Henriette von Paalzow
Ste Roche
Von der Verfasserin von GodwieKastle
Erster Teil
Der junge Marquis dAnville hatte sich in seine Bibliothek zurückgezogen und
wir finden ihn in einer frühen Morgenstunde wie es scheint mit sehr ernsten
Angelegenheiten beschäftigt Bestäubte Aktenstücke deren vergelbtes Pergament
und in Kapseln daran niederhängende Siegel auf wichtige Dokumente schließen
lassen liegen um ihn her auf Stühlen und Tischen und werden abwechselnd
verglichen und geprüft mit Briefen und Papieren welche einen neueren Ursprung
verraten und zu Notizen veranlassen die der junge Mann alsdann nachdenkend in
ein kleines Buch verzeichnet Sichtlich sind ernste fast schwermütige Gedanken
dabei in ihm angeregt denn die Stirn die sonst der Wohnsitz der Heiterkeit zu
sein scheint ist umwölkt und trägt die Furchen tiefen Nachdenkens Hinter
seinem Rücken hat sich indessen die Tür geöffnet und es naht sich ihm der
holdeste Feind trübsinnigen Nachdenkens seine junge und schöne Gemahlin deren
leichter Schritt sie ihm noch nicht verkündet während sie selbst mit
jugendlicher Schüchternheit zu zagen scheint und ungewiss ob sie es wagen darf
ihm zu nahen sich von dem Ernste seiner Beschäftigungen und dem Ausdruck seiner
seitwärts belauschten Züge imponiren lässt Gern sähe sie sich von ihm bemerkt
und herbeigerufen aber ihre beredten Augen bleiben natürlich wenn auch auf ihn
gerichtet dennoch geräuschlos und sie muss sich entschließen sich selbst
anzukündigen »Ich bin unbescheiden Dich zu stören« hebt sie an »aber ich
wusste nicht dass Du so ernst beschäftigt warst« Bei dem Klange dieser lieben
Stimme richtet der junge Marquis das Antlitz der Redenden entgegen und als ob
ein Sonnenstrahl den Wolkenschleier durchbräche so leuchtet das entzückte
Lächeln der Liebe daraus hervor
»O Lücile« ruft er ihr die Hand entgegenstreckend »stets ersehnt stets
erwünscht und zur rechten Stunde ist nur Deine Entfernung eine Störung für
mich«
»Auch wollte ich mich nur als Botin des Frühlings bei Dir melden«
antwortete nun in völlig sichere Heiterkeit zurückgekehrt die junge Marquise
»Diese Veilchen die ihr sehnsüchtiges Herz der Sonne entgegen unter dem
leichten Reife des alten Mooses hervordrängen sie tragen in ihrem süßen Dufte
das ganze Paradies des Frühlings sie erinnern mich an ihre Schwestern in der
Provence an die knospenden Buchengänge von Arconville«
»Geliebtes Wesen« rief ihr Gemahl »es liegt zwischen der schönen Wiege
unserer ersten glücklichen Tage ein weit abführender Weg der hier aus diesem
Aktenwusste unabweisbar sich entwickelt Mahnung an den Frühling kommt mir aber
zur rechten Zeit er gibt mir Mut Dir eine Reise vorzuschlagen die Dich
schon jetzt den Freuden des glänzenden Hoflebens entführen wird«
»Wie« rief die junge Frau »verstehe ich Sie recht Herr Marquis Sie
schlagen mir vor den Hof inmitten seiner größten Freuden zu verlassen Haben
Sie die Liste übersehen die man gestern in den Zimmern der Königin herumzeigte
die uns wenigstens noch zwölf Bälle ein Karoussel und einen Maskenscherz von
einigen Tagen verspricht Haben Sie die prachtvollen Roben und Ballkleider
vergessen mit welchen Sie Ihre Gemahlin beschenkt und die noch nicht zur
Hälfte den Neid meiner schönen Rivalinnen erregt haben Wollen Sie dass die
Juwelen um deren Besitz Sie die alte und neue Welt geplündert die Perlen nach
denen die Wellen des Meeres noch jetzt seufzend am Strande niederstürzen
wollen Sie dass dies Alles umsonst für den ersten Debüt Ihrer Gemahlin verwendet
ward Wissen Sie nicht überdies dass wir das Taubenpaar aus der Provence heißen
und dass ich dem tugendhaften Versailler Hofe das nie gesehne Schauspiel gab ein
Jahr nach der Hochzeit noch von meinem Gemahle geliebt zu sein Wollen Sie dass
ich all diesen Triumphen entsage die mein junges Herz berauschen und was
wollen Sie mir zum Ersatze bieten«
»Nichts Lücile« rief ihr Gemahl mit dem vollen Ausdrucke entzückter
Sicherheit »nichts als mich entweder sehr wenig oder Alles Lass Deine
Roben und Juwelen zurück ich schenke Dir einen Strohut und pflücke Dir selbst
die Blumen darauf«
Die Marquise wandte sich leicht von ihm ab er folgte dem lieblichen
Gesichte ihre Augen standen in Tränen aller neckende Mutwille war daraus
verschwunden Als sie schüchtern zu ihm aufblickte sagte sie mit dem frommen
Ernst einer Betenden »Bin ich nicht zu glücklich«
»Lass uns dankbar sein und Gott ehren durch ein lebendiges Gefühl unseres
Glücks« sagte der Marquis »es scheint mir ein schöner Gottesdienst ein
glückliches freudiges Herz sich zu erhalten und sich des Geschenks seines Lebens
zu erfreun Ich fürchte nicht dass mir die Kraft darin erlahmen wird ihm
gehorsam und getrost zu bleiben wenn trübe Tage kommen denn ein tugendhaftes
Glück lässt die Gaben des Herzens und Geistes unverkümmert empor wachsen«
»Ich fürchte wenigstens für Dich nicht mein Armand« sagte die Marquise mit
jenem Lächeln der Bewunderung das die Blüte des schönsten weiblichen Glücks
nur die höchste Achtung in der hingebensten Liebe gibt »doch lass mich
erfahren wo Du mir die Blumen für meinen Strohhut zu pflücken gedenkst denn es
scheint in den Wäldern von Arconville wird es nicht sein«
»Für die nächste Zeit wenigstens nicht liebe Lücile Meine Gegenwart wird
unvermeidlich auf unsern neuen Besitzungen in Languedoc verlangt ich kann die
persönliche Übernahme dieser Güter nicht länger verschieben denn obwohl sie
mir seit drei Jahren gehören lehnte ich bis jetzt diesen mir widerstrebenden
Akt noch immer von mir ab doch sehe ich ein dass mein Anwalt Recht hat der mir
die Verwirrungen vorstellt die notwendig daraus entstehen müssen«
»Sind das die Güter die Du von dem Grafen Crecy dem alten finsteren Bruder
Deiner Mutter erbtest« frug die Marquise
»Sie sinds« erwiderte ihr Gemahl »und selten ist wohl eine Erbschaft
die eine halbe Million betragen mag mit schwererem Herzen angetreten worden
als diese ja ich gestehe Dir dass ich mich noch nie der Revenüen die daher
kommen zu einer Erweiterung unseres Etats habe bedienen mögen dass ich mich
mehr als den Verwalter dieser schönen Güter als den Besitzer ansehe und
ziemlich zu ihrer Verbesserung diese Summen wieder verwendet habe da die lange
trübselige Vernachlässigung derselben dies auch nötig erscheinen ließ«
»Ich habe Dich noch nie von diesen Besitzungen sprechen hören« sagte die
junge Frau »obwohl ich wusste dass sie Dir gehörten und ein Umstand mich für
sie interessierte nämlich die Nähe von Ardoise dem Schloss meiner geliebten
Tante Franciska Doch sage mir darf ich erfahren warum sie diesen seltsamen
Eindruck auf Dich machen«
»Es gehörte viel Zeit dazu Dir den ganzen Inhalt dieses Gefühls zu
erklären« erwiderte der Marquis »Ich brachte das letzte Jahr seines Lebens
bei diesem alten unglücklichen Oheim zu und er hat vor mir in seinen langen
schlaflosen Nächten die Geschichte seines trüben und schuldigen Lebens mit einer
Klarheit der Erinnerung mit einer Schärfe der Kombination entwickelt die die
Fähigkeit hohen Alters zu übersteigen schien und nur dem krankhaften stets
lebendigen Reize seines gequälten Gewissens zuzuschreiben war Er sah mich
allerdings als seinen nächsten Erben an und darum wünschte er mich in der
letzten Zeit seines Lebens dessen Ablauf er erkannte um sich zu haben aber
in diesem Wunsche dessen Erfüllung die Welt nur als die Pflicht des natürlichen
Erben nahm lag weit mehr die Absicht des Unglücklichen diesen unbestrittenen
Erben empfänglich zu machen für den Gedanken eines möglichen Verlustes dieser
Erbschaft denn der Hauptinhalt dessen was ich mir vorbehalte Dir später
ausführlich mitzuteilen ist dass die Möglichkeit vorhanden es lebe noch
Einer der nähere Rechte auf diese Besitzungen habe«
»Mein Gott« rief die Marquise »wie seltsam ist das wie spannst Du meine
Neugierde und sage hat sich nach dem Tode des alten Herrn keine Entdeckung
machen lassen dauert Deine Ungewissheit ohne alle Mutmaßungen fort«
»Die letzten Anzeichen verlieren sich an der nördlichen Küste von
Frankreich« erwiderte der Marquis »aber trotz dem dass ich nach dem Tode des
Unglücklichen die sorgfältigsten Nachforschungen anstellen ließ hat bisher
keine auf eine Spur leiten wollen die irgend eine Entdeckung verspräche dessen
ungeachtet begreifst Du dass ich diese Versuche fortsetzen lasse und bisher kein
EigentumsGefühl zu diesen Besitzungen haben konnte Überdies sind noch die
Erzählungen von den traurigen und finsteren Dingen von denen die Hauptbesitzung
der Schauplatz war mir zu gegenwärtig um es wünschenswert zu machen mir dort
als anerkanntem Besitzer huldigen zu lassen Und« setzte er lächelnd hinzu
»wie findet mich meine junge Gemahlin dass ich grade dorthin ihr den Weg
vorschlagen will und wahrlich ihr keinen andern Aufenthalt anzubieten weiß als
eben jenes alte verwünschte Schloss von Ste Roche von dem mehr Spuck und
Gräuelgeschichten die Gegend durchlaufen als wir in einem Jahre anzuhören
vermöchten«
»Nun« rief Lücile »ich bin nicht abgeneigt mich ein wenig zu grauen
wenn ich nur recht vollständig dabei in Sicherheit bin und nicht den ganzen Tag
daran zu denken brauche«
»Auch schreibt mir mein Verwalter er habe den rechten Flügel des Schlosses
der überhaupt ein neuerer Anbau ist und eine freiere Aussicht und lichtere
Räume gewährt so viel dies bei der Abneigung der Arbeiter das Schloss zu
betreten gehen wollte etwas aufräumen lassen wogegen Dir zum Grauen jedoch
noch genug Veranlassung bleiben wird da ich aufs Bestimmteste verboten habe
den übrigen Teil des Schlosses anzurühren bis auf die äußeren Reparaturen der
Dächer Türen und Fenster Den linken Flügel musste ich bis auf
Dachbefestigungen auch hiervon ausnehmen denn dieser steht unter einer
besonderen Autorität die ich zu respektiren habe angeloben müssen in dem ganzen
Umfange wie dies mein Oheim zu tun sich gelobt hatte Diese Autorität ist eine
alte Frau welche ihr Leben in diesem Schloss und seit einigen fünfzig Jahren
in diesem Flügel oder vielmehr in einer kleinen Behausung vor demselben
zubringt welche Niemand den Einlass gestattet und von Niemand dazu gezwungen
werden kann so dass von allen die dort leben sich Niemand rühmen darf das
Innere dieses geheimnisvollen Ortes betreten zu haben Bevor ich die Güter
übernahm hauste sie und ein alter Kastellan in diesem Schloss und es war die
höchste Zeit dass eine andere Macht dort einschritt da das alte Schloss so fest
und fast unverwüstbar es auch erbaut ist doch bei der gänzlichen
Vernachlässigung die es wie alle übrigen Besitzungen erleiden musste allgemach
immer baufälliger zu werden begann«
»O wie sehne ich mich nach Ste Roche« rief die junge Marquise »und wie
will ich um das Herz der alten Pförtnerin mich bemühen dass sie mir Einlass
gewährt in diese geheimnisvollen Gemächer Doch sage mir nur noch mit einem
Worte ob Du die Geschichte derselben kennst«
»Ich kenne sie« erwiderte ihr Gemahl »doch dringe vorerst nicht in mich
sie Dir mitzuteilen es schmerzt mich diesen Misslaut in Deine reine Seele zu
spielen Wie entzückt mich der Gedanke wenn ich Deinen Zauber empfinde dass das
Böse für Dich nur eine allgemeine inhaltlose Existenz unter den Erscheinungen
hat dessen Dasein Du kennst ohne dass Dich seine Bedeutung erreichen konnte
Gönne mir das Glück Dich zu behüten und zu bewahren lass mich der Engel mit
dem feurigen Schwerte sein der das Paradies Deiner unschuldigen Gedanken
bewahrt«
»O mein Geliebter« rief die junge Frau »welch ein Wohllaut des Himmels
liegt darin Dir so anzugehören dass selbst meine Gedanken Deines Schutzes
genießen Glaubst Du dass es eine Neugierde gäbe die stärker wäre als dies
Gefühl«
»Nein« erwiderte er ernst und gerührt »ich weiß es die Deinige
wenigstens nicht auch denke ich daran Dir den Inhalt dieser unglücklichen
Geschichte später auf eine Weise mitzuteilen die Dich weniger verletzt«
»Bis dahin also will ich Gednld haben die mir leichter noch durch die
Aussicht wird dies schauerliche Geheimnis in seiner Oertlichkeit zu sehen«
»Doch sieh da Leonce« rief der Marquis und eilte seinem Bruder entgegen
der mit der freundlichsten Eilfertigkeit in das Zimmer trat »Willkommen in
Paris Teurer Lieber Seit wann bist Du zurück«
»Erst seit diesem Augenblick« rief der junge Mann und begrüßte herzlich
seine liebenswürdige Schwägerin
»Nun in Wahrheit« rief Lücile »lieber Leonce Sie kommen zur rechten
Zeit mich gegen meinen Gemahl in Schutz zu nehmen denken Sie nur er verlangt
dass ich Paris verlassen soll da noch Niemand daran denkt sich auf seinen
Gütern zu langweilen und Paris in der vollen Blüte seiner auserlesenen Freuden
steht Haben Sie ein ähnliches Anerbieten schon jemals gehört und was meinen
Sie dass ich tun oder nur antworten soll«
»Was Sie bereits getan oder geantwortet haben« rief Leonce mit dem
Ausdrucke inniger Verehrung »denn das Rechte war es gewiss und ich will es bloß
wissen um Sie aufs Neue zu bewundern«
»Gottlob« rief die heitere junge Frau »unser Bruder ist mit vollständig
liebenswürdigen Manieren zurückgekehrt Glaubt mir ich erkannte Euch nicht als
Ihr damals von Euren Reisen wiederkamet auch nicht ein Zug von meinem
liebenswürdigen Spielkameraden war geblieben eine düstere blasse seufzende
Kreatur war zurückgekehrt und ich ward entmutigt froh zu bleiben wenn Ihr so
still und einsylbig an meiner Seite sasset«
Sichtlich traf die Rede den jungen Mann tiefer als die sorglose Heiterkeit
seiner Schwägerin ahnte es brach aus den Augen des Jünglings eine so
melankolische Glut er schloss die Lippen so schmerzlich zusammen dass der
Marquis überrascht von der plötzlichen Veränderung seines Brudes ihm schnell
einige Fragen über die zurückgelegte Reise und den vorgefundenen Zustand seiner
Güter tat
Leonce arbeitete sich mit sichtlicher Anstrengung aus der Stimmung heraus
die durch die unschuldigen Worte seiner Schwägerin angeregt war und versicherte
seinem Bruder er habe Alles wohl arrangirt gefunden könne nicht anders als
seine Verwalter loben und habe für längere Zeit ihre Vollmachten bestätigt
»Aha« fiel die Marquise ein »für lange bestätigt das heißt so viel als
wir haben uns auf lange Zeit von der eigenen Verwaltung losgemacht und sind
nicht gesonnen den alten Ahnenbildern und den Schäferspielen der
GobelinTapeten auf dem alten Schloss Gesellschaft zu leisten«
Leonce lachte »Es ist wahr schöne Spötterin ich mutete mir eine
Einsamkeit in so großartiger aber dennoch melankolischer Umgebung nicht zu
ich bin noch zu jung sie suchen zu dürfen ich muss sie sogar fürchten da ich
ihren Zauber nicht lange genießen dürfte ohne ihm zu unterliegen Dagegen hilft
nur ein sehr mutiges Erfassen des Lebens ich denke Dienste zu nehmen oder
noch eine weitere längere Reise zu machen vielleicht« setzte er hinzu »nach
England«
»Nun dazu gebe ich nimmermehr meine Erlaubnis« rief die junge Marquise
»Nach England wollt Ihr wo die Sonne nie klar voll und warm Euch bescheint wo
die Stürme des Meeres Euer Gehirn austrocknen und Eure Empfindungen zum
Schweigen verdammt sind vor dem melankolischen Gespräch der Wellen Niemals«
rief sie mit komischem Patos »gebe ich dazu meine Erlaubnis und diese müsst
Ihr doch wohl haben da ich das einzige weibliche Haupt dieser Eurer Familie
bin«
Beide Männer lächelten der guten Laune der liebenswürdigen Frau Beifall zu
der Marquis aber umfasste zärtlich seinen Bruder »Du siehst mein Lieber
welcher Herrschaft wir beide dienstbar sind ergieb Dich und willige in meinen
Vorschlag Dich uns anzuschließen Sieh die Reise die ich vorhabe wird mir
herzlich schwer ich gehe nach Ste Roche und übernehme endlich nach langem
Sträuben diese mir fast verhassten Besitzungen Lücile hat eingewilligt mich zu
begleiten ich möchte ihr zum Lohn für so viel Nachgiebigkeit gern ihren alten
Spielkameraden mitführen denn meine Angelegenheiten werden meine Zeit mehr in
Anspruch nehmen als ihr lieb sein wird«
»Tut das Leonce« sagte Lücile »und ich will schon dafür sorgen dass
Euch die trübseligen Gedanken vergehen wenn wir uns auch nicht viel auf äußere
Hilfsmittel werden verlassen dürfen da wir in ein wahres altes Gespensterhaus
einziehen«
Leonce schwieg noch immer und der Ausdruck seiner Züge veränderte sich
wieder bis zur Düsterheit er schien kaum die liebevollen Worte zu verstehen
eigene Gedanken mussten dazwischen getreten sein
»Gib es auf Armand« sagte die Marquise »auf diesem Gesichte steht kein
Ja Das ist die Miene die ich mehr fürchte als Dein Geisterschloss und kann
er uns nur mit ihr begleiten so behüte mich Gott dass ich ihn mitnehme er zöge
die Geister wie mit Magneten an sich anstatt er mir helfen soll sie
abzuwehren«
»Leonce« sagte der Marquis zärtlich besorgt »Du bist wirklich seltsam«
»Vergebt mir« rief Leonce sich jetzt emporraffend »ich habe sehr
Unrecht Gewiss Ihr habt Ursache mir zu zürnen mich töricht und undankbar zu
schelten aber glaubt mir auch für mich ist eine wichtige Zeit gekommen ich
stehe auf dem Punkte auf welchem man sich fürs folgende Leben eine Richtung
geben oder ihrer für immer entbehren muss Ich bedarf der Tätigkeit um mich zu
zerstreuen Zerstreuung soll hier nicht ZeitTödtung heißen ich fände sie
sonst wohl in Paris sie soll das Anbauen Anranken Durchdringen des Kerns des
höheren Lebens bezeichnen und kann ich dann nicht glücklich will ich doch
eines besseren Schicksals wert sein« Er war wieder blass geworden bei diesen
Worten und von der tiefsten Bewegung ergriffen drückte er sich einen
Augenblick in die Arme des Marquis »Es scheint mir ich habe keine Zeit zu
verlieren« fuhr er ruhiger fort »daher blieb ich bei Eurem Vorschlage
zweifelhaft und das Nachdenken worin er mich versetzte ist mir nachteilig«
»Und jetzt müsst Ihr mit Leonce« rief die Marquise munter dazwischen
»eben habe ich es entschieden Über Lebenspfade höhere Richtungen und wie Ihr
das alles nennt entscheidet man am besten auf Reisen nicht auf so hastigen
und ungestümen Reisen als junge Männer machen wenn sie allein sind sondern
auf solchen wo man in bequeme Kutschenkissen gedrückt an der Seite irgend
einer guten geschwätzigen launenhaften lustigen Frau dahin rollt außer
Tätigkeit gesetzt doch dem Zwecke gemäß sich verhält also ohne Gewissensbisse
zum müßigen Nachdenken übergehen kann wenn die Nachbarin sich müde geschwatzt
oder über ihre Reisekleider nachdenkt oder ihre Sieste hält da mein lieber
Leonce tritt der Moment ein wo uns große Gedanken kommen Lebensrichtungen
sich von selbst offenbaren und ohne den schwerfälligen Wust den Stadt und
Zimmerluft umhängen vielmehr wird da Alles klar hell und heiter wie die Luft
die uns umströmt wir vergessen nicht dass das Leben das wir mit mystischer
Spekulation ergründen wollen vor allen Dingen schön ist und es keine sanftere
Wiege gibt als in den Mutterarmen der Natur und in diese Wiege sollt Ihr
Leonce und diese Hand legt Euch hinein trotz des Missverhältnisses der Größe
denn Euch fehlt etwas Gott weiß was das muss erst heil werden ehe Ihr
entscheidende Schritte tut«
Mit innigem Wohlgefallen betrachtete der Marquis seine holde Gemahlin die
ihm so ganz aus dem eigenen Herzen gesprochen hatte Freundlich drückte er ihre
deklamirenden Hände »Ich danke Dir Lücile dass Du ihm Alles gesagt was ich
dachte lass mich hinzufügen« fuhr er gegen Leonce fort »dass Dich jetzt in
dieser Stimmung zu verlassen mir fast unmöglich sein würde und da ich doch
kaum bleiben könnte es mein einziger Trost ist Dich mit mir zu führen Rechne
darauf dass Du mit Deinen direktesten Freunden reisest die Dir ganz allein
überlassen werden was Du für nötig halten wirst ihnen mitzuteilen«
»Abgerechnet« lachte Lücile »was ich ihm gelegentlich ablocke oder
ablausche«
»So bleibt mir denn keine Wahl« rief Leonce und sein tragischer Ton
verhieß noch wenig Sinn für die heitereren Anklänge seiner jungen Beschützerin
»So will ich denken Ihr seid mein Schicksal nehmt mich mit Nachsicht hin ich
will Eurer Liebe ganz vertrauen ja ich folge Euch Aber versprecht mir dass
Ihr mich nicht aufhalten wollt wenn ich Euch später doch sage dass ich fort
muss«
»Ich verspreche nichts als mich jetzt zur Reise zu rüsten« rief die
Marquise »und Eures Winkes gewärtig zu sein Richtet jetzt Alles zu meinem
Wohlgefallen ein denn ich will mir einen Vorrat von Einfällen und Kapricen
sammeln an denen Ihr beide genug zu tun haben sollt«
Hold grüßend entschlüpfte sie den Brüdern Als die Türe sich hinter ihr
schloss warf sich Leonce stürmisch in die Arme seines Bruders »Glücklicher
Glücklicher« rief er »Dir haben die Engel in der Wiege gelacht als sie
Deiner Zukunft dies Geschenk verhiessen Dich trennten keine Vorurteile keine
Launen des Zufalls von dem einzigen und höchsten Wunsche Deines Herzens«
»So ist es Leonce« sagte der Marquis fast verlegen über diese Rede »und
ich hoffe wir sind beide unter guten Zeichen geboren auch Du wirst glücklich
werden«
Leonce schüttelte leise den Kopf Beide trennten sich zu den nötigen
Anordnungen der Abreise
Die Strahlen der Frühlingssonne erhellten die keimende knospende Erde und
schienen das Geschäft ihrer Entwickelung mit dem Eifer eines Gebers zu
betreiben der sich seines Reichtums bewusst ist und das Glück womit er den
Bedürftigen überschüttet zu sehen trachtet Fast hätte man von Stunde zu Stunde
die Blätter und Halme zählen können die sich aus ihren warmen Strahlen zu
erschaffen schienen und ein Tag verhieß schon für den nächsten die süßesten
Wunder
Wir finden ein Auge in dem Bereiche dem wir uns nahen das mit besonders
teilnehmendem Ausdrucke diesem Naturtreiben zusah und Geist und Herz daran zu
erquicken trachtete
In einem von der Sonne erwärmten Gartensaale saß in der offenen Türe
Franciska Gräfin dAubaine in friedlicher Stille und Einsamkeit
Die breiten Buchen und Lindenwege die Ardoise zieren und den Park mit dem
kleinen Flecken der dazu gehört durchschneiden gaben mit ihren durchsichtigen
hellgrünen Blättchen schon eine feine Schattenlinie auf die dazwischen
durchblickenden Wiesen und Rasenplätze die vom Schloss aus durch jene
phantastisch geschnittenen Hecken unterbrochen waren welche die Architektur
fortzupflanzen trachten den wirklichen Gestaltungen der Natur entgegen tretend
Das alte Herrenhaus von Ardoise lehnte seinen Rücken gegen die wildreichen
Wälder dieser schönen Besitzungen und trennte und schützte es gegen die an
seinen Grenzen hinlaufende Landstraße Es hatte daher den doppelten Vorzug einer
ungestörten Einsamkeit und einer leicht zu unterhaltenden Kommunikation mit den
nahe liegenden Ortschaften und Nachbargütern
Die Gräfin dAubaine wusste jetzt beide Vorzüge wohl zu schätzen wenn in
früheren Jahren eine bestimmte Richtung ihres Innern ihr den ersteren als den
vorherrschendsten bei der Wahl ihres Aufenthaltes hatte erscheinen lassen Bis
zum Tode ihrer Eltern hatte sie abwechselnd hier und auf deren Stammschlosse
Mont Réal gelebt Dies war ihrem Bruder zugefallen und nachdem sich auch ihre
jüngste Schwester die Mutter der Marquise dAnville an den Grafen Maurepas
vermählt hatte und dessen Güter bewohnte zog die Gräfin Franciska vor in
Ardoise ihren Wohnsitz zu nehmen
Sie war unvermählt geblieben und ohne dass über die Erlebnisse ihrer
Jugend etwas Bestimmtes bekannt gewesen wäre genoss sie von Eltern
Geschwistern und Freunden die stille ehrende Schonung mit der man das
unverschuldete Missgeschick betrachtet und die Fügsamkeit in ihren Willen die
man so gern den kleinen Rettungsmitteln widmet womit ein blutendes aus dem
natürlichen Kreise des Lebens verschlagenes Herz sich zu schützen sucht Auch
war die Rücksicht die sie unaufgefordert ihren Angehörigen auferlegte keine
schwer zu leistende Ihre Seele war durch das Erlebte den schönen Gang einer
wahren Resignation gegangen losgelöst von eignen Hoffnungen und Wünschen
suchte sie sich in keiner äußeren Erscheinung mehr und war um so hingebender
und teilnehmender für die Zustände um sich her Selbst ihr vorherrschendstes
Bedürfnis Ruhe befriedigte sie nie auf Unkosten einer freundlichen Hingebung
an die gelegentlichen Anforderungen sich gesellig zu erweisen und die ganze
tiefe umfassende Erfahrung des Unglücks die ihr geworden diente ihr nur
ähnlichen Zuständen mit Rat und Teilnahme zu begegnen Sie kannte keine
größere Wohltat als den Anblick glücklicher Menschen sie nannte sich
scherzend darin eine Epicuräerin und ließ nicht ahnen wie sie das Unglück
aufsuchte und sich ihm hinzugeben verstand wenn um sie her in dem weitläufigen
Schloss der Frohsinn zu herrschen schien den sie sowohl zu wecken und zu
unterhalten verstand Ihre eigene frühzeitig von Kummer gezeichnete Gestalt
konnte nicht mehr das zeigen was sie gern bei Andern sah In der Mitte des
Lebensalters trug sie doch das Ansehen einer Matrone nur ihre hohe Gestalt war
fein und schlank und von dem edelsten Anstande getragen Die einst so schönen
braunen Locken waren schon in Silbergrau verwandelt und bildeten den Übergang
zu dem völlig erblassten stillen Angesichte dessen tiefgedrückte Augenbrauen und
niedergezogene Mundwinkel die rührenden Züge eines Kummers darstellten der Zeit
gehabt hatte die reichste Schönheit zu seiner Repräsentantin umzuwandeln Sie
trug immer einfache schwarze Kleidung und die Mode ging unbeachtet an ihr hin
wie sie es unbeachtet zuließ dass ihre alte Kammerfrau von Zeit zu Zeit in nicht
störenden Anordnungen ihr nachzukommen suchte Angebetet von ihren Dienstleuten
war sie das Kleinod der Familie und wie man einen kostbaren Schmuck
wohlverwahrt lässt seinen täglichen Genuss nicht wagend sich des schönen
Besitzes sicher wissend so unterbrachen alle die heilige Ruhe der Tante nur
selten des erwärmenden Gefühls gewiss dass sie ihnen lebe sich ihnen nie zu
entziehen strebe
Diese stille Abgeschiedenheit sollte jedoch eben an dem Tage wo wir uns in
Ardoise einführen eine kleine Umwandlung erleiden denn die Gräfin dAubaine
war in Erwartung einer jungen Gefährtin ihrer künftigen Tage
Der frühe Abend hatte sie in ihre oberen Gemächer geführt wo die leichte
Glut eines Kaminfeuers und der helle Schein der Kerzen noch die Beschäftigungen
des Winters zurückrief
Einige Stunden später fuhr ein verschlossener Reisewagen mit den Livreen der
Gräfin durch die nun völlig in Dunkel gehüllten Wege des Waldes dem Schloss zu
Die Torwächter öffneten die eisernen Gitter die den Hofraum umschlossen und
der Wagen fuhr in den Portikus des Hauses
»Ist die Frau Gräfin noch zu sprechen« fragte St Blace der alte
Kammerdiener derselben und hob sich langsam aus dem bequemen Bocksitze
»Sie haben befohlen sogleich die junge Herrschaft einzuführen« antwortete
Mr Lorint der Haushofmeister »und sind besorgt um ihr langes Ausbleiben«
»Nicht meine Schuld nicht meine Schuld Mr Lorint« rief St Blace »wir
haben keinen Mondschein und die Wege im Walde sind noch feucht und aufgeweicht
von der Regenzeit wir konnten nur langsam vordringen«
Indem nahten sich Beide dem Wagenschlage und ihn öffnend hob sich ihnen
zuerst die alte Kammerfrau der Gräfin Madame Sulpice entgegen und ließ sich
in ihre Pelze und Mäntel gewickelt von ihren beiden Kameraden über den Tritt
der Kutsche ziehen
»Ah Mr Lorint« rief sie freundlich »ich hoffe wir finden Alles wohl
auf in Ardoise und kommen zur gesegneten Stunde«
»Ihr Gnaden wenigstens führten ein leidliches Wohlbefinden und sonst fiel
seit zwei Tagen nichts zu vermelden vor«
»Desto besser Mr Lorint keine Neuigkeiten besser als trübe« erwiderte
Mad Sulpice »Darf man Euer Gnaden ersuchen auszusteigen« fuhr sie gegen
den Wagen zurückgewandt fort
Voll Neugierde beeilte sich jetzt Mr Lorint der Angekommenen Hilfe zu
leisten Alle Bewohner Ardoises sahen auf die Veränderung in dem Leben ihrer
Gebieterin die ihr nach so langer Einsamkeit eine stete Begleitung eine
Lebensgefährtin wie sie sich selbst darüber ausdrückte geben sollte mit einem
Erstaunen und einer Erwartung die man wenigstens durch die Erscheinung des
Gegenstandes selbst gerechtfertigt zu sehen hoffte
Mit der Leichtigkeit der Jugend betrat jetzt den Kutschentritt eine schlanke
feine Gestalt welche den Flor der Haube so über die Stirn gezogen trug dass nur
das blendend weiße Kinn und der schöne Mund sichtbar waren So getäuscht sich
Mr Lorint hierdurch fand schloss er doch gleich mit sich ab hier eine junge
Schönheit zu sehen und als sie den Boden betrat und mit dem reinsten
französischen Accent ihn anredete beschloss er sie des Vorzugs den sie eben
einzunehmen im Begriff war würdig zu erklären
»Und werde ich die Gräfin dAubaine diesen Abend noch sehen« frug die junge
Dame mit einem sanften Tone der Sprache
»Ich eile Euer Gnaden zu melden« erwiderte Lorint »und bitte
untertänigst mir zu folgen«
Die Fremde nahm mit einigen dankbaren Worten von ihren beiden Reisegefährten
Abschied und stieg hinter Lorint die heitere breite Treppe hinan die gastlich
erhellt den schönen Marmor der Wände mit seinen kunstreichen Verzierungen
zeigte Lorint öffnete einen Vorsaal und beurlaubte sich dann in eine
Nebentüre verschwindend Kaum sah sich die Fremde allein als ihr Herz von der
tiefen Bewegung überfloss welche sie zu beherrschen getrachtet hatte Die
heißesten Tränen stürzten aus ihren Augen und sie verhüllte das Gesicht dem
Schmerze ihres Herzens sich hingebend Einige Augenblicke hatte sie so den
Tribut gezahlt den eine plötzliche und vollständige Umänderung aller bisher
gekannten und lieb gewesenen Verhältnisse dem jungen Herzen abnötigten als sie
durch den Gedanken im nächsten Augenblicke derjenigen gegenüber zu stehen die
sich mit allen Beweisen von Liebe und Teilnahme ihr schon in weiter Ferne bis
zum gegenwärtigen Tage genaht hatte ihre Tränen versiegen machte und ein
neues Bemühen herauf rief ihre schmerzliche Aufregung zu beherrschen Sie
trocknete ihre Augen und ihren Mantel ablegend gewahrte sie nun erst die
Schönheit des Raumes in dem sie sich befand der von zwei Kaminen und vielen
geschickt verteilten Kerzen die ihr Licht von hell polirten Wänden und
Fussböden wiedergaben erleuchtet wurde Ihre Aufmerksamkeit ward sogleich durch
einige lebensgrosse Bilder in Anspruch genommen Personen aus der Familie
darstellend welche die Fremde in den Kreis einzuführen schienen dem sie
künftig angehören sollte Es waren schöne edle Gestalten und ihr Auge blieb
mit besonderer Teilnahme an den Zügen einer Dame hängen welche im
Brautschmucke gemalt mit so unbeschreiblich anziehenden Mienen auf die junge
Beschauerin niedersah als wolle sie ihr Mut und Lebenshoffnung einreden
»Ach« seufzte sie leise »wären das die Züge der Gräfin dAubaine wenn
auch von der Zeit der jugendlichen Schönheit beraubt Wie unbeschreiblich wohl
wird mir in Deinem Lächeln als hätte ich Dich längst gekannt als wüsstest Du
Alles was in meinem Herzen vorgeht«
Indem öffnete Lorint die Flügeltüren und lud das Fräulein zum Nähertreten
ein Durch mehrere Gemächer welche alle erhellt und vom Kaminfeuer belebt den
Hauch des Geistes trugen der nur im steten Gebrauche ihnen ihr ansprechendes
Dasein einflößt erreichte die Fremde ein Kabinet das die Zimmerreihe schloss
und mit grünen seidenen Vorhängen rings umhängt wie Waldeinsamkeit und Stille
den Wohnenden umfing An der Schwelle stand plötzlich die hohe Gestalt der
Gräfin dAubaine Es waren zwar nicht die Züge die aus jenem Bilde lächelten
aber wer hätte der sanft verklärten Dulderin in die milden blassen Züge blicken
können ohne zu glauben er habe gefunden was er suche
»O Elmerice« rief die Gräfin das schnell zu ihren Füßen gesunkene Mädchen
mit beiden Armen umfassend »suchst Du keinen andern Platz bei Deiner zweiten
Mutter«
Unfähig zu sprechen sank Elmerice an ihren Busen Die Gräfin welche jede
allzugrosse Erweichung scheute rang sichtlich mit ihren Gefühlen das liebe
Wesen welches sie innig an sich gedrückt hielt in der natürlich großen
Bewegung zu stützen
»Blicke auf mein Kind und sei getrost Du hast eine Mutter ich die
Freundin meiner Seele verloren Ach glaube mir Du bist mir ein heiliges über
Alles teures Vermächtnis und dass sie mit dieser letzten Gabe ihres Lebens mich
noch beglücken und ehren wollte das ist ein Zeugnis ihrer Liebe woran ich Dich
erinnere dass Du fühlst wie sie mich hochhielt und daran Dein Vertrauen zu mir
knüpfest«
»Ach Frau Gräfin« rief Elmerice »wie könnte ich jetzt erst Gefühle
anknüpfen wollen bei denen ich groß gezogen ward meine Eltern so lang ich
sie beide besaß wetteiferten Euch zu lieben«
Elmerice zärtlich umschlingend und sie zu sich in das Ruhebette
niederziehend sagte die Gräfin »wie rührt mich so viel Liebe wenn sie auch
unverdient nur den Geber ziert Wie rührt es mich dass Deine Mutter so das Herz
Deines Vaters bestimmte ihm für die nie Gesehene Ungekannte eine so warme
Teilnahme einzuflößen«
»Mein Vater kannte Euch nicht« rief hier Elmerice überrascht »wie ist
dies möglich Er muss Euch gekannt haben denn von ihm erbat ich es oft mir Euch
und Ardoise zu schildern«
»Und tat er das« frug lächelnd und überrascht die Gräfin
»O hättet Ihr es gehört Wie ich die Treppe hinauf stieg erkannte ich
Ardoise nach dieser Beschreibung sogleich wieder und je länger ich Euch
betrachte jemehr erkenne ich das Bild das er von Euch entwarf tragt Ihr
freilich auch nicht mehr Eure Lieblingsfarbe das schöne Himmelblau die weißen
Rosen im Haare worin Ihr den Engeln glichet«
»Seltsam« sagte die Gräfin leicht errötend vor sich niederblickend
»doch glaube mir ich sah ihn nie aus den Erzählungen Deiner Mutter kannte er
dies sie schmückte mich zuerst bei ihrem Aufenthalte in Ardoise an dem
Namenstage meiner Mutter so wie Dir gesagt ward Viele Jahre trug ich so am
liebsten mich schwere verhängnisvolle Erinnerungen sind an dies Kleid geknüpft
und da man es oft als zu meinem Leben gehörend erwähnt hat wird es auch so Dein
Vater erfahren haben«
Elmerice schwieg aber das gesenkte Angesicht zeigte wie unbegreiflich ihr
diese Annahme schien »Mein Vater war aber in Frankreich er ist in Paris
erzogen« fuhr sie endlich fort fragend in das Antlitz der Gräfin blickend
denn ihr schien jetzt nichts mehr recht sicher da dies Eine woran sie so
bestimmt geglaubt ihr in Abrede gestellt ward
»So hörte ich von Deiner Mutter liebste Elmerice Herr Eton Dein
Großvater gehörte zu den selten gebildeten englischen Geistlichen die ihren
Kindern keinen größeren Vorzug mitzugeben trachten als eine ausgezeichnete
Erziehung Dein Vater muss eine vollendete Bildung erhalten haben«
»Wie könnt ich bestimmen« rief Elmerice mit Enthusiasmus »auf welcher
Höhe der stand welcher um sich her die Hoheit und die Würde jeder menschlichen
Tugend verbreitete Er war selten heiter und ich habe Menschen gekannt die
dies zu tadeln suchten aber wie hätten wir uns ihn anders denken können wie
glauben er könne die gewöhnliche Gabe des Frohsinns besitzen so erhaben wie er
vor uns stand O er war ja nie finster nie unfreundlich und gab es etwas
was sich mit seiner Freundlichkeit hätte vergleichen können Ich sein
glückliches Kind an das er seine ernstesten Blicke in Huld und Güte umwandelte
wie war ich bezaubert von diesem Lächeln Wenn er plötzlich eintrat wo ich
mich befand und nur mein Arm meine Hand nachlässig danieder hing ich fühlte
es als einen Vorwurf und rückte mich beschämt zurecht und wagte nicht kühn zu
ihm aufzublicken nicht laut zu sprechen wenn er still und sinnend in langen
stummen innern Anschauungen da saß und seine bloße geräuschlose Gegenwart uns
beherrschte als ob ein König unter uns wäre Man spricht von Menschen wie von
Fabeln die durch die Gewalt ihrer Augen ihre Mitgeschöpfe beherrschten so war
mein Vater Ich habe ihn statt Worte zu sagen anblicken sehen und die Macht
der erschütterndsten Rede hätte nicht siegender wirken können der
ausgelassenste Übermut sank vor diesen Augen zusammen Zu ihm kamen die
ausgezeichnetsten Menschen und forderten Rat seine Gesellschaft seine
gelegentliche Unterhaltung mit Einem oder dem Andern war eine hohe Ehre dessen
sich die Besten rühmten und stolz darauf waren Sein Tod brachte die Grafschaft
in Bewegung ein Jeder eilte herbei ihn noch ein Mal zu sehen« Hier schwieg
Elmerice plötzlich ihr kindlicher Enthusiasmus hatte sie so nach Außen
gedrängt dass sie sich selbst ganz aus den Augen verloren die Erwähnung seines
Todes aber weckte ihr eigenes Gefühl der Schmerz belebt durch das Bild seiner
Vorzüge das sie in Liebe glühend heraufgerufen durchzuckte sie jetzt mit dem
Gefühle seines Verlustes große Tränen fielen wie Perlen aus den Augen sie
vermochte nicht weiter zu sprechen
Die Gräfin dAubaine hatte dies fast vorausgesehen freundlich war sie
beeilt sie zu unterbrechen »Ich wollte Du hättest Recht Elmerice und ich
hätte Deinen Vater gekannt den Du so lebhaft vor meine Seele führst Wohl hatte
mir Deine Mutter stets seinen hohen Wert gerühmt und ich hielt ihn so in
meinen Gedanken fest doch hast Du mit Deiner kindlichen Liebe ihn noch schöner
bedeutender gezeichnet als die stets bescheidene Freundin die sich eines
solchen Glücks kaum zu rühmen wagte und mich über tausend Dinge die mir wichtig
schienen zu erfahren und eben Deinen Vater angingen in Ungewissheit erhielt
Die Liebe eines solchen Mannes gewonnen zu haben wollte sie nie einräumen so
dass es demjenigen welcher nicht wie ich ihr bescheidenes Herz kannte fast
hätte scheinen können sie nur sei die Liebende gewesen unberechtigt von
solchem Mann eine Erwiderung zu erwarten«
»Ja« rief Elmerice lebhaft »Ihr sprecht es aus wie es auch mir oft doch
nicht so klar ausgedacht erschien ich glaube selbst meine Mutter hielt es
für unmöglich von solchem Manne geliebt zu sein So wunderbar schön stand sie
ihm zur Seite als wolle sie ihm bloß abwehren was ihn verletzen könne Ach
Frau Gräfin Ihr werdet das Alles besser wissen als ich Euch sagen könnte
aber große Leiden muss mein Vater erlebt haben bevor er sich in die Einsamkeit
begrub wohin ihm meine Mutter folgte Oft machte sie Andeutungen die mich
ahnen ließ dass seltene und ungemein harte Verfolgungen ihn trafen«
»Nein mein teures Kind« antwortete die Gräfin »ich bin davon nicht
unterrichtet Wie ich Dir sagte beobachtete Deine Mutter die größte
Schüchternheit in Mitteilungen hinsichtlich ihres häuslichen Lebens so innig
auch sonst der Austausch unserer Seelen war Von ihrer Liebe zu Deinem Vater
erfuhr ich nur als sie ihm bereits ihre Hand zugesagt Diese Zurückhaltung
überstieg fast das Maß eines liebenden Mädchens es trug etwas Geheimnisvolles
an sich und ich gestehe Dir aufrichtig dass sie sich bemüht mich glauben zu
machen nur sie liebe ihren Gemahl sie genieße bloß seine Achtung seine
Freundschaft Du weißt dass Deine Mutter die Kousine Deines Vaters war er
lernte sie bei seinem Vater kennen sie verließ mit ihm gleich nach ihrer
Vermählung Yorkshire und Herr Eton Dein Vater kaufte sich in Schottland an
wo Du geboren und erzogen wurdest Wenn ich nicht irre grenzte dies Besitztum
an das Schloss Leitmorin das dem intimsten Freunde Deines Vaters dem Lord
Duncan gehörte«
»Ja« sprach Elmerice sich schnell entfärbend »der kleine Garten unseres
Hauses stieß mit dem Parke des Lord Duncan zusammen wir haben wie Eine Familie
gelebt nur getrennt wenn auf dem Schloss Besuch einkehrte denn hieran Teil
zu nehmen konnte meinen Vater selbst seine Liebe zu Lord Duncan nicht bewegen
doch sah er es gern wenn ich unter der Aufsicht der ehrwürdigen Lady Duncan die
Freuden der Geselligkeit kennen lernte«
»Lord Duncan war jedoch bedeutend älter als Dein Vater« hob die Gräfin
wieder an der die schnelle Verlegenheit des jungen Mädchens nicht entgangen
war »er musste erwachsene Kinder haben«
»Der älteste Sohn von Mylord« erwiderte Elmerice »ist bereits seit zwei
Jahren vermählt er hatte noch einen erwachsenen Sohn Lord Astolf und Lady
Marie meine liebe Freundin zwei Jahre älter als ich«
»Mein armes Kind« rief die Gräfin vvn einer plötzlichen Ahnung berührt
»so viel liebe Freunde eine so glückliche Lage musstest Du in Deinem Vaterlande
verlassen um zu einer alten melankolischen Frau zu gehen die keine andere
Anziehungskraft für Dich haben kann als die Liebe Deiner Eltern Kaum begreife
ich Lady Duncan dass sie Dich zu mir entließ kaum das grenzenlose Vertrauen
Deiner Mutter Dich dem gewohnten Kreise zu entziehen und einem Dir sogar bis
auf Land und Sprache fremden hinzugeben«
Elmerice schwieg ihr Köpfchen hing bewegt auf ihrer Brust unverkennbar
lag auf diesen weichen jugendlichen Zügen das feine Lineament des ersten
Kummers Die Gräfin glaubte sich nach diesem stummen Augenblicke in das
Geheimnis ihres Schützlings eingeweiht und von tiefer Teilnahme ergriffen
drückte sie sanft ihre Hand zwischen den ihrigen Elmerice blickte auf und
ihr Schweigen mit dem bittenden Lächeln der Unschuld vertretend drückte sie
schnell die lieben Hände an ihre Lippen
»O scheltet mich nicht undankbar« hob sie schüchtern an »wenn ich nicht
schnell Eure Zweifel beantwortete Nicht verlegen war ich Euch meine Meinung zu
verbergen nur wie ich sie Euch verständlich ausdrücken sollte machte mich
verstummen Nicht unerwartet« fuhr sie fort »kam mir diese liebe Bestimmung
meiner Eltern Mein Vater der Euch und Ardoise immer im Sinne trug hatte
meiner Mutter das Versprechen abgenommen mit mir nach Frankreich und in Eure
Nähe zurückzukehren sobald der Tod den er sich immer nahe glaubte ihn
abgerufen haben würde Meine ganze Erziehung war darauf eingerichtet in einem
Lande nicht fremd mich zu fühlen worin er mich später lebend wünschte Er war
der Sprache vollkommen mächtig die ich durch ihn lernte seine Erzählungen
beabsichtigten mich mit Sitten und Gebräuchen dieses von ihm so geliebten
Frankreichs wie mit dessen Geschichte mich so vertraut zu machen als mit der
meines Vaterlandes Meine Mutter die seinen Willen in allen Dingen heilig
hielt hätte ihm unfehlbar diesen Wunsch erfüllt hätte sie es vermocht Ihr
wisst es« fuhr sie mit bebender Stimme fort »wie schnell sich ihre körperliche
Hülle auflöste der Sehnsucht folgend die sie meinem Vater nachzog Da hatte
sie nur Einen Gedanken nur Eine Sorge die mich Euch zu übergeben und auch
ich teilte nur das Verlangen diesen ihren letzten Wunsch erfüllt zu sehen und
fühlte bei Euren günstigen Antworten die Beruhigung die sie selbst empfand
wenn mich auch der Schmerz ihres nahen Verlustes ziemlich gleichgültig gegen
meine Zukunft machte was Ihr wohl natürlich finden werdet«
»O mein teures Kind wie vermöchte ich es anders« rief die Gräfin »aber
dennoch selbst so vorbereitet ward es Dir sicher nur zu schwer Leitmorin zu
verlassen und Deine arme junge Freundin Marie Was habe ich damals gelitten
als ich mich von Deiner Mutter trennen musste die über zwei Jahre in unserer
Familie lebte und deren Platz nie mehr in meinem Herzen ersetzt werden konnte
Aber obwohl sie sich so glücklich bei uns fühlte sie sehnte sich doch zurück
und außerdem war ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit so groß dass mein Bruder
der damals in das älterliche Haus zurückgekehrt war sie nicht sehen konnte
ohne eine Neigung für sie zu fassen der sie durch Entfernung zu entgehen
dachte Deine Mutter gehörte einer jüngeren Linie eines sehr geachteten Hauses in
England an aber mein Bruder durfte sich nur mit einem ebenbürtigen Fräulein
vermählen wenn er Ansprüche auf die Titel des Namens dAubaine und auf die
damit zusammenhängenden reichen Besitzungen behalten wollte Seine Leidenschaft
beherrschte ihn jedoch so dass es ihm möglich schien dem zu entsagen und er
mit allen Überredungsmitteln in unsere Eltern drang ihm die Bewerbung um Miss
Eton zu gestatten Da erfuhr das edle Mädchen durch meine Mutter selbst die
peinliche Lage meiner Eltern und ihr Entschluss war sogleich gefasst Mein Vater
entfernte meinen Bruder auf einige Tage und unterdessen reiste Deine Mutter
unter sicherer Begleitung durch Frankreich bis nach Kalais wo sie von Deinem
Oheim ihrem Bruder empfangen ward und so nach England zurückkehrte Ich habe
sie nie mehr gesehen obwohl wir uns nur mit der Hoffnung des Wiedersehens beim
Abschiede trösteten sie aber hatte durch ihre edle Aufopferung eine ganze
Familie gegen die traurigsten Verwirrungen geschützt freilich« setzte die
Gräfin nachdenklich hinzu »sie liebte meinen Bruder nicht«
»Ach« rief Elmerice »so war ihr das Härteste nicht auferlegt O wie
beruhigt mich diese Versicherung Wie könnte es mich noch heute obwohl alle
Leiden der Welt längst hinter ihr liegen schmerzen wenn sie die hätte
durchkämpfen müssen die das Herz erleiden mag so im Gedränge zwischen ernsten
Pflichten und einer reinen Liebe der heiligsten Empfindung des Herzens
Doch« fuhr sie nach einer Pause fort da die Gräfin im Nachdenken verblieb
»es geschieht wohl oft dass auf diese Weise Menschen getrennt werden die von
der Natur bestimmt schienen einander anzugehören und Frankreich vor Allen
scheint mir durch seine alten Familienverträge in dem Falle so harte
Verhältnisse herbei zu führen Mein Vater sagte mir oft davon es war während
seiner Anwesenheit daselbst denke ich Mehreres geschehen was ihn darauf
hinwies«
»Allerdings« sagte die Gräfin »dies Land hat ganz die Formen behalten
die zu einer Zeit herrschen mussten wo es nötig schien die entstehenden
Familien durch solche Verträge gegen Verbindungen mit dem roheren Teile des
Volkes zu schützen Nicht wie jetzt war Bildung und Sitte ein Gemeingut der
Nation sie fing erst in den Kreisen sich zu entwickeln an die durch größeres
Grundeigentum eine gesicherte ruhigere Existenz gewonnen und über die
Anstrengungen für den Erwerb des Lebens hinaus Zeit und Gedanken für eine
höhere geistige Entwickelung behielten Die Geistlichkeit als Hüter des schon
vorhandenen Bildungsschatzes wusste die Kreise die so der höheren Sitte
empfänglicher wurden bald zu erkennen und sie selbst half Verträge erdenken
und stiften welche die nötige Absicht beförderten solche Familien unter
einander zu verbinden und durch Gesetze von dem roheren Haufen der noch unter
dieser Bildung Stehenden abzusondern Hierdurch ward der erste zarte Keim der
Volksentwickelung geschützt und genährt in diesen Kreisen wuchs sie auf und
erstarkte bis sie dieselben überschreitend in einer rechtmäßig organischen
Entwickelung sich über die entgegen reifenden niederen Klassen ausbreitete und
die Idee einer Bevorrechtung des Individuums nach gerade in leere Einbildung
zerfallen machte«
»Und dennoch hält man diese Formen fest« sprach Elmerice »die ihrer
früheren Bedeutung leer geworden sind und so viel gebrochene Herzen so viel
zerstörtes Lebensglück machte noch Niemand aufmerksam auf den wahren Inhalt
dieser alt gewordenen Verträge«
»Mein teures Kind« sagte die Gräfin sanft »wir können hier wie überall
den Gang beobachten den in ihrer Entstehung wohltätige und nötige
Einrichtungen durch den Wechsel der Zeit den sie mit bewirken halfen erleiden
Vielleicht sind in diesem Augenblicke nur noch Wenige in Frankreich die im
Stande wären unsere Unterhaltung nicht mit Staunen vielleicht mit Unwillen zu
hören ja es ist noch nicht lange dass ich selbst mich von diesen Ansichten
mit denen ich auferzogen beherrscht fühlte und ohne Widerrede geneigt war
ihnen jedes Opfer zu bringen Erfahrungen Einsamkeit und Lektüre gewiss aber
und vor Allem dass ich mit vielen und ausgezeichneten Menschen lebte die
wenigstens nicht erstarrt in dieser Form schon die Zeit ahnend herauf dämmern
sahen die sich den gewohnten Ansichten entgegenstämmen wird machte mich zu
einer Entwickelung bereiter der ich mich jetzt nicht mehr entziehen kann Je
mehr aber ein innerer Verfall um sich greifend das lang Bestandene zu bedrohen
scheint je mehr werden wir finden dass die Form festgehalten und der Irrtum
genährt wird dass sie es ist um deren Behauptung es sich handelt das sinkende
Ansehen vor der sich auflehnenden Weltordnung zu schützen Auch gehört sicher
eine große Selbstüberwindung dazu der schwächsten Seite dieser Sache eben
ihres lang behaupteten Rechts nicht zugleich als eines Vorzugs gedenken zu
sollen da allerdings etwas Schmeichelhaftes darin liegt sich der Kaste
angehörend zu wissen die am längsten sich des Besitzes geistiger und sittlicher
Vorzüge rühmen darf und auf eine dadurch mit sich geführte Veredlung des Blutes
des ganzen Individuums bauen durfte Du denkst mit Stolz und Enthusiasmus
Deines vortrefflichen Vaters Das schönste Gefühl der menschlichen Brust das
Gefühl kindlicher Liebe wird vielleicht wenn Dich das Leben versuchen sollte
eine Waffe dagegen Den Namen eines Vaters tragend den Du so hoch stellst
willst Du sein würdig handeln Du glaubst von so edlem Ursprunge höhere
Anforderungen an Dich lass mich hinzusetzen an die Anerkennung Anderer machen
zu können und so entwickelt sich naturgemäß in jeder edel strebenden Brust ein
ähnliches Gefühl als die Kaste des Adels sich gewöhnt hat zu nähren jetzt
freilich mit dem bedeutenden Unterschiede ihre Handlungsweise nicht mehr
solchen Erinnerungen getreu zu behüten sondern in den alten Ansprüchen sich
zugleich befähigt zu ihrem Besitz haltend Ludwig der Vierzehnte der eifrigste
Beschützer der alten Adelsvorrechte hat ihnen doch vielleicht ahnungslos und
in anderer Richtung strebend durch die geistvolle Weise wie er Künsten und
Wissenschaften einen Platz um seinen Thron einräumte den Todesstoss gegeben Die
Aufklärung welche ihre Blüten Künste und Wissenschaften gedeihen lässt ist
auf diesen Punkt gestiegen nicht mehr als Eigentum höherer Stände von ihnen
ausschließlich fest gehalten zu denken Es sind die Quellen des Nils die das
Flussbett worin sie eingefangen wurden in eigener Fülle und Kraft anschwellend
überschreiten und ein ganzes Land befruchtend überziehen wer einmal die Erndte
nach ihrem Säen kennen lernte blickt Zeit des Lebens aus nach dem seltenen
Sämann der nicht frägt ob der Boden den er bestreut dem bevorrechteten oder
belasteten Bürger der Erde gehört«
»Die Zeit ist also erst im Entstehen« sagte Elmerice sinnend »die ein
freies Wirken und Schaffen unter Gleichgesinnten herauf führen wird vorerst
hat das reichere geistige Individuum keine Freiheit zu hoffen als eben die
innere durch edles Streben selbst geschaffene«
Die Gräfin fühlte mit wehmütiger Teilnahme wie dies schöne liebenswürdige
Wesen aus den Wegen allgemeiner Anschauung stets zu sich selbst abzulenken
wusste und das eigene Interesse an diesem Standpunkte prüfte Da England und
Schottland besonders die alten Familien zu denen Lord Duncan Leitmorin
gehörte ganz in denselben Vorurteilen befangen waren zweifelte sie nicht dass
Lord Astolph die Veranlassung zu den schwermütigen Betrachtungen war mit denen
ihr holder Schützling den Standpunkt der Zeit beleuchtete
Diese Gedanken wurden durch das Erscheinen von Lorint unterbrochen welcher
die Abendtafel anmeldete und die Gräfin dAubaine erhob sich ihre junge
Freundin mit sich führend Die kleine Tafel war in dem Boiseriezimmer bereitet
welches zuerst durch seine interessanten Portraits die Aufmerksamkeit der Miss
Eton gefesselt hatte Auch jetzt der Dame im Brautschmucke gegenüber sitzend
lächelte diese mit einer Fülle von Liebe und Trost auf sie nieder dass sie fast
die Blicke nicht abzuwenden vermochte und damit die Aufmerksamkeit der Gräfin
dAubaine auf sich zog
Nachdem sie sich umgewendet und das Bild erkannt lobte sie die Schönheit
desselben »Es war eine Jugendfreundin meiner Mutter« fügte sie hinzu »sie
ließ sich in dem Brautkleide malen welches sie bei ihrer Vermählung mit dem
Marquis dAnville trug und worin meine Mutter sie so schön fand dass sie so ihr
Bild sich zu erhalten wünschte«
»Die Marquise dAnville« rief Elmerice mit einer Überraschung die ihr
ganzes Gesicht in Purpur tauchte
»Hörtest Du von ihr« fragte die Gräfin
»Ja ja« erwiderte Elmerice »ich hörte von ihr« doch plötzlich schwieg
sie und die Gräfin die ihre sichtliche Bestürzung nicht durch Fragen vermehren
wollte war bemüht durch ruhig einlenkende Gespräche das heftig erschütterte
junge Mädchen aus ihrer peinlichen Stimmung zu ziehen Elmerice strebte dieser
liebreichen Absicht zu begegnen doch wagte sie nicht wieder die Augen zu dem
wunderbar schönen Bilde zu erheben
Als die Tafel vorüber war führte die Gräfin dAubaine Miss Eton selbst nach
ihren Zimmern die in der freigebigsten Ausstattung Alles enthielten was dem
Reichtume der Gräfin zu geben gebührte und mit den Ansprüchen der Bildung
zusammen hing zu denen sie ihren Schützling berechtigt hielt Geschickt wusste
sie sie zugleich mit den ehrenvollen Verhältnissen die sie ihr zugestand
bekannt zu machen und ihr die Revenuen ihres elterlichen Vermögens welche durch
ihre als der Vormünderin Hände gingen zur freien Disposition zu stellen
Beide Frauen trennten sich dann für die Nacht mit gegenseitig angenehm
belebten Hoffnungen für ein ferneres Beisammenleben
Es zeigte sich bald wie leicht sich die beiden Frauen neben einander einwohnen
sollten An regelmäßige Zeiteinteilung gewöhnt trennten sie ihre
Beschäftigungen und führten sie zusammen in so ungesuchter Ordnung mit so
wachsendem Interesse für einander dass man die Stirn der Gräfin dAubaine nie so
unumwölkt gesehen seit lange das Herz der Miss Eton nicht in so ruhigem Takte
geschlagen hatte
Die vorschreitende Jahreszeit die geschmackvollen Gärten noch mehr aber
die schönen daran gränzenden Wälder von Ardoise boten die genussreichsten
Spaziergänge und Miss Eton die nach Art der Engländerinnen diese zu ihren
täglichen Beschäftigungen zählte fühlte sich ungemein dadurch angezogen und
unterhalten
Ihre Erscheinung war den Bewohnern von Ardoise bekannt und lieb geworden
Die Kinder erwarteten das Schlossfräulein um die Stunde ihrer Promenaden und
vertraten ihr mit der schüchternen Hoffnung ihres Grusses oder Scherzes den Weg
ihr zartes grünes Laub oder eine frühzeitig emporgesprosste Wiesenblume
überreichend die jungen Mädchen ergötzten sich an der Schönheit und vornehmen
Kleidung und dem immer gleich freundlichen Wesen während die älteren Leute des
Dorfes die Leidenden die Kranken oder von Verlusten Getroffenen ihren sanften
Zuspruch genossen und aus ihren Händen die reichen Gaben empfingen die zu
spenden ihre Lage ihr erlaubte oder welche die Gräfin dAubaine durch sie
austeilen zu können sich freute
Sie fühlte so nach gerade in den Umgebungen von Ardoise eine Sicherheit die
sie ihre Wanderungen immer weiter ausdehnen ließ da auch hier bekannte Förster
vollkommenen Schutz zu gewähren schienen
An einem schönen Nachmittage hatte sie ihren Weg bis zu einem verlassenen
Steinbruche ausgedehnt dessen höchst romantische Lage sie anzog und wo sie
niedersitzend eine lange Zeit in den tiefen Grund blickte der mit schlanken
Edeltannen bewachsen nur einzelne niedergestürzte Steinmassen blicken ließ und
ein kleines Tal bildete dessen saftig grüner Moosgrund immerfort bespült ward
von einem silberhellen Bächlein das tief aus den Steinbrüchen sich
hervorarbeitend seinen lustigen Lauf über grün bemooste Steine durch den
schmalen Talweg verfolgte Längst schon hatte sich Elmerice gewünscht bis zu
ihm niedersteigen zu können aber vergeblich nach einem Wege ausgesehen die
pyramidenartig emporsteigenden Tannenwipfel allein die schräg herablaufend
nur einen sehr steilen Abhang annehmen ließ zeigten sich ihren Blicken
Abermals durchspähte sie in allen Richtungen den Waldgrund als sie sich
gegenüber einen Jäger erblickte der auf einem jäh vorspringenden Felsblocke
sitzend seine ganze Aufmerksamkeit wie es schien ihr zugewendet hatte
Überzeugt einen der vielen Jäger zu erkennen die ihr bereits bekannt waren
winkte sie ihn zu sich herüber in der Hoffnung von ihm Aufschluss über einen
möglichen Weg zu erhalten Die Gestalt blieb aber ohne Bewegung sitzen sie
immerfort anstarrend ihre Winke wie es außer Zweifel war gewahrend ohne
Lust wie es schien ihnen zu folgen Miss Eton fühlte plötzlich ein fast
unerklärliches Grauen und schnell von ihrem Platze aufstehend beschloss sie den
Rückweg anzutreten als sie von unwillkürlicher Besorgnis getrieben noch ein
Mal umsah und nun die plötzlich belebt gewordene Gestalt des Jägers gewahrte
der mit der Schnelligkeit einer Gemse oben an dem äußersten Rande des
Steinbruchs entlang ihr entgegen lief Miss Eton musste gleichfalls um den
Rückweg zu erreichen einen kaum bemerkbaren Fußsteig an diesem Rande der Höhe
zurücklegen und indem sie hastig vorschritt in der Hoffnung dem unheimlichen
Waidmanne zu entgehen sah sie bald die Unmöglichkeit davon ein da er bereits
den Punkt überschritten hatte wo sie hätte einlenken können so dass jetzt ein
Begegnen auf dem schmalen Pfade unausbleiblich ward Diese Überzeugung ließ
sie einsehen dass sie ihre Unruhe beherrschen müsse und sie blieb einen
Augenblick stehen um Atem zu schöpfen Der Jäger eilte noch einige Schritte
vor dann blieb er ebenfalls stehen und schaute sie auf sein Gewehr gestützt
vorgebogen aus hohlen Augen an
Miss Eton hatte Zeit die wunderliche Erscheinung zu prüfen und mit Grauen
drängte sich ihr ein Bild auf das an Wildheit und Sonderbarkeit alles Andere
überbot
Sein todtenbleiches Gesicht war fast überwachsen von dem starken schwarzen
Haare das Kopf Kinn und Mund bedeckte die farblosen großen Augen starrten
mit einem trüben Wasserglanze hervor und waren so fürchterlich anzuschauen dass
Elmerice davon wie erstarrt ward Seine starke Gestalt von mittler Größe zeigte
noch jetzt in ihrer traurigen Vernachlässigung von ehemaliger Schönheit und die
abgetragene zum Teil zerrissene Kleidung von früherer Sorgfalt und
Wohlhabenheit Er hatte einen flachen Hut mit breiter Krempe und einer alten
zerbrochenen Feder auf dem Kopfe woran ein Strauss gemachter Blumen mit
Goldblättchen und Perlen hing überdeckt mit einem halbzerrissenen Streifen
schwarzen Flors Ohne die Lippen zu öffnen oder eine Bewegung zu machen
schaute er sie grauenhaft neugierig an Auch Elmerice glaubte das Blut an ihrem
Herzen stocken zu fühlen denn vorüber schien er sie nicht lassen zu wollen ja
der Weg war so schmal dass sie nur wenn er umkehrte hinter ihm hergehend
weiter zu kommen hoffen konnte Eines neuen Gedankens unfähig ergriff sie der
bei seinem ersten Anblicke gefasste ihn um Nachricht über den Weg zum Tal hinab
zu fragen und von der Qual des Schweigens getrieben rief sie mit wankender
Stimme »Wisst Ihr nicht den Weg hinab von dieser Höhe in das Tal«
Sein Schweigen dauerte fort er bog sich noch mehr vor und schien indem er
jetzt die Augen zur Erde niederschlug über das Gehörte nachzudenken
So wie sich seine grauenhaften Augen von ihr abwandten fasste Miss Eton neuen
Mut »ich frug Euch guter Freund« hob sie mit ruhigerer Stimme an »ob Ihr
den Weg in das Tal hinab kennt«
Jetzt fuhr die Gestalt zusammen und mit einer konvulsivischen Bewegung in
sein Haar greifend rief er indem er sie aufs Neue anblickte »Lebst Du denn
Jenny Und sprichst mit mir Und das war nicht Dein Geist auf dem Felsensitz
Bei diesen Worten schlich er furchtsam vorgebeugt näher und hatte jetzt das
Fräulein fast erreicht Miss Eton fühlte ihre Kniee beben sie übersah schnell
dass der welcher diese Worte mit dem sanftesten schwermütigsten Tone der
Stimme sprach kein Räuber aber eben so schrecklich ein Wahnsinniger sei«
»Ihr irrt Euch« stammelte sie den Stamm einer jungen Fichte umfassend
»ich heiße nicht Jenny ich gehöre in das Schloss der Gräfin dAubaine führt
mich dahin oder ich bitte Euch haltet meinen Weg nicht auf die Gräfin
erwartet mich«
»Ach warum sagst Du mir das Alles was ich ja weiß Wohl wird Dich die
Gräfin erwarten aber wo warst Du Du hast sie so lange schon warten lassen
dass sie Dich nicht mehr erwarten wird aber mich mich warum hast Du denn auch
mich warten lassen so lange so vergeblich« Hier verzog ein konvulsivisches
Weinen sein zum tiefsten Schmerze ausgeprägtes Angesicht
»Armer Unglücklicher« sprach Miss Eton deren Rührung über ihre Angst zu
siegen begann »Du bist wohl recht traurig und leidest wohl großen Schmerz
Doch kann ich Dir Deinen Kummer nicht lindern denn ich bin nicht wofür Du mich
hältst aber ich bitte Dich da Du unglücklich bist habe Mitleid mit mir und
lass mich jetzt ungehindert weiter gehen«
»Ich Dich gehen lassen« rief der Jäger dagegen in wilder Hast »ich soll
Dich aufs Neue verlieren« Eine fürchterliche wilde Angst brach aus seinen
Zügen und verwandelte die Todtenbleiche seiner Farbe in Purpurglut »Niemals
Niemals« rief er mit solcher Heftigkeit dass Elmerice die Besinnung
verlierend fast bewusstlos gegen den Abgrund zustürzte Da fühlte sie sich mit
einer Gewalt ergriffen als ob eine Riesenhand sie umspannte und sie sah sich
nun gänzlich in die Macht des Wahnsinns gegeben »Willst Du wieder
hinabstürzen willst Du nicht warten bis ich Dir den schönen ebenen Weg
gezeigt den ich ja für Dich schon fertig gemacht hatte ehe Du Dir selbst den
steilen rauen hier suchtest Ach hättest Du noch einen Tag gewartet so hätte
ich ihn Dir gezeigt Sie sagen« fuhr er fort ganz zerstreut mit der Hand an
seine Stirn fahrend indem er die zitternde Elmerice aus seinen Armen ließ »Du
seist hinab gestürzt als Du in der Finsternis nach Ardoise zurück wolltest
hier unten hätten Deine blutigen Gebeine gelegen da habe ich sie gesehen
da« fuhr er fort und starrte vor sich hin »ganz in Blut Dein Köpfchen
geknickt daneben Deine lieben Arme zerrissen warst Du das« Er fing still
und bitterlich an zu weinen »Hätte ich Deinen Wunsch erfüllt und Dich den Tag
vor unserer Hochzeit hinab geführt dann könnte ich doch schlafen wie Du aber
so wer konnte auch denken Du würdest Wort halten und hinabsteigen« Er
schien Elmerice ganz vergessen zu haben die Vergangenheit trat mit allen ihren
schmerzenden Bildern ihm nah Miss Eton raffte aufs Neue ihren Mut zusammen und
versuchte zurück zu kehren da hörte er ihr Gewand rauschen er blickte um er
sah sie und schrie krampfhaft auf »Jenny Jenny Du willst doch fort« rief er
sich ihr nachstürzend »nein nein geh nicht ich bitte Dich geh nicht
oder es geschieht was die Leute sagen und ich verliere den Verstand«
Miss Eton blieb stehen unfähig zu gehen aber wohl fühlend dass jeder
Versuch ihn zu verlassen ihre Lage bedenklicher machte rief sie schnell
entschlossen »Nun wohl ich will Euch nicht verlassen aber bringt mich selbst
nach Ardoise zurück ich bitte Euch tut das«
»Ja« sagte er sanft und freundlich »das will ich gewiss aber erst muss ich
Dir den schönen Waldweg zeigen den ich für Dich gemacht und von da aus führe
ich Dich durch den Steinbruch einen Weg den Niemand kennt nach Ardoise dort
bei unserer Hütte in der wir uns immer trafen weißt Du noch liebe liebe
Jenny O Du hast doch nichts vergessen Denn es ist lange her wie sie Dich
begruben dazwischen war Winter da hatten sie mich eingesperrt nun ist die
Zeit unserer Hochzeit wieder da und nun kommst Du auch und bist so schön so
schön Du bist wohl noch schöner geworden weil Du ein Engel geworden bist«
Miss Eton hörte trotz ihrer Angst mit Rührung und Interesse die Klagen des
Armen dessen Schicksal sie aus seinen Andeutungen hinreichend erraten konnte
aber sie wusste ihm nichts mehr zu antworten sie zitterte eben so sehr vor
seiner Begleitung als vor dem Zustande worin ihn ihre Weigerung versetzte
»Lasst uns ein anderes Mal diesen Weg versuchen« sprach sie schüchtern »ich bin
heute ermüdet kann so weit nicht mehr gehen«
»Ermüdet bist Du da müssen wir uns erst ausruhen O gehe nur wenige
Schritte weiter so will ich Dir einen schönen Moossitz zeigen wo Du ausruhen
kannst und dann steigen wir hinab oder ich trage Dich bis dahin«
»Um Gottes Willen nein« rief Miss Eton und eilte so schnell sie vermochte
voran sie fühlte dass ihr nichts übrig blieb als sich ohne Widerstand in
seine Gedanken zu fügen sie hoffte ihn so sanft zu erhalten vielleicht traf
sie auf dem Wege einen Schutz vielleicht leitete er sie selbst in dem Wahne
die Geliebte zu führen sicher nach Ardoise zurück
»Nein« rief er und schob sie sanft zurück »Du musst mich voran lassen ich
zeige Dir den Weg« Dies war in der Tat nötig denn eben bog der Fußsteig den
sie bisher verfolgt auf eine Art ab die ihn fast verschwinden ließ Abermals
blieb Miss Eton schaudernd stehen gewiss er glaube nur in seinem Wahnsinn an
einen hier vorhandenen Weg aber nur noch wenige Schritte und sie sah ihren
Irrtum ein eine kleine Wendung zeigte ihr den Moossitz von dem aus eine
mühsam behauene Treppe mit kleinem Holzgeländer nieder stieg Er bat sie nun
auszuruhen geduldig nahm Miss Eton den Sitz ein und hart zu ihren Füßen setzte
sich der Unglückliche auf die Treppe vor ihr nieder
Obgleich die Umstände unter denen Elmerice hier ausruhen musste wenig
geeignet waren einen Anteil an Naturschönheit zuzulassen musste sie doch
wahrnehmen wie ausgezeichnet dieser Punkt gewählt war Die Fichtenwand war hier
von Oben nach Unten durchbrochen und in diesem schmalen schwarzen Vorgrunde
schloss sich wie in einem Rahmen die blaue Ferne ein die in dem gebrochenen
Lichte der in Nebel gehüllten Abendsonne wie ein unabsehbares Meer ausgebreitet
lag und das Auge nach den kolossalen Steinwänden zurückzog die halb mit Moos
überwachsen halb ihre eigentümliche gelbrote Farbe zeigend den Mittelgrund
bildeten während unten das helle Grün des Tales mit dem silbernen Streifen des
kleinen Baches herauf leuchtete Schweigend starrte der Unglückliche
gleichfalls in die Gegend und wie es schien wirkte das Außerordentliche dieses
Anblicks auf ihn denn Stille müde Ruhe verbreitete sich auf seinem Antlitz und
schien ihn in ein glückliches Selbstvergessen einzuhüllen
Miss Eton immer den Gedanken verfolgend ihn in Güte zu entfernen und
wahrhaft über den Weg in Sorge den sie vor sich jäh in den Abgrund steigen sah
von dem nahenden Abend doppelt besorgt gemacht erhob sich wieder und sagte so
ruhig sie vermochte »Die Treppe ist zu steil für mich ich will den Weg
zurückgehen den ich gekommen und bitte Euch dass Ihr mir folgt«
Der Jäger sprang auf und schien Alles vergessen zu haben seinen Wahn seine
Hoffnungen »Lasst mich« rief er ängstlich »folgt mir nicht Niemand soll diese
Treppe betreten als Jenny und sie ist tot längst tot und Alles ist
umsonst Alles vergeblich Ach Alles Alles«
Aufs Neue fühlte sich Miss Eton erschüttert von diesem Schmerzenstone von
dem Unglück des armen Wahnsinnigen gerührt aber die Hoffnung ihm jetzt
vielleicht entschlüpfen zu können überstieg doch jedes andere Gefühl Sie eilte
daher hinter ihm fort den eben verlassenen Weg zurück Der Jäger blieb noch
einige Augenblicke in Gedanken stehen als er sich plötzlich umwendend Miss
Eton wieder erblickte »Jenny teure Jenny« rief er sich ihr nachstürzend
»jetzt jetzt eile Dich Es ist heut unser Hochzeittag Du weißt wir müssen
uns noch putzen und dann nach Ardoise zur Gräfin gehen«
»Ja« sagte Miss Eton »aber ich bitte Euch lasst uns diesen Weg gehen«
»Nein« rief er mit ausbrechender Heftigkeit »diesen sollst Du gehen
diesen will ich Dich führen damit Du nicht wieder Deinen eigenen fürchterlichen
Weg gehst in den Abgrund hinein« Wild umfasste er das Fräulein und riss sie
gegen die Treppe
Ein lauter Schrei entpresste sich ihrem Munde bebend aber mit aller Kraft
die ihr noch blieb entriss sie sich ihm und nun überzeugt nur williges
Nachgeben könne sie retten folgte sie ihm ihre Hand überlassend ein Paar
Stufen in den Abgrund hinab Aber was sie befürchtet bestätigte sich nur zu
sehr nachdem sie wenige Stufen hinunter gegangen sah sie dass die Treppe etwas
weiter plötzlich aufhörte und sich nur in einem schroffen jähen Abhange mit
einzelnen weitliegenden Steinen fortsetzte »Ihr wollt mich umbringen« rief sie
angstvoll »die Treppe hört hier auf O um Gottes Willen erbarmt Euch und lasst
mich umkehren hier muss ich in den Abgrund stürzen seht gleich hören die
Stufen auf und dann bin ich verloren«
»Nein« sagte er heftig »hier ist der Weg den ich für Dich behauen habe
Keiner hat ihn seitdem betreten dürfen er muss noch haltbar sein Habe ich darum
die langen Nächte ihn bewacht und selbst dem Wilde mit dem Laufe dieser Flinte
den Weg darüber gehindert dass Du jetzt ihn verachten willst Nein Du musst
hinab Ich werde Dir helfen« Er streckte wieder die Arme aus Elmerice stieß
abermals einen Angstschrei aus und drängte sich jetzt selbst in verzweifelter
Hast einige Stufen herunter doch jetzt hatte sie nur noch vier Stufen vor
sich jede wankte unter ihrem Fuße und sie sah mit Entsetzen wie er diese
Schwierigkeit nicht bemerkte nicht ahnte Sie blieb stehen und ihr Auge
schweifte verzweifelnd umher Da war es ihr als sähe sie seitwärts höher als
sie selbst eben stand eine männliche Gestalt gegen das Gebüsch sich bewegen
Augenblicklich lebte die Hoffnung in ihr auf mit allem Mute den sie noch in
sich trug riss sie sich los lief die Treppe zurück und rief mit größter
Anstrengung nach Hilfe während ihr Auge an der Steinwand hängen blieb an der
sich ihrem Rufe entgegen die Gestalt zu bewegen anfing und den Weg zu suchen
schien der hinüber führen könnte Aber in demselben Augenblicke brach durch
den erfahrnen Widerstand gereizt die volle Wut des Wahnsinnigen hervor er
stürmte ihr nach Verwünschungen brachen aus seinem Munde er ergriff sie und
versuchte sie die Treppe aufs Neue hinab zu ziehen weil Miss Eton halb
ohnmächtig vor Schreck sie nicht mehr zu steigen vermochte Da hörte sie einen
Schuss einen wilden Schrei ihres Verfolgers und fühlte wie seine Arme
nachliessen und er zur Erde sinkend sie niederzog noch ein Mal richtete sie
sich mit der geringen Kraft die ihr nach so vielen Erschütterungen geblieben
war empor und wehrte sich gegen das drohende Hinabstürzen indem sie krampfhaft
das kleine Geländer der Treppe ergriff So musste sie sich erhalten bis sie
einige Besinnung gesammelt Ihre Lage hatte sich nur wenig gebessert zu ihren
Füßen war der Unglückliche niedergesunken der mit Blut bedeckt zwar die Kraft
verloren hatte sich mit ihr in den Abgrund zu stürzen aber auf ihren Füßen
liegend ihren Shawl krampfhaft zwischen seiner zusammengeballten Hand haltend
in den unruhigsten Bewegungen mit dem Bestreben sich aufzurichten jeden
Augenblick das schwankende zitternde Fräulein in den Abgrund zu reißen
vermochte Der Schuss der als schnell nötiges Rettungsmittel von ihrem
unbekannten und jetzt ganz verschwundenen Wohltäter abgefeuert ward das
niederströmende Blut von dem sie ihr weißes Gewand bald gefärbt sah die
entsetzliche Vorstellung vielleicht den Tod dieses Unglücklichen veranlasst zu
haben dies Alles machte ihr eine nötige Fassung um die Umstände zu ihrer
Flucht zu benutzen fast unmöglich Entzog sie ihren Shawl seiner Hand oder
wickelte sie sich selbst davon los so verlor er seinen einzigen Anhalt und
musste ohne Rettung in den Abgrund stürzen da sie ihm wenn auch nur schwach
doch als Stützpunkt diente Es war ihr unmöglich eine andere Auskunft zu
entdecken und eben so unmöglich ihre Rettung um solchen Preis zu bewirken Da
hörte sie ein fernes Anrufen bald wieder und näher schon sie fasste
Hoffnung es konnte Hilfe nahen sie rief zurück und erhielt eine schnelle
Antwort obwohl die Bewegungen ihres Peinigers durch dieses Rufen noch heftiger
wurden und ihre Lage mit jedem Augenblicke gefahrvoller Jetzt glaubte sie das
Gebüsch durchbrechen zu hören und plötzlich stand eine hohe Männergestalt am
Rande der Treppe die ihre entsetzliche Lage schnell übersehend rasch und
geschickt hinabstieg und in demselben Augenblicke neben dem Fräulein stehend
auch den Arm des Unglücklichen ergriffen hatte und indem er ihn empor riss dem
Fräulein Freiheit gab sich zu bewegen So wie sie die Last von ihren Füßen
gehoben fühlte versuchte sie die Stufen hinan zu steigen aber ihre Kräfte
ließ mit jedem Schritte mehr nach und auf der obersten angelangt sank sie
willenlos auf den Boden nieder
Der Fremde hatte indessen den Verwundeten erfasst und schleppte ihn sich
nach bei dem Anblicke des Fräuleins ihn auf sicheren Boden niederlegend und zu
ihrer Hilfe herbeieilend Er hob sie vom Boden empor und lehnte sich in den
Steinsitz indem er ihr den Hut abnahm um ihr Luft zu verschaffen Das Fräulein
schlug die Augen auf Beide blickten sich an und fuhren mit dem lebhaftesten
Ausdrucke der Überraschung zurück
»Um Gottes Willen Fräulein Eton« rief der Fremde »in welcher Lage finde
ich Euch welch ein entsetzlicher Augenblick macht mich so glücklich Euch
nützlich sein zu können«
Das Fräulein stand auf die Gemütsbewegung die ihr der Anblick des
Fremden sichtlich in anderer Richtung gegeben schien ihre geschwächte Kraft
zurück zu rufen »Ich bin Euch großen Dank schuldig« sagte sie hastig
»erlaubt dass ich jetzt die mir wohlbekannten Wege durch diesen Wald nach
Ardoise eile diesem Unglücklichen von dort aus Hilfe zu senden«
»Das heißt so viel« entgegnete der Fremde mit vorwurfsvollem Ton »ich
eile mich Eurem Schutze Eurer Hilfe so schnell als möglich zu entziehen
Ja Elmerice ich ahnte dass Ihr hier sein würdet und der Freund der von
seinem sehnsüchtigen Herzen getrieben den Weg bis hieher fand verdient er kein
anderes Willkommen als den Wunsch seiner wieder los zu werden«
»Ich habe nicht das Recht Euch aufmerksam zu machen ob Ihr diesen Weg
finden durftet Ihr werdet eben so wenig vergessen was Ihr Euch schuldig seid
als es mir nicht entfiel was mir zusteht Seid jedoch sicher« setzte sie mit
bebender Stimme hinzu »ich werde es ewig dankbar bewahren was ich Euch in
dieser Stunde schuldig ward mögen Eure übrigen Handlungen so bleiben dass ich
Euch dieses Gefühl ohne Beimischung erhalten kann«
»O Elmerice« rief hier der Fremde mit dem tiefsten Ausdrucke zärtlichen
Schmerzes »seid Ihr wirklich so hart als Eure Worte In das dürre Gebiet der
Dankbarkeit verweist Ihr jedes Gefühl für mich und auch dies stellt Ihr noch
unter Bedingungen die den Zweck haben von mir das Einzige zu fordern wogegen
sich mein Herz mit allen seinen Kräften auflehnt Denkt Ihr es gäbe eine
Gewalt gegen die ausreichend die aus einem wahrhaft liebenden Herzen dringt
O Elmerice wie wenig müsst Ihr die Gefühle kennen von denen mein Herz
durchdrungen ist eine Rettung eine Auskunft in der Trennung zu hoffen Sie ist
es die uns lehrt welchen Wert das übrige Leben behält wenn uns das geraubt
wird wodurch wir erst zur Fähigkeit gelangten es zu lieben«
»Haltet ein« rief Miss Eton mit neuem Versuche den Rückweg anzutreten
»vergesst Euch nicht selbst vergesst nicht was Ihr mir schuldig seid und wie
wenig diese Sprache für uns gehört ja wie beleidigend ich sie finden müsste
wüsste ich nicht dass Ihr dies nicht beabsichtigt Aber lasst meine einfache
dringende Bitte etwas gelten und schont meine Ruhe indem Ihr zurückkehrt und
Euch an den Gedanken zu gewöhnen sucht dass ich Euch nur eine entfernt bleibende
Freundin sein kann Ich bitte Euch« unterbrach sie ihn zitternd als er ihr
antworten wollte »haltet mich jetzt nicht länger auf wir dürfen den
Unglücklichen nicht vergessen der dort unserer Hilfe benötigt ist ich
selbst« fuhr sie fort »bedarf der Ruhe und meine Kleidung die mit seinem
Blute gefärbt ist erfüllt mich mit Schauder«
Dies entschied bei dem Fremden der augenblicklich zurück trat und Miss Eton
eilte nun einige Schritte auf dem Fusspfade vor der sie an einem kleinen
Vorsprunge vorüber auf eine gesicherte Stelle führte
»Lebt denn wohl« sagte hinter ihr eine zitternde Stimme Miss Eton blickte
schüchtern um und gewahrte wie der Fremde ihr noch einige Schritte gefolgt
jetzt an einen Baum gelehnt ihr nachblickte sein Angesicht war todtenblass
und der linke Arm hing wunderbar schlaff an ihm nieder Einen Augenblick
schien das Fräulein den schmerzlichsten Kampf zu kämpfen dann eilte sie
zurückgrüssend so schnell es ihre Kräfte zuliessen den Weg nach Ardoise zurück
Am Eingange des Waldes stieß sie auf die Leute der Gräfin dAubaine welche
diese über ihr langes Ausbleiben höchlichst beunruhigt ihr entgegen geschickt
hatte Der Anblick des Fräuleins ihre in Blut getränkten Kleider ihr blasses
erschöpftes Ansehen erfüllte Alle mit Schrecken In wenigen Worten erläuterte
sie Ihnen das Vorgefallene und jede Hilfe von sich ablehnend bat sie vor
Allem zu dem Unglücklichen zu eilen den sie nur mit dem tiefsten Entsetzen
sterbend zu denken vermochte Sie selbst eilte sich so unbemerkt als möglich
nach dem Schloss zu schleichen um durch ihren Anblick die gütige Freundin
nicht zu erschrecken Umgekleidet eilte sie alsdann zur Gräfin dAubaine durch
ihren Anblick die Mitteilungen zu mildern die so viel Erschreckendes hatten
»Aber mein teures Kind« fuhr die Gräfin fort nachdem sie an ihre Freude
über die glückliche Rettung ihres Lieblings manchen zärtlichen Vorwurf über die
dreisten Wanderungen angeknüpft »wären wir doch nur so glücklich den Fremden
wieder zu finden der uns einen so unschätzbaren Dienst leistete Du kanntest
ihn also nicht« fuhr sie fort als das Fräulein schwieg »aber vielleicht
gehört er doch zu meinen Nachbarn und wir können ihn ausforschen und unsere
Dankbarkeit ihm bezeigen«
»Ich glaube nicht« sagte das Fräulein rasch und unruhig »es war gewiss
ein Fremder ja ich erinnere mich genau dass es ein Fremder war er wird
abgereist sein wir werden ihn nicht auffinden«
»Sagte er Dir dies« fragte die Gräfin das Gespannte und Aengstliche in
diesen Worten fühlend
»Ich glaube ja« seufzte Miss Eton »aber ich weiß es nicht genau zu
sagen«
»Ich aber« sagte die Gräfin und erhob sich lächelnd »weiß sehr genau dass
mein liebes Kind mich sogleich verlassen wird und ihren Gehorsam mir zeigen
indem es sich niederlegt und so viel Schrecknisse durch Ruhe auszugleichen
sucht«
Miss Eton zeigte sehr gern den verlangten Gehorsam und eilte die Ruhe ihres
Lagers zu suchen wenn wir uns auch nicht dafür verbürgen wollen dass sie
dieselbe nach so vielen Erschütterungen ihrer Seele fand
Die Gräfin dAubaine empfing Miss Eton am andern Morgen als die
Frühstücksstunde die beiden Damen wieder zusammenführte mit der Nachricht dass
sie gestern Briefe von ihrer Nichte der Marquise dAnville aus Paris empfangen
habe welche deren Besuch ihr angemeldet und äußerte ihre Freude diese
liebenswürdige Nichte mit Miss Eton bekannt machen zu können da sie über das
Wohlgefallen Beider an einander keinen Zweifel trug »Meine Nichte wird fürs
Erste ohne ihren Gemahl hier sein« fuhr sie fort »da derselbe Güter übernimmt
welche er seit längerer Zeit besitzt ohne sie zu kennen dann wird er uns auch
auf einige Zeit seine liebe Gegenwart schenken und später mit seiner Gemahlin
das Hauptgut in Besitz nehmen welches die Neugierde der jungen Frau zu reizen
scheint«
Miss Eton wünschte der Gräfin Glück zu dieser angenehmen Aussicht und schien
lebhaft von dem Gedanken dieser neuen Bekanntschaft erregt zu sein dann bat
sie die Gräfin um Auskunft über den Unglücklichen der sie gestern in so große
Gefahr gebracht und um einige Nachrichten über sein Schicksal
»Fürs Erste« erwiderte die Gräfin »kann ich Dir die Versicherung geben
dass seine Wunde nicht tötlich ist die Kugel ist aus der Schulter herausgelöst
und der starke Blutverlust macht seinen ganzen Zustand selbst bei dem
unvermeidlichen Wundfieber milde und ohne die sonst gewöhnliche Gemütsstimmung
Sein Schicksal wirst Du zum Teil aus seinen wahnsinnigen Reden erraten haben
doch wenige Worte werden Dir noch sagen wie er zu den besten und
ausgezeichnetsten Jünglingen in Ardoise gehörte Leider hatte ihm die Natur ein
allzuweiches feinfühlendes Herz gegeben und so unterlag er dem ersten großen
Schmerze seines Lebens der allerdings durch eine schreckliche Katastrophe über
ihn herbeigeführt ward
Robert diente mir als Jäger im Schloss er war der Sohn des Kastellans
Durch Tüchtigkeit und Brauchbarkeit erwarb er sich die zunächst aufgekommene
Försterei von Ardoise und entdeckte mir seine Liebe zu Jenny einem sehr
schönen jungen Mädchen das unter der Aufsicht meiner guten Sulpice trefflich
herangewachsen war Da ihre Neigung gegenseitig so freute ich mich der
glücklichen Wahl und als Robert die Försterei bezogen setzte ich den Tag ihrer
Hochzeit an
Jenny hatte wahrscheinlich auf seine Bitten eingewilligt ohne Wissen ihrer
mütterlichen Freundin Sulpice ihren Bräutigam öfter im Walde beim Steinbruche
zu sehen und war sich verspätend dann besorgt und eilend den gefährlichen Weg
zurückgekehrt Ihr Wunsch in das Tal hinabzusteigen war stets von Robert
verweigert worden der sie mit einem bequemen Wege zu überraschen vorhatte
Dies sind alles nachher ausgeforschte Umstände teils aus dem wahnsinnigen
sich um diese Punkte anklagenden Vorwürfen Roberts teils aus nachher
gemachten Entdeckungen anderer Dienstleute Jenny versprach ihrem Geliebten den
Tag vor der Hochzeit eine Zusammenkunft Beide durch Geschäfte aufgehalten
trafen sich erst spät Robert erwartete den Abend seine Eltern in der
Försterei Jenny musste zur bestimmten Stunde bei Sulpice sein Sie trennten sich
daher ohne dass Robert wie gewöhnlich sie begleiten konnte Es war schon
dunkler wie gewöhnlich der Weg glatt von einem Gewitterregen die näheren
Umstände werden nie zu unserer Kenntnis gelangen Jenny traf nicht ein sie
blieb auch die Nacht aus und nun geriet Alles in Unruhe Man schickte nach
dem Forstause sie aufzufinden und da sie auch dort nicht war wurden auf
allen Wegen Nachsuchungen angestellt Der unglückliche Jüngling starr vor Angst
und Besorgnis gab endlich der entsetzlichen Ahnung nach die ihn nach dem
Steinbruche zog Er hatte sich nicht geirrt als man sich der schroffen Stelle
näherte sah man sie zerschmettert in der Tiefe des Tales liegen Hier auf
ihrer Leiche verlor der unglückliche Jüngling seinen Verstand Die erste Zeit
brachte er in den gefährlichsten Zuständen der Raserei in unserm Krankenhause
zu später milderte sich das Leiden bis zur tiefsten Melankolie die ihn aber
unschädlich machte Man gab ihm gewöhnt an seinen gefahrlosen Zustand die
Freiheit wieder wonach er sich unablässig sehnte und der Steinbruch ist nun
sein Ruheplatz von wo aus er des Nachts ruhig nach dem Krankenhause
zurückkehrt Ich bin übrigens durch ihn aufmerksam gemacht worden und kann nicht
leugnen dass der Unglückliche nicht ganz Unrecht hatte Dich mit seiner schönen
Jenny zu vergleichen denn allerdings gleichst Du ihr in Größe Gestalt und
Farbe«
Miss Eton war sehr bewegt von dieser Mitteilung und beide Frauen machten an
einander die Beobachtung sich besonders traurig zu finden Die Gräfin las noch
ein Mal den Brief ihrer Nichte und versank dann in tiefes Nachdenken Miss Eton
lehnte mit großer Schüchternheit jeden Spaziergang auch unter der sichersten
Begleitung ab und nicht wie sonst floss die Unterhaltung in ununterbrochenem
Reichtume dahin
Endlich hob die Gräfin lächelnd an »So wirst Du denn den ältesten Sohn
Deiner Freundin im Bilde kennen lernen der Marquis dAnville ist der Sohn
dieser schönen Braut«
Tief errötend blickte Miss Eton vor sich nieder kaum hörbar fragend ob er
ihr ähnlich sähe
»Nein« antwortete die Gräfin »er gleicht seinem Vater ähnlich sieht
ihr der zweite Sohn der Graf Leonce den sie vorzüglich liebte und dieser wird
seine Schwägerin auch hierher begleiten«
Die Unterhaltung stockte wieder und Miss Eton schien nicht bedacht zu
deren Wiederanknüpfung viel beitragen zu wollen denn sie hatte ihre Knöpfel
ergriffen und schien der entstehenden Spitzenweberei alle Aufmerksamkeit zu
widmen
»Ich halte diesen Besuch gerade jetzt für sehr willkommen da Du mein armes
Mädchen wahrlich einer Zerstreuung bedarst das böse Ereignis hat Dich mehr
erschüttert als Du Wort haben willst und meine eigene trübe Nähe gut zu machen
vermöchte«
»O sagt das nicht« rief Miss Eton und die Arbeit entsank ihrer Hand als
wäre sie gänzlich erschöpft »Eure teure Nähe wäre es allein die mich mit mir
selbst ins Gleichgewicht bringen könnte Doch ich muss es eingestehen dass
mich ein Gefühl anderer Art bewegt ich hatte einen Wunsch eine Bitte die ich
zaghaft bin vor Euch auszusprechen«
»Und womit habe ich das verdient« sprach die Gräfin fast wehmütig die
Hand nach Elmerice hinüber streckend
Elmerice kniete in demselben Augenblicke auf dem kleinen Fussschemel der
Gräfin und zärtlich ihre Hand fassend barg sie das bewegte Angesicht in ihren
Schoss
»Sprich« sagte die Gräfin »und sei der Gewährung im Voraus gewiss«
»Teure Gräfin« hob Elmerice an »die Ankunft so lieber Gäste die
Sicherheit Euch damit so angenehm und erheiternd umgeben zu wissen gibt mir
Kraft Euch gerade jetzt auf einige Zeit verlassen zu wollen und somit ein
Versprechen an meine geliebte selige Mutter zu erfüllen dem ich mich vielleicht
schon zu lange entzogen habe da es mir so schwer ward mich von Euch zu
trennen«
»Wie Elmerice« rief die Gräfin erstaunt »Du willst mich verlassen«
»Ihr werdet Euch der Jugendfreundin meiner Mutter erinnern« fuhr Miss Eton
fort den Vorwurf der Gräfin nur mit einem zärtlichen Handkusse beantwortend
»Miss Gray die meine Mutter damals auf ihrer Reise nach Frankreich begleitete
und zurückblieb ihre Verbindung mit Herrn St Albans feiernd Diese Freundin
aufzusuchen habe ich geloben müssen und vor einiger Zeit Briefe erhalten
worin Madame St Albans mich dringend auffordert sie in der Abtei Tabor zu
besuchen dort lebt sie seit ihrer Verheiratung da Herr Albans die Ländereien
der großen Abtei in Pacht genommen hat«
»Ich weiß dies mein liebes Kind« sagte die Gräfin und ein wehmütig
ernster Blick schaute in die Ferne in der Erinnerung die nie vergessenen Bilder
aufsuchend »aber lass mich Dir gestehen ich sehe diese Verpflichtung die ich
anerkennen muss nicht ohne Besorgnis Madame St Albans ist eine brave tätige
Frau die auf ihrem Platze alle Anerkennung verdient aber sie ist kein Umgang
für Dich und ihr Haus kein Ort wo Du Dich nur einigermaßen wohl fühlen wirst«
»Und doch« sagte Elmerice mutig »habe ich ihr einen längeren Besuch
zusagen müssen und ihre große Liebe zu meiner geliebten Mutter hat mir früher
dies Versprechen so leicht erscheinen lassen«
»Diese war unbezweifelt rührend« antwortete die Gräfin »und so
vollständig als schön denn obwohl sie Herrn Albans liebte schien ihr die
Trennung von Deiner Mutter so unerträglich dass sie fast ihrer Liebe entsagt
hätte dieser nach England folgen zu können«
»Um so auffallender« rief Elmerice »da wenn ich nicht irre Miss Gray
hier ihre Mutter wieder fand welche doch ein großes Band an Frankreich werden
musste«
»Dass es dies nicht ward« erwiderte die Gräfin »will ich ihr nicht
anrechnen denn die alte Mistress Gray hatte sich schon lange vor Ankunft ihrer
Tochter von aller menschlichen Gesellschaft zurückgezogen sie sah ihre Tochter
nur selten und fast ungern Miss Gray konnte keinen Anhalt an ihr haben Es ist
nun lange her« fuhr sie fort »dass ich Madame St Albans sah die eine Reise
benutzte mich zu besuchen sie ist brav und steht eben wie ihr Gatte im
besten Rufe aber was Deine Mutter einst mit ihr bis zur Freundschaft
verbinden konnte lag wohl nur in der Jugend beider in der zärtlichen Liebe der
guten Miss Gray zu Deiner Mutter«
»Lasst es mich dennoch versuchen« rief Elmerice »und gebt mir die Aufgabe
auch in Verhältnissen die mir nicht zusagen mich bewegen mich Eurer würdig
zeigen zu können ich würde jetzt ohne Madame St Albans zu kränken mein Wort
nicht zurücknehmen können und das möchte ich der Jugendfreundin meiner Mutter
nicht zu Leide tun«
»Und ich Dich nicht dazu veranlassen« sagte freundlich lächelnd die Gräfin
»nur gebe ich gerade jetzt meine Einwilligung dazu fast ungern ich sah Dich
schon im Geiste mit der holden Lücile in Freundschaft verbunden und freute mich
gerade darauf wie die lange trübe Einsamkeit Dir so angenehm unterbrochen
werden sollte durch diese lieben Gäste Auch willige ich nur ein wenn Du mir
versprichst dort Deinen Besuch abzukürzen wo ich dann hoffen darf Du triffst
hier noch mit meiner Nichte und ihren Verwandten wieder zusammen«
Mehr höflich als aufrichtig legte Miss Eton die Bestimmung hierüber ganz in
die Hände ihrer Wohltäterin und Beide wurden darüber einig dass Miss Eton am
andern Morgen ihre Reise unter dem Schutz ihrer Dienerschaft antreten sollte
Am Abende des andern Tages bog der Wagen der Miss Eton einen dichten noch
unbelaubten Buchenwald verlassend in einen breiten Talweg ein der bald die
fruchtbaren Felder und Wiesen von beiden Seiten zeigte die zur Abtei Tabor
gehörend eine lachende heitere Ansicht gewährten
Der höchstmögliche Standpunkt der Kultur war überall auffallend Die Wege
mit ihren Abzugsgräben die wohlerhaltenen Verbindungsbrücken und Plankenzäune
die Felder in ihrer regelmäßigen Einteilung die Wiesengründe mit den schönsten
Heerden die schlanken wohlgehegten Stämme junger Obstbäume die mit ihren
schon in weißer Blütenpracht stehenden runden Kronen wie Perlenschnüre als Saum
sich überall zeigten die kleinen Gehöfte die dazwischen zerstreut in ihrer
wohlhabenden Ausdehnung um sich her den Bedarf des Lebens sich geschaffen zu
haben schienen die kräftigen Gestalten der Männer und Frauen die rotwangigen
Kinder die endlich diesem Gemälde als Staffage dienten Alles zeigte das
wohltuendste Bild des Fleißes und der Wohlhabenheit Miss Eton fühlte sich
wunderbar dadurch erleichtert und abgezogen von sich selbst schien sie ihre
schweren und melankolischen Gedanken in den düsteren Wegen der Wälder die sie
durchreist war zurück lassen zu müssen Sie fühlte sie war hier in eine andere
Sphäre versetzt eine neue Auffassung des Lebens trat ihr entgegen und häufig
ist dies allein schon hinreichend uns selbst zu einer Tätigkeit zu wecken die
uns unserm gewohnten Ideenkreise klarer und ruhiger gegenüber stellt Sie konnte
mit Vergnügen an den mäßigen Lebensstandpunkt denken dem sie entgegen ging und
ohne Furcht vor geistigen Entbehrungen wollte sie gern das Leben von dieser
leichten und materiellen Seite kennen lernen
Doch konnte sie kaum ein Lächeln unterdrücken als sie gewahrte wie die
Gegend fast immer schmuckund geschmackloser in ihren Anlagen ward je näher sie
dem Wohnorte der Madame St Albans kam Überall war der Nutzen erstrebt und
erreicht aber keine Anlage die neben dieser irgend eine andere Absicht
erraten ließ
Noch hoffte sie die Abtei Tabor die sich noch immer nicht zeigte werde
irgend eine schönere Ansicht gewähren und Gartenanlagen sich damit verbinden
aber bald hörte sie auf ihre Anfrage dass die Abtei mehrere Meilen von dem
Wohnsitze des Herrn St Albans entfernt wäre und dieser nur ein Vorwerk
gleichen Namens bewohne welches mehr in dem Mittelpunkte der Länderein die er
von der Abtei in Pacht hatte und daher seinen ökonomischen Zwecken passender
läge
Endlich verkündete eine Reihe steinerner Häuser welche regellos neben
einander gelagert waren die Wohnung des Herrn St Albans und bald zeigte der
größere Verkehr von Arbeitern und Wagen dass man sich dem Mittelpunkte einer
größeren Betriebsamkeit nahe Es war noch ziemlich früh am Abend und alle
Vorübereilenden schienen mit dem Tageslichte zu geizen und ganz in ihre
Geschäfte vertieft nur des bequemen festen Weges sich bewusst zu sein der
immer vortrefflicher werdend den leichtesten Verkehr sicherte Von diesem regen
Leben umgeben fuhr man endlich an einer langen Mauer entlang und bog dann durch
ein offenes Tor in den Hof
Er war in einer großen Ausdehnung von sämtlichen Scheunen Ställen und
Wirtschaftsgebänden des Amtes umgeben und das Wohnhaus unterschied sich nur
wenig an Höhe und Außenseite und ward nur als solches durch eine steil nach der
Eingangstür hinauf führende Treppe und zwei Reihen niedriger Fenster
bezeichnet
Auf diesem großen Hofe zeigte sich kein Baum kein Rasen kein Zeichen der
Vegetation Ein Bassin roh ummauert diente dem Nutzen der Ställe was seine
trübe mit Stroh und Heu bedeckte Oberfläche deutlich verriet
Niemand eilte der Miss Eton zum Willkommen entgegen obwohl die Tür des
Hauses von herauseilenden Mädchen und Knechten oft geöffnet ward Monsieur
Lorint der Kammerdiener über die ihm ziemlich fremde Art dieser
Hauseinrichtung nicht wenig erstaunt nahte sich nun der Wagentür und fragte
ob er die Ehre haben solle das gnädige Fräulein zu melden
»Lasst das« sagte Miss Eton lachend »ich will selbst aussteigen und mein
Willkommen mir suchen denn diese fleißigen Leute haben keine Zeit zu
dergleichen«
Leicht und von dem alten Diener gefolgt der im komischen Gegensatze zu
diesem Naturzustande fast noch förmlicher und devoter ward seine eigene Würde
schützend gegen den Andrang dieser Unkultur eilte Miss Eton die schmale
steinerne Treppe hinauf und flog beim Oeffnen der Türe in die Arme eines
jungen heiter lachenden Landmädchens das eben so schnell heraus als Miss Eton
hinein wollte
»Ah Madame« rief die erschreckte Schöne schnell zurückspringend »ich
bitte um Vergebung ich war so eilig«
»Und doch werde ich Dich aufhalten müssen mein liebes Kind« lächelte Miss
Eton »denn Du musst mich durchaus bei Madame St Albans melden deren Gast ich
zu werden denke«
Ein holdseliger Blitz von Freundlichkeit aus den dunkeln Augen des
rotwangigen Kindes schien Elmerice ein recht anmutiger Willkommgruss und sie
schritt nun mit ihrer jungen Begleiterin in den mittleren Raum des Hauses vor
der ein Speisesaal zu sein schien die ganze Tiefe des Hauses durchmass und seine
Fenster nach der andern Seite hinaus hatte Hier bat das junge Mädchen das
Fräulein zu warten und flog nun leichten Sprunges durch eine der sechs
Türen die sich in diesem großen Vorsaal öffneten Miss Eton näherte sich
indessen einem der Fenster und sah dass sich hier gleichfalls kein Baum keine
Gartenanlage zeigte sondern an einem frisch bestellten Gemüsegärtchen mit
Plankenzaun umhegt sich ein ziemlich bedeutender Weideplatz anschloss der aber
nur dem kranken von der entfernteren Weide zurückbleibenden Viehe zur Benutzung
diente seitwärts war eine kleine Anpflanzung von Nussbäumen und auf diese
richtete Elmerice von den wenig befriedigenden Aussichten sich abwendend mit
einiger Hoffnung ihre Blicke
Lautes anordnendes Sprechen nahte indessen dem Salon bald flog die
mittlere Türe auf und eine starke muntere Frau in tüchtiger häuslicher
Kleidung mit Schürze und rasselndem Schlüsselbunde trat mit geschäftiger Eile
herein und nahte sich dem ihr gleichfalls entgegeneilenden Fräulein
»Seid Ihr denn wirklich Miss Eton meiner lieben Margarit Tochter« rief sie
mit lauter klingender Stimme und drückte innig davon überzeugt zwei derbe
Küsse auf Elmerices Wange »Nun« sagte sie ohne die Antwort abzuwarten und
indem ihre Stimme plötzlich in Tränen brach »so hat Gott meinen Wunsch erhört
denn seht der Wunsch sie selbst oder ihr Kind oder ihren Lieblingshund
oder ihre Katze oder ihr Kleid oder seht nur so viel als ich auf diesem Nagel
halten könnte von ihr zu sehen der hat mich nie verlassen obwohl ich wenig
Zeit zu solchen Gedanken habe denn seht hier ist ein großes lästiges
Hauswesen Alles geht durch mich wo ich nicht bin gelingts nicht was ich
nicht tue unterbleibt wonach ich nicht frage vergessen ist es in den andern
Köpfen Aber seht mein Kind dazu behielt ich Zeit und wars während des
Tischgebets Gott sei mir gnädig oder zwischen Niederlegen und Einschlafen
nach Margarit mich zu sehnen behielt ich immer Zeit« Wieder kam ein kurzer
Anfall von Weinen den sie jedoch eben so schnell bekämpfte und nun führte sie
Elmerice in ein nach der Weide hinaus gehendes Zimmer Hier setzte sie sich
zwei Stühle gegenüber rückend schnell vor ihren jungen Gast den sie auf einen
derselben niedergezogen hatte und blickte nun mit zwei großen unruhigen Augen
das Fräulein an »Keinen Zug von Ihrer Mutter« rief sie nach dieser scharfen
Prüfung »weiß Gott fremd liebes Kind bis auf die Fingerspitzen Großer
Gott hatte ich mich doch so gefreut ein Ebenbild meiner Margarit zu sehen
Und doch seid Ihr Miss Eton die Tochter meiner Margarit«
»Gewiss« sagte Elmerice sanft und gerührt »ich bin die Tochter der
Freundin der Ihr ein so ehrendes Andenken bewahrt und ihr letzter Wille der
mich bestimmte in Frankreich zu leben schloss auch den Befehl ein Euch
aufzusuchen Euch der innigen Liebe meiner Mutter zu versichern«
»O Gott Miss« rief Madame St Albans weinend »sagt tat sie das
Gedachte sie mein mit gleicher Liebe hat sie mich nicht vergessen Also Ihr
solltet mir ihre Grüße bringen ihr Kind unterrichtete sie von ihrer Liebe zu
mir Ja ja darin erkenne ich sie wieder obwohl Miss Elmerice es mich
schmerzte als ich hörte nicht mir sondern ihrer vornehmeren Freundin der
Gräfin dAubaine habe sie Euch vermacht«
»Zürnt deshalb nicht liebe Madame St Albans wohl kenne ich die Gründe zu
dieser Bestimmung nicht aber sicher beruhten sie nicht in verringerter Liebe
gegen Euch«
»Ja ja ich will es glauben gern glauben liebes Kind denn ich glaube
gern an ihre Liebe Die Gräfin ist eine Heilige von hoher Geistesart sehr
erhaben über ihr ganzes Geschlecht Da reiche ich armer Erdenwurm nicht heran
sie schmückt die Kirche ich Haus und Hof Seht es lässt sich leicht der
HeilgenSchein festhalten und die feinen Ausdrücke wenn man nichts weiter zu
tun hat als darauf zu passen dass einem nichts Unebnes entschlüpft aber
hier wo ich an Alles selbst Hand anlegen muss mit lauter rohen dummen Leuten
verkehren bei denen sich übler Wille und Faulheit zu Leichtsinn und Torheit
gesellen da müssen die Worte breit aus dem Munde fließen und man wird darum
nicht schlechter in so großer Berufstätigkeit als solche erhabene Geister die
auf uns herab sehen«
Etwas beschämt von der Rede ihrer neuen Bekannten schlug Elmerice den Blick
zur Erde nieder um den seltsam heftigen Ausdruck in den sonst trüben Augen der
Redenden zu vermeiden
»Glaubt nicht verehrte Frau« sprach Elmerice »dass die Gräfin dAubaine
eingebildet auf ihre Vorzüge ist sie schätzt Jeden nach seiner Weise und die
ihrige ist sehr still und zurückgezogen denn sie ist wohl nie glücklich
gewesen und sehr kränklich und oft recht leidend«
»Ist sie das« rief Madame St Albans »O seht das beklage ich Ja das
arme Ding wahrlich wenig Freude hat sie gehabt Gott richte es und wohl
ist sie zu bedauern und es tut mir herzlich leid wenn sie kränkelt Sagt ist
es so muss sie viel leiden«
Elmerice fühlte sich ganz erquickt und erleichtert von der kindlichen
Gutmütigkeit die in dieser Rede die Oberhand gewann und war nur bemüht ihr
ein Bild der stillen Geduld zu entwerfen mit der die Gräfin ihr Leben ertrüge
Mehrere Male wischte sich Madame St Albans die Augen und sagte dann ganz
kläglich »Gottlob dass meine gute Margarit Deine Mutter sie so leidend nicht
mehr sah denn wahrlich das hätte ihr das Herz gebrochen Aber sieh mein
Kind immer und immer habe ich es Deiner Mutter gesagt wir beide werden
glücklich in der Welt werden die Franziska aber nie das geht Allen so die
von Jugend auf immer über den Wolken schweben und überspannt sind und voll
törichter Schwärmereien die machen nicht glücklich und werden nicht glücklich
das ist eine ausgemachte Sache«
»Gewiss« erwiderte Elmerice schüchtern »finden reich begabte Wesen mit
einem höheren und vielseitigeren Bedürfnisse schwerer den Standpunkt wo sie
sich in ihrem ganzen Reichtum entfalten können aber es ist ihnen doch nicht
als Vorwurf anzurechnen wenn wir sie selten zu ihrer vollen Wirksamkeit
entwickelt sehen wo sie sie erreichten sehen wir sie allen Pflichten
gewachsen sie Alle anerkennend«
Ein sonderbar aufmerksamer Blick streifte hier das Fräulein in dem
Augenblicke fasste Madame St Albans den Verdacht dass ihr junger Gast wohl
ebenfalls zu dieser Kaste gehören möchte und sie stand sichtlich davon
gestört auf und indem sie Elmerice bei der Hand fasste um sie wegzuführen
sagte sie mit dem Tone völlig abgeschlossener Ansichten »Ja ja ich kenne das
mein Schatz solche Reden hörte ich oft aber ich sah auch die zahllos
unglücklichen Ehen die solche Mädchen erlebten die ewige Hinfälligkeit von
Leib und Seele und weiß was es eigentlich für Frauenzimmer auf der Welt zu
tun gibt statt so schwierige Forderungen sich anzukünsteln«
Elmerice fühlte sich hierauf zu erwidern nicht geneigt noch übersah sie
den Charakter dieser Frau nicht ihre Bescheidenheit und die Furcht ihr
anmassend zu erscheinen ließ sie lieber schweigen da es ihr überdies schien
dass sie beide von ganz verschiedenen Dingen gesprochen hatten die neben
einander jedes wohl ihr gutes Recht behalten konnten aber einander doch so
unähnlich waren dass an eine Ausgleichung nicht zu denken war
»Ich will Euch jetzt Euer Zimmer anweisen und für Euer Gepäck sorgen« sagte
Madame St Albans »denn seht liebe Miss ich muss überall selbst die Augen
haben auf die Leute ist kein Verlass Doch fürchte ich« fuhr sie fort indem
ein empfindlicher Ausdruck von Misstrauen auf ihrem Gesichte erschien »Ihr
werdet großen Abstand finden Das schöne Schloss von Ardoise findet Ihr hier
nicht wir sind stille bescheidene Leute die auch so Haus und Hof eingerichtet
haben« und nun suchte sie durch vermehrte Höflichkeit sich selbst über die
Unsicherheit zu täuschen die ihr die Gesinnungen der jungen Dame eingeflößt
Elmerice konnte dies nur zu leicht wahrnehmen und bemühte sich fast auf
Kosten ihres sonst so ruhigen und natürlichen Wesens ihre Anerkennung und ihr
Vergnügen über Alles wie sie es vorfand an den Tag zu legen auch war zum
Missfallen nirgends Veranlassung Eine kleine Treppe die gleichfalls hinter
einer der sechs Saaltüren lag führte in die obere Etage und hier fand
Elmerice ein so hübsch eingerichtetes Zimmer in so glänzender Reinlichkeit
strahlend dass es ihr nicht schwer ward Vergnügen darüber zu bezeigen Doch
hörte Madame St Albans nicht auf Alles entschuldigend und selbst herabsetzend
zu besprechen unter dem oft wiederholten Zusatze »Aber wir sind stille
bescheidene Leute« ohne Ahnung wie die Beilegung zweier solcher Tugenden
wenigstens das Prädikat der Bescheidenheit verdächtigte Bald aber verließ sie
ihren Gast um sich den Anordnungen zur Abendmahlzeit zu unterziehen und
Elmerice fühlte einen Anflug von Erschöpfung und Abspannung wie er uns am
häufigsten kommt wenn wir uns einer fremden in ihrer Art und Weise sicher
gewordenen Natur gegenüber fühlen die wir nicht durch das Hervortreten unserer
abweichenden Gesinnungen zu verletzen wünschen weil wir fühlen dass wir ihre
Eigentümlichkeit wohl verstehen und achten können aber überzeugt sind die
unsrige unverstanden und gemissbilligt zu wissen
Elmerice hatte mehr Worte mehr Höflichkeit in der kurzen Zeit verbraucht
als ihr sonst irgend zu Gebote war Die leicht hervortretende Heftigkeit der
guten Frau hatte sie erschreckt und nur daran denken lassen sie in milder
Stimmung zu erhalten sie fühlte im Augenblicke des Alleinseins dass sie sich
angestrengt habe und sie wusste nicht ob sie zufrieden oder unzufrieden mit
sich sein sollte Doch bestrebt mit sich ins Klare zu kommen hielt sie die
Erinnerung an den Zügen von Gutmütigkeit fest die ihr unverkennbar aus dem
Gespräche mit Madame St Albans hervorgetreten waren und beschloss nichts
Anderes als diese sehen und hören zu wollen
Zur Ruhe gekommen durch diesen Beschluss richtete sie sich jetzt in ihrem
neuen Zimmer ein und schrieb einige Zeilen an ihre Wohltäterin da die
Equipage und die Diener anderen Tages nach Ardoise zurückkehren sollten Diese
Zeilen hatten sie in eine größere Gemütsbewegung versetzt als anscheinend
Grund dazu vorhanden war und dies wohl fühlend eilte sie ihre trähnenden Augen
an dem geöffneten Fenster zu kühlen Sie überblickte von hier aus in weiterer
Ausdehnung die Gegend und gewahrte bald dass der Benutzung des Bodens zum
Erwerbe jede Annehmlichkeit aufgeopfert war nirgend zeigte sich eine
Baumanlage ausgenommen einige dürftige Kastanienstämmchen die auch den Zweck
haben mussten krankes Vieh darunter zu bergen denn sie sah ein Pferd an einen
Pfahl gebunden auf dem Boden liegen Ordnung Fleiß und Wohlhabenheit war
dagegen der unverkennbare Stempel der allen Gegenständen aufgedrückt war und
ganz dazu geschaffen Elmerice angenehm und achtend gegen ihre neuen Freunde zu
stimmen Sie bestärkte sich daher darin dieser zärtlichen Freundin ihrer Mutter
achtend und freundlich entgegen zu treten und beeilte sich da die Stunde
herangekommen war zum Abendessen hinunter zu steigen
Der große Saal oder vielmehr der Hausflur da er zugleich der Eingang vom
Hofe aus war und mit seinen sechs Türen fast zu allen Räumen des Hauses führte
war mit Fliesen getäfelt die Wände weiß getüncht und mit einigen Versuchen von
Stuckatur versehen In der Nähe der Fenster stand ein großer eichener Esstisch
mit eben so massiven hochlehnigen Stühlen umstellt auf deren Sitze Madame St
Albans eben beschäftigt war rote damastene Kissen zu legen offenbar ihrem
Gaste zu Ehren denn Marylone die junge Magd die Miss Eton zuerst begrüßt
hatte stand damit bis unter das Kinn bepackt und wurde nur durch das hastige
Zugreifen ihrer Gebieterin nach und nach von ihrer Last befreit
»Ah seht doch da seid Ihr schon Miss Eton« sagte Madame St Albans
offenbar von dem zu frühen Erscheinen derselben gestört »nun Ihr seid nicht
ungesellig wie ich sehe und das freut mich obwohl meine Zeit mir wenig
eigentliche Ruhe gönnt«
»Wenn ich mich wohl in Eurem Hause fühlen soll« sagte Elmerice »müsst Ihr
liebe Madame St Albans vor allen Dinge nie auf mich Rücksicht nehmen Ich
hoffe dass Ihr mir gestatten werdet Euch durch Haus und Hof zu begleiten um
Eure vortreffliche Haushaltung kennen zu lernen so werde ich in Eurer
Gesellschaft sein ohne Euch hinderlich zu werden«
Diese wohlgemeinte Rede verfehlte jedoch ganz ihren Zweck Madame St Albans
war von Natur misstrauisch und hatte immer Furcht man wolle ihre Art und Weise
tadeln oder sie lächerlich machen gegen Miss Eton hatte sie den Verdacht einer
höheren Geistesrichtung gefasst und wie ihr unbegreiflich war wie sich damit
das Interesse für Häuslichkeit und wirtschaftliche Tätigkeit vereinigen könne
so schien ihr die Rede des Fräuleins reine Verstellung hochmütige Herablassung
oder Spott sogar
Sie lachte daher ziemlich höhnisch auf und sagte dann wie sie hoffte ihre
Meinung verständlich machend »Behüte mich Gott dass ich ein so zartes
hochgebildetes Fräulein so beleidigen sollte sie mit Wirtschaftssachen zu
belästigen Nein mein gutes Kind so viel Bildung haben wir gerade auch noch
um zu wissen wie solche feine Dämchen behandelt werden müssen Ihr gehört mit
Euren zarten Händchen und feinem Gesichtchen in die Stube ich aber habe in
meinem Berufe weder Gesicht noch Hände schonen können sie sind jetzt nichts
Anderes mehr wert als weiter fort zu schaffen was sie nicht ohne Erfolg wie
ich hoffe bis jetzt geleistet haben«
»Wollt Ihr mich denn glauben machen« erwiderte freundlich nahend Elmerice
diese Antwort verschmerzend »dass Bildung so heilige Interessen als das Wohl
des Hauses für eine Frau sein muss ausschliesse Ich dachte gerade Bildung lehre
uns erst recht den Wert und den Genuss solcher Pflichten verstehen und dies
muss auch gewiss Eure Meinung sein«
»Was so eine gewöhnliche Frau denkt wie ich Miss Eton darauf kommt wenig
an ich habe nur so meinen schlichten Menschenverstand mein Bischen gesunde
Vernunft von hoher Bildung aber weiß ich nichts das müsst Ihr verzeihen wenn
ich Euch damit nicht dienen kann«
Während dessen waren die Stühle alle mit festgebundenen Polstern versehen
und jetzt flogen sie auf einen Wink der selbst angreifenden Hausfrau aus
einander und mit Hilfe der pfeilschnellen kräftigen Marylone breitete sich ein
schöner kleiner Teppich darunter aus welches Alles dem Gaste zu Ehren geschah
und allerdings das Plätzchen um Vieles wohnlicher und ansprechender machte
Als dies zur Zufriedenheit der Madame St Albans beendigt war ordnete sie
nun mit Marylone das Decken des Tisches selbst an indem sie fast immer in dem
Augenblicke als das geschickte und flinke Mädchen die Geschirre auf ihren
bestimmten Platz stellen wollte ihr dieselben aus der Hand riss und mit den
Worten »Sieh Dich doch vor hierher kommt das« es selbst an seinen Platz
setzte Zwischen dieser Tätigkeit war sie noch von einer andern Unruhe über
das lange Ausbleiben ihres Mannes geplagt Alle fünf Minuten eilte sie nach der
Haustüre riss sie auf und kehrte getäuscht mit den Worten zurück
»Unbegreiflich wie Herr St Albans sich heute so verspätet« Dies Ausbleiben
nahm endlich alle ihre Gedanken ein der Tisch war gedeckt Marylone entfernt
und ihr blieb nichts übrig als sich in ruhiger Erwartung ihrem Gaste
gegenüber an den gedeckten Tisch zu setzen aber dadurch steigerte sich ihre
Unruhe um dies Ausbleiben bis zur übelen Laune und gelegentlichen Ausbrüchen von
Heftigkeit die Elmerice nicht zu nähren wünschte und die sie endlich
verstummen ließ
Da schlugen alle Hunde zugleich bellend im Hofe an und augenblicklich
sprang Madame St Albans von ihrem Sitze auf und lief nach der Tür sie in dem
Momente öffnend als ihr Gemahl ihr darin entgegen trat Beide begrüßten sich
mit ungemeiner Herzlichkeit die aber dies Mal von Seiten der lebhaften Frau
unterbrochen ward indem sie ihn vorführte ihn vor Elmerice hinstellte und mit
vollkommen wiedergekehrter guter Laune ihn frug ob er ahne wer dies sei
Herr St Albans richtete seine freundlichen Augen auf die Vorgestellte und
verneigte sich dann mit auffallend gutem Anstande »Ich zweifle nicht unser
sehnlicher Wunsch ist in Erfüllung gegangen und wir genießen das Glück Miss Eton
unsern Gast zu nennen«
»Erraten« rief die kleine Frau lebhaft in die Hände schlagend »meiner
Margarit einzige liebe Tochter«
»Glaubt Miss Eton« sprach St Albans »meine gute Frau weiß Euch keinen
höheren und liebern Rang beizulegen als den eben genannten Erlaubt mir auch
meinerseits das herzlichste Willkommen«
»Da hast Du recht mein lieber Mann« sagte Madame St Albans »Alles was
sich auf meine Margarit bezieht ist mir heilig«
Tief gerührt dankte Miss Eton beiden Eheleuten und konnte nicht ohne einiges
Erstaunen die ungemein vorteilhafte Persönlichkeit des Hausherrn betrachten
Seine Frau überschüttete ihn mit Fragen und Aufmerksamkeiten jeder Art und er
hatte eine immer freundlich anerkennende Höflichkeit für ihre sich selbst
genugtuende Dienstlichkeit und doch behielt er eine Ruhe und Aufmerksamkeit
für seine Umgebungen die von wahrer Herzensgüte und einer höheren
Geistesrichtung zeigte
In seiner Gegenwart fühlte Elmerice zuerst sich etwas aus dem gespannten
Zustande erlöst den sie beim Alleinsein mit Madame St Albans empfunden hatte
sie durfte wagen sich ihrer eigenen Stimmung hinzugeben denn in der Gegenwart
ihres Mannes blieb jeder Andere für diese zärtliche Frau ziemlich unbeachtet
und sie hing nur an seinem Munde um sich für ihre eigenen Gedanken Auskunft zu
verschaffen Auch hierbei blieb sie sich völlig gleich ihre unverkennbare
Zärtlichkeit ging doch sogleich in empfindliche oder misslaunige Äußerungen
über wenn die des Herrn St Albans im Geringsten von den ihrigen abzuweichen
schienen und sie legte auch gegen ihn ein gewisses misstrauisches und heftiges
Wesen nicht ab Dessen ungeachtet war ihr ganzer Zustand jetzt freier und
leichter und die feine Haltung ihres Mannes wusste immer geschickt sie selbst zu
einem feinen Betragen zurückzuführen was sie anzunehmen allerdings ganz wohl
verstand Einige Unterverwalter nahmen die übrigen leeren Plätze bei Tische ein
und es herrschte bald eine ziemlich ruhige unbefangene Unterhaltung die Herr
St Albans mit vielem Geschick auch für seinen jungen Gast zugänglich zu machen
wusste während seine Frau in unruhiger Tätigkeit mit dem Vorlegen und Anbieten
der übrigens vortrefflich zubereiteten Speisen beschäftigt war
Es würde schwer sein in dem Verlauf einer Woche die wir nach dem erwähnten
Abend als beendigt erklären müssen eine bedeutende Mannigfaltigkeit in dem
Leben auf der Abtei Tabor angeben zu können Miss Eton hatte nach einigen
missglückten Versuchen aus sich heraus in die Ansichten der reizbaren Hausfrau
übergehen zu wollen sich mehr auf sich selbst zurückgezogen ihre Zeit nach
der Ordnung des Hauses eingeteilt und sich Spaziergänge gesucht die freilich
bei ihrer Einförmigkeit und der ganz allein auf den Nutzen gerichteten
Einrichtung des ganzen Gutes nur sehr wenig Genuss gewähren konnten Doch das
Frühjahr schritt vor das Wetter ward warm der Himmel heiter und blau die
Felder und Wiesen grünten in seltener Üppigkeit und es fehlte nicht an
Veranlassung ein unbefangenes Gemüt zu erfreuen Und doch sehen wir Miss Eton
oft stundenlang mit gesenktem Haupte und tief atmender Brust in einer
Teilnahmlosigkeit daher wandeln dass uns scheinen möchte ihr Geist sei abwärts
in trübem Schmerze verloren
Ihre Wohltäterin versäumte nicht ihr nach einiger Zeit die Nachricht von
der Ankunft ihrer Gäste in Ardoise zu melden mit dem Zusatze wie lebhaft sie
jetzt in dieser Freude ihren Liebling vermisse wie sie sich sehne dass er bald
zu ihr zurückkehren möge
»Und doch« rief Elmerice nach Lesung dieses Briefes »wirst Du mich in
diesem schönen Kreise nicht willkommen heißen dennoch verbannt mich mein
Geschick von dem Aufenthalte der allein jetzt auf der Welt noch Reiz für mich
hatte« Ein Strom von Tränen erleichterte ein Herz was von den bittersten
Schmerzen der Jugend belastet war und mit einer Ergebung aber auch mit einer
Trostlosigkeit die nur ein Schmerz wie Elmerice ihn fühlte zu geben vermag
wiederholte sie sich das schwere Gelübde den Gästen auf Ardoise um jeden Preis
zu entfliehen
Ein heftiges Gewitter hielt Miss Eton auf ihrem Zimmer fest so sehr sie sich
sehnte im Freien der beklommenen Brust neue Kraft einzusammeln Der Regen mit
check vermischt stürzte verfinsternd herab und der Sturm peitschte die
Regenströme im Wirbel gegen die klirrenden Fenster Elmerice blickte ruhig ja
mit einer Art von Genuss in diesen wilden Aufruhr der Natur Wer tiefe
Seelenangst empfindet den lebenstödtenden Kummer der die Schönheit der Erde
uns wie einen Vorwurf fühlen lässt da wir uns nicht teilnehmend daran zu
erfreuen vermögen der wird fast getröstet von einem Zustande der Natur der
keine Anforderungen an unser Gefühl macht oder in seiner wilden Aufregung zu
überbieten scheint was an Qual und Unruhe unsere Seele verletzt
Heftig stürzte jedoch dies schmerzliche Nachdenken unterbrechend Jemand
die Treppe herauf und Marylone flog blass wie der Tod auf Miss Eton zu »Helft
helft Miss Eton um Gotteswillen helft sie stirbt uns unter den Händen wir
wissen uns nicht zu helfen nicht zu retten«
»Um Gotteswillen was hast Du« rief Miss Eton »was ist geschehen«
»Kommt kommt unsere Frau stirbt Madame St Albans o kommt uns zu
Hilfe«
Schon flog Elmerice die Treppe hinab und über den Saal dem kläglichen
Angstgeschrei entgegen das ihr aus einem der unteren Zimmer zu Ohren drang
Der erste Augenblick raubte ihr jedoch fast selbst die Fassung denn sie sah
hier Madame St Albans wie eine Leiche auf der Erde liegen das Gesicht war
verzogen und blau die Hände Füße der ganze Körper krampfhaft zusammen
gepresst
In bangem Geschrei aber ohne alle Hülfleistung lagen die Mädchen des Hauses
um sie her und Elmerice wusste freilich für den Augenblick auch nichts Anderes
zu tun als sich neben der Sterbenden oder Toten nieder zu werfen aber hier
entdeckte sie bei flüchtiger Berührung dass die unglückliche Frau in völlig
durchnässten Kleidern da liege und auf ihre schnellen Fragen erfuhr sie nun dass
Madame St Albans das heftige Gewitter im Freien überrascht und dies einem
großen häuslichen Ungewitter gefolgt war welches sie noch in der größten
Aufregung und Erhitzung hinausgetrieben hatte Jetzt war der Zustand allerdings
erklärt aber nicht weniger bedenklich doch Elmerice hatte ihre ganze
Besonnenheit wieder erlangt und ließ aufs Schnellste die unglückliche Frau nach
ihrem Schlafgemach tragen wo sie bald in trockene Wäsche und in ihr Bett
eingehüllt und unter Elmerices Anleitung mit warmen Tüchern gerieben ward
während ein Bote abgesandt wurde Herrn St Albans zu suchen und ein anderer
nach der eigentlichen Abtei Tabor den Arzt der Mönche herbei zu rufen
Bis tief in die Nacht blieben die vereinigten Bemühungen der Herbeigerufenen
fast erfolglos es zeigte sich kein Zeichen des Lebens und schon sank den
Bemühten der Mut als plötzlich ein Ausbruch von Konvulsionen erfolgte der dem
wiederkehrenden Leben voranging und endlich die Augen der Leidenden öffnete
Doch war ihr Zustand noch höchst gefährlich und der ehrwürdige Pater Ambrosius
der Arzt der Abtei Tabor konnte den angstvollen Fragen des Herrn Albans nur die
einzige Tatsache zusichern dass sie für den Augenblick lebe
Der Schmerz des unglücklichen Gatten hatte alles Rührende einer wahrhaften
Empfindung doch behielt er zu jeder Antwort jeder Anordnung Besonnenheit und
Ruhe
Elmerice und die treue geschickte Marylone teilten alle nötigen
Dienstleistungen und nachdem 24 Stunden ohne Wiederholung des gefürchteten
Schlagflusses vorüber waren gab Pater Ambrosius Hoffnung zu ihrer
Wiederherstellung Doch war ihre Ermattung so groß dass sie nur unklar zu denken
schien und noch undeutlicher zu sprechen vermochte Doch sie lebte und alles
Übrige schien Herrn St Albans erträglich unbedeutend sogar Er hatte jedes
Geschäft außer dem Hause aufgegeben Nach einer kurzen Besprechung an jedem
Morgen mit seinen Verwaltern schien er auf der Welt nichts zu tun zu haben als
die Atemzüge den Puls seiner Gattin zu zählen ihr freie Luft und Licht zu
nehmen oder zu gewähren Kissen und Decken zu ordnen wie es ihr Erleichterung
verschaffen konnte Die Besinnung der Leidenden schien auch zuerst bei diesen
zarten Liebesbeweisen sich zu ordnen die Erschöpfung machte sie sanft und
Elmerice fand sie liebenswürdiger als sie ihr je erschienen war denn sie
lächelte ohne das Rollen ihrer sonst unruhigen Augen Jeden sanft an schien
jeden Dienst zu kennen und lohnen zu wollen und ihre einzelnen Worte
bezeichneten immer irgend ein wohlwollendes Gefühl Pater Ambrosius sprach nun
immer bestimmter die Hoffnung ihrer Genesung aus und nach einer ruhig
durchschlafenen Nacht redete sie Elmerice und ihren Mann mit klarer und ruhiger
Stimme an und ihr volles Bewusstsein und der Gebrauch ihrer Sprache versetzte
Beide in die freudigste Stimmung
Nach einigen Erörterungen über ihr Befinden kehrte auch augenblicklich ihre
alte Art und Weise zurück »Aber St Albans« sagte sie »was wird aus unserer
Wirtschaft werden Du bist den ganzen Tag hier im Zimmer gewesen und wie wird
draußen in meinem Haushalte Alles verwildert sein O mein Gott« seufzte sie
schwer »welch ein Unglück wenn eine Hausfrau erkrankt«
»Beruhige Dich meine liebe Frau« sagte Herr St Albans »meine Geschäfte
haben nicht darunter gelitten meine Verwalter und alle meine Leute haben mir
ihre Teilnahme an meinem Kummer durch vermehrten Fleiß und Tätigkeit bezeigt«
»Nun wahrlich« unterbrach ihn die Frau rasch »da bist Du glücklicher als
ich doch sieh nur erst selbst nach Du wirst wohl finden wenn Du erst suchen
wirst und nun Du ja Dein Geschäft hat freilich nicht so die tägliche
Aufsicht nötig wie das meinige mir wird es desto schlimmer ergangen sein
wenn ich nur erst wieder umher blicken kann«
»Auch dieser Kummer meine Liebe« erwiderte ihr Mann »wird Dir erspart
sein denn Miss Eton hat jeden Morgen um zwei Stunden ihren Schlaf abgekürzt
Dein Haus in Ordnung zu erhalten und Du wirst sehr überrascht sein Alles in so
vortrefflichem Zustande zu finden«
»Miss Eton« rief die Kranke »Miss Eton meine Wirtschaft geführt Nun das
muss ich sagen überrascht mich es ist aber recht viel guter Wille und ich
danke danke recht sehr liebe Miss Die Leute haben doch nicht Alles
verwahrlosen können nicht wahr liebe Miss verschlossen hieltet Ihr das Meiste
da werdet Ihr auch haben kennen lernen wie unachtsam die Leute sind wie wenig
man sich auf sie verlassen kann wenn Ihr auch in zwei Stunden täglich nicht
viel Erfahrungen machen konntet nun ich danke sehr für den guten Willen«
»Damit müsst Ihr allerdings Euch genügen lassen« erwiderte Miss Eton
lächelnd »doch auch ich muss lobend Eurer Leute gedenken die sich Mühe gaben
mich zu unterstützen und von denen ich leicht und pünktlich Alles erhielt was
ich anzuordnen für nötig fand«
»Nun nun« sprach Madame St Albans lachend »Ihr werdet es wohl gnädig
gemacht haben denn die wirtschaftlichen Anordnungen einer so jungen Dame
werden wohl leicht zu erfüllen sein das stößt noch nicht um mein Kind wenn
ich behaupte man findet bei sorgsamer Führung der Haushaltung wenig
Unterstützung bei den Domestiken und wenn ich täglich nur zwei Stunden dran
setzte wo denkst Du wohl lieber Mann dass Haus und Hof schon hin sein
würden«
»Gewiss meine Liebe« erwiderte Herr St Albans etwas schnell »widmest Du
Deiner Haushaltung mehr Zeit Du hast aber auch nicht die großmütige Pflicht
dabei übernommen mit aufopfernder Sorgfalt eine todtkranke Freundin zu pflegen
wie es Miss Eton tat und vielleicht wenn Du erst kennen lernst wie musterhaft
selbst in dieser kurzen Zeit alle Geschäfte getan wurden findest Du selbst
später dass man sich mehr Musse gönnen kann und doch nichts zu versäumen
braucht«
»Wirklich Herr St Albans« sagte die leicht aufgereizte Frau mit großer
Empfindlichkeit »nun Ihr scheint außerordentlich mit Eurer neuen
Wirtschafterin zufrieden zu sein da Ihr meint ich die lang erfahrene Frau
Eures Hauses solle in die Lehre gehen bei der jungen Miss Da werde ich wohl
ganz verzagt sein müssen mein Amt wieder anzutreten«
»Ich bitte Euch liebe teure Frau beschämt mich nicht so durch Euren
Spott« rief Elmerice ängstlich bittend sich zu ihr wendend »Nur zu wahr wird
es sein dass Alles was ich tat Euch nicht genügen kann Herr St Albans will
sich bloß gütig gegen meine gute Absicht zeigen«
Herr St Albans bedauerte gewiss sehr die heftige und eifersüchtige Frau
gereizt zu haben aber er hatte diesmal nicht die Stimmung den unangenehmen
Ausbruch durch seine dann immer eintretenden kleinen Schmeicheleien zu dämpfen
sondern er stand schnell auf und gegen Miss Eton sich verneigend sagte er ernst
und ruhig »Seid gewiss Miss Eton ich empfinde aufs Tiefste welche Stütze Ihr
in dieser Schmerzenszeit uns Allen gewesen und zweifelt nicht meine gute Frau
wird Euch auch später diese Anerkennung nicht versagen«
Etwas erschrocken über die feste Haltung ihres Mannes rief Madame St
Albans halb weinerlich »Aber um Gotteswillen Herr St Albans Sie sind ja so
heftig wie ich Sie noch nie gesehen Wie könnt Ihr denn denken ich werde
undankbar sein gegen Miss Eton wenn könnte man mir das nachsagen habt Ihr
aber wohl Recht gegen mich arme kranke Frau so heftig zu sein«
»Wenn ich das war« sagte Herr St Albans in milderem Tone »hatte ich
allerdings Unrecht doch war dies weder meine Absicht noch mein Gefühl ich
wünschte mir nur eine Gelegenheit Miss Eton die volle Anerkennung zu gewähren
die ihre große Güte und Umsicht mir einflößte Jetzt will ich einmal selbst
meinen Geschäften nachgehen von denen Du fürchtest ich habe sie
vernachlässigt« Er erhob sich umarmte stumm und freundlich seine Gattin
grüßte ehrfurchtsvoll Miss Eton und verließ mit ruhigem Anstande das Zimmer
Elmerice blieb nun in ängstlicher Spannung mit der Kranken allein Sie
wünschte die Zürnende anzureden aber sie fühlte sich völlig unsicher über den
Gegenstand den sie zur Unterredung wählen sollte Endlich fing sie von den
verschiedenen Domestiken und deren Verhalten zu sprechen an und frug wie um
Belehrung nach mehreren wirtschaftlichen Gegenständen aber alles wirkte
nicht »Ihr werdet das besser wissen als ich Miss Eton wie ich so eben
erfahren habe« sagte sie misslaunig »ich fand die Tugenden nicht an den Leuten
die Ihr rühmt aber ich sehe auch die Dinge wie sie sind mich können sie auch
nicht betrüben Lasst Eure Schmeicheleien ich bin eine einfache Frau für mich
passt das nicht da Ihr Alles besser wisst braucht Ihr mich nicht um Rat zu
fragen mir ist auch Alles ganz gleich mag Alles gehen wie es will ich
mache mir gar nichts daraus«
Dies waren ungefähr die höchst übellaunigen Reden die Elmerice zur Antwort
bekam und die ihr endlich ein ruhiges Schweigen auferlegten Doch plötzlich
rief Madame St Albans nachdem sie einzelne Worte ausgestoßen hatte »Wer hätte
denken sollen dass Herr St Albans mich so heftig behandeln könnte«
Erschrocken näherte sich Miss Eton sogleich dem Lager der Kranken und bat
sie herzlich und dringend sich doch die Äußerungen ihres Mannes nicht so zu
Herzen zu nehmen »Gewiss war sein Lob nur das Bemühen Euch über Eure häuslichen
Sorgen zu beruhigen und vielleicht« setzte sie schüchtern hinzu »glaubte er
selbst keinen Vorwurf verdient zu haben da wenn er seine Geschäfte
vernachlässigt hat dies aus Liebe und Sorgfalt zu Euch geschehen ist«
»Ja ja« sagte die heftige und verzogene Frau »so ist es Recht er
verteidigt Euch Ihr verteidigt ihn das kann nicht anders sein Ihr habt Euch
beide sehr genau kennen lernen«
Miss Eton fühlte hier etwas sich ihr aus den Worten der Madame St Albans
aufdrängen dem sie nicht mehr ihre gewöhnliche Langmut entgegenstellen konnte
»Wir haben sicher beide nicht geahnt uns über unser bisheriges Verhalten gegen
Euch verteidigen zu müssen liebe Madame St Albans« erwiderte Elmerice mit
Ernst »erlaubt dass ich Marylone in Eure Nähe rufe ich bin für den
Augenblick fürchte ich Euch lästig ich will daher einen lang verschobenen
Brief an die Gräfin dAubaine schreiben« Ohne von Madame St Albans verhindert
zu werden entfernte sich Miss Eton aber nachdem sie das gute Mädchen zu ihrer
Herrschaft gesandt hatte eilte sie das Zimmer zu verlassen da sie den
hervorbrechenden Tränen nicht mehr zu wehren vermochte Um so unangenehmer ward
sie überrascht als ihr auf dem Vorsaale den sie durchschreiten musste um in
ihr Zimmer zu gelangen Herr St Albans entgegen trat Er sah mit einem Blicke
die Stimmung des edlen Mädchen das er so hoch zu verehren gelernt hatte und
auch auf seinem Angesichte ruhte ein wehmütiger Ernst
»Ich darf Euch nicht lassen Miss Eton« sagte er der schnell grüßend
Vorübereilenden in den Weg tretend »ich muss Euch um Euren Rat bitten
versagt mir ihn nicht« setzte er tief bewegt hinzu »wenn Euch auch wie ich
fürchte Eure neuesten Erfahrungen in meinem Hause gelehrt haben wie unwürdig
wir noch Alle sind einen solchen Schatz wie Miss Eton zu beherbergen«
»Ich bitte Euch Herr St Albans« stammelte Elmerice »treibt Eure Güte
gegen mich nicht so weit dass sie uns alle verlegen macht und rechnet mir ganz
einfache Handlungen nicht als Verdienst an da sie so leicht zu vollführen
waren und durch Überschätzung auch ihren geringen Wert ganz verlieren müssen
Madame St Albans wird sich freuen Euch so schnell zurückgekehrt zu wissen
besucht sie jetzt es wird ihr wohl tun«
»Nein vergebt Miss Eton jetzt nicht Ich muss Euch jetzt allein sprechen
und ehe ich meine arme Frau wieder sehe denn ihr steht eine neue Erschütterung
bevor«
In diesem Interesse aufgefordert und selbst beunruhigt durch die Stimmung
des Herrn St Albans eilte Elmerice zu einem der eichenen Stühle im Salon sich
niederzulassen
»Ich weiß Euch Eure großmütige Nachgiebigkeit nicht genug zu danken Miss
Eton« sprach Herr St Albans bewegt Elmerices Hand an seine Lippen drückend
»aber urteilt von meiner Unruhe als ich so eben diesen Brief von dem Schloss
Ste Roche erhalte der mir die tödtliche Krankheit der Mistress Gray meiner
Schwiegermutter anzeigt Vielleicht habt Ihr von dieser unglücklichen und
menschenscheuen Frau schon Einiges gehört doch ist ihr Leben so über allen
Ausdruck von der gewöhnlichen Form aller anderen Menschen abweichend dass man
sie selbst und ihre ganze Existenz als ein Geheimnis ansehen muss Sie hat sich
das Schicksal ihrer Gebieterin zu teilen mit der sie ihre Tochter meine Frau
verlassend aus England nach Frankreich kam in das Schloss von Ste Roche
vergraben Wie das Verhältnis dieser ihrer Gebieterin war welch ein Recht
sie an den Grafen von Crecy hatte dem früher diese Besitzung gehörte bleibt
ihr Geheimnis aber nach dem Tode derselben die wenigstens lange als Herrin des
Schlosses betrachtet ward gab sich Mistress Gray dem finstersten Menschenhasse
hin und verschloss sich in dem Teile des Schlosses den sie mit jener
unglücklichen Frau bewohnt hatte um von da an keinen Menschen mehr zu sehen
als zuweilen meinen Vater den Kastellan des Schlosses der ihre kleinen
Bedürfnisse nach Außen besorgte Seit seinem Tode ist sie noch mehr
abgeschlossen Die Kinder der Nachbaren denen sie einzig und allein Eingang
gestattet sorgen jetzt für ihre Bedürfnisse aber keiner der Eltern dieser
Kleinen darf wagen ihr zu nahen Was der Graf Crecy für Gründe gehabt haben
mag meine Schwiegermutter als unanrührbar anzusehen weiß ich nicht Gewiss ist
es dass sie eine große Pension bezieht dass bei seinen Lebzeiten die strengsten
Befehle ergingen Mistress Gray in nichts zu beunruhigen genau sich ihren
Anordnungen zu fügen und dass seinen Erben dies auch noch im Testament als
unerlässliche Pflicht vorgeschrieben ist Meine Frau welche in der Familie des
Herrn Lester erzogen ward begleitete damals Eure Mutter Miss Lester nach
Frankreich Hier sah ich Miss Gray zuerst als sie ihre Mutter in Ste Roche
besuchte aber das arme Kind fand an der düstern strengen Frau keine Mutter
und hat sie nie an ihr gefunden Dessen ungeachtet ließ meine gute Frau nie ab
kindliche Pflichten gegen sie zu erfüllen so viel ihr dies erlaubt war denn
Mistress Gray verläugnete es gar nicht dass selbst die Nähe ihrer Tochter ihr
lästig sei und trostlos sie so allein und verlassen in ihrem hohen Alter zu
wissen nahm diese dem Arzte von Ste Roche das Versprechen ab bei eintretendem
Erkranken ihrer Mutter sie sogleich davon zu benachrichtigen Dieser Augenblick
ist gerade jetzt gekommen Der Arzt schreibt mir dass er erst jetzt nach
mehreren Tagen da der Zustand schon höchst bedenklich scheine ihre Krankheit
erfahren habe und treibt meine Frau zur Eile wenn sie die letzten kindlichen
Pflichten an ihr erfüllen wolle Denkt nun selbst liebe Miss Eton in welcher
bösen Lage ich bin Wie darf ich diese Nachricht meiner Frau bei ihrer
Reizbarkeit mitteilen ohne eine neue Gefahr über sie zu bringen und wie darf
ich es ihr verschweigen da sie mir wenn der Tod ihrer unglücklichen Mutter
eintreten sollte diese Schonung zum ewigen Vorwurf machen und sich in ihrer
kindlichen Liebe aufs Tiefste verwundet fühlen würde«
Miss Eton war sehr erschüttert von dieser Mitteilung und gleich dem
besorgten Gatten sehr beunruhigt um die Wirkung dieser Nachricht die zu
verschweigen eben so gefährlich war als sie mitzuteilen
Eben hatten Beide verabredet den Pater Ambrosius in Rat zu nehmen und
waren in Begriff sich zu trennen als die Türe aufging und zu Beider großer
Überraschung Madame St Albans auf den Arm Marylones gestützt und völlig
gekleidet obwohl noch schwankend und blass in den Saal trat
Das Erstaunen war gegenseitig Madame St Albans die ihren Mann im Felde
glaubte Miss Eton auf ihrem Zimmer schien am Boden gewurzelt als sie Beide in
eifriger traulicher Unterredung vor sich sah
Gewiss war das Gefühl der beiden so Überraschten nach dem was sie so eben
mit dieser argwöhnischen Frau erlebt nicht minder verwirrend da ihnen
einleuchtete dass sie die Ursache dieses Beisammenseins noch nicht im Stande
waren auszusprechen Daher war ein Augenblick der Alle zur Freude berechtigte
jetzt nur gekommen sie unsanft zu berühren
Herr St Albans empfand jedoch zu aufrichtig die Freude die in diesem
Erscheinen seiner Frau als Zeichen der Genesung lag als dass nicht bald alles
Andere in seiner Seele davor gewichen wäre »O meine Liebe« rief er ihr
entgegen eilend »wie überraschest Du mich wie glücklich fühle ich mich Dich
so begrüßen zu können«
Doch Madame St Albans wies seine Hand ziemlich unsanft zurück und indem
sie Marylone befahl das Zimmer zu verlassen ging sie sich von ihrem Manne
abwendend mit schwankenden Schritten auf Miss Eton zu »Ich beklage Miss Eton«
sagte sie bebend vor Zorn »dass meine zu frühe Genesung wie es scheint die
traulichen Zusammenkünfte mit meinem Manne nunmehr unterbrechen wird jedoch
ist es mir immer lieb dass ich Gelegenheit bekam die treue Sorgfalt kennen und
würdigen zu lernen die Ihr meinen häuslichen Angelegenheiten schenktet dass sie
sich bis auf das Herz meines Gemahls ausdehnen würde habe ich freilich der
Tochter meiner Margarit nicht zugetraut«
»Halt ein unglückliche Frau« rief hier Herr St Albans in der
schmerzlichsten Heftigkeit und schloss die zürnende Frau fast mit Gewalt in
seine Arme »O versündige Dich nicht so grausam an diesem reinen Engel denke
dass Du Dich an der Tochter Deiner Magarit versündigst«
»Versündigen versündigen« rief Madame St Albans ihren Mann
zurückstossend »mir scheint Du hättest dies bereits getan und nicht mir
wäre dieser Vorwurf zu machen Ich habe mit Dir über diese Angelegenheit
nichts zu sprechen nur Miss Eton wird sicher vorziehen zu ihrer erhabenen
Beschützerin zurück zu kehren die vielleicht in ihrer hohen Bildung
gleichgültiger gegen solche Handlungen ist als ich die schlichte ehrliche
Hausfrau die nichts als ihren einfachen Menschenverstand und etwas gesunde
Vernunft hat Auch meine Wirtschaft« fuhr sie lachend fort »hoffe ich ohne
das Vorbild der durch sie eingeführten neuen Ordnung wie bisher und allein
leiten zu können«
»Ich bitte Euch Miss Eton entfernt Euch« rief hier Herr St Albans »ich
kann Euch nicht so hart in meinem Hause beleidigen hören und kann nicht anders
als mit Mitleiden an die Beschämung meiner unglücklichen Frau denken wenn sie
erkennen wird wie grausam sie Euch eben beleidigte dass dies geschehen wird
seid gewiss und wenn Ihr dies Haus wie ich fürchte nun als ein unwürdiges
fliehen werdet wird Euch doch die größte Hochachtung von uns Allen folgen«
Miss Eton hatte sich während dieser ganzen Szene bleich und von den grausam
über sie ausgeschütteten Beleidigungen erstarrt an ihren Stuhl gelehnt sie
fühlte sich außer Stande zu antworten war wie zum Tode verwundet von den wild
rollenden Augen dieser Frau und sich als den Gegenstand ihres Zornes zu fühlen
war der größte Schrecken den sie je empfunden Sie ließ es daher geschehen als
Herr St Albans ihre zitternde Hand ergriff sie nach der Treppentüre führte
die er ihr öffnete und sie dann entließ obwohl er deutlich sah wie sie kaum
die Kraft hatte die Stufen zu ersteigen
Wir übergehen das etwas lebhafte und zwischen Verlieren und Gewinnen
schwankende Gespräch der beiden Ehegatten überzeugt dass nach den Angaben in
welchen wir bisher versucht haben den Charakter Beider zu schildern dies billig
verdeckt bleiben kann
Madame St Albans hatte bei der Rückkehr ihres Mannes sich in einen Sitz
niedergelassen in ihrem geträumten guten Rechte durch die feste und zürnende
Haltung desselben etwas erschüttert Herr St Albans aber fühlte im Verlauf der
Unterredung dass hauptsächlich die Eitelkeit seiner Frau verletzt sei durch das
etwas warme Lob das er dem wirtschaftlichen Talente der Miss Eton gezollt Wie
alle beschränkten Frauen die all ihren Verstand nötig haben um ihrem
Haushalte vorzustehen hielt sie diese Pflichten für unverträglich mit höherer
Bildung und deren Beschäftigungen und tröstete sich sehr dünkelvoll mit der
Überzeugung solche Frauen könnten ihre Pflichten nie vollständig erfüllen Sie
hatte sich längst gewöhnt mit ironischem Stolze darauf hinzublicken wobei sie
nie unterließ mit dem unbescheidensten Selbstgefühl ihre eigene Sphäre klein
und unbedeutend zu schelten indem sie sich aber Prädikate beilegte die
wirklich zu besitzen nur das Streben und das Resultat der höchsten
Vervollkommnung sein kann Sie hatte sich mit lobenswertem Eifer den Pflichten
unterzogen die die große Haushaltung ihres Mannes ihr überlieferte aber
unfähig Plan und regelmäßige Ordnung in ihre und der Domestiken Geschäfte zu
bringen hielt sie stetes Selbstarbeiten für das Geheimnis aller guten Ordnung
Ganz anders war die Erziehung die Miss Eton durch das Beispiel ihrer Mutter
erhalten hatte Sie verstand vollkommen die Geschäfte ihrer Haushaltung dem
eigentlichen Leben unterzuordnen Die strengste Ordnung war gerade nötig um
dies geräuschlose Dasein des notwendigen Betriebes möglich zu machen Sie erzog
ihre Leute zum Selbstdenken und indem sie ihnen die Form vorschrieb in die ihr
Geschäft einpassen musste gönnte sie ihnen in dieser Grenze die Willkür eigener
Bewegung Das ganze Räderwerk dieses Treibens war in eine Art Geheimnis gehüllt
niemals gewahrte man queer einlaufend unregelmässige Tätigkeit nie das Stören
oder Aufhören des häuslichen geselligen Beisammenseins Mistress Eton legte den
höchsten Wert auf die Erfüllung ihrer häuslichen Pflichten aber sie hatte
Geist und Bildung um den Gegenstand zu durchdringen sie schienen ihr immer nur
die Mittel zum Zweck nie der Zweck selbst Diesen Zweck das Wohlbehagen Aller
die ihr anvertraut waren zu bewirken erreichte Mistress Eton vollständig dies
schien ihr der Lohn den sie beabsichtigte und sie trachtete nie durch in die
Augen fallende Abmühung die Aufmerksamkeit oder den Dank ihres Mannes zu
fesseln
In diesem Sinne hatte Miss Eton die ihr hier durch die Umstände auferlegten
Pflichten geleistet Leicht fanden sich die Domestiken in die ruhigen klaren
Anordnungen die plötzlich diese von den ewig auf sie niederströmenden Worten
ihrer Hausfrau zu Maschinen gewordenen Leute zu einer Art von Freiheit erhob
die ihnen doch genauer als früher ihre Pflichten bezeichnete Worin der ewige
häusliche Embarras ihrer Wirtin lag hatte Miss Eton lange erkannt aber es war
ihr nur eine wiederholte Erfahrung dass wo die Kraft des Geistes fehlt einen
Gegenstand in seinem Wesen aufzufassen eine regellose Tätigkeit eintritt die
bei ihrer notwendigen Belästigung das Individuum zu Dünkel und Anmassung führt
die es misstrauisch und tadelnd jeder andern Weise entgegen stellt
Es lässt sich kaum sagen in welchem Grade Madame St Albans von der
Mitteilung ihres Mannes über Miss Etons wirtschaftliches Verhalten überrascht
war und mit welchem Zorne sie der Gedanke erfüllte ihr Mann könne darin irgend
einem Wesen der Erde den Vorzug geben Sie hatte nicht ohne eine gewisse
Koketterie danach getrachtet ihm die höchste Meinung von ihrer Tätigkeit
Umsicht und der großen Last zu geben welche sie trüge Ganz erschöpft von
diesen Sorgen sich darzustellen und damit ihre eigentümliche oft mürrische
und übellaunige Art zu entschuldigen war immer das Mittel womit sie ihren
unendlich sanften und zu jeder Anerkennung stets bereiten Mann an sich zu
fesseln suchte und ihn über die Lücken täuschte die der höher gebildete Mann
erkannte und doch gegen die so in Anspruch genommene Frau zu rügen ihm ein
Unrecht schien Herr St Albans wusste daher auch mit der Art die ihm dieser
reizbaren Frau gegenüber zur Gewohnheit geworden war diesen Feind in ihr durch
seine Schmeicheleien zu beschwören und als er sie nur erst ruhiger sah gelang
es ihm bald sie zur Anerkennung ihres Unrechts gegen Miss Eton zu bringen
Sei es nun dass die heftige Gemütsbewegung die letzte Schwäche der
Krankheit von Madame St Albans genommen hatte sei es dass der Augenblick
ihrer Genesung wirklich gekommen war genug im Laufe des Gesprächs fühlte ihr
Gemahl sich ganz ermutigt ihr die Lage der Dinge auf Ste Roche mitzuteilen
und damit auch sein letztes Beisammensein mit Miss Eton zu erklären
Die arme Frau fühlte sich durch diese Mitteilungen mehr in ihrem Geiste
als körperlich überwältigt aber wir dürfen zu ihrer Ehre es nicht unerwähnt
lassen dass ihr das Unrecht das sie Miss Eton getan sehr zu Herzen ging und
sie durchaus selbst zu ihr hinaufsteigen wollte ihr Abbitte zu tun
Die Stimmung der armen Elmerice war keinesweges so ruhig als wir es ihrem
unschuldigen Herzen zutrauen würden Die Beschuldigung selbst hatte sie
verwundet aber ob sie gerechtfertigt werde oder nicht es blieb gleich für sie
das Haus wo sie dies erfahren musste sie jedenfalls verlassen Aber hierin lag
eine Fülle von Sorgen für sie deren Grund uns noch entzogen bleibt denn eben
so unmöglich schien es ihr jetzt zu ihrer Wohltäterin zurückzukehren So
fühlte sie denn zuerst dass ihr eine Heimat fehle eine immer für sie bereitete
schützende Stätte wie das älterliche Haus in so jungen Jahren das einzig
wahrhaft ausreichende Asyl bleibt und eine Fülle heißer Tränen floss dem
Andenken dieser so schön so vollständig besessenen und nun für immer
entschwundenen Zuflucht »O meine Eltern« sprach sie »sähet Ihr Euer armes
Kind in solcher Lage könntet Ihr mir noch die Arme öffnen die mich so lange
schützend umschlossen« Da kam ein stiller süßer Friede in ihr Herz wie der
Segenskuss dieser ehrwürdigen Beschützer und auf ihre Kniee sinkend konnte sie
innig beten beten um die Kraft das Rechte zu tun
Leise hatte Madame St Albans die kleine Treppe erstiegen und trat jetzt
laut weinend in Elmerices Gemach »O Tochter meiner Margarit wirst Du mir
vergeben« sprach sie laut schluchzend indem sie an der Türe stehen blieb Und
Elmerice Elmerice stand auf und empfing die Reuige wie man es tut wenn man
gebetet hat und Gottes Frieden unser Herz erquickt Sie war ohne Tränen
ruhig ernst aber weich und wohltuend in jedem Laut in jeder Bewegung und
Madame St Albans fühlte unwillkürlich eine Art Ehrfurcht vor dem reinen hohen
Geiste der ihr so ohne Absicht ohne Anmassung entgegen trat
»O mein Kind wie danke ich Dir dass Du durch Deine schnelle Vergebung
diese eine große Last von meiner Seele genommen da was mich außerdem
niederbeugt schon hinreichend ist mein guter Mann hat mir den Brief aus Ste
Roche mitgeteilt«
»O mein Gott« rief Elmerice erschrocken »wie viel stürmt auf Euch ein
arme unglückliche Frau Fasst Euch doch nur und sagt mir ob ich Euch helfen
ob ich Euch dienen kann«
»Ach Elmerice« sagte Madame St Albans weinend »versprich mir nur
zuerst dass Du mich nicht verlassen willst denke wenn Du so zu Deiner Gräfin
zurückkehrtest und ihr sagtest ich hätte Dir das Haus verboten«
»Denkt daran fürs Erste nicht« erwiderte Elmerice »wir haben Wichtigeres
zu überlegen sagt mir was Ihr beschlossen habt in Bezug auf jene Nachrichten«
»Was ich beschlossen habe« rief Madame St Albans mit ihrer gewohnten
Energie »nun was Anderes mein Kind als hinzureisen zu dieser armen
verlassenen Mutter«
»Aber jetzt in diesem Zustande von Schwäche« entgegnete Elmerice »wie
werdet Ihr das aushalten welchen Gefahren setzt Ihr Euch aus«
»Das ist Alles wahr meine liebe Elmerice aber darum kann ich doch nicht
bleiben Ich habe zwar Herrn St Albans nicht abgehalten zu dem guten Pater
Ambrosius zu gehen und ihn in Rat zu nehmen aber ich habe das nur zugelassen
zu seiner Beruhigung mein Entschluss steht fest und kein Herr St Albans kein
Pater Ambrosius wird mich abhalten meine kindlichen Pflichten zu erfüllen«
»So wird Euch doch wohl Herr St Albans begleiten« fragte Elmerice
gespannt
»Herr St Albans mein Kind kann mich nicht begleiten unsere Wirtschaft
darf nicht ganz zu Grunde gehen nein nein ich würde dies niemals leiden«
»Nun so nehmt mich denn mit« rief Elmerice entschlossen »ich will für
Euch sorgen ich will Euch pflegen und so weit ich es vermag unterstützen
denn niemals kann ich zugeben dass Ihr in diesem gefährlichen Zustande ohne
andere Begleitung als die eines Mädchens reist«
Madame St Albans schwieg einen Augenblick dann breitete sie die Arme gegen
Elmerice aus und mit kurzem heftigem Schluchzen sprach sie »Komm her komm
an meine Brust Du bist weiß Gott meiner Margarit echtes Kind So war sie
auch nie nachtragend schnell versöhnt und dann zu jedem Liebesdienste bereit
Doch mitnehmen kann ich Dich leider nicht wo ich hingehe das ist ein höchst
wunderlicher Ort und für Dich kein Obdach zu finden weiß ich doch kaum ob
meine arme menschenscheue Mutter mich die eigene Tochter bei sich aufnehmen
wird eine Fremde darf ihre Schwelle nie mehr betreten«
»Gut« erwiderte Elmerice »so werde ich in Eurer Nähe ein Obdach finden
Es liegt ein Dorf bei dem Schloss es lebt ein Geistlicher dort irgend wo
vielleicht selbst in einem andern Teile des Schlosses werde ich ein
bescheidenes Unterkommen finden und dann die Beruhigung genießen mit Euch die
am meisten zu fürchtende Hinreise gemacht zu haben und in Eurer Nähe zu sein
solltet Ihr was Gott verhüte Hilfe bedürfen«
»Ach mein Kind das sind alles Opfer denen Du nicht gewachsen bist Da
könntest Du in Lagen kommen aus denen ich Dich nicht einmal erlösen könnte
wärest Du erst einmal da«
»O streitet nicht länger mit mir« erwiderte Elmerice dringend »ich bin
eben so entschlossen als Ihr selbst und weiß dass ich meinen Kräften besser
vertrauen darf als Ihr es annehmen wollt darum lasst uns jetzt an nichts
denken als wie wir so leicht und gut wie möglich diese notwendige Reise
einrichten wollen«
»Da sei Gott für dass ich Dich eben jetzt wieder beleidigen möchte und an
Deinem guten Willen zweifeln ich bin ganz davon durchdrungen und füge mich
wenn Du darauf bestehst in Deinen Beschluss«
»Nun so lasst uns nicht säumen genießt jetzt etwas der Ruhe liebe Madame
St Albans und lasst mich sorgen dass ich Alles zur Abreise vorbereite«
»Ja und zwar auf morgen früh« sagte Madame St Albans entschieden »denn
schwere schwere Ahnungen beängstigen mich ich will nicht zu spät kommen was
an mir liegt«
Elmerice führte Madame St Albans nach ihrem Schlafzimmer und als sie für
ihre Ruhe gesorgt eilte sie mit Marylone die nötigen Anstalten zu verabreden
Herr St Albans kehrte gegen Mittag mit Pater Ambrosius zurück und Beiden
blieb dem energischen Willen der Kranken gegenüber kein Mittel als in ihre
Abreise einzuwilligen dabei hob Madame St Albans mit großem Lobe das
Anerbieten der Miss Eton hervor und so sehr Herr St Albans auch vor der Größe
dieses Opfers erschrak fühlte er doch welche Wohltat es war erst von da an
fügte er sich mit einiger Ruhe in diese bedrohende Reise
Obwohl das erste Zusammentreffen mit ihm und Miss Eton nicht ohne
Verlegenheit blieb traten dennoch die zunächst liegenden so wichtigen Umstände
bald so dringend hervor um nicht jede andere Empfindung in den Hintergrund zu
stellen Es war keine kleine Arbeit Madame St Albans reisefertig zu machen
und alle ihre häuslichen Befürchtungen und Zweifel zu beseitigen Es gehörte die
immer gleiche ernste Ruhe und Geduld der Miss Eton dazu um nicht an so viel
Widerstand und Peinlichkeit den Mut zu verlieren Doch gelang es ihr endlich
das Haus bestellt und den Reisewagen gepackt zu sehen und sie zog sich auf ihr
Zimmer zurück die wenigen Stunden der Nacht bis zur Zeit der Abreise sich
selbst zu leben
Fast betäubt von den Eindrücken des Tages rang ihr Geist sich zur Klarheit
empor zu arbeiten und so weh und gebeugt sie sich fühlte musste sie diese
ängstliche traurige Reise doch als eine Wohltat erkennen da ein längerer
Aufenthalt in diesem Hause ihr jetzt fast unerträglich geschienen hätte und ihr
doch keine andere Zuflucht übrig blieb
Es gibt Augenblicke im Leben die in uns bis auf das letzte Fünkchen alle
leise gehegten Hoffnungen auslöschen indem sie uns eine Klarheit der Seele
leihen durch die wir alle Illusionen selbst vernichten und von Allem
zurückgetrieben was wir festzuhalten trachteten nichts übrig behalten als die
Sehnsucht vor der wir uns vergeblich zu flüchten suchen die immer wieder den
kaum haftenden Verband von unsern Wunden nimmt und sie bluten lässt ach nur so
viel um die Kraft der Jugend den Mut zum Leben zu entkräften nicht bis zur
süßen Todesruhe
So fühlte Elmerice sie sah ihre Lage klar und deutlich sie wendete sich
ab von jeder Hoffnung aber die Sehnsucht schwellte ihr junges Herz und sie
fühlte eine tiefe Ermüdung wenn sie an das dachte was ihr noch übrig blieb
nach dem was sie hatte aufgeben müssen
Gegen Morgen schrieb sie ihrer Wohltäterin noch einige Zeilen ihre längere
Abwesenheit durch die Krankheit der Madame St Albans entschuldigend ihre Reise
verschwieg sie dagegen fürchtend dadurch die zärtliche mütterliche Freundin zu
beunruhigen
Die Wälder von Ste Roche waren berühmt Auch glichen sie mit ihren kolossalen
Stämmen ihren gewaltigen in die Luft in einander geflochtenen Kronen den
Bildern die uns ein fremder Weltteil von den Urwäldern gegeben hat in denen
die Axt niemals erklungen und der Vegetation ihr eigenes despotisches Walten
gestattet ist Mit Ranken Moos und Schlinggewächsen jeder Art überwuchert
sehen wir das zum kräftigen Widerstand unfähige Stämmchen am Boden sich
hinschmiegen dem mächtigen Stamme weichend der sich mit dieser Unterdrückung
doppelt Platz gewann und zu säulenartiger Pracht emporstrebend das heitere
Gewölbe seiner hundertfältigen Zweige leicht gen Himmel trägt Die Sonne bahnte
sich hier nur selten den Weg nur in einzelnen glänzenden Lichtstreifen
erreichte sie den Boden der in der üppigsten Abwechselung bald das kurze
saftige Moos der Laubwälder bald die lustig durch einander geschlungene
Vegetation der mannigfachsten Ranken Blüten und Waldbeeren zeigte Der Weg
den die Reisenden passieren mussten schlang sich wie ein Geheimnis durch hin
bald ganz verschwindend bald nur in leichten Andeutungen wahrzunehmen Das
eigene majestätische Gespräch der hohen Laubkronen mit der oberen Luft die sie
erreichten ward allein unterbrochen durch das Geschwätz der kleinen lustigen
Waldbäche die zwischen hohen bemoosten Felsstücken sich ihr grünes Bettchen
ausgehölt hatten und nun sorglos wie Kinder zu den Füßen der Eltern
spielten während das niedere Gebüsch eine lockende Wiege für die junge Brut
zahlloser Vögel war die mit ihren Nestchen unter den jungen Zweigen hockten
Dazwischen gingen die schlanken Bewohner des Waldes mit ihren glänzenden
vielzweigigen Geweihen in großen Gesellschaften in ihrem weiten Palaste umher
und sahen mit stolzer Ruhe den lustigen Hasen nach wie sie in ewiger unnützer
Eile vorüber jagten und die Eichhörnchen in die Luft schreckten die mit klaren
Augen von der hohen Wohnung argwöhnisch auf die verschiedenen Gesellschaften
niederblickten
Leicht war aus dem Leben dieser Wälder das Schicksal der Besitzungen von
Ste Roche zu erkennen Sie waren von den Menschen vergessen weder zum Nutzen
noch Vergnügen mehr bestimmt ihrem inneren Bedürfnisse zur freien Entwickelung
überlassen und wahrlich ein höchst eigentümliches Bild stolzen Naturlebens
Am Abend des Reisetages sahen sich die Damen in dem Teile des Waldes der
unmittelbar an das Schloss Ste Roche grenzte Sie hatten am Mittag aus dem
Kloster Tabor einen Führer mitgenommen durch dessen Weisung es ihnen allein
gelang auf dem rechten Wege zu bleiben jetzt verkündigte er ihnen die Nähe von
Ste Roche und beide Frauen hörten diese Mitteilung mit großer Bewegung an
»Miss Eton es ist wahr« hob Madame St Albans an »dass ich mich niemals
diesem alten Wohnsitze meiner Mutter nahe ohne eine Art Herzklopfen zu fühlen
Aber gewiss ist es auch dass schwerlich ein zweiter Ort gefunden werden soll an
dem so viele und unerhörte Histörchen haften als an diesem alten Schloss Wenn
Ihr es sehen werdet so wird es Euch möglich scheinen dass hier alles
Abenteuerliche Raum fand was davon erzählt wird seht ich bin keine
leichtgläubige Törin aber ich selbst könnte denken es sei hier nicht wie
sonst in der Welt zugegangen und obwohl der neue Besitzer Alles tut den
Verfall zu hindern geschieht doch auf ausdrücklichen Befehl und nach
testamentarischer Verordnung des verstorbenen Grafen Crecy nichts um dies
wunderbare Äußere zu verändern Ach Elmerice« hob sie nach einiger Zeit an
»wie werde ich Alles dort finden eine Leiche oder eine Sterbende«
Hierauf ließ sich schwer antworten und Miss Eton frug daher ob Mistress Gray
viel gekränkelt habe
»Ach seht das ist wie man es nimmt gesund war sie nie recht wenigstens
seit ich sie kenne aber selten selten dass sie dem nachgab ehe sie nicht
niederfiel in ihr Bett getragen werden musste gab sie keiner Krankheit nach
ja auch dann hatte sie noch tausend Eigenheiten und widerstrebte immer in den
Anordnungen zu ihrer Pflege und des Nachts wo jeder Mensch schon bei gesunden
Tagen Gott danken würde dort Jemand um sich zu haben schließt sie sich ein
und Niemand darf bei ihr bleiben«
»Welche wunderbare Frau muss Eure Mutter sein« rief Elmerice unwillkürlich
»und welch Verlangen hege ich sie zu sehen«
»Ja« sagte Madame St Albans »so wunderbar wie ihr altes Schloss aber
Ihr werdet von Beiden wenig zu sehen bekommen Denkt Ihr dass ich schon je
weiter kam als in den großen Vorsaal den meine Mutter bewohnt Seht der liegt
wie ein Riegel vor den weitläufigen Gemächern die einst die Gebieterin meiner
Mutter bewohnte und seit ihr Sarg daraus weggetragen ward haben sie sich nie
wieder einem menschlichen Fußtritte geöffnet als dem meiner Mutter Aber sie
hält ihre Andacht dort sie lebt hier ein verzehrendes Leben der gramvollsten
Erinnerung sie ach Gott vergebe mir sie glaube ich schwört hier immer
aufs Neue allen Menschen Hass Seht das sind Dinge die an dem gesunden
Menschenverstande meiner Mutter verzweifeln lassen gäbe sie nicht sonst Proben
dass er ihr sehr gegenwärtig ist«
»Aber was sagt man denn so Unerhörtes von diesem Schloss« frug Elmerice
weiter denn sie konnte ihr lebhaft erregtes Interesse nicht mehr verbergen
»Ach seht Miss so lange es steht hat es wenig guten Ruf Es war zuerst
ein königliches Jagdschloss und man sagt Heinrich der Zweite habe hier eine
schöne Freundin verloren die seine Gemahlin Katarina von Medicis habe
ermorden lassen In einem Turme der damals das kleine Schloss begrenzte zeigt
man ein Zimmer das noch in schönen geschnitzten Holzwänden von dereinstiger
Pracht zeugt da soll Heinrich die schöne Eudoxia Nemours gefunden haben wie
sie ihm nur noch die blutende Wunde zeigen konnte und dann verschied Seitdem
heißt er EudoxienTurm und Alle wollen darauf sterben Eudoxia sitze noch
zuweilen in ihren weißen Gewändern auf dem kleinen Altan und sehe in den Wald
hinein wo sie sonst den König daher kommen sah Solche Geschichten haben nun
wenig Reiz für mich auch sah ich sie nie und muss sie wandern und vergebens
warten geschieht ihr Recht solche Frauenzimmer bereiten sich ihr Loos selber
aber seht freilich später sagt man man sei nie viel Anderes als Unglück
hier geschehen und geschmiedet worden Katarina von Medicis baute das
Schlösschen oder den Flügel rechts daran und die großen Wälder umher ließ hier
prächtige Jagdpartieen zu aber immer geschah ein Unglück es verschwand Jemand
oder ward offen wo ermordet und man sprach schon damals dass die böse Königin
den Ruf des Schlosses benutze die heimliche Rache die sie an Einem oder dem
Andern ausüben wolle auf den abergläubischen Spuk des Schlosses zu wälzen So
sagt man habe man sich gefragt wenn die Gäste sich auf ihren despotischen Ruf
hier versammelten wer wohl das bezeichnete Opfer sein werde ich aber sage
die Narren dass sie gingen mich hätte sie einladen können so viel sie Lust
gehabt hätte ich wäre doch nicht gekommen«
»Die damalige Zeit« erwiderte Elmerice »hat freilich manchen Zwang
auferlegt der wenigstens jetzt nicht mehr in so offener Gewalt hervortritt
obwohl noch manches sehr Harte unter Ludwig dem Vierzehnten und selbst unter
seinem Nachfolger dem jetzigen Könige möglich sein soll«
»Ach seht mein Kind das sprengen die Hofleute nur so aus damit man sie
nicht auslachen soll wenn sie immer über die Last seufzen bei Hofe erscheinen
zu müssen da sie sich doch hindrängen so viel sie können Das habe ich damals
für mein ganzes Leben lang heraus bekommen als wir ich und Deine Mutter zu
Gaste waren in dem großen Hause dAubaine bei den Eltern Deiner Gräfin Sieh
Kind da hieß es immer von dem Hofzwange aber hoftoll waren sie denn gab es
ein Fest so waren sie alle in Fieberangst ob sie auch eingeladen würden ob
auch zur rechten Zeit nicht später als sie berechnet hatten dass es ihnen
zukäme und erschien der Tag so waren sie so wichtig so gehoben und mitleidig
gegen uns arme bürgerliche Mädchen dass ich sie alle auslachte wenn sie den
Rücken wendeten denn nicht wie zum Fest zogen sie hin sondern wie zu einem
Leichenbegängnisse so ernst und beklommen Aber das war lauter Hochmut Furcht
vor Demütigungen da sie doch wie sehr sie sich auch erhoben immer wieder
Einen ausspürten der sich über sie erheben wollte und da nahmen sie denn ihre
Strafe damit hin denn jeder tolle Hochmut straft sich selbst«
»Seit wie lange gehörten diese Besitzungen denn dem Grafen von Crecy«
unterbrach Elmerice die sich erhitzende Madame St Albans
»Katarina von Medicis schenkte sie einem Grafen von Crecy der ihr manchen
erlaubten und unerlaubten Dienst geleistet haben soll aber das Unglück hatte
sich nicht mit dem neuen Besitzer verändert es ging so fort Man sagt diese
Besitzungen waren einem Landsmanne der Königin einem Marquis Spinola zugesagt
Da verlor der Herr Graf Crecy durch unordentliche Wirtschaft sein ganzes
Vermögen und bestand nun bei der Königin darauf sie solle ihm helfen aber
Geld war da oft rar genug sie hatte nichts aber den Grafen gebrauchte sie
der Spinola nutzte ihr nicht mehr da soll denn hier wieder eine Jagdpartie
veranstaltet worden sein und Spinola und Crecy die wie gereizte Tieger gegen
einander waren sollen Streit gehabt haben den die Königin anfachte In dem
Schlafzimmer Spinolas hörte man später in der Nacht Geschrei und
Waffengeklirre man hatte nach einigen Augenblicken der Ruhe den Grafen Crecy
daraus entfliehen sehen was da geschah ist nie entdeckt worden als aber die
Kammerfrauen auf ihr Geschrei zur Königin gingen lag die Leiche Spinolas mit
vielen Dolchstichen durchbohrt vor ihrem Bette Die Blutspur war zu sehen von
seinem Zimmer bis dahin wo er starb man sagt mit einem Fluche gegen die
Königin und das Geschlecht der Crecy das hier seinen Untergang finden solle
Am andern Morgen floh die Königin und der ganze Hof wie von Geistern gejagt
und nie betrat ein königlicher Fuß wieder dieses verwünschte Schloss Der Herr
Graf Crecy nahmen die Besitzungen diesem Fluche zum Trotz in Beschlag zogen
die großen Revenüen bauten den dritten Flügel wie das Übrige prachtvoll aus
und lebten hier oft in Saus und Braus Aber endlich ist doch erfüllt worden
was der arme Marquis in seiner Todesangst verheißen hat das Geschlecht der
Crecy ist hier erloschen und sein Ende ward auch durch grausame Verbrechen
herbei geführt doch das erlasst mir zu berichten das ist zu neu noch seht da
lebte ich schon in dieser Gegend das kann ich nicht erzählen ohne all die
Angst wieder zu fühlen die ich damals mit durchmachte und als ich zuerst
wieder hieher zu meiner armen Mutter musste dachte ich ich könnte es nicht mehr
überleben «
Elmerice fühlte sich ebenfalls von dem Gehörten zu sehr erschüttert um auf
weitere Nachrichten nicht gern verzichten zu mögen und bat daher ihre
Begleiterin sich die nötige Ruhe zu gönnen Dies war aber durch die Eindrücke
die ihr der nun immer bekannter werdende Weg aufnötigte nicht möglich sie
begleitete alles sich Darbietende mit Bemerkungen und forderte Elmerice zu
immerwährender Aufmerksamkeit auf Diese fand sich jedoch leicht wo die
Gegenstände so anziehend und bedeutend sich zeigten
Die Waldgegend die sie jetzt passirten war unter der Hand der Kultur zu
einem Garten gelichtet der sich von dem übrigen Teile durch die kostbarsten
mit Gräben geschützten Gitter absonderte und seine breiten Wege und die uralten
gepflanzten Alleen führten endlich die Reisenden dem Schloss Ste Roche
entgegen das Beide mit Herzklopfen zu sehen erwarteten
»O seht seht da ist es« rief plötzlich Madame St Albans mit einem
Erblassen und einem Sinken der Stimme als fiele sie in Ohnmacht und auch
Elmerice fühlte ihre Nerven durchzuckt von einem ihr unbekannten Gefühle was
zwischen Furcht und Rührung schwankte als sie plötzlich den wunderbar
großartigen Bau des Schlosses Ste Roche vor sich ausgebreitet sah Waren es die
eben vernommenen Erzählungen die sich dem Anblicke desselben zugesellten und
es so schauerlich und drohend erscheinen ließ war es die ernste imposante
Ruhe die es durch seine Lage inmitten dieser großartigen Wälder erhielt
genug Elmerice glaubte es könne nichts Ähnliches mehr auf der Welt geben und
drückte wie verzagt die Hand auf ihre Augen und als habe es ihr jetzt schon
ein tiefgehendes Leid angetan fühlte sie sich von dem Gedanken ihm näher zu
rücken wie erdrückt
»Ja ja meine Liebe da wirst Du wohl erkennen dass ich nicht ganz Unrecht
hatte Dich hier nicht herführen zu mögen« sagte Madame St Albans zu der tief
erschütterten Elmerice die über sich selbst eben so erstaunt wie über den
Gegenstand ihrer Gefühle unfähig war einen Tränenstrom zurück zu drängen und
nach diesem unfreiwilligen Ergusse erst Mut fasste wieder darauf hinzublicken
»Ich gestehe« sagte sie schüchtern »ich erhielt noch nie solchen Eindruck
Verzeiht mir ich werde mich gleich gefasst haben bereut es nicht mich hieher
geführt zu haben diese Schwäche soll Euch nicht lästig fallen«
Madame St Albans war zu sehr mit sich beschäftigt um nicht leicht ihre
Aufmerksamkeit von Elmerice abziehen zu können und diese gewann nun Zeit sich
zu ermutigen und sich näher mit dem bekannt zu machen was sie so tief
erschütterte Der Wald war nach der Vorderseite des Schlosses gelichtet
wenigstens so weit um es auf einer kleinen Erhöhung ganz den Blicken
auszusetzen doch im Hintergrunde schlossen sich die in dem jungen gelbgrünen
Lichte des Frühjahrs leuchtenden weitläufigen Wälder dicht daran an Vor dem
großen Schlosshofe dem sie jetzt in einiger Entfernung gegenüber waren ließ
Madame St Albans halten um Elmerice in der Mitte dieses Hofes unter dem
riesenhaften Dome dicht im Kranze gepflanzter Ulmen ein hohes Grabmal von
weißem Marmor zu zeigen unter dem man den ersten Besitzer der Familie Crecy
begraben hielt Das Schloss sah darauf hin wie ein drohender Geist seine
Türme Erker schwer verzierten und phantastisch von Außen ansteigenden
steinernen Treppen die hohen türartigen Fenster und wieder die
Schiessscharten ähnlichen Zuglöcher der Türme und Gallerien die endlich völlig
einfarbig gewordene nebelartig graue Färbung des ganzen Baues gaben ihm ein so
geisterartiges der Mitwelt entrücktes Ansehen dass Elmerice nicht mehr in
Erstaunen gewesen wäre wenn es vor ihren Augen in Nebel zerstoben wäre als
seine wirkliche Existenz ihr verursachte
Madame St Albans wunderte sich dagegen über den besseren Zustand des
Ganzen Seit zwei Jahren war sie nicht hier gewesen und es glich damals einer
Ruine jetzt aber war Alles in brauchbarem Stande und die Erhaltung des
Schlosses offenbar beabsichtigt wie Wege und Einfahrten aufgeräumt und
zugänglich gemacht Der Wagen umfuhr das Schloss in einem Halbkreise und Madame
St Albans zeigte Elmerice den Flügel der ihrer Mutter angehörte Mit dicken
eichenen Bohlen waren alle Fenster verwahrt kein Zeichen des Lebens ließ sich
sehen und Alles schien verödet und ausgestorben Dagegen blickte man durch
geöffnete Fenster in den sogenannten neueren Flügel und obwohl der düstere
Charakter aller dieser großen Gemächer jeden Raum als Paradezimmer eines
Leichenbegängnisses erscheinen ließ leuchtete doch die schwere Vergoldung
zwischen den düstern Tapeten überall durch und zeigte von erhaltener oder
hergestellter Pracht
Zunächst der Wohnung der Mistress Gray lag am Ende einer dichten Allee das
kleine Dorf Ste Roche und an die alte gotische Kirche lehnte sich die
freundliche Wohnung des Vikars an deren Schwelle die Reisenden ihren Wagen
verließen
Der Hausflur in den sie eintraten zeigte dem Eingange gegenüber durch
eine Hintertür auf ein schön umlaubtes Gärtchen an dessen frischen
Rasenplätzen sorgsam bepflanzte Blumenbeete unter dem Schutze hoher Kastanien
und AhornBäume ihre Entwickelung erwarteten Schon beim ersten Schritte in
diesen Flur der mit seinem hohen Kamine und seinen eichenen Holzwänden zugleich
den Salon bildete fühlte man sich von dem Geiste des Friedens angeweht und ein
Blick umher mit dem man die einfachen Beschäftigungen der Hausbewohner
übersehen konnte gab die Gewissheit hier den Anklang eines höheren geistigen
Lebens zu finden An der Tür in einem eichenen Lehnstuhle saß eine kleine
weibliche Figur hinter einem Rädchen das über das Andachtsbuch in ihren welken
Händen vergessen schien Als die Fremden eintraten erhob sie sich jedoch
sogleich und ging rascher als ihr Alter vermuten ließ den Ankommenden
entgegen
»Nun liebe Mademoiselle Veronika darf ich hoffen noch von Ihnen erkannt
zu werden« rief Madame St Albans auf sie zueilend
»Erkannt und erwartet jede Stunde« sagte Veronika sanft und freundlich
»denn dass eine so gute Tochter nicht ausbleiben würde konnten wir leicht
denken Seid demnach willkommen und zugleich getrost denn noch lebt die arme
Leidende ja es sind sogar Zeichen der Besserung eingetreten«
»So sei Gott gelobt« rief Madame St Albaus mit ihrem schnell
hervorbrechenden Schluchzen und eilte dann Miss Eton der alten Dame
vorzustellen »Miss Eton wollte mich nicht allein reisen lassen denn ich war am
Tode als Eures Bruders Brief eintraf und da müsst Ihr schon verzeihen wenn ich
Euch bitte der jungen Miss ein Obdach zu gönnen denn Ihr wisst wohl aufs Schloss
kann ich sie nicht mitnehmen wer weiß ob ich selbst Obdach dort finde«
Veronika hatte während dem ihre kleinen klugen Augen nicht von Elmerice
gewendet und schien die ganze Rede der Madame St Albans überhört zu haben
denn sie wiederholte den Namen Eton und frug nach dem schon Vernommenen »Also
aus England seid Ihr liebe Miss Nun seid willkommen« fuhr sie dann
gesammelt fort »dies kleine Haus hat immer Raum für Einen der einfache Sitte
nicht verschmäht und das Mangelhafte durch ein freundlich Gesicht vergüten lässt
Der Vikar wird bald zurück kommen von St Flêche wo er die Kranken besucht
dann läuten wir Ave Maria und bis dahin wollen wir uns hier einrichten« Sie
öffnete demnächst ein kleines Zimmerchen das ebenfalls nach dem Garten zu ging
und das sie den beiden Frauen als das ihrige anwies und zog sich sodann ohne
lästige Dienstlichkeit zurück Die klösterlichste Einfachheit war hier mit einer
gewissen geschmackvollen Zierlichkeit vereinigt und zwischen den beiden weißen
Himmelbetten stand ein kleines Betpult vor einem mit frischen Blumen
geschmückten Krucifixe
»O wie schön ist es hier« rief Elmerice sich in einen harten Holzstuhl am
Fenster niedersetzend »wie wohl ist mir hier«
Madame St Albans sah sie mit ungläubigem Lächeln an und sagte dann
kopfschüttelnd »Nun nun für Euch wird es schwerlich sein Ihr seid doch wohl
zu sehr verwöhnt«
»Nein nein« rief Elmerice aufs Neue ihrer seltsamen Wehmut unterliegend
und die niederfallenden Tränen aus dem niedrigen Fenster in das Spalier der
zartknospenden Weinreben senkend »hier ist Frieden hier ist mir wohl O wie
danke ich Euch dass Ihr mich hieher geführt habt«
Was Madame St Albans nicht verstand glaubte sie unbedenklich tadeln zu
können und so wandte sie sich achselzuckend von Elmerice ab und kramte unter
ihrem Gepäcke das Veronika indessen durch eine eben so stille nonnenhafte Magd
von dem Wagen hatte abräumen und in das Zimmer der Frauen schaffen lassen
Der tiefe Ton der Abendglocken zeigte jetzt an dass das Ave Maria begonnen
Veronika trat in das Zimmer die Frauen abzuholen und verkündigte der Vikar
wie sie ihren Bruder nannte habe sich ohne zu Hause anzusprechen sogleich
nach der Kirche begeben »Und Ihr Miss Eton« frug sie sanft »Ihr als
Engländerin gehört wohl nicht unserer Kirche an darum legt Euch keinen Zwang
auf Ihr habt das mit uns nicht nötig«
»Erlaubt dass ich Euch begleite« sagte Elmerice mit Ehrfurcht ihr näher
tretend »ich bin in dem Glauben meines Vaters erzogen der Katholik war«
»Nun dann willkommen« sagte Veronika sichtlich erfreut »so wollen wir
denn Gott gemeinschaftlich danken für Eure glückliche Reise«
Durch den anmutigen Garten der mit dem Kirchhofe zusammen hing gelangte
man nach der kleinen aber schön und reich gebauten Kapellenkirche welche im
Innern und Äußern zeigte dass Fürsten aus dem stolzen Hause Valois hier ihre
Gebete verrichtet hatten Die großen Türen standen weit geöffnet und es war
ein unbeschreiblich erquickender und friedlicher Anblick von dem Hochaltar aus
wo die Andächtigen sich knieend versammelten in die grüne Nacht des Frühlings
zu schauen der eben wie die Menschen seine letzte Andacht vor den Strahlen
der sinkenden Sonne zu feiern schien Doch vor Allem zog Elmerice der Anblick
des Geistlichen an Dieser ehrwürdige Greis mit seiner milden hellen Stirn und
den klaren blauen Augen die unter der Decke der weißen Brauen so tief leuchtend
hervorblickten welch ein Bild geistlicher Reinheit über die Erde
hinausreichenden Friedens Elmerice blickte sich ganz darin verlierend in
sein Angesicht als forsche sie darin dem erhabenen Geheimnisse nach die Welt
liebevoll im Arm zu behalten und von ihr nicht mehr gekränkt nicht mehr
verletzt zu werden Sehnsucht nach diesem Zustande Schmerz um den
unvollendeten Kampf danach ließ sie endlich die Tränen finden die uns
nicht banger sondern leichter machen
Eben so anziehend blieb dieser Greis in seinem Hause wo er bald nachher
seine Gäste bewillkommte ja Elmerice hatte das wohltuende Gefühl dass sie das
Interesse der beiden ehrwürdigen Geschwister auf sich zog und konnte nicht ohne
den innigsten Dank daran denken in diesem Augenblicke nach so viel
widerstrebenden Gefühlen die sie erlebt in diese stille klösterliche
Atmosphäre versetzt zu sein
Mit der Bevorrechtung des Alters und des Standes forschte er Elmerice über
Eltern Geburtsort Erziehung und Grund ihrer Herreise aus dabei lag aber
offenbar ein näheres Interesse als das der Neugierde diesen Fragen zum Grunde
so dass Elmerice sich in nichts verletzt fühlte
Madame St Albans hatte eingewilligt sich erst am andern Morgen ihrer Mutter zu
nahen da sie dann den alten Arzt des Schlosses der jeden Morgen beim Vikar
vorkam sprechen und durch ihn den Eintritt bei ihrer Mutter vorbereiten und
erbitten lassen konnte Elmerice sah erst jetzt mit welcher Sorge und Angst der
Gedanke an die Aufnahme dieser wunderlichen Mutter Madame St Albans erfüllte
und die Überzeugung wie viel sie gewiss in diesem unnatürlichen Verhältnisse
schon habe leiden müssen erfüllte sie mit Mitleid und mit erhöhter Achtung
gegen dies dennoch nicht einen Augenblick dadurch gehinderte Pflichtgefühl der
Tochter
Die Nachtruhe der noch immer angegriffenen und reizbaren Frau war daher auch
ganz gestört und Elmerice sah mit Sorge wie blass und leidend ihr Ansehen am
andern Morgen war Der erwartete alte Arzt erschien schon an der Türe auf
seinem bequemen Maultiere als man noch um das einfache Frühstück versammelt
war
Auf die Ankunft der Madame St Albans vorbereitet war er doch gleich den
Übrigen gar nicht über ihren Empfang sicher »Ja« sagte er »ein Paar Tage
früher wo sie kein Bewusstsein mehr hatte da hättet Ihr eintreten können und
sie pflegen so viel Ihr gewollt hättet jetzt aber da wird sie sich wie
gewöhnlich weigern denn geändert hat sie sich nicht« setzte er lachend hinzu
»halb mit Gewalt oft dass wir beide uns im Zorn überbieten setze ich das
Nötige durch und doch und doch wollt Ihr es glauben noch nie erreichte ich
es dass sie des Nachts Jemand bei sich behielt Asta das arme Ding die bei
Tage wohl einschlüpfen darf muss ebenfalls zur Nacht sie verlassen und halb
besinnungslos ja weiß Gott halb sterbend verrammelt sie noch die Türen
hinter uns So kann sie einmal des Nachts verscheiden ohne dass wer darum weiß
und wenn wir oft des Morgens lange an die Tür hämmern müssen um Einlass zu
erlangen so denke ich die Hand zum Oeffnen sei da drinnen nunmehr erstarrt
Doch ich will zu ihr liebe Frau« fuhr er fort sich zu Madame St Albans
wendend »und sehen was ich tun kann denn wahrlich Pflege hat sie nötig
und solch Ding von zwölf Jahren so gut die Asta ist das hilft doch nicht
viel«
Elmerice die sich aus Bescheidenheit bei Ankunft des Arztes entfernt hatte
trat in dem Augenblicke ein als der kleine lebhafte Mann sich entfernen wollte
Es war unverkennbar dass er bei ihrem Anblick erstaunte überrascht stehen
blieb und seine großen runden Augen mit einem so forschendfragenden Blick auf
der Eintretenden hafteten dass Elmerice davon verlegen werdend nicht wusste wo
sie die ihrigen hinwenden sollte
Veronika und ihr Bruder warfen sich Blicke des Einverständnisses zu und der
Vikar trat dem alten Arzte näher »Nicht wahr verehrter Freund auch Euch
trifft bei dem Anblicke des Fräuleins eine Erinnerung wie uns Beide«
»Weiß Gott« rief der Arzt »so viel Ähnlichkeit sah ich noch nie gewiss
wir meinen dieselbe«
»Wen denn wen denn Was meint Ihr denn« rief Madame St Albans in
ungeduldiger Neugierde »mit wem hat Miss Eton Ähnlichkeit«
»Lassen wir das« erwiderte ernst der alte Arzt »wozu die Toten wecken
Vergebt liebes junges Fräulein das unhöfliche Erstaunen eines alten Mannes
Gott hat Euch mit hoher Schönheit gesegnet und aus Euren Augen blickt etwas
was die Seele verbürgt die in Euch wohnt und so möge Euch denn Gott behüten
dass Euer Schicksal glücklicher sei als das derjenigen der Ihr gleich seht
als ob Ihr ihre Tochter wäret wenn Eure Jugend das nicht unmöglich machte«
Es lag etwas so Feierliches so ernst und tief Gerührtes in diesen Worten
und in dem Ausdrucke des Greises dass Elmerice davon erschüttert aufs Neue die
Ahnung eines ihr näher rückenden Verhängnisses empfand und blass und
melankolisch zu ihm aufblickend sagte sie bang »Ich werde meinem Schicksale
nicht entgehen es erwartet mich schon auf dem Wege den ich so eben betreten«
Der Arzt hörte sie nicht mehr sein Aufbruch ließ diese schweren Worte auch
von den Andern überhören und so war es Elmerice allein die davon ergriffen
ward als habe nicht sie sondern ein Anderer aus ihr hervor die Bestimmung
ihrer Zukunft ausgesprochen
So schneiden oft Worte tief ein die wir in seltenen Augenblicken des Lebens
aussprechen an uns selbst zum Propheten werdend und uns der Stellung entgegen
treibend die uns nah gerückt ist wenn auch noch verhüllt Das wohltätige
Geheimnis worin die Zukunft verschleiert liegt scheint dann von der ihr
entgegen greifenden geistigen Kraft in uns für Momente aufgedeckt zu werden Wir
fühlen mit untrüglicher Wahrheit Menschen Verhältnisse Orte die noch
beziehungslos zu uns erscheinen als einschreitend in die wichtigsten
Verhältnisse unseres Lebens und deckt der nächste Augenblick auch oft so helles
Erkennen wieder zu wir wissen doch in dem schwellenden Herzen es sei ein neuer
Lebensabschnitt gekommen und ahnungsvolles Erwarten erfüllt unsere Seele So
sehen wir Elmerice Still nach ihrem kleinen Zimmer zurückgekehrt finden wir
sie in tiefem Nachdenken noch lange an dem freundlich umgrünten Fenster ruhen
das sie mit seinen im leichten Spiele der Luft nickenden Ranken festzuhalten
und ihr mit dem ruhigen Hintergrunde des kleinen zellenartigen Zimmers Frieden
und unschuldige Ruhe zu sichern scheint
Ziemlich unsanft unterbrach Madame St Albans dies sanfter werdende
Nachdenken indem sie heftig eintrat und sogleich auf Elmerice unruhig
blickend ausrief »Was das nur für eine Ähnlichkeit ist von der sie Alle
fabeln ich wüsste nicht mit wem und warum sie so geheimnisvoll tun da die
Person tot sein muss Aber diese alten Leute die haben immer so was gehabt
immer nur halbe Worte und die noch in Frage gestellt und dann noch besorgt es
werde verraten werden was kein Mensch aus solchen Reden erraten könnte ja
wahrlich alte Jungfern alte Junggesellen bleiben immer dieselben sie müssen
immer wichtig tun und sich ein Ansehen geben wohinter nichts ist«
Elmerice war verlegen ihr zu antworten sie sah wohl dass die Erzürnte mit
ihren Nachforschungen abgewiesen worden war und wusste sie doch nicht zu
beruhigen »Ihr kennt das ehrwürdige Geschwisterpaar wohl lange schon« hob sie
daher schüchtern an
»Ja ja lange genug seit ich hier überhaupt bekannt bin kenne ich sie
auch« erwiderte Madame St Albans sich niedersetzend aber noch immer in
höchst missmutigem Tone »Es sind brave gute Leute das leugne ich nicht
sehr gute Leute wohltätig und fromm wie es ihr Stand nur wünschen lässt und
traurig genug dass meine arme Mutter auch sie nicht zu sehen begehrt da hätte
sie doch einen menschlichen Umgang aber so seht das tut keinem Menschen
gut so für sich zu sein ich habe das auch über Eure Gräfin gesagt die wird
auch mit der Zeit menschenfeindlich werden«
»Dazu ist vorerst bei ihr noch wenig Anlage« erwiderte Elmerice »sie
sucht das Geräusch der Welt nicht aber sie ist Jedem zugänglich geblieben dem
Unglücklichen wie dem Glücklichen«
Missmutig schwieg Madame St Albans als plötzlich ein allerliebster
Kinderkopf in das niedrige Fenster hineinsah und mit leiser Stimme frug ob hier
die fremden Damen wohnten
»Bist Du Asta« rief Madame St Albans »und kommst Du vom Schloss«
»Ja Madame« sagte das schöne zwölfjährige Kind »Ihr sollt Euch eilen
mir zu folgen Mistress Gray ist sehr krank«
»Ach großer Gott« schrie Madame St Albans totenbleich »so stirbt sie
doch wohl«
»Seid doch nur ruhig« rief Asta »sie wird ja nicht gleich sterben so
habe ich sie schon oft gesehen«
Doch Madame St Albans war so erschüttert von der Nachricht dass sie beim
Aufstehen zu schwanken begann und Elmerice sie in ihren Armen unterstützen
musste
»Ich werde Euch führen« sagte Elmerice nach ihrem Hute greifend »und so
weit mitgehen als mir vergönnt sein wird«
Schweigend genehmigte Madame St Albans dieses Anerbieten und beide gingen
von Asta geführt und von den Segenswünschen der guten Geschwister begleitet den
schweren Weg
Von den großen Alleen welche zu den verschiedenen Eingängen des Schlosses
führten leitete Asta ihre Begleiterinnen seitwärts in ein kleines wildes
Gehölz womit eine eben so grade und regelmäßig gepflanzte Allee verwachsen war
Der Fußsteig war hier schmal und uneben kaum für zwei Personen gangbar und
erlaubte nur einige Schritte weit um sich zu sehen So standen sie plötzlich
an einer verfallenen Treppe Asta winkte Elmerice geheimnisvoll zu und Madame
St Albans die den Ort erkannte machte seufzend ihren Arm von ihrer jungen
Führerin los »Geht nun mit Gott zurück und betet für mich Elmerice mein
liebes Kind Wann ich Euch wiedersehe weiß ich freilich nicht Nachricht werdet
Ihr wohl von mir hören« Tief gerührt nahm Elmerice nun Abschied und beschwor
sie ihr jede Möglichkeit anzugeben wodurch sie ihr dienen und zur Pflege ihrer
Gesundheit beitragen könne
Aber kaum wusste Elmerice ob die arme Frau ihre Rede verstanden habe denn
bleich und in trübes tiefes Nachdenken versenkt wandte sie sich ab und stieg
an Astas Hand die Stufen hinan die in eine Art Toreingang führten und jetzt
Beide den Blicken der besorgt Nachschauenden entzog
Längst waren sie verschwunden kein Geräusch keine Bewegung ließ die Ahnung
aufkommen dass hier menschliche Wesen existirten aber Elmerice blieb wie
gefesselt auf der Stelle stehen als müsse sie ihnen nach als könne sie nicht
zurückbleiben Das Gefühl das sie seit gestern empfand trat hier noch
mächtiger hervor Wie zu einer notwendigen Leistung trieb es sie dem
geisterhaften Schloss zu und mit nie gekanntem Entsetzen mit dem tiefsten
bangsten Schmerz schien es sie wieder zu verjagen Sie blickte nach einem
Ausweg der sie in anderer Richtung führen könnte sie wollte sich selbst
überlassen einen Eindruck der so mit seiner Unklarheit sie quälte verstärken
oder mildern durch einen ungestörten Anblick des Schlosses Sie arbeitete sich
durch das Gestrüpp bis zu den Stämmen der Bäume und befand sich bald auf einem
freieren Standpunkte von wo sie eine neue Ansicht des Schlosses gewann von dem
sie jetzt durch einen niedrigen Wall und ein dahinter laufendes Wasser getrennt
war Auf einer festungsartigen Übermauerung zeigte sich hier die älteste Seite
des Schlosses die fast nur aus aneinandergereihten Türmen in den
verschiedensten Höhen und Dimensionen mit sehr beschränkten Verbindungsmauern
versehen bestand Der graue Schieferstein des Unterbaues die spitzen
niederhängenden Turmdächer mit gleicher Schieferdeckung die schwärzlich
überzogenen Mauern und Wände der erhaltenen oder schon eingesunkenen Räume gaben
auch von hier aus nur eine Bestätigung des empfangenen Eindrucks den sie sich
nicht anders klar zu machen wusste als indem sie sich eingestand nicht einem
Bauwerke gleiche dies wunderbare Schloss sondern aneinander gedrängten Geistern
die in den abweichendsten Verkappungen sich verbunden hielten hier ihre
Herrschaft zu behaupten »Ihr widersprecht durch Euer Ansehen nicht den
grauenvollen Berichten die an Euren Namen haften und die Phantasie der Menschen
mit Schauer erfüllen« seufzte Elmerice »und wer weiß was die Zukunft noch
für mich in Euren Mauern birgt« Sie versuchte der Richtung die der Wall und
das schmale Wasser gaben zu folgen und es gelang ihr so einen Teil des
Schlosses zu umkreisen das an der erwähnten Seite nur die Spitze vielleicht
das kleine Jagdschloss welches zuerst hier erbaut ward zeigte und sich beim
Weitergehen vor Elmerice in seiner späteren bedeutenderen Ausdehnung entwickelte
aber dieser spätere Teil der schon unter Heinrich dem Zweiten entstand war
doch in seiner Architektur wenn auch fürstliche Pracht beabsichtigend düster
und überladen und der jetzt durch die Zeit entstandene Verfall desselben nicht
minder schwermütig und unheimlich Vor Allem aber bewegte sie der Anblick des
düsteren Eingangtores in drei Terrassen welche durch Gräben von einander
getrennt waren worüber Brücken führten stieg das Terrain bis zu dem größeren
Hofe empor der mit eisernen Gittern verschlossen war Um diesen Hof schienen
die Hauptzimmer des Schlosses zu liegen aber wie düster musste ihr Inneres sein
da hier das Grabmal des ersten Besitzers aus dem Hause Crecy von hohen
Ulmenbäumen umgeben stand welche ihrem eigenen Triebe überlassen ihre weiten
Zweige beschattend über den ganzen Raum verbreiteten
Elmerice hatte wie eine Träumende die Terrassen erstiegen und stand gegen
die Stäbe des Gitters gelehnt und schaute in den Hof und fühlte nicht dass ihre
Kniee bebten ihr Mund den kurzen gepressten Atem nur noch hervorseufzte Sie
starrte hinein als müsse sie jetzt sehen oder erfahren was ihr Aufschluss gäbe
über das was ihre Brust in gleichem Maße hier anzog und zurückstiess Aber es
ward ihr kein Aufschluss Todtenstille herrschte in dem schauerlichen Raume und
alle Zeichen der Verödung drängten sich ihr auf Das Grabmal selbst schien
eingesunken und seine äußeren Trophäen durcheinander gefallen zwischen dem
weißen und schwarzen Marmorpflaster des Hofes drängte sich der Rasen die
Freitreppen die an den Zimmern emporstiegen waren von der überall sich
anbauenden Vegetation der Moose und Schlinggewächse überzogen oder lagen mit
zerbrochenen Stufen und Geländern halb verfallen auf dem Pflaster und der
vorrückende Abend sowohl wie der Schatten der Bäume verhinderte den Blick in
die Gemächer zu denen sie führten und die wie weite Grabgewölbe dahinter
lagen Längst war Schloss und Riegel an dem Tore verwittert sie sah dass es nur
von ihr abhing in den Hof zu treten aber die Scheu die sich ihrer bemächtigt
hielt war stärker als der Trieb der Neugierde oder romantischer Sehnsucht der
sie so weit geführt hatte
Langsam mit gepresstem Herzen wandte sie sich ab und verfolgte den Fahrweg
unten am Schloss der sie der Wohnung des Vikars entgegenführte
Aber hier wo kein Schrecken Raum oder Nahrung fand verließ sie die
krampfhafte Anspannung unter der sie sich aufrecht erhalten hatte und sie
konnte den zärtlich besorgten Fragen der gütigen Geschwister nur durch Tränen
antworten
In großer Unruhe hatten die ehrwürdigen Alten ihr langes Ausbleiben bemerkt
da der Arzt bei seiner Rückkehr versicherte die junge Dame nirgends gesehen zu
haben So klar und ruhig sie auch in ihrer Weise dem Leben gegenüberstanden so
ganz konnte wenigstens Veronika nicht siegen um nicht an die schrecklichen
Gerüchte über das Schloss von Ste Roche eine allgemeine Befürchtung ein
unerklärtes Grauen zu knüpfen das seine Nahrung fand in Tatsachen welche in
ihre Zeit fielen
Elmerice ward nicht mit unbescheidenen Fragen belästigt aber man nötigte
die ganz Erschöpfte etwas Nahrung zu sich zu nehmen und Veronika führte sie
dann nach ihrem Zimmer und ruhte nicht eher bis sie sich entkleidet und in
erquickender Ruhe hinter den weißen Vorhängen ihres kleinen Bettes niedergelegt
hatte Veronika nahm an dem offenen Fenster mit ihrem Andachtsbuche Platz und
Elmerice die durch die Vorhänge die balsamische Frühlingsluft fühlte wie sie
über die Blumen und Blüten des Gartens ziehend in diese stille Zelle eindrang
genoss den ganzen Zauber der Ruhe und lenkte ihre Gedanken nur noch auf das
liebliche Gesumme der Bienen und den leise verhallenden Abendgesang der kleinen
gefiederten Welt Bald lag das Erlebte so fremd der friedlichen Gegenwart wie
ein böser Traum hinter ihr und als Ave Maria geläutet ward fand sie sich
vollkommen gerüstet die gute Veronika nach der Kirche zu begleiten
In der erquickenden Abendluft zwischen den ruhig klaren Gestalten dieser
kindlichen Menschen nahm sie später das einfache Abendbrot ein und teilte
ihnen dann den seltsamen Eindruck mit von dem sie sich belastet fühlte in
ihrer längeren Erfahrung Auskunft suchend für dies rätselhafte Gefühl
Vielleicht erwartete sie Beide würden ihr Vertrauen mit der Missbilligung
aufnehmen die alte Leute geneigt sind den ungewöhnlichen Gefühlen der Jugend
entgegen zu setzen und Elmerice die sich sehnte von dem Eindrucke den sie
erfahren hatte erlöst zu werden hoffte vielleicht auf eine Auskunft in der
Erwiderung ihrer ehrwürdigen Wirte aber sie irrte sich Schweigend nur mit
einzelnen teilnehmenden Äußerungen hörten Veronika und der Vikar bis zu Ende
und dann bemächtigte sich die Erstere ihrer Hand und ihre Augen standen voll
Tränen indessen der Vikar in seiner natürlichen Weise sie sanft zu trösten
suchte
»Ich muss es herzlich beklagen dass Ihr so bald von dem Schrecken erreicht
wurdet« fuhr er liebreich fort »den das alte Schloss fast in der ganzen
Gegend verbreitet obwohl ich Euch tadeln muss so ohne Veranlassung Euch dahin
begeben zu haben weil wohl manches Bedenken dabei sein möchte da Alles ohne
Aufsicht steht und leicht zur Wohnung von Menschen dienen kann denen der Verruf
des Ortes willkommen wäre Viel Trauriges und wahrhaft Entsetzliches ist in
diesen Mauern geschehen und die Zimmer denen Ihr am Gitter gegenüber standet
und die Ihr wahrscheinlich von den Bäumen gedeckt nicht sehen konntet sind
bezeichnet durch den schrecklichen Tod des letzten Grafen von Crecy der hier
