer
deutlicher dass des Fürsten Tod die ganze nur nach seinem Willen bestimmte
Sendung nach Petersburg annulliren und dass sie vielleicht gar einem Andern
zugeteilt werden könne was dann Vielleicht kam dann Kronberg selbst
vielleicht berief er sie und Leontinen nach Berlin
Dann tauchte wieder Gottards Bild zwischen den Zeilen auf Wie unwichtig
erschien die eigene Sorge dieser gehemmten gestörten Wirksamkeit gegenüber
Könnten wir nur etwas für ihn tun dachte sie weiter Sie kam an einen gestern
schon besorgten Auftrag eine Summe Geldes einzucassiren Die Rollen lagen vor
ihr auf dem Tische
»Da ich schrieb Kronberg weiter über das Salaire des Herrn Gottard nichts
Bestimmtes mit ihm abgemacht du aber wie mir scheint immer noch mit seiner
Methode und seinem Betragen wohl zufrieden bist so warte nicht das Ende des
Jahres ab sondern gib ihm funfzig Taler in Gold und frage ihn zugleich ob er
mit hundert funfzig jährlich und freier Station zufrieden ist Der arme junge
Mann ist vielleicht in Geldnot ohne dass wir es ahnen«
Mechanisch war Anna aufgestanden und hatte blindlings eine der Geldrollen
ergriffen Plötzlich durchzuckte sie der Gedanke dass es Gottard Gottard sei
dem sie dieselbe geben den sie damit bezahlen solle Eiseskälte durchrieselte
ihre Glieder sie ließ das Geld fallen es rollte auf dem Boden umher Mit
starrem Blick folgte sie dessen Bewegung sie zitterte mit jeder Sekunde
heftiger Jetzt bohrte der entsetzliche Gedankenstrahl wie ein glühendes Eisen
sich immer tiefer ihr ins Gehirn Du sollst den Mann bezahlen den du liebst
er steht in Kronbergs Dienst
Wie zerbrochen knickte die hohe Gestalt zusammen Und also ist es wahr und
also liebe ich ihn wirbelte in rastloser Hast das fragende Empfinden durch jede
Fiber durch jeden Pulsschlag ihres Wesens hin Unwiderruflich elend
antwortete sie sich selbst
Lange vermochte sie durchaus nichts weiter zu fassen noch dachte sie nicht
entfernt an ein Unrecht gegen ihren Gemahl sie fühlte nur den Moment und seine
Pein und dass ihr Geschick entschieden sei sie gehörte zu den Unglückseligen
die nicht weinen im Schmerz die trocknen Tränen brannten ihr in den
Augenhöhlen Nach vielen Stunden fand sie Sophie in einer Ecke ihres Kanapees
wie von plötzlicher Krankheit ergriffen stille liegen sie hatte heftiges
Fieber und war von der endlosen Gedankenjagd tötlich erschöpft in dumpfe
Betäubung gesunken
Aber es wurde wieder Tag Erbarmungslos schlangen sich die Stunden zur Kette
in einander sie sollte sie musste weiter leben
Ihre Knaben kamen ihr guten Morgen zu sagen Als sie die Kinder sah
überflutete ein nie gekanntes Weh ihr Herz Anna war fast immer gesund und den
Kleinen war es so ungewohnt die Mutter leidend zu sehen sie brachten ihr
schönstes Spielzeug Früchte und Blumen mit alles was sie nur besaßen und
wollten damit die Mama pflegen wie sie es ihnen bei kleinen Übeln getan
Lange hielt Anna Beide fest in ihre Arme geschlossen und sah die lieben Züge
wieder und wieder mit stillem Ernste an Es war ihr sonnenhell in der Seele,
dass was auch geschehe in welchen Abgrund von Qual oder Schuld dies gewaltige
Gefühl sie stürze nichts jemals von ihren Kindern sie trennen könne und dürfe
Wochen Monate lang hatte sie sich zu täuschen vermocht Otto sogar
Leontine hatten längst das trübe Geheimnis erraten jetzt da auch sie sich
dessen bewusst geworden feilschte und marktete sie nicht weder mit ihrem
Herzen noch mit ihrem Gewissen Jede Selbstlüge blieb dieser starken großen
Seele fern es lag vor ihr wie ein unermessliches dunkles Unglück aber sie
beschloss ihre Leidenschaft zu tragen elend zu sein wenn es denn
unvermeidlich aber nie und nimmer das Gefühl des Verlustes ihrer Kinder auf
sich zu laden
Ach auch in Annen lag der Drang nach Glück der mächtiger noch als der
Instinkt den Lebensmüden im Schiffbruch zwingt an den schwimmenden Mast des
zertrümmerten Schiffes sich zu klammern und mit den Meereswogen ihn ums verhasste
Dasein kämpfen heißt Dieser heiße quälende Durst nach Glück den fast immer die
Liebe in jeder Menschenbrust zuerst erweckt der mit den dahinrinnenden Stunden
immer riesiger alle Kräfte der Seele überwächst und den alles spätere Leben fast
nie zu stillen vermag Aber dem Weibe gab die erhaltende Natur ein ungeheures
Gegengewicht dass sie in diesem Ringen nach Glück nicht unbedingt zu Grunde
gehen müsse die heilige aber so allmächtige Mutterliebe
Nicht umsonst erfanden die Alten das schöne Wunderbild vom Pelikan der die
eigene Brust aufreisst und mit dem Herzblut seine Jungen nährt nicht umsonst
eint der Indier die zerstörende und erhaltende Kraft zu einer und derselben
Gottesgestalt Tiefer noch als die leidenschaftlichste Glut greift das Gefühl
der Mutterliebe in alle Urbedingungen unseres Lebens ein und ruft schaffend und
vernichtend zahllose unverstandene unerklärbare Erscheinungen des Lebens
hervor
Anna dachte von dem Allen nichts sie fühlte es nur die Lichtausströmungen
der höchsten Überzeugungen berühren das ganze individuelle Leben nicht die
einzelne Kraft Die Radien eines solchen unmittelbarsten Verstehens unseres
Selbst fließen mit der tiefsten Empfindung in einen Brennpunkt zusammen
Sie sah ihn wieder Alle Drei lebten das tägliche Leben so neben einander
hin wie immer Leontinen wurde das Reden am leichtesten sie barg ihren Kummer
um Otto nicht sie klagte sogar aufs Anmutigste um ihn und verklärte diese
zarte Klage mit jedem Reiz ihrer so reichbegabten Natur Es lag eine so
elegischliebliche Wehmut in Allem was sie tat kein Geständnis der Liebe nur
ein Jammer um weit entrücktes und verlorenes Schöne
Vrenely saß viel bei ihr Leontine ging sogar zuweilen mit in die Kirche
wenn das Mädchen für Otto beten wollte sie hatte allmälig eine Art poetischer
Frömmigkeit von jener angenommen und den Glanz ihres scharfen spottenden Witzes
in der Rückspiegelung einer so schönen Einfachheit von sich geworfen wie einen
unnütz gewordenen Schmuck und in dem Allen war kein Falsch es war die
augenblickliche Gestaltung ihres Wesens Nur Eins war sonderbar Leontine die
stets Gesellige war gern allein als miede sie die grellen Widersprüche des
Aussenlebens Anna musste sie gewähren lassen denn zum ersten Mal war sie der
Freundin gegenüber nicht unbefangen zum ersten Mal hatte Anna ein Geheimnis
Obwol sie ahnte dass es Leontinen längst keines mehr sei konnte es ihrer
Meinung nach niemals unter ihnen zur Sprache kommen
Man hat zuweilen im Traum das Gefühl des Fliegens des Hinschwebens über
schöne Gegenden und geliebte Menschen das Erwachen ist fast immer mit dem
Schreck eines tiefen Sturzes verbunden Ich glaube das gab uns das Wort aus
dem Himmel fallen So war es Annen wie im Traume hatte sie sich hoch erhoben
über das eigene Leben ihr ahnte ein schweres Erwachen
Aber sie war trotz dem Allen glücklich und insgeheim sich dessen bewusst
Wenn Gottard sprach empfand sie es als ein Glück und wenn er schwieg und sie
seine edelen Züge ansah wars nur ein anderes in seinem Gehen Kommen Bleiben
vor Allem aber wenn er seine ernsten Lieder sang die sein Wesen wie seine
Verhältnisse rückspiegelten durchwogte sie ein Gefühl der Seligkeit das sie
nicht einmal mit dem Gedanken zu berühren wagte um nicht aus dem Himmel zu
fallen Töricht töricht dass man sagt Unschuld und Jugend die Frühlinge
der Menschenbrust kehren nie wieder Anna war eine Frau von vierundzwanzig
Jahren und die Liebe machte sie zum vierzehnjährigen Mädchen
Gottard war unter ihnen der einzige wahrhaft Unglückliche auch er wandte
den Blick ab vom eignen Innern um nur auf Annens und ihrer Kinder Leben
hinzublicken und in der ihm vielleicht nur karg gemessenen Zeit des
Beisammenbleibens noch alles ihm Mögliche für sie zu tun
Mit Briefen Kronbergs war auch ein Schreiben des Ministeriums an Gottard
eingelaufen Nicht nur fanden seine Arbeiten die vollste Anerkennung es ward
ihm zugleich die Aussicht zu einer umfassenderen Tätigkeit eröffnet Wie es
schien hatte der Fürst selbst noch vor seiner Abreise die eingesandten Berichte
dem Kabinet für welches Gottard arbeitete vorgelegt und die Klarheit der
Darstellung die ernste Genauigkeit derselben die Genialität der Kombinationen
bei größter Tüchtigkeit der Auffassung hatten die Blicke des Ministeriums auf
deren Verfasser gezogen Überrascht ihn nicht schon früher bemerkt zu haben
schien man höheren Orts entschlossen ihn nicht mehr aus den Augen zu verlieren
Seine Bahn war gebrochen
Gottard teilte der Gräfin die günstige Wendung seines Geschickes mit und
bat ihm zu vergeben wenn er sich öfters dem unverdienten Vorzug das Wort
Glück wagte er nicht in ihrem engeren Familienkreise zu weilen entziehe Es
war ihm ein tiefer furchtbarer Ernst um die Bekämpfung der ihn schwächenden
Leidenschaft darum mied er sie oft ein Vergessen ach nur ein Verschmerzen
seiner Liebe fiel ihm längst nicht mehr ein
Unerwartet kündete jetzt Kronberg seiner Gemahlin seine Rückkehr an er
befahl ein paar Gastzimmer in Stand zu setzen und bat Annen seine Abreise
nach Bern Allen selbst Leontinen zu verschweigen Es schien leicht zu
erraten dass Josephine ihn begleiten und ihre Tochter mit einem freundlichen
Alles ausgleichenden Besuch zu überraschen gedenke
Sie wird mir Leontinen entführen seufzte Anna den gelesenen Brief faltend
und wir gehen dann wohl Alle nach dem Ort den Kronberg als Aufenthalt bestimmt
Eben wollte sie in den Saal zurück als Gottard aus der Tür ihres Zimmers ihr
begegnete und ernst und dringend sie um ein Gespräch weniger Minuten bat Mit
ehrerbietigen Ausdrücken entschuldigte er sein Einmischen in eine Angelegenheit
ihres Hauses und schien dann verlegen den Zweck desselben näher zu berühren
Kronbergs Befehl nach hatte ihm Anna das unglückselige Geld zwar zustellen
lassen die Summe aber vergrößert und die Bitte ausgesprochen die Auslagen für
die Knaben davon zu bestreiten und später mit ihrem Gemahl das alles zu
berechnen Auf diese Weise war das Geld ein bloßer Vorschuss für die Kinder
Unwillkürlich suchten ihre Gedanken hierin einen Zusammenhang mit dem
gewünschten Gespräch eine tödtliche Verlegenheit bemächtigte sich auch ihrer
Gottard fasste sich endlich gewaltsam und bat sie die nächste Vergangenheit
ihrem Gedächtnis zurückrufen zu dürfen Er erinnerte sie an Ottos unerwartete
Rückkehr und an den Fremden dem jener auf der Treppe begegnet dann an den
letzten Abend an den Volksauflauf an Leontinens Ohnmacht und an das vor dem
Hause gepfiffene Lied er bekannte ihr die dem Fräulein zugeflüsterten Worte
Sophiens »ce nest pas lui« gehört zu haben er erinnerte endlich an Leontinens
Beleuchten ihrer eigenen Gestalt als sie mit Lady Frederic an das Fenster
getreten Sprachlos starrte ihn Anna mit immer wachsender Angst an sie dachte
er werde ihr etwas über sich selbst entdecken er aber schloss mit
wiedererrungener Besonnenheit Unbezweifelbar gewiss scheint mir dass eines jener
unglücklichen Opfer der Politik und eigener Überspannung hier im Hause
verborgen ist und dass Fräulein Leontinens Güte und Milde auf eine Weise
misbraucht werden die leider den Grafen Kronberg in seiner Stellung aufs
Empfindlichste compromittiren ja seiner Ehre gefährlich werden kann
Anna blieb einige Sekunden sprachlos Nein rief sie aus wie könnte Sophie
Das ist mir selbst ein Rätsel indessen wurden doch gerade ihre Worte der
Leitfaden in meiner Hand Ich vermute dass im dritten Stockwerke eine über
meinem Zimmer gelegene Bodenkammer dem Unglückseligen zum Versteck dient Unter
einem Vorwande habe ich von des Nachbars Hause herüberzusehen versucht die
kleinen Fenster sind verhangen die Kammer gilt für eine Garderobe Sophiens
Weiß Duguet unterbrach ihn Anna
Ich glaube nein Und gerade um mit Ihnen zu besprechen ob ich meine
Vermutungen Ihrem alten Diener mitteilen mit ihm oder allein den Versuch
wagen soll dem Verborgenen zur Flucht behilflich zu werden kam ich hierher
Wenn Sie es mir gestatten Gräfin so bekenne ich Ihnen dass ich letzteres
vorziehe In der Hoffnung dass Sie mir Ihre Erlaubnis nicht versagen um die ich
Sie herzlich bitte habe ich er legte ein versiegeltes Paquet auf den Tisch
hier ein paar Verfügungen getroffen einige Andenken und vollendete Arbeiten
zusammengerafft die ich Ihrer Gunst empfehle Im Fall eines Mislingens das
mich vielleicht in Unannehmlichkeiten verwickelt oder auch zur Flucht mit dem
Unbekannten zwingt enthalten diese Papiere vielleicht meine Verteidigung
jedenfalls aber nichts was Ihnen oder den Ihren irgend Nachteil bringen kann
Gottard schrie Anna auf Leichenblässe bedeckte ihre Züge keine
Übertreibung die mir sie wollte sagen das Leben kosten würde aber sie
streckte nur bittend die Hand aus und der Ton ihrer Stimme versagte er brach an
der Erinnerung ihrer Lage
Gottard ergriff die bebende Hand und hielt sie einige Sekunden in der
seinen mit abgewandtem Blick sagte er leise fühlen Sie denn nicht dass ich
gerade ich Ihn er nannte Kronberg nicht um keinen Preis einer solchen
Entdeckung aussetzen darf In meinen heutigen Briefen ist von seiner Rückkehr
die Rede er ist Gesandter in Wien geworden und ich bin ihm als
Regierungscommissarius für alles Juristische beigegeben «
Anna schlug die Augen mit einem unaussprechlichen Ausdruck auf sie faltete
die Hände bittend wie ein Kind Ists unvermeidlich
Gottard ging in tiefer Bewegung auf und nieder Ich finde keinen Ausweg
Auch nicht Duguets Hilfe
Nein im Hause könnte er mir nützlich sein die Flucht wird er vielleicht
sogar gefährden
Und Leontine
Nein o nein Was auch geschehen mag welchen Preis es auch koste es muss
unter uns bleiben Er hatte im Auf und Niedergehen sich ihr zugewandt seine
Züge hatten das seltsame ihm eigentümlich Durchleuchtende bekommen
Was kann im schlimmsten Fall dem Grafen drohen fragte Anna etwas gefasster
Eine entehrende Anklage der Duplicität
Und Ihnen Gottard
Der Verdacht der Teilnahme an der Freimaurerloge am Karbonarismus
Großer Gott also Festung auf lange vielleicht im Augenblicke da Sie dem
Höhepunkt Ihres Strebens sich nähern Nein rief sie plötzlich im wildesten
Schmerz keine Pflicht auf der Welt kann mir das gebieten
Gottard stand wieder still vor ihr das Leuchten seiner Züge war jetzt wie
eine strahlende Verklärung über sein ganzes Wesen ausgegossen ein bebendes
Gefühl unsäglichen Glücks flutete in jeder Ader jeder Fiber er sprach kein
Wort er sah sie kaum eine Sekunde lang an er berührte nicht einmal ihre Hand
Aber plötzlich floss der Glutstrom des Glückes auch durch ihr Herz und auch ihrer
Seele wuchsen Riesenflügel Beide wussten in diesem Augenblicke dass sie
grenzenlos geliebt wurden grenzenlos liebten
Als sie wieder aufsah war er fort
Indem öffneten die Knaben an Betzys Hand die Tür sie waren schon in ihren
weißen Nachtkleidchen und kamen der Mutter gute Nacht zu sagen um wie sie es
nannten ihr Dämmerviertelstündchen durch bei ihr zu bleiben
Anna legte die Hände unbewusst aufs Herz als habe sie Gott für eine große
Gnade zu danken ein schwerer Lebensaugenblick war schuldrein wie mit
Engelsfittigen über sie hinweggeschwebt
Mutter sagte Egon indem er rasch die Lehne ihres Fauteuils erkletterte und
darauf rücklings seinen gewöhnlichen Platz einnahm Betzy ist garstig sie will
nicht dass ich das schöne Gebet spreche das Vrenely die Tante Leontine gelehrt
Ich sage das vom kleinen kleinen Englein flüsterte schon halb im Schlaf
sein Bruder Joseph der seinen Kopf auf Annens Schoos gelegt hatte das ist viel
hübscher
Betzy wollte den Fall erörtern Anna winkte ihr zu schweigen Alle Gebete
mein Egon sagte sie liebkosend die aus dem Herzen kommen sind gut und schön
Aber nicht so schön meinte kopfschüttelnd Egon Ich kann es recht gut
verstehen und Tante hat es mir auch erklärt Höre nur Er faltete oben auf
seiner Lehne sitzend die Hände und betete mit tiefer Inbrunst
»Dass walte Gott
In Schlaf und Tod
Wenn Leib und Seele scheiden
Dass walte Gott
In Glück und Not
Im Finden und im Meiden
Dass walte Gott
In seiner Treu
Auch über meiner Liebe
Dass walte Gott
Bewahr vor Reu
Die Tage hell und trübe
All meines Herzens Bangen
All meiner Seel Verlangen
Geb ich in seine Hände
Es führe mich ans Ende«
Ist das nicht schön Mutter Und das letzte hat Tante Vrenely immer gedacht
während sie Onkel Otto im Schnee suchte
Anna war tief ergriffen Es gibt Lagen im Leben in denen man an keinen
Zufall glaubt Sie schloss den Knaben inniger ans Herz und schlichtete den
kleinen Streit mit bebenden Lippen Als aber die Kinder fort waren fiel die
gedankenschwere Last des Augenblicks mit verdoppelter Gewalt auf ihre Seele
zurück sie fühlte nicht den Mut irgend etwas gegen Gottards Willen zu tun
und eben so wenig die Kraft untätig ihn einer so drohenden Gefahr
entgegentreten zu sehen Endlich fiel ihr ein Otto zu benachrichtigen ihm
einen Expressen zu senden Im Begriff einige Zeilen aufzusetzen um ihn nach
Bern zu berufen überfiel sie ein neues Schwanken Würde er zeitig genug kommen
Sie stand noch unschlüssig am Schreibtische als Duguet meldete dass der
alte Herr Professor im Salon sei
Wer ist noch drüben fragte sie mechanisch
Die beiden jungen Damen und Herr Gottard
Gottlob Heute gedenkt er also nichts in der unseligen Sache zu unternehmen
sagte sie zu sich selbst
Drüben war Alles heiter Der alte Professor erzählte und neckte die Mädchen
Gottard war gesprächig aufmerksam und freundlich die vorhergegangene Stunde
trat weit zurück und barg sich hinter ihre Schwestern in der Gegenwart schien
Alles behaglich Im Kamin knisterte die auflodernde Holzflamme auf dem Tische
standen schon Frühlingsblüten Der Professor machte Vrenely eine emphatische
Beschreibung Basels Paris und London fielen ganz daneben weg Gottard war zum
ersten Male geselligliebenswürdig er entfaltete ein hinreißend komisches
Talent sowohl im Vortrag einiger Reiseabenteuer als in Darstellung der darin
vorkommenden einzelnen Persönlichkeiten Er und der Professor warfen einander
das Gespräch zu wie einen bunten Spielball Leontine und Vrenely bildeten ein
höchst dankbares Publicum Zum Glück kam niemand Fremdes die Zeit verging Allen
ungewöhnlich rasch und man trennte sich spät
Erst auf ihrem einsamen Stübchen fiel Annen die Möglichkeit bei dass
Gottard sie absichtlich sorglos gemacht habe dass seine Neigung ihr ein Opfer
gebracht Sie flog ans Fenster drüben brannte wie allabendlich seine stille
Studirlampe Aber die sorgende Liebe hat Argusaugen Anna kannte gewisse
Bewegungen am Schatten wenn Gottard ein Buch vom Schreibtischregal
herunterlangte oder einen beschriebenen Bogen weglegte sie wusste genau die
Zeit wo der Docht trüber zu brennen begann und er Öl zugiessen musste Sie
erwartete den Schatten seiner Gestalt es regte sich nichts Mit immer
gespannterer Aufmerksamkeit lauschte sie hinüber Stunde um Stunde verging in
langsam tönenden Vierteln mit der wachsenden Angst steigerte sich die
Überzeugung dass auch die brennende Lampe zurückgelassen worden sei um sie zu
täuschen zu beruhigen und dass er nicht mehr da sei Aber wo war er Großer
Gott vielleicht war schon Alles verloren wusste sie es denn
Leise öffnete sie ihre Türe dichte Finsternis umhüllte das ganze Haus sie
schlich hinaus über den Flur sie war sich selbst nicht bewusst was sie
eigentlich wollte Vor Allem horchen ob der Fremde fort sei ob Gottard bei
ihm in der Bodenkammer wo er versteckt sein sollte
Die Türe welche die von ihr bewohnte Etage von den Übrigen trennte war
abgeschlossen ohne Sophien zu klingeln konnte sie nicht hinaus
Trostlos kehrte sie zurück warf sich am Fenster auf einem Fussschemel in die
Knie und starrte die Hände krampfhaft gefaltet wieder hinüber Die Lampe war
düster geworden und jetzt nahe am Verlöschen kein Laut drang durch die öde
Nacht Todesstille überall Es ward eiskalt im Zimmer Anna erstarrte nach und
nach ganz alles Leben zog sich in das glühende wachende wartende Auge das
ihr wie eine Kohle in der Stirn brannte Plötzlich flammte drüben eine
strahlende Helle auf die Vorhänge wurden mit gewaltiger Hand auseinander
gerissen Er wars
Er stand mit dem Lichte in der Hand am Fenster winkte grüßend trat einen
Schritt zurück deutete mit der Hand rückwärts als ob jener fort sei er sah
erhitzt aber kräftig und glücklich aus Nur wenige Sekunden dauerte das alles
dann sank der Vorhang abermals und tiefes Dunkel verschlang das ganze Bild
Aber wer vermöchte die blendende Sonne des Glücks in Annens Seele zu
beschreiben Er war gerettet und das Werk vollbracht
Es war spät am Morgen als Sophie die Rouleaux aufzog Anna hatte sich erst
niedergelegt als der Tag sie immer noch auf ihrem Fauteuil sitzend
überraschte sie war wie nach einem langen Schlafe frisch und klar Mon Dieu
quelle est belle dachte still Sophie indem sie ihr beim Anziehen behilflich
war eine laute Bemerkung wagte sie nicht
Nun war sie fertig Annens Schritt hatte die Elasticität der frühesten
Jugend wieder Augen und Wangen glänzten wie nie zuvor es sprach sich ein
Gefühl einer so ganz überwältigenden Freude in jeder Bewegung aus dass man sie
fast fragen musste was ihr denn Glückliches begegnet Madame müssen etwas recht
Schönes geträumt haben sagte endlich lächelnd die alte Sophie
Etwas Wunderschönes ma bonne erwiderte Anna Sie weiß noch nicht dass er
glücklich fort ist dachte sie mit heimlichem Jubel
Nach beendigter Morgentoilette begann sie nachzusinnen wie sie die Details
der Flucht des Fremden erhalten könne Sie hatte eine ernste Scheu vor Gottard
die aus der tiefen Achtung entsprang die sie für ihn hegte Er wird nicht
kommen sagte sie zu sich denn nötig ist es nicht Da lag das Paquet mit
seinen Schriften noch auf ihrem Schreibtische sie verschloss es sorgsam um
nur etwas zu tun Leontine kam immer noch nicht ihr musste doch anzumerken
sein welcher Stein vom Herzen ihr die Flucht des Fremden sei Fast eine Stunde
über die gewöhnliche Zeit war vergangen und noch immer war sie nicht da
Jetzt hörte Anna einen leisen Schritt auf dem Korridor unwillkürlich lief
sie Leontinen entgegen öffnete ihre Zimmertür und Kronberg schloss sie
herzlich und leise lachend in die Arme Wie bestellt sagte er Still ich
wollte dich überraschen und zuerst allein sehen Ich habe mir einen schändlichen
Klepper gemietet den ich nicht zugeritten Kind und bin vom letzten Städtchen
aus geritten Josephine folgt mir in ein paar Stunden mit dem Wagen und der
Dienerschaft du wirst sie schon Alle unterbringen Aber erst muss ich dich
sprechen Er zog sie aufs Sopha Wie schön du bist Anna Wie gut dir dieser
Aufenthalt bekommen ist bei Gott schöner als vor unserer Hochzeit Sie
errötete O Kind es ist kein Kompliment und wir kommen auch wohl nicht mit
einander ins Gerede Aber die Zeit drängt Er stand auf und schloss die Tür
ab
Liebe Anna es sind hier im Hause entsetzliche Dinge geschehen Leontine hat
in ihrem überschwenglichen Leichtsinn wieder eine unglücklich überspannte
Liaison angeknüpft
Leontine Eine Liaison Unmöglich
Doch doch erwiderte er und zwar mit einem Abenteurer der ihr hieher
gefolgt ist ja sogar gewagt hat ihr zu schreiben und bis zu ihr in unser Haus
zu dringen
Roderich lass mich
Ich fürchte das wilde Mädchen macht irgend eine irreparable Sottise Ich
habe noch nicht einmal ergründen können ob der junge Herr von Stande ist
Jedenfalls kann ich die Last nicht übernehmen sie zu hüten und habe die Mutter
überredet mich nach Bern zu begleiten um sie wieder mitzunehmen Ohnedies
werden wir jetzt die Schweiz verlassen jaccepte vos félicitations Madame wir
sind Gesandter in Wien geworden
Bis jetzt hatte Anna ihre Fassung behalten sie war durch jedes Wort das
die Möglichkeit einer noch weit verwickelteren Angelegenheit als Kronberg zu
ahnen schien andeutete zu überrascht um eine Unvorsichtigkeit zu begehen
Noch mehr fuhr Kronberg fort während ihn die wirklich in dieser Aufregung
strahlende Schönheit seiner Frau immer wärmer für sie stimmte du wirst dich
darum kränken Er zog sie näher zu sich und küsste sie im Weitersprechen Du bist
so arglos deine närrische alte Madame Sophie hat auch mit debauchirt und will
sich ihren Pelz verdienen
Großer Gott das trifft wieder zu dachte Anna eine sich steigernde Angst
begann in ihren Zügen sich zu malen
Ich glaube sprach Kronberg weiter ohne es zu beachten es war auf eine
Entführung abgesehen
Aber ums Himmels willen Kronberg wie kommst du dazu alle diese Details
zu wissen brach endlich Anna ihr Schweigen während ich hier
Duguet hat mir geschrieben
Und seine eigne Frau angeklagt
Anna sagte Kronberg stolz er hat die Ehre der Tochter seines verstorbenen
Herrn gerettet Willst du das gütigst nicht so ganz aus den Augen verlieren Die
Welt lebt nicht von Romantik Doch nun muss ich Leontinen sprechen am
sichersten gleich hier ehe ihre Mutter ankommt Bleibe ruhig auch wenn ich
etwas ernst mit ihr rede
Er ging an die Türe schob den Riegel zurück und war im Begriff zu
klingeln als Leontine und hinter ihr Sophie eintraten
Leontine sah sehr übel aus sie schien geweint zu haben und vermochte ihrer
Überraschung Kronberg zu sehen keinen warmen Anstrich der Freude zu geben
Leontine sprach Kronberg streng du hast uns mich und Anna auf eine
höchst schmerzliche und leichtsinnige Weise verletzt
Onkel erwiderte sie wo möglich noch stolzer als er indem sie sich hoch
aufrichtete und eine kalt gemessene Haltung annahm die eben so fern von Trotz
als Demut nur die anerzogene Sicherheit ihres Standes verriet da Sie sich
unaufgefordert in ein Geheimnis gedrängt haben das Sie nicht betrifft ist es
nicht meine Schuld wenn Sie durch diesen Schritt sich compromittiren Meine
Handlungsweise war keineswegs durch meinen Leichtsinn bedingt wie Sie zu sagen
belieben sondern durch eine alles Andere überwiegende Pflicht Überdem konnte
ich nicht ahnen dass Sie so schnell zurückkehren würden und da ich außer
Sophien keinen andern Vertrauten hatte blieben Sie auch im schlimmsten Falle
außer Verdacht
Verdacht fuhr Kronberg an allen Gliedern bebend auf Ein Kronberg in
Verdacht Bist du rasend Mädchen
Desto besser wenn mich die Sorge um Sie übertreiben macht so ist aber
diese Szene um so überflüssiger Auf welche Weise Sie zum Mitwisser dieser
traurigen Angelegenheit geworden
Verdacht wiederholte noch innerlich das Wort anstarrend der Graf
Leontine du wirst die Güte haben mir den Namen des Elenden zu nennen der wie
ich zu ahnen beginne deine Unerfahrenheit auf eine furchtbare Weise misbraucht
hat Wer ists Er war ganz nahe an sie herangetreten und hatte ihren Arm fest
aber nicht heftig ergriffen indem er sie mit durchbohrenden Blicken maß Wer
kann durch einen Schimmer von Verdacht meine Ehre beflecken Sprich Oder
ziehst du vor dass ich Sophien deine einzige Vertraute um die wir vielleicht
nicht ganz verdient wie sie an uns gehandelt dass ich Sophien zwinge mir den
Namen zu nennen
Sophie stand leichenblass im Fenster große dicke Tränen rollten über ihr
Gesicht sie ließ den Angriff schweigend über sich ergehen Nur nach Annen
wandte sich zuweilen ihr bittender trauriger Blick
Onkel rief Leontine zornig erglühend höchstens hat meine Mutter ein Recht
zu dieser Frage Sie haben es nicht Er hat durch welche großmütige Hilfe
ist mir selbst noch ein Rätsel in der vorigen Nacht Ihr Haus und die Stadt
verlassen
In der Nacht Mein Haus Großer Gott so weit hast du dich vergessen Nein
nein das ist nicht möglich Die Tochter einer Kronberg kann ja nicht handeln
wie eine Dirne Den Namen Unglückselige den Namen
Und wenn Sie ihn wissen werden Oheim sagte sie indem sie fest und
äußerlich ruhig die Arme kreuzte sind Sie darum in irgend etwas gebessert Im
Gegenteil der Klang der bloße Klang desselben macht Sie zum Mitschuldigen
Also doch ächzte Anna die bisher vergebens versucht hatte den Grafen
durch leise Worte und bittende Gebärden in etwas zu beschwichtigen
Der Name wiederholte Kronberg zitternd vor Wut und in convulsivischer
Bewegung kaum noch des Tons seiner Stimme mächtig und hingen Leben und Ehre
daran
Jean Karlo di Viatti sagte sie ernst fast leise
Großer Gott schrie Kronberg auf der berüchtigte Karbonari den die
Kabinete verfolgen lassen den Adjutanten des Marchese Viatti Der Graf sank auf
einen Stuhl seine Kraft war gebrochen
O mein Freund fasse dich Teurer Roderich sagte Anna ihn liebevoll
umschlingend das Geheimnis ist ja treu bewahrt er ist in der letzt verwichenen
Nacht entflohen und hat Bern bereits verlassen
Wie Anna Anna du wusstest es Also ists Gottard der ihn gerettet rief
Leontine
Gottard wiederholte der Graf in höchster Entrüstung von seinem Sessel
aufspringend Gottard Er stieß Annen wütend von sich Weiber Weiber Mein
Gott mein Kopf Ihr macht mich verrückt Was ist denn das wieder Ist es denn
möglich denkbar Anna du du wusstest darum und gabst mich und meine Ehre in
die Hände eines Hofmeisters eines Dieners unseres Hauses
Nein nein Onkel schrie Leontine mit ungeheurer Gewalt alle ihre Kräfte
zusammenraffend bei Allem was mir heilig ist schwöre ich Ihnen sie wusste es
nicht Die Hauptsache weiß sie noch nicht und auch Ihre Diplomatenehre ist
unbefleckt Dass ich aber jetzt o könnte ichs noch in dieser Stunde Ihr
Haus verlassen muss ist klar Wahrscheinlich haben Sie einen Gesandtenposten
vielleicht wäre sogar jetzt Ihre Pflicht Jean Karlo zu verfolgen Ich sehe die
Notwendigkeit ein sogleich zu meiner Mutter zurückzukehren
Eben fuhr Josephinens Wagen in den Hof Niemand achtete auf das laute Blasen
des Postillons Niemand gedachte ihrer Ankunft Kronberg war wie vernichtet
Aber wiederholte er in trostloser Niedergeschlagenheit ist es denn denkbar
Was ist dir denn der Unglückliche dass du ihm ihm uns Alle opferst dass du
deine und meiner Familie Ehre vergisst um eines Abenteurers willen dem du am
Ende von acht Tagen vielleicht um einen neuen Liebhaber vergessen haben wirst
Um eines Geächteten willen der keines besseren Geschicks wert eine niedrige
Intrigue ausgesponnen um
Halt halt Kronberg rief erbleichend Leontine Kein Wort keinen Hauch
gegen seine Ehre Er ist
Um Gottes willen was denn liebe liebe Leontine fragte Anna unter
tausend Tränen
Mein Mann sagte tonlos Leontine und fiel halb ohnmächtig ihr in die Arme
Eben trat Josephine von Duguet geleitet ins Zimmer
Zweiter Teil
1822
Ungefähr anderthalb Jahre vor den eben mitgeteilten Ereignissen saßen einige
junge Damen in der Eremitage auf dem Wege der nach dem alten Schloss von
BadenBaden führt und sahen von weitem die im Grünen umherwandelnden
Brunnengäste vorüberziehen
Wer kennt nicht wenigstens dem Ruf und Namen nach das freundliche vom
Schwarzwald umfriedete Tal mit seinem stillen Reiz seiner milden Luft und
seinen in weiter Ferne verblauenden Vogesen Schon hier zu atmen ist der
kranken Brust eine Wohltat
Die jungen in der Einsiedelei versammelten Plauderinnen aber waren alle
gesund sie schalten die Stille der Saison die Einsamkeit der Gassen den
Mangel an einem wahrhaft geselligen Verkehr und wollten die Schönheit der
Umgebung nicht als Ersatz dafür anerkennen
Und allerdings hat in BadenBaden die Natur eine so verlockendsüße
Sirenenstimme dass es schwer fällt ihr zu widerstehen und sie das eigentliche
Salontreiben Tages hindurch fast unmöglich macht es hat sich in das Dunkel der
hier schon früh und schnell einbrechenden Nacht geflüchtet in welcher aber
leider der grüne Tisch nicht nur die grüne Aue sondern sogar die blumen oder
schmetterlingsartigen Tänzerinnen verdrängt und das Spiel nicht selten allen
Zauber der Jugend und Schönheit überbietet
Du hast gar nicht zu klagen Leontine sagte eine kleine niedliche
Majorsfrau du hast den interessantesten Brunnengast der ganzen Saison auf
deinem Hausflur
Bis jetzt sind wir aber in dieser Bekanntschaft noch nicht weiter als zum
ehrfurchtsvollen Gruß lachte diese
Ist denn die schöne schwermütige Dame mit welcher er immer geht seine
Gemahlin
Meint ihr den Polen mit dem unaussprechlichen Namen fragte eine Dritte
Leontine so rede doch Du musst doch etwas von deinen mysteriösen Nachbarn
wissen riefen die Andern
Ich weiß gar nichts Alle Morgen begegne ich Beiden auf dem Wege zur
Promenade wo es eben bei besagter ehrerbietiger und meinerseits höflicher
Verbeugung bleibt
Cest tout fragte die hübsche Fürstin L
Cest tout erwiderte gravitätisch beteuernd Leontine Mais non pardon
die junge schwarze Dame ist nicht seine Frau sondern seine Schwester
Mein Onkel fuhr die Fürstin fort behauptet der Curliste zum Trotz der
junge Mann sei gar kein Pole
O sagte Gräfin Hohenheim er hat doch so ganz den polnischen
Gesichtsschnitt und dann den wehmütigstolzen Ausdruck um den Mund
Haben Sie ihn einmal polnisch reden hören Komtesse fragte die Zweiflerin
Nein er spricht immer französisch mit den Damen die er am Brunnen kennt
auch mit seiner Schwester
Nun sehen Sie Am Ende hat mein Onkel doch recht
Aber er hat ja einen ganz polnischen Namen
Die kleine Prinzessin sah ungemein welterfahren aus und versicherte Man
kann sich aber auch einen falschen Namen geben
O ja wenn man ein Barbiergeselle ist aber ein Mann von Stande
Ich habe ihn einmal gesprochen meinte Fräulein von Herchenteim er machte
mir und meiner Kousine Platz als der König hier durchkam und plötzlich auf der
Allee ein großes Gedränge entstand Er benahm sich sehr höflich und zeigte den
besten Ton und Anstand In der Nähe ist er wirklich sehr schön Freilich fällt
mir eben ein dass er auch damals mit seiner Schwester nur französisch sprach
Das musste er jedenfalls aus Artigkeit Ihretwegen liebes Fräulein sagte die
Prinzessin etwas ungeduldig Ihr Urteil ist nicht contemporain Ihres Gefallens
Eben schritt der junge Mann wie gewöhnlich ernst und schwermütig vor sich
hinstarrend quer über den lichtensteiner Weg die junge Dame an seinem Arme war
heute noch bleicher als sonst sie schien sehr leidend Er stützte sie aufs
Sorgsamste und als sich in der Allee ein leichter Abendwind erhob suchte er
erst die Schwester noch dichter in ihren Mantel zu hüllen und bewog sie dann
endlich und wie man an den lebhaft bittenden Gebärden deutlich wahrnehmen
konnte nicht ohne Mühe mit ihm umzukehren Er zeigte übrigens dabei eben so
viel heftige Ungeduld als Liebe Es ist kein Pole sagte die Prinzessin und
zerpflückte gedankenvoll eine Sternblume
Leontine aber beschloss noch diesen Abend das Rätsel gelöst zu sehen
Der Zufall verwirklichte den Scherz doch auf trübere Art als sie es
erwarten konnte
Sie mochte ihrer Reisegefährtin harrend die noch auf der Promenade war
ein Stündchen auf ihrem Zimmer zugebracht haben als sie plötzlich die Klingel
ihres Nachbarn drei viermal heftig anziehen hörte fast in demselben
Augenblicke ward drüben eine Stubentür aufgerissen und sie erkannte seine
Stimme die laut und dringend nach dem Hausmädchen rief Es lag etwas so
Beängstigendes Heftiges in diesem Ton dass Leontine von der ihr eigenen
Herzensgüte unwiderstehlich fortgerissen aufsprang und ihrerseits die Tür nach
dem Flur öffnete um zu sehen ob ein Unglück geschehen und ob man ihres
Beistandes bedürfe
Ein Bild fast wahnsinniger Verzweiflung stand der junge Pole vor ihr kaum
aber gewahrte er sie so stürzte er auf sie zu und beschwor sie im reinsten
Italienisch mit den rührendsten Worten um Beistand für seine unglückliche
Schwester die nach einem ganz unerwarteten Blutsturz ohnmächtig geworden und
von dem heftigen Anfall erschöpft noch bewusstlos starr o Gott vielleicht
sterbend daliege Er wolle zum Arzt laufen die Leidende aber nicht allein
zurücklassen Auf sein Rufen und Klingeln sei Niemand gekommen
Ohne einen Augenblick sich zu besinnen antwortete ihm Leontine ebenfalls
italienisch in wenigen tröstenden Worten und eilte zu der Kranken in das offen
stehende Zimmer Eben kamen der Kellner und das Dienstmädchen die Treppe herauf
das heftige Klingeln hatte sie endlich herbeigezogen Es ward nach dem Arzt
geschickt und der junge Mann folgte Leontinen Fast zugleich näherten sich Beide
dem Sopha auf welchem das schöne Mädchen todtenblass einer gebrochenen Blume
gleich noch immer in krampfhafter Erstarrung und regungslos lag
Nach einigen angewandten Hausmitteln erholte sie sich in Leontinens Armen
Der herbeigerufene Arzt fand den Zustand durchaus nicht augenblicklich
gefährlich schien jedoch im Ganzen die Gesundheit der Fremden für sehr
schwächlich zu halten Er verschrieb Arzneien versprach nach ein paar Stunden
wiederzukommen und empfahl die größte Ruhe vorzüglich aber jede
Gemütserregung zu meiden
Traurig schüttelte Trzebinski das schöne Haupt Mit dem Arzt hatte er wie
mit dem Kellner wieder französisch gesprochen die Kranke war zu schwach zum
Reden Seltsam dass er ganz vergessen zu haben schien dass er Leontinens Hilfe
italienisch erbeten Mit rührender Einfachheit dankte er ihr für die ihm und
seiner armen Schwester erwiesene Güte und bat sie der Leidenden morgen wieder
eine Stunde zu gönnen Jetzt erst bemerkte Leontine dass bei aller äußeren
Eleganz des Benehmens wie der äußeren Umgebung der Geschwister Beide ohne
eigne Bedienung waren
Leontine war durch Zufall diesmal nicht mit ihren Eltern in Baden sie
erwartete die Generalin erst in drei Wochen welche diese mit Geiersperg in
Karlsruhe zubrachte Josephine hatte gewünscht die geliebte Tochter nach einem
fröhlich durchtanzten sehr ermüdenden Karneval einen etwas längeren Aufenthalt
in der stärkenden Luft des schönen Tals genießen zu lassen So ward es möglich
dass Leontine die mit der hingebendsten Liebe ihrer Mutter anhing allmälig in
ein Vertrauen sich gezogen fühlte das sie vielleicht in deren Gegenwart nicht
angenommen jedenfalls aber nie ihr verheimlicht haben würde
Am nächsten Morgen benutzte sie die erste Gelegenheit des Alleinseins um
ihre Nachbarin zu besuchen Stanislaus saß an deren Lager Leontine hatte nicht
vergessen dass Herr von Trzebinski wie der junge Pole sich nannte im
überraschten Schmerz sie italienisch angeredet und schon im ersten Augenblick
dieser unbewussten Annäherung dessen trauriges Geheimnis erraten Das Entbehren
aller sie begleitenden Dienerschaft war für Polen von Stande ohnedies so
auffallend dass es ihre Vermutung zur Gewissheit erhob Das Willenlose jenes
momentanen Vertrauens störte sie nicht hatte ja doch in jener beängstigenden
Qual das tiefste Gefühl seines Herzens sich ihr ausgesprochen Gerade in dieser
absichtslosen Hingebung lag für sie ein gewisser Reiz Sie schwieg bewahrte das
Geheimnis mit fast religiöser Treue während der neckische Dämon ihres
unbezwinglichen Humors sie dennoch mitunter zu allerlei verfänglichen Fragen
verleitete die ihm den Schreck eines plötzlichen Erinnerns an seine eigne
Unvorsichtigkeit geben sollten
Sie fand Rosalien zwar nicht besser aber bei vollkommener Besinnung voller
Dankbarkeit und rührender stiller Resignation Gern weilte sie ein paar Stunden
an deren Lager und da das mit Gästen überfüllte Haus die Dienste einer überall
in Anspruch genommenen Hausmagd als ganz unzulänglich erscheinen ließ sandte
sie ihr die sehr zuverlässige Babet
Trzebinski sah zu Leontinen auf wie zu einem Schutzengel und kleidete seinen
glühenden Dank in alle Farben einer durchaus südlichen Nationalität
Gräfin Werden in deren Gesellschaft Leontine in Baden war bemerkte auch
heute nicht ihre verspätete Rückkehr Das Fräulein sagte kein Wort weder von
der Krankheit ihrer jungen Nachbarin noch von der zufällig angeknüpften
Bekanntschaft In dem Augenblicke war das gänzliche Verschweigen bloßer
Übermut aber noch im Laufe des nämlichen Tages fühlte sie vom eigenen
Mutwillen sich gefangen und das Besprechen der ganzen Begegnung unmöglich
gemacht Als nämlich die gute Gräfin und deren nächste Bekannten von der
Tarantel der Neugier gestochen in immer wunderlichkrauseren immer
abenteuerlicheren Vermutungen über die Fremden sich ausliessen vermochte es
Leontine nicht ruhig zuzuhören unwillkürlich reizte sie die Damen zu noch
tolleren Äußerungen und Voraussetzungen und hatte sich in ihrer vortrefflichen
Laune bald so fest gerannt dass es ohne gänzlichen Verstoss gegen alle
conventionellen Formen nicht mehr ausführbar blieb die dem Gespräch
vorangegangene Bekanntschaft der interessanten Polen einzugestehen
