Henriette von Paalzow
GodwieKastle
Aus den Papieren den Herzogin von Nottingham
Vorwort des Verlegers
Zur ersten Auflage
Die Handschrift des hier im Druck erscheinenden Buches ist aus der Ferne auf
eine nicht gewöhnliche Weise in die Hände des Verlegers gekommen und zwar ohne
Namen des Verfassers der ihm völlig unbekannt geblieben ist So
unwahrscheinlich das vielleicht auch Manchem erscheinen mag so ist es doch die
volle Wahrheit
Was den Inhalt des Werkes anbetrifft so werden Leser die nicht flüchtig
sondern mit Geist und Beobachtungsgabe zu lesen gewohnt sind die Bedeutsamkeit
desselben bald erkennen und dem Urteil solcher schärfer und tiefer Blickenden
muss es denn auch anheim gestellt bleiben ob sie das hier Mitgeteilte als
wirkliche Erlebnisse und eigentliche Denkwürdigkeiten oder als Dichtung
auffassen und betrachten wollen
Zur zweiten Auflage
Die günstige Aufnahme welche dieses Werk bei gebildeten Lesern gefunden so wie
die gleich bleibende Teilnahme des Publikums machten diese zweite Auflage
binnen Jahresfrist nötig
Obschon im Wesentlichen nichts verändert so ist doch eine sorgfältig
verbesserte Durchsicht der Sprache wie der Sachen bei der jetzigen Auflage
nicht unterlassen worden
Die Frau Verfasserin die zwar dem Verleger gegenüber ihre Anonymität
abgelegt dem Publikum aber nur ihr Werk nicht ihren Namen darbieten will wird
in der fortgesetzten Teilnahme an demselben gewiss die befriedigendste
Genugtuung und einige frohe Lebensstunden mehr finden
Zur dritten und vierten Auflage
Die neueste Auflage dieses deutschen Dichterwerks welches im Andenken
gebildeter Leser sich forterhält und dessen wiederholte Lektüre den
Geistreichsten unter ihnen zum Bedürfnis geworden ist meint der Verleger nicht
besser und würdiger einleiten zu können als durch den Abdruck jener ersten
Recension welche gleich damals erschien als das Werk noch kaum bekannt war
und als deren Verfasser Herr Braniss Professor der Philosophie an der
Universität Breslau sich unterzeichnet hat Diesem bleibt das Verdienst der
Erste gewesen zu sein der durch sein tief begründetes Urteil die hohe
Bedeutung von GodwieKastle anerkannte und klar entwickelte den Autor dessen
Name noch nicht einmal vermutet werden konnte freudigst begrüßte und ihm jenen
immergrünen Kranz der nur Wenigen in diesem Felde der Dichtung zu Teil
geworden zuerst darreichte
Jene Beurteilung welche vor fünf Jahren am 7 November 1836 erschien
und hier als einleitendes Vorwort wieder abgedruckt ist wird denkenden Lesern
gewiss eine wertvolle Beigabe sein
»Walter Scotts geistreiche Weise im Romane Dichtung und geschichtliche
Wirklichkeit geschickt mit einander zu verweben hat mit Recht die Teilnahme
der Lesewelt in hohem Grade erregt und wenn diese Teilnahme jetzt sehr
gesunken ist so mag dies wohl hauptsächlich von den vielen Nachahmern
Scottischer Manier herrühren welche ohne das Talent des geistvollen Britten
doch alle seine Fehler aufgenommen haben Solcher Fehler gibt es denn freilich
auch viele Jener breiten Detailmalerei nicht zu erwähnen welche weit entfernt
eine größere Anschaulichkeit zu bewirken den Leser vielmehr nur seine
Unfähigkeit empfinden lässt alle die kleinlichen Elemente zu einem Gesammtbilde
zu vereinen sei hier nur des großen Missverhältnisses gedacht in welchem bei
Scott die Dichtung zu dem gegebenen geschichtlichen Stoffe steht Nur zu sehr in
der Tat lässt der Dichter es uns merken dass er selbst sich weit mehr für das
Historische als für seine eigene Schöpfung interessiert und jemehr es ihm
vermöge der Lebendigkeit seiner Darstellung gelingt auch dem Leser ein
Interesse für das Geschichtliche einzuflößen desto dürftiger muss diesem der
innerhalb mächtig hervortretender Weltverhältnisse sich abspinnende kleine
Liebesroman erscheinen Ja selbst der von Scott mit großem Erfolg gebrauchte
Kunstgriff durch das geheimnisvolle Dunkel darein er eine lockere Erfindung so
lange als möglich zu hüllen weiß die Neugier des Lesers in Spannung zu
erhalten dient nur dazu bei endlich erfolgter Entwickelung um so mehr das
Gefühl der Enttäuschung hervorzurufen indem der lange genährten Erwartung statt
einer wichtigen weitgreifenden Katastrophe zuletzt doch nichts dargeboten
wird als die Vereinigung eines halbwüchsigen Liebespärchens an dem sich die
grossartigsten weltgeschichtlichen Bewegungen verkrümeln Unstreitig ist der
unmittelbare und wesentliche Stoff des Romans überhaupt das Leben der Familie
wie denn dies in der RomanenLiteratur stets durch die Tat anerkannt worden
ist Wir erinnern nur an die älteren englischen Romane und selbst unsere
verrufenen deutschen Familiengemälde sind nicht darum so geringhaltig weil sie
das Familienleben darstellen sondern weil sie es in seiner grösstmöglichsten
Dürftigkeit auffassen weil sie die Poesie darin suchen es aus allem
Zusammenhang mit allgemeinen Interessen herauszureissen und seine ganze Energie
auf die ungestörte Erhaltung einer isolirten Existenz hinzurichten daher denn
auch Armut bei ihnen ein so wichtiges tragisches Motiv ist und dauerndes
Familienglück hauptsächlich durch plötzlich hereinscheinenden Reichtum bewirkt
wird Ein würdiger Gegenstand für die Poesie ist aber die Familie erst wenn sie
der gemeinen Not des Lebens durch günstige äußere Verhältnisse entrückt zu
keiner Verzichtleistung auf höheren und feineren Lebensgenuss gezwungen ist
Mannigfaltigere Interessen treten dann in ihr hervor sie selbst öffnet sich
dem was die Welt bewegt und ohne sich an das öffentliche Leben aufzugeben
nimmt sie doch dessen Wirkung in sich auf und entwickelt erst so ein in
Gesinnung Charakter und Tatkraft innerlich reiches wahrhaft sittliches Dasein
Wird nun die Familie in dieser Würde und Bedeutsamkeit Gegenstand dichterischer
Produktion so kann sie nur entweder in bestimmten allgemeinen Beziehungen zu
den Mächten des geschichtlichen Lebens festgehalten werden wie zB der edle
Familienkreis in welchen Wilhelm Meister uns einführt an Kunst
weltbürgerlicher Erziehung und großartiger Industrie die Bezüge hat die ihn der
Geringheit und Dürftigkeit eines bloß selbstischen Familieninteresses entreißen
oder es muss eine bestimmte im Leben eines Volkes bedeutsame geschichtliche
Zeit sein in die der Dichter uns versetzt und die er am Familienleben
reflektirt zu unserer Anschauung bringt Eben dieser letztere Gedanke liegt nun
auch den Scottischen Romanen zu Grunde konnte in ihnen aber freilich nicht
genügend zur Ausführung kommen weil Scott die Familie durch die allgemeinen
Interessen völlig bewältigt weil er uns nicht die Geschichte durch die Familie
hindurch sondern umgekehrt die Familie nur in der Geschichte sei es nun als
tätiges Organ derselben oder als leidenden Spielball der Ereignisse erblicken
lässt Es liegt zwar auch in dieser Fassung eine Wahrheit eine solche jedoch zu
der wir des Dichters nicht bedürfen die uns die Geschichte selbst auf allen
ihren Blättern lehrt Jene unvergängliche Seite der Familie dagegen welche alle
geschichtlichen Kämpfe und Wirren überdauert jene in allem Wechsel des
mannigfach bewegten öffentlichen Lebens sich unveränderlich erhaltende stille
Macht der Liebe Treue Innigkeit und heiligen Vertrauens ist es welche schon
an sich gediegene Poesie auch für die dichterische Behandlung ein
unerschöpflicher Stoff ist Wie trefflich nun dieser Stoff wenn ein Meister ihn
behandelt sich gestalten lässt zeigt das Werk auf welches aufmerksam zu
machen der Zweck dieser Zeilen ist
Wir werden durch GodwieKastle mit einer englischen Familie bekannt deren
hoher Rang sie von alter Zeit her in nahe Beziehung zu den Herrschern des Landes
gebracht und zur Teilnahme an der Leitung des Staats berufen hat so dass die
Schicksale des Hauses vielfach durch den Gang der öffentlichen Angelegenheiten
und durch innigere persönliche Verhältnisse zur Königsfamilie bestimmt werden
Die Personen die wir kennen lernen haben an dem Hofe der Königin Elisabet und
ihres Nachfolgers eine bedeutende Stellung eingenommen und die vertraute
Freundschaft zwischen dem Haupte der Familie und dem Prinzen von Wales führt
Verwickelungen herbei welche auf das sonst ungetrübte Familienglück einen
düstern Schatten werfen der sich erst spät zerstreut Über die Begebenheiten
selbst enthalten wir uns jedes Berichts und bemerken von ihnen nur dass sie
ganz geeignet sind die Teilnahme der Leser in hohem Grade in Anspruch zu
nehmen Desto angelegentlicher möchten wir die poetische Trefflichkeit des
Werkes hervorheben In der Tat sind darin alle oben an Scott gerügten Fehler
auf das glücklichste vermieden Viele höchst interessante historische Momente
treten uns zwar darin entgegen das letzte Lebensjahr Jakobs des Ersten der
sinnlose Übermut seines Günstlings Buckingham die Verhandlungen wegen der
Vermählung des unglücklichen Prinzen Karl Burleighs und Bristols gewandte
aber in aller Staatsklugheit den Adel der Gesinnung bewahrende Politik in
ungleichem Kampfe mit Richelieus schleichenden auf Hofintriguen Weibergunst
und Jesuitismus sich stützenden Machinationen alles dieses und dem ähnliches
führt der Verfasser mit dramatischer Anschaulichkeit unsern Blicken vorüber
Dennoch hält er es mit großer Besonnenheit so sehr als möglich im Hintergrunde
und lässt es nur so weit hervortreten als es unmittelbar auf die Nottinghamsche
Familie einwirkt für welche er unser Interesse ungeteilt in Anspruch nimmt und
erhält In das Stammschloss derselben versetzt er uns gleich beim Beginn der
Erzählung und entfaltet vor uns dessen mannigfach kombinirte den großen Sinn
seiner Besitzer aussprechende Architektur mit so bewundernswürdigem Talent so
ungetrübt von jener das Auge verwirrenden antiquarischen Pedanterie in welche
bei solchem Anlass Scott so leicht verfällt dass wir darin völlig heimisch
werden Und welchem herrlichen Menschenkreise begegnen wir darin Die alte
Herzogin eine wahrhaft verklärte von keinem Erdenschmerze mehr berührbare
Gestalt auf ein abgeschlossenes inhaltreiches Leben mit dem Frieden eines
schönen Bewusstseins heiter zurückblickend und jetzt nur noch in der Liebe zu
den Ihrigen lebend Ihr zur Seite die jüngere Herzogin ein tief
leidenschaftliches von einem großen Schmerz umnachtetes Gemüt dessen
Heftigkeit dennoch stets von hoher Willenskraft gebändiget nur um so rührender
die Fülle von Liebe die es einschliesst und um so schöner die Stärke einer
edelen Gesinnung offenbart Wir müssen es uns versagen diese andeutende
Karakteristik fortzusetzen Gleich den genannten Personen sind auch die übrigen
bis zur jüngsten Enkelin welche in ihrer Kinderunschuld das anmutigste
Gegenstück zu der herrlichen Großmutter bildet scharf individualisirt wie
verschieden aber auch in Charakter und Lebensrichtung sind sie doch durch
gegenseitige Liebe und Anerkennung durch das Alle erfüllende Bewusstsein der
Familienehre und einen für Gemeines unnahbaren Seelenadel zur schönsten Einheit
und zu einem sittlichen Gesammtleben verbunden in welches hineinzublicken Genuss
und Erhebung zugleich ist Die schönste Zeichnung freilich ist die junge Fremde
an deren Erscheinen in GodwieKastle sich viel Lust und Leid knüpft Der
Verfasser hat die Fülle von Liebreiz die er über diese Gestalt ausgegossen
zugleich so durchsichtig für die ihr einwohnende hohe Seelenschönheit zu halten
gewusst dass die herzgewinnende Macht die sie über ihre Umgebung ausübt gewiss
auch jeder Leser erfahren wird Das liebe Mädchen muss viel leiden so viel dass
wir mit dem Verfasser darüber rechten könnten warum er sie über manche
Widerwärtigkeit nicht sanfter hinweggeführt hat wenn wir nicht wüssten einmal
dass im Romane der Zufall sein Recht unbeschränkt behaupten müsse und zweitens
vornehmlich dass gerade in jenen Schmerzen die größere Liebe des Dichters zu
seinem Geschöpf sich kundgibt welcher allein wir eine so lebenswarme Zeichnung
verdanken Seltsam genug dass im Reiche der Poesie der Satz gilt was der
Dichter liebt lässt er leiden Dies zu belegen braucht man nicht gerade an
Heinrich Kleist zu erinnern der seine Lieblinge förmlich quälen kann selbst
Göte darf dafür angeführt werden denn ruht nicht zB unter allen im Wilhelm
Meister auftretenden Personen des Dichters Liebe vorzugsweise in Marianen und
Mignon Es sind diese beiden Gestalten aber auch die schönsten unter allen wie
sie die leidvollsten sind So wollen wir denn auch unsern Verfasser dieser
Dichterneigung ungestört folgen lassen und statt unbefugt zu tadeln lieber auf
eine besondere Virtuosität desselben aufmerksam machen Dies um so mehr weil er
sich in so strenge Anonymität zu hüllen gewusst hat dass selbst dem Verleger wie
ein Vorwort berichtet sein Name völlig unbekannt geblieben ist ein kluger
Leser der sich aufs Raten legen will mag vielleicht dadurch einen Fingerzeig
erhalten Es versteht nämlich der Verfasser nicht nur Gemälde mit der größten
Gewandtheit und in anschaulichster Klarheit zu beschreiben sondern er gibt
auch von einzelnen Gegenständen so pittoreske Darstellungen und liebt es
besonders ganze Szenen in so bestimmter anmutiger Gruppirung zu einem Leben
atmenden Tableau zu gestalten dass er sich als einen in die Geheimnisse der
Malerkunst tief Eingeweihten verrät Wir selbst wollen uns durch diesen
Fingerzeig nicht zum Raten verführen lassen sondern uns nur des Trefflichen
freuen das die Kunst des Verfassers in dieser Beziehung uns dargeboten hat Ein
Talent wie der Verfasser es hier zeigt und wie wir es in anderer Weise an
Göte und Tieck kennen und bewundern lässt es recht inne werden dass wie die
Malerei in ihrer großen längst abgeschlossenen Zeit die Poesie in sich trug so
umgekehrt die mündig gewordene Poesie die Malerei einschliesst Und so mag man es
wohl als einen richtigen Takt bezeichnen wenn eine berühmte deutsche
Malerschule unsrer Zeit sich so gern an die Dichter lehnt und ihnen in ihren
Darstellungen nachstrebt wiewol es immer eine bedenkliche Frage bleibt wozu
doch das Streben nach einem bereits Erreichten führen könne nach einem
Erreichen zumal welches für dieses Streben ein Unerreichbares ist denn für
eine Anschauung oder Empfindung die der echte Dichter bereits gestaltet und
der er am Worte einen geistigen helldurchsichtigen Leib gegeben hat sind
selbst Farbe und Klang zu stoffartige trübe Darstellungsmittel Sei dem nun wie
ihm wolle wir die wir nichts von der Berliner Kunstausstellung abbekommen
wollen uns an unserm Lesepulte der herrlichen seelenvollen Bilder welche der
Dichter von GodwieKastle uns vorführt dankbar freuen
Unerwähnt darf nicht bleiben dass der Verfasser was ihm sehr hoch
anzurechnen es in echter Dichtervornehmheit vorschmäht hat den Leser mit der
Auflösung der rätselhaften Begebenheit die den Inhalt des Buches bildet in
beliebter Scottischer Weise möglichst lange hinzuhalten und so durch Spannung
einen vorübergehenden Effekt zu erzielen Schon am Anfange des zweiten Teiles
erhalten wir diese Auflösung und wenn der Verfasser wie er selbst sehr schön
sagt es vorgezogen hat den Leser lieber »in die Stimmung eines besorgten
Freundes zu versetzen der die Gefahren kennt wie sie zu vermeiden wären weiß
und doch außer Stand gesetzt ist schützend oder warnend einzuschreiten« so
ist es ihm mit der Erzeugung dieser Stimmung bei dem Referenten wenigstens
vollständig gelungen
Die Sprache des Verfassers hat viel Eigentümliches ein sehr kompakter
Periodenbau in welchem durch eine zuweilen etwas ungewöhnliche Wortstellung ein
klingender Rhythmus sich bemerkbar macht der oft nahe an den Vers streift
zeichnet besonders die beiden ersten Teile aus Im dritten lässt die auf den
Ausdruck gewandte Sorgfalt merklich nach einzelne Stellen verraten
Eilfertigkeit auch Inkorrekteiten laufen mitunter Diese letzteren indes zu
rügen fällt dem Referenten gar nicht ein vielmehr freut er sich über so eine
Inkorrekteit wie Tischbein über den Esel Es ist nämlich in unsern Tagen
nichts so wohlfeil geworden als ein sogenannter guter Stil Alles besitzt ihn
ja je bornirter einer ist desto besser handhabt er ihn eine geleckte
geschwätzige in bestimmter fertiger Phraseologie glatt und ohne Anstoß wie auf
einer Chaussee dahinrollende Redeweise ist völlig zum Gemeingut worden Weil
denn nun Alle einen guten Stil haben und zwar Alle den nämlichen guten Stil so
steht zu befürchten dass darüber aller Stil zu Grunde gehe der nämlich von dem
es heißt le style cest lhomme Ein bedrohliches Zeichen dass wir uns wirklich
dem glänzenden Elend der Klassicität nähern womit für eine Nation doch nichts
anders gesagt wird als dass sie in ihrer Literatur das Bewusstsein einer großen
Vergangenheit ausspricht ohne eine über sich hinausragende Gegenwart zu haben
Mussten wir ja sogar erst kürzlich und zwar aus der Mitte des weiland jungen
Deutschlands heraus ein Liedchen singen hören dass die graue Nebelgestalt des
alten Ramler mit den berufenen Wappenschildern von klassischem Muster
Korrekteit Geschmack usw aus ihrer Vergessenheit heraufbeschwört Solcher
Richtung gegenüber muss man es noch für ein günstiges Symptom halten wenn der
herrliche Göte nicht allgemein anerkannt ja wenn er verunglimpft wird besser
so als dass er was von einer andern Seite her in kurzsichtiger Aestetik
geschieht zum Musterpoeten verknöchert wird Es hat indes mit der Klassicität
keine so große Gefahr so lange es noch Ludwig Tieck in freier unbedrängter Musse
zu schaffen vergönnt ist und so lange noch große Unbekannte wie der Verfasser
von GodwieKastle unsere Literatur bereichern«
Braniss
Erster Teil
Der Tag neigte sich zu Ende Leichte Nebel stiegen aus den Tälern und
verbreiteten eine seltene zauberische Beleuchtung indem sie die Strahlen der
Sonne welche einen warmen Frühlingstag verklärt hatten sanft verhüllten Wer
hätte nicht der Natur Momente abgelauscht wo die wunderbare Gestaltung der
Wolken oder das durch Nebel gebrochene Licht so phantastische Erscheinungen
hervorruft dass wir uns an die reizenden Fabeln erinnert fühlen denen wir schon
im Schoss der Wärterin horchten und die mit ihren goldnen Bäumen auf Wiesen von
Smaragd ihren Palästen von Rubin und Edelstein ihren Ursprung in nichts
Anderem als in solchen zauberischen Naturgemälden gehabt haben mögen
Die weite Aussicht von dem Standpunkt an den wir hier unsere Mitteilungen
hauptsächlich anknüpfen zeigte eine entzückende Vereinigung erhabener und
lieblicher Naturgegenstände und das Auge konnte von keinem unbefriedigt
zurückkehren
Wir befinden uns in dem schönsten Teile der Grafschaft Nottingham zwischen
Chesterfield und den anmutigen Höhen von Cheffield Hier lag das Stammschloss
der Grafen von Derbery Herzöge von Nottingham und bildete mit seinen
weitläuftigen Wäldern und reizenden Tälern den vornehmsten Teil dieser Gegend
indem es zugleich ein prächtiges und ausgezeichnetes Denkmal verschiedener
Jahrhunderte mit ihrem fortschreitenden Geschmack und erweitertem Bedürfnis
darstellte Es brachte seinen alten Namen GodwieKastle aus einer so grauen
Vorzeit herüber dass selbst das alte Geschlecht das sich jetzt seine Besitzer
nannte es nicht wohl erweisen konnte ob es einen ihrer fernen Urväter als
Erbauer des eigentlichen Kastells nennen dürfe das mit seinen von der Zeit fast
spurlos verwischten Wappenschildern alle Bemühungen der Heraldik vereitelte
Nicht weniger aber ward es mit einer Sorgfalt geehrt und erhalten von der es
zweifelhaft blieb ob sie der Verehrung für die früheste Periode der Baukunst
angehöre oder dem schmeichelhaften Glauben an einen bis in die graueste Vorzeit
reichenden Besitz Gewiss blieb es aber dass die Vergrösserungen des Schlosses
die eben so vielen verschiedenen Zeiten als Besitzern angehörten stets mit
einem schonenden Rückblicke auf die erste wenn auch rohe doch von Ausdehnung
zeugende Anlage unternommen wurden So war von dem frühesten Bedürfnis nur
eine gesicherte Wohnung zu besitzen bis zu der freieren Existenz in einer Zeit
die durch öffentliche Sicherheit Reichtum und vorschreitende Bildung das
Schöne und Angenehme forderte und zuließ ein überall beabsichtigter wenn auch
oft schwer zu erreichender Zusammenhang unter den verschiedenen Bauwerken
beobachtet worden Das Kastell das so als der älteste Teil bezeichnet ward
lag an dem Rande einer Höhe die unfehlbar in früheren Zeiten einen Teil der
Befestigungen getragen hatte und den späteren Besitzern welche hier nur
unscheinbare Trümmer vorfanden den weiten Raum für ihre großartigen Anlagen
gab Das Kastell war noch immer der Eingang zum Schloss geblieben und
allerdings dazu durch den Ernst und die Größe seiner Formen und die überall noch
sichtbaren Befestigungen sehr geeignet Die breiten geebneten Wege die das Tal
und den Wald in verschiedenen Richtungen durchschnitten liefen in dem weiten
grünen Raume zusammen der sich vor den Befestigungen ausbreitete und gegen
Norden hin von dem prächtigen Walde in einem Halbkreis umschlossen ward Die
wasserreichen Gräben mit ihren grünen Wällen und befestigten Brücken schienen
noch jetzt einer kriegerischen Macht jeden Widerstand bieten zu können doch
blieb dem gründlicheren Beobachter nicht lange verborgen wie diese schirmenden
Wälle und Gräben sich sanft hinter der Hügelreihe in den schönen Wiesengründen
verloren die dem Tal nach Süden hin mit dem Zauber der Kultur eine bessere
Aussicht auf Schutz und Sicherheit gewährten Von dort aus zogen sich die
Meiereien und ländlichen Wohnungen der Fischer und Waldheger welche zerstreut
angebaut waren in einem Kreise um den Park der nach Abend hin einen See
umschloss Die größte Ausdehnung hatte dieser nach Norden und verband sich dort
mit dem Walde der bis dicht an die Terassen des Schlosses seine mächtigen
Häupter trug und durch roh in Stein gehauene Stufen damit verbunden teilweis
zu den ParkAnlagen benutzt war
Noch immer unterhielt man auf den verschiedenen Brückentürmen Wächter
welche die Ankunft von Fremden aus der Ferne schon durch den Ruf ihrer Hörner
verkündigten Aber an die grauen Türmchen mit ihren Schiessscharten und
Fallgattern lehnten sich freundliche Hütten und blühende rotwangige Kinder in
trauter Gemeinschaft mit den zahmen Bewohnern des Waldes die die grünenden von
der Sonne beschienenen Wälle gern zu ihren Futterplätzen ersahn schienen die
einzige streitbare Macht dieser ersten Festungslinie Doch überschritt wohl
keiner die letzte Brücke ohne einen Augenblick zu weilen und den Überblick zu
genießen der diese großartige Architektur zugleich als eine interessante
Geschichte der Baukunst darstellte
Den Eingang zum Kastell erreichte man über eine Zugbrücke die unmittelbar
in ein hohes gewölbtes Tor führte das von zwei sonderbar gewundenen und mit
Gallerien verbundenen Türmen gehalten ward Man hatte alsdann den Schlosshof
erreicht und dem Eingangstor gegenüber zeigte sich die schönste wenn auch
nicht die älteste Seite des Kastells Sie gehörte einer späteren Zeit und schon
bestimmt der gotischen Baukunst an aber sie war durch welche Begebenheiten
blieb unentschieden in ihrem oberen Ausbaue der Zerstörung am meisten anheim
gefallen und zeigte nur noch die unteren Räume erhalten die in drei hohen
gewölbten Hallen bestanden und den Durchgang nach dem zweiten Schlosshof
bildeten Mit angenehmem Erstaunen sah man sich von hier aus dem prächtigen
Wohngebäude gegenüber das mit allem Glanz seiner stets reichen Besitzer in dem
reinsten Style errichtet den wohltuenden Eindruck hervorrief als ob man die
Herrschaft des Schönen unter dem Schutze civilisirterer Zeiten hier aufgeblüht
sähe
Das Schloss lag auf dem höchsten Punkte und daher höher als das Kastell und
der Schlosshof führte in breiten gemauerten Wegen die leichte Anhöhe hinan Die
Hinterseite des Schlosses lag auf der Terrasse ausgebreitet welche von da zu
dem Parke führte Hier von der Gartenseite aus gewahrte man den neuesten
Anbau unter dem Großvater des letzverstorbenen Herzogs entstanden und zwar
nach seiner Rückkehr aus Italien von einer Gesandtschaft an Sixtus den Fünften
wohin ihn Elisabet gesendet während ihrer kurzen Freundschaft mit dem heiligen
Stuhle
Der Erbauer hatte hier den Geschmack seiner Vorfahren am meisten
beeinträchtigt Italien hatte seine Phantasie mit Bildern entzückt die keinen
Raum auf dem vaterländischen Boden fanden Kunstwerke jeder Art waren ihm
gefolgt aber die hohen gotischen Gemächer des alten Stammschlosses mit ihren
schmalen spitzen Fenstern und dem ungewissen Lichte der in tausend Farben
spielenden Scheiben war kein Aufenthalt für die Marmorbilder die man aus ihren
heiteren Säulenhallen weggeführt noch für Kunstwerke des Pinsels die
vergeblich eine Gemeinschaft suchten an den mit Zierraten überladenen Wänden
wo nächst zahllosen in Stein und Marmor gehauenen Wappenschildern nur die
düsteren Ahnenbilder aus der Kindheit der Kunst herstammend zu ihnen
niederstarrten Die hierdurch erregte Besorgnis des Herzogs um seine Lieblinge
löste sich bald im fröhlichen Gefühl ungemeiner Mittel und er gab ihnen in
einem neuen Flügel hinter hellen Scheiben und luftigen Kuppeln die Heimat
wieder so weit dies unter Englands Nebelhimmel möglich war
Nahm der italienische Flügel vom Hauptgebäude aus den nördlichen Teil der
Terrassen ein so hatte dagegen die Gemahlin des Herzogs eine Gräfin aus dem
Hause Devereux an der anderen Seite der Terrasse nach Süden eine Kapelle
aufgeführt die deutlich die Einwirkung zeigte welche der Geschmack des Herzogs
durch den Aufenthalt in Italien davon getragen Aber es war auch nicht zu
leugnen dass man sich hier von dem unreinen Geschmack berührt fühlte der später
seine Verwirrung der gotischen und griechischen Baukunst über halb Europa
ausbreitete Dessenungeachtet diente auch diese weit aus der Erde gehobene
Kapelle mit ihren schönen Portalen herrlichen Treppen und im blumenreichsten
Schnitzwerk prangenden Fenstern nicht minder zu einer Verherrlichung des
Ganzen Es führten von hier sanfte Wege ab in die angebauten Täler deren
Bewohner sich auf denselben nach der Kirche begeben durften Die Kapelle war
durch den südlichen Turm unmittelbar mit dem Schloss verbunden Der untere
Raum desselben ward die Begräbnisskapelle genannt weil darunter sich die
Familiengruft befand und der Raum darüber vor Erbauung der neuen Kapelle zum
Gottesdienst gebraucht ward Dieser fast leere Raum grenzte an die fürstlichen
Hallen die in drei Abteilungen sowohl die Tiefe als Länge des ganzen Schlosses
einnahmen Nur um den Eingang von dem Schlosshof her zu trennen und die breiten
Treppen nach den oberen Gemächern zu führen war der mittlere Saal durch
prachtvolle Gitter und die Decke tragende Pfeiler geteilt Trotz seiner
ungeheueren Größe und seiner verschwenderischen Ausstattung ward er weniger
geachtet und bei feierlichen Gelegenheiten mehr als stillschweigend gestatteter
Tummelplatz der höheren Schlossbeamten und der zahllosen Dienerschaft angesehen
Dagegen waren die daranstossenden Säle mit einem überraschenden Glanze
geschmückt und trugen den ganzen Stolz ihrer fürstlichen Bewohner und allen
Luxus den England damals aufzuweisen wusste ergänzt durch Italiens Schätze und
den Kunstfleiss der vorschreitenden Niederländer zur Schau
Statt der Fenster öffneten sich weite Türen nach den Terrassen hin die
gegen die Annäherung der verschiedenen Tiere des Waldes durch goldene Gitter
geschützt Luft und Licht gar anmutig einliessen und bei unfreundlicherem
Wetter häufig zu den regelmäßigen Spaziergängen der Frauen benutzt wurden wie
denn jene Säle überhaupt allem gemeinschaftlichen oder öffentlichen Verkehr der
Schlossbewohner gewidmet waren
Die Fürsten gaben hier ihren Untertanen oder dem Adel der Grafschaft
Audienzen Hohe Gäste wurden hier bewirtet die fürstliche Jugend mit ihren
Gespielen trieb hier ihre verschiedenen Lustvarkeiten Familienfeste und
Zusammenkünfte in guter Jahreszeit das allgemeine Frühstück und die Tafel
Alles ward hier abgehalten bis zu den pomphaften Leichenbegängnissen dieser
Familie welche mit ihren strengen Zeremonien den Saal zunächst dem Erbbegräbniss
füllten Dagegen schloss der nördliche Turm im Erdgeschoss die prächtige
Bibliothek in sich und durch sie gelangte man zu den schönen Marmorstiegen die
den italienischen Flügel sogleich als das Kind einer fremden Zone ankündigten
welcher seit dem Tode des Erbauers der ihn nie mehr verließ die stete Wohnung
der Herzöge blieb
Die Zimmer welche die Herzoginnen bewohnten hatten jedoch obwohl die
altertümliche Urgestalt weder entfernt werden konnte noch sollte nach und
nach Umgestaltungen erlitten welche zu ihrer ursprünglichen Pracht noch das
Schöne und Angenehme fügten und wenn wir den ferner liegenden Waffensaal und
den der Ahnenbilder den man noch immer die Gallerie nannte abrechnen boten
diese Zimmer zugleich einen schönen und imposanten Anblick dar Das Schlafzimmer
der Herzoginnen war im südlichen Turm und von der Erbauerin der Kapelle durch
einen verhüllten Eingang unmittelbar mit dem Chorstuhl verbunden den die
Herzoginnen darin einnahmen Außerdem waren unter dem letzt verstorbenen Herzoge
für den Prinzen von Wales welcher in naher Verbindung mit ihm stand eine Reihe
Zimmer eingerichtet eines so hohen Besuches und so freigebigen Wirtes gleich
würdig welche wenn auch nur selten geöffnet doch stets für die vornehmsten
Gäste ihre Bestimmung behielten Alle Teile des Schlosses waren wenn auch mit
einem großen Aufwand an Raum außerdem bewohnt denn es gehörte zu dem Luxus
damaliger Zeit außer der höheren Dienerschaft beider Geschlechter noch einen
unübersehbaren Tross geringer Dienstleute zu besitzen Der argwöhnischen Politik
der Königin Elisabet war es zwar nach und nach gelungen die eigentliche
bewaffnete Dienerschaft ihrer Großen zu entfernen die freilich fast jedes
befestigte Schloss zu einer kleinen Festung umschufen doch war kaum etwas
Anderes erreicht als dass die Waffen in den Rüstkammern hingen und diejenigen
die sonst darin geübt murden jetzt noch unnützer und geschäftsloser
umherschweiften Die nach Außen und Innen friedlichen Zeiten hatten diese
frühere Gewalt auch von selbst ihres Wertes beraubt denn entlassen waren diese
zahllosen Bedienten nicht und Herr und Diener sahen diese Schwelgerei
unbeschäftigter Vasallen als einen notwendigen Tribut an den sie der Hoheit
ihres Standes brachten Doch war dieser Brauch der in die Häuser der meisten
Großen den Geist der Unordnung und Zügellosigkeit brachte hier auch in Grenzen
gewiesen die in Übereinstimmung standen mit der hohen sittlichen Strenge ihrer
Oberhäupter Geprüfte Personen an Bildung und Rang über die Dienerschaft
erhaben sorgten in den verschiedenen Abteilungen dieses weiten Palastes für
die Befolgung der strengen Vorschriften welche diese Schwelger in Ordnung
hielten und waren mit hinreichender Gewalt bekleidet um ihren Geboten
Nachdruck zu geben So glich das Schloss mehr einem kleinen wohlgeregelten
Staate worin durch Pflichttreue und Fähigkeiten Erhöhung zu erlangen und der
Dienst im Schloss endlich in den Gemächern der herzoglichen Familie ein
Gegenstand war um den sich der Ehrgeiz der Schlossdienerschaft drehte denn
grenzenlos war die Verehrung für ihre großmütigen und erhabenen Herren durch
deren Glanz sie sich selbst über die Klasse ihres Standes erhoben wähnten
Fast teilte England die Meinung der Vasallen Das Geschlecht der Herzöge
von Nottingham hatte durch Jahrhunderte einen seltenen Rang behauptet in der
Geschichte des Vaterlandes sowohl als in der öffentlichen Meinung die über
Tugend und Charakter entscheidet und es war um so höher zu verehren in den
unruhigen Zeiten welche die Inkonsequenz der Beherrscher über dieses so lange
den schrecklichsten Parteiungen hingeopferte Land herbeigeführt hatte
War das Schicksal auch nicht ohne Opfer zu fordern an ihrer Schwelle
vorüber gegangen das Höchste war ihnen geblieben eine feste Behauptung edler
Gesinnung Nicht dem törichten Wankelmut zum Raube der England seit Heinrich
dem Achten zum religiösen und politischen Spielball seiner sich stets
widersprechenden Könige machte blieben sie treu ihren Untertanspflichten aber
bei freier Bewahrung religiöser Ansicht und zugleich in Milde und Duldung gegen
anders Denkende So wurden sie nie in die unseligen Kriege und Zwistigkeiten
verwickelt die der Natur und ihren heiligen Gesetzen Hohn sprechend die
Bewohner eines Landes oft eines Heerdes zu blutiger Verfolgung für einen
Glauben bewaffneten dessen kaum Einer unter Tausenden sich klar bewusst war Sie
hatten in einer ruhmvollen Reihefolge den Feinden nach Außen sich gegenüber
gestellt die Verleumdung scheiterte an ihren patriotischen Opfern für Englands
Beschützung während an auswärtigen Höfen zu allen Zeiten die oft wiederholten
Sendungen geistvoller Männer dieses Hauses achtungsvolle Aufnahme fanden
Zur Zeit der Reformation warb Ortmar Graf von Derbery um die Prinzessin
von Kleve für Heinrich den Achten Erleuchtet von dem göttlichen Geiste Luthers
kehrte er aus Deutschland zurück und von ihm ging für die Familie die
Aufklärung aus welche sie in fester Überzeugung ihrem alten Glauben entführte
und von da an zu treuen Anhängern der unter Eduard dem Sechsten beginnenden
unter Elisabet endlich fest begründeten anglikanischen Kirche machte Zur Zeit
der katholischen Maria vom Hofe verbannt zu ausgezeichnet um größeren
Verfolgungen ausgesetzt zu sein entstiegen sie in verdoppeltem Glanze mit
Elisabet ihrer tugendhaften Verborgenheit und der Vater des eben verstorbenen
Herzogs genoss mit seinem ganzen Hause alle Auszeichnungen welche diese erhabene
Fürstin für die Belohnung treuer Anhänglichkeit so sinnreich zu erdenken wusste
Gern hätte sie dazu die unmittelbare Mitwirkung des Herzogs an den
Regierungsgeschäften gefügt wäre nicht die Neigung desselben bei zunehmendem
Alter sich auf den Umgang seiner Familie zu beschränken ihr hinderlich gewesen
worein sie sich jedoch fand ohne ihm ihre Gnade zu entziehen Was indessen der
Vater ihr versagen gedurft glaubte sie desto bestimmter von seinem einzigen
Sohne fordern zu können und so ward der junge und schöne Mann an ihren Hof
gerufen In den ernsten und gelehrten Cirkeln die sie selbst umgaben legte er
als der erste ihrer Diener durch Umgang mit den ausgezeichnetsten Personen der
damaligen Zeit den Grund zu der hohen Bildung welche sich so segensreich für
seine Familie zeigte Sie sandte ihn später mit höchst wichtigen Aufträgen an
Wilhelm von Oranien und vermählte ihn bei seiner Rückkehr mit einer Gräfin von
Burleigh welche sie als das erste Fräulein ihres Hofes angesehen wissen wollte
und welche in jeder Beziehung diesen Vorzug ihrer Königin verdiente Sie sah
ihren ehemaligen Pagen wie sie ihn gern nannte als ihr Werk an und war eitel
darauf die Erziehung eines Mannes vollendet zu haben wie sie sich oft
ausdrückte Als dem Grafen kurz hintereinander zwei Söhne geboren wurden
äußerte sie lebhaft ihre Freude über das Fortblühen dieses Geschlechts und
machte sich mit einem Geschenke welches bei ihr selten vorkam zur Patin des
ersten und ernannte den zweiten Sohn zum Grafen von Glandford mit
Wiederverleihung einer unter Maria confiscirten Besitzung welche früher der
Familie als freies Wittum der Gräfin Devereux mit der Bestimmung zugefallen
war dem zweiten Sohne der Familie Namen Rang und Reichtum zu gewähren
Elisabet freute sich diese Stiftung auf Wunsch der Oberhäupter der Familie
erneuern und sanctioniren zu können und so zugleich eine Ungerechtigkeit ihrer
gehassten Vorgängerin wieder gut zu machen Wenige Jahre später sandte sie ihn
nach Frankreich an Katarina von Medicis wo damals Troymorton ihr
ausgezeichneter Gesandter sich aufhielt Sie verzögerte seine Zurückberufung um
ein Jahr ihn selbst und den arglistigen Versailler Hof der eine Vermählung des
Herzogs von Anjou mit Elisabet beabsichtigte durch tausend kleine
Vorspiegelungen hinhaltend hinter denen sie gern ihre wahren Absichten
verhüllte
Der Graf von Derbery fand bei seiner Rückkehr seinen Vater nicht mehr und
das Schloss nur von seiner trauernden Gemahlin bewohnt er eilte nun mit seinen
beiden Söhnen nach London um zu den Füßen seiner Königin den Lehnseid zu
leisten und ihr die hoffnungsvollen Jünglinge vorzustellen die sich schon in
der Wiege ihrer Gunst erfreuten und welche sie nun augenblicklich zum
Aufenthalt an ihrem Hofe bestimmte Der letzte und sicher nicht erwünschteste
Auftrag der Königin bestimmte den Grafen an Jakob den Sechsten die Nachricht
von dem Tode seiner Mutter der unglücklichen Maria von Schottland zu
überbringen Wahrscheinlich leitete sie neben der Rücksicht auf die
Persönlichkeit dessen der Jakob ihren Schmerzensbrief einhändigen und ihren
merkwürdigen allerdings etwas zweifelhaften Zorn gegen die Urheber dieser Tat
bestätigen sollte hauptsächlich der Wunsch bei dieser Wahl den Herzog mit
Jakob den sie schon damals in der Stille zu ihrem Nachfolger ersehen hatte zu
befreunden Durch die Art wie sie den Herzog dem Könige empfahl und der
ungemeinen Hochachtung vertrauend welche er sich überall zu erwerben wusste war
sie dies zu erreichen gewiss Sie verlangte ausdrücklich dass seine beiden Söhne
ihn begleiten sollten und berief unterdessen die Herzogin an den Hof Robert
Graf von Derbery der älteste Sohn benutzte eben so wie Archimbald Graf von
Glandford diese Gelegenheit zu seiner Entwickelung mit ausgezeichnetem Eifer
und Archimbald wie zum Diplomaten geboren begleitete schon in den letzten
Jahren der Regierung Elisabeths die Gesandtschaft die mit Heinrich von Bearn
wegen Sendung von Hülfstruppen gegen die Ansprüche Philipps des Zweiten auf die
Tronfolge in Frankreich unterhandelte Sein Benehmen war hier zwar ohne
Einfluss aber so fein und schicklich dass Elisabet von ihm Größeres für die
Zukunft prophezeite Zurückgekehrt lebte er unter der Anleitung seines Oheims
Cecil ganz sich diesem Fache widmend Er war das Bild der Selbstbeherrschung
Seine Figur war mittler Größe und ohne Fülle doch von einer augenscheinlich
großen Kraft die auch jeder seiner Bewegungen die vollkommenste Gewandtheit
gab Dies ließ die Meisten sehr leicht vergessen dass dem Ausdrücke seines
Gesichtes sowohl als seiner Figur jener imponirende die Hoheit der Seele voraus
verkündigende Anstand fehlte den man vorzüglich später als sein Name in seinem
Vaterlande wie an fast allen fremden Höfen bekannt ward oft mit Befremden
vermisste Er beherrschte aufs Vollkommenste seine Muttersprache und außerdem
fast alle fremden Sprachen so wie die Sitten der von ihm besuchten Höfe ihm
völlig bequem waren Die Gabe ohne allen Anschein der Beobachtung auch das
Geringste wahrzunehmen Alle durch seine Anreden oder Antworten zu befriedigen
oder zu beschwichtigen war ihm vollkommen eigen Im Streit in gelehrten oder
politischen Unterhandlungen bei der größten Überlegenheit im Wissen Folgern
und Beschliessen wusste er doch stets in die Einkleidung das bescheidene
Aufhorchen eines Lernenden zu legen Man konnte ihm nichts sagen oder
mitteilen was er nicht im Stande gewesen wäre als längst bekannt und selbst
in seinen fernsten Resultaten vorausgesehen zurückzuweisen Mit höchster Ruhe
vermochte er den längsten Erörterungen zuzuhören ohne das kleinste Zeichen der
Ermüdung oder der Unaufmerksamkeit zu geben und es stand eben sowohl in seiner
Macht endlich den Beifall daran mit Gründen zu rechtfertigen als ihm die
gefährliche Gewalt zu Gebote stand in wenigen satyrischen oder kritischen
Worten die auch noch so künstlich verflochtenen Gedanken ihres falschen Scheins
zu entkleiden und in ihr Nichts zurückzuführen Doch konnte man ihm in seinem
langen Leben nie nachsagen dass er an einer guten Sache seinen Hang zur Satyre
versucht hätte Sein Stolz hatte bei dem vollen Bewusstsein seines Ranges und
Namens doch jenen freieren Charakter der sich in ihm mehr als Kosmopolit denn
als Engländer entwickelt hatte und den zu hegen er mehr vielleicht noch seinen
Eigenschaften als seinem Namen vergab
Robert Graf von Derbery der älteste Bruder und Erbe des herzoglichen
Ranges hatte bei mancher Verschiedenheit an Geist und Bildung den Bruder nicht
erreicht Er hatte von Elisabet trotz seiner Jugend die Erlaubnis erhalten den
englischen Truppen zu folgen die in der Normandie bei Dieppe zur Unterstützung
des heldenmütigen Heinrichs von Navarra erschienen und so seinen heißesten
Wunsch erreicht der ihn mit schwärmerischer Verehrung zu diesem Prinzen zog An
Heinrichs kleinem Hofe den kein anderer Glanz als der der Waffen schmückte
fand er jedoch Menschen erwärmt von der großen Empfindung für Recht und
begeistert von dem Gedanken der guten Sache Zu siegen oder zu sterben Ihm ward
die Wohltat die erste Idee die ihn ausschließlich erfasste für eine große und
erhabene ansehen zu dürfen für die er das Leben mit allen seinen Gütern
einsetzte und sich in diesem Brennpunkt aller Kräfte noch vor den Jahren zum
Manne zu zeitigen
Bald nachher war England durch den Tod seiner großen Beherrscherin in die
tiefste und gerechteste Trauer versenkt Elisabet starb am vierundzwanzigsten
Mai 1603 und nachdem Jakob der Sechste von Schottland als Jakob der Erste den
Thron von England bestiegen hielten die Großen die ihm durch frühere
Verhältnisse näher getreten waren es für nötig am Hofe zu erscheinen und die
Familie des Herzogs von Nottingham zeigte sich für einige Zeit in London Zwar
war Jakob umlagert von den schottischen Großen denen er sich verpflichtet
hatte und die jetzt Hilfe forderten und fanden aber er war dennoch gerecht
gegen seine neuen Untertanen Mit Erstaunen sah man Cecil den Sohn des Grafen
von Burleigh seinen wichtigen Posten ruhig weiter behaupten ohne seines
Einflusses auf den Tod der unglücklichen Königin Maria weiter zu gedenken und
während Jakob eben so eilig die Essex Howards und Devereux aus ihrer Verbannung
rief gab er seinen Prinzen die Weisung die Söhne der Gräfin Nottingham zu
ihrem Umgange zu wählen Nicht leicht ward ein Befehl des Königs mit mehr Lust
erfüllt als dieser Die jungen Prinzen hatten schon in Schottland bei der
damaligen Sendung des Herzogs nach dem Tode der Königin Maria wo die Jünglinge
ihn begleiteten mit den Grafen Freundschaft geschlossen Obgleich Beide jünger
als die Grafen glich sich doch dies leichter aus durch die angeborene Würde der
Königssöhne
Seltsam aber und doch bei der Prüfung der Karaktere sehr natürlich
schlossen sich wie magnetisch angezogen die am innigsten aneinander die durch
das Alter sich ferner standen Heinrich Prinz von Wales hing sich mit
Enthusiasmus an den Grafen von Glandford während Karl der jüngere Bruder sich
nicht mehr von seinem geliebten Robert zu trennen vermochte Jakob sah die
jungen Leute unter denen er sich stets gefiel so viel wie möglich um sich
doch der Wunsch seinen geliebten Georg Villers ihnen zuzugesellen blieb
unerfüllt Ohne sich auszusprechen schien es eine stillschweigende Verabredung
ihn bei aller Höflichkeit die sie dem Lieblinge des Königs schuldig zu sein
glaubten auf eine feine Weise von sich entfernt zu halten Der König war
seltsam genug dies für Geringschätzung gegen seinen wenn auch alten doch
nicht sehr ausgezeichneten Namen zu nehmen ließ häufig wohl verständliche Winke
darüber fallen und sagte endlich als er seinen Liebling zum Herzog von
Buckingham erhoben hatte Nun werden meine stolzen Prinzen und ihre Grafen den
Villers schon leiden mögen Leicht hätte er beobachten können wie wenig er
seinen Zweck erreicht hatte wären nicht Veränderungen in den Verhältnissen der
jungen Leute selbst entstanden Der Herzog von Nottingham wünschte seinen
ältesten Sohn zu vermählen und zwar mit der einzigen Tochter des Heinrich von
Digby Grafen von Bristol Lange Freundschaft verband die Häupter der Familien
und allerdings schien es für den jungen Grafen eine leichte Wahl da die junge
Gräfin so eben in dem vollen Glanze einer erhabenen Schönheit bei Hofe
erschienen war und abgesehen davon dass ihrer ein fürstlicher Reichtum harrte
schien ihr Geist von ungewöhnlicher Bildung und ihr Charakter an Festigkeit und
Würde fast ihrem Alter vorausgeeilt zu sein Sie war der Mittelpunkt aller
Träume und Wünsche aller Intriguen und Huldigungen während sie selbst mit
stolzer Kälte Alle von sich entfernt hielt und den Herzog von Buckingham bloß
aus Rücksicht für den König den Grafen von Derbery aus Gehorsam gegen ihre
Eltern zu dulden schien Doch war leicht wahrzunehmen wie Robert nur die
Rücksicht beobachtete die ihm die Verhältnisse beider Familien abnötigten
während er mit glühendem Angesicht einem andern Sterne sich zugewendet hatte
der zur selben Zeit den Hof verherrlichte Der König hatte die Mutter den
Bruder und die Schwester seines übermütigen Lieblings in den Grafenstand
erhoben und auch ihnen den Namen Buckingham verliehen Die neue Gräfin erschien
mit ihren Kindern am Hofe dem Könige zu danken und ihre Tochter der Königin
vorzustellen Die Gräfin war eine schöne würdevolle Frau aus einer vornehmen
schottischen Familie durch eigenen Wert und ausgezeichnete Verbindungen zu
einer bedeutenden Stellung berufen Ihr zur Seite stand das Fräulein von
Villers ihre einzige Tochter in einer so vollendeten idealischen Schönheit so
abweichend von allem was man vor ihr darunter verstanden hatte dass Jakob
selbst höchst unempfänglich für weibliche Reize lachend sich die Hände vor ihr
rieb und höchst verlegen um einen Ausdruck oft wiederholte dass seine
hochselige Mutter auch von großer Schönheit gewesen nicht zum Frommen und
Seegen ihres armen Landes Gott sei ihr gnädig fügte er stets hinzu Dies
indirekte Lob gab zu verstehen dass er die Gräfin zu einem ähnlichen Anspruch auf
Schönheit berechtigt glaube Gewiss war es dass nicht allein der König der seine
Mutter nur nach einem Bilde aus ihrer ersten Jugendzeit kannte sondern auch
Alle die der unglücklichen Fürstin damals persönlich näher getreten waren die
auffallendste Ähnlichkeit der jungen Gräfin mit jener durch ganz Europa
berühmten Schönheit fanden Man flüsterte dass als die junge Gräfin zuerst an
dem Hofe der Königin erschien und zwar wegen ihres kurz vorher verstorbenen
Vaters in tiefer Trauer der Graf von Burleigh gegen die Regeln der Etikette
einige Schritte vor dem König vorausgeeilt und als sie dadurch erschreckt die
großen melancholischen Augen zu ihm aufgeschlagen von einem jähen Schwindel
befallen worden sei der ihn genötigt Whitehall sogleich zu verlassen
Schrecken war fast auch die erste Empfindung womit sein Neffe Robert die Gräfin
ansah aber es war das Erschrecken welches das unentweihte Herz erschüttert wo
die Liebe zuerst ihren Zauber verbreitete Eine Sekunde schien ihn verwandelt zu
haben Zum ernsten Nachdenken über sich von Jugend auf gewöhnt begriff er den
Taumel nicht in dem sich selbst wieder zu finden alle Bemühungen fruchtlos
schienen Der erste Seufzer entstieg dieser lebenskräftigen Brust voll
Sehnsucht suchte er den Freund aber beiden Prinzen hatte ihr hoher Rang an der
Seite der höchsten Schönheit einen Platz verschafft und Buckingham stand mit
übermütigem Lächeln und blickte auf den Triumph den unbewusst die Schwester ihm
erringen half Der Platz neben der jungen Gräfin von Bristol blieb unberührt von
Robert von Derbery Er war und blieb im Saale der diesen Zauber in sich schloss
aber er war unfähig zu einem Worte ja er sah die Gräfin kaum die seltsam
bleich und verändert den kühnen Annäherungen Buckinghams ein so hingebendes
zerstreutes Wesen entgegensetzte dass er weiter wie je gekommen zu sein schien
und doch unzufriedener als sonst aus ihrer Nähe schied Als Robert von Derbery
den Prinzen nach seinen Zimmern begleitet hatte und das Gefolge bis auf ihn
entlassen war blickten die Jünglinge zuerst sich an und stumm und heftig
sanken sie einander in die Arme Da fühlte Karl heiße Tränen an seinen Wangen
erschrocken richtete er den Freund in die Höhe und sah fragend in das glühende
schöne Gesicht seines Robert Stumm blickten sie sich eng umschlossen an und
leise öffnete der Graf die Lippen Das Geständnis was seine vom Himmelsglanz
der Liebe strahlenden Augen verkündigten sollte ihnen entgleiten als Karl zum
Tode erbleichend sich aus seinen Armen riss und mit fürchterlicher Heftigkeit
abwehrend die Hand nach ihm ausstreckend ihm fast mit Entsetzen zurief
Schweig Um Gottes willen schweig Kein Wort Beim Himmel und der Erde kein
Wort Starr blieben sie so stehen alles Leben schien von Beiden gewichen bis
Robert über den Zustand Karls von zärtlicher Angst ergriffen seine kalten
Hände fasste und an seinem glühenden Gesicht an seinem treuen Herzen sie zu
erwärmen strebte Doch Karl lag jetzt still und wortlos an des Freundes Brust
seine Augen waren tief zu Boden gesenkt doch Beide von Gefühlen überwältigt
sprachen kein Wort bis schüchtern Porter der Kammerdiener des Prinzen die
Türe öffnete Der Prinz kannte dies demütige Zeichen womit der treue Diener
oft die langen Nachtwachen des Prinzen zu unterbrechen suchte er folgte auch
dies Mal sanft wie ein geduldiges Kind Ohne einen Blick auf Robert zu wenden
drückte er ihm die Hand und mit kaum vernehmlicher Stimme sagte er ihm Bleib
mir getreu Bis in den Tod rief der Graf und beugte ehrfurchtsvoll sein Knie
indem er die geliebte Hand an seine Lippen drückte Der Prinz entriess sie ihm
presste sie mit Heftigkeit an seine Augen und war verschwunden
So lange der Hof Zeit behielt war man damit beschäftigt die beiden
schönsten Damen des Hofes die Gräfinnen von Bristol und von Buckingham zu
vermählen Am nächsten hierzu schienen wieder die jungen Grafen von Drebery der
Herzog von Buckingham und noch einige minder wichtige Herren des Hafes Aber wie
dies einzurichten war blieb ein weites Feld für die verschiedensten
Mutmaßungen Buckingham bewarb sich mit größter Zuversicht um die Gräfin von
Bristol und Niemand wagte an seinem Gelingen zu zweifeln besonders da sein
mächtigster Rival Robert Graf von Derbery seit dem Erscheinen der Gräfin von
Buckingham verloren schien für die übrige Welt Ohne sich ihr bestimmt zu
nähern schien er doch in ihrer Nähe nur Luft und Nahrung einzuatmen Ein Wort
aus ihrem holden Munde ein Blick aus ihren himmlischen Augen die stets so
ernst und freudlos umherschauten schien Kraft und Leben in ihm hervorzurufen
und wandte sie sich von ihm brach er zusammen als ob sie alle Kraft mit sich
hinweg geführt Er war so kindlich so ohne Arg seinen Gefühlen hingegeben dass
er keine Ahnung davon hatte wie kein Wesen bei Hofe lebe das dies Gefühl nicht
längst erkannt Er sah weder die ernsten Blicke des Grafen von Bristol noch
hörte er die sanften Mahnungen seines geliebten Vaters Seine Mutter berührte
vergeblich mit zarter Frauenart die früheren Wünsche der Familie in Hinsicht
seiner Vermählung Mit sanftem Lächeln hörte er sie ruhig an er verweigerte
nicht er gewährte nicht Er schaute so rührend freundlich und doch so tief
traurig in ihre Augen dass ihr das Mutterherz zu brechen drohte und wenn er sie
verließ wusste sie nicht ob er sie nur gehört habe Schon oft waren die Freunde
zusammen getreten sie hatten es gewagt sich das Scheitern ihrer Hoffnungen zu
gestehen sie liebten beide den bezauberten Jüngling väterlich und ein zartes
Mitleiden mit seinem Zustande den die wunderbar anziehende Erscheinung selbst
bei den ältesten Männern zu rechtfertigen schien nahm ihrem Unwillen seine
Schärfe Die junge Gräfin von Bristol blieb dagegen Allen undurchdringlich Mit
derselben Würde erschien sie jeden Tag in dem ausgesuchtesten Schmucke mit der
Behauptung einer völlig gleichen Laune bei Hofe Sie war besonnen und
geistreich ohne Heiterkeit oder Witz zu besitzen sie war prächtig und ihre
Stirn und der hohe kalte Blick ihrer Augen wie zu einem Diadem geschaffen Die
blühende Fülle der Jugend die sie vom Lande mitgebracht und die ihrer
Schönheit fast hinderlich war hatte in der Stadt und von den endlosen
Lustbarkeiten denen sie wie einer Pflicht sich willig unterzog gelitten ihren
Wangen war das glühende Licht entschwunden und ihrer Taille der volle Umfang
sie war nur noch schöner dadurch und Buckingham schwur tausend Mal sie
überstrahle seine Schwester wie die Sonne den Mond
Wenige nur teilten diese Meinung Man kaufte sich mit der Anerkennung ihrer
seltenen Schönheit los um sich an der Gräfin von Buckingham mit allen
Entzückungen der Liebe und Bewunderung zu sättigen Aber man frug sich warum
diese himmlischen Wangen so bleich sahen warum diese tiefen seelenvollen Augen
so melankolisch blickten dieser süße Mund so selten lächelte da doch aus
diesem Lächeln der Wohllaut eines innern Himmels hervor zu brechen schien Ihre
hohe vollkommene Gestalt ihre Bewegungen das einfachste Wort was von ihren
Lippen mit sanftem Tone drang es schien so ganz anders wie alles Übrige und
wenn die holdeste Demut wie bittend aus ihr sprach schien sie die Königin
aller Gedanken die Beherrscherin der Gefühle und Meinungen Sie war der
Liebling der Königin Der König lächelte bei ihrem Erscheinen und sah ihr durch
die langen Reihen nach Man vermutete er hätte sie gern angeredet hätte er je
verstanden einer Frau sich zu nähern aber er freute sich unter seltsamen
Bewegungen des Gesichts und der Hände wenn man sie rühmte und rief oft sein
inneres Vergnügen dem Liebling zuwendend Stenie macht mir immer Freude Sie
gleicht ihm setzte er hinzu doch schnell sich besinnend sagte er Nein nein
sie gleicht einer Andern Er meinte damit unfehlbar das Bild seiner Mutter vor
welches er den Herzog von Buckingham geführt hatte in der Absicht etwas zu
sagen aber sein geheimer und großer Stolz hielt ihn doch ab diese Ähnlichkeit
auszusprechen und so schwieg der ganze Hof
Um diese Zeit fing Heinrich Prinz von Wales an zu kränkeln Graf
Archimbald verließ sein Lager nicht Karl der seinen Bruder zärtlich liebte
erschien nicht mehr bei Hofe und Robert von Freund und Bruder verlassen
kannte keinen andern Platz als den an der Seite der jungen Gräfin Für alle
übrige Beobachtung verloren gewahrte er doch mit dem klaren Blick der Liebe
ihre zunehmende Schwermut unter der sie fast zu erliegen schien und das
ängstlich sorgsame Betragen der alten Gräfin die mit den holdesten Worten
mütterlicher Liebe die offenbar Leidende zu erhalten bemüht war Da trat der
Augenblick ein der England seiner stolzesten Hoffnungen beraubte Heinrich
Prinz von Wales endete sein schönes viel versprechendes Leben in den Armen
seines verzweifelnden Bruders Robert hatte in dieser schrecklichen Nacht zu den
Füßen seines Karls gewacht der in halbem Wahnsinne das Leben seines Bruders
erhalten wissen wollte Männlich fest obwohl vom Schmerz und der langen Pflege
geisterbleich stand Archimbald in diesem Sturme Er bereitete Jakob auf den
Augenblick vor er rief die Königin an das Sterbebette seines königlichen
Freundes und als Heinrichs letzter Seufzer sanft seinen edlen Geist
entfesselte sank er an seinem Lager nieder verhüllte sein Gesicht in die kalte
geliebte Hand und stand bald auf Andere zu unterstützen Den unglücklichen Karl
trug man leblos von der Leiche seines Bruders Sein zerstörender Schmerz zog den
Jammer der königlichen Eltern von ihrem Verluste zu ihrem jetzt einzigen Sohne
den sie in ähnlicher Gefahr wähnten Doch Karl hatte sich erholt er riss sich
von seinem Lager auf als seine königlichen Eltern eintraten er sank von
Tränen überströmt zu ihren Füßen und als sie ihn laut jammernd segneten rief
er gepresst als ob ihm das Leben mit diesen Worten entströmte Ja ich weihe
mich zu dem fürchterlich erkauften Range Eures einzigen Sohnes Hier sank sein
Kopf auf den Boden und nur der Angstruf Jakobs Rettet meinen Sohn rettet
meinen letzten Prinzen Er stirbt riss ihn vom Boden empor und gab ihm
Kraft so lange zu stehen bis der Arzt das bekümmerte Paar entfernte dem
Prinzen Ruhe empfehlend Ohne Widerstand ließ sich Karl auf sein Lager
zurückführen er schien die Lippen öffnen zu wollen aber vergeblich er schloss
sie wieder So lag er halb träumend halb wachend eine qualvolle lange Nacht so
öffnete er die Augen unruhig suchend erreichte sein Blick den Grafen von
Derbery der an seinem Lager mit zärtlicher Angst ihn hütete Er winkte ihn
näher und wies mit einer Bewegung die Übrigen an zurück zu treten Lange
blickte er den Liebling an prüfend denkend und endlich sagte er ihm leise
einige Worte die ihn bald darauf aus dem Krankenzimmer führten Doch wer den
jungen Grafen durch die Vorsäle gehen sah bleich wie der Tod mit
geisterstieren Augen weder Grusserwiedernd noch gebend der glaubte der Tod
habe mit riesiger Kraft auch diese blühende Jünglingsgestalt ergriffen
Der nunmehrige Prinz von Wales der nachmals so unglückliche Karl der Erste
hatte sich bald erholt er fühlte dass er um seiner Eltern willen seinem
Schmerze gebieten musste Zwar schien Jugend und Heiterkeit von ihm gewichen
aber er stand wie ein Mann nunmehr dem Könige seinem Vater zur Seite Das
Einzige was seine innere Erweichung verriet war seine erhöhte Liebe zu den
Eltern zu den Freunden Niemals schien seine Seele inniger an Robert zu hängen
als jetzt aber der Graf blieb Allen ein Rätsel Nachdem die tiefste Trauer
vorüber war bat er den Grafen von Bristol feierlich um die Hand seiner Tochter
Zurückgekehrt zu der festen Ruhe und Sicherheit die ihn früher über Alle
erhoben schien die Zeit seiner Leidenschaftlichkeit vorüber Er bat den Grafen
um eine Unterredung mit seiner Tochter Zu ihren Füßen und mit heißen Tränen
hatte er lange zu ihr gesprochen er brachte den entzückten Eltern ihr Jawort
und blieb von dem Augenblicke der aufmerksamste und freundlichste Verlobte der
stolzen so schnell versöhnten Gräfin In wenigen Stunden eilten die Väter zum
Könige um seine Erlaubnis bittend Verlegen und erstaunt rief Jakob Meine
Lords was tut Ihr ich glaubte Stenie wollte Eure Gräfin heiraten Der
Herzog hatte sich nicht erklärt und als dies Jakob hörte ward er heiter gab
sein Wort rühmte die Verlobten und überließ sich seiner ganzen Gutmütigkeit
So einfach die Sache sich gelöst so wunderlich lauteten doch manche nicht
zu verhehlende Nebenumstände Robert hatte an seinem Verlobungstage eine heftige
Szene mit dem Prinzen von Wales Der Prinz war von den flehendsten Bitten zur
höchsten Wut übergegangen man hatte von Befehlen von Arrestgeben gehört bis
endlich eine lange Stille das Fernere der Beobachtung entzogen hatte Als sie
sich trennten und Beide Arm in Arm in dem Vorsaale erschienen trugen sie wohl
noch den Ausdruck heftiger Gemütsbewegung im Gesicht aber zugleich den der
Versöhnung Hier erschien unangemeldet Buckingham und nach einigen wütenden
Worten gegen den Grafen die Niemand verstand befahl der Prinz der
Dienerschaft sich zu entfernen Doch der heftig geführte Streit der sich nun
erhob schien alle Grenzen zu übersteigen Man hörte Buckinghams Stimme wie die
eines Wahnsinnigen und wenn die Worte dem Ohre unzugänglich blieben musste es
Augen gegeben haben welche zu sehen wähnten er habe die Hand gegen den Prinzen
drohend erhoben Robert habe ihn mit Riesenkraft ergriffen gegen die Tür
gedrängt während der Prinz nach Wache schrie und den Herzog verhaften lassen
wollte Doch dies hinderte der Graf ebenso und Buckingham der etwas zur
Besinnung gekommen zu sein schien stürzte mit wütenden unverständlichen
Drohungen aus den Gemächern des Prinzen Nach einem augenblicklich darauf
erfolgten Besuche des Prinzen beim Könige erhielt Buckingham Befehl auf seine
Güter zu gehen Doch zur selben Zeit verließ der Graf von Derbery in Begleitung
seines Bruders auf vierundzwanzig Stunden London Als er zurück kam hatte ein
unruhiges Pferd ihn geschleift und seinen Arm verwundet es liefen darüber indes
einige andere Vermutungen Die Gräfin von Buckingham hatte ihre
AbschiedsAudienz bei der Königin Sie ward mit großer Huld entlassen aber die
junge Gräfin war noch blässer ihr Auge trübe und ihre Schritte wankend Als
sie aus den Zimmern der Königin kommend an dem Grafen von Derbery vorüber ging
und ihn achtungsvoll zum Abschiede grüßte sah die Gräfin Bristol schüchtern zu
ihrem Verlobten hin aber sein bewegtes Gesicht senkte sich um den Gruß der
Gräfin zu erwidern als ob eine gekrönte Fürstin an ihm vorüber ginge
Schmerzlich ruhte das Auge der Scheidenden auf diesem Gruße und sie schwebte
hinweg um nie wieder die prachtvollen Säle von Whitehall zu betreten in denen
sie der Mittelpunkt alles Schönen und Vollkommenen gewesen war
Bald darauf ward die Vermählung des jungen Grafen vollzogen und da Beide
nichts lebhafter wünschten als den Hof zu verlassen an welchem sie sich
gestehen mussten ein Gegenstand des Erstaunens und der Beobachtung geworden zu
sein gingen sie sogleich nach GodwieKastle während der Herzog von Nottingham
in London verblieb um sich zu seiner großen Sendung nach Spanien vorzubereiten
wohin seine Gemahlin und Graf Archimbald ihn begleiteten
Man sagte die Trennung des Grafen von Derbery vom Prinzen Karl sei von
Seiten des Prinzen eine Szene des leidenschaftlichsten Schmerzes gewesen Er