sein Leben verlor obwohl darüber ein Geheimnis ruht das nie ganz aufgedeckt
ward da der Prozess nachdem er über das Lebensglück vieler Menschen
entschieden unterdrückt und der verfolgte Täter den Gerichten entzogen ward
Seitdem der unglückliche Prozess hier die Richter zur Anschauung des Ortes wo
die Tat geschah notgedrungen zusammen führte ist das Schloss geflohen worden
als ob Jeder dort sein Leben wage und wenige Arbeiter sind zu bewegen die von
dem neuen Verwalter nötig befundenen Ausbesserungen oder Reinigungen
vorzunehmen«
»Also wirklich« rief Elmerice mit unbeschreiblicher Bewegung und
totenbleich »wirklich hier starb der letzte Graf von Crecy und so ging der
Todesruf des armer Marquis Spinola in Erfüllung«
»Ich merke« lächelte der Greis »Ihr seid schon gut bekannt mit unsern
schlimmen Sagen und kann nun begreifen wie Ihr so schnell trachtetet Euch
selbst zu unterrichten nur erstaune ich so viel Mut und Furchtlosigkeit in
Euch zu entdecken«
»Vielleicht nicht mehr ehrwürdiger Herr als ich selbst« sprach Elmerice
mit errötenden Wangen »aber ich möchte dies ein Zauberschloss nennen wenn ich
des Eindrucks gedenke den es auf mich gemacht hat Ich fühle das tiefste
Grauen davor zugleich einen Schmerz eine Wehmut wie um einen unglücklichen
Menschen ich möchte es nie gesehen haben und werde davon angezogen wie von
magnetischer Gewalt«
»O o mein armes Kind« rief hier fast erschrocken Veronika »lasst uns
beten Eure Seele ist wohl nicht ganz bei Gott verzeiht« setzte sie zärtlich
hinzu hinter Elmerice tretend und sie mütterlich besorgt anblickend »wenn so
eine irdische Qual uns ganz einnehmen will dürfen wir immer fürchten dass wir
Gott nicht ernstlich genug suchten und müssen uns durch treues Gebet und den
Beistand betender Freunde bestreben so harte Versuchung abzuwenden«
»Ach ja« rief Elmerice sanft erweicht und drückte Veronikas zitternde
welke Hand an ihre Lippen »es ist viel eigener Wille in mir und eine
verlockende Sehnsucht nach dem Glücke dieser Erde zu lebhaft fühle ich mich
ergriffen von Schmerz und Kümmerniss um immer recht fromm sein zu können die
rechte Demut fehlt mir«
»Nun nun« sagte mild und begütigend Veronika »warum solltet Ihr in so
zarter Jungend auch schon dahin gekommen sein wonach wir bis in unser höchstes
Alter streben aufrichtige Erkenntnis dessen was uns gebricht vor Gott lässt
nicht zu dass wir abwärts wandeln in leidiger Selbstzufriedenheit«
»Das Maß« sagte der Vikar »ist in allen geistigen Dingen die wahre
Demnt Weder Über noch Unterschätzung unseres Wertes Freude haben an dem
Fortschreiten des Guten in uns und es erkennen wollen an dem Zusammenhange mit
Gott das arbeitet dem Bösen besser entgegen als eine Zerknirschung über unsere
Fehler die uns bange und verwirrt macht und den Frieden der Seele stört ohne
den wir nie gottgefällig sein können Wahre Demut gutes Kind erträgt eben die
Erkenntnis der mangelhaften Natur in sich ohne in Unruhe und verderbliche
Ungeduld zu geraten sie glaubt eben auf eine Seligkeit fehlerfreier Existenz
gar nicht Anspruch machen zu können und trägt die kranke Seele und hofft voll
Vertrauen auf den Arzt der sie langsam ausheilen hilft Unsere Schwachheiten zu
vergrößern dass wir uns davor entsetzen ist auch eine gefährliche Richtung der
Seele weil sie uns das Gefühl von Unwürdigkeit gibt was uns von Gott
entfernt indem wir in solcher Stimmung nicht zu ihm aufzusehen wagen und das
ist dann der gewisseste Rückschritt«
»Ach« rief Elmerice »welche große Wahrheit geht so gelinde aus Eurem
Munde O verschmäht es nicht mir Eure Weisheit mitzuteilen da Gott mich zu
Euch geführt hat Ich will es nicht leugnen mein Herz schlägt mutlos und
bang und ich bin zweifelhaft ob mich meine eigenen Fehler quälen oder die
Ahnung eines nahen größeren Unglücks«
»Ich sah Euch bald diese Stimmung an« erwiderte freundlich ernst der
Vikar »und wusste nicht ob überstandene Leiden oder irgend ein fortnagendes
Gefühl Euch diesen Stempel mutloser Traurigkeit aufgedrückt hatten Es wirkt
wohl denke ich Beides in Euch« fuhr er fort da Elmerice ihren Kopf senkte
und einzelne Tränen in ihren Schoss fielen »und aus diesen gesteigerten
Empfindungen entsteht eine willige und harte Selbstanklage wie Ihr sie eben
gegen Veronika aussprachet Nicht Vorwürfe will ich Euch machen denn meine
lange Erfahrung hat mich gelehrt dass die welche geistige Hilfe geben sollen
sich sehr bedenken müssen ein Gemüt zu zerknirschen Der Tadel den wir zu dem
vorhandenen aufgeregten Zustande hinzufügen kann das Entgegengesetzte bewirken
Ist das Gemüt sanft und zart wird es in ihm die Furcht erregen dass es sich
nie wieder mit Gott versöhnen könne und nicht oft genug kann ich wiederholten
dies für die gefährlichste Furcht zu halten da sie in Wahrheit gottlos wird
Ist aber das Gemüt stolz und hart wird es wieder unsere Pflicht sein ihm
seine Fehler leicht zu machen das heißt sie ihm zu erklären ihr Entstehen
betrachtend mit ihm durchgehen dasselbe nicht mit dem scharfen Worte wovor die
ungewohnte Seele erschrecken würde auf Gott zu verweisen aber es zu leiten
dass es ihn selbst endlich entdecke dass er aus ihm hervorträte selbst geboren
durch den freieren Zustand der Seele Blinder Eifer verfehlt immer das Ziel
und wehe wehe wenn wir erst dem eitlen Verstande gelehrt haben durch Streit
und Widerstreit den schwachen Punkt des kranken Innern zu verteidigen Lange
bleibt ein so durch unsere Schuld gereiztes Wesen wohlgefällig verschanzt hinter
diesem dürftigen Bollwerke seiner Eitelkeit und glaubt der Feind von dem es
sich immer tiefer verwundet fühlt komme von ganz anderer Seite her Bitter und
krankhaft kleinlich und schwach hängen sich solche Geister oft an die äußere
Gestaltung des Lebens und sie verlieren zuletzt ganz die Krast der Seele die
nötig wäre ihr schwächliches Treiben zu durchschauen und das Unzureichende
ihrer Schlüsse zu erkennen In dieser Überzeugung beruht auch meine Ansicht
über die unglückliche Mistress Gray die durch ihre ganze Lebensweise so viel
Furcht und Schrecken erregt Dass sie Herbes erlitten ohne den Zusammenhang
mit Gott finden zu können da ihre Seele schwach und hochmütig zugleich war
ist mir der ich zu lange hier bin um nicht Manches von ihrem Schicksale zu
wissen sehr klar geworden dass sie eigentlich böse sei wie mindestens ihr
zuerkannt wird widerlegt ihr Vertrauen zu Kindern die Liebe derselben zu ihr
und dass ich die die sie auswählte und um sich behielt zu den besten Kindern
Mädchen und Frauen meines Kirchspiels rechnen muss obwohl es mir schwer werden
würde dies anders zu erklären als dass sie früher ernst wurden ihr Nachdenken
geschärft und erweckt ward und sich bei ihnen eine Abneigung gegen alle
Rohheiten vorwaltend zeigte Dir meine Tochter rate ich übrigens das Schloss
zu vermeiden und hier in unserer stillen Klause in der Gesellschaft meiner
frommen Schwester Veronika Deinen Geist und Dein Herz zu beruhigen«
Voll Dank und Ehrfurcht trennte sich Elmerice von den würdigen Geschwistern
die sie freundlich segnend zur Nachtruhe entliessen
Elmerice hielt Wort und bekämpfte ihr unruhiges Treiben sich der Stille
hingebend die sie aus dieser einfach ruhigen Häuslichkeit anwehte Geräuschlos
und ohne alle anscheinende Betriebsamkeit ging hier Alles einen so wohl
überlegten regelmäßigen Gang dass die Wirtschaft vergessen war durch ihre
stille Ordnung und ein viel höherer Endzweck des Beisammenseins unbefangen von
selbst hervortrat Der Vikar war viel außer dem Hause beschäftigt da er
tätig und sorgsam wie ein Vater für alle seine Anbefohlenen sorgte aber man
sah ihm an er kehrte gern dahin zurück und hatte stets für die fromme Veronika
alle Aufmerksamkeit einer auf hohe Achtung begründeten Liebe
Sie sah dagegen zu ihm auf wie ein Kind zu seinem Vater ihre Liebe und
Verehrung zu ihm war der Inbegriff ihrer ganzen Empfindung und obwohl sie fest
und ruhig ihren Standpunkt übersah hatte doch ihre ganze Betriebsamkeit ihn
sein Wohl seine Ansichten seinen Willen zum Endzweck Dieser wohltuenden
Häuslichkeit wusste Elmerice leicht ihre Beschäftigungen anzupassen die außer
ihren Handarbeiten in der Führung eines regelmäßigen Tagebuches für ihre
englischen Freunde bestand Zwar waren diese Blätter an Maria Duncan gerichtet
aber Veranlassung dazu war der alte sie zärtlich liebende Lord
DuncanLeitmorin dem sie hatte angeloben müssen hierin die Wahrheit nieder zu
legen damit er stets zu ihrem Schutz und ihrer Hilfe herbei eilen könnte im
Fall sich dies nötig zeigen sollte
Von Madame St Albans bekam sie nur Nachrichten durch Asta oder den alten
Arzt die aber kurz und einsilbig Mistress Gray als sterbend Madame St Albans
als kränkelnd darstellten Elmerice hatte ihre ganze Überzeugung nötig weder
einschreiten zu können noch zu dürfen um die Unruhe zu beherrschen die sie
bei dem Gedanken bewegte die arme kränkelnde Frau ohne Unterstützung als
Pflegerin einer Todtkranken zu wissen Oft machte sie mit Veronika Pläne wie
sie ihr nützlich werden könnte ohne die wunderliche Alte zu beunruhigen aber
trugen sie solch einen Plan dem alten Arzte vor wies er jeden ohne Weiteres
zurück immer mit denselben Worten »Das geht nicht«
Nach acht Tagen liefen Briefe von Herrn St Albans ein und Elmerice empfing
eine Einlage von der Gräfin dAubaine Mit mütterlicher Liebe bedauerte sie die
lange Trennung und deren Veranlassung und fügte dann hinzu »Der Aufenthalt
meiner lieben Gäste wird indessen durch ein unerwartetes Ereignis verlängert
Meine liebe Lücile ging mit ihrem Gemahl erst nach einem andern Teile der neuen
Besitzungen und der junge Graf Leonce der sie zu mir begleiten wollte schlug
es aus ihnen dorthin zu folgen Ardoise und die Nähe einer Garnison in
Rocheville wobei er Freunde zählt vorziehend Als meine Nichte hier ankömmt
hört sie voll Erstaunen dass ich Leonce noch nicht gesehen habe Wir schicken
nach Rocheville und dort weiß ebenfalls Niemand etwas von ihm Höchst besorgt
erwarten wir dAnville welcher Lücile vorangeschickt hatte Dieser ist sogleich
entschlossen Nachforschungen in weiterer Ausdehnung anzustellen als ihn am
Abend desselben Tages noch der Diener des Grafen Leonce zu sprechen verlangt
Gleich darauf bittet mich dAnville um meinen bequemsten Wagen und entdeckt mir
dass Leonce schon seit einigen Wochen an einem höchst gefährlichen Armbruche in
dem Waldhause von Ardoise darnieder liege«
Veronika hörte in dem Zimmer ihrer jungen Freundin einen lauten Schrei so
schnell sie vermochte eilte sie es zu erreichen und sah hier zu ihrer
schmerzlichen Überraschung Elmerice von ihrem Fenstersitze herabgesunken
ohnmächtig am Boden liegen Der offene Brief in ihrer Hand ließ auf eine
empfangene Gemütsbewegung schließen und die ehrwürdige Veronika bemühte sich
daher ihren jungen Gast zu beleben ohne ihren Zustand der weiteren
Aufmerksamkeit preis zu geben Auch bestätigte das erste Bewusstsein was bei der
Erschütterten eintrat diese Voraussetzung denn unter bangem Ringen der Hände
brach sie in einen endlosen Tränenstrom aus »Fasse Dich mein armes Kind«
sprach Veronika sanft als sie dem trostlosen Blicke der Leidenden begegnete
»ich brauche Deinen Kummer nicht zu kennen für allen der vorhanden passt das
Eine dass wir Gott vertrauen müssen und unsere Seele still erhalten sollen vor
allem zu heftigen Anteil an irdischer Not«
»Ich will mich fassen« sagte Elmerice »ich fühle was Ihr sagen wollt
Ach teure ehrwürdige Frau wie wenig war ich auf so tiefes Weh vorbereitet
als mir jetzt geworden ist o vergebt dem schwachen Mädchen«
»Mein süßes Kind« rief Veronika zärtlich »wie kannst Du mich so
beschämen was hätte ich Dir zu vergeben Du Arme die Du so schwere Leiden
dulden musst wie ich vielleicht sie niemals kannte und bist doch sanft und
nachgiebig gegen meinen unvollkommenen Zuspruch Jetzt gehe ich aber lieber
Dir ist wohl besser mit Dir allein nur falle mir nicht wieder sondern ruhe
Dich lieber auf Deinem Lager aus«
Wie oftmals noch die Augen getrocknet wurden ehe Elmerice die Schriftzüge
ihrer ehrwürdigen Freundin wieder zu erkennen vermochte wollen wir nicht
belauschen endlich las sie weiter »Noch an demselben Abend brachte dAnville
den teuren Kranken hieher und er gibt uns bei der sorgfältigsten Pflege jetzt
die Hoffnung der Genesung Du würdest diesem ausgezeichneten jungen Manne Dein
Interesse nicht versagen« fuhr der Brief fort »und obwohl ich mit Bedauern
sehe wie seine sonst glänzende Heiterkeit ganz von ihm gewichen ist bleibt ihm
doch eine Tiefe des Geistes und eine Fülle des Gemüts wie ich sie selten
vereinigt sah Seinen Unfall kleidet er stets scherzhaft ein er behauptet er
habe mich wie ein irrender Ritter mit der Flinte im Arm überfallen wollen sei
in die Felsen des Ardoiser Waldes geraten und von den Geistern gelockt sei er
in einen Abgrund gestürzt wobei er sich den Arm gebrochen habe DAnville
schüttelt jedes Mal den Kopf bei dieser Erzählung und wir Frauen haben daher
aufgegeben den Scherz zu verfolgen den anfänglich Lücile mit ihrer
unerschöpflichen guten Laune in allen Nüancen ausspann Vielleicht erleben wir
einen günstigen Einfluss durch ein schönes junges Mädchen meine Nichte die
Tochter meines Bruders welche Lücile bei ihrem Besuche den Eltern abgeschwätzt
hat um mir eine Freude zu machen und auf ihrer weiteren Reise sie mit sich zu
führen vielleicht Leonce eine Aussicht des Lebens zu eröffnen die allerdings
wohl die mildeste Kurart für ihn werden möchte«
Da versiegten die Tränen welche Elmerice so zahllos vergossen sie war
plötzlich still sie dachte ruhig
Sehr überrascht waren die Bewohner des Pfarrhauses zu Ste Roche als der
alte Arzt am Abend noch ein Mal an der Türe still hielt und Asta zeigte die
weinend hinter ihm auf dem alten Maultiere saß »Es steht nicht gut« sagte
er trübe ohne abzusteigen »Asta hat mich gerufen Beide sollen sich
verschlimmert haben«
»Mein Gott« rief Elmerice erschrocken »und ohne Pflege Ich bitte Euch«
fuhr sie fort sich dringend gegen den Arzt wendend »nehmt mich mit lasst mich
zu der armen Madame St Albans sie kann nicht ohne Unterstützung bleiben«
Der alte Mann lehnte dies Mal nicht so entschieden wie früher diese Bitten
ab er heftete nachdenkend seine Augen auf Elmerice und schien besorgt alle
Umstände zu prüfen »Es ist ein böses Ding damit« hob er dann an »ich sehe
wohl ein dass Ihr Recht habt dass Hilfe nötig ist aber wie Ihr es anstellen
wollt sie zu leisten das sehe ich nicht ein doch ich will hin« unterbrach
er sich »und ist die Not groß so komme ich und hole Euch« Damit trabte er
sogleich auf seinem ruhigen Passgänger den Baumgang entlang
Veronika schmiegte sich mit dem wehmütigsten Gesichte an ihren jungen Gast
und teilte ihr zögernd und fast beschämt ihre Furcht mit für das was ihr
vielleicht bevorstehe »Gott wird Dir zwar gewiss die Kraft geben die Du nötig
hast aber mein Kind es sind viele Geheimnisse in der Natur Gott muss Deinen
Geist vor Schrecken bewahren und Dein frommes Gebet Dir beistehen dazu gebe
er Dir seinen Segen« fuhr sie fort die Hände andächtig faltend und in frommer
Andacht verstummend
Ein Gewitter zog herauf Schwer und mit der schwülen Stille die sich in die
Pulse der Menschen einschleicht schien die ganze Natur unter dem gewaltigen
Drucke der Atmosphäre zu seufzen Angstvoll die Luft durchschneidend suchten
nur noch einzelne Vögel in der niedrigsten Luftschicht bei den Ahnungen einer
nahenden Gefahr in irgend einer Baumhöhlung oder in den Spalten eines Mauerwerks
sich zu bergen Das frische Grün des Laubes der mannigfache Farbenglanz der
ganzen Vegetation die Gesichter der Menschen selbst erbleichten in dem fahlen
Lichte des schwefelfarbig bedeckten Himmels
Man hoffte auf den Augenblick der in seiner heftigen Entwickelung einen
leichteren Stand der Dinge herstellen sollte und zitterte doch für eine nie
verbürgte gewaltige Naturerscheinung
Beide Frauen fühlten doppelt das Drückende dieses Zustandes da in ihrem
Innern sich eine Erwartung von Dingen hinzugesellte deren Ausgang bei ihren
düsteren Anzeichen nicht minder unverbürgt war
»Wäre nur der Vikar zurück« sagte leise Veronika »er würde uns sicher das
Rechte raten und sein Zuspruch würde Euch stärken und aufrichten«
»Fürchtet nicht für mich« erwiderte Elmerice »bekomme ich die
Aufforderung dahin so gehe ich getrost so schwach Ihr mich gesehen es kommt
mir der Mut wo es gilt ich erprobte es schon einige Mal«
»Ach« rief Veronika zusammenschreckend denn eben erhob sich in einzelnen
Stößen der Sturm und wehte zugleich die feuerfarbenen Bänder von dem schwarzen
Mützchen das Asta zu tragen pflegte in die noch geöffnete Haustür
Sogleich stand Elmerice auf das Kind flog ihr mit einem neuen Sturmstoss in
die Arme »Soll ich kommen« rief Elmerice und bezwang das leise Beben das sie
mit dem Gefühle einer großen wichtigen Begebenheit erfasste welche ihr nahe
trat
»Ja Madame« stammelte Asta »Ihr sollt Aber wie werdet Ihr durch das
Unwetter kommen Ach es ist fürchterlich da draußen«
»Gott wird es uns zeigen Asta« sagte Elmerice ruhig »ich hole meinen
Mantel und auch für Dich ein Regentuch dann lass uns ungesäumt gehen«
Sie kam gerüstet zurück und sah jetzt mit Rührung und Dank die tiefe
Bewegung worin Veronika durch den Gedanken versetzt war ihren jungen Gast zu
entlassen Elmerice kniete zärtlich vor der ehrwürdigen blassen Gestalt nieder
die sich nicht zu erheben vermocht hatte und bat sie um ihren Segen
»Ja« rief Veronika »den Segen des Himmels will ich auf Dich herab flehen
und mein Gebet soll Stunde für Stunde Dich begleiten Dich weiter zu schützen
Dir zu helfen vermag ich nicht aber Gott wird Dich nicht verlassen«
»So wird es sein« sprach Elmerice »und in diesem Glauben gehe ich getrost
von hier«
Ein frommer Mut gehörte dazu um dem bangen Berufe unter diesen Umständen
entgegen zu gehen Der Sturm hatte sich mit Alles überwältigender Heftigkeit
entwickelt sein wildes Geheul durchschnitt die hohen Baumgänge und beugte die
Gipfel der uralten Bäume und schleuderte von ihnen nieder was nicht mehr in
voller Kraft Widerstand zu leisten vermochte Die schweren schwarzen Wolken
senkten sich frühe Nacht verbreitend und nur der fahle Glanz der unablässig
zuckenden Blitze erhellte den Weg auf dem ein schwaches Kind und die zarte
Jungfrau mutig fortschritten Zuweilen blieben sie an einander geschmiegt
stehen und kämpften so einen Augenblick mit besserem Glücke gegen das Ungestüm
des Wetters dann strebten sie wieder vorwärts wenn auch in jedem Nerv
erschüttert von den Donnerschlägen die den Boden unter ihren Füßen beben ließ
und in dem schreienden Tumulte der ganzen Natur sich die Obergewalt anmassten
Durch kein Wort keinen Seufzer konnten sie sich einander mitteilen und doch
fühlten Beide den Trost eines verwandten Lebens in diesem nur wild für sich
streitenden Naturaufruhre
Elmerice hatte Asta mit in ihren Mantel gezogen und trug das weinende Kind
fast in ihren Armen nur als sie sich dem abwärts führenden Wege nahten ließ
sie sie aus ihrem Verstecke hervor und hier in dem schmalen Wege zwischen dem
hohen dichten Gebüsche wo der Sturm nicht so einzudringen vermochte sammelten
Beide wieder etwas Kraft
Jetzt standen sie vor der kleinen halb verfallenen Treppe die von außen
gegen einen runden Turm anlief der diesen Flügel zu schließen schien Das
Gesträuch hatte sie fast unzugänglich gemacht und mit der größten Üppigkeit
wölbten sich Zweige und Ranken um das breite Vordach und zeigten nur wenig von
der schwerfälligen Stuckatur womit es verziert war
Wenig zu Beobachtungen geneigt folgte Miss Eton ihrer voranfliegenden
Führerin in den kleinen Raum in den der Unterteil des Turmes eingeteilt war
und der nur wenige Stufen zeigte die gegen eine große breite eichene Tür
anliefen Asta blieb hier horchend stehen und als sich kein menschlicher Laut
vernehmen ließ wagte sie leise zu klopfen Es blieb lange unbemerkt und erst
nach dem erneuerten Klopfen der furchtsamen Asta tat sich auf einen Moment die
Tür auf Es war der alte Arzt aber nachdem er sich von ihrer Gegenwart
überzeugt hatte machte er bloß ein Zeichen dass sie warten müssten und schloss
dann eilig wieder die Tür
An dem Abend desselben Tages wurde der Teil des Schlosses Ste Roche der seit
längerer Zeit durch die Sorgfalt des Verwalters allmählig wieder hergestellt
worden war durch mehrere sich darin versammelnde Herren und Damen belebt die
ihre schwerfälligen Reisewagen verlassend nun in der muntersten Laune und unter
den anmutigsten Neckereien die so lang verlassenen Räume durchzogen und von
einem Trosse geschäftiger Diener und Dienerinnen gefolgt eine Einteilung der
Zimmer versuchten stets gehindert durch absichtliche oder zufällige
Missverständnisse welche nur die gute Laune der Beteiligten zu vermehren
schien
Am meisten zeichnete sich eine schöne junge Frau durch ihre erfinderische
Laune Alles durch einander zu wirren und durch vorgegebene Schrecknisse und
Andeutungen von Gespensterfurcht Alles in Bewegung zu erhalten vor den Übrigen
aus Wir finden in ihr die junge Marquise dAnville welche gar anmutig in
seidene Reisekaputzen gehüllt die Aufmerksamkeit ihres jungen Gemahls zu
fesseln weiß der sie bald aus einem Winkelchen wohin sie sich aus Furcht
vorgibt verborgen zu haben hervorholen bald ihr im Fluge nacheilen muss weil
sie sich verfolgt hält von den Gobelingestalten der Wände oder den
geharnischten Türstehern welche in Nischen gestellt mit Lanze oder Schwert
die Eingänge zu bewachen scheinen und eine große Zierde früherer Zeit eben so
an ihrem Platze blieben wie die übrigen Möbel des vergangenen Jahrhunderts
»O Margot« ruft sie ihrer jungen Kousine der Gräfin dAubaine zu
»glaubst Du dass Tante Franciska Dir Erlaubnis gegeben hätte uns hieher zu
begleiten wenn sie einen Blick in diesen feierlichen Paradesarg getan hätte«
»Ja« rief die sechzehnjährige Margot »bereite Dich vor Lücile hier alle
gewohnten Sitten und Gebräuche hinter Dir zu lassen denn sieh Dich um auf
welche Weise für unsere Geselligkeit gesorgt ist an den Wänden herum laufen
schwerfällige Bänke oder eigentlich polirte Holzkisten o Gott sei mir
gnädig die Sitze sind Deckel die sich emporheben lassen«
»Weiß Gott« rief die Marquise »unsere Vorfahren waren bequeme Leute sie
saßen auf ihren Wäschund Kleiderkoffern und hatten so Geld und Kleinodien
Silber und Tafelgerät im sichersten Verwahrsam«
»Und diese Lehnen« lachte Margot »wer gewagt hätte sich an diesen
geschnittenen Ungeheuern zu stützen hätte sogleich mit blauen Flecken büßen
müssen«
»Hier Leonce« rief die junge Marquise »soll Ihr Gesellschaftszimmer sein
dies ist für Ihre angenehme Laune wie geschaffen Jeder von uns nimmt
natürlich dem Andern gegenüber wie Sie es lieben fein und sittlich Platz Sie
auf jener Wand ich hier Margot links Armand rechts da liegen zwischen Jedem
einige vierzig Fuß und wir werden uns ohne Nachteil für unsere Gehörsnerven
überzeugt halten Leonce habe uns aufs Anmutigste unterhalten«
»Scherzen Sie nur liebe Lücile« entgegnete Leonce »Sie werden hier an
Ihrem Zöglinge Wunder erleben mir sagt diese uralte Ausstattung gerade
vollkommen zu und ich fühle mich seit wir hier sind in vollständig guter
Lanne Ich habe Ihnen immer gesagt dass ich um ein Jahrhundert zu spät gekommen
bin jetzt wäre ich also an der rechten Stelle«
»Aber wir mein Herr« rief Margot »wir gehören vollständig zu der
bordirten gepufften bequasteten Perückenzeit von weiland Louis le Grand und
immer also bleiben wir um ein Jahrhundert auseinander und während Ihr Eure
Jugend feiert wandeln wir vor Euren klugen Augen wie die Ahnungen der Zukunft
und Ihr werdet fliehen vor unsern Erscheinungen um nicht zu früh alt zu
werden«
»Du hast Recht« sagte Lücile »es ist eine neue Kriegslist von Leonce sich
uns zu entziehen aber sie soll ihm zu nichts helfen Morgen am Tage lasse ich
meine Koffer öffnen und vor diesem alten Bilde soll Susanne meine Roben und
Ballkleider verschneiden um uns in Kostüme zu setzen dieser Mauern würdig und
unserm langweiligen Vetter Leonce zum Trotze«
»Sie werden in jeder Gestalt reizend sein meine Damen« sagte Leonce
lächelnd »aber gestehen Sie dies Gemälde ist kein übles Vorbild zu Ihren
ToilettenVorsätzen denn es ist in Wahrheit eine Schönheit zu der Lücile die
blonden Locken Margot die dunkeln Augen geschenkt zu haben scheint«
»Sie haben Recht Leonce das Bild ist schön Ich bin eine große Kennerin
müssen Sie gestehen auf den ersten Blick traf ich das schönste von allen denn
die übrigen gehörten wohl nicht zu den Favoritinnen des Malers«
Der Marquis dAnville war aus dem Nebenzimmer zu ihnen getreten er hielt
sie hier zurück um wie sie hofften im Nebenzimmer einige ansprechende
Anordnungen zu machen
»Dies ist das sogenannte HofdamenZimmer« erklärte er nun »und dies die
Portraits der damals berühmtesten Damen Katarina von Medicis versammelte
stets die schönsten Fräuleins um sich und diese steifen Bänke die an den
Wänden herumlaufend Eure Laune zu reizen mögen oft mit gar schöner Staffage
belebt gewesen sein«
»Wir wollen uns ergeben Margot dAnville tritt auf Leonces Seite« sagte
Lücile »der Geist ihrer Ahnherren erfasst mit respektuösen Wallungen ihre Brust
sie wünschen die hier verbliebenen Schatten derselben in guter Laune zu
erhalten wir wollen daher auch unsererseits dem frivolen Hofstaate dieser
MediceerKönigin unsere Honneurs machen«
»Und wenn wir die Laune der Geister gütig und friedlich zu stimmen
trachteten« lachte dAnville »wem zu Liebe denn als unsern holden
Gefährtinnen die zwar zu necken und zu reizen verstehen aber vor einem
wirklichen Kampfe mit den Geistern bald die Flucht ergreifen würden Doch
wenn ich nicht irre glänzt dort ein Name unter dem schönen Bilde«
Alle traten näher ein alter Wandleuchter mit dicken gelben Wachskerzen
warf ein helles schönes Licht auf die Tafel und der Eindruck den das Bild
ihnen jetzt machte ließ unwillkürlich den Scherz verstummen Jugend und
Schönheit war es nicht allein was diese Züge anziehend machte sondern dass die
Augen Jeden leidenvoll flehend anblickten dass die Hände gefaltet wie gefesselt
in dem Schoss lagen und auf der silbernen Robe kein Abzeichen war als ein Band
von Rubinen das den Hals fest umschloss und dann in einzeln gefassten Steinen
lang über die Brust hernieder in den Schoss hing
»Ach« rief Lücile ernstaft indem sie ein Schauer überlief »dies schöne
Wesen war sicher nicht glücklich sieht ihr Geschmeide doch aus wie einzeln
fallende Blutstropfen«
»Du hast Recht« sagte dAnville von dem Gemälde zurücktretend wo er die
Unterschrift gelesen »es ist Eudoxia das schöne Fräulein von Nemours welche
wie man sagt durch Katarina von Medicis hier ein blutiges Ende fand indem sie
zu sehr von ihrem Gemahle beachtet ward«
Die Damen wandten sich still von dem schönen traurigen Bilde ab und
vielleicht gingen gerade jetzt die Worte des Marquis in Erfüllung die
Neckereien ihres jugendlichen Mutwillens wurden von dem ersten wirklichen
Gegenstande des Grauens in die Flucht geschlagen
Indem öffneten die Diener die schweren eichenen Türen zum Nebenzimmer und
als Alle sich dahin wandten drang ihnen ein solches Lichtmeer ein so glänzend
heiterer Anblick entgegen dass Alle die liebenswürdige wohl erreichte Absicht
des Marquis fühlten dass Dankbarkeit und der Wunsch sie ihm darzulegen sich
dem angenehmen Eindrucke der sie empfing hinzugesellte und die heiterste
Laune verbreitete die von der halbgerührten Zärtlichkeit der jungen Marquise
unvermerkt eine andere Färbung erhielt denn sie war jetzt zu glücklich um ein
neckisches Kind bleiben zu können und so trat die Feinheit ihres Geistes wie
eine höhere Blüte aus dem grünen Blätterkranze ihrer früheren Laune hervor
Dies Gemach hieß das Audienzzimmer und die Wände waren in Streifen von
rotem Damast mit Stahlspiegeln unterbrochen eingeteilt welche so viel als
möglich polirt von den reichlich angebrachten Armleuchtern erhellt ein
ungemein heiteres Ansehen hatten Die Decke hing freilich mit schwerer
geschwärzter Vergoldung und einem riesigen Deckengemälde die Hochzeit zu Kanaan
darstellend wie eine dunkle Wolke darüber aber man brauchte eine Anstrengung
den Blick dahin zu erheben und so weilte man lieber auf der heiter geschmückten
Tafel die mit großen seidenen Fauteuils umstellt und mit dem glänzenden
Reisegeschirr des Marquis versehen ein gar heiteres Bild des Lebens darbot
Daran grenzten die Schlafzimmer der Damen und nahe und bequem zum Schutze
leicht erreichbar die Zimmer der Kavaliers und der Dienerschaft
Alles war von der Umsicht des Marquis in kurzer Zeit in eine Ordnung
gebracht die dem Orte seinen düstern Charakter zu rauben schien und nach der
heiteren Abendmahlzeit den jugendlichen Schlaf durch keine bösen Träume mehr
verscheuchte
Doch mit dem erwachenden Morgen mit der heiteren Szene des Frühstücks
kehrte auch die Laune der Frauen in ihrer neckenden Fröhlichkeit zurück und
Leonce hatte alle Mühe sich Gehör zu verschaffen weil gerade er die
Zielscheibe ihres Mutwillens blieb »Sie werden selbst von Ihrem Mutwillen
mehr Vergnügen haben« fuhr er fort »wenn sie eine Art von Ordnung
hineinbringen denn es ist außer Zweifel dass selbst eine so reizende
Erscheinung wie Ihre Laune doch wie alles Schöne dem Geheimnisse des Maasses
unterworfen ist Es ist vergeblich in dieser elektrischen Wechselwirkung von
Witz und Scherz eigentlich leben zu wollen das sind geistige Schwelgereien
meine Damen sie rächen sich stets durch Ermüdung und eine gewisse Apathie
gegen die einfacheren Beziehungen die Anforderungen an uns machen«
Beide Frauen hatten während dem ihre Stühle vor Leonce gerückt und
Stellungen angenommen welche ohne Worte die ironische Versicherung enthielten
sie wären andächtige Zuhörerinnen der Belehrung begierig beschämt so großer
Weisheit gegenüber
»Ich verstehe Sie sehr wohl« fuhr Leonce fort »Ihre Pantomime ist eben so
ironisch als gelegentlich ihre Worte aber ich will mich nun einmal durch
nichts von meinem guten Vorsatze Sie zu einer mässigern Liebenswürdigkeit zu
treiben abbringen lassen daher möge Ihr Spott mich noch so lange verfolgen
bis er in meiner Weisheit untergeht«
»Versuchen Sie das Leonce« rief Lücile »wir lieben selbst die
unleidlichste Veränderung an uns wenn sie nur eben Wechsel verspricht und
selbst Weisheit sollte Herberge in uns finden wenn wir nicht fürchten müssten
wir würden sie nicht wieder los und würden zuletzt das Opfer dieses unpassenden
Gastes«
»Fürchten Sie nichts liebe Lücile« erwiderte Leonce »dieser Gast wird
Sie mit seiner Gesellschaft nicht über Ihr eigenes Verlangen hinaus belästigen
ja ich zweifle dass er sich Ihrer Einladung bei dem ersten Versuche stellt«
»O Sieur Léonce« rief Margot »wenn Sie uns die Einladungskarten
schreiben habe ich bei Ihrer Intimität alle Hoffnung zu seiner Erscheinung«
»Trauen Sie namentlich mir hierin nicht zu viel schöne Kousine Er macht an
mich immer zuerst den unerhörten Anspruch Ihre schönen Augen zu vergessen und
so sind wir meist auf gespanntem Fuße«
»Ha Lücile so leere Galanterien schreien zum Himmel« rief Margot mit dem
kleinen Fuße so heftig auf den Boden stampfend dass ihr Gesicht in Feuer
aufglühte »Sein Sie wenigstens mit allen Ihren Fehlern nicht auch falsch und
erwarten Sie wenigstens von mir nicht dass ich diesem gehässigsten Laster ein
freundliches Lächeln schenken soll ich fürchte ich hasse Sie«
DAnville und Lücile begegneten sich bei dieser kleinen Szene mit einem
flüchtigen Blicke des Einverständnisses denn Lücile beobachtete mit ihren
klugen Augen ihre kleine lebhafte Kousine unter dem Deckmantel ihrer heiteren
Laune in allen Nuancen ihres lebhaften Gefühls und der ungemeine Wechsel
derselben diese unverkennbare Zuneigung zu Leonce dies Vertrauen und doch
wieder dies Zürnen Flüchten und Zurückstossen schienen auf eine tiefe und
ungewöhnliche Erregung schließen zu lassen der beide Ehegatten mit Hoffnungen
für das Glück ihres lieben Leonce zusahn
Dieser sah ihr lächelnd und mit großer Sicherheit nach als sie an das
nächste Fenster flog als müsse sie sich seinen Blicken entziehen dann bat er
sie zurück zu kommen und als sie sich niedergesetzt hatte hob er an mit einem
fast kühnen Blicke sich zu ihr neigend sie mit ihrem Zorne zu necken »Und«
fuhr er fort »leugnen Sie es wenn Sie können schöne Margot Sie haben doch zu
mir das festeste Vertrauen und alle Ihre kleinen anmutigen heimlichen
Plänchen sind endlich doch darauf gebaut dass Sie Leonce vertrauen können und
seine Gefühle für Sie Ihnen weder unbequem noch lästig viel weniger als eine
unverzeihliche Falschheit erscheinen«
Eben wollte Margot diesen neuen Angriff bezahlen da gebot Lücile Ruhe und
verwies alle Parteien zum Schweigen
»In Wahrheit eine Pension für unartige junge Leute soll dies alte
ehrwürdige Château de la Roche nicht werden« sagte sie »Ruhe Frieden gebiete
ich und jetzt Leonce werden Sie gleich mit Ihren weisen Plänen hervortreten
auf welche Art Sie unsere Liebenswürdigkeit einfangen wollen um sie nur
gelegentlich und nach einem gewissen schicklichen Kommando hervor sprudeln zu
lassen denn wenn wir uns nicht selbst unterhalten sollen so tun Sie es jetzt
und sein Sie sicher dass Ihre Vorschläge eine scharfe Kritik passieren werden«
»Meine Pläne« hob Leonce an »bestehen in dem natürlichen Vorschlage auf
dem Boden wo wir uns befinden bekannt zu werden wir müssen uns stundenweis
versammeln die Chronik des Schlosses die sich in dem Archive befindet
studieren von ihr geleitet den ganzen merkwürdigen alten Bau besichtigen und
die hellen Stunden des Tages zu Ausflügen in die großartige Einsamkeit dieser
Felsen und Wälder benutzen die alle ihren Charakter von den geheimnisvollen
Ansprüchen dieses Schlosses empfangen haben mit in den Bann eingeschlossen
scheinen der hier dem Treiben der Menschen eine unüberwindliche Schranke gebaut
hat«
»Ihr Plan lässt sich hören Leonce« erwiderte Lücile »ich glaube Margot
wir werden einwilligen uns diesem unserm Führer zu überlassen doch füge ich
noch einen Plan hinzu der vor Ihrer Chronik den Vorzug haben muss und meinen
lieben dAnville an sein Versprechen erinnert mir das Schicksal seines Oheims
des Grafen von Crecy das mit diesem Schloss so vielfach verzweigt scheint
nunmehr mitzuteilen«
»Ich bin bereit dazu meine Liebe« erwiderte dAnville »doch unter der
Bedingung dass Ihr mich jeden Tag bis zum Mittagsessen zu Pferde oder zu Wagen
auf meinen Geschäftswegen begleiten wollt und dann verspreche ich Euch den
Abend meinen Vortrag hier zu beginnen«
Alle stimmten heiter in diesen Vorschlag ein Nach einem fröhlich verlebten
Tage führte der Abend Alle um die gastliche Flamme des Kamins und als man in
traulicher Nähe Platz genommen hatte hob der Marquis dAnville seine Erzählung
an
Wir können uns jedoch um so weniger mit einer Mitteilung begnügen wie der
Marquis dAnville sie für seine junge Gemahlin passend finden wird da wir die
Geschichte des Grafen Crecy als den Kern dessen ansehen müssen was wir bisher
mitzuteilen versucht haben und es dahin gestellt sein lassen ob man diese
eingeschlossene Erzählung als den Hauptinhalt unserer Mitteilungen ansehen
will oder die Verhältnisse mit denen wir bis hierher unsere Leser vertraut
machten und deren Verfolg wir nach dem Schluße jener Begebenheiten weiter
mitteilen werden
Ihr Zusammenhang ihre teilweise Ausgleichung durch einander wird ihre
notwendigen gleichen Rechte an die Aufmerksamkeit dartun und wie wir die
Form der Frucht aus der Gestaltung des Kerns uns leichter erklären können so
werden wir das Gleichniss hier anwendend in dem Leben des Grafen von Crecy die
Gestaltung der späteren Begebenheiten vorbereitet finden und nicht allein ihnen
leichter sondern auch vielleicht mit vermehrtem Interesse folgen können
Indem wir so der eingelegten Erzählung ein gleiches Recht mit derjenigen zu
verschaffen suchen die Anfang und Ende dieses Buches bildend jene zu
umschließen scheint bedienen wir uns des uns unbezweifelt zustehenden Rechtes
sie in der Form vorzutragen die sie aus dem blassen Lichte der Vergangenheit
hervortreten lässt und sie nicht wie gehäufte Resultate an deren langsamer
Entstehung die Zeit schon die Spuren verwischt hat darstellt sondern mit der
Frische versehen die uns keine der kleinen Verzweigungen entzieht welche
langsam aber dem Beobachter gerade so bedeutungsvoll die größeren Resultate
herbeiführt
Der Graf von Crecy Bruder der Marquise dAnville der Mutter des jungen Mannes
der aus dem Munde dieses seines Oheims die Begebenheiten erfuhr die er eben
seiner jungen Gemahlin mitteilen wollte war der Sohn des Marschalls von
Frankreich Grafen von CrecyChabanne eine der ältesten Familien des Reiches
die sich die Vettern des Königs nannten
Grau geworden in den unseligen Kriegen der Fronde hatte dieser unter dem
Banner des großen Turenne unverrückt der königlichen Partei angehört wenn auch
frühere zärtlichere Jugendbande ihn mit Kondé vereinigten dessen Abfall ihn
auf das Tiefste erschütterte ohne ihn über seinen Weg in Zweifel zu stellen
Seit dem pyrenäischen Frieden lebte der Marschall von Crecy jedoch mit
allen Ehren eines glorreichen Lebens überschüttet von der tätigen Mitwirkung
der Kriegsleistungen zurück gezogen die wenigstens aufgehört hatten Frankreich
selbst zum Heerde ihrer Verwüstungen zu machen
Von jeder anderen Bildung und Richtung als der der Waffen entfernt
geblieben liebte er dennoch seinen Beruf nicht und bei dem Emporblühen seines
einzigen Sohnes trat diese Abneigung in dem bestimmten Willen hervor ihn nicht
dafür erziehen zu wollen
Seine Gemahlin eine Fürstin Soubise trat mit ihrem schrankenlosen Stolze
diesem Vorsatze heftig entgegen da sie darin das besondere Privilegium sah
Abkömmlinge alter Familien zu den bedeutendsten Stellungen im Staate zu erheben
und sie in ihrem Sohne mindestens den Nachfolger ihres Gemahls zu sehen
trachtete
Dessenungeachtet siegte dies Mal der Marschall von Crecy und es ist dies
Faktum um so weniger verloren gegangen da es wahrscheinlich bleibt dass der
Feldherr vor dessen Fahnen die Feinde flohen als habe er ihnen damit einen
unüberwindlichen Sturmwind entgegen geweht doch in seinem Hause nur dies eine
Mal den Sieg davon trug und er hier neben den Trophäen aller Schlachten ohne
Widerstand die Waffen senkte wenn die Fürstin Soubise den Heerbann ihres
weiblichen Willens aufpflanzte
Mit dieser erfolgreichen Weigerung hatte er jedoch Alles erschöpft was er
sich zugestand und obgleich er missmutig und murrend auf die Wege blickte die
seine Gemahlin nun in anderer Richtung zur Erziehung ihres Sohnes einschlug so
hielt er sich doch abgefunden mit seiner Pflicht als Vater da er überdies
nachdem er die eine verweigert weder eine andere noch bessere anzugeben
vermochte
Die Fürstin Soubise blieb auch nach dieser einen Niederlage vollständig
gerüstet gegen jede fernere Einmischung ihres Gemahls und je unerwarteter ihr
in einer für unanrührbar geachteten Souverainität dieser Widerstand gekommen
war je mehr hatte sich ihr Gefühl auf diesen Punkt geschärft und die
schwächsten Versuche des Grafen von Crecy waren hinreichend ihn zu überzeugen
dass er von nun an eine gefasste Gegnerin vorfände und hier seine Wirksamkeit am
Ende sei
Wenn Eltern ihre Kinder oft zu erziehen scheinen bloß um gegen einander
ihre ununterbrochenen Fehden zu unterhalten oder zum Zeitvertreib für irgend
eine müßige Stunde ein Spielzeug scheinbar von dem sie keine Belästigung
erwarten und gegen das sie sich keiner Verpflichtung bewusst werden müssen wir
zu den geringsten Erwartungen unter solchen Umständen berechtigt häufig
erstaunen wie ein also gehetztes oder gemissbrauchtes Wesen dem Allen zum
Trotze sich in besserer Weise entwickelt
Der junge Leonin Graf von Crecy war von der Natur mit einer träumerischen
Stille des Gemüts begabt und dadurch gegen die verschiedenartigen Eindrücke
seiner Umgebungen sanft eingehüllt Er sah und fühlte immer nur das was ihm für
den Augenblick nötig oder angenehm war und hatte für Alles was sich ihm
anderseits aufdrängen wollte die sanfte Auslegung der Gutmütigkeit womit er
sich unbewusst jeden unangenehmen Eindruck abwehrte Er fühlte weder die
Unzulänglichkeit der väterlichen Autorität noch den despotischen Willen seiner
Mutter von dem er ganz gelenkt ward Er wuchs unter den Siegesnachrichten
seines Vaters auf in einer Entfernung von ihm die ihm sein Bild von allen
Schwächen frei erhielt und denselben in seiner jugendlichen Phantasie zu den
Heroen des Altertums erhob
Mit einem darauf begründeten Anspruch an die Bevorrechtung seiner Geburt
wie er notwendig zu jener Zeit dem einzigen Sohne eines solchen Mannes
erwachsen musste fühlte sein weiches und dennoch von dem Stolze der Mutter
gehobenes Herz die innigste Liebe zu seinem Vater Die Mahnung sich
auszeichnend ihm ähnlich zu werden fand er vorerst nicht heraus und alle Wege
schon bequem und eingerichtet eben durch den Namen den er trug
Seine Mutter war mit der ganzen Autorität ihres Verstandes bemüht in ihm
den Stolz zu nähren den er von ihrem Blute im Herzen trug sie imponirte
seinem wenn auch richtigen doch langsamen Verstande durch die Frauen
natürliche praktische Übersicht der Verhältnisse die ihm außerordentliche
Geisteskräfte anzudeuten schienen da sie ihm immer zuvorkamen Er hatte nie den
Versuch gemacht anderer Meinung zu sein oder die ihrige nur nach zu überlegen
und ihre mütterliche Weichheit würde sie nie zu der Schwäche verführt haben
diesen Versuch anzuerkennen da ihre für ihn im Voraus gefassten Beschlüsse mit
Plänen zusammen hingen die dem Ehrgeize Befriedigung sicherten und daher in
ihrer Überzeugung für sein Glück vollkommen ausreichend sein mussten
Seine Geistesfähigkeiten waren angebaut Die Marschallin wusste wohl dass man
an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten nicht ohne Kenntnisse und Talente sich
behaupten konnte Es fehlte ihr auch nicht an Scharfblick den geeigneten Lehrer
zu finden und der Abbate Mafei war vollständig ausgerüstet diesem einfachen
Geiste Kenntnisse in dem Maße angedeihen zu lassen als sie dem Verlangen des
Jünglings selbst Bedürfnis wurden ohne ihm das aufzunötigen was ihn mit
unnützer Gelehrsamkeit bedrohte zu der ihm der rasch verarbeitende Geist von
der Natur versagt war
Als das unerwartete Machtwort des Marschalls von Crecy seinem Sohne die
militairische Laufbahn abschnitt sah seine Gemahlin für ihn keinen andern
möglichen Platz Ansehen und Einfluss zu erreichen als eines der hohen Hofämter
zu denen alte und berühmte Namen eine mitwirkende Notwendigkeit waren wenn
auch der sich verfeinernde Hof und des Königs gebildeter Geschmack damit noch
anderseitige Liebenswürdigkeiten vereinigt wissen wollte
Es erwachte in jener Zeit eben die später so überhand genommene Neigung zu
reisen Fremde Höfe gesehen zu haben von dem Leben anderer Länder
Rechenschaft geben zu können verbreitete über die Personen die sich also
auszuzeichnen vermochten einen Reiz den man ihnen als ein Verdienst als eine
Staffel der Bildung anrechnete wohinter oft sehr geringe Fähigkeiten Schutz
fanden Die Marschallin war daher entschlossen ihrem Sohne statt der Trophäen
des Ruhmes die ihm nun entzogen waren den friedlichen Zauber einer glänzenden
Reise zu erteilen und ihn durch ein ehrenvolles Auftreten an fremden Höfen für
einen dereinstigen hohen Platz an dem französischen Hofe unwiderleglich
vorzubereiten Der Abbate Mafei und ein reiches Gefolge wie es den
Geburtsansprüchen des Jünglings geziemte ward zu seiner Begleitung mit Verstand
und zweckmässiger Wahl ersehn und beide Eltern obwohl sie sich schwer von dem
Lieblinge trennten der wie eine leichte Wolke die Ehegatten vor einander
verhüllte und ihre unsanfte Berührung hinderte fügten sich der Notwendigkeit
die zufällig Beide zugleich anerkannten
Es liegt nicht in unserem Plane den jungen Grafen von Crecy auf einer
Bildungsreise mit ihren mannigfachen Zufälligkeiten an Freud und Leid zu
begleiten Sie erstreckte sich auf alle Länder welche damals im Frieden mit
Frankreich waren und bei der wenigen Vorbereitung die Reisende noch auf ihren
Wegen fanden war sie reicher an Abenteuern als wir jetzt für möglich halten
möchten Sie wurden jedoch Alle glücklich bestanden und der Abbate Mafei durfte
der stolzen Mutter die schmeichelhaftesten Berichte über die Entwickelung seines
Zöglings senden ohne die Wahrheit zu verletzen Die Gewandtheit die in der
größeren Freiheit in der notwendigen Auffassung der verschiedenartigsten
Verhältnisse sich von selbst entwickelt vollendete das anziehende Wesen des
Jünglings durch eine hinzukommende ernste männliche Haltung die neben dem
weichen Ausdrucke des Gefühls ihm überall Vertrauen und Anteil erwarb
England sollte die Reise beschließen und den jungen Grafen zu jeder
Auszeichnung reif seinem Vaterlande zurückgeben Die letzten Nachrichten
welche die Marschallin erhielt waren nach einer AbschiedsAudienz bei Karl dem
Zweiten geschrieben und er begab sich jetzt nach Schottland und zwar auf den
ausdrücklichen Wunsch seiner Mutter zu der Familie des Grafen von Gersei mit
der die Marschallin aus Familienrücksichten seit lange ein freundschaftliches
Verhältnis unterhielt Sie hatte nämlich mit anscheinendem Eigensinne verlangt
dass ihr Sohn hier bis zu seiner in wenigen Monaten erfolgenden Majorennität
verbleiben sollte und bei dem Grafen Gersei dazu durch eigene Anfrage die
Erlaubnis ausgewirkt Wie sehr sie nämlich gewünscht hatte dass ihr Sohn sich
durch diese Reise äußere freie Haltung erwürbe so war es doch ganz ihrem
Charakter und ihren Ansichten entgegen ihm damit auch eine innere Unabhängigkeit
zu gestatten und es schien ihrer argwöhnischen Herrschsucht als habe der Sohn
davon zu viel gewonnen und seine Neigung für das Ausland sei vielleicht schon
zu vorherrschend geworden um ihn noch zu allen Verhältnissen geneigt zu finden
wie sie ihr bequem sein würden Sie hoffte daher ihm durch diesen letzten
Aufenthalt den sie gar wohl kannte eine Herabstimmung seiner gesteigerten
Ansichten zu geben und durch das ermüdende Treiben einer beschränkt
abgeschlossenen Zurückgezogenheit ihn dankbarer und hingebender zu machen für
das was sie ihm dann mit vollen Händen und dennoch wohl berechnet genau mit
ihrem Willen im Einklange darbringen wollte Seine Majorennität machte ihn
augenblicklich zum selbstständigen Herren großer Besitzungen die mit dem
uralten Schloss von Ste Roche verbunden eine anlockende Veranlassung waren
sich unabhängig zu fühlen und die Marschallin hatte daher zu einem so
gefährlichen Besitze den sie ihm nicht streitig machen konnte ohne alte
FamilienInstitutionen zu beleidigen heimlich beschlossen einen zweiten
Besitz eine Gemahlin nach ihrem Sinne und Willen hinzuzufügen Ohwohl der Graf
Gersei drei Töchter besaß wusste die kluge Mutter doch durch die eigenen
Berichte ihrer Freundin der Gräfin Gersei dass sie an diesen keine Störung
ihres Planes zu fürchten habe da selbst die zärtliche Mutter sie unschön nannte
und zum Troste dagegen Eigenschaften an ihnen rühmte von denen die Marschallin
wohl wusste dass sie dem verwöhnten Geschmack ihres Sohnes nicht gefährlich
werden würden Auf dem Wege nach Edinburg erkrankte der Abbate Mafei und da
er darauf bestand die Reise fortzusetzen erreichte man StirlingsBai das
Schloss des Grafen von Gersei mit dem sterbenden Abbate Sein Leben konnte nicht
gefristet werden alle zu Gebote stehende Hilfe von dem geschickten Hausarzte
des Grafen bis zu der zärtlichsten Pflege seines ihm kindlich zugetanen
Zöglings vermochten den Willen der Natur nicht zu beugen die ihr Geschäft bei
dem würdigen Abbate für erledigt erklärte und er starb in den Armen des jungen
Grafen sanft und heiter eine würdige Vollendung eines vorwurfsfreien Lebens
Dies war der erste Schmerz der in die Seele des jungen Mannes drang und er
nahm ihn um so lebhafter auf als ihm gerade die Stütze gegen jede bisher
nahende Unannehmlichkeit mit diesem treuen und teuren Gefährten entrückt ward
Jetzt ergingen eine Menge trüber Fragen an ihn selbst die sonst von dem guten
Abbate beseitigt wurden ehe sie ihn erreichen konnten Er fühlte sich in allen
Beziehungen verletzt und gekränkt ja er glaubte in sich selbst eine Schwäche
und Unmännlichkeit des Karakters wahrzunehmen welche ihn völlig schwermütig
machte und zu den ungerechtesten Selbstvorwürfen trieb die zu einer
Mutlosigkeit der Zukunft gegenüber anwuchs nur durch die Verwöhnung des
Glücks begreiflich von dem wir uns für immer verlassen glauben bei dem ersten
Schatten der es uns verhüllt
Unter diesen Umständen fühlte er sich trotz der gütigen und teilnehmenden
Sorgfalt womit der Graf Gersei und seine Familie ihn behandelten in so höchst
gedrückter Stimmung in StirlingsBai dass er wenn er nicht gefürchtet hätte
seine Mutter durch seine Entfernung zu beleidigen einen Ort zu verlassen geeilt
haben würde der bestimmt war der erste Grenzstein seiner Jugend zu werden
indem er ihn aus dem weichen Zustande des Geniessens zu dem ernsteren des Leidens
erwachen ließ
Wer StirlingsBai betrachtete hätte es wohl für geeignet halten müssen auf
jede Stimmung der Seele einen wohltätigen Eindruck auszuüben Es war reich
ausgestattet von der Natur und ein altes Besitztum reicher Geschlechter im
wohlerhaltensten Zustande Man konnte kaum etwas Schöneres sehen als das Schloss
auf dem Felsenabhange am Rande des mächtigen Gebirgswassers das zu einem wild
brausenden See erweitert von den herrlichsten Wäldern umsäumt lag und mit
seiner reichen inneren Ausstattung den äußern Anspruch vollständig erfüllte
Die Hütten der Untertanen lagen zerstreut umher und der Zufall hatte es
gewollt dass ihre Lage die vielfachsten und romantischsten Ansichten gewährte
Den Park begränzend lag eine alte Abtei StirlingsAbtei genannt deren
Kirche noch jetzt zum Gottesdienste der gräflichen Familie und der Umgegend
benutzt ward und mit ihrem verschwenderischen Prachtbau im rein gotischen
Geschmack und mit ihrer noch wahrnehmbaren großartigen Ausdehnung es sehr
wahrscheinlich machte dass sie einst Besitzerin und Beherrscherin der reichen
Güter gewesen sein mochte in denen sie jetzt nur noch als notwendige
Nebensache geduldet ward Unzerstörbar jedoch blieb sie mit ihren mächtigen und
den weithin sie verkündigenden Türmen die Beherrscherin der Gegend auch nach
ihrem Falle noch ihren mächtigen frühern Rang bekundend Die einst dazu
gehörigen weitläuftigen Klostergebäude waren bis auf einen kleinen Teil
abgetragen der noch jetzt die Wohnung des Geistlichen war der unter dem
Patronat der Grafen von Gersei stand
Der Herbst nahte sich indessen und das Sloss füllte sich jeden Tag mehr mit
dem heiteren Trosse rüstiger Jäger die von allen Teilen der Grafschaft sich zu
einem langen Waidmannsvergnügen in StirlingsBai versammelten dessen noch nie
gänzlich durchstreifte Wälder jede Lust für so heitere Gesellschaft darboten
Nur selten und halb gezwungen nur nahm der junge Graf an diesem Vergnügen
Teil welches so ganz seiner stillen träumerischen Weise entgegen war und er
fühlte sich bald in einer Isolirung die er nur mit dem Kummer um den teuren
Verstorbenen ausfüllte dessen feine Geistesbildung ihm stets das wahre Element
für seine Neigung war
Wie seine Mutter vorausgesehen hatte machten auch die Frauen die er hier
vorfand und die in ihrer derben Natürlichkeit ihm so wenig wie Frauen
erschienen nur einen verletzenden Eindruck auf ihn sie setzten ihn mehr in
Verlegenheit als dass ihr Umgang ihm hätte wohl tun können und er floh vor
ihrem breiten leeren Geschwätze fast noch ängstlicher als vor den lauten
Jagdzügen der Männer oder ihren lärmenden Trinkgelagen dabei erkannte er nur zu
bestimmt dass man ihn als ein völlig fremdes Wesen mit Neugierde und einem
gewissen Mitleiden wenn nicht mit Tadel betrachtete und er selbst schien sich
so ganz abweichend so unbegreiflich bis auf Gestalt und Kleidung verschieden
dass er unterstützt von seiner hypochondrischen Laune sich für einen
immerwährenden Gegenstand ihres neckenden Zeitvertreibes hielt er vergaß aber
dass sie ihn hierzu für viel zu unbedeutend hielten Er war unter Menschen die
ein volles sicheres Vertrauen zu ihrer Bildung besaßen weil sie ihnen eine
tüchtige Auffassung des praktischen Lebens sicherte das sie mit allen seinen
materiellen Anforderungen vollständig beherrschten Es hatte sich ihnen dadurch
eine so stolze Ruhe des Daseins mitgeteilt dass sie das darüber gehende
Bedürfnis mit großmütiger Gleichgültigkeit betrachteten
So kam es häufiger als es beachtet ward dass der junge Graf mit der Flinte
und Jagdtasche mit dem lustigen Trosse auszog und bald unbemerkt sich zu weiten
einsamen Spaziergängen entfernte und dann in dem duftigen Moose des Waldes
gelagert den eigentlichen Inhalt seiner Jagdtasche leerte welchen er der
vergessenen und nur für ihn geöffneten Bibliothek des Schlosses entzogen
Er hatte einen schönen Herbsttag so in der wohltuenden Ruhe verbracht die
er weniger seiner inneren Haltung verdankte als der sorgfältigen Vermeidung
äußerer Störungen und schlug nun den Stand der Sonne prüfend den Rückweg ein
um zur Zeit der Tafel den Hausgenossen nicht zu fehlen Er hörte bald aus der
Ferne die einzelnen Signale der Jäger erkannte dass man noch irgend ein
Hauptwild auf der Spur haben musste das man zu treiben suchte Ohne des Weges
recht kundig zu sein sah er sich bald in einem bisher noch unbetretenen Teile
des Waldes und blieb erstaunt über die Pracht und Majestät des hundertjährigen
Baumwuchses stehen der wie eine riesenhafte Säulenhalle bis an die Kronen von
allem Unterholze entblößt in einzelnen großen Kämmen die dichten Laubgewölbe in
einander schlang Sie bildeten so eng verzweigt einen festen Dom durch den das
Licht der Sonne nur gebrochen wie durch bunte Scheiben blendende Lichter
herein warf und den kurzen feinen Moosteppich der teils den Boden teils
die hochgebäumten Wurzeln der herrlichen WeißBuchen bedeckte golden grün
färbte Vorschreitend sah er jetzt dass er sich der Abtei genaht dass dieser
Wald die heilige Vorhalle der prachtvollen Kirche bildete deren großartiger
Unterbau sich jetzt zwischen den Stämmen gewahren ließ Es fiel ihm ein dass er
seit der Beisetzung seines teuren Freundes wo er die Kirche auf einem ganz
anderen Wege erreicht und sich wenig um sie bekümmert noch keinen Versuch
gemacht hatte sie wieder zu sehen was für ihn als Katholiken auch nur geringes
Interesse hatte Er nahm sich jedoch jetzt vor diesen schönen Punkt zu der
Unterhaltung des nächsten Tages zu wählen und Alles kennen zu lernen was sich
daran anschloss
Jetzt eilte er die Nähe des Parkgeheges nach dem Stande der Kirche
annehmend dasselbe zu erreichen immer von den näherrückenden Hornsignalen
begleitet als es ihm plötzlich war als höre er einen ängstlichen Hülferuf
jetzt glaubte er ihn hinter sich zu hören dann noch deutlicher vor sich Er
stürzte durch das erreichte Parkgehege in dasselbe hinein denn es war ohne
Zweifel eine weibliche Stimme die ihm entgegen tönte auch drang er nur wenige
Schritte vor als er ein fliehendes Weib mit Pfeilesschnelle daher stürzen sah
Worin ihre Gefahr bestand war nicht zu übersehn aber ihr Angstgeschrei deutete
jedenfalls auf solche hin und Leonin eilte daher um so schneller auf sie zu
doch sah er jetzt zu seinem Erstaunen dass sie so hoch sie vermochte ein
weißes Tuch in der Luft wehen ließ und als sie ihn erreicht hatte mit
abwehrender Gebehrde an ihm vorüber lief indem sie hinter ihm zeigend lebhaft
rief »O helft helft doch« Nun erst schien ihm als verdoppelte sich das
Geschrei hinter ihm Er blickte um und sah wie sich der eben vorübergeeilten
Gestalt eine andere aus dem Waldwege entgegen stürzte von einem wild gemachten
und von den Hornsignalen noch immer gereizten und getriebenen Eber fast auf dem
Fuße verfolgt Augenblicklich eilte Leonin jetzt den bedrohten Frauen nach und
da an Anlegung des Gewehrs nicht mehr zu denken war riss er seinen Hirschfänger
aus der Scheide den zweifelhaften Kampf zu wagen entschlossen wenn auch nur um
den Fliehenden Zeit zu gewinnen Doch ehe er hiezu kommen konnte hatte das
erste der Mädchen schon mit der größten Entschlossenheit der Verfolgten sich
entgegen stürzend das wütende Tier durch ihr wehendes Tuch verblödet und zum
langsameren Trotte gebracht sie wendete sich mit Blitzschnelle eilte der
Andern die das Gehege indes überschritten nach stieß den eben sich dem Eber
entgegen werfenden Leonin zurück und warf mit einer schnellen und geschickten
Wendung das Gitter in das Schloss
»Gott sei gelobt« rief sie und schlug die Hände zusammen »jetzt sind wir
gerettet Doch wir wollen hier fort so lange uns das wilde Tier sieht
reizen wir seine Wut und lange traue ich dem Gitter nicht Widerstand zu doch
seht da kehrt es schon um waldeinwärts Nun so helft mir meine arme Emmy
hier wegbringen denn die Angst hat sie ganz umgeworfen« Bei diesen Worten war
sie schon neben die am Boden Liegende getreten und bemühte sich sie
aufzurichten »Hörtet Ihr denn gar nicht« fuhr sie mit Emmy beschäftigt fort
»woher das Unglück kam Was hätte uns wohl Euer kleiner Hirschfänger helfen
können Ihr hättet doch an das Gitter denken müssen«
»Gewiss« antwortete Leonin von Staunen und Verlegenheit über das Erlebte
und den ruhigen Vorwurf des jungen Mädchens ganz überwältigt »mein Betragen
war töricht und ungeschickt und ich fühle mich tief beschämt von Eurem Mut
und Eurer Besonnenheit so weit überholt zu sein«
Als Leonin sprach ließ das Mädchen von Emmy ab und erhob das Gesicht zu
ihm die dunkeln Locken zurückschüttelnd sie war dem gebildeten Tone seiner
schönen Stimme gefolgt und blickte jetzt hold neugierig in sein Angesicht
Gewiss war dies für Beide eine angenehme Überraschung denn tiefere blaue
Augen hatten ihn noch nie angeblickt und so viel die aus ihren Banden
geflossenen Locken zuliessen glaubte er nie feinere und anmutigere Züge gesehen
zu haben
»Gehöret Ihr denn zu den Jagdherren des Schlosses« fuhr das Mädchen fort
»Ich bin allerdings ein Gast des Grafen Gersei« antwortete Leonin »doch
nicht so leidenschaftlicher Jäger diesen fröhlichen Waldzügen immer zu folgen«
»Das dachte ich wohl« sagte das Mädchen »aber es mag sein wie es will
Ihr müsst mir Emmy führen helfen«
»Gewiss gewiss« sprach Leonin »werde ich Euch nicht eher verlassen als bis
Ihr in Sicherheit seid«
Sie schaute ihn wieder klug an um ihren Mund zuckte ein Wort aber sie
schwieg und ergriff nun zärtlich Emmys Hand die sich noch bleich und halb
ohnmächtig gegen einen Baum lehnte unfähig wie es schien ihre Besinnung
wieder zu finden »Emmy meine liebe gute Emmy« sprach sie zärtlich wie ein
Kind »sieh mich doch an und fasse dich Du bist ja gerettet komm doch nun
nach Hause zu Deinem Manne zu Deinem Kinde denn er könnte sich ja bangen um
Dich Sieh weit weg ist schon der böse Eber den haben gewiss die Jäger schon
erlegt und er kann Dich nie wieder jagen«
An den freundlichen Worten so wohl berechnet das gestörte Bewusstsein der
jungen Frau zu werden richtete sich diese auch alsbald auf und ließ sich dem
fortdauernden Geplauder horchend von Beiden fortführen
»Verletzt bist Du doch nicht« frug das Mädchen weiter »und Gott wird ja
geben dass Dir die Angst nicht schadet«
»Ach nein teure Miss« erwiderte die junge Frau »verletzt glaube ich
nicht aber denkt selbst wie fürchterlich meine Lage war ich bin weit
gerannt bald rechts bald links ihm zu entgehen aber gewiss ich wäre
unterlegen denn mir fehlte schon alle Kraft und Besinnung wäre das Tier nicht
schwerfällig und alt gewesen und hätte ich nich Hilfe bekommen Nicht wahr«
fuhr sie fort »der gute Herr hier hat mich gerettet«
So beschämend dieser Augenblick für Leonin war hätte er ihn doch um die
Welt nicht verlieren mögen denn das Mädchen steckte den Kopf um die junge Frau
ein wenig herum und sah ihm mit einem Lächeln in die Augen das den reizendsten
Ausdruck mutwilliger Neckerei trug und ein unschuldiges kleines Einverständnis
einleitete denn sie antwortete sogleich freundlich fortlächelnd »Nun
geschrien haben wir beide genug um die ganze Jagd zu Hilfe zu rufen und es
mochte dem wohl schwer sein der zwischen unseren Stimmen die rechte Stelle zu
erkennen wo Hilfe Not tat«
Leonin hielt seine Augen so lange auf ihr Antlitz geheftet bis sie ihn noch
ein Mal anblickte und jetzt kostete es ihr ein schnelles kleines Erröten
»Ich war auf dem Vorsprung« fuhr sie zu Emmy fort »als ich das Treiben des
Ebers sah und daran dachte wie Du des Weges warst und schnell hinunter lief
um zu sehen ob das ParkGehege offen im Fall Du in Angst kämest aber die
Unruhe die ich schon fühlte machte dass ich so bald dein Geschrei erkannte«
»Ach liebe Miss wie danke ich Euch« rief Emmy gerührt »Ich hätte selbst
verunglücken können aber daran denkt ihr immer zuletzt was hätte dann Euer
Vater gesagt«
»Ja der Vater« antwortete das Mädchen nachdenkend »Dem hat es recht
geahnt dass uns heute Unglück bedrohe glaubst Du dass er mich hinauslassen
wollte Zur Zeit da er weiß dass ich spazieren gehe kam er zu mir und setzte
sich nieder und trug und sprach so viel und lieb dass ich ganz das Ausgehen
vergaß als er abberufen ward und ich nun auch aufbrechen wollte fragte er
plötzlich Willst du doch hinaus Du kannst denken dass ich verwundert war und
ihn frug ob er etwas dagegen habe Da sagte er ich sollte ihn nicht auslachen
aber meine selige Mutter habe die ganze Nacht vor ihm geweint und ihn gebeten
er solle mich nur heute nicht hinauslassen und habe mich ihm gezeigt wie ich
mit einem Kranze geschmückt dastand und ein schwarzer Leichenschleier drüber
hinsank und mich für immer verhüllte Das habe ihn so erschüttert dass er es gar
nicht vergessen könne«
»O mein Gott warum bliebet ihr denn nicht zu hause Miss Fennimor«
»Weil der gute Vater es nicht leiden wollte denn er meinte es sei eine
Schwäche und er wolle sie sich nicht gestatten Da musste ich gehen und spürte
auch keine Furcht bis der Jagdzug nahe kam und an Dich dachte«
So waren die Frauen mit ihrem stumm aufmerkenden Führer die Richtung des
Parkes durchgegangen die sie nach der Abtei zuführte und jetzt riss sich
Fennimor plötzlich los und rief »Dort kommt der Vater«
Eine ehrwürdige vom Alter gebeugte Gestalt mit silberweissen Locken in
einem einfachen schwarzen Hausleibe trat ihnen jetzt entgegen und empfing die
zu ihm eilende Tochter in seinen Armen
»Wer ist dieser Herr« frug der junge Graf seine langsamer folgende
Gefährtin
»Es ist Sir Reginald Lester der Kaplan von Stirlings« erwiderte die junge
Frau und jetzt hatten sie sich der interessanten Gruppe genähert ohne von ihr
bemerkt zu werden Der Vater hatte das geliebte Kind so fest an seine Brust
gedrückt dass das Mädchen um ihn anblicken zu können sich weit hinten
übergebogen hatte die Locken ihres reichen Haares teilten sich dadurch von der
weißen Stirn und der Vater blickte mit dem unbeschreiblich rührenden Ausdruck
innigster Befriedigung in dies schöne offen vor ihm liegende Gesicht
»Da hast Du uns wieder« sprach sie freundlich »heil und gesund wie wir
Dich verlassen aber großer Gefahr sind wir alle nur kaum entkommen ein
gehetzter wilder Eber hätte uns gern alle verschlungen«
»Großer Gott« sprach Sir Reginald »so war meine Sorge doch nicht
umsonst«
»Nein Vater« sagte das schöne Mädchen heiter »aber ich habe den Kranz
wirklich gewonnen und den Leichenschleier von uns allen abgewehrt denn
glücklich kam ich dazu das Gitter des Parkes vor dem bösen Gast ins Schloss zu
werfen«
»Gott weiß« sagte seufzend Sir Reginald »was diese wilden Jagdzüge noch
für Unheil veranlassen werden Das gescheuchte Wild das doch unmöglich alles
geschossen werden kann entartet dadurch zu einer wahrhaft gefährlichen Wut«
Jetzt erst gewahrte der Kaplan seine Augen von der sanft losgegebenen Tochter
abziehend den fremden jungen Mann und trat ihm sogleich mit einer feinen
ruhigen Verbindlichkeit entgegen Seine fragende Miene beantwortete Leonin
indem er ihm in einigen höflichen Worten der Wahrheit nach sein
Zusammentreffen mit den beiden Frauen andeutete
»Und wem darf ich mich also verpflichtet halten« erwiderte der Kaplan
freundlich ihn begrüssend
»Ich bin der Graf von Crecy« erwiderte der junge Mann »und ein Gast des
Grafen Gersei doch bin ich der Verpflichtete da ich wenigstens des Schutzes
teilhaftig ward den Miss Lester ihrer Dienerin gewährte«
»Auch liebt der Herr Graf die Jagdzüge bei Weitem nicht so wie die übrigen
Herren« setzte Fennimor ernst hinzu und betrachtete ihn forschend mit ihren
großen blauen Augen
»Ruhet dann wenigstens von den bewegten Augenblicken ein wenig bei uns aus«
sprach Sir Reginald und schritt sogleich voran durch die kunstreich verzierte
Bogentür welche in das Innere der Abtei führte
Das letzte Stück eines abgetragenen Umganges machte hier den schönen
reinlich mit Binsendecken belegten Vorflur aus und durch eine kleine
gotischverzierte Tür trat man in ein großes Zimmer welches seine frühere
Bestimmung Kapelle oder Sakristei zu sein noch wenig verleugnete Es war
ringsum bis zur Mitte der hohen Wände mit kunstreich geschnittenem Eichenholze
bekleidet wohinter wie einzeln vortretende Verzierungen vermuten ließ sich
Schränke befinden mochten Die oberen Wände kränzten sich mit reicher Stuckatur
bis zu den Spitzbogen der Decke empor und enthielten in ihren Zwischenräumen
große Gemälde die offenbar noch einer früheren Bestimmung angehörten
Drei große Fenster welche in die Spitzbogen der Decke hinaufreichten und
mit bunten Scheiben geziert waren nahmen die eine Seite des Gemachs ganz ein
da sie nur durch kleine Pfeiler getrennt waren welche in Holz geschnittene
Engel verdeckten die Seitenfenster erhoben sich erst über der Holzwand die
gleichmäßig das Zimmer unterhalb einkleidete das mittlere dagegen durchbrach
die Wand und reichte bis zu dem Täfelwerk des Fussbodens denn es bildete
zugleich eine Ausgangstüre nach dem Buchenwalde der die Vorhalle dieses
zauberischen Aufenthalts ausmachte
Gegenüber diesem Fenster lag der kollossale Kamin von schwarzem Marmor und
in der Mitte des Zimmers stand ein eichener Tisch mit großen geschnittenen
eichenen Sesseln umgeben unter denen ein Teppich von feiner Stickerei
ausgebreitet war Eben so zeigten die Kissen der Stühle in purpurrotem Grunde
Stickereien Büchergestelle und Schreibtische in ähnlicher Art nahmen den
hinteren Teil des Zimmers ein und sorgsam gepflegte Gewächse fingen an den
Seiten des Mittelfensters die Sonnenstrahlen auf
Es war unmöglich dies Zimmer zu betreten ohne nicht das Element einer
höheren edleren Existenz zu ahnen das die Bewohner mit ihren Beschäftigungen
gelehrt hatte den Raum mit seiner abweichenden Ausschmückung sich zum Bedürfnis
anzueignen
Unsern jungen unzufriedenen gequälten Freund wandelte ein Gefühl an von
Schüchternheit und Rührung er blickte zu den beiden herrlichen Gestalten die
diesen Raum vertraut beherrschten mit einer Ehrfurcht empor als bewahrten sie
das Geheimnis des Lebens nach dem seine krankhafte Seele seufzend und
vergeblich umher gesehen
So kam es dass der junge vornehme Graf Crecy der seine ganze Schüchternheit
hoffen konnte an den verschiedensten Höfen Europas zurück gelassen zu haben
sie hier vor zwei Menschen wieder fand die ohne Rang und Reichtum von der
Welt vergessen nicht viel anders denn Einsiedler nur ein stilles Naturleben zu
führen schienen
Er hatte nicht Zeit sich zu fragen woher ihm dieser Eindruck kam
fortgerissen fühlte er ein Entzücken ein Verlangen sich hinzugeben und
anzuschließen das nur gemässigt ward eben durch das Gefühl von Schüchternheit
womit er sich sagte sie haben keinen Andern nötig zu ihrer herrlichen
Existenz Jeder ist ihnen überflüssig oder störend Jeder der diese Schwelle
überschreitet muss sich für einen Bettler halten der da harret ob sie von
ihrem Reichtum ihm mitteilen wollen
Wenig lag so hoher Anspruch in dem Verhalten von Vater und Tochter und
gewiss war es sie ahneten nicht ihn bei Andern für sich hervorgerufen zu haben
obwohl sie ein edles Selbstgefühl hatten ein Bewusstsein und Vertrauen zu ihrer
Gesinnung
Der Vater hatte die Tochter erzogen indem er mit ihr lebte und seine edle
sanfte und hingebende Natur die Atmosphäre bildete in der sie sich von Jugend
auf gerade und gesund aufrichten konnte das schöne Haupt nach oben gewendet
Die Welt lag wie eine bunte Fabel hinter dem grünen Walde dessen Ende sie nie
fand Was darin vorging las sie aus großen Geschichtsbüchern und glaubte
davon was sie konnte und behielt auch nur das denn die Geheimnisse der Natur
begreifen wir auf jedem Isolirpunkte der Erde die Geheimnisse des Lebens erst
wenn wir sie an uns selbst erfahren
Vor den kleinen Neckereien der Erziehung mit denen die Jugend sich oft so
schmerzlich vorarbeiten muss hatte die Weisheit und die Liebe des Vaters sie
geschützt es war ihr Alles klar und verständlich geblieben was für und gegen
ihre Neigungen geschah nichts hatte einen Dorn einen falschen Blutstropfen
hinterlassen Man hätte sie ohne Formen nennen können wären edle Menschen nicht
eigentlich überall die Gesetzgeber der wahren Form und was in der Welt
tausendfältigem launenhaftem Wechsel unterworfen ist nur bei denen
unverkümmert wieder anzutreffen welche die Ursache dazu in einer bewahrten
menschlichen Würde finden Kleinlich konnte sie in nichts werden denn ihre
erwählten Helden und Heldinnen denen sie allein glaubte und ihr Vater den sie
eben so fand und Emmy die um wenige Jahre älter mit ihr aufwuchs und einen
starken ernsten Sinn hatte die wussten all davon nichts Wie vornehm oder
gering sie war konnte sie auch nie ganz unterscheiden denn die Gerseis die
vornehm sein sollten erschienen ihr gar nicht so weil sie unter Vornehm die
erhabenen Gestalten ihrer Bibel verstand Beherrscher der Natur die mit Gott
redeten und obwohl sie nicht anzugeben wusste warum die Gerseis ihr so
erschienen schüttelte sie doch immer den Lockenkopf und sagte die sind nicht
vornehm Von dem Stande ihres Vaters hatte sie einen hohen Begriff Die Priester
des alten Testaments die Könige waren die Bischöfe des Mittelalters die
Päpste diese Weltbeherrscher das waren alle dieselben Priester wie ihr Vater
und die Schönheit die hohe Würde des Greises die kindliche Unschuld seiner
Sitten trug dazu bei ihr kein höheres Ideal fürstlicher Würde geben zu können
als sie bei ihm vorfand Da die Familie Gersei gute fromme Menschen auch
ihrerseits nie anstanden ihn ehrerbietig zu behandeln so fehlte ihr jeder
Maßstab für eine solche Stellung in der Welt und sie war längst mit ihren
Gedanken einig dass ihr Vater eigentlich das sei was ein vornehmer Mann hieß
Sir Reginald Lester gehörte in der Tat einer solchen Familie an obwohl
ihm als jüngstem Sohn davon kein Vorteil zugeflossen war als unter stolzen
Ansprüchen erzogen worden zu sein die wenig zu der Notwendigkeit passen
wollten sich später in jeder Beschränkung des Privatlebens behelfen zu müssen
Er hatte sich jedoch zu früh aus der Welt zurück gezogen um nicht ihren
Widerspruch in der patriarchalischen Einsamkeit seines übrigen Lebens vergessen
zu haben Auch war er mit seiner Familie gänzlich zerfallen als er von dem
stolzen Erstgeburtsrechte aus jedem Besitze vertrieben wenigstens versuchte
als Mensch glücklich zu sein und ein schönes edles Mädchen ohne Geburtsadel zum
Weibe nahm deren beglückender Besitz ihm nur als Trost und Andenken zwei
Kinder einen bereits als Geistlichen versorgten Sohn und Fennimor ihr schönes
Ebenbild zurück gelassen hatte
Während wir tiefer in den Grund des Eindrucks zu dringen suchten der den
jungen Grafen so mächtig ergriff sehen wir ihn mit erhöhter Farbe mit
sanftgebeugtem Kopfe der Anweisung des Greises folgen der ihn sogleich an die
Tafel auf einen der Lehnstühle einlud und mit ruhiger Würde seinem jungen Gaste
gegenüber Platz nahm Nicht so Fennimor sie hatte zu tun mit der kleinen
Estrade wo ihre Blumen standen und trieb dies mit einem Ernste und einer
Wichtigkeit als wenn diese stillen Gefährten in ihrer Abwesenheit Unordnung
angefangen hätten Einzelne Worte die ihr entschlüpften klangen als ob sie
die eine Staude lobe die andere tadele und danach in die Sonne kehre oder
zurück schöbe »So« sagte sie endlich lauter »nun habt ihr all euer Teil
Das soll euch wohl gefallen« fuhr sie fort so freundlich und herausfordernd
dass Leonce aufhorchte ob sie ihr nicht antworteten Aber sie musste die Antwort
schon empfangen haben denn sie kehrte sich von ihnen ab und blickte nun eben
so zutraulich auf Leonin und ihren Vater hin als überlege sie was ihr mit
ihnen zustehe Der glückliche Vater sah mit einem kaum merklichen Lächeln dem
entgegen was er gleich zu vernehmen sicher war ohne sein ruhiges Gespräch mit
Crecy zu unterbrechen oder sie durch eine Anrede zu stören
»Der Graf könnte lieber hier zu Mittag essen« hob sie auch sogleich in
einem ruhig beratenden Tone an und stellte sich dabei neben den Vater hin ihn
ernst anblickend als ob sie dies beide allein zu besprechen hätten
»Das könnte er wohl« lächelte Sir Reginald »wenn er es nicht vorzieht auf
dem Schloss zu essen wo so viel muntere Gäste sind dass es ihm dort vielleicht
besser gefällt«
Sogleich wandte sich Fennimor zum Grafen und sagte eben so ruhig »Wollen
Sie lieber bei uns essen oder auf dem Schloss« Ehe er aber antworten konnte
fügte sie gegen ihren Vater hinzu »Ich sagte Dir aber schon lieber Vater dass
der Herr Graf gar nicht die Jagdzüge so liebt als die andern Herren dort oben«
Niemals glaubte Leonin eine verbindlichere Einladung erhalten zu haben und
er fühlte ein Entzücken eine Beehrung durch dieselbe die ihm seine kühnsten
Wünsche zu erfüllen schien »Nein Miss Lester« bestätigte er freudig das was
sie so schnell und wie es schien zu seinen Gunsten aufgefasst hatte »ich
gehöre keinesweges zu diesen leidenschaftlichen Jägern es ist mir sogar nur ein
aufgezwungenes Vergnügen und ich passe daher sehr wenig in diese heitere
Gesellschaft und werde mich für glücklich halten wenn Ihr mich würdigt mich
hier zu lassen«
»Warum bleibt Ihr aber dort« fuhr Fennimor fort »wenn Ihr Euch nicht
gefallt Ich habe auch einmal zugehört wie die Herren zusammen sprachen und
habe seitdem etwas gegen die Jagd denn sie gehen nicht redlich mit den Tieren
um Was sie von ihren Hunden erzählten war abscheulich die tun das Meiste und
so Grausames dass die armen Waldtiere von ihnen zerrissen werden wenn noch
alles Leben in ihnen ist die schönen Hirsche und Rehe und ein friedliches
Tier auf das andere zu hetzen dass es so wild wird das ist auch gottlos«
»Ja« rief Leonin lebhaft »Ihr sprecht es aus jetzt fühle ich es warum
die Jagd mich stets zurückgestoßen hat es ist etwas Unedles und Unredliches
dabei Ich liebe die Ruhe des Waldes und das friedliche Eigentumsrecht womit
die schönen Tiere ihn bewohnen und da haben mich diese lärmenden Züge und ihre
rohe Freude über das Zerstören dieses friedlichen Zustandes immer aufgeregt als
müsste ich mich dagegen auflehnen«
»Also liebt Ihr auch so den Wald« erwiderte teilnehmend Fennimor und
setzte sich neben ihn »Habt Ihr in Frankreich auch schöne Wälder Sind
überhaupt recht viele Wälder in der Welt«
»Ich besitze selbst sehr schöne Wälder« erwiderte Leonin »In wenigen
Monaten bin ich majorenn dann gehören sie mir ganz allein und wahrlich kein
Schuss soll fallen ihr Frieden soll erhalten werden als wären sie ein heiliger
Hain der Vorzeit irgend einer Göttin zum unanrührbaren Besitze geweiht«
»Ach das tut das tut« rief Fennimor freudig »da könnt Ihr dann die
schönen langen Sommertage ganz ohne alle Störung herumgehen und das Wild wird
Euch kennen und alle werden kommen wenn Ihr ruft und Ihr könnt es füttern und
dann geht es Euch nach und die Kleinen spielen mit Euch und wenn Ihr durstet
so müsst Ihr die Quellen besuchen wo sie trinken dies Wasser ist immer kühl und
hell denn die klugen Tiere wissen stets das beste zu finden Da werdet Ihr
mehr Freude haben als all die lauten Jäger zu denen sich kein einziges Wild
freut sondern vor denen sie alle flüchten das könnt Ihr mir glauben und Ihr
werdet dann noch oft an mich denken und dass ich es Euch gesagt habe«
»Das glaube ich selbst« erwiderte Leonin plötzlich ernst nachdenkend als
habe sie ihm sein ganzes Geschick enthüllt »ich werde von nun an immer an Euch
denken Euch nie mehr vergessen können«
Auch sie berührte das Leben in diesem Augenblicke mit dem ersten leisen
Hauch einer ihr bis dahin fremden Empfindung sie dachte noch mit innigem
Wohlgefallen an den grünen Wald in dem das Wild ungestört wandeln sollte und
war doch schon mit einem leisen Erschrecken von dem Gedanken berührt worden dass
er ihrer gedenken wolle sie nie mehr vergessen Wer das Leben kannte und dieses
erste leichte Berühren eines Gefühls zu verstehen vermochte mit dem sie der
mächtigsten Gewalt der Erde verfallen war der hätte in unsäglicher Wehmut sein
Angesicht verhüllen müssen denn eben damit war das unschuldvolle Leben in der
Natur, das sie als den letzten Abschied eines ruhigen Kinderherzens noch rein
empfunden und ausgesprochen unwiderruflich dahin Jahre müssen hingehen ehe
wir die Abschnitte in unserm Leben erkennen die oft so hart geschieden neben
einander stehen dass sie uns in Erstaunen setzen aber bewusst werden wir uns
ihrer erst wenn sie längst als abgelöst und aus jeder materiellen Beziehung zu
uns getreten erscheinen Dann können wir auch oft erst nachweisen wie der
Moment der wie der Quell aus dem Felsen dem leichten Schlage entgegen stürzte
in allen vorangegangenen Zuständen unserer Seele uns unbewusst vorbereitet ward
Denn wohl fühlen wir bei einem klaren Geiste wenn uns das Leben zu einer neuen
Entwickelung gelangen lässt aber welche es sei das bleibt das Geheimnis der
Zeit und die Anregung selbst macht dass wir ihr wenig nachfragen denn jede
neue geistige Entwickelung scheint uns zum Herrn derselben zu machen und lässt
uns die Wege als eigen gewählte gehen auf denen wir uns doch oft als Verirrte
wiederfinden
Das Mädchen stand still und schaute vor sich nieder und in ihr geschah was
sie nicht begriff als sie aufblickte sah sie über Alle hinweg nach der Decke
sie war so groß geworden und hatte so viel Gedanken Besuch bekommen ist doch
ein rechtes Vergnügen glaubte sie und ging um den Gast in der Küche
anzuzeigen
Bald öffnete sich in der Holzwand der Eingangstüre gegenüber eine kleine
unter bunten Schnörkeln spitz zulaufende Tür Fennimor trat herein und streckte
winkend nach Beiden die Hand aus so lieblich lächelnd wie ein Kind
Sir Reginald erhob sich und lud seinen jungen Gast ein ihm nach dem
Esszimmer zu folgen Dies war nur so breit wie das einzige große Fenster
darinnen ein wahres grünes Blätterklosett denn die hellen Scheiben hingen von
Außen voll wiegender Ranken und die Holzwände waren besteckt und berankt mit
allem was grünen und blühen wollte Um den kleinen runden Tisch standen drei
Stühle zierlich weiß und wohlhabend mit Silber war er gedeckt und außer ihm
keine Möbel wozu auch jeder Platz fehlte als im Hintergrunde neben der
Ausgangstüre ein künstlicher Schenktisch geschmackvoll und reich mit Silber
geschmückt Emmy stand schon wieder bei vollen Kräften mit der ernsten Miene
einer bescheidenen Dienerin die es erwartet ob die Herrschaft sich eines mit
ihr erlebten Ereignisses erinnern wird Dies geschah sogleich von Seiten des
Grafen der freundlich sie anredete um zu erfahren ob der Schreck ihr nicht
geschadet und als auch der Geistliche ihr noch freundlich sich gezeigt und sie
sichtlich geehrt der lieben Fennimor befriedigte Blicke zugesandt nahm man die
Plätze um das Tischchen ein Obwohl diese Mahlzeit nur aus Fischen Geflügel und
Obst bestand und Alles fehlte was dem jungen Grafen sonst erst ein
Mittagsessen ausmachte schien es ihm doch das ausreichendste und
vollständigste was er je genossen und das Vergnügen einer lebhaften gebildeten
Unterhaltung das er so lang entbehrt labte seinen öden Seelenzustand bis zu
nie empfundener Fähigkeit sich auszusprechen
Wir haben schon gesagt dass Crecys Geist angebaut war Leicht traten wohl
geordnete Kenntnisse und eine entwickelte Urteilskraft hervor wo Sir Reginald
die schöne Fähigkeit des Geistlichen besitzend es so wohl verstand Beides an
seinem Gaste herauszufinden und in Tätigkeit zu setzen Das Alter und die lange
Trennung von der Welt machten den Jüngling ihm überlegen aber er fühlte dies
mit Wohlgefallen und erkannte sein liebenswertes Naturell und die geschickte
kluge Entwickelung die man ihm hatte zu Teil werden lassen und die ihn weder
überfüllt noch vernachlässigt erscheinen ließ
Obwohl Fennimor zwischen dem Gespräche Beider nicht einredete so machte sie
doch auf eine wunderbar kluge und naive Art das Resumee des Gesagten Sie bewies
damit ohne es zu wollen oder zu ahnen dass sie mit nichts ganz unbekannt war
was die Männer zu besprechen fähig waren dass sie aber Alles eigenmächtig
umschuf und zurecht legte in der ihr verständlichen und möglichen Weise
Das Schlechte existirte für sie nicht sie begriff es nicht und alles was
daher und darum geschah läugnete sie oder wusste es oft klug genug anders zu
erklären Sie war dabei entschieden und fest in ihren Meinungen aber doch immer
nur wie ein Kind ganz harmlos ohne Leidenschaftlichkeit Jeder musste fühlen
sie könne bloß nicht anders Ihr von Aufhorchen und Teilnahme leuchtendes
Gesicht das beredte Mienenspiel womit sie schon ehe sie sprach das Urteil
fällte war wunderschön kaum schien sie erwarten zu können was der Eine oder
Andere sagen würde so beredt hingen ihre Augen an seinem Munde so freundlich
lachte sie ihn an wenn es das Erwartete war so schnell schüttelte sie den
Kopf wenn sie es nicht begriff Sie zwang unbewusst zuletzt die Sprechenden im
Verlaufe des Gesprächs ihre Augen auf sie zu richten da sie das Gesagte in ihr
verworfen oder angenommen sahen
So unschuldiges Treiben das hätte Fennimor in der Welt gelebt schon
längst weg erzogen gewesen wäre da jede Mutter oder Erzieherin es mit dem
Bannfluche des Unschicklichen belegt haben würde konnte hier unter der Leitung
eines einsam lebenden Vaters groß werden denn ihm tat die natürliche kräftige
Frische seines Kindes das Eigenes dachte und wollte und ihn oft anregte zum
Denken und Forschen für sie innig wohl er hütete sich sie zu stören und
empfing oft ihm selbst überraschend ganz neue Gedanken von ihr Was ihre
Zukunft werden sollte das legte er stets mit der gefassten Ruhe eines frommen
Mannes bei Seite und selbst seine sichtlich zunehmende Hinfälligkeit ließ ihn
keinen Plan keine Ansicht darüber fassen Sollte sie dem allgemeinen Loose der
Frauen anheim fallen sich zu vermählen so hatte er freilich kein Bild von dem
Manne der sie begreifen konnte und lieber dachte er sie sich unvermählt ihrer
eigenen tüchtigen Natur den Wirkungskreis verdankend
Gegen Ende der Tischzeit unterbrach sie fast zürnend ein Gespräch der Männer
über die herrschende englische Dynastie und das Treiben Karls des Zweiten von
dem der Geistliche durch Crecy manches Nachteilige erfuhr was seine früheren
Ansichten bestätigte da er den König fast so oft tadelte als er von ihm
sprach »Vater« rief sie ganz erglühend von Eifer »wie kannst Du denken dass
unser König Fehler macht bloß darum weil er ein Stuart ist Wie würde Gott
zulassen dass ihm das schon im Blute steckte und hast Du nicht selbst gesagt
dass er brav war bei Worcester wie jeder andere Soldat als habe er kein Recht
vor dem geringsten voraus und war er nicht auch dankbar gegen Sir Loweston
Harlei der ihn verbarg als ihn Cromvell auf der Flucht nach Holland verfolgen
ließ hat er nicht gesagt Wo ein Harlei mir in den Weg tritt da soll er mein
Freund sein und ist er müde auf meinem Lager ruhen und ist er hungrig von
meinem Brodte essen aus meinem Becher trinken und hat er das nicht all
gehalten wie Du mir selbst gesagt«
»Einzelne schöne Züge haben alle Stuarts mit einander gemein« erwiderte
ruhig der Vater »aber daneben wohnt in ihnen ein tückischer Geist der immer
wieder einreisst was sie Gutes gewollt oder getan«
»Ach nein« sagte Fennimor »weißt Du wie es sein wird Er ist zu lange
von Hause gewesen das habe ich letzthin herausgefunden als Du ihn wieder
schaltest Da war ich den ganzen Tag und die ganze Nacht in Grimfields Höhle
gewesen als wir die Marienwürmchen sammelten in der Heumondsnacht gegen die
Gliederschmerzen« setzte sie erläuternd gegen den Grafen hinzu »als ich da so
lange von Hause war und ich kam wieder war mir Alles fremd geworden und ich
wusste gar nicht wo ich anfangen sollte ob es Zeit zu dem Einen oder dem Andern
wäre Du selbst« fügte sie hinzu und drückte ihren Kopf an des Vaters Schulter
»sagtest Du bist ein ganz verwirrtes Ding geworden weil Du so lange von
Hause warst Da dachte ich nachher wie Du den König schaltest ich war nur so
kurze Zeit fort und mein Haus ist so klein und als ich wieder kam wusste ich
zu nichts die rechte Zeit zu finden und nun der arme König den sie so lange
verjagt haben aus seinem großen Hause aus seinem England nun er wieder kommt
auch nicht immer die rechte Zeit finden kann wo Alles hingehört da schelten
sie ihn alle so sehr«
»Zu erklären zu entschuldigen mag durch dies traurige Schicksal Manches in
dem Charakter des Königs sein« sprach Crecy so gern ihr beipflichtend »es
ist nur leider jeder Fehler auf diesem Gipfelpunkte der menschlichen
Gesellschaft begangen so schwer in seinen Folgen und so unmöglich ihn zu
übersehen da er in das Glück von Tausenden einschneidet«
»Ja« fuhr Fennimor lächelnd zum Vater fort »lass Du ihn nur erst recht
ruhig in dem alten Vaterhause ausschlafen und gib dann Acht denn was war es
bei mir Übermüdung Als ich schön ausgeschlafen hatte wusste ich Alles wieder
wie am Schnürchen nichts war mir mehr fremd Der arme König ist auch noch
müde er ist noch immer überwacht von der langen Not die ihn nicht schlafen
ließ darum taumelt er und tut bald zu viel bald zu wenig ach Ruhe muss doch
ein König auch haben da Gott ihn Mensch hat sein lassen Und braucht er dazu so
viele Jahre wie ich Stunden kommt die Rechnung doch heraus da seine Not so
groß war die meinige so klein«
»Nun so wollen wir ihm denn eine Ruhe der Seele wünschen wonach er sich
geeignet findet das zu erkennen was seinem armen Lande not tut« sprach Sir
Reginald indem er sich erhob und nach beendigter Mahlzeit seinen Gast in das
Wohnzimmer zurückführte
Fennimor die ihnen folgte zog nun nach gewohnter Ordnung ein kleines
Bänkchen zu den Füßen ihres Vaters beschäftigt von einem Andachtsbuche
welches sie herbei geholt die goldenen Klammern zu lösen um ihrem Vater daraus
vorzulesen
Doch Sir Reginald hielt die Hand auf den Deckel und sagte lächelnd »Dies
möchte unserm lieben Gaste doch eine zu ernste Lektüre werden mein Kind und
wir lassen das bis wir allein sind«
Wie mit Purpur ward Fennimor bei diesen Worten übergossen und Erstaunen und
Beschämung schienen daran gleichen Teil zu haben
»O ich bitte Euch Sir Reginald« rief Leonin »würdigt mich als Euren
Gast des Vertrauens dass ich an allen Euren Beschäftigungen Anteil nehmen darf
und schenkt mir Eure Achtung indem Ihr sie nicht durch meine Gegenwart
unterbrechen lasst«
Sir Reginald war um so geneigter dieser Bitte nachzugeben da er mit
Teilnahme sah wie sehr Fennimor durch seinen Einspruch außer Fassung gekommen
war und ihre rührend beschämten Züge den leichten Anfang hervorbrechender
Tränen andeuteten »So wollen wir denn unsern neuen Gast ganz wie einen alten
behandeln« sagte er mit dem Versuche zu scherzen »und ich freue mich recht
in seiner lieben Gesellschaft eines Deiner schönen Gebete zu hören«
Fennimor nahm jetzt das Buch das der Vater selbst hatte öffnen müssen
ihrer Verwirrung zu Hilfe kommend und zeigte mit dem Finger auf das Blatt wo
sie beginnen sollte
Zu Anfange bebte die Stimme des erschreckten Kindes und jedes Wort fand nur
unsicher seinen Ton aber wie erstaunte Crecy als er nun erst hörte dass diese
Gebete in französischer Sprache geschrieben waren und der Thomas a Kempis
dasselbe Andachtsbuch war das er in dem Betzimmer seiner Mutter zu finden
pflegte Fast kostete ihm diese Überraschung seine Andacht hätte nicht der
ernste und so melodische Ton dieser kindlichen Stimme ihn mit steigendem
Entzücken an den heiligen Sinn von Worten gefesselt die von Jugend auf sein
Herz am meisten erbaut hatten Die etwas gebrochene unsichere Aussprache die
doch nie den Sinn verdarb oder über die Kenntnis der Leserin Zweifel erregte
schien ihm ein Zauber mehr jugendlichphantastisch überbot er in jedem
Augenblick sein tieferregtes Gefühl und zuletzt schien sie ihm ein Engel der
sich dem heilgen schweren Dienste unterzog unter Menschen die Lehre des Heils
zu verbreiten doch nur mit Mühe seine Engelslaute in ihre harte Sprachform
fügend Als sie jetzt ruhig das Buch zuschlug und mit gefalteten Händen zum
leisen Nachgebete den Kopf über dasselbe senkte dass die reichen braunen Locken
wie ein Schleier niedersanken und der ehrwürdige Greis mit seinem weißen Haupte
und dem vollsten Ausdrucke väterlicher Liebe seine Hand segnend auf sie legte
da beugte er als habe der Engel sich ihm offenbart in einer Art Anbetung das
Knie neben ihr und rief leise und bebend »Wollet mich aufnehmen in die heilige
Gemeinschaft Eures Lebens«
Die wahre Empfindung wenn sie unverkümmert von den ewigen Rücksichten die
uns anerzogen werden hervortritt ist eine jedes Mal verständliche und fast
immer siegende Sprache Sir Reginald legte ohne Bedenken seine andere Hand auf
das gebeugte Haupt des Jünglings »Gott segne Euch junger Mann mit einem
unschuldigen Herzen bis ans Ende Eures Lebens« Da fiel erschreckend das
Gebetbuch der Mutter woraus sie so eben gelesen von Fennimors Schoss auf die
Erde und alle Blumen und Kränzlein und zarten Bildchen die darin gesammelt
waren flogen zerstreut umher Beide knieten nun und sammelten sorgsam und mit
leichtem Finger diese Heiligtümer und beschäftigten sich dann damit sie an
den Stellen wieder einzulegen die Fennimor alle anzugeben wusste
»Meine Mutter war aus Frankreich« erwiderte sie auf die Anfrage Crecys
über das Gebetbuch in seiner Sprache »und dies war das Buch worin sie täglich
meinem Vater vorlas Davon weiß ich freilich selbst nichts mehr aber ich
erlernte die Sprache um später auch darin lesen zu können und tue es nun alle
Tage darum« fuhr sie zögernd fort »dachte ich auch heute es dürfe nicht
anders sein denn Ihr werdet doch auch beten«
»Ja gewiss« rief Crecy bewegt »und von Kindheit auf habe ich gerade aus
diesem Buche gebetet was immer in der Betkapelle meiner Mutter lag«
»Vater« rief Fennimor freudig den fern Sitzenden in seinem Nachdenken
störend »seine Mutter betet auch aus diesem Buche und er hat von Kindheit an
keins lieber gehabt Sagt mir doch« fuhr sie fort als sie das freundliche
Nicken des Vaters in Empfang genommen hatte »von Eurer Mutter sie ist wohl
recht schön und sanft und gut«
Leonin schwieg einen Augenblick und wir können nicht leugnen dass die Welt
ihn nicht mehr unbefangen genug gelassen hatte um nicht in der Stille zu
überlegen dass dies schnell entworfene vorteilhafte Bild seiner Mutter
unmöglich entstehen konnte ohne von dem Sohne und den ihm vielleicht von ihr
beigelegten Eigenschaften die Farben zu leihen Aber versöhnend fügen wir
hinzu dass er dies ohne das kalte beleidigende Trachten der Eitelkeit empfand
Ein heißes Gefühl durchströmte seine Brust bei der Hoffnung sie sähe ihn so
günstig an ein Gefühl das ihn nicht glauben ließ es stehe ihm zu es zu
fordern Doch musste er während dieses berauschenden Gedankenlaufs sich bemühen
ihr zu antworten und zuerst stand er etwas verwirrt vor dem Bilde seiner
Mutter »Sie ist schön Miss Lester« erwiderte er zögernd »aber sie ist
meine Mutter daher über den Anspruch der Jugend hinaus ihr Geist und ihre
Gaben sind sehr groß und sie ist von Geburt eine Fürstin Soubise«
»Das freut mich« erwiderte Fennimor freundlich »ich habe gern so
vornehme schöne Menschen die so recht eigentlich zu den hohen Bäumen und
breiten Strömen und den mächtigen Tieren passen wie Gott es gewollt hat als
ihre Beherrscher Alle sind nicht so aber sie haben auch ihren Platz Gott hat
ja auch die kleinen Würmer geschaffen man kann dies Alles lieb haben« setzte
sie hinzu aus ihrem biblischen Patos zu der Heiterkeit einer kindlichen
Spielerei übergehend und sprang fröhlich auf um die Türen nach dem Walde zu
öffnen
In Gedanken vertieft blieb Crecy auf seinem Platze sitzen und blickte ihr
nach als sähe er ein Wunder was er zu ergründen vergeblich trachtete Als er
aufsah begegnete er den Blicken des Vaters der ihn mit einem eigenen Ausdrucke
milder ernster Wehmut betrachtete Crecy entzog sich diesem sanften Forschen
nicht ja wünschte fast ein Anderer durchdränge sein seltsam überfülltes und
bewegtes Innere Er stand auf und nahte sich dem edlen Greise der ihn still
erwartete und als er vor ihn trat schwiegen dennoch Beide Zwischen ihnen
stand eine Ahnung und sie wussten nicht ob diese Gestalt gewinnend sie
trennen oder vereinigen würde
Der Abend war indessen herabgesunken einzelne glühende Lichtstreifen
drängten sich durch den Wald und hafteten mit ihrem Purpurlichte an den
Säulenstämmen der hohen Buchen oder zogen glänzende Furchen über den duftenden
Rasen
»Seht« sagte plötzlich das zurückkehrende Mädchen zu beiden Männern
tretend »in Eurem Walde in Frankreich da wird wenn er Euch erst ganz gehört
und kein Schuss mehr fällt um diese Stunde das Wild spazieren gehen und sich
seines Lebens freuen hier ist Alles leer und verscheucht von der wilden Jagd
Aber wir« setzte sie sanft fast furchtsam hinzu »wir könnten jetzt spazieren
gehen« Sie hatte das ihrem Vater gesagt und er richtete sich sogleich mit
milder Freundlichkeit in seinem Stuhle auf doch sah Crecy deutlich wie er
einen schwermütigen Anklang in seiner Seele beherrschen musste »Du hast Recht
Fennimor« sprach er zum Weggehen ihre Hand fassend »und da wir unsern Gast
nicht länger seinem Wirte entziehen dürfen so wollen wir ihn den schönsten Weg
durch den Park dem Schloss zuführen«
Leonin fühlte erst jetzt was er gänzlich vergessen hatte wo und bei wem er
hingehöre Er schien sich heute erst angekommen heute erst an der rechten
Stelle und jenes Schloss mit seinen Bewohnern lag so weit ab und war in eine
solche Fremdheit zu ihm getreten dass er seiner ganzen Besonnenheit bedurfte um
sich zu überzeugen er müsste dahin zurück Doch nicht eher trennte er sich von
seinen neuen Freunden als bis sie ihm beide erlaubt am andern Tage wieder zu
kommen und er kehrte nun in Schloss Stirlings ein aber ein anderer Mensch als
er es verlassen hatte
Beinahe zaghaft näherte sich Leonin den Gesellschaftszimmern in denen er sein
Ausbleiben bemerkt und sich den Fragen der gutmütigen Familie ausgesetzt
fürchten musste die eben jetzt zu beantworten ihm unbeschreiblich lästig
schien
Doch er fand schon in den Gängen und Vorzimmern unter den Domestiken eine
ungewöhnliche eilfertige Unruhe und erfuhr von dem etwas langsamer
daherschreitenden alten Haushofmeister dass die Frau Gräfin eine Botschaft aus
Edinburg von ihrer wie zu fürchten stehe sterbenden Frau Mutter erhalten habe
dass sie sogleich mit ihren Töchtern dahin abreisen werde wogegen Se
Herrlichkeit der Graf Gersei bei den versammelten Gästen in StirlingsBai
bleiben würde die nächsten Nachrichten von seiner Gemahlin hierselbst
abwartend
Leonin konnte nun selbst fragend und anredend eintreten und die Teilnahme
die er empfänglich war zu fühlen setzte ihn in die richtige Stimmung zu seinen
gütigen Wirten
Milady Gersei mit ihren Töchtern waren schon in Reisekleidern in dem Kreise
der Gäste die Anmeldung der Wagen erwartend
Tief bekümmert über den möglichen Verlust ihrer nahen Verwandten hatten die
guten Menschen doch auch die sorgsamsten Gedanken für ihre zurückbleibenden
Gäste und indem sie alle einzeln baten StirlingsBai nicht zu verlassen
sondern dem bekümmerten Grafen beizustehen wollten sie noch für die besonderen
Wünsche eines Jeden liebreich sich bemühen und besonders an Leonin richteten
sich die gutmütigsten Vorschläge und Besorgnisse sogar für die Annehmlichkeit
seiner Lage da die Frau Marschallin von Crecy und ihr Wunsch in Bezug auf
diesen Sohn dieselbe zu einer besonderen Verpflichtung für sie gemacht hatte
Niemals war Leonin vielleicht weniger um seine Unterhaltung besorgt als
eben jetzt und die freundliche Art wie er sie darüber beruhigte machte ihn
liebenswürdiger erscheinen als sie ihn bisher erkannt hatten und endlich
stellte das freudig geleistete Versprechen StirlingsBai vor der anberaumten
Zeit nicht zu verlassen sie gänzlich um ihn in Ruhe
Von allen Anwesenden bis an ihre Kutschen begleitet setzte sich endlich der
schwerfällige Reisezug in Bewegung Leonin hatte hier Gelegenheit
wahrzunehmen wie wahrhafte Güte des Herzens in entscheidenden Lebensmomenten
den Mangel einer höheren Bildung die das tägliche Leben mit seinen kleinen
Anforderungen oft so drückend vermissen lässt ausreichend zu ersetzen vermag
und wie in solchen Augenblicken das unverdorbene Herz den sanftesten zartesten
Rat zu Anderer Hilfe und Trost zu geben vermag
Diese rauen Jäger waren alle so still und ehrerbietig gegen die sonst wenig
beachteten Frauen geworden sie blieben nach ihrer Abreise so still bei dem
nachdenkendern Hausherrn versammelt und ernstere Beziehungen ihrer
gegenseitigen Verhältnisse kamen zur Sprache und hemmten das wüste Geschwätz
lächerlicher Jagdlügen womit sie sonst einander zu ärgern trachteten und oft zu
heftigen rohen Szenen Veranlassung gaben Zum ersten Male fiel es dem jungen
Grafen leicht unter ihnen zu bleiben und an ihrem Gespräche Teil zu nehmen Er
benutzte noch denselben Abend als die Gesellschaft sich getrennt hatte diese
ihm bisher so fremde Stimmung seiner Mutter zu schreiben und das ganze Bild
das er von seinem Leben entwarf und was nur zu erwähnen ihm bisher der
Überdruss daran unmöglich gemacht hatte trug einen überraschenden Ausdruck
glückseliger Heiterkeit vollständiger Befriedigung
Wohin unser junger Freund am andern Morgen seine Schritte lenkte brauchen
wir kaum zu erwähnen Bald kannte er keinen andern Weg als diesen Ehe die Sonne
hoch genug stand den Tau von dem Moose des Waldes zu trocknen umschlich er
schon den Fuß der Abtei und beobachtete mit anbetendem Entzücken die tanzenden
Lichter die die Fenster zu liebkosen schienen hinter denen noch Fennimors
jugendliches Haupt in holden Träumen ruhte Mit leisen Schritten betrat er den
Weg der zu der Tür des Wohngemaches führte und prüfte das weiche Moos unter
seinen Füßen ob der leichte Wind der die Wipfel der Buchen grüßend berührte
auch nicht ein dürres Aestchen ein welkes Blatt auf den Weg gestreut den bald
ihr zarter Fuß betreten sollte Zu den Gewächsen die das Fenster spielend
umzogen blickte er wie zu Begünstigten auf die bleiben konnten wo sie war er
betrachtete sie als wolle er sich ihre Liebe erwerben er schlang die vom
Zufalle verschobenen Ranken um ihre Stäbchen er suchte die abgestorbenen
Blätter und Zweige hervor und bog die befreiten Keime gegen das Licht und die
Blumen die er ihr jeden Morgen brachte ob der Tau sie nicht zu sehr nässte ob
die Sonne nicht ihren Duft früher nähme als sie ihn eingezogen wie viel
Gedanken und Überlegungen machte ihm das Hatte er sie endlich gebettet an
gesichertem Ort und sich überzeugt er dürfe sie noch nicht erwarten so kam er
sich wie ein Held groß und entschlossen vor wenn er abwärts von ihrer Schwelle
noch eine Wanderung durch den Park versuchte
Gehoben nun wie sein ganzer Zustand es war traten seine Gedanken zu
Entschlüssen hervor Seiner nahen Majorennität freute er sich besonders und
leicht hätte er das was er sich selbst nicht eingestand eben aus diesem
Gefühle erraten denn nichts war ihm bis dahin gleichgültiger gewesen als eben
diese Majorennität Mit allen Vorzügen des Reichtums immer ausgestattet hatte
eine Vermehrung dieses sorglosen Besitzes womit zugleich eine Verwaltung
desselben die bequeme Ruhe des bisherigen Lebens bedrohte sehr wenig Reiz für
ihn gehabt und er hatte alles was seine ihn immer in Probe nehmende Mutter
hervorbrachte ihn darüber auszuforschen stets mit ablehnender Gleichgültigkeit
zurück gewiesen Die umsichtige und herrschsüchtige Frau konnte ihre sparsamen
Gefühle höchstens nur auf die Liebe der Blutsverwandten ausdehnen doch auch
hier nur ihrem Charakter getreu indem sie ihre Klugheit und Lebenserfahrung
geltend machte ihre Ansichten von Glück und Wohlbefinden ihnen entweder mit dem
vollen Umgestüme des Zürnens oder dem langsamen Wirken übler Laune und kleiner
heimlicher Ränke aufzunötigen Sie erlaubte sich jedes Mittel ohne die
kleinste Unruhe ihres Gewissens da sie durch ihr stolzes Selbstgefühl beständig
in der sichern Überzeugung gehalten ward das Wohl des Andern zu wollen
nämlich was sie dafür hielt und was annehmbar zu machen ihrer finsteren
uneingestandenen Herrschaft schmeichelte
Über ein so weiches zur Untätigkeit geneigtes Gemüt wie das Leonins
die Herrschaft zu führen schien sie sich nun vollständig berufen und indem sie
ihm damit das Leben das seiner träumerischen Seele leicht zu schwer ward so
bequem als möglich machte fühlte sie sich ihres Einflusses vollkommen
gesichert Aber sie hatte von den schönen Keimen seiner Seele die von einer
sich selbst nicht suchenden Liebe verstanden und gepflegt worden wären und
durch ein ehrendes Schonen und liebevolle Ermunterung erstarkt sein würden auch
keine Ahnung ja ihr Verfahren hatte bereits genug in ihm zerstört was sie
stets in den platten breiten Ansichten erledigt fand er sei zu gut fürs Leben
er müsse stets dagegen gewarnt geschützt und eingehüllt bleiben
Diesen Frevel der an ihm begangen ward und ihn verhinderte sich zum Manne
zu entwickeln wollen wir in unsern Gedanken fest halten wenn wir ihn auf der
Bahn seines Lebens begleiten müssen und wünschen werden ihn halten oder stützen
zu können gegen die Gewalt eines herrschsüchtigen Weibes die aus
selbstsüchtiger Liebe seinen Geist unterdrücket und sein Herz gegen Menschen
und Verhältnisse in Zweideutigkeit verstrickte
Was er jetzt empfand und zur natürlichen Entwickelung kam da er außer dem
Bereich ihres Einflusses lebte erfasste ihn wie ein neuer Strom des Blutes Er
genoss zuerst den Zauber der die Seele des Mannes aus der Knospe hervorbrechen
lässt und alle Kräfte als Diener herbei ruft den heiligen Zauber ein weibliches
Wesen im zärtlichen Glauben an seine Kraft und im Gefühl der eigenen Schwäche
sich ihm vertrauen zu sehen als habe damit jede Furcht auf Erden ihr Ziel
erreicht Wer hatte bisher von ihm gewollt und gesucht was Fennimor nicht
zweifelte zu finden wer hatte ihm dies völlige Gefühl der Männlichkeit gegönnt
wer ihn zu einem freieren Hervortreten seiner Kräfte und Fähigkeiten genötigt
durch die Anforderungen echt weiblicher vertrauender Liebe Es konnte nicht
fehlen dass er der alten Fesseln entledigt sich seiner auf eine ihm selbst
überraschende Weise bewusst ward Im Verlaufe dieses Bewusstseins drängte sich
ihm auch eine Wahrnehmung für die Außenwelt und seine bisherigen Verhältnisse
auf und dies mochte ihn zu mancher noch nie gewagten Betrachtung führen
Diesen hochgebildeten Naturmenschen gegenüber glaubte er jetzt erst das
Leben in seiner Wahrheit zu erkennen und wie Sir Reginald jene andere Welt in
den Städten an den Höfen die man Leonin bisher dafür ausgegeben vergessen
hatte Fennimor sie nie gekannt so war es auch natürlich dass Beide niemals auf
die Schwierigkeiten verfallen konnten die sich ihm zum Gegensatze ihrer Welt
und der von ihm gekannten aufnötigten und dass diese endlich von ihm selbst nur
noch mit dem Entschlusse betrachtet wurden sie gering zu achten da er hier den
Inhalt einer Existenz kennen lernte edel und ausreichend vor Gott und doch
fremd jenem ganzen Treiben berechnender Klugheit Aber es geschah ihm auch
zuerst dass er über das vorzüglichste ihn bis jetzt leitende Prinzip über seine
Mutter nachdachte und dass er den Widerspruch erkennen lernte in den er durch
die eigene entschiedene Umwandlung seines Wesens von der er sich das
Eingeständnis machen musste zu dieser unveränderlichen Frau getreten war Er
wollte nur noch Fennimor und mit ihr Ste Roche bewohnen und er wusste genau
seine Mutter würde entschieden das Gegenteil wollen er wusste sie wolle ihn
an dem glänzenden geistreichen Hofe des Königs sehen vermählt mit einer Dame
deren Name durch Alter und Ansehen dem seinigen gleich käme Er fühlte er habe
zu diesen Plänen seine Mutter berechtigt denn auch er hatte früher nie eine
andere Wendung seines Lebens für möglich geachtet und sei es Überredung sei
es der ihm angeborene Geburtsstolz nie hatte er den Gedanken seine künftige
Gemahlin anders als in den höchsten Regionen des Hofes zu suchen für möglich
gehalten
Er war noch jung genug um der erfahrenen Entwickelung mit Enthusiasmus sich
hinzugeben und sich im vollkommenen Rechte mit diesen Empfindungen zu fühlen da
sie ihn edler menschlicher hochherziger stimmten als Alles was er bis dahin
empfunden Wenn er so in der heißen Sehnsucht nach Fennimors ihm nur wenige
Stunden entzogenem Anbicke in der Frühe den Wald durchstreifte regte sich eine
Fülle guter Gedanken und Beschlüsse in ihm gemäß den Ansichten die seine neuen
Freunde ahnungslos durch Worte und Handlungen erweckt hatten Sie waren eine
Sonde für Leonins Herz die ihm fühlen ließ wie weit es gesund geblieben war
unter der Hand der klugen Fürstin Soubise die jeden höheren Atemzug in ihn
zurückdrängte mit der Warnung der bösen Welt nie zu vertrauen nie offen sich
ihr zu zeigen Jetzt war der Mut erwacht sich ihr offen zu zeigen und dessen
fühlte er sich froh Er hoffte seiner Mutter zu beweisen wie man ein freier
offener Mensch sein und doch der hohen Würde wozu die Geburt berufen Ehre
machen könne Ste Roche wohin er am liebsten dachte Fennimors heilige Ruhe
hier am besten gesichert haltend Ste Roche sollte ein Paradies werden Nicht
allein die schlanken Bewohner der Wälder sollten ungestört auf den reichen
Weideplätzen umher wandeln jedes Wesen das ihm gehörte sollte Ruhe Glück
und Sicherheit durch ihn finden Was Reichtum war verstand er erst seitdem
er gesehen wie ernst und verständig Vater und Tochter was sie übrig zu haben
glaubten mit denen teilten die weniger hatten und sein Herz jauchzte wenn
er dachte dass er an einem Tage mehr besaß als Fennimor im ganzen Jahr
erübrigte Ihr diesen Reichtum zu Füßen zu schütten ihr freudiges Erstaunen
ihr himmlisches Lächeln zu sehen und wie sie sich mit diesem Reichtume
aufrichten werde und wie eine Königin durch seine Untertanen gehen und
helfen und retten und Segen spenden mit klugen ernsten Gedanken und strenger
Mahnung und süßer kindlicher Hingebung und Heiterkeit Was konnte ihm die Welt
gegen eine solche Aussicht auf Glück bieten auf ein Glück von dem er sich
veredelt fühlte bei dem bloßen Gedanken daran
Schon längst kannten Sir Reginald Lester und Fennimor die Pläne welche
Crecys Liebe für die Zukunft geschaffen und wenn Fennimor kein Hindernis
ahnend in sorgloser Freude das Glück ihrer Liebe genoss so sehen wir Sir
Reginald mit mehr Hingebung an die Wünsche der Liebenden sich anschließen als
bei seinem reiferen Alter zu erwarten stand wenn nicht eben lange
Zurückgezogenheit von der Welt ihn zum Fremdling darin gemacht und die
Erinnerung aus seiner Jugend die ihn allerdings in manche Beziehungen zu den
Vorurteilen und Rücksichten höherer Stände geführt doch ihm keine
Befürchtungen für Frankreich gaben was er unterschieden in seinen Ansichten von
England wähnte und Crecys Bestätigungen leichten Glauben verschaften
Den ungestörten Umgang der so schnell Vereinten hatten die Ereignisse auf
dem Schloss Stirlings besonders begünstigt
Die Mutter der Gräfin Gersei war gestorben und der Graf ihr Gemahl hatte
sich der tiefen Trauer wegen genötigt gesehen seine heitere Gesellschaft zu
entlassen und seinen Aufenthalt abwechselnd in Edinburg zu nehmen da die zu
machende Erbschaft seine Gegenwart ebenso wie die der übrigen Verwandten nötig
machte
Den jungen Grafen von Crecy wünschte er allerdings dem früheren
Übereinkommen mit seiner Mutter gemäß bei sich fest zu halten nur schien es
ihm nicht wahrscheinlich dass der junge Mann der schon so wenig Vergnügen zu
haben schien als das Schloss noch der Wohnsitz der Heiterkeit und Geselligkeit
war jetzt zu halten sein werde wo er die einzige Person zu seiner Gesellschaft
war und jene FamilienAngelegenheiten auch ihn zu Zeiten wegriefen Er schlug
ihm daher vor mit ihm Edinburg zu besuchen und außer dem Trauerhause dort
Vergnügen und Zerstreuung zu suchen
Das war natürlich ganz gegen die Neigung des jungen Grafen und er bat es
sich aus in StirlingsBai in der größten Einsamkeit die anberaumte Zeit
verleben zu dürfen indem er die gemachte Bekanntschaft mit dem Geistlichen
eingestand und damit des Grafen Besorgnisse für den Mangel aller Geselligkeit
zerstreute da auch er für Sir Reginald eine große Hochachtung hegte
Keinesweges war die Marschallin von Crecy so schnell zu beruhigen Sie hatte
den Brief ihres Sohnes empfangen dessen wir bereits gedacht und augenblicklich
erkannt ihm müsse ein ganz besonderer Eindruck gekommen sein den sie unmöglich
seinen Hausgenossen zuschreiben konnte und daher unter den Gästen suchen musste
von deren Anwesenheit dieser Brief sie unterrichtete Noch zögerte sie gegen
sich selbst mit dem gefürchteten Geständnisse dies könne ein Herzenseindruck
sein denn sicher gemacht durch die bloße galante Neigung ihres Sohnes zu
Frauen hatte sie sich der Hoffnung überlassen Alles was er darüber zu
erfahren nötig habe werde er dereinst auch durch sie empfangen durch die ihm
von ihr bestimmte Gattin
Sie war zu kalt zu sehr Weltfrau um großen Wert auf eine mögliche
unzeitige Herzensaffektion ihres Sohnes zu legen im stolzen Selbstvertrauen
sich überzeugt haltend sie würde niemals ihren Plänen für die Zukunft entgegen
treten können aber dennoch berührte es sie unheimlich als ein neuer Beweis
wie viel Selbstständiges sich in ihm zu entwickeln begönne und ihr
Antwortschreiben war so eingerichtet ihm zu genaueren Mitteilungen
Veranlassung zu geben da sie näher kennen wollte was geschehen ehe sie
einschritte Auch gelang ihr dies vollkommen denn Leonin entzückt von dem
milden mütterlichen Tone dieses Briefes legte ihr nun seine Pläne für die
Zukunft dar indem er sich unbefangen über den Wert seiner zu erwartenden
Besitzungen freute und seine Absicht aussprach auf Ste Roche fürs Erste zu
leben und dort Wohltaten und Verbesserungen jeder Art zu häufen Er fügte mit
kindlicher Zärtlichkeit hinzu wie er dann hoffe auch sie werde dort gern
weilen wenn er ihr eine Tochter zuführen könnte ihrer würdig und mit ihm
vereint bemüht ihr das Leben zu erheitern
Zwar hielt ihn eine ahnungsvolle Scheu zurück hinzuzufügen wie weit er mit
dieser letzten Zusicherung selbst sorgend gekommen war aber dies war auch für
die Fürsten Soubise nicht nötig denn sie hatte genug vernommen um zu wissen
ihr Sohn habe ohne sie eine Lebensgefährtin gewählt genug um plötzlich aus
ihrer Sicherheit über ihn zu erwachen genug um die Kräfte ihres intriguanten
Geistes herbei zu rufen denn dieser Mutter konnte nur einfallen um jeden Preis
zu hindern was sie nicht beschlossen Bedenklichkeiten bei solchen Schritten
waren ihr fremd weil sie Niemand so liebte oder achtete um auf dessen Wünsche
oder Ansichten den geringsten Wert zu legen
Nur auf welche Weise sie hier am zweckmässigsten einschritte blieb ihr
ungewiss Doch ihre Unruhe ihre Überraschung und ihr Schrecken sollte noch
steigen als sie sich endlich entschlossen hatte ganz absichtslos erscheinend
die Veränderung in der Gerseischen Familie zu einer schnelleren Zurückberufung
ihres Sohnes zu benutzen ihm ihr Bedauern ausdrückend dass ihr Wunsch ihn an
einen Ort habe fesseln müssen der so wenig Reiz für ihn haben könne und wie
sie ihm ihr Schloss Moncay bei Paris anböte wohin sie sich mit seinem Vater zu
seinem Empfange begeben wollte wenn er bis zu seiner Majorennität vorzöge vom
Hofe entfernt zu leben
Leonins Antwort überhüpfte leichten Fußes den ganzen schwerfälligen Inhalt
dieses wohlberechneten Briefes und wie ein Schäfer an seine Geliebte
antwortete er heiter und in glückseliger Laune scherzend wie StirlingsBai
nichts Abschreckendes für ihn habe und die herrlichen Wälder die reizenden
Täler in der Zauberluft des Herbstes zu durchstreifen ihm einen Genuss
gewährte womit er nichts zu vergleichen wüsste und der Gedanke damit zugleich
ihre früheren mütterlichen Wünsche zu erfüllen ihn entschlossen machte hier
genau so lange zu bleiben dass ihm bloß Zeit bliebe zu dem notwendigen
Augenblicke seiner Majorennitätserklärung in Paris einzutreffen
»Also er fasst eigene Entschlüsse« rief die Marschallin als sie diesen
leichten spielenden Brief gelesen hatte und ganz überwältigt von dieser
Vorstellung blieb sie in ihrem Stuhle sitzen unfähig sich zu fassen
»Und zurück muss er dennoch« fuhr sie sich emporringend fort »zurück muss
er und ich muss erfahren was ihn dort zu fesseln vermochte«
Ihr langes Nachdenken gab ihr wie immer die Mittel an die Hand die sie zu
ihren Zwecken bedurfte und leider ließ es sie jetzt ein zu jeder Tat bereites
Individuum wählen dessen erprobte Teilnahme in allen Fällen ihr dasselbe zu
einem Freunde erkoren hatte den Begriffen von Freundschaft gemäß die zwei
solche Menschen nähren konnten
In dem Hause der Marschallin von Crecy lebte ein junger Mann den Alle
Marquis de Souvré nannten Seine Erziehung war in dem Kollegium zu Klermont
geleitet worden und jedenfalls auf größere Ansprüche berechtigt gewesen als der
frühe Tod beider Eltern und ein zerrüttet befundenes Vermögen später zuliessen
Diese Täuschung die er in einem Alter erfuhr wo er mit dem ganzen Übermute
eines hochmütigen und sinnlichen Charakters dem Leben schon jeden materiellen
Genuss abgefragt und von der Magie des Reichtums eine um so höhere Idee gefasst
hatte als er gefunden wie sie am leichtesten die Wege des Lasters verdecke
erfüllte ihn mit der bittersten Empörung gegen ein Loos das ihm nur noch eine
sparsame Revenue und ein dadurch heruntergekommenes Ansehen in seiner ganzen
gesellschaftlichen Stellung übrig ließ Er grollte der ganzen Welt die ihm
begünstigter schien als er es war er grollte namentlich dem ganzen Kreise in
dem er als reicher Marquis mit dem vollsten Übermut solcher Vorrechte gelebt
und welcher ihn jetzt mit mitleidiger Gleichgültigkeit oder höhnisch verratener
Freude von einem Platze verdrängt sah den er mit so viel Anmassung eingenommen
hatte und er überwand nur den bitteren Schmerz dieser Demütigung um sich der
Mittel in seinem listigen Geiste bewusst zu werden die ihn ohne das Erfordernis
seiner bisherigen Unterstützungen zum Herrn seiner Feinde machen sollte
Wir hoffen unsere Leser erlassen uns gern die Verfolgung des geheimen
Lebens eines Mannes das er selbst mit der höchsten Feinheit seinen nächsten
Umgebungen zu entziehen wusste Sein Hauptgrundsatz war Niemandem sei Vertrauen
zu schenken und das Vertrauen Aller zu erringen Er setzte sich in den Besitz
aller Geheimnisse aller Angelegenheiten die nur entfernt das Eigentum der
Personen waren mit denen er leben wollte oder die ihm behilflich werden mussten
zu seinen Zwecken Trotz seiner Jugend hatte er beständig ein ernstes kaltes
und abgemessenes Wesen er schien nur gezwungen sich dem Vertrauen Anderer
hinzugeben und indem er immer ablehnend war fesselte er gerade das Interesse
zog dadurch an und schien eine größere Sicherheit zu versprechen Es war leicht
zu bemerken wie er gelegentlich gleichsam zufällig anzudeuten wusste wie ihm
Geheimnisse und Verhältnisse der höchsten Personen bekannt waren die er sich
doch sehr wohl hütete aufzudecken wenn sie ihm den Dienst geleistet ihn da wo
er es brauchte wichtig erscheinen zu lassen er hatte sich dadurch auch das für
ihn höchst belohnende Gefühl verschafft gefürchtet zu sein und hiermit den
Platz errungen der ihn allein über den Verlust seiner früheren Verhältnisse zu
trösten vermochte
Durch seine Mutter war er der Marschallin von Crecy verwandt und derselben
bei ihrem Tode dringend empfohlen Nicht lange betrat er dies Haus ohne das
ganze Terrain darin mit Überlegenheit zu überschauen und es höchst bequem zu
finden für seine Neigungen Den Marschall ließ er bald mit einem mitleidigen
Lächeln als gänzlich der Beachtung unwert bei Seite da er schnell erkannte
er habe in seinem eigenen Hause wie im Staate nur noch den Platz eines zur Ruhe
gesetzten Invaliden Schärfer fasste er die Marschallin auf die in der Tat
keine schnelle Beute fremder Willkür werden konnte aber sie hatte ja
Schwächen in Fülle ihr Hochmut ihr Ehrgeiz der sie gegen Beherrschung
schützen sollte musste sie gerade diesem gewandten Machinisten in die Hände
spielen und er hatte ihr Vertrauen ehe sie es ahnte er änderte und
beherrschte schon ihre Pläne als sie noch glaubte sie brauche ihn nur
gelegentlich die ihrigen zu fördern
Vom ersten Augenblicke an hasste er Leonin Dies sorglose weiche Kind des
Glückes das so wenig die unermesslichen Vorzüge von Rang und Vermögen zu
schätzen ja sie ihm so wenig zu verdienen schien gering mit den Eigenschaften
ausgestattet die ihm allein wichtig waren und ihn verächtlich von den Vorzügen
denken ließ die Leonin als Ersatz glänzender Geistesfähigkeiten besaß Dies
Wesen das in dem ruhigsten Gleichmute und der größten Sicherheit sein
sorgloses Leben genoss und spielend den Reichtum verbrauchte als könne es gar
nicht anders sein nach dessen Besitz in ihm die ungemessenste Begierde glühte
erfüllte ihn mit einem so heftigen Neide mit einem so bitteren Hasse dass das
Haus der Marschallin für ihn einen Reiz bekam den ihm kein anderes Gefühl mehr
gewährte Dass Leonin sich ihm anschloss brüderlich und mit der grossmütigsten
Hingebung ihn jeden Vorzug dieser Lage fast zu teilen zwang versöhnte ihn
nicht und er ertrug nur seine Gesellschaft um ihn zu verachten und wo
möglich zu lehren dass sein Glück zu erschüttern sei Schon wünschte er dazu
die Reise des jungen Grafen mitzumachen aber zu stolz deshalb gefügige
Schritte zu tun sah er auch zu bald ein wie der gute Abbate Mafei ihm wohl
nicht ganz traute und Alles tat sich diesen Gefährten entfernt zu halten Er
blieb daher in der ruhigen Sicherheit sein bezeichnetes Opfer dennoch gewiss zu
haben bei der Marschallin zurück entschlossen hier indessen so viel Boden zu
gewinnen dass er fest stehe bei der Rückkehr des sorglosen Glückskindes
Es war der Marquis de Souvré den die Marschallin herbeirufen ließ und bald
sah er sich in dem ganzen Vertrauen der besorgten Mutter
Wie immer gab er halb zu was sie sagte um desto besser sie zu seiner
Meinung überführen zu können und indem er sie noch ruhig sprechen ließ sagte
sie ihm schon nichts mehr als was er zu hören wünschte Mit der größten
Sprödigkeit nahm er ihre Bitten auf selbst nach Schottland zu gehen und ihres
Sohnes Lage dort nicht allein zu erforschen sondern ihn frei zu machen und so
schnell als möglich zurück zu führen Erst als seine Eiwilligung ihr die
höchste Gunst der Freundschaft schien gab er sie und erndtete von einer Frau
die nie dankte nie das Ansehen haben wollte verpflichtet zu sein nun den
vollsten Ausdruck von Beidem
Wir wenden uns vorläufig gern von einem Zustande der Seele ab wie der war
mit dem der Marquis plötzlich die Wege vor sich offen sah auf die er fast
getrieben ward mit der sicheren Hoffnung dem heiß beneideten Jünglinge seine
äußeren Vorzüge zu verleiden da er es nicht vermochte sie ihm zu rauben Wir
werden ihn leider wiederfinden und kehren zu der UnschuldsWelt zurück die wir
also bedroht wissen
Das tägliche ungestörte Beisammensein einiger Wochen hatte eine genauere
innigere Annäherung zugelassen als in dem Geräusche der Welt oft Jahre
vermögen Leonin hatte die Vollendung des Sprachunterrichts übernommen den
Fennimor von ihrem englischen Vater nur bis auf einen gewissen Punkt erhalten
konnte und Fennimor hatte dagegen ihm ihre alten Legenden und Geschichtsbücher
vor allen aber ihre Bibel vorgetragen worin sie ihn zu ihrem Erstaunen höchst
unwissend fand und welchen Übelstand sie durch ihren ernsten Eifer und indem
sie bei ihm alle Regeln des Unterrichts anwendete durch die sie selbst geleitet
worden war jetzt für immer zu heben hoffte Wir wollen nicht untersuchen wie
lange der Ernst solcher Studien jeden Tag anhielt welche Rolle der Wald die
Blumen die Vögel und alle die tausend lieblichen Kindereien dazwischen
spielten womit Fennimor ihre Einsamkeit bisher geschmückt und die nun alle
Leonin so wohl bekannt waren als ihr selbst gewiss bleibt es dass der
unverwandt sie anblickende Schüler oft kein Wort mehr von den altertümlichen
Figuren hörte die sie mit dem vollen Eifer ihres Glaubens daran ihm einzuprägen
suchte bloß noch das himmlische von Locken wie von einer Glorie umsäumte
Antlitz betrachtend das so ernst so glühend von ihrer Anstrengung mit den
leuchtenden Augen den schlanken Finger verfolgte der über die vergelbten
Blätter Leonin als Wegweiser dienen sollte
»Du gibst wieder nicht Acht« rief sie dann plötzlich Alles merkend »und
sollst Du es nachher ohne das Buch wissen dann ist die Arbeit umsonst gewesen«
Aber schon musste sie selbst lachend die Augen von seinem lachenden
Gesichte abwenden und wenn er dann die strenge Hand die ihm drohen wollte
einfing fiel ihr auch bald allerlei liebes Geschwätz ein was nicht auf dem
alten Pergamente stand Es blieb Leonin kein Geheimnis in dieser Seele deren
ganzes Bewusstsein ein redendes Mitteilen an ihn geworden war und wie sie sich
erweckt und belebt fühlte durch diese Hingebung und den ganzen Zauber dieser
reinen und tiefen Liebe so strömten in ihrer reichen Seele nur jeden Tag neue
Entwickelungen hervor an denen sie sich kindlich erfreute sie alle dem
Geliebten dankend
Unser Gefühl hält uns zurück den hinreichend durch unsere Mitteilungen
dargelegten Zustand der beiden Glücklichen zu umschleichen dennoch werden wir
dies Gefühl in allen seinen Stadien andeutend verfolgen müssen da es fortan die
Atmosphäre oder das Schicksal dieser so innig sich gehörenden Wesen bildet und
ihr ganzes Leben gestaltet und bestimmt
Schon nahte sich die Zeit die Leonin als die seiner Abreise angesetzt
hatte und er wie Fennimor gingen ihr mit so bangem beklommenem Herzen
entgegen als stehe ein Gewitter über Beider Haupt Keiner wagte den Andern
daran zu erinnern aber Beide verstanden die bange Furcht ihrer Herzen und wenn
Fennimor sich plötzlich weinend wie ein Kind an seine Brust warf frug er sie
nicht warum sie weine und ließ auch den Tränen seiner eigenen Augen freien
Lauf denn er schämte sich dieses treuen Mitgefühls nicht
Was dabei Crecys Besorgnisse noch mehr erregte als selbst Fennimors
unerfahrenes Herz es auffasste war das sichtliche Abnehmen der Lebenskräfte des
ehrwürdigen Sir Reginald Diesem kindlichen Greise der seit einigen vierzig
Jahren die Wälder von StirlingsBai und ihre nächsten Umgebungen nicht mehr
verlassen hatte dessen Erinnerungen bis auf das Leben mit seiner Gattin
erblasst waren der die großen Umwälzungen die die Welt indessen erlitten nur
wie ein Schattenspiel ohne ihre wahren Farben ohne von ihrem Einflusse berührt
zu werden an sich hatte vorübergehen lassen der vom Leben sich so leise so
mild abgelöst dass er nur um Fennimor Gesellschaft zu leisten und ihre Existenz
unangerührt zu lassen das Leben fest gehalten hatte als eine noch nicht gelöste
Aufgabe ihm sank mit jedem Tage jetzt wo Fennimor ein neues Dasein
ergriffen das er kindlich unwissend durch Crecys Herz für gesichert hielt die
Lebenssonne tiefer herab Er fühlte in sich schon den Tag nahen wo sie ihm
versinken würde und seine Züge trugen das Lächeln der Verklärung wie einen
liebevollen Trost um die bleichere eingesunkenere Wange Schon nahmen die
sanften Laute der brechenden Stimme bei jeder liebevollen Anrede Abschied von
dem Lebenden und Crecy sah mit tausend bangen Gedanken wie die schwankenden
Schritte verrieten dass die ehrwürdige Gestalt sich nicht mehr aufrecht zu
tragen vermochte und die weißen Locken dem müden Haupte nach über die Brust
zusammen fielen
Fennimor sah die Veränderung ihres Vaters aber sie kannte den Tod nicht
sie hatte noch nie daran gedacht ihr Vater könne sterben und so hatte sie
immer eine neue Erklärung für seinen veränderten Zustand wenn Crecy zuweilen
schonend den Versuch machte sie auf den immer unvermeidlicher werdenden Ausgang
vorzubereiten Oft wurde sein besorgter Blick von dem Greise erraten dann
reichte er ihm lächelnd die Hand »Du wirst Fennimor jetzt meine Stelle
ersetzen« sagte er »ich fürchte nicht mehr mein nahes Ende und ein Vaterland
wird sie überall finden wo sie geliebt wird«
Crecy hatte oft nicht den Mut in solche Andeutungen einzugehen aber er
fühlte dennoch immer lebendiger heraus wie groß und Besorgnis erregend die
Veränderung sein würde die Sir Reginalds Tod jetzt hervorbringen müsste wo
seine Verhältnisse Fennimor für den Augenblick weder eine Zuflucht bei ihm noch
Rechte darauf geben konnten
Es findet sich am häufigsten dass wir einen eigenen Fehler überwinden
lernen wenn wir ihn an Andern in seiner ganzen Stärke mit allen seinen
Nachteilen hervortreten sehen denn indem die Folgen unser Interesse gefährden
lernen wir selbst uns davon frei machen indem wir uns dagegen zu sichern
suchen
So gern Crecy die Zukunft erwartete und der Gegenwart ohne weitere
Anstrengung in untätiger Musse angehörte so war dies bei Sir Reginald entweder
durch den zuletzt erwähnten Zustand oder aus dem kindlich ruhigen Einschlafen
eines langen einförmigen Lebens hervorgehend in noch viel höherem Maße der
Fall und dies ruhige sorglose Erwarten der besorglichsten Zukunft ohne auch
nur mit einem Gedanken dafür eine Einrichtung treffen zu wollen weckte nun
Leonin zu Betrachtungen darüber die ihn eine Beratung mit Sir Reginald
dringend wünschen ließ
Als sie sich so einst wieder erraten hatten und Sir Reginald wie früher
jede Sorge für Fennimor in ihm erledigt hielt dankte ihm Leonin herzlich für
sein Vertrauen und da Fennimors Abwesenheit ihn unbehindert ließ suchte er
ihn zu einer beratenden Mitteilung zu bewegen »Fennimor wird als meine
Gattin hoffe ich zu Gott allen Schutz genießen den Ihr mit Recht voraussetzt
aber denkt selbst dass ich Euch bald verlassen muss dass ich nicht wissen und
bestimmen kann wie lange mich die Fundirung meiner Angelegenheit die ich zu
Fennimors Gunsten selbst nicht übereilen darf von dieser lieben Stelle trennen
wird denkt dass Fennimor bis dahin keine Rechte an mich hat und ich keine an
sie vor der Welt darf geltend machen und fühlt dann meine Besorgnisse für ihre
nächste Zukunft wenn indes der schmerzliche Augenblick einträte dessen Ihr
jetzt so oft gedenkt dass Ihr mich selbst sein Möglichkeit habt annehmen
lassen«
Sir Reginald schwieg nach diesen Worten lange und blickte ernst und mit
sichtlicher Erweichung in die Ferne »Mein Sohn« sprach er dann »Du bist
weiser für die Welt bei Deiner Jugend als mich das Alter das uns von der
irdischen Sorge bei ihrer erkannten Geringfügigkeit abzieht erhalten hat Du
hast Recht es liegt bis zu Fennimors sicherer Zukunft an Deiner Seite noch
ein Zwischenraum den mein Tod für dieses teure Kind unsanft ausfüllen könnte
und in Wahrheit wäre ihre Lage bei ihrer weichen Seele alsdann bedroht genug
Ich würde sie bis zu Deiner Rückkehr sicher wenn auch unerwünscht für das liebe
Kind der Lady Gersei haben anvertrauen können doch ihr Aufenthalt in Edinburg
und ihre großen Verhältnisse dort mit all der Unruhe einer solchen Erbschaft
überhäuft machen dies unzulässig Mein Sohn lebt leider so entfernt und als
Geistlicher an den Platz gefesselt den er übernommen dass ich ihn nicht
veranlassen dürfte zu Fennimor herüber zu kommen so sehr sein edles
brüderliches Herz dazu auch bereit sein würde auch glaube ich steht ihm
selbst eine Reise nach London bevor da er sich dort zu vermählen denkt« Er
schwieg nachdem er so selbst die Schwierigkeiten hervorgehoben die Fennimor
aus seinem Tode erwachsen konnten und sichtlich wusste er sich keinen Rat
Nicht besser ging es Leonin und tausend Mal wünschte er diese unselige
unerlässliche Reise schon hinter sich um mit der ausreichenden Vollmacht eines
unabhängigen Mannes Fennimors Gatte zu werden und sie gegen jede Zufälligkeit
hinlänglich schützen zu dürfen
»Am liebsten« hob der Alte mit dem Tone an dem man die erregte Besorgnis
anhörte »am liebsten wird sie Dich hier erwarten wollen und bei Emmy Gray und
ihrem Manne bleiben aber dies ginge wohl wenn sie Deine Frau wäre wo sie für
sich stehen könnte und man ihr keinen Vorwurf darüber machen dürfte dass sie mit
ihren Domestiken allein bliebe bis Du zurück kehrtest so aber würde sie
unschicklich handeln was wir nicht zugeben dürfen da das gute Kind von der
Welt noch nichts weiß und stets geneigt ist das Natürlichste für das Beste zu
halten auch ist mir schon der Nachfolger ernannt denn der Lord Gersei will
seine Gemeinde nicht ohne geistliche Fürsorge lassen und dieser mir wohl
bekannte Kaplan wird mit einer starken Familie bald hier einziehen wenn meine
Augen sich schließen und Fennimor würde viel Schmerz erleben hier das Haus als
Fremdling bewohnen zu müssen wo sie einst so sinnig schuf und ordnete«
Leonin hörte dem Alten mit Erstaunen zu Erweckt über diesen Gegenstand
nachzudenken durchschaute er mit folgerechter Klarheit alle daliegenden
Schwierigkeiten und hatte sie doch so lange wie nicht existirend bei Seite
schieben können wo der Gegenstand den sie betrafen ihm doch der wichtigste
teuerste auf Erden war Leonin fühlte die Notwendigkeit hier entscheidend zu
helfen und doch sah er weder eine Möglichkeit dafür noch gestattete ihm sein
zärtliches Gefühl für den geliebten Greis so ohne Schonung den unglücklichen
Fall anzunehmen der diese Verhältnisse alsdann herbeiführen musste
Da sagte plötzlich der alte Mann aus tiefem Nachdenken erwachend »Das
Beste wird sein mein geliebter Sohn wenn ich Dir Fennimor zum Weibe gebe ehe
Du nach Frankreich gehst dann hat sie mit dem ehrwürdigen Range einer
verheirateten Frau das Recht sich überall hinzubegeben wo Du es für gut
hältst und Emmy Gray und ihr Mann werden bis Du sie nach Frankreich in Deine
Besitzungen führst hinreichend sein da sie dann nur treue Diener braucht«
Es ist unmöglich den Eindruck zu schildern den Leonin von diesen Worten
empfing es war ein Sprung in seinen Empfindungen der so ungeheuer groß war
dass er ihm den Atem zum Ersticken versetzte und er von den angeregten Gefühlen
und Gedanken so überwältigt ward dass er mit den Worten »Vater Vater welch
ein Ausspruch« zu seinen Füßen sank und seine Hände mit einer an Angst
grenzenden Empfindung an seine Brust presste Dies namenlose Glück das zu
erreichen alle seine Träume alle seine Wünsche umschloss es erschreckte ihn
der Erfüllung so nah Er fühlte eine plötzliche Unsicherheit als könne er es
nicht verdienen nicht festhalten was ihm mit so engelreinem Vertrauen geboten
ward Riesengross stieg das ganze Gebäude von Hindernissen auf das ihn in der
Heimat erwartete und das er durch diesen Schritt nur vermehrt sah Aber der
Gedanke Fennimor solle ihm schon jetzt gehören nicht die Last jener
Wiederwärtigkeiten sollte dazwischen liegen welch ein Glück Er frug nach
einem zweiten wie dieses und dennoch fühlte er sich davon bis zum Erschrecken
bis zum Verzagen überrascht und blieb betäubt vor dem arglosen Spender dieses
wunderbaren Geschenkes knieen ohne es zu wissen und ohne seiner Erschütterung
Herr werden zu können
Der sanfte Greis bemerkte es nicht von der Anstrengung dieser Beratung
ermüdet sah er still vor sich nieder
»O Vater« sprach Leonin endlich »ist das Euer Ernst wollt Ihr mich so
bald so ohne Bedenklichkeiten glücklich machen«
Da erwiderte er mit dem sterbenden Lächeln eines Verklärten als öffneten
sich vor seinen Augen die Pforten der Zukunft »Da sehe ich meine Fennimor an
Deiner Seite vor mir am Altare knieen und von ihrem Vater gesegnet erfüllt
sich ihres Herzens Wunsch sie wird Dein Weib und ich gehe ein zur ewigen
Ruhe« Wieder schwieg er lächelnd müde das Haupt gesenkt und Leonin hatte
eine wunderbare Bestätigung gewonnen wie ein Engel hatte die Überzeugung ihn
aus diesen Worten angeredet er stand auf und sagte entschlossen »Ja mein
Vater es sei so wie Ihr edel vertrauend mir anbietet Zwar bin ich noch nicht
majorenn noch nicht unabhängiger Herr meiner Handlungen aber ich fühle mich in
meinem Geiste eben fähig mir selbst die Unabhängigkeit zuzusprechen und ich
werde jede Verpflichtung zu vertreten wissen die ich hiemit übernehme Aber
sagt« frug er nun mit dem vollsten Ausdrucke der Liebe »wird Fennimor
einwilligen wollen so bald mein Weib zu werden«
»Fragt sie selbst« sagte Sir Reginald denn eben trat Fennimor in die Tür
und flog sogleich mit ihrem leichten Schritt auf Leonin zu
»Fennimor meine geliebte Fennimor« rief er sie an seine Brust drückend
»weißt Du was der Vater so eben über uns bestimmt hat«
»Sag es mir« erwiderte Fennimor heiter zu ihm aufblickend »es ist gewiss
recht was Gutes«
»Ja Fennimor das ist es« fuhr Leonin noch belebter fort »Du sollst wenn
Du mich nicht zurückweisest noch ehe ich nach Frankreich gehe mein Weib
werden und der Vater will uns selbst einsegnen vor dem Altare«
»O mein Gott« rief Fennimor faltete schnell ihre Hände und fiel auf
ihre Knie vor den Vater hin »hältst Du mich denn jetzt schon so hohen Berufes
würdig Kann ich denn schon eine Frau sein zu Gottes Ehre wie es doch so schwer
und hochwichtig sein soll«
»Du wirst das ja mit Gottes Hilfe lernen mein teures Kind« sagte der
Vater ruhig »und anfangen müsstest Du ja immer einmal und wäre es nach Jahren
erst«
»Ja« sagte Fennimor »anfangen müsste ich immer einmal da hast Du Recht
und Gott müsste mir doch später auch helfen wie er mir jetzt helfen wird da ich
der Hilfe noch mehr bedürftig bin Ach« rief sie nun als habe sie den Ernst
der Sache abgetan und stand schnell gegen Leonin gewendet auf »und dann
bin ich Dein Weib und Du musst um so eher wiederkommen und Deine Mutter ist
gleich meine Mutter und sie wird mich um so schneller lieb haben wenn Du ihr
Grüße von ihrer Tochter bringen kannst«
Crecy verbarg sein Gesicht in ihre Locken es ging ein trüber Schatten
drüber hin sein Herz ward zusammen gedrückt sie hatte selbst ihre drohende
Zukunft in ihm herauf beschworen
Aber selbst diese Anregung wie hätte sie nach Fennimors Einwilligung die
Macht haben können das Glück zu trüben von dem er sich bald allein noch
erfüllt fand die Zukunft mochte senden was sie wollte ihm gehörte die
Gegenwart mit jedem Zauber für das Herz ausgestattet und er wollte Alles
vergessen um sie vollständig zu schätzen
Wenige Tage vor seiner Abreise sollte seine Vermählung mit Fennimor in der
Kirche der Abtei stattfinden Nach reiflicher Überlegung beider Männer sollte
dieselbe ein Geheimnis bleiben so lange Sir Reginald am Leben bliebe und
Fennimor erst im Fall des Alleinstehens das Recht haben sich in der
unabhängigen Stellung einer verheirateten Frau zu zeigen Dies schien Leonin
höchst nötig um seine Mutter langsam auf seine Entschlüsse vorzubereiten und
ohne dass er diesen Grund gerade hervor hob fand der Wunsch seine Eltern
selbst von seiner Vermählung zu unterrichten bei Vater und Tochter die größte
Billigung denn an jener Einwilligung zweifelten Beide nicht nach Leonins
Zusicherung derselben und nachdem Fennimor den zärtlichen Brief der Marschallin
an ihren Sohn gelesen worin sie besorgt für sein Vergnügen ihm dort
wegzugehen riet hielt sie seine Mutter für den Inbegriff aller Güte und Liebe
und hing schon jetzt mit kindlicher Zärtlichkeit an ihr
Emmy Gray und ihr Mann sollten die nötigen Zeugen abgeben darüber von
Crecy und Sir Reginald ein Dokument aufgesetzt werden welches von Allen
unterzeichnet die Legitimation dieses priesterlichen Aktes enthalten sollte
und alle Teile hielten sich damit für gesichert und beruhigt wobei von
Fennimor natürlich nicht die Rede sein konnte welche in gänzlicher
Unwissenheit über diese Formen ihnen vollkommen gleichgültig zusah Überhaupt
konnte nichts ihren Schmerz über die nahe Trennung von Leonin zerstreuen Sie
begriff nicht wie sie leben könnte ohne ihn und empfand eine solche
Herzensangst bei dem Gedanken ihn nicht mehr sehen und hören zu sollen dass
Todtenblässe sogleich ihre Stirn bedeckte und der Schmerz wie ein körperliches
Leiden sie ergriff Sie versuchte Leonins Freude über diese Vermählung zu
teilen aber sie hatte nie wie er Schwierigkeiten für ihre dereinstige
Erfüllung gesehen sie konnte daher auch keine größere Sicherheit dadurch
gewinnen und der Gedanke eine Frau zu sein wovon sie sehr schwerfällige
ernste Vorstellungen hatte die sie um ihr heiteres kindliches Umherschwärmen
zu bringen drohten erfüllten ihren Geist mit bangen Bildern die nur durch
Leonins Freude und seine erhöhten Liebesbeweise zuweilen zerstreut wurden
Was dazu beitrug Fennimors Herz zu quälen war die laute unverholene
Missbilligung welche Emmy Gray bei der Mitteilung dieses Entschlusses
aussprach
Niemals hatte sie so wie die übrigen Mitglieder des Hauses sich an Crecy
anschließen können Als Spielkameradin Dienerin und Freundin durch die Jahre
die sie älter war und die sie sogar zur Frau und Mutter gemacht hatte sie über
Fennimor mehr Gewalt bekommen als sich zuerst darlegte und indem sie mit
entusiastischer Liebe an ihr hing bewachte sie zugleich mit der größten
Eifersucht das Leben eines Wesens wogegen Mann und Kind ihr fast gleichgültig
waren und das sie indem sie sich stets bereit fühlte ihr ganzes Interesse
dafür hinzugeben auch als eine Art Eigentum für sich zu erhalten strebte
Für Fennimors Ehre Ansehen und künftiges Glück trug sie die übertriebensten
Vorstellungen in sich Was Crecy an Namen Rang und Vermögen ihr bot schien ihr
nur grade so wie es ihr zukam sie dachte diese Vorzüge durch eine große
öffentliche Vermählung erst recht ins Licht gestellt zu sehen und hoffte
dadurch alle die Kammermädchen der Ladys auf dem Schloss zu lehren wie die
Ansprüche ihrer jungen Herrschaft genau so groß seien als die der ihrigen
Ernsten finsteren Gemüts legte sie überhaupt auf Heiraten keinen Wert
ja sie hatte die ihrige obwohl John Gray der beste Mensch und ihr innig
zugetan war schon längst bitter bereut und nur weil er ihr vollkommene
Freiheit ließ nach wie vor ihren Dienst bei Fennimor zu verrichten ertrug sie
dies Verhältnis erhielt ihm ihre kühle Liebe und bestellte mit rechtschaffener
Strenge ihr gemeinschaftliches Haus
Crecys Erscheinen trennte sie zuerst von der ununterbrochenen Gemeinschaft
mit dem Abgotte ihres Herzens zu dem sie Fennimor gemacht und das Glück das
sie durch diese Liebe über jene verbreitet sah konnte sie indem sie dieselbe
nicht zu verstehen vermochte auch nicht mit ihrem dadurch erlittenen Verluste
versöhnen
Es trat ein fast unbezwingliches Zürnen gegen denjenigen ein der es wagen
wollte ihr Fräulein so zu lieben wie sie selbst ein anderes höheres Glück ihr
zu bieten als sie es ihr bisher bereitet Nur ihr Ehrgeiz und die Erwartung
wie sie durch den hervortretenden Glanz ihres Lieblings dereinst Alle auf Schloss
Stirlings demütigen wollte versprach ihr Ersatz und einigen Genuss wobei sie
mit milderen Empfindungen gegen Crecy sich dessen Mitwirkung versprach
Wie musste sie daher die Nachricht aufnehmen dass von allem diesem bei der
beabsichtigten Vermählung nichts sich ereignen würde
Ihre Empörung kannte keine Grenzen In Tränen gebadet warf sie sich ihrer
jungen Gebieterin zu Füßen und bat sie diesen ehrlosen Vorschlag nicht
einzugehen nicht wie ein verlorenes Mädchen heimlich und ohne den Glanz der
ihr zukäme den Altar zu betreten
»Ja Emmy« sagte Fennimor betrübt »ich habe auch immer geglaubt ich
müsste dies einmal ganz öffentlich tun so wie Du damals wo Dir die Jungfrauen
alle folgten und die Kinder Blumen streuten und es so schön den ganzen Tag
war«
»Ach und ich was bin ich gegen Euch« rief Emmy »Ihr die ein Fürst
hätte wählen können und sich damit geehrt hätte Ihr Ihr sollt nun so hinter
dem Altare herkommen als müsstet Ihr Euch schämen vor der großen Ehre die ein
so fremder Graf Euch erzeigen will und zwei so schlechte Leute wie ich und
John sollen Zeugen sein wo die ganze Grafschaft hätte eingeladen werden
müssen und die Ladys Gerseis Euch die Schleppe tragen«
»Ach« sagte Fennimor rasch von ihrem Schemmelchen aufstehend vor dem dies
Gespräch vorfiel »wenn die ganze Grafschaft hätte dazu kommen müssen und die
Gerseis meine Schleppe tragen dann ist es mir doch viel lieber dass wir so
recht still bei einander bleiben können und die Andern gar nichts davon wissen
denn lustig kann ich doch nicht sein weil Leonin zwei Tage darauf abreisen
muss«
»Ach« weinte Emmy »Ihr redet wie Ihr es versteht und das ist eben
schändlich dass man Eure Unwissenheit benutzte Euch so um Euren besten
Lebenstag zu betrügen wer weiß was der fremde Herr Graf dem ich nie getraut
gegen Euch im Schilde führt«
»Schweig« rief Fennimor schnell mit der vollsten Energie einer
Gebieterin »wie kannst Du in Deiner Torheit ihn angreifen wollen der Alles
aus Liebe zu mir tut Hüte Dich mit Deinen unbesonnenen Worten jetzt will ich
nie mehr davon hören Was er will und mein Vater gut heißt das ist das
Rechte und wie froh bin ich dass ich Deine ganze Grafschaft und die dummen
Gerseis los bin die ohnehin denken ich kann nicht schreiben und lesen«
»Nun so sei Euch Gott gnädig« rief Emmy heftig aufstehend »und
namenloses Elend bis ans Ende seines Lebens mag über den kommen der Euch nicht
glücklich macht und Euer und Eures Vaters Vertrauen missbraucht Mir ahnt
heilloses Unglück von dieser Heirat so verstohlen betrieben als wären wir
Alle Betrüger und der Traum Eures Vaters wird wohl Recht gehabt haben denn
grade den Tag wo die selige Mutter ihm erschienen und so um Euch geweint hat
da haben wir den Herrn Grafen zuerst gesehen o hätte mich doch lieber der
Eber zerrissen als dass ich Euer Unglück sehen muss«
»Aber Emmy Emmy« rief Fennimor minder erzürnt und durch den heftigen
Kummer ihrer Dienerin besänftigt »hier ist ja gar nicht von Unglück die Rede
das einzige Unglück ist ja dass er bald abreist und dass mein Bruder nicht hier
ist sonst ist es mir ja viel lieber dass wir ganz allein sind denn eine
Schleppe ziehe ich gar nicht an und Du bist mir ja tausend Mal lieber als die
ganze Grafschaft und alle Gerseis«
Diese letzten Worte verfehlten nicht Emmy einigermaßen zur Ruhe zu stellen
und obwohl Fennimor ihren ersten Kummer fühlte war es doch nicht der der Emmy
unter tausend Tränen die Nacht auf ihrem Lager wach erhielt
Indessen war diese Stimmung der armen Emmy nicht dazu geeignet die bange
Erwartung ihrer jungen Gebieterin zu zerstreuen die mit ihrem tief ergriffenen
Herzen in jeder Vorkehrung zu ihrer Vermählung zugleich die nahende Abreise
Leonins heraussah und so fast mit Schauder darauf einging immer mit der
Ahnung eines tödlichen Schmerzes im Herzen überdeckt noch von dem Zauber der
Gegenwart den Beide festielten als läge dahinter ein bodenloser Abgrund
Wunderbar entwickelte dieser erste heiße Schmerz an Fennimor die Verwandlung
des fast kindlichen Mädchens zu einer höheren Stufe denn wir müssen es dem
Schmerze zugestehen dass er am schnellsten das Innere des Menschen zeitigt und
indem er ihnen die Blüten von den leicht geschwingten Zweigen streift die kein
irdischer Frühling ihnen wiedergibt doch das innere Mark des Lebens
emportreibt was dann erst die bildende Kraft für die in der Blüte nur
angedeutete Frucht wird
Kein Mensch hätte Fennimor jetzt wie wenige Wochen früher noch für ein
Kind halten können Dieses Gefesseltsein am Augenblicke dieser auf das Nächste
gerichtete lachende Blick der sonst nur mit dem Ernste wechselte den gute
Kinder zeigen wenn sie aufmerken sollen was Alte wollen wie war das Alles
weggewischt von Fennimor Sie war nicht minder schön ja vielleicht noch
anziehender wenn man den seltenen Genuss vergessen hatte der ihre frühere
Erscheinung durch den Ausdruck einer vollkommen ungetrübten Seele fast zu der
eines Engels machte
Ihr rundes Kinn hatte sich fein gesenkt und ein liebliches Oval aus der
Kinderform gebildet die Nase war länglich durchsichtig aus den sonst sie
verkleinernden vollen Wangen hervorgetreten und die Augen zeigten erst jetzt
ihre leuchtende Größe wo sie von dem unschuldigen Lächeln kindlichen Frohsinns
nicht mehr so oft in die Länge gezogen wurden Grösser war sie auch geworden und
schlanker oder diese regelmäßige Gestalt zeigte sich erst da sie langsamer
ging und ein Auge gewonnen hatte für ihre Kleidung durch Leonins Freude daran
dabei war der Zauber einer unsäglichen inneren Befriedigung um sie verbreitet
die unabhängig von dem jetzt damit verbundenen Schmerze ihr durch Leonins
Liebe gänzlich befriedigtes Herz andeutete und ihren Worten dem Ton ihrer
Stimme dem Blick ihres Auges den vollen warmen Hauch der schönsten Begeisterung
gab Und dennoch war sie nicht mehr glücklich Sie hatte nach einem höheren
Lebensgute gegriffen als das Spielzeug der Kinderstube und schon musste sie den
Tribut zahlen denn neben dem höchsten Glück erwartete sie schon der Schmerz
und sie fühlte noch behütet von der Liebe doch schon seinen eisigen Hauch über
sie hinstreichen
Einige Tage später ließ sich bei sinkender Sonne auf dem festen Landwege der
von der Edinburger Landstraße ab nach StirlingsBai führte der Hufschlag eines
Pferdes hören Der Reiter hielt die Zügel an als er die Meierei zu erkennen
glaubte die man ihm als passend zum Nachtquartier bezeichnet und alsbald
folgte den hinter den Hecken lauschenden Kindern die auf schnellen Füßen nach
dem Hause zu verschwanden eine rüstige Frau welche sich durch Gruß und Anrede
als die Wirtin bezeichnete »Weit des Weges« frug sie ohn Bedenken den
Steigbügel ergreifend und dem Gaste vom Pferde helfend
»Weit genug um gern bei einer freundlichen Wirtin ausruhen zu mögen«
erwiderte der Reisende jetzt als ein junger gewandter Mann sich der
aufmerkenden Hausfrau zeigend
»Was wir haben mag Euch gehören« war die bereitwillige Antwort doch mit
ernster gleichgültiger Miene gesprochen
Sie traten darauf in das Haus oder vielmehr in den großen Hausraum der
eigentlich in seiner Zusammenstellung die ganze Existenz der Familie umschließt
und ihre ganze Chronik uns zu erzählen wüsste da in seinem Umfang Alles bewirkt
und verrichtet wird was ihr einfaches Leben erfordert Von der mühseligsten
Arbeit an bis zu den seltenen Festen von dem Nahrung spendenden Heerde und der
langen daran stehenden Esstafel die alle Mitglieder versammelt bis zu den
kleinen kaum ausreichenden Verschlägen wohinter Eltern und Kinder Kranke und
Alte ihre Ruhestätte finden umfasst dies alles der Hausraum und sanft wiegt die
Müden auf ihrem Nachtlager das leise Schnalzen der wiederkäuenden Kühe ein
deren Ställe mit diesen Lagern in enger Gemeinschaft stehen und welche ihre
Vorratskammer ihre Chatulle ihr größter Besitz ihr einziger Stolz sind
Wie sehr der Reisende der hier eingeführt war auch in seiner ganzen Weise
die Verwöhnung der höheren Stände verriet die bisher zurückgelegte Tour hatte
ihn bereits bekannt gemacht mit den Erwartungen die man von einem Nachtlager
fern von der großen Straße hegen durfte und seine Stimmung war ganz geeignet
ihn gegen die zu erwartenden Mängel gleichgültig zu stimmen Das Feuer welches
bald aus seiner dumpfen Ruhe zum lustigen Lodern aufgeweckt war tröstete ihn
da seine Kleider feucht und von Nebel durchnässt waren bald für das Übrige und
er fand seine schweigsame Wirtin geschickt genug die gebratenen Speckstücken
in Eier zu backen und den Becher mit Ale aus einem guten Fasse zu füllen
Schwerer hielt es ihr Rede abzugewinnen Ihre Verrichtungen schienen ihre
Gedanken in den Händen fest zu bannen dabei krochen nach und nach fünf bis
sechs zerlumpte Kinder aus den Winkeln wohin sie sich vor dem Fremden geborgen
hatten hervor und da sie nicht unempfindlich für das Abendbrot desselben
blieben hatte die ernste Mutter zu wehren zu zanken und zu strafen welches
allgemach ein ziemlich lebhaftes Treiben hervorrief aber nicht zu Gunsten des
Fremden der noch immer an seinen Fragen behindert blieb Eine Schüssel Milch
und gleichmäßige Portionen Brod versammelten endlich die junge Gesellschaft auf
einen Punkt und es trat Ruhe ein
»Wie lange habe ich morgen bis nach dem Schloss« hob jetzt der Fremde aufs
Neue an
»Nun« erwiderte die Wirtin »um die Bucht herum seht Ihr die Abtei da
gehts bergan doch eine Meile trägts nicht aus Wollt Ihr dahin« frug sie
jetzt selbst
»Es ist vorläufig mein Ziel« sprach der Fremde
»Die Essen rauchen dort nicht und die Wälder sind einsam worden« fuhr das
Weib in ihrer Weise fort »sie sind in Trauer und beerben die Ahnfrau in
Edinburg«
Der Fremde schien nichts Unerwartetes vernommen zu haben er frug ohne
Erwiderung fort »Und findet sich Niemand zum Empfange von Fremden Haben denn
Alle das Schloss verlassen«
»Diener genug Zimmer genug aber die Essen rauchen nicht und der
Herrenraum ist leer«
»Und doch erwarte ich dort einen Fremden zu finden der das Schloss nicht
verließ wie ich weiß und für den sicher Sorge getragen ward«
Die Wirtin blickte jetzt zuerst auf und indem sie die Hand über die Augen
hielt überliefen ihre Blicke schnell und prüfend den Fremden sie schwieg nach
dieser Bewegung und blickte wieder vor sich hin
»Nun könnt Ihr mir nicht sagen ob ein solcher Bewohner im Schloss zu
finden ist«
Eine Bewegung zwischen Lachen und Hohn verunstaltete augenblicklich das
Gesicht der Frau dann stand sie müde auf ergriff einen Kienspahn den sie über
das Feuer hielt und erwiderte schon im Abgehen »Die Abtei ist groß der
Heerd versorgt und für Jugend und Müßiggang ist der Tag zu kurz Wenn sie
morgen läuten wirds nicht umsonst sein Blumen wird Keiner streun die
Krähen hacken den Rasen auf dem Kirchhofe sie wissen was für Arbeit kommt
nirgends war Rosmarin voller als an der AbteiPforte Aber noch wissen sie alle
nicht wie viel unter der schwarzen Decke Raum haben nur wer in der Mondwende
geboren ist sieht das Gespenst Ihr denke ich werdet es ihnen lehren«
Es war als ob ihre Gestalt im Abgeben wuchs der flackernde Kienspahn den
sie trug malte ihren Schatten riefengross an der Wand der Fremde fühlte eine
Berührung aus einer Welt die er belachte und verachtete es half ihm nicht
dass er raisonnirend dies Weib unter die träumerischen Monosüchtigen versetzte
an denen Schottland reich ist er konnte die Kälte und Erstarrung die ihn
befallen erst nach einigen Minuten beseitigen und es steht zu glauben dass
diese äußere Anregung mit einem ihm wohlbewussten Zustande seines Inneren
zusammengefallen war
Als die Wirtin wiederkam war der eben hervorgetretene Trieb verschwunden
gleichgültig zeigte sie ihm das frische Heu was sie für ihn aufgeschüttet und
er fand mehr als er gehofft zwei reine Decken darüber gebreitet
Wir sollten billig erstaunen dass der Reisende einen so festen Schlaf auf
seinem Lager fand dass er die Frühstunde der Abreise versäumte und erst
erwachte als ein kleines Mädchen welches sich neugierig über den Schläfer
gebogen hatte ausglitt und queer über sein Gesicht fallend jetzt in Schreck
und Angst gesetzt ein lautes Geschrei außstieß Das gegenseitige Aufraffen
brachte die vollständigste Ermunterung des Gastes hervor und er musste sich
bald überzeugen dass außer dem eben so kleinen Buben der die schreiende
Schwester wegführte er der einzige Anwesende im Hause war Sein Pferd war
gesattelt und an die Tür gebunden auf dem Esstische stand eine Schale mit
Milch und Brot daneben und selbst die Bewohner der Ställe waren verschwunden
Es kümmerte ihn wenig und schnell gerüstet legte er ein Geldstück neben das
gut befundene Frühstück und bald sehen wir ihn auf dem Rücken seines
ausgeruhten Pferdes die Höhe erreichen von der aus der See mit dem Schloss von
Stirlings und darüber die mächtigen Türme der Abtei sichtbar wurden
Er schenkte diesem wahrhaft bezaubernden Gemälde wenig Teilnahme obwohl
die Sonne in der späteren Stunde hervorgetreten war und es zu verklären schien
den See mit seinem dunklen ruhigen Spiegel hatte sie noch nicht erreicht aber
die Türme der Abtei und die Wipfel des rund herum ausgebreiteten vom Herbste
bunt gefärbten Waldes erleuchtete sie mit einem Glanze dass die majestätische
Schönheit von Beiden imponirend die Seele erfassen musste Aber der Mensch legt
in jedes Bild der Außenwelt hinein was in seinem Innern vorherrscht
Der Fremde dachte indem er den Zügel seines Pferdes nachdenkend anhielt wo
er am schnellsten dies gute Tier unterbringen könne um alsdann unbemerkt und
zu Fuße das Terrain näher zu umschleichen wohin seine Gedanken nur in einer
Beziehung gerichtet waren In demselben Augenblick erhoben die Glocken ihre
harmonischen mächtigen Stimmen und der See schien aufzuwallen als höbe sich
seine ruhige Tiefe den heiligen Klängen entgegen um die Wipfel der Wälder lief
ein leises Rauschen und sie bogen die riesigen Häupter als käme der
Morgenwind den sie begrüßten mit dem Klange der Glocken
Und der Fremdling hörte ihren Ton um sich zu erinnern dass das Weib in
ihrer weitsichtigen Redeweise darauf hingedeutet als ein Ereignis verkündigend
die letzte Mahnung an sein Gewissen ward von dem festen Beschluss eines gegen
höhere Einflüsse gesicherten Herzens überhört Er benutzte die erste Hütte am
Wege um dem müßig davor kauernden Knaben die Zügel seines Pferdes zuzuwerfen
und es unter dem breiten Schatten eines Ahorns gesichert haltend nahm er den
Rat über den kürzesten Weg nach der AbteiKirche von dem Knaben an überschritt
die heilige Schwelle derselben ohne Bedenken und barg sich dem Hochaltare
gegenüber in einem hochbelehnten Chorstuhle der nichts als ihn selbst der
Beobachtung entzog
Der FrühGottesdienst war beendigt bis zum Segen der so eben mit einer
tiefen bewegten Stimme über die Anwesenden gesprochen ward Der Greis der den
Hochaltar bediente stand in der Verklärung eines Apostels da seine Augen
ruhten einen Augenblick auf der kleinen knieenden Gemeinde aber dann suchten
sie wie seine Seele den Himmel und als sie sich erhoben ruhte der Glauben
drinnen der Berge versetzt und er sagte mit diesem Blicke zum ganzen Leben
Es ist in Deiner Hand
Die Gemeinde verließ die Kirche und der Fremde den wir begleiten würde
vielleicht gefolgt sein da es schien als habe er hier nichts mehr zu tun
hätte ihn nicht der wunderbare Greis mit ahnungsvoller Neugierde gefesselt Er
hatte auf den Stufen des Altars seine müden Kniee gesenkt und unter dem
Schatten seiner weißen Locken hing der Kopf in betender Demut auf der gebeugten
Brust Der scharfe Beobachter hatte hier bald eine ungewöhnliche Gemütsstimmung
erkannt und seine Augen suchten unruhig nach der Ursache
Ein alter Diener der Kirche zeigte sich endlich er verschloss den Ausgang
nach dem Wege den die Gemeine gegangen und öffnete gegenüber eine große
Bogentür welche den Wald mit seinen Buchensäulen und seinem schimmernden
Rasenteppich in solchem Glanze der Sonnenglut zeigte dass er ein blitzender
Edelstein erschien in der kunstreichen Fassung der schönen architektonischen
Türwölbung Weiter fuhr der Alte fort mit leisem Schritt einen Teppich zu
entwickeln den er von der Schwelle an bis zum Hochaltar ausbreitete und
belegte die unteren Stufen des Altars mit zwei Kissen Er war jetzt nicht mehr
allein eine junge Frau in stattlicher ländlicher Kleidung war aus dem Walde zu
ihm getreten sie trug in ihrem Arme Blumen wie der Herbst sie noch sammeln
ließ und ordnete sie kunstreich auf dem Teppich und um die Stufen des Altars
Die Nähe des betenden Greises schien beiden ein ehrfurchtsvolles Schweigen
aufzulegen und die Tränen die aus den Augen der jungen Landfrau wie
aneinander gereihte Perlen flossen wurden alle leis in einem Tuch aufgefangen
und jeder Laut der kämpfenden Brust unterdrückt Dann verließ sie nach
Beendigung ihrer Ausschmückung die Kirche und der alte Küster erschien nun im
vollen Schmucke seines roten Chorrockes und nahm in ehrfurchtsvoller Erwartung
an dem Eingange der Türe Platz
Es war kaum möglich einen grossartigern Eindruck zu empfangen als hier in
der Wirkung von zwei gleich erhabenen Erscheinungen lag die so verschieden
doch eines inneren Zusammenhanges nicht entbehrten Der Wald zeigte mit dem
riesenhaften Baue seiner Buchenstämme und seinen hochgewölbten Ästen dass die
Natur in ihrer unendlichen Schönheit die Lehrmeisterin des Menschen war und die
Bewunderung die sie in der Seele desselben zu wecken wusste die Pfeiler in
Marmor und Stein heraufwachsen ließ und sie wie Laubwerk geformte Bogen
überwölbte eine kühne erhabene Nachbildung des NaturHeiligtums woraus die
Andacht mit den wachsenden Schätzen sich retten wollte gegen den unerbittlichen
Wechsel der Jahreszeiten
Wer durfte zweifeln dass der Wald der in seinem vielhundertjährigen Alter
auf jede in seinem Bereich entstehende Schöpfung niedergeschaut die Seele des
Künstlers erfüllt habe der Pfeiler steigen ließ und Bogen ineinander schlang
als habe die Natur in ihrer harmonischen Schönheit den harten Stein mit dem
Leben der Vegetation durchdrungen und die sehnsüchtige Inbrunst des frommen
Bauherrn erhörend sich den Schmuck ablauschen lassen womit sie in ihrer
verschwenderischen Mannigfaltigkeit immer anders immer schön und doch im
großartigen Zusammenhange zu schaffen versteht Es war ein Dom in den andern
hineingewachsen oder eine Kapelle in dem himmelanstrebenden Dome der Natur der
sie von allen Seiten umschloss
Und aus diesem großen Dome der Natur überschritten jetzt zwei Wesen die
Schwelle der Kapelle leicht getragen von Jugend und Schönheit klar in dem
holden Schein einer Andacht die ihnen Heiterkeit und Entzücken gab und so
leise und ehrfurchtsvoll nahend wie Engel den Dienst des Herrn erfüllen mögen
Das Mädchen hatte den bedeutungsvollen Kranz über den Schleier gesetzt die
vollen Locken die wie ein Heiligenschein in dunkler Fülle mit goldenen Lichtern
das himmlische Antlitz umsäumten schienen sich so warm und lebendig
hervorzudrängen als begehrten sie den fremden Schmuck zu entfernen und man
hätte versucht werden können die Flügel zu suchen die dieser kindlichen
Jungfrau den leichten Fuß verliehn der unter dem langen weißen Gewande wie ein
Hauch über den Boden glitt Die Blumen die auf ihrem Wege lagen schienen ihre
Gespielen die sie lächelnd wiederfand sie neigte sich wie eine Nymphe und
hielt schon eine weiße Aster in der Hand welches die junge Frau welche sie
gestreut und jetzt an der Seite eines Landmannes ihr folgte nur mit der Freude
sah die sogleich in Tränenströmen sich ergoss Aber auch der Jüngling der im
heilgen Entzücken an den Fingerspitzen das Engelsbild zum Altare führte wie
war er schön geworden und jung und unschuldig und fromm Das große Leben der
Höfe hatte ihn vergeblich vollenden sollen nach der Sitte der Welt die Liebe
hatte ihn umgeformt das Erlangte passte nicht in die UnschuldsWelt in die sie
ihn führte und war vergessen und die Spuren verwischt aus dem menschlich
verklärten Antlitz auf den Stufen des Altars
Der betende Greis ahnte die ehrfurchtsvll hinter ihm Harrenden Er fand
als er sich aufrichtete die beiden Hände zu seiner Unterstützung die er
sogleich vereinigen wollte Kindlich knieten sie dann vor ihm nieder und er
blickte sie an Vielleicht waren sie damit eingesegnet und vor Gott vereint
denn der Blick eines Vaters in der Segensfülle zärtlichster Liebe muss alle
Funktionen der priesterlichen Weihe umschließen ja sie fand daher vielleicht
ihren Ursprung Doch durchdrungen von diesem ihrem wahren Sinne ward die Weihe
des Priesters wirklich ein höherer Segen welcher die Empfangenden mit
heiligendem Feuer berührte und den Greis über die Gewalt des beugenden Alters
über die Weichheit irdischer Betrachtung emporhob zum Gottgeweihten Priester
zum Wiedergeber des göttlichen Segens den er empfangen
Der große Moment war vorüber Der Vater drückte noch vor dem Altare beide
junge Leute an seine Brust und legte dann ruhig die Tochter in die Arme ihres
jungen Gemahls Der Kirchendiener breitete indessen auf dem Altar eine Schrift
aus der sich Alle näherten die selbst von den beiden ländlichen Zeugen mit
einer ihnen möglichen Unterschrift oder Zeichen versehen ward und die der
Kirchendiener dann wieder zusammenschlug und den Voranschreitenden nachtrug
Dies Mal führte der Geistliche das junge Paar an beiden Händen als wolle er sie
so der Welt der sie nunmehr verfallen waren entgegen führen
Schon lange hatte die lautloseste Stille in den eben so belebten Räumen ihre
alte Wohnung genommen und kein wichtigeres Ereignis blieb zu erwarten nach dem
eben vollbrachten auch war es nicht die Hoffnung darauf die den Fremden noch
an seinen Platz fesselte sondern sich selbst gönnte er eine äußere Ruhe die
er hier vollständig fand und deren sein von dem Vorhergegangenen fast
überfüllter Geist benötigt schien Er hatte hier indem er diese ganze
Zeremonie zugelassen eine Stellung genommen über die selbst sein rascher Geist
nicht gleich die völlige Klarheit gewann denn er konnte sich nicht verhehlen
dass nicht allein sein böser Wille das Ereignis zugelassen sondern dass das
Ereignis selbst mit seiner klaren bestimmten Folge welches das was er
ergründen wollte außer Zweifel und abgeschlossen vor ihm hinstellte ihn zu
einem willenlosen Zeugen gemacht hatte was er jedoch wie es ihm erschien
niemals würde eingestehen wollen Auch war das nächste Resultat der
Selbstberatung so unbemerkt als möglich für den heutigen Tag den Rückzug zu
nehmen und erst am andern Morgen anzukommen Nach diesem Beschlusse blickte er
lächelnd auf die Karten die zu seinen Gunsten gemischt alle Farben
enthielten und die nur die Hand des geschickten Spielers zu erwarten schienen
Auf wenige Augenblicke hatte sich am andern Morgen der Graf von Crecy von
seiner jungen Gattin getrennt um in Schloss Stirlings seine vielleicht
auffallend werdenden Angelegenheiten zu motiviren als seine Worte darüber von
dem alten Haushofmeister unterbrochen wurden der ihm die Meldung eines Fremden
machte der aus Paris angekommen den Herrn Grafen zu sprechen wünsche
Als ob einem süß Träumenden eine kalte Hand auf die Stirn gepresst würde so
erschütterte diese Nachricht den jungen Mann Ein Hauch aus jener Welt die der
seinigen nur widersprechend entgegen treten konnte schien den Schmelz zu
zerstören der so zart wie der Duft einer Blume dem armen Menschenherzen nur
bei dem ersten frischen Entfalten eines Glückes zu Teil wird und eben so
schnell zerstört wie entstanden die Sehnsucht danach allein zurück lässt
Erschrocken ahnungsvoll und durchaus ohne Fassung für eine schnell
hereinbrechende Katastrophe die er selbst einzuleiten gedachte im Laufe der
Zeit und seinem jetzigen Glücke noch aus dem Wege gerückt glaubte fühlte er
sein Nachdenken erlahmt und es trat die dann so natürliche Hast ein womit wir
uns den Befürchtungen entgegen stürzen dunkel hoffend von ihren Anforderungen
die erschreckten erlahmten Kräfte wieder zu gewinnen
»Wo wo« rief der junge Graf und der Ton seiner Stimme klang wie die
zerreissenden Seiten eines Instruments »wo ist der Fremde der mich zu sprechen
wünscht«
Der alte Haushofmeister schlug bloß die Augen auf und verneigte sich der
Graf blickte sich um und der Marquis de Souvré stand vor ihm
»Großer Gott Ihr selbst« rief der Graf und überließ es dem Andern die
Auslegung dieser Worte in seinen bewegten Zügen zu suchen »ist es möglich Was
führt Euch aus Paris hierher in diese Einsamkeit an diesen für Euch so
freudenlosen Aufenthalt«
Der Marquis schien sein ewig blasses Antlitz zu noch größerer Blässe
gezwungen die scharfen nach Innen gesenkten Züge noch fester verschlossen zu
haben und die Festigkeit womit er von dem jungen Grafen einige Schritte
entfernt Platz behielt zu benutzen um diesem die ganze Ansicht einer eisernen
Persönlichkeit zu gewähren »Ihr habt Recht Herr Graf mit den Bezeichnungen
dieses Aufenthalts und ich kam bloß um zu erfahren was Euch unter solchen
Umständen mit diesen Mängeln auszusöhnen vermochte oder in wie fern ein so weit
getriebener Gehorsam gegen die früheren Wünsche Eurer Frau Mutter sich von ihrem
durch ihre Liebe gesandten Boten bewältigen lassen«
»Ach Marquis wie viel Güte wie soll ich Euch danken Ihr selbst Ihr das
Schoosskind von Paris über das Meer durch die wilden Bergpässe Schottlands
ohne Eure Gesellschaften ohne Eure Beschäftigungen wie sehr fühle ich mich
als Euer Schuldner«
Es war eine Hast eine Ungeduld in der Aufzählung der anerkannten
Verpflichtungen die den Marquis de Souvré keinen Augenblick zweifeln ließ
über die beinahe verzweifelte Stimmung womit der junge Mann sich so zur
ungelegenen Zeit von ihm überschlichen sah und es schien ihm der Augenblick
gekommen mit einem sicheren Verfahren diesen ganz in seine Gewalt zu bekommen
»Lassen wir das lieber Graf« sprach er in minder gemessenem Ton und zog ein
abwehrendes spöttisches Lächeln um seinen Mund »Wir wollen und wir können uns
nichts weiß machen und Eure Lage die wenn ich nicht sehr irre misslich genug
ist würde denke ich sich nicht verbessern wenn Ihr gegen mich die Rolle des
Höflichen spielen wolltet da Ihr mich über Eure wahre Stimmung keinen
Augenblick täuschen könnt Lasst mich hinzusetzen« fuhr er vertraulich fort
»dass Eure Dankbarkeit gegen mich in anderer Richtung vielleicht wahr werden
kann aber nicht für den Augenblick da Euch meine Erscheinung an eine ernstere
Seite Eures Lebens erinnert und das romantische Schäferspiel zu unterbrechen
droht dem Ihr Euch hier gänzlich überlassen«
»Ihr kommt an lieber Souvré« rief der junge Graf noch ein Mal einen
Sprung in die Weite versuchend und das ihn so nah umzogene Garn überspringend
»in dem Augenblicke wo ich mich zur Abreise zu rüsten dachte Übermorgen
wollte ich nach Edinburg um mich dort vom Grafen von Gersei zu beurlauben«
»So« sagte der Marquis gemessen »und darf der alte Freund Ihres Hauses
fragen ob Ihr diese Gegend als freier unabhängiger Mann verlasst ob Ihr
derselbe sein könnt in den Verhältnissen die Euch dort die zärtlichste Liebe
einer Mutter mit der klügsten Umsicht zu den größten und ausgezeichnetsten
Verbindungen vorbereitet«
»Ja Marquis gerade als freier Mann denke ich dort wiederzukehren und
wenn nicht alle klugen Pläne meiner Mutter mehr erfüllt werden können denke ich
doch die welche ihre zärtliche Mutterliebe für mich hegen konnte auf eine
Weise auszuführen die vielleicht ihre eigenen Pläne übertrifft«
»Hofft das nicht« sprach hier der Marquis mit Wärme »hofft nicht dass sie
den leisesten Wunsch den kleinsten Plan den sie bis hieher nährte und führte
aufgeben wird zweifelt nicht dass Ihr in Widerstand dagegen tretend einer
ununterbrochenen Reihe von Leiden und Verfolgungen entgegen geht die ein so
edler Mensch ein so guter Sohn als Ihr schwerlich ohne den Verlust seiner
Ruhe bestehen könnte denkt dass wenn Ihr hier Wünsche genährt wenn Ihr
Schritte getan die Euch irgend einen teuren Gegenstand zum Schutze übergeben
dann Eure Lage schwieriger ist als Ihr übersehen könnt und glaubt mir dass
ich genug davon unterrichtet bin um für Euch und Eure Zukunft zu zittern« Er
hatte diese Rede mit einer Energie gesprochen die ihr volles Gewicht dadurch
bekam dass sie Wahrheit enthielt Er wusste sehr wohl dass der junge Graf sie als
solche empfinden musste und die Wirkung ihm denselben in die Hand geben werde
Wir wissen es wie er gegen den Einfluss dieser Überzeugung angekämpft in
welchem völlig fremden Gegensatze die Welt seiner Mutter zu der seiner Liebe ihm
erschienen war und wie jene nur endlich besiegt zurück wich da ihr
augenblicklicher Einfluss fehlte und diese ihn zugleich als Mensch
vervollständigte und veredelte
Aber die Wahrheit die der Marquis auszusprechen wagte sie lag nur
zurückgedrängt in ihm und er fühlte sie in ihrer ganzen Stärke hervortreten
und mit ihr den Ernst seiner Lage ach den er so gern diese wenigen Tage noch
von sich abgelehnt hätte Der Blick der aus seinem Innern hervortretend
seinen ganzen tief und leidend bewegten Zustand verriet hätte an keinem
menschlichen Herzen ungerührt vorüber streifen müssen der Marquis bestimmte
bloß danach die erreichte Wirkung einer Worte
»Es ist vergeblich« rief der junge Mann von dem plötzlich erregten Sturm
erschöpft in einen Sessel sinkend »Euch die Lage in der ich bin und meinen
Seelenzustand zu entziehn Gott gebe Euch den Willen und das Herz mir beistehen
zu wollen da es gewiss in Eure Macht gegeben ist«
»Haltet ein lieber Graf mit einem zu schnellen Vertrauen und bedenket
wohl ob das was Ihr mir sagen wollt nicht bloß mich durch seine Kenntnis in
Verlegenheit setzen wird denn wenn ich gern Frieden stiftend einschreiten
will so vergesst doch in diesem Augenblicke nicht dass ich mich mit Wort und
Ehre gegen Eure Mutter verpflichtet habe über Euer unläugbar auffallendes
Betragen Euch selbst zu befragen und Euch mit meiner vielleicht größeren
Lebenserfahrung beizustehn wenn Eure Jugend Euch auf irgend eine Weise
verwickelt haben sollte Daher mein lieber Freund ich warne Euch vor mir ich
bin der Agent Eurer Mutter ich muss redlich bleiben gegen sie und damit denke
ich« setzte er lächelnd hinzu »auch gegen Euch«
»O« rief der junge Graf mit unschuldigem Enthusiasmus »wie erkenne ich
die Sprache eines Ehrenmannes in Euch Wie tief fühle ich eben Ihr gerade Ihr
tatet mir Not Vergebt dass die schmerzliche Überraschung des ersten
Augenblicks die mich in Euch nur die Störung des seligsten Erdenzustandes
erblicken ließ mich Euch kalt und ohne Haltung gegenüber stellte innig bereue
ich es jetzt und gut will ich es machen wenigstens durch unbedingtes
Vertrauen«
»Ich bitte Euch mein lieber Graf haltet ein Ich habe nichts in Eurer
Weise vermisst weil ich nichts Anderes erwartet habe auf irgend eine Art musstet
Ihr darauf ausgehn Eure Verhältnisse zu uns los zu werden das war mit halbem
Blicke zu übersehen und die Erinnerung daran durch meinen Anblick konnte nicht
erwünscht sein«
»Nein nein bei Gott im Himmel nicht los wollte ich mich von meinen alten
und mir gewiss heiligen und teuren Verhältnissen machen was ich empfinden
lernte hat mich nur mit festerer Ehrfurcht an Alles gefesselt was die Natur in
jenen Verhältnissen mir schenkte nur in Übereinstimmung trachte ich durch
langsam schonendes Vorschreiten die Widersprüche auszugleichen die aus
verschiedenartigen Lebensverhältnissen entstehend hier möglicher Weise die
edelsten Menschen jeden auf seinem Standpunkte in gleichem Rechte zu entfernen
vermöchte ohne mein vorbereitendes vermittelndes Einschreiten«
Der Marquis zuckte die Achseln leise und wie sich verbeugend und in seinen
niedergeschlagenen Augen war keine Entgegnung zu lesen
Bei weitem mutloser fuhr der junge Graf fort »Was ich Euch zu sagen
wünsche wird Euch allerdings überraschen so vorgeschritten so abgeschlossen
werdet Ihr die wichtigsten Verhältnisse meines Lebens nicht wähnen« Das Herz
stand ihm hier still vor der wichtigen Entdeckung Er hielt inne »Aber häufig
tun wir in dem Augenblicke der Entmutigung wo uns die Dinge in bedrohlicher
Zudringlichkeit nahe rücken und wir zwischen dem Wunsche ihnen zu entrinnen
und dem sie zu beendigen mitten inne stehen einen verzweifelten Sprung gerade
hinein welches leicht den Anblick eines kräftigen Entschlusses gewährt und
oft so weit davon entfernt bloß das Übertrennen der inneren Schwächen
verraten könnte« Der junge Graf war gewiss mehr im letzteren Falle als er
plötzlich heftig aufspringend mit lauter Stimme dem Marquis zurief »Ich bin
vermählt vermählt seit gestern früh«
»Unglücklicher« stöhnte der Marquis sein Gesicht verhüllend als
erschütterte und überraschte ihn die Mitteilung dessen was er selbst mit
angesehen
»Unglücklicher« rief der Graf jetzt »Unglücklicher O sagt lieber
Glücklicher Glücklicher als ich es je ahnte und träumte glücklicher als ich
es ahnen konnte da mir der Sinn erst erweckt werden musste für ein solches Glück
durch dies Glück selbst Glücklicher mein Freund als Ihr es kennt und zu
bieten habt in Euren Pallästen unter Euren Festen in Euren geträumten
Vorzügen Begünstigungen und Besjetztümern ein Glück mein Freund so groß so
heilig so veredelnd dass wem es einmal die Brust erweitert wem es einmal wie
die Glorie eines höheren Lebens die Stirn berührt eingeweiht ist unter die
Begünstigten des Himmels und bliebe es ihm nur als Geschenk eines Augenblicks
berührte es ihn nur wie der Duft einer Blume« Er hatte sich leicht geredet
mit dem Geständnis war der Schatten verjagt und seine Seele fand Kraft das
Entzücken auszudrücken das noch in voller Stärke ihn beherrschte Aber wem gab
er in jugendlicher Kurzsichtigkeit dies Paradies seines Herzens hin einem
Feinde der vor Allem mit brennenden Neide fühlte dass dieser von ihm so
verachtete Jüngling aufs Neue ein Glück gefunden hatte was seine Seele bis zur
Begeisterung erhob Gleich war es was er gefunden ihm als ein solches
erscheinen konnte und hätte er es noch so tief verachtet hätte es kein Lächeln
über ihn zu erzwingen vermocht es war genug dass es diesem ewig glücklichen
Toren so erschien um es ihn mit bitterem Zorne beneiden zu lassen Wie fern
schien ihm der Augenblick wo er endlich jenen dem Leben verfallen sehen wie
ferne wo der Günstling äußerer Vorzüge sich ein Bettler fühlen sollte
Der Graf war kein Physiognomiker er verstand die jähen Blitze nicht die
das Gesicht seines Gefährten überzuckten und dieser gab der Beobachtung nie
lange Zeit zu Entdeckungen
»In der Stimmung worin Ihr seid mein lieber Graf« hob er so nüchtern und
kalt an als habe er selbst auch nicht den entferntesten Anteil daran »würde
es ein müssiges Geschäft sein Euch über die notwendig entgegengesetzte Seite
die Euer Glück haben muss die Wahrheit aufzudecken Ihr habt mir jetzt
entweder zu viel oder zu wenig gesagt Ihr musstet entweder auch gegen mich
schweigen oder Ihr müsst mir jetzt mehr sagen denn so kann ich Euch nur
schädlich werden und so ungern ich mich mit den Geheimnissen Anderer belaste
dem alten Jugendgefährten gegenüber darf ich mich der Last nicht entziehen«
Der unschuldige junge Mann eilte in die spröde Umarmung des Marquis und
legte ihm dann ein Geständnis ab worin der ganze Inhalt sich auf Gefühle bezog
so ohne Tatsachen so ohne Gewicht ohne Gehalt in den Augen des Zuhörenden
eine so alberne Schäfergeschichte dass er seiner ganzen Selbstbeherrschung
bedurfte um nicht in Lachen auszubrechen und welche ihm nur dann wichtiger
ward wenn er sah wie auch diese Kinderei das Herz des Erzählenden so
überschwänglich beglückt hatte und die sich aus ihrem Nichts nur dann erhob
wenn er bedachte wie das von ihm so geschickt zugelassene Ende des
Schäferspiels die verderblichsten Verwickelungen über seinen Gegner bringen
musste
»Sie ist mir nun fürs Leben gesichert« schloss der junge Graf seine rührende
Erzählung »und obwohl es mir das Herz bricht sie jetzt verlassen zu müssen ich
fühle die Notwendigkeit davon und werde sie ja nur verlassen um ihre Zukunft
vorzubereiten Ich werde meine Majorennität die Übernahme von Ste Roche
abwarten und dann meinen teuren Eltern meine Vermählung eingestehen Ich
täusche mich nicht es wird keine angenehme Nachricht für sie sein aber wenn
sie den Engel sehen werden den ich ihnen zuführen kann dann werden sie Alles
begreiflich finden und da Fennimors Vater einer vornehmen Familie als jüngster
Sohn angehört so ist auch ihre Geburt keine Beleidigung für dieselben Als
meine rechtmäßige Gattin bleibt Fennimor hier vor den Augen der Welt noch so
lange verborgen bis der Fall eintritt dessen Möglichkeit uns zu diesem
Schritte bewogen und wenn Gott ihr durch den Tod ihres Vaters die sichere
Heimat raubt begibt sie sich alsdann unter dem Range meiner Gemahlin der all
ihren Schritten die anständigste Freiheit sichert nach Frankreich und ich
führe sie nach meinem Eigentume nach Ste Roche bis meine Eltern mir
erlauben sie ihnen vorzustellen«
Was hätte der Marquis dagegen zu erinnern gehabt Hätte er doch selbst es
nicht klüger einleiten können um die freiste Hand für die Umstaltungen zu
gewinnen die dieser leichte rosige Himmelsweg erleiden musste und mit
vermehrter Verachtung gegen den Knaben der unklug und spielend das Leben nach
seiner Laune zu leiten dachte und so blind für die Hindernisse war die sich
riesengross ihm entgegenstellten hätte er ihn vielleicht zu gering für seine
Machinationen gehalten hätte der Neid ihm nicht einen geheimnisvollen Reiz
verliehen Freundlich lächelnd stand er daher auf und den glühenden Erzähler
auf die Schulter klopfend rief er »Und welche Rolle habt Ihr mir dabei
zugedacht die des Verräters gegen Euch oder gegen Eure Mutter die mir
gänzlich vertraut«
»Die des teilnehmenden liebevollen Freundes gegen uns beide« rief der
Graf vertrauungsvoll »Seid der der einst wenn ich mein Bekenntnis ablege
vortreten kann und sagen Vertraut ihm ich kann Zeugnis ablegen denn ich
selbst sah den Engel den er Euch als Tochter zuführt«
»Seid sicher Graf« entgegnete der Marquis lachend »dies Zeugnis wird
Euch wenig fruchten Wenn dieser Engel nicht unter dem heiligen Scheine einer
Fürsten oder GrafenKrone vor Eure Mutter treten kann wird sie ihr immer die
unwillkommene Tochter sein doch für mich ist hier mit dem besten Eifer den
Wünschen Eurer Mutter gemäß nichts mehr zu tun und zu ändern und diese
Überzeugung macht mich für den Augenblick zu einem willenlosen Werkzeuge in
Eurer Hand«
»Nun so folgt mir denn Diese Hand soll Euch in eine Welt führen die
Euch mit Staunen und Entzücken erfüllen wird und wofür Ihr in der Euren keinen
Maßstab keine Ähnlichkeit finden könnt«
»Das glaube ich selbst« erwiderte der Marquis gedehnt und Beide
verließen das Schloss um sich nach der Abtei zu begeben
Die junge Frau saß unter den hohen Schattengewölben des Buchenwaldes in dem
weichen Moose welches ihre Leonin zu einem kleinen Sitz angehäuft hatte und in
ihr war über alles Erlebte hinweg nur der eine einzige Gedanke dass Leonin
abreisen werde Der schöne Nacken mit dem gedankenschweren Haupte war vorn
übergebeugt und die zarten Finger lagen in einander als wären sie im Gebete
vergessen in einem Gebete das nur lautes Reden mit Gott war über ein
unaussprechliches Weh das er ihr auferlegte worüber sie ihn betend befrug und
ihm vorstellte wie sie es nicht ertragen könnte Ihr unschuldiges Herz sträubte
sich unter den ersten Wunden des Schmerzes sie dachte immer da wird es Gott
plötzlich wenden wenn ich ihn bitte Sie saß als ob sie auf ihn wartete und
sehnte sich nach ihm mehr als nach dem Geliebten denn sie wusste ihn damit
einbegriffen wenn Gott das sendete was das musste eben Gott wissen weil sie
es nicht finden konnte nur jedenfalls musste es nicht Trennung sein So
erschrak sie fast als Leonin früher aus den Bäumen hinter ihr hervortrat als
sie das Erbetene von Gott erhalten Ihre Wünsche erfüllten sich bisher in dem
Kreislaufe ihres Lebens von selbst und ihr Gemüt war so milde geleitet worden
dass sie es nicht wusste wenn ihr der Vater leis ein oder den andern Wunsch
hinweg nahm und indem sie tat was er wollte schien es ihr immer eine
Erfüllung des Selbstbegehrten Es gehörte zu dem patriarchalischen Patos ihrer
Erziehung ihrer Gemeinschaft mit der heiligen Schrift ihrem wichtigsten
Geschichtsbuche dass Gott eine redende Person für sie war der Erzvater zu dem
sie mit großem Ernste sprechen durfte Wie Abraham aus der Hütte trat und die
Engel begrüßte die der Herr sandte Sodom und Gomorra zu zerstören wie er mit
ihnen liebreich hin und wieder redete und ihnen die möglich dort gerecht
Befundenen abhandelte und sie ihm nachgaben weil er nicht nachließ zu bitten
so erschien ihr ein Jeglicher zu Gott gestellt und sie fand sich in dieser
Beziehung vollkommen sicher und berechtigt »Ich will mich nicht von Dir
trennen« sagte sie als Leonin sich zu ihr setzte und richtete sich ruhig wie
für Lebenszeit an seiner Brust ein »und ich wartete eben auf Gott wie es
werden soll«
»O« rief Leonin »dass er uns den Ausweg sendete der das Härteste von uns
abhält was uns treffen kann und doch sehe ich ihn noch nicht«
»Ich auch nicht« sagte sie »darum muss er von dort her kommen denn ich
kann Dich nicht lassen Aber was hast Du nur« fuhr sie fort und richtete sich
auf »Du hast ja was Fremdes Was ist Dir Du bist nicht so still es ist
Dir was vorüber gegangen«
Erstaunt blickte Leonin sie an und bemerkte an ihrem unruhig forschenden
Blick eine Bewegung über die er erschüttert ward
Nachdenkend fuhr sie fort als redete sie mit sich selbst »Der alte Tobias
sagt Der Böse geht umher und macht erst ein Zeichen an dem den er haben will
das kennt er wieder wenns auch noch so fein ist aber die Engel merken es
gleich und bemühen sich es auszulöschen mit ihren Tränen«
»Nun« lächelte Leonin und zog die sanft von ihm Abgebogene wieder an sich
»wie fällt Dir das bei mir ein Bemerkt mein Engel Fennimor ein solches
Zeichen«
»Still still« sagte sie mit andächtiger Furcht »nur die himmlischen Engel
kennen das und die behüten sehr lange die Menschen damit es nicht geschehe«
Sie richtete sich auf und sah ihn so forschend und befremdet an als suche sie
das Zeichen Er erhob sich nun auch lächelnd das wunderbare Wesen betrachtend
und ihre Augen erhoben sich zu dem Aufgerichteten als sie plötzlich den Baum
streiften der hinter ihnen stand und sie entsetzt zusammen fahrend an Leonins
Brust stürzte
»Fennimor Fennimor« rief Leonin außer sich »was ist Dir mein geliebtes
Kind Fürchte Dich nicht Du bist ja bei mir an meiner Brust«
»Die Schlange die Schlange« stöhnte Fennimor ihr Antlitz angstvoll
verbergend »der Böse ist doch da«
Fortgerissen von der phantastischen Erregung seines kindlichen Weibes
wandte er sich schnell um und sah noch wie der Marquis de Souvré der auf
Crecys Bitte nicht zugleich mit ihm hervorgetreten war um Fennimors
Vorbereitung abzuwarten den Kopf zwischen den an diesem jüngeren Baume noch
niedrig hängenden Zweigen zurückzog Leonin konnte leicht denken dass Fennimor
die in ihrer Bibel die Abbildung der Schlange hatte die mit einem Menschenkopfe
durch die Zweige des Baumes der Erkenntnis blickt das bleiche aschfarbene
Gesicht des Marquis dafür angesehen hatte Aber so natürlich die Erklärung war
so nah es ihm lag dem armen bebenden Kinde diese Auslegung zu geben ein
unaussprechliches Gefühl hatte seit Ankunft des eben so wunderlich verwechselten
Mannes allen Lebensmut in ihm niedergedrückt Ein betäubendes Sinnen erfasste
ihn das Wesen noch schützend in seinen Armen haltend das von ihm allein das
ganze Leben hoffte und mit so leiser Ahnung die Berührung empfunden hatte die
er aus seiner alten ihr so gefährlichen Welt erlitten So geschah es dass er
unentschlossen schwieg sie sanft aufrichtend durch das Gefühl seiner Nähe
seiner Liebe seines Schutzes
Fennimor vertiefte sich auch bald gänzlich in dieses ihr am verständlichsten
gewordene Gefühl und sagte bloß ängstlich aus ihren Händen mit den
tränenschweren Augen zu ihm aufblickend »Was war es denn«
»Was ich versäumt habe Dir gleich zu sagen teure Fennimor Ein Freund aus
Paris den ich im Schloss auf mich warten fand ein Freund dem ich entdeckt
dass Du mein liebes Weib bist und der nun kommt Dich als solches zu begrüßen«
»Ach nein ach nein« sagte Fennimor »das soll er lieber lassen denn
denn ich wollte lieber ich brauchte ihn nicht zu sehen da er der Schlange
gleicht vor der ich mich immer so gefürchtet habe«
»Das wirst Du nicht finden wenn Du ihn näher kennst gute Fennimor denn
davon behält er nichts wenn Du mit ihm reden wirst und ich möchte gern dass
Du zu ihm freundlich wärst«
Fennimor schauderte leis zusammen aber wie ein gutes gehorsames Kind strich
sie die Locken von der Stirn und sagte mit unsicherem Tone »Wenn Du es denn
gern haben willst da will ich mich nicht mehr fürchten und will ihn geschwind
sehen damit es vorbei ist«
Dieser zärtliche Gehorsam war so von der Angst beflügelt dass Leonin mit
innigem Mitleiden zu ihr nieder sah ach und wie viel hätte er darum gegeben
sie den Blicken entziehen zu dürfen die sie so ängstlich fürchtete Es war ihm
als könnte er sie nicht aus seinen schützenden Armen lassen als gehörte sie ihm
nur so lange sicher als jene Welt sie noch mit keinem Hauche berührte
Aber sie selbst machte sich los richtete sich auf und schaute den Baum an
der nichts zeigte dann tat sie einen Seufzer an dem sie sich erholte und
entdeckte nun selbst den Marquis indem sie in den Wald zeigte wohin er ihnen
den Rücken zuwendend zurückgekehrt war Beide gingen ihm nach Leonin eilte
voran und als er ihn erreicht blieb Fennimor stehen und sah ihn daher
kommen neben ihrem Liebling und die Angst stieg in ihrem Herzen auf und sie
sah wie unähnlich sie sich waren und es wollte ihr unmöglich scheinen dass
sie zusammen gehören könnten
Aber Leonin lächelte ihr freundlich entgegen das bezwang Alles in ihr das
weinerliche Gesichtchen hellte sich auf und sie ging jetzt auch vorwärts »Sie
sind Leonins Freund das ist recht schön und macht Ihnen gewiss viel
Vergnügen« sagte sie leis grüßend und das Haupt beugend zum Marquis »wir
wollen Sie zum Vater bringen und Sie sollen von uns allen sehr freundlich
gegrüßt sein« Jetzt atmete sie tief auf und suchte nach Luft die mit einem
Mal weg war und blickte auf Leonin ob er mit ihr zufrieden sei
Ach wie hätte er nicht da er wusste und in jedem schwerfälligen Worte
fühlte wie gepresst ihr Herz war und wie sehr sie sich bemühte ihm gehorsam zu
sein Ein Blick der dies Alles enthielt stärkte mehr als jedes Andere ihr
wunderlich gelähmtes Innere
Der Marquis konnte wohl nicht eigentlich in Verlegenheit kommen nur
verweilte er sich lange bei dem Anblicke der nunmehrigen Gräfin Crecy und sie
schien ihm unergründlich schön das heißt eine Schönheit der es nicht gleich
nachzuweisen warum sie es war