Zum Glück war Gräfin Werden eines jener bevorzugten Wesen die nur ihren Tag
los sein müssen gleichviel um welchen Preis und in welcher Gesellschaft Sie
ließ Leontinen gewähren Sie fand in jedem nicht den Curpflichten geweihten
Augenblick irgend eine Bekanntschaft zu machen eine Handarbeit zu besehen
entdeckte einen noch nicht gekannten Laden einen neuen Spazierweg eine
vorzügliche Kuchensorte faute de mieux sogar eine verarmte Familie deren
Umstände sie sorgfältig erforschen musste und alle diese vielen Gründe machten
ihr das Zuhausebleiben unmöglich Enfin je ne suis pas sa gouvernante sagte
sie wenn Leontine ablehnte sie zu begleiten
Auf diese Weise machte es sich ganz von selbst dass Leontine einen Teil des
Tages bei ihren neuen Freunden zubringen konnte ohne von der Gräfin vermisst zu
werden
Stanislaus von Trzebinski so stand sein Name in der Brunnenliste hatte
sich längst auf seine frühere Unvorsichtigkeit besonnen er erriet aber auch
Leontinens zartes Bewahren seines traurigen Geheimnisses und wusste es ihr
doppelt Dank da ihm allgemeine Äußerungen und Klagen über den gedrückten
Zustand seines Vaterlandes abgerechnet sehr schwer wurde über Polen zu reden
das er nicht kannte
Rosalie war ein schwärmerischweiches kaum noch durch die lockersten Bande
der Erde angehörendes Wesen Im Kloster aufgewachsen kannte sie die Außenwelt
gar nicht aber Religion und Vaterlandsliebe waren in ihrer jungen Seele zu
einem Brennpunkt vereint von dem alle Radien ihres Lebens ausgingen dem alle
Kräfte desselben wieder zuströmten außer ihnen war das Nichts
Der Norden so erschien ihr Baden die kalte Fremde erweckten eine sie
täglich mehr und mehr aufreibende Sehnsucht in ihrer leidenden Brust das Gefühl
einer unvermeidlichen vielleicht lebenslänglichen Verbannung von Italien senkte
sich ein langsamer Tod wie mit schweren dunkeln Flügeln auf ihre Sinne auf
ihr in Heimatsbangen vergehendes junges Herz Mit jedem Tage nahmen ihre wenigen
Kräfte ab Der Arzt sah sich genötigt ihren Zustand als höchst bedenklich zu
erklären und bald reichte weder Leontinens noch Babets Pflege mehr aus Zum
Glück hatte Badens Heilquell eine der in Köln lebenden barmherzigen Schwestern
hergezogen Leontine suchte sie auf und die lange Gewöhnung mitleidiger
Selbstverleugnung ließ die gute alte Renate ihrer eigenen kaum vollendeten
Genesung vergessen um mit den neu geschenkten Kräften neuen Pflichten sich zu
unterziehen Dass die fromme Alte zwar ein wenig französisch aber weder
italienisch noch polnisch konnte war ein zufälliger Gewinn der das Geheimnis
der freiwillig Verbannten Geflüchteten sicherte und ihre Gegenwart nur
heilbringend erscheinen ließ
Als Leontine die Schwester Renata zu Rosalien führte ergriff Stanislaus
ihre Hand ihr Gewand und drückte sie an seine Lippen er war im Begriff ihr
zu Füßen zu sinken Alles alles jeden Trost meiner verödeten zerrissenen
Existenz danke ich Ihnen hauchte er bebend
Leontine war tief erschüttert zum ersten Male keines erwidernden Lautes
fähig es gab kein Wort für diese so ganz ungewöhnliche Lage
Gräfin Werden sprach den ganzen Tag von der bedauernswerten Krankheit der
jungen polnischen Dame für ihr Leben gern wäre sie hinübergegangen Leontine
sah sich durch immer neue sich häufende Gründe zu immer sorglicherem Schweigen
gezwungen Wie hätte sie der Gräfin Zudringlichkeit von ihren unglückseligen
Freunden abzuwenden vermocht hätte diese ihre Bekanntschaft mit denselben ahnen
können
Doch keine noch so sorgsame Pflege vermochte es der armen Rosalie
Blütenleben zu fristen An ihrem Sterbelager an der stillen ganz prunklosen und
doch so selig vertrauenden Frömmigkeit des jungen schönen Mädchens und der
hingewelkten alten Nonne die unermüdlich in Nachtwachen und Dienstleistungen
der eigenen geringeren Leiden gern vergaß an dem innern Verstehen dieser Beiden
durch Alter Bildung und Vaterland so ganz verschiedenen Naturen lernte Leontine
den Wert eines begrenzenden Glaubens die Gefahr ihrer eigenen Ansichten
erkennen O wie beneidete sie selbst Jean Karlo wie er jetzt ohne Scheu vor
ihr sich nennen ließ um den Trost seiner Fürbitte um sein inbrünstiges den
von Heiligen erfüllten Himmel erstürmendes Gebet denn nach demselben ward er
ruhiger er hörte die fromme Schwester mit stiller Ergebung an er fasste neue
Hoffnung und einte die Palme des Friedens der Dornenkrone die sein Vaterland
ihm als letztes Geschenk hinterlassen Aber diese Dornen stachen schwer und
tief er litt unsäglich
Nachdem König Ferdinand des Vierten Reise nach Laibach der Neapel kaum
gewährten Konstitution den frühen Todesstoss gegeben nachdem die lange Jahre
hindurch heimlich vorbereiteten Pläne des Karbonarismus eigentlich bereits
vernichtet waren hatte dennoch ein Spross des Freiheitsbaumes sich grünend zu
erhalten vermocht Borallis Schilderung der Lage des Königs in Laibach erweckte
eine durchgehende allgemeine Begeisterung und Krieg ward die überall im ganzen
Lande widerhallende Losung
Jean Karlo hatte sich im Gebirg wo er die Truppen organisiren half den
festesten Glauben an die Tatkraft seines Volkes bewahrt Über jeden Zweifel
hinweg trugen ihn die Flügel seiner jungen Phantasie und der feurigsten
Verehrung für Guglielmo Pepe seines Oheims langjährigen Freund und
Waffengenossen Als aber kurz nach dem so glänzenden Beginnen des Kampfes diese
Flügel gewaltsam geknickt zur nutzlos mit Bürgerblut befleckten Erde
niedersanken als die regellose wilde neapolitanische Armee ohne Disziplin
ohne Kriegsübung ja sogar ohne hinreichende Waffen der Übermacht des
sieggewohnten österreichischen Heeres fast ohne Widerstand erlag als mehr noch
als alles dies der durch lange Knechtschaft entartete Charakter der niederen
Volksclassen dem Gelingen allzukühner zu rascher Entwürfe einen innern ja den
allergefährlichsten Feind entgegenstellte da focht Jean Karlo unter dem Helden
seiner Wahl um die Gunst des Todes Sie ward ihm nicht Er erlebte es bei
Rieti durch General Walmoden die Überbleibsel des unglücklichen Heeres
zerstreut zu sehen Pepe ging nach Neapel zurück und brachte nichts mit sich
dahin als die trostlose Nachricht seiner eigenen Niederlage
Jean Karlos Oheim der ihn an Vaters Statt erzogen dessen Adjutant er in
dem kurzen Feldzuge gewesen an dessen Seite er den goldnen Freiheitstraum
geträumt ward vermisst ob er gefallen ob geflüchtet war nicht zu ergründen
Zerbrochen an Leib und Seele hatte Jean Karlo neben ihm gefochten bis er
selbst bewusstlos niedersank Ihn weckte die Nachricht der neuen Schmach die
Karascosas Heeresabteilung getroffen
Als er in einem kleinen Dorfe von seiner Wunde insofern genesen war dass er
aufstehen und sich bewegen konnte zog er Erkundigungen ein Die vom König
eingesetzte provisorische Regierung hatte einen Preis auf seines Oheims Kopf
gesetzt
Monato Hiacint de Passe fielen unzählige Bekannte Freunde und Verwandte
des unglückseligen Jünglings büssten Leben oder Freiheit ein ihn selbst retteten
günstige Zufälligkeiten und die Zuneigung eines mit seinem Hause befreundeten
Fürsten Medici der sein Pate war Ihm ward die Flucht erleichtert
Längst ruhten seine Eltern im Grabe ihm blieb eine einzige Schwester die
in einem unfern Neapel gelegenen Kloster in Pension war
Als er in der Nacht verkleidet sich hinüberschlich um Rosalien ein
vielleicht letztes Lebewohl zu sagen fand er die Äbtissin desselben eine Base
seiner Mutter von all den Sorgen um die Ihren schwer erkrankt und schon im
Todeskampf Der Einzug des Königs war nahe die Amnestie für Alle die bis zum
vierundzwanzigsten März an geheimen Gesellschaften Teil genommen noch nicht
ausgesprochen über Jean Karlos mögliche Rückkehr in sein Vaterland nichts
vorauszusehen und kein einziger Verwandter dem er die Schwester übergeben
konnte ungefährdet oder frei die meisten heimlich verborgen oder geflüchtet
Noch vor Anbruch des nächsten Tages stand die Auflösung der Äbtissin zu
erwarten die wortlos des armen jungen Mädchens zarte Hand in die seine legte
Rosalien blieb nur die Wahl des schützenden Schleiers das Kreuz des Heilands
oder das Schwere der herben Teilnahme am ungewissen Geschick ihres Bruders
Sie wählte das letzte In fast wahnsinniger Verzweiflung umklammerte sie den
einzigen Beschützer der ihr geblieben und beschwor ihn unter heißen Tränen
sie nicht zu verstoßen sie nicht allein in dem der Knechtschaft geweihten Lande
zurückzulassen sie mit sich zu nehmen in die Fremde ach die Aermste kannte
ja diese Fremde nicht die sie um seinetwillen lieben zu können hoffte in
welcher sie nur für ihre Toten und für die einstige Auferstehung ihres Volkes
zu beten gedachte und in der sie unbewusst sich selbst den frühen Tod erbeten
hatte
Die dringende Eile der Stunden und die Tränen des armen Kindes siegten
Vereint flohen die Geschwister
Eine Weile lebten sie unbemerkt in Frankreich und gingen dann nach der
Schweiz Von dort aus ward Jean Karlo nach Baden geschickt weil seine schlecht
geheilte Wunde aufgebrochen Ach eine unendlich tiefere öffnete sich ihm dort
als die Hoffnung schwand Rosaliens Gesundheit herzustellen deren Schwäche der
junge Mann früher bei seinen sie immer momentan neu belebenden Klosterbesuchen
nicht wahrgenommen hatte
Die Ärzte schrieben ihr Übel einer Erkältung beim Übergang der Alpen zu
der Tod will ja eine Ursache haben
Leontine Schwester Renate und Jean Karlo saßen in stummem Schmerz am Bett der
plötzlich nach einem neuen heftigen Blutauswurf sanft wie ein Kind
Entschlafenen die Nonne betete still für die durch den unerwarteten Tod ohne
die Gnadenmittel der Kirche Hinübergegangene Leontinens Hand ruhte zum ersten
Mal lange in der ihres armen Freundes Keines versuchte ein lautes Wort
Im Hause ahnte noch Niemand die Gegenwart des Todes Renate hatte selbst
die geweihten Kerzen zu Haupt und Füßen des Sterbelagers angezündet den
Priester hatte man nicht mehr rufen können so schnell hatte der Scheidekuss des
Lebens die bleichen Lippen des schönen Mädchens berührt
Die Badegäste und Wirtsleute schliefen auf den Straßen hatte sich ringsum
Ruhe verbreitet nur ein überwachter Orgelmann drehte auch schon halb schlafend
unter einem fernen Fenster sein letztes Ständchen ab es war ein veraltetes
Volks und Liebeslied unwillkürlich musste Leontine darauf hören »Keine Nessel
kein Feuer kann brennen so heiß als heimliche Liebe die Niemand nicht weiß«
Lange saßen sie so schweigend endlich begann Karlo zu reden Er blickte
nach dem noch nicht ergrauenden Tage sein unruhiges Blut trug die Untätigkeit
des Schmerzes nicht und es lastete der Gedanke auf ihm die geliebte Leiche
hier im fremden Lande zurückzulassen Sollte Rosalie als Polin mit einer Lüge
ins dunkle Grab gelegt werden Welche Hoffnung blieb dann dem Trauernden in
möglich besseren Tagen wenigstens die schöne Hülle der Schwester dem
Geburtslande wieder heim zu bringen dem die Lebende entrissen zu haben er so
tief bejammerte Ach Schmerz und Glück zogen ja ihn wie sie in jedem Atemzug
hinüber Mit heftig erwachender Leidenschaftlichkeit erneuten sich seine
Klagen Trostlos stand Leontine neben ihm sie litt unaussprechlich und ach sie
wusste keinen Rat für diese neue Form der Qual Vergebens bot sie ihm ihres in
wenig Tagen erwarteten Stiefvaters Hilfe Jede Mitteilung des Geheimnisses an
einen Dritten lehnte er bestimmt ab
In diesem Augenblicke hatte die fromme Schwester die in stillen Fürbitten
am Fussende des Lagers kniete und in tiefster Sammlung das Gespräch nicht
beachtete ihre Gebete beendet Sie schritt der Türe zu und schon an der
Schwelle sagte sie leise Ich gehe zum Dechanten man wird nun bald zur
Frühmesse läuten er wird schon aufsein
Wie ein Lichtstrahl durchzuckten die einfachen Worte Jean Karlos
verdüstertes Gemüt Ja rief er aufspringend im Schoos der Kirche in der
Hingebung an ihre beseligenden Wahrheiten finde ich die Gewährung einer
Versicherung die nichts Irdisches mir zu geben vermag Die gefalteten Hände
fest auf die Brust gedrückt blickte er aufwärts und ein Ausdruck der
schwärmerischsten inbrünstigsten Frömmigkeit überflog den Schmerz seiner Züge
Ja fuhr er fort von dir mein reiner Engel kam mir der Gedanke Die
Beichte sichert mein Geheimnis und bürgt mir für die Erfüllung deines letzten
Erdenwunsches
Er hob den Schleier der das Antlitz der Gestorbenen deckte sie war
unaussprechlich schön Leise küsste er ihre weiße Stirn dann fuhr er zu
Leontinen gewendet fort Ach Signora könnten Sie fühlen was in diesem
Augenblicke meine arme zerrissene Seele wie ein Friedensbote durchzieht und das
wilde Tier in mir bändigt O könnten Sie mit mir glauben so wie Sie mit mir
gelitten haben wie Sie oft mitten in der Verzweiflung mir einen Sonnenstrahl
des Glücks in die Lebensöde gesandt Er küsste heftig ihre Hände und wandte sich
dann wieder der Leiche zu die er mit immer steigendem aber stillerem Schmerz
betrachtete
Könnte ich mit ihm glauben wiederholte sich leise Leontine Kann ichs denn
nicht Sie legte den Kopf zurück in die Lehne des Sessels und einzelne große
Tränen rollten über ihre hochroten Wangen
Da öffnete sich leise die Tür lautlosen Schrittes trat der Dechant ein
hinter ihm ein Chorknabe der am Eingange stehen blieb Er kannte die
Geschwister wohl obschon nur unter polnischem Namen es tat ihm weh dass sein
Beichtkind ohne die letzten Tröstungen der Kirche geschieden war Nun kam er
von der alten Schwester herbeigerufen den Rest der Nachtwache mit dem
unglücklichen Bruder der Verstorbenen zu teilen und den Ritus der Kirche zu
vollziehen
Der Dechant war noch ein junger Mann mit fast durchsichtig bleichem Gesicht
auch ihm schien die Verheißung eines frühzeitigen Todes auf die gedankenklare
Stirn gedrückt Eine große Milde und Sanftmut sprach sich in seinem ganzen
Wesen aus so war auch sein Ruf von makelloser Reinheit
Leontine hatte nie einen andern katholischen Geistlichen gekannt oder auch
nur außer der Kirche gesehen als den alten Domine dem sie so übel mitzuspielen
pflegte Sie kannte die sanfte Suade die Gewalt der Einwirkung katholischer
Formen dieses weiche Herrschen dieses feste Ergreifen und Tragen der Seele
nicht das in dem Riesenbau jener Kirche in der Gestaltung jener höchsten
Manifestation des menschlichen Geistes sich ausspricht und nun in der
vollendetsten Ausübung überwältigend ihr entgegentrat
War der Dechant mit den Verhältnissen der polnischen Familie unbekannt die
er vor sich zu sehen wähnte hatte der Anblick der jugendlichen Leiche ihn
dieselben vergessen machen Genug er hielt Leontine vielleicht der heißen
Tränen wegen die während seiner Worte ihr Gesicht überströmten für
Trzebinskis Gemahlin und sprach in diesem Sinne auch zu ihr ermahnte sie dem
schwer Geprüften nun auch die Verlorene zu ersetzen sich wo möglich noch enger
ihm anzuschließen und wie aus der Tiefe der Verwesung die Kraft eines erhöhten
Lebens der leiblichen und geistigen Natur sich entringe so auch diesem so früh
geöffneten Grabe ein Gott geheiligtes Leben der Liebe entspriessen zu lassen
Jean Karlo weinte so heftig dass er nicht sogleich die Kraft hatte die
Anrede des Geistlichen zu unterbrechen der im Begriff war in einem kurzen
Übergange dem Formular der Kirche sich zuzuwenden und deren Zeremonien zu
vollziehen als endlich Leontinens furchtbare Erschütterung und ihr Zittern des
jungen Mannes Aufmerksamkeit gewaltsam auf sie zurücklenkten Er ergriff mit dem
Ausdruck der tiefsten Verehrung ihre Hand und geleitete sie der Türe und Babet
zu die schluchzend in derselben stand dann wandte er sich wieder zum
Dechanten in demselben Augenblick schloss sich die Türe hinter Leontinen und
halb bewusstlos folgte sie Babeten in ihr Zimmer
Es war Mittag und die Trauerkunde hatte sich bereits durch das ganze Baden
verbreitet als die todtmatte Leontine die Augen aufschlug die gewandte Babet
hatte der Gräfin eine unruhige durch die Nachbarschaft der Kranken schlaflose
Nacht des Fräuleins vorgelogen
Aber mit dieser Nacht hatte ja nun auch das Zusammenleben mit dem
neugewonnenen Freunde aufgehört Der lange Tag verging ohne dass Leontine mehr
von dem hörte was sich drüben begab als was auch die andern Hausgenossen
erfuhren Sie sandte wie die meisten Bewohnerinnen des Hotels einen
Blumenkranz der schönen jungen Toten auf den Sarg zu legen Dass er aus
Orangenblüten und Granaten bestand ließ man für einen Zufall gelten die
Tränen die als Tau ihn benetzten bemerkte Niemand Kaum war die
Begräbnissstunde bestimmt so vereinten sich die Gräfin und ihre Freundinnen um
der Zeremonie zuzusehen Es war ein Drängen und Treiben um die offene Grabhöhle
als hätten Alle das schöne Mädchen gekannt oder als gälte es eine Lustpartie
Leontine warf sich weinend auf ihr Bett und schützte Kopfweh vor
Noch am nämlichen Abend überbrachte man ihr einige Zeilen von Jean Karlos
Hand Sie hielt das Blatt noch in der ihren als draußen Babets aufjubelnde
Stimme die Ankunft Geierspergs und Josephinens verkündete kaum blieb Leontinen
Zeit das Papier zu verbergen so lag sie schon in ihrer Mutter Armen
Von nun an begann ein ganz neuer Lebensabschnitt Geiersperg liebte joviale
Geselligkeit war gern in Baden und fand eine Menge alter Bekannte
Kriegsgefährten und Jugendgenossen daselbst Auch Josephine ward von einem
kleinen Kreise freudig begrüßt eine Landpartie eine Ausfahrt jagte die andere
Die Generalin ging freundlich auf jeden Vorschlag der Art ein ihre
Lebensstellung war in der zweiten Ehe eine ganz andere geworden als sie in der
ersten im Jugendrausch der Begeisterung geschlossene Verbindung mit Waldau
gewesen Die Zeit war ja so ganz verändert es war Friede und hatte auch dieser
Friede nicht alle Träume und Verheißungen des ihm vorangegangenen Kampfes
erfüllt so waren doch materielles Behagen oder industrielles Wirken überall an
die Stelle der früheren Romantik getreten die Josephinens Blütezeit belebte
und deren mitunter sehr dunkle Schatten die letzten Jahre Waldaus vor
Erschlaffung bewahrt hatten Denn selbst als ihn Krankheit und der schwere Druck
der Ereignisse zur Untätigkeit verdammten hatte sich das Wechselspiel von
Sorge Angst und Freude das man Leben nennt immer noch in weit höheren
Potenzen um ihn her entwickelt als es nun im freundlichen Beisammensein mit
Geiersperg der Fall war
Waldau war ein Idealist im Alltäglichen ganz unerfahren man musste
unaufhörlich für ihn sorgen Geiersperg sorgte lieber noch für Andere als dass
er ihrer Leitung sich hingab er fürchtete beständig gehandhabt zu werden wie
er es nannte und wollte alles selbst machen Hatte Josephine in ihren
ehemaligen Verhältnissen zerrissene Herzen kränkelndes Leben und die Keime
nationaler Hoffnungen gepflegt hatte sie damals oft jede Seelenkraft bis zur
höchsten Spannung anstrengen müssen so pflegte sie jetzt ohne jedoch an
Elasticität des Geistes einzubüssen mit nicht geringerer Anmut die Blumen und
Bäume die ihres Gemahls Lieblinge waren zog seine Jagdhunde auf und bewunderte
mit wirklich aufrichtiger Freude die von Geiersperg geschossenen Auerhähne und
Schnepfen Sie war eigentlich nicht minder glücklich als sonst denn bei ihr war
das Glücklichsein fast eine Eigenschaft des Charakters geworden
Leontinens Erziehung war ihr nicht ganz gelungen das fühlte sie selbst
doch wie viele Mütter blieb sie dabei blind für deren Mängel und dann hatte
ja Leontine ihres Vaters Fehler Geiersperg tadelte sie strenger schon deshalb
musste Josephine die Tochter entschuldigen Vor allem war ihm nicht recht dass
sie kein Junge war er hätte so gern einen Sohn gehabt Darum hatte er die
Verbindung mit seinem Neffen Albert fast leidenschaftlich gewünscht sie sollte
seiner väterlichen Liebe Enkel geben Im Ganzen konnte er die excentrischen
Weiber nicht leiden und hast mich doch geheiratet sagte Josephine
Aber Geiersperg nahm ihren Kopf zwischen seine beiden großen Hände und küsste
sie herzlich Von dir liebes Kind kann ja hier gar nicht die Rede sein du
bist mein lieber närrischer excentrischer Engel Aber im Häuslichen bemerke
ich Gott sei Dank nur wie du mir alles leicht und lieb machst Wenn die
Leontine excentrisch sein wollte wie du so hätte ich nichts dagegen
Geierspergs schönste Jahre waren die gefahrreichen des Kriegs und seiner
geheimen Vorbereitungen gewesen auch nachdem er den Dienst verlassen blieb er
innerlich Soldat Alles was auf das Militär sich bezog interessierte ihn
lebhaft in seinem Hause herrschte die strengste Disziplin in seinem Herzen
blieb er der alte loyale seinem Könige unbedingt ergebene Kriegskamerad Selbst
wo sein klarer Verstand tadelte ließ sein Gefühl dem Tadel selten Raum zum
Wort und Leontine hatte ganz recht ihn einen Ritter aus dem Mittelalter zu
nennen Hätte der König seiner innersten heiligsten Überzeugung zuwider
gehandelt hätte er ihn oder die Seinen durch irgend eine Ungerechtigkeit noch
so unheilbar schwer verletzt Geiersperg war der Mann dazu in solchem Falle
sich lieber eine Kugel vor den Kopf zu schießen als den Grundsatz der tiefsten
Anerkennung und Verehrung der Legitimität seines angeborenen Herrschers
aufzugeben mit dem sein ganzes Wesen verwachsen war
Sehr natürlich hatten ihn die politischen Ereignisse des Jahres Zwanzig in
Neapel oft und ernstlich beschäftigt so lange die Volkssache nicht von der des
Königs getrennt war hatte er wahrhaften Anteil an ihr genommen Seine
langjährige Freundschaft für einige der Hauptagenten des bewaffneten
Interventionssystems hatte ihn nicht gehindert sich an dem begeisterten
Aufflammen der italienischen Jugend von Grund aus zu erfreuen es weckte in ihm
ja tausend und aber tausend Erinnerungen Später tadelte er das seiner Meinung
nach in unklugem Eifer zu weit gehende Parlament und fühlte sich in seinen
Ansichten etwas gestört dennoch machte es ihm sichtlich Vergnügen wenn
Leontine ihm triumphierend die Zeitungen vorlas in denen die Fabier und Bruttier
der Abruzzen eine so glänzende Rolle spielten
Als sich aber der Aufstand immer bestimmter gestaltete und er das ganze
Unternehmen an der Mutund Kraftlosigkeit des eigentlilichen Volkskernes
scheitern sah ergriff ihn eine echt soldatische Ungeduld er warf die Zeitungen
in einen Winkel und ging eine ganze Weile von unreifem Zeuge Kinderstreichen
und dummen Jungen murmelnd im Hause umher In Baden hatte die ganze Geschichte
vergleichsweise längst einen komischen Anstrich für ihn bekommen den er mit
seinen alten Waffenfreunden im besten Humor ausbeutete und deren derbe und
körnige Späße der armen Leontine ins Herz schnitten Es war rein unmöglich in
dieser Stimmung über Jean Karlos Lage mit ihm zu reden
Vielleicht war es diese im Kreise ihrer Lieben zum ersten Mal empfundene
Entfremdung ihres innigsten Gefühls welche Leontinen in den Abgrund eines
hoffnungslosen in tiefes Geheimnis gehüllten Verhältnisses fast widerstandlos
hineinriss
Jean Karlo begnügte sich eine Weile mit Schreiben aber sein junges Leben
war so plötzlich leer geworden jedes Interesse darin schien erloschen
Vaterland und Schwester waren ihm entrissen In Baden von jeder Verbindung mit
den ihm nach und nach in Frankreich und der Schweiz bekannt gewordenen
italienischen Flüchtlingen abgeschnitten verstand er nicht einmal die Sprache
die er um sich reden hörte war es ein Wunder wenn in dieser gänzlichen
Abgeschiedenheit im kochenden Blut des Jünglings die Leidenschaft für Leontinen
eine Höhe erreichte die ihn jeder Rücksicht nicht nur vergessen ließ nein die
sie ihm geradezu unmöglich machte
Sein Zimmer war dem der so Heissgeliebten gegenüber er hörte sie kommen
gehen Trotz Josephinens Anwesenheit fand er bald Mittel ihr zu nahen sie zu
sehen zu sprechen sie mit all dem tiefen Zauber seiner poetischen Liebesglut
zu umstricken deren Anblick ihr völlig neu war die sie nie zuvor gekannt nie
früher geahnt Denn bei uns wird ja ein wirklich vornehmes Mädchen so sorgsam
gehütet kein Laut kein Hauch der rohen Heftigkeit der Leidenschaft oder auch
nur menschlichsinnlicher Schwäche berührt jemals ihr Ohr sie weiß nicht einmal
um die Existenz derselben Und wenn nun auf diese äterreinen Sinne auf diese
schneeigklare Gedankenfläche die Liebe in Gestalt der heißen Leidenschaft ihr
Siegel drückt wer darf es wagen sie mit gemeinem Maß zu messen oder eine
Klugheit von ihr zu fordern die in ihrer Lage eine Erniedrigung eine
Entwürdigung wäre
Jean Karlo ließ nicht ab bis sie an seinem Herzen in seinen Armen ihm
bebend Gegenliebe gestanden und zuletzt vom Übermaß seiner sich immer
steigernden Wünsche und Qualen unwiderstehlich fortgerissen ihm geschworen
hatte nie einem Andern ihre Hand zu reichen
O welche Glutwogen der Poesie des Fanatismus und der sie vergötternden
Sinnlichkeit schlugen über des armen Kindes so leicht erregbarem Herzen
zusammen
Wie schal und abgeschmackt erschienen ihr jetzt die früheren Bewerbungen der
Männer die ihr bis dahin von ehrerbietiger Ergebenheit vorgeschwatzt und darin
wahrscheinlich nur der Mode oder ihren brillanten Vermögensumständen gehuldigt
hatten
Wenn Jean Karlo spät Abends leise in ihr Stübchen hinüberschlich
Stundenlang vor ihr kniete ihre kleinen Füße küsste ihren heißen Atem trank
dann wieder in plötzlich erwachendem Zorn gegen sich selbst fast verzweifelnd
sich anklagte dass sie mit einem Male die Welt ihm geworden dass er um
ihretwillen sein Vaterland vergesse dass sie die heilige Jungfrau sei zu der
sein Herz bete wenn seine heißen wollüstigschmerzlichen Tränen ihre Hände
benetzten oder wenn er von der eigenen Glut aufgeschreckt aufsprang und
fortlief um in der wilden Aufregung seines Wesens mit keinem Hauch ihre
kindliche Unbefangenheit zu beleidigen dann aber wie gebannt am Türpfosten
fest angeklammert stehen blieb und nur von fern mit trunkenem Auge die Wonne
ihres Anblickes in sich sog bis dann zuletzt langsam allmälig die unbegrenzte
Herrschaft die sie über ihn ausübte die Gewalt seines Gefühls beschwichtigte
ihn zurücklockte und er leise wieder näher trat und mit zitternden Lippen zur
»guten Nacht« ihre Fingerspitzen kaum zu berühren wagte als wäre sie das ihm
von Priesterhand geweihte Bild des Allerheiligsten dann musste ja wohl vor allen
diesen unverstandenen und doch so beseligenden Empfindungen die ruhige
Überlegung weichen die ihr in einsamen Minuten eine Verbindung mit Jean Karlo
als unmöglich erscheinen ließ
Auf den Spaziergängen traf Leontine zuweilen mit dem Dechanten zusammen
Immer machte sein Anblick wieder denselben tiefen ihr unerklärlichen Eindruck
einer höheren Gewalt auf sie War sie allein so redete er sie an und auch er
nannte sie Jean Karlos Stütze seinen einzigen Trost Den erhabeneren an
welchen er selbst sein vielleicht einst eben so schmerzlichbewegtes Herz
gewiesen nannte er ihr nicht aber dennoch lag in jedem seiner Worte die Glorie
der Kirche welcher er angehörte immer hob sich aus ihnen wie in weiter Ferne
eine Friedenshalle empor die auf goldenen eine Welt tragenden Säulen ruhte und
den Zagenden ein sicherndes Asyl bot Ach und Leontinens in solchem Zwiespalt
von Angst und Seligkeit bestürmtes Herz hatte eines solchen so nötig
Josephine ahnte von dem Allen nichts sie lachte über Geierspergs Späße mit
denen er gegen die Neapolitaner zu Felde zog sie freute sich über Leontinens
blühende Wangen und lobte sie dass sie nicht tanzte Dass diese einen Ausbruch
von Jean Karlos wütender Eifersucht scheute konnte die Arme nicht ahnen
Der Sommer ging zu Ende mit ihm gar mancher bunte Liebestraum Plötzlich
ward der Tag der Heimreise bestimmt Jean Karlos Abschied war herzzerreissend
Er kehrte nach Genf zurück wo er den Winter zugebracht nach Berlin traute er
sich nicht er fürchtete erkannt und überliefert zu werden
In des Dechanten Gegenwart der einen Augenblick aus Jean Karlos Zimmer zu
ihr hinüberkam ihr Lebewohl zu sagen zwang er die Geliebte ihm das
Versprechen zu wiederholen nie einem Andern als ihm anzugehören und schwur
ihr Treue und Anwendung jeder ihm zu Gebot stehenden Kraft um ihr sobald wie
möglich ein ihrer würdiges Loos zu bieten Mit dem Versprechen einander täglich
zu schreiben schieden die Verlobten
Aber was konnten Briefe einer glühenden Seele wie die Jean Karlos war
gewähren Trotz aller damit verbundenen Gefahr sah er Leontinen mehre Male in
Berlin und als sie im nächsten Frühjahr zu ihren Verwandten nach Schlesien
ging folgte er ihr auch dorthin
Seine Verhältnisse hatten in diesem Jahre eine Art günstiger Gestalt
gewonnen Obschon sein Name noch immer mit dem seines Oheims zusammen auf der
Liste der zum Tode Verurteilten stand öffnete sich ihm dennoch durch des
Fürsten Medici Vermittlung die Aussicht auf einen künftigen ungeschmälerten
Genuss seiner Einkünfte im Auslande das allerdings nur eine beaufsichtigte
Freiheit zugleich aber die Wahrscheinlichkeit der Milderung des Richterspruchs
in den einer längeren Verbannung ihm bot
Und doch waren es gerade diese Hoffnungen die während eines
Sommeraufentalts Leontinens auf den Gütern ihrer Vettern in Schlesien einen
Bruch herbeiführten dessen Folgen für Beide unberechenbar blieben
Die Familie des Baron Lersheim bei welcher Leontine sich aufhielt sah oft
und gern Fremde in ihrem Hause Jean Karlo ließ sich ganz unvermutet als einen
schweizer Gelehrten einen Genfer dort einführen was er um so eher konnte da
er der Sprache unbedingt mächtig war
Schön gewandt mit dem kräftig pulsirenden Leben in jedem Zuge des Geistes
wie der Gestalt musste der junge wirklich liebenswürdige Mann gefallen und
bald hatte er das warme Interesse aller Mitglieder des kleinen Kreises sich
gewonnen
Anfangs genoss das schöne Paar der ganz unerwarteten Blütezeit ihrer Liebe
im Schutz dieser unschuldigen Mystification ohne Vornoch Rückblick in der
anmutigen Frische eines jungen Gefühls und jungen Glücks Ach nur zu schnell
trat die vernichtende Schwüle der Leidenschaft in ihr siegendverheerendes
Recht Bald ekelte Beide das Spiel mit der so ernsten Empfindung ihrer Lage an
Jean Karlo gestand dem Baron wer er sei und stellte ihm frei das ihn
gefährdende Geheimnis auch den Seinen mitzuteilen
Lersheim dankte ihm gerührt für das ihn ehrende Zutrauen zog aber vor bei
der noch immer über des jungen Mannes Haupt schwebenden Gefahr die es
schützende Hülle nicht zu heben Den jungen Fräulein lag die Politik zu fern
als dass sie überhaupt etwas Anderes in der Erscheinung des Fremden bemerkt
hätten als dass er augenscheinlich ihrer Kousine Waldau den Hof mache Die
Baronin mochte eine dunkle Ahnung eines traurigen Geschicks ihres Gastes haben
aber zu sehr gewöhnt ihr Urteil immer auf das ihres Gemahls zu stützen suchte
sie nicht eigenmächtig nach der Lösung des von ihm nie berührten Rätsels So
vergingen mehre Monate
Jean Karlo hätte indessen kein Mann und kein verliebter Italiener sein
müssen wenn ihn dies tägliche öffentliche und doch so geheimnissreiche
Zusammensein mit der von Bewerbern umringten Geliebten nicht gesteigert und zu
immer heftigeren Wünschen entflammt hätte Fräulein von Waldau war nicht nur
eine sehr glänzende Partie mit einem ganz unabhängigen Vermögen sie gehörte
auch zu jenen fast dämonisch die Phantasie entzündenden Gestalten deren
Gegenwart berauschend auf die verschiedenartigsten Männer wirkt ihre Sinne
reizt und quält sie war eine der Frauen die der Leidenschaft den Wahnsinn
zugesellen Eine ihr angeborene durch Erziehung und Umgebung ganz unberührt
erhaltene Art Unbefangenheit eine Unschuld der Unkenntnis die sie noch
gefährlicher machte ließ sie dem Gemeinen wie dem Unrecht lachend und
unbefleckt vorübergehen
Jean Karlos heftiges Gemüt die ihn beherrschende Glut seines Gefühls
machten ihm seine Lage bald unerträglich Er konnte es nicht aushalten sie
andern Männern gegenüber zu sehen ohne sein Anrecht auf ihr Herz geltend zu
machen er vermochte es nicht die ihr angeborene Koketterie zu ertragen und
machte ihr oft ungerechte Vorwürfe ja heftige Szenen um unbedeutender
Kleinigkeiten willen
Vergebens bezeigte ihm Leontine die innigste Neigung vergebens machte sie
ihn auf die Notwendigkeit aufmerksam der Welt kein ernsteres Einverständnis
mit ihr ahnen zu lassen vergebens stellte sie ihm vor dass des Barons
Teilnahme am Geschick eines politischen Verbrechers sich in Abneigung
verwandeln werde sobald dessen Einfluss auf das Leben seiner nächsten Verwandten
ihm klar werde dass ihre Familie eine Verbindung mit einem Ausländer auf dessen
Kopf noch immer ein Preis stehe nicht zugeben könne dass bei einer bloßen
Andeutung derselben ihr Vetter sie ihren Eltern augenblicklich zurückschicken
müsse Jean Karlo hörte nichts begriff nichts als die Unmöglichkeit diese
ewig sich erneuende Gefahr ihres Verlustes auszuhalten
Alle solche Erklärungen unter den Liebenden führten nur zu erneuten Klagen
und der Versicherung dass er ruhig sein und ihr ganz gewiss unbedingt folgen
würde wenn er wisse dass keine Überredung noch Gewalt sie ihm zu rauben
vermöge dass er aber ohne diese Sicherung nicht nach der italienischen Grenze
gehen könne wohin ihn Fürst Medici und sein wie er geretteter Oheim
beschieden hatten um Rücksprache der Milderung des Urteils und der sie
bedingenden Umstände wegen mit ihm zu nehmen
Leontine trieb ihn seinem eigenen Interesse nach zu dieser Reise ihn selbst
hatte der Wahnwitz der Eifersucht zu tief erfasst er vermochte weder den
Gedanken los zu werden dass einem Glücklichern gelingen könne in seiner
Abwesenheit die Braut zu bewegen das ihm gegebene Wort zu brechen noch sich zu
der Trennung zu entschließen von welcher eine spätere Verbindung mit ihr
abhing
Tage um Tage Wochen um Wochen vergingen in dieser sich immer neu
gestaltenden Selbstqual Am Ende führte eine unbedeutende Auszeichnung die
Leontine einem Andern zu Teil werden ließ einen förmlichen Bruch herbei Der
verzweifelnde Zorn mit welchem Jean Karlo sie mit einer alle Rücksicht
verachtenden Heftigkeit der Lieblosigkeit beschuldigte sie in starrer
Mutlosigkeit freigab ihr sogar ganz entsagte reizte sie übermäßig in
zornigen Tränen wandte auch sie sich von ihm ab
Im raschesten Übergange der Klage über sie zur Selbstanklage wiederholte
er ihr nun dass er unter all diesen Bedingungen und Einschränkungen nicht mehr
zu leben vermöge dass er auf ewig von ihr scheide dass er den Wink des Himmels
sie freizulassen sie nicht auch noch dem Fluch seines Schicksals preiszugeben
nicht mehr widerstehe Noch einmal zog er sie an seine Brust noch einmal
bedeckten seine glühenden Küsse ihre Augen ihren Mund ihre glänzende Stirn
dann riss er sich gewaltsam los und stürmte fort Vergebens suchte sie ihn zu
halten vergebens schrieb sie ihm beschwor ihn wieder zurückzukehren er war
fort nach Breslau mehrere Tage hörte sie nichts von ihm
Eine unnennbare Angst erfasste nun ihr Herz Seit Jahr und Tag hatte sie ihn
trotz aller Koketterie als ihren Verlobten fast als ihren Gatten betrachtet
In Tränen zerfliessend malte sie sich ihr eigenes Unrecht aus ihren Leichtsinn
ihre Gefallsucht die Geiersperg so unzählige Male ihr vorgeworfen ihr
dämonisches Anlocken und Aufregen der Männer die ihr den Hof machten bis sie
die Gequälten Gereizten zu irgend einer allzuheftigen Äußerung ihrer
Leidenschaft veranlasst und sie ihr nun plötzlich ganz grenzenlos misfielen oder
ihr gar lächerlich wurden sie klagte sich aufs Unbarmherzigste an auch gegen
Jean Karlo nicht geduldiger gewesen zu sein um seine Eifersucht zu schonen Mit
jeder fliehenden Minute steigerte sich ihre Sorge unwiederbringlich ihn
erzürnt ihn auf immer verloren zu haben Sie schrieb ihm nochmals nach Breslau
erhielt aber keine Antwort
Es ließ ihr keine Ruhe unter einem Vorwande fuhr sie hinüber Sie kannte
die Hausleute bei welchen er wohnte es waren Handwerker sie bestellte etwas
und fragte nach ihm Noch war er da morgen wollte er reisen da lag sein Pass
großer Gott nach Neapel Sie verstand ihn gleich ohne sie mochte er nicht
leben Noch einmal wollte er unter erborgtem Namen sein Vaterland aufsuchen
dessen sonnengoldene Schönheit begrüßen dann sein Haupt den Rächern ausliefern
das Dasein war ihm plötzlich zu schwer um es noch weiter zu schleppen
Anstatt zur Haustür hinauszugehen versteckte sie sich in einem
Augenblicke da alles still war schlich sie wieder die Treppen hinauf sie
wusste die Nummer seines Zimmers Atemlos langte sie oben an der Finger
versagte das Anklopfen der Fuß das Tragen der bebenden fliegenden Glieder
Gewaltsam riss sie die Türe auf und stürzte bewusstlos auf die Dielen des
Vorplatzes vor ihm nieder
Jean Karlo empfand den für ein Mädchen wie Leontine ungeheueren Entschluss
zu ihm auf seine Stube zu kommen mit so beseligender alle Einwendungen seines
früheren Gefühls niederschlagenden Gewalt dass er wie berauscht von diesem
Glück zu ihren Füßen sank und fester als je ihr verbunden lange nur in
wortlosem Entzücken ihr zu danken im Stande war Aber allmälig kehrte den
Glücklichen die Besinnung zurück Vor allen Dingen musste die Geliebte das Haus
verlassen aber vorher sollte er ihr versprechen bloß bis zur italienischen
Grenze zu reisen dort seinen Oheim aufzusuchen und alle Schritte zur Erreichung
der Milderung des gesprochenen Urteils zu tun Und abermals fiel die
entsetzliche Last auf seine Seele zum ersten Male wagte er in dieser
grenzenlosen Hingebung Beider Herzen an einander das Wort Heimliche Vermählung
Leontine erschrak aber sei es dass der schon allzu ungewöhnliche bei einer
Dame ihres Standes unerhörte Schritt dem Geliebten in die Stadt in seine Stube
gefolgt zu sein sie verwirrte sei es Abspannung nach der ungeheueren Angst die
sie während der letzten vierundzwanzig Stunden erduldet sie widerstrebte nicht
so bestimmt als Jean Karlo gefürchtet
Sein Mut wuchs durch diese unverhofft mildere Stimmung in immer
bewegteren immer eindringlicheren Worten schilderte er ihr von Neuem seine
Sorge sie durch Zwang oder Überredung während seiner Abwesenheit zu verlieren
er beschrieb ihr den unendlichen Trost des Gefühls mit ihr unauflöslich fest
verbunden zu sein und die Gewissheit mitzunehmen in der Verbannung wenigstens
sicher des ihm nicht mehr zu weigernden Glückes zu bleiben bis endlich halb
verlockt halb ermüdet das unbesonnene Mädchen ihm unter der Bedingung nachgab
gleich nach der Trauung seine Reise anzutreten Welche Feder vermöchte den
Wonnetaumel seines Dankes wiederzugeben Die Erinnerung daran hat oft Leontinens
späteres Leben durchleuchtet wie ein Meteor des Glücks
Nun aber ging zu ihrer Verwunderung alles in fliegender Schnelle Kaum hatte
der Geliebte ihr Ja kaum hatte er sie wohlbehalten und unbemerkt den Ihren
wieder zugeführt so war auch der alte Domine gewonnen die Trauung zu
vollziehen durch welche er die Seele seiner »lieben Frölen« dem einzig
beseligenden Glauben zu sichern wähnte Die zu dem italienischen Geschäft
bereits früher ihm verschaften Papiere welche Jean Karlos Geburt Rang
Vermögen und Identität bewiesen waren zur Hand Ehe Leontine zu klarer
Besinnung kam war der sie auf ewig fesselnde Schritt getan
Derselbe Freund der Viatti im Hause eingeführt ein geachteter Mailänder
der seit Jahren schon in Deutschland lebte und mit der Familie des Baron
Lersheim verkehrte ward unvermutet nebst noch einem unter dem Domine
stehenden Geistlichen zum Zeugen der Trauung gemacht auch Babet wohnte ihr
bei sie war leicht zu bereden denn Leontine war wie wir wissen einundzwanzig
Jahre alt folglich mündig
Wenige Tage nach der Vermählung reiste Jean Karlo wirklich seinem gegebenen
Worte gemäß ab er schied zwar mit blutendem aber auch mit hoffnungsreichem
Herzen
Leider aber scheiterten alle die ihn so beglückenden Hoffnungen beim
Wiedersehen seines Oheims an beider Männer leidenschaftlich ihren früheren
Projecten anhangendem Charakter Jean Karlo und sein Oheim fanden es in dem so
unglücklich gewählten Zeitpunkte unmöglich sich der jetzt abermals schwer
bedrohten Gemeinschaft ihrer ehemaligen Verbündeten zu entziehen Die
umsichgreifende Karbonaria hatte abermals unvorsichtige Schritte getan deren
unselige Folgen nun auch Jean Karlos Leben erfassten