verließ einen Tag vor der Hochzeit London und sah die Gräfin erst später als
Frau seines Freundes wieder Wenige Tage nach ihrer Abreise kehrte er zurück
aber in eine für ihn ausgestorbene Welt und der Ernst der seine Stirn
umhüllte ging fast in Melancholie über Dessenungeachtet war seine erste
Handlung den König um die Zurückberufung des Herzogs von Buckingham zu bitten
weil er wohl wusste wie schwer Jakob sich zu einer solchen Demütigung seines
Lieblings entschlossen hatte und die Freude die Jakob bei dieser Bitte zeigte
gab dem Prinzen die traurige Gewissheit wie der König die gröbsten Beleidigungen
gegen seinen Sohn eher vergessen als den übermütigen Liebling entbehren könne
Nie erfuhr ein Mensch den Grund dieser wütenden Szene Gewiss war es dass die
junge Gräfin von Buckingham an dem Tage der Verlobung des Grafen von Derbery den
Grafen von Karlisle ausgeschlagen hatte Auf ungestüme Befehle ihrer Brüder des
Herzogs und des Grafen Buckingham diesen Antrag anzunehmen hatte sie bestimmt
erklärt sich nie vermählen zu wollen Sie fügte hinzu ihre Gesundheit habe
gelitten und sie wünsche mit ihrer Mutter das Schloss zu bewohnen das der König
derselben in Buckingham verliehen und das sie nie mehr zu verlassen gedächte
Dies Schloss lag höchst einsam an einem kleinen Flecken von Wäldern umgeben und
obwohl es der Gräfin ein bedeutendes Einkommen gewährte schien es doch zu
einsam und düster um je von einem Mitgliede dieser glänzenden Familie bewohnt
zu werden Die Brüder erstarrten daher vor Erstaunen und Wut über den Entschluss
einer Schwester deren kurze Erscheinung sehr ehrgeizige Pläne auf den ihr so
verschwenderisch zu Teil gewordenen Beifall gegründet hinreichend
gerechtfertigt hatte Sie hielt die empörendsten Vorwürfe und Beschimpfungen
aus ohne sie abzulehnen oder zu erwidern als jedoch der Herzog mit dem
bittersten Hohne ihr die unglückliche Liebe zum Grafen Derbery vorwarf und wie
er sie verlassen um einer Andern willen gab sie bei diesen Worten den ersten
Schmerzenslaut von sich und als der Herzog von der Erinnerung seines eigenen
Verlustes noch höher gesteigert mit rasender Wut Gott zum Zeugen anrief sich
an dem Grafen rächen zu wollen sank sie mit dem Ausbruche der Verzweiflung zu
seinen Füßen und bat ihn unter Strömen von Tränen dies nicht über sie zu
verhängen Doch der Wütende schien seine gekränkte Eitelkeit bis zu
Misshandlungen getrieben zu haben man fand die Gräfin blutend am Boden und ihre
Mutter hatte dem Herzoge gedroht sich unter den Schutz des Königs zu stellen
So glaubte also die Welt dass der Streit beim Prinzen eine Fortsetzung
dieser Szene gewesen war und dass des Herzogs Verbannung der unglücklichen
Mutter zu Hilfe kam um mit ihrer Tochter unangefochten den Hof verlassen zu
können
Buckingham kam stolzer zurück als er gegangen war Der Prinz schien ihn nie
zu sehen doch vermied er mit fast ängstlicher Sorge jede Störung des Friedens
auch dies konnte man kaum vom Herzoge sagen und die größte Mäßigung des Prinzen
musste oft sich den Anmassungen Buckinghams entgegenstellen um den äußeren
Anstand zu behaupten den der Prinz von sich und seinen Anhängern forderte
Erst nach Verlauf mehrerer Jahre als dem nunmehrigen Herzog von Nottingham
der ein Jahr früher seinen Vater verloren hatte das dritte Kind nach zweien
Söhnen die erste Tochter geboren ward sah Karl seinen Freund in GodwieKastle
wieder Die Trennung hatte beide nicht entfremdet sie blieben in stetem
Briefwechsel und es war um so auffallender dass der Prinz erst so spät den
Wunsch seines Freundes ihn in GodwieKastle zu besuchen erfüllt hatte Die
Herzogin hatte stets unter einer Art von Ehrerbietung die Kälte verborgen mit
der sie das Verhältnis des Prinzen zu ihrem Gemahl erfüllte Sie hatte sich
beleidigt gefühlt durch die Art wie der Prinz sich bei ihrer Vermählung
betragen hatte und die sie für Missbilligung der Wahl ihres Gemahls nahm was
ihr stolzes Herz nicht glaubte vergessen zu dürfen
Aber der Augenblick den der Prinz erwählt sie wiederzusehen war ein sehr
glücklicher Eine Tochter ruhte an ihrem Herzen und rief alle Milde und Güte
desselben ins Leben Sie trat dem Prinzen mit ihren beiden schönen Knaben
entgegen eine Dienerin trug das holde Mägdlein ihr nach ihre Augen strahlten
von Glück und Freude sie wollte sich dem Prinzen so glänzend zeigen als sie
konnte nie war über ihre fast unveränderte Schönheit ein höherer Reiz
verbreitet gewesen Der Prinz betrachtete sie fast mit Erstaunen und was er ihr
dann sagte trug den Ausdruck einer Huldigung und Freude wogegen die stolze
Frau nicht gleichgültig blieb Doch von ihr weg eilte er noch ein Mal den
Herzog zu umarmen und mit Tränen in den Augen rief er Dem Himmel sei Dank Du
bist glücklich Dies war der Herzog wirklich geworden und hatte es eben so sehr
seinen eigenen Tugenden als denen seiner Gemahlin zu danken Die
leidenschaftliche Liebe welche sie hinzufügte ward auch von ihm herzlich
erwidert Von dieser Zeit sahen sich der Prinz und der Herzog öfter doch
selten in GodwieKastle Der Prinz bestimmte dem Herzog irgend eines von den
verteilt liegenden königlichen Schlössern wo sie stets mehrere Tage ohne alles
Gefolge mit einander blieben
Wir übergehen hier eine Reihe von Jahren die nur eine stille Vorbereitung
der Epoche sind über welche wir unsere Mitteilungen zu machen haben und indem
wir uns zu dem Frühlingsabende zurück wenden der mit seiner schönen Beleuchtung
die anmutige Gegend von GodwieKastle so wunderbar verklärte betrachten wir
das bis hieher Gesagte als den Hintergrund der folgenden Erzählung als die
notwendige Erwähnung von Familienverhältnissen in die wir uns leichter auf
diese Weise zu finden wissen werden
Wie schön auch Natur und Kunst den Raum geschmückt hatten wie sehr er zum Glück
und zu allen Genüssen des Lebens einzuladen schien die Menschengestalten in
dieser fröhlichen Außenwelt entsprachen solcher Hoffnung für den Augenblick
nicht
Eine Dame in der tiefsten WittwenTrauer der höheren Stände von zweien
Pagen in ehrerbietigster Ferne begleitet die durch ihre schwarzen Kleider und
wehenden Schulterblätter welche die Farben des Hauses Nottingham die Trauer
über einen diese Familie betroffenen Verlust anzeigten schritt langsam einher
an dem Rande der großen Schlossterrasse Wer hätte in der gebeugten Gestalt der
Trauernden die einst so glänzende Gräfin von Bristol erkannt Ihr Auge ruhte am
Boden und die Welt schien ihr versunken ihr Gesicht blickte aus den tiefen
schwarzen Verhüllungen mit der Bleiche des Marmors und obgleich noch immer ihre
Gestalt sich in einer besonderen Würde zeigte ruhte doch ihr Kopf gebeugt auf
dem tief atmenden Busen und sie erhob ihn nur um die schwermütigen Blicke
nach den großen Hallen des Schlosses zu wenden die durch ihre goldenen Gitter
die schwarz verkleideten Wände sehen ließ und das trübe Licht der hohen
Kerzen die den Katafalk umgaben der zunächst der Kapelle in der letzten
Fürstenhalle errichtet war Ein Katafalk ohne die geliebte Leiche in sich zu
fassen Welch ein Schmerz für das Herz der zärtlichen Gattin der es nicht
vergönnt ward die freundlichen Augen zuzudrücken die ihrem Leben geleuchtet
Der Herzog war in Spanien gestorben wohin er sich mit seinem ältesten Sohne
begeben hatte und wo damals sein Schwiegervater der Graf von Bristol um eine
spanische Infantin für den Prinzen von Wales unterhandelte Die Kunde seines
Todes hatte die Herzogin schon vor einem Monat erreicht und heute erwartete sie
den geliebten Sohn und die teure Leiche welche nur langsam den weiten Weg
zurück zu legen vermochten Mit welcher Empfindung mit welcher Sehnsucht sah
die unglückliche Gattin diesem Moment entgegen welcher der letzte Trost ihres
gebeugten Herzens schien
Jeder andre den die starke und fromme Frau finden zu müssen schien war
zurückgedrängt von dem zehrenden Verlangen seine letzten Überreste zu
besitzen
Ja sie schien gar nichts früher von sich zu fordern und blieb jedem Worte
verschlossen Darum richtete sie so oft die tränenlosen Augen nach dem
Schloss weil sie jeden Augenblick hoffte die mit Trauergestalten angefüllten
Hallen würden sich öffnen und ihr den ersehnten Anblick zeigen Noch ein Wesen
folgte ungestört und so nah dass es ihre Gewänder berührte der trauernden
Witwe es war Gaston der Lieblingshund und treue Begleiter des Herzogs der nur
dies Mal von der weiten Reise hatte zurückbleiben müssen Er war eine von den
schönsten Doggen des Königreiches von ungewöhnlicher Größe und Schönheit des
Körpers und von einem rührend treuen Charakter Seit die Herzogin in Schmerz und
Trauer gehüllt war hatte er seinen Platz in der Vorhalle verlassen und war
nicht mehr von ihr zu entfernen
Ernst und gravitätisch schritt er jetzt dicht neben ihr mit so traurig
gesenkten Ohren so ohne allen Anteil für seine sonstige Lust in Garten und
Wald dass der Gedanke nicht abzuweisen war er wisse was auch ihn betroffen
Es hatte etwas tief Rührendes ihn zu sehen wie zur Wache seiner trauernden
Herrin bestellt Am Ende der Terrasse und so oft die Leidtragende still stand
setzte auch er sich dicht vor sie hin und blickte sie an als wollten die
ehrlichen traurigen Augen Tränen weinen schritt sie weiter ohne ihn zu sehen
raffte er sich sogleich auf und schritt ihr in gleicher Ordnung nach Um so
auffallender war sein Betragen als die Herzogin sich jetzt noch ein Mal dem
Ende der Terrasse nach der Waldseite zu näherte und ruhend einen Augenblick an
einen Sitz gelehnt blieb Plötzlich unruhig werdend und die Herzogin verlassend
schien er irgend etwas zu suchen was ihm sein feiner Instinkt andeutete jeden
Platz um seine Gebieterin durchsuchend verschwand er plötzlich hinter der
Brüstung der Terrasse nach der Treppe zu welche in den Waldgrund führte Bald
hörte man sein wohlbekanntes lautes Anschlagen und darauf ein langes Geheul Er
sprang mit solcher Gewalt über die Terrasse zurück dass die Herzogin selbst
davon erschreckt aus ihrem starren Nachdenken gerissen ward Er stürzte auf sie
hin bellte heftig und indem er ein lautes Geheul außstieß und mehrere Mal an
ihr in die Höhe sprang kehrte er eben so schnell zurück um wieder an der
Treppe zu verschwinden Einen Augenblick nur hatte der Ungestüm dieses geliebten
Tieres ihre traurigen Gedanken unterbrechen können Langsam wandte sie sich
zurück als Gaston aufs Neue herbeistürzte ihr fast den Weg vertrat immer
wieder mit lautem Geheul der Treppe zu fliegend immer wieder umkehrend und
als die Herzogin dennoch weiter gehen wollte dies zu verhindern fest
entschlossen schien indem er ihr Gewand zwischen die Zähne nahm um sie nach
der Treppe hinzuziehen So ungestüm aus sich herausgerissen und von einem so
treuen Gefährten ihres Gemahls ward die Herzogin jetzt aufmerksam und bemerkte
dass Gaston am ganzen Leibe zitterte und den Wunsch zu erkennen gab dass sie ihn
begleiten möge Dies erkennen und ihm sanft folgen war eins und nun erhob
Gaston ein Freudengebell stürzte nach der Treppe zu stellte sich ruhig harrend
hin bis sie sich näherte und schritt vor ihr her die Stufen hinab Eben blieb
die Herzogin zweifelnd stehen ungewiss ob sie ihm weiter folgen solle als mit
dem ersten Schritt auf der Treppe sich ein Anblick ihr zeigte der
augenblicklich die ganze Stimmung der edlen Frau veränderte und ihre
Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm In dem Ausrufe O Gaston verriet sich
das ganze Gefühl welches die jetzt unverkennbare gute Absicht des klugen
Tieres ihr einflößte Sie schritt schnell einige Stufen weiter und befand sich
jetzt vor einer weiblichen Gestalt die auf dem Gesicht liegend die Arme weit
vor sich hingestreckt entweder tot oder ohnmächtig war
Schnell überblickte sie ob äußere Zeichen der Verletzung sich zeigten und
gewahrte wie Gaston angstvoll um den Gegenstand seiner Sorge hertrat und sich
nach dem Kopfe zu unter das lange dichte braune Haar drängte dann zurück
sprang und den mit Blut überzogenen Kopf zur Herzogin aufhob Dies entriss der
erschütterten Frau den ersten Schreckensruf und ihre Diener die nicht gewagt
hatten ungerufen herbei zu kommen obwohl Gastons Betragen und das Verschwinden
der Herzogin von der Terrasse sie besorgt näher geführt hatte stürzten jetzt
schnell herbei Sie fanden die Herzogin dem Umsinken nahe an die Wand der
Terrasse gelehnt und vor ihr Gaston mit dem Gegenstand seiner Sorge
Die ehrerbietige Scheu zügelte das Erstaunen der Herbeigeeilten und als die
Herzogin mit der Kraft eines schönen Gefühls für Menschlichkeit sich erhob
eilten sie bloß stumm ihre Befehle zu erfüllen Die Unglückliche lag nämlich
durch ihren wahrscheinlichen Fall beim Erklimmen der Stufen so am Rande des
tiefen und steilen Waldgrundes an dem die Treppe hinaufführte dass die leiseste
Bewegung sie hinabstürzen konnte ja es war zu glauben dass Gaston durch
Versuche die Gestalt hinaufzuziehen die Lage noch verschlimmert hatte da der
Boden am Waldabhange frisch von seinen Pfoten unterwühlt schien und das Gewand
von dem linken Oberarm zurückgerissen und mit frischer Erde bedeckt war Als
aber die Diener sich näherten die Gestalt vom Boden zu erheben ergriff die
Herzogin ein unaussprechliches Gefühl von Abneigung die weibliche offenbar
junge und zarte Gestalt von Männern berühren zu lassen sie winkte sie zurück
und befahl nach Mistress Morton und ihren Frauen zu senden den Doktor Stanloff
zu rufen und eine bequeme Bahre an den Fuß der Terrasse zu bringen Sie selbst
blieb wie gefesselt vor dem Wesen stehen von dem es zweifelhaft blieb ob es
noch zu den lebenden gehöre Einige bange einsame Augenblicke ließ die
Herzogin Entdeckungen machen die ihr Interesse erhöhten Obwohl nichts von der
Gestalt zu sehen war als Arme und Hände und eine Fülle des schönsten braunen
Haares das wie ein Mantel über sie ausgebreitet war so ließ sich doch
darunter lange schwarze Trauerkleider in dem Schnitt der vornehmeren Stände
wahrnehmen und die Arme und Hände die vor den Füßen der Herzogin ausgestreckt
lagen waren neben der zartesten Jugend von einer so außerordentlichen
Schönheit dass die Herzogin sich gestehen musste nie etwas Vollkommeneres
gesehen zu haben Was aber ihr peinliches Erstaunen noch erhöhte war dass
wahrscheinlich Gastons Bemühung an dem oberen Teil des linken Armes ein Armband
halb enthüllt hatte welches in einer bedeutenden Breite von den prachtvollsten
Juwelen an einander gereiht war Jetzt nahte die ersehnte Hilfe Mortons sanfte
Stimme ließ sich hören und die Herzogin streckte ihr voll Schmerz die Hände
entgegen O Morton Morton rief sie was geschah hier Welch ein Unglück
welch ein Verbrechen vielleicht im Bereiche des Schlosses Lass sie sanft
anfassen aber nur von Deinen Frauen Wo ist Stanloff dass er mir sage ob sie
lebt oder hier ohne Hilfe verscheiden musste Mistress Morton sah fast noch mit
größerer Bewegung als der weisen und erfahrenen Frau das sonderbare Ereignis
abnötigen konnte die wohltätige Einwirkung welche die Stimmung ihrer
Gebieterin erlitten denn von sich selber abgelenkt schien ihr Herz in den
Gefühlen der Menschlichkeit und der Teilnahme ganz aufgelöst und Tränen die
das Übermaass ihres eigenen Grames bisher zurück gehalten hatte flossen
wohltuend durch ein fremdes Leiden hervorgerufen Mortons sanfte Worte suchten
ihre Gebieterin zu beruhigen und während die Kammerfrauen ihren Winken folgten
führte sie die Herzogin zur Terrasse zurück Doch weiter ging ihre Überredung
nicht denn sie wollte selbst sehen ob nichts versäumt werde und an die
Brustwehr der Terrasse gelehnt blickte sie mit höchster Unruhe hinab und sah
wie Gaston sich zu den Füßen der Unglücklichen niedergelegt hatte und ihre
nackten mit blutenden Wunden bedeckten Sohlen sorgsam nach allen Seiten hin mit
seiner großen Zunge leckte O Morton rief die Herzogin überwältigt welch ein
Herz in diesem Tiere welch ein Beispiel für uns alle Die Kammerfrauen
näherten sich jetzt mit ihrer sorgfältig emporgehobenen Bürde und legten sie
sanft auf die bereitstehende Bahre als Morton von der Herzogin gesendet heran
trat um das Haar von dem Gesicht zu entfernen worauf sich ein vom Tode
beschlichenes aber wunderbar schönes jugendliches Angesicht enthüllte Sinnend
blieb sie von einer dunkeln Erinnerung ergriffen stehen als das ehrerbietige
Auseinanderweichen der Diener die Herzogin verkündigte welche rasch
herangetreten war Morton wandte sich zu ihr die Haare zurücklegend und ward
von Angst um ihre Gebieterin ergriffen welche mit allen Zeichen der höchsten
Erschütterung zurück schauderte nachdem sie das bleiche Todtenbild einen Moment
betrachtet hatte und indem sie fast wild in dem Kreis ihrer Diener
umherblickte mit einer lauten und heftigen Stimme rief Heiliger Gott wer ist
dieses Weib
Niemand wusste diese Frage zu beantworten und Alle standen erschüttert von
dem Zustande ihrer Gebieterin bis Morton die keine weitern Zeugen wünschte
einen Wink erteilte sich mit der Bahre zu entfernen Einige Augenblicke
vergingen im tiefen Schweigen langsam richtete sich die Herzogin alsdann empor
und als ob alle Spannung aus ihrem Körper gewichen sagte sie mit matter Stimme
Führe mich liebe Morton ach es ist zu viel ich bin krank ich will mich
niederlegen Ach was geschieht um mich her wie soll ich leben wie
ausempfinden was über alles Maß ist kannst Du es begreifen Morton hütete
sich wohl die zerstreute und traurige Gedankenreihe ihrer Gebieterin durch
Antworten zu unterbrechen
Seit der schrecklichen Todesnachricht hatte die Unglückliche bis auf wenige
nötige Befehle kein Wort freiwillig gesprochen keine Träne geweint kein
Bedürfnis der Ruhe geäußert und der treue Doktor Stanloff hatte mit Angst die
Entwickelung dieser gänzlichen Erstarrung erwartet Morton die seine
Besorgnisse geteilt hatte sah nun mit einem Male diese gefürchtete Katastrophe
durch ein sonderbar von Außen kommendes Ereignis herbeigeführt ihre geliebte
Gebieterin weinte hatte gesprochen fühlte selbst das Bedürfnis der Ruhe Dies
schienen alles glückliche Zeichen und die treue Dienerin empfand eine Freude
und einen Trost wogegen die sonderbare und geheimnisvolle Veranlassung ganz in
den Hintergrund trat Man näherte sich langsam den Schlosshallen und Morton
hätte viel darum gegeben wenn sie die Herzogin die sich wankend stützte durch
einen andern Weg nach ihrem Zimmer hätte führen können denn sie musste fürchten
dass die schwermütigen Trauerzurüstungen welche diese Hallen erfüllten die
unglückliche Frau aufs Neue in ihren trostlosen Zustand versenken würden Aber
es schien etwas anderes tief in der Seele Erwecktes dem heftigen Schmerze der
Herzogin das Gleichgewicht zu halten
Morton fühlte je näher sie den Hallen kamen ihren Schritt sich befestigen
und beschleunigen und sie richtete sich mit ihrer gewöhnlichen Strenge empor
als Stanloff am Eingange ihr hastig entgegen schritt und ihn mit der Hand
zurückweisend sagte sie fest Wir bedürfen Eurer Hilfe nicht aber wo wart
Ihr da Ihr so nötig hattet hier zu sein um die Ungewissheit über Leben und Tod
einer Unglücklichen von uns zu nehmen die Ungewissheit sage ich Gott verhüte
es dass hier in der nächsten Nähe unseres Schlosses ein unerhörtes Verbrechen
begangen worden sei Sie schritt während dessen Mortons Arm verlassend fest in
den mittleren Saal Jepson rief sie und winkte die Hand des Doktors zurück als
er den schwarzen Schleier der als ein Teil ihrer Bekleidung von den
Dienerinnen beim Aufheben abgedeckt und jetzt über sie geschlagen war
zurückziehen wollte dieser Ort scheint uns nicht passend für die wichtigen
Untersuchungen ob Leben und Tod obwaltet Wir wünschen zu diesem Zweck den
kunstreichen und erfahrenen Anordnungen unsers Doktors durch eine passende
Wohnung zu Hilfe zu kommen und bestimmen dazu die Zimmer im linken Flügel
welche die Vorzimmer zur Wohnung Seiner Hoheit des Prinzen von Wales ausmachen
und die durch den Kapellenturm zugleich mit den Zimmern unserer Mistress Morton
verbunden sind welcher wir wenn Gott unser Gebet erhört und uns die Gnade
gewährt durch unsere wunderbar herbei geführte Hilfe ein Menschenleben gerettet
zu haben die besondere Pflege und Aufsicht übertragen wollen Jepson der
erste Vogt des Schlosses mit seinem weißen Stabe und ebenso weißen Haupte
hörte voll Ehrfurcht gebeugt diese Befehle an und begab sich alsdann von der
Bahre und mehreren von Morton beorderten Dienerinnen begleitet nach der
Vorhalle des Saales von wo durch eine verschlossene Gallerie dieser Flügel für
außerordentliche Fälle zu erreichen war Auch Doktor Stanloff wollte sich dahin
entfernen als die Herzogin ihn zurück rief und mit minder fester Stimme
hinzufügte Ich kenne Euch Doktor Ihr werdet all Eure so oft bewährte Kunst
die uns manches teure Haupt erhielt ich sage Ihr werdet diese Kunst auch
heute anwenden so Leben noch zu erwecken ist und ein so schreckliches
empörendes Unglück als ein Mord in unserm Bereich sein würde dadurch
vernichten Sobald ich meine Zimmer erreicht habe soll Morton Euch beistehen
Nimm die übrigen Frauen mit Dir Morton und sorge vor allen Dingen dass die
Unglückliche geschont und Alles mit Achtung und ohne Neugierde bei Seite gelegt
wird was sie noch an sich trägt und uns vielleicht wills Gott zur Kunde über
ihre Angehörigen führen könnte
Stanloff der bejahrte treue Diener dieses Hauses der seiner großen Dienste
und seltenen Eigenschaften halber mehr als Freund denn als Diener angesehen
wurde fühlte wohl das Versöhnende in den Worten der Lady womit sie schnell zu
begütigen suchte was ihr stolzer und heftiger Sinn nur zu leicht verschuldete
doch nie ungestraft von einem zarten Gewissen und einem edlen Herzen Dies was
Allen die sie näher kannten wohl bewusst war sicherte ihr einen leichten Sieg
über jeden trüb heraufgeführten Augenblick und flößte ihren Umgebungen eine
Mischung von Furcht und Liebe ein die sie mit vielem Geiste zu benutzen wusste
und die sie zu einer seltenen Herrschaft über die Gemüter erhob Doch weniger
als je hatte sie Widerstand in dem sanften milden Herzen Stanloffs zu fürchten
denn er sah mit Freude in seiner geliebten Gebieterin das Gleichgewicht
hergestellt das so furchtbar noch bis vor wenigen Augenblicken zerstört war und
ihn für ihr Leben fürchten ließ Die Heftigkeit die Ungerechtigkeit ihrer
ersten Worte waren so der natürliche Gang ihrer Ausserungen dass er einsah ihr
ganzes Wesen sei mit dieser Erschütterung in seine Bahn zurückgetreten Er küsste
voll Rührung die dargebotene Hand wagte es noch ein Mal die oft erteilten
kaum angehörten noch weniger befolgten Verordnungen für ihre Gesundheit zu
wiederholen und ging getröstet von dannen
Sanft wandte die Herzogin sich zu Mistress Morton und sagte ihr schmerzlich
Bringe mich hier weg dieser Anblick scheint mich und meine Vernunft vernichten
zu wollen Sie wandte sich von dem Trauersaale ab wollte sich so eben nach dem
Ausgange begeben als ein ferner Ton wie ein Horn an ihr Ohr traf der nach
einem Augenblick des bangen Harrens von einem näheren an der Torbrücke sodann
zunächst von den Kastelltürmen beantwortet wurde und keinen Zweifel ließ über
die Ankunft der herzoglichen Leiche Die Herzogin blieb einen Augenblick wie
überwältigt mit über die Brust gefalteten Händen und gegen die Decke gehobenen
Augen stehen Dann sank sie wie getroffen auf ihre Kniee nieder und beugte ihr
Haupt wie zum Gebet In einem Kreise umher kniete ihre noch immer die Halle
erfüllende Dienerschaft und die erhabene Feierlichkeit dieses Augenblicks und
die tiefe Stille umher ward nur durch das sanft ausbrechende Schluchzen der Frau
unterbrochen
So fanden die beiden Töchter der Herzogin die mit ihren Damen herbeieilten
die geliebte Mutter die bei ihrer Ankunft das tränenbenetzte Gesicht mit
schwermütigem Lächeln zu ihnen aufhob und sie neben sich nieder winkte Der
weite Weg den der Zug zu machen hatte da der erste Ruf des Hornes noch vor der
Brücke nach alter Sitte Einlass begehrte füllte eine lange Zeit Während er
den ersten Hof betrat erschien Jepson am Eingange der äußeren Halle um der
Herzogin Meldung zu machen Als er die hohen Gittertüren öffnete und seine
erhabene Gebieterin von ihren Töchtern und Dienerinnen umgeben auf den Knieen
sah sank auch er stumm zur Erde und blieb so einige Augenblicke voll Andacht
dann erhob er sich seines Amtes gedenkend und den Arm mit dem Stabe vor sich
herstreckend begann er mit feierlicher Stimme Es hat dem allmächtigen Gott in
seiner Barmherzigkeit gefallen den Weg zu beschützen den der erhabene Sohn und
Erbe dieses erlauchten Hauses in der Erfüllung seiner großen und schweren
kindlichen Pflichten aus weiter Ferne angetreten um die sterblichen Überreste
des durchlauchtigen Herzogs seines erhabenen Vaters zu den Hallen seiner Väter
zurückzuführen Vor den Toren dieses Schlosses harrt er und begehrt voll Demut
gegen seine herzogliche Mutter unsere erhabene Gebieterin Einlass
Von ihren Knieen sich erhebend von ihren Töchtern unterstützt antwortete
die Herzogin mit tiefer Stimme Gott segne seinen Eintritt über die Schwelle
seiner Väter
Sogleich öffneten sich auf einen Wink die äußern Tore und ließ einen
Blick tun in den weiten Hof der mit den schwarzen Gestalten des Zuges
überdeckt war
König Jakob hatte sowohl der Witwe sein Beileid zu bezeigen wie auch dem
Wunsche seines Ministers sich gnädig zu erweisen den Oheim des verstorbenen
Herzogs Cecil Graf von Salisbury nach GodwieKastle gesendet und derselbe
war mit seinem großen Gefolge und in der Begleitung der nächsten Verwandten die
alle zum Empfang der Leiche versammelt waren auf die eingetroffene Nachricht
dass sein Neffe die Grenzen des väterlichen Gebiets überschritten von
GodwieKastle wo er den Tag zuvor angekommen ihm entgegen gegangen und hatte
ihn unterstützt in der sorgfältigen und würdigen Anordnung des Zuges der von da
an bis an die Gemächer des Schlosses mit gleicher Ordnung fortgesetzt ward Der
Sarg ward im ersten Hofe von dem Rüstwagen genommen auf dem er seinen weiten
Weg zurückgelegt und sechs junge Edelleute trugen ihn auf ihren Schultern
Voran schritt Jepson den Stab das Zeichen seiner Würde vor sich hinhaltend
ihm folgten die höheren Beamten des Schlosses und der ausgedehnten herzoglichen
Besitzungen denen sich das Reisegefolge des Herzogs anschloss zahlreiche und
geprüfte Diener unter ihnen Sir Eduard Ramsei der als erster Kämmerer seinen
Rang vor Allen hatte
Dann erschienen die zahlreichen Edelleute der Nachbarschaft an ihrer Spitze
Sir William Ollincroft als vornehmster Edelmann der Grafschaft zu welcher das
herzogliche Geschlecht in einer Art von Oberhoheit stand Zwölf Pagen mit den
Achselbändern in den Farben des herzoglichen Wappens gingen zur Seite der
jungen Edelleute und trugen die Insignien der herzoglichen Würde nebst den Orden
und militärischen Auszeichnungen des Verstorbenen Ihnen folgten unmittelbar
hinter dem Sarge die Verwandten und an ihrer Spitze Robert Graf von Derbery
der älteste Sohn und Erbe des herzoglichen Ranges begleitet von Cecil Grafen
von Salisbury und gefolgt von den bedeutenden Personen der nächsten
Verwandtschaft und einem glänzenden Zuge von Fremden nebst der vornehmeren und
geringeren Dienerschaft aller Anwesenden
Ein kleiner Raum trennte die Herzogin von den traurigen Überresten ihres
höchsten Glückes und von dem geliebten Sohne für dessen Leben und Gesundheit
ihre Seele so oft gezagt Das Übermaass ihrer Empfindungen siegte über ihre
Schwäche statt dieselbe wie ihre Getreuen fürchteten zu mehren Als der
Geistliche mit seinem Gefolge aus der Kapelle an ihr vorüber ging den Sarg an
der Schwelle einzusegnen hatte sie Kraft ihm zu folgen Fest ergriff sie die
Hände ihrer Töchter und emporgerichtet als verschmähe sie es den letzten
Pfeilen des Schmerzes die blutende Brust zu entziehn folgte sie den Dienern der
Kirche mit sicherm Schritt Man hatte den Sarg in der Mitte des Gefolges an der
Schwelle harren lassen den Segen der Kirche zu empfangen die Herzogin blieb in
gemessener Entfernung stehen in einem Kreise um sie her ihr schwarzgekleidetes
Gefolge Als die Geistlichen auseinander traten und sich der Bahre näherten
erblickte die Mutter zuerst den Sohn dessen jugendliche Schönheit wie erstarrt
schien in der rührenden Blässe eines tiefen Schmerzes aber sein Auge sandte
einen Blick zu ihr hinüber welcher das Herz erreichte und die ganze Fülle des
mütterlichen Gefühls erweckte Der feierliche Augenblick hinderte jede
Annäherung doch mit welcher Inbrunst beugten die tief Erschütterten auf das
gegebene Zeichen das Knie zum Gebet Wer möchte sagen es hätte der Worte
bedurft dies Gebet des innersten Herzens Gott verständlich zu machen
Ehe jetzt der Zug sich nach dem Trauersaal begab lag Robert zu den Füßen
seiner Mutter und empfing ihren Segen und als sie einen Augenblick lang sich
umfasst hielten fühlten Beide die unnennbare Größe ihres Verlustes und zugleich
den Trost den die Natur ihnen in einander gewährt hatte Von Lord Salisbury und
ihrem Sohne geleitet nahm die Herzogin Platz im Trauersaale auf einem erhöhten
Sitze dem Katafalk gegenüber zu ihren Füßen knieten ihre Töchter am oberen
Teile des Sarges ihr Sohn am unteren der Graf von Salisbury Das übrige Gefolge
nahm den weiten Raum umher ein einen erhöhten Lehnstuhl mit der herzoglichen
Krone und Decke freilassend welcher rechts von dem Sitze der Herzogin noch
unbesetzt geblieben war doch nicht lange Denn aus dem innern Raume der Kapelle
schritt eine Dame hervor auf zwei Frauen gestützt und von mehreren Pagen
gefolgt bei deren Anblick die Herzogin und ihre Töchter sich sogleich erhoben
und ihr mit allen Zeichen der Ehrerbietung entgegen traten Sie war im höchsten
Alter schneeweisses Haar umzog das feine weiße Antlitz auf dem der neue Gram
nicht mehr den Frieden hatte stören können der die geläuterte Seele schon zu
einer Bürgerin höherer Welten erhob wenn ihr Herz auch noch mit Engelsmilde die
Leiden der irdisch Bewegten teilte Es war die Schwester des Grafen Salisbury
die Gräfin von Burleigh und Witwe des Herzogs Robert von Nottingham die
ehrwürdige Mutter des eben verstorbenen Herzogs Schwer empfand sie es den Sohn
vorangehn zu sehen aber die Hoffnung bald mit ihm vereint zu sein nahm dem
Schmerze seine trostlose Schwere und nur an ihre geliebte Schwiegertochter
denkend und an ihre teuren Enkel verließ sie trotz der hohen Jahre und der
damit verbundenen Schwäche ihren Witwensitz durch sanften Zuspruch die Leiden
ihrer Geliebten zu mildern Bis jetzt war es ihr wenig gelungen auf die
unglückliche Gemahlin ihres Sohnes zu wirken ihr wie Allen blieb sie
unzugänglich ja nachdem sie die Pflichten der Ehrfurcht gegen die ehrwürdige
Mutter ihres Gemahls erfüllt hatte so stumm jedoch mit so traurig zerstörtem
Wesen als ob nur der Körper sich in gewohnter Ordnung bewegte war sie mit
einer Art ängstlicher Scheu aus ihrer Nähe entflohen Doch vor dem Sarge ihres
Lieblings schien die Mutter wieder in ihre alten Rechte einzutreten und die
wenigen Worte welche sie mit Tränenerstickter Stimme der ehrwürdigen Frau
zurief zeigten auch ihr dass die Rinde gesprungen sei die dies beladene Herz
zu ersticken drohte Die zahlreichen Zeugen geboten dem Zartgefühl beider Frauen
sich zu fassen um die letzten Pflichten für den Entschlafenen mit der Würde
erfüllen zu können die den Frauen dieses Hauses bei den Leichenbegängnissen
ihrer Gatten die harte Notwendigkeit ihrer Gegenwart auferlegte
Als die alte Herzogin ihren Platz eingenommen und die Witwe zu ihrem Sitze
zurückgekehrt begann der Geistliche nach dem Ritus der hohen bischöflichen
Kirche die Einsegnung der Leiche deren Verhüllung nun gehoben ward um der
Versammlung die wirkliche Überzeugung von ihrer Identität zu geben Von dem
kräftigen Geschlecht der Vorahnen her war es hier Gebrauch geblieben dass die
Witwe sich zuerst dem Sarge nahte und nachdem sie die Leiche angeblickt die
Hand zur Beglaubigung dass sie wirklich gegenwärtig empor hob dasselbe taten
dann sofort die nächsten Verwandten und der versammelte Adel nahm dies als eine
ihm getane Versicherung auf Als dieser Moment nahte sprang der junge Graf von
seinen Knieen auf denen er die ganze Zeit über in tiefer Andacht geblieben
auf und ehe die Herzogin sich dem Sarge nähern konnte lag er zu ihren Füßen
und schien sie mit der größten Heftigkeit um etwas anzuflehn Die Anwesenden
konnten leicht erraten dass der besorgte Sohn seiner Mutter einen zu
schmerzlichen Anblick ersparen wollte da der vor vier Wochen erfolgte Tod des
Herzogs und der weite Weg den die Leiche gemacht trotz allen Vorkehrungen
jeden wohltuenden Zug und Eindruck verlöscht haben musste Aber die Herzogin
schien unerbittlich ja zürnend und wie ihr Sohn von Salisburys Worten
unterstützt ihre Kniee umfasste als wollte er mit Gewalt sie hindern befahl
sie ihm aufzustehn Eine leichte Röte belebte das blasse Angesicht und mit
vernehmlicher Stimme sprach sie wie unwillig Hältst Du mich für schwächer als
die edlen Frauen die vor mir diesen Gang getan Trostlos erhob sich der junge
Mann und sein Blick richtete sich wie nach der letzten Hilfe zu seiner
Großmutter empor Aber diese schien dies Mal nicht sie geben zu wollen ihr
feines weibliches Gefühl sagte ihr die Herzogin würde hier sich nicht zurück
ziehen Diese Pflicht wozu das sehnsüchtige Herz sie trieb diese Pflicht die
sie in der Gegenwart ihrer Verwandten Befreundeten und Untergebenen erfüllen
sollte konnte sie nicht unterlassen ohne eine Schwäche zu zeigen die der
Würde und Seelenstärke widersprochen hätte die ihren Charakter und ihren Ruf in
der Welt bezeichnete In ihren teilnehmenden aber klaren Blicken lag das
Vertrauen zu ihrer Schwiegertochter auch sie würde das mit Würde vollziehen
was sie selbst und vor ihr so Viele an dieser Stelle vollzogen hatten
Sie irrte sich auch nicht und der zärtliche Sohn hatte ohne es zu ahnen
durch seinen Widerstand eine neue Stütze ihr gewährt ihr Stolz war erwacht und
ein leichter Unwille über die scheinbare Störung der so wichtig erachteten
Trauerceremonien gab ihr die Kraft ihre Erweichung zu besiegen Sie winkte
ihren Sohn und den Grafen von Salisbury zurück und näherte sich mit langsamen
würdevollen Schritten dem Hauptende des Sarges Der Körper überdeckt mit einem
weiten Fürstenmantel ruhte jetzt vor ihren gespannten angstvoll geöffneten
Augen unverhüllt das teure Haupt einst mit allem Zauber männlicher Würde und
den weichen Zügen des Gefühls und der Güte geschmückt war jetzt zu einer
unscheinbaren gelben Maske vertrocknet und der Schauder einer völlig fremden
kaum Menschen ähnlichen Bildung gegenüber sich zu finden drohte sinnverwirrend
den Geist der starken Frau zu ergreifen Schon durchzuckte das wildeste
Entsetzen ihre Seele und Alles um sie her verschwand aus ihrer Erinnerung
noch solch ein Moment und sie wäre entflohn und mit ihr vielleicht das
Bewusstsein des Geistes das unterzugehen drohte Schrecklich war die Angst der
sorglich auf sie Blickenden denn in ihren Zügen und dem starren Blick ihrer
Augen malte sich ihr jäher Zustand Aber Gott hielt seine segnende Hand
schützend über dies schuldlose Haupt Sehr bald minderten sich die
scharfgespannten Züge Friede kehrte zurück sich steigernd bis zur sanftesten
Rührung Ihr Blick hing mit Zärtlichkeit an diesem grauenhaften Bilde denn sie
hatte ihn wieder erkannt an dem schönen lockigen Haar das der Tod nicht zu
zerstören vermochte und das er in seltener Schönheit besessen hatte Ihre
Besinnung kehrte zurück und lange Gewohnheit einer großen Selbstbeherrschung
kam ihr zu Hilfe
Das Gefühl ihn erkannt zu haben und jetzt gewiss seine heiligen Überreste
zu besitzen hob sie über ihre Natur mit einer Art von Entzücken das um so
mächtiger sie ergriff als es der plötzliche Übergang von dem trostlosesten
Entsetzen war Sie richtete sich an seinem Haupte mit einer Art von Begeisterung
empor noch ein Mal blickte sie nieder und ein Lächeln umzog die bleichen
Lippen Dann schaute sie ihrer Pflicht gedenkend mit dem Ausdrucke der
glühendsten Überzeugung umher und während ihre Lippen wie zu Worten sich
bebend öffneten hob sie wie eine Seherin die lilienweisse Hand empor und blieb
so einen Augenblick stehen Jeden zum Zeugen ihrer Überzeugung aufrufend
Unbeschreiblich war der Eindruck dieser sich folgenden Bewegungen Bewunderung
gesellte sich der tiefsten Rührung zu und ein unartikulirtes Geräusch von
vielen hundert Stimmen durchströmte die weite Halle
Doch dies war völlig geeignet die Herzogin aus ihrem überspannten Zustande
zu wecken sie fühlte schnell dass sie hier der Gegenstand einer Aufmerksamkeit
geworden war die sich nach ihren strengen Begriffen mit ihrer Würde und ihrem
weiblichen Gefühl gleich wenig vertrug Sie ließ sich von ihrem Sohne und ihrem
Oheime zurückführen und ihre stolze Haltung erinnerte nicht mehr an ihre
frühere Bewegung Nachdem der Umgang um den Sarg auch von den Übrigen vollzogen
war traten die beiden Wappenherolde vor die zur Seite des Tronhimmels
standen vor dem der Katafalk errichtet war Der zur linken Seite trug das
aufgerollte fürstliche Trauerwappen an einem goldenen Stabe und richtete es zur
Linken des Sarges auf Indem er noch ein Mal den Tod des Herzogs mit allen
seinen Würden und Titeln benannt verkündigte und alsdann mit lauter Stimme
fortfuhr Und so das erlauchte Haupt dieses Hauses nunmehr in ewigem Frieden
hier vor uns ruht sehen wir den herzoglichen Stuhl erledigt und da er leer
bleibt vor unsern Augen nachdem wir den Herrn davon als verstorben erkannt und
als ob Nachkommen und Lehnträger diesem erhabenen Stamme gebrächen fragen wir
die hohen hier anwesenden Verwandten und den hohen und niederen Adel der
Grafschaft Nottingham ob verblüht und untergegangen sei dies edle Geschlecht
und ob wir sofort kraft unsers uns verliehenen Amtes das Wappen zerbrechen
müssen und zu ewigem Vergessen mit diesem Sarge versenken sollen Wir fragen
drei Mal Ist der Stamm erloschen da trat der Graf von Salisbury als nächster
männlicher Verwandte mit ernster Würde hervor zog seinen Degen hob ihn gegen
den Herold empor berührte dann drei Mal mit der Spitze die Brust des
Verstorbenen und sprach drei Mal ein lautes Nein Wo ist der neue Herzog von
Nottingham rief nun derselbe Herold und in demselben Augenblicke zogen alle
Anwesenden mit Blitzschnelle die Degen aus den Scheiden dass die hohen Gewölbe
wie von einem Schreie widerhallten und eben so schnell stand der Graf von
Derbery von seinem Platze am Sarge auf und indem er die Hand auf das Haupt des
Entseelten legte rief er drei Mal Hier Augenblicklich eilten glänzend
geschmückte Pagen herbei und hingen den herzoglichen Mantel um seine Schultern
während der Graf von Salisbury den herzoglichen Reif von dem Kissen nahm
welches ein Page ihm reichte und seinem GroßNeffen damit das Haupt schmückte
Er führte ihn sodann unter den Tronhimmel und hieß ihn den leeren Stuhl
darunter einnehmen während der Freudenherold das in allen Farben prangende
Wappen der Herzoge entfaltete und den neuen Herzog laut und feierlich
proklamirte Die Anwesenden begrüßten nun vorübergehend und mit dem Degen den
Boden berührend den neuen Herzog und beurlaubten sich tiefneigend vor den
Herzoginnen die unbeweglich während dieser langen Zeremonie in ihren Stühlen
blieben Bis die letzten Diener den Saal verlassen und nur noch von ihren
Kindern der herzoglichen Mutter dem Grafen Salisbury und ihrem nächsten
Kammergefolge umgeben blieb die starke Herzogin aufrecht dann sank sie ohne
einen Laut ohne alles Leben von ihrem Sessel Entsetzt stürzten die trostlosen
Kinder über sie doch Doktor Stanloff der mit hütendem Auge seiner Gebieterin
gefolgt war erklärte ihren Zustand für eine tiefe Ohnmacht und verlangte nichts
als Ruhe wonach sich wohl Alle sehnten nach diesem angreifenden Tage Auch war
die Nacht längst herangebrochen Man trug die Herzogin in ihre Zimmer und Jeder
suchte die seinigen zu erreichen So befand sich bald um den der sonst der
Mittelpunkt alles Lebens und aller Wonne in diesen Hallen war nur die durch
eintönige Worte sich von Stunde zu Stunde ablösende Trauerwache
Der unbewusste Zwang den feststehende durch lange Gewohnheit geheiligte Formen
über die Gemüter der Menschen ausüben wird oft eine wohltätige Stütze für das
durch Leidenschaften oder erschütternde Ereignisse aus seiner Bahn getriebene
Innere Von dem kleinsten Standpunkte gilt dies und macht sich auch für den
weiteren Gesichtskreis des Lebens geltend Es belehrt uns über das lange
Fortbestehen oft in sich schon bedeutungslos gewordener Formen welche zu
durchbrechen und von dem in der Zeit gereiften Kerne die Schaale abzuwerfen
Wenige nur berufen sind Diese sind dann der letzte Tropfen in dem zum
Überfliessen gefüllten Becher einer neuen Erkenntnis wozu in der Stille die
Besten vieler Zeiten die einzelnen Tröpfchen beisteuerten Sie haben keinen
Maßstab denn sie sind die ersten dieser Art aber leicht missdeuten Viele in
sich eine leidenschaftliche Aufregung die ihnen das Recht zu geben scheint
umzustossen und zu durchbrechen was von tugendhaften Vorältern erdacht oft
ganze Geschlechter liebevoll umfasste und sie schützend an der rohen Willkür
vorüberführte
Es ist so schwer an die Stelle des lang Bestandenen das Bessere zu stellen
dass die hierüber leicht gewonnene Erfahrung uns versöhnlich macht gegen das
Mangelhafte und so unzureichend und oberflächlich sind die Ergebnisse jener
Umwälzungen dass ein stilles und in sich geschlossenes Gemüt sich leichter da
hinneigt wo tugendhafte Menschen seit lange Bürgschaft gaben für das
Bestehende Auch reift in der Zeit von selbst schon und allmälig eine
Reformation zu deren siegreichen Zwecken Jeder wohltätig mitwirkt der in sich
selbst die freie Entwickelung seiner Kräfte beschloss Was auf diese Weise von
uns dennoch abfällt und nicht mehr zu uns gehören will das ist zum Staube reif
nicht der übermütigen Laune sondern der Zeit ist es verfallen
Die stärksten Gemüter erreichen am leichtesten diesen höheren Standpunkt
Ruhe und wahre Milde haben immer ihren Sitz in dem Gefühle der Kraft und es ist
kein Widerspruch wenn wir den der allenfalls die Form durchbrechen könnte
sich fügen sehen es ist bloß dass auf seinem höheren Standpunkte ihn das Kleine
nicht mehr stört und das Gefühl die eigene Bahn sich brechen zu können ihn zum
verträglichen Gefährten macht auf dem schon betretenen Wege
Wir fühlen uns durch diese freie Ergiessung unserer Meinung unwillkürlich auf
die Person hingewiesen welche zunächst unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt
den zweiten Sohn der Herzogin von Nottingham Lord Richmond Derbery welcher
einige Tage nach der still erfolgten Beisetzung des geliebten Vaters mit seinem
Oheim dem uns schon bekannten Grafen Archimbald Glandford von einer Sendung
König Jakobs an seinen unglücklichen Schwiegersohn den Kurfürsten von der
Pfalz zurückgekehrt war und von der Trauernachricht auf dem Rückwege
getroffen mit geflügelter Eile GodwieKastle erreicht hatte Wir vertiefen uns
nicht noch ein Mal in die wehmütigen und erschütternden Szenen eines solchen
Wiedersehens Über Personen die mit eben so viel Hochachtung als Liebe an
einander hingen brachten solche Augenblicke den vollen Wert einer würdigen
Selbstbeherrschung welche auch den heftigen Empfindungen des Herzens eine edle
Decenz auferlegt der tiefe Ernst der an die Stelle leidender Aufregung
getreten zeigte sie wenig anders als man sie zu sehen gewohnt war
Doch hatte die Ankunft beider Männer einen unverkennbaren Einfluss auf die
wiederkehrende freiere Haltung des Ganzen Es lag in ihrer geräuschlosen
Gegenwart dennoch etwas so Anziehendes und zugleich Anregendes dass fast Jeder
auf seinem Platze etwas zu leisten strebte wie wenig auch eine Anforderung
darauf hinwies Wenn die Unbedeutenden sich dadurch angenehm erhöht fühlten und
die Besseren in der schönen Freude ehrender Anerkennung lebten gab es doch auch
Andere welche sich von einer Beherrschung gedrückt fühlten die wenn auch
achsichtslos entstand und nie gefordert oder begünstigt schien der stillen
Herrschaft zugeschrieben werden musste die ausgezeichnete Geister unwillkürlich
durch sich selbst herbeiführen Zu diesen Letzteren sich gedrückt Fühlenden
müssen wir obwohl mit einiger Schüchternheit den größten Staatsmann jener
Zeit den Grafen Salisbury rechnen Wir haben erzählt dass er seinen Neffen
den Grafen Archimbald bei seiner Rückkehr aus Frankreich zu bilden strebte und
die großen Eigenschaften desselben erkennend wohl damals den Plan fasste ihn zu
seinem Gehülfen und späterhin vielleicht zu seinem Nachfolger zu erheben Doch
während dieser Entwickelung geschah etwas das außer dem Plane und der Erwartung
des Grafen lag Er hatte seinen Neffen den er durch Verwandtschaft und
Unterricht fest an sich geknüpft wusste eine Zeit lang in anscheinend
unbedeutenden Aufträgen an die verschiedenen Höfe an denen sich schon englische
Gesandtschaften befanden gesendet oft damit Zwecke erreichend die auf
direktem Wege Widerstand gefunden hätten und die ihm die Fäden in in die Hände
spielten an denen er König Jakob und die übrigen Minister geschickt zu lenken
wusste Graf Archimbald hatte durch diese verschiedenen Stellungen fast den
Überblick über alle wichtigern Angelegenheiten des damals in religiöser und
politischer Beziehung so bewegten Europas gewonnen Seine ungemein
wissenschaftliche Bildung und vor Allem der natürliche leichte und scharfe
Blick seines umfassenden Geistes hatte ihn zu Ansichten geführt die ihn über
das System erheben mussten nach welchem die kurzsichtige Politik König Jakobs
mit weibischer Schwäche sich von all den hochherzigen Bewegungen ausschloss die
von so viel Seiten her ihn zur Teilnahme aufforderten Er verwarf sie um den
Frieden zu erhalten der während seiner ganzen Regierung das durch Elisabet so
hoch gestiegene Ansehen Englands wieder herabsinken ließ Dass dieser Vorwurf
den bald Europa dem Könige von England machen musste auch seine Minister und
namentlich den Grafen Salisbury traf an dessen Namen eine Berühmteit hing die
er nach dem Tode Elisabeths nicht mehr behaupten zu können schien fühlte Graf
Archimbald mit tiefem Schmerze und von dem Tadel gegen seinen König mehr noch
gegen seinen Oheim erhitzt wagte er es demselben Ansichten vorzulegen die nur
zu deutlich zeigten dass die Meinungen des Neffen mündig geworden
Der Graf konnte sich bei diesen gewagten Mitteilungen trotz seines innern
grenzenlosen Unwillens nicht verleugnen dass hier in dem Kreise den er völlig
zu übersehen glaubte und mit der schmeichelhaften Hoffnung beherrschte dass der
ganze Kontinent ihn in dieser vollkommenen Herrschaft anerkenne sich Ansichten
entwickelt hatten die ihm nicht allein entgangen waren sondern auf das was er
indessen getan ein tadelndes Licht werfen mussten Je weniger der helle Geist
des erfahrnen Staatsmannes sich dies verleugnen konnte um so unheilbarer war
die Wunde die sein stolzes Herz dadurch empfing und die Person die zuerst
diesen tödtenden Pfeil nach ihm zu senden wagte würde stets das Opfer dieser
erregten Empfindung geworden sein wie den Liebling nichts schützen konnte eine
misstrauische Kälte erregt zu haben Die Grenze des Vertrauens war von da an
gesteckt die nie geträumte Befürchtung von seinem Neffen übersehen zu werden
erbaute obwohl kaum eingestanden eine ewig trennende Mauer Mit leicht
erregtem Missbehagen sah er den Beifall den er selbst früher auf ihn
herbeigerufen hatte und sein ewig gepeinigter Stolz ließ sein Wesen mit allen
Autoritäten des Ministers und Oheims gegen ihn sich bekleiden Schnell hatte
Archimbald sein großes Versehen erkannt und die Dankbarkeit und Hochachtung
die der Beleidigte ihm einflößte gab ihm all die rücksichtsvolle Ergebenheit
die überall hätte versöhnend sein müssen nur nicht gegen ein durch Hochmut und
Schmeichelei erkaltetes Herz dessen eitles Selbstvertrauen verletzt ward Auch
blieb hierüber bald dem Grafen kein Zweifel übrig und ihm selbst war ein zu
hoher Grad des Stolzes beigemessen und ein nicht zu unterdrückendes und
begründetes Selbstvertrauen als dass er sich länger um die Wiederherstellung
eines Verhältnisses hätte bemühen können welches oft schon seiner Überzeugung
Fesseln angelegt hatte und das ihm jetzt doppelt drückend werden musste nachdem
er einen so tiefen Blick in das kleinliche Gemüt seines Oheims getan Beide
jedoch waren zu klug die Welt zu Zeugen dieser innern Trennung zu machen Der
Graf von Salisbury hatte zu oft Lord Archimbald seinen besten Schüler genannt
um ihn jetzt nicht auf der öffentlichen Höhe zu halten die ihm unter diesem
Prädikat zukam doch entfernte er ihn bald aus seiner Nähe obwohl auf einen
Platz hin den er mit einem bedeutenden Kopfe ausfüllen musste So begab sich
denn der Graf zu Heinrich dem Vierten nach Paris Es begleitete ihn dahin trotz
seiner zarten Jugend sein zärtlich von ihm geliebter Neffe Richmond von
Derbery Es war für den der diese beiden Personen beobachten konnte etwas
höchst Anziehendes zu gewahren wie Graf Archimbald an seinem Neffen mit einer
Liebe hing die er fast gegen alle Andere besonders seit dem Tode seines
Freundes des Prinzen von Wales und seines geliebten Vaters zu verringern
schien und dies wie es sich oft verriet um solcher Eigenschaften willen
worauf einen entschiedenen Wert zu legen man von dem Grafen am wenigsten
erwarten konnte nämlich wegen einer hervorleuchtenden Fülle des Gemüts und
einer Zartheit der Empfindungen welche die Brust einer Frau in nicht höherem
Maße hätten zieren können Das ganze Wesen Richmonds war geleitet von einer
feinen Schonung gegen Andere Er erriet mit der schärfsten Empfindung eben so
leicht das Wohltuende als das Verletzende und wusste wo es seine Stellung
irgend zuließ das Eine wie das Andere sanft zu vermitteln woraus eine
Sicherheit in seiner Nähe entstand welche das Vorrecht einer schönen und edlen
Individualität ist und selbst über die roheren Seelen eine stille Gewalt übt
von der sie sich oft keine Rechenschaft zu geben wissen und die sie unbewusst
sich selbst zu mäßigen zwingt Man musste sich gestehen dass diese Tugenden
nicht unter die ausgezeichnetsten seines Oheims gehörten Dieser verdeckte eine
gewisse Schärfe und Kälte des Karakters durch die außerordentliche
Selbstbeherrschung und Politur die das Leben in den verschiedensten Lagen und
unter stets großen und repräsentirenden Verhältnissen ihm gegeben hatte aber
sie ließ sich nie so ganz unterdrücken um nicht da hervorzutreten wo es an
einem Interesse sie zu verbergen fehlte Es gab Personen von feinem Takte die
sich selbst durch die freundlichste Annäherung in Ton Wort und Miene nicht von
einer kleinen Erkältung erholen konnten die sie verletzte Indem dies eine Art
Schüchternheit erregte unterstützte es zugleich das Ansehen das ihm überall zu
Teil ward und welches um den Preis der eigentlichen HerzensAffectionen
gewonnen zu haben ihn vielleicht nicht sonderlich betrübte Dessenungeachtet
mussten auch ihm die Augenblicke nicht ausgeblieben sein von denen man sagt dass
sie Jeden erwarten die Augenblicke in denen die Leerheit des Innern von den
Aussendingen nicht zu füllen ist und das ganze Gebäude stolzer Größe nicht gegen
die Anforderungen ausreicht die das Herz mahnend wiederholt wie wenig es auch
scheinbar dazu berechtigt ward In solchen Augenblicken hatte er den Sohn des
Bruders erfasst in dessen Eigentümlichkeit er sich ergänzt fühlte Er war ihm
überall gefolgt und von dem Vater mit Freude von der Mutter nur mit großer
Überwindung ihm überlassen worden denn sie hing mit einer ganz besonderen
Innigkeit an diesem Kinde und wenn sie auch in ihrer äußeren Haltung kaum je
den Grad ihrer Empfindungen wahrnehmen ließ war sie innerlich klar genug das
erhöhte Gefühl zu erkennen das von früh an ihren Liebling begleitet hatte
Später söhnte sie sich mehr mit dem Gedanken aus ihn unter fremder Herrschaft
erblühen zu sehen denn sie musste sich sagen dass kein Wesen geeigneter war die
geistigen Vorzüge eines Jünglings zu entwickeln als Graf Archimbald und dass
gerade das Hervorheben dieser geistigen Entwickelung ein wohltätiges
Gleichgewicht hervorgerufen hatte gegen die zärtliche Weichheit seines Herzens
Graf Archimbald versäumte dagegen nie das Opfer der Mutter wohl erkennend eine
Gelegenheit den Sohn ihr zuzuführen und die Herzogin war endlich auch nicht
gleichgültig gegen die Aussicht ihren Sohn in die Rechte des Grafen Archimbald
treten zu sehen da wenn es auch unentschieden blieb ob der Oheim aus Liebe
zum Neffen der Ehe entsage oder die Entsagung der Ehe ihn zum Neffen geführt
doch die Hauptsache entschieden schien dass der Graf sich nicht vermählen und
Richmond sein Erbe sein werde Nach mehrjährigem Aufenthalt am Versailler Hofe
wünschte der Graf auf einige Zeit in den Kreis seiner Familie zurück zu kehren
da seit dem Tode Heinrichs des Vierten er nur noch schwach sich an den Hof
gebunden fühlte und zugleich seine durch Elisabet ihm wieder verliehenen
Besitzungen zu besuchen wünschte Die meiste Zeit brachte Richmond indessen bei
seinen Eltern zu Es war eine Zeit stiller Seligkeit für die Herzogin denn ihr
Liebling trat ihr vollständig gereift entgegen und sie hatte Zeit in ihm so
seltene Eigenschaften vereinigt zu gewahren dass ihr Mutterherz im fröhlichsten
Stolze aufschwoll Die Brüder waren ungemein verschieden sowohl an Person als
an Eigenschaften aber war man nur nicht so ungerecht den Grafen Robert mit
Richmond vergleichen zu wollen so blieb jener doch eine liebenswürdige
Erscheinung mit seiner schönen Gestalt und dem heitern blonden Angesicht
Richmond dagegen hatte die regelmäßige Schönheit seiner Mutter Er war so groß
wie sein Bruder seine Gestalt war vollkommen durch die reinste Übereinstimmung
der Verhältnisse und eine daraus entspringende ungemeine Grazie jeder Bewegung
Sein erster Anblick war ernst er hatte etwas Festes und Bestimmtes und man
hätte glauben können dies wären die Vorboten eines stolzen und kalten
Karakters da er sich überdies nur wenig und mit Zurückhaltung äußerte Aber
diese äußeren Zeichen hingen mit den hohen Begriffen von Schicklichkeit und
Mäßigung in Worten und Gefühlen zusammen die er zur Würde des Karakters
rechnete und die allerdings bei ihm die große Herrschaft über sich selbst
erkennen ließ da das reichste und gefühlvollste Herz ihn stets zu verführen
strebte Die Ehrfurcht vor dem Willen der Eltern war um so heiliger in ihm
geblieben da er ihnen nie durch die Details der Erziehung so nahe gerückt war
ihre menschlichen Schwächen kennen zu lernen Seine Mutter schien ihm
unvergleichlich die erste Frau der Welt und an seinem Vater hing er mit
zärtlicher Verehrung Er hatte in diesem streng häuslichen Kreise eine
Liebenswürdigkeit welche die ganze tiefe Empfindung seines Herzens verriet
und die Herzogin die eine leichte Sprödigkeit selten ablegte ließ sich seine
anmutigen Liebkosungen mit vieler Nachgiebigkeit gefallen denn sie wusste wohl
wie die im Hintergrunde ruhende Ehrfurcht ihm jedes Überschreiten der Grenzen
unmöglich machte Er hatte die hohe Stirn das braune lockige Haar und die
dunkeln Augen der Mutter aber der Stolz dieser Stirn hörte auf an den Grenzen
seiner Augen Ihr Glanz war von breiten Augenliedern und langen Wimpern von
Außen sanft gemildert und der Stolz der aus den Augen der Herzogin blickte
ward hier nur durch Erregung hervorgerufen und wechselte nur selten mit dem
ruhigen Ernste Beide Brüder hingen herzlich an einander aber der ältere
erkannte in jedem Augenblick mit Stolz und Freude den jüngeren über sich Sein
fester Wille der die schwersten Opfer für das erkannte Recht nicht einmal
erwähnt wissen wollte legte der gutmütigen Nachgiebigkeit des älteren Bruders
die Gesetze auf nach welchen er stets ohne Wanken zu handeln bereit war und
Robert folgte wie ein heiteres Kind da Richmond das Schwere mit einer Liebe
mit einem Verstehen der damit verbundenen Opfer forderte dass der Genuss sich so
verstanden zu sehen fast den Kampf überbot Zum Grafen Salisbury verhielt sich
dieser junge Mann äußerst fremd Der Graf verstand ihn nicht er hatte gute
Berichte von ihm gelesen er sah ihn äußerlich zum Hofmann gebildet er wusste
von seinen wissenschaftlichen Erfolgen und hielt ihn erst um nur mit ihm
fertig zu werden für einen jungen Hofmann der seinen Oheim beerben will All
zu lang wollte dies nicht passen denn er ging seinem Oheim voran nach
Deutschland und Cecil sah der Neffe habe eigne Meinungen er scheue sich
nicht sie gegen die des Oheims geltend zu machen er sei gerade und fest Doch
diese Weichheit wieder dieser Gehorsam wo es mit etwas Stolz gelungen war dem
Oheim entgegen zu treten wozu das Welche Inkonsequenz Er ließ ihn fallen und
den Grafen gewähren welcher sich nicht mehr von ihm trennen mochte Doch gerade
darum weil er ihn nicht verstand und von der heimlichen Furcht in seiner Nähe
sich beschlichen fühlte dass in ihm auch ein Geist versteckt liegen könne der
sich gegen den seinigen dereinst auflehnen werde fühlte er sich unheimlich mit
Beiden und dachte den Tag nach ihrer Ankunft an seine Rückkehr nach London
Er hatte zu diesem Zweck seiner Nichte einen Besuch gemacht und den Grafen
Archimbald nach den Hallen beschieden in denen er sich auf und nieder bewegte
die Rede überdenkend welche er gesonnen war dem Grafen zu halten Der schönste
Frühlingstag leuchtete durch die feinen goldenen Gitter der hohen Türen und
erhellte die düstern Hallen welche ihres traurigen Schmuckes wieder entkleidet
waren In ihrer alten Pracht auf tausend schimmernden Flächen das glänzende
Licht empfangend und zurückwerfend boten sie einen erfreulichen Anblick dar da
nur selten das Licht des Tages bei ihrer weiten Ausdehnung ihren Glanz verriet
Wohl schien die ernste und nachdenkliche Gestalt des alten Ministers mit
der tiefen Trauerkleidung und den glänzenden Sternen zu dieser Umgebung zu
passen aber die Welt die vor den goldenen Gittertüren ihr heiteres Leben
begann ging um so gewisser für ihn verloren Die warme Luft des Frühlings das
reine Licht des Himmels wollte überall das schlummernde Leben zur Tätigkeit
erwecken Es war der Augenblick in der Natur gekommen der uns von Stunde zu
Stunde mit süsseren Freuden zu beschenken scheint und eine unendliche Sehnsucht
erregt unter Blüten und Blättern mitten inne zu wohnen oder mit den
geschäftigen Würmchen und Käfern der atmenden Erde alle die kleinen Geheimnisse
abzulauschen die vom keimenden Halme bis zu den unschuldigen Versuchen der
ersten Blümchen unsern Anteil und unsere Zärtlichkeit erwecken Der nahe Wald
die zahllosen kleinen Gebüsche auf und an den Terrassen waren ein Tummelplatz
singender und bauender Vögel nicht minder waren die gotischen Verzierungen der
Hallen mit Nesterchen bestellt deren Bewohner sich an den Gittern hängend und
wiegend ihr fröhliches Lied dem alten Staatsmann entgegen sangen der in
ernster Würde an ihnen daherschritt und auf nichts so wenig hörte wie auf
Vogelgesang Noch ein Mal hatte er das Ende der mittleren Halle erreicht und in
dem fragenden Blick den er nach dem Eingange sendete lag aufsteigender
Unwille hier seit einigen Minuten vergeblich zu warten als er durch die
Gittertüren die nach der Vorhalle führten den Grafen Archimbald eilig daher
kommen sah und um so schneller da er ihn so eben zu erkennen schien Lord
Salisbury blieb unbeweglich stehen seinen Neffen den ganzen Raum bis zu ihm
durchmessen lassend und Graf Archimbald der nur den etwas vorgestreckten Fuß
des Lords zu sehen brauchte um zu wissen dass er hier länger geharrt als er
mit seiner Würde verträglich fand fing schon in einiger Entfernung an sich mit
einer Bescheidenheit und Höflichkeit zu entschuldigen die sehr oft in einem so
hohen Grade ausgesprochen eine leichte Beimischung von Ironie verrät von der
wir auch jetzt den Grafen loszusprechen uns nicht verpflichtet halten Graf
Salisbury murmelte einige unverständliche Worte und schickte sich an das zu
beginnen warum er seinen Neffen berufen als derselbe mit vieler Gewandtheit
diese geringe Pause benutzend dem Grafen sein Bedauern ausdrückte indem er so
eben von seiner Schwägerin kommend erfahren habe der Graf wolle dies Schloss
schon morgen verlassen Um so näher liege ihm aber auch nun eine Bitte die er
im Namen seines Neffen vorzutragen nicht aufschieben dürfe nämlich die Bitte um
die Erlaubnis in dem Gefolge des Grafen sich nach London begeben zu dürfen um
gegen den König der ihm obliegenden Verpflichtung des Lehnseides sich zu
entledigen Er würde es für eine Ehre halten wenn auch er ihn dahin begleiten
dürfe da seine Schwägerin ihn vorläufig aus seiner Nähe entlassen und jedes
Geschäft zurück gesetzt habe bis die erste Verpflichtung ihres Sohnes gegen
seinen König erfüllt sei Der Graf von Salisbury konnte kaum den unangenehmen
Eindruck verbergen den diese schnelle äußerst schmeichelhafte und unterwürfige