»Sie sind sehr gnädig« sagte er sich tief verneigend »Jemand willkommen
zu heißen der Sie fürchte ich unangenehm erschreckt und das Gespräch mit
Ihrem Freunde unterbrach Lassen Sie mich hoffen dass es mir später gelingen
wird Sie mit diesem Eindrucke zu versöhnen«
»Nicht wahr Fennimor Du bist schon wieder ganz ruhig« rief Leonin
verlegen über das Schweigen womit sie die Worte des Marquis anhörte »hier in
unserer Einsamkeit treffen wir fast nie auf einen Fremden Sieh liebes Kind
der Herr Marquis Souvré kommt von Paris von meiner Mutter«
Augenblicklich änderte sich Fennimors ganzes Wesen Aus ihrer Erstarrung
erwachend und Alles über diese Nachricht vergessend schlug sie freudig die
Hände in einander und dem Gegenstande ihrer Furcht näher tretend als sehe sie
in ihm nicht mehr denselben rief sie freudig aus »O sagt sagt von unserer
lieben Mutter von der schönen herrlichen Fürstin Soubise Kommt Ihr darum
hieher Soll ich gleich mitkommen Nicht wahr es ist ganz gleich ob er
majorenn ist oder nicht Ihr wird das auch gleich sein Leonin Leonin« rief
sie in ihren feurigen Kombinationen jetzt an den Punkt gekommen der alle
überbot »das das ist der Ausweg Leonin Dein Freund den die Mutter
schickt der schon Alles weiß das ist der Ausweg den Gott sendet«
Leonin versuchte sie an seine Brust zu ziehen Er wollte ihr den Ausdruck
verbergen der sein Gesicht einnahm und der ihre Hoffnungen widerlegte aber
sie hielt ihn von sich und suchte mit leuchtenden Blicken die Antwort ihm
abzufragen
»So weit ist es zwar noch nicht mein geliebtes Kind« sprach er sanft und
traurig »doch soll uns ein redlicher Freund wie dieser Trost und Rat
erteilen und wir werden durch seinen Beistand leichter das Rechte finden«
»O tut das« sagte sie innig und tief bewegt »o tut das Seid uns ein
redlicher Freund und lehrt uns wie wir es machen müssen um uns nicht zu
trennen denn das tut weher weher als der Tod«
Der Marquis konnte kaum das Zucken der Achseln hindern womit er dies ihm so
jämmerlich erscheinende Schäferspiel vor seinen Augen gern begleitet hätte und
er verzeichnete nur zwei Dinge in seinem Gedächtnisse ihre romantische
Schönheit und Crecys unverkennbar große Leidenschaft für sie Hoffnung genug
ihm durch die Ansprüche die feindlich dieser Richtung entgegen traten die
Sicherheit des Glücks zu entreißen
»Der Graf Crecy weiß dass ich erst hier von dem Vorgefallenen unterrichtet
ward die Frau Gräfin hat keine Ahnung von dem Vorgefallenen und ich kann
nicht verhehlen dass ihr vielleicht diese Nachricht mehr unerfreulich scheinen
möchte da sie bisher an das treue und vollständige Vertrauen ihres Sohnes
gewöhnt war«
»Ach« sagte Fennimor tief seufzend »da sprecht Ihr ein wahres
verständiges Wort Das hat mir immer vorgeschwebt aber ich wusste es nicht zu
sagen und muss mich jetzt recht wundern dass es Dir und dem Vater nicht
eingefallen ist Die arme Mutter Das hat gewiss keine Mutter verdient und Deine
Mutter am wenigsten« Sie hatte sich während dessen in das Moos gesetzt und
unwillkürlich taten es beide Männer ihr nach Wie tief bekümmert sah sie aus
und der Marquis war zu guter Menschenkenner um nicht zu wissen sie war die
Betrügerin nicht also der Vater schloss er sicher weiter
»Die Umstände« erwiderte der Graf ernst »haben Schritte nötig gemacht
die wenn sie auch der Abweichung von einer ehrwürdigen Pflicht sich scheinbar
schuldig gemacht haben doch ihre innere Rechtfertigung nicht entbehren Ich
hoffe meine Mutter hievon zu überzeugen um so mehr da sie einsehen wird dass
ich mir ein so seltenes Glück als Gott mir in Deinem Besitze zuführte nur
sichern konnte wenn ich die ehrenvollsten und sichersten Mittel zu Deinem
Schutze aufrief Als meine Gattin kann ich Dich selbst allein stehen lassen
wenn meine nächsten Pflichten dies vorerst nötig machen und dieser Rang wird
Dir Freiheit geben mir überall zu folgen und mir das süße Recht überall Dein
Beschützer zu sein«
»Ach« sagte Fennimor erquickt durch diese Worte »das wird gewiss Deine
liebe herrliche Mutter eben so einsehen denn wenn Du sprichst dann fühle ich
immer dass Du Recht hast und bin um Alles ruhig Nur das Eine nur dass wir uns
trennen sollen das hoffe ich immer wird nicht geschehen weil es so sehr
unnatürlich ist Glaubt Ihr das nicht auch Herr Marquis und wollt Ihr uns
nicht Rat geben wie wir Alles tun können was nötig ist um dies Unglück zu
vermeiden«
»Es stimmt vollkommen mit Eurer Unschuld und mit der völligen Unkenntnis der
Verhältnisse der Welt wie mit den besonderen des Grafen Crecy zusammen dass es
Euch so schwer fällt einzusehen in welche Schwierigkeiten derselbe sich durch
sein Verhältnis zu Euch gestürzt hat Seiner Liebe zu Euch scheint es ist es
zu schwer gefallen sie Euch aufzudecken und vielleicht ist darum meine Ankunft
eine rettende Auskunft zu nennen wenn ich Euch Eure wahre Lage entülle deren
geringe Zugeständnisse Ihr dann bald einsehen werdet oder doch unfehlbar Euer
Vater der wohl schwerlich aus Unkenntnis der damit herbeigeführten
Schwierigkeiten die rasche Handlungsweise meines Freundes zulassen konnte«
»Ich muss Euch bitten Marquis« hob hier der Graf mit beleidigtem Stolz an
»meine Gemahlin nicht unnütz mit den Torheiten der Welt bekannt zu machen und
ihre reine Seele durch die Ansichten zu trüben die dort als wichtig
hervortreten sie soll von ihnen nicht getrübt werden und ich werde das Glück
meiner Verbindung nicht eher aussprechen bis ich ihr dort die Wege geebnet und
sie sicher gestellt habe gegen die abweichenden Anforderungen von deren dort
geltender Wichtigkeit sie Gottlob eben so wenig als ihr verehrungswürdiger
Vater eine Ahnung hat«
»Nicht zu leugnen dass diese naive Unkenntnis aller Verhältnisse Euch bei
dieser Dame und ihrem eben so unwissenden Vater ein leichtes Spiel gaben«
sprach der Marquis mit absichtlich kaum verhehltem Lächeln
»Meint Ihr mit diesem Ausdrucke meine Vermählung mit Miss Lester wodurch sie
für Alle die es wissen rechtmäßige Gräfin Crecy ist«
Der Marquis verneigte sich bloß wie Jemand der nichts erwidern will und
als auch Leonin ungeduldig aufstand sprach Fennimor ruhig und zutrauensvoll
»Wir wollen zum Vater gehen denn er versteht Alles am Besten und wenn Ihr
nicht einig seid wie mir scheint wird er Euch angeben wir Ihr das machen
müsst«
»Ich weiß nicht« sprach der Marquis frostig »ob es dem Herrn Grafen gemäß
scheinen wird einen so unwillkommenen Gast als mich dort einzuführen wo er
für gut gefunden hat Verhältnisse unerörtert zu lassen die gerade ich von
seiner verehrungswürdigen Mutter gesandt in Erinnerung bringen sollte«
»O« rief Fennimor lebhaft »teilt uns Alles mit was diese von uns so
hochverehrte Mutter Euch aufgetragen hat da seid Ihr« setzte sie lächelnd
hinzu »am rechten Orte von nichts höre ich so gern wie von der schönen
erhabenen Mutter meines Leonins und all ihre Verhältnisse möchte ich eben gern
wissen denn Alles ist gewiss hochherrlich und erhaben an ihr«
Beide Männer schwiegen einen Augenblick vor Fennimors unerschütterlich
unschuldigem Vertrauen und wenn Leonin fast mit Andacht den sicheren Frieden
anschaute mit dem sie allen nur zu verständlichen Warnungen des unerweichten
Marquis entgegen stand so konnte dieser der ihre Sicherheit gleichfalls
erkannte nur mit bitterem Unwillen in diesem geringen unberechtigten Wesen
dieselbe Sorglosigkeit gewahren die immer nur auf Glück zählt den Gegensatz
noch nicht kennend und welches dieselbe Eigenschaft war mit der ihn Leonin so
bitter erzürnt hatte
»Doch« setzte sie mit dem ernsten Patos hinzu der ihr so eigentümlich
war »doch hatte ich mir immer gedacht ein Freund der daher käme zeigte
größere Weisheit denn Ihr sagt so wenig von den schönen Dingen die man
begreifen kann dass sie dort geschehen und dagegen viel Unverständliches Es
muss dort ganz anders sein auch die Sprache doch nicht wahr Deine erhabene
Mutter redet so schön wie etwa mein Vater und Naimä die Schwiegermutter
Ruths oder die Königin Ester vor Ahasverus oder wie die Königin Elisabet zu
dem Volke Ach wenn ich sie nur erst sähe und hörte Wie habe ich mich immer
gesehnt eine erhabene Frau zu erblicken nach Gottes Willen«
»O« rief Leonin aufs Tiefste gerührt »wer kann Dich hören und sehen und
nicht überzeugt werden Deine Welt sei die eigentlich menschliche Sphäre alles
Andere eine Larve ein Trug eine elende Komödie die der Natur des
menschlichen Daseins Hohn spricht und der Absicht Gottes«
»Nein nein« sprach Fennimor hastig »was sagst Du da Du weißt ja meine
Welt wie Du es nennst ist noch eine ganz kleine darum muss ich eben die andere
dazu kennen lernen wenn ich Gottes ganze Herrlichkeit begreifen soll und die
Welt worin Deine Mutter herrscht die ist eben die große wichtige wo die
Könige leben und das Volk in den unermesslichen Ländern Darum denke ich an
diese Mutter so gern die mich umfassen wird und schützend verbergen wenn ich
erbeben werde vor so viel Weite Größe und Gewalt«
»Versteht Ihr jetzt dies Wesen« rief Leonin halb zürnend halb entzückt dem
Marquis zu
»Vollkommen« erwiderte der Marquis mit einem Ausdrucke der jede Auslegung
zuließ »und ich überlasse es Eurer eigenen Beurteilung welche Rolle ihr mit
diesen Begriffen zufallen wird in Eurer Welt und vor Eurer Mutter«
Leonins Herz zog sich mit einem Schmerz und einem Unwillen zusammen wie er
ihn um so bitterer empfand im Gegensatze zu der Reinheit des jetzt erst hier
erkannten Lebens welches keinen Widerspruch gegeben hatte weil die Meinungen
der sich Gegenüberstehenden immer offen da lagen und nur ein liebevolles
Forschen um das gegenseitige Verstehen eintrat was dann leicht gefunden war
und womit sich Alle befriedigten selbst bei hervortretender Verschiedenheit
Nichts gibt uns mehr das Gefühl einer unübersteiglichen Schranke als wenn
wir mit unsern höheren Überzeugungen vor Menschen treten welche uns weder
verstehen wollen noch können weil auf dem Wege den sie verfolgen sich nur
die materielle Seite der Dinge offenbart
Je freisinniger je umfassender je geistiger wir das Leben zu erforschen
suchen je seltener sind wir frühzeitig fertig mit Ansichten und Meinungen denn
nur das geringere Bedürfnis schließt schnell mit dem kleineren Gesichtskreise
ab Wer mit weiterreichendem Streben den Weg beginnt möchte nicht mit jenem
Zustande tauschen wenn er auch anscheinend in Vorteil setzt den Dingen das
Geheimnis des materiellen Gelingens ihrer subjektiven Brauchbarkeit abfrägt und
mit diesem Inhalte eine beruhigende feste Stellung zu ihnen gibt Aber es
entsteht dann von jener Seite eine ironische Überlegenheit die sich durch den
sichtbaren Erfolg zu rechtfertigen scheint die sich das Lob der Menge und ihre
eigene Befriedigung sichert und den begeisterten Forscher belächeln lässt der
in dem Leben das sie so bequem handhaben noch einen Geist entdecken will
dessen Flügelschlag er hört und dessen Gemeinschaft er aufzufinden trachtet in
demselben Leben das sie in ihrer Auffassung schon ausgebeutet glauben
Wenn wir mit dem Verlangen verstanden zu werden in die Kreise dieser
Frühfertigen geraten wird unsere fromme Unsicherheit verspottet und wir haben
Mühe unser Selbstgefühl zu retten welches wir oftmals nicht durch Beweise
vertreten können da Geister sich nur citiren lassen wo die Zauberformel
verstanden wird Rette sich wer kann bei Zeiten denn der dornenvolle Weg
zwischen Ergreifen und Verwerfen zwischen Erkennen und Erblinden zwischen
Hoffen und Verzweifeln den der sehnsüchtige Forscher wandelt hat als Ziel als
Ideal aussöhnende Ruhe in allen Erscheinungen der Erde vor Augen den großen
Zwecken gegenüber vom Selbstgefühle verlassen imponirt ihm die materielle
Ruhe die ihm so sicher von jener Seite entgegentritt und er wird ihre sich
unterordnende Beute oder er gerät in Zweifel die sein höheres Bedürfnis
anfeinden oder es langsam zerstören
Leonin rettete sich nicht obwohl er die Hand fühlte die sich nach ihm
ausstreckte bereit gleich einem Wachsbilde sein neu begonnenes Leben zu
erdrücken ein Schauer beschlich ihn aber er war nicht geboren das wogende
Innere durch kräftige Gedanken zur Ruhe und Klarheit zu bringen er ließ
unheimliche Anregungen sich mehren ohne sie zur Rechenschaft zu ziehen und
wartete stets auf die Hand die von Außen kommen möchte in ihm aufzuräumen Und
noch wachte ja sein guter Engel über ihm und hielt ihn fest auf dem heilgen
Boden wo ihm ein so reiches tief gehendes Verständnis geworden war
Aber zuerst ließ Fennimor seine Hand los um allein nach dem schon
sichtbaren Hause zu gehen ihre ahnende Seele fühlte die Gemeinschaft mit dem
Geliebten verkümmert durch den Fremden der sich von ihren Vorstellungen nicht
bezwingen ließ
Leonin genoss ihren Anblick wie sie vor ihnen herschritt und der Marquis
prüfte mit eifersüchtiger Schärfe ihren Anstand Wie schwer ward es ihm über
sie einig zu werden Dieser kindliche spielende Schritt dieser gleitende
Fuß der noch nie fehl trat oder die leichte Gestalt im unebenmässigen Takte
bewegte wo hatte sie es gelernt unter ihren hohen Bäumen Sollte er der Natur
ein Recht zugestehen müssen was hier nicht einmal vertreten ward durch den
Ursprung hohen Blutes Er zog sich zusammen vor jeder Kombination die ihn
seinem festgeschlossenen Ideenkreise entführte aber dies Wesen streifte ihn wie
ein Geheimnis das sich nicht von selbst enthüllen wollte und er grollte ihr um
so mehr
Beide Männer folgten so beherrscht von demselben Gegenstande ihrem
leichten Schritte Beide wussten sich aber nichts zu sagen Jeder von der
abweichenden Meinung des Andern überzeugt und dennoch sicher in der nächsten
Zeit sich demselben noch nicht entziehn zu dürfen
So war Fennimor schon länger hinter den Türen verschwunden die von dem
Wohnzimmer in den Wald führten ehe die langsam Folgenden diesen näher kamen
und schon kehrte Fennimor zurück und öffnete leis und mit Vorsicht die doppelten
Flügel zurückschauend ob die Strahlen der Sonne den Lehnstuhl erreichen
würden auf dem jetzt der Greis sitzend zu sehen war der wie es schien vom
Schlummer gebeugt das Haupt auf die Brust gesenkt hatte Fennimor bemerkte die
Nahenden nicht in anderer Art angeregt gab sie sich dieser Richtung ohne
Teilung hin Die Männer sahen sie vor dem Greise niederknieen und seine Hände
fassen sie schien sie erwärmen zu wollen und legte dann ihre flache Hand auf
seine Stirn sie schauderte »Du bist so kalt mein Vater wache auf« sagte
sie leise und als er der sonst von dem schwächsten Hauche ihrer Stimme
erwachte unbeweglich blieb da wiederholte sie den Ruf mit einem Tone der von
der Ahnung eines unermesslichen Wehs geschwellt war
Leonin stürzte diesem Rufe nach in den Saal Fennimor war aufgestanden sie
lehnte das schwere widerstandslose Haupt des Vaters mit Mühe zurück und
bestrebte sich die beschattenden weißen Locken von der Stirn zurück zu legen
Der Ausdruck von Eifer von Sorgfalt und Liebe in ihren Zügen war von einem
Entsetzen beschlichen welches sie starr blicken ließ und erbleichen sie wusste
noch den Namen nicht für die Ursache denn sie kannte den Tod nicht Aber Leonin
war fast außer Zweifel So prägt nur der letzte Bote an das Leben die Züge der
Menschen um widerstandslos in heitere Träume versunken hatte er den Greis
gefunden und ihn leis hinüber geführt wohin seine kindliche Seele schon längst
reichte ohne durch irgend einen Kampf die Trennung zu verraten die schöne
Hülle selbst noch ehrend und ihr einen Abglanz der Verklärung des Geistes
schenkend der sie verlassen
Fennimor sah ihren Vater so schön so lächelnd als schwebe der Segen noch
für sie auf den erblassten Lippen sie fasste nicht was geschehen war und
schauderte doch vor der verständlichen Veränderung und der nie gefühlten Kälte
»Der Vater der Vater« sagte sie immer wieder »Leonin der Vater« Weiter
fand sie kein Wort die Ahnung stand dazwischen und hinderte jeden Versuch ihr
Gefühl zu bezeichnen Endlich ließ sie die Hände ab von ihm und blickte Leonin
an und dieser Blick führte sie ihrem Schicksale näher denn in seinen Zügen
fand sie einen Schmerz einen Jammer ausgeprägt der sie überzeugte er sähe
mehr als sie »Ist er krank ist der Vater sehr krank« rief sie mit stockendem
Atem »sag was fangen wir an«
Er antwortete nicht zog sie aber an seine Brust und fühlte mit einer
unbeschreiblichen Heiligung aller seiner Gefühle dass sie nur ihn noch auf
dieser Welt habe »Geh Fennimor rufe Emmy Gray der Vater ist sehr krank
aber fasse Dich und denke dass er mich gestern eingesegnet hat dass ich Dir an
seiner Statt Vater sein soll wenn Gott ihn zu sich rufen möchte«
»Was sagst Du« rief sie verwirrt aus seinen Armen fahrend »Gott wird ihn
aber jetzt nicht wollen nein nein Er lebte wie wir in den Wald gingen es
ist nicht lang ich war ja nicht bei ihm er lebt er schläft Großer Gott
erbarme Dich er schläft mein Vater erwache Gott wo bist Du Nein nein Du
hast ihn nicht gewollt mein Gott denn ich bin ja bei Dir gewesen Du gabst mir
kein Zeichen« So kämpfte sie mit Todesangst gegen die Überzeugung die sich
ihr mit der Gewalt ihrer unverkennbaren Wahrheit aufnötigte und erlag endlich
den bloß noch in Worten ankämpfenden Zweifeln und stürzte plötzlich mit einem
Jammergeschrei der ihrem Herzen das erste Erfassen des neuen entsetzlichen
Schmerzes gab über dem Greise zusammen Leonin kniete in Tränen neben ihr und
so fand der Marquis die Gruppe als er endlich die Schwelle überschritt
»Dieser Heilge hat geendet« rief ihm Leonin mit Schmerz gebrochener Stimme
entgegen »Gottlob dass sie mein Weib ist«
Ob wir den Tod wo er seinen himmlischen Stempel abgedrückt aushalten
können das möchte die Probe sein für manches im Bösen verhärtete Herz Sie
stehen fest gegen die Erscheinungen der Welt deren höheres Misterium sie
verlachen oder übersehen und wissen dessen Beziehung von sich fern zu halten
aber der Tod ist die geheimnisvolle Macht der sie sich nicht entziehen können
und haben sie auch die Brücke zerstört die der Gläubige aus diesem Übergange
nach jener Welt baut und trotzen sie auch dem Leben die Überzeugung ab es
sei in ihm der Anfang und das Ende ihres ihnen selbst gehörenden Daseins ganz
im Geheim erreicht sie doch das fürchterliche Grauen vor dem tiefen Schweigen
worin die Natur ihr letztes geheimnisvolles Geschäft hüllt und sie können den
Anblick des Todes nicht ertragen der auf Einzelnen seine Zeichen zurück lässt
als einen sichtbaren höheren Fingerzeig
So jähling ward der Marquis hier vor den gehassten Anblick geführt dass er
fast zweifelte ob es sein könne und um alle Fassung gebracht war es mehr
Zorn als Teilnahme was ihn zu lebhaften Äußerungen trieb von Allen jedoch
überhört bloß zur Nahrung seiner eigenen Stimmung
Doch war dies Ereignis bestimmt Leonin zu der tiefsten Erkenntnis seiner
übernommenen Pflichten zu führen Der Reif den der Marquis mit dem Hauche aus
der alten lang gewohnten Welt in seine frisch duftenden Blüten gesenkt er war
zerronnen in Tränen heißen Schmerzes um den Verlust eines Menschen wie er nur
selten unter den günstigsten Konjunkturen zu reifen vermag Leonin hatte ihn
mit seiner durch ihn gereinigten Seele zu verstehen und zu lieben vermocht er
wusste er fand nie seines Gleichen wieder und er betrauerte seinen Verlust mit
tiefster Wehmut und stärkte sein Herz für die große Aufgabe die Fennimors
Loos ihm nunmehr übertrug So neu auch alle Verhältnisse so groß die
vorliegenden und die zu erwartenden Schwierigkeiten sein mochten sein Herz ward
sein Lehrmeister und dies gibt immer den Rat den wir befolgt sehen von
denen die uns lieben und welcher den Verstand und die Erfahrung zu überholen
vermag wenn es von einem wahren Gefühl erfüllt ist
Daher konnte der Marquis auch nur die kürzeste Zeit Zuschauer dieser
Verwandlung bleiben die ihn um jeden Einfluss zu bringen drohte weil gar nicht
mehr von ihm die Rede war indem Leonin völlig überzeugt der Marquis könne ihm
gar nicht bei so abweichenden Verhältnissen raten diesen auch nie aufrief
seine Meinung zu sagen und daher sein Kommen und Bleiben zu einer
Unbedeutenheit herabsank die er bloß zu erkennen brauchte um ihr so schnell
als möglich ein Ende zu machen Dessen ungeachtet musste er um nicht ganz ohne
alle Erfolge zurückzukehren die Ankunft des Grafen Gersei abwarten welcher
von dem Tode des Kaplans unterrichtet am nächsten Tage erwartet wurde
Leonin hatte nämlich jede Unsicherheit abgeworfen und war fest entschlossen
seine junge Gemahlin sogleich mit sich nach Frankreich herüber zu führen und sie
nach Ste Roche welches er schon als sein Eigentum ansehen durfte zu bringen
bis er Zeit gefunden seine Mutter von diesem Schritte zu unterrichten und wie
er hoffte damit zu versöhnen Er teilte diesen Vorsatz dem Marquis mit der
größten Sicherheit mit und schlug jeden Einwand desselben mit der Leichtigkeit
zurück die eben so wohl fester Wille als Unkenntnis der ganzen Größe der ihn
erwartenden Schwierigkeiten war
»Eure Pläne« antwortete der Marquis mit der stolzesten Kälte »sind
allerdings mit einer Schnelle und Sicherheit gefasst die es unmöglich machen
gegen sie einzuschreiten und so lästig mir von Anfang an eine Einmischung in
Eure FamilienAngelegenheiten war so fühl ich sie doch dadurch noch erhöht
der Zeuge von Euren Handlungen sein zu müssen da mir dies die Vorwürfe Eurer
Mutter zuziehen wird welche ich allerdings schwer werde überzeugen können dass
ich wirklich Beschlüsse zulassen musste die so Euer notwendiges Unglück
herbeiführen müssen und die so wenig durch die Umstände gerechtfertigt werden«
»Es ist nicht Mangel an Vertrauen« erwiderte Leonin ruhig »dass ich Euren
Rat so wenig gesucht habe sondern das Gefühl so und nicht anders handeln zu
müssen was durch keine abweichende Meinung umgestimmt werden konnte und jede
Beratung darüber zu einer überflüssigen machte Meine schnelle Vermählung die
meiner Gemahlin Schntz und Ansehen geben sollte im Fall das Ereignis was wir
jetzt so plötzlich erlebt während meiner Abwesenheit eintreten möchte gibt
ihr das vollgültigste Recht mich jetzt nach Frankreich zu begleiten und ich
danke Gott dass ich ihr in ihrem tiefen und großen Schmerze den Trost geben
kann den sie allein aufzufassen vermag den nämlich mich nicht von ihr zu
trennen Es scheint mir demnach dies Verfahren vollständig durch die Umstände
gerechtfertigt und ich muss Alles im Voraus zurückweisen was Ihr andeuten
wollt indem Ihr dies nicht so anseht«
»Wir sind also beide entschlossen« sprach der Marquis und es drängte sich
diesen Worten aus der Tiefe seines erbitterten Inneren eine Fülle des heftigsten
Grolles nach »und wir wollen uns beide über das was wir tun und zulassen
müssen eine Sicherheit und Rechtfertigung verschaffen mit der wir uns vor uns
selbst und den Anforderungen der Welt zu behaupten vermögen«
»Tut das« erwiderte Leonin und verließ seinen Gefährten noch wohl
gerüstet für seine Absichten durch die heilgen und teuren Ansprüche die an
ihn in jedem Augenblicke ergingen
Der Marquis hatte die Wohnung in die der Tod eingekehrt war nicht wieder
betreten er hatte das Schloss bezogen und erwartete gleich Leonin die Ankunft
des Lord Gersei mit größter Ungeduld
Dagegen war seit dem Tode des ehrwürdigen Greises der junge Graf von Crecy
gegen seine Dienerschaft wie gegen die Bewohner des Schlosses unverholen mit
seiner Vermählung hervorgetreten und hatte seine Wohnung in der Abtei genommen
um seiner leidenden Gemahlin jeden Trost gewähren zu können dessen sie so sehr
benötigt war Zugleich war ein Bote nach Edinburg zum Grafen Gersei gegangen
mit der doppelten Anzeige des Todes und der Vermählung und nachdem die
Überreste des ehrwürdigen Vaters der Erde übergeben waren verständigte sich
der junge Graf mit Emmy Gray über die Anstalten zur Abreise welche er zu
beschleunigen trachten musste da er vor der festgesetzten Zeit seiner Rückkehr
nach Paris Fennimor nach Ste Roche führen musste und dort durch seine
Gegenwart ihrem Verhältnisse die Ehrbarkeit verleihen die er ihm vorzüglich zu
sichern trachtete
Er fand auch trotz der früher erwähnten Ansicht jetzt in Emmy eine willige
und bereite Stütze der es sobald die Dinge denen sie dienstbar sein sollte
ihre Zustimmung hatten keinesweges an Verstand und Überlegung fehlte die sie
bald in volle Tätigkeit setzte um ihre junge Herrschaft mit allem
Erforderlichen auszurüsten Erst jetzt nach dem Tode ihres angebeteten Herrn
sah sie die Stütze ein die ihre junge Herrin durch ihre Vermählung erhalten
und fing an sich um so lieber mit dieser Maassregel auszusöhnen da der junge
Graf ganz gegen ihre argwöhnische Befürchtung bemüht war sein Verhältnis auf
alle Weise zu ehren und von seinen übernommenen Pflichten vollkommen
durchdrungen schien
Zuerst ward daher der armen müdgeweinten Fennimor von ihrer eifersüchtigen
Gefährtin der süße Trost zugeraunt dass ihr Gott ja einen Gatten zur rechten
Stunde gegeben der ihr den Vater sicher ersetzen würde
Wir können nicht leugnen dass Emmy kein Mittel hätte ersinnen können
wirksamer das Herz der Leidenden aus ihrem maasslosen Grame zu erheben als
diese Worte die ihr den Geliebten aufs Neue sanktionirten und das von der
einzigen feindlichen Macht wie sie wähnte die der neuen Richtung ihrer
Hoffnungen bis jetzt entgegen getreten war
Und so handelten alle drei in Übereinstimmung wobei Fennimor freilich
nicht selbst tätig sondern nur sich fügend anzutreffen war
John Gray hatte seiner despotischen Gattin versprechen müssen sich ihrem
Willen in nichts zu widersetzen und selbst wenig eigene Gedanken hegend war er
hierauf willig eingegangen Sie erklärte ihm ihre junge Gebieterin vors Erste
nicht verlassen zu wollen und gab ihm die Hoffnung zu ihrer Rückkehr erst wenn
die Verhältnisse derselben dort ihre Anwesenheit unnötig machten dagegen
begehrte sie dass er sich augenblicklich nach ihrer Abreise mit ihrer kleinen
einjährigen Tochter auf den Weg nach England machen und sie dort dem Bruder der
jungen Gräfin Crecy dem Pfarrer Lester der in Yorkshire und jetzt verheiratet
lebte zum Schutze und zur Erziehung übergeben solle Ob er selbst dort bleiben
oder nach der Heimat zurückkehren wolle stellte sie ihm mit der größten
Gleichgültigkeit anheim und überzeugt der Pfarrer Lester der Emmy Gray als
Spielkameradin und treue Pflegerin der Familie wie eine Schwester liebte werde
ihrem Kinde die Eltern ersetzen glaubte sie ihr Haus völlig versorgt zu haben
und widmete ihm keine Aufmerksamkeit mehr
Fennimor meldete ihrem Bruder in einem Briefe so ausführlich sie es jetzt
vermochte den Tod des Vaters und die eigene Schicksalsveränderung und bat ihn
um seinen Segen für ihre Zukunft
Auf Niemanden jedoch machte die Entdeckung des Vorgefallenen vielleicht
einen größeren und unangenehmeren Eindruck als auf Lord Gersei Der Tod des Sir
Reginald war ein so erwartetes Ereignis dass es ihn völlig unberührt ließ
besonders da er mit praktischer Umsicht schon für einen Nachfolger gesorgt und
dieser bereit war einzuziehen Was kam aber der Bestürzung gleich womit ihn die
Vermählung des jungen Grafen von Crecy erfüllte dieses Jünglings der ihm
anvertraut ward mit einem Aufgebote von Vertrauen welches ihn auf sich selbst
stolz gemacht hatte den man bei ihm vor jedem bösen Einflusse gesichert
gehalten und der ihn selbst durch sein ganzes Verhalten so gänzlich zu täuschen
gewusst hatte dass er in die jämmerliche Lage kam jetzt eingestehn zu müssen er
habe diesen jungen Mann nicht zu beurteilen vermocht dessen Geistesfähigkeiten
er doch so weit unter sich geschätzt hatte Sein Zorn verwirrte ihn zuerst über
die Macht die ihm zustand er wollte augenblicklich den jungen Mann zwingen
seine Vermählung widerrufen zu lassen er war ganz außer sich und fast in
derselben Stunde schon auf dem Wege nach StirlingBai
Die Zeit die er im Reisewagen hatte Alles noch ein Mal zu bedenken klärte
ihn zwar etwas mehr über seine bedingte Stellung gegen den jungen Grafen auf
konnte aber nicht hindern dass er mit allen Zeichen der lebhaftesten
Empfindlichkeit auf dem Schloss anlangte
Hier fand er zuerst den Marquis de Souvré der nachdem er sich ihm zu
erkennen gegeben hatte ihm die beschämende Zusicherung gab dass die Frau
Marschallin selbst in Paris den veränderten Zustand ihres Sohnes gemerkt habe
von dem der Lord in der Nähe keine Ahnung bekommen Er ließ sich dann von ihm
seiner Ansicht gemäß das Geschehene ausführlich erzählen und teilte die
Verzweiflung des Marquis zu spät angekommen zu sein um eine so recht und
pflichtwidrige Handlung verhindern zu können
Wie lange jedoch Beide deliberirten die Anwesenheit des jungen Grafen
konnte erst ihre verschiedensten Pläne und Ratschläge zur Reife bringen und
der Lord musste ihn zu einem Besuche auffordern lassen so sehr er sich auch
gegen ihn erzürnt fühlte
Unterdessen hatte der Marquis Zeit den Lord zu sondiren und obwohl er in
ihm den Mann sehr bald erkannte der außer Stande war mit seinem Verstande
einen Einfluss auf Leonin auszuüben fand er doch in seiner stolzen beleidigenden
Haltung und seiner Ansicht über die Handlungen eines Minderjährigen Stoff genug
zur Benutzung für seinen augenblicklichen Zweck den jungen Grafen in allen
seinen Empfindungen zu verletzen und ihn aus der stolzen Sicherheit zu treiben
die dem Marquis unerträglich war an diesem gering geachteten Jünglinge Zugleich
fühlte er dass der Lord ihm vollkommen vertraue und er hoffte ihn bei den
ferneren Schritten leiten zu können
Der junge Graf dagegen empfing die Nachricht von der Ankunft des Schlossherrn
mit lebhaftem Vergnügen Er fühlte sich so im guten Rechte so leicht und
befriedigt durch Liebe und gutes Gewissen dass er nach dem Schloss eilte bloß
Beides dazutun und dann seine Abreise anzusetzen
Schon die Dienerschaft leicht die Umstimmungen ihrer Herrschaft erratend
empfing ihn mit bloß feierlicher Haltung und als er in das Zimmer des Lords
trat und ihn dort neben dem Marquis erblickte schallte ihm nicht der Ton der
rauen Lustigkeit entgegen womit er sonst von ihm begrüßt ward sondern man
ließ ihn den Weg bis zu dem Platze wo Beide saßen ohne Beachtung zurücklegen
und kurz erhob sich dann der Lord ihn zu begrüßen »Euer Gnaden haben mir den
Vorzug entzogen Sie wie bisher als meinen Gast hier begrüßen zu können Doch
darf ich meine Gastfreundschaft Niemandem aufdrängen wie ich eingesehen habe
denn wie bereit ich auch war hierin die Wünsche Ihrer Frau Mutter zu erfüllen
ich konnte mir das Recht nur durch einige Höflichkeiten bei Ihnen erwerben die
jedoch sich unzureichend erwiesen haben«
»Mein teurer Lord« lächelte Crecy völlig harmlos »es kann Euch mit
diesen Worten nicht Ernst sein die Umstände denke ich rechtfertigen so
vollständig diesen Umzug dass es gar keiner Erklärung meinerseits bedarf eben
so wie Sie mir glauben müssen dass ich Ihnen aufs Innigste dankbar bin und den
Aufenthalt bei Ihnen zu den größten Segnungen meines Lebens rechnen werde«
»Und ich junger Mann« schrie hier Lord Gersei durch Leonins Ruhe um alle
Haltung gebracht »ich werde diesen Aufenthalt wegen seiner heillosen Folgen für
das fluchwürdigste Ereignis meines Lebens halten und nun mögt Ihr selbst danach
urteilen was ich von dem wahnsinnigen Schritte denke den Ihr Eure Vermählung
nennt« Er wollte bei diesen Worten aus dem Zimmer stürzen seine eigene
Aufregung befürchtend aber dem Marquis war dieser Anfang um so weniger gelegen
wenn er zugleich das Ende sein sollte er eilte ihm nach und hielt ihn an der
Tür mit dringenden Bitten zurück
»Lasst mich lasst mich Marquis« rief der Lord indem er zögernd widerstand
»ich tauge nicht dazu hier die Beichte der jugendlichen Tollheit zu hören
und bringe mit so viel Unwillen im Herzen die Sache nicht zu Stande«
»Und doch bedenkt Mylord Ihr seid es Eurer Freundin der Frau Marschallin
die Euch ganz vertraute schuldig liebevoll väterlich dem jungen Manne
beizustehen Denkt wie seine Jugend ihm das Wort um Milde und Nachsicht
spricht«
Er führte den grollenden alten Lord zurück und es entstand eine ungefällige
Pause unter den Dreien weil Zwei sich im vollkommen gleichen Rechte des Zürnens
wähnten und der Dritte sich die listige Zurückhaltung zu sichern trachtete die
nur was jene veranlassten ohne Nachteil benutzen wollte Dessen ungeachtet
musste dieser Dritte mit der Sprache zuerst heraus denn hochrot vor Zorn
blickte der Lord finster zur Erde und ihm gegenüber hatte Crecy die kalte
Haltung des Beleidigten angenommen der das Entgegenkommen des Andern glaubt
erwarten zu müssen
»Ihr seht Herr Graf« wandte er sich gegen Crecy »wie ich nicht der
Einzige bin der in abweichender Meinung von der Eurigen diese Sache ansieht
und Ihr dürft es nicht zurückweisen einen alten Freund Eurer Frau Mutter
darüber zu hören«
»Dies zu tun kam ich hieher« erwiderte Crecy »und wahrlich mit aller
Achtung die ich Sr Herrlichkeit schuldig bin war ich gesonnen sowohl meine
Verhältnisse offen darzulegen als den Rat des Verständigen zu hören dies hat
mir aber die augenblickliche Heftigkeit des Lords abgeschnitten und ich muss
jetzt erwarten ob mir dies überhaupt noch möglich gemacht wird und welche Form
Mylord dazu einzuleiten gedenkt«
»Mein junger Herr« rief hier Lord Gersei noch immer mit dem rauen Tone
des Zorns »es kann denke ich hier von vielen Einrichtungen unter uns gar
nicht die Rede sein wie unleidlich meine Stellung durch Euer unbesonnenes
Betragen gegen Eure Mutter geworden müsst Ihr übersehen wenn Euch auch die
Leidenschaft noch so toll gemacht hat Mir wart Ihr anvertraut von Eurer Mutter
ich sollte Euch vor Missgriffen und Torheiten bewahren bis Ihr unter den
Schutz Eurer Eltern zurückkehrtet und ich durfte diese Verpflichtung
übernehmen und sie angeloben denn Ihr lebtet hier nur in den ehrbarsten und
würdigsten Verhältnissen Aber der Neigung zur Torheit ist überall der Ausweg
eröffnet so musst ich an Euch lernen mein Vertrauen habt Ihr betrogen mit
dem alterschwachen Greise dessen Kenntnis der Welt von jedem Kinde überboten
werden konnte habt Ihr Freundschaft geschlossen um Euch von der Törin seiner
Tochter verführen zu lassen«
»Haltet ein Mylord« rief hier Crecy indem er mit Heftigkeit aufsprang
»wenn Ihr es wagt mit dieser Bezeichnung die Tochter des ehrwürdigen Sir
Reginald zu meinen so vergesst nicht dass sie Gräfin von Crecy und meine
Gemahlin ist gegen die jede Beleidigung zur meinigen wird«
»Gräfin von Crecy« höhnte der Lord »die Tochter eines Kaplans von
StirlingsBai ein Mädchen ohne Rang ohne Vermögen die sich darum nicht einmal
zur Gesellschafterin meiner Töchter eignete Gräfin von Crecy die
Schwiegertochter der Fürstin Soubise und des ersten Marschalls von Frankreich
des ältesten Geschlechtes dieses Landes Junger Mann« fügte er mit heiserem
Lachen hinzu »wem wollt Ihr das weiß machen Wer denkt Ihr dass Euch dies
glauben wird Dankt dem Himmel dass die Komödie Eurer Heirat so in allen Formen
kindisch lächerlich formlos gewesen ist und dass Eure Minderjährigkeit selbst
die anscheinend gesetzlicheren Bande so gänzlich annullirt hätte dass diese
Torheit wenigstens nur dem Mädchen zur Last fallen wird die so unberufen den
reichen Erben zu gewinnen dachte«
»Es ist genug« rief Crecy hier und erhob sich mit Ungestüm »ich werde
Euch verlassen Mylord um durch so unerhörte Beleidigungen nicht dahin gebracht
zu werden dass ich ganz vergesse wie viel Dank ich Euch für Euer früheres
Bezeigen schuldig bin Die Beleidigungen die Ihr gegen mich und meine Gemahlin
ausstosst widerlegen zu wollen hieße mich und diese Verhältnisse wirklich
erniedrigen ich werde sie zu rechtfertigen wissen in den Augen meiner Familie
und der ganzen Welt«
»Ich gratulire zu diesen Vorsätzen junger Herr« entgegnete der Lord mit
verbissenem Zorne »Wahrlich Ihr habt nicht umsonst meine Bibliothek in der
kurzen Zeit ausgelesen Ihr führt eine vollkommen romantische Rittersprache
zum Weinen rührend O junger Mann junger Mann hättet Ihr lieber das
unschuldige fröhliche Waidmannsvergnügen mit den ehrlichen unerschrockenen
Gefährten durchgemacht als Euch in dürres wüstes Büchergeschwätz versenkt um
Stoff zu sammeln für das Schäferspiel das Ihr zu spielen dachtet«
»Wir sind zu Ende Mylord« sagte Crecy empört »erlaubt dass ich mich bei
Euch und diesem Hause auf immer beurlaube ich eile zurück um sogleich die
Anstalten zu meiner Abreise zu treffen und bitte Euch nur um so viel Zeit noch
in den Mauern der Abtei die jetzt allerdings zu Eurer Bestimmung steht bis
meine Gemahlin zur Abreise gerüstet sein wird Nehmt meinen Dank für Eure
frühere Güte es schmerzt mich tiefer als Ihr glaubt dass die Gefühle die Ihr
mir einzuflößen wusstet eine so grausame Störung erfahren mussten«
»So lasset auch uns von einander Abschied nehmen« sprach jetzt der Marquis
de Souvré zu Crecy »Ich reise noch am heutigen Tage nach Paris ab denn ich
kann durch meine Gegenwart hier nicht länger Euren Handlungen einen Schein von
Billigung geben den ich aufs Bestimmteste verweigern muss Dessen ungeachtet
frage ich Euch ob Ihr mir irgend eine Weisung für Eure Frau Mutter zu geben
habt aus der sie Trost zu schöpfen vermöchte wenn ihre Fragen mich drängen
werden«
»Ich überlasse das Euch selbst ich hatte gewünscht der Erste sein zu
können der ihr meine Verhältnisse vortrüge aber ich fühle Euch die
Verpflichtung zum Schweigen aufzuerlegen wäre bei den Fragen denen Ihr zu
begegnen haben werdet zu viel verlangt Gott lenke daher Eure Worte Denkt dass
so viel vom ersten Eindrucke abhängt denkt dass es der einzige Sohn der Frau
ist der Ihr so ergeben seid und dass Ihr so wohl versteht Eure Ansichten
vorzutragen«
Kein Laut verriet die Meinung des Marquis auf die herzliche dringende
Anrede stumm verneigte er sich mit zu Boden geschlagenen Augen und wendete sich
dann zu Lord Gersei »Und Ihr Mylord was habt Ihr mir zu befehlen«
»O Marquis« rief der Lord »was soll ich Euch an die edle tugendhafte
Frau für Aufträge mitgeben die sich durch mich verraten glauben wird und mir
Vertrauen und Achtung versagen für immerdar Nein nein niemals kann ich diese
Kränkung verwinden Sagt Ihr ich mache keine Ansprüche auf ihre Verzeihung und
wollte ihre Feindschaft ihre Geringschätzung als lebenslängliche Strafe
ertragen Aber das fügt hinzu« und bis zum dumpfen Brüllen steigerte sich sein
Ton »finde ich diese Kopulation im Kirchenbuche verzeichnet so lasse ich es
auf offenem Platze vor der Kirche verbrennen und John Gray und sein Weib und
der Kirchendiener die sich Zeugen zu nennen wagen werden noch heute aus der
Kirchengemeinde ausgestoßen und der Büttel soll sie über die Grenze jagen dass
sie sich nie wieder zu StirlingsBai zählen dürfen«
Schon hörte der Unglückliche gegen den dieser neue Schimpf ausgestoßen
ward das Ende dieser zornigen Befriedigung welche sich der Stolz und der
Hochmut eines der untadelhaftesten Barone des alten Schottlands verschafte
nicht mehr Mit tausendfach verwundetem Herzen bis zur Raserei gereizt und
gekränkt sich fühlend war der ganze Himmel seines idyllischen Glückes entweiht
und beschimpft und es schien ihm als könne er nie wieder einen Hauch des
seligen Friedens empfinden den er wenige Tage früher noch als ein unzerstörbar
gewonnenes Gut betrachtete Vielleicht hatte er Recht denn sein Herz hatte
eine unheilbare Wunde empfangen um so nachhaltiger da die heftigen Worte
denen er ausgesetzt war die Grundsätze und Ansichten die er gehört ein
ausschliesslicher Besitz seines Standes waren unter deren Einfluss er groß
geworden und denen er überall mit dem Wiedereintritte in die Welt zu begegnen
sicher war
So stürzte er dem mechanisch gefundenen Wege nach der Abtei zu und ward sich
erst seiner selbst wieder bewusst als er in den grünen Dom der hohen Buchen
trat die ihr grossartiges Naturleben in heiliger Unabhängigkeit fortführten das
kleinliche Treiben der Menschen was seit Jahrhunderten an ihnen hingegangen
mit hohem Blicke übersehend als wollten sie dem keuchenden Wanderer zurufen
»Geduld Du und Deine Leiden verfallen der Zeit und Du gehst mit ihr vorüber
ein kleines Atom in dem großen Zellgewebe der göttlichen Weltordnung«
Vielleicht nicht dasselbe aber doch etwas einer Erquickung einem Troste
ähnlich drang in die blutende Brust des tötlich Gereizten er schlug die
glühenden Augen auf und der sonnenhelle Glanz der grünen Gewölbe leuchtete wie
Himmelstau in sie hinein Krampfhaft presste er die Hände in einander einem
Schrei des Schmerzes glich der Seufzer der sich losriss und bebend vor
Aufregung stürzte er in das weiche Moos und verbarg sein Gesicht in dessen
duftendem Schoss
Wir wollen es nicht belauschen womit auch der Mann in dem Augenblicke sich
erleichtern darf wo sein Herz die krampfhafte Starrheit sprengt in die ein
überwältigendes Ereignis ihn versetzt mag er der Mittel teilhaftig werden die
Gott der Menschheit gegeben da er sie nicht schützen konnte gegen das
unendliche Weh das sie sich bereitet
Leonin gewährte es seinem Schmerze sich zu erschöpfen Er hatte kein Herz
von der Natur erhalten was sich in eigener Kraft behaupten konnte es musste
gestützt und in beifälliger Ruhe erhalten werden durch die nächsten Menschen
durch Verhältnisse wenn es sich selbstvertrauend bleiben sollte Matt und
totenbleich ging er dem offenen Gemach entgegen vor dessen Türen das
geschmähte unschuldige Opfer dieser fremden Anmassung in der tiefen
Trauerkleidung mit dem heilgen Scheine des frömmsten Kummers um die schönen
Züge auf einem niedrigen Stuhle saß und dem lieblich lächelnd entgegen blickte
der den ersten harten Wurf der Welt nach ihrem stillen Glücke so eben
aufgefangen hatte doch nicht ohne selbst davon verwundet zu werden
Tief bewegt von ihrem Anblicke kniete er neben ihr hin und sie mit einem
vielfach vermischten Gefühle an sich drückend rief er wehmütig »O Du armes
armes gekränktes Wesen«
Wie hätte diese feine weibliche Seele nicht die Veränderung fühlen sollen
die dem Geliebten geschehen
»Was hat man Dir getan« sagte sie sanft forschend und fasste sein bleiches
Gesicht in ihre beiden Hände »War der Lord nicht wie es Recht ist Hast Du
Dich erzürnt Wird er mich besuchen«
»Ach« rief Leonin »lass uns abreisen lass uns in die Wälder von Ste Roche
fliehen und die Welt vergessen und uns fern von ihr halten die weder unser
Glück versteht noch uns ein anderes gönnen will als was sie dafür erkennt«
»Meinte so der Lord« frug Fennimor »ja ich konnte es denken Sie sind da
oben durchaus anders wie wir und immer waren sie mir nicht gut genug aber wir
wollen sie lassen die haben mich nie erzürnen können sie waren so klein so
ungeschickt und konnten nie verstehen wie ichs meinte«
Dies stolze feste Herz erschütterte mit ihren einfachen unschuldigen Worten
mächtiger in Leonin die imponirende Wichtigkeit des eben Erfahrenen als seine
eigenen durch frühere Eindrücke bedingten Betrachtungen es vermocht hatten
Er erhob sich an der festen Hoheit dieser reinen Seele und ein Schimmer des
früheren Glückes kehrte ihm wieder in der größeren Berechtigung die sie ihm
teils in ihrem eigenen Werte teils in der strengen Kritik über seine
Widersacher gegeben Er raffte sich zusammen und besann sich was ihm zunächst
läge und alle Weisheit der Liebe kehrte ihm zurück Er eilte die heilge
Unschuld seines Weibes vor der Schmähung der Welt zu bewahren und hüllte den
ganzen Vorgang in gleichgültige Worte ein Dann begab er sich zu Emmy Gray um
ihr wenn auch nicht Alles doch das Wichtigste seiner gehabten Unterredung
mitzuteilen und die Notwendigkeit klar zu machen dies Haus wo möglich andern
Tags zu verlassen
»Ja wohl Herr« rief sie mit stolzem Zürnen »lasst uns schon morgen dies
Haus verlassen was jetzt dem gehört für den wir zu gut sind ihm irgend Dank
zu schulden Eben so soll John heute noch sein Bündel schnüren und nie diese
Stätte wieder betreten Gut gut Mylord dass diese unweisen Männer die ein
Sakrament lästern nicht Gewalt haben über die heiligen Dinge der Erde Lasst es
sie nicht hören sie ist noch zu jung um Unrecht zu begreifen das Leben
zeitigt früh genug dazu« So verließ sie den Grafen und sein Selbstgefühl
was durch die Schmähungen die er erduldet in ihm gestört worden war kehrte
langsam unter Menschen zurück in deren Wert er fühlte nicht als ein Tor
gehandelt zu haben
Die schnelle Abreise der Verfolgten verhinderte dass die strengen Maßregeln
des Lord Gersei sie erreichten und John Gray war schon auf seinem kleinen
Karren worauf er sein Kind und seine beweglichen Habseligkeiten geladen längst
über die Grenzen von StirlingsBai ehe sich der Lord seines Vorsatzes
erinnerte Bald kehrten die mit seinem Willen Beauftragten zu ihm zurück um ihm
anzuzeigen dass die Abtei leer von allen ihren Bewohnern sei und nur noch auf
der Landstraße nach Edinburg die Reisekutsche des Grafen von Crecy habe gesehen
werden können
Der Himmel lag so fest und grau wie eine Kuppel von gegossenem Stahl über dem
schmucklosen Herbsttag und der Wind streifte mit eisiger Schärfe über die
leeren Felder und durch die laublosen Wälder als wolle er die Erde zerreißen
und ihr die Macht fühlen lassen die er umsonst an der festen Nebeldecke des
Himmels erprobte
Vergeblich versuchte der junge Schlossherr von Ste Roche diesem lang
vernachlässigten Aufenthalte einen Anstrich von Wohnlichkeit zu geben an den
seine junge Gemahlin gewöhnt war und der sie nach einer langen und schwierigen
Reise der ersten ihres Lebens so sehr benötigt schien
Es half ihm wenig dass ihm die Auswahl im ganzen Schloss frei stand
überall fanden sich Schwierigkeiten die am wenigsten für einen Mann zu
beseitigen waren der von dem Erschaffen einer häuslichen Einrichtung so wenig
Begriff bekommen hatte In seiner bisherigen Lage die ihm alles Benötigte
fertig überlieferte und so jene unmännliche Verwöhnung erzeugte in welcher die
Fürstin Soubise ihn so sorgfältig zu erhalten verstand hatte er keine
Gewandtheit lernen können und es konnte daher nicht fehlen dass Emmy Gray mit
ihrem entschlossenen und tätigen Geiste nur kurze Zeit das unsichere
erfolglose Umhertappen des Grafen mit ansehen konnte Mit glücklichem
Überblicke wählte sie den gewandten Kammerdiener desselben zu ihrer Hilfe und
nachdem sie mit dem alten Kastellan das Schloss durchstreift fand sie wenn auch
aus einem andern Jahrhunderte doch kostbares und brauchbares Material genug
eine Wohnung einzurichten
Sobald die Art der Tätigkeit sich zeigte die erforderlich war trat auch
der junge Schlossherr mit dem liebenswürdigsten Eifer ihr bei und die höheren
Anforderungen seines Standes die Emmy fremd geblieben wurden durch ihn selbst
und den damit vertrauten Kammerdiener zu den Notwendigkeiten gefügt die sie
zuerst ins Leben zu rufen gewusst
Wenn anfänglich zu fürchten war dass Fennimor durch den Aufenthalt in einem
großen wüsten Schloss welches mit seiner wunderbaren Gestaltung und seinen
fremdartigen uralten Konstructionen jede auch die ruhigste Phantasie mit
geheimen Schauern anzuregen vermochte sich unheimlich und erschrocken fühlen
würde so zeigte sich bald dem entgegen eine so lebhafte bewundernde
Teilnahme für diese außerordentliche Erscheinung dass die anderweitigen
kleinlicheren Anregungen ihrer Umgebungen von denen selbst Leonin nicht ganz
frei blieb unverstanden an ihr vorüber gingen Ihr Geist war frei geblieben von
jedem Hauche des Aberglaubens für jeden Eindruck von übernatürlichen
Erscheinungen ihre Spielgefährtin Beschützerin und Pflegerin war Emmy gewesen
welche wo möglich noch furchtloser als ihr Zögling diesen nicht dazu
verführen konnte An geheimnisvolle Zustände in dem Geiste des Menschen hatte
sie in Schottland diesem Lande mondsüchtiger Träumer und vom Geiste der Ahnung
berührter Propheten wohl glauben gelernt aber alles was an
Geistererscheinungen und an das Grauen das selbst leblose Dinge wie Möbel und
Zimmer dadurch gewinnen streifte verwarf sie als gemein und für sie nicht
passend
Es zeigte sich daher bald eine große Annäherung zwischen dem alten Kastellan
und seiner jungen Gebieterin denn nicht minder als von ihm selbst sah er die
alten wertvollen Überreste des einst königlichen Besitzes von denen er die
Chronik des kleinsten Gegenstandes zu erzählen wusste geehrt
Es fanden sich daher in Folge dieser entstehenden Zuneigung immer mehr
Gegenstände ein welche zum Gebrauche sich nützlich zeigten und die der
beunruhigte Alte zu Anfang mit eifersüchtiger Scheu zu verbergen bestrebt
gewesen war
Die Familie der Kastellane von Ste Roche waren dieser Besitzung treuer
gewesen als die Herren derselben
Die St Albans waren schon unter Katarina von Medicis auf diesem Posten
gewesen und vom Urahn her hatte Sohn auf Sohn bei allem Wechsel der
Verhältnisse diesen Platz behauptet Jeder Nachkommende war unter den Chroniken
von Ste Roche aufgewachsen und jeder Schrank jede Tapete jedes Gerät war
für sie ein heiliges Vermächtnis was Jeder von Kindheit an hatte pflegen sehen
und was vor den Einflüssen der Zeit zu bewahren der Stolz jedes Einzelnen ward
Katarina von Medicis die hier zuerst einen Hof von einigen Wochen während
der Jagdzeit hielt hatte das Fundament einer Einrichtung gelegt da das Schloss
zu weit von Paris entfernt war um wie bei anderen Umzügen des Hofes für
dessen kurze Anwesenheit von dort aus mit Möbeln und Geräten ausgestattet
werden zu können Später hatte der erste Besitzer aus dem Hause Crecy längere
Zeit mit großem Aufwande hier gelebt und aus allen diesen Zeiten befanden sich
noch wohl erhaltene Überreste die allerdings nur ihr Bestehen der solideren
Beschaffenheit verdankten die den Ausstattungen der früheren Jahrhunderte eigen
war und den Rang und Reichtum der Besitzer darlegen mussten
Fennimor hatte auf der langen Reise die Musse benutzt sich von ihrem Gemahl
eine Übersicht der Geschichte Frankreichs geben zu lassen und mit großem
Interesse alles vernommen was sich auf Katarina von Medicis diese angestaunte
Schwiegermutter der unglücklichen Maria Stuart bezog Was sie durch diese
Mitteilungen erfahren konnte war ihrer Unschuld gemäß in verhüllende
Andeutungen eingekleidet worden und so jubelte sie bei dem Gedanken in das
Schloss dieser mächtigen Königin einzuziehen worin noch ihre Zimmer sich
vorfinden sollten und Möbel und Geschirre die ihr zugehört hatten
Es zeigte sich dass der junge Graf eben so fremd in seiner neuen Besitzung
war als seine junge Gemahlin denn diese Güter wurden nur wegen ihrer Revenüen
geschätzt zum Bewohnen schienen sie der Marschallin von Crecy die sich nie vom
Hofe trennte völlig unpassend
Beider Geschmack vereinigte sie daher in dem Wunsche unter Anleitung des
alten Kastellans der eine lebendige Chronik des Schlosses zu nennen war
dasselbe in seiner ganzen Ausdehnung zu besichtigen und in chronologischer
Ordnung mit dem ältesten Teile desselben zu beginnen
Dieser ruhte auf dem höchsten Felsgrunde der das Ganze trug er ward der
Klaudia von Bretagne zugeschrieben die hier nach der Gefangennehmung ihres
Gemahls Franz des Ersten in schwermütiger Zurückgezogenheit bis zu ihrem Tode
lebte und deren Grabmal sich auch in der Hauskapelle als einziges Überbleibsel
ihrer Existenz vorfand denn dieser älteste Teil der in der Mitte des
funfzehnten Jahrhunderts entstand zeigte nur Turmzimmer rohe Wände
gepflasterte Fussböden und die kleinen SchiessschartenFenster die wenigstens
Landschlösser nicht entbehren konnten
Die flüchtige Besichtigung erregte wegen der erloschenen Erinnerungen die
überdies in einem frommen tugendhaften weiblichen Leben selten durch
hervorragende Situationen sich lange dem Gedächtnisse der Menschen einprägen
wenig Interesse Aber sie gewannen in der Betrachtung erst ihren Platz wenn man
dies einfache Bedürfnis der königlichen Klaudia mit dem verglich was die stolze
Medicäerin dafür nötig hielt
Die Räume von Flur und Treppen an die der Aufenthalt ihrer Leibwachen und
Diener waren und die alle noch die Überbleibsel von Einrichtungen zeigten die
sie zu Ess und Trinkgelagen passend gemacht hatten die weitläufigen
Zimmerreihen die sämtlich mit Namen bezeichnet Erinnerungen an das
mannigfach gestaltete Leben dieser Frau erregten die kolossalen Möbel Kamine
Bettnischen die kostbaren und unverwüstlichen Tapeten von Gobelin vergoldetem
Leder und Samt die auch zu Teppichen und Bezügen der Stühle Ruhebetten und
FensterUmhängen dienten und von Marmor Skulpturen und Vergoldungen in reicher
Überladung unterstützt wurden sie zeigten ein verwegenes Ergreifen äußerer
Mittel um ein Schaugerüst empor zu türmen wohinter sie den krankhaften
Zustand ihrer aus tausend Wunden blutenden Zeit um so lieber verbarg da sie an
Heilung nicht dachte und das Wundfieber in welchem bald diese bald jene Partei
im Wahnsinne die Obergewalt fand bloß zu ihren Zwecken verbrauchte
»Ach« sagte Fennimor inmitten dieser Räume »welch ein Glanz und
Klandia hatte nur ihr Bett ihre Kapelle und ihre Spinnstube«
Der alte Kastellan schlug die Augen nieder als müsse er sich schämen vor
den so wohl behüteten und so hoch von ihm geehrten Schätzen und der fast
unbewussten Geringschätzung womit er die Räume der frommen Klaudia vorgezeigt
zuerst fühlte er den Gegensatz
Er zögerte fast weiter zu gehen obgleich er doch noch so viele kleine
Schätze hatte die er zeigen und erklären wollte worauf er heimlich stolz war
»Gewiss« sprach er zuletzt »die fromme Königin Klaudia hinterließ keine
wertvollen Besitztümer es findet sich in den frühesten Verzeichnissen der
Kastellane nichts bemerkt was darauf hinweisen könnte sonst würde es gewiss
erhalten sein«
»Ja das glaube ich« erwiderte sinnend die junge Gräfin »sie hatte allen
Schmuck in sich das wird bei ihr gewesen sein wie der Vater erzählte von der
Mutter der Grachen« Freundlich gab sie sich jedoch bald den mannigfachen
Gegenständen hin die ein zu fesselndes Interesse besaßen um ihren jugendlichen
Sinn nicht zu beschäftigen und der alte Kastellan führte zu seiner
Wohlgemutheit zurückkehrend seine jungen Herrschaften in den großen Banketsaal
der Königin der mit Tronhimmel und Gobelins verziert war und an dessen Wänden
reiche Schränke standen die in Ebenholz mit Gold und Silber die kunstreichst
geschnittenen Hautreliefs aus den Chroniken des alten Testaments zeigten Sie
dienten teils zur Ausschmückung teils zum Aufbewahren kostbarer Geschirre
oder zu Schenk und VorschneideTafeln
»Hier befände sich noch manches der Beachtung Werte« sprach der alte
Kastellan und öffnete das kunstreiche Schloss eines der größeren Schränke
welcher noch mehrere schwerfällige Silbergeschirre enthielt so wie eine große
Anzahl Becher in Gold und Silber mit Wappen und Sinnbildern und einige von den
schönen leichten venetianischen Glaspokalen die der jungen Frau noch niemals
vorgekommen ihr höchstes Erstaunen erregten
»Diese kostbaren Geschirre« sagte der Kastellan »sollen alle damals
hergeschaft worden sein als die Frau Königin dies Schloss überhaupt mit so
großer Pracht für den kurzen Besuch der vornehmen polnischen Magnaten
ausrüstete die sie eingeladen und lieber hier als in Paris empfangen wollte
da sie diese Großen des damals von den verschiedensten Parteien zerrissenen
Landes sich geneigt zu machen trachtete um die Wahl des neuen Königs
dermaleinst auf ihren geliebten Sohn den Herrn Herzog von Anjou unsern
nachmaligen allergnädigsten König zu lenken Es ist hier nicht mehr Alles
beisammen was damals an großem Glanze diese Räume erfüllte aber die alten
Tagebücher der Kastellane woraus die Chronik besteht und welche sich noch
vorfinden sagen darüber große Wunder«
»Warum ist diese Türe mit dem eisernen Balken verwahrt« frug die junge
Gräfin der Türe neben dem Throne sich nahend
»Dies sind die Geheimzimmer der Frau Königin Katarina« erwiderte zögernd
der Kastellan »sie sind auf Befehl der Herren Grafen von Crecy immer auf diese
Weise von den übrigen Gemächern getrennt gewesen«
»O die möchte ich sehen« rief Fennimor »könnt Ihr sie öffnen«
»Das steht allerdings jedem Kastellane zu bewerkstelligen frei« sprach der
Alte »wenn es befohlen wird aber sie sind voll böser Luft Euer Gnaden auch
wurden sie auf Befehl weder gelüftet noch vom Staube gereinigt es ist für
eine so zarte gnädige Herrschaft wenn ichs zu sagen mich unterstehen dürfte
kein passender Aufenthalt«
»O doch doch guter Albans« rief die junge Gebieterin »ich muss sie
sehen gerade sie Nicht wahr Leonin Du willst sie auch sehen«
Dieser fühlte wohl der Alte habe etwas ganz Besonderes bei diesen Zimmern
auf dem Herzen da er sich aber nicht näher erklärte und die Wünsche Fennimors
ihm das Gegengewicht hielten so gab der Graf das Zeichen dass er sie öffnen
möchte die verrosteten Schlösser zeigten wie lange das nicht geschehen war
erst nach vieler Anstrengung gelang es dem Alten die Riegel zurückzuschieben
Es waren zwei an einander hängende Gemächer von mäßiger Größe beide mit
vergoldetem Leder bekleidet Die Luft drang den Eintretenden wirklich mit
Grabesbauch entgegen die bunten Scheiben waren erblindet von der Zeit und den
Spinnweben und ließ daher nur ein Halbdunkel in der Beleuchtung zu Aber
diese Vernachlässigung hatte einen andern Reiz behalten der die jungen
Schlossbewohner auch näher trieb und gerade darin lag dass hier nichts bei Seite
geräumt war wie in den andern Räumen sondern dass fast zum Erschrecken mitten
in der vollen Lebenstätigkeit dieser ungeheuren Frau eine Unterbrechung ein
Stillstand eingetreten sein musste der die verschiedenen Gegenstände die sie
umgaben erstarrt zu haben schien und ihnen noch die eben verschobenen Falten
der Draperien den schief gerückten Sessel genug jedes Zeichen plötzlich
unterbrochener Benutzung erhalten hatte
Die Mitte des ersten Zimmers ward von einem kolossalen Schreibtische
eingenommen dessen Aufsatz von schwarzem Ebenholze auf Füßen von weißem Marmor
ruhte und mit einigen künstlichen Vorrichtungen zum Schreiben versehen war
nebst einem hoch darüber ragenden Kruzifixe von Elfenbein und mehreren schweren
kostbar eingebundenen Büchern Herum standen drei Armsessel mit dem Stoff der
Tapeten bedeckt die verschoben waren als sei dies eben beim Aufstehen
geschehen
»Dies war ihr geheimes KonferenzZimmer« sagte St Albans leise »dieser
schöne Schrank enthielt die laufenden Akten und Briefe in diesem mittelsten
Sessel saß die Königin hier die Räte oder die andern beteiligten Personen
hier an der Wand auf dieser Bank die Hoffräulein wenn sie bleiben durften
auch soll sie gern während der Beratungen in der FensterNische über dem
Stickrahmen gesessen haben aber der damals anwesende Kastellan Hieronimus
verzeichnete darüber Alle hätte ein Fürchten beschlichen wenn jene so das
Gesicht zur Stickerei abgewendet Rat gehalten hätte sie solle dann noch mehr
als gewöhnlich habe verüben können Seht der eingespannte Silberstoff an dem
sie damals gearbeitet ist noch sichtbar aber freilich erblindet verstäubt und
keine Reinigung mehr aushaltend Ach es sind kostbare Dinge hier nach gerade
untergegangen durch den Befehl diese Gemächer abzusperren«
»Aber warum geschah das« frug die junge Gräfin
»Das hatte traurige Gründe die Gott richten wird in Barmherzigkeit aber
so wie Euer Gnaden es hier sehen so ist Alles verblieben mitten im Gebrauch
Lautes glänzendes Leben den einen Tag am andern Morgen Alles leer zu Pferde
zu Wagen auf und davon Keiner sein Gepäck nehmend oder nachfordernd und auf
Befehl der zuerst fliehenden Frau Königin wurden diese Zimmer abgesperrt und
kein Stück ihres hier vorhandenen Besitzes durfte ihr nachgesandt werden sie
floh sogar in dem Pelzmantel eines Hoffräuleins Damals hatte sie es dem ersten
Grafen von CrecyChabanne der hier Besitzer ward geschenkt und dieser gar
heftige Herr hatte wie man sagte besonderen Grund den Befehl der Königin gut
zu heißen Da verblieb es dann so und die tugendhaften Nachfolger dieses ersten
Herrn wollten es immer so belassen«
»Da sind wir wohl die Ersten die das alte Gebot überschreiten« sagte
Leonin von unheimlichen Empfindungen angeregt
»Ob die Ersten Euer Gnaden kann ich nicht bestimmen bei meiner Zeit
jedoch die Ersten denn Dero Herr Vater haben die Herrschaft Ste Roche nie
beehrt«
Zur Rückkehr geneigt wollte Leonin dies eben Fennimor vorschlagen da
bemerkte er dass sie von seiner Seite in das Nebenzimmer geschlüpft war und in
demselben Augenblicke rief sie ihn von daher zu sich »O Leonin komm
geschwind und sieh was ich hier Reizendes gefunden habe«
Er eilte ihr nun nach und trat in das düstere Schlafgemach der Königin in
dessen Hintergrunde das riesige Himmelbett mit dunkelrotsammetnen Vorhängen
stand Ihm entgegen aber trat Fennimor und hielt einen schönen goldenen mit
Edelsteinen verzierten Becher in der Hand »O Leonin« rief sie »welch ein
Kunstwerk Sieh wie herrlich das gemacht ist O lass ihn mir ich will ihn
zum Andenken behalten und täglich daraus trinken« In demselben Augenblick
setzte sie ihn an die Lippen als versuche sie ihn
»Großer Gott erbarme Dich« schrie der alte Kastellan und ehe noch die
Lippen den Rand des Bechers umschlossen riss er ihn aus Fennimors Hand und
stellte ihn dann schaudernd nieder als habe er sich daran verletzt aber zur
Besinnung kommend hatte er einige heftige Worte von seinem sichtlich
beleidigten jungen Herrn zu bestehen und beschämt beugte der alte Mann sein
Knie vor seiner jungen Gebieterin und flehte um ihre Verzeihung »Ich habe mich
schwer vergangen Euer Gnaden aber vielleicht vergebt Ihr mir um der
Veranlassung willen Sehen Euer Gnaden den trüben Grund des Bechers Als er
zuletzt gefüllt ward ist Gottes herrliche Gabe zum Frevel benutzt worden und
der helle Wein der Bourgogne ward mit Tropfen tötlichen Giftes gemischt
niemals hat ihn seitdem das heilige Wasser gespült und er ist erblindet wie
Ihr ihn hier seht«
Schaudernd wendete sich Fennimor ab und St Albans winkte den Grafen bei
Seite und setzte schnell und ängstlich hinzu »Der Herr Marquis Spinola folgte
hieher seiner Geliebten der Frau Königin Katarina aber sie hatte Neigung
ihn los zu werden und es fand sich dazu ein Großer ihres Hofes den sie
bevorzugte Obwol nun der Dolch in seinem Schlafgemache auf ihn harrte so
fürchtete Katarina doch den Widerstand des mutigen Marquis als er sie am
Abend verließ reichte sie ihm selbst diesen Becher dessen schnelle Wirkung sie
noch an der plötzlich gebrochenen Kraft des Unglücklichen beobachtete und
entließ ihn dann Aber er ahnte das Geschehene und als der erste Dolchstoss ihn
traf und der tödtliche Schmerz des Giftes ihn zugleich zerriss stürzte er in das
Schlafzimmer der Königin zurück von seinem Mörder verfolgt und schrecklich
hier das Geschlecht Beider verfluchend schleuderte er der Königin den Becher an
den Kopf dass er weit hin zur Erde rollte dann verschied er auf ihrem Bette
Bäche von Blut vergiessend so dass die Frau Königin von seinen Flüchen verfolgt
aus diesem Bette nicht entfliehen konnte ohne bis an die Knöchel in Blut zu
waten Da reiste sie zur selben Stunde aus dem Schloss und Alles wie von
Geistern gejagt hinter ihr her und nie betrat sie es wieder Niemand durfte je
seinen Namen vor ihr nennen Den Becher aber rührte Keiner wieder an es war
der Königin Lieblingsbecher darum verfluchte der Herr Marquis Jeden der daran
die Lippen setzen würde«
Der Graf hörte mit tiefem Schauer die schnelle Mitteilung des Greises und
sah sich hastig nach seinem jungen Weibe um das zuerst den schrecklichen Bann
überschritten hatte
Sie lehnte sich bleich und erschüttert gegen das Bett der Königin und als
Leonin zu ihr eilte und sie liebevoll in seine Arme schloss erleichterte sie ein
Strom von Tränen
Doch der Alte war ihnen nachgeschlichen und zupfte mit trauriger Miene den
Grafen am Kleide »O führt die gnädige Herrschaft hier fort« sprach er leise
indem er von Fennimor unbemerkt auf die großen dunkeln Flecke am Fußboden
zeigte und Leonin fühlte das sie auf dem Blute des Spinola standen der hier
das Geschlecht der Crecy verfluchte denn was der alte Kastellan aus Ehrfurcht
verschwieg war Leonin zufällig bekannt und bezeichnete in dem erwähnten Mörder
den Grafen Teophim von Crecy
Sanft strebte er die zitternde Fennimor aus diesem traurigen Bereiche zu
ziehen willig folgte sie ihm und der Kastellan der schnell die Türen dieser
Unglückszimmer mit Schlössern und Querbalken wieder verwahrte öffnete in dem
Banketsaale eine Seitentür die nach einer offenen Gallerie führte Wenn auch
noch älter an Ursprung war sie doch in diesem Augenblicke eine wahre
Erquickung da die Herbstsonne warm und duftig auf sie schien und die zierlich
gemauerte und vielfach durchbrochene Einfassung mit Moos und niederhängenden
Eibenbäumchen durchflochten war welches Alles dem unschuldigen Leben der Natur
näher führte obwohl hier das Zeichen des überhand nehmenden Verfalls von dem
die Vegetation mit ihren vielfach anmutigen Mitteln sogleich Besitz nimmt
deutlicher hervortrat Hier beruhigte sich Fennimor und ihr trübes Auge gewann
seinen vollen Glanz wieder und Lippen und Wangen ihre Farbe
»Wo sind wir denn jetzt« frug sie auch sogleich zu ihrer alten Neigung
zurückkehrend und die Fensterreihe hinter sich prüfend wovor diese Gallerie
entlang lief
»Dies waren die verschiedenen Zimmer der Hoffräulein« sprach der
Kastellan »sie sind ohne Wert und haben eine besonders feuchte und kalte
Luft«
»Aber jener Turm an dessen Türe sich diese Gallerie endigt wo führt er
hin O sieh doch Leonin wie reizend dort das Ende eines Altans
hervorschaut Welch herrliche Aussicht muss man von ihm in das Tal von Ste
Roche haben da er mehr nach jener Seite zu liegt« und schon eilte Fennimor auf
der Gallerie voran das Schloss an der kleinen Tür gab nach und sie stand in
dem Turmzimmer ehe der Graf ihr folgen konnte was St Albans mit sichtlichem
Widerstreben tat
Auch dies war ein großes rundes Schlafzimmer jedoch in seiner Ausstattung
von bedeutenderen Ansprüchen obgleich diese mehr als in den übrigen Zimmern
gelitten hatte da der Altan zwar mit seinen großen Türen das Fenster bildete
aber den Unbilden des Wetters preisgegeben Regen und check eindringen
ließ Da liefen an den vergoldeten Lederbehängen der Wände kunstreich
geschnittene Bänke von Eichenholz um das Zimmer her und neben dem Kamine von
schwarzem Marmor stand das große Bett welches wie gewöhnlich an Vorhängen und
Verzierungen der Holzschneidekunst den meisten Aufwand früherer Zeit zeigte
Vorzüglich aber betrachtete Fennimor ein schönes Betpult mit Knieschemmel an
dem ein zusammengesunkener kleiner Harfion eine kleinere Art dieses später erst
vergrösserten Instruments wie die Damen ihn leicht in einer Hand zu tragen
vermochten Dies kleine Instrument wenn jetzt auch ohne Saiten mit verrosteten
Wirbeln war doch mit dem größten Fleiße in Elfenbein und Gold gearbeitet und
zeigte an dass hier ein Fräulein gehaust da nur Frauen dies Instrument
spielten Die Vorhänge des Bettes waren nicht zugezogen und Fennimor sah die
Kissen und Matratzen von dunklem Damast und die reich gestickte Decke wenn
auch Alles von Staub und Feuchtigkeit geschwärzt erschien und kaum noch in
seiner früheren Beschaffenheit kenntlich
Schon ein paar Mal hatte Fennimor gefragt wem dies Zimmer gehört habe da
sie ihre Frage wiederholte und den alten Mann dabei befremdet ansah erwiderte
er schüchtern »Es ist der EudoxienTurm«
»Eudoxia Nun wer war das« frug sie weiter
»Eudoxia das schöne Fräulein von Nemours war auch eine Hofdame der Frau
Königin Katarina aber sie hatte nicht Glück davon Der König sagt man habe
sie lieber gehabt als erlaubt war und er fand sie hier einstmals auf ihrem
Lager dass sie ihm bloß noch die blutende Wunde in der Brust zeigen konnte und
ihm sagen wie ihr befohlen war die Königin habe dies getan Dann ist sie
verschieden Drauf sagt man säße sie noch immer hier auf diesem Altane in
ihrem weißen Kleide und warte auf den König wie er sonst durch das Tal herauf
zog«
»Heilger Gott« rief Fennimor und barg ihr Antlitz an Leonins Brust »eine
Königin und morden Ist denn das möglich Sie sagen ja sie sind von Gott
erwählt können sie denn da morden Das ist vielleicht nicht wahr O Leonin«
fuhr sie wemütig fort »sprich doch Du musst es ja wissen«
»Lass das jetzt Fennimor Kehren wir lieber zurück hier unten liegen
unsere Zimmer auch freundlich von der Sonne erhellt da wohnen keine
schrecklichen Erinnerungen Mein UrGroßvater ließ sie gastlich einrichten
dort wollen wir Alles vergessen«
»Ja wohl« sprach der Kastellan »von diesem guten gnädigen Herrn sind nur
schöne heitere Nachrichten in der Chronik zu finden Er benutzte auch nie diese
oberen Gemächer oder doch nur jene Seite drüben die königlichen Prunkgemächer
nie den eben besuchten Banketsaal weil er auf den großen finsteren Hof mit dem
Grabmal des Herrn Grafen Teophim herabsieht«
Die vielfach bewegten Wanderer kehrten in ihre jetzt schön und ansprechend
eingerichteten Zimmer zurück und hier erst zeigte es sich wie tief erschüttert
Fennimor war denn bleich und wortlos sank sie in einen Stuhl am Feuer hin
hörte nicht was Leonin sprach und schien mit offenen Augen bewusstlos
Leonin fühlte bald dass er sie nicht gewaltsam wecken dürfe und gönnte es
ihr sich selbst auszuträumen mit seinen liebevollen Blicken ihr bloß ein
zärtlicher Wächter bleibend
Mit einem tiefen Seufzer löste sich endlich ihr beklommener Zustand sie
erkannte Leonin und sank weinend an seine Brust »O Leonin« rief sie »dass
in der offenen schönen Welt wie sie von Gott kommt noch so eine finstere
geheime Welt ist die gar nicht dazu gehört gar nicht Gottes Welt sein kann
und bei der nicht zu begreifen ist warum die Menschen sie in die andere große
GottesWelt hineinsetzen und damit die andere verderben und Gott kränken O
Leonin ich glaube mein Vater wusste gar nichts von der falschen gemachten
Welt«
»Wohl hast Du Recht« sprach Leonin »dass dies nicht die rechte sondern
eine falsche Welt ist und es schmerzt mich dass Du mit der Kenntnis des
Schlosses die Du so wünschtest einen so düstern Blick hinein tun musstest
Lass uns diese Welt die uns so fern liegt vergessen und richte Deine Blicke
auf die Gegenwart die kein Schrecken birgt Obwol ich durch Unterricht und
Lebensweise diesen Beziehungen näher getreten bin so sind sie von mir doch noch
nicht selbst erlebt und ich ahne mehr den Stoff dem ich zerstreut in der Welt
begegnet bin als dass ich ihn in dem eignen Leben bisher nachzuweisen wüsste Es
ist ein schwermütiges Geschäft sich in die Fragen zu vertiefen die sich uns
darüber aufnötigen wollen wie sich die Zulassung der schrecklichen Verbrechen
welche die Erde besudelt haben mit der Gerechtigkeit Gottes verträgt wie dass
wir oft den Unschuldigen untergehen sehen und den Verbrecher triumphiren Lass
uns denken dass dessen ungeachtet die göttliche Gerechtigkeit sich ausreichend
erweist dass solche Triumphe wie das Untergehen der Unschuld nur scheinbar
sind und der innere Zustand Beider in der ausgleichenden Hand Gottes ruht«
»Ja so wird es sein« sagte Fennimor welche ihn mit gläubiger Zuversicht
angehört hatte »aber gewiss gibt Gottes schöne Welt zum Bösen keine
Veranlassung und Jeder dürfte gut sein nach seinen Kräften«
»Und doch ist dieser Streit dieser Kampf nötig dadurch gerade dass wir
mit dem Bösen und gegen das Böse kämpfen entwickelt sich das Höhere in der
menschlichen Natur und der welcher den Kampf erregt ist ein Werkzeug in
Gottes Hand eben so wie es der Streiter für das Gute ist wie schwer würde es
uns werden das Maß ihres Verdienstes oder ihrer Verschuldung zu finden das
ist unserm Auge entrückt«
»Ach Du bist weise« sagte Fennimor die trüben Augen zu ihm aufschlagend
Dann ließ sie sich von so vielen Eindrücken ermüdet von Emmy Gray nach ihrem
Bette führen und bald heilten ihre unschuldigen Träume die Wunden ihrer Seele
aus
Wie liebevoll auch Beide den immer näher rückenden Augenblick der Trennung
vor einander zu verhüllen suchten er nahte sich darum doch und Fennimor rang
mit der Einwilligung zu dem größten Schmerze den sie glaubte erleben zu können
Aber noch immer sträubte sich ihre stolze und kräftige Natur gegen eine solche
Zumutung fast zürnend blickte sie auf Umstände die sie dazu nötigen wollten
und wunderbar fühlte sich Leonin von dieser Forderung die er in jedem Worte in
jedem Blicke dieses Naturkindes erkannte verschüchtert Alle Rücksichten von
denen er sich beherrscht erkennen musste versanken vor einem Geiste dem die
natürlichen Verhältnisse der Menschen allein eine Geltung hatten und er fühlte
teils Scheu ihr die Erscheinungen der Gesellschaft wie sie ihm bekannt und
bedeutend geworden zu schildern teils fühlte er Zweifel ob sie ihnen den
Einfluss zugestehen würde da sie ihre Fassungskraft übersteigen mussten Aber
wir können oft nach Außen hin uns gegen das Andringen einer gefürchteten
Veränderung mit entschiedenen Worten wehren dennoch ergreift schon die
Überzeugung dass wir ihr nicht entrinnen können unsere ängstlich Wache
haltenden Gedanken und wir betreffen uns gegen unsern Willen auf kleinen
Handlungen oder Einrichtungen die nur darauf Bezug haben können dass wir selbst
jene gefürchtete Veränderung für unabweisbar halten und ihr instinktartig schon
entgegen kommen
So machte Leonin wie Fennimor Einrichtungen und Pläne zu Beschäftigungen
und kleinen Erheiterungen im Freien die ihre Zeit auszufüllen strebten wobei
eine stillschweigende Anerkennung durchblickte dass sie dann ihres Gatten
beraubt sein würde und doch umschlichen Beide das entscheidende Wort und
nicht selten schaffte sich Fennimor nach solchen Anregungen die ihre Seele
beklemmten durch ein paar angstvolle Worte Luft die jede Andeutung verleugnen
sollten
Da hatte sie der Abend vor dem hohen Lesepulte gefesselt und Fennimor las
mit langsamer Aussprache aber richtigem Accente und dem rührend unschuldigen
Tone ihrer kindlichen Stimme die unsterblichen Stanzen des Cid von Korneille
Wie glühten ihre zarten Wangen wie schön hoben sich im verwandten Gefühle der
eigenen hochherzigen Empfindungen die schön geschweiften Lippen um den edlen
Stolz die reine ritterliche Liebe des Helden auszudrücken wie hätte sie lieber
selbst ihm gleich geantwortet und wie gespannt lauschte sie der Antwort
Ximenens hoffend es sage ihrem eigenen hochbegeisterten Gefühle zu was sie
antworte
Wer vermöchte zu schildern mit welchen Gefühlen Leonin zwischen Sehen und
Hören geteilt vor ihr saß leise war er von ihrer Seite weggerückt ihr fast
gegenüber ihren vollen Anblick geniessend und sicher dass sie in ihrer
begeisterten Hingebung an den großen Dichter und seinen Helden ihn selbst
vergessen würde
Die Kerzen die über dem künstlich geschnittenen Pulte von Eichenholz in
schweren silbernen Armen ruhten beleuchteten von oben das runde Haupt mit
seinen reichen lichtbraunen Locken und warfen das hellste Licht auf die weiße
zartgewölbte Stirn Der Schatten hätte den schönen Unterteil des Gesichts
verhüllt wäre nicht von dem weißen Blatte des Buches vor dem sie gebeugt saß
ein Reflexlicht dazu aufgestiegen welches Farbe und Form magisch verschönte
Die kostbaren Stoffe die Leonin seiner Gemahlin nur passend hielt waren
ihr längst im täglichen Gebrauche bequem und der reiche blassblaue Seidenstoff
der von ihrem schlanken Leibe in vollen Falten zur Erde fiel ward um Schultern
und Busen mit reichen Spangen gehalten Sie trug und passte das Alles zu einander
mit dem vollkommenen Geschick was von der Schönheit unterstützt so
oberflächlich unter die Rubrik einer natürlichen weiblichen Koketterie verwiesen
wird und vielmehr der edelen reinen allgegenwärtigen Empfindung zuzurechnen
ist welche eine Frau leitet sich selbst zur Befriedigung nur das Schöne und
Vollkommene an sich leiden zu mögen
Gewiss fühlte Leonin mehr wie je den unaussprechlichen Zauber seiner Liebe
und sein Blick schweifte einen Augenblick an den hohen schwerfällig verzierten
Wänden des schönen altertümlichen Gemachs umher und schien die verdüsterten
Familienbilder herauszufordern ihm ein würdigeres Modell zu zeigen für die
Nachfolge in ihren Reihen
Da war Fennimor an das letzte Wort gekommen womit Cid von Ximenen Abschied
nimmt überwältigt schlug das feurige Kind die Hände zusammen und Leonins
Augen suchend rief sie »O wie göttlich schön ist es solchen Schmerz zu
fühlen«
Leonin eilte ihr näher aber ein schnell hervorbrechendes Schluchzen des
holden Wesens zeigte ihm wie tief die poetische Erschütterung war die sie
erfahren und er schämte sich fast mehr ihrer Schönheit als der herrlichen
Dichtung gedacht zu haben
Doch sollte ihm keine Zeit bleiben ihr seinen halben Anteil zu verbergen
Schritte wurden im offenen Nebenzimmer gehört der Graf ging dem eintretenden
Kammerdiener entgegen und nahm ihm einen Brief ab der so eben aus Paris mit
einem reitenden Boten angekommen war der Tag und Nacht den Weg gemacht hatte
Es durchzuckte Leonin als er den Lichtern näher tretend durch wenige
Zeilen des Marquis de Souvré von dem tötlichen Erkranken seines Vaters
benachrichtigt ward und dem Begehren desselben seinen Sohn noch einmal zu
sehen
Er erhob den Blick von dem verhängnisvollen Blatte zu Fennimor empor die
ihn gespannt beobachtend noch an derselben Stelle saß er wollte noch ein Mal
den Eindruck zurückrufen dem er sich einen Moment früher so ganz hingegeben
fühlte aber schon hatte der Ausdruck seiner Züge die sie so scharf beobachtet
hatte von ihrem Gesichte jene poetische Verklärung verwischt die nur eben in
dem Zurücktreten unserer eigenen Existenz Raum findet Ahnungsvoll blickte sie
ihn an und er fand keine Worte stumm reichte er ihr den Brief dessen Inhalt
in wenigen Worten bestehend sie eben so schnell überflogen hatte Fennimor
erblasste wie der Tod und einen Augenblick schien der ungeheure Schmerz ihre
Gestalt mit Erstarrung zu berühren Leonin wagte nicht sie länger anzublicken
gebeugt stand er an das Pult sich lehnend Da hörte er wie sie aufstand
bald sah er sie vor sich stehen
»Leonin« sagte sie leise aber fest und innig »das ist Gottes Gebot Dein
Vater ruft Dich Du musst fort schnell reisen O eile eile damit er Dir
seinen Segen gibt Du nicht wie ich die stumme kalte Leiche findest«
»Fennimor heilger Engel Du sendest mich selbst von Dir Du willst mir das
Allzuschwere mit Deiner frommen Kraft erleichtern«
»Ja Leonin das will ich und Dich rüsten helfen damit Du schnell Deinen
Weg antreten kannst und will standhaft sein und Dich nicht entkräften durch
meinen Weiberschmerz damit Du ein Mann bleibst ein Held wie Cid das hätte
Ximene auch getan«
»Ha« rief Leonin und drückte sie an seine Brust »Korneille welch ein
Lorbeer sprosst heute um Deine Stirn Das ist Dichterberuf die Begeisterung
hervorzurufen die das empfängliche Gemüt Dir nachfliegen macht und dem Leben
den Charakter der Erhabenheit aufdrängt mit dem Du es erfüllt hast«
Sie sah ihn fragend an sie wusste es nicht dass es so war aber als sie
an ihm vorüber aus dem Zimmer schwebte die Worte zu verwirklichen war in ihrer
Gestalt eine Sicherheit und Ruhe eine Erhabenheit als schwebe der Goldreif
Ximenens um ihr jugendliches Haupt
Und so hatte der helle DezemberMorgen kaum den leichten Frost der Nacht in
Tautropfen verwandelt da zog durch das Tal von Ste Roche der beflügelte
Reisezug des jungen Grafen Crecy und aus Eudoxiens Turm wehte ein weißer
Schleier als letzter Liebesgruss während die fromm beherrschten Tränen jetzt
wie Bäche aus den schönen Augen Fennimors vielleicht auf dieselbe
Fensterbrüstung fielen wo einst Eudoxia dem königlichen Geliebten nachgeweint
Zweiter Teil
Das Gefühl seinem sterbenden Vater entgegen zu eilen verschlang jede andere
Betrachtung in dem jungen Grafen von Crecy und so war er weit davon entfernt
an die schwierigen Verhältnisse zu denken mit denen er sich unter andern
Umständen beladen gefunden haben würde Eile war das Einzige was er nötig zu
haben glaubte und die Türme von Paris tauchten aus dem Nebelmeere rauchender
Essen und dem Dunstkreise einer zusammengedrängten Volksmasse schon am Abend des
dritten Tages vor dem ungeduldigen Sohne auf und übten auch auf ihn die
magische Wirkung einer von Sehnsucht und Freude gemischten Rührung aus von der
sich vielleicht Keiner ganz losgegeben fühlen wird der nach langer Abwesenheit
die Vaterstadt zuerst wieder sieht
Die schmerzliche Erwartung der er entgegen eilte verschwand vor dem
Anblicke dieser bekannten Spitzen und Kuppeln und machte einem kurzen
Aufjauchzen seiner Brust Platz und als ob ihn schon geliebte Augen anlächelten
so blickte er zärtlich auf ihre im Nebel schimmernden Riesenbilder Es war
ihm als würde er sich seiner selbst erst bewusst als wäre Alles was er erlebt
bloß darum erlebt um es hier durchzufühlen an dieser Stelle ihn zu dem zu
erheben was er in unbestimmten Umrissen kreisen gefühlt hatte von Jugend auf
und als ob sie die erste uud unabweisliche Autorität wären die ihn zur
Rechenschaft ziehen könnte so bang bewegt ward sein Herz obwohl sie ihm
zugleich eine Verheißung von versöhnender Liebe ein Verständnis mit ihm und
allen seinen Zuständen erschienen wie jedes andere Gefühl dagegen zu einem
fremden und oberflächlichen ward Es sind auch gerade diese an unser frühestes
harmlosestes Bewusstsein geknüpften jugendlichen Erinnerungen welche den
unaussprechlichen Zauber weben von dem wir uns beim Wiedersehen des Vaterlandes
ergriffen fühlen Es ist die Hoffnung verstanden zu werden diese stete
Sehnsucht des strebenden Herzens die uns so leicht zu erfüllen scheint den
langvertrauten Gegenständen gegenüber und uns jedes erfahrene Missverständnis
vergessen lässt uns nur an das erinnernd was wir dort empfingen so viel in
dieser ersten Jugendzeit dass es jeden neuen Gewinn zu sichern scheint
Und jetzt umschlossen ihn schon die engen geräuschvollen Straßen von Paris
und je näher er der Fauxbourg St Germain kam je mehr ward seine
Aufmerksamkeit in Anspruch genommen durch die schwerfälligen Karossen welche
mit Dienern und Pagen behangen einem Ziele entgegen strebten
Sein leichterer Reisewagen und sein immer ungeduldigeres Antreiben bahnten
sich endlich einen Weg der ihm bei einer schnellen Wendung das Hotel Soubise
vor die Augen führte welches seine Eltern bewohnten und das zu seiner nicht
geringen Überraschung das Ziel der um ihn rasselnden Karossen war die schon in
breiten Gassen davor aufgereiht standen
»So muss mein Vater leben« rief Leonin Und eben rollte sein Wagen unter
das Portal des Schlosses
Bekannte Gesichter ein lauter Jubelruf empfingen den jungen Erben der mit
einem Sprung über die Tritte hinweg unter den treuen Dienern stand die jetzt
Hände Rockschösse und Füße mit Küssen bedeckten
»Mein Vater mein Vater« stammelte Leonin fast erstickt von Gefühlen
»Er lebt gnädiger Herr er lebt Gott hat ihn erhalten« drang es aus aller
Munde »Kaum war der Bote fort als die Genesung eintrat«
»Und wo wo meine Mutter« Er wies Jeden mit seinen Armen zurück und
flog Alles vergessend überrennend an den prachtvoll geschmückten Gästen
welche die Treppen bedeckten vorüber in die glänzenden Zimmerreihen in denen
er die Mutter suchen musste
Die Marschallin von Crecy verbarg unter der feinen Miene gesellschaftlicher
Höflichkeit die sie ihr vollständiges Eigentum nennen konnte das unruhig
bewegte Herz einer Person welche unaufhörlich irgend eine Absicht irgend einen
Plan verfolgt und von Allem was sich um sie her bewegt hauptsächlich
verlangt dass es sich nach ihrer Ansicht ihrer Bestimmung gestalte Es war oft
bloß die Ausübung dieser Herrschaft die ihren Entwürfen Reiz verlieh da sie
sich selten über die Geringfügigkeit derselben täuschte und eine bittere
Verachtung gegen Menschen und Verhältnisse fühlte die sich beherrschen ließ
Man konnte sie so durch ihre eigenen Neigungen bestraft nennen denn indem
sie ihren ganzen Scharfsinn aufbot jeden Widerstand um sich her zu entkräften
machte es ihr doch gerade die übelste finsterste Laune dass sie Niemanden fand
der ihr gewachsen war obwohl er nur Gegenstand ihres ungemessenen Zornes ihrer
rastlosen Verfolgung gewesen wäre
Es dürfte nicht schwer werden hiernach die augenblickliche Stellung gegen
ihren Sohn zu folgern Sie war außer sich dass er Widerstand wagte aber sie
ward dadurch belebt und zu einer Tätigkeit erhoben die alle ihre Kräfte
anregte Und dass sie gerade in ihrem Sohne den Gegenstand finden musste der
das Wagnis versuchte ihren Willen zu lenken machte sie stolz auf ihn und
flößte ihr den Grad von Achtung ein der ihn ihr zum würdigen Gegner machte der
Mühe wert ihn zu besiegen denn besiegen einen andern Gedanken hatte sie
freilich nicht
Das tödtliche Erkranken des alten Marschalls wodurch die schnelle
Einberufung des Sohnes vollständig motivirt ward war ihr kaum willkommen Dies
Ereignis unterstand sich ohne ihren bestimmten Willen ins Werk zu richten was
sie sicher war doch zu erreichen Sie fühlte sich fast dadurch beleidigt und
regte keine Hand es zu unterstützen sah sich aber doch genötigt die Hebel
die sie für spätere Zeiten in Bereitschaft hielt jetzt um so viel vorzurücken
Notwendig bedurfte sie einer Kollision der Verhältnisse Das Eintreten
ihres Sohnes durfte nicht das Hauptereigniss sein es hätte ihn ihr zu nahe zu
imponirend entgegen gestellt und das Mittel fand sich sogleich
Mademoiselle Louise ihre einzige Tochter erhielt in dem Kloster der
Benediktinerinnen einen Besuch von ihr und die Marschallin zeigte sich hier so
vollkommen zufrieden mit der sechzehnjährigen Tochter dass sie der Äbtissin
ihre Absicht aussprach die Erziehung der jungen Kostgängerin vollendet zu
erklären und Mademoiselle Louise begleitete ihre Mutter nach Paris zurück
Mit eben so sicherer Hand ward hier die Präsentation des jungen Fräuleins
bei der königlichen Familie bewirkt und jetzt war Mademoiselle Louise ein
Mittelpunkt um den sich der gesellige Glanz des Hauses CrecyChabanne sammeln
konnte Grund genug das Interesse und die Gedanken der Marschallin in den
Zerstreuungen von ihrem Sohne abgezogen erscheinen zu lassen
Sie hatte genau seine Ankunft berechnet Denn dass sich die Gesinnungen des
Sohnes nicht verleugnen würden dessen war sie gewiss und wenn sie auch nicht
ahnte durch welche Überredung er so schnell herbei geführt wurde so war sie
doch außer Zweifel er müsse kommen und ein Fest müsse ihn empfangen Darauf
waren alle folgenden Tage angewiesen und das Befinden des Marschalls legte ihr
kein Gebot des Anstandes mehr in den Weg
So empfing sie heute die vornehme Welt von Paris um die Glückwünsche
anzunehmen die ihr über die Präsentation ihrer Tochter bei Hofe zukamen
Das Palais Soubise welches so als Eigentum der Marschallin genannt ward
glänzte in der vollen Pracht aller aristokratischen Vorrechte welche diese so
wohl zu erhalten und hervor zu heben wusste ein Talent das sie zu der
ausgezeichnetsten Person des Hofes und Adels erhob und ihren Ansichten und
Entscheidungen die Huldigung der Untrüglichkeit verschafte
Sie war das vollkommenste Muster der unzähligen Abstufungen der Etikette
die einer Frau von Stande damals so hoch angerechnet wurden und wer sie
beobachtete konnte nie über den Rang der Personen in Zweifel sein die sich ihr
nahten
Nie verwechselte sie eine Anrede oder Erwiderung mit der anderen und die
Kürze oder Länge derselben der leisere oder stärkere Ton ihrer Stimme ob sie
dem Gegenstande gerade gegenüber oder seitwärts gewendet blieb mit halbem oder
ganzem Blicke begegnete das waren Nüancen einer damals hochgeschätzten Feinheit
und ein sicheres Zeichen über die Ansprüche der Personen Die Marschallin war
über fünfzig Jahr alt und eine konservirte Frau Das gleichmäßige Embonpoint
ihrer Gestalt gab dem Teint ohne künstliche Mittel eine große Frische die
besonders Personen von rötlichem Haare lange behaupten Die unsinnige Mode
dicke Lagen von Schminke zu tragen und diese Sitte als ein Vorrecht des Standes
mit der Verläugnung aller Natur und Schönheitsregeln auszuüben gab der
ältesten wie der jüngsten Dame ein gleiches Ansehen Nur Unverheiratete genossen
diesen Vorzug nicht und so erschien oft die frischeste Jugend mit der Farbe der
Gesundheit wie bleiches Siechtum wenn sie in eine Reihe mit den verheirateten
Damen geriet
Die Marschallin gehörte sowohl durch Geburt wie durch Vermählung zu den
Familien welche die Ehren des Louvre genossen und so sehen wir in ihrem
AudienzSaale einen Tronhimmel unter welchem die Marschallin in einem breiten
vergoldeten Fauteuil saß und sich erhob oder sich bloß neigte oder die Stufe
welche ihn erhöhte hinab steigen zu wollen schien Alles in untrüglicher
Ordnung dem Range der nahenden Gäste gemäß Die Stickereien ihrer Robe waren so
kostbar und breit dass man die Farbe des Sammets nur bei einer Wendung in den
hinteren Falten sehen konnte Das Unterkleid dagegen zeigte auf Drapdor den
ganzen Wahnsinn des damaligen Geschmackes indem mit bunter Folie Perlen und
Juwelen eine Landschaft darauf gestickt war der es weder an Türmen noch
Bäumen noch an der gehörigen Staffage von Menschen Hunden und den
verschiedensten Tieren des Waldes fehlte
Der Aufwand einer solchen Kleidung zu welcher noch die reichsten Aufsätze
und die kostbarsten Geschmeide gehörten überstieg allen flüchtigen Modewechsel
späterer Zeiten und es fanden sich nur wenige Damen unter dem reichsten Adel
welchen es gestattet war mehr wie zwei oder drei GallaAnzüge ihr Lebenlang zu
besitzen Doch auch in dieser Beziehung war die Marschallin eine von den
Begünstigten welche ihre Toilette bei jeder sich zeigenden Veranlassung in eine
neue Form zu bringen wusste und zwar mit der vollkommen gleichgültigen Miene
welche diese Angelegenheit bloß zu einem Geschäfte ihrer Kammerfrauen herab
wies das ihre Beachtung wenig verdiene
Doch sah man bei den Festen der Marschallin jedenfalls ein unverkennbares
Streben der erscheinenden Damen der Frau vom Hause ihr Übergewicht bestreiten
zu wollen und es war eine wohl aufgenommene Artigkeit wenn man versicherte
dass sich nirgends eine höhere Eleganz der Damen zeigte als in ihren Salons
Wir beschränken uns jedoch auf die gegebenen Andeutungen Der Glanz
einzelner Personen das Zusammenwirken einer solchen bunten strahlenden Masse
wird sich uns von selbst aufnötigen und wir bezeichnen nur noch eine junge
heiter lächelnde Mädchengestalt die sich an dem Stuhle der Marschallin lehnend
und den leicht gegebenen Winken derselben folgend jeden Ankommenden mit den
respektueusen Verbeugungen der Jugend begrüßt Es ist Mademoiselle Louise die
Tochter der Marschallin welche der bequeme Vorwand für die Absichten ihrer
Mutter ward da allerdings nach einer Präsentation bei Hofe die Etikette eine
Reihe von Festen verlangte welche die Freude über einen solchen Vorzug sowohl
dem Adel als vor Allem dem Könige darlegen musste
Am heutigen Tage nahm die Marschallin indessen noch außerdem mit besonderem
süßem Lächeln und einer Bewegung des Fächers die allgemein bewundert ward da
sie einen sanften Schmerz ausdrücken sollte die Gratulationen über die Genesung
des Marschalls an und sie erwähnte gegen einzelne Auserwählte dass selbst Ihr
Majestäten sich ihrer liebsten Umgebungen beraubt hätten um ihr Glück wünschen
zu lassen
Auch konnte gewiss nur die finstere Herzogin von Bellefond welche selbst
außer den Zimmern der Königin nie ohne ihren kleinen Elfenbeinstab erschien der
ihr als Oberhofmeisterin gebührte mit der Frau Marschallin den Platz unter dem
Tronhimmel teilen da sie gewissermaßen durch ihren besonderen Auftrag von
Seiten der Majestäten zu einer geheiligten Person erhoben war
Zur andern Seite stehend befand sich der Marquis von Vieuville der
Ehrenkavalier der Königin der mit der vollkommensten Kenntnis jeder einzelnen
Person des Hofes und ihrer Verhältnisse sich den Ruf einer immerwährenden
sarkastischen Laune zu erhalten wusste daher halb gefürchtet halb gehasst der
Gegenstand der verbindlichsten Aufmerksamkeiten war und eine Höflichkeit und
Zuvorkommenheit an den Tag legte die ihm sehr bequem ward bei der Beachtung
mit der man seine Äußerungen entgegen nahm
Die Marschallin wusste während sie empfing anredete antwortete und für
Jeden die passende Verbindlichkeit bereit hatte stets einige pikante
Bemerkungen über ihre Schulter dem ihr sehr vertrauten Marquis Vieuville
zuzuwerfen und der Marquis empfing diese Bemerkungen stets um sie mit reichen
Zugaben versehen seiner Gönnerin zurück zu geben während sein wunderlich
schmales und trockenes Gesicht von einem fein beschnittenen Puderstreifen
eingefasst außer der Bewegung der Lippen keine Veränderung zeigte und jedes
spähende Auge sich vergeblich daran versuchte
»Madame« sagte er indem die Marschallin sich abgewendet mit dem Herzoge
von Gêvres unterhielt »Sie sind heute dazu bestimmt ganz Paris zu zeigen wie
die vollkommenste Dame des Hofes die zartesten Gefühle als Gattin und Mutter mit
der bezauberndsten Eleganz zu vereinigen weiß die auch dieses Genre aus dem
rohen Naturzustande erhebt worin es uns so beschwerlich fällt Sie werden
wenn Sie sich gnädigst wenden den jungen Grafen von Crecy erblicken«
Einen Augenblick genoss der Marquis das schnelle Vibriren auf dem Angesichte
der Frau Marschallin und begleitete es mit einem Lächeln welches sagte Sie
sind doch noch nicht vollkommen Meisterin ihrer selbst als diese auch schon
ohne aufzublicken völlig sicher über ihren ironischen Beobachter mit dem
Lächeln der höchsten Sammlung sich dem ihr entgegen Eilenden zuneigte und es
nicht ungern versäumte ihm zuvor zu kommen als er sich mit kindlichem
Enthusiasmus ihr zu Füßen warf
»Also zu einem dreifachen Feste erheben Sie durch Ihre Ankunft diesen Tag«
rief sie mit anmutigem Eifer »Stehen Sie auf mein teurer Sohn Wenn Sie
leider nur der Segen Ihrer Mutter hier empfängt so erhielt Ihnen doch die Gnade
Gottes den Vater den Sie so liebevoll zu erreichen strebten Mein Herz dankt
Ihnen für diese lebendige Teilnahme Und lassen Sie mich hinzusetzen ich
erwartete nichts Anderes von Ihnen Mademoiselle Louise umarmen Sie Ihren
Bruder«
Zurückgedrängt mit allen seinen Gefühlen erkannte der junge Graf indem
sein natürlicher Stolz die Oberhand gewann wohin seine Mutter ihn vorläufig
verwies und aus dem hingerissenen Zustande kindlicher Liebe und Freude sich
empor raffend rief er sich die Sitten der vornehmen Welt die eine lange
Gewöhnung ihm bequem werden ließ zurück um sich auch jetzt vor der klugen
Beobachtung seiner Mutter damit zu behaupten
Er fühlte daher auch bald dass er es sein müsse der sich einer Gesellschaft
entzöge welcher er vor seiner Präsentation nicht zugehörig sein konnte und
fand die Bestätigung dieser Voraussetzung in der entschiedenen Haltung der
Marschallin die auch nicht die kleinste Bewegung zu einer Vorstellung ihres
Sohnes an die ihr durch Ihren Rang am nächsten stehenden Personen machte sich
nach der Umarmung mit seiner Schwester mit ihm wie in ihrem Privatkabinette
unterhielt und dadurch alle Teilnahme der sie Umgebenden ablehnte
Sie beobachtete dabei mit geheimen Vergnügen wie stolz und gewandt seine
Haltung und seine Worte waren und musste diese Beobachtung noch bestätigt
fühlen als er ihr jetzt selbst seine Bitte vortrug die Gesellschaft verlassen
und seinen Vater aufsuchen zu dürfen
Nachdem sie ihn beurlaubt setzte sie ihre Unterredung mit dem Herzoge von
Gêvres so ruhig fort dass sie eine Anspielung auf das eben Erlebte Jedem
unmöglich machte und so das plötzliche Auftreten des jungen Erben anscheinend
unbemerkt vorüber ging
Nur Zwei in diesem Kreise hatten das Ereignis tief empfunden und wie
verschieden auch ihre Gefühle waren Beiden schien es gleich wichtig Louise de
Crecy hatte den Bruder umarmt die einzige Sehnsucht ihres unschuldigen Herzens
war erfüllt Sie wusste ihn nun in ihrer Nähe diesen Schutzheiligen ihrer
klösterlichen Träume an den sie alle unverstandenen Wünsche ihres Herzens
knüpfte den sie so fest und sicher sich gewonnen glaubte dass über den Rand
ihrer Silberrobe die wie ein Bollwerk ihre jugendliche Heiterkeit einfing ihr
kein Hindernis mehr für das fröhlichste Leben mit ihm möglich schien und ihr
Blick dem Davoneilenden mit dem bezaubernden Lächeln der Befriedigung folgte
Auch die Augen des Marquis de Souvré folgten dem Jünglinge und gleich der
unschuldigen Louise glaubte auch er ihn jetzt sicher zu haben Aber wenn
Beiden die Stunde der Erfüllung schlug war doch Beider Gefühl so ungleich als
Fluch und Segen
Er musste es hören wie der Eindruck dieses flüchtigen Erscheinens den die
Marschallin nur in ihrer nächsten Umgebung zum Stillschweigen zu verweisen
vermochte um ihn her eine große Bewegung erregte und so sehr er mit den
Schwächen der Menge vertraut war so sehr er ihr Urteil verachtete und genau
wusste dass unbedingtes Lob wie es hier dem jungen Erben nachtönte nur eben in
diesem ersten bedeutungslosen Auftreten zu suchen sei das noch kein Interesse
berührte oder durchschnitt so reizte es ihn dennoch seine schöne stolze
Gestalt seine feine Haltung bewundern zu hören
Während dessen durcheilte Leonin mit klopfendem Herzen die prachtvollen
Gemächer und lenkte schnell in die abführenden nur matt erleuchteten Korridore
die nach dem Gartenflügel führten in welchem sein Vater in unabänderlicher Form
und Weise seine Zimmer eingerichtet hatte Welch ein Wechsel drängte sich in
diesen hohen alten Rüstkammern dem Beobachter auf Es schienen nur Zelte und
Wachtfeuer zu fehlen um hier ein Lager zu vergegenwärtigen und das Feuer
fehlte auch nicht in den weiten Kaminen denn diese hohen MarmorSäle mit
eisernen und stählernen Rüstungen bedeckt von marmornen Heldengestalten
unterbrochen atmeten eine so erstarrende Kälte aus dass die Flamme in den
Kaminen niemals fehlen durfte Eben so war das Schlafgemach nur kleiner aber
von jedem verweichlichenden Luxus der Zeit entfernt mit kahlen Wänden ohne
Vorhänge nur mit dem eisernen Feldbette des Marschalls möblirt zu welchem die
hölzernen Stühle und Tische die einst sein Zelt bedient hatten hinzu kamen
und mit einem über dem Bette befestigten Bündel Fahnen welche weit überhangend
es zu schirmen schienen und dem Gemache das unverkennbare Ansehen eines Zeltes
gaben
Auf diesem Ehrenbette von harten Kissen gestützt ruhte der Marschall von
Crecy bloß mit einem ungeheueren Reitermantel bedeckt und hörte den Gesprächen
zu die der Kaplan des Hauses mit dem Arzte des Grafen zu seiner Unterhaltung zu
führen suchten als die hastigen Schritte welche Allen vernehmbar den Vorsaal
durchmassen schnell die Tür des Schlafgemaches erreicht hatten und in
demselben Augenblicke der Sohn mit kaum verständlichen Lauten des Entzückens zu
den Füßen des Vaters lag
»Holla das ist mein Sohn« rief der alte Marschall und das eiserne
Feldbett fuhr rasselnd ineinander von der heftigen Bewegung womit der riesige
Greis den müden Körper aufraffte das Kind seines Herzens den einzigen noch
warmen und lebendigen Punkt desselben zu ergreifen
Er hielt ihn jetzt an beiden Schultern wie ein Kind in die Höhe und das
alte braune und benarbte Gesicht das weder vom Alter noch von der Krankheit
sich seine Energie hatte rauben lassen lachte dem Liebling in die Augen mit dem
vollen Sonnenglanze unverkümmerter Zärtlichkeit
»Ha« fuhr er fort mit kurzem Lachen indem ein Paar dicke Tränen ihren Weg
über sein Gesicht nahmen »ha mein Junge bist Du da hast Du Dein altes
Gesicht Dein altes Herz mitgebracht«
Aber die Antwort erdrückte er indem er ihn fest an seine Brust schloss und
ihn dann von sich stieß bloß um ihn anzublicken
»Seht Ihr Herren« fuhr er fort »da hab ich einen Sohn Nun könnt Ihr nur
gehen Doktor mit Euren Pillen und Pflastern jetzt hat der alte Marschall
Anderes zu tun als krank zu sein Nicht mein Junge hab ich nicht Recht«
»Gewiss habt Ihr das teurer Vater Und immer habt Ihr mir gelobt dass Ihr
mich erwarten wollt mir selbst die Sporen zu schenken bei meiner Rückkehr«
»Ja ja der Junge hat ein gut Gedächtnis« lachte der alte Marschall »Seht
Ihr wohl Der braucht mich noch Dem bin ich noch nötig Dem muss ich noch die
Leine halten damit das junge Kampfross den freien Lauf lernt«
»So ist es lieber lieber Vater« rief Leonin mit überströmender
Zärtlichkeit »Aber sagt mir auch wie es Euch geht ob ich gewiss an Eure
Genesung glauben darf Welche Angst hat mich auf meinem Wege verfolgt«
»Was das für ein Sohn ist« rief der erschütterte Greis »Doch lass das
mein Kind und glaub mir es waren unnütze Schwätzereien von Deiner Frau Mutter
und dem Herrn Doktor da Dein Vater war gar nicht krank und hätten sie mich
nicht all das Zeug verschlucken lassen was der dort zusammen gehext und meinen
armen Körper in Ruhe gelassen der ehrenvollere Wunden trägt als ihre elenden
Pflaster zogen ich wäre längst gesund«
»Gemach Euer Gnaden« rief der angegriffene Arzt »Die Genesung täuscht
uns leicht über die überstandene Gefahr und macht uns ungerecht gegen die
empfangene Hilfe Es war dies Mal nicht in die Willkür Euer Gnaden gestellt zu
genesen Verdächtigen der Herr Marschall unsere Kunst nicht bei dem jungen
Herrn«
»Du siehst Leonin« lachte der Marschall dem Gekränkten versöhnend die
Hand reichend »er muss immer Recht behalten aber ich werde es ihm jetzt zeigen
wer Herr ist« Und schnell warf er den Mantel zurück und stand völlig
gekleidet wie er fortwährend blieb vor den Zurückweichenden
»Jetzt sagt mir dass ich krank bin« rief er und richtete sich mit einer
Kraft empor die wirklich jede Befürchtung niederschlagen musste
Leonin begrüßte nun den würdigen Kaplan der zugleich sein religiöser Führer
und Beichtvater war während der Marschall noch immer im Streite mit dem Alles
verweigernden Arzte Alles durchsetzte was er beabsichtigte da sein
natürlicher Starrsinn dies Mal von einem Jubel des Herzens unterstützt ward der
zu rührend und verständlich für alle seine ihn herzlich liebenden Diener war um
nicht jeden ausgesprochenen Befehl trotz aller Gegenreden des eben so halb
erweichten Arztes aufs schnellste in Erfüllung zu bringen
»Denn mein Junge« schloss er den kurzen raschen Befehl an seine Diener
die Abendtafel in seinem Zimmer anzurichten »Du lässt wohl heute Deine Frau
Mutter ihre Galla allein genießen und bleibst bei Deinem einfachen alten Vater
der wenigstens wie ein Mann lebt«
Zärtlich eilte Leonin in die Arme des geliebten Vaters und seine Worte
ließ immer neuen Sonnenglanz über das alte Heldenantlitz streifen
Bald fand sich Alles so eingerichtet wie der Marschall es sich ausgedacht
und auf den hölzernen Feldstühlen saßen Alle um die Tafel an der die
Einfachheit des Marschalls ihre Grenze fand wie er überhaupt dieselbe nur als
eine Laune für sich anerkannte und allen aristokratischen Aufwand zuließ und
verlangte seine launenhafte Einfachheit zu umgeben Seine Tafel glänzte von
Gold und Silber seine zahlreichen Diener waren in Stickereien gehüllt und so
steif frisirt wie in dem Antichambre einer Dame Im Vorzimmer befand sich so
wie die Tafel bereitet war ein Musikkorps welches mit den lärmendsten
Instrumenten die Märsche und Tänze aus der früheren Lebensperiode des Marschalls
spielen musste der es nicht ungern sah dass man sich die Stunde seines Diners
merkend ihm aufwartete wenn er mit einigen Freunden oder auch ganz allein da
er nie mehr mit seiner Gemahlin speiste zu Tische saß Man musste mit ihm
gleichen Ranges oder aus den Umgebungen der Majestäten sein wenn er den Wink
gab einen Sessel herbei zu holen im anderen Falle ließ er Alle um sich her
stehen während er mit der heitersten Laune die allgemeinste Unterhaltung zu
beleben und den Hochmut seines Verfahrens durch die sorgloseste Fröhlichkeit zu
versöhnen wusste
Auch fehlte es ihm nie an diesem kleinen Hofstaate denn alle jungen
Edelleute die früher unter ihm gedient und jetzt teilweise schon zu hohen
militairischen Posten gestiegen waren bewahrten ihrem ehemaligen Anführer eine
so innige Liebe und Verehrung dass sie seine Nähe mit Freude zu der Stunde
suchten die ihm die angenehmste war
Die Rückkehr des Sohnes schien wirklich den letzten Krankheitsnebel von dem
Marschalle genommen zu haben und gewiss konnte man nicht ohne Interesse die
rührende Lebendigkeit gewahren mit der er erzählte fragte und hörte Die
Kinderjahre Leonins tauchten heute in ihm auf und diese Erinnerungen mit
ihrem weichen innigen Charakter schlossen sich so wohltuend an seine
augenblicklichen Empfindungen ohne sie zu sehr zu verraten dass Leonin ganz
hingegeben an die Worte des liebenswürdigen Alten ihm mit allen Beweisen der
Zärtlichkeit entgegen kam um so seinem Herzen die vollste Befriedigung zu
gewähren ohne den Stolz des alten Kriegers durch das Zeigen zu großer Weichheit
zu verletzen
Spät erst willigte er in die Bitten des Arztes den kleinen Kreis zu
entlassen und als Leonin aus den Zimmern seines Vaters in den vorderen Teil
des weitläufigen Palais trat überraschte ihn der merkwürdige Wechsel der
Gegenstände die in kaum größerer Verschiedenheit in einem Verhältnisse zu
denken waren das seiner Natur nach die vollständigste Übereinstimmung hätte
zeigen sollen
Die Marschallin hatte ihre Gäste entlassen Leonin blieb unbemerkt auf
einer Galerie stehen die ihn einen blick in die Vorsäle tun ließ durch welche
sie jetzt mit eben dem ceremonieusen Pompe nach Hause zogen wie sie angekommen
waren Mehrere bestiegen ihre reichen Portechaisen schon in diesen Vorzimmern
Andere ließ sich von zahllosen Dienern mit hohen Windlichtern umgeben indem
die Damen von ihren Verwandten und Freunden begleitet mit aller Grazie welche
die Ermüdung noch zuließ ihre Fingerspitzen auf den Arm oder auf die Schulter
der sie begleitenden Kavaliere legten und den Pagen die Mühe überließen ihre
weitfaltigen Schleppen vor dem Gedränge zu schützen
Von diesen Gruppen richtete Leonin den Blick zu den prachtvollen Zimmern
denen sie zur glänzenden Staffage dienten Jeder Luxus war hier verschwendet
den Reichtum Sitte und Mode nur zu ersinnen gewusst und die Laune des alten
Marschalls für die Ausstattung seiner Gemächer trat um so grillenhafter hervor
Sinnend lenkte Leonin seine Schritte nach den eignen Zimmern und fand hier
die alten Diener seiner früheren Jugend die ihn mit der zärtlichen Ehrerbietung
begrüßten zu der sein gütiger und sanfter Charakter seine Umgebungen
berechtigte
Hier hatte jedoch der verschwenderische glänzende Geschmack der Marschallin
auch ihn erreicht Die Zimmerreihe war vermehrt eine herrliche Bibliothek eine
Gallerie mit den ausgezeichnetsten Gemälden und Kunstwerken ein schöner Musik
oder Gesellschaftssaal war den Räumen hinzugefügt die sein früheres Bedürfnis
befriedigt hatten und die nun glänzender als je ausgestattet dem jungen Erben
sogleich anzukündigen schienen die Zeit unscheinbarer Zurückgezogenheit sei
vorüber Die Ansprüche die ihm aufgenötigt wurden wollten jedes Zurückweisen
durch sich selbst unmöglich machen
Auch lag dies nicht in den Gefühlen mit denen der junge Graf aus den Händen
des alten Kammerdieners den neuen Besitz übernahm er war nicht umsonst der
Sohn dieser Eltern der Glanz und der Stolz der ihm so reiche Nahrung bot
war ein bedeutender Anteil seines Blutes und er wusste die ihm überall
eingeräumte Wichtigkeit sehr wohl in sich zurecht zu legen Auch wirkte gerade
das was häufig den Anregungen dieses Sinnes entgegen trat sein tief und zart
fühlendes Herz dies Mal nur jene Gefühle zu verstärken und ihnen eine Seele
und höheren Genuss einzuhauchen denn er konnte sich seines Empfanges nicht
bewusst werden ohne die unaussprechliche Güte seiner Eltern aufs Neue zu
empfinden und wenn er von seinem Vater so eben mit dem reichsten Strome
seiner Liebe überschüttet mit heimlicher unbefriedigter Sehnsucht nach dem
mütterlichen Herzen hier eintrat wie mussten da die Erzählungen des alten
Kammerdieners ihn beglücken die nur von der Sorgfalt handelten welche die
Marschallin mit eigener Anordnung und Aufsicht diesen Räumen geschenkt
»O wie sie mich liebt« sagte er leise vor sich hin und ihm geschah was
so wunderbar das Herz zu beschleichen vermag er liebte die spröde Mutter mit
ihren kargen GefühlsÄußerungen in diesem Augenblicke wo er fast heimlich
hinter ihrem Rücken in ihr Herz sah und ihre Weichheit für ihn herausfühlte mit
mehr Wärme als den alten überströmenden Vater
Dieser letzte Augenblick vollendete den schönen Tag der ihn mit einem
Glücke überrascht hatte auf welches er nicht gewagt zu hoffen und das um so
berauschender für ihn war je mehr es in Übereinstimmung blieb mit Allem was
ihm von Jugend auf teuer und erlaubt erschienen und dadurch ihn in der
vollständigsten SelbstBilligung erhielt
Als er endlich allein war und sich der natürlichen Müdigkeit einer so
großen Aufregung folgend mit Behagen auf seinem Lager ausstreckte trat
Fennimors Bild vor ihn hin und schien ihn zu fragen welchen Anteil sie an den
Eindrücken dieses Tages behalten wohin er sie verwiesen in diesen prächtigen
Räumen
Ach es war ein tiefer Seufzer den er nur als Antwort hatte es war ein
Gefühl dem Schmerze ähnlich aber er hätte keine Erwiderung gewusst und hätte
sie die Frage selbst an ihn gerichtet Sein böser Engel wiederholte ihm aber die
Worte des Marquis de Souvré ich überlasse es Euch zu denken wie sie in die
Welt Eurer Mutter passen wird und ehe er sie zum Schweigen verweisen konnte
schrien alle Stimmen in ihm hier ist kein Raum für sie nicht für den
kleinsten Schritt ihres zarten Fußes Aber so fremd so herausgerissen aus jenem
ihm erst zu spät durch Fennimor entüllten Zustande des Lebens fühlte er sich
hier auf der alten Stelle der Heimat wo seine frühsten Überzeugungen
wurzelten von ihnen aufs neue und in so überraschender und schmeichelhafter Art
umschlungen dass er sich mit Schrecken bewusst ward wie jene Existenz ein eben
so heiliges Recht an ihm gewonnen
Aber wenn körperliche Ermüdung zu einem überfüllten Seelenzustande
hinzutritt der uns doch die augenblickliche äußere Ruhe gönnt pflegt die
erstere zu siegen und der Schlaf die Pforten des Lebens zu verschließen Leonin
schlummerte so sanft als ob das erste Wiegenlied ihn eingesungen
Die Marschallin von Crecy wusste genau in welcher Stimmung ihr Sohn nach den
Erlebnissen des gestrigen Tages sein musste und sie war ihrer Sache so gewiss
dass der Marquis de Souvré auch nicht das kleinste Zeichen des Einverständnisses
von ihr empfing als er ihrer Einladung zum Frühstücke Folge leistete Leonin
war wirklich nur Sohn Seine ganze Empfindung für seine Mutter war zurück
gedrängt von dem kurzen kalten Empfange und nur dadurch angewachsen und der
Morgen vor der Stunde wo sie ihn zu sich beschieden hatte nur jedes Gefühl
höher gesteigert da er sich überschüttet von ihren Aufmerksamkeiten fand und
in jedem Anspruche überboten durch die erweiterten Ansichten womit die Bildung
und der steigende Luxus der Hauptstadt in gleichem Maße hervortraten
Doch fühlte er sich geneigt auch diese ausgezeichnete Ausstattung mehr dem
Verstande und der hohen Bildung seiner Mutter zuzurechnen da keines der
durchreisten Länder ihm dafür einen Maßstab hatte geben können denn Frankreich
stand damals in jeder Hinsicht an der Spitze Europas und die wohlbewanderte
Marschallin hatte eben deshalb nur das Vorhandene zu sammeln gebraucht Dennoch
trieb ihn seine Devotion anzunehmen als habe sie alle diese Dinge erst ins
Leben gerufen
Zu dieser Stimmung fügte die Marschallin nun noch ihren Empfang als er am
Morgen in einem zauberisch eingerichteten kleinen Saale der in die herbstlich
gefärbten Laubpartien des Gartens blickte ihr entgegen eilte Dieser schöne
Raum trug den ganzen Wohllaut der Ruhe und des geistvollen Luxus der die Seele
zugleich zu berauschen und zu erheben scheint
»Hab ich Dich wieder mein lieber Flüchtling« sagte sie mit dem süßesten
Ton ihrer Stimme und zog ihn auf das Fauteuil nieder auf dem sie behaglich in
ihrem Morgenkleide ruhte »jetzt wollen wir uns gehören und die lange
Entbehrung nachholen Wie viel näher wirst Du mir gerückt sein durch so
vorgeschrittene Bildung wie diese schönen Reisen Dir gewährten Das wird das
Herz der Mutter erquicken die darum lange darbte«
Mit welchem Entzücken sah Leonin während sie sprach in die immer noch
schönen und jetzt so milden und weichen Züge der Mutter indem er seine Augen
antworten ließ und immer und immer wieder ihre Hände küsste
»O möchtet Ihr Euch nicht täuschen meine teure teure Mutter« rief er
endlich »möchten Eure Erwartungen Eure Opfer Eure große Güte sich
einigermaßen belohnen durch das was Ihr in Eurem Sohne finden werdet«
»Nun« lachte die Marschallin »werden wir vor allen Dingen nicht zu
tragisch Eine Mutter sagt man soll nicht schwierig sein in ihren Kindern
einige Wunder von Liebenswürdigkeit zu entdecken und so bilde ich mir zum
Beispiel ein Louise die dort hinter Dir wie ein Jäger auf dem Anstande
steht ist das artigste Schoosskind der Erde«
»Louise Louise« rief Leonin und schloss das schöne Kind das nur mit Mühe
der Mutter Worte schweigend angehört hatte jubelnd in seine Arme
»Mein holdes Kind meine Louise bin ich auch noch Dein liebster Bräutigam
wie Du mich immer nanntest hast Du auch nichts vergessen«
»Ach Leonin« rief Louise »wie hätte ich denn in meinem Kloster andere
Gedanken haben sollen als Dich Die Nonnen nannten Dich meinen Schutzheiligen
weil ich sieh hier da ist es dies kleine goldene Herz das Du mir einst
schenktest aufgehangen hatte und darunter einen kleinen Altar gebaut worauf
Blumen standen und Kerzen«
»O Du süßes Kind« rief Leonin und in diesem Augenblicke dachte er zuerst
mit der alten Liebesstärke an Fennimor denn eben erst hatte er die Stelle
gefunden wo sie hin passte seine Schwester würde sie lieben und verstehen
O welch ein Wonnehauch erschütterte seine Nerven bei dem ersten Einklange
seiner jetzigen Welt mit jener stilleren auf Ste Roche
»Mutter Mutter« rief glühend in der doppelten Empfindung Leonin »welch
ein holdes Kind ist unsere Louise geworden Wie engelgut dass Du sie jetzt
herriefest mir diesen Boten des Glückes auf die Schwelle stelltest«
»Nun diesen Dienst« sagte die Marschallin trocken »hat sie sich selbst
getan denn sie war ein frommes fleissiges Kind bei ihren Nonnen und wie ich
sie so fand war ich ihr die Gerechtigkeit schuldig sie der Welt vorzustellen
Nun wollen wir sehen« fuhr sie mit dem schmeichelhaften Lächeln der
Überzeugung fort »wie sie sich hier machen wird« »O gut gut
vortrefflich« rief Leonin sie wieder an sich ziehend »ihre unverdorbene Seele
wird sie überall den rechten Weg führen«
»Auch habe ich keine Furcht deshalb« fuhr die Marschallin in etwas höherem
Tone fort »es ziemte mir als Mutter sehr wenig nach der Erziehung die ich
meinen Kindern gab zu bezweifeln dass sie stets dessen eingedenk sein werden
wozu ihre hohe Geburt und ihre großen Besitztümer sie verpflichten Dies ist
eine Gabe des Himmels und eine strenge Anforderung zugleich uns jederzeit über
die Masse zu erheben denn wir bleiben auf solchem Höhenpunkte der Gesellschaft
nicht unangefochten von anmasslichen Ansprüchen denen wir zu begegnen lernen
müssen Doch mache kein so langes Gesicht meine kleine Louise komm her und
sei getrost Schwer nur ist das Ungewohnte und Dir mein holdes Kind waren die
Sitten der Crecy und Soubise schon in der Wiege Schutz für spätere Tage«
»Lasst uns jetzt wie in alten Zeiten gemeinschaftlich frühstücken ich will
heute Nichts als eine glückliche Mutter sein und wenn ich zwischen Euch sitze
träumen Ihr wäret noch dieselben kleinen Kinder die aus meinen Händen bedient
sein wollten Marquis« rief sie dem eintretenden Souvré entgegen »Ihr müsst
heute durchaus mit mir empfindsam sein so sehr sich dagegen auch Euer Naturell
sträubt eine Mutter die so lange kinderlos war als ich hat auch ihr Recht«
»Ha« lachte der Marquis und umarmte den ihm tief bewegt entgegen eilenden
Leonin »seid sicher Frau Marschallin ich kam in derselben Stimmung hieher
und denke Eure bezaubernde Empfindsamkeit gewiss so lange zu teilen als Ihr es
selbst aushalten werdet«
»Tut das mein liebenswürdiger Kavalier« sprach die Marschallin an der
Tafel Platz nehmend »Ihr habt immer die présence desprit zu fühlen was
gerade passend ist Ein vollkommener Edelmann mein Sohn« fuhr sie fort »von
dem Madame Henriette letzthin zum Könige sagte er hat die Feinheit des
Verstandes zu erraten was wir notwendig denken müssen wenn wir selbst noch
damit fremd sind«
»Ach« rief Souvré lachend »Madame findet es oft sehr bequem wenn der
Freund des Grafen Guiche vorher weiß was sie denken wird«
»Lassen wir das« schnitt die Marschallin seine Rede ab »Du wirst über
unsern Hof erstaunen mein Sohn und wahrscheinlich um so mehr nachdem Du
andere Höfe kennen lerntest er muss notwendig der vollkommenste in Europa
sein da hier sich die höchsten Tugenden die bezauberndsten Schönheiten mit der
erhabensten Geistesbildung vereinigen«
»Es kann uns auch schwerlich entgehen« erwiderte Leonin »dass der Ruf
dieses außerordentlichen Hofes seinen Einfluss über alle anderen erstreckt und
jeder seinen Anspruch auf Feinheit und Glanz durch einige mehr oder weniger
glückliche Nachahmungen des Versailler Hofes zu legitimiren sucht Es entstehen
jedoch daraus viele Missgriffe die oft äußerst lächerlich werden denn zu den
erhabenen Formen die unser König seinem Frankreich verlieh gehört auch das
Naturell des Franzosen sie aufzufassen Besonders bieten die deutschen Höfe
manches komische Schauspiel einer Nachahmungssucht zu der ihnen jede Naturgabe
fehlt«
»Sie werden es denke ich noch teuer bezahlen unsere Lachlust gereizt zu
haben« lächelte der Marquis vor sich hin »wer sich aufs Nachahmen einlässt
versäumt immer seine eigenen Fähigkeiten kennen und anbauen zu lernen Ich
gönne es zwar als guter Franzose dem übrigen Europa dass es sich müßig in die
Fenster seiner Reiche legt und neugierig nach Frankreich ausschaut wie es tut
und lässt aber das Haus welches hinter ihnen liegt bleibt um so länger wüst
und unheimlich da sie den Blick davon abziehen und wenn solche rohe und
barbarische Staaten versuchen wollen uns nach zu kommen so wird daraus doch
bloß ein eitler Firnis der kaum die ursprüngliche Rauhheit überglättet«
»Ja« sagte die Marschallin scherzend »ich schließe es immer in mein
Dankgebet ein in Frankreich geboren zu sein besonders in Paris und in
Verhältnissen welche mir gestatten dem größten Fürsten den Gott je der Erde
gab mich nahen zu dürfen«
»Der Marquis Vieuville hatte die Aufmerksamkeit mir gestern zu sagen dass
die Majestäten nach Dir mein Sohn gefragt und Dich ohne die Probe des
AdelsHeroldes zu empfangen denken welches allerdings eine Ehre ist die man
Deinen Eltern erzeigt Aber außer dem Grafen Harcour der auch wie unsere
Familie zu den Vettern des Königs gehört und welcher mit unserem erhabenen
Monarchen in einem Zimmer erzogen ward ist eine solche Auszeichnung mir
erinnerlich nicht geschehen Als dieser junge Graf von Harcour von seinen
Reisen kam und der König es vernahm sagte Seine Majestät zu dessen Vater wen
mir der Graf Harcour als seinen Sohn zuführt der soll die Ahnenprobe geleistet
haben«
Dieses behagliche Gespräch in welchem die Marschallin sich nur in ihrer
Natur brauchte gehen zu lassen um ihren Nebenzweck dennoch zu erreichen den
Sohn zugleich in alle Interessen zu verflechten die ihn von seiner romantischen
Richtung abzuziehn vermöchten ward plötzlich durch die Meldung unterbrochen
dass der Marschall von Crecy seine Zimmer verlassen habe sich hierher begebend
Ein dunkler Schatten glitt zürnend über das Gesicht der Marschallin bei
dieser Nachricht und Leonin musste noch überdies gestehen dass er vergessen
habe seiner Mutter diesen Besuch zu melden den der Marschall ihm schon bei
seinem früheren Morgenbesuche angekündigt
Louise war aber nach dieser Botschaft sogleich freudig aufgesprungen und
ihrem Vater über die Vorsäle entgegen geflogen Jetzt hörte man auch schon die
raue lachende Stimme des alten Herrn der mit Louisen scherzte und seine
Gemahlin hatte noch eben Zeit genug die prätensiöse Ruhe wieder anzunehmen die
sie einen Augenblick bei der unwillkommenen Botschaft erschüttert zeigte
Louise halb im Arm tragend trat der Marschall auch jetzt ein und ging
kräftigen Schrittes auf seine Gemahlin zu
»Aha Madame hier sind Sie im Neste mit ihren Küchleins Nun ich muss Sie
überraschen und bei der Veranlassung Dank sagen für geleistete Pflege und
Glückwünsche abstatten zu dem wiedergekehrten Sohne« »Marschall Marschall«
rief seine Gemahlin »es scheint mir Sie machen sich zu früh heraus Ich
fürchte Sie werden meine Pflege aufs Neue nötig machen Nehmen Sie meinen
Glückwunsch zurück ich zweifle nicht dass er in Erfüllung gehen wird« »Ich
auch nicht Madame« sagte der Marschall »denn er scheint mir ein tüchtiger
offener treuherziger Junge Nun nun Schelm halte die Ohren zu wenn ich
Dich lobe wirst tolle Streiche genug gemacht haben das liegt den Crecys für
ihre Jugendzeit in den Gliedern Also da sei weder hochmütig noch verzagt
denn ich hab es in Deinem Alter eben so gemacht aber dann war es auch vorbei
Als sie mich einrangirten in die Reihe der großen Herren die den Thron tragen
mein Sohn da war ich mit eins nur der Graf von Crecy und Du hättest sehen
sollen wie sie Alle die Augen aufsperrten als der tolle wilde Junge seinen
Platz überall einnahm wie die Andern Aber sie hatten vergessen dass es den
Crecys im Blute liegt dass sie nicht die alten Sitten und Rechte ihrer Väter zu
lernen brauchen Später ersah mir die Königin die rechte Braut denn das muss
man Deiner Mutter lassen die Soubises sind so alt wie die Crecys daran war
kein Tadel und so sind denn alle Torheiten vernarbt und der Name Crecy in
Ehren geblieben «
Der Marschall ahnte nicht wie seine Rede die er mit voller Überzeugung
sprach hier die verschiedenste aber in Allem gleich bedeutende Wirkung
hervorrief Die Marschallin wendete fast mit Verachtung die Blicke von dem
Redenden während sie sich nicht verhehlen konnte er habe eine ihrer Minen
ungeschickt aber nicht wirkungslos in die Luft gesprengt Der Marquis de
Souvré aber genoss mit einem kalten Lächeln die Überzeugung wie weit die
Äußerungen beider Eltern Leonin von seinem arkadischen Glücke verschlagen
mussten während dieser mit gesenktem Kopfe und Auge den Strom über sich
ergießen fühlte der ihm seine Hoffnungen seine Erinnerungen fast weg zu
spühlen drohte Wo nur anfangen diesem felsenfesten Baue hundertjähriger
Ansichten gegenüber die von dem sich empor schwingenden Zustande des Landes und
ihres stolzen Königs eine neue Wichtigkeit einen höheren Wert noch erhielten
In sich fühlte er weder Trost noch Rat und nur das gewöhnliche
Auskunftsmittel blieb ihm übrig er hoffte auf die Gaben des Zufalls
»Wahrlich Marschall« erhob jetzt seine Gemahlin die Stimme »Sie stellen
das höchst passende Bild eines würdigen Lebens dar und gewiss belehrend für
Ihren Sohn wenn auch das erste Kapitel Ihrer Jugend billig überschlagen werden
könnte«
»Ja ja« lachte der selten so milde angeredete Marschall »so sind die
Frauen Was sie nicht verstehen das tadeln sie Habt erst Blut in den Adern
Sehnen und Muskeln wie die unsrigen und dann fragt nach ob man nicht erst
seine Luftsprünge machen muss ehe man am Kamine hocken bleibt und mit dem
Haushofmeister die Rechnungen durchsieht Weiß Gott ich möchte keinen Jungen
der nicht ein Paar dumme Streiche auf der Rechnung mit nach Hause brächte Aber
dann auch quittirt mein Junge und das sein was von Gottes Gnaden den Crecys
obliegt«
Er hatte Leonin wieder bei den Schultern und schüttelte ihn nach seiner
derben Liebesweise indem er sein Auge suchte aber dies lag noch trübe gesenkt
und die Lippen waren so trocken dass er ihnen kein Wort zumuten konnte
»Sieh mal wie der Junge heute blass und matt aussieht Ja ja Madame«
fuhr er etwas erzürnt fort indem er die Augen umherwarf »das ist der Parfum
Eurer sybaritischen Gemächer die entnerven den Sinn des Mannes und machen ihn
zum Schwächling Hier würde ich auch zum Narren«
»Mässigen Sie sich Marschall und schätzen Sie es wenigstens dass ich Ihnen
diese Räume nie zu Ihrem Gebrauche aufnötige Das Hotel Soubise hat Waffensäle
genug denke ich in denen Sie Ihren Geschmack befriedigen können schlecht
würde es zu unserem Ansehen passen darin die Gemächer zu vermissen welche im
Geiste des glänzenden Hofes eingerichtet sind den zu behaupten auch uns
zukommt«
»Sie haben immer Recht Madame« sagte der Marschall spöttisch denn er
fühlte sich stets von ihrem Verstande überboten Aber er grollte um so mehr der
unliebenswürdigen Form in der sie ihn zurecht zu weisen nie unterließ »Auch«
fuhr er fort »kam ich nicht her mich an Ihren Bedürfnissen zu ergötzen
sondern um meinem Sohne anzukündigen dass ich ihn selbst seinem Könige und
Herrn vorzustellen entschlossen bin«
Nach Dank aussehend richtete er liebevoll seine Augen auf Leonin und
dieser eilte auch ganz seine Güte fühlend ihm zu danken
»Könnte ich nur diesen Beweis Ihrer Liebe ohne Furcht für Ihre Gesundheit
annehmen mein teurer Vater was könnte mir dann Ehrenvolleres Lieberes
geschehen als meinem angebeteten Könige an der Seite meines Vaters zuerst nahen
zu dürfen«
»Lass das Geschwätz von meiner Krankheit Junge« entgegnete der Vater
mürrisch »bin ich krank Sieht so ein Kranker aus Ich erwarte den
Ceremonienmeister Herrn von Dreux und werde das Nötige mit ihm verabreden
denn Du sollst mir je eher je lieber die große Taufe der ersten Kniebeugung
erhalten Dann sind Sie daran Madame dann mögen Sie ihm ein Fräulein
aussuchen auf deren Schultern ein Wappenschild ruht neben dem das der
CrecyChabanne sich zeigen mag das überlasse ich Ihnen denn mit dem
Weiberzeuge weiß ich nicht Bescheid«
Die Marschallin hatte diese ganze Rede ohne Unterbrechung sich entwickeln
lassen da Vieles ihr darin zu Hilfe kam und das was ihr nicht behagte mit
einem Worte von ihr widerlegt werden konnte Sie saß daher so ruhig in ihrem
Armstuhle als wäre sie völlig allein und spielte gleichgültig mit den Frangen
ihrer MorgenMantille
»Haben Madame noch etwas zu erinnern« rief der Marschall ungeduldig über
ihr beleidigendes Schweigen
»Sie sind wie immer zu rasch mein Herr« erwiderte sie mit höflichem
Lächeln »und werden Herrn von Dreux in Verlegenheit setzen denn was soll er
Ihren Anfragen entgegnen da seine erste Erkundigung sein müsste ob der junge
Graf schon majorenn und von seiner Familie in den Rang eingesetzt ist der ihm
allein den großen Anspruch der Präsentation sichert«
Der Marschall drehte sich so wild ab als hätte er einen Stich erhalten
seine Gemahlin fuhr mit der höchsten Ruhe fort »doch ist Ihre Genesung um so
willkommener da jetzt kein Hindernis mehr vorhanden scheint diese
FamilienAngelegenheit dem Ansehen unseres Hauses gemäß auszurüsten Unsere
Vettern die Herzöge von Lesdiguères und Tremouille sind mit ihrer Gegenwart
bereit und der Prinz von Kourtenaye wie der Marschall von Tessé wünschen zu
unterschreiben Ich zweifle nicht dass die Majestäten Jemanden beordern werden
den Tag zu ehren und ich habe in Voraussetzung Ihrer Genehmigung diesen Tag
auf morgen festgesetzt« Der Marschall hörte diese wohl geordnete Entgegnung
seiner Gemahlin unter so wilden Grimassen seines alten vernarbten Gesichtes an
dass wer ihn kannte genau wusste er war geneigt mit seiner kalt überlegten
Gemahlin in die Esse des Kamins zu fahren obwohl er zur Erhöhung seines Zornes
einsah dass ihm keine Stelle blieb die er angreifen an der er seine Wut
kühlen konnte sondern dass ihm wie immer die Rolle eines Schulknaben zufiel
der sich seiner Unzulänglichkeit überführt sieht und schweigend den Verweis
hinnehmen muss
»Nun« brummte er dumpf und zornig blickend »Madame sind denke ich nicht
minder rasch als mir so eben vorgeworfen ward ich habe wie immer mich nur in
Ihre Anordnungen zu fügen doch später Madame später werde ich meine Pflicht
bei Seiner Majestät erfüllen«
»Herr von Vieuville« fuhr die unerschütterliche Marschallin fort »hat mir
gesagt dass Seine Majestät unseren Sohn zuerst in den Apartements der Madame
Henriette von England im kleinen Zirkel sehen will um ihn dann später bei der
Königin als schon bekannt zu finden Die Auszeichnung ihn ohne weitere
Zeremonien als unseren Sohn anzuerkennen findet so am besten ihren Platz Gewiss
wird sich Madame freuen bei dieser Gelegenheit den Marschall von Crecy in ihrem
PrivatZirkel zu sehen«
»Nun« schrie der Marschall dem dieses letzte Abschneiden seiner Pläne zum
offenen Ausbruche seines schwer bekämpften Zornes verhalf »so mögen mich doch
alle Geier aus dem Wappen der Crecy zerreißen ehe ich in diese Narrenbude von
Bänkelsängern und Gauklern bei dieser weinerlichen Madame Henriette eintrete
Den Erben eines der größten französischen Namen dort seinem großen Könige
vorzustellen hieße über den Helmsturz die Weiberhaube ziehen Für dies
Geschäft danke ich Madame und da Sie Alles so wohl eingerichtet haben Alles
zu verderben worauf mein altes Vaterherz sich gefreut hatte so überlasse ich
Ihnen auch den Rest den auszuführen ich zu stolz bin« Und damit stürzte er
wie ein verwundeter Löwe aus dem Salon und die Diener die schnell vor ihm
her eilend die Türen aufrissen wussten das oft Erlebte dass der Marschall sich
dem Willen seiner Gemahlin hatte unterwerfen müssen
»Du wirst Dich wundern mein Lieber« fuhr die Marschallin mit der größten
Ruhe fort »Deinen Vater noch so lebhaft zu finden Gottlob es ist ein sehr
tröstliches Zeichen seiner wieder gewonnenen Kraft wir wollen die kleine
Störung verschmerzen die doch eine glückliche Verkündigung seiner Genesung ist
Denn so sehr es zu beklagen bleibt dass der Marschall niemals den Überblick
seiner Verhältnisse behält so muss man ihm doch zugestehen dass er mit vielem
Takte sich leicht in die Anordnungen Anderer findet denen er durch Länge der
Zeit sein Vertrauen schenkte Wir vereinigen uns stets dem allgemeinen Interesse
gemäß denn der Marschall liebt den Glanz seines Hauses so sehr als ich
selbst«
Man hätte glauben können der innigste Familienrat sei so eben von einer
zärtlichen Gattin mit ihrem Gemahle gehalten so glitt die kalte Seele der
Marschallin über jede Erschütterung hinweg bemüht sie ihren Umgebungen so
darzustellen wie es ihr zweckmäßige erschien
Der Sohn war nicht in dem Falle seine etwa abweichende Meinung zu äußern
und Louise begriff so Vieles auf diesem ihr fremd gewordenen Boden nicht dass
sie das eben Gehörte was sie ganz anders empfunden hatte auf die große
Rechnung des Unverständlichen setzte Nur der Marquis Souvré der Alles verstand
und Nichts zu schonen hatte sah die Marschallin mit dem vollständig
unverschämten Lächeln an welches die große Welt sich statt des Faustschlages
aufgehoben hat da nicht die Empfindung nur die Äußerung derselben sich
verändert hat
Die Marschallin fühlte dies vollkommen aber schon war sie nicht mehr frei
Der gewandte Gegner hatte ihr das Netz übergeworfen sie musste sich eingestehen
dass sie ihn schonen müsse
Mit Widerwillen wandte sie sich von dieser Überzeugung zugleich erhob sie
sich die Zeit des Beisammenseins war beendigt
Mit welchen Gefühlen Leonin sich bald darauf in seinen Zimmern allein fand
wird uns schwer werden auszusprechen denn in ihm selbst fanden sich eigentlich
nur Andeutungen und zu viel war auf ein Mal angeregt um jetzt schon die Kraft
bezeichnen zu können welche die anderen besiegen und die vorherrschende
bleiben würde
Wenn wir ihn von der Absicht der Marschallin von Crecy geleitet denken
dürfen wir nicht übersehen wie die Zeit in dem Augenblicke gerüstet war diese
stolze und ehrgeizige Frau zu unterstützen Frankreich war in einem Rausche der
jedes Individuum jeden Stand ergriffen hatte und der Dünkel einer
Naturberechtigung eines absondernden Vorzuges war nicht aristokratisches
Element allein Die ganze Nation fühlte diesen Stolz als französische Nation
und dies Gefühl war der Heerd um den sich alle Kräfte wie die Mitglieder einer
Familie sammelten und damals zuerst den unzerstörbaren KorporationsGeist
entwickelten durch den Frankreich so national erstarkte dem Auslande so
gebietend fremdem Einflusse später so unzugänglich wurde
Und wer musste nicht mit Anteil auf ein Volk sehen das endlich unter den
Flügeln seines jungen königlichen Adlers sich sammelte und in einem Gefühle
zusammengehalten von keiner Parteiung mehr bis in das Herz der Familien
zerrissen sich Mut gewann auf dem eignen Boden sein Bürgerrecht zu üben
Und dieser Boden war der Boden des schönsten Landes der Erde das der
Menschenhände nicht wartete sich selbst ausstattend zu schmücken und jeden
seit Jahrhunderten in seinen Schoss niedergelegten Keim geistigen Lebens treu
bewahrt darbot als es sich frei erklärte seine Schätze zu sammeln und sie zur
vollen Reife zu bringen Denn gewiss würden wir nur unvollkommen die
außerordentliche Periode in der Entwickelung Frankreichs die unter Ludwig dem
Vierzehnten fiel betrachten können ließ wir den ihr vorangegangenen
Entwickelungen nicht ihr Recht und fänden sich nicht in ihnen schon als Keime
die Andeutungen der großartigen Erscheinungen die uns später so imposant
überraschen und die als nicht zur Reife gekommene geistige Bestrebungen dem
materiellen Übergewichte früherer Zeiten weichen mussten Wir dürfen den Blick
nicht abwenden von dem rohen Kampfe unbezähmter Leidenschaften der die Blätter
der Geschichte mit seinen blutigen Bildern zu beflecken scheint wir müssen mit
jenem anteilvollen Staunen darauf merken welches uns den Blick frei erhält für
den Zusammenhang in welchem auch dieser rohe Kampf seine Ordnung findet und das
Individuum seiner Zeit dienstbar darstellt als unterliegendes oder siegendes
Mittel neuer Erkenntnis Wir sollten vielleicht mit eben so leidenschaftsloser
Betrachtung diesen Zuständen folgen als wir den großen Eruptionen der Natur
gegenüber bleiben welche ohne Zweifel analog sind mit den wilden Bahn
brechenden Kämpfen der Menschen die wir eben so wenig in der organischen
Entwickelung der geistigen Welt zu entbehren vermöchten
Und so dürfen wir mit mehr Anteil als Unwillen auf die grauenhaften Bilder
der Periode Frankreichs blicken die wir eine vorbereitende der bedeutenden Zeit
Ludwigs des Vierzehnten nennen dürfen und den Samen zu ihren glänzenden
Früchten dort aufzufinden das wird vermittelnd zwischen uns und die Bilder
ihrer rohen Willkür ihrer wilden Leidenschaftlichkeit treten denn diese
gerade werden wir finden riefen wenn auch scheinbar bloß zu ihrem Dienste
doch die Keime höherer geistiger Entwickelung ins Leben
Italien stand wie ein Baum der zwei Mal in einem Jahre mit Blüte und Frucht
geprangt ermüdet von der überschwenglichen Leistung mit welken Zweigen die
keine neue Ernte verhiessen als vertraue er den Vorräten die er um sich
angehäuft Frankreich lag diesem Überflusse zunächst und alle seine
Erfordernisse sein Klima die organische Gestaltung seiner Bewohner ihr heißes
Blut ihre bewegliche Phantasie vor Allem ihr erwachender Ehrgeiz Alles
machte sie zu Erben Italiens
Geschickt und mit treuem Eifer sehen wir die Geister Frankreichs sich
erheben den fremden Einfluss erfassend um ihn für das Vaterland zu verarbeiten
und den Boden zu reinigen für die neue Saat Wie auch die Eruptionen der Massen
noch dazwischen stürzen sie zerstören den zart sich fortspinnenden Faden
höherer Kultur nicht mehr und mit vieler Klugheit werden zwei Mal Fürstinnen
aus jenem reichen Lande auf Frankreichs Königsstuhl gerufen Beide aus dem
Stamme der Medicäer diesem Brennpunkt italienischer Größe und Bildung
Sie traten aus den glänzenden Hallen wo die Götter der alten Welt ihre
Heimat behalten gestützt von dem Kultus ihrer unsterblichen Sänger deren
zauberische Stanzen aus den Sälen der Fürsten bis in die Hütten des Volkes
erklangen das Blut genährt von jedem Sinnenreiz geneigt die Anforderungen
desselben auf jedem Boden zu erneuen Denn dort in der Heimat der Kirche
welche die alten Götter verdrängte schien nur der Name gewechselt zu sein und
in den Hallen des Vatikans in ihren Himmel anstrebenden Domen umschaart von
Heiligen und deren bilderreichem Dienste von dem berauschendsten Pomp aller
Schätze der Erde unterstützt unter Wonne atmenden Hymnen in süßen Weiheduft
gehüllt suchte die christliche Kirche ein gleiches Recht über die Sinnenwelt zu
erhalten und mit ihren reichen Mitteln sich des materiellen Menschen zu
bemächtigen den Geist verflüchtigend erstickt von den Mitteln ihn zu
verherrlichen
Katarina von Medicis war geschickt jeden Fortschritt ihres Vaterlandes zu
verbreiten und an ihre Epoche in Frankreich hängen sich die
erstaunenswertesten Erscheinungen die vielleicht zu voreilig mit ihrem
persönlichen Einflusse bezeichnet werden um ihr gerecht sein zu können da sie
von der Zeit eben so fortgerissen ward als sie der zeit den Einfluss überlassen
musste der an ihrer Person haftete Wir dürfen den nicht stark nennen der
zufällig der Stärkste ist eine Frau nicht so bezeichnen die von dem Vulkan
eines materiellen Innern zum Sklaven gemacht diesem eigentlich opfern musste
ohne Wahl und ohne Plan und wenn die schrankenlose Willkür mit der sie die
Zustände ihrer Zeit verbrauchte auf ein Übergewicht in ihr zu deuten scheint
so vernichtet die kleinliche Geringheit ihrer Absichten doch stets jedes
Prädikat der Größe und wir müssen einsehen wie die Begebenheiten außer ihr
daherschritten und sich bloß an sie anhingen weil sie den Höhenpunkt einnahm
um den der Kampf kreiste Aber dieser Standpunkt machte dass sie die
mitgeführten Schätze fremder Bildung fremden Geistes um sich weiter verbreiten
konnte und bloß sich selbst den lang gewohnten reich geschmückten
Heimatsboden schaffend ward sie ein Sammelpunkt neuer glanzreicher
Entwickelung für tausend ihr entgegen blühende Kräfte die angeregt nicht
überschattet werden konnten von dem schnöden Dienste den ihre geringe sinnliche
Natur ihnen widmete Im Gegenteil gewinnt das Begonnene in Heinrich dem
Vierten in Sullys weiser Hand schon sichereren Boden die augenblickliche Ruhe
lässt das Gesammelte schon überschauen als französisches Eigentum Maria von
Medicis erscheint endlich in einem Augenblicke als Regentin wo diese Anklänge
bedroht sind Die Stürme die sie weder aufhalten noch lenken kann und die
diese höheren Blüten zu knicken drohn finden in ihr noch Schutz und Anregung
und sie erscheint in ihrem kleinlichen inkonsequenten Walten als habe sie das
Schicksal bestimmt diesen einen Punkt zu hegen bis ihr Alles abgenommen würde
um in die große Hand Richelieus über zu gehen der zuerst zu gesammter
Handhabung sich kräftig zeigte
In wie fern Richelieu sich des Planes eine unbeschränkte Monarchie zu
stiften bewusst war der seiner klugen Regierung jetzt notwendig untergelegt
werden muss möchte eben so schwer als erfolglos zu ergründen sein Indem sein
stolzer und befähigter Geist ihn an der Seite Ludwigs des Dreizehnten zum
wirklichen Regenten Frankreichs machte mussten die notwendigen Anforderungen
dieses Karakters ihm die Unterdrückung der übermütigen Großen des Landes
welche immer ein FamilienOberhaupt an ihre Spitze lockten um dahinter ihre
anarchischen Absichten zu verbergen zu einer fast persönlichen Befriedigung
machen wenn nicht zugleich anzunehmen wäre dass sein großes Genie sein heller
und der Zeit voraneilender Geist in dieser Unterdrückung das Mittel erkannt
habe Frankreich zu bürgerlicher Ruhe und den König zum absolutesten Herrschen
zu führen
Unbezweifelt hat das Getriebe das er mit starker Hand zu lenken wusste die
ersten sicheren Resultate erzielt und Ludwig der Eilfte der den Kampf mit der
Anarchie und mit dem aristokratischen Übermute seiner großen Vasallen so
rastlos verfolgte würde mit Neid auf die Ernte dieses großen Staatsmannes
geblickt haben der die Erfüllung der Idee erlebte der er mit allen seinen
Bestrebungen nachjagte ohne die Zustände bewältigen zu können
Dessen ungeachtet erschreckten noch die Waffenklänge des Bürgerkrieges die
Knabenjahre Ludwigs des Vierzehnten bei erwachendem Bewusstsein mussten er und
seine Mutter vor den Erfolgen der Fronde flüchten und zu dieser Schmach noch
jeden Mangel hinzugefügt sehen den der schnelle Aufbruch des Hofes mehr als ein
Mal veranlasste
Aber schon war so viel anderweitiges Interesse im Volke erweckt dass es den
dämonischen Anforderungen eines Bürgerkrieges nur ungern Gehör gab ihn nicht
mehr zu seinen gewinnreichen Erwerben zählte sondern darin eine lästige Störung
seines heranblühenden Wohlstandes sah und daher den Adel nur lau unterstützte
der hierdurch geschwächt den klugen Machinationen Mazarins nachgeben musste
und endlich den Frieden herbeiführte der zuerst nach so langen Stürmen das
erschöpfte Land erquickte
Diese Ruhe die ein wirkliches Bedürfnis war und die nicht durch Traktate
Geisseln und das Recht des Stärkeren erhalten ward sondern sich schützte durch
dieselben Mittel die das Bedürfnis hatten entstehen lassen sie musste
notwendig das Gesammtleben Frankreichs zum Bewusstsein und zur Anschauung
erheben und den Bildungspunkt namhaft bezeichnen der damit hervortrat
Ludwig der Vierzehnte war der vollkommenste Repräsentant dieser Periode er
war das notwendige Erzeugniss derselben und so innig mit ihr verbunden dass
jeder Franzose ihn als sein Banner erkennen musste als die lebendig gewordene
Idee einer Entwickelung der sich jedes Bewusstsein entgegen drängte Es kann
daher von diesem Standpunkte aus weder von seinen Tugenden noch von seinen
Fehlern nach dem gewöhnlichen Maassstabe der Berechtigung die Rede sein
Beide waren die Erscheinung der Zeit er stand weder über noch unter ihr er
dankte ihr Alles aber er gab ihr auch Alles was sie eben forderte wenn auch
nicht mit dem Bewusstsein ihres Bedürfnisses sondern weil er an sich selbst
einen neuen Zustand herzustellen trachtete der jedoch eben derjenige war
dessen Frankreich bedurfte Von der Natur selbst zu einem vollkommenen Franzosen
gebildet besaß er die herrliche Gabe seine Fähigkeiten hervortreten zu lassen
sich ihrer mit Takt und Gefühl bei allen vorkommenden Gelegenheiten zu bedienen
Wenn schon das gewöhnliche Leben die tiefsten und bedeutendsten Seelenkräfte
dieser Fähigkeit beraubt in Nachteil stellt gegen den glücklichen Gebieter
geringer Mittel die ihm jeden Augenblick dienstbar sind so ist der Einfluss
solcher Gabe auf einem Throne bei bedeutenden und nationalen Kräften eines
Herrschers ganz der zauberhaften Wirkung gemäß durch die wir Ludwig den
Vierzehnten die Höhe der Gunst ersteigen sehen Sie erbaute ihm aus dem
Enthusiasmus seines Volkes einen Thron auf den ganz Europa staunend hinblickte
und der den Gedanken der Weltbeherrschung in solchem Fundamente begründet zu
einem erhabenen Fluge des Geistes machte den wir als Menschen ohne nationelle
Beschränkung mit Liebe und Bewunderung betrachten müssen Diese unläugbare
Befähigung Ludwigs des Vierzehnten machte es ihm aber auch nur möglich sich aus
dem Schlamme zu erheben den die Erziehung um seine Füße spülte und wir müssen
wenn wir das kräftige Emporarbeiten Frankreichs aus dem Elende des Bürgerkrieges
verfolgen dem jungen Könige das Recht eines eben so rüstigen Streiters
zugestehen denn seine Arbeit ehrte ihn nicht minder
Der Überdruss ja der Abscheu den die Nation gegen die Gewalt roher Willkür
und Gesetzlosigkeit zu empfinden begann entwickelte sich in ihrem Könige zu dem
SchrankenSystem einer Etikette die ihm dasselbe Bedürfnis befriedigte eben
das einer unangreiflichen gesicherten Stellung um zum Genuße seiner
persönlichen Vorzüge auf dem erhabenen Standpunkte seiner Geburt gelangen zu
können Welchen Ausartungen dieses System im Verlaufe seiner Dauer auch
unterworfen war zu welcher einer späteren Entwickelung lächerlich
erscheinenden Karrikatur es herabgesunken dastehen muss wir dürfen seine
Entstehung nicht gering achten den Geist nicht verkennen der es erschuf Es
hatte einen tiefen psychologischen Grund der ohne alle Frage das höhere
geistige Fluidum der Nation entwickelte und den beispiellos hohen Rang
bestimmen half den Frankreich in diesem Zeitlauf in Europa einnahm seinen
Einfluss über Alles erstreckend was um den Preis einer feineren Sitte rang denn
es lag darin die Fessel der Rohheit Der despotische Zwang den diese Formen
über jede Willkür ausübten ward ein Bollwerk hinter welchem die Anstürmenden
in dem glänzendsten Kultus zauberhafter neuer Einkleidung den Hof ihres Königs
gewahrten ein zur höchsten Poesie erhobenes Wunder fremder blendender
Schaubilder dem näher zu treten bald die Sehnsucht und der Ehrgeiz Aller ward
und das zu erreichen eben dieses Bollwerk nur einer bestimmten Auswahl
gestattete und diesen Auserwählten wieder nur indem sie sich selbst bezwangen
und mit gefesselten Trieben nicht sich sondern der Zauberformel jener Etikette
gehorchten in welcher Alle vor dem Nymbus dieses Trones eingefangen lagen Wie
der Gegensatz zu diesem despotischen Sittengemälde sich auch finden musste
welchen empörenden Entartungen in der Religion Moral und Sittlichkeit wir auch
zur selben Zeit begegnen mögen der Impuls zu einer gesellschaftlichen
Existenz wie sie keine Zeit ihr ähnlich darzustellen vermag mit allen
Versuchen eine höhere Gesittung über alle Verhältnisse des Lebens zu
verbreiten gehört als unbestreitbares Verdienst dieser Epoche an Sie erregte
eine Bewegung deren Einfluss wir noch jetzt nachzuweisen vermögen wenn auch
durch die frei gewordene Herrschaft des gebildeten Geistes losgesprochen von dem
Zwange des Gesetzes welches festzuhalten nachdem es leer geworden seiner
früheren Bedeutung zu der mit Recht gering geachteten und bespöttelten
Karrikatur eines Ceremoniels oder absondernden Schutzes herab gesunken ist der
keinen Grund mehr findet in vorhandener Rohheit
Zu jener Zeit aber machten sie den Hof als Anhang des Königs als den
Zauberkreis in dem er seinen wunderbaren Ritus übte zu einem wahrhaft
unerreichbaren Standpunkte und noch war es die Zeit ja sie erwachte erst wo
das Volk sich von seinen Souverainen imponiren zu lassen wünschte und die
Absonderung die fast an göttliche Unterscheidung grenzte mit einer Art von
Stolz mehr unterstützte als verringerte
Die Mittel zu großen Ergebnissen boten sich dem herrschenden Oberhaupte in
allen Beziehungen dar und unter den Händen Kolberts entwickelten die reichen
Kräfte des strebenden Landes fröhlich ihre hundertfältigen Adern und atmeten
Lebensfülle und spendeten den segensvollen Reichtum der immer wieder den
großen Kreislauf belebender Tätigkeit erneuerte den der Glanz des Trones
sowohl als sein politisch zu behauptendes Ansehen erforderte
Wenn die Meinungen über diese Zeit oft bis zum Anbeten ihrer Erscheinungen
oft bis zum Herabwürdigen unter den geringsten Standpunkt geschichtlicher
Momente gewechselt haben dürfte Beides eine Berechtigung nachweisen können
wenn wir bloß die materiellen Fakta ohne ihren geistigen Zusammenhang gelten
lassen wollen Denn wir sehen allerdings in demselben Rahmen der Ludwigs
Lebensperiode umschließt einen Höhenpunkt glänzender Erfolge wie er uns
hinreißen muss und am Ende derselben einen Schrecken erregenden Verfall der
ohne Zweifel die Keime der großen Erschütterung nachweisen ließe die den
Urenkel des Platzes verlustig machte auf dessen unbestrittenem Besitz Ludwig
der Vierzehnte seine Dynastie unzerstörbar begründet glaubte Aber wir dürfen
bei dieser niederschlagenden Betrachtung nicht übersehn dass das Volk in dieser
ersten glänzenden Epoche dennoch ein Pfand empfangen welches den Wert dieser
Zeit unbestreitbar macht ein Pfand mit welchem es wuchern konnte das zu
zerstören nicht mehr in der Willkür seines Herrschers lag und dass dessen
ausartenden persönlichen Neigungen die wir mit dem Verfalle der Zeit
bezeichnen doch in ihrer jugendlichen Entstehung Schritt hielten mit den
Bedürfnissen seines Volkes und über alle Zweige menschlichen Wissens den Zauber
der Ermunterung der Förderung und der Anerkennung verbreitet hatten So müssen
wir seiner ausartenden Eroberungssucht sicher den Vorwurf machen das Land
erschöpft und mit Schulden belastet und gegen jedes moralische Prinzip
anstossend sein persönliches Ansehen herabgesetzt zu haben Aber das Volk hatte
Früchte geerndtet die es in seinen Erfolgen nicht allein damals an die Spitze
der Kriegskunst stellte sondern an deren Nachahmungen sich noch die
nachhaltigsten Einrichtungen aller Nachbarländer knüpfen lassen Wenn wir eben
so vor den Bauwerken dieser Zeit vor den zügellosen Ausstattungen aller
königlichen Besitzungen und der ihnen anhängenden Bedürfnisse vor ihren
Festen ihren Beschäftigungen und ihrem zahllosen unbeschäftigten Dienertrosse
stehen und bloß bedenken wollen wie dadurch der Schatz erschöpft werden musste
und dem betäubten Gewissen die Wege geöffnet zu Erpressungen und Bedrückungen
des Volkes die wir mit Unwillen endlich auch verfolgt sehen so werden wir doch
dadurch immer nicht die Wirkungen annulliren können die in diesem üppigen Leben
des Genusses den Segen aller künstlerischen und wissenschaftlichen Erscheinungen
entwickelten und sie zu einer Ausbreitung und Wichtigkeit erhoben welche dem
versinkenden Leben Italiens eine neue Heimat dem übrigen Europa eine Brücke zu
bis dahin zu entfernt liegenden Schätzen baute
Gewiss müssen wir zugestehn dass Ludwig der Vierzehnte nicht die Kraft hatte
an der Spitze seiner Nation zu bleiben dass er ihr nur ein Mittel war das
anfänglich nicht größer zu sein brauchte als er war dass ihn seine Erfolge
nachdem sie ihn weit überholt hatten auf einem geringen Standpunkte zurück
bleiben ließ und im Stillestehn ihn seiner Zeit entfremdeten und feindlich
gegenüber stellten geschützt noch von dem monarchischen System welches zu
mächtig war um Widerstand zu finden Der hierarchische Despotismus erkannte
wachsam den Augenblick wo Ludwig sich von seinem Volke trennte um ihn sich
ihn als Beute sichernd jeder freieren Anschauung zu entziehn die ihn fähig
gemacht hätte den hochherzigen Aufschwung religiöser Entwicklung verstehen zu
können der damals aufs Neue vergeblich die Schwingen einer freieren Erkenntnis
regte und dessen unvollkommene in vielfachen Ausartungen kreisende
Erscheinungen vielleicht die ewigen Erschütterungen Frankreichs zu erklären
vermöchten das von dem Triebe freier religiöser Entwickelung verjagt in den
materiellsten Freiheitswünschen die gestörte Entwickelung zu befriedigen suchte
Die Zeit in der Leonin den vaterländischen Boden betrat war der Höhenpunkt
jener früheren Periode der so schnell so überraschend erreicht war dass der
Schwindel zu erklären ist mit dem man die Grenzen eines so begonnenen Zustandes
nicht glaubte übersehen zu können und die ausschweifendsten Eingebungen der
Phantasie überall anzuknüpfen ein Recht zu haben meinte
Der Aachner Friede war geschlossen Ludwig hatte die Lorbeeren zweier
glorreichen Feldzüge gesammelt die Aufmerksamkeit Europas geweckt und Erfolge
errungen die so das Maß zu überschreiten schienen dass es ihm leicht ward
beim Abschluss des Friedens mit anscheinender Großmut den Teil der Eroberung
zurück zu geben der von seinen bestürzten Gegnern mit der vollen Besorgnis
gefordert wurde die so schnelle so siegreiche Fortschritte für das
Europäische Gleichgewicht welches zu zerstören in seine Hand gegeben schien
notwendig einflößen mussten Auch machte der Abschluss dieses Friedens der einen
Teil der gemachten Eroberungen wieder aufgab keinen ungünstigen Eindruck auf
die Nation Schon sah sie sich als den reichen Mann an der dem übrigen Europa
Almosen geben könnte schon kam ihr kein Zweifel dass sie besitzen könnte was
sie besitzen wollte und gerade so erschien ihr der junge König in einem neuen
Nimbus dem der Großmut und der Mäßigkeit
Auch lag dies Gefühl zu unterstützen ganz in der ungemeinen Begabteit des
jungen Königs der damals noch den vollendeten Stolz besaß der die Eitelkeit
entweder nicht aufkommen lässt oder sie noch nicht besitzt
Sein Volk sein Hof mochte seine Siege anstaunen anbeten er verhielt sich
zu ihnen mit der gleichmäßigen Ruhe die audeutete dass er über ihnen stände
und die größten Erfolge eben nur Ausströmungen seiner selbst wären die ihn
nicht zu überraschen vermöchten Er hasste und unterdrückte jede rohe
Schmeichelei und die Hofleute mussten eine Mimik für ihre Anbetung studieren die
sich wie der Schauer der Andacht anliess um seine stolze Zurückweisung nicht zu
erfahren
Es war in dieser vollen Blütezeit seiner Existenz noch so viel Wahrheit in
ihm dass er sich ohne Selbstbetrug des Eindruckes erfreuen durfte den er
hervorrief und seine ganze Natur war durch die Ähnlichkeit und
Übereinstimmung die seine eigne Entwicklung mit der seines Volkes hatte so
bedeutend verstärkt und erhöht dass jeder Erfolg ihm zu einem ungemeinen
Selbstgefühle verhelfen musste Er war in Wahrheit ein großer Mann er war es
durch seine Zeit wie durch sein schönes Naturell das ihr genug tat
Später hatte das Feldlager mit dem Glanz eines Hoflagers gewechselt dessen
an Zauber und Wunder grenzende Ausstattungen einen taumelartigen Zustand
erregten den industriellen Geist aufs höchste belebten Künstler Dichter und
Gelehrte schufen und eine Hingebung aller Kräfte des Geistes und des Vermögens
veranlassten die ein Gelingen herbeiführte das in seiner überraschenden Wirkung
den jungen König als ein übernatürliches Wesen erscheinen ließ da seine
Neigung seine Andeutungen oder Befehle dies Alles ins Leben riefen
Und diesem Zustande der Dinge nahte sich jetzt Leonin diesem vergötterten
Monarchen sollte er in kurzem vorgestellt werden und zwar nicht um ihn unter
dem Gesichtspunkte zu betrachten wie wir es jetzt tun sondern unter dem wie
man ihn damals ansehen musste beschränkt von der Gegenwart und ihrem beengenden
Einflusse als eine sichtbare Gottheit als eine Alles besiegende Autorität
als den Inbegriff aller Vollkommenheiten Es war die natürliche Folge dieser
Ansicht dass Alle die des Glückes teilhaftig wurden seine Nähe zu erreichen
seine Worte zu hören sich selbst dadurch zu größeren Ansprüchen berechtigt
hielten und als Geschöpfe seines Winkes doch sich erhoben fühlten über die
Masse die diesen Vorzug nicht teilen durfte
Die MajorennitätsErklärung des jungen Grafen war vorüber und
unaufgefordert strömten die höchsten Personen zusammen ihre Glückwünsche zu
diesem Akte darzubringen Das Hotel Soubise konnte die Zahl der Gäste kaum
fassen und die Marschallin hatte nicht umsonst auf den Anteil des Königs
gerechnet Nur im Vorbeigehen fragte derselbe beim Lever seinen Bruder ob er
von dem Feste seines lieben Marschalls von Crecy gehört habe und dies war
hinreichend damit Monsieur zur bestimmten Stunde in dem Hotel Soubise auf zwei
Minuten erschien und der Name Ludwig von Orleans prangte an der Spitze von
Unterschriften die fast alle erlauchte Namen Frankreichs enthielten Denn das
Land versammelte die lebenden Repräsentanten derselben an dem Hofe und Ludwigs
Wunsch sie dort zu sehen war der Magnet dem Niemand sich entziehen konnte
Der Marschall war versöhnt mit den schlauen Einrichtungen einer Gemahlin
die endlich seine unvollkommenen Wünsche die er nie ins Dasein zu rufen
vermocht hätte in die Erreichung ihrer eignen mit einzuschliessen wusste Der
Glanz seines Hauses trat auf eine imponirende Weise hervor und dem Herzen des
Vaters ward in der schmeichelhaften Anerkennung des Sohnes das vollste Genügen
Wie sollen wir aber den innern Zustand dieses Sohnes schildern der seit
seinem Eintritt in dies Haus fast nicht zur Besinnung gekommen war
Seit seiner Abwesenheit hatten sich alle Zustände so gesteigert sein
eigenes Bewusstsein sein Auge sich so dafür entwickelt dass es ihm schien er
käme in eine vorher gar nicht gekannte Welt Es war als ob das Unglück aus den
Kreisen der Menschen verschwunden sei Jeder Tag schien ein Fest das Allen
gehörte Witz Laune Leichtsinn und Heiterkeit durchdrang die Menge von der
höchsten bis zur niedrigsten Klasse Es war keine Zeit für irgend ein tiefer
liegendes Gefühl und der Rausch der über Alle seine Zauberrute schwang hieß
Ludwig Versailles Frankreichs Ruhm Es trat ein Stolz ein Selbstgefühl
bei jedem Individuum hervor das aber gerade so entwickelnd wirkte denn Niemand
wollte nachbleiben Alle strebten rangen und erreichten in irgend einer
Beziehung Etwas Aber mitfliegen musste man das galt mehr wie das Leben das
galt sich als Franzose zeigen
Und in diesen rauschenden Massen durfte sich Leonin eingestehn als der
Erbe eines so bedeutenden Namens und Ranges bemerkt zu werden zu Ansprüchen
erhoben zu sein die mit dem edelsten Neide verfolgt wurden mit dem Neide dem
Göttersitze des Königs nah und persönlich dienstbar sein zu können
Diese Tage mit ihren Anforderungen hatten eine Menge schlummernder
Eigenschaften in ihm hervorgerufen So ins Auge gefasst von der hohen
Aristokratie des Landes fühlte er plötzlich den vollsten Trieb des Ehrgeizes
sich ihnen in allen Punkten gleich zu stellen und jede Unsicherheit des
Betragens abzuwerfen die einen Zweifel über die Befähigung zu dem hohen
Standpunkte seiner Geburt aufkommen lassen könnte Er wollte nichts sein als
eine neue Zierde dieses glänzenden Hofes Man sollte dieses anerkennen müssen
und er hätte bei schärferem Nachdenken sich selbst in den Erscheinungen nicht
wieder erkannt die dieser Einfluss hervorrief denn er ward nun erst Franzose
und rechtfertigte vollkommen den Zustand jener wunderbaren Zeit
Nur wenn er in tiefer Nacht sein einsames Schlafgemach betrat die Diener
entlassen hatte und lautlose Stille ihn umfing blieb er wie ein Träumender
stehen Wo war Fennimors Gatte wo war der einsiedlerische Schlossherr von Ste
Roche und die patriarchalischen Vorstellungen die alle seine Wünsche
umschlossen hatten Ob er sich diese Fragen wahrhaft beantwortete Wir
fürchten nein Aber noch war er innig überzeugt was jetzt geschehe was er
tue und treibe es sei nur die Brücke zu ihr zurück Noch fühlte er ihre
Schönheit ihren Wert noch brauchte er nicht an seine Pflichten gegen sie zu
denken Aber schon gab es auf dem ganzen Schauplatze seiner jetzigen Existenz
keinen Punkt wo er sich ihrer erinnern konnte ohne den stechenden Schmerz zu
fühlen der uns belehrt dass wir in gefahrvollen Widerspruch geraten sind und
Pflichten sich drohend berühren denen wir gleiche Heiligkeit zugestanden Er
verschob selbst den Moment einer Eröffnung gegen seine Mutter teils aus Scheu
und Unentschlossenheit teils weil er glaubte erst diesen öffentlichen
Pflichten genug tun zu müssen Er ahnte nicht wie seine Mutter Alles in ihm
sah und vorher gewusst und wie fest sie beschlossen hatte ihm eine solche
Erklärung unmöglich zu machen bis die Verhältnisse ihn so umsponnen hätten dass
er sie ihr nicht mehr zu machen wagen würde
Sie hinderte es daher nicht durch die leiseste Bemerkung wenn sie erfuhr
wie Boten mit Briefen und Gepäck den Weg nach Ste Roche nahmen denn dies
Alles wie es auch dort Ansprüche und Neigung unterhalten und gefährliche
Gedanken in Leonin nähren musste schien ihr doch weniger unheilbringend als
eine zu voreilige Erklärung ehe sie Zeit gewonnen hätte dies sein Gefühl in
sich selbst absterben zu lassen
Jetzt befand man sich zu Versailles da man Paris nur bewohnte um
FamilienFeste zu feiern die in die Nähe des Königs zu verlegen eine Art
Indiskretion scheinen konnte Außerdem liebten alle Große des Hofes in
Versailles zu leben da der König eine fast unbezwingliche Abneigung gegen Paris
hegte welches ihm als Kind während der Kriege der Fronde mehrere Male die
Tore verschlossen hatte
Madame Henriette die Gemahlin Monsieurs und die Tochter des unglücklichen
Karls des Ersten von England war der Parnassus des Hofes Um sie versammelten
sich alle Künste und Gelehrte und Helden warteten an ihrem poetischen Throne
auf das Wort ihrer Anerkennung ihrer Ermunterung Der König hatte ihr eine so
zärtliche ritterliche Galantrie gewidmet sie verstand dieselbe so geistreich
zu fordern und so fein und erhaben zu gestalten dass dem Berühren dieser beiden
romantischen Geister die Entwickelung billig zuzurechnen ist die das Verhältnis
der Männer zu den Frauen zu einer abgöttischen Huldigung erhob Auch hier ging
der mit allen Elementen der Liebe und Poesie ausgerüstete jugendliche König mit
dem Beispiel einer Frauenhuldigung voran die wie ein neuer Impuls in der
Kourtoisie hervortrat
Zwar hatte das Verhältnis des Königs zu Madame Henriette den Charakter
wärmerer Zärtlichkeit verloren aber sie behauptete noch immer den Rang der
schönsten und geistreichsten Frau und ihr Einfluss auf den König in allen
geistigen Beziehungen blieb noch unbestritten Er selbst fühlte die wahrste
Freundschaft für sie ihr Hof zählte ihn noch immer zu seinem Besitz und er
tat Alles ihr diesen geistig hohen Standpunkt durch seine Achtung und
Anerkennung zu erhalten
Schon füllten sich die Vorzimmer der schönen Henriette und alle Anwesenden
zeigten die Belebteit und Spannung die die Versicherung hervorgerufen Madame
erwarte den König Ein Jeder fragte sich in der Stille wer er wäre was er zu
denken zu sagen habe mit welcher Berechtigung er die große Gunst erwarten
dürfe vor ihm zu erscheinen
Das Gespräch lief wohl lebhaft umher aber nur Wenige verbargen die
Zerstreutheit mit der das leiseste Geräusch in den Höfen plötzlich Alle
verstummen oder abbrechen ließ Doch blieb von den Anwesenden dieser Zustand
ziemlich unbemerkt denn Jeder teilte ihn
Nur einzelne Personen verschwanden in die Zimmer in denen Madame ihren
hohen Gast erwartete dies waren besonders dazu Bestellte und sie zogen eben
so stolz diesem Rufe entgegen als ihnen die Blicke des Neides nur zu sicher
folgten
Madame ruhte auf einer Ottomanne von meergrünem Atlas und der Glanz der
Beleuchtung war vor diesem etwas erhöhten bequemen Sitze mit einem Geschicke
gemildert dass es schien der Mond erleuchte diesen Platz im Gegensatze zu dem
Vordergrunde des Zimmers der Tageshelle von Spiegelwänden reflektirt
zurückstrahlte Der blassrote Seidenstoff ihres Kleides war mit Silber
durchwirkt und in ihrem wunderschönen Haare trug sie eine einzige aber
prachtvolle Rose von Brillanten
Da sie die schönsten Arme und Hände hatte so stand es ihr sehr gut dass sie
die Etikette etwas verletzte und nur einen Handschuh trug während sie den
andern wie zum Gedankenspiele durch die zarten Finger zog Sie hatte die
glänzendsten Farben die lebhaftesten Augen und schien immer von Gedanken
angeregt die sie auch schnell und fliessend sprechend stets bereit war an den
Einen oder Andern zu adressiren
Um sie her standen die Damen und Herren ihres näheren Kreises An der linken
Seite ihres Ruhebettes aber lehnte eine Frau von mittlerem Alter mit großen
Resten ehemaliger Schönheit und mit einem bezaubernden Ausdrucke von Geist und
Gefühl Sie war in dunkeln Samt gekleidet und die feinen Spitzenbarben ihres
Bonnets gaben ihrer prächtigen aber bescheidenen Tracht eine nonnenhafte
Decence sie hielt ein Blatt in der Hand was sie vorgelesen hatte und hörte
der lebhaften Prinzessin zu welche mit ihr sprechend anmutig seitwärts
blickte
»Nein liebe Sevigné« rief sie »sein Sie nicht zu bescheiden Nur Sie
behaupte ich nur Sie allein können ein so bezauberndes Geständnis über die
Gefühle einer Mutter ablegen Sie repräsentiren die Mutterliebe in Frankreich
wie sie das Ideal jeder edelen weiblichen Brust werden muss auf Sie wird
hingewiesen werden wenn wir schon alle in Staub zerfallen sind und die
entarteten Mütter dieses Landes werden nicht sagen dürfen wir wussten nicht was
Rechtens war denn man wird ihnen antworten können dass Madame de Sevigné
lebte«
Die berühmte Frau neigte ihr feines Antlitz noch tiefer und der erhöhte
Ausdruck zeigte eine Rührung die keinen Hauch von Eitelkeit trug
»Es ist so natürlich was ich auszudrücken wagte« sagte sie sanft »dass ich
mich kaum in dem schmeichelhaften Lobe Eurer Königlichen Hoheit wieder erkenne
Wer könnte mit dem Glücke begnadigt werden Mutter zu sein ohne mehr oder
weniger dasselbe zu fühlen was ich hier bloß sammelte aneinander reihte Die
Erscheinung einer Mutter bleibt in jedem Individuum eine Art göttliches
Mysterium und auf allen Stufen dieses rührenden und erhabenen Zustandes ließe
sich die unmittelbarste Gemeinschaft mit dem höchsten Geber nachweisen und
darum auch sicher Anklänge der Seligkeit die nur von dem harten Drucke der
Außenwelt zuweilen verkümmert hervortreten«
»O wie schön meine edle Sevigné ist Ihr frommer Glaube« rief die
Prinzessin mit einer Aufregung der Gefühle die nur zu klar das ewig
unbefriedigte Sehnen nach dem Glücke einer Mutter das sie so tief nachzufühlen
verstand ausdrückte »Möchte ich« setzte sie leise und mit feuchten Augen
hinzu »noch dereinst Ihre Schülerin werden können«
Frau von Sevigné drückte die dargereichte Hand nicht mit höfischer sondern
mit menschlicher Zärtlichkeit an ihre Lippen und fügte leise Worte der Hoffnung
hinzu welche die junge Fürstin kopfschüttelnd anhörte
»Eine Stuart eine Stuart« sagte sie blass werdend mit Bitterkeit und
Schmerz »denken Sie meine Liebe ob sie Hoffnung auf Glück nähren darf ob
ihnen geschieht nach der Ordnung der Natur«
»O Madame« rief die Sevigné »so werden Sie wenigstens dazu bestimmt sein
uns zu lehren wie man die Unbilden des Schicksals durch die Erhabenheit der
Gesinnungen zu besiegen vermag«
»Meinst Du süße Trösterin« erwiderte die Prinzessin mit dem sanften
Ausdrucke von Schwermut der zuweilen über den frischen Glanz ihrer Schönheit
wie ein Wolkenschatten glitt »Doch hier« fuhr sie fort alles persönliche
Gefühl augenblicklich unterdrückend »was wollen wir mehr Welch ein schöneres
Bild mütterlichen Glückes können wir nach den Mitteilungen unserer Sevigné
finden als unsere teure Marschallin von Crecy« Und so neigte sie sich mit der
vollen Anmut einer Fürstin über die indes zwischen Leonin und Louise
eingetretene Marschallin welche mit der eigentümlichen Grazie die einer
vollendeten Dame von Range zukam ihren Sohn der Prinzessin vorstellte
Leonin erschrack fast vor dem blendenden Glanze der Schönheit der er nun
gegenüber stand und die unglückliche Henriette die das zärtlichste Herz
vergeblich in ihrer Brust trug musste sich mit den kleinen Triumphen zerstreuen
die ihr jeder Mann der ihr zu nahen wagen durfte bereitete
Sie sammelte lächelnd das Geständnis der Bewunderung von Leonins
sprachloser Blödigkeit ein und erhob sich sodann denn das Rauschen der Türen
und die plötzliche tiefe Stille des Vorzimmers zeigte an der König sei
gekommen
Ludwig der Vierzehnte stand auf dem Punkte des Alters wo die Frauen den
Männern erst das Prädikat des Interessanten beilegen was für sie so wichtig
ist dass keine Jugend keine Schönheit ohne diese Zugabe der Zeit ihnen die
anmutige Eigenschaft des Gefährlichen verleiht Ludwig hätte nicht König zu
sein brauchen um allen Frauen als schön und ausgezeichnet zu erscheinen aber
als König rechnete man ihm die Vollendung als Mann um so höher an und in der
Tat konnte sich Niemand ihm zur Seite stellen er wäre im einfachsten Kleide in
den hintersten Reihen der Erste geblieben
Als er eintrat hatte er den Kopf halb über die Schulter gewendet um den
Herzog von Lauzun anzuhören der ihm einige Worte sagte Heiterkeit Geist und
Scherz lagen dabei auf seinem Antlitz ausgedrückt und man konnte unmöglich
anmutiger lächeln als eben der König wie er dem Herzog einige Worte
erwiderte
Jetzt aber erblickte er Madame Henriette die mit der Lebhaftigkeit der
Huldigung ihm entgegen eilte
Die leichte Haltung der kurzen Besprechung mit Lauzun war sogleich
verschwunden jetzt war er der huldigende Ritter welcher der Schönheit
gegenüber nur ihr Diener sein kann und den Stolz den er fühlen darf nur von
der Ehre ihrer Nähe empfängt Als er die glänzende blühende Fürstin zu ihrem
Sitze zurückführte hielt er ihre Hand so dass er sie den Versammelten
darzustellen schien und indem er selbst den gebieterischen erhabenen Anstand
entfaltete der seine Schönheit so imponirend machte schien er nur stolz sein
zu wollen als ihr Führer von Allen für sie allein die Huldigung fordernd
Und doch war diese ihm fast ungeteilt zugewendet denn er war Jedem in
irgend einer Art ein Vorbild ein erfülltes Ideal
Selbst Leonin hatte die schöne Henriette vergessen und alles Blut drängte
sich zu seinem Herzen als er den angebeteten Monarchen jetzt in einer
Vollendung vor sich sah die er früher weder Gelegenheit hatte zu beobachten
noch zu fassen
Der König zog ein Tabouret vor den Sitz den die Prinzessin einnahm und
setzte sich nieder als habe er Lust knieend den lebhaften Worten derselben
zuzuhören Er hielt jedes Mal mit der Prinzessin auf diese Weise ein kurzes
Zwiegespräch welches anscheinend von Keinem der Hofleute beobachtet ward und
doch war gewiss kein Wechsel der Miene oder der Farbe kein Lächeln kein
Seufzer welcher nicht von der argwöhnischen Schlauheit ihres Hofstaates
belauscht wurde
Leonin aber sah Alles ohne Beziehungen und Berechnungen Verloren war er in
dem Anblicke dieser ungewöhnlichen Erscheinung und Alles schien ihm
gerechtfertigt was er seit seiner Rückkehr von dem überschwänglichen
Enthusiasmus der Menge erfahren und was ihm mindestens überraschend geschienen
Als einen Helden als einen Feldherrn hatte er ihn nennen hören kühn
scharfsichtig und großartig im Rate er hatte gefürchtet vor den ernsten Patos
eines römischen Imperators zu treten Und jetzt sah er einen heiter lächelnden
jungen Mann mit einer Anmut und Leichtigkeit der Bewegung mit einem
poetischen Schmelze der Augen und des Mundes einen der schönsten Männer der
sich dessen nicht bewusst sein wollte um den Frauen allein eine Huldigung zu
gestatten auf die er sie durch seinen Willen anwies allen Männern auch hierin
zur Richtschnur dienend
Leonin fühlte dass diese Vereinigung etwas Erstaunenswürdiges fast
Berauschendes hatte und dass man sich eben dem Zauber seiner Persönlichkeit so
völlig ohne Rückhalt hingab weil man seiner übrigen Herrscherfähigkeit gänzlich
vertraute Sein Alter hatte ihn vom Hofe entfernt gehalten er hatte den König
nur bei öffentlichen Veranlassungen als Zuschauer gesehen die zu Anfange seiner
Regierung nicht häufig waren Erst in Leonins Abwesenheit trat der Glanz des
Hofes auf solche Weise hervor wie auch die Liebenswürdigkeit des Königs erst
zur vollen Blüte kam
So beherrschte dieser anmutige junge Mann alle seine Umgebungen Nicht wie
ihn Leonin sich unwillkürlich gedacht hatte als einen ewigen Repräsentanten mit
Krone und Zepter sah er ihn aber dennoch von einer Atmosphäre der Hoheit
umgeben dass die jugendliche Anmut niemals auch nur zu einem vertraulichen
Gedanken hätte verführen können Im Gegenteile fühlte Leonin eine
Beklommenheit die ihn fast betäubte bei dem Gedanken dem Könige heute
gegenüber zu treten Seine Größe wuchs indem sie verdeckt lag aber wie groß
musste er sein da er sich ihres Scheines absichtlich entäussern konnte
»Madame hat Briefe aus England erhalten« sagte der Marschall de la Ferté zu
Madame de la Fajette die mit etwas verdorbener Laune in Leonins Nähe stand
»der König wird wohl seine Absicht mit Dünkirchen durch ihre geschickten
Unterhandlungen erreichen«
»Wenigstens täte Madame besser nur solche Angelegenheiten zu dem
Gegenstande ihrer Beurteilung zu machen« erwiderte Madame de la Fajette »in
allem Übrigen fühlt man immer dass sie kein französisches Blut in den Adern
hat Es ist komisch oft ihr Urteil über unsere Literatur«
»Ach so Euer Gnaden meinen ihre Bewunderung für die Marquise de Sevigné«
rief der Marschall »ja ja Madame trägt stark auf wenn sie spricht Doch
glaube ich nicht dass ein so unbedeutendes Produkt wie uns vorgetragen wurde
Eindruck machen würde belebte sie nicht dasselbe Verlangen das Madame de
Sevigné als erfüllt darstellte«
»Ja so ist es mein Herr Marschall die gute Sevigné gehört nach der
Kinderstube nicht an den Schreibtisch Ich versichere Sie dass sie nicht im
Stande ist ortographisch richtig zu schreiben und damit müsste man doch wohl
anfangen wenn man eine Schriftstellerin sein will«
»Wäre es nicht wichtiger« erwiderte hier ein junger Mann in einfacher
geistlicher Tracht »erst richtig zu denken Wie Viele mögen den Vorzug
besitzen richtig zu schreiben ohne einen einzigen Gedanken so ausdrücken zu
können wie Madame de Sevigné ohne Gefühle in sich zu haben wie sie hier eine
Zierde der Menschheit werden«
Die Gräfin de la Fajette blickte etwas hoch auf und ihre sich spannenden
Augenbrauen verrieten dass sie nicht geneigt sei den halb vorwurfsvollen Ton
dieser Erwiderung milde hinzunehmen als sie aber die sanften edelen Züge des
Jünglings erblickte der zu ihr gesprochen musste sich die kluge Frau gestehen
er habe gar nicht daran gedacht dass seine Erwiderung sie träfe sondern sich
in den Gegenstand vertieft ihm sein Recht gönnend und damit eine Beleidigung
unmöglich haltend
»Vollkommen richtig bemerkt mein lieber Salignac« sagte die Gräfin daher
schnell gefasst »wer hätte hierüber zu entscheiden mehr Recht als Sie der Sie
der Verkündiger der edelsten und frömmsten Gesinnungen sind«
»Nein Madame nein« rief der junge Mann mit schwärmerischem Eifer »über
den ganzen Wert der Gedanken und Gefühle die Madame de Sevigné uns
mitgeteilt wird nur eine Frau entscheiden können in die Gott ausschließlich
die Seligkeit einer Bestimmung ausgeschüttet hat der wir nur aus der Ferne mit
der Verehrung zusehen können die an dieser außerordentlichen Bevorrechtung des
Himmels uns die erhabene Bestimmung ihres Geschlechtes ahnen lässt«
»Liebenswürdiger Schwärmer« rief die Gräfin fast gerührt »da wir heut im
Prophezeihen sind und Madame Henriette der Frau Marquise de Sevigné schon das
Prognostikon ihrer Zukunft gestellt hat so verkünde ich Ihnen dass Ihre sanfte
jugendliche Weisheit zum Manne erstarkt das Zeitalter retten wird in dem Sie
leben dass Salignac la Motte Fenelon Platz finden wird in den Büchern unserer
Geschichte trotz des Grössten den wir darin verzeichnen«
»Gottlob Madame« fuhr der junge Mann ohne alle Zeichen des Eifers fort
»dass ich Ihnen nicht glaube Die Geschichte mit ihrem Namensverzeichnisse hat
keinen Reiz für mich meine Gedanken haften an dem mühevoll heiligen Geschäfte
des Augenblickes es ist so schwer ihn zu bestehen ohne vor Gott erröten zu
müssen dass ich ihm alle meine Kräfte zuwende und mir wenig Zeit übrig bleibt
die Zukunft mit eitelen Wünschen zu bestürmen«
»Darum tat ich es für Sie« lachte die erheiterte Gräfin die wohl ein
wenig schriftstellerische Wallungen besaß aber zu klug und zu edel war um sich
von diesen Gefühlen dauernd beherrschen zu lassen
Die Gesellschaft erschütterte ein kleiner elektrischer Schlag Ludwig war
aufgestanden und sein königlicher Blick überflog den Kreis als nähme er erst
jetzt seine Existenz wahr Die Türen nach den Vorsälen waren geöffnet die
inneren Gemächer hatten sich gefüllt Jeder rang um den Preis mit Ludwig
dasselbe Zimmer zu betreten Die Möglichkeit eines Blickes eines Wortes war die
Hoffnung die Jeder unausgesprochen nährte
Auch schien das strahlende Auge womit er Jeden zu finden wusste Jedem eine
solche Hoffnung erwecken zu sollen doch als er nun sich von Madame
beurlaubend vorschritt stockte selbst das Bemühen die leichte Unterredung
fort zu spinnen welche bisher geherrscht Zerstreuung Erwartung unterdrückte
jede andere Geistestätigkeit höchstens gelangen einige leichte Worte von
denen der Sprechende hoffte sie kleideten ihn und die da dies von den Andern
schnell erraten ward entweder mit Kälte aufgenommen oder in derselben Weise
und Absicht erwidert wurden Leonin hatte trotz seiner Befangenheit Auge und
Ohr gehabt für die sonderbaren Zustände seiner Umgebungen und indem er
vergeblich auf den Sinn der Worte horchte die um ihn her gesprochen wurden und
die seltsamen Grimassen sah mit denen man sie begleitete überzeugte er sich
dass dies der Hofton sei von dessen bezaubernder Leichtigkeit und Eleganz Europa
voll war und um dessen unaussprechlichen Reiz zu erreichen Jeder seine
Eigentümlichkeit sein tieferes geistiges Bedürfnis verleugnen musste wenn er
nicht verlassen oder ausgelacht sein wollte
Es bemächtigte sich seiner eine kränkende Unheimlichkeit er wusste mit
Allem was er besaß hier nichts anzufangen Seine Kenntnisse seine Gefühle
seine Ansichten Alles was ihm als Material zum Sprechen dienen sollte schien
hier umsonst ja ganz unbrauchbar und ein geheimnisvoller Ritus von Worten
Bezeichnungen und Andeutungen überall zu herrschen der ganz andere Zustände
voraussetzte Diese nicht zu kennen zu verstehen erschien ihm als ein
Ungeschick ein Mangel von dem seine Eitelkeit sich trostlos verletzt fühlte
Sein Selbstgefühl verließ ihn er konnte nicht denken dass hinter der sicheren
Haltung dieser Leerheit hinter diesem Missbrauche von Worten Lächeln und Mienen
nicht ein Sinn liege der bloß seiner Unerfahrenheit entginge Er würde an jedem
andern Orte sich in der langweiligsten Gesellschaft geglaubt haben hier aber
wagte er sich dies nicht einzugestehn Der Anspruch mit dem Alle ihr Verfahren
durchführten imponirte ihm er dachte nur daran es ihnen nachzumachen
überzeugt den Inhalt später zu entdecken
Madame machte während der König langsam anredend auf der einen Seite den
Kreis durchschritt an der andern Seite die Tour Beide waren von einigen
vertrauten Personen ihres Hofes gefolgt Madame redete aufs neue die Marschallin
von Crecy an und rief dann Leonin mit einem huldvollen Lächeln herbei
»Sie müssen mir noch Viel von meinem Bruder erzählen ich weiß er sah sie
gern an seinem Hofe und ich« setzte sie hinzu indem sie schnell und
schmerzlich die Lippen zusammendrückte »ich sah ihn lange nicht«
»Eure Königliche Hoheit würden noch eben so wie früher die Schönheit wie
die liebenswürdige Laune Seiner Majestät bewundern können Wo er erscheint hat
die Freude ihren Thron erbaut« erwiderte Leonin in höchster Bewegung zuerst
in diesen Räumen seine eigne Stimme zu vernehmen
»Ist das ein Lob für einen König« rief hier Henriette von England mit einem
auffallenden Gemische von Laune und Unwillen
Erschrocken wollte Leonin begütigend antworten als Alle schnell zurück
wichen und der König der rasch und unbemerkt näher getreten war plötzlich
neben Madame Henriette und dicht vor Leonin stand
»Belehren Sie mich meine schöne Freundin« sprach er ihre Worte
auffassend »wie das Lob eines Königs lauten muss um Ihrem strengen Tadel zu
entgehen«
»Verzeihen Euer Majestät« antwortete Henriette »ich fühle ich bin als
Französin zu sehr verwöhnt um als Engländerin mich mit den Tugenden meines
Bruders insofern ich darin den König erkennen soll genügsam erweisen zu
können Ist das ein Fehler haben Euer Majestät mich dessen schuldig gemacht«
Der König überhörte mit einem hohen Lächeln die schmeichelhaften Worte und
schien bloß die schöne Sprecherin zu bewundern
»Unser liebenswürdiger Bruder in England sollte in Ihnen Madame eine
sanftere Richterin finden Ich zweifle nicht dass der Hofstaat den Seine
Majestät vorfand es benötigt war durch die Würde eines rechtmäßigen
Herrschers in seine Schranken zurück geführt zu werden und wenn der
vollkommenste Kavalier für den Karl Stuart bei allen Damen von St Germain
galt dieser Eigenschaft einige gute Laune hinzugefügt wollen wir dies dem
ernstaften England gönnen da wir ihm überdies Nichts mehr zu beneiden haben
indem wir ihm Alles geraubt was ihn über uns hätte erheben können«
Madame belohnte mit einem holden Erröten die anmutsvolle Verbeugung des
Königs der schnell jetzt fragte wer ihre böse Laune gegen den König gereizt
habe
»Wahrlich« sprach die Prinzessin begütigend »diese Absicht lag nicht zum
Grunde Der Sohn unserer lieben Marschallin der junge Graf CrecyChabanne
erscheint seit seiner Abwesenheit im Auslande hier zuerst vor Euer Majestät Ich
verzeihe es ihm wenn das Andenken an alle Herrscher Europas die er sah hier
vor ihm zusammen sinkt«
Der Blitz aus dem Auge des Königs traf Leonin der ihn aufnahm unter die
Begünstigten die sich sagen durften Er kennt Dich
Die Marschallin bis zur Erde sich neigend legte die Hand auf den Arm ihres
Sohnes ihn bezeichnend als den ihrigen Leonin wollte das Knie beugen
»O nicht doch nicht doch« rief der König »hier nicht« Und schnell
verhinderte der Marquis von Vieuville Leonin an dieser Bewegung indem er ihm
zuflüsterte »hier ist das nicht Styl«
»Der Marschall von Crecy« sprach die Marschallin mit unerschütterlicher
Haltung »hat vergeblich auf das Glück gehofft seinen Sohn Euer Majestät
vorstellen zu können Er ist müde geworden in dem heiligen Dienste für
Frankreichs erhabene Herrscher und die Mutter fühlt aufs tiefste die Gnade
seine Stelle ersetzen zu dürfen«
»Madame« erwiderte der König »der Marschall von Crecy gehört zu den
Männern die selbst wenn sie aufhören persönlich zu repräsentiren ein
Eigentum des Vaterlandes bleiben deren Einfluss so unvergesslich ist als ihr
Name Müssen wir den Marschall entbehren so wissen wir ihm Dank Madame uns
durch Ihre Gegenwart entschädigt zu haben«
»Junger Mann« sprach er dann zu Leonin mit wohlwollendem Tone »wir freuen
uns den besten Namen unseres Frankreichs fortblühen zu sehen es ist ein Name
der Sie auszeichnet es ist zugleich ein Name den Sie zu fürchten haben da ein
Anspruch jeglicher Tugend mit ihm verknüpft ist der ein ernster Viel
fordernder Aufruf an Sie selbst wird«
»Sire der Wille ist Alles was ich Euer Majestät zu Füßen legen kann«
erwiderte Leonin mit glühendem Antlitz »aber er ist auf Frankreichs Boden von
seinen Wundern erzeugt ein Ausfluss dieser Segnungen der ihn zu Taten
ausprägen wird«
Der König streifte mit einem wohlwollenden Lächeln den jugendlichen Anlauf
dieser Rede und wendete sich zum Marquis Fenelon der in devoter Erwartung neben
dem jungen Geistlichen stand den Leonin mit so vielem Gefühle gegen Madame de
la Fajette sich hatte äußern hören
Diesen jungen Mann unterwarf der König der aufmerksamsten Prüfung und da er
ihn unverändert bescheiden ohne alle Bestrebung ohne alle Erwartung verharren
sah schien er sichtlich von seiner Erscheinung überrascht
»In Wahrheit mein lieber General« sprach er zu dem Marquis Fenelon »Sie
haben in Ihrem dreiundzwanzigjährigen Neffen einen Philosophen erzogen der das
graue Haupt der Weisheit beschämt Es tut mir leid zu hören dass Sie die
glänzenden Erfolge unterbrechen wollen die seine Kanzelreden sich mit Recht
erworben Ich habe selbst mit Vergnügen seine Rede Über die Wahrheit gegen
sich selbst gehört Ein wichtiges unendlich wichtiges Thema dem wir nicht
genug Aufmerksamkeit schenken können Und Sie Abbé Fenelon bedauern Sie es
nicht einen Schauplatz zu verlassen der Ihnen so bedeutende Erfolge gab«
»Mein Oheim« erwiderte der junge Abbé der später so berühmte Verfasser
des Telemach »hat sich mehr meinen Wünschen gefügt Es schien mir schwer der
Aufregung zu widerstehen in welche dieses öffentliche Auftreten mich versetzen
konnte Der Weg der mir vorliegt ist noch so weit ich habe noch keine
geistlichen Pflichten zu erfüllen gehabt diese Kanzelreden waren noch nicht
gerechtfertigt durch eigne Erfahrungen sie mussten mich zum Heuchler machen
zu einem bloß leeren Verbrauche des schon Vorhandenen führen von dem Wege
eigener Forschung mich ablenken«
»Den Charakter fremder bloß angenommener Überzeugungen trugen Ihre Reden
nicht« fuhr der König ernst fort »ein Geist der Inspiration belebte sie der
oft die Erfahrung überbietet und einer inneren Wahrheit selbst bei Ihrer
Jugend nicht zu entbehren braucht«
»Dies dürfte ich mir auch bis jetzt noch zugestehen« erwiderte ruhig der
junge Fenelon »Der Augenblick der uns zuerst vor versammelten Christen von den
göttlichen Dingen reden lässt deren Erkenntnis wir unser Leben weihten ist
gewiss von einem Hervortreten aller Kräfte begleitet Solche Augenblicke
überflügeln unsere Fähigkeiten sie verraten uns und Andern vielleicht was
erst die Zeit aus uns machen wird Aber ihr wirklich vorgreifen durch den
frühzeitigen Verbrauch dieser Stimmung ihre Dauer damit verlangen würde uns in
äußerliche Bestrebungen ziehen die gerade von der Entwicklung unseres Innern
ablenken müssten von der wir doch allein die fortdauernden Gefühle frommer
Begeisterung hoffen dürfen«
Der König betrachtete ihn mit einem Ausdrucke von Achtung den nur Fenelon
übersah da er ihn nicht veranlasst glaubte durch jene ruhige Erklärung die ihm
die eigenen Gedanken ganz erfüllte
»Gehen Sie denn Ihren Weg Herr von Fenelon« sprach Ludwig mit Wärme »Ihr
König wird Sie mit seinem Anteile begleiten und so bald Sie selbst sich reif
erklären wollen den Platz zu finden wissen welcher Ihnen den würdigen
Wirkungskreis sichert der einer solchen Entwicklung zusagend ist«
Eben wollte der König sich wegwenden da ging der Marquis Fenelon den
Monarchen an und bat ihn für seinen Neffen um die Erlaubnis in den geistlichen
Orden von St Sulpice in Paris treten zu dürfen um unter der Leitung des
Subpriors Tronçon das Stadtviertel dieses Namens bedienen zu können
»Erstaunenswürdig« rief der König »der beschwerlichste Dienst von ganz
Paris Herr von Fenelon Sie haben meine Einwilligung nur unter der Bedingung
dass Sie Versailles von Zeit zu Zeit zu Ihrem Kirchsprengel zählen«
Jetzt überzog wirklich ein freudiger Ausdruck das Antlitz des jungen
Fenelon Der König hatte ihn dem unscheinbarsten mühevollsten Dienste gewidmet
und als alle Hofleute ihm Glück wünschten damit die Entrées in Versailles
nicht verloren zu haben zeigte es sich dass der junge Fenelon diesen Nachsatz
überhört hatte und ihn jetzt erst und ohne alle Exklamationen erfuhr Man
bewunderte ihn laut aber mit der Überzeugung entweder einen Toren oder
einen vollendeten Heuchler vor sich zu sehen
Auf Leonin machte dagegen der junge Mann einen Eindruck der dem Vorwurfe
glich Diese Ruhe diese Haltung bei den sichtlichsten Zeichen der Gunst bei
dem Bewusstsein selbst dem Könige Bewunderung und Erstaunen eingeflößt zu haben
griff an sein unruhig klopfendes Herz Er sagte sich wie er durch den bloßen
Anblick dieses Hofes aus sich selbst verjagt ängstlich nach den Erfolgen des
Augenblickes haschend auf dem Wege sei sich mit der bloßen Nachahmung von
Zuständen zu begnügen die er mindestens als ihm selbst unverständlich erklären
musste Er war beschämt aber dies offene Geständnis rettete sein Selbstgefühl
und riss ihn aus der kleinlichen Richtung die ihn verwirrt hatte
Er bat Herrn von Dreux ihm dem jungen Fenelon vorzustellen er wollte dem
ehrend nahen dem er so eben Dank schuldig geworden
Als sie sich im Gedränge Platz machten erreichten sie ihn im Augenblicke