Ein ganzes Jahr verging Leontinen in namenloser Angst sie sah ihn nicht
wieder
Ab und zu schrieb er ihr unter Babets Adresse aber ach die nötige
Vorsicht machte seine Briefe unklar Monate lang entbehrte sie jeder Nachricht
oft wusste sie sogar nicht wo er war Leontine litt sie hätte weit mehr
gelitten hätte ihr leichter Sinn sie nicht über manchen Abgrund schauderhafter
Möglichkeit hinweggetragen Der Schritt war einmal geschehen es lag nicht in
ihrer Natur mit sich selber darüber zu rechten
Wenn sie dann und wann über jene Zeit nachdachte mischte sich ein höchst
peinlicher Vorwurf für ihren Gemahl in dies Nachdenken er hatte sie einer
unabsehbaren Reihe von Schmerzen preisgegeben wenn ihre Eltern die unglückliche
Übereilung entdeckten er hatte ihre Ehre sogar gefährdet und leise leise
flüsterte sie sichs zu er hatte leichtsinnig gehandelt sie preisgegeben aus
nicht ganz edelen Gründen
Leontinens liebenswürdige aber vielgestaltig bewegte Natur konnte vom
Augenblick zu leidenschaftlichen Ergüssen sich hinreißen lassen die eigentliche
Macht einer Geist Sinn und Willen überwältigenden Leidenschaft begriff Leontine
nicht
Die Herbstreise des Jahres zweiundzwanzig brachte sie wieder nach Baden und
die ferneren bereits mitgeteilten Ereignisse nach Bern wo sie hoffte Annen
ihr Geheimnis entschleiern zu können als ein Brief Jean Karlos seine Rückkehr
von der italienischen Grenze und seine nahe Ankunft in Bern meldete wohin ihn
der Wahnsinn der heftigsten Sehnsucht nach Leontinen zog während eben eine
FremdenVerordnung publicirt wurde welche unter die strengsten gehörte die je
bekannt gemacht wurden
Während also alle nur einigermaßen in ihr beteiligten Fremden Bern zu
verlassen eilten langte Jean Karlo daselbst an Das Übrige ist unsern Lesern
bekannt
Josephinens plötzlicher Eintritt der die so gewaltsam überraschenden
Mitteilungen Leontinens unterbrach brachte den Grafen Roderich augenblicklich
zur Besinnung die gewohnte Gastfreundschaft die anerzogene Höflichkeit die im
Duell vor dem tödtenden Stoß den Kämpfenden den Gruß auferlegt siegten auch
jetzt sogar der Schwester gegenüber Er war der Erste der auf sie zuging sie
mit wenigen herzlichen Worten bewillkommnete und sie bat ihm eine unvermutete
Störung zu verzeihen die sie Alle das Rollen ihres Wagens habe überhören
machen
Auch Anna wandte sich rasch der verehrten Frau zu und legte Leontinen aus
ihren Armen an das Herz der Mutter die völlig arglos dem ungeheueren Schlage
der sie treffen sollte die heitere Stirne bot Die Freude ihre beiden Kinder
wiederzusehen wie sie die beiden jungen Frauen gern nannte verblendete sie
der ganze peinliche Zustand ward nicht sogleich von ihr bemerkt ja sogar dessen
unwillkürliche Andeutung in ihres Bruders Worten vermochte nicht sie aus dem
Taumel von Glück aufzuschrecken der sie beim Anblick der so lang entbehrten
Teuern überwältigte Sie hatte ja die Tochter überraschen wollen so fiel ihr
nicht einmal deren lauter Aufschrei besonders auf sie maß ihn dem freudigen
Erstaunen bei
Die Gewalt des Augenblicks beherrschte Aller Zungen Niemand hatte den Mut
den schneidenden Schmerz sogleich in die freudeschlagende Brust Josephinens zu
senken deren Hände die nun auch hinzugetretene Sophie mit Tränen und Küssen
bedeckte deren Hals die herbeigestürmten Knaben jauchzend umklammerten und dann
von ihr weg und dem eben erblickten Vater zuflogen den sie bereits unten im
Wagen vergeblich gesucht
Victor Hugo hat so schön gesagt das Kind sei der Engel im Hause Die Freude
der Kleinen legte ihren reinen Himmel auf die Gewitterschwüle dieser Stunde ihr
Jubel war so hinreißend ihr Fragen nach allen mitgebrachten Schätzen all ihr
überwältigendes Schwatzen Kosen und Erzählen so lieblich dass sie den Sieg
davontrugen
Erst als Josephine längst am Frühstücktische saß und plötzlich ganz
unbefangen zu Annen sagte Ich habe dir noch nicht gratulirt zu Roderichs
Avancement Wenn ihr nach Wien kommt wirst du Gelegenheit haben deinem Hange
zur Musik recht gründlich nachzugeben da fiel das Unvermeidliche einer
Erklärung wie ein Meteorstein aus klarer Luft Allen aufs Herz
Niemand antwortete Roderichs Züge umwölkten sich krampfhaft verzogen sich
seine Lippen zum Ausdruck eines fast hassenden Zorns er gedachte Gottards
Anna erbleichte Die Zwischenzeit hatte indessen für jeden Einzelnen das Gute
gehabt dass Alle gleich deutlich empfanden die Entdeckung des unseligen
Geheimnisses müsse von Leontinen selbst ausgehen Sie hatte die sie überkommene
Schwäche bereits niedergekämpft nur den Schmerz den sie ihrer Mutter geben
müsse fühlte sie in unsäglicher Qual Auf einen fast gebieterischen Wink ließ
man sie mit derselben allein
Keine von Beiden hat je über diese entsetzliche Stunde gesprochen weder
Leontine noch die Generalin haben je die Art und Weise der Enthüllungen
berührt die das schöne klare Leben der Letzteren mit einem nie wieder
weichenden Schatten der Sorge überdeckten Umsonst versuchte es Leontine jetzt
und später die Aussicht auf eine wahrscheinliche und baldige Lossprechung Jean
Karlos als tröstendes Licht in das plötzliche Dunkel fallen zu lassen das sie
selbst in der Mutter Seele geworfen umsonst nannte sie ihr den Rang erwähnte
sie die bedeutenden Vermögensumstände ihres Gemahls So viel Mühe sich die arme
Mutter gab der Tochter Loos nicht durch unnütze Vorwürfe noch trüber zu machen
so wenig vermochte sie die gewohnte Fassung zu erringen ihr Mut schien
plötzlich gebrochen Teils war es das noch immer über Jean Karlo schwebende
Beil des Henkers das sie so entsetzte teils mochten Erinnerungen an ihre
früheste Jugend an die Revolution und Waldaus Geschick ihr Gewicht an den
ohnehin so schweren Augenblick hängen und die Elasticität ihres Wesens
zerdrücken
Als Leontine geendet und sie nicht mehr im Zimmer sprechen hörte schlich
Anna herein und mischte ihre Tränen mit denen die langsam und schwer den
starren Augen ihrer mütterlichen Freundin entrollten Aber auch ihre
zärtlichsten Worte vermochten es nicht die Eisrinde zu schmelzen die sich
ertödtend über deren Züge und Herz gezogen Lange saßen alle Drei stumm und
sinnend neben einander ach es ist etwas Furchtbares um dies endlose
Herumwälzen eines rätselhaften Gedankens dem Gott keine Lösung verliehen
Roderich war sogleich zu Gottard hinübergegangen den er mit den Knaben
beschäftigt fand
Vergebung Herr Graf rief dieser rasch aufspringend und Kronberg
ehrerbietig entgegentretend es wäre meine Schuldigkeit gewesen Ihnen
aufzuwarten ich glaubte Sie aber noch bei den Damen
Ein Wink des Grafen entfernte die Kinder Sie wussten im Voraus um meine
Ankunft fragte er streng und kalt
Ja aber ich vermutete sie minder bald
Und konnten dennoch sie nicht erwarten ohne vorher auf eine Art und Weise
in die inneren Angelegenheiten meiner Familie oder meines Hauses einzugreifen
die gestehe ichs Ihnen so ungewöhnlich ist dass man sie unbesonnen nennen
muss
Der Graf hatte sich in einen Lehnsessel geworfen Gottard stand ruhig vor
ihm
Es ist mir lieb Herr Graf dass man Ihnen sogleich meinen Anteil an einer
Sache ausgesprochen die zu berühren ich kein Recht hätte es erspart mir eine
Art Geheimnis die mir drückend wäre Doch gestehe ich nicht geglaubt zu haben
dass dies Wagnis mir Ihren Tadel zuziehen könne wenigstens nicht insofern Sie
selbst dabei beteiligt sind
Ich bitte fahren Sie fort sagte Kronberg sehr vornehm
Ich hatte am Morgen die Nachricht bekommen dass ich die Ehre haben würde
der Gesandtschaft nach Wien vom Ministerium als Kommissarius beigegeben zu
werden und dass Sie Herr Graf Ihr Diplom bereits erhalten ich hatte bis dahin
nur unter der Hand diese Nachricht und noch keine übernommene Verpflichtung
Sie Herr Graf waren schon Gesandter Mich dünkt setzte er mit einer
leichten Verbeugung hinzu dass Sie selbst fühlen müssen dass mir ein innerer
Zwang bereits gebot die Interessen der Gesandtschaft die ich begleiten soll
über die meinen zu stellen Hier im Hause konnte nach Ihrer Ankunft der junge
Mann weder verborgen bleiben noch gefänglich eingezogen werden so musste er vor
derselben Bern verlassen Mir scheint ich habe sehr einfach gehandelt
inwiefern Ew Gnaden Familie dabei ins Spiel kommt kann ich freilich nicht
begreifen
Erstaunt blickte der Graf den Hofmeister an Woher kommt dem Menschen diese
Sicherheit dieser diplomatische Aplomb Er biss sich in die Lippen er war
offenbar zu weit gegangen und Gottard im Vorteil Im Gefühl dieses von ihm
verfehlten Schrittes ward er ärgerlich im Ärger unbedacht denn er setzte
hinzu Wenn wie Sie sagen das Interesse des Staates dem wir nun beide
angehören er legte einen verbindlichen Ton auf die letzten Worte Ihre
Handlungen bedang wenn Sie eine allerdings mich compromittirende Verhaftung des
jungen Mannes mir ersparen wollten wozu fuhr er sehr ernst und gebieterisch
fort mussten denn die Damen ins Spiel gezogen werden
Sie hat ihm alles gestanden sagte sich Gottard aber er blieb
unerschütterlich obschon das Herz ihm in den Halsadern schlug und ein heftiger
innerer Zorn sein sonst so blasses Gesicht rötete
Sophie die Kammerfrau Ihrer Frau Gemahlin wusste um das Geheimnis
erwiderte er kalt so schien mir es der Anstand zu erfordern
Weiß er wen er uns gerettet oder nicht fragte sich der Graf Hat Jean
Karlo geschwiegen
Übrigens fuhr Gottard fort konnte die ganze Sache mislingen und ich
selbst gefänglich eingezogen werden auf diesen Fall wünschte ich meine Ehre
gesichert und meine Papiere die ich versiegelt der Frau Gräfin übergab in
besserem Gewahrsam als sie in meinem Zimmer es sein konnten
Diesen Umstand hat sie mir verschwiegen dachte Roderich Und bei meiner
Frau bei einer Dame glaubten Sie dieselben gesichert
Sie waren nicht der Art der Frau Gräfin irgend einen Nachteil bringen zu
können
Aber unterbrach ihn der Graf mit immer steigendem Ärger ich werde
dennoch nie begreifen wie Sie hierin irgend ein Verhältnis zu meiner Nichte
ahnen konnten
Ahnungen begreift man wohl überhaupt nicht erwiderte Gottard fast lächelnd
aber in durchaus höflichem Tone
Der Graf stand auf ging erst eine Weile im Zimmer auf und ab und stellte
sich dann ans Fenster Er bemerkte drüben seine Frau die noch auf Leontinen
wartete und in unbeschreiblicher Traurigkeit still vor sich hinblickte Das
verstimmte ihn noch mehr Ich bitte Sie Herr Gottard mir aufrichtig zu sagen
was Sie von dieser unglücklichunklaren Geschichte wissen die ganze Sache
greift so traurig in unser Aller Dasein ein
In Ihr Dasein rief Gottard erbleichend Mein Gott da liegt vielleicht ein
zweites Geheimnis vor dessen Fäden ich unbewusst erfasst Ich halte den jungen
Mann für geborgen Durch besonderen Zufall hatte ich den Pass eines verstorbenen
Landsmannes eines Architekten der am Tage vor seiner Abreise von hier
plötzlich erkrankte und verschied er war mit mir vom Rhein hergezogen Das
Signalement passte ungefähr es musste auch dem Glücke etwas zu tun übrig
bleiben Geld hatte der Graf Ich war über des Nachbars Dach zu ihm geklettert
weil er auf mein wiederholtes Pochen an seine Kammertür nicht öffnete und ich
nicht Madame Sophiens Losungswort wusste Als ich ans Fenster klopfte
entschloss er sich endlich mich zu hören ließ mich aber nicht sogleich ein
sondern begann unsere nähere Bekanntschaft damit mir ein Pistol auf die Brust
zu setzen
Den Teufelskerl amusirt die Gefahr dachte Kronberg und seine Jugend flog
ihm wie eine Lichtwolke vorüber
Gottard erzählte fort Allmälig überzeugte ich ihn wir verständigten uns
ich stieg durchs Fenster zu ihm ein er gab meinen Gründen nach Einen
Hausschlüssel hatte ich und wir verließen vor Tagesanbruch zusammen das Haus
und er die Stadt
Und fragte Roderich und er sagte Ihnen wer er sei
Gottard zögerte einen Augenblick dann erst antwortete er Allerdings es
war der Jüngere der beiden Grafen Viatti
Und wie erfuhr meine Nichte
Er schrieb ihr ich machte die Aufschrift und legte das Blatt in die
Stadtpost
Und Sie wussten dass ein Preis auf seinem und seines Oheims Kopf steht
Wenn ich das nicht gewusst was hätte mich dann vermögen sollen meine eigne
Existenz zu gefährden
Herr Gottard sagte der Graf kurz das Alles hätten Sie für mich als
Gesandten getan
Gottard ward todtenblass die directe Frage überwand ihn er war nicht
darauf gefasst
Kronberg maß ihn von Kopf zu Fuß in den Triumph des mühsam errungenen
Sieges mischte sich das Gefühl einer undeutlichen Qual und eines sich
steigernden stolzen Widerwillens er sprach nun sehr besonnen Und wenn die
Sache mislang junger Mann Und wenn Ihr unbedachtsam rascher Schritt den Grafen
Viatti dessen Verhältnisse nicht zu kennen Sie vorgeben aufs Schaffot
gebracht hätte was dann Mit ihm sterben Davon konnte keine Rede sein ich
musste Sie retten und hätte ich Sie für wahnsinnig ausgeben müssen und hätte
Sie gerettet aber brachte Sie das Ihrem phantastischen Ziel auch nur um eine
Linie näher Welche fabelhafte Brücke hofften Sie aus diesem Wagstück sich zu
erbauen Von der Sonderbarkeit des Mittels sich bemerklich ausgezeichnet oder
gar vorgezogen zu machen wollen wir gar nicht reden
Jetzt verstand Gottard wirklich nicht Langsam wiederholte er Bemerkt
vorgezogen Hatte denn der Graf eine Ahnung einen Verdacht Ihn überschlich
eine schneidende Eiseskälte die sein Blut erstarren machte Er schwieg
Es sollte mir unsäglich lieb sein nahm Kronberg das Wort wenn Sie mich
wirklich nicht verständen
Und doch erwiderte der junge Mann muss ich nun um eine Erklärung Sie
ersuchen Vor etwa vier Wochen begegnete Professor Schulz zuerst auf der Treppe
Ihrer Etage dem Grafen dasselbe geschah mir wenige Tage darauf bei einem
Auflauf in der Gasse den die Arrestation einiger Karbonaris veranlasste es ward
mir nun die Gewissheit dass mehre Mitglieder Ihres Hauses um seinen Aufenthalt in
Bern wussten und vielleicht auf unvorsichtige Art denselben zu verbergen suchten
Eine Woche später im Augenblicke der wiederholten Bekanntmachung einer sehr
geschärften Fremdenordnung die ihm die Flucht abschnitt entdeckte ich sein
Versteck Gestern erfuhr ich Ihre Rückkehr und Ernennung zum Gesandten in Wien
es war leicht die Unannehmlichkeiten zu erraten welche Ihnen aus dieser
Angelegenheit entstehen mussten Die Verhältnisse in denen Graf Viatti hier im
Hause stand oder mir zu stehen schien
Also wussten Sie es doch
Ich erwähnte ja wohl schon dass ich Sophiens Worte ce nest pas lui
zufällig gehört Mir schien die einzige Lösung aus einem Gespräch mit ihm
erwachsen zu können ich bat ihn um Offenheit und gestand ihm dass ich selbst
Wie Sie wagten Doch freilich Sie wollten ihn retten Aber um welchen
Preis Also weiß ers nicht setzte er innerlich hinzu
Um welchen Preis Herr Graf Jetzt verstehe ich in der Tat gar nicht was
wollen Sie sagen Darf ich bitten
Mein Gott Sie sagen ja selbst dass Sie ihm Ihre unsinnige Schwäche bekannt
und ich sehe dass er diesen Wahnsinn benutzt hat Es begreift sich allenfalls
was konnte ihm am Ende eine solche Rivalität schaden
In diesem Augenblick verwirrten sich Gottards Ideen wie vorhin die des
Grafen er hielt den Übergang für eine Falle dass Kronberg während des ganzen
Gesprächs vorausgesetzt Gottard habe eine Neigung zu Leontinen gefasst und
deshalb ihn mit allem Stolze seines Ranges und seiner bisherigen Stellung
behandelt fiel ihm nicht entfernt ein Er wurde verlegen und fand nicht
sogleich eine Antwort
Da es jetzt auf die Möglichkeit unseres Beisammenseins ankommt da ich nur
höchst ungern die Karrière eines talentvollen jungen Mannes störend unterbrechen
möchte so erlauben Sie mir schließlich noch eine Frage Haben Sie je gewagt
sich auszusprechen irgend Jemanden eine Torheit einzugestehen die weiß
Leontine
Das Fräulein Wie kann ich das wissen Herr Graf
Nun jedermann weiß doch ob er sein Gefühl verrät Haben Sie irgend Gründe
zu glauben dass das Fräulein Ihre Leidenschaft erraten hat
Ich eine Leidenschaft für das Fräulein Gottards Augen wurden starr er
sah blaue und rote Funken und keinen äußeren Gegenstand mehr
Und für wen denn sonst fragte der Graf
Beide Männer schwiegen sie standen plötzlich als Todfeinde einander
gegenüber Hier konnte kein Wort mehr ausgesprochen werden
Wie bei vielen Männern deren Eitelkeit an die Stelle einer Herzensforderung
tritt war in Kronbergs Seele ein wunder Fleck das instinctmässig erratende
Gefühl von seiner Frau nicht eigentlich geliebt zu sein Der Quell dieser
schmerzenden Empfindung war zugleich der eines stolzen Verbergens seiner
geheimen nagenden Eifersucht lieber würde er Annen einem Abgrund von Schuld
und Reue zugeschleudert haben als dass er jemals diese Schwäche einer
Leidenschaft eingestanden hätte deren Äußerung er aufs Tiefste verachtete
Nach diesen Andeutungen wird man begreifen wie er nach kaum minutenlangem
Schweigen ohne weiteren Übergang sogleich mit Gottard von den Kindern zu
reden begann deren so höchst vorteilhafte Entwicklung er dankbar pries und
zugleich sein höchstes Bedauern darüber aussprach dass die neue Lebenswendung
Gottard natürlich nicht mehr erlauben werde sich ferner mit der Erziehung
derselben zu befassen da ernstere und höhere Pflichten es ihm von jetzt an
unmöglich machen müssten Glauben Sie mir schloss er im wohlwollendsten Tone dass
ich die Größe dieses Verlustes für meine Knaben schmerzlichst zu schätzen weiß
Indessen wäre es Torheit daran auch nur zu denken
Gottard stiegen die Tränen in die Augen Er fühlte sich mit einem Male aus
jedem Zusammenhange mit der Geliebten losgerissen er empfand den trennenden
Schnitt der die Bande des heiligsten Vertrauens zwischen ihnen löste er sah
sich auf eine ganz einfach herbeigeführte Weise gewaltsam aus dem Hause ins
Weite hinausgestossen verbannt und doch geschah das Alles so natürlich die
Kinder die seinem Herzen so nahe standen mit deren Interesse jede Faser ihres
Lebens ihm verwachsen schien sah er durch ein einziges Wort sich geraubt er
vermochte keine Erwiderung zu finden
Möchten Sie junger Freund fuhr Kronberg mit fast väterlicher Güte fort
seine schöne Gestalt hoch aufrichtend indem er jetzt mit jeder Sylbe eine
größere Herrschaft über sich errang möchten Sie jede neue Lebensstellung so zu
Ihrem Vorteil einnehmen jede Forderung so völlig genügend erfüllen als dies
bei uns geschehen ist Ich dringe nicht in Ihr Geheimnis in Bezug auf den
Grafen ich bitte Sie Ihrerseits nicht erforschen zu wollen welche
Verpflichtung die Meinen hatten ihn zu retten Nehmen Sie meinen Dank für das
was Sie wie ich jetzt einsehe im Einklang mit unsern Empfindungen ohne
Kenntnis der näheren Umstände getan Sie haben obschon unvorsichtig dennoch
edel gehandelt und ich freue mich Ihnen dies als Ergebniss unseres langen
Gesprächs sagen zu können Er wandte sich freundlich mit der Hand grüßend der
Türe zu
Gottard eilte ihm nach und versuchte dem fast an der Schwelle Stehenden
auseinanderzusetzen dass er wenigstens die Oberaufsicht über der Kinder
Unterricht und den ferneren Gang ihrer Bildung fürs Erste sich zu erhalten
wünsche und dass eine Stellung wei die ihn erwartende unmöglich seinen ganzen
Tag in Anspruch nehmen könne Er sprach beklommen
O bester Herr Gottard sagte lachend Kronberg Sie kennen Wien nicht und
möchten sich einen Atlas von Unbequemlichkeiten und Untunlichkeiten aufbürden
Nein nein seien Sie überzeugt dass ich und die Gräfin die natürlich ganz
einverstanden mit mir ist Gottard wurde wieder totenbleich der Graf sah es
aber kein Zug des triumphirenden Gesichts verriet ihn Niemanden lieber die
Leitung der Erziehung unserer Kinder überlassen möchten aber Sie werden bald
sehen dass es unmöglich ist
Apropos fuhr er fort indem er die Hand auf den Drücker legte Sie werden
wohl tun nach Berlin zu eilen um sich den Herren dort zu präsentiren
Eigentlich wollte ich Ihnen das gleich sagen und vergaß es ich wünschte aber
Sie reisten spätestens morgen früh damit Sie mit uns zugleich in Wien
eintreffen am achten werde ich dort sein
Als sich die Türe hinter ihm schloss stürzte Gottard mit einem lauten
Schmerzensschrei auf das Sopha und barg sein Gesicht tief in die Kissen ihm
war wie nach einer furchtbaren Operation oder als sei ihm das Herz aus dem
Leibe gerissen als dehne sich das lange leere Leben unabsehbar weit aus vor ihm
zu einer Ewigkeit der Pein und des Hasses In diesem Augenblick hätte er kalten
Blutes den Grafen zu ermorden vermocht
Sie sehen sie sehen noch einmal sie sprechen Keine Erdengewalt kein
Gottesfluch kein Himmel und keine Hölle hätten ihn in dem Vorsatze wanken
gemacht
Er ging entschlossen und fast ruhig hinüber denn wenn Leidenschaft und ein
unerschütterliches Wollen zusammenstossen entsteht eine wunderbare dämonisch
über dem Leben schwebende Ruhe er ging geradezu zu Sophien und ließ sich bei
der Gräfin melden
Und er sah sie Welche höhere Natur hätte nicht im Leben eine solche
Gipfelstunde höchster Qual und höchster Seligkeit gehabt die ihr den Maßstab zu
leihen vermöchte für die Minuten dieses wieder einander Gegenüberstehens
Anna hatte fürchterlich mit sich gerungen um sich den Vorsatz abzuzwingen
ihm Leontinens Vermählung zu verschweigen Als sie ihn sah drang ein solcher
Strom der klarsten Lebenswahrheit in ihr Herz dass sie nicht entfernt daran
dachte ihm irgend etwas zu verbergen Als er von ihr ging hatte er ihr
ausgesprochen dass er sein Leben ihrer würdig machen werde Was Beide einander
eigentlich gesagt wusste keines von ihnen es tönte kein einzelnes Wort ihnen
nach von dieser Unterredung was sie von einander wussten war wie ein
ursprünglich Angeborenes in die tiefste Tiefe ihrer Seele gesunken
Als Gottard aufstand um zu gehen fiel ein unermesslicher Schreck wie eine
erdrückende Gewalt auf Annens Geist sie starrte ihn sprachlos an und streckte
unbewusst die Hand aus als wolle sie ihn halten Er fasste diese weiche Hand und
küsste sie sanft Gräfin sagte er die Augen fest in ihr Herz schlagend als
sollten sie auf ewig darin wurzeln Sie haben einmal gefragt ob ich ein
lebenslanges Verstehen und Festalten des Herzens zu begreifen zu glauben
vermöchte Was der Mensch in das erwidernde Wort zu legen vermag ist wenig er
ist ein Bettler wenn er spricht ein Bettler der sich mit geborgten Lumpen
kleidet die seiner Seele nicht passen dennoch habe ich geantwortet weil Sie
fragten In dieser Stunde die mich von Ihnen bannt und doch zum ersten Mal
das fühle ich jetzt mit überraschender Gewalt mich Ihnen frei gegenüberstellt
lassen Sie mich Sie auf die Antwort verweisen die Ihnen mein Leben geben wird
Er schwieg einige Sekunden um das Beben seiner Stimme zu bemeistern und wie
eine plötzliche Jugend überflog die himmlische Schüchternheit der Liebe seine
Züge eine weiche schmerzliche Zaghaftigkeit verwandelte den festen Mann wie
durch Zauber zum Jüngling Der Laut haftete fest auf den zögernden Lippen
endlich entrang sich ihnen ein leises kaum hörbares Leben Sie wohl vergessen
Sie nicht dass ich meines Daseins Blüte und Frucht auf Ihren Weg gelegt nicht
als ein Opfer o nein er schlug die Augen aufwärts aber ohne den Mut sie
anzusehen blickte er nur vor sich hin in die Weite des blauen Himmels nur
als Ihr Eigentum
Was wollte denn Herr Gottard fragte eintretend der Graf
Seine Papiere holen und mir Lebewohl sagen
Kronberg bemerkte das convulsivische Zittern ihrer Stimme sehr genau Er
schwieg setzte sich aber zu ihr aufs Sopha und blieb den ganzen Abend bei ihr
Sie sprachen von gleichgültigen Dingen selbst Leontinens schwer bedrohtes
Geschick wagte keines zu berühren Josephine und ihre Tochter schrieben an
Geiersperg
Kronberg war entsetzlich aufgeregt er litt tausendfache Qualen mit
angespannter Kraft beherrschte er jeden Blick jedes Wort Seine frühere Liebe
für Anna war momentan erwacht in all ihrer Stärke das Recht auf ihren Besitz
die Willenlosigkeit mit welcher sie jeden Ausdruck desselben ertrug und der
ihm ganz fremde Anblick der Leidenschaft in diesen Augen die für ihn stets nur
Wohlwollen Güte einen freundlichen Blick gehabt in jahrelangem Beisammensein
in jahrelanger Hingebung drangen wie ein zweischneidiges Schwert in sein Herz
Roderich war eine heftig sinnliche Natur aber poetisch dabei poetisch und
verfeinert bis zur Selbsttäuschung umkränzte er den Becher des Genusses mit den
Rosen der Phantasie Wo keine Liebe ihm entgegenlachte nahm er den Schein
derselben in willkürlicher Übertreibung dafür hin aber er war dennoch viel zu
klug um die gewaltige durchleuchtende Wahrheit des Daseins einer solchen
Liebe wie er sie empfunden zu haben wähnte und vergeblich in seiner Frau
gesucht in ihrer strahlenden Gegenwärtigkeit in der ihn marternden Realität
die seine Eifersucht so peinlich stachelte zu übersehen
Es wird vorübergehen sagte sich seine Eitelkeit Aber was ists Sein
Äußeres er hatte das Gefühl schöner zu sein als Gottard also seine
Jugend In dieses Analysiren ihres Gefühls mischten sich ihm die heterogensten
Empfindungen des Stolzes einer misachtenden Erinnerung an Annens frühere denen
Gottards ähnliche Verhältnisse und ihrer Anhänglichkeit an dieselben mit der
ihn vernichtenden Angst vor einem möglichen Ridicule
Gegen Abend stürzte Egon in Tränen gebadet ins Zimmer und an Annas
Brust Mutter Mutter lass mich mit Herrn Gottard gehen bei ihm bleiben
Herr Gottard kommt wieder sagte Anna weich
Ja aber er wird in einem andern Hause wohnen fuhr der Knabe fort und uns
keine Stunden mehr geben Ich mag keinen andern Lehrer wir wollen Beide mit zu
Herrn Gottard gehen
Und Vater und Mutter verlassen fragte Kronberg streng indem er den Arm des
Knaben ziemlich hart ergriff
Du tust mir weh Papa schluchzte das Kind ich will dich und Mama alle
Tage besuchen aber ich kann nichts lernen ohne Herrn Gottard und wer soll
mit uns gehen und uns alles zeigen Lass mich mit ihm Vater
Kronberg schleuderte zornig den weinenden Knaben von sich der wieder
hinüberlief
Herr Gottard scheint eine Art Hexenmeister sagte er scharf und kalt ich
hasse dergleichen Übertreibungen Hast du dich denn gar nicht um die Kinder
bekümmert dass diese Albernheit so tiefe Wurzeln schlagen konnte
Herr Gottard ist dieser Liebe völlig wert erwiderte Anna stolz er hat
unsäglich viel für die Kinder getan
Roderich lächelte verächtlich Diese MagnetiseursEindrücke sind de mauvais
goût Ich bin ganz froh den Menschen los zu sein obwohl er ein vortrefflicher
Arbeiter scheint und mir in Wien von bedeutendem Nutzen sein wird
Mit großer Anstrengung hatte er dem Anfang seiner Phrase das Ende
angeknüpft Er verließ das Zimmer
»Ich vermag es kaum mehr an die Wirklichkeit meines Glückes zu glauben lieber
Otto« schrieb Vrenely »Seit Anna und Leontine und Alle fort sind ist mir als
habe mir nur wunderschön von dir geträumt wie in den ersten Wochen unserer
Bekanntschaft wo ich kein Auge schloss ohne dein liebes Gesicht sogleich vor
mir zu sehen Es kam Alles so entsetzlich schnell Die Generalin und meine
Leontine schien ein mir unverständlicher tiefer Gram zu beugen auch Anna hat
grausam gelitten Ich ahne wohl einen Teil doch nicht den ganzen Umfang ihrer
Schmerzen aber wenn ich die edle Frau und ihre Verhältnisse betrachte muss ich
die Augen niederschlagen sie steht so einsam mitten unter den Ihren wie ist
mir doch das Glück einem vollen Blütenkranz gleich vom Himmel auf die Stirn
gefallen
Du könntest Annen noch in einem der Nachtquartiere sehen da sie der Pferde
wegen so gar kurze Tagereisen machen jedoch das Alles schreibt sie dir selbst
ich möchte dich nur leise bitten dir die Freude nicht zu versagen meint ich
nicht dein liebes Herz sei der beste Berater Ach mein Otto ich möchte um
die Welt nicht dass du Annen jemals vergässest kann ich gleich nicht recht
ausdrücken warum
Lass uns vereint unsre Kraft anwenden ihr den dornenreichen Weg zu
erleichtern diese Wege über die sogenannten Höhen des Lebens sind so öde so
traurig Man verarmt im Steigen und verliert alle Kleinode und Blütenschätze
die man in den stillen Tälern errungen sie haben den Glanz und das Eis unserer
Alpenpfade aber sie scheinen mir gefährlicher und grausamer als unsere
Gletscher mit all ihren drohenden Schrecken«
Es war ein trüber kalter Samstagsmorgen als Otto dies und Annens
Abschiedszeilen erhielt Er hätte hin gekonnt er ließ sich ein Pferd satteln
und ritt es auf halb ungebahnten Wegen todtmüde übernachtete in einer
Dorfschenke im Gebirg und kehrte erst am Sonntag Abends spät nach Basel
zurück als ihn die MontagsKollegien zwangen jeden Gedanken an ein nochmaliges
Wiedersehen wieder Scheiden Annas aufzugeben
Nach vierundzwanzig Stunden lag er an einem nervösrheumatischen Fieber
darnieder doch seine kräftige Natur überwand es bald Er stand auf ermannte
sich gewaltsam las seine Kollegien arbeitete im Laboratorium und lebte so von
einem zum andern Tage
Vrenely hatte entsetzlich gelitten durch sein Schweigen aber nicht zum
zweiten Male geschrieben Endlich schrieb er ihr auch dass er krank gewesen
Annen aber erwähnte er mit keinem Worte
»Ich danke dir« schloss sein Brief »damit begann mein Verhältnis zu dir
damit lass mich fortfahren bis zum Ende Ich danke dir dass du bist wie du bist
dass du mich kennst und mich verstehst Vertraue mir ferner und lass mich
gewähren reden schweigen wie es das Herz in mir verlangt auch ohne Laut
Teuerste wird es dem deinen immer antworten«
Balsamisch weich legte sich das Frühjahr auf die ermüdete aus manchen Wunden
noch blutende Erdenwelt im größeren Teile Europas war eine momentane
politische Ruhe eingetreten in Wien bereitete sich König Johanns Übergabe des
brasilianischen Trons unter den Diplomaten vor in der Gesellschaft wogte das
gewohnte Kunst Liebes und Intriguenwesen wie immer Es war noch früh im Jahr
im Salon war es noch Winter draußen jubelten die Lerchen auf die goldnen
Sonnenstrahlen küssten die Blütenknospen der Veilchen Marien und Sternblümchen
wach Seit den auf den vorigen Seiten erzählten Ereignissen war über Jahr und
Tag vergangen Die Einzelnen des früher in Bern versammelten Kreises waren
auseinandergerissen andere neue Glieder an deren Stelle in der Kette jener
scheinbar so eng verbundenen Existenzen eingefügt das Wechselspiel des Lebens
hatte in mancher Beziehung sein Recht geltend gemacht
Annas Herz war nicht heiterer geworden gleichgültigen Auges sah sie auf
die belebten Straßen und glänzenden Equipagen auf das anmutiglaute wohlhäbige
wiener Volksleben nieder das durch dieselben hinwogte und an welchem ihr
leichter Wagen sie vorübertrug Sie hatte nach beendeten Ferien ihren Egon in
sein Institut zurückgebracht nun war es wieder leer um sie wohin sie auch
blickte
Jetzt fuhr eine glänzende Stadtequipage heran Anna schreckte zusammen und
entfärbte sich ihr Blick ruhte eine Sekunde lang fast ängstlich auf den
spiegelhellen Scheiben des Wagenfensters es ward rasch niedergelassen Kronberg
grüßte sie freundlich verbindlich fast wie ein Fremder und sie flogen
einander vorüber
Als sie in ihr Kabinet trat um vor der Soirée noch ein Stündchen zu ruhen
saß ihr alter invalider Freund St Luce bereits in demselben Sie schon hier
lieber General Das ist freundlich von Ihnen dass Sie mich erwarteten sagte sie
leichthin
Sie wissen verehrte Freundin dass ich mich gar nicht gern so rottenweise
mit dem ganzen Trosse Ihrer Anbeter zugleich begrüßen lasse erwiderte er indem
er ihr seine einzige Hand bot ihm fehlte ein Arm auch habe ich auf ein
Plauderstündchen in Ihrem Boudoir gerechnet wenn Sie nicht noch Toilette
machen
Nur eine fertige Koiffure drücke ich mir auf den Kopf ich bin sogleich
wieder bei Ihnen Sie verschwand durch eine Seitentür und kehrte nach wenigen
Minuten im schwarzen eleganten Gesellschaftskleide und dem zierlichen ebenfalls
schwarzen Aufsatz zurück Nun General was haben Sie mir Neues mitgebracht
Une pensée erwiderte lachend der Gefragte und zwar in Stiefeln und Sporn
Das Gespräch wurde französisch geführt Ich sagte besser noch auf deutsch
»ein Vergissmeinnicht« ich habe den ehemaligen Besitzer Ihres Postörnchens
Ihren Monsieur August aufgefunden
Ach Sie sind wahrhaftig eine Art HexenSchatzgräber und höchst glücklich im
Finden
Dies Mal nicht ganz Raten Sie einmal wer es ist
Wie kann ich lieber General
Mein alter Bediente und ehemaliger Reitknecht August der mich seit zwölf
Jahren nicht verlassen hat und dem unzählige Mal die Gnade geworden Ihnen in
oder aus dem Wagen zu helfen
Ists möglich das freut mich ungemein Aber dass mir das nie geahnt
Zwölf Jahre ist der alte Kerl in meinem Dienst ihm fehlt glücklicherweise
nur der Gebrauch des linken Armes aber das Ding bammelt ihm noch zur Seite er
hat nicht wie ich bloß einen armen Stummel aufzuweisen kurz wir helfen
einander eben aus das Schicksal hat uns ja Beide auf einem Felde in einer
Stunde getroffen Zwölf Jahre schweigt der Narr und heute erst heute erzählt
er mir dass er die Frau Gräfin wie er Sie par excellence nennt
Das ist eine Artigkeit für Sie General weil Sie mir die Kour machen
Es war eine bis heute wo er mir sein älteres Recht Sie zu verehren
bewiesen
O schicken Sie mir ihn lieber Freund sagte Anna innig und weich ich bin
ihm noch ein Gegengeschenk schuldig Sie zeigte auf eine kleine Uhr über ihrem
Schreibtische an welcher die ihr von August geschenkte Berlocke hing Leider
ist Monsieur August ein Prophet gewesen und das Postorn bläst die obligate
Begleitung zu allen Hauptmelodien meines Lebens
Wissen Sie auch warum
Vermutlich weil ich nicht mehr gern reise und allzugern gereist habe Was
man in der Jugend wünscht hat man im Alter die Fülle
Geht noch das Alter zu ertragen wenn man sechsundzwanzig Jahre zählt
Sie müssen nun nicht mehr so bestimmt von meinem Alter sprechen General
nicht eher als bis mein ältester Sohn erwachsen ist dann bin ich nach Ihren
französischen Grundsätzen der Galanterie stets ein Jahr älter als er also
positiv jünger als jetzt Aber was meinen Sie wegen der Prophezeiung
Dass Sie uns schwankenden unsicheren Naturen das Bild der Stabilität in der
ewig wechselnden Umgebung zu geben bestimmt sind Sie bleiben überall Sie
selbst Er sah sie mit tiefem Wohlwollen an es überflorte eine Art Wehmut
seine heitere mit Narben verzierte Stirn
Sophie brachte auf einem silbernen Präsentirteller ein Paar weiße
Handschuhe ein Batisttaschentuch und TrauerArmbänder von Lava Anna reichte
ihr den wunderschön geformten Arm um dieselben zu befestigen St Luce sah mit
heimlich vergnügter Bewunderung zu aber er wagte kein Wort Noch immer in
Trauer fragte er endlich
Kronberg fürchtet die Toten nicht erwiderte Anna schwermütig nur die
Lebenden sind ihm unbequem
Ist Ihr Bruder noch in Wien
Leider
Kann ich etwas für Sie tun
Sie schüttelte traurig das Haupt Morgen lieber Freund jetzt muss ich mir
die Augen hell erhalten Sophie hat das Zeichen zum Aufbruch gegeben Ihren Arm
General
Sie traten in den Gesellschaftssaal und fanden dort bereits einige Herren
versammelt die der Gräfin Ankunft erwarteten Bald vergrößerte sich der Kreis
Duguet machte den Maître dhôtel und führte die Aufsicht über eine glänzende
zahlreiche Dienerschaft Es war eine Reihe Zimmer geöffnet in der eine sehr
verschiedenartige Menge sich hin und her bewegte denn die Gesellschaft war
keine besonders für diesen Abend eingeladene sondern einer der gewöhnlichen
Empfangstage der Kronbergs hatte den bunten Kreis gebildet Anna machte
unvergleichlich die Honneurs sie vergaß Keinen hatte für Alle Blicke Worte
Aufmerksamkeit sie störte keine einzige Koterie keine partie carrée keine
Unterhaltung Zweier die unter funfzig Menschen allein zu sein glaubten sie
übersah keinen von Langeweile Bedrohten kein erstes Auftreten keine
schüchterne Unsicherheit und tat das Alles so leicht so ganz ungezwungen
natürlich dass jedem Einzelnen war als bescheine gerade ihn die Sonne ihres
Wohlwollens Die jungen Männer umdrängten sie mit ungeheuchelter Bewunderung
die hübschesten Frauen vergaben es ihr nur konnte Niemand von ihnen begreifen
dass sie die so allgemein Ausgezeichnete kein einziges der ihr von allen Seiten
gebotenen Herzen annahm dass man nirgends die Anknüpffäden eines werdenden
Verhältnisses gewahrte obschon ihr aus manchem Auge mehr als gewöhnliche
Teilnahme entgegenleuchtete obschon unter dieser Männerschar mehre einer
mühsam gezügelten Glut der Leidenschaft für sie beschuldigt wurden die
anmutige Frau nahm das Alles hin als müsse es so sein es überraschte sie
nicht vielleicht war ihr darum auch gar nichts gefährlich
St Luce schien in ihre Nähe gebannt er hing an ihrem Auge am flüchtigsten
Ausdruck ihrer Züge er bewachte sie wie ein geliebtes Kind und suchte den
kleinsten ihrer Wünsche zu erraten Es hatte etwas seltsam Rührendes dies
stille um sie Hergehen ohne allen Anspruch Er stand noch im kräftigen
Mannesalter aber die schweren schlecht geheilten Wunden der bei Montmartre
zurückgelassene Arm das steif gewordene gelähmte Bein hatten ihn fast zum
Greise gemacht sie ließ ihn um zehn bis zwölf Jahre älter erscheinen als er
war Dass ihn ein sehr warmes Freundschaftsgefühl zur schönen Deutschen hinzog
und ihn an ihre Schritte fesselte ließ sich leicht bemerken doch lag in der
sonderbar verlassenen Stellung der jungen Gräfin eine wunderliche
Entschuldigung dass sie eines führenden Arms eines freundlichen Beachtens
bedürfe sah Jedermann und somit schien die Wahl des ältesten ihrer Verehrer
zum steten Begleiter ihr nur den allgemeinen Beifall sichern zu können
Seit vielen Monaten schon stand Anna wirklich allein in der Gesellschaft
wie im Leben Ohne das Gefühl einer ihn peinlich nagenden Eifersucht verloren zu
haben hatte Roderich damit begonnen ihr eine volle ja vielleicht übertriebene
äußere Freiheit aller Handlungen gewaltsam aufzudringen Nach und nach hatten
sich dem heimlichen Ingrimm dieser sorgfältig verhehlten Leidenschaft noch
andere Gründe zugesellt seine Frau auf eine Weise zu vernachlässigen die weder
mit seiner öffentlichen Stellung noch mit den damaligen wiener Gewohnheiten und
Sitten der großen Welt im Einklange stand so leicht dieselben auch waren
Daran tut er indessen nicht besonders Unrecht sagte Baron Lutbert man
kann doch wahrhaftig nicht Zeitlebens in seine eigene Frau verliebt bleiben Und
übrigens ist ihr alter Verehrer St Luce auch nur eine Übergangsperiode
Die kleine Kapacelli ist allerliebst Man sagt Kronberg wird sie gar nicht
wieder auftreten lassen
Ganz gut erwiderte Herr von Feldenau aber man muss die Dehors beobachten
Dass er die Sängerin in seiner eigenen Equipage fährt ist unverantwortlich er
kann ihr ja ihren besonderen Wagen halten
Sie meinen weil sie keine Frau von Stande ist
Ja schauens mein bester Baron Verhältnisse der Art wird es geben so
lange die Welt steht Aber jede Dame aus unserem Kreise kann uns die Gnade
erzeigen unserer Equipage sich zu bedienen das fällt nicht auf da ist nichts
dagegen zu sagen aber so ein hübsches Weibchen sie ist die Kapacelli Das
Gespräch ging in leises Flüstern über Ach was sagte endlich Lutbert wir
haben es Alle nicht besser gemacht
Es schlug zehn Uhr Kronberg trat eben mit einigen Herren vom
Diplomatencorps in den Saal Die Theater waren zu Ende die Gesellschaft
vergrößerte sich und wurde lebendig Es ward Musik gemacht und in einem
Nebensaal tanzten die jungen Leute
Nein sagte eine schöne blasse Frau mit tief blauumringelten Augen ich mag
dies kalte Feuer nicht man hat keinen solchen Blick ohne innere
Empfänglichkeit Die Gräfin Kronberg spielt Komödie und täuscht uns Alle ich
mag dies Andersscheinen als man ist nicht
Mein Gott erwiderte ihre Nachbarin sieht denn Niemand dass diese arme Frau
nur kalt scheint weil sie an innerer Glut zusammenbricht
Die Meisten sehen es wirklich nicht ich möchte aber das Zauberwort kennen
das ihr inneres Leben löst ich lese es auf keiner dieser Stirnen
Geben Sie Acht da ist er bemerkte hinter ihnen eine Stimme
Aus der Türe des Nebensaals trat Gottard sein fragender Blick suchte
Annen
Ein interessanter Kopf sagte die blasse Frau Wer mag das sein
Gottard war eine halbe Stunde früher von Berlin zurückgekommen wo er mehre
Monate zugebracht Kronberg hatte Annen noch gar nicht wieder gesprochen und ihr
