Georg Weert
Fragment eines Romans
Seitwärts vom Rhein in einem reizenden Tale liegt das Jagdschloss des Baron
dEyncourt Ein altes wunderliches Gebäude mit kleinen Fenstern und ungeheuerm
Giebel halb bedeckt von Efeu und Weinranken die bis oben aufs Dach gewachsen
sind von wo sie in dichten buschigen Matten wieder nach den Seiten zu
hinunterhängen Uralte Walnussbäume bilden mit ihren riesigen Ästen und den
großen tiefgrünen Blättern den Hintergrund des Gebäudes Nach vorne dehnt sich
bis zu dem schmalen Wege der nach dem nächsten Dorfe führt ein weiter
geräumiger Garten dessen ganze Einrichtung auf den ersten Blick verrät dass man
wenig Sorgfalt mehr auf die Erhaltung früherer Anlagen verwendet und Stauden
durcheinanderwachsen lässt wie es ihnen gefällt nur unmittelbar unter den
Fenstern des Schlosses scheint noch eine ordnende Hand der lustig sprossenden
Rosen und Nelken zu warten von vier oder fünf Wasserbächen die durch den
Garten verteilt sind sprudelt auch hier noch ein kristallener Strahl aus dem
Marmorbehälter und wirft seine zitternden Perlen rechts und links auf die Kelche
der Blumen
Sorglos als wüssten sie dass niemand ihren Gesang unterbrechen würde
durchjubeln die Spatzen diese reizende Wildnis und ziehen sich nur ärgerlich in
das Gezweig der Holunderbüsche zurück wenn oft vom nahen Walde herüber die
Amseln kommen oder andere schönere Vögel welche sich den Garten des Schlosses
als allgemeines Rendezvous erwählt zu haben scheinen und dann ihre melodische
Unterredung beginnen mit soviel Takt in so hübschen Kadenzen dass jedem
ehrlichen Mann das Herz im Leibe lacht dass aber jeder ehrliche Spatz vor Neid
und Ärger vergehen möchte
Das einzige was die heiteren Meetings der gefiederten Gesellen bisweilen
unterbricht und den ganzen Konvent im Nu auseinanderjagt ist die große
rotbraune Angorakatze die langjährige Bewohnerin des Schlosses die alle Ecken
und Winkel des Gebäudes und des Gartens kennt und sich gewissermaßen als
Stattalterin des Besitztums betrachtet wenn die Herrschaft verreist in der
Stadt weilt Schlummernd kauert sie auf der Schwelle der Gartentüre in Traum
und Gedanken versunken Alles ist still Da beginnt das Vogelkonzert die
Amsel ruft es zwitschert der Stieglitz der Buchfinke schreit und es lärmen
die Spatzen Sie erwacht sie rümpft die Nase die langen Spürhaare bewegen sich
dreimal und viermal ein unbehagliches Knurren und Murren dringt durch die
halbgeöffnete zierliche Schnauze und unheimlich blinzeln die grünen Augen durch
die schützenden Wimpern Es ist hart so im besten Träumen gestört zu werden
in Träumen wer weiß worin in Träumen wer weiß worüber wo man sich
vielleicht für eine verwunschene Prinzessin hielt für eine reiche Äbtissin für
eine himmlische Unschuld und ach und wo man dann doch zuletzt nur eine alte
Katze ist Aber wer weiß wovon die Katzen träumen Genug unsre Angorakatze
erwacht Sacht und behutsam gleiten die zwei schneeweißen reinlichen
Vorderpfoten aus dem warmen Pelze erst kaum bemerkbar allmählich deutlicher
schimmernd in ihrer ganzen krallengeschmückten Schönheit und stemmen sich
endlich fest und sicher auf den Boden Die Hinterpfoten weniger glänzend und
mehr braungestreift und gesprenkelt folgen sofort dem Beispiel der beiden
vorderen schieben die blanken Tatzen vorsichtig unter die Rundung des glatten
Leibes jetzt das Holz der Schwelle kräftiger packend und den ganzen Körper
emporhebend mit dem buckligen Rückgrat mit dem wedelnden Schweif und dem
drohenden Haupte das sich stolz in den Nacken wirft die Augen wild funkeln
lässt und noch einmal weit aufgähnend seine rosenrote Höhle zeigt und die Reihen
blitzender scharfgeschliffener Zähne
Ein Satz und sie verschwindet im Gebüsch Lebhaft unterhalten sich indes in
den Zweigen des großen Oleanders die Vögel von ihren wichtigsten
Angelegenheiten Ein Zeisig schreit als wäre er außer sich wahrscheinlich
jammert er über ein Mitglied seiner Familie das sich aus Versehen in den
Schlingen fing die eigentlich für viel bessere große Vögel gelegt waren für
Amseln und Tauben etwa Eine sonst sehr sanfte Lachtaube kichert daher laut auf
und freut sich nicht wenig dass sie durch die Intervention des Zeisigs gerettet
worden ist Über diese Schadenfreude entzürnen sich aber die andern so dass bald
vor allem Klagen Lachen und Schelten niemand den andern mehr verstehen kann und
ein alter Spatz halb vor Wut erstickt den heiligen Schwur tut nimmer in so
unmoralischer Gesellschaft die Rednerbühne wieder zu besteigen
Da hat sich die Katze an den Fuß des Baumes geschlichen Zum Sprunge sich
rüstend setzt sie sich auf die Hinterbeine peitscht mit dem Schwanz den Boden
und den Blick nur nach oben gerichtet zerstört sie die Fürchterliche in
einem Nu die künstlichen Bauten eines redlichen arbeitsamen Ameisenvolks indem
sie die eben noch so glücklichen Bürger rechts und links aus den Wohnungen
geisselt Da ist sie fertig Zischend und sprudelnd fliegt sie am Stamm des
Baumes hinan und husch verschwinden die Vögel
Alles wieder still
So geht es im Garten her Hat die Katze ihren Streifzug beendet da kehrt
sie ruhig zurück in den Hof des Schlosses innerlich lachend über die dummen
Vögel welche sich noch immer vor ihr fürchten sie die so leicht sind und so
lustig beschwingt dass sie sicher die Lüfte durchjubeln können wenn eine arme
Katze an den lieben trockenen Boden gefesselt ist mit den lieben vier
zierlichen Beinen
Die Katze muss wirklich jedesmal lachen und schleicht dann zu dem kleinen
grünbemalten Hause am Fuße eines Walnussbaums wo sie einen alten Freund wohnen
hat einen alten Praktikus mit dem sie schon lange in stillem zärtlichem
Einverständnis steht nach treuer Übereinkunft geschlossen vor Jahren und selten
verletzt Die Angorakatze besucht nämlich Nero den alten Hofhund
Früher hassten sie einander schrecklich als das Blut noch ungestüm in den
Adern floss und manche Fehde entbrannte die nur der Stiefelknecht des Kutschers
oder die Feuerzange der Köchin zu schlichten vermochte Als aber die Zeit und
die Erfahrung den Mut in der Brust gedämpft hatten als sie beide einsahn dass
alles übel ist auf dieser Welt da schlossen sie Frieden und versprachen lieber
einander beizustehen mit Rat und Tat in den Bedrängnissen eines schlimmen
Jahrhunderts Und also groß ist ihre Freundschaft geworden dass die Katze wenn
sie den guten Nero im Schlafe findet nicht das geringste Geräusch macht um ihn
zu erwecken sondern sich zu ihm setzt ihm die Fliegen fortscheucht und die
Narben ihm leckt die entsetzlichen Narben verschollener Schlachten
Erwacht dann Nero so schauen sie sich diplomatisch innig an und gedenken
der Tage der Jugend Die schöne Katze der treffliche Nero Friedlich verbringen
sie ihre Tage Sie ruhen auf ihren Lorbeeren und wie die Katze mehr zum Spaß
als zum Ernst oft noch nach Amseln schnappt und pfiffigen Spatzen so fühlt Nero
sich auch nur im Traum oft noch auf der Jagd und fährt dann empor mit der alten
Wildheit das Stroh seines Lagers durchwühlend heulend und hinauf stierend in
die düstern Wipfel des Walnussbaumes
Die Stunde zu der wir die halbverwilderte Besitzung des Baron dEyncourt
betreten ist die siebente des Abends die Sonne neigt sich den Bergen zu noch
eine kleine Weile da wird jenseits der Rhein in ihren letzten Strahlen zu
leuchten beginnen schon färben die Wipfel der Bäume sich purpurrot golden
wogen die Felder und stiller und feierlicher wird es rings um das alte
efeubehangene Schloss
Wir lauschen noch ob denn niemand sich regt nicht ein einziger
menschlicher Bewohner des finsteren Gebäudes da öffnet sich eine kleine
Seitentür und das Haupt mit schneeweissem Haare geschmückt wandelt ein sehr
bejahrter Mann langsam die moosige Steintreppe hinab in den schon halb düstern
Hofraum Es ist der alte Bediente des Barons Jean Baptiste grau und weiß
geworden im Dienste seines Herrn des einzigen Herrn den er jemals hatte Er
legt die Hände auf den Rücken und spaziert auf und ab unter den riesigen Bäumen
jedesmal einen Augenblick innehaltend wenn er an die Ecken des Hauses kommt um
über den Garten hinweg das Tal hinunterzuschauen als ob er jemand erwarte der
dem Schloss zueilen werde
Niemand könnte besser zu der ganzen Umgebung passen als der alte Jean
Baptiste er ist auch so ein zahmer treuer Hofhund grade wie der Nero und
beide lieben sich auch als wenn sie wüssten dass sie Ähnlichkeit miteinander
hätten
Sinnend bleibt der alte Diener vor dem kleinen Hause des Hundes stehen der
auch bald seinen Freund bemerkt und herausschaut als wollte er sagen »Jean
Baptiste guten Abend Jean Baptiste« und »Guten Abend Nero« murmelt
unwillkürlich der alte Diener und wie Mann und Hund sich freundlich begrüßen
sieh da kommt von der andern Seite auch schon die große Angorakatze schnurrend
und spinnend und reibt den Kopf an den ledernen Gamaschen des Hausfreunds so
dass Jean Baptiste sich bald hierhin bald dorthin wenden muss um die Karessen
seiner beiden Bekannten in gehöriger Weise zu erwidern
Da klang in der Ferne das Rasseln eines Wagens Jean Baptiste eilte rasch
hinaus Er hatte sich nicht geirrt Es war der Baron der mit seiner Tochter aus
der Stadt zurückkehrte Das große Gittertor war schon geöffnet die Hufe der
Pferde klirrten bald auf dem Steinpflaster des Hofes und der Wagen hielt vor
der breiten Treppe des Gartensaales Freundlich grüßend stieg der Baron aus
Eine schlanke schöne Gestalt von militärischer Haltung fast zu jugendlich für
das Alter das den Glanz der braunen Haare und des kräftigen Schnurrbarts
bereits in Silbergrau verwandelt hatte Die prächtige Stirn das feine Profil
und die lebendig funkelnden Augen des alten Adligen gewannen auf der Stelle und
wenn man hiernach gestehen musste dass man einen Mann vor sich habe welcher von
trefflicher nobler Rasse abzustammen schien so bewiesen zu gleicher Zeit die
stets graziösen Bewegungen seines elegant geformten Körpers dass dieser auch
einst eine gute Schule durchgemacht hatte
Rasch übergab der Baron dem dienstfertigen Jean Baptiste eine Rolle Karten
und Papiere und wandte sich dann nach dem Wagen zurück aus dem ihm die
lächelnde Tochter schon leicht beflügelt nacheilte
»Da sind wir wieder in unsrer schönen Wildnis liebes Kind in unserm grauen
Besitz« und Vater und Tochter wandelten hinauf in das alte Gemach durch dessen
schwere rotseidene Vorhänge die letzten Strahlen des Abendlichtes zitternd
niederfielen
Jean Baptiste hatte indes die Lichter des Kronleuchters angezündet der von
dem Getäfel der Decke niederhing und einen Tisch beleuchtete auf dem Bilder und
Bücher in buntem Gemisch durcheinanderlagen Allmählich erhellten sich auch die
entfernteren Teile des Zimmers die bei den kleinen niedrigen Fenstern des
alten Gebäudes längst in tiefe Dämmerung gehüllt waren Die gewirkten Tapeten
die von den Wänden niederhingen zeigten jetzt ihre seltsamen Gestalten
Bärenhetzen und Hirschjagden mit Jägern und Hunden wie sie die Hand des
Künstlers gezeichnet und das Geschick eines fleißigen Webers in Stoffen
nachgebildet Dann einige Ölgemälde in kolossalen vergoldeten Rahmen die
Porträts längst verschollener Vorfahren einige noch im Harnisch mit bunter
Schärpe darüber andre in grünem Jagdkleid die Falkenfeder am Hut die letzten
in modernem Gewand und an dem Fuß eines jeden Bildes das Wappen des Hauses
Ferner der breite Kamin mit dem Marmorgesims über ihm der phantastisch gerahmte
Spiegel mit halbverdorrten Kränzen und Girlanden darauf Trophäen und
Erinnerungen vergangener fröhlicher Zeiten die mit Gold und Elfenbein zierlich
ausgelegten Mahagonischränke in den zwei hinteren Ecken des Gemaches die
gewaltigen Sessel mit hoher Lehne geschnitzt in gotischem Stile oder endlich
der vom Alter gebräunte Boden in der Mitte bedeckt mit dem Brüsseler Teppich
alles was vergangene Tage für schön und komfortabel gehalten hier war es
beieinander düster und unfreundlich zwar für das Auge das an die lichte Pracht
moderner Gemächer gewöhnt ist aber traulich und erheiternd für die Sprossen
eines alten Geschlechts die durch diese ganze Umgebung sich gern an die Freuden
und Launen ihrer Ahnen erinnern ließ
Der Baron hatte sich in einen Sessel niedergelassen und die Papierrolle
geöffnet welche er von der Stadt herüberbrachte Sie musste wichtige Sachen
enthalten denn er fuhr emsig im Lesen fort was sonst gar nicht seine
Gewohnheit war Dem alten Edelmanne war nichts verhasster als sich mit Briefen
Berichten Dokumenten oder gar mit Rechnungen zu befassen was er stets seinem
Schreiber oder Notar überwies Dem letzteren hatte er heute einen Besuch
abgestattet und schien grade keine sehr erfreulichen Nachrichten davongetragen
zu haben denn trotz der scheinbaren Heiterkeit die er stets in Gegenwart
anderer beizubehalten wusste lag doch heute eine gewisse Besorgnis auf der sonst
so freien Stirn
Berta wagte lange nicht ihren Vater im Lesen zu stören schon zehnmal
hatte sie etwas Verschiedenes angefangen um die Zeit zu kürzen und warf
endlich ärgerlich Bücher und Handarbeiten beiseite indem sie das zierliche Kinn
auf den Rücken der Hand stützte und manchmal ihre klugen Augen seitwärts zum
schweigenden Vater hinüberschweifen ließ Es wurde ihr so unheimlich heute abend
zumute sie wusste selbst nicht warum und als wieder eine halbe Stunde
verflossen war in welcher der Vater nicht ein Wörtchen gesprochen nicht einmal
vom Papier aufgesehen hatte da konnte sie es nicht länger aushallen sie sprang
vom Sitze empor bog sich über die Lehne des Sessels und des Vaters Stirne
küssend bat sie ihn in wehmütigem Tone doch nur ein einziges Mal aufzusehen
doch nur ein Wörtchen mit seinem Kinde zu sprechen
»Gewiss der dumme Notar in der Stadt ist an allem schuld ich weiß es ich
kann es mir denken wirf die hässlichen Papiere fort« Und sich dicht vor den
Sessel drängend legte sie dann ihre Hände auf die Schultern des Vaters und sah
ihn nochmals bittend an
Der Baron noch halb betäubt von alledem was er gelesen und verwundert
über das Ungestüm seines Kindes blickte einen Augenblick auf ohne etwas zu
erwidern
»Und du sagst nichts lieber Vater«
»Komm in meine Arme Berta Du hast recht es ist unverzeihlich dass wir
uns den ganzen Abend noch nichts erzählt haben aber du siehst ich bin sehr
beschäftigt ich habe viel zu tun der Notar «
»Ja der Notar ich wusste es wohl«
»Der Notar hat mir manches zu lesen gegeben und das will erledigt sein«
»Ich will es dir vorlesen« Und da griff Berta unwillkürlich nach den
Papieren die der Vater eben auf den Tisch gelegt hatte »Halt mein Kind Lass
sie ruhig liegen du kannst sie nicht lesen und es sind auch wenig erfreuliche
Sachen die weder dir noch mir viel Vergnügen machen würden«
»Habe ich es doch gedacht Du bist noch niemals froh gewesen wenn du vom
Notar zurückkamst aber heute mit der Papierrolle das merkte ich gleich dass
uns das den Abend verderben würde und sieh wenn du es mir nicht übelnehmen
willst so will ich dir gestehen dass ich dich eben während dem Lesen etwas
beobachtet habe und ganz finster hast du oft mit deinen Augbrauen gezuckt
komm lieber Vater wirf die hässlichen Papiere fort« Und Berta zögerte auch
keinen Augenblick das Paket zu ergreifen und es weit fort in die Ecke eines
Sofas zu schleudern so dass einige Blätter sich lösten und wild durch den Saal
flatterten
»Ja wirf sie nur fort liebes Kind« und mit einem etwas gezwungenen
Lächeln schob der Baron ans Fenster tretend die rauschenden Vorhänge zurück
und blickte lange schweigend in das mondhelle Tal hinaus
»Das ist eine herrliche Nacht« flüsterte Berta die ihrem Vater leis
nachgeschlichen war und sich dicht hinter ihn gestellt hatte »Sieh nur man
kann die fernsten Gegenstände erkennen wie ein silberweisser Faden läuft der Weg
hinter dem Garten her nach dem Dorf zu rechts und links die Marienbilder halb
in den Kornfeldern stehend und weiter nach den Seiten der Berge zu die Gärten
so hell vom Monde beschienen dass man jeden Weinstock von hier aus zählen
könnte und den Kirchturm im Dorfe sieht man ganz genau aus dem Duft des
Rheintales emporragen Im hellen Sonnenscheine sehen wir alles das freilich den
ganzen Tag vor uns aber bei Nacht bekommt jeder Gegenstand eine so ungewohnte
und geheimnisvolle Färbung dass man sich aufs neue daran ergötzt Ach die Welt
ist doch so schön Nicht wahr lieber Vater«
Der Baron schwieg
Berta erschrak darüber unwillkürlich und sah den Vater aufmerksamer an
Unverwandt war sein Blick in die Weite gerichtet regungslos ruhte seine Hand
auf dem Griffe des Fensters
»Was ist dir lieber Vater« fragte ihn die Tochter mit so lieblicher
Stimme dass es bis in das Innerste seines Herzens drang »Was fehlt dir Du bist
so ernst heute abend«
»Lass mich mein Kind« erwiderte der Baron und wandte sich in das Zimmer
zurück
»Nein ich lasse dich nicht Ach sage deiner Berta warum du traurig bist
sag mir woran du denkst«
»Liebes Kind musst du denn alles wissen«
»Gewiss ich muss«
»Nun wohl ich dachte daran was du wohl sagen würdest wenn ich und du und
Jean Baptiste und Max mit seinen beiden Rossen und unser treuer Nero kurz
wenn wir allesamt an einem frühen Morgen für lange Zeit vielleicht für immer
dies schöne Tal und unser altes Kastell verließen«
»Wie das Kastell verlassen für lange Zeit vielleicht für immer Lieber
Vater «
»Ja ja Und weit fort von hier zögen in eine fremde Stadt in ein fremdes
Land wo uns niemand kennt wo wir niemanden kennen dort zu leben und zu wohnen
und zu sterben vielleicht sprich liebe Berta was würdest du dazu
sagen«
»Es ist nicht möglich Ist es denn nicht herrlich genug hier Gibt es einen
Strom in der Welt der stolzer dahinrollte dessen blitzende Fläche reizendere
Ufer widerspiegelte dessen Hügel vollere Trauben trügen dessen Sagen und
Märchen lieblicher in unser Ohr klängen als die unsres gewaltigen Rheines Sage
mir rauscht ein zweiter Rhein auf der Erde«
»Gewiss nicht mein Kind«
»Und gibt es ein zweites Tal rechts oder links soweit dieser Rhein die
Felsen durchfurcht das freundlicher wäre als das unsere wo das Korn höher
steht wo die Rosen üppiger wachsen wo die Lerche jubelnder aufsteigt und die
Nachtigall wehmütiger singt wenn der Abendstern still zu uns herüberschaut«
»Gewiss meine Berta ich weiß kein schöneres«
»Und findest du Menschen die dich lieber haben könnten als die welche uns
hier umgeben die du alle bei Namen kennst von Jugend auf in deren Hütten du
gesessen die du unterstützt in der Not denen du jederzeit mit Rat und Tat zur
Seite stehst und die dich alle verehren wie ihren Herrn und Vater«
»Du hast recht mein Kind wir haben viele arme Freunde«
»Oder gefällt dir unsre alte Wohnung nicht mehr Die grauen Giebel mit
Efeu Reben und Nusslaub geschmückt die Treppen überwuchert von Blumen und die
kleinen Fenster strahlend in lustigen Farben Oder liebst du diese grauen
Gemächer nicht mehr mit demselben Gerät das alle unsere Ahnen besaßen diese
Bilder diese Vasen diese Sessel jedes eine Erinnerung jedes ein Andenken an
ein Geschlecht das dreihundert Jahre lang gern und froh hier geweilt hat«
Berta schwieg und sah ihren Vater unverwandt an Der Baron war in den
Hintergrund des Zimmers getreten den Kopf tief gesenkt die Arme über der Brust
übereinanderschlagend jetzt kehrte er zurück und vor den Sessel tretend auf
welchem Berta saß hob er plötzlich stolz sein graues Haupt empor in
entschiedenem Tone fragend
»Und wenn wir trotz aller unsrer Liebe den Rhein und dies Tal und dies Haus
verlassen müssen«
»Müssen« erwiderte Berta mehr verwundert als erschrocken
»Jawohl verlassen müssen« rief der Baron aufs neue »Wenn es uns die
Ehre geböte was würde dann meine Tochter sagen«
»Wo unsre Ahnen mit Ehren jahrhundertelang gewohnt haben da wird die Ehre
den Aufenthalt nimmer verbieten« Bertas Augen blitzten Ein höheres Rot flog
über ihre zarten Wangen »Ha wer wollte uns von hier vertreiben Ich weiß
lieber Vater dass du manche Kränkungen in der letzten Zeit erduldet hast man
hat dich belogen und betrogen und verleumdet aber ist das ein Grund um dich
zurückzuziehen Die Ehre gebietet dir gerade auf dem Fleck zu bleiben Jene
schlechten Gesellen welche unsre armen Nachbarn stets drücken und plagen denen
du stets kräftig entgegengetreten bist wie ein Mensch und Edelmann sie werden
sich noch vor dir beugen müssen über kurz oder lang und dein Name und unser
Name er wird gefeiert bleiben solange der Rhein an den Hütten der Armen
vorüberrauscht«
»Liebes braves Kind« »Oh es kann mich wütend machen wenn ich nur halb
daran denke dass jene schlechten Buben dich je veranlassen könnten auch nur
einen Zollbreit nachzugeben und es ist doch unmöglich du wirst es nicht tun
ach ich bin ein lächerliches Mädchen Du weißt vor einiger Zeit wollten die
Fischersleute unten im Dorf ihre zwei prächtigen Knaben der eine kaum zwölf
der andre erst vierzehn Jahre alt nach der Stadt in den Dienst schicken weil
man den Kindern einen guten Lohn versprochen hatte Du rietest den Eltern davon
ab weil man dort die armen Jungen gewöhnlich schon nach ein paar Jahren mit
aller Arbeit zugrunde richtet und die beiden Knaben wurden dann auch auf dem
Lande gelassen Das soll aber den Herrn in der Stadt entsetzlich verdrossen
haben so dass er auf der Stelle den Schwur tat er werde dich dafür packen
koste es was es wolle und die Gelegenheit solle sich schon finden Auch andere
ähnliche Sachen haben mir die Leute im Dorfe schon erzählt und lache mich
nicht aus lieber Vater ich setzte es mir in den Kopf jene schlechten Menschen
könnten vielleicht ihre Drohungen einmal in Erfüllung gehen lassen unser alter
Nero ist mit der Zeit sehr zahm geworden Jean Baptiste ist auch kein großer
Held mehr Max hat einen entsetzlich guten Schlaf wer sollte dich beschützen
Ich habe daher eins der Gewehre oben vom Boden geholt und ich hab es geputzt
und mit Pulver und Schrot geladen und sieh lieber Vater der erste Mensch der
uns überfällt ich fürchte mich nicht und ich schieße ihn über den Haufen so
wahr ich Berta heiße«
So niedergeschlagen der alte Baron auch einen Augenblick vorhin noch gewesen
war so heiter stimmte ihn plötzlich dieser kriegerische Vorsatz seiner lustigen
Tochter
»Nun ich sehe dass du Mut hast« rief er lachend »Da wird schon alles gut
gehen und niemand uns vertreiben können«
»Nein sicher und gewiss nicht Und kämen ein Dutzend Männer wir bieten
ihnen die Spitze Den ersten Angriff schlagen wir allein zurück durch unser
Schießen wach geworden springt Jean Baptiste erschrocken aus dem Bette Max
wird hinten auch lebendig kleidet sich schnell an eilt aus seinem Häuschen zu
uns herüber indem er unterwegs noch den Nero auffängt und mitbringt keine fünf
Minuten vergehen da sind wir alle beieinander Im Nu werden die Türen
verrammelt die Fensterläden geschlossen Jean Baptiste und Nero bleiben unten
im Hause zurück um sich davon zu überzeugen dass keiner unsrer Feinde die
Befestigungswerke durchbricht Wir andern steigen hinauf auf den Söller du
stellst dich an den hinteren Giebel ich an den vorderen Max bleibt in der
Mitte zwischen uns um die Gewehre zu laden Wenn alles so arrangiert ist und
ich noch des Urgrossvaters alten Helm auf den Kopf gesetzt und in der Eile seinen
Panzer umgebunden habe da strecke ich meinen Oberkörper durch die Wein und
Efeuranken aus dem Erker hinaus und spreche im tiefsten schrecklichsten Bass
den ich erfinden kann Meine Herren Schufte und Banditen bleiben Sie uns
gütigst drei Schritte vom Leibe oder Sie sind des Todes Wir warten einen
Augenblick auf Antwort und wenn diese nicht erfolgt oder unbefriedigend
ausfällt so ergreifen wir unsre Karabiner die Hähne werden gespannt und die
Mündungen der Läufe nach Hof und Garten hinabgerichtet Ist dies geschehen so
rufe ich um nichts unversucht zu lassen abermals mit einer Löwenstimme dass
man sich entfernen soll und wird dann nicht im Nu das Feld geräumt so beginnen
wir die Kanonade rechts und links bis wir Kugeln und Schrot und Kiesel und das
Blei der Fenster verschossen und natürlicherweise komplett gesiegt haben Was
unsern Kugeln nicht erliegt fällt natürlich in die Krallen Neros und der
Angorakatze denen wir die Verfolgung der etwaigen Flüchtlinge überlassen Am
andern Tag werfen wir die Toten in die Fontäne und es kräht kein Hahn und kein
Huhn mehr danach«
Berta schwieg es wurde angeklopft und der alte Jean Baptiste trat
herein dem Baron einen Brief überreichend
»So spät am Abend noch Und wartet man auf Antwort«
»Der Mann der den Brief brachte hat sich gleich wieder entfernt Herr
Baron« erwiderte Jean Baptiste und trat in den Hintergrund des Zimmers zurück
ohne sich indes gleich zu entfernen denn nichts war dem alten Manne lieber als
wenn er sich einige Augenblicke in dem Gemache der Herrschaft aufhalten konnte
Der Baron hatte den Brief schon erbrochen und wollte ihn eben auseinanderfalten
als er ihn nochmals gleichgültig auf den Tisch warf und sich zu seiner Tochter
wendend mit fröhlichem Tone fortfuhr »Also du meinst dass wir bleiben sollen«
»Gewiss lieber Vater« Und lustig sprang Berta dann von ihrem Sitze auf
wünschte dem Baron von Herzen gute Nacht und dem alten Jean Baptiste eine
Wachskerze aus der Hand nehmend hüpfte sie rasch durch die niedrige Seitentür
in das Innere des stillen Kastelles
»Lass sehen wer uns noch so spät in der Nacht schreibt« rief der Baron als
er mit Jean Baptiste allein war »Wie Der Notar mit dem ich den ganzen Tag
lang gesprochen« So war es »Ich kann Ew Hochwohlgeboren den Inhalt unsrer
heutigen Unterredung nur bestätigen« schrieb der Notar »Sie wissen wie Ihre
Angelegenheiten stehen seit Sie mich verließen ging mir Ihre Sache fortwährend
durch den Kopf ich finde keinen Ausweg und nun in diesem Momente kommt es mir
plötzlich in den Sinn dass es nur noch einen Mann gibt der Sie retten kann und
dieser Mann ist der Herr Friedrich Preis der Fabrikant an den Mann wenden Sie
sich Das rät Ihnen von Herzen Ew Hochwohlgeboren ergebenster usw« Der Baron
faltete den Brief ruhig zusammen hielt ihn ins nächste Licht und warf das
brennende Papier dann in den dunklen Kamin
Nachdem der Baron seinem Diener noch befohlen hatte die auf dem Sofa und
auf dem Boden zerstreut umherliegenden Tabellen und Dokumente zusammenzusuchen
und in das Privatgemach zu bringen ließ er sich über den hallenden Korridor
leuchten
»Morgen früh Punkt 9 Uhr fahren wir wieder in die Stadt« Der Baron warf
die Tür seines Schlafgemaches hinter sich zu Traurig schritt Jean Baptiste
durch das finstere Schloss und schüttelte bedenklich mit dem Kopfe
Dem deutschen Adel geht es wie allen andern Teilen Klassen der deutschen
Gesellschaft er hat so wenig Entschiedenes und Ausgeprägtes dass er nie mehr
dazu kommt eine Partei zu bilden und auch deshalb schon längst aufgehört hat
politisch bedeutend zu sein Dies Aufhören einer politischen Bedeutung des
deutschen Adels wenn diese Bedeutung überhaupt jemals im Großen existierte ist
auch schon so lange her dass die heute lebenden einzelnen Individuen dieser
Klasse sich ganz bei ihrer Nichtigkeit beruhigt haben Jenen großen Schmerz den
eine gewaltige Partei bei ihrem Sturz empfindet den der französische Edelmann
bei der Revolution empfand und den heute der englische Aristokrat zu erkennen
gibt wenn ihm die Bourgeoisie täglich neue Wunden schlägt hat seit
undenklicher Zeit den Seelenfrieden unsrer deutschen Gentilhommes nicht mehr
gefährdet Sie haben sich daran gewöhnt politisch Null zu sein und während
ihre soziale Bedeutung zur einen Hälfte darin besteht besser schießen reiten
tanzen und Schulden machen zu können als mancher Plebejer hat sich der andre
Teil mit redlichem Eifer auf den Staatsdienst geworfen oder bestellt seine
Felder als guter Ökonom oder wirft sich der Industrie in die Arme wie jeder
andere vernünftige Mensch Es kann uns daher auch nicht einfallen in diesem
Roman einen alten Adligen im englischen oder französischen Sinne des Wortes
allseitig als Gegensatz zu einer bürgerlichen Gesellschaft schildern zu wollen
nein unser Baron dEyncourt ist in dieser Klasse jener bürokratisch ökonomisch
oder industriell tätigen Edelleute nur eines jener still regalierenden deutschen
Individuen die hin und wieder noch auf dem Sitz ihrer Väter fortwuchern halb
schon zur Mumie geworden halb der Gegenwart angehörend ohne große Trauer um
das Vergangene und ohne viel Interesse an der Zukunft Unser Baron ist ein Mann
der gern lebt und gern leben lässt der sich leicht freut und selten erzürnt der
sich selbst mit einem guten Humor über alles hinwegsetzt was seiner materiellen
Glückseligkeit schadet und schaden kann und nur dann stolz und indigniert sein
graues Haupt erhebt wenn jemand einen Makel auf seine eigne übrigens redliche
und biedere Sinnesart werfen oder andere in seiner unmittelbaren Nähe lebende
Personen grausam unterdrücken wollte Mit einem Wort unser Baron ist ein
patriarchalisch aufrichtiger Philantrop dies ist das einzige was bei ihm
entschieden im Vordergrunde steht und daher auch das einzige was ihn
entschieden mit der Gesellschaft in Konflikt bringt Dass dieser Konflikt immer
größer wird je mehr das harmlose Treiben unsres stationären Barons mit der
übrigen sich entwickelnden Welt in Widerspruch gerät versteht sich von selbst
und dass er zuletzt eine grelle Form annehmen muss wird unsern Lesern klar
werden wenn wir die Verhältnisse des Barons von der Zeit seiner Heirat an als
des bedeutendsten Moments seines Lebens kurz schildern
Der Baron liebte seine Gemahlin mit seltener Treue mit wahrer Aufopferung
und bot damals alles auf um sie mit jenem Glanz mit jener Pracht zu umgeben
die seine Frau durch das Leben der Residenz gewohnt war Natürlich hielt dies
auf einem Landsitz den das junge Paar wenigstens den Sommer und Herbst durch
bewohnte durch die ziemlich weite Entfernung von jedem größeren mit allen
Lebensbedürfnissen versehenen Orte ziemlich schwer und wenn dadurch eine Reihe
glänzender Feste welche mit der Ankunft der adligen Familien in dem alten
Jagdschlosse begannen und erst mit ihrem Fortziehen endeten schon für den
reichsten Edelmann fühlbar gewesen sein würden so war dies für Baron
dEyncourt da die Mitgift seiner übrigens altadligreizenden Gemahlin
keineswegs die schon seit einiger Zeit im Sinken begriffenen Vermögenszustände
des Barons gebessert hatten um so fühlbarer Zu den Jagdpartien Bällen und
glänzenden Banketts welche mehr als zwanzigmal in der Hälfte des Jahres die
ganze Umgebung des Landsitzes in Bewegung brachten kamen noch die Reisen nach
Nord und Süd welche der Baron jährlich einmal unternahm ferner der
kostspielige Winteraufentalt in der Residenz und endlich die unbegrenzte
Freigebigkeit des Barons welcher nichts weniger als den Wert des Geldes kannte
und sich nur freute wenn er andern Freude und Glückseligkeit damit bereiten
konnte Wenn daher die Leute am Rhein den Edelmut des Baron dEyncourt laut
priesen zu gleicher Zeit aber mitleidig mit den Köpfen schüttelten so hatten
sie nur zu recht denn kaum hatte Berta in diesem Taumel von Vergnügen welchen
die Baronin sich als etwas ganz Gewöhnliches gefallen ließ ihr zwölftes Jahr
erreicht als der Baron plötzlich mit Schrecken einsah dass er das Leben seiner
Familie aus eigenem Antrieb auf einen andren Fuß bringen müsse wenn dies nicht
im kurzen durch andre gezwungen geschehen sollte Der Schmerz eine solche
Notwendigkeit seiner Gemahlin gestehen zu müssen hielt den Baron fortwährend
zurück Jagden und Bankette folgten vor wie nach in bunter Reihe die
Verlegenheiten des Barons stiegen täglich Felder und Waldparzellen wurden gegen
bare Vorschüsse unterderhand fortgegeben schon murmelte man in der ganzen
Gegend von dem nahen totalen Ruin der Eyncourts die Geschichte konnte nicht
länger so weitergehen und der Baron fasste endlich den Entschluss keinen
Augenblick länger zu zögern und die ganze Angelegenheit offen und frei mit
seiner Gemahlin zu besprechen hoffend dass ihr gesunder Sinn keinem seiner
Pläne widerstreben werde
Da erkrankte die Baronin nach zehn Tagen war sie tot Jede Einschränkung
des Barons welche bisher sehr penibel gewesen wäre war jetzt leicht und
natürlich Die Reisen unterblieben die Residenz wurde nur noch sehr selten
besucht und auf das alte Jagdschloss im Seitentale des Rheines sank wieder die
märchenhafte Stille hinab welche es in frühern Jahren umgab Berta fanden wir
bereits in dem ehrwürdigen Gemache des Schlosses was allmählich manche
Neuerungen der letzten Jahre verloren hatte und wieder mit den uralten Möbeln
besetzt wurde die es schon vor langen Zeiten schmückten wir fanden sie im
Garten der schönen Besitzung die grade wie das Innere des Schlosses nach und
nach wieder dieselbe Gestalt annahm welche sie vor der Heirat des Barons und
den dann folgenden Festen hatte Wie der Efeu frischer und ungehinderter um die
Fenster rankte und sich die ganze Umgebung des Kastells aufs neue zur schönsten
Wildnis gestaltete so hatte sich auch das Benehmen Bertas nach und nach
verändert und bei ihr war wieder in seiner ganzen Reinheit jener Grundzug ihres
Charakters jene Naivität und ungezügelte Lustigkeit zum Vorschein gekommen
welche in der Mitte einer geschraubten blasierten Gesellschaft zwar nicht
verlorengegangen aber immer mehr verwischt worden war
Wir wollen es daher nicht bedauern dass statt geputzter Herren und Damen
jetzt in den Laubengängen des Gartens oft nur die Angorakatze ihr Spiel trieb
dass der Raum des Hofes weniger vom Gewieher der Hengste als von dem Bellen Neros
widertönte dass im Souterrain des Kastells statt eines faulen Lakaienschwarmes
nur der alte Jean Baptiste bibellesend im Sorgenstuhle saß
Jene geräuschvolle Zeit ihrer Jugend war indes keineswegs ohne entschiedenen
Nutzen für Berta gewesen sie hatte durch frühen Umgang mit den verschiedensten
Personen zu einer angeborenen Liebenswürdigkeit schnell jene Sicherheit und
Dreistigkeit erlangt welche zwar bei weiblichen Wesen nicht immer für schön
gilt die aber unsrer Meinung nach zu den entschiedensten Vorzügen gehört
sobald sie und graziös ist Und graziös war Berta jederzeit mochte sie mit
ihrem Vater abends plaudernd im Zimmer sitzen mochte sie das Köpfchen auf die
Hand stützen den kleinen Fuß in das Sammetkissen stemmen sich über ein Buch
beugen und dasitzen wie ein nachlässiger Student einerlei der nachlässige
Student war graziös
In aller Frühe war der Baron zur Stadt gefahren Berta blieb allein in dem
teppichbehangenen wunderlichen Gemache des Schlosses Sie hatte einen Sessel in
die Nische des Fensters geschoben aus dem die von der Seite ihres Hauses
niederhängenden Weinund Efeuranken nur zur Hälfte die Aussicht nach dem Tale
freiliessen Das war ein richtig romantisches Plätzchen Die Strahlen der
Morgensonne brachen so stark durch das zarte Grün der Blätter als wollten sie
mit aller Gewalt den schönen Mädchenkopf erreichen der sich im Schmuck seiner
dunklen Locken und gestützt von der lilienweissen Hand halb auf die glatten
Seiten eines großen bildergezierten Buches hinabbog Oft wenn ein leiser
Hauch das Tal durchfuhr und den smaragdenen Vorhang bewegte da schien ihr
lustiges Spiel auch zu gelingen sie huschten rasch durch die plötzlich
entstandenen Lücken und zitterten vor Lust den Kuss auf die reizendsten aller
Stirnen zu drücken so schnell und behend sie hereinsprangen so barsch und
entschieden wurden sie auch jedesmal wieder zurückgeworfen denn immer war noch
eine tiefblau oder rosarot gemalte und geschliffene Scheibe zwischen ihnen und
dem Ziel ihrer Wünsche die im Nu alle Strahlen brach und nur einen
mattleuchtenden Schein zu dem lieblichen Kinde hinübergleiten ließ Berta war
bald ganz vertieft im Lesen unwillkürlich hatte sich der Ellbogen des rechten
Armes auf die Fensterbank gelegt so dass die Hand sich schützend über den Augen
wölbte die Linke war nicht stark genug um das große Buch fortwährend
emporzuhalten es ruhte daher auf dem Schoße der eifrigen Leserin die mit dem
kleinen Fuß noch tief in das rote Sammetkissen eines gegenüberstehenden Sessels
trat um dem Folianten eine etwas höhere und festere Lage zu geben Das Buch in
welchem Berta las war eine große schöne Ausgabe George Sands und Berta
ergötzte sich eben an jenem gewaltigen Romane »Mauprat« an den wir selbst nur
mit Schauer und Entzücken denken können und bei dessen Erinnerung es uns immer
ist als hörten wir noch zur Stunde die düstere Waldung der Varenne rauschen Aus
dem Gebüsch schaut der wilde Bursche der junge Bernard Mauprat er ergreift
einen Stein und schleudert ihn nach der Eule des alten Patience die auch
zugleich tot zu den Füßen ihres Herrn niederstürzt Zitternd vor Wut ergreift
der bärtige Alte den jungen Gentilhomme bindet ihn an den nächsten Baum die
tote Eule darüber dass dem Bernard das Blut des armen Vogels ins Gesicht
träufelt und dann fasst der erzürnte Philosoph einige Reiser und geisselt den
Rücken des stolzen Knaben und Berta konnte nicht weiterlesen sie ließ das
Buch zur Erde fallen und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen indem sie tief
tief aufseufzte Der seltsame Stoff dieser Erzählung die wahrhaft dichterische
Glut und grandiose künstlerische Gewalt mit der jene große Französin alles zu
behandeln weiß was unter ihre Hände kommt hatten das Herz der lebendigen
leicht erregbaren Berta in die fieberhafteste Aufregung gebracht Sie sprang
vom Sessel auf verließ das Zimmer und wandelte den Garten hinunter bald eine
Blume küssend bald einen Stein zornig in das Marmorbecken der Fontäne
schleudernd bald hinüberschauend nach dem Walde aus dem sie jeden Augenblick
den zürnenden Patience hervortreten zu sehen glaubte Niemand störte sie in
dieser Schwärmerei In dem ganzen Tale regte sich keine Seele Nur die Ähren
wogten im lauen Westwinde die Bienen summten bisweilen rief eine Drossel aus
der Ferne herüber und im Garten selbst unter dem Fenster des Schlosses
sprudelte nur der Springbrunnen und ließ seine Perlen glitzern und funkeln in
dem Glanz der Sonne die stets höher und heißer an dem reinen wolkenlosen
Himmel emporstieg Bertas Gemüt das von Natur schon etwas zum Schwärmen und zu
Abenteuern aufgelegt war sehnte sich in diesem Augenblick und mehr wie je nach
irgendeinem Ereignis was die märchenhafte Stille rings um sie her unterbrochen
und die ganze Umgebung mehr mit den wildflatternden Gedanken des kleinen Kopfes
in Einklang gebracht hätte Aber daran war ja gar nicht zu denken In der ganzen
Umgebung bis hinunter an den Rhein wohnten nur stille friedliche Bauern die
wenn sie überhaupt jetzt in der Nähe gewesen wären höchstens den Hut vom Kopfe
gezogen freundlich gegrüßt und sich wieder entfernt haben würden An die
Rückkehr des Vaters war vor dem Abend nicht zu denken und im Schloss blieb nur
der alte Jean Baptiste zurück und saß wie gewöhnlich in dem großen Sorgenstuhle
die Brille vorn auf der Nase die Bibel in den Händen halb schlafend und halb
wachend aber jedenfalls so unromantisch wie möglich
Sinnend schlich Berta aus dem sonnigen Garten in den Hofraum wo die
gewaltigen Nussbäume mit den breiten saftigen Blättern die Hitze
zurückscheuchten Sie hatte die Lust am Lesen verloren eine andere
Beschäftigung fand sich auch nicht und wie es sich immer mehr zeigte dass ein
ungewohntes Ereignis die Stille des alten Kastells schwerlich so bald stören
würde da konnte es auch nicht fehlen dass allmählich die Langeweile mit ihrem
bösen Stachel die abenteuerliche Lust des jungen leidenschaftlichen Mädchens
verdrängte und endlich das Köpfchen traurig und schwermütig niedersank Einen
langen leidigen Tag würde unsere einsame Berta verlebt haben wenn nicht
zufällig der Saum ihres rauschenden Seidenkleides in demselben Augenblick wo
sie schon dem Schloss wieder zuschritt das kleine grüne Haus berührt hätte in
welchem der alte Nero den Rest seiner Tage verträumte Nero befand sich gerade
in jenem Seelenzustand wo man mit Gott und aller Welt sehr zufrieden ist das