ernster Unterredung mit einer schönen jungen Dame die vor dem Jüngling in fast
devoter Stellung stand
»Ach mein Herr« sagte sie mit innigem Tone »Sie durften Ihrem Berufe
nicht misstrauen und wenn Sie nichts erreicht hätten als das Gemüt unserer
herrlichen Königin gestützt und gestärkt zu haben Dachten Sie nicht wie Sie
Ihren harterzigen Entschluss vollführten an das was ich Ihnen so viel früher
schon über den wunderbaren Eindruck sagte den die Königin von Ihren Kanzelreden
empfing Ach und wäre es nur dies gewesen da es doch so viel mehr noch war
was Sie erreichten es wäre genug um zu bleiben«
»Halten Sie ein mit Ihren Vorwürfen die so ehrend so rührend für mich sind
gegen die fest zu bleiben so schwer fällt Niemand bewundert mehr wie ich
die schöne Hingebung mit der Sie die teure Frau Königin umgeben doch lassen
Sie mich hinzufügen Sie erfüllen damit Ihren Beruf jede Überzeugung Ihrer
Seele fällt mit Ihren Pflichten hier zusammen Nicht so bei mir Ich hörte auf
meinem Berufe etwas zu sein wenn ich mit der gelegentlichen Einwirkung auf eine
Einzige mich begnügen wollte Der Geist treibt mich anders In diesen geringen
Hofverhältnissen würde ich verschmachten oder falsche Keime treiben und dann
ginge ich auch der Königin verloren«
»O Ihr Männer« rief hier die junge Dame und sandte aus Ihren schwarzen
glänzenden Augen einen seltsamen Blitz halb Unwillen halb Bewunderung
ausdrückend auf Fenelon »es ist vergeblich einen von Euch über den andern
erhaben zu glauben am Ende seid Ihr Euch alle gleich Das Nahe der sichere
kleine Erfolg sei er so schön so edel als Ihr zu träumen vermochtet er reizt
Euch nicht Ihr verwerft ihn Weit in die Ferne müsst Ihr Pläne und
Unternehmungen richten ein Weltruhm muss Euch zu Teil werden wenn Euer
ehrgeiziges Herz befriedigt werden soll«
»Ob ich vom Ehrgeize frei bleiben werde mag Gott wissen« erwiderte der
junge Fenelon »Der Trieb der uns zu unserer Entwickelung mit Sehnsucht mit
Eifer mit Entzücken die Füllhörner nach allen Richtungen ausstrecken lässt um
das zu erkennen was uns förderlich werden könnte der Trieb ist schön und
herrlich ihn möchte ich nicht jetzt schon durch die Befürchtung in mir
verdächtigen er könne Ehrgeiz werden«
»Unverbesserlicher« rief das junge Mädchen »Ich hätte Viel darum gegeben
wenn ich Ihnen böse werden könnte denn Sie haben mich empfindlich gekränkt
durch Ihr stolzes Zurücktreten Aber warum sind Sie so unerträglich sanftmütig
ich sollte es gar nicht unternehmen mit Ihnen zu streiten ich behalte
niemals Recht«
»Und doch haben Sie eben so Recht als ich und Keiner sollte dem Andern
zürnen wollen weil er gern seiner Pflicht getreu bleiben will es muss uns
nicht über unsere Absicht verwirren dass wir in verschiedener Richtung sie
erfüllen müssen Ich verehre Sie so sehr in Ihrer treuen Anhänglichkeit an die
Königin dass ich selbst die gegen mich gerichteten Vorwürfe fast gern höre denn
sie sind eine Konsequenz Ihres vortrefflichen Innern«
»Ich will nicht von Ihnen gelobt sein Sie wissen doch nicht wie ichs
meine kein Mensch braucht das zu wissen sie sind mir hier alle gleich Aber
Sie Fenelon obwohl ich Sie jetzt hasse Sie hätten mein Verbündeter bleiben
müssen«
»Und das bleibe ich wenn Sie mich auch jetzt zurückstossen Ihr Herz denkt
anders und vielleicht treffen unsere Wege noch einmal wieder zusammen«
»Mit dem Geistlichen von St Sulpice« erwiderte sie fast weinend »Wo
soll ich den wiederfinden Nein nein ich will gleich und für immer von Ihnen
Abschied nehmen Adieu Fenelon stolzer Fenelon« Sie wollte gehen sie
blieb stehen kindlich lächelnd setzte sie halb leise hinzu »Lieber Fenelon
kommen Sie morgen noch zur Königin«
»So lange ich in Versailles bleibe alle Abende« sagte der junge
Geistliche
»O Sie guter edler bester der Menschen« rief sie und wendete sich von
ihm in dem Augenblicke wie Herr von Dreux mit den Worten vortrat »Herr von
Fenelon der Graf von CrecyChabanne wünscht Ihnen vorgestellt zu sein«
Die junge Dame blieb stehen der kälteste hochmütigste Blick dieser
glanzvollen Augen streifte Leonin sie erwartete seine Anrede mit der
bizarrsten Verletzung der Schicklichkeit wendete sich dann so geringschätzig
als möglich ab und war bald unter der Menge verloren Kaum war seine flüchtige
Unterredung mit Fenelon vorüber als er gespannt erschrocken fast Herrn von
Dreux fragte wer die Dame gewesen mit der Fenelon gesprochen habe
»Es ist die Tochter des Herzogs von Lesdiguères das erste Hoffräulein der
Königin und trotz ihrer Jugend die Freundin und Vertraute der erhabenen Frau«
Als er zu seiner Mutter zurückkehrte fand er sie im Gespräche mit einer
älteren und einer jungen Dame in Letzterer erkannte er Mademoiselle de
Lesdiguères Die Marschallin von Crecy rief ihn sogleich heran »Madame« sagte
sie zu der älteren Dame »erlauben Sie dass ich Ihnen meinen Sohn vorstelle
Die Frau Herzogin von Lesdiguères« wandte sie sich zu Leonin »hat Deine Mutter
von Jugend auf mit ihrer Freundschaft beglückt Schon von Fräulein von Reetz
genoss Fräulein Soubise diesen Vorzug jetzt nach langer Trennung finden wir
uns wieder«
»In Wahrheit« rief die alte Dame den Jüngling mit vielem Kopfnicken
begrüssend »Mademoiselle de Soubise war unser aller Bijou als wir
Kostgängerinnen waren bei den Ursulinerinnen und es freut mich dass ich in
Ihnen einen schönen jungen Mann sehe das wird Ihnen lieb sein meine Teure
denn immer hatten Sie ein stolzes Herz wie Ihnen das zukam und ich es gern
leiden mag Victorine« fuhr sie fort Leonins Antwort unterdrückend und sich
zu ihrer Tochter wendend »Du musst mit dem jungen Manne gut Freund werden was
die Mütter anfingen müssen die Kinder fortsetzen«
»So viel Güte so viele glückliche Aussichten zu verdienen und zu
rechtfertigen« erwiderte Leonin fast seine Worte aufdrängend »wird eine
schwere aber zu teure Aufgabe sein um nicht mit allen Kräften nach ihrer
Lösung zu ringen«
»Bemühen Sie sich nicht darum« erwiderte Mademoiselle de Lesdiguères
»ich liebe so etwas nicht mit anzusehen Auch denke ich hat Madame de Crecy
eine Tochter der ich mich schon anschließen will«
Alle lachten bei diesen Worten und das Fräulein selbst sah nicht so bös
aus als ihre Worte klangen
»So stolz zurückgestoßen« rief Leonin »fordern Sie mich gerade damit zum
Kampfe auf Ich gelobe Ihnen hiermit feierlich wie Sie auch meine kleine liebe
Louise mir eben vorziehen ich will nicht eher ruhen und rasten als bis Sie
gerade Sie meine Freundin sind«
Sie sah ihn hochmütig an lachte aber dann einen Augenblick mit den Andern
und indem sie Louise an sich zog rief sie »Ist das der liebenswürdige Bruder
von dem Du mir so Viel erzählt hast Ich erkläre ihn für den anmassendsten Mann
des Hofes«
»Tun Sie was Sie wollen« lachte Leonin »mein Entschluss bleibt derselbe
und ich rate Ihnen machen Sie sich den Rückschritt nicht zu schwer indem Sie
sich so weit von mir entfernen«
Victorine zuckte mit den Achseln und überflog ihn mit halbem Lächeln Die
Marschallin aber bemerkte Leonin voll Erstaunen die ein so formloses Wesen
sonst nur allzu schnell mit einigen Worten würde zu dämpfen gewusst haben sah
mit der huldvollsten Miene auf das junge Mädchen und lachte mehr als sie sonst
für schicklich gehalten hätte Madame de Lesdiguères aber schien überhaupt von
völlig ungezwungenen Manieren keine Rücksichten zu kennen als die ihr bequem
waren
»Sagt ich es Ihnen nicht liebe Soubise das Mädchen hat einen Kopf von Erz
den will ich sehen der etwas Anderes hineinbringt als was sie selbst
hereintut Aber ich war eben so und es macht mir jetzt Spaß dass sie vor
meinen alten Augen meine alten Jugendstreiche mir wieder vorspielt«
Es war der Frau Herzogin schwer zu glauben dass sie wie ihre Tochter
gewesen wenigstens dass es ihr so gut gekleidet denn man konnte keinen
größeren Gegensatz sehen als diese kleine kugelrunde Gestalt gegen den hohen
schlanken Wuchs der Tochter und ihr blasses regelmässiges Gesicht gegen das
breite rote verzeichnete Gesicht der Mutter dabei zeigte die Tochter nur
eine nötige Eleganz die Mutter aber war mit Perlen Juwelen und Stickereien
beladen und trug dies alles ungeschickt an sich herum wie eine schwere aber
notwendige Pflicht
»Nun Marschallin« fuhr sie fort »das soll ein Spaß werden zuzusehen wie
die Beiden sich necken werden So machte ich es auch mit Monsieur de
Lesdiguères der damals noch nicht Herzog war Man hätte denken können wir
hassten uns aber nichts weniger als das In Jahr und Tag war ich seine
Gemahlin«
Sichtlich bemüht diese Worte zu unterbrechen hatte die Marschallin
versucht sich Victorinen zu nähern die glühend vor Zorn Leonin den Rücken
zugewendet hatte als der König plötzlich Victorinen entgegen trat Die
Etikette verhinderte jetzt jeden Schritt aber auch jedes Wort und so war die
alte Herzogin wenigstens zum Schweigen gebracht
»Es scheint mir ein gutes Zeichen für das Befinden der Königin Sie hier zu
sehen« sprach Ludwig und legte eine auffallende Verbindlichkeit in seinen Ton
Victorine verneigte sich bis zur Erde und blieb dann starr mienenlos ohne
einen Laut zu erwidern vor dem Könige stehen
»Haben Sie die Königin bei ihrer heutigen Spazierfahrt begleitet« fuhr er
nach einer Pause fort in welcher er unruhig auf Antwort gehofft hatte
»Zu Befehl« entgegnete Mademoiselle de Lesdiguères mit festem kaltem Tone
»Doch dauerte diese Fahrt nicht lange Ihre Majestät ließ an dem Hotel Biron
umlenken da der Wagen durch den Ausbau des Palais von Gerüsten und Arbeitern am
Weiterfahren gehindert ward und da die Frau Königin sich nach der Rückkehr übel
befanden so befahlen Sie uns Madame Ihre Entschuldigungen zu bringen und
behielten allein Molina ihre spanische Kammerfrau bei sich«
Der König hörte gespannt und mit sichtlicher Unruhe zu »Ich fürchtete das
nicht obwohl man mir sagte dass die ungebührlichen Bauanstalten vor dem Hotel
Biron die Königin belästigt hätten Die strengsten Befehle sind gegeben sie
spurlos zu beseitigen Ich werde die Königin heute noch besuchen und sehe Sie am
liebsten in der Nähe meiner Gemahlin«
»Vielleicht« erwiderte Mademoiselle de Lesdiguères mit plötzlich
verändertem Wesen und freudestrahlenden Augen »erlauben Euer Majestät dass ich
mich sogleich zu meiner gnädigen Gebieterin begebe sie auf diese Freude
vorzubereiten«
»Tun Sie das meine Liebe Ich weiß Sie sind uns beiden ergeben«
erwiderte der König mit der huldvollsten Herablassung und die junge Dame
verneigte sich und war augenblicklich verschwunden
Es lag ein Schatten auf der Stirn des Königs und Niemand wagte ihm zu nahen
als Henriette von England vortrat und der König in demselben Augenblicke die
Töne eines im Nebenzimmer beginnenden Koncerts hörte Mit der verbindlichsten
Anmut nahm er die Einladung der Prinzessin an und folgte ihr in die
Zauberhallen die sich vor ihm öffneten und aus denen hinter den vollsten
Gebüschen von Orangen Rosen und Myrten die hinreissendsten Gesänge und
Musikstücke erklangen die Jean Baptiste Lully mit seinem wohlgeübten Orchester
aufführte und von denen der König der den Künstler zu seinem Kapellmeister und
Liebling erhoben hatte stets sich entzückt zeigte Er war der Schöpfer der
französischen Musik der alle die damals angestaunten Wunder der Töne
Modulationen und Tempi ersann wie sie vor ihm nicht existiert hatten Während
dem führten in den anmutigsten Windungen die schönsten Kinder als Genien
gekleidet pantomimische Tänze zwischen den Gebüschen auf welche in sinnvollen
Gruppen in leisem flügelartigem Dahinschweben wie personifizirte Töne die
Harmonieen des verborgenen Orchesters zu verstärken schienen Es war kaum
möglich dass der König bei einem Feste gegenwärtig sein konnte ohne irgend eine
schmeichelhafte Beziehung für sich zu erfahren Doch dies Mal war es schwer sie
zu entdecken denn das ganze reizende Schauspiel zog sich wie eine
Chiffernsprache vor den Augen der Andern hin Madame schien allein den Schlüssel
dazu zu haben und mit anmutigen Worten und Mienen während der Dauer der
Aufführung dem Könige die Erklärung zu geben Alle Übrigen sahen nur eine
Pantomime Einmal zeigten sich die Wappen Englands und Frankreichs beide wie
angedeutet war auf französischem Boden dann schwebte der Genius der
Gerechtigkeit herab und löste das englische Wappen vom französischen Boden
damit entfliehend Das französische Wappen wuchs und Genien umkränzten es
»Habe ich nicht Recht mit Dünkirchen« flüsterte der Marschall Tessé dem
Herzoge von Rochefaucault zu »die schlaue Prinzessin hat Seiner Majestät die
Schlüssel von Dünkirchen übergeben und nun muss die Gerechtigkeit das Wappen
Englands vor den Augen des Königs von dem Boden Frankreichs fortschleppen«
»Ja« lachte der Herzog »hier besiegt immer Einer den Andern ich halte
heute Fräulein von Lesdiguères für die Siegreichste in diesem Kreise«
»Das macht weil sie eine schon halb überwältigte Festung vorfand« fiel ihm
der Marquis de Souvré ins Wort »ich möchte nicht derjenige sein der die
Befehle für die Ausstattung des Hotel Biron überschritt«
»Sollen denn die Bevollmächtigten eines königlichen Willens der selten den
kleinsten Aufschub gestattet auch bedenken welche Veränderung ein solcher
Wille in vier und zwanzig Stunden erleiden kann« sagte der Herzog von
Rochefaucault
»Nun« meinte Madame de Sablière »die Nerven der Königin hätte ich mir
abgehärteter gedacht Die neue Herzogin von Lavallière wird ihr Hotel nur vier
und zwanzig Stunden später beziehn und Nichts wird unterbleiben was hier
eingeleitet ist Wenn die Erschütterung vorüber die Seine Majestät durch den
Unfall der Königin erfahren werden die Anstalten ihren alten Gang vorwärts
gehen«
»Darunter wird Niemand mehr leiden als Madame de Lavallière selbst«
bemerkte der Marquis de Souvré »in ihr möchte Seiner Majestät das größte
Hindernis zu besiegen haben«
Alles horchte auf und blickte den Marquis erwartungsvoll an Jeder war
überzeugt er wisse mehr man wünschte er teilte sich mit doch schwieg er
mit der überlegenen Miene mit der er sich stets zu sichern schien und
geschäftig trat ein Kammerdiener von Madame an ihn heran und rief ihn zur
Prinzessin
Der König hatte sich erhoben Obwol das obige Gespräch nur flüsternd vorging
und durch hunderte von Menschen vom Könige getrennt war so schwieg dennoch
augenblicklich Jeder als er sich erhob und sein königlicher Blick die
Versammlung überflog
»Die Prinzess de Lesdiguères hat gesiegt« sagte der Herzog von Rochefaucault
»er nimmt Abschied von Madame und geht zur Königin«
»O« rief der Graf Guiche »wie schwer mag es ihm werden die einsam
weinende Lavallière ohne Trost lassen zu müssen Welche Widersprüche mögen sein
edles gefühlvolles Herz bewegen«
»Sein Sie nicht zu gefühlvoll Graf Guiche« lächelte der Herzog »Solch
hervorstechendes Mitgefühl richtet die Blicke auf Sie man macht Folgerungen
man glaubt Sie zu verstehen genug das sind alles Dinge die ein junger Mann
wie Sie nicht gebrauchen kann Nähern wir uns lieber jetzt der König ist fort
Madame sucht ihre zurück gebliebenen Freunde«
Als Leonin spät in der Nacht die Zimmer der schönen Henriette von England
verließ und sich endlich in den seinigen allein sah wollte er es unternehmen
an Fennimor zu schreiben da am andern Tage sein vertrauter Diener nach Ste
Roche gehen sollte beladen mit den anmutigen Schätzen die Paris dem
Reichtume darbot Aber er suchte sich vergeblich dazu zu sammeln Der König
Madame Henriette sein eigenes Betragen Fenelon und vor Allen die junge
Prinzessin von Lesdiguères traten mit Ansprüchen an seine Gedanken dazwischen
die er nicht abzuweisen vermochte Er war nichts weniger als zufrieden mit sich
er hatte es weder vermocht sich dem neuen Tone anzuschließen wie es seiner
Eitelkeit genug getan hätte noch war er sich selbst getreu geblieben den
Zwecken und Absichten gemäß die er verfolgen musste um Fennimors Glück zu
begründen Die Ausbeute des Augenblicks hatte ihn allein in Anspruch genommen
Er war sich einer Menge Vorsätze und Einflüsterungen bewusst die er mit
innerlicher Heftigkeit verfolgt hatte und deren Gelingen notwendig eine andere
Zukunft herauf führen musste
Er trat an das Fenster um Luft zu schöpfen Es war eine milde Nacht wie
sie der Winter Frankreichs zu erhalten weiß Das Palais Crecy gestattete einen
Blick auf die Gärten von Versailles Die geschnittenen Bäume und Hecken
behielten Körper und gaben Schatten obwohl vom Laube entkleidet und der Mond
zeichnete sie auf den zierlichen Parterres der Gärten während über die dunkeln
Bassins Schwäne segelten als zögen sie den Sternbildern nach die auf dem
ruhigen Spiegel vor ihnen schimmerten Dahinter lag das große Schloss mit
seinen vorspringenden Pavillons mit allen Vorzügen die der Mondschein der
Architektur verleiht anscheinend in Stille versenkt von keinem Lichtschimmer
mehr erhellt
»O« rief Leonin zur Ruhe gesprochen von diesem unerschütterlichen Walten
der Natur »wie ist Dein Bereich das einzig wahre Element für eine bessere
menschliche Existenz Wie findet man in Dir Harmonie und Gleichmaass der
gestörten Empfindung wieder wie gibst Du uns unsern bessern Teil zurück
wenn in dem Bereiche der Menschen Alles verdrängt und verjagt wird was in ihre
angekünstelten Zustände störend eingreifen will Und doch haben sie Macht über
mich« fuhr er schmerzlich fort »doch ward ich von ihnen verführt und trachtete
in ihnen unterzutauchen so groß ist ihr falscher Schein«
»Fennimor mein unschuldiges reines Naturkind wie würdest Du erstaunt
Deinen Liebling anblicken und das Zeichen fühlen das der Böse macht um seine
Opfer wieder zu erkennen O sende Deine Engel« rief er die Hände ringend
»damit ihre Tränen es auslöschen«
Er blieb so stehen mit einem Schmerze der größer war als ihn dieser Abend
hatte verschulden können Aber er strafte die Ahnung daran geknüpfter größerer
Verschuldungen für die Zukunft und Leonin schob die Schwäche mit der er sich
diesen Lockungen hingegeben auf Rechnung ihrer Stärke Er erkannte nicht dass
wenn er einen Charakter gehabt hätte er ihn gerade da hätte behaupten können wo
die verschiedensten Elemente Platz neben einander fanden Er vergaß dass Fenelon
in der Einsamkeit seines Studirzimmers wahrscheinlich eben so war wie er ihn
vor dem Könige gesehen und er hob jetzt die eitle triviale Seite so stark
hervor nicht allein um sich damit zu trösten sondern weil ihr anmassendes
Hervortreten ihr scheinbarer Glanz ihm am schnellsten imponirt hatte weil er
durch den Versuch sich ihr anzuschließen in seiner eignen Achtung verlor und
diese auf dem falschen Wege wieder zu erlangen trachtete dass er sich das Maß
der Versuchung vergrößerte
Wie aber halbe Selbstgeständnisse immer einen trüben Grund zurücklassen und
die Mittel zu unserer Besserung verdecken so fühlte Leonin auch jetzt keine
Erquickung von seinem Selbstgespräche sondern ein Zürnen mit der Außenwelt und
doch ein Verlangen nach äußerer Hilfe und so entstand eine lange nicht
empfundene Sehnsucht nach Fennimor und wenn sie dies Gefühl auch nicht auf dem
reinen Wege erreichte der ihr gebührte so führte es ihn doch zu ihr zurück
er verschloss das Fenster und eilte an seinen Schreibtisch Hier lag ihr letzter
Brief Dieses holde Reden mit ihm was ihr Leben geworden war diese
rührenden arglosen Liebesbeweise diese Erinnerungen an jede Stunde deren
Wichtigkeit sie von ihm geteilt glaubte wie trafen sie sein Herz da er sie
erst jetzt las oder früher übersehen hatte weil er sich nicht gleich die
Beziehungen zurück rufen konnte
»Den EudoxienTurm habe ich ganz herstellen lassen« schrieb sie »ohne dass
man die Überreste der armen Gemordeten berühren durfte Der Kamin ist geräumt
täglich erhellt ihn die Flamme und der Altan ist nun auch ein schönes Plätzchen
geworden Wenn die Sonne scheint trete ich hinaus und übersehe den Weg den ich
Dich zuletzt dahin eilen sah und fühle dann an meinem Herzen einen Schmerz der
so wehe tut wie die blutende Wunde der armen Eudoxia Dann bete ich oft vor
ihrem kleinen Betpulte und bitte Gott um ein frommes Herz damit ich Dich nicht
Deinen Pflichten entziehe sondern stille harre bis der Segen der Eltern Dich
zu mir zurück führt Wie viel Tränen mag hier die arme Eudoxia geweint haben
Wenn ich das kleine kunstreiche Pult betrachte so denke ich oft ich müsse die
Spur ihrer Tränen noch darauf entdecken können und als ich sie heute Morgen
wirklich entdeckte erschrak ich fast denn ich hatte vergessen dass es meine
eigenen waren
Den Harfion hat mir ein Mönch aus der Abtei Tabor neu besaitet Er lehrt
mich die Stimmung und die eigene Weise ihn zu spielen Schon habe ich
Fortschritte gemacht da ich aber nur in Eudoxiens Zimmer spiele so ist mein
Fleiß nicht groß«
In dieser Weise waren viele Blätter angefüllt zierlich und fein geschrieben
mit der eigentümlichen Geradheit der Linien und Buchstaben die ihren
Schriftzügen fast eine Portraitähnlichkeit mit ihrem ganzen Wesen gaben Leonin
vertiefte sich in sie und die nur verdeckt liegende Empfindung für sie wurde
erweckt durch das süße kleine Wellengekräusel ihrer Worte Er fühlte sich der
Liebende wieder und was er schrieb trug den Charakter dieser Empfindung
Als Leonin am andern Morgen sich anschickte zu seiner Mutter zu gehen war er
fester wie früher entschlossen ihr jesst selbst seine Verbindung mit Fennimor
anzuzeigen und ihren Rat ihren Beistand zur Ausgleichung dieser Verhältnisse
aufzurufen Gehoben durch diesen Entschluss fühlte er sich zufriedener und
sein Ausdruck gewann unwillkürlich an Ernst und Würde
Als er den kleinen Salon betrat in welchem die Marschallin ihre
Morgenstunden zubrachte ruhte sie behaglich auf einem Armstuhle in der Mitte
des Zimmers dem Fenster zunächst an welchem Mademoiselle Louise auf einer
kleinen Erhöhung saß in eine nebelartige Draperie gehüllt das Haar halb
aufgelöst und mit einigen Blumen phantastisch geschmückt Vor ihr saß ein junger
Mann mit Palette und Pinsel und vollendete vor dem reizenden Originale ein
großes Portrait der liebenswürdigen Louise Die Marschallin überlief ihren Sohn
nur mit einem Blicke und wusste gleich es solle heut Entdeckungen geben die
sie nicht hören wollte Sie erhob daher ihre Stimme augenblicklich noch mehr als
zuvor um dem Sohne anzudeuten dass sie inmitten einer Rede sei und reichte ihm
bloß lächelnd die Hand zur Bewillkommnung
»Ich sage Ihnen aber mein lieber Lesüeur Ihre ewigen Grillen mit dem armen
Lebrun sind aus der Luft gegriffen er denkt nicht daran Sie beim Könige
verkleinern zu wollen Gestern Abend noch sagte Seine Majestät er habe von dem
schönen Portrait gehört das Sie von Mademoiselle Louise machten und ich
erhielt die Erlaubnis es ihm präsentiren zu dürfen«
Der Eindruck den Lesüeur von dieser Hoffnung erhielt war sichtlich
erheiternd Er stand auf und neigte sich tief vor der Marschallin und Leonin
hatte nun Gelegenheit sich dem berühmten Künstler zu nahen dessen damals sehr
bewunderte Bilder aus dem Leben des heiligen Bruno für das Kartäuserkloster in
Paris ihn zu einem Rival Lebruns gemacht hatten dessen glänzendes Genie
Keinen neben sich dulden wollte
Aber schon trug Lesüeur die Farbe der Krankheit die seinem Leben ein frühes
Ziel setzte auf dem Antlitze Seine Wangen waren eingefallen und ein Paar
kränklich rote Flecke unter den Augen contrastirten Unheil verkündend mit der
gelblichen Farbe der Haut Doch konnte Niemand dieses edle Opfer unermüdlichen
Fleißes ohne Anteil und Achtung betrachten Diese seelenvollen großen
schwarzen Augen schienen um den Mangel der physischen Kraft zu klagen die der
sprudelnde Geist zu seinen Schöpfungen begehrte Seine schlanke magere Figur
war frühzeitig gebeugt seine Kleidung immer zu weit und wenn auch sauber doch
zerstreut angelegt ohne die Verheerungen zu verbergen welche schon von dem
Vorschreiten der Krankheit zeigten Seine Sprache war abwechselnd rau oder
leise und schwach die kleinste Veranlassung schreckte ihn auf und erfüllte ihn
mit Einbildungen Er hielt sich verfolgt und gekränkt er misskannte seine
Erfolge und glaubte sich von Niemand geschätzt und gewürdigt Auch tat Lebrun
Manches gegen Nichts für ihn welches ihm um so leichter durchzuführen wurde
als er der Modemaler geworden war dessen Name die Menge von der Notwendigkeit
erlöste selbst zu prüfen und ihr die Bequemlichkeit sicherte eine Bewunderung
zeigen zu dürfen die sie nicht nötig hatte zu beweisen da der Name Lebrun für
ihre fehlende Beurteilung gut sagte
Eben hatte Lesüeur der Marschallin geklagt wie Lebrun ihn verfolge und
Wahrheit und Täuschung mengten sich krankhaft durch einander was die kluge
Frau die herrschende Mode Künstler und Gelehrte zu beschützen mitmachend mit
voller Beredsamkeit in Lesüeur zu mildern gesucht hatte
»Hier mein Lieber« sprach sie zu ihrem Sohne »eilen Sie die angenehme
Bekanntschaft unsers berühmten Lesüeur zu machen und bewundern Sie dann das
bezaubernde Bild von Mademoiselle Louise welches wir ihm verdanken werden«
Dies tat Leonin mit der ganzen Freundlichkeit die seinem wohlwollenden
Herzen so natürlich war und berührte dadurch das Gemüt des Künstlers wahrhaft
erquickend aber noch wohler tat ihm das Entzücken mit welchem Leonin das
Portrait seiner geliebten Louise betrachtete das wenn auch im Geschmacke der
Zeit etwas nebelartig und phantastisch aufgefasst doch keinem Zeitgenossen
anders als ein vollendetes Kunstwerk erscheinen konnte
Er nötigte Lesüeur an seine Arbeit zurück zu kehren und nahm an seiner
Seite Platz mit Interesse die fortschreitende Arbeit des Künstlers verfolgend
»Und dieser Mann den Sie mit Recht so bewundern mein Sohn« fuhr die
Marschallin im trockenen Protektionstone fort »können Sie denken dass er mich
den ganzen Morgen schon in Arbeit erhält um ihm seine törichten Einbildungen
zu verjagen weil er sich überredet Lebrun sei Schuld dass der König seine
schönen mytologischen Bilder für das Hotel Lambert nicht erlaubt hat im Louvre
auszustellen«
»Ach Madame« seufzte Lesüeur leise »Euer Gnaden sind so gut dass Sie von
der Bosheit der Menschen keine Vorstellung haben der Herzog von Rochefaucault
war ja schon völlig von der Einwilligung des Königs überzeugt als er plötzlich
über die ganze Sache schwieg und endlich die Achseln zuckte Was konnte das
Anderes bedeuten als dass Seiner Gnaden mir den Grund verschweigen wollten«
»Wie das nun aus der Luft gegriffen ist und eigentlich Nichts beweist« fuhr
die Marschallin fort »Der Herr Herzog kann ja so viel verschiedene Gründe
gehabt haben zu schweigen wie Seiner Majestät es abzuschlagen«
»Ja« sprach Lesüeur heftig »aber le Beaume der Kammerdiener Seiner
Majestät sagte mir Lebrun habe an dem Tage eine Audienz bei dem Könige gehabt
Da wird Seiner Majestät ihn über den Wert der Bilder befragt haben und Lebrun
wird sie der Ehre unwert erklärt haben im Louvre ausgestellt zu werden«
»Nun weiß Gott« rief die Marschallin lachend »wenn solch ein
eigensinniger Künstler Recht haben will dann wird ihm die gesunde Vernunft
selbst dienstbar seine tollen Behauptungen zu unterstützen Klingt es nicht
als ob er Recht hätte Und doch ist es nicht wahr das möchte ich beschwören
Und ich will es heraus bekommen verlasst Euch darauf Und ist es so schaffe ich
Euch Genugtuung der Gram soll nicht auch noch an Eurem Herzen nagen«
»Ach« rief Lesüeur »es hat mein Herz so tief getroffen dass Hilfe zu spät
kommt fürchte ich Ich bin öffentlich lächerlich damit gemacht verachtet und
dem Hofe bloß gestellt Denn schon hatte sich das Gerücht dieser Ehre
verbreitet und ich hatte Glückwünsche darüber empfangen Wollte Gott ich wäre
weit weg von Paris Die Steine auf der Straße sehen mich an und ich zittere
irgend wem zu begegnen der mich kennt«
»In Wahrheit Lesüeur« erwiderte die Marschallin als der kranke Künstler
ermattet sich in seinem Stuhle zurücklehnte und große Schweißtropfen seine
Stirn bedeckten »es wäre besser Ihr verliesset auf einige Zeit Paris und
statt zu arbeiten genösset Ihr etwas die Landluft die Euch trotz der
vorgerückten Jahreszeit bei der Milde dieses Winters zusagen würde Geht auf
meinen Plan ein und ich gebe dem Intendanten Befehl auf meinem Schloss Moncay
Alles zu Eurem Empfange bereit zu halten Dort geht und fahret spazieren und
begleitet die Jäger zur Jagd Ihr seid in Wahrheit krank und habt eine
Krankheit die Paris das Louvre und Lebrun heißt und die Ihr nur los werdet
wenn Ihr ihr entlauft«
Lesüeur war tief bewegt zu sehr um seiner Stimme vertrauen zu können Er
arbeitete deshalb still fort und wenn er den engelschönen Ausdruck von Louisens
teilnehmenden Augen zu kopiren vermocht hätte musste dies Bild allein ihn
unsterblich machen
Leonin aber fühlte sich bezaubert von dem Talente des Künstlers und je mehr
er sich überzeugte Louise selbst in all ihrer Schönheit und Jugend und dem
rührenden Ausdruck ihrer Seele trete aus der Leinwand hervor um entfernt von
dem Originale Jedem zu sagen welch ein reizendes Wesen sie sei je glühender
fühlte er das Verlangen so Fennimors Bild zu besitzen und die Hoffnung auf
diese Weise seiner Mutter einen vorteilhaften Eindruck zu geben unterstützte
immer entscheidender sein eigenes Verlangen
Belebt von diesem Zwecke suchte er ein Gespräch mit Lesüeur einzuleiten und
sein Vertrauen zu gewinnen auch war dies nicht schwer Krankhaft reizbar war
er eben so empfänglich für eine edle Behandlung der seine eigene Richtung
vollkommen entgegen kam Er zeigte eine feine künstlerische Bildung ein
vollkommenes Studium der klassischen Kunst und obwohl er Frankreich nie Paris
kaum verlassen hatte kannte er doch aus Kupferwerken und Kopien die
italienischen Schulen betete Raphael als seinen Schutzheiligen an und glaubte
vorzüglich in diesen letzten mytologischen Bildern die Erfolge seiner Studien
dargetan zu haben
Als die Sitzung aufgehoben war begleitete ihn Leonin und beredete ihn sein
Zimmer zu betreten unter dem Vorwande seine Equipage zu bestellen um den
sichtlich erschöpften Künstler nach Hause bringen zu lassen Hier kam er auf
den Plan der Marschallin zurück dass Lesüeur aufs Land gehen solle und schlug
ihm endlich vor Ste Roche statt Moncay zu wählen und abwechselnd dem
Umherschwärmen im Freien und einer Arbeit zu leben die er ihm dort aufzutragen
dächte
Lesüeur war hingerissen von Leonins Betragen voll Sehnsucht Paris zu
verlassen Das Portrait der Mademoiselle Louise war fertig vorläufig hielt ihn
Nichts und ehe sie sich trennten hatte Leonin sein Wort Die Abreise des
Kammerdieners ward einen Tag aufgeschoben damit er Lesüeur mit aller Sorgfalt
die seine Gesundheit erforderte nach Ste Roche begleiten könnte
»Was Sie dort für Arbeit finden wird Ihnen ein Brief mitteilen den Sie
unterwegs lesen werden« setzte Leonin lächelnd hinzu »seien Sie sicher der
Gegenstand wird Sie begeistern«
In diesem Briefe verläugnete er Fennimor als seine Gemahlin nicht doch mit
dem ausdrücklichen Verlangen hierüber noch das größte Geheimnis zu bewahren
Erst als er Alles zu dieser Reise bei seinem gewandten Kammerdiener
eingeleitet hatte fühlte er sich geneigt zu seiner Mutter zurück zu kehren
Die Marschallin hatte seine Rückkehr nicht erwartet und war einen Moment
unangenehm davon überrascht denn sie sah es ihm an er bestand hartnäckig auf
seinem Vorsatze ihr Vertraun zu erzwingen und sie musste Anderes ersinnen ihn
abzulenken
»Nun mein Lieber kommst Du jetzt Dir gnädige Strafe von Deiner Mutter zu
holen« rief sie ihm entgegen
»Wenn meine geliebte Mutter die Gnade hat mir zu sagen womit ich sie
verschuldet habe« rief er arglos und von dem leisesten Lächeln dieses spröden
Mundes wie bezaubert setzte er sich mit der größten Zärtlichkeit in Blick und
Miene an ihre Seite
»Nun« sagte die Marschallin mein Tadel wird nur die Bestätigung davon
sein dass Frankreich das vollkommenste Land der Erde ist dass man alle Länder
alle Höfe bereist haben kann und doch an dem hiesigen Hofe als ein Neuling
erscheinen und die Schule von Vorne durchmachen muss Sie sah bei diesen Worten
anscheinend ruhig vor sich nieder doch entging es ihr nicht wie Leonins
Antlitz mit Purpur überzogen ward und er die empfindlich glänzenden Augen
unruhig auf und nieder schlug
»Ich bin bekümmert lassen Sie mich hinzusetzen erstaunt zu erfahren dass
ich diese Betrachtung auf mich anwenden soll« erwiderte er endlich »fremd
habe ich mich allerdings bei Hofe noch gefühlt aber dies schien mir keine
Verschuldung oder doch eine solche die alle Andern gegen mich teilten«
»Das war es eben mein Lieber Sie lassen sich imponiren Sie zeigen keine
Haltung Sie sind nicht bei sich und reflektiren sich selbst mit einem Worte
Sie haben nichts Vornehmes in Ihrer Art und Weise Ein Vornehmer mein Lieber
muss nie in den Fall kommen mit irgend Etwas fremd zu sein Er muss überall mit
ruhiger Gleichgültigkeit zu Hause scheinen er muss mit sich selbst ein
bestimmtes von den Grazien des Anstandes gelehrtes Gefallen treiben das ihm
Unterhaltung und Beschäftigung gewährt und das Publikum zu ihm heranzieht
dessen Teilnahme er benötigt ist Sie müssen nie daran denken sich dem Einen
oder Andern anzuschließen Sie Sie selbst müssen da stehen dass man sich an Sie
anschliesse Dazu gehört dass Sie zu Anfange sich kalt in sich zurückziehen dass
Niemand erfahre ob oder was für Meinung Sie haben dass man sich Ihnen nähert
sie zu erfahren dann werden Sie Sicherheit bekommen Ihre Meinungen
auszusprechen und diese müssen entscheidend untrüglich und Alles überrennend
sein Sie müssen damit das Programm verteilen wie man sich gegen Sie zu
verhalten hat und in welcher Weise Sie sich verhalten wollen Ob dabei
Ihrerseits Irrtümer nachzuweisen sind ist vorläufig gleichgültig Irrtümer
sind besser wie Unsicherheit und stehen Sie erst fest und wollen Etwas ändern
so steht Ihnen dann das Recht zu jede Laune einzuschalten«
Vielleicht war es Fennimors guter Engel der herbei eilte und mit seinen
Tränen das neue Zeichen wegzuwischen trachtete denn Leonin fühlte es kalt über
sein Herz gleiten als er die Rolle vor sich entwickelt sah die er hier lernen
sollte den Beifall seiner Mutter zu gewinnen
»Madame« sagte er kalt »ich fürchte ich werde nie ein vornehmer Mann in
Ihrem Sinne«
»Das bilden Sie sich nur ein mein Kind« erwiderte die Marschallin
unerschüttert »Sie werden in kurzem einsehen dass dies der einzige Weg ist
sich in der Masse hervorzuheben dass es Alle so machen die wie Sie einen
vornehmen Namen zu behaupten haben und ich weiß sogar bestimmt Sie werden
diesen Weg gehen ja Sie würden ihn entdeckt haben ohne meinen Rat Doch würde
ich ungern Zeuge Ihres Umhertappens danach gewesen sein auch hätte es eine
kleine Verspätung veranlassen können so dass man über Ihre Erscheinung
abzuschließen Lust gehabt hätte und so Etwas ist nie wieder gut zu machen«
Obgleich Leonin mit seinem Betragen nicht zufrieden gewesen war so lag
dies wenn auch zum Teil von seiner Eitelkeit angeregt doch mehr in den
Vorwürfen die er sich machte ihr mehr nachgegeben zu haben als er seiner
bessern Einsicht zugestehen durfte Hier aber wurde er plötzlich aller Prädikate
beraubt die er mit angeborenem StandesStolze sich gesichert glaubte und er
versuchte vergeblich seine bessere menschliche Überzeugung gegen die Streiche
die sein Hochmut empfing zu Hilfe zu rufen Die Marschallin behielt Zeit
fortzufahren
»Sie hatten eine Unruhe in Ihren Bewegungen einen Wechsel von
Verbindlichkeit und Misslaune in Ihren Mienen Sie ließ sich ohne Wahl und
Nachdenken bald Diesem bald Jenem vorstellen Herr von Fenelon ist bei weitem
unter Ihrem Range und ich habe Herrn von Dreux Vorwürfe gemacht es zugelassen
zu haben Dem Könige haben Sie eine Teaterphrase geantwortet die Erwiderung
an Madame war ganz unüberlegt und dem Könige antwortet man überhaupt nie ohne
eine bestimmte Frage erhalten zu haben Genug mein Lieber meine Absicht
Ihnen größere Freiheit eine sicherere Haltung durch diese Reisen zu
verschaffen da Ihr Naturell etwas Zurücktretendes hat scheint sich noch nicht
zu bestätigen Man könnte denken Sie wären in der letzten Zeit in keiner guten
Gesellschaft gewesen wenigstens glaube ich sicher unmittelbar aus der
Gewöhnung dieses Hauses in unsere Zirkel übergehend würde es Ihnen nicht an
einer taktvolleren Haltung gefehlt haben obwohl ich gern zugeben will dass der
Anblick unseres erhabenen Monarchen und dieser ihm zugehörenden Umgebungen ganz
geeignet ist zu erschüttern und aus dem Gleise zu bringen«
»Ich habe hiervon in dem Maße wie Sie es voraussetzen Nichts empfunden«
erwiderte Leonin und versuchte seine von Zorn und Empfindlichkeit bebende
Stimme zu mäßigen »Wenn Euer Gnaden so wenig Ehre mit mir einlegen wie dieser
erste Versuch befürchten lässt so ist es besser ich folge meiner ohnehin
stärkeren Neigung mir selbst zu leben und verlasse einen Schauplatz dessen
Anforderungen ich so wenig zu verstehen scheine«
»Nun wahrlich« lachte die Marschallin hell auf »ich freue mich dass Sie
nicht ganz das wilde Blut der Crecy verleugnen und bei der ersten kleinen
Züchtigung Ihrer Eitelkeit gleich über die Leine schlagen und davon laufen
wollen Das ist mir lieb und wenn Sie selbst Ihre eigne Mutter für angetane
Beleidigung in die Schranken rufen soll mich das nicht verdrießen Eine Mutter
ist so oft das Opfer ihrer Liebe für die Kinder ihres Herzens dass sie selbst
vor den Züchtigungen nicht zurückbeben darf die diese Kinder ihr geben möchten
Du zürnst doch nicht ernstlich mit Deiner Mutter Leonin« rief sie liebevoll
scherzend und reichte ihm die Hand
Diese Art und Weise von der größten Strenge und Härte plötzlich in die
Zärtlichkeit einer Mutter überzugehn war fast unwiderstehlich für Leonin
Sein Herz fühlte sich von dem Kampfe des Unwillens erlöst das Blut floss wieder
warm daraus hervor und wenn seine Überzeugungen gegen ihre scharfen
Geisselungen sich fest verhielten wurden sie doch in dem Augenblicke verdeckt
als diese Weichheit hervortrat die nur Anforderungen an seine Liebe zu machen
schien und ihn anregte jede unsanfte Berührung von der zärtlich Hingegebenen
abzuhalten
»O meine Mutter« rief er ihre dargereichte Hand küssend »wer könnte je
Ihre ewig gleiche Liebe Ihre unendliche Überlegenheit verkennen Vergeben Sie
meine Aufwallung die so natürlich ist bei der Befürchtung Ihnen missfallen zu
haben doch lassen Sie mich hinzufügen ich fürchte in Wahrheit und nicht aus
Empfindlichkeit wie es Ihnen eben schien ich werde die Aufforderungen nie
erfüllen können die hier mit der Entäusserung unserer ganzen Überzeugung an
uns ergehen«
»Mein Kind stelle Deine Überzeugungen nur erst Deinem Range und Deinen
Ansprüchen gemäß fest so wirst Du Nichts von ihnen aufzuopfern nötig haben
Hierüber bist Du noch im Unklaren daher entsteht der Widerspruch der Dich
reizt und den Du von kleinen jugendlichen Phantasien abgezogen nicht kräftig
genug beseitigest«
»Nennen Sie das nicht jugendliche Phantasien meine Mutter« unterbrach sie
hier Leonin hastiger als sie es erwartet hatte »worauf Sie hindeuten mit
diesen Worten es ist der ernste heilge Kern meines Lebens den Sie
mütterlich schützen müssen wenn Sie Ihren Sohn glücklich sehen wollen«
Er hoffte einen großen Schritt getan zu haben er erwartete jetzt sie
werde ihm zu Hilfe kommen ihr endlich sein ganzes Verhältnis offen darlegen zu
können aber die Marschallin zürnte sich und ihm dass es so weit gekommen war
und dachte nur daran ihn entweder zurückzudrängen oder seine Zuversicht zu
erschüttern Ehe sie indes das Geeignete sagen konnte sank Leonin verführt von
ihrem Stillschweigen ihr zu Füßen
»Ich weiß« rief er tief bewegt »Sie erfuhren Alles Souvré hat Ihnen
Nichts verschwiegen er durfte es auch nicht Habe ich auch schnell vielleicht
voreilig gehandelt so habe ich doch Nichts getan was mich verunehrt und das
neue Verhältnis sichert mir Glück und die schönste Zukunft«
Das Herz der Marschallin schwoll auf von Zorn Sie musste ihre Augen
niederschlagen um der Wichtigkeit dieser Mitteilung nicht Geltung zu
verschaffen durch das Funkeln des Unwillens dessen sie sich bewusst war
»Nehmen wir diese Sache über die der Marquis de Souvré mir allerdings
Einiges mitgeteilt hat nicht zu wichtig mein Sohn Es wäre besser gewesen Du
hättest es bei dem bewenden lassen was ich darüber durch Souvré erfuhr Es ist
kein passender Gegenstand um ihn mit Deiner Mutter zu verhandeln die stets
eine Frau von so reinen Sitten und so untadelhaftem weiblichem Gefühle war dass
sie selbst die Erzählungen von den Verirrungen ihres Geschlechtes in jenen
niederen Ständen von sich abzuhalten wusste Wenn ich gewünscht hätte Deine
Sitten auch in dieser Beziehung vollkommen rein erhalten zu sehen so habe ich
doch alle Schwächen einer Mutter die nicht allein zum Verzeihen geneigt ist
sondern den Verführungen die dazu hinlockten gern einen bedeutenden Teil der
Schuld beilegt Ich darf Dir übrigens den Trost geben dass Dein Vater über
diese Jugendtorheit gänzlich in Unkenntnis erhalten ward und dass es uns auch
gewiss leicht werden wird ihn ferner darin zu bewahren Seine ungemessene
Heftigkeit würde im Falle der Entdeckung Dir und mir unangenehme Stunden
machen«
So sehr Leonin sich auch mehrere Male bestrebte die Worte seiner Mutter zu
unterbrechen so wollte ihm dies doch nicht gelingen und er musste den ganzen
Inhalt ihrer Ansicht über sein Verhältnis erfahren und damit den vollen Umfang
seiner unglücklichen Stellung erkennen
»Um Gotteswillen teure Mutter in welchem Irrtume sind Sie über dies
Verhältnis dass Sie es so herabwürdigend bezeichnen können Hat man Ihnen denn
nicht gesagt welcher Heiligung es genießt und wie es dadurch von jedem Makel
der Unsittlichkeit befreit blieb«
»Ich bitte Dich mein Kind« sagte die Marschallin nach Fassung ringend
»erwähne die sonderbare Farce nicht mit der Deine jugendliche Unerfahrenheit
betrogen ward Obwol es empörend ist kirchliche Formen wenn es auch nur die
unzureichenden jener Ketzersekte sind da anzuwenden wo selbst unsere heiligen
Segnungen ihre Zulassung völlig ungesetzlich machten so müssen wir jetzt doch
Gott danken dass weder Dein Alter noch die Anwesenheit Deiner Eltern den
kleinsten Schein einer bindenden Verpflichtung auf diese unerlaubte Prophanie
werfen können denn sie macht wenigstens ernstere Schritte unnötig Dir Deine
Freiheit wieder zu geben Doch bitte ich Dich wenn Du jetzt daran denken wirst
diese Verhältnisse zu beseitigen dass dies mit dem Anstande geschieht den
Personen so hohen Ranges auch bei solchen Abfindungen sich selbst schuldig sind
Du hast Vermögen genug dies ausreichend auszuführen und selbst meine Kasse
würde Dir offen stehen«
»Nein nein ich ertrage es nicht« schrie Leonin hier wie im Wahnsinne auf
»Hören Sie mich Um Gottes Willen hören Sie mich wenn Sie mich nicht töten
wollen Sie sind im Irrtume in einem schrecklichen Irrtume Lassen Sie mich
Ihnen Alles Alles erzählen und dann lassen Sie mich fort von hier wo ich
nimmer hinpassen werde verworfen von Allem was hier Geltung hat«
»Gemach mein Sohn« unterbrach ihn die Marschallin »Sie verfehlen den Ton
mit mir Mademoiselle Louise stehen Sie auf und erinnern Sie Ihren Bruder
dass Sie gegenwärtig sind und dass diese Unterredung aufhört passend zu sein für
Ihre Anwesenheit Lassen Sie uns jede Erörterung vermeiden da sie uns
notwendig verstimmen muss«
»O das ist kein Wort für eine Angelegenheit die mein Lebensglück bedingt
Teure Mutter entziehen Sie sich mir nicht so Louise meine Schwester
bitte für Deinen Bruder wenn Du ihn nicht unglücklich und zerfallen mit sich
und allen seinen Lebensverhältnissen sehen willst«
Louise warf sich ihm laut weinend in die Arme und umschlang ihn als wolle
sie mit ihrer zarten Gestalt ihn decken gegen jeden Angriff auf sein Glück »Sei
ruhig Leonin Du wirst Du kannst nicht unglücklich werden Nein nein unsere
Mutter wird Dich schützen retten«
»Können Sie es verantworten solche Szene veranlasst zu haben« sagte die
Marschallin sich unmutig erhebend »Louise Du vergisst dass Dich Fräulein
von Lesdiguères erwartet«
»Gehen Sie so nicht von mir« rief Leonin die weinende Louise aus seinen
Armen sanft in einen Stuhl setzend »meine Ehre meine Pflicht befiehlt mir
Sie um Gehör zu bitten denn der größte Teil Ihres Unwillens beruht auf Ihrer
Unkenntnis«
»Heute nicht mein Sohn« rief die Marschallin plötzlich wie erschöpft
»ich fühle ich bedarf der Ruhe ich kann von Ihnen diese Schonung fordern«
»Befehlen Sie über mich Wenn Sie mir diese Unterredung nicht versagen und
bis dahin Ihr Urteil zurückhalten wollen werde ich voll Geduld und Ehrfurcht
abwarten bis Sie sich geneigt fühlen mich anzuhören«
Obwol die Marschallin hierauf nichts erwiderte musste Leonin schon ihr
Schweigen für eine Gunst ansehen woran eine leise Hoffnung zu knüpfen ihm der
einzige Trost war bei der entsetzlichen Niederlage die er erfahren
Aber diese Unterredung deren Ansetzung er mit so viel Unruh erwartete
erfolgte nicht Eine Anregung von seiner Seite missglückte um so mehr da sie
anzudeuten wusste wie sie den Gegenstand längst für erledigt hielte und für zu
unbedeutend um darauf zurück zu kommen In eben dem Maße ward der alte
Marschall dringender mit einer von ihm lebhaft gewünschten Vermählung seines
Sohnes und obwohl die Marschallin die Grundsätze gern vor ihrem Sohne entfalten
hörte die seinen Hoffnungen tötlich werden mussten so wusste sie sich doch
stets höchst geschickt das Ansehen eines vermittelnden Schutzes zu geben und so
in der Stille Leonins Dank zu verdienen
Seine öffentlichen Verhältnisse hatten indes ganz die Wendung genommen die
seiner Eitelkeit zusagend die Vorwürfe der Marschallin zu entkräften schienen
Täglich öffnete sich ihr Hotel für die ausgezeichnete Gesellschaft die sie zu
empfangen pflegte Leonin war den Personen aus denen der Hof bestand bekannt
geworden und ohne dass er es gewahr wurde oder doch sich eingestehen wollte war
das Bild das seine Mutter von einem vornehmen Manne entworfen hatte in seine
Phantasie übergegangen und drückte sich nach und nach in seinen Formen aus Er
fühlte sich dabei wohler den Verhältnissen gegenüber erleichtert und nicht
nachfragend wohin dieser Weg ihn führen müsse lebte er wie der Augenblick es
ihm bequem finden ließ
Endlich wurde große Kour und ein darauf folgendes Fest bei der Königin
angekündigt welche seit dem erwähnten Unfalle bei dem Hotel Biron sich unwohl
gefühlt hatte und ein Gegenstand der zartesten Aufmerksamkeit des Königs
gewesen war Man sprach zwar von dem Verhältnisse zur Lavallière aber nur
andeutend und mit einer Schonung die diesem Verhältnisse einen Charakter
romantischer Empfindsamkeit einen Grad von Ehrbarkeit verlieh an dem die
Gewalt zu erkennen war die der König selbst über die feststehendsten Grundsätze
auszuüben vermochte die man aufhörte der gewöhnlichen Prüfung zu unterwerfen
wenn sein Wille sie gestaltete Das demütige und bescheidene Verhalten der
Lavallière trug hierzu bei sie war immer ablehnend gegen jede Auszeichnung und
setzte die Geduld des Königs täglich auf Proben die nur seine anbetende Liebe
gegen sie überwand Man sagte sich leise sie würde bei dieser Kour zuerst als
Herzogin erscheinen wozu der König sie vor kurzem fast mit Gewalt erhoben
hatte die Ausstattung des Hotels Biron dieser Auszeichnung hinzufügend man
wusste dass die Königin von den Liebesbeweisen ihres Gemahls gerührt ihre
Einwilligung gegeben hatte sie mit den ihr zustehenden Vorrechten als Herzogin
zu empfangen
Diesem Schauspiele drängten sich nun die Hofleute welche berechtigt waren
bei der Königin zu erscheinen in großer Anzahl entgegen und es war kein
kleines Geschäft die Ordnung herzustellen die Jedem den Platz anwies den sein
Rang erforderte
Der Marschall hatte sich gleichfalls herausgerissen um wenigstens ein Mal
den geliebten Sohn vor den Augen seines Königs zu sehen Er war mit ihm
vorangefahren und die Marschallin und Louise die ihnen folgten noch nicht
eingetroffen als die voraneilenden Kavaliere erschienen und Anna von
Österreich die Mutter des Königs verkündigten welche unmittelbar darauf mit
dem größten Pompe eintrat von ihrem ganzen Hofstaate gefolgt Die Zeit seit
dem Tode Mazarins hatte die Eindrücke gemildert die damals an ihren Anblick
die gehässigsten Empfindungen knüpften Die ungemeine Hochachtung die kindliche
Ehrfurcht mit welcher der König seine Mutter behandelte ließ keinem Andern
eine Wahl seines Verhaltens Anna von Österreich welcher es nicht an feinem
Verstande fehlte und deren unglückliche und ungewöhnliche Verhältnisse als
Gattin Ludwigs des Dreizehnten Entschuldigungen zuliessen wusste jetzt eine so
würdevolle Stellung zu behaupten dass sie bei allen Angelegenheiten ihrer
Kinder wie die des Hofes einen wirklich mütterlichen Rang einnahm und ihnen
zur Ausgleichung ihrer Streitigkeiten auf verständige Weise behilflich war
Auch jetzt hatte sie die Königin zu ihrem milden Verfahren gegen Madame de
Lavallière beredet und die edle sanfte und zärtlich liebende Maria Teresia
hatte den neuen Schmerz zu bekämpfen gesucht immer hoffend so sich den König
dereinst zurück zu führen Wohlmeinend eilte daher Anna ihrem Sohne zur
Königin voran diese durch ihren Zuspruch und ihre Gegenwart zu stützen Sie
begrüßte deshalb die zahlreiche Versammlung nur vorübergehend als sie aber den
Marschall CrecyChabanne erblickte dessen auffallende Erscheinung nicht leicht
übersehn werden konnte blieb sie stehen und nickte ihm wohlwollend zu
»Das ist brav Marschall dass ich Euch hier am Hofe eben so in den
vordersten Reihen finde als früher in der Schlacht« rief sie mit starker
herzlich klingender Stimme und näherte sich ihm aber längst vom Vater weg auf
Leonin blickend dessen jugendliche Schönheit dies vollkommen rechtfertigte
»Doch habt Ihr auch wie ich sehe eine Stütze mit Euch geführt die ausreichen
wird wenn Ihr ermüdet Ich heiße Euch willkommen junger Mann Man sagt mir
Ihr seid nicht umsonst gereist Ihr habt Euren Verstand entwickelt das ist zu
loben und wird nie von Seiner Majestät dem König übersehen auch ich werde mich
dessen erinnern«
»Lassen Euer Majestät ihn sich empfohlen sein« rief der Marschall seiner
alten Herrin gegenüber hoch erfreut »ich hoffe er soll den Namen nicht
verunehren den Eure Majestät so oft ausgezeichnet haben«
»Ja ja Marschall wir haben viel zusammen Rat gehalten« fuhr die Königin
fort angenehm durch ihn an ihre Regentschaft und Macht erinnert »und immer
wart Ihr ein Brausekopf der den Degen in der Hand die Scheide weg warf
dafür suchtet Ihr sie aber auch nicht früher wieder als Eurer Königin Recht
geschah«
»Wer durfte auch das Glück Euer Majestät dienen zu können anders ehren
War doch das gute Recht immer auf unserer Seite«
»So war es« erwiderte Anna »und ich verstand es Euch zu lohnen nicht
wahr Das eigne liebste Hoffräulein Mademoiselle Soubise musste Euch die
Brautkrone flechten«
»Euer Majestät wussten immer vollkommen richtig so wichtige Angelegenheiten
zu leiten Ich denke die Namen unserer gleich alten Häuser haben sich stets gut
nebeneinander ausgenommen und ich war stolz darauf sagen zu können diese Wahl
hat meine Königin selbst getroffen«
»Ja« lachte Anna von Österreich »wir hielten etwas auf unsern Marschall
Und fast habe ich Lust bei dem Sohne fortzusetzen was mir bei dem Vater so gut
gelungen Wie ist es junger Mann ich hoffe Ihr seht die Schönheiten unseres
Hofes nicht als kalter Zuschauer«
»Wer könnte an diesem Hofe kalter Zuschauer bleiben da jeder Tag uns eine
neue erhabene Vereinigung unvergänglicher Schönheit und edler Geistesbildung
darbietet Zu den Interessen des eignen Herzens behält hier Niemand Zeit«
»So« erwiderte die Königin nicht anstehend diese schnell hervorgebrachte
Antwort als einen Tribut für sich anzunehmen »nun dann will ich schon für
Euch Zeit finden und die Wahl besorgen«
Leonin schwieg der Marschall aber sprach seine Freude sein Entzücken so
laut aus dass die Königin über den alten Kriegshelden wohlgefällig lachend ihn
verließ und in die inneren Gemächer verschwand
Das Ende dieser Szene hatte die Marschallin die an Louisens Seite indessen
die Zimmer erreicht hatte mit angehört und auf ihrem Platze gefesselt konnte
sie nicht allein beobachten sondern behielt auch Zeit augenblicklich danach
ihren Plan zu entwerfen In diesem Augenblicke ward der König gemeldet und die
Königin verließ an der Seite ihrer Schwiegermutter die inneren Gemächer um
ihren Gemahl in dem Audienzsaale zu empfangen
Hier sah Leonin die Königin zuerst und sein Herz war mit diesem ersten
Blicke ihr für immer gewidmet
Maria Teresia die Tochter Philipps des Vierten von Spanien ward von allen
Personen die ihr näher standen mit der größten Hingebung geliebt und
rechtfertigte durch ihren sanften und edelen Charakter vollständig diese
Empfindung Sie würde schön gewesen sein wäre sie größer gewesen denn ihr
Gesicht ward bloß durch etwas zu starke Lippen welches ein Familienzug war in
seiner sonst vollständig regelmäßigen Form gestört Bewundernswürdig war
besonders ihr schönes blondes Haar und der damit verbundene feine Teint von
blendender Weiße und Zartheit Ihre Augen waren blau groß von klugem
lebhaftem Ausdrucke und unterstützten den Anstand und die Würde die ihr bei
ihrem öffentlichen Erscheinen vollkommen zu Gebote standen Die
leidenschaftliche Liebe die Maria Teresia für ihren Gemahl empfand hielt alle
Prüfungen aus die das abschweifende Gefühl des Königs ihr auferlegte und
sicherte diesem Verhältnisse eine große Innigkeit und eine achtungsvolle
Behauptung des Anstandes da der König immer gern und voll Ehrerbietung zu einer
Gemahlin zurückkehrte die niemals Gefühle zu ertrotzen suchte weil sie dazu
Rechte besaß und deren Vorwürfe fast nur in der Erschütterung bestanden die
mit ihrer Freude ihrem Glücke bei seiner Wiederkehr hervortrat Aber der tiefe
Schmerz den ihr unerwiedertes Gefühl ihren einsamen Stunden aufsparte zeigte
den wenigen Vertrauten die ihr als Zeugen blieben wie heftig sie zu leiden
vermochte
Leonin hatte von diesen Verhältnissen nur eine allgemeine Kenntnis Der
König imponirte Allen was selbst bis in die vertraulichen Mitteilungen seiner
Hofleute hinein bemerkbar war Seine Liebe zur Lavallière war die erste
hervortretende Empfindung dieser Art vielleicht überwältigte sie wirklich die
Meinung durch ihre Wahrheit die sie auch jetzt noch jedem Forscher über Ludwigs
Leben zu dem einzigen Gefühle seines Herzens erheben muss Vielleicht war es auch
mehr noch die Furcht und Anbetung die der König einzuflößen wusste genug es
wurden nur Andeutungen darüber lautbar und man musste selbst sehen um sich das
Ganze zusammenstellen zu können
Als der König eintrat und in der Mitte beider Königinnen zu den Zimmern
seiner Gemahlin zurückkehrte schien er ein ganz Anderer als Leonin ihn
gesehen denn hier war er nur König und seine hohe gebietende Stirn seine
ernsten geistvollen Blicke schienen das Diadem anzudeuten das unsichtbar mit
seinem Nimbus ihn umschwebte
Die Königinnen obgleich beide mit der vollendetsten königlichen Würde und
mit dem Schmuck ihres Geschlechtes ausgestattet waren gingen doch so unbemerkt
neben Ludwig einher als ob sie bloß die Stützen seiner schönen Hände wären
Leonin sah dass sein Vater die Farbe änderte und sein Gesicht ein Paar
Zuckungen erhielt womit er Rührungen zu bemeistern pflegte als der König
vorüber ging den auffallenden Greis mit seinem Adlerauge streifte und kaum
merklich mit dem Kopfe nickte Leonin ging es fast nicht anders denn Nichts
ergreift uns so als unsere Eltern gerührt zu sehen Wir haben einen Glauben
an ihre Festigkeit und gedenken nicht der Zeit wo sie nicht ausreichte von den
Eindrücken jener überboten wo sie unsere jugendliche Schwäche stützte Sie
von dieser Festigkeit verlassen zu sehen macht sie uns jünger bringt uns ihnen
näher und indem es unsere Zärtlichkeit durch die Sorge für sie erhöht erhebt
es die Wichtigkeit der Veranlassuug Der König bedurfte keiner äußeren Umstände
zu der Anerkennung derselben darum war die Wirkung auf Leonin doppelt stark
Die Herrschaften hatten Platz genommen nur der König stand und übersah mit
Gemessenheit seine Worte verteilend die glanzvolle Versammlung die ihre
Huldigungen in tiefster Demut darbrachte und dann sich beeilte die Plätze
einzunehmen die ihnen ihr Rang stehend oder sitzend anwies Die Abstufungen der
Etikette wurden mit einem Ernste behandelt mit einer Strenge beobachtet welche
genau zu kennen als das hauptsächlichste Zeichen der Hofbefähigung galt und
von Jedem befolgt ohne Zweifel die würdige geräuschlose Haltung dieses
glänzenden Schauspiels hervorrief
Jetzt eilte der Marschall von Crecy mit einer Bewegung die seine Hand fast
schmerzhaft um die seines Sohnes schloss sich den hohen Herrschaften zu nahen
und Ludwig der den alten Helden im Begriffe sah das Knie zu beugen kam dieser
für sein Alter fast unmöglichen Huldigung zuvor indem er ihm mit unendlicher
Güte in Wort und Ausdruck die Hand entgegen hielt ihm so den Fussfall
verwehrend
»Madame« sagte er darauf zur Königin »Sie müssen die Gnade haben den Sohn
unsers braven Marschalls den jungen Grafen von CrecyChabanne als einen
Bekannten von uns ohne weitere Zeremonie zu empfangen« Der König machte dazu
eine Handbewegung die nicht missverstanden werden konnte wie unmerklich sie
auch war und Leonin beugte das Knie vor der Königin und küsste den Rand ihrer
Robe worauf sie ihm ihre Fingerspitzen reichte und ihn aufstehen hieß
»Ihr seid uns in jeder Hinsicht empfohlen und willkommen« sagte die milde
Frau »Wir freuen uns den Sohn so ausgezeichneter Eltern an unserm Hofe
begrüßen zu können auch wollen wir keine Feindin Eurer uns schon verratenen
Wünsche sein sondern im Gegenteile eine Beschützerin derselben«
Obwol Leonin den Sinn dieser Worte nicht verstand so lag doch in dem Tone
derselben ein Wohllaut eine Güte dass es ihn entzückte als er das Wort
Beschützerin hörte Er wagte aufzublicken um sie den vollen Ausdruck von
Begeisterung sehen zu lassen von dem er sein Gesicht strahlen fühlte
Sie wendete sich mit einem huldvollen Lächeln von ihm Andere zu begrüßen
und jetzt erst erblickte er Mademoiselle de Lesdiguères die hinter dem Stuhle
der Königin wie eine schöne Statue von cararischem Marmor aufgerichtet stand
und ihr Leben nur durch die Blicke ihrer großen glänzenden Augen verriet die
jede Erscheinung mit scharfer Wägung aufzufassen schienen Auch ihn trafen sie
und eine augenblickliche Unruhe die ihre schönen Augenlieder schneller sinken
und steigen ließ zeigte dass sie ihn nicht ohne Beziehung wiedersah In ihrer
Nähe stand Fenelon und als sich Leonin zurückzog gewahrte er wie Jener auf
ihn blickend ihr einige Worte sagte die sie ohne Miene oder Stellung zu
verändern erwiderte worauf Fenelon zurück trat
Als Leonin schon anfing von der Dauer der Vorstellungen zu ermüden da Alle
ihre Plätze in steifer Haltung behaupten mussten und ihn eine übellaunige
Neigung befiel dies Alles unnatürlich und übertrieben zu finden ward er
plötzlich durch die schöne ruhige Stimme Fenelons unterbrochen der an seine
Seite gelangt ihn begrüßte
»Sie sehen den Hof unserer guten Königin heute zuerst« fuhr er fort »wenn
ich nicht irre genießen Sie den Vorzug ohne Zeremonien aufgenommen worden zu
sein«
»Seine Majestät wollte dadurch meinen Vater ehren« erwiderte Leonin »ich
höre man hält dies für einen Vorzug Man muss erst etwas älter bei Hofe werden
um für diese Feinheiten die rechte Würdigung zu lernen Es schien mir das
Einfachste dass meinem Vater das Recht zustehe mich zu beglaubigen«
»So scheint es allerdings« lächelte Fenelon »Es entwickeln sich leicht
kleine Unnatürlichkeiten in einem Verhältnisse welches uns lehrt unsere
Gefühle in eine Schranke zu verweisen die sie kaum merklich hervortreten lässt
aber ich denke die Selbstbeherrschung die notwendig dadurch bedingt wird muss
sich zuweilen höchst heilsam bezeigen Ich sehe hier so Manchen dessen früheres
Leben und Treiben wohl wenig von Mäßigung irgend einer Neigung wusste jetzt um
den Preis seine Vorrechte am Hofe behaupten zu dürfen die ungewohnte Mühe
übernehmen sich einen kurzen Gehorsam gegen fremden Willen aufzuerlegen Ein
Solcher« fuhr er lächelnd fort »bekommt doch eine kleine Ahnung von der
allernötigsten Tugend der Selbstbeherrschung«
»Doch Sie« sagte Leonin »der Sie eine so einfache und großartige Idee vom
Leben erfasst haben der Sie eilen in der schwersten Berufstätigkeit Ihrer
Entwickelung als Mensch und Geistlicher zu leben welche edle Verachtung muss
Sie diesen Zeit tödtenden Zeremonien gegenüber befallen wie begreife ich in
diesen Sälen Ihren Entschluss sie zu verlassen«
»Machen Ihnen die Dinge vor uns diesen Eindruck« erwiderte der junge
Geistliche mit einem leisen Anfluge von Erstaunen »Ich erwartete das nicht«
setzte er nachdenkend hinzu »und kann diese Empfindung nicht teilen Mir
scheint Alles erhält dadurch seinen Wert dass es die Absicht erreicht die ihm
zum Grunde liegt Indem dies glänzende Schauspiel vor uns in Wahrheit die Würde
und den Glanz eines so wichtigen und erhabenen Standpunktes wie ihn der Thron
in der menschlichen Gesellschaft einnimmt ausdrückt in so fern es selbst die
Geister der Menschen in eine Form fügt die diese Wirkung bestätigen hilft
scheint es mir eine erfüllte Idee die der Würde nicht entbehrt«
»Aber« sagte Leonin »können Sie deshalb es von sich abhalten mit Bedauern
sich als Individuum in eine solche Wirkung der Massen verflochten zu sehen
ohne Möglichkeit Ihren unbeschäftigten Geist vor Ermüdung zu schützen und
durch Ihre Erziehung von der Bezähmung roher Neigungen abgelöst die Anderen
noch eine geistige Beschäftigung zu gewähren vermag zu einer wahren Maschine
herab zu sinken«
»Ich empfinde diese Ermüdung nicht« erwiderte Fenelon ruhig »ich finde
hier Genuss und bin weder gelangweilt noch unzufrieden Diese schören glänzend
erleuchteten Räume deren Ausstattung an alle die großen künstlerischen und
industriellen Fortschritte meines Vaterlandes erinnert erheitern mein Herz und
beschäftigen meinen Verstand Ich kehre dann immer mit doppelter Liebe zu dem
Anblick unseres großen Königs zurück dessen Geist und edles Bedürfnis diese
Dinge ins Leben rief und sehe ich diesen schönen und noch so jungen Monarchen
dann in der Mitte der Repräsentanten alter berühmter Namen und kann auf Aller
Gesicht in der verschiedensten Art die Verehrung lesen die die Herrschaft eines
großen Geistes auf die Gemüter ausübt so freue ich mich der hohen Befähigung
der menschlichen Natur und fühle mich selbst zu größerer Tätigkeit angeregt«
»O Fenelon« rief Leonin »wie schäme ich mich meiner schülerhaften übelen
Laune mit der ich mir den rechten Anblick der Dinge selbst verweigerte Sie
haben wieder Recht Es ist mir als sähe ich jetzt erst den Hof glänzend vor mir
auftauchen alle diese Kerzen haben Sie erst angezündet O wenn Sie so vom
Hofe denken warum verlassen Sie ihn«
»Aus denselben Gründen« erwiderte Fenelon »aus denen ich ihn bewundere
Ich will auf meinem Platze auch Etwas sein und werden und dazu taugt nicht
Jedem derselbe Boden Wenn mich der König in der vollen Erfüllung seines
Berufes bis auf die Aeusserlichkeit dieser schönen Hofhaltung entzückt und
begeistert kann ich der Geistliche zu dem mich Neigung und Erziehung
bestimmten ihm doch nur nacheifern wenn ich den Schauplatz verlasse auf
welchem keine der Eigenschaften reifen könnte nach deren Entwickelung ich mich
sehne«
»Sie mögen Recht haben« sagte Leonin »Auch galt dieser Aufruf mehr dem
Gefühle welches mir der Gedanke einflößt Sie hier bald nicht mehr zu finden
Ich würde Sie mit meiner Freundschaft verfolgt haben«
Freundlich neigte sich Fenelon gegen Leonin und fragte ihn dann ob er
diesen Abend schon Fräulein von Lesdiguères gesprochen
»Das Fräulein scheint mir in einer unanrührbaren Stellung« erwiderte
Leonin »Doch vielleicht ward meine üble Laune mit dadurch bewirkt mich durch
ihr hartnäckiges Repräsentiren von ihr getrennt zu sehen Sie ist so frei so
edel und hoch von Geist und hält dort hinter dem Stuhle der Königin so todtkalt
und abgemessen aus als sei sie eine nötige Verzierung des Trones«
»Es ist sehr möglich dass sie sich wirklich in diesem Augenblicke für nichts
Anderes halten will denn sie fasst immer das Nötige völlständig ins Auge und
setzt an Jedes Alles was in ihr ist«
»Ein ganz außerordentliches Mädchen« rief Leonin unwillkürlich »Das fühlt
man im ersten Augenblicke ihrer Bekanntschaft«
Fenelons Blick richtete sich mit einem wunderbaren Glanze auf Leonin es
war eine Wärme darin die von tiefem Gefühle sprach und eine Melancholie die
Entsagung ausdrückte Nach einer kleinen Pause sagte er »sie ist das
vollkommenste weibliche Wesen das ich kenne und nur so frei weil sie so
sicher mit sich ist Die sonderbarste Konstellation hat ihr diese Entwickelung
geschaffen Die Mutter ist nicht selten roh in ihren Äußerungen aber sie ist
hochherzig eine reine unverfälschte Seele und ihr edler Stolz zeigt sich
wenn auch oft in großer Anmassung doch eben so stark in Verachtung jeder
Kleinlichkeit oder Unwürdigkeit Der Vater ist ganz in äußerliche
Angelegenheiten vertieft aber er besitzt Feinheit der Sitten und verstand die
Erziehung der Tochter zu leiten Von Beiden hat diese reiche und starke Natur
nur ergriffen was sie gebrauchen konnte nirgends fand sie Widerstand und blieb
sich selbst Gesetz und Wille damit immer den Eltern genügend denn sie ist
ihnen ähnlich und doch eigentümlich geblieben«
Leonin hörte gespannt zu sein Blick bing an der herrlichen Gestalt die in
gleicher Ruhe blieb während durch Fenelons Worte der reiche Schatz ihres
Innern sich vor ihm auftat und die kalte Erscheinung mit dem Zauber einer
warmen hochherzigen Seele belebte
»Sie ist Ihre Schülerin Herr von Fenelon« fragte Leonin »Wenn Sie
wollen ja« antwortete er »was könnte man sie aber lehren Zuletzt war es
mir als sei es umgekehrt«
Noch immer blickten beide junge Männer unbewusst zu ihr hin als sie
gewahrten wie sie ihre kalte Stellung plötzlich aufgab und mit größter Bewegung
sich zur Königin neigte welche sich eben halb zu ihrer Hofdame wendete die ihr
schnell etwas überreichte was die Königin einen Augenblick einzuatmen schien
welche sich dann wieder umwandte aber so blass erschien dass selbst ihre Lippen
farblos waren
»Der Königin ist unwohl« sagte Leonin »Die Hitze und die lange Zeremonie
greift sie zu sehr an« Fenelon schwieg aber seine Augen richteten sich nach
der Mitte des Saales wohin aller Blicke flogen denn hinter den Herzoginnen
die Letzte in der Reihe nahte sich jetzt eine schöne junge Person die von der
Natur mit jedem Reize geschmückt schien und den Ausdruck trug als schäme sie
sich so bevorzugt zu sein
Ihr Gesicht ihre Gestalt war von einer solchen Feinheit und Regelmäßigkeit
dass gegen sie alle übrigen Bildungen unvollkommen blieben Die Farbe ihrer Haut
schien mit dem Silberstoff ihres Kleides zu wetteifern und vor Allem waren ihre
tiefblauen Augen ein Born von unergründlicher Liebesfülle Und so bevorrechtet
wie wenig schien sie dennoch von diesen Vorzügen gehoben So langsam der Zug der
Herzoginnen auch vorüber ging ihr schien es dennoch schwer zu folgen Sie
wagte kaum den Blick vom Boden zu heben und Jeder musste erkennen dass ihre Füße
bebten Als sie aber vor die Königin hintreten sollte ward aus der scheinbaren
Kniebeugung fast ein gänzlicher Fussfall und der Ceremonienmeister Herr von
Dreux musste sie auf einen Wink der Königin unterstützen Da schlug sie die
wundervollen Augen zu dieser auf die sichtlich erweicht ihr mild zuwinkte
und ein Paar große glänzende Tränen rollten über ihre Wangen dabei drückte sie
beide Hände mit dem rührendsten Ausdrucke von Ehrfurcht an ihre Brust und
schwebte dann wie eine Lufterscheinung den anderen Herzoginnen nach die bereits
die Ehre ihres Tabourets genossen
Alle Anwesende und mit ihnen Leonin waren gefesselt von ihrem Anblicke
und jetzt erst nachdem sie in der Menge sich fast verborgen hatte fand Leonin
Worte
»Wer ist diese bezaubernde Erscheinung lieber Fenelon Ich sah sie noch
nie«
»Aber sie hörten von ihr« sprach Fenelon sanft wenn auch ernst »es ist
die unglückliche Lavallière die heute zuerst als Herzogin hier erscheint«
»Ha« rief Leonin »jetzt begreife ich Dieser Zauberin muss Alles möglich
werden Das ist Schönheit der Seele des Gemütes das ist nicht allein die
schöne Hülle«
»So ist es in Wahrheit« sagte Fenelon »und wie beklagenswert ihr
Verhältnis auch ist ermangelt es nicht einer rührenden und versöhnenden Seite
die doch eben nur in diesem schönen Gemüte liegen kann das zur Tugend
geschaffen selbst in seiner Verirrung noch ihr angehört«
»Fast Alle urteilen so über diese reizende Frau« rief Leonin »und darin
liegt auch die Entschuldigung des Königs Wer gibt uns das Recht die zu
richten die diesem Gefühle unterliegen für dessen Stärke allein Gott die
Prüfung hat das Jeder einmal zu kennen glaubt ohne doch für den Andern ein
Maßstab zu sein«
»Das ist zwar wahr« sagte Fenelon »aber es gibt immer noch etwas
Schöneres als sich ihm hingeben ihm entsagen nämlich wenigstens entsagen für
die Welt dann dürfen wir es wieder behalten Die Liebe ist an sich Etwas es
ist nicht der Besitz das Hervortreten unserer Empfindung Es ist das Glück es
zu kennen seinen höheren wärmeren Pulsschlag zu fühlen und uns daran zu
zeitigen mit allen unseren Kräften«
In diesem Augenblicke rief die Königin die Herzogin von Bellefonds die mit
ihrem weißen Stabe wie ein drohender Riese an den Stufen des Trones Wache
hielt und als diese ihren Befehl empfangen schritt sie mit unbarmherziger
Breite und Feierlichkeit durch den Saal gerade auf die Herzogin von Lavallière
zu welche einer Ohnmacht nahe an einem Pfeiler lehnte
»Frau Herzogin von Lavallière« sprach sie »Ihre Majestät die Königin ladet
Sie ein sich des Tabourets zu bedienen welches Ihnen zusteht legen Sie Ihre
Hand auf meinen Arm ich werde Sie führen«
Alles machte Platz und die unglückliche Herzogin folgte stumm der
Oberhofmeisterin und nachdem sie sich tief vor der Königin verneigt setzte sie
sich auf das den Ehrgeiz so Vieler reizende Tabouret wodurch wenigstens einer
Ohnmacht vorgebeugt wurde
Der König hatte von dem Augenblick an dass Madame de Lavallière sich nahte
sie nicht mehr aus dem Gesichte verloren wie er auch anscheinend ohne
Teilnahme seine verschiedenen Anreden fortsetzte Auch wussten die Hofleute mit
vielem Geschicke Bewegungen zu machen die dem Könige die volle Ansicht der von
ihm angebeteten Frau verschaften Er zitterte für beide Frauen denn er sah
wie die Königin kämpfte und die Farbe änderte wie die Lavallière ihren
Empfindungen zu unterliegen drohte und er liebte sie Beide in diesem Augenblick
fast gleich stark da sie Beide seinetwegen leiden mussten Doch dies Mal sollte
die Königin in seinem Herzen den Sieg davontragen Denn als sie die Herzogin
von Bellefonds abschickte der sinkenden Geliebten einen Platz anzuweisen
dessen Recht sie sich nicht anzueignen wagte da legte er ihr wenigstens für
diesen Abend sein Herz zu Füßen und ehrte sie mit dem besten Danke den er ihr
bieten konnte indem er ihr selbst ein zärtlich dienender Kavalier ward Seine
teilnehmenden Fragen wie sie die Anstrengung der Kour vertrüge belebten
augenblicklich ihr mattes Auge mit der Hoffnung seine Zufriedenheit erreicht zu
haben und diese reine und uneigennützige Seele die Nichts ertrotzen wollte
war völlig beglückt und dachte ohne Groll ja fast mit Liebe an ihre demütige
Nebenbuhlerin
Der König blieb für sie allein Auge habend wie es schien an ihrer Seite
bis sie sich an den Spieltisch begab und er in einem freien Augenblicke erfuhr
die Herzogin von Lavallière habe sich weg begeben
»Ich hasse Euch Beide« rief Mademoiselle de Lesdiguères indem sie an
Fenelon und Leonin vorbei streifen wollte
»Halt« rief Leonin »so dürfen Sie den Fehdehandschuh nicht hinwerfen und
dann die Flucht ergreifen Womit haben wir das verdient was Sie um jeden
Preis widerrufen müssen«
»Glaubt Ihr ich habe Euch nicht beobachtet« sagte sie »wie Ihr mit all
den Toren hier denselben Weg taumeltet Hattet Ihr etwas Anderes zu sehen als
diese neue Herzogin an deren Blicken Ihr hinget wie alberne Kinder am St
Niclas O was das Alles ist« fuhr sie ungeduldig fort »wie nicht Einer den
Mut hat es beim rechten Namen zu nennen wie sie ihm Alle verziehen und ihm
einreden es sei weil er es tut etwas Anderes Fahrt nur fort Das Beispiel
wird wirken Hier wandelt schon so viel übertünchte Tugend als Ludwig sich
wünschen kann denn Alle die ihn loben und bewundern und bemänteln was er
tut haben Lust es ihm nachzumachen Wie verächtlich sind sie mir Alle Und
Ihr Beide auf demselben Wege Betroffene Euch hasse ich und darum hasse ich
Euch«
»Und darum gerade haben Sie Unrecht« rief Leonin »denn Sie sind der
Hauptinhalt unseres Abendgespräches gewesen diese unglückliche Frau und ihre
demütige Erscheinung hat nur eine kurze wehmütige Episode in unserer
Unterredung gemacht«
»Und wer hat Euch erlaubt von mir zu reden« erwiderte sie indem sie
Beide mit milderen Augen anblickte
»Das wenigstens können Sie uns nicht wehren wenn Sie da sind und wir den
Vorzug genießen Sie zu kennen Denken Sie mein Fräulein dass Sie Gedanken
unterdrücken können die einmal Ihr Bild aufgenommen haben«
Sie blickte ihn an als nähme sie eine Maske vom Gesichte »Graf« sagte
sie ohne ihren hochfahrenden Ausdruck »ich weiß was man mit uns will lassen
Sie uns redlich bleiben«
In demselben Augenblicke trat sie unter die Menge Auch Fenelon war von
Leonins Seite verschwunden Er stand in tiefen Gedanken Ahnete er was sie
was die Königin angedeutet Oder begriff er es wirklich nicht
Der Herzog von Lesdiguères hatte sein neu eingerichtetes Palais eröffnet und
man war einig dass bei ihm und bei der Marschallin von Crecy sich die beste
Gesellschaft in den schönsten Räumen unter den glänzendsten Zurüstungen
einstellte
Mademoiselle de Lesdiguères erschien jeden Tag in dem Salon ihrer Eltern
während der Zeit welche Maria Teresia bei ihrer Schwiegermutter zubrachte
Außerdem verließ sie die Königin nie
Leonin besuchte täglich um dieselbe Stunde mit dem Marquis de Souvré das
Hotel de Lesdiguères Er würde sehr erstaunt gewesen sein wenn man ihm gesagt
hätte dass er damit alle die Gerüchte bestätigte die sich über seine
beabsichtigte Vermählung mit Mademoiselle de Lesdiguères immer bestimmter
verbreiteten Nur dem Augenblicke lebend stimmte er ganz der listigen Äußerung
des Marquis bei welcher stets das Ansehen der Langeweile zeigend ihm
versicherte man könne es ohne Mademoiselle Viktorinens Gegenwart doch gar nicht
aushalten Mit der größten Absichtlichkeit zog er Leonin an allen Anderen
vorüber zu Viktorinen hin und kaum hatte er die Unterredung Beider eingeleitet
so entfernte er sich wodurch diese Annäherung noch auffallender ward denn
Beide in Berührung gesetzt gefielen sich zu sehr in ihren Mitteilungen um
sie freiwillig aufzugeben und bemerkten es nicht wie anerkannt ihr Verhältnis
gerade dadurch ward dass sie Niemand störte was keinen andern Grund hatte als
dass man sie für Verlobte hielt
Leonin fühlte sich jeden Tag lebhafter durch Viktorine beschäftigt Sie
schmeichelte vollkommen seinen Schwächen durch ihre Eigentümlichkeit denn sie
war Alles was er nicht war Er fühlte sich beständig ergänzt gestützt und
erklärt durch ihren festen und edelen Charakter ihren scharfen unbestechlichen
Verstand Dagegen fiel dies edle Wesen in den oft sich wiederholenden Fehler
ihres Geschlechtes die Schwächen des Mannes zu erkennen aber in dem Gefühl
eigener reicher Kräfte sich der Hoffnung und dem Streben zu überlassen ihm diese
Umänderung oder diese Festigkeit geben zu können Sie übersah aber dass ihre
Phantasie ihn nach und nach wirklich zu dem machte was sie wünschte dass er es
sein möchte sie verkannte dass sie in dem Besitz dieser Eigenschaften war die
bloß darum bei ihren Ansichten und Meinungen in ihren Unterredungen nicht
fehlten weil sie dieselben hervortreten ließ und Leonin bloß die leichte
liebenswürdige Gabe besaß sogleich in solche Anregungen verstehend einzugehn
Er hatte dabei die Milde die vorherrschende Weichheit die ihr fehlte die sie
zu erringen wünschte gehindert von dem kräftigen Aufwuchse ihres befähigten
Naturells Deshalb glaubte sie ihn so viel besser als sich ihr schien errungen
Weisheit Reife der Entwicklung bei ihm was bloß eine Art Indolenz war
veredelt durch ein gutes fein fühlendes Herz welches in früherer Zeit
vielleicht zu einer kräftigeren Gestaltung hätte geführt werden können damals
aber wie wir zum Oefteren schon erwähnt haben von der eigennützigen Liebe
seiner Mutter bloß zu ihren Zwecken gebildet ward
Doch ward Leonin noch durch Nichts aus dem einwiegenden Zustande dieser
täglichen geselligen Betäubungen gerissen die ihm an Wichtigkeit stiegen in dem
Maße wie auch für ihn die tausendfältigen kleinen Interessen und Eitelkeiten
zu verfolgen waren welche um ihn her getrieben Jeden verwickelten der sich
ihnen nicht mit Bewusstsein entgegenstellte
Sein Vater erwartete mit Sicherheit dass Anna von Österreich seinem Sohne
die Braut erwählen werde und fühlte sogar eine kleine Schadenfreude diese
Angelegenheit wie er wähnte seiner Gemahlin aus den Händen genommen zu haben
Der König und die Königin besonders behandelten Leonin mit Auszeichnung Man
sprach ihm so oft davon dass ein hohes Hofamt ihm nicht entgehen könne dass er
daran glaubte zuletzt es als eine Ehrensache ansah dass ihm das allgemein
Zuerkannte nicht vorenthalten bliebe Und aus diesen Anregungen schossen
Ehrgeiz und Eitelkeit auf die ihn Vorteile suchen und verfolgen ließ und ihn
an die Stelle die ihm Erfüllung verhieß fesselten als müsse er sie bewachen
Die Freundschaft der Vorzug da er es nicht anders nennen wollte mit
welchem Mademoiselle de Lesdiguères ihn beehrte mussten ihm daher bei der
Gunst die sie bei den Majestäten genoss behilflich und vorteilhaft sein Er
war unwillkürlich auffallender mit ihr beschäftigt in Gegenwart der hohen
Herrschaften und immer schien es ihm als ob die Königin ihn wohlwollend
beobachte und ihn nach solchen Tagen selbst in ihre kleineren Zirkel bescheiden
ließ wo Leonin belebt von seinen geheimen Wünschen eine größere
Liebenswürdigkeit und Anmut zeigte als seine gewöhnliche Indolenz sonst
zuließ Vielleicht erfuhr Leonin nicht mehr und nichts Anderes als die
meisten jungen Leute welche ohne Lebensplan und Karakterstärke in die
betäubende Atmosphäre eines solchen Schauplatzes versetzt werden Fast Jeder
der dieser Jugendperiode gedenkt wie anders auch der Standpunkt ward den er
sich später wieder gewann muss sich den chamäleonischen Farbenwechsel seiner
Gesinnungen eingestehen der ihn damals fortriss ein Spielzeug der herrschenden
Menge zu werden ihren Gesetzen entgegen zu kommen gegen frühere Überzeugung
Aber nicht Jeder entfernt sich damit so wie Leonin von bindenden heiligen
Verpflichtungen und was dort bloß eine Durchgangsperiode der Jugend ist die
den Lebenswert noch nicht bestimmen kann musste bei Leonin tiefere
bedeutungsvollere Folgen nachlassen
Bedenken wir jedoch wie sein jetziges Verfahren den Absichten der
Marschallin von Crecy wie dem heimlichen Hasse des Marquis de Souvré vollkommen
entsprechend war so werden wir gerechter gegen Leonin bleiben wenn wir es
anerkennen wie die Versuchungen die sich ihm darboten von Beiden gehäuft
herbeigezogen und unterhalten wurden Sie sahen ruhig zu wie er sich in ihnen
verwickelte nur verhütend dass er nicht früher die Beschaffenheit seiner
Handlungen erkenne bis sie ihn so hinreichend umsponnen haben würden dass er
sie dann selbst behaupten müsste Der Augenblick wo er Hilfe suchend in ihre
Arme eilen musste war so matematisch sicher zu berechnen dass sie ihn bloß zu
erwarten hatten um alsdann das längst Beschlossene zu vollführen
Und dies tat die Marschallin von Crecy indem sie sich alle Tage sagte wie
mütterlich liebevoll sie für ihren Sohn sorge der viel zu gut sei um sich
selbst durchs Leben lenken zu können Seinen kindischen Widerstand um eine
englische Pfarrerstochter hatte sie ihm längst vergeben weil sie diese Sache
als abgemacht betrachtete nicht etwa mit der Sicherheit dass dies sein Wille
sein werde sondern mit der Hoffnung dass die Rückkehr ihm durch sein jetziges
Treiben unmöglich gemacht werden würde
So war der Winter vergangen das Frühjahr neigte sich zu Ende Leonin kehrte
nicht nach Ste Roche zurück Glänzender wie je war der Hof der König angeregt
von neuen kriegerischen Plänen stand wie ein feuriger Komet belebend und
befruchtend über seinen Umgebungen und machte den Hof zu einem Zauberkreise in
welchem sich alle großen Geister Frankreichs sammelten um den Preis ringend
seine Pläne ins Leben zu rufen
Wie stolz und großmütig auch die Miene sein mochte mit der Ludwig den
Aachner Frieden unterzeichnet hatte wie geneigt er auch war und sein Volk mit
ihm den damals gemachten Rückschritt von fabelhaften Eroberungen zu einem
geringen Vorteile beim Abschlusse des Friedens sich als eine Handlung seines
Willens auszulegen so blieb nichts desto weniger der Stachel in seinem Herzen
zurück denn an seinem heimlich genährten Verdrusse gegen die Koalition der
feindlichen Mächte die ihm den Frieden abnötigte war wohl zu erkennen wie er
ihrem Willen hatte nachgeben müssen
Unläugbar war der Augenblick günstig für die Wiederaufnahme der
Feindseligkeiten gegen Holland Von der Einmischung der Mächte war aufs neue
nichts zu fürchten England in seinen Finanzen zerrüttet lag in stillem Grolle
vor dem wiedergerufenen Herrscher der alle Torheiten der Stuarts alle
Unbesonnenheiten und Unredlichkeiten gegen sein Volk auf dem sichtbar
gefährlichen Schauplatze des ihm auf Treu und Glauben wieder verliehenen
Trones durchspielte Aber noch sah die Nation den sich erneuernden Unbilden
die es zu erleiden hatte mit dem Wunsche zu der gewaltsamen Abhülfe überhoben
zu sein und Karl misskannte diesen Waffenstillstand den es ihm gönnte und
verscherzte immer kühner werdend jedes Mittel zu seiner Behauptung
Dünkirchen dieser eifersüchtig behütete Apfel der Zwietracht zwischen beiden
Nationen war ohne Schwertstreich in Frankreichs Besitz gekommen Man wusste
Mademoiselle Keroualle die jetzt als Herzogin von Portsmout den König
beherrschte war bei dieser entehrenden Abtretung die besoldete Unterhändlerin
Frankreichs gewesen Die Revenue die Ludwig der Vierzehnte dem Könige jährlich
dafür zahlte und die ihm den Namen des französischen Pensionairs zuzog ging
fast ausschließlich in den verschwenderischen Händen der Herzogin unter und
Karl hatte Nichts damit erkauft als die doppelte Schande des Verrates gegen
sein Volk und des Besitzes dieser sittenlosen Frau Ludwig wusste genau dass
unter diesen Umständen weder bei dem leichtsinnig schwelgenden Karl noch bei
dem zürnend vor ihm Wache haltenden Volke Neigung zu einer auswärtigen
Einmischung vorhanden sei und dass somit Hollands wirksamster Allürter untätig
bleiben würde
Nicht minder unlustig war Spanien zum Kriege Österreich von den Türken
bedroht hatte außerdem mit inneren Unruhen in Ungarn zu tun und Holland
selbst war in die stattalterische und in die streng republikanische Partei
geteilt
Dagegen war Frankreich wie ein jugendlich schöner Körper von einem glühenden
Geiste belebt Das ganze Land stand in jeder Hinsicht wie ein Sieger dem übrigen
Europa entgegen Vielleicht stellt keine geschichtliche Epoche der Welt eine
innigere vollkommenere Vereinigung zwischen König und Volk dar als Frankreich
in dieser höchsten Blütezeit seines jugendlichen Herrschers Er war was jeder
Einzelne war ein stolzer begabter Franzose aber er schwang das Banner
dessen Farbe Jeder begehrte Um ihn waren die Männer geschaart deren Namen die
unvergesslichen Zierden ihrer Zeit sind Turenne mit seinem erfahrenen Mute
Kondé mit seinem unzertrennlichen Glücke Louxembourg mit seinen geschickten
Märschen und Feldlagern Tessé de la Ferté erprobte Krieger bei jeder
Unternehmung endlich Feuquières der den Mut auf die Bahn der Wissenschaften
lenkte und mit Vauban vereint Belagerungen ins Leben rief die vor ihm Keiner
gekannt und die ihn unsterblich machten Sie begründeten eine höhere geistige
Tätigkeit und bildeten in Vereinigung mit diesen großen Feldherren eine
Armee die auch im Innern durch die aufblühenden Talente Villars Katinats und
vieler Anderen gestützt ward und gegen welche kein Reich sich zu stellen wagen
konnte besonders da Louvois mit den Schätzen die Kolbert gesammelt Alles
unterstützte
Es ist unrichtig zu sagen Ludwig habe allein zu seiner ritterlichen
Befriedigung den Krieg begehrt Der Krieg musste sich nach damaliger Sitte
notwendig von selbst entwickeln Die vorhandenen Mittel verlangten ihre
Anwendung es war ein Stoff der von selbst Feuer fing an der gedrängten
Zündkraft sich erhitzend Ludwig folgte seiner Neigung aber diese Neigung war
zugleich Besitz Erfordernis seiner Nation
Es musste sich ein Schauplatz finden für die Anwendung der Kräfte der
Talente Erfindungen und Bestrebungen die alle harrend dastanden und die
Gelegenheit herbeilockten
Zwar war es dem Könige wie allen Freunden des Marschalls Crecy bekannt
dass Leonin nicht unmittelbar im Heere angestellt werden konnte aber der
Feldzug den man vorbereitete war von dem seltensten Übermute von der
zweifellosesten Sicherheit des Gelingens begleitet und bei allen ernsten
kräftig und geschickt betriebenen Kriegsrüstungen zugleich ein glänzendes zu
Felde ziehendes Hoflager Man kann sagen dass vor dem Schauspiele einer
Schlacht oder Belagerung die ZuschauerLogen für den Hof erbaut wurden die Alle
nur verließen um unter dem fröhlichsten Pompe in die Plätze und Städte
einzuziehen die ihre Sieger ihnen eroberten Die Vorbereitungen entsprachen
ganz den zu Anfang so entschieden eintretenden Erfolgen
Die Armee begleiten zu dürfen war der Ehrgeiz des ganzen Adels Da es
unmöglich war alle Gesuche um diese Ehre bewilligen zu können und an eine
Auswahl eine Schranke gedacht werden musste so stellten sich die zahllosesten
Intriguen ein um auf Umwegen zum Ziele zu gelangen
Leonin befand sich jetzt so häufig in dem kleinen Zirkel der Königin dass er
an einem Platze in ihrem Gefolge nicht zweifeln mochte und die vorangehenden
Glückwünsche mit einer Miene aufnahm welche Alle in Ungewissheit ließ ob seine
Wünsche schon erfüllt wären und sein diskretes Schweigen nur irgend einer
besonderen Übereinkunft zuzurechnen sei Dies war aber noch keineswegs bestimmt
Leonin erschien jeden Abend mit derselben Hoffnung und kehrte mit derselben
Täuschung zurück Dies stachelte seine Eitelkeit bis zu einer Art Leidenschaft
und er sagte sich oft dies müsse er doch erst um seiner Ehre Willen abwarten
und dann erst könne er den lange verschobenen Besuch in Ste Roche unternehmen
Dagegen hörte Leonin zuweilen Äußerungen die ihn glauben machten der
König habe noch andere ehrenvollere Pläne für ihn Das unbegreifliche
Vorentalten eines Platzes den so Viele mit geringeren Ansprüchen erreichten
war um so rätselhafter da in der Art wie die Herrschaften ihn behandelten
ein Wohlwollen lag welches diese Ansprüche zu erkennen schien
Madame Henriette lächelte eines Abends als sie den jungen Grafen Crecy
einige begeisterte Reden halten hörte über das Glück Waffen tragen zu dürfen
»Und wirkt unser Mittel noch nicht« sprach sie »wird der alte Herr noch nicht
ungeduldig«
Leonin machte die verbindlich lächelnde Miene die alle vornehmen Personen
sicher haben wenn sie von ihren Zuhörern nicht verstanden werden Er dachte
eine Frage einzuleiten da wendete sich Madame schon von ihm indem sie mit dem
Fächer winkend rief »Geduld Geduld Sie sind ein zu guter Sohn um sie so
bald zu verlieren«
Der junge Graf blickte ihr erstaunt nach und der Marquis de Souvré der den
Grafen Guiche geschickt hatte die gütige Fürstin in ihrem Gespräche zu
unterbrechen lachte der überraschten Miene Leonins nach für die er den
Schlüssel führte
Er hatte durch die Freundschaft des Grafen Guiche dessen tiefe mit seinem
Leben bezahlte Leidenschaft für Madame Henriette ihn zugleich zum Vertrauten der
unglücklichen Fürstin machte eine Gewalt über sie erhalten die es ihn leicht
finden ließ sie zur Mitwirkung bei seinen Plänen zu bewegen
So versicherte Madame dem Könige wie Leonin und die Marschallin noch immer
hofften den Eintritt des jungen Grafen in die Armee vom Marschalle zu
erreichen der König möge nur seine Anstellung bei Hofe noch verzögern wodurch
dem alten Herrn endlich kein anderer Ausweg bleiben werde als ihn dem Könige
für die Armee anzubieten Der König der den jungen Mann bedauerte weil er ihn
aus Gehorsam gegen den Willen des Vaters von der gewünschten Laufbahn entfernt
sah fügte sich in den bittenden Vorschlag der Prinzessin und so erlebte Leonin
alle die Täuschungen welche so wohl berechnet waren ihn leidenschaftlich zu
erregen zu vielen kleinen gefügigen Schritten zu treiben die ihn verwickelten
und dem sorglosen Glückskinde ein Gefühl der Abhängigkeit des Widerstandes und
des Misslingens zu geben wovon sein Leben bis jetzt so frei geblieben war
In dieser Stimmung unruhiger Erwartung brachte er die Stunden in seinen
Zimmern zu ehe er zur Marschallin kommen durfte die jede Gelegenheit ihn
allein zu sprechen durch Louisens heitere unschuldige Gegenwart vermied Seine
ungeduldige missmutige Laune ward aber dies Mal unterbrochen sein
Kammerdiener von einem Manne gefolgt trat ein und als dieser mit großer
Lebendigkeit auf Leonin zu eilte erkannte er in ihm den zum Skelette
entstellten Lesüeur
»Lesüeur« rief Leonin und sein Gesicht überlief ein Purpur der wohl einen
noch tieferen Grund als den der Überraschung hatte »Wie kommen Sie hieher«
fuhr er fort zerstreut und unruhig das Ungeschick dieser Frage überhörend
»Woher ich komme mein Herr« rief Lesüeur »Gewiss ich kann nicht
zweifeln dass Sie sich dessen erinnern da Sie mich ja selbst dahin geschickt«
»Also wirklich von Ste Roche« rief Leonin nun sich zurecht findend und
warm werdend »O dann haben Sie mir Viel Viel zu erzählen Doch erst ruhen
Sie aus und lassen Sie uns frühstücken Ich werde bei meiner Mutter absagen
lassen und wir wollen uns ein Paar Stunden angehören«
Bald war Alles nach seinem Willen eingeleitet und Leonin behielt Zeit sich
zu sammeln Lesüeur seine misstranische Empfindlichkeit zu überwältigen wobei
Leonin die außerordentliche Veränderung des sichtlich dem Grabe nahen Künstlers
beobachtete
»Nicht wahr mein Ste Roche ist schön« rief Leonin endlich die träge
Mitteilung Lesüeurs überholend »Und es war keine üble Idee Sie dahin zu
verweisen«
»Weiß Gott eine Idee für die zu danken mein Leben zu kurz sein wird
der schönste Schwanengesang eines sterbenden Künstlers unter den Flügeln eines
irdischen Engels Ja« fuhr er fort »Lesüeur der sterbende Lesüeur darf es
gestehen sein letztes Bild wird sein bestes sein ich habe Ihre Gemahlin Herr
Graf« sprach er leise und vor Bewegung zitternd »zwei Mal gemalt denn ich
wusste nicht wie ich in einem Bilde diese Fülle von Liebreiz fassen sollte
Hundert Bilder hätte ich nach ihr malen wollen Alle sie selbst Alle eine
neue Seite dieses reichen göttlichen Weibes entwickelnd«
»Lesüeur« rief Leonin mit dem Lachen der schon erlernten flachen
Gesellschafsweise »machen Sie mich nicht eifersüchtig Ich glaube Sie sind
verliebt Ihr Herz hat Ihre Hand geführt«
Lesüeur sandte aus seinen großen sterbenden Augen einen Blick auf Leonin
von dem er getroffen die seinigen zu Boden schlug »Ha« rief er dann »wehe
dem Künstler der es anders macht Wehe dem der dies heilige Feuer missdeuten
kann und es mit der eitelen Bedeutung beleidigt welche ihm die große Welt
beilegt Ha Herr Graf« fuhr er beinahe heftig fort »wissen Sie noch wie die
heilige Atmosphäre Ihrer Gemahlin eine Begeisterung einflöst welche unabhängig
macht von allen törichten Wünschen dieser Erde Wissen Sie es noch wie sie uns
von allen Fehlern reinigt die uns die Welt anerzieht Wissen Sie es noch wie
wir vor ihr Alles vergessen möchten was wir getan gewollt und bis dahin für
das Rechte oder Erlaubte hielten und wie wir ein neues Leben beginnen um es
zu verdienen wenn sie uns ihre heilige Unschuldswelt auftut«
Leonin wusste es nicht mehr oder es lag doch zurückgedrängt eingeschlummert
in ihm Wie ein Gerichteter sank er in seinen Stuhl zurück während Lesüeur in
steigender Bewegung fortfuhr »ich war krank sterbend von ihrem Bilde eilte
ich zum Krankenlager Da hat sie mich gepflegt hören Sie mein Herr nicht
diesen elenden dem Tode verfallenen Leib hat sie bloß gepflegt meine Seele
hat sie geheilt die kränker als mein Körper zum Mörder an ihm ward Wenn ich
jetzt den Weg in das Jenseits finde wenn Friede und Ruhe mein letztes Lager
umgeben dann werde ich es ihr danken die alle meine Irrtümer so lange
verfolgte bis sie besiegt zu ihren Füßen lagen Ich werde sie sehen bis mein
Auge bricht wie sie mit dem Heiligenscheine ihrer Begeisterung an meinem Lager
betete als sie mich für sterbend hielt ich werde dies Gebet auf meinen
Lippen tragen wenn ich ende und es wird die Brücke sein die mich hinüber
führt Und dies tat sie« fuhr er fast weinend fort als Leonin sein Gesicht in
tiefster Bewegung verhüllte »obgleich ihr eigener Zustand Schonung Sorgfalt
verlangte die wohl keine Frau in solcher Lage sich versagt«
»Was meint Ihr Lesüeur« rief Leonin und sprang totenbleich von seinem
Stuhle auf ihn mit fieberhafter Bewegung ergreifend »Was fehlt Fennimor
warum bedarf sie der Schonung was ist ihr geschehen«
»Wie« rief Lesüeur »so fragen Sie mich Sie wissen nicht was Fennimor
geschah O gehen Sie hin gehen Sie hin so schnell Sie können Hat sie es
Ihnen verschwiegen so sollen Sie mit dem heiligen Glücke überrascht werden das
sie Ihnen aufhebt«
»Lesüeur« stammelte Leonin »sagt sprecht es aus Fennimor« Er konnte
seiner Ahnung keine Worte geben
»Fennimor« sprach Lesüeur »wird Mutter werden«
Laut weinend stürzte Leonin bei diesen Worten in Lesüeurs Arme Die Rinde
um sein verlocktes Herz war gesprungen er war wieder Mensch Fennimors
Gatte die Natur hatte ihren mächtigen Ruf nicht umsonst ertönen lassen
»Nun dem Himmel sei Dank Emmy Gray hat nicht Recht« rief Lesüeur »Er
liebt sie noch er wird sie ehren und erheben wie es sich gebührt Doch eilen
Sie Noch hält sie fest am Glauben und das Glück das sie mit kindlichem
Erstaunen wie die heilige Jungfrau selbst in sich trägt erhält sie in seliger
Verklärung Emmy Gray sagte mir in den nächsten Monat müsse die entscheidende
Stunde fallen«
»Lesüeur mein Freund mein Wohltäter Fennimor mein geheiligtes
unschuldiges Weib Morgen morgen will ich fort«
Außer sich rief Leonin seinen vertrauten Kammerdiener augenblicklich gab
er die Befehle zur Abreise am andern Morgen wollte er fort Er ließ sich bei
seinem Vater melden er wollte ihm seine Abreise nach Ste Roche anzeigen Dann
wollte er zu Madame Henriette ihr sein ganzes Herz ausschütten sie sollte
beim Könige bei der Königin Alles vorbereiten dann wollte er in dem
Abendzirkel der Königin sich von Beiden beurlauben Seine Mutter drängte er bei
diesen Überlegungen zurück was er mit ihr wollte wusste er nicht darum
berührte er es nicht Laut denkend indem er Alles was er dachte an Lesüeur
aussprach lief er im Zimmer umher und bestellte endlich seine Toilette und
seinen Wagen um zur Oberhofmeisterin der Prinzessin der Gräfin von Grammont
zu fahren
Dann ging er zu seinem Vater und trug ihm übereilt zerstreut und mit dem
vollsten Ausdrucke der erlittenen Gemütsbewegung seine Absicht vor nach Ste
Roche abzureisen
»Aha« lachte der Marschall »wir haben Crecysches Blut Wir sind
verdrießlich Die Hofcharge und die Braut bleiben zu lange aus Nun höre mein
Junge das ist so übel nicht Tue Du ein wenig empfindlich damit sie nicht
vergessen wer Du bist Es wird schon Aufsehen machen wenn Du jetzt fortgehst
als ob Du aller Hofgunst den Rücken kehrtest wo alle die Hasen in einer Reihe
lauern um auf das erste Signal nach dem roten Lappen zu laufen Ich habe
nichts dagegen und sei nur ruhig ich werde indessen Deinen Platz einnehmen
Sie sollen mich nur fragen wo Du hin bist ich will ihnen dienen Die Frau
Königin Anna denkt wohl sie hat Wort halten nicht mehr nötig da der alte
Marschall nicht mehr die Tore von Paris stürmen und ihre Frondeurs in die
Flucht schlagen kann Nun nun wir wollen sehen lassen wer ich bin Gehe Du
indessen mein Junge ich stehe Dir dafür Du wirst bald zurück gerufen«
Der Arzt und der Kaplan unterbrachen diesen väterlichen Erguss und nahmen
Leonin die Gelegenheit zu jeder Erwiderung selbst wenn er sie beabsichtigt
hätte was wir indessen bezweifeln da er um den Marschall von seinen eisernen
Ideen abzubringen wenigstens die entschlossene Sicherheit seiner Mutter hätte
haben müssen die ihm um so mehr fehlte da ein Meer der widerstrebendsten
Gedanken und Gefühle in ihm nichts weniger aufkommen ließ als einen festen und
geordneten Zustand Zur drückendsten Bürde wurde es ihm dagegen den
langweilig scherzhaften Gesprächen längst verbrauchter Gedanken zuzuhören mit
denen diese täglich nur auf sich selbst angewiesenen Männer sich zu vergnügen
glaubten Doch würde der Marschall seine Entfernung ehe er dazu das Zeichen
gab höchst übel genommen haben und ihm blieb Nichts übrig als äußerlich
Geduld zu zeigen während er innerlich fast vor Aufregung zu vergehen meinte
Endlich schlug der ersehnte Augenblick und gleich darauf eilte seine
Karosse zur Gräfin Grammont
Madame de Grammont kam durch die falsche Stellung die Oberhofmeisterin
einer geistreichen Prinzessin zu sein in den Wahn selbst für geistreich gelten
zu müssen und suchte durch leichte humane und elegante Manieren die Herzogin
von Bellefonds zu persifliren deren steife spanische Grandezza über die
kleinste Abweichung von der Regel den Bannfluch sprach Sie war daher leicht zu
jeder Stunde zugänglich verbaute den Eintritt bei Madame nicht durch ihren
eignen Willen und war stets in eine Wolke von Parfums gehüllt mit Vögeln
Hunden und Kätzchen aller Rassen umgeben übrigens aber die beste Frau der
Erde
Sie nahm nicht allein Leonins Besuch gnädig auf sondern begab sich auch
zugleich zu Madame ihr die Bitte des jungen Grafen vorzutragen Doch kam sie
bald und mit sehr verlegener Miene zurück indem sie eine völlig abschlägige
Antwort zu bringen hatte da die Prinzessin allein zu bleiben wünschte
Leonin fühlte sich hierdurch ganz aus dem Wege gedrängt den er sich als den
leichtesten und bequemsten gedacht hatte und schlich in tiefes unruhiges
Nachdenken versenkt über die Galerien und Vorsäle zurück völlig unsicher was
ihm jetzt zu tun obliege Einen Augenblick trat er an die Brüstung einer
offenen Galerie die vor der Prinzessin Kabinet vorbeilief und in die Gärten
niedersah um ehe er seinen Wagen bestieg zu wissen wohin er ihn richten
sollte da hörte er eine Flügeltür aufgehn die unmittelbar in die
Zimmerreihe von Madame führte und der Marquis de Souvré eilte mit schnellen
Schritten daraus hervor
»Souvré Crecy« riefen Beide überrascht »Also die Prinzessin war nicht
allein« fuhr Leonin laut denkend heraus »Mich nur wollte sie nicht sehen«
»Sie sind ja in vollkommen hypochondrischer Laune« lachte Souvré »Was
haben Sie denn Im Ernste Sie sehen entsetzlich tragisch aus ich erkenne den
leichten heitern Gesellschafter der Mademoiselle de Lesdiguères nicht wieder«
»Lassen wir das Marquis« rief Leonin »Sagen Sie mir nur ob Sie bei der
Prinzessin waren ob keine Möglichkeit ist bei ihr Zutritt zu erlangen«
»Nachdem Madame de Grammont mit ihrem Gesuche abgewiesen worden ist« fragte
Souvré »wo denken Sie hin Doch lassen wir das was gehen uns die Launen der
Prinzessin an Wer sagt Ihnen dass ich bei ihr war Das kann ja Alles von keinem
Belange sein«
»Es ist wichtiger als Sie denken Souvré« erwiderte Leonin »Ich muss
morgen früh nach Ste Roche abreisen der Prinzessin dieser edelen fühlenden
Seele will ich mich vertrauen sie muss den König für meine Bitten gewinnen
dann werden meine Eltern nicht widerstehen«
»Nun dem Himmel sei Dank dass Sie an der Ausführung dieses wahnsinnigen
Unternehmens gehindert wurden Was glauben Sie dass der Erfolg gewesen wäre
Ihre völlige Ungnade des Königs ungemessenster Zorn und wahrscheinlich einige
so gewaltsame Maßregeln dass Sie schwerlich Ste Roche so bald möchten erreicht
haben«
»Nein nein Souvré Nein Sie irren das würde der König nicht tun am
wenigsten an Jemandem der meinen Namen trägt«
»Gerade darum« entgegnete Souvré empört über den Hochmut dieses Toren
der immer noch zu sicher immer noch nicht unglücklich werden wollte »gerade
deshalb würden Sie seinen stärksten Unwillen auf sich ziehen Sind die
CrecyChabanne nicht Vettern des Königs Ihre Verbindungen sind daher wie er
annimmt von ihm abhängig Waren Sie noch nicht hier wie das Verlöbnis des
Grafen von Harcour mit Mademoiselle de Roux auf seinen Befehl getrennt ward da
ein Harcour sich nur mit seiner Bewilligung nach seiner Wahl mit einer Tochter
aus den alten Familien des Reichs vermählen darf«
»Ich aber« sagte Leonin »ich der ich schon vermählt bin bei dem von
Auflösung nicht mehr die Rede sein kann«
Souvré trat ein Paar Schritte näher und dicht vor Leonin stehend sagte er
so spöttisch herausfordernd wie er vermochte »ist es möglich haben Sie hier
umsonst gelebt Sie Sie können noch von dieser Vermählung als einer
Wirklichkeit sprechen Sie können glauben dass irgend Jemand vom Ersten bis zum
Letzten diese Verbindung für rechtmäßig für bindend ansehen werde Fragen
Sie wenn Sie können Ihre Priester Ihre Verwandte die Minister die Armee
den König und wenn Sie Zeit haben die Antwort zu hören so werden Sie ein und
dieselbe hören Niemand wird Sie für vermählt halten Niemand wird es für
möglich achten dass ein CrecyChabanne ein Vetter des Königs ein Katholik
überdies eine englische Pfarrerstochter ehelichen könnte die eine Ketzerin
ist Niemand denkt daran dass eine Procedur dieser englischen Kirche die
überdies den Minorennen ohne Einwilligung der Eltern und des Königs
Dastehenden vor aller Augen als ein Opfer der Intrigue erscheinen lassen wird
rechilich oder kirchlich binden könnte Daher rate ich Ihnen als Freund
treten Sie mit dieser kleinen Jugendtorheit nicht in die Schranken Sie werden
sonst von Waffen besiegt die am unleidlichsten sind Sie werden ausgelacht
werden«
Leonin stand dieser stachelnden Rede mit einer solchen Abspannung gegenüber
dass sie vergeblich ihn zu kränken suchte Er hatte nicht umsonst auf dem
gefährlichen Boden so lange gelebt und Souvré wusste das besser wie er Was
eben schonungslos vor ihm beim Namen genannt werden konnte war in vielen
kleinen Anklängen ihm schon längst verständlich geworden daher überraschte es
ihn nicht aber er wusste sich nur wie immer keinen Rat
»Dessen ungeachtet muss ich nach Ste Roche« hob er endlich erwachend an
»das ist eine heilige Pflicht mag sie verzeichnet stehen wo sie will«
»So tun Sie es« sagte Souvré sorglos »nur verschweigen Sie die
Veranlassung Ich muss Madame de Bellefonds diesen Morgen noch sprechen ich
will ihr sagen dass Sie die Majestäten von Ihrer Abreise unterrichtet Warum
sollen Sie Ihr Hotel Biron nicht so gut haben wie der König«
Das war zu stark es blitzte alles bessere Gefühl in Leonin auf zu
heftiger Entgegnung richtete er sich in die Höhe aber schon glitt Souvré
leicht grüßend die große Treppe hinunter und ließ Leonin mit einem Gefühle von
Schmerz und Entwürdigung zurück wie dieser Feind seiner Ruhe es ihm nur
wünschen konnte
Blind und betäubt verfolgte er indessen die Richtung die er genommen die
Stimmung in der er sich befand war Fennimors nicht würdig aber sie war doch
von Gefühlen untermischt die einem edleren Bewusstsein angehörten Das Eine dass
er jetzt zu ihr zurück müsse blieb wenigstens vorherrschend und hielt den
anderen Eindrücken die nur zu viel Wichtigkeit für ihn bekommen hatten das
Gleichgewicht
Seine Mutter nahm seinen späteren Besuch nicht an Sie empfing wie er
bemerkte heute alle Morgenbesuche persönlich und ließ Leonin ein größeres Diner
ansagen Noch ehe dieser sich zu seinem Vater begeben hatte wusste sie Alles
was in seinem Zimmer vorgefallen und eine kurze Unterredung mit dem Marquis de
Souvré machte die Mine springen die Beide seit langer Zeit für diesen Fall
bereit hatten
Souvré der bei der unglücklichen durch ihr Herz verstrickten Henriette
immer Zutritt hatte erschien eine Stunde früher und Madame erfuhr dass Leonin
alle Hoffnung habe aufgeben müssen in die Armee eintreten zu können da der
Marschall unerschütterlich seinem Vorsatze getreu bleibe dass er jetzt
verzweifle der König werde ihn bei Hofe anstellen und sich entehrt und
herabgesetzt halte Die Marschallin ließ der Prinzessin ihren Schmerz hierüber
ausdrücken und ihre Hilfe ihren Beistand bei dem Könige nachsuchen Die
Prinzessin versprach mit ihrer gewohnten Gutmütigkeit dass sich Alles diesen
Abend bei der Königin ausgleichen solle
Die Marschallin erschien nicht früher als bis ihre Zimmer sich gefüllt
hatten und kein Raum mehr für ein vertrauliches Wort vorhanden war Als sie
ihrem Sohne begegnete blieb sie stehen und in der Gegenwart von einigen
zwanzig Zeugen sagte sie plötzlich »Sie wollen uns morgen verlassen Sie sind
sehr eilig Ihre schönen Besitzungen in Ste Roche in Augenschein zu nehmen
Doch müssen wir Ihren Eifer loben mehrere Ihrer Vorfahren pflegten von Zeit zu
Zeit sich dort aufzuhalten Ihre Eltern haben diese Neigung nicht gefühlt
vielleicht werden Sie darin Ihren Ahnherren wieder ähnlicher Wir werden uns
diesen Abend bei der Königin sehen«
Als sie bei diesem Winke das Wort an einen Anderen richtete fühlte Leonin
zuerst etwas wie Groll in sich aufsteigen und sein gequältes Herz malte sich in
seinen bleicher werdenden Zügen
Mit demselben Ausdrucke noch sah ihn die sanfte Henriette von England am
Abende bei der Königin in dem ungewöhnlich vergrösserten Zirkel und ihr
teilnehmendes Lächeln wollte ihn aufrichten da sie hoffte er würde durch ihre
Vermittlung noch Alles diesen Abend erreichen was seine sichtlich gekränkte
Stimmung verriet
Nach dem Erscheinen des Königs der sehr bald seinen Platz neben seiner
schönen Schwägerin einnahm ward es Leonin möglich sich Mademoiselle de
Lesdiguères zu nähern die mit der größten Teilnahme ihn aus der Ferne
beobachtet hatte Er fühlte sich wie immer an ihrer Seite erleichtert sie
schien ihm heute vor Allen das einzige menschliche Wesen in diesem Kreise und
er glaubte nach der gewöhnlichen Weise der Männer sich jeder Empfindung
hinzugeben ohne der notwendigen Missdeutung ihrer Äußerungen gedenken zu
wollen dass er ihr endlich die ganze Weichheit und Erschütterung seiner Seele
zeigen dürfe Er sagte ihr dass er am andern Morgen abreisen werde er sagte
ihr wie schwer sein Herz sei wie es ihm scheine er werde nie wieder hierher
zurückkehren wie alle Hoffnungen alle Wünsche auf diesem Schauplatze des
Lebens ihm versunken wären und er sich nur wieder finden könnte in der
Einsamkeit von Ste Roche er verliesse hier Niemanden mit schwerem Herzen
allein die Trennung von ihr bekümmere ihn tief gern gern würde er ihr sein
ganzes Herz aufgeschlossen haben aber er müsse fürchten dass sie ihn alsdann
für immer aus ihrer Nähe verbanne und es würde die Brücke die ihn zurückführen
könne völlig abbrechen heißen wenn er Sie nicht als seine Freundin wieder zu
finden wisse
Er sagte ihr dies Alles mit einem Tone der Stimme der die tiefste
Herzensbewegung ausdrückte und blickte sie dabei mit einer Bewunderung an die
ihre ungewöhnliche Schönheit ihm immer einflößte und die ihm dies Mal durch den
Ausdruck ihrer Züge durch den Wechsel ihrer Farbe besonders auffallend schien
Viktorine fühlte seine Worte seine Blicke seine ganze Stimmung mit der
vollkommen gerechtfertigten Überzeugung von ihm geliebt zu sein und sich jetzt
als die Ursache seiner Verzweiflung seiner Abreise ansehen zu müssen Hätte man
Leonin die Aufgabe gestellt Viktorine nach und nach von seiner Liebe zu
überzeugen die ihrige zu gewinnen er hätte diese Aufgabe nicht besser nicht
vollständiger lösen können als durch sein seit Monaten verfolgtes Verhältnis
zu ihr Dessen ungeachtet glaubte er keine Berechtigung der Art verschuldet zu
haben da er nie förmlich um sie geworben innerlich sich diese Absicht nicht
eingestanden Er hatte den Genuss des Augenblicks in ihrem Umgange gesucht er
hatte mit Eitelkeit nach ihrer Gunst gestrebt und wenig nachgefragt ob die
Mittel die er zu Beidem wählte das unbewachte argwohnlose Herz eines Mädchens
mit Hoffnungen erfüllten die der ihr bewiesenen Liebe gemäß sein mussten Er
würde jeden Vorwurf voll Erstaunen zurückgewiesen haben da er ja niemals um
ihre Hand geworben hatte und doch würde er dieses letzte Formular der Liebe
selbst für überflüssig gehalten haben an einer andern Stelle wo er doch nicht
mehr hätte tun können als hier wenn er diese Absicht hätte ausdrücken wollen
Was Leonin überdies nicht wusste Viktorinen aber von ihrer geschwätzigen
Mutter längst vor seiner Bekanntschaft verraten ward war das zwischen der
Marschallin und dem Hause Lesdiguères unter Genehmigung beider Majestäten
abgeschlossene dereinstige Ehebündniss ihrer beiden Kinder Mademoiselle de
Lesdiguères war allerdings an Rang und Reichtum die ausgezeichnetste Partie des
Hofes die Marschallin konnte nicht klüger wählen und die Persönlichkeit des
Fräuleins schien selbst unter den später eintretenden Verhältnissen Leonins
ihren Sieg zu sichern
Doch Viktorine grollte jedem Zwange und sie beschloss Leonin so abstoßend
und hart zu behandeln dass die Eltern ihre vorschnellen Pläne aufgeben müssten
Wie sie es versuchte haben wir erwähnt eben so wie sie nach und nach das
Opfer jener gewöhnlichen edelen weiblichen Täuschung in Bezug ihrer Einwirkung
auf Leonins Charakter wurde der ihr noch unvollendet erschien Jetzt liebte sie
ihn und nicht mehr was er durch sie werden könnte war die Frage sondern
ob er ihr so wie er war gehören könne und wolle
Trotz dieser stärker werdenden Empfindung aber besaß sie zu viel Charakter
um einem Vorsatze untreu zu werden der außerdem ihr edles Herz erfüllte
dieser war ihre Gebieterin die Königin die sie anbetete die Viktorine als
Freundin und Vertraute zärtlich wieder liebte nie gänzlich zu verlassen da sie
sich bewusst war mit ihrem allein treu und wohlmeinend gesinnten Herzen das
vielfache Böse das in dem Verhältnisse beider Ehegatten lag zuweilen abhalten
mildern oder versöhnen zu können Sie hatte daher der Königin wie dem Könige in
ihrer unumwundenen Weise erklärt sie würde nur dann Leonins Gattin werden
wenn seine Verhältnisse auch ihn auf irgend eine Weise an die Person der Königin
fesselten die sie nie verlassen wolle
Beide Majestäten hatten vielfach Gelegenheit gehabt den Wert dieses edelen
Wesens zu erkennen sie waren daher dankbar für eine so hingebende Aufopferung
und hatten längst eine solche Stelle bei der Königin für Leonin bestimmt deren
wirkliche Übertragung nur durch die bereits mitgeteilten Kabalen der
Marschallin und des Marquis de Souvré aufgehalten wurde
Viktorine konnte jedoch nicht zweifeln dass Leonin von ihrer Weigerung
unter andern als den genannten Umständen die Seinige zu werden unterrichtet
sei dies für Mangel an Liebe halten müsse und dadurch in die Stimmung sich
versetzt fühle in der sie ihn vor sich sah Hoch wallte daher ihr Herz dem
Wunsche entgegen ihm offen ihre wahre Empfindung gestehen zu dürfen und mit
der Gemütsbewegung die sie in Leonins Augen so schön machte horchte sie
seinen Worten das heraus zu finden was ihr dazu Gelegenheit geben würde Jedes
schien ihr dazu Veranlassung aber ehe sie ihre stolze Schüchternheit überwinden
konnte erhoben sich die Majestäten um einem Koncerte beizuwohnen welches
Lully mit seinem ausgezeichneten Orchester im Nebensaale aufführte
Hier kam der verhängnisvolle Augenblick wo der König an Leonin
vorübergehend stehen blieb und ihm mit dem wohlwollendsten Lächeln zunickend
sagte »nun Graf Crecy Sie wollen Ihre Besitzungen von Ste Roche übernehmen«
Leonin beugte sich bejahend bis zur Erde
»Bleiben Sie nicht zu lange fort die Königin wünscht Sie um ihre Person zu
beschäftigen ich habe Sie heute zum Kammerherrn und Reisekavalier ernannt und
werde mich freuen wenn dies auch Ihre andern Wünsche zur Reife bringt«
»Madame« sagte er zur Königin sich wendend »sind Sie zufrieden«
Die Königin verbeugte sich gegen den König der huldvoll grüßend voranging
während die Königin noch einige Augenblicke verweilte um Leonin einige höfliche
Worte zu sagen und seine Dankbezeigungen anzunehmen
Kaum hatten die Herrschaften den Saal verlassen als der ganze Hof auf
Leonin einstürzte um ihm Gratulationen auszusprechen die so den Stempel der
herzlichsten Teilnahme trugen dass wer den Kreis nicht kannte hätte glauben
können Leonin sei hier in dem Zirkel einer ihn zärtlich liebenden Familie
Eben so empfing die anwesende Marschallin die schönsten Worte des Anteils
die sie jedoch besonders kalt und übellaunig aufnahm nur gegen den König und
die Königin in ein Meer vorschriftsmässiger Huldigungen übergehend Ihr war
allerdings ein bedeutender Grund zum Missfallen gegeben und um so mehr da es
ihr unerklärlich war von welcher Seite ihr diese Störung ihres Planes kam Die
plötzliche Ernennung von Seiten des Königs sollte es Leonin unmöglich machen
nach Ste Roche zu gehen und eben der König erwähnte diese Reise als angenommen
und erlaubt die durch diese Erwähnung jetzt sogar unumstösslich geworden war
Die Marschallin konnte auch den Zusammenhang nicht ahnen denn die Ursache
davon war die gute empfindsame Gräfin Grammont gewesen gegen die Leonin als
er die abschlägige Antwort der Prinzessin erhielt in der gedankenlosesten
Befangenheit eine Unruhe und Angst nach Ste Roche zu kommen ausgesprochen
hatte von der die gute Dame so gerührt ward dass sie ihm wenigstens diesen
Dienst nach der missglückten Audienz zu leisten wünschte und die Prinzessin mit
Bitten bestürmte diesen Wunsch des armen jungen Mannes doch beim Könige zu
vertreten Henriette hatte dies mit ihrer unbefangenen Gutmütigkeit getan und
der König es bewilligt
In welcher Bewegung jedoch Leonin durch die plötzlich auf ihn einstürmenden
Eindrücke sich fühlte würde unbeschreibbar sein Das angeregte Verhältnis zu
Fennimor entkräftete zwar in etwas den Triumph dieses Abends aber er wurzelte
schon zu tief in diesen Zuständen um nicht das Aufbrausen des Ehrgeizes mit
Wonne zu fühlen und sich endlich sagen zu können das er erreicht habe was
er gewollt belebte sein Antlitz dass Jeder darin das erfüllte Verlangen
erkennen musste
Auch Viktorine während des Koncertes hinter dem Stuhle der Königin
gefesselt erkannte mit höherem Herzschlage das veränderte Ansehen Leonins
ihre Blicke suchten und fanden sich und das edle Mädchen so nahe sich der
Auflösung ihres Zwanges wähnend ließ ihn in ihren Augen ihr ganzes Gefühl
lesen
Jetzt erhoben sich die Herrschaften und begaben sich von ihren nächsten
Umgebungen gefolgt grüßend an der Menge vorüber in ihre Zimmer Leonin stellte
sich Viktorinen bei diesem langsamen Zuge absichtlich in den Weg Sie sollte ihm
Glück wünschen freudig blickte er herausfordernd zu ihr auf
Sie glaubte ihn zu verstehen »Leonin« sagte sie bebend mit glühenden
Wangen und gesenkten Augen »ich kenne die Wünsche unserer Freundin ich kenne
die Wünsche unserer Familien ich habe Sie verstanden und mein Herz
widerstrebt diesen Wünschen nicht länger da sie mein erstes Gelübde gegen die
Königin nicht aufheben werden Die Königin kennt unsere Wünsche und billigt sie
Nach Ste Roche also Ich breche die Brücke nicht ab die zu mir zurück führt«
Schnell folgte sie dem Zuge Es war ein Glück Leonin war an ihren Worten
zur Salzsäule geworden sie sah es nicht mehr
»Wollen Sie mir Ihren Arm geben mein Sohn« sagte die Marschallin in diesem
Augenblicke »Sie werden denke ich nicht eher abreisen bis Sie Ihrem Vater
Ihre so überaus ehrenvolle Anstellung mitgeteilt haben«
»Gewiss nicht« erwiderte Leonin und führte die Marschallin zu ihrem Wagen
bestieg den seinigen und eilte in sein Zimmer alle Bedienung fortschickend um
allein zu bleiben der unglücklichste Mensch der Erde wie er wähnte
Die Wälder von St Roche die Gärten die das Schloss zunächst umgaben die
Weideplätze und Wiesengründe die daran stießen Alles prangte in dem schönen
Grün des JuniMonats und schien der Seligkeit einer vollständig erreichten
üppigen Entwickelung hingegeben Täglich sich nachdrängende bunte Blumen die
zarten ersten Früchte die an Sträuchern und Pflanzen glänzten Alle schienen
sich in den grünen Hallen ein Willkommen zuzujauchzen als heitere Gespielen
für die der Boden ergrünet Auch standen diese schönen Ankömmlinge an einander
gereiht wie reizend geschmückte Tänzer bereit den schönen Sommerreigen über
die Erde zu tanzen und in den blauen Lüften in den schattigen Lauben erklang
dazu aus tausend kleinen verschiedenen Kehlen ihr melodisches Orchester Warme
Sonnenstrahlen belebten den langen Tag tauige Nächte erfrischten die duftende
Schönheit der ganzen Natur
Leise aufhorchend so vielen Wundern sie alle belauschend mit kindlich
wachsamem Auge so vertraut damit so beseligt dadurch und zugleich so
schüchtern so behutsam als könnte ein zu kühnes Hinblicken oder Berühren die
kleinen fleißigen Arbeiter in ihrem Aufblühen Duften und Reifen stören so
glitt Fennimors leichter Fuß durch die Pracht des Sommers Sie wusste nicht dass
sie keine aufblühende Blume zu beneiden hatte selbst so reizend erblüht dass
sie zu ihnen zu gehören schien und wenn das kindliche Antlitz aus den volleren
Falten ihrer Kleider schaute konnte man vergleichend sagen die Knospe beuge
sich über die aufgeblühte Blume an demselben zarten Stengel getragen
Sie wollte immer unglücklich sein da Leonin noch fehlte aber sie konnte
doch nicht Zeit dazu finden vor all der Herrlichkeit in und außer ihr Die
Tränen die sie weinte waren wie die kurzen Nächte sie dauerten nicht lange
denn mit der Sonne was kamen da all für süße Gedanken Emmy Gray hatte ihr
endlich entdecken müssen was ihr geschah und nun war es ihr als ob der Altar
des Herrn in ihr errichtet sei und sie hätte in aufhorchender Stille auf ihren
Knien auf denen sie Emmys Verkündigung erfuhr liegen bleiben mögen damit sie
heilig würde zu der großen Gemeinschaft mit Gott wie sie sagte Wie lange
konnte sie still und in sich gewendet zwischen den Blumen sitzen und gar Nichts
wollen als voll anbetenden Erstaunens das Wunder bedenken zu dem Gott auch sie
berufen Ihre Augen waren so ernst so tief und forschend auf dies heilige
Geheimnis gerichtet und um ihren Mund nur schwebte das kaum angedeutete Lächeln
unaussprechlicher innerer Wonne und all die kleinen unschuldigen Kindereien
die dazwischen ihre Gedanken berührten und sie in die seligsten Spielereien mit
dem kleinen noch verhüllten Gefährten versenkten flatterten durch den ernsten
Kultus ihrer Empfindungen wie geflügelte Engel um die Glorie der Mutter Gottes
Mit Lesüeur hatte sie auch ihre große Not gehabt weil er von Gott gelassen
und sich nun vor ihm fürchtete aber sie hatte sich schnell daran gemacht und
traute sich überdies jetzt mehr zu da sie dachte in ihrem Zustande müsse man
ihr auch mehr Glauben schenken Da war ihr denn auch Alles mit ihm gelungen wie
wir schon wissen und sie war dessen recht froh und sagte oft zu Emmy »was
wollen sie doch machen wenn eine Mutter zu ihnen redet da ist ihr Unglaube ja
gleich überwunden das größte Wunder steht vor ihnen sie müssen glauben
lernen«
Doch vergeblich sah Emmy Gray vor ihren Augen das rührendste und reinste
Bild göttlicher Gemeinschaft und des daraus entstehenden heitern Friedens der
alle Angst der Welt besiegt ihr armes leidenschaftliches Herz fasste es nur
auf um sich zu kränken zu erzürnen und der Heiligenschein den sie um ihren
Liebling leuchten sah steigerte nur ihre Ansprüche für eine irdische Welt die
ihr dafür einen Lohn zahlen sollte ihren eitelen Wünschen gemäß die
Bitterkeit darüber dass er ihr noch immer verweigert sei verzehrte sie fast
Wenn Fennimor den Zustand ihrer Gefährtin erkannt hätte würde sie gewiss mit
dem Übel in Kampf getreten sein So aber verdeckte Emmy mit unerschütterlichem
Schweigen ihr Inneres denn konnte sie auch ihren Abgott in Nichts nachahmen so
flößte Fennimor ihr doch eine an Ehrfurcht grenzende Schonung ein und wie ihr
Nichts gut genug für sie schien so nahm sie auch sich davon nicht aus und es
war in ihrem Grolle mit begriffen dass ein solcher Engel keinen andern Umgang
haben solle als so ein geringes Weib wie sie
Lesüeurs Ankunft erfüllte sie zuerst mit Hohn Verachtung und Misstrauen er
käme nur damit der Herr Graf wegbleiben könne er solle ein Gesellschafter
sein wozu dieser sich zu gut halte Von Malern hatte sie überhaupt geringe
Begriffe sie schienen ihr durchaus unnütz umsonst da und dass dieser kranke
bleiche verfallene Mann in die Gesellschaft ihres Engels treten sollte schien
ihr ein wahrer Spott
Dagegen schlug Fennimor vor Freuden in die Hände dass sie endlich einen
Maler sehen sollte weil sie von dessen Berufe auf Erden die größten Begriffe
hatte und so gern wissen wollte wie ein Mensch aussehe der sich begeistert
fühle Gottes Werke nachzubilden
Emmy hörte kopfschüttelnd wie sie sich freute und den Gast einzuführen
gebot »Ach« sagte sie »Alles muss ihr den Willen tun und was Schönes werden
woran sie sich erfreuen kann Gott mag es denen verzeihen die ihr nicht das
schicken was ihrer würdig ist«
Als Lesüeur darauf eintrat verbeugte sich Fennimor so tief vor ihm dass der
stolze Künstler errötete und sich noch tiefer vor der wunderbaren Schönheit
neigte
»Gott segne Euch« sagte sie leise wie ein Kind so schüchtern »und Gott
segne dieses Haus wo ein Künstler eintritt ein Schüler Gottes ein
Berufener seine Wunder nachzuahmen wo wir andern nur zusehen können Es muss
eine große Gnade sein das zu empfinden« fuhr sie fort und schritt dabei
neugierig obwohl noch schüchtern auf den erstaunten Lesüeur zu um ihn recht
genau zu betrachten der indessen durch eine so fremde Anrede um seine ganze
Fassung gebracht unsicher war ob das liebliche Rätsel vor ihm ein Kind eine
Frau oder ein Engel sei
Als Beide sich nun ganz nahe standen und Fennimors Augen den ersehnten
Anblick eines Malers hatten ward sie sehr verwundert dass ein Maler gerade so
aussehen musste Sie hätte sich weniger erstaunt gefühlt wenn er einen
Purpurmantel um eine Tunika getragen hätte und den Lorbeerkranz um die Schläfe
als dass er müde und krank mit bleichen Wangen und schwankender Gestalt in
Kleidern wie andere Menschen trugen die ihm aber nicht wohl saßen nun vor ihr
stand und Nichts hatte als Augen aus denen sie später das Geheimnis erklärte
und die auch jetzt so verständlich zu ihr redeten dass ihr sogleich eine andere
Ansicht kam die nicht minder ihr Gefühl weckte wenn auch ihren Patos
verdrängte
»Ach Gott Ihr seid ja krank lieber Herr« sagte sie mit dem weichsten
Mitleidstone »Wie wollen wir es denn machen Ruht erst hier etwas bis Eure
Zimmer durchwärmt sind1 Wir lassen dies Ruhebett an den Kamin tragen da legt
Ihr Euch nieder und wir breiten Decken über Euch dass Ihr Euch erwärmt Ich
kann auch gehen wenn Ihr lieber allein bleibt oder Euch etwas erzählen bis Ihr
einschlaft oder vielleicht tut Euch etwas Wein gut«
Lesüeur war freilich nicht kränker als gewöhnlich aber fast wünschte er
sich das zu sein was ihn so in unmittelbare Beziehung zu ihrer Teilnahme
brachte und ohne den Willen dieser kleinen Heuchelei ließ er sich von ihr als
der Hilfe bedürftig leiten Wie drang sie dann in ihn als sie ihn für
erfrischt und gestärkt hielt ihr von all den Wundern zu erzählen von denen
sie seine Seele erfüllt glaubte und wie andächtig scheu und ehrerbietig
behandelte sie ihn wie festlich und schön ließ sie Alles für ihn bereiten so
froh der Ehre mit einem Künstler zu leben
Und Lesüeur war in eine Welt der Ideale getreten deren Dasein er nicht für
möglich gehalten hatte Was von der Geltung dem Berufe des Künstlers die
Blütezeit seines Lebens als süßer Traum umgaukelt hatte und den Raum des
Entstehens den heitern Boden der Phantasie nicht verlassen durfte um es nicht
an der Außenwelt verflüchtigt zu sehen dies ward ihm hier mit einem Ernste als
Erwartetes Wirkliches Begehrtes abgefordert und fand Raum und Existenz unter
Umständen die selbst einem Wunder glichen aber dennoch Wahrheit waren Unter
dem schuldlosen Betasten dieser Kinderseele fand er die Künstlerseele wieder
ihre Träume und Entwürfe ihre Absichten und ihr ganzes heiliges Selbstgefühl
durfte er wieder erwecken eingestehen Ja er musste sich mit dem ganzen
Schmucke bekleiden damit sie ihn erkannte für das was sie in ihm suchte
Vor ihrem Bilde mit einer Begeisterung malend wie einst St Lukas vor der
heiligen Jungfrau fühlte Lesüeur dennoch die Sonne des Lebens immer tiefer
sinken aber täglich sagte er sich »es sei Ist diese letzte Zeit meines
Lebens doch die Erfüllung des ganzen Vorangegangenen Weiß ich doch jetzt dass
die große heilige Bevorrechtigung ein Künstler zu sein kein Gespinnst meines
erhitzen Gehirns ist dass es sich erfüllt findet in Anerkennung und freudigem
Festalten da wo die Seele der Menschen noch das unschuldige Auffassen behalten
hat das ohne den Konflikt mit der Welt die Wahrheit erkennt« Aber wie war
Fennimor dagegen erstaunt dass ein Künstler von Gott hatte abfallen können wie
sie es nannte und ein wahrer Heide werden der viele kleine Götter anbetete
die ihn sein Herz in der Welt hatte suchen lassen »und natürlich« sagte
sie »daran zu Grunde geht in Missmut und Bitterkeit Denn wie sollten sie
Dir treu bleiben da Du den allein Treuen um sie verlassen hast Hättest Du Gott
vor Augen gehabt was hätte Dir Lebrun wohl tun können als Liebes und Gutes
durch seine herrlichen Werke wie Du selbst von ihm rühmst und hättest Du die
rechte Liebe gehabt so hättest Du auch den rechten Frieden bekommen«
Mit protestantischem Ernste griff sie sein mattes inneres Treiben an was
leidlich zur Ruhe gesprochen von äußeren Gebräuchen und Hülfsmitteln des
katholischen Priestertums ihm keine Heilung der Seele geben konnte da es ihn
fern hielt von strenger Selbstrechenschaft die in das Formenwesen von Beichte
und Absolution hinüber gezogen ihn ganz von der Möglichkeit entfernt hatte auf
dem Wege der Religion sich mit der Welt wahrhaft zu versöhnen
»Was kann Dir denn das helfen wenn ein Mensch Dich absolvirt« sagte sie
eifrig »weißt Du nicht dass Keiner ohne Fehl vor Ihm befunden ist Warum tust
Du nicht nach Gottes Geboten der eben durch seine Offenbarung in Christo Dir
sagt Du sollst Ihn anbeten im Geiste denn er ist ein Geist Du bist getötet
durch Deine Priester die sich zwischen Dich und den Geist Gottes drängen denn
das Fleisch das heißt ihr fleischlich Wort tötet Der Geist allein macht
lebendig Siehst Du nun wohl ein welche Sünde es ist die Andacht aus den
Händen zu geben und träge zuzusehen was Dir Andere zurecht machen und Dir davon
überlassen nach ihrer sündigen menschlichen Einsicht Ja das sollte uns schon
gefallen wenn es so leicht abgetan wäre Wir aber wir Protestanten die wir
nach der Lehre Christi leben müssen wie die Evangelien sie lehren wir wissen
dass es keine andere Rechtfertigung vor Gott gibt als im Glauben an unsern
Heiland durch den wir alsdann die Kraft empfangen die Sünde von uns abzuhalten
und der Vergebung teilhaft zu werden die er Allen verheißen die an seine
Versöhnungskraft glauben Wie kannst Du Dir also weiß machen lassen ein
Priester der so gottlos ist sich für den auszugeben der Gottes Gewalt an Dir
erfüllen könnte also ein Gott selbst sein müsste könnte Dir sagen Deine Sünde
sei Dir vergeben«
Dann erzählte sie ihm von Ihrem Vater wie demütig er vor Gott gewesen und
Alles an ihn verwiesen habe und von der Scheu vor sich selbst die allein zu
ihm führe
Während dem malte Lesüeur seine Lehrerin und kaum hatte er einen Entwurf
beendigt so begann er schon den zweiten Hundert Mal glaubte er sie malen zu
können immer neu immer sie selbst und das größte Wunder das ihm vorgekommen
Dann las sie ihm mit ihrer Engelstimme die Evangelien vor die er nie gehört
und vor deren heiligem Geiste er den ersten Schauer der Andacht fühlen lernte
der bis dahin seinem Leben fremd geblieben war
Beide führten so ein lebhaft angeregtes Leben in Fennimor aber tauchte
eine Ahnung der verderbten Welt auf die ihr bis dahin fremd geblieben war und
sie musste viel nachdenken denn sie wollte das was sie nicht mehr leugnen
konnte doch gern in Ordnung bringen um Gottes Welt zu retten wie sie dachte
damit auch das Böse seinen Platz bekäme zu irgend einem guten Zwecke da dies
doch notwendig sein müsse wenn man auch zuerst so sehr darüber erschrecke und
erstaune Oft nahm sie Lesüeur in Rat der seine längst verloren gegangene und
vergessene Unschuldsseele mit heißer Sehnsucht um ihretwillen wieder suchte und
wenn er hörte wie scharfsichtig wie tief denkend das Kind bloß aus Liebe zu
Gott sich bestrebte die Angelegenheiten der Erde zu ordnen und zu erklären
hätte er sie zum lauten Predigen in der Wüste des Lebens auffordern mögen Denn
Offenbarungen des Höchsten schienen ihm ihre Worte und hätte er nicht ihren
strengen aufrichtigen Tadel gefürchtet auf seinen Knieen hätte er ihr zuhören
mögen Dagegen dachte Fennimor wie herrlich ihr Leonin sein müsse von der
bösen Welt umgeben die er ertrüge um Gottes Willen und um die schöne heilige
Welt der er zugehörte dort zu zeigen und zu schützen vor der fremden »Aber
mir wäre es lieber« dachte sie »ich bliebe daraus weg und mit Leonin käme die
schöne edle Mutter der liebe alte Vater und Louise hieher zu uns denn wir
sollen doch keine Versuchung aufsuchen also was tun sie dort wenn sie es
hier besser haben können Die hat auch Gott nicht zum Streite dorthin berufen
denen er zwei Stellen auf Erden gegeben wo die eine ihm so viel näher ist Nur
wenn Leonin es will dass ich ihm folge darf ich hier fort freiwillig muss ich
nicht gehen dann aber ist es wieder Gottes Gebot weil Leonin mein Mann ist«
Wie erstaunte Lesüeur über die sichere Berechtigung die sie zu ihren
Verhältnissen fühlte da er der untrüglichsten Überzeugung war wie keines der
Rechte die sie ruhig zu besitzen glaubte in der Welt eine Geltung haben würde
welche sie mit Recht zu berühren fürchtete »Gott« rief er oft wenn er allein
war die Hände ringend »wenn Leonin sie auch verliesse wenn sie auch an ihm
den Anhalt verlöre und den Glauben wie nur zu gewiss die Eltern gar nicht für
sie existieren«
Auf diesem Wege fand sich nach und nach eine natürliche Annäherung zwischen
ihm und Emmy Gray Beide hofften Manches von einander zu erfahren und die Sorge
um Fennimor erhob dies gegenseitige Forschen zu etwas Edlerem als Neugierde
Emmy Gray lockte bald aus Lesüeur heraus was ihre argwöhnische Seele schon
voraussetzte und was ihm unter so entgegenkommenden Fragen unmöglich ward zu
verbergen Von da an hielt sie den Abgott ihres Herzens für verloren und der
Welt nur noch bitterer grollend schien sie sich bald der einzige sichere
Anhaltspunkt für Fennimor Sie erfasste diese Überzeugung mit einer Energie und
einer Belebung ihres Geistes die ihrer besonderen Befähigung trotz des Mangels
der Bildung zuzurechnen war und wenn ihre Gemütsart nur finster und
herrschsüchtig sein konnte trat sie doch von einem edelen Stolze unterstützt
würdig genug hervor
»Lasst Ihr noch das Wiegenlied ihrer Hoffnungen womit sie sich jeden Abend
selbst einsingt« fuhr sie finster hinstarrend zu Lesüeur fort »seht wie
sie heiter aussieht Nichts kann ihr mehr begegnen glaubt sie sie ahnt auch
nicht einmal dass es etwas zu fürchten für sie gibt Dass ein Mensch zu Zweien
sein kann wie der gottlose Herr Graf dass er hier ihr Grab ausschmücken kann
mit seinem goldnen Tand und doch ihr Herz brechen will und seinen Weltgötzen
dienen davon weiß sie nichts Und wer möchte es ihr sagen Gott wird die Stunde
wissen die sie bricht aber auch jene mit dem schrecklichsten Fluche der
Menschheit Beladenen zu jeder Qual der Hölle verdammen wird die Gott dem
erwachten Gewissen vorbehält«
Nach der Vollendung des ersten Bildes erkrankte Lesüeur bis zum
Niederliegen Fennimor teilte Emmys Pflege persönlich so viel es ihre Lage
ihr erlaubte und rastete besonders nicht für seine Seele zu sorgen da die
Krankheit mit ihren trüben Schleiern und den bitteren Tropfen die sie dem
kranken Blute beimischte wieder nieder zu werfen schien was Fennimor in ihm
schon aufgerichtet glaubte Was Beide da eintauschten war nicht von gleichem
Werte Das Leiden machte den von der Welt und ihren egoistischen Berechtigungen
verwirrten Lesüeur rücksichtsloser in seinen Äußerungen Er wünschte den
Zustand seiner Seele den sie so ernstaft tadelte durch die Schilderung der
Versuchungen zu entschuldigen welche die Welt ihm geboten und so rollte sich
bei seinem Eifer sie von der Schwierigkeit sich rein zu erhalten endlich zu
überzeugen ein Bild dieser Zustände vor ihr auf das sie in seiner verderbten
Ausdehnung kaum zu fassen vermochte
Zu spät erkannte er an ihrem maasslosen Schmerze darüber was er verbrochen
und bestrebte sich nun um so aufrichtiger durch seine eigne Hingebung an ihre
Ermahnungen ihre Seele zu trösten und zu erquicken
Doch vermochte er nicht mehr ihre bis jetzt in harmonischem Gleichgewichte
schwebende Seele von dem herben schmerzlichen Nachdenken zu befreien in
welches der erste unausgleichbare Widerspruch der innern Welt zur äußern die
Seele in der Jugend versenkt Nur ihre glaubensvolle Festigkeit erhielt sie und
richtete sie wieder auf und endlich war sie sicher und einig darüber dass
vielleicht nur kurzsichtige Menschen diese Erscheinungen böse fänden und Gott
der die Herzen sieht allein wisse ob sie so Viel verschuldeten als es den
Anschein habe
»Sieh« sagte sie »wenn ich nehme als welch ein böser Sünder Du Andern
hast erscheinen müssen so kann ich mich recht daran beruhigen da Dir Gott doch
dabei so viel Reue und so viel Gutes erhalten und Dir die Gnade ein Künstler zu
sein nicht entzogen hat vielmehr Dein Herz innerlich immer in Wehmut schweben
blieb über Dein äusserliches Verschulden So wird es nun überall sein Wir müssen
nur immer bedenken dass Gott Alle gleich liebt Alle seine Kinder sind da weiß
er also als Vater wo es ihnen steckt wo er sie heimsuchen muss und wir dürfen
eigentlich gar nichts dabei haben als still zusehen wie er sie leiten wird
und müssen sie lieben bloß darum weil sie zu Gott gehören«
Lesüeur staunte mit wahrer Andacht dies lebhafte Bedürfnis Fennimors an
das Böse zu annulliren Er hatte das Gefühl der Jugend vergessen das sich von
jedem Eindrucke frei zu machen sucht der dem Glücke widerstrebt den Menschen
vertrauen zu können und als er sie auf diesem Wege wieder zur Heiterkeit
zurückkehren sah glaubte er der Himmel müsse ihr Leben behüten und beglücken
eine solche Frömmigkeit zu belohnen
Wir werden daraus die Stimmung erklärt finden in der Lesüeur nach seiner
Genesung und nach Vollendung beider Bilder bei Leonin eintraf und die eben so
schnell gefassten Hoffnungen derselbe werde ihr gerecht werden
Nach Lesüeurs Entfernung hätte die Einsamkeit auf Ste Roche hervortretender
scheinen können aber Fennimor glitt mit dem süßesten Lächeln heimlicher Lust
über den blumigen Rasen durch die lichten Schattengänge und war in ihrem
geheimen Einverständnisse nicht mehr allein sondern von tausend unnennbaren
Freuden umgaukelt als ob Engel vom Himmel zu ihr niederstiegen zu Spiel und
Scherz Sie hatte sich lieb und hielt sich hoch und stellte sich im Geiste hin
vor Leonin als die reichste und schönste Gabe die sie nun so sicher durch sich
für ihn bereitet glaubte Dann stieg sie in das Tal hinab in das kleine Haus
des Vikars wo Veronika die stille nonnenhafte Jungfrau in Schönheit und
Jugend prangend neben dem jugendlich rüstigen Vikar waltete Wenn die
Geschwister sie daher kommen sahen schwebend fast und leise und vorsichtig als
behütete sie einen Schlummernden und sie Beiden die schlanke weiße Hand reichte
und das Engelslächeln und der leuchtende Blick auf Beide ihnen immer wieder aufs
neue ihr Glück erzählte immer wieder die neue Antwort der Anerkennung zu
begehren schien dann sagte der Vikar oft wenn sie wieder heim gegangen »zur
heiligen Jungfrau wird immer noch die Frau die ihre Umwandlung als eine
göttliche Verkündigung seiner heiligen Gemeinschaft empfindet«
Gewiss war es sie hatte fast keines Menschen nötig Sie war gern bei den
Geschwistern und bei Emmy Gray aber lieber fast noch mit sich allein und
selbst Leonin hatte nicht mehr den ersten Platz »denn« sagte sie zu sich
»Gott hat seine heilge Werkstatt in mir da muss alles Andere weichen das
kann ich recht fühlen wie er allein sein will bei mir«
Mit Lesüeurs Hilfe noch hatte Emmy Gray neben Fennimors Schlafzimmer einen
kleinen Raum benutzt der nach dem Garten sah und mit den reichen Stoffen die
Leonin zur Ausschmückung der Zimmer gesandt zu einer anmutigen grünseidenen
Laube umgeschaffen worin sich nach und nach die kleinen lieblichen Gegenstände
sammelten deren verringerter Maßstab unser Herz mit Lust und Rührung erfüllt
und die Sehnsucht nach dem Anblicke des kleinen Wesens steigert das dies Alles
beleben soll mit seiner anmutigen Erscheinung
Wenn ihr Emmy sagte dass die Zeit nahe sei die ihr die Erfüllung bringen
würde erbleichte sie vor andächtigen Schauern und wünschte dann wieder Leonin
bliebe aus bis sie das Segenszeichen im Arme trüge Das wünschte Emmy nicht
Noch hoffte sie auf Lesüeurs Einwirkung und dann sollte er auch die Weihe als
Vater durchempfinden durch die Last der Angst um die schweren Stunden seines
Weibes Da sah sie wie eines Morgens Fennimors Wangen dunkler glühten und sie
nicht in das Tal hinab stieg sondern auf dem sonnigen Sitze am Fuße des
EudoxienTurmes ausruhte wo sie den Weg in das Tal übersah und als sie zu
ihr trat war sie am frühen Morgen schon wieder eingeschlafen der Atem war
kurz und beklommen der Mund glühte und zuweilen stieg ein schmerzlicher
Seufzer herauf Da wendete Emmy Gray schnell den Schritt zurück und bald
erreichte ein Bote den geschickten Arzt des kleinen Fleckens Ste Roche mit der
Weisung seine Wohnung in dem Schloss aufzuschlagen Emmy blieb aber ein
treuer wachsamer Hüter zu ihren Füßen sitzen und Fennimor schlug nach kurzer
ungleicher Ruhe zu der Gefährtin die Augen auf
»Ich sah es« rief sie und drückte entzückt die Hände zusammen »Ganz
deutlich sah ich es So klein und rund ist es und seine Aeuglein sind wie
Sterne Ach Emmy nun muss Leonin bald kommen denn ich werde eifersüchtig
dass ich all das Glück allein genießen soll«
»Ja ja« sagte Emmy »er könnte wohl hier sein wenn Euch die Stunde
schlägt der Vater gehört zum ersten Gruße für sein Kind« Doch brach sie
nach diesen Worten ab denn sie durfte ihrem zürnenden Herzen nicht trauen
Am Abende erschallten Hörner in der Ferne ein Reisezug flog durch das
Tal Als Fennimor es hörte sank sie auf ihre Knie und betete Emmys Brust
wollte zerspringen
»Lebt sie wo wo ist sie Emmy geliebte Emmy« rief Leonin und weinte
wie ein Kind als er die spröde schluchzende Gestalt wie eine Geliebte an seine
Brust drückte
»Sie ist ihrer Stunde nahe Herr« sagte Emmy Eis und Bitterkeit glitten
dabei von ihrem Herzen denn sein Gefühl war keine Lüge
Da drängte er den Ungestüm zurück und sie führte ihn bis zu Fennimors
Zimmer Sie hatte ihm nicht mehr entgegen eilen können ihre Füße hatten
gewankt sie saß und ihr im vollsten Purpur glühendes EngelsAntlitz leuchtete
über die bedeutungsvolle Gestalt
Als er sie sah ward sein Herz wieder fest aller Ungestüm alle
Leidenschaftlichkeit war daraus verschwunden Er fühlte die ganze Heiligkeit
ihrer Stimmung und lag weinend zu ihren Füßen sein Gesicht in die Falten ihres
Kleides bergend
»Sieh nur Leonin« sagte sie da über ihm mit der klaren süßen Stimme
»sieh nur wer ich bin« Und sich kräftig fühlend erhob sie sich und stand vor
ihm und als er aufsah erblickte er sie leuchtend vor Freude mit der Gewissheit
des höchsten Glückes das sie ihm zu geben hatte
Und das war der Inbegriff von Allem was sie ihm zu sagen hatte Kein
Vorwurf keine Unsicherheit keine Befürchtung als ob sie gestern das letzte
Wort mit ihm gesprochen hätte so ruhig so froh und heiter knüpfte sie wieder
an Nur lieblich kindlich wehren tat sie ihm er durfte nur leise mit ihr
sein sie behütete sich ernst und doch halb kindlich spielend Doch verhüllte
die Freude nur noch schwach die ahnungsvolle Bangigkeit die immer schneller
wiederkehrend in ihr aufstieg und Emmy Gray entführte sie endlich aus Leonins
Armen in ihr Schlafzimmer
Als aber die ersten Strahlen der JuliSonne den Horizont röteten kniete
Leonin nach einer unter tausend Qualen verlebten Nacht an Fennimors Bette und
sie sah an seiner Brust ihren Traum erfüllt und Leonin rief immer fort
»Fennimor Fennimor mein geliebtes Weib Du hast mir einen Sohn geboren«
»Und so klein ist er und so rund und seine Aeuglein glänzen wie Sterne«
setzte Fennimor leise lächelnd hinzu während große Tränen über die blassen
Wangen flossen und die schönen matten Händchen sie nicht trocknen konnten
Emmys argwöhnischer Tadel verstummte nach gerade vor dem glücklichen Vater
der zwischen Fennimors Lager und der Wiege seines Kindes mit eifersüchtiger
Sorgfalt Beide behüten wollte Sie ward wieder hoffnungsvoll und heiter und sah
dem Glücke ihres Lieblings ohne so bange Schmerzen zu als sie bisher erlitten
Und dennoch hatte sie Recht dennoch war es derselbe Leonin nicht mehr der
diese Stelle einst einweihte als das Ziel seines Strebens als die Bestimmung
seines Lebens
Er war jetzt was er an dem Hofe Ludwigs des Vierzehnten war das Kind des
Augenblicks Hier von den edelsten Beziehungen der Menschen zu einander so warm
ergriffen wie dort von ihren eitelen Bestrebungen beherrscht keiner Lage ganz
gehörend zu der einen zu eitel und ehrgeizig zu der andern zu gut zu tief in
die Geheimnisse eines höheren Lebens durch Fennimor eingeweiht überall
geteilt zerfallen mit sich auf dem sichern Wege das zu werden was der
Marquis de Souvré zu erreichen trachtete ein unglücklicher von verfehlten
Lebenswegen irre geführter Mensch
In dem Augenblicke wo er beinah mit Andacht sein Weib die Mutter seines
Kindes betrachtete wusste er dass seine Verlobung mit Fräulein von Lesdiguères
am Hofe deklarirt war und seine Rückkehr erwartet um seine öffentliche
Vermählung zu feiern Er wusste dass er diese gegen seinen Willen ihm über den
Kopf gewachsene Verpflichtung jetzt erfüllen musste oder dass er vor der Welt
deren Meinung ihm so wichtig geworden entehrt dastehen und auf ewig aus der
glänzenden Gemeinschaft getrieben sein würde mit der sichtbaren Gottheit
Frankreichs mit seinem Könige Jede ehrgeizige Hoffnung wäre damit vernichtet
gewesen der Name dessen stolzen Anspruch er jetzt erst begriff zu dem
trostlosesten Dunkel hinab gewiesen und in der Verbannung keine Hoffnung auf
Seelenruhe da ihm der Fluch der Eltern und das Andenken an Viktorinens
gebrochenes Herz folgen musste
Am Morgen nach der uns bekannten Ernennung des Königs begab sich die
Marschallin von Crecy die sonst die Waffensäle ihres Gemahls selten besuchte
dahin dem zögernden Leonin zuvorkommend Der Marschall musste die Aufmerksamkeit
seiner Gemahlin anerkennen dass sie schon am frühen Morgen zu ihm eile ihm
sowohl die Anstellung ihres Sohnes wie die Verlobung desselben mit Mademoiselle
de Lesdiguères anzuzeigen die durch einige Worte der Majestäten welchen
allerdings die Sache außer Zweifel war für beide Ehegatten die Sanction einer
priesterlichen Einsegnung erhielt So ward Leonin als er später dem Vater nur
seine Anstellung mitteilen wollte in doppelter Beziehung beglückwünscht und
der unbeschreiblich ungestüme Jubel des alten Helden ertödtete jeden Versuch der
Widerlegung in dem fast von diesen Eindrücken betäubten Sohne Auch fand er ihn
schon zur Hälfte in seiner MarschallsUniform er wollte dem Könige seinen Dank
abstatten und dann der alten Eule der Herzogin Schwiegermama wie er in
lustiger Laune die Mutter Viktorinens nannte die Reverenz machen »und ist
Deine Liebste dort dann soll sie einen Kuss haben so wahr ich Marschall von
Frankreich bin«
Es wäre eben so möglich gewesen den Strom der Seine rückwärts fließen zu
lassen als den Marschall aus seinem ihm von seiner klugen Gemahlin angegebenen
Gedankenstrom zu lenken Leonin machte einige vergebliche Versuche dazu da sie
jener aber lachend und tobend ganz überhörte sicher er könne nur erfahren was
in diesen Ideenkreis hinein passe riss sich Leonin endlich fast wahnsinnig über
seine Lage von seinem Vater los
»So gehe denn mein Kind und komme bald wieder Es ist mir zwar nicht
Recht dass Du jetzt das alte Nest Ste Roche besuchen willst und ich verstehe
nicht wie sich das mit Deinem schuldigen Respekte gegen die Majestäten und
Deine Braut verträgt Da es aber Deine Mutter billigt der man in solchen Fällen
wohl trauen darf und Seine Majestät der König es in den Mund nahm so habe ich
Nichts zu erinnern auch denke ich man wird ums Wiederkommen nicht sehr zu
bitten haben He mein Junge das muss man sagen sie haben Dir eine gute Partie
gemacht die alte Eule von Mutter ist eine Schwester des Herzogs von Reetz und
die Lesdiguéres werden herankommen an die Crecy und Soubise«
Länger ertrug es Leonin nicht Todeswund stürzte er sich in die Arme seines
Vaters Der Marschall nahm sein undeutliches Gemurmel für Abschiedsworte küsste
und herzte und entließ ihn seinen in Juwelen gefassten Ehrendegen aus der Hand
des Kammerdieners nehmend und ihn mit geheimer Lust in das goldene Gehänge
steckend
Leonin stürzte dagegen durch die Gemächer die zu den Zimmern seiner Mutter
führten und wer ihm begegnete wich ihm aus und sah dem glücklichen Erben auf
dessen Haupt sich so viel Ehren häuften denn seine Anstellung und Verlobung
war Allen bereits mitgeteilt voll Erstaunen nach fürchtend eine plötzliche
Krankheit habe ihn ergriffen Er sah den Türsteher seiner Mutter der ihn
melden wollte nicht er drückte mechanisch die Tür auf er erreichte ihr
Kabinet und stand vor ihr als sie eben die schwere SamtRobe abwarf denn sie
kam von dem Lever der Königin welche die Anwesenheit der Marschallin benutzte
um der Königin Mutter den Prinzessinnen und diesem höchsten Kreise Mademoiselle
de Lesdiguères als die verlobte Braut des jungen Grafen von CrecyChabanne
vorzustellen Sie kehrte zurück mit der stolzesten Selbstzufriedenheit mit dem
Gefühl ihr Ziel erreicht zu haben und indem sie sich umwendete erblickte sie
Leonin und ein nie gekanntes Erbeben erschütterte ihren ganzen Körper denn es
war als ob eine Donnerstimme ihr zuriefe »triumphire nicht zu früh er wird
das Opfer« Doch war sie stets schnell gefasst Ein Wink entfernte die
Kammerfrauen und als sie eigenhändig das Vorzimmer verschlossen hatte war
ihre ganze Selbstbeherrschung zurück gekehrt und in sich hinein sagte sie
»jetzt keine Schwäche er ist ja der Augenblick den Du längst erwartet«
Sie hatte diese Ermahnung nötig denn als sie wieder eintrat ging Leonin
mit seinem todtenähnlichen Antlitze ihr entgegen und sagte mit leiser heiserer
Stimme und einem Ausdruck der Augen der ihren Herzschlag aufhielt »Retten Sie
mich Madame Retten Sie mich« Er wiederholte diese Worte so oft so gleich
schrecklich im Tone dass sie glaubte er sei wahnsinnig geworden
»Vor allen Dingen komme zur Besinnung mein Sohn« sagte sie vergeblich
bemüht ihrer Stimme Sicherheit zu geben »Du bist in einem Grade überspannt
der Dir die richtige Ansicht Deiner Lage unmöglich macht Fasse Dich und habe
Vertrauen zu mir wir werden in Übereinstimmung handelnd Alles beseitigen
was Dich überwältigt und quält«
»Nein nein Madame« fuhr Leonin in demselben Tone fort »es kann nicht
möglich sein ich bin nicht zu retten Entweder hier entehrt vor dem Könige
vor allen Menschen oder dort vor Gott und mir selbst Es ist nicht zu
vereinigen ich muss das Opfer werden«
»Lassen Sie mich diese Sprache nicht hören« sagte die Marschallin »mein
Herz hat keine Nachsicht mit unmännlichen Empfindungen Sie sind augenblicklich
gerettet wenn Sie anerkennen welche hohe ehrwürdige Verpflichtungen Ihnen Ihr
Rang als einem der ersten Untertanen unseres erhabenen Königs auferlegt Sie
gehören sich selbst nicht mehr an kein Mensch hat ein Recht an Sie von dem
Augenblicke an wo der König über Sie verfügt Alles ist Nebensache kann und
muss beseitigt werden zu Gunsten dieses einen höchsten Zieles So mein Sohn
denken alle welche die Ehre haben Franzosen Untertanen des ersten Königs
der Erde zu sein Doch vor Allen denken so die hohen Vasallen der Krone die
Stützen des Trones die CrecyChabanne die Rohan Soubise Montmorency
Latour dAuvergne und ähnliche erlauchte Personen Ist eine Jugendtorheit in
ihren Lauf gekommen so wissen Sie dass keine der Art so hervortreten darf dass
sie diesen angestammten Verhältnissen den kleinsten Schatten geben könnte und
da Sie nur eine Pflicht haben dürfen so wissen Sie was Sie von allen andern zu
halten haben«
Da Leonin nicht antwortete sondern seine Mutter mit düsteren verwirrten
Blicken anstarrte fuhr die Marschallin mit steigendem Mute fort »so sehr ich
es mir auch zum Gesetze gemacht habe Ihrer Jugendverirrung nicht mehr zu
gedenken überzeugt Sie würden im Laufe Ihres Lebens am Hofe und bei erlangter
Kenntnis der Verhältnisse die Ihnen allein zustehen von selbst die nötigen
Schritte tun sich von jedem störenden Einflusse der daher kommen könnte frei
zu machen muss ich doch einsehen dass Sie mit Ihrer gewöhnlichen Nachlässigkeit
jene Jugendtorheit unverändert gelassen haben Wie jedes Übel dadurch wächst
dass wir es nicht anzugreifen wagen so findet es sich auch bei Ihnen da Ihre
glänzenden Verhältnisse die Ihnen in allen Beziehungen die ersten und
vollkommensten Gaben darbieten Sie endlich auf die Spitze hintreiben ergreift
Sie das Gefühl dieser Auszeichnungen nicht mehr wert zu sein durch unwürdige
Bande denen Sie noch Geltung zugestehen«
»Nein nein« unterbrach sie Leonin »nicht unwürdige heilige heilige
Bande Ich bin vermählt Ich bin ein Bösewicht wenn ich es leugne«
»Hierüber mein Sohn« sagte die Marschallin mit großer Kälte »kann ich mit
Ihnen nicht streiten Der Pairshof würde Ihnen darauf antworten können Doch
würde ich beschämt sein wenn mein Sohn von einem Gerichtshofe erfahren müsste
dass keine Handlung des Mineronnen ohne Zustimmung seiner Eltern irgend
gesetzliche Kraft habe noch mehr aber beschämt wenn der Erbe des Namens
CrecyChabanne in Zweifel darüber wäre dass er sich vor der Welt nur durch eine
ebenbürtige Vermählung behaupten könne Doch dies Alles habe ich nicht nötig
ich verweise Sie an Ihren Beichtvater fragen Sie ihn welche Kraft für einen
Katholiken eine so ungehörige ketzerische Vermählung hat und Sie werden
erröten der Spielball dieser Intrigue gewesen zu sein«
»O meine Mutter« rief Leonin »gestatten Sie mir nur Ihnen die Dinge
darzulegen wie sie wirklich sind Sie finden mich ja nicht hartnäckig
widerstrebend Nur zu schmerzlich erkenne ich wie unbesonnen und leichtsinnig
ich gehandelt wie das Wesen das ich selbst aus freier Wahl in mein Leben
verflochten auf keine Weise in die Verhältnisse meines Standes passt die ich
jetzt erst in ihrer Wichtigkeit erkannt habe Aber ich beschwöre Sie wenn Sie
mir helfen wollen erkennen Sie an dass dies Wesen edel und unschuldsvoll mit
ihrem Vater mir vertraute dass sie keinen Zweifel an der Rechtmässigkeit ihrer
Vermählung hat und bedenken Sie dass ich damals als ich ihr zum Altare
folgte derselben Überzeugung war mein Gelübde also zu Gott mit der vollen
Zusage meines Innern drang Wenn Sie diesen Grad von Rechtmässigkeit erwägen
werden Sie meine Lage um so schwieriger finden Sie werden zugeben wie elend
ich mich fühlen muss zum Verräter an dem reinsten menschlichen Vertrauen zu
werden oder vor der Welt als ein Tor dastehn zu müssen der die Gnade unseres
großen Königs zurückweist und ein Mädchen tötlich verletzt die durch Rang und
Verdienst die Erste zu sein würdig ist«
Die Marschallin schwieg einen Augenblick und überlegte dass ihr Sohn wie
aus seinen eben vernommenen Worten hervorging weit genug gekommen war dass sie
jetzt teilnehmend werden könne um das Ganze zu vollenden
»Es ist vielleicht die Schwäche der Mutter die mich mehr mitleidig als
zürnend macht ich kann aber nicht ohne Teilnahme sehen wie diese
unglückliche Sache Dein Herz beunruhigt und ich will Dir vergeben um Dir
helfen zu können«
Leonin stürzte ihr zu Füßen um die dargebotene Hand an seine Lippen zu
drücken So groß war der Einfluss dieser Frau dass ihre Zusage ihm helfen zu
wollen eine Last von seinem Herzen wälzte als ob damit schon Alles eine
andere günstigere Gestalt gewonnen habe »Wir müssen darüber einig werden«
fuhr sie dann ruhig fort »dass diese eingegangenen Verbindlichkeiten seien sie
so groß als sie Dir erscheinen oder so klein als sie wirklich sind auf
jeden Fall gänzlich für Dich beseitigt werden müssen und ich würde da ich Dir
wenig Geschick für diese Angelegenheit zutrauen darf ungern in Deine Rückkehr
willigen wäre Deine Abreise nicht einmal von dem Könige erwähnt worden und
dadurch einem Befehle ähnlich zu betrachten und damit Dir auch Zeit gegeben
eine Stimmung zu gewinnen wie Mademoiselle de Lesdiguères sie von Dir erwarten
darf Doch verlange ich von Dir dass Du jene junge unwissende Person auf ihr
notwendiges Schicksal vorbereitest entweder durch die bestimmte Darlegung
Deiner jetzigen Lage über die Du früher aus Unwissenheit so falsch urteiltest
oder indem Du ihr durch Dein kaltes Betragen Dein verändertes Herz dartust
Ich werde indessen den Marquis de Souvré der schon einmal der Vertraute dieser
unglückseligen Angelegenheit war bewegen sich der Sache aufs Neue anzunehmen
und er soll Dir nach Ste Roche folgen und alles Übrige feststellen und
beendigen Vorher musst Du Deinen Beichtvater sprechen er wird Dir sagen wie
sehr Du Dich versündigt hast eine Verbindung mit einer Ketzerin geschlossen zu
haben und wie Du diese Sünde nur sühnen kannst indem Du sie aufhebst und
widerrufest Auch wird hierzu die junge Person durch ihres Landes Sitte wie
durch die Lauheit ihrer sogenannten Religion geneigt sein da wie ich höre in
diesem protestantischen England sie die Ehen schließen und wieder auflösen
lassen vor einem Gerichtshofe welches denn beweist was von solchen
Verbindungen dort zu halten ist«
Da die Marschallin sah wie ihr Sohn bei diesen Worten litt und ihn jetzt
zu keiner Verteidigung reizen wollte fügte sie milder hinzu »Ich will nichts
wissen von den Einrichtungen die Du vielleicht triffst um Deinem weichlichen
Gefühle zu Hilfe zu kommen Ste Roche ist ein Aufenthalt der Dir allein gehört
Niemand Deiner Familie wird ihn je aufsuchen die Revenuen erlauben Dir jede
Freigebigkeit und ist diese Person durch eine Art Scheidung nach ihren
Begriffen von Deinem Namen und allen damit verbundenen Ansprüchen für immer
getrennt wird es Dir zustehen sie in eine sorgenfreie Lage zu versetzen Doch
vergiss nicht dass Dein Name durch keinen Andern sich fortpflanzen darf als
durch die Kinder die Dir eine ebenbürtige rechtmäßig kirchliche Verbindung
gibt«
Wir müssen es mit Schmerz eingestehen dass Leonin die Ausführung dieser
Vorschläge möglich fand und sich damit erleichtert hielt seinem unsicheren
willenlosen Umhertappen gegenüber Die alten Vorurteile warteten nur auf die
ihnen bequeme Stimmung um sich sogleich zu Beherrschern zu machen und was noch
unvollendet blieb kam in die Hände des Beichtvaters der nur zu bald mit dem
Gewissen Leonins fertig ward und einer Ketzerin gegenüber keine bindende
Verpflichtung zugestand
So vorbereitet trat Leonin die Reise an und mit diesem Hintergrunde finden
wir ihn zu Fennimors Füßen seinen Sohn im Arme
Und dennoch war er kein Heuchler Dennoch hatte er keine Lüge gesagt als
Fennimor Alles hörte was ihr Herz beglücken konnte Ja um so weniger war er
es da dies vielleicht das eigentliche Leben war wozu die Natur ihn bestimmt
und daher sogleich sein ganzes Wesen entgegen kommend fand von allen Anklängen
seines sanften weichen Karakters unterstützt Die natürliche Richtung der
Menschen bricht sich immer von Zeit zu Zeit Bahn wie das eitle Leben auch ihre
Fähigkeiten entkräftet da sie keinen Wert haben bei Erstrebung ehrgeiziger
Zwecke und es ist gewiss vor Allem diesen heiligsten Empfindungen die Gott der
Elternliebe verliehen hat und die auch das starrste Herz mit einem warmen
Strome nie gekannter Wonne durchdringen vorbehalten den natürlich besseren
Zustand des Menschen hervor zu rufen
Dessen ungeachtet dürfen wir Leonin nicht mehr mit dem glücklichen Jünglinge
verwechseln der in StirlingsAbtei diese edlere Seite des Lebens aufzufassen
vermochte Er taumelte dem neuen Gefühle wie ein Trunkener in die Arme aber die
Verhärtung des Herzens die so leise und heimlich von der eigenen Mutter bis zu
ihm geleitet war hielt das letzte große Mittel der Natur ihn bis auf den Grund
zu reinigen in seinem Einflusse auf und ließ ihm eben keinen andern Eindruck
nach als den eines Trunkenen Es blieb ein vorübergehender Zustand er dachte
sich ernüchternd daran ihm keinen Einfluss zu gestatten auf die ihm
mitgegebenen Pläne seiner Mutter und war nur bereit und mit wahrem Eifer
erfüllt dieselben so liebevoll und schonend auszuführen als möglich
Fennimors Einfluss auf ihn das Einzige was ihn hätte erschüttern können
war durch die Zurückgezogenheit gebrochen in welcher die Pflege ihres Zustandes
sie hielt Mit andächtiger Strenge ertrug sie die Qual einer Pflege die ihr
Schweigen ihr Lager und das verhängte Zimmer gebot und so wurde Leonin oft von
ihr getrennt und ihrem Zauber entzogen den sie nur entwickeln konnte wenn sie
umher wandelnd die Dinge um sich her mit ihrem eigentümlichen Geiste belebte
Dazu kam dass der Gegensatz dieses Lebens zu dem eben verlassenen so ungeheuer
groß war dass auf die fieberhafteste Aufregung die dort seine Tage belebt
hatte jetzt eine Abspannung eintreten musste die er nicht der vorangegangenen
Extase sondern dem jetzigen ihm trostlos leeren und gehaltlos erscheinenden
Leben zuschrieb welches allerdings durch Fennimors Zurückgezogenheit seines
Hauptimpulses entbehrte Er hatte in der daraus entstehenden Einsamkeit Zeit
sich zu wiederholen dass er hier nicht mehr leben und glücklich sein könne und
es war vorläufig Alles was er für Fennimor in sich erhielt dass er bedauerte
sie nicht von Verhältnissen trennen zu können die ihm jetzt niederbeugend
schienen nachdem er gelernt hatte das äußere Leben über das innere zu stellen
Bald nahte der Augenblick der ihn zuerst zwang seine bedingte Stellung zu
seinen jetzigen Verhältnissen anzudeuten Der Vikar erinnerte nämlich nach dem
vierten Tage dass die Taufe des Neugebornen nach den Vorschriften der Kirche
nicht länger verschoben werden könnte und Leonin war dazu mit eben dem
Leichtsinne bereit wie er sie ohne Erinnerung vergessen haben würde Er bat den
Vikar darüber mit Emmy Gray die Verabredung für den nächsten Morgen zu nehmen
und wollte sich eben beurlauben als der Vikar ihn um die Namen bat da er noch
heute das Kirchenbuch ausfüllen wolle um in der Kirche dann die Unterschriften
erfolgen zu lassen
Vor dieser Erinnerung blieb der junge Graf wie vom Blitze getroffen stehen
Der Trost jedes schwachen unmännlichen Treibens das Verschieben das Hinhalten
der Zustände wie sie uns noch schonen und zu keiner Entscheidung zwingen war
ihm damit plötzlich entrissen und wir dürfen ihm die Gerechtigkeit nicht
versagen dass er vor der Größe des nächsten Schrittes erbebte und seinen Inhalt
fast mit Verzweiflung erkannte
Aber ihm war keine Rückkehr mehr denklich obwohl er auch dort weder Genuss
noch Lebensreiz erwartete Er sagte sich daher sein Paradies sei für ewig
verschüttet der Sinn durch den er es einst gefunden sei verloren und was
alle Schwächlinge tun er gab sich auf um fortsündigen zu können
Wie schnell seine Gedanken auch die Vorstellungen durchliefen die wir hier
andeuteten die Lücke des Stillschweigens war dennoch da und er traf auf einen
Blick des Vikars der ihm sagte der kluge Mann beobachte ihn Dies reizte
seinen Stolz und er hatte schon die Miene der vornehmen Welt gelernt die eine
Überlegenheit andeuten soll die durch nichts denkt vertreten werden zu müssen
und sich geschickt glaubt die Anforderungen bloß menschlicher Rechte die ihnen
unbequem sind damit zurückzuweisen als über die Grenzen ihrer besonderen
Bevorrechtung streifend
»Herr Vikar« sagte er mit dem dazu passenden Tone »ich werde Ihnen Ihre
Weisung darüber zusenden richten Sie das ein was außerdem nötig«
»Das werden zwei Zeugen sein« erwiderte dieser kalt »Haben Euer Gnaden
darüber bestimmt«
Leonin biss sich in die Lippen er musste wieder entscheiden »Nun« sagte
er indem seine Gedanken im Fluge alle diesem kleinen Kreise angehörigen
Personen durchflogen »Mademoiselle Veronika und der Arzt werden vielleicht
diese Zeremonie vervollständigen ich werde Beide persönlich darum bitten«
Der Vikar neigte kaum merklich sein Haupt und der junge Graf enteilte
dieser peinlichen Unterredung
Aber er wagte nicht zu der Stelle zurück zu kehren wo Fennimor ihr
unschuldiges Haupt mit lieblichen Träumen ihres Glückes wiegte Er eilte in die
Wälder die in ihrer duftenden JuliFülle den Verirrten zu fragen schienen ob
er ein Recht habe sich in ihrem Bereiche unbefriedigt zu fühlen Aber er sah
und empfand ihren schönen Anspruch nicht Bisher war er untätig zum Bösen
fortgetrieben worden jetzt zuerst sollte er selbstständig aussprechen was er
so lange sich selbst abläugnend um sich her geduldet hatte Er fühlte sich in
einer Zerrüttung es ruhte eine Bürde auf ihm die unleidlich schien und der
ewig gelenkte und bevormundete Jüngling war in einer Erbitterung selbst
entscheiden zu müssen welche ihn hätte warnen können da sie vielleicht der
letzte Versuch seines guten Engels war ihn aufzuhalten
Als er später wie gewöhnlich an Fennimors Lager trat war die
Entscheidung in ihm vollendet Kalt und ruhig blickte er auf sein Weib und das
schlummernde Kind an ihrer Brust er fühlte innerlich dass er sich von ihnen
geschieden hatte und in dem Maße wie er vor der Größe seines Frevels erbebte
in dem Maße erkältete es ihn gegen die Gegenstände desselben Fennimor lag in
einem Fieberschauer ihrem Zustande gemäß der auch die Gestalt des Lieblings
verhüllte er berührte das Kind nicht was Emmy Gray ihm übergeben wollte und
fragte nur kurz und trocken ob sie mit dem Vikar Verabredung genommen habe Er
wollte sich verhärten um der Reue zu entgehen und erfuhr das Schicksal aller
schwankenden unentschlossenen Menschen Einmal zum Handeln gezwungen
überholte er sich selbst und steigerte seinen Vorsatz über das erforderliche
Bedürfnis
Als am andern Morgen der Vikar vor den Stufen des Altars den Grafen um die
Namen des Kindes befragte rief derselbe mit kalter lauter Stimme »Reginald
Crecy von Ste Roche« Der Vikar hielt einen Augenblick inne dann sagte er
ohne es in die Taufformel einzuschliessen indem er den Grafen fragend ansah
»Reginald Graf von Crecy«
»Reginald Crecy von Ste Roche« unterbrach ihn der Graf mit jähem Wechsel
der Farbe indem sein Auge starr und zornig auf dem jungen Geistlichen haftete
Nach einer Pause schloss der Geistliche mit diesem Namen die Zeremonie
Kaum war sie vorüber so eilte der Graf auf das Kirchenbuch zu nahm selbst
die Feder und schrieb den Namen ein Als die Zeugen unterschrieben sahen sie
dass der Name Crecy unter den Vornamen stand Ste Roche als Familienname
Keiner sprach einen Glückwunsch Der Graf blieb in stolzer Abgeschlossenheit
stehen bis Alle unterschrieben hatten dann verließ er plötzlich die Kapelle
und der beraubte und entehrte kleine Täufling ward von Niemandem begleitet
nach dem alten Schloss zurückgetragen das ihm eben seinen Namen hatte leihen
müssen von dem Manne beraubt dessen Herz sich zu verhärten begann wie die
Steinmassen die ihn aufnahmen
Weder Emmy Gray noch Fennimor erfuhren was geschehen war Emmy verließ
ihren Liebling nicht und die Wärterin eine völlig unwissende Person hatte
keinen Anstoß gefunden den sie hätte verraten können Veronika aber ihr
Bruder und der Arzt gelobten sich Schweigen um nicht voreilige Erschütterungen
zu veranlassen
Fennimor verließ jetzt das Bett und die schönste Jahreszeit machte es
möglich dass sie unter den Schatten der Bäume getragen werden konnte das holde
Kind im Schoss das noch schlafend sein kleines Leben einhüllte von der Liebe
behütet die ahnend in seine Bedürfnisse eindringt
Wo konnte man ein vollständigeres Bild dieser aufhorchenden Liebe finden
als in Fennimor Wie schön war diese sanfte blasse kindliche Mutter mit dem
unnennbaren Zauber der seligsten Befriedigung Die Harmonie ihres Innern ruhte
in jedem Zuge in jedem Laut ihrer Stimme kein Gefühl trat vor dem andern vor
ihre Liebe zu Leonin war die Liebe zu ihrem Kinde Gott die Natur fielen wie
Strahlen hinein es war Alles dasselbe Sie schwamm wie eine schöne duftende
Nimphaea auf dem ruhigen Wasserspiegel der Gegenwart die Sonnenstrahlen über
ihr die den kurzen Lebenstag beseligten für unvergänglich haltend die Nacht
vergessend in dem reinen Lichte des Mittags
Leonin hatte das Härteste getan ehe der Eindruck dieses verklärten
Zustandes ihn erfassen konnte Jetzt stand er davor von seinem Gewissen aus
diesem Paradiese vertrieben den Fluch schon fühlend der seine Stirn langsam
umkreiste die Flammenschrift der Befleckung einzugraben
Wie Leonin auch gelernt hatte mit der Sünde zu scherzen ihren Lockungen
nachzugehen und vor ihren Anforderungen nicht mehr zu erbeben das erste
positive Böse hatte er erst hier getan und er empfand den ungeheueren
Unterschied zwischen einem solchen eigenmächtigen selbstgewählten Schritt und
dem negativen Hingeben dem er bis jetzt sich überlassen Gerade dass er noch
nicht vollständig verführt und verhärtet war machte diesen Schritt so
verhängnisvoll für ihn Es war damit eine Art Wahnsinn entstanden eine Mischung
von Schmerz Verzweiflung Hass und Grausamkeit die sein ganzes Wesen in Gährung
versetzte und nur eine hohnlachende Stimme aus ihm hörbar werden ließ die immer
aufs neue wiederholte vorwärts vorwärts Du bist nicht mehr zu retten
Hätte Fennimor nicht an ihrer Brust das holde Kind diesen Schild gegen alle
Verwundungen der Welt getragen wie würde sie Leonins Veränderung schnell
erkannt haben Aber das Kind lag zwischen ihnen sie fand Leonin nur durch dies
hindurch und deshalb immer verklärt oder eingehüllt Doch auch für diese
Täuschung musste die Aufklärung kommen
Fennimor ward mit den wiederkehrenden Kräften auch selbstständiger aus dem
physisch träumerischen Zustande der sie zu Anfang an ihr Kind fesselte wie
noch in einem Pulsschlage gebunden erfolgte nun die natürliche Trennung die
in der Mutter die gesonderte Existenz herstellt die der erste Schritt für die
Emancipation des Kindes wird
Hiemit trat sie Leonin näher und ihr kluges Auge ihr reines Gefühl ließ
sie augenblicklich die Wahrnehmung seiner Veränderung machen
»Ach Leonin« sagte sie »durch Lesüeur habe ich viel von der bösen Welt
gehört in welcher Du leben musst und es hat mich recht geschmerzt auch um
Deinetwillen Wie schwer muss es sein dort zu leben und wie kann ich es Dir
anfühlen was Du dort leiden musstest Du hast keinen guten Blick mehr Deine
Seele sieht traurig aus Deinen Augen heraus«
Leonin zog ein Lächeln um seinen Mund es war krankhaft und bitter und
enthielt eine ganze Antwort die aber Fennimor nicht verstehehen konnte und da
er außerdem schwieg fuhr sie fort »sag mir bleibst Du nun in der schönen
Welt hier oder muss ich mit Dir in jene andere hinein ziehen«
Hoch brauste es in Leonins Brust auf Ha rief seine Seele warum stößt Du
mich selbst in den Abgrund den ich Dir noch verdecken wollte So machte er
verwirrt von der Verzweiflung seines Herzens es ihr zum Vorwurf dass sie ihn
veranlasste ihr zu sagen wie unglücklich er sie zu machen beschlossen hatte
Wer hätte die Qual zergliedern können die ihn zerriss als er die Lippen
öffnete
»Weder das Eine noch das Andere« rief er »Ich kann weder die Welt
verlassen die Dir der krankhafte Träumer Lesüeur so böse geschildert hat noch
Dich dorthin führen denn das Eine bleibt gewiss für Dich passt diese Welt nicht
und Du würdest dort keinen Platz für Dich finden«
»Ja das dachte ich auch« sagte Fennimor sorglos »und immer nur wenn Du
mich darum bitten würdest dürfte ich es tun denn es ist ja unser Gebot dass
wir das Böse nicht suchen sollen weil es wie der Staub in der Luft unmerklich
uns berührt und endlich doch die reine Farbe unseres Inneren entstellt Aber
dann ist doch Deine Heimat auch nicht dort und warum willst Du zurück da es
Dich traurig macht und Deine schöne Seele kränkt«
Leonins Brust wollte zerspringen Er hätte ein lautes Angstgeschrei
ausstoßen mögen die Welt mit den Füßen unter sich zerstampfen Ungeheuer rief
er innerlich Er wusste nicht ob gegen sich oder gegen Andere aber die erste
selbstgeführte schlechte Tat hatte ihm den Zügel aus der Hand gerissen er
jagte fort verwildert von der Angst mit der sie ihn verfolgte
»Darin irrst Du meine Heimat darf hier nicht sein Ich bin dem
Vaterlande dem Könige meinen hohen Verhältnissen als Vasall der Krone eine
andere Lebensweise schuldig als diese müßige Existenz hier sein würde«
»Ha« rief Fennimor »das klingt schön und ich begreife Deine hohe
Bestimmung erzähle mir recht Viel davon Du hast Recht Dich so groß und
kräftig zum Leben zu stellen ein Mann muss das auch So waren einst die
Makkabäer und ihre Größe und Heldentugend diente auch zum Schutze des
Vaterlandes Davon wird die Seele ein mächtiger Thron erhabener Gedanken die
den Mann Gott näher führen und doch bleibt er dabei sanft und heiter wie ein
Kind Wie gönne ich Dir diese große Weihe zum Leben mein Geliebter Wie stolz
bin ich darauf und wie begreife ich nun wohl dass Dir das armselige kleine
Leben von dem Lesüeur sprach nichts anhaben kann Aber« fuhr sie fort »in
diese schöne erhabene Welt die Du Dir geschaffen hast kann ich Dir folgen
die ist es gerade von der ich geträumt habe bis der arme Lesüeur sie so bitter
verklagte«
»Lesüeur« erwiderte Leonin kalt und stolz »kann gar nicht die Welt
beurteilen zu der ich gehöre eben so wenig kannst Du mir aber dahin folgen
Ich werde immer von Zeit zu Zeit nach Ste Roche zurückkehren und in Deinen
Verhältnissen hier wird sich Nichts ändern dort aber erlaubt Dir Deine Geburt
nicht den Rang zu teilen den ich einnehme und daher würden wir Beide eben so
getrennt leben müssen als wärest Du hier und ich dort«
»Was meinst Du damit ich verstehe Dich nicht« rief Fennimor und eine
Anregung von Stolz und Kränkung stieg in ihren reinen Zügen auf »da ich Dein
Weib bin bin ich dasselbe was Du bist und mein Vater war ja nicht geringer
als der Deinige und ein Geistlicher überdies«
Leonin fühlte einen Krampf in den Schultern nur mit Mühe unterdrückte er
es sie zu zucken Die Antwort übergehend fuhr er fort indessen sein Fuß den
Rasen der grün und duftend vor ihnen ausgebreitet lag zu zerstören suchte
»Der König hat mich zum Kammerherrn und Reisekavalier der Königin ernannt Ihre
Majestät wird dem Könige in den Krieg nachfolgen und ich muss daher zurück
sobald die Nachricht eintrifft dass die Armee sich in Bewegung setzt«
»Sagtest Du denn nicht dem Könige wie lange Du von mir getrennt seist
Leonin« rief hier Fennimor in Tränen ausbrechend »Er der so gut so
übermenschlich begabt sein soll hätte Dich doch wohl aus diesem harten Dienste
entlassen«
Hätte Leonin die Augen aufgeschlagen und Fennimors Engelsantlitz gesehen
wie es unter seinen kalten herzlosen Antworten nach gerade verändert ward er
wäre wenigstens vor sich selbst zurückgeschaudert So aber wühlten seine
düsteren Blicke sich in die Erde ein die er vor sich aufriß und er behielt
Mut zu seinem Frevel
»Der König ahnt meine Verbindung mit Dir nicht Zu spät habe ich erfahren
dass Familien wie die meinige als Vettern Seiner Majestät nicht das Recht
haben sich ohne seine Bewilligung zu verbinden dass er streng darauf hält dass
sie sich nur mit Familien des höchsten französischen Adels vermählen dass er
gewöhnlich selbst die Wahl trifft und jede andere Verfügung mit den strengsten
Verfolgungen bestraft«
»So hat Lesüeur doch Recht Dein König ist doch nicht der rechte von Gottes
Gnaden der hier auf Erden handeln soll als wäre er besonders erwählt Recht
und Gerechtigkeit zu üben und Du« sagte sie jetzt ernst und kräftig sich
aufrichtend »bist fast von der schlechten Welt dort verführt und hast zaghaft
und kleinlich gehandelt gerade wie ich es an Lesüeur beobachten konnte Alles
was Du da gesagt hast kann vor Gott nicht bestehen und wenn Du es gegen sein
Recht hältst so muss man erstaunen dass ernsthafte und gereifte Menschen dort
bei Euch es für etwas nehmen wonach sie sich richten müssten Als wenn es den
geringsten Wert hätte Aber Ihr fürchtet Euch dort alle vor einander so dass
Ihr aufhört die rechte Gottesfurcht zu haben darum werdet Ihr zuletzt verzagt
und Euer Herz gerät in Siechtum Leonin« sagte sie »Du armer Lieber da
haben sie Dich auch zum Sündigen gebracht Denn sieh eine Sünde hast Du
begangen dass Du vor dem Könige nicht Dein göttlich Recht behauptetest und ihm
sagtest wie Du ein Weib habest Ehe Du von seinem Rechte gewusst habest Du sie
durch göttliches Recht empfangen und könntest deshalb nicht weiter zu ihm
gehören als so weit sie dies auch könne Denn da sei Gott vor dass ich mit zu
Felde ziehen wollte wie keine christliche Hausfrau das wollen wird Nein wenn
Du ein Krieger wärest wie die Makkabäer im Dienste für Dein Vaterland da
wüsste ich ohne dass ich den König zu fragen hätte wohin ich gehörte aber
siehe das bist Du nicht Einen Posten gibt er Dir von dem mir Lesüeur sagt
wie klein und nichtig er ist ein müßiger Dienst in welchem Du nicht einmal so
wichtig bist als unsere eigenen Diener uns sind Und das glaubst Du sei
ziemlich und recht und ein Dienst für einen Mann für einen Vasallen des Königs
wie Du vorher so schön sagtest wonach ich hoffte Du müsstest auch mächtig und
fleißig für Dein Vaterland handeln«
Wie sollen wir ausdrücken können was Leonin empfand bei dieser feurigen
Strafrede Es war fast dasselbe was er vor seinem Vater empfunden hatte hier
wie da stieß er auf eiserne unerschütterlich fest stehende Ansichten die auch
keinen Blick gestatteten in die ihnen entgegenstehende Welt Dasselbe Gefühl der
Unmöglichkeit zu jenen Zuständen eine duldende Überzeugung einzuflößen Eine
Verzweiflung nie verstanden oder entschuldigt werden zu können ergriff ihn
Fennimor gegenüber mit einem Zürnen verbunden welches in ihrer ihm nach
gerade überredeten unberechtigten Stellung zu ihm lag in der Beschämung mit
der er Verhältnisse die er herbei zu führen sein ganzes besseres Selbst
geopfert hatte jetzt als gering und unwürdig bezeichnen und sein ganzes Treiben
ein von Gott abtrünniges nennen hörte
»Fennimor Fennimor« sagte er mit einem kalten Lächeln der Überlegenheit
»Du hast Dir bei Deinem untergebenen Lesüeur das Predigen angewöhnt Mir deucht
Du nimmst die Dinge sehr streng Denkst Du wohl daran ob Du überall dazu
berufen und ob Du mir gegenüber in derselben Stellung bist«
»Ach« sagte Fennimor deren alte Energie noch von körperlicher Schwäche
gebunden schnell erschöpft war plötzlich weich und gebrochen in sich zusammen
sinkend »Du hast Recht das ist eine gar verkehrte Welt in der das schwache
Weib ihren Herrn schilt Wie hätte ich daran gedacht als ich es Lesüeur tat
Ähnliches könnte mir bei Dir einfallen wie traurig ist das und wie tief
sinkt mir dabei der Lebensmut Hindere das« sagte sie dann mit schwacher
Stimme »mache Alles damit wieder Trost in mein Herz kommt und ich nicht so
arge Furcht für Deine Seele hegen muss«
Sie winkte Emmy Gray die eben am Eingange des Schlosses erschien und
wankte an ihrem Arme mit bleichen Lippen und trostlosen Augen nach ihrem
Schlafzimmer
Leonin aber ließ sie dahin gehen ohne ein mildes Wort ohne sie zu stützen
ohne sie anzublicken oder ihr zu folgen Er blieb unbeweglich sitzen er
durchwühlte nicht mehr den Rasen das KainsZeichen brannte auf seiner Stirne
aber der schwache Geist hatte keine andere Rettung als den forttreibenden Ruf
der Sünde es ist zu spät es ist Alles verloren
Von da blieb Fennimor still und in sich gekehrt Ihre Kräfte kehrten nicht
in dem Maße wieder als es anfänglich zu erwarten stand Sie sah Leonin oft an
wie eine Mutter die fürchtet ihr Kind werde erkranken aber sie sagte nichts
mehr der Vorwurf dass sie ihren Herrn gescholten den sie selbst sich stärker
gemacht hatte als Leonin für möglich gehalten machte sie schüchtern und
zurückgezogen Ihre körperliche Schwäche unterdrückte dabei ihren lebhaften
Geist ihr Kind versenkte sie in eine Welt unschuldig und lauter ohne jede
Störung ihres frommen Sinnes und so fand Leonin die augenblickliche Schonung
die er immer suchte wenn auch zugleich keine Gelegenheit sich frei zu machen
den Absichten gemäß die er mitgebracht
Da unterbrach diese schwüle Luft die um Beide wehte ein Brief seiner
Mutter mit einer Einlage des Marquis Vieuville welcher die Rückkehr Leonins
Seitens der Königin befahl Die Marschallin fügte hinzu dass der Marquis de
Souvré sich endlich habe bewegen lassen ihn von Ste Roche abzuholen und ihrem
Briefe voraneilen oder folgen werde um jene Angelegenheit zu beendigen
»Ach« seufzte Leonin auf »jetzt muss ich fort das ist nicht aufzuhalten
und Souvré wird das Übrige einleiten«
Er wollte Fennimor sogleich Alles mitteilen und ging nach ihren Zimmern
aber als er eintrat saß sein schönes junges Weib da so lilienweiss von
Angesicht wie die weiten faltenreichen Gewänder die um sie her flossen und
ihr Kind lag schlummernd in ihrem Schoss Sie lächelte dem Wunder dieser
kleinen zarten Bildung entzückt zu und als sie Leonin eintreten sah winkte sie
ihm und zeigte ihm die kleinen wunderbaren Fingerchen und dass jedes ein
Nägelchen habe und drei kleine Gelenke
»Ach Leonin« sagte sie »und das wird späterhin denken und fühlen können
wie wir wird Recht von Unrecht unterscheiden diese kleinen Hände werden sich
einst mit Bewusstsein falten wie die unsrigen So wunderbar schön ist Alles auf
der Erde wir haben nur das Anbeten«
Da zog Leonin die Hand von dem Briefe des Marquis Vieuville zurück den er
vorzeigen wollte Er wusste ihre Ruhe nicht anzugreifen er musste sie schön
engelgleich finden Sein Kind glühte wie eine Flamme in ihrem Schoss Das Eis
seines Herzens wollte schmelzen er kniete nieder er küsste das schlummernde
Wesen das ihm so nahe angehörte so menschlich ward ihm so wehmütig Er
sollte sie verlassen um dann den größten Frevel an ihr auszuüben er sollte
diese sanfte ruhige Gestalt von der Gewalt des Schmerzes überwältigt sich
denken Es war als ob alle seine Nerven aus ihrer Starrheit rissen Tränen
auf Tränen flossen nieder »Wie soll ich uns retten« so fragte er sich
zitternd »Verurteilt zu grenzenlosem Unglücke bin ich hier und dort« Seine
Seufzer erreichten Fennimors Ohr »Was ist Dir mein Liebling« fragte sie
sanft
»O Fennimor« rief er mit dem alten Liebeslaute »weine um mich ich bin
sehr sehr unglücklich Was ich auch tun mag brich nicht den Stab über mich
ich werde schuldig sein aber immer immer noch viel unglücklicher als
schuldig«
Sein Kopf sank neben seinem Kinde in Fennimors Schoss Es war eine tiefe
Stille So schweigt einen Augenblick Alles wenn die Verurteilung über den
Angeklagten ausgesprochen ist das Schicksal das er herbeirief ihn
niedergeworfen hat
»Du weißt« sagte Fennimor »ich habe mich schon ein Mal vergangen und habe
Dich so gescholten wie es mir nicht zukommt als Deine Frau und seitdem habe
ich immer Angst wenn Du etwas sagst das vor Gott nicht gehört weil es mich
dann treibt Dich davon abzuhalten und doch Du weißt was ich dann tue«
sie hielt schüchtern inne und legte bloß leise ihre Hand auf sein glühend Haupt
»Ach Fennimor strafender Engel Du hast das Paradies nicht schützen
können vor dem Du einst mit dem feurigen Schwerte standest jetzt bin ich
daraus vertrieben und ohne dass Du es willst jagen mich Deine Worte weiter und
weiter daraus fort«
»Nein nein sage das nicht Da beginge ich große Sünde und wenn sie so in
mich gekommen wäre ohne dass ich davon wusste das wäre großes Unglück Bete
doch Leonin und denke während des Gebetes dass wir gar nicht glauben müssen
so fest im Unrechte zu sein als Du vorher sagtest da Gott auch das Unrecht
Deiner Seele in Händen hat und Alles wenden kann dann gewinnst Du Vertrauen zu
ihm und ohne Vertrauen ist alle Reue unwirksam Ach siehe« fuhr sie
schüchtern über den Schweigenden gebeugt fort »Dein Unrecht ist mir nicht
recht bewusst Du bist wohl sehr traurig das fühle ich Du sagst auch von den
verkehrten Begriffen jener fremden Welt Einiges aber wenn Du selbst nicht
danach handelst hat sie ja keine Macht über Dich«
»Ach« rief Leonin und der Schmerz durchzuckte krampfhaft seinen Körper
»sie hat aber Macht über mich gewonnen ich habe nach ihren Begriffen gehandelt
und bin nun hier und dort verloren«
Fennimor erhob sich und störte ihn dadurch auf Todtenblass stand sie vor
ihm das Kind leise an der Brust haltend ernst und erschüttert sagte sie dann
leise »Leonin wir wollen zusammen beten Jetzt darf Dein Weib sich nicht von
Dir trennen ich weiß Dich nicht zu stützen das Gebet wird es uns lehren«
Sie wollte das schlummernde Kind nach seinem Bettchen tragen als sie den
Fuß erhob ließ sich in den Vorzimmern Geräusch hören Türen gingen auf
Schritte nahten sich es war der Kammerdiener kaum hatte er Zeit zu sagen
»der Marquis de Souvré« als dieser auch schon eintrat Fennimor schrie laut
auf das Kind fuhr aus dem Schlafe Leonin sprang von seinen Knieen auf
Der Marquis blieb mit der höhnischen Miene halb Lächeln halb Zorn vor
dieser aufgestörten Gruppe stehen zufrieden dass Beide in ihm den Henker ihres
Glücks erkannten
»Eine idyllische Szene« rief er als Beide schwiegen »In Wahrheit man
glaubt hier um ein Paar Jahrhunderte zurück zu leben«
Dies erzürnte Leonin »Ich denke Marquis die Natur mit ihren ewig
gleichen Beziehungen zu dem Menschen müsste auch überall dieselbe geblieben
sein«
»Ich glaube es kann sein« erwiderte Souvré mit allen Zeichen der
Langeweile womit er Leonin immer unsicher machte und ihm zu imponiren wusste
»Sie wissen ich habe nicht Zeit an so Etwas zu denken Wir Vornehmen der Erde
sind genötigt diese Dinge den augenblicklichen Zuständen der Zeit anzupassen
ich grüble über so Etwas nicht Doch Crecy machen Sie die Honneurs in Ihrem
Hause Denn diese kleine Dame« fuhr er leicht grüßend gegen Fennimor fort
»scheint dazu nicht zu passen und ich bin wie ein Unsinniger gefahren Ihr
altes Eulennest zu erreichen und bedarf jetzt Ruhe«
Er wollte Leonins Arm ergreifen und ihn mit sich ziehen Da erwachte
Fennimor sie stand auf schritt auf Beide zu und heftete ihre großen
angstvollen Augen so fest auf den Marquis dass dieser den Blick nicht zu
ertragen vermochte
»Berührt ihn nicht« sagte sie dann mit einer Geisterstimme »berührt ihn
nicht Ihr dürft keinen Anteil an ihm haben und Du Leonin gehe nicht mit
ihm er ist nicht rein geblieben Du gehest verloren mit ihm«
So gewandt Souvré jeden Gegenstand zu behandeln wusste war er doch mehr auf
die Impertinenzen der großen Welt abgerichtet hier trat ihm eine Verwerfung
eine Verachtung entgegen die sich um kein Bonmot um keinen Scherz drehte der
durch einen noch böseren Witz wieder bezahlt werden konnte Ihr Ernst der von
einer fast überirdischen Schönheit unterstützt ward überwältigte ihn mit der
Macht der Wahrheit und der Patos mit dem sie ihn so ohne Rücksicht
bezeichnete hatte etwas so Mächtiges dass er sich ihm nicht zu entziehn
vermochte und einen Augenblick davon berührt ward wie von einem Strafgerichte
Aber was hätte auf lange die Gewalt gehabt ihn gegen seinen Willen zu
beherrschen Fast erschrocken fühlte er ihren Einfluss auf sich und doppelt
erzürnt sprang er um so wilder mitten durch Ein misstönendes Gelächter
erschallte aus seinem Munde »In Wahrheit« rief er »Deine Kleine ist die
anmutigste tragische Schauspielerin die ich noch je sah Aber ein ander Mal
jetzt bin ich zu abgespannt Komm Leonin Ein Bett ist mir jetzt lieber als
alle kleinen Teaterscenen«
Erschrocken war Fennimor bei Souvrés Gelächter in Leonins Arme geflogen
scheu blickte sie daraus hervor auf jenen hin »Wehre ihn ab« sagte sie
schaudernd »er ist ganz zerfallen mit Gott das kannst Du leicht fühlen O
bleibe bei mir bis er fort ist« rief sie flehend als Leonin sie sanft
beruhigend sich von ihr losmachen wollte »bleibe bei mir bis er fort ist er
tut Dir sonst ein Leid«
Souvré lachte wieder Leonin führte sie zu ihrem Sitze zurück »Fasse Dich
Fennimor Es ist ja derselbe der Dich schon ein Mal so gegen Ordnung und Recht
erschreckt hat erkennst Du ihn denn nicht wieder«
»Ja ich erkenne ihn« sagte Fennimor mit schwacher Stimme »Ich fühle den
Stich von damals wieder durch mein Herz es wird nicht ohne Grund sein O
rette Dich rette Dich er will Deine Seele«
»Beruhige Dich geliebte Fennimor« rief Leonin zärtlich »ich will ihn
wegführen von Dir wegführen damit Deine Angst sich legt später wirst Du
ruhiger sein«
»Gehe nicht o gehe nicht sonst wird es mein Tod« stammelte Fennimor und
glich in diesem Augenblicke fast einer Sterbenden »Wenn er Dich wegführt sind
wir auf immer getrennt dann ist Deine Seele dem Bösen verfallen mein Leib dem
Tode«
Ihr Kopf sank zurück sie konnte ihn nicht mehr mit ihren ohnmächtigen
Händen halten Leonins Herz war zerrissen von Schmerz aber der höhnende
stechende Blick Sonvrés der ihn beständig verfolgte war so unerträglich dass
er Leonins Blut mit jedem Augenblicke mehr vergiftete Er sprang auf von
Fennimors Seite hinweg aus ihren matten Händen gleitend er hörte ihren leisen
Schrei er sah wie ihr brechendes Auge ihm noch folgte und indem er Emmy rief
stürzte er auf Souvré zu riss ihn mit sich fort wie er hoffte nur auf
wenige Augenblicke
Als die Tür zufiel schlossen sich auch Fennimors Augen Glückliche
Bewusstlosigkeit deckte ihre Schmerzen zu
Mit kalter finsterer Entschlossenheit stand Emmy Gray ihr zur Seite Hätte
man den Ausdruck dieser strengen Züge deuten wollen man hätte glauben können