Bitte seines Neffen ihm machte denn gerade diesen selben Gegenstand hatte er
eben zum Vortrag bringen wollen und zwar mit manchen von ihm wohl überlegten
Äußerungen welche die Bedeutsamkeit seiner Stellung hervor heben und die
Nachlässigkeit andeuten sollten die seiner Meinung nach in der Stille
ausgesprochen lag mit der bis jetzt die wichtige Pflicht des jungen Herzogs
übergangen war Durch diese schnelle ehrerbietige Erklärung des Grafen war er um
die ganze Wichtigkeit dieses Augenblicks betrogen und musste noch überdies von
der feierlichen Höhe der Missbilligung zu der er sich empor gehoben hatte
hernieder steigen und billigend und gewährend das Vertrauen erkennen welches
seinem Grossneffen wünschenswert machte in seinem Gefolge sich nach London zu
begeben Es blieb aber nur noch übrig einen andern Anlass zu erfinden weshalb
er seinen Neffen habe rufen lassen Wir zweifeln nicht dass es dem feinen und
gewandten Manne gelungen wäre einen passenden Ausweg zu finden wäre er nicht
aus dieser kleinen Verlegenheit durch ein neues Ereignis gerissen worden
welches alle seine Gedanken von da an uneingeschränkt in Anspruch nehmen sollte
Gilbert der erste Sekretair des Grafen von Salisbury erschien in dem Eingange
des Saales und näherte sich auf das gegebene Zeichen des Ministers um ihm zwei
Briefe zu übergeben welche so eben mit einem Kourier von London eingetroffen
waren Graf Archimbald wollte sich ehrerbietig zurückziehn aber der Graf von
Salisbury erkannte etwas erstaunt aber doch angenehm überrascht auf dem einen
Briefe das große Privatsiegel des Königs und seine lateinische Überschrift
welcher Sprache er sich aus Eitelkeit häufig zu seiner PrivatKorrespondenz zu
bedienen pflegte Er bat ihn daher freundlich zu verweilen beurlaubte Gilbert
und zu seinem Neffen gewendet eröffnete er den Brief indem er mit einigen
Worten die Gnade des Königs in diesem eigenhändigen Schreiben bemerkte Doch er
konnte nicht über die ersten Zeilen gekommen sein als sein kräftiges Gesicht
erbleichte und die hohe Haltung des alten Mannes bis zur Ohnmacht zu schwinden
schien Sein Auge streifte verschüchtert über das Blatt weg und haftete mit
einem solchen Ausdrucke auf seinem Neffen dass dieser voll Schrecken auf ihn
zueilte und mit sorglicher Freundlichkeit seinen Arm ergriff Archimbald sagte
der Graf mit matter Stimme was hat man in meiner Abwesenheit durchzusetzen
gewagt Wie unerhört bin ich betrogen und welch ein Unglück ist über uns alle
gekommen
Noch ahnte Graf Archimbald die Ursache der heftigen Erschütterung nicht in
der er seinen Oheim sah aber das unverkennbare Leiden des würdigen Mannes
erweckte die volle Teilnahme die er früher ihm so aufrichtig eingeflößt und
tilgte alle die Kälte und Zurückhaltung welche später beide von einander
entfernt gehalten hatte Der alte Graf brauchte einen Vertrauten und er wusste
dass er ihn in seinem Neffen zu finden vermochte Dies war für den schweren
Augenblick ein Trost den er sich weder versagen wollte noch konnte Er nahm
den Lehnstuhl an den sein Neffe herbei zog und reichte ihm dann den Brief des
Königs unfähig wie es schien über die ersten Zeilen hinweg zu kommen Doch
waren diese völlig hinreichend sowohl die Erschütterung des Ministers wie das
in gleichem Maße erregte Erstaunen des Grafen zu erklären Der König schrieb
nämlich und wie es dem völlig haltungslosen Styl anzufühlen war selber in der
trostlosesten Stimmung »Was werdet Ihr sagen mein lieber getreuer Cecil wenn
ich Euch schreibe dass ich trostlos bin und ein armer verlassener Vater denn
mein lieber Sohn und Buckingham haben sich nicht halten lassen und sind auf und
davon nach Spanien gereist und Babi will selbst freien um seine Infantin wie
jeder andere Mann so unschicklich das auch für ihn ist Ich habe Euch tausend
Mal zurück gewünscht denn Ihr hättet es sicher ihm ausgeredet Aber wie Ihr
fort wart und Buckingham es erst wollte da war kein Auskommen mehr und ich
bin nun ganz trostlos denn mehrere Tage sind sie schon fort aber ob meine
Augen je meinen letzten Prinzen wiedersehen das weiß Gott Ich wünsche Ihr
wollt jetzt nicht länger mich allein lassen Euer König Jakob«
Der zweite Brief war vom Grafen von Herford und bestätigte die Nachrichten
des Königs mit mehreren Details woraus klar hervorging dass zwischen Karl und
Buckingham eine Aussöhnung zu Stande gekommen war in deren Folge der Herzog den
Wunsch des Prinzen nach Spanien zu gehen aus allen Kräften befördert und die
wirkliche Abreise so unerhört schnell und heimlich ins Werk gesetzt hatte dass
der König nicht über seinen Schritt zur Besinnung kommen konnte noch weniger
einer der Minister und Räte vermocht hätte es zu verhindern
O warum war ich nicht da rief Lord Salisbury indem er mit der alten Kraft
von seinem Sessel aufsprang o die mutlosen entarteten Menschen die alle an
sich mehr dachten als an das Wohl des Staates und ihres königlichen Hauses Und
hätte ich diesen Buckingham auf die Gefahr meines grauen Hauptes gefangen nehmen
sollen als Hochverräter hätte ich ihn verklagt vor dem Throne meines armen
schwachen Königs und so wahr ein Gott lebt nur über meine Leiche hätte der
teure Prinz der Stolz unseres Landes die Grenzen seines treuen Englands
überschreiten sollen um unsern Feinden zum Spott in das fremde papistische Land
seinen Fuß zu setzen O Archimbald schütze uns vor Zeugen Weißt Du uns frei
von Beobachtung Sieh ich kann mich nicht fassen es ist ein Schritt der uns
mindestens zum Gespötte des Auslandes macht Gott verhüte dass der geheiligten
Person unsers teuren Prinzen etwas geschehe was diese Menschen zu vertreten
haben werden aber selbst der glücklichste Erfolg wird uns um die Erreichung der
wohl eingeleiteten Pläne bringen welche Dir bewusst sind und zum Teil deine
Sendung nach Deutschland veranlassten unsere Feinde werden das Übergewicht zu
benutzen wissen was diese wahnsinnige Handlung ihnen gibt Gott gebe nicht
noch zu schlimmeren Anschlägen Archimbald war ein zu eifriger Staatsdiener
um nicht ganz die Empfindungen seines Oheims zu teilen Er übersah mit
schnellem Blicke das Gewagte und Unbesonnene dieses Schrittes und konnte den
Schmerz des alten Mannes darüber nicht allein begreifen sondern fühlte sich
auch dadurch aufs Neue inniger zu ihm hingezogen Die treue Anhänglichkeit an
das königliche Haus dem er diente die alle zärtlichen Gefühle seiner Brust in
sofern sie ihm zu Gebote standen ans Licht rief gewann seine Hochachtung und
Anerkennung Nur zu wahrscheinlich zerstörte dies übereilte Entgegenkommen des
Prinzen das Gleichgewicht welches im Fordern und Gewähren beider Höfe durch die
besonnene Klugheit des Grafen Bristol so meisterhaft bis jetzt erhalten war Die
beiden Männer schritten in die sorglichsten Mitteilungen vertieft auf und
nieder und das vertrauliche Du des Grafen und der Gebrauch des Vornamens seines
Neffens wie in der früheren Zeit zeigten deutlich die tiefe Erregung des
ehrwürdigen Lords
Beide kamen darin überein ihre Reise unverzüglich anzutreten da allerdings
eine genaue Übersicht an Ort und Stelle zu erwarten war und namentlich die
Instructionen für den Grafen von Bristol höchst dringend und wichtig wurden
Archimbald beeilte sich demnach die nötigen Befehle zur Abreise zu erteilen
und der Graf von Salisbury begab sich zu seiner Schwester und Nichte sie mit
dem Briefe des Königs und seiner dadurch veranlassten schnelleren Abreise bekannt
zu machen
Wir sehen demnach am nächsten Morgen das Schloss von dem männlichen Teile seiner
vornehmen Bewohner verlassen und finden Zeit uns in die innern Gemächer zurück
zu ziehen wo manches der Beobachtung Werte indessen sich begeben hatte Wir
wenden uns zuerst zu dem Gegenstande welchen Gastons Bemühungen der Herzogin
hatten entdecken lassen Doktor Stanloff brachte ihr am andern Morgen die
Nachricht dass er annehmen dürfe das Leben sei noch zurück zu rufen da obwohl
keine Bewegung wahrzunehmen doch eine Art von Wärme und Biegsamkeit der Glieder
eingetreten sei und selbst eine schwache Andeutung des Pulses sich mitunter
zeige Die Verletzung am Kopfe sei höchst unbedeutend unfehlbar nur die Folge
des Falles auch könne der Blutverlust bei solcher Jugend und Gesundheit nicht
diesen Scheintod herbeigeführt haben Die mit Wunden und Geschwulst bedeckten
Füße ließ aber eine große ungewohnte Anstrengung voraussetzen die
Zurücklegung eines weiten Weges wobei die Fussbedeckung verloren gegangen Alles
führte ihn zu einer Vermutung welcher er nachzuforschen denke nämlich der
Befürchtung dass langer Mangel an Nahrung diese äußerste Erschöpfung erzeugt
habe Doktor rief die Herzogin fast aufschreiend welch eine schreckliche
Vorstellung Großer Gott Könnt Ihr dies mit Wahrheit behaupten Warum gleich so
Empörendes denken warum mich so unnütz erschrecken Welche traurige
Begebenheiten müssten den Mangel des ersten des am leichtesten zu stillenden
Bedürfnisses herbeigeführt haben
Stanloff schwieg einen Augenblick dann sagte er ernst Wer nie den Mangel
der einfachsten und nötigsten Bedürfnisse kennen lernte kommt leicht zu dem
Glauben dass was die Natur begehrt auch in dem Kreise der willkürlichen
Befriedigung jedes Menschen liege Es ist leider nicht so und Tausende ringen
mit dem Leben um den einen Preis auf dessen genussreiche Befriedigung man
aufhört Wert zu legen wenn man nie die Entbehrung desselben kannte Es lag
etwas so Eindringliches in diesen sanften Worten dass die Herzogin mit einem
tiefen Seufzer ihren Blick zu ihm erhob Nach einem kurzen Nachdenken indes zu
ihren früheren Gedanken zurückkehrend fuhr sie fort Doch in diesem Stande bei
dieser Jugend die uns noch unter die wohltätige Vormundschaft Anderer setzt
da bis zum Hungertode elend zu werden gesteht es liegt etwas Schreckliches
wenigstens Unbegreifliches darin Ihr habt Recht Mylady und ich teile Eure
Ansicht dass diesem armen und schönen Wesen viel zu Leide geschehen sein muss
das vielleicht Gott mit Absicht nun in die besten Hände gelegt hat um es wieder
gut zu machen Gott wird mir auflegen was ich ertragen kann sagte die
Herzogin während ihr ganzes Wesen von dem Wechsel der Gedanken erschüttert
schien welche diese letzten Worte in ihr hervorgebracht hatten Sie stützte ihr
Haupt schwermütig in ihre Hand und große Tränen rollten einzeln in ihren
Schoss Ich bin erschüttert mein guter Stanloff fuhr sie fort und schwächer
als sonst meine Art ist doch wer sollte es nicht sein wen das erreichte was
mich gebeugt Laute Klagen sind nicht zu meiner Erleichterung vorhanden mich
ergreift darum nicht minder was an Freude und Leid diese reiche Welt belebt
Aber wen in der Blüte des Lebens schon der Schmerz erreichte wen er zwang
höheren Gesetzen gehorchend diese Schmerzen zu verschließen der hat für immer
den leichtern Erguss nach Außen hin verlernt wodurch so Viele die Bürde schon
halb abtragen die ein schweigendes Gemüt mit sich führt bis sie langsam in
sich verzehrt ist Geh guter Stanloff treuer verschwiegener Diener Du
verstehst leicht und viel mit Deinem edelen Herzen aber setzte sie schmerzlich
lächelnd hinzu und zog die Hand von den tränenschweren Augen sie ihm zu
reichen was in diesem Herzen gegen Zeit und Vernunft und jede höhere Mahnung
kämpft errät Dein heller Blick doch nicht und wohl mir Aber wenn Du mich oft
findest wie soll ich sagen rasch oder heftig ja bitter wohl und leicht
gereizt willst Du dann gedenken was ich Dir heut sagen musste weil ich es in
meiner Erweichung nicht bergen konnte Auch der bewährteste Freund soll
Ehrfurcht hegend auf der Stelle des Vertrauens stehen bleiben die der andere
ihn nicht überschreiten lässt sagte Stanloff und küsste bewegt die Hand der edelen
Frau und kein Wort und gäbe es die heiligste Liebe die innigste Teilnahme
ein soll lösend oder bittend eindringen wollen wo ihm nicht freiwillig
aufgeschlossen ward Ich bin stolz darauf Euch edle Frau sagen zu können dass
ich Euch nie verkannt öfter wohl erkannt habe auch wo Ihr Euch selbst
misszuverstehen schient Ich weiß es ich weiß es sagte die Herzogin mit
stärker rinnenden Tränen aber geh jetzt guter Stanloff ich kann mich selbst
vor Dir nicht länger so aus allem Gleise gewichen sehen Tief sich verneigend
verließ Stanloff das Gemach aber es lebten manche lang entschlummerte Gedanken
in ihm auf und er gedachte der ehrwürdigen Mistress Morton welche die junge
Gräfin Bristol schon in ihrer Kindheit begleitet ihre Jugend sanft behütet am
Hofe bei ihrer Vermählung überall an ihrer Seite gewesen und dem
zuverlässigen Manne wie unter dem Siegel der Beichte Manches anvertraut hatte
um ihn bei dem geheimen Übel der Lady welches in oft sehr heftigen Zufällen
bestand in der Wahl seiner Mittel zu leiten Diese anscheinend körperlichen
Leiden waren nur zu oft bloß gesteigerte geistige die der stolze Charakter der
Lady verborgen wissen wollte und daher den Arzt und seine Bemühungen zu
täuschen oder zu entfernen suchte Er musste während er durch die langen
Gallerien ging die zu den Zimmern seiner Kranken führten des auffallenden
Eindrucks gedenken den die Auffindung derselben bei der Herzogin erregt hatte
Dies Ereignis war im Stande gewesen sie aus der tiefsten Betäubung des
Schmerzes zu erwecken und wenn er auch mit Recht in dem stets
menschenfreundlichen Sinne der Lady eine richtig motivirte Ursache ihrer
Veränderung finden musste regte sich doch ganz geheim in ihm die Ahnung dass
hier ein mächtiges dem ersteren entgegen wirkendes Gefühl Raum gewonnen Er
gestand sich leise ein und sich kaum anders als mit Vorbehalt dass der ganze
Schmerz der Herzogin dadurch von einer Kälte beschlichen und ihr Herz offenbar
mit geteilten Empfindungen aufgestört zum Leben zurück gekehrt war
Er hatte tief sinnend nicht das Rauschen des Kleides gehört und Mistress
Morton stand vor ihm ehe er ihr Nahen gewahrte Kommt Ihr von der Frau
Herzogin Doktor Stanloff Und muss ich Eure gefaltete Stirn als trübes Zeichen
für ihr Befinden deuten Mit nichten sagte Stanloff unsere edle Frau ist auf
einem guten Wege Wem erst die Natur im Schmerze Tränen gibt den hat sie vor
schädlicheren Ausbrüchen schon bewahrt Und sie weint selten setzte Morton
ernst und seufzend hinzu so möge ihr Gott lindernde Tränen gewähren Euch
Doktor Stanloff habe ich zu sagen dass unsere Kranke nach dem Gebrauch des
stärkenden Bades und dem Einflössen der Tropfen sich merklich verändert hat Sie
erhob den Arm und die Hand seitdem atmet sie vernehmlich ihre eingefallenen
Augen haben jetzt den Ausdruck des Schlafes angenommen und ich glaube sie wird
leben Leben rief Stanloff und meine edle Freundin sagt dies Wort das
unsere Bemühungen krönt mit einem so freudlosen Tone als ob ein Menschenleben
ihr gering schiene Mistress Morton hatte die Augen am Boden und schwieg langsam
ihren Handschuh glatt streichend Dann sagte sie sanft und mit bewegter Stimme
Deutet mich nicht falsch geehrter Freund Gott sieht in mein zagendes Herz ich
weiß er wird mich besser verstehen als ich mich in meiner Befangenheit
ausdrücke Auch hätte ich das Leben jedes menschlichen Wesens gerettet ohne ein
anderes Gebot als das vor Gott geltende zu bedenken aber diese ernste Pflicht
ist erfüllt und die Pflicht die meinem Herzen am nächsten auf dieser Welt
steht nimmt nun ihren Platz wieder unumschränkt hier ein Ich bin alt habe
viel erlebt viel gesehen und gehört daraus kommt uns dann von selbst ein
Verständnis noch unaufgeklärter dunkel daliegender Dinge die Jugend nennt es
Ahnung Soll ich es Erfahrung nennen Doktor sagte sie wie von banger Unruhe
ergriffen wenn wir die Kohle angeblasen die dieses Haus in Flammen steckte
Auch dann sagte Stanloff nach einem Augenblick des Erstaunens indem er sie
ernst anblickte und seine Hand dann fest auf ihren Arm drückte auch dann sollte
kein Zweifel meine Seele berühren über das was wir getan Wer das Rechte tut
soll den Ausgang getrost an Gott verweisen Amen sagte Mistress Morton Ihr
sagtet das Rechte ich fühle es wie Stärkung in meiner Brust So geht denn zu
dem schlummernden Engelbilde ich sah nie in meinem Leben etwas Schöneres nur
ein Mal etwas Ähnliches Sie entfernte sich nach den Zimmern der Herzogin der
Doktor schüttelte leise den Kopf und trat zu seiner Kranken ein
Den Bitten ihrer Schwiegermutter nachgebend hatte die alte Herzogin von
Nottingham ihren Aufenthalt auf GodwieKastle zu verlängern versprochen bis zu
der Rückkehr ihrer Enkel von London Ihre Gegenwart war die Freude des ganzen
Schlosses denn mütterlich weilte ihr freundliches Auge noch auf jedem den sie
in ihren früheren Verhältnissen gekannt Hülfreich und Jedem zugänglich war sie
eine reiche Quelle von Trost und Rat und im höchsten Grade von ihren Kindern
verehrt war ihr Versprechen sich zu verwenden stets die Gewährung selbst
Aber ihre Güte hatte auch nichts mit der Schwäche gemein die das Rechte oder
Unrechte mit dem bloß Mitleidenswerten verwechselt Sie erfuhr den Zusammenhang
der Dinge leichter als Andere weil ihr eine Sanftmut und Geduld im Zuhören
eigen war vor der die verschüchtertste Seele Mut gewann ihre dunkelsten
Vorstellungen zu entwickeln und mit dieser sanftesten Art deckte sie oft den
Zusammenhang von Dingen vor sich auf bei denen Andere umsonst geforscht hätten
Sie war sich dessen bewusst ihre Kinder und Enkel staunten mit zärtlicher Freude
diese schöne Gewalt eines liebenswürdigen Gemütes an und sie wusste mit heiterem
Scherze von dieser Gabe zu sprechen als sei sie eben nur eines Scherzes wert
aber wenn sie lächelnd umher blickte und die lieben Hände den Enkeln zu tausend
Küssen überließ sagte sie wohl zuweilen Ihr werdet schon noch an die alte
Großmutter denken und sie Euch zurückwünschen Ach wer wusste das nicht und wer
hätte es sich nicht gern verläugnet dass man ihrer je als einer Verstorbenen
würde gedenken müssen
Wir finden sie gegen Abend in den Zimmern des Prinzen von Wales welche ihr
stets zur Verfügung standen Die purpurnen Tapeten und Vorhänge des schönen
großen Gemachs leuchteten in dem feurigen Glanze den einige lichte von der
Abendsonne gefärbte Frühlingswolken durch die weiten offenen Glastüren warfen
Sie führten auf einen Altan der gegen Süden hin einen freundlichen Blick auf
die schönen Weidetriften und Meiereien zuließ welche diesen Teil des Tales
einnahmen In einem großen Lehnstuhl diesen Türen gegenüber saß die
ehrwürdige Frau in bequemer Ruhe und ihr klares blaues Auge schien wohlgefällig
den Reiz der Gegend zu genießen Sie war noch allein aber sie erwartete ihre
Schwiegertochter und Enkelinnen und ähnliche Sessel waren um den ihrigen
gestellt bereit sie zu empfangen Wohl hatte der letzte Verlust die feinen
Züge noch etwas blässer und durchsichtiger gemacht aber es war als empfände
sie den Verlust den ihre Geliebten erlitten tiefer als den eigenen Ihre Züge
verrieten noch jetzt im achtzigsten Jahre eine einst hohe und regelmäßige
Schönheit ihr schneeweisses Haar lag in Fülle glänzend und glatt wie Silber um
die hohe weiße Stirn Die einst so schönen dunkeln Augenbrauen zogen jetzt den
schmalen Bogen in dem Weiß des Hauptaares aber die klaren Augen blickten noch
in dem reinsten dunkeln Blau und aller Reiz der diese schöne Frau einst
umstrahlt und den die Zeit von ihr genommen schien in diesem Blick voll Huld
und Güte sich vereinigt zu haben Das feine kaum je verschwindende Lächeln
welches um die schmalen Lippen wie das Siegeszeichen eines ganz in Wohlwollen
aufgelösten Innern ruhte gab dieser ehrwürdigen Frau eine Anziehungskraft dass
nur ihr Angesicht zu schauen ein Genuss war der zum Seufzer um ähnlichen Frieden
in der eigenen Brust sich gestaltete Die Ruhe um sie her und die erhabene
Pracht des Zimmers passte vollkommen zu der ehrwürdigen Erscheinung und die
leisen Bewegungen ihrer Gesellschaftsdame der Mistress Kottington und eines
alten Kammerdieners schienen den Wunsch auszudrücken durch kein Geräusch das
genussreiche Nachdenken ihrer verehrten Gebieterin zu stören Aber auch um sich
einem solchen lange zu überlassen war sie nicht eigennützig genug Empfindungen
jeder Art hatten das Recht ausschliesslichen Besitzes über sie verloren der
Übergang von einer zur andern war leicht und milde weil sie in
leidenschaftsloser Klarheit jeder ihr Recht zu geben wusste Sie hörte bald das
leise Schaffen der beiden treuen Diener und indem sie den Kopf um die Lehne
ihres hohen Stuhles bog schaute sie lächelnd der alten Kottington in die
sorglichen Augen und sagte halb scherzend Und wenn nun etwas bräche oder
fiele dennkst Du mich denn so schwach dass ich erschrecken möchte Komm einmal
hierher liebe Kottington und sieh wie schön der Blick in die Landschaft ist
recht stärkend für meine alten Augen überall das schöne Grün und die laue
Luft so frisch und duftig von all den jungen Blüten Mistress Kottington
hatte sich freundlich genähert den Blick verfolgend den die Herzogin mit
kindlichem Vergnügen wieder hinaus richtete Siehst Du hier wohl das Nest
zwischen den feinen Zweigen der Birke die uns zunächst steht Ich habe die
kleinen Tierchen beobachtet wie sorgfältig und fröhlich sie bauen das
Häuschen muss noch nicht fertig sein denn mit großem Jauchzen brachte eben eins
ein weißes Fläumchen in dem Schnabel und hatte dann viel Arbeit es
unterzubringen Lovelace sagte sie zu dem alten Kammerdiener sei nicht so
geizig mit Deinem Backwerk oder Weizenbrote erübrige mir ein wenig für mein
kleines Vogelpaar die armen Schelme werden da draußen noch nicht viel finden
und müssen nach der Arbeit wohl hungrig einschlafen Wenn meine Enkelin Lucie
kommt fuhr sie fort die ihr dargereichten Krümchen auf dem silbernen Teller
zerflückend dann soll sie dies auf den Rand des Altans streuen die scharfen
Aeuglein da oben werden schon Acht haben und es abholen
So beschäftigt ward sie von ihrer eintretenden Schwiegertochter und ihren
beiden Enkelinnen überrascht und ehe sie sich zum Gruße erheben konnte von
allen dreien zärtlich auf ihrem Platze festgehalten Ihr freundliches Sträuben
ging bald in die Liebkosungen über mit denen sie alle begrüßte als ob sie seit
der Tafel lang getrennt gewesen O komm mein gutes Kind sagte sie zur
Herzogin setz Dich so dass Du just den Blick in die Ferne hast wie ich
Lovelace rücke meinen Stuhl so und nun nimm diesen hier ein Wie geht es Dir
denn sagte sie halb zu ihr aufblickend doch die Herzogin hatte ehe noch ihre
Einrichtungen zu Stande kamen ein Tabouret zu ihren Füßen geschoben und sich
schnell so zu ihr gesetzt dass sie ihren Kopf an die Armlehne des Stuhles lehnen
konnte in dem die liebenswürdige Greisin saß Sie wollte nun freundlich dankend
zu ihr aufschauen aber ihr Blick tauchte unter in schnell hervorbrechenden
Tränen und sie senkte das Haupt in die zärtlich ihr entgegen gestreckten
Hände Geliebtes Kind erhebe Dein Herz sagte die alte gerührte Mutter
diejenigen glücklich zu wissen die wir lieben ist ein reineres Besitztum als
der Genuss mit ihnen das zu teilen was mangelhaft ist wenigstens durch den
irdischen Anteil den wir ihm beifügen Ja wohl ja wohl seufzte die
Herzogin aus überzeugter Brust auch weiß ich kaum ob es Schmerzenstränen
sind die Du siehst aber Dein liebevoller Empfang Deine Engelmilde es löst in
meiner Brust die Herbigkeit die Du kennst mich ja sagte sie wie zagend zu
ihr blickend Ich weinte eben ich glaube aus Sehnsucht Dir ähnlich zu werden
Nun schwärmst Du gar mein liebes Herz erwiderte die alte Lady lächelnd und
willst das sich neigende Haupt der alten Mutter noch ein Mal erheben und gar
mit dem bösesten Feinde der Menschen mit dem Stolze Sie strich dabei als ob
sie ein Kind vor sich hätte mit ihren weichen duftenden Händen die Stirn und
die Wangen ihrer Schwiegertochter und tupfte mit ihrem Tuche sanft die schönen
tränenfeuchten Augen
Nie war die Herzogin so ganz ihrer edleren Natur hingegeben als in der
Gegenwart der geliebten Mutter ihres Gemahls Sie hatte so früh die eigene
verloren dass sie das Glück von einem älteren weiblichen Wesen ihres Standes
mütterlich geliebt zu werden erst nach ihrer Verheiratung kennen lernte Als
die Herzogin mit ihrem Gemahl und dem Grafen Archimbald aus Spanien
zurückkehrte lebten beide Frauen in GodwieKastle bis zum Tode des Herzogs wo
alsdann die Witwe das freundliche Schloss Burtonhall bezog welches ihr Gemahl zu
ihrem Aufenthalte bestimmt hatte Das oft Störende in dem Charakter der jüngeren
Herzogin war eine ihr leicht mögliche Härte in Gesinnung Urteil und Worten
eine raue tugendhafte Strenge die sie sich selbst auferlegte aber auch von
Andern mit kalter Übergehung dessen forderte was mildernd oder begütigend
solchen Anforderungen hätte entgegen treten können Ihr tief leidenschaftliches
Gemüt verbarg sie aus Stolz unter einer kalten Miene und Haltung aber von
Jugend auf durch eine freie uneingeschränkte Ausübung ihres Willens verzogen
überraschte sie beim leichtesten Widerstande eine Heftigkeit die zwar nur
vorübergehend doch in ihren Folgen nicht immer gut zu machen war
Dessenungeachtet hatte sie eine schöne und großartige Karakteranlage ein Herz
das in seinem Stolze auch eine große Reinheit bewahrte und die Klarheit des
Verstandes die ihr einen hellen Blick auf sich gestattete Oft ward sie dadurch
unzufrieden mit sich doch durch zu schmeichelnde äußere Verhältnisse immer
wieder abgelenkt ließ sie die Fehler altern bis sie einen Teil ihres Selbstes
ausmachten und nur noch einzelne wehmütige Stimmungen herbeiführten die wie
Sehnsucht nach einem mildern Zustande sich regten den sie aber so lang
verwöhnt nicht mehr erreichen zu können wohl selbst fühlte
Sie hatte wenig Freunde gewonnen und war meist auf die Bande eingeschränkt
womit die Natur in ihren nächsten Verhältnissen sie umgab aber dass sie die
Herzogin sich gewonnen hatte dass diese seltene Frau ein vollkommener Gegensatz
ihres eigenen Selbstes ihr Liebe geschenkt hatte und erhielt und nie sich
durch ihre Fehler verscheuchen ließ das war der süßeste Trost ihres Herzens
und an diesem Gefühl löste sich auch in ihrer Gegenwart am ersten die starre
Haltung die sie oft so störend gegen Andere behauptete Nie war es dagegen
irgend wem gelungen die wahre Meinung der älteren Herzogin über ihre
Schwiegertochter zu erfahren sie liebte sie mit mütterlicher Aufmerksamkeit
ihre Fehler schien sie nie zu sehen doch wenn ste dieselben gut zu machen
suchte so wusste man nie ob sie dieselben wirklich bemerkt hatte oder ob es
ihr bloß selbst eben um das Vergnügen war etwas Liebes zu tun Dankbar fühlte
die junge Herzogin diese grenzenlose Schonung die in nichts ihren Stolz reizte
oder verwundete da Alles bloß von der zärtlichsten Liebe eingegeben schien
Indessen wünschte heute die ehrwürdige Mutter nicht die Weichheit ihrer
Schwiegertochter zu vermehren und leicht kehrte dieselbe zu der durch lange
Gewöhnung ihr natürlich gewordenen ruhigen Haltung zurück Um ihr Zeit zu
gönnen fuhr jene fort von ihrem Sitze aus alle zu begrüßen die sich nach und
nach in dem Zimmer versammelten und nächst den beiden Gouvernanten der jungen
Gräfinnen aus Mistress Morton und dem Kaplan des Schlosses dem Master Koplei
bestanden Sogleich vermisste die Herzogin Stanloff und Master Koplei brachte
seine Entschuldigung dass Geschäfte ihn noch einige Stunden entfernt halten
würden Alles nahm nun Plätze ein um die alte Lady her die Herzogin zu ihrer
Rechten Arabella ihre älteste Tochter ein schönes Mädchen in der ersten
Blüte zu ihrer Linken dann so fort die Damen die aus angesehenen Familien
und von vorgeschrittener Bildung ganz dazu berechtigt waren zu dem
Familienkreis gerechnet zu werden
Lucie die jüngste Enkelin und ein Liebling der Großmutter saß schon längst
mit der ruhigen Sicherheit die Kinder so reizend da üben wo sie sich geliebt
wissen vor der alten Lady auf dem roten Fusskissen Sie hatte ihr schönes
blondes Lockenköpfchen auf beide dicke Händchen gestützt und blickte mit großen
blauen Augen unverwandt in die von der untergehenden Sonne sich färbende Gegend
Es war ein unaussprechlich reizender Anblick das schöne blühende Kind in seinem
Trauerkleidchen die üppigen blonden Locken an den Schläfen mit schwarzen
Schleifen zusammengehalten in diesen Ausdruck ernsten Nachdenkens vertieft zu
sehen den Kinder wohl nur in einem holden Schlummer der Seele annehmen und der
uns doch erinnern will an das Verfolgen hochwichtiger Dinge welches nur späteren
Tagen aufgehoben bleibt Sie zog die Augen Aller auf sich und man tauschte
Blicke die das Vergnügen über diesen Anblick verrieten Auch war es nicht die
Art der alten Lady störend auch nur in den Blick eines Auges zu dringen daher
ließ sie das holde Kind gewähren und bewahrte ihr selbst ihre Liebkosungen auf
bis sie von selber erwachen würde Dagegen musste Lovelace den schönen silbernen
Kessel welcher über einem zierlichen eisernen Kohlenbecken schwebte in den
Kreis stellen und daneben den mit silbernen Kannen Tellern und Büchsen reich
besetzten Tisch Mit der lieblichen Heiterkeit die Alle sofort in ihrer Nähe
belebte begann die alte Lady zur Herzogin sich wendend Du siehst meine liebe
Tochter meine alte Liebe bleibt mir getreu Friedrich von Nassau besorgt noch
immer meinen Teetisch mit dem feinen Aroma seiner Chinesischen Lieblinge und
ich bin ihm herzlich dankbar dafür denn wahrlich nichts scheint mir unter den
vielen schönen Gaben zur Labung und zur Stärkung unsers Körpers mehr für mich da
zu sein als diese balsamischen Blätter Höre ich den lieblichen Ton des
Teekessels so setze ich mich erst behaglich zurecht und mein zärtlicher
Freund hätte nichts Besseres erdenken können um sich der Gesinnung seiner alten
Freundin zu versichern Schade liebe Mutter sagte die Herzogin in den
heitern Ton einzugehen sich bemühend dass auf unserm Boden nichts gedeihen mag
was dem liebenswürdigen Herzog ein ähnliches Bedürfnis angenehm befriedigen
könnte denn das Neue und Erfreuliche der fremden Weltteile werden die tätigen
holländischen Meerbeschiffer uns immer noch zuerst bieten können Den Geist den
Elisabet bis in die Segel ihrer Schiffe zu hauchen verstand und der unter Hug
Willoughbys Anführung auch diesen lieblichen Blättchen den leichtern Weg zu
erspähn wusste wo ist er jetzt geblieben Wer wird nach Walter Raleigh mit neuen
Goldminen uns beschenken und so mutig die trügliche Wasserfläche durchziehen
die er leichter befuhr als andere den grünen Plan der Wiesen
Wohl wahr seufzte die alte Lady und eine leichte Wehmut glitt über ihren
klaren Blick Es war ein Gruß der Liebe den sie dem entaupteten Freunde ihres
Gemahls hinüber sandte Seinem Andenken Frieden sprach sie weiter Raleigh
verlor das Ziel welches seiner schönen Jugend vorgeleuchtet als hätte sein
Auge sich getrübt wie viel hätte er seinem Vaterlande sein können Doch das
Maß der Schuld dem sein Haupt verfiel hat vielleicht dort oben mit Vielen
geteilt für Alle Versöhnung erlangt Die Herzogin fühlte dass sie hier eine
schmerzlich nachklingende Saite bei der alten Lady berührt habe und suchte
durch Fragen ihre Gedanken abzulehnen War es nicht zur Zeit der Tronbesteigung
König Jakobs dass Du dies Getränk zuerst kennen lerntest Ich dächte Du hättest
ein Mal dessen erwähnt frug sie unbefangen weiter Es war allerdings damals
schon längst in England bekannt sagte die Lady doch mehr unter dem reichen
Handelsstande der sich die Produkte fremder Zonen fast leichter zu verschaffen
wusste als die höheren Stände die Königin Elisabet liebte es nie und so blieb
es am Hofe unbekannt Als damals durch die Anwesenheit der Gesandtschaften aller
Höfe in Whitehall die glänzendsten Feste mit ernsten und schwierigen
Unterhandlungen wechselten hatte ich auf einem Balle den der König gab mich
erkältet denn es war ein kalter trüber Sommer Als wir uns den nächsten Tag
bei der Königin versammelten fühlte ich ein schwaches Fieber und Friedrich von
Nassau mit dem ich mich unterhielt erriet mein Übelbefinden und sprach mir
zuerst von seinem Lieblingsgetränk welches er ein herrliches Mittel gegen all
die klimatischen Übel nannte die der feuchte Holländische Dunstkreis wie der
unsere so leicht mit sich führt Mein Gemahl und der Marquis von Rosny traten
zu uns und nachdem Rosny der stets mit Friedrich von Nassau sich neckte auch
dies Getränk angegriffen das Friedrich so heilsam fand schlug mein Gemahl vor
einen gemeinschaftlichen Versuch in unserm Palais zu machen Da der Hof am
andern Tage wie sie es nannten ruhte so versammelten sich die Herren an
diesem Abend in meinen Zimmern Friedrich von Nassau Johann von
OldenBarnevelt der edle und tugendhafte Märtyrer seiner hochherzigen
Gesinnungen der Marquis von Rosny jener nachmals so berühmte Herzog von Sully
Aremberg der Gesandte Erzherzog Alberts Taxis von Spanien gesandt mein
Gemahl mein Bruder Cecil meine beiden Söhne und einige andere Herren des Hofes
machten einen kleinen aber seltenen Zirkel aus und von dem tiefsinnigsten
Ernste bis zu dem heitersten mutwilligsten Scherze waltet der Zauber der
höchsten geistigen Bildung und die Anmut der feinsten Sitte Barnevelt war nun
eigentlich die Seele bei der Teebereitung um die es sich handelte Seine
dicken holländischen Lakaien trugen eine im Vorsaale mit allen dazu nötigen
Bequemlichkeiten servirte Tafel herein die aus der Wohnung des Prinzen dazu
herüber geschafft war zum ausgelassensten Jubel Rosnys Barnevelt und
Friedrich besprachen sich mit Ernst über die Quantität der zu nehmenden Blätter
und erregten durch ihre fingirte Gravität unser aller Laune Die geschlagene
Sahne die Butter ohne Salz die Weizenbrödchen und Zimmtbrödchen waren nach
Grundsätzen hergestellt und durften zu dem Ganzen nicht fehlen Das Ende war
dass wir das Getränk herrlich fanden dass mein rheumatisches Fieber verschwand
und Friedrich mir ein wunderlich bemaltes Kästchen von Ebenholz zurückließ das
mit diesen köstlichen Blättchen gefüllt war Mein Gemahl hatte bald die Güte
mir einen silbernen Teetisch zu schenken nach Barnevelts Angabe vollständig
versehen außerdem noch ein an Pracht das meinige übertreffendes reich
vergoldetes TeeService für meinen liebenswürdigen Freund Friedrich von
Nassau der nun seit so vielen Jahren seine TeeGalanterie gegen mich
fortsetzt Doch wie Lovelace dies Getränk zu bereiten weiß scherzte die alte
Lady weiter findet er auch keinen Meister War es nicht Barnevelt selber der
Dir damals Unterricht gab Euer Durchlaucht der Kammerdiener Seiner Gnaden
Barnevelt hat mich darin unterrichtet antwortete Lovelace sich ehrfurchtsvoll
mit dem freundlichen Lächeln des befriedigten Ehrgeizes verneigend Nun so
verstand er es herrlich Aber Lovelace würde auch Sturm laufen wenn ich nicht
gleich erschiene so wie im ersten Aufgusse die Blume sich entwickelt hat wie
er es nennt und ich lasse mich stets bereit finden diesen Genuss mir zu
verschaffen Doch heute hat unsere gute Kottington fürchte ich Deinen
Haushofmeister Ottwei erzürnt denn sie hat sich von ihm die Erlaubnis bei
Deinem Küchenmeister verschafft die Weizenbrödchen und Zuckerröllchen selber zu
backen die sie Dir eben anbieten wird und wir werden uns ins Mittel legen
müssen damit die guten Leute uns nicht undankbar schelten für die köstlichen
Backwerke womit sie meinen Teetisch überschüttet haben die sich aber für die
alte Frau nicht mehr recht passen wollen Doch sieh mein Liebchen was spart
ich Dir hier auf sprach sie zu Lucie gewendet und hob das silberne Schälchen
mit den Brodkrümchen vom Schoss denn Lucie hatte ihre sinnende Stellung bei
dem lieblichen Geruche der Zimmtröllchen verlassen und speiste schon ruhig
darauf los zur Großmutter umgewendet und ihr die lieblichen Worte aus dem Munde
zählend Sieh meinen Finger entlang dort nach der Birke zu siehst Du das kleine
Nest O Großmutter rief Lucie entzückt und so eben ein Köpfchen jetzt
zwei O lass es fangen liebe Grossmama guter Lovelace fange die Vögelchen
Nicht doch Lucie dann müssten sie sterben aber viel Besseres sollst Du selbst
ihnen tun füttern sollst Du sie dass sie nicht Hungers sterben Darum nimm die
Brodkrümchen streust Du sie auf den Rand des Altans bald kommen sie dann wenn
Du wegtrittst und holen sich die Nahrung in ihr Nestchen Gib liebe
Grossmama rief Lucie und hüpfte leicht hinaus nur auf den Zehen nach dem Rande
schleichend hold übergebogen die Bröckchen zu streuen wie man Engel auf alten
Bildern sieht die den Eingang zum Himmel mit Blumen bestreuen Doch von einer
neuen Idee erfasst wandte sie sich um und das leere Schälchen nachlässig neben
sich sinken lassend legte sie beide Aermchen in den Schoss der Großmutter und
sagte sie ernst anblickend Stirbt denn irgend ein Vogel aus Hunger Es mag
wohl mein Liebchen Ob Gott schon freundlich für seine Geschöpfe sorgt und auch
die Menschen leitet dass sie ihren Mitgeschöpfen Nahrung reichen doch wohl
stirbt manch Vögelchen in solcher Jahreszeit wo die Natur noch arm ist an
Nahrungsmitteln Lucie schwieg dann sagte sie Aber Hunde sterben nicht aus
Hunger Die Großmutter sah in das wehmütig werdende Gesicht des Kindes und
wollte sie eben davon ablenken als Lucie heftig ausrief indem große Tränen
über ihre Wangen rollten Und Gaston wird nie sterben vor Hunger Nein sagte
die alte Lady freundlich beschwichtigend wir wollen ihn immer füttern Doch
Lucie war noch nicht mit ihren Kombinationen zu Ende denn sie sagte bittend
als hinge Alles von den Zusicherungen der Großmutter ab Aber Menschen liebe
Grossmama die sterben nie aus Hunger Alle fühlten sich ergriffen von dieser
ängstlichen rührenden Frage des holden Kindes und erst nach einer Pause sagte
die Großmutter indem sie die Stirn des Lieblings küsste Ohne Gottes Willen
fällt kein Haar von unserm Haupte er ist nahe Allen die ihm vertrauen Sanft
wandte sie sich weg um dem lieben Kinde nicht länger Rede zu stehen als ihr
Blick auf ihrer Schwiegertochter ruhen blieb die sich mit einer Art Schauder
von dem leise eingetretenen Stanloff der sich eben den Damen nähern wollte
wegwandte indem sie mit einem Tone in dem eine angstvolle Befürchtung
ausgedrückt lag ihm zurief O was bringt Ihr Stanloff Die Gewissheit Ihres
Todes und ist dies arme hülflose Weib wirklich den Hungertod gestorben
Stanloff wollte eben beruhigend erwidern als Lucie mit einem heftigen
Ausbruche des Weinens sich in die Arme der Mutter warf angstvoll dazwischen
rufend O Mutter Mutter stirbt doch ein Mensch aus Hunger Alle waren bewegt
Stanloff wiederholte einige Mal dass sie lebe nicht aus Hunger sterben werde
aber Luciens Phantasie war in Schrecken aufgegangen und die Herzogin fühlte mit
gemischten Empfindungen dass ihre eigene gereizte Stimmung das liebe Wesen so
hingerissen habe Erst dem ehrenwerten Master Koplei gelang es mit seinen
verständigen Worten sich Eingang zu verschaffen Lucie hob das Köpfchen von dem
Busen der Mutter gab Koplei ihr Händchen und schaute gläubig mit den großen in
Tränen schwimmenden Augen zu ihm auf dann stieg sie von dem Schoss herunter
und ging mit ihrem geliebten alten Lehrer auf den Altan um nachzusehen ob die
Vögelchen schon die Krümchen abgeholt hätten Auch ließ sie sich willig finden
vom Weinen ermüdet mit Miss Debington ihrer Gouvernante nach ihrem Zimmer zu
gehen und nahm höflich mit kleinen holden Verbeugungen von Allen Abschied Als
sie aber an Lovelace vorüber ging bettelte sie ihm vertraulich ein
Weizenbrödchen ab um Gaston noch damit zu füttern bei dem sie selbst nachsehen
wollte ob er satt sei Nach ihrem Verschwinden kehrte man zu dem Gegenstande
zurück über den man Stanloffs Mitteilungen erwartete Sie lag seit gestern
schon mehr in dem Zustande einer Schlummernden hob er an ich versuchte ihr
stärkende Brühe und Tropfen einzuflößen und überzeugte mich dass sie heute
erwachen müsste da ihr Schlaf immer leichter und das Atmen freier ward Diesen
Moment durfte ich nicht versäumen er entzog mich der Ehre hier zu sein und
vor einer Stunde schlug sie die Augen auf Ein Ausruf des Anteils unterbrach
hier die Erzählung Stanloff fuhr fort Ihre Blicke hafteten an ihren
Bettbehängen dann an dem Teile des Zimmers der zu übersehen war sie bewegte
die Lippen aber Schwäche schien sie zu hindern Ich erwartete dass sie Durst
empfinden würde und hatte zu dem Ende ein angenehm stärkendes Getränk bereitet
Alice trat an die Vorhänge mit dem Becher in der Hand sie blickte sie lange
ohne Ausdruck an Nachdem Alice nun einige Male gefragt ob sie zu trinken
begehre und nachdem jene das Gesagte verstanden erhob sie die Hand nach dem
Becher Leider sah ich an der Heftigkeit mit der sie trank eine neue
Bestätigung meiner ersten Vermutung Dass sie durch Hunger so weit kam rief
die Herzogin Ja sagte Stanloff ich muss es wiederholen Als sie getrunken
hatte sagte sie zuerst Bin ich denn krank Warum liege ich zu Bette Und warum
nicht in meinem Zimmer Ich kenne Dich nicht gute Frau Wo ist Hanna Ihr
wart krank seid nur recht ruhig sagte Alice legt Euch nieder Ich bin sehr
müde erwiderte jene kaum vernehmbar und schlief sogleich wieder ein Und
seid ihr nun beruhigt fragte die alte Lady hofft Ihr jetzt ihre Genesung
Ich hoffe sie jetzt denn sie ist jung ihr Zustand hat ihren Körper noch nicht
verzehrt es scheint vielmehr dass Seelenleiden den Mut des Herzens gebrochen
wie dies bei jungen Personen häufig die physischen Kräfte bis zur Ohnmacht zu
unterdrücken vermag
Man blieb noch eine Zeitlang beisammen und begab sich dann durch die
angrenzenden Gemächer nach der Kapelle in der sich die Dienstleute schon
versammelt hatten um ein höchst erbauliches Abendgebet des Master Koplei
anzuhören Die alte Lady zog es vor von dort aus nach ihren Zimmern sich zu
begeben und die kleine Gesellschaft des Schlosses trennte sich den Rest des
Abends für sich zu verleben
Wir finden nach einigen Tagen die Damen in den Zimmern der jüngeren Herzogin
beschäftigt mit der Auswahl von farbiger Seide zu dem noch unvollendeten
Teppiche an dem die Gräfin Arabella mit den andern Damen arbeitete indessen
Lucie die Nadeln für alle fädelte und vorgab sehr viel zu tun zu haben Die
Herzogin musste auch gearbeitet haben doch ruhte das Blumenstück an dem sie
gestickt wie es schien vergessen in ihrem Schoss und ihr Auge blickte in die
helle Flamme des Kamins den man heute aufgesucht da der Frühling seine alten
Neckereien begonnen und sich in Nebel und kalte Winde gehüllt hatte Die
Teestunde war vorüber Lovelace mit seinem wichtigen Geschäft entlassen und
Mistress Kottington half der alten Lady welche zunächst dem Kamin saß bei der
beliebten Arbeit des Seidezupfens Endlich hob die jüngere Herzogin zu Mistress
Morton an Wie kommts dass Du uns heute noch nichts über unsern Gast gesagt
hast Ich hoffe ihr Befinden schreitet vor und wir werden bald selbst ihre
Bekanntschaft machen können Das möchte jetzt noch nicht möglich sein sagte
Mistress Morton rascher als ihre Art war denn die junge Lady steht zwar seit
heute aus dem Bette auf doch der Weg bis hierher würde ihr unmöglich fallen
Nun nun sagte die leicht gereizte Herzogin wir werden uns zu bescheiden
wissen da wir über den ersten Ungestüm der Jugend hinaus sind Doch sobald die
junge Lady wie Du sie nennst aus dem Bette uns empfangen kann werden wir die
Gesetze unserer gewohnten Gastfreundschaft auch gegen diesen unfreiwilligen Gast
zu üben nicht versäumen und uns zuerst nach ihren Zimmern begeben Stanloff hat
sich heute bei mir entschuldigen lassen wir sind also sehr in Ungewissheit über
die Angelegenheiten dieser jungen Person Ich weiß nicht ob Euer Durchlaucht
schon wissen wandte sie sich zur alten Lady dass sie jetzt spricht und viel
Tränen vergisst Mistress Kottington erwiderte die alte Lady welche sich mit
Mistress Morton in ihrem Zimmer ablöst sagte mir davon wir müssen uns denke
ich der wiederkehrenden Zeichen von Leben und Gefühl freuen wenn ihre Tränen
auch freilich unsere Vermutungen bestätigen dass viele Leiden auf dies junge
Leben einstürmten ich denke dann mit Rührung an Gottes Güte der sie Dir
zugeführt hat Ein zärtlicher Blick ihrer lieben Augen traf den schnellen
Aufblick der jüngeren Herzogin und erreichte wie immer den schönen Kern dieses
festen Herzens Lucie die mit unbeschreiblicher Begierde jede Nachricht von der
jungen Unbekannten verfolgte verließ ihre Arbeit und zur Mutter tretend sagte
sie bittend Gehst Du zu ihr liebe Mutter Nimm mich mit ich möchte ihr so
gern sagen dass Du mir versprochen hast dass sie nie wieder vor Hunger sterben
soll gewiss wird sie dann nicht mehr weinen Wir wollen ihr diese Gewissheit
bald verschaffen sagte die Herzogin auch hoffe ich fürchtet sie dies wohl
nicht mehr Liebe Lucie Du sollst sie sehen sobald es ihre Gesundheit erlaubt
sei indes recht ruhig denn Morton sorgt ja für sie und ließ sie Dich wohl je
hungern Lucie kehrte beruhigt und freundlich zu ihrem Geschäft zurück und
die Herzogin frug gegen Mistress Kottington gewendet weiter Ihr liebe
Kottington wart bei der ersten Unterredung mit dem Doktor zugegen wollt Ihr
uns das Bemerkenswerte mitteilen Wie scheint Euch überhaupt ihr Charakter
ihre Erziehung Was glaubt Ihr von dem Range zu dem sie gehören könnte Mistress
Morton scheint allerdings damit schon fertig zu sein doch sagt auch Eure
Meinung So viel ich beurteilen kann muss sie eine vornehme Erziehung
erhalten haben sagte Mistress Kottington mit Ruhe doch bleiben ihre Äußerungen
fast noch immer ohne eigentlichen Zusammenhang wegen des großen Schmerzes den
sie zu empfinden scheint Ihre ersten wiederkehrenden Gedanken richteten sich
voll Erstaunen auf das fremde Zimmer die Geräte und Bedienung sie sagte
einmal höchst erstaunt Warum hat meine liebe Tante mich denn nicht in meinem
schönen grünen Zimmer gelassen Dann bat sie man möge Hanna rufen Doch vergaß
sie das Eine bald über dem Andern und blieb dazwischen wieder ruhig Als
Stanloff zuerst an ihr Lager trat sah sie ihn wild an dann warf sie sich in
meine Arme und flehte mit Entsetzen mich an sie vor diesem fremden Mann zu
schützen Doch der Schreck den sie gehabt schien auch ihre Besinnung etwas
befestigt zu haben denn sie hörte meinen Worten aufmerksam zu und sagte als
wollte sie es sich recht klar machen Ein guter alter Herr und mein Arzt der
mir mein Leben erhielt Sie wagte es Stanloff anzusehen und sein weißes Haar
schien sie völlig zu beruhigen Denn mit einer Bewegung der Hand hieß sie ihn
näher treten und sagte dann Verzeihet meinen Schreck Ich weiß Vieles nicht zu
begreifen mir ist wohl sehr viel begegnet Stanloff hielt nun fürs Beste ihr
zu Hilfe zu kommen er sagte ihr indem er sie aufforderte sich niederzulegen
er wollte ihr Alles erzählen was er von ihr wisse ja er schien mir die
Absicht zu haben sie zu erschüttern denn er hob sogleich an Ihr seid nicht
unter Euren Angehörigen Ihr seid für tot in dem Park der Herzogin von
Nottingham gefunden worden und in einem Zustande von Starrsucht gewesen Ihr
seid von den Frauen der Frau Herzogin bedient worden und ich bin der Arzt
dieses Hauses Ich muss gestehen dass ich den Mut Stanloffs bewunderte der so
kurz und rau ihr die schreckliche Wahrheit enthüllte und er muss seine
ärztlichen Ursachen dazu gehabt und darum Mut behalten haben denn nie sah ich
in solchem Grade einen so schnell wechselnden und sich von Augenblick zu
Augenblick erhöhenden Ausdruck von Erstaunen und höchstem Schmerze
Sie richtete sich mit Kraft auf glühender Purpur bedeckte plötzlich das
bleiche Gesicht die Stirn zog sich in drohende Falten ihre Augen glänzten und
waren fest auf Stanloff geheftet Dann hob sie beide Arme hoch empor und drückte
die gefalteten Hände wild vor die Stirn Ich musste mich abwenden meine Kniee
bebten ich zürnte auf Stanloff ich fürchtete Geisteszerrüttung würde die
schreckliche Folge dieser jähen Aufregung sein Doch im selben Augenblick und so
schnell dass es fast Stanloffs letztes Wort verschlang rief sie Ja ich weiß
jetzt Alles sie ist tot Hanna ist verbrannt Gersem erschlagen ich ja ich
ich bin entflohn mit Gersem bis der schreckliche Mann mich ergriff dann
ihre Gedanken schienen immer zu versagen bis ich entfloh Ach wie weit war
der Weg Ich weiß nicht wie weit aber o Gott meine liebe liebe Tante Von
da an flossen ihre Tränen in heißen Strömen und es ist leicht wahrzunehmen
dass es der Tod dieser Tante ist der sie so heftig betrübt Mistress Morton hat
mich alsdann abgelöst sie wird Euer Durchlaucht weiter berichten können
Ich fand sie noch weinend in ihrem Bette hob Mistress Morton auf ein Zeichen
ihrer Gebieterin an doch sie war sanft und vollkommen bei Sinnen Ich sprach
ihr zu und sie sagte mit sanfter Stimme Ich danke Euch für Eure guten Worte
liebe Frau doch lasst mich nur weinen wie sollt ich es auch nicht Man hat mir
bisher keine Zeit gelassen die zu beweinen um die ich nie aufhören kann zu
trauern Ihr wisst nicht wie viel ich in ihr verlor ich weiß es wohl selbst
nicht und denke nur an mein Herz Liebe Frau sprach sie dann weiter als sie
mich genau betrachtet warum trauert Ihr alle Auch in unserm Schloss war
Alles in Trauer aber warum Ihr Ich sagte es und dies lenkte sie von ihrem
Schmerze ab sie weinte um Euch Frau Herzogin Sie wiederholte oft Euren Namen
und frug ob Ihr gewiss sie schützen würdet sie könne ihr Schicksal noch nicht
fassen Aber vielleicht kommt Hanna und sucht mich fuhr sie fort vielleicht
finde ich irgendwo Schutz dann sie seufzte schwer sie schien so überrascht
von ihrer Hülflosigkeit und sagte oft Ach Elisabet sähest Du Deine arme
Marie so Elisabet rief die Herzogin und zuckte als ob ein giftiger Pfeil
sie berührt hätte Dies glaube ich war der Name ihrer Tante den sie nannte
doch kann ich mich irren erwiderte Morton und Verlegenheit und Unruhe drückte
sich in ihren Zügen aus Ich wüsste nicht warum Du Dich irren solltest sagte
die Herzogin streng und gefasst klingt dieser Name nicht vom Throne bis zum
Volke nieder als bekannt oft gehört und nicht zu verwechseln Die peinliche
Wendung welche die Sonderbarkeit der Herzogin diesem Moment gab ward
wohltätig unterbrochen durch Ottwei der die Türen nach einem kleinen Saale
öffnete wo bei unfreundlichem Wetter die Familie zu Nacht zu speisen pflegte
Sir Richard Ramsei erschien in derselben und zeigte indem er als Seneschall
des Schlosses ein silbernes Becken mit einer gleichen Kanne trug den
Herrschaften an dass die Tafel servirt sei Die Damen legten ihre Arbeit bei
Seite und die Herzogin näherte sich ihrer Schwiegermutter und führte sie gegen
den Saal Hier nahmen sie die Ehrenbezeigungen des Sir Ramsei an indem sie die
Finger in das Wasser tauchten welches er aus der Kanne in das Becken goss
Ottwei nahm Beides sodann schnell in Empfang Sir Ramsei zog die Stühle für die
beiden Damen und begab sich dann auf seinen Platz am Ende der Tafel die Speisen
zu zerlegen und vorzukosten Doch blieb die Gesellschaft still und einförmig
Die Herzogin saß zwar in ruhiger Haltung aber ohne Versuch das Gespräch zu
beleben Die Damen wagten nicht einer so düstern Stimmung eine andere Färbung
zu geben Arabella gehörte zu den Seelen die leicht erdrückt werden von der
Überlegenheit Anderer und sie fühlte sich stets so ihrer Mutter gegenüber Nur
die Großmutter und Lucie brachten etwas Bewegung hinein Lucie war in stets
lebendigem Verkehr mit Allem was sie umgab Sie redete Alle an sie scherzte
sie neckte und blieben die Antworten aus hatte sie mit der Dienerschaft ihren
Verkehr und weil sie der Liebling des ganzen Hauses war und ein Engel an Güte
und steter Heiterkeit ruhten die Blicke Aller auf ihr und ihre leichteste
Frage blieb hier nicht unbeachtet Heute schien ihre Laune doppelt heiter da
die allgemeine Stille ihr Raum gab Sie neckte sich unaufhörlich mit Ramsei und
der kecke Jüngling der ihr nichts schuldig blieb unterhielt das Feuer ihres
kindlichen Witzes bis er endlich sie zu necken von ihrem Lieblinge Gaston
anfing wie er von Morgen an in der Hundehütte bei Wasser und Brod Arrest
bekommen würde weil er etwas im Dienste versehen habe Gaston rief Lucie und
wurde glühend rot Gaston in die Hundehütte Wage es rief sie und hob die
kleine Hand zürnend gegen ihn auf Aber das sage ich Dir allein soll er da
nicht liegen Du oder ich eins von uns beiden geht mit hinein Bei den letzten
Worten kam das holde Lächeln schon wieder um den reizenden Mund und sie frug
weiter Darf man den gestrengen Herrn fragen was Gaston der ihn gar nichts
angeht verbrochen hat Dass er seinen Posten verlassen und oben in den fremden
Zimmern sich herum treibt welches ihm stets mit der Peitsche verboten ward da
sein Platz in der Vorhalle ist Und wohin ich ihn sonst mit mir nehmen will
rief Lucie und wo Deine Wichtigkeit nichts zu befehlen hat Gaston soll
anstatt in der Hundehütte heute Nacht in meinem Bettchen schlafen und ich will
davor auf der Decke liegen Allen anwesenden Dienern entfuhr ein kurzes schnell
unterdrücktes Lachen Mistress Dedington rief schaudernd Lucie Lucie mein
Engel Sie sind zu lebhaft Aber der kleine Schalk blickte seitwärts nach dem
Antlitze der Großmutter und da dies noch in seiner ungetrübten Klarheit
leuchtete wurde sie dreister und sagte schalkhaft das reizende Köpfchen gegen
ihre Mutter beugend Erlaubst Du liebe Mutter dass Gaston diese Nacht in meinem
Bettchen schlafen darf und ich davor auf der Decke Die Herzogin zog hier ihren
Blick von einem alten Wappenschilde ab das ihr gegenüber an der Wand ihre
Aufmerksamkeit gefesselt zu haben schien er fiel wie erquickt auf Luciens
heiteres Gesicht und sie ließ das liebe Kind seine Worte wiederholen Doch
schnell zu ihrer alten Strenge zurückkehrend sprach sie ernst Wie unschicklich
und kindisch ist Dein Begehren Lucie ich hätte nicht gefürchtet etwas der Art
von Dir zu hören Ihr Blick streifte von dem beschämten Kinde die Tafel entlang
und entzündete sich an Ramseis lächelndem Gesicht Ich fürchte dass Ihr
Ramsei mit Euren oft sehr weit gehenden Scherzen dies Kind zu dieser
unziemenden Bitte gereizt habt Ramsei wollte antworten denn er verschwieg nie
gern was er zu sagen wusste als Lucie mit Heftigkeit rief Nein liebe Mutter
schelte ihn nicht Ramsei hat mich nicht darum gebeten er ist ganz unschuldig
ich wollte es selbst weil Gaston sonst in die Hundehütte gesperrt wird Bei
diesen Worten drangen Tränen in die schönen Augen des glühenden Kindes und
Ramsei hätte gern zu ihren Füßen dem Engel seine Neckereien abgebeten Die
Herzogin schien nicht ganz gegen den versöhnenden Anblick unempfindlich denn
sie sagte merklich milder Lass uns hören Ramsei was Gaston verbrach
vielleicht können wir die Sache vermitteln Euer Durchlaucht muss ich untertänig
um Vergebung bitten sagte nun Ramsei der von dem Edelmute Luciens sich zu
gleichen Empfindungen erhoben fühlte ich habe es allerdings gewagt Fräulein
Lucie mit der Nachricht über Gastons Übelverhalten zu necken er hat nichts
verbrochen als dass er mir seit langer Zeit aus dem Gesichte gekommen ist O du
böser Ramsei rief Lucie hell auflachend vor Vergnügen und des Kummers nicht
mehr gedenkend dass Zeuge doch eben aus dem lachenden Auge in einer hellen
Träne über die glühenden Wangen rollte das liebe Tier zu verläumden ich
werde es Dir gedenken Die Herzogin fühlte sich nicht geneigt die Sache böslich
zu verfolgen aber sie fragte wo Gaston geblieben sei In den Zimmern der
fremden Lady antwortete Ramsei Sogleich änderte sich das Gesicht der Herzogin
und sich gegen Mistress Morton wendend welche auf ihren Teller blickte rief
sie Wie kommt das wem hängt er an in diesen Zimmern ich hörte bis jetzt
nichts davon Euer Durchlaucht halten zu Gnaden sagte Mistress Morton indem ihr
feines Gesicht von einer leichten Röte bedeckt ward und sie den Blick nicht
erhob ich habe diesen Umstand nicht der Erwähnung wert geachtet Der Herzogin
Blick lag während dieser Worte unverwandt auf Mistress Morton sie schien sich
mit Mühe Schweigen aufzuerlegen und benutzte das Ende der Tafel um die alte
Lady unter den gewohnten Formen nach den Zimmern zu führen wo man sich nach der
Abendtafel zu trennen pflegte
Stanloff ließ sich am andern Morgen bei seiner Gebieterin melden Er fand sie
mit niedergeschlagenen abgespannten Zügen in ihrem Armstuhle ruhend sie schien
geschrieben zu haben Stanloffs schnell überschauendem Blicke entging es nicht
dass mehrere beschriebene Blätter auf dem Schreibtische lagen welcher in einer
Fensternische im Rücken der Gräfin stand Sie schien sich am Kamin in dieser
ruhenden Stellung erholen zu wollen Stanloff sah aber mit Bekümmernis den
Ausdruck von Leiden in ihrem Gesichte das müde Auge das sich nicht bei seinem
Nähertreten erhob Doch wies sie seine besorgten Fragen nach ihrer Gesundheit
bestimmt zurück und hieß ihn zum Feuer sich setzen Stanloff entschuldigte sein
gestriges Ausbleiben mit Geschäften in einem fernen Teile der Besitzungen
welches mit einem freundlichen Neigen des Kopfes angehört wurde Ohne weiteren
Übergang sagte Stanloff nun Mein Bericht über die Kranke ist heute sehr
erfreulich Er wollte fortfahren als das Wort das er zuletzt ausgesprochen
dumpf aus dem Munde der Herzogin wiedertönte und sie mit einem tiefen Seufzer
die Augen aufschlug Stanloff schwieg denn er sah sie wollte reden Sie
richtete sich auf und sogleich trat Haltung an die Stelle der Abspannung ihres
Körpers indem sie mit einem Tone der zwischen Schmerz und Unwillen schwankte
langsam zu Stanloff sprach Mein guter Doktor diese Fremde nimmt uns allen viel
Zeit und Gedanken Es ist wahrlich dahin gekommen dass das Gefühl das Alle in
diesem Schloss am nächsten erfüllen sollte das Gefühl der tiefsten Trauer um
ihren verehrungswürdigen Herrn meinen teuren Gemahl zurücktritt gegen die
allgemeine Zerstreuung die dieser Gegenstand unter uns verbreitet Ich fühle
die Pflichten die mir hiermit auferlegt sind etwas drückend und würde mich
freuen sie auf eine Art erfüllen zu können die sie bald zu ihren Angehörigen
zurückführte Sie schwieg und ein Blick auf Stanloff sagte ihr dass sie sein
edles Gefühl gekränkt habe Doch ich habe Euch mit meinen trüben Worten
unterbrochen setzte sie hinzu es ist eine Torheit zu erwarten sich
verstanden zu sehen wenn Gefühle nach dem Maassstabe des Glückes das sie uns
allein im höchsten Maße gewährten auch einen Scherz erzeugen müssen den kein
Anderer teilen und begreifen kann Diese Worte verfehlten jedoch dies Mal den
Zweck den mutigen Mann zu versöhnen Ihr habt Recht Mylady sagte er fest
wenn Ihr Gefühle nicht geteilt glaubt die zu Euch selbst nicht gehören Eure
schöne Seele müsste sonst erkennen dass nichts mehr das Andenken dessen ehren
kann an den mein Herz mit Liebe gedenken wird bis es bricht als eine freudige
und aufrichtige Erfüllung der Pflichten in denen er uns allen ein leuchtendes
Vorbild war Wenn Ihr den Anteil den das Unglück erregt hier in Euren
Umgebungen vorherrschend findet so denkt dass das Verdienst seiner erhabenen
Tugenden hier noch fortwirkt denkt noch mehr denkt dass es Euer eigenes
Beispiel ist was die Härte Eurer ebengesagten Worte widerlegt Er stand auf
und wollte sich fortbegeben als die Herzogin bitter ausrief So Stanloff
missbraucht Ihr mein grenzenloses Vertrauen um mich zu kränken Wie wenig steht
es Euch an mir Vorwürfe zu machen da ich Euch tiefer in mein Herz sehen ließ
als Andere Darum just und im tiefsten Gefühle Eures Wertes wage ich Worten
zu zürnen die Euren Gesinnungen fremd sind rief Stanloff mit edler Wärme Wer
kann Euch mehr verehren als ich Wer hat es Euch öfter und ehrfurchtsvoller
gezeigt Ich verteidige das erhabene Bild Eurer Tugenden das ich in Wahrheit
erkenne indem ich Äußerungen zürne die dort nicht ihren Ursprung haben Doch
ich hatte auch Unrecht denn musste ich nicht wissen dass Worte der Art nie bei
Euch zu Taten werden Genug Stanloff sagte die Herzogin in milderem Tone
und vielleicht schon mehr als ich verdiene ich will jetzt Eurem Berichte
geduldig zuhören Stanloff nahm schweigend seinen Sitz bei dem Kamine wieder ein
und fuhr fort Mistress Morton sagte mir dass Euer Durchlaucht von meiner ersten
Unterredung unterrichtet sind Ich hielt diese Erschütterung für nötig den
Zustand von Letargie aufzuheben der über sie verbreitet war und ich habe mich
nicht geirrt Der Geist muss oft eben so den Mechanismus des Körpers wieder
herstellen als Hilfe noch öfter umgekehrt geleistet wird Sie ist sich seitdem
ihres Unglücks aber auch all ihrer Sinnes und Geisteskräfte bewusst und ich
glaube es tritt aus der Verwirrung die sie umspann ein starker
wohlgeordneter Verstand hervor ihre körperliche Schwäche und der Gram den sie
um den Tod einer geliebten Tante empfindet halten ihn noch in einer Art
Befangenheit Aber schon nimmt man eine feine Unterscheidungsgabe wahr für das
was recht und schicklich ist und ihre Haltung ihre Worte zeugen von der
Gewohnheit einen hohen Rang einzunehmen Sie hat uns allen auf eine höchst
gefühlvolle und genügende Art für unsere Pflege gedankt Aber so sehr sie gegen
Mistress Morton und Kottington freundlich und bescheiden ist scheint sie doch