einzige was ihn beunruhigte war dass seine Freundin Prinzessin die
Angorakatze heute noch nicht ihre Aufwartung gemacht hatte Dies war
auffallend die Prinzessin erschien gewöhnlich schon bei Anbruch des Tages wenn
auch nur auf einige Augenblicke sie legte dann mit unendlicher Grazie die eine
schneeweiße Vorderpfote auf die kleine Schwelle des Häuschens steckte das
liebenswürdige Antlitz in den Kasten hinein und Max der Kutscher hatte schon
mehr als einmal behauptet dass Nero und die Prinzessin einander küssen könnten
wie alle andern natürlichen Menschen Ist sie krank Ist sie verreist Nero
hatte sich dies schon mehrere Male gefragt und dann jedesmal bedeutsam mit dem
Haupte gewackelt Aber wer weiß was eine alte Katze auch nicht alles zu tun
hat Und mit beruhigtem Gewissen steckte Nero jedesmal wieder die Nase unter
seine kräftigen Tatzen
Da rauschte Bertas Kleid in die Öffnung des kleinen Häuschens Nero
erwacht Er meint nicht anders als dass es die Prinzessin sei welche ihm den
langersehnten Besuch mache und einesteils ärgerlich darüber dass sie ihn
wiederum im Schlafe antrifft dann aber auch freudiger als je erschrocken dass
endlich sein Wunsch in Erfüllung geht fährt er mit ungewöhnlicher Hast
plötzlich vom Lager auf und springt freudig bellend der Türe zu um seine Dame
so artig zu begrüßen wie es einem alten Hunde möglich ist
Der biedere Nero Man stelle sich sein Entsetzen vor als er mit einem Mal
statt der Prinzessin nur ein adliges Fräulein erblickt das vor seinem Gebell
zurückspringt
Nero stand wie vom Donner gerührt da er aber eine zu gute Erziehung
genossen und auch durch die vielfältigen Ereignisse eines bewegten Lebens die
Erfahrung gewonnen hatte dass man aus allem was einem passiert stets das Beste
machen muss so dauerte seine Bestürzung nur einen Augenblick und mit jener
echten Galanterie die einem alten Lebemanne eigen ist verneigte er sich sofort
und »Mademoiselle je suis très charmé de vous voir« flüsterte er freundlich
blinzelnd und sagte es mit soviel Anstand und mit einem so wahrhaft fashionablen
Akzent dass jeder der es verstanden hätte auf der Stelle davon überzeugt
gewesen sein würde dass dies trotz alledem ein sehr wohlerzogener wohlmeinender
Hund sei Berta ließ sich wenigstens rasch durch die freundlichen Reverenzen
Neros besänftigen und musste sogar bald laut auflachen als das Tier nach einigen
verbindlichen Worten gar nicht mehr mit den tollsten Sprüngen und zierlichsten
Verbeugungen enden wollte
»Du bist ein alter Narr lieber Nero« rief Berta und setzte den zierlichen
Fuß auf das glänzend schwarze Fell des Hundes »Erst erschreckst du mich durch
dein unhöfliches Gebell und gleich darauf bist du wieder so kriechend demütig
dass ich um deine aufrichtigen Gesinnungen den gerechtesten Zweifel haben muss Um
dir indes zu beweisen dass ich noch einiges Vertrauen in dich habe will ich
deine Kette lösen und dir für heute einmal die Freiheit geben wir wollen sehen
ob du dich derselben würdig machst« Nero schien die Worte seiner schönen Herrin
genau zu verstehen und war auch so sehr mit dem Vorhaben Bertas einverstanden
dass er sich ruhig niederlegte um ihr das Lösen der Kette desto leichter zu
machen Unfreundlich ist es indes doch dachte er dass sie dir gleich mit ihrem
Fuße auf den Rücken tritt Wenn das die Prinzessin sähe sie würde mich morgen
am Tage auch gleich unter dem Pantoffel haben wollen
Da war die Kette gelöst und wie ein losgelassener Dämon tummelte sich Nero
mit freudigem Gebrüll im Hofe umher bald in wilden Sprüngen sich überpurzelnd
bald den Kopf an den Boden legend um zu jammern wie ein kleines Kind und dann
wieder auf Berta losschiessend sich auf die Hinterbeine stellend als wolle er
seine Freundin mit den Vorderpfoten zum Dank an die Brust drücken Was fängst du
nun mit dem fürchterlichen Tiere an dachte Berta und retirierte sich von Baum
zu Baum um so vieler Zärtlichkeit zu entgehen Aber das war fast nicht möglich
es blieb nichts andres übrig als schleunig in das Schloss zurückzuflüchten
Schon hatte Berta die Treppe erreicht da bemerkte Nero ihre Absichten und
hielt es für seine Pflicht schnell die Türe zu öffnen um seine Dame
hereinspazieren zu lassen In einem Satz sprang er hinan und mit Kopf und
Pfoten zu gleicher Zeit vor die große Haustür stossend brachte er sofort das
Gewicht in Bewegung und drang in das Vorhaus indem er seine Dame hinter der
rasch wieder zusinkenden Tür zurückließ Nero hatte seit langer Zeit das Schloss
nicht betreten dürfen und war daher nicht wenig erfreut als er sich plötzlich
in dem Korridore befand der in frühern Jahren so oft von seinem Gebell
widergehallt hatte Er vergaß darüber ganz seine schöne Gefährtin die
inzwischen leise nachgeschlichen war und mit einer kleinen Rute bewaffnet das
weitere Benehmen des Hundes beobachten wollte An jeder Tür in jedem Winkel
schien das Tier alte Erinnerungen aufzuspüren Den großen Kopf tief gesenkt
hatte es den ganzen Raum im Nu durchstöbert und wandte dann plötzlich die
glänzenden Augen empor als könne auch noch an der Decke etwas verborgen sein
was der Betrachtung wert sei Das gute Tier hatte sich auch nicht geirrt denn
am andern Ende des Korridors der in ein kleines Zimmer auslief war über dem
Gesimse der Tür das vielzackige Geweih eines Hirsches angebracht darunter ein
Kopf von Holz mit zwei großen Augen so deutlich nachgemacht dass es nicht
anders aussah als schaue ein lebendiger Sechzehnender herüber Kaum hatte dies
Nero bemerkt als ein wildes Zittern plötzlich seinen ganzen Körper durchfuhr
die Hinterfüsse tief hinunterbiegend stemmte er die Vordertatzen steif auf den
Boden den Kopf in den Nacken legend wie überwältigt von Schreck und Erstaunen
Es war ein wehmütiger Anblick das alte Tier zu sehen vielleicht schon zu alt
um einem Hirsche wirklich schaden zu können selbst wenn er in derselben
Entfernung mit einem Male lebendig aufgesprungen wäre und nun gar nur ein
Geweih und ein hölzerner Kopf festgenagelt ach so hoch über der Erde eine
bloße Spielerei ein simples Blendwerk das Schicksal wollte eine grausame
Verspottung des alten Jagdhundes Nero schien auch wie in einem Augenblick bei
der unerwarteten Erscheinung den Rest seines Verstandes zu verlieren Seine
ganze Natur löste sich in Wut und Entrüstung auf das Haar sträubte
sich und jetzt seine Sprünge hinauf an den glatten Wänden sein Gebell
sein Geheul vergebens war das Rufen Bertas und des treuen Jean Baptiste der
erschrocken herbeieilte das arme Tier hörte nicht eher zu rasen auf als bis
es erschöpft zusammensank Winselnd kroch er dann zu Bertas Füßen bald hinauf
nach ihren Augen schauend bald zurück nach denen des Hirsches als wollte er
sich darüber beklagen dass man noch in so alten Tagen seinen Mut auf eine so
unnütze Probe stelle
Jean Baptiste schien den Schmerz des Hundes zuerst zu verstehen »Na gib
dich zufrieden alter Kerl« murmelte er ihm ins Ohr »wir können ja nichts
dafür dass die Zeiten so schlecht geworden sind dass wir dir nur das alte Geweih
statt eines wirklichen Hirsches geben können«
Unsre Leser werden sich erinnern dass der Baron dEyncourt als wir ihn
zuerst auf seinem Schloss kennenlernten noch spät in der Nacht einen Brief des
Notars erhielt in welchem ihm mitgeteilt wurde dass der Herr Preis der
Fabrikant der einzige Mann sei welcher ihn aus allen Verlegenheiten erretten
könne und dass Sr Hochwohlgeboren nicht übel tun würde sich an diesen Mann zu
wenden
An demselben Abend fast zur selben Stunde wurde auch der Herr Preis durch
ein Schreiben desselben Notars erfreut Der Notar schrieb wörtlich wie folgt
»Werter Freund Entschuldigen Sie dass man Sie noch so spät am Abend in Ihrer
Ruhe stört ich muss Ihnen aber einige Mitteilungen machen die große Eile haben
und die Ihnen auch nicht ganz unangenehm sein werden Der Baron dEyncourt ist
nämlich in großer Geldverlegenheit Sie wissen dass der Mann sein ganzes
Vermögen durchgebracht hat Sie selbst haben ja fast seine sämtlichen Wälder und
Ländereien angekauft es bleibt dem Baron nur noch das Kastell nebst Hof und
Garten Sie haben oft den Wunsch geäußert diese Kleinigkeiten ebenfalls zu
akkaparieren Meiner Meinung nach ist der Augenblick dazu gekommen Ich kann
Ihnen nicht mehr sagen ich würde das Vertrauen was mir Sr Hochwohlgeboren
schenkt missbrauchen Soviel ist aber gewiss dass der Baron bis über die Ohren im
Unglück sitzt dass ihn alle früheren Freunde verlassen haben dass er nirgendwo
Gelder zu erhalten weiß dass er dieser aber noch in den letzten Tagen dringend
bedarf und dass es Ihnen leicht sein wird unter diesen Umständen zu dem
gewünschten Ziele zu kommen Ich habe dem Baron soeben geschrieben dass er Sie
besuchen soll
Erwarten Sie ihn also Mit alter Freundschaft Ihr ergebener «
»Der Notar ist eine gute liebe Haut« rief der alte Fabrikant als er
diesen Brief gelesen hatte »Ein Mann auf den man sich verlassen kann den man
achten muss der Notar ist mein Freund« Da verfügte sich der Herr Preis in sein
Schlafgemach und träumte die ganze Nacht von dem Kastell des Baron dEyncourt
Am folgenden Morgen stand er wieder in aller Frühe auf dem Komptoir »Wir
bekommen heute Besuch« redete er den Buchhalter Weber an »Der Baron dEyncourt
will uns seine Aufwartung machen der Baron dEyncourt ein ganz charmanter
Mann«
»Aber mein Gott das ist ja ein ganz abgebrannter Mann« erwiderte der
erstaunte Buchhalter
»Eben deshalb weil er abgebrannt ist wird er uns besuchen«
»Ach lieber Gott Herr Preis nehmen Sie sich in acht ein Baron und
abgebrannt das ist ein gefährlicher Mensch an solchen Leuten haben wir noch
niemals Freude erlebt nehmen Sie sich in acht seien Sie vorsichtig«
»Geld will er haben das liegt auf der Hand«
»Geld Ach Gott Geld bares Geld seien Sie vorsichtig Herr Preis es
hilft doch nichts solchen Menschen Geld zu geben es ist immer nur ein Schlag
ins Wasser und man verliert es jedesmal«
»Nun wir haben aber an dem Baron schon viel verdient Wenn da auch einmal
etwas verlorenginge das machte nichts das täte nichts«
»Herr Preis Um Gottes willen Was wir verdient haben ist mit Ehren
verdient und wir wollen es festhalten
Nehmen Sie sich vor den Adligen in acht wenn sie das Geld in der Tasche
haben da lachen sie uns doch nur aus lachen über die bürgerliche Kanaille o
Gott ein Adliger ist nur in der Welt auf dass er von uns geschnitten werde«
»Aber der Baron dEyncourt ist einer der Besten von allen Adligen die ich
kenne er gefiel mir stets am meisten das ist wirklich noch ein Mann der Ehre
im Leibe hat er ist ein echter alter Gentilhomme er ist mildherzig und
freundlich und in allen Geldsachen so dumm wie ein Stock wahrhaftig der alte
Kerl ist ein komplettes Kind und es tut mir daher jedesmal etwas leid wenn ich
ihn übers Ohr hauen soll«
»Dumm wie ein Stock Herr Preis dumm wie ein Stock Aber ist das nicht
seine Schuld wenn es so ist Er hätte sich entwickeln sollen wie wir uns auch
entwickelt haben er hätte rechnen lernen sollen addieren und multiplizieren
darin konzentriert sich alles nein ich bin ganz gegen das System den Adligen
gefällig zu sein Und nun gar dieser Baron dEyncourt der uns mehr als zehnmal
mit seiner Philantropie allen Spaß verdorben hat der stets den Landleuten
auseinandersetzt dass ihre Kinder in den Fabriken verdorben werden und uns auf
diese Weise manchmal die besten Arbeiter abwendig macht nein Herr Preis mit
einem solchen Manne kann ich kein Mitleid haben«
»Und ich schätze ihn deswegen nur desto mehr Sehen Sie das zeigt eben dass
der Baron besser ist als die meisten Leute seines Schlages Der Baron dEyncourt
weiß dass ich mich jeden Augenblick schrecklich an ihm rächen kann er weiß dass
er mich nötig hat und dass ich der einzige Mann bin der ihn aus den größten
Verlegenheiten retten kann und dennoch wagt er stets gegen mich aufzutreten
weil er es für seine Pflicht hält weil es ihm seine Ehre befiehlt weil er ein
Gentilhomme ist sehen Sie und das ist nobel und das ist edel und wenn ich
auch darunter leide ich muss dies Benehmen dennoch geistig anerkennen«
Der Herr Preis hielt einen Augenblick inne Seine ursprünglich gute Natur
die von Zeit zu Zeit immer wieder in dem kaufmännischen Herzen aufblitzte war
für einen Moment hervorgetreten Aber nur für einen Moment Denn sobald die
Empfindungen des alten Fabrikanten eine solche Höhe erreicht hatten dass sie
etwas »geistig anerkannten« da purzelten sie auch schon wieder in das
Materielle zurück An den Flügeln seiner Empfindung hing eben stets noch der
eigene Geldsack der schnell das irdische Gleichgewicht seiner Seele
wiederherstellte »Ich muss das Benehmen des Barons geistig anerkennen« rief er
aus eine Pause folgte »aber praktisch muss ich es natürlich verwerfen in
der Praxis ist jeder sich selbst der Nächste natürlich« und damit war der
Herr Preis der empfindsame wieder er selbst der Herr Friedrich Preis der
kommerzielle
»Ich bin nämlich ganz mit Ihnen darüber einverstanden« fuhr er dann zu dem
Buchhalter fort »dass es wohl etwas gefährlich ist sich mit der Noblesse sehr
weit einzulassen« der Buchhalter Weber erkannte wieder seinen Herrn »aber
mit dem Baron dEyncourt steht die Sache ja auch ganz anders Der Baron besitzt
nämlich noch das alte Kastell nebst Hof und Garten und darauf spekuliere ich
eben«
Der Buchhalter verzog sein Gesicht zu einem grinsenden Lächeln
»Verstehen Sie mich Herr Weber«
»Ich verstehe Sie ganz Herr Preis«
»Aus dem Kastell will ich eine Branntweinbrennerei machen «
»Aus dem Garten eine Bleiche «
»Und da der Baron Geld nötig hat «
»Und nirgends als bei uns zu erhalten weiß «
»So bekommt er nur von uns diese Summe «
»Wenn er Hof Kastell und Garten abtritt «
»Geraten«
»Und kein Darlehn«
»Und keine Vorschüsse«
»Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden Herr Preis«
Da schritt der Baron dEyncourt über den Hof des Komptoirs Der Buchhalter
verfügte sich an seine Arbeit Der Fabrikant setzte sich an sein Pult und tat
als wenn er sehr beschäftigt wäre
Mit freundlichem Gruße trat der Baron in das Zimmer Niemand schien ihn zu
bemerken Buchhalter Korrespondent und Lehrling alles war wie in der Arbeit
versunken Tiefe Stille herrschte in dem ganzen Raume das Gekritzel der Feder
war der einzige vernehmbare Laut
Erst als der Baron leis an das Pult des Fabrikanten vorgedrungen war
schaute dieser langsam empor jede Miene des Gesichts der strengste
Geschäftsernst
»Guten Morgen Herr Preis« wiederholte der Nähertretende »Oh willkommen
Herr Baron« jauchzte der Fabrikant und sprang plötzlich so rasch von seinem
Stuhle empor als wenn ihm Quecksilber in allen Gliedern säße Er riss die Mütze
vom Haupte verbeugte sich dreimal und viermal »Willkommen willkommen Wer
hätte das gedacht Sie haben mich ganz überrascht Treten Sie näher Herr
Baron« Und im Nu hatte der Fabrikant die Tür des geheimen Geschäftskabinetts
aufgerissen und drückte den Baron in die weiche Ecke des Sofas
Der Herr Preis war der beste Komödiant der Welt er wusste diese
Überraschungsszenen so natürlich zu spielen dass selbst der Buchhalter Weber
daran zweifelte ob sein Prinzipal den Baron wirklich erwartet habe
»Stets findet man Sie in voller Arbeit« begann der Baron als er mit dem
Fabrikanten allein war »ich habe Sie noch nie besucht ohne Sie in der größten
Tätigkeit anzutreffen«
»Ach Gott Herr Baron« erwiderte der Fabrikant »man muss sich plagen auf
dieser Welt plagen vom Morgen bis zum Abend und mehr plagen als je weil fast
nichts mehr bei aller Arbeit herauskommt weil man fast nichts mehr verdient«
»Nun ich meine darüber hätten Sie doch gewiss nicht zu klagen täglich
vergrößern Sie Ihre Etablissements tüchtig erweitern sich Ihre Besitzungen in
der ganzen Gegend spricht man von Ihnen nur als von einem Manne der glücklich
ist der prosperiert«
»Schein Herr Baron nichts als Schein Lassen Sie sich keine Märchen
erzählen Ich kann Ihnen versichern dass ich als Industrieller längst zugrunde
gegangen wäre nur durch kleine Seitenspekulationen halte ich mich noch
aufrecht«
»Nun dann muss aber die Industrie doch eine unselige Beschäftigung sein Sie
als Fabrikherr klagen darüber dass Sie nicht bestehen können und spricht man
mit Fabrikarbeitern so klagen diese noch viel mehr«
»Ach Herr Baron Schein alles Schein Die Arbeiter sind im Grunde viel
besser daran wie die Herren seien Sie versichert dass ich meine Fabrik nur
noch fortführe um die Arbeiter nicht außer Brot kommen zu lassen Was würde aus
den armen Geschöpfen werden wenn ich plötzlich meine Fabrik stillsetzte Für
mich wäre es viel besser wenn ich noch heute mein ganzes Geschäft an den Nagel
hängte aber ich habe Mitleid mit meinen Arbeitern ich opfere mich für meine
Arbeiter auf«
»Sonderbar Die Arbeiter versichern mir stets dass sie sich für ihren Herrn
aufopfern ich verstehe das nicht«
»Werter Herr Baron die Arbeiter sind Tölpel Übrigens kann eigentlich von
einem Aufopfern zwischen Fabrikant und Arbeiter gar keine Rede sein Die
Wahrheit ist dass die Industriellen Fabrikherren und Fabrikarbeiter
zusammengenommen sich der ganzen Gesellschaft aufopfern wir Industriellen sind
die Märtyrer der ganzen übrigen Gesellschaft wir sind die Märtyrer unsres
Jahrhunderts«
»Das wundert mich sehr Herr Preis Niemand hat so etwas verlangt die
Gesellschaft verlangt es weder von Ihnen noch von Ihren Arbeitern«
»Verzeihen Sie Herr Baron sie verlangt es wohl Die Gesellschaft will
Hemden haben und Hosen und Röcke und Mützen sie verleitete mich zu der Torheit
ein Fabrikant solcher Sachen zu werden und sie verleitete andere unglückliche
Menschen bei mir als Arbeiter einzutreten So geschah es hier und so geschah
es an hundert andern Orten und die industrielle Klasse der Bevölkerung war da
Alles wäre gut gegangen wenn uns jetzt die Gesellschaft gehörig für unsre
Fabrikate bezahlt hätte wir Fabrikanten hätten dann prosperiert und unsre
Arbeiter desgleichen Die Gesellschaft wollte aber nicht überhaupt bloß Hemden
und Hosen und Röcke und Mützen geliefert haben sondern sie wünschte auch alles
stets zu dem niedrigsten Preis zu erhalten und verlockte bald durch Aussicht auf
größeren Absatz einen aus unsrer Mitte wohlfeiler zu verkaufen als wir andern
Sobald dies geschehen hatte der eine natürlich alles zu tun und wir übrigen
nichts und wollten wir nicht sämtlich zugrunde gehen so mussten wir dem
Beispiel unsres unvorsichtigen Kollegen folgen ebenso billig oder gar noch
wohlfeiler verkaufen und so ging dies fort Die Gesellschaft nur auf ihr
eigenes Wohlergehen bedacht köderte bald den einen von uns und bald den andern
und so wie der erste in die Schlinge gegangen musste auch der zweite folgen und
einer unterbot bald den andern bis wir zuletzt da ankamen wo wir sind nämlich
wo der Fabrikherr nichts mehr verdient und der Arbeiter nichts verdient wo wir
nur noch pro patria et gloria arbeiten wo wir Märtyrer der Gesellschaft
geworden sind«
»Sie meinen also dass die Konkurrenz an allem Übel schuld ist«
»Gewiss Herr Baron diese Konkurrenz untereinander Sie treffen den Nagel
auf den Kopf die Konkurrenz das ist der Teufel die Konkurrenz zu der uns
die Gesellschaft verleitet ja zu der sie uns zwingt«
»Aber lässt sich diese Konkurrenz denn durch nichts beseitigen«
»Ei freilich Herr Baron durch das Monopol Aber die heutige Gesellschaft
schwärmt gar nicht mehr für das Monopol sie steht sich gar zu gut bei der
freien Konkurrenz das Monopol beherrscht die Gesellschaft die frei
untereinander Konkurrierenden gehorchen ihr Der Monopolist kann tun was er
will seine Ware mag teuer und schlecht sein wenn die Gesellschaft ihren Bedarf
sonst nicht erlangen kann so muss sie dennoch davon kaufen Die frei
Konkurrierenden müssen dagegen um die Gunst der Gesellschaft buhlen und die
Gesellschaft kauft nur von dem der das Teuere verwohlfeilt der das Schlechte
verbessert hat Mit einem Wort bei dem Monopol hat die Gesellschaft die Qual
bei der freien Konkurrenz die Wahl Nein Herr Baron mit dem Monopol ist es
vorbei das eigentliche Monopol liegt schon zu lange in der Rumpelkammer als
dass man es noch einmal hervorsuchte«
»Aber lässt sich nicht ein Mittelding erfinden was dem Industriellen
emporhilft ohne die Gesellschaft zu sehr zu inkommodieren was zwischen dem
unbedingten Monopol und der unbedingt freien Konkurrenz steht Ich möchte sagen
dass dies möglich wäre wenn beide Zustände etwas gemildert würden«
»Herr Baron Sie sind ein weiser Mann Mit diesen Gedanken gehen wir
deutschen Industriellen schon lange um Wir sprechen nämlich als echte
Patrioten wir wollen kein unbedingtes Monopol aber auch keine unbedingt freie
Konkurrenz wir lassen Konkurrenzen zu innerhalb der Nation aber wir verlangen
entschiedenen Schutz gegen die Konkurrenz des Auslandes Eine ungünstige Lage
und viele unentwickelte Zustände unsres Vaterlandes machen es dem Auslande
möglich uns stets zu unterbieten und zu ruinieren Deshalb Schutz gegen das
Ausland Das ist unsre Rettung das ist unser Heil Sie sehen Herr Baron ich
bin Verteidiger des Schutzzollsystems Ich hoffe Sie sind ganz meiner Meinung«
»Nicht so ganz Mit der Beseitigung der ausländischen Konkurrenz scheint mir
die Sache nur für kurze Zeit gebessert Mit dem Aufhören fremder Konkurrenz
enden die üblen Folgen der Konkurrenz überhaupt keineswegs Derselbe Kampf den
unsre vaterländischen Industriellen jetzt mit dem Auslande führen würde bald
unter ihnen selbst entstehen Wie sich jetzt Ausland und Inland so wird sich
später das Inland allein unterbieten Der Kampf wird künftig nicht mehr so
großartig seiner Natur nach aber stets derselbe sein Nachdem Sie kurze Zeit
unter diesem Schutze prosperiert haben werden Sie endlich doch wieder zu jenem
Punkte hinabsinken auf den Sie in diesem Augenblicke angekommen zu sein
versichern Schließlich finde ich wiederum kein Heil bei der Industrie Unglück
für viele Glück nur für wenige die den letzten Stürmen zu trotzen wissen«
Der Baron schwieg Die Unterredung wurde ihm etwas zu lang er dachte an den
Zweck seines Besuches Der Fabrikant begnügte sich damit die letzten Worte
seines Gegners still zu belächeln Er wusste sehr wohl dass zu dem Unterbieten
innerhalb der deutschen Grenzen noch manche neue Fabriken nötig wären und dass
der welcher jetzt eine Fabrik besitzt Zeit genug hat seine Beutel noch
gehörig zu füllen
»Nun jeder beurteilt die Sache nach seiner Weise« fuhr der Fabrikant
endlich fort »Sie wohnen still und glücklich auf Ihrem Schloss Herr Baron
unter Blumen und schönen Bäumen ungestört von der ganzen Welt welche mich
armen Mann vom Morgen bis zum Abend in Bewegung setzt«
»Ich weiß nicht ob es immer so ungestört hergeht« erwiderte der Baron
indem er die Bemerkung des Fabrikanten schnell benutzte um seinem Ziele etwas
näher zu kommen »Es fallen manche Sachen vor die einen belästigen
verdrießlich machen und in Verlegenheit bringen«
Jetzt schießt er los dachte der Herr Preis und blinzelte freundlich mit
seinen kleinen Augen
»Vor allen Dingen inkommodieren mich alle Geldaffären ich scheue sie so
sehr dass ich gar nicht daran denken mag und gern solche Sachen laufen lasse
wie sie wollen«
»Das sollten Sie lieber nicht tun Herr Baron mit Geld muss man sehr
aufmerksam zu Werke gehen«
»Sie haben recht meine Nachlässigkeit in diesem Punkte ist unverzeihlich
so habe ich wieder in den letzten Tagen vergessen dass ich einige Summen
regulieren muss die mir nun plötzlich auf den Hals kommen ohne dass ich gleich
weiß wie ich damit fertig werden soll«
»Aber Herr Baron da kann ich Ihnen vielleicht gefällig sein«
»Sie sind wirklich sehr gütig Herr Preis durch Vorschuss einiger tausend
Taler würden Sie mich sehr verbinden«
»Alles was ich tun kann soll geschehen Herr Baron aber warten Sie da
fällt mir gerade etwas ein vielleicht können wir uns arrangieren dass Sie weder
jetzt noch in der nächsten Zeit irgendeinen Vorschuss nötig haben und das muss
Ihnen jedenfalls lieber sein«
»Das versteht sich von selbst«
»Ich habe nämlich schon oft daran gedacht was Sie eigentlich mit Ihrem
alten Kastell und den umherliegenden Gärten tun mögen Sie sind oft verreist
und wenn Sie das alte Haus bewohnen da geben Sie sich gar keine Mühe darin
irgend etwas zu bebauen oder im Stande zu halten Ich glaube fast dass Ihnen die
ganze Besitzung zur Last ist Ich kann zwar keinen großen Gebrauch davon machen
wenn Sie aber wollen so bin ich dazu bereit Ihnen die ganze Geschichte
abzunehmen und bezahle Ihnen das alles gleich in barem Gelde«
Der Baron fühlte dass er sich in seinen Ahnungen nicht betrogen hatte »Ich
danke Ihnen aufrichtig Herr Preis Sie irren sich indes an meinem alten
Kastell hänge ich mit zu vieler Liebe als dass ich mich davon trennen könnte Es
ist das Haus wo alle meine Ahnen wohnten wo jeder Ort wo jeder Stein jedes
Fleckchen seine Erinnerungen für mich hat Erinnerungen welche die Freude
meines Alters sind Ich könnte mich unmöglich davon trennen«
»So das tut mir leid man muss recht warm sitzen wenn man sich so in alten
Erinnerungen einwickeln kann verzeihen Sie ich meine Ihr Kastell muss ein
wohnliches Haus sein es hat dicke Mauern und dann der Efeu ringsherum ach
jawohl Und wieviel Geld glauben Sie nötig zu haben«
»Sechs bis achttausend Taler etwa«
»Also mehr nicht«
»Nicht mehr Herr Preis«
»Und auf den Verkauf des Kastells würden Sie sich gar nicht einlassen«
»Ich bedauere recht sehr «
»Ach dann entschuldigen Sie Herr Baron sechsbis achttausend Taler
entschuldigen Sie einen Augenblick ich werde einmal zusehen wie es gerade mit
meiner Kasse steht ob diese Summe disponibel ist ich verleihe sonst nie
Gelder in diesen schlechten Zeiten hat man seine Fonds gewöhnlich selbst nötig
mit dem Kastell könnten wir indes ein Geschäftchen machen besinnen Sie sich
noch einmal entschuldigen Sie «
Der Fabrikant verließ das Kabinett und schritt ins Komptoir »Es ist
richtig« murmelte er dem Buchhalter Weber ins Ohr
»Verkauft er das Kastell«
»Gott bewahre der alte Narr will sich nicht davon trennen er fängt von
alten Erinnerungen an zu sprechen und seinen Ahnen und Gott weiß wovon es wird
einem ganz antik zumute ganz muffig ich werde sentimental wenn ich das noch
länger anhören soll lassen Sie ihn noch fünf Minuten sitzen und dann gehen Sie
hinein und sagen ich sei eben ins Archiv gestiegen hätte beim Herunterkommen
den Arm gebrochen oder den Hals oder irgend etwas und könne daher nicht wieder
erscheinen genug machen Sie nur dass Sie den Kerl aus dem Hause bekommen und
versprechen Sie ihm das Nähere schriftlich verstehen Sie«
»Verstanden Herr Preis«
Da eilte der Fabrikant so schnell wie möglich aus dem Zimmer und suchte das
Weite Einige Augenblicke nachher fuhr der Baron traurigen Sinnes nach seinem
Kastell zurück
Das Schreiben was am folgenden Tage an den alten Adligen abging war sehr
kurz und bündig Der Herr Preis schrieb »Da Ew Hochwohlgeboren nicht auf
meine Proposition eingehen können so bedauere ich recht sehr augenblicklich
keinen Fonds zur Verfügung zu haben Zu dem Ankauf des Kastells gegen bar würde
ich indes stets bereit sein wenn Sie Ihre Ansicht doch ändern sollten
Inzwischen verbleibe ich mit hoher Achtung usw«
An demselben Abend saß der Herr Preis im eifrigsten Gespräch neben dem
Notar Beide lachten und drückten sich freundlich die Hände
Wir verlassen die prächtige Wohnung des Fabrikanten um in die niedrige Hütte
seiner Arbeiter zu treten
Unser Weg führt hinunter nach dem Rhein bis an die Stadtmauer Zwischen ihr
und der letzten Häuserreihe schreiten wir vorwärts Anfangs ist die Straße noch
leidlich allmählich hört das Pflaster auf wir gehen auf einem lehmigen
schmutzigen Wege der Regen sammelt sich rechts und links in den Vertiefungen
nicht selten steht ein förmlicher Morast vor den Türen der Wohnungen die immer
kleiner und unansehnlicher werden deren alte vornüberhängenden Giebel deren
verwitterte Wände und mit Lappen und Stroh verstopfte Fenster uns mit jedem
Augenblicke mehr verraten dass wir in dem ärmlichsten Stadtteil angelangt sind
Mühsam waten wir fort durch Schmutz und Gestank alle zwei drei Schritt treten
wir in eine Pfütze denn es gibt hier keine Laternen deren flackerndes Licht
unsern Weg erhellen könnte Die Gasse wird immer enger wir verirren uns gewiss
nicht mit der Linken können wir die Wände der Häuser greifen mit der Rechten
beinah die Seite der Stadtmauer Da stehen wir vor der Wohnung des Arbeiters
Durch die niedrigen Fenster sehen wir bequem in das Innere des Zimmers Eine
trübe Lampe wirft ihren Schein auf die nächsten Gegenstände wir bemerken im
Hintergrunde des Raumes eine große Bettstelle umgeben von kattunenen Vorhängen
rechts an der Wand einige Schränke links steht der Feuerherd und mitten der
große Tisch mit den Resten eines kleinen Mahles Schlecht und dürftig ist diese
Einrichtung alles ist aber rein und sauber eine gewisse Ordnung herrscht in
dem Arrangement der wenigen unansehnlichen Möbel und der blühende Goldlack und
die üppigen Rosenbüsche welche die Ecken der Fenster zieren beweisen dass man
sogar darauf bedacht ist dem ärmlichen Zimmer noch einen Schein des Luxus
hinzuzufügen So schmutzig da draußen die enge Gasse ist so rein ist der
Fußboden der Wohnung rote Ziegel umgeben den Fuß des Herdes in der Mitte des
Zimmers beginnen die eichenen Dielen blankgescheuert und nach der Türe zu
bestreut mit gelbem grobkörnigem Sande Durch die Haustür tritt man gleich in
das Innere des Zimmers die eine Stube nimmt den ganzen unteren Raum des Hauses
ein und unter dem niedrigen Dach kann nur noch Platz für einige Vorräte sein
die man vielleicht in glücklichen Zeiten aus dem Herbst in den Winter
hinübernimmt
In dieser Behausung die sich von den meisten Arbeiterwohnungen wohl nur
durch ihre Sauberkeit unterschied saß nach vollbrachtem Abendessen die Witwe
Martin mit ihren beiden Töchtern Marie und Gretchen Die gute Frau mochte in den
Vierzigern sein Nach dem Tode ihres Mannes war sie schnell gealtert Ihre
Wangen waren bleich geworden und eingefallen das Haar ergraut und die dürre
Hand strengte sich vergebens an noch so rasch zu arbeiten wie in früheren
Jahren
Regungslos weilte sie an der Seite des Herdes und blickte unverwandt auf ihr
jüngstes Töchterchen das kleine Gretchen hinab das auf einem niedrigen Stuhle
sitzend den Kopf auf den Schoss der Mutter gelegt hatte und eingeschlafen war
Gretchen hatte hellbraunes Haar und ein feines liebliches Gesicht Gegenüber
arbeitete beim Scheine der kleinen Lampe die ältere Tochter Marie ein Mädchen
von achtzehn Jahren Mariens Gesicht war zu ernst und zu bleich um schön zu
sein das schwarze unruhige Auge gab ihrem Kopf aber Leben und Ausdruck und
passte gut zu dem dunklen glänzenden Haar was in reicher Fülle die Schläfen
umgab Marie war sehr schlank gewachsen ihr Fuß war klein ihre Hände zierlich
und sehr rein
Alter Jugend und Kindheit saßen hier beieinander Die ergraute Mutter halb
zerstört durch Not und Arbeit die nur noch das Leben liebte weil sie ihre
Kinder liebte deren Leib schon erschlaffte deren Seele still und traurig
geworden dann die schwarzäugige Marie in der Blüte ihres Lebens ohne doch
selbst zu blühen deren Wangen so licht wie ihre Augen dunkel waren die stolz
und entschieden einem Dasein trotzte das ihren schönen Körper mit ewiger Arbeit
verdammte die aus dem Staub der Fabriken und aus dem Schmutz der Gassen noch
jenen Zauber und jene Anmut gerettet hatte die ach bei den meisten ihrer
Gespielinnen schon längst wie Blumen vor dem Sturm zerstoben waren Und endlich
das kleine zehnjährige Gretchen so zart gebaut so dünn so schwank mit einem
so feinen Gesichtchen was soll ich weiter von dem Kinde sagen Wir wollen
warten bis es aus dem Schlummer erwacht und uns mit seinen großen Augen still
und erstaunt entgegenschaut
»Es ist schon sehr spät liebe Marie« flüsterte die Mutter und blickte
strafend nach der älteren Tochter hinüber »Ist es nicht Zeit dass wir uns bald
zur Ruhe begeben«
»Noch ein paar Stiche muss ich machen liebe Mutter geh du schon mit
Gretchen zu Bett ich komme gleich nach ich muss dies Hemd heute noch fertig
machen ich glaube gewiss dass Eduard bald zurückkommt und dann muss ich ihm
gleich etwas schenken«
Der Name Eduard brachte die alte Frau sichtbar in Bewegung sie faltete die
Hände über Gretchens Kopf und ein schmerzliches Lächeln zuckte um ihre bleichen
Lippen
»Glaubst du nicht auch« fuhr Marie fort »dass er bald wieder hier ist Mir
ist es ganz so als wenn er nicht lange mehr ausbliebe Wie lange ist er doch
jetzt fort«
»Schon über zwei Jahre« erwiderte die Mutter »und Gott weiß was aus ihm
geworden ist«
»Gewiss etwas Gutes Eduard ist wild und rau aber er ist geschickt und
arbeitet gern Er liebt dich und liebt mich und er ist immer ein guter Junge
gewesen«
»Aber weshalb schreibt er nicht Solange er fort ist bekamen wir nur einen
Brief Ich mag gar nicht daran denken das Herz will mir vor Kummer
zerspringen«
»Tröste dich liebe Mutter ich bin fest davon überzeugt dass es ihm wohl
geht und dass du noch Freude an ihm erlebst Aus Leichtsinn und Vergesslichkeit
hat er nicht geschrieben «
»Aber das ist undankbar und hässlich genug Wenn man auch noch soviel zu
arbeiten hat so bleibt doch immer Zeit genug übrig um einmal nach Hause zu
schreiben«
»Der Weg ist so weit von England bis hierher Eduard fürchtet dass die
Briefe zuviel Porto kosten möchten vielleicht hat er einmal auch durch
Gelegenheit geschrieben nur der Brief wurde nicht besorgt das Schiff mit dem
der Brief abgeschickt wurde kann untergegangen sein sieh liebe Mutter da
hast du Gründe genug weswegen wir nichts von ihm hören«
»Wenn Eduard selbst nur nicht untergegangen ist«
»Ach liebe Mutter ein Brief kann nicht schwimmen und muss daher ertrinken
wenn dem Schiffe etwas Schlimmes begegnet aber Eduard schwimmt ja ganz
vortrefflich er würde sich schon gerettet haben Eduard schwimmt hin und zurück
über den Rhein«
»Aber der Rhein ist lange nicht so breit wie das Meer«
»Das ist wahr das Meer ist an manchen Stellen breiter aber zwischen hier
und England ist es nur ganz klein gewiss liebe Mutter ich fürchte gar nichts
du sollst sehen dass der Junge bald wieder hier ist«
Mehr als hundertmal hatten Mutter und Tochter schon eine solche Unterredung
geführt Die alte Frau hatte sich aber einmal in den Kopf gesetzt dass es ihrem
Sohne schlecht gehen müsse dass sie ihn vielleicht gar nicht wiedersehen würde
und vergebens strengte sich Marie an um die alte Frau zu beruhigen Manchmal
wurde es Marien freilich auch unheimlich zumute Eduard hatte seit gar zu langer
Zeit nichts von sich hören lassen Vor zwei Jahren war er nach England gegangen
um sich als Mechanikus weiter auszubilden ein Empfehlungsschreiben an einen
Fabrikanten in Manchester hatte ihm gleich Arbeit verschafft und kurz nachdem
er seine neue Stellung angetreten schrieb er und versicherte damals dass es ihm
sehr wohl gehe aber das war jetzt sehr lange Zeit her Marie war innerlich
doch voller Sorge um ihren Bruder und tat nur alles mögliche um dies der Mutter
zu verbergen die ohnehin schon genug geängstigt war
Heute kam es ihr indes wieder vor als könne der Bruder gar nicht mehr weit
sein mit wirklicher Überzeugung hatte sie eben der Mutter versichert dass sie
fest an die baldige Rückkehr des lange Erwarteten glaube und unwillkürlich
blieb sie auf ihrem Stuhle sitzen als wenn noch in demselben Augenblick alle
Wünsche in Erfüllung gehen könnten als müsste sie den Bruder noch heute Abend in
ihre Arme schließen
Sie hatte sich in ihren Erwartungen nicht getäuscht Kaum war die kleine
Unterredung zwischen Mutter und Tochter beendigt da klangen einige rasche
Tritte von der Gasse ins Zimmer hinüber Es hielt jemand vor dem Hause Mutter
und Tochter horchten auf Mit kräftiger Faust schlug der Kommende vor die Tür
der Wohnung Die alte Mutter fuhr erschrocken zusammen die Nadel sank aus
Mariens zitternder Hand »Es ist Eduard« seufzte sie und wurde noch bleicher
als bisher aber hell blitzten ihre schwarzen Augen »Wo ist er« rief die
kleine Schwester die soeben aus dem Schlummer erwachte da donnerte der zweite
Faustschlag vor die schwache Tür der Hütte Schloss und Riegel flogen aus ihren
Fugen mitten ins Zimmer hinein die Tür fuhr auf und mit einem jubelnden »How
do you do« stürzte der stattliche breitschultrige Eduard in die Arme seiner
halbtoten Mutter
Eduard war ein wilder muskulöser Geselle Hals Brust Fäuste und Schenkel
alles war bei ihm im schönsten Ebenmasse und prächtig entwickelt Um die breite
Stirn hing das braune Haar in der besten Unordnung und üppig sprosste der Bart
um Wangen und Kinn Die gerade Nase der breite Mund mit trotzig aufgeworfenen
Lippen vor allem aber die dichten bogenförmigen Brauen mit zwei verwegenen
Augen darunter alles gab seinem Kopf den Ausdruck der Kraft und
Entschiedenheit
Der junge einundzwanzigjährige Riese brüllte vor Freude dass er sein
elterliches Haus wiedersah Er küsste die Freudentränen von dem bleichen
Angesicht seiner Mutter er presste die errötende Marie fest an seine Brust und
warf das kleine Gretchen hoch in die Luft indem er es mit beiden Armen jubelnd
wieder auffing
Nachdem Eduard seine Bagage von der Straße hereingeschleift und das Schloss
der Türe mit einigen Faustschlägen und Fusstritten wieder befestigt hatte warf
er seinen Hut in die Ecke des Zimmers riss die braune Velvetjacke von den
Schultern und setzte sich mit offener Brust in weißen flatternden Hemdsärmeln
in die Mitte des Zimmers indem er sein kleines Schwesterchen auf den Schoss
setzte und den Kopf des zierlichen Kindes sanft an sein Herz drückte Die
gewaltige Rechte die seit vierzehn Jahren den Hammer auf den Amboss gewettert
hatte überließ er der glückseligen Mutter welche sich an ihrem Sohne nicht
satt sehen konnte und mit sichtbarem Stolz ihren Erstling von oben bis unten
musterte Marie hatte indes das Feuer im Herd angeblasen um ihrem Bruder noch
ein kleines Abendessen zu bereiten
»Nonsens« rief Eduard »Wenn du mir einen Gefallen tun willst so hole mir
aus der nächsten Schenke etwas Brandy und Brot und Käse wir wollen heute abend
noch herrlich leben Ihr seht ich bin ein kompletter Engländer geworden und
mitgebracht habe ich euch auch etwas hier liebe Mutter« Da warf der lustige
Bursche der Mutter ein Dutzend Sovereigns in den Schoss und wollte sich
totlachen als die alte Frau vor lauter Erstaunen über so großen Reichtum fast
den Verstand verlor
»Ich kann euch versichern dass ich in England tüchtig gearbeitet habe und
ich lernte viel dabei Die zwei letzten Jahre sind mir herumgegangen wie ein Tag
ich wäre gern noch dort geblieben aber ich sehnte mich nach euch zurück und
da machte ich mich eines Morgens aus dem Staube setzte mich auf einen Dampfer
fuhr hinüber und nun bin ich hier Goddam Und nun soll ein anderes Leben
losgehen das versichere ich dir liebe Mutter Du sollst die Hände jetzt in den
Schoss legen und Marie soll nicht mehr in der Fabrik arbeiten und Gretchen soll
mir in die Schule gehen und ich will für euch alle tätig sein und ich will
schon genug verdienen«
»Es ging uns manchmal recht schlecht« fuhr die Mutter fort als der
gesprächige Sohn sich nach manchem erkundigte was in seiner Abwesenheit
vorgefallen war »Im vorigen Sommer war ich krank und habe seitdem nie recht
mehr arbeiten können in der Fabrik konnte ich nicht mehr bleiben da jetzt
andere Leute da sind die alles besser als ich machen ich suchte daher hin und
wieder ein paar Groschen zu erwerben und tue das auch noch heute Marie hat eine
gute Beschäftigung sie arbeitet noch immer in der Fabrik und muss die fertigen
Zeugstücke nachsehen und andre leichte Sachen tun die nicht zu sehr anstrengen
Gretchen ist seit zwei Jahren in der Baumwollspinnerei ich habe mich lange
dagegen gesträubt aber «
»Armes Kind« unterbrach Eduard seine Mutter und drückte das Schwesterchen
fester an seine Brust »so musst du auch schon arbeiten Ach man sieht es dir
an wie klein und zart bist du geblieben deine Ärmchen sind so dünn und du