sie wünsche ihrem Lieblinge den Tod der scheinbar nur ihre Züge bedeckte
Wenigstens rührte sie keine Hand zu ihrer Belebung aber bitter und finster
blickte sie nach der Tür und eine Drohung von Hass und Verachtung konnte kein
Wort deutlicher bezeichnen als dieser Blick
Fennimor schlug endlich die Augen auf aber sie blieb wie leblos in ihrem
Stuhle Emmy Gray ging schweigend ab und zu Das Kind schlief wieder die Mutter
begehrte nicht danach ihre Sinne schienen gebunden Endlich strömte die
Abendluft in die Fenster die Emmy geöffnet Fennimor ward davon belebt
»Wo ist er« war ihr erstes Wort »Wenn Ihr den Grafen meint« erwiderte
Emmy »so ist er bei dem Herrn Marquis«
»Erbarme Dich Gott« rief Fennimor und verhüllte ihr Gesicht Tiefe Stille
herrschte fort sie schien zu beten dann siegte die Erschöpfung ein kurzer
Schlummer berührte ihre schweren Augenlieder
Die Abendsonne bestreute das schöne reiche Gemach mit glänzenden Lichtern
in die Fenster schaute die herrliche Landschaft des Tales von Ste Roche
Hinter Blumen und niedrigen Gesträuchen die das Fenster zunächst umzogen ruhte
weiterhin in dem warmen sonnengefärbten Dufte des Sommers der Wald und der
Fahrweg durch den Wiesengrund Alles atmete Schönheit Genuss und Erfüllung Nur
Fennimors kurzer Schlaf hatte den unruhigen Atem des beklemmten Herzens ihre
Wange sank bleicher ein und das Auge war nur halb geschlossen
Emmy hörte Schritte nahen sie riss sich von dem schwermütigen Anblicke
ihres Lieblings los um leise die Tür zu öffnen der Marquis de Souvré trat
herein »Meine gute Frau« sprach er »ich muss Eure Herrschaft sprechen lasst
mich nur näher treten«
»Da ist sie« erwiderte Emmy mit bitterem Hasse im Blicke »Stirbt sie Euch
noch nicht früh genug so wird es Euch bald gelingen es zu vollenden«
»Das alte Hexenschloss« lachte Souvré »hat in Wahrheit würdige Bewohner
jedes singt auf seine Weise irgend ein Beschwörungslied Mit Euch muss ja ein
ehrlicher Mann den Mut verlieren zu reden«
»Ihr freilich« zögerte Emmy nicht zu erwidern »Ihr solltet ihn billig
verlieren Aber Ihr prophezeihe ich werdet ihn behalten bis Ihr allen Frevel
vollführt den Ihr beabsichtiget«
»Immer besser« rief Souvré »doch Kind Du bist zu gering zum Wortgefechte
tritt bei Seite siehe Deine Herrin ist erwacht«
»Wer ist da« rief Fennimor zusammen schaudernd »Mein böser Geist«
setzte sie ihn erkennend hinzu
»Ich hoffe« sagte Souvré sich ihr nahend indem er über sie weg mit
vornehmer Nachlässigkeit das Zimmer musterte »Ihr habt jetzt die kleine
Erschütterung überwunden mit der Ihr jedes Mal meine Erscheinung beehrt es ist
um so nötiger da Ihr gezwungen seid mit mir einige Dinge zu besprechen die
für Eure Zukunft wichtig sind«
»Wo ist Leonin« fragte Fennimor sich aufrichtend
»Davon nachher« sagte Souvré leicht indem er durch das Fenster blickte
»vorerst nicht bei mir wie Ihr seht«
»Das ist gut« erwiderte Fennimor ruhig »wenn er nur nicht bei Euch ist
da kann ich leichter Eure Gegenwart ertragen Ihr habt keine Gewalt über mich«
»Nicht« sagte Souvré und sein boshaftester Blick flog über sie hin »wir
wollen sehen So vorbereitet wie Ihr Euch auf mich habt scheint es wohl ist
jede Schonung überflüssig doch wollen wir sehen ob ich keine Gewalt über Euch
habe«
»Über mein äußeres Schicksal sicher« sagte Fennimor »das fühle ich eben
immer wenn ich Euch sehe Ich meine nur über meine Seele habt Ihr keine
Gewalt und ich habe bessere Kraft nun ich allein mit Euch bin wenn Leonin
dabei ist fühle ich nur das Leid was Ihr ihm angetan und dann ist der
Schmerz größer«
»Ihr seid nicht zurückhaltend in Euren Meinungen über mich das muss ich
gestehen Doch muss ich glauben Ihr gebt mir den Ton an der unter uns walten
soll So hört denn Ich habe mich aus Freundschaft für die Familie des Grafen
CrecyChabanne der Mühe unterzogen Leonin den jungen Grafen und einzigen
Erben aus einer Verbindung loszumachen in die ihn Leichtsinn Unwissenheit
und wie ich gern eingestehe Eure schönen blühenden Wangen und die zu
bereitwillige Gastfreundschaft Eures Vaters geführt haben indem der junge Mann
natürlich in seine ehrenvollen angestammten Verhältnisse nicht zurückkehren
konnte ohne die Unzulässigkeit dieser anscheinenden Verbindung zu empfinden da
nie auf keinem Punkte weder bei seinen Eltern weder bei seinem Könige noch
und am wenigsten bei seiner Kirche eine Anerkennung dieses leichtsinnig
geschlossenen Vertrages denkbar ist Hiervon Euch bei Eurer Unkenntnis der
Welt einen Begriff zu machen habe ich übernommen zugleich Eure und Eures
Kindes Verhältnisse so sorglos zu stellen als es Euch zukommt von einem Manne
zu fordern der in so unabhängigen Vermögensumständen ist als der junge Graf
Crecy«
»Ich kann Euch noch nicht verstehen« entgegnete Fennimor noch immer ruhig
»denn was Ihr sagt ist ja Alles unrichtig ich weiß nicht was Ihr von
unserer Vermählung denkt Freilich soll die Vermählung bei den Katholiken anders
sein aber sie muss doch immer dasselbe bedeuten sonst wäre ja die Eurige keine
christliche Verbindung«
»Legt endlich Eure Unerschütterlichkeit ab mit der Ihr mir unbeschreiblich
lästig fallt« sagte jetzt Souvré indem er übellaunig aufstand »Ist denn das
nicht zu verstehen was ich Euch sage Ihr seid nach katolischem Rechte gar
nicht vermählt Eure anscheinende Verbindung in jeder Beziehung völlig ungültig
Kein Mensch erkennt Euch für des Grafen Gemahlin kein Mensch dies Kind für ein
ehelich geborenes an Dies soll ich Euch bekannt machen damit Ihr eine Art
Erklärung darüber unterzeichnen könnt die ich hier bei mir führe die Euren
Begriffen nach eine Art Scheidung auch jener Zeremonie auf die Ihr Euch zu
stützen scheint rechtskräftig bewirkt und dem jungen Grafen Crecy der zu
einer hohen Hofverbindung bestimmt ist seine Freiheit wieder gibt«
Fennimor stand auf langsam aber fest die Stuhllehne krampfhaft haltend
sie schien zu wachsen das treulose Blut was ihr Herz erdrücken wollte
strömte in ihre Wangen zurück Die zahllosen Stiche die sie empfangen und
zweifelnd dass sie ihr gelten könnten immer verläugnet hatte wurden mit diesem
letzten fürchterlichen Angriffe plötzlich alle zu reißenden Wunden Sie war
völlig enttäuscht Aber Sprache fand sie erst mit einem kurzen wilden Schrei
der ihre fest zusammen gepressten Lippen brach dumpf aber erhaben sagte sie
dann
»Du gehörst nicht zu Gott und weißt von seinen heiligen Geboten Nichts In
welchem Namen soll ich zu Dir reden Unglückliche verlorne Seele Der
kleinliche Jammer Deiner Rede richtet Dich so fürchterlich dass ich vor Gott
erbebe der schon Gericht über Dich hält in jedem Deiner verstockten Worte
Armes elendes Wesen welch ein schauderhafter Lästerer bist Du Welch ein
Grauen wird Dich befallen wenn Gott den Nebel zerstreut in den Dein armes
kleinliches Leben noch vor Dir selbst gehüllt ist und Du Dich erkennst Wie
könntest Du verlorenes Werkzeug jener verderbten Welt aus der Du gesandt
wirst mir Zweifel einflößen gegen die Heiligkeit meiner Verbindung gegen die
Geburt meines Kindes«
Wir wissen nicht warum Souvré diese Rede nicht unterbrach warum er endlich
halb abgewendet in der Nähe ihres Stuhles stehen blieb zuletzt die Augen auf
sie richten musste und ein Ansehen gewann als versteinere sie ihn
Fennimor wollte ihn verlassen Kräftigen Schrittes erhaben in jeder
Bewegung wollte sie an ihm vorüber Das weckte ihn Mit Wut beladen kam sein
Bewusstsein zurück Sie hatte ihn bezeichnet wie er war dies unbedeutende
unberechtigte Wesen hatte laut genannt was die neckende Hölle in seinem Busen
während sie es sprach hohnlachend bestätigt hatte er war vor sich selbst
entdeckt und Rache Rache war das einzige Geschrei seines beleidigten
Innern
»Halt« rief er mit heiserer Stimme und entstellten Zügen »halt Ihr dürft
nicht fort bis Ihr dies Blatt unterzeichnet habt Dankt Gott dass ich mich
herablasse mit Euch zu unterhandeln die Ihr kein Recht habt an der
Gemeinschaft ehrbarer Personen«
Fennimor wies das Blatt mit der Hand zurück »Ich werde Leonins erhabene
Mutter befragen welch einen ehrenvollen Platz sie der Gemahlin ihres Sohnes
zugesteht Von Euch fordere ich bloß Entfernung Ihr armes elendes Wesen
könnt mich nicht herabwürdigen«
Die Erwähnung von Leonins Mutter verstärkte augenblicklich den bösen Willen
des Marquis »Törin« sagte er lachend »das fehlt nur noch an Eurer kindischen
Anmassung Gerade sie sie schickt mich Euch Eure Torheit vorzustellen denn
sie hält Euch für nichts mehr als die Geliebte ihres Sohnes obwohl sie alle
Eure geträumten kirchlichen Rechte kennt Sie hat eine Braut für ihren Sohn
gewählt seiner würdig und verachtet Euch vollständig«
Fennimor blieb stehen Sie hob Hände und Augen zum Himmel auf »O Herr
des Himmels erbarme Dich Ich fürchte Ihr sprecht eben die Wahrheit Mein
Vertrauen zu dieser einst so verehrten Frau war durch Manches gesunken was mir
Lesüeur erzählte O wie beklage ich sie«
»Beklagt lieber Euch selbst« stieß Souvré roh heraus »Ihr habt es
nötiger Doch hoffe ich da Ihr Eure Stützen brechen seht so werdet Ihr jetzt
nicht zaudern Eure Unterschrift unter dieses Blatt zu setzen Ihr entsagt darin
für Euch und Euer Kind jedem rechtmäßigen Anspruch an den Grafen CrecyChabanne
Ihr nehmt den Namen Lester wieder an und erhaltet dafür ein anstandiges Vermögen
zur Versorgung für Euch und Euren Sohn mit der Freiheit nach England
zurückzukehren oder auch hier in Ste Roche ohne weiteres Aufsehen zu
verbleiben doch ohne Versuche die Ruhe der Familie Crecy ferner zu stören und
ohne dazu das kleinste Recht behaupten zu wollen«
»Das lässt mir Leonins Mutter sagen« rief Fennimor trostlos »das
glaubte sie könnte ich annehmen Ein Weib fordert das von einem Weibe Eine
Mutter von einer Mutter Nun so soll diese entartete Welt erfahren was die
Worte bedeuten die dort zu Gottes Hohn getragen werden« Mit ein Paar raschen
Schritten trat sie dicht vor den Marquis
»Geht geht« sagte sie kräftig »sagt Ihr es läge in keiner menschlichen
Macht das aufzulösen was vor Gott geknüpft sei durch seinen heiligen Diener
durch das Gelübde der Herzen die Gott zusammen gefügt hätte an jenem Tage Sagt
Ihr ich sei die rechtmäßige Gemahlin ihres Sohnes Ich Fennimor Lester deren
Vater überdies aus einer vornehmen englischen Familie abstammte und ein Priester
war sei in Nichts zu gering dafür Sagt Ihr dass das Kind dieser ehelichen
Verbindung der allein rechtmäßige Nachkomme ihres Sohnes unentäusserlich wie
ich seine Mutter den Namen CrecyChabanne führen werde und wenn sie ein
Zeugnis dafür bedarf noch außer dem Blatte des Kirchenbuches welches Emmy Gray
mit sich genommen und bewahrt hat so soll sie ihren Sohn fragen und hören ob
er dies Lust hat zu leugnen«
Da stieg der Triumph über sein Schlachtopfer in Souvrés Zügen auf Mit dem
verwundendsten Lächeln sagte er »Ich glaube er wird dazu Lust haben Denn er
gerade wünscht Ihr möchtet Euch in diese Anordnungen fügen Seine Schwäche
und Euren heftigen Charakter fürchtend hat er diese ganze Angelegenheit in meine
Hand gelegt er hofft ich bringe dieses Blatt unterzeichnet zurück«
»Da sei Gott vor dass Ihr Wahrheit redet Wo ist Leonin ich will ihn
augenblicklich selbst Euch gegenüber stellen«
Souvré zuckte die Achseln »Dies ist nicht mehr möglich Seine Rückkehr
war vom Könige befohlen er musste zur bestimmten Stunde dort sein dem
peinlichen Abschiede zu entgehn Seht dort Ihr werdet an der Wahrheit nicht
länger zweifeln«
Fennimor sah ihn an als sehe sie einen Geist sie ließ sich selbst von ihm
berühren nach dem Fenster führen und folgte mit den Augen wohin er deutete
Da sah sie den Fahrweg durchs Tal Leonins Reisewagen fliegen sie erkannte
seinen Postzug seine Livreen
»Leonin Leonin« sagte sie leise gebrochen und griff in die Ranken die um
das Fenster hingen So blieb sie stehen die Augen unverwandt hinaus gerichtet
Souvré wir dürfen ihm das einzige Zeichen der Menschheit was wir an ihm zu
entdecken haben nicht vorenthalten schauderte als er sah wie sie immer
blässer und blässer zuletzt bläulich erdfarben ward und die Augen und alle
Züge sich zu versteinern schienen Er redete sie an er hoffte selbst auf den
Widerwillen den er ihr einflößte Es war umsonst sie hörte nichts mehr Ihr
Auge haftete an dem immer kleiner werdenden Reisezug er verschwand »Leonin«
sagte sie dumpf fast undeutlich aber sie blieb unbeweglich stehen
Da ergriffen die Furien den Marquis de Souvré Als ob er von ihrem Anblick
gerichtet im nächsten Augenblicke des Todes sein würde so stürzte er aus dem
Zimmer Emmy Gray saß zusammengekauert vor der Tür »Geht hinein Geht geht«
rief er wild und stürzte über die Zimmer und Gänge fort nach den seinigen
Emmy wusste Alles Es kostete sie keine Träne keinen Seufzer finsterer
Zorn machte sie jeder sanfteren Empfindung unmöglich selbst für den ihr über
Alles teuren Gegenstand hatte sie kein mildes Wort »So musste es kommen Das
wusste ich vorher Sie bezahlt es mit dem Leben So mag sie nur erst erlöst
sein« Sie hätte sich ihres Todes freuen können sie rührte sie nicht an und
Fennimor blieb stehen bis der Krampf jeden Schlag des Herzens hinderte und die
Füße zusammen brachen
Sie glich so sehr einer Leiche dass das Gerücht sie sei gestorben sich
verbreitete und der Arzt selbst lange zweifelhaft blieb Als sie endlich
erwachte war die schreckliche Nacht vorüber Der Marquis de Souvré hatte
zuweilen nachgefragt Emmy hatte ihm nie geantwortet Bis zu dem Bette war er
vorgedrungen sie hatte nicht gehindert dass er die Leiche sah wie sie wähnte
Gegen Morgen war er abgereist »Die unangenehmste Reise meines Lebens« sagte er
verdrießlich »Was das für ein krankhaftes Geschöpf war gleich zu sterben«
Später erst fiel ihm ein dass dieser Tod Leonin auf dem Gewissen liegen
werde wenn er ihm auch Freiheit gäbe Damit beruhigte er sich
Fennimor ward nicht durch den Tod erlöst Ihr Erwachen war sogleich
vollständiges Bewusstsein Da Emmy sie nicht entkleidet hatte erhob sie sich
augenblicklich und ihre tiefe Seelenangst trat in jeder Bewegung hervor
»Emmy« sagte sie leise »er hat mich doch so sehr geliebt« dabei fing sie
eine Wanderung durch das Zimmer an die Alle im Laufe der Zeit zur Verzweiflung
brachte Immer dieselbe Linie haltend von dem Fenster an wo sie den Todesstoss
empfangen hatte bis in den äußersten Winkel des Zimmers und wieder zum Fenster
zurück Sie hörte Nichts um sich her Sie sah Nichts Wenn sie angeredet ward
blieb sie stehen und sagte zu Jedem »Er hat mich so sehr geliebt« Der Ausdruck
ihres Engelsantlitzes war dabei so dass Niemand ihn ohne Tränen sehen konnte
Auch zu ihrem Kinde sagte sie dasselbe Sie kannte es nicht
Emmy schien durch Nichts mehr überrascht Sie hatte dies Alles längst in
ihrem argwöhnischen Nachdenken durchlebt und tat jetzt nur was sie im Voraus
beschlossen Eine Bäuerin erschien gegen Abend da das Kind dem Verschmachten
nahe und die Milch der Mutter jeden Falles todtbringend war Das eigne Kind
verlassend nährte das teilnehmende Weib das verwaiste
Die Nacht verging Fennimor wanderte fort Der Arzt und Emmy saßen stumm
einander gegenüber Kein Mensch durfte sie berühren es schien ihr den größten
Schmerz zu machen Wer hätte sie auch zwingen mögen Doch verschwand die
Blässe allmählig hohe Röte stieg in ihre Wangen die glühendste Fieberhitze
ergriff sie sie ging heftiger nur
»Beruhigt Euch« sagte der Arzt zu Emmy »das überlebt sie nicht sie war
ja noch Wöchnerin die Quellen ihres Busens sind versiegt das deutet das
Fieber an es wird ihr Tod«
»Dann sei Gott gepriesen« rief Emmy wild »die scheussliche Welt in die
sie geraten ist nicht wert dass ihr Fuß länger in ihr wandelt«
Bald öffnete das steigende Fieber den stillen Mund Erst plauderte sie leise
dann lauter sie lächelte sie hüpfte sie flog selbst unter der Gewalt
der Krankheit noch reizend schön und wie ein glückliches Kind auf kühlem
Wiesengrunde Sie war in StirlingsBai sie rief den Vater und lächelte ihm
zu kein Andenken ihres späteren Lebens trat hervor ihre Kinderjahre Emmy
der Vater ihre Bilderbücher der Wald Welche anmutige Arabeske lieblich und
wunderbar durchschlungener Gedanken bildeten ihre Phantasien Dies brach Emmys
Härte schreiend fast schluchzte sie ihren Jammer aus aber die welche sonst
ihrem leisesten Seufzer sorgsam nachspürte hüpfte lächelnd und schwatzend an
ihr vorüber und sah in den wilden Aufruhr dieser konvulsivisch zuckenden
Gestalt als ob sie eine schöne Blume aus den Wäldern von StirlingsBai
erblicke Da schien dem mit angespannter Aufmerksamkeit sie beobachtenden
Arzt als ob sie durch das Fieber bezwungen Durst empfände Dies war was er
gehofft und erwartet Schnell reichte er ihr den bereiteten Becher der den
Schlaftrank enthielt auf den allein zu hoffen war Er täuschte sich nicht sie
trank mit kindischer Begierde und nannte es Milch aus StirlingsBai Der Gang
aber ward nun matter und schleppender die Worte gebrochen die Augenlieder
sanken Schon hatte Emmy die Tränen getrocknet widerstandlos trug sie den
Liebling ihres Herzens auf das lange verlassene Lager und bald breitete der
Schlaf seine Segnungen über die Verwüstungen der Menschenhand
Die Marschallin von Crecy saß in ihrem Ankleidezimmer und hörte der unschuldigen
Louise zu welche ihr von dem jungen Marquis dAnville erzählte mit dem sie
gestern bei dem Herzoge von Lesdiguères getanzt hatte und der gar zu heiter und
liebenswürdig war so dass sie immer durch ihn an Leonin erinnert ward mit dem
sie auch früher so habe scherzen und lachen können
Die Marschallin hatte Nichts dagegen Sie wusste jetzt genau wie es mit
Louise stand diese Brücke welche Schwestern die ihre Brüder sehr lieben sich
durch Vergleichungen zu bauen wissen die sie dann unwillkürlich in ein anderes
Gebiet der Empfindung hinüber leiten war ihr vollkommen bekannt Der junge
neunzehnjährige Marquis war ihrer Tochter bestimmt doch erst nach drei Jahren
sollte die Vermählung vor sich gehen der junge Mann bis dahin entfernt werden
durch den jetzigen Krieg später durch Reisen
Sie ließ Louise ruhig plaudern und verstärkte nur durch einzelne Worte den
erregten Eindruck sich an der harmlosen Übergabe des holden Kindes innerlich
belustigend als dieses trauliche Zwiegespräch plötzlich durch den Eintritt
dessen aufgehoben ward den Louise noch zur Erklärung ihrer Gefühle bedurfte
Leonin stand vor Beiden
Aber wie wenig glich er jetzt noch dem Bilde des frohen unschuldigen
Marquis dAnville Selbst die unerschütterliche Marschallin erschrak bei seinem
Anblick und wie ein Blitz durchzuckte sie der Gedanke Das ist Dein Werk
Louise flog mit einem Freudenschrei in seine Arme Aber Leonin schauderte
als er ein anderes weibliches Wesen an die Brust drückte von der er Fennimor so
eben verstoßen Die Marschallin sah Alles sie fürchtete sich fast vor ihm da
er da war musste das vollendet sein was sie geleitet damit kam ihr ein kleines
vorübergehendes Grauen an die Vollendung stählte sie nicht so wie der Eifer
sie zu erlangen
»Leonin Du bist krank« rief Louise als er sich matt und stumm von ihr los
machte um seine Mutter zu begrüßen »ich erkannte Dich kaum«
»In Wahrheit mein Lieber« sagte die Marschallin »Sie haben keine gute
Farbe Sie müssen mit dem Arzte sprechen Sie haben jetzt keine Zeit zum krank
sein«
»Lieber mit dem Beichtvater gnädige Frau« erwiderte Leonin dumpf und
bitter »es könnte nötiger sein«
»Ganz nach Ihrem Bedürfnisse« sagte die Marschallin durch diese
vorwurfsvolle Entgegnung erkältet und erzürnt »Oft ist uns der Seelenarzt so
nötig als der leibliche Der König ist bereits zur Armee abgegangen die
Königin hat ihr erstes Wiedersehen mit Seiner Majestät in Nancy dorthin«
»In Nancy« unterbrach Leonin seine Mutter »in Nancy in der Hauptstadt
des Herzogs von Lotringen So verfügt man schon über das Eigentum des Feindes
dessen Land man noch nicht einmal betreten hat«
»Mein Sohn ich finde Ihren Ton sehr sonderbar es scheint mir höchst
unpassend und für Sie am meisten als eine zum Hofstaat gehörende Person sich
mit einer Art wie soll ich sagen um es milde zu bezeichnen einer Art
Erstaunen mindestens über diese allerhöchsten Beschlüsse zu äußern Wer könnte
zweifeln dass Seine Majestät heute schon das Recht hätten sich in Amsterdam ihr
Diner zu bestellen Die Beschlüsse zu der einen oder andern stets passenden
Eroberung sind zugleich Siege«
Hierin lag etwas Wahres Die Marschallin hatte nur nötig das Vorhandene zu
benutzen um ihrem Sohne zu imponiren Dieser ganze Krieg war ein voraus
empfundener Siegestaumel den zu beargwöhnen in der Tat ein ungehöriges Gefühl
und der damaligen Zeit ganz fremd war Die Naturanlage der Franzosen sich in
dem anmassendsten Dünkel als die Ersten der Erde zu betrachten erhielt die
vollständigste Entwicklung und schlug Wurzeln zu tief um je zu ersterben ein
Stützpunkt bleibend für Alles was die Zeit im mannigfaltigsten Wechsel daran
hinauftrieb was wir mit giftiger oder segensreicher Vegetation vergleichen
könnten die immer ein und derselben Wurzel entsprossen
Leonin war auch schon auf Kosten alles Andern zu sehr Franzose geworden um
nicht Überzeugungen schnell nachzukommen die er um so hohen Preis erkauft Er
fühlte er hatte sich unpassend geäußert und fragte daher schnell ob die
Königin in Versailles anwesend sei
»Ihre Majestät haben den Bitten ihrer guten Stadt Paris nachgegeben und vor
ihrer Abreise noch einen Besuch in den Tuillerien gemacht Paris ist ein Saal
der Freude Die Straßen sind Gärten in denen das Volk tanzt und spielt die
beiden Königinnen von ihrem ganzen Hofstaate umgeben durchziehen sie in offenen
Triumphwagen welche die Stadt hat bauen lassen Unsere Reisewagen sind
gepackt wir erwarteten nur Ihre Rückkehr um das Hotel Soubise zu beziehen
machen Sie danach Ihre Einrichtungen«
»Ich werde schwerlich mit Ihnen zugleich dem Hofe aufwarten können«
erwiderte Leonin »ich fühle mich sehr unwohl etwas Ruhe ist mir durchaus
nötig«
Einen Augenblick sah die Marschallin zu ihrem Sohne auf mit dem Wunsche zu
widersprechen aber aufs neue leuchtete ihr die Überzeugung seiner sichtlichen
Erschöpfung ein So gern sie sichs geläugnet hätte es war gar nicht zu
übersehen er war krank jedenfalls in einer Gemütsstimmung die eine kleine
Sammlung wünschen ließ da sie ihn wenig so darzustellen verhieß wie es die
Marschallin wünschte
So trennte man sich Kein Wort hatte das überfüllte Herz Leonins
erleichtert Diese harte Frau die ihn so ohne Bedenken zu dem Verbrechen
gereizt das er fühlte begangen zu haben zeigte eine Gleichgültigkeit die
nicht einmal nachfrug ob oder wie es vollzogen Keine Teilnahme kein Dank
Nichts versöhnte den ungeheuren Schritt den er getan Zurückgedrängt ward er
mit jeder Empfindung die ihn fast zu ersticken drohte als nehme man ihr Dasein
für unmöglich an und was man ihm dagegen bot waren die erbärmlichen
Wichtigkeiten dieser äußern Welt Sein Herz krampfte sich in Bitterkeit
zusammen ein finsterer Groll gegen sich und die ganze Welt ergriff ihn ja
eine Ansicht über seine Mutter brach sich Bahn die ganz gegen den kindlichen
Enthusiasmus stritt den er bisher empfunden Es war ein fürchterliches Gericht
in ihm und die größte Strafe der Sünde erreichte ihn der Preis um den er
gesündigt sank in dem Augenblicke wie er ihn errungen hatte Eine glühende
Hölle schien ihm dies glänzende Treiben des Hofes welches jede Besinnung
erstickte jede Regung verstiess die nicht in ihre erkünstelten Zustände passte
Eine Einöde schien sie ihm zugleich von tödtender Langweile erfüllt ohne Reiz
ohne Erquickung der Felsblock des Sysiphus mühsam täglich emporgewälzt
täglich zurückstürzend dieselbe Bahn für das Erfolglose immer denselben
Aufwand von Mühe begehrend
Fast bewusstlos sank er auf sein Lager und Keiner aus seiner Umgebung wagte
mehr den jungen Erben zu stören dessen Ansehen so wenig den glänzenden
Aussichten entsprach die Alle für ihn eröffnet wussten
Bald fuhren die Karossen der Marschallin vor und sie verließ nach den
passendsten Instruktionen an ihren Arzt und Beichtvater das Palais Crecy ohne
dass sie selbst ihren Sohn wiedergesehn oder die Bitte der trauernden Louise um
diese Gunst gestattet hätte
Dies Mal sollte der Marschall ihr zu Hilfe kommen Er befand sich bereits in
Paris aber sie wusste es mit Sicherheit dass sie ihm nur zu sagen brauche
Leonin sei krank in Versailles angekommen und er werde in der nächsten Stunde
dahin reisen wo sie dann seinem unbezwinglichen Ungestüm vertrauen durfte der
weder die Einwendungen Anderer hörte noch sich ihnen fügte und unfehlbar
Leonins Krankheit für nicht bedeutend genug ansehen musste um ihn länger von dem
Schauplatze entfernt zu halten den ihn einnehmen zu sehen seine ganze Seele
erfüllte
Dagegen erschien die Marschallin sogleich mit der Miene einer betrübten
Mutter das Unwohlsein Leonins der Königin und seiner nun öffentlich erklärten
Braut mitzuteilen Da Niemand zur Besinnung kam in dem Taumel der in Paris
herrschte der Volk und Hof fast in einem Feste vom Morgen bis Abend zu
vereinigen schien so fand jede Erklärung gefälligen Eingang die von Niemandem
ein langes Nachdenken oder Zuhören begehrte
Nur Viktorine die sich stets selbst behielt der diese Dinge nur so nahe
traten als sie wollte hörte die Nachricht der Marschallin mit veränderter
Farbe und als der Marschall in Reisekleidern bei ihr eintrat um ihr Mut
einzureden fühlte sie die kindlichste Zärtlichkeit gegen ihn und Beide
trennten sich mit erhöhter Liebe
Diese Empfindung war Viktorine überhaupt viel mehr geneigt ihrem künftigen
Schwiegervater als der Marschallin zu widmen Sie misstraute ihr Dies vollendet
gehaltene Wesen welches wie das untrüglichste Rechenexempel sich immer in den
Forderungen der großen Welt auflöste empörte ihren offenen Charakter der durch
freie geistige Entwickelung so viel es diese Zeit zuließ die Etikette
lästerte Sie hatte überdies einen ahnenden Verstand Sie war zu unschuldig um
manche Dinge wissen zu können aber sie ahnte dann eben dass nicht Alles in
Ordnung sei und fehlte selten in ihren Voraussetzungen
Am nächsten Abend stand sie neben ihrer Schwiegermutter in dem großen
Spielzimmer der Königin während sich im Nebensaale der glänzendste Ball
entwickelte welchen die Königin als Abschiedsfest gab und an dem Teil zu
nehmen ihr unmöglich war als die Marschallin plötzlich zusammenschreckte und
einen Augenblick starr nach der Tür blickte Viktorinens Augen folgten diesem
Blick und sie konnte die Ursache nicht erraten bis der Marquis de Souvré ihr
auffallend ward der sich mit seiner gewöhnlichen Dreistigkeit halb lachend
halb neckend durch die Menge drängte
Viktorine glaubte jetzt die Bewegung der Marschallin erklärt Er kommt aus
Leonins Krankenzimmer sagte sie sich sie selbst fühlte ein tiefes Erbeben und
zugleich ein sanfteres Gefühl gegen die Marschallin was ihr sagte sie ist doch
Mutter
Souvré stand sogleich vor ihnen »Willkommen Marquis« sagte die
Marschallin »Wie verließen Sie meinen Sohn«
»Auf dem Wege zu den Füßen seiner schönen Braut seine Genesung abzuwarten«
erwiderte der Marquis beide Damen begrüssend »Doch verließ ich das Terrain in
dem Augenblick als der Marschall seine Position dort nahm Einer solchen
bewaffneten Macht gegenüber nehme ich gern sogleich meinen Rückzug denn er
bleibt stets Sieger wovon Euer Gnaden auch wohl im Voraus überzeugt waren«
»Der Marschall hat stets den liebenswürdigen Ungestüm eines Jünglings«
lächelte die Marschallin aber ihr Auge lag noch immer durchbohrend auf Souvré
der seine Überlegenheit fühlend auch nicht durch die kleinste Äußerung
verriet was sie so sehr zu wissen wünschte
»Belehren Sie mich ob ich recht hörte ist dies ein Abschiedsfest«
fragte er sich zu Victorinen wendend »muss Leonin in Wahrheit zu spät kommen
sich in dem Glanze des Hofes mit seinem unermesslichen Glücke brüsten zu können«
»Ihre Majestät werden von morgen an ihre Andacht bei den Karmeliterinnen
halten und dann nur noch kleinen Zirkel in ihren PrivatApartements empfangen«
erwiderte Victorine
»Ach« sagte Souvré »ich lebe auf So hoffe ich werden wir auch dort noch
im kleinen Zirkel mindestens einiger hundert Personen das Vermählungsfest
meines glücklichen Vetters und seiner schönen Braut erleben«
»Lassen wir das« rief Victorine stolz und gereizt »Soll ich Ihnen etwa die
Feierlichkeiten dabei vorzählen damit sie Ihre verschiedenen Hofkleider
ausstauben lassen Ich passe nicht zum Referiren und setze immer den Takt
voraus es zu fühlen ehe ich es selbst andeuten muss«
»Allerliebst« lachte Souvré »also das hat die Liebe noch nicht bewirkt
So nah an dem gehorsamsten demütigsten Zustande ich meine die Ehe« setzte
er sich verbeugend hinzu »und doch so wild so gereizt wie eben aus dem
Kloster entkommen Schöne Viktorine ich warne Sie lenken Sie ein Leonin ist
nur anscheinend ein schwermütiger Schäfer innerlich und wo es gilt ein
reissender Löwe«
Die Marschallin horchte auf Dies schien ihr der erste Wink Doch Souvré
blickte nur Victorinen herausfordernd an er schien jene vergessen zu haben
»Erlauben Euer Gnaden dass ich mich beurlaube« sagte Victorine sich tief
vor der Marschallin verneigend »Die vortrefflichen Manieren des Herrn Marquis
zwingen hier eine Frau die Flucht zu ergreifen«
»Fliehen Sie Ihren Sieger« rief Souvré »Sie haben nun einmal Ihre
Stellung in der Welt verloren Ein Mal besiegt erleben Sie nichts mehr als
Niederlagen Ich Ihr ältester Freund und Verehrer musste doch daran meinen
Anteil haben«
Victorine rollte achselzuckend ihren Fächer vor ihm auf und verschwand in
dem Nebensaale
Eben wandte die Marschallin sich zu dem Marquis entschlossen ihn zur
Sprache zu bringen da eilte Souvré die Herzogin von Bellefond zu begrüßen die
ihren großen Reinigungszug wie die Hofleute ihn nannten wobei sie jeden Fehler
der Etikette rügte durch den Saal hielt
»Soll ich Ihnen helfen meine Beschützerin meine Wohltäterin« rief
Souvré »Wie Not tut sicher hier Ihre glanzvolle Herrschaft im Reiche der
Etikette wo die gute Stadt Paris mit ihren breiten Manieren dem Hermeline des
Königsmantels etwas sehr nahe getreten ist Die Luft ist davon noch etwas
verdorben wie ich spüre«
»Ach Marquis Marquis« erwiderte Madame de Bellefonds mit so heiserer
Stimme dass ihre Rede dem dumpfen Gebrumme eines zornigen Bären glich »das
fürchte ich nicht zum zweiten Male zu erleben Denken Sie den ganzen Tag auf
der Straße Ihre Majestät die Königin sehen zu müssen wie diese Populace sich
zu ihr drängte Anreden gestatten zu müssen auf offener Straße ohne nur die
Namen dieser Geschöpfe zu kennen viel weniger ihren Adelsgehalt ja am Ende
lieber Nichts von ihnen wissen zu wollen da doch nur zu erfahren stand dass sie
aus der Hefe wären Alle unter dem einen Hute sich bergend als Bürger von
Paris Bürger von Paris Marquis Ich hätte weinen können über den Wahnsinn der
sie glauben ließ durch diesen Titel zu dem Benehmen gegen Ihre Majestät
berechtigt zu sein Und dann die Humanitätsideen der hohen Herrschaften
Niemand den man in seine Schranken verweisen durfte wodurch dem Volke der Mut
wuchs bis zur Raserei Können Sie denken dass davon die Rede war einige von den
Deputirten der Stadt heute Abend einzuladen So dass denn also kein einziger
Platz rein geblieben wäre Aber ich drohte meinen weißen Stab in Stücken
zerbrechen zu wollen wenn man diesen Plan ausführe und da unterblieb es trotz
dem dass der Marquis Fenelon dieser sogenannte große Geist mich fragte ob ich
dächte dass diese Herren Deputirten die ein Paar Millionen kommandirten
weniger Bildung hätten als meine Herzöge und Grafen«
»Nun in Wahrheit« lachte Souvré »diese rasende Behauptung hätte Euer
Gnaden töten können«
»Fast Marquis fast war es so weit Und Ihr hört es an meiner Stimme es ist
mir Alles auf die Brust gefallen Es war meine letzte Anstrengung und in der
Antwort die ich ihm gab schlug die Stimme um Marquis sagte ich um so
schlimmer So sind es übertünchte Gräber in denen sie nichts zu verdecken
hätten als Hobel oder Elle und der Bursche der mir zu den Schuhen Maß
nimmt hat in meinen Augen mehr Wert als diese impertinenten Masken die sich
unsere Vorzüge anzumassen wagen«
»Vortrefflich vortrefflich« rief Souvré »mit welchem Geiste Sie Ihren
Willen auszudrücken wissen Es müsste für die Nachwelt verzeichnet werden
Gottlob dass Frankreich die Herzogin von Bellefond als Wache vor dem Throne
dieser sanften nachgiebigen Königin hat Es ist die einzige Rettung der
einzige Schutz gegen die andrängende Volksbildung die wie ich im vollen Ernste
hörte sich allerlei Nachahmungen der höheren Stände erlauben soll und wie
lächerlich und unglücklich auch solche Versuche sind sie bleiben doch jederzeit
ein Ärgernis und verraten einen gefährlichen Sinn der im Entstehen erstickt
werden muss«
»Ja wohl Marquis Sie haben nur zu Recht aber ich beschwöre Sie hören Sie
auf davon zu sprechen ich muss sonst mein Flacon gebrauchen Ach Marquis wer
hatte sonst nur nötig diese Klasse in den Mund zu nehmen Wir hatten
Handwerker die nur unsere Haushofmeister und Kammerfrauen sprachen und ich
hätte es nicht für möglich gehalten dass ich mich jemals über einen Bürgerlichen
würde ärgern können Aber hören wir auf es greift mich an und ich bin
beschämt über den Gegenstand«
»Nun so sagen Sie mir etwas Neues vom Hofe« rief Souvré »Sie wissen ich
war mit dem jungen Grafen Crecy abwesend«
»Ja ja ich erinnere mich Doch sagen Sie Marquis warum sehen wir Sie
allein zurückkehren Ist man so lau und nachlässig in der Bewerbung um ein
Ehrenfräulein Ihrer Majestät«
»O Madame« sagte Souvré »welche Voraussetzung Er ist wie ein
Wahnsinniger Tag und Nacht gereist als er die Weisung zur Rückkehr erhielt und
da hat er sich erkältet Doch es wird vorübergehn Euer Gnaden haben sicher
schon über die Vermählung des Paares Ihre Dispositionen gemacht darf ich im
Vertrauen sein«
»Sie sind mein Verzug« erwiderte die Herzogin mit einer steifen Grimasse
die Lächeln andeuten sollte »und wollen immer Alles voraus wissen Doch ist es
zu erwähnen wie Ihre Gesinnung wirklich sich stets unbefleckt rein erhält und
ich habe deshalb manche Rücksichten«
Der Marquis verneigte sich und Madame de Bellefond fuhr fort »Die Zeit
erlaubt keine Festlichkeiten Ihre Majestät muss sich bereit halten Sie
wissen das erste Hauptquartier wird in Nancy sein wir müssen uns auf den Weg
dahin begeben um dann mit Seiner Majestät zugleich einziehen zu können
Natürlich können aber der Graf und Mademoiselle de Lesdiguères nicht bei
demselben Hofstaat in derselben Karosse vielleicht die Reise antreten ohne
vermählt zu sein Das haben denn auch Ihre Majestäten erwogen und ich habe
selbst die etwas streitsüchtige Lesdiguères zum Schweigen gebracht Nun soll
es also ein Impromptu werden Wie ich höre hat es aber die eigensinnigste
Hofdame die ich je unter Aufsicht hatte durchgesetzt dass die Frau Königin den
Herrn Erzbischof von Noailles um die Abtretung seiner Funktionen an Monsieur
Fenelon diesen überspannten Pfarrer von St Sulpice gebeten hat Das war
hinter meinem Rücken geschehen die Königin wird von dem jungen Mädchen
beherrscht doch hatte sie die Gnade sich bei mir deshalb zu entschuldigen Sie
fühlte wohl dass sie mir ins Amt gegriffen Doch mein Kind Sie sehen wir haben
nicht mehr viel Zeit und der Bräutigam fehlt Dieser junge Mensch Marquis im
Vertrauen ähnelt nicht sehr seinen musterhaften Eltern Krank zu werden wenn
man seine Anstellung bei Hofe antreten soll hat immer etwas gegen den Respekt
und gegen die vollkommene Feinheit die wir bei solchen Gelegenheiten
vorherrschen lassen müssen Wer kann mir nachsagen dass ich je krank war Aber
das ist so der Spuck der sich gern einschleichen möchte den alle diese Herren
Dichter Philosophen und Gelehrte verbreiten und den sie Menschenrechte oder
Naturgebote oder Gott weiß wie nennen Aber ich frage Sie Marquis ist es
schicklich dass man so etwas bei Hofe hört wo lauter Edelleute vom ersten Range
leben Ich frage Sie mein Lieber wenn Monsieur Molière im Vorzimmer des
Königs frühstücken darf und Seiner Majestät ihn anredet als wäre er ein
Mensch wie jeder andere da haben wir freilich nichts Besseres zu erwarten
Sonst Marquis begaben wir uns in die große königliche Loge und vor uns auf
den Brettern in dieser unüberschreitbaren Entfernung ließ wir alle diese
Herren machen was sie konnten und frugen nicht nach ob es sogenannte Dichter
Philosophen und Gelehrte waren Machten sie es gut wurde geklatscht machten
sie es schlecht wurden sie wieder weggejagt Das erhielt aber die Luft rein Da
waren unsere Kavaliere ohne jene sonderbaren Manieren die jetzt einen jungen
Mann in den Zwanzigern erkranken lassen wenn er eine Hofcharge antreten soll
und sich vermählen«
»Euer Gnaden zürnen wie ich merke« sagte Souvré »ich muss Fürbitte tun
Ihr Zürnen würde nicht allein den Schuldigen unglücklich machen sondern
besonders die Eltern die Sie doch anerkennen«
»Sie sind ein gutes Kind Marquis ich weiß es wohl Nun sehen Sie Sie
sollen Recht behalten Ich gehe und rede die Marschallin an«
Damit schritt sie auf die indes von mehreren Bekannten umgebene Marschallin
zu und da bei ihrer Annäherung gleich Alles Platz machte konnte sie wenn sie
es beabsichtigte mit Jedem reden wie in ihrem PrivatKabinette
»Marschallin« sagte sie »ich muss so einen kleinen Wink geben Die hohen
Herrschaften sind voll Gnade für Ihr Haus wie dies eine so bedeutende Familie
auch erwarten darf Es sind Auszeichnungen beabsichtigt die wir allerdings zu
schätzen und zu würdigen wissen werden aber die Jugend meine Liebe man weiß
wohl wie das jetzt geht die Jugend hat nicht das alte Mark der Ehrfurcht in
den Gliedern da müssen wir nachhelfen bis sie es lernt Krankheiten sind
immer kein Grund gegen die Befehle der hohen Herrschaften zu handeln Nun
wem sage ich das Sie meine Liebe sind ja die vollkommenste Dame des Hofes
Sie werden mich verstehen und danach Ihre Maßregeln nehmen«
»O meine teure Herzogin« rief die Marschallin mit dem süßesten Lächeln
»wer kann Sie in Ihren anmutigen Belehrungen übertreffen Sie haben eine Gabe
anzudeuten den Weg zu bezeichnen die einzig in ihrer Art ist Glauben Sie
mir ich habe Sie verstanden um so mehr da mein eigenes Gefühl Ihnen längst
auf diesem Wege entgegen kam«
»Ich weiß ich weiß« sagte die geschmeichelte Herzogin »Sie sind
vollkommen zu Hause in der guten alten Welt des Hofes in der wir wenigstens
noch einige Male vereint mit solchen Mitteln die Brücken abbrechen werden die
die Populace nach uns hinauf zu bauen trachtet doch still still
Marschallin wir wollen das nicht einmal in den Mund nehmen es zieht schon
herab dafür Gedanken haben zu müssen«
Leonin war an der Seite des Marschalls von Crecy in Paris eingetroffen
Die Marschallin empfing sie mit einer so mitteilenden Zärtlichkeit dass
Beide vollständig in ihre Hände fielen
Sie lud den Marschall zur Tafel da die Stunde dazu heran gekommen war und
er willigte ein erweicht durch die Nähe seiner Kinder und die guten Manieren
seiner Gemahlin ward aber fast gerührt über dieselben als in dem
Augenblicke wie er den ersten Becher Wein forderte im Vorzimmer sein lärmendes
Musikchor was die Marschallin sonst nie in ihrer Nähe duldete zu verabscheuen
vorgab und welches jetzt von ihr selbst dazu beordert das Vorzimmer
eingenommen hatte einen seiner wilden Lieblingsmärsche zu spielen begann
»Sie sind im Ernste sehr höflich meine Liebe« sagte er mit der uns
bekannten Grimasse die Rührung andeutete »Sie lieben diese fröhlichen Stücke
nicht und ich muss Ihnen meinen Dank sagen«
»Nun Marschall« erwiderte seine Gemahlin »wir haben denke ich auch
nicht oft die Ehre den Helden der Fronde an unserer Tafel zu sehen Es ist
billig unsere Neigung nicht zu befragen wenn wir es ihn nicht bereuen lassen
wollen«
Dagegen schickte der ungemein erheiterte alte Herr nach diesem ersten
lärmenden Versuche die ganze Bande in ihr Quartier und ließ sich eine Goldbörse
von seinem Kammerdiener bringen um für die Dienerschaft seiner Gemahlin auf
jeden Teller den man ihm wegnahm in jeden Becher den er leerte und zum Füllen
reichte ein Paar Lonisdor zu werfen
So hatte die Marschallin ihre Absicht erreicht Leonin bei seiner Rückkunft
augenblicklich aus sich herauszureissen und den Umständen wie sie hier
herrschten und wie bestimmt waren ihn zu beherrschen unter zu ordnen Die
eisernen Formen die ihn sogleich einschlossen mussten ihn überzeugen dass er
hier nur nachgeben könne Dieses anscheinend herzlicher hervor tretende
Familienfest sollte dabei seinen idyllischen Träumen wie die Marschallin sich
ausdrückte schmeicheln ihn hier einen Reiz mehr erkennen lassen um den Wert
des zurück gewiesenen Glückes zu entkräften
Gegen Ende der Tafel ward dem Marschalle gemeldet dass sich wie gewöhnlich
bei seinem Diner bei der Nachricht seiner Rückkehr mehrere Personen in seinem
Vorzimmer gesammelt hätten
»O hierher Marschall hierher« rief seine Gemahlin »Alles wie Sie es
gewohnt sind« Fort flogen die Diener und bald erschienen einige der
vornehmsten Personen des Hofes da der sonst gewöhnliche militärische Hofstaat
des Marschalls bereits der Armee gefolgt war Doch berührte es Leonin wie ein
elektrischer Schlag unter ihnen den Herzog von Lesdiguères zu bemerken der mit
aller verwandtschaftlichen Bevorrechtung den Marschall und Leonin umarmte und
zwischen dem sanft gestimmten Ehepaar in einen herbei getragenen Fauteuil sank
»Nun Marschall wie ich Eure roten Vorreiter sah konnte ich dem Vergnügen
nicht wiederstehen selbst von Euch zu hören Und sagt wie steht es dort mit
dem neuen Kavalier der Königin« fuhr er neckend fort Leonin anblinzelnd
»mir deucht die Reise dauerte nicht lange Das war Diensteifer Vicomte Nicht
wahr bloß Diensteifer«
Ein schallendes Gelächter des Marschalls und des witzigen Herrn Herzogs
folgte dieser Rede und Leonin der plötzlich den Wahnsinn der Rettungslosigkeit
fühlte griff nach der Maske die zu dem erwarteten Fastnachtsspiele passte und
als er das erste Lächeln erzwang hätte der Schmerz seines Herzens ihm fast
einen lauten Schrei ausgepresst Auch die Marschallin hielt den Atem an der
Moment war entscheidend Er ward schneller selbst als sie erwartet hatte in
die neuen Verhältnisse gedrängt wie Viel hing davon ab dass er schon die
rechte Stärke gewonnen habe Aber sie sah dass die blasse hohle Wange sich
plötzlich rötete das trübe Auge lebendig ward er den bisher unberührten
Becher Wein hinunter stürzte und sich dann rasch zum Herzog wendend mit
überlauter Stimme ausrief »Euer Gnaden werden meinen Eifer doch nicht
missbilligen«
»Nun nun« sagte der Herzog »man sagt Mademoiselle de Reetz habe auch
dereinst von unserm ähnlichen Eifer erzählen können Doch merke ich junger
Herr das gehört nicht mehr in mein Departement nun ich habe nichts dagegen
wenn Ihr Euch damit bei Viktorinen meldet« dabei zog er Leonin in seine Arme
und herzte und küsste ihn und Leonin fühlte er habe diese schon längst völlig
abgemachte Sache an der kein Mensch mehr zweifelte in diesem Augenblicke
bestätigt Wir dürfen nicht verbergen dass die Erinnerung an Viktorinens
jugendliche Schönheit an ihre Trefflichkeit in demselben Augenblicke lebendig
in ihm erwachte und der Seufzer der ihm entstieg galt dem Schmerze ihrer
nicht mehr wert zu sein
Und Souvré saß lachend und jeden Scherz erhöhend an derselben Tafel Leonin
wusste noch nicht was er ausgerichtet hatte und seine Ehre hing jetzt an dem
Ausspruche dieses Mundes
Souvré wusste dies Alles und mit teuflischer Lust quälte er sowohl die
Marschallin als den von ihm so bitter verachteten Knaben denn vergeblich hatte
seine hohe Verbündete nach ihm gesandt zu allen Stunden er war zu keiner
zugänglich gewesen und erschien erst da alle Fragen unmöglich waren
Doch die Marschallin war längst entschlossen jede Unsicherheit abzuwerfen
und die Dinge die sie nicht wusste so anzunehmen wie sie zu den Schritten
passten die jetzt ihrer Überzeugung nach nicht mehr ausbleiben konnten Sie war
daher ungemein erfreut als sie Leonin eben so getrieben und ihn den
entscheidenden Augenblick mit einer Fassung bestehen sah deren grimassenhafte
Weise nur sie zu verstehen vermochte
Herr von Dreux und der Marquis Vieuville unterbrachen diese Spannung Man
hob die Tafel auf Herr von Vieuville verkündigte die glänzenden Siege der
Armee die Flucht des Herzogs von Lotringen und den Beschluss der Königin am
andern Mittag ihre Reise anzutreten »Madame de Bellefond« setzte er lächelnd
und heimlich zur Marschallin gewendet hinzu »ist von der Rückkehr des jungen
Grafen unterrichtet Sie lässt Euer Gnaden sagen die ganze Familie
CrecyChabanne würde in voller Parüre diesen Abend bei der Königin erwartet«
Die Marschallin fühlte dass sie kalt ward Die Wichtigkeit des Moments
entzog sich ihr nicht Aber was auch Abweichendes ihr Inneres berühren mochte
die äußere Form war ihr so durchaus die dringendste Anforderung ihr so bequem
und gewohnt dass sie stets jeder anders wirkenden Anregung entgegen den
ungestörten Mechanismus derselben betreiben konnte
»Meine Herren« sagte sie sich laut redend gegen Gemahl und Sohn wendend
»Ihre Majestät wollen uns Alle noch diesen Abend empfangen Frau von Bellefond
befiehlt im großen Hofkostüme«
»Weiß Gott ich gehe hin« rief der Marschall »ich will unsere gute
schöne Königin noch ein Mal sehen wie wenig das Hofleben auch eigentlich mehr
für mich passt«
Schon unterrichtete der Marquis Vieuville den Marquis de Souvré bei Seite
tretend von den Absichten der Königin und Souvré sah ein er müsse jetzt
Leonin Etwas von seinen Nachrichten geben wenn nicht ein Ärgernis eintreten
solle Er benutzte daher den Moment wo Leonin zu erreichen war und flüsterte
ihm zu »Mut Mut Sie sind frei«
»Frei« stammelte Leonin erbleichend »frei« rief er noch ein Mal und
schon fühlte er den Wert dieses Ausspruches den neuen ihn bestürmenden
Anforderungen gegenüber »Hat sie eingewilligt Gott wie ertrug sie es«
»Später später« rief Souvré »jetzt tut Ihnen nichts so Not als Ihre
Freiheit Darum begnügen Sie sich damit dass ich Ihnen versichere dass Sie frei
sind«
Leonin fühlte diese Wahrheit Er beruhigte sich damit und flog der neuen
Richtung seines Lebens mit der Hast eines Menschen entgegen der nicht mehr den
Mut hat in sein Inneres zu blicken
Als die Marschallin im großen Hofkostüme mit Juwelen beladen ihr
Ankleidezimmer verließ um in den Wagen zu steigen stand der Marquis de Souvré
vor ihr und sein boshaftes Auge überlief die anmassende Erscheinung der stolzen
Frau er sann der Hoffnung nach sie zu erschüttern
»Madame« sagte er »ich darf über den Gegenstand um dessenwillen Sie mich
zu sprechen wünschen nicht im Zweifel sein beruhigen Sie sich Ihr Sohn ist
frei«
»Das habe ich vorausgesetzt« sagte sie kalt »was wollte solche Person
auch für so angemasste Rechte hervorbringen«
»So war es nicht Madame« sagte Souvré scharf »Ihr Recht war in guter
Ordnung Kein Gerichtshof von Frankreich hätte es bezweifeln können und eher
hätte man den König bewogen seine Krone niederzulegen als sie diesen Rechten
zu entsagen«
»Ihr scherzt« sagte die Marschallin etwas herabgestimmt »also müssen wir
wohl Alles Ihrer besonderen Klugheit zurechnen«
»Auch das nicht Madame«
»Nun und dann Ihr sagtet doch Leonin sei frei«
»Er ist Wittwer« rief der Marquis mit dem schneidendsten Tone indem sein
Auge durchbohrend auf seiner gefassten Verbündeten ruhte
Doch diese taumelte ein Paar Schritte zurück und schien alle Fassung zu
verlieren »Tot tot Marquis was habt Ihr getan Diese Sache durfte so
nicht enden das ist gegen unsere Würde«
Mit unbeschreiblicher Verachtung blickte der Marquis auf diese hochmütige
entsetzte Person Selbst im Sündigen wollte sie noch mit sich coquettiren und
ihren aristokratischen Dünkel behaupten Sie die mit langer sorgfältiger Mühe
und Vorbereitung den Dolch schliff der ihr Schlachtopfer vernichten sollte und
ihr Gewissen so eingewiegt hatte dass sie hoffte sich nie davor erschrecken zu
müssen sie glaubte sich nun aus ihrer Würde verdrängt da sie das gemeine
Schicksal jedes Bösewichtes erfuhr dass blut fließt wo der Stoß trifft
»Madame« sagte er mit hoher Stimme »ich muss bitten sich zu fassen damit
Ihre Äußerungen keine Beleidigung werden und sie überlegen können dass Alles
einfach und notwendig aus den Bedingungen hervor gehen musste die ich und
Leonin nach Ihren eignen Angaben genötigt waren ihr zu machen Die junge
Gräfin Crecy«
»Halt halt nicht diese Benennung ich dulde es nicht« rief die
Marschallin außer sich
»Und doch Madame hatte sie dazu ein unbezweifeltes Recht doch wie Sie
wollen Also die junge Frau hatte erst kurze Zeit ihr Wochenbett überstanden
Da sie zart war und ich muss hinzusetzen schön wie ein Engel da sie
überdies unschuldig war wie die Sonne und sich vollständig rechtmäßig vermählt
wusste konnte sie nicht ohne die heftigsten Erschütterungen Ihre durch mich
überbrachten entehrenden Erklärungen hören und da Leonin die Flucht ergriff
sah ich sie in dem Augenblicke wo sie dies erfuhr vor meinen Augen sterben«
»Sterben sterben ein solch bürgerliches Mädchen und gleich sterben«
sagte die Marschallin tonlos dann wankte sie nach einem Stuhle und fiel fast
darauf hin in einer Betäubung die sie aller Haltung beraubte
Der Marquis ließ dies Alles ruhig zu er wollte es ihr nicht erleichtern
und vielleicht konnte er es auch wirklich nicht denn obwohl er seinen Zweck
im Auge behielt konnte er doch nicht ein Grauen beschwören was jedes Mal in
ihm aufstieg wenn er der wunderbaren Erscheinung Fennimors gedachte und des
Gerichtes sich damit bewusst ward das durch sie in ihm erregt worden war Nur
nach Außen konnte er Alles beherrschen ohne Einfluss lassen innerlich erfuhr
er stets eine Anregung wie wir sie oben bezeichnet haben Nach einer Pause die
ihm lange genug schien fuhr er fort »Doch Leonin weiß davon Nichts ich sagte
ihm dass er frei sei doch nicht auf welche Art Vieuville hat mir
mitgeteilt dass die Königin ihn heut Abend zu vermählen denkt Die Nachricht
würde seine Laune verderben da er unfähig ist sich zu beherrschen«
»Ja wohl« seufzte die Marschallin »das darf er nicht erfahren es bräche
ihm vollends das Herz«
Souvré erstaunte über die Stimmung der Marschallin »Sie ist lächerlich
außer Fassung« sagte er zu sich Sie war ihm langweilig verächtlich »Ich
muss fürchten Euer Gnaden bereuen das Geschehene obwohl es Ihr Wille war«
sagte er in der Hoffnung sie zu reizen »Auch kann ich versichern dass die
verstorbene Gemahlin Ihres Sohnes eine bewunderungswürdige Erscheinung war
Vielleicht wenn Euer Gnaden sie gesehen hätten würden Sie selbst ihre Rechte
anerkannt haben« Dies war wohl berechnet
»Marquis« sagte die Marschallin und stand sogleich wenn auch mit einiger
Schwierigkeit auf »Mitleiden wird mich nicht zur Verletzung meiner Pflichten
als Mutter und als Trägerin zweier gleich berühmten Namen führen Es ist genug
Das Ende musste so sein möchte es eine Warnung für diese unberechtigte
Törinnen jener niederen Stände werden ihr hübsches Gesicht nicht zu benutzen
um sich in die höheren Sphären der Gesellschaft zu drängen Ihr Loos muss nach
gültigem Rechte dort immer dasselbe sein«
»So gefallen Sie mir gnädige Frau« sagte Souvré hohnlachend »das ist die
alte Kraft«
»Sie sind sehr freigebig mit Ihrem Beifalle Herr Marquis« erwiderte die
Marschallin von seiner Vertraulichkeit sichtlich beleidigt »ich war nicht
darauf aus ihn einzuernten Mein Alter wie meine Stellung pflegen mich gegen
solche Äußerungen zu schützen«
»Gewiss fehlte auch für alle Anderen jede Veranlassung dazu« sagte Souvré
sorglos »Nur wer wie ich einen Blick auf die geheimen Bestrebungen Euer
Gnaden tat kann so wie ich dazu die Berechtigung haben«
»Ich habe keine Zeit Ihrer Vertraulichkeit Rede zu stehen wir müssen zur
Königin« erwiderte die Marschallin mit unendlichem Grolle sich überzeugend
sie müsse die Beleidigung verschmerzen doch hatte diese galligte Erregung ihres
Blutes jede Weichheit in ihr zerstört Schon lag das Bild ihres Opfers das
Souvré zu ihrer Kränkung so reizend hervor gehoben hatte in den Hintergrund
gedrängt Eifrig eilten ihre Gedanken der Stellung entgegen die sie jetzt mit
vermehrter Sicherheit einzunehmen vermochte und die ihr endlich die Erfüllung
aller ihrer Wünsche verhieß Dieser kühne Gedankenflug erlitt eine kleine
Störung als sie dem Marschall und Leonin an der großen Abfahrtstreppe
begegnete wo Beider Karossen standen Leonin hing wie ein bleicher Schatten in
seinen glänzenden Hofkleidern sein Gesicht trug den Ausdruck hinsterbender
Apathie
Man versammelte sich in den inneren Appartements der Königin Maria Teresia Wie
der Marquis gesagt der kleine Zirkel bestand immer noch aus einigen hundert
Personen und wer heute Zutritt hatte erlangen können hatte sich herbei
gedrängt denn ohne dass es ausgesprochen war blieben die Andeutungen doch nicht
aus dass sich hier etwas Besonderes ereignen solle Voll Erstaunen gewahrte man
den Abbé Fenelon der mit ungewöhnlich blassem Gesicht sich zurückgezogen hielt
Man fragte man trug zusammen und kam der Wahrheit zuletzt ziemlich nahe
während man voll Ungeduld die Königin erwartete Dieser Augenblick trat endlich
ein Mit der größten Huld und Freundlichkeit erschienen Beide die junge
Königin auf den Arm ihrer imposanten Schwiegermutter gestützt Ihnen folgten
die Prinzessinnen des Hauses dann die Kavaliere und Damen der Bedienung Unter
ihnen fehlte Mademoiselle de Lesdiguères welches sogleich von Allen bemerkt
ward
Die Königinnen hielten mit diesem Gefolge ihren Umzug durch den Saal und
zeichneten vorzüglich die Familie Crecy und Lesdiguères durch ihre
Freundlichkeit aus
Während dem zupfte der Marquis Vieuville Leonin bei Seite Beide verließen
den Saal der Marquis führte Leonin durch einen Umweg in das Kabinet der
Königin Als Leonin eintrat erblickte er sogleich die wunderschöne Gestalt der
Mademoiselle de Lesdiguères die in reichem Silberstoff mit Juwelen
geschmackvoll verziert auf einem Tabouret in der Mitte des Zimmers saß und die
Augen fest auf die Tür geheftet hielt aus der Leonin und der Marquis Vieuville
jetzt hervortraten
»Viktorine« rief Leonin bei ihrem Anblicke sogleich das geheimnisvolle
Flüstern verstehend was ihn den ganzen Abend verfolgt hatte »Viktorine
meine Braut meine Geliebte«
Er stürzte mit einer Heftigkeit die ihn plötzlich aus seiner Apathie
erweckte auf Viktorine zu und seine Bewegung war um so stürmischer da sie
mehr einem physischen Nervenreize als der Wärme seines gemordeten Herzens
entsprang
Viktorine sah ihn in unbeschreiblicher Bewegung zu ihren Füßen liegen Sie
war vollständig geschaffen die rührende Wichtigkeit des Augenblicks zu
empfinden und Träne auf Träne fiel aus den schönen glänzenden Augen auf
Leonins Haupt das er in ihren Händen verbarg
»Leonin« sagte sie dann sanft »ich bin Ihnen Beides mit voller
Überzeugung und von ganzem Herzen und die Königin will dass Sie durch mich
erfahren sollen wie bereit ich bin Ihnen dies zu bestätigen«
»O Viktorine« rief Leonin »ich bin es nicht wert Ihr Gatte zu sein
Bedenken Sie was Sie tun Ich bin Ihrer nicht wert Sie sind ein Engel
ich bin ein armer schwacher elender Mensch«
Viktorine sah die Todtenblässe die eingesunkenen Züge seines schönen
Gesichtes in dem Augenblicke wie er in der tiefsten Erschütterung den Kopf zu
ihr aufhob und wie auch die Welt sie als kalt und gefühllos bezeichnete sie
war vollständig Frau so war auch bei dem Anblicke seiner leidenvollen Züge ihr
erstes Gefühl nur das zärtlichste Erbarmen und das zweite der schöne Mut ihm
dies Gefühl zu zeigen ihn schützend und heilend zu umgeben mit dem Reichtume
weiblicher Hingebung
»Leonin« sagte sie zärtlich »Sie sind krank Ihr Ansehen verrät es mir
Hören Sie auf in dieser Stimmung so hart und misstrauend über sich zu urteilen
Wenn Sie aber leiden so nehmen Sie Ihre Viktorine als Stütze als Trost hin
ich fühle in mir die Kraft Ihnen Beides zu sein«
»O Geliebte« rief Leonin »ist es wahr Darf ich noch nach solchem
Erdenglücke die Hand ausstrecken Ist es möglich dass Viktorine mir gehören
will«
»Schwärmer« lächelte sie ihm entgegen »überzeugen Sie sich denn ob ich
Ihnen bestimmt bin Die Kapelle der Königin ist erhellt Fenelon erwartet uns
am Altare die Königin wollte dass ich Ihnen diese Überraschung mitteilen
sollte«
Leonin antwortete mit einem Schreie Sein Kopf sank in ihren Schoss Über
ihm hing das edle zärtliche Mädchen mit dem seligsten Gefühle des weiblichen
Herzens denn sie hoffte geliebt zu sein
»So habe ich es wohl ganz recht gemacht« sagte eine sanfte Stimme Beide
fuhren in die Höhe an dem wohlbekannten heiß geliebten Tone die Sprechende
erkennend Maria Teresia und Anna von Österreich standen leise eingetreten
vor dem so ungleich bewegten Paare
Viktorine sank vor der Königin aufs Knie Leonin tat mechanisch dasselbe
Beide Königinnen segneten sie mit Wohlwollen und Rührung ein
Jetzt füllte sich hinter ihnen das Zimmer Henriette von England umarmte
Viktorine und hieß sie niedersitzen Die Flügeltüren nach den mit Hofleuten
gefüllten Sälen wurden geöffnet um den Anwesenden eine Erklärung des heutigen
Festes zu verschaffen
Die Königin nahm der Herzogin von Bellefond ein Diadem von Brillanten ab und
machte eine Bewegung es der Braut um die Stirn zu legen Die schönen Hände von
Madame vollendeten das Werk dem sie den bedeutungsvollen Kranz von
Orangenblüten hinzufügten Die Königin Anna nahm darauf einen Strauss von
Brillanten von ihrer Brust den Madame de Bellefond der Braut befestigte
Viktorine küsste noch ein Mal knieend die Hände der liebevollen Fürstinnen
erhob sich dann und zeigte der ganzen Versammlung das schönste Bild einer edelen
jungfräulichen Braut
Herr von Dreur führte jetzt den halb bewusstlosen Leonin zur Königin Herr
von Vieuville reichte ihr das Band des HeiligenGeistOrdens »Der König wünscht
Ihnen Glück Graf Crecy« sprach die Königin »und lässt Ihnen sagen wie auch
ohne den Glanz der Waffen ritterliche Tugenden zu üben wären Sie sollen sich
vorerst dem Schutze der Frauen widmen«
Leonin bebte als ihn Vieuville fast zur Erde drückte und das blaue Band um
seine Schultern legte Er hatte es bereits entehrt durch den schreiendsten
Frevel an weiblicher Unschuld und Tugend Als ob eine glühende Schlange sich um
seine Brust ringelte so fühlte er das leichte seidene Band
Er konnte keinen Laut sprechen er hatte kaum Kraft sich zu erheben Aber
Niemand sah seinen Zustand zu sehr ward vorausgesetzt was er empfinden müsste
um zu bemerken was er wirklich empfand
Die Königin empfing jetzt eine Meldung sie neigte das Haupt dann winkte
sie Leonin und Viktorine an ihre Seite und stellte sie so gewissermaßen dem
versammelten Hofe vor während der Marquis Vieuville vortrat und mit lauter
Stimme rief »Ihre Majestät die Königin ladet die Versammlung ein der
kirchlichen Einsegnung von Leonin Grafen CrecyChabanne und Viktorine
Prinzessin von Lesdiguères in der Hofkapelle beizuwohnen«
Schon traten die Hofchargen voran und an der Seite Maria Teresias von
ihren Fingerspitzen liebevoll lächelnd geleitet schritt Mademoiselle de
Lesdiguères der an dieses Zimmer grenzenden Kapelle zu während Anna von
Österreich sich auf Leonins Arm stützend ihnen folgte nachgedrängt von
allen Gegenwärtigen denen jedoch Henriette von England in der Mitte der beiden
Elternpaare voranging
Wie eine Erscheinung aus höherer Welt mit der Verklärung eines Heiligen in
dem blassen Gesichte erwartete Fenelon das Brautpaar auf den Stufen des
Altars Sein Auge berührte nur einen Augenblick Beide dann schien es sich in
himmlischer Anschauung über die Erde zu erheben
Seine Stimme war zu Anfange so verändert dass sie etwas Geisterhaftes hatte
und Viktorine sie kaum erkannte Dann ward sie stärker zuletzt gewann sie ihre
volle melodische Kraft und als er sich endlich zur Braut wandte schien er ein
feuriger Cherub gesendet die Befehle des Herrn zu verkündigen »Viktorine de
Lesdiguères Zierde Deines Geschlechtes fühle in Deinen Vorzügen die große
Anforderung des Herrn Nicht was Du erlebst sondern wie Du es erlebst das
sei Deine Frage vor Gott Ihre Beantwortung wird bestimmen ob Du Deinen
Schöpfer ehrst und ihm dankbar bist für die reichen Gaben die er Dir gab und
die Dir zurufen ein Vorbild zu werden jeder weiblichen und christlichen
Vollkommenheit Täusche uns nicht« sagte er zu ihr gebeugt und seine Stimme
bebte in Rührung »Du bist eine schöne Hoffnung auf dem Wege Aller die Dich
kannten und liebten« setzte er kaum hörbar hinzu Nach einer Pause schritt
er zu den kirchlichen Zeremonien und Beide waren vermählt
Nach den Beglückwünschungen der Königinnen und Prinzessinnen zogen sich die
hohen Herrschaften einige Augenblicke zurück um dem Hofstaate und den jetzt
verwandten Familien Raum zu ihren Gratulationen zu lassen Später ward in den
Gemächern der Königin Anna eine geistliche Musik aufgeführt der die
Neuvermählten zwischen den Königinnen sitzend beiwohnten Am andern Mittage
brach der ganze Hof auf Die junge Gräfin Crecy folgte an der Seite ihres
Gemahls in einer Karosse mit zwei Kavalieren und zwei Damen der Königin dem
Triumphzuge dieser kriegerischen Vergnügungsreise nach Nancy dem ersten
Ruhepunkte des glänzenden Hauptquartieres
Die Begebenheiten des zweiten holländischen Feldzuges zu schildern gehört der
Geschichte an Wir haben keine Berechtigung in das romantische Bild der Zeit
und die Erzählungen der Schicksale einzelner Privatpersonen die ihr angehörten
die große Katastrophe zu verflechten die einen für sich abgeschlossenen
achtungsvollen Raum begehrt Nur in so fern diese kleineren menschlichen
Begebenheiten die uns vorliegen sich an diese größeren Zustände anschließen
sei es uns erlaubt ihrer zu erwähnen
Obwol der Nymweger Frieden der diesen Feldzug endete erst sieben Jahre
später geschlossen ward so blieb doch der König und der Teil seines Gefolges
der bloß als Hofstaffage des Krieges diente nicht so lange von seinem
glänzenden Schauplatze von Paris oder vielmehr von Versailles getrennt
welches Letztere immer mehr in seinem Werte die übrigen königlichen Besitzungen
überbot da die ungeheueren Summen die an seine Verschönerung verschwendet
wurden es allerdings nach dem damaligen Geschmacke zu dem prachvollsten
Königssitze Europas umschufen Auch war mit der Gegenwart des Königs bei der
Armee die mit dem Winter endete die Idee die Frankreich und er selbst nötig
hatte vollkommen erfüllt Der persönliche Mut den er bei mehreren
Veranlassungen gezeigt der glückliche klare Blick bei schnellen
Entscheidungen die Gewandtheit womit er anzuregen und hinzureissen verstand
und die imponirende Hoheit mit der er wieder eben so dem wildesten Strome den
heftigsten Ausbrüchen der Leidenschaften Einhalt zu tun wusste diese seltene
Vereinigung hatte den König in den Augen seines ganzen Volkes zu dem Helden
erhoben den er notwendig darstellen musste um dem Ehrgeize Aller Genüge zu
leisten Jetzt hatten sie über ihn abgeschlossen und er konnte für den
Augenblick tun was er wollte er blieb ihnen der erste Held der Erde Die
Anbetung glich dem Wahnsinne man fragte den ganzen Reichtum der Sprache nach
einem Worte ihn zu verherrlichen Man war mit dem Beinamen »des Großen« nicht
zufrieden und hätte ihn am liebsten »den Göttlichen« genannt
Auch zog seine Rückkehr die Blicke Aller von der Armee fort ihm nach
Dieser blutige langwierige mit so großen Kosten geführte Krieg der die
edelsten Stützen der Nation sinken ließ und das Land seiner kräftigen
männlichen Jugend auf so lange Zeit beraubte sank augenblicklich zur Nebensache
herab als Ludwig seinen berühmten Feldherren die Erringung der großen Erfolge
übertrug die sie unsterblich machten Die Pavillons die an dem Schloss von
Versailles emporstiegen die Gärten die Le Notre unerschöpflich war durch neue
Erfindungen umzugestalten waren weit mehr der Gegenstand aller Mitteilungen
bis in die Provinzen hinein als das große und blutige Schauspiel das
Frankreich auf fremdem Boden aufführte
In den vollsten Taumel dieser Zustände verflochten kehrten Leonin und seine
Gemahlin mit der königlichen Familie zurück
Fennimors Tod war das Hochzeitsgeschenk das der Marquis de Souvré ihm den
Tag nach der Vermählung gemacht Aber die Maske die er gelernt hatte
vorzunehmen um diesen ewig lächelnden Hof nicht zu erschrecken schützte ihn
vor dem Verrate seiner Gewissensbisse der wahnsinnigen Verzweiflung die ihn
zerriss Denn der Marquis hatte kein Interesse ihm Fennimors angeblichen Tod
als einen Zufall der kaum erstandenen Wöchnerin zu bezeichnen wie die
Marschallin es wünschte Den Augenblick der Rache versäumen nach so langer
sorgfältiger Mühe ihn vorzubereiten hieß eine Torheit verlangen die er bloß
mit Achselzucken hörte um Leonin alsdann mit dem vollen Gewichte der Nachricht
zu treffen die ihn in Wahrheit so elend machte als er gehofft und seine
reichen Besitztümer in dem Augenblicke vernichtete als sie ihn alle zu
umschaaren schienen
Viktorine war Alles ganz Früher schüchtern stolz und jungfräulich
verschlossen war sie jetzt von der mutigen Zärtlichkeit einer Gattin
durchdrungen Scharfsichtig freilich die Motive verkennend erriet sie den
geistig und körperlich ungemein leidenden Zustand ihres Gemahls und gab sich ihm
mit allen Mitteln einer edelen weiblichen Liebe hin Wie hätte er dem vereinten
Zauber so vieler Vorzüge und so vieler Liebe widerstehen können Er ergab sich
ihm mit weicher träumerischer Zärtlichkeit die ein weibliches Herz so lange
von der Erkenntnis ihres wahren Geschickes abzuhalten vermag und lohnte ihr
diese glaubensvolle Liebe doch nicht durch ein ausreichendes Vertrauen welches
allein ihn noch derselben würdig machen konnte So gewann er wieder was der
verwöhnte Zögling der eifersüchtigsten Mutter von Jugend auf zu erzielen gelernt
hatte der Augenblick hüllte ihn schonend und liebkosend ein
Der Arzt von Ste Roche ward durch Souvrés Vermittlung mit Summen
versehen welche überschwänglich ausreichend die Existenz des Kindes und seiner
Wärterin sichern sollten Fennimors Leiche sollte in der alten Kapelle des
Schlosses in dem Grabgewölbe der Klaudia von Bretagne beigesetzt werden und
Leonin war vorläufig mit diesen Angelegenheiten fertig Die Abreise trat
dazwischen Schon hatte er gelernt diese äußeren Pflichten als die
vorherrschendsten geltendsten anzusehen er fand schon darin eine
Rechtfertigung dass sie ihn von jenen Interessen abzogen und die süße
Beschwichtigung aller schwachen Karaktere die Dinge die sie zu verletzen
drohen verschieben zu dürfen übte auch über ihn ihre ganze Gewalt
Jetzt war er zurück Die alten Räume nahmen ihn auf Das Schloss Crecy war
dem jungen Erben allein übergeben Der größte Glanz der Verhältnisse seine
Stellung bei Hofe die immer angenehmer und anziehender ward je mehr ihn seine
übrige Lage zu begünstigen schien Viktorinens schöne edle Erscheinung die
diese einst so öden Räume auch geistig zu beleben wusste und indem sie ihn als
zu sich gehörend betrachtete ihm einen Wert zu geben schien der ihn zu Zeiten
selbst täuschte und ihm die Verpflichtung sie glücklich zu machen immer
natürlicher werden ließ Alles dies vereinigte sich den Winter an Leonin
vorüber zu führen ohne ihn ernstlich auf die Verhältnisse hinzuleiten die ihm
nur halb bekannt oberflächlich von Andern besorgt zu entscheidenderer
Einwirkung aufforderten
Das Frühjahr führte die rastlos wechselnden Feste des Hofes herbei die auf
den Genuss der schönen Gärten berechnet waren die ein königliches Lustschloss mit
dem anderen zu verbinden strebten und endlich forderte Viktorine seine
ausschliessliche Aufmerksamkeit indem sie ihm in dem Blütenmonate der Erde wie
sie wähnte den ersten Sohn überreichte
Wir werden sein erschrecktes Herz begreifen wenn wir hinzufügen dass er
keinen Mut hatte für dies Kind zu fühlen was die erste Aufwallung für
dasselbe andeutete Er stand stumm davor ein gerichteter Verbrecher Es war
dasselbe holde Wesen das er verstoßen es hatte gleiche Rechte an ihn aber
die Wonne die er bei der Geburt von Fennimors Sohne empfunden und die er mit
Verrat und dem schwärzesten Frevel bezahlt hatte rächte sich jetzt an ihm und
ließ ihn verzagen wie ein Mensch zu empfinden
Dagegen war die Geburt dieses ersten Erben für die Marschallin und ihren
Gemahl der Gipfel des Glückes und Beide empfanden Jeder in seiner Weise dabei
eine noch nie gekannte Erweichung Das Kind selbst Viktorine die Geberin
dieses Glückes waren ein Gegenstand fast törichter Liebesweise und das
herzogliche Aelternpaar blieb gegen die Schwiegerältern ihrer Tochter im
Rückstande
Die ganze Familie war nach Paris gegangen Die junge Gräfin musste im Hotel
Soubise ihr Wochenbett halten und mit dem stolzesten Übermute wurde dies
Glück verkündet fürstliche Geschenke in allen Richtungen verteilt und endlich
ein Tauffest vorbereitet diesen gesteigerten Empfindungen gemäß
Leonin ließ sich in der Richtung forttreiben die um ihn her so bestimmt
angedeutet ward dass sein eigener Wille untätig bleiben konnte da Niemand das
Ziel desselben bezweifelte Aber heftiger wie je erwachte Gewissensangst in
seiner Brust und ein Gefühl das aus Wehmut und Sehnsucht zusammengesetzt war
Er hatte keinen freien Atemzug keinen heitern Blick er suchte die
Einsamkeit und wer ihn unbeweglich aufgerichtet in seinem verschlossenen
Zimmer hätte stehen sehen das Auge in das Leere schweifend der hätte fürchten
können den glücklichen Vater den Günstling des Glückes habe der Verstand
verlassen Aber er hatte in diesen Stunden eine Vision die ihn vielleicht
rettete Er dachte an Fennimor und endlich löste sich aus dem dunkeln Raume
wohin er starrte ein leichter Nebel er schwebte näher in duftigen kaum
sichtbaren Umrissen trat Fennimor daraus hervor zuerst bewegte sie die
schlanke weiße Hand dann sah er den zarten leichten Fuß halb schwebend und
wie nur sie ihn bewegte dann schaute er das süße bleiche Haupt die Wangen
mit Tränen betaut aber den Mund von dem harmlosesten Lächeln der Liebe
verschönt die reichen Locken schienen golden strahlend und ihr Auge sah ihn
so bittend winkend an dass er die Arme ausstreckte der gelähmten Zunge den
geliebten Namen erpressen wollte und endlich indem sie verschwand
niederstürzte und in Tränenströmen sich erleichterte
Dies wiederholte sich täglich so oft Leonin die Einsamkeit erreichen konnte
und nur dies war es was ihn bei den Anforderungen des Tages erhielt
Die Majestäten hatten an dem glücklichen Ereignisse in der von ihnen so
ausgezeichneten Familie den ehrenvollsten Anteil genommen und die Marschallin
in der Stille eine Hoffnung genährt die sie immer zu einer geduldigen Zuhörerin
machte wenn die Frau Herzogin von Lesdiguères mit dem Marschalle über die
Paten stritt die dem Kinde gegeben werden sollten
Den dritten Tag nach der Tafel als schon für den nächsten die glanzvolle
Taufhandlung angesetzt war ohne dass man unter den zahllosen Gästen die Paten
bezeichnet hätte trat Leonin vom Könige kommend in den Portikus des Hauses
und ward von einem Knaben angeredet der ihm ein mit Bleistift geschriebenes
Blatt gab Er blickte den kleinen Boten zerstreut an und ihn für einen Bettler
haltend gab er ihm einige Stücke Geld und eilte die Treppe hinan
Er musste sich über die Treppen durch die Gänge und Gemächer winden um zu
seiner Gemahlin zu kommen denn die Dienerschaft Tischler Tapeziere Gärtner
waren mit ihren Vorbereitungen zu dem glänzenden Feste des morgenden Tages in
einer so geräuschvollen Tätigkeit dass für den Augenblick fast jede andere
Rücksicht aufhörte und Leonin selbst kaum beachtet und erkannt sich förmlich
durcharbeiten musste Erschrocken fast blieb er aber in einem der letzten Zimmer
stehen weil man hier unter einem Tronhimmel Viktorinens Paradebett aufführte
umgeben mit einer in goldenen Rahmen laufenden Glaswand die sie von den
Personen trennen sollte welche Paten des Kindes sein würden und die als
solche mit den nächsten Verwandten das Recht hatten der Wöchnerin vor dieser
Glaswand eine Verbeugung zu machen
»Mein Gott« rief Leonin »ist diese abscheuliche Zeremonie denn durchaus
nötig Wie gefährlich die Mutter solcher Pein auszusetzen die sogar ihr Leben
bedrohen kann Das Paradebett ist schrecklich Grauen erregend«
Er drückte die Hände vors Gesicht im selben Augenblicke schien es ihm ein
Leichenzimmer das Bett ward ein Paradesarg »Gott wie schrecklich« rief er
außer sich und stürzte an seinem erstaunten Kammerdiener vorüber sich sehnend
nach Viktorinens lebendigem Anblicke
Doch die Frauen vertraten ihm leise winkend den Weg Viktorine schlief Er
schlich näher er setzte sich dicht an die Vorhänge nach und nach erst
tauchte aus dem Dämmerlicht ihre Gestalt auf Mit welcher Rührung betrachtete er
die schönen festen Züge die selbst vom Schlafe halb bezwungen doch noch den
Charakter einer Antike hatten
Seufzer auf Seufzer hob sich aus seinem Busen sein Herz belastet mit
Schmerz und Angst die jeder Tag zu steigern schien ward von der Stille dieses
Zimmers der unbeweglichen Ruhe Viktorinens in einem Grade erschüttert der ihn
fast zur Verzweiflung brachte Er konnte es nicht länger ertragen schlich leise
fort und atmete auf als das erste helle Zimmer ihn umfing
»Mein Sohn« sagte der Marschall als Leonin in das Gesellschaftszimmer der
Familie trat »wir müssen nun beschließen wer Pate Deines Kindes werden soll«
»Pate meines Kindes« erwiderte Leonin zerstreut »Der König und die
Königin«
»Das erwartete ich« rief die Marschallin indem sie unwillkürlich aufstand
und der Ausdruck der höchsten Befriedigung über ihr Antlitz glitt
Auch der Marschall stand auf und indem er eine kleine steife Verbeugung
machte sagte er »Ich kann nicht darüber klagen dass die hohen Herrschaften
vergessen wer der alte Marschall CrecyChabanne ist«
»Jetzt aber erzählen Sie uns wie es kam« rief Madame de Lesdiguères
»Ich liebe es zu hören wie sie sich bei solcher Gelegenheit haben Mein
Bruder der Kardinal Reetz sagte immer Und wenn sie auch noch so lange an sich
halten und immer auf eine ganz besondere Art und Weise warten wodurch sie sich
verständlich machen wollen endlich müssen sie doch herausrücken und dann sind
es dieselben Worte die auch andere Menschen brauchen und sie müssen darum die
Lippen öffnen und Atem einziehen und ausstoßen nach dem Gebote der Natur«
Sie begleitete diese für Crecysche Ohren sehr ketzerische Reden mit herzlichem
Gelächter und sah sich nach Leonin um der neben Louise auf dem Balkon getreten
war und die heiße Stirn von dem kühlen Abendwinde erfrischen ließ
»Nun Schwiegersohn werden wir hören wie es sich begab« rief sie mit so
durchdringender Stimme dass Leonin wohl geweckt werden musste
Ernst mit dem kummervollsten Gesichte trat Leonin vor sie hin und fragte
nach ihren Befehlen
»Mein Sohn« sagte die Marschallin streng und erzürnt über sein
gleichgültiges Wesen »Sie vergessen dünkt mich die Dehors die Sie uns und
der Ehre schuldig sind welche die Majestäten unsern Familien erzeigen«
Diese Stimme hatte immer Einfluss auf ihn sie drang stets wie ein kalter
Windstoß durch jede Verhüllung seines Innern »Es ist wahr« fuhr er heraus
»ich bin sehr kalt und habe von Ihnen Allen Verzeihung zu erbitten Der morgende
Tag erfüllt mich mit unerklärlicher Angst Viktorine wird auf eine Weise durch
die vorgeschriebene Etikette gequält werden die mich für ihr Leben fürchten
lässt«
»Mein Herr« sagte die Marschallin kalt »Frauen von Stande sind dieser
Etikette unterworfen gewesen seit ich denken kann Ich habe nie Etwas gehört
was diese sonderbare Ängstlichkeit die ein wenig nach Sitten schmeckt die
hier nicht gelten rechtfertigen könnte Haben Sie jetzt die Güte der Frau
Herzogin zu sagen auf welche Weise Sie die gnädige Willensmeinung der
Majestäten erfuhren«
»Gestern Abend« sagte Leonin er wollte fortfahren aber drei Stimmen
zugleich unterbrachen ihn
»Gestern Abend Gestern Abend schon war es bekannt Mein Gott welch ein
unverzeihlicher Fehler« rief die Marschallin »wir hätten den Herrschaften
Alle aufwarten müssen«
Die Herzogin lag hinten über vor Lachen »Nein« sagte sie dazwischen
»solche Tollheiten kann auch nur gerode Viktorinens Mann machen das könnte sie
auch und was gebt Ihr sie lacht sich krank wenn ich es ihr sage«
Der Marschall wusste nicht recht Position zu nehmen er lachte gern wenn er
die alte Herzogin lachen sah und doch schien es selbst ihm unerhört von seinem
Sohne
»Der König verbat ja alle Feierlichkeiten von Seiten der Familie« rief
Leonin und richtete seine Rede an die Marschallin die ihren Zorn kaum zu
bemeistern vermochte und daher lieber geschwiegen hatte
»Als uns die Königin gestern Abend beurlaubte erwählte sie mich Seiner
Majestät gute Nacht zu wünschen Sie fragte dabei teilnehmend nach Viktorinen
und sagte mir Der König würde mir noch Etwas in ihrem Namen zu sagen haben«
»Wir versammelten uns wie gewöhnlich in dem Speisesaale während der König
en petit couvert zu Abend aß Nach dem Abendessen lehnte er sich gegen das
goldene Gitter des Kamins und wir durften das Wort an ihn richten da ich mich
aber zurückzog ließ er mich rufen er war sehr gnädig und tat ähnliche Fragen
nach meiner Gemahlin«
»Jetzt kam der Augenblick wo er uns zu beurlauben pflegt und zugleich der
Moment so vielen Ehrgeizes Sie wissen was ich meine Der König nahm den
kleinen goldenen Leuchter man drängte sich näher Jeder hoffte ihn zu
erhalten Da rief der König meinen Namen und ich erhielt den goldenen Leuchter
und durfte ihm zum kleinen Niederlegen folgen«
»Die Königinnen die Prinzen Prinzessinnen und die Amme waren hier
anwesend Der König dem ich mit der Ehre des goldenen Leuchters zur Seite
bleiben musste trat zur Königin heran und sagte Wollen Sie bei unserm Vetter
dem Grafen CrecyChabanne meine Gevatterin sein«
»Die Königin nickte lächelnd während ich vor Beiden das Knie beugte Doch
der König rief nicht doch nicht doch Niemals mit dem goldenen Leuchter Ich
stand schon wieder und der König überreichte nun der Königin nach alter Sitte
als seiner Gevatterin einen Strauss und ein Paar Handschuhe Der Strauss aber war
von Juwelen die Handschuhe von der schönsten Perlenstickerei«
»Wer den goldenen Leuchter am Abende getragen hat muss am andern Morgen beim
kleinen Lever erscheinen Hier sagte mir Monsieur er und Madame würden
stellvertretend bei der Taufe persönlich zugegen sein«
Die Marschallin klingelte »Sämmtliche Staatswagen sollen vorfahren« rief
sie und Alle trennten sich um in hoffähiger Toilette ihre Aufwartung bei
Madame Henriette und dem Herzoge von Orleans zu machen
Dem Tumulte des vorangegangenen Tages folgte am andern Morgen die feierliche
Ruhe der Vollendung der Vorerwartung großer Festlichkeiten Der vollste Glanz
einer so mächtigen Familie wie die CrecyChabanneSoubise trat hervor und die
Beschreibung der Ausschmückungen des Palastes an diesem Tage würde wenn sie uns
noch vergönnt wäre einen vollständigen Kommentar dieser merkwürdigen Zeit mit
ihrem soliden Reichtume den barocken Erscheinungen ihres geschnörkelten und
überladenen Geschmackes und ihres aristokratischen Dünkels geben
Nur einzelne Gruppen geschäftiger Diener schlichen noch umher um am frühen
Morgen dem Ganzen die letzte Politur zu geben und Gärtner tränkten die
kostbaren Blumen und Pflanzen die einzelne Räume zu feenartigen Tempeln
umschufen
Die Schlosskapelle in welcher der Bischof von Noailles die Taufhandlung
vollziehen sollte war durch eine kostbar drapirte Gallerie mit den übrigen
Zimmern für diesen Tag verbunden und das Meer von Licht welches den Altar und
die Kapelle erfüllte war um so überraschender da die Gäste bei der
vorgerückten Jahreszeit trotz des nahenden Abends noch im hellen Tageslichte
empfangen werden mussten Wie glanzvoll diese Versammlung war brauchen wir nicht
weiter zu erwähnen Wer hätte es nicht für eine Gunst gehalten sich einem Feste
anschließen zu dürfen das der König besonders ehren wollte
Auch blieb der Marschallin kein Wunsch unbefriedigt Sie musste sich trotz
ihrer hohen Ansprüche gestehen dass außer am Hofe der Königin wohl schwerlich
eine glänzendere Versammlung zu denken sei und was nicht ohne Wert war sie
konnte sich sagen dass sie der Mittelpunkt geblieben dass Keiner der Gäste daran
dachte einem Andern als ihr die Ehrenbezeigungen der Begrüßung zu machen So
vollkommen zufrieden sie jedoch mit diesem Ehrenplatze war so unerträglich war
es ihr dass Leonin wie sie glaubte in seiner gewöhnlichen träumerischen Weise
die Stunde vergessen habe Denn er der anscheinend seine Gäste empfangen
sollte ließ sich noch immer nicht sehen ja er war sogar im Palaste nicht zu
finden wie sein Kammerdiener meldete Im Ankleidezimmer lagen seine
Staatskleider bereit aber obwohl man ihn eine Stunde früher in dem Zimmer seiner
Gemahlin gesehen hatte war er jetzt verschwunden Schon hatte der Marschall
von den Umständen gedrängt umgeben von den vornehmsten Herren der Versammlung
im äußersten Vorzimmer Platz genommen da jeden Augenblick die Ankunft der
stellvertretenden hohen Herrschaften zu erwarten war und noch immer kamen die
nach allen Richtungen versendeten Diener mit der Botschaft zurück dass der junge
Graf an keinem Orte zu finden sei
Wie viel Fassung bedurfte die Marschallin um die Qualen ihres Inneren zu
verbergen die anfänglich bloß dem ungemessensten Zorne angehörten später durch
die Besorgnis um ein Unglück verstärkt wurden die immer wahrscheinlicher immer
drohender in ihr aufstieg und den Triumph ihres stolzen Herzens anfing zu
entkräften Der letzte Augenblick nahte die Kammerherren des Herzogs von
Orleans erschienen jetzt mussten die hohen Herrschaften folgen und der Herr
vom Hause der sie an der Schwelle des Palastes empfangen musste war nicht zu
finden Die Marschallin fühlte eine der Ohnmacht ähnliche Schwäche die nicht
gehoben ward als ihr der Marschall sagen ließ er begebe sich hinunter
Maschinenmässig bewegte sie sich vorwärts und kaum hatte sie ihren
vorschriftsmässigen Platz eingenommen da fuhren die Karossen der Herrschaften
unter das Portal des Schlosses
Beinahe verzweifelnd blickte die Marschallin noch ein Mal nach ihrem Sohne
umher er blieb verschwunden Die Gewohnheit besiegte jetzt auf kurze Zeit den
Tumult ihres Innern Der glänzende Zug an dessen Spitze die reizende Henriette
von England an der Seite ihres Gemahls des Herzogs von Orleans erschien übte
die Macht eines LeteTropfens über die Marschallin aus Ihr in den Hofformen
wohl erzogenes Herz durfte ihr Nichts als die Entzückungen der Ehre senden
»Ah Madame« sagte der Herzog von Orleans »Seine Majestät der König haben
uns versichert wir dürften uns als Ersatz seiner geheiligten Person darbieten
Können wir auf Ihre Zustimmung rechnen«
Die Marschallin versenkte sich einige Male vor Beiden und küsste den Rock von
Madame die sie alsdann freundlich umarmte »Seine Majestät« stammelte sie
dabei »weiß jede seiner Gnadenbezeigungen durch die Weise wie er sie erteilt
zu Ehren zu erheben die das Herz des Empfängers fast mit ihrer Größe erliegen
machen«
»O« sagte Madame naiv lächelnd »ich meines Teils habe mich recht
gefreut das schöne Palais Soubise zu sehen von dessen prachtvoller Ausstattung
ich so Vieles hörte«
»Madame« erwiderte die Marschallin »heute gerade schien es mir besaßen
wir Nichts es seinem Zwecke gemäß würdig auszustatten«
»Davon wollen wir uns selbst überzeugen« sagte die schöne Fürstin und
schritt nun durch das Spalier der glänzenden Versammlung in die prachtvolle
Zimmerreihe die ihre Voraussetzungen rechtfertigte
Die Herrschaften hatten unter dem Tronhimmel Platz genommen und ließ
einzelne Personen heranrufen denen sie einige der gewöhnlichen Fragen schuldig
zu sein glaubten Die Marschallin musste an der Seite von Madame stehend ohne
Bewegung ausharren obwohl sie jetzt Ruhe erhielt ihren wieder auflebenden
qualvollen Gedanken nachzugehen Jeden Augenblick musste sie eine Frage der
Prinzessin in Bezug auf dieses rätselhafte Ausbleiben erwarten oder die
Wirkungen dieser beleidigenden Nachlässigkeit von den Umgebungen gerügt fürchten
denn auch Souvré den sie zuletzt abgeschickt war nicht wiedergekommen
Es war dabei gegen die Etikette nach dem Erscheinen der hohen Gäste die
Taufhandlung aufzuschieben man durfte nicht annehmen dass ihre Gegenwart einen
geselligen Zweck habe man musste dies wenigstens von ihrer Herablassung erwarten
und jedenfalls die Veranlassung ihrer Gegenwart nur auf die Sendung des Königs
beziehen Die Marschallin wusste das zu ihrer unendlichen Qual besser wie einer
der Anwesenden es ihr sagen konnte aber wie sollte sie das Zeichen zur
Taufhandlung geben da der Vater des Kindes fehlte
Einen Augenblick hielt Madame jetzt in ihren freundlichen Begrüßungen inne
So wenig stolz sie war sah man ihr doch ein gewisses Erstaunen eine Erwartung
an Der Marschallin traten die Schweißtropfen auf die Stirn sie sah den
unbeweglich starren Blick der Herzogin von Bellefond und die zürnende Bewegung
mit der sie ihren weißen Stab vor sich hinhielt Ein Entschluss musste gefasst
werden
Der Herzog von Orleans hatte so eben seine Unterredung mit dem Marschalle
beendigt Sein Auge nahm das verfängliche Umherschweifen an das Erlaubnis zum
Anfange der Feierlichkeit zu erteilen schien Die Marschallin wusste dass Keiner
diesen Raum mit ihr einnahm der nicht voll Neugierde so vielen Missgriffen
zusah Sie musste sich sagen dass dies ihren glänzenden Ruf erschüttern würde
Was ihr bestimmt schien sie über Alle zu erheben musste ein Markstein werden
ihres unbestrittenen Übergewichtes Ihr gesteigerter und so verletzter Hochmut
brachte sie innerlich fast um ihren Verstand alle Personen schwammen vor ihren
Augen sie sah aber jetzt wie die Herzogin von Bellefond sich erhob und den Weg
zu ihr hin über den leeren Raum vor dem Stuhle der Prinzessin durchschritt Die
Verzweiflung gab ihr Kräfte sie wandte sich zur Herzogin und bat sie das
Zeichen zum Aufbruche zu geben
Augenblicklich stand Henriette auf denn auch sie sah den nahenden Paradezug
der strengen Oberhofmeisterin und liebte wie fast der ganze Hof ihre
Anmassungen zu durchkreuzen
»Sollen wir ohne Ihren Sohn ohne den Vater liebe Marschallin den Zug
antreten« fragte sie leise die zitternde Mutter
Sie bekam eine Antwort so dunkel und verworren dass sie sie nicht verstand
und jetzt annahm der junge Graf werde sie am Eingange der Kapelle erwarten
Die Hofchargen arrangirten sich Alle schritten in angemessener Würde nach
der bestimmten Vorschrift der Kapelle entgegen Noch immer hoffte die
Marschallin hier ihren Sohn zu sehen aber er blieb aus Die Handlung fing an
Ludwig Maria von CrecyChabanne war mit diesem Namen getauft der Herzog von
Lesdiguères und der Marschall ersetzten die Stelle des Vaters
Die Handlung war vorüber Die Marschallin wankte zur Herzogin von Orleans
Madame durfte die Beleidigung nicht übersehen denn sie stand hier im Namen der
Königin Sie grüßte kalt ohne Glückwunsch ohne die Marschallin zu umarmen
»Darf ich fragen« sagte der Herzog von Orleans zu den jetzt angstvoll
zusammen stehenden Elternpaaren »welchem Grunde wir es zurechnen müssen dass
die Auszeichnung welche Seine Majestät mein königlicher Bruder den Eltern des
Neugebornen zu erzeigen gedachten gerade von diesen wie uns scheint so wenig
beachtet ward dass wir den Vater nicht anwesend sehen Wo ist der junge Graf
CrecyChabanne«
»Das mag Gott wissen« rief der Marschall mit dem Tone der Verzweiflung
überlaut und rang die Hände sie plötzlich über seinen Kopf zusammen schlagend
»ich hoffe im Grabe sonst überlebe ich diesen Verstoss seinerseits gegen
Ehre und Glück nicht«
Die Marschallin glaubte zu ersticken Sie hatte auf eine künstliche
Entschuldigung gesonnen ein tödtliches Erkranken sollte ihn retten jetzt
war es damit vorbei Ihre sonst ihr so getreue Fassung verließ sie sie wendete
sich seitwärts um Luft zu schöpfen Der Marquis de Souvré war
herbeigeschlichen »Madame« sagte er leise und fest »hoffen Sie nicht mehr auf
Leonin Die erste Gemahlin Ihres Sohnes lebt und Leonin ist zu ihr nach Ste
Roche abgereist«
Man hörte einen gellenden Schrei und die Marschallin von CrecyChabanne
welche noch niemals bei Hofe die kleinste Schwäche gezeigt hatte lag bewusstlos
auf dem Boden
»Darf ich Eure Königliche Hoheit erinnern dass hier nicht länger Ihr Platz
ist« sagte die unerschütterte Herzogin von Bellefond und da auch die Gräfin
von Grammont eine tiefe Verneigung vor Madame machte so überwand die gutmütige
Fürstin ihre schnell erregte Teilnahme und blickte ihren Gemahl an
Monsieur zeigte die steife Miene der übelen Laune »Wir sind scheint es zu
seltsamen Familienscenen hierher gekommen« sagte er seiner Gemahlin den Arm
gebend und leicht grüßend an Allen vorüber eilend während die voranstürzenden
Kavaliere die Wagen vorfahren ließ so dass die Herrschaften das Hotel Crecy
verlassen hatten ehe noch die Marschallin ihre Besinnung wieder gewann
Als sie die Augen aufschlug lag sie in einem Lehnstuhle in der Kapelle
ihre Frauen der Arzt umgaben sie zunächst aber kniete die alte gutmütige
Herzogin de Lesdiguères trotz ihrer steifen Kleidung und Juwelenlast und rieb
die Pulse der Erwachenden während der Marschall und der Herzog wie Bildsäulen
zuschauten
»Fassen Sie sich doch mein Kind« sagte sie gutmütig als sie das erste
Lebenszeichen sah »es wird sich Alles aufklären Nur Mut Mut Das muss doch
heraus zu bringen sein wo er steckt«
Doch wo hätte die Marschallin Trost finden können Was Niemand aus
Besorgnis um sie bis jetzt gesehen hatte sah sie Das Hotel war leer Alle
hatten den Ort geflohen wo eine anscheinende Beleidigung gegen die Majestät an
den Repräsentanten des Königs geschehen war Bleiben hätte eine solche Sünde
teilen geheißen Niemand konnte nur daran denken Die Marschallin wusste das
bei dem ersten Strahle des Bewusstseins aber sie konnte diesen Sturz von dem
höchsten Gipfel der Ehre und Auszeichnung bis zu dieser Aechtung ihres Hauses
nicht ohne eine tödtliche Empfindung des Schmerzes erkennen Der Arzt erklärte
einen Aderlass nötig die Lakaien ergriffen den Lehnstuhl und trugen die
Marschallin zur Erhöhung ihrer Qual durch alle die glänzend eingerichteten
Gemächer durch die großen SpeiseSäle in denen noch alle Zurüstungen im vollen
Gange waren nach dem entfernten Schlafgemache wo der Aderlass endlich den
Zustand von Erstickung hob mit dem sie rang und einige Tropfen Opium einen
betäubenden Schlaf auf sie niedersenkten
Leonin hatte den Tag der um ihn her so glänzende Ansprüche an seine Teilnahme
entwickelte in einem Seelenzustande zugebracht wie ihn vielleicht nur der
verurteilte Verbrecher vor seiner Hinrichtung erlebt So lange wie möglich
blieb er in dem Zimmer Viktorinens ihre klare edle Stimmung hielt ihn
aufrecht sobald er sie verlassen musste fiel er der Verzweiflung wieder zu
mit der er vergeblich rang Mit geheimer Scheu gedachte er der regelmäßig
wiederkehrenden Vision er sehnte sich danach und fürchtete sie doch zugleich
Er hatte sie nicht zu erwarten Es war ihm als schwebte sie flüsternd neben ihm
her er floh aus den Prunksälen er erreichte sein einsames Gemach
»Fennimor Fennimor« rief er hier außer sich »ich will ein anderes Kind als
Dein rechtmässiges mir zuerst gebornes auf den Platz erheben von dem ich das
Deinige verstiess Muss ich es nicht mit dem Tode büßen muss dies schwarze
Verbrechen nicht gestraft werden Ach an mir selbst an dem unschuldigen
Kinde das jenem in den Weg tritt« Seine Aufregung hatte den höchsten Grad
erreicht er lag halb auf seinen Knien er zweifelte nicht sie wäre da würde
sich ihm gleich enthüllen seine Augen suchten sie wie konnte es fehlen dass
er sie sah Doch nur einen Augenblick Ihr bleiches schönes Haupt mit Tränen
überschüttet das süße versöhnende Lächeln um den Mund tauchte auf Dann sah er
die Hand sie winkte ihm dann war Alles verschwunden und Leonin konnte
weinen
Wie lange er so da lag in einer Vergessenheit die ihn fast dem Leben
entzog wissen wir nicht Als er sich aufraffte erschrak er vor seinem
Anblicke Er fühlte er dürfe so nicht erscheinen Langsam stieg er eine kleine
Treppe hinab die in den Garten führte Wie bewegte ihn der Anblick der Natur
dies erste duftende Grün diese feinen Bekleidungen der saftig dazwischen
durchschimmernden dunkeln Stämme und Zweige Die Luft war feucht und warm eine
brütende Atmosphäre für alle noch eingehüllten Keime aber so beengend für die
Menschenbrust die keinen freien Atemzug darin findet Leonin gab Alles nur
Nahrung für sein beklemmtes Herz Seufzend den Kopf auf der Brust ging er
mechanisch umher Da glaubte er eine Stimme zu hören er sah sich um
pfeilschnell flog ein Knabe den Weg hinter ihm her Er blieb stehen und jetzt
erinnerte er sich dass es derselbe war dem er am Tage vorher Almosen gegeben
hatte »Was willst Du Kind« rief er und zog wieder einige Geldstücke hervor
»hat meine Gabe nicht gereicht«
»O was soll mir doch wohl Euer Geld« sprach jetzt das Kind ganz außer
Atem vor ihm stehend »leset doch nur was ich Euch brachte und sagt dann ob
ihr mit mir geben wollt«
»Was meinst Du denn mein Kind Ich habe ja Nichts empfangen nimm dies
Geld ich kann jetzt nicht mit Dir gehen«
»Mein Gott« sagte das Kind fast weinend »ich habe Euch doch gewiss den
Zettel gestern in die Hand gegeben Wo habt Ihr ihn denn gelassen Nun werden
sie glauben ich habe ihn verloren und Ihr werdet nicht mit mir kommen wollen
ohne den Zettel«
Leonin erinnerte sich jetzt dass er zerstreut wie er war den empfangenen
Zettel nicht gelesen hatte ihn für eine Bittschrift haltend und ohnedies das
Almosen erteilend Er durchsuchte den leichten Oberrock den er auch heute
trug und fand nirgends das Blatt
»Mein Kind« sagte er »die Bittschrift habe ich verloren ich will Dir
aber ohnedies geben was Du bedarfst Nur mit Dir gehen kann ich nicht meine
Gegenwart ist hier nötig«
»Ach Gott erbarme sich« rief jetzt hellweinend das Kind »so soll der
arme Herr ohne Euch sterben Einem Sterbenden versagt man doch sonst Nichts
und er kann und will nicht sterben ohne Euch«
»Ein Sterbender« rief Leonin erschüttert »Wen meinst Du Wer will mich
sprechen«
»Herr Gott wer anders als Lesüeur« sagte das Kind »Er liegt seit zwei
Tagen im Sterben Jeden Augenblick soll es vorbei sein aber er sagt er will
nicht sterben bis Ihr da seid denn Ihr müsstet sonst umkommen in Eurer
Gewissensnot«
»Großer Gott« rief Leonin »Was sprichst Du Lesüeur sterbend Wo wo
ist er«
»Bei sich lieber Herr« sagte das Kind noch immer weinend »und wenn Ihr
hörtet wie er Euch ruft wie er mit dem frommen Priester der Tag und Nacht bei
ihm ist nicht mehr beten kann weil er Euch immer ruft und glaubt Ihr werdet
nie selig werden wenn Ihr nicht noch sein Geheimnis erfahret«
»Lesüeur Lesüeur« rief Leonin von GedankenVerbindungen fast überwältigt
»Was kann er mir zu sagen haben O mein Gott Er der ihr so nahe stand Ich
muss hin zu ihm ich muss ihn sehen Weißt Du den Weg so führe mich«
»Gottlob« frohlockte das Kind mit schnellversiegenden Tränen »folgt mir
nur ich weiß den Weg«
Leonin öffnete hastig eine kleine Nebenpforte die in die Höfe führte Hier
rief er selbst seinem Kutscher zu ihm schnell ohne Bedienten und Livreen mit
der einfachsten Karosse zu folgen »Wohin« rief er dem Knaben zu
»Nach St Sulpice neben dem Kloster in dem Stiftshause« erwiderte der
Knabe und Beide eilten davon
Das Stadtviertel St Sulpice war die entlegenste und unscheinbarste Gegend
von ganz Paris Felder und Gärten drängten sich zwischen geringen Anbau
Einzelne Straßen bildeten sich nur in der Nähe der Klöster die ihre reichen
Ansiedelungen hier in großer Menge hatten Doch waren diese Straßen mit
Gewerbetreibenden niederer Klasse überfüllt und die gewöhnliche Zugabe der
Armut bettelnde Kinderschaaren gab der ganzen Gegend ein trauriges Ansehen
Jedem drängte sich die Tatsache auf wie hier nur um die Erringung der
gewöhnlichsten Lebensbedürfnisse gekämpft werde und dass Alles vergessen und
verwildert bei Seite trete was eine Anforderung darüber hinaus enthielt Die
Klöster und StiftsHerren von St Sulpice hatten hier die weitläufigsten
Besitzungen und verbreiteten so viel dies bei ihrem strengen Ordensleben
möglich war einigen Wohlstand um sich her Mehr aber noch war ihre geistliche
Sorgfalt ihre zweckmässige Unterstützung und die ernstlichen Ermahnungen mit
denen sie einzuschreiten wussten Ursache dass dieser Teil von Paris nicht wie
der ärmste so auch der gefährlichste Teil der Stadt ward da die Furcht vor
der strengen Aufsicht dieser achtbaren geistlichen Herren eine unverkennbare
Herrschaft über die Verdorbenheit ausübte die ganz auszurotten nicht in ihrer
Macht stand
Vielleicht hatte Leonin kaum eine Ahnung von dem Dasein dieses Stadtteiles
wenigstens schien es ihm als er in fieberhafter Aufregung neben dem rüstig
forteilenden Knaben herging als wäre er in einer andern Stadt Alles was ihn
seine Stimmung beobachten ließ war ihm völlig fremd
»Der gute Herr Lesüeur« hob endlich der Knabe an »ist schon lange in
Pflege bei uns Jeder glaubte ihn des Todes als er einzog Aber die ehrwürdigen
Herren haben ihn gut gepflegt so dass er noch seine heilige Teresia fertig
bekommen hat obgleich wir oft dachten er hauche bei der Arbeit den Geist aus«
»Ja der ist gut Herr« fuhr er fort »da ist auch nicht Einer der ihn
nicht liebte Denn fromm ist er und still wie ein Heiliger Darum müsst Ihr auch
kommen damit Ihr ihm die letzte Unruhe der Welt von dem Herzen nehmt«
»Mein Gott mein Gott« seufzte Leonin von Ahnungen und Befürchtungen
angeregt unfähig sich aus dem Andrange so vieler Empfindungen heraus zu
ringen den nächsten Augenblick instinktartig erwartend und von ihm die Richtung
hoffend
Der Knabe erzählte ihm dass er der Sohn des Pförtners sei und Lesüeur Farben
gerieben habe indem er den langen beschwerlichen Weg durch die Verfolgung
kleiner Nebengässchen kürzte die nur dem gut bewanderten Bewohner dieses
unregelmässigen Stadtteiles bekannt werden konnten Endlich verfolgten sie
eine lange Mauer über die hohe Bäume im Abendwinde nickten welche die Nähe
eines reicheren Besitzes verrieten An einem Gittertore schellte der Knabe
und sie traten in einen ebenmässigen Laubgang der das große Stiftshaus in der
Perspektive zeigte auf beiden Seiten die weiten dazu gehörigen Gärten an die
sich links durch die Bäume leuchtend die Kirche mit den Klostergebäuden von
St Sulpice anschloss Leonin atmete auf Diese Ruhe und Stille diese
Abgeschiedenheit die doch in ihrem Inneren eine so würdige Tätigkeit bewahrte
es war nicht sogleich nachzuweisen am wenigsten in Leonins Überzeugung
aber der Geist den die Wahrheit solcher Zustände ausatmet umfängt uns und
erreicht unser Bewusstsein ehe der dürre Nachweis unseres Verstandes hinzu
tritt Er hob das Haupt er blickte erquickt umher zwischen den Bäumen sah er
die schwarzen Gestalten der wandelnden Stiftsherren und aus der Gegend des
Klosters vernahm er einen mehrstimmigen Gesang der ihnen zu folgen schien Der
Knabe blieb stehen »Ach da kommen sie« rief er plötzlich auf seine Knie
fallend »Sie ziehen nach dem Stiftshause er bekommt die letzte Oelung sie
tragen das Allerheiligste«
Auch Leonin blickte jetzt um und sah die feierliche Prozession der Mönche
die in einem zweiten Baumgange der nach dem Seitenflügel des Stiftes zu führen
schien an ihnen vorüber zog Er war unaussprechlich davon ergriffen Er fühlte
dass es noch eine Rettung einen Trost für die Fehler des Menschen gibt Seine
in verzweifelnder Verwirrung zuckende Seele fand einen Stillstand Eine Stimme
die sich aus dem Gesange der Mönche zu erheben schien rief ihm zu »Ruhe aus
vor Gott in den Armen der Reue« Er hätte sein Gesicht in dem Moose bergen
mögen das um die alten Bäume sein Lager ausbreitete er hätte liegen bleiben
mögen bis die Zeit ihm Nachdenken gegeben und einen stillen einsamen Weg ihm
gezeigt um Frieden mit Gott zu schließen aber indem er sich diesem Triebe
entzog aus Angst Lesüeurs letztes Begehr zu versäumen tauchte auch die
Furcht vor seiner Verschuldung mit verscheuchender Grausamkeit wieder in ihm
auf und als er fortwandelte schien er sich nur der rettungslose Sünder
Das Stift war ein großer ehrwürdiger Palast Sein Bau und seine eben so
alten Gartenanlagen sollten aus der Zeit der Katarina von Medicis herstammen
und obwohl man die Guisen als Eigentümer dieser Besitzungen nannte glaubte man
sie doch von der Königin erbaut und von ihr zu besonderen und geheimen Zwecken
bestimmt Die Anlage war jedenfalls den stolzesten Ansprüchen gemäß und von
mancher geheimnisvollen Einrichtung durchkreuzt die dem Beobachter sagen musste
man habe andere Zwecke hier verfolgt als offenes Haushalten im Glanze der
damaligen Zeit Jetzt bewohnte wahre Frömmigkeit diese schönen wohlerhaltenen
Räume und mit dem Ernste der Wissenschaften benutzte man die Ausdehnung des
Baues zu andern Zwecken einst empor geführt
In dem Augenblicke als Leonin mit dem kleinen Führer sich dem Portale des
Stiftes nahte verschwand die Prozession der Mönche in seinem innern Raume und
Leonin eilte dem Knaben voran wie getrieben sich dem Zuge anzuschließen
Die Chorherren erfüllten den prachtvollen Portikus des Hauses sie hatten
das Allerheiligste bei dessen Durchzuge begrüßt Der Abt der den Fremden
sogleich für den erwarteten Grafen Crecy hielt wollte ihn anreden aber Leonin
nur die Prozession suchend warf seine Augen ängstlich umher und ohne die
Begrüßung des ehrwürdigen Abtes zu erwidern eilte er den Mönchen zu folgen
die ihn an das ungeduldig erwartete Ziel zu führen versprachen Niemand hinderte
ihn Die erfahrenen Menschenkenner verstanden den heftig erregten Zustand der
sich selbst Hilfe schaffen musste
Leonin trat mit ihnen zugleich in ein großes Gemach welches sich als die
Werkstatt Lesüeurs verriet da in der Mitte desselben auf einem Gerüste mit
Blumen und Zweigen geschmückt in kunstreich geschnitztem goldenem Rahmen sich
ein Bild erhob das obwohl es Leonin die Rückseite zukehrte ihn vermuten ließ
dass es das letzte Werk des jetzt sterbenden Künstlers sei Die drei hohen
weiten Fenstertüren nach dem Garten waren geöffnet der Frühling lag vor der
Schwelle glänzende Strahlen der Abendsonne vergoldeten das feine gelbliche
Grün des ersten Laubes und warfen ein belebendes Licht in das schöne
altertümliche Gemach und auf die ehrwürdigen Gestalten der Mönche die des
Einlasses harrend einen Kreis um den Geistlichen bildeten der von Chorknaben
umgeben in stiller Sammlung mit der verhangenen Monstranz in ihrer Mitte
stand
Es war der ehrwürdigste Anblick andächtiger Erhebung die harmonische
Vereinigung in der Absicht und Darlegung heiliger Hülfsleistung von der
sinnlichen Außenwelt zufällig auf eine Weise unterstützt als ob ein Bestreben
eingetreten wäre sich dem Zwecke gemäß zu zeigen Wie lange hatte Leonin nichts
Ähnliches erlebt wie begierig sog er die Erschütterungen ein die er dadurch
erfuhr
Die Türen öffneten sich jetzt vor ihnen und zeigten ein zweites geräumiges
Gemach und den Türen gegenüber ein Bett mit aufgeschlagenen Vorhängen
Leonin war auch hier bis zur Türe gefolgt aber von dem fungirenden
Geistlichen beordert gab ihm ein dienender Bruder die Weisung den Kranken
nicht durch seinen von ihm so heiß ersehnten Anblick in seiner geistlichen
Fassung zu stören
Leonin sah die Türen sich vor ihm verschließen Betäubt lehnte er sein
Haupt gegen die Pfosten horchte den Gebeten und einzelnen Accorden gleichmäßig
wiederkehrender Responsorien welche die Mönche abhielten und damit den Fortgang
der heiligen Handlung bezeichneten
In jedem Augenblicke entkörperte sich sein Zustand mehr und mehr Er wähnte
in die heiligen Beschwörungen die in sein Ohr drangen mit eingeschlossen zu
sein von ihnen fortgezogen hatte sich sein deutliches Bewusstsein in ein
unbestimmtes inbrünstiges Verlangen nach dem versöhnenden Troste der Religion
aufgelöst und eine körperliche Erschöpfung vollendete einen augenblicklichen
Stillstand seiner überspannten Lebensgeister Erst als seine Füße unter ihm
wichen erwachte er und von einem Geräusche hinter sich erschreckt raffte er
sich zusammen und erblickte sich umwendend vor Lesüeurs Bilde den Knaben der
ihn geleitet in Tränen auf seinen Knieen liegend und frische Frühlingsblumen
davor ausbreitend Langsam folgte er der Richtung Er stand vor Lesüeurs
Bilde ohne es anzusehen den weinenden Knaben liebevoll betrachtend Doch dieser
war fertig oder wollte mehr Blumen suchen er enteilte in den Garten Leonin
sank in einen Lehnstuhl in dem Lesüeur vielleicht sein Bild vollendet hatte Da
glaubte er sanfte Musik sich nahen zu hören horchend richtete er sich auf
Großer Gott Fennimor stand vor ihm verklärt auf lichten Wolken schwebend
um das weiße Unterkleid den blauen duftigen Mantel mit Sternen auf den
Schultern die Märtyrerkrone mit dem Heiligenscheine in den goldbesäumten
braunen Locken den tiefen Engelsblick des kindlichen Auges das süße Lächeln
um den schönen Mund den Palmenzweig in der zarten weißen Hand Sie schwebte
vor wie es erschien der leichte nackte Fuß berührte kaum den Rand der Wolken
die sie zu umwölben strebten Sanft schien sie vorgebogen den Palmenzweig das
Friedenszeichen hilfreich bemüht der Welt zu bieten Trost und Vergebung
kündigend aus der Welt aus der sie wieder nur gekehrt Alle liebend einzuladen
die mühselig und beladen im Erdenjoche keuchten
»Fennimor Fennimor« rief Leonin und stürzte auf seine Knie »Du ladest
mich zum ewigen Frieden Zu Dir gehöre ich mit dem tiefsten Leben meiner Brust
Du rufst mich zu unserer Heimat hier bin ich Nimm mich Erbarme Dich des
Sünders Selbst im Sündgen gegen Dich gehört ich Dir Dir allein Du
geheiligte Liebe meiner Brust schwebe nieder nimm mich mit fort«
Erwartungsvoll sank sein Kopf auf den Blumenteppich vor Lesüeurs Bild das
Fennimors von ihm so heiß geliebte Züge zur Heiligen verklärt verherrlichte
Er träumte hoffte jauchzte der ewigen Vergebung mit ihr entgegen da berührte
eine sanfte Hand den kühnen Schwärmer Er fuhr empor der ehrwürdige Priester
der Lesüeur zum Tode eingeweiht stand ernst und mild über ihn gebeugt
»Ermannt Euch junger Mann« sprach er mit weichem Tone »die Pflicht der
Freundschaft ruft Euch an das Lager des Sterbenden Schon umweht die ewige Ruhe
jener Welt den müden Pilger lasst sie Euch heilig sein und lasst was irdisch
ist der Welt die ihm schon entrückt ist Er ist in schönem Frieden doch
begehrt er Euch zu sehen und ihm muss werden was er für die letzte Pflicht der
Erde hält Doch seid es wert den letzten Augenblick der verklärten Seele zu
teilen versucht des Friedens teilhaft zu werden der ihn umweht«
»Hört meine Beichte« rief Leonin »lasst mein Herz vor Euch erleichtert
werden ehrwürdiger Priester Gebt mir den Trost dessen Eure reine Seele voll
ist«
»Jetzt nicht« sagte ernst der Priester »jetzt nicht mein Sohn Die
Augenblicke Deines Freundes sind gezählt Erfülle erst jene Pflicht und bedarfst
Du dann der Beichte noch so melde Dich im Kloster St Sulpice der Prior
Tronçon wird Deine Beichte anhören«
Leonin nahm alle seine Kraft zusammen seine Mienen drückten so deutlich
seinen Seelenzustand aus dass der ehrwürdige Prior die Hand auf seine glühende
Stirn legte und ihm fast unwillkürlich voll erhabener Rührung seinen Segen gab
Leonin sah ihn im Gefolge seiner Brüder verschwinden die Türen des
Sterbezimmers öffneten sich er stand vor dem verklärten Antlitze Lesüeurs
Lesüeur blickte auf Leonin und wie oft er ihn auch verwünscht wie lebhaft
er ihn gehasst die Verklärung des Todes hatte diese Empfindung schon gemässigt
ehe Leonin zu ihm trat und als er ihn erblickte mit den deutlichsten Zeichen
des Schmerzes und der Gewissensangst in dem bleichen Antlitze erkannte er den
blühenden Mann den er früher gesehen kaum wieder und fand wenigstens nicht den
verstockten Höfling den zu hassen er sich so berechtigt gehalten hatte
»Ja ja ich erkenne es« rief er matt »Gott ist gerecht Er hat Dich
schon gezeichnet Du armer verlockter Sünder und Du tust schwere Busse in
Deinem Inneren«
»Nie nie genug« rief Leonin und kniete an dem Bette des Sterbenden
»und wenn kein Hauch des Lebens je wieder Frieden für mich bringt doch ist es
keine zu harte Busse Lesüeur ach wüsstest Du wie ich es jeden Tag mehr und
tiefer fühle Du hättest Erbarmen mit mir« Er barg sein Haupt und hörte einen
tiefen Seufzer neben sich Am Fussende des Bettes kniete ein Priester im stummen
Gebete sein Gewand verhüllte ihn gänzlich
»Groß und entsetzlich ist Dein Verbrechen aber ich will wissen in
welchem Maße Du gesündigt und ich der ich ihr Freund ihr Schützling ihr
heiliges Werk auf Erden ward ich will Dich fragen und Du sollst dem
Sterbenden die Wahrheit enthüllen Willst Du«
»Ich will es« rief Leonin
»Was sagte Dir Souvré den Tag vor Deiner Hochzeit«
»Ich sei frei Und als ich mehr zu wissen verlangte vertröstete er mich
mit der Wiederholung dieser Worte Erst am andern Morgen erfuhr ich ihren Tod«
»Ihren Tod« rief Lesüeur seine Hände zusammenschlagend »ihren Tod
Unglücklicher weißt Du nicht dass sie lebte dass sie Deine einzig
rechtmäßige Gemahlin dass sie lebte als Du das zweite Weib nahmst«
Ein dumpfer Ton des Entsetzens brach aus Leonins Busen Er stürzte zuckend
auf das Bett während seine weit geöffneten Augen auf Lesüeur starrend
genugsam seinen fürchterlichen Zustand verrieten
»Ja« fuhr der Freund Fennimors mit erhobener Stimme fort »obwohl der Tod
lange über ihrem Scheitel stand musste sie dennoch leben Als endlich der Vikar
die Nachricht davon zu mir gelangen ließ war Alles zu spät der Frevel
geschehen Ihr vermählt und Fennimor gab schon Zeichen ihrer langsamen
Auflösung Da beschwor ich die Menschen dort sie sollten sie belügen Euch in
den Krieg gezogen schildern ihr den Glauben geben dass Ihr sie verstorben
hieltet«
»Gott Gott« rief Leonin »das Ungeheuer das mich betrog den ungeheueren
Frevel mich begehen ließ«
»Klage Dich an nicht Andere« rief dumpf der verhüllte Priester »Du
wolltest betrogen sein darum wurdest Du es«
Betroffen blickte Leonin auf die düstere Gestalt die seufzend und verhüllt
neben ihm lag schaudernd schien es ihm als höre er die Stimme seines eigenen
Gewissens Flehend rief er gegen den Sterbenden »Sage mir sage mir um der
Barmherzigkeit Gottes Willen wann starb Fennimor und wo wo ist mein Kind«
»Höre mich« sprach Lesüeur »Du bist weniger schuldig als ich dachte
Gewiss scheint mir Du glaubtest an ihren Tod als Du diese zweite Verbindung
schlossest und weil Dich das weniger schuldig macht wie ich Dich hielt so
will ich Dir einen Tropfen reichen der vielleicht in Etwas Deine Qualen
dereinst lindern kann Höre denn noch lebt Fennimor aber am Rande des
Grabes und ihr einziger heissester Wunsch ist Dich noch ein Mal zu sehen«
Mit einem Schreie war Leonin bei Lesüeurs letzten Worten aufgesprungen
seine zweite Bewegung war fortzustürzen fort zu ihr hin es war der einzige
Gedanke den er fassen konnte
»Halt« rief Lesüeur und ergriff sein Kleid
»Lass mich« stammelte Leonin »ich muss fort fort zu ihr in dieser Stunde
ohne Aufenthalt«
»Nicht eher« rief Lesüeur mit der alten Kraft »als bis Du mir gelobt
ihre heilige Engelsruhe hier zu schützen den Frevel ihr verhüllt zu lassen
der indes begangen Willst Du bloß hin um Dein ungestümes Herz vor ihr zu
entladen so treffe Dich der ganze Fluch des Unglücks das Du verschuldet
Niemand wünscht Dich dort zu sehen und mit Recht doch Fennimors Sehnsucht
die sie nicht leben nicht sterben lässt hat den Widerwillen der Anderen Dich
zu sehen gebrochen«
»O lasse mich fort fort fort zu Fennimor zu meinem heissgeliebten Weibe
ich habe keine heiligere Pflicht sie soll in mir Nichts finden als ihren
Gatten«
»Und Viktorine« rief plötzlich die verhüllte Gestalt indem sie sich rasch
vom Boden erhob und Fenelon stand vor Leonin und aus seinem bleichen
Antlitze blitzten zürnende Augen
Leonin verhüllte sein Gesicht Doch nur einen Augenblick Nichts konnte
neben dem was jetzt in ihm angeregt war Raum behalten »Und dennoch dennoch
muss ich fort Ist es möglich Fenelon so schützt Viktorinen nicht um
meinetwillen um ihretwillen denken kann ich jetzt nicht für sie ich habe
nur eine Pflicht nur ein Gefühl Aber betet betet für mich wie Ihr für
den verurteilten Verbrecher betet und lebt wohl«
»Unglücklicher« rief Fenelon »armes Spielzeug des Augenblickes zwei
Kronen reichte Dir das Leben zum zertrümmern«
Leonin hörte ihn nicht mehr Auf Lesüeurs kalte Hand gebeugt nahm er
Abschied von ihm für diese Welt streckte flehend die Hände gegen Fenelon empor
und stürzte zum Zimmer hinaus Fast besinnungslos trieb es ihn fort er wäre zu
Fuß nach Ste Roche geeilt aber sein Wagen stand vor der Türe »Jaques«
rief er dem alten Kutscher zu »Du kennst den Weg nach Ste Roche treibe die
Pferde an lass sie mit Post wechseln nur schnell dass wir bald hingelangen«
Der Wagen blieb halten Dies eine Mal gehorchte Jaques nicht denn er war
gewiss sich zu irren Nach einigen Augenblicken stieg er vom Bocke und trat
ehrerbietig an den Schlag »Euer Gnaden befehlen nach Hause«
»Nein Jaques Nein nicht nach Hause« rief Leonin mit einem Ausdrucke
der Jaques die Ahnung einer ganz ungewöhnlichen Begebenheit gab »nach Ste
Roche Nach Ste Roche Überall frische Pferde und schnell schnell«
Jetzt gehorchte Jaques der Wagen eilte fort und Leonin dachte mit keinem
Gedanken daran dass im Pallast Crecy heute sein Sohn getauft werden sollte
Den Fahrweg durch das Tal von Ste Roche entlang flog der einsame Wagen des
Grafen Crecy ohne Vorreiter ohne Livreen ohne berittene Diener oder
Reisegepäck Niemand aus dem Schloss erkannte daher den Ankommenden Nur
Fennimor sagte in diesen letzten Tagen oft »er komme jeden Tag zu ihr und weine
lange und heiß zu ihren Füßen weil er sich so sehr nach ihr sehne aber er
sähe so bleich aus und so anders wie früher dass sie immer weinen müsse wenn
er komme« Das glaubte ihr Niemand obwohl auch Niemand ihr zu widersprechen
wagte Aber wer aus dem Nebenzimmer sie zuweilen betrachtete wenn sie allein
zu sein glaubte konnte wohl sehen dass in ihrem Geiste eine besondere
Regsamkeit war Himmlisch mitleidig blickte sie in den leeren Raum bis Tränen
aus ihren Augen niederfielen sie neigte sich vor und die feine weiße Hand
schien eine Täuschung die ihr vorstand erreichen zu wollen Wer hätte durch
Geräusch oder Frage sie stören mögen Alle die sie seit ihrem Unglück umgaben
hatten sich die Hand gereicht zu einem Bunde des Schweigens Jeder bezwang das
schwellende Herz über ihr Schicksal wie es wirklich war und erwartete fast mit
Andacht was sie daraus machen würde
Lange Zeit hatte die Krankheit sie mit einer Heftigkeit beherrscht die
wenig Hoffnung für ihre Genesung ließ und ihr selbst keine Besinnung Auch war
der Arzt vom Anfange an überzeugt dass diese heftige Störung in der ersten so
verhängnisvollen Zeit einer Mutter ihre Lebenskräfte verzehren würde Und als
er die erste furchtbare Krankheit gebrochen hatte wartete er nur welchen Weg
die Natur zu ihrer langsamen Auflösung einschlagen würde denn den Gedanken an
gänzliche Herstellung räumte er weder sich noch den Anderen ein wenn er den
fliegenden Puls unter seinem Finger fühlte und fast war Keiner der es
wünschte
Auch blieb Fennimors Zustand lange in einer Verhüllung die halb geistig
halb körperlich war und zum Erstaunen zur tiefsten Erschütterung gereichte es
ihren Umgebungen dass sie aus der Gegenwart entrückt blieb und das spielende
Kind in den Buchenwäldern von StirlingsBai war mit allen holden Tändeleien und
dem vollen Liebesschatze dieser Zeit
Dass dieser milde Zustand mit der Genesung enden müsse sagten sich Alle mit
Schmerz und so war auch ihr erster Ruf »Leonin« ein Symptom der Krisis mit
denselben Übergängen kehrte sie zurück Tränenströme flossen nieder Keinem
gab sie Antwort als die eine »er hat mich doch so sehr geliebt« Dann trat ein
tiefes Verstummen ein was sie bei den nötigen Störungen nachgiebig und
verstehend aber völlig wortlos zeigte Bis dahin hatte sie weder ihres Kindes
gedacht noch war es ihr nahe gebracht worden Da regte der Vikar diese
Erinnerung in ihr an und nach einigen Wiederholungen sah man ihrem Aufhorchen
an dass ihre Gedanken aus dem Schlummer geweckt wurden Wie rührend war es die
steigende Ahnung in diesem bleichen himmlischen Antlitze zu verfolgen
plötzlich röteten sich die lilienweissen Wangen die Augen gewannen Glanz und
sie sagte kindlich schluchzend »ein liebes kleines Kind was mein ist«
Da legte ihr Emmy das schlafende Wesen in den Schoss und zog den Schleier
von seinem Köpfchen Sogleich erkannte es Fennimor und ein heißer Strom von
Wonne flutete noch ein Mal durch dies gebrochene Herz »Mein Kind mein liebes
kleines Kind« sagte sie immerfort leise bebend aber mit einer Innigkeit und
so wunderbarem Ausdrucke von Entzücken dass Beide davon schlichen um im
Nebenzimmer schreiend fast vor Erschütterung sich in die Arme zu sinken und
Tränen zu weinen die einem Gemische von Wonne und Schmerz angehörten
Lange ließ man sie allein sie bemerkte nichts als ihr Kind Als es
erwachte und sich ruhig dehnte und die klaren Aeuglein mit dem Schlafe kämpfend
so lieblich blinkten und die kleinen Händchen das wunderliebliche Hämmern
begannen sahen sie Fennimor zuerst leise lachen Sie versuchte es instinktartig
an ihren bleichen Mund zu ziehen aber die müden schwachen Hände hatten dazu
keine Kraft Das Kind ward unruhig ein leises Weinen hub an Fennimor erschrak
und ward rot sie nahm alle Kraft zusammen und drückte es endlich an ihre
Brust aber das Kind weinte nur lauter Mit Gewalt fast hielt der
herbeigekommene Arzt die Freunde zurück »Hieran wird sie sich sammeln stört
sie nicht« sagte der verständige Mann »Gott ist groß in der Stimme der
Natur«
Die Angst es zu trösten zeigte sich deutlicher sie hatte nur zu bald eine
Ahnung früheren Glückes empfunden Mit dem Bewusstsein wie sie es sonst
beruhigt tauchte die Erinnerung ihrer langen Trennung von ihm auf seufzend
ließ sie die müden Arme niedersinken vor ihrem Kinde fand sie ihr Bewusstsein
ihren Schmerz ihr ganzes Unglück wieder Als sie laut mit ihrem Kinde zusammen
weinte traten die Freunde hinzu Emmy nahm das hilfsbedürftige Wesen von
ihrem Schoss Da versiegten Fennimors Tränen sie versuchte aufzustehen und
da sie es nicht allein vermochte unterstützten sie der Arzt und Veronika Wohin
sie begehrte sagten ihre Augen die Emmys Schritten folgten Der Arzt gab
immer nach sie trugen Fennimor fast die von ihrer Hinfälligkeit nichts zu
bemerken schien Im Nebenzimmer fand sie schon die Bäuerin mit dem Kinde an
ihrer Brust In tiefen Gedanken blieb sie vor diesem Anblicke stehen sie
setzten sie leise in einen Lehnstuhl vor der mitleidigen Amme nieder und
Fennimor sah nun wie ihr Kind von einer Anderen Leben und Trost empfing Tiefe
Seufzer stiegen aus ihrer Brust auf Träne auf Träne floss nieder ein leises
schmerzliches Wimmern deutete an dass sie ihr großes Leiden langsam zu verstehen
begann Die Bäuerin selbst zerfloss in Tränen und kniete dann mit dem rosenrot
gefärbten süß entschlafenen Kinde vor der unglücklichen Mutter Da verlor der
Schmerz seinen Stachel der süße Atem der über die kleinen roten Lippen
säuselte stieg erquickend zu ihr auf das Kind verdrängte mit seiner reichen
Schönheit jede damit verknüpfte Beziehung Fennimor bekam wieder den verklärten
Glanz von Wonne und verlor sich ganz in seinen Anblick Als es aber unter ihren
zärtlichen Liebkosungen erwachte und sie erst erstaun tansah dann suchend das
Gesicht der Bäuerin fand und das entzückte Lächeln des Erkennens plötzlich
durch den ganzen kleinen Körper zuckte da richteten sich Fennimors Augen auf
diesen ersten Liebesgegenstand ihres Kindes und als sie den zärtlichen Blick
sah womit das gute Weib dies Erkennungszeichen erwiderte lächelte auch sie
ihr freundlich zu und strich leise mit der Hand über das gutmütige braune
Gesicht
Von da an behielt sie eine still versenkte Existenz in ihrem Kinde über das
sie oft in rührenden Gebeten lag die alle so harmlose süße Gespräche mit Gott
waren so immer nur über seine schönen wunderbaren Werke dass Alle sichtlich zu
verstehen glaubten wie Gott sie zu sich zöge und ihr die Welt verhülle nur den
Weg zu ihm ihr offen zeigend Von ihrem eignen rasch vorschreitenden Zustande
schien sie keine Ahnung zu haben Sie klagte nicht und doch legte sie zuweilen
die abgezehrte Hand auf die Brust und wenn der Arzt sie fragte ob sie
Schmerzen habe sagte sie freundlich »immer immer« Auch ließ der im Fieber
fliegende Puls und das öftere Erbrechen von Blut keinen Zweifel über ihr Übel
Gegen Anfang des Frühjahres trat eine Veränderung ihres geistigen Zustandes
ein Der kleine Reginald hatte eben die ersten Versuche gemacht sich an dem
Stuhle seiner Mutter aufzurichten und das Ereignis hatte Fennimor bis zu einem
lauten Ausrufe des Jubels gebracht Als Emmy herbei stürzte erblickte sie das
unschuldige Glück was die glühend errötende Mutter erlebte und sah den
schönen kleinen Reginald der fast nicht von seiner bleichen Mutter zu trennen
war wie er lachend und lallend vor Lust sein erstes Kunststück zu behaupten
suchte und die kleinen dicken Händchen eisenfest um den gedrehten Stuhlfuss
krampte
Emmy kniete liebkosend neben diesem einzigen Trost ihres verdüsterten
Herzens nieder da hörte sie Fennimor tief seufzen und dann den fast
vergessenen Namen Leonin aussprechen »Wo er nur bleibt Emmy« sagte sie
»ich kann nicht wie sonst Alles bedenken aber er muss lange fort sein und
doch ist sein Kind so schön und er läuft ihm endlich entgegen wenn er noch
lange zögert« Emmy schwieg Zu bitter war ihr Gefühl Sie hatte gehofft
Fennimor habe ihren Mörder ganz vergessen Jetzt erwähnte sie ihn ruhig
freundlich wie in ihr ganzes Leben verflochten »Der bleiche Mann den ich
immer für die Schlange hielt« fuhr sie indessen fort »der hat ihn von mir
getrieben Armer Leonin wie sie Dich wohl quälen mögen in der bösen Welt in
der Du leben musst Ach wie wollen wir Dich lieben wenn Du wieder kommst nun
hast Du einen mehr der Dich liebt Aber dort Wer liebt Dich dort wo die
Mütter auch sich verhärten können und von Gott abweichen wie ich jetzt weiß Da
muss Dir das Herz schwer werden Wo bleibt er wohl Emmy Und ist es lange dass
er fort ist«
»Er ist indessen mit dem Könige in den Krieg gezogen« stammelte endlich
Emmy die gehässige Lüge kaum über die Lippen zwingend »und Ihr wart ja lange
krank«
Nur allmälig kamen Erinnerungen und Beziehungen in dem zerschmetterten und
jetzt durch die vorschreitende Krankheit erschöpften Geist zurück Schon sank
das liebliche Haupt ermattet in den Stuhl der kurze fieberhafte Schlummer
deckte die glänzenden und doch so tiefe Leiden verkündigenden Augen Emmy blieb
mit dem Kinde zu ihren Füßen Sein süßes Lallen störte nicht mehr diesen kurzen
Schlummer wenn es zu ihr drang ward das schlafende Antlitz immer
freundlicher Auch ihre Träume mussten harmlose Bilder enthalten in welche die
ersten Töne der kleinen Kinderstimme hinein passten und sie vielleicht leiteten
und belebten Doch war von dieser Stunde an Leonins Bild neben dem ihres Kindes
und sie begann bei ihren langen rührenden Gebeten ihn einzuschliessen und Gott
anzuempfehlen ihm vorzustellen wie er seine Hilfe so nötig habe da er ihn
doch in Versuchungen führe Wie er doch ja seine Seele behüten möge und immer
bei ihm sein Dann schwieg sie wohl aber wenn sie fort betete musste man
glauben Gott habe ihr indessen geantwortet denn sie sagte »das wusste ich
wohl dass Du bei ihm bleiben wirst und will auch nicht um ihn sorgen da Du es
allein tun willst«
Oft berieten sich die Geschwister mit Emmy und dem Arzte über das Schicksal
Fennimors dessen schreckliche Härte sie durch Lesüeur erfahren Immer mussten
sie einig darüber bleiben dass sie ihr Alles verhüllen müssten
»Lange brauchen wir es nicht mehr« sagte der Arzt wehmütig »das Gras
grünt die Knospen schwellen wenn die Blumen kommen werden sie über ihrem
Grabe aufblühen«
In dem Maße als der Ausspruch des Arztes sich zu erfüllen schien
steigerte sich Fennimors Sehnsucht nach Leonin und dies ward dann die
Veranlassung der letzten Sendung an Lesüeur Die Freunde glaubten zu bemerken
dass Fennimor eine Ahnung von ihrer Auflösung bekam Sie hatte ihre Schwäche
wenn sie darüber zur Erkenntnis gelangte noch immer auf die Geburt ihres Kindes
bezogen Jetzt wünschte sie zuweilen aufzustehen um die immer kühneren Versuche
des kleinen Reginald unterstützen zu können Sie fühlte nun dass sie es nicht
mehr vermochte und befrug Emmy darum Ausweichend antwortete das trostlose Weib
ihrem hinsterbenden Lieblinge und es schienen sich an diesen halben Worten in
Fennimor Folgerungen zu entwickeln die ihr Gebet offenbarte Denn keine andere
Mitteilung gab es mehr für sie die Freunde erfuhren den Gang ihrer Gedanken
aus den lauten Gesprächen die sie in ernster kindlicher Unschuld täglich mit
Gott führte »Du hättest mich doch bei meinem Kinde lassen können« sprach sie
»Du hättest nur wollen dürfen und meine Glieder hätten wieder Kraft gehabt ihm
zu folgen und Leonin wie wird er weinen wenn ich bei Dir bin und er mich
nicht mehr sehen kann Ja« fuhr sie dann fort »freilich weißt Du Alles am
besten auch gehe ich gern zu Dir wie Du mir auch glaubst Aber Dein Leben ist
doch auch so schön und ich muss es lieb haben so lange Du es mir lässt nur das
Eine lasse geschehen dass ich ihn wiedersehe ehe ich sterbe Du musst ihn
schicken wo er auch sei mache ihn los und führe ihn den Weg zu mir dass ich
mich noch recht erfreue an ihm« Dann hatte sie Antwort bekommen und dankte Gott
dafür dass er ihn schicken wolle Täglich wiederholte sich dies Sie wunderte
sich vor Gott dass er nicht komme und tröstete sich dann wieder durch ein neues
Versprechen das sie vernommen So lenkte Gott die Herzen ihrer Freunde Was sie
auch mehr oder weniger Alle gegen Leonin empfinden mochten Fennimor beugte
ihren Sinn ohne dass sie es wollte und Alle belebte nur noch der Wunsch seiner
Ankunft die Lesüeur ermitteln sollte die Fennimor jeden Tag schon im Voraus
empfand und die durch die täglich näher rückende Stunde ihrer Anflösung immer
dringender ward
Leonin stieg am Fuße des Schlosses aus seinem Wagen und fühlte eine Scheu
ein Beben sich dem Sterbebette dieser Heiligen zu nahen welches ihn heran
schleichen ließ als dürfe kein Geräusch seine Ankunft verkündigen
Wie schön war Ste Roche in dieser ersten Frühlingspracht Es drängte sich
ihm überall auf ohne dass er geneigt war es zu genießen Durch die Zimmer
durch die er leise strich wehte in die geöffneten Türen und Fenster der warme
Hauch des Maitages Es war der duftendste reinste Morgen In den Zimmern
seitwärts hörte Leonin sprechen und das Geräusch beschäftigter Personen Doch
die Zimmer die vor Fennimors kleinem Kabinette lagen genossen der Ruhe nur
die schöne Natur sah in die großen offenen Fenster
Jetzt stand er vor dem letzten Zimmer welches ihn von Fennimors Kabinet
trennte Auch hier konnte sie sein ob er sie nicht vorbereiten müsse drängte
sich ihm auf Zweifelhaft und horchend blieb er stehen er hörte ein Geräusch
aber es war eine Art Lachen und lallendes Krähen Plötzlich trat eine Ahnung ihm
näher er drückte leise das Schloss auf und streckte den Kopf in die Tür Er
hatte sich nicht geirrt Auf einem grünen Teppiche der gegen die Fenster hin
ausgebreitet war lag ein holdes Kind im kurzen weißen Röckchen das es kaum
bedeckte und Arme und Beinchen die in großer Tätigkeit waren frei ließ Es
machte die reizenden kleinen Versuche sich eifrig kriechend fortzuschieben um
die glänzenden Schälchen und Töpfchen die wahrscheinlich um es zu seinen
Versuchen anzuregen an den äußersten Enden des Teppichs verteilt waren zu
erreichen Es ruderte mit den reizenden rosenroten Füßchen mit einer
Schnelligkeit und einem Eifer dass seine blühenden Wangen noch frischer
erscheinen und je näher es dem glänzenden Gegenstande kam je lauter lallte und
krähte es vor Lust und Begierde Neben ihm saß auf einem Kissen eine Frau in
ländlicher Tracht die den Rücken nach Leonin gewandt doch bemerken ließ wie
zärtlich sie das Kind hütete denn wenn das holde Geschöpf ausglitt und einen
Augenblick auf seinem Gesichtchen lag ehe die starken Aermchen sich wieder
empor arbeiteten sah man deutlich wie ihre Hände ihm gern zu Hilfe gekommen
wären Auch blickte der kleine fleißige Ruderer sich dann jedes Mal nach ihr
um jauchzte aber nur wenn sie in die Hände schlug und ruderte schnell weiter
Leonin wusste dass es sein Kind sei und er fühlte vor ihm alle unnennbare
Wonne den ganzen Wahnsinn einer Entzückung die uns der übrigen Welt entzieht
Er stand jetzt neben dem Teppiche jauchzend ergriff eben das Kind das blanke
Tellerchen da rollte es hinunter auf Leonins Fuß Schon kniete er und hielt es
ihm hin das Kind blickte ihn erstaunt an dann lachte es und griff nach dem
Tellerchen Leonin hielt es ganz bewusstlos in die Höhe da arbeitete sich das
himmlische kleine Wesen an seinen Knien in die Höhe und Leonin umschlang es
und hielt es und es langte um so viel höher nach seinem Tellerchen und ergriff
es jetzt wirklich laut jauchzend
Leonins Herz wollte in Wonne zerspringen Er hielt sein Kind im Arm er
fühlte wie er es stützte wie die kleinen Beinchen so stark und kräftig sie
waren doch noch immer fort einknickten und er durfte es halten an sich
drücken und es scheute ihn nicht
Die Bäuerin sah still zu Sie wusste Alles wie sie den fremden Herrn sah
Für das Natürliche hat der einfache Mensch immer das richtigste Verstehen
»Bringe ihn mir Leonin« tönte es da mit einem Male ein bekannter
leiser ach überirdischer Ton Aber er ließ Leonin erbeben als ob ein
Donnerschlag ihn träfe er brach fast zusammen und seine Erschütterung war so
plötzlich dass das Kind davon erschreckt ward sich in seinen Armen wand und in
Tränen ausbrach »Reginald« ertönte dieselbe sanfte Stimme »o komm her
Leonin bringe ihn mir« Leonin sprang mit dem Kinde im Arme auf und flog der
Richtung nach In einer der offenen Fenstertüren die nach dem Garten gingen
stand ein hoher Lehnstuhl der die Richtung nach dem Teppiche hatte In diesem
Lehnstuhl ruhte Fennimors verklärter Geist so glaubte Leonin Er reichte ihr
den Knaben auf seinen Knien und als dieser gewohnt hier Hilfe zu finden seine
Aermchen um ihren Nacken schlang und sich innig in ihre müden Arme drückte und
das holde wunderschöne Kind nun in den weißen Gewändern ruhte die Fennimors
Lichtgestalt umgaben da sah Leonin einen Engel der mit seinen weißen Flügeln
dies blühende Leben in seinem Schoss deckte
Aber sie lächelte verscheidend über das Kind hin ihm zu und hob die bleiche
Hand und diese winkte ihm Doch der Unglückliche hatte keine Träne keinen
Seufzer keinen Laut Seine Augen sogen mit jedem Augenblicke mehr so unnennbare
Qualen ein dass es dafür kein Zeichen in der Sprache gibt sie starb sie war
schon halb verklärt vielleicht sanken im nächsten Augenblicke diese
Augenlieder und sie war tot
»Ach Leonin ich wusste es wohl wie Du traurig sein würdest Aber Gott will
es er hat mir gesagt ich könne nicht länger leben aber für Dich und unser
Kind wolle er sorgen und da bin ich denn ruhig und will zu ihm gehen da er es
will« Nach einer Pause fuhr sie leise fort indem sie versuchte den Kopf
gegen Leonin zu beugen »Ich glaube dabei heimlich die Trennung wird so streng
nicht sein denn obwohl mir Gott Nichts sagt denke ich doch ich werde noch
zuweilen bei Euch sein« Sie lächelte dabei so süß beglückt als habe sie Gott
dies kleine Geheimnis abgelauscht
»O nimm mich mit« rief Leonin und stürzte sich mit dem Kopfe auf das
Kissen worauf ihre Füße ruhten
»Ja das dachte ich auch und wusste wohl wie gern Du es gemocht hättest
aber Gott will nicht Du sollst noch Vieles erleben ich kann das nie
begreifen denn meine Gedanken haben keine Kraft mehr aber das weiß ich
wohl Du sollst leben«
Leonin weinte nun Er fühlte eine leichte aber kalte Hand über seinen Kopf
streichen er hob sich auf Fennimor hatte versucht sich nieder zu beugen
noch immer hatte sie die reichen Locken die wie eine Glorie leuchteten sie
beschatteten fast ihr feines Antlitz
»Leonin« sagte sie kaum hörbar »ich wollte Dich noch so herzlich lieben
weil Dich die Welt da draußen so trostlos lässt Du kamst zu spät ich habe
keine Zeit mehr«
Ihr Kopf war auf Leonins Gesicht gesunken er hielt sie im Arme das Kind
lag glühend wie eine Rose mit seinen eignen Händchen spielend in ihrem
Schoss
»Fennimor geliebte Fennimor o stirb nicht stirb nicht ehe Du mir
vergeben hast«
»Du hast mich so sehr geliebt und immer liebst Du mich« stammelte sie
leise »Ich komme mein Vater« fuhr sie mit freundlichem Engelslallen fort
»Du hast mein Bitten erfüllt ich habe ihn wieder nun halte ich auch Wort
nimm mich hin mein Gott Mein süßes kleines Kind Mein Leonin Mein
Vater ich komme«
Das bleiche Haupt das auf seinem Antlitze ruhte ward kalt und schwer Er
fühlte ein leises Zittern durch ihren Körper dann war Alles still und ruhig
aber sie ward immer schwerer er wusste Alles aber er hielt sie fest Es war
selbst ihr entseelter Körper noch ein Schild gegen den Wahnsinn der ihn
bedrohte
Da war das Kind leise nach dem Kopfe seiner Mutter hingekrochen es wollte
sich an ihr aufrichten aber der leblose Körper gab nach das Kind fiel in
Leonins Arme
Instinktartig fasste er das schöne kleine Wesen das nun die Locken seiner
Mutter ergriff und im freudigen Lallen an ihr hinaufsteigen wollte Die Bäuerin
trat hinzu sie nahm das Kind in ihren Arm und lehnte Fennimor sanft in den
Lehnstuhl zurück Da erfuhr auch sie was geschehen und winkte den fern
stehenden Arzt herbei während Leonins Kopf auf Fennimors Füße sank in jener
glücklichen Betäubung die uns gegen jeden Schmerz unempfindlich macht Der Arzt
legte die Hand auf Fennimors kalte Stirn er suchte ihren Puls er hatte
aufgehört zu schlagen Lange betrachtete er das süße bleiche Engelsantlitz
dann reichte er dem Vikar die Hand der indessen mit Veronika herein getreten
war »Gönnen wir es ihr« sagte er milde
»Lasst uns beten« erwiderte der erschütterte Vikar und Keiner hielt seine
Tränen zurück
Doch ward diese milde Stimmung rau unterbrochen durch Emmys plötzlichen
Eintritt Keiner wagte ihr das Geschehene mitzuteilen forschend blickte sie
die Weinenden an sie stürzte gegen den Stuhl sie ergriff Fennimors leblose
Hand und stieß einen wilden Schrei aus Jetzt erblickte sie Leonins fast eben so
leblose Gestalt
»Mörder Mörder« schrie sie »bist Du gekommen ihr den letzten Atem zu
stehlen Bösewicht treffe Dich Gottes Gericht sein Fluch«
»Halt« rief der Vikar »stört den heiligen Frieden dieses Engels nicht
Bezwingt Euer ungestümes Herz Seht Ihr nicht auf diesem Antlitze dass sie
vergebend gestorben ist«
»Vergebend ihrem Mörder vergebend« schrie Emmy Gray »Nein nein ich
will es nicht denken Sie darf ihm nicht vergeben Niemals niemals darf der
Fluch dieser Tat von seinem Haupte genommen werden«
Mit Entsetzen sahen Alle dass der Schmerz der Hass den sie so lange
Fennimor lebte zurück gepresst hatte jetzt mit der wilden Gewalt der
Verzweiflung hervorbrach Mitleiden und Entsetzen kämpfte in Aller Brust
Emmys Augen leuchteten wild sie richtete sie auf Leonins Gestalt als
hoffte sie ihn damit zu töten »Bringt ihn weg von ihr fort fort Er hat kein
Recht mehr an ihr Er darf sie nicht berühren Sie wird entehrt durch seine
Nähe«
»Fasst Euch« sagte streng der Arzt »Ihr handelt töricht und hart Seht
Ihr nicht dass er fast des Lebens schon beraubt ist«
»Ha Ihr tretet auf seine Seite Ihr habt das Elend schon vergessen das er
gestiftet Ihr mögt ihm verzeihen Nun denn so seid Ihr so schlecht als er
und auch von Euch will ich mich lossagen Fort von allen Menschen fort Aber
mein Fluch bleibt ihm und Allen die ihn vertreten wollen Er werde an Allem
erfüllt was er noch zu besitzen und zu lieben wagt Mein Leben will ich
erhalten zur Mahnung seiner Sünde mein Tagewerk soll sein ihn mit meinen
fluchenden Gedanken zu verfolgen«
Sie stürzte in das Heiligtum ihres Lieblings in Fennimors Kabinet Dort
hörte man einen Fall Die Frauen wollten ihr nach »Lasst das« wehrte ihnen der
Arzt »ihre raue unbezähmbare Natur bedarf des Ausbruches wir könnten ihr
nicht helfen«
»So lasst uns beten« wiederholte der Vikar und Alle knieten jetzt um
Fennimors verklärte Leiche
Der Vikar sprach Gebete aus seinem Herzen in der Form des gewöhnlichen
Sterberituales Es schien er sprach sie über zwei Leichen denn Leonin blieb
bewegungslos liegen und über ihm stiegen dieselben frommen Worte empor wie
über Fennimor Und dennoch hatte der Unglückliche nicht aufgehört zu leben
Langsam knüpfte sich sein Bewusstsein an die Worte wieder an die zu Anfange bloß
sein Gehör erreicht Aber er schauderte als er sein wiederkehrendes Leben
bemerkte denn er fühlte nur die Verzweiflung die alle Stützen niederreisst und
Nichts als den Willen übrig lässt so elend zu sein dass jede Rettung unmöglich
wird Mitten in den Gebeten des Vikars richtete er sich auf er blickte Alle an
und aufs neue sank sein Kopf in Fennimors Schoss Sein Anblick hatte den
versöhnenden Eindruck gewährt wenn die gerechte Strafe als Vergeltung schwerer
Vergehungen das schuldige Individuum trifft und ihn damit von dem Hasse seiner
Mitmenschen zu erlösen scheint Das göttliche Mitleiden gewann wieder Raum in
der Brust der schwer beleidigten Freunde Fennimors Der Vikar segnete die
Leiche ein und bat alsdann um Gnade für ihren leidenden Gatten um Schutz für
das verwaiste Kind Die Versöhnung lag darin er setzte voraus dass sie wie
bei ihm so bei allen Anwesenden eingekehrt sei und sprach damit das Gefühl
Aller aus
Sie erhoben sich Die Bäuerin die zunächst an Fennimors Seite kniete und
das schlafende Kind an ihrem Busen trug sagte in ihrer schlichten Weise »Herr
Vikar ich war dabei als unsere gnädige Frau Gräfin ihren Gemahl empfing Sie
war voll großer Liebe und nur traurig dass sie nicht Zeit behielt ihn genug zu
lieben Das wollte ich nur sagen dass wir jetzt des armen Herrn gedenken
möchten nach ihrem Willen«
»Es soll geschehen« erwiderte der Vikar ernst Er nahte sich mit dem
Arzte dem Unglücklichen und redete ihn bei seinem Namen an Leonin fuhr zusammen
er blickte entsetzt empor
»Fennimors Freunde« stammelte der blasse Mund »Ihr könnt kein Erbarmen mit
mir haben«
»Wir haben kein Recht Euch zu richten Gott vollführt das in Euch er möge
uns Allen gnädig sein« sprach der Vikar »Und dieser Engel hat vergeben
seht es steht auf ihrer heiligen Stirn«
Leonin blickte hin die Locken lagen nun geteilt und zeigten frei das
erblasste himmlische Antlitz Es hatte den Frieden der höheren Welt die
Glückseligkeit erreichter göttlicher Gemeinschaft Es hatte noch immer denselben
Charakter wie in den Wäldern von StirlingsBai Es war ein süßes lächelndes
Kind mit einem Heiligenscheine Leonins Blick der dies Bild vollständig
auffasste ward die hell leuchtende Fackel die mit jähem Lichte sein ganzes
Leben überbljetzte Ein inhaltloses Gewebe zwischen Reue und Sündigen trat hervor
Fennimor sein größtes Verbrechen sein einziger höherer Lichtblick
Er stand auf und fühlte mit Entzücken dass er krank war Beide Männer
hielten ihn »Fennimor mein Weib Du hast mir vergeben und Du bist gerächt«
Er gab nach als man ihn bat weg zu gehen er fühlte sich durch seine
Schuld unberechtigt und scheu den Freunden zu widersprechen dabei nahmen
stechende Schmerzen in Brust und Kopf sein klares Bewusstsein ein Er verließ
ihren heiligen Anblick und blieb davon getrennt Der Arzt sorgte dass er sich in
seinem Zimmer niederlege und war schnell über seinen Zustand im Klaren Lange
schon hatte das Gift der Krankheit ihn durchschlichen willkommen der
Gelegenheit brach es aus
Indessen ordnete Veronika mit jungfräulichem Sinne die Bestattung
Fennimors Nur schwer trennten sich Alle von der unverändert bleibenden Leiche
Das Gewölbe in welchem die fromme Königin Klaudia in einsamer Stille ruhte war
schön und heiter aufgeräumt Hier ward Fennimors Sarg aufgestellt bis die
Gruft gemauert war welche die Freunde an der Stelle graben ließ wo die holde
Frau wie sie sagten gestorben war unter dem Fenster in dem kleinen blühenden
Garten den sie selbst angeordnet und über den hinweg sie Leonins Reisezug
verfolgte als Souvré ihren Blick darauf hinleitete Unter grünem Rasen unter
ihren Blumen die sie so liebte sollte ihre schöne Hülle ruhen
Mit großer Sorge erfüllte Emmys Zustand die bekümmerten Freunde Ihr
Schmerz fand keine Milde er verhärtete und erbitterte ihr leidenschaftliches
Herz Sie schien sie jetzt Alle zu hassen und wies mit Zorn und Wildheit jeden
Versuch ihr näher zu treten zurück Das Kind entführte sie fast den Übrigen
und eifersüchtig entzog sie es den Blicken Aller Die Amme musste sich mit ihr
absperren und nur sie durfte das Nötigste für die Unglückliche besorgen Als
die Bestattung vorüber war schloss sie die Räume und wehrte Jedem den Eingang
Indessen lag in einem fernen Teile des Schlosses der unglückliche Herr
desselben tötlich erkrankt darnieder und Veronika der Vikar und der Arzt
erfüllten teilnehmend die Pflichten der Menschheit gegen ihn Viele Wochen
verstrichen der Zustand blieb gleich bedenklich Alle Boten mussten ohne Antwort
zurück alle Briefe aus Paris blieben unerbrochen an seinem Bette liegen ihm
fehlte die Besinnung Endlich erschien sein Kammerdiener er teilte stumm und
traurig die Dienstleistungen und schrieb den Zustand seines Herrn denn Niemand
hatte sich geneigt gefühlt diesen Dienst für die Verachteten zu übernehmen
Bald traf der Leibarzt des Hauses Crecy ein er sah den zweifelhaften Zustand
musste die Hilfe des Arztes von Ste Roche für ausreichend anerkennen und kehrte
zurück
Die Jugend siegte Leonin genas Aber er ward unter seinem wiederkehrenden
Bewusstsein ein Greis Sein schönes braunes Haar fing an zu erbleichen seine
Gestalt beugte sich seine Abzehrung war erschreckend Er saß Tagelang in dem
kleinen Garten und sah wie die Arbeiter Fennimors Gruft gruben Er fragte dem
übrigen Leben nicht nach der Arzt riet Allen ihn zu schonen Standhaft
weigerte sich Emmy Gray ihm sein Kind zu zeigen sie verrammelte ihre Türen
und nur wenn er in dem kleinen Garten saß hörte er zuweilen sein Kind durch
das geöffnete Fenster jauchzend lallen Dann schauderte er zusammen und streckte
die Arme seufzend hinauf wenn er aber hörte dass Emmy es ihm verweigerte sagte
er »Ich habe auch kein Recht es zu fordern« und tat die Sehnsucht zu seinen
übrigen Schmerzen
Er war jetzt einen Monat in Ste Roche und der Kammerdiener durch die
verschiedensten Aufforderungen von Paris gedrängt versuchte ihn zur Rückkehr
zu bereden Leonin schwieg wie immer zu diesem Drängen und der arme Mann
wusste sich keinen Rat mehr er musste glauben sein Herr habe das Gedächtnis
verloren denn auch die Briefe die der Kammerdiener ihm überreichte blieben
unerbrochen und wie es schien ohne auch nur entfernt sein Interesse zu wecken
Endlich glaubte er die Hilfe des Arztes und des Vikars nicht mehr entbehren zu
können er bat sie um ihren Beistand und Beide verhiessen ihn
Leonin hörte sie vor Fennimors Gruft sitzend ruhig an und sein Auge
schien den Grund durchdringen zu wollen der nun bald zur Aufnahme des Sarges
bereit war »Sie sollen meinen Sarg einst neben den ihrigen stellen« sagte er
endlich mit großer Anstrengung
»Diese Bestimmung wird wenn Ihr es wünscht leicht zu erfüllen sein«
erwiderte der Vikar »Doch lasst Allem sein Recht Habt Ihr über Euren Tod
bestimmt so bestimmt jetzt auch über Euer Leben Denkt wie Viele noch
Ansprüche an dasselbe haben wie Viele Eurer Fürsorge anvertraut sind«
»Ich sorge denke ich am besten für sie wenn ich sie nicht wiedersehe«
seufzte Leonin »Was kann ich ihnen noch sein Ich finde ein entehrtes Weib
ein beschimpftes Kind Ich müsste eine Mutter wiedersehen die mich nie geliebt
und meine elende schwache Natur nur als Mittel zu ihren Zwecken gemissbraucht
hat Was ich empfinde kann den dortigen Zuständen nicht zu Hilfe kommen es
ist besser ich verschmachte hier Allen dort ein Geheimnis bleibend«
»Lieber Herr« unterbrach ihn der Vikar »dies ist sicher ein großer
Irrtum Und ich rede um so ernster und dringender mit Euch da ich gewiss weiß
Fennimor die Verklärte würde eben so in Euch dringen Ihr müsst Euch der Liebe
der Vergebung jetzt würdig zeigen die sie Euch erteilte Denkt an Eure
unschuldige jetzt rechtmäßige Gemahlin Könnt Ihr Fennimors gebrochenes Herz
beleben dadurch dass Ihr sie auch hinsterben lasst in Gram und Sorge«
Erschüttert blickte Leonin auf »Die arme Viktorine« seufzte er »sie hat
es eben so wenig verdient Mutter Mutter Du hast alles Böse in mir in
meinem Schicksale gesäet Gott mag es Dir vergeben ich kann es noch nicht«
»Wie könnt Ihr Euch unversöhnlich zeigen da Fennimor es nicht war« sprach
der Arzt »Es ist Eure Mutter junger Mann Die Verpflichtung hört nie auf die
Kinder gegen sie haben Oft werdet Ihr Euren Willen behauptet haben macht sie
nicht verantwortlich dafür wo Ihr hättet widerstehen müssen«
»Leset diesen Brief Herr Graf« fuhr der Geistliche fort »er ist seit
längerer Zeit für Euch angekommen und entscheidet Euch dann für Eure
Rückkehr«
»Und mein Kind« rief Leonin indem er den Brief seiner Gemahlin erbrach
»Herr Graf« sagte der Arzt »wir müssen die Unglückliche schonen die es
jetzt eifersüchtig behütet Wir hätten mehr zu fürchten als wir verantworten
könnten wenn wir uns jetzt in ihren wilden harten Schmerz drängten Gut
aufgehoben sind die ersten zarten Jahre des Kindes bei ihr wir sind ihr alle
ein besonderes Zeugnis ihrer Tüchtigkeit schuldig und behalten jedenfalls einen
Überblick den sie mir namentlich als Arzt nicht entziehen wird da sie weiß
dass sie mich nötig haben kann«
Leonin schwieg noch immer aber als die Freunde sahen dass er seine Augen
auf den entfalteten Brief richtete zogen sich Beide zurück in einiger
Entfernung ihn beobachtend
»Die Trennung in der wir plötzlich leben« schrieb Viktorine »wird mir
nicht hinreichend erklärt durch das was man mich will glauben machen Ihre
Abreise konnte nur durch ein besonderes Ereignis motivirt werden Sie hätten
mich um geringer Ursache Willen nicht verlassen Ihre Familie nicht in
Verlegenheiten gestürzt die für Sie wichtig sind Man sagt jetzt Sie wären
krank und hält mich doch zurück zu Ihnen zu reisen Ich werde Ihre Antwort
erwarten und hoffe dass Sie mir selbst die Erlaubnis geben zu Ihnen zu kommen
wenn Ihre Gesundheit Ihre Abreise verzögert denn dann ist mein Platz bei Ihnen
und ich habe keine höhere Pflicht darf auch meiner eignen Gesundheit jetzt
schon vertrauen
Lassen Sie nichts Fremdes zwischen uns treten ich weiß Ihnen kaum
auszudrücken wie seltsam mich das berührt was wie ein Geheimnis plötzlich
zwischen uns tritt Lassen Sie mich was es auch sei den mir zustehenden
Platz Ihrer Freundin einnehmen Ich traue hier Niemandem ich höre mit
Widerwillen und Misstrauen was man mir von Ihnen sagt ich kann es Niemandem
beweisen und doch fühle ich es ist nicht wahr
Ihnen will ich glauben und gehorchen antworten Sie nicht reise ich ab
Gott behüte Sie
Viktorine«
»Antworten Sie nicht reise ich ab« rief Leonin »o nein das darf nicht
sein Hier darf ihr Fuß nicht rasten hier kann ich sie nicht wiedersehen«
»So müsst Ihr also zu ihr« sagten die beiden Freunde die wieder näher
traten »dies edle Wesen darf nicht in die Verwirrung verflochten werden die
ihr hier nicht zu entziehen wäre Schont wenigstens sie noch Ihr rettet nicht
was Euch verloren wenn Ihr sie auch aufopfert«
»Ach meine Freunde« seufzte Leonin »ich unterziehe mich Eurem
Ausspruche denn ich habe kein Recht mehr nach dem Einzigen zu greifen was mir
wohltun könnte Aber der Fluch den ich auf mein Haupt herabgezogen wird alle
Verhältnisse berühren in die ich zu treten wage Ich werde Viktorine durch
meine Rückkehr zu schützen suchen aber mein Anblick mein zerstörtes Innere
wird ihr nicht zu entziehen sein und wenn sie Erklärung fordert werde ich ihr
die Wahrheit verhüllen und sie damit von mir fern halten oder ich werde sie ihr
gestehen und sie damit rettungslos unglücklich machen«
Die beiden Männer schwiegen gerührt erschüttert von dem Zustande des
Unglücklichen und hauptsächlich durch die Überzeugung bewegt dass er der Kraft
ermangeln werde seinem verworrenen Leben eine versöhnende Gestaltung zu
verschaffen Doch waren Beide so lange er noch mit ihnen zusammen war bemüht
ihn in seiner abgespannten düstern Stimmung zu stützen und ihn zu einer
schonenden Zurückhaltung gegen seine unglückliche Gemahlin zu bestimmen da sie
nach dem was sie über den edelen aber festen und stolzen Charakter der jungen
Gräfin vernommen hatten nur annehmen konnten dass die Erkenntnis ihres
unberechtigten durch den größten Frevel entweihten Verhältnisses sie zu einer
entschiedenen Trennung führen werde die Beide dann gleich unglücklich machen
musste Aber Alle blieben über den Erfolg ihrer Bemühungen unsicher Es war neben
einer kalten Verachtung des Lebens eine Bitterkeit eine Geringschätzung gegen
die Menschen und Zustände die ihn früher beherrscht hatten eingetreten die
sie mit Bedauern seiner geringen religiösen Entwicklung zurechnen mussten und
die ihnen wenig Hoffnung für seine Zukunft gab
Wir verlassen ihn hier um zu erfahren wie die Verhältnisse sich gestaltet
denen er in dieser Stimmung entgegen ging
Wenn wir die Zeit noch ein Mal auffassen die wir uns bemühten in ihren
ungewöhnlichen Zuständen darzustellen und wenn wir uns erinnern welchen
Standpunkt der König in dieser Steigerung aller Verhältnisse mit einer unsere
Begriffe fast überbietenden Ausdehnung einnahm so werden wir vielleicht
begreifen welchen Eindruck eine persönliche Beleidigung gegen diese geheiligte
Person eine anscheinende Nichtachtung ihrer Herablassung hervorbringen musste
Monsieur erschien augenblicklich obwohl es nicht die Stunde für ihn war
beim Könige und Ludwig war so erstaunt so zweifelnd an der Möglichkeit einer
solchen Beleidigung dass er unruhige und verlegene Blicke auf die erhitzen Züge
seines Bruders richtete unsicher wie es schien über das Befinden desselben
Aber er musste sich endlich entschließen diesen Angriff auf seine unbestrittene
Würde anzuerkennen und in demselben Momente diktirte er auch zugleich die
Strafe Der König entließ den jungen Grafen seiner Funktionen bei der Königin
der ganzen Familie wurde angezeigt dass sie sich des Hofes zu enthalten habe
Der Marschall harrte vergeblich mit hartnäckiger Verzweiflung an den Stufen
des königlichen Schlosses auf die Gewährung der flehenden Bitte auf seinen
Knieen um Verzeihung bitten zu dürfen Niemand hatte Mut auch nur den
berühmten Namen des Marschalls zu nennen An ein solches Majestätsverbrechen
erinnern hieß sich dessen teilhaft machen Außer der feierlichen Sendung die
der Familie ankündigte dass sie in Ungnade gefallen betrat Niemand mehr die
Schwelle des geächteten Hauses und der König schien vergessen zu haben dass es
eine Familie des Namens gäbe er wusste dass er sie damit auslöschte und
grenzenlos strafte
Gedenken wir jetzt der Marschallin von Crecy so werden wir gestehen müssen
dass sie mit der einzigen Geissel gezüchtigt wurde deren Schläge sie fühlte und
nicht von sich abzuhalten wusste Sie versuchte die beste Stellung zu nehmen die
noch möglich wäre aber es war nur die eine übrig die sie aus allen bisher
behaupteten Vorteilen und Ansprüchen verdrängte und ihr bis in die intimsten
Verhältnisse ihres Hauses bis zu ihren jetzt minder ehrerbietigen Domestiken
herab eine Kette von bitteren Kränkungen bereitete wie sie das Dasein
derselben für sich unmöglich gehalten hatte Diese Leiden wurden noch vermehrt
indem sie jeden Augenblick erwarten musste der wahre Grund von Leonins
Entfernung werde zu Tage kommen Die gutmütige Herzogin von Lesdiguères der
man nicht den Hof verboten hatte die aber zu stolz und zu ehrlich war ihn zu
besuchen während die Familie ihrer Tochter in Ungnade war bestürmte die
Marschallin mit Vermutungen und Nachforschungen welche diese so lange als
möglich ausweichend beantwortete endlich aber ihr wie der bekümmerten
Viktorine erzählte dass Leonin von einer seiner hypochondrischen Launen
ergriffen außer sich dass die Zeremonie Viktorinen schaden würde und empört
über die Notwendigkeit sie zulassen zu müssen die Flucht ergriffen habe und
ohne Gepäck ohne Bedienten in einer einfachen Hofkarosse nach Ste Roche
geeilt sei wo es sich wirklich gezeigt dass er im Fieberwahnsinne abgereist da
er dort sogleich tötlich erkrankt sei Viktorine wollte ihm jetzt nachreisen
aber die Ärzte unterstützten die Weigerung der Eltern Sie musste zwar
nachgeben und bleiben aber mit erhöhtem Misstrauen und in großer Bekümmernis um
ihren Gemahl
Dagegen schlug die Marschallin vor nachdem die ersten vier Wochen für ihre
Schwiegertochter vorüber waren dass beide Familien sich nach Moncay dem schönen
Schloss der Marschallin was doch einige zwanzig Lieues von Paris lag begeben
sollten Schon waren alle Vorkehrungen dazu getroffen welche die Marschallin
mit Ungeduld betrieben da sie in der veränderten Existenz die sie an Paris
band und ihr Versailles das Feld aller ihrer früheren stolzen Ansprüche
verschloss es kaum zu ertragen vermochte als sie aufs neue sich in ihren Plänen
durchkreuzt sah und ihr die wenig gekannte Lehre gegeben ward von den
Umständen beherrscht zu werden
Am Tage vor der Abreise meldete man ihr dass der Marschall plötzlich in
seinem Zimmer einen bösen Fall getan habe und der Hausarzt ihm bereits zur
Ader lasse Die Marschallin grollte zwar heftig darüber fühlte aber doch dass
sie sich zu ihm begeben müsse innerlich fest entschlossen diesem Ereignisse
keinen Einfluss auf ihre Abreise zu gönnen da sie sich jeden Tag fast mit
Empörung in Paris erwachen fühlte
Mit vollständig schmollender Miene fest entschlossen ihn auszuschelten und
ihm ihre Abreise anzukündigen trat die Marschallin in seine verhassten Gemächer
und ihre Laune ward nicht verbessert als die Domestiken ihres Gemahls ohne sie
zu beachten weinend und händeringend an ihr vorüber stürzten wie es schien
dringende Befehle zu vollführen Als sie das Schlafgemach des Marschalls betrat
blieb sie horchend stehen der Kaplan mit einigen Gehilfen der Arzt knieend
und den Marschall im Arm umgaben das Bett aber das Röcheln des Todes war ein
zu verständlicher Laut um Zweifel zu lassen über das was vorging Mit steifen
Knien schob sich die Marschallin näher »Was geht hier vor« rief sie entsetzt
mit rauer Stimme Niemand antwortete »Marschall Marschall was habt Ihr
gemacht Erholt Euch Fasst Euch Seid ein Mann« so rief sie schon von der
Wahrheit überzeugt ihrer Erregung nur in zürnender Weise sich entledigend
»Das war er ein ganzer Mann« sagte der Arzt und legte ihn auf sein hartes
Kissen zurück »aber Männer müssen auch sterben«
»Sterben« rief die Marschallin »Herr Doktor Ihr fabelt Sterben er war
diesen Morgen noch gesund ein kräftiger Mann«
»Überzeugen sie sich selbst Frau Marschallin« sagte der Arzt
zurücktretend »hier findet der menschliche Wille eine Grenze die auch Ihr
Gnaden nicht abändern können Ein Schlagfluß hat einen an sich nicht tötlichen
Fall veranlasst es floss kein Blut mehr obwohl ich schon im Palais war als der
Zufall eintrat«
Die Marschallin trat näher und schauderte zurück vor dem starren Gesicht
ihres Gemahls das sie nie geliebt Er hatte seine eiserne zürnende Miene und
sie konnte sich nicht überwinden ihn zu berühren ihre natürliche Härte war
durch die Erlebnisse der letzten Zeit so gesteigert dass sie um den Preis der
Welt kein mildes Wort kein Zeichen der Rührung zu geben vermocht hätte Sie
fühlte bloß mit unendlichem Grolle wie aufs neue ihre Vorsätze scheiterten und
sah in ein Gebiet von Erscheinungen von denen es noch ungewiss blieb ob sie ihr
günstig oder störend sein würden
»Ein Ehrenmann ein großer Held ein vollkommener Edelmann« sprach sie
endlich kalt »eine Stütze des Trones von dem doch seine letzte Kränkung
ausging Jetzt kann man ihm keinen Wunsch mehr abschlagen jetzt wird sein Name
doch bis zu den Ohren dessen dringen dessen Kindheit er schützen half Meine
Herren« fuhr sie fort »Sie werden die Vorbereitungen zu den Feierlichkeiten
machen die in unsern erlauchten Häusern Sitte sind ich werde die
Hausoffizianten kommandiren Ihnen beizustehen Der Intendant wird das Schema
der Zeremonie empfangen Ihr Herr Kaplan werdet in meinem Namen dem Herrn
Erzbischof von Noailles die Anzeige von diesem Todesfalle machen ich hoffe er
wird sich erinnern was er dem Hause CrecyChabanne schuldig ist Ein Kourir
muss nach Ste Roche abgefertigt werden«
Nach diesen Anordnungen verließ sie das Sterbezimmer ihres Gemahls und
schritt mit kalter strenger Miene an der weinenden Dienerschaft vorüber ehe
sie ihre Gemächer erreichte hatte sie genau alle Vorteile dieser neuen Lage
der Dinge übersehen und ohne sich es einzugestehen fand sie doch dem alten
lebensmüden Greise sei die Ruhe zu gönnen und der Augenblick dazu könne den
Umständen eher günstig als nachteilig werden
Ihre erste Sendung war nach dem Herzoge von Lesdiguères Er ward beauftragt
dem Könige die Meldung dieses unerwarteten Todes zu machen
Mit einer Fassung die ihrem gleichgültigen Herzen sehr natürlich war gab
sie ihre Befehle zu der großen Umwandlung des Hauses Vom Portale des Schlosses
welches das große Trauerwappen trug und von zwei mit Flor behangenen Herolden
bewacht wurde bis zu den Wohngemächern hinauf ward das ganze Haus schwarz
ausgeschlagen Alle Livreen verschwanden die dienenden Frauen zeigten keine
Farben und die Damen der Familien keuchten unter langen Trauerkleidern Kappen
und Schleiern
Der größte Saal des Palais war mit schwarzem Samt so fest verhangen dass
kein Strahl des Tages eindringen konnte Hunderte von Kerzen ersetzten das Licht
der Sonne Die einbalsamirte Leiche des Marschalls stand auf Stufen erhöht
seine Orden der Marschallstab Degen Sporen und Helmsturz ruhten auf Tabourets
um den Sarg verteilt an denen zahllose Pagen mit Trauerflören und Wachskerzen
in den Händen in unbeweglicher Stellung Wache hielten
Diesen Kreis umgaben den ganzen Tag von früh bis spät eine Abteilung Mönche
mit einigen fungirenden Priestern welche die Gebete und einweihenden Funktionen
verrichteten denn der Erzbischof von Noailles hatte nicht vergessen was er dem
Hause CrecyChabanne schuldig war und die Meldung dieses Todes war mit den
gehörigen Weisungen an die dazu bestimmten Klöster ergangen Die ganze
Dienerschaft des Marschalls löste sich außerdem noch an dem Sarge ab während
die Chorknaben der Prozessionen in angemessenen Pausen den Sarg mit ihren
Weihrauchbecken umzogen und Alles in betäubende Düfte hüllten
Die Marschallin schien mit großem Takte ihre augenblickliche Stellung zu Hof
und Adel vergessen zu haben Die Trauerboten zogen mit der Todesmeldung durch
alle Häuser die durch ihren Rang auf diese Auszeichnung Anspruch machen
konnten Einen Augenblick hielt die ganze Korporation den Atem an und richtete
die Augen nach dem Schloss von Versailles Es ward aber sogleich bekannt dass
der Herzog von Lesdiguères eine gnädige Audienz beim Könige gehabt und der
großmütige Monarch seinen Unwillen nicht über das Grab hatte ausdehnen wollen
Der Herzog von Gêvres und der Prinz von Kourtenaye bekamen Befehl zur
Beileidsbezeigung sich in das Trauerhaus zu begeben Dies war die
wohlverstandene Loosung für Alle Übrigen und die Königinnen und Prinzessinnen
an der Spitze die ihren Hofstaat beorderten belagerte nunmehr der Adel in
allem Pompe der Trauer das Palais Soubise
So war dies vor kurzem verödete Haus jetzt seines Oberhauptes beraubt
damit zu seinem alten Glanze zurückgekehrt und die Marschallin fühlte den
bittersten Hass gegen die bezwungene Menge und den stolzesten Triumph über die
gefügigen Schritte womit Alle jetzt genötigt waren ihr entgegen zu kommen
nachdem sie es gewagt sie zu verlassen
Sie saß unter ihrem schwarz verhangenen Tronhimmel in der lästigen steifen
Trauerkleidung die üblichen Stunden des Empfangs ohne ein Zeichen des Lebens
als die jedesmalige Neigung des Kopfes wenn die herkömmlichen
Beileidsbezeigungen an sie gerichtet wurden Rechts saß die arme weinende
kindlich betrübte Louise links ihre erschütterte Schwiegertochter Die nahen
Verwandten schlossen sich sitzend auf beiden Seiten an nur die Hofchargen
empfing die Marschallin stehend mit geziemender Ehrfurcht
Und der der bei diesem wichtigen Vorfall am meisten beteiligt war
Leonin das nunmehrige Oberhaupt der Familie CrecyChabanne fehlte noch immer
Alle Boten alle Briefe brachten keine Antwort zurück oder wurden nur von
einigen unvollkommenen Briefversuchen des Kammerdieners erwidert die der
Intendant der Marschallin nicht selbst vor die Augen der Familie zu bringen
wagte und deren Gesammtinhalt mündlich von ihm mitgeteilt Alles in einer
solchen Dunkelheit ließ dass die Marschallin ihrer vollen Unruhe überlassen
blieb
Doch was litt die edle Viktorine in dieser Zeit Aufs neue durch die Regeln
der Trauer an ihr düsteres Schloss geknüpft gab jeder Tag ihr neue tiefere
Leiden und hemmte die kräftigen Maßregeln die sie ohne Zweifel ergriffen
hätte wäre sie nicht daran behindert gewesen durch dies Ereignis dessen
bindende Gewalt sie aus Liebe zu dem verstorbenen Marschalle sich doppelt
gezwungen fühlte zu ertragen
Jede Stunde die sie von den Audienzen erlöst blieb brachte sie bei ihrem
Kinde zu dessen Gesundheit und kräftige Gestaltung ihr Trost und Hoffnung
einflößte hier über der Wiege ihres Kindes fand sie auch die einzige Freundin
ihres Herzens die edle milde Marquise de Sevigné Obgleich im Alter weit
auseinander gerückt wussten doch Beide von diesem Unterschiede nichts Sie war
die einzige Frau an diesem Hofe der Viktorine nachgegangen war und um deren
Aufmerksamkeit und Liebe sie sich kindlich weich und hingebend bemüht hatte Die
edle Frau hatte zu Anfange das lebhafte kecke Mädchen die ihr gegenüber so
still und demütig ward mit Anteil betrachtet als sie ihr verständiges und
strenges Verfahren als Hofdame der Königin sah hatte sie sie geachtet und ihr
endlich ein Vertrauen gewidmet welches zu einer mütterlich zärtlichen
Freundschaft ward deren Beweise immer inniger hervortraten und in der
gegenwärtigen Periode die ihren Liebling in Ungewissheit und Kummer stürzte
diese zu einem Gegenstande ihrer Sorgfalt machten einer Sorgfalt die von dem
Geiste der mildesten Schonung belebt von Erfahrungen unterstützt nicht
verweichlichte oder verhärtete sondern Viktorinens edle freie Gesinnungen
unverkümmert erhielt
Viktorine war eine zu geschlossene züchtige Seele um selbst ihrer
vertrautesten Freundin ein Gespräch über das nähere Verhältnis zu ihrem Gemahle
gestatten zu können Die Marquise verstand und ehrte diese keusche weibliche
Natur und kannte die Gefahren in der Ehe Vertraute haben zu wollen zu gut um
nicht dieser Gesinnung mehr eine Stütze als ein Hindernis zu sein Aber es
entging ihr nicht dass Viktorine die Ruhe des Vertrauens verloren hatte mit der
man allein das Geheimnis des Glückes gewinnt Überzeugt dass diese Gabe uns nur
selten auf lange verliehen ist und uns aufgegeben bleibt uns zu resigniren und
die würdige Gestaltung eines ehelichen Verhältnisses damit nicht aufzugeben
sondern darüber hinaus ihm einen so edelen und achtungswerten Charakter zu
sichern dass die Rückkehr des Glückes immer möglich wir wenigstens seiner wert
bleiben bemühte sich die geistreiche Frau nur mit allgemeinen Andeutungen
Viktorinens Geist in diesem Sinne zu erweitern
»Es schien mir meine Liebe« sagte sie zu der wehmütig über ihr Kind
gebeugten Viktorine »dass der Marschall manche Elemente in sich trug die von
Ihrer Frau Schwiegermutter nicht übersehen das eheliche Verhältnis dieses
Hauses für spätere Tage wohl zu einem besseren Zustande hätten zurückführen
können als uns dargelegt ward«
»Gewiss« erwiderte Viktorine »der Marschall war ein Felsen aus dessen
Schachte Quellen zu locken der glaubensvolle Schlag einer Hand gehörte die
annahm sie müssten hervor springen Aber das war es gerade vor Allem was meiner
Schwiegermutter fehlte der es überhaupt schwer wird Menschen von Dingen zu
unterscheiden und die endlich sich mehr über die Symptome eines eignen Willens
erzürnt wie erfreut da sie auch den leisesten Hauch einer Konkurrenz nicht
verträgt«
»Sie sind streng Viktorine« sagte Madame de Sevigné lächelnd »doch
weniger da Sie wahr sind Aber glauben Sie mir wenn wir die Marschallin in so
sorgloser Sicherheit bewerkstelligen sehen was ihr gefällt und sie weder eine
andere Individualität achtet noch ihr einen eignen Willen zu ihrer Entwicklung
zugestehet so ist das mehr oder weniger überall die trostlose Ursache der
zahllosen unglücklichen Ehen denen wir begegnen Die Ehe ist Keinem mehr an
sich etwas eine göttliche Einrichtung eine erhabene bürgerliche Existenz
Unsere jungen Frauen wollen bloß in einem solchen Verhältnisse genießen eine
größere Freiheit für ihre unter Zwang gestellten Neigungen erhalten und fangen
immer damit an wobei noch kein Verhältnis der Erde bestand von der einen Seite
Alles zu fordern und gleiche Forderungen an sie gestellt für erkaltende
Gefühle des Mannes zu halten«
»Wenn sie nur lieben könnten« sagte Viktorine »Ich denke oft das ganze
Geheimnis liegt darin dass die Fähigkeit zu lieben in diesen jungen Mädchen
früher zerstört wird als das Alter sie zu diesem Gefühle beruft Es hat keine
mehr Innerlichkeit der Strudel der Welt treibt sie aus sich heraus sie lernen
Alles nachmachen was ihnen Geltung und Auszeichnung verspricht endlich auch
liebeln wenn ihnen der Mann dem es gilt eine Stellung am Hofe verheisst Wie
sollen sie nun verheiratet nur begreifen dass die Stellung die sie wollten
sie zugleich mit einem Manne verbunden der eine Seele hat den sie schonen
ehren dem sie gehorchen müssen«
»Es ist nicht zu leugnen« erwiderte die Marquise »dass diese Entartung
unser Geschlecht nicht allein verfolgt dass allerdings selbst einer besser
vorbereiteten Frau es doch oft sehr schwer werden würde das bei ihrem Manne zu
entdecken was Sie eben mit Seele bezeichneten und dass selbst wenn sie Liebe
zu ihm zu fassen vermag dies doch nur eine zweifelhafte Stütze ihres Glückes
wird da wenn die Anforderungen derselben nicht mäßig und vom Verstande
geleitet bleiben sie leicht ihre mögliche Zufriedenheit noch mehr bedrohen
wenn sie die erwartete Erwiderung nicht findet Und dennoch selbst wenn Sie
lächeln sollten ich mache es jeder Frau zum Vorwurf der ihr Gatte untreu
wird«
»Das ist mindestens Viel gesagt« rief Viktorine ein wenig gereizt Die
Marquise fuhr fort »Es ist eine sehr verbrauchte Entschuldigung aller Frauen
die dies erleben dass das häusliche Beisammensein in der Ehe Verhältnisse mit
sich brächte die Illusionen notwendig zerstören und die Gattin gegenüber dem
Manne in ihn verletzende und reizlose Situationen bringen müsse Hiervon glaube
ich gerade das Gegenteil Keine Frau hat die Mittel in Händen einen Mann zu
fesseln die sich mit denen einer Gattin vergleichen ließ Aber sie muss
freilich vor allen Dingen ein Weib bleiben eine züchtige Jungfrau in ihrem
Gemüte den Schleier der Vesta muss die Flamme der Liebe nicht versengen«
»Ja ja« rief Viktorine warm »das das ist das Rechte«
»Ein großer Schriftsteller« fuhr die Marquise fort »sagt irgend wo und
sein Ausspruch enthält eine Erfahrung die es scheinen lassen wird er habe zu
allen Zeiten gelebt da er Recht haben wird und wenn sein Enkel es hundert
Jahre nach ihm wiederholt indem er uns zwei gleich liebende Wesen von beiden
Geschlechtern vorführt von denen das Weib zuerst einen Mangel einen Stillstand
in den Gefühlen des Mannes wahrzunehmen glaubt wenn eine Frau liebt liebt sie
in einem fort ein Mann tut dazwischen etwas Anderes«
Viktorine fuhr schnell mit beiden Händen empor Einen Augenblick verhüllte
sie ihr Gesicht dann war es vorüber Die Marquise hatte indessen von
Victorinen abgewendet den Vorhang der Wiege etwas gelüftet Viktorine glaubte
sich unbemerkt »Dies ist eine Wahrheit« sagte die Marquise »die tief in
der männlichen Natur begründet jedem Mädchen als Brautgeschenk gegeben werden
sollte denn es ist zugleich der Schlüssel mit dem die Zweifel zu lösen wären
von denen wir ein weibliches Herz beschlichen sehen bei der ersten Wahrnehmung
dass der Mann eben wie jener große Schriftsteller sagt dazwischen etwas Anderes
tut«
Mit glühendem Gesicht und einer leisen Stimme die in Bewegung bebte sagte
Viktorine »nur was dies Andere sei ist die entscheidende Frage«
Die Marquise de Sevigné die berühmt dafür war selbst in die kleinsten
Sorgen der Kinderpflege eingeweiht zu sein sing an das Wiegenband zu lösen
»Ich finde doch meine Liebe das Band ist zu stark angezogen ich konnte es
nie leiden wenn dies kleine Bettchen zu Arm und Beinschienen wird« Damit
beschäftigt fuhr sie fort »Es scheint mir überhaupt recht schwer ein Mann zu
sein und das Gefühl der ihnen zuerteilten so ungleich schwierigeren Aufgabe
macht mich im Ganzen so nachsichtig gegen die große Masse unvollkommener Männer
Unsere Natur ist mit den sittlichen Gesetzen unserer Bestimmung im Einklange
Wenn wir diese nicht entarten lassen sind wir Alles was wir zu sein brauchen
und wenn ich denke dass uns Gott gewürdiget hat Mütter zu werden so könnte ich
oft trotz meiner Devotion in Versuchung kommen uns für zu sehr bevorzugt zu
halten Etwas wie eine Frage an Gottes Gerechtigkeit steigt in mir auf Unsere
Bestimmung ist so unendlich schön so wichtig überdies Welch ein Lebensprinzip
bürgerlicher religiöser Existenz ist der Heerd an dem wir die zarten Kräfte
pflegen entwickeln und schützen die dann sich über das Leben nach Außen
verbreiten die es uns zu danken haben wenn sie nicht schon im Anbeginne
verkrüpeln Wir spielen in diesem kleineren geschützten Kreise in Wahrheit
durch was der Staat im Großen und in Massen darstellt Wir halten die Fäden in
Händen die alle Zustände leiten schützend sorgend strafend und lohnend
beherrschen wir sie der Gesammtblick welcher alle Verhältnisse dem richtigen
Standpunkte gemäß leitet ist die Höhenstufe die wir erkennen lernen müssen So
wie wir uns auf dieser umsichtig der Sache förderlich zeigen können wir einen
Schatz von Wohltaten entwickeln Und so reich und schön dies ist wie in
einander greifend ist es zugleich Welche Einheit liegt in unserer Bestimmung
wie ist sie stets geschützt und eine gewisse unzerstörbare Heiligkeit an den
Heerd gefesselt die noch jetzt an die Sitte unserer rohen Urväter mahnt die
selbst den Feind am Heerde unberührt ließ die Stelle nicht zu beflecken«
»O meine Freundin« unterbrach sie Viktorine »ich fürchte wir haben uns
in unseren sogenannten höheren Ständen sehr weit von dem heiligen Heerde
entfernt dessen Urbestimmung sich uns wahrhaft offenbaren konnte und
vielleicht erlahmt dadurch auch die Ehrfurcht davor in der Brust der Männer und
wir verlieren damit nach gerade alle unsere Stellung«
»Ich möchte Ihnen nicht unbedingt Recht geben Viktorine Es bleibt
allerdings nicht dasselbe wie überhaupt Verschiedenheit in den Verhältnissen
zur Weltordnung gehört Aber Verschiedenheit Abweichungen heben den
Grundgedanken nicht auf Sei der Zustand noch so verändert wir werden uns immer
zurecht finden wenn wir den Hauptgedanken festhalten dass wir durch Alles was
in uns liegt berufen sind einen würdigen Hausstand zu erhalten den
Verhältnissen gemäß in die uns Gott geführt und wie Viel wir von der
patriarchalischen Uridee beibehalten oder aufgeben müssen sie muss immer zu
erkennen sein«
»Und warum sollte es denn den Männern so viel höher angerechnet werden was
sie in ihrer Pflichterfüllung leisten Warum ist denn ihr Beruf so viel schwerer
warum haben sie ein höheres Anrecht auf unsere Nachsicht« rief Viktorine mit
weiblichem Zürnen in Blick und Ton
Die Marquise lächelte ohne Viktorine anzublicken »Ich gestehe Ihnen
zuvörderst dass ich nicht sehr viele Teilnehmerinnen meiner Meinung unter Ihrem
Geschlechte habe Es ist auffallend wie lange uns eine platt getretene Idee
die einen augenblicklichen Glanz hat zu Kombinationen verführen kann die an
sich falsch doch Irrtümer auferziehen deren wahrer Beschaffenheit wir gar
nicht mehr nachfragen Wir Frauen werden bei dem Gedanken erhalten dass die
Männer ein großes Vorrecht vor uns haben weil sie sich sehr Viel mehr erlauben
dürfen als wir und wir haben dieses unbezweifelte Recht mit dem Worte
Freiheit profanirt Was können wir denn in Wahrheit Freiheit nennen wenn nicht
die Entwickelung der Seele und des Karakters die uns die Zustände beherrschen
lässt uns von Ihnen unabhängig macht ihnen einen höheren Willen entgegen
stellt Es ist der einzige Begriff der diese Idee aus dem Zustande relativer
Willkür in eine feste dann unangreifbare Stellung bringt und das Vorrecht der
Männer hat damit so wenig Zusammenhang dass ich es gerade ihnen hinderlich
erachten muss Und sollen wir ihnen also den materiellen Besitz der Freiheit so
hoch anrechnen Ich schäme mich fast dass wir dies tun Sie werden nun den
Gang meiner Gedanken bald auffinden wenn ich so nachsichtig bei den Fehlern der
Männer erscheine Unbehütet von Jugend auf werden ihnen Reinheit und
Züchtigkeit der Gedanken nicht bewahrt in materielle Verhältnisse getrieben
ungestraft durch ihre sich gleich bleibende Stellung zur Gesellschaft endlich
von der Natur selbst mit anderen Bestandteilen des Blutes versehen die leicht
zu erkennen sind kämpfen sie mit einer schwierigen Naturanlage und entbehren
dabei den Schutz der häuslichsittlichen Ordnung die das Weib von Jugend auf
bestimmt ist einzuhegen Wenn wir noch hinzu rechnen wie sie eine doppelte
Existenz entwickeln müssen nämlich die häusliche und die öffentliche und die
eine oft mit der andern im grellsten Widerspruche steht so erstaune ich billig
über ihre schwierige Aufgabe und erstaune billig nicht mehr sie oft ungelöst zu
finden«
Viktorine schwieg dann sagte sie wie sich überwindend »nicht immer
steht ihre äußere Stellung zu ihrer häuslichen in Widerspruch und dennoch sehen
wir sie diese gering achten nach kurzem Erfassen sie aufgeben als gehörte sie
nicht zu ihnen«
»Ja wohl« erwiderte die Marquise schnell »die Harmonie zwischen Beiden
herzustellen erfordert eine so vollkommene männliche Entwickelung dass wir
fast immer das Eine auf Kosten des Anderen bei ihnen erreicht sehen und diese
mangelhafte Reife macht dass sie die Hand nach dem äußeren Leben lieber
ausstrecken und erwarten das andere werde schon hinterdrein kommen Wie groß
diese Täuschung ist da es eine eben so warme Auffassung verlangt beweist sich
nur zu bald indem sie die Häusliche allmälig ganz damit verlieren und der
Trübsinn der Lebensüberdruss der nirgends mehr anzuknüpfen weiß gewöhnlich die
traurige Folge ist Aber eben so gewiss zwingt sie auch in den meisten Fällen das
Leben erst mit allen Erfordernissen die öffentliche Existenz sich zu erringen
und oft ja vielleicht immer wo diese Existenz auf edle würdige Weise erstrebt
wird bilden sich zugleich Fähigkeiten aus für das natürlichere Leben des
Hauses wenn auch das Bedürfnis dafür erst später eintritt«
»Ach und darauf zu warten« rief Viktorine »vielleicht das ganze Leben
vergeblich darauf zu warten wie viele Herzen hat das indessen gebrochen«
»Viele Viele« rief Frau von Sevigné gerührt »denn es ist nur die Aufgabe
für ein starkes weibliches Herz die schwere Prüfung zu bestehen und ungestört
den heiligen Beruf zu verfolgen den unsere Bestimmung dennoch festzuhalten
erlaubt aber zugleich ein herrlicher Triumph zu Gottes Ehre indessen ein
Weib geworden zu sein in der vollen Pracht unseres Berufs wie jener schöne
dunkle Baum des Südens über gereiften goldnen Früchten die duftenden Blüten zu
tragen und dem ermüdet zurückkehrenden Gatten der lange vergessen und
übersehen was er besaß zeigen zu können ein Weib sei für sich etwas Großes
und Göttliches wenn sie ihren Beruf verstanden und der Heerd den er
verschmachtend sucht sei indessen wohl gehegt und das göttliche Symbol unseres
Geschlechtes Milde und Vergebung sei sein Empfang«
Viktorine schwieg aber sie weinte jetzt den Kopf auf das Bettchen ihres
Kindes gelehnt
Die Marquise schien es nicht zu sehen im leichteren Tone fuhr sie fort
»oft gedenke ich einer liebenswürdigen Freundin die den lebhaftesten Liebe
suchendsten Mann der Erde gewählt hatte Die Neigung zu Torheiten aller Art
die ihr Gemahl besaß und die ihn in Versuchung führte sich in jedes neue und
schöne Gesicht zu verlieben hatte mehr gute Eigenschaften an ihr entwickelt
als seine treuste sorgfältigste Liebe erzogen hätte Sie erzählte mir oft mit
der heitersten Laune die Art und Weise mit der sie dem Übel gesteuert hatte
Als sie das erste Mal diese Entdeckung machte überwältigte sie der Zorn fast
aber es erwachte zugleich ein Stolz ein Selbstgefühl was alle ihre Kräfte ins
Leben rief Die Frau in die ihr Gemahl sich verliebt hatte war schön und
geistreich Sie wurde Beides augenblicklich auch Nie saß ich länger vor meiner
Toilette« sagte sie »Aber nicht ich allein mein ganzes Haus musste meine
Schönheit unterstützen meine Küche meine Service Blumen Düfte Überall
entlockte ich einen Reiz eine Annehmlichkeit Ich war coquett von dem kleinen
Sammetpantoffel an worin er zuerst meinen Fuß erblickte bis zu dem
Küchenzettel und der Visitenliste Wie wählte wie sonderte ich wie überraschte
ich ihn durch anmutige Geselligkeit Die Tonkunst die er liebte und die ich
deshalb glaubte übersehen zu können plötzlich beschützte ich sie ich sang
selbst ein Lied was ich mit Tränen des Zornes einstudirt hatte ihm lächelnd
vor Die Beschäftigung die ich durch diese Vorkehrungen hatte zerstreute mich
ich blieb frisch von jener übellaunigen Schwermut verschont mit der Frauen
ihre Männer vollends zum Hause hinaus jagen und jetzt hätten Sie sehen sollen
wie schnell ich meinen Gemahl aufs neue gefesselt hatte wie liebenswürdig er
mich fand wie ich der andern Neigung Rang abgewann und da er einige Male die
Procedur wiederholte ich die Mittel ihn wieder einzufangen so entwickelten
sich wirklich gute Angewöhnungen in mir Ich bekam Eigenschaften für mich
selbst die ich anfänglich für kleine Hilfsmittel geachtet hatte«
»Ach« sagte Viktorine »welch ein Glück wenn uns der Stolz nicht gegen
uns selbst bewaffnet wenn er die Kraft wird mit der Achill den Felsblock
aufhob um die Waffen hervorzuholen mit denen er unbesiegbar ward Ich fürchte
wenn ich in solche Lage käme der Felsblock fiele auf mein Herz und die Waffen
verrosteten«
»Das werden Sie mich nicht überreden« erwiderte die Marquise und eben
erwachte Louis Maria in seiner Wiege Viktorine rührte die Glocke die Wärterin
erschien mit der Amme und beide Frauen wendeten ihre Aufmerksamkeit den kleinen
Beobachtungen zu ob das Kind zugenommen habe ob lustig zur Nahrung sei So
wichtig so süß und beglückend für ein mütterliches Herz
Es war der letzte Tag vor der Beisetzung des Marschalls und die Audienzen
der Beileidsbezeigungen waren auch für diesen letzten Tag geschlossen Von
einigen allzu lästigen Stücken ihrer beschwerlichen Trauerkleidung befreit
saßen die Damen des Hauses mit dem Herzoge und der Herzogin von Lesdiguères
beisammen und es waltete über Allen der Zwang den leere TrauerZeremonien so
ermüdend ausüben und denen man sich nicht entziehen darf ohne gegen eine
höhere Idee zu sündigen die doch gerade in diesen lästigen äußeren Zeichen zu
ersterben beginnt Alle sehnten sich von einander loszukommen um sich nur
einmal der Natur nach regen und wenden zu können Aber es war Sitte dass man in
den inneren Gemächern soupirte und bis dahin zusammen blieb so hielt Jeder den
Andern im Schache mit einer angenommenen Empfindung die sich nach Wechsel
sehnte
Um diese Zeit fuhr derselbe einfache Wagen ohne Livreen der einst bloß von
Jaques geführt den Weg nach St Sulpice zuürcklegte unter dem Trauerwappen der
Familie hindurch in das Schlossportal und das Erste womit der junge Herr des
Schlosses begrüßt ward war das Salutiren der Wappenherolde mit ihren düstern
Fahnen und schaudernd fühlte er erst jetzt die Wahrheit der erschütternden
Nachricht
Schweigend und mit der ängstlichen Spannung die sein auffallendes Betragen
auch jedem Diener gegeben ward er in dem düstern Hause empfangen Ach die
tiefe Trauer die er um Fennimor trug wie wohl passte sie zu den schwarzen
Treppen und Wänden die ihn bald umfingen
»Nach dem Trauersaale« stammelte er kaum hörbar Die Türen öffneten sich
der schreckliche Pomp lag vor ihm ausgebreitet der Sohn an den Stufen des
Sarges auf seinen Knieen
Sein Gebet war ein zuckend schmerzhastes Aufblicken zu Gott mehr eine
Hoffnungslosigkeit beten zu dürfen mehr ein Ausruhen im Schmerz als eine
Erhebung zu Gottes Gemeinschaft Laut hielten die Mönche von St Sulpice die
Exequien über die Leiche der fungirende Priester fügte dem gewöhnlichen
vorgeschriebenen Ritus ein lautes Gebet hinzu »Lass Dir auch die Herzen
empfohlen sein die belastet von der Not die eigne oder fremde Schuld ihnen
gab in Gram gebeugt vor Dir seufzen Tröste und erhebe sie Die Vergangenheit
hast Du unwiederruflich gemacht aber selbst die Schuld in ihr kannst Du
erblassen machen durch den Mut Deiner göttlichen Gemeinschaft zukünftig
teilhaft werden zu wollen Es soll Allen vergeben werden die von Herzen
reumütig sind und ihre Schuld ihnen nicht folgen auf dem Pfade der Besserung«
Jetzt sprach er den Segen mit einer Kraft und Bewegung dass Leonin über die
Gewalt erbebte von der sein Herz aufgerissen ward Er hob den Kopf Fenelon
der blasse Priester von St Sulpice stand mit erhobenen Armen und erhobenem
Haupte über ihm und schien vom Himmel die Flammen andächtiger Überzeugung
hernieder zu rufen mit denen er die Seelen erwärmte
»Fenelon« rief er »hast Du den Schlüssel zu lösen und zu binden«
»Der hat ihn der sich voll Glauben an seine göttliche Kraft dem in die Arme
wirft der Alle heilt die reumütig und beladen sind In seinen Sünden
verzweifeln wollen heißt Gottes Allmacht verleugnen« Er hatte dies leise nur
zu ihm dem Knieenden gesprochen Er machte das Zeichen des heiligen Kreuzes
über ihm und schloss sich dann den Mönchen an die ihren Umzug hielten Als die
erhabene Gestalt aber an ihm vorüberglitt hörte Leonin wie einen Luftauch die
Worte »rette Viktorine«
Er fühlte sie bis in sein tiefstes Innere und sie gaben ihm die Richtung
die er bei den schwachen Angaben seiner Gefühle vielleicht nicht erkannt hätte
Er erhob sich und folgte dem harrenden Kammerdiener zu den Zimmern seiner
Mutter Wie lastete die düstere Pracht dieser Gemächer auf ihm Jedes Zimmer
schien ein Katafalk zu sein Endlich öffnete sich der kleine Salon in dem er
seine Familie fast zur Unkenntlichkeit in Trauergewänder eingehüllt versammelt
sah Er kam erwartet dennoch überraschend Ein kurzer Aufschrei verriet ihm
das einzige Wesen nach dem sein Herz noch eine Richtung hatte und überwältigt
von der Vergangenheit die zwischen ihm und seinem Weibe lag eilte er nicht in
ihre Arme sondern kniete in demselben Augenblicke zu ihren Füßen Viktorine
hatte sich leise in einen Stuhl gesenkt ihre Füße bebten wie ihr Herz Beide
sprachen nicht es herrschte von allen Seiten ein verlegenes Stillschweigen
Keiner verstand das Gefühl des Anderen Die Empfangenden standen trocken und
müde von einer tränenreichen Begebenheit mit der sie fertig waren und
Leonins Ankunft dessen Stimmung Keiner zu erraten vermochte erregte die
Befürchtung mit allen Schmerzenszeichen von Vorn anfangen zu müssen Man schien
von ihm wenigstens die Anregung abwarten zu wollen und behielt eine Stellung
aus der gleich zu machen war was sich nötig zeigte
Doch fand jeder unnatürliche Zwang bei Madame de Lesdiguères immer bald in
ihrer raschen geraden Gefühlsweise seine Erledigung »Jetzt Herr Graf
Schwiegersohn« rief sie plötzlich laut »lassen wir das Kommen Sie zu sich
und denken Sie dass wir alle von den Quälereien und der ganzen Geschichte
nachgerade müde und matt sind Wir haben Alle unsere christliche Teilnahme
dargelegt ging mir auch selbst recht zu Herzen aber jetzt muss es vorbei sein
wäre dem alten Marschalle selbst zuwider wenn wir nicht endlich aufhören
könnten«
Leonin stand auf nachdem er einen Blick des Schmerzes auf seine blasse
Gemahlin geworfen »Ich verlange gewiss nicht« sprach er »durch meine Gegenwart
Euer Gnaden zu Gefühlen aufzufordern über deren Dauer mit großem Rechte nur
Jeder selbst bestimmen kann und der Sohn darf sich gewiss in einem Verhältnisse
bekennen dass seine Gefühle nicht zur Richtschnur für Andere machen kann«
»So« sagte die Herzogin »das nenne ich vernünftig gesprochen Man kann
oft Ihre absonderlich auffallenden Handlungen gar nicht begreifen wenn man
hört wie verständig Sie sich zu äußern wissen«
Leonin hatte während dieser Worte die Anwesenden stumm und abgemessen
begrüßt Es hatte sich seiner bei dem Anblicke seiner Mutter ein so kaltes
bitteres Zürnen bemächtigt dass er den Ausdruck für die herkömmliche Weise
verlor auch gab ihm die Herzogin bald Gelegenheit sich zu entladen
»Nun« rief sie »mein Kind ich habe recht darauf gewartet Sie
wiederzusehn denn nur Sie selbst können uns das Ereignis erklären das uns
damals bei der Taufe Ihres Sohnes so sehr erschreckte Waren Sie denn wirklich
krank und liefen deshalb fort«
»Nein Madame« erwiderte Leonin gemessen »ich war nicht krank als ich
abreiste ich ward es erst später«
»Nun sehen Sie Marschallin« fiel jetzt die Herzogin ins Wort »ich konnte
Ihre Erzählung gleich nicht glauben denn kurz vorher hatte ich ihn gesehen und
mit eins sollte er toll und krank und deshalb davongejagt sein«
»Sagte das meine Mutter« fragte Leonin scharf betonend »In Wahrheit ihr
Irrtum ist sehr auffallend da sie am besten denke ich den Grund meiner
Abreise wissen musste«
»Ihre Mutter Graf« rief die Herzogin »nun das hätte ich nie für möglich
gehalten«
»Es war vielleicht eine zu große Schwäche von mir« fuhr jetzt die
Marschallin auf durch Beide geängstigt und erzürnt »dass ich die
Unbesonnenheit meines Sohnes auf eine Weise zu erklären trachtete die in der
Handlung selbst sich mir darzubieten schien Eine wahnsinnige Handlung dem
plötzlichen Erkranken zuzuschreiben möchte milder urteilen heißen als es ein
Jeder in solchem Falle verdient«
»Sie hätten Ihre Gnade nicht so weit treiben sollen« erwiderte Leonin
kalt »aus den Umständen die Ihnen bekannt waren hätten Sie annehmen können
wie wenig ich mich geneigt fühlen müsste eine Vormundschaft anzuerkennen deren