keinen Augenblick im Irrtume über die Verschiedenheit ihrer Verhältnisse Sie
hält uns von sich entfernt ohne allen Stolz ja ohne Worte ich möchte sagen
durch den Ausdruck den sie unabsichtlich hat und der wenn ich mich nicht sehr
irre ebenso ihrem Geiste als ihrem Äußeren anzugehören scheint Ich wagte es
sie um Aufschluss über ihr Schicksal zu bitten Sie bedachte sich einen
Augenblick und sagte dann freundlich Verzeiht dass ich diese Forderung Euch
nicht glaube zuerst gewähren zu dürfen Ihr macht mir Hoffnung dass ich meine
erhabene Erretterin bald werde sehen dürfen Ihr glaube ich gehören diese
Mitteilungen ihr die über meine nächste Zukunft entscheiden muss ihr muss ich
auch das Vertrauen aufsparen mit meinen Entdeckungen nach Willkür zu verfahren
Ich habe überdem nicht viel zu sagen ich könnte Euch und Allen bald mein kurzes
Unglück erzählen und ich bitte Euch nur um die Wohltat mir bald den Anblick
der erhabenen Frau zu verschaffen zu deren Füßen ich meinen Dank auszudrücken
mich sehne Stanloff hielt inne der Blick der Herzogin ruhte auf dem Teppiche
zu ihren Füßen Da sie nicht antwortete fuhr er fort Ich habe ihrer nach Euch
durstenden Seele versprochen Euch heute darum zu bitten Die Herzogin schwieg
noch immer und Stanloff fuhr fort Euer Durchlaucht muss ich noch eine
auffallende Erscheinung berichten sie betrifft Gaston Merklich fuhr hier die
Herzogin zusammen Gaston begleitete den Zug aus dem Parke nach den bestimmten
Zimmern und drängte sich überall durch um in der Nähe der Bahre und ihrer
Person zu bleiben Als die Frauen nach meiner Vorschrift die Lebensversuche
machten war er nur mit Mühe aus dem Zimmer zu entfernen aber er wich nur bis
zur äußern Schwelle Jeden der heraus trat blickte er mit einem kurzen
ängstlichen Geheul traurig an lief ihm einige Schritte nach und kehrte dann zu
seinem Platze zurück Als sie im Bette lag blieb die Tür einen Augenblick
offen Er hatte sich schnell hinein geschlichen und als wir aus dem Rebenzimmer
traten sahen wir ihn am Bette aufgerichtet abwechselnd eifrig ihre Hände lecken
und seinen Kopf hineindrängen als wollte er von ihnen geliebkost sein Ich
gestehe dass mich der Anblick rührte ich konnte ihn nicht gleich verjagen und
hörte dass er tief seufzte wie Menschen im Schmerze So blieb er Tag und Nacht
vor der Schwelle bis sie zuerst aus dem Bette war und er sie sprechen hörte Da
stürzte er die hinaus tretende Alice beinahe zu Boden und flog mit solcher
Gewalt auf die Kranke zu dass sie zum Tode erschreckt sogleich ohnmächtig
ward Gaston ward mit Gewalt entfernt und seitdem hält er sich auch ruhiger und
in seinem gewöhnlichen Bereich Und wozu diese Erzählung fragte die Herzogin
rasch von ihrem Stuhle aufstehend und einen Blick stolzer Erwartung auf
Stanloff werfend Vielleicht erwiderte der ruhige Diener sich gleichfalls
erhebend dass zwischen der Lady und Gaston ein Zusammenhang statt findet den
das kluge Tier schnell erkannt hat und der uns zu Entdeckungen führen könnte
Die Herzogin wandte ihm unwillig den Rücken und nach dem Schreibtisch hin
gehend sagte sie kalt Ich bin nicht gelehrt Master Stanloff und muss Verzicht
darauf leisten Dinge zu begreifen die über die gewöhnlichen Grenzen der
gesunden Vernunft zu gehen scheinen die Gott mir allein verliehen Ich will
Euch in so wichtigen Betrachtungen mit meiner Einfalt nicht störend sein doch
muss ich bemerken dass ich nicht wünschen kann dass solche Dinge sich im Schloss
unter den verschiedenen ungebildeten Dienstleuten verbreiten als von mir oder
meinen nächsten Umgebungen ausgehend Nichts ist ansteckender als
geheimnisvolle Träumereien und nichts gefährlicher für das Glück unverdorbener
Leute niederen Standes Ihr habt zu befehlen was meinen Mund anbetrifft sagte
Stanloff Die Tatsache der Aufmerksamkeit zu entziehen lag jedoch weder in
meiner Macht noch in meinem Beruf Die Herzogin stand bleich und bebend an
ihrem Schreibtisch und Stanloffs Herz schmolz in Wehmut bei ihrem Anblick
obwohl er heute so oft unter ihren scharfen Worten hatte leiden müssen Die
Juwelen welche sie trug und das kleine Taschenbuch habt Ihrs von Mistress
Morton erhalten hob er an mit dem gutmütigen Wunsche sie aus ihrem Zustande
zu reißen dessen Ursache er vergeblich suchte und in Gastons unschuldigem Tun
nicht finden konnte Mit beklommener Stimme sagte die Herzogin Ja wohl
Juwelen Stanloff nicht unwert in dem Diadem einer Königin zu glänzen ein
Armband und ein Kreuz Das Buch sagte sie kaum vernehmlich aber sehr hastig
war mit einer Perle von großem Werte verschlossen es lag ein Wechsel von
einigen tausend Pfund darin und noch ein Paar Zeilen Großer Gott was ist Euch
rief Stanloff denn die Herzogin endete die letzten Worte in einer Art von
Gestöhn und taumelte gegen die Pfeiler des Fensterbogens Nichts Nichts
Stanloff rief sie wie trostlos aber ruft Morton und bei Eurer Pflicht bei
Eurer tugendhaften Seele ja so lieb Euch der Friede der Meinigen ist wendet
Alles an dies Mädchen zu erhalten sie herzustellen Ich will sie sehen heute
noch sehen Stumm verneigte sich Stanloff Mistress Morton zu rufen aber sie
trat ihm in dem Vorsaal schon entgegen Sie bedarf Eurer sagte Stanloff tief
bewegt Die beiden treuen Diener blickten sich einen Augenblick stumm und
traurig an Stanloff fuhr mit dem Tuch über die Augen und Mistress Morton sah
der alte Herr war um seine Fassung Sie reichte ihm die Hand und sagte sanft
Das Rechte tun und Gott vertraun Er nickte mit dem Kopfe und eilte aus dem
Saale Mistress Morton fand ihre Gebieterin zwar blass und ermüdet doch mit
wieder erlangter Fassung Sie war seit einiger Zeit an diese plötzlich
wechselnden Zustände gewöhnt und zog es vor sie völlig unbeachtet zu lassen
überzeugt dadurch die stolze Frau am schnellsten auf sich zurück zu führen
Auch lag in dem Sinn der alten Dienerin ein gewisser Stolz auf die Kraft und
würdige Haltung ihrer Gebieterin womit sie manche ihrer Fehler in ihren Augen
versöhnte und sie war fast empfindlich die Lady seit einiger Zeit so oft mit
Weichheit und heftigem und sichtbarem Schmerze wechseln zu sehen welches der
Würde Abbruch tat in der sie dieselbe erhalten wissen wollte selbst um den
Preis dadurch als Dienerin in schärfere Grenzen der Zurückhaltung gewiesen zu
sein Die alte kluge Dame hatte sicher für diesen Charakter das Passendste
erdacht denn die Lady fühlte sich sehr wohl mit Mistress Morton und schien stets
zu einer ruhigeren Betrachtung der Dinge in ihrer Gegenwart überzugehen Auch
heute ließ sie sich ihre stummen und angenehmen kleinen Dienste gefallen sie
nahm ohne Widerstand einige Tropfen die ihr wie absichtslos gereicht wurden
als ahne man kaum den Zweck Der Sessel war bequem gegen die sanfte Glut des
Kamins geschoben die Füße ruhten gemächlich auf einem Polster und leise legte
Mistress Morton einige Bücher Arbeiten und kleine gebrauchte Gerätschaften bei
Seite wohl wissend dass das Auge der Herzogin ihren Bewegungen unwillkürlich
folgte aufmerkend ob jedes seinen Platz gewönne wodurch sie sich endlich
abziehen ließ und zu einer Art von Ruhe gelangte fast zugleich mit der
wiederkehrenden Ordnung ihres Zimmers Mistress Morton wollte nun eben ihren
Platz einnehmen und eine Arbeit ergreifen als die Herzogin mit freundlichem
sanftem Ton sich zu ihr bog Du scheinst fertig zu sein mit Deiner geschickten
Ordnungsgabe und ich will Dich bitten mir Deine Gegenwart bei meinen
beabsichtigten Besuchen zu schenken Ich freue mich dass Euer Durchlaucht so
angenehm über mich befehlen sagte nun gleichfalls Mistress Morton heiterer sich
dem Armstuhle nahend in dem die Herzogin noch immer mit allen Zeichen der
Ermüdung ruhte Sie hob jetzt den Kopf und fuhr freundlich fort Es wird wohl
nötig sein dass Du Deine Hand an meinen Kopfputz legst denn ich muss wie ich
vermute nicht sehr bedacht gewesen sein ihn zu schonen und da wir so eben
gehen in der Fremden eine neue Bekanntschaft zu machen wollen wir uns nicht
als eine Verwirrte ihr zeigen Doch halt lass sehen liebe Morton ob ich stehen
kann Es geht fuhr sie fort indem sie mit ihrer ganzen schönen Haltung
einige Schritte vorwärts tat und das Lächeln welches auf den bleichen Lippen
während sie sprach mit den vorherrschenden Schmerzenszügen gekämpft hatte
brach auf einen Augenblick durch und sie versuchte zu scherzen indem sie
fortfuhr Ich werde so schnell wie Pons die Treppe hinab und hinauf eilen
Rufe den Knaben er soll zu meinen Töchtern und dann zur Fremden mir vorangehen
Als sie jedoch die Handschuhe die ihr Morton darreichte ergriff sanken
plötzlich ihre Arme an ihr nieder Sie fasste die Lehne des Stuhls und hob Kopf
und Blick mit unaussprechlichem Ausdruck gegen die Decke Da zog Pons den
Vorhang der die angrenzenden Zimmer trennte und zeigte sein heiteres
jugendliches Gesicht das er mit Mühe in die Ehrfurcht ausdrückenden Falten zu
ziehen suchte indem er sich und seine kleine mit Federn geschmückte Mütze zur
Erde neigte Schnell war die Herzogin wieder gefasst Nun Pons sagte sie
freundlich bist Du munter oder nach Pagenart schläfrig und unlustig selbst
den Fächer oder Schleier Deiner Dame zu tragen Pons ließ statt aller Antwort
sein Auge zu ihr aufgehen und dies widerlegte mächtig den geäusserten Verdacht
denn was je an Schalkheit und Munterkeit in dem Hirn eines Pagen reifte blitzte
aus diesem kohlschwarzen Augenpaar So so sagte die Lady lächelnd Deine tiefe
Verbeugung sollte mir bloß den Schalk verbergen der mich jetzt anblickt Der
aber nie schläfrig und unlustig ist wenn seine erhabene Gebieterin ihn mit
ihren Befehlen beehrt flüsterte Pons Kind rief die Herzogin Mortons Arm im
Hinausgehen nehmend Du sprichst als hättest Du John Spencers PagenLexikon
gelesen ein berühmtes Buch unter Heinrich des Achten wohl dressirter
Pagenzunft Pons flog wie ein bunt gefiedertes Vögelchen in seinem zierlichen
Kostüm von den Farben des Hauses durch die hohen Zimmer und Gallerien das Nahen
seiner Herrin an die in den Vorzimmern der jungen Gräfinnen harrenden Diener zu
melden und die Herzogin ward mit lauter Freude von Arabella und Lucie
empfangen Beide waren mit ihren Damen in der Gesellschaft des Master Koplei
der jeden Tag einige Morgenstunden dazu benutzte den wissenschaftlichen Teil
der Erziehung der jungen Gräfinnen zu leiten Es war ein unbeschreiblich
heiterer und höchst ehrwürdiger alter Mann als Geistlicher von den
gemässigtesten Gesinnungen von einer gründlichen wissenschaftlichen Bildung
unverheiratet und mit ganzem Herzen an der herzoglichen Familie hängend der er
seit dem Vater des letzt verstorbenen Herzogs als Schlosskaplan diente Die
Herzogin hatte heute eine anmutige weiche Hingebung gegen Alle sie wusste Jedem
ein gütiges Wort zu sagen oder einen freundlichen Blick zu geben Mistress Morton
war ganz glücklich denn so war die Herzogin in ihrer besten Stimmung milde und
doch mit der Würde die ihr hoher Rang und ihr ernster Charakter mit sich
brachte Sie wusste dann Alles um sich her in eine angenehme Stimmung zu
versetzen und heilte die kleinen Wunden die sie oft schlug so dass selbst neue
weniger schmerzten Doch fühlte Mistress Morton wohl dass gegen das Ende ihres
Besuches ein kleiner Kampf in ihr entstand sie war zerstreut und blickte
zuweilen ernst um sich her Endlich erhob sie sich doch noch zaudernd trat sie
an eins der hohen Bogenfenster das nach dem Park hinaus ging Sie schien den
Sonnenblick zu verfolgen der die trüb aufgehäuften Wolken eben durchbrach und
langsam an den grünenden Partieen des Parkes dahin strich Mistress Morton sah
über die Schulter Kopleis mit dem sie eifrig sprach wie der Ausdruck in den
Zügen der Lady schnell und nichts Gutes verkündigend wechselte aber es ging
vorüber Mutig richtete sie sich von dem Fenstergesims empor sie ging auf ihre
Töchter liebreich zu schloss sie in ihre Arme und blickte ihnen lange zärtlich
in die Augen küsste sie dann beide und sagte sanft Meine geliebten Kinder wir
wollen nie Euren teuren Vater vergessen stets seiner Tugenden gedenken und
ihnen nachleben dann werden wir alle ertragen können was Gott verhängt Sie
entließ die tief gerührten Kinder aus ihren Armen grüßte mit einer anmutigen
Bewegung die Übrigen und schritt mit fester Haltung ohne Mortons Arm aus den
Zimmern die Gallerie entlang welche sich in einem Saale endigte der in zwei
Eingängen zu den Gemächern des Prinzen von Wales führte deren eine Reihe die
prachtvollen Zimmer enthielt welche die alte Herzogin für jetzt bewohnte in
den andern dagegen befanden sich die sogenannten Vorzimmer nach dem
Schlossplatze hinaus gehend und jetzt von der Fremden bewohnt welche die
Herzogin im Begriff stand aufzusuchen Pons flog schon von seiner Meldung
zurückkehrend der Herzogin in dem Saale entgegen aber sie schien ihn nicht zu
sehen sondern schritt an ihm vorüber in die geöffnete Zimmerreihe Kaum hatte
sie das erste Zimmer betreten als an der Schwelle des dritten eine weibliche
Gestalt erschien die so wie sie die Herzogin erblickte rasch voreilte so dass
die Herzogin mit ihr in dem dazwischen liegenden Zimmer zusammen traf Einen
Augenblick ruhten Beider Blicke auf einander dann lag die Fremde mit gebeugtem
Haupte zu den Füßen der Herzogin die in demselben Augenblicke leise wie
sterbend die herzueilende Morton rief deren Arm krampfhaft ergriff und starr
ihre Blicke auf die Knieende heftend unfähig eines Wortes einer Bewegung
blieb O meine Beschützerin rief jetzt die Knieende und diese Worte waren von
einer so melodischen Fülle des Tones begleitet dass sie süß jedes Ohr erreichen
mussten aber die Herzogin zuckte zusammen als ob diese Töne sie zerrissen Doch
es war das letzte Zeichen ihrer Erschütterung ihre Besinnung kehrte wieder und
sie fühlte mit Scham und Verlegenheit wie die Arme noch zu ihren Füßen lag Um
Gott Mylady was tut Ihr rief sie lebhaft steht auf Knieen wollen wir aber
gemeinschaftlich vor dem liebevollen Beschützer dort oben der Euch hierher
führte wo wir uns bemühen wollen die Euch widerfahrene Unbill gut zu machen
Da hob die Fremde zuerst ihren Kopf von der Brust zu der Herzogin empor und
zeigte ein Antlitz überströmt von Tränen aber mit dem sanften Anhauche eines
dankbaren Lächelns das dies Gesicht trotz seiner Lilienblässe mit dem
rührenden Zauber weiblicher Schönheit belebte Sie richtete sich vom Boden mit
Hilfe der Herzogin auf und stand nun vor ihr in einer völlig ungezwungenen und
natürlichen Haltung Aber als sie von der Herzogin geführt mit ihr nach einem
Sessel ging wollte es selbst Morton der eifersüchtigen Dienerin scheinen als
ob die Herzogin in schöner Haltung nachstehe und diese junge Gestalt allein
Alles vereinige was man darunter zu verstehen pflegt Stanloff hat uns heute
endlich die Erlaubnis gegeben Euch sehen zu dürfen sagte die Herzogin indem
sie Platz nahm und ich bin hier Euch willkommen zu heißen und Euch zu fragen
ob Ihr keine Klagen zu führen habt über irgend eine gegen Euch versäumte
Pflicht oder ob ich in irgend etwas persönlich im Stande bin Euch zu dienen
O Mylady rief hier die Fremde und drückte die schönen Hände an ihre Brust
fragt nicht ob es mir gut erging Ich war seit ich in diesem Schloss bin in
den Händen der edelsten Menschen Ihr Auge richtete sich bei diesen Worten mit
einem Glanze auf Mistress Morton der aus der warmen Dankbarkeit eines schönen
Herzens zu steigen schien und so ausdrucksvoll war dass die ehrwürdige Dame
ganz bewegt tiefer sich vor ihr neigte als sie es nachher in ihrem Zimmer
begreifen konnte und die Herzogin von dieser alten und stolzen Frau nie anders
als vor sich selber es erlebt hatte Und Ihr Mylady fuhr sie fort kommt nun
zu mir armen verwaisten Kinde Ihr wollt den großmütigen Schutz bestätigen
den ich bis jetzt genoss Ach ich danke Euch für die Wohltat Eures Anblickes
Ihr werdet mir erlauben Euch mein Herz zu öffnen und von Euch werde ich dann
besser als von mir selbst erfahren wie mein Schicksal anzusehen ist Lasst
das für jetzt liebes Kind sagte die Herzogin und legte sanft die Hand auf ihre
Schultern nicht um Euch an Euer Unglück zu erinnern kam ich hierher ich darf
ohne Stanloffs Vorwürfe zu verdienen nicht zugeben dass Ihr Euch erschüttert
Es bedarf nicht solcher Mitteilungen fuhr sie immer wärmer fort schweigt über
Eure Verhältnisse Euren Namen so lange es Euch gefällt Ihr seid meines
Schutzes gewiss und ich bedarf nun ich Euch gesehen vorläufig keines Bürgen
auf dieser Stirn stehen die Vorrechte der Geburt und der Unschuld Der
gespannten Aufmerksamkeit der Mistress Morton war es nicht entgangen dass die
Herzogin hier in wenig Minuten das Schicksal derer teilte die sich bisher
dieser jungen Person genähert und aus ihrer Persönlichkeit denselben Glauben
geschöpft hatten Die Herzogin schien selbst zu fühlen dass sie diesen eben
bezeichneten Eindruck etwas schnell gewonnen habe sie liebte nicht wenn ihr
Gefühl ihrem Verstande voraus eilte vielleicht weil sie sich des ersteren
nicht als ganz zuverlässig bewusst war und sie sah ein aufsteigendes Missbehagen
über ihre schnelle Hingebung in sich voraus als dieser augenblickliche
Ideenflug unterbrochen ward durch die Worte Geburt und Unschuld welche die
junge Lady mit einem unverkennbaren Ausdruck von Erstaunen wiederholte Sie
schien hier vor einer neuen Idee zu stehen die sie nicht zu verfolgen
vermochte und es lagerte sich ein zarter Anflug von Nachdenken um ihr ernster
werdendes Antlitz Doch die stets verwöhnte Herzogin nie sehr geneigt die
feinern Empfindungen Anderer zu bemerken oder erraten zu wollen da sie gern
ihre eigenen ihren Umgebungen als Ziel zu stecken pflegte schien auch diese
unverkennbare Wirkung ihrer Worte in der jungen Lady übersehen zu wollen setzte
aber mit einem sehr wohlwollenden Tone hinzu indem sie sich erhob Ich darf
nun hoffe ich ohne Euch zu sehr anzugreifen für Eure Unterhaltung sorgen
Meine Töchter ihre beiden Damen sollen Eure Einsamkeit Euch erleichtern helfen
bis Ihr so weit hergestellt seid in unserm Familienkreis erscheinen zu können
Lebt wohl Lady und richtet Euren Geist auf damit Eure Gesundheit erstarken
könne O geht noch nicht rief die Unbekannte wie erwachend und stellte
sich schnell von ihrem Platze vor die Herzogin sagt mir edle Frau Ihr wollt
mich ferner schützen Kein Mensch kann hier feindlich eindringen Diese Zimmer
sind ganz sicher Ach verzeiht mir liebe Mistress Morton oft habt Ihr gütig
diese Fragen mir beantwortet ich glaubte Euren tröstlichen Worten und doch
sehnte ich mich nach der Bestätigung aus diesem Munde O zürnt mir nicht
Mylady man nannte mich furchtlos sonst Ach man hat sich schwer getäuscht
meinem glücklichen Leben fehlte bloß das Furchtbare mit ihm lernte ich auch die
Furcht kennen Seid unbesorgt erwiderte die Herzogin dies störe nimmer Eure
Ruhe Für Eure Sicherheit verbürg ich mich im Schoss der Euren wart Ihr nicht
sicherer Gott lohne Euch so große Güte rief nun das holde Wesen und es
wiederstrahlte ihr Gesicht von Dank und inniger Verehrung Sie hatte lieblich
sich gebeugt und ihre Hände kindlich auf die Brust gekreuzt Die reichen braunen
Locken umschatteten in glänzender Fülle die hohe Stirn das liebliche Oval Sie
hob die Augen langsam zur Herzogin empor und wer diesen Blick erkannt hatte
der musste für immer sich ihr weihn Auch schien die Herzogin davon aufs Neue
erschüttert noch ruhte ihr Auge darauf als könnte sie es nicht losreißen
aber ihre Füße ihre Arme hoben sich außer aller Haltung wie zur Flucht Die
Farbe wechselte auf ihren Wangen und kaum vernehmlich stammelte sie ein wenig
motivirtes schnelles Abschiedswort Rasch eilte sie durch die Zimmer und blieb
dann unbeweglich vor Pons stehen der im Vorsaal harrend in seiner tief
gebeugten Stellung um ihre Befehle fragte Sie sah ihn nicht seine Worte
erreichten nicht ihr Ohr Ihre Augen blickten trübe in die Ferne des Saales als
gewahre sie dort einen Gegenstand Pons hob bei ihrem fortgesetzten Schweigen
den Kopf empor vielleicht in guter Hoffnung einer Fortsetzung des früheren
Scherzes
Aber so auffallend war der Ausdruck in den Zügen seiner Herrin dass er
zurück sprang und die Augen scheu nach dem Raume warf in den die Herzogin
hineinstarrte Zur selben Zeit trat Mistress Morton vor und ihre Stimme
erreichte ihr Ohr Was willst Du Morton was habe ich getan wie sagst Du
rief die Herzogin jetzt schnell auf einander Pons erwartet die Befehle Euer
Durchlaucht sagte Morton in fast strengem Ton Die Herzogin strich mit der Hand
über die gespannte Stirn und deutete dann nach den Türen welche zu den Zimmern
der alten Herzogin führten Pons verschwand wie der Blitz aber die Herzogin
behielt keine Zeit sich zu sammeln denn die alte Lady von ihrer Nähe
unterrichtet hatte schon Lovelance an die Tür geschickt den möglichen Besuch
der Schwiegertochter zu empfangen Sie kam ihr in ihrem Wohnzimmer entgegen
aber die freundlichen Mienen und Worte mit denen sie daher kam erstarben als
sie die Herzogin näher anblickte Todtenbleich mit gebrochenen Augen zuckten
ihre Lippen nach Worten aber nur ihre Hand konnte ein schwaches Zeichen gegen
die Tür machen Diese verschloss sich dem Winke und sie ergriff mit letzter
Kraft einen Lehnstuhl darauf bewusstlos niedersinkend Ruft Niemanden zu Hilfe
Milady rief die besonnene Morton und erschreckt nicht es wird bald vorüber
gehen Ich führe Alles bei mir was der Frau Herzogin nötig ist Während dem
löste sie geschickt den Gürtel und die Banden an dem Kopfzeuge und rieb Stirn
und Schläfe und die zuckenden Pulse mit flüchtigen Tropfen indes die alte Lady
so ruhig und gefasst wie die alte Dienerin mit mütterlicher Innigkeit zwischen
ihren warmen Händen die erstarrten der Herzogin zu beleben suchte
Sah meine Tochter die Fremde Sie sah sie so eben Dies waren die
einzigen leise gewechselten Worte der beiden Frauen Ihren stillen Bemühungen
entsprach bald der Erfolg Die Herzogin schlug die Augen auf und sich
zusammenraffend blickte sie umher Als ihr klar ward was geschehen war suchte
sie sich zu erheben Sie wollte sprechen doch die alte Lady ließ sie nicht zu
Worte kommen sondern sagte indem sie sanft sie zu einem Stuhl am Kamin führte
und in ungestörter Ruhe wie es schien sich an ihrer Seite niederließ
Muss ich nicht wieder schelten Wie Du Deine Gesundheit wagst Ohne Mantel
bist Du über die kalten Gallerien und Säle gegangen und die Luft ist so voll
Nebel heute dass kein Fenster dicht genug ist ihn abzuhalten Vergisst Du ganz
wie Deine Gesundheit jetzt zarter behandelt sein will als sonst Wollten wir
Dich strafen plauderten wir aus wie leidend Du Dich machst aber wenn Du
Deinem alten Mütterchen nur künftig folgen willst wollen wir Dich nicht
verraten denn Deine Kinder hätten freilich groß Recht mit Dir zu schelten
Die Herzogin senkte den Blick den sie während die edle Lady sprach fest
auf sie gewendet hielt als wollte sie die unbefangenen Worte prüfen Doch wenn
auch zweifelhaft blieb ob sie diese jähe Ohnmacht wirklich dem Nebel in den
Gallerien zuschrieb Wohlwollen ungekünstelt und rein wie es in diesem Herzen
vorwaltete war der unverkennbare Ausdruck in ihren weichen Zügen ihrem Blick
im Ton der Stimme Der starre Ernst auf dem bleichen Angesicht der Herzogin
löste sich wie öfters an der Seite dieses warmen hingebenden Gemüts in eine
Art von Ergebung auf Sanft zog sie die liebende Hand an ihre Lippen und sagte
mild
Du hast mich also noch nicht aufgegeben meine wahre liebe Mutter Man
schilt nur da wo man noch auf Besserung hofft Ich will Dir so gerne folgen
hätte ich Dir immer folgen können wäre ich Dir vielleicht ähnlicher Ach ich
bin schwach wie ich und Andere mich wohl noch nie gesehen Ich bin mir fremd
und kann mich in mir selbst nicht finden Welch ein gebrechlich Ding ist was
wir oft in uns als Kraft bezeichnen möchten weil wir ertragen konnten was
Andere um uns her erweichte und jener eitle Wahn eines steten Mutes weil uns
lang verschonte was uns zu beugen aufbehalten war wenn er verfliegt welch
einen Blick lässt er in unser Inneres tun von dem wir ohne Vorwurf kaum uns
wenden können Es will uns mahnen als hätten wir Vieles wohl in uns versäumt
zur Hilfe aufzuziehen da wir irrtümlich so stolz des Einen uns gesichert
glaubten was wir Kraft nannten
Wo ist die Brust die menschlich fühlt geliebte Tochter erwiderte ernst
die alte Lady und dennoch ohne Wanken in immer gleicher Fassung sich rühmen
kann dem Leben zu begegnen Wir hören darum nicht auf kräftigen Gemüts zu
sein wenn uns erschüttert was Gott zur Prüfung dieser Kraft beschliesst sie
wird oft erst recht wahrhaft uns zu Teil wenn wir durchdrungen wurden von
ihrer irdischen Gebrechlichkeit Es hat mir oft scheinen wollen als deuteten
gar Viele den Begriff von Kraft wohl anders als es vielleicht von Gott
bezeichnet ward und Du geliebtes Kind scheinst mir mit Deinen Klagen zuerst
Dir selbst zu nahe zu treten Kraft ist etwas Anderes als Härte des Gefühls Du
bist nicht schwach wenn Du tief leidend fühlst was Gottes Hand Dir auferlegte
In Deinem Schmerze auch liegt Kraft die Du zerstoben wähnst weil sie Dich
nicht mehr rüstet gegen ihn Nicht das ist mir als Kraft erschienen was uns
ablöst von dem Allgefühl von Schmerz und Freude kräftig just scheint mir der
Mensch gestaltet der Raum und Anklang für den Vollbegriff des Daseins hat
Freud und Schmerz muss Recht behalten über ihn und Streit und Widersprüche
dürfen ihn bewegen Immer wird er noch zum Bund der Starken sich zählen dürfen
denn wenn Du reich begabt ins Leben trittst ergreift es Dich auch reich Du
trachtest es zu heherrschen es reizt Dich dass Du von ihm beherrscht Dich
fühlst Dies Ringen um den Preis der Freiheit ist das Ziel das jeder starken
Seele vorschwebt und jeder Siegende muss Kämpfer gewesen sein Was Dich alsdann
erquickt nenn es Frieden nenn es Geduld es ist so schwer es zu erringen
dass auch der Starke es spät erst in seiner vollen Bedeutung sein eigen nennt
Geduld geliebte Mutter nennst Du dies Lammgefühl was die Natur ohne alle
Zugabe und Verdienst oft in die Brust des schlaffsten Wesens bei der Geburt
schon legte Nennst Du es synonym mit Kraft während mir beide als Pole in der
menschlichen Natur erscheinen Ist denn Geduld nicht just der Mangel aller
Kraft Wird der der Mut in sich fühlt dem Leben die Gestaltung abzuringen
die er in sich beschlossen als die rechte wird er anstatt zu tun wozu die
Kräfte ihn beriefen als tatenloser Zeuge stehen und bloß empfangen gut oder
schlecht was Andere statt seiner beschlossen
Wer hat gelebt und nicht erfahren liebe Tochter dass jenen mutigen
Beschlüssen im Gelingen die Grenze gesteckt ist Wir schauen das Leben an ein
lieblich Rätsel in der Jugend von dem wir nur glückliche Auflösung hoffen Es
widerstrebt dann später und wir entzücken uns im Widerstande der unsere Kräfte
weckt im heißen aber genügenden Gefühl so viel zu geben als wir nehmen Wer
kräftig erschaffen ward der träumt das Leben sei in seiner kühnen Hand nach
Außen hin sieht er Hoffnungen erweckt und suchet große Dinge doch ist kaum der
Gipfel erreicht wo er beginnen wollte und es bricht zusammen was in dem
Bereiche dieser Trümmer lag was er just schaffen und erreichen wollte Gar
leicht erscheint da dem Besten auch der Augenblick wo er sich frägt ob er die
Welt ob die Welt ihn betrogen habe Der Kräftige überlebt diesen Augenblick
und was dann in ihm ersteht beglaubigt erst was früher er verheißen Zwischen
Wollen und Gelingen ist die geheimnisvolle Tiefe ihm aufgedeckt Die Grenze die
dem raschen Schritte von Außen ward gesteckt er steckt sie selbst sich in die
feste Brust In sich zurückgewiesen sammelt er die Schätze die so reizend aus
sich selber ihn herausgelockt und was aus diesem züchtig eingehegten Schatze
nach Außen dann wieder dringet es will nicht sich es will dem Guten helfend
sich erweisen Auf diesem Wege kommt im Starken und just allein in ihm das
große Wort zu Ehren was ich Dir nannte Nenne es Frieden nenn es Geduld
O Mutter wie Wenige verdienen dann Dein heilig Wort Wie schnöde hab ich
selber auf dies Gefühl geblickt was aus Deinen Worten zum Heilgenschein mir
wird um eines Märtyrers vernarbte Stirn
Und wer auch meine Tochter ruft die Deutung dieses Wortes uns himmlischer
zurück als diese Muster höchster Kraft und Tugend Lohnte ihnen denn auf ihrem
Wege der irdische Erfolg Glichen sie nicht alle von dem Höchsten an dem
Säemann der lang vor der Ernte dem Felde entrückt ward das er in dürrer Zeit
den jungen Keim zu nähren mit seinem eignen Blute sanft beträufte War die
Geduld mit der sie schieden nicht dieser höhere Aufschwung ihrer Seelen war
sie nicht Kraft
Sie war es teure Mutter Nie habe ich dies verkannt und doch ist mir die
Anwendung für unser kleines Leben ich gestehe es Dir nie ganz so klar
geworden Es ist mir als müsste ich die Bedeutung die heute mich davon
durchdrungen in alle Welt verkündigen dass Keiner länger wähne er sei in
Kraft wenn er dem Leben grolle das von seinem eitlen Streben ihn verwiesen und
eine Bahn ihn führt die minder den stolzen Träumen genügt die er sich selbst
erschuf
Der ist der Schwache liebes Kind der unablässig dem Phantome seiner
Eitelkeit nachschleicht der daran selbst sich zehrt in ewig unbefriedigter
Empfindung und dem Individuum hassend aufzubürden strebt was seine eigne
Schwäche ihm geboren Doch lass mich ein Ziel finden habe ich nicht zu lange in
diesem unbequemen Lehnstuhl Dich gefesselt bei Deinen Leiden
Glaube das nicht geliebte Mutter Ein Engel führte meine wankenden Schritte
zu Dir immer ist Deine liebe Nähe der Balsam für mein Herz doch heute haben
Deine Worte mich erhoben Du weißt nicht wie und wie just zur rechten Zeit
Gelobt sei Gott sagte die alte Lady und küsste der scheidenden Herzogin die
Stirn wir müssen stets mit Rührung und mit Dankbarkeit es hören wenn Gott sich
unserer bedient denen wohlzutun die er liebt
Als die Damen sich bei der Mittagstafel wieder fanden zeigte die Herzogin ihrer
Schwiegermutter an dass sie Briefe aus London von Lord Archimbald und ihren
Söhnen habe und dass sie in einigen Tagen schon ihren Schwager und den jungen
Herzog zurück erwarten dürfe Ihre Töchter und Mistress Dedington und Karby
forderte sie dagegen auf den Nachmittag der fremden Lady einen Besuch zu
machen Lucie schlug entzückt in die Hände und es war seit lange wieder das
erste heitere Mittagsmahl denn auch die nahe Ankunft des Oheims und Bruders
schien auf die verschiedenen Hausgenossen nach Maassgabe ihrer Verhältnisse
belebend zu wirken Doch Luciens Vergnügen kannte keine Grenzen Die fremde
Lady der Bruder der Oheim Alles reizte ihre natürliche gute Laune und Ramsei
und Pons und Ottwei und Jepson und andere ihrer Lieblinge mussten durch tausend
kleine unschuldige Neckereien der Ableiter werden bis sie die Füßchen zu ihren
Sprüngen gebrauchen durfte Mit einem Mal rief sie
Liebe Mama Du hast uns noch nicht gesagt wie die fremde Lady heißt wie
sollen wir sie nennen
Danach fragte ich nicht mein Kind denn es geziemt sich nicht den der
unsern Schutz genießt mit Fragen der Art zu belästigen
Aber warum sagte sie ihren Namen Dir nicht fragte Lucie weiter
Ich wünschte nicht dass sie Dinge spräche die sie angriffen da Doktor
Stanloff sie geschont wissen wollte Lucie wollte eben weiter fragen warum
die Nennung ihres Namens angreifend sei als die Herzogin nach einigen leisen
Worten gegen ihre Schwiegermutter zugleich mit derselben sich erhob mit dem
Bemerken sie wünsche dass man sich beim Desert nicht stören lasse welches ein
Zeichen war dass die beiden Damen allein sein wollten Als die Herzogin ihre
Schwiegermutter zum Kamin geführt hatte nahm sie die empfangenen Briefe und
mit der ehrfurchtsvollen Aufmerksamkeit gegen ein Familienhaupt als welches die
alte Herzogin trotz ihrer bescheidenen Zurückhaltung immer in der Familie
angesehen ward zeigte sie ihr an dass Lord Archimbald ihr einige Nachrichten
gegeben habe über die schon vor dem Tode ihres Gemahl mit dem Grafen von Dorset
angeknüpften Heiratsangelegenheiten zwischen ihrem Sohne Robert und der
ältesten Tochter des Grafen der Lady Anna Dorset Beide hatten sich auf der
Reise des Herzogs nach Spanien bereits in London kennen gelernt und wie es
schien sich gefallen Die Väter waren sehr erfreut ihre Wünsche so in
Erfüllung gehen zu sehen und der Oberhofmeister Graf Dorset hatte den
nunmehrigen jungen Herzog mit Auszeichnung empfangen und den Grafen Archimbald
und Salisbury alle dem verstorbenen Herzog geleisteten Versprechungen in Betreff
der Vermählung wiederholt
Mein Sohn jedoch fuhr die Herzogin fort hat es im gegenwärtigen
Augenblicke unpassend gefunden mit seinen Bewerbungen vorzutreten und obwohl
er in dem Familienkreise des Grafen Dorset erschienen ist und mit hoher
Bewunderung von der jungen Lady spricht ist doch seine Absicht darauf gerichtet
gewesen sich seiner Pflichten bei Hofe zu entledigen um zu uns zurückzukehren
Graf Archimbald wird ihn begleiten um ihn hier in den auf ihn harrenden
Pflichten zu unterstützen er hat aber dagegen einwilligen müssen meinen Sohn
Richmond für einige Wochen beim Grafen von Salisbury zurückzulassen weil
derselbe leidend die Unterstützung einer zuverlässigen und ihm ergebenen Person
wünschte Hier ist Richmonds liebenswürdiger Brief und hier die Einlage vom
Grafen Archimbald
Ich kann Dir nur Glück wünschen erwiderte die alte Herzogin zu der
Aussicht einer Vermählung die ich nach meiner Bekanntschaft mit der Familie
Dorset heilbringend hoffen darf Der Graf hat noch eine jüngere Tochter welche
Olony heißt und Beide denke ich konnten unter der Leitung einer solchen
Mutter nur gut sich entwickeln Es müssen übrigens die reichsten Erbinnen in
London sein Olony jedoch bedeutend jünger als Anna
Lies selbst liebe Mutter sagte die Herzogin lächelnd und reichte ihr Graf
Archimbalds Brief was mein Schwager mir über Olony sagt denn für Dich wird
wohl das strenge Geheimnis nicht obwalten das er mir anempfiehlt Du wirst
daraus selbst sehen dass er dies junge Fräulein das ihn ganz bezaubert hat
nicht umsonst nächst Anna für die glänzendste Partie anerkennt und dass sie
ihm für Richmond wie geschaffen scheint Doch als das Nötigste erkennt er die
größte Geheimhaltung dieses Wunsches da Richmond sich stets mit einer Art von
Geringschätzung über gestiftete Heiraten ausgelassen hat und dies der erste
Grund sein würde ihn zu entfernen
Ich war nicht ohne Gedanken darüber sagte die alte Herzogin es kommt
vielleicht so ohne unser absichtliches Dazutun was allerdings vorzuziehn ist
Es freut mich dass Katarine von Dorset die Mutter dieser lieben Mädchen
welche mir kindlich ergeben ist mir früher als die TrauerNachricht zu uns
kam versprach ihre Töchter mir zuzuführen Ich tue daher nichts
Absichtliches wenn ich bei dem nahenden Sommer und meiner Rückkehr nach
Burtonhall sie an ihr Versprechen erinnere
Als man sich an dem Abend desselben Tages getrennt und die Herzogin die
übrigen Frauen ihrer Bedienung entlassen hatte wendete sie sich zu Mistress
Morton die stets bis zu dem Augenblick bei ihrer Gebieterin blieb wo diese ihr
Lager bestieg und sagte die Hand auf ihre Lippen legend mit leiser Stimme
Gehe Morton sieh ob Alles in Ruh um uns ist ob der Weg sie stockte und
legte schnell die Hand unter ihre linke Brust als ob sie einen Schmerz fühle
ob der Weg fuhr sie mit bebender Stimme fort leer ist und ungestört über diese
Zimmer bis zum italienischen Flügel Ja Morton Du hörtest recht erschrick
nicht es ist unwiderruflich beschlossen setzte sie hinzu da Mistress Morton
zurück wich und ihr Erstaunen fast wie ein kleiner Ungehorsam aussah Schweig
ich bitte Dich Ich möchte in diesem Augenblick nicht gern streng sein am
wenigsten zu Dir meine treue Freundin und doch ich würde den Dienst den Du
mir heute noch leisten wirst selbst mit Härte von Dir erpressen Mistress
Morton kannte ihre Gebieterin zu wohl um nicht an die Wahrheit dieser Worte zu
glauben aber dies Vorhaben widerstrebte zu sehr ihrem treuen und vernünftigen
Sinn um sich ihm bereitwillig zu fügen
Es steht in Euer Durchlaucht Gewalt meinen Gehorsam zu erzwingen sagte die
ehrwürdige Frau und senkte bekümmert die Augen zur Erde ich fühle dies in
diesem Augenblicke seit den langen Jahren die ich Euch diene zum Ersten Mal
mit Schmerz denn ich fürchte Ihr fordert meinen Gehorsam gegen Euer Wohl
Genug genug Mache es mir nicht schwer das ohnehin so Schwere rief die
Herzogin ohne Unwillen aber mit tiefem Schmerz sei gut rege nicht mein Herz
auch noch durch die Furcht Dir wehe zu tun auf Geh geh Tue was ich Dich
bat es muss geschehen Es wird mir gut tun lass mich nicht weiter sprechen und
geh jetzt
Mistress Morton fühlte wie umsonst ihr Widerstand sein würde aber ihr
Gesicht war von den Gefühlen ihrer Brust mit dem Ausdruck tiefen Schmerzes
umzogen und die Herzogin wendete sich mit einem Seufzer weg als die alte Dame
stumm eine der Kerzen ergriff und sich aus dem Zimmer begab Sie untersuchte mit
trüber Ahnung die Ruhe des Schlosses und kehrte nachdem sie überall Alles still
und ruhig gefunden mit schwerem Herzen nach dem Schlafgemach zurück Sie fand
dies leer aber die Türe die nach dem Chorstuhl in der Kapelle geöffnet war
deutete an wohin die Herzogin mit ihrem beladenen Herzen sich geflüchtet Voll
Ehrfurcht und erhoben von der Erinnerung an diesen höchsten Trost faltete
Mistress Morton ihre zitternden Hände und das kurze aber innige Gebet ihres
treuen Herzens war so uneigennützigen Inhalts wie wohl selten zu dem Throne
Gottes dringen mag Ihre Gedanken wurden jedoch jetzt abgezogen durch die Worte
welche aus der Kapelle zu ihr drangen und der Schluss eines Gebetes zu sein
schienen das mit starker flehender Stimme gesprochen wurde
Herr segne den schwachen Willen meines Herzens lass mich Milde üben und
belebe mit dem Geiste Deiner unerschöpflichen Güte diese erkaltete Brust Du
siehst in die Tiefen der Seele Du kennst die Gedanken ehe sie entstehen Vor
Dir sinkt das Gerüst des Stolzes und der Eitelkeit wohinter wir unser Gewissen
zu bergen suchen So erwecke mich denn und rüste mich aus Deinen Willen zu
erfüllen Nicht das geschehe was ich in meiner irdischen Schwäche begehre
sondern das was Du willst das lehre mich tun und Dein guter Geist führe mich
auf ebener Bahn Es ward still und bald erschien die Herzogin an dem Eingang
der Tür und als ihr Blick auf Mistress Morton fiel die mit gefalteten Händen
den Kopf in Andacht auf die Brust gesenkt ihr gegenüber stand schritt sie ihr
entgegen und sagte mit gehobener Stimme Amen Amen erwiderte Mistress Morton
leise Beide Blicke trafen sich und die Scheidewand zwischen Herrin und
Dienerin sank nieder in dem frommen Gefühle womit Beide erfüllt waren Die
Herrin ruhte einen Augenblick an dem mütterlichen Busen der edlen Frau die in
der Liebe zu ihrer Gebieterin die eignen Wünsche längst verlernt hatte Willig
ließ sie sich dann gefallen was die alte Freundin zu ihrer Verhüllung herbei
schaffte und unterdrückte das hindernde Wort als die Sorgliche mit
geheimnisvoller Hast nach dem Fläschchen griff dessen Inhalt der Herzogin oft
zu Hilfe kommen musste Sie nahm sodann den Armleuchter und schritt der Herzogin
voraus Der Mond leuchtete vor ihnen her durch die hohen Bogenfenster das Licht
der schwankenden Kerzen vermochte die weiten Räume nicht zu durchdringen aber
die seit Jahren so oft durchstreiften Gemächer boten kein Hindernis dar und man
gelangte nach dem nördlichen Turmzimmer und stand jetzt vor der Tür die nach
dem italienischen Flügel führte Die Herzogin reichte mit gesenktem Blick an
Mistress Morton den Schlüssel den sie unter ihrem Mantel trug und Morton
öffnete die Türe welche sogleich die weiten Säle überschauen ließ die in
ihrer innern Einrichtung so abweichend von den eben durchwanderten Zimmern die
Kunstwerke aufbewahrten welche diesem Flügel seinen Namen gaben Seit der
Abreise des letzt verstorbenen Herzogs nach Spanien waren diese Zimmer nicht
eröffnet Die Herzogin bewahrte den Schlüssel dazu und hatte bis jetzt jeden
Gebrauch desselben verweigert Wer hätte denken mögen dass sie selbst diese
Stelle zuerst und zu einer Stunde betreten würde die den Geist empfänglicher
macht für die Schauer so schmerzlicher Erinnerungen Auch schien die Lady von
dem ganzen Gewichte dieses Augenblicks ergriffen und blieb wie überwältigt an
der Schwelle stehen während ihr im qualvollsten Schmerze glänzendes Auge die
Räume durchflog die durch den Schein des Mondes der hier durch farblose
breite Fenster drang ganz ungemein erhellt gegen die düstern eben
durchstreiften Gemächer einen so auffallenden Kontrast bildeten dass es scheinen
konnte als liege hier die Wohnung eines verklärten Geistes von überirdischem
Lichte erhellt vor Augen Der Zauber des Schönen benahm so dem Düstern
jegliches Grauenhafte der Geist hob sich unter dem Einfluss dieser Magie und
die Herzogin überschritt die Schwelle während ihre Seele auf einen Augenblick
abgezogen war von dem Schmerze ihrer Brust Leise den Kopf schüttelnd folgte ihr
Mistress Morton Das Vorhaben ihrer Gebieterin zu dieser Stunde die Wohnung des
geliebten Gemahls wieder sehen zu wollen schien ihr so weit die Grenzen von
Vernunft und Mäßigung zu überschreiten die sie sonst bei ihrer Gebieterin wahr
zu nehmen gewohnt war dass sie sich gestehen musste sie könne ihr nicht mit
ihren Gedanken folgen Es schien eine Art von Überspannung eine Schwärmerei in
ihrem Beginnen zu liegen wofür die alte Dame weder in sich noch in den
bisherigen Handlungen der Herzogin einen Maßstab fand und sie musste hier
entweder dem Tadel Raum geben oder einer aufkeimenden Ahnung dass noch ein
anderes geheimes Motiv bei der Herzogin zu Grunde liegen könne Sie behielt
wenig Zeit zu solchen Betrachtungen indem sie dicht hinter ihrer Gebieterin in
das Zimmer des Herzogs trat Die unglückliche Gattin plötzlich von all den
teuren Gegenständen umgeben die in ungestörter Ordnung noch seiner Ankunft zu
harren schienen und die treuen Zeugen seines schönen Lebens waren sank mit
einem Strom von Tränen an dem Armstuhl nieder in dem er so oft vor dem mit
Büchern und Karten bedeckten Schreibtisch saß Jedem der in die
gegenüberliegende Tür trat das helle Auge zuwendend
Welch eine Reihe von Gedanken ergriff hier mächtig ihr gebeugtes Herz in
diesem ihr fast heilig scheinenden Gemach von seinem Fuß zuletzt betreten von
seinem Odem noch erfüllt Die ewige schreckliche Trennung die sie mit allen
Qualen durchgefühlt hier schien sie ihr zur Lüge zu werden Sie hob den Kopf
sie schaute umher die Täuschung schien von diesen teuren Umgebungen ihr Gewand
zu borgen er musste kommen hier konnte er nicht fehlen
Komm rief sie dumpf verlass mich nicht Komm O lass mich nicht allein Sie
lag noch auf ihren Knien aber aufgerichtet mit dem Haupte das sie über ihre
Schulter nach der Seite zu gewendet hatte wo ein dichter Vorhang den Eingang
zum Schlafgemache verbarg Es war unaussprechlich schauerlich wie sie die Hand
ausstreckte als wolle sie die seinige ergreifen Mistress Morton bebten die
Knie und es rieselte kalt über ihre Gebeine Sie war frei von den Schwächen
die der damaligen Zeit noch nicht fremd waren an Zauber und Erscheinungen zu
glauben aber sie hatte den edlen Herzog geliebt und die Erinnerungen die dies
Zimmer in sich schloss hatten ihr treues Herz aufs Neue in Trauer versenkt Sie
begriff die Leiden ihrer unglücklichen Gebieterin zu wohl und hegte zu viel
Ehrfurcht für dieselbe um störend mit ihrem geringen Troste dazwischen treten
zu mögen
Aber sie schauderte und ihr sorglicher Blick richtete sich auf das Ende so
tiefer und zerstörender Leiden Der Ausdruck in den Zügen der Herzogin war milde
geworden und ihr Auge in trübem Glanze schwimmend von einer unaussprechlichen
Tiefe des Schmerzes und der Zärtlichkeit belebt Aber ihr langes stummes Harren
blieb umsonst der Vorhang bewegte sich nicht nur ein tiefer Seufzer traf ihr
Ohr und riss sie vom Boden empor Sie stürzte einige Schritte vorwärts und stand
vor der bebenden Morton die sie völlig vergessen hatte und aus deren treuem
Busen der Seufzer gedrungen war der selbst diese starke Frau bis an die Grenzen
des Geisterreichs geführt hatte
Doch der kurze Wahn von dem sie hier umsponnen ward war alsobald
zerrissen und die Wirklichkeit trat schmerzenbringender als je ihr nahe denn
die Sehnsucht war in ihrer ganzen Stärke wiederum erwacht und die
unwiderrufliche Notwendigkeit dies öde Dasein ohne ihn zu tragen ergriff dies
ungezähmte leidenschaftliche Gemüt in ihrer ganzen Stärke In bitteren Tränen
aufgelöst sank sie in einen Stuhl nieder und vergeblich rang dies Herz nach
Ergebung und Geduld Der Augenblick war ganz verschieden von jenem früheren der
sie voll Andacht der Kapelle zugeführt und was jetzt zu Gott gelangte aus der
gereizten Brust wir wollen hoffen es fand Gnade vor dem väterlichen Richter
der mild den Schmerz der irdisch Fühlenden betrachtet
Auch dieser Wendung ihres Kummers sah Morton lange schweigend zu doch von
den Türmen tönte dumpf der letzte Ruf der Wächter verkündigend dass
Mitternacht vorüber sei und ihr Mut ward durch die pflichtgetreue Sorge um
diese schrecklich nächtliche Wanderung und deren Folgen für die schwankende
Gesundheit der Unglücklichen nun wiederum belebt Sie näherte sich und wagte mit
sanften Worten die Bitte zurück zu kehren nicht länger so zerstörend auf ihre
Gesundheit einzustürmen Die Herzogin zog die kalten Hände von dem verweinten
Gesicht bei dieser unwillkommenen Mahnung und zürnend faltete sie die hohe
Stirn
Ich gebe Dir die Freiheit zurück zu kehren da dieser heilige Raum mit
drohenden Gefahren Dir erfüllt zu sein scheint Auch ohne Dich erreiche ich hier
mein Ziel und besser ohne harterzige Störung der heiligsten Empfindung Verlass
mich ich will sorgen für Dich wie Du für mich so deute ich Deine Worte wohl
ihrem Sinne nach
O wie beklage ich Euch da Ihr so unglücklich seid mich selbst so grausam
zu verkennen rief Mistress Morton hier mit einem solchen Ausdruck von Schmerz
so ohne allen Unwillen indem heiße Tränen auf die kalten Hände der Herzogin
flossen dass dieses starre Herz was nur allzu oft erst im Bereuen sich
erweichte davon ergriffen ward Hierdurch aus ihrem maasslosen Gram erweckt
trat auch der Zweck ihres Hierseins aufs Neue vor ihren Geist und mit ihm das
wirksamste Mittel gegen diesen Schmerz Langsam erhob sie sich ihre Tränen
hörten auf zu fließen
Der Zweck wozu ich hierher kam liegt außer dem Bereich Deiner
Beurteilung hob sie ernst und tonlos an darum ermüdet mich Dein Einreden
mehr als es Deine stets gute Absicht wohl verdient Ergieb Dich in meinen
Willen Du kommst mir so am besten zu Hilfe Zünde diese Kerzen an verlass
dieses Zimmer und harre dann meiner im Vorsaal fuhr sie zögernd und mit
gepresstem Odem fort ich hoffe ich werde bald Dir dahin folgen Sollte ich
jedoch in einer halben Stunde nicht kommen so kehre Du hierher zurück ich
bedarf dann vielleicht Deiner Hilfe Mistress Morton zündete während die
Herzogin in ihren Mantel gehüllt wie völlig ruhig in der Mitte des Zimmers
stand die Kerzen an die in frühern bessern Tagen nur halb verzehrt dies
wohnliche Gemach erleuchtet und verließ es dann mit stummer Sorge Jetzt war
der entscheidende Moment unabweisbar herangenaht Ich bin abgefunden mit mir
selbst ich bin fest dies lag in ihrem Sinne es lag in ihrem Schritt womit
sie ohne Verzug den Kerzen sich nun näherte sie ergriff und den Vorhang aufhob
der sie in das kleine Schlafgemach versetzte das mit dem feinsten Schmucke der
in Holz geschnittenen Wände eine schön gezogene Rotunde bildete Es war auf den
Zierrat dieses schönen Schmuckes eingeschränkt Alles zur Ausstattung eines
Schlafgemachs Gehörige war in den Nischen angebracht welche die Holzwände
bildeten die getrennt von den Mauerwänden standen und durch fein gefugte
Türen die dem Druck der Feder folgten in sich verschwindend zugänglich
wurden Die Herzogin berührte eine dieser Federn in dem Schnitzwerke und
sogleich teilten sich von selbst die Wände und die dunkel seidenen Vorhänge
die das Bett des Herzogs umzogen bewegten sich in dem feinen Zuge wallend ihr
entgegen Sie presste die Hand an ihr pochendes Herz und schaute fest dahin bis
der leise Hauch verteilt war und die Vorhänge ihr schwaches Leben wieder
aufgegeben hatten Sie sah es sie war allein die Vorhänge hoben sich nicht von
geliebter Hand und dennoch weilte ihr Blick ihre ganze Gestalt wie bezaubert
auf jener Gegend Sie zuckte als wollte sie sich wenden und doch sie
vermochte es nicht Sie schritt endlich vor den Armleuchter in ihrer Hand sie
setzte ihn am Bette auf einen Tisch nieder schlug die Hände in einander und
rief mit fester Stimme Noch ein Mal wiederhole ich es Dir o mein Gemahl ich
bin gekommen Dir zu vergeben Deine Ehre wird mir heilig sein Und Alles was
Dir gehört es sei von mir erkannt als hätte Deine Bitte darum mein Ohr
erreicht Höre mich kein Eid ist unverletzlicher als der Entschluss den meine
Liebe meinem Stolze abgerungen ich vergebe Dir Dies wird zu Dir dringen und
wenn Dein Herz mit dieser Schuld belastet ungesöhnt vor Deinen Richter trat
so sei die Vergebung Deines Weibes die Fürbitte an Gottes Throne und Friede sei
Deinem Geiste Sie war wieder sie selbst geworden unter diesen Worten Ihr
guter Engel neigte der Siegerin sich zu der Friede senkte heilend sich in ihre
Brust sie hätte sterben können das Irdische lag bekämpft zu ihren Füßen So
sei es sprach sie nach einer Pause Sie wandte sich und schritt der gegenüber
liegenden Wand entgegen Eine Blumenschnur in Holz geschnitten hing darüber hin
in dem Kelche einer Rose blitzte ein kleiner goldner Punkt er gab dem Drucke
nach und die sanft verschwindenden Wände zeigten ein lebensgrosses Bild in
reichem goldnen Rahmen Es war eine junge Dame von engelgleicher Schönheit die
aus diesem Bilde mit einer Wahrheit blickte dass das zauberische Lächeln um
ihren Mund sich jeden Augenblick in holde Worte beleben zu wollen schien Ein
Laubdach blühender Myrten und Orangen zog wie eine Halle sich um sie her und
ließ nur über ihrem Haupte einen reinen blauen Himmel durchdringen dessen Licht
die Rosenkrone zu verklären schien die sie in den dunkeln Locken trug welche
glänzend auf ihre schönen Schultern niederwallten Ihr Kleid war weiß ein
Purpurmantel durch Juwelen auf ihren Achseln festgehalten wallte bis zu den
Füßen nieder in ihren schönen Händen trug sie einen phantastisch geformten
Stab halb Dolch halb Zepter oder Kreuz mit Lilien und Epheuranken fest
umwunden vielleicht zum Strausse bloß erdacht Es war ein Meisterwerk der Kunst
und doch vergaß man das Verdienst des Künstlers so hoch hatte er sein Werk
gestellt Ihm gegenüber dachte der unbefangene Beschauer nur wie die Natur in
einem Wesen so alle ihre schönsten Gaben ausgegeben habe eine würdige Hülle
wie es schien für eine Seele zu erschaffen die wie ein Engelsgruss aus ihren
Augen blickte
Schon war dies zauberische Bild einen Augenblick enthüllt und der Blick der
Herzogin ruhte noch am Boden als wären ihre Augenlieder schwer belastet Doch
jetzt erhob sie dieselben mit Hoheit sich emporrichtend und fuhr dennoch in
sich zusammen Aber nicht mehr zu wenden war dies zagende Auge von nun an
obwohl es immer länger immer heissere Schmerzen sog So hast Du mich also
getäuscht rief sie endlich ja es ist kein Zweifel zum zweiten Male schuf die
Natur Dich nur durch Dich So sei mir Gott gnädig Doch ich vergebe Dir ich
vergebe Dir höre mich Gott und vergib Du ihm auch Noch ein Mal blickte
sie fest auf dies liebliche Gesicht das vergeblich auf ihr ernstes Antlitz
nieder lächelte besonnen verschloss sie es dann und die Kerzen ergreifend
verließ sie das Gemach und eilte ohne Rückblick durch das angrenzende als
fürchte sie in ihrer Kraft zu wanken Stark drückte sie die Tür die nach dem
Vorsaal führte auf und ging ohne Aufenthalt an Mistress Morton vorüber welche
zitternd ihr entgegen trat
Du frierst sprach sie fest lass uns eilen meine Liebe es wird kalt der
Morgen naht wir haben lang genug der kalten Nachtluft uns ausgesetzt So
schritt sie weiter bemüht ruhig zu erscheinen nicht ahnend wie in ihrer Hand
der fremd geformte Leuchter aus dem eben verlassenen Gemache unbeachtet
schwankend hing Zeugnis ablegend gegen ihre angenommene Ruhe Doch dem
sorglichen Blicke Mortons war dies nicht entgangen Der Leuchter musste zurück
bleiben wenn er nicht in seiner abweichenden Form zum Verräter werden sollte
Doch zögerte das warnende Wort auf ihren Lippen Sie fühlte wie sich die
Stimmung der Leidenden verriet die so stolz sich ihr zu entziehen strebte
Bald indes vermisste die Herzogin den folgenden Schritt der Dienerin als diese
zögernd weilte sie wandte sich und nun streckte Mistress Morton ihren
Armleuchter ihr stumm entgegen Schaudernd gewahrte die Herzogin ihr Versehen
sie löste die erstarrte Hand von seiner Säule Mistress Morton eilte damit
zurück und weniger fest ging dann die Herzogin weiter den langen düstern Weg
den kein Mondlicht mehr erhellte dessen Stille kein Wort mehr unterbrach nur
das Geräusch der sich öffnenden und schliessenden Türen und das Rauschen der
langen Gewänder über den getäfelten Boden der seufzend ihre Schritte wieder zu
empfinden schien unterbrach diesen geisterähnlichen Zug
Die Fremde kannte indessen keinen sehnlicheren Wunsch als der Herzogin über
ihre Lage die nötige Auskunft zu geben Das Zusammensein mit dieser
ausgezeichneten Frau hatte ihr die Aussicht auf ein unbedingtes Vertrauen
eröffnet nach dem sie sich lebhaft sehnte und ihre eigne hochgestellte
Individualität hatte sie vor dem Eindrucke der Befangenheit bewahrt den die
Herzogin leicht machte und der dem Erkennen ihrer übrigen Vorzüge so hinderlich
ward Sie fühlte sich durch die Gesellschaft der jungen Damen des Hauses von
allen Schrecknissen ihrer Phantasie befreit und dem harmlosen Vergnügen
hingegeben das junge Mädchen in dem Umgange mit einander finden Ihr Verstand
war jedoch zu geordnet um die Verwirrung nicht lösen zu wollen die in ihr
Leben getreten war sie hoffte mit Recht sich klarer zu werden indem sie
versuchte sich Andern so darzustellen Die Äußerungen der Herzogin über ihre
Geburt ihre Unschuld hatten die Bewusstlosigkeit der Jugend über diese Punkte
in ihr zerstört und sie gelehrt auf sich selbst anzuwenden was sie als ferne
gesicherte Zuschauerin wohl von Andern hatte bezeichnen hören und was
allerdings genügend war diese beiden großen Güter des Lebens ihr außer Zweifel
zu stellen Sie hatte dies nicht sobald erkannt als ihr Geist daran arbeitete
die Bilder ihres Lebens zu ordnen Ein leichtes Geschäft wie es schien wo in
so zarter Jugend die hervorragendste Begebenheit beginnt und schließt und alles
Fernere sich auf den liebevollen Umgang mit Verwandten und Erziehern begrenzt
Auch war es das erste Mal dass sie ihr junges Leben überdachte und ihre
Vorstellungen darüber auffrischte und je länger sie dachte je seltsamer ward
ihr dabei Widersprüche Dunkelheiten drängten sich ihr auf welchen zu begegnen
sie sich schämte Das höchste Vertrauen zu ihren Umgebungen hatte sie bisher von
allen diesen Reflexionen abgelöst und sie fühlte sich sehr unvorbereitet zu
einer Art von Rechenschaft aufgefordert und durch ihr eigenes Ehrgefühl dazu
getrieben Dass sie aber nicht leicht sein würde dass Rätsel vorhanden seien
darüber ließ ihr folgerechter und gebildeter Geist keine Täuschung mehr zu Wenn
indes bei anderer Sinnesart diese Überzeugung von der Notwendigkeit einer
Erklärung gegen die Herzogin ihr hätte Befürchtungen erregen können erhöhte
sich in ihrer Seele nur das Verlangen danach denn von der erfahrnen Frau
glaubte sie vielleicht gelöst zu hören was nur Mangel an Erfahrung wie sie
hoffte ihr so dunkel erscheinen ließ Und so erbat sie am andern Tage durch
Stanloff eine Unterredung mit der Herzogin welche diese auch sogleich gewährte
Sie bestimmte dazu die mittlere Schlosshalle welche von der Sonne des
Frühlings anmutig erhellt war Auf Mistress Morton gestützt trat die
liebenswürdige Gestalt ein und begegnete dem strengen hohen Blicke der Herzogin
der sich forschend noch ein Mal auf sie richtete mit einem so klaren ruhigen
und furchtlosen Aufblick ihrer Augen dass die Herzogin von einer kleinen
Beschämung sich ergriffen fühlte Ihr oft erprobtes Mittel durch diese Haltung
Andere in schüchterner Ferne zu halten ging an der wunderbaren fast kindlichen
Hoheit dieses frei entwickelten Wesens ohne alle Wirkung verloren Das
augenblicklich darüber in ihr entstehende Nachdenken ließ diesem jungen zarten
Mädchen Zeit die Herzogin anzureden und mit der Überlegenheit der innern
Wahrheit ihr so liebevolle und ehrerbietige Dinge zu sagen dass ihr Verhältnis
zu dieser stets sich überhebenden Frau in vollkommene Gleichheit und
Natürlichkeit gestellt war ehe die Herzogin aus ihrem kurzen Nachdenken
zurückkehren konnte Der Übergang den sie zu finden hatte war ihr jedoch neu
und nicht ganz klar und sie begleitete einige frostige Worte mit einem bitteren
Lächeln und führte die junge Dame zu einem der Lehnstühle welche man in die
Bogen der Türen geschoben hatte um die liebliche Aussicht der Terrassen zu
genießen Es entstand eine kleine Pause indem Mistress Morton sich auf einen
Wink entfernte und die Herzogin welche sich erwartungsvoll zu ihrer Gefährtin
wendete sah jetzt auf ihrem Gesichte den rührendsten Ausdruck einer lebhaften
Empfindung Sogleich fühlte sie sich in ihre bessere Stimmung versetzt und mit
dem gewinnenden Tone der seine Modulation in einem gütig gestimmten Herzen
findet sagte sie
Wir haben nun Zeit und Ruhe uns ganz nach Willkür unsere Mitteilungen zu
machen doch eilt damit nicht Lady Lassen wir die schöne Natur nicht
unbeachtet die sich dort vor uns ausbreitet Ich irre mich wohl nicht wenn ich
in den gefühlvollen Zügen die Liebe an solchen Gegenständen lese auch ist kein
Balsam süßer für ein leidendes Herz als der Anblick von Gottes herrlichen
Werken wie auch kein Freund das glückliche Herz besser zu verstehen scheint und
dessen Empfindung würdiger erhöht als eben die Natur Seht Lady wie schön die
Sonne die fernsten Gegenstände erhellt Seht Ihr den glänzenden Streifen der
zunächst den Horizont wie ein breiter silberner Gürtel zu umschließen scheint
Es ist der Trent der seine schönen schiffbaren Wasser an den Grenzen dieser
Grafschaft vorüber führt und in ihm viele Vorteile mir aber einen oft
wiederholten Genuss in seinem reizenden Anblicke da ich vor Allem die Nähe des
Wassers liebe Ich bewohne daher auch gern Burtonhall welches meiner
Schwiegermutter gehört und am Ausflusse des Trent in den Humber gelegen ist und
allen Zauber eines Wasserschlosses um sich verbreitet hat
Auch ich fühle lebhaft diese Neigung hob hier die junge Fremde an denn ich
bin in einem Schloss geboren und größtenteils erzogen das meine Eltern an der
Grenze von England an den schönen Ufern des SolvayFirt in der Grafschaft
Cumberland bewohnten
Wie Lady rief die Herzogin wie sagt Ihr In Cumberland Bei Euren Eltern
Sie hielt inne denn deutlich leuchtete aus den erstaunten Blicken der so heftig
Angeredeten das Auffallende ihres Betragens ihr warnend entgegen Doch sich
schnell fassend und einen Übergang suchend fuhr sie gemässigter fort Verzeiht
Lady Lebhaft beschäftigt mich Euer Schicksal wie gern möchte ich Euch dies
Vertrauen das Ihr mir schenken wollt erleichtern und doch es wird Euch
schwer ich fühle es
Ihr irrt Mylady wenn Ihr es in Bezug zu Euch versteht erwiderte mit
Sanftmut und Ruhe die Fremde aber Ihr habt Recht in Bezug auf das was ich
Euch zu sagen habe Denn dies Euch mitzuteilen empfinde ich eben so viel
Scheu als Sehnsucht Mein Trost ist dass Ihr es wissen werdet und meine
Furcht ob ich im Stande sein werde Euch ein klares Bild von meinem jungen
Leben machen zu können Schenket mir Nachsicht wie Ihr mir Mitleid schenket
Ach Mylady ich weiß Ihr werdet mir Beides nicht versagen Doch lasst mich Euch
darum bitten es tut meinem Herzen wohl zu Euch mit kindlichem Vertrauen empor
zu blicken
Ehe die Herzogin es verhindern konnte senkte sie sich zu ihren Füßen
drückte die Hand derselben an ihre Lippen und mit beiden Händen dann innig an
ihre Brust während ein Himmel von Liebe und Vertrauen aus den tränenschweren
Augen zu ihr aufblickte Das Herz der Herzogin war in Gefühlen erschüttert die
sie zwar einst mit der Zeit zu hegen gewünscht hatte die sie aber jetzt fast
gegen ihren Willen empfand und nicht durch die Herrschaft über sich wie sie
gewähnt hatte sondern durch die zauberische Herrschaft einer sich ihr mächtig
entgegenstellenden Individualität von der sie sich bezwungen sah Von diesem
Augenblicke an liebte sie ihre Schutzbefohlene und welche Schattirungen auch
diese Liebe späterhin gewann dieser Moment war doch entscheidend für Beide
Fasst Euch liebes Kind sagte sie weich mein Herz ist bereit mit Euch zu