bist so blass und so spitz in dem kleinen Gesichtchen und die Augen tun dir
gewiss recht oft sehr weh nicht wahr von dem verdammten Staub der dir immer
entgegenfliegt armes Schätzchen aber jetzt soll das auch aufhören Du sollst
die Spinnerei nie wieder betreten Bei tausend armen Kindern kann ich es nicht
ändern dass sie von den Fabrikanten ruiniert werden aber mein kleines Gretchen
will ich davor bewahren liebes Engelchen gib mir einen Kuss wir wollen uns
recht liebhaben« Das arme Kind wusste kaum wovon die Rede war die Tränen kamen
ihm in die Augen es erschrak weil der große Bruder plötzlich so ganz anders
sprach mit einer Stimme die gradezu in das kleine Herz drang
»Und ich wette« rief Eduard dann indem er sich wieder zu seiner Mutter
wandte »dass es in eurer Fabrik noch grade so lumpig aussieht wie früher Das
ganze Haus ist von jeher ein ungesundes Loch gewesen wo namentlich die Kinder
in ein paar Jahren total ruiniert werden Ich habe das immer gesagt und viele
andere Arbeiter ebenfalls aber es wird nichts geändert man lässt alles beim
alten der alte Herr Preis ist ein wahrer Teufel Gott verdamm ihn«
»Pfui Eduard« erwiderte Marie die hinausgegangen war und für ihren Bruder
das gewünschte Getränk geholt hatte »Schäme dich so etwas zu sagen Der Herr
Preis tut für seine Arbeiter was er kann«
»Das ist das erste was ich höre liebe Marie Da muss sich der alte Schuft
sehr geändert haben Vor zwei Jahren sah es noch so schlecht mit seiner ganzen
Wirtschaft aus dass ich bis auf den heutigen Tag nicht begreife wie ich es
früher so lange darin aushalten konnte Ich kenne jetzt die englischen Fabriken
und weiß genau wie es darin aussieht wenn man diese mit der Bettelei des Herrn
Preis vergleicht da steht einem wirklich der Verstand still Nun ich will
aber sehen ob ihr euch hier gebessert habt Sag mir zum Beispiel ob das Zimmer
verändert ist in dem den Kindern die Trommeln drei Hand hoch über dem Kopfe
schweben wo an gar kein Ventilieren zu denken ist wo stets eine solche Hitze
und ein solcher Staub herrscht dass man ohnmächtig zu werden meint wenn man von
außen in dieses Loch hineintritt« Eduard wartete auf Antwort und Marie
erklärte nach einigem Zaudern dass das Zimmer grade noch wie früher aussähe
»Well« rief Eduard »so fahre der Herr Preis zur Hölle Und wie sieht es
mit dem andern Saale aus wo der Maschinensatz so nahe an der Wand steht dass
die Kinder wenn sie passieren wollen jedesmal in Gefahr sind von den Rädern
ergriffen und unter die Decke geworfen zu werden«
Marie musste nochmals gestehen dass auch hierin nichts geändert sei
»Well so hol ihn der Teufel Aber Marie wie kannst du den alten Preis
auch nur einen Augenblick lang verteidigen wollen Diesen alten Schurken der
durch den Schweiß von Tausenden groß und reich geworden ist durch den Schweiß
und das Blut zahlloser Unglücklicher denen er das Mark aus den Knochen sog und
die er dann barsch vor die Tür warf unbekümmert darum ob sich andre Leute
ihrer annehmen würden oder nicht«
Eduard schlug mit geballter Faust auf den Tisch und sah seine Schwester mit
zornigen Augen an Marie wagte nicht aufzuschauen
»Ich weiß recht gut« fuhr der junge Mann fort »dass unter den Fabrikanten
der eine nicht viel besser als der andre ist Es gibt manche unter ihnen die
für ihre Arbeiter sorgen wie für ein gutes Pferd für einen guten Hund das
sind die besten Dann kommt eine Sorte welche aus Furcht vor den Gesetzen nie
zu einer offenbaren Schinderei der Arbeiter übergeht zu dieser Klasse gehören
die meisten Die dritte Gattung wird würdig durch den Herrn Preis vertreten
der alles tut was er will der mit Bürgermeistern und Polizeidienern stets auf
dem besten Fuße lebt und in seinen vier Wänden wirtschaften kann wie es ihm
beliebt Wenn der alte Preis sich nicht sehr geändert hat so ist er einer der
größten Schurken unter der Sonne ein Mensch dem es einerlei ist ob alles um
ihn her zugrunde geht sofern er nur Geld dabei verdient«
»Wahrscheinlich bist du doch zu hart gegen den Herrn Preis« erwiderte
Marie »In seiner Fabrik mögen einige Räume sein die nicht gesund und weit
genug sind das ist wahr aber das ganze Gebäude ist schon alt und es lässt
sich nicht gleich alles so verändern wie du wohl meinst Mit den Maschinen ist
es ebenso die wurden schon vor vielen Jahren angeschafft und mögen vielleicht
nicht so gut und passend sein als alles das was du jetzt in England gesehen
hast Aber müssen wir uns nicht trotzdem freuen dass der Herr Preis fortwährend
mit seiner Fabrik im Gange bleibt dass er uns Arbeit gibt dass wir dadurch unser
Brot verdienen Was würde aus uns werden wenn er seine Fabrik mit einem Male
stillsetzte«
»Es würde uns noch einmal so gut gehen«
»Du willst also dass er zu arbeiten aufhört«
»Ja bei Gott das will ich und wenn er es nicht aus freien Stücken tut so
wollen wir ihn dazu zwingen Dieser Alte soll noch einmal nach unsrer Pfeife
tanzen statt wir nach der seinen Es ist besser dass wir seinen ganzen Kram
zusammenschlagen als dass wir uns in ein paar Jahren ruinieren lassen um Gott
verdamm mich jede Woche ein paar lausige Groschen zu verdienen Stehen wir
einmal alle miteinander ohne Arbeit mit hungrigen Magen auf der offenen Straße
da wird sich schon etwas für uns finden das hat gute Wege Mit den Fabriken muss
es aber anders in der Welt werden«
»Ich bitte dich lieber Eduard trinke nicht so viel« flüsterte Marie und
zog dem Bruder das Glas vom Mund weg Denn mit Schrecken hatte sie bemerkt wie
der hitzige Bursche eine Portion nach der andern hinunterschluckte und immer
heftiger und aufgeregter wurde
»Lass mich Marie Du verstehst das nicht besser diese Fabrikanten sind
nicht wert dass sie gehängt werden und der alte Preis ist mir am
allerverhasstesten Übrigens will ich jetzt auch wieder Arbeit bei ihm suchen er
kann mich gut gebrauchen er wird gern auf meinen Vorschlag eingehen es ist
mir recht eigentlich darum zu tun jetzt in seiner Nähe zu sein Ich habe da
nicht allein Gelegenheit meine mechanischen Kenntnisse anzuwenden sondern ich
will auch einen andern Geist unter die übrigen Arbeiter bringen Der alte Preis
soll einmal erfahren was es heißt wenn seine Sklaven über ihre Lage klar
werden Ich habe mir fest vorgenommen alle Arbeiter weit und breit gegen den
alten Schurken aufzuwiegeln es ist einerlei wenn ich dadurch auch selbst
leide ich habe meinen Entschluss gefasst ich werde mich noch morgen bei ihm
melden«
»Ich verstehe dich nicht ganz Eduard aber es wird mich von Herzen freuen
wenn wir künftig wieder an demselben Orte arbeiten Ich glaube auch dass du
gleich bei dem Herrn Preis eintreten kannst Wenn du meinst dass es was helfen
kann so will ich mit den jungen Herren mit dem Herrn August oder Julius
vorher noch einmal sprechen der Herr August ist immer so gut gegen mich«
»Alle Wetter liebes Kind mach mich nicht ärgerlich erinnere mich nicht an
diese vornehmen Jungen an diese Fabrikantenbrut es juckt mir jedesmal in den
Fingern wenn ich an diese beiden Laffen denke Das fehlte noch diesen faulen
Gesellen Komplimente machen diesen Hasenfüssen die auf der Jagd liegen oder auf
den Bällen umherspringen während ihnen zehnjährige Kinder wie unser kleines
Gretchen in der Spinnerei das Lumpengeld verdienen müssen«
»Ich bitte dich Eduard sei nicht so hart was können die vornehmen Leute
dafür dass wir für sie arbeiten müssen Einer muss doch die Arbeit tun dazu sind
wir nun bestimmt und die beiden Söhne des Herrn Preis haben ein glücklicheres
Los getroffen«
»Sprich nicht so albernes Zeug«
»Es tut mir leid dass wir uns nicht verständigen können Ich würde dir indes
doch noch recht geben wenn jene beiden jungen Leute ihr Glück missbrauchten
wenn sie der Gewalt die sie über uns haben noch Spott und Hohn hinzufügten
wenn sie sich lustig über unser Unglück machten oder uns die Arbeit welche wir
nun einmal des lieben Brotes wegen tun müssen absichtlich erschwerten Aber
davon habe ich nie etwas erfahren ebenso streng und barsch wie bisweilen der
Vater ist ebenso gutmütig und gefällig sind die beiden Söhne Julius hat sich
oft nach dir erkundigt wie es dir ginge und ob du noch nicht bald wiederkämst
und dergleichen und der Herr August ist erst gar ein lieber Mensch der noch
niemandem etwas zuleide tat der gern allen hilft allen beisteht der seinen
eigenen Rock vom Leibe reißen würde wenn er sähe dass er jemand damit glücklich
machen könnte«
»Dummheiten nichts als Dummheiten« murrte der zornige Bruder und stürzte
ein anderes Glas Grog hinunter »Für einmal liebe Marie wenn du meine
Schwester sein willst so sollst du diese Menschen hassen mehr habe ich dir
nicht zu sagen und nun schweig mir still von diesem Quark Es ist aber zum
Rasendwerden mit dir Bist du nicht eines Arbeiters Kind den eben dieser alte
Preis der Vater dieser zwei prächtigen Söhne ruiniert hat Bist du nicht
einer Mutter Kind die hier neben dir sitzt alt und grau vor der Zeit die
durch diesen alten Preis vernichtet wurde Bist du nicht die Schwester eines
Bruders der diesem alten Teufel ewigen Zorn gelobt bist du nicht in dieser
Hütte geboren wo der Stolz der einzige Schmuck ist bist du nicht schlank und
groß hast du nicht schwarze Haare und kohlschwarze Augen und fließt denn kein
Blut in deinen Adern sprich kannst du nicht einmal hassen«
Eduard schleuderte sein leeres Glas fluchend an die Wand und maß seine
Schwester mit zornigen Blicken
Vergebens suchte die Mutter ihren heftigen Sohn zu beruhigen Die Aufregung
der Reise die immer lebendiger werdende Unterredung und das viele Trinken
hatten Eduard in eine fieberhafte Stimmung versetzt
»Lass dich doch nicht betören« fuhr er zu Marien fort »Du hast diesen
Jungen Burschen wahrhaftig nicht dafür zu danken wenn sie dir von Zeit zu Zeit
einmal einen freundlichen Brocken zuwerfen Damit soll gewöhnlich alles
wiedergutgemacht werden ich weiß es wohl Ein paar Groschen die Woche und alle
halbe Jahre ein Kompliment dafür soll man Leib und Seele verkaufen Die hohen
Herren machen einen billigen Handel Aber wir wollen endlich aufhören uns durch
solche Torheiten fangen zu lassen Unsere Fäuste müssen wir ihnen noch leihen
da sie das Geld haben und wir arm sind Aber kein Teufel soll uns dazu zwingen
dass wir sie außerdem als uns Überragende anerkennen nein unter uns sollen sie
stehen an Stolz und Ehre und unerschrockenem Sinn und es wird eine Zeit kommen
wo diese Reichen Respekt vor uns bekommen werden wo sie sich darüber freuen
werden wenn wir ihnen nicht etwas anderes als einen Fluch ins Gesicht
schleudern«
»Sei ruhig lieber Eduard« fuhr die Mutter fort und strich mit der dürren
Hand das Haar von der brennenden Stirne ihres Sohnes »Es wird gewiss auch einmal
anders in der Welt werden die reichen Leute haben manche Sünde vor Gott zu
verantworten in manchen Sachen gebe ich dir ganz recht und Gott wird auch mit
uns Armen sein«
»Lass den Herrgott aus dem Spiele liebe Mutter wir haben es hier mit
Menschen gegen Menschen zu tun und damit ist die Sache viel klarer und
einfacher Doch vergib mir Marie dass ich dich so erschreckt habe« fuhr Eduard
dann zu seiner Schwester fort die durch das plötzliche wilde Aufbrausen ihres
Bruders sichtbar in Angst geraten war »komm und vergib mir versprich mir aber
auch dass du künftig so denken willst wie ich dass du nicht allein unverdrossen
deine Arbeit tun wirst die bis jetzt nun einmal nicht zu ändern ist sondern
dass du auch wieder stolz und keck sein willst wenn der Tag vorüber ist und wenn
wir unter uns sind Ich kann es nicht leiden wenn man an unseren Herren auch
nur einen Funken Gutes lässt denn im Grunde sind sie doch nur aus Habsucht und
Heuchelei zusammengesetzt sobald sie mit uns Armen in Berührung kommen Früher
habe ich auch nicht so gedacht aber das kalte England brachte mich zum
Verstande und was ich dort lernte will ich hier nicht vergessen Wart nur
ich werde dir noch von den englischen Weibern erzählen die würden dich
auslachen wenn du für die Söhne eines Fabrikanten schwärmen wolltest Nimm dich
in acht liebe Marie vor dem Herrn Julius oder dem August«
Scharf blickte Eduard seine Schwester an sie errötete und schlug die Augen
nieder »Ich werde nie etwas tun was ich nicht vor meinem Bruder verantworten
könnte« erwiderte sie endlich wandelte langsam durch das Zimmer und bog sich
dann über Eduards Schulter indem sie mit ihren Lippen leicht seine Stirn
berührte
»Sieh Gretchen ist schon bald wieder eingeschlafen« rief Eduard und erhob
sich leis von seinem Sitze indem er das Kind vorsichtig in seine Arme nahm
»Wir wollen es zu Bett bringen das kleine Geschöpf Wie schön es ist welch ein
zierliches Gesichtchen ich gebe dir einen Kuss Herzchen ach wie bist du mir
lieb Was meinst du Marie was würde der Herr Preis sagen wenn ich mit diesem
kleinen Mädchen auf dem Arme zu ihm käme und sagte Verehrter Herr Preis dies
Kind hat nun heute von sechs Uhr morgens bis acht Uhr abends für Sie unermüdlich
gearbeitet es ist hin und her gesprungen rechts und links es hat hier Fäden
angeknüpft dort die Wolle aus den Maschinen gezupft bald dies und bald jenes
getan und nie gerastet und nie geruht bis es endlich todmüde hier zusammensank
und das alles ist nur geschehen damit sich das Kind selbst vielleicht ein
Kleidchen und ein wenig Essen und Trinken dadurch erwerbe damit Sie aber in
einer großen Karosse spazierenfahren damit Ihre Söhne Champagner trinken und
auf den Bällen herumtanzen möchten Herr Preis seien Sie aufrichtig ist das
Recht ist das in der Ordnung ist das nicht eine wahre Schande Was meinst du
Marie was würde wohl der Herr Preis sagen«
Da legte Eduard sein Gretchen in das große Bett was den Hintergrund des
Zimmers einnahm
Die Mutter hatte in einem Winkel des Zimmers ein Lager für ihren Sohn
bereitet Marie löschte das Licht aus und die Arbeiterfamilie war bald darauf
in tiefem Schlummer
Es ist Zeit dass wir unsere Leser mit einem andern Sohne des Herrn Preis
bekannt machen Der Fabrikant hatte drei Söhne Den jüngsten Julius kennen wir
schon durch seine Abenteuer auf der Besitzung des Baron dEyncourt den
ältesten Daniel den Philosophen wie er gewöhnlich in der Familie genannt
wurde verwahren wir uns für spätere Zeiten auf der dritte von dem wir jetzt
erzählen wollen heißt August
August mochte fünfundzwanzig Jahre alt sein Sein Äußeres war weder schön
noch hässlich Das blonde Haar das regelmäßige aber ausdruckslose Gesicht die
graublauen Augen in denen selten eine große Lebendigkeit aufblitzte seine
einfachen Manieren und die schlichte in Schnitt und Farbe stets gleichbleibende
Kleidung alles machte ihn zu einem Menschen der bei niemandem einen
unangenehmen Eindruck zurückließ der aber auch die Aufmerksamkeit keines
einzigen fesseln konnte den man ebenso schnell vergaß als man ihn gleichgültig
betrachtet hatte Fast ohne Freunde in einer Stadt wo seine Familie zu den
angesehensten gehörte wo ihn jeder kannte führte er ein sehr stilles
zurückgezogenes Leben Selten mischte er sich in Gesellschaft und wenn dies
doch von Zeit zu Zeit einmal geschah so hielt er sich so fern von dem größeren
Haufen von der allgemeinern Konversation dass man ihn kaum bemerkte dass es für
andere gerade so gut war als wäre er gar nicht dagewesen
Da er an nichts was um ihn vorging Anteil zu nehmen schien da er weder in
Worten noch in Mienen seine Freude oder seinen Verdruss zu erkennen gab und in
seinem Benehmen stets so derselbe blieb dass man ihn mehr aus Stein und Wasser
als aus Fleisch und Blut zusammengesetzt halten musste so bekümmerte sich bald
auch niemand mehr um ihn und wenn doch bisweilen unter den Freunden seines
Vaters oder seiner Brüder einmal die Rede auf ihn kam so meinte man bald von
der einen Seite dass er ein wenig borniert und blöde sei bald von der andern
dass ihn der Eifer für das Geschäft des Vaters so sehr absorbiere dass er auf
einem andern Felde eben nichts mehr wert sei Beide Teile mochten in etwa recht
haben borniert war August in der Weise dass es ihm unmöglich war vor andern
irgendeine Meinung eine Ansicht verständlich und entschieden auszusprechen
Daher denn auch seine Blödigkeit seine Scheu davor je einmal einen Versuch in
dieser Beziehung zu machen Was seine Tätigkeit in dem Geschäft des Vaters
anging so beurteilte man ihn hierin ziemlich richtig denn August arbeitete so
fleißig und gewissenhaft dass ihm nicht viel Zeit übrigblieb sich
gesellschaftlich auszubilden Wie Julius von seinem Vater den Auftrag hatte
sich mit den Arbeiten des Komptoirs zu beschäftigen so war August dazu
bestimmt die Aufsicht über die Fabrik zu führen die Spinn Webeund
Färbemuster zu kontrollieren Arbeiter zu engagieren und zu verabschieden und
den Buchhalter und Kassierer im Auszahlen der Löhne zu unterstützen und
ebensosehr wie Julius seinen Posten vernachlässigte und einen unwiderstehlichen
Hang in sich fühlte den Gentleman zu spielen ebenso ausschließlich und
unermüdlich beschäftigte sich August mit dem was ihm der Vater übertragen
hatte Schon viel früher als sich die Arbeiter am Morgen einfanden wandelte er
durch den Garten um die Fabrik gerade als hätte er sich erst jedesmal wieder
ganz mit seinem Terrain bekanntmachen müssen ehe er die Hand zu neuer Arbeit
erhob hatte endlich die Uhr der Fabrik geschlagen und begann im Hintergrund
dieses Gebäudes das dumpfe Spektakeln der Maschinen das Brausen der Kessel das
Dampfen und Glühen der Essen da war er auch an Ort und Stelle schreibend
rechnend kontrollierend Befehle erteilend und alles geschah so ruhig mit so
viel Gelassenheit und Präzision dass er gewöhnlich in derselben Zeit mehr
ausrichtete als drei andere
Sowie die Mittagsstunde geläutet hatte ließ er zugleich mit allen Arbeitern
die Hände sinken und eilte hinüber in die Wohnung seines Vaters wo er
gewöhnlich etwas früher aß als alle anderen denn August hatte einen
vortrefflichen Appetit aber er trank nie Wein dabei nur Wasser Gleich nach
dem Essen stand er wieder in Reihe und Glied und hörte erst mit seiner Arbeit
auf wenn der Abend dem ganzen Geschäft ein Ende gemacht hatte Seine
Aufmerksamkeit ging sogar so weit dass er noch einmal das ganze Etablissement
durchwanderte wenn schon alles zur Ruhe war eine Gewohnheit die er sich bei
den guten Nachtwächtern der Fabrik wohl hätte ersparen können
Man musste gestehen August war das Muster eines jungen Fabrikanten
schlicht einfach geschickt in seiner Weise tätig ernst umsichtig und
überlegend man hätte sagen sollen der alte Preis müsste seinen Sohn als einen
wahren Schatz verehren die Arbeiter denen er zwar sehr entschieden aber nie
barsch entgegentrat müssten ihn achten und lieben und die ganze übrige
Gesellschaft würde ihn als einen Mann anerkannt haben der seiner Klasse Ehre
mache
Wie wir aber bereits gemerkt haben begnügte man sich damit ihn blöde
borniert und ungeniessbar zu nennen denn der Ort wo August lebte war
keineswegs ein rein industrieller wo die Herren Fabrikanten schon ein solches
Übergewicht allein hatten dass ihr Benehmen den Ton in der Gesellschaft angab
Ein deutscher Industrieller hat zwischen seinen gelehrten Landsleuten noch
keineswegs die Stellung erobert welche sich zB der Bolton Birmingham oder
ManchesterMann in seinem Hause zu sichern wusste Die Damenwelt der Gesellschaft
war nicht günstiger für ihn gestimmt wie die Kreise der Gelehrten und Beamten
Außer dass er von mancher lächelnden Schönheit borniert gescholten wurde ärgerte
man sich noch darüber dass er nie in seinem Leben eine Spur von Galanterie
gezeigt hatte es ist als wenn dem jungen Manne ein Stock im Rücken säße als
wenn ihm Blei auf der Zunge läge als wäre Eis in seinem Herz hatte manche
heiratslustige Jungfrau bemerkt und die Frau Mutter konnte nicht umhin zu
bemerken dass es doppelt traurig sei da der junge Herr Preis doch seinerzeit
ein vermögender Mann werde
Die Arbeiter der Fabrik waren in anderer Weise in ihrem Urteil über August
ebenso einig wie die höhere Klasse der Gesellschaft Sie achteten ihn und hatten
großen Respekt vor ihrem jungen Herrn denn er zeigte überall dass er sein Fach
verstehe dass er mit Leib und Seele bei der Arbeit war dass ihm alles ernst war
was er tat August hatte sich auch nie etwas gegen sie vergeben er hatte sich
nie lächerlich gemacht niemand war imstande ihm etwas vorzuwerfen was seinen
Charakter als tüchtigen Geschäftsmann getadelt hätte Aber die Arbeiter liebten
ihn nicht teils wohl weil er ihnen stets auf den Fersen saß und keine
Nachlässigkeit ungerügt hingehen ließ mehr aber noch weil er seine Befehle
stets mit einer solchen Schärfe erteilte dass dem Gehorchenden unwillkürlich
Furcht dadurch eingejagt wurde Sie hatten gewissermaßen unrecht sie irrten
sich wenn sie den Bruder Julius der nur gar zu oft mit wohlfeilen Spässen um
sich warf für geneigter und freundlicher hielten als den ernsten August Wie
dem leichtsinnigen Julius überhaupt nichts daran lag ob das Geschäft seines
Vaters florierte oder nicht so kam es ihm auch gar nicht darauf an die
Arbeiter hin und wieder von der Beschäftigung abzuziehen und sie durch kleine
Geschenke oder lustige Redensarten zu seinen Freunden zu machen Im Grunde lag
ihm natürlich an dem Wohl oder Weh des armen Gesindels ebensowenig wie an der
Glückseligkeit aller andern armen Teufel Aus Laune war er oft gutmütig und
generös Hinter Augusts anscheinender Kälte saß dagegen ein warmes Interesse an
dem Wohlergehen seiner Untergebenen eine Teilnahme die ebenso fest und
aufrichtig war wie alles was diesen sonst so linkischen Menschen bewegte
Seines Gefühles wohl bewusst zufrieden mit sich selbst gab er sich daher auch
niemals Mühe einen größeren Effekt zu machen als den welchen sein Benehmen
unwillkürlich mit sich brachte er verlangte von seinen Untergebenen
entschiedenen Gehorsam nur dann wenn er nach den Gesetzen der Gegenwart ein
Recht dazu hatte er half und unterstützte wenn er einen Erfolg dabei zu hoffen
hatte er ließ sich sogar zur unbegrenzten Freigebigkeit verleiten wenn eine
angeborene Gutmütigkeit jenen strengen Geschäftsernst überwand den er sich seit
Jahren zur Richtschnur gesetzt hatte Alles das ging natürlich den meisten
Arbeitern verloren sie sahen in ihm eben nur den gestrengen energischen und
verständigen Herrn dem sie zwar alle Achtung zollten den sie aber auch
hinterrücks gern verleumdeten und herunterzogen als hätten sie sich dadurch für
ihren Gehorsam entschädigen wollen den sie Aug in Auge mit ihm leisten
mussten Da geschah nichts was den Arbeitern unangenehm war Herr August musste
die Hand dabei im Spiele haben wenn der alte Preis tobte und fluchte so
sollte August dazu die Veranlassung gegeben haben wenn er jemanden zur Fabrik
hinausjagte da stand es bei den Arbeitern fest dass August an der ganzen Sache
Schuld sei
Dieses Unglück immer halb verkannt zu werden hatte August nicht weniger in
dem Verhältnis zu seinem Vater Der alte Preis wusste sehr gut dass er an seinem
Sohne die beste Stütze im Geschäft habe dass August imstande war jeden Tag das
ganze Etablissement zu übernehmen und mit Erfolg zu dirigieren er wunderte sich
sogar über seinen Sohn dem es trotz aller Mittel die ihm zu Gebote standen
niemals einfiel sich das Leben in etwa angenehm zu machen er konnte es fast
nicht begreifen wie ein junger Mensch noch tätiger als er selbst sein könne
Mit einem Wort der alte Fabrikant hielt große Stücke auf seinen Sohn er lobte
ihn sogar bisweilen als seinen einzigen geratenen Jungen und strich ihn bei dem
leichtsinnigen Julius als ein Muster aller Tugenden und bei dem
phantastischphilosophischen Daniel stets als einen Menschen heraus der das
Nonplusultra aller Liebenswürdigkeit und Pünktlichkeit sei Im Grunde genommen
war der alte Herr mit seinem August aber weit unzufriedener als mit den beiden
anderen Söhnen zusammen Alles was der leichtsinnige Julius an elegantem
chevalereskem Auftreten und der sonderbare Daniel an Witz und Verstand in den
Augen des Alten zuviel hatten alles das hatte der ernste August zu wenig So
sehr der alte Preis sich darüber ärgerte dass sein Julius oft in einem Tage
mehr Geld zum Fenster hinauswarf als alle Arbeiter in einer Woche verdienten
ebensosehr freute er sich jedoch wieder darüber wenn dadurch irgendein neuer
Glanz auf den Namen Preis geworfen war wenn es die Leute weit und breit von
dem mächtigen Vater dieses flotten Jungen reden machte Und Daniel gerade so
fest wie der Alte davon überzeugt war dass dieser sein ältester studierter
Sohn ein Verrückter ein kompletter Narr sei gerade so entzückt war er doch
darüber wenn ihm irgendein Regierungsrat versicherte dass sein Daniel ein Lumen
mundi sei gerade so sehr freute er sich darüber wenn er Daniels Namen in der
Zeitung in den Bücherannoncen oder in dergleichen erwähnt fand
Alle diese glänzenden Eigenschaften welche bei dem ältesten und jüngsten
Sohne im Übermasse entwickelt waren eben die fehlten aber dem stillen August
durchaus und das war dem alten Herrn noch viel unleidlicher August war in
seinen Augen nichts weiter als ein einfacher Fabrikant das wollte aber der alte
Herr gar nicht Er hatte Geld genug verdient es war gar nicht nötig dass
August sich so unendliche Mühe gab das Geschäft sollte zwar fortgesetzt werden
aber die Söhne sollten es in genialer grandioser Weise tun noch war er selbst
der alte Preis ja da der gern den gewöhnlichen Kram besorgte weil es ihm
einmal so zur Gewohnheit geworden war Die Söhne sollten indes ohne gerade die
Kaufmannschaft an den Nagel zu hängen nach einer höheren Stellung als nach der
eines simplen Fabrikanten streben sie sollten sich auch auf andere Weise
herausbeissen sie sollten auch noch nach einem andern Ruhm als nach dem eines
tüchtigen Industriellen ringen Der alte Preis vereinigte nämlich mit seinen
vielen Leidenschaften auch noch einen davon sehr verschiedenen politischen
Ehrgeiz er gehörte der Bourgeoisie an einer Klasse die bisher ohne allen
Einfluss im Staate war die aber anfing sich zu fühlen die an den Mittelklassen
Englands und Frankreichs in der letzten Zeit ein zu anspornendes Beispiel hatte
als dass ihr nicht die Lust gekommen wäre sich ebenfalls zu entwickeln und ein
Wörtchen mitzusprechen Lange hatten diese Gelüste bei dem alten Fabrikanten
geschlummert er sah ein dass die Zeit noch nicht gekommen war um mit solchen
Ideen hervorzutreten Er beschränkte sich daher lange Zeit darauf seinem
künftigen Wirkungskreise erst eine solide Basis zu schaffen indem er alle seine
Geisteskräfte auf den Gelderwerb konzentrierte Er war erfolgreich hierin
gewesen Sein Vermögen hatte sich mit jedem Jahre vergrößert es wurde fast zu
groß für den Betrieb seines Geschäftes enorme Kapitalien lagen unbenutzt gegen
schlechte Zinsen bei allen benachbarten Bankiers Sollst du es wagen und jetzt
als der Repräsentant der rheinischen Bourgeoisie auftreten hatte er sich oft
gefragt und mit Siegesgewissheit auf sein Portefeuille geklopft Sollst du dein
ganzes Geschäft versilbern sollst du agitieren und die Presse mit deinem Gelde
in Unruhe bringen Sollst du ein paar Dutzend Schreihälse in deinen Sold nehmen
und deine Kollegen überall aus dem Schlummer wecken Der mutige Fabrikant war
oft auf dem Punkt gewesen solche Ideen praktisch auszuführen Aber
unwillkürlich fiel ihm dann wieder ein dass er nur ein einzelner sei dass noch
keineswegs eine hinreichende Masse da sei welche eine Partei bilden könne dass
außer ihm noch andere reiche Leute tätig seien welche sich der Bewegung
hingäben und unverdrossen fuhr er dann wieder im Kommerz fort
Nie aber seine Pläne aus den Augen verlierend hatte er bald darauf auf der
einen Seite seine überflüssigen Kapitalien zu Güterankäufen verwendet um sowohl
als Fabrik wie als Grundbesitzer eine Rolle zu spielen anderseits aber die
Schutzzollagitation eingeleitet in der er das einzige Mittel zur Emanzipation
der übrigen deutschen Industriellen erblickte Der Herr Preis räsonierte Wenn
wir durch hohe Zölle gegen die Konkurrenz des Auslandes geschützt sind da
werden im Nu in allen Teilen Deutschlands Fabriken heranwachsen mir selbst als
Fabrikanten wird dies wenig schaden denn die später natürlicherweise
entstehende inländische Konkurrenz kann mir nicht gefährlicher werden als es
jetzt schon die ausländische ist Als politisch Ehrgeizigem nützt mir die Sache
aber entschieden denn jeder der neuen deutschen Industriellen wird bei einem
Schutze florieren er wird reich werden und da sein Interesse ganz das meine
ist so wird er sich zu meiner Fahne schlagen und die Partei ist fertig eine
Partei mit Geld Intelligenz und Habsucht ausgerüstet der eine morsche
Bürokratie schwerlich widerstehen wird einige Jahre nach Durchsetzung der
Schutzzölle werden wir schon unsere Kapitalien in die Waagschale werfen können
und es ist kein Zweifel dass sie immer mehr zur Konstitution und daher zu unserm
Vorteil hinüberschwenkt
Mit der Schutzzollagitation war Herr Preis im besten Zuge wie wir aus
einem frühern Kapitel wissen Gar zu gern hätte er bei dieser Arbeit einen
seiner Söhne benutzt Er versuchte mehr wie hundertmal ihren Ehrgeiz
aufzustacheln indem er ihnen ihre kommerziellpolitische Zukunft mit den
brennendsten Farben ausmalte aber alles war vergebens Der Philosoph Daniel
der jedenfalls die Feder am besten zu führen wusste war zu sehr über allen
irdischen Dingen erhaben als dass er sich dazu verstanden hätte eine Abhandlung
über Garn und Eisenzölle zu schreiben Wenn der lebendige Alte davon anfing und
mit aller Ruhe seine Gründe nett auseinandersetzte da machte der todernste
Gelehrte schon in der ersten halben Stunde der Konversation so tolle Sprünge
dass der eifrige Alte bald nicht mehr wusste ob er sich krank lachen oder krank
ärgern sollte Gewöhnlich sprang er dann vom Stuhle auf die Stirn voller
Angstschweiß die Fäuste fest ineinandergekniffen und erklärte der Haushälterin
vor der Türe der Daniel sei ein Esel und ein Schafskopf hinten und vorn ein
wahres Kind ein Geck ein Hanswurst der nicht wert sei dass man ihn mit der
Splitte Holz vor den Kopf schlage
Daniel zündete in solchen Augenblicken ruhig eine Zigarre an Mit dem
liebenswürdigen Julius ging es dem Vater nicht besser wie mit dem
unverständlichen Philosophen Julius hatte sich den Adam Smit in der
Buchhandlung holen müssen MacCulloch Sismondi Ricardo List und das
Zollvereinsblatt vor allen anderen Dingen der Vater hatte ihm mit Stockprügeln
gedroht wenn er nicht alles durchstudiere und merke und nicht in Zeit von einem
Monat den gründlichsten Beweis führen könne dass er mit der ganzen Ökonomie so
vertraut sei wie mit Klauren und Schiller und Uhland und mit den Aventures des
Chevalier Faublas War der festgesetzte Termin aber verstrichen und examinierte
der Alte seinen Sohn ob er den Adam Smit endlich widerlegen könne und ob es
ihm möglich sei für das Schutzzollsystem aufzutreten und ein Rundschreiben an
die Herren Kollegen oder eine Petition an das Gouvernement zu entwerfen ach
Gott da fand sich jedesmal dass der teuere Julius wohl begriffen hatte dass
zweimal zwei vier sei dass es ihm aber im höchsten Grade dunkel war wie man bei
einem gehörigen Zoll auch wohl aus vier acht und sechzehn machen könne
Gottergeben faltete der Alte dann seine Hände und versicherte seinem
Jüngstgeborenen dass er ein Stockfisch sei
Zuletzt sollte dann auch August herhalten bei dem der Alte in allen
verzweifelten Fällen wider Willen seinen Trost suchen musste August hatte
wenigstens einen Begriff vom Handel und Wandel er war nicht verrückt wie der
Philosoph und nicht zerstreut wie Julius mit August musste alles gelingen
Verständlich und deutlich setzte der Alte seine Pläne auseinander und wenn er
fertig war da versicherte August jedesmal dass er alles trefflich verstanden
habe und gern die ganze Sache auf der Stelle zu Papier bringen wolle In wenigen
Stunden war dies getan der Alte ergriff das Manuskript und gab sich ans Lesen
Die Arbeit war rein und klar und so deutlich geschrieben so ordentlich so
kaufmännisch es war kein Zweifel daran dass der Alte zufrieden sein musste Beim
Durchlesen der angeführten Fakta war dies auch der Fall sobald der Vater aber
in das Räsonnement geriet sieh da verfinsterte sich plötzlich seine Stirn er
trampelte mit den Füßen rückte auf dem Stuhl hin und her wirbelte und fluchte
und war er zu Ende da riss er auch Jedesmal die Arbeit seines Sohnes in tausend
Fetzen »Du bist ein kurioser Kerl lieber August du schreibst recht hübsch und
verständlich darin ist gar nichts auszusetzen aber das sind ja gar nicht meine
Ideen was du da zum Besten gibst du schreibst wie ein Pastor wie ein
Philantrop du sprichst ja gerade für unsre erbittertsten Feinde du bleibst ja
gar nicht bei der Sache bei unsren Interessen ich glaube du schwärmst du
bist mondsüchtig du hast den Sparren heiliger Gott beschütze mich vor diesem
Sohne«
August war zu sehr an die Redensarten seines Vaters gewöhnt als dass er sich
dadurch hätte verwirren lassen
»Was ich geschrieben habe ist meine Überzeugung« erwiderte er »ich kann
nichts anderes schreiben als das Die Industrie ist eine herrliche Sache aber
die Industrie wie sie heutzutage getrieben wird ist verkehrt und grausam und
ich werde mich nicht dazu hergeben Sachen zu verteidigen die ich für schief
und falsch halte Es ist schon genug dass ich noch praktisch in deinem Geschäft
tätig bin ich habe meine Gründe dafür dass ich es noch bin aber ich werde
nicht dazu auffordern dass man noch weitere Etablissements nach dem jetzigen
Stil ins Leben ruft«
Mit dieser Erklärung hatte August das Zimmer verlassen Der Vater sah ihm
verwundert nach
»Ist es nicht eine Schande solche Burschen zu seinen Söhnen zu haben«
fragte er den Buchhalter Weber »Ich verstehe eigentlich gar nicht was dieser
Narr meint soviel ist aber gewiss dass sein ganzer Witz keinen Schuss Pulver wert
ist Dieser Mensch schwärmt für die Menschheit haben Sie je so etwas gehört
Herr Weber Er kann nicht einmal lügen Gott sei bei mir es ist zum
Närrischwerden Statt für Schutzzölle zu räsonieren nimmt er sich des
Fabrikkindes in diesem Aufsatze an Bei Gott ich sehs mit Schrecken der
Mensch hat ein zu gutes Herz hol ihn der Teufel«
Herr Preis hatte sich seitdem daran gewöhnt alle Schreibereien der
Schutzzollagitation mit der Hilfe eines Komptoiristen zu besorgen Eigenhändig
brachte er natürlich nie etwas zu Papier er hatte von jeher einen kleinen
Horror vor allem und jedem Schreiben selbst das Zeichnen seiner Unterschrift
langweilte ihn so erschrecklich dass ihn der Buchhalter Weber oft flehentlich
bitten musste ehe er einen Wechsel unterzeichnete dessen Absendung nicht länger
mehr verschoben werden konnte Ob diese Schreibscheu aus wirklicher Furcht vor
etwas »Schriftlichem« entstand Es war leicht möglich der schlaue Fabrikant
wusste sehr gut dass man in manchen Augenblicken des Lebens nicht mit Feder
Tinte und Papier spassen soll Bei bestem Willen wäre es ihm indes jetzt nicht
mehr möglich gewesen einen Brief zustande zu bringen und wenn es dennoch
einmal gelang so hatte er gewiss an zehn Stellen das Papier mit der Feder
zerrissen oder so reichliche Kleckse zwischen die verschiedenen Perioden
gesetzt dass das Blatt doch wieder von einem Gehilfen kopiert werden musste Bei
Regulierung wichtiger Familienangelegenheiten machte er bisweilen noch den
Versuch selbst eine Epistel abzufassen er erschrak dann aber jedesmal so sehr
über seine Ungeschicklichkeit dass er selten bis an das Ende der Seite fortfuhr
Das Zerreissen und Beklecksen des Papiers war nämlich nicht das einzige was ihn
dabei störte denn ebenso gewandt wie er darin war seine Gesinnungen in der
Konversation vorteilhaft zu bemänteln ebenso unglücklich war er wenn dies
schriftlich geschehen sollte Es war ihm nicht anders möglich als in kurzen
abgebrochenen Sätzen zu schreiben die so deutlich ausdrückten was er dachte
dass in den meisten Fällen alle seine Unternehmungen dadurch gleich verraten und
vereitelt worden wären In der Rhetorik war er ein Meister in der Stilistik ein
Stümper seine trügerische Zunge hatte er daran gewöhnt lieblich zu lispeln
während sich seine Hand in der Tasche zornig zu einer ehrlichen Faust ballte
die arme Faust sie konnte nun nicht anders als ehrlich sein und brachte in
ihrer Naivität alles gerade so treu und ehrlich auf das Papier wie es des
Schreibers Seele dachte Diese Unbeholfenheit des Schreibens ging so weit dass
es dem werten Herrn wenn er sich hinsetzte um jemandem recht höflich zu
schreiben den er doch von ganzem Herzen hasste mehr als einmal passierte dass
er schon bei der dritten Zeile aus dem Texte fiel und plötzlich in den derbesten
Zügen seine wahre Stimmung zu erkennen gab dass er einen Bankier geradezu einen
Gauner nannte und einen Beamten noch viel übler titulierte
Der Herr Preis hat daher ein für allemal der Schriftstellerei entsagt und
sich sowohl bei der Handelskorrespondenz als bei allen übrigen Depeschen an das
Diktieren gewöhnt Im Diktieren von Schutzzollpetitionen hatte er namentlich
eine große Force erlangt da aber hier die eine nach der andern vom Stapel lief
so wurde es bald nötig dass immer neue Formen und Wendungen erfunden werden
mussten um die Sache vor dem Langweiligwerden zu retten Sehnlich hatte er
gewünscht dass ihm seine Söhne durch das Studium der Ökonomie hierbei behilflich
wären und stets neue Data zuführten die in seinen Kram passten Leider geschah
dies nun nicht Daniel der Philosoph war zu großartig um benutzt werden zu
können Julius zu flüchtig und August wollte nicht bei der Geschichte helfen
Der Herr Preis sah sich daher genötigt alle seine Argumente aus der eignen
unsterblichen Seele zu schöpfen dicke Bände weitläufige Werke konnte er nicht
mehr durchlesen dazu war er zu alt seine Erfahrung und seine Keckheit mussten
überall durchhelfen das war das einzige womit er in die Schranken trat um
seine Gegner niederzuschmettern Übrigens verstand es sich von selbst dass der
tätige Fabrikant seine Kollegen stets aufmunterte seinem Beispiel zu folgen
und auch immer wieder eine Kassenanweisung daran wagte um einen willigen
Literaten für die Agitation zu gewinnen
Verdriesslich war ihm indes immer von seinen Söhnen ganz im Stich gelassen
zu werden er hatte sich davon überzeugt dass Daniel und Julius durchaus für
seine Pläne untüchtig waren Von August wusste er aber dass ihm die Sache
geläufig genug war um mitwirken zu können es konnte daher nicht ausbleiben
dass sich der Vater mit diesem seinen Sohne mehr wie mit den beiden andern
überwarf dass er ihm vorzugsweise zürnte
Auch durch viele andere Vorfälle war die Stellung Augusts zu seinem Vater
immer unangenehmer geworden Diese Vorfälle gehörten mehr dem eigentlichen
Geschäfte an Der alte Preis hatte nämlich seit einiger Zeit durchaus darauf
renonciert irgend etwas Gutes und Preiswürdiges mit seiner Fabrik zu
produzieren Billig nur billig schrien die Käufer auf allen Märkten und
billig nur billig produziert das war es was er ohne Unterlass in seine Fabrik
hineinrief Der unermüdliche Fabrikant hatte keine Ambitionen mehr für einen
tüchtigen Industriellen zu gelten es lag ihm nur daran sein Geschäft noch im
Schwunge zu halten und auf irgendeine Weise Geld damit zu machen Statt mit dem
Wenigen und Guten hielt er es mit dem Schlechten und den Massen Die meisten
Käufer wussten dies sehr wohl und hüteten sich oft genug dem ehrenwerten Herrn
Preis in die Hände zu fallen Wenn er aber mit seinen schlechten Massen nun
wirklich heranrückte und aus dem einfachen Grunde weil er eben nur schlechtes
Zeug zu Markte führte viel billigere Preise als jeder andere stellte da ließ
sich dennoch manche zu einem Kaufe verleiten und selten war es dass dem
würdigen Fabrikanten eine derartige Spekulation verunglückte
Wie für alles so wusste der Herr Preis auch für solche Unternehmungen die
plausibelsten Gründe anzugeben »Die ganze Welt ist in mancher Weise offenbar am
Schlechterwerden am Zurückgehen« sagte er oft »man muss daher mit der Zeit