Erfolge ich eben einsehen lernte«
Die Marschallin bebte vor Zorn Niemals hatte sie eine solche Sprache von
ihm gehört Sie war zuerst um eine Antwort verlegen die den ganzen tiefen
Ingrimm ihres Herzens auszudrücken vermocht hätte Doch überhob die Herzogin sie
jeder Wahl Aufs neue rief sie »Kind ich verstehe dieses Hin und Herreden
nicht sagen Sie deutlich wie es zusammenhing«
»Enschuldigen mich Euer Gnaden« sprach Leonin mit schonender Ehrerbietung
»Sie sind eine zu gefühlvolle Frau eine zu gute Mutter um nicht zu wissen dass
Viktorine das erste Recht an mein Vertrauen hat und ich es abwarten muss ob sie
mich zur Rechenschaft ziehen will«
»Dagegen lässt sich Nichts sagen« erwiderte gutmütig lachend die alte
Herzogin »das heißt schweige still Du hast Dich nicht hinein zu mengen«
»Dies möchte indessen nicht der Fall für Alle sein« sprach die Marschallin
scharf »Der König hat eine persönliche Beleidigung für die er Ihr Betragen
notwendig halten musste mit der Ungnade gegen Ihre Familie bestraft und
diese Familie die während ihrer langen Existenz etwas Ähnliches nicht erfuhr
möchte wohl das unbestrittene Recht haben einer Handlungsweise nachzufragen
die so beleidigende Folgen für sie hatte«
»Zwingen Sie mich nicht Ihnen augenblicklich diese Erklärung zu geben«
rief Leonin mit einer Wildheit in Ton und Blick die Alle erschreckte »Ich
bin bereit dazu denn es ist vielleicht so besser da ich in meiner Empfindung
nicht mehr zu retten bin Aber Sie Sie meine Mutter Sie sollten mich nicht
dazu treiben wollen«
Die Marschallin fühlte dass sie zu weit gegangen war aber sie hatte noch
keine Beleidigung ungerügt erfahren von ihrem Sohne sollte sie sie hinnehmen
der ihr bis jetzt noch nie getrotzt Es war zu viel und dennoch sah sie ein sie
habe ihn selbst zu der Grenze hingetrieben von der sie ihn hatte abhalten
wollen
»Sie sollten mindestens fühlen« sprach sie sich mit Gewalt bezähmend
»dass der Augenblick zu Ihrer leidenschaftlichen Unhöflichkeit gegen mich
schlecht gewählt ist Ich bin die Witwe Ihres Vaters vielleicht erinnern Sie
sich dass die Leiche dieses in Ungnade gefallenen berühmten Mannes noch über
der Erde ist und dass ich Ihre Mutter bin«
Leonin stand in düsterem Brüten vor dieser kunstvollen Rede es blieb
ungewiss ob er sie gehört Da fühlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter
und eine Stimme die ihn zu wecken und sich zu sammeln vermochte sprach
unsicher und schwach »Glauben Sie nicht mein Gemahl dass Sie auch mich in der
Stimmung des Zürnens oder der Neugierde gegen sich finden Wenn Sie mir ein
Recht zugestehen wie ich eben zu hören glaubte so lassen Sie es das des
Vertrauens sein das weder von Ihnen eine Erklärung fordert noch nötig hat
Fassen Sie sich aber jetzt Der Schmerz der so natürlich in Ihnen ist sollte
uns Alle zur Schonung gegen Sie auffordern vielleicht bedürfen wir sie auch«
setzte sie mit sinkender Stimme hinzu »wir haben Viel gelitten«
Leonin versenkte sich mit zärtlichem Anteil in die schönen edlen Züge die
so blass so leidenvoll waren Er führte die sichtlich bebende Gestalt zu ihrem
Sitze zurück und nahm knieend neben ihr Platz »Teure edle Viktorine« seufzte
er ihre Hand an seine Stirn drückend »Sie sind die Einzige die ein Recht
hätte mir zu zürnen aber Sie werden bloß der Engel sein der über den
Gefallenen weint« Und sie weinte bereits
Der Herzog von Lesdiguères der ein höchst verlegener Zuhörer dieser
häuslichen Szene gewesen war da er niemals über gesellschaftliche Verhältnisse
hinaus sich zu denken erlaubte erfasste nun eine Richtung die er glaubte
erkannt zu haben und nahte sich seinem Schwiegersohne »Ich bin« sprach er
»nach dem Empfange den ich bei Seiner Majestät genossen als ich ihm die
Todesmeldung des Hauses CrecyChabanne machte fast überzeugt dass eine
bestimmte Hoffnung auf Gnade vorhanden ist und wenn Viktorine ihren Einfluss
bei der gütigsten Königin anwendet Ihnen mein Herr Schwiegersohn der König
Ihren Platz bei seiner erhabenen Gemahlin zurückgibt«
So erfuhr Leonin seine Absetzung Die Marschallin gönnte ihm einige
Alteration und beobachtete ihn scharf Er erhob sich jedoch sogleich ruhig von
seinen Knieen und indem er dem Herzoge ehrerbietig für seinen Anteil dankte
setzte er hinzu »Ich muss diese Absicht bei Seiner Majestät indessen entschieden
ablehnen Obwol ich meine Verweisung vom Hofe noch nicht kannte musste ich sie
erwarten doch dachte ich bisher nicht daran und war entschlossen den König um
meine Demission zu bitten«
»Den König darum zu bitten« riefen der Herzog und die Marschallin zugleich
»Ich bin gesonnen« fuhr Leonin fort »wenn ich über meine näheren
Angelegenheiten mit meiner Gemahlin die nötige Rücksprache genommen und hier
alle Pflichten erfüllt die meine neue Stellung mir aufnötiget mich zum
Marschalle von Louxemburg zu begeben und ohne bestimmte Anstellung um die ich
jetzt nicht bitten könnte unter seinen Fahnen als Volontair den Krieg
mitzumachen«
»Den Krieg den Krieg« stammelte Viktorine während Alle ihre Überraschung
nicht zu verhehlen vermochten
»Erschrecken Sie nicht teure Viktorine« sprach Leonin nur zu ihr sich
wendend »Es kann Ihnen nicht entgehen dass mich ein ungewöhnliches Schicksal
unerwartet und hart niedergeworfen hat Gott mag es denen vergeben die mich
hineinstiessen gegen Pflicht und Gewissen Ich kann es noch nicht und eben so
wenig auf dieser Stelle Ihnen gegenüber aushalten Viktorine Lassen Sie mich
jetzt gewähren Vielleicht rettet mich Anstrengung meiner Kräfte Tätigkeit
Entbehrung Mitgefühl bei der Not des Krieges Vielleicht komme ich Ihrer
würdiger zurück jetzt ist Ihre Nähe mir ein Vorwurf ich vermag sie nicht zu
ertragen«
»Genug« rief hier die Marschallin mit ihrer alten Energie und außer sich
gebracht über die rücksichtslose Sprache ihres Sohnes die er selbst gar nicht
zu bemerken schien »Es dünkt mich Sie sind in einer so maasslosen Aufregung zu
uns zurückgekehrt dass Sie keine Beurteilung über das Gewicht Ihrer Worte
haben Ich fühle mich unfähig meinen Sohn länger in einer solchen Stimmung die
wichtigsten Interessen seines künftigen Lebens absprechen zu hören Lassen Sie
uns nach dem kleinen Esssaale gehen wo uns einige der genauesten Freunde des
Marschalls erwarten«
»So bitte ich mich zu beurlauben« sagte Leonin »ich will mit meiner
Stimmung die gegen Ihre Absichten läuft Ihnen nicht länger lästig fallen Die
Zeit wird lehren ob sie eine augenblickliche Aufregung ist«
Er entfernte sich Alle ehrfurchtsvoll grüßend gegen Viktorinen einige
Worte schwärmerischer Verehrung aussprechend
Wenn wir einen Blick in die verschiedenen Gemächer tun in die sich die
drei Hauptpersonen dieses schweren Abends zurückgezogen hatten nachdem es ihnen
verstattet sich zu trennen so werden wir erfahren was ihr Loos war als die
äußeren Rücksichten für sie aufhörten
Die Marschallin hatte sich entkleiden lassen und ihre Frauen warteten im
Vorzimmer Sie horchte dem Schliessen der Tür was ihr endlich Alleinsein
dieses dringendste Bedürfnis sicherte Fünf Minuten später würden wir die
Marschallin von Crecy die eben mit stolzer Ruhe ihre Frauen nach dem Vorzimmer
entließ kaum wieder erkannt haben Die zurückgepressten Leidenschaften die
diese letzte verhängnisvolle Zeit ihres Lebens höher wie jemals gesteigert
hatte brachen wie ihres Zügels beraubt plötzlich hervor Bald durcheilte sie
mit großen ungleichen Schritten das Gemach während ihre krampfhaft gepressten
Hände ihre ungestümen Gedanken ausdrückten bald sank sie in ihren Sessel und
ein kurzes zorniges Schluchzen rang sich hervor Doch wir halten inne denn
wir werden genug erfahren haben um unsere Überzeugung anzudeuten dass Jeden
die Vergeltung erreicht dass uns kein äußerer Schein täuschen sollte über die
Gerechtigkeit des Himmels hier auf Erden die wenn sie das äußere Schaugerüst
unberührt lässt in dem Inneren des trotzigen Herzens erscheint und es beugt und
zerreißt und demütigt und die fürchterliche Strafe verhängt mit lächelnder
Miene aufrecht erhalten zu müssen was jedes Reizes entblößt eine leere
tödtende Qual geworden ist und doch der Preis der Sünde war
Die Marschallin die nie einem Menschen seine eigene Entwicklung seine
eigene Ansicht gestattet die ihr ganzes Leben als eine Aufgabe ihres Willens
gehandhabt die Menschen die hineinfielen ohne jede Rücksicht als Hebel und
Stützen verbraucht hatte deren eigene Bedürfnisse übersehend gering achtend
oder die ihrigen doch wichtiger haltend die durch das zeiterige materielle
Gelingen dieser Bestrebungen zu einer Sicherheit über den Wert derselben
gelangt war der sie auf die dünkelvollste Isolirhöhe des Stolzes erhoben ihr
war es plötzlich als ob der Boden dieses ihr so fest erscheinenden Gebäudes ein
Sieb geworden sei das Alles unter ihren Händen unaufhaltsam zerrinnen
zerfließen in ein Nichts zurücksinken ließe vor dem sie verarmt stehen bliebe
wie vor dem ganzen Ergebniss ihres berechneten Lebens das ihr damit verloren
erschien
Sie erfuhr die Strafe die ihr die härteste sein musste und ihr Zustand wie
wir ihn andeuteten war dem gemäß
Sie wollte in dieser qualvollen Stunde etwas erdenken womit sie sich rächen
könnte Aber die Beleidigung die jeden Blutstropfen in ihr vergiftete kehrte
immer wieder auf den einen Gegner zurück der alle zahllos erlebten Kränkungen
veranlasst hatte und dieser Gegner war ihr Sohn Der Sohn den sie zu ihrem
Dienste erzogen zur Stütze ihrer ehrgeizigen Pläne er war es der plötzlich
seine Abstammung nicht gänzlich in sich erloschen zeigte und ihr ehe sie es
ahnte mit eigensinnigem rücksichtslosem Willen entgegen trat Sie dachte alle
Möglichkeiten durch ihn noch ein Mal gedemütigt ihres Willens Untertan
zu sich zurück zu führen Sie hatte ehe sie ihn sah so sicher darauf
gerechnet sie hatte ihm ein Zürnen zugedacht was nur um den Preis einer
gänzlichen Übergabe Versöhnung hoffen lassen sollte und jetzt kam er in einer
Stimmung des Zürnens zurück die weder Ausgleichung suchte noch nötig hatte
da er sich sogleich damit unabhängig erklärte Sie konnte nicht einmal irgend
etwas erdenken worin sie ihm nachgeben konnte Nur eine leise Hoffnung blieb
ihr Souvré war entweder selbst betrogen oder er hatte sie auch betrogen Sie
hatte Fennimors Tod wirklich vor der Vermählung ihres Sohnes angenommen und es
war klar daran zweifelte Leonin er bezüchtigte sie des Frevels ihn in das
doppelte Verhältnis getrieben zu haben Dieser Irrtum sollte sich nun auflösen
Die Reue darüber blieb ihre einzige Hoffnung aber sie ward dennoch kein
Ruhekissen worauf die Marschallin den Schlaf gefunden hätte
Von ihrem geheimen Leben wenden wir uns nach dem stillen Schlafgemache aus
dem Viktorine für die ersten Stunden der Nacht gleichfalls ihre Frauen entfernt
hatte um mit ihrem Kinde allein jedes Zwanges enthoben sich ihres Zustandes
bewusst zu werden Es gibt Menschen deren edle Natur sich überall gleich
bleibt sie behalten eine Decenz des Ausdruckes selbst in ihrer tiefsten
Aufregung die ihren einsamen Stunden ein Maß verleiht durch das sie vor sich
selbst gesichert bleiben Dies war bei Viktorinen der Fall Sie war sich eine
Achtung gebietende Gesellschaft die Vertraute von der wir wissen nicht
missverstanden zu werden und deren Billigung wir uns doch zu erhalten wünschen
da sie uns schwerer zu erreichen scheint als der Beifall der Welt
Sie kniete nieder und beugte sich über das süß schlafende Kind Schwere
Seufzer deuteten es an dass ein lang bezwungener Zustand sich Luft schaffte
dann weinte sie lange und schmerzlich und endlich wurden ihre Empfindungen
Gebete Als sie aufstand sagte sie »Weise Freundin ich habe Dich verstanden
Du hast mein Schicksal geahnt ich werde Dir folgen Ein Weib ist an sich
etwas Göttliches und Großes ich habe einen Heerd Ich habe ein Kind Beides
werde ich hüten zur Ehre Gottes und der Menschen und kommt er ermüdet zurück
und sucht verschmachtend den verlassenen Heerd dann finde er mein Symbol Milde
und Verzeihung«
Als sie ihre Frauen rief war jedes Wort sanft und gütig Eine verklärte
Ruhe lag über ihr ausgebreitet eine frei gewordene Kraft die von sich selbst
eine versöhnende Ausgleichung des Lebens verlangt
Nicht so Leonin Halbe Zustände Unglück und Glück Schuld und Unschuld
wie sie sich in ihm vorfanden erfordern einen starken Geist der Alles erfasst
und sondert und auf sich nimmt und von sich wirft der Wahrheit nach und dann
abschliesst und von neuem beginnt Nicht so Leonin Er dachte daran den
Zuständen zu entfliehen ohne sie vorher zu ordnen Die jedesmalige Folge dieses
schwachen Waltens trat auch bei ihm ein Die Erbitterung wuchs auf dem falschen
Wege der überall unbeseitigte Hindernisse zeigte und die Erholung nach der er
strebte fern hielt Er grollte der ganzen Welt Die Weichheit die ihn sonst
gutmütig sein ließ verschwand Seine Diener erkannten ihren ehemaligen Herrn
nicht wieder Er war unruhig heftig ungerecht Nichts schien ihm zur
Zufriedenheit gemacht er forderte und stieß das Geforderte zurück er erzürnte
und kränkte Alle und der Unfriede schien was er noch begehrte
Unter diesen Umständen erreichte die Marschallin ihren Zweck nur in dem für
sie unwesentlichsten Teile Er überzeugte sich dass so wenig sie wie Souvré
Fennimors Wiederbelebung gewusst habe Aber keine Reue gegen sie trat ein Ihre
Schuld und mehr noch die Härte die ihm jetzt natürlich geworden war und die
sich gegen sie die er bisher so sklavisch gefürchtet hatte Bahn gebrochen sie
sollte motivirt sein in ihrer Schuld und die Marschallin fühlte bald wäre
jene auch geringer gewesen als sie wirklich war er habe einmal die Stellung
gegen sie ergriffen die eine Art Schild gegen seine eignen Vorwürfe ward und
gerade die Schwäche die sie in ihm geschätzt und beabsichtigt erhielt ihn
jetzt in dieser Stellung gegen sie
Doch hatte diese Erklärung die Folge dass ein beabsichtigtes Duell mit
Souvré unterblieb und der gewandte Unterhändler kam zu dem vollen Genuße des
Gelingens wenn er wohlbehaglich in einem Fauteuil in Leonins Zimmern ruhend
diesen mit der gereizten Wildheit eines gestörten Friedens an sich vorüber
streifen sah Er überlegte die Resultate seiner Bemühungen und rechnete sich
gleichgültig an den Fingern her der blühende schöne Mann ist bleich
gekrümmt mit schwindendem Haare der vornehme Edelmann vom Hofe verbannt in
die höhnenden Prachträume eines öden Pallastes verwiesen Der Gatte der
schönsten und vornehmsten Dame hat diese entehrt und seinen Erben zum Bastarde
gemacht und das ewig heitere sorglose Kind des Glückes kommt von der Leiche
seines gemordeten Weibes von dem Anblicke seines rechtmäßigen und verläugneten
Sohnes mit Kummer beladen und um Ruhe und Frieden durch Alles was er erlebt
und getan auf immer betrogen
Es war nach der Bestattung des Marschalls nicht schwer Leonins
Angelegenheiten zu ordnen da seine Anwesenheit ein Inkognito bleiben musste war
er von manchem lästigen Gebrauche befreit Wie Viktorine ihm in dieser Krisis
gegenüber stand brauchen wir kaum zu erwähnen Sie war mit dem was sie sein
wollte so vertraut dass sie keinen Hauch von Selbstgefühl oder Tugendpatos
zeigte Sie hörte sich nicht in ihren Worten ihre Augen suchten weder den
Himmel noch den Beifall Anderer sie langweilte und verscheuchte Niemanden
indem sie sich beispiellos hervorzuheben trachtete und mit ernster Würde eine
Sprache einzuführen strebte die den Zuständen der kranken Gemüter um sie her
zum Vorwurfe gereichen musste Sie war ohne Hochmut daher mit ihrem besseren
Zustande vor Gott nicht befriedigt und nicht geneigt ihn hervorzuheben Sie war
voll wahrer Liebe daher ohne das Richtschwert der Verwerfung sie war edel und
klug daher den Augenblick und seine krankhaften Erscheinungen schonend die
auffallenden Misstöne überhörend um ein verderbliches Verstummen zu verhüten
was selbst die Hoffnung der Ausgleichung aufhebt
Dessen ungeachtet musste sie bald erkennen dass sie nur auf eine spätere
Zukunft zu hoffen habe und ihre Rechte nur bewahren könne wenn sie jetzt ihre
Kränkung übersehe Streit oder Rechenschaft darüber ablehne Vielleicht hatte an
dieser Stellung die sie nahm nicht ihr richtig berechnender Verstand allein
Anteil ein tiefes Grauen vor der Aufklärung der geheimen Geschichte ihres
Gemahls hielt nicht minder ihr ganzes Wesen instinktartig in abwehrender
Mäßigung
Ob Leonin den ganzen Wert dieses Verfahrens erkannte wäre schwer zu
bestimmen doch suchte er die Nähe seiner Gemahlin auf freilich um auch bei
ihr wieder in sein düsteres Nachdenken zu verfallen das jeden Zug seines
Gesichtes beschattet hatte und ihn kaum kenntlich sein ließ Besonders trat dies
hervor wenn ihm sein Kind gebracht wurde und er genötigt war es zu
betrachten Viktorine entsagte bald auch diesem Glücke denn ein fast
auffallender Schmerz erschütterte ihn dann und erregte die Beobachtung der
Wärterinnen mutig erdrückte sie die bangen Ahnungen ihrer Brust und hielt ihr
Kind von da an entfernt
In Leonins Verhältnis zum Hofe hatte sich Nichts geändert Die Trauerzeit
verschloss den Vorschriften nach die ganze Familie noch in ihrem Palais die
Marschallin hatte daher noch keine Versuche darüber machen können wie weit der
Tod des Marschalls die Versöhnung vermittelt habe Regelmässig den achten Tag
erschienen die Hofchargen zu einem kurzen ceremoniösen Besuche im Hotel
Soubise Dies konnte natürlich nur auf Befehl der Majestäten geschehen und blieb
ein Gnadenzeichen das wie schon erwähnt eine Loosung für den übrigen Adel
ward und so konnte es unter den an sich beschränkenden Umständen scheinen alle
Verhältnisse wären ausgeglichen Hiervon ließ sich die Marschallin jedoch nicht
täuschen die sehr wohl alle Abstufungen der Gunst kannte und mit einem
mittemässigen Zustande der Dinge nicht zufrieden sein konnte da sie bisher den
ersten Rang erstrebt und erreicht hatte
Leonin blieb dagegen hartnäckig bei seinem Vorsatze jetzt keine Begnadigung
nachzusuchen und der Gunst des Marschalls von Louxemburg anheim zu stellen sein
Erscheinen bei der Armee zu entschuldigen Da die Maischallin ein Missglücken
eben so fürchtete fand er weniger Widerstand als er erwartet und seine
Gemahlin mit ausgedehnten Vollmachten versehend und ihr jeden Beweis der
Achtung dadurch gebend verließ er endlich das väterliche Haus und begab sich
zur Armee des Niederrheins in einem Augenblicke wo ein ziemlich zweifelhafter
Zustand des Gelingens bei den Armeen obwaltete
Fünf Jahre waren verflossen Der Nymweger Friede war geschlossen die Armeen
kehrten nach Frankreich zurück Durch alle Provinzen des Landes verteilt
erreichten die Truppen ihre Heimat ohne dass damit eine Auflösung der Armee
verbunden gewesen wäre die Ludwig der Vierzehnte schon damals nicht für
politisch erkannte und damit dem übrigen Europa dem die Mittel fehlten diese
Maassregel nachzuahmen ein stets furchtbarer und überlegener Gegner blieb
dessen Freundschaft zu erhalten die gefügigsten Schritte getan wurden die dem
Übermute der damals schon Ludwigs Gesinnung ausschließlich zu beherrschen
begann einen schrankenlosen Spielraum gaben
Nach fünfjähriger Trennung kehrte Leonin als Adjudant des Marschalls von
Louxemburg zu seiner Familie zurück Die Marschallin war Oberhofmeisterin der
Prinzessin von der Pfalz geworden der zweiten Gemahlin des Herzogs von Orleans
Sie lebte fast immer am Hofe obwohl ihr jede Freiheit zugestanden war die sie
sich selbst geben wollte Immer mehr jedoch war der Hof eine Art Kultus
geworden dessen Dienste sich weihen zu dürfen der Inbegriff aller Wünsche
aller Bestrebungen ward In dem Maße wie sie durch die ihr gewordene
Auszeichnung über alle ihre Feinde triumphirte hoffte sie ihre Familie auch zu
dem alten Glanze zurückzuführen der durch die zweifelhafte Stellung ihres
Sohnes noch immer in Schatten gestellt blieb Obwol unter den zahlreichen
Nachrichten von der Armee die günstigsten über Leonins Verhalten seinen Mut
seinen rastlosen Eifer einliefen nimmer war eine Gelegenheit zu finden
dieselben bis zu dem Könige zu führen Außer in diesem Zauberkreise
schmeichelten Alle der stolzen Mutter damit in Gegenwart des Königs aber
schwiegen Alle davon weil Jeder wusste dass als einst Madame mit ihrer kecken
deutschen Weise die viel Gnade vor Ludwig fand auf diesen Gegenstand kommen
wollte der König sie verwundert angesehen und als ob sie Deutsch mit ihm
gesprochen ihr gar nicht geantwortet und ihr den Rücken zugekehrt habe
Jetzt sammelten sich die hohen Häupter der Armee wieder um den König und
der Monarch getragen und gehoben von dem Ruhme seiner Armeen spendete Ehren
Vermögen Gunst und Auszeichnung jeder Art an seine Helden Die Eroberung von
Mastricht und die Schlacht bei Montcastel kurz vor dem Frieden diesen so
bedeutend erleichternd gaben dem Herzoge von Louxemburg ein besonders frisches
Andenken und ein eingeräumtes Recht an die Gunst seines Königs
Es war daher der Herzog von Louxemburg der das Eis brach auf dem Alle zu
fallen fürchteten und den König um die Erlaubnis bat ihm seinen Adjudanten
den Grafen CrecyChabanne dem er das Leben auf dem Schlachtfelde von Montcastel
verdanke vorstellen zu dürfen
Die Form war gut gewählt und diese beherrschte Ludwig immer despotischer
er ward dadurch an nichts der Vergangenheit Angehöriges erinnert diese in seine
Willkür gestellt und für seine Erlaubnis im Fall er sie geben wollte eine
Brücke gebaut die bloß den Marschall zu ehren schien und so gar nicht übersehen
werden konnte ohne diesen zu kränken Er neigte daher einwilligend das Haupt
und ging augenblicklich zu dem Ereignisse sebst über indem er den Herzog von
Louxemburg fragte bei welcher Gelegenheit er in so dringender Gefahr gewesen
sei
Der Marschall hatte jetzt Veranlassung Leonins Verdienst hervor zu heben
welches er mit der höfischen Vorsicht tat welche es vermeidet eine Meinung
bestimmen oder lenken zu wollen und nur wie von dem Gegenstande gezwungen die
Dinge vorzutragen scheint Der König glaubte durchaus seine Ansicht hierüber dem
Hofe entzogen und seiner Willkür überlassen während schon Alle sicher waren
Leonin werde sich eines gnädigen Empfanges zu erfreuen haben Doch täuschte
Ludwig erfindungsreich in Nüancen des Ceremoniels welches immer mehr zur
karrikaturartigen Übertreibung ausartete auch hier seine Höflinge Zwar durfte
Leonin die geweihte Schwelle des königlichen Audienzzimmers betreten und in die
Reihen der gleich berechtigten Kavaliere treten aber der König schien ihn
dennoch nicht zu sehen obwohl er bei seinen verhängnisvollen Wanderungen ihn
sehen musste Als er jedoch an dem Marschalle von Louxemburg vorüber schritt und
dessen besonders bekümmerte Miene sah rief er »Ah Marschall wir sollten den
Retter Ihres Lebens kennen lernen«
Leonin beugte das Knie der König betrachtete ihn einen Augenblick stumm
dann hieß er ihn aufstehen und jetzt sprach er zu ihm wie zu einem völlig
fremden nie gesehenen Manne und indem er seine Handlungsweise lobte verriet
doch nicht die kleinste Äußerung dass er ihn je früher gesehen habe So
demütigend dies war musste Leonin es doch für eine Gnade ansehen auch erhielt
der Herzog für ihn ohne Einwendung die Bestätigung zu einer Oberstenstelle die
ihn jedoch nicht von der Person seines Generals trennte
Die Königin empfing ihn dagegen ohne alle Zeichen der Empfindlichkeit
Viktorine nahm ihren Platz unbestritten bei ihr ein und niemals hätte sie den
Gatten derselben zu kränken vermocht
Dazwischen sehen wir Leonin sobald er Musse finden kann den Weg nach St
Sulpice einschlagen Mit unbeschreiblicher Bewegung erreicht er das Gittertor
aber als es ihn einlässt verfolgt er nicht den Weg nach dem Stiftshause sondern
wendet sich links und hat sich bald in die Klostergänge verloren in denen ihm
ein voran schreitender Laienbruder die Zelle Fenelons öffnet
Tief atmend bleibt Leonin auf der Schwelle stehen Es ist gegen Abend die
Sonne scheint mild durch Rebengeländer in das geöffnete Fenster Auf einem
hölzernen Stuhle sitzt Femelon vor einem einfachen Tische mit Büchern und
Schreibgerät bedeckt Auf einem Bänkchen neben ihm steht ein Knabe von sieben
Jahren und liest nach Fenelons Anweisung in einem lateinischen Breviere Der
Knabe wendet ihm den Rücken zu aber er darf nur den reichen Heiligenschein
goldbesäumter brauner Locken sehen um zu wissen dass vor ihm Fennimors Sohn
steht Fenelon streckt dem Erwarteten über den Knaben hinweg die Hand
entgegen Auch dieser hört den Eintretenden er blickt zu seinem Lehrer auf
dann wendet er rasch den Kopf sieht den Fremden und ist mit einem Satze von dem
Bänkchen gesprungen Außer sich aber stumm vor Bewegung steht Leonin vor
seinem Sohne Er wagt nicht ihn an sein Herz zu drücken die maasslose Wonne
die ihn bei seinem Anblicke durchströmt ist zugleich der wahnsinnigste Schmerz
Es sind Fennimors tiefblaue Augen das zarte Oval mit dem süß gerundeten Kinne
dieser volle lächelnde blühende Mund mit den kleinen weißen Zähnen dieser
Ausdruck zwischen Ernst und Schelmerei dieser bezaubernd warme Farbenglanz
So sah er ihr Antlitz als sie noch auf der Grenze der Kindheit ihm zuerst
entgegen trat Der Knabe trug ein offenes Hemd das über Schultern und Brust
aufgeschlagen war wegen der Wärme des Tages und besonders anmutig zu einem
Pagenkleide von blassblauer Seide passte So wie er seinen Satz gemacht hatte
griff er nach seinem Barett und machte dann eine der kleinen zierlichen
Verbeugungen die kein Tanzmeister und Erzieher lehrt und die nur aus der
Schönheit des Körpers aus dem befiederten Geist eines Kindes hervorzutreten
vermögen Es war wieder Fennimors unaussprechlich schwebende Anmut ihr
wunderbarer Patos zugleich
»Fasst Euch« sprach Fenelon mild »und umarmt dies Kind Eurer seligen
Freundin Reginald« fuhr er fort sich zu ihm wendend »dieser Herr ist Dein
Vormund den Du so liebst weil er Dich hier erziehen lässt«
»Das dachte ich« rief Reginald und im Augenblicke sprang er Leonin um den
Hals Jetzt hatte er ihn im Arme An seine Brust gedrückt durfte er ihn küssen
ihm die süßesten Namen geben über ihm die ersten Tränen der lang
vertrockneten Augen weinen
Wir erzählen indes wie er hierher kam Als Reginald sein viertes Jahr
zurückgelegt erklärte der Vikar Emmy Grays Dienst bei ihm erledigt Er
predigte tauben Ohren Sie wollte das Kind nicht herausgeben und fasste den
finstersten Hass gegen den Vikar und seine Schwester die sie zu diesem Schritt
in Güte bereden wollten Reginald hatte sich körperlich und geistig kräftig
entwickelt aber Emmy hielt ihn wie einen Vogel im Käfig und da sie selbst
weder schreiben noch lesen konnte so waren auch diese ersten Grundlagen dem
Kinde nicht von ihr beizubringen Aber gerade weil sie gegen diese Einwürfe
nichts zu erwidern wusste verbaute sie ihren Willen mit dem hartnäckigsten
Eigensinne und die Geschwister die Fennimors Kind nicht aufgeben konnten
wendeten sich an den Grafen Crecy selbst obwohl dieser noch bei der Armee war
Dies brachte einen Entschluss in Leonin zur Reife den er schon lange
genährt Er trat mit Fenelon über die Erziehung seines Sohnes in
Unterhandlungen In St Sulpice wurde eine kleine Anzahl Kostgänger aufgenommen
die den sehr ausgezeichneten Unterricht der Mönche und ihre moralische Leitung
genossen Unter diese Zahl Reginald aufzunehmen flehete Leonin Fenelon an Doch
fand er hier den auffallendsten Widerspruch Fenelon äußerte die entschiedenste
Abneigung sich in diese geheime Angelegenheit zu mischen Er sagte ihm dass es
ihm unerträglich sei ein Geheimnis von dem Viktorinens Lebensglück abhinge zu
kennen und dass er wenigstens nichts damit zu tun haben wolle da er es nicht
habe verhüten können so Viel davon zu erfahren Doch Leonin ließ nicht nach in
seinen Bitten und endlich willigte Fenelon ein aber nur unter folgenden
Bedingungen Niemals sollte Viktorine das Verhältnis des Kindes zu Leonin
erfahren niemals dies Kind selbst dass Leonin sein Vater sei Er unterstützte
diese Forderungen durch Gründe die genugsam bewiesen dass selbst dem
aufgeklärtesten Katholiken immer die Stunde schlägt wo er in dem Dünkel seiner
ihm allein berechtigt erscheinenden Kirche die Grenze findet für christliche
Gesinnung dass vornämlich der Priester stets darauf zurückkommt jede andere
Form des Bekenntnisses als die seine für unzulässlich ohne bindende Kraft
anzusehen und dass die Entscheidung über Rechte wie klar sie auch christlich
und sittlich der andern Kirche zugehören mögen doch immer die Stütze der
ausschliessenden Berechtigung entbehren wird die eben als untrüglich
angenommen keiner Frage des Gewissens mehr unterworfen wird und mit der
angewöhnten Überzeugung zugleich die kaum eingestandene Furcht vor den
Zwangsmitteln dieser Kirche verbindet mit welcher die kleinste Abweichung von
ihrer konsequenten Despotie sogleich unrettbar entzweit
Fenelon deutete wirklich an dass er Leonins erste Verbindung nicht für
gültig halten könne darüber aber dennoch Viktorinen als ihr Beichtiger die
Entscheidung erspart wissen wolle Er forderte Leonin auf dies Kind
vorteilhaft zu dotiren doch durch keine weiteren Zugeständnisse sein Gemüt in
falsche Richtung zu bringen und Leonin gab nach
Der Vikar bekam Fenelons Brief und Leonins Entscheidung Herr St Albans
der bejahrte Kastellan von Ste Roche entführte halb mit Gewalt das holde Kind
den Armen der verzweifelnden Emmy Gray und lieferte dasselbe in die Fenelons
Leonin ließ Emmy die Wahl zurückzukehren oder zu bleiben Doch wild wies
sie den ersten Vorschlag von sich Sie hatte Nichts geliebt als Fennimor mit
Widerwillen dachte sie an John Gray ja selbst an ihre kleine Tochter Sie
sagte oft »Ich kann Nichts mehr lieben Was sollen sie mit mir« Sie blieb im
Schloss und bewachte die Zimmer in denen ihr Liebling einst gelebt und hütete
sie und blieb der ganzen übrigen Welt unzugänglich und bitter grollend
Dagegen blühete das herrliche Kind unter Fenelons weiser Hand trefflich
empor Er stürzte sich auf den Unterricht den er erhielt mit der Begierde
eines Hungrigen und sein Lehrer fühlte bald eine so warme innige Zärtlichkeit
für ihn dass er ihn in Allem selbst zu unterrichten anfing
Nachdem Leonin den Rausch des Herzens durchgemacht teilte ihm Fenelon mit
dass Viktorine die ihre Andacht in St Sulpice hielt ihn gebeten habe ihren
Sohn den Kostgängern des Klosters zuzugesellen Er habe die Entscheidung
hinzuhalten gesucht bis zu seiner Rückkehr und frage jetzt um seine Meinung
Augenblicklich willigte Leonin in diesen Plan der ihm eine süße Hoffnung gab
die Brüder vereinigt zu erziehen vielleicht Freunde aus ihnen werden zu sehen
»Dies hoffnungsvolle Kind« sprach Fenelon »hat Viktorine mit dem Wunsche
erfüllt beide Knaben mit einander verbunden zu sehen da Ludwig ihr Sohn von
zarterer Natur und von geringeren Fähigkeiten ist«
Diese Nachricht war der erste Trost für Leonins darbendes Herz und er
kehrte mit so verändertem Wesen zu Viktorinen zurück dass diese sich tief
gerührt fühlte da sie es dem Vergnügen glaubte zurechnen zu müssen mit welchem
Leonin ihren Plan für die Erziehung ihres Sohnes auffasste und mit ihr die
Ausführung desselben verabredete »Gottlob er liebt sein Kind noch« rief sie in
Tränen der Freude als sie allein war »dies Gefühl wird die Brücke werden die
über die Tiefe zwischen uns aufsteigen und sie verdecken muss«
Auch gab es außerdem Familienfeste denen Leonin sich nicht entziehen
konnte Louise de Crecy sollte jetzt mit dem Marquis dAnville der den Feldzug
mitgemacht und nach dem Frieden zu seiner Familie zurückgekehrt war vermählt
werden Das Glück das ihrer wartete schloss Louise nur noch inniger an ihren
Bruder Sie konnte es nicht fassen warum ihr sonst heiterer immer mit ihr
scherzender Leonin so finster und ernst sei Sie hing sich mit der jugendlichen
Hoffnung an ihn sie werde ihn erheitern können und Leonin musste sich
wenigstens in Etwas teilnehmend zeigen um das geliebte Wesen nicht zu
schmerzlich zu täuschen Er durfte sich überhaupt diesen Anforderungen nicht
entziehen da es ihm als Oberhaupt der Familie zukam seiner Schwester die
Honneurs zu machen Man konnte in dieser Zeit nichts Schöneres sehen als den
Marquis dAnville mit seiner Braut und der Hof nahm selbst den
schmeichelhaftesten Anteil an dieser Erscheinung welche Lebrun in einem
ausgezeichneten Bilde verewigte
Nach den vollzogenen VermählungsFeierlichkeiten beurlaubte sich das junge
Ehepaar vom Hofe und Leonin hatte nun Zeit für seinen Sohn die Einrichtungen
in St Sulpice zu betreiben Bald zeigte sich die geheime Hoffnung Leonins
erfüllt Beide Knaben schlossen sich mit größter Liebe an einander und
besonders hatte Ludwigs Liebe fast etwas Leidenschaftliches und Schwärmerisches
für Reginald denn sei es das eine Jahr was dieser älter war sei es ihre
auffallende Karakterverschiedenheit genug ungesucht wurde ihr Verhältnis das
eines Beschützers und eines Beschützten
Wir verlassen hier den Kreis den wir bisher Schritt vor Schritt verfolgten
Es kommen in dem Leben jeder Familie Zeiten vor die leer erscheinen und erst
mehrerer Jahre bedürfen um Resultate zu zeigen Eine solche trat hier ein Es
wird weniger ermüdend sein uns aus den angegebenen Stellungen der Karaktere und
der Verhältnisse die wachsenden Zustände selbst zu erklären als ihnen an der
kleinen Stufenleiter reizloser Begebenheiten nach zu klimmen und so wollen wir
erst da wieder unsere Mitteilungen beginnen wo wir Tatsachen anführen können
die ein Resultat der Vergangenheit sind und neue Katastrophen herbeiführen
Dritter Teil
Obwol Fenelon nicht mehr persönlich die Erziehung in St Sulpice leitete da
seine großen Fähigkeiten nach mehreren besonders durch den König ihm
übertragenen Missionen ihn jetzt zum Erzbischofe von Kambray berufen hatten so
behielt er dennoch ein leitendes Auge für die dortigen Angelegenheiten und vor
Allem für Reginald und Ludwig er erklärte die Erziehung der beiden jungen
Leute für vollendet
Reginald hatte sein einundzwanzigstes Ludwig sein zwanzigstes Jahr
erreicht Fenelon fügte als Rat für Beide hinzu sie nicht zu trennen sondern
vereinigt wie ihre Herzen waren sie auch gemeinsam auf Reisen zu schicken
Dieser Vorschlag ward von dem Grafen Crecy und seiner Gemahlin mit vollständiger
Zustimmung aufgenommen er verschob für den Grafen den gefürchteten
Augenblick den Jüngling Reginald der unter dem Titel des Chevalier de Ste
Roche als sein Mündel bis jetzt noch von jeder Nachfrage seiner Verhältnisse
abgehalten war zu einem neuen Lebensabschnitte geführt zu sehen der die fast
notwendige Frage enthalten musste welcher Platz ihm zustehe in der Welt
einzunehmen Obwol der Graf Crecy einundzwanzig Jahre Zeit gehabt hatte diesen
Augenblick zu überlegen so hatte er ihn doch seinem Charakter gemäß
heranschleichen lassen ohne für seine Anfrage eine Antwort finden zu können
und gänzlich beruhigt durch die Freigebigkeit mit der er beide junge Leute
gleichmäßig ausstattete war er sich nur bewusst diese sorglose Freiheit des
Reichtums ihm erhalten zu wollen die nötige Form in der sie ihm zu erhalten
wäre von seinem alten Troste dem Zufall erwartend Wir müssen annehmen dass
seine Gemahlin ebenfalls Gründe hatte sich mit Fenelons Rat einverstanden zu
erklären da wir ihr großes Vertrauen zu ihrem ehemaligen Lehrer kennen doch
hatte die geheime Geschichte der zurückgelegten zwanzig Jahre bis auf einige
Punkte sie der Wahrheit immer näher geführt und sie in Reginald einen Anspruch
an ihren Gemahl anerkennen lassen den sie leise zu schützen und zu fördern
suchte und dies unbezweifelt aus einem Triebe ihres Edelmutes aber wir
müssen es gestehen zugleich auch um sich dadurch jede mögliche Erklärung oder
Rechtfertigung abzuhalten denn hier fühlte sie beständig die Grenze ihrer
Selbstbeherrschung Sie zitterte sogar vor sich selbst bei dem Gedanken dies
unglückselige Geheimnis wirklich zu kennen und sie war zweifelhaft ob sie es
ferner dann in Reginalds Erscheinung werde ertragen können oder dürfen da ihre
Vermutungen nie so weit gingen die Rechtmässigkeit seiner Ansprüche zu ahnen
So hatte denn der Graf Crecy volle Freiheit die Dinge sich von selbst
machen zu lassen und fand sich sogar überall von seiner Gemahlin hierin
unterstützt
Die auffallende Tatsache dass Reginald den Namen der besonders dem Grafen
gehörenden Besitzung Ste Roche führte schien ihr nie auffallend Sie zählte
Reginald so bestimmt zu ihrem Hausstande nahm so fest an dass jene Besitzung
ihm gehöre ohne diese merkwürdige Annahme je entschieden auszusprechen dass
damit viele andere Nachfragen nach den Eltern oder den Berechtigungen
Reginalds von selbst wegfielen
Auch musste die Marschallin von Crecy bei diesen Verfügungen die sie
anfänglich mit dem größten Zorn erfüllten da sie ihr den unberechtigten
Jüngling dessen größeres Recht sie hartnäckig vor sich läugnete viel zu sehr
begünstigten endlich verstummen Denn nachdem ihre Schwiegertochter jede
Anregung darüber überhört hatte traf sie bei einem direkteren Angriffe hier auf
einen so maasslosen Ausbruch von Zorn und Heftigkeit mit so drohenden
Äußerungen verbunden dass sie schnell einsah eine deutlichere Erklärung würde
die Gemahlin ihres Sohnes zu den äußersten Schritten treiben sie würde sogar
glauben sie tun zu müssen und die Marschallin hatte kaum noch Zeit indem
sie jede erfahrene persönliche Beleidigung der Erzürnten übersah
beschwichtigend einzuschreiten wodurch die junge Gräfin nun auch von dieser
Seite völlig Ruhe bekam Mit zarter Hand hatte Fenelon dagegen seine edle
Schülerin in dieser Prüfung zu leiten und zu schützen gesucht selbst die
Beichte hatte nie den Namen für das Geheimnis des belasteten Herzens aufgedeckt
allgemein war das Vertrauen des tief wohnenden Schmerzes allgemein der Trost
des würdigen Freundes Beide kannten sich vollständig und es fehlte ihnen in
dieser schonenden Form nicht an ausreichendem Verständnis
Nur der Gegenstand so vieler Vorsicht und Selbstüberwindung blieb völlig
unbefangen und sorglos diesen Verhältnissen gegenüber Er sah sich als eine
Waise an dessen Eltern der Graf Crecy gekannt und daher sein Vormund und
Verwalter seines Vermögens wofür er die Besitzung Ste Roche hielt deren Namen
er trug geworden war Mit kindlicher Liebe hing er an dem Grafen Crecy aber
fast noch mehr an der Gräfin denn das düstere gedrückte Wesen seines Vormundes
passte viel weniger zu seinem raschen glühenden Feuergeiste als der lebhafte
Geist der Gräfin Auch liebte die Gräfin ihn wirklich sie liebte ihn mit der
schönen Unparteilichkeit die sie seine seltenen Fähigkeiten erkennen ließ sie
liebte ihn zugleich als den Freund als den Beschützer ihres eigenen Sohnes der
mit einer zarteren physischen Bildung auch geringere geistige Gaben besaß
Dieser Jüngling lebte nur von der befruchtenden Glut seines geliebten
Reginald er ward ergänzt getragen belebt durch ihn und seine scharfblickende
Mutter sah bald den ganzen Vorteil dieser innigen Verbindung und war Reginald
in der Stille dankbar für einen Dienst den jener nicht ahnte und den beide
Jünglinge durch ihre innige Zuneigung für einander sich bezahlten
Nur ein Wesen gab es in dieser friedlichen Ausgleichung welches jedem
friedlichen Zustande zürnend am wenigsten ihn einem Hause gönnte dem es
grollend gegenüber blieb es war der Marquis de Souvré welcher trotz Alles
was er erreicht sich doch noch nicht genug getan hatte und nie das Auge von
der Hoffnung abwendete mit einem plötzlichen Schlage die Mine die von Allen
so sorgfältig verdeckt dennoch unter ihren Füßen weglief dereinst in die Luft
sprengen zu können Er war wie zu erwarten stand durch zunehmende Jahre nur
verhärteter und böswilliger geworden von tausend ehrgeizigen Plänen
verscheucht verachtete er Alles was er erreicht um seine vollständige
Bitterkeit gegen die Welt fortsetzen zu können Er rächte sich für jede ihm
fehlgeschlagene Absicht an der ganzen Summe der menschlichen Gesellschaft das
Individuum galt ihm fast gleich denn jedes Gelingen beleidigte ihn und er trat
demselben entgegen so viel es möglich zu machen war Ja dies ward nach und
nach eine größere Beschäftigung für ihn als seine eignen Angelegenheiten da
er ohne es sich einzugestehen den Fluch der Sünde erfuhr gegen alle
erstrebten Vorteile mit Gleichgültigkeit und Ekel erfüllt zu sein
Seit dem Tode der Königin machte er Madame de Maintenon den Hof und gehörte
zu ihrem kleinen Zirkel hier eben so wie früher bei Madame Henriette und der
Königin gefürchtet und geschont Er hatte den heiligen Geistorden und den
KammerherrnSchlüssel und Ludwig der Vierzehnte verfehlte niemals wenn er ihn
sah zu sagen »Was hat uns unser geistreicher Herr Marquis mitzuteilen« Er
musste sich selbst eingestehen er werde es schwerlich höher treiben und deshalb
gewann sein Charakter in der angedeuteten Richtung Stärke und Dauer und die
Menschen blieben ein tief von ihm verachtetes Werkzeug mit dem er sich
herabliess nach Laune und Willkür zu spielen Wir werden begreifen dass der
Marquis de Souvré aus dem Leben gemacht hatte was er als seinen Inhalt annahm
und dass seine ganze Erfahrung eine fortgesetzte Bestätigung dieser Annahme
schien Nur einen Punkt in seinem Leben gab es an den er nie ohne ein
unfreiwilliges Erschrecken denken konnte es war die Erscheinung Fennimors
Wie sehr er sich auch bemüht hatte ihre wunderbare Überlegenheit zu
verleugnen sie gering zu schätzen sie zu bespötteln und zu verachten es
zeigte sich Alles unzureichend wenn in unbewachten Stunden der Augenblick vor
ihm auftauchte wo sie vor ihm stand wie ein leuchtender Engel mit dem feurigen
Schwerte der Gerechtigkeit und mit ihrem erhabenen Mitleiden und religiösen
Grauen ihm ein Bild seines eigenen Zustandes vorhielt in dem er sich
überwältigt von der furchtbaren Gewalt der Wahrheit erkannt hatte und vor dem
ihn eine stets geläugnete Überzeugung seiner Verworfenheit ergriffen hatte Er
erlebte ohne es hindern zu können die Strafe sich an jedes Wort jeden Zug
ihres Gesichtes jede Bewegung erinnern zu können Er musste der Erscheinung in
seinem Innern wie gefesselt stille stehen er hörte den Ton ihrer Stimme er
musste sie begleiten bis sie vor seinen Augen wie er damals glaubte starb Er
hatte nie Ähnliches erlebt dieser Tod hatte ihn nicht befriedigt nicht an
ihr gerächt es schien umgekehrt er lag wie eine Rache die er erlitten in
seiner Seele Er selbst war von diesem Platze entflohen von einer Macht in
die Flucht geschlagen die stärker war als er er nahm die ganze Last einer
Verwerfung und Herabwürdigung mit sich die er nie zu erleiden gedacht und er
nahm sie mit ohne sich seiner Empfindung nach gerächt zu haben Kam Souvré
Jahrelang nachher an diesen Punkt seiner Erinnerung fuhr er in die Luft wie
von dem giftigen Bisse eines Skorpions verletzt Er konnte es kaum fassen Da es
aber dasselbe blieb in seiner Überzeugung warf er prüfend den Blick umher und
suchte den Gegner zu entdecken der mit diesem unverscheuchbaren Eindrucke
seiner Seele zusammen hing Er fand ihn nur zu bald in dem Hoheit blickenden
Jüngling mit den tief blauen Augen und dem braunen goldbesäumten
Heiligenscheine seines Lockenhaares Wenn dieser Jüngling der ihn beständig
reizte alle Dämonen seines frivolen Geistes spielen zu lassen ihn dann
plötzlich ernst und ruhig anblickte fühlte er den Blitz den Fennimor einst
über ihn entzündete und wenn er ihn hassend und zürnend doch selbst zu locken
schien als ob der Dämon in ihm unter den Augen dieses Jünglings in Zuckungen
verfiele so gelobte er sich eben so oft diese einzige Gewalt seines Lebens
die ihm ungebeugt gegenüber gestanden sollte dennoch von ihm gebrochen werden
Dies blieb auch das wohl befestigte Band zwischen ihm und der Marschallin
von Crecy Beide waren auf der Geistesbahn die sie erwählt nicht stehen
geblieben Bitter grollend stand die Marschallin eben wie Souvré der Welt
gegenüber die es gewagt statt siegreichen Gelingens ihr so viel gescheiterte
Pläne und Wünsche zu geben Obwol jetzt in hohem Alter hatte sie noch keine
Schwächen desselben zu erleiden und verknöchert in den Formen ihres
Hofdienstes schien sie fast dieselbe zu bleiben Aber wo war der Glanz ihres
Hauses den ihr Sohn um jeden Preis aufrecht erhalten sollte Niemals hatte
derselbe seinen Hofplatz wieder eingenommen also auch sein Ansehen in den
Zirkeln die sie einst beherrschte nie wieder erlangt Seit dem Tode der
Königin lebte ihre Schwiegertochter ebenfalls ganz vom Hofe entfernt und da
Leonin dem Marschalle von Louxembourg nicht wieder in den Krieg gefolgt war
setzten Beide ein wie es der Marschallin schien höchst unwürdiges Privatleben
fort das sie vergeblich zu verändern getrachtet hatte und nur von Zeit zu Zeit
wieder zu stören versuchte um mit derselben beleidigenden Überzeugung sich
zurück zu ziehen dass ihr Einfluss hier an dem finster grollenden Eigensinne
ihres Sohnes und der kalten Ruhe ihrer Schwiegertochter scheitern müsse Dessen
ungeachtet entzogen sich Beide der Geselligkeit in dem Hause der Marschallin
nicht und scheinbar blieb das vollkommenste Einverständnis Aber wenn die
Marschallin von immerwährender Missbilligung gereizt bedachte wem sie das
Scheitern aller ihrer ehrgeizigen Pläne danke dann kam sie scharfsichtig
kombinirend endlich zu dem kleinen unscheinbaren Punkte den sie so tief
verachtet so leicht zu erdrücken dachte wie den Wurm unter ihrem Fuße
Fennimor dies unberechtigte geringe Wesen dessen Ansprüche ihr kaum der
Widerlegung wert geschienen hatte doch mit seinem unbedeutenden Leben den
Boden untergraben auf dem sie fest zu stehen glaubte und sterbend noch schien
sie die Rache alle Pläne umzustürzen die auf ihren Untergang berechnet waren
vollführt zu haben Von Leonins Flucht bei der Nachricht ihres Sterbens musste
die Marschallin den Verfall des Glanzes ihres Hauses herrechnen Wenn sie an den
Morgen des Tauftages dachte musste sie sich sagen dass ihr Herz in stolzer
Befriedigung schwellend ihr fast die Brust beklemmt habe und wenige Stunden
nachher war Alles in einem Grade verändert den sie in ihren Verhältnissen für
unmöglich gehalten hatte
Wir haben hier noch einmal die Veranlassungen zu ihrem Gemütszustande
berührt um uns dann um so deutlicher denken zu können mit welchen Empfindungen
sie Reginald mit dem beleidigenden Zunamen Ste Roche ansehen musste der wenn
ihm auch sein wahrer Name damit geraubt war dennoch eine Begünstigung schien
gegen die sie noch immer Vertilgungsmittel in ihrem Geiste aufsuchte nie die
Hoffnung aufgebend ihn aus Berechtigungen zu verdrängen durch welche sie ihr
Haus für beschimpft hielt
So viel als möglich leugnete sie seine Gegenwart ganz Sie hatte eine
Weise über ihn wegzublicken ihn nie zu hören jede Anregung Anderer
hinzunehmen als sei sie auf diesem Punkte taub und blind dass es bis jetzt
unmöglich geblieben war den jungen Mann ihr vorzustellen wodurch sie jede
Ermutigung verhinderte und ihr die Freiheit gesichert schien ein nie
anerkanntes Verhältnis zur gelegenen Stunde mit unvergebener Stärke angreifen zu
können
Dessen ungeachtet ward es ihr nicht erspart den Jüngling so oft als ihren
angebeteten Enkel sehen zu müssen Da die jungen Leute an keiner Gesellschaft
Teil nahmen war es nur der Mittagskreis beim Grafen Crecy in welchem sie zu
gewissen Tagen erscheinen durften und wo sie nur die nächsten Freunde und
Verwandte fanden und welche Tage die Marschallin zuletzt nicht mehr versäumte
um sich mit Übergehung Reginalds an ihrem Enkel zu entzücken
So bitter nun Souvré selbst den Chevalier de Ste Roche hasste so war ihm
doch seine Gegenwart ein unendliches Ergötzen der stolzen Marschallin
gegenüber und er hatte tausend kleine Kunstgriffe um die feste Stellung seiner
geehrten Freundin zu erschüttern oder das Maß des Unwillens woran sie zehrte
zu vermehren
Auch war Reginald selbst wie dazu geschaffen diesen bösen Willen zu
unterstützen denn es gab kein freieres sorgloseres Betragen als das seinige
Er übersah jede Unfreundlichkeit denn er hielt sie für unmöglich Kein Zug
seines Gesichtes oder seines Karakters erinnerte an seinen Vater er war das
vollständigste Bild seiner Mutter Sein Anstand war so ausgezeichnet dass er
Jedem eine Art Erstaunen einflößte seine bezaubernde Höflichkeit die von einem
seelenvollen Ausdrucke der Güte unterstützt ward machte auf die ältesten und
vornehmsten Personen einen Eindruck der sie unwillkürlich jede seiner
Äußerungen mit einer Art Verbindlichkeit aufnehmen ließ Ohne dass man
nachweisen konnte wie es geschah nahm er bald überall einen ausgezeichneten
Platz ein Es war kein Zug von Anmassung in ihm aber seine Unbefangenheit ließ
ihn den Platz einnehmen der ihm eingeräumt ward Er hatte die unschuldige
Freude der Entwicklung und schien seine jungen Kräfte auf jedem Platze mit Lust
und Frische zu prüfen So ergriff er auch mit einer rührenden Wärme und
Hingebung das Verhältnis zu der Gemahlin des Grafen Crecy und zu dem jungen
Grafen Ludwig Er nahm mit der sicheren Voraussetzung ihrer Liebe ihr Vertraun
ihre Teilnahme in Anspruch und gab dafür mit reichen Händen Alles was er
selbst besaß Beide junge Leute waren unzertrennlich Ludwig betete seinen
jungen Freund an und Viktorine wusste dass dies Gefühl bei ihm stärker sei wie
bei Reginald denn sie hatte längst erkannt dass dieser sie am meisten liebe
Ebenso war Reginald im Kloster bei seinen Lehrern und Erziehern besonders
ausgezeichnet er war ihr Stolz ihr Triumph Die jungen Leute aus der Fremde
besonders aus England aus den vornehmen Familien die mit den Stuarts sich
verbannt hatten und von denen einige den Vorzug erlangten ihre Söhne den
berühmten Mönchen von St Sulpice anvertrauen zu dürfen fanden alle in dem
jungen Chevalier de Ste Roche ein Vorbild dem sie sich anschlossen Seine
Überlegenheit stützte sie Alle und ihr ganzes Leben unter seiner heitern und
doch so edelen und sittlich festen Leitung fand Genuss ohne Tadel zu erwecken
Als die Marschallin von Crecy die Absicht erfuhr beide junge Leute auf
Reisen zu schicken tat sie noch ein Mal Alles was ihr an Macht im Hause ihres
Sohnes zustand um diese unbegreifliche Unschicklichkeit zu hindern Aber sie
drang auch dies Mal nicht durch und entschloss sich endlich diesen Gegenstand
fallen zu lassen um einen anderen ihr wichtigeren verfolgen zu können
Sie fand nämlich bei der sorglosen und unwürdigen Art wie beide Eltern die
höchst wichtigen Verhältnisse ihrer Familie vertraten dass sie in ihrem Enkel
so viel es noch die ihr zugeteilten Lebensjahre zuliessen retten und schützen
müsse was ihm dereinst zur vollen Aufrichtung des alten Glanzes dieses Hauses
behilflich werden könne und dazu hielt sie eine Vermählung für das geeignetste
Mittel Die Gräfin La Fajette half aus eigenem Familienstolze diese Wünsche
unterstützen Ihre Tochter die Gräfin dAubaine die Freundin Louise de
Crecys der jetzigen Marquise dAnville hatte glücklicher wie Louise welche
mehrere Kinder verloren und erst jetzt zwei kleine Knaben heraufzog drei
blühende Kinder einen Sohn den Ältesten der Familie und zwei hold
heranblühende Töchter von denen die älteste Franziska diejenige war welche
die Marschallin ihrem Enkel bestimmte Dieser Plan fand bei den Eltern des
jungen Ludwigs keinen Widerspruch doch verlangte die Gräfin Crecy dass keine
Vorherbestimmungen statt finden sollten den jungen Leuten freie Wahl bleiben
müsse und keine Kenntnis dieser elterlichen Wünsche ihnen die nötige
Unbefangenheit rauben solle Diesen Bedingungen gab die Marschallin mit stolzer
Geringschätzung nach und verfügte dass die Reise die nunmehr festgesetzt ward
mit einem Besuche bei Louise auf dem Schloss Arconville und mit deren Familie
vereinigt alsdann bei dem Grafen dAubaine in Ardoise anfangen solle Bis
dorthin sollte der Marquis de Souvré die jungen Leute begleiten dann sollten
sie sich zuerst nach England und Schottland begeben und zwar in Gesellschaft
eines Freundes aus dem Kollège von St Sulpice der obwohl bedeutend älter als
beide Jünglinge doch mit dieser Reise eine Zugabe seiner für vollendet
erklärten Erziehung zu machen wünschte und in dieser Zeit der zärtlichste Freund
Reginalds ward Der Tod seines Vaters der ihn zum Lord DuncanLeitmorin
gemacht forderte seine Rückkehr nach England wohin ihn die Freunde mit
Einwilligung des Grafen und der Gräfin Crecy zu begleiten versprochen hatten
Mit musterhafter Standhaftigkeit ertrug die Gräfin Crecy den Abschied von
ihren beiden Lieblingen denn ihre schnell herabgekommene Gesundheit gab ihr
eine schmerzliche Ahnung dass diese Trennung für immer sein würde Aber wie sie
ihren Sohn aus ihren Armen ließ legte sie Reginalds Hand in die seinige und
indem sie Beide segnete sagte sie »Reginald Sie werden meinem Sohne ein
treuer liebevoller Freund sein ich vertraue Ihnen mit vollster Zuversicht die
zartere Natur meines teuren Sohnes«
Mit welchen Gefühlen kniete Reginald da vor der Frau nieder die er am
meisten liebte und sah sie mit glühendem Antlitze an wollte ihr antworten
und hatte Nichts als feurige Tränen die er ihr nicht verbarg Sie verstand
ihn bog sich nieder und küsste mütterlich seine Stirn
Beide traten ihre verhängnisvolle Reise an Wir finden die jungen Leute erst
in Ardoise wieder wo sie in dem Kreise junger liebenswürdiger Gefährten den
vollen Reiz der Jugend kennen lernten Die Marquise dAnville und ihr Gemahl
der Graf und die Gräfin dAubaine waren so vom Glücke begünstigt so heiter und
sorglos dass sie noch jünger erschienen als ihre Jahre angaben und begünstigt
von der Freiheit eines ländlichen Aufenthaltes teilten sie das fröhliche Leben
ihrer Kinder und erhöhten dadurch ihre Freude Der junge Graf dAubaine hatte
sein zwanzigstes Jahr vollendet die Gräfin Franziska trat ihren sechzehnten
Sommer an und eine vierzehnjährige Schwester war das Schoosskind Aller der
Armand und Leonce die kleinen Knaben der Marquise dAnville sich anschlossen
Außerdem zogen liebe Gäste aus und ein Der junge Lord Duncan ward von Allen zur
Familie gerechnet und er fühlte sich hier um so weniger fremd als er zwei
liebenswürdige Landsmänninnen fand Gegen den Vater der einen einer Miss Lester
der jüngeren Tochter eines Geistlichen hatte Graf dAubaine eine Verpflichtung
der Dankbarkeit da der würdige Mann ihm bei seinen Reisen durch England in
einer gefährlichen Krankheit durch treue Pflege das Leben gerettet hatte Sie
blieben von da an in immerwährendem Briefwechsel und der würdige Herr Lester
entschloss sich endlich den Wunsch des Grafen dAubaine zu erfüllen und seine
geliebte Margarit die mit Franziska in einem Alter war auf einige Zeit nach
Frankreich zu schicken Dies geschah in Begleitung einer Miss Ellen Gray die als
Pflegekind mit Margarit erzogen ward und bedeutend älter ihr eine Art Schutz
werden sollte
Nur zu schnell verflossen hier ein Paar der glücklichsten Monate und fast
Alle fühlten sich überrascht als der Moment da war der die lange festgesetzte
Trennung forderte
Aber man trennte sich nicht wie man sich zusammen gefunden hatte Das Loos
war geworfen In dem heiteren Reigen der Jugend in dem scherzenden Vertändeln
der Stunden in einer Lebenszeit die den Ernst und die Wichtigkeit desselben in
den Hintergrund drängt hatte doch Jeder unbewusst das Loos empfangen was über
seine Zukunft entschied und erst als die Stunde der Trennung schlug erkannten
die Beteiligten was sie erlebt
Auch hier hatte Reginald den ersten Platz eingenommen Wie mit Zauber lenkte
er die Gemüter Nicht allein die Jugend hing ihm in Allem vertrauend an selbst
die Eltern teilten dies Gefühl Jauchzend voll Jugendlust flog Reginald
jeder Anforderung genügend von einem Platze zum anderen Jede körperliche
Geschicklichkeit nicht für ihn allein für alle Anderen ausreichend führte ihn
in das Interesse eines jeden Anwesenden Seine Schönheit schien hier noch eine
neue Entwicklung zu erfahren es trat jenes bezaubernde glühende Feuer hervor
welches das erste Stadium der Jugend überschritten anzeigt und jeden Blick
jede Bewegung zu einer kühnen Herausforderung an das Leben macht gegen dessen
geheimnisvollen Inhalt eine zürnende Begierde hervortritt die sich des Streites
mit ihm zu erfreuen denkt und ohne dass er es wusste jagte sich der kindlichste
Witz mit der glänzendsten Fülle der Gedanken und Gefühle über seine Lippen
Fenelons Schüler hatte Unterricht erhalten der seine Geistesfähigkeit frei
entwickelt hatte und ihr Zweck und Ordnung gegeben die ihm schon jetzt ein
Resumé von Bildung gab das der Jugend oft so schwer wird aus wüst
eingehandelten Kenntnissen zu gewinnen die nur zu oft ein ganzes Leben hindurch
einen beschwerten Zustand zurücklassen der sich vergeblich auf das mühsam
gesammelte Material stützt das doch nicht Bildung werden will Hiervon war
Nichts in Reginald von der toten Masse der Eingangsform schon erlöst hauchte
das Wissen sein geistiges Fluidum in ihm aus und belebte und erzeugte das
Gegebene zu eigener Gestaltung der Nachweis fand sich in seinen entwickelten
Gedanken nicht in Jahreszahlen und Namensregister
Louise und ihr Gemahl ahnten sein besonderes Verhältnis zu ihrer Familie
die merkwürdige Dotation von Ste Roche mussten sie notwendig darauf führen
Alle Übrigen kannten diesen Umstand nicht und die Besitzung Ste Roche die
fast nie als Crecysches Eigentum genannt ward schien selbst dem Grafen
dAubaine unbekannt in dessen Nähe sie lag es wurde ihm daher leicht den
jungen Mann als Besitzer anzuerkennen da Graf Crecy als Vormund ihn unter
diesem Titel ihm empfahl Doch wurde er Veranlassung dass Reginald selbst darauf
aufmerksam ward und ohne über die auffallende Art nachzudenken mit der sein
Vormund ihm die Nähe seiner angestammten Besitzung verschwiegen hatte sprach er
seinen Wunsch aus sie kennen zu lernen Graf dAubaine unterstützte dies um so
mehr da eine der jungen Engländerinnen Miss Ellen Gray sich verpflichtet
fühlte ihre Mutter aufzusuchen die aus unbekannten Gründen dort ihren
Aufenthalt hatte was es für sie sehr wünschenswert machte die Reise unter
Reginalds Schutz anzutreten Doch hier schritt der Marquis de Souvré auf das
Entschiedenste ein Er erklärte diesen Besuch ganz gegen den bestimmten
Reiseplan für den er wenigstens so lange sie auf französischem Boden wären
einzustehen habe und Reginald der stets eine ehrerbietige Nachgiebigkeit gegen
Aeltere hatte fügte sich in diesen Ausspruch
Miss Ellen Gray reiste daher allein nach Ste Roche ab und Reginald schob
die Besichtigung seiner Besitzung bis zur Beendigung seiner Reise auf indem er
sich von Ellen die noch vor seiner Abreise zurückzukehren hoffte versprechen
ließ recht Viel davon zu erzählen da er es sehr wünschte damit die frühesten
Eindrücke seiner Kindheit aufzufrischen die ihm immer einen reizenden
Aufenthalt in Mitten eines Waldes vorspiegelten wo er an einem seltsamen
Schloss kleine Treppen erklettert war die um einen Turm liefen von einer
alten Frau behütet welche ihm dann schöne Früchte schenkte
Auch traf Miss Ellen Gray einen Tag vor der Abreise der jungen Leute in
Ardoise wieder ein wie es schien wenig befriedigt von ihrem Aufenthalte da
Mistress Gray ihre Mutter keine Freude bei ihrem Wiedersehen gezeigt hatte und
mehr ihre Abreise als ihr längeres Bleiben zu betreiben schien Auffallend war
es wie der Marquis de Souvré Miss Gray bei ihrer Ankunft ausschließlich in
Anspruch nahm und die kleine unbedeutende gebrochen französisch sprechende Miss
Gray zum Gegenstand einer Aufmerksamkeit machte als habe er erst jetzt ihr
Verdienst erkannt und sie damit zu gleicher Zeit zu seiner ausschliesslichen
Gefährtin erhoben Es ging aber aus dieser besonderen Auszeichnung natürlich
hervor dass er überall in ihrer Nähe blieb und ihr ziemlich ungeschicktes
Bestreben sich Reginald zu nähern abzuwähren wusste Doch scheiterte der
Marquis endlich mit seiner ganzen Feinheit an der listigen Beobachtungsgabe
dieses etwas derben und dreisten Mädchens die sehr bald seine Aufmerksamkeiten
für Spott und Hohn haltend und bloß die Absicht darin sehend sie von ihren
jungen Freunden zu trennen ihm den Streich spielte während einer kurzen
Unterredung des Marquis mit einem Anderen ihm zu entwischen ohne Bedenken zu
Reginald hinzulaufen ihn mit sich nach der Bibliothek zu ziehen und diese eilig
hinter sich zu verschließen »O hört hört ehe der listige Mann mir wieder
nachrückt« rief sie atemlos »meine Mutter ist die alte Frau die Euch in
Eurer Jugend pflegte sie beschwört Euch nicht abzureisen ehe Ihr nach Ste
Roche gekommen seid sie hat Euch ein großes wichtiges Geheimnis zu
entdecken von dem Euer ganzes Lebensglück abhängt Aber Ihr müsstet selbst
kommen und solltet Euch um Gotteswillen vor dem abscheulichen Marquis de
Souvré hüten denn er habe Eure Eltern ins Unglück gestürzt«
Reginald blickte das kleine hastige Mädchen das so unweiblich lebhaft und
übereilt ihm ihre Mitteilungen machte mit einem nicht zu beherrschenden
Ausdrucke von Missbehagen an und es ward ihm fast unmöglich darauf einzugehen
Sie waren so geheimnisvoll Argwohn erregend dass sie ihn aus seiner ganzen
bisherigen Stellung und Gemütsstimmung zu reißen drohten wenn er ihnen Glauben
schenkte Er der bis zu diesem Augenblicke das Misstrauen nur dem Namen nach
kannte konnte es unmöglich durch diese Mitteilungen in sich aufnehmen Er
hörte daher nur höflich zu ohne die Alteration des jungen Mädchens teilen zu
können und bat sie endlich ihre Mutter von der Unmöglichkeit zu unterrichten
jetzt nach Ste Roche kommen zu können da die Abreise nach England für den
andern Morgen festgesetzt sei und es nicht mehr in seiner Macht stehe dies
abzuändern Bei seiner Rückkehr werde er dagegen den Besuch von Ste Roche als
eine Pflicht ansehen und sich dann sehr freuen seine alte Pflegerin
wiederzusehen
Ellen Gray hatte einen Anlauf zu ihren Mitteilungen genommen der ihr
vollständig durch die Wichtigkeit die sie denselben beilegte gerechtfertigt
schien jetzt sah sie sie ziemlich kalt und ohne das erwartete Erstaunen
aufgenommen Sie fühlte sich dadurch beschämt und ward bei ihrem empfindlichen
Charakter sehr beleidigt
»Ganz nach Ihrem Belieben mein Herr« sagte sie hochrot werdend »ich
habe bloß meine Schuldigkeit getan bloß den Befehl meiner Mutter erfüllt die
allerdings klüger scheint als manche anderen Leute und durch ihre Jahre wohl
berechtigt Dinge zu wissen von denen die Jugend sich Nichts träumen lässt
Jetzt muss ich überdies sehr um Verzeihung bitten denn ich habe noch die letzten
Stunden mit Gräfin Franziska gestört«
Vergeblich war Reginald bemüht die Beleidigte aufzuhalten oder zu
versöhnen Sie enteilte ihn empfindlich grüßend und hatte die Gesellschaft
erreicht ehe der Marquis ihre kurze Abwesenheit inne ward
Dagegen müssen wir gestehen dass Reginald von dem ganzen Zusammensein mit
Miss Gray nichts behalten hatte als ihre letzten Worte Das Nahen der Abreise
hatte sein Herz erfasst und die Überzeugung Franziska dAubaine mit allen
Kräften seiner Seele innig zu lieben bestätigt Seit diesem Morgen ihrer
Gegenliebe gewiss trug er in seinem hochschwellenden Busen das höchste Glück
bedroht von dem Schmerze der nahen Trennung Es war kein Augenblick sein
Interesse in Anspruch zu nehmen für eine trübe Argwohn erweckende Richtung
Viel näher lag es ihm dem Grafen dAubaine in die Arme zu eilen und um seine
Tochter öffentlich zu werben aber seine Jugend machte ihn schüchtern er hielt
sich des Glückes nicht wert das er begehrte er wollte durch Reisen
entwickelter werden und dann seine Stellung zu erheben suchen für den Anspruch
den sein Herz machte Auch war dies die Bitte der von ihren Gefühlen
überraschten kindlichen Franziska und sie entschied über ein Schweigen so
heilig und süß wie die Andacht ihrer unschuldigen Herzen
So verließen die jungen Leute in Gesellschaft Lord Duncans Ardoise das
sie erst nach zwei Jahren wiedersehen sollten und wir müssen es gestehen alle
Drei das Bild der schönen Franziska dAubaine im Herzen tragend
Der Marquis de Souvré aber eilte nach Paris zurück
»Madame« sagte er zur Marschallin von Crecy »Ihr Enkel hat mir seine Liebe
zur jungen Gräfin dAubaine gestanden und ist entzückt über die Pläne seiner
Großmutter«
Er hielt inne und ließ sie erst den Triumph verraten den das Gelingen
ihres Planes ihr machte dann fuhr er fort »Doch wie überall steht auch hier
der Chevalier de Ste Roche im Wege entschieden war der Vorzug den die junge
Dame dem sterblich in sie verliebten jungen Manne gab und der Zufall machte
mich zum Zeugen ihrer gegenseitigen Liebeserklärung«
Mit verbindlichem Lächeln beobachtete er das aschfarbene Erbleichen der
Marschallin welches plötzlich durch die Schminke durch sich in glühende Röte
verwandelte
»Und Sie Sie ließ das zu« stotterte sie endlich
»Ich kannte Ihre Absichten nicht ich fürchtete voreilig zu sein«
erwiderte Souvré lächelnd
Die Marschallin verstand vollkommen seine Absicht und war schnell gefasst
»Sie hatten Recht Marquis« sagte sie ruhig »ich werde Alles selbst ordnen und
darf um so weniger an dem Gelingen zweifeln da es nicht die erste Angelegenheit
ist die ich nach meinem Willen lenkte«
»Ohne Zweifel werden Euer Gnaden es ganz in Ihrer Willkür haben« erwiderte
Souvré verbindlich »wenn man an das glänzende Beispiel denkt welches das
Schicksal Ihres Herrn Sohnes darüber zum Belege führt«
Ein glühender Blick bitteren Hasses fuhr aus den Augen der Marschallin Aber
sie durfte Souvré nicht verstehen um nicht noch mehr in Nachteil zu kommen
und wünschte auch zu lebhaft von den Vorfällen in Ardoise unterrichtet zu
werden um ihren böswilligen Vertrauten nicht schonen zu wollen
Sie erfuhr nun den glänzenden Eindruck den Reginald in Ardoise
hervorgebracht ohne alle Schonung und Milderung und eben so auch die
Anwesenheit der beiden jungen Engländerinnen die in einem gefährlichen
Zusammenbange mit der Bewohnerin von Ste Roche stehend ihr eine nicht
ungegründete Besorgnis einflössten doch bevor noch der Marquis seine Erzählung
geendet hatte die Marschallin ihren Plan entworfen dessen Resultat uns nicht
erspart bleiben wird
Ein Jahr nach der Abreise ihres Sohnes blieb über den Zustand der Gräfin Crecy
kein Zweifel mehr und das Frühjahr des zweiten Jahres senkte die ausgezeichnete
und edle Frau in ihr frühes Grab Ihre Eltern waren ihr Beide vorangegangen
und sie hatte in der Marschallin nie einen andern Anspruch anerkannt als den
der äußeren Sitte Ihr Gemahl betrauerte sie mit der ganzen düsteren Melancholie
eines Gemütes das sich kaum das Recht zugesteht was den Schmerz selbst zu
einem süßen Eigentume machen kann Fenelon hatte ihre letzten Stunden beseligt
und den Atemzug gehört der sie vom Leben trennte er hatte keine Träne für
die Verklärte begeistert schaute er ihr nach Eine süße Befriedigung lag in
dem Glauben dass sie ihn jetzt ganz erkennen werde und er schmückte seine
Seele mit Frieden und Seligkeit um würdig zu sein wenn sie sich zu ihm nieder
neige
Der Schmerz der Abwesenden war groß und mit der ganzen Energie der Jugend
hielten sie ihn fest und übertrugen ihn lange auf alle ihre Zustände
Der Graf Crecy zog sich in die tiefste Einsamkeit zurück er ward immer
düsterer menschenscheuer und argwöhnischer aber die Marschallin fing nach dem
Tode seiner Gemahlin wieder an in ihrem Einflusse zu steigen und da sie kluger
Weise sein Bedürfnis nach Ruhe nicht störte überließ er ihr die Handhabung der
Verhältnisse die darüber hinausreichten und so gewann sie das Feld was sie
nötig hatte
Mit kluger Umsicht bestimmte sie die Familie dAubaine den Winter am Hofe
zu leben sie hoffte dadurch sowohl Franziska als ihren Eltern die Weihe für
ihre Pläne zu geben und sie den wahren Standpunkt auf den sie ihr Rang und ihre
Ansprüche beriefen erkennen zu lassen da sie fürchtete dass ihr ländlicher
Aufenthalt sie etwas den Ansichten entzogen haben könnte die zu behaupten ihr
die erste Pflicht einer solchen Familie schien Außerdem musste dies notwendig
eine Folge haben die sie sehnlichst wünschte entweder die beiden englischen
Mädchen deren Rang ihnen keinen Anspruch an die Hofverbindungen der Familie
gab ganz von ihnen trennen und sie nach ihrem Vaterlande zurückführen oder im
Falle sie dieselben bei sich behielten doch eine Trennung von ihren
Verbindungen in Ste Roche veranlassen Dieser letztere Fall trat ein Miss
Lester und Ellen Gray begleiteten die Familie und es ist leicht zu denken mit
welchen Augen die Marschallin zwei Mädchen betrachtete die in so naher
Verbindung mit dem Schicksale ihres Hauses standen Unter diesen Umständen
gereichte es ihr zur ungemeinen Erleichterung dass ihr Sohn sich während des
ganzen Winters aller Geselligkeit bestimmt entzog und wenn sie auch mit
Unwillen sah wie sein Charakter verwilderte so hatte sie doch immer mehr die
Pläne ihres Ehrgeizes in ihm geliebt als ihn selbst und indem sie diese auf
ihren Enkel übertrug verlor ihr Sohn der gewagt sie darin zu betrügen die
Kraft sie durch seinen Zustand zu kränken
Nicht ganz so glücklich war sie in Bezug zur Familie dAubaine Nicht wie
sie gehofft ließ sich dieselbe für das ganze Jahr am Hofe festhalten sondern
bezog nachdem sie den Sommer auf dem Stammschlosse zugebracht gegen den Herbst
das in jagdreichen Wäldern versteckte Ardoise Doch hielt der Graf dessen
ungeachtet die verabredete Verbindung für abgeschlossen und erlaubte seiner
Gemahlin der Gräfin Franziska die Absichten der Eltern mitzuteilen
Betäubt von Schmerz und Schrecken bis ins tiefste Innere erschüttert hörte
die unglückliche Franziska diese Erklärung die sie von allen Hoffnungen ihres
jungen Herzens für immer zu trennen drohte und zu aufrichtig und natürlich um
sich beherrschen zu können erfuhr die Mutter in demselben Augenblicke ihr
Geheimnis
In der Zeit in welcher diese jungen Leute sich durch ihr Herz wollten
leiten lassen gab es fast keine andere Art ehelicher Verbindung als die
welche Eltern unter einander beschlossen und keine anderen Überlegungen als
die dabei zu bedenkenden äußeren Verhältnisse Nicht Bildung nicht Güte des
Herzens oder Liebe zu den Kindern veränderte dies ruhig geordnete System aller
vornehmen Häuser und die daraus entstehenden ScheinEhen die in dem
überhandnehmenden Zustande der Sittenlosigkeit der höheren Stände vollkommen
Platz fanden und ihre Ausartungen unterstützten machten Niemanden aufmerksam
auf diese gewissenlose Procedur Hier trat jedoch eine kleine Abweichung ein
die besonders Reginalds Persönlichkeit zuzurechnen war Beide Eltern hatten
ihn selbst so ausgezeichnet gefunden dass eine Art von Verstehen mit dem Gefühl
ihrer Tochter eintrat Sie hätten sich zufrieden gefühlt wenn Reginald der
Graf von Crecy gewesen wäre und hatten Teilnahme für die Wünsche Franziskas
Es konnte jedoch nur in so fern davon die Rede sein dass sie erwarten wollten
ob bei der Anwesenheit der beiden jungen Leute wie aller Familienhäupter sich
eine Auskunft treffen lasse vorausgesetzt dass die Familienverhältnisse des
ziemlich unbekannten jungen Mannes eine solche Möglichkeit überhaupt denkbar
machten Diese großmütige Zusicherung der Eltern die sie über ihr Jahrhundert
erhob rettete Franziskas Herz vor dem langsam zehrenden Gifte hoffnungsloser
Liebe und ließ sie größeres Vertrauen fassen als es den Eltern möglich gewesen
wäre erwecken zu wollen
Die Ankunft der Marschallin von Crecy die wie sie vorgab in Ardoise ihren
Enkel empfangen wollte belebte diese Hoffnungen nicht sehr denn sie trat
sogleich mit der entschiedenen Haltung auf die ein festgestelltes Verhältnis
andeutet und Franziska fühlte dass sie von ihr als ihre Enkelin behandelt
wurde als wäre keine Zurückhaltung mehr nötig
Die gefasste Frau übersah den Vorteil den die Gegenwart ihr bot fest
entschlossen eben so die Zukunft zu bewachen und keine Störungen mehr zu
dulden Zwei lästige Zugaben waren wenigstens entfernt Miss Lester war nach
England zurückgekehrt Ellen Gray war als Braut zwar geblieben aber jetzt
bereits mit dem Sohne des verstorbenen Kastellans St Albans verheiratet
Dessen ungeachtet begehrte die Marschallin von ihrem Sohne dass er an Reginald
den Befehl schicke den Grafen Ludwig nicht nach Ardoise zu begleiten sondern
zu ihm nach Paris zu kommen
Gewiss würde Reginald den Befehl seines Vormundes erfüllt haben wie schwer
es ihm auch in diesem Falle gewesen sein würde aber die Botschaft des Grafen
verfehlte ihn
Die Sehnsucht Ardoise zu erreichen die Beide uneingestanden in gleichem
Maße fühlten hatte sie ihre Reise so beeilen lassen dass sie um zwei Tage
früher eintrafen als sie erwartet wurden
Dieses plötzliche Erscheinen brachte den Plan der Marschallin durch einen
schnellen Abschluss der Verlobung Alle zu überrennen zuerst aus dem Gleise Die
ganze Sache ward nun in eine natürlichere Bahn geleitet Franziska und Reginald
sahen sich in einem Zeitpunkte der Jugend wieder wo zwei Jahre Trennung nur
vorteilhafte Veränderungen mit sich führen Erstaunen und Entzücken war der
leuchtende Gruß ihrer Augen und die Marschallin konnte nicht hindern dass ein
flüchtiges Wort die unveränderte Gesinnung verriet welches Franziska noch von
leisen Hoffnungen genährt anhören durfte
Aus dem Empfange der Reginald von der ganzen Familie zu Teil ward stieg
eine unbeschreiblich zürnende befürchtende Stimmung für die Marschallin auf
und nach einer kurzen Überlegung mit dem Marquis de Souvré der sie begleitet
hatte ließ sie den Vater Franziskas zu sich einladen
»Graf dAubaine« hob sie sogleich an »ich habe Ihnen eine Entschuldigung
zu machen indem ich fürchten muss dass Sie bei der großen unbedachtsamen
Schwäche des Grafen und der verstorbenen Gräfin Crecy für den jungen
unberufenen Menschen den Sie Chevalier Ste Roche nannten mich beargwöhnen
könnten ich mache mich derselben teilhaft indem ich seine Anwesenheit hier
gut heiße Dem ist indessen nicht so Ich habe diesen jungen Menschen der gar
keine Anrechte hat sich in unsern Zirkel zu drängen nicht allein stets so
behandelt wie es mir zukam sondern auch jetzt darauf gedrungen dass er sich
hier nicht abermals in Ihr Haus eindränge und ihm der Befehl entgegen geschickt
werde direkt nach Paris zu gehen Der junge Mensch gibt indessen vor diesen
Befehl nicht erhalten zu haben was ich genötigt bin zu glauben da es mein
Enkel bestätigt so ist seine Anwesenheit zu erklären und hoffentlich rechnen
Sie mir diese unpassende Gesellschaft nicht ferner zu«
»Ich bin nicht wenig erstaunt meine Gnädigste« erwiderte Graf dAubaine
mit wirklicher Unruhe »eine solche Erklärung über einen jungen Mann zu hören
den ich wegen der Vorzüge die man ihm in Ihrer Familie gestattete allerdings
durch seine Geburt für dazu berechtigt hielt Ich kann nicht leugnen dass ich es
nicht ganz zu entschuldigen weiß dass Graf Crecy mir darüber nicht früher einen
Wink gab da ich ohne Zweifel seine Verhältnisse zu uns alsdann vorsichtiger
gestellt haben würde Doch sagen Sie mir Frau Marschallin wer ist dieser junge
Mann«
»Das mag Gott wissen« sprach die Marschallin entschlossen »irgend ein
Findling ein Sprosse unerlaubter Verbindung über die meine Schwiegertochter
oder mein Sohn Grund zu schweigen hatten Sie wissen dass Beide voll
überspannter Ansichten waren Anstatt aus einer so dunkeln Kreatur einen
Kammerdiener meines Enkels zu bilden zogen sie es vor einen Spielkameraden
daraus zu machen ihn endlich erziehen zu lassen als habe er Ansprüche und die
Unschicklichkeit hinzu zu fügen ihn zu den Gesellschaftskreisen ihres Sohnes zu
erheben«
»Ich gestehe« sagte Graf dAubaine aus mehr als einem Grunde gekränkt
»dass ich dies eben so wenig wie Euer Gnaden billigen kann Der junge Mensch
selbst wird diese Überhebung zu büßen haben Er ist jetzt in dem Alter wo
seine Berechtigungen geprüft werden und es ihn dann sehr überraschen wird sie
in Nichts zerfallen zu sehen«
»Mag er denn die Strafe seines Übermutes tragen« erwiderte die
Marschallin kalt »wenn wir nur unsere Gesellschaft gegen solche Befleckungen
rein erhalten Ich würde ihm befehlen augenblicklich nach Paris abzureisen
wenn ich nicht dadurch gezwungen würde von meinem bis jetzt gegen ihn befolgten
Systeme ihn überhaupt nie zu bemerken abzugehen denn bis jetzt habe ich seine
usurpirte Gegenwart noch durch keinen Blick oder gar durch Worte anerkannt
Da der Aufenthalt meines Enkels überdies nur zwei Tage dauern kann weil die
Zeit der großen Präsentation in Versailles damit herangerückt ist so denke ich
beachten wir wenn Sie bis dahin diesen Missgriff zu lenken übernehmen seine
Gegenwart nicht und in Paris bei der Stellung die der junge Graf dort
einnehmen wird müssen sich ihre Wege von selbst trennen und wir werden diesem
Menschen nicht mehr begegnen«
»Wie« rief der Graf dAubaine »nur so kurze Zeit wird die Anwesenheit des
Grafen Crecy dauern Wissen Sie wohl meine Gnädigste« fügte er lächelnd hinzu
»dass wir bis dahin noch Viel zu tun haben«
»So scheint es mein lieber Graf« erwiderte die Marschallin geschmeichelt
»und da ich Sie nicht missverstehen kann und als Repräsentantin des Werbenden
billig zuerst reden muss so wollen wir uns wenn es Ihnen beliebt zur Gräfin
dAubaine begeben ich will dort meinen Vortrag halten«
Er bot ihr den Arm und Beide begaben sich völlig eines Sinnes zu dieser
so wichtigen so entscheidenden Zusammenkunft die das Lebensglück zweier
Menschen bestimmen sollte ohne dass man ihrer Überzeugung nachgefragt hätte
Dem Grafen dAubaine kam in der Tat nach dem was er so eben vernommen kein
Zweifel über die Stellung ein die er allein noch für passend halten konnte
denn indem wir ihm das Zeugnis des besten Menschen und Vaters geben müssen
konnte er doch unmöglich seiner Zeit so entwachsen sein um durch persönliches
Verdienst den Standesunterschied für ausgleichbar halten zu können Er fühlte
mit Unwillen den Missgriff diesen jungen Mann ohne voran gegangene Sicherheit so
nahe gezogen zu haben und dachte mit väterlicher Liebe daran Franziska die Last
der Beschämung zu erleichtern die es ihr wie er voraussetzte machen musste
wenn sie erfuhr wie unberechtigt der Gegenstand war dem sie Einfluss auf ihr
Gefühl zugestanden hatte Um jedoch seiner unvorbereiteten Gemahlin einen
lenkenden Wink zu geben hob er nach den Empfangsfeierlichkeiten sogleich an sie
zu bitten auch ihrerseits die Frau Marschallin über ihre Besorgnisse in Bezug
auf den Begleiter des jungen Grafen Crecy zu beruhigen indem er das
herabsetzende Bild welches die Marschallin entworfen noch ein Mal vor seiner
Gemahlin aufrollte Die Wirkung konnte bei ihr nicht viel anders sein wie bei
ihrem Gemahle Die Marschallin hüllte sich in einen Schwall von Worten und
schien weiter nichts zu sehen aber sie bemerkte sehr wohl den Blick mit dem
beide Ehegatten sich mit einer Art von Entsetzen verständigten und sah darin
die Bestätigung wie nötig dieser beeilte Schritt gewesen
Als die Eltern darauf in aller Form den Heiratsantrag ihres Enkels von der
Marschallin entgegen genommen und ihre Einwilligung ohne weitere Beschränkung
auf Franziska gegeben ward der junge Graf Ludwig gerufen und die Marschallin
verkündigte ihm sein Glück was er mit dem vollen Entzücken eines jungen
verliebten Mannes aufnahm
Damit musste er sich jedoch vorläufig begnügen denn die Gräfin dAubaine
wollte ihre Tochter wie sie sagte erst auf den Besuch ihres Verlobten
vorbereiten und der junge Graf war genötigt die Abendtafel an der Seite
Franziskas zuzubringen ohne seine Gefühle verraten zu dürfen
Als man sich für die Nacht getrennt hatte beschied die Gräfin dAubaine
ihre Tochter nach ihrem Zimmer und hier erfuhr die unglückliche Franziska dass
sie mit dem Grafen Crecy verlobt sei Die Gräfin dAubaine sah wie ihre Tochter
unter ihren Worten erbleichte und mit trüben hinsterbenden Blicken das
mütterliche Auge suchte sie eilte daher ihr Alles zu sagen was sie für
hinreichend hielt die missgeleiteten Wünsche derselben auszulöschen und es
erfolgte eine Erklärung über Reginald nach der Angabe der Marschallin
Das war zu Viel Denn Franziska war in den Ansichten ihres Standes erzogen
sie wusste dass es gegen einen solchen Makel der Geburt wie hier angedeutet war
keine Rettung gab dass der Tod sie nicht sicherer trennen könnte als solche
Stellung zum Leben Aber dieser Gewissheit gegenüber stand Reginalds Bild in
einer Bevorrechtung der Natur die jeden Vorzug den ihr Herz und ihr Verstand
ihm eingeräumt so vollständig rechtfertigte dass sie sich sagen musste ein
Irrtum sei es nicht gewesen nur ein entsetzliches Schicksal Dies Gefühl
erfasste sie mit vollster Stärke und schluchzend stürzte sie zu den Füßen ihrer
Mutter
Ob die sanfte Gräfin dAubaine ihre Tochter ganz verstand bleibt dahin
gestellt vielleicht glaubte sie auch Franziska weine aus Beschämung und es
waren milde gütige Worte die sie mütterlich erweicht ziemlich ins Ungewisse
hinein über die heftig Weinende sprach Jedenfalls erzeigte sie ihr die
Wohltat ihre Tränen nicht durch voreilige Ermahnungen zu hemmen und so
weinte die Unglückliche die erste Herbigkeit des Schmerzes vor ihrer Mutter aus
Wie die Nacht gewesen die dieser späten traurigen Entdeckung folgte war
dem leicht zu erraten der am anderen Morgen das bleiche Antlitz der schönen
Franziska erblickte
Aber es ward teils mit Absicht teils aus Unbefangenheit übersehen die
Verlobung der beiden jungen Leute ging vor sich und Franziska sah in einem
träumerisch betäubten Zustande so ruhig und kalt wie ihre Hand in die des
ungeliebten Jünglings überging als sehe sie einer fremden ihr durchaus
gleichgültigen Zeremonie zu Wenn Etwas diesen Schritt Franziska erleichterte
und Etwas dem Glücke des jungen Grafen Crecy fehlte so war es die Abwesenheit
Reginalds die schon am Abende vorher bemerkt ward Für den andern Morgen war
die Abreise Beider festgesetzt und sein plötzliches Verschwinden um so
auffallender da er Ludwig nichts darüber gesagt hatte und die Mittagstafel
bereits vorüber war Frostig ging Graf dAubaine endlich auf die Bitten seines
neuen Schwiegersohnes ein nach dem jungen Manne auszusenden und da auch diese
Boten gegen Abend ohne Nachricht von ihm zu bringen zurückkehrten ließ sich
Graf Ludwig durch Nichts abhalten seine Nachforschungen selbst anzustellen
Auch sollten diese glücklicher sein denn Reginalds Vorliebe kennend eilte der
Graf zuerst in den Wald der an den Park grenzte und hier wohl bekannte Signale
und Anrufungen gebend erhielt er ungefähr in der Mitte des Waldes an einen
alten Steinbruch gelangt die wohl bekannten Antworten Außer sich vor Freude
stürzte er der Gegend zu woher er die Antwort vernommen und in demselben
Augenblicke flog Reginald aus der entgegen gesetzten Richtung des Waldes
kommend ihm entgegen
Beide stürzten sich in die Arme als wären sie Jahre getrennt gewesen und
noch inniger selbst als Ludwig schien Reginalds Liebe und Zärtlichkeit von
einer ungewöhnlichen Stimmung angeregt »O Ludwig geliebter teurer Ludwig
wie glücklich macht mich Deine Liebe Deine Treue selbst wenn sie Dir Sorge
verursachte« So beantwortete er die zärtlichen Fragen und Vorwürfe des
Grafen und Arm in Arm erreichten sie eben eine offene Stelle des Waldes wohin
der Mond mit Tageshelle schien Hier hielt Reginald an und wendete den Grafen
gegen den hellen Schein des Mondes um ihn anzublicken als habe er ihn noch nie
gesehen Zur selben Zeit bemerkte der Graf wie bleich und verändert Reginald
war wie heftig bewegt sein Inneres wie er kaum sich zu fassen wusste
»Reginald« sprach er »Dir ist etwas ganz Besonderes geschehen«
»Morgen morgen« rief Reginald und warf einen bedeutungsvollen Blick auf
das Gefolge das der Graf mit sich geführt und besonders auf den Kammerdiener
des Marquis de Souvré der sie mit spähenden Blicken verfolgte
Doch Ludwig hatte dem geliebten Vertrauten selbst so Viel zu sagen dass er
befahl man solle vorangehen und ihre glücklichen Erfolge den Herrschaften
anzeigen Aber auch als Beide allein waren schien es Reginald unmöglich
seinen Bericht zu machen
»Schone mich Ludwig« sprach er »ich habe so Ungeheures erfahren dass ich
wie verwirrt von der erlebten Aufregung bin doch sei gewiss das was ich
erfuhr kettet uns nur noch inniger noch fester aneinander es bestätigt unsere
innige Liebe und wird großes Unrecht versöhnen«
»Das bin ich gewiss dass Nichts unsere Liebe beeinträchtigen kann teurer
Reginald darum fragte ich nicht nur voll Erstaunen bin ich dass Du etwas
erleben konntest was Dich so besonders betrifft«
»Es betrisst mich nicht besonders Es enthält Dein wie mein uns bis jetzt
vorentaltenes Schicksal Doch lass mich es presst mir das Herz ab Nur das
Eine höre noch ich mache Dir Bedingungen die eine ist dass wir Beide über
Ste Roche nach Paris gehen daher noch in der Nacht abreisen und dass wir über
diesen Umweg das tiefste Schweigen beobachten denn erfährt die Marschallin oder
Souvré unsere Absicht würden wir auf jeden Fall daran gehindert werden«
»Das ist seltsam Reginald« rief Ludwig »und nur ungern gehe ich darauf
ein da jede Heimlichkeit mir schwer wird«
»Auch mir teurer Ludwig Und doch habe ich es mir gelobt Dich dahin zu
bringen Denke also wie mich die Umstände bewältigen müssen und löse mein mir
selbst gegebenes Wort«
»Das will ich es sei beschlossen und weiter keine Rede davon« rief
Ludwig »und da Du mir für den Augenblick so wenig zu sagen vermagst so höre
denn was mich verlangt Dir auszusprechen Ich Reginald bin glücklich Seit
heute Morgen ist mir Franziska verlobt und Nichts hat meinem Glücke gefehlt
als Du Deine Abwesenheit war mir fast unerträglich«
Heftig fuhr Reginald an Ludwigs Seite zusammen er blieb stehen er
blickte zu ihm auf Der Weg auf dem sie jetzt wandelten war wieder dunkel er
sah den Glücklichen nur undeutlich der ahnungslos den Liebling tötlich
getroffen »Franziska Franziska Dir verlobt« rief er gebrochen »Es ist nicht
möglich Noch gestern nein Ludwig nein Du neckst mich es ist nicht
möglich nein Franziska kann Dir nicht verlobt sein sage nein Sage die
Wahrheit der Scherz ist zu grausam«
»Was ist das« rief Ludwig ahnend und tief erschrocken »Reginald fasse
Dich Sprich offen deutlich zu mir Gott welche Ahnung Warum erfüllt Dich
mit Schreck und Schmerz worin ich nur Veranlassung zur Freude für Dich wähnte«
»Sage mir« sprach Reginald »verlobt bist Du Sie hat sich Dir verlobt
sie hat Dir ihre Liebe gestanden Antworte Ludwig oder ich verliere den
Verstand«
»Nein Reginald nicht sie sie hat sich mir weder verlobt noch mir ihre
Liebe gestanden und jetzt fühle ich erst was das sagen will jetzt erst
erkenne ich wie mich die eigenen Wünsche verblendet haben da ich die von den
Eltern vollzogene Verlobung für die Erfüllung meiner Wünsche hielt O Reginald
was haben wir getan so innig uns geliebt und doch das Wichtigste uns
verschwiegen O sage mir sage was ich ahne Du besitzest mehr als ich in
dieser Verlobung«
»Ludwig« rief Reginald an seine Brust stürzend »ich besaß ihr Herz
schon vor zwei Jahren gelobten wir uns Treue schweigen musste ich auch gegen
Dich denn sie verlangte es so«
»Aber jetzt jetzt« stammelte Ludwig »sprachst Du sie nach Deiner
Rückkehr«
»Noch gestern gestand sie mir ihr unverändertes Herz«
Ludwig wendete sich von ihm und heiße Tränen stürzten aus seinen Augen
»Ich verstehe Alles« sagte er gebrochen »ihr todtenbleiches Angesicht ihre
leblose Ergebung Gott warum erkannte ich es nicht früher«
Es entstand eine schmerzliche Pause dann erhob sich Ludwig zuerst und den
Liebling suchend sank er an seine Brust
»Ludwig« sagte Reginald »wir können jetzt keinen Entschluss fassen als
den einen uns nicht fremd zu werden und gemeinschaftlich treu und redlich mit
jedem Opfer das teure Wesen zu schützen Wie es kommen mag ich weiß es nicht
Aber wenn sie ihren Eltern gehorsam sein muss so rechne auf mich ich werde dann
allein zu leiden suchen können wir ihr Herz retten so verbinde Dich mit mir
zu gleicher Verzichtleistung«
»So sei es« rief Ludwig erhoben und getröstet durch einen edelen Entschluss
der ihn nicht von dem Freunde trennte sondern nur noch inniger mit ihm verband
Beide hielten hier inne denn ein Geräusch wie das eines Davoneilenden ließ
sie fürchten belauscht worden zu sein Ihrem Anrufe erfolgte jedoch keine
Erwiderung und sie waren zu lebhaft durch sich selbst beschäftigt um lange
bei dieser Störung verweilen zu können
Sie kamen erst spät nach dem Schloss von Ardoise zurück nur der Graf
dAubaine war noch im Gesellschaftssaale er empfing Beide etwas trocken und
schien einige Worte der Entschuldigung von Reginald kaum zu beachten
Ludwig fühlte augenblicklich die Kränkung für den Freund und gewann dadurch
mehr Sicherheit dem Grafen ihre schnelle Abreise anzukündigen und ihm die
Empfehlungen an die Damen zu übertragen Es schien den Grafen dAubaine
sichtlich zu beleidigen und nachdem er einige Versuche gemacht diesen Eindruck
hervorzuheben widersprach er ihrem Vorsatze nicht und nahm augenblicklich
Abschied
So trennte man sich in sehr seltsamer Stimmung und die des lebhaftesten
Erstaunens von Seiten des Grafen dAubaine war in mehr als einer Hinsicht
gerechtfertigt denn die jungen Leute ahnten in ihrer großen Gemütsbewegung
nicht wie auffallend ihr Betragen war Schon ihr Äußeres konnte befremden da
es bei Reginald besonders eine große Aufregung zeigte und solche tödtliche
Blässe und Entstellung seiner Züge dass der Graf ihn als einen Verzweifelten
ansehen musste und sehr betrübt war wenigstens einen Teil dieser Stimmung auf
Ludwig übertragen zu sehen deren Ursache zu erraten ihm allerdings mit
einigem Widerstreben möglich ward
Auf ihren Zimmern angelangt hörten die jungen Leute Gräfin Franziska sei
erkrankt doch bereits in besserem Zustande
»Vor allen Dingen müssen wir fort« rief Ludwig schmerzlich »das sehe ich
ein In Paris müssen wir mit Fenelon und dem Vater Alles beschließen«
»O warum lebt Deine Mutter nicht mehr« seufzte Reginald schmerzlich
In derselben Nacht verließen die jungen Leute mit ihrem Gefolge Ardoise und
wechselten von da an in rastloser Anstrengung die Pferde so oft sie deren
finden konnten um wo möglich noch am andern Abend Ste Roche zu erreichen
Während dieser traurigen Reise versuchte Reginald seine Bewegung so weit zu
überwinden um seinem Freunde eine Erklärung dieses heimlichen und beeilten
Schrittes geben zu können Aber es ward ihm schwer denn er schien ganz
überwältigt von besonders inniger Zärtlichkeit gegen Ludwig und von einer
Wehmut von einer innern Angst verfolgt die ihn mehr geneigt machte den
Augenblick in stummer Hingebung zu durchleben Gebrochen in Zwischenräumen
trat endlich hervor was wir hier im Zusammenhange mitteilen wollen
An dem Abend als Reginald zuerst vermisst ward hatte ihm ein Diener des
Hauses gemeldet es sei so eben ein Bote im Schloss gewesen der ihn gesucht
um ihm zu sagen dass im Walde am Försterhause Jemand auf ihn warte der ihn
beschwöre augenblicklich dort hinzukommen
Da Reginald vor der Abendtafel keine Hoffnung hatte Franziska dAubaine im
Salon zu sehen so schien ihm der Waldweg eine anmutige Zerstreuung auf das
Geheimnisvolle dieser Aufforderung gab er sehr wenig Acht dagegen bedenkend
dass er um den Waldweg zu erreichen den Teil des Schlosses berühren musste wo
Franziska wohnte Auch gelang ihm was er gehofft die Türen nach dem niedrigen
Balkon waren geöffnet von fern schon sah er den blassblauen Atlas ihres
Kleides und die weißen Rosen in ihren dunkeln Locken Diese Kleidung war an sich
wie ein Zeichen der Treue denn er hatte sie zuerst darin gesehen und sie
wusste wie sehr er sie liebe Als sie ihn bemerkte und er von Zweigen gedeckt
aufs Knie sank und die Hände aufhob wie um ein Zeichen ihrer Liebe bittend sah
er wie sie eine von den Rosen löste dann Härchen aus ihren Locken an einander
knüpfte an denen sie die zarte weiße Rose langsam über den Rand des Altans
herabschweben ließ um dem Glücklichen Alles zu geben was er glaubte nötig zu
haben Froh entfloh er in der Richtung nach dem Forstause
Wir werden ihm vergeben müssen dass er ganz vergessen hatte was er dort
sollte und als er eintraf sich erst besinnen musste was der Förster damit
wollte dass er ihn nach hinten hinaus in ein kleines abgelegenes Stübchen
führte
Doch erkannte er noch geblendet und deshalb nicht recht sehend wenigstens
sogleich die helle schneidende Stimme mit dem breiten entstellenden Dialekte
die augenblicklich anhob »bloß um meiner Mutter gehorsam zu sein bin ich hier
denn die Art wie Ihr mich das erste Mal abwieset war gänzlich hinreichend
mich von solchen Sendungen abzuhalten«
»Miss Ellen Gray« rief Reginald »wie bin ich überrascht Euch hier zu
finden«
»Überrascht oder nicht« erwiderte sie schmollend »es ist Eure
Angelegenheit nicht die meinige um deretwegen ich hier bin und ich heiße
wenns Euch beliebt nicht Ellen Gray sondern Madame St Albans«
»Verzeiht Madame und seid meiner Dankbarkeit gewiss Auch rechnet mir nicht
zu wenn ich Euch beleidigt habe denn ich erinnere mich dass Ihr mir vor meiner
Abreise eine Mitteilung machtet die meine unbedachtsame Jugend überhört hat«
»Ja ja überhört« rief sie heftig »überhört weil natürlich eine so
unbedeutende Person wie Ellen Gray nichts mitzuteilen haben konnte was
wichtig genug war um es zu behalten«
»Vielleicht« erwiderte Reginald herzlich gelangweilt durch dies Betragen
»vielleicht kann ich jetzt gut machen was ich damals verschuldete und Euren
ungerechten Verdacht widerlegen«
»Das will ich wünschen« rief sie plötzlich in einen jener Tränenströme
ausbrechend die so leicht die Teilnahme entkräften da sie ein Gemisch von
Rührung und jener gewöhnlichen weiblichen Empfindlichkeit sind die ohne
Erweichung der Gesinnung mehr ein fortgesetzter Versuch zu zürnen ist »und
glaubt mir« fuhr sie fort »es wird Euer Schade nicht sein denn« und sie
schluchzte noch immer »meine Mutter die Wärterin Eurer Kindheit die Ihr so
schön vergessen habt dass Ihr auf ihre Bitten nichts geben wolltet das erste
Mal diese lässt Euch auffordern mir augenblicklich nach dem Kloster Tabor zu
folgen bis wohin sie Euch entgegenkommen wird«
»Jetzt heute« rief Reginald erstaunt
»Ist das wieder zu Viel verlangt Passt es wieder nicht Habt Ihr gar keine
Verpflichtungen als Euch dort bei den hochmütigen Leuten zu vergnügen«
»Ihr tut mir Unrecht Madame St Albans Ich bin gegen die Verpflichtung
der Wärterin meiner Kindheit dankbar zu sein nicht gleichgültig Aber Ihr
dürft ohne ungerecht zu werden nicht übersehen dass meine Entfernung sehr
unhöflich sein würde da wir nur zwei Tage bleiben können«
»Ach meine arme arme Mutter« rief Madame St Albans mit einem so wahren
Ausdrucke von Schmerz dass jetzt erst Reginalds Teilnahme erregt ward »Sie
überlebt es nicht wenn sie abermals getäuscht wird Herr ich bitte Euch
überlegt was Ihr tut Wenn Ihr die Frau kenntet die Euch begehrt da würdet
Ihr gehen so weit sie Euch riefe Seht sie sagt nie ein Wort umsonst und
Jeder der sie kennt gehorcht ihr Da sie nun Euch fordert wie noch nie einen
Menschen da sie mich schickt Euch zu treiben und so voll Todesangst ist
als hinge Euer Leben daran da seid sicher es ist wichtig Lasst Alles Alles
fahren und brecht auf mit mir ich habe im Walde ein kleines Fuhrwerk aus dem
Kloster fahren wir gleich ab können wir noch in der Nacht eintreffen und Ihr
könnt um Mittag wieder zurück sein«
Reginald schwankte Mit einem Male er wusste selbst nicht ob durch Ellens
Gründe oder ob aus freier Wahl fühlte er sich getrieben er sagte es ihr und
wollte den Förster auf das Schloss schicken ihn zu entschuldigen
Doch dem widersetzte sich Ellen auf das Bestimmteste Niemand dürfe ihre
Anwesenheit ahnen das gerade habe die Mutter bestimmt geboten und auch der
Förster der ihrer Mutter zugetan sei werde nicht gegen ihre Befehle handeln
Nach einigen Minuten saß er neben Ellen in einem kleinen Wägelchen in
welchem die Mönche zu ihren Pfarrkindern fuhren und rollte rasch dem Kloster
Tabor zu ohne von Ellens Unterhaltung belästigt zu werden die in einem
übellaunigen Schweigen verblieb gelegentlich ihre linkische Empfindlichkeit
dartuend
Doch graute der Morgen bereits ehe Beide das alte Kloster erreichten von
dessen Bewohnern sie freundlich empfangen wurden und benachrichtigt dass Mistress
Gray bereits angekommen sei und ihrer in den Gemächern des Priors harre Als
Reginald in das hohe gewölbte Gemach eintrat das vollständig den Reichtum
bezeichnete welcher dem Oberhaupte der Abtei zustand sah er den ehrwürdigen
Prior vor einer Frau stehen die in einem hohen Lehnstuhle vor ihm saß ein
bleiches abgezehrtes strenges Antlitz zu ihm aufhob und wie es schien sehr
missfällig seinen Worten zuhörte
»Bedenkt und überlegt wohl was ich Euch sagte« sprach er wie zum Weggehen
bereit »ein Wort ist bald gesprochen aber das Gesprochene nie zu
widerrufen Sobald der Andere es vernommen ist es sein Eigentum mit allen
seinen Gefahren mit allen Folgen die kein Wort mehr abzuhalten vermag«
Die Frau neigte kalt das Haupt »Ihr habt Rat erteilt wie es Euch trieb
und Ihr hattet Recht dazu ich tue gleichfalls wie es mich treibt und tue
gleichfalls Recht«
Der Prior hörte diesen schroffen Worten die noch durch den trockenen Ton
der Stimme und eine mangelhafte Aussprache verstärkt wurden mit einem leisen
Schütteln des Kopfes zu aber in seinem Blicke lag zugleich die
Hoffnungslosigkeit diesen festen Sinn zu ändern
»So sei Euch Gott gnädig und segne Eure Vorsätze« sprach er sie grüßend und
blieb indem er sich wendete überrascht vor Reginald stehen der an der Seite
des Laienbruders der ihn geführt hatte im Hintergrunde des Gemaches stehen
geblieben war »Ich glaube Mistress Gray« sprach er sich umdrehend »dies ist
Euer Zögling«
Die unglückliche Frau folgte der Richtung die der Prior ihr gab und wie
hätte sie ihn verkennen können der in jedem Zuge Fennimors Sohn war
Sie richtete sich heftig in ihrem Lehnstuhle auf als wollte sie ihm
entgegen dann hielt sie sich plötzlich an seiner festen Lehne und starrte
Reginald an der sich ihr mit dem freundlichen Lächeln nahete das ihn Fennimor
nur noch ähnlicher machte
»Um Gott Madame« rief der Prior jetzt »fasst Euch und setzt Euch« Die
Gestalt der früh Gealterten wankte und ihre Augen schlossen sich Der Prior
unterstützte sie beim Niedersitzen aber er sah sie kämpfte mit einer Ohnmacht
und der wohlwollende Mann hielt ihr selbst ein erfrischendes Elixir vor das
auch bald die starken Lebensgeister dieser heftig empfindenden Frau sammelte
Unwillig fast wies sie die Bemühungen zurück sie schien von ihrer Schwäche
überrascht und ihr zürnend »Lasst das« sagte sie rau »es war Nichts
Schwäche in den Füßen die Reise so Etwas bin ich nicht gewohnt es war ein
Schwindel«
»O gute Liebe« rief hier Reginald der ihr Bild wie einen Traum in sich
auftauchen fühlte »sieh mich doch nur an Du musst mich gewiss wiedererkennen
da ich es vermag Sag heißt Du nicht Emmy«
Die harte Frau zuckte bei dem ersten Tone seiner sanften liebevollen Stimme
zusammen Der Prior trat seitwärts und Emmy sah den Jüngling dicht neben ihrem
Stuhle knien und das volle Morgenlicht jeden Zug seines schönen ihr so
erinnerungsreichen Angesichtes erhellen Sie legte die Hand auf seine vollen
Locken und ihre Augen wurzelten prüfend auf seinen Zügen Sie vergaß sich
gänzlich selbst schmerzlich stöhnend hob sich zuweilen ihre Brust und große
Tränen rollten einzeln über ihre Wangen aber sie ahnte nicht wie sie ihre
Gefühle dartat Reginald mit seinem edelen verstehenden Herzen störte sie
nicht liebevoll lächelnd hielt er das lange Examen ihrer trostlosen Augen aus
ohne sich zu regen nur der Prior störte endlich diese stumme Szene die er
nicht mehr verstand
Mit ihrer alten kecken Weise fuhr jetzt Emmy wie sie ihn den Vergessenen
als Zeugen ihrer Empfindungen sah ohne Bedenken auf »Ihr hier Prior Ich
dachte Ihr hättet mir ungestörtes Beisammensein zugesagt Nun es sei Wenn
wir Euch hier zu viel sind so weist uns einen andern Platz an«
»Beruhigt Euch« lächelte der Prior gutmütig »ich werde gehen und Ihr
sollt nicht weiter gestört werden«
»Nun so tut das« rief sie ungeduldig »die Zeit wartet nicht auf uns«
Als der Prior sich zurückgezogen hatte sprang Reginald von seinen Knieen
auf und fiel der vollständig wieder erkannten alten Wärterin mit dem Ungestüme
eines Kindes um den Hals »O Emmy liebe Emmy wie habe ich Dich so vergessen
können da mir Alles einfällt nun ich Dich wiedersehe O wie danke ich Dir
dass Du mich gezwungen hast Dich zu sehen wie von Herzen froh werde ich nun
sein mit Dir schwatzen zu können all die lieben Erinnerungen meiner Kindheit
mit Dir zu sammeln«
Emmys Gesicht bekam fast einen Ausdruck als wollte sie lächeln aber zu
tief hatte sie den Schmerz sich mit jeder Faser ihres Wesens verketten lassen
es ging nicht mehr Selbst die Wonne die der Anblick dieses Lieblings ihr gab
riss nur in heftigen Erschütterungen erstarrte Schmerzen wieder lebendiger
hervor
»Reginald Reginald geliebtes Kind teures Andenken Deiner seligen
Mutter« rief sie »wir haben Wichtigeres Ernsteres zu tun Lange lange
schon musstest Du wissen was ich Dir erst jetzt sagen kann aber die Barbaren
rissen Dich von mir denn sie fürchteten was in meine Gewalt gegeben war Dir zu
sagen Wo sollte ich Dich finden in dem schrecklichen Sodom wohin sie Dich
schleppten und als Ellen Dich sah Du zuerst in meine Nähe gekommen warst da
hast Du Dich geweigert meinem Gebote zu folgen Die törichten Leute dort
hielten Dein Herz fest und Du vergassest Deine Pflicht gegen mich«
»O vergib doch nur und halte mir nicht mehr vor was mich so tief betrübt
Sieh ich hatte Dich ja vergessen«
»Vergessen vergessen« wiederholte Emmy bitter »vergessen Das ist eine
Ader aus dem Herzen Deines Vaters Deine Mutter wusste davon Nichts Ha junger
Bursche wenn ich dächte Du hättest noch mehr von diesem Vater in Dir« Sie
starrte ihn so wild an dass er fast davor schauderte
»Sag mir Emmy« hob er an um sie zu zerstreuen »kanntest Du meinen
Vater so gut und willst Du mir von beiden Eltern sagen von denen ich nie
erfuhr«
»Das will ich mein Sohn Darum kam ich her und entbot Dich zu mir Aber
freue Dich nicht darauf was Du hören wirst wird Deinen Herzschlag hemmen und
Deine Jugend welken lassen Und doch musst Du es wissen denn Du musst Recht
fordern für Deine Mutter von Deinem Vater entehrte Mutter«
»O Emmy« rief Reginald von ihrer Stimmung unsicher gemacht und an ihren
klaren Sinnen Zweifel bekommend »schone die Toten Er wird schon vor Gott
das ewige Gericht erfahren haben hat er gefehlt lass den Sohn nicht Richter
werden über den Verstorbenen«
»Den Verstorbenen« rief Emmy heftig »ha Gott hat ihm zu seiner Strafe
das Leben gelassen Ja er lebt und ich hoffe so elend wie er es verdient
Sag mir« fuhr sie fort ohne von Reginalds Entsetzen Kenntnis zu nehmen
»sag mir ob sie mir recht gesagt hat das plappernde Ding die Ellen lebt der
Graf Crecy in finsterer menschenfeindlicher Zurückgezogenheit und findet weder
Trost noch Freude«
»Was willst Du mit ihm Emmy« rief Reginald bebend »was kümmert Dich der
unglückliche Mann der mein Wohltäter war von Jugend auf und dessen Trübsinn
ich schmerzlich beklage«
»Ha schweig« rief Emmy »und spare Dein töricht Mitleiden Dieser
Wohltäter wie Du ihn zu nennen wagst ist der Räuber Deines Namens Deines
Ranges der Mörder Deiner Mutter der größte Bösewicht der Erde und Dein
rechtmässiger Vater Du sein erstgeborner ehelicher Sohn«
Mit einem Schrei sprang Reginald von seinem Platze auf wild außer sich
ergriff er Emmy er schüttelte sie mit einer Kraft dass sie bebte und bleich
mit Schweißtropfen die Stirn bedeckt schrie er auf als wolle ihm das Herz
brechen »Weib Du bist wahnsinnig« stieß er endlich hervor »oder Du lügst
wo bin ich wer rettet mich vor dem Gifte ihrer Worte« Er stürzte zu Boden und
verhüllte sein Angesicht
Emmy sah dem Allen ohne Erschütterung zu wie einem längst Erwarteten
Unabweislichen Endlich sagte sie fast ruhig »Ja ja Du hast Recht es wäre
besser ich wäre wahnsinnig besser selbst ich löge als dass es Wahrheit
schreckliche Wahrheit ist Auch war es nah daran mein Kind und nur Du hast
mich vor Wahnsinn bewahrt nur Dein unschuldig Kinderauge Dein Lächeln Dein
erstes Stammeln Deine kleinen Schritte daran blieb ich ein Mensch« Sie
seufzte tief und schwieg ruhig wie es schien den ersten Schmerzin Reginald
abwartend Sie brauchte nicht viel Zeit er sprang empor gereizt von der
angeregten Qual Aber sie hatte Recht gesagt sein Herzschlag war gehemmt
seine Jugend schien zu welken
»Gib mir Rechenschaft« sagte er hohl »beweise Es ist schwer sehr
schwer was Du da sagst das tötet Viele und ich ich kann dann nie wieder
froh sein«
»Was liegt an Allen« sagte Emmy hart »wenn Du nur Deine Mutter rächst
wenn Du nur Du einzig rechtmässiger Graf Crecy diesen Namen wiederforderst und
ihn behauptest um der Ehre Deiner Mutter willen«
»Und der jetzige Graf Crecy Ludwig« rief Reginald mit Schmerzenslauten
»Ist ein Bastard Ein verworfenes von allen Gesetzen im Himmel und auf
Erden verdammtes rechtloses Kind«
»Aber mein Bruder« rief Reginald »Mein Bruder Ludwig mein Bruder«
Dieser Gedanke rettete ihn Es war der Sonnenblick der Liebe der dies in der
Erstarrung seufzende Herz seinem Elemente zurückgab Ludwig war sein Bruder
welch eine Wonne O vergeben wir ihm dass er weniger Sohn als Bruder war
Sollte er doch jenes um den fürchterlichen Preis des Hasses und der Rache werden
schien ihm doch der Bruder der einzige Trost dieses entsetzlichen
Augenblickes
Missbilligend betrachtete ihn Emmy Gray Er entsprach ihrem zürnenden Herzen
nicht Sie hatte keinen Maßstab für ein junges edles Gemüt von böser Sucht
noch unberührt Doch fasste sie sich Noch kannte er das Schicksal seiner Mutter
nicht damit musste ihm die Stimmung kommen die sie erwartete
»Setze Dich« sagte sie gebietend »wir haben noch Viel vor uns Viel
Viel musst Du hören mit vollen klaren Sinnen hören und wohl bewahren in Deinem
Gedächtnisse damit Du den Teufelskünsten stehen kannst die Dir entgegen treten
werden«
Schaudernd folgte Reginald ihrem Gebote Der jähe Zustand den das bis jetzt
Erfahrene in ihm erregt ließ ihn keine Richtung festhalten er beschloss das
was er hören müsste streng zu prüfen Einer Unwahrheit beschuldigte seine
fürchtende Seele die alte gebietende Frau nicht aber er dachte an eine
Entstellung durch ihre leidenschaftliche Stimmung O wie schön und warm belebte
ihn das jugendliche Verlangen zu versöhnen und zu entschuldigen
Wir wissen was ihm von Emmy Gray mitgeteilt werden konnte und indem wir
hinzusetzen dass sie Nichts verschwieg Nicht mit ihrem gegenwärtigen Verstande
versäumte was die Dinge zur anschaulichen Tatsache erhob werden wir begreifen
können wie Reginald sich zuletzt um alle seine frommen Hoffnungen betrogen
fand Immer bleicher und bleicher werdend starrte er die rächende Frau vor sich
an in deren harten Zügen kein Hauch von Schonung oder Mitleiden neben der
zornigen Anklage Raum fand Das frühe Alter hatte ihr Antlitz gefurcht ihre
Gestalt gebeugt sie trug schwere steife Trauerkleider und ihre Bewegungen
waren durch die Wichtigkeit der Gedanken die sie erfüllten tragisch und edel
Eine solche Persönlichkeit unterstützte ohne dass er darüber zum Bewusstsein kam
was sie sagte Reginald fühlte die Macht der Wahrheit er hörte bloß noch und
nahm auf was sie ihm gab er urteilte nicht mehr darüber Auch sagte sie nur
die Wahrheit sie war inhaltsschwer genug Als sie geendet wurzelte ihr
durchdringendes Auge auf Reginald Er sprang auf und rief die Hände zum Himmel
streckend »Mutter Mutter ich will Dein Sohn sein vor Gott und Menschen O
sieh herab denn ich bin damit dem Unglücke geweiht«
»Das Grab meiner Mutter will ich sehen« rief er dann hastig zu Emmy
gewendet »Ste Roche will ich sehen Großer Gott diesen Namen trage ich«
Er verstummte dann fuhr er wieder auf »Doch Ludwig bleibt mein Bruder mein
unschuldiger Bruder Ha Emmy den werde ich schützen und retten der soll nicht
entehrt und dem Auge der Welt zum Hohn werden hörst Du Emmy Meine Mutter«
rief er die Hände zum Himmel hebend »ich will den Bruder schützen und die
damit ehren die Deinen Sohn geschützt und geliebt hat Emmy« fuhr er fort
»morgen bringe ich Dir meinen Bruder Du wirst ihm selbst Alles Alles sagen
wie mir«
»Ha dem Bastarde« rief Emmy »dem der Dich verdrängte von Deinem
angestammten Platze«
»Schweig« rief Reginald mit der Heftigkeit des ersten Schmerzes »und
wage nicht ihn noch ein Mal so zu nennen Mein Bruder ist Ludwig er soll so
rechtlich geboren sein wie ich selbst und nur teilen will ich mit ihm«
Emmy verblödete einen Augenblick mit geheimer Lust vor der heftigen
Entschlossenheit des jungen Mannes Es war ihr schon recht dass er selbst ihr
Trotz bot und sie erlebte von dem Zöglinge gern was sie von Niemandem duldete
»Die Dokumente das Blatt des Kirchenbuches über die Vermählung meiner
Eltern und meinen Taufschein den hebe mir auf Ich muss Ste Roche sehen ihr
Grab ihr Grab O ich habe Nichts früher auf dieser Welt zu tun Erst ihr
Grab« rief er »und dann das trostlose Leben«
Plötzlich siegte die Wehmut er brach in Tränen aus und sie die selbst
keine mehr zu ihrer Erleichterung weinen konnte sah in tiefem ernstem
Schweigen zu wie sein junges zertrümmertes Herz sich abarbeitete Sie freute
sich dabei seines ganzen Wesens wie ihn der Schmerz nicht entkräftet hatte
und wie er den Vater nicht ein einziges Mal genannt
Endlich sprang er auf er schüttelte die nassen Locken aus dem Gesichte und
nahete der alten Freundin »Geh zurück nach Ste Roche Emmy und erwarte mich
morgen dort ich komme mit meinem Bruder Ludwig ich werde ihn vorbereiten
denn er hört das besser von mir und über ihrem Grabe werden wir das Weitere
beschließen Ich verspreche Dir dabei dass ich der Marschallin und Allen die es
ihr verraten könnten verbergen werde wohin wir gehen ihr werde ich keine
Einmischung gestatten darüber sei sicher«
Es war die höchste Zeit dass man sich trennte wenn Reginald Ardoise noch
erreichen wollte ohne Verdacht zu erregen aber trotz seines schnellen
Aufbruches war die Zeit unter den traurigen Mitteilungen doch rasch verflossen
und Reginald erreichte erst das Forstaus nachdem wie uns bekannt seine
Abwesenheit von Allen bemerkt worden war
Was wir hier in seiner Folge ruhig nach einander erzählten trat in vielen
Zwischensätzen mit dem reichen Gefühlswechsel in beiden Jünglingen wie er
notwendig in dieser Mitteilung begriffen sein musste hervor aber in Beiden
siegte die rein geteilte Freude Brüder zu sein und so fest so sicher waren
sie sich dass Keiner dem Anderen eine Versicherung gab Beide durch ihre Liebe
geschützt die nur noch erhöhter noch gerechtfertigter schien durch die neuen
Bande
Die Außenwelt erinnerte sie erst wieder an sich als sie zum Pferdewechsel
die Gastfreundschaft des Klosters Tabor in Anspruch nahmen Der Himmel war nicht
allein von dem nahenden Abend umdüstert ein Gewitter hing mit schweren
bleifarbenen WolkenGebirgen über ihren Häuptern Dringend luden die Mönche die
jungen Männer zum Verweilen ein ihnen den Weg durch die Wälder von Ste Roche
in der Nacht fast unwegsam schildernd vergeblich waren diese Abmahnungen
Reginald wies sie alle zurück mit dem düsteren und heftigen Ungestüme den
seine Erregung mit sich führte Der gutmütige Prior konnte endlich nichts tun
als ihren Wagen mit einigem Proviante zu füllen und die besten Pferde und den
kundigsten Wegweiser hinzuzufügen
Doch begriffen sie bald selbst die angedrohten Schwierigkeiten als sie den
Wald erreicht hatten So lange die Blitze ihren Weg erhellten zeigte sich der
Wegweiser nützlich und der Wagen bewegte sich langsam vorwärts aber sie hörten
auf ohne dass der Mond durch die schwarzen Wolken dringen konnte und jetzt
stürzte der Regen in Strömen herab Der Weg ward zum Giessbache Fackeln und
Windlichter erloschen und die Pferde an den Zügeln führend bewegten die Leute
den Wagen nur unter großen Schwierigkeiten vorwärts Wie langsam und
beschwerlich ihre Reise unter solchen Umständen vor sich gehen musste ist leicht
zu übersehen Oft ließ sie halten oft kehrten sie um wenn sie in völlig
unwegsame Bahn geraten waren und es glich mehr einem Wunder dass sie endlich
das Ende des Waldes erreichten als einem erwarteten Resultat ihrer oft so
vergeblichen Anstrengungen
Mitternacht war indessen vorüber als sie die gelichteteren Stellen des
Waldes die das Schloss Ste Roche erkennen ließ erreichten Der Regen hatte
aufgehört aber der Sturm wälzte sich heulend und mit furchtbarer Gewalt über
den zitternden Boden Die jungen Leute hatten den Wagen verlassen sie wollten
sich selbst den Eingang zum Schloss suchen denn ihre Diener hatten mit den
erschöpften Pferden zu tun und der Wegweiser erklärte dass er um keinen Preis
das alte Geisterschloss betreten würde und tat Alles was seine plumpe
Überredungsgabe vermochte die jungen Herren gleichfalls davon abzuhalten
»Herr Herr« sprach er »das ist ein Unglückshaus noch Niemand hat es
unbeschädigt verlassen die Meisten fanden ihr Grab darin und litten vorher
viele höllische Qualen Räuber sollen auch darin hausen Und was Wunder seit
St Albans der alte Kastellan verstorben ist und der Sohn die Pachtung vom
Kloster Tabor übernommen steht Alles verlassen die Tore und Gitter sind auf
ohne Wächter ohne Schloss und Riegel Was Wunder dass sich einnistet wer
finster Werk treibt denn die alte böse Hexe die sich dort abgesperrt die wird
es nicht hindern«
Dessen ungeachtet machte diese Rede nur bei der Dienerschaft Eindruck die
jungen Männer befahlen dass man den Mundvorrat nach dem sie anfingen einiges
Verlangen zu tragen ihr nötiges Gepäck und die Windlichter nachbringen möchte
der Wagen langsam den Eingang suchen sollte und eilten Arm in Arm dem Schloss
zu Jetzt standen sie an einer terrassenartig ansteigenden Befestigung die
durch Gräben getrennt mit kaum wahrzunehmenden Brücken überbaut waren hinter
welchen sich die dunkle Masse des Schlosses zeigte die gegen den Nachthimmel
der mit zerrissenen Wolken bedeckt die vom Sturm gejagt einen schauerlichen
Wechsel trieben wahrhaft drohend und gebietend abstach
Beide blieben stehen lebhafter von seinem Anblick ergriffen als sie
erwartet hatten »Weiß Gott« rief Reginald »man möchte zu den bösen Dingen
Glauben fassen die über dies alte Schloss in dem Munde der Nachbaren sind es
sieht aus als riefe es Jedem eine Warnung vor seinem Bereiche zu«
»Ja« sprach Ludwig bewegt »wie das riesige Grabmal eines ganzen
Geschlechtes sieht es aus Die Valois erbauten es wie Du mir sagtest sie
hätten mit allen ihren Sünden darunter Raum«
Sie schritten vor und erreichten trotz des wütenden Sturmes der sich wie
Menschenhände ihnen entgegen drängte und sie zurück zu schleudern schien die
Eingangsbrücken »Dieser Nacht werde ich gedenken bis an mein Ende« rief
Reginald und ergriff das Gitter was den düstern Hof mit Teophims Grabmal
umschloss Er zog Ludwig nach sich der matt und erschöpft ihm kaum folgen
konnte und Beide traten nun durch das offene Gitter in den Schlosshof der ihnen
wenigstens einigen Schutz verlieh obwohl das Geheul des Sturmes sich nur noch
schauerlicher gegen alle die Ecken und Giebel brach die mit eisernen Gittern
und Wetterfähnchen besteckt ein wunderliches Konzert bildeten
»Lass uns Quartier machen wo wir zukommen« sprach Reginald »So spät so
über Mitternacht hinaus erwartet uns die alte Freundin nicht mehr wir wollen
sie nicht beunruhigen und werden doch Dach und Fach finden für die wenigen
Stunden«
»Ja« erwiderte Ludwig »lass uns Schutz suchen ohne Zeitverlust ich fühle
mich erschöpft vielleicht bestätigt sich das Gerücht dass die Türen
aufblieben«
Beide überschritten nunmehr den Hof und ihre Erwartung erfüllte sich Sie
traten ohne Hindernis in die weitläufige Halle des unteren Geschosses und
nachdem die Diener Windlichter angezündet hatten sahen sie wie von hier aus
schwere eichene Treppen mit großem Aufwande von Raum in die oberen Gemächer
führten
»Hier ist nicht Bleibens trotz der alten Kamine die vielleicht unseren
Leuten nützlich werden« sprach Ludwig »es ist hier kalt und feucht wir
wollen höher steigen wir finden oben wohl bessere Räume«
Die Diener leuchteten und man erreichte den oberen Treppensaal der mit
dunkelm Marmor getäfelt an eben solchen Wänden mit Portraitstatuen umstellt war
und rechts und links große Eingangstüren zeigte die von Eichenholz
schwerfällig und überladen verziert in Einfassungen von schwarzem Marmor
liefen
»Das sind finstere Eingänge« rief Ludwig »wie die Pforten zu einer
Gruft«
Reginald schauderte »Lass uns lieber den Teil des Schlosses suchen wo Emmy
wohnt« rief er lebhaft »Zu Entdeckungen in diesen düstern Räumen sind wir
nicht hergekommen«
»Nein« rief Ludwig »das Bedürfnis nach Ruhe beherrscht mich
ausschließend Lass uns eintreten rechts oder links ich strecke mich sogleich
nieder wäre es auch auf den Stufen eines Grabmals Leuchtet wir treten hier
ein«
Die Diener gingen zögernd voran Ludwig schob sie weg er selbst drückte das
kunstreich umschnörkelte Schloss es gab nach und sie traten in ein schmales
hohes gewölbtes Zimmer welches mit breitem Kamin und herumlaufenden Bänken
einem großen steinernen Becken in der Wand und daneben befestigtem Schenktisch
als ein Vorzimmer zum Ess oder BanketSaal zu erkennen war
»Das zweite Zimmer wird besser sein« rief Ludwig jetzt tätiger werdend
als Reginald der mit unbeschreiblicher Gemütsbewegung und höchst widerwillig
nur dem Grafen folgte »Halt« sagte er die angelehnte Tür aufstossend »das
ist ein Prunkgemach und offenbar noch königlichen Ursprunges Sieh den
Tronhimmel mit der Krone und den kostbaren Purpurbehängen«
Die Lichter erhellten nur sparsam den großen Prachtsaal früherer Zeiten
denn dem damaligen Geschmacke gemäß war überall düsteres Material wie
schwarzer Marmor Ebenholz eichenes Getäfel und von der Zeit leicht geschwärzte
Vergoldungen zu abenteuerlichen und gigantischen Verzierungen verbraucht Doch
waren hier bequeme Stühle Kamine die vielleicht die Feuerung vertrugen und
was sie mit näherem Forschen erspähen konnten machte diesen Raum für furchtlose
Gemüter zu einem tadellosen Ruhepunkte weniger Stunden Ludwig schob sogleich
einen der großen damastenen Lehnstühle gegen einen Kamin und indem er befahl
von einigen zusammengestürzten auf dem Heerde aufgehäuften Möbeltrümmern Feuer
zu machen verriet seine abgebrochene Rede seine todtenähnliche Farbe wie
groß seine physische Erschöpfung sei Obwol dies für Reginald wie für ihre
Diener nichts Ungewöhnliches war regte es doch auch jedes Mal den guten Willen
Aller an ihm zu Hilfe zu kommen Während die Diener sich mit dem Feuer
beschäftigten bemühte sich Reginald von den alten Stühlen und ihren bauschigen
Kissen Ludwigs Stuhl bequemer zu machen und als der ihn stumm aber dankbar
anlächelnde Bruder ruhte und mit warmen Mänteln überdeckt war zog er ein
klirrendes schreiendes Tischchen von getriebenem Kupfer herbei das seine
Staubdecke räumen musste und auf dessen mit künstlichen Bildern eingelegter
Platte Reginald mit jugendlich gelenkiger Geschicklichkeit die Mundvorräte
ausbreitete die der gute Prior ihnen mitgegeben Bald war so eine Art
Bequemlichkeit eingetreten die wenigstens als Gegensatz des draußen wütenden
Sturmwindes so genannt werden konnte da der Kamin wirklich in hellen
prasselnden Flammen die zertrümmerte Pracht des vorigen Jahrhunderts verzehrte
und damit in seiner Nähe wohltuende Wärme verbreitete Ludwig griff nun auch
sichtlich erquickt zu den Speisen die der Klosterküche Ehre brachten und
fühlte sich besonders von dem starken alten Weine neu belebt welcher ihnen in
einer Berechnung zugeteilt war die den Maassstaab des dort zuerkannten
Bedürfnisses verriet
»Jetzt« rief Reginald »bin ich erquickt und unsere Leute werden es auch
sein Ruhe Du hier mein Lieber ich will mit den Leuten und unseren Pistolen
die nächsten Räume untersuchen denn ein offenes Haus will ein nötiges Bedenken
erregen Behalte Du eine von Deinen geladenen Pistolen hier mit den anderen
bewaffnen wir uns«
Ludwig war es zufrieden und Reginald durchspähte zuerst ihren Aufenthalt
Das Zimmer war mit kostbaren aber verwitterten Gobelins behangen darunter
standen fest und unversehrt verschlossene Schränke die eine fortgesetzte
Skulptur in Ebenholz waren und mit Gold Silber und Elfenbein untermischt
Gegenstände aus dem alten und neuen Testamente darstellten In der Gegend des
Tronhimmels stand eine lange eben so kostbar gearbeitete Tafel über der ein
verstaubter Teppich von purpurrotem Samt mit goldenen Frangen hing Außer der
Eingangstüre befanden sich noch zwei kleinere in diesem Zimmer die eine
öffnete sich nach einer offenen Gallerie von der ihnen sogleich der Sturm
entgegen wehte der sie der festen Türe froh werden ließ Dagegen war neben dem
Tronhimmel eine vierte größere Türe die Neugierde und Verdacht in ihnen
erweckte da sie mit mehreren Schlössern und eisernen Balken verwahrt war die
nach einigen Versuchen sie zu öffnen sich als zu stark befestigt zeigten um
den Eingang möglich zu machen Dies machte auf Reginald einen sehr unangenehmen
Eindruck und er fühlte damit Sorge und Unruhe in sich angeregt obwohl er bemüht
war sie zu verbergen da er Ludwigs eintretende Ruhe zu stören fürchtete Um so
viel sorgfältiger untersuchte er die anstoßenden Räume und alle zeigten sich
durchaus beruhigend Er befahl einem der Diener mit dem Pistol in der Hand im
Vorsaale zu lagern den zweiten ließ er vor die Tür nach der Gallerie sich
legen er selbst aber nahm Ludwig gegenüber am kupfernen Tischchen Platz so dass
er die geheimnisvolle Tür im Auge behielt Er hoffte Ludwigs leichten
krankhaften Schlummer bewachen zu können trank mehr Wein als gewöhnlich um
sich munter zu erhalten und da das sonderbare wehklagende Geschrei der vom
Sturm umwehten Zinnen und Türme in dem mannigfachsten Wechsel seine Phantasie
anregte fühlte er sich auch der Müdigkeit widerstehend die ihn von dem
Augenblick an bedrohte als Ludwig vor ihm in gleichmässigeren ruhigeren Schlaf
versank Er fasste das scharf geladene Pistol fest in die rechte Hand und sich in
den Lehnstuhl zurücklehnend blieben seine Augen wie gefesselt an der
verschlossenen Türe haften O wie sammelte die Ruhe die für seine Gedanken
eintrat die Bilder die aus Emmys mächtiger Rede über das Verhängnis dieses
Hauses in ihm niedergelegt waren Von der Gruft der Klaudia von Bretagne an bis
zu dem blühenden schönen Bilde seiner kindlichen Mutter durchlief seine
angeregte Phantasie nach Emmys strenger Anordnung alle Begebenheiten Wie
schmerzlich und qualvoll stieg ihr und sein Schicksal in ihm auf und wie
dämonisch wuchs besonders Souvrés Gestalt in diesem Bilde an von dem er sich
erst jetzt eingestand wie sehr er ihm in der Stille abgeneigt geblieben war
Wie verhängnisvoll erschien ihm dies Schloss selbst das in seinem Bereich immer
nur Unglück und Schuld über seine Bewohner häufte denn Emmy hatte nicht
unterlassen die Gräuel der Katarina von Medicis des Teophim von Crecy des
Spinola zu berühren wenn auch nur um den Vorwurf zu verstärken dass man
Fennimor eine so entweihte Wohnung angewiesen So reihete sich Bild an Bild
und erregte fieberhaft sein wallendes Blut Der kühne Jüngling der die Furcht
noch erst erfahren sollte lernte plötzlich ein Gefühl kennen für das er da es
ihm neu war den Namen nicht wusste Er blickte in dem ungeheuren dunkeln Raume
mit klopfendem Herzen umher das tiefe Schweigen was jetzt hier herrschte
schien ihm entsetzlich dieser Schauplatz geselliger Lust ohne Zweifel von
allen und den verschiedensten Bewohnern zu diesem Zwecke benutzt zeigte keine
Spur mehr seines früheren Lebens Die Sessel blieben unbesetzt die Tische leer
und die ungeheuren Schränke verhüllten ihren Inhalt zum Dienste jener Zeit
gehörend »O« rief Reginald plötzlich unbewusst »dies Schweigen ist
unerträglich Besser es belebte sich Alles mit den Gestalten der
Vergangenheit«
»So folge mir« rief eine hohle ernste Stimme hinter ihm Entsetzt wandte
er sich und sah dass er bei seinem Umherblicken die Richtung nach der
verschlossenen Tür aufgegeben hatte die jetzt geöffnet war von da her das
übersah er mit einem Blicke war die Männergestalt gekommen die diese Worte zu
ihm sprach Aber Reginald fühlte seinen Atem stocken und doch konnte er es
nicht nachweisen warum ihn eben diese Gestalt so entsetzte Seine Züge waren
nicht ganz zu erkennen ein spanischer Hut mit breiter Krempe nur seitwärts mit
einer Agraffe aufgeschlagen beschattete sein Gesicht doch schien es Reginald
gelb und bleich Um seine Schultern hatte er einen kurzen feuerfarbenen Mantel
der drei große Löcher auf der Brust zeigte übrigens schien er in schwarzem
Samt altspanisch gekleidet und trug ein breites Schwert in reicher Scheide
eng an sich gedrückt
Immer deutlicher trat es Reginald hervor er hatte die ganze Gestalt so
wie sie jetzt vor ihm stand noch so eben unter den Portaitfiguren auf dem
Treppensaal erblickt dazwischen schien es ihm er sähe Souvrés Züge und die
Gestalt nur widersprach in ihrer Größe dem flüchtigen Gedanken Und dieser
Mann aus einem anderen Jahrhunderte forderte ihn auf ihm zu folgen Reginald
fühlte sich wie von einer unabweisbaren Autorität beherrscht Ohne es deutlich
sehen zu können glaubte er das stechende Auge des roten Mannes zu fühlen er
wandte sich ängstlich nach Ludwig um Aber dieser war nicht allein schon
erwacht es schien sogar er war früher aufgefordert worden als er selbst denn
er stand bereits eben so willfährig als Reginald
»Gesellschaft sollt Ihr finden« fuhr der rote Mann fort »und für zwei
Grafen von Crecy an deren Leben die Erhaltung des Hauses CrecyChabanne hängt
soll es passende unterhaltende Gesellschaft sein Ihr fürchtet Euch doch
nicht« setzte er höhnisch hinzu
Dies schreckte Reginald empor Jetzt erst fühlte er den erstarrten Zorn sich
in seiner Brust beleben »Wer seid Ihr« rief er »Welch ein Recht habt Ihr in
unserem Schloss eine Einladung an uns zu richten als wäret Ihr der Herr
desselben«
Eine Art Schnauben wie es der Zorn zuweilen bei sehr wilden Menschen hören
lässt ging voran dann folgte ein höhnendes Lachen »Kind halte ein mit Deiner
Wichtigkeit« rief dann der rote Mann »und hüte Dich mich zu reizen dass Du
nicht gleich erfährst welche Macht ich hier habe eine solche die in ihrem
Alter und in ihrer Rechtmässigkeit die Deinige überbieten könnte«
Und Reginald der kühne hochherzige Jüngling schwieg Ihm war so fremd
und erdrückt zu Mut als er sprach fühlte er keine Kraft seinen Worten Ton
und Stärke zu geben sein Atem war so kurz sein Kopf schien ihm nicht frei
nur die Nähe Ludwigs beruhigte ihn An seiner Seite folgte er dem voran
schreitenden roten Manne willenlos wie durch Zauber ihm nachgezogen und an
Ludwig dieselbe Gewalt wahrnehmend
Als sie die Schwelle der jetzt geöffneten früher so fest verschlossenen
Tür überschritten blieb der rote Mann stehen und indem er zurückschaute
sagte er »Ihr hattet denke ich große Lust diese Räume zu betreten Als ich
Euch an den Schlössern hämmern hörte konnte ich denken wer es war Ihr hattet
Recht hier Einlass zu wünschen nur kam es mir zu Euch hier willkommen zu
heißen denn es ist so recht eigentlich mein Bezirk Auch wartete ich schon
längst auf Euch Ihr Grafen von CrecyChabanne« Ein kurzes feindliches Lachen
folgte und die erschütterten Jünglinge eilten ihm nach der mit geräuschlosen
Schritten über das dunkle Getäfel voranglitt
Sie fanden erleuchtete Räume ohne den Moder der Zerstörung doch in dem
Geschmacke des Jahrhunderts eingerichtet dem der Mann im roten Mantel
anzugehören schien Sie kamen erst durch einige kleinere Wohnzimmer durch ein
Schlafzimmer mit einem großen Bette gegen dessen verschlossene schwersammetne
Vorhänge ihr Führer wild drohend die Hand erhob und wie glich er jetzt Souvré
Dann öffneten sich weite Säle und die Jünglinge erstaunten über die Ausdehnung
des Schlosses und den Glanz der Ausstattung Diese Räume wurden jedoch von einer
Schaar geschäftiger Diener und Dienerinnen belebt die in einer ungewöhnlichen
Tätigkeit umhersausten doch ohne anderes Geräusch vernehmen zu lassen als dass
sie die Luft zu bewegen schienen die oft schneidend und kalt an den Jünglingen
vorüberstreifte und auch die zahllosen Kerzen in einer beständig wehenden
Bewegung erhielten
Der rote Mann hatte mit Allen zu verkehren und Beide behielten Zeit das
zahlreiche wunderliche Personal zu betrachten das einig und in derselben
Richtung wirkend doch durch das Kostüm so getrennt erschien als lägen zwischen
den einzelnen Gruppen Jahrhunderte Das Erstaunen Beider verschlang jede Frage
sie waren im Sehen aufgelöst und von großer Beklemmung und einem nicht zu
beherrschenden Grauen erfüllt denn diese wort und geräuschlosen Geschöpfe
änderten jeden Augenblick mit Blitzschnelle ihre Plätze und die
abenteuerlichsten längst vergessenen Kostüme die schwerfällig und beladen
jede Bewegung zu hindern drohten wurden hier mit einer Leichtigkeit getragen
als wären es Gewänder von Staub und Luft gewoben Die Jünglinge wurden von
Niemandem bemerkt von Niemandem berührt obwohl sie von der großen Anzahl immer
umkreist waren und ihren kalten Luftauch fühlten Alle waren beschäftigt eine
Tafel zuzurichten von den alten Geschirren in den kostbarsten Metallen die sie
herbeischleppten und ordneten waren einige kaum in ihrer Bestimmung zu
erkennen so fern musste die Zeit ihres Gebrauches liegen dazwischen kamen
neuere Gegenstände die köstlichsten Geschirre und Becher zu deren
vervielfältigten Modellen Benvenuto Cellini als Erfinder genannt wird Dann das
leichte florartige Glas der Venetianer mit Wappen Farben und Vergoldungen
jedes Jahrhundert schien es hatte seine Geschirre und seine ihm zugehörende
Bedienung
Vergeblich rang Reginald mit der wahnsinnigen Verwirrung in die er sich
gestürzt fühlte die Dinge behielten ihre Gestalt und zogen ihn endlich in einem
Maße an dass die Überlegung in ihm erstarb nur Ludwigs Arm sein
antwortendes Auge das er zuweilen suchte gab ihm ein Gefühl von Haltung und
Ruhe
Jetzt winkte ihnen der rote Mann ihm zu folgen und Beide traten mit ihm
in den nächsten Saal welcher glänzend erhellt und von großer Ausdehnung aber
mit einer Masse von Gestalten beinah überfüllt war Doch waren sie früher den
Dienern begegnet standen sie hier unverkennbar den Gebietern gegenüber Wohin
in dieser glänzenden Versammlung zuerst das Auge richten wie den Reichtum
fassen der hier den Glanz aller erdenklichen Kleiderpracht mit dem Zauber von
Schönheit und Jugend vereinigt zeigte Die Jünglinge waren geblendet ihre
Phantasie war überboten sie fühlten eine schüchterne Hingebung und schienen
sich kaum berechtigt zu einer so anspruchsvollen Versammlung gehören zu wollen
Doch auch hier fiel Reginald bald die chronologische Folge auf auch hier
zeigten sich aus der Gesellschaft verschwundene Kostüme oder solche die nur
noch in alten Bildwerken bewahrt wurden und bei ruhigerer Betrachtung sah er
zwei Frauen die wie schroff bezeichnete Zeitabschnitte sich gegenüber standen
und einen ganzen Kreis ähnlicher Gestalten um sich versammelten Es ist ein
Maskenscherz wollte Reginald denken aber er glaubte an dem Gedanken zu
ersticken Der Atem blieb ihm stehen er wollte laut aufschreien sich die Qual
zu erleichtern aber der Laut erstarb die Lippen blieben tonlos Da trat
der rote Mann der Alle wie seine Gäste zu leiten schien zu ihnen er führte
sie umher Sie wurden vorgestellt er hörte viele Namen und sich und Ludwig
immer gleich als Grafen Crecy bezeichnen doch schien es ihm der rote Mann
spreche kein Wort und hier wie bei den Dienern herrsche lautlose Stille
Dennoch wusste er die blasse hagere Frau mit den tiefgesenkten Augenliedern mit
der ruhigen Stirn und dem Ernst einer Heiligen sei Klaudia von Bretagne Sie
trug den turmhohen Bau eines steifleinenen Kopfputzes jener Mode woran
radförmig Halskrause und Brustlatz liefen die keine Ahnung einer menschlich
weiblichen Gestalt zuließ Von grobem aschfarbenen Wollenzeuge hingen die
Gewänder in festgenähten Falten ohne Gürtel bis zum Boden nur die Hände sahen
mit den Fingerspitzen aus den aufgeschlagenen Aermeln hervor sie waren schön
und fein doch gelblich weiß und umschlossen ein schwarzes Kruzifix Aus den
Falten des Rockes hing ein Spindel nieder und nur auf der höchsten Spitze des
widrig steifen Kopfputzes saß die kleine Königskrone sie hatte aber einen
Schein wie Sternenlicht und so auch leuchtete ein Kreuz von Edelsteinen was
auf dem Brustlatze ruhte Um sie standen junge bleiche Frauenbilder in der
entstellenden Tracht der Zeit mit Angesichtern so still so mienenlos und
kalt als sei das Buch des Lebens mit seinem ganzen Inhalte vor ihnen
verschlossen geblieben Sie standen um die stille unbewegliche Herrin die
ihrer nicht zu achten schien dazwischen sah man Ritter mit unbedecktem Haupte
Pagen in Wappenfarben gleich Gerüsten dieser Abzeichen geschmacklos überladen
mit bunten Farben und ungefälligem Schnitte der Kleider Klein jedoch nur war
die die Zahl die um die Königin kenntlich zu erblicken war denn nur die
Bezeichneten traten deutlicher hervor Hinter ihrem Stuhle schwirrte noch ein
ganzer Knäuel verbundener Gestalten die lebendig um einander glitten und bei
dem unsicheren Lichte der wehenden Kerzen immer zu wechseln schienen
An einen großen weitläufigen Kamin gelehnt in dessen Heerd die jähe
Flamme in Regenbogenfarben spielend nach allen Seiten züngelte so nah dass
der Rand der reichen Gewänder in jedem Augenblicke von den hervor schlüpfenden
Flammen besäumt ward stand ein Weib von mächtiger Schönheit Sie hatte wohl die
starre kalte Weise der übrigen Frauen doch ihr wie allen um sie versammelten
Schönen glühte ein fremdartig schimmerndes Rot auf den Wangen Der Kopf war
unbedeckt in vollen Ringeln floss das dunkle Haar bis auf die marmorbleichen
Schultern auf der Mitte ihres Hauptes aber ruhte eine große mächtige Krone von
Brillanten es war Katarina von Medicis Sie schaute mit den glühenden
Augen in die Ferne Ihr Gewand war purpurroter Samt es deckte um die volle
Taille kaum die preisgegebene Schönheit ihrer Formen So waren alle Frauen ihres
Kreises schön und zum Erschrecken fast enthüllt Dazwischen bewegten sich
zahllose Männergestalten in den prachtvollen Kostümen der Valois zur Zeit der
Medicäerin Die Namen der Geschichte wurden den beiden Jünglingen genannt sie
sahen ihre belebten Gestalten es schien als habe Alle die nacheinander dieser
Zeit gedient ein Hoffest hier vereinigt Es waren die Sitten die damals
geltenden bewunderten Formen der Geselligkeit Alles diente empfing
erwiderte und man sah Alle gruppenweis in gesellschaftlicher Beweglichkeit
Die Jünglinge wurden wie im Wirbel fortgetrieben ob es Sekunden ob es
Stunden waren sie wurden sich dessen nicht mehr bewusst mit überspannter
Neugierde ernteten sie mit ihren Augen die Wunder ein die sich ihnen
entüllten Bald waren sie getrennt bald waren sie vereint doch Keiner
sagte dem Anderen mehr ein Wort es schien als verlören auch sie die Sprache
Denn wie sehr auch Reginald sich mühte klar zu werden ob dieser glanzvolle
Kreis durch Worte sich verständige es gelang ihm nicht er verlor den
Gedanken daran oder die Anstrengung ihn festzuhalten verging in angstvoller
Betäubung die endlich in dem Anblick unterging der so berauschend war Da
ergriff sie plötzlich der rote Mann zog sie zum Kamin und stellte sie dicht
vor die Königin er nannte ihre Namen und starrte höhnend auf sie hin Sie
fuhr zusammen einen Schrei des Schmerzes glaubten sie zu hören Die Flammen
des Kamins umzüngelten wie ein Saum das glänzende Gewand sie sträubte sich
und strich die Flammen mit den Händen ab Da sah Reginald wie ihre Füße nackt
und bis zum Knöchel rot gefärbt waren sie wehrte die Jünglinge ab der rote
Mann jedoch hielt sie vor ihr fest und forderte eine hohe in Goldstoff
gekleidete Gestalt die hinter Katarina stand heraus hervorzutreten
hohnneckend zeigte er ihr die Jünglinge dann hob er den roten Mantel auf und
zählte die runden Löcher eins zwei drei da taumelte der Andere und sank
zusammen Es war Teophim Graf von Crecy Im nächsten Augenblicke wurden die
glänzenden Tischchen von getriebenem Kupfer mit sammetnen Beuteln zum Spiele
eingerichtet herbeigerollt Die verschiedensten Partieen wurden schnell
geordnet Alles saß die Königin Klaudia ausgenommen sie hatte die Spindel
los gemacht und zog die feinen Fäden langsam durch die bunten Reihen wandelnd
als sei sie hier allein
Reginald erblickte Ludwig mit Katarinens schönen Frauen beim Brettspiele
heftig erregt suchte er zu ihm zu kommen aber die Luft schien in schweren
hindernden Schichten zwischen ihnen zu liegen er konnte ihn nicht erreichen
Dagegen stand er mit einem Male zur Seite der Medicäerin sie spielte mit
Teophim von Crecy ein mystisches Spiel mit goldenen und silbernen Figuren auf
der kupfernen Platte des Tisches waren Bilder eingelassen nach deren Zeichen
sich die Spieler zu richten schienen Schrecklich war ihm Teophims Bild
bleich das Gesicht mit grünen Flecken übersäet die Hände mit goldgestickten
Handschuhen bedeckt die so grauenhaft schlotterten als ob sie eine dürre
Knochenhand bedeckten
Unruhig auch war der Königin Betragen und schaudernd zuckend fuhr sie
oft zusammen Da sah Reginald mit Entsetzen dass in den reichen Locken die
roten schwarzgefleckten Würmer krochen die den lebendigen Leib der Menschen
fliehen und nur bei Toten hausen er sah wie aus den Falten des Sammtes aus
dem Juwelenplatze sie ihren Weg lustwandelnd über die reine Wölbung des schönen
Halses nahmen wie sie den runden Arm entlang bis zu den Fingerspitzen krochen
und wie die Königin ohne Weigern ihrem Treiben sich ergab
Doch schien es ihm das Auge werde ihm stets klarer und deutlicher die
Gegenstände zu erfassen die Frauen so schön so reizend und glänzend anfangs
erscheinend erstarrten plötzlich sie hatten keinen Blick im Auge sie
glitten pfeilschnell ohne Schatten ohne Schritt oder Bewegung über den Boden
Klaudia ging als ob der Fußboden sich langsam mit ihr fortzöge Keiner berührte
den Anderen seufzend wie fernes Geheul durchfuhr den ganzen Raum
schneidender Zugwind überhaupt wehte eine kalte und belastende Luft die bis
zum Herzen die Kraft zu hemmen drohte Reginald erwartete immer bestimmter einen
Hauptmoment ein Entsetzliches das alles Grauenhafte vor ihm überbot Doch
schien es auszubleiben die Türen öffneten sich die Tafel war gerüstet der
Dienerschwarm eilte herein wie rollender Sand durchdrang er blitzschnell die
jetzt fast ganz erstarrten Gruppen der stolzen Versammlung Alles schob sich
vor die Herren und die Damen wie getrieben wie gejagt von dem sturmschnellen
Dienertrosse Zwischen ihnen Beiden stand hohnlachend der rote Mann am
Eingange des Banketsaales und ängstlich schaudernd drängten die Eindringenden
sich zusammen als ob sie seine Berührung fürchteten Er aber zeigte mit dem
langen dürren Finger auf den Einen oder Anderen bald Mann bald Frau und
jeder der Bezeichneten trug ein ähnliches Merkmal als er selbst ein Paar
runde Löcher im Mantel oder Wamms die Frauen in dem zarten Mieder O wie
gern hätte sich Reginald der Einen in Silberstoff mit dem Halsbande von
niedertropfenden Rubinen genaht Es war Eudoxia Nemours sie deckte mit der
lilienweissen Hand die Stelle in dem Mieder wohin der unerbittliche Rotmantel
höhnend deutete Doch kreiste die Besinnung wieder in Reginald überwältigt von
den Gegenständen und ihrem fabelhaften Gemische Er saß an der Tafel neben
schönen starrblickenden Frauen er sah am oberen Ende derselben Ludwig an der
Königin und Teophims Seite sitzen und ward umsaust von der rastlosen Bedienung
Er wusste selbst nicht ob man Speisen gab und nahm ob die Becher leer oder
gefüllt die Tafel umkreisten immer qualvoller immer bänger ward sein
physischer Zustand Todesangst hemmte jeden Pulsschlag er glaubte Modergeruch
wahrzunehmen er schauderte die starren Weibergestalten mit den schönen
leblosen Armen und Händen die dicht neben den seinigen auf der Tafel ruhten
sich bewegen ihn berühren zu sehen er wollte aufspringen Ludwig aus dieser
Gesellschaft reißen mit ihm entfliehen Er schaute nach ihm hin er fehlte
Jetzt schien das Maß gefüllt Er sprang mit Riesenkräften die er nötig hatte
auf er stand vor dem Manne im roten Mantel mit Souvrés Zügen »Bleib« rief
dieser und lähmte so die Kraft des Jünglings »Die Zeit der Rache ist
gekommen erloschen in diesem Augenblicke das Geschlecht der CrecyChabanne
denn so Du lebst blüht es in Dir nicht weiter Ich bin Spinola Der von
Deinem Ahnherrn Teophim beraubte und ermordete Spinola und ich lebe fort
in Souvré dessen Mutter eine Spinola und meine Enkelin war Hier hast Du den
letzten Grafen CrecyChabanne« Er schlug den Mantel zurück im Arme trug er
Ludwigs bleiches blutiges Haupt
Ein Schrei der Wut rang sich aus Reginalds Brust er fühlte mit
Entzücken das Pistol in seiner Hand er hob es auf der Schuss fiel In
demselben Augenblicke zerstob Alles um ihn her tiefe Dunkelheit umgab ihn
er fühlte er war erwacht Traum war das entsetzliche Erlebnis
Keuchend hob sich noch die Brust der Angstschweiß floss von seiner Stirn
die Besinnung schien ihm noch zu mangeln noch glaubte er leises Gewimmer
Todesröcheln zu vernehmen sein Körper schien ihm steif und gelähmt doch
meinte er der Schuss sei gefallen denn er erwachte wie seine Hand mit dem
Pistole noch in der Luft schwebte
Jetzt hörte er eine Türe sich öffnen er hörte Schritte Lichtschein
drang ein mehrere Personen standen vor ihm der Schein der Kerzen traf ihr
Gesicht Es war der Marquis de Souvré bleich entstellt durch Sturm und Regen
von vielen Dienern gefolgt »Ha« rief Reginald »Du bist der Rachegeist des
Spinola« Souvré sprang entsetzt zurück Reginald glich einem Wahnsinnigen
»Fort« schrie Reginald wild den Marquis bedrohend »Du hinderst mich nicht
mehr mein Werk ist getan die ewige Gerechtigkeit wird siegen mein Bruder ist
Ludwig« Alles fuhr zurück er stürzte vor nach Ludwigs Stuhle jeder Blick
folgte ihm
»Ungeheuer« schrie Souvré »was hast Du getan Mörder Mörder«
Das Licht beleuchtete so eben scharf ohne Täuschung Ludwigs erbleichtes
im Todeskampfe zuckendes Gesicht Der Schuss hatte ihn getroffen Aus der tiefen
Wunde seiner Brust floss das Blut in vollen Strömen dahin röchelnd hob sich
der nur selten noch wiederkehrende Atem es war vorbei der letzte Augenblick
hing über ihm
Starr blickte Reginald versteinert in dies geliebte Antlitz Er hatte eben
so Entsetzliches erfahren es war gewichen zum zweiten Male sagte ihm eine
Stimme kannst Du träumen es wird nicht sein Umsonst die Wahrheit trägt eine
andere Farbe sie überzeugt uns schnell
»Bösewicht« schrie Souvré »bekenne gleich hier bekenne Du bist sein
Mörder«
»Ich bins« rief Reginald mit schrecklichen erschütternden Lauten »Ich
bin Dein Mörder Ludwig Mein Bruder Ludwig höre mich stirb nicht erwache
sieh mich an Mein Bruder ich habe Dich gemordet«
Es war als ob der Sterbende auffuhr Reginald war über ihn gestürzt sein
Blut überströmte ihn Ludwig rang mit dem letzten Seufzer seine Leiche sank
über ihm zusammen
Souvré riss Reginald schnaubend vor Wut in die Höhe Dieser hatte das
Bewusstsein verloren er schleuderte ihn zu Boden er wagte es ihn mit seinen
Füßen fortzustossen Sein Hass seine Wut brach aus allen Schranken hervor
»Bindet ihn weckt das Dorf ruft den Richter herbei« rief er wie rasend
Seine Natur trieb ihn an früher an Reginalds Bestrafung wie an Ludwigs
mögliche Rettung zu denken
Doch die Diener der beiden jungen Leute innig von der entsetzlichen
Begebenheit ergriffen versahen das Werk der Menschlichkeit Der Kammerdiener
Ludwigs riss ihm die Kleider auf er wusch das Blut von der Wunde doch ein
Blick reichte bin von jedem Rettungsversuche abzustehen Mit der größten
Sorgfalt hätte der beste Schütze sein Ziel nicht sicherer treffen können als
Reginalds im Schlaf abgeschossenes Pistol das mitten durch das Herz traf
Als die treuen Diener diese traurige Überzeugung erlangt hatten legten sie
die heiß beweinte Leiche ihres jungen Herrn auf die große Tafel des Banketsaales
und beschäftigten sich nun mit Reginald der noch immer leblos auf dem Boden
lag denn Niemand teilte die Meinung des Marquis Niemand hielt den jungen
verehrten Herrn des Mordes fähig
Souvré war indessen zu den gewaltsamen Mitteln geschritten die seinem
Grolle zusagten Er ließ von seinen Leuten die Türe bewachen und Andere
schickte er nach dem Flecken die Gerichtspersonen zu holen Was indessen in ihm
vorgehen mochte als er den alten Saal den Schauplatz so vieler Schrecken auf
und nieder wandelte werden wir begreifen wenn wir denken dass er sobald die
Abreise der jungen Leute der Marschallin bekannt ward dieser das erlauschte
Gespräch seines Kammerdieners mitteilte woraus hervorging dass Beide den Weg
nach Ste Roche genommen hatten von welchem Orte Reginald wie aus dem mit
Ludwig geführten Gespräche sich ersehen ließ wichtige Mitteilungen musste
erhalten haben Diese Reise wollte die Marschallin um jeden Preis hindern und
Souvré dem Jünglinge so bitter zürnend entschlossen ihm jeden Vorteil zu
rauben war schnell erbötig sie einzuholen und dann entweder ihre Rückkehr zu
erzwingen oder Ludwig allein nach Paris zu führen Der Vorsprung den Beide
hatten ihre jugendliche Eile das böse Wetter welches den Marquis noch
heftiger getroffen verzögerte seine Ankunft bis wenige Augenblicke vor der
entsetzlichen Katastrophe die das Lebensglück so Vieler entschied
Schon brach der Morgen mit seinem fahlen Lichte an der sturmdurchwühlte
Himmel sandte einen verwirrenden Wechsel von Licht und Dunkelheit die Kerzen
verglommen Reginald regte sich der Unglückliche sollte erwachen Nicht lange
blieb sein Bewusstsein aus Betäubt seufzend blickte er die treuen Diener an
die sich weinend um ihn bemühten er richtete sich auf und mit dem ersten Blick
umher stieß er einen wilden Schrei aus der selbst Souvré durch alle Nerven
drang »Ludwig Ludwig« rief er halb ahnend halb fragend und ergriff
krampfhaft die Arme der mitleidigen Diener die ihn halten wollten
»Lasst ihn nicht entfliehen« rief Souvré als sie vor dem hastig
Vorschreitenden zurücktraten »der Bösewicht muss in Ketten gelegt werden« Aber
Reginald hörte und verstand ihn nicht ja er erkannte ihn wohl kaum denn der
schwächliche Marquis flog wie ein Zweig den man zurückschlägt von seiner Hand
bei Seite als er ihm in den Weg treten wollte
Wie ein Gespenst mit Blut überdeckt bleich und entstellt eilte der
unglückliche Jüngling vor und suchte den Bruder Noch war seine Vorstellung
nicht klar nur wie von einer dunkeln schweren Last fühlte er sich
niedergebeugt und suchte ahnungsvoll den Bruder damit Erklärung erwartend Er
erblickte den Kamin an dem Beide gesessen aber indem er darauf zustürzen
wollte streifte er die Tafel worauf der Entseelte ruhte
Er stürzte wildschreiend darauf hin er rief mit allen Tönen der
Verzweiflung seinen Namen er ergriff seine Hände sein Haupt und verwechselte
den entsetzlichen Traum mit der Wirklichkeit An Ludwigs Tod begann er zu
glauben aber wie es geschehen konnte er nicht fassen Hände ringend blickte
er Alle an »Wer wer hat das getan« rief er mit erschütterndem Jammer
»Spinola Das Ungeheuer unter seinem Mantel trug er das Haupt Aber
Ludwigs Haupt liegt nicht getrennt aus der Brust fließt das Blut sagt
sagt habe ich geschossen Ja ich hatte das Pistol Ich ich habe den Schuss
gehört Spinola Spinola Du hast meine Hand geführt Du Du bist sein Mörder«
Außer sich stürzte er auf Souvré zu der in demselben Augenblicke mit den
Gerichtspersonen des Fleckens Ste Roche näher trat Wütend fasste er den
Marquis »Gestehe gestehe Deine Mutter war eine Spinola Rache Rache hat Dich
geleitet Du hast den Erben der CrecyChabanne getötet Du wolltest dies
unschuldige Geschlecht ausrotten dem Ahnherrn zur Sühne Doch zittere zittere
Ich lebe ich bin der älteste Graf CrecyChabanne ich werde ihn rächen
Ludwig Ludwig meinen teuren Bruder« Hier tauchte sein Gefühl in dem tiefsten
Schmerz unter er stürzte aufs neue über Ludwigs Leiche und krampfhaftes
Schluchzen erstickte jedes weitere Wort
»Mein Herr« sagte der Richter von Ste Roche zu dem Marquis de Souvré der
von Reginalds letzter Rede wie vom Blitze getroffen stand »soll das der mir
bezeichnete Mörder sein«
»Ich glaube« sagte Souvré zerstreut und kaum hörbar Fennimors Sohn hatte
aufs neue den Schleier von seinem Inneren weggerissen den er sich selbst kaum
zu lüften gewagt Zwei Mal unter demselben Dache von der Mutter und dem Sohne
ward der jähe Blitz der Wahrheit in seine schwarze Seele geschleudert dass er
sie erkennen musste Ja seine Mutter war eine Spinola die Enkelin des hier
gemordeten Spinola oft hatte sie dem Sohne die Geschichte des Ahnherrn erzählt
oft ihr Eigentumsrecht über das Besitztum der Crecy ausgesprochen und in
Souvrés Herzen hatte sich mit der Begierde zum Reichtume und der
Unmöglichkeit ihn in Rechtsanspruch zu nehmen der finstere Groll genährt gegen
dieses ihn beraubende Geschlecht Doch überdeckt von der gesellschaftlichen
Bequemlichkeit die dies zu Glanz und Ehre erhobene Haus gewährte hatte schon
die Mutter ihm die Anweisung zur Verstellung gegeben die er lauernd Böses
schürend zu benutzen wusste wie wir es erfahren haben Doch woher wusste der
Jüngling dies Souvré hatte den zufälligen Streit vergessen der zwischen ihm
und Fenelon in Gegenwart der Jünglinge einst vorfiel und worin er von seinem
Hasse überrascht sich seiner Anrechte auf das von Ste Roche stammende Vermögen
gerühmt er aber glaubte überall die Andeutungen vermieden zu haben als kenne
er das Schicksal der Seinigen Wie konnte es nun der Jüngling wissen Ein
Grauen fasste ihn unwillkürlich er wäre gern entflohen Fennimors Sohn trieb
den sicheren Streiter eben so wie sie einst aus der festen Bahn dass ein
Stillstand im raschen Vorschreiten eintrat ein lästiges Erschrecken vor sich
selbst
»Mein Herr Sie müssen sich erklären« wiederholte der Richter das oft
Gesprochene »Bleiben Sie dabei diesen Jüngling als den Täter als
vorsätzlichen Täter zu bezeichnen«
»Ja« rief Souvré jede Unsicherheit abschüttelnd mit dem Siege der Hölle
in der frohlockenden Stimme »ja er ist der Mörder Hierher hat er ihn gegen
den Willen der Seinigen absichtlich gelockt die schwarze Tat zu vollführen
und zu spät musste ich kommen sie zu verhindern«
Der Richter warf einen prüfenden Blick auf Souvré dann sagte er kalt »Ich
habe bloß den augenblicklichen Tatbestand zu Protokoll zu nehmen Die
unglückliche Begebenheit wird bald in andere Hände übergehen Sie scheint mir
sehr verwickelt doch muss ich darauf aufmerksam machen wie wichtig das erste
Zeugnis ist wie sehr wir uns hüten müssen mit vorgefasster Meinung hier zu
Werke zu gehen denn erwiesen ist hier nur der Tod«
»Erwiesen« rief Souvré »ist absichtlicher Todtschlag Denn wir fanden den
jungen Bösewicht mit dem Pistol in der Hand vor dem schlafend Ermordeten«
Der Richter schwieg und blickte auf die weinenden Diener »Haltet Ihr den
jungen Herrn dort für den Mörder«
»Nein nein unmöglich Sie liebten sich so sehr« so erscholl es aus Aller
Munde
Souvré wollte sprechen doch seine Klugheit kehrte zurück er hielt ein
»Mein Herr hier handelt es sich nicht um unsere Meinungen« rief er
anscheinend ruhig »untersuchen Sie«
Der Richter beorderte den Schreiber mit seinen Papieren an dasselbe kupferne
Tischchen mit eingelegten Bildern an dem einst Katarina von Medicis mit
Spinola und Teophim zu spielen pflegte an dem die jungen Leute so eben in
brüderlicher Eintracht gesessen und an welchem jetzt der Eine zum Mörder des
Andern erklärt werden sollte Die Aussagen der Diener waren bald verzeichnet
Sie konnten so widerstrebend es ihnen auch war ein böses Motiv unterzulegen
doch nicht abläugnen dass Reginald hauptsächlich mit Hast und Ungeduld die Reise
betrieben und die Bitten des Priors im Kloster Tabor dort das Ungewitter
abzuwarten zurückgewiesen habe Dagegen bezeugten sie freudig das innige
Einverständnis der beiden jungen Leute erzählten die Sorgfalt Reginalds für
den ermüdeten Ludwig und überzeugten den Richter bald wie viel mehr bei diesen
Aussagen ihre Neigung und Überzeugung zusammenfiel »Und dieser Schmerz«
sagte der Richter ernst »bezeichnet er wohl den Mörder«
»Ha« rief Souvré »es ist die Reue die natürlich der jetzt ertappten
Schandtat nicht fehlen kann«
Der Richter nahete sich indes dem Angeklagten der im wahnsinnigsten
Schmerze noch immer laut schluchzend über der Leiche lag
»Richtet Euch auf junger Mann« rief der Richter »antwortet uns«
Reginald fuhr empor
»Ja ja« rief er mit der schrecklichen Zerstreutheit die der Vorbote des
Wahnsinnes zu sein pflegt »sprecht zu mir O sagt mir die Wahrheit Ihr habt
weißes Haar Ihr dürft nicht lügen o das ist schön das Alter ist auch
weise und was vorgeht in der Welt hat es geprüft Sagt mir ich bitte Euch bei
Eurer Seele Seligkeit habe ich ihn getötet oder Spinola der schreckliche
Rotmantel der Ahnherr des Marquis de Souvré«
Er bog sich weit vor um forschend das Gesicht des Richters zu prüfen und
als dieser in ernstem Schweigen vor ihm stehen blieb fuhr er bittend fort
»Sag das Pistol das Pistol sag wie war das Der Rotmantel brachte mir
Ludwigs geliebtes Haupt Gott der Barmherzigkeit da schoss ich Habt Ihrs
gehört Habt Ihr den Schuss gehört Sprich alter Mann Dir will ich glauben
hat dieser Schuss meinen Bruder getroffen« Ein lautes Geschrei krampfhaft
zerrissen von Schluchzen brach bei diesen Worten aus seinem Munde
Der Richter schüttelte schmerzlich das Haupt »Gott weiß« sagte er halb vor
sich hin »der beging keinen absichtlichen Todtschlag Junger Mann« fuhr er
dann lauter fort »sammelt Eure Lebensgeister Ihr müsst mir Antwort geben wir
wollen nicht Schuld wir wollen Wahrheit entdecken Ich ich hörte den Schuss
nicht und weiß nicht ob er aus Eurem Pistol kam«
»Nicht nicht Du hörtest ihn nicht Du sahst mich nicht« schrie Reginald
auf ihn zustürzend »o dann dann bin ich es vielleicht nicht dann fiel
vielleicht kein Schuss wenigstens nicht aus meinem Pistol«
»Wozu die Heuchelei« schrie Souvré empört über die milde Weise des
Richters »ich hörte ich sah es Elender ich traf Dich das Pistol auf
Deinen Freund gerichtet ich hörte den Schuss ehe ich die Tür öffnete«
Aber ehe der Richter noch antworten konnte stürzte Reginald auf Souvré zu
er griff ihn und schüttelte ihn mit der Gewalt des Wahnsinnes
»Ungeheuer« rief er »Du lügst Dein ganzes Leben ist Lüge und Verbrechen
Du hast meine Mutter getötet Du hast ihren Gatten zum Verbrechen geführt Du
hast mich den rechtmäßigen Erben zum Bastard gemacht Dein Zeugnis gilt
nicht Denn Du bist die Lüge selbst Du bist der Rachegeist des Spinola des
fürchterlichen Rotmantels der es mir so eben selbst gesagt«
Bis dahin hatte keiner der Diener den Marquis zu befreien gesucht Niemand
liebte ihn und die gehässige Stellung die er hier einem Geheimnisse und dem
angebeteten Jünglinge gegenüber einnahm ließ ihnen den heftigen Ausbruch
desselben fast zur Befriedigung gereichen Doch eben hatten sie Worte vernommen
die zu sichtlich den Stempel des Wahnsinnes trugen erschrocken befreiten sie
den zitternden Marquis
»Bindet ihn Bindet ihn« schrie Souvré fast erstickt in Wut »er ist
wahnsinnig wahnsinnig«
»Und um so weniger vielleicht schuldig« rief der Richter
»Genug mein Herr genug Ich erkläre sie ihres Geschäftes hier
dispensirt das Recht wird sich finden es wird ohne Sie gehandhabt werden«
Souvré ergriff die unvollendeten Blätter des Protokolls Der Richter
verneigte sich und schied schweigend und erschüttert aus seiner Nähe die Blicke
noch voll Rührung auf das notwendige Opfer dieser schrecklichen Begebenheit
gerichtet Der Marquis befahl augenblicklich die Leiche in einen der
Reisewagen zu tragen und Reginald gebunden und bewacht daneben zu setzen
Langsam sollte dieser Zug erfolgen er wollte nach Ardoise voran um die
traurige Vorbereitung zu übernehmen
Doch ob die Bemühungen der Diener nur gering ob Reginalds Widerstand so
mächtig war sie erklärten dem Marquis ihn zu binden sei unmöglich und da
er ihres guten Willens bedurfte und das Hindernis in ihnen argwöhnte so
begnügte er sich mit dem Befehl an seinen eignen Kammerdiener ihn im Wagen zu
bewachen Es war ein unnützes Gebot Fest hielt Reginald die teure Leiche
umklammert ohne auf eine Vorstellung zu achten schien er das unerklärliche
das schreckliche Geheimnis dieses Todes nur an dem leblosen Busen des Lieblings
ergründen zu wollen hier allein von der wahnsinnigen Angst erleichtert zu
werden die seinen Verstand bedrohte So ging die Reise langsam aber
unaufhaltsam fort Souvré eilte voran doch erreichte er erst am anderen Morgen
bei vorgeschrittener Zeit Ardoise Hier musste er zu seinem großen Verdrusse
erfahren dass sämtliche Herrschaften Tags vorher nach MontRéal dem
Stammschlosse der Familie dAubaine aufgebrochen seien und man sie erst zur
Tafel zurück erwarte Um diese Zeit musste auch die Leiche eintreffen Souvré sah
die Gefahr der Überraschung ein und beschloss augenblicklich ihnen entgegen zu
reisen und mit Hilfe des Grafen die Übrigen aufzuhalten bis sie das
Unvermeidliche erfahren Doch der geschäftige Zufall drängte sich auch hier
zwischen die Beschlüsse des Marquis
Die Familie war schon früher von MontRéal aufgebrochen um ein seitwärts
liegendes erst kürzlich vom Grafen dAubaine erbautes kleines Jagdschloss zu
besehen welches die Damen noch nicht kannten Dies machte dass sie den Marquis
de Souvré verfehlten der erst später einigen auf geradem Wege zurückkehrenden
Dienern begegnete und von ihnen die Abschweifung der Herrschaften erfuhr Damit
war wahrscheinlich Alles verloren Souvré ließ so rasch die Pferde laufen
konnten umwenden wir werden erfahren wann er eintraf
Die Marschallin Madame dAubaine und ihre beiden Töchter fuhren in einer
bequemen Jagdkarosse wie sie in Versailles Mode waren von der Besichtigung des
kleinen Waldschlösschens nach Ardoise zurückkehrend durch den schönen
herbstlich kolorirten Buchenwald der in den Park überging und an ihrer Seite
ritten die beiden Grafen dAubaine Vater und Sohn begleitet von Jägern und
Stallleuten
Franziska reizte durch ihre tief bekümmerte Stimmung die üble Laune der
Marschallin in hohem Grade sie kannte die Ursache dazu und zugleich über
Souvrés Sendung in höchster Spannung trachtete sie nur danach Alles zu
verbergen was in ihr vorging und führte mit besonderer Lebhaftigkeit die
Unterhaltung Als man in den Schlosshof einfuhr erkannte die Marschallin die
Reisekutsche ihres Enkels welche angespannt im Hofe stand
»Mein Enkel ist zurückgekehrt« rief sie sichtlich erfreut »Souvré
wahrscheinlich auch«
Dagegen bemerkte der Graf dAubaine mit Erstaunen dass die Diener aus dem
Hause nicht wie es Sitte war zum Empfange ihrer Herrschaften ihnen entgegen
eilten um den Wagen zu öffnen sondern dass die bestaubte Reisebegleitung diesen
Dienst versehen musste Franziska verließ zuerst den Wagen Ihr ahnendes Herz
durchbrach die strengen Formen die sie am Wagen festgehalten hätten sie eilte
mit flüchtigen Schritten der Entscheidung ihres Schicksals entgegen Der
Portikus des Hauses war mit allen Bewohnern gefüllt Niemand beachtete das
Geräusch der ankommenden Herrschaften in eine Gruppe zusammengedrängt umgaben
sie einen Gegenstand in ihrer Mitte Doch die junge Gräfin erkannte Reginalds
laute Stimme der in einer Heftigkeit die ihren Ton seltsam veränderte
einzelne Worte und Reden außstieß
»Um Gottes Willen was ist hier geschehen« rief sie mit der höchsten
Seelenangst und der Kreis der bestürzten Menge wich bei ihrer Allen so
eindringlichen Stimme zurück Sie stand jetzt vor Reginald der glühend im
Fieberwahnsinne die Leiche des von der Reise bereits entstellten Ludwig mit
Riesenkräften an seine Brust gedrückt hielt
»Reginald« rief Franziska überwältigt »was ist geschehen Um Gottes
Willen wer ist das«
»Franziska« sagte er seufzend vor ihr niederknieend und alle Wogen
seines brausenden Innern sanken bei ihrer Anrede zusammen »Dich will ich
fragen Du Du wirst es begreifen Du wirst es mir erklären ob Souvré der
Rotmantel oder ob ich der Mörder bin«
In diesem Augenblicke teilte sich der Kreis die Herrschaften standen alle
vor der entsetzlichen Szene
»Reginald« rief Graf dAubaine »Chevalier stehen Sie auf« fuhr er
heftig fort »zu welcher unschicklichen Szene gebrauchen Sie hier meine
Tochter«
»Unschicklich« rief Reginald »Tor sage entsetzlich schrecklich Ist
denn sein Tod unschicklich O sage lieber das jammervollste grausamste Elend
der Erde«
»Wer wer ist die Leiche die der Wahnsinnige hält« stammelte die
Marschallin und drang mit Heftigkeit vor Doch Graf dAubaine vertrat ihr den
Weg er wollte sie wegführen aufhalten die entsetzliche Wahrheit dass dies
ihr Enkel sei wie entstellt er auch war tagte in ihm Er bat sich rasch an
seine Gemahlin wendend dass die Damen die Halle verlassen möchten doch nur
Madame dAubaine war dazu bereit mit Eifer stieß die Marschallin den Grafen
zurück während Franziska wie am Boden gewurzelt vor Reginald stand und keine
Aufforderung hörte die an sie erging
Es hatte sich indes der Kammerdiener des Marquis de Souvré dem Grafen genaht
und ihm einen Teil der Wahrheit flüchtig mitgeteilt Die Marschallin hörte
einzelne Worte sie schritt vor »Mein Enkel« sprach sie zitternd »ein
Mord sagst Du wer wer wo ist Dein Herr«
»Ich glaubte ihn hier zu finden« sprach der Kammerdiener »Ja« riefen
mehrere Stimmen »er war hier und fuhr der Herrschaft nach MontRéal
entgegen«
»Fragen Sie den Menschen dort« sprach die Marschallin am ganzen Körper
zitternd und auf Reginald zeigend Doch ein Blick dahin zerstörte die wenige
Fassung die sie noch behaupten wollte sie stürzte vor riss die Leiche
selbst von Reginalds Brust die sie ihr verhüllte und erkannte trotz der
Entstellung die Leiche des Enkels den einzigen ihrem Ehrgeize noch lebenden
Grafen CrecyChabanne
Ihre Zähne schlugen zusammen sie hatte keinen Laut in der Kehle »Ja es
ist Ludwig Dein Enkel« rief Reginald »Er ist tot ermordet mein teurer
Bruder ist tot und Niemand weiß ob Souvré oder ich ihn ermordet habe«
»Du Du Elender Du sein Mörder« Mit diesen Worten den ersten die sie
ihm jemals gönnte brach der Starrkrampf ihrer Lippen »Mein Enkel tot
tot Durch Dich getötet Schlange die Du Dich unter uns genährt warum hast
Du ihn Deiner Bosheit geopfert«
»Halt« rief Reginald und ließ seine Arme langsam los da mehrere Diener
sich bemühten die Leiche ihm zu entwinden »Arme alte Frau Du dauerst mich
um Deiner Schmerzen Willen Aber Du weißt nicht was Du sprichst ich werde es
Dir sagen später später doch jetzt bin ich krank mein Kopf ist wüst Ich
war ja sein Bruder Du weißt es Sein ältester Bruder war ich an dem Du
Dich so sehr versündigt hast böse alte Frau«
Die Marschallin sah das ruhige hinsterbende Antlitz Reginalds und ihr
klarer Verstand überraschte sie gegen ihren Willen mit der Überzeugung er sei
der Mörder nicht »Wer ist der Mörder« stammelte sie
Reginald fasste an seine immer bleicher werdende Stirn »O« sprach er mit
den herzzerreissendsten Tönen des Schmerzes »das kann ich nicht ergründen so
sehr ich mich darum bemühe Wer mir das sagte Wer mir sagte ich sei es nicht
Aber Einer muss es sein entweder der Rotmantel der Spinola oder Souvré der
Bösewicht der schon meine Mutter tödtete oder ich selbst«
Da stieß Franziska einen Schrei aus sie trat dicht vor ihn hin
»Reginald« rief sie »Du bist es nicht nein nein Du bist kein Mörder«
»Und doch und doch ist er der Mörder« schrie plötzlich eine nur zu
kenntliche Stimme und Souvré stand unter ihnen »Graf dAubaine ich fordere
Sie auf augenblicklich gerichtlich über diesen Menschen zu bestimmen er ist
der Mörder des Grafen Crecy Ich kam zu spät das Verbrechen zu hindern Er
hatte ihn nach Ste Roche gelockt ich kam in dem Augenblicke an wo der Schuss
fiel und fand ihn noch mit aufgehobenem Pistol vor seinem Opfer«
»Sag sag Du« rief Franziska mit brechender Stimme »ich will nur Dir
glauben sag antworte ihm ermanne Dich Nein Du bist der Mörder nicht«
»Gebe Gott dass ich es nicht bin« seufzte Reginald »aber es war mein
Pistol und Alle haben den Schuss gehört« Er schien sich noch ein Mal aufraffen
zu wollen plötzlich brach er zusammen Leblos stürzte er zu Franziskas
Füßen
»Übergebt dies Ungeheuer den Gerichten« rief die Marschallin »säubert
die Luft von dieser Pest«
Graf dAubaine schwieg Souvré befahl den Verbrecher aus dem Schloss zu
bringen
»Vater« rief Franziska »er ist dennoch der Mörder nicht«
Zornig fuhr der Graf auf Er befahl ihr augenblicklich sich hinweg zu
begeben Alle Frauen wurden von seinen Worten erschreckt Selbst die Marschallin
ließ sich hinweg führen nur Franziska blieb als habe sie nichts gehört neben
ihrem Vater stehen und als er dies sanfte folgsame Kind so sicheren
Widerspruch mit so festem Vertrauen gegen ihn behaupten sah wendete er sich
sanft und gerührt zu ihr indem er seine Hand auf ihr kaltes entstelltes
Gesicht legte »Vertraue mir Frauziska und zeige Dich fest und würdig auch
ich glaube nicht dass er der Mörder ist und werde ihn danach behandeln«
O welch ein Blick herzzerschlagener Ergebung traf ihn da aus ihren trüben
Augen Nach einigen vergeblichen Versuchen zu sprechen lallte sie endlich
»Denn er ist krank Vater und von Sinnen«
»Ja ja mein Kind Geh jetzt auch Du bist krank« Diese Worte
vollendeten den Zustand der nur bis dahin von der Seelenangst bewältigt war
sie schloss die Augen ihre Frauen trugen sie nach ihrem Zimmer
Der Graf dAubaine stand als Hausherr in dem wild kreisenden Strudel von
Anforderungen die einem so entsetzlichen Ereignisse gemäß alle eine
leidenschaftliche Übertreibung zeigten die ihn zwar nur zufällig aber dennoch
unabweislich in den verschiedensten Richtungen zu Entscheidungen nötigte da
er sich wenn auch selbst tief getroffen doch für den Besonnensten den
Absichtslosesten erkennen musste Es kam in diesen ersten unbewachten
Augenblicken dabei Manches zur Kenntnis des Grafen was ihn überraschte und
seine Vorsicht und Beobachtung schärfte
Die Marschallin machte so heftige körperliche und geistige Zustände in Zeit
von vierundzwanzig Stunden durch dass der Zügel der Selbstbeherrschung den sie
sonst nie aus der Hand verlor kein Bändiger ihrer so jäh aufgestörten
Leidenschaften war und Graf dAubaine hatte bei aller Teilnahme doch mit
Widerwillen einen bösen Sinn ein mehr rachsüchtiges als kummervolles Herz
erkannt Durch diesen Eindruck ward es ihm auch leichter dem Marquis de Souvré
zu begegnen der umsichtiger als die Marschallin den Grafen zu übersehen
glaubte und seine Schritte seinem Willen gemäß zu lenken hoffte Die
Marschallin war nämlich mit sich einig geworden diesen Mord so öffentlich als
möglich zu machen um dadurch einen unauslöschlichen Makel auf Reginald zu
werfen der ihm vielleicht das Leben kosten konnte wenn nicht doch den
bürgerlichen Tod unbezweifelt bereiten musste Sie glaubte eine solche Schranke
um so nötiger aufführen zu müssen da sie ihn von seiner Geburt unterrichtet
halten musste diesen Mord als eine Folge ansah und in der Schwäche seines
Vaters eine wahrscheinliche Gefahr ahnte dass die Zeit seine bedrohlichen
Ansprüche noch dereinst ans Licht ziehen könnte Dazu war sie aber ohne den
kleinsten Zweifel entschlossen lieber den berühmten Namen CrecyChabanne
aussterben zu sehen als ihn in diesem durch seine Mutter ihr entehrt
scheinenden Abkömmling fortbestehen zu sehen Diese Ansprüche jedoch überhaupt
als leere Erfindungen zu leugnen ihre geringste Kenntnis derselben wenigstens
bestimmt abzuweisen und dadurch auch ihre Berechtigung in Zweifel zu stellen
wenn sie ihr je bis zu Erklärungen nahe gerückt würden war die vorläufige
Richtung die sie ihren Gedanken gegeben hatte nachdem die maasslose Aufregung
der ersten Stunden von ihrer Geisteskraft wieder eingefangen war
Es blieb ihr ein großer Trost dass der Graf dAubaine die Äußerungen
Reginalds die bei dem ersten Zusammentreffen mit der Marschallin auf seine
Geburtsansprüche hingewiesen hatten entweder überhört oder auf die Rechnung
des Wahnsinnes geschoben hatte von dem er ihm ergriffen geschienen Sie schonte
ihn dagegen eben so indem sie ihm keine Frage über Franziska tat die aus dem
trüben Kreise der Hausbewohner verschwunden war Dagegen hatten ihre raschen
Schritte nach Außen hin den Widerstand des Grafen zu erfahren indem er mit mehr
Scharfblick als sie ihm zugetraut die traurige Weitläufigkeit eines Prozesses
dartat der fast zwecklos nur mehr Leiden herbeiführen musste und kaum eine so
bestimmte Entscheidung erwarten ließ dass die traurige Tatsache außer Zweifel
hervortreten werde Aber die Marschallin hatte Gründe diesen Prozess
herbeizuführen die sie aber nicht aussprechen durfte und der Graf dAubaine
hatte für diese Oeffentlichkeit Befürchtungen die er verschwieg weil sie sein
eigenes Interesse berührten und die in der Möglichkeit beruhten dass bei der dem
Richter zustehenden Erforschung der Gründe die dem Angeklagten zur Last fallen
müssten seine Tochter erwähnt werden könnte da er selbst die Liebe der beiden
jungen Leute die sich in einem Gegenstande begegnet war heimlich als ein
wahrscheinliches Motiv dieser entsetzlichen Katastrophe ansah Da Beide so mit
verdeckten Karten gegen einander spielten musste notwendig die Marschallin
gewinnen denn sie hatte schlagendere Wendungen zu machen und sie versäumte
keine
Der Kourier war abgesendet der zugleich dem unglücklichen wenig geschonten
Vater die Meldung des Todes mit der Bezeichnung Reginalds als Mörder machte
und eine Anzeige anbefahl die den KriminalHof von Paris zur gerichtlichen
Einmischung aufforderte
Bei allen diesen raschen und gebieterischen Handlungen zeigten sich die
beiden Verbündeten der Marquis de Souvré und die Marschallin nicht vollkommen
einig und Ersterer sah das zornige Dahinstürmen derselben mit Besorgnis und
nicht ohne sich dagegen aufzulehnen In einer ihrer geheimen Zusammenkünfte
sagte er deshalb »Wir spielen doch ein gewagtes Spiel diese Kreatur aus ihrem
Dunkel zu ziehen Wenn dieser Mensch durch Emmy Gray von seiner Geburt
unterrichtet ist wird er durch diese gerichtliche Procedur von uns eigentlich
erst dahin gestellt wo er auch zugleich seine Ansprüche geltend machen kann
was er nur wünschen wird Denken Sie Madame welch ein Ärgernis wenn Sie
diese auch nur bekämpfen müssten«
»Ha mein lieber Marquis worauf stützen sich denn solche Ansprüche Hat mir
denn nicht Lord Gersei sein Wort gegeben dass er das Zeugnis des Kirchenbuches
in StirlingsBai vernichten ließ Und hier das Zeugnis von der Geburt dieses
Geschöpfes was beweist es anders als dass es ein Kind war dem der wahre Name
nicht zustand Haben Sie mir das nicht selbst gesagt«
»Gut Madame aber welche Sicherheit gibt Ihnen Ihr Herr Sohn Wird er
nicht von diesem jungen Bösewichte gedrängt Alles eingestehen Und wird das
Eingeständnis des Grafen nicht alle Kirchenbücher hinlänglich ersetzen«
»Ich werde ihm mit meinem Fluche drohen wenn er dies wagt« rief die
Marschallin außer sich »aber ich werde ihn entfernt halten dass das nicht
möglich ist man macht ihn krank man verdächtigt seinen Verstand glauben
Sie mir ich werde Mittel finden dies von mir abzuhalten«
»Ich darf daran allerdings nicht zweifeln« sagte Souvré höhnisch »da Euer
Gnaden über die Mittel nicht schwierig sind wie ich höre Doch besser wäre es
gewesen den guten schwachen Leonin auf seinem Schloss zu lassen wozu ihn
hierher berufen wenn seine Anwesenheit Gefahren bringt«
»Welch Geschwätz« rief die Marschallin ungeduldig »bleibt der Gemordete
nicht sein Sohn Kann ich den Schutz der Gesetze aufbieten und den Vater dabei
übergehen Außerdem wusste ich dass ein bedeutendes Erkranken ihn an das Bett
fesselt Ich beklage das in diesem Augenblicke nicht die Form ist beobachtet
und die Sache wird nicht durch ihn gestört werden«
»Sie überbieten mich immer meine Gnädigste« erwiderte Souvré »Man kann
Ihnen in Ihren kühnen Kombinationen nicht folgen vorzüglich wenn man noch
immer so wie ich einen lächerlichen Rest von Menschlichkeit mit sich herum
schleppt und so mauvais ton ist mütterliche Weichheit in Euer Gnaden
anzunehmen«
»Ich dispensire Sie von Ihren Reflexionen über mich Herr Marquis« sagte
die Marschallin mit dem Versuche ihm zu imponiren »Wer wie ich die Ehre
einer Familie die dem Throne so nahe steht zu schützen hat kann von Personen
in anderen Verhältnissen nicht immer verstanden werden«
»Vollkommen richtig« sagte der unerschütterliche Marquis »ich zum
Beispiel verstehe weder diese Ehre noch die Mittel sie zu schützen Doch das
tut Nichts Immer jedoch Madame komme ich darauf zurück dass wir diesen
jungen Menschen reizen werden Alles zu sagen was er irgend hervorbringen
kann«
»Und ich zweifle nicht dass dies Geschwätz eines unbekannten Menschen der
so sehr verdächtig ist durch die Anklage die so eben über ihm schwebt nicht
aufkommen wird gegen das Zeugnis einer Frau die meine Stellung in der Welt
einnimmt Wir behalten immer Recht wenn ein Zeugnis aus diesen niederen
Ständen zu denen seine Mutter also auch er gehört gegen uns aufzutauchen
wagt Lehren Sie mich unsere Stellung nicht kennen«
Diese Unterredung endete wie jede frühere Man trennte sich mit erhöhtem
Hasse mit dem Gefühle der Last und der notwendigen Hilfe die man an einander
hatte und Jeder behielt seine Meinung
Unterdessen schien es dass das Opfer dieser Maßregeln von Gott selbst aus
der Gewalt seiner Feinde erlöst werden sollte Ein hitziges Fieber zerstörte die
Jugendblüte des unglücklichen Jünglings der noch wenige Tage früher eine Zierde
der Menschheit ein verschwenderisch ausgestatteter Liebling des Himmels schien
Ihm ward die Sorgfalt und Pflege die in einem so edlen Hause zu erwarten stand
der Graf ließ ihn behüten und bewachen ja er selbst nahm zuweilen in dem
Zimmer des Kranken Platz und hörte mit Erstaunen den Wahnsinn des Gequälten die
fern liegendsten Dinge mit der Gegenwart und mit Einbildungen über dieselbe wie
der Graf wähnte verknüpfen die jedoch alle teils von Liebe für den
Verstorbenen teils von Schmerz über seinen Tod erfüllt waren
Von da wandelte der unglückliche Vater nach den stillen Gemächern
Franziskas Er fand hier täglich dieselbe rührende Erscheinung Sie ward nicht
krank es war ihr wenigstens nicht zu beweisen dass sie es war Sie ließ sich
jeden Abend entkleiden und bestieg ihr Bett aber nach kurzem Schlummer saß sie
dann bis der Morgen anbrach in ihrem Bette aufrecht ohne ein Zeichen der
Teilnahme Ihre alte Amme die sie allein zu hören schien öffnete dann die
Fenster und aus ihrer Hand nahm sie ein wenig leichte Nahrung Dann schien sie
alle Tage von derselben Idee getrieben zu werden sie stand hastig auf und
begehrte dasselbe blaue Atlaskleid und die weißen Rosen zum Haarputze und
erwartete so angezogen an dem niederen Balkon sitzend ihren Vater Sobald er
eintrat ging sie ihm entgegen und schmiegte sich an seine Brust mit einem
Lächeln das dem schon fest eingegrabenen Schmerzesdruck auf Stirn und Auge
einen Wert der Liebe verlieh den der unglückliche Vater tief empfand und der
ihn weicher und hingebender machte als er es je in sich gekannt Er sagte
einige Worte über Reginalds Befinden und für diesen Augenblick schien sie
gelebt zu haben Dies Erwarten des Vaters dies Aufhorchen seiner Worte war das
einzige Eigenmächtige an ihr dann blieb sie nur ein zwischen Gehorsam und
sanftem Widerstande geteiltes Werkzeug in fremder Hand in tiefes unablässiges
Nachdenken versunken
Es ward indessen dem Grafen kaum möglich der Marschallin zu beweisen dass
eine gerichtliche Vorbereitung der Sache von seinen Gerichtsbeamten unzulässig
sei da der Angeklagte als Fieberkranker unmöglich in Verhör genommen werden
könnte Sie war in ihrem Schmerze von allen Dämonen ihres Inneren so verfolgt
dass sie um jeden Preis eine Tätigkeit herbeizurufen trachtete und Reginalds
Krankheitszustand der sowohl den Prozess wie sie selbst aufhielt und sie an
diesen einförmigen Landaufentalt fesselte da sie über Alles doch selbst Wache
halten wollte ließ sie mit Jedem zürnen der sie auf die Unmöglichkeit einer
schnelleren Entwickelung hinwies
So hörte sie denn mit grausamem Vergnügen endlich die Nachricht dass die
Krankheit des Unglücklichen sich gebrochen habe und seine Genesung bei seiner
Jugend nicht lange zu erwarten stehe Wenige Tage später fuhr zu ihrer maasslosen
Überraschung der Reisewagen ihres Sohnes in den Hof der von einigen
KriminalRichtern und dem nötigen Gefolge in einem zweiten Wagen begleitet
ward Von zwei Dienern gestützt in den Händen einen Stock der ihn aufrecht
erhalten musste so wankte Leonin Graf von CrecyChabanne der Vater des
Gemordeten und des angeklagten Mörders dem teilnehmenden Grafen dAubaine
entgegen der tief erschüttert von seiner traurigen Verfallenheit ihn in einem
Lehnstuhl in die für ihn bereiteten Zimmer tragen ließ
Wir übergehen die verschiedenen Szenen des Wiedersehens die keinen
versöhnenden Anklang für uns enthalten würden da Keiner die Gefühle des Anderen
teilte und zwischen Mutter und Sohn eine nicht mehr zu überdeckende Kälte
obwaltete die noch auffallender in einem Augenblicke ward der Liebe und
Teilnahme aus ihrem tiefsten Verstecke hätte hervorheben müssen
Die Marschallin hatte Zeit gehabt sich mit ihrem Schmerze einzurichten und
das gewohntere Gefühl jede erlittene Unbill an irgend wem zu strafen machte
das Gefühl der Rache gegen Reginald zu einer ihr zusagenden Tätigkeit Sie
wusste daher ihr kaltes Herz unter religiösen Floskeln von Ergebung und Vertrauen
zu verbergen und trat ihrem Sohne begierig mit ihren fertigen Plänen zu
Reginalds Vertilgung entgegen Aber entweder war sein Schmerz oder seine
körperliche Abspannung zu groß um sich zu bestimmten Äußerungen erheben zu
können keinesfalls gelang es der Marschallin eine Teilnahme zu erwecken wie
sie ihr nötig war und nachdem sie mit Souvré vergeblich alle Mittel versucht
hatte ihn zu lenken beschlossen Beide bei ihrer vertraulichen Mitteilung von
ihm Nichts mehr zu erwarten sondern die Gerichtspersonen in Tätigkeit treten
zu lassen und ihn so viel als möglich außer Wirksamkeit dabei zu setzen
Der Graf dAubaine musste daher einwilligen einen Saal des unteren Schlosses
zu den Verhandlungen in Bereitschaft setzen zu lassen Reginald war bereits
außer dem Bette bei vollständig wiedererlangter Geisteskraft und bot kein
Hindernis mehr dar Auch nährte der Graf eine Sehnsucht hiermit eine so
trostlose Belästigung seiner Familie endlich aufgehoben zu sehen da er
allerdings die Notwendigkeit einer ersten gerichtlichen Verhandlung in seinem
Schloss von wo der Angeklagte ohne Gefahr noch nicht zu entfernen war und bei
der größeren Nähe des trostlosen Schauplatzes dieses Vorfalles wie aller zu
versammelnden Zeugen einsah und sich ihr nicht zu entziehen wusste
Während dieser Vorbereitungen hatte er Reginald nur auf kurze Zeit gesehen
um ihm die bevorstehenden Verhöre mit der menschlichen Güte anzukündigen die in
seinem Herzen vorwaltete Er fand ihn stets ruhig mit dem tiefsten Ausdruck
eines männlichen Schmerzes ohne Absicht auf die Teilnahme des Grafen
einzuwirken oder die Anklagen zu berühren denen er nach einzelnen
Andeutungen mit einer festen Überzeugung entgegen ging die er eben so bei
Anderen vorauszusetzen schien ohne sie näher zu bezeichnen
Als der Graf dAubaine am Tage des Verhörs bei dem unglücklichen Kranken
eintrat fand er eine Pflegerin dort von der seine Leute ihm nichts zu sagen
wussten als dass Herr St Albans aus der Pachtung Tabor mit seinem Fuhrwerke sie
hergebracht und nachdem er sich auf ihr ausdrückliches Gebot sogleich habe
zurückziehen müssen sei sie nicht mehr von dem Kranken gewichen
Sie war in steife etwas fremdartige Trauerkleidung gehüllt und trug einen
auffallenden Ausdruck von kalter Strenge und finsterem Kummer in ihren
verfallenen Zügen Der Graf konnte sie nicht ohne Teilnahme betrachten wozu er
hinreichend Zeit behielt da sie in ihre eigenen schwermütigen Gedanken
vertieft auf nichts zu achten schien denn der Kranke an dessen Bette sie saß
und an dessen entstellten Zügen ihre Augen hafteten lag in einem leichten
Schlummer der ihre Tätigkeit für ihn eingestellt hatte Nachdem der Graf sie
hinreichend beobachtet trat er so nah dass sie ihn bemerkte Sie richtete einen
einen düsteren prüfenden Blick auf ihn dann zeigte sie auf den Kranken als
gebiete sie ihm Stille Sie machte dem Grafen einen imponirenden Eindruck
ihre Persönlichkeit übte die Gewalt die von einem entschiedenen Charakter
ausgeht und weder von Rang noch Reichtum ihre Macht zu borgen hat Die
Sicherheit mit der solche Personen ihren Weg verfolgen macht ihnen
unwillkürlich die minder starken Naturen dienstbar und räumt ihnen eine
Herrschaft ein die sie überall zu erwarten scheinen
Doch in demselben Augenblicke machte der Kranke so unruhige Bewegungen mit
so ängstlich stöhnenden Lauten verbunden dass sie ihm die Hand auf die Stirn
legte um ihn zu erwecken »Ob Du den elenden Schlummer geniessest oder nicht«
sagte sie mit düsterem harten Tone und wie nur zu ihm redend »das ist nur
eine andere Art von Qual und eine aus der Du Dich noch weniger retten kannst
Graf dAubaine« fuhr sie dann sich zu ihm wendend fort »glaubt Ihr auch
dass der arme Knabe dort ein Mörder ist«
Es lag in der Frage und in dem Blicke mit dem sie von ihm fort zum wieder
entschlummerten Reginald sah eine verächtliche Herausforderung an die ganze
Welt die Tat ihr zu beweisen die jede Sylbe ihrer Worte jedes Zucken ihrer
Muskeln verwarf und die auf halbem Wege stehen gebliebene Überzeugung des
Grafen ward dadurch mit fortgerissen so dass sie sich aus seiner Brust
hervordrängte wie ein frei gewordener Strom ihn selbst überraschend als er
sein festes ruhiges »Nein« hörte
»Da seid Ihr Euch denn selbst gerecht und erzeigt Euch einen größeren Dienst
als Ihr jetzt begreifen mögt denn Gottes Fluch muss die treffen welche die Hand
noch gegen dies Kind ausstrecken
Ihr scheint diese unglückliche Begebenheit sehr genau zu kennen« erwiderte
der Graf »der junge Mann scheint Euch nahe anzugehen«
»So ist es« erwiderte sie mit einem rührenden Zucken von Schmerz »und
Euch will ich sagen wie der Zusammenbang ist Setzt Euch« fuhr sie fort
»und befehlt Euren Leuten dass sie uns ein Weilchen mit ihren albernen
Gesichtern verschonen Ich will nicht gestört sein wenn ich an meinem Herzen
reißen muss«
Der Graf tat wie sie befahl Ihre unbeugsame Weise verriet sich so
bestimmt dass er ihr nachzukommen trachtete ohne ihrer Berechtigung zu
gedenken
Als er sich ihr gegenüber gesetzt hatte sagte sie sogleich »Meiner
Tochter Ellen Gray habt Ihr einst Gastfreundschaft erzeigt ich teile nicht
die Meinung dieser Törin die Euch und die Eurigen für hochmütig hielt und
Ihr habt eben meinen Glauben bestätigt Ich war die unglückliche Dienerin
welche die Mutter dieses Knaben die rechtmäßige Gräfin CrecyChabanne aus
England nach diesem verfluchten Lande begleitete wo man ihr Ehre und Leben zu
nehmen trachtete«
»Wen« rief der Graf »wen meint Ihr damit Ihr sagtet die Gräfin
CrecyChabanne«
»Und ich sagte recht« fuhr Emmy finster blickend fort »ich sagte die
Wahrheit Graf dAubaine Die Mutter dieses Kindes war in England rechtmäßig an
Leonin Grafen von CrecyChabanne vermählt Als seine Gemahlin folgte sie ihm
hieher und er vergrub sie in das düstere Schloss Ste Roche er verläugnete
vor dem Altare sein rechtmässiges Kind und raubte ihm seinen Namen und während
er vor Gott nach gültigen Gebräuchen vermählt war heiratete er ein anderes
Fräulein in Paris und betrog so Beide und hatte zwei Frauen Aber dem Bastarde
den er dort erzeugte gab er den Namen Ludwig Graf von CrecyChabanne während
er seinem rechtmäßigen Kinde den Namen Ste Roche beilegte«
Der Graf sprang auf Dürr trocken und hart hatte das unglückliche Weib die
Worte herausgestossen Wie früher Reginald so zweifelte jetzt der Graf an ihren
klaren Sinnen »Frau« rief er »Ihr sprecht fürchterlich sicher die
schrecklichsten Anschuldigungen aus Wisst Ihr was Ihr sagt«
»Ich weiß es« sagte sie fest »obwohl ich selbst nicht begreife dass ich so
viel Elend mit gesunden Sinnen überlebte Doch Gott wird mich aufgespart haben
Zeugnis abzulegen und es wird wahr sein und richtig als stände ich vor meinem
ewigen Richter und wird doch Allen wie Euch eben jetzt das Haar zu Berge
treiben«
»Emmy Emmy« rief jetzt der erwachte Reginald »was hast Du vor mit Deinem
kühnen Einschreiten Wage es nicht mich leiten zu wollen ich weiß was mir
zusteht Die Gerechtigkeit die Du mich gelehrt hast erkennen werde ich
fordern um des heiligen Andenkens meiner Mutter willen und dieselbe
Gerechtigkeit wird ihren dann anerkannten Sohn vernichten und den Namen
begraben an dem so schwerer Fluch hängt«
»Herr Graf« sprach er dann indem er sich auf dem Lager aufrichtete auf
dem er angekleidet geruht hatte »ich bin bereit ist das Gericht versammelt«
»Noch nicht« erwiderte der Graf verwirrt und erschüttert »ich wollte
mich selbst überzeugen ob Ihr zu den Verhandlungen fähig wäret«
»Ich bin es« rief Reginald mit Festigkeit »Meine Kräfte werden die kurze
Zeit ausreichen Seid gewiss Herr Graf was ich zu sagen habe wird die
Verhandlungen abkürzen wir werden bald zur Entscheidung kommen«
»Unglückliches Kind« rief Emmy hier einfallend »zu welchem Wahnsinne
bist Du entschlossen Kannst Du Dich Deinen Henkern die Dich von Jugend auf
verfolgten ausliefern wollen damit sie Recht behielten und ihnen Alles
gelänge was sie beschlossen seit Anbeginn«
Reginald fasste sanft ihre Hand und sah ihr fest in die trostlosen Augen
»Emmy ich kann das Letzte nicht von Dir abhalten tröste Dich Gott«
»Junger Mann« sagte Graf dAubaine teilnehmend »Gerechtigkeit ist dass
wir auch gegen uns selbst nicht voreilig entscheiden wenn ein großer Schmerz
uns um unsere Lebenshoffnungen gebracht hat Das Leben ist lang die Zeit
schreitet ein wir können noch oft von Vorn anfangen wenn wir auch von dem uns
bis dahin angewiesenen Wege verschlagen werden«
»Ich danke Euch« sagte Reginald »Ihr würdet gewiss mein Vertrauen
zurückweisen müssen darum nötigte ich es Euch nie auf bald werdet Ihr mich
hören«
Mit der tiefsten Bewegung verließ der Graf Beide Neue traurige Anklagen
hatte er vernommen und immer mehr fiel sein Herz den Anklägern heimlich ab
immer lebhafter schloss er den Jüngling darin ein
Da die Marschallin erklärt hatte den Verhandlungen beiwohnen zu wollen sah