folglich kein Wort von dessen Ankunft gesagt Mitten in der ernstesten
Unterhaltung mit einigen Koryphäen jener Tage hatte er den Kopf so gewendet dass
er Beide beobachten konnte
Gottard sah es im Spiegel aber er hatte sie drei volle Monate nicht
gesehen seine Züge drückten das Aufjubeln seines Herzens aus Annas Gesicht
überflog ein brennendes Rot Beide grüßten sich zugleich und begannen schon
nach den ersten Bewillkommnungsformeln ein langes Gespräch in dem sie
eigentlich nichts sagten und dennoch Jedes von ihnen unendlich viel zu verstehen
meinte
Den liebt sie fragte die blasse Frau Aber wer ist es wiederholte sie
Ein junger Envoyé des preußischen Hofs nicht eigentlich der Gesandtschaft
attachirt aber doch mit ihr in Beziehung er soll bereits im Ministerium als
Geheimer und Kabinetsrat Sitz und Stimme haben erzählte Gräfin Schlichten
Man sagt er sei ein sie flüsterte ihrer Freundin einen Namen ins Ohr und
werde eine enorme Karrière machen
Jetzt sieht er sie jetzt redet er sie an Die blasse Frau seufzte und
versank in wahrscheinlich düstere Träume und Erinnerungen denn sie wurde noch
starrer und bleicher und sagte kein Wort mehr
Da ist der junge Gottard wieder bemerkte ein ungarischer Offizier seinem
Nachbar Sehen Sie doch welche plötzliche Veränderung in der Kronberg Ein
solcher Blick und ich würfe ihm mein Leben nach wie eine ausgepresste Orange
Bah bah Seien Sie nicht so excentrisch mein guter Fritz Befehlen Sie
AnanasEis Die Frau ist bildschön Nach ihm wird sie accessible werden warten
wirs ab
Sie vergessen dass Sie von der Gräfin Kronberg sprechen sagte fest und
scharf St Luce der hinter den beiden Herren gestanden
Der Offizier maß ihn von Kopf zu Fuß und drehte ihm wie zufällig den
Rücken um dem Tanz im Nebenzimmer zuzusehen Der alte Narr ist auch in sie
verliebt murmelte er vor sich hin
Was tut denn hier ein französischer Ehrenlegionist fragte ein Anderer
Er sitzt als Niobe neben dem Herzog von Reichstadt Früher war er eine
Kreatur Napoleons aber eine der unschädlichen als man den Herzog von
Reichstadt herbrachte
Das arme Kind Ihm sieht der Tod aus den Augen Schon jetzt fühlt er das
Entsetzliche seines Geschicks
Ich bitt Ihnen er ist ganz vergnügt sagte ein dicker behaglicher Major
St Luce ist dem französischen Kaiser sehr attachirt gewesen fuhr der Erste
fort nachdem er ihm in den Schlachten von Leipzig und Montmartre seine
Gliedmaßen geopfert ist ihm nur das Herz geblieben das ihn dem Knaben nach
hierher gezogen hat Man hat ihn anfangs beobachtet aber Das Gespräch
verschwamm wieder im allgemeinen Stimmengebrause
Unterdessen standen Anna und Gottard noch mitten im Saale sie hatten die
Außenwelt vergessen
Wie anders hatten die anderthalb Jahre Gottard zur Welt und zu Annen
gestellt Sein ungewöhnliches Talent hatte ihn dem Ministerium nach so kurzer
Zeit schon unentbehrlich erscheinen lassen Noch hatte freilich seine Lage durch
die Vielseitigkeit seiner Arbeiten welche wiederholte Reisen zwischen Wien
Berlin und den älteren Provinzen veranlassten keine äußerlich bestimmte Form
erhalten können Er hatte den Titel als Geheimerrat nur bekommen weil man ihm
einen Rang geben musste er schien zu jung um ihn zum wirklichen Kabinetsrat zu
machen was jedoch irgend mit dem gewohnten Hergang verträglich war für ihn
geschehen und die eiserne Konsequenz die er in den schwierigsten
Angelegenheiten der Verwaltung und Gesetzreformen mit der klarsten Auffassung
einte hatten ihn längst mit Kronberg in gleiche Linie gestellt dem diese
Superiorität allmälig immer lästiger zu werden begann
In der ersten Zeit ihres wiener Aufenthalts hatte Anna Gottard öfters im
Hause gesehen er hatte es versucht wenigstens durch Gespräche mit ihr der
geliebten Kinder Unterricht noch eine Weile fortzuleiten aber mit der ihm
eigenen gewandten Hartnäckigkeit war es Kronberg dennoch gelungen ohne irgend
ein Dehors zu verletzen ihn nach und nach immer ferner zu stellen Anna hatte
die nicht zu bergende Abneigung ihres Gemahls gegen ihn für gekränkten Ehrgeiz
gehalten und schwer aber geduldig getragen
In dem Kreise eleganter aber ihr nicht gefährlicher junger Männer mit
denen Kronberg seine Gemahlin umgab und aus welchem er Gottard möglichst
auszuschliessen suchte begann deren Schönheit ein immer größeres Aufsehen zu
erregen Unter den eigentlichen Diplomaten hatten Gottards meisterhaft in die
seinen eingreifenden Arbeiten dem Grafen längst den Ruf eines ausgezeichneten
Staatsmannes erworben die ausgesuchte elegante Bewirtung seiner zahlreichen
Gäste hatte ihm den Namen eines Millionärs verschafft und seiner stets
unruhigen Eitelkeit war demnach für den Augenblick eine äußerst seltene volle
Befriedigung geboten
Nur im tiefsten Innern seines Herzens nagte unausgesetzt der Wurm der sich
stets erneuenden qualvollen Überzeugung dass diese schöne geistreiche von der
ganzen sie umflatternden Männerwelt ihm beneidete Frau ihn nicht liebe nie ihn
geliebt habe und dass ein Mensch ohne Rang und Namen den kostbaren Schatz
erhoben zu dessen Hüter ihn das Geschick wie zum Hohne eingesetzt
In diese Periode fiel des Generals Bekanntschaft St Luce gehörte zu den
alten Anhängern Napoleons die ohne Eingriffe in den von ihnen als unvermeidlich
erkannten Gang der Ereignisse in stiller Trauer überall am Grabe ihres Kaisers
zu stehen scheinen ein wandelndes Mausoleum seiner einstigen Größe das noch
lange ihn überdauern wird
St Luce war ein Arm abgenommen ein Fuß gelähmt an unbefugte Einmischung
in die durch Bonapartes Tod ihm gleichgültig gewordene Politik des Tages war
nicht zu denken So ließ man ihn da er ohnehin mehren fürstlichen Familien
Oesterreichs als unverdächtig bekannt war ruhig sein kleines Erbteil in Wien
verzehren wo seine Seele aus dem Anblick des geliebten Kaiserkindes eine Art
innerer Lebenskraft einzusaugen schien
Anfangs hoffte er viel für dessen Zukunft Blüte um Blüte streiften die
Jahre diesen geheimen Hoffnungen ab St Luce musste den Keim des Todes langsam
das junge Leben überwachsen sehen doch hoffte er immer selbst noch früher als
der geliebte Knabe zu sterben und konnte sich nicht entschließen die Stätte
des sich langsam öffnenden Grabes vor dem gefürchteten Augenblick zu verlassen
Da kamen Kronbergs nach Wien Die Episode in Frau von Waldaus Hause die dem
jungen Manne eine so freundliche Erinnerung hinterlassen tauchte mit erneuter
Lebendigkeit vor seinem halb erstarrten müden Geiste auf er sah Annen wieder
und das ganze Herz ward ihm wach
Der alte Krieger liebte die schöne Frau mit aller Kraft die ihm geblieben
aber er hätte selbst den Saum ihres Gewandes vor jedem Flecken hüten mögen er
ward ihr treuester Freund folgte ihr wie ihr Schatten war ihr Kavalier sans
consequence helas wie er selbst zu sagen pflegte und Kronberg tat alles
Mögliche diese ihm sehr bequeme Anhängligkeit des alten Verehrers zu beschützen
und zu proniren
Als Gottard sich mit der feinsten Berechnung aus dem Hause ja so viel wie
möglich sogar aus dem Gesellschaftskreise verwiesen fühlte der Annen umgab
erwachte ein furchtbarer Zorn in seiner Seele Anfangs kochte und tobte nur der
wilde Wunsch nach Rache in ihm er war entschlossen den ihm an Talent weit
untergeordneten Kronberg sinken zu lassen ihn zu Grunde zu richten ihn fühlen
zu machen welche Gewalt er über Annas Herz habe was er tun könne ihn
brannte das Bewusstsein des so ganz unverdienten Mistrauens das ihn getroffen
wie eine glühende Kohle fortglimmend in immer wachsender Glut Bald aber siegte
seine edlere Natur Mit erneuten Kräften begann er auch in der ihm
aufgedrungenen Ferne Annas Geschick in Kronbergs Händen zu bewachen und wo
irgend die Umstände es gestatteten zu erleichtern Und leider bot gar bald von
zwei Seiten zugleich sich hierzu die Gelegenheit
Kronberg hatte sich durch die immerwährende Anstrengung seine Eifersucht
zu verbergen und sich anders zu geben als er in diesem Augenblicke wirklich
war in eine so grimmig Alles negirende Stimmung versetzt dass ihm jedes längere
Zusammensein mit Annen unerträglich ward Sah sie ernst oder traurig aus so
schien sie ihm in Liebesgram sich zu verzehren war sie heiter so glaubte er
sich betrogen und sein klarer Geist ertappte sich selbst auf den
abenteuerlichlächerlichsten Vermutungen Als ihm gelungen war Gottard fast
ganz aus ihrer Nähe zu verdrängen ward jedes unnötige Gespräch mit ihr ihm
doppelt peinlich denn zu seinen übrigen Qualen gesellten sich die eines
unreinen Gewissens und der Erkenntnis eines durchaus verfehlten Schrittes Sehr
bald bemerkte er den innern Kampf seiner Frau und die aus einer unnötigen
Beschränkung erwachsende gesteigerte leidenschaftliche Stimmung derselben er
fühlte dass er das Feuer nur heller angeschürt und in einer plötzlich ihn
befallenden Art Mutlosigkeit versuchte er sich gewaltsam zu zerstreuen
Unglücklicherweise reizten ihn gerade in diesem Augenblicke einige
Neckereien seiner Bekannten Baron Rutberg klagte ihn der Eifersucht an die
ihn zu Hause festalte Kronberg begann Annen zu vernachlässigen sie seltener
zu begleiten und an Rutbergs Seite eine Menge etwas zweifelhafter
Vergnügungsorte und Arten aufzusuchen
Er spielte obgleich nur in guter Gesellschaft hatte abwechselnd Glück und
Unglück und schadete sich nicht bedeutend er unternahm eine Art Touristenronde
durch alle Theater und Volksgesellschaften blieb aber insgeheim gelangweilt
Endlich machte er bei Rutbergs Geliebter die Bekanntschaft einer spanischen
Sängerin die ihn anzog und amusirte Dies Verhältnis dessen lockere Fäden der
innere Überdruss geknüpft ward bald ein ihn fesselndes was trotz momentanem
Selbstvergessen bisher seit seiner Heirat nie der Fall gewesen Und dennoch
blieb er eifersüchtig
Anfangs erfuhr Anna nichts von dem Allen erst als sie Kronberg im Theater
einer Dame in eine grillirte Loge folgen sah als sie derselben Dame in seinem
mit dem Wappen seiner Familie gezierten Wagen begegnete erschrak sie weit mehr
vor dem Unpassenden seines Betragens und dem möglichen Aufsehen als vor dem
Gedanken seiner Untreue vor dem Vergessensein da wo sie so sehr geliebt
gewesen Ein unsäglich betrübtes Gefühl des Irrens im menschlichen Gemüt eine
bange Scheu vor der Vergänglichkeit seiner Empfindungen paarte sich der
mildesten Anerkennung dass sie ihn ja nicht durch Liebe an sich gefesselt Und
wiederum mischte sich dieser edleren Empfindung ein erleichterndes Aufatmen
sie fühlte sich im Innern minder schuldig wohl aber sich und ihn tief
beklagenswert Denn ein ernsteres Nachdenken rief das Bild ihrer Knaben ihr
in die Seele eine solche Liaison musste die Kinder ihr und Kronberg entfremden
und sie zwischen die Eltern stellen Sie beschloss sich von Egon loszureißen und
ihn in eine Pensionsanstalt zu tun und trug Gottard auf ihr eine passende zu
finden
Aus diesem Hinzuziehen des Freundes entwickelte sich die Notwendigkeit
ihrem Gemahl zu verbergen dass jener ihr noch in Rat und Tat beistehe und
somit hatte Kronberg abermals selbst den ersten ihm verheimlichten Schritt des
erneueten Einverständnisses herbeigeführt
Gottards Klugheit verstand ihn zu decken Kronberg ahnte nicht wer ihm das
Erziehungshaus empfohlen in dem er seinen Knaben untergebracht Gottard aber
sah nun das Kind täglich Josephs Nähe glaubte Anna sich noch eine Weile gönnen
zu dürfen der Kleine war jünger und schwächer als Egon
St Luce hatte den jungen Geheimrat kaum zweioder dreimal in Kronbergs
Hause getroffen so war er im Geheimnis obschon keines von ihnen eine Sylbe ihm
anvertraute Er sah sehr bald ein dass Anna zum ersten Male liebe und trotz des
unleugbaren neidischen Verdrusses darüber überflog ihn eine stille wehmütige
Rührung und ein fernes Erinnern der eigenen Jugend
St Luce war von guten bürgerlichen Eltern in der Normandie geboren Die
blutigere Revolutionsepoche fiel noch in seine Kindheit sie hatte ihn nicht
verhärtet ihm war etwas von dem geblieben was die Franzosen in der Provinz
enfant de famille nennen das ihn trotz manchem leichtsinnigen Streich seiner
eigenen früheren Jahre an ein einfaches rechtliches Gefühl auch in Männern
Frauen gegenüber glauben ließ
Es ist traurig dass in einer Menge an Erfahrung reichen Männern der höheren
Stände ein Unglaube entsteht der sie ihr eigenes Geschlecht in Bezug auf das
unsere fast unbedingt des Egoismus und der Unwahrheit anklagen macht noch
trauriger aber dass unzählige Beispiele dies Urteil rechtfertigen und zwar
gerade da rechtfertigen wo eine Menge höchst ehrenwerter Eigenschaften die
Beschuldigung fast unbegreiflich erscheinen lässt
St Luce traute also Gottard zu dass ihn keine unlautere Absicht zu Annen
zog aber ihr Ruf ihr Glück ja selbst ihre Frauenehre schienen ihm deshalb
nicht um ein Haar breit weniger gefährdet
Kronbergs Verhältnis zur hübschen Spanierin war eben bekannt geworden es
war dem alten Freund höchst widerwärtig In einem andern Augenblicke würde er es
leichter genommen haben jetzt aber erklärte er es für eine franche bêtise
welche Annen einem Abgrund zustosse Und dann il ny avait pas regardé de près
denn die Spanierin war dem Grafen untreu das schien nun St Luce nicht des
Spektakels wert den die alberne Geschichte machte und gar unwert der
kleinsten Träne seines Lieblings
Kronberg fühlte sein Unrecht auch aber um so mehr trieb ihn die innere
dämonische Gewalt darin zu beharren Was hätte er dagegen nicht um eine einzige
Träne Annens gegeben wie teuer wäre ihm der Ausdruck der erwachenden
Eifersucht des Schmerzes in ihren Zügen gewesen Ihre sanfte würdige Haltung
empörte ihn gerade weil er sie billigen musste Ihm fiel ein Stein vom Herzen
als während Gottards Abwesenheit ein unangenehmer Vorfall ihn Annen gegenüber
in Vorteil setzte und ihm eine ganz neue mit jenen Empfindungen durchaus nicht
in Verbindung stehende Ursache zur Misbilligung und Unzufriedenheit mit ihr gab
Anna trug die Trauer um ihren Vater der sanft und ohne alle Leiden seiner
Frau ins Grab gefolgt war
Ihre beiden Brüder von denen der eine vier Jahre der andere um eines älter
war als sie hatten nachdem sie mit der Generalin Geiersperg ihre Heimat
verlassen die schon früher gewählten Lebenseinrichtungen festgehalten der
ältere war Militär der jüngere Kaufmann geblieben Unglücklicherweise aber war
der erste durch Verwendung und Rat eines jungen Verwandten verleitet in ein
preussisches Regiment eingetreten und als es später zum Offiziersexamen kam
fand man ihn unfähig dasselbe zu machen Das Nachstudiren zu welchem ihn Vater
und Freunde mit wohlmeinendem Rat anhielten wollte dem bereits über die
eigentliche Lernzeit hinaus Gewachsenen nicht schmecken im Überdrusse des
Mislingens wandte er sich dem praktischeren Artilleriedienst zu und ward endlich
Unteroffizier und Feuerwerker
In einer kleinen schlesischen Grenzstadt vergingen ihm nun mehrere Jahre
ohne irgend eine Spur in Herz oder Gemüt zu hinterlassen
Bei Gelegenheit einer ernstlichen Krankheit die ihm eine Unvorsichtigkeit
beim Manoeuvre zugezogen lernte er die Tochter seines Hauswirts eines
ehrsamen Bäckermeisters näher kennen Er gewann das frische hübsche Mädchen
lieb und sie erwiderte seine Liebe Die im jetzigen Bürgerstande leider etwas
leichter gewordenen Sitten begünstigten ein Verhältnis dessen allzugrosse
Vertraulichkeit den jungen durchaus nicht unredlichen Mann zu einer Verlobung
zwang Das Mädchen war nicht ganz arm auch Louis hatte etwas Vermögen zu
hoffen die Einwilligung der Militärbehörde fand mithin keine Schwierigkeit der
alte Bürgermeister dagegen verweigerte die seine aufs Bestimmteste und
Hartnäckigste Er erklärte sehr ruhig seinem Sohne dass seiner Überzeugung nach
kein Mann eher heiraten solle und dürfe als bis er eine Frau unabhängig zu
ernähren im Stande sei könne mithin Louis nicht ohne den Teil seines Vermögens
auskommen den er der Alte noch selbst zum Weiterleben bedürfe so könne von
dieser Verbindung vorläufig keine Rede sein wenn jedoch der Soldatensold und
die Mitgabe der Braut ausreiche werde er ihm sein Jawort nicht versagen
freiwillig dazu beitragen dass ein Paar unvorsichtige Menschen sich ins Elend
stürzten wolle er nicht Im Hintergrunde der Weigerung lag freilich noch der
Umstand dass der Katholizismus der in Schlesien wohnenden Braut dem alten
Luteraner zuwider war
In dieser peinlichen Verlegenheit denn er hatte das Mädchen wirklich lieb
wandte sich Louis an seine Schwester Als auch ihre Fürbitten beim Vater
nichts fruchteten und Brief auf Brief ihr die traurige Lage des Mädchens
schilderten bei deren Eltern der junge Mann bereits angehalten versprach sie
ihm ohne Kronbergs Vorwissen bis zum Tode des Vaters einen bestimmten Beitrag zu
seiner Wirtschaft den sie ihrem sehr reichen Nadelgelde entnahm
So weit war Alles gut Die jungen Leute heirateten und der Vater gab
obschon widerstrebend seine Einwilligung weil kein gerichtsgültiger Grund
vorlag sie zu versagen auch würde die ihm eigene Art Ängstlichkeit den
öffentlichen Widerspruch immer gemieden haben
Einige Jahre gingen ungetrübt ohne besondere Ereignisse den Eheleuten
vorüber Annen führten sie nach Wien Louis Erstgeborenem hatte sich ein
Schwesterchen zugesellt er lebte zufrieden mit seiner jungen Frau ihre
Verhältnisse blieben kleinbürgerlich was bei seiner Stellung und der
Unbedeutendheit des Städtchens nichts auf sich hatte
Da ward plötzlich das Regiment nach Glatz verlegt und nun reichte das
Einkommen nicht mehr Die Schwiegereltern taten das Möglichste denn die
Tochter wollte ihren Mann nicht verlassen sie kehrten jeden Pfennig um sparten
sichs am Munde ab vergebens In der größeren Stadt ohne den Beistand der
Mutter unter den ihr wildfremden Leuten verstand das arme junge Weib die
kleine Wirtschaft nicht so vorteilhaft zu führen als daheim Louis ärgerte
sich schalt sie wenn sie weinte und lamentirte wurde heftig grob auch in
ihr traten die Mängel der Erziehung ihres niederen Standes vor es ward ganz
ernstlich schlimm und musste doch getragen werden denn die ärmeren Klassen
denken nicht so leicht an Scheidung Katholiken nun gar nicht
Da starb der Bürgermeister Louis erhielt Urlaub seine Angelegenheiten zu
ordnen und eilte nach Thüringen die ihm zugefallene Erbschaft in Empfang zu
nehmen Aber ach des Alten kleines Vermögen in drei Teile geteilt zeigte
sich an Ort und Stelle weit geringer als er vermutet Der zweite Bruder der
unterdessen in der kleinen Stadt in welcher er in Kondition gestanden auch
geheiratet hatte bedurfte der ihm hinterlassenen Summe um sein Geschäft zu
vergrößern und Kompagnon seines Schwiegervaters zu werden mithin konnte ihm gar
nicht einfallen an Unterstützung seiner Verwandten zu denken
Louis beschloss seinen noch nicht abgelaufenen Urlaub zu einer Reise nach
Wien anzuwenden um Annen nicht nur zur Fortdauer seiner Pension und zur
Entsagung ihres Anteils von der Erbschaft zu seinen Gunsten zu vermögen
sondern auch um wie er sich ausdrückte seinen vornehmen Schwager zur Anleihe
einer namhaften Summe »breitzuschlagen« Er hielt sich zu all diesen
Anforderungen vollkommen berechtigt je enger die Gemüter je größer die
Ansprüche das fehlt nie
Anna saß nach einem ganz kleinen Diner mit Kronberg St Luce und noch ein
Paar Herren am Kaffeetische den sich ersterer en petit comité nicht gern nehmen
ließ Geheimnissvoll neigte sich Duguet indem er die silbernen Kannen auf den
Tisch stellte wie zufällig etwas tiefer als nötig und flüsterte ihr zu wo
möglich auf einige Minuten in das Nebenzimmer zu treten Das war noch nie
geschehen sie erschrak und eilte unter einem Vorwande hinüber Hier fand sie
den soeben den Händen der Maut entronnenen mit dickem Staub bedeckten
Reisenden dem sie in ihrer Herzensfreude laut aufjauchzend in die Arme flog
Ach nach wenigen Minuten schon ward diese reine Freude der Schwester
getrübt Louis war zu sehr mit dem Drange seiner eigenen Angelegenheiten
beschäftigt um andern Gedanken Raum geben zu können Die durchaus eigennützige
Absicht seines Besuchs trat sogleich in das grellste Licht Des Vaters Tod
schien als Verlust gar keinen Eindruck ihm hinterlassen zu haben die
Enttäuschung in Hinsicht auf das geerbte Vermögen sprach sich scharf aus Klagen
über sein Geschick und die sehr bestimmte Bitte ihm nicht nur die Pension zu
lassen sondern zu seinem Vorteil der Erbschaft ganz und gar zu entsagen
folgten einander so schnell dass Annen kaum Zeit blieb eine Frage oder ein
erwiderndes Wort einzuschalten Die kleine Summe meinte Louis sei ihr ganz
gewiss entbehrlich er sähe jetzt recht ein wie sie mitten im Golde sitze und
auf der Post habe ihm auch schon Jemand mitgeteilt dass sein Schwager den er
übrigens noch nie gesehen Millionär sei
Anna fühlte sich wie betäubt von dem Allen sie war durchaus noch zu keiner
klaren Auffassung der Umstände gekommen als unglücklicherweise Kronberg dessen
unsinniger Argwohn durch ihr ungewohntes Verlassen der Gesellschaft geweckt
worden ins Zimmer trat
Es folgte eine für Anna sehr schwere halbe Stunde Der junge Unteroffizier
seit Jahren an ganz untergeordnete Kreise gewöhnt verletzte mit jedem Worte des
Grafen Eitelkeit
Abwechselnd verlegen durch die vornehme Haltung und sichtliche
Überlegenheit desselben und familiär mit dem Manne seiner Schwester trug er
seine Geschichte augenblicklich ohne weitere Einleitung auch ihm vor
Kronberg wandte sich ihn unterbrechend zu Annen die ihm leid tat und
bat sie an seiner Statt auf ein Paar Minuten zu den Herren hinüberzugehen um
ihre längere Abwesenheit zu entschuldigen zugleich aber Erfrischungen für ihren
Bruder zu senden der gewiss nach der Reise derselben bedürfe Er winkte ihr
freundlich mit den Augen und versprach dass er sie gleich wieder ablösen werde
Anna hätte natürlich lieber gesehen dass Kronberg drüben den Wirt gemacht
hätte es lag aber nach langer Zeit wieder einmal die edle milde Güte in seinen
Zügen die ihn immer ihr gegenüber den Sieg davontragen ließ und da dem
vollströmenden Redefluss des jungen Kriegers ohnehin kein Einhalt zu tun möglich
schien ergab sie sich in das Unvermeidliche und ging Sehr anmutig sagte sie
den noch um den Kaffeetisch versammelten Freunden dass ein lieber unerwarteter
Besuch aus der Heimat sie heute um die Freude ihrer Gesellschaft bringe und sie
Kronberg allein das Vergnügen sie zu unterhalten überlassen müsse Sie hatte
kaum den Glückwünschen und Bedauern ihrer Gäste Genüge getan indem sie auf
einen der nächsten Tage sie wieder einlud um sich zu entschädigen als Kronberg
wirklich schon kam um sie zu befreien Aber ach der schöne Strahl des
Wohlwollens in seinen Zügen war erloschen und sein convulsivisch
zusammengekniffener Mund sein ganz verändertes Aussehen erschreckten sie bis in
das tiefste Herz
Drüben fand sie ihren Bruder in der Aufregung des heftigsten Verdrusses Er
war im Sprechen mit Roderich immer vertraulicher geworden hatte nicht nur die
von Annen ihm zugestandene Summe jährlicher Rente erwähnt sondern auch
geäußert er habe ihr das eigentlich viel zu hoch angeschlagen wenn er gewusst
hätte wie reich sie sei wie kostbar sie wohne und wie alles um sie her von
Gold strotze so würde ihm doch sehr schwer geworden sein sich nicht mit
größeren Ansprüchen an seine Schwester zu wenden Es sei freilich einmal die
schlimme Einrichtung in dieser Welt dass der Eine in Sammt und Seide einhergehe
während der Andere barfuß laufe aber Geschwister sollten doch immer an einander
halten und was ihn beträfe er sei nur ein armer Schlucker würde aber wenn
Not an den Mann gekommen nie einen Augenblick angestanden haben mit Schwester
und Schwager sein bisschen Salz und Brod zu teilen
Statt Salz und Brod verzehrte er im Eifer eine kalte Rebhühnerpastete und
trank starken Ungarwein und Burgunder durcheinander die ihm Duguet zur Auswahl
hingesetzt Der ungewohnte Wein stieg ihm zu Kopfe und raubte ihm die Besinnung
So fuhr er fort zu peroriren sollte Anna auch denken und wenn sie ein
rechtschaffenes Herz im Leibe habe könne sie ihre Geschwister nicht in Schulden
und Mangel versinken lassen und dasselbe Vertrauen habe er auch zu seinem Herrn
Schwager darum rede er so offen frischweg von der Leber Er und seine Frau
wären freilich nur arme geringe Leute und ihre Freundschaft keine gräfliche
sie gehöre aber zu einem ehrsamen achtbaren Handwerk das seinen Mann redlich
und notdürftig nähre Dass ihn und seine Marie das Unglück betroffen sei nicht
ihre Schuld sein Weib sei brav aber der Herr Schwager könnten sichs ja leicht
selber denken denn er habe solchen Wohnortswechsel ja auch durchgemacht Seine
Frau verstehe in Glatz die Wirtschaft nicht so knapp und vorteilhaft zu
führen Annen werde es anfangs wohl auch sauer geworden sein an fremden Orten
Kronberg lächelte in seinem ganzen Leben hatte er noch nicht mit Annen von
der Wirtschaft gesprochen
Louis trank ein Glas nach dem andern wurde immer verworrener und steigerte
sich ins Absurde Allmälig siegte trotz der feinen und gewandten Weise auch
in Kronberg die rohere Natur er ward ärgerlich ihn verdross Annens
Heimlichkeit ihn verdrossen die auf nichts basirten Ansprüche des Schwagers
der nichts gelernt hatte und nichts getan als heiraten und Kinder in die
Welt setzen die er nicht ernähren konnte und der nun herkam um sein
Kronbergs von seinen Ahnen und ihm selbst wohlerworbenes Gut mit ihm zu
teilen und zwar bloß weil er der Bruder einer Frau war wieder hob die
innere Schlange ihr Haupt einer Frau die ihren Mann nicht einmal liebte
Der eine Gedanke war in Kronberg zur fixen Idee geworden vielleicht gerade
weil er ihn nicht eingestand
Sehr gemessen und ernst erklärte er Louis dass er von dem ihm von Annen
gewährten Zuschuss nichts gewusst dass Niemand seinen Geldbeutel zu taxiren habe
und er auf keinen Fall zugeben werde dass Anna zu seinen Gunsten ihres Erbrechts
sich begebe weil es gegen sie selbst dann aber auch gegen ihren jüngeren
Bruder Franz unrecht sein würde Ob er ihr ferner überhaupt noch gestatten werde
er erschrak über das Wort was ging denn ihn ihr Nadelgeld an oder raten
könne fügte er sanfter hinzu die mit so wenig Dank anerkannte Zahlung der
Pension fortzusetzen könne er für den Augenblick nicht bestimmen
Nun brach der Ingrimm des vom ungewohnten Wein Erhjetzten mit doppelter
Gewalt los er sprach von einem goldenen Bauer in den freilich nicht immer
Glück zu finden sei äußerte dass wenn seine Schwester die recht wohl wisse
welchem ihrer Brüder ihre Hilfe nötig nicht einmal den freien Gebrauch ihres
Reichtums haben sollte dann freilich sei die reiche vornehme Dame nicht besser
daran als seine eigne Frau sie wären Beide arm das sei wahr er aber lege das
Geld in eine Schieblade über welche sie und er gingen Er sähe freilich nun wohl
ein bei den Adeligen sei Alles das anders er habe oft seinen seligen Vater
innerlich angeklagt dass er die Mutter zu knapp gehalten und sie habe ihn oft
gejammert aber nun wenn ers recht überlege ginge es ja bei den Vornehmen
nicht um ein Haar besser zu die es obendrein nicht einmal brauchten die das
Geld haufenweise zum Fenster hinauswürfen es verspielten oder zu allerlei
liederlichen Streichen anwendeten und das oft auf noch schlimmere Art als der
Soldat der doch immer in den Augen der fein Gebildeten für den Aergsten gelten
müsse während jene mit Komödiantinnen und Tänzerinnen Alles vergeudeten
Das traf einen wunden Fleck in Kronbergs Brust Der ganz absichtslose
Ausdruck denn Louis hatte ja keine Ahnung vom Dasein der Kapacelli fachte
eine furchtbare Flamme des Zorns in ihm an Nach wenigen schonungslosen durch
Eiseskälte und Schärfe des Tons gleich vernichtenden Worten verließ der Graf das
Zimmer und begab sich wieder zur Gesellschaft
Dies Alles erfuhr oder vielmehr erriet Anna aus den rhapsodischen
Ausbrüchen der Empörung in welcher sie ihren Bruder fand Ohne auf ihre Bitten
oder mildernden Erörterungen zu hören ergriff Louis seinen Tschako und rannte
hinaus sie hatte eben noch Besinnung Duguet ihm nachzuschicken Duguet der
immer wortlos die Stimmung und den Zustand seiner Gebieterin zu erraten
verstand folgte dem jungen Manne führte ihn höflich in ein anständiges
Gasthaus besorgte sein Ränzel hin bediente ihn und stand am frühesten Morgen
mit einem Magazinschneider vor ihm der einen äußerst anständigen Civilanzug ihm
präsentirte
Wer irgend Wien kennt muss begreifen dass Anna ihrem Gatten die möglichste
Rücksicht auf Louis des Unteroffiziers äußere Erscheinung schuldig war Sie
durfte Kronberg nicht den spottenden Fragen und Blicken der Ein und Ausgehenden
preisgeben und gestern hatte doch auch ihr ein wenig vor der staubbedeckten
Montur ihres Bruders vor dessen sonneverbranntem Angesicht und harten Händen
gegraut Ohnehin mussten die in der kleinen Grenzstadt nicht feiner gewordenen
Manieren desselben Kronberg störend sein das war nicht zu ändern Sie
bewilligte alles was Duguet für ihn verlangte als sich aber die Tür hinter
ihm schloss schossen ihr ein Paar sehr bittere Tränen in die Augen
Man gibt der menschlichen Charakterbildung allgemein klimatische und
nationale Färbung zu Niemand wundert sich einen Italiener heftig einen
Spanier rachsüchtig einen Holländer ruhig oder gar phlegmatisch zu finden das
alles ist als traditionell längst in die allgemeine Volksansicht übergegangen
aber an den nicht kleineren Unterschied den die äußere Stellung die früheste
Umgebung der Umgang unserer ganzen menschlichen Entwicklung aufdringt an die
Modificirung der Ansichten und Begriffe die sie erzeugen denken Wenige und
doch steht diese Einwirkung der klimatischen noch immer wenigstens gleich
Im Grunde hatten Beide der Graf und der Unteroffizier jeder von seinem
Standpunkte aus Recht Beide mischten nur ihrer Selbstbeurteilung einen Teil
Selbsttäuschung zu Der Kavalier hätte nicht vermocht einem so hoch über ihm
stehenden Verwandten mit solchen Anforderungen sich an den Hals zu werfen aber
Unterstützung Avancement Avantagen hätte er ohne Scheu von ihm erwartet und
angenommen seine edlere Natur würde vielleicht dabei mehr gelitten haben aber
die Not hätte ihn wie jenen gezwungen
Der kleine Bürger dagegen ging directer zu Werke ihm war die reiche
Verwandtschaft eine bloße Fundgrube die Delicatesse drückte ihn durchaus nicht
Als reicher Fabrikant würde er ähnliche zudringliche Ansprüche wie er selbst
sie an Kronberg machte aufs Gröbste abgewiesen haben dagegen aber auch ohne
Aufforderung seiner armen Freundschaft beigesprungen sein in kurzer drängender
Verlegenheit einem reichen Verwandten hätte er vielleicht noch lieber
beigestanden und hätte dann die Selbstbefriedigung geschmeichelter Eitelkeit mit
in den Kauf genommen Von welchem Standpunkte aus sollten oder konnten sich nun
wohl diese Beiden verstehen Wem saß das brennende Nessuskleid frühjähriger
Gewöhnung fester um Sinn und Seele
Und auch im zarteren Charakter Annas hafteten die ersten Erfahrungen des
noch kaum in die Außenwelt blickenden Kinderauges Sie fühlte sich in ihren
Erinnerungen verletzt zerspalten und weinte um ihren Bruder Sie gedachte der
übersehenden nichtachtenden Gleichgültigkeit mit welcher Kronberg stets ihre
Familie betrachtet sie schaute weit zurück in ihrer Mutter Herz die für jeden
noch so entfernten Vetter Trost und Teilnahme in sich trug sie gedachte Ottos
und ihres Oheims Ankunft am Neujahrstage und es kam ihr vor als ertrage doch
Kronberg ihre bürgerliche Abkunft sehr schwer
Sonderbar dass ihr nicht einen Augenblick beifiel dass auch Gottard ein
Bürgerlicher sei Es ist aber unleugbar dass in unseren Tagen dem wirklich
eminenten Talent überall Bahn bereitet ist und die Aristokratie des Geistes jede
andere weit überflügelt bei Männern und Frauen Dass bei den letztern an den
Fühlfäden des Gemüts wie an den Wurzeln einer schönen Blume der Heimatsboden
fester haftet beim Verpflanzen liegt an der innern Poesie mit welcher sie der
Gegenwart überhaupt selten gestatten der schönen Vergangenheit es gleich zu
tun
Vermöchten wir daher nur in dem jetzigen Ringen befugter und unbefugter
Weltverbesserungen Jeder in sich selbst die große Revolution zu
bewerkstelligen die das individuelle Urteil von den Banden aller Gewöhnung und
des eigenen Standpunktes erlöste dann wäre wirklich dem intellectuellen Sein
ein schöner Tag erschienen es feierte dann seine goldne Zeit
Aber als Louis nun nach vollendeter Umwandlung zu Annen sollte erklärte er
ihr schriftlich sie müsse irgendwo mit ihm zusammenkommen zu seinem vornehmen
impertinenten Schwager setze er keinen Fuß mehr Anna traf ihn auf der
Promenade fuhr mit ihm um ganz Wien herum stieg am Glacis aus und ging mit ihm
spazieren Die gestrige Szene erneute sich Anna versprach die Pension ferner
zu zahlen zu Abtretung des Erbteils verstand sie sich aber nicht ein dunkles
Gefühl warnte sie Als sie ihn verlassen musste um sich zum Diner zu kleiden
bat sie ihn mit ihr den Abend ins Burgteater zu gehen sie wolle ihn abholen
Mochte ihn ihre abschlägige Antwort verdrossen oder er vergessen haben dass
er selbst am Morgen sich geweigert Kronbergs Wohnung zu betreten er ward
abermals heftig und meinte vermutlich dürfe sie ihn nicht ins Haus bringen
ihr Mann wolle den geringen Soldaten gar nicht einmal sehen er werde ihn wohl
durch seine Lakaien zur Tür hinauswerfen lassen Anna litt unsäglich Im
nämlichen Augenblicke rollte Kronbergs Equipage heran Die Spanierin kannte
Annen sah sie mit einem stattlichen sogar schönen jungen Manne gehen und
lorgnettirte das Paar aufmerksam und dreist Auch Kronberg sah schärfer hin
trotz seiner Verwandlung erkannte er Louis natürlich grüßte keines von Beiden
Wer war das Wer ist die fragte Louis
Ich weiß nicht stotterte Anna verlegen und wurde abwechselnd bleich und
rot
Aber ich weiß es Kreuz Bomben und Granaten Armes armes Weib Er drohte
ihnen mit der Faust nach Ohne ein Wort weiter zu reden führte er Annen an
ihren Wagen hob sie hinein warf den Schlag zu und war verschwunden Anna
zitterte heftig sie konnte kein Auge aufschlagen
Wild wogte das Blut in Louis kochender Brust er glaubte den Wagen
einholen zu können um zu erfahren wohin der Graf mit seiner Geliebten fahre
aber die Pferde entschwanden ihm nach wenig Sekunden Betäubt nach Entschluss
ringend trat er in ein Weinhaus Er trank hastig er wusste nicht wie viel noch
was Am Morgen hatte er in seinem Hotel allerlei Erkundigungen eingezogen und
die widersinnigsten Übertreibungen hatten ihn gegen den Grafen aufgehetzt in
seinem halben Rausch hielt er Kronberg für einen Schlemmer und niedrig
schlechten Menschen seine Schwester für eine arme verlassene Frau Seine eignen
Nodomantaden befeuerten ihn mehr und mehr und ehe er selbst sich dessen klar
bewusst worden hatte der Portier der ihn erkannte ihm geöffnet und er war
ungesehen ins Haus bis zu Kronbergs Zimmer vorgedrungen woselbst er Posto
fasste und ihn zu erwarten beschloss
Unterdessen war Anna im Nachhausefahren St Luce begegnet den sie sogleich
in ihren Wagen zu steigen und mit ihr nach Hause zu fahren bat Der alte Freund
erschrak als er ihre heftige Erregung gewahrte Halb verwirrt vor Angst
erzählte sie ihm den gestrigen Vorfall und dass Louis mit Kronberg hart an
einander geraten sie bat ihn einen von Beiden zu bewachen um ein noch
schlimmeres Zusammentreffen zu verhindern Wir haben Kronberg eben auf der
Promenade begegnet schloss sie verlegen er fuhr an uns vorüber
Das eine Wort war dem gewandten Franzosen genug er wusste sogleich mit wem
und erriet das Übrige Nach wenigen Minuten verließ er seine schöne Freundin
um Louis zu besuchen ging aber statt dessen zu Kronberg drückte dem Bedienten
der ihn melden wollte einen Gulden in die Hand und trat in dem Augenblicke ins
Zimmer als Kronberg eben seinen Schwager bei der Schulter ergriff und heftig
auf ihn eindringend wiederholend ausrief Wer ist der Elende Wer hat es
gesagt
Pardon cher Komte sagte der alte General und ließ im Eintreten seinen
Stock fallen den er mit dem Rücken jenen zugewendet äußerst mühsam aufhob
Auf diese Art gehindert irgend etwas von dem zu sehen was vorging fuhr er
fort Ich kam Sie zu bitten mich meinem jungen Freunde Müller vorzustellen
der freilich den brillanten Offizier von Anno 8 schwerlich in mir erkennen wird
Kronberg hatte im Augenblick seines Eintritts die Hand von Louis Schulter
zurückgezogen ihm standen die Schweißtropfen glühender Beschämung auf der
Stirn er hatte ja seinen Schwager beinahe wie einen Bedienten behandelt
Louis fasste sich schneller weil das Erkennen des Generals seine
Aufmerksamkeit gewaltsamer in Anspruch nahm St Luce ließ sich innerlich von
Beiden zu allen tausend Teufeln wünschen hielt aber Stich und ruhte nicht eher
bis er Louis Stimmung beschwichtigt hatte Die außerordentliche Freundlichkeit
des alten Mannes der ihn wie einen Sohn ans Herz drückte überwältigte ihn
Mit Bitten bestürmt den General zu begleiten der ihm durchaus Wien zeigen
wollte wandte sich der junge Krieger etwas verlegen doch jetzt in durchaus
würdiger Weise zu Kronberg Ich stehe Ihnen morgen zu Dienst sagte er kalt
Auf Kronberg der augenblicklich des schlauen Invaliden Spiel durchschaute
machte die Sache einen allmälig fast komischen Eindruck Der alte Fuchs dachte
er innerlich er hat ganz Recht Mit einem Unteroffizier kann ich mich doch
nicht schlagen Und wegen der Kapacelli ich Er reichte plötzlich
entschlossen seinem Schwager die Hand Vergeben Sie mir ich bin zu rasch
gewesen sagte er mit anmutiger Höflichkeit Sie sind im Recht Ists aber
irgend möglich so nennen Sie mir nun endlich den Namen des Verleumders ich
bitte Sie dringend darum Der Graf sah vollkommen beruhigt aus und doch wogte
das Blut noch in ihm als wolle es seine Adern sprengen Ich habe vor meinem
Freunde St Luce kein Geheimnis fuhr er bittend fort
Louis schwieg immer noch Er schämte sich die Namen des Wirtes und einiger
untergeordneten Personen zu nennen ein inneres Zartgefühl hielt ihn zurück er
wusste der reiche Graf würde solche Stimmen nicht gelten lassen Morgen
wiederholte er entschlossen
Nach secundenlangem Nachsinnen ließ ihn Roderich ruhig mit St Luce sich
entfernen
Ein ungeheurer Schmerz hatte ihn ergriffen es war ihm klar Anna Anna
hatte über ihn geklagt Anna hatte Geheimnisse vor ihm Ein fressendes Mistrauen
drängte sich in seine Seele und zwischen ihn und sie Er ward rau
unfreundlich höhnisch gegen seine Frau die diese neue Wendung seiner Laune
nicht begriff und in der die Sehnsucht nach Gottard mit jedem Tage
fürchterlicher arbeitete und bohrte wie das tödtende Eisen das man langsam in
die verwundete Brust senkt
Louis aber war wenige Stunden nachdem er den Grafen verlassen plötzlich
heftig erkrankt der klimatische Wechsel oder die ungeheure innere Aufregung
die das Gespräch mit demselben erzeugen musste und die der nur an körperliche
Strapazen Gewöhnte nicht in sich zu verarbeiten vermochte zogen ihm ein
Wechselfieber zu Anna und St Luce besuchten ihn täglich Letzterem gelang es
ihm allmälig etwas ruhigere Ansichten einzuflößen und sein Betragen gegen den
Grafen zu regeln Kronberg ließ sich alle Morgen nach ihm erkundigen ging aber
nicht hin Schweigend verdoppelte er Annens Nadelgeld Sie muss doch anständig
erscheinen können sagte er bitter aber sein Benehmen blieb folternd ungleich
hart und voller Mistrauen Jedes Gefühl seines eigenen Unrechts gegen sie war
plötzlich aus seiner Seele geschwunden
So standen die Dinge als unerwartet wie ein Trost des Himmels Gottard
von Berlin zurückkehrte
Am nächsten Morgen erwachte sie mit dem Gefühl Er ist da du wirst ihn
sehen Und in den Vormittagsstunden kam er Sie durchsprachen in
hieroglyphenartigen Worten Alles was während jener tödtenden Trennungszeit an
Beiden vorübergezogen sie berührten es kaum und nur andeutend denn bei solchem
Ineinanderwachsen der Seelen bedarf es keiner langen Rede jeder Blick jeder
Hauch jedes Schweigen wird verstanden Das eben ist ja das eigentliche Glück
der höheren Liebe dass sie zwei Menschen frei macht von all den kleinen Qualen
und Fesseln des Nichtverstehens und der Seeleneinsamkeit