fortschreiten und ebenfalls schlechter werden und zurückgehen durch das
Rückwärtsgehen machen wir hier offenbar einen Fortschritt und stehen dann wieder
auf der Höhe der Gegenwart« Das lautete sehr gerade der Herr Preis machte
aber seinen Schnitt dabei
Ein solches Verfahren war indes für August ein Greuel August geradezu
gesagt hasste die Industrie wie sie heutzutage betrieben wird Er ehrte aber
ihre guten Elemente weil er das Welterlösende in ihnen erkannte und davon
überzeugt war dass die Industrie einst die Menschen glücklicher machen würde
Wenn er sich daher jetzt überhaupt mit ihr befasste so geschah dies keineswegs
um des Gelderwerbs wegen wie es der Vater tat nein er hielt die Industrie für
eine große Aufgabe unsres Jahrhunderts zu deren Lösung und Vervollkommnung ein
jeder der sich dazu berufen fühlte etwas beitragen müsste Und August fuhr um
so unverdrossener in seiner Arbeit fort weil er mit der endlichen
Vervollkommnung der Industrie auch die Beseitigung ihrer üblen Seiten erwartete
Aus diesem Grunde war er schon ein für allemal mit der Produktionsweise seines
Vaters unzufrieden der sich ja eben ganz das Gegenteil zum Ziele gesteckt
hatte der nur in der Lumperei sein Heil suchte dem an der Industrie an der
Sache selbst nicht im mindesten etwas gelegen war der als alter Spekulant und
Aventurier nur an seinen Beutel dachte und das übrige gehen und liegen ließ wie
es lag und ging Die feste Meinung dass mit der Vervollkommnung der Industrie
ihre schlimmen Seiten schwinden würden zwang August auch dazu ein jedes
Schutzzollsystem von vornherein zu verdammen Er fürchtete zu sehr dass mit dem
Aufhören der Konkurrenz verschiedener Nationen eben solche Leute wie sein Vater
sich auf das Faulbett legen würden dass mit dem Eintreten der Schutzzölle aller
Erfindungsgeist gelähmt und unangespornt bleiben würde und der ganze Jammer der
heutigen Industrie bis in alle Ewigkeit fortginge Bei freiem Handel bei freier
Konkurrenz nach allen Seiten hin erwartete er ein fortwährendes Verbessern und
Vereinfachen aller Maschinen was zwar in seinen Übergängen dem
Fabrikproletariat unendliche Wunden schlage aber zuletzt einen solchen Zustand
herbeiführen musste dass eine Kapitulation zwischen Reichen und Armen wenn sie
nicht schon auf andere Weise herbeigeführt wäre dann das unvermeidliche
Ereignis sein würde Die politischen Gründe welche der alte Preis bei der
Schutzzollagitation hatte waren für August durchaus null und nichtig denn
einesteils lag ihm überhaupt nichts an politischen Umwälzungen und dann musste
er ja auch fürchten dass durch ein entschiedenes Aufkommen der deutschen
Bourgeoisie das System der Schutzzölle nur gar zu lange en vogue bleiben werde
dass man das Fabrikproletariat noch jahrelang auf die Folter spannen und eine
Umgestaltung unserer sozialen Zustände noch viel länger hinausschieben werde
als er sie durch die Entwicklung der freien Konkurrenz herbeizuführen hoffte
August war daher in allen Hauptpunkten mit seinem Vater nicht einverstanden
In der Schutzzollangelegenheit hatte er nicht allein nichts getan er hatte sich
gewissermaßen noch über seinen Vater deswegen lustig gemacht indem er mehrere
Male allem Anschein nach dafür auftrat und dann doch die Interessen der
Fabrikarbeiter immer mehr verteidigte als die der Fabrikherren In der Art des
Fabrizierens harmonierten Vater und Sohn ebenfalls nicht und wenn es zwischen
beiden bisher noch nicht zu einem förmlichen Bruche gekommen war so lag dies
nur daran dass der alte Preis seinen Sohn zu sehr brauchte und August noch
immer nicht wagte mit seinen Meinungen offen und entschieden hervorzutreten
Innerlich war er indes seiner Sache gewiss
Einer Gesellschaft fliehend in der er sich unbehaglich fühlte und in der
ihn niemand liebte da er sich nicht darin zu bewegen wusste von seinen
Arbeitern verkannt und verspottet da es ihnen nicht einfiel hinter seinem
ernsten und strengen Äußeren jene Teilnahme zu suchen die er so aufrichtig und
warm für sie fühlte mit den Brüdern und dem Vater in ewigem Streit und Zank da
ihrer aller Neigungen sich beinahe schnurstracks entgegenliefen einfach und
unglücklich wie er war hatte August sich längst in sich selbst zurückgezogen
voll Abscheu vor einer Gegenwart die mit all ihren Kontrasten und
Verkehrteiten vor seinen Augen lag Lange Zeit hatte er die traurigsten Abende
verlebt nach einem Tage voller Mühe und Arbeit fand er zu Hause weder Trost
noch Ruhe er gab sich ans Lesen er las das Schönste was unsere Literatur
aufzuweisen hat ohne davon erquickt zu werden
Wochen und Monate vergingen da fielen ihm zufällig einige Broschüren in die
Hand in denen die Umrisse der Systeme Owens Fouriers Weitlings gegeben wurden
er fand plötzlich hier alles klar und deutlich ausgesprochen was ihn quälte
seit langer Zeit Eifrig studierte er weiter machte sich mit den Lehren
SaintSimons und mit manchem unserer neuesten deutschen Schriftsteller bekannt
und wie Schuppen fiel es ihm von den Augen Was er dunkel geahnt hatte hier war
es nach tausend Seiten hin entwickelt nach wenigen Wochen war er klar über
unsere Zeit er war froh er war glücklich seine ganze Umgebung von der er
bisher nicht wusste ob er sie mehr verachten als bemitleiden sollte sie war ihm
verständlich jetzt in all ihren Teilen und ein jubelnder Heroe stand er über
ihr seine Stirn brannte sein Herz pochte und mit einem Fluch auf die
krämerhafte Verworfenheit unsrer Tage wandte er sich jenen großen Geistern zu
welche nicht daran verzweifeln dass man eine bessere und schönere Zeit
heraufbeschwören könne August war Sozialist geworden
August hatte nie geliebt Eine angeborene Schüchternheit hielt ihn von jeher
fern von aller Gesellschaft und eine sehr ernste und prosaische Beschäftigung
welche seine ganze Jugendzeit fortnahm hatte ihn nur zu sehr daran gewöhnt
seiner Seele keinen höheren Flug zu gestatten als den der zur Vollbringung
seiner Arbeit nötig war Durch den Anblick der vielen unglücklichen Mädchen die
im zartesten Alter ihre Laufbahn als Fabrikarbeiterinnen unter seinen Augen
begannen und gewöhnlich schon nach mehreren Jahren die Frische ihrer Jugend die
Lebendigkeit ihres Alters einbüssten hatte er das weibliche Geschlecht mehr
bemitleiden als lieben gelernt Bei seiner kalten nüchternen Sinnesart geriet
er auch nie in Gefahr sich in eine jener traurigen Verbindungen einzulassen
welche so manchen jungen Mann seines Alters und seiner Stellung an sich und
andern zum Verbrecher machen Weder Liebe noch Leidenschaft hatten ihn bisher
aus seinem Geleise bringen können ebenso tüchtig wie er arbeitete ebenso
tüchtig aß er und schlief er und Wochen konnten vergehen ohne dass er an einem
Tage mehr dachte und tat als an einem andern er war die Gelassenheit die
Gewöhnlichkeit selbst
Da entwickelte sich bei ihm nach und nach jene Unzufriedenheit mit seiner
ganzen Umgebung jener Überdruss jener Abscheu vor dem unwürdigen industriellen
Treiben zu dem er vom Schicksal verdammt zu sein schien und der Frieden seiner
Seele war entschieden gestört Je mehr er über sein bisheriges Leben nachdachte
desto erbärmlicher kam es ihm vor vom Morgen bis zum Abend an eine
Beschäftigung geschmiedet welche einzig und allein darauf gerichtet war den
Schweiß seiner Arbeiter in bares Geld zu verwandeln es war ihm schrecklich er
hätte davonlaufen mögen und er war auch wirklich mehrere Male im Begriff
seinem Vater »aufzukündigen« als er plötzlich in jene soziale Richtung geriet
und den Entschluss fasste an Ort und Stelle zu bleiben der Gegenwart zu trotzen
sie herauszufordern den Kampf mit ihr zu beginnen statt durch ein feiges
Davonlaufen sich vor ihr zu retten sie im Gegenteil fest ins Auge zu fassen
und das Seinige dazu beizutragen sie zu ändern umzugestalten und zu bessern
Er fühlte dass ihm dies auf einem größeren Felde im allgemeinen Sinne des Wortes
unmöglich sei er hoffte aber in seiner nächsten Umgebung schon genug
Gelegenheit dazu zu finden
Diese Idee hatte sein ganzes Wesen verändert äußerlich noch immer rau und
ernst kochte es doch in seinem Innern und tobte und brauste dass es ihm bald
schwer wurde seine Bewegungen zu verbergen Er sehnte sich daher nach einem
Wesen dem er frei und offen entgegentreten konnte dem er an die Brust sinken
dem er mitteilen konnte was in seinem Innern vorging was er dachte was er
hoffte was er wollte Aber wem sollte er dies erschließen Er kannte niemand
dem er sich hätte anvertrauen mögen Sein Vater würde ihn mit Grobheiten
abgespeist haben seine Brüder würden ihn auslachen andere Freunde verstanden
ihn vielleicht gar nicht Traurig verschloss er seine Pläne wieder in der Tiefe
seines Herzens
In einer solchen Stimmung saß er einst an einem Samstagabend auf seinem
kleinen Komptoir ein Zimmer in dem er allein arbeitete er hatte den Befehl
gegeben dass man die Maschine stillsetzte und dass die Arbeiter zu ihm
hereinträten um ihren Wochenlohn in Empfang zu nehmen
Auf zwei großen Tischen welche die vordere Seite des Raumes einnahmen lag
das Geld bereits abgezählt Der Buchhalter Weber ein Komptoirist und ein
Kontremaître der Fabrik kamen nacheinander herein um ihn im Berichtigen der
einzelnen Zahlungen zu unterstützen
Das Auszahlen der Löhne ist in den Fabriken stets ein feierlicher Moment
Hinter den Zahltischen stehen die Fabrikherren und die Fabrikaufseher Finster
und gravitätisch ihrer Würde bewusst mit einer gewissen Verachtung auf die
bleichen zerlumpten Gestalten hinunterschauend die nach und nach vor den Tisch
treten um sich für die Arbeit der Woche durch eine Bagatelle belohnen zu
lassen und die noch wohl gar dafür danken dass man sie so schlecht wie möglich
bezahlt Nur in England wo wir dem Akt des Lohnauszahlens oft beiwohnten hat
die ganze Geschichte einen für den Arbeiter günstigern Anstrich das englische
Proletariat ist über seine Stellung der Bourgeoisie gegenüber schon viel klarer
wie das aller andern Länder Sie wissen dass die Herren nicht ohne die Arbeiter
fertig werden können und dass nächstens eine Stunde schlägt wo es zwischen
diesen beiden Klassen einmal zu einer genaueren Abrechnung kommt Die meisten
englischen Arbeiter treten daher barsch und stolz vor ihren Herrn ohne zu
grüßen ohne eine Miene zu verziehen steif und ernst Sie lassen sich das Geld
Stück für Stück vorzählen sehen es nach schieben es langsam und bedächtig in
die Hand drehen sich um ohne zu danken ohne zu grüßen und verlassen das
Zimmer geradeso steif so ernst so stolz wie sie eben hereintraten
In Deutsahland ist die Sache natürlich bei weitem anders die ganze Szene
trägt noch ihren mittelalterlichen Charakter der Arbeiter lebt bei uns noch in
der Furcht des Herrn selten ist es dass ein armer Teufel vergisst für seine
wohlverdienten paar Dreier herzlichst zu danken
In der Fabrik des Herrn Preis kannte man nun namentlich gar keine
ungeschliffenen Gesellen dort standen die Arbeiter zu ihrem Herrn noch im
schönsten leibeigenschaftlichsten Verhältnis
Im Vordergrunde stand August um den Arbeitern das Geld zu überreichen
neben ihm der Komptoirist um darauf zu achten dass sein Herr nicht aus Versehen
oder aus übel angebrachtem Großmut eine Münze zuviel in die Hände der Leute
steckte Rechts der Kontremaître um jedem Arbeiter der im Laufe der Woche
einer Sünde teilhaftig geworden einen derben Rüffel zu erteilen oder das bei
Heller und Pfennig am Lohne abzuziehen was der Unglückliche vielleicht an der
Ware geschädigt hatte
Links an dem Schreibtische seines Herrn lehnte der Buchhalter Weber prisend
und grinsend die grüne geputzte Brille auf der kupferroten Kartoffelnase die
Hände in den Hosentaschen im grauen Komptoirrock aus dessen durchlöcherten
Ärmeln die spitzen Ellenbogen nach allen Seiten im Schmuck des gelblichweissen
Baumwollhemdes ins Weite starrten Der Buchhalter Weber war eigentlich bei dem
ganzen Akt sehr überflüssig er hielt es aber für seine Pflicht die Feier der
Szene durch seine werte Persönlichkeit noch zu vergrößern und außerdem war es
ihm nicht unwillkommen das ganze Fabrikpersonal gelegentlich Revue passieren zu
lassen um stille Betrachtungen über die Physiognomien der einzelnen Individuen
anzustellen und sich zu merken was irgend an weiblich Erfreulichem vorhanden
war Ein etwas aufmerksamer Beobachter würde die geheimen Gedanken dieses
verworfenen Sujets leicht an jenen verdächtigen Bewegungen erraten haben zu
welchen sich die Hand des christlichen Mannes beim Hereintreten irgendeiner halb
verblichenen Schönheit bisweilen verleiten ließ Die hündisch widrige
Erscheinung dieses Menschen die Strenge des Kontremaîtres die
Dienstbeflissenheit des jungen Kommis und die halb verbissene Scham des jungen
Fabrikherrn der der ganzen Jämmerlichkeit seiner Umgebung und seiner eignen
unglücklichen Stellung bewusst war das machte ein sonderbares Tableau
Die Arbeiter der Färberei traten zuerst herein ein kräftiger
Menschenschlag mit Leuten die sich fast den ganzen Tag in der freien Luft
bewegen und die daher das gesunde Aussehen behalten was sie mit vom Lande
bringen In ihrer Jugend gewöhnlich mit andrer Arbeit beschäftigt treten sie
erst als Fabrikarbeiter ein wenn ihr Körper sich schon hinlänglich entwickelt
hat und dem meisten schädlichen Einfluss in ihrer Arbeit trotzen kann Die Färber
erhalten auch bessern Lohn als die meisten andern Arbeiter der
KattunManufakturen und sind daher in jeder Weise günstiger gestellt als ihre
Kollegen
Den Färbern folgten die Drucker an derem etwas weniger frischem Äußeren
gleich zu bemerken war dass sie in geschlossenen Räumen beschäftigt sind Da
ihre Arbeit indes noch zu der feineren gehört so sind die Lokale in denen sie
sich aufhalten gewöhnlich ausnahmsweise gut wodurch ihre Gesundheit besser
aufrechterhalten wird Abwechselndes Stehen Gehen und Sitzen ermüdet sie
natürlich nicht so sehr wie diejenigen Arbeiter welche durch den Gang ihrer
Maschine stets zu derselben Stellung und Bewegung gezwungen sind Die Drucker
erfreuen sich mit den Färbern noch eines leidlichen Saläres
Auf die Drucker kommen die Weber jene unglücklichen Menschen deren
traurige Beschäftigung sich nur zu sehr in ihrer ganzen Erscheinung
widerspiegelt Bleich gebückt hustend und langsam daherschleichend ein frühes
Grab vor den trüben stieren Augen Trümmer von Menschen mit denen die
Schwindsucht immer rascher dem Ende entgegengaloppiert
Färber Drucker und Weber hatten sich entfernt nicht ohne dass der
Kontremaître mit eiserner Strenge seinen Tadel über diesen und jenen
ausgesprochen dass er Abzüge an den Löhnen gemacht und gedroht hatte bei dem
nächsten Versehen den armen Sünder fortjagen zu wollen Da nahte mit den
Meistern an der Spitze die Bevölkerung der Spinnerei Frauen im neunten Monate
der Schwangerschaft im dreissigsten Jahre mit grauen ja mit weißen Haaren wenn
die Hand des armen Weibes den Staub der Baumwolle nicht vorher aus einem Rest
von Eitelkeit vom Kopfe hinuntergestrichen hatte Mütter denen die Brüste zu
springen drohten weil daheim ein kleines Kind in den Windeln lag was seit der
Mittagszeit vergebens die Händchen der sehnlich Erwarteten entgegenstreckte
Alte Megären die der Zauberstab der Industrie schon vor dem Tode in Skelette
verwandelte Mädchen bleich und verkommen die gelben Schultern kaum bedeckt
von zerrissenen Kleidern die gelösten Haare in schmutzigen Zöpfen im Rücken
die gelenken Finger verborgen unter der zerrissenen Schürze die Augen stier und
gläsern die Wimpern voll Staub einen Gassenhauer auf den Lippen die Venerie
in den Knochen Und nun die Kinder Knaben mit verrenkten Beinen mit Buckeln
und skrofulös zum Entsetzen kleine Mädchen zur Arbeit abgerichtet wie Wiesel
und Pudel an die schnurrende Spindel an die rasselnde Maschine geschmiedet
ehe noch die Knospe ihrer Jugend sich erschlossen ehe noch das erste Rot in
dämmernder Pracht ihre Wangen überflogen ehe sie noch wussten dass sie Kinder
dass sie Menschen waren ehe sie den ersten Fluch vergessen und das erste Gebet
gelernt ehe sie sich dreimal gefreut ehe sie dreimal geküsst ehe sie einmal
ihr Leben genossen hatten Entnervt schon und zerfoltert von der Arbeit ohne
Fleisch auf den Lippen ohne Blut in den Adern ohne Gehirn im Kopfe wie
Gespenster eben dem Grabe entstiegen oder wie welke Blumen die morgen sterben
müssen
Sieh alter Preis das ist deine Welt Was hast du getan
Die Leidensmienen dieser Unglücklichen der stumme Schmerz ihrer Züge der
lauter um Rache schrie als der tobende Haufen einer Revolte die Freude des
einen der mit unverkürztem Lohn nach Hause eilte das Schluchzen des andern
der sich plötzlich um die Hälfte seines Erwebes betrogen sah die schnarrende
Stimme des Kontremaîtres der mit dem Stocke drohte wenn ein Widersetziger wie
ein getretener Wurm sich empört in die Höhe richtete das Fluchen des Kommis
der um Ruhe und Stille bat damit er sich nicht um einen Groschen verzähle das
Grinsen des Buchhalters der voll Bestialität und Geilheit sich an der ganzen
Szene höchlichst gaudierte und endlich das Klappern des Geldes des schmierigen
Metalls um das sich ja dieser ganze Spektakel drehte fürwahr das
Zahlcomptoir der Fabrik bot heute wie an jedem Samstagabend einen Anblick dar
den man in Hurenhäusern in Diebswinkeln in Spielhöllen nicht krasser nicht
gemeiner nicht scheusslicher finden konnte
Und was sagte August dazu August der Sozialist der Mann der doch hier
die Hauptperson war der Mann der die Welt verbessern wollte der für die
Menschheit schwärmte der ein zu gutes Herz hatte wie sein Vater sich
ausdrückte Ging dieser Auftritt ohne Wirkung an ihm vorüber Hatte ihn die
Gewohnheit schon so sehr abgehärtet dass ihn dies Elend nicht mehr rühren
konnte Gehörte er zu jenen Menschen die sich über den Jammer in London und
über die Not in Paris wie rasend anstellen die für Dickens schwärmen und für
Eugène Sue und sehr gut wissen wie es in der ganzen Welt aussieht und nur das
nicht wissen was gerade unter ihrer Nase passiert die nur das nicht lesen
wollen was in dem Gesichte eines jeden Unglücklichen zu lesen ist der am
hellen Tage vor ihren Türen zusammenstürzt die nur das nicht hören was ihnen
in Seufzern und Flüchen Nacht für Nacht aus den Gassen der Unterstadt
entgegentönt Oder war er ein Heuchler der zwar anerkannte dass seine Umgebung
wert war in Fetzen geschlagen zu werden der aber doch scheute die Hand dazu
anzulegen sobald sein eigenes Interesse dadurch gefährdet wurde oder war er
endlich nur ein Gourmand der seine Seele mit philantropischen Gelüsten
kitzelte einer anderen Gemütsbewegung wegen zur Abwechslung aus Laune zum
Vergnügen
Zur Ehre unseres jungen Helden sei es gesagt beim Anblick dieser
scheußlichen Szene war er nahe daran den Verstand zu verlieren Er hatte
Hunderte von solchen Auftritten erlebt er hatte oft die Augen geschlossen um
nur nicht zu sehen was um ihn vorging er hatte aber auch nie den Versuch
gemacht mit aller Gewalt dagegen aufzutreten denn die Gleichgültigkeit anderer
und das ewige Versichern dass solche Zustände die notwendigen Übel der Industrie
seien und ach ja auch die Gewohnheit hatten ihn zuletzt kalt und
unempfindlich gemacht Jetzt aber wo sein Ekel vor der ganzen Wirtschaft seines
Vaters mit jedem Tage wuchs wo er wusste dass die halbe Welt solcher Zustände
wegen in Aufruhr war wo die edelsten Geister der Menschheit von ihren Tronen
niederstiegen um die düstern Gassen die feuchten Winkel die stinkenden Keller
unserer Dörfer und Städte zu durchwandern um das Leid und die Schmach unseres
Jahrhunderts heraufzuzerren vor das Auge entsetzter Nationen da gesellte sich
zu seinem Abscheu den er im geheimen doch stets vor der Niederträchtigkeit
seiner Umgebung gehabt hatte und der jetzt aufs neue entschieden bei ihm
hervorbrach noch jene Wut einer indignierten Seele jene Entschlossenheit und
jener feste Vorsatz einer solchen Schändlichkeit ein Ende zu machen koste es
was es wolle Sein Herz blutete seine Stimme zitterte krampfhaft ballte sich
seine Faust und als der letzte Groschen auf die Tafel des Zahltisches klirrte
als der letzte Arbeiter sich entfernt hatte und nur das Trio des Kontremaîtres
des Kommis und des Buchhalters als das widerlichste Personal des ganzen
Schauspiels zurückblieb und als hätten sie nach vollbrachter Arbeit ein Recht
dazu ihren schlaffen Geistern in ekelhaftem Geschwätz in widerlichen
Anspielungen und Zoten anfingen Luft zu machen da konnte es August nicht mehr
länger aushalten er warf die Tische rechts und links zur Seite und stürzte
hinaus sein Gesicht mit den Händen bedeckend mit klopfendem Herzen
bitterlich weinend
Es war Abend geworden Der Rauch der Fabrik war verweht die Blumen des
Gartens verbreiteten rings ihren würzigen Duft August jagte wie ein gehetztes
Wild durch den Schatten der Obstbaumalleen Sollst du vor deinen Vater treten
und ihm den Zustand seiner Arbeiter in seiner ganzen Wahrheit schildern sollst
du ihn fragen ob es nicht besser wäre lieber dies ganze Geschäft an den Nagel
zu hängen als es mit solchen Menschenopfern fortzusetzen Sollst du ihm drohen
die kleinsten Details seines industriellen Treibens veröffentlichen zu wollen
und ihn der Verachtung der Welt preiszugeben sofern solche Scheusslichkeiten
nicht ein Ende nehmen Ja sollst du ihm nicht das Pistol auf die Brust setzen
als das letzte Argument oder eine Fackel in die Magazine werfen um die ganze
Wirtschaft zu verbrennen mit Stumpf und Stiel
August konnte wohl auf solche Gedanken kommen er wusste wie schwer es
fiel seinen Vater in irgendeiner Sache die das bestehende System seiner Fabrik
betraf zu einer Änderung zu veranlassen hatte er nicht schon seit Jahren
weniger aus Rücksicht für die Arbeiter sondern nur um überhaupt ein besser
eingerichtetes Etablissement zu haben alles mögliche aufgeboten um ihn zum
Ausbau verschiedener Räume zur Entfernung alter und Anschaffung neuer Maschinen
zu bestimmen Er hatte dies oft genug zur Sprache gebracht aber vergebens Der
Alte wollte sich nun einmal nicht darauf einlassen Eine schönere Fabrik zu
besitzen als seine Kollegen daran lag ihm nichts das Schicksal der Arbeiter
die eben durch sein schlecht eingerichtetes Etablissement so erschrecklich
litten das war ihm sehr gleichgültig die schlechte Ware die er auf den Markt
brachte konnte gut genug nach dem alten Schlendrian produziert werden und das
war ja alles was der ergraute Fabrikant wünschte Zudem hatte er bei der
allenfallsigen Einführung des Schutzzollsystems nicht im geringsten an große
Änderungen zu denken Wenn sich diese Aussichten verwirklichten da konnte er
auch mit den schlechtesten Maschinen noch Geld genug verdienen weshalb also
voreilig sein weshalb nicht lieber den Erfolg der Agitation abwarten ehe man
kostspielige Anstrengungen machte Der Herr Preis war so sehr von der
Richtigkeit dieser seiner Ansichten durchdrungen dass er laut lachte wenn ihm
jemand von Änderungen Verbesserungen oder dergleichen sprach
August verzweifelte daher auch an allen gewöhnlichen Mitteln um seinen
Vater zum Verstande zu bringen wild flatterten ihm tausend Pläne und Entwürfe
durch den Kopf an die er noch vor wenigen Tagen nicht im Traume gedacht vor
denen er entsetzt zurückgefahren wäre wenn sie ein anderer ausgesprochen hätte
In fieberhafter Aufregung durcheilte er den Garten wie ein Alp lag die Not
anderer auf seiner Brust wie ein Gespenst wie eine Furie verfolgte ihn die
Erinnerung an das was er eben gesehen und gehört hatte er sah noch die stieren
Augen die fahlen Wangen die entfleischten Glieder jener Unglücklichen die vor
ihm um Barmherzigkeit winselten und mit Schaudern dachte er an die wüste Freude
jener andern die nach einer Woche voll Mühe und Qual den geringen Lohn in
toller Bestialität zu vertilgen eilen Dazu haben wir die Menschen gebracht So
weit haben wir sie entwürdigt Aus frohen schlanken Knaben machten wir Krüppel
und Bestien aus blühenden Mädchen machten wir Diebinnen und Dirnen junge
liebreiche Mütter verwandelten wir in fluchende Metzen und stattliche Männer in
untüchtige Greise
Das Eis was lange Zeit um Augusts Herz lag es war geschmolzen die
Blindheit mit der er jahrelang geschlagen sie war gewichen sein Blut das
dick und trüb im Schmutze der Gewohnheit floss es rauschte jugendlich durch alle
Adern er erhob sein Haupt seine Stirne ward licht und die Begeisterung zog
ein in eine freie Seele Mochte sie ihn plagen und peinigen die Erinnerung an
das Vergangene mochte es ihn zu Tränen rühren wenn er an der Gegenwart sah
welche Früchte ihm geblieben mochte der Gedanke seine Brust zusammenpressen
dass vielleicht noch nach vielen Jahren die Spuren eines Elends nicht verwischt
sein würden das mit ihm aufgewachsen war in derselben Wohnung an demselben
Orte gewiss es war entsetzlich es musste ihn niederschmettern für einen
Augenblick aber es konnte ihn nicht hindern sich auch gleich wieder zu erheben
und vorwärts zu stürmen auf der neu betretenen Bahn denn er hatte ja mit der
Vergangenheit gebrochen mit zornigem Fußtritt schleuderte er alle früheren
Verhältnisse hinter sich Er war entschlossen das Äußerste zu wagen
unbekümmert um sich seinen Vater seine Brüder seine Freunde er war
entschlossen alles zu opfern seinen Namen seinen Stand seinen Rang sein
Vermögen um wenigstens gutzumachen was noch zu ändern war um sich auszusöhnen
mit sich selbst und einer richtenden Zukunft um wenigstens etwas zu einer
Richtung beizutragen welche er für die höchste hielt von der er erwartete dass
sie zur Glückseligkeit der Menschen führe
Mit diesem Vorsatze in dieser Stimmung erwachte August aus jener Raserei
die noch eben seinen Sinn gefangen hielt Er machte sich auf um den Garten zu
verlassen und noch einen Spaziergang ins Freie zu machen
Es war in der Fabrik des Herrn Preis Regel dass am Samstagabend
verschiedene Säle der Spinnerei gereinigt wurden die Türen der Fabrik blieben
daher heute etwas länger geöffnet als an anderen Tagen und August fand als er
aus dem Garten trat und quer über den Hof nach der Straße zuschritt dass die
jungen Mädchen denen das Reinigen der Säle übertragen war erst eben damit
fertig geworden waren und sich anschickten als die Letztbeschäftigten das
Etablissement zu verlassen Der Portier harrte ungeduldig an der Tür rasselte
mit seinen Schlüsseln und trieb die Gehenden an rasch zu machen wozu diese
auch schon von selbst gern bereit waren
»Da hat auch noch jemand nach Ihnen gefragt Herr August« rief der Portier
als er den jungen Fabrikanten herankommen sah »Eins von den Mädchen hat die
ganze Zeit auf Sie gewartet ich glaube aber dass es ihr zu lange geworden ist
und dass sie sich auch schon gedrückt hat«
»Nein das habe ich eben nicht« antwortete jemand und eine schlanke
Mädchengestalt schritt wieder von der Straße in den Hof hinein Es war Marie
die Tochter jener alten Witwe die wir in ihrer Wohnung kennenlernten Sie hatte
sich fest vorgenommen heute noch mit dem jungen Herrn zu sprechen sie war
daher auch nicht mit den andern Mädchen in das Zahlcomptoir geschritten sondern
hatte gewartet bis alle übrigen fort waren um als die Letztkommende am besten
Gelegenheit zu einer Unterredung zu finden Das plötzliche Davoneilen Augusts
und sein langes Verweilen im Garten hatte dem jungen Mädchen indes schon alle
Hoffnung genommen heute noch zu ihrem Zweck zu gelangen sie trat daher mit
einer freudigen Hast wieder in das Innere des Hofes als sie das Nahen Augusts
vernahm
Der Portier ärgerte sich nicht wenig über dieses Zusammentreffen was ihn
noch länger an seinem Posten festzuhalten drohte und da der geplagte Mann eine
gewisse Ungeduld selbst vor seinem Herrn nicht verbergen konnte so nahm ihm
August das Bund Schlüssel mit der Versicherung aus der Hand dass er das Tor
schon verschließen werde und dass er sich nach seinem Zimmer begeben könne
worauf der Portier auch sofort einging indem er bedeutsam lächelnd noch einmal
nach dem jungen Paare zurückschaute das allein im Hofe zurückblieb
Marie war schon seit vielen Jahren in der Fabrik des alten Preis
beschäftigt und August wusste dass sie eine der besten Arbeiterinnen war Er
hatte sie nie mehr beobachtet als jedes andere dienstbare Wesen und vielleicht
noch viel seltener weil er eben davon überzeugt war dass Marie ihre
Schuldigkeit tat und keiner Aufsicht bedürfe Aus diesem Grunde und weil der
junge Fabrikant überhaupt sobald er die Schwelle der Fabrik überschritten
hatte weniger die beschäftigten Personen als das was sie dem Geschäft an
Arbeit lieferten im Auge hatte konnte es ihm unmöglich aufgefallen sein dass
Marie sich neben einer gewissen Aufmerksamkeit und Tätigkeit auch noch in
mancher anderen Beziehung vor ihren Mitarbeiterinnen auszeichnete Die
entschiedene Umwandlung die mit August in den letzten Wochen vorgefallen war
die Engherzigkeit aus der er herausgetreten und das weite unendliche Feld was
sich plötzlich seiner Geistestätigkeit eröffnet hatte alles dies machte dass er
indes mit einem Male manche Dinge in ganz anderm Lichte als früher erblickte
dass er plötzlich auf die bei der Industrie Beschäftigten mehr achtgab als auf
die Industrie selbst dass er die Fabrizierenden mehr ins Auge fasste als das
Fabrikat dass ihm die Menschen teurer wurden als die Maschinen Zu jeder andern
Zeit würde diese neue Richtung seiner Seele schon deutlich genug hervorgetreten
sein Die große Aufregung in der er eben gewesen jene gewaltige Bewegung die
noch wild seine Nerven durchzitterte und für jedes Ereignis empfänglicher
machte dazu der Umstand dass eines jener Individuen denen gerade eben all sein
Enthusiasmus galt dass ein weibliches Wesen welches gerade am allermeisten zu
berücksichtigen war dass ein Mädchen ein schönes Mädchen dass eine seiner
schönsten Sklavinnen ihm allein gegenüberstand und ihn allein zu sprechen
wünschte es konnte nicht ausbleiben dass ihn ein solcher Moment gerade jetzt
mehr fesseln musste als tausend Ereignisse seines frühern Lebens
Als Marie daher aus dem Schatten des Torwegs zu ihm in den erleuchteten
Hofraum getreten war als er diese schlanke Gestalt vor sich sah dieses
bleiche arme Antlitz so schön umgeben von dem vollen dunklen Haare als ihm
jene Augen entgegenstrahlten deren wildes lohendes Feuer so reizend durch einen
stillen kaum bemerkbaren Zug der Wehmut der Traurigkeit gemildert wurde als
es ihm unwillkürlich auffiel wie das arme Mädchen ihren ganzen kleinen Putz
ihr weissestes Linnen ihre saubersten Kleider aufgeboten hatte um für diese
Unterredung so hübsch geschmückt zu erscheinen wie es sich nur für sie passte
ach ja als sie in ihrer ganzen Reinheit und Natürlichkeit anmutig schüchtern
vor ihm stand und ihm dann mit leiser melodischer Stimme das »Guten Abend Herr
August« entgegenflüsterte da stand der junge Mann betroffen erstaunt da er
konnte nichts erwidern sein Atem stockte sein Herz klopfte
Marie bat um Entschuldigung dass sie den jungen Herrn noch so spät am Abend
aufhalte Sie erzählte ihm dass der Bruder Eduard aus England zurückgekommen sei
und dass er viel gesehen und viel gelernt habe dass er jetzt gern in der Nähe
seiner alten Mutter bleiben wolle und dass er sehnlichst wünsche in der Fabrik
als Mechanikus Beschäftigung zu finden »Eduard sollte eigentlich selbst
deswegen herkommen« bemerkte Marie »und er ist auch gar nicht so blöde dass er
nicht wohl ein Wort sprechen könnte aber Eduard ist ein sonderbarer Junge er
mag nicht gern bitten und wenn er es einmal tut und man schlägt ihm sein
Verlangen ab dann ärgert er sich so schrecklich dass man für eine Woche lang
nicht mit ihm umgehen kann«
»Nicht wahr und da hast du seine Rolle übernommen« bemerkte August Er
nannte alle Fabrikarbeiterinnen du Es fehlte indes nicht viel daran und er
hätte Marie heute Sie genannt
»Gewiss« erwiderte das Mädchen »Und ich habe es gern getan denn ich weiß
dass mein Bruder ein tüchtiger und geschickter Arbeiter ist er ist zwar immer
noch etwas rau und barsch aber er meint es gut Er will die Mutter ganz
unterhalten und unser kleines Gretchen soll künftig in die Schule gehen«
»Sag deinem Bruder dass dies recht schön von ihm ist und dass er sich gar
nicht zu scheuen hat einmal zu mir zu kommen oder mit meinem Vater zu
sprechen«
»Nein da will ich ihm lieber sagen dass er die Sache mit Ihnen abmacht
Herr August« Marie erwiderte das so rasch und betonte die letzten Worte so
sehr dass August unwillkürlich lächeln musste Dem jungen Mädchen konnte dies
nicht entgehen sie glaubte etwas Unhöfliches oder Unpassendes gesagt zu haben
indem sie Augusts Vater zu sehr aus dem Spiele ließ sie musste August ja für
einen sehr guten folgsamen Sohn halten Etwas verschämt setzte sie daher noch
hinzu »Oder Eduard kann auch zu Ihrem Vater gehen wenn Sie das wollen« Die
Art und Weise wie Marie diesen Nachsatz hervorbrachte war so komisch zeigte
aber zugleich so deutlich wie sie und wahrscheinlich auch ihre Kolleginnen über
den Vater Preis dachten dass August sich gern dazu verleiten ließ etwas länger
auf diesem Punkte zu verweilen Außerdem sehnte er sich danach Marien ein wenig
außer Fassung zu bringen um hinter ihrer Verlegenheit die seinige zu verbergen
»Mit meinem Vater möchte Eduard also nicht so gern reden wie mit mir«
erwiderte er und sah das junge Mädchen etwas schärfer an
»Das habe ich nicht gesagt aber Sie wissen wohl Herr August wenn jemand
jung ist dann spricht er lieber mit jungen als mit alten Leuten« »Wenn es
Eduard aber mehr helfen könnte dass er sich an meinen Vater wendete«
»Ach Herr August das ist aber ja gar nicht möglich der Sohn ist ja
geradesogut wie der Vater«
August hätte sich beinahe für dieses Kompliment bedankt »Nun ich sehe
schon was gemeint ist« versetzte er um das schüchterne Mädchen nicht aufs
neue in Verlegenheit zu bringen »dein Bruder muss mich in den nächsten Tagen
einmal besuchen da wollen wir schon eins miteinander werden Also Gretchen
soll künftig in die Schule gehen«
»Jawohl Herr August und lesen lernen und stricken und nähen«
»Und deine Mutter bleibt dann zu Haus«
»Ach ja Herr August die Mutter ist so krank und schwach«
»Du Marie willst aber noch bei uns bleiben«
Ein kaum hörbares »Ja« und ein Seufzer waren Mariens Antwort Es ging dem
jungen Mann wie ein Stich durchs Herz er sah wie Marie ihre schwarzen Augen
niederschlug er hörte wie dieser Seufzer sich aus gepresstem Busen losrang wie
dieses »Ja« sich mit Gewalt Bahn aus ihren Lippen brach er fühlte dass er eins
jener unglücklichen Wesen vor sich hatte das von der Not gezwungen still und
resigniert den Nacken biegt
Jagte ihn der Teufel mit allen seinen Schrecken verfolgte ihn das Schicksal
mit allen seinen Furien Wohin er sah wohin er lauschte überall nur das
Knirschen empörter Sklaven das Röcheln verwundeter Seelen der Angstschrei
entwürdigter Menschen Die Wunden unserer Zeit die Schmach unserer
Gesellschaft die Laster des Jahrhunderts grinsten ihn an aus jeder Ecke aus
jedem Winkel aus jeder Miene seiner Umgebung War es nicht derselbe Jammer der
ihm aus den bleichen Mienen jener zerpeitschten Kinder aus den fahlen Wangen
jener unglücklichen Mütter anschaute der ihm aus den Flüchen ruinierter Männer
aus den Gassenliedern ihrer verwahrlosten Knaben entgegentönte und der hier
wieder das Herz eines Mädchens zu Seufzern zwang die fast wie Gift und Feuer in
die Brust seiner Feinde drangen
Du hast sie gut fragen ob sie ferner deines Vaters Leibeigene sein will
dachte August Elender der du noch mit dem Gram deiner Sklaven spotten kannst
Fragen ob sie ihre arme Seele ihren schönen Körper noch länger hergeben will
wenn du doch weißt dass sie von der Not dazu gezwungen wird
Scham und Wut röteten Augusts Stirn wild schoss das Blut durch seine Brust
seine Augen blitzten die Stimme versagte ihm den Dienst und als er aufs neue
in das wehmütigernste Antlitz Mariens schaute als er daran dachte dass trotz
des großen Raumes der zwischen seiner und ihrer Stellung lag sein Schicksal
doch am Ende nur dasselbe sei dass er nicht weniger wie sie der Sklave seiner
Zeit seiner Gesellschaft seiner nächsten Umgebung seines eigenen Vaters sei
dass der einzige Unterschied zwischen ihnen vielleicht nur der wäre dass sie noch
viel unglücklicher als er selbst sei da war sein letzter Stolz besiegt da sank
sein letzter Dünkel »Vergib mir armes Mädchen« rief er und drückte Mariens
Hand warm in der seinen
Sie sah ihn verwundert an sie stutzte sie schrak zurück und eilte mit
flüchtigem Gruße hinaus auf die Gasse
Als August nachts einsam auf seinem Zimmer saß fragte er sich ob es wohl
möglich sei dass man noch glücklich werde
Noch wusste er sich keine Antwort zu geben
Jeden Morgen Punkt 6 Uhr tönt von dem kleinen Turm der die Spinnerei des
Herrn Preis schmückt das Läuten jener Glocke welche den Arbeitern weit und
breit das Signal gibt dass sie ihr Tagewerk zu beginnen haben Das große Tor
welches nach der Straße führt wird dann geöffnet und Weiber Kinder und
Männer die sich schon einige Augenblicke vorher gesammelt haben verfügen sich
an ihren Posten Die meisten tragen in irdenen Töpfen ihr kleines Frühstück mit
sich zu dessen Genuss ihnen um 9 Uhr einige Minuten freigegeben sind Um 12 Uhr
macht man Mittag Die Arbeiter aus der Stadt können dann für eine Stunde nach
Hause gehen um sich zu Tisch zu setzen die welche vom Lande kommen und abends
erst auf die Dörfer zurückkehren setzen sich gewöhnlich in den Hof um ihr Mahl
zu verspeisen Um 1 Uhr beginnt die Arbeit aufs neue und dauert fort bis 8 In
gewöhnlichen Zeiten arbeitet man also dreizehn Stunden ist indes viel zu
fabrizieren so müssen sich die Arbeiter auch dazu bequemen noch länger
auszuhalten
Wir treten zur Mittagszeit in das Innere des Hofraumes Auf kleinen Bänken
die an den Seiten der Fabrik angebracht sind bemerken wir eine Arbeitergruppe
neben der andern Manche haben sich gegenüber auf einige Leitern und Holzstösse
gesetzt einige sogar auf die bloße Erde Alle Arbeiter die wir hier sehen
sind am Morgen vom Lande herübergekommen in Tüchern und Töpfen führten sie ihr
Mittagsmahl bei sich zu dessen Erwärmung ihnen die Seiten des siedenden
Dampfkessels die beste Gelegenheit gaben Jeder hat sich dazu seine Stelle
ausgewählt wenige Augenblicke sind hinreichend um diesen genügsamen Menschen
ein spärliches Mahl schmackhaft und erquicklich zu machen denn sie bringen ja
ihren besten Appetit dazu mit Wir sehen wie einer nach dem andern sein
Töpfchen von dem Rande des Kessels herunterlangt wie er es in den Schoss oder
zwischen die Knie stellt und mit dem Löffel in seine Suppe fährt indem er
zuerst das Dünne oben abschöpft um zu guter Letzt auf den substantiellen Teil
seines Mahles zu kommen
Hin und wieder haben sich auch zwei Brüder oder Bruder und Schwester oder
die Personen einer ganzen Familie bei einem Gefäße niedergelassen und geraten
nicht selten in einen kleinen liebenswürdigen Zank wenn der eine dem andern
eine Kartoffel oder eine halbzerkochte Rübe in aller Eile fortstibitzen will
»Du hast schon wieder eine Kartoffel zuviel genommen« sagt Mariechen zu
ihrem Bruder
»Das ist nicht wahr« erwidert Jan
»Ich habe es aber gesehen«
»Du hast dich aber geirrt«
»Du bist ganz schrecklich gefrässig«
»Ich esse fast gar nichts«
»Es wundert mich dass du den Löffel nicht mit hinunterschluckst«
»Kein Mensch in der Welt isst weniger wie ich«
»Du wirst den ganzen Topf noch mitessen«
»Lass mich zufrieden Mariechen oder ich haue dich auf den Kopf« Jan macht
ein zorniges Gesicht Mariechen wird noch viel böser beide erheben die
Löffel um aufeinander loszuschlagen da müssen sie laut auflachen und fahren
einträchtig in ihrer Mahlzeit fort
»Das ist heute wieder ein schlechter Frass« sagt ein langer Bursche zu seiner
Mutter
»Danke Gott wenn du immer etwas so Gutes hast« erwidert sie ihm
»Immer Kappes und Rüben«
»Freu dich dass uns die noch gewachsen sind«
»Nicht ein einziges Mal einen Fetzen Fleisch«
»Schäm dich du hast am Sonntag noch Fleisch bekommen«