sich die Gräfin dAubaine genötigt sie zu begleiten und beide Damen
erschienen daher in tiefer Trauer von ihren Frauen umgeben Der Gerichtssaal
war dem Zwecke gemäß würdig eingerichtet Am oberen Ende der Eingangstüre
gegenüber stand in der Breite eine schwarz behangene Tafel mit dem Kruzifix
hinter welchem der KriminalRat Herr von Mauville Platz genommen hatte ihm
zur Seite saßen zwei Assistenten An den beiden Enden der Tafel befanden sich
die Protokollführenden Schreiber Links von der Tafel unter der Fensterreihe
saß der Marquis de Souvré hinter ihm standen seine Domestiken als Zeugen ihm
zur Seite nahm man den Prior des Klosters Tabor wahr hinter ihm die Mönche die
mit den jungen Leuten verhandelt hatten weiterhin befand sich eine Gruppe die
der Arzt des Schlosses mit den ihm beigegebenen Gerichtspersonen aus Ardoise und
dem Richter von Ste Roche bildete Diese hatten den Zustand der Leiche am
Morgen in dem Erbbegräbnisse wo sie vorläufig beigesetzt war untersucht Ihnen
allen gegenüber hatten die Damen ihre Plätze genommen zunächst der Tafel saß
Graf Leonin bleich wie vom Fieber geschüttelt mit halb geschlossenen Augen
er hatte es bestimmt verweigert als Kläger aufzutreten und so war die
Marschallin in seine Stelle eingerückt Teilnehmend sah man die beiden Grafen
dAubaine an seiner Seite In der Mitte des Zimmers stand ein einzelner
Lehnstuhl er war noch leer der Angeklagte ward erwartet
Alle Anwesenden waren in Schwarz gekleidet und die ganze Versammlung trug
einen ernsten feierlichen Charakter der selbst in den Zügen sich ausdrückte
Der KriminalRat Herr von Mauville empfing die Meldung dass Alle versammelt
waren er erhob sich und erklärte die Sitzung für eröffnet Der Graf Crecy der
nur geführt zu gehen vermochte sprang plötzlich auf und rief wie außer sich
»Ich kann nicht bleiben ich muss fort« Doch diese Anstrengung der Verzweiflung
stützte den gebrochenen Körper nur einen Augenblick er sank in den Stuhl zurück
und verhüllte sein Gesicht mitleidig von den beiden Grafen gedeckt ward er den
Blicken der Anwesenden entzogen
Die Türen öffneten sich man sah den Angeklagten von zwei Dienern
unterstützt daher wanken Reginald war selbst in den Verheerungen dieser
letzten Ereignisse seines Lebens noch er selbst geblieben aber er sah wie seine
schöne Leiche aus Über der Stirn den gedrückten Augenliedern hatte der
Schmerz seinen unverkennbaren Stempel eingeprägt und die sonst fröhlich sich um
seine Stirn kräuselnden Locken hingen jetzt weich und müde um das schmale
bleiche Antlitz Als er die Schwelle überschritt schien die Wichtigkeit des
Momentes ihn zu erfassen man sah wie die Kraft an den Gedanken in seiner
zuckenden Stirn sich entzündend sich durch alle Muskeln seines Körpers ergoss
er verließ mit der alten Anmut seinen Führern dankend ihren Arm und ging
allein vor bis zur Lehne des Stuhls Hier blieb er stehen und als er den
schönen Kopf aufhob schien er von der ganzen Versammlung Nichts zu sehen als
das hoch vor ihm aufgerichtete Kruzifix Ein feines Rot trat hervor ein Blick
der Begeisterung durchbrach den Druck des Schmerzes eine Fülle
unaussprechlicher Anbetung entwickelte sich in dem Schüler Fenelons eine
entzückende Rührung über den Segen der ihm von dort aus zu Teil ward beugte
sein Haupt in Dank und Demut Alle schwiegen Jeder fühlte er bete
Mit sanfter gehaltener Stimme begann Herr von Mauville alsdann seinen
Vortrag nachdem er den Angeklagten aufgefordert sich niederzusetzen »Es
handelt sich hier« fuhr er nach der schicklichen Anrede gegen die Anwesenden
fort »um ein Attentat welches in seiner geheimnisvollen Verwicklung zu
verfolgen eine doppelte Pflicht wird da es nicht allein eines der berühmtesten
Geschlechter Frankreichs in seinem einzigen hoffnungsvollen Erben erlöschen
macht sondern zugleich der menschlichen Gesellschaft einen entehrenden Makel
aufzunötigen scheint indem in dem Angeklagten uns ein Jüngling bezeichnet
wird der in dem Falle der Überweisung alle menschlichen Bande die
heiligsten Verpflichtungen der Dankbarkeit zerrissen hat Wir finden hier von
den bis jetzt damit beschäftigten Gerichtspersonen Fakta gesammelt die man uns
übergeben hat um an Ort und Stelle eine vorbereitende Übersicht zu
veranlassen die dem hohen KriminalHofe von Paris zur letzten Prüfung vorgelegt
werden kann Wir wollen indem wir diese ernste und heilige Pflicht auszuüben
uns berufen finden uns alle ermahnen unsere Seele von dem Vorurteile frei zu
erhalten welches gehäufte Wahrscheinlichkeiten gegen den Angeklagten erzeugen
könnten damit wir geneigt bleiben die mögliche Rechtfertigung mit eben der
Treue und Sorgfalt zu verfolgen als wir gefasst sein müssen die Vergehung zu
finden und zu bestrafen«
Jetzt erfolgte eine ruhige und klare Erzählung der Tatsache in wie weit
sie den Richtern vertraut sein konnte Wir übergehen sie um so eher da wir
nicht gesonnen sind unsere Mitteilungen in den geschlossenen Formen einer
gerichtlichen Verhandlung zu machen Indem wir auf die Erinnerungen des selbst
mit Durchlebten den Leser verweisen werden wir die daraus entstehenden
Ansichten nur in der Weise mitteilen wie sie zur vollständigen Teilnahme des
Folgenden verhelfen wird
Unbezweifelt lag in den wohlgesammelten und geordneten Anschuldigungen eine
auffallende Wahrscheinlichkeit für den bezeichneten Täter selbst der
Unbefangenste Wohlwollendste konnte dies nicht in Abrede stellen Der
Kammerdiener des Marquis erzählte das erlauschte Gespräch in welchem Reginald
durch die dringendsten Bitten den jungen Grafen zu der Reise nach Ste Roche
bewogen hatte Der hier sich anknüpfende Verdacht ward besonders dadurch
gestützt dass Reginald die Geheimhaltung dieses Schrittes verlangt und die
Furcht ausgesprochen hatte dass man sie sonst daran verhindern werde Die Reise
selbst sei nun mit einem Ungestüme und einer Übereilung vorgeschritten die
selbst die ungern nur zeugenden Domestiken der beiden jungen Leute nicht leugnen
konnten ja die nach ihren Aussagen hauptsächlich dem Angeklagten zur Last
fiel Dieser Verdachtgrund ward durch den Prior des Klosters Tabor wie durch
dessen Mönche verstärkt Durch ihn erfuhr man Reginalds Anwesenheit im Kloster
am Tage vorher durch ihn die lange von Seiten Reginalds mit heftigen
Ausbrüchen endende Unterredung mit der alten Bewohnerin des Schlosses Ste
Roche welche der Prior als das Haus Crecy aus unbekannten Gründen bitter
hassend bezeichnete Weiter ward der Ungestüm erzählt mit dem Reginald bei dem
heftigsten Gewitter und dem nahenden Abende dennoch die Fortsetzung der Reise
betrieben hatte und selbst der Wegweiser musste diese Anschuldigungen
fortsetzen da er seine Abmahnungen erwähnte und wie der Angeklagte dessen
ungeachtet den anderen jungen Herrn sich nachgezogen hatte um das Schloss zu
erreichen
Vor Allem freilich erhielt nun die Aussage des Marquis de Souvré deren
Inhalt uns hinlänglich bekannt ist die Wichtigkeit alle bereits vorhandenen
Verdachtgründe in einen Zusammenhang zu bringen der dem Angeschuldigten fast
keine Ausflucht gestattete und ein Eingeständnis erwarten ließ dass in den
Tatsachen schon klar enthalten schien
Als alle Einzelheiten verhandelt waren kam der von allen Anwesenden mit
Spannung und den verschiedensten Empfindungen erwartete Moment der den
Angeklagten zu seiner Verteidigung oder seinem Eingeständnisse aufforderte
Mit Ruhe und Sammlung hatte der junge Mann ohne durch Worte oder Bewegung
eine Unterbrechung auch nur anzudeuten dieser langen und schrecklichen
Vorbereitung beigewohnt Was in ihm vorging blieb auch den ihn näher kennenden
Freunden unergründlich Der Schmerz der mit dem verräterischen Wechsel der
Farbe sein Gepräge so verständlich in seinen Zügen ausgedrückt hatte war doch
entfernt von Verzweiflung oder Gewissensangst Herr von Mauville der erfahrene
Rat eines so würdigen Gerichtes als der KriminalHof von Paris hätte doch
trotz aller Beweisgründe die er sich bemühen musste darzulegen schwören mögen
der Jüngling sei der absichtliche Täter nicht Und da er fand dass die Züge des
Angeklagten weder Schrecken noch Unruhe zeigten fürchtete er der Jüngling
übersehe die Größe der Gefahr und werde dadurch vielleicht weniger sorgsam sein
zu seiner Verteidigung die ihn noch möglicherweise entschuldigenden Umstände zu
sammeln Er erhob sich demnach und leitete seine Aufforderung zur Verteidigung
an den Jüngling auf eine Weise ein die seine Achtsamkeit wecken sollte
»Obwol sich aus den eben beendigten Angaben der vorhandenen Zeugen eine
traurige Wahrscheinlichkeit entwickelt hat die das Attentat mit Ihnen mein
Herr in einen kaum zu trennenden Zusammenhang bringt muss ich Sie doch darauf
aufmerksam machen wie viel hierbei dennoch im Dunkeln bleibt was in demselben
Maße die Wahrscheinlichkeit zu widerlegen scheint und Widersprüche erzeugt die
wir geneigt sein werden zu Ihren Gunsten erklärt zu sehen Sie werden indem
wir Sie auffordern Ihre Erklärungen abzugeben die Wichtigkeit derselben nicht
übersehen und sich mit Besonnenheit sammeln da trotz Ihrer Jugend die
Überweisung eines solchen Verbrechens nur mit dem Tode bestraft werden dürfte
So sehr ich nun bemüht war den vorhandenen Akten meine Aufmerksamkeit zu
widmen ist es mir doch nicht gelungen eine Hauptsache heraus zu finden
nämlich die Veranlassung die Notwendigkeit einer solchen Handlung Ihr
Verhältnis zum Grafen Ludwig war von Jugend auf das der zärtlichsten
Freundschaft Ihre Diener beschwören dass Ihre gemeinschaftlichen Reisen die
innigste Einigkeit verschönte Sie waren überall die Stütze des schwächeren
Grafen Dies Verhältnis hat sich bis in die Mauern von Ste Roche erstreckt
auch hier verschaften Sie dem Freunde erst Ruhe und Bequemlichkeit und das
Pistol was man nachher in Ihrer Hand fand hatten Sie nach Aussage der Diener
ergriffen den schlafenden Freund zu bewachen Außerdem waren Ihre bürgerlichen
Verhältnisse außer aller Berührung mit denen des Grafen Ludwig Sie besaßen ein
unabhängiges Vermögen und konnten durch den Tod des Grafen keinen Vorteil
erreichen da Sie in keinem verwandtschaftlichen Grade mit einander standen Wo
also da Liebe und Eintracht bis zum letzten Augenblicke erwiesen sind wo
bleibt die Veranlassung zu einem so fürchterlichen Verbrechen da in Ihrem Leben
kein Nachweis bösartiger Leidenschaften vorliegt Indem ich Sie pflichtmässig
auf diese Umstände aufmerksam mache fordere ich Sie nunmehr auf die
vorangehenden nötigen Erklärungen über Ihren Namen und Ihre Geburt zu geben
und dann den Eid zu leisten mit dem Sie sich vor Gott verpflichten die
Wahrheit höher zu achten als irdischen Vorteil«
»Mein Herr Sie heißen Reginald Chevalier de Ste Roche sind in Paris in
dem Stadtteile St Sulpice geboren in dem Kloster St Sulpice unter der
Vormundschaft des Grafen CrecyChabanne erzogen Haben Sie diesen Notizen noch
etwas über Ihre Eltern und Familie hinzuzufügen von denen ich hier keine
weitere Erwähnung finde«
Wir werden die Aufregung begreifen die diese nötigen und doch von den
Anklägern übersehenen oder vergessenen Aufforderungen bei den Anwesenden erregen
mussten Graf dAubaine blickte mit ungeteilter Erwartung auf den bleichen
Jüngling der jetzt den Versuch machte sich zu erheben und langsam an dem
Stuhle sich stützend endlich aufrecht stand und das schwermütige Auge
aufschlug um das Antlitz des Richters zu suchen der eben so mild und
menschlich zu ihm geredet Da traf sein Blick zuerst auf Franziskas Vater und
der Jüngling erbebte als wolle er zurück sinken dann war es vorüber Er
presste krampfhaft einen Augenblick die Hände vor die Stirn dann richtete er
sich fest auf Graf dAubaine ahnte die Ursache dieser heftigen Bewegung nicht
und Wenige außer Reginald sahen sie so gespannt war die Aufmerksamkeit Aller
und so blieb Franziska dAubaine welche während der Rede des Herrn von Mauville
leise durch eine Seitentüre eingetreten war ohne Störung an den Stuhl ihres
Vaters gelehnt stehen Mit der sorglosen Ruhe und Sicherheit die bei so
zarten weiblichen Naturen immer das Zeichen einer Geistzerstörenden
Gemütsbewegung ist schloss sie sich einer Verhandlung an die weder für ihr
Alter noch für ihr Geschlecht passen wollte Doch werden wir die Wirkung für
Reginald begreifen nach der ersten Erschütterung fühlte er nur eine Steigerung
seiner Empfindungen dadurch eintreten Es schien ihm Gott habe den Engel
gesendet der ihn trösten und stärken solle auch glich sie einer solchen
Erscheinung mehr als einem irdischen Wesen Ihr schönes todtenbleiches Antlitz
war von ihrem reichen Haare umwallt und drei weiße Rosen schienen die seltene
Fülle halten zu wollen Von ihrer hohen schlanken Gestalt floss das
bedeutungsvolle Kleid von blassblauem Atlas nieder und um so glänzender hob sich
ihre Erscheinung hervor da Alles um sie her in die tiefste Trauer gehüllt war
Herr von Mauville wünschte dem Jünglinge nur über das erste Wort hinweg zu
helfen »Mein Herr« sagte er »die Formalität die Ihre Identität beweisen
soll erfordert Nichts als ein bestätigendes Ja Es wird an Eides Statt
angenommen werden und es bleibt Ihnen frei dem hohen Gerichtshofe später
darüber die dort nötigen Anzeigen zu machen wenn Sie sich jetzt zu bewegt dazu
fühlen sollten«
»So kann ich diese Bestätigung nicht geben« rief plötzlich Reginald indem
er sich frei aufrichtete
»Mein Herr« sagte Herr von Mauville »Sie missverstehen vielleicht meine
Frage Es handelt sich hier bloß um die einfache Bestätigung dass Sie der
Chevalier de Ste Roche sind«
»Ich habe Sie vollkommen verstanden« entgegnete Reginald »doch soll
meine Antwort an Eides Statt gelten so kann ich sie nicht bestätigend geben
denn der Name und Titel Chevalier de Ste Roche gehört mir nicht wirklich
sondern ward mir mit böser Absicht bei meiner Geburt untergeschoben«
»Verweisen Sie den Lügner dort zur Ruhe« rief hier plötzlich die
Marschallin von Crecy indem sie außer sich aufsprang »er will die
Angelegenheit verwirren indem er etwas Fremdes Ungehöriges hinein mischt«
Herr von Mauville verneigte sich »Das Verhör darf nicht unterbrochen
werden Madame Wir sind genötigt den Angeklagten zu hören zweifeln Sie
nicht Madame dass wir die Dinge werden zu ordnen wissen«
Die Marschallin setzte sich in der größten Empörung da sie einsah nicht
durchdringen zu können
Reginald hatte sie keines Blickes gewürdigt er blieb ruhig gegen die
Richter gewendet Als eine augenblickliche Stille eintrat sagte er »Ich habe
Gott vor Augen und achte die Wahrheit höher als irdischen Vorteil darum habe
ich diese Erklärung abgeben müssen Aber diese Angelegenheit die ich
entschlossen bin um der verletzten Ehre meiner tugendhaften Mutter willen der
Wahrheit nach an das Licht zu ziehen hat nur einen vorüber gehenden Einfluss
auf die Angelegenheiten die ich hier zu erklären habe Daher bitte ich mir die
Angabe meines wahren Namens zu erlassen meine übrigen Erklärungen werden bald
dartun wie wenig ich geneigt bin dieselben zu meinem Vorteile zu lenken«
»Ich glaube mein Herr« sprach Herr von Mauville nach kurzer Besprechung
mit den beisitzenden Richtern »dass wir um so eher in Ihren Wunsch einwilligen
können da Sie nicht vor dem hohen Gerichtshofe selbst stehen und wir unsere
Verhandlung nur als ein vorbereitendes Verhör ansehen können indem die endliche
Entscheidung nach Paris gehört wenn unsere ungewöhnliche Sendung hierher
allerdings schon der Rücksicht gegen eine der ersten Familien des Königreiches
zuzurechnen ist«
»So muss ich ferner erklären« fuhr Reginald fort »dass ich zu gleicher Zeit
außer Stande bin die Ursachen anzugeben warum ich den Grafen Ludwig bewog mit
mir nach Ste Roche zu gehen Doch dies wird alles Ihre Funktionen als Richter
nicht stören denn mein Eingeständnis lässt alle Beweisgründe weit hinter sich
zurück und so verzeichnen Sie denn meine Herren dass ich der Mörder des
Grafen Ludwig bin da mein abgeschossenes Pistol ihm das Leben geraubt hat«
Der Angeklagte lehnte sich nach diesen Worten sehr bleich und kurz atmend
an seinen Stuhl Er hörte eine tumultuarische Bewegung um sich her es schien
ihm Graf Leonin werde an ihm vorüber aus dem Saale getragen Als er sich wieder
gesammelt hatte sah er den Stuhl des Grafen Leonin leer sonst hatten Alle
ihre Plätze behalten Auf ein Zeichen des Herrn von Mauville trat Stille ein
»Junger Mann« rief er mit starkem überredenden Tone »ich ermahne Sie
sich zu sammeln Sie waren krank Ihre Geisteskräfte waren geschwächt
vielleicht sind Sie noch ohne klare Anschauung und verfallen in den oft sich
zeigenden Fehler der Jugend sich lieber bei dem ersten Verdachte der ihren Ruf
angreift aufzugeben als zu einer verständigen Verteidigung überzugehen die
Geduld und Selbstbeherrschung erfordert«
»Weiser verständiger Richter« rief hier eine raue trockene Stimme laut
und hart »Dich segne Gott Du bist der Erste der auf dem verfluchten Boden
Frankreichs die Rede eines Christen hören lässt«
»Unglückliche Frau« rief Reginald zu Emmy Gray aufblickend »was willst Du
hier wie kamst Du hierher«
»Als sie ihn hinaus trugen den sein Gewissen gerichtet fand ich den Weg
offen und hier bin ich mit allem Rechte Zeugnis abzulegen« rief sie fest
»da Deine Lammsnatur das Schwert in der Scheide lässt und Du den hungrigen Löwen
die Speise vorwirfst nach der sie trachten Sagt« sprach sie bis zur Tafel
vorschreitend und die Hand gegen den Richter aufhebend »stehe ich vor einem
christlichen berechtigten Gerichtshofe Wird hier Zeugnis angenommen und
unverfälscht vor Gottes Angesicht gerichtet«
Herr von Mauville blickte mit Erstaunen auf eine Gestalt die wie aus einem
anderen Jahrhunderte an ein lebendig gewordenes Bild jener Zeit erinnerte und
die in Wort und Bewegung eine Kraft des Willens ausdrückte unterstützt von dem
düstersten Ausdrucke des Zürnens wodurch sie den vollkommensten Anteil
erregte »Zweifelt nicht dass Ihr vor Christen steht die von Gott die Kraft
erwarten recht zu richten« sagte er mild »was habt Ihr uns zu sagen«
»Meine Herren« schrie hier der Marquis de Souvré heftig aufspringend
»diese Frau kann kein Zeugnis vor Gericht ablegen es ist die Bewohnerin von
Ste Roche die schon längst dem Wahnsinne verfallen ist und wahrscheinlich
durch ihren törichten Einfluss den jungen Menschen zu dem bereits eingestandenen
Verbrechen verführt hat«
»Herr Marquis« rief Reginald mit einer Energie die sein früheres
Verhalten nicht angedeutet hatte »Sie haben am wenigsten das Recht die klaren
und gesunden Sinne dieser ehrwürdigen und unglücklichen Frau zu schmähen Reizen
Sie mich nicht durch Beleidigungen gegen dieselbe die ich nie dulden werde sie
mit den Mitteln zu verteidigen die mir wie Sie wohl wissen zu Gebote
stehen«
»Ja« sagte Emmy Gray welche den Marquis mit kalter Verachtung betrachtet
hatte »jetzt erkenne ich das Gesicht des Sünders wieder und der der den
Namen des Mörders verdient wie kein Anderer wagt als Zeuge Dir gegenüber zu
treten Gott wird den Engel der Vergeltung senden und den Boden verwüsten wo
sein Fuß weilte Richter der Du Dich rühmst hier im Namen Gottes zu richten
lass den Bösewicht nicht Zeugnis sprechen und höre von mir wie schwarz seine
Seele ist«
»Herr von Mauville« sagte die Marschallin mit der kalten Anmassung welche
ihren hohen Rang in Erinnerung bringen sollte »wir wollen nicht Zeuge sein von
den Ausbrüchen einer elenden Geisteskranken und ich muss Sie erinnern dass die
traurige Veranlassung die uns pflichtmässig hier gegenwärtig sein ließ durch
das Geständnis des Verbrechers beendigt ist ich fordere Sie auf das Verhör zu
schließen«
Würdevoll erhob sich Herr von Mauville gegen die Marschallin »Madame«
sagte er »die Gegenwart Euer Gnaden ist eine freie Wahl welche weder von uns
verlangt noch verweigert ward daher ist die Entfernung Euer Gnaden gewiss Ihrem
eignen Ermessen überlassen doch kann ich damit das uns vorliegende Verhör um so
weniger für beendigt erklären da das Geständnis eines Angeklagten immer nur
dann die Entscheidung mit sich bringt wenn es mit den verschiedenen Anklagen
zusammen fällt und dieselben vollständig erklärt Dies ist hier nicht der Fall
Das Geständnis welches unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt hüllt sich in
ein Dunkel das wir aufzuhellen trachten müssen da wir nicht allein berufen
sind Schuldige zu entdecken sondern auch Unschuldige zu beschützen Jeder
Nachweis der sich dazu uns darbietet muss von uns benutzt werden und das
Auftreten dieser Frau ist wenn auch außer der Form doch bei einem bloßen
Verhöre welches Beweise zu sammeln hat vollständig zulässig«
Es kostete der Marschallin einen sichtlichen Kampf diese höfliche
Zurückweisung hinzunehmen Sie wünschte wenigstens durch Entfernung ihre
Beleidigung hervorzuheben aber das brennende Verlangen hier noch lenkend oder
abwehrend einzuschreiten hielt sie zwischen Gehen und Bleiben in Aufruhr
zurück bis sie entschlossen auf ihrem Platze verblieb
Herr von Mauville wendete sich nach seiner kurzen Entgegnung an die
Marschallin gegen Emmy Gray und fragte sie ob das Zeugnis das sie hier
anböte im Zusammenhange stehe mit der unglücklichen Begebenheit die hier
verhandelt werde sonst möge sie den Gang des Gerichtes nicht durch Einmischung
fremder Interessen stören
»Meine Aussagen gehören dazu wie Eure Augen zu Eurem Kopfe« rief Emmy Gray
»darum gebt mir Raum Richter damit ich Euch sagen kann was Ihr von ihm
schwerlich erfahren werdet«
»Emmy« sagte Reginald mit Ernst »Du hast nicht Wort gehalten und bist
doch in großem Irrtume weil Du den zu retten hoffst der von Deinen Aussagen
doch keinen Vorteil ziehen kann denn die eine Tatsache steht fest Graf
Ludwig fiel von meiner Hand«
»Nun um so besser mein Kind« rief die Alte heftig vorschreitend »so
hast Du schon gerecht Gericht gehalten und Du bist nun der einzige rechtmäßige
Graf CrecyChabanne«
»O Emmy« rief Reginald sein Gesicht verhüllend »wozu hier die Schande
meines Vaters aufdecken« Es entstand indessen ein begreiflicher Tumult Viele
Stimmen riefen zugleich Souvré die Marschallin überhäuften Herrn von Mauville
mit Vorwürfen der Wahnsinnigen der Betrügerin das Wort gestattet zu haben
Herr von Mauville saß indessen still und mit klugem Auge wie Jemand dem
plötzlich ein heller Lichtstrahl sichtbar wird Er hörte und erwiderte
Niemandem einzelne Worte mit den beisitzenden Richtern wechselnd Er ließ der
Aufregung eine Zeit lang ihren Gang dann stand er plötzlich auf Er wiederholte
das Gebot zum Stillschweigen mehrere Male laute Schläge gegen die metallene
Scheibe führend die vor ihm stand seine Stimme die mächtig und tönend war
überbot dabei das Gemurmel der Menge und die einzeln erzürnt Redenden
»Frau« rief er mit zorniger Weise gegen Emmy Gray »wer bist Du Was
wagst Du hier gegen die ersten Familien Frankreichs zu behaupten Was hast Du
für Rechte für Beglaubigungen zu Deinen Behauptungen«
»Lasst sie schweigen« sagte Emmy »ich habe lange nicht unter so viel
Volks gestanden ihr rohes Geschrei betäubt meinen Kopf«
Es trat Ruhe ein die Marschallin unterlag fast der Qual bleiben zu müssen
sie kam sich über alles Maß hinaus beleidigt vor Aber es stand zu Viel zu
verlieren und sie zweifelte nicht Alles verdächtigen und unterdrücken zu
können was hier hervortreten wollte Emmy dagegen lehnte sich an die
Gerichtstafel Allen den Rücken kehrend und sagte nun so laut und fest dass
jedes Wort den Saal durchdrang
»Ich bin Emmy Gray diejenige die aus England die rechtmäßige Gemahlin des
Grafen Leonin von CrecyChabanne nach Frankreich begleitete Das Kind dieser
rechtmäßigen Ehe ist der hier anwesende arme verfolgte Knabe der zu dessen
Mörder ihn Alle machen wollen war ein Bastard denn die erste Gemahlin lebte
noch ein Jahr nachher als der Graf die zweite geheiratet hatte«
Die Marschallin Souvré erhoben sich wieder aber Herr von Mauville winkte
beruhigend »Ich bitte führen Sie keine Störungen herbei ich erkenne die Sache
so gut wie Sie und verspreche Ihnen Gerechtigkeit« Beide hofften Herr von
Mauville sei auf ihrer Seite und begaben sich zur Ruhe
»Begreifst Du alte Frau was Du da herausgestossen« rief er hart »denkst
Du wir werden Dir glauben ohne Beweise da Du einen Mann wie den Grafen
Leonin angreifst dessen Rechtlichkeit außer Zweifel steht«
»Er war auch nur eine elende leidende Kreatur in der Hand Anderer« rief
Emmy Gray »er war zum Guten wie zum Bösen zu schwach ein verächtliches
halbes Ding von Mensch aber er hatte ein böses Weib zur Mutter die wusste um
Alles und einen Teufel zum Freunde der hier steht und der vollführte was
sie beschloss«
»Törin« rief Herr von Mauville »denkst Du wirklich dass man Dir ohne
Beweise glauben wird Du bist den Gesetzen wegen boshafter Verläumdungen
verfallen«
»Mein Herr« sprach Reginald »ich muss Ihrem Eifer Einhalt tun Obgleich
ich das Hervortreten dieser unglücklichen Angelegenheit missbillige und diese
tief gebeugte Frau mein ausdrückliches Gebot hier nicht aufzutreten
überschritten hat muss ich sie doch jetzt gegen jede unverdiente Beleidigung in
Schutz nehmen Sie ist keine Törin mein Herr Sie wird nur zu wohl beweisen
können was sie sagt und da die Schranke überschritten ist die ich mir aus
Achtung für den Namen den ich rechtmäßig trage auferlegt hatte so gebe ich
den Umständen nach und erkläre ebenfalls laut und bestimmt dass ich der einzige
rechtmäßige Graf CrecyChabanne bin«
»Mein Herr« rief die Marschallin zitternd vor Zorn »ich erkläre einer
Procedur nicht länger beiwohnen zu wollen in der man jede Achtung gegen mich
und meine Familie aus den Augen setzt und Gaukler und Betrüger zum Zeugnisse
gegen uns zulässt« Sie wollte sich erhebend ihren Platz verlassen doch
Reginald sollte ihr den Beweis geben dass das Blut der Crecy in seinen Adern
fliesse Lebhaft mit glühendem Antlitze trat er ein Paar Schritte gegen sie vor
»Bleiben Sie Madame« rief er in einem gebieterischen Tone »und nehmen Sie
Ihren Platz wieder ein Sie haben kein Recht Beschimpfungen gegen mich
auszustossen denn Sie vor Allen sind fest von der Wahrheit der eben vernommenen
Aussagen überzeugt Sie Madame haben den Namen CrecyChabanne entehrt Sie
Madame haben Ihren Sohn meinen Vater zu dem Verbrechen doppelter Ehe zur
Beraubung seines rechtmäßigen Kindes verführt Sie Madame haben durch Ihre
unmenschliche Grausamkeit durch Ihren Agenten Souvré das Herz meiner
engelgleichen Mutter Ihrer allein rechtmäßigen Schwiegertochter gebrochen Sie
Sie haben das edle Haus Lesdiguères zu einer beschimpfenden Verbindung mit dem
Gemahl einer Anderen vermocht und auch das Herz dieser edelen betrogenen Tochter
jenes Hauses gebrochen«
»Bleiben Sie« rief er da die Marschallin aus der Erstarrung ihres
Schreckens erwachend zu enteilen trachtete »Sie sind hier noch nötig Ich
befehle Ihnen zu bleiben Sie haben gewagt mich Betrüger zu nennen Sie hätten
vor dem Worte zittern sollen Ich der ich es über die Nächsten ausrufen konnte
habe es zurückgedrängt aus Achtung für den Namen den meine reine Mutter trug
Jetzt Madame ist das Siegel von Ihnen selbst gelöst ein CrecyChabanne darf
nicht Betrüger genannt werden Tritt vor Emmy Gray entfalte die Dokumente die
Alles dartun und Sie Madame werden Kenntnis davon nehmen und alsdann
widerrufen gegen mich widerrufen«
Die Marschallin stand wie unter einem Zauber gebannt starr besinnungslos
fast vor dem glühenden zürnenden Jünglinge Auch schien mehr oder weniger die
ganze Versammlung in ein rücksichtsloses Zuhören aufgelöst während Herr von
Mauville ein scharfer Beobachter blieb und mit Willen das Kreisen dieser
leidenschaftlichen Zustände nicht zu hindern suchte ihnen die Fingerzeige
ablauschend die die Wahrheit zu enthüllen versprachen
»Was wagt Ihr« stammelte endlich die Marschallin »was für Rechte habt
Ihr an mich als die der Verachtung und des Abscheues Wem soll ich gerecht
werden Dem Mörder meines Enkels dessen ganze Anklage gegen uns nur eine neue
Bestätigung seines absichtlichen Todtschlages ist«
»Absichtlich Absichtlich« schrie Reginald als ob alle Saiten seines
Innern misstönend zerrissen würden »ich absichtlich Ludwig getötet ihn der
wenige Stunden zuvor mein Bruder ward ihn der auf meine Liebe auf meinen
Schutz angewiesen war durch meine älteren Rechte an den Rang und Namen den er
getragen Ich ihn absichtlich morden Heiliger Gott dieser Gedanke konnte nur
in Euch entstehen«
Indessen hatte Emmy Gray den Trauschein aus dem Kirchenbuche von
StirlingsBai dessen sie sich vor der damaligen Abreise heimlich zu bemächtigen
gewusst ehe Lord Gersei seine Vernichtung vollführen konnte und aus dem
Kirchenbuche von Ste Roche das TaufAttest Reginalds und den Todtenschein
Fennimors ausgebreitet Herr von Mauville prüfte Beide und gab sie dann den
anderen Richtern
»Madame« sagte Herr von Mauville dann zur Marschallin »die Dokumente
müssen allerdings genauer geprüft werden doch haben sie einen glaubhaften
Anstrich«
»Wie« entgegnete die Marschallin »eine Zeremonie des ketzerischen
Priesters dieser abtrünnigen Sekte die wir angehalten sind nicht als Christen
anzusehen sie sollte einen Rechtsanspruch enthalten Bei wem glauben Sie
wird das Anerkennung finden«
»Bei Allen Madame« entgegnete Herr von Mauville »die mit einer besonderen
Bevorrechtung der schottischen Kirche bekannt sind welche aus der Zeit der
Königin Maria herstammend die Priester dieser Kirche als befähigt anerkannte
kirchliche Einsegnungen zu vollziehen damals in der Hoffnung erlassen die
Konfessionen durch Vermischung endlich der römischen Kirche wieder zu gewinnen
Sie haben dadurch einen rechtskräftigen Grund erhalten den wenigstens der
päbstliche Hof nicht verwirft«
Die Marschallin verlor einen Augenblick die Fassung Sie blickte auf Souvré
dieser lehnte sich kalt und hochmütig gegen die Gerichtstafel »Madame«
beantwortete er den Blick der Marschallin »es scheint mir Sie lassen sich zu
sehr herab diese verworrene Verhandlung mit Ihrer Gegenwart zu beehren
Erlauben Sie mir dass ich Ihnen den Arm gebe Sie werden in Paris ein
geeigneteres Gericht finden was so ausgesuchte Beleidigungen abweisen und
bestrafen wird Wenigstens ich habe mit diesen Angelegenheiten Nichts mehr zu
tun«
Er nahete sich der Marschallin und diese ließ sich hinwegführen ohne
sprechen zu können ganz um ihre gewöhnliche stolze Haltung gebracht die
Gräfin dAubaine folgte ihr denn sie sah ihre arme Tochter nicht welche auf
einem Sessel hinter dem Stuhle ihres ebenfalls ahnungslosen Vaters saß und mit
der Gemütsbewegung zuhörte die sie gänzlich über ihre auffallende
Handlungsweise hinweghob
Als diese störenden Elemente sich entfernt hatten ergriff Herr von Mauville
wieder die oft unterbrochene Verhandlung »Junger Mann« redete er Reginald an
»der Augenblick in dem Ihre alte Beschützerin sie zwingt sich einer so
mächtigen und vornehmen Familie als ein nah berechtigtes Mitglied derselben zu
zeigen ist durch die traurige vorangebende Veranlassung dieses Verhörs ein
sehr ungünstiger zu nennen Dessen ungeachtet glaube ich annehmen zu können dass
mit dieser Entdeckung die gegen Ihren Willen gemacht ist und die Sie früher
verweigert haben der Grund weggefallen ist der Sie abhielt uns zu entdecken
warum Sie den Grafen Ludwig veranlassten mit Ihnen nach Ste Roche zu gehen
Überhaupt mein Herr ich sage es mit Bedauern aber es bleibt dennoch wahr
diese neuen Entdeckungen sind Ihnen nachteiliger als förderlich denn die
Frage wird jetzt wichtig ob Sie der Angabe nach wirklich der ältere Graf
CrecyChabanne sind oder der bisher dafür geltende Jüngling denn Ihre hiernach
als unterdrückt erscheinenden Rechte könnten auf ein Verhältnis zwischen Ihnen
und dem Gemordeten hinweisen dass sein Leben oder seinen Tod für Sie wichtig
machte Sammeln Sie sich daher und erzählen Sie aufrichtig den Verlauf der
Begebenheit«
»Mein Herr« erwiderte Reginald sogleich ohne Zögerung »ich übersehe
meine Lage ohne Täuschung daher ohne Hoffnung Der Tod Ludwigs durch meine
Hand schließt überdies jede Möglichkeit wieder zu erlangenden Glückes gänzlich
für mich aus Mein Leben muss eine Sühne für sein schönes früh geknicktes Dasein
werden ich ersehne dies mehr als dass ich ihm zu entrinnen trachte«
Ein röchelnder Seufzer stieg hier aus Emmys Brust sie taumelte erbebend
vor den festen Worten ihres Lieblings zusammen Herr von Mauville befahl ihr
einen Stuhl zu geben starr blieb sie von da an sitzen die Augen fest auf
Reginald gerichtet
»Was ich weiter von diesem entsetzlichen Verhängnisse zu berichten habe«
fuhr Reginald fort »ist von so ungewöhnlicher Art dass ich entschlossen war es
ganz zu verschweigen da es unmöglich in den Augen meiner Richter sich zur
Wahrheit erheben kann und mich dieser daraus entstehende Zweifel gegen meine
Wahrhaftigkeit doch tief kränken würde«
»Sie müssen Vertrauen haben zu Ihren Richtern junger Mann« entgegnete Herr
von Mauville »wir sind nicht in der Absicht gekommen Sie schuldig zu finden
und gewöhnt das Ungewöhnliche zu hören Kraft meines hohen Amtes fordere ich
Sie auf Alles auszusprechen was Sie auf Ihrem Herzen haben«
Nach einer Pause schmerzlichen Nachdenkens rief Reginald »Es sei Ich stehe
vor einem edelen Manne das fühle ich dankbar aber vor Allem fühle ich Gottes
Nähe«
Reginald erzählte jetzt mit Umsicht und Ruhe Er berichtete die Unsicherheit
über seine Familie der er nicht nachgefragt habe in dem schützenden
Verhältnisse zu der Familie Crecy Graf Leonin habe sich seinen Vormund genannt
und jede Auskunft für ihn bis nach zurückgelegter Reise verschoben Dann
erzählte er Emmy Grays erste Aufforderung vor der Reise die er abgelehnt dann
ihre zweite welche ihn nach Tabor rief und mit sichtlichem Widerstreben
entdeckte er Emmys Mitteilungen Emmy verlangte ihm in Ste Roche die
Dokumente zu übergeben ihn trieb das Herz nach dem Grabe seiner Mutter
Ludwig sollte ihn begleiten Er konnte Nichts von ihm getrennt denken er sollte
mit ihm von den Dokumenten und Aussagen der Alten unterstützt dort Alles
bedenken und beschließen helfen »Dies mein Herr« fuhr Reginald fort »ist
der wenig haltbare Grund weshalb ich Graf Ludwig zu der Reise nach Ste Roche
bewog den aber nur der begreifen kann der weiß wie wir uns liebten wie kein
Geheimnis unter uns waltete«
»Doch ist dies dennoch viel wahrscheinlicher als was ich weiter zu erzählen
habe« Er berührte jetzt den aufgeregten Zustand in dem er Ludwig zu bewachen
mit dem Pistol in der Hand vor ihm gesessen habe und endlich von unbewusster
Müdigkeit überwältigt entschlafen sei wo ihn dann der Traum erfasst den er mit
der Gewalt des tiefsten Grauens das jetzt noch seine Seele zu überwältigen
drohte ergreifend vortrug Lautlose Stille herrschte im Saale Vielleicht war
Keiner in der ganzen Versammlung der nicht den Jüngling als unschuldig und des
tiefsten Mitleids würdig erkannt hätte
Erschöpft und totenbleich lehnte sich der Unglückliche nachdem er
geendigt von der Anstrengung fast überwältigt in den Lehnstuhl zurück
Mauvilles Augen ruheten auf diesem rührenden Opfer mit dem Wunsche er möge so
enden denn der erfahrene Richter wusste dass er nicht zu retten war
Da sagte der beisitzende Richter zu Herrn von Mauville »Sie vergessen die
Aussage des Kammerdieners der uns noch von einem Liebesstreite der beiden
jungen Leute erzählte Gleichfalls eine wichtige Möglichkeit so rasche Tat zu
erzeugen«
Ein missbilligender Blick des Herrn von Mauville traf ihn doch ungehindert
davon fuhr er fort »Die Neigung Beider traf dasselbe Fräulein aus diesem
Hause Graf Ludwig war am Morgen mit derselben verlobt worden Das erfuhr der
Angeklagte«
»Halt« rief Reginald »mein Herr um Gottes Willen halten Sie ein«
Konvulsivisch war er aufgesprungen noch ein Mal jagte das Blut über das
sterbende Antlitz »Mischen Sie in mein elendes Schicksal nicht den heiligen
Namen dieser Dame Sprechen Sie es aus das vernichtende Wort überführt
schuldig Aber um Gotteswillen diesen neuen Beweisgrund nicht ich will ihn
nicht hören wiederholen Sie es nicht bei Ihrer Seele Seligkeit«
Da schwankte plötzlich Franziska vor den entsetzten Blicken ihres Vaters
vorüber sie wandelte leichten Schrittes auf Reginald zu der bis an seinen
Sessel vor ihr zurück wich Dicht vor ihm blieb sie stehen und sagte mit einer
weichen tonlosen Stimme ohne Ausdruck und Kraft während schwere Seufzer jeden
Satz unterbrachen »Warum verläugnest Du mich edler unschuldiger Reginald Ich
war es die Du liebtest ich werde ewig daran gedenken Die Welt hat uns
getrennt doch blieben wir treu und Ludwig der arme Bruder wäre nicht
zwischen uns getreten Nun bin ich Braut von Dir und ihm und Eure Witwe
Leb wohl auf Wiedersehen«
Sie reichte ihm wie zum heiteren Spiele die blasse marmorkalte Hand er
widerstand nicht er kniete nieder laut schluchzend presste er ihre Hand an
seine Lippen er sah zu dem schönen starren Gesicht empor aus dem die Augen
so abwesend niedersahn Da senkte sich das blaue Atlaskleid wie verhüllend um
ihn her die schöne Gestalt sank langsam zusammen sie glich einem Engel der in
einer Wolke den bleichen Jüngling verhüllen wollte Der Vater hob die
Bewusstlose sanft aus den Armen Reginalds der in diesem Augenblicke der
Trennung das Todesurteil erlitt Er sah ihr nach als wäre sie sein letzter
Lebensatem und in demselben Augenblicke fühlte er sich mit Liebe an ein warm
schlagendes Herz gedrückt Es war Franziskas Bruder
Herr von Mauville hob das Verhör auf Reginald ward mit zärtlicher
Sorgfalt hinweggeführt Hart trat Emmy Gray den Richtern in den Weg sie wollte
bitten aber der unbeugsame Sinn lernte nicht so spät die nie gekannte
Aufgabe »Sprecht Recht Sprecht Recht Ihr Richter« schrie sie mit Todesangst
und ergriff hart den Arm des Herrn von Mauville »er ist ja unschuldig rein
wie an der Brust der Mutter«
»Arme Frau« sprach Herr von Mauville »ich werde ihn der Gnade des Königs
empfehlen«
»Gnade Gnade« rief Emmy wild »Recht Recht keine Gnade Recht muss ihm
werden«
»Vom Rechte darf er nichts hoffen« sagte der zweite Richter »jeder
GerichtsHof wird ihn verdammen Träume sind keine gültigen Zeugen«
Sie zogen an ihr vorüber sie starrte ihnen nach ihr größtes Elend war dass
sie diese Gerechtigkeit nicht verstand Sie stieß ein fürchterliches wildes
Geschrei aus Die mitleidigen Mönche erfassten die Unglückliche die in
Konvulsionen fiel
Die Marschallin reiste noch denselben Abend mit dem Marquis de Souvré nach Paris
ab Die Trennung von der Familie dAubaine war kalt und zeigte von gegenseitigem
Misstrauen Das entschiedene Betragen der Marschallin war zurückgekehrt es lag
eine Verachtung gegen die erfahrenen Anschuldigungen in ihrem Wesen die sie
unbedeutend machen sollten Graf dAubaine war zu edel und zu stolz sich die
Richtung seiner Meinungen angeben zu lassen er zeigte sich in gemessener
Haltung Graf Leonin folgte seiner Mutter fieberkrank gebrochenen Herzens
Später fuhr dem Wagen des Herrn von Mauville eine verschlossene Kutsche
nach sie brachte Reginald nach der Bastille Um Mitternacht rollte langsam ein
Rüstwagen mit der Leiche des Grafen Ludwig dem trostlosen Zuge nach er ging
langsam nach dem Erbbegräbnisse in dem Schloss Moncay
Lange blieb Franziska dAubaine geisteskrank fast ausschließlich von ihrem
Vater gepflegt dessen Nähe allein ihr Ruhe gab jeder Andere beängstigte sie
Jahrelang dauerte dieser Zustand Langsam genas sie eine Fremde sich fühlend in
der Welt Ihr Vater tat keine Forderung die sie auf gewöhnliche Weise dem
Leben anzuschmieden trachtete er forderte Nichts als die Wiederkehr einer
würdigen Geistestätigkeit Indem er die Geselligkeit der großen Welt von ihr
abhielt führte er sie doch zuweilen nach einem Schloss in der Nähe von Paris
und versammelte dort die Heroen der Zeit an deren Geist Franziska aufstrebend
sich entwickelte wenn auch ohne Wunsch ohne Zweck So ward sie dem Leben leise
wieder zugeführt seine schöne uneigennützige Gefährtin
Die Marschallin wusste ihre weitverzweigten Verbindungen sehr wohl zu
benutzen Reginalds Prozess ward in eine Art von Geheimnis gehüllt welchem sie
den Schein der Mäßigung zu geben wusste Es schien als ob ihre schmerzbeladene
Seele vor Allem öffentliche Verhandlungen scheue sie wies mit leisen
Andeutungen auf ihren Sohn Man konnte denken Leonin sei geisteskrank
Vergraben auf ein fernes Crecysches Gut blieb sein Zustand zweifelhaft
Zuweilen schien er zu rasen er wollte dann Souvré umbringen und verwünschte
seine Mutter Dann brachte er Tage und Nächte auf seinen Knieen zu er sah
Geister Viktorine an Fennimors Seite erschien ihm er redete mit ihnen und
dies war der Übergang jener Raserei Er sank dann auf den Teppich des
Fussbodens hier fand er ein Paar Stunden Schlaf bis ihn neue Verzweiflung
weckte
Nach einem Jahre in welchem das Schloss Ste Roche mit der ganzen Situation
noch ein Mal erforscht war die Richter die Aussagen der wilden Emmy Gray ohne
Glauben an ihren Verstand angehört alle Zeugen vernommen und bald für bald
wider beschlossen hatten fiel das Erkenntnis wie zu erwarten stand gegen
Reginald aus Er ward zum Tode verurteilt und der König unterzeichnete das
Todesurteil
Diesen Moment der Sicherheit hatte die Marschallin erwartet Sie fuhr in
tiefer Trauer nach Versailles und zeigte ihrem ganzen Zirkel vorher an dass sie
die Gnade des Königs anzurufen denke für den Feind für den Mörder ihres Hauses
Alles drückte Erstaunen und Bewunderung für die erhabene Tugend der ehrwürdigen
großmütigen Frau aus Es war das Signal für Alle ihr nach Versailles zu
folgen man fragte der Stunde ihrer Abfabrt nach es schien ein Festzug Eine
Karosse mit rotem Himmel ein Vorrecht der Familien höchsten Ranges hinter
der anderen rollte auf dem großen Wege nach dem Schloss
Der Prinz von Kourtenaye bat beim Könige zur Zeit der AudienzStunde für die
Marschallin von Crecy um Gehör Der Prinz der gerade im Dienste sich diesem
Auftrage unterzog hatte einigen Blicken Ludwigs zu begegnen die ihn unruhig
machten Der König fragte nach dem Inhalte des AudienzZimmers wie man dies zu
nennen pflegte Herr von Kourtenay nannte die ersten Namen des Landes »O«
sagte der König mit einem stolzen Lächeln »der ganze Zirkel Sie sehen«
fuhr er fort sich zu einem Geistlichen wendend der im Hintergrunde stand »man
hat uns einen Platz in der letzten Szene des Trauerspieles zugedacht« Dieser
Geistliche war Fenelon der Erzbischof von Kambray »Mein Herr« sagte der
König darauf zum Prinzen »die Versammlung ist uns genehm wir werden sie
später empfangen«
Herr von Kourtenaye wusste jetzt gewiss dass der König in Zorn war Als er
ganz bleich vor Schrecken in das AudienzZimmer trat erschien am anderen Ende
die Marschallin mit eben so verändertem Gesichte Sie hatte Madame de Maintenon
ihre Aufwartung machen wollen welche sie von fern in einem Damenkreise auf der
großen Terrasse lustwandeln sah der meldende Lakay brachte aber die Antwort
zurück die Frau Marquise wären beschäftigt und könnten die Frau Marschallin
nicht empfangen Die Marschallin traute ihren Sinnen nicht die anwesenden
Damen die sie wie ein Hofstaat begleiteten wurden außerordentlich verlegen
und als sie das AudienzZimmer erreichte war von dem früheren Gefolge Niemand
an ihrer Seite
Welche qualvolle Stunde folgte jetzt Den Fremden schien der Abend heran zu
nahen die Einheimischen starben vor Neugierde und Ungeduld immer mehr wuchs
der Kreis die Feinde der Marschallin rückten an Sie wusste genau dass sie
herbei gerufen waren selbst Souvré war so überrascht dass ihm das Nachdenken
darüber seinen gewöhnlichen Witz kostete Da öffneten sich die Türen die
diensttuenden Kavaliere schritten voran dann kamen die Prinzen des Hauses
Alle stellten sich an der Tür auf Man sah in dem Saale zunächst den König
daher kommen langsamen Schrittes mit der imponirenden Würde die von einer
ihm im hohen Mannesalter noch treu bleibenden Schönheit gehoben ward Die
daraus hervorgehende vollständige Anmut der Bewegungen machte ihn zu dem
Vorbilde welches er für ganz Europa war Etwas hinter ihm an seiner linken
Seite ging Fenelon der Erzbischof von Kambray Ludwig sprach zu ihm mit dem
Wohlwollen und der feinen Hochachtung die Alle die es erfuhren berauschte
Die Marschallin fühlte dass ihre Knie bei Fenelons Anblicke schnell zusammen
schlugen heftig richtete sie sich nur noch gerader in die Höhe Souvré schien
ihr Platz machen zu wollen er zog sich noch weiter zurück
Atemlos harrten die Anwesenden bis der König die Schwelle überschritten
in demselben Augenblicke setzte er einen kleinen Hut auf den er unter dem Arme
trug nahm ihn nach einigen Sekunden ab grüßte die Versammlung und setzte ihn
dann wieder auf
»Die Gemeldeten haben den Vorrang« rief der Prinz von Kourtenaye
Das war der entscheidende Moment Aus der Masse lösten sich die Bezeichneten
und naheten in einen Kreis sich stellend Rechts dem Könige zunächst hatte
die Marschallin mit dem kühnsten Mut ihren Platz eingenommen Ludwig grüßte
noch ein Mal indem er den Hut einen Augenblick abnahm dann redete er den
Grafen Villeroi an und schien Heiterkeit und Wohlwollen zu atmen wenn auch nie
die imponirende Wichtigkeit des Königs dabei zu vergessen war Wer hätte ihn
aber nicht lieben müssen als er sich der alten achtzigjährigen Herzogin von
Gêvres nahete die an einen goldenen mit Juwelen verzierten Krückenstock
gelehnt herbei gekommen war dem Könige für eine ihrem Enkel erwiesene Gnade zu
danken Mit dem Hut in der hocherhobenen Hand stand der König vor der alten
munteren Frau die ihr dankbares Herz mit der größten Lebhaftigkeit vor ihm
ausströmen ließ Er schalt sie dagegen mit einer hinreissenden Güte dass sie
gekommen war und rief mit lauter Stimme »Ein Tabouret ein Tabouret« und als
es herbeiflog rief er noch ein Mal »Mein Bruder ein Tabouret« Monsieur
verstand dies augenblicklich und legte herbeieilend die Fingerspitzen daran
während der König der alten in Wonne strahlenden Matrone den Arm gab und sie
niedersitzen ließ dann begrüßte er den harrenden Kreis weiter Aber trotz
dieser weichmütigen Szene ließ sich Niemand über die Stimmung des Königs
täuschen Er hatte einen kleinen roten Fleck unter dem rechten Auge und Jeder
wusste dass er über etwas in Zorn gewesen Schon bezeichnete man den Gegenstand
desselben denn der König war an der Marschallin von Crecy vorübergegangen ohne
sie zu begrüßen
Die Audienz welcher der übrige Hof bloß als Zuschauer beiwohnte war bis
auf die Marschallin und Souvré die der König nicht angeredet hatte vorüber
Der König richtete sich stolz empor und rief »Meine Prinzen ich glaube Sie
haben Ihre Bekannten in diesem Kreise«
Das war ein Zeichen dass der König fertig war Der Prinz von Kourtenaye
durfte in diesem Augenblick im Falle der König Jemanden übersehen hatte die
Personen bezeichnen Er trat vor und nannte die Marschallin und Souvré der
König neigte kaum merklich das Haupt und die Marschallin trat vor allein noch
von ihrem Zorne Kraft erhaltend
»Madame« begann der König den Hut gleichgültig abnehmend und die Hand
damit niederhängen lassend welches ein niederer Grad von Attention war »wir
bedauern um so mehr Sie erst so spät zu begrüßen da wir Ihnen eine Mitteilung
machen können die für Sie allerdings von großer Wichtigkeit ist Wir haben auf
die Bitte Ihres Sohnes durch den Herrn Erzbischof von Kambray vermittelt den
jungen Mann begnadigt der unter dem Namen Chevalier Ste Roche ein
beklagenswertes Opfer der Verirrung ward die wie ich denke Andere mehr als
er selbst verschuldet«
»Sire« sprach die Marschallin mit gehobener Stimme »ich harrte hier mit
derselben Bitte um Gnade Nicht Rache an dem Übeltäter kann das berühmte
erlöschende Geschlecht der CrecyChabanne retten wir suchten nicht Sühne
durch Blut«
»Das ist uns lieb zu hören« erwiderte der König mit unerschütterlicher
Kälte »wir werden es Madame unserer Frau Schwägerin melden lassen Sie hat
uns diesen Morgen ersucht die Frau Marschallin ihres Dienstes als
Oberhofmeisterin enteben zu dürfen«
»Sire« rief die Marschallin »ist Unglück wie es unser Haus verfolgt ein
Grund uns zu entehren«
»Madame« sagte der König »vergessen Sie Ihre Stellung nicht Unglück fand
in uns Schutz und Hilfe wir beweisen es indem wir den jungen Mann begnadigen
der durch unerhörte Vergehungen um Alles betrogen ward was wir an irdischem
Besitze zu schätzen haben um rechtmäßige Ansprüche an einen vornehmen Namen und
den damit verknüpften Besitz großer Reichtümer«
»Mit Schmerz sehe ich« entgegnete die Marschallin noch immer ungebeugt
»dass meine Feinde Zeit hatten mich zu verdächtigen Ich darf es sagen Euer
Majestät sind falsch berichtet«
Der rote Fleck auf Ludwigs Wange begann zu leuchten das strahlende Auge
des Königs durchbohrte die Marschallin »Falsch berichtet« rief er »hüten
Sie sich Madame und wissen Sie dass Ihr eigener Sohn und der Erzbischof von
Kambray unsere Berichterstatter waren«
Die Marschallin wankte zurück
»So wahr ich König von Frankreich und Nachfolger des heiligen Ludwigs bin
wäre der unglückliche Jüngling nicht so öffentlich eines Mordes bezüchtigt
gewesen ich würde hier ganz anderes Recht geschafft haben Und Sie Madame
die Sie fortan außer Zweifel sein werden dass wir unterrichtet sind wie Sie bis
dahin uns zu täuschen wagten Sie denke ich werden dem Minister der Polizei
bis heute Abend anzeigen welches Kloster zwanzig Meilen von Paris entfernt
Sie zu Ihrem Aufenthalte gewählt haben«
Die Marschallin wankte hin und her sie wollte noch reden Der König setzte
den Hut auf und wendete sich ab in demselben Momente war die Marschallin von
den Hofleuten verdeckt zurückgedrängt sie schritt steif und fest durch alle
Säle stieg in den Wagen mit rotsammetenem Himmel und sagte kaum hörbar »Nach
Moncay«
»Nun Herr von Kourtenaye« rief der König dem Prinzen zu »was gibt es
noch«
Der Prinz hatte kein Wort gesagt »Ah ich verstehe« sagte der König
»der Marquis de Souvré Sagt ihm die Luft am Hofe passe nicht mehr für ihn Wir
glauben er wird sich in England besser befinden wenigstens wird seine
Korrespondenz mit Wilhelm von Oranien dann geringere Schwierigkeit haben Sein
Name fällt unangenehm in unser Ohr«
Souvré der von Niemandem geliebt und geachtet war selbst in dem Sinne wie
es bei Hofe gilt wartete nicht bis man ihn aus dem Salon stoßen würde Er
hatte schon lange das Versprechen in England Schutz zu finden wenn seine
Spionerien entdeckt würden er eilte nach dem Hotel Crecy wo er wohnte um
seine Reise sogleich anzutreten Die Polizei empfing ihn seine Papiere waren in
ihren Händen Nach einem kurzen Prozesse beschloss er sein Leben in der Festung
Rochefort
Der Erzbischof von Kambray eilte nach Beendigung der Audienz durch die
Gemächer des Königs nach einer offenen Gallerie die in den Garten von
Versailles führte Bald sah er den Gegenstand den er suchte Auf zwei Diener
gestützt versuchte Leonin Graf von CrecyChabanne ihm entgegen zu eilen Der
großmütige Fenelon beschleunigte seine Schritte und hielt die Seelenqual des
Unglücklichen abzukürzen mit freudigem Antlitz ein Pergament hoch in die Luft
»Begnadigt begnadigt« rief er »schließen Sie jetzt Ihren Frieden mit Gott
Ihr König verzeiht Ihnen« Leonin stieß einen ächzenden Seufzer aus Fenelon
schloss ihn an seine Brust
Wenige Tage später erschien um Mitternacht vor den Toren der Bastille ein
verschlossener Reisewagen mit einer kleinen Eskorte Bewaffneter in einfacher
grauer Reisetracht Nach Abgebung der Parole fuhr der Wagen in den innern Hof
Ein Herr in seinen Mantel gehüllt stieg aus und ward nach Reginalds Zimmer
geführt
»Mein Herr« sprach er sich vor Reginald verneigend »ich bin beauftragt
Sie laut Befehl des Königs hier wegzuführen«
»Wegzuführen« rief Reginald »ist mein Prozess entschieden«
Reginald war fünfundzwanzig Jahr er hatte ein Jahr hinter den Mauern der
Bastille geschmachtet Luft Luft eine Wiese ein Baum eine Blume nur
seufzte seine schmachtende Seele Jetzt sollte er fort diese Mauern verlassen
aber zu welchem Zwecke Sollte sein Todesurteil vollstreckt werden Sollte
eine neue Festung ihn umschließen
Fenelon hatte seinen Schüler in dieser schweren Zeit nicht verlassen er
hatte das Gefühl der Unschuld in ihm verstärkt da er das Gefühl des Unglücks
nicht aus seiner Seele nehmen konnte Er stellte ihn klar zum Leben in der
geheimen Hoffnung ihn für dasselbe wieder zu gewinnen Von der Jugend
unterstützt konnte er in freier Tätigkeit im Fleiße in nützlicher
Bestrebung nach und nach das Leben sich ihm erhalten denken
»Ihr Prozess ist entschieden« erwiderte der Herr »und ich bin Ihnen
hoffentlich keine feindliche Erscheinung« Reginald erkannte Herrn von Mauville
»O nein« rief er lebhaft »Sie waren vom ersten Augenblick an mein guter
Engel«
»So folgen Sie mir auch jetzt voll Vertrauen« In kurzer Zeit war Reginald
zur Abreise gerüstet Beide bestiegen den Wagen Die Tore von Paris lagen weit
hinter ihnen als der Morgen anbrach Da erblickte Reginald bei den ersten
Strahlen der Morgensonne die lang ersehnte Natur Der Eindruck war
überwältigend Mit trunkenen Blicken sog er einige Minuten die Gegenstände ein
dann wendete er sich zu Herrn von Mauville der mit anteilvollem Ausdrucke der
Züge den schönen blassen Jüngling betrachtete Den liebevollen väterlichen
Blick erkennend warf Reginald sich laut weinend an seine Brust Fremde Arme
umschlangen den Jüngling Er hatte von allen reichen Liebesbanden die ihn seit
seiner frühesten Jugend umgaben Nichts behalten als seinen Richter der ein
Mensch war
In einer Hafenstadt machten die Reisenden Abends Halt Reginald schlief
einen langen erquickenden Schlaf Am anderen Morgen fand er Herrn von Mauville
in besonders feierlicher Stimmung »Bis hierher« sprach dieser »habe ich mich
verpflichtet Sie zu begleiten teurer junger Mann Man hat mich durch das
Vertrauen geehrt mit dem man mir die Vollziehung dieser Maassregel überließ Der
König hat Sie begnadigt Sie sind frei Der Erzbischof von Kambray hat mir
diesen Brief für Sie mitgegeben er wünscht dass Sie von Ihrem Vaterlande bis
auf die Erinnerung Abschied nehmen mögen Er fordert Sie auf keine Verbindung
mit demselben zu unterhalten selbst der brieflichen Mitteilungen zu entbehren
Nur so glaubt er kann es Ihnen gelingen ein neues Leben zu beginnen Ihr
Vater «
»Mein Vater« rief Reginald und eine glühende Wallung zeigte sich auf
seiner Stirn »Mein Vater wird den Wunsch meiner gänzlichen Vernichtung der
Beraubung aller Bande die dem Menschen heilig und teuer sind und ihn an sein
Vaterland knüpfen unterstützen Er hat von mir Nichts mehr zu fürchten Da ich
es aufgeben musste für meine heilige Mutter Gerechtigkeit zu fordern so hört
für mich jeder Anspruch an ihn auf«
Wehmütig blickte Herr von Mauville den Jüngling an Er wusste ihm wenig zu
sagen und fürchtete sein zürnendes Gefühl durch Widerspruch noch heftiger zu
erregen »Der Graf Crecy war es« fuhr er sanft fort »der durch die
Vermittlung des Erzbischofs von Kambray dem Könige das ganze Geheimnis Ihrer
Geburt Ihres traurigen Geschickes entdeckt und so dürfen Sie sagen ist
Ihrer Mutter Recht geschehen«
Reginalds erglühtes Auge ruhte einen Augenblick voll Befriedigung auf Herrn
von Mauville »So mag ihm Gott verzeihen wie ich ihm verzeihe« rief er
plötzlich tief bewegt
»Darum sollte ich Sie bitten« sagte Herr von Mauville »der unglückliche
Vater fühlte keinen Mut dem tief beleidigten Sohne selbst zu nahen«
Reginald verhüllte sein Gesicht mit beiden Händen Fennimors Sohn weinte
über den unglücklichen Vater »Sagen Sie meinem Vater sagen Sie ihm« »Dass
Sie ihm verziehen haben« ergänzte Herr von Mauville die schluchzend
herausgestossenen Worte des Erschütterten
»O welch ein Wort gegen einen Vater« seufzte Reginald »Sagen Sie ihm
dass ich gedenken wolle er habe einst meine Mutter geliebt dass ich ewig
gedenken will wie er mich mit Sorgfalt erziehen ließ und wie viel Liebe er mir
bewiesen Aber wenn ich voll Schmerz zugleich behalten muss wie er den Lockungen
der vornehmen Welt mit ihren empörenden Anforderungen und erlogenen Rechten
erlag so sagen Sie ihm dass ich ihr einen tiefen unversöhnlichen Hass
geschworen dass ich seine unnatürliche entmenschte Familie hasse und dass es
mein Stolz sein soll sie zu verleugnen und mich nicht mehr zu ihr zu zählen«
»Ich darf Sie nicht fragen wohin Sie zu gehen gedenken« entgegnete Herr
von Mauville »meine Bestimmungen lauten dies nicht wissen zu wollen Aber
ich bin ein alter Mann Sie sollen ihr Vaterland nicht verlassen ohne den Segen
eines Herzens das Sie lieb gewonnen hat wie einen Sohn«
Reginald stürzte an seine Brust Herr von Mauville segnete ihn in tiefer
Rührung mit einer erschütternden Fülle hochherziger Worte Dann entriss er sich
plötzlich seiner Umarmung und enteilte dem schmerzlich bewegten Jünglinge
Lange blieb Reginald regungslos auf seinem Platze Wir können sagen er
erlebte einen großen EntwickelungsMoment Von allen Seiten nahete sich das
Vorbereitete und ward zum Bewusstsein das schnell die neue Form des Daseins
bildete und sie mit dem Inhalt einer ernsten männlichen Erkenntnis erfüllte
Aber dessen ungeachtet seufzte das junge Herz »Du bist allein«
Als der Abend sank redete ihn in schüchternen Lauten eine bekannte Stimme
an erschrocken fast sprang der Einsame auf Es war sein treuer Kammerdiener
der sich ihm zu Füßen stürzte »Nehmen Sie mich mit gnädiger Herr Verstossen
Sie mich nicht sonst bricht mir das Herz«
»Wie« rief Reginald »Du willst den Verstossenen den Verbannten
begleiten«
»Ja Herr bis in den Tod Lasst mich nicht zurück ich überlebe es nicht«
»So komm mit« rief Reginald und ein warmes Gefühl durchströmte sein Herz
Er war nicht mehr allein
Die Reise war von dem sorgsamen Diener mit einer Umsicht vorbereitet die
seine Instruktionen verriet Als Reginald in den Wagen stieg überreichte ihm
der Kammerdiener ein Portefeuille es enthielt ein bedeutendes Vermögen in
Wechseln und Gold Auf dem Umschlage standen die Worte Das Vermögen von
Fennimor Lester verehelichten Gräfin CrecyChabanne
Schaudernd verschloss Reginald die verspätete Urkunde der Gerechtigkeit
»Hörtest Du nie von Emmy Gray« fragte Reginald später »Es sei die letzte Frage
über die Vergangenheit aber ich muss sie beantwortet haben ehe ich das Land
verlasse«
»Sie lebt aber sie hat der Welt unerlöschlichen Hass geschworen auch Euch
wollte sie nicht wiedersehen Der Herr Graf von Crecy lassen für sie sorgen wie
für eine Prinzess«
Reginald änderte jetzt seinen Namen und blieb von da an verschwunden Alle
Bemühungen ihn aufzufinden scheiterten wie wir es bereits wissen
Wir wollen zu einer anderen Zeit dem Eindrucke nachfragen den die Erzählung des
Marquis dAnville auf seine Zuhörer machte näher liegt uns das junge Fräulein
das wir von dem Arzte zu Madame St Albans Hilfe herbeigerufen in dem Vorflure
des kleinen Turmes verließen der in die Zimmer der Mistress Gray führte
Trotz dem dass der Arzt sie berufen schienen dennoch über ihren Eintritt
Schwierigkeiten obzuwalten denn Elmerice hatte hinreichend Zeit das
ergreifende Schauspiel eines mit heftigen Ausbrüchen wild über die Erde dahin
ziehenden Gewitters zu beobachten und erst als eine gleichmäßig graue
Wolkenlage einen frühen Abend herbeiführte und der niederfallende feine und
warme Regen die erschreckte und zerrissene Vegetation zu heilen schien trat
Asta zu der Harrenden und flüsterte ihr zu »Bald bald«
Elmerice fühlte ihr Herz aufwallen sie trat der Eingangstüre näher und
atmete bedürftig den Duft der aus tausend kleinen erquickten Kelchen
balsamisch zu ihr aufstieg Ihre Augen wurden nass trotz dem dass sie sich
innerlich über eine Empfindung schalt die ihr durch Nichts motivirt schien Sie
ward ungeduldig und wünschte um so lebhafter in den bangen Zauberkreis
eingeführt zu sein den sie bald zu überwinden dachte durch Dienste die sie
leisten wollte Auch sollte ihr Wunsch jetzt erfüllt werden Asta war zurück
geschlichen mit ihr erschien der alte Arzt und führte sie stumm und leise durch
die breite Flügeltüre die sich geräuschlos in den Angeln drehte
Obwol ein hoher lang ausgestellter Schirm die Übersicht des Zimmers
hinderte sah Elmerice doch an der weit ausgebreiteten Decke dass sie in ein
ungewöhnlich großes Zimmer trat Der hohe Schirm bildete wenige Fuß von der
Wand abgestellt einen verdeckten Gang und als sie ihn hinter dem Arzte
hergehend zurückgelegt sah sie sich vor dem Bette der Madame St Albans die
auf Kissen gestützt leise stöhnend darin ausruhte
»Ach Kind Kind ich habe es nicht gewollt dass man Dich rief« schluchzte
Madame St Albans leise »Du armes Kind wärest Du doch bei Deiner Gräfin
geblieben Was kommt nun Alles über Dich Zwei Leichen wird es in kurzer Zeit
geben denn weder sie noch ich Keine von uns Beiden übersteht die Leiden«
»Darum gerade ist es gut dass ein Gesunder bei Euch ist« erwiderte
Elmerice freundlich »Ihr sollt bald erfahren was gute Pflege tut«
»Ach« sagte Madame St Albans fast verdrießlich »seid nicht so höflich
mitten in dem Elende Das kann Euch nicht von Herzen gehen und ich habe nie den
Leuten getraut die so sehr höflich waren« Grämlich lehnte sie sich in die
Kissen zurück als wolle sie Ruhe haben
Elmerice wendete sich ab wenig ermutigt durch diesen Empfang und sah in
das Antlitz des alten Arztes der wie es schien kaum ein lautes Gelächter
bezwang
»Da habt Ihrs« sagte er sie gegen eins der hohen Fenster führend das mit
dem Bette der Erzürnten in einer Reihe lag und eins der vier großen breiten
Fenster war die diese Seite des Riesengemaches einnahmen »Aber« fuhr er fort
»daran müsst Ihr Euch gewöhnen ich habe lange gezaudert ehe ich Euch zu
diesen verrückten Weibern herbeschied denn die Albans ist eine so kleine
jämmerliche Seele die sich Wunder wie klug deucht wenn sie Anderen nichts
Gutes zutraut Ich sage solche sogenannte stille Leute die immer tun als
wollten sie mit keinerlei Art von Verdienst in die Schranken treten das sind
innerlich die Tollsten die sehen auf Alles mit Verachtung was sie nicht
verstehen ihr Hochmut macht sie bösartig«
»Obwol ich Madame St Albans bloß für launisch und nicht für bösartig
halte« sagte Elmerice »habe ich doch von ihrer Weise schon manche Erfahrung
gemacht die mir jetzt zu Hilfe kommen wird«
»Nur nicht zu gut mein Kind Schreit sie ein Paar Mal tüchtig an das hilft
mehr als nachgeben Bleibt Ihr immer sanft und freundlich das versteht so ein
Gemüt nicht Weil sie selbst schreien und heulen würde wenn man sie
behandelte wie sie Anderen tut so hält sie Jeden der es hinnimmt für seiner
Schuld überführt oder für falsch«
»Und doch« lächelte Elmerice belustigt von dem alten klugen Manne
»doch muss ich schon bei meiner Weise bleiben es ist nicht so wichtig dass sie
mich versteht aber ich würde mich selbst nicht verstehen wenn ich ihr eben so
erwidern wollte wie wir es ja an ihr nicht billigen Ich werde weniger dadurch
verletzt wenn ich nicht darauf eingehe und muss es leiden wenn sie mich
deshalb falsch schilt«
»Ja ja« sagte der Alte sie wohlgefällig anblickend »es gibt auch
solche Weiberherzen Ich kann sie wohl leiden wenn ich dagegen den Anderen gern
etwas auf den Leib hetze Nun mein Kind ich werde zusehen wie sies machen
und komme schon zu Hilfe Jetzt will ich Euch sagen dass Keine von den Beiden
sterben wird wenn sie im Bette bleiben aber seht sie sind so krumm gezogen
so voll Gliederschmerzen dass wenn sie da nicht bleiben ich für Nichts
einstehen kann denn alle Augenblicke wird es entzündlich und die Alte liegt
immer im Fieber Das hält Einer in den Siebzigern auch nicht lange aus wenn er
gleich solchen Riesenkörper hat wie sie Bedurfte nun die Alte Etwas was Asta
nicht zu besorgen verstand dann stand die Albans auf und tat es und da blieb
die Geschichte wie sie war und Beide kommen mir von Kräften und können daran
sterben«
»Und hofft Ihr denn lieber Herr« rief hier Elmerice angenehm überrascht
»dass Mistress Gray sich von mir wird pflegen lassen«
»Davon kann vorerst bei Tage nicht die Rede sein denn sicher litte sie es
nicht Aber seht in dem großen Himmelbette da wird sie Euch nicht so bald
entdecken und nun ist Euer Geschäft wenn ich nun doch einmal über Euch
bestimmen soll der Asta beizustehen damit die Frau dort zu Bette bleiben kann
wenn es heißt Umschläge kochen Suppe oder Tee brauen Wäsche wärmen und was
sonst noch vorfällt am Krankenbette Asta ist klug genug es der Alten
beizubringen aber vorher will doch immer noch eine andere Hand dabei sein
Und dann mein Kind des Nachts da werdet Ihr zuweilen die Aeuglein aufhalten
müssen da tritt bei der Alten das Fieber ein dann will sie aus dem Bette und
redet Manches worauf Ihr Nichts geben müsst doch in dem Falle wird sie nicht
merken dass Ihr eine Fremde seid und Ihr werdet sie beruhigen und im Bette
festhalten können denn sie ist schwach wie ein Kind Der Frau aber da deutet
an ihre unnütze Geschäftigkeit wäre verboten und weil Ihr entschlossen seid
von ihr zu leiden so duldet ihren Widerspruch aber haltet sie im Bett ich
werde dem Allen den gehörigea Nachdruck geben Und so segne Euch Gott mein
Kind« fuhr er fort und strich plötzlich mit der Freiheit eines alten Mannes
ihr die Locken von der Stirn und betrachtete sie zurückgebogen einen Augenblick
mit seinen forschenden runden Augen Dann schüttelte er den Kopf und trat
wieder an das Bett der Madame St Albans
»Frau« sprach er »betragt Euch jetzt vernünftig ich habe Euch hier nicht
das arme Fräulein hergeholt dass Ihr an ihr Eure Launen und Tücken auslasst Was
sie Euch sagt müsst Ihr tun denn das ist mein Wille sonst könnt Ihr ins Gras
beißen und Herr Albans heiratet eine Andere Na das dachte ich wohl nun geht
das Weinen an auf dem Punkte sind wir sehr empfindlich Nun ich sage Euch ja
tut was ich von Euch fordere und Ihr sollt tanzend und springend zum Herrn
Gemahl zurückkommen«
Ohne die schluchzende Entgegnung der Beleidigten abzuwarten kehrte er sich
um und Elmerice die noch immer an dem Fenster lehnte sah mit Herzklopfen wie
er die Vorhänge des Bettes zurückschlug in welchem die geheimnisvolle Alte
ruhte
»Schickt die Ellen nach Haus Doktor« sagte eine raue heisere Stimme
»ich höre sie schon wieder schluchzen ich will das lästige Weib nicht mehr um
mich haben«
»Zum nach Hause schicken gehören Zwei Einer der schickt und Einer der
geht zum Gehen aber gehören Beine und die hat Ellen jetzt nicht denn sie
liegt lang aus und hat das Gliederreissen wie Ihr«
»Dass Gott erbarm Warum kam sie denn her wenn sie nicht besser war als
ich selbst«
»Seid nicht undankbar Emmy« rief der Arzt »schon oft habe ich Euch
gesagt sie hat wie ein gutes Kind getan eine Andere die so wenig von ihrer
Mutter hätte wie Ellen würde nicht vom Krankenlager aufgestanden sein um zu
Euch zu kommen«
»Jämmerliches jämmerliches Menschenvolk« rief die Alte »Alles soll man
Euch anrechnen Geht ich will nichts von Euch Habe ich Euch doch oft gesagt
Ihr sollt mich lassen denn ich kann Keinem mehr was sein und will daher auch
Nichts annehmen denn was tätet Ihr wohl umsonst Für Alles soll man Euch
dankbar sein und hier ist Alles trocken in mir ich habe für Euch Nichts
übrig«
»Wir wissen das« sagte der Arzt »Ihr seid eine halbe Wilde und Gott
richte es Nehmt nur ordentlich ein dann habt Ihr uns bald Alle nicht mehr
nötig« Dann bog er sich nieder er schien ihren Puls zu fühlen »Das Fieber
kommt schon wieder haltet Euch ruhig das darf nicht oft mehr kommen«
»Lasst es kommen so oft es will Gottes Wunder dass es noch in diesem
morschen Leibe was auszudorren findet Es ist ein schlechtes Fieber wovon Ihr
solch Aufhebens macht es tut nicht seine Schuldigkeit ich bins müde und
satt und möchte es fördern statt lindern«
»Alte Sünderin« rief der Doktor ungeduldig und riss die Vorhänge zu Kurz
grüßte er darauf Elmerice und war aus dem Zimmer verschwunden
Ein augenblickliches Grauen beschlich diese als sie sich ohne seinen
kräftigen Beistand hier plötzlich allein fühlte Die Reden der alten Frau so
bös und finster hatten sie tief bewegt sie fühlte wie schwer es sein müsste
diesem Herzen zugänglich zu werden aber sie hätte Viel darum gegeben wenn sie
den Versuch hätte machen dürfen Dieser tiefen Verachtung diesem Misstrauen
entgegen zu treten sie zu versöhnen diese jugendliche Schwärmerei erfüllte
ihr Herz und Kopf
Doch störte das fortgesetzte Schluchzen der Madame St Albans ihr
Nachdenken Sie trat daher zu ihr und ohne den Gegenstand ihrer Trauer weiter
zu berühren sagte sie ihr sie möchte sich doch die Vorhänge lüften lassen und
tat es zugleich indem sie ihr auch die Kissen besser legte das Haar unter die
Haube schob und ein Getränk reichte was Asta ihr stillschweigend andeutete
Dies hatte bald die Folge dass Madame St Albans ruhiger ward und obwohl
kein gutes Wort über ihre Lippen kam so schien sie doch nachgiebiger in ihren
Bewegungen zu werden Auch blieb das letzte Beruhigungsmittel endlich nicht aus
und sie lag bald schlafend vor Elmerices Augen Jetzt gab diese ihrem Verlangen
nach sich mit dem Raume bekannt zu machen der sie mit so besonderem Interesse
erfüllte
Es war ein so ungewöhnlich großes Zimmer dass es notwendig die ganze Tiefe
des Seitenflügels in welchem es lag einnehmen musste Dies schienen zwei große
Flügeltüren zu bestätigen die zu beiden Seiten eines riesigen marmornen
Kamines lagen und die Wand einnahmen zwischen den Fensterwänden und die in das
Innere des Baues führen mussten wahrscheinlich zu verschiedenen Zimmerreihen
gehörend die von beiden Seiten des Flügels Licht bekamen denn jetzt sah
Elmerice auch dass den geöffneten Fenstern gegenüber eine eben solche Reihe
angebracht war die vermutlich in den Hof sah doch jetzt mit Läden dicht
verschlossen war
Die Decke war ein Kuppelgewölbe so schwer mit Stuckatur und geschwärzten
Gemälden verziert dass man ohne Schauder kaum die kolossalen Engel
niederschweben sehen konnte die an schweren Blumenketten hängend jeden
Augenblick herabzustürzen drohten Die Tapeten aber von hochrotem Damast mit
weißen Blumen durchwirkt waren noch wohl erhalten eben so zeigten die Vorhänge
der Fenster des großen Himmelbettes von demselben Stoff alle ihren Wert in
ihrer Dauer Wunderlich stach dagegen die Einrichtung ab die das Bedürfnis der
alten Frau hinzugefügt Im Kamine stand ein Schränkchen mit hellpolirtem Zinn
Brennholz war daneben aufgehäuft und hölzerne Geräte Auf der anderen Seite
bildete ein hoher Lehnstuhl von Ebenholz mit Gold und Silber ausgelegt den
Gegensatz Die Kissen waren wenn auch verwittert doch von kostbarem Stoffe
davor stand auf einem türkischen Teppich ein wertvolles Spinnrad mit
aufgezogener Wolle daneben ein kunstreiches Tischchen mit einigen
Andachtsbüchern weiter entfernt befand sich ein Gestell wo hinter wenig
zureichenden Vorhängen die geringe Garderobe aufbewahrt war und daneben zeigte
sich ein prachtvoller Schrank mit vielen Schlössern der in seiner kostbaren
Arbeit zu dem Armstuhl und Tischchen zu gehören schien
So bildete Alles was sich dem Auge darbot einen Gegensatz der unter
anderen Umständen Elmerice vielleicht verletzt hätte jetzt aber nur ihren
Anteil weckte und den lebhaften Wunsch erregte sich allen diesen Dingen nahen
zu dürfen Besonders aber hafteten ihre Augen auf den fest geschlossenen Türen
von denen sie wusste dass sie in die Gemächer der ehemaligen Gebieterin der alten
Mistress Gray führten Doch trat bald eine Dunkelheit ein die ihr die
Gegenstände entzog und da Madame St Albans durch Seufzen und Stöhnen ihr
Erwachen andeutete versuchte sie der Leidenden Hilfe zu leisten
Asta dagegen lief ab und zu an das Bett der alten Frau welche endlich
begehrte dass Feuer in den Kamin gelegt werde um Licht zu bekommen Es geschah
und wurde für Elmerice eine große Wohltat da die hoch aufwallende Flamme jeden
Winkel erhellte
Asta wies ihr nun freundlich bedienstlich ein altmodisches Sopha mit
Polstern und Decken belegt das hinter dem Schirme stand zur Nachtruhe an und
öffnete ein kleines Wandtürchen das in ein kaum zehn Fuß messendes Kämmerchen
führte worin sie auf einem kleinen hölzernen Tisch einige einfache Mundvorräte
aufgestellt hatte die wahrscheinlich Veronika gesendet Dieser ganz leere von
rohem Mauerwerk aufgeführte Raum hatte eine Wohltat für Elmerice ein fast bis
zur Erde reichendes Fenster das geöffnet war und die warme Nacht genießen ließ
die mit völlig aufgehelltem Himmel und einem Meere glänzend funkelnder Sterne
erquickend zu ihr niederschien Asta hatte das Tischchen dicht vor das
Fensterbrett geschoben auf dem Elmerice sich niedersetzen musste da kein Möbel
weiter vorhanden war und sie fühlte zu sehr wie das geschickte Kind bemüht
gewesen ihr Angenehmes zu erzeigen als dass sie nicht der kleinen Mahlzeit
zugesprochen hätte Auch hier war dieselbe widersprechende Ordnung ein
silberner Teller und ein hölzernes Geschirr mit Milch ein feines damastnes
Tuch und ein irdenes Gefäß mit Honig ein goldener Löffel und ein eisernes aus
der Scheide gebrochenes Messer das Brod lag in einer japanischen Vase und die
Butter in grünen Blättern auf dem zerbrochenen Deckel derselben Asta sah
dennoch wohlgefällig auf ihr Tischchen hin ihre junge Gefährtin lobte Alles
sehr freundlich und genoss von Jedem der Kleinen ihr Teil aufnötigend Auch
lag für Elmerice ein besonderes Interesse in dem Anblick dieser Gegenstände und
als hätte ein Altertümler in den Schachten der Erde die Reste eines vergessenen
Jahrhunderts gefunden so betrachtete sie Alles und hielt die wertvolleren
Geschirre zum Fenster hinaus um sie besser erkennen zu können und besonders
erforschte sie wie ein Heraldiker das Wappen des Tellers das die ihr doch
unbekannten gekrönten Geier des Crecyschen Hauses enthielt
Endlich erinnerte Asta sie an ihre nächste Pflicht denn das arme
überwachte Kind für das Niemand gesorgt schlief nach der erquicklichen
Mahlzeit und von Elmerices Nähe in Ruhe versetzt bald fest ihr gegenüber ein
und sie umschlingend führte sie die Kleine halb bewusstlos nach dem Sopha das
für sie bereitet war und flüsterte der ängstlich Ankämpfenden zu sie werde für
sie wachen
Tiefe Stille umgab Elmerice nun Leise mit großen Umwegen schlich sie nach
dem Kamin und legte seitwärts einige stärkere Schichten Holz auf das Ausgehen
der tröstlichen Flamme zu verhüten Sie nahm dann ihren Platz so dass sie beide
Krankenbetten beobachten konnte und ließ die Stunden vorüberstreichen ohne
Müdigkeit zu empfinden Madame St Albans schien zu schlafen aber Elmerice sah
mit unbeschreiblicher Spannung dass sich die Vorhänge vor dem Bette der alten
Gray beständig bewegten als regte Jemand sich dahinter hin und her dann blieb
es einen Augenblick ruhig Allein plötzlich öffneten sich die Vorhänge
vorsichtig ein wunderlich vermummter Kopf fuhr hervor und wendete sich in allen
Richtungen wie es schien um zu sehen wie es außer dem Bette stände Obwol
Elmerice jede Bewegung sah wusste sie sich doch hinter den bauschigen
Fenstervorhängen hinreichend verborgen und lauschte mit klopfendem Herzen was
weiter geschehen würde Die gemachten Beobachtungen schienen der Kranken
zuzusagen denn sie nickte mit dem Kopfe und schob behutsam die Vorhänge weiter
von einander Elmerice sah deutlich eine aufgerichtete Gestalt und nach wenigen
Augenblicken schob sich eine alte gekrümmte und dennoch große Frau hervor die
einen weiten dunkeln Pelzmantel um sich geschlagen hatte und deren Füße mit
Tuchsocken bezogen waren die ihre Wanderung die sie jetzt mühselig antrat so
geräuschlos machten dass sie ein körperloses Wesen zu sein schien Hier wäre der
Moment gewesen wo Elmerice den Bestimmungen des Arztes zu Folge hätte
einschreiten müssen aber hierzu fehlte ihr um so mehr der Mut da die Handlung
von ihr offenbar eine wohlüberlegte nicht durch Fieberhitze eingegebene war
und so blieb sie eine untätige bange Zeugin dieses Verfahrens
Die Alte schien in ihrem großen Hause von Bett Alles verborgen zu haben was
sie zur Ausführung ihres Willens nötig hatte denn außerdem dass ihre Kleidung
warm und ausreichend war sah Elmerice auch jetzt einen Stock in ihrer Hand
dessen Spitze vorsichtig umwickelt war Und doch trug er sie kaum Mit welchem
Anteile sah Elmerice wie sie wankte oft wie zusammenbrechend stehen blieb und
so mühvoll den weiten Weg zurücklegte der sie gegen die Türe führte die
zunächst den unverwahrten Fenstern lag Wie gern wäre sie ihr zu Hilfe gekommen
und hätte sie gestützt denn schon fesselte das geheimnisvolle Wesen so ihr
Herz dass sie ihrem Willen sich unwillkürlich zuneigte ihn höher achtend als
ihre empfangenen Vorschriften
Die Alte blieb jetzt seitwärts am Kamine stehen öffnete eine Feder in dem
schönen Schranken die ein Fach hervortreten ließ aus welchem sie eine dicke
gelbe Wachskerze und einen Schlüssel zog mit Mühe zündete sie das Licht an dem
Feuer an und ruhte dann gänzlich erschöpft wie es schien einen Augenblick in
dem hohen Lehnstuhle Welch ein schauerliches Bild war ihr Anblick Ihr
starres abgezehrtes Gesicht war von der Kerze in ihrer Hand scharf beschienen
während das Feuer eizelne grellere Lichter darüber hinjagte Sie hatte die
Augen geschlossen und die Ermattung der Krankheit rang mit der fast
krampfhaften Festigkeit mit der sie Kerze und Schlüssel gefasst hielt Bald
öffnete sie auch wieder die kleinen versunkenen Augen und noch ein Mal prüfend
umherblickend erhob sie sich mühsam und erreichte die geheimnisvolle Türe Der
Schlüssel fasste geräuschlos das Schloss die Türe öffnete sich die Alte schritt
über die Schwelle und ehe sie dort Fuß gefasst blieb Zeit genug den geöffneten
Raum zu erkennen Aber tiefe Nacht herrschte dort die eine Kerze erhellte nur
die Türe die von Innen wie von Außen reich vergoldet war dann schloss sie
sich hinter der Alten
Mit welcher Bangigkeit harrte Elmerice ihrer Wiederkehr Es schien ihr eine
Stunde da öffnete sich abermals die Türe das Licht beschien den gramvollen
Ausdruck des bleichen alten Gesichts Langsam ward Alles verwahrt und nach
einiger Zeit verhüllten die Vorhänge des Bettes das ganze geheimnisvolle
Treiben
Elmerice wusste sich kaum Rechenschaft zu geben von der Empfindung mit der
sie am anderen Morgen das Erlebte gegen den alten Arzt verschwieg da sich
Veranlassung genug zeigte es ihm mitzuteilen Schon fühlte sie sich der
unglücklichen Alten verbindet es schien ihr sie habe eine Berechtigung zu
ihrem Verfahren das Andere nicht zu beurteilen verständen und das wider
Willen abgelauschte Geheimnis verpflichte sie zum Schweigen
Auch war die Aufmerksamkeit des Arztes an diesem Morgen mehr auf Madame St
Albans gerichtet die vom Fieber immerfort bewegt ihn zu beunruhigen schien
Er saß sinnend ängstlich ihren Puls prüfend nahm endlich Elmerice in das
kleine Nebenstübchen und schüttete ihr seine Gedanken aus
»Das ist seit gestern nicht mehr dasselbe« sagte er »das wird ein
Zehrfieber Eine schlimme Sache mein Kind und welche Lage für so ein
Krankenbett Damit nützt sie der Alten nicht und Beide belästigen einander Was
fangen wir aber an verdreht wie Beider Köpfe sind«
»Sprecht mit Veronika lieber Herr« rief Elmerice »ob sie nicht Madame
St Albans zu sich nehmen will und pflegen dann bleibe ich bei der alten
Mistress Gray und pflege sie allein«
»Wo denkt Ihr hin« lachte der Arzt »Ihr kennt die Alte nicht das
brächte sie nun vollends zum Rasen dem kann ich Euch nicht aussetzen das hat
sie noch nie geduldet«
»Wagt es dennoch« sagte Miss Eton lebhaft »ich habe eine Zusage in mir
dass sie mich dulden wird Madame St Albans muss gerettet werden eine andere
Pflege ist bei der armen Alten nötig und also Gott befohlen Überlasst es mir
ich werde durchsetzen was ich will Sie muss sie soll sie wird mich dulden«
Der Arzt sah in Elmerices sich rötendes Angesicht er erstaunte über die
Energie des jungen Mädchens und Elmerice die seine Gedanken aus seinen Zügen
lesen konnte lächelte und sagte »Das dachtet Ihr nicht Ihr wollt mir den Mut
nicht zugestehen den ich habe Nun erfahrt es denn durch das was ich leisten
werde lasst alle Zweifel ruhen und tut lieber ohne Zeitverlust was nötig
ist«
»Du bist ein prächtiges Mädchen« rief der Arzt »Weiß Gott Du sollst
Deinen Willen haben Ordentlich neugierig bin ich wie Du es treiben wirst
und es ist wohl möglich dass soll es wem gelingen es Dir gelingt«
Von Madame St Albans Einwilligung konnte nicht die Rede sein sie hatte
kein klares Bewusstsein Veronika war zu Allem erbötig obwohl voll Sorge für
Elmerice
Am Nachmittage stand ein Lehnstuhl an Tragstangen gebunden in dem kleinen
Vorflure in Betten und Decken gehüllt ward die Kranke hinein getragen und der
Zug nach dem Pfarrhause begann unter Aufsicht des Arztes und der treuen
Veronika
Als Elmerice sich mit ihrer kleinen Gefährtin allein sah kam eine
wunderbare Ruhe ja mehr wie das eine Befriedigung und Freude über sie deren
Grund sie nicht nachfragte sondern mit dieser Kraft in ihrer neuen Stellung
ganz vertraut zu werden suchte Zierlich wusste sie die Verwirrung zu beseitigen
die sich nach und nach um zwei Krankenbetten angesammelt hatte Der kleine Raum
der ihr zum Esszimmer diente war unschätzbar wegen seines Luftstromes seiner
sonnigen Helle Veronika hatte ihr ein frisches Bett einige Bücher ihren
Schreibapparat herbei geschafft Alles ward dem vorhandenen ausreichenden Raume
mit seinen reichen Möbeltrümmern angepasst und gewann bald ein klares wohnliches
Ansehen Der Abend war so über Beide unmerklich hereingebrochen und die Alte
hatte in dieser Zeit keine Störung veranlasst da es die Zeit ihres Schlafes war
Asta verließ nun das Schloss auf Veronikas ausdrücklichen Befehl um
Mundvorräte einzuholen und Elmerice hatte sich auf den breiten Fensterrand in
das kleine Kabinet gesetzt und das Tischchen mit Schreibzeug vor sich gestellt
um ihr Tagebuch an Marie Duncan fortzusetzen Wie wohl tat es ihr dabei dass
sie das Lager der alten Menschenfeindin hatte umschleichen können so Manches
für sie bewirken dürfen ja der fest Schlafenden eine blühende Rose durch die
Vorhänge schieben können deren süßen Duft sie nun wider Willen einatmete Den
silbernen Becher hatte sie ihr zuerkannt er stand auf dem silbernen Teller mit
wohlschmeckendem gemischtem frischem Quellwasser umher lagen einige der
schönsten reifen Früchte welche ein Aroma verbreiteten wie Blumen Alles war
auf dem feinen Ebenholztischchen so aufgestellt dass eine leicht verschobene
Falte des Vorhanges es ihr zeigen musste wenn sie erwachte Elmerice lachte vor
Freude als sie damit fertig war und ihre Augen wurden nass Dies uneigennützige
Werben um das arme versteinerte Herz tat ihr so wohl als ob es mit Banden des
Blutes an sie geknüpft sei
Ehe sie aber zum Schreiben überging nahm sie die Aussicht wahr die sich
ihr von dort aus darbot und sie sah dass sie einen Teil des Bauwerkes
übersehen konnte unbehindert des weiten Blickes den sie in das Tal von Ste
Roche hatte Vergessen war die Feder Mit der gespanntesten Aufmerksamkeit
suchte sie was sie über das alte Schloss erfahren an das anzuknüpfen was sie
von dem Baue vor sich erblickte Die lange Reihe der Fenster zu der auch das
gehörte worin sie saß endete an einem runden vortretenden Turm an dessen
mittleren Fenstern ein kleiner Altan hervorsprang Elmerice hielt den Atem an
ihre Wangen glühten das musste der EudoxienTurm sein Am Fuße desselben
grünte und blühte ein schmales Gärtchen welches auf der hohen wallartigen
Untermauerung die in das Teil reichte angelegt war Es war nicht künstlerisch
von GärtnersHand geordnet doch hatte es der Pflege nicht entbehrt Der Eingang
dazu musste aus Fenstertüren sein die in der verschlossenen Zimmerreihe lagen
die Emmy Gray behütete Zwischen Rosenstämmen die angebunden und beschnitten
von einer sorgenden Hand zeigten sah Elmerice sich einen Hügel wölben mit
zartem Rasen überdeckt darauf ruhte ein Gegenstand leuchtend weiß er
hob sich von der Erde ab wie Menschenformen Ihr Atem stockte undeutlich
verwirrten sich in ihr Begriffe und Gefühle Die Brücke der Phantasie wie wir
mit kluger Wägung auch den Ankergrund ihr rauben ist nie ganz zerstört sie
harrt der Gelegenheit um immer wieder leicht von unbekanntem Material erbaut
sich aus dem tiefen Grunde des sehnsüchtigen Herzens vor uns zu erheben und
Sicherheit verheissend den schönen Bogen in das Wunderland der Fabel hin zu
senken den Weg uns lockend zeigend den wir bereit sind einzuschlagen ohne
Nachweis zu fordern vom warnenden Verstande dessen ganzes Reich die zarte
Brücke in den Lüften überwölbend deckt Elmerice hoffte wer mag um Rechenschaft
sie fragen Sie stand auf dem leichten Brückenbogen der Phantasie und Alle
die dort stehen hoffen der Verstand habe sich geirrt Auf der
Fensterbrüstung stehend die schlanke Säule des Fensterkreuzes umschlingend
sich an ihr vorbeugend so waren ihre Augen auf den geheimnisvollen Gegenstand
gerichtet während Stimmen und fröhliches Gelächter zu ihr drang dem sie noch
immer das Recht der Aufmerksamkeit versagte Doch näher kam es Pferde wieherten
sie schrak zusammen ihre Augen folgten den Tönen einem Wunder glich auch
was sich jetzt ihr darbot Eine fröhliche Gesellschaft zu Pferde von Herren und
Damen in reicher modischer Tracht von Dienern in kostbaren Livreen gefolgt zog
durch den Talweg am Fuße des Walles vorüber Erstaunt blickte sie zu ihnen
nieder da ward ihr klar dass sie der Gegenstand der Beobachtung Aller sei dass
ihr weißes Kleid vom Abendwinde leicht bewegt die Blicke zu ihr hingezogen
dass vielleicht in dem verfallenen menschenleeren Teile des Schlosses ihr
Anblick bei den Vorüberziehenden gleiche Gefühle erregte als die deren sie
sich eben bewusst geworden war Obwol die Höhe ein Erkennen unmöglich machte
schrak doch ihr Herz zusammen und schnell tauchte sie nieder und dankte Gott
als die Gebüsche sie verhüllten Nicht so schnell schien man unter ihrem Fenster
sich zu beruhigen Sie hörte länger noch den Wechsel lebhaft sich
unterbrechender Stimmen und wagte obgleich hinreichend verborgen doch erst
frei zu atmen als sie den Hufschlag der davon eilenden Pferde hörte So
vernahm sie mit wahrer Erleichterung Astas leises Klopfen an der stets
verschlossenen Tür und auch diese trat so bang bewegt herein als werde sie
verfolgt und Elmerice gewahrte dass die kleine Eingangstüre zur Treppe schon
fest verschlossen war
»Was ist geschehen« fragte sie das bewegte Kind »was hast Du« Und Asta
hätte die Frage zurückgeben können so bewegt sah Elmerice auf ihre kleine
Gefährtin so sicher trug sie die Spuren ängstlicher Neugier
»Ach« sagte Asta »was muss im Schloss los sein Zur Nacht soll es in
einem Feuer glänzen als hielten Geister dort ihr Fest und bei Tage gehen
Gestalten aus und ein wie Keiner sie je gesehen welche ganz von Gold Andere
in bunten Kleidern wie die Feen sie tragen Dann singen sie und halten Tafel
ach und das Alles uns so nah wie schrecklich Was soll aus uns wohl werden
Da hält ja kein Schloss wenn sie wollen Gut dass ich das Stückchen Kohle hatte
ich habe das Kreuz über die Tür gezogen das ist die einzige Rettung«
Sinnend hörte Elmerice den Bericht an und nachdem sie ihn in ihre Sprache
umgesetzt hatte erkannte sie dass das Schloss von der Gesellschaft bewohnt sein
müsse die sie so eben am Fuße des Walles erblickt habe Aber wer konnte das
sein Sie hatte von der Herrschaft dieses Schlosses noch nie gehört wer
anders konnte jedoch mit so großem Eigentumsrechte hier walten
»Beruhige Dich Asta« sagte sie »das sind Menschen die das Schloss
bezogen wenn ich auch nicht weiß wer hierzu das Recht hat Eben vom Fenster
sah ich sie zu Pferde einherziehen sie hatten ein eben so menschliches Ansehen
als Du und ich sie waren nur wie reiche Leute hohen Standes kostbar
gekleidet«
Asta wagte einen Blick zu Elmerice der alle die Zweifel des erschreckten
Kindes so wie die schüchterne Warnung enthielt doch so Natürliches nicht zu
glauben Doch schwieg sie bescheiden heimlich wohl sich mehr auf das Kreuz
verlassend als auf die Einsicht ihrer jungen Gefährtin
Diese empfand jedoch in anderer Beziehung eine Unruhe die Asta freilich
nicht teilen konnte denn plötzlich schien ihr ihre ganze Lage unpassend
besorglich Die bängste Befürchtung für ein weibliches Herz unbeschützt in
zweideutige Verhältnisse zu geraten ergriff sie Diese waren möglich wenn
der Eigentümer plötzlich die Rechte Emmy Grays verletzte und den Raum in
Anspruch nahm der bis dahin mit seinen unangerührten Rechten auch Elmerice und
ihr gewagtes Unternehmen verhüllte Doch war sie zu jung als dass nicht diese
ersteren Gedanken sich von der Frage durchkreuzt gefunden hätten wer die
zierliche Gesellschaft sein könne die sie wieder in die Kreise zurück versetzt
hatte die sie seit dem Abschiede von Ardoise entbehrt
Näher rückte ihr indes ihr jetziges Verhältnis durch den harten lauten Ruf
der Alten die nun zur Nacht aus ihrem Schlaf erwachend ihr krankhaftes
Treiben zu beginnen schien
»Asta« rief sie »wer hat dies aufgestellt Ist Ellen aus dem Bette«
Asta sagte sie wüsste Nichts davon und Madame St Albans sei zu Veronika
gegangen weil sie das Fieber stärker bekommen
»Nun wer gab denn das Warst Du der kecke Page der wider meinen Willen
sich hier breit gemacht«
»O nein o nein« rief Asta »ich weiß Nichts davon«
»Schweige Törin« rief die Alte »die Furcht macht Dich zur Lügnerin«
Die Kleine schwieg Wieder musste sie das Feuer schüren dann gebot sie ihr
zu gehen
Elmerice wies Asta stumm ihr Lager von vergangener Nacht und setzte sich an
ihrem Bette nieder um dem armen Kinde die erregte Furcht abzuwehren Bald
schlief sie sanft und Elmerice setzte sich nun an das Lager der alten Emmy von
den dichten Vorhängen die es umgaben verdeckt
Kein Schlaf kam mehr über die Kranke und Elmerice konnte die ungewöhnliche
Gemütsbewegung der Alten erkennen die in einzelnen Worten ausbrach und zwar
in Worten der alten HeimatSprache von schweren Seufzern unterbrochen »Asta
war es nicht ich glaube es sie log nicht Ellen ist weggebracht wer
bleibt nun übrig Gerade wie mein Engel es tat die Rose und dann die
Früchte ach mein Engel warst Du hier Warum erquicktest Du mein Auge nicht
bin ich es nicht wert dass ich Dich auch schaue die Rose zeigt doch Deine
Liebe Dein Mitleiden Sprich hab ich Recht«
»Ja« sprach Elmerice von ihrem Gefühl überrascht in derselben Sprache
»ich möchte Dich gern trösten«
Ein Entzückenslaut Schreckgebrochen war die Antwort »Sprich sprich noch
ein Mal das ist süßer wie Engelgesang Lass mich den lange ersehnten Ton noch
ein Mal hören« Kaum war die Stimme Emmys die so kindlich bat in dem
weichen belebenden Tone zu erkennen
Elmerice glühte vor Liebe und Eifer sie eilte vor und kniete jetzt schon
neben dem Bette »Fasse Dich Vertraue mir Ich bin gekommen um Dich mit Gott
und Menschen zu versöhnen durch meine reine uneigennützige Liebe«
»O mein Engel lass die Menschen« rief Emmy »beflecke damit Deine reinen
Lippen nicht sag mir nur das Eine dürfte ich Dich wohl schauen Bist Du
bloß ein süßer Ton oder umgibt Dich noch ein wenig von dem lieben schönen
Engelsleibe Darf ich Dich sehen«
»Und wenn Du mich siehst« sagte Elmerice »wirst Du nicht erschrecken
Werden Dir meine Züge nicht fremd und störend sein«
»O nein nein« rief Emmy dringend »Deine liebe Stimme ist ja dabei«
»So ziehe den Vorhang auf ich kniee an Deinem Bette«
Elmerice in ihrem weißen faltigen Kleide das schöne von Bewegung erblasste
Angesicht von braunen Locken wie von einer Glorie voll umspielt die tiefen
blauen Augen mit der schönen Begeisterung der Menschenliebe zu ihr
aufgeschlagen kniete in dem hellen Lichte des Feuers glänzend wie ein Cherub
vor den anbetenden Augen der in starres entzücktes Anblicken aufgelösten alten
Frau
Beide schwiegen lange Elmerice schien sich bis in den tiefsten Grund dieser
kranken Seele drängen zu wollen Emmy sog mit langen durstigen Zügen den
Anblick ein der die öden verschmachteten Jahre löschen sollte in dem alten
Wonnerausche gefesselt von der geheimen Angst er werde ihr im nächsten
Augenblick entschwunden sein
Da rollten aus den blauen Augen des holden Wesens große Tränen über die
bleichen Wangen und die Alte erbebte vor diesem Zeichen der Sterblichkeit
»Du weinst« sagte sie »weint man denn dort woher Du kommst dieselben
Tränen«
»Ach« sagte Elmerice »woher denkst Du dass ich komme In Deinem England
woher ich komme weint man dieselben Tränen«
Emmy zuckte zusammen und ergriff mit beiden Händen ihre Stirn »Kann es denn
sein« fragte sie zagend »O sprich« fuhr sie leise bebend fort »bist Du mein
Herzenskind der Abgott meines Lebens bist Du Fennimor«
»Fennimor Fennimor hieß meine Großmutter« rief Elmerice
»Deine Großmutter Du Du bist nicht Fennimor« stöhnte Emmy Gray
»Bedenke Dich Kind« rief sie mit halber Geistesverwirrung »Du hast ihre
blauen Augen das sind ja ihre braunen Locken ihre runden Kinderwangen ihre
langen weißen Finger so trug sie den Kopf halb zur Seite geneigt Ach sage
doch gestehe es doch ein sieh das sind ja Fennimors Tränen da schimmern
ja ihre kleinen weißen Zähne Du wirst doch nicht nein sagen Denke doch
denke doch« Ein lautes krampfhaftes Schluchzen zerriss Emmys Brust sie
verhüllte ihr Gesicht
Elmerice bebte und dachte an Nichts als an den Trost den sie mit ihrer
Liebe ihr zu geben trachtete mochte sie ihr auch gelten für was sie wollte
»Emmy Emmy Gray Ich will Alles sein was Du willst Deine Fennimor
oder ihre Enkelin ich will Dich lieben wie Beide Nur weine nicht mehr und
vertreibe mich nicht von Dir lass mich bei Dir nie will ich von Dir gehen
nur weine nicht das bricht mir das Herz«
Die Alte gab den zarten Händen nach welche die ihrigen wegzogen und
erfasste mit neuem Vertrauen den süßen Wahn den jeder Zug jeder Ton des
lieblichen Wesens ihr bestätigte
»Komm mein Engel« sagte sie leise »ich schliess Deine Zimmer auf Du
sollst sehen wie gut ich sie gehütet habe da ziehst Du ein Du die Herrin
dieses Schlosses Ich will aufstehen und Dir Dein Bettchen machen es ist Alles
gelüftet an die Sonne gekehrt und geklopft ich lege Dir das kleine Kissen
unter Dein Köpfchen wie Du es liebst der Fussschemel mit der seidenen Decke
steht vor dem Bettchen Ach weißt Du wohl noch wie Du mit Deinen kleinen Füßen
darauf schlugst als wolltest Du unartig sein und lächeltest doch dazu dass ich
all Deine kleinen weißen Zähne sehen konnte Komm nur mein Engel hast Du
auch schon Deine Milch getrunken und Dein Obst gegessen Komm nur ich bringe
es Dir ich habe Dir Alles aufgehoben Deine schönen Tellerchen und Tässchen
es ist spät Du musst schlafen gehen«
Unaufhaltsam wie ihr ganzer Charakter folgte Emmy dem Strom ihrer
Phantasie Diese blühende jugendliche Fennimor die kein Zeichen der Krankheit
trug versetzte sie schnell in die Zeit der Jugend ihres Lieblings wo sie ihrer
Pflege allein anvertraut war und der neckende Frohsinn dieses lieblichen
jungfräulichen Kindes ihr Herz entzückt hatte Mit leisem Drucke wies sie
Elmerice von ihrem Lager um aufzustehen und auszuführen was sie so eben
ausgesprochen
Die Taufe die diese so eben mit Fennimors Namen bekommen schien sie auch
in den Bann von Emmys Gefühlswelt zu ziehen Wir sehen sie stumm freundlich
hingebend an die Phantasien der armen Alten sich anschließen und betrachten ihre
Hingebung ohne sie mit anatomischen Finger berühren zu wollen selbst eine
Ahnung ihres Busens die sie in vergeltender Liebe der Alten unterordnete gern
möglich haltend
Bald stand Emmy wie in vergangener Nacht gerüstet aber sie wankte nicht
obwohl Elmerice durch Nichts gehindert ward sie zu stützen Was in ihr angeregt
war trieb sie von dem heftiger wiederkehrenden Fieber gesteigert anscheinend
mit der alten Kraft vorwärts Bald hatte sie Kerze und Schlüssel ergriffen und
Elmerice ward der geheimnisvollen Tür entgegen gezogen
Mit welchem Herzklopfen trat sie in die verhängnisvollen Zimmer die sie mit
tiefem Dunkel umhüllten Denn was vermochte das Licht einer Kerze in diesen
großen Räumen Selbst Emmys leitende Hand verließ sie bald und sie hörte sie
immerfort leise und freundlich redend nach einer andern Gegend des Zimmers zu
gehen Bald entzündeten sich mehr und mehr vielfach verteilte Kerzen und die
Wohltat sich durch eigne Anschauung zurecht zu finden kam ihr zu Hilfe In
dem Maße schwanden auch die Schrecken Wie hätten sie sich hier sollen
anknüpfen lassen wo die sorgfältigste Liebe mit Fleiß und Ausdauer eine schöne
mit Geist und Geschmack geordnete Einrichtung behütet hatte Hier war nicht die
eingeschlossene Luft lang unbewohnter Räume nicht Moder nicht Staub hatte hier
Platz gefunden Neben dem dauernden Geruche den kostbare Möbel von edlem Holze
verbreiten waren hier in schönen reichen Gefässen aus Japan und China die
köstlichsten frischen Blumen aufgestellt deren Duft die Luft erfüllte und
welche als die einzigen Bewohner dieser stillen Räume ein um so ungestörteres
frischeres Leben führten Daneben standen die breiten bequemen Möbel wie der
Glanzpunkt des Luxus unter Ludwig dem Vierzehnten sie hervor rief alle geordnet
oder ungeordnet wie der Gebrauch es herbeigeführt hatte so lebenswarm so
bewohnt scheinend dass Elmerice plötzlich erschrocken von ihren Beobachtungen
abliess der Alten nachblickend die in einem Nebenzimmer dieselben Vorkehrungen
mit dem Anzünden der Kerzen zu machen schien wie hier und die sie jetzt mit
dem geheimnisvollen Bewohner wiederkehren zu sehen fast erwartete
Doch Emmy kehrte allein zurück und auf Elmerice zueilend führte sie diese
mit froher Geschäftigkeit in das nächste Gemach Hier waren große Fenstertüren
nach dem kleinen Gärtchen geöffnet die sternenhelle Nacht die herein sah
unterstützte das Licht der Kerzen es war hell und von dem wunderbaren
Gegensatze dieser Beleuchtungen magisch verklärt Gegen die mittlere Tür stand
ein hoher Lehnstuhl als sei dies ein besonders bezeichnetes Lieblingsplätzchen
Rosen blühten in schönen Gefässen umher am Boden aber nach der Mitte des
Fensters zu war ein Teppich ausgebreitet auf dem glänzendes silbernes
Spielzeug lag
Welch eine gediegene Pracht atmete dies hohe Gemach Diese seidenen
Tapeten mit Spiegeln und Goldarbeiten unterbrochen diese schweren goldenen
und silbernen Gueridons die Tischchen und Büchergestelle von Gold Marmor oder
seltenen Holzarten und endlich das kleine Positiv von Engeln getragen und das
künstlich geschnittene hohe Lesepult von Eichenholz dahinter die Sitzbank von
gleicher Arbeit Alles jetzt von brennenden Kerzen beleuchtet
»Sieh sieh« rief Emmy immer fort »ist es Dir so recht bist Du
zufrieden sag mir sag mir habe ich Alles gut besorgt«
»O schön schön wunderbar schön ist es bei Dir« rief Elmerice ganz
berauscht von den Eindrücken die ihr im wahnsinnigen Eifer aufgenötigt wurden
und sah dabei liebevoll zu der Alten auf die so wie sie die Lippen öffnete
wie angerührt von neuem Entzücken horchend stehen blieb und über das alte
gefurchte und vergrämte Antlitz alle Sonnenlichter des Glückes die auf diesen
verhärteten Boden noch wirken konnten treiben ließ
»Nun gehört Dir das Alles wieder« sagte sie dann seufzend und sinnend »Du
wirst das Alles wieder bewohnen und ich werde Dir dienen und werde Dich
sehen Deine Engelsstimme hören Deine hellen Augen sehen und horchen wie
der Boden so leise knistert als fühle er es gern wenn Deine kleinen Füße
darüber hinfliegen Alle Nächte habe ich Deine Blumen begossen den anderen
frisch Wasser gegeben die welken verscharrt und Alles gelüftet und den Staub
ausgekehrt Sieh nur wie es da draußen in Deinem Gärtchen ist« Sie zog sie
zur Türe hinaus und plötzlich stand Elmerice vor einem grünen Hügel unter dem
Schatten blühender Rosensträuche und vor ihr ruhte auf einem Ruhebette von
schwarzem Marmor die schöne runde Gestalt einer jugendlichen Frau in weißem
Marmor gebildet
»Gott« rief Elmerice »wer ist das O Emmy Emmy ist das Deine Fennimor«
»Das ist meine Fennimor« erwiderte Emmy stöhnend und sank über das schöne
Bild »Du weißt ja er ließ nach Lesüeurs Bilde Deinen Grabstein mit Deiner
lieben Gestalt hier meisseln da da hier unten lagst Du so lange« Sie
stöhnte herzzerreissend Elmerice ward hingerissen es stürmte in ihrem
Busen sie wusste nicht mehr ob sie Fennimor sei ob nicht aber sie war geneigt
es zu glauben und fühlte ein inniges Bedürfnis hier mit dieser Stelle so
vertraut zu sein als Emmy es begehrte Eine Fülle von Liebe sprang aus reicher
Quelle in ihrem Busen auf Wie liebte sie diese schöne kalte Fennimor diese
treu ergebene Emmy mit ihrem finsteren poetischen Schmerze wie einem Kinde der
Eltermutter schlug ihr Herz ihr entgegen Sie kniete zu ihr sie umschlang sie
sie legte ihr warmes Haupt an die erkaltende Wange der Alten die auf
Fennimors Marmorhand ruhte
»Emmy« sagte sie erst leise dann immer dringender flehend endlich mit
allen weichen Lauten der Liebe »siebe auf und liebe mich ich will Dich ja
lieben wie Deine Fennimor«
Emmy schien aus ihrer Betäubung zu erwachen und die letzten Worte trafen
ihr Bewusstsein
»Ha Mädchen wer spricht da« rief sie wild und riss Elmerice mit sich
empor »war das meines Engels liebe Stimme Fennimor redet« sagte sie sinnend
»und ist doch so lange tot dass braune Locken weiß wurden und Jugend zum
Greise sag wie kam das« fuhr sie fort und schritt vor Elmerice mit fester
Hand sich nach in das Gemach zurückziehend Sie sah vor sich nieder ihr starker
Verstand wollte die magische Gewalt brechen von der sie beherrscht war sie
sann und sann und blieb vor dem hohen Lehnstuhl in der offenen Türe stehen
»Hier starbst Du hier sah ich Dich als Leiche Du warst tot ich war jung
damals und jetzt im höchsten Alter das ist Alles richtig«
So weit hatte sie sich durchgearbeitet da sagte Elmerice »Ach liebe doch
mich die Lebende«
Sie zuckte zusammen ihre Augen folgten dem Tone da stand das schöne
Abbild ihrer Fennimor hell von den Kerzen umstrahlt von dem Nachthimmel mit
blauen Lichtern äterisch angehaucht »Ha« rief Emmy »alte Törin Mein
göttlich Kind da bist Du ja Und ich wo war ich Sag mir Du bist da und
ich will nach Nichts fragen nein schweig mein Engel sage nichts Die
falschen Menschen schwören beflecke Deine Lippen nicht damit sehe ich Dich
doch Du bist da mir wiedergeschenkt ich darf Dich haben sehen Dich
pflegen und warten O wie Du kalt bist« rief sie plötzlich mit ihrer
fieberheissen Hand ihre Hände fassend »Gern gehst Du früh in Dein schönes
Bettchen das blieb Dir zu lange heut aus deshalb bist Du so blass ach wie
lange habe ich nicht bei Dir gewacht und doch hattest Du das so gern ach wie
Du mich immer hinhieltest bald Dies bald Jenes fordertest damit ich bleiben
sollte und lachtest dann unter der Decke wenn ich wieder umkehrte und Dir den
Willen tat als merkte ich Deine kleinen Unarten nicht ach wie sah ich das
so gern Heute bleibe ich gewiss bei Dir mein liebes Kind Darum komm nur komm
es ist längst Schlafenszeit«
Emmy zog sie gegen eine offene Tür die ein gleichfalls erleuchtetes Zimmer
zeigte und als Elmerice eintrat sah sie ein eben so kostbar eingerichtetes
Schlafgemach und mit einem nicht zu mässigenden Schauer ein Bett mit reichen
grünen Damastbehängen in dem Hintergrunde Emmy schritt vor und zog die Behänge
zurück das Bett lag weiß wie täglich gepflegt dahinter die seidenen Decken
mit Rosen überstreut einen süßen Duft ausatmend waren zierlich aufgeschlagen
bereit den erwarteten Schläfer angenehm zu decken der kleine Fussschemel mit
der seidenen Decke stand daneben Alles atmete auch hier fortgesetztes Leben
»O Emmy hier ist es schön« sagte das junge Mädchen Das Grauen war von der
Schönheit und dem rührende Sinne der Liebe überwältigt der hier den
Zerstörungen der Zeit zum Trotze zu erhalten verstanden hatte
»Ja« sagte Emmy »ich habe Alles bereit gehalten ich musste wohl wer
kommen würde nun ist es erfüllt Sieh wie Alles frisch ist gerade wie Du
es liebtest nicht Auch Deine schönen Kleider Deinen Schmuck habe ich gehegt
morgen sollst Du die Wahl haben«
So glücklich mit Erinnerungen wahnsinnig spielend taumelte Emmy Gray in
dem Zauberkreise ihres früheren ihres einzigen Glückes umher und ihre junge
Gefährtin fühlte nur das Bedürfnis nachgebend diesen heiligen Wahnsinn nicht
roh zu stören furchtlos von der Zeit die Erledigung eines Zustandes erwartend
von dem eine ahnende Stimme ihr sagte er würde auch von Fennimors Bild
entkleidet dennoch verhängnisvoll ihr Leben erfassen Und doch glaubte sie
schon im nächsten Augenblicke erliegen zu müssen denn Emmy die vom Fieber mit
Jugendkraft beflügelt im Zimmer redend hin und her schritt forderte sie nun
auf sich nieder zu legen ja sie machte als Elmerice anstand ihr zu folgen
eine Bewegung sie in ihren Armen aufzuheben wie sie dies vielleicht früher
Fennimor getan Erschrocken saß nun Elmerice sogleich auf dem Rande des Bettes
und stellte die Füße auf das kleine Schemelchen Da kniete die Alte vor ihr hin
und ahnend was sie wollte aber zitternd vor Verwirrung löste Elmerice nun
selbst die Fussbekleidung mit rascher Hand unter den langen Gewändern und stellte
dann verschämt die kleinen weißen Füße vor Emmy auf das Schemelchen
Still saß sie davor auf der Erde und sah sie an als ob ein Himmel
unschuldiger Freude vor ihr läge leise strich sie ein Mal mit der Hand
darüber und ein mühsames Lächeln wollte die in Schmerz erstarrten Züge brechen
Doch es ging nicht und sie seufzte nur als wäre ihr wohl Dann sah sie auf und
raffte sich empor legte die Decken zurück und schüchtern nachgebend legte
sich Elmerice nun in das weiche herrlich duftende Bette Emmy rückte und zog
und schob daran umher wie sie es früher dem Lieblinge getan dann senkte sie
den einen Vorhang hing den anderen halb aufgeschlagen um einen großen mit
Kissen fast zum Bette umgeschaffenen Stuhl und nahm darinnen Platz mit einer
Decke sich umhüllend »Siehst Du« sagte sie leise und matt »hab ichs nun
recht gemacht Nun lass mich auch ruhig bei Dir bleiben diese Nacht und
schlafe Du unter Gottes Segen bis zum hellen Morgen«
»Das will ich« erwiderte Elmerice nachgiebig denn sie sah das Fieber
sank in seiner Heftigkeit Ermattung trat ein sie durfte sie nicht stören Eben
so wenig konnte sie hoffen ihre Lage zu ändern denn Emmy hatte das ganze Bett
verbaut auch hatte sie die zweite Nacht bis jetzt gewacht sie war jung das
Lager weich und schön Schon schlief die Alte fest da verwirrten sich die
Bilder einen Augenblick nur glaubte sie die Augen zu schließen jugendlich
sank sie damit dem Schlafe in die Arme
Dagegen erwachte Asta am frühen Morgen und fand nachdem sie mit ihrem
treuen Eifer sich aufgerafft Niemanden der ihrer Hilfe oder Fürsorge benötigt
war Sowol das Bett der Alten wie das Lager ihrer jungen Gefährtin war leer
Starr blieb das arme Kind nach dieser Wahrnehmung in ihrem Schrecken gefesselt
dann ergriff die Furcht vom vergangenen Abende ihr Herz Sie war sicher die
Geister die das Schloss bewohnten sie waren eingedrungen und hatten Beide
davon geführt und nur ihr Kreuzchen hatte sie behütet Außer sich vor Schreck
und Entsetzen ergriff sie nun die Flucht Ach wie erwiesen war Alles Hingen
doch Schlösser und Riegel unter dem Schutze ihres Kreuzes unversehrt also auf
andere Weise durch die Luft den Rauchfang waren sie entführt Während dem
flogen die Schlösser und Riegel unter Astas zitternder Hand auseinander und
die Türen weit hinter sich aufschlagend flog sie durch den Wald laufend wie
gejagt um das Pfarrhaus um den alten Arzt zu erreichen der oft schon früh den
ersten Besuch bei Madame St Albans zu machen pflegte
Um diese Zeit bogen sich die Gebüsche zurück die um den Eingang des kleinen
Turmes ihre zarten Zweige wölbten Ein blühendes weibliches Angesicht lauschte
mit dem anmutigen Ausdrucke von Neugier und Frohsinn daraus hervor endlich
folgte die schlanke elastische Gestalt sie erstieg die Treppe offene Türen
luden sie zum Nähertreten ein leichten schüchternen Schrittes schwebte sie
herein Alles leer Doch jene Türen und die eine bloß angelehnt leise
schob sie sie auf erst sah der Kopf herein bald folgten die Füße Welch ein
Zauberland lag hier aufgerollt Offene Türen nach dem kleinen Garten blühende
Blumen brennende Kerzen die im Tageslichte schon erblindeten überall der
Hauch des Lebens Das zweite Zimmer ebenso Schönheit Reichtum Geist in
jeder Falte jedem Schnörkel ein Gedanke Doch das nächste Zimmer So lange es
noch Neues gab wozu hier weilen Ein Schlafgemach ein aufgeschlagenes Bett
Die Lichtgestalt blieb an der Schwelle stehen das leichte Gewand des Busens hob
sich so hoch so schnell wir wissen nicht warum Dann glitt sie leicht über den
leichten Boden und blickte auf das schöne Engelsbild das tief schlafend mit
dem Ausdrucke eines lächelnden Kindes in dem grünen Zelte schlummerte von
einer Greisin bewacht deren tief gefurchte Züge und wunderlich verhüllte
Gestalt an jene Fabeln erinnerte die von Zauberinnen erzählten welche
Königskinder entführten und bewachten zu geheimen Zwecken Es war als ob der
Engel der Schlummernden sie besuchte Wie anteilvoll wie hoch entzückt wie
ganz verloren in dem Anblicke stand das zarte Wesen zu ihr hingebeugt Da rückte
die Alte das gesunkene Haupt empor entflohen war das Lichtbild spurlos
verschwunden nicht einmal der AmbraDuft den Engel sonst zurücklassen sollen
war hier zu spüren
Später trat der alte Arzt mit Asta zaudernd in den offenen Raum »Geschlafen
hast Du noch Du Törin Von der Hexenfurcht am Abende bist Du noch besessen
und lässt die Türen auf und versäumst über Deine Furcht Deine Pflicht«
Asta tat dagegen nichts als schluchzen und die Arme nach allen Ecken
ausstreckend zeigte sie die leeren Räume Unwirsch stürzte der Alte nun auf die
Betten zu und suchte als ob er Gnomen vermisse in jeder Falte Vergeblich er
fand sie nicht
»Was ist denn das für neuer Unsinn« schrie er wild und blickte Asta halb
fragend halb verlegen an »hast Du denn Nichts gehört«
»Sagte ichs Euch doch« schluchzte diese »wie konnte ichs denn hören
sind denn Türen gegangen War es denn natürlich Werk«
»Türen« rief der Alte und drehte sich rasch auf dem Absatz um Er hatte
die Richtung bekommen Die Türe die sich seit Jahren Keinem geöffnet war nur
angelehnt Sogleich erfasste Besorgnis für das was Elmerice erfahren haben
könnte sein teilnehmendes Herz er eilte der Türe zu indem er Asta befahl
zurück zu bleiben denn er selbst überschritt nur ungern diese so streng
behütete Schwelle die er seit Reginald als Kind davon hinweg getragen ward
nie mehr betreten hatte Doch hielt das Gefühl der Achtung für den düsteren
Willen dieser armen Unglücklichen das Gefühl der Pflicht nicht auf was ihn zum
Schutze des jungen Wesens trieb das hier so verlassen zu haben er sich jetzt
zum ernsten Vorwurfe machte Er blieb von dem Anblicke dieser wohlerhaltenen
erinnerungsreichen Gemächer nicht ungerührt aber er wollte erst erfahren was
neuerdings hier geschehen war und eilte rasch bis zum Schlafgemache vor Wer
beschreibt sein Erstaunen als er hier die tiefste Ruhe eine Szene des
Friedens und offenbar vorhergegangener Liebesbeweise vorfand Er blieb wie
eingewurzelt stehen und fragte endlich mit seinem klaren geübten Verstande der
stummen Szene vor sich ihren ganzen Hergang ab Was war nun weiter zu tun Er
sah an dem blassen Gesichte der Alten das Fieber habe sie verlassen was
konnte nun das Schicksal des jungen Mädchens werden wenn vielleicht bei voller
Besinnung die Illusion nicht vorhielt welche die Alte bis zu diesem Grade der
Hingebung während der Nacht gebracht hatte
Er schüttelte den Kopf und ungewiss über das Nächste was sich hier begeben
konnte beschloss er in der Nähe zu bleiben Mitleidig wie er unter der rauen
Hülle aber war eilte er erst zurück zu Asta die in der Mitte der Stube auf den
Knieen kauerte ihr Schürzchen über das Gesicht gedeckt und eifrig ihren
Rosenkranz betend
»Lass das Geschrei« schalt er aber dennoch freundlich blickend »und sei
endlich vernünftig Sie sind gefunden Beide gesund wie Vögel im Neste Lauf
nach der Vikarei und sag es stände Alles gut sie hätten nur die Schlafstätte
verändert ich bliebe und brächte ihnen nachher selbst Nachricht«
Asta stand gehorsam auf und zog das Schürzchen von dem verweinten Gesichte
»Und und« stammelte sie »es ist ihnen nichts geschehen«
»Nichts nichts mein gutes Kind« sagte der alte Arzt und strich ihr
gutmütig mit rauhem Finger die Locken unter das rote Mützchen »sie
schlafen wie die Dächse Nun fort fort hast Du doch Alles dort in Brand
gesteckt fort fort mach es wieder gut die Albans schreit sich sonst den
Hals ab«
Fort war Asta und der Arzt kehrte auf seinen Posten zurück und setzte sich
so dass er Alles was vorgehen würde sehen konnte ohne doch selbst gesehen
werden zu können
Er brauchte nicht lange zu harren die Sonnenstrahlen erreichten das
Fenster sie fielen bei nicht verschlossenen Läden gerade auf das Bett und
indem sie durch die grünseidenen Vorhänge schienen erhellten sie blendend das
Innere des Bettes mit seinen weißen Kissen und farbigen seidenen Decken
Dies brach die Augen der Alten sie erwachte doch schien es sie sah im
Anfange nichts sie stöhnte nur sich aus bequemer Lage vorsichtig aufrichtend
Aber jetzt fasste ihr scharfes Auge die Gegenstände wo fand sie sich Sie
schaute einige Augenblicke verstört umher aber ihr erster Blick nach dem Bette
nach der süßen Schläferin verschönt von der erquickenden Ruhe weckte ihre
Erinnerung Sie wusste den Inhalt der Nacht wie uns ein Traumbild bei Tage
erscheint wahr lebendig mit allem Zauber des Gefühls nachhaltig uns
beglückend oft gerade um der Möglichkeit Willen die Wahrheit zu betrügen die
uns oft nicht mehr geben kann was der Traum uns glaubhaft an einander reihet
Aber hier war der Traum nicht wesenlos verschwunden hier wollte Wirklichkeit
bleiben was doch nicht wahr sein konnte Es war vielleicht zu viel für einen
Geist der seit einigen vierzig Jahren nur eine Richtung der Gedanken und
Gefühle gekannt hatte er musste straucheln an der Schwelle der Vernunft wenn
sie noch in vollem Rechte anzunehmen war da wo der Geist mit starkem Willen der
ganzen Ordnung der Natur entgegentrat wie zum Trotze die Zeit mit aller ihrer
Macht verläugnend bezwingend um der einen Richtung zu dienen in abgöttischer
Hingebung Wie gering konnte die Versuchung sein die hier den Geist gänzlich
abzuleiten vermochte und sie war nicht gering Das Zeugnis wie groß sie war
stahl sich aus den Augen des alten Arztes der einst Fennimor als junger Mann in
diesen Räumen bedient und sich jetzt ungestört in den Anblick der Schlafenden
versenkte und von dem Zauber der Erinnerung selbstvergessen überwältigt ward
Die Alte war indessen auf den Rand des Bettes gerutscht immer näher
immer näher Wie seufzte sie so laut und schwer Dann rang sie die Hände und
forderte Rat von ihrem überwältigten Geiste Emmy die den verwünscht hätte
der ihr die Möglichkeit abgesprochen den Liebling einst in diesen Räumen noch
wiederzusehen Emmy rang von der anscheinenden Erfüllung ihres eigensinnigen
Glaubens überwältigt mit dem Einlass dieses Wunders in ihrem Geist
Der alte Arzt schaute klug dem Kampfe zu er nickte mit dem Kopfe und
dachte sie könne es nun allein abmachen was sie so lange allein verschuldet
Dazu war Emmy Gray auch stets bereit und die Weise ihres Verfahrens gehörte
ihr gewiss allein so tief so unheilbar die ganze Welt zu verachten um des
einen heiß geliebten Wesens Willen
Auch hier arbeitete sie sich dahin wohin sie trachtete »Was frage ich«
sagte sie wie zürnend zu der Welt von deren Widerspruche sie sich ahnend
verletzt fühlte »welch ein Wunder mir zu Gunsten kam Bist Du es denn nicht
in jedem Zuge jedem Gliede bist Du nicht warm und ist Dein Atem nicht so
süß hast Du nicht die Lippen eben so wie sie geöffnet dass die kleinen Zähne
dämmern Nein nein Du bist Fennimor mein Kind mein Engelsbild und Alles
wird nicht wahr sein das Alter und die Zeit von der sie schwatzen die
Toren mit ihren Einbildungen«
Heftig verhüllte sie ihr Gesicht sie schien in einem neuen gewaltsamen
Kampfe zu liegen Da erwachte Elmerice über ihr und auch ihr war die
Begebenheit der Nacht so vertraut geblieben dass sie augenblicklich wieder im
vollen Zusammenhange war
Als die Alte die Bewegung spürend sich hastig aufrichtete sah sie in
zwei liebevoll auf sie blickende blaue Augen die ihr eine Gewissheit ihres
kühn behaupteten Glückes zu geben schienen welche ihr zugleich die seligste
Freude ward
»Es wird so sein« sagte sie wie zu sich gewendet »rede nun zu mir mein
Engel denn in der Stimme liegt Wahrheit«
»Ich will Dich nicht täuschen liebe Alte« sagte Elmerice »aber nimm Dir
Alles was Du von mir zu Deinem Glücke gebrauchen kannst ich will gern sein
was Du wünschest«
Die Alte hörte sinnend diese Worte und der Ton berückte obwohl noch
derselbe doch nicht mehr ihre Sinne so gänzlich um nicht zu fassen was sie
ausdrückten »Fennimors Stimme war das« sagte sie fast fragend »ach wie
soll ich das fassen«
»Könnte ich Dir doch helfen« seufzte Elmerice »Gott weiß wie ich Dich
schon jetzt so liebe wie ein Kind wie Deine Fennimor es nur konnte Ich möchte
gestorben sein ein Engel ein Geist von der die Du so geliebt hast«
»Und Du wärest das nicht O mein Kind ich fürchte ja keine Geister auch
wenn Du ein Geist von ihr bist gestehe es Es soll mir dasselbe sein«
»Fühl doch nur meine Hand meine Stirn« sagte Elmerice kleinlaut »es ist
ja Lebenswärme darin Ich fürchte ich sehe Deiner Fennimor nur sehr ähnlich
und weil meine Großmutter so hieß so bin ich vielleicht ihre Enkelin«
Atemlos hatte Emmy zugehört und es malte sich ein so wahnsinniger Ausdruck
in ihren Zügen dass Elmerice fast vor ihr erbebte Aber bald kehrte das
Vertrauen zurück sie werde nie von ihr zu fürchten haben und damit auch Ruhe
und Hingebung
»Ihre Enkelin« sagte Emmy endlich und konvulsivisch hob sich ihre Brust
»ihre Enkelin Fennimors Enkelin Dann dann fließt doch ihr Blut in Deinen
Adern dann hättest Du doch alle Deine lieben schönen Gliederchen von ihr
geerbt Und dies Alles und Du gehörtest ihr es wäre fast wie sie selbst«
Es war ein fürchterlicher Moment als Emmy hier plötzlich von einer
Tränenflut überrascht ward die mit ihrem gewaltsamen Ausbruche sie fast zu
zerreißen drohte Sie sank mit ihrem Kopfe in Elmerices Schoss Tränen sie
kannte an sich ihr Dasein nicht mehr wie fremd wie erschüttert fühlte sich
die arme Alte in diesem neuen Zustande Aber sanft weinte auch Elmerice über ihr
und strich liebevoll mit ihren zarten Händen über den bebenden Körper »Darum
wirst Du mich doch nicht hassen Wenn ich Fennimors Enkelin bin dann bin ich
ja eben auf Deine Liebe angewiesen dann musst Du mich schützen«
»Schützen« rief Emmy sich aufrichtend »schützen Ja weiß Gott Du hast
Recht schützen muss ich Dich dann dann hätten wir es ja Dann wärst Du ja
ihre Erbin die große mächtige Erbin dieses Hauses Aber« fuhr sie fort
ihren Kopf in ihre Hand stützend »hilf mir mein Kind ich bin heraus aus der
Welt kann ich doch nicht zusammenbringen wie Du ihre Enkelin geworden bist
Ach Kind Kind« rief sie eifrig und voll Angst als könnte ihr das Glück
wieder geraubt werden »Du bist es Du bist entweder Fennimor oder wie Du
sagst ihre Enkelin Aber wie wissen wir es denn«
»Wie soll ich Dir das erklären« seufzte Elmerice »Als Du mich Fennimor
nanntest fiel mir ein dass auf dem Einbande meines Thomas a Kempis Fennimor
Lester steht und dass mein Vater mir dies Buch schenkte und mir sagte es sei
von meiner Großmutter«
»Heiliger Gott« rief Emmy außer sich »so ist Alles wahr und Du bist
Reginalds Tochter Fennimors Enkelin«
Sie sprang auf sie streckte beide Arme wie eine begeisterte Prophetin in
die Luft ihre gebeugte Gestalt richtete sich auf ein neuer Lebensstrom
schien ihre Gebeine zu durchrieseln
»Gerecht gerecht willst Du dieser Unschuld werden Herr des Himmels Deine
Wege werden Feuerströme vor meinen Augen ich kann ihren mächtigen Lauf
verfolgen von Anbeginn die Wüste der Welt hat sie nicht verschütten können
das Menschengewürm ist mit seiner Sünde darin verschlungen worden und die
Unschuld hast Du geschützt und zu der rechten Stelle geführt wo Du die
aufgespart hast die ihr Recht schaffen wird«
In gleicher Begeisterung wendete sie sich zu Elmerice »Sei mir gegrüßt
Nachkommin meiner heiligen Fennimor und jetzt meine Herrin berufen zu
vergeltender Gerechtigkeit schrecklicher Schuld rechtmäßige Gräfin
CrecyChabanne Herrin dieses Schlosses und aller seiner großen Besitztümer
Herr des Himmels auch hier wirst Du die Wege zeigen und erkennen lassen die
wir zu wandeln haben und aus Staub und Asche wird neues Leben erstehen
Fennimors Enkelin befiehl Du bis dahin über mich und gebiete in diesen Räumen
Dein vorläufiges kleines Erbteil an welches sich die großen Güter Deines
Hauses anschließen werden und empfange hiermit den Segen derjenigen die
Deinen Vater an ihrem Busen trug und deren Herzenskern Deine Großmutter war«
Feierlich küsste sie Elmerice auf die Stirn und fing dann sogleich an die
Vorkehrungen der Nacht aus dem Wege zu räumen behände und in geschickter
Tätigkeit weder Alter noch Krankheit verratend
Unmöglich war es Elmerice gewesen den Strom der Worte und Gefühle der sich
aus Emmys begeisterter Seele hervordrängte unterbrechen zu können In
sprachlosem Erstaunen hatte sie ihr zugehört und in sich eine Gewalt angeregt
gefühlt die sie selbst fast über das Maß hinaus bewegte Tausend Stimmen in
ihr wollten ihr zuflüstern dass sie Wahrheit gehört habe und dennoch wenn sie
die betagte Alte vor sich sah und des Wahnsinns gedachte dessen Spielwerk sie
seit vergangener Nacht war behielt sie keinen Mut ihr zu glauben und fühlte
nur das Eine dass sie vorerst dem Willen dieses kranken Sinnes nicht entgegen
treten dürfe Ja dies ward ihr leichter als der Zweifel denn es war mit den
verhängnisvollen Worten der Alten etwas Neues in ihr erweckt eine stolze
Hoffnung ein Gefühl der Berechtigung zu einer hohen Stellung des Lebens die
wie ein belebender Sonnenstrahl auf begrabene Wünsche fiel
»Ha« rief die Alte indem sie sich umwendete »Ihr hier«
Der alte Arzt saß in dem Lehnstuhl in welchen er sich gleich zu Anfang
postirt hatte und schaute mit seinem klugen Angesichte in die wunderbare Szene
die vor ihm aufgeführt ward Er nahm jetzt den kleinen dreieckigen Hut ab
stieß mit dem hohen Stocke dessen Goldknopf weit über die Hand vorsah auf den
Fußboden und aufstehend und sich gegen Emmy verneigend sagte er »Zu Befehl
Madame Wenn die Patienten Tollmannswerk treiben und davon laufen haben die
Ärzte das unbequeme Vergnügen hinterher gehen zu müssen Darf man fragen wie
einer Fieberkranken die Nacht außer dem Bette bekommen ist«
»Lasst Euer Geschwätz« entgegnete Emmy Gray »ich bin nicht darauf aus
mich von Euch hofmeistern zu lassen Ihr könnt alle Zeit gehen ich bedarf Euch
gar nicht mehr«
»So« sagte er und ein unterdrücktes Lachen spielte um seinen Mund »also
jetzt bedürft Ihr mich nicht mehr und dann ist das Nächste dass Ihr mir die
Tür weiset nun es ist nicht das erste Mal Ich muss Euch aber sagen dass
ich dies Mal hier mehr als Euch zu besorgen habe denn das junge Frauenzimmer
dort das Ihr in einer Eurer liebenswürdigen Launen in diese seidenen Windeln
gewickelt habt um sie zu Eurer Spielpuppe zu machen die ist mir anvertraut
ich habe für ihr Wohlergehen einzustehen und werde nicht leiden dass Ihr
fortfahrt Eure Torheiten ihr in den Kopf zu setzen He Madame habt Ihr mich
verstanden Ich habe die ganze Historie mit angehört«
»So ist es gut« rief Emmy unerschüttert »denn obwohl Euch Niemand zum
Zuhören berief mögt Ihr als Fennimors ehemaliger Diener immer zuerst den
Vorzug genießen ihre Enkelin mit der Ehrfurcht zu begrüßen die ihr hier in
ihrem Eigentume gebührt«
»Emmy Emmy« rief der Alte ungeduldig »bist Du denn vergeblich alt und
grau geworden hat sich denn nach so vielem nutzlosem Hassen und Zürnen nach
all den Jahren dauernden Rachegedanken die alle an der Ohnmacht Deiner geringen
Welterfahrung scheiterten hat sich denn danach die Quelle des alten Wahnsinnes
dennoch unversiegt erhalten und willst Du jetzt ein neues Opfer bezeichnen
indem Du dies schöne unschuldige Geschöpf diesen Kämpfen preis gibst«
»Alter« rief Emmy mit gemildertem Ausdruck auf ihn zuschreitend »denke
was Du sagst Sieh sie an sieh sie an Sag ist nicht das Vermächtnis
ihrer Ansprüche in jedem Gliede ihres Körpers ausgedrückt Höre ihre Stimme
Alter Ruft sie Dir nicht mit Fennimors Tone zu ihre Enkelin anzuerkennen Ja
ja nenne mich wahnsinnig aber sage auch wenn Wahnsinn erlaubt ist so ist
es hier«
»Du hast Recht armes Weib« sagte der erweichte Arzt »ehe Du sie sahst
hatte ich schon gedacht was Dich jetzt so verwirrt Aber was hilft Dir und ihr
die traurige Entdeckung da ihre Ansprüche auf immer verloren gingen und Du und
ich mit allen Gefühlen für die unglücklichen Opfer die ich mit Dir betrauern
werde so lange ich lebe doch den Bann nicht aufheben können der sie vor den
Augen der Welt ihrer Rechte beraubte Unglückliche« sagte er und zog sie näher
ihr leise zuflüsternd »vergiss nicht dass Fennimors Sohn als Mörder aller
bürgerlichen Rechte auf Frankreichs Boden für sich und seine Nachkommen beraubt
ward und ihm kein Erbe zuerkannt werden darf«
Die Alte taumelte bei diesen Worten die sie aufs neue dem hoffnungslosesten
Elende preisgaben fast zur Erde Der Arzt führte sie zu einem Stuhl und
sogleich kam der Gegenstand ihrer schmerzlichen Unterredung zu seinem Beistande
herbei und vor ihr niederknieend und ihre kalten Hände erwärmend sie mit
rührenden Blicken ansehend redete Elmerice leise zu der trostlos zu ihr
niederschauenden Emmy
»Bleib dennoch bei mir mein Kind meiner Fennimor lebendiges Ebenbild«
stammelte sie endlich mühsam »Wir wollen Alles Alles besprechen Alles
Alles sollst Du mir sagen und hier hier sollst Du sein was Du wirklich
bist Hier reicht der Schwefeldunst der Welt nicht hin und die Gräuel der
Menschen sollen Dich hier nicht erreichen Sag dass Du willst und ich will
Alles vergessen Nichts denken als dass Fennimors Hände mir die Augen
zudrücken und dann das reiche Erbe das ich hier gesammelt in Empfang nehmen
werden«
Der alte Arzt nickte Elmerice zu ihr zu gewähren und diese konnte aus
voller Seele einwilligen denn mit Zauberbanden fühlte sie sich hier gefesselt
und die Welt schien auf dieser Stelle alle Rechte an sie zu verlieren
Dies goss Frieden in Emmys schwer getroffenes Herz und die kräftige Weise
wie sie sich nun erhob und den Arzt mit sich fort in ihr eigenes Zimmer rief
war ihm eine merkwürdige fast ärgerliche Wahrnehmung wie der Geist des
Menschen über die Beschwerden des Körpers zu siegen vermag und ärztliche
Ansichten ihre Mittel ihre Prophezeihungen in solchen Augenblicken zu
verhöhnen scheint
Nach einer langen Beratung in welcher der Arzt die ganze Energie seines
Karakters dem eben so unbeugsamen Willen seiner alten Gefährtin entgegen setzte
hatte er die Befriedigung sie wieder in ihre frühere Mutlosigkeit
zurückgedrängt zu haben Denn was er sich auch selbst vorgenommen haben mochte
Emmys Wirksamkeit musste er dabei fürchten da ihr ewig zürnender Patos einmal
in Lauf geraten so schwer aufzuhalten war wenn die Umstände wie dies zu
erwarten stand kein günstiges Resultat zulassen und das geräuschloseste
Zurückziehen dann das Nötigste sein würde
»Erstlich also« fuhr er fort »müssen wir wissen ob sie das wirklich ist
was sie uns jetzt scheint nämlich die Tochter des verschollenen Reginald«
»Elende kurzsichtige Zweifel« murmelte Emmy verächtlich »solche
Zeugnisse fertigt Gott nicht umsonst aus wie sie auf ihrem Angesichte trägt
und habe ich es Euch nicht gesagt dass ich Reginald als sie ihn mir damals als
liebes Kind raubten das Buch mit dem Namen seiner Mutter in das Gepäck steckte
und dass ich auf meine Frage von ihm hörte wie sie ihn hatten glauben lassen es
sei der Name seiner Kinderfrau Aber lügt nur Ihr Heiden und Heuchler Wenn
Gott will taucht auf was Ihr noch so tief versenkt habt und legt Zeugnis
gegen Euch ab«
»Das wird sich ja zeigen« erwiderte der Arzt »sie wird doch von ihrer
Jugend wissen sie wird doch sagen können bei wem wir etwa noch in England
nachfragen könnten selbst die Gräfin dAubaine mag Auskunft zu geben wissen«
»O all dies fremde Volk was Ihr da hineinmischen wollt« rief Emmy »wie
hasse ich Alle schon im Voraus für den bösen Willen den sie haben werden Wenn
Ihr denkt Einer wird Recht sprechen täuscht Ihr Euch«
»Nun und was alsdann« rief der alte Arzt ihr entgegen »Sprecht Ihr nicht
selbst die Schwierigkeiten aus die ich erwarte Und werden sie nicht gerade
dadurch noch größer dass zuerst nach so langen Jahren die Erben des Grafen
Leonin hier eingezogen sind«
So erfuhr denn Emmy mit maasslosem Unwillen die Ankunft des Marquis
dAnville und wir übergehen billig die Ausbrüche ihres Zornes da wir uns sehr
wohl denken können wie sie diesen Besuch beurteilen musste den sie völlig
unberechtigt für einen räuberischen Einbruch in fremdes Eigentum ansah Dessen
ungeachtet wusste ihr endlich der alte Arzt zankend und zürnend klar zu machen
sie müsse sich ruhig verhalten Ja er machte sie glauben dass selbst die
Sicherheit ihres Schützlings von der Art abhängen werde mit der sie sich hier
so verborgen als möglich halte Er wolle dagegen wenn sie ihm nach ihrer
Unterredung mit Elmerice noch übereinstimmende Anzeichen geben könne dann auch
das Seinige tun die Herrschaften zu sondiren Beim Vikar wolle er dagegen
versichern dass hier Alles gut stehe und sie die Pflege der jungen Person
angenommen habe
»Ja« setzte Emmy hinzu »und macht dass Ellen wieder wohl wird und lasst
sie dann abreisen denn sie ist mir hier lästig Ich mag ihr trockenes
Pflichtgeschrei nicht leiden ich soll ihr das Alles mit Worten bezahlen und
die habe ich nicht übrig«
Der alte Arzt nickte lachend und beeilte sich diesen plötzlich so wunderbar
umgestalteten Boden zu verlassen
Was sich jetzt hier im Laufe der Zeit entwickelte nahm in seinen
Erscheinungen nicht an fabelhafter Gestaltung ab sondern steigerte sich in dem
Grade als Emmy sich immer mehr ihren Erinnerungen hingebend sie der Gegenwart
aufzunötigen trachtete Der alte Arzt schlug oft die Hände zusammen wenn er
sah was hier entstand Aber er hatte nicht die mutwillige Rohheit das
ungewöhnliche Treiben seines Nächsten darum zu verspotten weil es nicht seine
eigene Weise war Er fragte erst nach ob ihr kein wichtiger Nachteil
nachzuweisen sei und konnte darüber beruhigt mit großmütiger Neugier
zusehen wie verschieden das Bedürfnis der Menschen ist
Mit wahrem Anteil blickte er aber auf das junge und schöne Wesen über die
sich der Strom dieses phantastischen Treibens so unerwartet ergossen und die in
stiller sinniger Stimmung diesen Erscheinungen einen Inhalt abgelauscht zu
haben schien der sie zu einer neuen Richtung oder Entwicklung ihres Inneren
führte der sie sich mit Wohlgefallen mit Berechtigung hinzugeben schien Sie
bewohnte die Zimmer Fennimors wie ein Geist so leise und spurlos und doch so
völlig darinnen zu Hause und zur Ruhe gekommen Emmy lag in ihrem großen
Eingangszimmer wie der Riegel davor Seitwärts war eine vergessene verrammelte
Küche geöffnet und Emmy hatte eine erwachsene weibliche Hilfe die darin
tausend Dinge bereiten musste für den Schatz den sie bewachte Ihre eigene
Erscheinung hatte sich gleichfalls verändert ihr weißes starkes Haar ward
jeden Tag von Asta sorgsam gekämmt und um die hohe gefurchte Stirn gescheitelt
darüber wurde dann die saubere vielfach betollte kleine weiße Haube gesetzt
ein Kleid von geblümtem Moor nach längst vergessener Mode mit steifer Taille
und Aermeln mit feiner Wäsche und feinem gefalteten Halstuche bekleidete
täglich die alte hagere Frau und wenn sie auch um ein halbes Jahrhundert
zurücktrat so entbehrte doch ihre Gestalt und ihr ganzes Benehmen nie die Würde
eines starken Karakters wodurch sie gegen jede Lächerlichkeit geschützt blieb
Sie vollführte ihre gewöhnliche Usurpationen der Zeit mit so stolzem Ernst dass
ihr unwillkürlich Jeder einen Grund zu dem was sie tat zutraute und so
flößte sie immer eher Erstaunen und Neugier ein als dass sie Tadel und
Spottsucht erregt hätte
Wenn Elmerice von dieser Gewalt mit fortgerissen ward war dies doch keine
Nachgiebigkeit Es war Trieb Sehnsucht mit Emmy in die Vergangenheit
einzudringen sie wollte in ihr den Boden ihrer Heimat ergründen sie wünschte
ihre Berechtigung zu der Stelle die ihr Emmy anwies aufzufinden und bald
schien ihr mit der jugendlichen Überspannung die wir ihr zugestehen müssen
die sonderbare Herbeiführung ihrer Lage der Wille des Himmels zu sein der an
ihr die Unbill gut machen wollte die ihre teure Vorfahrin erlitten Noch war
es jedoch nicht zu den Mitteilungen gekommen die Emmy ihr versprochen und die
sie darüber hätten aufklären können denn trotz dem dass diese ihre Krankheit
wie eine lästige Hülle abgeworfen hatte war ihr eine Abspannung wohl
anzumerken die nach der ihr neu gewordenen Lebensweise gerade in den Stunden
eintrat die zu diesen Mitteilungen geeignet waren und dann ward sie von
Elmerice so sorgfältig geschont dass sie an Emmy selbst fast unbemerkt
vorüberging
Außerdem eilte Elmerice ihrem Verhältnisse nach Außen Gültigkeit zu
verschaffen denn jedenfalls wünschte sie vorerst die arme Alte nicht zu
verlassen und mit diesem Wunsche war eine geheime Hoffnung verknüpft dass sich
aus den Andeutungen die sie gehört eine neue Bestimmung für ihr Leben
entwickeln werde
Sie konnte der Gräfin dAubaine ihre Anwesenheit in St Roche nicht länger
vorenthalten sie sagte ihr dass sie Madame St Albans aus den uns bekannten
Gründen hierher begleitet habe und bei ihrem ernstlicheren Erkranken in die
Stelle der Pflegerin bei deren Mutter übergegangen sei »Dies Verhältnis«
schrieb sie weiter »ist jedoch weit entfernt für mich eine Belästigung zu
sein ja ich bin kaum noch eine Pflegerin zu nennen da mich Mistress Gray mit
einer geheimnisvollen Liebe überschüttet deren Grund in ihrem früheren Leben zu
suchen ist mir aber bis jetzt noch unbekannt blieb da es mit erschütternden
Begebenheiten zusammenhängen soll Ihre Liebe räumt mir große Vorzüge ein ich
bewohne schöne Räume und sie nötigt mir Bedürfnisse auf und hegt und pflegt
mich wie in früheren Tagen einen Liebling ihres Herzens mit dem sie mich in
Zusammenhang hält Ich fühle mich selbst zu dem wunderbaren hochbetagten Wesen
hingezogen als gehöre sie auf irgend eine Art zu mir und die Überzeugung ihr
mit meiner augenblicklichen Entfernung einen vielleicht tötlichen Kummer
einzuflößen lässt mich bitten dass meine teure Beschützerin mir ihre
Einwilligung zu diesem verlängerten Aufenthalte gibt und zugleich die
Erlaubnis ihr von dem Verlaufe der hiesigen Verhältnisse Nachricht geben zu
dürfen Ich halte dieselben bis jetzt für vollkommen anständig da sie mich in
ein strenges Geheimnis gehüllt haben und mir die größte Einsamkeit sichern«
Dagegen enthielt ihr an Lady Marie Duncan abgesendetes Tagebuch die
vollständigste Darlegung des Erlebten und nun stand ihr nur noch der Abschied
von Madame St Albans bevor die jetzt hergestellt mit Ungestüm ihre Abreise
verlangte Der alte Arzt hielt ihre völlige Genesung auch nur in ihrem eigenen
Hause unterstützt von ihren alten Gewohnheiten für möglich und so kündigte er
Elmerice ihren Besuch an da Mistress Gray kalt in diesen Abschied eingewilligt
hatte
Madame St Albans kam sehr übler Laune an dem bezeichneten Tage nach dem
Schloss denn sie hatte mit dem neuen Prior des Klosters Tabor um die Pachtung
unterhandelt welche sie dem Kloster abzukaufen wünschte Nachdem sie mit dem
verstorbenen Prior einig gewesen war die Kaufsumme in jährlichen Abzahlungen
entrichten zu können ward sie jetzt von seinem Nachfolger mit dieser
Einrichtung abgewiesen welcher die Kaufsumme auf ein Mal bezahlt verlangte
wodurch sich die Unterhandlung an die Madame St Albans so viele Hoffnungen
geknüpft mit einem Male ganz zerschlug
Ihre schnell umherrollenden Augen fassten bald den veränderten Zustand in
diesen einst so düsteren Gemächern auf und vor Allem überraschte sie die
Umwandlung ihrer Mutter welche kalt und steif in ihrem Eintrittszimmer
sitzend die Tochter empfing sehr missbilligend auf Elmerice blickend die mit
ihrer gewöhnlichen Freundlichkeit Madame St Albans entgegen gegangen war und
sie neben sich auf dem Ruhebette einst Astas Schlafstelle niedersetzen ließ
»Bitte bitte bemühen Sie sich nicht« sagte sie zu Elmerice »ich
glaube es ist Ihnen hier nicht mehr erlaubt sich um Andere zu bemühen Wie ich
höre werden Sie hier bedient und wie mir scheint wie eine Gräfin oder
Fürstin«
»Sie wissen bereits liebe Madame St Albans dass Ihre Frau Mutter sehr
gütig gegen mich ist«
»Ja sehr gütig so scheint mir selbst« entgegnete die sich erzürnende
Frau »Man sollte wenn man das was man von dem Aufwande der hier getrieben
wird hört und es mit dem zusammenhält was man sieht nicht glauben dass man
zu der Mutter einer so armen Frau kommt der man es wegen Mangel einer kleinen
Summe Geldes abschlägt einen kleinen Ländererwerb zu machen« Nach diesen
Worten hatte sie sich hinreichend erweicht um mit geröteten Augen ein baldiges
Schluchzen anheben zu können
»Ellen« rief Emmy jetzt rau »betrage Dich vernünftig und halte vor Allem
Deine Tränen an Ist Dir Deine Mutter bereits zu glücklich dass Du sie oder den
Gegenstand ihres Glückes mit Neid betrachtest Du bist eine kleine Seele und
ich wusste immer was ich von Deinem guten Herzen und Deiner Weichmütigkeit
denken sollte die hält mit Heulen und Weinen und lästiger Bedienstlichkeit so
lange vor wie Einer so elend bleibt dass Nichts an ihm ist aber wird es
besser und zeigen sich einige Lebensgüter so möchten Deine neidischen Augen
gleich Alles verschlingen Nun lass das Ich werde Dich nicht mehr ändern
so leb denn wohl Gott weiß wie es Dein rechtschaffener Mann mit Dir aushält
ich beneide ihn nicht leb wohl Ellen reise glücklich Ich glaube Du
hast eine gute Eigenschaft von mir Du bist verschwiegen Denk daran dass ich
darauf rechne«
Wie hoch auch die ungestümen Gemütswellen in Madame St Albans Charakter
gehen mochten ihre Mutter fuhr mit einigen Worten nie umsonst darüber hin
sogleich legten sie sich
»Nun nun seht nur wie Ihr wieder böse seid« sagte sie mit dem Versuche
freundlich zu sein »denkt doch dass es ein Abschied heute sein soll Da müsst
Ihr mich doch gut entlassen«
»Schon gut schon gut Ich habe Nichts dagegen« sagte Emmy kalt »ich
habe stets gute Wünsche für Dich aber lasse mich aus dem Spiele«
Madame St Albans zuckte die Achseln und beendigte dieses kurze Wiedersehen
so schnell sie konnte da sie die leicht wachsende Ungeduld ihrer Mutter zu
fürchten hatte welche sie ruhig Stirn und Hand küssen ließ und sie dann von
Elmerice begleitet laut schluchzend davon gehen sah
»Es muss wohl wehe tun« sagte sie sogleich ihre Tränen von ihrem Unwillen
besiegen lassend »wenn man sich von einer Fremden bei der leiblichen Mutter
verdrängt sieht Ja ja mein Schatz Sie haben so einschmeichelnde Manieren und
können so hübsch um den Berg herum gehen da kann unser eins nicht mit der
immer gewohnt ist offen und gerade aus zu gehen«
»O« sagte Elmerice »versündigen Sie sich doch nicht aufs Neue durch so
arges Misstrauen gegen mich Sie wissen ja durch den alten Arzt für wen mich
Ihre arme alte Mutter hält und dass ich ihren Wünschen nachgebe um sie nicht
zu kränken«
»Nun mein Schatz ich muss Ihnen sagen dass ich das Alles sehr töricht und
unüberlegt von der alten Frau finde Sie werden sich da hochmütige Gedanken von
Gräfinnen und großen Gütern in den Kopf setzen und wie Ihr vornehmer Umgang Sie
schon ein Bischen oben hinaus macht so wird das noch zunehmen mit solchen
Einbildungen Ich rate Ihnen Kind schlagen Sie sich das aus dem Kopfe und
suchen Sie bei Zeiten Ihr überspanntes Wesen los zu werden da werden Sie gesund
bleiben und ein Mal einen rechtschaffenen Mann so glücklich machen wie ich
Herrn St Albans der auch nicht die überspannten Frauenzimmer liebt wenn
solche auch am Ersten tun als könnten sie Bücher lesen und haushalten in einem
Atem«
Elmerice schwieg Sie blickte mitleidig auf ein Verfahren dem sie Nichts
entgegen zu setzen wusste
Da die gehoffte Entgegnung ausblieb sah Madame St Albans kopfnickend zu
ihr auf und setzte noch hinzu »Und dann sich bei einer Mutter verdrängt sehen
zu müssen«
Elmerice errötete jetzt vor Unwillen »Ich dächte Madame St Albans« sagte
sie »in dem Verhältnisse zu Ihrer Mutter hätte sich unmöglich etwas ändern
können da es niemals besser war als es jetzt ist«
»Wirklich wirklich« sagte sie überrascht und verlegen »ich dächte doch
Indessen wir wollen uns trennen meine schöne junge Dame und ich will denn von
Herzen wünschen dass Sie die große Herrschaft wirklich werden von der Sie
träumen Doch denken Sie an mich es hängt starker Makel an dem vornehmen
Namen«
So ward auch der Abschied der beiden ungleichen Frauen sehr steif und kalt
und Elmerice atmete auf als sie den Bann aufgehoben fühlte den diese Frau
stets über sie verhängte
Dagegen hatte die erfahrene Aufregung in Emmy Gray die Kraft geweckt ihre
schwere inhaltreiche Erzählung zu beginnen Nur von der kurzein Sommernacht
unterbrochen führte sie mit großer Energie und mit Lebendigkeit des Geistes
ihre Erzählung bis zu ihrem Ende fort und legte damit in die junge Brust ihrer
Zuhörerin einen Schatz von Lebensansichten und Erfahrungen die nur auf
traurige Tatsachen gestützt uns in diesem zarten Alter den Wert das Daseins
zu rauben scheinen
Elmerice hatte Mühe sich aus ihrer schmerzlichen Aufregung heraus zu
reißen Ach wie war mit dem gesunkenen Wunsche diese mit Verbrechen
bezeichneten Ansprüche geltend zu machen auch der Mut ihren Besitz zu
erlangen verschwunden wenn ihr auch eine ahnende Stimme sagte ihr Vater sei
dieser edle und verfolgte Jüngling Reginald Zugleich fühlte sie eine tiefe
kindliche Scheu nach seinem Tode vielleicht gegen seinen Wunsch in diese
verhängnisvollen Geheimnisse seiner Jugend eingedrungen zu sein und sie gestand
Emmy auch diese angeregten Empfindungen und das innige Verlangen so traurige
verfolgte und mit Verbrechen bedeckte Ansprüche nicht aus ihrem Dunkel hervor zu
ziehen da sie nicht zweifeln dürfe ihr Vater würde dies gemissbilligt haben es
würde ihn beleidigen seine Tochter Rechten nachjagen zu sehen von denen er
verwiesen ward
Emmy hörte ihr still und sinnend zu Sie überlegte in ihrem Geiste ob
Fennimor die in Blick und Ton zu ihr redete auch so gedacht haben würde und
als Fennimors andächtiges Pflichtgefühl gegen ihren Vater vor ihr auftauchte
seufzte sie und schwieg und ein breiter Schatten von Schwermut deckte ihr
erregtes Antlitz
Da erfasste Elmerice den Augenblick der armen aufs Neue gekränkten Freundin
Fennimors ihre eigene Geschichte mitzuteilen und von dem tiefen und
verstehenden Gefühle der Alten hingerissen von der wunderbaren Situation die
sie fast der Welt entrückt zu haben schien sicher gemacht ward ihre Hingebung
bei dieser Mitteilung vollständiger als sie es für möglich gehalten Wir
können uns dies jugendliche von Weisheit und Liebe geschützte Leben aus den
Mitteilungen an die Gräfin dAubaine hinreichend vergegenwärtigen und finden
uns erst als Zuhörer ein wo die Erzählung Gegenstände berührt denen die Gräfin
dAubaine nicht nachzufragen wagte
»Nur ich Emmy« sagte Elmerice ihre Erzählung fortsetzend »nur ich habe
das ruhige ungekränkte Leben das dieser herrliche Vater führte ein Mal durch
meine Schuld unterbrochen und doch war ich ahnungslos dass ich ihn kränken
würde und vielleicht jetzt erst begreife ich die ungewöhnliche Strenge mit der
er mir entgegen trat Denn wenn Reginald mein Vater war wie viel Grund hatte
er dann jede Verbindung mit einer stolzen französischen Familie zu hassen und
von mir abzuhalten Auf dem Schloss Leitmorin« fuhr sie mit bewegter
Stimme fort »beständig von Gästen des In und Auslandes belebt befand sich
einige Monate lang ein junger französischer Edelmann der erst nur dem Lord
Duncan mit dem seine Familie befreundet war einen Besuch machen wollte später
glaube ich ward ich Veranlassung dass seine Abreise sich verzögerte Meine
jungen Freunde die Kinder des Lord Duncan sahen mich wie eine Schwester an
ich gehörte zu ihren Beschäftigungen wie zu ihren Vergnügungen wir teilten
Alles und ich sah daher den jungen Mann täglich
Emmy ich kann mir nicht zürnen dass ich seine Vorzüge anerkannte Er besaß
so viel ausgezeichnete Tugenden er wusste so Viel er war so kindlich und gut
so heiter so heiter Emmy bis er von Lord Duncan die gänzliche Abweisung
meines Vaters erfuhr Ich weiß nicht aber ich glaube fast sein tadelloses
Wesen und dass Lord Duncan ihn wie einen Sohn liebte hatten mich glauben
lassen die Bewerbung des jungen Mannes werde von meinem Vater günstig
aufgenommen werden Wir waren sicher geworden in dieser Hoffnung und auch ich
Emmy war damals glücklicher als jemals später Dieser Erklärung aber folgte
eine schwere leidenvolle Zeit Mein Vater war in einem Grade davon erschüttert
dass er mehrere Tage das Zimmer nicht verließ und meine Mutter Tag und Nacht an
seiner Seite wachte Später bekam Lord Duncan Zutritt Ach Emmy mich wollte er
erst gar nicht sehen Aber der Gedanke seines Zornes hatte so auf mich gewirkt
dass meine arme Mutter meiner Verzweiflung nicht mehr Einhalt tun konnte und
als sie meinen Zustand dem Vater enthüllte ließ er mich augenblicklich zu sich
rufen
Nie werde ich diese Unterredung vergessen Als er mich so verändert so
aufgelöst in Schmerz so trostlos bei dem Gedanken sah ihn gekränkt zu haben
dachte er zuerst nur daran mir Mut einzusprechen mich seiner Liebe zu
versichern mich und selbst den Jüngling der um mich warb schuldlos an dem
Schmerze zu erklären den er empfand Dann als ich in seiner Liebe wieder
auflebte und zur Besinnung kam machte er mich mit den Hindernissen bekannt die
unvermeidlich zwischen uns ständen Emmy es waren Gründe die denselben Boden
hatten wie das Elend das Du in Deiner Erzählung vor mir ausgebreitet hast Er
schilderte mir die Vorurteile der Stände wie ich sie bis dahin nicht geahnt
und weckte meinen Stolz und mein Ehrgefühl indem er mir die nie endende
Geringschätzung vorhielt die ich in einer solchen Familie und in ihrem ganzen
Gesellschaftskreise würde erleiden müssen weil mich Alle durch meine geringere
Geburt für unberechtigt halten würden zu ihnen zu gehören und wie das
entwürdigteste Mitglied jener Kreise das wir als ausgestoßen ansähen und mit
unserer Verachtung bezeichneten dennoch von Allen geduldeter sein und ihnen
berechtigter erscheinen würde als meine Stellung wenn ich sie auch durch jeden
äußeren und inneren Vorzug rechtfertigte
Er sagte mir dass mich mein Gatte nicht dagegen zu schützen vermöchte dass
die mitleidigen DuldungsBeweise in so schicklichen Grenzen gehalten sein
würden dass mir das Herz daran erstarren mein Gatte in ohnmächtigem Zorne
darüber vergehen könne ohne dass ihm aus den leisen Beleidigungen das Recht
erwachsen werde Genugtuung zu fordern Er war überzeugt dass keine Liebe auf
diese Bedingungen hin in den höheren Ständen dauern werde da er von der Macht
des schlechten Beispiels eine sehr traurige Vorstellung hatte Lord Duncan hörte
das Ende dieses Gespräches und versuchte meinem Vater mildere Ansichten
einzuflößen Es gelang ihm nicht O Duncan Duncan rief er von Dir diese
Worte Von Dir der Du mein ganzes Schicksal kennst der Du weißt dass ich
Wahrheit sage Du redest einem Jünglinge aus dieser Familie das Wort die ich
fast angelobt habe zu verachten
Sie werden Deine Elmerice mit Freude unter sich aufnehmen rief der gute
Lord wenn Du nur auch etwas nachgebender sein wolltest
Ach rief mein Vater und nie sah ich ihn heftiger ihnen gilt Nichts
höher als ihre Geburtsrechte sie haben kein wahres inneres sittliches
Bedürfnis So lange die Sittenlosigkeit noch von einem leidlichen Deckmantel
usurpirter gesellschaftlicher Haltung und Vorzüge überkleidet ist bleibt ihnen
das ehrloseste Individuum trotz dem dass sie von seinem Gehalte unterrichtet
sind eine eben so höflich gehandhabte Figur als die Tugend selbst es fordern
könnte Der Schein ists was sie wollen worauf sie halten er bildet den
Korporationsgeist der sie durch einander sich schützen lässt und sie namentlich
gegen das Richtschwert des Urteils verbindet das sich aus jenen geringeren
Ständen erheben könnte und ihr falsches leeres Treiben mit dem rechten Namen
nennen«
»O Emmy« rief Elmerice »diese Worte sind wie diese ganze Unterredung in
mich eingegraben denn sie entschieden das Schicksal meines ganzen Lebens Ich
gelobte eine feierliche Verzichtleistung und trennte mich in Gegenwart des Lord
Duncan von dem Manne der mich liebte und den ich gelobte als einen Fremden
anzusehen«
Wenn Emmy achtzehn Jahr gezählt hätte wäre ihr Anteil ihr Mitgefühl nicht
inniger zu denken gewesen sie blickte so bang so liebevoll bang in die
bewegten Züge der Erzählerin dass diese sich ihr laut schluchzend in die Arme
warf und Alles was sie erlitten und so tief in sich verschlossen auszuweinen
wagte
»O mein armes armes Kind« seufzte Emmy »und doch glaube mir Dein
Vater war ein weiser Mann und ich zweifle nicht es war mein Reginald der
Sohn meiner Fennimor er hat Dich vor einem gleichen Elende bewahrt wie meine
Fennimor traf O« sagte sie mit einem rührenden Ausdrucke von Liebe »könnte
ich Dich doch trösten Wollte Gott Du wärest nicht mehr unglücklich weil dies
Elend von Dir abgewendet ist Richte Dich auf fasse Mut und sage mir wie
das Buch meiner Fennimor das ich vollständig wiedererkenne Dir von Deinem
Vater gegeben ward ob er Dir Nichts sagte was noch näher seinen Zusammenhang
damit bezeichnete
Er gab es mir an dem Tage wo ich von einem katholischen Geistlichen in den
Schoss der Kirche aufgenommen ward Er sagte mir es sei ihm das heilige
Vermächtnis seiner geliebten Mutter die er nicht gekannt habe er bat mich den
Inhalt zur Richtschnur meines Lebens zu machen wie er daraus Trost und
Belehrung geschöpft habe zu allen Zeiten Dann zeigte er mit dem Finger hieher
und sagte mit großer Bewegung dies ist der Name Deiner unglücklichen
Großmutter«
»O« rief Emmy hier »was zweifeln wir noch Du bist sicher und gewiss die
Tochter meines Reginald und Eton war der Name den er annahm Wenn nun
Margarit Lester die Freundin von Ellen Deine Mutter war so wird es gewiss
dass er zu dem Bruder seiner Mutter zu Herrn Lester floh als ihn dies treulose
Land verbannte und nach einigen Jahren als er die jüngste Tochter seines
Oheims geheiratet hatte sich nach Schottland zu Lord Duncan begab der seit
langer Zeit die innigste Freundschaft für ihn zeigte«
Wir werden die Überzeugung beider Frauen die an dem Schluße dieses
Gespräches sich in ihnen befestigte nicht tadeln können da sich die
Wahrscheinlichkeit dafür bei dem Austausch ihrer Berichte so bedeutend vermehrt
hatte Mit einem stolzen Triumph sah Emmy nun auf Elmerice die sie träumte in
ihre Rechte eingesetzt zu haben mit Verachtung der ganzen übrigen Welt Wie sie
dabei das Bedürfnis ihres jugendlichen dem Leben noch gehörenden Lieblings
verkannte müssen wir ihr billig nachsehen wenn wir denken dass sie kaum je ein
anderes Leben als das der tiefsten Einsamkeit gekannt hatte und was sie Leben
nannte sich ihr nur als eine Pflanzschule der Verbrechen zeigte aus der
Elmerice errettet zu haben ihr ein dankenswertes Verdienst um sie schien Auch
erfuhr sie bei ihrer ausschliessenden Besitznahme durch Elmerice keinen
Widerspruch Wenn unser Herz den eben bezeichneten Kummer erleidet scheint es
uns nicht schwer von dem übrigen Leben Abschied zu nehmen mit dessen uns als
wertvoll aufgenötigten Gütern wir in einen traurigen Widerspruch geraten
den die Einsamkeit uns dagegen schonend verhüllt War doch die von ihren Eltern
ihr angewiesene Heimat selbst kein beruhigender Aufenthalt mehr und dagegen
dieser jetzt aufgefundene wunderbare Ruhepunkt wie geschaffen sie und ihren
Kummer auf immer der Welt zu entziehen Dies schrieb sie auch ihrer geliebten
Marie Duncan und forderte sie auf ihren Vater zu seiner Einwilligung in diesen
Lebensplan zu bewegen
Von da an fasste sie ihre ganze Lage mit der Liebe gegen einen dauernden
Besitz auf und teilte bald die rührende Schwärmerei Emmys die die ganze
Vergangenheit zurückzurufen trachtete und in krankhafter Aufregung sich über
Gegenwart und Zukunft immer mehr verwirrte
Elmerice hatte ihren Bitten nachgegeben und uneingedenk des Modewechsels
ihre eignen Kleider mit den Prachtkleidern vertauscht welche aus Fennimors
Garderobe von Emmy gehegt und gepflegt als ihr rechtmässiges Erbteil ihr von
derselben übergeben waren Als sie zuerst in einem schweren Seidenstoffe von
gewässertem Moor mit Spangen von reichen Steinen auf Schultern und Brust
befestigt vor Emmy dastand sank diese vor ihr wie vor einer himmlischen
Erscheinung nieder und dankte Gott in einem lauten feurigen Gebete für die
Gnade ihr göttliches Kind ihre Fennimor noch einmal vor Augen zu sehen
»Ach« sagte Elmerice »ist es denn wirklich wahr dass ich dieser schönen
Fennimor so ähnlich sehe Wüsstest Du wie ich meine ganze Liebe zu Dir aufrufen
musste um die Kleider anzulegen die von dem herrlichsten Wesen der Erde in der
kurzen Zeit ihres Glückes getragen wurden Du würdest meine Beschämung
begreifen die mich fürchten lässt ihren heiligen Schatten damit beleidigt zu
haben«
»Fürchte das nicht mein Engel« sagte Emmy »sie würde Dich selbst damit
schmücken sie würde Dich mit Überzeugung für ihre geliebte Nachkommin erklärt
haben Aber auch Du sollst nicht länger in Zweifel bleiben dass sie Dein
Ebenbild ist und da Du zufällig einen Anzug gewählt hast in dem Lesüeur sie
gemalt hat so sollst Du mein heiligstes Heiligtum den EudoxienTurm sehen
worin ich ihr Bild aufgestellt habe an dem Platze mo sie stets mit ihrem
Harfion saß Dann wirst Du sehen dass Du selbst aus dem Bilde hervortrittst
dann wirst Du mir ohne Dir Vorwürfe zu machen das Glück gönnen Dich ganz so
zu sehen wie sie ehemals vor mir stand«
»O« rief Elmerice »vergib mir meine Zaghaftigkeit und denke von meiner
Liebe zu Dir nicht geringer ich will Dir glauben und von jetzt an Dir folgen«
»Vielleicht nur noch kurze Zeit« sagte Emmy ernst »und Fennimor gönnt
mir dies Glück und segnet Dich dafür«
Wir verlassen hier auf einige Zeit diesen Schauplatz des wunderbarsten
Phantasielebens und kehren in den gegenüberliegenden Teil des Schlosses ein
das heitere Treiben der jungen Personen verfolgend die hier dem Leben so Viel
an ihnen lag allen Reiz abzufordern trachteten
Indem wir uns jedoch die Eigentümlichkeit der Hauptpersonen zurückrufen
werden wir eingestehen müssen dass der frohe heitere Lebenssinn des Marquis
dAnville und seiner jungen Gemahlin doch gerade deshalb so überströmend
hervortrat weil in ihnen ein sicherer Grund von ernstem Gefühle lag und eine
durch Grundsätze befestigte Karakterbildung Wir dürfen daher erwarten dass die
Geschichte des Grafen Leonin mit der wir uns beschäftigt haben und die der
junge Marquis so vorzutragen wusste dass ihr Hauptinhalt durch die leichtere Form
der Erzählung nicht geschwächt ward einen ernsten Hintergrund in den Herzen
seiner Zuhörer zurückließ und das übersprudelnde Leben jugendlicher Heiterkeit
dadurch leise eingedämmt erschien Leonce hatte nicht nötig an sein System des
Maasses zu erinnern vielleicht war aber das Maß der Liebenswürdigkeit gerade
dadurch in beiden Frauen erfüllt
An dem letzten Abende als der Marquis seine Erzählung mit dem spurlosen
Verschwinden Reginalds schloss und die Gesellschaft nach einigen Worten die
ihre Erschütterung ausdrückten sich früher als gewöhnlich getrennt hatte
öffnete sich einige Zeit später die Tür zu dem Zimmer des Marquis dAnville
und seine junge Gemahlin trat mit der ihr stets bleibenden anmutigen
Schüchternheit einer Jungfrau ein Aber ihr liebliches Angesicht war so bleich
wie ihr weißes Nachtkleid und als ihr der Marquis liebevoll entgegeneilte fiel
sie ihm in die Arme und weinte die ganze erfahrene Gemütsbewegung wie ein Kind
an dem Busen der Mutter in den Armen ihres Gemahls aus
»Armand« sagte sie nachdem sie den rührenden Ausdruck ihrer Gefühle in
etwas beherrscht hatte »versprich mir dass wir nicht Besitzer werden wollen
von dieser traurigen Erbschaft dass wir alle unsere Kräfte alle unsere
Verbindungen alle unsere Mittel noch ein Mal in Bewegung setzen wollen jenen
armen gekränkten Reginald oder seine Erben zu entdecken«
»Du sprichst aus meiner Seele« rief der Marquis sie an seine Brust
drückend »die Zeit hatte den Eindruck in mir gemässiget die Fruchtlosigkeit
meiner Nachforschungen hatte mich endlich damit abschließen lassen fast hätte
ich jetzt das Provisorium über diese Güter aufgehoben und mich zum Erben
erklärt aber indem ich Euch jetzt Alles erzählte stieg aufs neue belebt die
ganze Gewalt dieser großen Verschuldung in mir auf und unmöglich schien es mir
seit den letzten Tagen hier wirklich als rechtmässiger Besitzer aufzutreten und
damit fast in die verwerfliche Bahn einzulenken die unser armer Oheim verführt
ward zu betreten«
»Das stand auf Deiner Stirn Armand« sagte Lucile ihre Tränen völlig
trocknend »Auch kam ich nicht in der Meinung ich könne Dir das Rechte erst
durch meine Bitten entdecken helfen Ich wollte ich hatte den Austausch
unserer Gedanken so nötig mein Herz will mir zerspringen wenn ich an das
Schicksal dieser Fennimor denke dieses unglücklichen Reginald Ich habe ein
Gefühl als könne diese wunde Stelle in unserer Brust dieser Flecken auf
unserem Wappenschilde nicht eher verschwinden als bis wir dies Erbe den
rechtmäßigen Besitzern übergeben haben«
»Sieh hier Lucile« rief der Marquis jetzt und zog sie gegen den
Schreibtisch »und möge dieser Brief den ich noch heute Abend zu beschließen
denke Dir eine ruhigere Nacht bereiten und Deine Träume mit der großmütigen
Hoffnung füllen dass Du Reginald wieder findest und ihm die reichste Erbschaft
des Landes ausliefern kannst«
Lucile hörte in freudiger Bewegung als Armand sie in einen Lehnstuhl
gesetzt hatte was er seit ihrer Trennung geschrieben
»An Lord DuncanLeitmorin«
»Euer Herrlichkeit haben wiederholte und dringende Aufforderungen zur
Mitwirkung meiner jahrelangen Bemühungen um die Auffindung Ihres Freundes
Reginald de Ste Roche stets unbeantwortet gelassen und ich habe lange
geglaubt dass meine Briefe an Euer Gnaden verloren gingen oder Ihre möglichen
längeren Abwesenheiten von Leitmorin sie nicht in Ihre Hände lieferten Obwol
meine Nachforschungen dadurch nicht gänzlich gehemmt wurden und ich sie in
allen Richtungen fortsetzen ließ knüpfte ich doch immer im Geheimen meine
größte Hoffnung an Sie als dessen Freund und erlauben Sie mir es
hinzuzusetzen ich verdiente von Euer Herrlichkeit eine weniger misstrauische
Aufnahme«
»Sollten meine Hoffnungen dass dieser mein unglücklicher Verwandter sich
nach England flüchtete und in Ihrer Nähe lebt oder Sie Kenntnis seines
Aufenthaltes haben sich erfüllen so fordere ich Sie im Namen der Menschheit
auf Ihr ungerechtes Misstrauen gegen mich aufzugeben und mir beizustehen um
eine späte aber immer gleich heilige Gerechtigkeit gegen meinen unglücklichen
verfolgten Verwandten ausüben zu können Ich bin in Ste Roche und werde hier
Ihre Antwort abwarten indem ich mich der Kouriere bediene diesen Brief in Ihre
Hände zu liefern«
Lucile erhob sich mit einem unaussprechlichen Ausdrucke von Stille und
Verehrung in ihren Zügen Sie beugte sich ein wenig gegen ihren Gemahl vor sie
öffnete die Lippen als wollte sie reden dann schwieg sie schüchtern küsste
sanft seine hohe helle Stirn und sagte endlich ganz leise »Armand ich liebe
Dich«
»Lucile« rief er entzückt als habe er es zuerst gehört und vielleicht
hatte das erste Mal sein Herz nicht mit höherer andächtigerer Wonne erfüllt
»Meine teure Lucile« rief Leonce am anderen Morgen als man sich in dem
kleinen Burggarten der an der anderen Seite des Schlosses und an den jetzt
bewohnten Gemächern lag zum Frühstücke versammelt hatte »ich muss um Gnade
bitten denn ich bin auf Ihre Unkosten liebenswürdig gewesen«
»Ich glaube das ist am Ende eine von Ihren seltenen und dann superfeinen
Galanterien« rief Lucile »In welchem Reichtume von Liebenswürdigkeit müssen
wir uns befinden wenn Sie darauf Gebrauchsanweisungen schreiben und nicht
allein die Quantität sondern die Qualität muss es außerdem sein die sie an
Ihren eigenen Schätzen vorübergehen lässt Ah Armand wir sind mit Deinem Bruder
zufrieden«
»Dann gebe nur Gott dass Sie es auch bleiben« lachte Leonce »denn Ihre
Gunst hat mich noch nie länger als eine Sekunde vor dem Anfange unserer
diversen Unterhandlungen beglückt«
»Aber Sie mein teurer Widersacher unterliessen auch stets Ihre
Unterhandlungen wie heute mit einer einflussreichen kleinen Schmeichelei zu
beginnen Selten fühle ich mich daher so sanft so hingebend so geneigt Alles
allerliebst zu finden was Euer Liebden in weiser Herablassung geneigt sein
werden vorzutragen«
»Nun mich dispensire nur vom Zuhören« rief Margot und stand mit zwei
luftigen Springen auf dem Rande einer alten marmornen Treppe die
terrassenartig in den Wald führte der dem Burggarten gegenüber lag
»Nein« rief Leonce und setzte der flüchtigen Gestalt eben so gewandt nach
»Sie dürfen nicht entwischen denn auch Sie sind bei meiner Verhandlung mit
Lucile eben so beteiligt wie diese ich habe auch Ihre Gnade in Anspruch zu
nehmen«
»Gott was ist geschehen« rief Margot mit erheucheltem Erschrecken »wie
tief muss Leonce sich verschuldet haben wenn er sogar meine Gnade gebraucht Ha
Armand kommen Sie zu unserm Schutze herbei er hat uns an Räuber verkauft
ihn gereut eine Verschwörung die er angezettelt ich fürchte Alles das
Schrecklichste Entsetzlichste Abscheulichste da er meine Gnade anruft«
»O« rief Leonce mit ein wenig dreister Heiterkeit Margot in die Augen
blickend »was gäbe ich darum wenn ich wüsste ob Sie mich um das was ich
getan abscheulich und entsetzlich finden werden«
»Hier ist immer Einer unartiger wie der Andere« rief Armand sehr ergötzt
durch seine jungen Freunde »Wen soll ich hier schützen Meine Ritterpflichten
kommen ins Gedränge wo die Natur ihre Rollen gewechselt zu haben scheint Die
Damen sind offenbar die Stärkeren und Leonce sieht aus als wolle er
unterliegen«
»Ja gewiss« rief Lucile »hier ist Niemand artig als ich allein was Du
wahrscheinlich vorher zu bemerken vergassest Es ist ein schweres Geschäft so
große so widerspenstige Kinder in Ordnung zu halten aber ich muss mich daran
geben denn kommt Margot so zu ihrer Mutter zurück wird die gute Gräfin
dAubaine glauben ich habe meine ganze Solidität verloren und man wird
bedenken ob man vorsichtig genug in der Wahl meines Gatten war«
Armand nahm hier die leichte weiße Hand gefangen die während dieser mit
Patos gehaltenen Rede beschäftigt war die verschiedenen Gegenstände des
Frühstückes welche das reich besetzte Tischchen bedeckten in Umlauf zu
bringen »Und am Ende« sagte er sie küssend »schickst Du mich fort damit
Deine Erziehung nicht durch schlechtes Beispiel leidet«
»Und am Ende« wiederholte sie im Begriffe zu scherzen aber gegen ihren
mit Ehrfurcht geliebten Gatten leicht in dem Tone der Neckerei aufgehalten
brach sie plötzlich ab und rief »ich fange mein strenges Regiment mit Ihnen an
Leonce ich erkläre Ihre Chokolade noch zu heiß um sie jetzt schon
hinunterzustürzen sie wird sich warm halten bis Sie uns endlich vertraut
haben was wir Ihnen aufs neue vergeben müssen«
»Ach« rief Leonce »denken Sie weniger an mich obwohl ich dieses
herrliche Waldhuhn gern erst zerlegt hätte aber gönnen Sie unserer armen
kleinen Margot das stille Vergnügen ohne Gemütsbewegung den zarten Brei von
Erdbeeren Brod und Milch und einigen zwanzig kleinen Zutaten dieser vor ihr
aufgepflanzten Büchsen zu verspeisen dann fange ich an sogleich sogleich«
Das göttliche Vorrecht der Jugend über Nichts zu lachen ergriff Alle bis
auf die Verspottete Sie war mit ihrer gewöhnlichen Diät junger Mädchen die vor
Fleisch und dessen Erscheinungen wie vor den Gebräuchen wilder Völker
zurückbeben und ihren kleinen heißen Magen unter der engen Schnürbrust mit
Milch Obst und Konfituren baden ein immerwährender Gegenstand für Leonces
Spöttereien und führte nicht selten um ihm zu trotzen auf ihrem Teller die
wunderlichsten Gesellschaften sich widerstreitender Nahrungsmittel zusammen
Nachdem der angenehme kleine Lachschauer vorüber war erklärte Margot
diese neue grausame Spötterei habe ihr gänzlich ihre schöne Morgenspeise
verleidet Leonce könne daher anfangen wenn anders seine wilden Gebräuche die
unschuldigen Tiere des Waldes zu verschlingen ihm dazu Raum gäben
»Ach ja« rief Leonce »es sei so Denn ehe die Beklommenheit des Herzens
nicht aufgehört hat eher wird der Segen eines guten Frühstücks nicht an mir in
Erfüllung gehen Ich habe einen Freund« rief er mit Patos und zog einen Brief
hervor »Wie ich zu diesem Glücke kam wird vielleicht nicht besonders
schmeichelhaft für meine Eitelkeit sein Jetzt ist vors Erste unsere Verbindung
die allerfeurigste der Welt wo ich nicht bin ist ihm die Erde eine erkaltete
Leiche ein ausgebrannter Krater mein Atem belebt den seinigen mein Auge
ist der Stern der ihm die Nacht des Lebens erhellt mein Lächeln ist der
Sonnenschein der alle Keime seines Wesens grünend und blühend hervorruft der
Ton meiner Stimme ist die Melodie die er wiederklingen fühlt durch alle Saiten
seiner Brust meine Gedanken ergänzen die seinigen meine Neigungen passen zu
seinem Charakter mein Herz so weich so kühl dabei wie Sie es alle kennen
stärkt und erquickt das seinige was leidenschaftlich von besonderem Feuer
belebt wird ach ich muss inne halten Wo gäbe es eine Sprache um eine
Leidenschaft zu bezeichnen die nach langer spröder Dürre plötzlich dem
gefundenen Ideal gegenüber in ihrer vollen Stärke hervorbricht«
Ein lautes Gelächter aller seiner Zuhörer unterbrach hier den mutwilligen
Spötter und nur mit Mühe unterdrückte er seine Neigung darin einzustimmen
»Ach« fuhr er fort »findet denn Nichts hier Anklang was aus der Welt
der Ideale hernieder gestiegen Glauben verlangt an ein höheres Bedürfnis Sind
diese Wunder der Seelenverwandtschaft die keinen höheren Nachweis fordern als
ihr geisterhaftes Erscheinen vor uns sind sie Ihnen denn alle fremd Lucile
gefühlvolle Gattin und Ehrendame der Königin hat Ihr Herz nie diesen Takt
geschlagen Armand Kämmerer des Reichs Marquis aus den Zeiten Arthurs und
der Tafelrunde ging die Welt der Seligkeit die in einem Dir ganz gehörenden
Freunde schon Homers und Pindars Gesänge verherrlichen an Dir ungekannt
vorüber Und Sie Margot voll Jugend und Unschuld eine schöne Knospe um
die alle Blätter zur Vollkommenheit entwickelt sich eifersüchtig über dem
süßen Dufte gewölbt haben der darin sein Aroma bereitet ahnt Ihnen nicht
wenigstens der verhängnisvolle Augenblick wo sie überlistet von ihrem Vetter
oder um in der Bildersprache dieser schönen Gedankenoperation fortzufahren
wo sage ich also ein Sonnenstrahl Sie so lange bescheinen wird bis Sie
aufblühen und der göttliche Duft so schwärmerischer Liebe oder Freundschaft
als mein Freund für mich fühlt die Luft durchdringen wird«
»Nein nein Leonce« rief hier Margot sich durch das allgemeine Gelächter
mit ihrer feinen Stimme Bahn brechend »auch im Spasse kann und will ich Ihre
abscheuliche Empfindsamkeit nicht ertragen Lucile er reizt mir das Blut bis in
die Fingerspitzen alles Gefühl bis zum kleinsten Atome möchte ich aus mir
herausjagen um auch Nichts keinem Sonnenstaube Ähnliches in mir davon zu
haben«
»O Knospe Knospe« rief der unerbittliche Leonce »dieser Zorn ist Symptom
Deines Aufblühens Sollte der Sonnenstrahl schon über Deinen Blättern stehen«
Wild und glühend bis zum Scheitel sprang Margot auf und jetzt setzte sie
so schnell über die marmorne Treppe dass sie eine Stufe verfehlte und hätte
Leonce sie nicht eilig zuspringend in demselben Augenblicke im Arme
emporgerissen so wäre sie die baufällige Treppe hinab gefallen
Als er sie ansah erblickte er dicke Tränen in ihren Augen und sie schlug
fast nach ihm so ungestüm dachte sie daran sich von ihm zu befreien
»Nein nein Margot verzeihen Sie mir erst« rief er mit seiner vollen
Gutmütigkeit »ich war zu ausgelassen ich habe Ihnen wehe getan und fühle
mehr wie Sie ahnen den Schmerz Sie beleidigt zu haben Nein nein ich lasse
Sie nicht eher los bis Sie mir verzeihen«
»Alles Alles« rief Margot »nur lassen Sie mich los ich sterbe sonst auf
der Stelle« Und noch einmal versuchte sie ihre kleinen Hände zu befreien und
entschlüpfte Leonce der sie los ließ und verbarg sich hinter Lucile die
vergeblich zur Ordnung gerufen hatte
»Ich bin ganz Deiner Meinung Margot« rief Lucile lachend dass die Tränen
ihr in den Augen standen »Leonce ist ganz unerträglich und ich wünschte wir
wüssten seine pendantische Rede über das Maß noch auswendig um sie ihm jetzt
vor halten zu können denn ich merke die Nutzanwendung hört bei seinem eigenen
Verfahren auf wie das bei allen BussPredigern der Fall sein soll«
»Sein Sie jetzt nicht zu streng Lucile« erwiderte Leonce »ich habe Etwas
in den schönen Augen meiner kleinen Muhme gesehen was allen Übermut in mir
ausgelöscht hat Ich bin für heute bestraft genug und will Ihnen jetzt ganz
einfach referiren ja ich bin so eingeschüchtert dass ich um nicht mehr von
meinen Gefühlen verführt werden zu können die Veranlassung weder nennen noch
bezeichnen will Ihrem Scharfblicke das Weitere überlassend Der junge Graf
von Bussy der so eben seine Vermählung mit Mademoiselle de Guiche in Versailles
gefeiert hat ist auf dem Wege nach seinem schönen Schloss Rabutin und kommt so
nahe an Ste Roche vorüber dass er von unserer Anwesenheit unterrichtet mir
gestern einen Boten sendete mit der Bitte seinen Besuch bei meinen
liebenswürdigen Verwandten zu vermitteln«
»O« rief Lucile freudig ihre Hände zusammen schlagend »das ist eine
allerliebste Nachricht nun sollen Ihnen alle Ihre Unarten vergeben werden«
»Auch wenn ich bereits zugesagt habe« fragte Leonce »Der Bote traf mich
auf dem Wege nach dem Kloster Tabor dessen Bibliothek ich einen Besuch machen
wollte da gedachte ich des Beifalles den Sie liebe Lucile der jungen Gräfin
Guiche stets gezollt und ich hatte entschieden ehe ich die Schwierigkeiten
überlegt Ihnen diesen Vortrag zu machen«
»Nun ich bin versöhnt« rief Lucile »denn ich finde diesen Besuch
allerliebst Und ich argwöhne Leonce mein Armand war mit Ihnen im Komplotte
bei dieser Uberraschung«
»Zufällig war Armand mit mir als uns der Bote erreichte« lachte Leonce
»Doch er ist so schüchtern wie ich seiner holden Tyrannin gegenüber
wenigstens hat er mir die ganze Verantwortlichkeit zugeschoben«
»Nun« erwiderte Lucile »was meinst Du Margot sollen wir ihm vergeben«
»Tue Du was Du willst« sagte diese von weit ber denn sie war leise
hinter Lucile fort bis an das niedere Geländer der TerrassenBrüstung
geschlichen und schaute Allen den Rücken zukehrend in die Gegend »Ich werde
mich darauf noch ein Weilchen besinnen und namentlich auf seine fernere
Aufführung Acht haben ehe ich Frieden schließe«
»Dann habe ich Ihre Versöhnung sicher« antwortete Leonce »besonders
wenn Sie mir erlauben Sie jetzt anzusehen«
»Nein nein Armand leiden Sie es nicht« rief Margot »ich springe hier
hinunter wenn er mir nahe kommt«
»Sein Sie ruhig« antwortete Armand »jetzt nehme ich Sie in meinen Schutz
Doch sagen Sie darf ich Ihnen nahe kommen Und wollen Sie uns beistehen im
Schloss die Zimmer auszuwählen die wir für unsere zahlreichen Gäste bereit
halten müssen«
»Sogleich komme ich« sagte Margot »doch hier in der Ferne entdecke ich
etwas ich muss es erst heraus haben was es ist«
»Ich will Ihnen helfen Margot« rief Leonce aufstehend »ich weiß
vollkommen in der Gegend Bescheid«
»Nein nein« sagte sie rasch herunter springend »ich weiß jetzt was es
ist« und mit einem Satze war sie zwischen Armand und Lucile und musste nun ihr
glühendes Gesicht den lachenden Augen ihrer jungen Freunde preisgeben
»Kommen Sie Margot« rief Armand und gab ihr mitleidig den Arm »wir
verständigen alten Leute gehen voran diese jungen Spötter mögen uns folgen«
So durchzog man erst den anmutigen kleinen Burggarten der unter den
Fenstern der von ihnen bewohnten Zimmer lag und von einer hohen Brüstung
untermauert war an deren Fuße sich die schönen grünen Waldwege anschlossen
die wenig von der Kultur erfahren hatten und mit kurzem saftigem Waldmoose
bedeckt waren Dieser Platz den sie heute zuerst besucht hatten ward für
würdig erkannt auch den Gästen zur Frühstücksstunde zu dienen da er Schatten
und Kühlung versprach Dann wandelte man durch die bewohnten Gemächer um die
Haupttreppe zu erreichen die in die oberen Zimmer führte welche über denselben
lagen
Hier auf dem alten mit MarmorStatuen geschmückten Treppenflure blieben
Alle überrascht von ihren Erinnerungen an dAnvilles Erzählung stehen und die
Nacht in der die beiden unglücklichen Brüder zu einer so fürchterlichen
Katastrophe ihres Lebens diese Treppen erstiegen stand Allen so lebhaft vor
Augen dass sie ihren frohen Lebenshauch aufhielt
»Nein« rief dAnville »mein Herz wird nicht eher ruhig schlagen bis
diesem armen edelen Reginald Recht geschehen ist«
»Und« setzte Lucile mit dem lieblichen Ernste ihrer plötzlich erblassten
Wangen hinzu »meiner heiligen herrlichen Tante Fennimor O Armand ich buhle
mit ihrem Schatten der diese Räume heiligt um die Gunst ihrer Liebe ich
will sie soll mich gern als ihre Verwandte anerkennen«
»Vielleicht segnet sie unsere Absichten« sagte Armand und unwillkürlich
hing Luciles Arm in dem ihres Gemahls und Margot war so erschüttert dass sie
sich ohne Weigerung von Leonce auf der Treppe unterstützen ließ weil sie ihren
ganzen Streit mit ihm vergessen hatte
»Die Zimmer über den unsrigen sollen von den verschiedenen Besitzern stets
im wohnlichen Stande gehalten sein« erzählte Armand »in ihnen müssen wir
unsere Einrichtungen treffen«
»Und berühren wir damit den Bankettsaal« fragte Lucile
»Nein dieser Teil des Schlosses bleibt uns links wir wenden uns auf dem
oberen Treppensaale rechts«
Sie fanden hier eine altertümliche aber reiche Ausstellung von vielen
wohl an einander hängenden Gemächern und Leonce der beständig die Chronik und
den alten Plan des Schlosses studierte sagte ihnen dies seien die
GesandtenZimmer Katarina von Medicis habe sie noch mit ihren kostbaren
vergoldeten Ledertapeten zum Empfange der polnischen Magnaten einrichten
lassen die sie dort in der Stille für ihre Sache zu gewinnen suchte
»Wir werden doch wohl mit diesen Zimmern ausreichen« fragte Armand Leonce
»Nun wie viel Gäste erwartest Du denn« sagte Lucile
»Ich höre es werden sich einige Freunde des jungen Ehepaares in seinem
Gefolge befinden und ich habe Alle hierher eingeladen denn ich hoffe wir
fesseln sie so eine Zeit lang an unser altes Geisterschloss«
»Und wie ich hoffe Leonce« sagte Lucile »befindet sich unter ihnen auch
Ihr junger feuriger Freund der Sie so überaus empfindsam stimmt und den Sie
uns jetzt doch nennen werden«
»Nein nein liebe Lucile das soll Ihrem Scharfsinne überlassen bleiben
ich verrate ihn nicht und will Acht geben wer von Ihnen beiden ob Sie oder
meine kleine Muhme Margot ihn zuerst erraten wird«
»Sein Sie sicher dass ich Ihre Freunde nicht zum Gegenstande meines
Nachdenkens machen werde am wenigsten aber begierig bin diesen empfindsamen
Jüngling kennen zu lernen« Mit diesen lebhaften Worten rannte Margot schnell
aus der Nähe ihrer Freunde welche sie erst vor einer PortraitStatue auf dem
Treppensaale wiederfanden Sie schauderte zusammen als man sie anredete und
wies mit unverholener Bangigkeit auf die kühne drohende Gestalt vor der sie
stand »Es ist Spinola« sagte sie kaum hörbar
Alle teilten ihre Ansicht und hingerissen von den Erinnerungen die hier
überall ihren Schauplatz fanden trat bei Jedem der Wunsch hervor dennoch die
verhängnisvollen Gemächer zu betreten wo ihrer so viel Grauen Erregendes
wartete und Lucile bestätigte ihren früheren Ausspruch Sie habe nichts
dagegen sich ein wenig zu grauen wenn sie dabei recht gesichert wäre und so
schien Margot auch zu denken Doch nahm sie abermals und wie es dies Mal
schien ohne alle Zerstreuung den Arm ihres bösen Vetters Leonce an
Es war gewiss ein erschütternder Eindruck diesen alten verfallenen Saal zu
betreten der seit der letzten gerichtlichen Untersuchung verschlossen gewesen
war Keine Hand hatte Willen oder Berechtigung gefühlt hier die Spuren des
Vorgefallenen die früher sogar erhalten werden mussten zu vertilgen und der
Marquis und Leonce bereueten fast von eigener Neugier verführt den Damen so
viel zugemutet zu haben Da standen gegen den Kamin die beiden Lehnstühle der
eine mit Kissen bedeckt deren heller Atlas jetzt mit dunkeln Flecken fast
verdeckt ward und daneben das schrillende Tischchen von getriebenem Kupfer
mit der wunderlich eingelegten Platte Beide Damen standen mit unterbrochenem
Atem davor selbst die Männer blickten mit Ernst und Grauen auf diese
verhängnisvollen Plätze doch Leonce der zugleich wünschte die erblassten Damen
wegzuführen eilte nach dem Ende des düsteren Saales und leicht gelang es ihm
die Türe nach der Gallerie zu öffnen die er hier gut vertraut mit dem Plane
des Schlosses vorzufinden sicher war
Er fand die Türe nur angelehnt und als er sie aufstiess glaubte er eine
weibliche Gestalt am Ende der Gallerie verschwinden zu sehen doch war diese so
mit kleinen selbst gesäeten Gebüschen bewachsen dass ihm kein freier Durchblick
gestattet war und er fast beschämt seine forschenden Augen zurückzog
überzeugt es sei ein Spiel seiner eben so lebhaft erregten Phantasie Es
drang indessen ein Strom von Luft und Sonnenlicht durch die geöffnete Türe dass
sich Alle der erfreulichen Richtung zuwendeten Aber indem sie ihr entgegen
eilten mussten sie an der großen eichenen und noch immer behangenen Tafel
vorüber auf der Ludwig sein Leben ausgehaucht und das scharfe Licht was jetzt
durch die Türe strömte erhellte sie und den dunkeln Fußboden davor
»Was ist das« rief Lucile überrascht stehen bleibend »dies ist ein Grab
mit Blumen überdeckt«
Man nahete sich Die Vegetation der so schmerzlich gedüngten Stelle war
nicht zu leugnen der feuchte Saal hatte die traurige Aussaat begünstigt aber
ein frischer Kranz von Epheu und Cypressen konnte diesem Stillleben der Natur
nicht zugerechnet werden und Alle blieben schweigend vor dem nicht erklärbaren
Ereignisse stehen
»Nun« sagte Leonce »wir wissen ja dass wir nicht die alleinigen Bewohner
dieses Schlosses sind So muss denn Emmy Gray diesen Kranz hierher gelegt haben
und dieser Teil des Schlosses muss mit ihren Gemächern im Zusammenhange stehen«
»Das ist wenigstens so prosaisch als möglich erklärt« rief Margot »ich
schwöre aber darauf die Alte war es nicht Denn mit achtzig Jahren wie sie
bald sein kann ist man nicht mehr so sentimental und da sie schon seit einigen
zwanzig Jahren diesen traurigen Ort über sich wusste so ist es unwahrscheinlich
dass sie erst jetzt ihren Kranz fertig bekommen haben sollte denn es ist der
einzige hier und ein völlig frischer«
»Ach« sagte Lucile »denkt doch an die Erscheinung die wir in den ersten
Tagen unseres Hierseins hatten wie wir unter der alten Terrasse hinritten die
vor Emmys Zimmer liegt und am Fensterkreuze die reizende Gestalt im weißen
Gewande schweben sahen die sich lange genug zeigte um von uns Allen gesehen zu
werden und dann plötzlich wie ein Geist verschwand O ich bitte Euch lasst
mich von hier fort auf die sonnenhelle Gallerie treten wenn ich Luft habe
will ich beichten Ihr werdet hier meine Neugier nicht verspotten und ich kann
nicht länger schweigen selbst wenn Ihr mich Alle auslachen solltet Ach
Armand« sagte sie sich an ihn lehnend »man ist nicht umsonst in diesem
Geisterschlosse ich erwarte überall Fennimor zu finden ich wünsche es so
brennend dass mein Geist sich dabei verwirrt und ich es für möglich halte
Deshalb« fuhr sie fort während der Marquis die holde überspannt blickende
Frau nach der Gallerie führte »wüsste Emmy Gray wie ich ihre Fennimor liebe
wie ich mich nach den Überresten ihres heiligen Engellebens sehne sie nähme
mich bei sich auf sie würde mich anerkennen als Fennimors Verwandte«
»Wir haben ja dazu noch Hoffnung meine Liebe« sagte der Marquis
beschwichtigend »Auch ich denke unser Entschluss endlich hierher zu kommen
soll uns noch gute Resultate bringen ich könnte hier nicht eher fort bis etwas
Versöhnendes geschehen ist obgleich ich gestehen muss dass ich noch nicht weiß
wie es zu machen sein wird Fast geht es mir wie Dir auch ich sehe umher als
erwartete ich etwas wenn auch nicht Fennimor den sanften Engel dem ich seine
höhere nähere Vereinigung mit jener Welt ohne einen egoistischen Wunsch für
unsere Herzen gönne«
»So ist es meine teure Lucile« sagte Leonce freundlich seiner bewegten
Schwägerin nahend »diesen Standpunkt müssen Sie festhalten denken wie diese
hier schon verklärte Fennimor die höchste Seligkeit genießen muss dann werden
Sie Ihr schönes Gleichgewicht wieder erhalten und wir werden uns Alle dem Leben
um so teilnehmender zuwenden da es uns so heilige Pflichten auferlegt gegen
ihren berechtigten Erben«
»Ja« sagte Lucile ihm ihre schöne Hand reichend »ich wusste wohl dass
Leonce eben so wenig an diesem Erbe Freude haben könnte als wir selbst doch
ist es großmütiger von Ihnen wie von uns da wir außerdem so viel reicher
sind wie Sie«
»Teure Lucile Wenn wir die Rollen eben tauschen könnten würden Ihre
Gesinnungen gewiss nicht damit wechseln Habe ich doch wie Armand was mir von
diesem Vermögen zufiel bisher nicht zu meinen Revenüen zugezählt und ich
hoffe« setzte er lächelnd hinzu »Sie haben mich stets elegant und
vortrefflich eingerichtet gefunden«
Sinnend drückte Lucile dem geliebten Verwandten die Hand »Aber wer war es
denn« fuhr sie plötzlich empor »wenn es Fennimor nicht sein kann«
Leonce sah unwillkürlich die Gallerie hinauf aber Lucile fuhr fort »Unser
Streit an dem Abende nachdem wir Alle jene Erscheinung in Emmys nur als von
ihr bewohnt bezeichnetem Zimmer gehabt hatten trieb mich am anderen Morgen früh
aus meinem Bette und ich wandelte hinaus ich glaube fast schon in der
Absicht in Emmys Wohnung einzudringen Durch Gebüsche mich durchdrängend
stehe ich vor dem kleinen Eingangsturme und diese mir als verschlossen und
verrammelt geschilderte Wohnung liegt plötzlich mit geöffneten Türen vor meinen
Augen«
»Sagt war es nicht verzeihlich dass ich eintrat Ach ich habe nur einen
allgemeinen Eindruck erfahren Einzelheiten kann ich Euch nicht anführen mein
Herz meine Sinne waren in der Erwartung gespannt Emmy jeden Augenblick
begegnen zu können Nur so viel weiß ich ich durchwandelte fürstlich
eingerichtete Räume alle im frischesten Glanze das Ganze wie zum Feste mit
blühenden Blumen geschmückt ein Paradies oder vielmehr ein würdiger Raum
sich Fennimor gegenwärtig zu denken Da sah ich endlich Emmy Gray«
»Wie« riefen Alle »Du sahst sie«
»Ja aber sie mich nicht In tiefem Schlafe ruhte sie in einem Lehnstuhle
vor einem großen prachtvollen Bette Diese in Alter und finsterem Gram
erstarrten Züge konnten nur Emmy Gray gehören Aber wen bewachte sie in diesem
Bette Gott« fuhr sie fort indem sich ihre Augen füllten »Armand Du hast
uns Fennimor so genau beschrieben Du sahst ihr schönes Bild so oft bei Deinem
armen Oheim ich hatte Deine Worte so lebhaft aufgefasst dass ich kaum den lauten
Schrei bezwang wie ich in dem grünen Damastzelte des Bettes Fennimors
schlafendes Engelsbild erblickte«
»Lebend Einen lebenden Gegenstand« riefen Alle
»Ja lebend Wenn die reinste Farbe die der gesunde Schlaf auf unsere
Wangen malt wenn das Lächeln des halb geschlossenen Mundes wenn der leichte
Kinderatem der jugendlich ihren Busen hob wenn dies anders Lebenszeichen
sind dabei der braune Lockenschmuck die schmale weiße Hand die Du
gerühmt ach Armand« rief Lucile in seinen Armen sich verbergend »es war
Fennimor Denn wen wen würde Emmy Gray sonst bewachen wie Wärterinnen an der
Wiege des geliebten Kindes wachen«
»Sonderbar unbegreiflich« riefen Luciles Anverwandte Sie hatte von
Niemandem Spott zu fürchten Alle teilten ihre Bewegung
»Aber weiter weiter« rief Armand nun die tiefe ungewöhnliche Bewegung
die er in der letzten Zeit an ihr bemerkt erklärt findend »Sag geliebte
Lucile geschah Dir auch nichts« Sie an seinem Herzen haltend konnte er sich
kaum überzeugen dass sie ohne Schaden davon gekommen sei
»Ich weiß nicht« fuhr Lucile fort das bewegte Gesicht erhebend »wie
lange ich in dem schönen Anblicke verloren so vor der Schlummernden stand Da
hob Emmy den im Schlafe niedergesunkenen Kopf in die Höhe und obwohl sie nicht
erwachte ergriff ich doch die Flucht und kam unbemerkt zurück Vergebt mir
dass ich es Euch verschwiegen« setzte sie fast flehend zu Armand emporblickend
hinzu »Oft habe ich es versucht aber ich war beschämt über mich selbst ich
wollte Eure gute Meinung nicht verlieren ich wollte besonders mich nicht Euren
Neckereien aussetzen«
»Da nehmen Sie den Vorwurf hin« sagte Margot zu Leonce »Ihre Neckereien
sind es die meine liebe Lucile zu dieser Heimlichkeit verführt haben ich
hoffe Sie bereuen«
»Mehr wie Sie denken« erwiderte Leonce ernster als der Vorwurf es
verdiente »Glauben Sie mir teure Lucile ich unterliege wie Sie dem
Einflusse dieses Schlosses und dem Nachklingen seiner Begebenheiten die Armand
uns so lebhaft vorgetragen Es ist mit dem Gedanken an Fennimor in meiner Brust
ein unaussprechliches Gefühl von Sehnsucht und Schmerz erweckt In solcher
Stimmung übertreibt man leicht wenn man nicht einzugestehen wagt dass man
ernster ist als die günstigsten Umstände es rechtfertigen darum verzeiht mir
Alle«
»Nun« lachte Margot »hier ist ein förmliches Beichtesitzen eine Demut
ein Abbitten nur mein Bekenntnis fehlt noch dass ich eben so oft weinte
wie lachte und Euch das Erstere auch nicht sehen ließ«
»Es scheint mir wir haben Alle Ursache unsere Gäste willkommen zu heißen«
hob jetzt Armand freundlich an »ich habe mit meiner Erzählung Euch Allen den
frohen Lebensmut getrübt Unter unbefangenen Freunden denen wir als Wirte
unsere Aufmerksamkeit schenken müssen werden wir alle unsere eigne Natur
wiederfinden«
»Nun hat Armand auch eine Sünde gegen uns gebeichtet« rief Margot »Wir
sind also Alle schuldig und ich fange hiermit an und vergebe Allen«
Freundlich blickte Jeder auf das reizende feurige Mädchen die um sich den
Blicken zu entziehen durch die wilde Vegetation hindurch drang die über den