fühlen seid offen und wahr wie vor Euch selbst und denkt dann nicht weiter
daran wie Alles klingen mag Alter und Erfahrung kommen verständigend Euch wohl
bei mir zu Hilfe
Und wahr will ich sein wie vor Gott der gegenwärtig ist und meine Gedanken
leiten wird rief die junge Lady stand bei diesen Worten auf und setzte sich
dann langsam und ruhig in ihren Sessel nieder und das Auge in die Ferne
richtend hob sie ernst und gefasst ihre Erzählung an
In Cumberland Mylady wie ich Euch beschrieb an dem schönen Wasserspiegel
des SolvayFirt von weiten Gärten umgeben dort in dem Schloss meiner Eltern
in Nordwighall ward ich geboren Mein Vater war der Graf von Melville der
Nachkomme Robert Melvilles des Freundes der schottischen Königin Meine Mutter
war eine Gräfin von Marr und sie hatten Schottland beide verlassen nach dem
Tode meines Großvaters seinen Willen damit erfüllend über dessen Ursache ich
nie etwas hörte vielleicht weil Nordwighall so wunderschön gelegen so
prachtvoll erbaut war und ein Geschenk der Königin Elisabet an meinen
Großvater Von der Zeit an dass ich mir dies glückliche Leben zurückrufen kann
blieben mir außer meinen Eltern und den gefälligen Gästen noch einige Personen
zur Seite die teils meine Erziehung oder Pflege leiteten teils mein Glück
durch ihre Liebe und ihren Umgang erhöheten Doch vor Allen nenne ich Euch die
Mutter und Schwester meiner Mutter zwar lebten sie nicht mit uns aber sie
machten uns häufige Besuche und oft begleitete ich sie nach ihrem Schloss das
tiefer im Innern des Landes lag Außer ihnen lebte mein teurer Erzieher der
Kaplan meiner Eltern um mich und zu meiner Aufsicht war mir eine liebe Frau
gegeben die früher bei meiner Tante gelebt hatte und so unendlich gut zu mir
war dass sie stets mit Mühe und Sorgfalt jeden Dienst für mich übernahm und
meine Person nie aus ihren fürsorglichen Händen ließ Meine Zeit war als ich
aus den ersten Jahren der Kindheit trat mit Sorgfalt eingeteilt Meine Eltern
besaßen große Kenntnisse sie wünschten sie auf mich zu übertragen und Master
Brixton mein gütiger Lehrer zu Oxford gebildet und hoch angesehen unternahm
es als Freund meines Vaters mich in den alten Sprachen und den höheren
Wissenschaften zu unterrichten Welch ein glückliches Leben schufen mir diese
abwechselnden reizvollen Beschäftigungen Die schönen Morgenstunden wo ich in
Brixtons kleinem Studirzimmer seinen liebevollen Unterricht genoss und aus
seinem weisen Munde das Gute und Schöne vernahm und es von ihm oft wiederholt
endlich auch behalten lernte Und dann wenn die späteren Stunden herankamen und
ich schon von ferne den Schritt des Vaters erkannte der nun kam mich hinaus
ins Freie zu führen Die mutigen Pferde stampften den Boden und trugen uns
pfeilschnell durch die schöne Gegend Ich schoss den Vogel in der Luft und der
schwarze Punkt in der Scheibe trug manchen Bolzen von mir ich lief mit den
Kindern des Schlosses um den Preis ich sprang von dem Rande der Terrassen und
Wälle immer höher und höher wie mein Vater es selbst leitete O wie gern tat
ich das Alles wie fühlte ich so recht mein glückliches Herz Die
Nachbarschaft von Schottland der nahe Hafen von brachte dann oft Fremde Nicht
immer durfte ich erscheinen denn es hätte meine Zeit verdorben die so schön
durch Brixtons immer bereite Güte ausgefüllt war aber es waren oft Feste wo
die Jugend der Gegend sich in Tanz und Spiel auf dem Schloss erfreute Doch
höher als alle diese Freuden galt mir die Gegenwart meiner Tante O Mylady
welch eine Frau war dies Bedenke ich wie ich fühlte so muss ich sagen dass
ich nur für den Augenblick lebte wo ich sie wiedersehen sollte An sie dachte
ich wenn ich in Arbeiten ermüden wollte ihr Andenken war meine höchste Strafe
wenn ich gefehlt hatte ihr heiliger Ernst umschwebte und mäßigte die trunkene
Freudigkeit meines Herzens Und war sie nun endlich da die heiß Ersehnte deren
Bild mich wie mein Schutzgeist umgab dann fand ich keine Ruhe ehe ich nicht zu
ihren Füßen meine ganze Seele befreit hatte von jeder kleinen Schuld und
Übertretung Jahrelang behielt ich ihre Antworten Ach so sprach kein Mensch
außer ihr es war nie zu vergessen es waren immer nur wenige Worte oft ein
Blick eine leise Bewegung des Hauptes oder ein Lächeln worin Lohn und Strafe
lag wie sie Keiner erteilte Ach verzeiht rief die junge Erzählerin hier und
heiße Tränen stürzten aus ihren Augen glaubt mir Mylady ich weiß nicht wie
ich leben kann da dieses Ziel meines Daseins dieser Zweck meines Strebens
meiner Wünsche und Hoffnungen mir geraubt ist Sie verhüllte ihr Gesicht und
die Herzogin ehrte den heißen Schmerz dieses feurigen Gemütes durch mildes
Schweigen Und doch Mylady sie ist es allein wieder warum ich leben kann
warum ich leben will und Alles ertragen und handeln als ob ihr heiliger Blick
mich noch richten könnte wie sonst Sie würde mir zürnen wenn ich von Gottes
Erde mich weg wünschte weil Unglück mich traf sie hätte umsonst für mich
gelebt wenn ich dem ersten Kampfe erläge und nicht im Schmerze freudig bliebe
und geduldig vor Gott Nein nein ich will freudig sein ich will aber
unendliche Tränen machten diese Angelobung der Freudigkeit unaussprechlich
rührend Bemüht sie abzuziehen hob die Herzogin an
Wie Lady wie verhielt sich Eure Mutter zu diesem Verhältnisse Sagt
selbst trat die Tante nicht der Liebe fast zu nahe die Eurer Mutter däucht
mir mehr gebührte wie glich sich dies in Eurem Herzen aus
Sicher so milde als alles Übrige unter diesen Schwestern erwiderte
unbefangen die Erzählerin ich habe nie daran gedacht ob ich darin fehlte ich
bin gewiss man hätte es mir gesagt wenn ich Unrecht damit tat Ich genoss nicht
immer den Umgang meiner Mutter Sie war kränklich und hielt mich von sich stets
in einiger Entfernung nur Musik machte ich mit ihr in ihren Zimmern sobald sie
nicht ganz danieder lag jeden Abend und aus der Ferne fühlte ich mich stets
durch die liebevollsten Anordnungen die von ihr ausgingen an sie erinnert
Nein Mylady sicher ich kränkte meine teure Mutter nicht durch meine Liebe zu
dieser Tante Es wird mir recht klar darüber nun ich daran denke Diese teure
Tante war so verehrt von aller Welt dass dies selbst auf ihre nächsten
Verwandten überging Meine Mutter behandelte sie stets mit einer Liebe die an
Ehrerbietung grenzte Mein Vater gab ihr den Vorrang im Hause ja selbst meine
Großmutter welche vor mehreren Jahren starb schien mit Stolz in ihrer Tochter
ein Wesen höherer Art zu erkennen So fand Jeder meine Liebe natürlich und nie
war die arme leidende Mutter mir darum weniger hold Ich habe Euch nun noch
zwei teure Personen zu nennen welche ich immer bei den lieben Besuchen fand
die ich meiner Tante abstattete Es war der Bruder meiner Tante mein teurer
Oheim und sein Freund und sie sind teure Lady die Einzigen die mir das
Schicksal übrig ließ Sie hoffe ich wieder zu finden denn sie leben in London
an dem Hofe des Königs Die wenigen Wochen die wir dann mit einander lebten
sind die genussreichsten meiner Erinnerung Wir blieben in der tiefsten
Einsamkeit Niemand als die alten Diener des Schlosses war um uns her aber
die Tage vergingen wie Stunden ach und ich zu glückliches Kind war der
Mittelpunkt aller Liebe aller Belehrung Die Erzählungen dieser Männer belebten
die einsamen Gemächer um mich her an den Hintergrund der alten Geschichte
meines Landes und Europas reihten sie die Begebenheiten der Zeit Ich lernte
das Böse kennen denn sie wollten mich davor behüten Sie wussten lebendig mir
alle die Wunder des Lebens zu schildern sie prüften mich dann dass ich in ihren
Erzählungen selbst das Rechte wählen und erkennen lernte Sie erdachten tausend
Proben für mein Gefühl für meinen Verstand für meine Kenntnisse und oft sagte
mir mein Oheim ich sei vielleicht bestimmt aus dieser tiefen Stille plötzlich
in das Leben am Hofe und in große Verhältnisse zu treten Doch stets müsse ich
dort so still und gefasst bleiben wie hier und die Würde des Karakters und der
Handlungen über jede äußere Würde stellen Diese Andeutungen konnte meine teure
Tante nie ohne Tränen hören wie ich überhaupt bei reiferen Jahren wohl einsah
dass dieser Engel unter großen Leiden gebeugt sei Sie war so fromm dass sie nie
klagte sondern stets gegen Gott voll Dank und Ergebung blieb und indem sie mir
großen Gram eingestand mich doch immer aufforderte nie zu murren nie das
Glück als nötig zu betrachten da das Unglück oft eher unser Herz veredle und
diese Veredlung doch allein der Zweck unsers Lebens sei Höchst schmerzlich war
jedes Mal unsere Trennung oft blieb ich länger als mein Oheim oft reiste ich
früher zurück Ein Jahr ist es jetzt dass ich glückselig unter ihnen war als
die Nachricht von dem plötzlichen Tode meines Vaters uns erreichte Er starb in
Edinburg wohin meine Mutter sich sogleich begab die mich indessen bei der
Tante zu lassen wünschte Wir waren alle innig betrübt und meine Tränen
flossen ungestört seinem teuren Andenken Auch blieb ich mehr unter Hannas
Aufsicht da meine Verwandten wegen des plötzlichen Todes meines Vaters viel zu
überlegen und zu schreiben hatten Endlich kamen Nachrichten von meiner Mutter
Sie war zurückgekehrt nach Nordwighall Die Besitzungen meines Vaters in
Schottland waren entfernten Verwandten zugefallen Dies Schloss in England mit
seinen schönen Ländereien war als Geschenk der Königin Elisabet unabhängig
davon und das Besitztum der Witwe Meine Tante führte mich zurück und da die
Gesundheit meiner Mutter sehr gelitten hatte schien sie sich nicht von ihr
trennen zu können wobei meine Lage sie ebenfalls zu beunruhigen schien indem
ich durch die Entfernung des Doktor Brixton welcher eine einträgliche
Kaplanstelle in Edinburg angenommen fast einzig auf den Umgang von Hanna
beschränkt war Warum sie sich dennoch von uns trennen musste weiß ich nicht da
es ihr und uns allen so vielen Kummer machte Von da an bezog ich Zimmer welche
an die meiner Mutter grenzten und nur selten verließ sie seitdem das Bett oder
diese Zimmer Doch auch jetzt noch hielt sie mich bei aller Liebe die sie mir
schenkte und so viel meine Bitten es ihr nur möglich ließ von sich entfernt
Ich musste so oft es bei diesem Alleinstehen sich tun ließ meinen
Beschäftigungen und Vergnügungen nachhängen doch reiten durfte ich nur in dem
weitläuftigen Park schießen nur in dem beschränkten Schlosshof zum Tanzen gab
es keine Veranlassung und ich hatte keine Gespielin mehr Dagegen trieb ich
fleißig meine mit Brixton begonnenen Studien besonders die alten Sprachen die
ich so gerne mag Da brach durch den traurigen feuchten Winter ohne Kälte
veranlasst bei dem ersten Hauch des Frühjahrs ein schreckliches epidemisches
Fieber um uns her aus und raffte Hunderte in unserer Nähe dahin Ach dies war
damals mein größter Kummer und vermehrt durch das strenge Gebot nicht über die
Grenzen der Terrassen mich zu begeben wo man die Luft noch am gesundesten
hielt Wie bald ward nun mein Elend von einem Punkt zum andern vermehrt
Unglaublich war mein Entzücken als plötzlich meine Tante eintraf Ihr
Entschluss war bei der Nachricht von der Epidemie die um uns her wütete uns
entweder wenn es die Kräfte meiner Mutter erlaubten von Nottinghall zu
entfernen oder die Schreckenszeit mit uns zu teilen Meine Mutter wünschte
sehnlich uns zu entfernen aber mit Entsetzen erfüllte mich der Gedanke die
einsam Leidende zu verlassen Man drang nach den ersten Versuchen nicht weiter
in mich aber die starke und zärtliche Mutter bot nun ihre letzten Kräfte auf
um abzureisen Ach dies große Opfer ihrer Liebe raubte sie uns auf immer Sie
ließ sich auf die Terrasse führen die lang entwöhnte Luft zu atmen ach sie
sog den Tod ein der in dieser Luft seinen Hauch aussandte Noch in derselben
Nacht zeigte sich das schreckliche Fieber welchem dieser entkräftete Körper
keinen Widerstand zu leisten vermochte Am dritten Tage war sie dahin Ach ich
habe sie nicht gepflegt nicht ihren letzten Seufzer gehört Meine Tante welche
ihr Lager verließ sagte mir mein Anblick und die Furcht einer Ansteckung würde
sie töten sie brachte mir ihren Segen und ihren letzten Befehl sogleich
abzureisen Ich war in einer willenlosen Betäubung
Wir reisten den zweiten Tag ab denn die Folgen dieses Fiebers waren so
schrecklich dass meine Mutter schon den andern Abend nach ihrem Tode beigesetzt
werden musste Doch so tief ich auch in Schmerz versenkt war nur zu bald
gewahrte ich an meiner teuren Tante welch neues Leiden über uns einbrach Sie
hatte an dem Bette ihrer Schwester die schreckliche Ansteckung eingeatmet und
das Fieber brach am zweiten Reisetage aus Wir erreichten das Schloss aber
lasst mich meine Gefühle übergehen denkt sie Euch Ich sah Alles was mir teuer
war dem Tode verfallen der Tod bereitete sich auch in ihren Adern vor Sie
sagte mir es sei nötig gewesen einem jüngeren Bruder ihrer Schwester von dem
Tode derselben Anzeige zu machen er werde vielleicht erscheinen aber sie
verlange dass ich in der Zeit mein Zimmer nicht verliesse ich würde unter dem
Schutze meines ältesten Oheims stehen von dem sie nur Nachricht erwarte um
mich alsdann in Sicherheit zu wissen Außerdem sollte ich Hanna und Gersem
ihrem Kammerdiener folgen sie hätten in allen Fällen ihre Befehle für meine
Sicherheit Sie blieb noch lange bei mir und war bemüht meinen grenzenlosen
Schmerz zu mäßigen obwohl sie selbst oft ihre Tränen strömen ließ Gegen das
Ende unserer Unterredung ward sie ohnmächtig Man trug sie auf ihr Bett sie
verließ es nicht wieder
Ach was von da an mit mir geschah so lang ich im Schloss war weiß ich
kaum Ich lag in dem Vorzimmer das zu meiner Tante führte auf den Knieen bis
sie mir ihren Tod nicht mehr verheimlichen konnten Mich verließ die Besinnung
Als ich erwachte saß Hanna an meinem Bette ich durfte nicht weinen
todtenstille im verhängten Zimmer musste ich bleiben der gefürchtete jüngere
Oheim war angekommen Alles bebte vor ihm man zitterte ihm meine Gegenwart zu
verbergen man fürchtete noch mehr sie zu verraten Ein mir völlig fremdes
Gefühl das der Furcht vor einem Menschen so unbekannt so grauenhaft weil ich
nicht erraten konnte was ich zu fürchten hatte ergriff mit dem Schmerze
zugleich meine Seele Noch war keine Nachricht von meinem älteren Oheim meinem
Beschützer eingegangen und ohne diesen durften wir das Schloss nicht verlassen
Gersem war in die Nähe des gefürchteten neuen Herrn gebannt der indes von Allem
Besitz nahm und dem diese Zimmer nur entgingen weil sie ein Anbau in einem
kleinen Seitenteil des ganz alten Schlosses waren Die Leiche meiner Tante war
auf seinen Befehl ausgestellt und Hanna sagte mir sie sei schön und
unverstellt wie lebend denn das Fieber schien wenn auch noch tötlich doch
seinen zerstörenden Charakter an dieser schönen Leiche verloren zu haben Ach
diese Worte vollendeten mein Unglück Von da an ließ meine heisseste Sehnsucht
sie noch einmal zu sehen mir keine Ruhe mehr Hanna blieb unerbittlich und
schob endlich Alles auf Gersem der am Abend wenn er sich von seinem Herrn
entfernen dürfte zu uns kommen wollte Er kam und blieb lange fest denn der
Saal in dem sie stand war nur durch eine Gallerie zu erreichen an der die
Zimmer lagen die der Oheim bewohnte aber ich trieb mit meinem Ungestüm mein
hartes Geschick herbei Zu seinen Füßen strömten meine Tränen meine Worte Er
willigte ein In meinen Trauerschleier gehüllt folgte ich ihm um Mitternacht
mit zitterndem Schritt Hanna verschloss hinter uns sich in die Zimmer die wir
verließen Glücklich erreichten wir den Saal zu dem Gersem den Schlüssel
führte Ich sah die Züge die mein Leben beglückt hatten zu denen einer
Heiligen verklärt Lange betete ich an ihrem Sarge gelobte ihr Alles was sie
lebend von mir begehrt ihr Anblick hatte mich über den Schmerz erhoben ich
fühlte mich völlig besonnen als ich Gersem aufschreien hörte und eine gellende
Stimme an mein Ohr traf Ich sprang auf um zu entfliehen aber ich fühlte mich
gehalten und ein Blick auf den der mich ergriff sagte mir ich sei in der
Gewalt des gefürchteten Oheims Ach was er sagte kann ich nicht wiederholen
es waren wütende Schmähungen Spott Gelächter an dem Sarge seiner Schwester
Verzweiflung ergriff mich ich rang mit ihm er behielt meinen Trauermantel und
als mein erbleichtes Angesicht vor ihm enthüllt war glaubte seine feige Seele
einen Geist zu schauen Er schrie wild auf verhüllte sein Gesicht und er war
es nun der fliehen wollte Zugleich fühlte ich mich von Gersem weggezogen Doch
wir hatten noch nicht die Türe erreicht da hatte der Elende sich gefasst Du
bist also kein Geist schrie er lachend nun so sei mir willkommen Er entriss
mich Gersem ich schien verloren meine Sinne schwankten meine Kräfte brachen
Da stürzten die Diener plötzlich herein und der Ruf von Feuer drang uns
entgegen Er ließ mich nun los und eilte nach der Gallerie wir ihm nach zu
entfliehen Das Feuer stürzte uns prasselnd aus der Gegend wo wir Hanna
verlassen entgegen Ich wollte mich hinein stürzen Hanna zu retten aber
Gersem warf meinen wieder aufgehobenen Mantel über mich rief Hannas Gefahr
einem Andern zu und schleppte mich mit überlegener Kraft durch die Gänge nach
dem Garten Hier gab er mir Luft aber nötigte mich eilig weiter zu fliehen
bis wir aus dem Park entkommen einen Meierhof erreichten Hier verhüllte er
mich wieder und verbarg mich in einer hohen Hecke Er forderte zwei Pferde die
man ihm als angesehenen Schlossbedienten nicht versagte Eine Strecke vom Hause
bestiegen wir sie und jagten fort Gersem sagte mir er wisse kaum wohin doch
nach London müsse ich Er gab mir ein kleines schwarzes Buch ich kannte es
wohl es gehörte meiner Tante ich solle es auf meiner Brust verbergen er habe
es seit ihrem Tode immer bei sich getragen Die Angst vor der wilden Nähe jenes
Mannes verschlang bei mir jedes andere Gefühl ich fürchtete nichts als ihn
Nach London wollte auch ich dort lebten meine Beschützer das wusste ich Doch
es war anders bestimmt Unsere Pferde trugen uns noch den andern Tag doch dann
nicht länger In einer kleinen Herberge in einem Walde kehrten wir ein Ein
altes gutes Weib suchte mich zu erquicken obwohl sie wenig besaß und ich
unfähig war Nahrung zu nehmen Gersem pflegte unsere erschöpften Pferde Wir
mussten die Nacht rasten obwohl kein Schlaf uns erquickte denn mein Herz war
erfüllt von Schmerz und die schreckliche Ungewissheit von Hannas Schicksal
fügte noch neue Leiden hinzu Mit dem ersten Morgenstrahl brachen wir auf doch
unsere Eile war umsonst Um Mittag hörten wir den Hufschlag von Pferden hinter
uns Gersem hatte keinen Zweifel dass es unsere Verfolger seien Da ergriff ihn
blinde Wut und Verzweiflung Er trieb mein erschöpftes Pferd an und die immer
näher kommenden jagenden Pferde frischten auch in den unsern den natürlichen
Instinkt an jene nicht vorkommen zu lassen Doch dieser Wettlauf blieb in einer
offenen öden Gegend dennoch ohne Erfolg Verwünschungen trafen unser Ohr Staub
hüllte uns ein im Nu waren wir umringt Der fürchterliche Mann ergriff meine
Zügel er wollte mich selbst ergreifen aber mein Abscheu benahm mir jede
Furcht Ich befahl ihm mich nicht anzurühren und er gehorchte mir aber er
nannte Gersem Entführer Verräter Ach noch mehr böse Worte folgten und er
wollte wissen wer ich sei Wer sie ist gehört nicht vor Euch und geziemt mir
nicht Euch zu sagen aber hütet Euch sie zu kränken fürchterlich wird die
Rechenschaft sein die Ihr zu geben habt fürchterlich die Strafe die Euch
erreichen wird Doch diese mutigen Worte die meinen Verfolger erschrecken
sollten erhitzen ihn nur mehr Ich musste sehen wie dies ehrwürdige Gesicht
von einem Schlage seiner wilden Hand verletzt ward während er mich sogleich
anrief ihm zu folgen Doch mich in die rohe Gewalt dieses Mannes zu begeben
schien mir härter als der Tod Ich will nicht mit Euch ich will nach London
dort finde ich Schutz lasst mich weiter reisen rief ich außer mir Er stieß
hier ein so wildes Gelächter aus dass ich schaudernd mich wegwandte Doch in dem
Augenblick fühlte ich seinem Arm um mich Ach mein Angstgeschrei riss Gersem
wild wie einen Löwen herbei Er hatte den schrecklichen Mann der mich hielt
schon ergriffen als dieser wütend seinen Degen zog Ich sah nur noch dass er
blitzend über Gersems Haupt flog und die tiefe breite Wunde in seinem Schädel
mit der er niederstürzte Als meine Besinnung wiederkehrte hörte ich ein
geistliches Lied mit leiser Stimme neben mir singen und der feine Geruch von
dem ersten Grün des Kalmus und der Weide war um mich verbreitet Ich versuchte
die Augen zu öffnen aber ich fühlte mich so erschöpft dass ich es erst
vermochte nachdem die wiederkehrende Besinnung mir all die erlebten Schrecken
zurück rief Ich sah mich in einem düstern niedrigen Zimmer spärlich von einer
Lampe mehr durch das Licht des Mondes der in seiner Fülle durch ein offenes
Fenster drang erhellt und auf einem Lager ausgestreckt wie man es für
Sterbende von Stroh mit weißen Tüchern bedeckt zu bereiten pflegt An meiner
Seite saß ein Weib in armseliger Bauertracht sie sang das Lied welches mich
zuerst erweckt und dessen rührende Worte mir jetzt verständlich wurden
Dazwischen drang aus einem andern Teile des Hauses heftiges Gespräch und
Gelächter Ich wollte mich eben mit aller Kraft erheben obwohl meine Glieder
mir steif und todtenkalt erschienen als das fromme Lied meiner Gefährtin durch
Männerschritte unterbrochen die Tür aufgestoßen ward und ein Mann eintrat
dessen erstes Wort mich meinen Verfolger erkennen ließ Kaum unterdrückte ich
den Schrei des Entsetzens doch meine Erstarrung half mir ich schloss sogar
meine Augen Er fragte das Weib ob ich noch kein Lebenszeichen gegeben Sie ist
tot Sir sagte die Alte in der ich nun diejenige erkannte die mich am Tage
zuvor gepflegt hatte glaubt mir das junge Leben ist dahin Schweig rief er
wild tot oder lebend sie muss mit fort so wie der Morgen kommt breche ich
auf und Ihr geht und sorgt für meine Leute Er näherte sich meinem Lager und
bog sich über mich Welch ein Augenblick Ich presste den Atem zurück
unbestimmt noch fühlte ich dies müsste meine Rettung werden Und was ist das
rief er wild indem er wie es schien einen Zweig aus meiner Hand riss was
sollen diese Todtenkräuter Ich bestreute ihre Leiche mit dem ersten Grün
sprach das gute Weib soll ihr junger Leib da liegen ohne den Schmuck der
Jugend Ich glaube ihm graute denn er verließ schnell das Zimmer Ich hielt
den Atem an bis seine Schritte in dem Geräusche der unteren Stube verhallten
dann nahm ich alle meine Kräfte zusammen um zu sprechen Doch meine ersten
Worte ergriffen die gute Frau die sich in den Gedanken an meinen Tod vertieft
hatte so heftig dass sie mich hätte verraten können Sie sagte mir auf meine
Frage die Leiche meines Begleiters sei am Tage vorher schon weiter gebracht
mir aber habe der Herr da unten etwas Ruhe lassen wollen da er mich nicht für
tot gehalten hätte Doch gab sie endlich meinen Bitten nach mich zu befreien
Ich knüpfte ein Seil welches sie herbeischafte an den Fensterrahmen um
meines Entkommens Verantwortlichkeit der guten Alten abzunehmen Dann eilte ich
ach kaum fähig zu gehen und doch von Angst getrieben an der fürchterlichen Tür
vorüber aus der Hütte Im Walde fand ich einen Knaben den sie mir mitgab mich
auf die Heerstraße nach London zu führen weiter reichten meine Gedanken fürs
Erste nicht Noch ehe der Mond unterging waren wir hindurch denn ich fühlte
meine Kräfte aufs Neue erhöht Als wir nach dem Verschwinden des Mondes bei nun
eingebrochener Dunkelheit die Heerstraße erreicht hatten verließ mich mein
letzter Trost der gute Knabe den ich nicht aufhalten durfte um nicht seine
Mutter und mich zu verraten Ich war nun allein und unter welchen Umständen
Aber Gott hielt mein Herz er rief meine Gedanken zu sich ich konnte zu ihm
beten und die Schrecken meiner Lage fielen ab von mir als ob um mich her
sichtbare Engel gingen so mutig so in der Gegenwart Gottes fühlte ich mich
Als der Morgen anbrach war ich weit vorgedrungen In der Nacht musste ich an der
Stelle vorüber gegangen sein wo der Mord an Gersem verübt war Ich befand mich
schon auf Punkten die ich Tages vorher nicht gesehen und die Straße war noch
gebahnt doch das Tageslicht erfüllte mich mit neuem Grauen Ich bemühte mich
meine Kleider unscheinbar zu ordnen aber endlich kamen Menschen daher und ich
erregte doch so viel Erstaunen dass ich mich jeden Augenblick neuen
Gewalttätigkeiten ausgesetzt glaubte Auch stellte sich bei zunehmender
Müdigkeit ein unabweisbares Bedürfnis nach Nahrung ein aber der Mut fehlte
mir bei gänzlichem Mangel an Gelde in den Dörfern oder Hütten darum zu bitten
Ich hoffte durch Schlaf mich zu stärken und suchte in einem Gehölze hinter einer
hohen Hecke einen Ruhepunkt Aber der Schlaf mag nicht erscheinen wo Durst und
Hunger quälen er nahte mir nicht und mit Entsetzen fühlte ich so meine Kräfte
immer mehr schwinden Ich scheute den Tod nicht obwohl Gott es weiß dass ich
ihm gehorsam blieb und ihn nicht rief aber meine Gedanken stumpften sich immer
mehr ab so dass ich endlich ganz gleichgültig gegen Alles mich wieder weiter
schleppte Meine klarste Vorstellung ist dass ich von der Kälte des Morgens am
Rande eines Waldes erweckt ward Meine Kleider waren nass vom Tau ich fühlte
Frost der Wald schien mir wärmer darauf waren meine Betrachtungen beschränkt
Ich ging weiter denn dass ich fort musste lag dunkel in mir doch wie weit noch
ehe ich diese rettende Zuflucht erreichte das weiß ich nicht und selbst dass
ich die Treppe zur Terrasse erreicht wie man mir sagt wo ich gefunden ward
ist mir völlig entschwunden und muss in der Betäubung geschehen sein die mich
zuletzt meines Kummers und aller meiner Leiden überhob Jetzt Mylady wisst Ihr
Alles was ich selbst in mir hervorzurufen vermochte und ich atme leichter
nun Ihr es wisst denn ich werde nun Eures Rates genießen und mein Name und
meine Ehre werden außer Zweifel vor Euch sein
Ob dem wirklich so war wenigstens in Betreff des Namens hätten vielleicht
Alle bezweifelt die den abgeleiteten Blick gewahrt hätten den die Herzogin bei
diesen letzten Worten über ihren Schützling warf Er ging indes an dieser Seele
unbemerkt vorüber und die Herzogin war zu tief von dem eben Gehörten
erschüttert um nicht sanftern Gefühlen Raum zu gönnen Liebreich zog sie die
von der Erzählung tief Bewegte an ihre Brust und führte sie gegen das warme
Licht der Sonne und das kindliche Wesen nahm so ruhig an dem Busen der Herzogin
Platz als könne diesem Haupte kein sicherer und wohltuenderer Ruhepunkt
geboten werden Sanft verhieß ihr die Herzogin noch ein Mal Schutz und die Lady
küsste stumm und innig ihre Hände Und nun Mylady flehte sie sanft gebt mir
bald Mittel meinen Oheim von meinem Schicksale zu unterrichten
Die Herzogin schwieg einen Augenblick dann sagte sie Ich fühle mich allein
nicht stark genug Euch den besten Rat zu geben doch morgen erwarte ich meinen
Schwager und meinen Sohn von London zurück Wenn Ihr mir erlaubt so teile ich
dem Ersteren Eure Erzählung in den Hauptsachen mit er kennt alle Umgebungen des
Hofes alle Große des Landes er wird Euch am Ersten sagen wo ihr Euren Oheim
den Grafen von Marr auffindet Ich hoffe jedoch Ihr werdet hier unter
weiblichem Schutze lieber weilen bis Euer Oheim für Euch eine ähnliche Stellung
ersehen als ihn aufsuchen und so biete ich Euch noch ein Mal meinen Schutz auf
jegliche Dauer an
Nachdem die junge Gräfin Melville auch für die neue Gunst innig gedankt
hatte schien sie merklich ruhiger nicht so die Herzogin Für diese
unglückliche Frau begann erst jetzt der schwerste Kampf Mit schwankender Stimme
hob sie an Ich habe Euch bis heute Euer Eigentum aufgehoben und lege es jetzt
in Eure Hände Mit diesen Worten nahm sie ein Kästchen welches die Juwelen der
Gräfin enthielt und fuhr dann fort Wollt Ihr mir wohl die Bedeutung dieser
schönen kunstvollen Gaben nennen Sicher teure Andenken von eben so teuren
Personen
Ihr seid unwohl Frau Herzogin sprach die Gräfin ihr in das Gesicht
blickend setzt Euch nieder ich habe Euch ermüdet Lasst mich Euch führen ich
setze mich zu Euch und erzähle Euch von diesen Gaben das wird Euch erheitern
denn es sind nur schöne Rückerinnerungen Dass Ihr sie gefunden und mir
aufbewahrt habt sagte mir Mistress Morton denn mit meiner Besinnung trat auch
mein Schmerz über den Verlust dieser teuren Güter ein die ich gelobt hatte nie
abzulegen Dies Buch sprach sie weiter und hob das mit der Perle verschlossene
Portefeuille heraus gehört mir nicht nur in den Händen meiner Tante sah ich
es Habt Ihr den Inhalt untersucht fragte sie und ihre Finger schienen zagend
auf dem Schloss zu ruhen sollte es wirklich für mich bestimmt gewesen sein
Hat sich Gersem nicht getäuscht Was glaubt Ihr darf ich es öffnen
Es ist nicht leer und der Inhalt wohl sicher für Euch bestimmt sagte die
Herzogin Ich muss Eure Verzeihung erbitten dass ich die Bedenklichkeiten die
Euch jetzt bewegen weniger obwalten ließ Als man es mir mit den Juwelen die
Ihr trugt übergab öffnete ich es in der Hoffnung vielleicht dadurch mit
Eurem Namen oder Euren Angehörigen bekannt zu werden und den um Euch
Bekümmerten Nachricht von Euch geben zu können Doch ich fand sonderbar genug
nur zwei Wechsel von tausend Pfund ausgestellt auf das Handlungshaus Perrisson
und denkt Euch selbst wie ich erstaunen musste die Adresse von unserm Schloss
in London und den Namen meines Gemahls
Wie rief hier die junge Gräfin und die helle Röte der Freude verschönte
ihr liebliches Gesicht So wäre ich zu Euch hingewiesen von meiner teuren
Tante an Euch und Ihr wäret vielleicht bekannt mit ihr oder Euer Gemahl
Ich kannte nie eine Gräfin von Marr erwiderte die Herzogin und auch von
meinem Gemahl hörte ich sie nie erwähnen Doch scheint mir selbst hier ein
Zusammenhang zu walten der mir wenigstens bis wir ihm durch Nachforschungen
näher treten das unbestreitbare Recht geben dürfte Euch als an mich gesandt
anzusehen da der nicht mehr unter den Lebenden weilt dem zunächst die Pflicht
gegönnt war
O welch eine glückliche Wendung nimmt jetzt mein trostloses Schicksal rief
die Gräfin und der in der Jugend so leicht gefundene Übergang vom Schmerze zur
freudigen Hoffnung schien auch sie belebend zu ergreifen An Euch ward ich
gesandt und Euch musste ich finden ohne die Absicht Euch zu erreichen Durch
Not und Tod lenkte Gott die willenlosen Schritte bis zu Euch Sagt selbst ist
das nicht recht deutlich seine ewig waltende Vaterhand Ja hier bin ich am
rechten Platze Gott hat es selbst vollführt was Menschen liebend für mich
erdachten und er wird es auch ferner nun führen wie es das Beste ist für uns
Alle
So wollen wir hoffen sagte die Herzogin sich unwillkürlich von den
begeisterten Zügen der jungen Gräfin angezogen fühlend und die Zärtlichkeit
still gestattend mit der sie ihre Hände geküsst fühlte und ist mein Schwager
nur erst hier dann leiten wir Eure Angelegenheiten durch ihn am zweckmässigsten
ein
Jeder Augenblick in Eurer Nähe versetzte die Gräfin bringt mehr Frieden
und Hoffnung in meine Brust mir ist als hätte ich nichts zu fürchten wenn Ihr
mir nur hold bleibt und meine Handlungen leiten wollt
Die Herzogin war nicht unempfindlich für diese Sprache der Liebe die so
vertrauend und zärtlich selten zu ihr drang doch ihr Interesse war innerlich zu
lebhaft auf ihre beabsichtigten Nachforschungen gerichtet um diesen Gefühlen
länger Raum zu gewähren sie hob selbst die Verhüllung welche sie um die
prachtvollen Inwelen gelegt hatte hinweg und ein Blick auf das obenliegende
Kreuz gab auch der Besitzerin andere Gedanken und Gefühle Sie hob es an der
Perlenschnur empor drückte es an ihre Lippen und sagte
Ich erhielt es von meinen teuren Eltern Schmückt mich damit fuhr sie
lächelnd fort dass es dadurch aufs Neue gesegnet zu mir gehören möge
Die Herzogin ihr gegenüber schien willenlos zu werden denn sie schlang
die prachtvolle Perlenschnur um den schlanken Hals und senkte das Kreuz das aus
zwölf großen Smaragden in Brillanten gefasst bestand auf die Brust Dann nahm
die Gräfin die Armbänder und sagte lächelnd den Blick darauf geheftet
Der es mir gab ihn liebte ich wie meinen Vater Er war der Freund meines
Oheims und sein steter Begleiter Ich sagte Euch davon und es gehört zu den
Dingen die mir höchst auffallend sind dass mir entweder sein Name entfallen
ist oder ich ihn nie gehört habe
Wie Mylady Ihr wisst den Namen dessen nicht den Ihr als einen Vater
liebtet mit dem Ihr so oft beisammen wart der Euch ein so reiches Andenken
geben durfte Ihr wollt mir sagen dass Ihr seinen Namen nicht wisst
Ich wollte ja nie mehr oder anders zu Euch sagen als ich selbst wusste
erwiderte die junge Gräfin zwar mit ruhigem Tone aber in ihrem Auge das sie
fest auf die Herzogin wandte lag ein vorübergehendes Leuchten ihres verletzten
Gefühles und der Verräter eines stolzen Herzens Wenn ich nun fuhr sie fort
auch hinzufüge dass ich nicht weiß wie das Schloss heißt wo meine Tante lebte
und von wo ich entflohen bin und in welcher Gegend von England es liegt so
wird sich sicher Euer Erstaunen noch vermehren Aber Ihr würdet Euch auch
vielleicht mein eigenes denken können als ich in Gedanken mir mein Leben
zurückrief um es Euch mitzuteilen und ich zuerst auf diese dunkeln mir
unerklärlichen Punkte stieß Doch gerade dies vermehrte mein Verlangen Euch
Alles zu vertrauen Denn Ihr in der Welt lebend und voll Erfahrung begreift
vielleicht eher hier einen Zusammenhang als ich die ich über manche Punkte
weder Zeit fand zu fragen noch nachzudenken über andere aber völlig ohne
Auskunft bleiben musste Auch begreife ich es wohl wie die Namen mir so gleich
waren ich hörte ihn stets teurer Freund oder Graf Robert nennen Mein
Aufenthalt auf dem Schloss aber war selten über vier Wochen ausgedehnt Stets
fanden wir bei unserer Ankunft meinen Oheim und seinen Freund und dieses
Wiedersehen war so beglückend für uns alle dass für mich wenigstens die ganze
äußere Welt versank und wir außer den Stunden des Schlafes uns fast nicht
trennten Wie man mich beschäftigte habe ich Euch erzählt dabei lebten wir in
einer großen Zimmerreihe mit offenen Terrassen nach dem Walde bei stets
geöffneten Türen Wir genossen die Milde der Luft aber oft hörte ich sie
sagen dass sie keine Spaziergänge machen wollten um keinen Augenblick unbenutzt
zu lassen für ihre reichen und lebendigen Unterhandlungen deren Mittelpunkt ich
war und zwar oft davon so berauscht dass ich zu den Füßen der Tante einschlief
und von Hanna wie ein Kind zu Bett geführt ward was wieder zu den Füßen des
Lagers meiner Tante stand Sprachen wir aber zu Nordwighall von dem Schloss
hieß es das Schloss der Tante zuweilen mit dem Zusatze im Innern von England
und das Nennen dieses geliebten Aufenthaltes weckte gleich eine Reihe so
wonnevoller Gedanken in mir und ich war mit dieser Benennung von Kindheit an so
befreundet dass ich den Mangel daran erst entdeckte als ich das Bedürfnis
fühlte Euch darüber Rechenschaft zu geben Das Recht des Grafen Robert endlich
mir dies teure Geschenk zu geben gehört für mich zu den sehr leicht
erklärlichen Dingen Denn nicht ich gab ihm jenes Recht sondern meine Eltern
als sie ihn zu meinem Paten ernannten Diese Brillanten bilden einen Namenszug
den er mir später erklären wollte Er hatte es auf mein Taufkissen gelegt und
als mein Arm hineinpasste legte ers mir selbst um und ich gelobte ihm es nie
abzulegen Sie schlug bei diesen Worten den langen Ärmel ihres Trauerkleides
zurück auf ihrem Antlitze war die sanfte Milde wiedergekehrt die vorherrschend
diese Züge zu beleben schien Sie blickte bittend die Herzogin an welche ihre
Stirn in die Hand gestützt ohne Bewegung zusammen gesunken in dem Sessel saß
und diesen Blick nicht sah Als nun die Gräfin sich beugte um ihr Auge
aufzusuchen begegnete sie dem trostlosen in Tränen schwimmenden Auge der
Herzogin und fürchtend für sie obwohl ungewiss warum kniete sie vor ihr
nieder und sagte leise und zärtlich Ihr leidet seid Ihr krank oder zürnet
Ihr mir Nein ich zürne Euch nicht sagte die Herzogin und blickte tief in das
Gesicht der Knieenden aber ich bin leidend Doch vergebt sagte sie gefasst ich
vollende Euren Schmuck Sie ergriff hierbei schnell das Armband und sagte
feierlich Eine teure teure Hand legte dies Band zuerst Euch an ich tue es
zunächst und gelobe Euch für Euch zu sorgen wie der es tun würde der es Euch
gab wenn es Gottes Wille so gefügt hätte Während dieser Worte befestigte sie
die Armbänder um die schönen Arme und erhob sich sogleich Der Augenblick der
Trennung schien gekommen die Gräfin Melville erwartete das verabschiedende Wort
mit ruhigem Anstande und die Herzogin die es verzögerte und mit sich uneins
war über die Einleitung des ihr zunächst Liegenden sah unruhig vor sich nieder
und das Schweigen welches die Bescheidenheit ihrer jungen Gefährtin nicht zu
unterbrechen wagte lastete mit drückender Schwere auf ihr Da kamen dumpfe Töne
von dem Eingange her welche sich schon oft und wohlbekannt hatten vernehmen
lassen ihrer Unentschlossenheit zu Hilfe Sie folgte ihrem vorausgesandten
Blicke und überschritt den Saal die Türe öffnend an der nun bei den näher
kommenden Schritten sich ein freudiges Gebell und unruhiges Kratzen vernehmen
ließ und durch den kleinen Spalt der sich öffnenden Tür drängte sich Gaston
mit solcher Gewalt hinein dass an den Rändern der Tür Haare von ihm haften
blieben Er wollte seine ungestüme Freude an der Herzogin auslassen die jedoch
wenig gestimmt schien sie zu begünstigen und sie durch ein paar streng
ausgesprochene Worte mäßigte während sie sich von ihm wandte um zurück zu
kehren Jetzt gewahrte Gaston der sich so zurückgewiesen sah die Gräfin
Melville welche nach den Terrassen gewandt in ruhigem Nachdenken der Herzogin
harrte Er hob den Kopf und Schweif hoch empor blickte schnell vorlaufend mit
seinen klugen Augen zur Gräfin hin und war mit zwei Sprüngen nicht allein an
ihrer Seite sondern mit seinen Pfoten so hoch dass sie sich augenblicklich von
ihnen umarmt sah und dies mit einem solchen Freudengeheul dass dieser jähe
Überfall des großen Tieres ihr einen lauten Schrei des Entsetzens entriss Aber
diese Folge der ersten Überraschung ging nun sogleich in die zärtlichsten
Liebkosungen über Gaston o mein lieber Gaston rief sie und drückte das
schwarze Gesicht an ihre Brust und küsste seine Stirn während Gaston ganz außer
sich vor Freuden schien wieder von ihr abliess sie umkreisete um immer wieder
zu ihr hinan zu springen und immer wieder ihre offenen Arme fand und eine
solche Teilnahme an seiner Freude dass Alles was sie beide umgab dieser
Empfindung weichen zu müssen schien Sie gewahrte nicht dass die Herzogin
krampfhaft einen Pfeilertisch dieser Szene gegenüber ergriffen hielt und mit
bleichen zuckenden Zügen und starren Augen hinein sah O Mylady rief jetzt die
Gräfin über Gaston wegschauend glühend und fast atemlos o sagt mir jetzt wo
ist er Gaston war nicht ohne ihn Ihr verbergt ihn Ihr habt mich vorbereiten
wollen durch Gaston auf seinen geliebten Herrn Doch ich bin jetzt gefasst rief
sie voreilend o lasst mich ihn sehen fürchtet keine allzu heftige Erschütterung
mehr Gaston unterbrach diese Worte noch immer durch seine heftigen
Liebkosungen und dies entzog ihren stets dadurch abgelenkten Blicken die
Veränderung der Herzogin und verschafte dieser zugleich Zeit die Fassung zu
erlangen die ihr jetzt doppelt nötig schien Nein Mylady es steht nicht in
meiner Macht Euren Wunsch zu erfüllen ich kann Euch den Besitzer dieses Hundes
nicht zeigen ja ich muss glauben Ihr irret wenn Ihr dies Tier schon früher
zu kennen glaubtet Ich mich in Gaston irren In meinem lieben Gaston rief
die Gräfin den ich selbst pflegte als sein Fuß bei einem Sprunge von der
Terrasse in dem Schloss meiner Tante blutete und verletzt war Heißt er denn
nicht Gaston Und seht hier noch die Stelle wo die Wunde war und kein Haar sich
wieder darüber zog Habt Ihr nicht gesehen dass er mich erkannte Und
wahrlich Gaston schien mit allen Tönen und Bewegungen welche diesen edelen
Kreaturen verliehen sind ihr oft so starkes und feines Gefühl auszudrücken
diesen Worten Nachdruck geben zu wollen und die Herzogin fühlte sich selbst
davon so überzeugt dass ihr für Heuchelei nicht geschaffenes Gemüt sich von dem
Vorhaben abwendete diese Bekanntschaft an die sie leider nur zu fest glaubte
als eine Verwechselung in Abrede stellen zu wollen Sie gebot Gaston Ruhe
welches sie mit Mühe erlangte Dann ergriff sie die Hand der Gräfin und führte
sie seitwärts vor Sagt mir sprach sie feierlich wem glaubt Ihr dass dieser
Hund gehört Dem Freunde meines Oheims teure Lady Er begleitete ihn stets
ich kenne ihn glaubt mir Ich zweifle selbst nicht mehr daran erwiderte die
Herzogin doch ich stehe jetzt wie eine Bittende vor Euch Ich fordere von Euch
eine Gewährleistung an der mir sehr viel liegt die fürs Erste nötig ist die
ich vielleicht später wieder aufhebe vielleicht auch nicht Wollt ihr mir
geloben meine Bitte zu erfüllen meine dringende Bitte Zweifelt Ihr Frau
Herzogin an meiner Bereitwilligkeit Wollt Ihr mir nicht sagen was Ihr
befehlt Wollt Ihr nicht überzeugt sein dass dies Herz froh sein wird Euch zu
gehorchen Was Ihr von mir fordert es kann nur recht sein und ich kann sagen
ich werde Euch nicht gehorchen um der großen Verpflichtungen willen die ich
gegen Euch habe ich werde gehorchen aus Liebe Da ergriff die Herzogin hastig
die Hände der Gräfin drückte sie fest zwischen die ihrigen und sagte schnell
Nie nie gegen kein menschliches Wesen nicht durch Blick oder Wort nie nie
verratet Eure frühere Bekanntschaft mit Gaston Mit Gaston stammelte
überwältigt von Erstaunen die Gräfin Sie hatte sich nach dem lebhaften und
feierlichen Benehmen der Herzogin auf die Anhörung irgend einer wichtigen
Mitteilung gefasst gemacht und jetzt sollte sie nichts als die harmlose
Bekanntschaft eines Hundes verleugnen
Doch sie besaß zu viel Gefühl für Schicklichkeit um der Herzogin
gegenüber nicht ein Erstaunen zu mäßigen welches dem Betragen derselben fast
zum Tadel werden musste Ihre wiederkehrende Besonnenheit aber ward bis zum
ernsten Nachdenken erhöht als ihrem folgerechten Verstande zunächst klar ward
dass dieser an sich unbedeutenden Bitte doch ein Umstand anhing der sie zu
keiner unwichtigen machte nämlich das Verläugnen der Wahrheit wenn der Zufall
eine Erklärung darüber für sie herbeiführen möchte Sie fühlte hier zuerst im
Leben dass man keines Menschen so sicher sein darf ihm ohne Vorbehalt irgend
eine heilige Angelobung zu tun noch vor der Kenntnis des Begehrten Der Streit
in ihrem Innern darüber legte ihren Lippen noch immer ein Schweigen auf das
durch ein etwas unbehagliches Gefühl gegen die Herzogin vermehrt ward welche
ihr rätselhaft und nicht so rein mehr erschien als einige Augenblicke früher
Aber die Herzogin hatte gebeten und diese ihr seltene Stellung ließ sie dies
Schweigen beleidigend empfinden Augenblicklich daher auf ihre frühere Hoheit
zurücktretend richtete sie sich empor und ihr Blick heftete sich nicht
bittend sondern zürnend auf die Gräfin Ich bat Euch Mylady sagte sie kalt
habt Ihr mich gehört Ich tat meine erste Bitte an Euch Vielleicht wagte ich
zu viel Euch um die Erleichterung einer Sorge zu bitten wobei ich Euer Wohl
mit bedachte Sie wollte sich wenden um den Saal zu verlassen denn ihr
einmal aufgeregter Stolz musste seine Befriedigung haben und jede andere Sorge
stand stets dieser Anforderung nach Da fühlte sie sich gehalten und eine
Bittende erwartend und geteilt in ihren Empfindungen welche ihr die Angelobung
ihrer Forderungen wünschen ließ wandte sie sich Aber sie fand ein ruhiges
nachdenkendes Gesicht ohne Sorge wie es schien über ihren heftig geäusserten
Unmut Ich bin wie Ihr seht in Unruhe und Zweifel und Ihr müsst mich jetzt
nicht verlassen sagte die Gräfin ruhig und ernst ich gestehe Euch dass mich
Eure Aufforderung in diese Stimmung versetzt hat Ich gab Euch früher mein Wort
zu willfahren noch ehe ich den Inhalt dieses Begehrens kannte und wenn meine
Ehrfurcht vor Euch mich es auch verbergen lässt wie unbegreiflich mir Euer Gebot
ist und wenn ich Euch auch gern ohne Gründe vertrauen möchte muss ich doch
glauben Ihr bedachtet selbst nicht Alles genau Denn sagt mir wer rettet mich
vor der Gefahr einer Lüge der ich fast unerlässlich ausgesetzt bin wenn ich
Euch unbedingt gehorche Ihr seid sehr überlegt Lady in so jungen Jahren
sagte die Herzogin noch immer streng doch zu einer innern Anerkennung dieser
reinen Ansicht fast gegen ihren Willen gezwungen Indes darf ich Euch wohl am
wenigsten deshalb tadeln da auch ich eine Feindin der Lüge mich nennen darf
und ich muss es beklagen Euch nun nicht länger verhehlen zu dürfen dass Ihr
selbst es seid die mich zuerst vielleicht im Leben zu einer mir sonst fremden
Heimlichkeit und Verhehlung zwingt Aber das ist der Fluch des Bösen setzte
sie wie zu sich selbst redend hinzu und es bleibt nichts in seiner Nähe
unbefleckt davon Ich überlasse Euch fuhr sie lauter fort was meine Bitte
betrifft Eurem Gewissen Das Wort das Ihr gabt soll nur Kraft haben bis zu
dieser Grenze doch werde ich bemüht sein Euch die Versuchungen aus dem Wege zu
räumen Tut Ihr ein Gleiches und denkt dass Ihr mir damit den geringsten Dienst
leistet denen aber die Ihr die Eurigen nennt vielleicht den größten Ich
danke Euch sagte die Gräfin mit ihrem wiederkehrenden klaren Blick und dem
vollen Ton ihrer melodischen Stimme Ihr habt mich wieder frei gemacht es
scheint mir nicht schwer das zu vermeiden was Ihr befehlt und ich wünschte
Ihr hättet allein dabei Interesse ich würde gern um Euretwillen recht
vorsichtig und besonnen handeln Ich sehe wohl setzte sie sanft hinzu Euer
erfahrner Blick hat schon tiefer in mein Leben geschaut ich bin dessen froh und
will durch keine kindische Neugierde Euch lästig fallen über das was Ihr mir
noch verbergen zu müssen glaubt Schreitet in dieser Hoffnung nicht zu schnell
vor Lady entgegnete die Herzogin Ihr legt mir zu viel Scharfsinn bei Mein
Leben war sehr frei von Verwickelungen ich verstehe mich daher wenig darauf um
so mehr habe ich aber stets bei meinen Forderungen das Vertrauen erregt dass man
sich ihnen ohne Vorbehalt überlassen könne Gehen wir jetzt Lady nach unsern
Zimmern etwas Ruhe wird uns nötig sein Ich werde Euch vor dem Abendgebet in
der Kapelle in meinen Zimmern der Herzogin von Nottingham meiner
Schwiegermutter vorstellen und dispensire Euch lieber von der Tafel da Ihr
bis dahin Ruhe bedürfen werdet Die Gräfin neigte sich ehrerbietig vor der im
Abgehn grüssenden Herzogin und stieg dann an Mistress Mortons Arm die sich
sogleich zu ihr fand die Treppen zu ihren Zimmern hinauf
Die endlich sich gleichbleibende Schönheit des Wetters hatte am nächsten Tage
die Damen zu einem Spaziergange in den weitläuftigen Anlagen des Parkes
veranlasst Die Herzogin führte ihre Schwiegermutter die Terrassen hinauf und
man beschloss daselbst zu verweilen und auszuruhen während Lucie an dem Arm
der Gräfin Melville hängend mit der sanften Arabella zugleich sich bemühte ihr
von den Merkwürdigkeiten von GodwieKastle zu erzählen und in der
bereitwilligen Aufmerksamkeit ihrer Gefährtin eine immer steigende Aufmunterung
für ihre Beredsamkeit fand Da verkündete der wohlbekannte Ruf der Hörner von
den Türmen des Kastells die Ankunft des neuen Herzogs Luciens Freudengeschrei
beantwortete diese lang ersehnte Verkündigung und hüpfend und tanzend nannte
sie laut die Namen der Nahenden im kindlichen Gesange Hierdurch und durch die
meldenden Diener ward die Gräfin Melville von der Ankunft dieser nahen
Verwandten des Hauses unterrichtet und sie fühlte zu zart um sich nicht in
einem solchen Augenblick lieber zurück zu ziehen da sie den Erwarteten völlig
fremd sich in diesem Augenblick in dem engen Kreise der Familie als störend
betrachten musste Sie beurlaubte sich daher für diesen Tag bei den beiden
Herzoginnen mit einigen anspruchlosen Worten die aber doch hinreichend das
feine Gefühl erraten ließ von dem sie geleitet ward Sie erreichte auch den
Eingang der Gallerie welche nach dem südlichen Flügel führte ehe die Herren
die Vorhalle betreten konnten doch sah sie durch die hohen Bogenfenster wie
der Hof von empfangenden und ankommenden Dienern belebt war in deren Mitte sich
neben einem ältlichen Herrn die hohe und schlanke Gestalt eines jüngeren bewegte
der mit großer Freundlichkeit die ehrerbietigen und freudigen Glückwünsche der
grauen und achtbaren Diener zu beantworten sich bemühte und so eben Sir Ramsei
der seine Hand küssen wollte mit liebenswürdiger Zuvorkommenheit die Stirn
küsste Die Gräfin blieb unwillkürlich stehen und sah dieser Szene mit einem
Anteil zu der notwendig ein gefühlvolles Herz bewegen musste so aufrichtig
war der Ausdruck dieser Empfindungen treuer Anhänglichkeit und lohnender
Anerkennung derselben Der alte Herr richtete nun mit Eile die Aufmerksamkeit
des jüngeren auf den Eingang des Schlosses und die Gräfin enteilte in ihre
Zimmer Die Herzogin begleitet von ihrer Schwiegermutter ihren Töchtern und
ihren Damen erschien in den geöffneten Pforten des Schlosses um den Sohn an
der Schwelle seiner Väter die er nun als rechtmässiger Herr betrat zu segnen
und willkommen zu heißen Solche Augenblicke hervorzuheben und feierlich zu
machen war ihre ganze Persönlichkeit geschaffen Es fehlte ihrem Herzen nicht
an Empfindung und die oft so schnell darüber hingleitenden Schatten gaben ihr
in den Augen der Meisten nur das Ansehen einer vornehmen Mäßigung einer edelen
Selbstbeherrschung welche sie durch ihre ganze äußere Erscheinung wohl zu
erhalten wusste Als sie auf der Schwelle so edel und ruhig erschien und doch
mit schwimmendem Auge und vollstem Ausdruck mütterlicher Zärtlichkeit dem
heranstürmenden Sohne entgegen lächelte da hätten wohl Alle mit dem gerührten
Jüngling vor ihr das Knie beugen mögen und in der lautlosen Stille wie sie
Ehrfurcht von selber gebot drangen ihre Worte bis in die Herzen der Fernsten
So segne Dich Gott mein Sohn in dem Hause Deiner Väter dem Du Herr sein
sollst wie sie es waren Er segne Dich mit ihren Tugenden die sie zu
Beschützern ihrer Untertanen zum Glücke ihrer Familie zum Stolze ihres
Vaterlandes zu Freunden ihrer Könige erhoben Stehe auf Herzog von Nottingham
und betritt Dein Eigentum mit einem Gott geweihten Herzen Der junge Herzog
sprang auf aber um sogleich vor seiner Großmutter auch um ihren Segen flehend
nieder zu knien und betrat dann zwischen Beiden die großen Hallen die in ihrer
ehrwürdigen Pracht gerüstet schienen noch einige Jahrhunderte die Geschlechter
kommen und verschwinden zu sehen deren schon so viele daran vorübergegangen
waren
Graf Archimbald konnte eben kein Freund von solchen feierlichen die
Empfindung hervorhebenden Szenen genannt werden und er gönnte seiner Schwägerin
nie lange die stolze Höhe auf die sie sich nicht ungern erhoben sah und wo sie
von den an Geist und Rang ihr meist untergeordneten Umgebungen gewöhnlich so
lange gelassen ward wie es ihr selbst beliebte Er schritt daher mit sehr
heiterem Wesen seine Nichten mit sich führend hinterher und begrüßte als der
mittlere Saal sie alle aufgenommen und die Herzogin sich mit den hochgespannten
Zügen welche ihre Würde verkündigten zu ihm wendete dieselbe mit einer so
heiteren und unbefangenen Freundlichkeit als wäre er von einem kleinen
Morgenritte so eben zurückgekehrt und als wäre zu einer tiefen Erregung und
einer Andeutung derselben in Worten überall keine Veranlassung Er wusste wohl
dass er sie damit ein wenig verletzte aber sie ward ihm dadurch viel bequemer
und allen Umgebungen wurde zugleich die Fessel abgestreift die sie ohnedies
wie oft so auch dies Mal länger getragen hätten Es fehlte der Herzogin
selbst bei besserem Willen Freiheit und Heiterkeit um sich herzustellen doch
sehr oft an Geschick dazu und ein dunkles Gefühl hiervon verwandelte nicht
selten ihre steife Haltung in üble Laune die sie dann den Tadel gern von sich
entfernend noch immer für ihr zukommende Würde hielt und damit ziemlich lästig
werden konnte Ganz anders verhielt er sich zu seiner Mutter Dieser reine
Charakter wollte und konnte nichts mehr scheinen und zeigen als sich selbst und
die höchste Wahrheit und Natürlichkeit verriet nur um so sicherer die
harmonische Schönheit ihres geläuterten Innern Dadurch ward ihre Nähe Jedem zur
Wohltat und wenn sie mit der Freude sie zu lieben die Herzen beglückte
erfüllte sie Alle zugleich mit wahrer Ehrfurcht vor einer so hohen Entwickelung
des menschlichen Geistes Graf Archimbald kannte Menschen und Verhältnisse in
den mannigfachsten Schattirungen Er war sparsam mit seiner Anerkennung und über
die meisten Täuschungen hinaus aber wer um seine seltener ausgesprochenen
Gefühle wusste dem war nicht verborgen dass er seine Mutter über die meisten
Menschen stellte Sie rief alle weicheren Gefühle und eine zarte achtende
Unterordnung die ihm sonst selten einkam in ihm hervor So begrüßte er sie
auch jetzt und seine Schwägerin fühlte diesen Unterschied wohl und es musste
gerade diese von ihr selbst so hoch gestellte mütterliche Freundin sein um ihr
die kleine Demütigung zu verzeihen welche die Frauen im Falle sie selbige vom
anderen Geschlechte empfangen so gern am eigenen zu rächen suchen Doch war der
Graf entweder zu gutmütig oder zu gewandt um seine Schwägerin nicht so bald
es sich tun ließ in eine angenehme Stimmung zu versetzen Er achtete ihren
Charakter mit allen seinen von ihm leicht begriffenen Fehlern und noch mehr
ihren Verstand auf den er einen hohen Wert legte vielleicht eine Folge seiner
eigenen vorherrschenden Richtung die ihn in dieser Fähigkeit eine größere
Sicherheit dem Leben gegenüber annehmen ließ als sich wohl immer bestätigen
mag Er motivirte daher seine hereinbrechende Freundlichkeit durch die
Mitteilung dass er so glücklich sei seiner Schwägerin die neuesten Nachrichten
von ihrem Vater dem Grafen von Bristol zu bringen indem bei seiner Abreise
von London so eben ein Kourier aus Madrid eingetroffen sei der auch Briefe für
die Herzogin gebracht habe welche er ihr zu überreichen sogleich die Ehre
haben werde Die Herzogin hatte aus langer Erfahrung gelernt dass sie am besten
ihre Haltung gegen ihn behauptete wenn sie anscheinend die Richtung die er
derselben zu geben wusste nicht zu bemerken schien und sich ihr mit einer Miene
überließ als sei es ihre eigene Wahl Beiden war so geholfen und dieser kleine
Krieg in dem sie sich vollständig erkannten ward ohne eine weitere Erklärung
und unbeschadet ihres übrigen Wohlverhaltens stets ohne Folgen beigelegt Auch
jetzt empfing sie seine Nachrichten mit der Heiterkeit die sie ihrer Natur nach
verdienten und man kam bald dadurch auf die öffentlichen Angelegenheiten die
allerdings ganz England in eine nicht geringe Spannung versetzten
Gewiss sagte der Graf als man sich niedergelassen hatte war man gegen die
Unterhandlungen die der König zur Vermählung seines Tronfolgers mit einem
katholischen Hause anknüpfte nicht gleichgültig ja wohl eher tadelnd
gesonnen Doch war eben so allgemein die Ansicht verbreitet der Prinz von Wales
empfände eine eben so große Abneigung dagegen wie sein Volk und füge sich nur
aus kindlichem Gehorsam in den Willen des alten Königs dem allerdings bei der
vorgefassten Meinung dass jede Verbindung mit einer Prinzessin unter königlichem
Range unebenbürtig sei keine große Auswahl blieb da nur Frankreich und Spanien
in diesem Augenblicke Prätendentinnen der Art bereit hatten
Und glaubst Du wirklich mein Sohn sagte die alte Herzogin dass der Grund
der Weigerung des Prinzen von Wales sich zu vermählen allein seiner Abneigung
gegen die fremde seinem Volke verhasste Kirche zuzurechnen sei Ich erinnere
mich von dieser Abneigung Manches schon gehört zu haben ehe noch von einer
Unterhandlung mit Spanien über diesen Punkt die Rede war
Allerdings sagte der Graf doch scheint sein rasches nunmehriges Eingreifen
in diese Unterhandlungen jene frühere Ansicht zu widerlegen und es ist nicht
einer der unwichtigsten Nachteile dieser Reise dass das Volk nunmehr den
Vorwurf einer Hinneigung zum Katolischen von dem alten Könige an welchem man
dieselbe ziemlich erfolglos betrachtete auf den künftigen Herrscher scheint
übertragen zu müssen was wenigstens unbezweifelt der Infantin sollte sie
unsere Königin werden keine freundliche Stimmung im Volke bereiten wird Die
Abneigung des Prinzen aber sich zu vermählen stammt aus einer früheren Zeit
Meine Verhältnisse haben mir nicht erlaubt darin klarer zu sehen als die
allgemeine Stimme verkündigte der Prinz habe in früheren Jahren eine heftige
und unglückliche Leidenschaft für ein Fräulein von Rang gehegt die ihn
späterhin dem ganzen Geschlechte entfremdet Wie viel daran war möchte ich
selbst bei der Wahrscheinlichkeit des Gerüchtes nicht entscheiden obwohl die
Tatsache außer Zweifel ist dass der Prinz außer der allgemeinen ritterlichen
Galanterie die seine liebenswürdige Natur bezeichnet nie einer Einzelnen den
kleinsten Vorzug einzuräumen schien
O rief der junge Herzog wie unendlich viel liebenswürdiger erscheint mir
nun noch der Prinz wenn ich mir diesen Kern des Herzens diese treue und feste
Liebe in ihm denke die ihn gegen die Verirrungen der Jugend schützte und ihn
so mild und ritterlich zugleich darstellt Immer war es mir als ob in seinen
Augen so etwas unaussprechlich Anziehendes läge eine Mischung von Geist und
Schwermut geschaffen die Gemüter in der grenzenlosesten Hingebung zu
fesseln
Er hat die Augen der Stuarts sagte die jüngere Herzogin mit hervorgehobener
Kälte man hat stets viel und in vielen Verhältnissen und an den verschiedensten
Individuen von ihrer Zauberkraft gefabelt und obwohl sie mir diesen Eindruck
nie machten sehe ich doch die Wirkung blieb für meinen Sohn aufgehoben Denn
wahrlich fuhr sie fort und streckte die Hand sich erheiternd nach ihm hin Du
glühst in der Erinnerung dieser Augen und Dein künftiger König mag mit
Empfindungen zufrieden sein die Dich wie es scheint in grenzenloser
Ergebenheit an ihn fesseln werden
Ja teure Mutter Ich würde für den Prinzen den ich von Kindheit an liebte
und durch des Vaters Erzählungen fort lieben lernte mit Entzücken mein Leben
geben und er wird in mir einen Untertanen finden wie er ihn hoffentlich nie
bedürfen wird der seine Rechte mit Gut und Blut zu verteidigen bereit wäre
Er wusste nicht wie er in diesen Worten sowohl sein als des Prinzen späteres
Schicksal bezeichnete So wird in unserer Empfindung oft Jahre lang vorher die
Fähigkeit vorbereitet die das Leben späterhin in das Dasein ruft und wir
nehmen oft den Platz wirklich ein den wir in der Jugend mit unsern Träumen und
Wünschen umschlichen ohne seine Erreichung für möglich zu halten Wer möchte
die Grenzen bestimmen die unser inneres Streben das uns oft selbst nicht
deutlich wird hier in einem höheren Willen findet wer kann sagen ob wir das
Schicksal heranzogen durch die Richtung die wir uns gaben oder ob es das
Schicksal war welches uns gerade diese Richtung der Ansichten und Empfindungen
aufnötigte deren wir oft nicht eher uns bewusst werden als eben in dem
Augenblicke der sie zugleich in Taten hervortreten lässt Die begeisterten
Worte des Jünglings hatten eine augenblickliche Stille des Nachdenkens
veranlasst und vielleicht mochten in den älteren Personen sich ähnliche Gedanken
regen doch die Herzogin liebte nicht in fremde Empfindungen einzugehen und
hielt gern sich und Andere in den ihr bereits bequem gewordenen Grenzen
Der Prinz war der Freund meines Gemahls hob sie an als ob sie dadurch
Alles ausdrücken wolle was er in ihrem Anteile besitzen könnte aber ich
gestehe dass ich mich nie bis zu einer Bewunderung dessen habe erheben können
was in meinen Augen selbst in dem Falle der ihn in den Deinigen mein Sohn so
zu erheben scheint nur eine unmännliche Schwäche war Was ist mehr Gottes
unmittelbarer Wille als der Standpunkt auf dem wir uns durch unsere Geburt
befinden Mögen Andere mindern Ranges darüber noch in Zweifel sein der Prinz
der künftige König muss es wissen dass er nicht seinen PrivatEmpfindungen
angehört und der hohe Beruf der ihm geworden dächte ich müsste das Herz zu
größeren Empfindungen entflammen und ihm wohl einen starken Ersatz für jene
kleinen Tändeleien des Herzens gewähren fühlt er sich anders wahrhaft fähig
der großen Anforderung seiner Geburt zu genügen Könige haben andere Gründe
sich zu vermählen sie müssen diese Pflicht gegen ihr Volk erfüllen und müssen
auch ohne ihr Herz eine solche Ehe würdig zu gestalten wissen Man sollte
überhaupt auch in andern Ständen etwa als Oberhaupt einer bedeutenden Familie
sich frei zu erhalten suchen von einer Leidenschaftlichkeit der Empfindungen
die uns nur zu leicht aus dem Gleichgewicht zieht mit dem wir allein im Stande
sein werden ausgedehnte Pflichten zum Nutzen und Beispiele der uns Anvertrauten