»Der Teufel mag deine Suppen essen«
»Gotteslästerer« ruft die Mutter und zieht ihrem Sohn den Topf vor der Nase
fort »hat dich das der Pastor gelehrt« »Der Pastor hat gut lehren«
»Nun dann iss« erwidert die Mutter »Der Pastor isst freilich etwas
Besseres«
»Viel besser« bemerkt der Sohn und beruhigt sich sofort indem er aufs neue
mit dem Löffel niederfährt
»Das Brot wird dies Jahr sehr teuer« murmelt ein alter Arbeiter
»Ich kann es nicht begreifen« antwortet ihm seine Tochter
»Die Zeiten sind so schlecht«
»Es ist aber doch bei uns genug Korn gewachsen«
»Hin und wieder das ist wahr Aber das kaufen die Spekulanten auf«
»Was ist das ein Spekulant«
»Das ist ein reicher Mann«
»Also die reichen Leute kaufen uns das Brot fort«
»Jawohl mein Kind«
»Die reichen Leute essen ja aber fast gar kein Brot«
»Aber sie legen das Korn in ihre Speicher«
»Wozu«
»Um uns zu zwingen dass wir es höher bezahlen«
»Ist das aber recht«
»Nein mein Kind es ist aber erlaubt«
»Ach so« Und beide setzen ihre Kinnladen wieder in Bewegung
»Was meinst du was heute der Herr Preis isst« fragt ein Junge den andern
»Verdamm mich wenn ich es weiß«
»Junge Hahnen isst er mit Erbsen«
»Wer hat dir das gesagt«
»Ich habe es in der Küche gesehen und Schinken und Petersilie«
»Mir einerlei«
»Und Tauben mit Apfelmus«
»Schweig still«
»Und Rehbraten mit brauner Sosse«
»Halt dein Maul«
»Und Apfelsinen und Korinten«
»Hol ihn der Henker«
»Und Wein trinkt er dazu dass es rappelt«
»Gott verdamm ihn«
Am Tore etwas entfernt von den übrigen liegen noch zwei Knaben sie sind mit
ihrer Suppe fertig
»Ich weiß etwas von dir« sagt der eine
»Und ich etwas von dir« erwidert ihm der andere
»Du hast dem Herrn Preis Kirschen gestohlen«
»Und du seinen Pferden den Hafer«
»Du hast das Stärkemehl aus der Färberei gefressen«
»Und du hast das Blei von den Fenstern verkauft«
»Du hast zwei Pfund altes Eisen beiseite geschafft«
»Und du bist ein Lump Du willst mich anzeigen«
»Und du bist ein Dieb Du willst mich verraten«
»Ach Gott sag kein Wort ich war so hungrig«
»Sei still mir ging es gerade so«
»Nichts angezeigt«
»Nichts verraten«
»Alles still«
»Ganz still« Und beide erheben sich um den Rest der Feierstunde zu
verspielen
So unterhalten sich die Arbeiter während ihrer Mahlzeit Die meisten unter ihnen
sehen noch ziemlich wohl aus man sollte fast glauben dass sich die Arbeiter des
Herrn Preis vor allen andern durch ihre Gesundheit unterscheiden
Die armen Leute welche hier im Hofe speisen sind aber alle vom Lande
Manche werden nur einen Teil des Jahres in der Fabrik beschäftigt und können
sich durch abwechselndes Arbeiten im Felde immer wieder von den Strapazen
innerhalb der Fabrikmauern erholen Alle bewegen sich auch mehr in der freien
Luft als die Arbeiter der Stadt Morgens und abends haben sie eine volle halbe
Stunde zu gehen ihr Weg führt durch Wiesen und Gärten den Rhein entlang wo sie
die frischeste herrlichste Luft einatmen
An den Arbeitern der Stadt haben wir den besten Kontrast Nach und nach
treten sie in den Hof die Mittagsfeierzeit ist bald verstrichen schon
wirbelt der Dampf aus dem riesigen Schlot gleich wird die Maschine ihr altes
Spiel beginnen Alles muss zur rechten Zeit wieder an Ort und Stelle sein Töpfe
und Schüsseln sind schnell beiseite geschafft die Arbeiter der Stadt mischen
sich mit denen vom Lande und wir erschrecken über den Unterschied der zwischen
beiden ist Unter den letztern finden sich noch einige frische Gesichter man
sieht ihr Körper widersteht noch tausend schädlichen Einflüssen denen die
andern längst unterlagen Je mehr von den Stadtbewohnern hereintreten desto
unheimlicher und stiller wird der ganze Haufen Bald sehen wir nichts mehr als
jene bleichen elendigen Gestalten deren Anblick uns schon entsetzte alle
Ecken und Winkel der Stadt alle schlechten Gassen haben ihre Unglücklichen
wiedergegeben das eigentliche Fabrikproletariat ist wieder beieinander
Im Vordergrunde des Raumes haben sich verschiedene Arbeiter um einen alten
Mann gesammelt
»Wisst ihr was Neues« ruft er »Und was denn« fragt man ihn von allen
Seiten
»Der Eduard ist wieder da«
»Welcher Eduard«
»Nun der Frau Martin ihr Junge«
Ein Ruf der Freude und Verwunderung dringt aus jeder Kehle
»Der Eduard ist ein prächtiger Junge« bemerkt der eine und »Ich muss ihn
gleich sehen« ruft der andere »Wie sieht er aus Ist er noch größer geworden
Was hat er zu erzählen Wo ist er doch gewesen«
»Ich glaube in Indien«
»Nein in Ägypten«
»Nein in England« Ein lautes Rufen der Kinder die noch in der Nähe des
Tores stehen unterbricht hier die Redenden »Da ist er selbst« klingt es von
mehreren Seiten
Eduard war langsam von der Straße her in den Hof hinübergeschritten Die
meisten Arbeiter kannten ihn noch von früher her und beeilten sich ihn
willkommen zu heißen
»Wie ordentlich und nett er gekleidet ist«
»Und wie schön und stark er geworden ist«
»Welch einen fürchterlichen Bart trägt er«
»Und sieh nur seine verwegenen Augen«
So flüsterten sich rechts und links die Frauen und Mädchen zu Eduard hatte
indes seine alten Bekanntschaften erneuert
»Ich soll euch grüßen von den englischen Arbeitern Es geht ihnen nicht viel
besser wie euch und sie sind daher eure guten Freunde«
»Das ist sonderbar« erwiderte einer aus der Gruppe »ich dachte in England
müsste es viel besser als hier aussehen Ich habe immer gemeint dass alle
Engländer reich wären«
»Nicht so ganz Es sterben ihrer genug vor Hunger und sie sind sehr
unzufrieden mit ihrem Schicksal«
»Aber wie geht das zu«
»Sehr einfach Sie machen es gerade wie ihr und eure Kollegen sie arbeiten
für einige große Herren und werden von diesen kujoniert bis aufs Blut«
»Aber das sollten sie sich nicht gefallen lassen«
»Sie ließ es sich bisher geradeso gefallen wie ihr es euch noch jetzt
gefallen lasst Von allen Seiten strengt man sich aber an die Sache zu ändern«
»Und auf welche Weise« »Indem man sich untereinander verbindet um den
Herren zu widerstehen«
»Indem man also geradezu einen kleinen Krieg anfängt«
»Allerdings einen Krieg ohne Gewehr und Säbel einen Widerstand der einzig
und allein darin besteht dass man nicht mehr arbeitet«
»Aber das ist ja nicht möglich Wenn die Leute nicht mehr arbeiten dann
verdienen sie ja auch nichts mehr«
»Ganz recht für einige Zeit müssen sie sich so gut fortelfen wie sie
können aber ihr versteht wohl je länger sie ihre Arbeit auszusetzen vermögen
desto mehr zwingen sie die Fabrikherren auf ihre Propositionen einzugehen«
»Das ist doch aber noch nicht ganz deutlich«
»Nun wartet ich will euch die Sache an einem Beispiel erläutern Die
Wollkämmer zB deren es an einem Orte in England 30 000 Mann gibt haben seit
langer Zeit unverdrossen für ihre Herren gearbeitet In frühern Tagen gab man
ihnen einen guten Lohn sie konnten prächtig davon leben sie verheirateten
sich wurden Familienväter und meinten nicht anders als dass es ihnen immer
möglich sein würde für Weib und Kinder ehrlich zu sorgen Sie hatten sich
indessen verrechnet Die Fabrikanten denen es stets darum zu tun ist billig zu
fabrizieren von denen der eine immer weniger kostspielig als der andere
produzieren will um durch die wohlfeilste Ware alle seine Kollegen im Handel
ausstechen zu können gingen allmählich indem sie ihre Produktionskosten auf
jede Weise zu verringern suchten zu dem System über auch die Löhne ihrer
Arbeiter herabzudrücken Sobald man dies gewahr wurde verfehlte man natürlich
nicht in aller Güte die dringendsten Vorstellungen zu machen Das half aber
nichts die Herren lachten ihre Arbeiter aus und erklärten dass der Handel mit
jedem Tage schlechter werde dass sie die Fabrikanten darunter litten und dass
auch die Arbeiter ein Teil dieses Kreuzes auf sich nehmen müssten Die Arbeiter
ließ sich betören die Löhne wurden herabgesetzt und man musste sich in sein
Schicksal fügen Da solche Geschichten aber immer aufs neue vorfielen da die
Löhne stets niedriger wurden und zuletzt zu einem solchen Minimum herabsanken
dass ein armer Kämmer unmöglich mehr dabei bestehen konnte so fassten viele unter
ihnen den Entschluss ihre undankbare Beschäftigung ganz aufzugeben und sich auf
einen anderen Erwerbszweig zu legen Das ging aber nicht mehr Einesteils waren
sie schon zu alt bei ihrer ursprünglichen Beschäftigung geworden um etwas Neues
mit Erfolg erlernen zu können und dann fand sich auch bald dass die Arbeiter in
den meisten andern Fächern nicht glücklicher waren als die in dem des
Wollkämmens Überall hatte ein anfangs erträglicher Lohn die Menschen dazu
verleitet sich zu verheiraten und die Population zu vergrößern Es gab genug
Menschen für alle Arten der Beschäftigung und alle hatten sich geradeso betören
lassen wie die Wollkämmer sie hatten sich alle nach und nach einer
Lohnerniedrigung der habsüchtigen Fabrikanten gefügt und weder durch Spinnen
noch Weben noch Kohlengraben oder sonst etwas war ferner mehr zu verdienen als
durch das Kämmen der Wolle
Die unglücklichen Leute mussten sich daher bei ihrer alten Beschäftigung
beruhigen Mit den Löhnen die sie für ihre Arbeit erhielten konnten sie aber
keineswegs zufrieden sein denn sie wären dabei verhungert Als sich daher alle
freundlichen Verhandlungen mit den Fabrikanten als nutzlos erwiesen dachten sie
endlich Not bricht Eisen und wählten die erfahrensten Leute aus ihrer Mitte
ließ sie an einem Sonntagmorgen auf dem nächsten Hügel unter freiem Himmel
zusammenkommen und befahlen ihnen auf Mittel zu sinnen wie der Not abzuhelfen
sei
Diesem ArbeiterMeeting wie sie solche Versammlungen nennen leuchtete es
nach kurzem Besprechen ihrer Angelègenheit nur zu sehr ein dass mit
entschiedenen Gewaltschritten wenig bei der Sache zu ändern sei Außer dass ein
Aufstehen gegen die Gesellschaft mit den Waffen in der Hand nur die blutigsten
Folgen und noch viel größeres Unheil auf allen Seiten herbeiführen musste schien
es ihnen auch dass sie in diesem Kampfe nur erliegen würden da sie zwar in
großer Masse aber im Vergleich mit der ganzen Bevölkerung des Landes die sie
keineswegs bei ihrem Kampf unterstützen würde doch nur sehr vereinzelt
daständen Das war also nichts Wie wäre es indes hieß es mit einem Male wenn
wir statt uns wild zu erheben plötzlich alle 30 000 Mann unsere Arme in den
Schoss legten und statt ungemein viel zu tun in der nächsten Zeit gar nichts
mehr täten Wenn wir weder Waffen schliffen noch Wolle kämmten wenn wir mit
einem Worte die Edelleute spielten und einmal mehrere Wochen lang
spazierengingen Sollte das unsere Herren nicht ebensogut zu Verstande bringen
wie der blutigste Angriff Die Fabrikanten haben ihr Vermögen in große
gewaltige Etablissements gesteckt welche stets beschäftigt sein wollen wenn
ihre Besitzer nicht enorm dabei verlieren wollen Wenn wir jetzt die Arbeit
niederlegen da steht ihnen plötzlich die ganze Geschichte still wir Kämmer
kämmen keine Wolle mehr der Spinner hat keine Wolle mehr zum Spinnen der Weber
hat kein Garn mehr zu verweben der Färber keine Stücke mehr zu färben der
Drucker nichts mehr zu drucken der Krämer nichts mehr zu verschachern und so
geht dies bis ins unendliche fort die ganze Wollenindustrie kommt ins Stocken
Durch das Einstellen unserer Arbeit zwingen wir alle übrigen Arbeiter der
Wollenmanufaktur dazu ebenfalls ihre Arme sinken zu lassen und da sie meist
ebenso unglücklich sind wie wir und nur wünschen können dass sich ihr Verhältnis
zu den Fabrikherren in irgendeiner Weise ändert so werden sie auch keine
Schwierigkeiten machen und halb freiwillig halb gezwungen auf unsere Seite
treten und unsere Partei vergrößern
Je mehr unser Mut durch diesen Erfolg steigt desto mehr wird den
Fabrikanten das Herz in die Hosen fallen
Sie selbst können ihre Fabriken nicht mehr betreiben alles steht ihnen
still Ihr Kapital bringt keine Zinsen mehr ihre Kunden welche kein Stück Ware
mehr von ihnen haben können werden ihnen untreu ihre Furcht dass wir bei so
großer Anzahl doch noch zu Gewalttaten übergehen steigt mit jedem Tage und es
ist kein Zweifel mehr sie müssen zuletzt kapitulieren und sich auf Gnade und
Ungnade ergeben die Löhne werden festgestellt zu denen wir wieder die Arbeit
beginnen wollen und der Sieg ist unser
Gesagt getan Der Beschluss des Meetings wird allen Arbeitern mitgeteilt
und eines schönen Morgens legen alle 30000 Wollkämmer die Hände in den Schoss
spazieren auf den Straßen umher spielen draußen auf den Feldern und freuen sich
ihres Lebens In der Nacht wird hin und wieder eine Warnung an den Strassenecken
angeschlagen in der man allen Menschen aus andern Industriezweigen oder einigen
Trotzköpfen unter den Kämmern selbst die sich dem Beschluss des Meetings
widersetzen und die Arbeit ihrer müßigen Kameraden übernehmen wollen geradezu
droht dass man sie in diesem Falle durchprügeln ihre Häuser demolieren oder
ihnen sonst ein Leid antun werde
Hat dieser ruhige Kampf mit den Fabrikherren einige Zeit gedauert da
schickt man an die Hauptleute eine Deputation ab und lässt sie fragen ob man den
Arbeitern nachgeben wolle Wird dies verweigert da entstehen nicht selten
einige Zusammenrottungen vor den Palästen der Übermütigen Ein wildes Geschrei
schreckt sie nachts von ihrem Lager auf Steine fliegen ihnen bisweilen in die
Zimmer und so setzt man unverdrossen die Agitation fort indem man alle Mittel
anwendet die erlaubt sind und die verbotenen so gut gebraucht wie das in der
Nähe der Polizei möglich ist«
»Und haben die englischen Arbeiter ihre Pläne wirklich wohl einmal
durchgesetzt haben sie die Fabrikanten wirklich je zum Nachgeben gezwungen«
»In vielen Fällen ja«
»Aber wovon leben sie denn wenn sie außer Arbeit sind und nichts mehr
verdienen«
»Sie verzehren ihre kleinen Ersparnisse sie verkaufen oder verpfänden ihre
Betten Möbel und Gerätschaften und helfen sich einander ohne Unterschied wie
wahre Helden«
»Wenn nun aber das Letzte verzehrt ist«
»Da ziehen sie in ganzen Haufen an den Türen der Häuser vorüber und zwingen
die Bewohner gewissermaßen zu Almosen«
»Und ist auch das durch die Maßregeln der Polizei unmöglich gemacht und
wollen die Fabrikanten noch immer nicht nachgeben«
»Nun dann sind die Arbeiter freilich besiegt«
»Also dann geradeso weit wie vorher«
»Allerdings und bisweilen noch viel unglücklicher denn nicht allein dass
es für die nächste Zeit unmöglich wird den Fabrikanten zu imponieren und dass
man sich auf Gnade oder Ungnade ergeben muss nein in vielen Fällen ist es den
Fabrikherren auch gelungen in der Zwischenzeit irgendeine neue Erfindung in der
Maschinerie zu machen welche die Beschäftigung der Hände ersetzt so dass die
Arbeiter wenn sie wirklich zu den früheren oder sogar noch zu niedrigeren
Löhnen als bisher arbeiten wollten gänzlich zurückgewiesen wurden und im
tiefsten Elende umkamen«
»Es liegt also auf der Hand dass die Fabrikanten einen solchen Kampf immer
besser als ihre Arbeiter aushalten können«
»Das versteht sich von selbst«
»Und die meisten solcher Kämpfe nutzen also zu nichts«
»Pardon Sie nutzen sehr viel selbst wenn sie noch so unglücklich
ausfielen und die englischen Arbeiter obgleich sie schon seit einer Reihe von
Jahren die bittersten Erfahrungen machten haben doch bis auf diesen Tag noch
nicht nachgelassen ihre Anstrengungen zu erneuern denn einesteils werden sie
durch die Brutalität ihrer Herren zu sehr dazu herausgefordert die Veranlassung
zu einem solchen Kampfe liegt ihnen zu nahe und andernteils wissen sie und das
ist die Hauptsache dass sich nach und nach alle Arbeiter welche mehr oder
weniger übel dran sind und der Reihe nach zu Arbeitseinstellungen gezwungen
werden sich allmählich an die Art des Kriegführens gewöhnen dass eine gleiche
Lage und gleiche Schicksale einig untereinander machen und dass einst wenn der
Druck der Fabrikanten durch einen schlimmen Geschäftsgang durch Überproduktion
aller Artikel durch schlechte Ernten und andere in demselben Augenblick
eintreffende Dinge noch unerträglicher gemacht wurde ein solcher Aufstand in
solcher Masse mit so ungeheurer Energie beginnen muss dass nicht allein dem
Treiben der Fabrikanten ein Ende gemacht und jeder Widerstand vor dem Volke
unmöglich wird sondern eine allgemeine Umwälzung beginnt dass von den
Institutionen der Gegenwart auch kein Stein mehr auf dem andern bleibt und unter
neuen Gesetzen und Einrichtungen eine ganze Bevölkerung den ersten Schritt zu
ihrer Glückseligkeit tun wird«
Eduards Auge leuchtete vor Begeisterung während er sprach Es schien als
wenn er im Laufe seiner Rede immer größer und schöner geworden wäre seine
riesigen Glieder überragten seine ganze Umgebung und mit stummem Erstaunen hing
die Versammlung an seinen beredten Lippen
Vor seiner Reise nach England wäre es ihm unmöglich gewesen auch nur drei
vier Sätze in richtiger Folge auszusprechen Jetzt war seine Zunge gelöst und
die Erfahrungen zweier Jahre ließ ihn nicht davor zurückschrecken den
Arbeitern seiner Heimat in entschiedener Weise gegenüberzutreten Er hatte die
Meetings der Arbeiter in England fleißig besucht Manchester war der rechte Ort
für ihn und schon nach kurzer Zeit konnte er die Reden seiner Genossen
verstehen seine Meinungen in fremder Sprache ausdrücken und an allen Bewegungen
jenes gewaltigen Volkes teilnehmen Spielend hatte er gelernt was unsre Zeit
bewegt Industrie Handel Politik alles war ihm gegenwärtig er wusste besser
wie es mit dem freien Kommerz mit der freien Konkurrenz mit dem
Überproduzieren mit dem Proletariat und ähnlichen Punkten aussah wie mancher
Professor seiner Vaterstadt denn das Leben die unmittelbare Anschauung bildete
ihn heran ein natürliches Interesse hatte seine freien Sinne empfänglicher für
jeden richtigen Eindruck gemacht als es jenen durch das eifrigste Studieren
aller Quellenschriftsteller der Welt vielleicht möglich war
Die meisten Arbeiter welche Eduard umgaben verstanden ihn nicht im
geringsten als er jetzt im Hofe der Fabrik zuerst wieder auftrat Aber sie
fühlten dass ein Mensch in ihrer Nähe sei der sie alle überrage und wenn sie
schon einen hinlänglichen Respekt vor seiner körperlichen Schönheit hatten so
überkam sie jetzt noch ein weit größerer vor dem Fluss seiner Rede vor den
lebendigen Bewegungen mit denen er jedes Wort begleitete vor seinem ganzen
Auftreten das in jedem Moment nur Kraft und Ernst und Entschiedenheit und einen
warmen Anteil an allen Interessen der Arbeiter verriet
Während Eduard sprach hatte die Glocke das Signal gegeben dass die Arbeit
aufs neue zu beginnen sei Weiber und Kinder waren schon in die Fabrik geeilt
»Wie kommt es nur dass Eduard hübscher ist als alle andern Leute« fragte
ein junges Mädchen das andere
»Das kommt weil er in der Fremde gewesen ist«
»Also in der Fremde wird man schöner«
»Allerdings und gescheiter dazu«
»Ich muss dir gestehen es gefällt mir bei dem alten Preis nicht länger wie
wäre es wenn wir mit Eduard in die Fremde zurückkehrten«
»Wenn wir auswanderten meinst du«
»Das ist es ich bin dabei«
»Ich auch«
»Ich tue alles was Eduard will«
»Ich noch viel mehr« Da jagte sie der Kontremaître an den Spinnhebel
Die Männer verteilten sich ebenfalls nach allen Seiten hin »Eduard ist ein
kluger Junge« bemerkte ein alter Arbeiter
»Und was er von den englischen Arbeitern sagt ist gewiss ganz richtig«
versetzte ein andrer
»Das mag wohl sein aber es passt nicht für unser Land«
»Weshalb nicht Wir können ebensogut aus der Arbeit treten wie die Leute
jenseits der See«
»Es würde uns aber nichts helfen der Herr Preis würde sich wenig daran
stören«
»Aber die Welt sähe doch einmal dass wir mit ihm unzufrieden sind«
»Das ist wahr«
»Jetzt meint jeder der Herr Preis behandle uns so gut wie seine eignen
Kinder«
»Das ist leider der Fall«
»Wenn wir aber einmal gegen ihn aufstehen da kommt seine Schande an den
Tag«
»Das sollte mich sehr freuen«
»Ich bin jeden Tag dazu bereit einen Spektakel anzufangen«
»Nimm dich in acht«
»Und da Eduard die Sache am besten kennt so werde ich tun was er
befiehlt«
»Ich bitte dich fange keine Geschichten an«
»Wenn Eduard Lust hat so wollen wir es einmal mit dem alten Preis
aufnehmen«
Da hatte der letzte Arbeiter den Hof verlassen Im Innern des Gebäudes
schwirrten und summten die Räder der Maschinen die Dampfkessel brausten und
der Gesang der Kinder klang wie das Lied von Gefangenen dumpf und traurig in den
stillen Nachmittag hinaus
Der Herr Preis aber im grünen Rock die Mütze mit breitem Schirm auf dem
Kopfe und die brennende Zigarre im Munde sonnte sich da draußen im Garten auf
der duftigen Rasenbank
Es war ihm so wohl zumute nach dem flotten Diner er ruhte so sanft nach den
Strapazen des Lebens Das Grunzen der Dampfmaschine das Rasseln der Räder und
das Singen der Kinder tönte durch das Laub der Bäume vernehmlich zu ihm herüber
O süße Musik seinem Ohre Sie wiegte ihn ein in selige Träumereien
In dem Schloss des Baron dEyncourt sah es seit einigen Tagen sonderbar genug
aus Die wenigen Menschen die dasselbe bewohnten schienen sich gar nicht mehr
zu kennen Vor kurzem noch unglücklich darüber wenn irgend jemand aus ihrer
Mitte sich auch nur für wenige Stunden entfernte war ihnen jetzt jedes
Zusammensein so gleichgültig dass kaum der eine den andern bemerkte Kein Wort
wurde gesprochen tiefe Stille herrschte in dem ganzen Hause und unwillkürlich
ging jeder auf den Zehen als wenn irgendein Kranker in der Nähe wäre den man
durch das geringste Geräusch zu stören fürchtete Das Merkwürdigste aber an der
Sache war dass keiner von allen dieser plötzlichen Umwandlung bewusst war jeder
war so in Gedanken versunken dass er weder auf sich noch auf andere achtgab man
ging aneinander vorüber als hätte man sich nie gesehen wie Menschen einer
großen Stadt die nur mit sich selbst beschäftigt gleichgültig die Menge
durchirren und kaum einen einzigen von den vielen tausend betrachten die rechts
und links an ihnen vorübereilen War es ein großes Glück oder ein enormes
Unglück was diesen sonst so geselligen Leuten bevorstand was mit bangem
Vorgefühl ihre Sinne verdunkelte was sie lähmte was sie zu Boden schlug was
keine bestimmten Gedanken mehr bei ihnen aufkommen ließ Es musste etwas
Ungewohntes Unerhörtes vorgefallen oder am Herannahen sein Die wenigen
Bewohner des Schlosses glichen einer Bevölkerung die mit einem Male fühlt dass
sie gewaltsam aus ihren bisherigen Geleisen gerissen wird dass sie am Vorabende
irgendeines bisher nie gekannten Ereignisses steht am Vorabende eines
grandiosen Festes am Vorabende einer blutigen Revolution
Wir messen die Leiden und Freuden unseres kleinen adligen Familienkreises
keineswegs nach so großem Maßstabe Furcht und Erwartung äußern sich bei dem Tun
und Treiben weniger Menschen auf dieselbe Weise wie bei dem Wogen einer
zahllosen Masse Rührend komisch war es wenn man den alten Baron sah wie er
gesenkten Hauptes im Schloss umherwandelte aus einem Gang in den andern aus
einem Zimmer in das andere tretend dem Anschein nach stets beschäftigt und doch
nie etwas tuend immer etwas suchend um doch absichtlich nie etwas zu finden
Manchmal lief er ans Fenster als ob er jemanden das Tal hinaufkommen sähe den
er sehnlich erwartete dem er mit offenen Armen entgegeneilen müsste und es
regte sich doch kein Mensch in der ganzen Gegend und unverwandt blickte er dann
hinaus über die wogenden Felder Oft schritt er auch rasch hinauf in sein
Kabinett setzte sich an den Schreibtisch nahm Papier und Feder und tat alles
mit so vieler Hast als triebe ihn die grösseste Eile als sei er ganz mit sich
darüber einig was er schreiben müsse als könne alles in einem Augenblick
erledigt werden wollte er aber wirklich das erste Wort auf das Papier werfen
da sank er zurück in den Lehnstuhl die Feder entsank wieder seiner Hand und
starr blickte er stundenlang hinunter auf die Blumen des Teppichs Ohne es zu
wissen riss er auch wohl an dem Griff des Schellenzuges dass der Korridor von
wildem Geklingel widertönte Bestürzt trat der alte Jean Baptiste herein und
fragte nach den Befehlen seines Herren aber der Herr gab gar keine Antwort und
tat auch gar nicht als wenn er den Diener bemerke Und kopfschüttelnd wanderte
Jean Baptiste dann zurück in sein Zimmer der ehrliche treue Diener er war
ebenso zerstreut wie sein Herr und nicht selten passierte es ihm dass er nach
einer solchen Audienz wieder in seinem Sorgenstuhle angekommen mit einem Male
hurtig aufsprang und sich fest zu erinnern glaubte dass der Herr Baron dennoch
etwas bestellt habe er wusste nicht mehr was es war er lief aber eilig in den
Salon ergriff ein Buch einen Bleistift oder ein Federmesser was ihm zuerst in
die Hand kam und trug es hinauf zu seinem Herrn und der Baron war dann auch
jedesmal zufrieden und Jean Baptiste freute sich über sein gutes Gedächtnis
was ihn die Befehle des Herrn selbst im Traume nicht vergessen ließ »Der arme
arme Baron« murmelte er still vor sich hin wenn er allein wieder in seiner
Ecke saß »er vergisst alles wenn ich nicht da wäre es ginge drunter und
drüber ich bin der einzige der noch seine fünf Sinne beieinander hat« und
langsam streckte er dann die Hand nach der großen zerlesenen Bibel aus um in
den Psalmen fortzufahren und legte gewöhnlich das untere Ende des Buches
zuoberst ohne es in der nächsten halben Stunde zu bemerken
Die Gemütsstimmung Bertas war nicht weniger toll und verworren wie die
ihres Vaters und des alten Dieners Wie aber bei diesen jede Seelenregung nur
noch zur Melancholie überschlug so loderte bei ihr alles zu jener Heftigkeit
zu jener Leidenschaft empor die jedem jugendlichen Wesen eigen ist das zum
ersten Male in seiner innersten Tiefe erschüttert wird das die erste Aventüre
seines Daseins erlebt Was hatte sie erlebt was störte ihren Frieden Sie wusste
es selbst kaum Mehr wie hundertmal setzte sie sich hin um bei dem Lesen
irgendeines geliebten Buches alles zu vergessen was sie plagte sie gab sich
die größte Mühe dem Faden der Erzählung zu folgen aber ach sie kam nie über
das erste Kapitel hinaus stundenlang las sie an einer Seite und warf das Buch
unwillig beiseite Sie stieg hinauf in den oberen Raum des Schlosses sie lehnte
sich aus dem Erker hinaus und blickte hinunter in die Mitte des Gartens sie
stand sonst so gern an diesem Orte sie konnte sonst halbe Tage lang ruhig hier
verweilen aber jetzt es trieb sie wieder hinab wenn sie kaum seit einer
Minute die Unterzimmer verlassen hatte Unruhe folgte ihr auf Schritt und
Tritt Oft sinnend dastehend schrak sie plötzlich zitternd zusammen sie
meinte es müsse jemand hinter ihr stehen der sie belausche Laut redete sie
dann mit sich selbst und merkte es selbst erst wenn die Saiten einer Harfe die
in der Fensterbrüstung lehnte mit einem Male wie von unsichtbarer Hand
berührt bei dem höchsten Ton ihrer Stimme rauschte Ach traurige Tage verlebte
Berta und weinend drückte sie oft ihr Antlitz in die Kissen des Lagers wenn
sie sich müd von aller Qual schon beim Hereinbrechen der Nacht dem Schlummer
entgegensehnte Aber sie konnte ja nicht mehr schlummern sie zog die schweren
Vorhänge zurück stützte den Kopf auf die kleine Hand und schaute dem
efeubehangenen Fenster zu durch das die Sterne prächtig funkelnd zu ihr
hinübersahn Erst wenn der Morgen purpurn über die Berge stieg da brach ihre
Kraft und sie sank in einen tiefen bleiernen Schlaf aus dem sie nur erwachte
wenn die Sonne wieder hoch und herrlich am Himmel stand Hätte sie nur den
Träumen entgehen können die stets zwischen Schlaf und Wachen eine wilde
Fieberhitze auf ihre Wangen jagten Aber nein stets träumte sie von jener
unglücklichen Jagd in der Höhe des Gebirges sie sah das Gewitter schwarz
vorüberziehen sie hörte die Eichenwaldung rauschen Nero bellte in der Ferne
jetzt bewegten sich die Spitzen des Gebüsches sie senkte den Lauf des Gewehres
rings dröhnten die Berge von dem Donner des Schusses und zu ihren Füßen lag
in seinem Blute schwimmend der schöne Fremdling und mit einem Schrei des
Entsetzens erwachte sie
So rasch hatte sich alles in dem Kastell des Barons geändert Wie ein
Nachtwandler schritt der Baron aus einem Zimmer in das andere verstört und
zerstreut rannte der alte Jean Baptiste auf und ab und mit Tränen in den Augen
verbrachte Berta ihren Tag Nur die gewöhnlichen Dienstboten des Schlosses
waren glücklich wie immer sie saßen unten in der Küche tändelnd spielend und
schlafend
Die Ursache dieses ganzen Jammers wird unseren Lesern nicht fremd sein Der
Baron litt an seinen Schulden Jean Baptiste an dem Mitleid was er mit seinem
Herrn hatte Berta litt an der Liebe und die Dienstboten an der Langeweile
Schulden Liebe und Langeweile Ist das nicht genug des Elends um allen frühern
Freuden ein Ende zu machen
Die Lage des Barons hatte sich mit jedem Tage verschlimmert Der Fabrikant
Preis der einzige von dem noch Hilfe zu erwarten war hatte sich nicht allein
zu wiederholten Malen darüber ausgesprochen dass er nur bei einem Verkauf der
letzten Besitzungen des Barons mit einer Zahlung bei der Hand sein würde nein
er hatte jetzt sogar die Forderungen welche der Baron zu decken gedachte an
sich gekauft und konnte ihn dazu zwingen das Kastell zu verlassen Wir kennen
den Hergang dieser Sache bereits aus einer Unterredung des Fabrikanten mit dem
Notar Der Baron ahnte natürlich nicht wie schmählich ihn der Notar verraten
hatte die Bestürzung über das Unheil was immer gewaltsamer über ihn
hereinbrach raubte ihm die Besinnung er begriff nur soviel dass der Fabrikant
sein Todfeind sei und dass er sich auf das Schlimmste gefasst zu machen habe Von
Zeit zu Zeit hoffte er noch durch irgendeinen seiner früheren Freunde vor dem
Untergange gerettet zu werden wenn er aber die Namen aller der Leute durchging
welche in frühern Jahren bei ihm getanzt und geschwelgt hatten so fand er
leider dass manche ihm wohl nicht helfen könnten wenn sie wirklich wollten und
dass andere seiner nur lachen würden wenn er sich an sie wendete Nach
tagelangem Hin und Hersinnen gab er daher endlich auch die letzte Hoffnung auf
und fasste den Entschluss jedes Missgeschick so heroisch wie möglich zu ertragen
Wir treffen ihn in dem Augenblick wo er zuerst wieder stolz sein Haupt
erhebt er erinnert sich plötzlich seiner Tochter er besinnt sich wann er sie
zuletzt gesehen was er zuletzt mit ihr gesprochen es ist ihm als erwachte er
plötzlich aus einem langen wüsten Traume und rasch verlässt er das Kabinett um
sein Kind seit langer Zeit zum ersten Male wieder an sein Herz zu drücken
Berta hatte diesen Tag geradeso verlebt wie alle jene unglückseligen
Stunden die seit ihrem abenteuerlichen Zug ins Gebirge verflossen Das Herz
»voll süßem Gram voll holder Not« war sie hinab in den Garten geeilt und hatte
sich am äußersten Ende des Raumes auf eine Erhöhung gesetzt von der man durch
die Zweige einiger Nussbäume hindurch auf den Weg hinabsah der nach dem Dorf und
dem Rhein führte
Wer vermag zu schildern was in einem verliebten Mädchenkopfe vorgeht
Bertas Wangen glühten ihre Augen blitzten von Liebe und Sehnsucht
So saß sie und zürnte und härmte mit ihrem Schicksal Während ihr Vater noch
den Mann verfluchte der mit unerbittlicher Strenge seine Pläne verfolgte und
vor Freude darüber jubelte dass er bald dem alten Glanz der dEyncourts ein Ende
machen könne liebte sie die einzige Tochter den Sohn dieses Tyrannen mit
einer Raserei dass sie längst alles vergessen hatte was noch bis vor wenigen
Tagen ihr Stolz und ihre Freude gewesen
In den Bergen verglühte indes das Abendrot und kühl wehte es vom Rhein her
dem Schloss zu Berta erhob sich um ins Kastell zurückzukehren schaute
noch einmal dem Dorfe zu sie lauschte man läutete die Abendglocke die ersten
Töne klangen hell und deutlich zu ihr herüber Bläulicher dämmerte die Ferne Da
rauschte es seitwärts in den Feldern die Ähren zitterten und bogen sich weit
voneinander jetzt kam es näher es war der Galopp eines Pferdes es ritt
jemand an der Mauer des Gartens hinunter geradewegs durch die wogende Saat
Berta eilte zurück auf die kleine Erhöhung Die Zweige des Nussbaums wichen
vor ihrer Hand und weit bog sie sich über die Mauer hinaus um zu sehen wer so
keck das Korn der Landleute niederreite Hätte sie nicht rasch den Kopf
zurückgezogen so wäre ihr ein Strauss der duftigsten Rosen mitten ins Gesicht
geflogen »Das ist sehr galant aber doch etwas unhöflich« rief sie doch das
Wort erstarb ihr fast auf den Lippen
»Habe ich dich erschreckt O vergib mir« Julius sprang empor und Berta
erkannte ihren Herzenskönig
Da rief jemand vom Schloss herüber laut den Namen Bertas Es war der
Baron der sein Kind lange vergebens gesucht hatte Sie wand sich aus den Armen
ihres stürmischen Freundes
Es mochte 10 Uhr abends sein als Berta bei ihrem Vater wieder im Saale des
Schlosses saß Der Baron hatte sich vorgenommen seinen Kummer zu überwinden
und hoffte in seiner Tochter die lustige Gesellschafterin anzutreffen die doch
stets alle seine Verdrießlichkeiten besiegt hatte Für Berta war es heute aber
unmöglich noch ein heiteres Wort zu reden Die unerwartete Erfüllung aller
ihrer Wünsche hatte sie niedergeschlagen und sie würde schon längst ihr
einsames Zimmer gesucht haben wenn der Vater nicht mehr denn je darauf
gedrungen hätte dass man noch etwas beisammen bliebe Mit der Unterhaltung
wollte es aber gar nicht weiter und aus Furcht wieder in den alten Trübsinn zu
verfallen langte der Baron daher nach einem der Bücher die er in den letzten
Tagen mit aus der Stadt gebracht hatte
Das Werk was dem Baron in die Hände fiel war ein eben erschienenes und
handelte über englische Zustände Der Baron beschäftigte sich sehr wenig mit
solchen Sachen der Buchhändler empfahl ihm indes den kleinen Band als ein Werk
was viel Aufsehen gemacht habe mache
»Komm liebe Berta wir wollen einmal sehen wie es in England aussieht
lies mir etwas vor« Und aufs Geratewohl aufschlagend legte er seiner Tochter
das Buch hin
Das arme Mädchen hatte in den letzten Tagen zuviel gelitten und in den
letzten Stunden zuviel erlebt als dass es ihr möglich gewesen wäre auch nur ein
Wort von dem zu verstehen oder zu behalten was sie las Sie war aber zu sehr
daran gewöhnt jede Bitte ihres Vaters zu erfüllen und fuhr daher mit ihrer
lieblichen Stimme immer ruhig fort Je weniger sie indes mit jeder Minute auf
das was sie las achtete desto mehr steigerte sich bei jedem Abschnitt die
Aufmerksamkeit des Barons Man berichtete von der Lage der englischen Arbeiter
und von ihrer Stellung zur Bourgeoisie durch die neuliche Unterredung mit dem
Fabrikanten war der Baron aufs neue auf diesen Gegenstand allgemein aufmerksam
gemacht worden er hatte indes in den letzten Tagen zuwenig daran denken können
und erst jetzt fiel es ihm ein dass derartige Verhältnisse in ihrer vollen
Entwicklung doch wohl nur in England zu suchen seien Dieser Gedanke bestätigte
sich ihm natürlich nur je weiter Berta im Lesen fortfuhr und unwillkürlich
freute er sich hier seine unausgesprochene Idee wiederzufinden dass nämlich bei
der Industrie wie sie heute betrieben wird nur die entsetzlichsten Resultate
zum Vorschein kommen können
Hier eine Stelle aus Engels Buch über die Leiden der Arbeiter
»Halt ein liebe Berta es würde uns zu weit führen wenn wir alle diese
Leiden der Arbeiter verfolgen würden aber halt hier ist noch das Resümee das
der Verfasser über die Bourgeoisie gibt das wollen wir doch noch hören Wer so
gut über die Arbeiter Bescheid weiß wird uns auch gewiss sagen können wie es
mit den Fabrikherren aussieht«
Berta las daher weiter
»Mir ist nie eine so tief demoralisierte eine so unheilbar durch den
Eigennutz verderbte Klasse vorgekommen wie die englische Bourgeoisie Für sie
existiert nichts in der Welt was nicht nur um des Geldes willen da wäre sie
selbst nicht ausgenommen denn sie lebt für nichts als um Geld zu verdienen
sie kennt keine Seligkeit als die des schnellen Erwerbs keinen Schmerz außer
dem Geldverlieren Bei dieser Habsucht und Geldgier ist es nicht möglich dass
eine einzige menschliche Anschauung unbefleckt bleibe Es ist dem englischen
Bourgeois durchaus gleichgültig ob seine Arbeiter verhungern oder nicht wenn
er nur Geld verdient Alle Lebensverhältnisse werden nach dem Gelderwerb
gemessen und was kein Geld abwirft das ist dummes Zeug unpraktisch
idealistisch Selbst das Band zwischen dem Bourgeois und seiner Frau ist in 99
Fällen aus 100 nur bare Zahlung« Diese Stelle noch weiter durchzuführen
Der Baron sprang von seinem Sitz auf
»Sieh liebe Berta das ist das Geschmeiss was sich nach der Welterrschaft
drängt in diesen Zeiten Pfui über diese niedrigen Gesellen und leider besitzt
die England nicht allein auch hier im Lande hat sich dies Gesindel angenistet«
Weitere Ekstase des Barons Berta erschrickt Da erwähnt der Baron den
Fabrikanten Preis
Die Augen des Barons funkelten vor Zorn und Entrüstung Berta dachte an den
Sohn dieses Herrn Preis und wurde bleich wie der Tod
Hier fehlen im Manuskript mehrere Seiten
»Auf keinen Menschen kann ich mich verlassen« rief Herr Preis in höchstem
Unwillen und schob die grüne Mütze rechts und links auf dem Kopfe umher »Sehen
Sie mal hier Herr Weber« Da trat der Buchhalter an das Pult heran und schaute
hinab auf ein dicht beschriebenes Heft welches die Kalkulationen des Geschäftes
enthielt »Sehen Sie mal Herr Weber Fünf in die siebenundzwanzighundert
wievielmal geht das«
»Geht fünfhundertvierzigmal«
»Aber hier steht ja fünfhundertzwanzigmal«
»Dann ist ein Fehler passiert«
»Das ist aber schrecklich«
»Allerdings Herr Preis sehr traurig«
»Aber wie können Sie sich irren«
»Irren ist menschlich«
»Aber ich meinte Sie wären unfehlbar«
»Vielleicht nicht immer«
»Aber ich dachte Sie wären ein wahrer Papst«
»Verzeihen Sie Herr Preis ich bin Protestant Aber erlauben Sie wir
irren uns beide« die Augen des Buchhalters blitzten vor Freude »ich sehe es
deutlich ein Fehler ist zwar passiert aber es ist ja nicht meine Schuld das
ist ja nicht meine Schrift das sind ja nicht meine Zahlen ich wusste es wohl
es ist nicht möglich dass ich einen Bock schieße unmöglich unmöglich« Und zu
dem größten Ärger des alten Fabrikanten stellte es sich heraus dass der teure
Sohn August die Sünde eines Rechnungsfehlers begangen hatte
Einige Minuten nachher stand der alte Herr in dem Magazine des Geschäfts Er
war heute gerade in der Laune alles zu kontrollieren und suchte mit einer
wahren Emsigkeit danach irgendeinen Fehler aufzufinden den er seinen
Untergebenen vorwerfen könne Der Magazinier war gerade damit beschäftigt
einige Zeugstücke übereinanderzulegen welche eben von den Webern geliefert
waren Aufmerksam beschaute der Fabrikant seine Ware und schien sich fast
darüber zu ärgern dass alles in Ordnung war dass er nichts daran auszusetzen
fände da wollte es das Unglück dass zu guter Letzt noch ein Stück zum Vorschein
kam dessen große Ölflecken nur zu deutlich bewiesen dass die Lampe des Webers
eine zu nahe Bekanntschaft damit gemacht hatte
Wie ein Panter seine Beute so ergriff der Fabrikant das beschädigte Stück
»Jesus Maria Hier haben wir einen Ölfleck«
»Lieber Gott das ist wahr« flüsterte der Magazinier
»Und wie könnt Ihr ein solches Stück annehmen«
»Ich nehme ja keine Stücke an«
»Aber wer ist dann schuld an diesem Versehen«
»Ich glaube der Herr August hat die Ware empfangen«
»Und hat mein Sohn dem Weber keine Abzüge an dem Lohn gemacht«
»Wahrscheinlich nicht«
»Aber weshalb habt Ihr ihn nicht daran erinnert«
»Ich habe ihn daran erinnert«
»Und der Weber wurde dennoch nicht bestraft«
»Ach Herr Preis der Weber ist ein so armer Kerl«
»Heilger Himmel was gehen mich die armen Weber an Nein das ist aber zum
Tollwerden Ware anzunehmen mit Ölflecken ohne den Weber zu strafen« und im
größten Verdruss verließ der Fabrikant das Magazin um weiteren Fehlern
nachzuspüren
Er trat in das kleine Komptoir in welchem am Samstagabend die Löhne
ausgezahlt wurden und langte ohne weiteres nach einem Buche dessen
verschiedene Konti die Namen der einzelnen Arbeiter an ihrer Spitze trugen