Sie erzählte ihm auch von Louis von seinem Betragen und seiner Krankheit
und dass er nun heimzureisen gedenke doch seltsam mit dem Entschlusse dazu
zögere von Tag zu Tag ohne eigentlichen Grund Als er sie verließ begegnete
ihm im Hinausgehen St Luce
Sonderbar sagte dieser ich bringe den jungen Müller durchaus nicht fort
Der Arzt findet ihn genesen sein auf unser Schreiben verlängerter Urlaub ist
fast abgelaufen seine Rechnungen sind in unsern Händen der Wirt der Arzt
der Schneider
Und alles das muss die Gräfin zahlen fragte Gottard
Leider Sie besucht ihn alle Vormittage er nimmt jedesmal halb und halb von
ihr Abschied versichert ein förmliches Lebewohl sei ihm unerträglich und am
nächsten Morgen findet sie ihn wieder Was kann das sein er kann uns doch nicht
immer so in Wien auf dem Halse bleiben wollen Sollte er verliebt sein oder
heimliche Schulden gemacht haben
Er hat gespielt erwiderte Gottard wie durch plötzliche Eingebung Ich
will sogleich zu ihm
Gottard hatte die Fessel richtig erkannt welche den Unglücklichen von
seinem Krankenlager nicht sich lösen ließ Louis war einem Stube an Stube mit
ihm wohnenden Glücksjäger in die Hände gefallen und alles Geld das er von Anna
erhalten jenem bereits zur Beute geworden
Die Art und Weise durch welche es Gottard gelang den Unbesonnenen zum
Geständnis zu bringen kann für uns kein sonderliches Interesse haben Als die
Summen berechnet waren reichte Alles was Louis an baarem Gelde besaß nicht
hin die Hälfte der Schuld zu decken Des ganz Unbemittelten Aufenthalt in einem
Hotel seine Krankheit seine verschiedenen Bedürfnisse hatten Annens
Hilfsquellen erschöpft sie hatte es nicht geradezu gesagt Gottard hatte es im
Gespräch mit ihr durchfühlt er übernahm sogleich einen Teil der Zahlung für
den andern sagte er gut und verließ Louis erst nachdem er eine lange
Unterredung mit dem Spieler gehabt und jenen zum Postofe begleitet hatte
In den letzten Momenten seines Aufenthalts während Gottard zu seinem
Nachbar hinüberging nahm Louis in einigen Zeilen Abschied von seiner Schwester
und übergab den Brief dem Lohnbedienten des Hotels
Nachdem auf diese Weise alles geordnet und Louis abgereist war glaubte
Gottard Annen beruhigen zu müssen ohne ihr jedoch von der sich auf einige und
fünfhundert Gulden belaufenden Summe etwas zu sagen die zu zahlen er
übernommen und von welcher er hoffte sie solle ganz unerwähnt bleiben um der
teuren Frau nicht aufs Neue eine Ursache zu geben über ihren Bruder zu
klagen
Als er Annens Zimmer betrat fand er sie in Tränen sie hatte ihn
angenommen weil sie sichs nicht zu versagen vermochte Es war die erste
Unbesonnenheit ihrer Liebe der erste Fehltritt Louis hatte ihr alles
geschrieben
Zu redlich einen ihm ganz Fremden um eine ihm bedeutend erscheinende Summe
zu bringen zu leichtsinnig um die möglichen Folgen der Übertragung seiner
Anleihe zu bedenken schien ihm der natürlichste Ausweg der seine Schwester zu
Gottards Schuldnerin zu machen Kahl und nackt ohne alle
Selbstentschuldigung hatte er ihr die Sache hingestellt wie sie eben war ja
er hatte sogar den aufgeregten fieberhaften Zustand während welchem er dem
Hazardspieler in die Hände gefallen dem unverantwortlichen Betragen Kronbergs
gegen sich und Annen zugeschrieben
Es lag wenig Liebe und gar keine Hingebung in diesen herben Abschiedsworten
an seine Schwester und dennoch schlossen sie mit der Voraussetzung dass sie um
seinetwillen den Verlust der paar Taler leichter verschmerzen werde als er
der freilich nur zerstörte oder halberfüllte Hoffnungen seinem armen Weibe
heimzubringen habe
Anna weinte bittere Tränen Louis Egoismus schnitt ihr ins Herz sie
fühlte sich zwischen Gatten und Bruder so fürchterlich allein so fremd wie in
einer endlosen Wüste Louis Anklage ihres Mannes war schonungslos scharf das
Aussprechen seiner Treulosigkeit gegen sie tat ihr aus ihres Bruders Munde
weher als in all den Bemerkungen der frivolen Gesellschaft welche am Ende nur
lachte spöttelte und vergaß
Auch Gottard dem ganz unbegüterten Freunde eine neue Last aufgebürdet zu
sehen schmerzte sie da hörte sie den ihn meldenden Bedienten Als er aber nun
eintrat mit dem milden freudigen Ausdruck in den geisteshellen Zügen ward ihr
als senke sich plötzlich die Heimat um sie nieder aus dem Himmel in ihr Herz
Gottard setzte sich diesmal neben sie statt wie sonst ihr gegenüber Ihm
war so unsäglich wohl und leicht war doch nun diese Sorge der teuren Frau
entnommen
Er sprach sogleich von Louis ging freimütig in dessen Lage und Ansicht
ein erst ihn beklagend dann heiter ihn verteidigend Er schilderte ihr
Schlesien Glatz das er kannte das gemütliche etwas beschränkte Bürgerleben
des Städtchens sprach über manche kleine Vorteile und Annehmlichkeiten die
ein längerer Aufenthalt Louis und den Seinen dort gewähren müsse Mit jedem
neuen Abschnitt lichtete er die Farbe seiner Darstellung
Zuletzt erzählte er von sich dass er selbst früher gern sein Glück auf einen
raschen Wurf gesetzt und schwer dem Spiel entsagt Er lobte Louis sanftes
Hinnehmen seines Eingriffs in eine ihm ganz fremde Angelegenheit er breitete
eine lange bunte Scenenreihe vor dem geliebten Blicke aus wie man einem kranken
Kinde ein Bilderbuch aufschlägt und mit ihm es durchblättert und lockte so aus
allen Tiefen ihrer Seele die Schmerzen und dunkeln Gedanken hervor um sie wie
mit einem balsamischen Zauber zu umweben In diesem Augenblicke lag nicht die
mindeste Leidenschaft in seinem Tun zu Tage es war die Wundermacht des tief
sein ganzes Sein durchdringenden Gefühls eines schonenden tiefen Wohlwollens
das er bewusst und sanft anwendete wie ein Arzt die ihm inwohnende heilende
Kraft
Anna war als habe sie noch nie Jemanden zugehört oder als tauche ihre
Kindheit wieder auf als säße sie noch auf Sophiens Schoos und lauschte emsig
deren Erzählungen Wie eine Blütendecke legten sich seine Worte auf die unruhige
Qual ihres Innern Mit einem unaussprechlichen Dankgefühl blickte sie zu ihm
auf der Widerschein ihrer Stimmung in seinem Antlitz rührte sie fast noch
inniger als sein Handeln Wie selten war ihr wohlgetan worden in ihrem so
beneideten und brillanten Leben Und Er war ihr noch dankbar dafür dass sie es
annahm
Die kleine irländische Ballade welche Leontine am ersten Abende des
Zusammenseins mit ihm gesungen war Beiden eine Art inneren Palladiums geworden
An jenem Abend hatte Gottard zuerst sich ihr ausgesprochen Seitdem hatte er
die Verse in Musik gesetzt und oft gesungen Wenn Kronberg Annen ganz
unverständlich wurde spielte sie die Melodie seltsam genug liegt diese Art
Doppelempfindung in der weiblichen Natur sie wollte Roderichs früheres edles
Bild sich hervorrufen es festhalten trotz den entsetzlichen Verzerrungen des
Lebens und dennoch blickten Gottards ernste stetige Augen so tröstlich
zwischen den Notenreihen sie an
Anna saß in der Nähe des Fortepiano auf demselben lag die Ballade
aufgeschlagen unwillkürlich fiel ihr Blick darauf er umflorte sich sie ward
sehr düster
Gottard war ihr im Sprechen näher gerückt sein Stuhl berührte die
Sophaecke in welcher sie ruhte Sein Auge folgte dem ihren aber er verstand
den Zug ihrer Gedanken nicht sogleich es trat eine jener gefährlichen
Gesprächspausen ein in denen die Gewalt des sich insgeheim entwickelnden
Gefühls verräterisch der Erwiderung im Augenaufschlag des Geliebten begegnet
Beide erröteten Gottard ergriff ihre Hand und küsste sie unbewusst leise sie
ließ sie ihm eben so unwillkürlich
Zum ersten Mal versagten sich ihnen Wort und Gedanken die innere Flut der
Empfindung und einer plötzlich sie überkommenden namenlosen schmerzlichen Ahnung
überwältigte Beide So saßen sie schweigend neben einander dicht zu einander
gebeugt lautlos das Glück der Geliebten Nähe fühlend scheu vor jeder noch
näheren Berührung zurückbebend
Da sprang die kleine Tapetentüre auf die aus dem Kabinet zu einer oberen
Zimmerreihe führte Kronberg trat in dieselbe er schleuderte den kleinen Joseph
vor sich her den er an der Hand herabgeführt
Kannst du mir erklären Anna begann er und blieb verstummend staunend an
der Schwelle stehen er gewahrte Gottard der aufgesprungen war der Knabe
aber stürzte in des geliebten Freundes Arme der ihn zärtlich an sich zog und
liebkoste Joseph fuhr Kronberg nach einem höflich kalten Gruße fort hat
mich soeben gebeten ihn zu seinem Bruder ins Institut zu tun weil er dort
Herrn Gottard wieder alle Tage sehen würde Er klagt über seinen Lehrer dass er
ihn geschlagen wolltest du die Gnade haben mir diesen Gallimatias zu
erklären In der Tat kann ich auch nicht begreifen wie es zugehen mag dass
Sie Herr Gottard meine Kinder täglich sehen
Gottard fühlte lebhaft es gälte die Geliebte vor einer neuen Form der
Eifersucht zu schirmen die Kronberg verzehrte Beide Männer verstanden
vollkommen einer den andern Annas Name durfte nie unter ihnen genannt werden
Sie saß beklommen schwer atmend still in ihrer Sophaecke
Gottard erwiderte stolz aber besonnen dass der Director des Instituts sein
Jugendfreund sei den er allerdings während seines kurzen Aufenthalts in Wien
täglich besuche und bei welchem er den Knaben öfters treffe zu dem ja immer
noch die herzlichste Neigung ihn hinziehe
Herr Gottard unterbrach ihn der Graf als die Kinder noch das Glück
hatten Ihrer Obhut anvertraut zu sein habe ich der Vater mir nie die
kleinste Einmischung in Ihre Ansicht und Erziehungsart erlaubt Sie würden mich
verbinden obgleich ich Ihre Teilnahme dankbar anerkenne dasselbe jetzt für
mich zu tun Doch habe ich ohnehin mit Beiden andere Pläne und kam sie mit der
Gräfin zu besprechen Vergeben Sie dass ich Ihre Gegenwart in meinem Eifer nicht
augenblicklich bemerkte die Sache hat Zeit
Mit gewohnter Leichtigkeit begann er ein Gespräch über ein von Gottard
verfasstes Memoire blieb eine halbe Stunde und verließ dann das Zimmer mit der
Bitte an Gottard mit Annen noch ein wenig Musik zu machen indem er die auf
dem Flügel liegenden Musikalien bemerkte das Kind ließ er in dessen Armen
zurück Ernst blieben die Liebenden vor einander stehen die dunkle Ahnung war
schon Wirklichkeit geworden
Anna sagte endlich Gottard indem er den Knaben der in seinen Armen
eingeschlafen war es war Abend geworden aufs Sopha legte Anna wir müssen
scheiden Auf welche Weise ist mir selbst noch nicht deutlich aber es gilt
Ihnen die Knaben zu erhalten deren Verlust Sie zerstören würde Gott weiß ob
ich Sie je wieder allein spreche darum heute eine Bitte für welche ich Ihre
Verzeihung innigst erflehe
Er blickte auf Joseph das Kind schlief fest und sanft Anna war in einer
furchtbaren Stimmung Gottards volle bewegte Stimme vibrirte in jedem Nerv
ihrer bebenden Gestalt sie konnte nicht reden es erstickte sie
Der Graf wird meine Einmischung in seine Verhältnisse unter keiner Form
jemals vergeben Sie würden immer dafür büßen Sie wissen Anna dass mein Leben
hier wie in der Ferne Ihnen angehört Ich werde Wien gleich nach der
geschlossenen Übereinkunft mit Metternich verlassen mich ganz den Geschäften
in den älteren Provinzen widmen Der volle tragende Strom der Zeit Anna er
wird auch uns wieder zusammenführen und es übermannte ihn er schwieg einige
Sekunden durch alle Verwandlungen der Tage hindurch werden wir einander
erkennen Nicht wahr immer überall
Ich hoffe es sagte sie zusammenbrechend
Nein o nein Anna Sie müssen es wissen unumstösslich gewiss wie Sie
wissen was Ihnen das Höchste ist wie Sie von Gott wissen von der Fortdauer
tief aus dem Innern der Seele heraus sonst wäre mein Dasein eine Hölle schloss
er dumpf
Ich weiß es sagte sie fest Er ließ sie los und ging nach seiner alten Art
einige Male hin und wieder um sich zu sammeln
Es bleibt keine Zeit mehr Wort und Ausdruck zu messen wir haben kaum noch
nach Minuten zu zählen also meine Bitte
Anna weinte Gottard trocknete leise ihre Tränen aber er berührte ihre
Augen nur mit dem Tuche Hören Sie mich fuhr er immer trauriger fort jede
kleinliche Rücksicht einer engherzigen Delicatesse muss in diesem Augenblicke
schwinden Ihr Gemahl darf nie unter keiner Bedingung auf keine Weise
erfahren was zwischen mir und Louis vorgefallen die Verpflichtungen die er
und ich als Männer gegeneinander übernommen müssen unberührt zwischen ihm und
mir allein bleiben das Gräfin versprechen Sie mir Es ist wichtiger als Sie
ahnen
Louis hat mir alles geschrieben
Unmöglich
Ich weiß welche Summe Sie für ihn übernommen Er hat mir das Geld zu zahlen
O Anna rief Gottard schmerzlich ergriffen indem er ihre Hände einen
Augenblick an seine Brust zog mussten Sie es aussprechen Mussten Sie das
elendeste Wort in dieser Stunde sich eindrängen lassen die wahrscheinlich für
uns keine Schwestern auf Erden hat Doch wie Sie wollen Gleichviel meine
Bitte bleibt fest kein Vorwurf keine Szene kein Misverstehen darf Ihnen das
Geheimnis entlocken Kronberg darf nie erfahren was zwischen mir und Louis
abgehandelt O Freundin versprechen Sie mir was Sie nicht begreifen ich
bitte ich beschwöre Sie darum
Ich verspreche es sagte Anna und glauben Sie mir es ist kein Kleines was
ich tue dass ich verspreche was ich nicht übersehen kann
Mutter Gottard schrie das Kind im Schlaf Beide eilten zu ihm Gottard
küsste seine blonden Locken die über die Sophalehne herabhingen er sah traurig
aus wie van Eyks richtende Engel Gott erhalte Ihnen den Knaben rief er
gepresst dann wandte er sich um zu scheiden In Beiden wogte der Kampf einer
mit jedem Moment sich steigernden verzweifelnden Leidenschaft und seine
schmerzliche Gewalt riss Herz an Herz Gottard drückte die zitternden Hände auf
seine Augen Nein nein rief er mit wachsender Heftigkeit auch nicht den
Schatten eines Fleckens auf diese Stunde Er bog sich leicht zu Annen nieder und
küsste ihr Gewand Bleibe meine Heilige flüsterte er und stürmte fort
Anna sank weinend neben ihrem schlafenden Knaben in die Knie und betrachtete
ihn lange sie dachte nicht deutlich sie fühlte nur dumpf eine unsägliche Pein
und wie ganz von fern in Nebel eingehüllt zog ihrer Erinnerung die erste Stunde
ihres Kampfes vorüber als ihr klar geworden dass sie Gottard liebe Wenn ich
nur nicht wahnsinnig werde seufzte sie Endlich küsste sie ihren Joseph wach um
ihn zu Bett bringen zu lassen
Nach fünf Minuten hörte sie Kronbergs Schritt im Vorzimmer Er sah erhitzt
und unglücklich gestimmt aus er kam von der Kapacelli die ihm irgend eine
Szene gemacht haben mochte Dem Ärger über sie gesellte sich die Entrüstung
über Gottards unverschämte Eingriffe in alle Rechte die ihm die Natur und die
bürgerliche Gesellschaft verliehen
Anna sagte er ich hatte gehofft die unglückselige Geheimnisskrämerei die
so traurige und ernste Folgen in Bezug auf Leontinen gehabt würde in unserer
Familie wenigstens nicht Wurzel schlagen ich habe mich geirrt Je ne suis pas
le dupe des phrases de Monsieur Gottard Wie er bei unserm Fortzuge von Bern
mit Gewalt sich in die unselige Geschichte Viattis eindrängte
Mich dünkt sagte Anna wir verdanken ihm die Freiheit unseres Schwagers
Hast du vergessen dass am Tage nach dessen gelungener Flucht Haussuchung die
ganze Straße entlang gehalten wurde Sie trat zu ihm und legte sanft die Hand
auf seinen Arm Beflecke dich nicht durch Undankbarkeit Roderich
Eben so fuhr Kronberg fort ohne auf sie zu hören möchte er nur ohne Recht
und Befugnis die Leitung des ganzen Bildungsganges unserer Söhne sich erhalten
Ich glaube nicht an Infallibilität nicht einmal an die des heiligen Vaters
Was soll das Alles fragte Anna
Du hast mir schmerzlichklare Gründe gegeben vorauszusetzen dass dieser
Gottard die Hand bei allen bedeutenderen Ereignissen unseres Lebens im Spiele
hat ich hätte aber wenigstens erwarten können persönlich von seinen
Einflüsterungen und Zwischenträgereien verschont zu bleiben
Anna schwieg wie eine Königin stand sie ruhig und ernst vor ihm Ich
verstehe dich nicht sagte sie endlich
Leider sind mir seine Beweggründe keine Rätsel mehr Aber bedenke fuhr er
immer heftiger aufbrausend fort bedenke genau was du tust Ein unedles
Erspähen meiner Tritte und Schritte ertrage ich nicht Ich habe dir volle
unbegrenzte Freiheit in allen Handlungen gelassen lass sie nicht in
Beherrschung der meinen ausarten Armes Kind was hoffst du zu erreichen setzte
er immer mehr sich steigernd höhnisch hinzu Meinst du der Satan lasse mit
sich handeln und sich einen Rest des einmal von ihm ergriffenen Menschenglückes
abdingen Er hält fester als Liebe und Glück
Er warf sich auf das Sopha und blieb schweigend als erwarte er ihre
Antwort mit verhülltem Gesicht vor ihr sitzen Seine Brust arbeitete
fürchterlich er schien fassungslos Hand und Schnupftuch verbargen ihr seine
Züge
Ich verstehe dich durchaus nicht Roderich wiederholte sie mit trauriger
aber fester Stimme Meinst du jedoch eine Einmischung des Geheimrats so ist
deine Besorgnis grundlos denn er steht auf dem Punkte Wien auf lange zu
verlassen
Das ist nicht wahr fuhr Kronberg auf das wäre in seiner Lage Wahnsinn
Raserei Was will er damit Hält er mich er zitterte vor Wut seine Zähne
schlugen aneinander hält er mich etwa gar für eifersüchtig
In diesem Augenblicke brachte der Jäger des Grafen ein Billet Roderich
erbleichte er las es mehre Male und verließ mit dem Jäger das Zimmer
Nach wenigen Sekunden kam er zurück und nahm seinen Platz wieder ein In
dumpfes Sinnen verloren saßen die Gatten einander lange gegenüber Endlich
sprach Kronberg weiter Unser Egon ist der ausgezeichnetste Knabe den ich je
gesehen
Dank sei Gottard der seine Anlagen erweckte dachte Anna
Ich hoffe er wird einst unter den Bedeutendsten seines Vaterlands zählen
darum will ich ihm keine berechnenden Erziehungsfesseln angelegt wissen wie sie
mich während meiner Jugend gedrückt
Anna seufzte und schwieg
Herr Gottard und Konsorten vermögen kaum den Standpunkt zu erfassen von
welchem aus der junge Aar seinen Flug beginnen soll Ja fuhr er plötzlich wie
ins Weite blickend aber sehr trübe fort er mag die Flügel ungebunden
entfalten und des Vaters Beispiel soll ihn wenigstens vor einer sentimentalen
Störung seiner Karrière bewahren zu welcher auch ihn die Umstände stoßen
könnten und der in unsern Tagen überall nur die krasseste Lebensironie
entgegentritt
Um Gottes willen Roderich fuhr Anna bebend auf was hast du über die
Kinder beschlossen
Die Knaben kommen sogleich nach Berlin unter Geierspergs Aufsicht der sie
in ein bedeutendes adeliges Institut tun mag
Anna starrte unbeweglich vor sich hin der Gedanke an diese Trennung lähmte
ihre Sinne
Kronberg sah nach der Uhr dann sprach er fort Geiersperg hat mit
bewundernswerter Konsequenz Viattis Sache geführt zweimal ist er in Mailand
und Neapel gewesen Graf Gonfalonieri büsst mit lebenslänglichem Gefängnis was
hier in schonender Milde mit Verbannung und einem gegebenen Ehrenwort
abgemacht wurde Noch in diesem Monat hoffe ich meiner Nichte Ehre gesichert und
die Folgen dieses tollen Schrittes ausgelöscht zu sehen noch vor Ablauf des
Sommers sie dem Kaiser als Gräfin Viatti vorstellen zu dürfen Nun so viel
gelungen steht mehr zu hoffen Und merke wohl das danken wir Geiersperg
Geiersperg dem Realisten Mitten im Sprechen hatte Kronberg wieder nach der Uhr
gesehen Der zweite Act der Medea sagte er plötzlich in ganz anderem Ton Darf
ich dich hinfahren Mein Wagen wird bereits halten Eben meldete man St Luce
Kronberg ließ ihn nicht zum Worte kommen er musste mit
Und die Unglückselige von tausend rätselhaften Empfindungen und Sorgen
Beängstigte musste in die Oper und das Ballet sehen von welchem seit drei Wochen
die Rede war und die Kavatine der Kapacelli hören die alle Welt entzückte
Kronberg brachte sie in ihre Loge in welche auch St Luce ihr folgte dann
verließ er sie Sie wusste ihn auf der Bühne oder in der Kapacelli Garderobe
aber sie machte eine glänzende Konversation mit einer Menge sie in der Loge
umgebenden Herren und war eine brillante schöne bewunderte Frau deren
türkischer Shawl und Schmuck unzählige neidische Blicke auf sich zogen Das ist
das Leben
St Luce wusste um Louis Abreise er flüsterte es ihr zu und sah bewegt aus
dabei Woher konnte er es schon wissen In Annas Seele flackerten die Gedanken
wie Irrlichter auftauchend und schwindend sie vermochte keinen einzigen
festzuhalten Gottard war nicht auf seinem Platze ihr gegenüber Erst in der
vorletzten Szene gewahrte sie ihn sie sah dass er nur kam um zu erfahren ob
sie im Theater sei Nach wenigen Minuten noch ehe der Vorhang fiel war er
verschwunden
Kronberg ließ am folgenden Morgen Annen wissen er komme nicht zu Mittag
nach Haus Den ganzen Tag über hieß es er sei aus Der heutige Abend war einer
ihrer Empfangsabende es kamen eine Menge Leute aber weder Gottard noch
Kronberg erschienen Anna war in tödtlicher Verlegenheit sie ersann eine
Entschuldigung um die andere St Luce der ihre Angst sah verließ die
Gesellschaft wie er sagte um Gottard zu sprechen Einen Moment atmete sie
leichter auf als sie seinen Wagen aus dem Tor rollen hörte vergebens er
kehrte zurück Gottard war nicht zu Hause
Gegen halb elf Uhr kam endlich Kronberg er entschuldigte sich leichthin mit
der Abreise des hessischen Gesandten den er in seinem Hotel habe aufsuchen
müssen er schien aufgeregt mit Annen sprach er kein Wort
In einem Seitencabinet saß ein kleiner Männerkreis einer unter ihnen
erzählte etwas worüber alle andern laut auflachten
Rutberg gesellte sich ihnen zu sie begrüßten ihn immer noch lachend als
Mephisto und fragten ob er seinen Mantel zur Luftreise bereit halte Rutberg
lachte auch er schien den Scherz zu verstehen
Ob die eigentliche Herzenskönigin ein Gretchen oder eine Helene sei fragte
man weiter Ob der tugendhafte Bruder sich zufrieden gegeben habe
Gar nicht fuhr eine Stimme aus der entferntesten Ecke dazwischen der eine
Bruder hat den andern Bruder auf Rutbergs Anstiften rein ausgeplündert
Auf mein Anstiften fragte Rutberg halb erzürnt halb belustigt
Nun das heißt auf des Mephisto Anstiften
Hat denn GretelHelene zwei Brüder
Ach nein der eine andere Bruder ist der Bruder einer Heiligen die wir
Alle verehren
Der Name wird hier nicht genannt meine Herren rief ein blonder Offizier
Nicht einmal gedacht bei solch einer Gelegenheit setzte ein zweiter hinzu
Zum Teufel so erzählt mirs doch auch
Nun also Helene hat aus früheren Zeiten einen Bruder
Ah so
Der Bruder ist natürlich ein Heide und seine Schutzgöttin die Fortuna Da
aber in der Mythologie immer eine gewisse IdentitätsKonfusion vorherrscht so
hatte Venus früher als Fortuna
Anastasius wenn du uns die Sache ohne Mythologie vortragen möchtest
Meinetwegen Wir haben gestern wie wir hier sitzen zusammen im goldenen
Löwen dinirt den Nachmittag wollten wir ganz unter uns ein Spielchen machen
Hubert suchte also den Bruder der Kapacelli auf damit er eine kleine Bank
eröffne Gondi kam als aber hinter ihm die Türe abgeschlossen werden sollte
erschien Rutberg mit seinem Pylades
Ohne Mythologie schrie Rutberg
Nun der Graf tat erst etwas scheu und sah uns bloß zu Rutberg pointirte
Die Bank verlor als sie zahlte legte sie markirte englische Banknoten auf die
der Graf erkannte
Wie denn das
Er hatte sie markirt aus England empfangen und die Nummern notirt wie das
oft geschieht und gerade diese nämlichen Banknoten am selben Morgen dem weisen
Solon ausgezahlt
Der bittere Kelch dieser Erkenntnis verjüngte den Faust den du Pylades
nennst er wurde zornig als wäre er zwanzig Jahre alt
Aber Solon rührt ja keine Karte an er spielt nie
Eben darin lag die Affäre Dem Solon hatte er sie gezahlt wie kamen sie
denn nach Verlauf so weniger Stunden alle in die Hände des Bruders
Das sieht einer abgekarteten Zufälligkeit so ähnlich wie ein Ei dem andern
sagte der Blondin Glaubte er denn an den Bruder
Den Zusammenhang habe ich nicht weg versicherte ein Anderer
Die Frage war ob der Bruder von seiner Schwester die beiden Noten die sich
auf etwa vierhundert Florins beliefen erhalten habe und für was man sie ihr
gegeben
Alle lachten Rutberg nun erzähle uns die Geschichte weiter Du gingst ja
nachdem Ihr verloren mit ihm und Gondi fort
Was ist da viel zu erzählen Es fand sich eben dass noch eine Sorte Bruder
im Spiele sei und sich heimlich aus dem Staube gemacht habe
Und nun breitete sogleich Mephisto seinen Mantel aus und ihr flogt nach
Bah rief Rutberg wir haben Wien nicht einen Augenblick verlassen
Darüber schweigt die Geschichte die Kapacelli aber war unschuldig diesmal
nicht wahr
Eben traten mehre Herren und Damen in das Kabinet die Offiziere standen
höflich von ihren Sitzen auf das Gespräch hatte ein Ende
Begreifst du sagte der blonde Offizier im Hinausgehen zu seinem Freunde
was dieser Satan von Rutberg mit Kronberg vorhat Die ganze Überraschung
scheint verabredet weshalb hätte sonst Gondi in englischen Papieren gezahlt
die konnte er ja in fünf Minuten umsetzen Es steckt irgend eine Teufelei
dahinter
Es ist ein großer Irrtum zu glauben dass nur in kleinen Städten geklatscht
wird beinahe alle Männer in Annens Salon wussten einen Teil dessen was ihr so
rätselhaft blieb
Paola Kapacelli war in einem Punkte nicht um ein Haar anders als die
meisten ihrer Kunstgenossinnen sie nahm die Auszeichnung die ihr in vollem
Masse ward dankbar hin sie freute sich der berauschenden Huldigungen die ihr
das Publicum zu Teil werden ließ aber sie würde sie dennoch gern mit den
minder geräuschvollen vertauscht haben welche die Gesellschaft der schönen Frau
aus höheren Ständen beut
Kronbergs Betragen gegen sie obschon er die reizende Spanierin nicht
liebte hatte durch die entsetzliche Qual die ihm seine in einer Andern so tief
gekränkte Eitelkeit verursachte fast immer etwas Leidenschaftliches sein
Mistrauen die täglichen Ungleichheiten seines ganzen Wesens seine Heftigkeit
seine Unruh konnten von einer Frau wie die Kapacelli sehr leicht als glühende
Liebe gedeutet werden
Die unselige Spazierfahrt auf welcher sie Louis neben Annen gesehen
erweckte zuerst in Paolas Brust den Gedanken dass auch die Gräfin einen
Liebhaber begünstige dass Kronberg um seiner Ehre willen eifersüchtig sei und
die Trennung einer Ketzerehe nicht zu den Unmöglichkeiten gehöre
Die schöne Paola war nicht immer in einer so glänzenden Lebenssphäre
gewesen als die zu welcher jetzt ihr Talent sie erhoben Sie hatte traurige
Tage der Armut und Verlassenheit durchlebt Das natürliche Kind des elenden
Wirtes einer Posada im Gebirge ward sie dem armen Flecken in welchem sie
geboren schon als Kind von einem durchreisenden Italiener entführt dem ihre
schöne Stimme aufgefallen Kapacelli war sein Name er hatte sie unterrichtet
erzogen benutzt verführt am Ende geheiratet als sie kaum den Kinderschuhen
entwachsen um den Gewinn ihres Talents um so gewisser sich zu sichern
Sehr natürlich war der alternde Maestro di Kapella nicht der Einzige
geblieben den ihr Gesang und ihre Schönheit anlockten noch ehe sie die Bühne
betreten hatte sich ein bisher durch ihr ganzes Lebensgewebe fortlaufendes
Verhältnis zu einem bildschönen italienischen Vagabonden geschürzt der in allen
Hauptstädten Europas in denen sie verweilte bald als vornehmer Reisender bald
als Glücksritter und Spieler auftrat und wie ihr Planet obschon minder oft
sichtbar um seine schöne Sonne sich drehte
Seit einem Jahre hatte der Tod die Fessel ihres Ehestandes gelöst und die
Zeit die der Liebe gelockert Paola und ihr Geliebter waren darüber einig
geworden dass an eine engere dauernde Verbindung unter ihnen Beiden zu denken
eine Torheit sei Der Bequemlichkeit wegen hatte er sich in Wien für ihren
Bruder ausgegeben Seine ganz erschöpften Geldkräfte hinderten ihn für den
Augenblick in der höheren Gesellschaft aufzutreten er hielt insgeheim in
kleinen freundschaftlichen Cirkeln Bank und erntete im Whist und Ecarté die
nötigen Hilfsmittel dazu
Gleich nach ihrer Heimkehr hatte ihm Paola das Begegnen der Gräfin Kronberg
mitgeteilt und ihm befohlen Nachricht über den Namen und Stand des jungen
Mannes einzuziehen den sie bei ihr gesehen was da Louis und Gondi dasselbe
Hotel bewohnten keine Schwierigkeiten fand
Mehre Tage vergingen indessen doch ehe er erfuhr dass Louis Annens Bruder
sei Paola benutzte während derselben blindlings ihre Macht Kronbergs
Eifersucht auf die Gräfin zu steigern das Misverstehen lag nur darin dass sie
dabei den Fremden im Auge hatte während jener alle ihre andeutenden Worte auf
Gottard bezog und sich bereits die Zielscheibe der öffentlichen Aufmerksamkeit
wähnte
In der heftigen Szene zwischen Kronberg und Louis welche den Ausbruch
seiner Krankheit veranlasste war Gondi ein unbewusster Hauptagent gewesen seine
sanguinischen Hoffnungen eine Scheidung des Grafen von dessen Gemahlin
herbeizuführen und Paola einst deren Stelle einnehmen zu sehen hatten ihn zu
sehr gewagten Übertreibungen verleitet Er hatte des Grafen Leidenschaft zur
Kapacelli mit glühenden Farben geschildert und Louis dadurch noch mehr erzürnt
und verwirrt Gottards Dazwischenkunft löste endlich alle die Misverständnisse
indem sie zugleich Louis augenblickliches Verlassen Wiens erzwang
Seit dem letzten Ereignisse waren erst wenige Stunden vergangen als
Gottard Annen von der Abreise ihres Bruders benachrichtigte und Kronberg an
Gondis Spielbank saß Er verließ mit diesem und Rutberg den Saal Ohne
Umstände hatte ihm der Spieler gestanden dass obschon er die Noten aus Louis
Händen empfangen dieselben von Gottard stammten und ihm eine
Schuldverschreibung auf zweihundert Florins gezeigt welche den Rest der
verspielten Summe ausmachte
Sehr natürlich nahm Kronbergs Gefühl sogleich eine andere Richtung abermals
trat ihm ja des Verhassten Einfluss in Bezug auf Anna entgegen Er eilte mit
seinem Freunde in das Hotel von da zur Post Louis war wirklich abgereist Fast
wäre er auf den Gedanken gekommen mit Kourierpferden der Post nachzujagen
Rutberg begleitete ihn überall hin war aber hinterdrein indiscret und erzählte
die Geschichte einigen guten Freunden die sie weiter beförderten und
commentirten
Rutbergs Benehmen hatte gar keinen besonderen Grund die Sache amusirte ihn
vielleicht regte sich die geheime Hoffnung in ihm durch einen ohnehin
unvermeidlichen etwas schneller erweiterten Bruch des Grafen und Annas irgend
einen Vorteil zu ziehen vielleicht trieb ihn der instinctartige Hass gegen
Gottard er dachte nicht darüber nach
Indessen führte er selbst die Klätschereien herbei denen wir im Salon
vierundzwanzig Stunden später zugehört aber alle Anwesenden die sie
belustigten bezogen Kronbergs unruhigen Zorn auf die Kapacelli Annens gedachte
Niemand dabei und geschah es ja war es nur um die schöne liebe Frau zu
beklagen
Nachdem ihm am Abend alle Versuche mislungen seinen Schwager zu erreichen
und ihn noch um eine Erklärung zu bitten hatte Kronberg wie wir wissen zu
Hause in dem Anliegen seines Knaben einen neuen Grund der Erbitterung gegen
Gottard gefunden im Kabinet seiner Frau war sein erster Blick abermals auf den
Verhassten gefallen Ein Billet Paolas hatte ihn während des Gesprächs mit Annen
dringend auf die Bühne und nach der Oper zu sich beschieden wo sie ihm einige
sonderbare Mitteilungen versprach
Gottards so entschiedenes Verfahren gegen den ihm als Abenteurer bekannten
Spieler und Louis fast gewaltsam erscheinende Entfernung hatte Paola und ihrem
Freunde Gondi viel zu denken gegeben Der weibliche Instinkt ließ sie vollkommen
richtig raten und sogleich wandten sich ihre Machinationen gegen Gottard Die
Art und Weise in welcher sie Kronberg die Sache vorstellte die höchst
gewandten Fragen welche sie einer Wiederholung der Erzählung ihres Bruders
verwebte reiften in ihm einen Entschluss dessen ganze Torheit er fühlte ohne
die Kraft zu haben ihn in sich zu ersticken
Als er am frühesten Morgen vor Gottard stand fiel ihm ein dass er ihn im
Grunde gar nichts zu fragen habe was gingen ihn die Zahlungen des Geheimrats
an
Gottard saß von einer Menge Acten und anderen Schriften umgeben in seinem
Arbeitscabinet Ein tiefer Ernst umwölkte seine hohe Stirn er sah den Lenz
nicht der aus dem Gärtchen mit Rosenaugen in seine stille Zelle schaute er
hörte die Mahnung all der kleinen zwitschernden Vögel nicht die so dringend
bittend den Frühlingston der Menschenbrust das leise sehnende Flehen um Liebe
in seinem Herzen wach zu rufen schienen er sah das Schattenspiel der
Blütenranken nicht das auf seinen Papieren phantastisch auf und niedergaukelte
jeder Sinn war der Außenwelt verschlossen und nur im tiefsten Innern wuchs ein
einziger schmerzlicher entsetzlicher Gedanke riesenhaft wie eine unermessliche
Nacht und überdeckte wachsend mit seinem Dunkel das reiche vollquellende Leben
in und um ihn her bis es zum Nichts zusammenschrumpfte
Es ist grauenhaft wenn die höchsten Steigerungen des Gefühls und des
sichtenden Gedankens mit einem Male in einer unausweichbaren Überzeugung
zusammenfallen die wie durch einen Brennspiegel mit den Strahlen des Erhabenen
Ewigen über uns das kleine Hoffnungsleben des armen Menschenherzens verzehrt
Wenn seine ganze reiche Vergangenheit all die bunten Elemente des Glücks seiner
Zukunft plötzlich wie ausgebrannt schwarz verkohlt vor ihm da liegen wenn in
Minutenenge lange Jahre einer ganz leer gewordenen und doch noch zu
durchlebenden Zeit drohend aneinander sich drängen solche innere Erlebnisse
solche Vernichtung des Erdenmasses mit dem wir sonst unsere Tage messen hat
manch braunes Haar in unbegreiflicher Geschwindigkeit gebleicht manch
glanzlichtes Auge ausgelöscht dass es fortan ganz farblos die Gegenstände
zurückstrahlte manch junges Blut haben sie stocken gemacht als habe es der
Eisfinger des Alters berührt aber ach getötet haben solche Augenblicke
nie
Gottard hatte die ganze Nacht hindurch über seine Stellung zu Kronberg
nachgesonnen es war ihm klar geworden dass diesem sein sich stets
wiederholendes Entgegentreten in allen engeren Lebensbeziehungen unleidlich
qualvoll sein müsse dass eine fast übermenschliche Kraft dazu gehöre es zu
dulden nachdem Roderich seine und Annas Neigung zu einander erkannt und
konnte Gottard zweifeln dass dem so sei
Unbarmherzig riss er den Schleier selbst mitleidiger Täuschung entzwei er
war entschlossen seiner Karrière eine andere neue Richtung zu geben von Annen
sich zu trennen
Seit gestern schauderte ihm vor der Tiefe seiner eigenen Leidenschaft er
hatte die Unmöglichkeit empfunden sie in jedem Augenblicke zu zügeln Annas
Kummer hatte ihn der Kraft beraubt sich selbst zu widerstehen Er wusste dass
Kronbergs Charakter kein unedler dass dessen Eitelkeit und Wankelmut die Folge
eines gewaltsam aus seinen Fugen herausgerissenen frühen Gefühls sei er fühlte
alle diese Gedanken diese ernsten stillen Mahner mit tödtendem Entsetzen denn
sie verurteilten ihn Er konnte sichs nicht leugnen dem Grafen das
Unerträgliche aufgebürdet zu haben die Superiorität eines Nebenbuhlers
Und plötzlich wie eine Verkörperung des eigenen Innern stand Kronberg
selbst vor ihm ruhig edel in Anstand und Ausdruck
Gottard war einen Augenblick zu Mute als komme jener ihn zu fordern auf
Leben und Tod Der Graf hatte sich gefasst er fragte ihn ganz einfach nach dem
ihm vielleicht bekannten Zusammenhang der Zahlung einer Spielschuld seines
Schwagers die dessen Mittel zu überwiegen scheine und dennoch abgetragen sei
Sie fühlen setzte er hinzu dass ich der Gräfin einen großen Schreck verursachen
würde wenn ich sie direkt darum befragte
Ich zweifle dass sie um die Sache weiß erwiderte Gottard Er erzählte eben
so einfach wie St Luce erwähnt dass Louis obschon genesen von Tag zu Tag
seine Abreise verschoben hätte wie er selbst darauf ihn besucht des jungen
Mannes Vertrauen gewonnen und mit ihm zu Abtragung der Schuld eine Übereinkunft
getroffen
Ich brauche Ihnen Herr Graf setzte er verbindlich hinzu nicht erst zu
sagen dass eine solche von Männern gegeneinander übernommene Verpflichtung kein
Gegenstand des Gesprächs mit einem Dritten sein darf
Kronberg schwieg an der Marmorglätte dieses reinen festen Willens brach
abermals seine Kraft
Aber fuhr Gottard fort fürchten Sie keinen Flecken auf Ihres Herrn
Schwagers Ehre alles Nötige ist von ihm selbst im Voraus besorgt und die am
Total fehlende Summe wird noch heute in Gondis Händen sein
Kronberg stutzte Gottard sah völlig gleichgültig aus Hier war nur eine
Wahl zwischen zwei Möglichkeiten Gottard war mit seiner Gemahlin im tiefsten
innigsten Einverständnisse oder Louis hatte in rasendem Stolz sein Erbteil
verpfändet es konnten aber Monate Jahre vergehen ehe das aufzuklären war Sie
haben Sicherheit fragte er kurz
Vollkommne erwiderte Gottard Aber nun Herr Graf gestatten Sie mir die
Gunst Ihres frühen Besuchs zu benutzen Mich hat ein Vorschlag eine Bitte nach
Wien zurückgeführt deren Erfüllung ich Ihnen sehr ernstlich danken würde Seine
Unterlippe bebte convulsivisch seine Stirn blieb klar Die Hauptfragen beim
hiesigen Gouvernement sind erledigt dem eigentlichen Juristen bleibt für den
Moment wenig Bedeutendes mehr zu tun Man hat uns hier den größeren Teil der
gewünschten Aenderungen zugestanden in den alten Provinzen fordern dagegen die
Gesetzentwürfe zu Einführung ständischer Verfassungen meine Gegenwart und der
Vorschlag des Vertrags mit Russland bedarf einer strengen Revision ich kam
hierher Sie zu bitten Baron Stein vorläufig an meiner Statt die hiesigen
Arbeiten zu übertragen die etwaigen Memoires aber nach Berlin oder dahin mir
nachzusenden wohin das Ministerium mich beordert wenn wir meine hiesige
Aufgabe als vollendet ihm melden
Mit unnachahmlicher Klarheit und unsäglich wehmütiger Ruhe legte nun
Gottard dem Grafen seine zum Beschluss gereiften Geschäftspläne für sich und
seinen Stellvertreter vor Es lag ein fast heiliger Ernst in seinen Worten und
eine so tiefe Besonnenheit dass Roderich zur unwillkürlichsten Bewunderung
hingerissen zauderte ihm zu antworten Dies Anerbieten des edelen jungen Mannes
überraschte ihn mit zermalmender Gewalt er fühlte dass was auch Gottard sagen
möge die Willkürlichkeit seiner Entfernung von Wien ihm künftig
unübersteigliche Schwierigkeiten bereiten und hemmend in seine Tätigkeit
eingreifen könne
Noch schwieg er da öffnete sich die Tür St Luce trat aus einem
Nebenzimmer herein Ohne aufzusehen reichte ihm Gottard die Hand General
sagte er ich habe bereits dem Grafen meine Wünsche eröffnet Eine ungeheure
Erschöpfung breitete ihr fahles Grau über seine Züge es war eine Leichenfarbe
als habe der Tod ihn berührt
Als endlich Roderich ihn verließ stürzte er an des alten Freundes Brust
die innere Erschütterung hatte ihn jedes Ausdrucks seines Schmerzes beraubt Der
General blieb den ganzen Tag bei ihm pflegte ihn und sprach ihm zu wie ein
Vater seinem Sohne aber all seine Beredsamkeit scheiterte an diesem stillen
stummen Weh
Wahrlich Eins des Andern wert seufzte St Luce
In Kronberg stürmten indessen Schmerz und Gedanken nicht minder heftig es
war ihm unmöglich jetzt seine Frau zu sehen Tappend unsicher wie geblendet
durchirrte er die Straßen sah die Menschen nicht die ihm begegneten vernahm
nicht was sie zu ihm sagten es war als habe ein unruhiger Wahnwitz ihn
ergriffen Nach stundenlangem Umhertreiben in Wiens Straßen ging er zur
Kapacelli dort hatte man ihn bereits gesucht Geschäftliche und gesellige
Anforderungen bemächtigten sich seiner umdrängten ihn rissen ihn mit Gewalt in
das Gewirr platter Alltäglichkeit
Mit unbeschreiblicher Sorge folgte Paolas Auge jeder seiner Bewegungen
bebend gewahrte sie die Macht einer Andern auf sein Herz und ein glühender Hass
ein unvertilgbarer Wunsch nach Rache an der Gräfin begann sein geheimes Leben in
ihrer Brust zu regen
Sie saß zu Roderichs Füßen küsste seine Hände umwickelte ihn mit ihrer
Zärtlichkeit wie mit einem Zauberschleier all seine Gedanken umrankte umwob
sie mit all seinen Sinnen im Bunde stritt ihre Leidenschaft gegen seinen
Schmerz abwechselnd launisch weich gewaltsam ließ sie nicht ab von ihm bis
ihr endlich gelungen ihn mit in den wirbelnden Strudel ihrer eigenen
Empfindungen zu ziehen und er ermattet wehrlos an ihrem Busen lag