zu erfüllen Ich möchte jungen Leuten die eine Laufbahn beginnen immer
zurufen erst den Standpunkt zu prüfen auf den sie durch ihre Geburt gestellt
wurden Was ihnen dann zulässig wäre würden sie leichter und geschickter
wählen als wenn sie sich regellos entwickeln und ihren Verhältnissen
aufnötigen was ihre Leidenschaften ihnen nicht zu unterdrücken gestatten
Welche unselige Verwirrungen hat dies in die ehrwürdigsten Familien geführt
Glaubet nicht teure Mutter erwiderte der Herzog dass ich solcher
Verwirrung das Wort redete aber ein Herz welches einer tiefen und starken
Empfindung in der Liebe fähig ist müsste dachte ich auch den warmen Impuls der
Tugend und Pflichttreue dadurch in sich verstärkt fühlen
Ich wollte nicht tadeln was Du sagtest entgegnete die Herzogin hätte es
mir Unrecht geschienen würde ich Dich ohne Einkleidung meiner Meinung gewarnt
haben Ich ehre vollkommen eine aufrichtige Liebe zu unserm Lehnsherrn wie ich
sie in Deinen Äußerungen erkannt habe ich würde meinen Sohn verkennen wäre es
anders Doch lass uns auf etwas kommen was mich zu hören verlangt Du bist mir
noch Deine Aufnahme beim Könige schuldig Willst Du der Großmutter und mir
Einiges darüber mitteilen
Der König war sehr gütig und seine Gesinnungen für unsere ganze Familie
sind höchst ehrenvoll aber die eigentliche Zeremonie ward seiner Gesundheit
halber sehr abgekürzt Auch fand ich ihn so verändert dass ich ihn wohl unter
andern Verhältnissen die ihn weniger kenntlich gemacht hätten kaum wieder
erkannt haben würde
Wie sagte die alte Herzogin ist er leidend oder ist schon wirklich Gefahr
für unsern guten Herrn
Dies möchte ich nicht gerade behaupten nahm Graf Archimbald das Wort doch
hat er eben ein böses Fieber überstanden und in seinen Jahren bleibt allerdings
eine gänzliche Herstellung zweifelhaft oder doch nur langsam zu erwarten Ich
habe die Veränderungen seiner Gesundheit auch bemerklich gefunden
Auch scheint ihn Gram und Sorge über die Reise seines Sohnes sehr
erschüttert zu haben setzte der junge Herzog hinzu denn er redet Jeden an um
ihm darüber seinen Schmerz und seine Besorgnis auszudrücken
Diese große Reizbarkeit lässt auf eine allgemeine Schwäche schließen fuhr
Graf Archimbald fort denn wenigstens bis jesst sind die Nachrichten aus Spanien
so glänzend dass es scheinen will das Glück wolle es übernehmen die kleine
Übereilung unsers teuren Prinzen wieder gut zu machen Wir haben dies alle dem
unvergleichlichen Benehmen des Grafen Bristol zu verdanken der dem Prinzen
eigentlich den Boden bereitete auf welchem er siegend einher zu gehen scheint
und der auch bei der überraschenden Ankunft des Prinzen mit der größten
Geistesgegenwart seine Maßregeln besser nahm als unsere nachkommenden
Depeschen sie ihm angeben konnten
Und so wäre diese Sache also wirklich durch den raschen Entschluss des
Prinzen befördert fragte die alte Herzogin
Dies zu bestimmen möchte ich vor der Rückkehr des Prinzen nicht übernehmen
sagte lächelnd Graf Archimbald denn der Herzog von Buckingham begleitet ihn
und wer weiß ob der Graf von Bristol seine Angelegenheiten nicht zu ruhmvoll
betreibt
Wie verstehst Du das fragte unschuldig ihn anblickend die alte Herzogin
Wozu teure Mutter sagte der Graf fast zärtlich ihre Hand nehmend wozu
willst Du mit Deinem reinen Geiste Dich zu den Schlangenwegen der Politik des
Neides und Stolzes herablassen In Deiner Nähe vergesse ich am liebsten den
wunderlichen Verkehr der Außenwelt wenn ich ihr nachher auch wieder angehöre
durch Erziehung und einmal übernommene Stellung Meldet man uns ja doch in
diesem Augenblicke aus Madrid noch die glänzendsten Dinge Dem Prinzen ist
königlicher Rang eingeräumt die Infantin hat den Titel einer Prinzessin von
Wales angenommen und der König sein Hof und das ganze hochherzige und
ritterliche Volk überhäufen ihn mit entusiastischer Liebe da sie allerdings
diese Handlung sie in ihrer ganzen Originalität auffassend als den höchsten
Beweis des Zutrauens zu ihrem NationalCharakter ansehen
Wenn ich Hofdame wäre oder noch am Hofe lebte versetzte die alte Herzogin
lächelnd so würde ich mir die Stoffe zu meinen Roben aussuchen in denen ich
den VermählungsFeierlichkeiten beiwohnen wollte so sicher erscheint mir die
erlauchte Infantin unsere Prinzessin von Wales zu werden und ich sehe wohl dass
ich trotz meines politischen Gemahls Sohnes und Bruders wenig Kenntnisse
gesammelt habe da mir hier von keiner Seite mehr ein Hindernis einleuchten
will Sie erhob sich freundlich von ihrem Sessel denn die Mittagszeit war
nahe und man hatte über der Freude des Wiedersehens nicht daran gedacht sich
umzukleiden Jeder begab sich in seine Zimmer Der Herzog weigerte sich die im
italienischen Flügel anzunehmen wodurch er seiner Mutter eine größere Wohltat
erzeigte als sie eingestand
Die Gesellschaft des Schlosses hatte obwohl nun ein längerer Zeitraum zwischen
dem Tode des Herzogs verflossen war doch ein so gedrücktes schwermütiges
Leben fortgeführt dass ein Bedürfnis freieren Aufatmens lebhafteren Treibens
bei den Meisten sich dringend einstellte Auch trat die Zeit als mildernde
Vermittlerin selbst für diejenigen ein die am nächsten dabei gelitten und
machte sie wenigstens geneigt dem wiederkehrenden Leben stille Zuschauer
abzugeben Das ewige ErgänzungsSystem in der Natur lässt auch eine so endlos
scheinende Lücke als der Gram über den Verlust eines geliebten Gegenstandes uns
scheinbar öffnet nicht ohne diesen wohltätigen Einfluss Müssen wir auch oft
einen bis dahin uns teuer oder doch bequem gewordenen Kreis abschließen ohne
dass wir Grund oder Boden für einen neuen sehen die kleine rettende Insel
steigt doch endlich aus dem leeren wüsten Raum empor auf der wir einen neuen
Kreis ziehen wenn auch endlich immer kleiner wenn auch unsichtbarer stiller
und einsamer Das große Geschäft zu leben löset uns vor unserm letzten
Atemzuge niemals ab und wer aus freier Kraft die Wünsche ablöst die dem
schönen ruhigen Lauf des Daseins mit Verwirrung drohen der fühlt endlich dass
über ihm der Kreis sich vergrößert der da unten in der Welt sich verengt und
hat er mit diesem endlich abgeschlossen so gähnt ihm keine bodenlose Tiefe
entgegen sondern ein heller lichter Strahlenkreis worin er wieder finden
wird was er verdient
So ward die Wiederkehr des nunmehrigen Herzogs und des Grafen Archimbald den
zaghaften Gewissen zur Entschuldigung der Freude die nun bald wieder in den
schicklichen Grenzen sich zeigte welche hier mehr als sonst beobachtet
wurden Die anspruchlose Natürlichkeit des jungen Herzogs trug hierzu wohl sehr
viel bei er kannte es nicht sich ein Gefühl aufzubürden was er nicht hatte
Seinen Vater je zu vergessen gleichgültig gegen seinen Verlust zu werden
schien ihm so außer dem Bereich der Möglichkeit zu liegen dass er nicht
fürchtete damit beargwöhnt zu werden Daher atmete seine Brust in neuer
jugendlicher Lust empor er freute sich dessen und es schien ihm dies recht
natürlich da er ja noch viel zu tun hatte um seines Vaters willen wozu ihm
ein gesundes Herz vor Allem nötig schien Darum sah man ihn auch auf das
Anmutigste mit Arabella und Lucie scherzen und Alles um sich her durch die
klare heitere Miene beleben die nicht der Ausdruck des Leichtsinns ist
sondern eines sichern natürlichen Gefühls das Alles eingesteht weil es nichts
zu verbergen hat
Man hätte denken können die alte Herzogin habe diese wohltätige Diversion
vorausgesehen oder herbei gewünscht denn offenbar unterstützte sie mit ihrer
liebenswürdigen Laune das Betragen ihres Enkels und schien sich des Erfolges zu
freuen der selbst über ihre Schwiegertochter sich langsam verbreitete welche
zu mütterlich fühlte um sich nicht endlich dem Einfluss zu überlassen den ihr
Sohn zu verbreiten wusste nachdem sie den unangenehmen Eindruck überwunden
hatte diesen Sohn den höchsten Rang behaupten zu sehen der ihr selbst an der
Seite ihres Gemahls in seiner milden gegen äußere Vorzüge gleichgültigen
Stimmung so unbestritten gewesen war Der junge Herzog nahm überall willig das
Recht in Empfang was mit seiner Würde ihm verbunden schien Wie deshalb aber
seine Mutter einen niederen Rang als früher einnehmen könne vermochte er nicht
einzusehen und eben dies dass der Herzog dies fühlte versöhnte sie mit den
unvermeidlichen Einschränkungen ihres Einflusses und ihrer Macht Als man sich
zur Tafel begeben hatte und Lucie noch immer ihren Liebling vermisste brach sie
sich mit ihrem klaren Stimmchen Bahn und sich zu ihrer Mutter wendend rief
sie
O liebe Mama wo ist aber unsere Lady warum kommt sie nicht zu uns ist
sie wieder krank
Nein Lucie sagte die Herzogin und die Erinnerung an dieses geheimnisvolle
Wesen weckte die stillen Qualen ihrer Brust und veränderte schnell die Farbe
ihrer Wangen fürchte nichts sie ist wohl auf aber zu bescheiden ohne
Vorbereitung vor diesen Herren zu erscheinen
Meinem guten Bruder Robert meinem lieben Oheim rief Lucie vor denen hätte
sie immer erscheinen können die hätten ihr sicher nichts übel genommen wenn
sie auch fremd ist wie Du sagst Nicht wahr Oheim Nicht wahr Robert
Was meinst Du Lucie Wen hast Du dem Du Protection gewährst fragte Graf
Archimbald während Roberts Blicke sich fragend zu seiner Mutter wendeten
Wir haben einen Gast mein Sohn hob die Herzogin gezwungen an über den ich
noch nicht den passenden Augenblick finden konnte Dir meine Mitteilungen zu
machen Ich habe während Deiner Abwesenheit ihr den Schutz dieses Hauses gelobt
den sie unglücklich und verlassen für den Augenblick zu bedürfen scheint Du
wirst mich sehr verbinden wenn Du meine Worte bestätigen willst
Meine teure Mutter rief der Herzog und über sein jugendliches Antlitz
flog die Röte der Überraschung und der Beschämung Euer Durchlaucht sind
hoffentlich vollkommen überzeugt dass es hier keine Autorität gibt Ihre
Anordnungen und Befehle zu bestätigen Es war vielleicht das erste Mal dass
ihn der Gedanke flüchtig berührte wohin der stolze Sinn seiner Mutter sich
verirrte den er aber mit Erschrecken aufzunehmen schien
Die Herzogin war mit dieser Huldigung zufrieden und ohne sie weiter zu
beantworten fuhr sie sichtlich freier gegen die Hauptperson sich wendend
fort Ich habe gestern ihre rührende Geschichte gehört sie ist von vornehmer
Geburt eine Gräfin von Melville eine Enkelin des Sir Robert Melville und
obwohl ihre Eltern gestorben sind lebt ihr doch noch ein Oheim für dessen
Auffindung wir Eure Güte Graf Archimbald in Anspruch zu nehmen denken
Graf Archimbald verbeugte sich und wiederholte bloß den Namen Melville als
säh er in Gedanken in der großen Namenliste seines Gedächtnisses nach diesem
sich um Die Herzogin erzählte alsdann kurz und mit vieler Geschicklichkeit die
Geschichte der Auffindung und der Krankheit der jungen Dame und schloss mit
einem fast unwillkürlichen Lobe ihrer Schönheit und feinen Erziehung Die
Wirkung dieser Erzählung auf beide Männer war auffallend wenigstens für die
Übrigen an diese seltsame Erscheinung bereits Gewöhnten Man sah hier recht
wie das Geheimnisvolle über alle Menschen eine Gewalt übt welche zu leugnen
eben so vergeblich wäre als ihr gänzlich entgehen zu wollen
Da die Sache jetzt einmal in Anregung gekommen war wünschte die Herzogin
nunmehr auch die persönliche Bekanntschaft mit ihrem Schützlinge einzuleiten
und gab zu dem Ende ihren Töchtern den Auftrag die Lady am Nachmittage zu
besuchen und sie wenn es ihre Gesundheit erlaube um die Teestunde nach ihren
Zimmern mit herüber zu führen Dieser Auftrag ward mit Freude von den Töchtern
empfangen und verwies die aufgeregte Neugierde der Herren an ein leicht zu
erreichendes Ziel während es die Herzogin selbst beruhigte weil sie mit ihren
eigenen Gedanken über die Gräfin außer Zweifel kommen wollte Ihre
Schwiegermutter hatte trotz ihrer argwöhnischen Aufmerksamkeit bei der
Vorstellung der jungen Dame ihr durchaus keine Aufschlüsse gewährt indem sie
jene nur mit dem freundlichen Anteil empfangen hatte der sowohl ihrer Lage
als ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit billig zuzukommen schien
Als daher die Teestunde herangerückt war die um der alten Herzogin willen
mit großer Aufmerksamkeit gehalten wurde obwohl dies keineswegs damals schon zu
den Sitten Englands gehörte und sie sich von ihrem Sohne geführt bei ihrer
Schwiegertochter eingefunden hatte konnte diese die Ankunft des Herzogs in
steigender Ungeduld nicht erwarten und Pons flog auf den ihm wohlbekannten Wink
dahin die jungen Damen abzuholen Die Herzogin hatte in der Nähe eines der
hohen Bogenfenster welches geöffnet einen heitern Blick auf die Gebüsche der
Terrassen und die dahinter ausgebreitete Landschaft gewährte die Sessel stellen
lassen welche die Familie aufnehmen sollten Man saß so dem mit schönen
Gemälden und kostbaren Geräten geschmückten Saal gegenüber der mit diesem
Zimmer durch einen hohen und breiten gotischen Spitzbogen verbunden war diesen
hatte man seines kunstreichen Schnitzwerkes und seiner prachtvollen
Vergoldungen wegen ohne Türen gelassen und nur durch einen reichen seidenen
Vorhang die Zimmer nach dem Bedürfnis der Bewohner getrennt Jetzt war derselbe
von einander gerollt und gewährte eine schöne Aussicht in den eben erwähnten
Saal an dessen Ende sich dem Bogen gegenüber die breiten vergoldeten
Eingangstüren befanden Die Herzogin hatte ihre Schwiegermutter an ihrer
Seite ihren Teppich vorgenommen und arbeitete wie es schien mit der
vollkommensten Ruhe an der Bildung einer künstlich verschlungenen Blume während
Graf Archimbald vor ihr stehend mit großer Beredsamkeit ihr die
verschiedensten Mitteilungen machte über Freunde und Verwandte in London Die
Herzogin hatte ihm einige Mal schon den Sessel angeboten der ihm die Richtung
gegen den Saal zu gegeben und ihn für ihre Beobachtung bequemer gestellt haben
würde aber außer einer stummen Verbeugung hatte er sich nicht unterbrechen
lassen da er wie es schien zu stehen vorzog
Jetzt öffneten sich die Türen Die Erwarteten zogen in bunter Ordnung durch
den Saal und Graf Archimbald sprach noch immer mit dem Rücken dahin gewandt
lebhaft und zu laut um das Geräusch der Nahenden zu hören als die Herzogin in
voller Ungeduld zu dem letzten Mittel griff und mit Hand und Augen und
freundlichen Mienen um ihren Schwager herum in den Saal hinein grüßte für den
Augenblick unbekümmert über die sonderbare Huld und einzig bestrebt ihren
hartnäckigen Schwager zu wenden Dies gelang er trat zurück und folgte der
Richtung mit den Augen welche seine Schwägerin so lebhaft anzugeben bemüht war
und der Blick den der Graf jetzt prüfend und immer prüfender dahin sandte und
die auf seinem Gesichte unverkennbare Spur innerlicher Überraschung befriedigte
die Herzogin zu ihrem eigenen Nachteil vollkommen über die List die sie sich
erlaubt hatte und über das davon erwartete Resultat
Die jungen Damen von ihren Gouvernanten und Master Koplei begleitet
näherten sich nur langsam sprechend und mit Lucie tändelnd welche die Zipfel
des langen durchsichtigen Schleiers ergriffen hatte den die Gräfin Melville
trug und den sie durchaus als ihr Page dienend ihr nachtragen wollte Dadurch
aber drängte sie dieselbe vor und es schien wirklich als ob die sie
Begleitenden ihr Gefolge ausmachten Die Gräfin trug noch immer Trauerkleidung
welche von schwarzem seidenen Stoff auf ihren Wunsch erneut war und nach der
damaligen Mode in einem Mieder bestand welches die Schönheit der Taille sehr
vorteilhaft bezeichnete und Schultern und Nacken enthüllte während der Rock
in feinen Falten sich bis zu den Füßen senkte Dazu gehörten noch die weiten
lang niederhängenden Oberärmel welche aufgeschnitten den zierlichen
Unterärmel zeigten der eng anliegend die Form des Armes umschloss
Der einzige Schmuck dieser einfachen Kleidung bestand in dem uns bekannten
Kreuze welches an der Perlenschnur von ihrem Halse hinab bis auf die Spitze des
Mieders hing und dessen Wert die Besitzerin wenig kannte obwohl vielleicht
kaum ein ähnliches Geschmeide sich in dem Besitz der reichen Edelfrauen des
Landes befinden mochte Das Haar trug sie nach französischer Sitte über die
Stirn gescheitelt und von den Schläfen an in vollen Locken bis zu den Schultern
hinabwallend Das dunkle und glänzende Braun dieses Haares hob die Lilienweisse
ihrer Haut welche nur einen leichten Anhauch von Röte auf den lieblich
geformten Wangen zuließ und dem Lichte auf diesem Antlitze fast etwas
Strahlendes gab Es lag außerdem in jeder Bewegung und in ihrer ganzen hohen und
feinen Gestalt etwas Ungewöhnliches so dass sie die Aufmerksamkeit fesseln
musste Sie schien jetzt ganz mit Lucie beschäftigt und in ihren Scherz
eingehend hatte sie den schönen Kopf halb zurückgebogen um mit ihrem kleinen
lieblichen Pagen zu kosen Auf dem dunkeln Grunde des Schleiers ruhte die feine
Linie von Stirn und Nase und zeigte das gesenkte Auge mit seinen langen
schwarzen Wimpern nur in der hohen und schönen Wölbung zu einer Vollendung der
Form erhoben welche auch ohne die Entschleierung des vollen Blickes eine
Verheißung unendlichen Liebreizes war So hatten sie sich dem Eingange spielend
genaht da erwachte Graf Archimbald aus seinem Anschaun
Wer ist das rief er lebhaft unfähig sein Auge von dem Eingange zu wenden
Meint Ihr die Gräfin Melville sagte die Herzogin mit einer solchen Kälte und
Gleichgültigkeit dass der Graf wegen des Kontrastes mit ihrer eben geäusserten
Teilnahme ganz erstaunt zu ihr sah und die beiden sich so wohl Kennenden
bedurften hier nur eines flüchtigen Blickes um sich gegen einander verraten zu
sehen
Aber es war nicht Zeit zu näheren Erörterungen denn so eben trat die Gräfin
unter den Bogen des Eingangs Sie wendete ihr Gesicht zu den Anwesenden und
suchte mit ausgebreiteten Armen den Schleier aus Luciens Händen zu ziehen
Dadurch wölbte sich der schwarze Flor zu einer Nische um sie her und als sie
langsam und mit steigender Röte die großen dunkeln Augen aufschlug und einen
Augenblick stillstehend ihre nächsten Schritte zu bedenken schien glich sie
eher den idealischen Träumen eines Raphael als einem menschlichen lebenden
Wesen Die Herzogin hörte hinter ihrem Stuhle von ihrem Sohne der leise
hereingetreten war einen Ausruf der Bewunderung ohne dadurch überrascht zu
sein ward doch auch sie von dem Wesen beherrscht welches dazu bestimmt schien
durch dieselben Reize durch die sie die trübsten Gedanken der Herzogin
erweckte sie auch zu bewältigen und zu versöhnen
Die Sprache der Bewunderung oder des Beifalls den wir einflößen ist wenn
auch nur in Blick und Mienen ausgedrückt eine so leicht sich mitteilende
Sprache dass sie sich auch denen verständlich macht die mit der ersten
jugendlichen und so glücklichen Unbefangenheit sie nicht durch ihre Vorzüge
herbeigeführt wähnen aber dennoch von dem Wohlwollen sich gehoben und erfreut
fühlen das ihnen entgegentritt Es ist dies einer der schönen Genüsse jenes
Alters wo wir weder Auszeichnung erwarten noch verlangen und was uns davon
gewährt wird mit grossmütigem Enthusiasmus dem Ideale zurechnen welches wir
uns von den brüderlichen Liebesbanden der menschlichen Gesellschaft entwarfen
glückliche Träume welche uns noch frei und lebendig in unserer eigenen Gestalt
mit fröhlichem Vertrauen hervortreten lassen während wir später oft nur den
Wunsch behalten durch gänzliche Unbemerkteit so wohl dem Lobe als der
Verfolgung zu entgehen
Die Gräfin Melville fühlte in dem Kreise in den sie trat und aus den auf
sie gerichteten Augen etwas ihr entgegen dringen das ihre Seele mit Vertrauen
und der unschuldigen Heiterkeit erfüllte deren Ursache wir eben erwähnten Er
belebte ihre Züge und zog den feinen Anfang eines süßen Lächelns um ihren Mund
während sie leicht vorglitt und die kindliche Bewegung machte der jüngeren
Herzogin die vorgestreckte Hand zu küssen welches diese jedoch lebhaft
verweigerte Haben wir Euch wieder sagte sie dabei sehr freundlich ich sehe
Lucie hat das Sicherste erwählt sie hielt Euch fest und tat Pagendienste dass
Ihr uns nicht wieder entfliehen konntet
Weigerte sie sich denn zu uns zurück zu kehren sagte die alte Herzogin und
küsste das liebliche Mädchen auf die Stirn während sie einen Augenblick vor ihr
auf den Fussschemel sich neigte dann soll sie zur Strafe neben uns sitzen und
mir Seide zupfen helfen
Ich möchte gefehlt haben um dieser Strafe nicht zu entgehen sagte heiter
und mit holdem Lächeln die Gräfin machte mich der Fehler nicht der lieben
Strafe unwert Doch lieber sag ich dass Arabella und Lucie meiner Sehnsucht zu
Hilfe kamen es war mir so bang und traurig dort oben allein und mich verlangte
die Freude zu sehen die ich hier nun verbreitet wusste Hier streifte ihr
helles Auge den jungen Herzog der immer noch unbeweglich hinter seiner Mutter
stand und den Blick vergeblich von einem Gegenstande zu wenden suchte der seine
jugendliche Phantasie mit allen ihren Träumen überflügelte Von dem Ausdrucke
betroffen womit der Herzog sie anblickte wandte sie ihre Augen schnell um sie
einen Augenblick auf dem Grafen Archimbald ruhen zu lassen
Erlaubt Lady Melville dass ich Euch meinen Sohn den Herzog von Nottingham
vorstelle sagte jetzt die jüngere Herzogin er freut sich den Schutz zu
bestätigen den ich so glücklich war Euch zu gewähren Mylord sagte die Gräfin
als der Herzog zu antworten zögerte und neigte sanft ihr schönes Haupt ich
bitte Gott dass er Euch segnen wolle in diesem ehrwürdigen Hause und danke
Euch dass Ihr mir den Schutz nicht entziehen möget den Eure erhabene Mutter mir
so großmütig gewährte
Die Gräfin Melville hob jetzt der junge Herzog mit einer von Gefühl
überfüllten Stimme an ist nicht in dem Falle um Schutz bitten zu müssen wo
sie sich zeigt wird sie über das zu gebieten haben was Jeder zu leisten
vermag Ihre Gegenwart ist eine Gunst des Schicksals die zu verlängern der
einzige Wunsch bleiben möchte Er hatte sich ihr bei diesen Worten mit einer
Ehrerbietung genähert die auf seinem glühenden Gesicht einen Ausdruck
hervorrief der seine Worte noch verbindlicher machte Seine Mutter fühlte sich
unwillkürlich geneigt ihn zu unterbrechen und eilte ihr den Grafen von
Glanford ihren Schwager vorzustellen Beide Herren schienen obwohl in sehr
verschiedenem Verhältnis doch jeder in seiner Art der Schönheit ihren Tribut
zahlen zu müssen Graf Archimbald wusste nämlich für den ersten Augenblick sich
nicht mit seiner gewöhnlichen Politur in einigen Worten auszudrücken sondern
schien zerstreut und abgezogen und doch ganz mit der Gräfin beschäftigt kaum
einige Ausdrücke der Höflichkeit finden zu können Nicht so die Gräfin welche
von einem angenehmen Erstaunen ergriffen sogleich ausrief
Graf Archimbald Glanford Ihr seid der berühmte Graf Glanford der Freund
des Prinzen Heinrich von Wales Wie glücklich macht es mich Euch kennen zu
lernen O Mylord wie oft hörte ich von Euch erzählen wie wurdet Ihr geliebt
von meinem Oheim meiner teuren Tante Wie lange verehrte ich Euch schon vor
diesem Augenblicke Sie hatte mit einer Lebhaftigkeit gesprochen von welcher
sie jetzt selbst überrascht schien und die Furcht zu dreist hervorgetreten zu
sein übergoss ihr Gesicht mit Purpur und senkte ihr Auge mit wachsender
Verlegenheit zur Erde Doch der Graf war durch diese verständlichen Zeichen und
die schmeichelhafte Beziehung die darin für ihn lag angenehm zu sich selber
gekommen und eilte mit seiner ganzen Gewandtheit ihr zu Hilfe zu kommen
Er führte sie höchst verbindliche Dinge sprechend zu ihrem Sessel und die
Art von Vergnügen welches er über ihre Mitteilung auszudrücken versuchte
beruhigte leicht das erschrockene Fräulein welche nun die Augen mit Vertrauen
und mit der holden Klugheit einer jugendlichen Beobachtung auf sein unschönes
Antlitz wandte und vielleicht nicht ganz ohne Erstaunen die sehr gewöhnliche
Bildung des berühmten Mannes erkannte Doch war was wir mit dem Worte gute
Erziehung bezeichnen bei ihr Bildung des Herzens und des Verstandes geworden
Sie unterdrückte daher nicht allein das wenig befriedigende Resultat ihrer
Beobachtung sondern ihr edles Gefühl milderte selbst gleich im Entstehen eine
Regung der Art weil sie die unsichtbare Schönheit der Seele verehren und die
zufällige Hülle vergessen gelernt hatte Auch bestürmten zugleich ihre Brust die
vereinten Gefühle welche ihr der Anblick eines von den Ihrigen gekannten und
geachteten Mannes erregte und die trostlose Trennung von all diesen Lieben und
das Gefühl der Güte des Schutzes des Wertes ihrer neuen Umgebungen machte
sie vielleicht nur desto weicher
Es gibt ein unendliches Weh des Herzens das sich von einem großen und
bestimmten Kummer dadurch unterscheidet dass es zusammengesetzt ist aus einer
Mischung von Leid und Freude die das klagende Wort vergeblich auszudrücken
strebt deren Süßigkeit wir mit dem Tau unserer Tränen netzen die Gott uns
eben für dieses halbverstandene Gefühl des Herzens verliehen zu haben scheint
So fühlte sich die junge Gräfin aus so großem Elend errettet unter die
edelsten Menschen versetzt ihres Wohlwollens gewiss Welch ein Glück Welch
eine dankbare Verpflichtung gegen Gottes Güte Und doch getrennt von Allem was
ihr Herz bis jetzt Glück genannt hatte von einer Unsicherheit einer Einsamkeit
ihrer Lage überfallen von der die Ahnung früher sie nicht hatte berühren können
welch eine Fülle von Schmerz zugleich
Unser Geist besitzt oft eine wunderbare Schnelligkeit uns Alles im selbigen
Momente vorzuführen was unser Leben ferner oder näher bewegte Über die Saiten
in unserer Brust streift die Gedankenflut daher sie alle berührend des
erregten Chaos spottend welches dann in ihrer Tiefe aufgährt Wie von
körperlichem Schmerze so dehnte sich das junge Herz in dieser bangen Qual als
der Graf von Glanford nach den Trigen liebreich forschend sie um die Namen
seiner unbekannten Freunde fragte Sie hob das Auge welches redender als ihr
im Schmerz geschlossener Mund zu ihm sich wandte doch bald in große Tropfen
sich verhüllte die bebend auf ihre heiße Wange sich entluden und stets von
Neuem aus der Fülle des gepressten Herzens sich ersetzten Es war etwas
Unaussprechliches in der Teilnahme womit man dies bezaubernde Antlitz bis zum
Schmerze getrübt sah um so mehr da man es einen Augenblick früher in seiner
ursprünglichen freien Schönheit und Klarheit geschaut hatte Graf Glanford war
dazu bestimmt zum zweiten Male verlegen zu werden denn er sah sich als die
unschuldige Ursache ihrer aufgeregten Wehmut an und war doch wenig darauf
eingerichtet in diesen zarten Keimen des Gefühls sich zurecht zu finden und
doch zugleich wie dazu aufgefordert sich hier vermittelnd zu erweisen
Gewiss wären ihm die Damen die ihre Teilnahme nicht länger zurück halten
wollten zu Hilfe gekommen hätte nicht der klare und starke Verstand des
liebenswürdigen Mädchens sich selbst die Hilfe verschafft die ihrem
überwallenden Gefühle das Maß zu geben geneigt war
Zürnet mir nicht Mylord sagte sie und brach mit Gewalt die schönen Lippen
zum bittenden Lächeln während sie die heißen Tropfen in ihren Augen erdrückte
ich bin fremd und neu in der Fülle der Traurigkeit in die mich Gottes Wille
geführt hat aber meine teuren Erzieher sollen nicht vergeblich in Sorge und
Liebe sich um mich bemüht haben ich will stark werden auch im Unglück Vergebt
mir ich ward jetzt überwältigt weil meine Gedanken an Allen hinglitten die
ich geliebt und verloren habe Aber fuhr sie völlig gesammelt und mit einem
rührenden Eifer fort ich war undankbar so viel Schmerz zu empfinden wo ich
aufs Neue nur Ursache zu danken hatte da ich in Euch Mylord eine
hochverehrte und von den Meinigen gekannte Person fand Ihr werdet den Grafen
von Marr meinen teuren Oheim kennen Ihr werdet ihn zu mir führen Ihr saht
ihn vielleicht jetzt denn Ihr kommt ja aus London Ihr musstet ihn sehen denn
er lebt im Gefolge des Königs
Sie hatte diese Worte mit Hast gesprochen während ihre Augen immer mehr vom
Glanze der steigenden Hoffnung sich belebten und jetzt zur Gewissheit einer
schnellen Nachricht von dem teuren Oheime gelangt hing ihr Blick mit freudiger
Erwartung am Munde des Grafen Aber es stand nicht in seiner Macht diese
ersehnte Auskunft zu geben ja er verbarg nur mit Mühe sein Erstaunen über
einen Namen den er allerdings unter dem schottischen Adel als angesehen kannte
den er aber am Hofe des Königs nie unter denen hatte nennen hören die ihn dort
umgaben viel weniger noch war eine solche Person ihm selbst bekannt
Mein Aufenthalt in London Mylady sagte der Graf mit aller Schonung welche
das ungeduldige Verlangen der Fragenden ihm auferlegte war in dieser Zeit nur
kurz und wenig um die Person unsers gnädigen Königs Seine Gesundheit
beschränkte ihn auf das fast nur augenblickliche Erscheinen bei höchst nötigen
Feierlichkeiten er blieb sonst auf seine innern Gemächer und seine gewohntesten
Umgebungen beschränkt und da ich wie meine Schwägerin vielleicht schon die
Güte hatte Euch zu erwähnen früher meinen Aufenthalt in Deutschland nahm so
konnte leicht mir unbekannt bleiben dass der Graf von Marr sich am Hofe
befindet Ich kann Euch also leider für diesen Augenblick keine erwünschte
Auskunft geben
Aber fiel hier der junge Herzog mit Ungeduld und dem Verlangen zu dienen
ein Euer Wunsch soll auf das Schnellste in Erfüllung gehen Ich eile meinem
Bruder Richmond Eure Befehle zu übergeben er lebt durch meinen Grossoheim in
unmittelbarer Berührung mit der Person des Königs er wird so glücklich sein
Euren Oheim aufzusuchen und ihn von dem Aufenthalt benachrichtigen den Ihr
hier anzunehmen uns würdigt Habt die Gnade unterrichtet mich ob Ihr noch
weitere Mitteilungen zu machen habt bestimmt wann ich den Boten absenden
soll
Sehr verschieden war der Eindruck den diese ganze Szene bis auf die letzten
Worte des Herzogs auf die Anwesenden hervorbrachte
Die junge Gräfin wandte sich von der untergehenden Hoffnung in dem Grafen
der neu erweckten in des Herzogs tätigen Verheißungen zu und wer hätte auch
nicht aus dem aufrichtigen zuverlässigen Ausdruck dieses Gesichts Hoffnung
schöpfen wollen Die Gräfin selbst so hingebend und empfänglich gebildet
fühlte sogleich ein fröhliches Vertrauen zu ihm aufleben und ihr schönes Auge
dankte ihm noch ehe die holden Lippen es vermochten
Ihr seid so großmütig so mitleidig mit meiner kindischen Unschuld Er wird
ja ebenso wie ich sich bestreben mich zu suchen Ich könnte es erwarten aber
viel freudiger wird mir doch sein wollt Ihr gütig tun wie Ihr so eben sagtet
dann wird sich leichter und schneller dies ersehnte Wiederfinden treffen und
ich werde Euch viel danken ach unendlich viel setzte sie innig hinzu
unendlich viel wie diesem ganzen Hause
Dessenohngeachtet sagte die jüngere Herzogin möchte ich bitten die
Sendung die Du zu machen denkst noch so lange aufzuhalten bis dass ich die mir
mitgeteilte höchst anziehende Geschichte unserer jungen Freundin dem Grafen
Archimbald ihrer Erlaubnis gemäß mitgeteilt haben werde denn es wird dann
denke ich die Art wie die Nachfragen nach den Verwandten der Gräfin
einzuleiten sind besser sich bestimmen lassen
Mit diesem Ausspruch schien Niemand zufriedener als Graf Archimbald
welcher lebhaft darein einstimmte Unverkennbar war dagegen ein leichter Anflug
von Erstaunen in den Zügen der jungen Gräfin welches zu sagen schien was es
noch einer besonderen Art der Nachfrage bedürfe wo der Weg so einfach vor Augen
liege und der junge Herzog dem dies in der gespannten Aufmerksamkeit mit der
er sie betrachtete nicht entging fühlte sich eben nicht dadurch zu einer
unbedingten Beistimmung veranlasst
Wenn die Gräfin Melville gern und ohne Zwang in diese Zögerung willigt
sagte er ernst aber ehrerbietig gegen die Herzogin geneigt wird Euer Wille
wie immer mir Befehl sein doch bitte ich Euch tut Eurem Herzen nicht Zwang
an sagt ein Wort und ich eile in dieser Stunde noch Boten nach London
abzusenden
Nein Nein Mylord seid nicht so rasch rief hier die Gräfin denn ihr
kluges Auge hatte schnell den stolzen Blick der Herzogin aufgefasst der der
kleinste Widerstand zur Kränkung ward Nie möchte ich gegen den Willen Eurer
verehrten Mutter handeln wollen Wie kann ich übersehn was sie in ihrer weisen
Güte als Recht erkennt Nein Mylady bestimmt es selbst wann dieser Schritt
geschehen soll ich will nicht mit kindischer Ungeduld Euch lästig werden und
Euch vertrauen lieber und ruhiger als mir selbst
Diese Worte so wahr und rein aus dem Innern kommend gingen wie ein
Engelgruss von Herz zu Herzen Der ernste Anflug den die Erwähnung so wichtiger
Umstände hervorgerufen schien von ihr die ihn veranlasst hatte ebenso wieder
gebannt zu werden Die alte Herzogin half stets eine freie und ruhige Stimmung
begünstigen die jüngere Herzogin war versöhnt und suchte ihre innere Unruhe zu
bekämpfen Graf Archimbald mischte sich um so schneller in das Spiel leichter
Worte und Scherze als er alle Gefühlsscenen gern vermied und die bescheiden
zurückgezogenen Töchter und Damen des Hauses fühlten sich zur willkommenen
Teilnahme angeregt nur der junge Herzog war verändert und seine ganze
Fähigkeit schien in ein tiefes Anschauen der Gräfin Melville aufgelöst Aber
auch er widerstand dem Zauber nicht den sie über Alle übte Sein Interesse
weiblich zart erratend sah sie darin nur eine willkommene Veranlassung gütig
den zu behandeln der sich ihr teilnehmend gezeigt Unschuldig begegnete sie
seinem Blicke fragte das Wort so oft ihm ab dass er selbst endlich redend
heiter zum seligsten Gefühle seines erhöhten Selbstes kam und nun in einer
Belebung der Gedanken und Gefühle dahin wogte dass er wieder Allen die ihn
kannten verändert erschien nur der jungen Gräfin nicht die ihn recht lieb
haben musste und sich recht froh gestand wie gut doch Alle waren die dies Haus
umschloss
Die Gesellschaft nahm am andern Morgen in der schönen mittleren Halle von der
Lieblichkeit des Tages angelächelt das Frühstück ein das in ungezwungeneren
Formen als die Mittagstafel den Damen kleine Geschäfte den Herren Gelegenheit
zu tausend höflichen Dienstleistungen verschafte die nicht durch Vorschneider
und Mundschenk besorgt werden durften wie es die Etikette der Tafel verlangte
Man saß weil man wollte man schlüpfte von einem zum Andern es war erlaubt
und die ungezwungene Laune waltete mit der leichtern Form lieblich über Allen
Die in der HausLivree nicht in Gala die erst zu Mittag eintritt
versammelten Diener sind um diese Zeit von den Stühlen entfernt zu der
Bedienung des Schenktisches versammelt oder paradiren in stummer
Aufmerksamkeit bis ein Pfeifchen ein Wink ein Ruf von der Tafel herschallt
der ihre Hilfe begehrt Jeder kennt den ihm eigen zugehörigen Dienst und kein
unruhiges Sausen der sich überrennenden Diener stört die freie Bewegung der
Herrschaften und ihre heiter waltende Laune Die Dienste welche diese sich
leisten und dadurch in das Amt der Diener eingreifen werden auch für diese
Klasse der Anwesenden eine unendliche Quelle scherzhafter und launiger
Bemerkungen und Beobachtungen Was beim Frühstück geschah wird für sie oft die
Veranlassung fröhlicher Gespräche für den übrigen Teil des Tages wo die
Schlossbedienten endlich am Kaminfeuer mit der geringeren Dienerschaft im Kleinen
die vornehmen Manieren und herablassenden Scherze nachahmen die sie am Morgen
ausspenden sahen
Seit lange schien kein Tag fröhlicher zu beginnen als dieser Die jungen
Damen fühlten ihre Laune belebt durch die gewandte Heiterkeit des jungen
Herzogs Graf Archimbald verstärkte durch einzelne eingestreute Worte die
harmlosen Witzfunken der jungen Leute Die alte Herzogin saß mit ihrem feinen
Angesichte wie die Quelle unschuldiger Heiterkeit oben an Sie erzählte kleine
Züge von alten längst vergessenen Sitten ja sie sang sogar mit einem feinen
Silberhauche der Stimme den Vers einer Ballade den sie oft ihrer Mutter der
Gräfin Burleigh von der armen Spinnerin Josseline singen musste welche für
ihren Fleiß dadurch belohnt ward dass ihre eignen schönen blonden Locken sich in
Goldfäden verwandelten die sie täglich unverringert spinnen durfte und so die
Gemahlin eines Fürsten ward Nicht ohne Wahrscheinlichkeit sagte sie lachend
dass sie nicht gar unsere StammMutter ist denn mütterlicherseits war es ein
angesehenes altes Geschlecht dem mein Vater seine Tugenden zugesellte Wer
hätte bei dieser Erzählung nicht unwillkürlich auf Lucie geblickt deren
goldlockiges Köpfchen aus dem Arme der Großmutter über die Tafel sah und an die
Ahnfrau denken ließ die so liebliches Lockengespinnst auf diesen reizenden
Nachkömmling verpflanzt zu haben schien Doch Luciens Seele hing mit Begierde an
der Erzählung von Josseline Sie wusste nicht dass sie blonde Locken habe und
kannte das Dasein derselben nur aus den Bemühungen der Miss Dedington wenn diese
sie glänzend zu kämmen und mit Schleifen zu durchschlingen pflegte auf Unkosten
der ganzen Geduld der dadurch sehr sich gequält fühlenden Kleinen Du siehst
Lucie sagte ihre Mutter zu ihr hinüber lächelnd wie Fleiß und Tugend immer
belohnt werden Du sollst mir künftig den Vers von Josseline singen wenn Miss
Dedington Dir ein gutes Zeugnis gibt und kann ich Deine Locken auch nicht in
Gold verwandeln zum Lohne finde ich doch wohl Manches was statt des kostbaren
Gespinnstes Dir Freude macht Das entzückte Lächeln Luciens verschwand als sie
die von geheimer Schuld gelenkten Blicke auf Miss Dedington wandte welche zwar
nicht ungütig aber doch Lucien bemerklich schnell mit dem Finger drohte und
dann fortfuhr ihr Frühstück zu halten
Ein breiter kindischer Seufzer machte sich aus Luciens kleinem Herzen Luft
und sie sagte ganz ernst und nachdenklich
Das ist Alles lang her müssen wir denn immer immerfort fleißig sein ist
denn nicht Einer der doch den lieben Gott lieb haben kann und nicht immer zu
arbeiten braucht Graf Archimbald hatte schon einige ketzerische Worte in
Bereitschaft unendlich ergötzt durch die unbewusste Ironie womit Lucie sich
gegen den harten Preis ihrer Gottesliebe auflehnte aber der lächelnde Mund
wendete sich ab als die alte Herzogin mit liebender Hast ihr sanftes Nein
sprach und einige Worte hinzufügte die das holde Kind wieder aufblicken ließ
Besonders half dazu das Versprechen ihr die Ballade von Josseline zu lehren
damit sie im zu hoffenden Falle doch die Mutter an ihr Versprechen erinnern
könne Und dann rief Lucie wenn ich zuerst Josseline singe was schenkst Du
mir dann Nun sagte die Mutter wieder fragend was möchte wohl Luciens Herz
erfreuen Lucie hielt die kleinen Hände jauchzend vor den Mund und blickte
schelmisch zu ihrer Mutter herüber dann rief sie überlaut die Händchen hoch
ausstreckend Ein Pferd Mama ein schönes kleines Pferd Ein Pferd rief es von
allen Seiten und lautes Lachen tönte den Worten nach und Lucie flog im frohen
Jubel um die Tafel ihren Wunsch unablässig wiederholend den sie von Allen mit
Scherz und Lachen aufgenommen sah Hat man je gesehen dass ein solches Kind ein
Pferd besteigt rief der junge Herzog und fing Lucie in seine Arme auf mit
zärtlicher Liebe sie an sein Herz drückend Du wildes Kind so erwarb Josseline
ihre goldenen Locken nicht
O scheltet sie nicht Mylord sagte Lady Melville und zog Lucie strahlend
von eigener jugendlicher Heiterkeit zu sich heran ich Lucie bin ganz Deiner
Meinung Nichts Schöneres gibt es als ein mutiges leichtes Pferd welches
uns mit seinem raschen Fluge dahin trägt als ob Schwingen uns entführten
dessen klugem Blicke wir vertrauen können das unsere Liebe versteht und den
feurigen Willen mit Treue und Güte dem leichten Zucken unsers Fingers fügt ein
schönes herrliches Geschöpf Gottes
Zu Pferde Zu Pferde rief der junge Herzog und sprang mit lauter Freude von
seinem Sessel entzückt von der Lobrede welche von so schönem Munde seinem
Lieblingsvergnügen gehalten ward Alles erhob sich Die schöne reine Morgenluft
der sonnige Himmel die grünende Erde im zartesten Schmucke des Frühlings Alles
schien die Stunde zu einem fröhlichen Ritt zu begünstigen Die älteren Damen
gewährten freundlich den jüngeren dies Vergnügen an dem sie nicht mehr Teil
nahmen ein Wort der Herzogin hielt Graf Archimbald gleichfalls zurück und so
wurde dem jungen Herzoge die Anordnung übergeben welcher sogleich mit Ramsei
fortstürmte selbst die Befehle dem Stallmeister zu erteilen und das schönste
Pferd für die zu wählen die so feurig seine Tugenden zu erkennen wusste
Die jungen Damen entfernten sich mit Mistress Korby um sich zu diesem
Vergnügen zu rüsten Lucie bekam von Miss Dedington das Versprechen die Damen
von dem Altan der Großmutter in das Tal reiten zu sehen Dahin begaben sich
auch die drei älteren Personen da die jüngere Herzogin um Erlaubnis gebeten
hatte ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die Geschichte der Gräfin
Melville mitteilen zu dürfen
Kaum hatte man den Altan erreicht als die fröhliche Kavalcade um die Wälle
des Kastells herum kam und sich in der freiesten Bewegung in dem lieblichen
Tale ausbreitete welches mit seinem grünen Wiesengrunde den leichten Hufschlag
der Pferde elastisch wieder zu geben schien
Arabella war eine geschickte Reiterin sie saß mit Ruhe und Festigkeit im
Sattel und wusste ihr schönes frommes Pferd mit leichter Hand in jede ihr
gefällige Richtung zu lenken Sie sah schön aus wenn ihr blühendes Antlitz
unter den dunkeln Locken vorblickte und die jugendliche Gestalt sich leicht im
Sattel trug Auch liebte sie voraus zu reiten und ihr Stallmeister der stolz
auf seine Schülerin ihr gern zur Seite blieb durfte ihr Künste vormachen die
sie geschickt nachzumachen wusste Man gewahrte sie auch jetzt beide zuerst um
den Vorsprung der Mauer biegen sie machte mit ihrem Pferde die Ehrenbezeugungen
nach dem Altan hinauf und flog dann wie ein abgeschossener Pfeil in den
Talgrund
Der Herzog hatte der Gräfin Melville die Wahl gelassen zwischen drei gleich
schönen Pferden Aber wie hätte sie die Kennerin unter ihnen das weissgeborne
zarte Rösslein mit dem hohen schlanken Halse und den feinen Beinchen sehen
können und nicht mit Entzücken seinen Zügel ergreifen sollen Es schnaubte sie
an und warf den Hals königlich zurück und die rosenroten Nüstern und das
volle schäumende Gebiss die zuckenden rötlichen Oehrchen und die hellen
braunen Augen womit es klug und treu die Gräfin anblickte waren für die
Bewunderin dieser herrlichen Tiere eben so viele Reize an denen sie sich
erfreute Als die eben so geröteten Hufe wie auf glühendem Boden sich spielend
ablösten nirgends mehr Ruhe habend strich sie mit den zarten Händen die
feinen aus den Flechten gekämmten Mähnen zurück und ehe der Herzog hinzueilen
konnte den Steigbügel zu halten flog sie leicht ohne Sprung oder heftige
Bewegung als ob eine Feder den Boden unter ihrem Fuße leicht gehoben in den
Sattel hatte eben so den Zügel besonnen gefasst und belohnte mit einem Ausruf
der Freude den Bogensprung des lebhaften Tieres
Die sind einander wert sagte der alte Stallmeister des Herzogs ihr
wohlgefällig nachsehend indem er ihm sein Lieblingspferd zuführte jedes in
seiner Art ein Meisterstück Meinst Du lächelte entzückt der junge Herzog und
schon flog er dem leichtfüssigen Schimmel nach welcher der geschickten Hand
sich bewusst ein Muster war an Mut und leichter Bewegung an Gehorsam und
Beobachtung des leisesten Winkes Als sie nun beide schnell hinter einander um
den Vorsprung bogen empfing sie Luciens Freudengeschrei die an ihrer geliebten
Lady Maria mit ganzer Seele hing Die Gräfin hielt sogleich den stürmenden
Galopp ihres Pferdes an und ließ es zierlichen Schrittes unter dem Altan dahin
tanzen indes sie das schöne Antlitz von unschuldiger Freude belebt empor hob
und ihnen ihre Grüße zurief
Dann eilten sie fröhlich Arabella einzuholen die ihnen jedoch umkehrend
entgegen flog und so bildete sich der kleine Zug an den sich Master Korby
Stanloff der Stallmeister des Herzogs und einige Diener anschlossen Die
Zurückgebliebenen konnten sich von dem reizenden Anblick nicht trennen Der
Morgenwind hob die wallenden Federn auf den Barets in der reinen Luft zeigten
sich die Umrisse der feinen Gestalten Anmut und Heiterkeit schien über Alle
verbreitet und der etwas schwere Nachtrab verdarb diesen Eindruck nicht den
die drei Voreilenden erregten
Man schien ohne Verabredung auf dem Altan bleiben zu wollen bis die
Hügelreihe von Cheffield die Reitenden dem Nachblicke entziehen würde als die
Herzogin einen kurzen Schrei außstieß unwillkürlich eine heftige Bewegung gegen
die Brüstung des Altans machte und dann schnell versuchte Gaston zurück zu
rufen der die ferne Stallhütte bei dem Geräusch der Abreitenden gesprengt hatte
und jetzt zum Nachsetzen mit wilder Hast sich auslegte fast mit seinem Leibe
den Boden berührend Der Ruf der Herzogin ging zwar nicht ganz verloren und
Luciens kleine Stimme unterstützte ihn mächtig doch Gaston stutzte wohl einen
Augenblick sah nach dem Altan hinauf und äußerte seine Freude durch einige
ungeschickte Sprünge als er aber einsah er solle bleiben stieß er eine Art
Jammergeschrei aus blickte hinauf als bäte er um Gnade und stürzte im selben
Augenblick mit verdoppelter Schnelligkeit den Reitenden nach Die Herzogin hielt
den Atem an und die Augen auf die Szene vor ihr gewendet denn nur zu bald
hatte er den Hintertrab durchbrochen und im selben Augenblick sprang er an dem
Pferde der Gräfin Melville hoch in die Höhe sie selbst wie es schien umarmen
wollend Doch das Pferd der Gräfin nicht wenig erschreckt machte einen Satz
vorwärts in die Luft so dass es der ganzen Geistesgegenwart der Gräfin bedurfte
um nicht aus dem Sattel zu fliegen Der zweite Schrei den hier die Herzogin
vernehmen ließ motivirte schnell den ersten Das wilde Tier rief sie ich
fürchtete gleich Unglück von seinem Ungestüm Gaston fuhr indessen nachdem er
seinen Herrn und Arabella gleichfalls begrüßt hatte immer fort der Gräfin alle
möglichen Liebkosungen zu machen und Graf Archimbald bemerkte in einigen Worten
gegen seine Schwägerin diese auffallende Freude an einer Fremden Die Herzogin
musste nun antworten und vielleicht fühlte sie dass die ängstlichen Zweifel der
Gräfin über diesen Gegenstand nicht ohne Grund waren denn sie selbst konnte nur
mit der höchsten Überwindung und abgewendetem Gesicht sich zum Antworten
entschließen
Gaston Mylord sagte sie gedrängt war es der die Gräfin auf der Terrasse
entdeckte und seitdem durch sein mitleidiges Herz und die dankbaren
Liebkosungen der Gräfin sich außerordentlich an sie attachirt hat Ja Oheim
rief Lucie davon will ich Dir erzählen wie Gaston mein lieber guter Gaston
nicht von ihr ging bis sie erwachte und dann Lass das jetzt Lucie sagte
die Herzogin freundlich aber unabweisbar nicht umsonst sind die Brodkrümchen
wohl in Dein Schürzchen gepflückt füttere jetzt Deine kleinen Schützlinge sie
harren schon dort und haben mit ihren klugen Aeuglein längst gesehen dass ihre
kleine Lucie ihnen wieder Futter bringt Lucie ging sogleich in diese
erfreuliche Gedankenreihe ein jauchzend hüpfte sie an den Rand wo die nun
schon belaubtere Birke das liebe Nestchen beschützte streute ihr Bröckchen und
ging dann von Miss Dedington sanft erinnert wie ein sehr artiges Kind unter
höflichen Grüssen von dannen Man nahm an den geöffneten Türen Platz und die
Herzogin erzählte nunmehr ihrer Schwiegermutter und ihrem Schwager die
Geschichte der Gräfin Melville wie sie uns bereits bekannt ist
Die Pause die nach Beendigung derselben eintrat und worin der Graf eine
Bemerkung seiner Mutter zu erwarten schien ward endlich von ihm selbst
unterbrochen Es schien ihm nicht ganz leicht das rechte Wort zu finden denn
auf den eingefallenen Wangen und erschöpften Zügen seiner Schwägerin welche
sich auffallend schnell während ihrer Erzählung gebildet hatten lag für den
feinen Beobachter ein Kommentar zu der Mitteilung die sie mit der strengsten
Wahrheit wieder zu geben bemüht gewesen war den er aber noch nicht zu
enträtseln vermochte Man spricht indes häufig am ehesten das aus was sich
eben unsern Gedanken mitteilt wenn es uns zweifelhaft bleibt wodurch wir die
Anwesenden schonen oder beschwichtigen können und es scheint der Graf befand
sich in demselben Falle
Ich glaube sagte er mit der höflichen Miene wodurch er stets seine Anreden
eröffnete uns allen kann es nicht entgehen dass die junge Dame über ihre wahre
Lage entweder selbst getäuscht worden ist oder was ich ungern hinzufüge uns zu
täuschen versucht hat Was sie von Namen und Ort mitgeteilt hat fürchte ich
wird sich eben so wenig bestätigen als ihre Unbekanntschaft mit denen die sie
nicht zu nennen weiß sich einigermaßen wahrscheinlich zeigt Ich glaube dass es
dem Scharfblick der Damen nicht entgangen ist dass ich mit einer Antwort über
den Grafen von Marr nur Zeit gewinnen wollte denn allerdings hätte ich ihr
sogleich bestimmt sagen können dass Keiner dieses Namens am Hofe und in der Nähe
des Königs lebt Die Familie wird Ihnen wie mir selbst sehr wohl bekannt sein
sie spielte keine unbedeutende wenn auch eine etwas zweideutige Rolle in den
Unruhen Schottlands unter der Regierung ihrer unglücklichen Königin Maria Ich
habe einen Grafen von Marr gekannt aber er war ein Greis als ich in der ersten
Jugend mit meinem Vater auf Befehl der Königin nach Schottland ging wo er an
Jakobs Hofe gebeugt und kaum noch lebend sich zuweilen zeigte Doch nachdem
die traurige Botschaft des Todes der Königin Maria welche mein verehrter Vater
so ungern überbrachte von ihm gehört ward zog er sich auf sein Stammschloss
nahe bei Edinburg zurück und man sah seinem Tode alsbald gewiss entgegen Dieser
Graf hatte aber nur zwei Töchter aus zwei verschiedenen Ehen Seine erste
Gemahlin war eine französische Dame welche mit Marie von Guise der Gemahlin
Jakob des Fünften nach Schottland gekommen und eine ziemlich nahe Anverwandtin
der Königin war Die älteste Tochter aus dieser Ehe kennen wir Sie heiratete
den Ritter Villers wie ich glaube gegen den Willen ihres Vaters und lebte in
tiefer Abgeschiedenheit man sagt sogar in Armut bis nach dem Tode ihres
Gemahls ihr Sohn an unserem Hofe eine Stellung einnahm die auch seine Verwandte
erheben musste und wir haben diese Dame als Gräfin von Buckingham damals
gesehen Die zweite Gemahlin war eine Engländerin fuhr er rasch fort aber ich
bin unsicher über ihren Namen Auch diese gab ihm eine Tochter die Mutter starb
jedoch bei der Geburt derselben so dass der Graf ohne weitere Erbin blieb sich
aber glaube ich später in soweit mit seiner ältesten Tochter aussöhnte dass er
ihr die viel jüngere Stiefschwester zur Erziehung übergab Dies ist Alles was
ich seit gestern mit meinem Nachdenken über diese Familie habe herausbringen
können und es scheint wenig zu der Erzählung der jungen Dame zu passen Denn
selbst angenommen die jüngste Tochter des Grafen Marr habe den Grafen Melville
geheiratet und sie sei die Tochter aus dieser Ehe welches leicht zu erfahren
sein wird wo bekam die Gräfin Melville eine jüngere Schwester und zwei Brüder
her da sie nur eine ältere Stiefschwester hatte Und doch fuhr der Graf fort
immer lebhafter in die Auseinandersetzung dieser Geschichte sich vertiefend
doch ist dieser unwahrscheinliche Teil ihres Geständnisses noch der bei weitem
klarste desselben denn allerdings hat sie großes Recht selbst über ihre
Unwissenheit hinsichtlich des zweiten Teils zu erstaunen Sie kennt den Namen
eines Ortes nicht welcher das Ziel ihrer Wünsche ihres Strebens war den sie
jährlich ein Mal vielleicht öfter besuchte sie hörte nie den Namen des besten
Freundes ihres Verwandten sie begnügt sich damit ihn Graf Robert zu nennen
Eine wahrlich sehr naive vertrauensvolle Hingebung die aber däucht mir nicht
verletzt worden wäre durch die natürliche und einfache Bitte um die Namen so
geliebter Gegenstände als hier beide Ort und Person ihr waren Die
unnatürliche Verfolgung des einen Oheims während der andere so liebevoll
erscheint ist auch schwer in Übereinstimmung zu bringen und scheint auf eine
merkwürdige Unkenntnis des Individuums sich zu gründen die durch den alten
Kammerdiener so leicht gehoben werden konnte wenn man auch annehmen will dass
das Fräulein selbst durch Schreck und Furcht abgehalten ward sich als die
Nichte dieses erzürnten Mannes anzugeben Ist sie wirklich eine Gräfin Melville
musste ihr dies doch wohl einiges Recht auf Schutz geben und dies konnte auch
ihrem Diener bei der größten Einfachheit nicht entgehen Nimmt man nun leicht
wahr dass diese letzten Umstände wie der Tod des Kammerdieners völlig dazu
geeignet sind über ihre Ankunft hier ein rätselhaftes Dunkel zu verbreiten und
jede unserer Nachforschungen unsicher zu machen da alle Bestätigung des Einen
oder Andern nur in der jungen Lady uns aufbehalten ward so finden wir uns
dadurch unläugbar ganz in ihrer Hand und wenn ich damit auch keineswegs gegen
ein so liebenswürdiges und junges Wesen Verdacht erregen möchte scheinen doch
so viele Widersprüche eine sehr sorgsame Nachforschung zu verlangen
Er wandte sich gegen das Ende seiner Worte ausschließlich gegen seine
Schwägerin wie es schien sie zur Teilnahme aufzufordern aber die Herzogin
blieb unbeweglich die Augen auf die Erde geheftet mit völlig entfärbten
Wangen die Spitzen der Finger an ihr Kinn gelegt es gleichsam stützend Doch
schien die alte Herzogin bemüht die Aufmerksamkeit ihres Sohnes von der
geliebten Schwiegertochter abzulenken Sie richtete sich in ihrem Stuhl empor
Gewiss mein Sohn sprach sie gibts hier ein Dunkel welches zum Nachteil
für dies liebenswürdige Mädchen über ihre Angelegenheiten verbreitet ist Aber
gegen den Verdacht einer absichtlichen Täuschung ihrerseits schützt sie däucht
mich ihre eigene Aufzählung dieser Widersprüche ihre so natürliche Betrübnis
darüber ihr kindlicher Wunsch von uns über alles das was sie beunruhigt
Aufschluss zu erlangen Sollte man wohl annehmen können selbst wenn wir das
beredte Zeugnis ihres unschuldigen Antlitzes und ganzen Betragens verwürfen sie
habe einen Plan gemacht unser Interesse zu erwecken da derselbe uns doch nicht
zu übersehende Data angibt der Wahrheit nachzukommen die selbst durch den
plötzlichen Tod der nächsten Verwandten doch nicht an Wichtigkeit verlieren ja
wie mir scheint uns eine Wahrheit mehr an die Hand geben denn wir hörten ja
von dem traurigen epidemischen Fieber welches in Folge der bedeutenden
Überschwemmungen ausgebrochen war
Wohl sagte Graf Archimbald lebhaft fast alle Küstenländer sind davon
heimgesucht gewesen und namentlich in Cumberland sind oft ganze Familien
ausgestorben aber allerdings liegt in der allgemein verbreiteten Kenntnis
dieser traurigen Umstände auch eine große Leichtigkeit sie für die eigenen
Begebenheiten anzuführen Lass mich Dir weiter bekennen fuhr die alte Lady
fort dass die vorerwähnten Unwahrscheinlichkeiten für mich eigentlich nicht da
sind Wohl ist es lange her dass ich jung war dennoch kann ich mir sehr gut ein
junges feuriges Wesen denken die über der Liebe zu den Personen die ihre
Aufmerksamkeit wie mir scheint absichtlich so ausschließlich in Anspruch
nahmen Ort und Namen und auch wohl noch mehr vergessen könnte
Du lächelst Archimbald setzte sie selbst lächelnd hinzu aber wer über
siebzig Jahr hinausreicht dem dämmert wieder die Jugend auf Mir ist als
könnte ich heute noch durch den Wert von Personen zu denen ich käme so
entzückt werden dass ich Ort und Namen zu erfragen vergässe Dies ist ja ein
Hauptvorzug der Jugend und gerade diesem liebreizenden Wesen in welchem sich
sogleich beim ersten Anblick ein innig hingebendes und tiefes Gefühl
ausspricht am leichtesten zuzutrauen Dies gab sie wohl ohne Vorbehalt den
Anregungen hin die sich ihr darboten ihr vor Allen traue ich diese kindliche
Hingebung ganz zu die man auch unfehlbar benutzt hat sie ohne gerade Lügen zu
erdichten an der Wahrheit vorüber zu führen
Möchte doch der Himmel Jedem den er lieb hat einen Verteidiger zuführen
wie Dich sagte Graf Archimbald zärtlich seiner Mutter in die klaren Sterne
ihrer sanften Augen blickend Ich bin zu Allem erbötig bereit mich in Alles zu
fügen was die Damen in der Art bestimmen wollen wie sie mich zu gebrauchen
denken und wie ich ihnen den Umständen nach etwa nützlich werden kann Ich
glaube allerdings dass unser Schützling mehr das Opfer von Planen geworden ist
die entweder schlecht berechnet waren oder durch unvorhergesehene Fälle eine
jähe Wendung nahmen Denn wie ich höre und zum Teil auch sah ist sie im
Besitz von Kostbarkeiten welche auf eine reiche Ausstattung und höheren Stand
ihrer bisherigen Beschützer schließen lassen und es ist zu erwarten dass wir
bei der zärtlichen ihr erwiesenen Liebe obgleich dieselbe nur noch in der
Person des einen Oheims existiert doch uns entgegen kommende Nachforschungen
hoffen dürfen Nur am wenigsten möchte ich sie für eine Gräfin Melville halten
Nicht so rasch Mylord rief hier die Herzogin stark und rau und riss sich
mit Gewalt in ihrem Stuhl empor während in ihrem bisher so toten Auge ein
Strahl der verschiedensten Empfindungen sich Bahn brach Welche Konsequenz kann
uns zwingen an ihr den härtesten Raub zu begehen ihr sogar das Vorrecht eines
Namens zu nehmen Damit müssen wir nicht anfangen ihrem Schicksale zu Hilfe zu
kommen das hieße im Voraus Alles wertlos machen was wir ihr Liebes tun
möchten im Übrigen Und nicht edel ist es von Euch auf diese Weise Eure Hilfe
anzubieten Sie versank nach diesen Worten wieder in sich unbekümmert wie es
schien über den Eindruck den ihre Heftigkeit erregen musste
Auch war diese Wirkung sehr verschieden bei den beiden noch anwesenden
Personen Während nämlich die alte Herzogin mit dem höchsten Ausdruck von Liebe
und Besorgnis auf sie blickte lagerte sich die eisigste Kälte auf die
Gesichtszüge des Grafen Archimbald und seine breiten unschönen Lippen
verfeinerten sich und zogen sich unter einem Lächeln zusammen das nur noch
verwunden konnte
Und will Euer Durchlaucht mich belehren hob er mit frostiger Höflichkeit
an über die Konsequenz von der diese so eben gehörte Ansicht ausgeht Es ist
allerdings höchst wichtig so sie zu erweisen dass sie für Alle die meine
geehrte Schwägerin sich zur Hilfe ersehen erwiesen dastehe und wir sind über
die größte Schwierigkeit hinweg wenn ich meine Nachforschungen mit der
Gewissheit anfangen kann dass sie die Gräfin Melville ist Indes setzte er mit
einer Art Verneigung hinzu darf ich nicht verhehlen dass Euer Durchlaucht sich
zu einigen Gründen werden herablassen müssen da ich nicht Scharfsinn genug
besitze diesen Punkt weniger schwankend als die übrigen zu finden
Graf Archimhald besaß die furchtbare Waffe der Höflichkeit womit man tiefer
reizt und beleidigt als mit dem offenen Worte des Zorns Sie ist die
schillernde Hülle ganz entgegengesetzter Gefühle in der feigen Atmosphäre der
Höfe anerzogen und durch die Bedingung der äußern Sitte herbeigeführt die nur
zu oft in keinem sittlichen Innern wurzelt Die Herzogin schauderte von Jemand
sich in so kalter Weise übertroffen zu sehen aber es musste so rücksichtslos
züchtigend kommen wie der Graf und er allein es ihr zuweilen bot um sie
nachgiebig zu machen
Zerstreut blickte sie auf aber ihre Heftigkeit ihr Trotz war gebrochen es
war als ob über ihre feste Stimme ein leiser Anhauch von Furcht schlich und
als ob jetzt erst die Anspannung nachließ womit sie mächtig erregte
Empfindungen niedergekämpft hätte
Ich hoffte dennoch Ihr würdet einen Grafen Marr kennen welcher der Oheim
dieser Unglücklichen sein könnte hob sie an sich mit einem tiefen Seufzer und
trostlosen Ausdruck zu dem Grafen wendend und wie es schien ganz übersehend
wie außer Zusammenhang mit dem Vorangegangenen diese Worte waren Ich habe mich
zu sehr darauf verlassen ich weiß nichts weiter Erschöpft sank ihr Kopf auf
die bebende Brust und Graf Archimbald war entwaffnet denn Personen die selten
vom Gefühle sich überwältigt zeigen wie dies bei der Herzogin der Fall war
behaupten alsdann durch ihr Erliegen einen desto sicherern Einfluss auf ihre
Umgebungen Der natürliche Ausdruck seines Gesichts dem es nicht an einem
gütigen Zuge fehlte kehrte wieder und es war als ob nun Alle erst zu einem
Zweck wirkend sich zusammen fänden als ob aus dem bisher geführten Wortgefecht
sich jetzt erst die wahre Meinung Aller entwickelte Aber trotz des
wiedergekehrten bessern Willens der beiden Hauptberatenden war es dennoch
keine freie Mitteilung welche mit einem aufrichtigen Tausch der Gedanken über
die zweckmässigsten Mittel das Bessere zu erreichen sucht Die Herzogin befand
sich in einem Falle wo man nur zu leicht sich und Andere mit Tadelsucht und
lästigen Schwierigkeiten quält sie wusste sich selbst nicht zu raten
Sie verwarf daher oft mit rücksichtslosem Tadel was Graf Archimbald oder
ihre Schwiegermutter ihr vorschlugen und Beide bestanden sicher keine kleine
Probe ihrer Geduld wenn die zweckmässigsten Mittel welche unläugbar zum Ziele