Dieses Buch der »eingehaltenen Gelder« spielt in den Fabriken eine zu große
Rolle als dass wir seine Bestimmung nicht näher erläutern sollten Die meisten
Fabrikanten haben nämlich das schöne System den Arbeitern an ihrem Lohne stets
einige Groschen zu kürzen und diese den Leuten gutzuschreiben Als Grund eines
solchen Verfahrens gibt man gewöhnlich an dass die Arbeiter zu liederlich mit
ihrem Geld umgingen wenn man ihnen gleich den ganzen Lohn in die Finger gäbe
und dass es eine reine Fürsorge für ihr Wohlergehen sei wenn man ihnen einen
Teil des Saläres aufbewahre »Wir sind die gute Vorsehung unsrer Arbeiter«
hatte der Herr Preis gesagt als er den Befehl gab dies Buch der
»eingehaltenen Gelder« zu beginnen
Wie in den meisten andern Fabriken so verhielt es sich indes auch in der
des würdigen Herrn Preis ganz anders damit Man suchte nämlich durch diese
eingehaltenen Gelder die Arbeiter stets in der Hand zu behalten man konnte an
diesen kleinen Ersparnissen seinen Regress nehmen wenn dem Eigentümer derselben
irgendein Unglück passierte was dem Interesse des Fabrikanten Schaden zufügte
und es geschah nicht selten dass der Arbeiter nie wieder etwas davon zu sehen
bekam »Auch in anderer Weise ist dies Verfahren nützlich« bemerkte der Herr
Preis zuzeiten »Solange die Arbeiter gesund sind da können sie sich schon
durchschlagen werden sie aber krank da ist gleich der Teufel los und man soll
sie unterstützen Um nun nicht in den unangenehmen Fall dieser Mildtätigkeiten
zu geraten halte man ihnen einige Gelder zurück die werden ihnen dann herrlich
zustatten kommen und wir sind der Unterstützungen überhoben«
Genug es geschieht zu der Arbeiter Bestem dachte auch jetzt der Herr
Preis als er das verhängnisvolle Buch aufschlug um sich davon zu überzeugen
ob man seinem Befehle auch wöchentliche Folge leiste Wie groß war daher sein
Erstaunen als er nur zu bald bemerkte dass ganz das Gegenteil geschehen
»Aber das ist doch infam« rief er und schlug mit der Faust auf den Tisch
dass der nicht weit entfernt sitzende junge Komptoirist erschrocken zusammenfuhr
»In voriger Woche hat man wieder keine Gelder zurückgehalten«
»Die Arbeiter widersetzten sich zu sehr«
»Das ist aber gar kein Grund Die Arbeiter sollen sich nicht widersetzen«
»Sie erklärten fast alle dass sie mit dem verkürzten Lohne nicht auskommen
könnten«
»Und wenn sie das auch zehnmal erklären so sollen Sie doch nicht
nachgeben«
»Verzeihen Sie Herr Preis ich habe nichts mit der Sache zu tun«
»Und wer hat sie denn besorgt«
»Das hat der Herr August getan«
»Wieder der Herr August immer der Herr August« murmelte der Alte und
verließ das Komptoir um durch die Fabrik zu wandeln In den Türen der
verschiedenen Arbeitssäle waren kleine Fenster angebracht die von außen durch
einen kleinen Schieber geöffnet und verschlossen werden konnten Der tätige
Fabrikant hatte schon seit geraumer Zeit diese Vorrichtung anbringen lassen
damit er vom Gange her und ohne von den Arbeitern bemerkt zu werden
gelegentlich einen Blick auf seine Sklaven werfen konnte Wenn alles in guter
Ordnung und in vollkommener Tätigkeit war so verschloss der Alte natürlich das
Fenster ebenso schnell wie er es geöffnet hatte Wollte indes der Zufall dass
gerade einige Kinder des Spinnsaales für einen Augenblick die Hände sinken
ließ und die abgebrochenen Fäden nicht so rasch wieder anknüpften wie sie
gesollt hätten da vernahm man plötzlich von der Tür her ein entsetzliches
Murmeln das nach und nach zu einem wahren Gebrüll ausartend endlich den Lärm
der Maschinen übertönte und die Sorglosen daran erinnerte dass das Medusenhaupt
des Alten vor der Öffnung des Fensters stehe Rasch wie der Blitz fuhren die
erschreckten Kinder dann zurück an ihre Arbeit und atmeten erst wieder auf wenn
die Stimme des Fabrikanten gleich einem fernen Donner langsam und feierlich
verhallte
Als der Alte das kleine Zahlcomptoir verlassen hatte schritt er der Reihe
nach an den Türen der Säle vorüber drückte den Schieber eines jeden Fensters
behutsam zurück und schaute hinein in seine Arbeiterwelt Alles war vollauf
beschäftigt Mädchen und Knaben übertrafen sich an Emsigkeit und wenn dennoch
hin und wieder einmal jemand nicht recht mehr vorwärts wollte da klang auch
gleich die mahnende Stimme des Meisters der den Saumseligen antrieb »Brave
Leute brave Leute« murmelte der Alte und gelangte bald zu dem letzten Saale
in welchem mehrere erwachsene Arbeiter beschäftigt waren Eben wollte er den
kleinen Schieber wieder zudrücken da sah er zu seinem Schrecken dass sich unter
den Arbeitern ein Mensch bewegte den er erst vor wenigen Tagen eigenhändig zum
Hause hinausgeworfen hatte
»Schon wieder eine Mordgeschichte schon wieder eine Tragödie« rief der
erzürnte Alte »Wer hat Euch wieder hierhergeschleift« donnerte er dem
Unglücklichen entgegen
»Ach Herr Preis haben Sie Mitleid mit mir«
»Ich Mitleid mit Euch haben Alle Wetter habt Ihr nicht zwei Dutzend Nägel
aus der Schmiede gestohlen«
»Ach Herr Preis vergeben Sie mir noch einmal«
»Ich Euch vergeben Freut Euch dass ich Euch nicht auf die Polizei gebracht
habe«
»Meine Frau war so krank da habe ich die Nägel verkaufen müssen«
»Was geht mich Eure Frau an Wenn sie stirbt dann seid Ihr sie los ich
will Euch aber nicht mehr in meiner Fabrik haben Wie könnt Ihr Euch
unterstehen mir wieder über die Schwelle zu kommen wer hat Euch erlaubt
wieder bei mir einzutreten«
»Der Herr August« flüsterte der erschrockene Mann und schlug die Augen
nieder
Ärgerlich warf der Alte den Schieber des Fensters wieder zu »Immer der Herr
August ewig der Herr August Rechenfehler macht er Zeugstücke nimmt er an die
voll Ölflecken sind und lässt sich von dem Weber den Schaden nicht ersetzen von
den Löhnen zieht er am Samstag nichts ab Arbeiter engagiert er die ich zur Tür
hinausgeworfen alles geht drunter und drüber fahre der Henker in die ganze
Butike« Zornig rannte der würdige Alte aus der Fabrik hinaus ins Freie
Hundert ähnliche Vorfälle so klein und erbärmlich sie auch waren hatten
den alten Fabrikanten schon seit mehreren Tagen in eine sehr reizbare Stimmung
versetzt Das einzige was ein freundliches Verhältnis zwischen Vater und Sohn
bisher noch aufrechterhalten hatte war Augusts Pünktlichkeit und sein
unendlicher Eifer für das Wohlergehen des Geschäftes Es konnte aber nicht
fehlen dass die vielen Verstösse der letzten Tage den Alten im höchsten Masse
aufbrachten August hatte dies kaum bemerkt Die vielen andern Dinge die gerade
in seinem Kopf vorgingen ließ ihn an vieles nicht mehr denken Es war ihm
zumute wie jemandem der eine Stadt verlässt in der er viele Jahre verweilte
deren ganzes Leben und Treiben ihn bisher im höchsten Grade interessierte an
dem er den regesten Anteil nahm da steht er in den letzten Augenblicken des
Verweilens und seine ganze Umgebung wird ihm plötzlich gleichgültig seine
Seele ist schon mit dem beschäftigt was er in der nächsten Zukunft hören sehen
und erfahren wird Mit der steigenden Erwartung des Kommenden erlischt sein
Anteil an dem was noch in seiner Nähe vorgeht und hastig sucht er zu ordnen
was ihn an frühere Verhältnisse knüpft die er jetzt für immer aufzugeben denkt
August hatte nun freilich keineswegs vor seinen jetzigen Wirkungskreis zu
verlassen Nur von den Dingen die bisher seiner Tätigkeit zugrunde lagen sagte
er sich los und gab sie um so rascher auf je mehr er sich fester und
entschiedener in seinen neuen Ansichten fühlte Mechanisch betrieb er daher nur
noch seine gewöhnlichen Arbeiten und war nur dann mit ganzer Seele dabei wenn
sich eine Gelegenheit darbot seine bessere Einsicht darauf anzuwenden und auf
diese Weise seine geänderten Gesinnungen praktisch erscheinen zu lassen Seine
Stellung den Arbeitern gegenüber führte solche Gelegenheiten natürlich häufig
herbei und wenn er sich früher vielleicht nur aus einem Rest von Menschlichkeit
dazu verleiten ließ hin und wieder durch die Finger zu sehen die Arbeiter zu
schonen und die Vorschriften seines Vaters außer acht zu lassen so tat er dies
jetzt freiwillig mit vollem Bewusstsein er suchte die Gelegenheit auf wo es
ihm möglich war gegen das Herkömmliche zu verstoßen
Während daher der Alte wie von Taranteln gestochen die Fabrik durchrannte
und sich über die Anordnungen seines Sohnes schwarz ärgerte folgte ihm August
auf dem Fuße nach um die Sache nur jedesmal nur noch schlimmer zu machen und
das was der Alte vielleicht wieder umgestossen hatte durch abermalige
Neuerungen zu ersetzen
Wie Nacht und Tag liefen Vater und Sohn hintereinander her der eine immer
des andern Werk verschlingend Wenn die finstere Miene des Alten kaum den Sieg
davongetragen hatte dann nahte schon von der andern Seite das strahlende
Antlitz des Sohnes um sich nicht weniger geltend zu machen Enthusiasmus und
Erbitterung jagten sich im Kreise und wie toll ihre Bahn durcheilend dachten
weder Sohn noch Vater daran plötzlich einmal stillzustehen den Gegner zu
erwarten und die Sache zu einer Entscheidung zu bringen denn beide fürchteten
sich noch voreinander beide wussten noch nicht wie sie einander gegenübertreten
sollten der Vater hatte seinen Sohn noch zu sehr nötig um ihn entfernen zu
wollen und der Sohn konnte den Vater nicht verlassen weil er in seiner Nähe ja
eben seine Pläne am besten zu entwickeln dachte
Mehrere Wochen waren so vergangen da wurde der alte Herr der ewigen
Anordnungen überdrüssig und zog eines Abends den Buchhalter Weber zu sich in das
Geheimkabinett um wenigstens jemanden zu haben vor dem er seinem Zorn einmal
in Worten Luft machen könne Der Buchhalter hatte sehr häufig das Glück zu
solchen Konferenzen unter vier Augen eingeladen zu werden und war nicht wenig
darüber erfreut wenn man ihm Gelegenheit gab seine guten Ratschläge an den
Mann zu bringen Geradeso rücksichtslos und frei wie der alte Fabrikant sich
bisweilen in solchen Augenblicken zeigte ebenso vorsichtig war indes der Herr
Weber in allem was er darauf erwiderte Er wusste es dass es immer eine
peinliche Sache ist sich zwischen Vater und Sohn zu stellen und einige bittere
Erfahrungen reichten hin um ihn noch mehr hierin zu bestärken Tobt der Alte
gegen seinen Sohn sagte der Herr Weber da sollte es freilich politisch
erscheinen dass man ein Gleiches täte um dem Vater dadurch zu schmeicheln dass
man ihm recht gibt und umgekehrt schimpft der Sohn auf seinen Vater da sollte
man dem Sohne recht geben um es wieder mit diesem nicht zu verderben Es bleibt
aber immer ein missliches Ding den Mantel nach dem Winde zu hängen denn sobald
sich Vater und Sohn wieder einigen da kommen nur zu leicht die Sünden des
Mittelmannes an den Tag und für alle Gefälligkeiten erntet man nur lauter
Undank
Was ist also zu tun Man muss ganz auf entgegengesetzte Weise agieren Wenn
der Vater auf den Sohn schimpft dann muss man den Sohn in Schutz nehmen und
schimpft der Sohn auf den Vater da verteidigt man den letztern Auf diese Weise
erscheint man nicht allein seinem Gegenmanne als ein Mensch welcher ehrlich
genug ist auch unter den schwierigsten Verhältnissen seine Herzensmeinung
auszusprechen sondern man sichert sich auch hintereinander vor dem Unfalle dass
man später von dem einen bei dem andern als Verleumder denunziert wird Dieses
System hatte sich als so probat erwiesen dass der Buchhalter Weber auch nicht
mehr davon abging Ohne es zu wissen war er auch deswegen noch doppelt
glücklich dadurch geworden weil der schlaue Fabrikant nicht selten wenn er
wirklich im besten Einverständnis mit seinen Söhnen war dennoch auf diese im
geheimen zürnte um dadurch andern Veranlassung zu geben sich über dies und
jenes auszulassen was dem schlauen Fabrikanten vielleicht bisher entgangen war
Hätte nun der Buchhalter in solchen Augenblicken die Söhne hinterrücks ebenso
entschieden getadelt wie es der Fabrikant nur scheinbar tat so würde er sich
schwerlich sehr beliebt gemacht haben sein System den Angegriffenen zu
verteidigen konnte ihm daher auch in diesem Punkte nur nützlich sein und
unwillkürlich hatte sich die ganze Familie Preis daran gewöhnt in dem Herrn
Buchhalter einen aufrichtigen und treuen Vermittler aller Streitigkeiten zu
erblicken
Komisch war es wenn diese beiden alten Füchse nun einander
gegenüberstanden um ihre Herzen auszuschütten das heißt sich gegenseitig zu
belügen und fast stets das Gegenteil von dem zu sagen was sie dachten Die
Unterredung wurde dadurch nicht selten so verwickelt dass oft der eine den
andern gar nicht mehr verstand und der Fabrikant endlich mit einer grotesken
Phrase das Zimmer verließ indem er sich aufs neue davon überzeugt zu haben
glaubte dass der Buchhalter zwar ein guter Mensch aber auch ein sehr konfuses
Geschöpf sei
Der Fabrikant irrte sich gewiss sehr der Buchhalter war weder das eine noch
das andere unbekümmert um das was den Familienstreitigkeiten seines Herrn
eigentlich zugrunde lag benutzte er die Unterredungen mit dem Vater oder mit
dem Sohne nur dazu um sich stets als aufrichtigen Freund und erleuchteten
Ratgeber herauszubeissen und so vortrefflich gelangen ihm seine Schliche dass
ihn beide Parteien wenn auch nicht gerade für sehr geistreich doch gewiss für
sehr ehrlich hielten eine Meinung die dem Buchhalter auf die Dauer nur von zu
hohem Werte sein musste
Als der Fabrikant den Buchhalter in das Kabinett des Geschäftes zog um ihm
seine Klagen über den unglücklichen Sohn August vorzutragen hatte der Herr
Weber nicht anders gehofft als dass die ganze Sache wieder durch einige
Vermittlungen beigelegt werden könnte Er täuschte sich diesmal Der Alte machte
sich zuerst daran das ganze Treiben seines Sohnes von unten bis oben zu
verdammen und ohne auf die Einwürfe zu hören welche sich der Buchhalter
erlaubte trug er diesem dann auf sofort eine Zusammenkunft mit August zu
halten und ihm im Namen des Vaters zu erklären dass er mit seinen Neuerungen und
Verbesserungen aufhören müsse widrigenfalls er in Zeit von vierzehn Tagen das
elterliche Haus zu verlassen habe
Der Alte hatte sich zu deutlich ausgesprochen und der Herr Weber sah ein
dass nichts anderes zu tun sei als den Befehl seines Herrn pünktlich und
gewissenhaft zu vollstrecken Er überbrachte daher seine inhaltsschwere
Depesche nicht ohne eine salbungsvolle Einleitung vorhergehen zu lassen in der
er seinen Kummer über das hereinbrechende Unheil in den lebhaftesten Farben zu
schildern suchte
Ruhig und gelassen hatte August die ganze Predigt angehört und den
Buchhalter dann ebenso trocken wieder abgefertigt Es freute ihn dass der Alte
endlich Anstalt machte die ganze Sache einmal zur Entscheidung kommen zu
lassen Oder sogar hatte er sich nach einer solchen Entscheidung gesehnt und nur
immer gescheut selbst den unmittelbaren Anstoß dazu zu geben
Während er sich daher im stillen schon darauf besann welche Einwürfe und
Erläuterungen dem Vater bei diesem ihm jetzt unvermeidlich scheinenden Bruche zu
machen wären fuhr er nur desto entschiedener in seiner bisherigen
Handlungsweise fort indem er in der Fabrik des Vaters ganz nach eigenem
Ermessen regierte und Tag für Tag durch eigene Anordnungen die Wünsche des
Vaters vereitelte
August hatte nie gedacht dass es ihm möglich sein würde so energisch
aufzutreten wie er es wirklich jetzt tat Zu dem Überdruss den er an seiner
bisherigen industriellen Tätigkeit empfand und zu dem Mitleid welches den
Arbeitern gegenüber bei ihm erwachte hatte sich indes noch ein anderer Umstand
gesellt der ihn mehr und mehr aus seiner bisherigen Lage herauszureissen drohte
und ihn unwillkürlich an neue Verhältnisse fesselte
Der Eindruck den Marie an jenem Abend auf ihn machte als sie ihres Bruders
wegen mit dem jungen Fabrikanten sprach war nämlich tiefer gewesen als es
August sich selbst gestehen mochte Das junge Mädchen war ihm nicht mehr
gleichgültig und mehr als früher wanderte er jetzt durch das Zimmer in welchem
sie beschäftigt war Hatte er sie indes wirklich gesehen und wollte es der
Zufall dass auch Marie von ihrer Arbeit aufsah und den Gruß des jungen Herrn
erwiderte dann ärgerte er sich fast darüber dass es geschehen war Er wusste
nicht wie es kam es verdross ihn plötzlich dass dies Mädchen in der Fabrik
beschäftigt war dass Marie unter seinen Augen des lieben Brotes wegen arbeiten
musste und wenn es ihm auch ein stilles Vergnügen machte einen Blick auf ihren
schönen Kopf auf ihre schlanke Gestalt zu werfen so gab es ihm doch wieder
einen Stich durchs Herz wenn er daran dachte dass es dem armen Mädchen
vielleicht unlieb sein mochte bei ihrer Arbeit begafft und beobachtet zu
werden Manchmal glaubte er dies sogar deutlich zu bemerken Zweimal hatte sie
schon leis gezittert und einmal flog eine zarte Röte über ihre bleichen Wangen
als er länger als gewöhnlich nach ihr hinüberschaute Es ging August wie einem
Gärtner der unverhofft in einer Ecke seiner Besitzung versteckt hinter Dornen
und Gesträuch die schönste Rose findet schöner als alle die andern die sich
in besserem Boden und begünstigter durch Luft und Licht entwickelt hatten
Erstaunt bleibt er stehen es verdriesst ihn dass eine so herrliche Blume an so
hässlichem Ort schimmert so weit entfernt von jedem Menschenauge das sich an
der lieblichen Pflanze erquicken und erfreuen könnte und unwillkürlich kommt es
ihm vor als wenn auch die Rose wohl nur aus Zorn oder aus Scham über den
undankbaren Gärtner so doppelt hochrot glühen könnte
In den letzten Tagen hatte August sogar einmal das Unglück Marie in dem
Gange der Fabrik anzutreffen wie sie die Arme voll von gedruckten Kattunen
aus ihrem Zimmer in einen anderen Arbeitssaal schritt um dort ihre Last
niederzulegen Er stutzte es war ihm nicht möglich weiter zu gehen viel
hätte er darum gegeben wenn seitwärts eine Tür zum Entspringen dagewesen wäre
aber das war leider nicht der Fall und der Gang war sehr schmal man musste hart
aneinander vorüber und Marie kam immer näher August wandte sich schon um den
Gang zurückzulaufen da sah sie empor ihre Blicke begegneten sich und er biss
sich die Lippen und Marie errötete und zornig musste August mit dem Fuße
stampfen als sie vorüber war und er wusste doch selbst nicht warum
Dieser Umstand ein Wesen das er mit jedem Tage lieber gewann fortwährend
als geplagte Arbeiterin vor sich zu sehen konnte nicht verfehlen ihn noch
heftiger gegen seine ganze Umgebung die ja eben solche Zustände möglich ja
notwendig machte aufzubringen und ihm dieselbe immer mehr zu verleiden Es hat
schon etwas Empörendes wenn man schwächere Frauen oder Kinder die vielleicht
äußerlich ohne allen Reiz sind und daher nicht das geringste Interesse einflößen
können über ihre Kräfte arbeiten sieht Der starke Unglückliche mag er auch
noch so hart sein er fühlt dann doch bisweilen eine gewisse Wehmut durch seine
Seele gehen und nur Bestien wie sie die heutige Gesellschaft hervorbringt
sind imstande von solchen Zuständen wohl gar noch in doppelter Weise zu
profitieren Ist aber eins dieser unterdrückten Wesen dann noch schön zeichnet
es sich noch durch geniale Züge durch eine edle Haltung durch graziöse
Bewegung oder durch andere Vorteile vor seinesgleichen aus dann ist es ja
natürlich dass nicht das Herz einer Bestie dass aber wohl das Herz eines
Menschen doppelt dadurch getroffen wird
In einem solchen Falle war unser junger Held Die gesellschaftlichen
Zustände im allgemeinen und ein einzelnes Individuum seiner nächsten Umgebung
wirkten gleich mächtig auf ihn ein Je mehr sein Ekel vor dem ersteren stieg
desto mehr steigerte sich die Anteilnahme an dem Schicksal des letztern und wie
er umgekehrt das eine lieber gewann so wuchs auch sein Hass für das andere so
dass die Bewegung seines Innern mit den äußern Eindrücken gleichen Schritt
haltend sich von Tag zu Tag vergrößerte
Eduard der Bruder Mariens hatte sich schon vor einigen Wochen bei August
gemeldet und war bald darauf selbst vor ihm erschienen Schon aus kaufmännischen
Rücksichten würde August den Antrag des jungen Arbeiters keineswegs
zurückgewiesen haben denn Eduard war ein geschickterer Mechanikus als
vielleicht sonst einer weit und breit aufzutreiben war und die Fabrik des Herrn
Preis war nur zu häufig in dem Falle eine tüchtige Hand für ihre alten
Maschinen gebrauchen zu können Man hatte sich daher auch schnell geeinigt und
August freute sich jetzt um so mehr darüber wenn er Eduards Hammer in der
Werkstatt dröhnen hörte da das Interesse welches er für die Schwester Marie
fühlte auch unwillkürlich auf den Bruder überging
Eduard hatte indes selbst keineswegs Veranlassung gegeben dass der junge
Fabrikant ihm geneigter wurde wie jedem andern geschickten Arbeiter Seiner
rauen wilden Natur getreu war er sehr barsch aufgetreten
»Sie sind in England gewesen« hatte ihn August freundlich angeredet
»Ich bin in England gewesen« erwiderte Eduard mit der grössesten Kälte
»Ich habe oft gewünscht dies gewaltige Land einmal zu sehen die Industrie
hat dort einen ganz anderen Umfang erlangt als hierzulande«
»Aber sie hat auch schon ganz andere Wunden geschlagen wie anderswo«
Es konnte nicht fehlen dass August diese Bemerkung aus dem Munde eines
Arbeiters weit mehr auffiel als wenn sie durch jeden andern gemacht worden
wäre In Deutschland ist man nicht daran gewöhnt dass der Arbeiter in Gegenwart
seines Herrn ein Wort fallen lässt was diesen geradezu in Verlegenheit bringen
könnte
»Nun man beschäftigt sich überall damit die üblen Seiten der Industrie
weniger fühlbar zu machen« hatte August erwidert
»Das wird aber schwerlich gelingen« »Weshalb nicht Die üblen Seiten der
Industrie «
»Sind die Leiden der Arbeiter« bemerkte Eduard
»Allerdings Aber die will man ja gerade aufheben In England und
hierzulande gibt es genug Menschen deren ernster Wille dies ist und wenn die
Arbeiter ihren Herren nur vertrauen da werden sie sich über kurz oder lang
vielleicht auch nicht in ihren Hoffnungen betrogen sehen«
Ein ironisches Lächeln zuckte um Eduards Lippen
»Ich weiß nicht wie es hierzulande jetzt aussieht ich bin zu lange
abwesend gewesen in England haben die Arbeiter durch vertrauensvolles Warten
noch nicht viel erlangt und sie versprechen sich auch sehr wenig von den vielen
schönen Reden die man zu ihrem Besten vorbringt«
»Ich glaube dass Sie sich in mancher Weise irren aus den schönen Reden
können ja auch schöne Taten werden«
»Schwerlich große Taten die englischen Arbeiter erwarten sehr wenig von
ihren Herren sie vertrauen weniger auf diese als auf sich selbst«
»Das ist nicht recht Was wollen die Arbeiter machen wenn ihnen die Herren
nicht zur Seite stehen«
August dachte bei seinen zwar aufrichtigen aber natürlich sehr vagen
sozialistischen Gesinnungen an das Assoziieren verschiedener Kapitalisten die
sich mit einer Arbeitermasse zusammentun und mit einiger Rührung und Salbung in
etwas anderer Form so ziemlich dasselbe schaffen wollen was heute schon bei
gänzlicher und eine neue Welt für diesen Kreis zu schaffen gedenken die aber
trotz aller Rührung und Salbung und trotz dem dass sie manches vielleicht in
neuer Form betreiben würden zuletzt doch wohl wieder in den alten Jammer
zurückfallen müssten »Was wollen die Arbeiter anfangen wenn sie von ihren
früheren Herren nicht mit den Kapitalien und Kenntnissen unterstützt werden
welche ihnen selbst abgehen«
»Die Arbeiter brauchen nicht unterstützt zu werden« erwiderte Eduard »Sie
werden sich schon Kapitalien und Kenntnisse zu verschaffen wissen wie sie
dergleichen einst nötig haben« und mit einem höflichen aber sehr kalten
Gruße hatte Eduard das Zimmer verlassen
Eine solche Antwort würde hinreichend gewesen sein um den alten Herrn
Preis in eine sehr lustige Stimmung zu versetzen Er würde dem jungen Mann
entweder gleich wieder seine Entlassung gegeben oder doch wenigstens ein
besonderes Auge auf ihn gehabt haben wenn er ihn trotzdem in seinem Dienste
hielt August wurde nun insoweit durch die Bemerkung unangenehm berührt als er
sich darüber ärgerte hier wieder von einem Arbeiter mit dem sich doch übrigens
schon gut reden ließ seine besten Absichten ganz verkannt zu sehen
Unglücklicher Mensch Der Vater lachte ihn aus wenn er von seinen
philantropischen Gelüsten etwas vorbrachte die Brüder hörten ihn gar nicht an
wenn er davon reden wollte seine Freunde verstanden ihn nicht ein junges
Mädchen dem er gern sein ganzes Herz erschlossen hätte zitterte vor ihm weil
sie vielleicht hinter seiner Artigkeit eine unredliche Absicht vermutete und
ein Arbeiter dem er sich mit Freuden attachiert hätte behandelte ihn rau und
barsch und wandte den Rücken
August war oft so weit dass er fast allen Mut verloren hätte Er war in
einer traurigen Position weder Fisch noch Fleisch weder Herr noch Knecht
weder Kapitalist noch Proletarier das Herz voll von christlichen Plänen die
ganze Seele ein einziger Wunsch nach etwas Schönem und Vollkommenem genug ein
aufrichtig schwärmender Sozialist aber noch ohne alle innere Kraft um etwas
Entscheidendes zu wagen ohne jede Festigkeit um seinen Gedanken Rundung und
Ausdruck zu verleihen
Die Studenten haben einen trefflichen Namen für jene jungen Leute die das
Gymnasium verließen aber noch nicht bis zur Universität fortgeschritten sind
sie nennen solche armen Jungen »Maultiere« August war vielleicht ein
philantropisches Maultier
»Herr Weber«
»Was ist gefällig Herr Preis«
»Machen Sie sich fort gehen Sie nach Haus Herr Weber«
»Wie Sie befehlen Herr Preis« und der Buchhalter Weber drehte sofort
den großen Schlüssel der Geldkiste herum steckte ihn in die tiefe Tasche seines
abgetragenen schwarzen Frackrocks griff dann nach dem sehr antiken Filzhut
nahm im Fluge noch eine Prise aus der großen Tombakdose und wollte eben mit der
gleichgültigsten Miene von der Welt dem Wunsche seines Gebieters Folge leisten
und das Komptoir verlassen als ihm mit einem Male ein so beunruhigender Gedanke
durch den Kopf fuhr dass er unwillkürlich innehielt und wie festgewurzelt mitten
auf der Türschwelle stehenblieb
»Machen Sie sich fort gehen Sie nach Hause« hatte der Herr Preis gesagt
Unerhört Wie der Herr Preis seine Leute nach Hause schicken Ei das hat der
Herr Preis noch nie getan Nein so dumm ist der Herr Preis noch nie gewesen
Nein das ist ein Missverständnis Der Herr Preis schickt seine Leute so leicht
nicht nach Hause Nein bei Gott er hält sie fest solange wie möglich nein
das geht nicht mit rechten Dingen zu ich habe mich geirrt ich habe mich
verhört und ohne seinem erleuchteten Haupte ein weiteres Bedenken über die
ganz ungewohnte durchaus unerwartete Bemerkung seines Herrn zu erlauben zog
der gewissenhafte Buchhalter rasch seine Füße wieder in das Komptoir zurück
»Also hätten Sie wirklich nichts mehr zu befehlen«
»Nichts in Dreiteufelsnamen «
»Amen« sagte der Buchhalter
»Aber rufen Sie mir meinen Jungen herein«
»Mit Vergnügen« und ein selbstzufriedenes Lächeln zuckte über das Antlitz
des dienstfertigsten aller Arbeiter »Da haben wirs« murmelte er »ich wusste
dass der Herr Preis noch etwas zu befehlen hatten ach ich kenne den Herrn
Preis«
»Und welchen ihrer Herren Söhne befehlen Sie« fuhr der Buchhalter laut
fort indem er sich höflich vor dem finster schauenden Gebieter verneigte
»Den ersten besten Der eine ist wie der andere bringen Sie mir den ersten
der ihnen in den Wurf kommt es ist alles einerlei es liegt mir gar nichts
dran Schufte sind sie alle drei Erzschufte sage ich Ihnen kein Haar ist
gut an diesen Burschen holen Sie mir den ersten den sie treffen sagen Sie
ihm er solle hier hereinkommen ich wolle ihm den Pelz waschen doppelt und
dreifach für die beiden andern mit prügeln will ich ihn und sagen Sie ihm
dass er rasch kommt denn ich bin gerade in der rechten Laune voll von
Vaterliebe bin ich Schufte sind sie alle drei «
»Aber Herr Preis«
»Aber Herr Weber Gehen Sie auf der Stelle Sie haben keine Kinder Sie
wissen nicht wie einem ehrlichen Mann zumute ist wenn er Kinder hat das
kennen Sie nicht Sie sind ein Junggeselle freuen Sie sich aber nun entfernen
Sie sich denn Sie verstehen diese Sache nicht eben weil Sie keine Kinder
zeugten gehen Sie leben Sie wohl Herr Weber adieu aber halt rufen Sie
mir meinen Sohn Julius zuerst ja den Julius rufen Sie mir den Julius«
Und wagenweit öffnete der Herr Preis die Tür des Komptoirs aus dem der
Buchhalter etwas erschrocken hinaussprang um eiligst das Weite zu suchen
Es schien auf der Hand zu liegen dass der Herr Preis etwas
Außerordentliches im Sinne hatte er scheute sich sonst nie seinen Söhnen in
Gegenwart des ganzen Komptoirpersonals Vorwürfe zu machen aber dass er heute wo
niemand als der in alles eingeweihte Buchhalter zugegen war mit dem Losbrechen
seines Unwillens zögerte dass er seine Kinder sozusagen hinter verschlossenen
Türen unter vier Augen angreifen wollte nein das schien auf etwas ganz
Besonderes zu deuten und der Herr Weber hätte viel darum gegeben wenn er der
Sitzung hätte beiwohnen dürfen
Sehr nachdenkend schritt er daher durch den Garten der das Fabrikgebäude
von der Straße trennte und wandte sich dann als er keinen der Söhne des Herrn
Preis erblickte rechts nach der größeren Wohnung in deren Salon er durch die
offenstehende Glastür etwas schüchtern und gebückt eintrat
»Ach da sind Sie ja Herr Julius« und der Buchhalter verneigte sich vor
dem jüngsten Sohne des Fabrikanten der sich beim Eintreten des alten Dieners
langsam von einer Ottomane emporrichtete auf der er die besten Stunden des
Tages verträumt zu haben schien Julius war kaum 22 Jahre alt und von dem
liebenswürdigsten Äußeren Das kohlschwarze etwas gelockte Haar umgab einen
hübschen Kopf in dessen Haltung eine gewisse Vornehmheit etwas Adliges lag
Die Statur des jungen Mannes war eher unter mittlerer Größe man hätte ihn sogar
klein und winzig nennen können namentlich wenn man die außerordentlich
zierlichen Füße und Hände betrachtete welche übrigens zu dem ganzen Körper im
richtigsten Verhältnis standen Die Gesichtsfarbe des jugendlichen Schönen war
brauner wie man es gewöhnlich am Rheine findet Wangen Stirn hatten fast eine
südfranzösische Färbung nur die Augen waren ganz deutsch mochten sie auch noch
so tiefdunkel sein wehmütig verliebt schauten sie aus den großen langen
Augenwimpern hervor
Während der alte Herr unermüdlich seinem Geschäft vorstand die Fabrik auf
und niederrennend lobte und tadelte Befehle erteilte Briefe diktierte und
seine Kunden so zuvorkommend wie möglich behandelte lag der
zweiundzwanzigjährige Sohn träumerisch auf dem rotsamtenen Diwan An seinen
Füßen hingen noch von der Morgenstunde her die gelb und schwarzgestreiften
türkischen Pantoffeln nachlässig flatterte um den schneeweißen Hemdkragen das
rote seidene Halstuch an dem linken Arme ruhte ein glänzendes Jagdgewehr
welches mehr zur Spielerei als zum Ernste oft sogar tagelang an der Schulter des
jungen leidenschaftlichen Jägers hing mit der Rechten hielt er einen in grün
und gold gebundenen Roman ebenfalls mehr der Spielerei als des Lesens wegen
denn Julius hatte ja auch nicht die Zeit und die Lust den Abenteuern
irgendeines andern Verliebten aufmerksam Seite für Seite Blatt für Blatt zu
folgen er war ja selbst verliebt er erlebte ja selbst genug Abenteuer sein
ganzes Leben war ja schon der beste Roman ohne dass er es freilich selbst wusste
denn wie wäre er selbst je über sich klug geworden Wie hätte er dazu kommen
sollen sich selbst jemals Rechenschaft über sein Tun und Treiben abzulegen Mit
dem Buch in der einen Hand mit dem Gewehr in der andern lag er auf dem Diwan
ohne zu lesen ohne zu schießen und schaute bald hinauf zu den großen
gewaltigen Ölgemälden die aus kolossalen goldenen Rahmen von den Wänden
herableuchteten bald hinunter in die großen Augen seines treuen Jagdhundes der
seinen Kopf traulich auf das Knie seines Herrn legte und ihn unverwandt und
verwundert anblickte
»Ach da sind Sie ja« rief der Buchhalter als er zu der Ottomane trat
»Ich habe Sie überall gesucht Herr Julius«
»Große Ehre für mich Und was wünschen Sie Herr Weber«
»Ich Ich für meinen Teil wünsche sehr wenig ich wünschte nur dass Ihr Herr
Vater keine weiteren Wünsche hätte nämlich dass er Sie nicht zu sehen wünschte
aber das ist unglücklicherweise trotzdem der Fall Ihr Vater wünscht nämlich
etwas nämlich Sie zu sehen Herr Julius und zwar augenblicklich wünscht er Sie
zu sehen wenn es Ihnen gefällig ist dort im Komptoir«
»So«
»Ja« »Jawohl«
»Und Sie werden sich gleich erheben«
»Gewiss«
»Und werden Ihren Vater nicht lange warten lassen«
»Keineswegs«
»Nun dann wünsch ich Ihnen viel Vergnügen« und mit einem grinsenden
Lächeln schickte der Buchhalter sich an den Salon wieder zu verlassen
»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen« rief ihm Julius nach »aber was will
mein Vater von mir Das ist sehr selten dass er mich rufen lässt«
»Gewiss« fuhr der Buchhalter fort »Und er sollte überhaupt auch niemals
nötig haben Sie rufen zu lassen Sie sollten da sein da sein sollten Sie
jawohl da sein nehmen Sie mir das nicht übel«
»Nicht im geringsten«
»Auf dem Komptoir sollten Sie sein in der Fabrik um das Geschäft sollten
Sie sich kümmern Sie schreiben eine leidliche Hand die Korrespondenz sollten
Sie führen das wäre Ihrer würdiger als Romane zu lesen heiliger Gott Romane
zu lesen morgens zwischen 11 und 12 ich sehe Sie haben da einen Roman in der
Hand himmlischer Vater bei hellem Tage Romane zu lesen Entsetzlich Romane
zu lesen wenn andere Leute sich plagen müssen um ihr tägliches Brot Romane zu
lesen wenn die Sonne noch voll am Himmel steht Sind Sie toll geworden mit
Erlaubnis Romane zu lesen zu dieser Stunde nein das übertrifft das
Erschrecklichste Romane zu lesen überhaupt schon etwas Verderbliches aber
Romane liest man ja nur abends und im Winter oder lieber gar nicht wehe wehe
es steht schlimm um das Haus Preis da seine Söhne nur Romane lesen morgens
zwischen 11 und 12 Jüngling erwachen Sie kehren Sie um Sie wandeln auf
verderbter Straßen«
Der Buchhalter schien wirklich durch den Anblick des grün und gold
geschmückten Romans in eine gelinde Entrüstung zu geraten er hatte eine steife
imposante Haltung angenommen das Blut war ihm nicht gerade in den Kopf aber
doch in die Nase gestiegen und die Nase schimmerte gefährlicher als sonst
»Machen Sie sich auf« fuhr er fort »machen Sie sich auf junger Mann ein
bekümmerter Vater harret Ihrer nahen Sie ihm bittend um Verzeihung bittend
versprechen Sie ihm Besserung versprechen Sie Ihrem bisherigen Lebenswandel
entsagen zu wollen und entsagen Sie ihm wirklich dann kann noch alles gut
werden denn Sie sind noch jung und nun erscheinen Sie vor Ihrem Vater wie es
einem gehorsamen Sohne geziemt«
»Mein Vater will mir also die Leviten lesen« fragte der schöne Sohn des
Herrn Preis in höchstem Grade verwundert und richtete sich langsam empor so
dass seine beiden Füße endlich vom Diwan hinabglitten und den Teppich berührten
»Also eine Szene soll es geben«
»Und das merken Sie erst jetzt« erwiderte der Buchhalter und trat einige
Schritte zurück indem er die langen Hände höchst ausdrucksvoll
übereinanderschlug »Aber ich zitiere Sie ja eben vor den Zorn ihres Vaters vor
Ihren Vater zitiere ich Sie der voller Entrüstung Ihrem Erscheinen
entgegenharrt der Ihnen Gott weiß was zu sagen hat der aber mit mir darüber
übereinstimmt dass Sie den Weg des Verderbens wandeln und der die bittersten
Tränen vergießen würde wenn er Sie wie ich jetzt zwischen 11 und 12 Uhr
morgens ja es ist entsetzlich zu sagen wenn er Sie beim Lesen eines «
Der Buchhalter hatte seinen Sermon noch nicht beendet als Julius plötzlich
ganz aus seiner Letargie zu erwachen schien rasch vom Diwan emporfuhr und mit
einem leichten Satz quer über einen Marmortisch hinweg mitten ins Zimmer sprang
Wenn dieses wilde Emporfliegen nun schon hinreichend war den steifen Buchhalter
in einen ziemlichen Schrecken zu versetzen so mussten die Umstände welche das
plötzliche Erwachen des jungen Mannes begleiteten den armen Herrn Weber
vollends außer sich bringen
Das Jagdgewehr welches dem Träumenden bisher im Arme ruhte schlug nämlich
in so unglücklicher Weise auf den Boden des Zimmers dass der Schuss mit dem
hellsten Geknall plötzlich dem Rohre entfuhr und eine gute Portion Schrot von
dem gusseisernen Gesims zurückprallend lustig an den Wänden umherprasselte Der
große Hühnerhund der bei Eintreten des Buchhalters gleich seinen früheren Platz
verlassen und den Fremdling dann in der verdächtigsten Weise beknurrt und
berochen hatte meinte bei dem Emporspringen seines Herrn und dem gleich darauf
folgenden Schuss nicht anders als dass der ganze Spektakel nur dem erschrockenen
Weber gelte und zögerte keinen Augenblick den treuesten Diener des Hauses
Preis als den feindlichsten Unhold seines jungen Herrn mit so wütendem Gebell
anzugreifen dass der unglückliche Buchhalter nur in der schleunigsten Retirade
sein Heil sah und dergestalt seine langen Beine in Bewegung setzte dass er in
einem Nu den Salon verlassen hatte und erst nach einigen verzweifelten Sprüngen
über die Rasen und Kohlpflanzungen des Gartens hinter den Gittern des Torwegs
Schutz und Rettung fand Murrend folgte auch endlich der Hund dem Rufe seines
Herrn und verkroch sich in seinem Stall Julius versicherte den halbtoten
Buchhalter seiner unwandelbaren Freundschaft und machte sich dann auf den Weg
nach dem Komptoir
Das Unerhörte was darin lag dass der Herr Preis einen seiner Söhne ganz
ausdrücklich zu sich berief stimmte den übrigens sehr unbefangenen Julius doch
etwas ernst Der tätige Fabrikant hatte sonst die Gewohnheit gar nicht
irgendeine Sache mit vieler Peinlichkeit zu behandeln selbst die wichtigsten
Angelegenheiten suchte er kurz und ohne viel Umstände abzumachen und nur bei
ganz außerordentlichen Familienangelegenheiten berief er zu bestimmter Stunde
eine Versammlung bei der er dann freilich durchaus die Mienen eines Imperators
annahm Dass er sich aber die Mühe geben sollte einen seiner Söhne ganz direkt
zu sich kommen zu lassen bloß um ihn dieser oder jener Geschichte wegen zur
Rede zu stellen das war noch nicht vorgekommen
Nein der Herr Preis war gar nicht so delikat in dieser Beziehung wenn er
etwas mit seinen Söhnen auszumachen hatte so nahm er keineswegs den
Delinquenten schon lange vorher aufs Korn sondern benutzte nur irgendeine ganz
gewöhnliche Gelegenheit um ihn zu erwischen und die Geschichte zur Sprache zu
bringen Mitten im Ausgang aus dem Komptoir in Gegenwart aller Arbeiter oder
mittags zwischen der Suppe und dem Rindfleisch entlud er oft seine
schrecklichsten Donnerwetter Natürlich fruchteten unter solchen Umständen alle
ernsten Ermahnungen ja selbst die schrecklichsten Drohungen nur sehr wenig Der
Herr Preis sah sich daher auch genötigt sie desto häufiger zu wiederholen und
tat dies mit einer solchen Hartnäckigkeit dass man zuletzt in der ganzen Familie
darüber einig war es sei dem verehrten Vater zum Bedürfnis geworden wenigstens
jeden Tag einmal eine Szene zu haben das Essen schmecke ihm nicht wenn er sich
nicht vorher auch ohne alle Ursache einmal recht vom Grund der Seele aus
geärgert habe
Wie dem auch nun sein mochte so viel schien unserem Julius gewiss dass
dieser feierlichen Berufung auch ein ganz feierliches Gewitter folgen werde Und
dass nichts anderes als ein Gewitter folgen und dass sich das Gewitter ganz gewiss
über seinem Haupte entladen werde das war ja nach den Worten des Buchhalters
nur zu deutlich
Der unglückselige Angeklagte vergaß daher für den Augenblick sein Gewehr
seinen Jagdhund sein Rennpferd ja er vergaß was ihm Tag und Nacht vor Augen
schwebte er vergaß für einen Augenblick selbst die schönsten Augen welche je
von Köln bis Mainz am Rheine geleuchtet ach welche ihn noch vor wenigen Tagen
er wusste es selbst nicht ob zürnend ob unendlich verliebt angeschaut hatten
Je näher er dem Zimmer kam in dem ihn der gefürchtete Vater erwartete desto
langsamer und schüchterner wurde sein Tritt eine leichte Röte flog über seine