Dann ward sie amusant tändelnd fast drollig was ihrer hohen Gestalt
ihren markirten Zügen durch den Gegensatz einen Reiz wunderlichster Art verlieh
leise leise weckte sie das Leben wieder das sie erst wie vernichtend in sich
gesogen sang ihm ihre Sirenenlieder vor und wendete in diesem seltsamen Spiel
das man eine Gefühlsorgie nennen könnte das Herz ihm in der eigenen Brust bis
er willen und bewusstlos die ganze übrige Welt in ihren Armen vergaß
Gottard hatte sich daheim still in sich beruhigt der Abend war
herangekommen er rang mit dem Entschluss zu Kronbergs Soirée zu gehen sie zu
sehen
Gebe Gott sagte er ernst dass der Graf nicht allzulange zögert die
Hauptschritte zu meiner Versetzung müssen wir Beide zugleich tun Ohne
Bewilligung des Kabinets kann ich nicht abreisen diese nicht erhalten ohne
seine officiell ausgesprochene Zustimmung
Wenn er ihr wenigstens die Knaben ließe murmelte der alte St Luce
trübsinnig vor sich hin er will sie nach Berlin schicken
Das wird er nicht erwiderte Gottard sehr bitter wenn ich hingehe
St Luce verließ ihn um nach Annen zu sehen Gottard hatte versprochen
ihm zu folgen aber als er gehen wollte vermochte er es nicht es war ihm mit
einem Male unmöglich geworden gerade heute unter so vielen fremden Gesichtern
sie zu sehen als St Luce zurückkehrte um ihn zu holen fand er ihn nicht mehr
zu Hause
Anna verging der Abend in tötlich beklemmender Sorge Als die letzten
Anwesenden sich entfernten war Kronberg schon wieder verschwunden ohne auch
nur ein Wort an sie gerichtet zu haben
Ihm war zu Mute als habe er eine Art Hinterlist gegen sie gebraucht er
schämte sich ohne deutlich zu wissen weshalb Das ritterlich Loyale seines
Wesens empörte sich gegen den Wunsch Gottards Anerbieten anzunehmen und
machte ihn verwirrt und befangen
Am nächsten Morgen lag Anna an einem nervöshitzigen Fieber gefährlich krank
darnieder In ihren Phantasien rief sie stundenlang Gottards Namen dann wieder
die ihrer Knaben waren diese bei ihr so ward sie stiller ließ aber keinen
derselben los wenn ihn ihre Hand erfasste Eine unsägliche Angst schien sie zu
verzehren
Jetzt war Kronberg wahrhaft beklagenswert Sophie wandte die höchste
Sorgfalt an das Verletzende zu bergen ihn während der wilden Ausbrüche ihres
Deliriums von Annens Lager entfernt zu halten vergebens In wütend
wahnsinnigem Schmerz klagte er nicht sie sondern sich selber an als suche er
mit übertreibender Heftigkeit an der eigenen Qual sich zu weiden und verließ
kaum ihr Zimmer Zur Kapacelli ging er gar nicht in diesen Tagen
Als er aber einmal während eines etwas beruhigteren Schlummers der Kranken
in seine Stube trat fand er drüben Paola in Tränen aufgelöst am Boden
kniend vor einem seiner Fauteuils sie betete und mischte unwillkürlich in die
Worte ihres Rosenkranzes wilde Drohungen und Verwünschungen gegen ihn Der
spanische etwas fanatische Charakter der Schönen sprach sich herb und bitter
aus fast wars Verachtung die sie Roderich zeigte als sie ihn aber genauer
ansah stürzte sie mit lautem Aufschrei in seine Arme Unwillig drängte er sie
zurück und begegnete ihr hart weder ihr Mitleid mit seinen eingefallenen Zügen
noch ihr Zorn vermochten es ihn zu rühren
Duguet saß Tag und Nacht im Vorzimmer dicht an der Tür des Kabinets seiner
Gebieterin und harrte irgend eines Befehls waren sie nicht bei ihr hielt er
die beiden Knaben auf dem Schoose die mit ihm weinten
Gottard kam wohl zwanzig Mal des Tages zu Sophien um Nachrichten
einzuziehen Mehre Mal fand ihn Kronberg in deren Zimmer er saß gebeugt in
starrem Schmerz still vor sich hinblickend so versteinert da dass er den vor
ihm stehenden Grafen nicht einmal gewahrte
Als aber nach zehn zwölf Tagen die Lebensgefahr vorüber war reichte
Gottard sein Gesuch um vorläufige Entlassung an das Ministerium beim Grafen ein
und forderte ihn auf demselben seine schriftliche Zustimmung beizulegen
Während man einer Antwort von Berlin aus harrte übernahm St Luce welchem
man den Zutritt nicht länger zu weigern vermochte die Kranke die nun außer
Bett in ihrer Chaise longue lag auf Gottards mögliche Entfernung
vorzubereiten Wehmütig reichte sie dem alten Freunde die Hand Ich wusste es
war Alles was sie sagte
Kronbergs Stimmung hielt nicht Stich sie verwandelte sich wie Annens
Genesung vorschritt mit jedem Tage mehr und mehr Der Bruch mit der Kapacelli
war zu grell zur Dauer er sah sie wieder und versöhnte sich mit ihr Schon
jetzt nahm er Gottards Entfernung von Wien als etwas hin das sich gebühre dass
seiner und Annas Ehre wegen unvermeidlich folglich kein Opfer sei er war
wieder der vornehme vom Glück verwöhnte Aristokrat der des Untergeordneten
Dasein kaltblütig verbraucht
Noch einmal sah Gottard sie wieder aber nicht allein St Luce begleitete
ihn hin Anna saß zwischen ihren Kindern sie und Gottard waren Beide
überzeugt dass vor der Hand von keiner Trennung der Knaben von ihr die Rede sei
Sie kannten Kronbergs Charakter und verrechneten sich nicht ihm war zu Mute
als sei das Bleiben Egons der Kaufpreis für Gottards Entfernung obgleich er
sich überredete er würde dieselbe mit Gewalt erzwungen haben wenn der junge
Mann nicht von selbst den Forderungen der Umstände nachzugeben sich
entschlossen so fiel ihm doch nicht im Traum ein an diesem Preise zu mäkeln
Alles Markten und Feilschen war ihm von Grund der Seele aus zuwider Es mag so
bleiben sagte er sich bis übers Jahr der Kinder Anwesenheit wird sie für
jetzt beruhigen und ich bringe dann später die beiden Knaben zugleich zu
Geiersperg
Gottard schrieb Annen einige Abschiedszeilen es waren wenige Worte aber
wie mit seinem Herzblut geschrieben Sie weinte so heimlich dass nicht einmal
St Luce ihre Tränen gewahrte Überhaupt war Anna seit der Krankheit sehr
verändert die Trennung zerdrückte ihre noch nicht wieder erstarkte Körperkraft
Trennung ein Wort das man tausendmal hört und ausspricht das man in
tausend verschiedenen Gestaltungen ins Leben treten sieht und doch niemals in
seinen Folgen im Voraus richtig begreift dem Einen ein Ballast der sein
Lebensschiff im Gleichgewicht erhält dem Andern der Stein der ihn in die
Todestiefe des Stromes hinabzieht Jenem ein Hauch ein Nichts das er vergisst
indem er kaum es ausgesprochen Diesem ein schweres Dunkel das ihn lebenslang
umgibt in welchem er sich selbst verliert Ihr wars Erstarrung
Winterseelenschlaf Sie vergaß der Trennung nie in keiner Zerstreuung in
keinem Interesse keiner Arbeit ja sogar in keinem andern Schmerz In jeder
Sekunde fühlte sie Gottards Entfernung wie man ein abgetrenntes Glied des
eignen Körpers fühlt immerfort es entbehrend immerfort im Entbehren die
Gegenwart seines Schattenbildes dunkel empfindend Sie schrieb ihm nicht sie
fragte selten nach ihm wenn ihr St Luce zufällig eine Nachricht brachte
kostete das kleinste Wort derselben ihr einen ganzen Tag sie konnte sich dann
auf nichts mehr besinnen und ging umher wie ein Automat
In der Gesellschaft sagte man das Nervenfieber habe sie sehr stark
angegriffen und der diesjährige Sommer sei zu heiß
Aber der Sommer und sein Siroccohauch verflogen ihr Zustand war der
nämliche geblieben da brachte der Oktober mit seinen bunten Blumen die alle
»Rosens spielten« und den Frühling nachäfften die eine wahrste duftigste
Frühlingsblüte Leontinen
Leontinens Lebenssonne stand im Zenit Jean Karlo war begnadigt das heißt
er war verbannt verbannt auf zwanzig lange Lebensjahre mit dem Vollgenuss
seiner Einkünfte
Der Marchese Viatti trat in Wien mit solchem Glanze auf dass Kronberg
erschrak er fürchtete man werde einen Teil der schon gewährten Koncessionen
zurücknehmen Er irrte Österreich liebt die Pracht und den Reichtum wie es
die Wohltätigkeit liebt und dem Hochstehenden wie dem Gemeinen gern den Genuss
gewährt und bereitet den materielles Wohl verleiht
Das junge Paar mietete sich ein schönes Hotel sah viele Leute bei sich
und da eine so nahe Verwandtschaft jede Rivalität aufhob erhöhte sein
brillanter Haushalt den Nimbus der Kronbergs Gastlichkeit umgab Die beiden
Familien erhielten ein ungeheures Übergewicht in der höheren Gesellschaft
Sophie war fast immer auf dem Wege zwischen beiden Häusern Bei Annen
hielten sie die Kinder und dann bedurfte ja die Kleine wie sie insgeheim immer
noch die Marchesin nannte ihrer nicht die war so glücklich Duguet war
nicht recht zufrieden mit dem Allen Leontine hatte dem Dringen Jean Karlos und
der innern Unruhe ihres Gemüts nachgegeben sie war zum Katholizismus
übergetreten Ob sie den so oft und schwer vermissten Frieden dadurch errungen
war in diesem Augenblick der vollen Blütezeit ihrer äußeren Verhältnisse schwer
zu entscheiden kam sie doch kaum zur Ruhe des Nachdenkens über das
Allernächste
Duguet also war sehr unzufrieden mit diesem Schritt A quoi bon ces bêtises
sagte er in seiner Revolutionsweisheit er war nicht mit dem neuentstandenen
Kaisertum Bonapartes zur alten Religionsform zurückgekehrt die Déesse de la
raison die zu seiner Zeit ein sehr schönes Mädchen und später ein altes
garstiges Aepfelweib in Bonn war steckte ihm noch im Kopfe
Sophie gehörte dem Realismus an sie fand den Schritt nötig der künftigen
Kinder der Marchesin wegen Kronberg kümmerte sich gar nicht darum Anna blieb
wie immer mild in ihrem Urteil sie begriff das Abschwören nicht sie
vermochte nicht an dessen absolute Aufrichtigkeit und Wahrheit zu glauben
Geiersperg der das Ehepaar nach Wien begleitet hatte und so viel für dessen
Vereinigung getan war als er es erfuhr mit Leontinen gleich zerfallen er
war ein eben so echter Protestant als loyaler Legitimist der Religionswechsel
schien ihm sündlich
Selbst Annen gelang es nicht ihn milder zu stimmen
Wenn sie nur Jean Karlo genug liebt um nie zu bereuen sagte sie ihm so
ists ja gut Gott ist zu groß um in der Wandlung der bloßen Form eine Sünde zu
sehen seit Ewigkeiten schaut er dem Wechsel alles Menschenwesens zu er wird
auch hierin das Unabwendbare seiner gegebenen Naturgesetze gelten lassen Sind
denn die Veränderungen welche Alter Krankheit Schmerz oder Glück oft
plötzlich in unserer ganzen Sinnesart hervorbringen kleiner Schwört nicht der
Greis die edelen Träume seiner Jugend ab Und ist der Tod nicht vielleicht ein
weit größerer auf eigenes Wollen erbaueter Übertritt zu einer neuen Form der
Anschauung des Höchsten
Aber der Alte küsste sie und erwiderte Wenn ich Gott meinem Herrn zwanzig
Jahre als Cuirassier gedient warum soll ich denn im einundzwanzigsten mein
Regiment verlassen die Uniform changiren um ihm als Infanterist das Gewehr zu
präsentiren Du meinst es gut Kindchen aber du glaubst selbst nicht daran
In einzelnen Minuten flog eine Wolke durch Leontinens reines Blau der
Gegenwart der eine Schritt hatte sie all den Ihren vielleicht sogar ihrem
Vaterlande entfremdet
Daheim in Berlin saß Josephine in stillem sorgendem Kummer versenkt täglich
Briefe aus Wien erharrend oder schreibend Ihre alte schöne Heiterkeit ihr
Vertrauen auf das Glück ihrer Leontine kehrten nicht wieder Der Glanz der ihre
Kinder in der Kaiserstadt umgab freute sie wenig sie war noch aus der Zeit wo
Komfort Häuslichkeit und eine gemütliche Gastfreundschaft höher galten als
eigentlicher Luxus war nur immer Alles um sie so elegant sauber und genügend
für die sie Umgebenden so vermisste Josephine nichts
Leontinens Übertritt hatte sie tief verletzt auch sie vermochte nicht an
die Dauer einer so im Fluge gewonnenen Überzeugung zu glauben eben so wenig
traute sie Jean Karlos Trennung vom Karbonarismus und den mit seiner ganzen
Individualität so eng verwachsenen italienischen Verbindungen
Fiel ihr Blick in die Zukunft so bangte ihr noch mehr sie fürchtete
Leontinen könne viel Trauriges bevorstehen woran sollte ihr Gemahl in Preußen
seine Interessen knüpfen Deutschland war ihm fremd keine Art fester
Beschäftigung verband ihn mit demselben Niemand nahm an seinem Streben Anteil
sogar die Gegenstände seiner Bewunderung in Kunst und Wissenschaft hatten eine
der deutschen Ansicht fremdartige Färbung Die neuere meist didaktische
italienische Poesie kann bei uns kein Element der allgemeinen Bildung werden
der Ausdruck seiner Vaterlandsliebe konnte leicht eben so wenig Anklang finden
denn seine excentrischgrandiosen auf Traditionen versunkener Größen erbaueten
Lebensanforderungen mussten diesen durch lange herbe Erfahrungen gereiften
Männern all den Professoren Beamten und Offizieren welche den Kern unserer
Gesellschaft bilden im Vergleich zu dem was in Neapel wirklich geleistet
worden ein Lächeln ablocken während sie den Staatsmännern strafbar erschienen
Und doch lag eine so tiefe Wahrheit in der Glut dieser Jünglingsseele ein
solcher Mut der Selbstaufopferung in diesem festen Glauben an eine mögliche
bessere Zukunft Josephinen traten die Tränen ins Herz Wie lau erschien das
allgemeine Mitleid wie arm das Wort der Teilnahme an all den Qualen die Jean
Karlo durch Wiens brillantes Gesellschaftsleben hindurchtrug unter dessen Glanz
er schweigend das einmal Übernommene mit verbissenem Ingrimm einem Gefangenen
gleich der die Kette nachzieht mühsam und schwer durch seine Tage schleppte
Und nun sollte und wollte der Verbannte künftig in Berlin leben und Ruhe
halten und in den einmal angenommenen Formen und Grenzen der
staatsgesellschaftlichen Zustände ausharren ein langes Menschenalter hindurch
Josephine seufzte recht schwer fast scheute sie diesmal Geierspergs
Rückkehr der gewissermaßen durch seines Schützlings Aufenthalt in Wien die
früher für diesen getanen Schritte rechtfertigen musste und plötzlich durch den
erst hier ihm bekannt gewordenen Religionswechsel Leontinens beleidigt und
schmerzlich erregt Wien selbst verließ weil er durchaus mit seiner Frau fort
und auf seine Güter ziehen wollte um den Scandal nicht mehr zu sehen dass ein
Freifräulein des alten protestantischen Geschlechts der Waldau katholisch
geworden
Am Lager einer schönen blühend jungen Frau stand reisefertig ein kräftiger auch
noch junger Mann und suchte sie sehr sanft durch einen leisen Kuss zu wecken Die
schöne Schläferin hatte eine ungemein zierliche Hand auf das seidene Deckbettchen
einer dicht neben ihr stehenden Wiege gelegt deren leisestes Schwanken sie wach
rufen musste Sie mochte spät eingeschlafen sein denn die ganze Einrichtung des
Gemachs deutete auf bürgerlich frühe Stunden die Sonne aber stand schon hoch
und sie schlief noch so sanft und fest als wäre das ihr erster Schlaf vor
Mitternacht Das kleine Mädchen in der Wiege sah dem Vater ähnlich nur war es
lichtblond und auf dem weißen Kopfkissen lagen die klaren Löckchen wie
Goldfädchen einer Stickerei und duldeten in ihrer Fülle das Mützchen nicht das
sie nach hinten zurückgeschoben
Im Zimmer sah es ungemein friedlich und wohnlich aus von Luxus war nicht
viel zu bemerken die Möbel waren derb und doch zugleich geschmackvoll von
Eichen und Nussbaumholz in den Ecken und wo eben ein freier Platz sich
gefunden hatten sich recht gelehrt aussehende Bücherschränke eingenistet auf
welchen Prachtexemplare von Mineralien Glasretorten und allerlei physikalische
Instrumente so zierlich aufgestellt waren dass sie beinahe einen Schmuck
bildeten Das Wohnzimmer das sich an diese geräumige Schlafstube schloss war
ganz morgensonnenhell die weit zurückgelegten grünen Jalousien ließ das Auge
zum Fenster hinaus über den Garten in eine Schweizergegend zu weit entlegenen
Bergen hinschweifen seitwärts lag eine graue Stadt es war Basel
Endlich schlug die junge Frau ein Paar wunderschöne dunkle Augen auf und
ein lichtes Freudenrot rötete ihre Wangen sie begrüßte mit dem frohen Blick
zugleich den Tag ihr Kind und ihren Mann pfeilschnell von dem einen zum andern
fliegend so dass sie nicht einmal sogleich seine Reisetracht gewahrte Vrenely
sagte Otto indem er sich neben das Bett und die Wiege setzte und seiner Frau
herzlich die Hand zum Gutenmorgen bot während du die Angst der stürmischen
Nacht ausschliefst hat sich mein innerer Horizont stark umwölkt Ich habe einen
Brief von Duguet bekommen und werde in einer Stunde zu Annen reisen Sie hat
Kronberg verlassen Ich möchte dir das Alles gern unter Gottes freiem Himmel
erzählen Steh auf mein Kind und komm mir nach in den Garten
Noch einen Augenblick stand er an der Wiege wie innerlich Abschied nehmend
von dem süßen Kinde und sah still gerührt dessen rosiges Gesichtchen sich an
zu küssen wagte er es nicht aus Sorge es zu wecken
Vrenely nickte ihm ihre Beistimmung zu sie sprach fast weniger noch als
sonst aber nach zehn Minuten schon saß sie neben Gottard auf der Rasenbank und
las über seine Schulter hingelehnt den traurigen Brief mit ihm zugleich
»Lieber Herr schrieb Duguet ich muss Ihre Hoffnungen leider alle auf einmal
zerstören Es ist gar nichts besser geworden seit uns die Familie des Grafen
Viatti verlassen Schlimm ganz schlimm ist es geworden Schon im vorigen Jahre
nachdem dieselbe im Februar nach Berlin gereist war lebte unsre Frau Gräfin
sehr still sie blieb des Tages über fast immer allein ging selten in
Gesellschaft sah deren aber zu Haus an den vier Empfangsabenden weil es der
Herr so wollte Monsieur de St Luce kam alle Tage zu ihr ach was hat er oft
im Stillen gelitten um sie aber sie klagte nie man sah ihr nur den
heimlichen Kummer an
Im vorigen Herbst hatte der Herr Graf der Mad Kapacelli ein schönes
Landhaus gekauft und es sehr kostbar einrichten lassen da brachte er meistens
seine Abende oft auch die Mittagsstunden zu Es war etwas wie eine gläserne
Wand zwischen unserm Herrn und der gnädigen Gräfin Seit Herrn Gottards Abreise
von Wien hatte sie keinen Mut mehr und nachdem einmal ein Brief des Herrn
Louis Müller an den Grafen gekommen schien dieser innere Zwiespalt noch um
Vieles zugenommen zu haben Der Herr Graf machten der gnädigen Gräfin eine
furchtbare Szene in welcher sie wie es mir vorkam mit großer Festigkeit
antwortete sie wisse um diese Sache nicht
Von da an ging es immer schlimmer so lange aber der kleine Joseph im Hause
blieb sorgte sie für das Kind das leider sehr kränklich ist das zog sie von
sich ab Als jedoch Joseph in Pension zu seinem Bruder kam lebte sie eigentlich
nur an Sonn und Festtagen wo sie die beiden Knaben sah
Unser Egon ist so wunderbar entwickelt dass er mit zwölf Jahren einem
Jüngling von sechszehn gleicht er hat in allen Klassen die ersten Preise
davongetragen ist fest und entschlossen wie ein Mann Vor etwa acht Tagen hieß
es plötzlich nun sollten Beide nach Preußen Joseph in ein Kadettenhaus nach
Berlin Graf Egon nach Brandenburg in die Ritterakademie um zu einem
vollkommenen Kavalier erzogen zu werden Nun das muss man unserm gnädigen Herrn
lassen er ist selbst tapfer und ritterlich und voll feiner Sitte wie ein
Marquis aus der alten guten Zeit
Unglücklicherweise soll jedoch unser Egon schon so viel gelernt haben und
ein so großes Genie sein dass er über ganz Brandenburg und die Ritterschule weg
ist ich glaube auch selbst dass er mit zwanzig Jahren Minister werden könnte
Es sei ratsam ihn in Berlin zu lassen meinte die Familie Das gab viel
Streit es wurden sehr viele Briefe geschrieben und ich weiß nicht wovon
eigentlich die Rede war der Herr Graf wurden aber mit einem Mal sehr heftig
was sie sonst selten in so hohem Grade sind und befahlen der Knabe solle
gleich am folgenden Tage mit Mad Kapacelli die zum Gastrolliren nach Berlin
ging dahin abreisen Ich glaube immer noch dass dem Herrn das Gastrolliren
fatal war denn er hat gewünscht die Spanierin möge die Bühne ganz verlassen
sie aber soll geäußert haben nur eine Heirat könne ihr diese Pflicht
auferlegen
Stellen Sie sich vor bester Herr Professor dass nun plötzlich unser Egon
erklärte er wolle lieber zu Fuß nach Berlin gehen als mit Mad Kapacelli
fahren unter dem Schutze einer fremden Komödiantin reise ein Graf Kronberg
nicht Unser Herr schäumte vor Wut die Kapacelli musste es wohl verlangt haben
um ihr Ansehen an den Tag zu legen nun sollte die Gräfin Schuld sein an des
Knaben Weigerung O lieber Herr was für ein Auftritt Als endlich die
Saalklingel fünf bis sechs Mal heftig angezogen ward stürzten wir der Jäger
meine Frau und ich Alle hinein da lag unsere liebe schöne Gräfin
totenbleich und ohnmächtig auf der Erde in ihres Sohnes Armen Er kniete neben
ihr und sah aus wie der richtende Erzengel Michael Der Graf befahl uns seine
Gemahlin die unwohl geworden sogleich zu Bette zu bringen und verließ das
Zimmer ohne Egon eines Blickes zu würdigen
Diesen Abend ward Niemand vorgelassen nicht einmal Herr von St Luce Gegen
Mitternacht rief die Gräfin meine Frau und befahl Alles zu einer Reise Nötige
für sich und Graf Egon zu packen sie wolle nach ihres Gemahls Wunsch und Befehl
ihren Sohn selbst nach Berlin und Brandenburg geleiten Niemand anders solle ihn
hinbringen
Sie schrieb noch einige Zeilen an den Herrn die ich so spät es war selbst
hinübertrug zur Madame Kapacelli Drüben hatte es auch Verdruss gegeben die
Erzherzöge und andere hochgestellte Personen hatten sich bei dem Herrn Grafen
nach dessen Gemahlin dringend erkundigt und eine so große Verehrung und Liebe
für sie ausgesprochen dass der unvermeidliche éclat dem Grafen steinschwer aufs
Herz gefallen was nun freilich die Sängerin entgelten musste obschon sie
unschuldig daran war O lieber Herr Professor wie sehr hat sich unser Herr
verändert Wer hätte das für möglich gehalten Er war sehr hart gegen Beide mir
aber befahl er sogleich am frühesten Morgen solle Egon bei ihm sich einfinden
dann werde er das Übrige bestimmen
Wir fuhren in unsern Reisevorbereitungen fort Graf Egon war immer noch am
Bett seiner Mutter Als sie unsere Antwort vernahm verlangte sie aufzustehen
um noch Einiges selbst zu ordnen Sie wissen sie hat immer späte Stunden
geliebt
Als wir aber nach einer Weile den Grafen Egon wieder im Zimmer seiner Mutter
hörten liefen Sophie und ich an die Türe desselben Ach Gott in meiner Angst
beging ich etwas qui est indigne ich sah durchs Schlüsselloch da lag die
Gräfin mit gefalteten Händen und strahlendem Gesicht es leuchtete wie das einer
Heiligen mit gebogenen Knien lag sie vor dem zürnenden Kinde das wie wir gar
wohl aus seinen Worten vernommen hatten den Vater anklagte dass er die Mutter
zu Tode kränke Alle ihre Vorstellungen hatten ja nichts gefruchtet Egon fing
die angebetete Mutter in seinen Armen auf drückte sie mit tausend Liebkosungen
ans Herz und schwur ihr fromm und sanft wie ein Lamm den Vater anzuhören und
ihm zu gehorchen Wie Diamanten standen die Tränen in seinen blitzenden
zornigen Augen aber er zwang sich zum Gehorsam und hielt auch am nächsten
Morgen Wort
Noch einmal kam der Herr Graf zu seiner Gemahlin was aber unter ihnen
verhandelt worden erfuhren wir nicht Nach dieser Unterredung beschied sie
Sophien und mich zu sich und befahl mir nein der Engel bat mich sogar beim
Grafen zu bleiben damit der Herr einen treuen Diener um sich habe die Reise
sei ja von nicht langer Dauer da wusste ich aus ihrer Verlegenheit woran ich
war II faut respecter toujours les dehors Ich blieb Monsieur de St Luce gab
ihr seinen alten Diener August mit der gewiss meine Stelle ganz ausfüllen wird
Der General ist auch ein Stück mitgereist läge der Herzog von Reichstadt nicht
darnieder hätte er sie bis hin begleitet Ganz spät Abends sind sie Alle
abgefahren Der Graf war ausgeritten um ihr auf der ersten Station wieder zu
begegnen hieß es Ja sie hat ihn nicht wieder gesehen aber die Sache ging
still und ohne Aufsehen ab
In meinem Herzen aber ist eine unsägliche Angst in Berlin wird sie nicht
bleiben Herr Gottard ist in Paris ich wage nicht ihm zu schreiben Was
General Geiersperg zu der Geschichte sagen wird
An Sie mein Herr Professor glaubte ich schreiben zu müssen vielleicht
gibt Ihnen das Herz etwas ein das traurige Geschick unserer lieben Gräfin zu
erleichtern« etc
Ja wohl lieber Otto musst du hin sagte Vrenely Wie ich gesehen lässt du
das Lisely auch schon einpacken ich will ihm helfen Und fuhr sie auf halbem
Wege umkehrend fort indem sie dicht an ihn trat und ihre kleinen Hände auf
seine hochschlagende Brust legte so lege du ihr unser Glück ans Herz wie ich
mich an das deine als einen stillen Trost Es hat mir lange geahnt dass sie es
nicht aushalten werde dass aber Egon die Trennung herbeiführen musste ist hart
Denke ich mir die Möglichkeit dass je unsere kleine Anna zwischen dich und mich
treten könne möchte ich lieber die Welt verlassen in der ich doch so himmlisch
glücklich bin
Otto zog sie schweigend in seine Arme Aber er war schon halb auf der Reise
Hältst du fuhr er mit einem Male auf die Trennung für eine dauernde
Ja Otto erwiderte sie fest Anna tut nichts halb Nun lass mich einpacken
gehen
Und abermals blieb sie stehen Otto du wirst reiche Stunden haben schöne
und schwere Versprich mir sie stockte Was mein Engel Sie von Grund aus
rein zu genießen wie Gott sie gibt ohne Vor und Rückblick ohne gemachte
Gewissenssorge die unnütz ist denn ich traue dir Und Gott traut dir auch
sonst würde er dir nicht die wunderliche Aufgabe senden Sieh mein Liebster
fuhr sie fort und schlang wieder den Arm um seinen Hals ich bin so ruhig weil
ich weiß blühte dir dort ein eigenes Glück so liebe ich dich genug um
deinetwillen den herbsten Schmerz zu ertragen und dir meines hinzugeben aber
dem ist nicht so du bist der Gärtner nur der einem Andern die schöne Blume
pflegt Ob der sie jemals blühen sehen wird ja das ist eine andere Frage
Otto errötete Du aber sprach sie freundlich weiter pflege die Blume
weißt du gleich nicht wem Gott sie schenken wird dem Tode dem Leben dem
Glück Alles gleichviel Pflege die Blume wie die Parsen von denen du mir
erzählst die Quellen in Kanäle fassen zu seiner Ehre
Als sie fort war fuhr Otto ein paar Mal krampfhaft nach seinem Herzen eine
dunkle trübe Stimmung eine schaudernde Erinnerung vergangener Schmerzen
ergriff ihn Gewaltsam strich er die dunkeln Locken aus der Stirn und biss die
Lippen fest zusammen dann aber ermannte er sich rasch und ging zu Vrenely
Heiter ordnete das schöne Paar Alles zur Abreise und nach einer Stunde flog sein
Charabanc durchs Tal
Nachmittags kamen die Nachbarinnen sie hatten ihn fahren gesehen Was ich
froh bin sagte Vrenely ich hab den Otto zu seinen Verwandten persuadirt ich
wollte seine Stube während den Ferien malen lassen Bei so was taugt der Mann
nicht im Haus kehrt er zurück ist Alles schmuck und sauber
Die Tränen die Vrenely die halbe Nacht hindurch vergoss sahen weder Otto
noch die Nachbarinnen
Es ist eine sonderbare Erfahrung dass fast jedes irgend bedeutende Menschenleben
seinen tragischen Zeitpunkt hat alltägliche Verhältnisse deren Druck man Jahre
lang ertragen überwachsen mit einem Male exotischen Gewächsen gleich unser
Streben unsern Charakter unsere Umgebung Die bittere Aloeblüte einer solchen
Erhöhung unseres Zustandes ist leider darin von ihren Schwestern verschieden
dass sie häufiger ihren Kelch entfaltet indessen hat dennoch meistens das
Menschenleben nur eine einzige solche Periode deren Steigerungen alle zum
nämlichen Ziele führen und dem Rest der Tage die Grundfarbe geben
Leontinens Wagen hielt in Brandenburg vor dem bescheidenen Hause das Anna
bewohnte Sie sprang aus demselben und eilte hinauf Ich konnte es nicht mehr
aushalten ohne dich rief sie der Freundin entgegen Es ist seelentödtend Papa
und Mama Domino und Piquet spielen zu sehen in der Gesellschaft leere Floskeln
über Navarin zu hören und dabei Jean Karlos tiefe Herzensglut auf unserem Herde
Kartoffeln sieden zu lassen O wäre der Unglückselige unerweckt auf dem Felde
der Ehre gebettet geblieben nachdem er den kurzen schönen Freiheitstraum
geträumt
Vergebens versuchte Anna ein Paar tröstende mildernde Worte Leontine
schüttelte wehmütig das Haupt und fuhr fort das ist es eben er verschweigt
mir wie den Andern aus Schonung seinen Gram aber ich sehe ihn und doch
Anna langweilt er mich aufs Entsetzlichste Ich möchte ihn lieber Gift und
Dolch handhaben sehen als dieses Nichtstun und sich so durch die Tage
Hinschleppen an ihm erleben Dieses Verdämmern der tiefsten Seelenkräfte in
dumpfem Hinbrüten und dann das Spielen mit Kleinigkeiten großer Gott wie kann
ein Mann ich bin ganz matt und müde davon darum komme ich zu dir
Und glaubst du denn fragte Anna dass ihn die so gesunkene Karbonaria noch
interessiert dass er sein Wort gebrochen und neue Verbindungen mit ihr angeknüpft
hat
Ja und nein Er ist nicht aus einem Guss das ist ja eben das Elend Da er
heilig gelobt hat sich nicht mehr in diesen Wust schwächlicher
Freiheitsversuche hineinziehen zu lassen wird er Wort halten das heißt auf
seine Art er wird zu jenen Zwecken nur sein Vermögen den Einzelnen zuwenden
Geld auf Geld verschleudern aber keine Details anhören Drängen sie jedoch
jemals gewaltsam an sein Ohr so ist wohl kein Zweifel dass er mich verlassen
würde im ersten als wichtig sich ankündenden Moment um vielleicht nutzlos sein
Haupt dem Beile preiszugeben Die ganze Sache ist allmälig fixe Idee in ihm
geworden
Mir scheint du vergisst seine Nationalität Hat er dies unermüdete
Wiederauffangen abgerissener und verlorener Fäden seines Gewebes dieses
taumelnde Entzücken beim Klang des Wortes »Freiheit« nicht mit den Edelsten
seines unglückseligen Volkes gemein
Mag sein Aber lebe nur erst den ganzen langen Tag mit einer personificirten
Idee die nirgends ihren Anknüpfungspunkt in der Wirklichkeit findet sieh diese
tausendfach zerstückelten Fäden in der klaren Luft der Alltäglichkeit
zerflattern wie den alten Weibersommer der uns auch den schönen Frühling
niemals wiederbringt Anna Um einer begeisterten Ansicht Alles zu opfern und
um sie allen Umgebungen und Gegenwirkungen zum Trotz zum Wirklichwerden zu
zwingen zum fruchttragenden Baum sie zu machen um mit einem Wort die Basis
einer Volksfreiheit aus seiner Persönlichkeit herauszubilden gehört ein
eiserner Wille und Charakter dann beugt sich ihm dem Wollenden die Welt
gleichviel ob in starrer Demut oder lebendigem Gehorsam gleichviel ob zum
Bau einer Republik oder eines Kaisertums Ein Napoleon oder ein Washington
würden es vollbringen und höchstens hinterher in sich zu Grunde gehen nachdem
das ungeheure Ich mit dem äußern Stoff fertig geworden und seinen Höhepunkt
erreicht hätte So ein besonnen verharrender fester Sinn wie etwa Gottards
vermöchte das vielleicht Sonderbar dass ich ihn nie vergesse
Anna schwieg verlegen Leontine bemerkte es nicht und fuhr fort Gut dass
ich Mut habe Gib Acht Jean Karlo endet auf dem Schaffot ohne irgend etwas
geleistet zu haben Erschrick doch nicht so Das habe ich bedacht ehe ich meine
Hand ihm gab Ja ihm fehlt Charakter wiederholte sie flüsternd halblaut vor
sich hin und doch will er ihn einer Nation verleihen und meint die Zustände des
Volks wie aus einem Gefäß ins andere auszugiessen zu einer neuen Gestalt Gäbe
es eine Allgemeinheit der Gesinnung dann möchte dem Einzelnen das Große
gelingen es könnte den Tropfen bilden der den Becher überfliessen macht Aber
so Unsre Zeit fordert ja umgekehrt vom Einzelnen was sie in solchem Falle
von der Allgemeinheit verlangen sollte eine Tatkraft die ins Unermessliche
reicht ein Regeneriren all der schlaff gewordenen Gemüter Und der das könnte
ist glaube mir jetzt gar nicht auf der Welt Nach der Oekonomie der Natur
setzte sie heiterer hinzu die eine gute Hausfrau ist wird er auch wohl kaum in
unserm Säculum mehr geboren
Einem Manne wie Otto zum Beispiel traust du also eine solche Gewalt nicht
zu
Nein o nein rief fast heftig Leontine er hat zwar Kraft auch das
Bewusstsein alles Einzelnen aber nicht das Genie Er hat ein friedliches Gemüt
und neigt sich weit mehr dem Universum als dem kleinen Vaterlande zu Doch was
fragst du mich Gottard ist vielleicht der Einzige den wir kennen der Aber
wo ist er jetzt
Noch immer in Paris In den paar Jahren unserer Trennung hat er seine Bahn
zu einer Höhe gehoben
Kind ich sagte dir ja immer dass er Minister werden würde
Das sagt Duguet auch von mir liebe Tante rief lustig auflachend Egon der
aus dem Nebenzimmer eingetreten war aber ich fürchte du hast es sicherer
getroffen Herzlich willkommen Er umarmte und küsste sie Aber sprach er fort
indem er sich nach allen Seiten umsah wo ist denn Otto
Leontine wurde blass leichenblass
Anna hatte die ganze Zeit hindurch versucht das Gespräch auf ihn zu
bringen sie hatte den wilden Ausbruch des Gefühls ihrer Freundin vorüberlassen
dann mit des Freundes Anwesenheit sie überraschen wollen nun nahm ihr der
Zufall das Wort von den Lippen
Unaussprechlich tröstlich war Annen die plötzliche Erscheinung ihres
Jugendfreundes gewesen ihre Lage in Brandenburg war nicht angenehm Die bei der
Geburt von hoher Hand einem der Knaben verliehene Präbende konnte wie sich bei
Regulirung des Eintritts in die Militärschule fand nicht angenommen werden sie
war gegen die Statuten Annas Bürgerlichkeit machte sie unmöglich Egon in dem
sich bereits die Stimmung unserer jetzigen Jugend im Keime zu zeigen begann war
höchst aufgebracht dass man nicht seiner Mutter wegen eine Ausnahme machte er
war vorläufig noch ein legitimer Demagoge der einer ganzen Welt die Freiheit
und sich den Grafentitel gönnte
In Berlin war Anna nur einen Tag geblieben sie suchte Kronbergs Wünschen
hinsichtlich der Kinder möglichst nachzukommen Dem jüngeren trotz seiner
Schwächlichkeit zum Offizier bestimmten Joseph war diese Militärschule
notwendig für Egon passte sie nicht Sie hatte an Kronberg geschrieben und
harrte seiner Entscheidung als unerwartet Otto wie der Strahl eines milden
schönen Sterns die Nacht des Zweifels und Trübsinns in ihr brach und
zerteilte Er stand plötzlich im Zimmer und fragte mit den sanftesten Tönen
seiner tiefen Stimme Komme ich dir recht liebe Anna Du bedarfst vielleicht
nicht den Arm aber das Herz vielleicht sogar den Kopf deines Jugendfreundes
Mit unsäglicher Liebe hatte er sie seit mehren Tagen gepflegt getröstet
zerstreut frisch und jugendlich erschien er neben Egon fast wie ein älterer
Bruder Er zeigte sich ruhig und doch klopfte sein Herz wie sonst Annen
entgegen und doch war sie nicht minder schön als damals Und jetzt mit Einem
Male war auch Leontine da und die unvergessliche Zeit seiner Liebe drang wie eine
Gegenwart auf ihn ein Aber Otto verbarg seine tiefe Erschütterung er hatte das
in seiner Ehe still gelernt
Leontinen traf sein Anblick wie ein Blitzstrahl
Und ich bin katholisch geworden dachte sie was wird er dazu sagen An
ihrem namenlosen Schreck bei dieser Frage fühlte sie wie sehr sie noch ihn
liebe Auch sie war vorsichtiger sie schlug das Auge erst auf als sie es
ruhiger werden fühlte
Immer noch war ihm Anna die seine Seele weckende erwärmende Sonne prächtig
entfaltete sein Geist die Flügel ihr gegenüber alle seine Ideen wuchsen und
erweiterten sich Nachts nachdem er von ihr gegangen arbeitete er die
kühnsten schwierigsten Probleme seiner Wissenschaft aus er lebte tausendfach
nach allen Richtungen hin ohne zu ermüden der Morgen fand ihn immer frisch und
klar
Aber keinen Augenblick vergaß er seiner Vrenely daheim Täglich schrieb er
ihr und sein liebevoller herziger Brief enthielt kein lügenhaftes Wort Er
freute sich mit tiefer dankbarer Rührung seiner Häuslichkeit ihrer und des
Kindes Stunden lang sprach er von ihrer Anmut Wahrheit und Güte Dass sie und
Anna zu der nämlichen Gattung Wesen gehörten fiel ihm kaum ein Meilen weit
lagen diese Gefühle auseinander
Eine Frau wird diese Doppelempfindung nie verstehen
Bei Annas Trennung von Kronberg war der Name der Kapacelli nicht über ihre
Lippen gekommen nur von den Knaben war die Rede gewesen Anna hatte ihrem
Gemahl bloß angedeutet dass sie allen den Mislauten der Gegenwart ein Ende zu
machen ihre Entfernung für gut für nötig halte und ihm des Sohnes
unbedingten Gehorsam gelobt wenn sie selbst ihn begleite Ihre Freunde dagegen
hatten die Annen durch das Verhältnis zur Kapacelli erschwerte Stellung in Haus
und Gesellschaft auf den Zustand ihres Gemüts übertragen Niemand begriff dass
sie die ihr aufgedrungene Rolle der mishandelten unglücklichen Gattin so ruhig
hinnahm weil sie ihr Einsamkeit und ein leichteres Aufatmen gönnte Erst als
Kronberg einen Schritt tun wollte der sie zu einer öffentlichen Erniedrigung
gezwungen hätte stieg der Gedanke einer Trennung in ihr auf
St Luce schrieb oft Er war Kronbergs Freund geblieben und bis zu Ottos
Ankunft die Annen abermals zum Schreiben veranlasste das einzige
Verbindungsglied zwischen den getrennten Gatten unter sich und Gottard der
noch immer in Paris sich aufhielt Kronberg hatte noch nicht geantwortet
Als Franzose hatte St Luce den Vorfall mit der Kapacelli leichter genommen
als Geierspergs und die Andern Er warf Kronberg immer noch die Dummheit eines
unnützen éclat vor Allerdings war er jetzt auf einen momentanen gänzlichen Sieg
der Spanierin gerüstet auch er hielt die Trennung Annas von Roderich für eine
vielleicht dauernde an gerichtliche Scheidung zu denken fiel ihm nicht ein
Wie es nur dahin gekommen übersann er auf einem langen einsamen
Spaziergange war doch eigentlich seit Annas Krankheit nichts Bedeutendes
geschehen Kronberg war ja so reich es konnte Annen wahrhaftig einerlei sein
mit welcher hübschen Frau er einen Teil seines vielen Geldes durchbrachte
eifersüchtig war sie ja nicht Übrigens wenn er nun Pferde Spiel und andere
Zerstreuungen geliebt hätte wäre es besser gewesen Eine deutsche Frau
freilich kann sogar auf Jagdhunde eifersüchtig sein man hat das erlebt brummte
er vor sich hin Cest à peu près égal Wenn sie am Ende doch so eine Art
kleinstädtischer Eifersüchtelei quelque idée de petite ville gehabt hätte
Nun saß sie ganz unnütz in Brandenburg allein ohne Zweifel gedrückt von der
neuen Schwierigkeit die ihre bürgerliche Geburt dort dem Fortkommen der Kinder
in den Weg legte Fameuse bêtise allemande murmelte er immer ärgerlicher Sein
Verdruss hatte den alten Herrn bereits um halb Wien herumgetrieben als eine
rufende atemlose vom Laufen halb erstickte Stimme Monsieur Monsieur de St
Luce ihn Halt machen hieß
Es war Duguet der in einer Art Gefühlsstrangulation heftig gesticulirend
auf ihn zustürzte eine Neuigkeit der wichtigsten Art schien ihm fast die
Besinnung zu rauben doch hatte er äußerlich alle Flaggen des innern Jubels
aufgesteckt sein Hut saß fast verkehrt sein rotes Schnupftuch flog in der
Luft über die Büsche weg wie sonst die Serviette über die Möbeln
Unglücklicherweise war er vor lauter Bewegung fast sprachlos
Endlich brachte er die Worte heraus Der Herr Graf haben mit Madame
Kapacelli gebrochen jeder Verbindung mit ihr entsagt ihr das Haus geschenkt
brieflich von ihr Abschied genommen vier Billets die sie ihm geschrieben
unerbrochen zurückgeschickt abgeschlagen sie wiederzusehen Baron Rutberg ist
gekommen er hat ihn sehr freundlich empfangen die Herrn sind in der besten
Laune auseinandergegangen
Bist du betrunken oder im Traume mon cher rief St Luce ergriff Duguet
beim Kragen und schüttelte ihn aus Leibeskräften als wollte er ihn wach
rütteln
Das hölzerne Bein trug den General nicht mehr er wankte Zum Glück stand
eine Bank in der Nähe Duguet ließ sich respectuell schelten schütteln fragen
hatte jedoch für das Alles nur die eine Antwort Mais cest vrai ma foi cest
bien vrai
Wie ein paar Inspirirte gingen der alte Herr und der alte Diener nach Hause
Die ganze Welt schien ihnen anders geworden Nun muss sie ja wiederkommen
Am nächsten Tage beklagte die ganze Crème der guten Gesellschaft in Wien
diesen armen guten kleinen Narren die Kapacelli die wegen eines
Teatercontracts so halbtodt elend und krank nach Berlin gemusst
Paola war wirklich krank sie liebte Roderich weil er es ihr so entsetzlich
schwer gemacht ihre Zwecke bei ihm zu erreichen sie war ihm mitunter untreu
weil das einmal in ihrer Natur lag weil ihr lange dauernde Treue ganz unmöglich
war Sie hatte bis zu diesem Augenblicke der alle ihre Hoffnungen vernichtete
keineswegs aufgegeben doch noch Gräfin Kronberg zu werden und wirklich die