führen mussten von ihr mit Ungeduld verworfen wurden Hatte Graf Archimbald aber
einmal für irgend eine Sache seine Stellung genommen so besaß er die zäheste
Geduld man hätte sie für das etwas schadenfrohe Bewusstsein einer Überlegenheit
nehmen können die ihm um so eher ward je mehr Heftigkeit er zu bekämpfen
vorfand Er sah sehr wohl seine Schwägerin lag im Versteck er ging daher mit
dem größten Scharfsinn alle irgend zu ergreifende Mittel durch um sie durch die
Art wie sie darauf einging oder sie zurückwies herauszulocken Doch fand er
eine gefasste Gegnerin die ihn genug kannte und sich hier lieber zum Nachteil
ihres Karakters einige Launen mehr aufbürden ließ als dass sie ihn hätte allzu
tief blicken lassen
Die alte Lady war zwischen Beiden wie das gute Prinzip sie hätte das kaum
Geduld genannt was sie aus Liebe und Sorge ihrer Schwiegertochter
entgegenstellte da ihr die heftige Aufregung derselben nicht entging Es war
ihr allerdings auffallend ihre Vorschläge verwerfen zu hören die mit der
Vernunft im Bunde schienen aber warum sollte man nicht verschiedener Meinung
sein Vielleicht konnte in dieser Stimmung jener Manches anders erscheinen als
ihr oder dem Grafen so hatte ihr mildes Herz tausend Entschuldigungen für die
geliebte Schwiegertochter Nun Mylady fragte der Graf endlich und zog seinen
Stuhl nachdem man eine Stunde lebhaft und vergeblich conferirt hatte was
befehlen Euer Durchlaucht zunächst
Ich dächte doch mein liebe Tochter hob hier die alte Lady sanft
vermittelnd an Ihr erlaubtet dass mein Sohn an Master Brixton nach Edinburg
schreiben und ihn um die näheren Lebensumstände der Familie Marr und Melville
befragen dürfe Es scheint damit doch ein Anfang und ein richtiger gemacht da
es immer das Wesentlichste bleibt ob sie das ist wofür sie sich hält und sich
uns angegeben hat Dies wird leicht geschehen können wenn Euer Durchlaucht
darein willigen wiederholte Graf Archimbald mit der größten Geduld das oft
Gesagte denn da Master Brixton eine Kaplanei in Edinburg übernommen wie das
Fräulein angibt wird durch den Bischof von Lincoln der mir befreundet mein
Brief leicht in seine Hände kommen und ohne ferneres Aufsehen die Antwort zu
uns zurückkehren
So sei es denn sagte die Herzogin gedehnt und mit vieler Überwindung doch
wünsche ich dass Ihr es so geräuschlos wie möglich einrichten wollt Es
scheint mir als könnten die Anfragen vorzüglich so gestellt werden dass der
Aufenthalt derjenigen die sie betreffen nicht genannt und hauptsächlich dass
jede Art von gerichtlicher Einmischung vermieden würde
Ich will nicht weiter widersprechen sagte Graf Archimbald doch wäre dies
vielleicht der sicherste Weg sich schnellen Aufschluss zu verschaffen
Aber sprach die Herzogin es würde gerade das herbeiführen was ich aus
vielen Gründen vermieden wünsche Es scheint mir auch als läge es ziemlich
außer unserer Machtvollkommenheit Die Fügung des Himmels hat sie einstweilen
unter unsern Schutz gestellt wir haben unsere Pflicht und unser Recht erfüllt
wenn wir die Verwandten ihr auszuforschen suchen die sie zu haben vorgibt An
diesen wird es dann sein ihre übrigen Rechte wahrzunehmen die unsern
erstrecken sich erst dann so weit wenn sie unserer Hilfe überlassen bleiben
sollte
Die alte Herzogin lächelte diesen Worten welche bei weitem das
Folgerechteste ihrer Äußerungen dieses Morgens waren ihren Beifall zu und es
schien als habe die Herzogin sich mit denselben aus ihrer Unentschlossenheit
herausgesprochen
Graf Archimbald hatte noch immer das Lächeln um den Mund welches andeutete
er habe noch etwas im Rückhalt Er fügte auch bald hinzu dass es doch nicht
unwichtig sei wenn man einmal den in der Erzählung angeführten Tatsachen
folgen wolle über den letzten Aufenthalt des Fräuleins Erkundigungen
einzuziehen auch könne dies eigentlich nicht schwer sein Durch die Angabe der
Zeit die das Fräulein auf dem Wege zugebracht lasse sich einigermaßen die
Entfernung bestimmen Fehle auch die Richtung so sei doch abzunehmen dass er
von der Küste entfernt ungefähr drei Tagereisen von Cumberland etwas weiter
als eine Tagereise von der Heerstraße nach London liegen müsse Bis zum
Waldhäuschen habe das Fräulein zu Pferde und nach Mitternacht das Schloss
verlassend diesen Rest der Nacht und den folgenden Tag im strengsten Ritte
gebraucht Dahin zurückgeführt habe sie wie aus dem nur unvollständigen
Bericht sich annehmen lasse zwei Nächte und zwei Tage zugebracht und zwar zu
Fuß und äußerst erschöpft Am dritten Tage aber sei sie wie es scheine schon
Morgens am Forste des hiesigen Parkes erwacht da es nicht wahrscheinlich sei
dass sie in dem Zustande von Bewusstlosigkeit den sie geschildert noch einen
weiteren Weg habe machen können als etwa durch diesen zunächst liegenden Wald
bis zur Terrasse welches auch eher denkbar sei da leicht zu erkennende breite
Wege bis dahin durch ihn hinführten
Fangen wir nicht zu viel auf einmal an unterbrach ihn die Herzogin mit
sichtlicher Unruhe Ich habe ihr namentlich versprochen sie zu schützen gegen
ihren wütenden Oheim wer weiß nun wen wir bei diesen Entdeckungen mit
aufscheuchten und ehe wir den Beschützer entdeckt auf den sie hofft hätten
wir dann nicht einmal das Recht sie dem Manne zu verweigern der so wild in ihr
Leben griff und bei dessen Andenken sie das höchste Entsetzen befällt
Wir wollen nicht untersuchen wie lange Graf Archimbald das Beschneiden und
Zurückweisen aller seiner Äußerungen von einer Frau ertragen hätte mit der er
gern zu gleichen Waffen kämpfte hätte nicht die alte Lady sanft das Wort
genommen bemüht die nächsten nötigen Schritte unter dem Wust von Für und
Wider Verwerfen und Annehmen hervorzuziehen und zur allgemeinen Klarheit zu
bringen Übrigens ward eingesehen dass man das Fräulein davon unterrichten
müsse es lebe kein Graf von Marr am Hofe zweitens wollte man es ihr
freistellen einen Einschlussbrief an Master Brixton zu schreiben und ihr diesen
beabsichtigten Entschluss als den zunächst nötigen darzustellen suchen
Die alte Lady erbat es sich am andern Tage ihr diese Mitteilungen machen
zu dürfen Denn setzte sie liebreich hinzu meine liebe Tochter hat schon zu
viel allein in dieser Sache übernehmen müssen und wohl mag sie der alten Mutter
auch ein kleines Verdienst dabei gönnen Ich werde meine Sachen schon ordentlich
machen fuhr sie lächelnd fort bemüht der allzu ernst gewordenen Unterredung
ein milderes Ende zu geben
Die Herzogin schien sehr willig ja erleichtert bei diesem Vorschlag und
Graf Archimbald übernahm es dem jungen Herzog das Wichtigste mitzuteilen um
seinem Eifer Grenzen zu setzen und ihn zu bewegen das fernere Verfahren dem
Grafen und den beiden Damen zu überlassen
Man trennte sich in leidlicher Stimmung und Graf Archimbald führte die
Herzogin nach ihren Zimmern in denen sie eingeschlossen bis zur Tafel blieb
bloß von Mistress Morton umgeben deren leises wohltätiges Walten uns bekannt
ist
Wer sich damit begnügte die Personen zu zählen die Stunden des Beisammenseins
oder der Geschäfte zu beobachten musste behaupten es sei nach einigen Wochen
auf GodwieKastle noch Alles in eben dem gleichmäßigen Gange wie wir es an
jenem Morgen unserer letzten Mitteilung verließen Die schickliche Form in
welcher sich seit langer Zeit zu bewegen eine Familie gewöhnt ist ist ein
wohltätiger Damm gegen die dahinter eingefangenen Wogen der Leidenschaft Wenn
auch jene Macht nur bis zu gewissen Grenzen reicht schützt sie doch gegen die
gänzliche traurige Auflösung des Individuums welches sich immer dadurch
gehalten fühlt dass Andere ruhig das Langgewöhnte tun und an ihn selbst diese
stille Forderung täglich sich erneut Gewiss waren in diesem Falle minder oder
mehr einige der bedeutendsten Mitglieder des Familienkreises in GodwieKastle
Verändert in ihrem Innern verändert in ihren Beziehungen zu einander
verändert endlich in ihren Plänen und Hoffnungen für die Zukunft finden wir die
Familie nichts desto weniger um das Frühstück in der Halle ohne Ausnahme
versammelt und die wenigen Unbefangneren mussten den Übrigen zu Hilfe kommen
um sich leidlich zu zeigen und den Anschein des Frohsinns zu erhalten der sonst
hier so natürlich waltete Wer hat nicht Ähnliches erlebt wer kennt nicht die
ernsten zerstreuten Züge der mühsam Gehaltenen über die das Lächeln welches
sie sich abringen wie ein Schmerz hinzieht den Blick der eben auf nichts mit
Nachdenken geheftet ist die zerstreuten Antworten und selbst die unheimliche
Lustigkeit welche die Wunden innerlich größer reißt und doch keine Hülle wird
für den leidenschaftlich bewegten Kern des Herzens
Die alte Lady hatte ihre Aufgabe so schön gelöst als zu erwarten stand Die
Gräfin Melville war nun unterrichtet dass ihr kein Oheim am Hofe lebte den sie
zu nennen wusste Obwol man ihr es schonend vorenthalten hatte sie mit dem
Zweifel an dem Dasein der Grafen von Marr überhaupt bekannt zu machen da man
die Antwort Master Brixtons abwarten zu müssen glaubte so fühlte sie doch mit
dem tiefsten Schmerze diese fehlgeschlagene Hoffnung und mit einer Art von
Schauder das Verlassene ihrer Lage Doch wusste sie auch hier nach einem warmen
und gerechten Ergusse ihres Gefühls gegen die alte Lady in dem Danke Grenzen zu
finden welchen sie für den Schutz empfand den Gott ihr in ihren neuen
Wohltätern angewiesen und die alte Herzogin konnte nicht ohne Tränen den
rührenden Brief lesen den die Gräfin demnächst ihrem Lehrer Brixton schrieb und
mit kindlichem Vertrauen in ihre Hände legte
Er trug den Stempel tiefen und zarten Gefühls Dies musste um so wertvoller
erscheinen da ihr Verstand eine Schärfe und Konsequenz zeigte die ihrer Jugend
nach unbegreiflich war Doch erinnerte es von selber an die Erziehung welche
ausgezeichnete Personen ihr zu geben vereint bemüht gewesen waren mit
besonderer Rücksicht auf Bildung ihres Scharfblicks und ihres Urteils wie wir
das schon aus den eigenen Mitteilungen der jungen Gräfin wissen Sie war
vollkommen einverstanden mit dem Willen ihrer Beschützer Master Brixtons Rat
zu vernehmen und hätte sie mit Graf Archimbald unterhandelt würde sie auch um
jeden Preis das Schloss aufgesucht haben aus dem sie entflohen war Sie wagte
darum sogar eine schüchterne Bitte welche die alte Lady aber und vielleicht
auf Kosten ihrer Überzeugung mit der Befürchtung zurückwies dass sie dadurch
dem Manne verraten werden könne der sie so gemisshandelt habe Die kleinste
Erwähnung dieser Person die sie so sehr erschreckt und empört hatte war
hinreichend die Phantasie des armen Kindes mit tausend neuen Schrecken zu
erfüllen und sie von jenem Wunsche abzuziehen
Graf Archimbald fasste nach der Mitteilung die seine ehrwürdige Mutter
über das Geschehene ihren beiden Anverwandten machte eine sehr vorteilhafte
Meinung von dem Verstande der jungen Dame da die alte Lady es ihr schuldig zu
sein glaubte ihre geäusserten Bemerkungen gleichfalls wieder zu geben obwohl sie
damit den streitigen Punkt zwischen der Schwiegertochter und dem Sohne ungern
berührte
Doch war Graf Archimbald zu großmütig um sich eines erlangten Triumphes zu
überheben Er schien im Gegenteile kaum darauf zu merken berichtigte aber
innerlich von diesem Augenblicke an seine Meinung über die junge Lady wie wir
erwähnt haben Auch konnte die alte gute Herzogin ihre Erzählung nicht
schließen ohne daran zu erinnern dass nun wohl keine Ursache mehr zu einem
persönlichen Verdachte gegen die Lady vorhanden sei
Nicht so leicht war der junge Herzog mit dem zu beschwichtigen was sein
Oheim über die Gräfin ihm anvertraute War es das Gefühl einer neu erlangten
Macht die er zu prüfen wünschte war es jugendlicher Ungestüm war es überhaupt
sein gutes edles Herz oder ein anderes geheimes Gefühl das ihm die Sorge und
Tätigkeit für sie zum Genuße umschuf genug es schien ihm Alles viel zu
langsam viel zu teilnahmlos was seine Verwandten beschlossen hatten Wir
wollen nicht untersuchen welches Motiv den Grafen leitete als er endlich da
wie es schien durch nichts mit seinem Neffen zu Ende zu kommen war ihm
Vorsicht anempfahl indem sie ja kein Recht besässen das Fräulein
zurückzuhalten wenn der fernste Angehörige sich zu ihr meldete und sie dadurch
nicht allein von einem Orte entfernt würde wo sie Schutz und Trost fände
sondern auch in Hände kommen könne in denen sie unglücklicher würde als man es
bis jetzt anzunehmen hätte
Dies wirkte Graf Archimbald gönnte ihm überdies noch den Trost die Briefe
an den Bischof von Lincoln nach Edinburg selbst abzusenden und dazu den
treuesten Diener und das rascheste Pferd zu wählen
Was uns indessen nicht länger zu verbergen gestattet ist sprach sich allen
Andern schon längst als Überzeugung aus die von Stunde zu Stunde sich
steigernde Liebe des jungen Herzogs zur Lady Melville Er gab sich dieser
Empfindung mit einer Naivität hin dass man fast glauben musste er sei sich
selbst derselben nicht bewusst Aber wer je in eigener Brust einen Anklang dieser
schmerzlichen Seligkeit gefühlt musste wohl sagen die Stunde des jungen Mannes
habe geschlagen Mit der tiefsten Erschütterung musste seine Mutter endlich sich
das Geständnis hierüber machen Sie sah sich hier in ein Labyrinth verstrickt
und so unerwartet dass ihr Geist den Sorgen zu unterliegen begann die sich um
sie her türmten und die sie allein tragen musste denn jeden Tag erschwerte sie
sich ihre Bürde durch das innere Gelübde in keinem Falle durch Kundgebung der
Wahrheit eine Entscheidung zuzulassen
Ob Graf Archimbald der wenigstens aus Beobachtung das Gefühl der Liebe
kennen musste es bei seinem Neffen erriet ob sein Schweigen die Klugheit war
mit der man den taumelnden Nachtwandler nicht anruft hoffend er finde ohne
diese erschreckende Hilfe wohl besser den Rückweg ob es überall Gleichgültigkeit
gegen HerzensAffectionen war wer konnte das bestimmen Er bekam reichlich
Briefe von Richmond schrieb viel und eifrig diesem zurück und seine allgemach
aufsteigende Verstimmung konnte leicht politischer Natur sein da man sehr wohl
wusste dies sei doch eigentlich der Kern seines Lebens
Nur die alte Herzogin und der Gegenstand der alle diese Sorgen veranlasste
die junge Gräfin Melville selbst schienen an alles das nicht zu glauben Die
Herzogin hatte die Idee aufgefasst ihr Enkel liebe Anna Dorset Wie dabei noch
von einem zweiten gar stärkeren Gefühle die Rede sein könne begriff ihr reines
Engelherz nicht und was sie sah glaubte sie auf Rechnung der ausgezeichneten
Persönlichkeit eines Mädchens setzen zu müssen der sie sich selbst ganz ergeben
fühlte und welcher der Herzog als Herr des Hauses allerdings Beweise der
höchsten Achtung schuldig schien
Doch entging ihr die überhandnehmende Missstimmung ihrer Schwiegertochter
nicht und es trübte ihre sonstige Heiterkeit sie von Sorgen bewegt zu sehen
die sie mit Niemand teilen zu wollen schien Die Gräfin Melville dagegen war
das vollkommenste Bild eines jungen unschuldigen Mädchens und eines ganz freien
Herzens sie sah sich überall von der zärtlichen Aufmerksamkeit des Herzogs
umgeben und erstaunte oft selbst wenn er ihre Wünsche ihre Gedanken erriet
Sie kannte diese Empfindungen nur aus den sehr discreten Mitteilungen ihrer
Anverwandten und aus ihrer eigenen gewählten Lektüre woraus wir doch selten
dies Gefühl wieder erkennen lernen ehe aus unserm eignen Herzen die gleichen
Anklänge sich den verwandten Gefühlen gleichsam suchend entgegendrängen
Die Beobachtungen welche die jüngere Herzogin unablässig anstellte und
welche ihr immer die vollkommene Überzeugung von der Herzensruhe der Lady Maria
gaben trösteten sie zwar etwas aber sie hätte gewünscht es wäre die Kenntnis
seiner Neigung damit verbunden gewesen denn sie wusste dass dies sich immer
gleich edel und liebenswert zeigende Wesen alsdann in ihrem Betragen gegen den
Herzog Manches geändert haben würde
So aber legte sie ihm die Dankbarkeit die er ihr einflößte mit einem so
unschuldigen freundlichen oft innigen Betragen an den Tag dass der junge Herzog
dadurch nur höher erregt ward und von den süßesten Hoffnungen belebt seinen
Empfindungen bald keinen Zwang mehr auferlegte Dazu kam dass die Gräfin seit
der letzten Unterredung mit der alten Lady sich einer wehmütig ernsten
Stimmung nicht mehr erwehren konnte und die holden Zeichen früheren
jugendlichen Frohsinns immer seltener ein Übergewicht über die milde aber
tiefe Wehmut ihres Herzens geltend zu machen vermochten
Welch eine reiche Gelegenheit für ihren jungen zärtlichen Verehrer Alles
anzuwenden die Stimmung zu verscheuchen die den zarten Rosen ihrer Wangen das
Leben zu kosten schien Es gelang ihm oft dies unbefangene lebhaft und tief
fühlende Wesen welches ihren Kummer nicht mit kränklichem Eigensinne
festzuhalten strebte zuweilen zum jugendlichen Frohsinn zu erwecken deshalb
war sein Bemühen darum auch unablässig
An jenem Morgen hatten die beiden Herzoginnen und Graf Archimbald so eben
Briefe empfangen und waren beschäftigt sich mit dem Inhalt bekannt zu machen
So störte nichts das Gespräch welches der junge Herzog mit Lady Maria
angeknüpft hatte und worin er mit einem übervollen Herzen die tiefe
sehnsüchtige Zärtlichkeit desselben für sie auszudrücken strebte Er sagte ihr
dass er Pläne für den Park gefunden habe zu Erweiterungen und neuen Anlagen um
den See her die sein Vater für die Arbeit dieses Sommers bestimmt gehabt dass
er die Arbeiter dorthin bestellt und sie bitte an Ort und Stelle diese Pläne
zu besichtigen da er sie ganz nach ihrem Geschmacke einrichten möchte und sie
vielleicht Einiges zu ändern wünsche Lady Maria willigte zwar ein mit Arabella
und Lucie dahin zu gehen aber sie sagte ihm unbefangen dass ihr Urteil
darüber gelten zu lassen wohl in keiner Art ihr wünschenswert sein könne da
der Plan seines Vaters ihm sicher heilig sein müsse und ihr Geschmack in dieser
Rücksicht ganz ungeprüft sei Ach Mylord setzte sie schwermütig hinzu wie
habt Ihr mir mit Euren freundlichen Worten doch nur zu sehr verraten wie Ihr
meine Lage anseht Deuten diese Pläne in die Ihr mich zu verflechten sucht
nicht darauf hin wie unbestimmt Ihr meine Zukunft seht wie wenig Ihr glaubt
ich fände noch eine andere Heimat als diese die ich helfen soll
auszuschmücken
Nicht ganz lag dies in meinem Sinne sagte der Herzog und das Herz schlug
ungestüm den entscheidenden Worten entgegen die jetzt Raum gewonnen zu haben
schienen ich sehe der Aufklärung Eurer Verhältnisse mit der ruhigen
Überzeugung entgegen dass sie nicht ausbleiben kann Aber sollte ich darum
nicht doch hoffen und heiß wünschen dürfen Ihr suchtet nie eine andere Heimat
als diese die Ihr dadurch zum Paradiese schmücken würdet und wo Euch die
treuesten Herzen in der zärtlichsten Liebe schlagen
Der junge Herzog glaubte sich deutlich genug ausgesprochen zu haben er
hoffte sie wisse jetzt dass er sie liebe und sie zur Beherrscherin seines
Lebens begehre Aber er irrte Ein junges weibliches Herz das noch nicht
beschlichen ist von dem Wunsche solche Empfindungen zu erregen kann die
deutlichsten Liebeserklärungen anhören ohne sie zu verstehen wenn ihr eigenes
Herz nicht in verwandten Anklängen dem Worte entgegenschlägt Es gibt bis dahin
eine unendlich frostigjungfräuliche Fähigkeit alle solche Worte in die Weite
und Ferne und aus der intimen Beziehung zu sich selbst hinweg zu deuten So sah
Maria in den Worten des Herzogs nichts als seine holde gastfreundliche Güte und
die Bestätigung dass sie von allen den Teuern seiner Familie und so auch von
ihm selbst geliebt sei und sie wollte eben in diesem Sinne ihm antworten als
die alte Herzogin die Stimme erhob und ihrem Enkel zurief Hierher mein lieber
Freund Ich habe Dir willkommene Nachrichten zu geben Die Gräfin von Dorset
wird mich mit ihrer ganzen Familie in Burtonhall besuchen und wie zu hoffen
steht setzte sie lächelnd hinzu wird sie nicht gerade Anna Dorset davon
ausschließen und so darf ich wohl auf Deine Gegenwart unter all den lieben
hiesigen Gästen am ersten rechnen und verdiene mir hoffentlich mit dieser
Nachricht ein sehr freundliches Gesicht von meinem lieben Enkel Der junge
Herzog fühlte sich wie durch tausend Schmerzen aus dem süßesten Traume seines
Lebens zu einem Dasein erweckt das ihn mit Erstaunen und Verwirrung zu
Verhältnissen zurückführte welche ihm gänzlich aus den Gedanken verschwunden zu
sein schienen
Wir wollen nicht untersuchen wodurch er in der letzten Zeit zu der
Überzeugung gelangt war Anna Dorset sei ihm so fremd wie jede andere Dame des
Königreichs Zwar war er von den Unterhandlungen beider Familien unterrichtet
hatte sich auch nie mit einem Worte dagegen erklärt ja er schien sie bestätigt
zu haben durch den Beifall den er der Lady Anna erteilte und der ihm
vielleicht früher ganz hinreichend erschienen war um sie seine Braut zu nennen
Jetzt aber war dies Verhältnis weit zurückgetreten und die Kenntnis des wahren
Gefühls der Liebe das ihm Worte eingab die Anna Dorset nie von ihm gehört
hatte überredete ihn so oft er gemahnt ward dessen zu gedenken dass er nie
Hoffnungen erregt habe die er als rechtlicher Mann genötigt sei zu erfüllen
und die Sehnsucht sich den zärtlichen Empfindungen seiner Brust gegenüber frei
zu sehen überredete ihn es zu sein Was hätte die eigentümliche Logik der
Liebe die den Anfang ihrer Folgerungen immer in dem Gefühle selbst findet
nicht fertig gebracht selbst in noch verwickelteren Fällen als der
vorliegende Auch war er nach einem Augenblicke völlig gerüstet und
entschlossen und es ist nicht unwahrscheinlich anzunehmen gerade das harte
Nebeneinanderstellen der erwähnten Momente habe von seinem Entschlusse die
letzte Unsicherheit abgestreift
Meine teure Großmutter sprach er mit ernster Festigkeit ist sicher immer
überzeugt die freundlichsten Empfindungen in ihrem Enkel zu erregen und es
bedarf dazu nie eines Nebenumstandes wozu überdies die Gräfin Anna Dorset mir
am wenigsten geeignet scheinen würde da ich nicht wüsste wie sie die Liebe
teilen oder erhöhen könnte die mich für Euch erfüllt
Gewiss lachte sorglos die alte Herzogin verlangt sie selbst auch nicht
danach eben die Gefühle wie Du für die alte Großmutter bewahrst zu teilen
doch wirst Du ihr vielleicht ein anderes Plätzchen in Deinem Herzen einräumen
können mit dem sie besser zufrieden sein wird
Ihr irret teure Lady erwiderte schnell der Herzog Anna Dorset ist ein
edles achtungswertes Mädchen doch in meinem Herzen kann und wird sie nur den
Platz einer ehrenden Anerkennung einnehmen ich kenne kein Verhältnis was mich
anders oder näher zu ihr stellte
Verzeih sagte die alte Lady jetzt ernster werdend dass ich mich habe von
meiner guten Laune hinreißen lassen Dich mit Verhältnissen zu necken bei deren
Behandlung Du mich mit Deinem Zartgefühl weit übertriffst Du musst der alten
Großmutter schon etwas zu gut halten und bist doch wohl ein gutes Kind und
besuchst mich in Burtonhall wo ich mich dann besser betragen will
Der Herzog sprang auf die gütige Hand zu küssen die sie ihm mit einem
Engelslächeln darbot und gern hätte er jetzt gleich vor ihr das Knie gebeugt
und sein Herz erleichtert durch das feurige Bekenntnis seiner Liebe aber er
hatte noch kein Recht dazu denn das ersehnte Wort war von den Lippen der
Geliebten noch nicht gedrungen Er wendete daher seine Blicke mit dem ganzen
Verlangen einer endlichen Entscheidung auf die junge Gräfin die mit so
unschuldig klaren fast kindlich neugierigen Augen in diese Szene schaute dass
wohl für den unbefangenen Beobachter kein Zweifel blieb wie wenig sie sich in
dieselbe verflochten wähnte und wie sie das ruhig kühle Herz noch unentzündet
in sich trug Er nahm seinen Platz neben ihr ein Doch Graf Archimbald sagte
sichtlich erheitert indem er seine Briefe zusammen legte Wir dürfen Richmond
erwarten gleich nach der Rückkehr des Prinzen aus Spanien wird er zu uns eilen
und jene erwartete man bei Abgang dieses Briefes schon binnen zwei Tagen Gott
Lob sprach die Herzogin aus tiefer Brust und von der Erstarrung sich erholend
worein die vorangegangenen Vorfälle sie versetzt hatten so wird mir Trost und
Freude kommen
So auffallend diese Worte sein mussten so wenig wurden sie beachtet da die
meisten Anwesenden von eigenen Gefühlen und Gedanken in Beschlag genommen waren
Die jungen Leute erhoben sich um nach dem See sich zu begeben die alte
Lady und Lord Archimbald wollten ihre Briefe beantworten und die Herzogin begab
sich mit Stanloff welcher einige Tage abwesend gewesen war nach ihren Zimmern
Was bringst Du uns für Nachrichten Stanloff sprach die Herzogin und setzte
sich abgewendet von ihm in einen Sessel warst Du glücklich in Deinen
Nachforschungen
Euer Durchlaucht zu Befehl erwiderte Stanloff alle Nachforschungen die
ich anstellte treffen mit den Einzelheiten in der Geschichte der jungen Dame
überein es muss das Schloss der Gräfin von Buckingham sein aus dem sie
entflohen
Gründe Gründe rief die Herzogin Gründe will ich wissen
Sie sind in meiner Erzählung Ich begab mich zu Pferde dahin und erreichte
den großen parkartigen Wald in dessen Mitte das Schloss liegt am Mittage des
dritten Tages Den Park umgibt nach der Landstraße zu eine Meierei In dieser
sprach ich ein und fand dort eine zahlreiche Familie die verheirateten Kinder
der noch lebenden Eltern die sich in die Herrschaft des Hauses und in die
Geschäfte geteilt hatten Man hatte sich bei meiner Ankunft um eine große Tafel
gelagert um zu Mittag zu essen und mir ward ohne weitere Bemerkungen an
derselben ein Platz angewiesen der mir Musse gab eine Unterredung über die
Bewohner des Schlosses anzuknüpfen Doch war dies nicht leicht meine Frage ob
die Herrschaft gegenwärtig beantwortete man mit Nein und fuhr sogleich fort
unter sich über eigene Angelegenheiten zu sprechen Schnell war die Mahlzeit von
den jüngeren Leuten geendet sie standen auf um sich an die verschiedenen
Stellen zu verteilen die ihrer Sorgfalt übergeben waren und die Eltern
blieben allein zurück
Ich fragte aufs Neue ob das Fieber diese Gegend auch verheert habe und die
alte Frau nannte nun sogleich als das einzige dieser Krankheit gefallene Opfer
die Gräfin von Buckingham Weniger glückte es mir über andere Dinge Auskunft zu
erhalten und noch bleibt es mir ungewiss ob Unkunde oder andere Gründe dies so
erschwerten Den jetzigen Besitzer des Schlosses kannten sie nicht sie gaben
zu dass es der Bruder sein könne dagegen bestätigten sie Gersem zu kennen ob
er aber lebe oder tot sei wussten sie nicht Von dem Feuer jedoch sprachen sie
dass es den alten Teil des Schlosses verheert habe dass Jemand zu Schaden
gekommen sei verneinten sie Meine Fragen nach der frühern Lebensweise der
Gräfin die ich in der Hoffnung einleitete dann zu den Gästen des Schlosses
übergehn zu können beantworteten sie bloß mit dem großen Lobe ihrer
Wohltätigkeit und Güte doch Gäste behaupteten Beide seien nie auf dem
Schloss gewesen die Herrschaft habe jedoch öfter Reisen gemacht Ich suchte
nun von ihnen los und in den Park zu kommen und erreichte so das Schloss selbst
wovon nur ein kleiner Teil der in einem ganz versteckten Hofraume lag vom
Feuer gelitten hatte dessen Spuren überall deutlich zu sehen waren ohne dass
wie es mir schien man irgend Sorge getragen hatte sie zu beseitigen Ich
näherte mich dem Eingange des völlig einsamen Schlosses aber meine Bemühungen
hinein zu dringen waren umsonst Ich wollte eben zurückkehren als eine kleine
Tür unter einer Treppe aufschlug und ein junges Mädchen in ländlicher Tracht
herausflog in der Richtung über den Hof laufend in der ich mich befand Sie
stand vor mir ehe sie mich sah schrie jetzt laut auf und wollte entfliehn ich
hielt sie aber mit sicherer Hand fest und bat sie mir Einlass in das Schloss zu
verschaffen Um Gott Herr was denkt Ihr Es darf Niemand hinein Alles ist
verschlossen und der Herr Aufseher verreiset Ist das Gersem fragte ich
schnell Gersem wiederholte das Mädchen sichtlich erschreckend nein Herr
sprecht nicht so lasst mich los ich darf Euch nichts von Gersem sagen kein
Mensch darf von ihm sprechen Gut ich will Dich nicht quälen aber das darfst
Du mir doch sagen ob er im Schloss ist Gersem O Herr lasst mich ich bin
des Todes wenn Ihr mich nicht los lasst Nun sagte ich ich will Dich gleich
los lassen so wie Du mir sagst ob ich nicht die Frau Hanna sprechen kann
Mistress Hanna Großer Gott sie will täglich sterben Kein Mensch darf zu ihr
und sie erkennt Niemand nein Herr das geht um die Welt nicht Ich ließ sie
jetzt und habe mich vorläufig damit begnügt Euch diese Nachrichten zurück zu
bringen da mir Euer Durchlaucht Befehle nicht weiter zu gehen schienen Ich
weiß genug sagte die Herzogin winkte ihm sich zu entfernen und blieb in
ihrem Stuhle sitzen dass wer sie einige Zeit lang beobachtete in ihr kein
lebendes Wesen zu sehen gewähnt hätte
Doch ward sie bald genötigt sich an dem Leben langsam wieder aufzurichten
Pons flog herein den Grafen Archimbald zu melden der so unmittelbar hinter ihm
eintrat und mit so sichtlichen Zeichen von Gemütsbewegung dass die Herzogin
nur eines mühsam auf ihn gelenkten Blickes bedurfte um von der Ahnung neuer
Leiden ergriffen zu sein Ihr erster Gedanke wendete sich auf Richmond diesen
letzten Hafen in dem sie Ruhe und Schutz hoffte diesen Balsam auf die
brennenden Wunden ihres Herzens Es schien ihr gewiss ihm musste etwas begegnet
auch in ihm sie noch verwundet worden sein und sie blickte in die gänzliche
Trostlosigkeit dieses abgeblätterten Daseins fast mit Genuss mit dem Genuss den
dann die Gewissheit des Untergehens noch im Stande ist zu gewähren Graf
Archimbald hinderte sie aufzustehen er schob ein Tabouret an ihre Seite er sah
ihr verändertes Gesicht er fühlte dass sie litt und er konnte nicht annehmen
dass das was er kam ihr zu sagen sie ruhiger stimmen werde aber diese
Wahrnehmungen gaben ihm die Güte und Wärme des Gefühls die ihn seine Worte
bedenken ließ
Sagt es schnell Mylord ich bin auf Alles gefasst sagte sie tonlos und
kalt und vernehme lieber das Unvermeidliche ohne alle Einkleidungen
Ich kann allerdings annehmen dass Ihr schon längst eine Ahnung von dem habt
was ich gesandt werde Euch mitzuteilen erwiderte der Lord doch bitte ich
Euch dringend Euch nicht so davon zu erschüttern vielmehr den Anteil
vorwalten zu lassen den Euch die Wünsche Eures Sohnes die an sich nichs
Unwürdiges und Euch Kränkendes enthalten einflößen dürfen Ich muss allerdings
mich als überrascht bekennen denn ich kann nicht leugnen dass ich die
Verbindung zwischen Robert und der Lady Anna Dorset für entschieden hielt
Und was Mylord rief die Herzogin und richtete sich heftig empor was hat
diese Überzeugung die ich mit Euch teilte was hat sie in Euch geändert
So sehe ich also sagte Graf Archimbald dass ich mich irrte indem ich Euch
auf die Wünsche vorbereitet wähnte die allein jetzt noch Euren Sohn erfüllen
und welche die Gräfin Melville zur ausschliesslichen Besitzerin seines Herzens
erhoben Ein dumpfer Schrei der Herzogin war ihre Antwort sie sank sogleich
leblos zusammen und wahrlich unter wenig glücklichen Umständen Denn der Graf
fühlte sich höchst verlegen Die Sorge abgerechnet welche ihm die heftigen
Gemütsleiden seiner edelen Schwägerin gaben wusste er sich wenig bei solchen
Zufällen zu helfen und betrachtete daher die Ohnmächtige einige Augenblicke in
der Hoffnung sie werde sich erholen Als er sich hierin aber getäuscht und nun
zur Tätigkeit aufgefordert sah öffnete er die hohen Fensterflügel und überließ
dem Strom der Luft das Wiederbelebungsgeschäft da er einmal entschlossen war
diesen Zustand nicht zur Kenntnis eines Andern außer ihm selbst kommen zu
lassen
Er hatte sich auch nicht getäuscht Die Herzogin fuhr zuckend aus ihrer
Ohnmacht empor ihr Auge streifte wild umher und blieb an Graf Archimbald
haften indem hiermit alle die traurigen abgerissenen Gedanken zurückkehrten
womit sie sich gezwungen sah ihren Geist zu beschäftigen so sehr sie sich
dagegen sträubte Sie winkte die Fenster zu schließen und wohl ahnend was
geschehen dankte sie in der Stille dem Grafen für seine kühle Beharrlichkeit
bei ihrem Zustand wodurch dieselbe einer größeren Aufmerksamkeit entzogen
geblieben war
Sagt mir jetzt hob sie leise an was ist geschehen Was seid Ihr gekommen
mir zu sagen Ich bin gefasst auch das Härteste zu vernehmen
Ich kenne Eure Ansichten nicht genug verehrte Schwägerin um zu wissen in
wiefern Euch meine Mitteilungen beunruhigen mögen daher muss ich mich auf den
Bericht der Tatsachen beschränken und nur wünschen dass es Euch bald gelingen
möge die bessere Seite daran hervor zu heben Robert ließ mich um eine
Unterredung bitten und erklärte mir dass er entschlössen sei der Gräfin
Melville seine Hand anzubieten da sie seine ganze Zuneigung besitzt und er sei
in der Absicht zu mir gekommen für die nun folgenden Schritte Rat und Beistand
von mir zu erbitten da ihm allerdings nicht entgehe wie die Angelegenheit mit
der Familie Dorset von einigen Schwierigkeiten begleitet sein möchte
Ich gestehe Mylord hob nun die Herzogin an dass der Grad von Erstaunen
den mir Eure Erzählung erregt fast dem Unwillen gleich kommt womit sie mich
erfüllt Doch wird dies Alles übertroffen von dem gekränkten mütterlichen
Gefühl Euch Mylord an der Stelle zu sehen die einzig nur mein Sohn einnehmen
durfte hätte diese unselige Leidenschaft nicht wie es scheint jedes bessere
Gefühl in ihm ersterben lassen Wo und wie ich anfangen soll meinen Tadel über
das Vergangene auszudrücken bin ich verlegen Mein Sohn hat Euch zur
Mittelsperson zwischen seiner Mutter und sich gewählt So geht denn und sagt
ihm nie wird ihm meine Einwilligung zu dieser empörenden Verbindung zu Teil
werden Ich werde sie zu hindern suchen mit aller Macht und allen Kräften die
Gott und Menschen in meine Hände gelegt haben um Schande und Verderben von
einem Hause abzuwenden dessen Ehre ich berufen scheine noch länger aufrecht zu
erhalten da die denen sie zunächst anvertraut ward wenig mit ihren hohen
Anforderungen bekannt scheinen
Graf Archimbald eilte nicht sie zu unterbrechen Einige etwas zu stark
aufgetragene Äußerungen abgerechnet fühlte er ihren Unwillen natürlich und
wohlbegründet er konnte sogar nicht leugnen dass sie schneller auf den wahren
Standpunkt gelangt sei als er da er mit ganz anderen und öffentlichen Dingen
beschäftigt in großer Zerstreuung seinem Neffen zugehört und von dessen
jugendlichem Ungestüm überjagt keinesweges die Umstände so scharf erfasst hatte
um darin etwas Ehrenrühriges für das hohe Haus oder Beleidigendes für das Herz
der Mutter zu entdecken Nichtsdestoweniger hielt er es für unzweckmässig dass
die Herzogin ihrem Sohne so stolz und bestimmt widersprechend entgegen trete da
sanfte Gemüter wenn sie einmal Mut gefasst einen bestimmten Willen zu haben
selten durch stolze Härte welche ihnen nichts gestatten will davon abgebracht
werden vielmehr um so hartnäckiger im Widerspruch sich zeigen als diese
Stimmung fast den ganzen Charakter aus seiner Bahn treibt So ungern er sich auch
zum Lenker dieser heftigen Frau aufwarf so glaubte er doch dies nicht
unterlassen zu dürfen um eine wirklich befriedigende Ausgleichung herbei zu
führen Er sammelte sich daher und rückte der Erzürnten näher um sie mit der
ganzen ihm eigenen Feinheit darauf aufmerksam zu machen wie nötig es sei dem
jungen Herzoge milder entgegen zu treten Man könne ihm doch unmöglich und
namentlich in seiner jetzigen Stellung das Recht bestreiten die wichtigste Wahl
des Lebens nach eigener Überzeugung zu treffen Hierbei unterstütze ihn sogar
das Testament seines Vaters welches ausdrücklich verfüge dass alle seine Kinder
ihrer eigenen freien Neigung bei ihren Verheiratungen überlassen bleiben
sollten Die Unterhandlungen mit der Gräfin von Dorset betrachtete er nur dann
als seinem Wunsche gemäß wenn die Neigungen beider jungen Leute ebenfalls
hierin überein kämen Er verkenne übrigens nicht die Schwierigkeiten einer
Erfüllung des eben geäusserten Wunsches des jungen Herzogs und er glaube gewiss
dass die liebevolle Stimme der Mutter sein Herz erreichen und seinen Willen
beugen werde
Ja Mylord erwiderte die Herzogin mit mehr Ruhe deren Notwendigkeit ihr
selbst aus den klugen Worten ihres Schwagers klar geworden war ich will meine
Stimme flehend an sein Herz dringen lassen ja der Sohn soll seine Mutter als
Bittende vor sich sehen denn niemals niemals darf sie ihm gewähren Doch sagt
mir fuhr sie fort erzählte er Euch von der Gräfin War sie von seinen
Absichten unterrichtet und teilte sie seine unseligen Wünsche
Er hatte sich noch nicht erklärt und ich erinnere mich ihn aufgefordert zu
haben es bis dahin aufzuschieben wo ich Gelegenheit fände Euch seine Wünsche
mitzuteilen
So gebe Gott dass er dieser Forderung willfahre denn je wenigere um seine
Verirrung wissen desto leichter wird sie auszulöschen sein
Es entstand eine augenblickliche Pause in der die Herzogin nicht undeutlich
wahrnahm wie Graf Archimbald von irgend einer Idee beschäftigt keine Anstalten
machte sie zu verlassen Sie glaubte bei einigem Nachdenken die Ursache darin
zu finden dass es ihr noch oblag ihren lebhaft ausgesprochenen Widerwillen
näher zu bezeichnen und dessen Gründe scharf genug hervorzuheben um jeder
weiteren Erwägung ihrer Wichtigkeit vorzubeugen
Wir sind gewiss alle einig Mylord hob sie an ihn scharf beobachtend dass
die Natur kaum je ein weibliches Wesen reicher ausstattete als eben diese
Fremde die der Wille des Himmels an unsern Schutz verwies aber wie unser Eifer
und unsre Menschlichkeit sich auch abmühe ihr einen bürgerlichen Standpunkt
einzuräumen Ihr könnt gewiss nur mit mir die Befürchtung teilen dies werde nie
so vollständig gelingen um jeden Schatten von ihrem Namen wenn sie auf irgend
einen Anspruch hat zu verscheuchen und brauche ich Euch an den seit
Jahrhunderten fleckenlosen Glanz dieses Hauses zu erinnern um Euch meine
Abneigung gegen eine solche romaneske Verirrung des nunmehrigen ersten Trägers
dieses erlauchten Namens anschaulich zu machen Dies wäre allein hinreichend
fuhr sie stolzer fort als Graf Archimbald noch immer abgezogen wie es ihr
schien sich bloß stumm gegen diese hochbegeisterten Ansichten verneigte aber
mein Sohn ist durch sein Erscheinen im Hause Dorset nachdem er zur herzoglichen
Würde und Selbstständigkeit erhoben war und durch den öffentlichen Beifall den
er der Gräfin Anna gezollt stillschweigend in die Wünsche der Familien
eingegangen und Herzoge von Nottingham feilschen nicht wie ehrlose
Spekulanten um die Deutung eines Wortes die Gesinnung die sie in einer
ehrenvollen Sache andeuten bindet sie so stark wie das Wort der rohen Menge
So muss ich denn meinen Sohn als den Verlobten der Gräfin Dorset betrachten so
lange sie nicht zurücktritt und der Bruder meines Gemahls wird meine schwachen
Kräfte unterstützen wollen diese innere Ehre unseres Hauses zu erhalten
Gewiss Mylady sagte der Graf etwas ungeduldig war ich nie im Zweifel was
ich dem Namen dem ich angehöre schuldig bin und es gibt allerdings in dem
Leben eines Mannes der mit seiner Tätigkeit der Oeffentlichkeit verfallen ist
oft Gelegenheit die Stärke solcher Anforderungen kennen und in ihrer Wahrheit
würdigen zu lernen Sollte die Gräfin namenlos oder eines befleckten Namens
sein würden die Familiengesetze dieses Hauses sie schon hindern zu uns zu
gehören doch sah ich diese Befürchtung noch nicht bestätigt und Ihr selbst
hattet mich ja gewarnt hierin zu schnell zu sein Doch denke ich ist
vorläufig diese Ungewissheit Grund genug meinen Neffen aufzuhalten und eine so
kluge und gütige Mutter wird indessen Mittel finden ihre Wünsche und Ansichten
dem Sohne geltend zu machen Auch dürfen wir Richmonds Beistand entgegen sehen
der stets besser als ich sich verstand auf Herzen einzuwirken und obwohl ein
Jahr jünger als Robert stets den Einfluss eines Aelteren über ihn behauptete
Der Graf sah nach diesen Worten die Richmond berührten wie sie diesem Troste
horchte und ihn wirklich ergriff Er schob nun vertraulich seinen Stuhl näher
indem er fortfuhr Graf Burleigh hat mir Briefe des Grafen Bristol gesendet die
auch Euch angehen und die väterliche Autorität die ich mit mir führe mag mich
entschuldigen wenn ich Euch mit einigen Fragen lästig werde
Ihr seid meiner Aufmerksamkeit stets gewiss und mein Vater hat über mich zu
befehlen erwiderte die Herzogin in wieder gewonnener Fassung
Nun sagte Graf Archimbald lächelnd so muss ich Euch zuerst in ein
Staatsgeheimniss einweihen welches wie ich fürchte nur zu bald eine nicht mehr
zu verbergende Oeffentlichkeit erhalten wird Unsere Angelegenheiten in Spanien
haben eine sehr ungünstige Wendung genommen und die jahrelangen weisen nicht
genug zu rühmenden Unterhandlungen unseres größten Geschäftsmannes des Grafen
Bristol scheinen ganz gegen ihr Verdienst erfolglos zu werden Aber um Gott
Mylord rief hier die Herzogin erschrocken was sagtet Ihr und alle übrigen
offiziellen Nachrichten uns denn bisher so verschwenderisch vom Gegenteil
Welche chimärische Träume waren dies wer hat denn hier betrogen sein wollen
dass man so geschäftig war es zu tun
Weder das Eine noch das Andere antwortete der Graf Alles ging von Seiten
des Prinzen und des Hofes in Wahrheit so vor sich wie es uns gemeldet ward
Aber Ihr werdet Euch wohl erinnern wie die Begleitung des Herzogs von
Buckingham mich sogleich über die ganze Angelegenheit in Zweifel setzte da es
wohl unmöglich war einen ungeschicktern und übelwollendern Begleiter für den
Prinzen aufzufinden Der Erfolg hat nun alle dadurch auch beim Grafen Bristol
erregten Besorgnisse bestätigt und schon nach den ersten Tagen war der Herr
Graf der Buckingham beobachten ließ überzeugt dass es der bestimmte Wille des
Herzogs war durch die zügelloseste Aufführung und die absichtlichste
Beleidigung aller höheren dabei interessirten Personen den Prinzen trotz seines
eigenen makellosen Betragens in Misskredit zu bringen So bewundernswürdig klug
Graf Bristol alle diese Dinge für den Prinzen unschädlich zu machen suchte so
wenig vermochte er doch die gerechten Befürchtungen der königlichen Familie zu
unterdrücken dass der unläugbare Einfluss dieses Mannes auf den Prinzen die Lage
der Infantin höchst bedenklich machen müsse Woher aber dieser Einfluss so
plötzlich unterbrach ihn hier die Herzogin weiß ich doch dass der Prinz früher
eine in der Tat nur allzu furchtbare Beleidigung ihm nie vergeben zu können
glaubte und später nur aus kindlicher Rücksicht für seinen Vater ihn ertrug
ohne doch seine Verachtung gegen ihn unterdrücken zu können
Graf Archimbald wusste entweder hierüber selbst noch nichts oder zog vor
diese Aufklärungen nicht zu geben genug er begnügte sich seine Absicht weiter
verfolgend ruhig fortzufahren Dessenungeachtet ist die Tatsache nicht zu
leugnen Buckingham ist im Vertrauen des Prinzen und so doppelt mit Ansehen
ausgerüstet überschreitet seine Unverschämtheit alle Grenzen Er hat sich dem
vortrefflichen Herzoge von Olivarez der bisher unser eifriger Freund und der
Beschützer dieser Bewerbung war öffentlich als Feind erklärt und ihn dabei so
beleidigend behandelt dass der Herzog da man Buckingham vor der Abreise des
Prinzen nicht vom Hofe entfernen darf diesen bis dahin vermeidet Des Grafen
Bristol Einmischung hat die Sache nur verschlimmert obwohl sie mit seiner
gewohnten Umsicht geschah Denn Buckingham hat sich die abscheulichsten
Ausbrüche gegen die Gesandschaft des Grafen erlaubt und der Graf zog sehr
richtig fürchte ich daraus den Schluss dass des Herzogs Neid im bösesten Grade
erregt sei in Bezug auf das durch den Grafen so glücklich eingeleitete gute
Vernehmen beider Höfe und dass er dieses Verdienst nicht durch eine Vermählung
noch erhöht sehen wollte Wie dem auch sei der Hof hat sogleich nach Abreise
des Prinzen die Unterhandlungen um höchst unbedeutender Ursachen willen fürs
Erste bei Seite gelegt wenn man sie nicht schon jetzt richtiger abgebrochen
nennen soll Graf Bristol fühlt sich dadurch äußerst gekränkt und wünscht wie
natürlich irgend einen neuen Anknüpfungspunkt aufzufinden Hierzu möchte er
durch Euch einige Nachrichten erhalten die ihm jetzt wichtig werden könnten
Durch mich fragte die Herzogin fast spottend Wie kann ich meinem teuren
Vater entfernt vom Hofe gehüllt in Trauer über diese Angelegenheiten die
auch den dort Lebenden nicht immer klar sein mögen den geringsten Aufschluss
geben Nein wahrlich ich kann nur als Tochter und Engländerin seinen Unwillen
teilen aber ihm Licht über das Dunkle dieser Sache zu geben ist außer meinem
Bereich
Es beziehen sich die Nachrichten die der Graf wünscht auf die Reise meines
teuren Bruders Euers Gemahls Der Graf dem über die eigentliche Ursache
Zweifel entstanden glaubt bei dem ausgezeichnet vertrauten Verhältnis zu Eurem
Gemahl von Euch Näheres erfahren zu können
Schwermütig sank der Kopf der Herzogin nieder und mit einem Seufzer hob
sie an Mylord Ihr berührt hier eine schmerzliche Erinnerung Mein Gemahl
durfte von mir einer Treue gewiss sein die seine Geheimnisse so er mich
würdigen wollte sie zu teilen zu einem Heiligtum gemacht haben würden an
dem selbst der mächtige und stets ehrwürdige Wille meines Vaters hätte scheitern
müssen Aber ich habe bei seiner unglücklich übereilten und durch nichts
gerechtfertigten Reise diesen Vorzug nicht genossen und ich darf daher nach dem
Willen meines Vaters handeln dessen Scharfblick sich nicht trog denn auch mir
ward es eine unleugbare Gewissheit dass ihn ein anderes Motiv als das der
Sehnsucht meinem Vater seinen Sohn vorzustellen trieb Er fühlte auch selbst
zu wohl wie wenig mir dieser Grund zur Befriedigung dienen konnte und er
achtete mich und sich zu sehr um ihn vor meinen Ohren zur Wahrscheinlichkeit
aufschmücken zu wollen wohl wissend dass mir die Ehrfurcht vor seinem stets
reinen Willen nicht erlauben würde ein Vertrauen erzwingen zu wollen welches
seiner treusten Freundin vorzuentalten er wichtige Gründe haben musste
Und rief Graf Archimbald aufs Höchste gespannt hatte er kurz zuvor eine
seiner gewöhnlichen Zusammenkünfte mit dem Prinzen Verhehlt mir nichts Euer
Scharfsinn hat Euch können erraten lassen ob der Prinz vielleicht Einfluss auf
seinen Entschluss hatte Dies grade ist es was Euren Vater beschäftigt worüber
er von Euch Auskunft hofft
Da ich einmal angefangen habe zu sprechen in der Hoffnung meinen Gemahl
dadurch nicht zu beleidigen und in der Gewissheit dass mein Vater stets die
Gefühle der Gattin in mir schonen wird so will ich jetzt wofern sich auch
meinen Worten irgend etwas gegen die Absicht meines Gemahls enthüllen lassen
sollte Euch Alles sagen was mir selbst davon bekannt werden konnte ohne die
Grenzen überschreiten zu dürfen die mir wohlanständig waren Der Herzog empfing
in meiner Gegenwart einen Kourier vom Prinzen und reiste schon am Abende ab
indem er mir sagte dass der Prinz ihm Dinge von Wichtigkeit mitzuteilen habe
Es hat in Bezug auf den Prinzen immer unter uns diejenige Zurückhaltung in
unsern Mitteilungen geherrscht die man sich auch in den nächsten Verhältnissen
schuldig ist wenn das Interesse Anderer dabei beteiligt ist oder eine uns
bekannte und nicht auszugleichende Verschiedenheit der Meinungen obwaltet Ich
suchte nie meinen Gemahl von diesen Zusammenkünften abzuhalten die ihn mir oft
und auf lange raubten Ich fragte nie nach der Zeit seiner Rückkehr wenn er
nicht die Güte hatte sie mir selbst anzuzeigen aber eine lange Erfahrung ließ
mich stets eine Trennung von mehreren Wochen fürchten Ich ward daher sehr
überrascht als ich ihn den nächsten Tag zurückkehren sah und der
unwillkürliche Schrecken der mich ahnend zurückbeben ließ fand sich nur zu
sehr gerechtfertigt durch das veränderte Ansehen meines Gemahls Seine edelen
offenen Züge waren der Verstellung unfähig und ich sah in ihnen einen sanften
Schmerz einen Ausdruck von Unruhe und eine besorgte Zärtlichkeit um mich die
mir das Herz um so mehr belastet da ich vergeblich einer Aufklärung entgegen
sah Erst nachdem er sich und mich bis zum andern Tage mit seinem Schweigen
beunruhigt hatte erhielt ich durch die Anzeige seiner Reise nach Spanien eine
teilweis traurige Auflösung Er sagte mir nämlich er wolle den lang genährten
Wunsch meines Vaters erfüllen und ihm Robert vorstellen Nach diesen Worten
schwieg er und ich mit ihm denn von dem Augenblicke an ergriff mich der
namenlos bittere Schmerz seines Verlustes und die Qual des Geheimnisses das
über diesem Ereignisse ruhte zerschnitt mir das Herz Ich wagte ihn an die
Jahreszeit an die Abwesenheit Richmonds zu erinnern wodurch der Wunsch meines
Vaters nur halb erreicht werden könnte Er schwieg nahm liebevoll meine Hand
und sagte mit einem Tone der Weichheit der nie aus meinem Gedächtnis kommen
wird Ich muss dennoch reisen Ich nahm nun all meinen Mut zusammen und
erwiderte ihm So sei Gott mit Euch ich werde aller Welt sagen dass Ihr unsern
Sohn meinem Vater vorstellen müsst Nach dieser Ergebung in seinen Willen sagte
er mir tausend Worte der Liebe die mir seine Dankbarkeit verrieten dass ich
ihn schonen wollte Aber ich täuschte mich so wenig als er selbst Wir wussten
bei unserer Trennung dass wir uns nicht wiedersehen würden unser Schmerz konnte
durch nichts als durch diese Ahnung gerechtfertigt werden Ihr wisst jetzt Alles
Es blieb mir nie ein Zweifel dass der Prinz ihn zu dieser Reise bestimmt zu
welchen Zwecken jedoch ist mir wie Ihr seht unbekannt und muss auch meinem
Vater unbekannt geblieben sein denn er kam ja nur zu ihm um sein Sterbelager
zu besteigen
Graf Archimbald fühlte sich nach der Beendigung dieser Erzählung von
Teilnahme und Achtung für seine edle Schwägerin erfüllt dies verlieh ihm jene
Wärme und Güte des Ausdrucks der leicht verständlich dem Herzen so
wohltuend besonders wenn er von Personen kommt zu deren Gefühl man sonst
schwer Zugang gewinnt Er hat bei dem wahren und tiefen Ausdruck von Schmerz und
Edelsinn womit die Herzogin gesprochen fast ganz den politischen Zweck der
Sache vergessen und die gefühlvollen Worte womit er die Leidende zu ehren
wusste führten diese beiden einander so würdigen Personen für einige Zeit ohne
das gewöhnliche Rüstzeug ihres Verstandes zu einander
Die Herzogin erinnerte ihn selbst an seinen Zweck indem sie ihn bat ihr zu
sagen ob ihr Vater aus den letzten klaren Tagen des Herzogs vor der Zunahme
seiner Krankheit die so bald seinen schönen Geist verdunkelte über seine
eigentlichen Absichten habe Schlüsse machen können und Graf Archimbald teilte
ihr nun teils erzählend teils lesend Stellen aus den Briefen des Grafen
mit Der Herzog war erkrankend angekommen dennoch nach einer kurzen
Zwischenzeit die er dem Erguss der verwandtschaftlichen Gefühle gegönnt hatte
er nach allen auf die im Werke stehende Vermählung des Prinzen und der Infantin
bezughabenden Umständen gefragt Als aber der Graf seinerseits von ihm als dem
genauesten Freunde des Prinzen über dessen Stimmung habe Auskunft haben wollen
sei er von ihm auf spätere Mitteilungen verwiesen worden die nachher nicht
mehr erfolgen konnten Während seiner Phantasien war er stets mit seiner
Vorstellung bei Hofe und einer PrivatAudienz bei der Infantin beschäftigt
Zuletzt rief er noch mit qualvoller Angst den Prinzen bis Alles ohne
Deutlichkeit in der Nacht seines zerstörten Geistes untertauchte
So fürchte ich hob die Herzogin nach einer Pause an wird mein Vater seinem
eigenen Scharfsinn überlassen bleiben Aber sagt mir Mylord so ihr es dürft
ist über die Wünsche des Prinzen die er wenn ich offen mich erklären darf so
abenteuerlich durch seine Reise nach Spanien an den Tag gelegt ein Zweifel und
worüber und wohin gewendet
Wie sonderbar und widersprechend es auch erscheinen möge erwiderte Graf
Archimbald so glaubt dennoch Graf Bristol dass grade der Prinz in seinem Innern
am entschiedensten gegen diese Verbindung ist dass seine Reise sowohl wie seine
Versöhnung mit Buckingham das letzte Mittel war um eine Störung in diese
Angelegenheit zu bringen ohne durch eine offene Weigerung den König seinen
Vater zu beleidigen Der Graf konnte während der ganzen Zeit seiner Anwesenheit
den Prinzen zu keiner offenen Erklärung über eine Sache bringen die ihn doch
allein dorthin geführt zu haben schien Er erzählte dem Grafen unaufhörlich wie
es ihn überrascht habe in Spanien das jüngst noch gegen England entbrannt war
bei seiner plötzlichen Ankunft auf die das Land von Hofe aus unmöglich
vorbereitet sein konnte auf kein Hindernis oder irgend eine Beleidigung
gestoßen zu sein Es glich dies Erstaunen fast einer getäuschten Erwartung
Ebenso war bei der übrigen Kälte des Prinzen sein Verlangen um jeden Preis
die Infantin allein zu sprechen so dringend von Buckingham so unschicklich
heftig unterstützt dass man eine geheime damit verknüpfte Absicht dahinter
hätte ahnen mögen und Graf Bristol wusste es der unüberwindlichen Etikette Dank
dass sie die Sache unmöglich machte Eben so wenig suchte der Prinz den
Zügellosigkeiten Buckinghams entgegen zu treten Er teilte sie zwar nicht aber
es fiel ihm doch unläugbar zur Last dass die nächste Person seines Gefolges und
die einzige von Range überhaupt unter seinen Augen dergleichen wagen durfte
Vergeblich aber war des Grafen Bitte wenigstens den Herzog von Olivarez zu
versöhnen gegen den der Prinz ein höchst unzeitig beleidigtes Wesen annahm und
diesen stolzen Mann den des Grafen Bristol unendliche Klugheit uns eben erst
gewonnen zum unversöhnlichsten Feinde umschuf Der Kourier den der Graf mir
mit diesen Andeutungen gesendet übereilt den Prinzen um einige Tage da der
despotische Wille Buckinghams den Prinzen durch Frankreich wieder zurückführt
als ob er die Höfe Europas denen es am vorteilhaftesten scheinen könnte eine
so wichtige Person als den Tronerben von England bei sich fest zu halten
diese Probe ihrer völkerrechtlichen Tugend zu seiner eigenen Belustigung
bestehen lassen wolle Jedenfalls bewahren wir der Nachwelt eine seltene Probe
unserer Klugheit auf und einer Lächerlichkeit des Betragens die uns um ein
Jahrhundert vor Elisabet zurückversetzt deren Nachfolger zu sein wir uns doch
rühmen wollen
Der Graf hielt hier inne er besaß nicht die Pedanterie politischer
Geheimnisskrämerei und am wenigsten vor einer Frau die ihm eben Proben ihrer
Selbstbeherrschung gegeben Aber er fühlte selbst ein gewisses Unbehagen die
Handlungen ins Licht treten zu lassen die seinem Altenglischen Herzen so
kränkend waren Er musste indes der sehr dadurch beschäftigten Herzogin noch Rede
stehen die nun zu wissen wünschte ob man ihrem Gemahl dieselbe Ansicht mit
Buckingham und dem Prinzen beimessen könne
Wir können nur Tatsachen an einander stellen erwiderte Graf Archimbald
So viel dürfte für uns Gewissheit sein dass der Prinz die Veranlassung zur Reise
meines Bruders ward welches eine ähnliche Absicht anzudeuten scheint wie der
Prinz später so dringend verfolgte Ebenso scheint die letzte Zeit wo er sich
noch äußern konnte eine Beziehung zu den Angelegenheiten des Prinzen
hinlänglich zu verraten wozu ich rechne dass er sich gegen Graf Bristol über
den Prinzen ausweichend äußerte und dass sein Bestreben gleichfalls darauf
ausging die Infantin allein zu sprechen
Unmittelbar nach der Nachricht von dem Tode des Herzogs trat dann die
Versöhnung mit Buckingham und die Reise des Prinzen ein So scheint es dass der
Prinz als der Herzog nicht vollziehen konnte was er von ihm gehofft eines
andern Vertrauen bedurfte der ihn dann zur eignen Ausführung antrieb Doch
werdet Ihr selbst einsehen dass wir hier nur unbestimmte Mutmaßungen haben
eine aus der andern geleitet aber sämtlich des Hauptanhalts entbehrend der
Kunde vom unbegreiflichen Zweck aller dieser Anstrengungen
O Gott seufzte hier die Herzogin schmerzlich auf so wäre also das Glück
meines Lebens dennoch an dem Willen des Prinzen zertrümmert der stets als ein
finsterer Geist neben dem Lichtbilde meines Gemahls stand und mit dem ich das
Recht des Besitzes zu teilen stets gewärtig sein musste Wir wollen denken Graf
Archimbald fuhr sie fort indem sie sich fast geisterhaft bleich von ihrem
Sessel erhob dass in Gottes Hand der letzte Augenblick des Menschen ruht und
ich sage mir dass dies geliebte Wesen reif war hinüber zu gehen und hier im
Schoss der Seinigen so sicher ereilt worden wäre wie unter den Beschwerden und
Sorgen dieser Reise Dennoch mag vielleicht stolzes Überbieten geistiger und
physischer Kräfte schneller den Augenblick herbei führen können den Gott ohne
solche menschliche Verschuldung noch entfernter gestellt haben würde und
vielleicht war das der Fall auch hier Mylord o begreift es wie schwer bei
diesen Gedanken mir die Ergebung wird wie der Gram die schreckliche Zugabe des
Vorwurfs gegen die Verschulder desselben erhält
Geht hierin nicht zu weit Mylady sagte der Graf Archimbald milde lasst den
Gedanken vorwalten dass Gottes Hand hier lenkte und bestimmte und macht den
Dienst der Freundschaft der wohl ohne Vorahnung dieser Folgen gefordert und
gewährt werden konnte den Beiden nicht zum Vorwurf die stets ein wahrhaft
schönes Bild dieser reinen Empfindung darstellten
Es sei so sagte die Herzogin sich empor ringend und es mag Zeit sein den
Gedanken ihr Ziel zu setzen die mich ergreifen wollen über den geheimnisvollen
Einfluss den dieser Freund meines Gemahls auf ihn ausübte Denn ich darf ja
jetzt am wenigsten vergessen dass die Stelle leer ist die er zum Schutz und zur
Leitung seiner Familie so würdig einnahm und setzte sie leiser hinzu
vielleicht sollte ich schon jetzt die Güte Gottes erkennen die wenigstens sein
Herz vor dem Schmerz bewahrte der mir in der Verirrung meines Sohnes droht
ach welch ein Schmerz wäre das für ihn geworden
Ihr Blick voll düsterer Melancholie traf hier Graf Archimbald der trotz
aller zarten Teilnahme die ihm bis dahin gegen die edle Leidende so natürlich
gewesen war dennoch den Schmerz seiner Schwägerin über die Ansichten ihres
Sohnes etwas übertrieben finden musste Sie gewahrte augenblicklich diese
Gedanken wenn auch fast unmerklich in seinen Zügen ausgedrückt und wider ihren
Willen rief sie wie überwältigt aus Ich gelte Euch so eben als eine Törin
die den Anforderungen ihres Schicksals nicht gewachsen sie phantastisch
vergrößert ihr Unvermögen damit zu verhüllen aber könntet Ihr die Größe dieses
Schmerzes so durchschauen wie es mir aufbehalten war Ihr hieltet mich nicht
für ein allzuschwaches Weib
Und dessen seid in jedem Fall gesichert Ihr habt mir eben durch Eure
verehrungswürdigen Mitteilungen eine Lehre der Mäßigung in Bezug auf die
Geheimnisse Anderer gegeben die Euch zu hoch in meinen Augen stellt als dass
Ihr sie nicht gegen Euch zuerst befolgen möchtet Aber vergesst nicht dass es der
Bruder Eures Gemahls ist der stets mit allen seinen Kräften Euch zur Seite
bleibt und dem Ihr vertrauen dürft wie der es tat den ich mit Euch so
schmerzlich vermisse
Der starke Mann zollte hier einen Augenblick dem tief verschlossenen Gefühl
seiner Brust einen ehrenvollen Tribut aber er kürzte gern solche ihn stets
überraschende Momente ab und Beide trennten sich stumm grüßend mit dem Gefühl
einer erhöhten Achtung und Freundschaft
Weniger genügend für beide Teile fiel eine Unterredung der Herzogin mit
ihrem Sohne aus Sie hatte nur zu viel Veranlassung der MenschenKenntnis des
Grafen Archimbald Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und seine Befürchtung
wegen der hartnäckigen Entschlossenheit sanfter Gemüter die durch
Leidenschaften in ihren Empfindungen erhöht sind zu teilen Es ward ihr
manche bis dahin noch vorentaltene Kenntnis der Grenzen älterlicher Macht über
die Gewalt individueller Empfindungen der Ohnmacht des Willens und der Bitte
bei anders Fühlenden Ihre Lage war um so drückender da ihr nicht vergönnt war
mit der vollen Kraft der Wahrheit zu ihm zu reden Denn wiewol glühend überzeugt
von der Unmöglichkeit der Sache musste sie es sich doch versagen ihren Sohn
durch dieselben Gründe zu überzeugen welche in ihr dies Resultat
hervorgebracht So blieb ihre Lage ihm gegenüber von der Halbheit beschlichen
die kräftige Gemüter um so tiefer verletzt je nötiger ihnen stets in Rede
wie in Tat jene rechtfertigende Konsequenz ist wovon sie sich des oft
geprüften Erfolges gesichert wissen Sie sah ihren Sohn dadurch dass er seine
volle Seele in Wahrheit und ohne allen Rückhalt vor ihr entlud in einem ihr
nachteiligen Vorteil über sich und musste auch das sonstige Übergewicht ihres
Verstandes vor ihm einbüßen da sein ganzes Wesen in Liebe erhöht seinem
Geiste eine Glut und Kraft der Kombinationen verliehen hatte die dem kindlich
schlummernden früheren Zustande nicht mehr gleich kam
Ein für die Herzogin namenlos schmerzliches Gespräch mehrerer Stunden hatte
sie um nichts ihren Wünschen näher gebracht Es war noch immer der liebevolle
ehrende Sohn der treffliche Mensch aber zugleich ein zum ersten Mal im Leben