braunen Wangen und verlegen fuhr er mit der rechten Hand in das schwarze
lockige Haar während die linke sich vergeblich abmühte den knappen Sommerrock
bis oben hinauf zuzuknöpfen Auch das rote Halstuch saß nicht recht er wand es
in eine neue Schleife räusperte sich dann blickte zwei dreimal hinter sich
ob ihm auch niemand folge auf den Zehen schlich er dann bis vor die Tür
horchend und sehr ernst Es war kein Zweifel innen im Zimmer lief der strenge
Vater rasch auf und ab als sei er namenlos aufgebracht mit heftigen großen
Tritten den Boden stampfend und jetzt er hielt inne einen Augenblick
nein er schritt auf die Türe zu vielleicht um sie zu öffnen vielleicht hatte
er bemerkt dass sein Sohn am Herannahen war Es war keine Zeit mehr zu
verlieren Entweder davongelaufen dann war die Geschichte wenigstens für den
Augenblick zu Ende oder eingetreten keck und munter als sei gar nichts
passiert das konnte den gefährlichen Alten vielleicht außer Fassung bringen
Rasch fuhren diese Gedanken durch den Kopf des schüchternen Sohnes und schon
wollte er sich umdrehen und im schnellsten Galopp das Weite suchen als es ihm
plötzlich doch zu lächerlich vorkam vor seinem eigenen Vater davonzulaufen vor
einem Vater der trotz seines vielen Polterns denn doch zuletzt das Glück seiner
Kinder wollte wenn auch in seiner Manier in einer absonderlichen Weise Julius
warf daher den Kopf keck in den Nacken dass die schwarzen Locken rechts und
links über die Stirn flatterten jetzt schlug er mit kräftiger Faust auf den
Griff der Türe und hinein sprang er frisch und verwegen und »Guten Tag
lieber Vater« klang es mit heller und freudiger Stimme
Hätte Julius seinen Vater in der höchsten Lustigkeit anzutreffen gehofft und
ihn zürnend und verstimmt gefunden so würde er gewiss nicht halb so erstaunt
gewesen sein als jetzt da er ihn voll vor Wut und Zorn erwartete und ihn
wunderbarerweise ganz in der rosigsten Laune vor sich sah Der Sohn war mit dem
festen Vorsatz hereingetreten seinen Vater durch die grösseste Unbefangenheit
durch den heitersten Gruß außer Fassung zu bringen und jetzt warf ihn der Vater
selbst durch einen nämlichen Empfang durch die freundlichste Bewillkommnung so
sehr aus dem Sattel dass der verwunderte Sohn für die ersten Augenblicke auch
seinem Gruße kein Wort mehr folgen zu lassen wusste und plötzlich in die
peinlichste Verlegenheit geriet
Hatte nicht der fatale Buchhalter ausdrücklich von dem Zorn und den Tränen
eines entrüsteten Vaters gesprochen Sollte es nicht eine Szene geben in der
ein bis aufs höchste gereizter alter Mann seinem leichtsinnigen Sohne das
schrecklichste Bild seines törichten unsinnigen Lebenswandels entwerfen wollte
Hatte man ihn nicht auf Ermahnungen auf den härtsten Tadel ja fast auf die
schmetterndsten Verwünschungen gefasst gemacht Und nun dieser liebevolle
Empfang Es konnte nicht anders sein der unglückselige Buchhalter musste
entsetzlich gelogen haben und unwillkürlich freute sich jetzt der treffliche
Sohn des Herrn Preis dass der Herr Weber bereits durch den lustigen Angriff des
erzürnten Jagdhundes auf dero lange und verwitterte Waden die Hälfte einer
wohlverdienten Strafe davongetragen hatte Doch schwur er im stillen ihm auch
noch den Rest in guter Münze entrichten zu wollen
O armer Weber unglücklicher Buchhalter wie sehr wurdest du verkannt Du
hattest dem Sohne deines Gebieters die reine Wahrheit verkündet wenigstens
hattest du dich deiner Botschaft mit der Gewissenhaftigkeit entledigt die
deiner folgsamen Seele von Anbeginn eigen war und wenn du in deinem gerechten
Schmerze über die Verworfenheit eines Jünglings der Romane liest zwischen 11
und 12 Uhr morgens deiner Phantasie auch etwas freieren Lauf ließest und zu
der Entrüstung die dir von den Lippen deines Herrn überliefert wurde auch noch
die deine gabest und ein zürnender Prophet den nahen Untergang des Hauses
Preis weissagtest geschah dies nicht aus wahrem Anteil an dem Geschlecht
deines Broterrn aus inniger tiefer Überzeugung aus jener echten Pietät eines
ergrauten Buchhalters
Gewiss du hattest recht treuer Weber Aber eins muss dir dennoch
vorgeworfen werden und mit Recht wird dir das vorgeworfen Sieh zwanzig lange
Jahre stehst du nun schon an der Seite deines unvergleichlichen Gebieters du
hattest Gelegenheit ihn zu beobachten in allen Lagen des Lebens zu allen
Zeiten im blühenden Mai wie im stürmischen Dezember und deshalb solltest du
ihn kennen kennen solltest du deinen Herrn Aber ach du kennst ihn nicht
Wissen solltest du dass der Herr Preis ja sagt wenn er gerade das Gegenteil
meint wissen solltest du dass er dich segnet wenn er dir fluchen möchte dass
er dich umarmt wenn er dich gern und voller Freude zerrisse wissen solltest
du dass er dein unerforschlicher Gebieter sich von jeher gehütet hat das
Schwarze schwarz zu nennen und das Weiße weiß Und doppelt zu tadeln bist du
dieser deiner Unwissenheit wegen weil dieser Zug in dem Charakter deines Herrn
gerade der hervorstechendste ist weil es gerade die seiner Tugenden ist die
ihn gleich jenem ränkevollen Odysseus wenn auch oft erst spät doch zuletzt
stets wieder in den Hafen des Glücks bringt
Hat er nicht spinnend des Luges zarte Gewebe stets den Profit in die
goldenen Maschen gelockt und nimmt er nicht oft auch die Maske die er so
trefflich im Handel benutzt mit hinüber in die patriarchalische Privatwelt des
Daseins trügend und betörend wie es geziemt dem Jahrhundert und den Sitten
einer gesitteten Gesellschaft Gewiss Drum gestehe dass du dich irrtest wenn du
dem Befehle deines Gebieters in wirksamer Weise zu folgen gedachtest Ach
könntest du jetzt neben Vater und Sohn stehen sähest du wie liebevoll sie
einander entgegenkommen du würdest auch auf der Stelle einsehen dass es nur das
entschiedenste Wohlwollen war welches dein Gebieter dadurch vor dir verbergen
wollte dass er unerbittlich auf seinen Sohn tobte einsehen würdest du dass der
Vater stolz ist auf seinen Julius auf diesen seinen Sohn den er gerade in
diesem Augenblick unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit zur Ausführung
seiner weitesten Pläne seiner trefflichsten Unternehmungen benutzen will
»Guten Tag lieber Vater« rief Julius als er ins Zimmer sprang
»Guten Tag Julius« erwiderte der Alte indem er sein Auf und Abgehen
unterbrach mitten im Zimmer stehenblieb die Hände auf den Rücken legte und
seinen Sohn mit der freundlichsten Miene von oben bis unten betrachtete
»Du hast mich rufen lassen lieber Vater «
»Ich Dich rufen lassen Ach jawohl ich wollte dich nur fragen ob du
heute schon im Pferdestalle gewesen wärst«
»Im Pferdestalle lieber Vater Nein im Pferdestall bin ich noch nicht
gewesen im Pferdestall «
»So Also nicht«
»Nein lieber Vater«
»Ich war auch noch nicht da lieber Sohn« und da wandelte der Herr Preis
seinem Pulte zu setzte sich auf den Dreifuss nahm die Zeitung in die Hand und
fing an zu lesen als ob niemand sonst im Zimmer wäre
Julius starrte einen Augenblick die vier Wände an nach den Eröffnungen des
Buchhalters hatte er eine stürmische Sitzung erwartet nach dem freundlichen
Empfang des Vaters eine ganz artige Konversation und nun noch einmal der
Pferdestall und dann die Zeitung Julius kannte schon in etwa die Launen
seines Vaters heute fand er sich indes doch zu rasch nacheinander in seinen
Erwartungen betrogen als dass er sich gleich bei dem sonderbaren Benehmen seines
Vaters beruhigt hätte Es dauerte daher einige Augenblicke ehe er seine ganze
Fassung wiedererhielt Den Vater gleich wieder zu verlassen das ging nicht er
schritt daher an die andere Seite des Pultes setzte sich ebenfalls auf einen
Dreifuss und nahm sich vor das Weitere abzuwarten
»Die Amerikaner sind doch verwegene Kerle« murmelte der Alte bald indem er
emsig im Lesen der Zeitung fortfuhr »einen Krieg mit England anzufangen das
scheint mir doch etwas zu gewagt Also im Pferdestall bist du heute noch nicht
gewesen Julius«
»Nein lieber Vater wie ich dir bereits sagte«
»So Das ist schade ich habe einen neuen Gaul gekauft einen Hengst einen
Fuchs kostet mich 120 Louisdor so wahr ich lebe«
Julius sprang rasch vom Stuhle auf »Hei den muss ich sehen«
»Warte mein Kind Wenn dieser Krieg mit den Amerikanern losgeht dann
bekommen wir einen Mordsspektakel mit der Baumwolle das sollst du sehen«
»Aber der Hengst lieber Vater«
»Kostet mich 120 Louisdor ein Fuchs Die Amerikaner können indes nichts
gegen die Engländer machen aber es freut mich die verfluchten Engländer ich
wollte dass die Geschichte schon losginge« »Nicht wahr ein Reitpferd lieber
Vater«
»Natürlich Geht wie ein Uhrwerk wie die Glocke kein schönerer Gaul am
ganzen Rhein und das ist gewiss wenn die Amerikaner ankommen da stehen die
Irländer ebenfalls auf ein wahrer Spaß die verfluchten Engländer das freut
mich«
»Soll ich ihn reiten lieber Vater«
»Meinetwegen und brich den Hals dazu Jetzt wird sich der dicke OKonnell
freuen ach der OKonnell ich wollte ich wäre OKonnell 30000 Pfund Rente
im Jahr für ein wenig Geschrei und Patriotismus der OKonnell ist ein
gescheiter Mann und was den Hengst anbetrifft «
»Jawohl der Hengst«
»Der Hengst ich meine der OKonnell muss doch trotz alledem ein rechter
Schuft sein zieht die Irländer an der Nase herum jahraus jahrein ohne es je
zu etwas Ordentlichem kommen zu lassen und nur der Rente wegen ja den
Hengst den Hengst mach ich dir zum Präsent Julius«
»Lieber Vater«
»So gehts in der Welt mein Sohn und Schulden hast du auch wieder
gemacht«
Hier folgte eine lange Pause
Julius war wirklich in diesem Augenblick in einer verzweifelten Lage Die
erfreuliche Nachricht dass ihm sein Vater einen Hengst zum Geschenk mache war
so blitzesschnell von jener höchst verfänglichen Schuldenfrage gefolgt dass
Freude und Schreck fast zu gleicher Zeit in der Seele des jungen Mannes
zusammentrafen und ihn unfähig machten für den Augenblick irgend etwas zu
erwidern
»Schulden meinst du« erwiderte er endlich in einem langsamen sehr
tragischen Tone und schlug die Augen nieder
»Jawohl Schulden meine ich wie steht es mit den Schulden«
Julius besann sich aufs neue
Da kam ihm plötzlich ein trefflicher Gedanke Keck sah er vom Pult empor und
erwiderte im entschiedensten Tone
»An einen Krieg mit Amerika glaube ich nimmer lieber Vater«
»So Aber die Amerikaner sind wilde verwegene Teufel und was sie wollen
das setzen sie durch Das versichere ich dir und die Engländer sollen noch an
die Amerikaner glauben das sollst du sehen und deine Schulden«
»Kleinigkeit aber die Amerikaner haben ja keine Schiffe keine Flotte und
wenn heute die Kriegserklärung erfolgt ist da gehen morgen ein paar Dutzend
Linienschiffe aus den englischen Häfen und die ganze amerikanische Küste wird
blockiert der amerikanische Handel ist ruiniert «
»Wohl möglich aber das ist noch immer keine Antwort auf meine Frage ich
fragte dich «
»Verzeih lieber Vater von den Irländern erwarte ich auch wenig wie du
eben selbst erwähnst und zwar sehr richtig ist es dem alten OKonnell gar
nicht darum zu tun dass die Geschichte entschieden zum Klappen kommt er will
nur eine friedliche Agitation fortführen seiner Rente wegen die natürlich
aufhört sobald die Irländer frei sind darin bin ich ganz mit dir
einverstanden und England hat also auch von dieser Seite wenig zu befürchten
wenigstens nichts solange OKonnell noch am Ruder der Agitation sitzt«
»Du bist ein dummer Junge Ich sage dir dass England wohl etwas zu fürchten
hat Das ganze England ist durch und durch faul aus lauter Widersprüchen
zusammengesetzt und wenn der geringste Spektakel in der Welt losgeht da gerät
ihnen die ganze Maschine in Unordnung und der Teufel holt den ganzen Bettel
und das soll mich freuen ich hasse die Engländer ich hasse sie von hinten
bis vorn von oben bis unten sie verderben einem das ganze Geschäft und
was deine Schulden anbetrifft so will ich dass diese Geschichte jetzt zur
Sprache kommt und ich will nicht dass du Schulden hast und ich befehle dir
sämtliche Rechnungen herbeizuschaffen und sie dem Buchhalter Weber zu geben
damit die Geschichten bezahlt werden denn du sollst keine Schulden haben und
damit Punktum «
Durch diese neue Artigkeit seines Vaters wurde Julius so sehr gerührt dass
ihm abermals die Stimme den Dienst versagte und die Unterredung zwischen Vater
und Sohn nochmals für einen Augenblick ins Stocken kam
Julius hatte wirklich heute das Schicksal aus einer Überraschung in die
andere zu fallen Er wusste sich das Benehmen seines Vaters nicht zu erklären
Er der seit Monaten gefaulenzt und alles getan hatte was dem sonst so strengen
Vater in jeder Weise missfallen musste wurde heute mit Wohltaten von ihm
überschüttet Und in welcher Manier Nur ganz beiläufig erwähnte der Alte das
Geschenk des Hengstes und die Bezahlung der keineswegs unbedeutenden Schulden
er sprach davon als verstände sich das von selbst ohne einen Tadel eine
Ermahnung hinzuzufügen die der schöne Sohn des Herrn Preis vielleicht streng
genommen wohl verdient hätte
Wenn man indes während dieser ganzen Unterredung nur für einen Augenblick in
das Herz des schlauen Fabrikanten hätte schauen können so würde man auf der
Stelle bemerkt haben dass ihm die große Liebenswürdigkeit mit der er den teuren
Sohn behandelte doch einige Anstrengungen kostete und dass die anscheinend
leichte und gleichgültige Manier dieser Konversation sehr wohl berechnet war
In der Tat, der Herr Preis schämte sich eigentlich dass er diesen seinen
Sohn den er von rechts wegen als Herr Preis hätte durchprügeln sollen so
wahrhaft zuvorkommend behandelte und nur um sein liebes Gewissen wegen dieser
seiner unverzeihlichen Sanftmut zu beschwichtigen andernteils aber auch um bei
dem Sohne nicht den geringsten Verdacht zu erwecken dass hinter so vieler
väterlicher Zuneigung auch noch andere Zwecke verborgen seien fuhr er fort
seinem Sohne jede erfreuliche Nachricht mit einer Nonchalance zu eröffnen als
sei ihm selbst nicht im geringsten etwas daran gelegen als sei die
unwillkürliche Liebe eines Vaters zu seinem Sohne einzig und allein Schuld an so
vielen Freundlichkeiten an so entzückender Nachsicht Mit einem Wort es war
dem schlauen Fabrikanten nur darum zu tun das Herz seines Sohnes durch
namenlose Güte ganz zu gewinnen und ihn zu jedem ferneren Plane weich und willig
zu machen ohne dass der junge Mann selbst darüber zum Bewusstsein käme
Nachdem daher die Unterredung einige Augenblicke gestoppt hatte fuhr der
Alte als wenn ihm plötzlich ganz andere Gedanken durch den Kopf gingen in
einem glücklich improvisierten höchst ärgerlichen Tone fort »Übrigens ist es
eine wahre Schande was du jetzt für ein Leben führst Ich habe dich doch lernen
lassen alles was ein Vater seinen Sohn nur lernen lassen kann und da ich nun
endlich hoffen darf dass du mir wieder von Nutzen bist dass du dich des
Geschäftes etwas annimmst und das Gelernte auch etwas anwendest da liegst du
den ganzen Tag auf der faulen Haut du bekümmerst dich um nichts drehst die
Hände in den Haaren herum lässt dir einen Schnurrbart wachsen wirfst die Flinte
auf den Nacken isst und trinkst und spazierst und flanierst und kommst abends
nicht nach Hause und Gott strafe dich und mich Bengel «
Jetzt geht es los dachte Julius jetzt kommt die Katastrophe vielleicht
hat der Buchhalter doch nicht ganz unrecht gehabt und fester griff der junge
Mann in das Riet seines Dreifusses als wenn er gefürchtet hätte dass der
herannahende Sturm ihn von seinem Sitz herunterschleudern würde
»Nein es ist auch nicht länger mehr zum Aushalten« rief der Alte »ich
kann das Faulenzen nicht länger mehr mit ansehen du sollst du sollst eine
Reise machen eine Reise in die Schweiz dann kommst du mir aus den Augen«
Eine neue Überraschung eine Reise in die Schweiz Nach den einleitenden
Bemerkungen hatte Julius nichts anderes erwartet als dass jetzt der kategorische
Befehl kommen würde Du sollst mir aber jetzt arbeiten Arbeiten sollst du mir
zwölf Stunden per Tag auf dem Komptoir auf dem Lager im Magazin du sollst
dem Geschäft in Zukunft dienen unermüdlich wie es dein Vater getan fünfzig
Jahre lang Du sollst dich plagen in Zukunft arbeiten arbeiten oder ich lasse
dich hängen oder ich jage dich zum Hause hinaus usw wie der Vater schon oft
zu seinem Sohne gesprochen Und statt dessen eine Reise in die Schweiz
Vielleicht auf dem neuen Hengst auf dem Fuchs zu 120 Louisdor nachdem alle
Schulden bezahlt mit dem Beutel voll Geld mit einem Kreditbrief vielleicht an
einen Baseler Bankier für den Notfall eine Reise in die Schweiz in der
schönsten Zeit des Jahres den Rhein hinauf in die Berge in die Alpen
verwundert sah Julius seinen Vater an Verlassen musst du freilich den Ort deiner
Liebe dachte er weiter verlassen für 14 Tage für 4 Wochen vielleicht den
Garten und das Haus das dir teuer ist über alles wo sie wohnt die dir das
Liebste auf Erden
»Bist du verrückt geworden Junge« rief der Alte und schlug mit der Faust
auf das große Schreibpult »Ich sagte dir dass du eine Reise in die Schweiz
machen sollst und du erwiderst kein Wort sperrst den Mund auf stierst an die
Stubendecke«
»Ach verzeih lieber Vater ich dachte «
»Du denkst nichts das ist bekannt ich verbitte mir diese Possen
nächste Woche reist du ab ich bin es müde deine Faulenzerei länger anzusehen
und nun mach dass deine Sachen in Ordnung kommen und nun entferne dich wir
werden noch weiter miteinander sprechen doch halt noch eins«
Hier faltete der Herr Preis die Zeitung welche bisher ausgebreitet vor ihm
lag sorgfältig zusammen warf sie beiseite und legte dann die beiden Arme
kreuzweis übereinander auf das Pult indem er den Kopf mit der grünen Kappe
etwas zurückbog so dass die kleinen stechenden Augen unter dem grünen Schirm
weg gerade scharf auf die seines Sohnes gerichtet waren Julius der schon im
Begriff gewesen war das Zimmer zu verlassen hatte seinen frühern Sitz wieder
eingenommen doch so dass er seinen Vater nur von der Seite anblickte Die
vielen Freundlichkeiten des Alten hatten ihn gerührt es fehlte nicht viel und
er hätte ihm herzlich die Hand gedrückt ihm gedankt mit der ganzen Wärme eines
glücklichen Sohnes aber eine unwillkürliche Scheu hielt ihn zurück auch wusste
er sehr wohl dass dem Alten nichts unausstehlicher war als Herzensergüsse als
sentimentale und gefühlvolle Szenen Freudigschüchtern blickte der Sohn daher
seinen Vater an als dieser soeben noch mit entschiedenem Tone das »Halt noch
eins« ausrief
»Sage mir Julius und sei aufrichtig bist du verliebt«
Ein kalter Schauder fuhr bei diesen Worten dem jungen Manne über Kopf und
Rücken »Bist du verliebt« fragte der Alte in nachdrücklichstem Tone Der
Sohn war nicht fähig eine Silbe zu erwidern Seine Augen senkten sich vor dem
durchbohrenden Blick des Vaters
»Ich seh es du bists« fuhr der Alte fort »Da haben wir die ganze
Pastete Ich wusste es wohl ich habe es mir lange gedacht Ach du machst mir
nur Kummer das sei Gott geklagt Und was bist du schon für ein Lump geworden
durch diese Liebe Ein wahrer Jammerkerl unwillig untüchtig faul du machst
Schulden lässt dir einen Schnurrbart wachsen« und zornig ballte der Herr
Preis seine gewaltige Faust die grüne Kappe mit dem großen Schirm sank ihm
tief ins Gesicht rasch sprang er dann vom Stuhl empor lief einigemal im
Zimmer auf und ab und blieb endlich verschränkten Armes vor seinem Sohne stehen
»Und undankbar bist du« fuhr er mit weicherer Stimme fort »undankbar bist
du mein Junge Habe ich dir nicht alles zu Gefallen getan habe ich dir nicht
neulich ein Gewehr gekauft schenkte ich dir nicht noch eben einen Hengst einen
Gaul der gar nicht zu bezahlen ist o du trauriger Schlingel und jetzt
verliebst du dich« Der Alte schwieg und warf sich wieder auf den ledernen
Sessel ganz seinem Schmerz überlassen
Julius hatte sich indes etwas gesammelt und erwiderte plötzlich indem er
den Kopf ganz emporhob und seinen Vater mit einer halb freundlichen halb
vorwurfsvollen Miene ansah »Aber lieber Vater ist es denn ein so großes
Verbrechen sich zu verlieben«
»Nein keineswegs mein Sohn nein gewiss nicht Die Zeit wo man sich
verliebt das ist die schönste unsres ganzen Lebens Ach Gott Sich verlieben
ich weiß recht gut wie es darum steht ich habe mich auch einst verliebt
jawohl Da war ich ein glücklicher Mensch und damals war deine selige Mutter
ein achtzehnjähriges Mädchen ach das ist alles vorüber ich bin alt aber
nimmer vergesse ich den Augenblick wo ich sie zuerst sah «
Der Alte fuhr unwillkürlich mit seiner großen Hand nach den Augen und
zerdrückte eine schwere Träne
»Nun wohl lieber Vater« rief Julius indem er triumphierend emporsprang
»Ebensogut wie du dich damals verliebtest ebensogut habe ich heute das Recht «
»Ach das ist ja ganz etwas anderes« unterbrach ihn der Vater »Deine
Mutter hatte ein Vermögen von 84 000 holländischen Gulden bares Geld da konnte
ich mich schon in sie verlieben da konnte ich schon etwas sentimental werden
jawohl es war der gescheiteste Streich den ich je im Leben machte dass ich
damals vor lauter Liebe fast den Kopf verlor Aber «
»Aber«
»Aber mit dir ist es etwas ganz anderes So gewiss ich weiß dass dort oben am
Himmel die Sonne steht so fest bin ich davon überzeugt dass du mit deiner Liebe
auf eine Person gefallen bist welche vielleicht auch gar nicht übel ist «
»Nein ich versichere dir sie ist wunderschön«
»Nun das will ich glauben Ich glaube dass sie weder bucklig noch schief
ist ich gebe zu dass sie erträglich sein kann wie man ja Tausende von Jungfern
hat warum nicht Aber « und hier blickte der Herr Preis seinen Sohn wieder
mit jenen kleinen stechenden Augen an aus denen seine ganze Energie
hervorsprühte »aber davon bin ich schon im voraus überzeugt dass dieses
Frauenzimmer deiner hochweisen Wahl nie und nimmer den Anforderungen entsprechen
wird welche ich Friedrich Preis mit vollem Recht an die Braut meines Sohnes
stellen kann Mit einem Wort ich fürchte dass du eine Wahl getroffen hast die
ich ewig verdammen und verfluchen muss ich fürchte dass du dich an eine Familie
gehängt hast welche nicht auf jener soliden Grundlage steht die die Garantie
alles Glückes ist ich fürchte dass du mit einem Gedanken umgehst dessen
Ausführung dich mich und unser ganzes Haus auf ewige Zeiten kompromittieren
wird Oh könnte ich es dir begreiflich machen dass das Gepräge eines Dukaten
noch nach einem Jahrhundert lustig lachen und blitzen wird wenn flatternde
Locken und rote Lippen längst verweht vermodert und vergessen sind Und nun
mach schnell und gestehe was du vorhast Ich habe das Deklamieren satt Nicht
wahr du liebst die Tochter irgendeines Doktors oder Professors irgendeines
armen Teufels wo man mit der einen Tochter noch sechs andere dazuheiratet wo
man die ganze Familie an den Hals bekommt eh bien«
Eine Flut von Tränen welche aus den Augen des unglücklichen Sohnes brach
war die einzigste Antwort
»O Herr des Himmels und der Erde nun fängt der Junge an zu flennen Eine
Antwort will ich haben und da gibt es Regenwasser Ich bitte dich lieber
Junge spiele mir keine Komödie du weißt dass ich nicht gerne Tränen sehe gib
das Heulen auf sei vernünftig ich fange sonst mit an zu flennen und da heulen
wir alle beide und das fehlt noch Siehst du denn nicht ein dass ich es gut
mit dir vorhabe dass ich nur dein Bestes will Ich habe dir schon gesagt dass
ich es für ganz natürlich halte wenn du dich verliebst ich wünsche dies
sogar nur sollst du dadurch nicht ins Pech geraten Vor kurzem sprach ich von
der Reise in die Schweiz diese ganze Reise soll aber nur eine Verlobungsreise
sein jawohl mein Sohn du sollst dort eine reiche junge Frau erobern freue
dich«
So traurig und niedergeschlagen unser Julius auch war so konnte es doch
nicht fehlen dass diese Nachricht ihn wieder ins Leben rief und wenn auch nur
augenblicklich von dem Gegenstande seines Kummers ablenkte In der verflossenen
Sekunde dachte er noch an seine Berta mit dem ganzen Feuer eines jungen
leidenschaftlichen Herzens er dachte an sie deren Name er gerade in diesem
Momente seinem Vater mehr als je zu verbergen suchte da dieser noch eben den
Punkt berührt hatte in dem die Familie seiner Geliebten trotz allen Adels so
schwach war dass es den guten Herrn Preis zur Verzweiflung gebracht haben
würde wenn er gerade jetzt erfahren hätte dass sein Sohn eben das
beabsichtigte was ihm gewiss am verhasstesten war dass sein Sohn damit umgehe
sich der Tochter eines armen Adligen zu verbinden
Alles dies hatte noch eben seinen Kopf durchzogen da eröffnete ihm der
Vater worin der Zweck der Reise in die Schweiz bestehe und er stutzte die
Überraschung siegte plötzlich über die Angst seines Herzens und einesteils froh
darüber dass die Unterredung eine Wendung bekam in welcher er seine Pläne
besser zu verbergen hoffte konnte er sich außerdem auch einer gewissen
Neugierde nicht erwehren die wohl jeder junge Mann empfunden haben würde wenn
man ihm in vollem Ernst einen sonst so erfreulichen Vorschlag gemacht hätte
»Also in die Schweiz um ein Mädchen zu freien«
»Allerdings Ein Mädchen schön wie die Morgenröte reich wie das Meer«
»In der Schweiz Aber mein Gott da kenne ich ja schon eine Dame da kenne
ich ein Mädchen das ich liebe «
»Das du liebst« und der Herr Preis wurde sehr aufmerksam Wie sollte
der Junge mit seiner Wahl gerade auf denselben Fleck gefallen sein Auf dieselbe
Stadt auf dieselbe Familie Sollte er sie schon kennen die berühmte Erika das
Wunderkind so wild so schön und so reich Es ist möglich er hat sie in Ems
gesehen das vergangene Jahr und die tollste Freude zuckte durch die Seele des
alten Kaufmanns
»Die du liebst« fragte er nochmals
»Gewiss Aber wer weiß ob du dieselbe meinst ob es in «
»In Basel« fragte der unvorsichtige Alte
»Ja in Basel ist es« jauchzte der Sohn und unwillkürlich dachte er an die
reiche Erika die er wirklich einst geliebt hatte »Und Erika ist es« fuhr er
fort und es hätte nicht viel gefehlt dass der alte Preis nach diesen Worten
seinem Sohne voller Entzücken um den Hals gefallen wäre
Julius der sich wirklich in diesem Momente mit vielem Vergnügen jener Tage
erinnerte die er einst mit der Tochter des reichen Baseler Bankiers in Ems
verlebt hatte musste gestehen dass sein Vater eben nichts Schlechtes für ihn
ausgewählt hatte Er überließ sich einen Augenblick jener süßen Empfindung
welche er natürlicherweise bei Andenken an ein holdes Wesen verspürte das er
einst mit seligen Augen betrachtet das er oft an seinem Arm durch die Blumen
des Frühlings geführt hatte entzückt von dem Liebreiz seiner Gefährtin und dem
Zauber einer prächtigen Landschaft die sie umgab Als er indes gleich daran
dachte dass er bald darauf seine Berta kennenlernte da sank vor dieser hohen
gewaltigen Schönheit das Bild jener lieblichen Schweizerin plötzlich in nichts
zusammen und unwillig darüber dass die wahre Göttin seiner Jugend auch nur
einen Augenblick aus seiner Brust hatte verdrängt werden können schickte er
sich an seinem Vater auf der Stelle reinen Wein einzuschenken und zu erklären
dass er nie und nimmer in die Schweiz reisen werde und dass nie an einen Besuch
bei der übrigens so liebenswürdigen Erika zu denken sei
Er räusperte sich er stotterte jetzt fing er an zu sprechen zwei
dreimal aber vergebens denn immer unterbrach ihn der fröhliche Alte
»Du machst eine famose Partie Junge Es ist gar nicht daran zu zweifeln
dass alles gut geht Du weißt dass der Vater der Erika vor einiger Zeit gestorben
ist Das Mädchen steht jetzt ganz unter der Vormundschaft des Onkels und den
kenne ich er ist ganz mit mir einverstanden und schrieb noch vor kurzem dass
auch Erika selbst gar nicht abgeneigt sei nächstens zu heiraten dass sie dir
sehr gewogen sei usw Du sollst sehen es macht sich alles Sei nur nicht bange
und erspare dir alle Einwendungen aber du bist doch ein dummer Junge warum
Geweine und Geheul wenn du solche Sachen vorhast Daraus brauchst du kein
Geheimnis zu machen deswegen hast du dich nicht abzuhärmen Ich meinte du
dächtest an ganz andre Sachen Wir sind jetzt ganz gute Freunde und nun mach
auch gleich Anstalten zur Reise für Reisegeld usw werde ich schon sorgen Ich
sage dir die Dirne ist schändlich reich Du wirst einer der reichsten Leute in
der ganzen Rheinprovinz wenn du dich etwas zusammennimmst Und nun mach dich
aus dem Staube«
Julius wollte noch etwas erwidern da wurde die Tür des Komptoirs geöffnet
und der Buchhalter Weber halb außer Atem eilte ins Zimmer »Fräulein Erika
Tetralix mit ihrem Onkel soeben aus der Schweiz angekommen warten im roten
Salon im Wohnhaus«
»Gott sei Dank da sparen wir die Reisespesen« rief der Herr Preis und
stürzte hinaus Julius stand wie vom Donner gerührt
Der Herr Jammer war ein deutscher Biedermann Was wollt ihr mehr Ein Mann und
ein christlicher Mann der etwas auf sein Vaterland hielt und auf seine Nation
der den Ruhm der Freiheitskriege noch nicht verdaut hatte Der Herr Jammer war
nicht viel größer und nicht viel kleiner wie viele seiner lieben Landsleute er
war fünf Fuß hoch und er war stark und robust und von einnehmendem Äußeren
Seine Stiefel waren blankgeputzt er trug schwarze Pantalons eine schneeweiße
Weste ein schneeweisses Halstuch einen altmodischen Frack und einen Hut mit
breitem Rand In frühern Zeiten als noch Rechtlichkeit und Ehrbarkeit in der
ganzen Welt und also auch im Handel war da hatte der Herr Jammer prosperiert
er besaß damals viel und das war genug um Ansehen zu erlangen und der Herr
Jammer war ein stolzer feiner Mann damals Als aber die bösen Tage kamen wo
man nicht länger mit dem alten Eselstrabe durch die Welt kam wo die Konkurrenz
des Auslandes den ehrlichen Herrn Jammer immer mehr in seinen industriellen
Unternehmungen störte da dachte er eines Morgens Diese bösen Tage gefallen mir
nicht länger und setzte sich an sein großes Schreibpult nahm Feder Tinte und
Papier und schrieb an seine geehrten Geschäftsfreunde also »Meine Herren Mit
dem Gefühl des tiefen Schmerzes aber mit dem Bewusstsein dass Sie meine traurige
Lage aufrichtig bedauern werden mache ich Ihnen hierdurch die Mitteilung dass
es mir nicht länger möglich ist ein Geschäft fortzusetzen was ich mir
schmeicheln darf seit 25 Jahren mit seltener Umsicht und Ausdauer betrieben zu
haben Unglücksfälle aller Art haben mich erschüttert und ich lade Sie daher
auf Donnerstag den 24 dieses zu einer Versammlung in meinem Geschäftslokale
ein wo ich Ihnen beweisen werde dass mir zwar die Ehre verbietet länger in
bisheriger Weise tätig zu sein dass indes die Sachen keineswegs schlecht stehen
und dass ich hoffen darf Sie auf den vollen Betrag Ihrer respektiven Forderungen
zu bringen Genehmigen Sie meine Herren die hochachtungsvolle Empfehlung Ihres
sehr betrübten aber ergebenen Gottfried Jammer«
Genug der Herr Jammer war fallit die Gläubiger begnügten sich mit 45 in
100 und mit dem Gefühl des tiefen Schmerzes aber mit dem Bewusstsein dass man
seine traurige Lage allgemein bedauern werde ging der Herr Jammer dann als
Ehrenmann in das Geschäft seines reichen Schwagers des Bankiers über der ihm
für 800 Taler jährlich ein neues Feld der Tätigkeit eröffnete indem er ihm den
wichtigen Posten des Buchhalters übertrug
»Sic transit gloria mundi« hatte der Herr Jammer oft auf das Löschblatt
gekritzelt denn an schönen Sommernachmittagen wo er sonst als ein Notabler der
Stadt mit den Damen aufs Land fuhr stand er jetzt gewöhnlich auf dem Komptoir
seines Schwagers um die großen Kolonnen des Hauptbuches zu addieren Die Sonne
schien so lieblich durch die Lindenbäume ins Zimmer hinein auf das weiße Papier
es wurde ihm so wehmütig weltschmerzlich zu Sinne und immer aufs neue ergriff
er dann die Feder und schrieb auf das Löschpapier sein ewiges Ach »Sic transit
gloria mundi«
Doch nur daheim zwischen den engen Mauern plagten den werten Herrn Jammer
solch trübe Gedanken Wenn die Komptoiruhr 7 geschlagen hatte dann trat er
hinaus in die Welt und in die Gesellschaft und niemand konnte ihm dann
verwehren den alten Gentleman zu spielen dessen Würde ihm stets noch im Busen
tronte Er zog dann ein Paar frischgewaschene Glacéhandschuhe an band ein
reines Vorhemdchen um und eine höhere Krawatte und verbindlich höflich war
seine Verbeugung wenn er zu der Blüte der Kaufmannschaft ins Kasino trat Die
Matadore der Stadt wollten natürlich nichts mehr mit dem gefallenen Kollegen zu
tun haben sie wichen ihm aus und taten gewöhnlich als wenn sie ihn gar nicht
sahen auch die alten Kreditoren des Herrn Jammer die Männer von 45 Prozent
runzelten oft noch finster die Stirne wenn der Herr Jammer sich lächelnd über
das Billard bog und mit Bonmots um sich werfend die Karoline schnitt oder
siegte in der Poule gerade als ob nichts passiert wäre Ein anderer würde außer
Fassung gekommen sein der Herr Jammer war aber ein zu großer Weltmann als dass
er sich nicht über dergleichen Kleinigkeiten hinweggesetzt hätte Gewöhnlich
begnügte er sich damit ganz zufällig das Gespräch auf seinen Schwager oder
dessen schöne Tochter zu lenken und wenn er dann das Billardqueue in den Arm
legte sich steif emporrichtete das halbe Kinn in die Krawatte steckte und im
Laufe seiner Rede mit einer gewissen grimassenhaften Ernsthaftigkeit drei oder
viermal »mein Schwager der Bankier« oder »meine Nichte Erika« ausgerufen hatte
dann verstummte auch plötzlich der Chor der Lästerer und er brauchte nicht
bange zu sein dass man in den nächsten vierzehn Tagen seiner alten Sünden laut
gedachte Denn einen ebenso großen Respekt wie die alten Leute vor dem
Geldbeutel des Bankiers hatten bewiesen auch die jungen vor der Schönheit
seiner Tochter Erika und unwillkürlich ging dieser Strahlennimbus auch auf den
Herrn Jammer über
Aber auch auf andere Weise wusste sich unser Freund noch Anerkennung in der
Gesellschaft zu sichern nämlich wenn das Gespräch die politischen Zustände des
Vaterlandes berührte Der Herr Jammer entfaltete dann sein ganzes Rednertalent
und zeigte sich stets als ein so entschiedener Konservativer dass er im Nu die
ganze parfümierte Soldateska samt allen Bürokraten und wohlmeinenden Bürgern auf
seiner Seite hatte Es konnte nicht fehlen dass er auch dann jedesmal das
Gespräch auf die ruhmvolle Vergangenheit Deutschlands brachte in schrecklichen
Farben die Tage der Gefahr malte die Sünden seines »persönlichen« Feindes des
korsischen Usurpators schilderte und seine Stimme bald zu ihrem ganzen Umfange
erhebend bald geheimnisvoll flüsternd das endliche Aufstehen das Ringen und
Siegen unseres Volkes in so kurzen aber ergreifenden Zügen darstellte dass ihm
nie der gerechteste Beifall versagt wurde und alt und jung gestanden dass die
Meinungen des Herrn Jammer wenigstens auf einer historischen Basis ruhten und
deswegen trotz aller subjektiven Schwächen Beachtung und Würdigung verdienten
Wollte sich indes irgendein liberaler Antagonist noch immer nicht
zufriedengeben und warf man dem Herrn Jammer ein dass all dieser zugestandenen
ruhmvollen Vergangenheit indes doch am Ende nur eine sehr mühevolle Gegenwart
gefolgt sei eine Gegenwart unwürdig einer großen Nation eine Gegenwart die
gerade recht beweise wie sehr wir noch hinter allen andern Völkern zurück seien
dann kannte die Heftigkeit des Herrn Jammer keine Grenzen Er sammelte sich
einen Augenblick kreuzte die Arme vor der Brust erhob stolz sein Haupt und
wenn er aufs neue die verschiedenen Staatsformen zugunsten der Monarchie
miteinander verglichen hatte dann ging er plötzlich mit einer so gewaltigen
Geläufigkeit auf die kleinsten Details des deutschen Lebens und Wirkens über
dass es bald für alle Gegner unmöglich wurde wieder zu Worte zu kommen und nur
noch der Ausspruch des Herrn Jammer zu verstehen war der ein über das andere
Mal versicherte dass der Deutsche sich kühn mit jedem Briten und Franzen messen
könne »Jedes Volk hat sein Eigentümliches in dem es sich vor allen anderen
auszeichnet« rief er dann bisweilen »Ich gebe zu dass die englische Industrie
größer ist als die unsere dass das französische Theater besser ist als das
deutsche aber meine Herren haben wir nicht Eisenbahnen haben wir nicht
Preussischblau haben wir nicht den Professor Liebig Ach der Professor Liebig
Ach die deutsche Wissenschaft Die deutsche Wissenschaft ist allein schon
hinreichend um alle Nationen der Welt vor uns erröten zu machen« Und im Nu
hatte sich der Herr Jammer in den gelehrten Leuten seiner Umgebung einen neuen
Anhang erworben
Mit dem Herrn Jammer war es in dieser Beziehung nämlich die Gegenwart zu
loben anders wie es gewöhnlich mit den Menschen ist deren häusliche und
Geschäftsverhältnisse zurückgehen und die sich dann nur in Klagen Luft zu machen
wissen Aber ein so kleinlicher Mensch war unser Freund nicht Kummer über sein
eigenes Missgeschick konnte seine Begeisterung und Freude über die allgemeine
Prosperität nicht verdunkeln Nur in einem Punkt hielt er unsere Zeit für sehr
heruntergekommen und zwar in dem der Moral und der Pietät vor dem
Langbestehenden Die zunehmende Irreligiosität unseres Jahrhunderts stimmte ihn
oft trübe und verdrießlich denn der Herr Jammer war im eigentlichsten Sinne des
Wortes fromm er war religiös wie ein Engländer er war ein christlicher
Kaufmann Wenn das Gespräch auf solche Dinge kam da schüttelte er jedesmal mit
dem Kopfe und »zu meiner Zeit da war es so« und »zu meiner Zeit da war es
anders« das war dann jedesmal der Anfang seiner Rede »Jede Rose hat ihre
Dornen« sagte er auch wohl »auch die Wissenschaft hat die ihrigen und dass die
Wissenschaft die Philosophie erfunden hat das vergesse ich nicht bis an meinen
Tod«
Der Bankier kümmerte sich um die Reden und Meinungen seines
christlichpatriotischen Schwagers nicht im geringsten er war damit zufrieden
wenn der Herr Schwager für 800 Taler jährlich auf dem Komptoir seine
Schuldigkeit tat Die Stellung des Herrn Jammer welche daher lange unbedeutend
blieb änderte sich erst als der Bankier plötzlich in der vollen Kraft seines
Lebens starb und seine einzige Tochter im Besitz eines großen Vermögens eines
blühenden ausgedehnten Geschäftes zurückließ Erika hielt ihren Onkel für einen
alten Narr da er aber der einzige war der das Geschäft ihres Vaters von allen
Seiten her kannte so übertrug sie ihm gern die Regulierung sämtlicher
Angelegenheiten Mit dem Tode des Bankiers erlosch nämlich auch seine Firma da
Erika es vorzog ihre Fonds in anderer Weise zu plazieren
Die Abwicklung des Geschäftes hatte der Herr Jammer mit großer
Gewissenhaftigkeit besorgt und als die Ehre welche ihm ein so glücklicher
prompter Erfolg seiner Bemühungen brachte noch zu der Achtung kam welche man
schon früher an anderen Orten seinen politischen und religiösen Meinungen
zollte da stand er groß und herrlich in der Gesellschaft da er fühlte er war
wieder der alte Ehrenmann niemand erinnerte ihn mehr an das Missgeschick
früherer Jahre selbst die einflussreichsten Leute neigten sich jetzt wohlwollend
zu ihm herüber
Nichts war daher natürlicher als dass es der Herr Jammer für passend hielt
unter diesen günstigen Umständen auch für seine Zukunft etwas zu sorgen Die
Auflösung des Geschäftes war geschehen es musste etwas erfunden werden was ihn
aufs neue an seine reiche Nichte fesselte Du willst ihr einen christlichen
Gatten suchen sagte er zu sich selbst Heiraten wird sie jedenfalls geschieht
dies aber ohne deinen Einfluss so ist es leicht möglich dass du ganz beiseite
geschoben wirst Hast du dagegen deine Hand dabei im Spiele gehabt so ist
nichts leichter als auch dadurch zu profitieren
Das Räsonnement des Herrn Jammer war sehr vernünftig Der Herr Jammer war
ein christlicher Kaufmann
Von der Stunde an wo dieser Entschluss gefasst war hörte unser Freund denn
auch nicht auf seiner schönen Nichte die verschiedensten Heiratsvorschläge zu
machen Aber ach die stolze junge Dame wies alles mit Verachtung zurück Schon
geriet der dienstfertige Alte in einige Verlegenheit da fiel ihm ein dass am