Knaben mitzunehmen sich erboten um sie zu gewinnen und ihr Ansehen in Berlin
geltend zu machen und nun ohne alle Ursache ohne irgend eine denkbare
Veranlassung trennte er sich von ihr und obendrein im Moment ihrer
unvermeidlichen Abreise Es war zum Wahnsinnigwerden
Sie sann sich das Haupt müde den Grund seines veränderten Benehmens
aufzufinden ihre Phantasie arbeitete sie in einen Fieberzustand hinein in
welchem sie wirklich endlich Wien verließ
Mag sein dass Roderich ihrer überdrüssig geworden mag sein dass sie die
Saiten bei dem nicht mehr jugendlich fühlenden Manne zu hoch gespannt wer
konnte dem reifen Diplomaten so ganz genau ansehen was ihn bewegte Er reichte
seinem Freunde St Luce die Hand und bat ihn nicht davon zu sprechen
Seine Freigebigkeit gegen Paola kannte keine Grenzen er schickte noch eine
Menge Geschenke in ihr Haus die er ihr früher versprochen es waren wirkliche
Kostbarkeiten darunter
Rutberg und der ganze kleine Männerkreis der ihn umgab war teils in
starre Bewunderung dieser Großmut versunken teils wütend Wer kann mit einer
solchen Verschwendung Schritt halten fragte Einer den Andern Die Damen deren
Gunst diese jungen Herren sich rühmten machten ihre Bemerkungen ebenfalls Jedes
sah die Sache mit andern Augen an sie erregte ein für Kronberg günstiges
Aufsehen Einige fromme Seelen freuten sich seiner Rückkehr zum Rechten im
diplomatischen Kreise sprach man diesen Abend bald da bald dort leise Kronberg
sah es Er erklärte sich gegen Niemanden war er vielleicht sich selbst nicht
klar
Duguet suchte den ganzen Tag hindurch in jedem kleinen Dienst eine an
Anbetung grenzende Dankbarkeit eine Art stummer Verehrung an den Tag zu legen
nie war er respectvoller gegen seinen Herrn gewesen Der Kerl bedient mich als
ob ich der Kaiser wäre sagte immer noch lachend Kronberg vor sich hin aber
es tat ihm doch wohl
Einmal fand ihn Duguet dem Bilde seines Sohnes gegenüber er glaubte die
Worte zu vernehmen Toller Bube er hatte Unrecht in der Manier in der Sache
wahrhaftig nicht so ganz
Es wäre Kronberg selbst sehr schwer geworden sich von dieser plötzlichen
Umwandlung seines Innern vielleicht auch bloß seiner Handlungsweise
Rechenschaft zu geben Der Hauptgrund war wohl dass der Stachel der Eitelkeit ihn
nicht mehr wund ritzte mit ihm schwand seine scheinbare Leidenschaft zur
Kapacelli die aus so vielen so verschiedenen Elementen zusammengesetzt so
wenig wirklich war Annas Kälte erregte in der Entfernung nicht mehr seine
Eifersucht er fühlte es nicht mehr so notwendig ihr und der Welt eine
scheinbare Gleichgültigkeit zu zeigen Der Spanierin Hochmut hatte sie zu einer
unpassenden Forderung ihn selbst zu einem noch viel unstattaftern Schritt
verleitet dessen er sich nun hinterdrein schämte
Anstatt Annens Briefe zu beantworten beschloss er selbst mit Kourierpferden
nach Brandenburg zu reisen und sie abzuholen Dass sie irgend sich weigern könne
ihm zu folgen fiel ihm nicht ein die Sache war ja nun abgetan Die Kinder
konnten am Ende doch unmöglich bei ihr bleiben Besser war es allerdings Egon
in Berlin zu lassen und eben dort konnte Anna ihn am ruhigsten von sich
entfernt im Hause ihres Schwagers wissen
Kronfeld hatte ein fast weibliches Talent sich im Geist die Umstände so
zurecht zu legen wie sie seiner Neigung nach am günstigsten ihm erschienen
Während er zu einer kurzen Abwesenheit in seinem Kabinet die gehörigen
Verfügungen traf ließ sich durch einen der Laquaien ein junger Mann melden der
um die Gnade bat ihm aufzuwarten Der Graf in seine Arbeiten vertieft
erwartete einen neuen Secretär ohne aufzusehen nickte er gewährend Gondi trat
ein
Mit einem Schwall bombastischer Worte und aller Übertreibung seiner Jugend
und seines Metiers gestand er dem Grafen dass er nicht wirklich Paolas Bruder
sei schwur ihm jedoch dem Gefühl und Verhältnis nach seit Ewigkeiten nicht
anders zu ihr gestanden zu haben und hielt seinen eigenen Verdiensten eine
lange Lobrede
Zu seiner Verwunderung hörte ihn der Graf schweigend ohne sonderliche
Zeichen des Erstaunens ruhig an Gondi sprach sich nun gegen Paolas Charakter
aus klagte sie der größten Unzuverlässigkeit und Unwahrheit an und erbot sich
dem Grafen alle Beweise seiner Aussagen in die Hände zu geben
Und was soll ich damit fragte Roderich
Von dieser mit tausend Ringeln Seele Geist und Körper umwindenden Schlange
sich lösen sagte trotzig der Italiener dem Zorn und Eifersucht das Gefühl
erduldeter Mishandlung vergegenwärtigten bis zur Qual Er ballte die Hände und
biss vor Wut in die eigenen Finger dazwischen fuhr er mit seinen Ausrufungen
und Schmähungen fort bis ein fast convulsivisches Schluchzen ihn hemmte
Armer Narr murmelte Kronberg Gott sei Dank dass ich nicht verliebt bin
wie er
Immer trotziger und heftiger sprach Gondi sich aus er war gekommen weil er
es ihr versprochen freilich in ganz anderer Absicht aber das Gefühl dass sie
in der inneren Empörung über Kronbergs Härte nun in Berlin ohne ihn neue
Verhältnisse schließen werde hatte momentan die alte Leidenschaft in ihm
erweckt und anstatt dem Grafen in der übernommenen Rolle Gutes von ihr zu sagen
und durch ihren Jammer auf dessen Herz zu wirken riss ihn das innere Empfinden
ihrer Nichtswürdigkeit und seiner trostlosen Schwäche in ganz entgegengesetzter
Richtung fort Und dennoch klagte er bin ich selbst an sie gefesselt dennoch
würde mich mein Weg mit ihr zusammenführen ginge auch der eine nach Süden der
andere nach Norden Das ists ja dass man ihre fluchwürdige Sirocconähe nicht
los wird
Wir wollen nicht behaupten dass Kronberg immer so klar gesehen wie in
dieser halben Stunde obschon er in einem Winkel seiner Seele nie an den Bruder
geglaubt der junge Mann schien sich längst zurückgezogen zu haben und war ihm
bei ihr nie in den Weg gekommen Roderich hörte ihn fortwährend ruhig an bis zu
Ende dann sagte er ihm mit wohlwollender Freundlichkeit er habe sein früheres
Verhältnis zur Kapacelli gekannt übrigens sei es unwürdig von einem Mann sich
an einer Frau zu rächen das weibliche Geschlecht sei übel genug gestellt in der
Welt dem männlichen gegenüber Da aber sich zu rächen wo man einst geliebt und
Gunst gefunden gälte in Deutschland für erbärmlich
Mit großer Güte erkundigte er sich nach Gondis persönlicher Lage stellte
ihm die Gefahr des Hazardspiels in Österreich vor und bot ihm an ihm
beizustehen wenn er eine andere würdigere Lebensweise versuchen wolle Endlich
entließ er ihn mit einem Geschenk bat ihn jedoch nur im Fall dass er sein
bedürfe ihn wieder aufzusuchen da die Vergangenheit entschieden für immer
abgetan bleiben müsse
Seit langer Zeit atmete Roderich fröhlich auf ein heiteres Gefühl der
Selbstzufriedenheit floss durch seine Lebenspulse und drang ihm tief ans Herz
Und nun zu Annen sagte er lächelnd
Er hatte St Luce vorgeschlagen ihn zu begleiten der junge Herzog von
Reichstadt hatte sich wieder erholt mit Freuden nahm der General das Anerbieten
an Duguet sang triumphierend seinen Marlborough und ließ unter seiner Aufsicht
den Wagen packen
So standen also die Dinge in Wien unglücklicherweise hatte in Brandenburg
Berlin und Paris Niemand von dieser günstigen Umgestaltung der Verhältnisse die
leiseste Ahnung
Gleich nach Annas Abreise hatte der General an Gottard geschrieben der
Brief kam an als dieser eben seine Geschäfte in Paris beendet und zur Abreise
bereit war
Gottard zählte noch nicht Dreißig in diesen Jahren rollt das Blut noch
rasch und glühend einem Lavastrom gleich in den Adern Die Möglichkeit einer
nicht entfernt durch ihn veranlassten Scheidung ihrer Ehe das Bewusstsein Annen
ein in jedem Bezug passendes Loos bereiten zu können die Aussicht ihr seine
Hand zu bieten mit der einzigen Frau die er je geliebt die er nie eine Stunde
aufgehört zu lieben vereint leben zu können überwältigte ihn Mit
unwiderstehlicher Gewalt von der Macht des Augenblickes ergriffen zauderte er
keine Stunde er flog nach Berlin Sie war nicht mehr da auch Leontine
abwesend bei ihr Er erfuhr dies zufällig und konnte sich nun nicht
entschließen Geierspergs aufzusuchen er kannte Beide nicht Wie ein Träumender
ging er volle vierundzwanzig Stunden in Berlin umher Er hielt es nicht länger
aus er nahm Postpferde und eilte nach Brandenburg
Die kleine Stadt gewährte ihm nähere Details Im Gasthof wo er
Erkundigungen einzog erfuhr er wo sie wohne auch Ottos Anwesenheit ward ihm
mitgeteilt Er freute sich derselben dann aber beneidete er ihn
unbeschreiblich dass er ihm zuvorgekommen und die ersten traurigen Tage mit
Annen durchlebt hatte
Mit einem Male hatte den sonst gefassten besonnenen Mann der Wirbel
grenzenlos leidenschaftlicher Gefühle und Hoffnungen erfasst jede Sekunde
steigerte ihn als habe ihn die Wünschelrute einer zauberischen Gewalt berührt
und tausend Quellen seines Herzens wach geschlagen strömte die Flut
unsäglichen fast tödtenden Glücks durch sein ganzes Wesen Er musste sie sehen
jetzt gleich
Auch Anna war seit einer halben Stunde überaus glücklich Sie hielt einen
Brief ihres Bruders aus Schlesien in der Hand den sie wiederholt durchlas
Louis war nicht mehr beim Militär eine ihm unerklärliche ganz unbekannte
Fürsprache hatte ihm die Stelle eines Postmeisters mit einem kleinen Gehalt
verschafft Nachdem ihm durch seinen Hauptmann unter den Fuß gegeben worden um
seinen Abschied zu bitten welchen er da er die gehörige Anzahl Jahre gedient
»seiner geschwächten Gesundheit wegen« mit allen Ehren und Anerkennung guter
praktischer Kenntnisse erhielt hatte ihn der Antrag wie ein ihm vom Himmel
zugefallenes Geschenk überrascht Nun konnte er froh und ruhig mit seiner
Familie leben seine Kinder erziehen Dem kleinen Amt war er völlig gewachsen
Er hatte ein Häuschen als Wohnung angewiesen bekommen und Feld und ein
Gärtchen Er schwamm in Wonne und rührend schön war die wirklich tief gefühlte
Dankbarkeit mit welcher er der Schwester abbat dass er je an ihr gezweifelt
während sie so redlich für ihn gesorgt Es musste ja ihr und Kronbergs Werk sein
dass er nun plötzlich so glücklich geworden Louis erschien durch seine Reue und
den Jubel seines Herzens so hingebend liebenswert dass Annen jeder frühere
Miston aus dem Gedächtnisse schwand Auch seine Frau hatte mit einer hübschen
klaren Handschrift einige Zeilen voller Dank und Herzensfreundlichkeit dem Brief
zugefügt das Glück verleiht gut gearteten Menschen fast immer eine gewinnende
Anmut
Anna war glücklicher als Beide Konnte sie wohl einen Augenblick daran
zweifeln dass es Gottard sei der dies Alles möglich gemacht der es für sie
getan zu ihrem Trost
Das Gefühl seiner Liebe überkam sie wie eine stille Seligkeit Tränen
übertauten das Blatt das sie noch in den Händen hielt Unwillkürlich war ihr
als empfinde sie wieder die Wohltat seiner Nähe ihre Lippen flüsterten
bewusstlos seinen Namen Ja das bist Du mein Gottard sagte sie leise und hob
das noch umflorte Auge großer Gott es traf das seine Er lag zu ihren
Füßen fasste ihre Hände drückte sie an seine Stirn an seine Lippen
Besinnungslos sah sie ihn an wiederholte aufschreiend seinen Namen und sank
kraftlos vom Augenblick überwältigt mit dem Gesicht auf seine Schulter an
seine Brust
Wer zählte je in einer solchen Lage die Minuten Wie lange das Gefühl der
namenlosen Wonne dieses Anschauens des Geliebten ohne Vor noch Rückblick auf
Vergangenheit oder Zukunft gedauert wusste Anna nicht Jetzt saß er neben ihr
auf dem Sopha wie von einem unerhörten seltsamen Traum befangen lauschte sie
seinen Worten Lange verstand sie ihn nicht plötzlich ward ihr sein Irrtum
ach sein wahnsinniges Hoffen klar wie ein Skorpion tödtete diese Stunde sich
selbst vernichtete das volle Leben das sie genährt Was Gottard wähnte
sagte wünschte passte ja nirgends in die Wirklichkeit Sie ihre Kinder
verlassen sie von Egon sich trennen Nein das war ja nicht zu denken nicht zu
tun weit eher konnte sie sterben
Mit Löwenmut fiel die arme Frau über das hoffnungschlagende Herz des
Geliebten her und entblätterte alle seine Blüten
Vergebens wiederholte er ihr dass die Trennung von ihrem Gemahl bereits
hinter ihr liege dass es Raserei sei einem bloßen Begriff ein ganzes Leben zu
opfern
Sie schüttelte stumm und traurig den Kopf aber seine Worte schmerzten sie
ohne sie irre zu leiten
Anna rief Gottard endlich verzweifelnd seit sechs Jahren habe ich eine
freudenlose Existenz von Tag zu Tage hingeschleppt im Edelsten
Erfolgreichsten das ich zu leisten versuchte klang immer die Todtenstimme
meines Herzens vernichtend durch ich fühle dass mir der Boden unter den Füßen
fehlt Anna lassen Sie mich meine Aufgabe vollenden Gewähren Sie mir Frieden
Enden Sie diese rastlose Pein dieses stachelnde Glückverlangen dieses
verzehrende über einer Unmöglichkeit Sinnen und Brüten an welche zu glauben
der männlichen Natur eine schlimmere Vernichtung ist als Krankheit oder Tod
Der Zwiespalt zerfrisst mit seinem Rost mein Herz meine Sinne Was zu tun
Menschen möglich war ist von beiden Seiten geschehen und jetzt da eine
unbegreifliche Barmherzigkeit des Zufalls die Möglichkeit einer innern
Vollständigkeit einer geistigen Genesung uns gewährt jetzt wollen Sie in
kränkelndem Pflichtgefühl einer unwahren Überzeugung einer gemachten
Notwendigkeit sich und mich opfern
Bis ins Tiefste erschüttert hörte sie ihn an dann begann sie zu erzählen
Je länger sie sprach desto trüber wurde Gottard Sie sprach über Egon über
dessen richtenden Blick der schon jetzt mit schneidender Schärfe den Vater
getroffen über die beiden Briefe die sie selbst von Brandenburg aus an
Kronberg geschrieben Im Reden ward sie mutiger O mein Freund sagte sie
fest wir können uns einander opfern denn wir sind eins aber kann ich den
Knaben beider Eltern berauben Hat meine Liebe zu Ihnen Gottard des Vaters
Herz ihm entfremdet darf ich die Mutter auch von ihm trennen Verlangen Sie
nicht was wir Beide nicht ertrügen
Leben Sie wohl Anna sagte Gottard bebend vor Schmerz aber rasch
entschlossen Es war das letzte träumerische Aufflammen meiner Jugend es war
ein wundersüsser schöner Traum der wie alle Morgenträume in blasses Tagesgrau
verweht O Anna Anna nun darf ich dich niemals wieder sehen
Er zog sie einen Augenblick an seine Brust ihr war als breche ihr Leben O
Gottard hauchte sie leise sein Sie nicht allzu hart gegen uns Beide Können
wir denn wissen was Gott über uns verhängt Lassen Sie uns treu sein und still
halten
Es lag eine so tiefe demütige Gottergebenheit in Annas Worten wie in
ihrem ganzen Wesen dass plötzlich Gottards milde Natur wie wach gerufen aus
dem Dunkel des eigenen Innern sich erhob Still hielt er sie in seinen Armen
sah sie weich und innig an und strich ihre seidenen Locken zurück die ihr ins
Gesicht gefallen
Nun denn mein Engel lebe wohl Lebe tausendmal wohl Nicht auf immer Aber
weine nicht o weine nicht Anna Leise bog er sich nieder Beide saßen noch
auf dem Sopha seine Lippen berührten kaum sie streiften nur ihren goldnen
Scheitel
Monsieur de St Luce Madame rief Augustes Stimme Die Türe ward
aufgerissen Leontine Viatti Otto St Luce und Kronberg standen vor den
Unglückseligen
Ein dumpfer ächzender Laut kein Schrei kein Seufzer ein schneidendes
Wimmern durchdrang das Zimmer Kronberg lehnte sich wie bewusstlos an die Tür
Viatti unterstützte ihn Leontine war auf Anna zugesprungen die in
todtenähnlicher Ohnmacht am Boden lag St Luce und Otto hatten sich hastig
zwischen Gottard und Kronberg gestellt
Wortlos zitternd vor Grimm und wahnsinniger Verzweiflung starrten beide
Männer einander an Kronberg fasste sich zuerst an Viattis Arm verließ er das
Zimmer
Leontine trat entschlossen auf St Luce zu Sind Sie Augustes gewiss fragte
sie convulsivisch zitternd
Wie meines Lebens Frau Marquise
So ist nichts verloren denn unschuldig ist sie so wahr Gott lebt Aber
jetzt schaffen Sie mir Sophie lieber General dann verlassen Sie uns Bereden
Sie mit Otto was getan werden muss
Vor Allem sagte der graue Invalide ist die äußere Ehre der Ruf der
Unglückseligen vor einem unauslöschlichen Flecken zu wahren
Still legte er sie mit Leontinens Hilfe aufs Sopha Otto stand wie
versteinert etwas Furchtbares war geschehen Er verstand diese Möglichkeit
nicht eine Sekunde lang war er an Annen irre geworden
Kronberg war mit Viatti sogleich in den noch unten haltenden Wagen
eingestiegen und fortgefahren Niemand wusste wohin
Gottard stand im Vorhause und starrte mit gekreuzten Armen düster vor sich
hin als suche sein Geist die Möglichkeit einer Ausgleichung des Geschehenen an
die er selbst nicht glaubte So fand ihn Otto In zwei Worten hatten sich Beide
verständigt St Luces Brief hatte ja ihn hergelockt wie Duguets Schreiben
früher Otto
Er wird mich fordern sagte kalt und ingrimmig Gottard
Er wird mich hören erwiderte Otto
Unterdessen war St Luce die Treppe herabgekommen als Offizier sah auch er
einen blutigen Ausgang der Sache als unvermeidlich voraus
Alle Drei gingen in den Gasthof den Gottard und Otto bewohnten Sie
erwarteten dort Nachricht von Kronberg Gottard war trübe aber gelassen
Keiner von ihnen sah Anna wieder Otto ließ Auguste rufen um ihn zu befragen
Sie hatte sich erholt in Leontinens sorgender Obhut wussten die Freunde die
teure Frau geborgen Persönlich ihr zu nahen vermieden sie ohne alle
Erklärung um keinen Schein des Einverständnisses ihr aufzubürden
Mehre Stunden vergingen in dieser Spannung Gottard benutzte sie um auf
den Fall eines Duells im Voraus alles Nötige zu ordnen er schrieb fortwährend
doch wie es beiden Freunden vorkam nur in Staats und geschäftlichen
Angelegenheiten Annen schrieb er nicht
Gegen Abend kam endlich die erwartete Ausforderung Kronberg war mit dem
Grafen Viatti in ein nicht allzuweit entlegenes Städtchen gefahren von wo aus
er den Kutscher mit dem Briefe zurückgesandt hatte Die Ausforderung lautete auf
den nächsten Morgen als Ort der Zusammenkunft war ein Wäldchen zwischen
Brandenburg und dem besagten Städtchen angegeben das Billet selbst war in sehr
gemessenen Ausdrücken an Gottard gerichtet
Ich wünsche sagte dieser dass es uns gelingen möchte dem unvermeidlichen
Duell eine scheinbare dem wahren Anlass fremde Ursache zu geben auf keinen
Fall können wir auf eine gänzliche Verheimlichung desselben rechnen Im Übrigen
stehe ich dem Herrn Grafen ganz unbedingt zu Befehl
Er antwortete in wenigen Zeilen
St Luce und Gottard beabsichtigten in einer Stunde zu fahren Otto war im
Augenblicke da er des Grafen Aufenthaltsort vom Kutscher erfragt
vorausgeritten er wollte ihnen zuvorkommen
Er ließ sich bei Kronberg melden und ward sogleich angenommen Zu seinem
Erstaunen fand er Roderich in einer ganz unerklärlichen selbst durch das
Vorgefallene in dieser Weise nicht zu motivirenden Stimmung seine Aufregung
die krampfhafte fast fieberartige Rastlosigkeit die ihm nicht einen Augenblick
auf einer Stelle zu bleiben gestattete das mit gänzlicher Erschöpfung
wechselnde hörbar heftige Schlagen seines Herzens die fliegende Röte seines
Gesichts waren nicht natürlich er kam Otto krank vor was er aber zornig
auffahrend leugnete
Nach Ottos Überzeugung konnte der Graf in seinem Innern Annas äußere
sinnliche Treue unmöglich bezweifeln über ihre Neigung zu Gottard aber musste
er seit Jahren im Klaren sein Hierauf gründete er seine Hoffnung die Sache
beizulegen er und St Luce betrachteten das Duell als durch Viattis
Anwesenheit herbeigeführt den der Zufall zum unwillkürlichen Zeugen des ganzen
Auftritts gemacht
Sehr anders erschien der Fall den Hauptinteressenten Kronberg war fest
entschlossen Gottard zum Krüppel zu schießen oder ihm seine Kugel durchs
Herz zu jagen Gottard hatte mit sich selbst abgeschlossen und war fertig mit
Allem er hatte eben so fest sich vorgenommen unter keiner Bedingung auf den
Grafen zu feuern Beiden war auf diese Weise wie bisher noch ferner
fortzuleben unmöglich geworden
Otto bat Kronberg noch einmal ohne Zeugen ihn sprechen zu dürfen ehe
Gottards Antwort durch den rückreitenden Diener anlange die ohnehin durch
seine Anwesenheit als gegeben zu betrachten sei Kronberg versprach ihn ruhig
zu hören blieb aber in einem unstäten Auf und Niedergehen im Saale Otto
erzählte nun von Duguets Brief von dem Eindrucke den derselbe auf ihn gemacht
und von seiner augenblicklichen Abreise von Basel um Annen beizustehen in
dieser Trennung ihrer Ehe die auch ihm einer gerichtlichen Scheidung gleich
geschienen
Sie wissen sagte er weich dass Anna meine Schwester ist nur glichen wir
von jeher den Dioskuren sie gehört den himmlischen an ich der Mutter Erde Und
weiter malte er mit naturtreuen Farben ihr stilles Leben in Brandenburg aus der
Marquise Ankunft Egons und Josephs Liebe zu Beiden und die sich an der
freundlichen Gegenwart mildernde Stimmung Aller Annens Unkenntnis jeder
späteren Wendung in Gottards Geschick trat in all diesen Einzelnheiten
deutlich hervor in Ottos ganz einfacher Rede lag eine durchgreifend wirkende
Wahrheit Das ganz Unvermutete der Ankunft Gottards schien den Grafen stutzig
zu machen er blickte Otto mit durchbohrender Gewalt ins Gesicht
Können Sie schloss dieser fest und scharf auf den Fall eines unglücklichen
Ausganges dieses Zweikampfs eine mögliche Form des Lebens der beklagenswerten
Gräfin sich denken Welche Stellung bleibt der mit einem Mal durch diese
Oeffentlichkeit Preisgegebenen vor der Welt Uns Protestanten beut kein
Kloster eine schirmende Zuflucht die harte schwere ihre Kräfte weit
überwiegende Last wird erbarmungslos auf die zarten Schultern geladen und sie
muss sie vor Aller Augen mit sich bis zum Grabe tragen Und was gewinnen Sie
selbst
Wild auflachend unterbrach ihn Roderich Junger Freund haben Sie nie Ihr
Herz an einen Irrtum gehängt Was ich gewinne Im Fall meines Todes die
Gewissheit dass die mich getäuscht betrogen verraten hat über meinem Sarge
kein Asyl des Glückes sich erbaut im Gegenfall dass ich nicht mehr dieselbe
Luft mit dem Verhassten atme Erschreckt hielt er ein er hatte den Abgrund
seiner langen Seelenqual verraten
Erstarrt blickte ihn Otto an Entsetzlich rief er aus Ein kalter Schweiß
trat ihm auf die Stirn auf jeden Fall war Annas Ruhe verloren und auf immer
Wen auch der Schuss des Gegners treffe jedenfalls traf er ihre ganze
Erdenzukunft
Eben hielt der Wagen die beiden Herren langten an Gottard sah ruhig aus
Er näherte sich höflich dem Grafen und bat ihn um eine Gunst
Kronberg verbeugte sich
In gewählten sehr sorgfältig überlegten Worten erklärte Gottard er sei
überzeugt dass in Beider Brust der Wunsch der Gräfin Ruf ihren Kindern makellos
zu erhalten überwiegend sei deshalb sei er jetzt schon gekommen Er erlaube
sich dem Grafen den Vorschlag zu tun den Rest des Abends diesem Zwecke zu
widmen ein Souper und Karten bringen zu lassen und ihrem morgenden
Zusammentreffen das Ansehen einer beim Spiel entstandenen Mishelligkeit zu
geben
Der Graf nahm das Anerbieten an behielt sich jedoch das Recht vor die
Gattung der Waffen und die Einrichtung des Zweikampfes zu bestimmen und wählte
Pistolen
Gottard überließ ihm diese und jede andere nähere Bestimmung
Es ward Wein gebracht Essen ein Spieltisch und Karten dem Kellner deutete
man an dass man seiner vorläufig nicht bedürfe
Ungefähr eine Stunde lang blieben die vier Herren beisammen es herrschte
eine eisige Höflichkeit Endlich erhoben sich Gottard und Otto einen Wundarzt
aufzusuchen der zugleich des Erstern Zeuge sein musste da Kronberg St Luce
dazu aufgefordert
Sehr geschickt verbreiteten sie das flüchtige Gerücht eines Streites beim
Ecarté Jede Maßregel ward so getroffen dass im Augenblick die Sache als ganz
folgelos erschien während ihr Ausgang zu einem bestimmten Schluss führen musste
Als sie zurückkehrten stand Kronberg auf und trat Gottard entgegen Herr
Geheimrat sagte er was auch morgen das Schicksal über uns entscheide die
Zartheit und Entschlossenheit mit welcher Sie von der äußern Ehre der Mutter
meiner Kinder eine Schmach von dem Leben der Knaben einen tiefen Schmerz
abwenden verdient meinen achtungsvollen Dank Obgleich es ein sehr schmerzendes
Gefühl ist das mir denselben auferlegt gebieten mir Pflicht und Ehre Ihrer
Loyalität vor diesen Herren die vollkommenste Anerkennung auszusprechen
Gottard dankte schweigend
Die beiden Freunde wollten einen nochmaligen Versuch der Versöhnung wagen
Kronberg wies sie stolz zurück ergriff Viattis Arm und verließ den Saal
Es war ausgemacht worden sich am nächsten Morgen um sechs Uhr am dazu
bestimmten Orte zu treffen die beiden Duellanten sollten von einer gegebenen
Entfernung aus auf einander zu gehen und Jeder schießen wann er wollte
Als Kronberg und der Marchese sich wandten das Zimmer zu verlassen stürzte
St Luce auf Gottard zu und drückte ihn an seine Brust wie einen Sohn dann
folgte auch er den Andern als Secundant Kronbergs glaubte er nicht allein bei
jenem verweilen zu dürfen
Und nun eine Bitte sagte Gottard zu Otto haben Sie die Güte mich morgen
während des Duells nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen das Übrige
mag der Doctor Hollau besorgen der Ihr Mitsecundant ist Ich wünsche dass Sie
Annen sagten dass ich gehandelt wie Der musste der ihr Herz gekannt
Ehe noch Otto ihm etwas zu erwidern vermochte hatte er sein Schlafzimmer
betreten und hinter sich abgeschlossen
Annas fieberheisse Hand ruhte noch zwischen den beiden Leontinens ihr feuchter
glühender Blick hing noch an den bereits geschlossenen Lippen der Erzählerin
Leontine hatte ihr Alles mitgeteilt was sie durch Duguet über Kronbergs Bruch
mit der Kapacelli und dessen rasche Abreise erfahren Anna war tief
erschüttert Roderichs Rückkehr zu der eignen ursprünglich edelen Natur seines
Wesens glich dem Morgentraume seiner ersten Neigung für sie und gerade in
diesem sein Bild verklärenden Lichte gerade in dieser Milderung der stets
unterdrückten harten Anklage ihres Innern gegen ihn musste die Verzweifelnde sich
ihn mit fast unumstösslicher Gewissheit als den Mörder des Geliebten denken Das
Duell von dem sie überzeugt war es finde statt glich in ihren Augen keinem
Zweikampf denn sie blieb dessen Ausgangs gewiss Das zwiefach Dämonische der
Empfindung übermannte sie Laut aufschluchzend barg sie ihr Haupt tiefer in die
verhüllenden Kissen o wie gern hätte sie in kühler Erde es gebettet
Auch Leontinens Elasticität schien gebrochen Sie kniete am Bette der
Freundin die sie fortwährend mit angststierem Auge bewachte Sie wusste selbst
nicht was sie so Entsetzliches fürchtete Zwischen den Fingern knitterte sie
ein kleines Zettelchen von Viattis Hand das man ihr heimlich aus dem Gasthof
zugeschickt es sollte sie beruhigen und atmete doch nur die tiefste Empörung
gegen Annen aus die erst vor Kurzem ihrem Gatten das Mitwissen um einen
inhaltschweren Brief mit frecher Grossartigkeit abgeleugnet und jetzt vor dem
Unglückseligen auf eine Weise entlarvt sei die nur seinen Tod zu wünschen
lasse Kronberg musste ihm also unbedingtes Vertrauen geschenkt haben
O hätte Leontine aus dieser engen Schlucht der Pein nur einen einzigen
Moment in Viattis Herz schauen können Sie fürchtete mit verwirrender Sorge die
Feuerbrände des Mistrauens der wütenden Eifersucht seiner ewig in sich
arbeitenden und stets von außen unbeschäftigten Natur deren Einfluss in diesem
Augenblick Kronbergs Seele allein beherrschte Doch wo ihn auffinden Das ganz
Hülflose der Lage beider Frauen war schaudererregend
Und seufzte sie fortredend aus den sich innerlich jagenden Gedanken
heraus wenn es nun anders käme O es ist ja nur ein anderes Entsetzliche
dich daran erinnern zu müssen dass auch Gottards Kugel treffen kann Aber das
Grausenhafte bleibt sich immer gleich Nun vielleicht vielleicht trifft sie
ihn nicht zum Tode er ist besonnen Anna jetzt erst in diesem Augenblick
verstehe ich Jean Karlos sich an den Glauben klammernden Trost ganz In solchem
Abgrund Wahnwitz erweckender Pein die eine Menschennatur aus allen ihren Fugen
reißt und sie zum Spielball der innern Höllengeister macht beut nur allein die
Kirche den schwachen Hoffnungsstrahl der ach so klein dennoch unserer
ewigen Lampe gleich das nächste Dunkel hellt O Anna was hilft mir all mein
Geist trügerisch oder nicht lass mir den einen kleinen Dämmerschein an den
ich mich mit aller Kraft des Gemütes anklammern möchte den Gedanken an die
Fürbitte Ja bitten bitten für den Beklagenswerten der den Tod gibt und sein
eigenes ganzes Leben hindurch an der furchtbaren Erinnerung stirbt O könnte
ichs mit ihm abbüssen Der Mensch hat ja in solchem Jammer nichts das er
ergreifen kann als den Kelch des Glaubens und das Kreuz der Busse
Leontinens Haupt sank auf Annens Decke sie weinte laut
Anna richtete sich fast geisterhaft auf Du zweifelst um wessen Tod wir zu
klagen haben rief sie mit einer grauenerregenden Mischung von Qual und innig
zärtlichklagender Lust O irre dich nicht Gottard ist vor Allem Mensch Für
Kronberg bete dass ihm Gott vergebe gegen seine innere Überzeugung zu handeln
weil es ihm die Scheinehre gebeut bete für ihn so lange du lebst ich fürchte
ich vermag es nicht Großer Gott ist es denn möglich Du glaubst ich hätte
schon verlernt Gottards Herz zu durchschauen Du glaubst er werde je auf
den Vater meiner Kinder zielen Hast du denn nie ihn verstanden nie dieses
Mannes Charakter erkannt Er stirbt für mich wie er für mich gelebt Er ist der
Beneidenswerte der Freie der das einfach Rechte darf
Sie sank zurück in ihre Kissen und eine tiefe Erschöpfung hielt sie lange
von jeder Äußerung zurück bis sie wieder irgend ein Gedankenbild ein
Glockenschlag aufschreckte
Sophie schlich still hinaus zu August und Duguet die im Vorgemach trostlos
bekümmert und gebeugt nebeneinander am Kamin saßen
Und das sehen sagte Duguet Das Haus das uns genährt dem wir gedient
dreiundzwanzig Jahre hindurch das Haus zusammenbrechen sehen über der lieben
Kinder Haupt die in ihrer Sicherheit und Unschuld nichts ahnen Jeden Moment
können Graf Egon oder Joseph kommen und der Leiche ihres Vaters begegnen
Wenn ich nur wüsste wohin sie gefahren seufzte August Sophie trat zwischen
die Beiden Meine armen Freunde sagte sie mir ist nicht gut ich bin von all
dem Elend übersättigt das ich auf der Welt gesehen das Warten auf neues
Unglück halte ich nicht mehr aus
Mein Gott fuhr sie fort und sank wie zerbrochen auf einen Stuhl mit auf
den Knien gefalteten Händen ich habe zu viel davon mit durchlebt erst die
Revolution und die Marquise dAlvigni und die jungen Grafen die ersten Kinder
die ich auferzogen und deren Vater dessen Kopf unter der Guillotine fiel
Dann meinen armen Marc die lange bange Sorge um meine kleine Leontine Nun das
Herz meiner liebsten Herrschaft meines Herzblatts Siehst du Duguet es ist
zuviel für so ein Paar alte Schultern
Er fasste erschrocken ihre Hand Du bist krank Sophie Nimm deine Tropfen
tue mirs zur Liebe
Auch August drang auf sie ein
Nenni nenni sagte sie mit ihrem Lütticher scharfen Dialekt es hat nichts
auf sich Ein armer treuer Hund stirbt auch zu seines Herrn Füßen Mais jen ai
assez Ich kann nur Euch Beiden gute Nacht sagen Sie reichte jedem eine Hand
Und mit plötzlich concentrirter Sorge überflog ihr Auge nochmals das Zimmer
ob auch nichts Nötiges zu tun da erreichte Leontinens Ruf ihr Ohr Jy vais
jy vais Madame sagte sie indem sie von der Tür aus noch einmal zum letzten
Mal auf ihre beiden Freunde zurückschaute
Ich weiß meiner Treu nicht wie mir ist murmelte August es ist mir so
bitterwunderlich ums Herz Zum Teufel ich habe doch so allerlei mitgemacht
Schlachten Plünderung Brand und diese dumme Geschichte
Duguet weinte still vor sich hin
Allons allons vous pleurez rief der alte Soldat Mais fi donc quest ce
bête de pleurer pour ça
Ihm selbst liefen zwei helle Tränen die Backen herunter
Morgens um fünf Uhr trat Gottard völlig angekleidet in Ottos Zimmer den er
auch fertig fand Die gewöhnlichen Vorkehrungen wurden getroffen auf den Fall
der Flucht der schweren Verwundung usf
Gottard blieb ruhig am Tisch sitzen und ließ den Freund gewähren Seit
ihrer frühesten Studentenzeit hatten Beide mit gar andern Interessen und
Arbeiten überhäuft sich nie um ein Duell gekümmert fast neugierig sah er ihm
zu
Halb sechs erinnerte er Otto es sei Zeit Sie gingen gelassen wie zu einem
ernsten Geschäft Man hatte Kronbergs Pistolen mit Doppelläufen gewählt Für den
Notfall steckte Otto ein zweites Paar ein Den Arzt und Wagen sollten sie wie
zufällig am Tore treffen
Nach wenigen Minuten erschienen auch Kronberg Viatti und St Luce die
beiden Letzten ruhig wie eines solchen Auftritts lange gewohnt Kronberg
aufgeregter als zu vermuten bei so einem trefflichen Schützen und so gewandten
Mann Er sah glühend rot aus und in einer Weise bewegt die weder zu seiner
Ritterlichkeit noch zu seiner Selbstbeherrschung passten Es flog Otto durch den
Kopf er sei doch krank
Gottard wurde bleich Beide Herren grüßten einander das Feld ward
gemessen
Während der Zeit schaute Gottard noch einmal über die weite Fläche der
Gegend hin die ersten noch goldenen Strahlen der Sonne lagen auf den nächsten
Baumgipfeln der zum Duell gewählte Platz noch im Schatten von ihnen unberührt
aber hell
Die Secundanten gaben das Zeichen die Herren traten an ihre Plätze
Otto wandte wie ers versprochen kein Auge von Gottard der junge Arzt
sah zum Rechten
Beide spannten den Hahn ihrer Pistolen und schritten langsam aufeinander zu
Gottard hob den Arm hielt sein Pistol gespannt völlig ruhig keine Muskel des
Arms kein Zug des Gesichts zuckte
Jetzt pfiff Kronbergs Kugel sie streifte Gottards linke Schulter dieser
hielt ruhig sein Pistol in unveränderter Lage und schritt weiter Kronberg
schrie auf und sank zusammen Halt Halt riefen die Secundanten Atemlos aber
fest wie eine Mauer stand Gottard
Er ist tot rief der Arzt
St Luce und Viatti suchten ihn vom Boden aufzuheben
Unmöglich unmöglich meine Herren rief mit Donnerstimme Otto Geheimerat
Gottard hat nicht geschossen Die Kugeln sind beide in den Läufen Mit voller
Besonnenheit riss er ihm das Pistol aus der Hand und setzte den Hahn in Ruhe
Endlich begriff Gottard der den Tod von Kronbergs zweitem Schuss erwartete
was geschehen auch er stürzte auf Kronberg los Sie rissen seinen Rock seine
Weste auf der Arzt holte seine Instrumente Entsetzlich schrie Gottard und
fiel mit gerungenen Händen auf den Leichnam nieder Dem Grafen war eine Ader am
Herzen zersprungen er war tot
Langsam und feierlich zogen zwei Leichenzüge durch die sonst so stillen heute
von einer gaffenden Volksmasse gedrängt erfüllten Gassen Brandenburgs Seltsam
auf den schmucklosen Sarg der armen Sophie die sich am Vorabende des Duells
krank gelegt und nicht wieder aufgestanden war flossen die meisten vielleicht
die zärtlichsten Tränen August und Duguet waren Beide trostlos Welcher von
Beiden ist denn der Mann fragte ein altes Hökerweib
Aber auch Kronberg ward tief und aufrichtig beweint Das seltsame Geschick
das ihn betroffen hatte die allgemeine Aufmerksamkeit auf den fremden Grafen
gezogen der eigens von Wien gekommen schien um in Brandenburg zu sterben Das
Geheimnis des Zweikampfs war im ersten Schrecken vergessen die Sache selbst
verstellt umgewandelt widerrufen worden Manche erzählten der Graf sei auf
einer Spazierfahrt plötzlich tot in die Arme seiner Gemahlin gesunken Andere
er habe wegen ihr sich mit einem ihm ganz Fremden geschossen Viele Versionen
des beklagenswerten und doch für Einen glücklichen Ereignisses durchzogen die
Stadt
Otto und Viatti hatten Annen die Trauerpost überbracht In einem ernsten
Gespräch unterwegs war es dem Ersten gelungen Viatti die unselige Verflechtung
der Umstände mitzuteilen und sein Urteil über Annen zu berichtigen doch blieb
ein seltsamer Stachel in des jungen Mannes Brust Es war Gottard der ihn
gerettet in Bern Gottard der schuldig oder nicht seines Oheims Tod
herbeigegeführt Gottard dessen frühere Dazwischenkunft seine Vereinigung mit
seiner Gemahlin und durch dieselbe sein Lossagen von jeder Teilnahme der nie
ganz endenden Freiheitsversuche Neapels veranlasst hatte Gottard blieb der
Dämon seines Lebens wie er der seines dahingeschiedenen Oheims gewesen
Die Freunde geleiteten Annen und ihre Söhne der Leiche ihres Gatten und
Vaters zu die St Luce mit unerschütterlicher Treue bewachte und die Kinder
wussten nur dass er in einem Streite sich erhitzt dann in der Morgenkühle vom
Schlag getroffen sei sie begegneten dem Trauerwagen und schlossen sich ihm an
Anna hatte den Mut die Leiche gleich zu sehen
Es war ein furchtbarer Augenblick zu dunkel in seinen geistigen Tiefen zu
unergründlich an wechselnder Pein zu niederschmetternd im Gefühl der Ohnmacht
menschlicher Natur als dass man ihn beschreiben könnte Gottard floh nicht
aber er zeigte sich nicht ernst und trübe blieb er in dem kleinen Orte zurück
um abzuwarten ob eine Klage gegen ihn sich erhöbe Der junge Arzt nahm ihn in
seine Wohnung auf
Geierspergs kamen Beide zur Bestattung Viatti hatte ihnen einen Kourier
gesandt Alles glitt zurück in die alte hergebrachte Form in die Trauerflöre
in den Pomp einer fast fürstlichen Bestattung
Als die letzten Töne des Trauermarsches verklungen und all dieser
entsetzliche Schmuck des Todes verschwunden war mit welchem wir zuletzt die
Kleinheit und Erbärmlichkeit alles äußern Erlebens so schroff und grell durch
den Gegensatz des der Leiche Bleibenden bezeichnen wollten Geierspergs Annen
nach Berlin mitnehmen
Sie schlug es ab übergab ihnen aber nach des Vaters Willen Egon der
seine Vorstudien in Berlin beginnen sollte Sie selbst blieb mit Joseph der in
der Ritterakademie aufgenommen war zurück Nach Wien zog sie nichts St Luce
versprach noch einige Monate bei ihr zu verweilen Otto gedachte heim
Anna sagte er als er am Vorabend seiner Abreise vor die in tiefe
Witwentrauer gehüllte Freundin trat die ernst und still seiner harrte ich
bringe dir Gottards Abschiedsgruss Er ist nach Berlin zurück Obschon es mir
gelungen ist im ersten Augenblick der Gefahr deines Freundes Hand als rein vom
Blute deines Gatten zu zeigen werden doch deine Knaben späterhin gewiss wie so
manche Andere erfahren dass eine Ausforderung ein Zweikampf stattgefunden und
die Welt wird ihnen das Warum nicht schenken Deshalb meint Gottard er dürfe
dich jetzt noch nicht aufsuchen aber er wünscht dir zu schreiben Was mich
selbst betrifft Anna er sprach mit sichtlicher Selbstüberwindung so rufen
mich Pflicht und Dankbarkeit zurück in meine erworbene Heimat zu meinen
Studien zu meinem Weib und Kind Und du bedarfst deines Freundes nicht mehr
ein Anderer darf dir näher treten der Freund deiner ersten Jugend weicht
zurück
Lieber Otto erwiderte Anna ich danke dir viel am meisten aber dass dein
mit meiner ganzen Kinderzeit so eng und fest verwachsenes Bild in so ganz klaren
lichten Zügen mir bleibt zu meinem Trost Kehre denn zu Vrenely zurück sie
wird sich um dich bangen
Ja das wird sie sagte er trübe vor sich hinblickend denn ich habe ihr
seit dem Unglück nicht wieder geschrieben ich vergaß sie mich Alles um dich
und um ihn setzte er hinzu den du liebst
Den ich liebe Anna errötete heiß dann kehrte sie den Kopf mit einer
edelen fast königlich stolzen Wendung ihm zu Ja Otto ich liebe ihn Ich werde
ihn lieben so lange ich lebe aber
Sei recht glücklich Anna sagte er gepresst Er wandte sich um zu gehen
Sie ergriff leise seine Hand und zog ihn neben sich nieder auf das Sopha
dann sah sie ihn still mit ihren großen veilchenblauen Augen an und hielt ihn so
einen kurzen Augenblick Erinnerst du dich noch deutlich unserer ersten Jugend
des dunkeln Hauses und der engen in stumpfen Winkeln ausbiegenden schiefen
Gasse in der gar nichts eine helle Farbe hatte
Als unser Herz Anna als unser fröhlich schlagendes Herz
Weißt du noch fuhr sie fort wie wir oft Sonntag Nachmittags Stunden lang
hinübersahn in des so nahen Nachbars blindgebrannte Fensterscheiben ganz
überzeugt es müsse irgend etwas da geschehen und du erzähltest mir lauter
Märchenanfänge
Otto hatte sich zurückgelehnt in die Ecke er hielt ihre Hand noch aber