Rand der Gallerie sich schleichend nachgerade den ganzen Raum usurpirt hatte
Mechanisch folgten ihr die Andern und plötzlich die Lage erkennend rief
Leonce »Wissen Sie meine Damen dass wir vor dem EudoxienTurm stehen«
»Das habe ich gedacht« entgegnete Lucile »Lasst uns denn näher gehen
sein Anblick wird doch von uns allen heimlich ersehnt«
Schon rief Margot »Ich bin an der Tür und sie ist nur angelehnt«
Armand hielt Lucile einen Augenblick zurück Sein Herz trieb ihn ihr im
Geheim ein liebevoll tröstendes Wort zu sagen Leonce eilte daher an ihnen
vorüber und trat hinter Margot in das EudoxienGemach
Doch dauerte die herzliche Zwiesprache zwischen Lucile und Armand nicht
lange Überrascht blickten sie auf Leonce der aus dem Zimmer zurück auf den
Marquis zustürzend diesen mit Heftigkeit am Arme ergriff »Armand« rief er
während Todtenblässe und hohe Röte sein schönes Gesicht abwechselnd überlief
»Armand was kann das sein Sie ihr Bild« Er stammelte er war gänzlich
außer Fassung
»Was ist geschehen« rief Armand erschrocken »was kann Dich so
überraschen«
»O kommt doch kommt doch« tönte Margots helle Stimme aus dem Gemache
Schon flog Lucile der Richtung entgegen Als sie die Tür aufstiess stand Margot
ganz vertieft in den Anblick eines lebensgrossen weiblichen Bildes und als
Lucile davor hintrat stieß sie mit einem Schreie der Überraschung die Worte
aus »Heiliger Gott das ist sie«
»Ja in Wahrheit« rief Armand der schon hinter ihr stand »das ist das
Bild Fennimors Zwar nicht dasselbe was mein Oheim bei sich hatte aber dennoch
ihr treues unverkennbares Abbild«
»Und das meiner Schlafenden« rief Lucile »Ja ja ich täusche mich nicht
es gleicht ihr Zug für Zug und gewiss sind die Augen mit den langen schwarzen
Wimpern die ich geschlossen sah so tief blau wie diese Ja« wendete sie sich
zu Leonce der atemlos ihr zuhörend dennoch Zeit gehabt hatte sich zu fassen
»ich begreife Ihr Erstaunen Auch ich glaubte die lebende Fennimor käme mir
entgegen als ich hier eintrat«
»Nicht wahr« sagte Leonce zerstreut »es kann selbst starke Nerven
erschüttern Sehen Sie hier damit wir außer Zweifel sind diese Unterschrift
Fennimor Lester vermählte Gräfin CrecyChabanne gemalt im Jahre der Gnade
1670 von Eustace Lesüeur«
»Das ist also das zweite Bild was er malte welches wahrscheinlich Emmy
Gray für sich zurück behielt Ihr werdet Euch dessen erinnern« fuhr Armand fort
»Graf Leonin sagte mir immer es habe die größte Mühe gekostet nur Eins von
den Bildern zu erhalten die Lesüeur damals machte und erst als er seinen
Wunsch aussprach einen Grabstein danach anfertigen zu lassen willigte Emmy
Gray ein oder ließ sich vielmehr das eine ihr minder liebe Bild wegnehmen«
Während dieser Worte betrachteten Alle das wundervolle Bild des
unsterblichen Lesüeur Jeder entdeckte neue Vorzüge Jeder fühlte es sei mit
Liebe und Begeisterung bis in die kleinsten Einzelnheiten ausgeführt worden
Fennimor war in einem weißen gewässerten Moorkleide gemalt welches über
Schultern und Brust mit Agraffen von bunten Steinen befestigt war Sie saß auf
der von Eichenholz künstlich geschnittenen Bank die zu dem dazu passenden
Lesepulte gehörte welches zur linken Seite geschoben mit Fennimor in
Verbindung stand denn ihre eine schlanke weiße Hand ruhte darauf und auf dem
kleinen Andachtsbuche worauf man Worte las die es als das neue Testament
bezeichneten Sie selbst schien sich nur eben davon weggewendet zu haben und
sah en face genommen ganz aus dem Bilde heraus mit einer so wunderbar
anziehenden Stellung des Kopfes dass Jeder fühlte das habe der Maler nicht
erfunden die Natur habe es ihm vorgemacht Ihre tiefen blauen Augen blickten
mit einem ernsten begeisterten Feuer der volle kindliche Mund der die
schönste Bogenlinie bildete war so gut und überredend halb geöffnet dass er
erst den Ausdruck der Augen vollständig erklärte darüber die feine Nase die
wie von Marmor gemeisselt und ohne dem lieblich runden Gesichte seinen
kindlichen Zuschnitt zu benehmen dennoch ein reines griechisches Vorbild war
Aber die braunen Locken Man konnte erkennen dass sie Lesüeur zur Verzweiflung
gebracht hatten Man hätte glauben können er habe sie endlich mit Gold übermalt
und dann bloß die Schatten hinein gesetzt sie glänzten wirklich und die
Wellenlinien die ihre zarte Stirn umgaben hatten erkennbare feine goldene
Linien Und dieser Engelskopf ruhte ahnungslos über dem schönsten Körper Dieser
vorgebogene schlanke Hals wie fein war er auf den Schultern angesetzt wie
sorglos hielt die Spange die Falten die über dem Latze die feinen Formen
umhüllten Keine üppige Fülle eine Psyche die auf den eben entfalteten
Flügeln noch den zarten Blütenstaub trägt den selbst Zephir sich zu berühren
scheut
Auf einem kleinen Fussschemel stand ihr linker Fuß ziemlich hoch so dass die
Bewegung des Oberleibes wie darüber hinausgebogen erschien was ihr einen
bezaubernden Ausdruck von kindlicher Naivität gab In ihrem Schoss lagen
Rosen als habe sie dieselben im Kleide gesammelt und die rechte Hand mit dem
reizenden Arme der unter dem Robenärmel vorsah hielt oder stützte sich auf ein
fremdartiges Instrument das man auf alten Bildern in den Händen der Engel wohl
als kleine Harfen sieht Dieses ruhte in den Falten des lang niederfallenden
reichen seidenen Gewandes und der Hintergrund schien der Purpursammet einer
Tapete
»Ach« rief Margot »nie sah ich etwas Ähnliches Ich wollte wenn sie
lebte zu ihren Füßen liegen Sie muss wenn sie gesprochen hat die Geheimnisse
des Himmels verraten haben«
»Aber« rief Lucile »sie lebt Ich sah sie Ich bitte Dich Armand denke
Dir dass die welche ich in Emmys Bereiche sah lebt dass sie vielleicht eine
Verwandte Gott dass sie vielleicht Fennimors Verwandte ist Ich bitte Dich
lass uns daran denken der Alten näher zu kommen sie muss uns den Eintritt
gestatten sie darf sich uns nicht länger entziehen«
»Nein teure Lucile lass uns in unserem Eifer nicht zu weit gehen Ihr
könnt mir den Widerstand den ich so lange wir hier sind Eurem Andringen
entgegen setzte nicht als Eigensinn auslegen Es ist die Heiligkeit des
gegebenen Wortes die mich fest sein lässt Die unanrührbare Stellung die mein
Oheim dieser armen gekränkten Seele auch nach seinem Tode zu sichern suchte
war von dem vielen Unglücke das er verschuldet hatte das einzige was in
seiner Macht lag versöhnend zu gestalten Es war ihm gleich was aus allen
seinen Besjetztümern ward aber Emmys Lage zu sichern mit allen Launen mit
allen Anforderungen und Torheiten die sich im Laufe der Zeit bei ihr einfinden
konnten dazu schien ihm keine Instruktion bindend ausreichend genug und
wenn er Alles schriftlich und gerichtlich bestätiget hatte nahm er doch auf
eine rührende und mir unvergessliche Art mich dann noch persönlich in Anspruch
und ich musste immer wieder aufs Neue ihm das Versprechen geben sie wie ein
Heiligtum zu ehren«
»Ach das wollen wir ja eben« rief Lucile »Ich will sie ehren als stände
sie wie meine Eltermutter an der Spitze meiner Familie«
»Vergiss nicht meine Teure dass wir sie nicht nach unserer Weise beglücken
oder ehren können Bedenke nach dem was Du weißt die notwendige Gestaltung
ihres Karakters Als ich nach dem Tode des Grafen Leonin ihr zuerst unter
meinem Namen ihre Revenüen auszahlen ließ schrieb ich ihr in englischer
Sprache der einzigen die sie liest ich glaube mit dem Ausdruck eines Sohnes
an seine Mutter Ich bat sie mir zu gestatten dass ich ihr ausreichendere
Pflege senden dürfe ich bat sie ihr einen Besuch machen zu dürfen Alles
verfehlte jedoch seinen Zweck Ich will von Euch Allen Nichts als ungestörte
Ruhe und dass Niemand meine Rechte in diesem Schloss anrührt Dies stand kaum
leserlich auf einem alten vergelbten Blatte das mein Bote mir zurück brachte
Kinder waren dabei die Mittelspersonen gewesen Niemand hatte Emmy selbst zu
sehen bekommen«
»Beruhige Dich« fuhr er fort sich Lucile nahend die sichtlich durch diese
Rede beschämt und verlegen war »Dein kleines Vergehen das überdies so spurlos
vorüber ging quält mein Gewissen nicht und belastet Dich weniger da ich mich
vielleicht niemals so ausreichend über meine Verpflichtungen aussprach«
»Nun« sagte Margot »es ist immer gut dass Ihr es tatet denn ich
gestehe dass ich noch einen kleinen Groll gegen Euch im Herzen hatte wegen
Eures ungestümen Widerstandes wie wir am Tage nach der Erscheinung am Fenster
durchaus die Alte besuchen wollten«
»Gewiss verdiene ich auch Ihre Verzeihung« erwiderte Armand »Übrigens
wird es Sie freuen zu hören dass mir eine andere Aussicht eröffnet ist«
»Etwa in dem liebenswürdigen alten Vikar oder in Veronika« rief Lucile
»Sie stehen in keiner Verbindung mehr mit Emmy Gray ich sprach mit Beiden
darüber Die einzige Person die sie zuweilen sieht ist ein sehr alter Arzt
dessen tüchtigen Charakter mir die beiden edelen Geschwister sehr loben und von
dem sie glauben dass er selbst Neigung habe mich kennen zu lernen Ich würde
ihn schon gesehen haben aber er hat das Physikat des ganzen Kreises und ein
wichtiges Geschäft rief ihn gerade an dem Tage wo er sich hatte bei mir
anmelden lassen zu einem fernen Krankenhause der soeurs grises in welchem sich
bedenkliche Symptome gezeigt haben sollen Doch enthielt sein Brief eine
ziemlich bestimmte Aufforderung seine Rückkehr abzuwarten«
Die ferne Hoffnung auf den alten Arzt tröstete die Damen über ihre kühneren
durch Armands Festigkeit vereitelten Pläne und jetzt gewannen sie erst Augen
für den EudoxienTurm
Wir kennen dessen Ausstattung Fennimors Sorgfalt hatte zuerst den
Zerstörungen der Zeit entgegengewirkt in derselben Weise fuhr Emmy gewissenhaft
in seiner Pflege fort und so war hier Viel zu betrachten denn auch der Harfion
ruhte in einem Chorstuhle von geschnitztem Holze und das Betpult der armen
Eudoxia was von der Zeit gerüttelt kaum noch wagerecht stand war dennoch von
jeder Spur der Vernachlässigung frei und lange den wehmütigen Blicken Aller
ausgesetzt
Doch entdeckten sie von hier keinen Ausgang weiter und man trat den Rückweg
an aufs neue lebhaft von dem Wunsche ergriffen Emmy in ihrer eigensinnigen und
jetzt so geheimnisvollen Einsamkeit nahen zu dürfen
Zur Zeit der Tafel kam der voraneilende Kourier des Grafen von Bussy und
meldete die Annäherung der Herrschaften und die geschickten Diener des Marquis
dAnville meldeten zugleich die vollendete Einrichtung der Gastzimmer Nach der
Tafel bestiegen die Herren ihre Pferde und die Damen besuchten mit gehörigem
Gefolge die Gastzimmer um eine letzte Übersicht zu halten und die ihnen
nachgetragenen Blumenvasen nach ihrer Anordnung aufstellen zu lassen
»Begreifst Du den Zustand in den Leonce geriet wie er das Bild von
Fennimor erblickte« fragte Margot ihre Kousine als sie auf einen Balkon
tretend sich niederliessen während in den Zimmern ihre Befehle ausgeführt
wurden
Ein rascher fast neckender Blick aus Luciles Augen traf Margot die
plötzlich errötend ihr Gesicht nach dem geöffneten Zimmer wendete
»Nun« sagte Lucile »was weiter er ist empfänglich für weibliche
Schönheit und gestehen wir es nur diese Fennimor schlägt Alles nieder was
an uns selbst in diesem Fache zu loben sein möchte Doch trösten wir uns mein
Mühmchen Bilder sollen uns nicht gefährlich werden«
»Davon ist auch nicht die Rede« sagte Margot ziemlich ernst »Du müsstest
ein seltsames Gemüt haben wenn Armand sogar Deine Eifersucht erregte Ich
denke Fennimor könnte leben und Deine Ruhe würde an ihrer Seite doch
unangefochten bleiben«
Lucile lächelte mit inniger Befriedigung »So ist es meine holde kleine
Weisheit und Du hast gut Schlüsse machen da er selbst Deinen schönen Augen
gegenüber den standhaften Prinzen machte«
»Lass den Spott Lucile« sagte Margot »wir wollen ein wenig vernünftig
reden Ich gestehe Dir Leonce gefällt mir nicht es fehlt ihm Etwas glaube
mir ich habe ihn schärfer beobachtet als Ihr Alle«
»So« sagte Lucile lachend »Ein seltsames Geschäft für ein junges Fräulein
von achtzehn Jahren Solche Beobachtungen sind wenn sie scharf sind leicht
gefährlicher Natur Was fangen wir an wenn Du mit so bedenklichen Dingen Dich
beschäftigst«
»Du willst nicht vernünftig sein Lucile und ich wäre es so gern einmal
Leonce flösst mir den größten Anteil ein aber ich fühle dass ich ihm nicht
helfen kann und da ich sehe dass Ihr Alle taub und blind seid so wollte ich
Dich darauf aufmerksam machen vielleicht dass Armand durch liebevolle Fragen
ihm zu Hilfe kommen könnte«
»Vielleicht« lächelte Lucile »dass Du selbst ihm durch einige liebevolle
Fragen zu Hilfe kommen könntest auf die er Dir gewiss die Antwort nicht schuldig
bleiben würde Genug Du hast Deine Absicht mein besonderes Interesse für ihn
zu wecken nicht verfehlt doch so leichtsinnig wie Du glaubst waren weder
Armand noch ich Auch wir sind einig dass ihm Etwas fehlt auch wir finden dass
er verändert ist aber wir finden zugleich dass wir ihm nicht geben können was
ihm fehlt und haben längst beschlossen ihn Dir zu überantworten Da Du ihn nun
so scharf beobachtet hast so zweifle ich nicht eine liebevolle Frage
Deinerseits wird Dir sein ganzes Vertrauen erwerben«
»Und Du« rief Margot bis unter den Scheitel erglühend indem sie
ungeduldig mit dem Fuße stampfend aufsprang »Du bist heute nicht zu einem
vernünftigen Worte tauglich Ich habe Alles vergeblich an Dich verschwendet und
stehe wie ein albernes Kind vor Dir und muss Deine ausgelassene Laune ertragen
als hättest Du Recht«
»Wenn Euer Gnaden etwas weiter vortreten werden Sie den Reisezug der
Herrschaften durch das Tal kommen sehen« sprach der Haushofmeister sich am
Eingange der Türe zeigend
Sogleich folgte man der Anweisung und mehrere Reisewagen von einigen
Herren zu Pferde begleitet zeigten sich den erfreuten Damen
Noch ein Mal durchliefen sie die Zimmerreihe die nun so viel dies in den
Gemächern von Ste Roche möglich war ein ansprechendes Ansehen gewonnen hatten
und eilten dann hinab ihre Gäste zu empfangen
Heloise von Guiche die jetzige Gräfin Bussy war mit Lucile in demselben
Kloster erzogen worden und später hatten sie zu gleicher Zeit ihren Platz als
Ehrendamen der Königin erhalten Oft verschüchtert von den herrschenden Sitten
bei Hofe hatten Beide ihren Trost in einander gefunden und Beide schätzten sich
mit der ruhigen Zuneigung die man allein der Achtung schuldig wird
Die blonde jugendliche Heloise hatte die regelmäßige Schönheit mit der wir
nach einigen Augenblicken des Erstaunens fertig werden wenn wir uns überzeugt
haben dass die Seele, die dahinter lebt ein eben so regelmässiger Körper ist
der auf der Außenseite nie eine Veränderung hervorrufen wird nach der wir doch
anfangen uns zu sehnen wenn wir Zeit behalten unsere Ansprüche über das
Vergnügen der Anschauung hinaus zu richten Man konnte nichts Vollständigeres
sehen als ihre rein griechische Gesichtslinie ihr Haar von hochblonder Farbe
ihre bewundernswürdige Hautfarbe und die hohe Gestalt welche die gewöhnliche
weibliche Größe überragte und von einer antiken Fülle verschönert immer an die
Statuen erinnerte denen wir die Bekanntschaft mit der alten Götterwelt
verdanken Dazu kam die plastische Ruhe ihrer Bewegungen die vorzüglich
karakteristisch in der Unbeweglichkeit ihrer wunderschönen Arme und Hände
hervortrat genug sie war eine erstaunenswerte Erscheinung der man eher
einen Tempel zur Wohnung ein Piedestal zum Ruhepunkt angewiesen hätte als das
Gesellschaftszimmer und den Fauteuil Doch war ihr hierzu Alles anerzogen was
nötig war und das immer gleiche verbindliche Lächeln der Gebrauch stets
leise rieselnd zu sprechen die große Gefälligkeit Andere nie durch Fragen oder
Gedanken zu belästigen und immer höflich zuzuhören wenn gesprochen ward hatten
ihr allgemeine Bewunderung erworben Lucile de Maurepas wusste jedoch dass außer
dieser bequemen äußeren Erscheinung ihr ein festes tugendhaftes Herz inne
wohnte dass sie Gefallsucht und Eitelkeit aus reinem weiblichen Instinkte
verabscheute und mit unerschütterlichem Mut alle Verführungen abgewiesen hatte
die an dem Hofe Ludwigs des Fünfzehnten jeder ausgezeichneten Schönheit drohten
und leider mit nur zu viel Bereitwilligkeit von den ersten und vornehmsten
Familien des Adels entgegen genommen wurden die eine so hoch herkommende
Entehrung aufgehört hatten unter sich so zu benennen
Dennoch waren beide Frauen seitdem Lucile de Maurepas Marquise dAnville
ward fast ganz aus einander gekommen und die bescheidene Heloise die für
Lucile eine beinah schwärmerische Bewunderung fühlte wagte nicht sich selbst
anzumelden sondern überließ dies ihrem Bruder dem jungen Grafen Guiche der
mit Leonce und Armand befreundet war
»O Madame« sagte sie jetzt von Armand geführt mit der anmutigsten
Bescheidenheit sich vor Lucile verneigend »was werden Sie zu meinem Besuche
sagen«
»Dass Sie immer noch dieselbe Treue und Liebenswürdigkeit besitzen die ich
wohl bewundern und lieben konnte aber nie erreichen« Hiermit umarmte Lucile
die schöne Heloise und stellte ihr Mademoiselle dAubaine vor welche noch nicht
präsentirt und der Gräfin Bussy daher fremd war
»Meine kleine Muhme die eben so unartig als schön eben so gutmütig als
ausgelassen ist Wollen Sie sie unter ihren Schutz nehmen«
»Ach Madame wer Ihren Schutz genießt wird den der ganzen Welt entbehren
können und Ihre schöne Muhme soll mich lehren wie man Ihren Beifall verdient
Doch der Graf Bussy wird mir zürnen ihm so lange den Weg zu Ihnen vertreten
zu haben«
Graf Bussy war eben so schwarz als seine Gemahlin weiß und in der Größe
überragte er sie bedeutend Auf seiner breiten Brust ruhte ein Firmament von
Sternen denn er hatte in Spanien mit Auszeichnung gedient und war Oberster
eines ReiterRegiments Er hatte den Ernst eines Kriegers auf der breiten Stirn
und blickte mutig und freundlich zugleich wie das eine so schöne
Eigentümlichkeit dieses Standes zu sein scheint nur seine Lippen waren zu
stark emporgedrängt sie bezeichneten den Stolz der BussyRabutin Er war der
passendste Gemahl für Heloise de Guiche denn er war sicher nie seine
Heftigkeit durch sie erregt zu sehen nie Grillen oder Widerspruch begegnen zu
müssen was er Beides nicht gelernt hatte zu ertragen Dafür schützte er sie
wie eine Mutter ihr Kind Er hatte eine unablässige Aufmerksamkeit für sie er
umgab sie mit der höchsten Liebe und war glücklich ihre schüchternen kaum
wahrnehmbaren Wünsche zu erraten und zu erfüllen
Angenehm ward die Marquise dAnville durch die Begleitung von der Prinzesse
de la Beaume einer alten Tante der Gräfin Guiche überrascht und mit ihr
stellten sich Graf Guiche und der Chevalier de Vardes vor Beide gleich
ausgezeichnete Bekannte ihres Gemahls und Schwagers
Das AudienzZimmer der Katarina von Medicis nahm diese angenehm gemischte
Gesellschaft auf und Mademoiselle de la Beaume unterließ nicht nachdem sie von
Leonce Alles erfragt hatte die Erinnerungen hervorzurufen die hier so nahe
lagen
»Überhaupt meine liebe Marquise« fuhr sie fort »halten Sie sich nicht
durch mein weißes Haar gegen meine Neugier gesichert ich bin mit dem
vollständigsten Willen hierher gekommen sie so viel als möglich zu
befriedigen Glauben Sie mir Versailles vergaß einen ganzen Tag lang über den
neuen Hofstaat der Marquise de Pompadour zu scherzen als wir unser Glück
verkündigten Ihnen aufwarten zu dürfen und wer nicht irgend ein Wunder von
Ste Roche zu erzählen wusste war den Tag nicht de bon ton«
»Dem Himmel sei Dank Madame« rief Lucile »Der Marquis dAnville wird aufs
neue Hoffnung fassen für meine noch mögliche Entwicklung wenn er an Ihnen
beobachten kann dass die höchste Liebenswürdigkeit sich mit etwas Neugier
verträgt Ich war gar zu sehr in Misskredit gekommen denn ich hatte denselben
Vorsatz wie Euer Gnaden und ihn zum Teile schon ausgeführt«
»O« rief Mademoiselle de la Beaume »wie allerliebst dass ich in Ihnen
eine Verbündete finde Der Marquis ist wahrscheinlich schon mit Allem was
Neugier heißt durch Sie versöhnt und wir haben seine Unterstützung sicher
Sagen Sie mir nur das Eine ob wir auch ein wenig graulich wohnen werden denn
es wäre doch entsetzlich wenn wir nicht in der Nacht ein noch nie erlebtes
Ereignis hätten«
»O ma princesse« rief die Gräfin Bussy »danach trage ich gar kein
Verlangen Doch wie kann ich sie annehmen wo meine teure Marquise herrscht«
»Teure Gräfin« lachte Lucile »bis jetzt beherrschen die Phantasien
dieses Schlosses mich mehr als ich sie Wir haben uns gestern noch gestanden
dass über uns Alle ein besonderes Wesen gekommen ist dem Jeder von uns einen
kleinen ungewöhnlichen Tribut zahlen musste und wir sahen Ihrer Ankunft mit dem
Vertrauen entgegen in Ihrer Nähe alle unsere Träumereien zu vergessen Die
Zimmer übrigens die Sie ma princesse bewohnen werden sind leider mit keinem
besonderen Attentate bezeichnet Katarina von Medicis ließ sie für die
polnischen Magnaten die hier vor der Wahl des Herzogs von Anjou ihren
heimlichen Besuch machten einrichten und außer Liebestränken und goldenen
Netzen wird sich hier nicht Viel nachweisen lassen«
»Ich hoffe doch« sagte die heitere alte Dame »das wird der glorreichen
Frau Königin nicht Alles nach Wunsche gegangen sein Irgend einer von den
anwesenden Herren hat sich gegen ihren Willen gesträubt da ist er denn
verunglückt von dem Altan gefallen zwischen den Tapeten verschwunden der
Nachttrunk hat ihm einen Schlagfluß zugezogen geschweige denn die notwendigen
Liebesopfer die Katarina gerade so wie Gift und Dolch anzuwenden verstand
genug ich hoffe wir erleben etwas«
»Ich bleibe die ganze Nacht auf« sagte die Gräfin Bussy »wenn Sie mich so
ängstigen ma chere tante«
»Still still mein Engel« lachte die alte Dame indem sie sich erhob
»die schönen polnischen Magnaten werden selbst mit dem Kopf unter dem Arme Dir
den Respekt nicht versagen den Deine Schönheit befiehlt«
Alle erhoben sich nun um im HofdamenZimmer die interessanten Portraits aus
jener Zeit zu betrachten
Als Margot dAubaine am Abende dieses Tages ihre Kammerfrauen entlassen
hatte öffnete sie wie es ihre Gewohnheit war das niedere Fenster das nach
dem Burggarten führte und setzte sich auf den Fensterrand
So viele Gedanken und Gefühle wogten in ihr Die großen feurigen Augen
glänzten feucht und blickten so ernst dass man hier kaum das gaukelnde Kind des
Tages wieder erkannt hätte Da flog plötzlich eine Rose so gut gezielt und so
geschickt hinein dass sie Margot wider Willen in der Hand behielt »Leonce«
rief sie unwillkürlich denn waren ihre Gedanken mit ihm beschäftigt gewesen
war ihr diese Art sich anzukündigen bekannt genug sie zweifelte nicht wer
es sei
»Nun Sie mich erkannt dürfen Sie weder nach Hilfe rufen noch vor Schreck
in Ohnmacht fallen« sagte er leise »sondern Sie müssen mir Erlaubnis geben
hinter der Hollunderwand hervorzukommen und mit Ihnen von Herzen zu reden«
»Das werde ich nicht tun« rief Margot ohne sich vom Fenster zu rühren
»ich werde Ihr unschickliches Verfahren nicht aufmuntern«
»Gut« sagte Leonce »so will ich Ihnen die Verantwortung ersparen« und in
demselben Augenblicke saß er vor ihr in der andern Ecke des Fensters das er von
Außen mit einem Satze erreicht hatte
»Jetzt« sagte er lachend die Arme in einander schränkend »kann unsere
Gouvernante die Distancen messen und wird Alles in bester Ordnung erklären
müssen«
Margot senkte den Kopf um ihr Lächeln zu verbergen Sie hatte weder zum
Billigen noch Missbilligen das Herz
»Und nun« fuhr er fort »teure liebe Margot die Masken vom Gesichte
Nein wenden Sie sich nicht von mir weg Denken Sie dass ich diesen tollen
Streich aus meinem Fenster zu steigen um das Ihrige zu erreichen gewagt
hätte wenn mir der Gedanke Ruhe gelassen hätte dass ein Missverständnis zwischen
uns treten könnte Sagen Sie mir teure Liebe erkennen Sie mein Herz Sind wir
uns Beide verständlich geblieben und vertrauen Sie meiner treuen Liebe«
Margot schwieg einen Augenblick dann fuhr sie rasch empor Beide kleine
Hände streckte sie nach ihm aus und rief so innig und zärtlich wie sie
vermochte »Nein nein guter lieber edler Leonce ich verkenne Sie nicht
Mein Herz begreift Ihre Absichten und lassen Sie es mich gestehen mit den
sichersten Hoffnungen für meine glückliche Zukunft«
In demselben Augenblicke sprang Leonce auf und ehe sich Margot besinnen
konnte umschlang er sie und gab ihr einen herzlichen Kuss
»Ungeheuer« schrie Margot außer sich vor Schreck aber schon saß er ihr in
der größten ruhe gegenüber
»Sie haben Nichts mehr von mir zu fürchten« sagte er »aber Ihr
allerliebstes Geständnis machte mich zu glücklich«
»Nun hören Sie weiter Hören Sie nur« rief Margot zitternd vor
Schreck »man hat uns belauscht wir sind verraten«
Auch Leonce hatte auf dem Altan über ihrem Fenster die Türen öffnen hören
und erinnerte sich dass hier die Zimmer von Mademoiselle de la Beaume waren
»Still« sagte er leise »sein Sie ganz still wir werden durch die
Geisterfurcht der alten Dame gerettet werden«
»Ach Euer Gnaden« rief eine zitternde Stimme »wagen Sie sich nicht so
dreist Sie haben es selbst gehört es ist nur zu gewiss nicht hier draußen
war das Geräusch hier innen hinter dem großen Bilde ach mein Gott lassen
Sie mich die anderen Herrschaften wecken dass sie uns zu Hilfe kommen«
»Schweig Törin« erwiderte Mademoiselle de la Beaume »hier von Außen
kam das Geräusch Ich habe nicht durch tolle Furcht mein Gehör verloren«
»Ach so sei Gott Euer Gnaden gnädig Nicht einmal den Rosenkranz haben
Sie am Arme nun so soll der meinige Euer Gnaden schützen« Jetzt hörte man
eine Stimme wahrscheinlich den Rosenkranz murmeln Mademoiselle de la Beaume
stand indessen auf dem Altan eine stille horchende Beobachterin und die
jungen Leute kauerten unten so eingeschüchtert dass sie ihren Atem zu fürchten
schienen
»Es ist gewiss dass von Außen und zwar unter diesem Balkon das Geräusch sich
hören ließ« hob jetzt Mademoiselle de la Beaume mit einer sehr lauten und
ernsten Stimme an »Aber ich sehe ein dass ich nicht berufen bin diesem
Geheimnisse nachzuspüren nur das Eine mag man sich nicht einbilden dass man
mich durch Gespensterfurcht von der Wahrheit ablenken kann kein
überirdisches sondern ein sehr irdisches Geräusch von Menschen drang an mein
Ohr Komm« fuhr sie wahrscheinlich gegen ihre betende Kammerfrau fort »ich
bin dieser Szene überdrüssig«
Die Türen fielen zu Beide junge Leute atmeten auf Margot brach jedoch in
Tränen aus und rang die Hände »Ich bin verloren« rief sie »es ist klar, dass
sie dort oben Alles gesehen und gehört hat ihre Strafrede war an mich
gerichtet O wie unglücklich bin ich durch Ihren unbesonnenen Streich«
»Fassen Sie sich Margot« rief Leonce besorgt und bekümmert über den
Schmerz des guten Kindes »Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre dass Ihr Ruf
darunter nicht leiden soll Ich weiß dass Mademoiselle de la Beaume ein edles
gütiges Wesen ist ich eile morgen ehe wir uns versammeln zu ihr und entdecke
ihr unser wahres Verhältnis«
»Nein nein« rief Margot weinend »um Gotteswillen nicht Ehe mein Vater
Alles weiß ehe er einwilligt und mir vergibt darf Niemand darum wissen«
»Nun so müssen wir das ungerechte Misstrauen eine kurze Zeit tragen Jetzt
zum Hauptzwecke meiner kühnen Tat Ihr Bruder ist von seiner Wunde fast
genesen an ihn wie an Ihren Vater habe ich geschrieben und von Ersterem
gestern eine völlig genügende Antwort erhalten er selbst ist auf dem Wege nach
Montreal um Ihrem Vater die Ursache des Duelles selbst zu erzählen und der
Wahrheit nach die Schuld des ganzen Vorfalles auf sich zu nehmen dann hoffe
ich werden meine Gründe Eingang finden und dann«
»Gehen Sie Leonce« rief Margot ängstlich die Hände vorsteckend denn sie
schien seine schnellen Manieren zu fürchten »ich höre Ihnen schon viel zu
lange zu«
»Aber« sagte er neckend »Sie haben nun doch gerade so lange zugehört um
Alles zu erfahren was Sie selbst gern wissen wollten Adio Mühmchen jetzt
hoffe ich trocknen Sie Ihre Tränen und träumen von Ihrem Vetter oder«
»Fort fort Kein Wort mehr« rief Margot sprang in ihr Zimmer hinein und
schloss da Leonce im Nu verschwunden war vorsichtig die Fensterflügel
Wer zur Sommerzeit auf dem Lande in einem Kreise liebenswürdiger Menschen
begünstigt von äußeren Annehmlichkeiten eine kurze Zeit zubrachte wird wissen
dass Jahre in der Stadt mit denselben Menschen verlebt nicht so zu nähern
vermögen als einige solcher ländlichen Wochen
Es war als ob von Allen sich die Hemmungen ablösten die sich nach und nach
in den geselligen Zuständen der Stadt ankünsteln Der Schlepprock und der Fächer
wich dem bequemen Kleide welches der Promenade dem Fahren und Reiten und auch
dem vorkommenden leichten Sprunge oder dem geschickten Rennen günstiger war
und der Sonnenhut ersetzte den Fächer um die Hand frei zu lassen für die
kleinen Spiele des Federballes oder der seidenen Reifenschnur Die Herren
hatten keine Uniformen keine Orden mehr der leichte seidene Rock zeigte nur
bei Tafel Stickerei und den stählernen Galanteriedegen
Und wie diese äußeren Pallisaden nach und nach verschwanden so trat auch
Geist und Gefühl ohne Reifrock in natürlicherer Grazie hervor und die
glückliche Mischung der Gesellschaft gab ein ungemein angenehmes Zusammensein
Dennoch fühlten Margot und Leonce mitunter den scharfen Blick von
Mademoiselle de la Beaume ja selbst die höfliche und bestimmte Weise mit der
sie das unter der Dienerschaft verbreitete Gerücht einer nächtlichen Störung von
sich abwies enthielt für Beide die demütigende Gewissheit dass das Fräulein
ihrer Sache sicher zu sein glaubte und sie zu schonen dachte
Dies trübte zuweilen die Stimmung der kleinen Margot die ein Gegenstand
von drei gleich eifrigen Bewunderern sonst ein ganz heiteres Leben führte
Auch waren die beiden jungen Fremden ganz dazu geeignet Leonce in Atem zu
halten wenn er darauf bedacht war ihnen den Rang abzulaufen denn der
Chevalier de Vardes war ungeachtet eines fast hässlichen von den Pocken
verdorbenen Gesichtes doch in hohem Grade liebenswürdig durch Witz Heiterkeit
und tausend kleine gesellige Geschicklichkeiten und wie es schien von
Margots schönen Augen bezaubert Gefährlicher aber noch erschien der junge Graf
Guiche Er war seiner Schwester sehr ähnlich und Beide hätten ohne Ausstellung
der Kritik für das schöne Geschwisterpaar der alten Götterwelt gelten können
Aber der junge Guiche besaß auch die belebende Schönheit des Geistes und eine
würdevolle Ruhe des Karakters die mit seiner plastischen Schönheit aus einem
Gusse schien Er war nicht wie Vardes der haschende flatternde Schmetterling
der die Blume ewig neckend umspielt er erinnerte an den Sonnenstrahl von dem
Leonce gescherzt der ruhig und in gleicher Wärme auf der Knospe ruht
sehnsüchtig ihre geschlossenen Blätter betrachtend
Es war als ob Margot vor diesem Blicke dessen Ursprung sie mädchenhaft zu
erraten schien sich zuweilen zu flüchten suchte als könne sie ihn nicht mehr
ertragen und als ob sie dann nur bei Leonce Zuflucht fände so eilte sie zu
ihm der sie immer schon zu erwarten schien Besonders aber hatte eine
unbedeutende Veranlassung die Gefühle des jungen Guiche so sehr verraten dass
Margot seitdem vor ihm floh um jede weitere Veranlassung zu vermeiden Eine
Flucht wilder Tauben hatte nämlich die Reiter auf einem Waldwege beinah
überfallen und Margot die den Zug anführte war in den ersten Schwarm gekommen
und fast von ihnen bedeckt Ganz außer sich Alles vor sich niederrennend und
stossend war Guiche in diesem Augenblicke wo er sie bedroht hielt an ihre
Seite gestürmt Er hatte ihren Vornamen mit Accenten einer Leidenschaft genannt
die von Niemandem wieder vergessen wurden fand aber zu seiner großen Verwirrung
ein ganz ruhiges Pferd und eine nur durch seine Heftigkeit bestürzte Reiterin
die ihn kalt zurückwies und jede Gefahr abläugnete
So standen die Verhältnisse als eines Morgens ein Bote aus Ardoise einen
Brief an die Marquise dAnville brachte in welchem sich eine Einlage mit der
Adresse »an Miss Elmerice Eton« befand Die Tante schrieb der Marquise auf das
zärtlichste und liebevollste und bat sie diesen Brief an ihre junge Freundin
Miss Eton abzugeben von der sie so eben höre dass sie sich in Ste Roche bei
Mistress Gray befinde »Ich sage Dir nicht was ich wünsche« fuhr dieser
liebenswürdige Brief fort »denn ich weiß was meine Lucile nach Empfang dieser
Nachricht tun wird ich wünsche Dir bloß Glück zu der Dir und mir gleich
unerwarteten Gelegenheit meine liebenswürdige junge Freundin kennen zu lernen
und wünsche und hoffe dass Du ihr die schwermütige Einsamkeit mit der sie eine
Pietät gegen die alte ihr wunderbar ergebene Frau zu erfüllen denkt in Etwas
durch Dein Hinzutreten erleichterst«
Unbeschreiblich war der Jubel mit dem Lucile den Brief in der Hand zu
ihrem Gemahle lief »Jetzt jetzt mein Lieber habe ich den Schlüssel zu Emmys
Heiligtum Jetzt ist mein Geist erklärt jetzt kenne ich den schlafenden
Engel in Emmys Gemache Elmerice Eton ist es an die ich einen Brief von Tante
Franziska in Händen halte«
Nach einigen Erklärungen teilte der Marquis die Freude über die gute
Nachricht und begann mit Lucile Pläne zu entwerfen wie man sich Elmerice nähern
sollte
Lucile stimmte endlich ein sich mit Margot nach dem Frühstücke zu Veronika
zu begeben und von ihr den Weg zu erforschen diesen Brief in die Hände der
jungen Dame zu bringen bis dies geschehen und die Antwort erfolgt sei wollten
sie den Übrigen ihre Entdeckung verschweigen
Es gab nichts Lieblicheres als die junge Marquise bei Veronika einkehren zu
sehen Dem Alter gegenüber entäusserte sie sich all ihrer Vorrechte und war wie
ein liebenswürdiges Kind das aus der Schule kommend die Großmutter
umschwärmt Dagegen erschwerte Veronika ihr diese Hingebung auch nicht durch
eine frostige oder ironische Zurückhaltung die so oft bloß aus Hochmut und
Ungeschick zusammengesetzt geringere Frauen zu den vielen Missgriffen verleitet
die es den höheren Ständen mit Recht verleiden ihren Umgang zu suchen da sie
durch solche Manieren mit anscheinender Übergehung ihrer menschlichen
Verdienste immer an die Äußerlichkeiten ihrer Vorrechte erinnert werden und
um so mehr da einem solchen Benehmen die leicht durchblickende hochmütige
Versicherung zum Grunde liegt dass man seine Rechte durch freundliches
Entgegenkommen beeinträchtigt fürchte und sich glaube entbehren zu können wenn
nicht von der anderen Seite Alles zuerst geschehe
Veronika hatte den höheren Ständen gegenüber die Naivität eines edelen
Naturells und ihr war in diesem wie in jedem anderen Stande Jeder lieb der
etwas Rechtes war und sie sah keinen Grund ihr Wohlwollen zurückzuhalten weil
es zufällig einen Adligen traf
So hatte sie auch mit Lucile und Margot eine Art mütterliches Liebhaben und
innige Freude an Beider schönem Naturell Sie hatte schon gelernt ihnen eine
Freude zu machen und wenn man durch die Blumenbeete ging sah man kleine Mützen
von weißem Papiere sich auf den schlanken Stengeln schaukeln und Rose und
Nelke oder sonst eine zarte Blume mussten ihre Reize schonen bis die lieben
Damen vom Schloss kamen Dann führte Veronika sie vor die Beete und nahm den
Blumen höflich ihre Mützchen ab und wenn sie ihr schönes Köpfchen von der
Sonnenglut unversehrt hervorstreckten klopften die jungen Frauen vor Freude in
die Hände und Veronika schnitt sie dann vom Stock und machte ihnen zur Tafel
Sträusse davon
Heute saß Jede schon mit ihrem Strauss in der Hand in der kühlen Halle vor
Veronika und beeiferte sich von den lieben Gästen zu erzählen und Veronika
begleitete ihre Erzählung mit Ausrufungen Fragen und wohlgefälligem Nicken
ihres kleinen weißen Kopfes
Jetzt erzählte ihr die Marquise von ihrem Besuche bei Emmy Gray »Auch
Ihnen liebe Mademoiselle Veronika habe ich meine Sünde verborgen denn wie
musste ich Ihnen vollends vorkommen die Sie von allen solchen Torheiten frei
sind«
»Ach« lächelte Veronika »das hat Alles seine Zeit liebe Marquise Ich
bin alt geworden mit den Dingen dort und Geheimnisse sind es so eigentlich für
mich nicht aber irgend wie und wo regt sich in uns Allen einmal die Neugier
Zum Beispiel jetzt da gäbe ich viel darum ich könnte einen Blick in die alten
Gemächer tun Denn sehen Sie die junge Schönheit die Sie dort gesehen haben
an der hängt mein Herz und ihre Lage will mir gar nicht gefallen«
»Ist es möglich Sie kennen Miss Eton für die wir heut Morgen von Tante
Franziska einen Brief empfingen und die Aufforderung sie aus ihrer Einsamkeit
zu ziehen«
»Ja meine lieben Damen ich kenne sie und wer sie kennt wird sie nie
vergessen« Dann erzählte sie ihnen was wir bereits wissen und verschwieg
ihnen auch nicht die wunderbare Ähnlichkeit mit Fennimor welche eben die
leidenschaftliche Zuneigung der alten Mistress Gray erregt habe
»Aber« sagte die Marquise »wie machen wir es nur um Miss Eton den Brief
zuzustellen Müssen wir warten bis der alte Arzt zurückgekehrt ist oder können
wir ihn der kleinen Asta anvertrauen«
»Beides ginge wohl« erwiderte Veronica »aber Anderes habe ich seit
lange beschlossen und diese Veranlassung soll es zur Ausführung bringen Wollen
Sie mir den Brief an Miss Eton anvertrauen so will ich versuchen ihn selbst zu
übergeben«
»Wirklich« riefen Beide überrascht »und glauben Sie Eintritt zu
erlangen«
»Ich werde durch Asta Miss Eton schriftlich darum bitten sie besuchen zu
dürfen und fast glaube ich die Alte wird mich nicht zurückweisen wenn Miss
Eton es für passend hält meinen Besuch zu wünschen«
»Das gebe denn Gott« rief Margot »und liebste Veronika sehen Sie sich
Alles recht genau an behalten Sie sich Alles was Sie sehen und erzählen Sie
es uns dann recht genau wieder Sie glauben nicht welch Verlangen ich nach
diesen Geschichten habe sie stören oft meine Nachtruhe«
»Ach« lachte die alte Veronika schelmisch »die Nachtruhe wird wohl durch
das Getreibe dort nicht in Aufruhr kommen Ich habe so allerlei gehört mein
kleines schönes Fräulein was mir dazu einen anderen Schlüssel gibt Nun
werden Sie nur nicht so glühend rot mein Liebchen es hilft Ihnen doch nichts
und es ist zum Freien und Gefreitwerden eine schöne Zeit Sehen Sie nur wie
prächtig meine Orangen blühen Weiß Gott ich schneide Ihnen die schönsten
Zweige heraus wenn Sie mit dem lieben jungen Marquis herunter kommen und sagen
wo hast Du nun Deinen Kranz«
Lucile lachte ausgelassen doch Margot winkte der Alten ungeduldig zu
schweigen und rief dann Gott und Menschen zu Zeugen ihrer Unschuld Da war
jedoch Niemand der ihr glaubte und sie schalt nun liebkosend die alte
Veronika die mit Lucile fortfuhr sie auszulachen
Elmerice führte indessen ihr Schwermut nährendes Leben mit der ergebenen
Schwärmerei fort die fast von ihrer Gefährtin verlangt und auch durch die
wunderliche Situation unterstützt ward Seit dem Tage wo wir sie mit Emmy auf
dem Wege zu dem Eudoxienturme verließen hatte sich ihre schwermütige Ansicht
des Lebens und ihre Abneigung in die Welt zurück zu kehren noch erhöht
Nachdem sie Fennimors Bild gesehen überraschte ihr eigenes Spiegelbild sie mit
der Ähnlichkeit und sie weigerte sich von da an nicht mehr sich für die
Enkelin der gekränkten Gräfin Crecy zu halten aber zugleich hörte sie dass die
unrechtmässigen Erben gekommen seien das Eigentum ihres Vaters in Besitz zu
nehmen Und als sie die verhängnisvollen Namen erfuhr flehte sie Emmy aufs
Neue an sie nicht in diese Ansprüche hinein zu ziehen sondern sie zu schützen
und zu verbergen damit auch jede Berührung mit jenen Bewohnern unmöglich werde
Doch hatte sich ihr Spielraum im Schloss erweitert Der Eudoxienturm ward
ihr Lieblingsaufentalt Zur Nacht wenn gegenüber in dem anderen Flügel des
Schlosses die Lichter angezündet wurden schlich sie an Emmys Seite auf den
kleinen Altan der von hier in den Hof sah und blickte in die erleuchteten
Räume in denen sie nach gerade die Verwandten der Gräfin dAubaine aus ihrem
Betragen zu einander kennen und unterscheiden lernte Ach welche Schmerzen sog
sie ein wie verfolgte sie besonders das junge schöne und glückliche Mädchen
das Margot dAubaine sein musste und wie hielt sie die ihr durch den Brief
der Gräfin Franziska verratenen Wünsche der Familie bereits erfüllt wenn sie
die zärtliche Aufmerksamkeit sah die ihr von ihrem jungen Vetter Leonce zu
Teil ward Sie dachte an Leitmorin an den Kreis ihrer jungen Freunde und wie
sie damals wie Margot jetzt der Gegenstand der Liebe Aller war Dann kam sie
sich alt und von der ganzen Welt verlassen vor und gelobte sich für das teure
Wesen zu leben das sie mit so uneigennütziger Liebe umfing Wenn dann die
Lichter erloschen und die geselligen Räume wieder in Dunkel gehüllt waren
blieben Elmerices Augen noch lange darauf ruhen und schienen immer noch zu
sehen was sich dort eben bewegt hatte
Mit unermüdlicher Geduld saß ihr Emmy Gray die langen schweigsamen Stunden
gegenüber Für sie war das Anblicken ihres Lieblings die süßeste Unterhaltung
und Jahre lang von jeder Mitteilung entwöhnt hatte sie das Wort nicht mehr
nötig Aber Elmerice ließ ihren Empfindungen nie so eigennützig Raum dass sie
die Zustände Anderer darüber aus den Augen verloren hätte liebreich zur Alten
gewendet wusste sie mit ihnen wieder abzuschließen um ihren Ideenkreis zu
erfüllen Dagegen unterrichtete Emmy sie nach gerade von allen Geheimnissen des
Schlossbaues und so hatte Elmerice durch die ganz verfallenen HofdamenZimmer
die geheimen Eingänge kennen gelernt die nach dem Eudoxienturme und nach den
Geheimzimmern der Katarina von Medicis führten Mit der romantischen
Liebhaberei der Jugend suchte sie diese Räume auf und wusste mit Emmys Hilfe
wenigstens den Jahrhunderte alten Staub und Moder in Etwas zu vertreiben wenn
sie auch ihr Zerstörungswerk in Gesellschaft der Holzwürmer nicht mehr
aufhalten konnte
Dennoch waren diese Zimmer eine Ausbeute für den nachdenkenden Geist einer
jungen gebildeten Person Die unsterblichen Sänger ihres Vaterlandes
begleiteten die stolze italienische Fürstin überall ihre Werke standen in
prachtvollen Einbänden die wie Kästchen von kostbarer Arbeit die
Pergamentblätter bewahrten in Büchergestellen die von unverwüstlichem
Zederholze kunstreich geschnitzt ihre Schätze fest zu halten gewusst hatten
Hier fand Elmerice die zu jener Zeit modernen damals schon vergessenen
französischen Dichter die alten Minnesänger die Provençalen mit ihren reichen
poetischen Schätzen daneben seltene und wichtige Geschichtsbücher Schriften
staatsrechtlichen Inhalts eine kleine Anzahl geistlicher Bücher die Lehren der
Jesuiten an Könige und Staatsmänner päbstliche Breven Auszüge aus Schriften
über ihre hierarchische Wirksamkeit und endlich eine im Verhältnisse sehr
kleine Anzahl Gebetbücher alle im Geiste der damaligen Zeit mit herrlichen
Miniaturen verziert
Tagelang fand Elmerice hier Beschäftigung und ihre Kenntnis der
italienischen Sprache ward unwillkürlich wieder erweckt Dazu kam dass sie sich
hier wenn sie von der geheimen Unruhe ihres Herzens getrieben Fennimors
Zimmer verlassen wollte gesicherter fand denn den Eudoxienturm wagte sie
nicht wieder zu betreten da ein Besuch der sie bis zum Banketsaale geführt
hatte fast mit ihrer Entdeckung geendigt hätte indem sie es war deren davon
eilende Gestalt Leonce damals an seinen Sinnen zweifeln ließ Emmy war fast
immer ihre Begleiterin sie gewöhnte sich ihre Spindel mitzunehmen und saß
Stunden lang neben ihrem lesenden Liebling und genoss vielleicht noch alles
Glück von dem sie je geträumt hatte Dadurch ward auch im Ganzen ihre Seele
milder sie verlor ihren starren Willen ja sie schien oft zu wünschen ihre
stille engelgleiche Gefährtin möchte ihr irgend einen Befehl geben eine
Anordnung treffen der sie sich fügen könne Aber sie ahnte nicht wie klein die
Wünsche eines Herzens sich zusammen falten das in seiner stärksten
jugendlichen Empfindung zurückgedrängt sich überdies gekränkt und verraten
glaubt
So umsonst schien ihr jeder Besitz so gleichgültig vor Allem was ihr
davon zu Teil ward dass was sie empfing immer ausreichend war und ihre
Wünsche und Ansprüche überbot
Als sie Veronikas Briefchen erhielt fragte sie Emmy ob sie wolle dass sie
die gute Alte empfinge Emmy glaubte einen Wunsch zu erraten und willigte
augenblicklich ein
Wie wenig Veronika auch die Empfindungen der Madame St Albans teilte
konnte sie doch kaum ihr Erstaunen unterdrücken als sie die Veränderung
wahrnahm die hier vorgegangen denn obwohl Veronika seit Fennimors Todtenfeier
nie mehr das Schloss betreten hatte so kannte sie doch durch ihren alten
ärztlichen Freund die bisher hier herrschende Einrichtung hinreichend
»Ja ja Veronika die Zeit hat Euch nicht verschont« sagte Emmy von ihrer
Spindel aufblickend »ich kann es bezeugen Ihr blühtet wie Eine Mein Engel
sagte oft Ihr wäret ein wahres Röschen und sie hatte doch an sich den
Maßstab was dazu gehörte denke ich«
»Nun Emmy was tut es« rief Veronika heiter »mir ist mein Alter
bequemer wie meine Jugend Ich hatte ein Hasenherz in der Brust und fürchtete
mich vor jedem dreisten Blicke dass ich in die Wälder hätte rennen mögen Jetzt
Emmy lässt mir mein weißes Haar schon Ruhe Da kommt die alte Veronika höre ich
sagen man grüßt und dankt und nimmt von mir ohne mich dabei zu beäugeln Da
bin ich meinerseits viel freundlicher und redseliger und mir ist damit eine
Bürde von den Schultern«
»Soll wohl sein« erwiderte Emmy »und lang ist es auch dass wir uns
nicht sahen Ihr habt damals Viel für meinen Engel getan und zuletzt die
kleinen weißen Glieder in den Sarg gelegt ich danke Euch dafür Veronika«
Selbst mochte sie fühlen wie verspätet dieser Dank nachkam denn prüfend
blickte sie zu Veronika auf und suchte weiter sprechend ihre Gedanken zu
erraten »Ein später Dank nicht« fuhr sie fast freundlich fort »Nun Jeder
hat seine Art und Emmys Art wird nicht Vieler Art sein«
»Doch jetzt lebt Ihr auf Emmy und unser liebes Fräulein gibt Euch dazu
Veranlassung Nun das ist schön Euch ist eine Herzenserquickung wohl zu
gönnen«
Mit diesen Worten verließ sie Emmy welche ihr wohlgefällig nachsah und
setzte sich zu Elmerice die sie noch ein Mal herzlich begrüßte
»Eine rechte Herzenssehnsucht hatte ich nach Ihnen mein liebes Kind« sagte
Veronika »aber ich weiß wohl wie es hier steht man darf nicht viele
Versuche machen doch hoffe ich geht es Ihnen gut«
»Ja gut Gewiss sehr gut sagte Elmerice bewegt so viel Liebe wie mir
hier entgegentritt wie sollte sie mich nicht beglücken«
Emmy erhob sich bei diesen Worten und verließ das Zimmer Veronika übergab
Elmerice den Brief der Gräfin dAubaine und legte ihr den Wunsch der
Schlossbewohner vor sie bei sich in ihren Kreis aufzunehmen Elmerice errötete
und erblasste abwechselnd so oft bei diesen Worten dass Veronika besorgt nach
ihrer Gesundheit fragte
»Sie ist vollkommen gut« antwortete Elmerice mit gesenkten Augen und kaum
Atem findend »Der Brief meiner teuren Gräfin bewegt mich nur«
»Ei ei mein Kind Sie sind doch sehr reizbar wie mir scheint Es kann ja
nur Liebes und Gutes darin stehen Aber ich sehe wohl die weise Dame hat Recht
Sie ist sehr besorgt um Ihr einsames Leben und wünscht lebhaft Sie in den
Kreis ihrer Familie aufgenommen zu sehen«
»O niemals niemals« rief Elmerice heftiger als sie selbst wollte »Nein
teure Veronika« setzte sie dann gefasster hinzu »hier werde ich bleiben
hier ist mein Platz Wenn ich diesen verliesse müsste ich augenblicklich zur
Gräfin dAubaine zurück Diese heiteren geselligen Kreise sind nicht für mich
ich fühle die entschiedenste Abneigung dagegen Nein ich bitte Sie Veronika
vermitteln entschuldigen Sie meinen unwiderruflichen Entschluss hier in der
Einsamkeit bei Emmy Gray zu leben und jeden Umgang abzulehnen der meine alte
Freundin beunruhigen könnte und ihren kaum gemässigten Gemütszustand aufs neue
aufregen«
»Das ist sehr edel mein Kind sehr aufopfernd« sagte Veronika »doch
tut es mir herzlich leid dass Sie sich selbst dabei so ganz vergessen Emmy
Gray hat eine wunderliche Art und Weise wird es auch die rechte sein für ein
junges reizbares Wesen wie Sie«
»Zweifeln Sie nicht« sagte Elmerice »es ist kein Opfer ich bleibe gern
aus eigener Neigung ich würde jetzt sogar weniger gern zur Gräfin dAubaine
zurückkehren«
»Und doch« sagte Veronika »wenn Sie die lieblichen Frauen dort nur
kennten würden Sie es vielleicht nicht so bestimmt ablehnen mit ihnen
umzugehen Ach die Marquise wie müsste sie zu Ihnen passen Ich habe eine
rechte Liebe zu ihr und von der kleinen holden Margot könnte ich mir
ordentlich Aufheiterung für Sie versprechen denn das liebe Kind ist ein Bild
des Glückes und der Heiterkeit«
»Ach dann passt sie nicht zu mir« rief Elmerice in Tränen ausbrechend
»und ich muss ihre Nähe fliehen um ihr Gemüt durch meine Schwermut nicht zu
verletzen«
»Liebes Kind« rief Veronika »wie sind Sie so unglaublich hypochondrisch
wie beunruhigt mich Ihre Stimmung und wie ganz anders würde sie sein wenn Sie
ein wenig Teilnahme hätten für meine jungen Freunde Sie die Alles so
mitfühlen wie würde Sie eine glückliche Ehe wie dort an Zweien zu sehen ist
erfreuen und dann das Andere was im Werke mit der kleinen Margot Man sagt
sie ist die Braut des Marquis Leonce und das sieht sich doch hübsch mit an
wenn so gut geartete junge Leute sich lieb haben und endlich suchen und
finden«
»Genug teure Veronika« sagte Elmerice plötzlich kalt und ernst »Ich
bitte Sie um die Erlaubnis während Ihrer Anwesenheit einige entschuldigende
Worte an die Frau Marquise schreiben zu dürfen die Sie ihr dann in meinem Namen
geben wollen«
»Also keine andere Entscheidung« sagte Veronika schmerzlich getäuscht
»Das passt doch kaum zu der Güte und Sanftmut die ich an Ihnen kenne Was ist
das mein liebes Kind Sein Sie offen hat Emmy schon in Ihrer schönen Seele
Unheil angerichtet«
»Vielleicht« sagte Elmerice mit einem unverkennbaren Anfluge von Stolz
»vielleicht würden Sie mir selbst raten so zu handeln wenn es mir erlaubt
wäre Ihnen die Gründe auszusprechen die mich dazu bestimmen Emmy Gray hat
keinen Einfluss auf meine Abneigung mich dieser Familie anzuschließen und der
Wert derselben von dem ich selbst überzeugt bin vermag eben so wenig meinen
Entschluss zu ändern Meine Achtung für Sie und Ihre Teilnahme kann es allein
entschuldigen dass ich so Viel sage nehmen Sie es jedoch wie ein Geheimnis
zwischen uns«
Veronika blickte wehmütig in die wunderschönen Züge des tief bewegten
Mädchens Sie hatte sie noch nie so gesehen aber es lag eine solche Wahrheit
der Empfindung ein so fester Entschluss ein so edles Selbstgefühl in ihrem
Wesen dass Veronika sich überzeugt fühlte sie müsse so handeln und
großmütig gab sie ihre Absicht auf den Vorsatz des jungen verlassenen
Mädchens zu erschüttern
»So gebe Gott dass es das Rechte ist« sagte sie liebevoll »ich will mir
nicht anmassen ferner darüber urteilen zu wollen Gehen Sie mein Kind
schreiben Sie Ihren Brief an Madame dAnville ich werde Sie hier erwarten«
Als sich Elmerice vor Fennimors kleinem Schreibtische niedersetzte
forderten die zurückgedrängten Empfindungen des jungen Mädchens ihren Tribut In
Tränen ausbrechend fühlte sie noch ein Mal die namenlose Größe ihres
Entschlusses und die heißesten Schmerzen der Jugend die eines gekränkten und
verratenen Herzens waren hier in der Einsamkeit nicht in demselben Maße wie
eben vor Veronika von ihrem edelen weiblichen Stolze behütet sie verlangten
noch ein Mal ihre ganze Herrschaft über dies junge Herz
Wir wollen die Minuten nicht zählen die ihr so vergingen und denken dass
sie sich schnell genug zu retten wusste da sie gegen sich selbst treu und wahr
immer von dem edelen Stolze beseelt ward dessen Element die Selbstachtung ist
»Fennimor« sagte sie sich aufrichtend »Dich konnte in Deiner hohen
menschlichen Stellung Keiner erreichen der mit dem Scheine der weltlichen
Vorrechte Dich blenden und verschüchtern wollte Du bliebest was Du warst ein
erhabenes Vorbild Deiner standhaft behaupteten Rechte Ich bin Deine Enkelin
und so wahr mir Gott helfe ich will vor Deinem Andenken nicht erröten müssen«
Sogleich schrieb sie
»Euer Gnaden haben veranlasst durch die Aufforderung der Gräfin dAubaine
mich mit der Erlaubnis beehrt Ihnen aufwarten zu dürfen Indem ich dem
Ausdrucke meiner größten Verehrung für Euer Gnaden die Versicherung meiner
Dankbarkeit hinzufüge bin ich zu gleicher Zeit genötigt diese Auszeichnung
ablehnen zu müssen da meine augenblicklichen Verhältnisse mir jede Veränderung
meiner Lebensweise verbieten«
»Voll Hochachtung mich empfehlend
Elmerice Eton«
Ein stolzes mitleidiges Lächeln überflog Elmerices schönes Gesicht als
sie ihren Namen unterschrieb und sie ging mit diesem Briefe in der Hand festen
Schrittes zu Veronika zurück die sie an Emmys Seite und vertraulicher mit ihr
redend fand als die alte harte Frau es wohl wenige Wochen früher für möglich
gehalten hätte Auch war ihr eine gewisse Verlegenheit anzumerken als Elmerice
vor ihnen stand Sie war selbst überrascht in die gewöhnliche Menschenweise
übergegangen zu sein ja es schien ihr vor Elmerice als habe kein Anderer
ein Recht an sie als sei sie ihr damit zu nahe getreten
»Nun nun« sagte sie »meinem Engel gehört meine Zeit und Alles was so
eine alte Frau von Liebe noch in ihrem Herzen hat Ihr seid eine Schwätzerin
geworden Veronika und mit Zuhören und Antworten kommt denn so Etwas heraus«
Gutmütig lächelte diese wohl verstehend was in Emmy vorging und war
daher auch zugleich bereit ihren Besuch zu beendigen um nicht einen Eindruck
hervorzurufen der ihrem Wiederkommen hinderlich würde was sie Elmerices
wegen die ihr bedenklich gestimmt erschien herzlich wünschte
Aufs neue aber betrübte sie die abschlägliche Antwort ihrer jungen Freundin
als sie die liebenswürdige Ungeduld der Marquise dAnville sah die sich bei
Lesung des kleinen Billets bald in gutmütige Besorgnis auflöste
»Meine liebe Veronika« rief sie »was werden wir nun machen Das tut
nicht gut Die Antwort ist eben so höflich als kalt abweisend sie verdeckt
etwas Meine Tante Franziska wird sehr beunruhigt werden und wir dürfen
fürchte ich unsere Bemühungen noch nicht aufgeben«
»Lassen Sie uns warten bis der alte Arzt kommt« sagte Veronika sinnend
»Er ist nicht umsonst in so hohem Alter vielleicht fällt ihm das Rechte ein
Auch hat er den Ungestüm der oft recht wohltuend Bahn bricht da wo
feinfühlende Menschen lange vergeblich umher gehen«
Die Damen saßen in dem Salon in welchem man sich zur Mittagstafel
versammelte In diesem Augenblicke trat Leonce ein und erfreut Veronika zu
sehen eilte er an ihrer Seite Platz zu nehmen
»Wenn Sie Anderes im Sinne hätten als Margot zu necken und mich damit zu
kränken« rief Lucile »würde ich Ihnen mein Vertrauen schenken aber so«
»Versuchen Sie es« erwiderte Leonce freundlich »ich bin nicht so ganz in
einer Richtung verloren dass ich nicht durch Sie in eine andere übergeführt
werden könnte«
»Nun« sagte Lucile »so will ich es versuchen« Mit einigen Worten
unterrichtete sie ihn von dem Briefe der Gräfin dAubaine und von den Schritten
die sie durch Veronika getan hatte »Doch sehen Sie das ist das ganze
Ergebniss unserer Bemühungen« fuhr sie fort und reichte ihm das Billet was ihr
Veronika gebracht
Sie hatte nicht Ursache ihrem jungen Verwandten über Mangel an Teilnahme
zu zürnen In sprachlosem Erstaunen schien es hörte er ihr zu und lange hielt
ihm Lucile das Billet hin ehe er es nahm »Weiß Gott« rief die Marquise »er
hat von unserer ganzen Mitteilung Nichts gehört und erwacht jetzt aus irgend
einem Traume«
»Nein nein« rief Leonce schnell aufstehend »Sie tun mir Unrecht ganz
Unrecht Ich bin aufs tiefste von Ihren Mitteilungen bewegt ein so junges
schönes von unserer Tante geliebtes Wesen in unserer Nähe zu wissen und ihr
nicht all die Aufmerksamkeit beweisen zu dürfen die sie verdient in
zweifelhaften Verhältnissen sie zu denken unter der Aufsicht einer vielleicht
Geisteskranken es ist unerträglich ganz unerträglich Lucile Sie können
nicht wollen dass ich dabei gleichgültig bleibe Teure Veronika helfen Sie
uns ich könnte den Verstand verlieren wenn ich an die Lage des jungen
Mädchens denke«
Außer sich drückte er dabei das Billet in seinen Händen und stürzte an das
fernste Fenster um es zu lesen
Lucile sah ihm einen Augenblick ziemlich erstaunt nach als sie ihren Blick
abwendete sah sie auf Veronikas Gesicht dasselbe Erstaunen ausgedrückt »So
sind die Männer meine Liebe« sagte sie lächelnd »immer über das Maß hinaus
Aber das macht die Verehrung für Tante Franziska«
In demselben Augenblicke erschien der Vikar und die übrigen Gäste und man
begab sich zur Tafel Doch war Leonce nicht wie sonst die Seele der
Unterhaltung In der größten Unruhe schien er die Dauer der Tafel zu ertragen
und bald nachdem sie aufgehoben war verließ er die Gesellschaft
Ein Gewitter welches mit erquickendem Regen den Nachmittag anhielt
verhinderte einen beabsichtigten Besuch in der schönen Abtei Tabor und nach
einer Zerstreuung suchend machte die alte unternehmende Prinzessin de la
Beaume Allen den Vorschlag die verschobene Besichtigung des Schlosses zu
unternehmen
Als man mit Sorgfalt vorschreitend den Banketsaal erreicht hatte und hier
von dem ziemlich bekannten unglücklichen Ereignisse an Ort und Stelle sich
teilnehmend unterhalten hatte zeigte der Marquis dAnville den Damen an dass
er die mit eisernen Schlössern und Querbalken verwahrte Tür zu den ehemaligen
Gemächern der Katarina von Medicis habe wegnehmen lassen und dass es in ihrer
Macht stehe sie zu betreten
Alle hielten einen Augenblick inne Was in ihre Willkür gestellt war ward
nun erst ein Gegenstand ihrer zweifelhaften Überlegung und Lucile die es
veranlasst durfte als Frau vom Hause nicht wie sie wünschte entscheiden da
besonders das schöne Gesicht der Gräfin Bussy zu Marmor erblasst war
Endlich erklärten die Herren sich teilen zu wollen Einige wollten die
Zimmer betrachten die ihre Neugier reizten und so leicht erreichbar nun vor
ihnen lagen Andere wollten bei den Damen in dem düsteren Banketsaale bleiben
Lucile bat sich den Herren anschließen zu dürfen die die weitere Forschung
wagten und trat von ihrem Gemahle von dem Grafen Bussy und dem Chevalier de
Vardes begleitet vor die verhängnisvolle Tür
»Nun Lucile« fragte der Marquis dAnville denn so leise sie Alle zur
Türe geschlichen waren stand doch Lucile mit dem Drücker der Tür in der Hand
und wagte nicht einzutreten »Willst Du Deine kleine Hand als Riegel da
vorgeschoben lassen und uns den Mut benehmen diesen wegzuschieben wie wir mit
jenen eisernen taten die von Rost zerfressen wenig Widerstand leisteten«
»Gleich« sagte Lucile mit leiser Stimme und wendete ihr holdes Gesicht
zwar lächelnd aber seiner frischen Farbe beraubt zu ihrem Gemahle »mir war
eben als hörte ich sprechen«
»Dann tritt zurück mein teures Kind es greift Dich dennoch an Die
Phantasie rächt sich für Deine kühne Herausforderung«
»Nein« sagte Lucile »sie soll nicht stärker sein als ich« Die Tür
öffnete sich Alle traten in ihren weiten Bogen ein und Allen widerfuhr
dasselbe ein an Schrecken grenzendes Erstaunen
Wir wurden schon ein Mal an Fennimors Seite in dies Geheimzimmer der
Königin Katarina geführt und werden uns an die eigentümliche finstere Pracht
desselben erinnern können Es war wohl geeignet wenn das Andenken der
grauenvollen Bewohnerin den Geist ergriff eine Bewegung des Schreckens zu
rechtfertigen da wo die Spuren ihrer Missetaten noch so vollständig erhalten
waren Aber wie sehr musste sich für Alle der Eindruck steigern als hinter dem
großen Schreibtische der Königin der auf weißem Marmor ruhend vollständig
erhalten war eine wunderschöne weibliche Gestalt aufgerichtet stand die
totenbleich und mit starren Augen auf die Eintretenden blickend ganz einem
schönen Geiste glich der in diese unzugänglichen Räume gebannt war Dazu kam
die fremdartige Kleidung die niederhängenden glänzenden braunen Locken ohne
die Entstellung der damaligen Frisur das schöne Mieder von weißer Seide mit
den kostbaren JuwelenSpangen das sich anschmiegende in reiche Falten
niederfallende Kleid das die Form des Körpers nicht entstellte der Ärmel der
aufgeschnitten hinten über hing und den schönen Arm die schlanke weiße Hand
enthüllte die auf der Lehne des Stuhles ruhte während die andere fast
krampfhaft in die schwarzen MarmorSchnörkel der Tischeinfassung griff Dahinter
saß in schweren grauen Damast gekleidet ein Wesen im höchsten Alter spukhaft
von Ausdruck das weiße Haar von einer fremdartigen kleinen Haube kaum bedeckt
Die Spindel und der Faden in der dürren Hand schien versteinert sie selbst wie
die jugendliche Gestalt ohne Atem und Leben
Wir werden begreifen dass hier ein lautloser Augenblick eintrat in welchem
Niemand etwas Anderes als anblicken konnte Doch mit der größeren Leichtigkeit
des Geistes die den Frauen eigen ist sich in den Zuständen zurecht findend
war auch Lucile die Erste die sich dem schönen Wunder nahete Mit dieser
Annäherung schien das Leben in dem reizenden Geiste wiederzukehren Die Brust
hob sich ängstlich flog der Atem über die Lippen und die erste Bewegung war
dass der schöne Kopf mit seiner Lockenfülle sich auf den Busen senkte
Lucile blieb bei diesen Zeichen einer großen Gemütsbewegung einen Schritt
noch von ihr besorgt stehen da erhob sich die Alte und vorschreitend und die
Marquise mit den Augen bewachend rief sie rau und streng »Fürchte Dich nicht
mein Engel Sie dürfen Dir Nichts tun sie haben kein Recht an Dir«
Noch immer schwieg die junge Person obwohl sie die Hand von dem Stuhle zog
und sie leise wie abwehrend gegen die Alte aufhob die sogleich verstummend
zurücktrat
»In welcher Weise dürfte auch Miss Eton ihre Freunde fürchten« fragte nun
Lucile mit dem gewinnenden Laut ihrer Stimme »denn so stolz sie sich uns auch
entzogen hat darf ich dennoch nicht zweifeln dass mir der Zufall günstig ist
und ich die Freundin meiner Tante dAubaine vor mir sehe Erlauben Sie mir
Ihnen meinen Gemahl den Marquis dAnville vorzustellen«
»Madame« sagte Elmerice noch immer mit bebender Stimme »entschuldigen
Sie meine Überraschung Ich ahnte nicht Ihnen in diesen verödeten Gemächern
hinderlich werden zu können«
»Das möchte auch in Wahrheit unmöglich sein« rief der Marquis dAnville
»Was könnten wir uns für einen glücklicheren Zufall wünschen da er unser
lebhaftes Verlangen erfüllt uns Ihnen vorstellen zu dürfen«
Elmerice verneigte sich mit einer so edelen Würde dass der Marquis das Wort
welches ausblieb nicht entbehrte
»Aber jetzt« sagte Lucile während sie Elmerice ganz nahe trat und die
schöne kalte Hand von den Marmorblumen die sie noch immer festhielt wegzog
»jetzt haben wir Sie und Sie werden sich uns nicht mehr entziehen können oder
wenigstens abwarten müssen ob wir uns nicht Ihre Gesellschaft verdienen«
»Madame« sagte Elmerice die ihre Besinnung wieder zu erhalten schien
»ich war so frei Euer Gnaden meine notwendige Bestimmung darüber mitzuteilen
Wenn ich jetzt den Mut habe sie zu wiederholen muss ich es mir selbst zum
Verdienst anrechnen da ich das Glück Ihrer persönlichen Bekanntschaft genieße«
»Wie Sie wollten nicht mit uns leben« sagte dAnville gutmütig näher
tretend »o versuchen Sie es Wir sind alle jung heiter ich darf sagen gut
geartet Warum wollten Sie nicht in den Kreis eintreten zu dem Sie in jeder
Beziehung gehören«
»Ich habe eine heilige Pflicht gegen eine teure alte Freundin übernommen«
erwiderte Elmerice »ich darf mich davon nicht ablenken lassen wie ehrenvoll
es auch sein müsste Ihre Güte anzunehmen«
Da zuckte sie zusammen denn auf ihre weiße Schulter legte Emmy Gray die
verknöcherte Hand und sagte in ihrer gebrochenen Redeweise »Kind Kind stoße
diese dort nicht zurück sondern tritt ein in ihre Kreise und siehe zu was sie
beschließen werden Wohl gehörst Du zu ihnen und ich muss Dich dort wissen ehe
mein letzter Tag kommt«
Elmerice wendete sich und sprach wie es schien in englischer Sprache leise
bittend zu ihr während der Marquis sich der Alten nahte
»Mistress Gray« sagte er freundlich »erlaubt dass ich Euch in Ste Roche
willkommen heiße Immer habt Ihr meinen Besuch abgelehnt und doch hätte ich
gern selbst nachgeforscht ob es mir nicht möglich wäre Euch irgend eine
Erleichterung Eurer Lage zu verschaffen«
»Lasst das Herr« sagte Emmy trocken »Ihr habt keine Macht mir Etwas zu
gewähren mit Eurer Familie habe ich abgeschlossen Ich wohne in dem
rechtmäßigen Erbe meiner ehemaligen Gebieterin und weiß vollständig was mir
darin zustehet zu meiner Erleichterung zu verfügen Fragt ob Emmy Gray Euch
hier willkommen heißen mag«
Diese Rede schien Niemanden als Elmerice zu verletzen Alle waren auf
Emmys abenteuerliche Weise so vorbereitet dass ihnen auch Stärkeres erwartet
gekommen wäre
»Tut es immer Mistress Gray« antwortete der Marquis ohne das ironische
Lächeln mit dem verletzte Eitelkeit sich herablassend zu rächen weiß wenn sie
sich anscheinend zu bezwingen sucht »Ihr werdet mir dadurch mehr
EigentumsGefühl geben als ich bis jetzt empfinden konnte«
Emmy blickte trübe zu ihm auf und dieser Blick der aus den tief gesunkenen
Augen drang war scharf und klug
»Wir werden sehen ich werde ja hören wie Ihr seid« sagte sie dabei
»Louise Eure Mutter war so übel nicht Lesüeur rühmte sie oft nun wir
wollen sehen«
»Und Sie« fragte nun Lucile mit Armand herzlich zu Elmerice tretend
»Selbst Ihre alte Freundin der Sie sich so großmütig widmen redet unserem
Vorschlage das Wort und Ihre jugendlichen Wangen die blässer sind als sie
sollten fordern Sie gleichfalls auf unter Menschen zu leben die mit ihrer
Heiterkeit versuchen würden ihnen wieder Farbenglanz zu geben«
»Ach Madame« erwiderte Elmerice fast überwältigt von der Qual dieser
dringenden Anforderungen »wie wenig passe ich in Ihre harmlos glücklichen
Kreise Glauben Sie nicht dass ich Ihre Güte weniger empfinde wenn ich sie
ablehne aber ich muss mir diese Zurückgezogenheit als eine Güte von Ihnen
ausbitten Vielleicht haben Sie Recht und mein krankes Ansehen verrät nur zu
sehr dass ich leidend bin und also der Ruhe bedarf«
Lucile und Armand betrachteten mit dem größten Anteile das schöne Wesen
das so berechtigt erschien durch die Vereinigung von Geist Bildung und äusserm
Reize Ihre Weigerung war keine eigensinnige ungeschickte Laune sie kam tief
aus ihrem Herzen sie schien dabei zu leiden das fühlten Beide Sie konnten
ihre Bemühungen nicht aufgeben
»Wir wollen nicht unbescheiden werden« rief Lucile »Sie sollen in Ihre
Einsamkeit zurückkehren können wenn Sie wollen nur müssen Sie uns nicht ganz
verwerfen Sie müssen uns alle erst kennen lernen genug ich muss eine kleine
Brücke zu Ihnen hinüber haben denn schon jetzt fesseln Sie mein ganzes Herz
und ich könnte Sie nie wieder vergessen«
Diese letzten Worte erschreckten Elmerice fast denn sie sprachen aus was
sie gegen die Marquise anfing zu fühlen Beide blickten sich daher mit
zärtlicher Überraschung an und ohne es selbst zu wissen folgte sie der
liebenswürdigen Frau die sie sanft mit sich zog »Sie finden in den
Nebenzimmern alle meine Freunde die wahres Verlangen tragen Sie zu sehen und
entzückt sein werden Sie kennen zu lernen«
Jetzt erst wie sie sich mit diesen Worten der Türe näherten an der Bussy
und Vardes in sprachlosem Erstaunen stehen geblieben waren erinnerte sich
Elmerice ihrer auffallenden Kleidung Sie zögerte abermals und rief ängstlich
»Madame betrachten Sie mich Ich kann in dieser Kleidung nicht vor Ihren
Freunden erscheinen ich legte sie an« fuhr sie beschämt und verwirrt fort
»um dem Herzen meiner alten Freundin wohl zu tun die damit ihr heiliges
Erinnerungsfest feiert aber dies wie mein ganzes Verhältnis war auf die
tiefste Einsamkeit berechnet setzen Sie mich nicht dem Tadel oder dem Spotte
Anderer aus«
»Nein nein Alle werden entzückt sein das herrliche Kostüm zu sehen
Allen werde ich erklären wie es zusammenhängt Niemand wird diese fromme
Nachgiebigkeit verkennen«
Vardes hatte schon die Türe geöffnet sie standen in derselben der aus
den entfernteren Gemächern zurückkehrenden Gesellschaft beinahe gegenüber
Da fühlte Elmerice dass jedes Zurücktreten unmöglich sei und ihr edler
Stolz erwachte Sie wollte ihre vollkommene Herrschaft über sich wieder haben
und die Anstrengung gelang
Doch wer könnte das Erstaunen der Gesellschaft beschreiben als aus den
Zimmern der Katarina von Medicis an der Hand der Marquise dAnville eine
wunderbare Schönheit hervortrat deren Kostüm jener Zeit gehörend vereinigt
mit ihrem marmorblassen Gesichte sie als eine aufgefundenen Bewohnerin aus
diesen Räumen eines vergangenen Jahrhundertes erscheinen ließ Niemand regte
sich von seinem Platze Elmerice hatte Zeit Alle zu erkennen Margot war nicht
dabei sie lehnte seitwärts an einem der merkwürdigen Schränke des Saales und
vor ihr den Rücken gegen die Eintretenden gewendet stand der Marquis Leonce
zu eifrig redend um zu gewahren was hinter ihm vorging
»Wir sind so glücklich gewesen mehr und Besseres zu finden als wir
suchten« sagte der Marquis »Miss Eton die Freundin meiner Tante Franziska
die sich uns so spröde entzogen hat«
Jetzt mussten die Damen sich eingestehen dass das schöne Bild lebe Elmerice
zeigte die vollkommenste Haltung und eine so anmutig verbindliche Miene als
sie die Begrüßungen erwiderte dass die günstigste Meinung von ihrer Erziehung
den Eindruck ihrer Schönheit erhöhte
»Sie sind in Allem glücklich liebe Marquise« sagte die alte Prinzesse de
la Beaume »während wir hier verlegen und beschämt umher wanderten verschafft
Ihnen Ihr Mut eine so reizende Bekanntschaft«
»Ja meine Damen« erwiderte die Marquise »ich bin stolz darauf und noch
mehr wie stolz ich bin sehr glücklich Bald werden Sie mir für Nichts so
dankbar sein wollen als für diese Probe meines Mutes«
Alle fühlten die Marquise wolle ihrer jungen Begleiterin eine möglichst
gehobene Stellung geben und Alle beeiferten sich einen Kreis um sie zu
schließen
Indessen nahte sich Armand seiner Muhme Margot »Kind« rief er »lassen
Sie Ihr tête à tête und kommen Sie zu uns wir haben Miss Eton entdeckt die in
jenem Zimmer weilte und es ist unseren Bitten gelungen sie hierher zu führen«
Als ob ein Pistol an Leonces Kopfe abgeschossen würde so fuhr er bei den
Worten seines Bruders in die Höhe Er wendete sich schnell und sah Elmerice in
dem Kreise der Damen stehen mit Ruhe und Unbefangenheit redend aber mit einer
Blässe bedeckt die sie wie einen Geist erscheinen ließ
»O Leonce« rief Margot sich auf seinen Arm stützend »haben Sie je eine
wunderbarere Erscheinung gehabt Und das ist unser lebendig gewordenes Bild aus
dem EudoxienTurme«
»Nun so begrüßen Sie wie wir Alle das herrliche Wesen mit Achtung und
Güte« rief Armand und führte sie Beide der Gruppe zu
»Ach da kommt meine Muhme Margot« rief Lucile »O komm mein Liebchen
sieh unser Wunsch ist erfüllt Miss Eton das ist wieder eine Nichte Ihrer
Freundin dAubaine die Tochter des einzigen Bruders unserer lieben Franziska«
Elmerice hatte sie mit ihren Begleitern sich nahen sehen sie begrüßte sie
mit besonderer Freundlichkeit und verzögerte die Vorstellung des Marquis
Leonce indem sie lebhaft ausrief »Wissen Sie auch dass Ihre Kousine mich recht
eigentlich auf Ihre liebenswürdige Heiterkeit angewiesen hat Dass ich also mit
ganz besonderem Anteil um Ihr Wohlwollen bitten muss«
»O Miss Eton« lächelte Margot »da hat man Ihnen verschwiegen dass ich den
ganzen Tag von der ganzen Gesellschaft gescholten werde und dass nicht Viel an
mir bleibt als an einem unartigen Kinde mit dem man sich einrichten muss wie
es gehen will«
»Erlauben Sie mir den Versuch« erwiderte Elmerice verbindlich »die ganze
Gesellschaft scheint sich mit Ihnen sehr wohl zu befinden«
»Sie wollen mich durch Güte erziehen da alle Anderen darauf bedacht sind
es mit Strenge zu tun und gewiss Sie sollen in mir eine willige Schülerin
finden denn die Bewunderung die ich schon seit lange für Sie hege kann Ihre
persönliche Bekanntschaft nur erhöhen«
»Aber Margot wollen Sie Ihren armen Vetter ganz verdrängen« rief
dAnville »seine Verbeugung dauert schon so lange als Sie vor ihm stehen
Nun Miss Eton« rief er freundlich als Margot lächelnd zurücktrat »nehmen Sie
meinen Bruder gütig als Ihren Bewunderer auf«
Leonce erhob sich hier aus seiner gebeugten Stellung und mit raschem
Entschlusse vor Elmerice hintretend sagte er fast stolz »Miss Eton wird geneigt
sein die Bewunderung einer so unbedeutenden Person zurück zu weisen und Jeder
wird vor ihr die Schranken fühlen hinter denen er sich zurückziehen muss Das
zufällige Glück Miss Eton hier zu sehen wird gewiss auf das lebhafteste von mir
empfunden«
Elmerice verneigte sich ernst ohne zu sprechen als sie ihr gesenktes Auge
vom Boden erhob streifte es eine leichte schwarzseidene Schlinge in welcher
Leonce noch immer den früher gebrochenen Arm trug Ihr Auge blieb daran haften
und ihre Züge verrieten den lebhaften Wechsel ihrer Empfindungen Sie öffnete
zwei Mal die Lippen endlich sagte sie kaum hörbar »Sie waren verwundet Herr
Marquis Gräfin dAubaine schrieb mir dass Sie einen Unfall hatten«
Leonce hatte jedes Wort von ihren Lippen verschlungen »Es war ein sehr
unbedeutender Unfall« rief er und als sie schwieg fuhr er mit Lebhaftigkeit
fort »ich segne die Veranlassung und habe zu viel wirklichen Schmerz
erlitten um dies Ereignis dazu rechnen zu können«
Der Zufall wollte dass sie sich bei diesen Worten fast allein gegenüber
standen da die Übrigen sich besprachen jetzt die Zimmer der Königin die alle
Schrecken verloren hatten zu besuchen Leonce schien nach seiner Erwiderung
eine Antwort zu erwarten Elmerice stand noch in derselben Stellung
Plötzlich richtete sie sich auf blickte ihn ernst und flüchtig an und wendete
sich ihn grüßend dann zu den Übrigen
Als man die Zimmer betrat hatte sich Emmy Gray daraus zurück gezogen
welches für Elmerice eine Erleichterung für die Anderen eine unangenehme
Täuschung war Leonce trat an den Schreibtisch vor dem Elmerice gesessen und
betrachtete bewegt das aufgeschlagene Prachtwerk in welchem sie gelesen
Wenn Blicke sich ahnen so finden sie sich durch alle örtlichen Hindernisse
hindurch Elmerice und Leonce blickten sich an durch viele Personen von
einander getrennt
Wir übergehen den Eindruck den die weitere Besichtigung der Zimmer bei der
Gesellschaft hervorrief Als man sich anschickte sie zu verlassen entstand ein
neuer Kampf mit Elmerice welche zu ihrer alten Freundin zurückkehren wollte und
dennoch von Allen liebevoll gedrängt sich der Gesellschaft anschließen musste
Mit unbeschreiblicher Schwermut sah sie sich plötzlich in dem Zirkel den
zu fliehen sie so viel Grund zu haben glaubte sah sich unter heitere
sorglose Menschen versetzt deren Leben glücklich und sicher begründet schien
während sie mehr wie je sich heimatlos ohne ausreichenden Schutz ohne
Anspruch an eine feste Lebensstellung fühlte dabei hatte sie trotz aller
Schonung ihrer Umgebungen dennoch eine vornehme Neugier zu ertragen die mit
tausend Höflichkeiten doch zu ergründen trachtete ob eine Miss Eton die auch
nicht zur englischen Aristokratie gehörte wirklich den Anforderungen einer
höheren Geselligkeit Stich halten werde und die überraschte Bewunderung mit
der man günstige Wahrnehmungen aufnahm hatte für wahres Zartgefühl etwas
Beleidigendes »O wie Recht hatte mein Vater« seufzte sie »mit ihrer
Höflichkeit erstarren sie mein Herz«
Freilich machten hiervon Lucile und Armand ebenso wie die kleine Margot
eine ehrenvolle Ausnahme Diese hatten die Höflichkeit des Herzens die immer
den rechten Ton zu finden weiß und Elmerice zeigte bei jenen aus Stolz und hier
aus wirklich dankbarem Gefühle eine schickliche Teilnahme an der lebhaft
angeregten Unterhaltung
Dazwischen war ihre Kleidung ein Gegenstand des Entzückens für alle Damen
dem sich mit einiger Zurückhaltung die Herren anschlossen die alle heimlich
einander beschuldigten an Miss Eton ihr Herz verloren zu haben denn selbst
Armand der treueste Paladin seiner Dame sollte sich zu hingerissen gezeigt
haben
Bald hatten die Damen heraus gefunden dass diese Kleidung auf dem Lande und
in diesem alten Schloss viel passender sei als die welche jetzt herrschende
Mode war und Elmerice zeigte sich willig sich in einem Nebenzimmer den Blicken
aller herbei gerufenen Kammerfrauen darzustellen die sich verpflichten mussten
auf das schnellste mit den vorhandenen Kleidern der Damen diese Metamorphose
vorzunehmen
»Miss Eton wie allerliebst wird uns morgen die Mittagstafel kleiden« rief
Margot »Wenn wir geschmückt sind kommen wir alle in Prozession und holen Sie
ab«
»Ja und Jeder nimmt einen Namen an aus den Zeiten der Königin deren
Kleider wir nachahmen« rief Mademoiselle de la Beaume
»Dann müssten Sie Katarina selbst sein« sagte Armand »Gut« lachte die
alte Dame »Katarina bekam so gut weißes Haar wie ich Doch kann ich bloß
eine stolze Königin darstellen denn ihre übrigen Nüancen kann ich nicht
ergründen«
»Vergessen Sie nicht« sagte Armand »dass sie gesellschaftlich geistreich
und liebenswürdig war worin ihr keine Frau ihrer Zeit gleich kam und dass dies
gerade meinen Vorschlag bestimmte Aber Sie müssen sich jetzt eine Tochter
eine Margarete von Valois wählen«
»Sehen wir sie nicht vor uns« rief Mademoiselle de la Beaume »Gräfin
Bussy muss meine Tochter sein«
»Nun« rief Lucile »so will ich Johanna von Navarra wählen die stolze
Bearnerin die ich so liebe und Leonce soll mein Sohn sein Und Sie Miss Eton
müssen Eudoxia Nemours vorstellen die eigentliche wenn auch geheime
Beherrscherin dieses Schlosses zu jener Zeit«
Miss Eton schauderte bei dieser Wahl unwillkürlich zusammen »Fürchten Sie
Nichts« lachte die alte Prinzessin »mir lebt kein Gemahl zur Seite und ich
verspreche weder selbst noch durch Andere Gift und Dolch zu führen«
»Ach Madame« sagte Elmerice zu ernst für den Maskenscherz »der Tod ist
nicht das Schimmste Aber haben Sie die Tränenspur auf dem Betpulte des
unglücklichen Fräuleins vergessen Soll ich dieselbe Stelle einnehmen«
»Wir müssen uns Alle das Wort geben« rief Mademoiselle de la Beaume
Elmerice lachend in die Augen schauend »dass wir unseren jungen schönen Gast
von seiner viel zu ernsten Stimmung heilen Sie sollen nicht umsonst die Hofdame
der lebenslustigen Katarina geworden sein«
Elmerice errötete lebhaft und trat fast erschrocken hinter den Stuhl ihrer
neuen Gebieterin und dennoch sah sie als sie Leonce seitwärts erblickte wie
sein Auge mit so vielem Ausdrucke auf ihr ruhte Mit welchem Ausdrucke das
wusste sie nicht zu deuten doch fühlte sie eine Schüchternheit dadurch erweckt
die ihre Haltung bedrohte Indes fuhr die unermüdliche Mademoiselle de la
Beaume fort ihren Hofstaat zu ordnen »Und Sie Margarete von Valois meine
königliche Tochter ich präsentire Ihnen hier die berühmte Klaudia von Guise als
Ihre Hofdame Doch vergessen Sie nicht dass Ihr Gemahl Ihrer schönen Augen
wegen fast der ganzen HugenottenPartei abfiel Ich mache Ihnen ein
gefährliches Geschenk« fuhr sie fort und zog Margot vor sich hin »und mein
einziger Trost ist dass Ihr Gemahl auch für die Schönheiten meines Hofes Augen
zu haben scheint die kleine Klaudia aber verdecktes Spiel sehr gut versteht und
dem verliebten Bearner nicht nachstehen wird«
Nun ward eben so viel gelacht als errötet Die übrigen Herren wurden
ebenfalls verteilt Armand war Heinrich von Guise Vardes wollte Benserade
sein Graf Bussy Koligny und Guiche der Busenfreund von Heinrich von Navarra
der schöne jugendliche Kondé
»Ach« sagte die Prinzessin lachend »die letzte Wahl gefällt mir Kondé
und Navarra hatten immer ihre kleinen Intriguen Das passt sich Aber hütet Euch
jetzt vor Eurer Königin sie hatte beständig ein Auge auf diesen Prinzen und
entdeckte alle seine Geheimnisse«
Diese Scherze belebten den Kreis und sicherten eine freie Bewegung Jeder
konnte so viel Geist und Phantasie zeigen als er besaß und Alle fühlten sich
aufs Höchste erheitert und entzückt
Und dennoch schien es derjenigen die dazu Veranlassung gegeben als sei sie
auf das schmerzlichste dadurch verletzt Als sie endlich bei dem Aufbruche der
ganzen Gesellschaft in Fennimors Gemächer trat in denen sie ihre alte Freundin
trotz des vollen Kerzenscheins den sie stets darin verbreitete neben Fennimors
Sterbeplatze fest eingeschlafen fand sog sie dies Bild der Ruhe und des
Friedens mit vollen Zügen ein und eine schwere unerträgliche Last schien von
ihr genommen »Nein« sagte sie leise über der Schlafenden die Hände ringend
»ich kann nicht bei Euch bleiben ich gehöre zu Dir Du bist die Einzige die
ich noch beglücken kann dort hat Jeder erreicht was er wünscht und was ihn
erfreut beneiden will ich es ihnen nicht aber weshalb soll ich mit
lachendem Munde die tiefe Wunde meiner Brust so harter Berührung preisgeben
Warum das Kostüm was Du meine heilige Fennimor trugest was Dich schmückte
zum Fastnachtsscherze verbraucht sehen da es den Schein der Ähnlichkeit mit
der Tracht jener verufenen Zeit der Medicäerin hat Nein hier will ich bleiben
und Dir dienen Emmy mit dem ScheinGlücke nach dem Dein armes Herz so
begierig griff«
Gekräftigt beruhigt durch diesen Entschluss trat sie hinaus an Fennimors
Grab Sie kniete nieder und drückte ihr glühendes Angesicht gegen den kalten
Marmor Sie konnte nicht weinen trotz der tiefen Wehmut ihres Herzens ihr
Nachdenken war von allen Rückerinnerungen ihrer früheren Tage in Leitmorin
erfüllt es streifte vergleichend das eben Erlebte und erhöhte das bange Klopfen
ihres Herzens »Ach Fennimor« sagte sie sich erhebend »Deine Enkelin wird
nicht glücklicher werden als Du Möchte ich erst sein wo auch Du nur Ruhe
fandest«
Sie kehrte zu der Alten zurück die auf einem niederen Sitze ruhend ihren
Kopf auf die Armlehne von Fennimors Stuhl hatte sinken lassen und betrachtete
das alte düstere Gesicht worin der Schlaf Nichts aufheiterte sondern nur
tiefere Linien zog mit einem kindlichen Anteile der sie auch bald gewahren
ließ dass Emmy nicht den Atem der Gesundheit hatte Sie kniete nieder und
berührte ihre Stirn kalter Schweiß stand darauf Jetzt rief sie besorgt ihren
Namen Die Alte fuhr erschrocken in die Höhe und starrte ihren Liebling mit
gläsernen Augen an »Fennimor« sagte sie »Reginald ruft seine Tochter Jene
sollen kein Recht haben an ihr Du sollst sie zu mir hierher bringen« Sie
raffte sich empor ihre Bewegungen waren immer heftig gigantisch Trotz des
hohen Alters zeigte sich der starre Sinn der jede Hilfe entbehren wollte
»Emmy« sagte Elmerice sanft »Du sprichst es aus was ich gedacht Ich
will bei Dir bleiben Jene sollen kein Recht an mir haben Fennimors guter
Geist hat schon Dein Begehren erfüllt er trieb mich zu Dir zurück ich will
Dir allein gehören«
»So so« sagte die Alte sich besinnend »Du bist ja mein Engel« Doch
fühlte Elmerice überrascht dass sie ihren Arm fasste plötzlich brachen ihre
Knie und sie sank ohnmächtig in Fennimors Stuhl Außer sich stürzte Elmerice
über sie hin sie glaubte ein plötzlicher Tod habe ihre alte Beschützerin
dahin genommen Doch bald sah sie dass sie sich noch bewege und sogleich
bemühte sie sich ihr Hilfe zu verschaffen Sie löste ihre Kleider sie rieb ihr
Schläfe und Pulse und nässte ihre Stirn mit kaltem Wasser Bald erwachte die
Alte aber sie war zu schwach um sich erheben zu können und hielt doch
Elmerices Hand fest in der ihrigen als wolle sie sie verhindern Hilfe herbei
zu rufen Als sie nach einiger Zeit die Sprache wieder erhielt sagte sie
»Kind lass uns allein ich will bei Dir sterben Lass mich kein Gesicht mehr
sehen aus der Welt die sie getötet hat und halte Du sie Dir auch ab Morgen
bin ich wieder wohl« fuhr sie fort als sie die Tränen ihres Lieblings sah
»sei nur getrost mein Engel es ist so schön wenn wir allein sind da werde
ich bald zu Kräften kommen«
So blieb sie bis gegen Morgen von Elmerice bewacht im Lehnstuhle sitzen
ihr Zustand erregte dieser große Besorgnis da ein banges Keuchen eintrat das
den Ausbruch einer neuen Krankheit fürchten ließ Gegen Morgen machte sie den
Versuch von Elmerice geführt ihr Bett zu erreichen aber es trat eine neue
Ohnmacht ein die den Rest ihrer Kräfte mitzunehmen schien denn von da an lag
sie in bewusstloser Ruhe
Elmerice sendete nun Asta zu Veronika und als diese sogleich mit ihr
zurückkehrte sprach sie gegen diese den Wunsch aus dass sie den Marquis
dAnville um ein Pferd und einen Boten an den alten Arzt bitten möge und der
Marquise ihre Entschuldigungen überbringen da sie Emmy nicht verlassen könne
und deren Ruhe durch Nichts gestört werden dürfe Zu Allem bereit beeilte sich
Veronika den Herrschaften aufzuwarten die sie sämtlich in der heitersten
Laune beim Frühstücke antraf Die Nachricht die sie brachte wurde mit der
größten Teilnahme angehört und der Marquis gab augenblicklich Befehl dass ein
reitender Bote sich nach dem Kloster aufmache Dort konnte man den alten Arzt
vermuten und wenn er schon fort war über seine weiteren Streifereien
Auskunft erhalten
»Und muss man sich wirklich damit begnügen« rief die Marquise wehmütig
»kann man dies liebe uns so nah angehörende Wesen durch Nichts in dieser
traurigen Lage unterstützen«
»Sie wenigstens teure Marquise« erwiderte Veronika »Sie wenigstens
nicht Denn die alte Emmy ist in diesem Punkte hartnäckiger wie irgend ein
anderer Mensch Doch habe ich Hoffnung dass sie mich ertragen wird und dann
kann ich nicht allein unser liebes Fräulein unterstützen sondern wenn sie noch
ausreichendere Hilfe bedarf auch Sie davon in Kenntnis setzen«
Dies tröstete Lucile in Etwas da sie schon anfing das lebhafteste Interesse
für Elmerice zu empfinden und an dies Zusammenleben eine Hoffnung knüpfte die
seit der Bekanntschaft mit Elmerice sich beiden Ehegatten aufgenötigt hatte
Die auffallende Ähnlichkeit derselben mit Fennimors Bilde und die eben so
auffallende Liebe der alten menschenfeindlichen Frau zu Elmerice hatte die
Betrachtung geweckt wie wenig sie eigentlich von Miss Eton wüssten wie sie in
den Gesprächen der Tante eigentlich nie erfahren welcher Abkunft sie sei und
stillschweigend angenommen sie gehöre zu den vielen auswärtigen Freunden der
Gräfin mit denen diese durch Briefwechsel eine stete Verbindung zu erhalten
wusste
Diese unzureichende Auskunft mussten sie sich gestehen war nicht
absichtlich so gegeben sie war von Seiten der Tante gewiss nur eine Folge der
Voraussetzung dass sie mehr wüssten von ihrer Seite jugendlicher Leichtsinn oder
Zerstreutheit welche sie an der Ungekannten nur das Interesse nehmen ließ dass
ihr Umgang die geliebte Tante beglückt hatte Jetzt wo der neu erweckte Wunsch
Nachkommen des unglücklichen Reginald zu entdecken mit Elmerices auffallender
Erscheinung zusammenfiel beschlossen sie bei der Tante den näheren
Verhältnissen derselben nachzufragen Armand wollte sich mit Leonce darüber
beraten und dieser oder er selbst sollte nach Ardoise zurückkehren und
Nachrichten von der Gräfin Franziska einholen sobald ihre Gäste sie verlassen
hätten
»Außerdem wird es Zeit« sagte Armand »dass wir Leonce zur Erklärung und
zu einem berechtigten und öffentlichen Verhältnisse mit Margot bringen denn
sichtlich ist die Gemütsbewegung in der er sich seit gestern befindet durch
Margot unschuldiger Weise veranlasst deren unbefangenes Herz aber sicher nicht
interessiert war«
»Nun« rief Lucile »auch ich sah ihn gestern Abend als ich am Fenster des
Vorsaals Luft einatmete ganz außer sich wie es mir schien auf dem alten Hofe
des Teophim auf und nieder stürzen und als ich ihn diesen Morgen damit necken
wollte und ihm sagte ich hätte geglaubt er habe Emmy Gray entführen wollen
bekam ich eine ganze Ladung zorniger Blicke aus seinen düsteren Augen und die
Röte bestieg seine Stirn wie ein Feuerzeichen was Kampf bedeutet Ich hielt
mir die Augen zu als ob ich mich fürchte und doch war mir innerlich bei dem
Scherze nicht wohl zu Mute denn ich ahnte dass Etwas Ernstes ihn quäle«
»Er ist fürchte ich eifersüchtig auf Guiche« sagte Armand »und was mir
auffallend ist und ich fast unzart nennen möchte ist dass Guiche seine Neigung
für Margot kaum verbirgt Als wir gestern die alten Zimmer verließen blieben
sie weit zurück Margot hatte es mit der Statue des Spinola auf dem
Treppensaale zu tun und Guiche wollte ihr ein Pendant dazu zeigen in dem
Zimmer der Gräfin Bussy Erst folgte ihnen Leonce und wie mir schien schon mit
sehr übellaunigem wenigstens auffallend blassem Gesichte plötzlich aber stürzt
er außer sich zurück die Treppe hinab ohne mich zu sehen obwohl ich eben
erst aus dem BanketSaale trat wo ich mit dem Hausverwalter einige
Verabredungen getroffen und ihn in dieser Zeit durch die offene Türe beobachtet
hatte«
»Ja« rief Lucile »jetzt erinnere ich mich Die Anderen hielten es für
eine gewöhnliche Galanterie wie wir sie an Leonce kennen wir waren nämlich
voran gestiegen und schon im unteren Flure da rief Mademoiselle de la Beaume
laut nach Miss Eton die wir eben vermissten und in demselben Augenblicke schrie
ich laut auf weil irgend ein Bewohner dieses feuchten Raumes über meinen Fuß
schlüpfte Das hatte Leonce gehört Was ist geschehen rief er die Treppe
hinauf stürzend wo ist Miss Eton Sie stand fast erschrocken neben ihm und er
rief nun Lucile ich erkannte Ihre Stimme Aber er war so außer sich dass wir
ihn alle auslachten und ich gleich dachte weder diese fremde Miss Eton noch
Dein Schrei bringt ihn so außer Fassung«
»Ich zögerte an der Treppe mit den Domestiken sprechend« fuhr Armand fort
»um Margot abzuwarten Da sie aber so wenig wie Guiche erschien trat ich in
das Zimmer in welches sie verschwunden waren da standen Beide in lebhaftem
Gespräche und eben riss Margot ihre Hand los die wie es mir schien Guiche
zwischen den seinigen hielt Die kleine Unvorsichtige war bei meinem Anblicke
ganz außer Fassung ich gab ihr den Arm und führte sie hinab Wir schwiegen aber
Beide es schien mir sie war sehr beschämt Guiche folgte uns gar nicht und
traf erst später bei der Gesellschaft ein Von da an ist Leonce aber nicht
wieder zu erkennen und ich muss ihn auffordern offen mit mir zu reden Er ist
von den Verhältnissen des Grafen Guiche zu gut unterrichtet als dass er nicht im
Stande sein sollte ihn von seinem unvorsichtigen Werben um Margot abzuhalten
Graf Guiche steht nämlich in diesem Augenblicke sehr unangenehm zur Familie
dAubaine Margots Bruder ist mit Guiche bei demselben Regimente das Bussy
kommandiert eine Abteilung dieser garde du corps hat den Dienst in Versailles
eine der tausendfältigen Kleinigkeiten von denen man angenommen hat dass sie
die Ehre eines Offiziers verletzen glaubt dAubaine von Guiche erfahren zu
haben Diese Dinge dürfen sich nie entkräften selbst nicht an der innigsten
treuesten Freundschaft denn in diesem Verhältnisse waren Beide und eben aus
Montreal von einem Besuche bei Margots Eltern zurück gekehrt Es musste also Blut
fließen und obwohl Leonce sich bemühte sie zu versöhnen forderte doch
dAubaine das Duell Da Vardes sein Sekundant war ward Leonce der Sekundant von
Guiche und leider ward dAubaine gefährlich verwundet Du kannst Dir den Zorn
Deines Onkels denken wie er die Nachricht von der Gefahr seines einzigen Sohnes
bekam und wie aufgebracht er auf Guiche war dem er in der Parteilichkeit des
Schmerzes allein die Schuld zuschob Jetzt erholt sich der junge Mann und Leonce
sucht Guiche mit dem alten Grafen zu versöhnen da er den Ersteren sehr liebt
und alle Schuld dAubaine gibt Doch hat er selbst als Sekundant des Gegners
den Zorn Deines Onkels zu erfahren gehabt obwohl ich nicht denken kann dass dies
bei dem alten Herrn einen nachteiligen Einfluss auf unsere Wünsche ausüben
wird«
»Nun dann kann ich auch nicht glauben dass sich Guiche um Margot bemüht«
rief Lucile »denn dann kennt er Leonces Wünsche und wird bloß Margots
Verzeihung in Bezug auf den Bruder gewinnen wollen«
»Wir können das abwarten« rief Armand »doch muss ich mich gegen Leonce
erklären es erregt zu sehr meine Ungeduld«
Diese Erklärung fand sich jedoch nicht Die Geselligkeit und Leonces
sichtlicher Wunsch Armand zu vermeiden hielt die Brüder entfernt
Es war überhaupt eine Störung wahrzunehmen Zwar waren die Kostüms fertig
und bereits angelegt aber Elmerices Verschwinden die traurige Veranlassung
desselben hatte die Lustigkeit gelähmt die man erst von diesem Maskenscherze
erwartete Es war als ob mit ihrem Ausscheiden sich die Berechtigung dazu
vermindert habe und Mademoiselle de la Beaume erschien am zweiten Morgen in
ihrer gewöhnlichen Kleidung und versicherte sie habe die ganze Nacht von ihrer
Toilette Fieber gehabt denn Katarina von Medicis habe ihr in Person Unterricht
geben wollen sich ihrem Kostüme gemäß zu betragen und da habe sie zusehen
müssen wie sie nach und nach in ihrer Seele eine wahre Hölle eingerichtet habe
So erschienen nur noch die jungen Damen zuweilen bei Tafel in ihren Miedern
und niederhängenden Locken die ihnen allen auffallend schön kleideten Die
Herren hatten dagegen ihre Rollen nicht weiter verfolgt und die Damen wurden
auch nur gelegentlich durch Anrufung ihres Namens daran erinnert
Indessen traf am anderen Mittage die Nachricht ein der alte Arzt sei
angekommen und bereits in den Zimmern der Mistress Gray DAnville stellte an der
äußeren Türe des Turmes sogleich einen Diener auf der den alten Herrn zu ihm
führen sollte wenn er von der Kranken zurückkomme und wir überlassen Alle
dieser Erwartung um zu erfahren was sich indessen an einer anderen Stelle für
diese besonderen Verhältnisse vorbereitete
Die Gräfin dAubaine war nach der Abreise ihrer jungen Freunde von Ardoise mit
der uneigennützigen Ruhe die der Hauptzug ihres geläuterten Karakters war zu
ihrem einsamen Leben zurückgekehrt Lebhaft angeregt durch die Erscheinungen der
geistigen Welt die sie aus ihrer gesicherten Ruhe mit anteilvollen Blicken
verfolgte nahmen die Zusendungen aller in Paris entstehenden neueren Schriften
ihre Zeit ausreichend in Anspruch wenn wir noch hinzufügen dass sie das
geistvolle Resumé der ihr daraus erwachsenden Betrachtungen mit absichtslosem
Fleiße sich selbst zur Prüfung in schriftlichen Aufsätzen sammelte Doch
behielt sie nach Außen den vollständigsten Anteil für alle ihr näher gerückten
Verhältnisse und unter ihnen standen ihr die ihrer jungen Freundin jetzt am
nächsten gegen welche sie sich heilig verpflichtet hielt durch das Vertrauen
mit dem die Eltern sie ihr als Vermächtnis übergeben hatten Die zärtliche
Freundschaft die das junge anziehende Wesen ihr eingeflößt gab ihr eine
genaue Kenntnis ihres feinen leicht verletzlichen Sinnes und ließ sie über die
zweifelhaften Verhältnisse in denen sie sich jetzt befand eine berechtigte
Unruhe empfinden Doch hoffte sie noch immer durch die Anwesenheit der Marquise
dAnville in Ste Roche einen ausreichenden Schutz für ihren Liebling annehmen
zu dürfen und fühlte sich schmerzlich getäuscht als sie die Nachricht zurück
erhielt wie bestimmt Elmerice sich jeder Gemeinschaft mit ihr entzogen habe
wie fest diese neuen Verhältnisse sie zu fesseln schienen
Sie hatte darüber ein langes Nachdenken und fragte die Erinnerungen ihrer
Jugend um Auskunft über Emmy Gray Aber es war ein undeutliches Bild was sie
vorfand und weniger hatte die Zeit dies bewirkt als die damalige Zerstörung
ihres Geistes und dass nach ihrer Genesung die ganze traurige Begebenheit wie
mit heiligen Siegeln in dem Munde Aller verschlossen war die sie umgaben Was
sie darüber später erfuhr war ihr durch Madame St Albans mitgeteilt die
durch ihren Besuch wie durch die Erwähnung der Nähe des Klosters Tabor sie
wieder zu einigem Anteile erweckt und manche Erinnerungen in ihr aufgefrischt
hatte die sie mit ihren übrigen Schmerzen fest hielt und aus denen sie jetzt
einen Begriff von der Lage ihrer Elmerice schöpfte
Die finstere feindselige Stimmung die Emmy Gray zu der ganzen Welt trug
war für die Gräfin eine Ursache mehr ihre junge Freundin als ein Opfer ihres
Mitleidens anzusehen und wie sie diese weit getriebene Teilnahme mindern
solle das war der Gegenstand ihrer Überlegungen Sie entwarf hierzu in einem
Tage mehr Pläne als ihr ganzes übriges Leben aufzuweisen hatte nur immer
wieder verworfen oder verändert durch ihr großes Zartgefühl Die Furcht mit
einer Autorität aufzutreten die sie zu edel und uneigennützig war geltend zu
machen wenn sie nicht durch wirkliche Notwendigkeit erzeugt ward machte dass
sie bis zu dem Gedanken gelangte selbst nach Ste Roche zu gehen um durch ihre
Nähe Elmerice die sich ihr sicher nicht entziehen konnte zu zerstreuen ohne
sie ganz der Teilnahme für ihre alte Freundin zu berauben
Aber dies war freilich ein großer Entschluss den die edle Franziska trotz
der Aufopferungen deren sie fähig war doch nicht ohne eine große innere
Bewegung fassen konnte und von dem sie eben so lebhaft wünschte er möchte ihr
erspart werden Denn Ste Roche war der Markstein ihres irdischen Glückes Ste
Roche hatte das unschuldige und tugendhafte Dasein des einzigen Mannes den sie
je geliebt auf immer zerstört Wenn sie dorthin dachte schien es ihr ein
riesiges Grabmal das Alles bedeckte was ihr je an irdischem Besitze gehörte
und dennoch kam der Gedanke immer wieder denn nur ihrem Pflichtgefühle räumte
sie eine ausschliessliche Herrschaft über sich ein und schon erliess sie einzelne
Fragen an Lorint über den Bestand der Reiseequipagen welche die ganze
Dienerschaft in Erstaunen setzten da die Gräfin seit zehn Jahren das Schloss
nicht verlassen hatte
In einem jener zierlichen Blätterklosets welche die Gartenkunst des
damaligen Jahrhunderts bestrebt war mit möglichster Täuschung der Natur
abzuringen ruhte die Gräfin dAubaine und sah durch den hohen Bogen des grünen
Eingangtores eine große schnurgrade gepflanzte Allee riesenhoher Platanen
entlang die mit einem malerischen Prospekte auf das Schloss endete als sie
Monsieur Lorint gewahrte der mit den weiß seidenen Strümpfen dem gestickten
Scharlachrocke und der kleinen weißen Stutzperücke eine kleidende Staffage
dieser einsamen Blätterarchitektur ward Als er näher trat bemerkte sie den
Glanz des silbernen Tellers in seiner Hand und war nun gewiss er brächte ihr
Briefe Sie hoffte aus Ste Roche und stand auf um ihm entgegengehend sie
früher in Empfang nehmen zu können
Der alte etwas korpulente Herr beeiferte sich bei dieser Bewegung seiner
angebeteten Gebieterin sie so schnell als möglich zu erreichen und bald
stand er ganz außer Atem mit dem reich belegten Teller vor der Gräfin
»Zwei Briefe von meiner Nichte« rief die Gräfin
»Ja Euer Gnaden durch zwei sich schnell folgende Boten außerdem befindet
sich noch ein Kourier anwesend der Euer Gnaden eine fremde Herrschaft
anzumelden kommt«
»Nun und wenn« sagte die Gräfin zerstreut und schon in den ersten Brief
ihrer Nichte vertieft kaum Lorints Worte beachtend Lorint schwieg daher sich
vor das Kloset zurückziehend
Mit welcher Freude nun auch die erste begeisterte Erzählung der Marquise
von der Bekanntschaft mit Elmerice und den wunderbaren Verhältnissen derselben
das zärtliche Herz der Gräfin erfüllte da Lucile von Empfindungen der
Bewunderung überströmend ihrer schnell erweckten Zuneigung mit Ausdrücken
erwähnte die in ihrem eigenen Herzen einen nur zu lebhaften Anklang fanden so
wurde diese Freude doch eben so rasch niedergeschlagen und in Besorgnis
verwandelt als sie den zweiten Brief erbrach und die Krankheit der alten
Mistress Gray und Elmerices schnelles Zurückziehen erfuhr
»Mein Gott« sagte sie lebhaft »das geht nicht mehr so Ich muss dennoch zu
ihr mein armes teures Kind ich kann Dich nicht länger verlassen
Vielleicht tat ich es schon zu lange und habe das heilige Vertrauen verletzt
das Deine Eltern in mich setzten Sorgt Lorint« sagte sie sich zu ihm
wendend »dass wir morgen abreisen können ich werde nach Ste Roche zu meiner
Nichte gehen«
Lorint verbarg sein Erstaunen welches ihm das Blut in das Gesicht trieb
durch eine tiefe Verbeugung »Ich komme nach dem Schloss zurück« fuhr die
Gräfin fort da Monsieur Lorint noch immer stehen blieb »richtet vorläufig das
Nötigste zu meiner Abreise ein«
»Zu Befehl Euer Gnaden« erwiderte Lorint »ich wollte nur untertänigst
an den Kourier erinnern der auf Antwort harret«
»Ein Kourier« sagte die Gräfin überrascht da sie jetzt erst die Nachricht
hörte »ein Kourier aus Ste Roche«
»Nein Euer Gnaden ein Kourier der eine fremde Herrschaft anmeldet welche
sich aber nur der Frau Gräfin selbst nennen will und über die der Bursche keine
Auskunft zu geben weiß da er von dem nächsten Postause kommt wo die
Herrschaft erst vor wenigen Stunden eintraf und ihn absendete um die
Anwesenheit Euer Gnaden zu erfragen und diese allgemeine Meldung zu machen«
»Das ist sonderbar« sagte die Gräfin »ich muss aber dennoch Bekannte
annehmen obwohl ich kaum weiß wer sich dieser eigenen Form bedienen könnte
Doch darf dieser Besuch keinen Einfluss auf meinen Entschluss haben Besorgt zu
morgen meine Equipagen und sagt dem Kourier ich wäre im Begriffe abzureisen
doch bis morgen bereit Jeden willkommen zu heißen«
»Auch glaube ich können dies Euer Gnaden ohne Bedenken« fuhr Lorint mit
der Vertraulichkeit alter Domestiken fort »denn die Herrschaft ist dem
Aufwande nach mit dem sie reist von hohem Range«
»Wir werden dies erwarten« sagte die gütige Gräfin lächelnd »gebt die
nötigen Befehle zu ihrer Aufnahme«
Doch lange noch blieb sie allein in der schönen Einsamkeit die sie umgab
sie vertiefte sich in die Mitteilungen ihrer Nichte und suchte sich dadurch in
ihrem Vorhaben zu stärken das sie bei aller pflichtgetreuen Festigkeit ihres
Sinnes dennoch mit einem geheimen Bangen erfüllte über das sie nicht Herr zu
werden vermochte Wie Viel sich an diese Empfindungen anreihen mochte was von
der Zeit und ihrem starken Willen verdeckt lag wäre auf dem schönen früh
gealterten Gesichte zu verfolgen gewesen obwohl es die feine Hand welche das
denkende Haupt stützte halb verbarg
So mochte die Zeit schnell an ihr hin gestrichen sein und vielleicht hatte
sie selbst die Abreise und mehr noch den angekündigten Besuch bereits vergessen
als sie die Stimme von Monsieur Lorint vernahm der dicht vor dem Eingange des
grünen Gemaches stehend einige untertänige Worte murmelte Sie zog die Hand
von ihrem Angesichte und sah hinter Lorint eine hohe männliche Gestalt stehen
und an ihrer Seite eine jüngere weibliche die Beide der Gräfin völlig fremd
erschienen und sie an ihre erwarteten Gäste erinnerten
Sogleich erhob sie sich und mit ihrem edelen und gewinnenden Anstande nahete
sie sich den Fremden die Monsieur Lorint versucht hatte ihr vorzustellen Wer
hätte sich nicht in dem Augenblicke als sich die hohe leichte Gestalt so
würdig von den reichen Falten des schwarzen Kleides umhüllt ihnen nahete sagen
müssen sie habe die unverwüstliche Schönheit der Seele deren Dasein wir beim
ersten Blicke empfinden und die an dem Körper der wie ein durchsichtiger aber
farbloser Schleier den Geist umgibt keinen größeren Verfall zulässt als die
Verflüchtigung der Jugendreize
Der Fremde schien von ähnlichen Betrachtungen bewegt ihren vollen Anblick
genießen zu wollen denn er blieb in derselben Entfernung vor ihr stehen und
ließ sie in ihrer ganzen edelen Erscheinung auf sich zu kommen aber sein großes
Auge das unter starken schwarzen Augenbraunen feurig hervorleuchtete sagte
ohne Worte ich bewundere Dich Der Fremde zeigte eine sichere würdevolle
Haltung die Schönheit eines alten Mannes der sich seiner Jugend ohne Erröten
erinnern darf Sein weißes Haar hob sich noch voll um die freie Stirn und die
Feinheit der schönen griechischen Nase verstärkte den edelen Ausdruck seines
Kopfes Er war über der gewöhnlichen Größe ohne Korpulenz in reicher
einfacher Tracht die aber nicht die der französischen Mode war seine ganze
Erscheinung flößte Achtung und Vertrauen ein
An seiner Seite stand eine junge weibliche Gestalt die fast andächtig ihre
sanften Augen auf die Gräfin dAubaine gerichtet hielt und eins der zarten
blonden Mädchen war an deren materielle Existenz wir kaum Glauben fassen
können
Die Gräfin gewann die von uns dargelegte Ansicht mit einem Blicke ihrer
klugen erfahrenen Augen und in der angenehmen Erwartung einen Namen zu hören
der dieser interessanten Erscheinung entspräche nahete sie sich mit jener
verbindlichen Miene welche die Frage ausdrückt die der Mund noch zurückhält
»Madame« sagte der Fremde jetzt ehrerbietig ihr entgegentretend »ich
erkannte Euer Gnaden augenblicklich wieder obwohl so viel Zeit zwischen diesem
und unserm letzten Beisammensein liegt dass mein einst schwarzes Haar Zeit
hatte mich zum Greise zu stempeln auch damals genoss Lord DuncanLeitmorin
Gastfreundschaft in Ardoise und Gräfin Franziska dAubaine war die Heilige die
er anbetete«
»O Lord Duncan« rief Gräfin dAubaine »Sie führt in Wahrheit Gottes
besondere Güte zu mir Stets konnten Sie der Freude gewiss sein die Ihre Ankunft
hier erregen musste und doch ist sie niemals erwünschter gewesen als gerade
jetzt wo sie fast zur Notwendigkeit geworden ist und in dem Augenblicke wo
ich Sie sehe fühle ich erst recht die Wohltat die mir Ihr Rat gewähren
wird«
»Das habe ich fast erwartet Frau Gräfin« erwiderte Lord Duncan »und
dennoch tut mir Ihre offene gütige Erklärung darüber unendlich wohl denn sie
hebt den letzten Zweifel der mich noch beunruhigen konnte An Sie bin ich nun
in jeder Hinsicht verwiesen da Sie selbst meine Sendung anzuerkennen scheinen«
»Lassen Sie mich erst diesen Engel begrüßen« rief jetzt die Gräfin deren
Augen schon längst auf das holde Wesen an seiner Seite geblickt hatten
»Marie Duncan sehnte sich Ihre Hand zu küssen« sagte der Lord und führte
das errötende Mädchen zur Gräfin die ihr die Arme entgegenstreckte und sie
zärtlich an ihre Brust drückte »Freundin meiner Elmerice weißt Du dass sie mir
mütterliche Rechte einräumte Willst Du mir einen ähnlichen Anteil gönnen«
»Ach Madame« rief Marie seelenvoll zu ihr aufblickend »möchte ich ein
so großes Glück verdienen lernen«
»Aber Du findest Deine Elmerice nicht« fuhr die Gräfin fort »O Lord
Duncan werden Sie nicht Rechenschaft von mir fordern und mich für einen
schlechten Haushalter erklären da ich den mir anvertrauten köstlichen Schatz
von mir ließ schutzlos in fremde unheimliche Verhältnisse übergehend«
»Nein meine teure Gräfin« erwiderte Lord Duncan »ja eben diese
augenblicklichen Verhältnisse des von mir väterlich geliebten teuren Mädchens
sind die Veranlassung dass ich nach Frankreich kam und wie ich ohne Ihren
Rat Ihren Beistand keinen Schritt vorwärts tun kann oder will so muss ich
einräumen dass Sie mich eben so nötig haben werden und da ich Ihre Reisepläne
schon kenne denke ich wir reisen wenn Sie mich gehört haben später
zusammen«
»O gern gern« rief die Gräfin nachdenkend und bewegt denn jetzt fühlte
sie Lord Duncan müsse wichtige Mitteilungen zu machen haben und in dem
augenblicklichen Verhältnisse seines Mündels mehr sehen als sie die ihre Sorge
nur auf die Gemütsstimmung ihrer jungen Freundin gerichtet hatte Hoch atmete
sie bei diesem Nachdenken auf Wie viele Jahre waren schonend an ihr hingezogen
und heute ward ihre Erinnerung für die Vergangenheit geweckt und wie lebhaft
durch Lord Duncan ihr Gefühl angeregt den sie als Freund Reginalds kannte und
dessen Bekanntschaft die glücklichste Zeit ihres kurzen Jugendlebens umschloss
Lord Duncan erriet die Bewegung seiner edelen Freundin und suchte sie von
ihren Empfindungen abzulenken Die Gräfin verstand schnell seine wohlmeinende
Absicht man trat den Rückweg nach dem Schloss an und hier Alles geschickt und
schnell vorbereitet findend führte die verbindliche Wirtin ihre Gäste selbst
in die schönen wohnlichen Gemächer ihnen nach einer eiligen Reise die
erwünschte Ruhe gönnend
Erst zur Tafel fanden sich die Gäste wieder bei der Gräfin dAubaine ein
und Lord Duncan füllte diese Zeit der Unterhaltung mit Erzählungen über sein
Familienleben das der Gräfin fremd ihre ganze Teilnahme in Anspruch nahm
Doch hörte sie fast mit Schreck dass Lord Astolf der jüngste Sohn des Lord
Duncan bereits verlobt sei und wie sich die junge Marie darauf freute
Elmerice mit dieser Nachricht zu überraschen Denn noch immer glaubte sie ihr
Liebling trage eine unglückliche Neigung zu jenem Jünglinge und seit lange
hatte sie sich gewöhnt die Schwermut derselben dieser Ursache Schuld zu geben
Lord Duncan hatte die Gräfin um eine ungestörte Unterredung gebeten man hob
die Tafel deshalb zeitig auf und da Marie Duncan alle Plätze kennen lernen
wollte von denen das Tagebuch ihrer Elmerice so lebhafte Schilderungen
enthielt hatte die Gräfin dafür gesorgt dass das sanfte Reitpferd welches Miss
Eton zuweilen gebrauchte der jungen Lady zugeführt wurde Der alte Förster von
Ardoise und ein völlig zuverlässiger Reitknecht bekamen den Auftrag Miss Duncan
zu allen Punkten hinzuführen welche die junge Dame nennen würde
Nachdem man das junge heiter lächelnde Mädchen mit ihrem Gefolge hatte
abreiten sehen führte die Gräfin dAubaine ihren Gast nach dem abgelegenen
grünen Kabinet welches wir bereits kennen und als sie in den offenen
Balkontüren die einen begrenzten Blick in die einsamsten Baumpartien des
Gartens darboten Platz genommen hatten trat eine Pause ein in der Beide sich
zu beherrschen suchten Die Gräfin fühlte sie würde mit Lord Duncan nicht
zusammen sein können ohne durch gemeinschaftliche Erinnerungen den wunden Punkt
in ihrer Brust zu berühren und Lord Duncan sah sich ähnlich bewegt wir werden
aus seinen Mitteilungen erfahren wie viel Recht er dazu hatte
»Lassen Sie uns offen gegen einander sein teure Gräfin« sprach er
endlich »wir fühlen Beide dass was ich Ihnen zu sagen habe schmerzliche und
ewig teure Erinnerungen wecken wird Aber wenn ich dennoch den Entschluss gefasst
habe Sie auf diese Weise zu erschüttern so geschieht es in dem festen
Vertrauen dass Ihnen wie mir eine Pflichterfüllung zu wichtig ist um nicht
das Opfer zu bringen das ich jetzt fordere indem ich Sie bitte mich
anzuhören«
Die Gräfin reichte ihm schweigend die Hand die er fast knieend an seinen
Mund drückte Ihre blassen Lippen bebten in einer Empfindung der sie keine
Worte gestatten wollte aber Lord Duncan zweifelte nicht an ihrer Einwilligung
und hob mit ruhiger Fassung seine Mitteilungen an
»Als Reginald aus seinem Vaterlande verjagt ward suchte er das Vaterland
seiner Mutter auf Er erreichte England mit gebrochener Jugendkraft und als er
das Haus seines Onkels des Herrn Lester in Yorkshire betrat zeigten sich
schon Symptome der Krankheit die ihn bald darauf danieder warf Sie haben oft
von dem Vater Ihrer Jugendfreundin gehört er war in Wahrheit einer der
Ausgezeichnetsten seines Standes Er besaß eine reiche Probstei und seine
vornehme Familie die den Vater aufgegeben hatte suchte durch diese ansehnliche
Pfründe den Sohn zu heben Mehr als sie ihm geben konnte gab er sich selbst
durch seinen würdigen Charakter Seine tiefe Gelehrsamkeit machte ihn zu einem
gesuchten und geachteten Gegenstande er hatte auf der Universität den
Doktorgrad erhalten war Mitglied der ausgezeichnetsten gelehrten
Gesellschaften und stand dadurch in den weitverzweigtesten Verbindungen Eben
so bedeutend war seine Gemahlin eine Miss Eton deren Vater Bischof in Kalkutta
gewesen und die ihrem Gemahle in jeder Beziehung gewachsen war Nach dem Tode
ihres Vaters hatte sie sich als die Letzte ihres Namens mit Herrn Lester
vermählt und nachdem sie mehrere Kinder verloren blieb ihr nur Margarit die
jüngste Tochter die Ihre Freundin ward teure Gräfin«
»Nur ein Mal habe ich mit Herrn Lester über Fennimor seine unglückliche
Schwester gesprochen Er war bis zu Reginalds Ankunft über ihr eigentliches
Schicksal in Zweifel geblieben Wie wir alle musste er sie rechtmäßig vermählt
halten auch bekam er bis zu der Geburt ihres Sohnes nur glückliche Nachrichten
von ihr und empfing daher die Anzeige ihres Todes die ihm Graf Leonin selbst
machte mit der schmerzlichen Trauer um ein zu früh aufgelöstes Glück Ob ihr
Sohn von dem jene Todesnachricht Nichts erwähnte lebe oder der Mutter gefolgt
sei konnte Herr Lester nicht erfahren da alle seine Briefe von da an
unbeantwortet blieben So machte die Zeit dass er jene Verhältnisse als für ihn
nicht mehr bestehend nach und nach zu vergessen begann Emmy Grays Weigerung
nach England zurückzukehren und die flüchtige Erwähnung seiner Tochter bei
ihrer Rückkehr aus Ardoise über ihr wunderliches Leben überraschte Herrn
Lester nicht da er Emmy von Jugend auf als finster und halsstarrig gekannt
hatte und John Gray der auf der Jagd verunglückte und einen frühen Tod fand
kein Band mehr für sie war Dies eine Mal dass ich nach der Entdeckung die ihm
Reginald gemacht den unglücklichen Bruder dieses geopferten Engels sprach wird
mir unvergesslich sein Er hatte damals schon jeden Gedanken an Genugtuung
aufgegeben und rang mit seinem Schmerze um christliche Fassung und Ergebung
aber es war ein Kampf dem er so oft unterlag als er davon zu sprechen wagte
und ich habe ihn niemals wieder dazu aufgefordert«
»Reginald wusste durch Emmy Grays verhängnisvolle Mitteilung von dem Dasein
seines Onkels und von dessen Aufenthalt Er suchte ihn zu erreichen aber sein
Diener brachte den todtkranken Jüngling bewusstlos in das verwandte Haus Noch
ahnte die edle Familie nicht wen sie aufnahm obwohl Margarit augenblicklich in
ihm den Jüngling wieder erkannte den sie unter dem Namen Chevalier de Ste
Roche in Ardoise gesehen hatte dessen ungeachtet genoss er jede Pflege und die
zarteste Teilnahme die endlich den leidenden Zustand brach und ihn dem Leben
zurückgab das er nur noch mit Ergebung ertrug von jedem frohen Gefühle des
Glückes und der Jugend auf immer geschieden«
»Als er sich seinem Oheim entdeckt hatte und die ereignissreiche Erzählung
seines grausamen Schicksales das Herz dieses edlen Verwandten mit dem Unglücke
seiner Schwester vertraut gemacht hatte erfüllte Beide eine tiefe und gerechte
Verachtung gegen die Familie CrecyChabanne deren rechtmässiges Oberhaupt durch
so grausame und hartnäckige Verfolgungen um jedes Vorrecht der bürgerlichen
Gesellschaft betrogen aus seinem Vaterlande vertrieben ward In Folge dieser
Empfindungen und von dem lebhaften Verlangen gedrängt dieser Familie spurlos
entzogen zu bleiben willigte Reginald ein den erlöschenden Namen seiner Tante
anzunehmen und er nannte sich von da an Eton«
Lord Duncan brach hier ab er sah das hinsterbende Lächeln auf dem Gesichte
seiner edelen Freundin Beide schwiegen Langsam floss endlich Träne auf Träne
aus ihren gesenkten Augen Lord Duncan erhob sich er wollte sich entfernen
aber ihre reine und erhabene Seele hatte schon gesiegt sanft streckte sie die
Hand nach ihm aus »Bleiben Sie teurer Freund« rief sie unter stärker
rinnenden Tränen »o ich weine mehr aus Freude wie aus Schmerz So war sein
Schicksal weniger traurig als ich es erwarten musste so genoss er Liebe treue
Hingebung an der Seite der edelsten Menschen Ach und er vergaß mich nie denn
sprechen Sie es aus sein Vermächtnis war Elmerice«
Gerührt unterbrach Lord Duncan den beruhigenden Erguss ihrer Gefühle nicht
Still und voll Ehrfurcht blickte er auf diese schöne würdige weibliche
Erscheinung die mit allen Zuständen Frieden schließt und ihnen ihren Stachel zu
nehmen weiß
»Lord Duncan« sagte sie nach einer kleinen Weile »welches Licht gibt mir
dieser Augenblick über mich Wie unwahr sind wir noch immer gegen uns und
neben welchen absichtslosen Täuschungen gehen wir her als ob wir sie nicht
sähen Was Sie mir jetzt aussprechen ist die Ahnung der langen Vergangenheit
seit Margarit Lester mir in schüchternen Andeutungen ihre Liebe ihre
Vermählung mitteilte Seit ich Elmerice sah und aus ihren Erzählungen über
ihren Vater Manches mir erschien als ob eine liebe Hand den Schleier von einem
unverwischlichen Bilde wegzöge seitdem belebte sich diese Ahnung aufs neue O
Lord Ducan nehmen Sie mein Bekenntnis an selbst das schöne Antlitz meiner
Elmerice rief teure Züge in mir zurück und dennoch dennoch hüllte ich mich
schüchtern gegen die Wahrheit ein Aber ich liebe dies teure Kind so zärtlich
so hingebend wie ich nur vermocht hätte wenn mir die Wahrheit aufgedeckt
gewesen wäre und all meine Einrichtungen für ihre Zukunft nach meinem Tode
gestalteten sich so wie es der Witwe Reginalds mein schönster Titel blieb
dies immer zukam O Mylord wie froh bin ich sagen zu können ich war vor
Ihrer Ankunft entschlossen nach Ste Roche zu gehen und nicht alle meine
Pflichten habe ich aus kränklicher Schonung meines verwöhnten Gefühles
vernachlässiget«
»Reginald« hob hier Lord Duncan an »kannte Sie so genau teure
Freundin dass er gerade so wie es geschehen ist den Gang Ihrer Empfindungen
voraussetzte Nicht ich sollte Elmerice begleiten und da seine Gemahlin ihn
überlebte sollte auch diese erst der Tochter nach Frankreich folgen Elmerice
sollte alle Nachrichten über sein Leben ahnend in Ihnen vorbereiten und wir nur
hinzutreten um das zu geben was Ihnen dann noch fehlen würde«
»So fahren Sie fort« sagte Franziska dAubaine mit Fassung Aber sie
stützte ihr Haupt mit der Hand und entzog ihr Gesicht damit dem Lord die
Zeichen ihres tief erregten Gefühles beschämt verhüllend Mit einer edlen
Schonung erzählte Lord Duncan weiter
»Nachdem Herr Lester zu einiger Fassung zurückgekehrt war richtete er seine
ganze Aufmerksamkeit auf seinen unglücklichen Neffen und bemühte sich ihm eine
Stütze zu werden Sie begreifen mit welcher Liebe und Bewunderung er den reich
angebauten Geist das edle Herz desselben erkennen lernte wie stolz er im Laufe
der Zeit auf ihn ward und wie er ihm seine achtungsvollste Freundschaft
schenkte«
»Doch sein und Reginalds dringendstes Verlangen einen Wirkungskreis eine
Tätigkeit zu finden scheiterte wiederholt an Reginalds zerstörter
Lebenskraft Sein Aufenthalt in der Bastille die er unter den heftigsten
Seelenleiden nach einer kaum überwundenen Krankheit ohne die nötige Pflege
bewohnen musste hatte eine hartnäckiges Siechtum veranlasst das ihn viele Jahre
nach einander zu derselben Zeit aufs Krankenlager warf und endlich die Ärzte zu
dem Ausspruche nötigte dass die Luft in England diesem Zustande nachteilig
werde Doch konnte Reginald in jener Zeit nicht an seine Abreise denken denn
sein geliebter Oheim verlor nach kurzem Krankenlager die würdige Gefährtin
seines Lebens«
»Auf ihrem Sterbebette vertraute sie Reginald die Liebe ihrer Tochter und
sagte ihm sie wünschte dass er sie heirate denn Margarit mache keinen
Anspruch an seine Liebe die er ja doch niemals für ein anderes weibliches Wesen
werde empfinden können Margarit werde wie seine Schwester ihm zur Seite
bleiben seine schwankende Gesundheit stützen und das Leben ihm liebevoll
erleichtern Doch verbat sie sich jede Zusicherung des erschrockenen Reginald
und verließ bald darauf die Welt«
»Von da an lernte unser Freund erst Margarit kennen denn bei ihrer ersten
Bekanntschaft in Ardoise hatte Reginald keinen Raum gehabt für die Wahrnehmung
einer anderen weiblichen Erscheinung aber er näherte sich ihr mit dem Wunsche
durch sein Vertrauen sie von den Gefühlen abzulenken die erregt zu haben ihm
Kummer machte Aber seine Annäherung hatte andere Folgen Jetzt erst trat
hervor was Margarit bisher bescheiden ihm entzogen dass sie noch immer die
Freundin ja die Vertraute der Gräfin Franziska war dass ihre Liebe mit der
seinigen um den Rang stritt und sie das Band werden würde das ihn mit dem
einzigen Glücke seines Lebens in Verbindung erhalten könnte Sie waren von da an
unzertrennlich und wie er fühlte dass er die Neigung des edelen Mädchens
statt sie zu verringern gesteigert habe bot er ihr seine Hand an und
wiederholte ihr was sie wusste dass er ihr kein Herz zu geben habe«
»Schon damals kannte ich seine Anwesenheit in England Herr Lester hatte mir
ausführlich sein Schicksal mitgeteilt Zu derselben Zeit wiederholten sich die
Versuche des Grafen Leonin Reginald auszuforschen da nach dem im Kloster
erfolgten Tode der alten Marschallin wahrscheinlich sein Verlangen erwachte
sich den Sohn wiederzugewinnen Auch ich bekam Aufforderungen und ich gestehe
dass ich es versuchte meinen Einfluss auf Reginald zu benutzen um ihn für die
Vorteile dieser Stellung empfänglich zu machen Aber ich fand ihn
unerschütterlich Das Andenken an seine gekränkte Mutter vertrat jeden Weg der
Versöhnung mit seinem Vater an den er zwar ohne Hass dachte aber sich doch
völlig unfähig fühlte in ein kindliches Verhältnis zu ihm zu treten«
Ȇberdies war er verheiratet er durfte Nichts mehr hoffen und er
verachtete Rang und Stand der zu so vielen Verbrechen Anlass gegeben mit einer
fast an Hass grenzenden Bitterkeit«
»Gleich nach der geräuschlosen Hochzeit folgten sie mir nach Schottland
welches Herr Lester lebhaft wünschte da die geforderte Luftveränderung noch
immer verschoben worden war und bei mir in Leitmorins Bergen in den grünen
Tälern mit ihren zahllosen Quellen erfrischte sich die Lebenskraft unseres
teuren Freundes Dessen ungeachtet führte ihn sein Pflichtgefühl zu Herrn
Lester zurück denn er erriet die immer verhehlten Wünsche seines liebevollen
Weibes die nur mit Sorge den alternden Vater allein wusste auch brachte
Reginald in Wahrheit bessere Lebenskräfte mit und überhob seine Familie für
einige Jahre der Sorge für sein Leben Er bereitete sich in dieser Zeit vor
einen Ankauf in England zu machen der ihm eine würdige Tätigkeit sicherte als
der plötzliche Tod seines Schwiegervaters und die erneueten Nachforschungen des
Grafen Leonin ihn diesen Plan aufgeben ließ und seine Freundschaft für mich
ihn bestimmte sich nach Schottland zurückzuziehen«
»Hier lebte er bis zu seinem Ende in der innigsten Gemeinschaft mit meiner
Familie und teilte seine Zeit in die Kultur seines kleinen Gutes und die
Erziehung seiner einzigen Tochter unserer Elmerice«
»Doch erwachte nach der ersten Vernarbung seiner schweren Seelenwunden eine
tiefe Sehnsucht nach dem schönen Frankreich seinem berühmten Vaterlande in
ihm und es gehörte sein festes Abschliessen mit dem Leben dazu um ihn davon
entfernt zu halten Als er aber seine Kräfte sinken sah und sich selbst nur zu
richtig ein frühes Ende prophezeihte erwachte ein Gedanke in ihm der seine
letzten Jahre erheiterte Ihnen nach seinem Tode seine Tochter und Gemahlin als
ein Vermächtnis zu übersenden und Elmerice auf dem Boden einheimisch werden zu
sehen den er dennoch am liebsten sein Vaterland nannte und durch Sie das
teuerste Andenken seines Lebens«
»Was hätte Margarit nicht in ihrem edelen von ihr angebeteten Gatten
verstanden Wo wäre ihr Anteil je ausgeblieben wenn er ihn zu erwecken suchte
Die Erziehung Elmerices nahm von da an diese vorbereitende Wendung und sie
ward in Schottland schon eine Bürgerin Frankreichs«
»Doch eben so fest suchte er zu der damaligen Zeit alle Bestimmungen so zu
ordnen dass Elmerice über das eigentliche Schicksal ihres Vaters stets in
Ungewissheit bliebe und ihrer Familie auf immer entzogen Wir Alle waren durch
die heiligsten Eide gebunden dies von ihr abzuhalten Ein Brief an Sie teure
Gräfin flehte Sie um dieselbe Zusage an denn er fühlte eine Art eifersüchtigen
Zürnens wenn er sich das herrliche Kind auf das er mit Stolz und Entzücken
blickte in den Händen einer Familie dachte die vielleicht mit zweifelnder
Miene auf ihre Vorzüge sehen und ihnen die volle Berechtigung weigern könnte«
»Ein späteres Ereignis jedoch das ich Ihnen zu einer anderen Zeit
mitteilen werde veränderte in etwas diese hartnäckigen Bestimmungen sie
sollten nur so lange Geltung behalten als das Lebensglück dieses geliebten
Kindes nicht wesentlich darunter litte Ich bekam Erlaubnis seiner Tochter in
Jahresfrist nach Frankreich zu folgen selbst die Verhältnisse zu prüfen in die
sie alsdann getreten sein würde und den Umständen gemäß nachgiebig zu sein oder
das Geheimnis über ihre Geburt fortbestehen zu lassen wenn die Lage der Sache
sich seinen Anforderungen nicht entsprechend zeigte«
»So war die Reise hierher ein alter Beschluss ein Versprechen sogar aber
sie ward durch die Nachrichten die Marie Duncan von Elmerice erhielt
beschleunigt Um mit dem geliebten Kinde im sicheren Zusammenhange zu bleiben
hatte ich in beiden Mädchen die Idee erregt für einander eine Art Tagebuch zu
schreiben und bei der Liebe die Elmerice zu mir hatte ward es mir nicht
schwer die Erlaubnis der Teilnahme an demselben zu erhalten Ich schrieb
selbst in dem Tagebuche meiner Tochter und Elmerice beantwortete dies
ungesucht erfuhr ich so was ihr begegnete und behielt eine Übersicht die
mich leiten musste wenn ich früher als das Jahr abgelaufen war es nötig
finden sollte meine Reise anzutreten Dies schien mir jetzt der Fall seitdem
sie durch eine jener wunderbaren Fügungen die wir uns vielleicht sehr mit
Unrecht gewöhnt haben Zufälligkeiten zu nennen zu dem eigentlichen Brüteerde
ihres Schicksals gelangt ist Emmy Gray die wie eine Nemesis über ihrer Rache
wachend das gekränkte Leben zu erhalten wusste hat sogleich den verwandten Zug
mit Fennimor Lester erkannt ihr deshalb Liebe und Vertrauen geschenkt ihre
Ahnungen in ihr niedergelegt und sie mit dem harten Schicksale ihrer Großmutter
und ihres Vaters bekannt gemacht Von da an zeigen die Briefe des armen Kindes
eine tiefe Schwermut die sie dem Leben absterben lässt denn sie will die
Vorzüge der Geburt die ihr bei der Aufdeckung ihrer Rechte zustehen würden
niemals gelten lassen da sich so viele Verbrechen an deren Raub knüpfen Ja
sie fürchtet vor Allem das Andenken ihres Vaters zu beleidigen wenn sie das zu
besitzen trachtete was er nicht zu besitzen vermochte«
»O meine Elmerice« unterbrach hier Franziska dAubaine ihren Freund »wie
würdig bist Du seine Tochter zu sein«
»Die Anwesenheit des Marquis dAnville den sie als Ihren Verwandten kennt
teure Gräfin hat diesen Vorsatz nur befestigt Wie sollte sie ein Eigentum
besitzen wollen das in diese Hände übergegangen ist Dagegen hält sie es für
eine heilige Pflicht bei Emmy Gray auszuhalten die von der Ähnlichkeit lebt
die Elmerice mit Fennimor hat und nach so langer trostloser Vereinsamung durch
den Gedanken befriedigt ist dass sie die rechtmäßige Erbin Fennimors in Ste
Roche eingesetzt hat und ihr diese die Augen zudrücken wird Elmerice fügt sich
allen ihren Phantasien sie trägt Fennimors Kleidung sogar um der armen Alten
die höchste Illusion zu gewähren«
»So liebe Gräfin denke ich kann es nicht länger bleiben Wir müssen dem
edelen Kinde das es so wohl verdient jetzt völliges Vertrauen schenken Sie
teilt Emmys Überzeugung denn wenn sie auch aus ihrem Leben keine Gewissheit
hinzufügen kann widerspricht doch auch Nichts ihren Annahmen und dass Miss
Lester ihre Mutter ward bestätigt durch ihre Vermutungen die auch Emmy sehr
natürlich erklärt hat«
»So ist denn jetzt noch mehr wie früher meine Überzeugung bestätigt dass
auch ich nach Ste Roche muss« sagte die Gräfin dAubaine »denn ich werde am
besten all die kleinen Schranken durchbrechen können die zu großes
gegenseitiges Zartgefühl dieser Angelegenheit nachteilig werden ließ Ich habe
natürlich wenig von den Gesinnungen des Marquis dAnville über diesen Gegenstand
gehört da meine lieben nur zu gütigen Verwandten Alles in Schweigen hüllten
was auf diese schmerzliche Epoche meines Lebens hinzuweisen vermochte Doch
erfuhr ich dass er nach Reginald selbst oder nach dessen Verwandten eifrig
forschte und dass er darin nicht glücklich war ist mir durch Ihre
Mitteilungen erklärt«
»Ja« sagte Lord Duncan »hier ist sein letzter Brief er ist aus Ste
Roche datirt und lässt keinen Zweifel über seine uneigennützigen Gesinnungen Ich
habe ihm geantwortet wie er es verdient und ihn auf meine baldige Ankunft
verwiesen Doch müssen wir wohl überlegen was wir mit Elmerice wollen wird es
ein Glück sein sie in ihre Rechte einzusetzen«
»Das steht in Gottes Hand Lord Duncan« sagte die Gräfin warm »wir
haben ein Unrecht gut zu machen wir dürfen nicht weiter fragen da das Nächste
klar vor uns liegt Die spätere Frage ist nicht so sehr wie es erscheinen will
an Äußerlichkeiten gebunden Nehmen wir Elmerice den Druck ab der durch ihre
halbe gekränkte Stellung entstanden ist und erwarten wir voll Vertrauen und
Achtung wie sie selbst mit ihrem schönen Willen dann eine würdige Haltung
behaupten wird«
»Der Marquis dAnville« hob nach einer Pause Lord Duncan an »hat einen
Bruder«
»Fürchten Sie Nichts von diesem« unterbrach ihn die Gräfin schnell »Leonce
ist allerdings nicht reich und ich weiß dass dAnville beschlossen hatte
durch die Art wie er den Nachlass des Grafen Leonin jetzt zu teilen dachte
diesen Mangel auszugleichen Doch tritt der Fall ein dass Leonce mit der Tochter
meines Bruders fast so gut wie verlobt ist und diese ihm Reichtum bringen wird
da Graf dAubaine nur zwei Kinder hat«
Schnell stand hier Lord Duncan auf und trat mit einer sonderbaren Heftigkeit
auf den Balkon hinaus Die Gräfin war jedoch zu sehr in den angeregten
Empfindungen vertieft um es zu bemerken Lord Duncan ward freundlich und mit
dankbaren Worten von ihr entlassen da er ihr bis zur Abendtafel Ruhe zu gönnen
wünschte und diese Zeit den erinnerungsreichen Plätzen um Ardoise widmen
wollte Doch müssen wir gestehen dass er die Gräfin dAubaine mit viel
geringeren Hoffnungen für das Glück der von ihm so väterlich geliebten Elmerice
verließ und oft hören wir ihn wiederholen »Reginald Reginald Deine
Nachgiebigkeit kommt zu spät«
In dieser Zeit hatte Elmerice an dem Krankenlager ihrer alten Freundin trübe
Stunden Sie konnte sich nicht verhehlen dass ihr Leiden ernster Art war und
vielleicht das letzte ihres Lebens sein werde Aber der Gedanke Emmy zu
verlieren war ihr in einem Augenblicke wo sie dieselbe als ihre einzige Stütze
ansah fast unerträglich Mit leidenschaftlicher Angst erwartete sie daher den
alten Arzt und als er endlich ankam eilte sie ihm mit einem so gesteigerten
Grade von Schmerz entgegen dass er sie erstaunt anblickte und während er ihre
Hand wie bloß freundschaftlich drückte doch heimlich und schnell den
Zeigefinger an ihren Puls legte um ihren Gesundheitszustand zu ergründen Musste
er nun auch ihre Bewegung auf ihre Teilnahme allein schieben überzeugte ihn
doch der Zustand der Alten dass die größte Besorgnis für dieselbe vorhanden sei
Er hatte kaum den Wunsch ihr ein Medikament zu geben da ein ruhiges
Einschlafen der gänzlich abgelaufenen Lebenskräfte zu erwarten stand Um sie
jedoch der armen Elmerice die sie fortwährend für ihr letztes Lebensglück
erklärte so lange wie möglich zu erhalten verordnete er ein Mittel welches
die Fieberbewegungen aufheben sollte
Es war Elmerice nicht gelungen sich den übrigen Schlossbewohnern ganz zu
entziehen die Pforte die einst Emmy Gray mit so eifersüchtiger Strenge
bewachte schien Schloss und Riegel verloren zu haben und es blieb Elmerice
keine Schutzwehr in ihren Verhältnissen da von Pflege der Alten fast nicht die
Rede sein konnte indem ihr stiller träumerischer Zustand kein Symptom zeigte
das einen tätigen Beistand erfordert hätte Die Damen wurden durch diese
Beobachtung ermutigt der liebenswürdigen Miss Eton ihre Besuche zu machen und
besonders schien der Marquis dAnville es seit einiger Zeit von seiner Gemahlin
zu fordern er selbst zeigte sich jeden Morgen vor Elmerices Tür um von Asta
zu erfahren wie ihre Gebieterin geschlafen habe
Er hatte lange Unterredungen mit dem alten Arzte sendete Boten nach Paris
die ihm Papiere brachten die er mit dem alten Herrn bei verschlossenen Türen
zu prüfen schien und dennoch erfuhr Niemand etwas Bestimmtes von ihm und
Alles was er seiner jungen Gemahlin mitteilte war der achtungsvolle Brief des
Lord Duncan der seine Ankunft verhieß
Man hatte an einem der nächsten Tage so eben die Tafel aufgehoben und
schweifte durch den schönen Audienzsaal der Königin Katarina um in dem
Burggarten die freie Luft zu genießen als die gegenüberliegenden Flügeltüren
sich plötzlich öffneten und ohne vorhergehende Meldung einige Fremde
eintraten unter denen sich eine Dame auszeichnete deren hohe schlanke Gestalt
von langen schwarzen Gewändern umflossen war und deren Gesicht ein Schleier
den Anwesenden entzog Sie ging schnell den Anderen voraus und blieb dann stehen
ihre Hände ausstreckend als verlange sie dass man sie ergriffe Der Marquis
und Lucile traten ihr auch schnell entgegen und in demselben Augenblicke schlug
sie den Schleier zurück Mit einem Schrei des Entzückens stürzte Lucile in ihre
Arme während Alle jetzt die Tante Franziska dAubaine erkannten und Margot
der Marquis Leonce ganz außer sich vor Freude und Entzücken Sich mit dem
Ungestüme kindlicher Berechtigung um sie drängten
Wie war das Herz der Gräfin dazu geschaffen einen solchen Moment der Liebe
zu fühlen und die rührenden Beweise derselben durch die holdesten Worte und
Liebkosungen zu erwidern
»Doch schon zu lange« rief sie sich heiter lächelnd losmachend »genieße
ich eigenmächtig das Glück Euch wiederzusehen Ich komme nicht allein ich
bringe einen alten Freund mit mir Lord DuncanLeitmorin und Lady Marie seine
Tochter«
Der Marquis erfüllte nun mit der liebenswürdigen Kourtoisie die ihm eigen
und so wohlkleidend war die Pflichten des gastfreundlichsten Willkommens und
Lucile unterstützte ihn mit ihrer bezaubernden Anmut während die Gräfin
dAubaine von dem übrigen Kreise begrüßt ward der eben so entzückt war wie
ihre Verwandten der seltenen Erscheinung der hochgefeierten Gräfin Franziska
teilhaftig werden zu können Mademoiselle de la Beaume war eine alte
Jugendbekannte von ihr die Eltern der Gräfin Guiche waren ihr befreundet
Graf Bussy hatte sie als Knaben oft gesehen den schönen Grafen Guiche aber zu
Aller Überraschung aus der Taufe gehoben Genug es entstand ein Freudentaumel
um die hohe edle Frau die eine so kindliche naive Heiterkeit zeigte dass
Jeder Mut gewann ihr sein Herz zu Füßen zu legen
»Und dennoch begreife ich mein Glück nicht teure Tante« rief Lucile »
Sie reisend Sie wo anders als in Ardoise Es scheint mir ein Traum und ich
fürchte zu erwachen«
»Dies Mal nicht meine teure Lucile« sagte die Gräfin »Ich habe in vollem
Ernste meine schwerfällige Ruhe aufgegeben um bei Euch zu sein doch gestehe
ich ein ich suche außer Euch noch meinen lieben Flüchtling meine teure
Elmerice auf und zähle auf Euren Beistand sie uns für immer wiederzugewinnen«
»O gelänge Dir doch teure Tante was wir nicht zu erreichen wussten ohne
eine Art von Zwang gegen ihr tiefes rührendes Pflichtgefühl auszuüben Doch Dir
wird sie nicht widerstehen und dann wird unserem Glücke Nichts fehlen«
»So lasst mich sogleich zu ihr« sagte die Gräfin und erhob sich »Doch
will ich nicht gemeldet sein ich will ihr Herz überraschen«
Wem hätte nicht Alles was die Tante Franziska beschloss das Beste
geschienen Ihre Liebesfülle von so viel Einsicht und tiefem Menschenblicke
unterstützt brachte einen sich immer wiederholenden Segen über Alles was sie
ergriff Jeder war im voraus überzeugt ihr könne Nichts misslingen und nur die
Ehrfurcht für ihre Ruhe machte dass man ihre Einmischung so selten begehrte da
sie dieselbe nie versagte und ihr doch die schüchterne Zurückhaltung anzufühlen
war die sie immer erst mit ihrer Menschenliebe überwinden musste da sie die
Meinung Anderer über sich nicht teilte sondern geneigt war sich unpassend und
unzureichend für die an sie gerichteten Wünsche zu halten
Elmerice saß an dem Bette der schlummernden Alten In ihrem Herzen war eine
solche Fülle von Schwermut dass sie ihr Beschäftigung schien und sie über die
trostlose Untätigkeit täuschte in welche diese Stimmung sie stürzte den
Trübsinn nährend der nichts wollte als ein stetes Nachdenken über die
Schmerzen ihrer jungen Brust
Wie seufzte sie dass ihr Leben noch lang sein sollte da es doch wenn das
schwache Wesen vor ihr versunken sei für Keinen mehr Wert haben werde Sie
schauderte bei dem Gedanken diese stille Welt in der sie so viel Anklang für
ihr leidendes Herz gefunden hatte vielleicht bald verlassen zu müssen
unberechtigt wie sie Allen erscheinen musste hier um eine Stelle für ihr Grab
zu bitten Genug sie gestaltete in sich das ganze Martyrium der Jugend die in
den Wünschen des Herzens gekränkt und getäuscht immer ein vollständiges Unglück
in sich zu schaffen sucht um vom Leben Abschied nehmen zu können und sich
berechtigt halten zu dürfen alle Güter der Erde farblos ohne Reiz ohne Wert
zu finden Wer das schöne blasse Gesicht der jugendlichen Elmerice beobachten
konnte wie es so ermattet gegen die Lehne des Stuhles gesunken war der musste
mit nur einiger Welterfahrung erkennen dass sie das Opfer des bezeichneten
Zustandes zu werden drohte und wir können das Gefühl der edelen Gräfin dAubaine
begreifen mit dem sie leise hereingetreten und seitwärts stehen bleibend
ihren Liebling betrachtete
Sie kannte und hatte es erfahren was sie in Elmerices Zügen las Wie
hoffnungslos ihr Schicksal in dieser Beziehung sein werde hatten ihr Lord
Duncans Mitteilungen über Lord Astolf bestätigt und sie fühlte das tiefe
mütterliche Mitleiden was nach Hilfe aussieht und mit dem Geiste der Erfahrung
die Mittel ergreift die der Zeit in die Hände arbeiten welche keine Wunde
unvernarbt lässt und die allerheissesten Schmerzen von der ersten Stunde an
schon ihrem Ausgleichungsgeschäfte verfallen erklärt und sie mit ihren leisen
Pendelschwingungen endlich in ewige Ruhe wiegt »Nein nein« sagte sie zu
sich selbst »Du bist zu etwas Besserem bestimmt nicht daran darfst Du zu
Grunde gehen Du musst Dir selbst die Würdigkeit zu einem neuen Leben zuerkennen
lernen diesen edelen Stolz bist Du berechtigt in Dir zu entwickeln« Mit
diesem tugendhaften Mut trat sie näher und Elmerice fühlte eine leichte
sanfte Hand auf ihrer Schulter Ach mit welcher Erschütterung blickte sie in
die edelen Züge der teuren Frau die von einer hingebenden Zärtlichkeit belebt
waren die Alles verhieß was ein leidendes Herz bedarf
»O Gräfin dAubaine« sprach Elmerice und lag hingerissen von ihrem
Anblicke in demselben Augenblicke zu ihren Füßen »Sie finden ein armes
trostloses undankbares Wesen wieder das Ihre Liebe vergaß und sie deshalb nie
verdiente«
»Das glaube ich nicht mein süßes Herzenskind« sagte die Gräfin sanft und
zog sie an ihre Brust »Dein Gefühl lag nur verdeckt von den wunderlichen
Eindrücken denen Du hier unterworfen warst Du hast ohne liebevolle Warnung
und ganz selbst überlassen Dir ein kleines Martyrium von Pflichtgefühlen
geschaffen das entfernt uns immer von dem natürlichen Leben und macht uns
einseitig und verringert die wahre Liebe des Herzens die wir ausreichend in uns
entwickeln müssen«
Mit der schnellen Umwandlung welche unverdorbene Jugend einer höheren und
besseren Erkenntnis gegenüber so leicht und wohltuend erfährt fühlte Elmerice
beschämt die egoistische Härte die sich neben ihrer anscheinend berechtigten
Handlungsweise in ihr Herz geschlichen hatte
»Teure mütterliche Freundin ich habe gewiss Ihren Tadel verdient« sagte
sie belebter inniger als sie es noch wenige Augenblicke früher für möglich
gehalten haben würde »wie schwer ist es auf der rechten Bahn zu bleiben wenn
man jung ist Aber jetzt werde ich wieder Ihren Rat genießen und selbst dass
ich fehlte wird nur ein Grund mehr sein dass Sie mich nicht verlassen«
»Ja Elmerice Du verstehst das Wesen der Liebe und ich bin stolz darauf
zu fühlen dass Du mir nicht zu viel tätest selbst in dem Falle den Du
annimmst und den ich hier noch nicht erkenne Doch jedenfalls lass uns nicht so
im Allgemeinen unsere Gefühle aufregen Es ist Nichts so leicht als das Maß zu
überschreiten und doch ist das Geheimnis alles Schönen und Guten Maß zu
halten Sag mir von Deiner alten Freundin und glaube nur ich erkenne in
hohem Grade Deine Pflichten gegen sie an Nur das Maß das Maß« lächelte sie
und küsste dem andächtig zu ihr aufblickenden Mädchen zärtlich die Stirn
Beide traten näher an das Bett der Kranken die in einem Halbschlummer lag
der jeden Augenblick ihr Aussehen veränderte was dem alten Arzt als ein
sicheres Zeichen ihrer nahen Auflösung galt
»Ich glaube mein teures Kind« sagte die Gräfin dAubaine nachdem sie die
Züge der Alten geprüft »die Natur wird hier bald für immer ausruhen und
wahrhaft herrlich scheint es mir dass Gott Dich hierher führte um heilige
Rechte der Dankbarkeit an dieser Frau zu erfüllen gegen die Deine ganze Familie
unerlöschliche Verpflichtungen hat«
Elmerice wechselte bei diesen Worten schnell die Farbe Wie schienen sie bei
der Gräfin eine früher nicht angedeutete Kenntnis ihres Schicksals zu verraten
»Diese Verpflichtung besteht wenigstens für meine Überzeugung« sagte sie daher
leise »und es macht mich recht glücklich wenn Sie mir beistimmen teure
Gräfin Doch wird auch dieser Trost mir oft dadurch verkümmert dass ich fühle
wie Emmys Wahrnehmung sich nachgerade vermindert und sie in mir nicht mehr die
teure Erinnerung sieht der ich eigentlich diene«
»So lass diese Überzeugung den Übergang werden zu den Verhältnissen die
Deiner außerdem harren Meine Elmerice meine Tochter Du hast Pflichten auch
gegen mich ich nötige sie Dir auf denn Du hast mich mit Deiner Liebe zu sehr
verwöhnt um sie je entbehren zu können«
Elmerice schmiegte sich in ihre Arme Wie fühlte sie die großmütige Absicht
der edlen Frau ihr eine Pflicht ein Bedürfnis aufnötigen zu wollen und wie
wahr wie gefühlvoll war doch dabei ihr Ausdruck Überredend schien er ein
wirkliches Bedürfnis anzudeuten
Waren diese innigen Töne des Gefühls zu der Schläferin gedrungen war sie
von selbst erwacht genug Emmys Augen öffneten sich und hafteten mit ihrer
eigentümlichen Schärfe auf Beiden
»Das wird Deine Gräfin dAubaine sein« sagte sie dann mit ihrem rauen
Tone »Es ist schon gut dass sie da ist ihr will ich wohl das Weitere sagen
sie hat wie ich um meinen Liebling getrauert oft habe ich an sie gedacht
sie muss wissen was leiden heißt«
»Und wir sind uns wenn auch getrennt dennoch in manchem ähnlichen Gefühle
begegnet gute Emmy« sagte die Gräfin dAubaine sich auf den Rand des Bettes
setzend »Auch in unserer Liebe zu Elmerice und recht eigentlich bin ich
gekommen um Dir den Trost zu geben wie innig ich sie liebe«
»So schafft ihr auch Recht Denn wer kann besser als Ihr erkennen dass es
Reginalds Tochter ist«
Niemals hörte Franziska dAubaine diesen teuren Namen ohne eine große
innere Bewegung Seltsam aber traf er sie in diesem Augenblicke wo sie ihn von
der alten treuen Wärterin des geliebten Mannes aussprechen hörte Feierlich
streckte sie die Hand nach ihr aus und sagte »Lebe nur noch einige Tage so
wird die Sehnsucht Deines Herzens erfüllt werden« Sie wurde von der
eigentümlichen Lage fortgerissen und fühlte dass sie mehr gesagt hatte als sie
sicher war halten zu können So ward auch sie von Emmys gebietendem Wesen
beherrscht und es erregte daher ihren ganzen Anteil als sie Elmerice neben
sich niedergleiten sah aufs tiefste von den entstandenen Erklärungen
erschüttert
»Nein nein Emmy« stammelte das junge Mädchen »das Recht von dem Du
träumst ist für Fennimors unglückliche Enkelin nicht da O meine
Wohltäterin gehen Sie in Emmys eigensüchtige Pläne nicht ein Nie niemals
trete ich Ihren Neffen entgegen ich will Nichts vom Leben als ruhige
Zurückgezogenheit Sichern Sie mir diese an Ihrer Seite und ich habe Alles was
ich noch begehre«
»Was aber das Leben von Dir begehren wird geliebtes Kind« sagte die Gräfin
»das möchte im Widerspruche damit stehen Denn glaubst Du dass wir ihm nichts
schuldig sind Glaubst Du wir dürfen sagen es solle kein Recht mehr an uns
haben Nicht also Der Himmel hat uns ausgerüstet er fordert die Erledigung
der Aufgabe die er uns diesen Kräften gemäß gestellt hat Es ist vergeblich
wenn wir uns verbergen er sucht und findet uns darum müssen wir ihm mutig
entgegen treten und ihm seine Aufgabe abfragen in freudigem Gehorsam mit
edler Willenskraft die wenn auch kein Glück doch eine würdige menschliche
Entwickelung begehrt«
»Folge ihr« sagte Emmy matt und sank schlafend zurück
»Tue das mein geliebtes Kind« rief die Gräfin aufstehend »Asta soll den
Schlummer Deiner alten Freundin bewachen und an der Türe soll ein Bote harren
der Dir sogleich Nachricht bringt wenn mit ihrem Erwachen auch Bewusstsein
zurückkehrt Du aber folge mir zu meinen Verwandten die Dich mit Sehnsucht
erwarten«
Wohl fühlte die Gräfin wie Elmerice bei diesem Vorschlage in ihren Armen
zusammen zuckte aber sie war entschlossen sich nicht abweisen zu lassen und
die mütterliche Sicherheit mit der sie verfuhr übte eine beruhigende Gewalt
über Elmerice aus der sie sich um so weniger entzog da hiermit auch das
ratlose Gefühl der Vereinsamung aufhörte So kehrte die Gräfin dAubaine in
den Salon zurück wo man sie mit der Spannung der Ungewissheit erwartete Als die
edle majestätische Gestalt erschien ihren Liebling an der Hand drängte sich
aus Aller Munde ein Laut der Freude Noch trug Elmerice die schöne ideale
Tracht Fennimors jetzt ihr so gewohnt dass sie derselben nicht mehr gedachte
und so hatte Beider Persönlichkeit etwas so höchst Ausgezeichnetes dass Alle
einen Augenblick zurückgehalten wurden als müsse das Auge erst sein Recht
genießen als wäre ihre schöne Erscheinung kaum ein Gut das man sich
anzueignen wagen dürfe
»Hier hier« rief die Gräfin jedoch lächelnd voreilend »hoffentlich
werdet Ihr alle die alte Tante loben der es gelungen ist Euren Flüchtling zu
Euch zurück zu bringen«
»Elmerice« rief eine zärtliche Stimme und Maria Duncan flog in die Arme
der Überraschten
Das Entzücken die teure Freundin so unerwartet wiederzusehen machte auf
Elmerice einen unbeschreiblichen Eindruck und indem es sie von ihrem
augenblicklichen Verhältnisse zur Gesellschaft abzog gab es sie ihrer eigene
wahren Natur zurück Ihr Engelsantlitz strahlte von Liebe und Heiterkeit ihre
Bewegungen zeigten wieder die elastische Anmut die kindliche Schmiegsamkeit
die ihr zärtlich hingebendes Herz verriet und man hätte den Pinsel Lesüeurs
herbei wünschen mögen um den schönen Eindruck zu verewigen als jetzt die hohe
Greisengestalt des Lord Duncan zwischen die zarten Mädchen trat und Beide wie
an ihren Vater sich in seine Arme drückten
Wie reich war Elmerice in kurzer Zeit geworden Als sie an Lord Duncans
Brust die Augen zur Gräfin Franziska aufschlug kam sie sich gesichert und außer
Zweifel gestellt vor und ein stolzer Mut erhob sich in ihrem kranken Gemüte
der sie mit einem Hauche von Glück anwehte
Wie war auch Alles dazu geschaffen dies neue Leben und diese Ansprüche
ihres jungen Herzens zu nähren Überall kam man ihr entgegen Jeder wollte sie
nach seiner Art zu fesseln suchen ihre Aufmerksamkeit auf sich lenken von
seinen wohlmeinenden Gesinnungen sie überzeugen und leichter trat dies hervor
in dem Maße als der Gegenstand so vieler Bemühungen Alles bemerkte erwiderte
oder mit dem bezaubernden Lächeln der Freude und Dankbarkeit hinnahm
Sie übte eine Gewalt über die Gesellschaft aus von der sie keine Ahnung
hatte Mademoiselle de la Beaume bezeichnete sie indem sie sagte »Wenn auch
meine eigenen Augen nicht immer hinter Miss Eton herreisten würde ich doch jedes
Mal wissen wo sie sich befindet denn wenn sie den Platz ändert wenden sich
alle Köpfe wie auf ein Kommando ihr nach und ich verdenke es Niemandem und
bin nicht einmal eifersüchtig dass man darüber meine Schönheit und Jugend
vergisst«
Aber Einer blieb übrig in diesem Kreise der nur gezwungen die heitere
Stimmung der Gesellschaft teilte wenn wir ihn auch nicht als gleichgültig
gegen Miss Eton bezeichnen wollen Es war Leonce Die Peinlichkeit seines
Zustandes verriet sich in jedem Zuge und seine auffallende Blässe hätte ihn
vielleicht sogar Miss Eton verraten wenn sie nicht wie ein schüchternes Reh
den Kreis mit ihren Augen geflohen hätte wo er sich am meisten aufhielt da er
von den anderen jungen Männern umgeben war deren leuchtende Blicke sie
verscheuchten
Von da an blieb Miss Eton dem heitern Kreise zugesellt bis auf die
Zwischenstunden die sie mit treuer Ergebung an dem Lager der armen Alten
zubrachte Der Arzt prophezeihte ihr ein sanftes schmerzloses Ende und benutzte
ihr meist bewusstloses Träumen um Elmerice langsam von ihrem Lager zu entfernen
da in ihrer Gegenwart wie er behauptete eine aufregende Gewalt läge die
diesen friedlichen Zustand leicht zu einer Krisis bringen und ihren Tod
schneller und unter heftigen Zufällen veranlassen könnte
Am anderen Morgen jedoch nach dem heiteren Frühstücke führte der Marquis
dAnville Lord Duncan den alten Arzt und den ehrwürdigen Vikar nach seinen
Zimmern wohin ihnen bald die Gräfin Franziska und Leonce folgten
»Helfen Sie mir jetzt Alle« rief der liebenswürdige Marquis mit einem
Tone der aus dem Herzen kam als man um ihn her Platz genommen hatte »helfen
Sie mir Recht stiften und geben Sie mir den Trost dass Sie mir glauben wollen
wie ich auf das lebhafteste wünsche ein schmachvolles Unrecht das meine
Vorfahren begingen gut zu machen Hierher mein Leonce Lass Deine umwölkte
Stirn die irgend einem Privatinteresse gilt dessen Widerstand ich bald
besiegt zu sehen hoffe lass diese trübe Stirn keinen Zweifel über Deine
Gesinnungen erregen deren edle Uneigennützigkeit ich am besten kenne«
»O« rief der Marquis Leonce lebhaft auf Lord Duncan zueilend während hohe
Röte plötzlich sein Angesicht färbte »o wäre es das Ist es möglich haben
Sie an mir gezweifelt Waren Sie teurer Lord deshalb so kalt gegen den
Jüngling den Sie einst wie einen Sohn liebten O womit habe ich das verdient«
»Mein Gott« sagte der Lord überrascht und verlegen »welche
Voraussetzungen Ich wüsste nicht dass ich Etwas versah bitte aber für Alles um
Verzeihung was Sie beleidigt haben könnte Herr Marquis«
»Das ist nicht die Sprache des väterlichen Wohlwollens die ich einst aus
Ihrem Munde gewohnt war Sie weisen mich mit der Sprache der Welt zurück und
doch hätte ich gerade Anspruch auf Ihre Teilnahme Sie Lord Duncan müssten
den Unglücklichen nicht verlassen«
»Meine Teilnahme Herr Marquis hat jedenfalls durch Ihre Fürsorge eine
andere Richtung bekommen« erwiderte der Lord »Ich habe denke ich jetzt nur
Gelegenheit an Ihrem neu entstandenen Glücke Teil zu nehmen das werde ich
gewiss mit der Zeit Doch zürnen Sie dem Alter nicht dass es nicht so schnell
wie die Jugend seine Zustände wechselt Ich sehe es ein es war zu viel
verlangt als ich Sie bat ein Jahr auf meine Ankunft hierher zu warten«
»Und womit habe ich den Verdacht Eurer Herrlichkeit verdient« sprach
Leonce jetzt seinerseits etwas stolz zurücktretend »dass ich ein gegebenes
Wort gebrochen was mir unter allen Umständen heilig sein musste Sie wissen
überdies dass es ein Wort war an welchem die letzte Lebenshoffnung meines
schwer getroffenen Herzens hing dessen Erfüllung ich mit einer Sehnsucht
erwartete die mir dies Jahr zu einer Ewigkeit ausdehnte«
Lord Duncans Blicke richteten sich bei diesen Worten die ein tief bewegtes
Gefühl verrieten forschend auf den jungen Mann und seine vorher so kalten
Züge zeigten wenigstens Anteil wenn auch noch kein Wohlwollen »Leonce« sagte
er plötzlich »ich hatte vielleicht Unrecht Sie ungehört anzuklagen Sie
sollen mich nicht umsonst an mein väterliches Wohlwollen erinnert haben ich
will Sie hören und Sie sollen den väterlichen Richter finden doch vergessen
Sie nicht dass er Sie streng richten wird wenn Sie jetzt oder früher
leichtsinnig Hoffnungen erweckt haben die sich mit dem Glücke der Beteiligten
nicht vereinigen lassen«
»Ich fange an Sie zu verstehen« sagte Leonce »und würde Sie bitten mir
eine augenblickliche Erklärung zu erlauben wüsste ich nicht dass uns mein Bruder
hier zu einem gemeinsamen und wichtigen Beschlusse zusammen berufen hat und
wäre ich nicht jetzt noch durch ein heiliges Wort gebunden was es nicht zulässt
mich so genügend zu erklären als es nötig sein wird um Ihr schweres Misstrauen
zu zerstreuen«
Schnell grüßten sich Beide und Lord Duncans Gesicht hatte sich bei den
letzten Worten des jungen Mannes aufs neue merklich verfinstert wogegen Leonce
einen heiteren freieren Ausdruck gewann
Bei dieser Unterredung die auf früher sehr innige und jetzt wie es schien
gestörte Verhältnisse hindeutete unterdrückten die Zuhörer ihr Erstaunen um
Beiden Zeit zu einer schnellen Sammlung zu lassen
»Gräfin dAubaine und Sie meine Herren« hob nun Lord Duncan sogleich an
»ich muss um Verzeihung bitten wenn ich Ihnen ein unfreundlicher wilder
Insulaner hier so eben erschienen bin In Ihrem feinen gesitteten Frankreich
hoffe ich ist man immer darauf gefasst den überseeischen Freunden ein Konto auf
ihre rauen Naturäusserungen zu schreiben und so lassen Sie mich denn zur Sache
übergehen Ich glaube meine Freunde wir sind Alle außer Zweifel dass Elmerice
unter dem Namen Eton die Tochter Reginalds des rechtmäßigen Grafen
CrecyChabanne ist und hier bin ich der Freund ihres Vaters dieses
unglücklichen Reginalds in dessen Armen er seinen edelen Geist aushauchte um
diese Wahrheit mit Allem zu vertreten was Ihr schöner Eifer nur wünschen kann
meine Herren«
»Gottlob« rief der Marquis dAnville »so haben wir das Letzte was uns
fehlte die IdentitätsErklärung eines vollständig glaubhaften Mannes«
»Sie haben mehr mein Herr« sagte heiter der alte Lord »Sie haben
gerichtliche völlig beglaubigte Zeugnisse darüber Da wir der englische
Bischof Herr Lester der Oheim des Grafen und ich ihn nicht zur Wiederannahme
seines Namens und Ranges bewegen konnten sicherten wir doch als er sich
vermählte hinter seinem Rücken den Nachkommen durch die Urkunden die seine
Person nachwiesen und versicherten die Möglichkeit eines gerichtlichen
Beweises Erst kurz vor seinem Tode da das Glück seiner Tochter durch eine
entstandene Frage über ihren Rang und Titel bedroht erschien entdeckte ich ihm
unsere vorbereiteten Schritte er gab meinen Bitten nach und erklärte sich nun
selbst vor den dazu nötigen Gerichtspersonen für den Grafen CrecyChabanne und
ließ die Dokumente darüber ausfertigen«
Mit freudeleuchtenden Augen empfingen die beiden dadurch enterbten Brüder
die wichtige Urkunde und fast mit Andacht sahen sie die schöne Unterschrift
Reginalds neben dem alten Crecyschen Wappen
»Wie glücklich bin ich Mylord« rief endlich dAnville »Ihnen jetzt ein
eben so wichtiges Dokument einhändigen zu können Hier Ludwig der Fünfzehnte
unser allergnädigster König hat die Bitten seines ehemaligen Pagen meines
Bruders erhört und ihm diese Vollmacht in seinem hohen Namen ausfertigen
lassen Sie erklärt den in jenen unglücklichen Prozess verwickelten Grafen
Reginald für völlig unschuldig an absichtlichem Todtschlag und indem sie die
Vermählung seiner Eltern als gerichtlich rechtskräftig bestätiget befugt es
ihn oder seine Nachkommen zur unbestrittenen Erbfolge aller daher oder daraus
entstandenen Besitztümer der CrecyChabanne Hier lesen Sie die ausreichenden
Bestimmungen dieses wahrhaft königlichen Gnadenbriefes«
Doch dies tat Lord Duncan vors Erste nicht er eilte auf Leonce zu und
schloss ihn mit Wärme in die Arme »Edler junger Mann« rief er mit feuchten
Augen »möchte ich in allen Beziehungen Ihnen so meine vollste Bewunderung
schenken können es wäre mir der größte Trost Reginald« rief er dann die
gefalteten Hände andächtig auf seine Brust legend während sein tränenschwerer
Blick den Himmel suchte »Reginald mein erhabener Freund Dein Name steht
jetzt so rein vor der Welt wie Deine Seele vor Gott O welche Wohltat für
mein altes stolzes Herz das der Himmel mir in Gnaden vergeben wolle«
»Ja und warum erlebte die alte Frau Marschallin nicht diesen Moment« rief
hier der alte Arzt polternd von seinem Stuhl aufspringend »wie hätte ich ihr
gegönnt den Sohn Fennimors mit der Crecyschen Grafenkrone zu sehen«
Alle konnten hier trotz ihrer feierlichen Stimmung ein kurzes Lächeln
nicht unterdrücken was der alte mutwillige Herr auch beabsichtigt hatte da
für seinen Sinn die Erweichung ihm zu sehr überhand genommen hatte
»Jetzt« sagte die Gräfin dAubaine »lassen Sie uns keinen Augenblick
anstehen Elmerice ihren Rechten zurückzugeben«
»Gut edle Gräfin« sagte der alte Arzt »ich gehe und hole sie«
»Besser« sagte Franziska »wir begeben uns Alle selbst zur Gräfin Crecy
und begrüßen sie als unsere teure Verwandte«
Alle stimmten freudig ein und man trat sogleich den Weg zu den Gemächern
Emmy Grays an
Eine Nachtruhe die wohltuend auf Emmys Kräfte gewirkt hatte gab ihr an
demselben Morgen einen jener klaren Geisteszustände zurück die oft die letzten
Tage solcher Kranken so überraschend unterbrechen Sie begehrte Luft und
Blumen Asta musste ihr schweres weißes Haar unter reinen Binden befestigen sie
schmückte sich und ihr Bett mit umsichtiger Anordnung und als Elmerice endlich
hinzukam staunte diese über das fast festliche Ansehen des Krankenzimmers
Auf dem Rande des Bettes nahm sie ihren gewohnten Platz ein und die Alte
sagte freudig »In kurzer Zeit werde ich bei Fennimor sein und ihr sagen können
dass ihre Enkelin mir die Augen zudrückte und meine letzten Tage fast glücklich
machte Dafür wird Dich ihr besonderer Segen erreichen und Du wirst von da an
glücklich und geehrt sein und Alles wird sich erfüllen nach Gottes Gebot der
die Menschen mit ihrer Bosheit in den Abgrund schlägt«
»Bin ich dahin so bist Du meine Erbin In Fennimors Kleiderzimmer siehst
Du eine gemalte Kiste von Zederholz sie ist mit den Goldstücken der Crecys
gefüllt denn ich sammelte für Reginald den reichen Tribut den sie mir zahlen
mussten Jetzt gehört er Dir Du bist meine Erbin Ellen die Kinderlose mit
ihrem kleinen Herzen hat genug irdisch Gut dies soll nicht zum schlechten
Gebrauch dienen«
»Emmy« sagte Elmerice »ich will Deine Erbin sein aber gib mir
uneingeschränkte Vollmacht mit meinem Erbe nach meiner Einsicht verfahren zu
dürfen und sollte es auch zu Ellens Gunsten sein Doch soll sie durch meine
Hand das empfangen was ich ihr für gut halte nicht das rohe Gold weil es sein
könnte dass es ihr nicht diente«
»Ja so bist Du ich dachte es wohl« seufzte Emmy »Aber wer hat Willen
wenn die Augen sich für immer schließen und viel Anderes hätte sie auch nicht
getan Sie hatte immer ihren Eigensinn gegen mich und konnte schelten als wenn
ich ihr Kind wäre und ich sah Dich eben dasselbe Gesicht machen was sie dann
hatte die Augen dass kein Blick herausdrang und den Mund fest geschlossen
Doch lass das und denke nicht dass ich Dich schelten will nimm nur zuerst das
Geld damit ich fühle Du hast es von mir ererbt dann mache nachher was Du
willst und lass mir neben Fennimor das Grab graben und lass keine Menschenhand
über unser Heiligtum kommen Ziehst Du hier fort mit der Gräfin die denke
ich ein menschlich Herz hat so lass Moder und Staub und den Holzwurm ihre
Arbeit machen aber Menschenhand wehre ab Du weißt ich habe mit ihr nichts
zu tun und sie soll auch nachher fern bleiben«
»Was ich dann noch hier von Einfluss haben werde soll zur Erfüllung Deiner
Wünsche dienen Emmy«
»Und er wird groß sein« sagte die Alte sich gleich einer Sybille
aufrichtend und die Arme in die Luft ausstreckend »Sie werden kommen und Dich
einsetzen und Fennimors Enkelin Reginalds Tochter wird im Rechte sein über
Alle«
Ihre Augen erfassten dabei mit der größten Ruhe als erlebte sie das
Erwartete die Gräfin dAubaine welche leise den Männern voran getreten
gerade jetzt sich den Blicken Emmys zeigte Eben traten auch die bezeichneten
Herren hinter ihr ein und als Elmerice die wehmütig gesenkten Augen aufschlug
schien es ihr als habe die Alte einen Zauber beschworen
»Kommt näher« sprach Emmy mit ihrer alten Energie »hier ist die Ihr
suchet Und aus den Händen Emmy Grays empfanget die rechtmäßige Erbin der
CrecyChabanne«
Elmerice erhob sich und ihren Blick fest auf Alle richtend sagte sie edel
und stolz auftretend »Ich habe dieser ehrwürdigen Frau in diesen Gemächern den
Anspruch zugestanden den für mich zu nähren ihr höchstes Glück war Ich weiß
auch dass die Natur mich zu diesen Ansprüchen berechtigt und indem ich die
Kenntnis ihres Daseins Ihnen Allen gegenüber offen eingestehe wird mein Wille
und meine Überzeugung ihnen zu entsagen vielleicht meine Gesinnungen außer
Zweifel stellen«
»Lassen Sie mich hoffen« sagte der Marquis dAnville verbindlich
vortretend »dass Sie diesen Willen der durch Unkenntnis Ihrer wahren
Verhältnisse bestimmt ward ändern werden wenn Sie uns gehört haben Wir sind
in Wahrheit hier Sie als unsere teure Verwandte zu begrüßen und damit als die
rechtmäßige Erbin der CrecyChabanne«
Elmerice änderte zwar die Farbe aber sie fuhr sogleich entschlossen fort
»Wenn Sie mir den ersteren Rang zugestehen wollen Herr Marquis so wird die
Waise den süßesten Trost empfangen lassen Sie mich hinzusetzen sie wird dies
als eine Sühne für die teuren Verstorbenen in Empfang nehmen doch damit muss
ich zugleich Alles erfüllt erklären was uns Beiden zu geben und zu nehmen
ansteht«
»Mein Kind« rief hier Lord Duncan »willst Du mich den Freund Deines
Vaters anhören«
»Ja Mylord« rief Elmerice »denn Sie sind mein zweiter Vater Aber Sie
werden es auch der Tochter Ihres Freundes ersparen die Gründe nennen zu müssen
die ihn auf immer von dieser entsetzlichen Erbschaft trennten«
Ihre Aufregung war bei ihrer Sanftmut und Bescheidenheit so ungewöhnlich
groß dass Alle mit innigem Anteil auf die schmerzvolle Tiefe des Gefühls
schließen konnten die von ihrem edelen Stolze jetzt nach Außen getrieben ward
Gräfin Franziska blickte mit Entzücken auf die Tochter Reginalds die ihr so
ganz genug tat Sie hätte ihr auch nicht mit einem Blicke zu Hilfe kommen
mögen sie genoss den schönen Eindruck so junge zarte Kräfte so hoch und
stark aufgerichtet zu sehen
Indessen war Lord Duncan näher zu ihr getreten »Elmerice« sagte er »Dein
Vater gab mir Vollmacht über Deinen künftigen Namen und Rang zu entscheiden Er
selbst bekannte sich kurz vor seinem Tode zum rechtmäßigen Sohne Fennimors und
zum Grafen CrecyChabanne«
»Mein Vater« sagte das mutige Mädchen mit sinkender Stimme »wohl
Mylord aber«
»Und wir mein Bruder Leonce und ich« sprach der Marquis »sind hier
Ihnen Ihr großes Erbe unverkürzt zu Füßen zu legen«
»O nein o nein« rief Elmerice leidenschaftlich »Sie können von dem
Namen den Sie mir geben wollen nicht das schreckliche Zeichen des
öffentlichen wenn auch ungerechten Makels löschen O wie könnte die Tochter
solche Erinnerungen über ihren Vater wecken wollen«
»Auch dies ist vertilgt« nahm der Lord noch ein Mal voll Rührung das Wort
»Dein Vetter Leonce bewirkte diesen königlichen Brief von Ludwig dem
Fünfzehnten Dein Vater mein Kind ist von jedem Makel dadurch frei gesprochen
die Vermählung seiner Eltern rechtskräftig anerkannt«
Das war zu viel Elmerice nahm mit leuchtenden Augen das heilige Dokument
dann flog sie an Emmys Bett welche eine ruhig Zuhörende geblieben war »Emmy
Emmy hast Du es gehört Fennimors Vermählung ist rechtskräftig anerkannt
Reginalds meines Vaters Unschuld ist erklärt« Außer sich drückte sie die
alte steife ernst und stolz blickende Gestalt in ihre jugendlichen Arme Dann
riss sie sich empor ihr Gesicht glühte die feurigen blauen Augen strahlten
durch heilige Tränen Sie hob den Arm die Hand zu den Versammelten in die
Höhe und rief mit klingender freudiger Stimme »Jetzt bin ich Gräfin
CrecyChabanne doch Louisens Söhne teilen mit mir das Erbe«
In demselben Augenblicke eilte die Gräfin Franziska auf Elmerice zu und
drückte sie mit lebhafter Zärtlichkeit an ihre Brust »Elmerice mein geliebtes
Kind würdige Tochter Reginalds Lass mich Dir zu Nichts Glück wünschen als zu
Deinem edlen Herzen«
»Ich will Dich segnen Fennimors Enkelin Reginalds Tochter« sprach Emmy
Gray mit ihrer ernsten Feierlichkeit und Franziska dAubaine führte Elmerice
selbst zu dem Bette zurück und diese kniete unter den Händen der Alten demütig
nieder »Jetzt Herr« sprach sie nach ihrem feierlichen Segen »ist mein
Tagewerk beschlossen Diese Augen haben die Gerechtigkeit des Herrn gesehen
Rufe jetzt Deinen müden Knecht und lass ihn eingehen in Deine Herrlichkeit Amen
Jetzt zeige mir den Jüngling der Reginald bei seinem Könige vertrat ich will
ihm den Segen einer Sterbenden geben«
Elmerice erhob sich langsam aber ihre Augen blieben am Boden Sie wendete
sich zu der teilnehmenden Gruppe hinter ihr und hob schüchtern ohne zu
sprechen die Hand auf als wolle sie eine andere damit erfassen Leonce stürzte
vor er ergriff die zarte bebende Hand und ließ sie nicht wieder los als er
vor Emmy niederkniete So geschah fast unvermeidlich dass Elmerice noch ein Mal
niedergezogen ward und nun Beide den Segen der Alten vereinigt empfingen
»Scheide Dich jetzt von mir Tochter und gehe die Wege des Lebens« sagte Emmy
ermüdet und dann in Ohnmacht verfallend sank sie hinten über Leonce und
Elmerice fingen sie in ihren Armen auf der alte Arzt trat hinzu einen
Augenblick betrachtete er sie dann sagte er »sie stirbt noch nicht aber Ruhe
ist ihr nötig Ihr müsst hier fort liebe junge Dame« wendete er sich zu
Elmerice Leonce hielt noch immer ihre Hand er half ihr sich aufrichten
»Elmerice« sagte er »nur einen Blick der Güte«
Sie ließ ihm die Hand aber die Augenlieder waren schwer wie Blei Als
sie endlich sie bezwang jagte der holdeste Engelsblick an ihm vorüber und
sich schnell losreissend eilte sie in Lord Duncans Arme und rief mit einem
Strome von Tränen »Mein Vater haben Sie ihm gedankt meinem Vetter Leonce«
»Und gibt Reginalds Tochter dazu einem Anderen als sich selbst den
Auftrag«
»Nein nein« sagte Elmerice sich zu Leonce wendend und ihm abermals die
Hand reichend »Sie Sie mein Vetter mein Bruder von heut an Sie haben
mir mehr als das Leben gegeben«
»Ich habe seit der letzten trostlosen Zeit von der Hoffnung gelebt dies
auszuwirken und wenn Sie Nichts für mich übrig haben als diese kleine
Erinnerung meines Eifers so wird es doch mehr sein als das ganze übrige Leben
mir bieten kann Doch wie ich diese Schmach unserer Familie auszulöschen
suchte ahnte ich noch nicht wie nahe diese Handlung Sie anging damals war es
nur zwischen mir und Armand beschlossen an der Vergangenheit gut zu machen was
in unsern Kräften stand«
»O Leonce« sagte der Lord während er ihn mit trüber Zärtlichkeit
anblickte »wie gern liebte ich Dich mit der alten Liebe«
»Wenn Sie mich einmal Ihrer Liebe wert hielten so habe ich noch heute
denselben Anspruch daran« rief Leonce den feurigsten Blick seiner
schwermütigen Augen auf Elmerice und den Lord richtend »ich halte die Prüfung
aus«
»Wir wollen sehen« sagte der alte Lord sichtlich erweicht »Doch unsere
edle Gräfin harret auf uns wir müssen Elmerice ihrer übrigen Familie
vorstellen«
»So bitte ich um den Arm meiner geliebten Muhme« rief Armand und eilte mit
freudigem Lächeln auf Elmerice zu Als er sie leichten Schrittes hinwegführte
sagte er »Wie froh wie leicht bis in den kleinsten Blutstropfen hinein ist
mir jetzt Nun sind wir alle Ihre Gäste Nun behalten Sie mich bloß als Ihren
Seneschall als Ihren Haushalter O Elmerice Ihnen fließt ein schöner Segen
zu öffnen Sie ihm Ihr Herz blicken Sie froh damit Sie Frohe machen können
Denken Sie nicht gering von der hohen Stellung die Ihnen Gott anvertraut Sie
ist herrlich wenn wir ein offenes Herz einen gesunden Sinn mit uns bringen
Beides haben Sie deshalb sehe ich so froh Alles in Ihre Hände übergehen und
deshalb teilen Louisens Söhne das Erbe nicht«
Die Antwort welche Elmerice ihm geben wollte ward durch Leonce
unterdrückt der plötzlich außer sich auf sie zustürzte indem er ausrief »Die
beiden Grafen dAubaine sind angekommen O Armand o Elmerice jetzt jetzt«
Mit diesen Worten war ein so leidenschaftlicher Ausdruck verbunden dass Elmerice
schüchtern zurückwich Doch schon eilte er ohne Entschuldigung davon und
Armand sagte »Auch ich danke Gott dass die Beiden endlich für Leonce die
Entscheidung bringen die Liebe zu Margot wird ihn noch toll machen«
»Wie sehr muss ich Ihre Entschuldigung in Anspruch nehmen« sagte der ältere
Graf dAubaine während er dem Marquis dAnville entgegentrat »dass ich Sie
unvorbereitet um Ihre Gastfreundschaft ersuche«
»Mein teurer verehrter Onkel« sagte der Marquis heiter »Ich selbst bin
seit diesem Morgen hier nur noch Gast Hier steht die rechtmäßige Besitzerin von
Ste Roche doch sage ich gut dass Sie auch ihr willkommen sind«
Voll Erstaunen blickte Graf dAubaine auf Elmerice von deren Gesichte so
alle Farbe alle Bewegung verschwunden war dass sie einem Geiste glich doch
konnte ihre Schönheit durch nichts beeinträchtigt werden und erregte wie ihr
reiches fremdes Kostüm die höchste Bewunderung des Grafen
Der Marquis kürzte die augenblickliche Spannung ab indem er Elmerice in die
Arme seiner jungen Gemahlin führte die Alles sogleich erratend sie mit
inniger Liebe empfing Da er die ganze Gesellschaft in einem Kreise
erwartungsvoll um sie gedrängt fand rief er lebhaft
»Wünschen Sie mir und meinem Bruder Alle Glück Es war uns vorbehalten die
alte schwere Schuld unseres Hauses die Sie genugsam kennen zu sühnen Die
rechtmäßige Erbin unseres Oheims des Grafen Leonin ist durch das Hinzutreten
des edelen Lord Duncan vollgültig legitimirt uns wiedergegeben Miss Eton ist
unsere teure Kousine und die Tochter des Grafen Reginald CrecyChabanne dessen
rechtmäßige Geburt aus der Ehe des Grafen Leonin und der Miss Fennimor Lester auf
das vollständigste von unserm Allergnädigsten König anerkannt worden ist So
helfen Sie mir denn« fuhr er fort in die alte heitere Laune übergehend »der
jungen Erbin zu huldigen und bedenken Sie Alle wohl dass Sie jetzt ihre Gäste
sind und ich mich höchstens noch vermittelnd erweisen kann«
Elmerice bezwang hier alle Gefühle ihres Herzens um den Anforderungen
genügen zu können die ihr so nahe gerückt wurden Sie hob ihren Kopf von
Luciles Schulter und hold im Kreise herum grüßend sagte sie »Junge Rechte
werden nie respektirt ich übertrage sie daher meinem Vetter Armand aufs neue
Vielleicht lerne ich unter seiner Anweisung wie man die Ehre verdient solche
Gäste besitzen zu dürfen«
Man war mit ihrer Antwort zufrieden Alle beglückwünschten nun das schöne
Mädchen deren ungewöhnliches Schicksal die allgemeinste Teilnahme erregte
und in kleinen Partien geteilt wurde der Rest des Morgens mit Fragen
Antworten und Erzählungen hingebracht die endlich die wichtige Sache für Alle
vollständig erklärten bis man sich zum Umkleiden zurückzog welches die Damen
im Kostüme der Schlossherrin zu besorgen versprachen
Als ein Teil der Gesellschaft sich zur Tafel um die zuerst erschienene
junge Wirtin versammelt hatte fiel Allen die feierliche Art auf mit der jetzt
der Graf dAubaine eintrat an seiner Hand die hochrote Margot deren Augen
noch von Tränen glänzten Er führte sie zur Gräfin Franziska und als sich
Margot ihrer Tante in die Arme warf rief er »Sie liebe Schwester werden
durch das Geständnis der kleinen Schelmin dort überrascht sein Das Kind will
heiraten und ich habe nach alter schwacher Väter Weise Ja dazu gesagt«
»Nun« sagte die Gräfin Franziska lächelnd »wir sind Ihnen lieber Bruder
deshalb nicht abgeneigt und haben selbst heimliche Wünsche dafür genährt« Bei
diesen Worten streckte sie liebevoll ihre Hand nach Leonce aus der dicht neben
dem alten Grafen stand doch dieser trat schnell zurück und führte den schönen
Grafen Guiche vor der knieend die Hand der Gräfin zu erbitten schien
»Wie« rief Franziska erstaunt »Graf Guiche« »Graf Guiche« riefen
Mehrere laut und manches Herz im Stillen
»Bin ich Ihnen denn so ganz unwillkommen Gönnen Sie mir dies schöne Glück
nicht« sagte der junge Mann demütig zur Gräfin aufblickend
»O nicht doch nicht doch« sagte die Gräfin Franziska gütig und doch
verlegen »ich verstehe es nur nicht«
»Aber« sagte der Graf dAubaine lächeln »wer sollte denn der Bräutigam
sein«
»Vielleicht ich mein teurer Graf« rief Leonce »denn so lange meine
kleine Muhme gegen ihren Bräutigam stolz tat war der arme Vetter ihre beste
Zuflucht« Der Graf dAubaine lachte und wie man sah war er glücklich und
heiter Jetzt hatte sich auch Gräfin Franziska gesammelt und da auf dem Antlitz
ihres lieben Leonce keine getäuschte Hoffnung zu lesen war begrüßte sie den
jungen Guiche mit der gewinnendsten Freundlichkeit Doch wer malt das Erstaunen
von Lucile und Armand Leonce schien es voraus zu setzen und eilte zu ihnen
»Ich habe Euren Irrtum oft mit Bedauern gesehen« rief er »Vergebt mir
geliebten Freunde Ich war der Vertraute aller Parteien ich hatte
Stillschweigen gelobt Die Achtung für Margots Vater legte es uns auf denn
er hatte die Bewerbung des Grafen Guiche nach jenem Duell ausdrücklich verbeten
Aber ich kannte alle Parteien zu gut um nicht eine endliche Versöhnung zu
hoffen und so blieb ich zwischen Allen der Unterhändler und durfte vor dem
Gelingen meiner Bemühungen nicht sprechen Doch Margots Bruder selbst von
seinem Unrecht überzeugt ist zu seinem Vater geeilt und ihm verdanken wir die
endliche Ausgleichung dieser Angelegenheit«
»Nein nein« riefen beide Grafen dAubaine und der junge Guiche zugleich
»Leonce gebührt die Ehre Wir hätten es gewiss nicht so klug einzuleiten
verstanden hätte er nicht mit unablässiger Mühe uns endlich Alle zur Vernunft
gebracht«
»Aha« sagte Mademoiselle de la Beaume »jetzt erinnere ich mich der
kleinen Nachtscene die ich zu den Spukgeschichten von Ste Roche zählen sollte
Das waren der Herr Unterhändler der Rapport machte Nun so oder so es nahm
ein gutes Ende und ich bin im Vorteile denn mein Neffe hat einen Engel zur
Braut bekommen Und Sie mein junger Herr« fuhr sie zu Leonce fort »Sie
müssen erfahren dass ich eben meine gute Meinung von Ihnen reparire denn
seitdem ich als Königin Katarina meinen Hofstaat eingerichtet hatte machte ich
Bemerkungen die mich glauben ließ es würde mit doppelten Karten gespielt«
Längst wusste Leonce dass ihn die alte kluge Frau erraten habe Tief
errötend küsste er ihre Hand und entschlüpfte ihren ferneren Worten
»Und Sie« rief er sich leise neben Lord Duncan schleichend »repariren
Sie jetzt auch Ihre Meinung von mir«
»Aber warum bist Du denn unglücklich wenn Du ein lieber ehrlicher Junge
bist« rief dieser mit dem alten Tone väterlicher Vertraulichkeit
»Weil sie mich nicht mehr liebt« sagte Leonce Lord Duncan lachte laut auf
»Ach« sagte er das alte Lied von zwei eifersüchtigen Verliebten Sie soll wohl
die Schmachtende spielen wenn Du wie toll einer Anderen nachläufst
»Nein nein Lord Duncan Ich sah sie zuerst in Ardoise wieder wo ich sie
von einem armen Wahnsinnigen errettete Aber mein schöner Traum wie ich sie
damals mit so großer Freude in meiner Familie aufgenommen sah wurde nur zu bald
durch ihre gänzliche Zurückweisung vernichtet und bei ihrer schnellen
Entfernung von Ardoise erwachte sogar mein Stolz Ich machte törichte
vergebliche Versuche sie zu vergessen und«
»Warest wie alle Männer Gott weiß ich muss es eingestehen obwohl ich
selbst zu ihnen gehöre immer geneigt die unvernünftigsten Forderungen zu
machen um an die Liebe eines Mädchens Glauben fassen zu können deren
schüchterne Zurückhaltung die sie doch nur mit dem bittersten Tadel vermissen
würden ihnen das größte Recht zu geben scheint sich über Harterzigkeit und
Kälte zu beklagen Überall hatte Elmerice Recht« fuhr er fort »aber
besonders deshalb weil sie noch nicht wusste dass ihr Vater Dir durch mich das
JaWort aufgehoben hatte wenn Du Dich bewährtest«
Er wollte mehr sagen aber Leonce verlor den Kopf und drückte den alten Lord
mit so unmässiger Gewalt an sein Herz dass dieser nicht mehr zu Worte kommen
konnte Als er ihn losliess sah er zuerst den blassroten Seidenstoff von
Elmerices Kleide Er dankte es der starken Hand des Lords der ihn aufhielt
sonst wäre er augenblicklich ihr zu Füßen gesunken aber er sah sie an mit
einem Ausdrucke des Entzückens von dem sie ihre bewegten Augen abwendete
»Sie sollen mich zu Tische führen mein teurer Lord« sagte sie mit einem
bebenden und doch klaren Tone der Stimme »und da man mir das Vorrecht der
Hausfrau damit zugesteht müssen Sie sich mit mir aufstellen bis unsere Gäste
vorüber gezogen sind«
Wie schön sah sie aus Ihre Blässe war verschwunden seit Margot sie bei der
Gratulation so lange geküsst dass es wie Geschwätz erscheinen konnte hatte sich
die feinste Röte auf ihre Wangen gelagert und die braunen Locken die an den
Schläfen mit Agraffen von Perlen aufgenommen waren zeigten den vollen Ausdruck
ihrer himmlischen Augen in denen ein Schein leuchtete der wie inneres Glück
aussah
Luciles scharfer Blick merkte Alles und als sie an Leonces Arm
vorüberging sagte sie zu ihm »Nun meine Hoffnung Ihre langweilige Natur
durch einen fröhlichen Hausstand mit Margot umzuschaffen wird denke ich in
anderer Weise bald seine Erledigung finden«
»O sprächen Sie wahr« rief Leonce und drückte ihren zarten Arm so heftig
dass sie um Hilfe schreien wollte
Als Elmerice nach der Tafel in dem stillen Zimmer Emmys an ihrem Bette
dicht vor ihren Augen saß und Emmy alle ihre Sehkraft sammelte um noch
zuweilen das liebliche Bild ihrer Fennimor aufzufassen öffnete sich die Tür
und Lord Duncan trat an Elmerices Seite
»Das ist unser Landsmann« sagte Emmy als sie ihn sah »ich kann ihn unter
all den Anderen heraus kennen die wenig wissen was einen Mann kleidet«
»Es ist Lord Duncan Emmy« sagte Elmerice »er war der Freund meines
Vaters jetzt ist er der meinige«
»Ich kam her Dich daran zu erinnern« erwiderte der Lord »und Emmys
Gegenwart wünsche ich dabei Sieh« sagte er »seit heute Morgen trägst Du den
alten berühmten Namen dieses Hauses und ich ruhte nicht eher bis Du ihn
annahmst Wie findest Du mich dass ich jetzt schon an Nichts angelegentlicher
denke als ihn Dir zu nehmen oder vielmehr Dir daneben noch einen anderen zu
geben«
Elmerice wurde glühend rot aber wir gestehen Dank Margots Kuss sie
hörte das Erwartete Nach einer Pause fuhr Lord Duncan fort »Aber wird Dir der
Name auch recht sein«
Elmerice lächelte jetzt denn sie fühlte wie Lord Duncan schelmisch
blickte »Das kommt freilich auf den Namen an« sagte sie endlich
»Gewiss« sagte der Lord »aber wenn er nun wie dAnville klänge«
Elmerice fuhr zusammen Sie fühlte es kniete Jemand neben ihr nieder
»Ich habe ihn seit lange lieb« sagte sie endlich schüchtern »O Elmerice«
rief Leonce der Knieende »darf ich diesem Himmelslaute vertrauen Soll meine
heiße innige Liebe diesen Lohn erhalten«
»Ja Leonce« sagte das edle Mädchen »Er der uns einst trennte segnet uns
jetzt ich war Ihnen treu und ich weiß dass Sie es mir geblieben sind«
Sie unterbrach den Sturm seiner Gefühle indem sie sich zu Emmy wendete
»Emmy willst Du mir Deine Zustimmung geben zu der Wahl meines Herzens«
»Ich will es« sagte Emmy »er hat ein uneigennütziges Herz Das ist das
Einzige warum es sich lohnt einen Menschen von dem anderen zu unterscheiden
Herr rufe jetzt Deinen Knecht er ist müde«
Es waren Emmys letzte Worte Von da an blieb sie schlafend bis der Tod
seine Hand sanft vollendend nach ihr ausstreckte Doch für den Augenblick
verließ Elmerice sie ohne Ahnung ihres damit beschlossenen Lebens
Die Verlobten wurden durch Lord Duncan der versammelten Familie vorgestellt
und gewiss ward nie eine fehlgeschlagene Hoffnung in Franziska Lucile und Armand
vollständiger vergütet als jetzt durch die Vereinigung dieser beiden von Allen
so zärtlich geliebten Personen Der Familienkreis der sich hier nun bildete
war der reichste segensvollste Mittelpunkt für das Glück aller Beteiligten
und der rächende Geist der so lange drohend und züchtigend über dem alten
Schloss Ste Roche geschwebt musste sich versöhnt zurückziehen und ließ keinen
weiteren Nachweis zurück
Mit tiefer Rührung ward Emmys Leiche an Fennimors Seite gebettet doch
war auch dieser Tod versöhnend und beruhigend
Vier Wochen später segnete der alte Vikar von Ste Roche in der schönen
kleinen Kirche in der Elmerice zuerst mit so schwerem Herzen gebetet seine
junge geliebte Herrin mit Leonce dAnville und Margot dAubaine mit dem jungen
Grafen Guiche ein
Zu dieser Feierlichkeit waren Herr und Madame St Albans eingeladen und
erschienen da die Letztere bei dem Hinscheiden und Begräbnisse ihrer Mutter
nicht gegenwärtig gewesen war Auch hier gab Madame St Albans ihre misslaunige
kritische Weise nicht auf während die feine Erscheinung ihres Gatten ihm das
allgemeine Wohlwollen zuzog
An dem erwähnten Hochzeitstage fand Elmerice Gelegenheit Madame St Albans
allein zu sprechen »Jetzt müssen Sie mir erlauben« sagte sie »Sie mit dem
letzten Willen Ihrer Frau Mutter bekannt zu machen«
»O ich bitte« unterbrach sie Madame St Albans »dieser letzte Wille
denke ich ist in der ganzen Gegend bekannt Euer Gnaden haben nun einmal Glück
in Erbschaften aus der Tochter meiner Margarit« hier trat ihr Schluchzen
ein »der einfachen Miss Eton die unter meinem Dache schlief an meinem Tische
saß ist nun eine vornehme grossmächtige Gräfin geworden die trotz ihrer
Millionen nicht verschmäht hat die alte Mistress Gray zu beerben die ihr eigen
Kind deshalb verstiess«
Elmerice hörte ruhig lächelnd diesen Ausbruch an sie hatte nicht
gezweifelt dass sie ihn erleben würde und deshalb gewünscht mit ihr allein zu
sein »Ja Madame St Albans« sagte Elmerice nach einer kleinen Pause »ich
habe es nicht verschmäht diese Erbschaft anzunehmen denn meine Weigerung hätte
Ihrer Mutter das Herz gebrochen Aber sie gab mir Vollmacht Alles nach meinem
Gutdünken anzuwenden und eben darüber wünschte ich mit Ihnen zu sprechen Die
Erbschaft bestand aus einem baaren Vermögen in Golde welches in Beisein des
Pfarrers und des Arztes in der bezeichneten Kiste gefunden ward Hier ist der
Inhalt aufgeschrieben aber nicht so wünschte ich Ihnen den Nachlass Ihrer Mutter
zu übergeben nehmen Sie hier den vom Prior vollzogenen Kaufkontrakt von Ihrer
bisherigen Pachtung Tabor sie ist jetzt mit dem dazu gehörenden Walde Ihr und
Ihres Mannes unbestrittenes Eigentum«
»Heiliger Gott die ganze Pachtung und den Wald noch überdies« rief
Madame St Albans »Nun solch Gut könnte ja einem Baron gehören Ach das
kann unmöglich sein dazu langte das Vermögen meiner armen Mutter nicht hin«
»Machen Sie sich deshalb keinen Kummer« erwiderte Elmerice erleichtert
durch die Freude der wunderlichen Frau »Margarit Eton ihre Freundin besaß
Vermögen genug das Fehlende zu decken«
»Nun das nenne ich großmütig« rief Madame St Albans »Tausend mein Kind
Sie verstehen die Gräfin zu spielen Doch verzeihen Sie ich vergaß über der
Freude meinen Dank abzustatten Nein wirklich viel viel zu viel Güte ich
weiß gar nicht ob ich es annehmen darf«
»O nehmen Sie es« sagte Elmerice herzlich »und lassen Sie uns nicht mehr
davon sprechen Gewiss ich bin Ihnen Dank schuldig für die Freude die Sie mir
jetzt gewähren«
»Ei ei meine liebe Frau Gräfin das ist nun ein wenig zu fein ausgedrückt
für so eine einfache natürliche Frau als ich bin Doch das ist nun einmal Ihre
Art und schickt sich jetzt auch besser für Ihre hohen Zirkel worin Jemand
nicht passt der einfach vom Herzen wegspricht Also noch ein Mal meinen
alleruntertänigsten Dank«
Elmerice eilte diese peinliche Unterredung zu endigen und hatte eine
schöne Genugtuung durch die edle ruhige Weise wie Herr St Albans ihr reiches
Geschenk aufnahm Beide genossen noch lange ihre schöne Besitzung die sich in
allen Zweigen der Kultur auf das Musterhafteste verbesserte
Zuerst folgten Elmerice und Leonce der Gräfin dAubaine nach Ardoise von
da gingen sie nach Ste Roche zurück und suchten es mit der vollständigsten
Pietät für das Andenken was daran haftete herzustellen Emmys Zimmer wurden
von Elmerice selbst behütet wobei ihr Asta zur Hand ging die in der nächsten
Stadt zur ersten Dienerin vollständig und sorgfältig ausgebildet ihre junge
Gebieterin nicht mehr verließ
So blieb Ste Roche noch lange ein wohl behütetes Denkmal vieler
Jahrhunderte denn neben den wieder hergestellten einfachen Gemächern der
Klaudia von Bretagne ihrer Betkapelle und Begräbnissgruft stiegen die
Prachtsäle und Gemächer der Katarina von Medicis wie der früheren Grafen
CrecyChabanne mit ihrem alten Glanze empor Nur der verhängnisvolle Banketsaal
veränderte seine Gestalt Schwarze sammetne Vorhänge umzogen seine Wände
herrliche farbige Scheiben zierten die riesigen Fenster mit symbolischen Bildern
und den Wappenschildern der Crecys und über der schauerlichen Tafel die einst
Ludwigs Leiche trug erhob sich in glänzend weißem Marmor ein von Engeln
gestütztes Ruhebett worauf Ludwigs und Reginalds Statuen nach guten Gemälden
gebildet Hand in Hand ruhten Wo aber sonst der Thron der Katarina von Medicis
stand hing hinter einem großen Vorhange Fennimors Engelsbild Eben so war der
schauerliche Platz am Kamine verschwunden vor seinem kunstreich verschlossenen
mit schwarzen Marmorbasreliefs verzierten früheren Heerde standen zwei
Betstühle und hier wurde bei der Gegenwart der Herrschaften stets ein
feierliches Todtenamt gehalten
Durch zweckmässigen Ausbau war dieser Saal außer aller Berührung gesetzt
während die luftige Gallerie die daran stieß und zum Eudoxienturme führte
wieder schon und altertümlich hergestellt war Die sich anschliessenden
HofdamenZimmer waren zu heiteren luftigen Gemächern aus dem Glanzpunkte dieser
Epoche umgeschaffen
Der Eudoxienturm blieb aber Elmerices Eigentum ein mit jugendlich
schöner Empfindsamkeit gehegtes kleines Bijou zu welchem nur Leonce in
einzelnen glücklichen Stunden Zutritt hatte wo sie ihr Glück überlegten und
Gott dafür dankten
Nur selten und nur auf wenige Monate bezogen sie ihre reichen Palais in
Paris und Versailles und immer nur wenn Armand und Lucile Margot und Guiche
mit ihnen dort zusammen trafen Dazwischen unterhielten die gastlichen Züge
dieser Familien von einem Schloss zum anderen bei welchen selbst die Gräfin
Franziska nicht fehlen wollte das herzlichste und genussreichste Familienleben
das durch nachfolgende Ereignisse nur immer reicher und schöner ward Waren die
Familien aber in Ste Roche so erschien nicht selten Lord Duncan mit einigen
seiner Kinder als jubelnd empfangener Gast und immer gehörten zu den
teuersten Freunden die Greisengestalten des Vikars des Arztes und der edelen
Veronika wenn ihr hohes Lebensziel ihnen auch nur noch kurze Zeit gewährte
So war ein allseitiger großer Besitz auf gutem Grunde erbaut auf dem
sittlichen Werte seiner Besitzer Und wir verfolgen von hier an ihre Schicksale
nicht weiter und getrösten uns des Mottos
»Nicht was wir erleben sondern wie wir es erleben dies entscheidet über
Glück und Unglück«
Fußnoten
1 Wir werden uns erinnern dass Lesüeur im Winter abreiste