Niederrhein der Herr Preis wohne und sofort hatte er sich hingesetzt und
seinem alten Bekannten einige Propositionen gemacht Wir wissen bereits in
welcher Weise der Herr Preis diese Vorschläge entgegennahm Der Onkel hatte
endlich seine Nichte überreden können den Rhein hinunterzufahren man hatte
nicht weit von dem Etablissement des Fabrikanten ein Landhaus gemietet und
eifrig überließen sich die beiden schlauen Herren der süßen Beschäftigung Sohn
und Nichte einander zu nähern um endlich das Ziel aller Wünsche herbeizuführen
Wir treffen die beiden Alten an wie sie Arm in Arm den Garten des
Fabrikanten durchwandeln Der Herr Preis in langem großem Rock die kleine
grüne Mütze mit breitem Schirm auf dem Kopf der Herr Jammer im Frack in
feinster Wäsche mit weißen Handschuhen und den Hut vorn auf der Stirn
»Es war von jeher mein Wunsch näher mit Ihnen verbunden zu sein« sprach
der Herr Jammer
»Und so war der meine« erwiderte der Herr Preis
»Nicht wahr und es hat sich herrlich gemacht Wer hätte das vor einigen
Jahren gedacht Ich will nichts über meinen verstorbenen Schwager sagen er war
ein gescheiter tüchtiger Mann Friede sei mit seiner Asche aber ich kann es
ihm noch immer nicht vergeben dass er stets mit dem Gedanken umging seine
einzige Tochter an einen Mann zu verheiraten der nicht mit meiner Wahl
übereinstimmte bei dem nicht jene christlichen Grundsätze vorherrschend waren
welche ich für die Basis allen Familienglücks halte«
Der Herr Preis lächelte er musste immer lächeln wenn man von christlichen
Grundsätzen sprach
»Da will es der Zufall dass er in der Blüte seiner Jahre dahinsinkt Ich
hielt es für meine Pflicht der armen Erika hinfort mit Rat und Tat zur Seite zu
stehen ihr ein zweiter Vater zu sein Gott ist mein Zeuge dass alle meine
Bemühungen ihrem Interesse gewidmet waren und um allem die Krone aufzusetzen
dachte ich zuletzt auch an eine Heirat und ich dachte an Ihren lieben Sohn«
»Werter Mann«
»Erika ist natürlich mit allen meinen Plänen noch nicht vertraut sie ist
ein eigensinniges Mädchen sie will stets ihrem eigenen Kopf folgen und aus der
ganzen Sache würde nichts werden wenn ich ihr hintereinander alles sagen
wollte Nach und nach werde ich aber ihr Gemüt vorbereiten und wenn auch Ihr
lieber Sohn das Seine tut und nichts von jenen lieblichen Kleinigkeiten vergisst
wodurch man dem schönen Geschlecht angenehm wird so ist kein Zweifel mehr dass
Erika auf die Dauer zwischen diesen zwei Feuern erliegt«
»Richtig bemerkt Ich bin ganz mit Ihnen einverstanden Ach werter Freund
wie soll ich Ihnen für so viele Artigkeiten danken«
Der Herr Preis sprach diese letzten Worte mit so viel Ausdruck mit so viel
Wärme dass jeder glauben musste es sei ihm recht eigentlich darum zu tun die
Freundlichkeiten des Herrn Jammer in eklatanter Weise zu erwidern Wie aber
allem was Herr Preis sagte noch ein verborgener Sinn zugrunde lag so war
auch die eben gemachte Dankesbemerkung des schlauen Fabrikanten nicht ganz frei
von tieferen Bezügen Gerade so wenig wie er nämlich auf christliche Grundsätze
etwas gab gerade so gut wusste er dass heutzutage auch die heiligsten
Angelegenheiten mehr oder weniger auf den Kommerz gestützt sind Er nahm daher
auch von vornherein an dass der edle Freund Jammer für seine vielfachen
Negoziationen über kurz oder lang so oder soviel Kourtage verlangen werde ja
dass er wenn es überhaupt in seiner Macht stand das schliessliche Gelingen des
ganzen Planes eben von dieser Kourtage abhängig machen werde und unwillkürlich
musste sich das kommerzielle Herz des Fabrikanten danach sehnen schon jetzt
einige Andeutungen über den Preis zu erhalten um welchen der Biedermann Jammer
seine Nichte verschachern wolle
Unser Freund Jammer war aber alt genug im Handel geworden um sich nicht so
schnell in die Falle locken zu lassen er kannte auch sehr gut die Anekdote
jenes Schotten der auf die Frage »What would you take« was würden Sie nehmen
stets nur »What would you give« was würden Sie geben antwortete um immer
seine Forderung nach dem vorher geschehenen Gebote regulieren zu können Als der
Herr Preis daher in so verbindlichem Tone ausrief »Ach werter Freund wie
soll ich Ihnen für so viele Artigkeiten danken« blieb er plötzlich stehen und
erwiderte
»Nun wohl wie würden Sie mir denn danken«
Diese Antwort hatte der Fabrikant nicht erwartet sie brachte ihn für einen
Augenblick in Verlegenheit es verdross ihn seine verborgensten Gedanken so
schnell erraten zu sehen und unwillkürlich wandte er sich seitwärts um Zeit
für eine Erwiderung zu finden die keineswegs die Sache beendigen nur ein
zartes Einverständnis herbeiführen und den endlichen Schluss eines Kontraktes
noch hinausschieben würde denn mit der Zeit hoffte der gewandte Fabrikant
seinen gefälligen Freund jedenfalls zu überlisten Nach einem flüchtigen
Besinnen fasste er daher den Entschluss nichts zu antworten um aber dadurch
nicht den geringsten Argwohn bei seinem Gegner aufkommen zu lassen gebrauchte
er rasch eine jener kleinen nie ohne Wirkung bleibenden Mittel deren ihm so
viele zu Gebote standen Er verzog nämlich indem er den Kopf langsam emporhob
sein Gesicht plötzlich zu einer der rührendsten Mienen die je das Antlitz einer
dankerfüllten Seele überflog und ohne viele Mühe einige schwere heiße Tränen
improvisierend die er mit Gewalt aus den Wimpern hervorbrechen ließ schaute er
dann den erstaunten Herrn Jammer mit seinen feuchten Augen freundlichinnig an
und drückte ihm warm die Hand Durch diese stumme aber ausdrucksvolle
Erwiderung wurde der Herr Jammer ebenso sehr überrascht wie der Fabrikant einen
Augenblick vorher durch die seines Freundes
Es ist ein würdiger Mann dachte Herr Jammer Er dankt mir von Herzen ich
werde schon mit ihm fertig nur langsam immer langsam und dann das Gespräch
zuerst wieder aufnehmend um in einem zutraulichen Tone alle Anspielungen desto
besser bemänteln zu können fuhr er fort »Ach werden Sie nicht weich lieber
Freund ich brauche keinen Dank Ihr bester Dank würde mich nicht so belohnen
als das schöne Bewusstsein meines uneigennützigen Wirkens«
Der Herr Preis merkte dass er gesiegt hatte und schritt vertrauensvoller
vorwärts
»Dies Bewusstsein ist meine schönste Belohnung« fuhr der redselige Jammer
fort »Ich bin alt ich brauche nicht viel des Irdischen mehr meine letzten
Tage sind den Menschen gewidmet die ich liebe die ich verehre Ihnen gehören
die Erfahrungen meines vielbewegten Lebens ihnen gehören die Kenntnisse die
ich mir eifrig ringend zu erwerben wusste«
Der Herr Preis hätte beinahe laut aufgelacht
»Liebe mit der ich meiner teuren Nichte bisher zur Seite stand wird auch
ferner ihr gewidmet sein sie wird auf Ihren Sohn ebenfalls übergehen wenn der
Himmel all unsere Absichten erfolgreich gekrönt hat«
Jetzt kommt es jetzt rückt er heraus dachte der Herr Preis
»Das große Vermögen Erikas bringt manche Verpflichtungen mit sich wer weiß
ob das junge Paar ihnen genügen kann Ihr Sohn ist noch jung sehr jung die
Verwaltung beträchtlicher Summen wird ihm Last genug machen Sie sind von Ihrem
eigenen Geschäft reichlich in Anspruch genommen Sie werden Ihren Kindern
schwerlich stets mit Rat und Tat an die Hand gehen können da muss ich alter
Mann dann wohl wieder herhalten und dergleichen Sorgen übernehmen Aber wie
gesagt ich werde es gern tun mit Freuden diese Sorge für andere wird der
schönste Schluss meines Lebens sein«
Wir sind zur Stelle dachte der Herr Preis
»Schon jetzt habe ich allerlei Pläne entworfen wie die Kapitalien Erikas am
besten unterzubringen und zu verzinsen sind wir werden uns bei mehreren
Eisenbahnbauten beteiligen bei Kanalunternehmungen und andern industriellen
Spekulationen die ich aus dem Grunde verstehe«
»Natürlich« murmelte der Herr Preis und dachte unwillkürlich an die
Jammersche Fallite von 45 Prozent
»Auf diese Weise nütze ich dann andern und beschäftige mich selbst Auch auf
das Börsenspiel rechne ich mit Zuversicht«
O Gott seufzte der Herr Preis
»Aber darüber kann man sich später noch unterhalten ich werde darüber Ihrem
Herrn Sohn schon nähern Aufschluss geben Die Hauptsache ist einstweilen dass wir
die Heirat nett und rund zustande bringen«
»Versteht sich« rief der Herr Preis er wusste genug »Lassen Sie uns ins
Haus zurückgehen« Da standen die beiden Alten unter dem Fenster des Wohnhauses
Höflich verneigte sich der Fabrikant um seinen Freund in den Gartensaal
treten zu lassen wo die übrige Gesellschaft ihrer wartete und schon hatte Herr
Jammer den Fuß auf die Schwelle der Tür gesetzt da drehte er sich noch einmal
um zog seinen Begleiter wieder zurück in den Garten und »Noch eins bester
Freund« murmelte er »seien Sie aufrichtig erklären Sie sich noch über einen
Punkt «
Aufmerksam spitzte der Fabrikant die Ohren
»Glauben Sie wirklich dass es Ihrem Sohn mit seiner Liebe ernst ist glauben
Sie dass es sein ernstlicher Wille ist meiner Nichte Herz und Hand
anzutragen«
Der Fabrikant stutzte »Ei natürlich Der Junge ist halb toll vor Liebe er
ist verliebt bis über die Ohren schon seit einem Jahre er hat es mir selbst
gestanden seit er Erika in Ems sah geht ihm die Sache fortwährend durch den
Kopf er hatte aber früher nie den Mut davon zu sprechen und ging wie ein
Mondsüchtiger im Hause herum kein Mensch wusste was ihm fehlte er arbeitete
nicht mehr er tat nichts mehr und ich hätte ihn gewiss geprügelt wenn ich ihn
nicht für wirklich krank gehalten hätte«
Die Augen des Herrn Jammer blitzten vor Freude »Nun dann habe ich mich
getäuscht Es schien mir nämlich bei seinem neulichen Zusammentreffen mit Erika
als wenn ihm ganz andere Gedanken im Kopfe säßen er war still er war verlegen
ich weiß nicht «
»Aber lieber Herr das ist ja das wahre Benehmen eines Verliebten der
seiner Sache noch nicht gewiss ist ich kenne das genau ich weiß es aus
Erfahrung nein ich kann Ihnen versichern dass mein Sohn der unglücklichste
Mensch von der Welt sein wird wenn ihn Erika zurückstösst«
»Das verhüte Gott« seufzte Herr Jammer und beide traten dann in die
Wohnung des Fabrikanten
Oben aus den Fenstern des Hauses schaute aber ein prächtiger Mädchenkopf
es war Erika die den Schluss der Unterredung deutlich vernommen hatte Sie bog
sich ins Zimmer zurück ihre Wangen glühten ihr Herz klopfte
Der Notar war einer jener steifen kahlköpfigen Gesellen mit stieren Augen und
aufgedunsenem Gesicht die man mit einer großen Pfeife im Munde und der einen
Hand in der Hosentasche am Abend in den deutschen Kasinos umherschleichen sieht
Sie postieren sich an irgendeine Ecke wo jeder der Hereintretenden vorüber muss
und lassen keine Gelegenheit vorbeigehen um die Neuigkeiten an den Mann zu
bringen an deren Verbreitung ihnen etwas gelegen ist Auch treten sie der Reihe
nach an die Whisttische klopfen diesem Spieler vertraulich auf die Schulter und
drücken jenem guten Freunde warm und bieder die Hand Zu den Neuigkeiten mit
denen sie selbst aufwarten können sammeln sie hier noch das was andere wissen
indem sie sich ganz en passant nach Gott und aller Welt erkundigen und ihre
Fragen stets so einkleiden dass es jedem scheint als läge ihnen eigentlich gar
nichts daran eine Antwort zu erhalten Bei jedem Mittagessen was die
Gesellschaft gibt sind sie zugegen man sieht ihre Namen auf jeder
Subskriptionsliste zu einem Konzert zu einem Ball und nicht selten ist es dass
man sie sogar zu dem Vorstand irgendeines Instituts erwählt oder ihnen die
Anordnungen eines Festes vertrauensvoll in die Hände legt Landpartien gehören
zu ihrer besonderen Leidenschaft sie spielen da die Galanten und schließen sich
nur den Damen an indem sie die Frau Geheimrätin oder die Frau Assessorin
scherzend und lächelnd am Arm durch die Gegend führen Natürlich ist ihnen
nichts lieber als wenn dann eine alte für geistreich geltende Dame laut
ausruft »Ach Herr Notar Sie sind doch noch immer dieser liebenswürdige Mann«
Sie schauen dann freundlich nach der andern Gesellschaft herüber als wollten
sie sagen »Hört hört« oder »Seht seht« Und weiter geht es durch Wald und
Feld mit derselben Anmut mit derselben Gesprächigkeit Wird eine Angelegenheit
in Gegenwart mehrerer Leute laut besprochen dann tun sie als ob ihnen die
Bemerkungen des jüngeren unbedeutenden Personals wenn sie auch noch so gut und
vortrefflich sind durchaus entgingen sie antworten fast nie etwas darauf und
wenn es dennoch notwendiger weise geschehen muss so schauen sie während ihrer
Rede eine ganz andere Person an als die an welche ihre Antwort eigentlich
gerichtet ist Sie halten es stets mit dem älteren wichtigern Teil der
Gesellschaft und verfehlen nie gegen den Schluss der Debatte die verschiedenen
Meinungen so zusammenzufassen dass die meisten ihre Ansichten in dem Endurteil
wiederfinden sich zufriedengeben und dem Notar die Ehre des Hauptund
Totaleindrucks überlassen
Eine große Gewandtheit besitzen sie darin im Laufe einer Abendgesellschaft
irgendeine allbekannte gewichtige Person aus dem allgemeinen Kreise in eine
einsame Fensterbrüstung zu bugsieren Dort beginnen sie dann mit geheimnisvollen
Gebärden und mystischem Geflüster eine lange lange Unterredung fast immer über
die gewöhnlichsten Angelegenheiten die man sehr gut im Beisein anderer
behandeln könnte Aber nein daran ist ihnen nichts gelegen Die Gesellschaft
soll glauben dass der Herr Notar nicht allein mit seinem Visavis auf sehr
vertrautem Fuße stehe sondern dass er auch stets einige wichtige Angelegenheiten
im Kopfe habe die ihm selbst inmitten einer frohen Gesellschaft nicht zu ruhen
erlaubten Während sie die Unterredung ins Blaue und Weite hinausspinnen
verfehlen sie nicht von Zeit zu Zeit nach den nächsten Personen
hinüberzuschielen um sich zu überzeugen dass man ihre Position auch wahrnehme
Keiner weiß sich geschickter als sie bei der Ankunft irgendeines berühmten
oder renommierten Fremden zu bewegen Wie sie alles wissen so erfahren sie auch
gleich wenn in diesem oder jenem Gasthofe ein bekannter Maler Musiker oder
Literat angekommen ist Sie verfügen sich sofort an Ort und Stelle drängen sich
zu ihm unterhalten ihn stundenlang führen ihn in das Lokal der Gesellschaft
tragen seinen Namen in das Fremdenbuch ein Herr Soundso eingeführt durch
Notar Soundso und stellen ihn sofort den Notabein der Stadt vor
Mit allen Klassen der Gesellschaft wissen sie sich gut zu halten besonders
kultivieren sie aber den Umgang mit den hervorragenden Ärzten welche Zutritt zu
den verschiedensten Familien erhalten alles sehen alles hören was darin
vorgeht und sich bisweilen zu einigen vertraulichen Mitteilungen verleiten
lassen Der Politik sich keineswegs mit Begeisterung sondern nur mit Klugheit
hingebend benutzen sie dieselbe einzig und allein zu Privatzwecken Sie
agitieren für Emanzipation der Juden um es mit den reichen Israeliten der Stadt
nicht zu verderben und schwärmen für Pressfreiheit und Schutzzölle weil ein
großer Teil der Bourgeoisie dafür ist Sind sie mit den Gegnern dieser
Angelegenheit zusammen so zucken sie natürlich die Achseln und versichern ganz
das Gegenteil von dem was sie an andern Orten behaupten indem sie lächelnd
hinzufügen dass sie nur aus alter Freundschaft für diese und jene Person die
Sache bisweilen betreiben müssten konvenienzhalber und da ja doch nichts daraus
werde so könne es einerlei sein ob sie es täten oder nicht Sie wissen alles
herrlich auseinanderzusetzen und siegen fast immer durch die Würde und
Biederkeit mit der sie ihre Explikationen vortragen
Unser Notar war ein vollkommenes Spezimen solcher Leute Tätiger Intrigant
alles ausforschend alles beklatschend nie von einem allgemeinen Interesse
hingerissen keinen liebend keinen offenbar hassend alles für seine
kleinlichen Zwecke benutzend wie ein feister glatter Blutegel seinem Profit
nachwedelnd aber immer ernst immer gravitätisch freundlich bei Höhern kurz
angebunden bei unter ihm Stehenden stets Respekt verlangend immer als
Autorität auftretend und fast durchgängig gemein
Wir treffen ihn am Abend im Kasino wie er die Pfeife im Munde die eine
Hand in der Tasche neben einigen Kartenspielern steht dem Anschein nach ganz
in die Partie versunken »Schlecht gespielt Vortrefflich Trumpf« so ruft
er ein über das andere Mal so dass jeder denken muss er sei mit Leib und Seele
bei dem Spiel seiner Freunde gegenwärtig Unwillkürlich schweifen seine Augen
aber stets der Türe zu und niemand tritt herein den er nicht sofort im stillen
notiert um ihn im Laufe des Abends noch für irgendeine Erbärmlichkeit zu
benutzen Heute scheint er indes jemanden ganz vorzugsweise zu erwarten er wird
mit der Zeit sogar etwas unruhig und macht schon Anstalt den Kartentisch zu
verlassen und sich der übrigen Gesellschaft anzuschließen
Da öffnet der Portier aufs neue wagenweit die Tür des Saales und herein
schreitet in seiner Majestät der Fabrikant der Herr Preis den großen Rock
und die grüne Mütze mit breitem Schirm ließ er zu Hause er trägt Frack und Hut
und feinere Wäsche als gewöhnlich
Die Augen des Notars schimmern vor Freude das ist der Mann den er
erwartet Er wünscht sofort der Kartengesellschaft einen vergnügten Abend und
verfügt sich an die andere Seite des Saales Schon will er auf seinen Freund
losschiessen da bemerkt er dass mit dem Fabrikanten noch ein Fremder
hereingetreten ist Die beiden scheinen sich sehr gut zu kennen der Herr Preis
ist voller Artigkeiten der Fremde lächelt und scheint sich sehr zu freuen über
eine so ehrenwerte Versammlung Der Notar tritt wieder in den Hintergrund Eine
halbe Stunde vergeht und es findet sich noch immer keine Gelegenheit zum Ziele
zu gelangen Endlich schaut der Fabrikant seitwärts und ein bedeutsames Nicken
des Notars ist hinreichend um seine Aufmerksamkeit auf der Stelle zu fesseln
Er entschuldigt sich bei seinem Freunde und eilt dem Notare entgegen Warm
einander die Hände drückend treten sie in eine Ecke des Saales
»Sie haben mir einen großen Dienst erzeigt« rief der alte Preis
»Seien Sie still werter Freund Sie wissen dass ich Ihnen gern gefällig
bin«
»Nun ich werde mich schon erkenntlich zeigen«
»Schweigen Sie doch sagen Sie mir lieber was Sie mit dem Baron
ausgerichtet haben«
»Nichts habe ich ausgerichtet dieser Stockpatrizier ist hartnäckiger als
ich dachte er will sich zum Verkauf seiner Besitzungen nicht verstehen und
wenn Sie mir nicht weiterhelfen so wird aus der ganzen Sache nichts Vor allen
Dingen müssen Sie mir sagen weswegen der Baron grade in diesem Augenblick in so
großer Verlegenheit ist«
»Verlegen ist er weil ich ihn in Verlegenheit gebracht habe um Ihnen zu
nützen«
»Ach Sie sind sehr gütig also haben Sie selbst Forderungen an die
dEyncourts«
»Keineswegs aber hören Sie Der Baron nachdem er sein ganzes Vermögen
durchgebracht und nur noch im Besitz des alten Schlosses und seiner nächsten
Umgebung blieb die übrigens auch fast ganz verschuldet sind wandte sich an
einen ihm von früher her sehr befreundeten reichen Bankier und erhielt von ihm
mehrere bedeutende Summen Dies war vor ungefähr zehn Jahren Der Baron als ein
gottloser leichtsinniger Mann ließ seit dieser Zeit nichts mehr von sich
hören es wurde ihm mehrere Male in der höflichsten Weise geschrieben man
brachte auch diese alte Schuld in Erwähnung aber alles ohne Erfolg Da sandte
mir der Herr Bankier vor ungefähr zwei Jahren die Scheine und Quittungen seiner
Vorschüsse mit dem Bemerken ein dass ich jede passende Gelegenheit benutzen
solle um wenigstens einen Teil dieser Schulden wiederzuerlangen Man wollte
indes keineswegs dass ich den Baron ernstlich darum anginge man zog es vor
lieber den ganzen Betrag zu verlieren als den ohnehin schon unglücklichen Mann
in neues Unglück zu stürzen«
»In der Tat ein sehr menschenfreundlicher Herr dieser Bankier«
»Gewiss Und die Sache ist daher auch geblieben wie sie war Da ich alle
Geldangelegenheiten des Barons zu besorgen habe und sehr gut weiß wie es darum
steht so habe ich mir nie die Mühe gegeben jene Scheine zu präsentieren Da
will es indes der Zufall dass der Bankier plötzlich stirbt ohne über seine
Vermögenssachen die geringsten Instruktionen zurückzulassen Es fiel mir jetzt
auf der Stelle ein dass den Erben dieses Mannes wahrscheinlich nicht so sehr
viel an der Ruhe des Barons gelegen ist und dass ich jetzt mit ruhigem Gewissen
meine frühern Vorschriften überschreiten und dem Baron in andrer Weise als
bisher entgegentreten kann Ich scheute mich um so weniger dies zu tun weil an
dem Manne doch wenig Freude mehr zu erleben ist und weil ich andernteils hoffen
durfte ihn zu dem Schritt zu zwingen den wir eben beide im Auge haben nämlich
ihn zum Verkauf seiner letzten Besitzungen zu bewegen«
»Sehr richtig Herr Notar sehr richtig«
»Ich ließ daher keine der letzten Wochen vorübergehen ohne dem Baron zu
wiederholen dass die Erben des verstorbenen Bankiers immer heftiger auf Tilgung
dieser alten Schulden antrügen und dass man mir den Auftrag gegeben habe ihn
gerichtlich zu verfolgen falls die Sache nicht bald im guten beendigt werde
Dies geschah natürlich nur rein aus Gefälligkeit gegen Sie Herr Preis«
»Sie wissen Herr Notar ich bin Ihnen unendlich verbunden«
»Ich hatte erstens wie Sie sehen gar nicht nötig gar nicht den Auftrag
den alten Baron zu belästigen und zweitens wenn dies dennoch der Fall gewesen
wäre so würde ich doch noch eine Quelle aufgefunden haben aus der die Not des
Barons hätte gestillt werden können ohne dass er seine letzten Güter zu
verkaufen brauchte« »Ich verstehe Sie ganz Herr Notar«
»Die Sache liegt also jetzt so dass wir fortfahren müssen den Baron zu
zwiebeln und zu zwacken indem wir ihm alle Rettungsmittel unzugänglich machen
wahrscheinlich wird er sich dann in kurzem ergeben Sie bekommen das Schloss Hof
und Garten zu einem billigen Preise die Erben des Bankiers erhalten ihr Geld
und ich mache die betreffenden Akten Der Baron ist dann natürlich sehr geprellt
aber das macht ja weiter nichts wenn der Betrag meiner Forderung und die
sonstigen Schulden welche auf dem Schloss haften von der Verkaufssumme in
Abzug gebracht sind so bleiben ihm auch noch einige hundert Taler mit denen er
sich dann drücken kann«
»Es ist aber doch ein wahrer Jammer dass Sie nicht geradezu den Auftrag
haben die Sache als eine reine gerichtliche zu behandeln«
»Es ist wahr wir würden dann gleich am Ziele sein wir würden dann mit dem
Baron schnell fertig werden aber vielleicht wäre dies doch nicht in Ihrem
Interesse die ganze Angelegenheit würde dann publik und Sie könnten bei der
Versteigerung des Gutes einige Mitbieter finden die den Ankaufspreis unfehlbar
verteuern würden Nein ich glaube dass es am besten ist ganz unter der Decke
zu lavieren Der Baron findet nirgends Geld ich fahre fort ihm im Namen jener
Erben zu drohen und es sollte mich sehr wundern wenn er das noch lange
aushielte denn offenbar fürchtet er auch die Sache öffentlich werden zu
lassen und zieht es vor sie in aller Stille zu beendigen was wenigstens dann
dem Adel seines Namens nichts schadet«
»Das ist ganz vortrefflich aber da fällt mir noch etwas ein Sollte es
nicht möglich sein den Erben jenes Bankiers die Forderungen an den Baron
abzukaufen dazu wäre ich gern bereit vielleicht macht sich das unter diesem
oder jenem Vorwand und jedenfalls sind wir dann unsrer Sache gewiss«
»Sie haben recht«
»Nicht wahr Statt Ihrer fingierten Drohungen im Namen der
menschenfreundlichen Erben machen wir dann einen sehr kategorischen Sturm von
s meiner werten Persönlichkeit Friedrich Preis«
»Allerdings«
»Und was glauben Sie sollten diese Erben meinem Beutel widerstehen können
sollten sie nicht mit Vergnügen den Baron zugrunde gehen lassen wenn ich ihnen
ein paar tausend Taler blank auf den Tisch zähle«
»Es ist möglich genug«
»Gewiss ist es möglich Sie kennen das ebensogut wie ich ach über die
Menschenfreundlichkeit Dummes Zeug Sagen Sie mir nur wer diese Erben sind«
»Es sind die Erben des Baseler Bankiers Tetralix«
Es hätte nicht viel gefehlt und der Herr Preis wäre bei diesen Worten des
Notars vor Freude der Länge nach auf die Erde gefallen
»Um Gottes willen Die Erben des Baseler Bankiers Lassen Sie sich umarmen
mein Freund kommen Sie an meine Brust es ist alles in Ordnung es ist alles
richtig ach du lieber Himmel weshalb haben Sie mir das nicht gleich gesagt«
Der Notar blickte seinen Freund verwundert an
»O Zeus Kronion o Vater Abraham freuen Sie sich doch Herr Notar es ist
alles in Ordnung aber Sie irren sich der Baseler Bankier hat keine Erben
sondern er hat nur eine einzige Erbin und diese Erbin wohnt zu Hause bei mir
seit einigen Tagen ein bildschönes Frauenzimmer und sehen Sie dort sehen
Sie dort hinten in der Ecke den Menschen im Frack mit weißer Weste und weißem
Halstuch sehen Sie doch den Biedermann an der Mensch ist ein Schaf ein Esel
aber das macht nichts es ist der Herr Jammer der Schwager des verstorbenen
Bankiers der Onkel seiner Erbin der Kurator der Masse der Herr Jammer der
eben mit mir hereingetreten ist mein spezieller Freund mein Intimus sehen Sie
doch«
Es war am Sonntagnachmittag Die Arbeiterfamilie Martin verließ ihre Wohnung und
wanderte durch das Stadttor hinaus ins Freie »Komm komm liebes Gretchen«
rief Eduard »ich gebe dir meine rechte Hand die Mutter gibt dir die linke und
Marie geht hinter uns her und freut sich darüber wie hübsch du dich zwischen
ihr und mir ausnimmst« Da standen die guten Leute am Ufer des Stromes und
schritten die weiße staubige Landstraße hinauf von der man links hinab
Spinnereien und rechts in die Blüten der Weingärten sah
Eduard hatte sich danach gesehnt die Berge und Täler seiner Heimat nach so
langem Getrenntsein einmal in ihrer ganzen Herrlichkeit wiederzusehen und heute
wölbte sich auch ein so prächtiger Himmel über die ganze Gegend dass Strom und
Hügel wie mit tausend neuen Farben zu leuchten schienen
»Glaubst du nicht Eduard« fragte Gretchen »dass die Welt am Sonntag viel
schöner ist wie an jedem andern Tage«
»Weshalb meinst du das liebes Kind« erwiderte der große Bruder
»Weil am Sonntag so viele Menschen spazierengehen die sich in der Woche nie
an den Bergen und Feldern erfreuen dürfen«
»Ach so du glaubst dass die ganze Welt sich für verpflichtet hält am
Sonntag noch einmal so schön zu sein weil wir Arbeiter dann darin herumspringen
können«
»Gewiss«
»Es ist möglich dass du recht hast Jedenfalls sind dann aber die Berge und
die Wälder und die Vögel und auch der Rhein und hier die Gärten und oben die
Sonne viel höflicher und teilnehmender als die meisten Menschen die uns jetzt
in ihren hübschen Karossen entgegenfahren und die uns kaum eines Blickes
würdigen wenn sie im Galopp an uns vorüberfliegen«
»Das sind ja aber auch die reichen Leute lieber Eduard«
»Jawohl die reichen Leute Aber die hätten doch gerade am meisten Ursache
sonntags freundlich gegen uns zu sein Wenn wir die ganze Woche für sie
gearbeitet haben da sollten sie am Sonntag recht eigentlich darauf bedacht
sein uns das Leben einmal sehr angenehm zu machen um uns für unsere vielen
Gefälligkeiten zu belohnen«
»Das ist wahr und wenn ich reich wäre und viele Arbeiter in meinem Dienst
hätte ich machte es gewiss so«
»Nicht wahr du ließest schon früh am Morgen deinen Wagen vor die Tür der
Arbeiter fahren und jung und alt müsste hineinsteigen und wer nicht mehr im
Wagen Platz fände der erhielte ein Billett für das Dampfschiff um den andern
zu Wasser nach dem Orte nachzufolgen wo man für den Tag das Ziel der Landpartie
bestimmt hätte« »Ganz recht und auf dem Dorfe wo wir alle zusammenträfen da
ließe ich im Freien unter Linden oder Akazienbäumen große Tische aufsetzen mit
einem schneeweißen Linnen darübergedeckt und rechts und links Stühle und Bänke
damit sich jeder recht bequem niederlassen könnte«
»Und dann ließest du Milch und Brot und Kaffee und Schinken und Wein und
alles auftragen was ein reicher Mensch so leicht mit seinem vielen Gelde kaufen
kann«
»Und dann stellte ich mich selbst oben an den Tisch und sagte Nun fangt an
zu essen und zu trinken nach Herzenslust«
»Und das täten die Leute auch gewiss«
»Und ließ es sich sehr gut schmecken und wenn wir endlich fertig wären
dann machte ich den Vorschlag dass wir hinauf in die Berge zögen um rechts und
links alle Blumen zu pflücken die am Wege ständen aus denen dann die Mädchen
Kränze und Girlanden winden müssten um einander zu schmücken als wären sie
lauter kleine Königinnen
Hätte man dann endlich den Gipfel des Berges erreicht dann setzte man sich
einen Augenblick nieder um hinab in den Rhein zu blicken oder hinaus in die
weite Ferne und die älteren Leute unterrichteten die jüngeren über vieles was
rings in der Landschaft vor Jahren vorgefallen man zeigte sich die Kirchtürme
entfernter unbekannter Orte und wünschte sich Siebenmeilenstiefel um mit einem
Sprunge von der Spitze des Berges bis hinüber auf den Kölner Dom springen zu
können
Und hätten wir uns an allen Herrlichkeiten sattgesehen da schauten wir uns
nach einem schönen Tale um das einen grünen Rasenfleck hätte und rings von
dunklen Tannen eingeschlossen sein müsste
Nicht wahr und in dies Tal liefen wir dann allesamt hinunter und einer von
den Jungen der die Geige oder die Flöte spielen könnte müsste dann den
lustigsten Walzer beginnen und keinen Augenblick dauerte es da wäre auch schon
alles am Tanzen nur die alten Leute legten sich ruhig in die gelben
Butterblumen die Männer steckten ihre kleinen Pfeifen an die Frauen besserten
die Kränze wieder aus die beim Tanze etwa auseinanderflögen und alles müsste
sich totlachen wenn bisweilen jemand mit dem Fuß im Grase hängenbliebe
plötzlich strauchelte und samt seiner Tänzerin auf den Boden fiele
Ach Eduard das wäre herrlich und so tanzte und lachte man dort bis es
Abend würde Dann zögen wir wieder zurück an den Rhein und riefen unterwegs in
jede Schlucht in jedes Tal hinein um zu hören ob das Echo auch so gefällig
wäre uns zu antworten
Und da wir uns alle im Singen geübt hätten so stimmten wir denn am Ufer des
Stromes einen herrlichen Choral an
Wir winden dir den Jungfernkranz
Mit veilchenblauer Seide
oder
Seht den Himmel wie heiter
Laub und Blumen und Krauter
und endlich würde es ganz dunkel und die Nacht käme und blickte mit ihren
Millionen Sternen freundlich auf uns hernieder und während man sich hier
Märchen und Geschichten erzählte erkundigte man sich dort danach wie dieser
und jener Stern heiße
Und langsam machte man sich auf den Heimweg indem man noch einmal im
Vorüberziehen all die schönen Hügel und Gärten grüßte die man am Morgen mit so
freudigem Herzen durchzog und langte man wieder zu Hause an da träumte man die
ganze Nacht von Rosen und Nachtigallen und die Arbeit der ganzen folgenden
Woche würde noch einmal so gern und rasch beendigt wenn man an das
zurückdächte was man an dem einen Sonntag erlebte«
Gretchen schwieg und schaute mit wehmütigem Blicke an dem großen Bruder
hinauf »Was meinst du Eduard sollte es dem Herrn Preis wohl je einmal
einfallen seinen Arbeitern einen solchen Spaß zu machen«
Ein spöttisches Lächeln zuckte um die Lippen des jungen Arbeiters Er hob
sein Schwesterchen zu sich empor und küsste es »Und es ist auch gar nicht nötig
dass dem Herrn Preis so etwas einfällt wir wollen uns keine Gefälligkeiten von
ihm erteilen lassen Vielleicht kommt bald einmal die Zeit wo wir auch ohne den
Herrn Preis unsres Lebens froh werden«
Da standen die Spazierenden auf dem Gipfel einer kleinen Anhöhe wo im
Schatten eines dicht belaubten Nussbaumes eine Bank angebracht war von der man
über den Fußweg hinweg hinaus in die Gegend blicken konnte
»Du hast uns noch nie erzählt was die englischen Arbeiter am Sonntag
anfangen« bemerkte die Mutter indem sie sich zu ihrem Sohn setzte
»Das ist leicht zu erzählen« erwiderte Eduard »Manche gehen wie wir
spazieren die Männer mit ihren Frauen die jungen Leute mit ihren Geliebten
Auf den Feldern spielen sie Ball laufen in die Wette oder boxen sich dass einem
angst und bange dabei wird Viele haben sich indes am Samstag wo sie die Löhne
ausgezahlt erhielten schon von vornherein so sehr berauscht dass sie entweder
den ganzen Sonntag schlafen oder doch in einer solchen Stimmung sind dass ihnen
nichts erwünschter ist als in kleinen entlegenen Schenken den Trunk auch den
ganzen Sonntag durch fortsetzen zu können Diese Spazierenden und Trinker lassen
indes gern ihre Liebhabereien fahren wenn sie hören dass in irgendeinem großen
Saale oder auf einem freien Platz innerhalb oder vor der Stadt eine Versammlung
gehalten wird in der man Sachen zur Sprache bringen will welche die Arbeiter
interessieren können
Ist eine solche Versammlung durch Plakate an den Strassenecken angezeigt da
finden sich die Arbeiter nicht selten zu der festgesetzten Stunde in ganzen
Scharen an Ort und Stelle ein Man schlägt irgendeinen Mann vor der bei der
Zusammenkunft präsidieren soll und ist dieser durch das Aufheben der Hände
erwählt und bestätigt da eröffnet er in einer kurzen Rede welche Gegenstände
heute besprochen werden sollen Diese Sachen sind dann entweder wie man der
Habsucht der Fabrikanten widerstehen will oder ob es nicht gut wäre in betreff
dieser oder jener Angelegenheit eine Bittschrift an die Regierung zu entwerfen
um sie auf irgendein Leid der Arbeiterwelt aufmerksam zu machen oder man
spricht darüber wie verderblich der Trunk auf die Arbeiter wirke und dass man
den Schnaps und das Bier lieber durch Tee und Kaffee ersetzen solle oder man
fordert die Versammlung dazu auf durch wöchentliches Einzahlen einiger Pfennige
eine gemeinschaftliche Kasse zu bilden aus der dann später alle die unterstützt
werden sollen welche durch Krankheiten in ihrer Arbeit und in ihrem Verdienst
unterbrochen werden Und hundert ähnliche Maßregeln können bei solchen
Zusammenkünften besprochen werden
Hat der Präsident die Versammlung mit dem was dem gegenwärtigen Tage gilt
bekanntgemacht da treten dann die Redner auf welche die Sache nach allen
Seiten hin auseinandersetzen und entwickeln um einem jeden in der Versammlung
alles klar und deutlich zu machen Diese Redner sind ganz gewöhnliche Arbeiter
die sich aber durch jahrelange Übung so sehr an öffentliches Sprechen gewöhnt
haben dass zwischen ihrem und dem Vortrag der gelehrtesten und gewandtesten
Herren gar kein Unterschied ist Jeder der Einwendungen gegen das Vorgebrachte
zu machen hat bittet sich vom Präsidenten dann ebenfalls das Wort aus und nimmt
sofort die Rednerbühne welche im Freien aus einer Karre oder einem Holzstoss
einer etwas hohen Treppe oder ähnlichen Erhöhungen besteht für sich in
Beschlag um auch das Seinige zum besten zu geben Hat man so hin und wieder die
Sache besprochen und scheint es endlich dass der Gegenstand erschöpft und
hinlänglich erläutert sei da fasst der Präsident das Gesagte kurz zusammen und
richtet die Frage an die Versammlung ob man dieses tun oder jenes nicht tun
solle usw und die ganze Versammlung hat dann durch das Aufheben der Hände ihre
Entscheidung abzugeben bei welchem Akte dann wie natürlich die Majorität
siegt«
»Das ist aber herrlich Solche Versammlungen müssten wir hier im Lande auch
anfangen«
»Leider würde uns die Polizei nur gar zu rasch auseinanderjagen solche
Sachen sind nur in England erlaubt« »Das ist schade Wir könnten sie hier gut
gebrauchen und ich setze den Fall dass es uns gestattet wäre da könnten wir
also gleich eine Versammlung halten wenn uns der Herr Preis etwa die Löhne
heruntersetzt oder uns sonst übervorteilen wollte«
»Gewiss Und wir würden einstimmig den Entschluss fassen dass es durchaus
nötig sei dem Herrn Preis sein Vorhaben als ein widerrechtliches und
niederträchtiges vorzuwerfen und dass wir ihm unsre ganze Unzufriedenheit zu
erkennen geben müssten«
»Und wenn der Herr Preis sich wenig an eine solche Erklärung kehrte wie
dann«
»Da hielten wir eine zweite Versammlung und beschlössen eine Petition an die
Regierung in der wir unsre ganze Lage schildern und auf das nichtsnutzige
Treiben des alten Fabrikanten aufmerksam machen würden«
»Und glaubst du dass dann unserm Elend abgeholfen würde«
Eduard erhob sich von der Bank »Liebe Mutter ich glaube nichts Aber wie
kommt es dass unsre Marie heute so still ist«
Eduard wandte sich zu seiner älteren Schwester fasste ihre Hand und blickte
ihr fragend in die großen dunklen Augen »Wenn man von den englischen Arbeitern
erzählt so solltest du gewiss zuhören das muss auch dich interessieren übrigens
habe ich dir auch versprochen dass du etwas von den Arbeiterinnen erfahren
sollst und ich muss dir gestehen dass ich die jungen Mädchen jenseits des Kanals
recht liebgewonnen habe«
»Nicht wahr die Engländerinnen haben alle blonde Haare« fragte Marie und
fuhr empor als wenn sie aus einem Traum erwachte
»Keineswegs Du findest ebenso viele schwarze Locken wie blonde namentlich
wenn du in einen Ort kommst in den herüber von der Emerald Isle ein Strom des
heißesten irländischen Blutes floss Diese irischenglischen Mädchen solltest du
sehen In den Meetings der Arbeiter setzen sie sich gewöhnlich auf die Tribüne
rings um den Redner herum ein Blumenkranz um eine rauschende Eiche Und wenn
die Debatte heißer und wilder wird und der Donner eines gewaltigen Wortes
plötzlich in allen Ecken und Winkeln des Raumes widertönt wenn alle Männeraugen
da unten zu blitzen und zu funkeln beginnen wenn sich die Fäuste ballen und der
Zorn empörter Seelen sich mit einem Male in einem grellen Fluch in einem Schrei
der Entrüstung oder in einem tiefen dumpfen Seufzer Luft macht wenn der Redner
an der immer steigenden Bewegung seiner Zuhörer merkt dass er den Fleck
getroffen hat in dem alle Herzen zusammenpochen und jetzt immer aufs neue bald
mit dem Brausen eines Kataraktes bald mit dem Schmettern einer Trompete seine
Worte hinunter in die Versammlung schleudert so dass ihm bald nur ein
schallendes Echo von Beifall und Bewunderung in immer rauschendern Wogen
entgegenbrandet da fahren auch endlich die Frauen und Mädchen von ihren Sitzen
empor Locken Tücher und Hüte fliegen und mit Entzücken sehen die Männer dass
ihre Kinder ihre Frauen und Geliebten aus demselben Fleisch und Blut wie sie
geschaffen sind aus demselben Feuer was einst allen Mörsern und Kanonen der
Welt widerstehen wird
Lache mich nicht aus Marie Was ich erzähle ist die reine Wahrheit In
England sind die Weiber scho n so weit gekommen dass sie auch im öffentlichen
Leben Hand in Hand mit ihren Männern gehen und es ist nicht selten dass sie
außer diesen Versammlungen in denen sie gemeinsam deliberieren auch noch
Meetings unter sich halten in denen sie sich gegenseitig verpflichten ihre
Männer auf jede Weise noch mehr aufzureizen und sie in ihren Unternehmungen wie
wahre Heldinnen zu unterstützen und aufrecht zu erhalten Mit Lords und
Ministern gehen diese kühnen Weiber in solchen Augenblicken um als wären es nur
ebensoviel Strohkerle und Stöcke sie stimmen darüber ab ob man nicht der
kleinen Schlange dem Lord John Russell einen höchst impertinenten Brief
schreiben solle und ob es nicht gut wäre dem Chartisten Feargus OKonnor in
einer glänzenden Adresse die ganze Liebe und Bewunderung der weiblichen
Bevölkerung des Königreichs an den Tag zu legen
Ich weiß nicht ob du wohl von dem großen Kriege gehört hast der in alten
Zeiten einmal die Welt in Bewegung setzte Da gab es zwei große Völker die
Cimbern und Teutonen genannt die rannten am Fuße der Alpen mit den
fürchterlichen Römern zusammen Lange Zeit schwankte der Sieg aber endlich
sanken die Teutonen vor den breiten Schwertern der Römer und als alle
geschlagen und vertrieben waren und die Römer schon glaubten dass jede Gefahr
überstanden sei sieh da zogen auf einmal noch die Weiber heran und es wehrte
sich noch das letzte Weib
So wird es auch mit den englischen Weibern und den Arbeitern sein wenn der
große Kampf zwischen Arbeitern und Herren einst schwanken sollte aber
wahrscheinlich werden die Weiber gar nicht zu helfen brauchen die Männer werden
die Sache schon alleine machen«