sein Auge sah nur das damalige Kind nicht sie Drüben sagte er langsam wohnte
der Mann der die Electrisirmaschine hatte Wir fingen der Tante alten schwarzen
Kater ein und electrisirten erst ihn dann die Türklinke die den Hausknecht
die Treppe herabwarf als er den Kater suchte Wie hieß doch nur Euer Hund
dessen Gebell ich nachmachte damit du herunterkommen solltest um ihm die
Haustür zu öffnen
Maus sagte Anna und lachte Ein gar närrischer Name für einen Hund Der
Vater hatte ihn lieb es war ein alter steifer Spitz
Ich seh ihn noch Und wie die Mutter böse wurde wenn ich ihn Sonntags
herausliess
Ja er lief mit bis zur Kirche Ach Otto es ist glaube ich in der Welt
nirgend mehr solch ein Sonntag
Und Beide entwarfen sich das Bild eines Sonntags der kleinen Stadt wie ihn
nur die Jugend kennt mit all seiner Poesie und all seinen Einschränkungen
seinen Freuden und seinem Sonnenglanz den die enge Bürgerhaushaltung
widerstrahlt nichts hatten sie vergessen
Siehst du Otto fuhr sie fort wäre ich in der engen grauen Straße
geblieben vielleicht wäre ich glücklich und frei aber so
Freilich nun bist du eine Gräfin Aber was schadet das
Ich bin eine arme in einen andern Boden versetzte Pflanze sagte sie
träumerischwach die im Heimatsgrunde nicht zur Blüte kam Ich habe nicht fest
anwurzeln können in der fremden Erde so kunstvoll sie des Gärtners Hand um mich
her gelockert und gehäuft Ich habe mich immer gefürchtet vor meinen eigenen
Verhältnissen ich habe mich fremd gewusst nicht gefühlt unter allen diesen
Fürsten und Grafen deren Wesen mir nie imponirte deren Interessen mir oft eben
so flach und erbärmlich vorkamen wie die meiner ersten Umgebung In meinem
Vaterhause hatte mich die oft rohe Hand der Armut der Kleinlichkeit der
beklemmenden Sorgen kleinbürgerlicher Verhältnisse eingeängstet bis zum
Hinüberflüchten in die mir neue fernliegende große Welt aber die in stille
Winkel verkrochene unter grauer Altertümlichkeit fortblühende Poesie jener
Lebensmorgendämmerung ließ meine Seele nicht los Unablässig zog sie mir nach
rief mir das Herz zurück zu sich dass es mir hätte zerspringen mögen in der
Brust Mein ganzes Leben hindurch hat mir eine goldene helle Mittelstrasse des
Geistes geahnt eine freie Entwicklung höchster ungekränkter Menschlichkeit
Als junges Mädchen als Frau sogar habe ich sie bald hier bald dort geträumt
jetzt träumen sie Millionen mit mir die sie leider eben so wenig finden
werden wie ich obschon Alle sie suchen
Otto drückte die liebe Hand die er noch in der seinen hielt So viel so
offen hatte Anna nie über sich gesprochen
Das waren meine Träume Otto fuhr sie fort das war meine Vergangenheit
Nun hat mich das Leben plötzlich von beiden abgeschnitten und mich in eine
grelle helle Gegenwart geschleudert Kronberg ist tot die Gräfin Kronberg
steht nun an seiner Stelle Sie ist ihren beiden Söhnen einen makellosen Ruf und
die Möglichkeit sie unbegrenzt zu lieben schuldig Der Vater schläft den
langen Todesschlaf die Mutter muss für ihre Kinder wachen O glaube mir
Otto sie sollen sich menschlichschön und frei entwickeln jeden Vorzug ihres
Geschicks und jede Gunst des Zufalls genießen aber keine einzige der meistens
diese Gunst diese Vorzüge begleitenden oft sie bedingenden Fesseln soll mir
die frischen schönen Knabenseelen drücken oder beengen Sie sollen keine
Schwächlinge keine Charakter oder Geisteskrüppel werden Weder Viatti noch
Geiersperg sollen jemals einen entschiedenen Einfluss auf deren Lebensrichtung
erhalten Es ist hart denn jetzt kann und darf ich mein Geschick nicht an das
meines Freundes schließen
Anna schrie Otto auf ist das dein Ernst wagst du schon jetzt dich zu
entscheiden
Und warum nicht jetzt Heute morgen übers Jahr ist das ein Anderes Er
wird auch jetzt mich verstehen Otto wer im Augenblicke des Zweikampfs den Mut
hatte mit dem Mörder des Geliebten fortleben zu wollen um der Kinder willen
hat auch den eine Trennung zu tragen die nur eine äußere ist nie eine innere
werden kann
Otto seufzte schwer Du bist so jung und das Leben ist so entsetzlich lang
Sie aber schüttelte den schönen Kopf und legte die Hand auf ihr bang
schlagendes Herz Und doch traue mir
Vom Nebenzimmer herüber tönte Leontinens leise Stimme sie sang ein Lied
das Otto liebte Einen Augenblick horchte er wehmütig ihren Tönen dann ging er
hinein auf lange Abschied von ihr zu nehmen
Lied
O nur kein Wort kaum ein Gedanke
Es spielt im Rosenkelch die Luft
Es träumt der Schmetterling im Duft
Der Abendhauch im matten Glanze
Es winkt verschwiegen dir die Ranke
Lockt in den Zauber dich hinein
O nur kein Wort kaum ein Gedanke
Da bricht ein Strahl die Wunderstille
Wie alllebendig Wald und Welt
Nun spricht dein Herz nun ruft das Feld
Es schwirrt und summt um jede Pflanze
Der Glutmoment warf ab die Hülle
Aufbljetzt der grelle Sonnenschein
Wo blieben Zauber Traum und Stille
In Basel waren die Ferien zu Ende Vrenely hatte zehn Mal die Nachbarn getäuscht
mit der Versicherung es gehe ihrem Manne gar wohl er sei auf dem Rückwege
Aber nun ward ihr das Herz allzuschwer so schwer als zöge es sie unter die
Erde
Hatte sie den lauten Tag zur Ruhe gebracht so kam die Nacht mit ihren noch
lautern Träumen das Elend schrie sie gewaltsam wach und dann war er nicht da
Sie lief ans Fenster riss es auf gewiss er musste unten sein sie hatte wohl im
Schlaf das Rollen des Wagens überhört aber da war nichts als Dunkel und
Herbstwinde sausten über die Baumwipfel und krachten und schüttelten an Tür
und Laden Die Nacht schaute mit tausend schwarzen Augen durch die geöffneten
Fenster in das schwach erhellte Zimmer in dem sie schlafend und wachend
immerfort wartete auf ihn
Es hatten schon viele Studenten angefragt ob der Professor nichts habe
hören lassen die Kollegia waren angeschlagen die andern Vorlesungen begonnen
Manchmal war ihr als rückten all die fernen Berge ganz eng zusammen als würfen
sie alle ihre rollenden stürzenden Bergwasser all ihre Lavinen und ihre Stürme
ihr aufs Herz als wanke der Fels unter ihrem Fuß ja als könne ihr armer Kopf
wohl ganz irre werden wenn ihr der eine Gedanke einfalle den sie noch nicht
dachte nur ahnte und den sie immer fortschob mit Gewalt wenn er ihr näher
treten wollte Und nah lag er ihr das fühlte sie wohl entsetzlich nahe
Nicht einmal beten konnte sie mehr die Angst verwirrte sie und zerstreute
sie sie faltete dem kleinen Mädchen die noch willen und bewusstlos
herumgreifenden Händchen und blickte gen Himmel Es war eben so gut wie ein
Gebet
Endlich hatte sie beschlossen ihm nachzureisen denn sonst sterbe ich
sagte sie traurig vor sich hin wenn ich nicht weiß von ihm und das ist doch
das Allerschlimmste Sie rüstete sich packte ein es war nun Abend der
Herbstsonnenschein lag rot und brennend auf der altergrauen Stadt sie sah ganz
jung und rosig davon aus das machte Vrenely Mut Sie setzte sich mit dem Kinde
auf das schon fertig gepackte Köfferchen und blickte über die Wiege weg in den
wieder Tag und Leben verheissenden Strahl da umfassten sie plötzlich von hinten
zwei kräftige Arme und drückten sie an ein warmes treues Herz Gott im Himmel
er wars und hatte sie überschlichen Bleich verkümmert mager war er Sie
fragte nichts schalt nicht warf ihm nichts vor sie zog ihn an den Tisch aufs
Sopha dass er bequem ausruhe dann lief sie Alles herbeizuholen was den
Ermüdeten erquicken konnte Die letzten Stunden hatte er zu Fuß gemacht um auf
Richtwegen früher anzukommen Bei jedem was sie brachte fiel sie ihm um den
Hals drückte ihn ans Herz und eilte noch mehr zu bringen Zuletzt rückte sie
ihm die Wiege noch bequem zurecht dass er die Kleine immer sehen könne und
setzte sich still zu seinen Füßen auf einen Schemel Er nahm das schlafende Kind
und küsste es wach Du siehst aus wie der heilige Joseph sagte sie lachend
all ihre Munterkeit war erwacht
Erst als er lange geruht gegessen getrunken hatte legte sie ihr Köpfchen
auf seine Schulter sah ihn mit den glänzenden schwarzen Augen innig zärtlich an
und sagte Du hast wohl viel gelitten Über sich sagte sie gar nichts
Otto spielte mit ihren langen Flechten und erzählte Sie schreckte zurück
auf dem Schemel faltete entsetzt die Hände so halb zurückgelehnt starrte sie
ihn an und lauschte ihm jedes Wort von den Lippen Gott das wars ächzte sie
und ihre Tränen ließ ihr kein Wort weiter
Als er geendet weinte sie noch laut Und ich ich die dich anklagte
deines Schweigens wegen o vergib mir vergib mir Zärtlich küsste sie seine
Hand er aber zog sie ans Herz
Diese Anna ist ein grossartiges Weib sagte Vrenely ihre Augen trocknend
viel besser als ich Wie sehr begreife ich dass du sie so liebst Gott weiß
ich habe mein Kind lieb da in seiner Wiege aber dir um des Kindes willen
entsagen das könnte ich nicht Leontine hat sie oft dem Pelikan verglichen der
mit dem Herzblut seine Jungen letzt nun gibt sie den Söhnen unendlich mehr als
so ein bisschen Blut denn das arme Herz schlägt fort in ihrer Brust ohne alles
Glück Und Er o es ist ungeheuer
Sie versank in ernstes Sinnen Aber sage mir fragte sie wieder ists
unvermeidlich Gottard hat ja den Anfang der Erziehung der Knaben
Unter diesen Umständen in dieser Stellung mit diesen von allen Seiten
drohenden Anklagen
Ach sagte Vrenely es mag sein dass sie muss aber all diese hellen klaren
Lebenshöhen sind doch entsetzlich
Nicht für Anna liebe Vrenely Sie barg ihr Haupt an seine Brust
1832
Von einem der stillsten Laubgänge des weimarischen Parkes aus da wo man die
träumerische Ilm zögernd an den beblümten Wiesen vorüberschleichen sieht wo
ihre sonderbar leisen schweren Wellen einem flüssig gewordenen Plasma oder
Jaspis gleichen und durch geheimnissreiche Tiefe unwiderstehlich lockend das Auge
nach sich ziehen blickten eben so träumerisch wie das Wasser und die es
umfriedenden Erlen zwei schöne noch junge Frauen in das anmutige Sommergrün
und in die Winterstille verklungener Freuden Mit bebenden Lippen hoben sie den
Schleier von all den glücklichen und traurigen Ereignissen der letzten Jahre
die sie getrennt in verschiedenen Ländern und Umgebungen zugebracht Die
Freundinnen hatten sich hier in der Vaterstadt der Eltern ein Rendezvous
gegeben denn die Jüngere und Zartere von Beiden gedachte eine weite Reise
anzutreten Es waren zwei ungewöhnlich edle anziehende Erscheinungen sie
schienen Beide kaum das dreissigste Jahr überschritten zu haben ihr Leben stand
im Zenit wie die Mittagssonne über ihren Häuptern
Der glühende Zauber dieser Stunde die der Mitternacht gleich die Gespenster
aus ihren Gräbern löst und sie über die schweraufatmende Erde hin wandeln lässt
mochte auch die Frauenzimmer erfasst haben denn auch sie riefen die Geister
ihrer Vergangenheit wach und ließ sie dem zu Boden gesenkten Blicke
vorüberziehen
Einen Moment lang zwang die drückende Schwüle die Jüngere den Hut
abzunehmen sie zeigte ein wunderliebliches Gesicht im frischesten
durchsichtigsten Kolorit von hellblonden Locken umwoben die wie goldene
Staubfäden im Luftzuge spielten einer exotischen Blüte gleichend
Ich bin davon wie von meinem eigenen Dasein überzeugt sagte sie
Und du hast nie wieder von ihm gehört und nie auch in Italien und Sizilien
eine Spur von ihm gefunden
Nein weder da noch in Malta noch in Griechenland wo ich nicht minder
sorgsam ihn gesucht Und doch bin ich überzeugt dass er lebt Er wollte
verschwunden sein und blieb es Glaube mir er hat das bessere Teil erwählt
Seine ewig nach Freiheit und Bewegung ja nach Kampf dürstende Seele konnte den
faden Zuckerwasserzustand unserer Alltäglichkeit nicht ertragen Die Plänkeleien
unserer Ehestandstruppen waren glücklicherweise noch bloße Vorpostengefechte
geblieben als die Nachrichten aller der Nationalaufstände uns erreichten Die
Volksunruhen zogen ihn nach Belgien er gab vor einen Bekannten in Aachen
besuchen zu wollen und reiste ab Mir ahnte ein langer Abschied Als alle
diese friedlichen Volkssiege wie reife Erntegarben sich übereinander legten
duldete es ihn nicht mehr in unserem legitimen Norden die Julirevolution hat
er bei Gott so wenig verschmerzt wie ein junges Mädchen den ersten Ball den
man ihm versagt
Du bist bitter Leontine
Ach wir haben entsetzlich gelitten ehe es so weit kam ehe wir uns
gestanden dass die Trennung unvermeidlich und unser Leben ein lang
ausgesponnenes Elend sei Und doch habe ich ihn unsäglich vermisst denn wer kann
das Ungewöhnliche das Erregende entbehren wenn er es erst gekannt O glaube
mir das Menschenherz hat etwas Tigerartiges in seiner Natur wenn es einmal vom
Blut der Leidenschaft getrunken wird es wild und lechzt danach wie jener nach
seiner Beute
Anna seufzte Auch ihr waren die Tage entblättert sie standen kahl und
frostig vor ihr und der Lebenssturm hatte oft mit ihren Erinnerungen gespielt
und sie beängstigend umhergejagt wie der Herbstwind die abgefallenen Blätter
Leontine schwieg und sah lange vor sich nieder als sie die Augen aufschlug
blitzten zwei glühende Tränen darin auf
Und jetzt sagte endlich Anna
Jetzt jetzt lass mich dann an das falsche Todeszeugniss glauben weil er es
will Als ich noch für ein Mädchen galt unter euch war ich längst eine Frau
jetzt lass sie eine Witwe mich nennen und mich wie damals heimlich ihm vermählt
bleiben Ach das ist das Wenigste was ich tun kann
Lass mich fuhr sie noch wehmütiger fort nun auch Italien vergessen das
ich um ihn durch ihn ach nie mit ihm gekannt Lass den Göttertraum der Jugend
der Poesie den Fanatismus den ich in ihm geträumt und der mir in seinem
Vaterlande wahr geworden nun auch zu Ende sein und lass mich nicht weiter
erzählen
Ein ganzes Jahr habe ich ihn auf meiner Villa erwartet immer sein harrend
in Rom Florenz und Wien gelebt ja Anna gelebt mit vollem Bewusstsein des
Lebens das ich immer umsonst bei euch gesucht und entbehrt mich freudig
eingetaucht in den Ozean des Schönen wie sich die Sonne golden in die goldne
Tiber taucht Ein Jahr hindurch habe ich wie ein Kind geschwelgt im Genuss
laut gelacht wenn ich froh war geweint und geschrien wenn mir wehe geschah
All das künstliche Eis der Sitten Etiquette und Gewöhnung habe ich schmelzen
lassen in mir an der Glut des Augenblicks der mich auf seine leichten Flügel
nahm und über all eure Quälereien hinwegtrug und nun ists vorbei Sie
sagen mir Alle dass ich noch jung noch schön bin und frei und reich dastehe in
der Welt Nun es werden ja vielleicht auch andre Sonnenstrahlen mein Herz
erwärmen Glücklich wie ichs gewesen möchte ich gar nicht wieder sein Kehrte
das wieder einen Augenblick nur einen so müsste es ewig dauern oder er würde
zur Hölle Sie schwieg
Nach einer langen Pause fuhr sie fort Wer nur innerlich noch recht viel
erwarten könnte
Sie lehnte den Kopf zurück und summte mit halber Stimme ein venetianisches
Gondelierlied vor sich hin Allmälig geriet sie in das so oft von Jean Karlo
gesungene Nenna sta grazia a toja Sieh sagte sie lächelnd wie die Melodie
sich mir wieder einschleicht Ach Alles in der Welt ist treuer als das
menschliche Herz
Anna fasste ihre beiden Hände und drückte sie an ihre Brust Leontine
verliere dich nicht sagte sie weich deine eigene bewegte Brust lässt dich das
ohnehin stets Wandelnde Wechselnde bodenlos glauben das Leben hat auch
bleibende Tiefen die den ewigen Himmel zurückstrahlen
Lass das erwiderte Leontine ich klage ja nicht Dass mir gerade nur das
Flüchtige schön erschien dass ich von ihm eine ewige neue Rückkehr hoffte und
deshalb die Fesseln mit denen ihr Alle es verletzt und verkrüppelt euch
bewahrt nicht ertragen konnte liegt in meiner Natur Ich habe ihn Jean Karlo
meine ich nicht geliebt in eurem Sinne aber dass ich ihn wie die Anderen
verlor ist grauenhaft entsetzlich
Was mag seitdem Alles durch ihre Seele gezogen sein dachte Anna
Und doch erwiderte Leontine als habe sie ihr den Gedanken von der Stirn
gelesen und doch habe ich Otto nie vergessen
Da sind sie rief eine kräftige jugendliche Stimme Es glänzte etwas wie
eine Uniform im Gebüsch und zwei sehr schöne junge Männer flogen auf die Frauen
zu Wie haben wir euch gesucht
Egon Joseph rief die glückliche Mutter mit innerem stolzem Jubel die
Beiden betrachtend Siehst du Leontine sind das noch Knaben
Egon küsste der Tante die Hände und sah sie mit so durchdringendem glühendem
Blick an dass sie lachend den ihren niederschlug Aber Anna hatte Recht Egon
war beinahe ein Mann zu nennen obschon er noch an der Grenze seiner achtzehn
Jahre stand Das kastanienbraune Haar das in leichter Krausse unter dem
Studentenmützchen hervorquoll das etwas hellere Schnurrbärtchen der schwarze
Sammtrock bezeichneten den deutschen Jüngling die ungewöhnlich frühe Ausbildung
seiner Züge und seiner ganzen Gestalt hätten ihn jedoch leicht für einen
Engländer oder Iren gelten lassen
Joseph war Kadet er hatte alle Schalkheit allen Mutwillen seiner Tante
Leontine geerbt er sah aus wie der Page im Figaro nachdem er eben Offizier
geworden und suchte wie dieser dem ganzen weiblichen Geschlechte seine
Mutter und Tante mit einbegriffen den Hof zu machen
In der einen Stunde seiner Anwesenheit in Weimar hatte er nicht nur alle
Stellen aufgefunden an denen Annas Erinnerungen hafteten er hatte bereits
auch alle Staats Gesellschafts und insbesondere alle Militärinteressen
erkundet und mit in die seinen aufgenommen Von Eurem alten Waldauschen Hause
ist keine Spur mehr versicherte er die Frauen Tante Leontinens Gärtchen ist
auch verschwunden Weimar ist eine schöne freundliche Mittelstadt Deutschlands
geworden und sieht nicht mehr aus wie eine geniale nicht gut aufgeräumte
Gelehrtenwirtschaft
Während Anna Egon über die ihr fast schmerzlichen kleinen Veränderungen
befragte flüsterte Joseph der schönen Tante eine Menge Geheimnisse zu Leontine
war ganz heiter geworden und sah nun zehn Jahre jünger aus als vorhin
Und seid ihr allein gekommen fragte sie endlich
Bewahre Wir haben deinen Lord Frederic den du eine Lady nennst höchst
eigenhändig aus dem Wagen gehoben nachdem wir sie und ihren Neger von Dresden
her escortirt Ihre Lordschaft haben aber drei Nachtfahrten gemacht und studieren
pour se délasser eben die türkische Grammatik und den Koran sie wollten uns
also nicht herbegleiten und rechnen auf deine und der Mutter baldige Rückkehr
Und du kannst mich hinführen sagte Leontine
Stolz bot ihr der Kadet den Arm und grüßte mit der Linken im Abgehen die
Zurückbleibenden
Das Paar sah allerliebst aus obschon sie dem Alter nach seine Mutter sein
konnte erschien Leontine neben ihm wie eine ältere Schwester
Egon sah ihr mit leuchtenden Blicken nach Ist sie nicht immer noch
wunderbar schön fragte er Er seufzte leise Anna aber lächelte freundlich Man
nennt in Frankreich das erste graue Haar einer jungen Frau le cheveu historique
obgleich fast unhörbar leise schien der Mutter dieser erste Seufzer des Sohnes
eine ganze idyllische Geschichte voll lauter Frühlingsempfindungen zu enthalten
le soupir historique dachte sie Und als müsse das höchste Erdenglück vom
Himmel herab auf den ersten Wunsch dem Sohne zu Füßen fallen sah sie dankbar
auf in die wolkenlose Bläue
Wie weh den Frauen selbst das Leben getan haben mag wenn sie für ihre
Kinder hoffen liegt immer etwas Primitives in ihrem Gefühl die Narben der
Erfahrung sind plötzlich alle in ihnen ausgelöscht und sie glauben der Zukunft
unbedingt als wären auch sie sechszehn Jahr
Mutter sagte Egon indem er neben ihr sich auf die Bank setzte ich möchte
mit dir reden aber nicht wie ein Knabe nicht wie ein Jüngling wie ein
werdender Mann zu einer Frau die schon Alles geworden nur das Eine nicht was
sie vor Allem hätte werden sollen glücklich
Anna erschrak sie erwartete irgend ein Geständnis
Seit vier Jahren fuhr er fort hast du teure Mutter nur für uns
ausschließend für Joseph und mich gelebt Alles danken wir dir
Du vergisst Geiersperg sagte Anna weich
O nein der Onkel hat getan was er vermochte um uns die Leitung des
Vaters zu ersetzen aber glaubst du wohl sie würde ihm bei ein paar Trotzköpfen
wie die unsern gelungen sein wenn er die Zügel nicht gar oft in deine liebe
Hand gegeben hätte
Wo willst du eigentlich hinaus fragte Anna heiter immer noch erwartete sie
irgend ein Bekenntnis
Ich wollte dir sagen liebe Mama dass wir flügge gewordene aus dem Nest
gefallene Vögel sind die nächstens ihren Flug ins Weite versuchen werden Ich
bin achtzehn Jahr und Student Joseph in seinem bunten Rocke siebzehn er
errötete wie ein junges Mädchen Mutter Freundin nun lass deine wilden Buben
ziehen es ist unmöglich sie länger festzuhalten Übergib sie nur ganz
sorglos dem blauen Himmelsocean sie sind der Heimat gewohnt und werden sich
nicht verfliegen
Ach sagte Anna war es das O Kinder ich weiß es längst dass ich euch nun
dem Leben der Welt und ihrem Wirbel überlassen muss und werde es Ihr werdet
nicht einmal die bangen Schläge meines Herzens hören Nein nein mein Egon nie
soll die Mutterliebe euch eine Fessel werden
Er küsste ihr die Hand Es entstand eine kleine Pause Anna war ins Sinnen
geraten und in stilles Hinbrüten versunken
Am meisten nach dir danken wir dem Präsidenten Gottard fuhr Egon fort
Hast du lange nichts von ihm gehört
Seit fast zwei Jahren nicht antwortete sie gepresst seine Geschäfte machen
ihm das Briefschreiben schwer Du weißt dass er jetzt die Interessen der ganzen
Provinz zu vertreten hat
Freilich erwiderte Egon fast obenhin Er sah den Geisterzug nicht den er
in der Mutter nachzitternder Seele erweckt Aber möchtest du ihn nicht einmal
wiedersehen
Plötzlich überflutete eine himmlische Jugend die schöne Frau Trotz ihrer
vierundreissig Jahre ward sie schöner als je es lag eine so edle Verklärung der
Seele in ihrer ganzen Erscheinung Ich würde mich unendlich freuen ihn zu
sehen sagte sie aber schwerlich werden uns die auseinanderliegenden Wege
sobald zusammenführen
Und wenn er nun einmal ganz unerwartet käme Mutter
Anna vermochte nicht zu antworten
Musst du uns doch nun unsern eigenen Zug nehmen lassen du Arme Kannst uns
nicht anders als mit dem Herzen begleiten dessen Flügel uns so oft Mut und
Kraft zugefächelt haben er legte ihre Hand auf seine Augen und den Kopf auf
die Lehne der Gartenbank
Aha sagte der rückkehrende Joseph hast du Kato den Text gelesen Mutter
Will er wieder einmal die Welt verbessern und allweise sein trotz unserm
Herrgott Tröste dich liebste Mama hast du doch noch mich hoffnungsvolles
Schlingelpflänzchen um dich und ihn vor seiner Moral zu retten und vor seinem
vielen besten Rat Ich habe nur den einen und er ist zu gleicher Zeit mein
höchster Wunsch sei recht glücklich Mutter so glücklich als noch gar kein
Mensch auf Erden geworden denn auf Ehre sagen wir Offiziere noch Niemand hat
es mehr verdient
Im Gehen hatte Egon ihren Arm in den seinen gelegt die jungen Leute führten
sie unmerklich aus dem Park über den daran stossenden Platz dem Hotel zu das
Alle auf ein paar Tage bewohnten Als sie an die Türe ihres gemeinschaftlichen
Salons traten fanden sie Duguet und August vor derselben
Ist dein Herr zu Hause fragte Anna den letztern
Seit dem Tode des Herzogs von Reichstadt hatte sich St Luce wieder
eingefunden Er war entschlossen sie nie wieder zu verlassen immer in ihrer
Nähe seinen Wohnsitz aufzuschlagen
Es fiel Annen auf dass der alte Diener nicht sogleich antwortete als sie
ihn und Duguet genauer ansah bemerkte sie in beider Zügen den Ausdruck einer
tiefen gewaltsam zurückgehaltenen Rührung Arme Freunde sagte sie ach ihr
seid nicht die Einzigen die hier Sophiens schmerzlich gedacht Sie reichte
ihnen die Hand die jene ehrfurchtsvoll an ihre Lippen drückten Keiner
erwiderte ein Wort
An der Türe ließ Egon der sie geführt ihren Arm los Ich will die Tante
Leontine holen Plötzlich aber kehrte er um und fiel der Mutter um den Hals
Mutter Mutter Dein Glück ist der innigste Wunsch deiner Kinder Er war
verschwunden Auch Joseph hatte unter heftigen Küssen sie losgelassen sie stand
verwundert und allein auf der Schwelle des Saales
Am Fenster den Rücken ihr zugewandt gewahrte sie einen stattlichen
Fremden Bei dem Geräusch ihres Eintritts kehrte er sich um es war Gottard
Tief bewegt ihr die Hand entgegenhaltend schritt er auf sie zu Verzeihung
teuerste Anna rief er mit dem vollen Klange den nur die Freude dieser
weichen sonoren Stimme die sonst gedämpft ertönte zu verleihen pflegte Ach
mit dem ersten Laut rief er das ganze vergangene Leben ihr wach es umgab sie
wie eine überreiche Gegenwart Anna wir Alle sind im Komplott gegen Sie
gewesen Geiersperg St Luce und Ihre Söhne Alle haben sich auf meine Seite
geschlagen denn ich konnte ohne Sie teuerste Freundin das Dasein nicht
länger ertragen ich musste Sie wiedersehen Ich musste
Trunken von Glück keines Ausdrucks mächtig ließ sie sich von ihm zum Sopha
geleiten Erst jetzt sah sie ihn wirklich bis dahin hatte eine Art Nebel auf
ihrem Auge ein Schwindel von Seligkeit sie verhindert ihn deutlich zu sehen
Aber als er nun fortsprach gewann sie Zeit und blickte auf Gottard war in den
vier fünf Jahren bedeutend gealtert die ungeheure Geistesarbeit die rastlose
Tätigkeit seines Berufs hatten Spuren hinterlassen aber sie hatten sein
Äußeres gereift ohne es irgend zu schwächen er war noch immer schön
Es lag ein solcher Ausdruck von Güte in seinen harmonischen Zügen eine
solche Zusicherung des Schutzes der Hilfe des Trostes in dem tiefen Ernste
desselben in seinem ganzen Auftreten auch ohne ihn zu lieben würde man ihm
eine Welt aufgebürdet und anvertraut haben so ruhig sein selbst bewusst so in
sich selbst concentrirt stand er da ein Bild der höchsten Milde wie der
ausgearbeitetsten Kraft
Demonstrationen des Gefühls fortgesetzter Briefwechsel ja sogar jeder
regelmäßige gesellschaftliche Verkehr waren dem mit den bedeutendsten Arbeiten
Überhäuften auf eine der höchsten Stellen des Staates Berufenen längst
unmöglich geworden dennoch war Annens Bild nie aus seiner Seele nie aus seiner
Sehnsucht gewichen
Nach dem unseligen Duell hatte er während Anna in Brandenburg blieb eine
Zeit lang in Berlin gelebt um die Fäden einer neuen immer ausgedehnteren
Tätigkeit anzuknüpfen Während dieser Vorbereitung seiner veränderten Laufbahn
hatte Geiersperg ihn kennen und schätzen gelernt Beide Männer stimmten in der
Ansicht überein dass nur eine längere Trennung von Annen in den Seelen der
heranwachsenden Knaben in der Ansicht und im Urteil der Gesellschaft die
teure Frau flecken und makellos im Besitz der ihr nötigen Anerkennung
erhalten könne
Das schwere Opfer ward gebracht schweigend wie fast immer die schweren
Opfer Gottard suchte beim Ministerium um einen Zweig der Verwaltung in
Schlesien nach sein Wunsch ward ihm gewährt
Sonderbar genug aber ein Beweis dass ein wahrhaft eminenter Kopf in unsern
Tagen die äußeren Verhältnisse beherrscht hatte der wiederholte Umschwung den
Gottards Liebe seiner amtlichen Tätigkeit gab weder hemmend noch störend auf
seine Laufbahn eingewirkt unaufhaltsam hob sie sich sein Weg ging
ununterbrochen aufwärts sogar wo sich dessen Richtung änderte
Die Verschmelzung großer Tat und Geisteskraft ist selten und dennoch
bedarf unsere industrielle Zeit derselben so sehr Gottards Uneigennützigkeit
sein bürgerlicher Fleiß und seine aristokratische Nichtachtung des Einzelnen wo
es die Masse galt gaben ihm einen immer ausgedehnteren Wirkungskreis ja eine
in manchem Bezug fast herrschende Gewalt über seine Mitbürger und Untergebenen
Als ihn der Zufall wieder einmal mit Geiersperg zusammenführte fragte er so
angelegentlich nach Annen dass der alte unermüdliche Handlanger der
Zeitereignisse Geiersperg mit einem Male innerlich beschloss nun seine Neffen
erwachsen und die Gerüchte über des Vaters Stellung zu Gottard denselben zur
Prüfung vorgelegt werden konnten die jungen Leute selbst auf den Gedanken an
eine zweite Verbindung ihrer Mutter mit dem nunmehrigen Präsidenten zu bringen
Seine Absicht ward vollkommen erreicht Die Zusammenkunft Leontinens mit
Annen und der Lady Frederic die erstere nach Konstantinopel zu begleiten
beabsichtigte ward zum Moment des Wiedersehens erwählt Geiersperg war
überselig ein kunstvolles Manoeuvre ausgeführt durch die Gründe seiner
Beredtsamkeit alte Vorurteile besiegt zu haben wie Leontine lachend ihm
vorwarf
Alle trafen ungefähr zur nämlichen Zeit in Weimar zusammen
So ward es möglich Annen ein Wiedersehen zu bereiten das die vom Glück so
lange Entwöhnte vielleicht in banger Scheu von sich gewiesen haben würde hätte
sie es vorausgeahnt das aber nun in seiner überraschenden Erscheinung einem
elektrischen Funken gleich in ihre müde Seele traf und plötzlich alle
schlummernden Kräfte derselben weckte ohne sie zu überreizen War es doch fast
das erste Mal in den langen stets in Bezug auf einander hingelebten Jahren
ihrer Bekanntschaft dass die Liebenden und Freunde sie waren einander Beides
und wussten es von einander ruhig nur von der Freude des Augenblicks bewegt
sich aussprachen
In jedem Worte feierte ein zerdrücktes verborgenes Gefühl oder eine lange
verschwiegen und heimlich geteilte Ansicht eine Auferstehung Beider überreiche
Natur strahlte so edle Gaben der innern Schönheit aus dass sie in gegenseitiger
Freude Eines an dem Anderen durch die Gegenwart erfüllt und befriedigt weder
die Schatten der abgeblühten Vergangenheit hervorriefen noch an der
verschleierten Gestalt der Zukunft rührten Diese aus tiefen vollen Quellen
zusammenfliessenden Seelen brachten ja unwillkürlich in jedem Worte in jedem
Blicke einander ihr Allerbestes zu und eben darum blieb der schönen Stunde ihrer
Vereinigung jede Schranke bestimmter Wünsche oder Entschlüsse ganz fern denn
sie gedachten nicht einmal der Zeit
Lady Frederic hatte sich vorgenommen nach dem Orient zu reisen Griechenland
und Konstantinopel zu sehen Die Russen hatten Frieden geschlossen mit der
Pforte Griechenland erwartete von der hand der verbündeten Mächte seinen König
Die alte Freiheitsfreundin sehnte sich nach all den geheiligten Stätten denen
neue bessere Zeiten entblühen sollten aber auch den Herd der Knechtschaft wie
sie die Türkei nannte wollte sie in Augenschein nehmen nur so demonstrirte
sie sei es möglich sich ein deutliches Bild der Gegenwart zu verschaffen
Eigentlich war es der lebhaften Frau zu stille in Deutschland geblieben die
constitutionellen Reformen spannen sich sachte ab und dann musste sie sich doch
überzeugen ob dear King Leopold Recht oder Unrecht gehabt die angebotene Krone
auszuschlagen
Leontinens Rückkehr nach Italien kam ihr höchst erwünscht Sie ruhte nicht
eher als bis ihr gelungen die gewohnheit und alltäglichkeitscheue Freundin zu
überreden sie nach dem Orient zu begleiten Leontine wollte einen Harem und
eine Moschee sehen und willigte also trotz Geierspergs unabweislichen Gründen
ein
Seit Italien schien eine innere Unruhe ein Gedränge vielfach verschlungener
und dort empfangener Eindrücke ihre Launen noch wechselnder ihre Gefühle noch
unruhiger zu machen Nur ein einziger Goldfaden zog sich durch das seltsame
bunte Gewebe ihrer Gedanken Phantasien und Empfindungen hin der Wunsch Jean
Karlo aufzufinden und ihm die ungeheueren Geldmittel zur Erleichterung seines
Zweckes zufliessen zu lassen die er scheidend ihr zugeworfen Sie wusste nicht
recht was mit dem Gelde anzufangen eine Art Toilettenluxus abgerechnet an den
sie von kleinauf gewöhnt war hatte sie wenig Bedürfnisse wenig Wünsche es
fehlte ihr gänzlich an eigentlicher Liebe zum Besitz weil sie ihr ganzes Dasein
aus dem eigenen Innern herausspann
Jean Karlo in Griechenland zu finden schien Leontinen nicht
unwahrscheinlich dort konnte es ihr gelingen noch einmal seinem so vielfach
geknickten Leben erneute Hoffnungen und Tätigkeit zu geben indem sie die ihm
geraubten Hilfsmittel zurückbrachte die er für seine Landsleute bedurfte und
deren Entbehren grossenteils das Geschick der Griechen entschieden hatte
O dear o dear unser lieber Herr Gottard How are you rief die gute alte
Lady als sie unvermutet das allgemeine Wiedersehen und Begrüssen
unterbrechend in den Salon trat Ei sagen Sie mir bitte haben Sie wohl wieder
etwas Genaueres über die neu zu errichtenden Logen der Karbonaria erfahren und
glauben Sie dass diese mit den griechischen Angelegenheiten verwickelt sind
Haben Sie wohl gehört dass unser teurer Graf auch früher einmal sehr gravirt in
dieser Geschichte gewesen vor seiner Heirat nämlich Sie wissen doch dass der
Tod ihn uns entrissen Alles dies fragte sie hörbar leise Leontine sollte es
nicht bemerken Aber sie fragte glücklich alle Anwesenden aus der insgeheim
gefürchteten Rührung heraus die sie zu überkommen drohte und brachte mit ihrem
durchaus nicht Gemerkt und Begriffenhaben der Seelenzustände aller Anwesenden
eine so glückliche Unterbrechung hervor dass ihr Jeder innerlich Dank dafür
wusste
Joseph machte ihr entschieden den Hof ließ sich Arabisch Indisch und
Türkisch von ihr vorlesen und ging sehr ergötzlich auf alle ihre Pläne ein
Leontine war der geistigen Kreuz und Quersprünge ihrer alten Freundin zu
sehr gewohnt um auch nur einen Augenblick sich verletzt zu fühlen sie war
sogar gefällig genug nicht zu hören was jene zu flüstern wähnte
St Luce war am übelsten daran er vermochte sich nicht eher vor ihrem
gutgemeinten aber übel angebrachten Eindringen in seine Gefühle und Ansichten zu
retten als bis Anna sie auf die frisch blutende Wunde aufmerksam machte die
dem Freunde der Verlust des angebeteten Kaiserkindes geschlagen
Als aber am folgenden Tage die gute alte Lady eine ganze Weile dem
Zusammensein der Freunde und der Waldauschen Familie zugesehen ward sie sehr
nachdenkend In einem unbemerkt geglaubten Augenblick ergriff sie plötzlich St
Luces Arm General lieber General ich muss Ihnen etwas sagen Meinen Sie
nicht dear Sir dass unser guter Herr Gottard eine gewisse Vorliebe für die
Gräfin hat Und nun entwickelte sie ihre Ansicht dass bei seiner hohen amtlichen
Stellung die Partie gar so übel nicht sei dass die Gräfin nicht von Adel wie
man ihr versichert und die ganze Verbindung durchaus keine unpassende zu nennen
sei
Trotz seines Kummers geriet der Invalide in ein so jugendlich herzliches
Lachen dass selbst seine große Höflichkeit es nicht zurückzuhalten vermochte und
mehre Mitglieder des kleinen Kreises dadurch herbeigezogen mit Bitten und
Fragen auf die Lady eindrangen die in der felsenfesten Überzeugung St Luce
von seinem Vorurteil so am besten zurückzubringen eine lange Rede hielt in
welcher sie ihre Wünsche für die Liebenden aussprach Liebe kenne kein Gebot
versicherte sie und Anna sei so schön dass man ihr kaum so viele Zwanzig geben
wurde als sie deren Dreißig zähle Herr Gottard aber setzte sie mit drolliger
Verlegenheit hinzu steht doch wohl kaum ihr darin nach und in Old England würde
Niemand töricht genug sein ein so von Himmelshand geschürztes Band nichtiger
Einwendungen wegen zu zerreißen
Sie hatte das Eis gebrochen Obschon Alle lachten war ihr abermals Jeder
dankbar denn die Angelegenheit kam nun zur Sprache Gottard warb um der
Geliebten Hand
Egon beschwor die teure Mutter ihr schönes einfaches Leben nicht durch
eine Übertreibung zu verderben Ein unnützes Opfer ist eine Sünde sagte er
ernst
Anna war unaussprechlich bewegt Schon dass gerade der Sohn ihres Herzens
fast den Bewerber für den so lange und heiß Geliebten machte hatte etwas tief
Erschütterndes Gottards Freude aber erhob den Augenblick zu einer höchsten
Lebensweihe Einen großartigen edelen Menschen das Leid des Daseins tragen sehen
wirkt sogar auf selbstische und gemeine Naturen der Schmerz verleiht dem so
Hochstehenden einen Glorienschein und macht den Dornenkranz zur Krone aber
einen ungewöhnlich Begabten dessen Leben ein Segen für die Andern für ihn
selbst unbefriedigt und schmerzlich dahinfloss plötzlich im Sonnenglanz des
höchsten möglichen Erdenglückes zu erblicken wirkt noch allgewaltiger Es
öffnet uns einen Blick in den Himmel und gewährt uns ein tiefes jauchzendes
Vertrauen auf das Geschick all der Unmut der bange Zweifel die
Irreligiosität die uns oft betrübendes Erfahren aufdrängen fallen ab wie eine
Wolkenhülle und der Glaube tritt uns wieder nahe und strömt seine Seligkeit in
unser wundes Herz
Wer diese Menschen so zusammen sah in ihrer heiteren Liebe wem Annens
strahlendes Gesicht Gottards so geistigschönes Dankgefühl der Kinder und
Freunde Jubel damals die Empfindung des dankbaren Glaubens an mögliches
Menschenglück in die Brust gesenkt wie ein schützendes Amulet gegen das
Mistrauen des Überdrusses der wird ein solches Begegnen nicht vergessen haben
Möge sein Erinnern desselben das Samenkorn eines inneren heiligenden Segens für
den werden der am Leben verzweifelt
Auch jetzt in unsern Tagen noch möchte ich dem schauensmüden blasirten
Reisenden der so viel Städte Bücher Bilder Kunstwerke aller Art mit mattem
Blick besieht den eine innere Rastlosigkeit von Land zu Lande von Meer zu
Meere treibt wünschen dass ihn sein Weg an Gottards Landhause vorüberführe
Wenn der Präsident nach langen beschwerlichen Berufsgeschäften die auch ihn
oft zu weiten Reisen veranlassen heimkehrt zu seinem stillen friedlichen Asyl
umfängt ihn eine selbst erbaute Welt des Schönen Was Wissenschaft Kunst und
Reichtum dem Dasein als Schmuck gewähren liegt dort in reichen Garben
aufgehäuft Anna hat einen Zauberkreis der Häuslichkeit darum hergezogen Noch
immer stehen sie und Gottard unverändert im Innern von der Zeit unendlich
mild behandelt schön und edel in vollster Kraft nebeneinander noch immer ist
ihre Neigung dieselbe noch immer eint sie das seltenste innigste Verstehen
Egon zählt bereits unter unsern bedeutendsten Staatsmännern Da Gottard
keine Kinder hat übertrug sein Herz auch in diesem Bezug die Neigung auf keinen
neuen Gegenstand
Die Zeiten haben sich verändert ihren Anforderungen zu genügen ist
alljährig schwerer geworden Gottard sieht seinen Nachfolger in Egon dessen
die seine einst überragende Wirksamkeit er sorglich und besonnen dem Lieblinge
vorbereitet
Joseph ist der schönste und beliebteste Offizier seiner Garnison und ist
dabei der unempfänglichste für Frauenliebe Obschon er jeder Dame den Hof macht
erzählt er ihr zugleich dass nur die ganz besondere glückliche Mischung von
Fehlern und Vorzügen seiner Tante Leontine ihn dauernd zu fesseln vermöchte und
dass er trostlos ist hier bei den nordischen Barbaren weilen zu müssen während
die Unbarmherzige unter griechischer Sonne altert ohne auf ihn zu warten
Und Leontine Sie ist immer noch ein anmutiges vielleicht für sich und uns
unlösbares Rätsel Seit einer Reihe von Jahren hat sie Deutschland nicht wieder
betreten Ob sie in Griechenland den verlorenen Gatten wiedergefunden ob sie
ihm noch heimlich verbunden ist ob andre Neigungen und Verhältnisse ihre Seele
erfüllen Niemand weiß es selbst Anna nicht Sie schreibt unendlich geistvolle
inhaltreiche Briefe deren Flammenzüge Leuchtkugeln gleich aufblitzen in dem
kleinen Kreise ihrer Freunde und den Zustand des Bodens auf dem sie
anzuwurzeln scheint in seiner Eigentümlichkeit und in seinen wechselnden
Gestaltungen richtiger schildern als alle unsere Tageblätter und Reisenden
Gar andere tiefernste Briefe meist in Bücherform und gedruckt sendet uns
Otto Ihn umgibt ein Kreis geliebter Kinder und treuer Freunde Die unendliche
Tätigkeit seiner Seele erhält ihn frisch die seit den letzten Jahren mit
Riesenschritten fortschreitende Wissenschaft trägt ihn über alle kleinen
Lebenssorgen hinweg Vrenely ist der Trost seiner Tage geblieben in ihrem Hause
herrscht noch immer die anmutige saubere Bürgerlichkeit in der wir sie zuerst
gefunden in ihrem Herzen blüht die Poesie und treibt mit jedem Jahre neue
Frühlingsknospen Otto kennt nur das Universum und sein Haus die
Gesellschaftswelt und die Politik der Zeit kümmern ihn jetzt fast eben so wenig
wie sie in den Tiefen der Erde es taten als er mit dem Grubenlicht und dem
Schlägel in der Hand von den Schätzen der Wissenschaft träumte die jetzt sein
Forschergeist erreicht Annen hat er nicht wiedergesehen und alle Einladungen
Gottards mild aber bestimmt abgelehnt