Wollender unterstützt in diesem Willen von der ganzen Überredungsgabe eines
zuerst liebenden Herzens Dagegen schien die Herzogin wenig Anderes als
Vorurteile und Stolz in die Waagschale legen zu können und gegen das Ende
dieser qualvollen Unterredung musste sie entmutigt sich das ihr so neue
Geständnis machen sie sei sich selbst hier nicht genug und ihr Einfluss auf ihn
nur noch bedingt
Sie hatte nur die Versicherung von ihm erlangt dass er sein Gefühl der
Gräfin verschweigen werde bis die Familie Dorset mit schonender Achtung
entfernt sein werde und bei dieser Bitte fand sie den Sohn so nachgiebig so
durchdrungen von den Anforderungen der Ehre und Wohlanständigkeit dass sie ihm
nicht einmal zürnen konnte sondern ihn seiner edelen Erziehung vollkommen
entsprechend finden musste Der Herzog verließ endlich seine Mutter mit weit mehr
Hoffnung als er nähren durfte Denn er hielt ihren fast erschöpften Zustand für
Nachgiebigkeit in seine Wünsche und für ihn lagen alle Schwierigkeiten allein
in der möglichen Beleidigung der Familie Dorset
Zu einer milden Ausgleichung dieses Punktes hoffte er seine geliebte
Großmutter zu bestimmen und vertraute diese Absicht auch der Herzogin von der
er so kindlich liebevoll schied dass die Tränen der zärtlichen Mutterliebe über
das schöne Gesicht des knieenden Jünglings flossen Aber kaum war er ihren
Blicken entschwunden so rang sich die Klarheit ihres Geistes aus der weichen
Betäubung empor worein ihr Herz sie verstrickt hatte und der jähe Schmerz den
ihr der Überblick der wirklichen Lage der Sache gab erschien ihr jetzt um so
schrecklicher da die Unterredung von der sie so viel gehofft vorüber war und
sie sich sagen musste sie sei dadurch eher zurück als dem Ziele näher
geschritten Sie machte sich in ihrer Heftigkeit selbst die bittersten Vorwürfe
ihrem Sohn auch nur einen Schatten von Hoffnung für diese Verbindung gelassen zu
haben sie glaubte sich dem Elende einer Entdeckung ihres Geheimnisses nahe
gebracht und rief in fieberhafter Angst Gott auf ihren Knieen um Beistand an
und um Herbeiführung eines Ausweges Tränen sandte ihr vorerst Gott und als
diese ihr banges Herz erleichtert stand auch der rettende Engel den Gott
gesandt ihr zur Seite Sie hob den Kopf empor sich von ihren Knieen zu
erheben und stand vor ihrer ehrwürdigen Schwiegermutter die von ihr ungehört
das Zimmer während ihres heftigen Weinens betreten und über den Zustand worin
sie die Herzogin sah erschrocken so eben sich ihr genähert hatte
Die Herzogin fuhr zusammen und dann mit einem so überspannten Ausdruck
zurück dass ihre starren Augen zu fragen schienen Bist du ein Mensch Ach bist
du der Ausweg um den ich Gott anrief seufte ihr Herz und sogleich
wiederholten es auch ihre Lippen und vor der alten Herzogin aufs Neue
niedersinkend rief sie wie begeistert Du bist es ja Du bist es Dich sendet
mir Gott vor Dir soll ich mein Herz von seiner erdrückenden Bürde befreien Du
bist der Ausweg den er mir sandte in Deiner reinen Seele wird sich das Rechte
vom Unrechten scheiden und was sein muss wird meine ratlose Seele von Dir
erfahren Sie sprang zugleich mit einer Heftigkeit auf welche dem krankhaften
Zustande zu widersprechen schien in dem sie sich befand und war bemüht ihre
erstaunte und bekümmerte Schwiegermutter zu einem Ruhebette zu ziehen auf dem
sie sich sogleich mit einer Hast dicht neben ihr niederließ welche von der
regellosen Aufregung ihres Innern zeugte
Die alte Herzogin war ihr willig in all ihren stummen Anordnungen gefolgt
aber die Besorgnisse die dies seltsame Verfahren ihr gab raubten ihrem stets
gegenwärtigen Geiste dies Mal die Leichtigkeit sich in lindernden Worten
auszudrücken Sie fühlte sich unfähig einen Eingang zu dem Vertrauen zu finden
das die geliebte Leidende mit einer rätselhaften Angst und Übereilung ihr zu
schenken bereit schien und sie blickte bloß in unendliche Liebe und das
tiefste Mitgefühl aufgelöst in die zerstörten Züge der Herzogin Diese schwieg
ebenfalls noch dicht neben der mütterlichen Freundin sitzend ihre Hände
zwischen den ihrigen drückend die von Tränen geschwollenen Augen an den Boden
geheftet schien sie von eigenen Gedanken noch zu überfüllt um reden zu können
sie schien in sich vor allen Dingen die Ordnung herstellen zu wollen die ihr
nötig war
Sie hob endlich die Augen zu ihrer Schwiegermutter auf und ward durch einen
Blick in dies liebevoll besorgte Antlitz wie von jeder Qual befreit und in die
Arme gezogen die sich ihr so mütterlich öffneten Höre mich erst seufzte sie
dann ehe Du mich töricht schiltst aber höre mich Länger kann ich die Qual
dieses Geheimnisses allein nicht tragen ich bedarf auch Deines Beistandes und
Du hast ja fast dasselbe heilige Interesse wie ich selbst geheim zu halten
was ich Dir sagen muss Aber dennoch setzte sie bang und flehend hinzu dennoch
kann ich nicht eher das mir getane Gelöbnis ewiger Verschwiegenheit brechen
ehe Du nicht großmütig Dich meiner Angst erbarmst und mir heilig gelobst das
was ich Dir sagen muss als unverbrüchliches Geheimnis in Dir zu bewahren so
als hätte Dich nie eine Ahnung davon erreicht
Alles gelobe ich was Dich mein armes Kind beruhigen kann sagte schnell
die bekümmerte alte Dame und bin gewiss Du wirst mir nun ohne Sorge vertrauen
und mich die Bürde mit Dir tragen lassen die Dich so grausam zerstört O eile
geliebtes Kind Dein Herz zu erleichtern und Gott wird mir Kraft verleihen Dir
eine wahrhafte Stütze zu sein
Ach seufzte die Herzogin wie weit in die Vergangenheit muss ich
zurückgehen denn wie sehr ist das was ich Dir sagen will in das Gewebe meines
ganzen Lebens mit einem unabgerissenen mir allein stets sichtbaren Faden
verflochten Wie hat es mit seinem stillen und doch unläugbaren Dasein mir den
Mut zur Klage wie zum völlig reinen Genuße des Lebens geraubt O wie tief
fühle ich seinen Einfluss auf mein ganzes Wesen wie ließ es in mir die Fehler
ergrauen von deren Dasein ich zu meiner Qual mir stets bewusst blieb während
ich ihnen doch die Herrschaft wieder gönnte die mich zu verhärten schien gegen
die geheimen Schmerzen dieser Brust Mutter wenn es ein Frevel werden kann ein
menschliches Wesen zu sehr zu lieben so hab ich ihn vielleicht begangen aber
den ich so über alle Grenzen hinaus liebte es war Dein Sohn und an Deinem
Herzen rufe ich um Nachsicht
Du weißt dass mein verehrungswürdiger Vater nach dem Tode meiner Mutter das
zehnjährige Mädchen ganz in seine Obhut nahm nur Mistress Morton blieb mir als
weiblicher Schutz zur Seite und sie war obgleich noch jung und schön doch nur
in der Liebe zu mir lebend allen den Pflichten vollkommen gewachsen die mein
Vater ihr mit vollständigem Vertrauen übertrug Wir teilten jede Stunde die
ich entfernt von meinem Vater lebte aber dem früh vereinsamten Manne war es
süßer Trost das einzige Andenken seiner Liebe um sich zu haben und meine Tage
schwanden in dem Studirzimmer des Vaters hin in wortkarger Einförmigkeit Der
Ernst dieses Lebens widerstrebte jedoch meiner Sinnesart nicht ich fügte mich
nicht allein sondern ich ahmte bald in Wort und Zeichen einen Ernst und eine
Würde nach die mein Vater in seiner reichen Natur mit einer heitern
Lebendigkeit des Geistes und einer zärtlichen Empfänglichkeit des Herzens
verband Von dieser war mir nur wenig verliehen und sie wurde daher unter
seinen Eigenschaften leichter von mir übersehen als sein Ernst und sein Stolz
der in meinem Gemüte reichern Anklang fand Alle meine Umgebungen huldigten
bald den Anforderungen dieses jugendlichen Dünkels der mich bei der Strenge
meines Karakters nie zu Bedrückungen verleitete die im Stande gewesen wären
meinen Vater aus dem zärtlichen Liebestraum über die Vorzüge seines Kindes zu
wecken Meine teure Morton war das lindernde Prinzip Sie liebte ich und an
ihrer zärtlichen Brust verschwand der Ernst den ich überall fest hielt ich
ward jung in ihrer wohltätigen Nähe und lernte weiblich fühlen Vielleicht
schon damals stimmte der bloße Name des Mannes den ich später so grenzenlos
lieben sollte mein Herz so empfänglich für Mortons weiblich heitere Gespräche
denn sie von den Plänen zu dieser Vermählung unterrichtet bereitete in
sorgloser Geschwätzigkeit mein Herz zu diesem Glücke vor Mein Vater der seit
dem Tode meiner Mutter dem öffentlichen Leben standhaft entsagt hatte bis zu
meiner Vermählung glaubte endlich mit Deinem Gemahle der Augenblick hierzu sei
gekommen Morton sagte mir dass beide Familien ihre Kinder bei Hofe vorstellen
wollten und ich den sehen würde der in mir seine Braut zu finden hoffte
Ähnliches obwohl ferner angedeutet sagte mir mein Vater und ich zürnte jedes
Mal dem ungestümen Schlage meines Herzens als der stolzen Würde widersprechend
die überall zu behaupten ich mir auferlegt Ach nur zu bald und immer mehr ward
dieser angenommene Grundsatz in mir erprobt Wir sahen uns nachdem ich zuerst
Deinen Segen als von der Freundin meiner Mutter in Deinem Hause empfangen
zuerst am Hofe Obwol der Augenblick wo ich zuerst ihn sah mir deutlich ist
als wärs der gegenwärtige könnte ich Dir doch die stürmische Gewalt nicht
schildern womit auf ewig sich dies heissgeliebte Bild in meine Seele senkte Was
ich gehofft geträumt geahnt lag wie ein Schattenbild verschmolzen mit dem
ganzen Zeitraum der Jugend den ich durchlaufen wie leblos hinter mir Er nahte
mir sein hold leuchtendes Auge erreichte wie ein unendlicher Wohllaut mich wir
redeten und tausend Mal gab ich an diesem Abend ihm die Seele hin Als bei der
Rückkehr mich der Vater mit einem Segenskusse lächelnd von sich ließ und Morton
mir am Eingange meiner Zimmer bewegt entgegeneilte trat sie erstaunt zurück
die Arme die ich ihr entgegenstreckte erreichten sie nicht denn sie schien
ungewiss ob ich es sei und trat nun mich zu sehen vor meiner Umarmung zurück
aber ich suchte das liebevollste Herz und mit einer an Triumph grenzenden
Freude rief ich ihr zu Ich habe ihn gesehen Welche Tage begannen nun Ach
es waren nur wenige aber selige Tage Auch Ihr teiltet wohl in älterlicher
Zärtlichkeit die Bestätigung Eurer Hoffnungen Denn nahte Robert mir auch nicht
in Liebe war ich doch die Liebste in dem weiten Kreise des Hofes ihm und ich
so sicher ihn als mein betrachtend ersetzte mit dem Reichtum meiner Empfindung
die Lücken die damals sich schon hätten finden lassen Da rief der König die
Familie seines übermütigen Lieblings an den Hof und Ihr wisst was da geschah
Aber die Qualen meines Innern blieben Euch und aller Welt Geheimnis An jenem
Abend wo die schöne Schwester des Herzogs von Buckingham am Hofe erschien
geschah in meinem Innern eine gewaltsame und fürchterliche Umänderung Ich kann
sagen dass meine Entwickelung gehemmt und für immer aus dem schönen Reiche
sanfter leidenschaftsloser Weiblichkeit verdrängt den kalten Mächten wieder
anheim fiel denen die Liebe mich entzogen vielleicht für immer entzogen hätte
wäre es mir beschieden gewesen sie zu der ungetrübten tugendhaften Höhe führen
zu können deren sie wert und fähig war Aber gestört so grausam gestört bei
so grenzenloser Hingebung war mein Charakter nicht geschaffen in Milde diesen
heißen Schmerz zu wandeln und ich bin es mir bewusst dass ein ganzes folgendes
Leben reich an süßem Glücke und jeglicher Befriedigung den jähen Umsturz
meiner damals keimenden besseren Natur nicht wieder ins Gleiche bringen konnte
O Mutter wende Dich nicht von mir rief die Herzogin hier in Tränen der
sichtlich erbebenden mütterlichen Freundin zu und zürne nicht dass ich Dich zum
Beichtiger meines ganzen Lebens mache Das Andenken dieser Tage ja das nie
vordem Geschehene dass meine Lippen zur Enthüllung ihrer Leiden sich öffnen
reißt mich mit sich fort dass ich so innig Dir vertrauend so nie von Dir
zurückgeschreckt nicht mehr verhindern kann zu sagen was mir in trauriger
Erkenntnis meiner selbst nur zu oft zur schmerzlichen Gewissheit wurde
Kaum hatte diese Schönheit sich gezeigt so sah an meiner Seite ich an
Robert die Wirkung die bald Allen kein Geheimnis blieb Ach der mich durch
sich gelehrt was Liebe sei ließ jetzt an sich dasselbe mich erkennen von
einer Andern eingeflößt was ich in jeder Beziehung allein von ihm zu fordern
berechtigt schien Ich kam nach einem kurzen Wehe namloser Schmerzen schnell zur
Überzeugung dass ich verloren sei dass der den ich noch wenig Stunden früher
mit jubelndem Entzücken mein Eigentum genannt von mir gewendet war mich
völlig zu sehen aufgehört Sorglos wie ein Kind den Schmetterling erjagt und
vor und neben sich nichts mehr gewahrt den Blick allein gefesselt an das Ziel
so folgte er den Schritten dieser Gräfin Buckingham als wäre dies das einzige
ihm aufgegebene Geschäft des Lebens Denkt Euch dass hier zuerst jene wilde
dämonische Feindin unserer Ruhe die Eifersucht in mir aufstand dass mir ein
unaussprechliches Gefühl von Kälte gegen der Gräfin leuchtendes Verdienst ein
bitteres stolzes dünkelvolles Etwas die Seele völlig trübte denkt Euch dass
ich vergeblich Roberts Wiederkehr harrte dass ich den wilden Buckingham unfähig
in meiner schmerzlichen Auflösung die frühere stolze Kraft ihm entgegen zu
stellen durch mein sterbendes Stammeln zu einem kühnern Betragen berechtigte
und malt Euch dann den Zustand worin ich bei der Rückkehr leblos meiner edlen
Morton in die Arme sank Ich brachte die Nacht am Rande des Wahnsinns zu Morton
erfuhr nur langsam unter Konvulsionen die seitdem mir blieben das eben
Erlebte und nur der Hoffnung die sie mehr liebevoll als klug in mir wieder zu
beleben wusste verdankte ich die Wiederkehr meines Verstandes und den Entschluss
ferner am Hofe zu erscheinen ganz entgegen meiner ersten heftigen
Entschließung Ach ich kehrte wieder um mit jedem Male gewisser von meinem
Unglück mich zu überzeugen Ich erhielt von diesem Augenblick nicht einen seiner
holden Blicke mehr Er ehrte mich nur mit brüderlichem Wohlwollen während ich
die glühend heiße Liebe deren er fähig war an ihr erkennen musste Sie die
unter den sie umrauschenden Huldigungen kaum einen Blick ein Lächeln für den
übrig fand der diese seltene Gunst nicht zu entbehren doch an den Saum ihres
Kleides gefesselt verloren für die ganze übrige Welt sich kaum der Existenz
bewusst war Meine Nächte brachte ich in Tränen in Mortons Schoss hin aber
wenn der Tag und die Stunde erschien wo der Hof sich versammelte dann rief ich
allen Geschmack der Mode herbei meine nach und nach verfallende Gestalt meine
bleicher werdenden Wangen gegen den Verdacht eines Grams zu schützen Denn
gewaltig war mein Stolz erwacht Verschmäht zu sein im Angesicht des ganzen
Hofes als verschmäht bezeichnet durch die kühnen Schritte Buckinghams ach
selbst von Deiner zarteren Liebe und den schwermütigen Blicken meines Vaters
als so bezeichnet war es die Aufgabe die ich mir stellte wenigstens über
meine geringe Teilnahme an dieser Kränkung keinen Zweifel übrig zu lassen Die
Überreizung in die ich so notwendig kommen musste gab mir wenn der oft
fürchterliche Schritt aus meinen Gemächern getan war eine größere Leichtigkeit
und mehr Leben und anscheinende Heiterkeit als wohl früher wo ich natürlich
sein durfte
So trat die Trauerzeit ein die auf den Tod des Prinzen Heinrich folgte Der
Hof hatte aufgehört in Festen sich zu vereinigen die Trauer hob jede
Verbindung auf Nur die befreundeten Familien sahen sich ohne Geräusch und ich
sah Dich in Deinem Hause aber nie mehr dort Deinen Sohn der den Prinzen nicht
mehr verließ Doch diese Zeit gänzlicher Trennung belehrte mich erst vollständig
über die Stärke meines Gefühls für ihn denn ihn nicht zu sehen erschöpfte all
meinen Mut Es gab Augenblicke wo ich mir denken konnte dass ich das Leben
eher ertragen würde wenn ich ihn selbst als Gemahl dieser Buckingham nur
sprechen könnte
Die Trennung raubte mir all die Energie mit der ich mein Leiden beherrscht
hatte Es kam eine bittere tödtende Verzweiflung über mich in London blieb ich
nur weil dieselbe Stadt auch ihn noch umfing So teure Mutter fühlte ich
mich als mir Morton den Grafen von Derbery anmeldete der mich um eine geheime
Unterredung bitten ließ Ich war so überwältigt von der Aussicht ihn zu sehen
dass ich fast an das Auffallende dieser Bitte nicht dachte Morton entfernte
sich Ich hörte ihn eintreten ich blickte nach ihm hin und sank mit einem
Schrei in meinen Stuhl zurück denn aus dem blühenden hochgefärbten Jünglinge
mit dem jugendlich lachenden Antlitz war ein bleicher ernster Mann geworden in
dessen frischen Zügen der Schmerz seine ersten Furchen gezogen hatte Er sah
mein Erschrecken aber er ließ sich auf keine Deutung ein sondern lag im selben
Augenblick zu meinen Füßen und flehte mich an die Wünsche unserer Familie zu
erfüllen und ihm meine Hand zu reichen
Ich war sprachlos vor Erstaunen und Liebe und Stolz kämpften hart in mir
aber nur zu wohl fühlte ich dass Liebe ihn nicht zu mir geleitet und ich raffte
all meinen Mut zusammen ihn von mir zu weisen Nach diesen ersten Worten
gewann ich das volle Übergewicht meines beleidigten Stolzes ich hielt ihm in
kalten Worten seine völlige Entfremdung von mir vor ich erinnerte ihn endlich
gesteigert in Schmerz und Zorn an seine Liebe zur Buckingham die der ganze Hof
mit mir gesehen O Mutter ich glaubte ich hätte ihn mit diesen Worten
getötet sein Kopf sank in seine Hand seine Figur brach zusammen und ein
krampfhafter Laut entglitt seinen todtenbleichen Lippen Dieser Anblick entriss
mich all meinen stolzen Vorsätzen ich eilte auf ihn zu ich zwang ihn sich
nieder zu setzen Ich hätte jetzt zu seinen Füßen sinken mögen und was der
nächste Augenblick mich hätte tun lassen mag ich nicht bedenken Aber er
erholte sich und zeigte sich nun in der ganzen Glorie seiner edelen wahrhaften
Natur Er selbst gestand mir jetzt seine Liebe zur Gräfin Buckingham und dass
sie in ihm noch jetzt lebe wo er mich um meine Hand bitte aber unüberwindliche
Hindernisse die er mir jedoch nie nennen dürfe trennten ihn von der Gräfin
Nie könne sie seine Gemahlin werden und diese Überzeugung hätte ihn von all
seinen Wünschen geheilt und zu der heiligen Pflicht zurückgeführt welche
verehrte Verwandte so großmütig und beglückend für ihn ersonnen Er fragte
mich ob ich es wagen wolle ihm zu vertrauen er sagte mir dass er mich höher
achte und verehre als alle andern Frauen der Erde dass nur dies Gefühl ihm Mut
gegeben zu dem außerordentlichen Schritte den er gewagt zu tun dass er nur an
meiner Seite nur in Erfüllung dieser Pflicht nur indem er sich bestrebe Alles
zu vergüten was er verschuldet Ruhe finden könne nur Glück hoffen dürfe wenn
ich ihn aufnähme und mit schwesterlicher Liebe sein Herz dulden und heilen
wolle Er erinnerte mich an die Wünsche unserer Eltern die wir dadurch zu
beglücken vermochten und ich liebte Was er mir bot sicherte mir fürs Leben
seine teure Nähe Was er mir entdeckt erhöhte nur meine Achtung für ihn und
gab meiner Seele das süßeste Vertrauen zu den Versicherungen hochachtender
Freundschaft die nach der trostlosen Verarmung in der ich mich gefühlt so
unendlich viel mir schien Mein Stolz war für den Augenblick verschwunden er
empfing mein Jawort und Du weißt es dass der König von beiden Vätern
angesprochen noch denselben Tag seine Einwilligung gab doch was Du vielleicht
nicht so bestimmt weißt erfahre es jetzt Buckingham erschien eine Stunde
später bei mir bot mir mit der vollen Sicherheit eines verzogenen und eitelen
Mannes seine Hand Mit welchem innern Triumph durfte die Braut des Grafen von
Derbery ihn jetzt zurückweisen Wie genoss ich das Erstaunen womit er aus meinem
Munde den Grund seiner Zurückweisung erfuhr
Es war ein kurzer sehr unweiser Triumph der die schrecklichsten Folgen
hatte indem er diesen verzogenen Mann zum Wüterich machte Er hielt seine
Schwester für entehrt weil die Welt sie mit Robert verlobt dachte welchen er
nun überdies für die Ursache seiner eben erlebten Zurückweisung ansah Erst
misshandelte er die unglückliche Schwester dann suchte er in Wut den Grafen
auf und Du weißt dass sein damaliges Verfahren ihm eine kurze Verweisung und
ein Duell mit meinem Verlobtenzuzog
Wir wurden vermählt Du und Dein Gemahl gingen nach Spanien wir nach
GodwieKastle Dein Sohn war ein Engel Ach nicht ohne Vorwurf kann ich dagegen
an mein Betragen denken Ich besaß ihn jetzt und dieses heiße Verlangen meines
Herzens war erfüllt aber es lebte in mir fort dass er aus Liebe sich mir nicht
vermählt und dass ich allzu rücksichtslos mein glühend Herz ihm hingegeben Mein
Stolz erwachte ein nie zu tödtender Verdacht lebte in mir auf und Geringes war
genug mich ungerecht gegen ihn zu machen oder mich im Geheim den heftigsten
Zuständen der Eifersucht zu überliefern Jetzt werde ich Dir sagen müssen
teure Mutter was zur Nahrung dieser unglücklichen Empfindung diente damit
nicht allzu hart meiner eigenen Torheit die Leiden anheim fallen die heimlich
an mir nagten
Gewiss weißt Du dass des Prinzen auffallendes Betragen bei unserer Vermählung
zu tausend törichten Vermutungen Anlass gab gewiss bleibt es dass der Prinz bis
zur Wut geriet bei der ihm von Robert selbst gebrachten Nachricht seiner
Wahl aber der Grund blieb mir so fremd wie jedem Andern Da verriet ein
Zufall mir dass vor unserer Vermählung der Graf mit dem Prinzen die Gräfin von
Buckingham die ich auf ihren Gütern glaubte in der Nähe von London in einem
dem Prinzen gehörigen Schloss gesehen hatte und dass sich dann Alle nach
verschiedenen Seiten hin mit großem Schmerz getrennt Es war an meinem
Hochzeitstage als eine meiner Frauen beim Ankleiden mir unbefangen schwatzend
dies erzählte was die Kastelanin jenes Schlosses ihre Tante ohne Arg ihr
mitgeteilt Mein Herz erstarrte und umzog sich mit einer Rinde ach wie viel
verschuldete dieser Augenblick
Vergeblich hoffte ich hierüber eine Erklärung von meinem Gemahl er schwieg
ja er wich der Gelegenheit die ich ihm gab sich zu erklären mit
Ängstlichkeit aus Einige Jahre gingen darüber hin in denen sich mein Glück
immer mehr zu befestigen schien aber wie innig ergeben mir auch mein Gemahl
war ich ward nie ganz frei von den Unruhen des Verdachts Reisen von einigen
Tagen deren Ursache er verschwieg Briefe die ein Bote brachte der in den
Zimmern meines Gemahls blieb bis dieser ihn selbst mit Briefen zurücksendete
ließ mir stets die Überzeugung eines geheimen Verhältnisses das er meinen
Blicken entzogen wünschte und welches für mich nur die eine unglückliche
Deutung zuließ die meine eifersüchtigen Qualen vermehrte Vergeblich zogen
Liebe und Achtung für den stets mir verehrungswürdiger erscheinenden Gemahl mich
von diesem beleidigenden Verdachte ab mein Herz krankte an ihm fort Wir waren
auf Euren Wunsch nach London gegangen und brachten schon Richmond unsern
zweiten Sohn mit uns während ich noch eine neue Hoffnung nährte Mein Gemahl
zeigte hier eine gesteigerte Unruhe die an Bekümmernis grenzte und die durch
nichts aus unserm Verhältnisse zu erklären war Es herrschte nicht die
unbefangene Offenheit unter uns die eine Bitte oder Frage unter solchen
Umständen wagt denn jedes Unverständliche beantwortete mein unglücklicher
Verdacht stets so genügend dass ich mir großmütig erschien an ihn keine Frage
zu tun So hörte ich es auch mit bitterem aber ihm völlig verborgenen
Schmerze als er mir abermals eine kleine Reise ankündigte deren Dauer er nicht
bestimmen könne Nach einigen Wochen empfing ich von ihm einen zärtlich innigen
Brief worin er mir acht Tage später seine Rückkehr ankündigte Denselben Tag
ließ sich der Juwelier meines Gemahls bei mir melden und da ich ihn nicht
annehmen wollte brachte mir Morton die von meinem Gemahl bestellten Armbänder
Es waren zwei BrillantArmbänder deren ausgezeichnete Schönheit und ganz
wunderbare Arbeit mir so auffallend war dass ich sie lange Zeit mit der Hoffnung
betrachtete es sei eine mir von meinem Gemahle zugedachte Überraschung Aber
nicht lange überließ ich mich dieser ruhig beglückenden Vorstellung Wohin sich
meine Gedanken aufs Neue verirrten könnt Ihr denken Morton musste die Armbänder
zurücktragen dem Juwelier welcher beteuerte der Herr Graf habe sie selber so
ausgesucht und die Zeichnung verändert um einige kostbare Juwelen noch
hinzuzufügen wurde das strengste Verbot auferlegt nicht die Übersendung an
mich zu entdecken da mein Gemahl mich damit zu überraschen dächte und der
Juwelier der selbst eigenmächtig gehandelt hatte indem ihm von einer
Ablieferung nichts geboten war hielt um so sicherer Wort
Er kam zurück mit der alten Liebe strahlend von Güte und Zärtlichkeit
sorgsam und edel für mich und Alle die ihm anvertraut aber ich empfing die
Armbänder nicht Morton gab mir die traurige Gewissheit dass sie wieder in die
Hände meines Gemahls gekommen waren der Juwelier hatte es ihr voll Freude
erzählt und Morton die sie nun am selben Tage in meinen Händen glaubte oder
die Freude mir doch nahe wähnte sagte mir dass mein Gemahl sie selbst abgeholt
habe
Wir kehrten nach GodwieKastle zurück Doch mein Gemahl welcher Pferde in
London gekauft und sie mit sich führen ließ hatte mit einem derselben kurz vor
GodwieKastle einen Unfall der ihn heftig am Kopfe beschädigte Er ward nach
seinen Zimmern gebracht da Stanloff aber in dem Schlafzimmer bei nahendem
Abende das Licht fehlte die Wunde zu untersuchen ward mein Gemahl in dem
angrenzenden Saale verbunden Ich entfernte mich während dessen auf die
dringende Forderung Stanloffs wegen meines Zustandes aber nur bis zu seinem
Schlafgemache wo ich ihn erwarten wollte und zwar ließ mich Schmerz und Sorge
die ich empfand Niemanden mir zur Seite dulden Ich war allein und lehnte dem
Bette gegenüber an eine mit Schnitzwerk bekleidete Wand und unruhig in meinen
Bewegungen matt und abgespannt von Sorge ergriff ich eine vorspringende Blume
in den Verzierungen um mich daran zu halten Aber wie groß war mein Schrecken
als sie nachgab das Getäfel hinter mir sich in die Wände schob und mich die
Schwankende fast zur Erde geworfen hätte Ich eilte den Lehnstuhl an dem Bette
meines Gemahls zu erreichen und sank so ermattet hinein dass ich meine Augen
schloss Aber die Furcht ihn wenn er mich so fände zu erschrecken raffte mich
auf ich richtete mich empor ich schlug die Augen auf O Gott was erblickten
sie Eine weiße hohe Gestalt mit Blumen geschmückt in dem Glanze einer mir nur
zu wohl bekannten Schönheit schien aus dem aufgedeckten Raume der Wand zu mir
hernieder zu schweben ja Mutter es war das völlig gleiche Bildnis der Gräfin
von Buckingham welches dem Bette meines Gemahls gegenüber mich anlächelte und
welches Du heute noch auf derselben Stelle finden kannst Ich weiß nicht wie es
kommt dass oft der größte Schmerz der unser Leben zu zerstören droht uns eine
Wiederbelebung geben kann die uns im Falle der Notwendigkeit zu handeln
physische und geistige Kraft dazu verleiht Es ging ein kurzes Gelächter das
mich vor mir selber schaudern ließ aus meinem Munde dann fiel mir ein das
Bild wieder zu verhüllen Ich stürzte auf die Wände zu und erkannte die Blume
welche mich die Entdeckung machen ließ Es gelang die Wände fügten sich so
leise und fest in einander dass nichts verraten ward und ich stand vor der
Wand die dies Geheimnis barg als hätte ich geträumt Als man meinen Gemahl in
sein Bette führen wollte lag ich auf dem Boden ohne alles Leben In der Nacht
gebar ich Arabella ein hitziges Fieber schloss sich daran und brachte mich an
den Rand des Grabes Als mein Bewusstsein wiederkehrte erkannte ich meinen
Gemahl und Morton Er hatte seine Wunde nicht in seinem Bette sondern an dem
meinigen geheilt wo er Tag und Nacht mit Morton mir zur Pflege gewesen Ach
meine Phantasien mussten ihm oft meine geheimen Qualen verraten haben Wir
erklärten uns dennoch nicht und Mortons Lippen waren versiegelt Aber nie hat
ein menschliches Wesen ohne Worte beredter zum Herzen gesprochen als mein
Gemahl sein ganzes Wesen flehte Verzeihung sein ganzes Tun bezeugte Liebe und
Treue Ja ich hätte von da an mich glücklich nennen können hätte der Prinz
der uns nun besuchte nicht mir als ewig störender böser Geist dagestanden da
er nicht abliess meinen Gemahl zu Reisen zu verführen die mich nie ohne
schmerzlichen Verdacht ließ Ich wusste nämlich die Gräfin von Buckingham war
unvermählt geblieben und hatte das Schloss bezogen das dem unsrigen zunächst
gelegen ist Muss ich mich nun auch überzeugt halten dass der Prinz die
Veranlassung zu jener geheimnisvollen Reise nach Spanien ward die uns auf immer
trennte und bedenke ich dass meines teuren Gemahles ganzes übriges Leben
keinen Schatten des Vorwurfes zuließ war er auch in dem einen mir Kummer und
Verdacht erregenden Punkte zu fehlen im Stande gewesen so sagt mir eine
innere Stimme dem Hasse verwandt dieser Prinz leitete und beförderte das
einzige was ihm zum Vorwurfe gereichen kann
Teures Kind unterbrach hier die alte Herzogin ihre Schwiegertochter
welche diese lange und angreifende Erzählung mit einem Eifer und einer Glut der
Gefühle bis hierher geführt hatte die kein Wort dazwischen einzuschalten
zuließ teures Kind wie tief erschüttern mich Deine Mitteilungen Wie
schmerzlich und als ein Versäumtes will mir die Vergangenheit erscheinen So
habe ich mich in der Hoffnung Euers ungetrübten Glückes gewiegt indes Dein
edles Herz so manchen geheimen Schmerz erlitt um meinen Sohn der mir jetzt mit
dem besten Teile seines Daseins in ein unheimliches Dunkel gehüllt erscheint
Grossmütiges edles Wesen das lieber den Schmerz in sich durch Verschliessen
verdoppelte als den dennoch geliebten Gemahl in den Augen Anderer herabgesetzt
sehen wollte Auch als Mutter fühle ich mich Dir so innig verpflichtet Du hast
in Wahrheit meinen geliebten Sohn beschützt
Und habe ich das gleichviel ob in Wahrheit oder nur in Eurem liebevollen
Glauben rief hier lebhaft die Herzogin habe ich das bisher allein und in
eigener Kraft O so kommt mir nun zu Hilfe da mein Werk noch nicht vollendet
da nachdem sein geliebtes Leben an meiner Seite mich nicht mehr stärken und
jedes stille Opfer versüßen kann mir doch noch das größere und schwerere
auferlegt ist Mutter sagte sie leiser mit strömenden Augen und glühenden
Wangen die unstäten Blicke umhergleiten lassend Mutter das Mädchen das der
Wille des Himmels mich retten ließ das ich tot zu meinen Füßen fand sie die
wir Gräfin Melville nennen ist wenn Gott nicht ein Wunder schickt einen
Lichtstrahl um die dunkeln mir jetzt nicht erkennbaren Wege zu erhellen ist
seine und der Gräfin Buckingham Tochter
Ein Schrei entfuhr den Lippen der alten zitternden Mutter und die Herzogin
drückte ihr erhitztes Haupt in den Schoss der unglücklichen Greisin aber
sogleich fuhr sie wieder empor Zu heftig war sie erregt sie konnte noch keinen
Ruhepunkt finden und wenig den heftigen Eindruck berücksichtigend den sie bei
ihrer Zuhörerin hervorgerufen fuhr sie immer schneller fort Ein Blick auf
diese Züge obwohl noch von Ohnmacht entstellt zeigte mir eine so völlige
Gleichheit mit denen jener schönen Gräfin dass ich wähnte sie selbst zu sehen
aber kurzes Nachdenken ließ mich erkennen dass die Zeit ihr nicht still
gestanden haben könne und dass dies schöne Wesen vor meinen Augen noch in der
zartesten Jugend sei Da ergriff mich ein unaussprechliches Gefühl Wenn sie es
nicht selbst ist so kann es nur ihre Tochter sein so riefen alle Stimmen
meiner Brust Aber mehr noch als dies nenne es Ahnung nenne es den nie
bekämpften Argwohn dieses Herzens dass sie auch seine Tochter sei das tönte
zugleich ohne Aufhören in mir und dies Gefühl leitete all meine Schritte Ach
ich hatte ein ahnendes Herz Als man sie entkleidet brachte mir Morton mit
allen Zeichen schwer bekämpfter Unruhe die Juwelen die man an ihr gefunden Da
sahen meine Augen die Armbänder wieder die mein Gemahl so kunstreich bestellt
hatte die mir vom Juwelier überbracht waren und die man nicht verwechseln
kann wenn man sie je gesehen Auch Morton hatte sie erkannt aber die edle
bescheidene Freundin ehrte meine stummen Gefühle Als ich sie entlassen öffnete
ich ein Portefeuille was dazu gehörte Ich fand einen unvollendeten Brief mit
der Adresse an meinen Gemahl er enthielt nur diese Worte Der Tod ereilt mich
eile und rette unser Kind ehe es in die Hände meiner Brüder fällt O warum
wird mir nicht der Trost in Deinen Armen zu sterben und warum suchen Dich
meine Gedanken überall vergeblich so lange ohne Nachricht Hier hörten diese
Zeilen auf die in der höchsten Erschöpfung geschrieben schienen dabei lagen
zwei Wechsel jeder von tausend Pfund auf den Banquier meines Gemahls Ich habe
den Brief herausgenommen Zu diesem Dokument seiner Verirrung durfte ich mich
als Erbin erklären Doch wären mir noch Zweifel geblieben was wohl unmöglich
ist so hat Gaston übernommen mich völlig zu enttäuschen Er entdeckte und
erkannte sie und war dann nicht mehr von ihr zu trennen Aber vor meinen Augen
wiederholte sich die Erkennungsscene und sie selbst nannte ihn mir als den
steten Begleiter der beiden einzigen Männer die je ihre Tante besuchten
Außerdem sendete ich Stanloff auf dessen schweigsame Treue ich bauen kann nach
dem Schloss der Gräfin von Buckingham und alle Anzeichen treffen hier
vollständig mit der Erzählung des unglücklichen Mädchens überein aus diesem
Schloss ist sie entflohen Ach und trotz alle dem wirst Du es glauben trotz
dieser Zeichen deren eins schon mich überzeugen musste dennoch hoffte ich auf
Rettung von dieser Überzeugung Daher meine Hoffnung Archimbald solle ihren
Oheim kennen darum die Pläne in die ich einging Näheres von ihrer Geburt zu
erfahren und dann wieder die qualvollste Angst diese Nachforschungen würden
die von mir so gefürchtete Wahrheit ans Licht führen Graf Archimbald erkannte
sie überdem schon als das Ebenbild der Gräfin Buckingham dies sah ich seinem
Erstaunen an Er fühlte auch dass ich ihm nicht offen bin Aber was ist dies
alles gegen die Verzweiflung die mir die Nachricht gibt dass Robert vermöge
einer scheußlichen Verirrung der Natur seine Schwester liebt und sie von mir
zum Weibe begehrt Dich zur Lösung seiner frühern Verpflichtung gegen Anna
Dorset zu gewinnen hofft
Großer Gott was sprichst Du aus Tochter Kind halt ein Mein alter Kopf
erfasst es nicht und mein Herz droht zu brechen rief hier erblassend die alte
Herzogin und sank in die Kissen zurück
Fasse Dich teure Mutter entgegnete die Herzogin mit der Hast und
Ungeduld welche eine Folge ihrer Überreizung sie verhinderte die Leiden zu
erkennen die sie ihrer Schwiegermutter erregt hatte fasse Dich wir müssen uns
nicht trennen ohne zu beschließen Ich bedarf Deines Mutes Deiner Kraft
Deiner Besonnenheit Es ist so wie ich Dir sagte Robert verließ mich so eben
voll dieser Vorsätze Ein zwei Stunden langer Kampf in dem er mir überlegen
war da ich ihm die entsetzliche Ursache meiner Weigerung nicht entdecken
durfte hat uns um nichts weiter gebracht und ich muss das Empörendste was die
Natur in sich schließt vor meinen Augen sehen ohne ihm wirksam Einhalt tun zu
können
Die alte Herzogin bemühte sich mit großer Anstrengung ihre Fassung wieder
zu gewinnen aber dies war nicht so leicht Denn nächst der dringenden Lage des
Augenblicks war ihr ein tiefer Schmerz dadurch geworden dass das Andenken des
geliebten so hoch gestellten Sohnes durch einen Verdacht getrübt ward dessen
Gewicht sie sich nicht leugnen konnte den sie vielmehr gleich ihrer
unglücklichen Schwiegertochter nur zu begründet finden musste Aber ihr frommes
und starkes Gemüt fand doch bald einen Ausweg mit einem tief gefühlten
Schmerze nahm sie von dem ungetrübten Bilde ihrer Vergangenheit Abschied War an
dieser nichts mehr zu retten waren doch vielleicht die Folgen von dem was ihr
daraus so eben entgegen getreten noch für die Zukunft zu mildern indem neues
Unheil verhütet ward eine Schuld vielleicht verringert die ihr mütterliches
Herz so nahe anging
Sie reichte tief bewegt ihre kalte Hand der glühenden Herzogin und sagte mit
dem ernsten Tone der Ergebung Nimm zuerst die Versicherung erhöhter Liebe und
Hochachtung meine edle Tochter Gott hat Dir ein großes und tiefes Leid
gegeben mitten in einem reichen Leben voll vielseitiger Befriedigung
Vielleicht ist es eine unerkannte Wohltat mehr wenn wir Gelegenheit fanden
Geduld und Großmut zu üben und wir wollen hoffen dass Gott der Seele dessen
gnädig ist der so sich vor ihm verschuldete um des unläugbar Guten und Edelen
willen das ja Dich schon verzeihlich gegen ihn stimmte wie viel mehr den Vater
aller Liebe und Erbarmung Aber da uns Gott sichtlich auffordert das
Verschuldete in seinen verderblichen Folgen aufzuhalten so hast Du Recht mich
aufzurufen Es ist nicht die Zeit den Gefühlen Raum zu gestatten wir müssen
klar in die Gegenwart schauen um das was uns Gott als Recht wird anerkennen
lassen mit festem Mute zu vollführen
So höre denn was ich gefühlt und früher schon mir angelobt sprach die
jüngere Herzogin mit schon festerem Tone Das Kind das ich als das seinige mir
denken muss und ist auch seine Mutter jene Buckingham die mir den ersten Kampf
des Bösen in dies Herz geschickt ich kann es nimmer lassen Heilig ist mir was
von ihm stammt teuer selbst wie seltsam auch mit Grauen fast gepaart Es ist
mir oft als ob im Traume ja wachend selbst sein freundliches Auge flehend
mir begegne ich weiß er bittet um meinen Schutz für seine Waise Ich weiß er
baut im Himmel selbst auf die Liebe dieser treuen Brust in der er sich nie
trog und ich könnte keinen Frieden finden wenn ich dies mir fast teure Wesen
das ich ja jetzt an meine Großmut einzig noch verwiesen weiß während sie in
unschuldiger Hoffnung noch von Andern Schutz träumt ihrem unverschuldet harten
Schicksale überliesse Ich will daher ihr mütterlich gesinnt verbleiben aber das
Geheimnis ihrer unglücklichen Geburt das darf sie nie und Keiner wer es sei
erfahren Es scheint wir werden keine Antwort von Master Brixton erhalten
schon zu lange blieb sie aus um noch erwartet werden zu können und weiter
dürfen unsere Forschungen nicht gehen Zu uns im stillen Kreise der Familie
dachte ich sie zu zählen geschwisterlich geliebt von meinen Kindern ich wollte
die Zukunft ihr zu sichern suchen durch eine nur allzu gerechte Abgabe unsers
irdischen Besitzes und so des Weiteren harren hoffend dass Gott an meiner
Statt ihren seltenen Reizen und ihrem Seelenwert einen dauernden Beschützer zu
finden wissen werde O wie bald ward dieser friedliche Plan zerstört der an
uns allen und Dir zugleich die ich so gern mit diesem Leid verschont hätte
dies drohende Unglück sanft vorüber zu führen bestimmt war Was tun wir jetzt
um Robert zu entfernen ohne unser Geheimnis zu verraten Denn er ist hier
allein zu beachten Die Gräfin an Gedanken und Gefühlen unschuldig wie ein
Kind teilt auch nicht die Ahnung des Verlangens das Robert ihr in jedem
Worte in jedem Blicke gesteht
So lass uns denn erwiderte die alte Herzogin den Augenblick erwarten wo
Robert mir sein beabsichtigtes Vertrauen schenkt ich will alsdann mit all dem
Ernste der hier nur zu sehr gerechtfertigt ist meine Meinung über seine
Verpflichtungen gegen die Gräfin Anna ihm vorhalten Ich würde so in Wahrheit
handeln müssen wenn ich auch nicht Teilnehmerin Deines traurigen Geheimnisses
geworden wäre denn ich kann Robert den Brief der Gräfin Dorset zeigen worin
sie von diesem verwandtschaftlichen Verhältnisse das uns näher noch zu vereinen
bestimmt sei als von einer ausgemachten Sache spricht Beweis genug wie sie
durch das Benehmen Roberts über jeden Zweifel sich erhoben wähnt Auch dürfen
wir wo dies nicht ausreichen sollte auf Richmond hoffen der stets so viel
Gewalt über seinen Bruder hatte und dessen zartes Ehrgefühl und richtiger
Verstand uns seine Mitwirkung verbürgt Doch scheint mir vor Allem eine Trennung
nötig Hier bei einander verführt durch jeden Augenblick gelingt Robert der
Sieg über sein Herz so leicht wohl nicht besonders da die Gräfin unschuldig
freundlich unbewusst ihm stets neue Nahrung gibt und sie aus ihrer Sicherheit
zu wecken möchte zweifelhaft für uns alle sein Ich habe wohl gehört dass keine
größere Gefahr dem edelen weiblichen Herzen droht als die Liebe zu erkennen die
sie in einem edelen Manne unbewusst erregte die süße lockende Gewalt die dadurch
in ihre Macht gegeben wird ihn zu beglücken verführt zur Teilnahme Daher
glaube ich dass meine nahe Abreise eine leichtere Gelegenheit bietet sie zu
entfernen ohne ihre Lage dabei zu gefährden Du vertraust mir wohl Deinen
unglücklichen Schützling an Sie die mir so freundlich ergeben scheint folgt
meinen Bitten wohl mich zu begleiten Robert und Ihr alle gewinnt indessen
Zeit Euch in das Unabänderliche zu schicken und nach Maassgabe seiner Fassung
begleitet er Euch dann zu mir wo er die schöne Anna zum Ersatze findet oder
Ihr denkt ist seiner Heilung noch nicht zu trauen einen andern Weg aus ihn
länger noch von ihr zu trennen
So sei es rief die Herzogin und atmete tief als habe eine schwere Bürde
sich von ihr gehoben so bleibe ich ihr gerecht und schütze den Namen des
teuren Freundes vor den Zweifeln seiner Kinder Jedoch wenn auch die nächste
Zeit damit gerettet scheint das müssen wir uns immer sagen es wird der letzte
Kampf nicht sein den wir in dieser trüben dunkeln Sache zu bestehen haben
Zunächst wird uns jetzt der Vorwurf treffen dass wir dem Schicksale unsers
Schützlings den für seine Lösung nötigen Eifer entziehen Dies wird nicht ohne
große Schwierigkeiten zu vermeiden sein und wir werden gar leicht mit ihr
selbst dafür zu sorgen haben außerdem aber mit Archimbald und Robert und hier
will meine Seele sich empören gegen die mir so fremden und meinem Charakter so
wenig passenden Ausflüchte deren ich dann nicht entbehren kann um die Wahrheit
dem Auge zu entziehen O Mutter kann es eine heilige dringende Anforderung der
Tugend werden von der Wahrheit uns zu trennen Trügt diese Stimme nicht die
mir gebietet um diesen großen Preis den Gatten in seinem größten wichtigsten
Besitztum in seiner Ehre die nach seinem Tode noch bedroht wird zu
beschützen
Mutter wenn ich mich dennoch täuschte wenn die Motive die mich leiten
nicht alle rein wenn der Stolz in dieser Brust der nur zu viel Gewalt darin
geübt wenn er mich triebe gleich stark vielleicht die Verirrung des Geliebten
zu verhehlen um selbst nicht offenkundig als Verschmähte Vergessene zu
erscheinen die mit langer nur zu wohl bekannter Liebe mit ihrem ganzen
Werte den Mann ihrer Liebe dennoch nicht zu fesseln vermochte
Es ist wohl schwerer als wir wähnen erwiderte die alte Herzogin die
Motive unserer Handlungen ganz zu beherrschen und sie frei zu erhalten von
selbstischem Einfluss Der schönste Zustand der das Rechte sowohl in Handlungen
als Gedanken vereint scheint vollkommen hier nicht errungen werden zu können
und unserer Seele scheint die Fähigkeit ihn uns zu denken und herbei zu sehnen
nur verliehen um auf dem Wege dahin nicht allzufern hinter ihm zurück zu
bleiben So möchte ich Dir Dein Gefühl wie menschlich und weiblich gerecht es
auch sei auslegend Dich gegen jeden nachteiligen Einfluss gesichert halten
Der Fall der uns so ungewöhnlich in Anspruch nimmt kann uns gar leichte
Befürchtungen für unsere eigene reine Selbstbehauptung eingeben ja vielleicht
erregt Gottes Güte absichtlich solch Bedenken in uns um von verderblicher
Sicherheit uns abzuhalten denn allerdings bleiben bei unserer fast zweifellos
guten Absicht die Schritte die wir vielleicht genötigt sind zur Täuschung
Anderer zu tun ein schwer zu lösendes Problem Doch lass uns jetzt enden Nur
zu sehr will es mich bedünken bedarfst Du der Ruhe
Beide Frauen wollten sich jetzt erheben aber nur der alten Lady gelang es
Denn die Anspannung welche die Herzogin bisher aufrecht erhalten hatte war in
dem Maße verringert worden als sie ihre Sorge von der würdigsten Seite her
geteilt sah Daher trat ihre bisher und seit lange vorbereitete physische
Erschöpfung eben in dem Augenblick ihrer geistigen Erleichterung unabweisbar
hervor ohne einen Laut sank sie zurück
Die alte Herzogin hatte Gelegenheit genug hier ihre Besonnenheit zu zeigen
Die eigene Erschütterung überwindend eilte sie Mistress Morton herbeizurufen
Es zeigte sich aber bald dass diese Hilfe nicht ausreichend war und dass an die
Hilfe Stanloffs gedacht werden musste Seine Beobachtungen sagten ihm auch bald
dass dies ein Zufall sei der die höchste Schonung und stärkere Mittel nötig
machte Vor allen Dingen verordnete er daher augenblickliche Ruhe der Herzogin
im Bette
Erst hier und nach mehreren Stunden unter immer steigendem Gebrauch der
stärksten Mittel und nach Öffnung einer Ader erwachte die Herzogin aus ihrer
Starrsucht die jedoch eine fast ebenso gefährliche Erschöpfung und Reizbarkeit
des ganzen Körpers zurück ließ
Es war bei der Hilfe die man in Anspruch nehmen musste unmöglich gewesen
den Zustand der Herzogin den übrigen Bewohnern des Schlosses zu verbergen und
so fanden sich bald ihre Kinder so wie Graf Archimbald der nie eine
angemessene Teilnahme verabsäumte im vorderen Raum des Schlafzimmers ein mit
besorgtem Herzen dem Ausspruch Stanloffs horchend der noch immer in
schweigender Tätigkeit mit den Kammerfrauen um die Kranke beschäftigt blieb
Der junge Herzog stand bleich mit unterschlagenen Armen und krampfhaft
geschlossenen Lippen dieser bangen Szene zunächst und die Qual seines Herzens
zeigte sich in jedem Zuge wie er auch männlich ringen mochte sie zu bekämpfen
Er schien für Alles um sich her verloren und weggewendet von der rührenden
Gruppe seiner Schwestern die in den Armen der weinenden Gräfin Melville ihren
Schmerz ergossen für diese keinen Blick zu haben Graf Archimbald saß neben
seiner erschütterten Mutter liebevoll eine ihrer kalten Hände in den seinigen
haltend und halb gerührt und halb verlegen über eine Lage in der er sich so
wenig Geschick zutraute schaute er zuweilen nach dem ernsten gesenkten Auge
der alten Lady empor die in trüben Gedanken verloren mit Ergebung aber
tiefem Kummer der Entscheidung harrte Der Abend war indes herabgesunken nur
undeutlich hoben sich noch die einzelnen Figuren aus dem dunkeln Raume und
vermehrte das Bange und Beklommene des Augenblicks Eben hatte Gräfin Melville
ihre jungen Freundinnen auf Stanloffs Bitte aus dem Zimmer geleitet da
schoben sich behutsam die Vorhänge von dem Eingange zurück Eine männliche
Gestalt trat hastig hindurch und ohne von den Anwesenden abgehalten oder nur
bemerkt zu werden hatte der Eintretende in leichten raschen Schritten das Bett
der Herzogin erreicht Man sah ihn Stanloffs Arm ergreifen man ahnte den Inhalt
der Zeichen in denen Antwort und Frage sich begegneten und sah im nächsten
Augenblick den jungen Herzog an seine Brust sich stürzen
Richmond ist angekommen sagte in diesem Augenblick Graf Archimbald mit
einer plötzlich von Freude bewegten Stimme zu seiner Mutter die nun zur
Bewegung wiederkehrend die Augen erhob um beide Brüder in einer Umarmung zu
sehen die der Schmerz um die geliebte Mutter fast unauflöslich zu machen
schien Ich habe sie getötet Richmond seufzte der Herzog ich habe über dies
noch so tief bekümmerte Herz neue Leiden gebracht von mir werdet Ihr die Mutter
fordern
Unverständlich wie diese Worte für Richmond sein mussten sah er in ihnen
bloß die Exaltation des Schreckens und der Besorgnis und erwiderte schnell und
leise Fasse Dich Robert Stanloff verbürgt ihr Leben ja ihr Zustand scheint
ihm kaum gefährlich Doch lass uns eilen die hier Versammelten zu entfernen
Stanloff verlangt bei ihrem nahen Erwachen die höchste Ruhe und keiner der
Anwesenden würde in der Stimmung sein sie ihr zu gewähren Doch auch die
Worte wurden sogleich unterbrochen denn von dem Bette her drangen plötzlich die
weichsten Töne der Liebe herüber welche den Namen Richmond zwar leise aber
deutlich aussprachen Fast im selben Moment kniete der so rührend Gerufene an
dem Bette der mit diesem Namen aus ihrem Todesschlaf erwachten Herzogin und das
von Erschöpfung fast blinde Auge suchte den Liebling und fühlte von seinen
Küssen ihre Hände belebt von seinen zärtlich kindlichen Worten das kranke Herz
erquickt und der feine Zug eines Lächelns womit sie ihm lohnen wollte bannte
wenigstens die starren Züge des Krampfes von ihrem Gesicht wenn auch der
Versuch zu sprechen sich aufs Neue nur auf seinen geliebten Namen beschränkte
Stanloff der die Ergiessung des Gefühls nicht ungern sah drang doch jetzt
darauf sie abzukürzen Die Herzogin ließ sich dies auch sogleich gefallen und
Richmond zu tief erschüttert um sich jetzt seiner Familie mitzuteilen
enteilte durch eine ihm wohlbekannte Tür in die Zimmer der Mistress Morton
Graf Archimbald und Stanloff hatten indes genug zu tun um den jungen
Herzog zu entfernen der von unbestimmter Angst getrieben an ihrem Bette
bleiben und jede Pflege mit Stanloff und den Frauen teilen wollte Er gab
endlich nach von den ersten Worten seiner Großmutter ergriffen die zu einer
ihr sonst fremden Strenge sich erhebend ihn fragte ob es noch Liebe sei wenn
man durch hartnäckige Behauptung seines Willens Gefahr laufe mehr zu schaden
als zu helfen Aber als die Familie sich nun in den unteren Sälen beisammen fand
fühlte Jeder die traurige Stimmung des Andern zu sehr als dass eine leidliche
Haltung hätte eintreten können und man sah sehnsüchtig der Rückkehr Richmonds
entgegen dem alle Herzen entgegen schlugen durch sein Ausbleiben ward
namentlich die Ungeduld der Schwestern die sich auch von dem Troste der Lady
Maria verlassen sahen aufs Höchste gesteigert Doch war eine ungestörte
Ergiessung ihrer Liebe ihnen heute nicht vergönnt denn Ottwei erschien mit
seinem ceremoniösen Wesen der alten Herzogin in Abwesenheit seiner Herrin die
Meldung eines Reisezuges zu machen der zwei Pagen zur Ankündigung seiner
unverzüglichen Ankunft vorangesendet habe Die alte Herzogin erlaubte mit
Zuziehung des Herzogs die Einführung der Pagen Graf Archimbald schlich sich
leise davon in der Hoffnung auf Richmond zu stoßen nach dem er fast ein
ungeduldiges Verlangen trug Er sehnte sich überdies mächtig aus dieser schwülen
Luft in der er nur auf leidenschaftliche Gefühlsaufregungen stieß zurück in
die kühle Atmosphäre des Verstandes die ihm den Gebrauch seiner wahren Natur
verstattete Aber sie verfehlten sich denn Richmonds Herz trieb ihn schnell von
jener ersten Erweichung zu den Pflichten gegen seine übrige Familie zurück um
so mehr da er ebenfalls ihnen über die nahenden Reisenden denen er nur
vorangeeilt war seine Mitteilungen zu machen hatte Mit den Pagen zugleich von
verschiedener Seite eintretend fasste er sich kurz im herzlichsten Empfang der
Seinigen und eilte dann die beiden jungen Edelleute seiner Großmutter und dem
Herzoge seinem Bruder vorzustellen
Sofort trat einer der jungen Pagen hervor und redete die Lady an Mein
Gebieter Seine Herrlichkeit der Graf Ormond und sein verehrlicher Begleiter
der Lord Membrocke haben die Ehre genossen von Seiner Königlichen Hoheit
unserm erlauchtesten Prinzen von Wales zu dem ehrenvollen Auftrag erwählt zu
sein der Durchlauchtigsten Familie seines von ihm tief betrauerten Freundes
des verstorbenen Herzogs von Nottingham sein tiefstes Beileid zu bezeigen und
in dieser hohen Eigenschaft wagen die Grafen unsere Gebieter sich diesem
Schloss zu nähern und bitten durch uns ihre EhrenPagen um eine gnädige
Aufnahme
Bezeige Du mein Sohn in Abwesenheit Deiner Mutter diesen Herren unsere
Gesinnungen in meinem und Deiner Mutter Namen sprach die alte Herzogin sich
erhebend Indem ich zugleich den Herren mein Vergnügen über ihre Ankunft
ausdrücke muss ich mir für heute die Ehre versagen die Bekanntschaft der Herren
Abgesandten zu machen da meine Gesundheit mir Ruhe gebietet Holdselig Alle
begrüssend und von ihren Enkelinnen und den Damen gefolgt ward sie mit der
höchsten Ehrfurcht vom Herzoge und von Graf Richmond bis an den Ausgang geführt
wo sie Beide zurücksendete um ihre Pflichten gegen die Fremden zu erfüllen
Der junge Herzog eilte nunmehr die beiden jungen Edelleute mit den
schmeichelhaftesten Worten zu entlassen und Sir Richard Ramsei ward sogleich
mit einem zahlreichen Gefolge den Ankommenden entgegen geschickt indessen
Ottwei mit einer ganzen Armee ihm untergebener Diener sich zur Einrichtung der
Zimmer anschickte die für die ausgezeichneten Gäste bestimmt wurden
Der junge Herzog fühlte sich jedoch wenig in der Stimmung die gastliche
Freundlichkeit mit der sorglosen Heiterkeit auszuüben die allein den Gästen die
Überzeugung des Willkommenseins verleiht welche durch keine äußere Beobachtung
der schicklichen Formen ersetzt wird wenn sie ihrer Bestätigung in den Augen
des Wirtes ermangelt Richmond von der besonders bewegten Stimmung seines
Bruders die ihm nun da er mit ihm allein geblieben zum zweiten Male auffiel
überzeugt bat ihn mit liebevollem Ernste über Leben und Gesundheit ihrer
Mutter nicht länger besorgt zu sein da Stanloff dem er auf dem Wege zu diesem
Saal begegnet ihn noch ein Mal versichert dass der ruhige und süße Schlaf in
den sie jetzt verfallen ihre völlige Genesung vielleicht schon auf Morgen
erwarten lasse da ihr ganzer Zufall mehr erschreckend als gefährlich gewesen
Und dennoch Richmond rief der junge Herzog dennoch zerreißt dieser
unglückselige Vorfall mit tausend Schmerzen mein Herz und wirft mich in ein
Chaos widerstrebender Empfindungen Ich muss fürchten dass Wünsche die ich ihr
einige Stunden früher mitteilte und trotz ihres Widerstandes vor ihr
behauptete sie die noch erschöpft von Gram und Kummer über unsern teuren
Vater ist in diesen Zustand versetzt haben
Wie kann das sein rief Richmond lebhaft ich verstehe Dich nicht in dieser
ausschweifenden Erweichung Was kann sie die stets liebevolle Mutter in einem
Begehren das schwerlich unmöglich oder gar kränkend sein konnte finden was
sie zu dieser Aufregung hätte führen können die nur zu wahrscheinlich aus
früheren geistigen Leiden hervorgegangen jetzt rein physisch zu nennen ist
Nein nein sagte der Herzog mit dem trostlosesten Ausdruck sie nimmt das
heisseste Begehren meines Herzens fast mit Abscheu auf und macht mich dadurch zum
unglücklichsten Manne der Erde
Ich verstehe Dich nicht mein teurer Bruder sprach Richmond aus seiner
sorglosen Ruhe erwachend und wohl begreifend dass hier mehr zum Grunde liegen
müsse als ihm bis jetzt bekannt Er hielt fragend inne des Vertrauens gewiss
das ihm noch nie von diesem geliebten Bruder versagt worden Aber es schien
diesmal nicht so leicht wie bei ihren früheren kleinen Geheimnissen Der Herzog
verfiel in ein Schweigen welches nicht undeutlich eine Verlegenheit
durchblicken ließ die zwischen ihm und Richmond sonst so ungewohnt diesen nur
noch aufmerksamer machte Schon dachte er ihm durch eine Bitte um Vertrauen die
Mitteilung zu erleichtern als der Herzog mit einem unaussprechlichen Gefühl
von Rührung seine Hände ergriff sie zwischen die seinigen drückte und mit
unsicherer Stimme rief Sei mein Schutz sei Vermittler zwischen diesem Herzen
und der Welt die dessen Gefühle anfeindet Richmond ich liebe Zum ersten Male
ergreift dies wunderbar mächtige Gefühl meine Brust und schon treffe ich auf
Widerspruch und Verfolgung obwohl ich die Welt mit ihren Schätzen heraus
fordere mir einen Gegenstand zu zeigen der würdiger wäre jedes Gefühl des
Herzens in Anspruch zu nehmen
Robert sagte Richmond schnell was kann geschehen sein Eile mir
mitzuteilen was hier die Gesinnungen gegen eine Wahl erregt hat in der Du ja
früher ehe Dein Herz sie heiligte die Wünsche Deiner Familie erfülltest und
die durch Deine letzten Auszeichnungen für jene Familie zu einer Gewissheit
erhoben sind dass man mich schon als nächsten Verwandten ansah und dem gemäß
behandelte
Großer Gott rief der Herzog hier indem er mit Heftigkeit beide Hände vor
seine Augen drückte und dann mit steigendem Eifer fortfuhr was sprichst Du aus
auf wen beziehst Du mein Gefühl was für Verpflichtungen machst Du geltend mich
auch um den Trost Deiner Teilnahme zu betrügen Richmond nicht diese Gräfin
Dorset die Du unbezweifelt meinst die ich nie geliebt der ich keine
Hoffnungen erregt die mir gänzlich fremd ist nicht die meine ich Den Engel
den ich anbete umschließt dies Schloss es ist die Gräfin Melville deren
wunderbare Auffindung auf den Terrassen dieses Gartens meiner Mutter aufgehoben
war Ach und gerade diese wendet nun von ihr die fast durch ein Wunder uns
gesendet die geschaffen ward das Herz ihres Sohnes mit allen Seligkeiten zu
beglücken ihr Herz weit ab als könnte sie den ehrwürdigen Platz entehren den
ich ihr anbieten will
Du Robert rief Richmond und Überraschung und Erstaunen malten sich
gleich stark in seinen Zügen Du wolltest dies unglückliche Mädchen zu Deiner
Gemahlin erheben Ist es möglich mein teuerster Bruder Wie viel hat ein
unbewachtes Gefühl Dich übersehen lassen dass Dir ein solcher Schritt möglich
und wünschenswert erscheinen konnte Vergieb setzte er ernst hinzu dem Herzog
nachgehend der halb zürnend halb schmerzlich sich von ihm gewendet hatte wenn
ich Dich kränken muss aber was wären wir beide und wo fände ich mich wieder
wenn die Stimme der Wahrheit unter uns nicht mehr gälte Lass es nie zu rief er
mit warmer Liebe dass uns eine entgegengesetzte Meinung zum Schweigen brächte
Robert wende Dich zu mir mache es Deinem treusten Freunde nicht so schwer Dir
nützlich zu sein
Robert widerstand nicht länger er wandte sich ergriffen von dem tiefen
melodischen Ton dieser schönen und ihm so teuren Stimme und schaute mit seinem
glühenden Angesicht und dem von Schmerz getrübten Blicke in so lichte offene
Augen in so edle ernste und doch mitleidige Züge dass er davon erschüttert
jenen schnell umschloss und mit dem vollen Überströmen eines zärtlichen
Bruderherzens seinen Namen unter tausend liebevollen Zunamen ausrief Ja
Richmond seufzte er dann ich bin außer mir ich fühle es ich kannte vor
wenigen Wochen diesen Zustand nicht ja ich hätte ihn für mich unmöglich
gehalten Aber sieh sie nur erst dann wirst Du mich begreifen und sie des
Platzes wert halten den ich ihr bieten will Es war als ob Richmond
zurückschauderte der Gedanke eine namenlose Fremde wie er die Gräfin aus den
Briefen seines Oheims hatte ansehen lernen auf dem Platze zu sehen den seit
Jahrhunderten die edelsten Frauen aus den vornehmsten Geschlechtern des Landes
eingenommen erschreckte sein stolzes Herz Dem Haupte des erlauchten Stammes
schien in seinen Augen eine Verpflichtung auferlegt die ihm gegen jede
Affection des Herzens die dieser Würde zu nahe träte eine Art von Schutzwehr
geben müsse Es kam ihm zugleich unmännlich vor so in die Gefühle für ein Weib
sich zu verlieren Denn ungeachtet einer hohen Verehrung für dies Geschlecht
liebte er es doch bis jetzt fast noch ausschließlich in seiner Mutter und
Großmutter und nur die Reife die er in Beiden antraf schien ihm befriedigend
ein jüngeres Wesen dagegen wie er die zahllosen Schönheiten der Mädchen im In
und Auslande beobachtet schien ihm ganz außer Stande eine so unmännlich
erscheinende Hingebung zu rechtfertigen
Er hatte sehr häufig im Ernste geäußert was man ihm als Scherz ausgelegt
dass er viel lieber seine Großmutter heiraten würde als die reizendste
Schönheit unter zwanzig Jahren Ihm schien eine Verbindung in den festen Grenzen
vollkommener Hochachtung vollständig genügend da er stets überzeugt war mit
den zärtlichsten Gefühlen seines Herzens bis zu dem späteren und reiferen Alter
seiner einstigen Gemahlin verwiesen zu sein Es war ihm daher ein zürnender
Schmerz gegen seinen Bruder um so weniger zu verargen als Robert zu eigener
Feststellung seiner Meinung nicht so geneigt mit der sorglosen Laune eines der
da denkt es habe damit wenig auf sich bisher den Ansichten seines Bruders sich
angeschlossen und dadurch in Richmond die Hoffnung geweckt hatte dass jede
Gefahr dieser Art für ihn aufgehört habe Die zärtliche Liebe jedoch die
Richmond für ihn trug und die wohl etwas den Charakter eines Beschützers hatte
veranlasste dies sonst so edle und gerechte Gemüt wohl zu dem Versuch in dieser
Angelegenheit den größeren Teil des Vorwurfs von seinem Bruder ab und auf
jenes fremde Mädchen hinüber zu leiten Ihre ganze Lage erschien ihm so
zweifelhaft dass es ihm beinahe unmöglich ward sie anders als in einem
zweideutigen Lichte zu sehen ja es schien ihm in dieser Empfindung weiter
gehend beinahe gefährlich und unbesonnen dass dies unbekannte Wesen zur
Gesellschaft des Schlosses und namentlich zum Umgange seiner Schwestern gezählt
ward Diese Gedankenfolge bildete sich freilich schneller in ihm als wir Zeit
gebrauchten sie hier nieder zu schreiben und sie bestimmte die Antwort die
er erhoben durch die Wichtigkeit dieser unglücklichen Verirrung mit Schonung
und Festigkeit aussprach
Lass mich hoffen mein teurer Robert dass wie ausgezeichnet auch an
Naturgaben diese fremde Dame sein möge ihr Anblick doch in mir nicht die
Grundsätze erschüttern wird die wir beide zu gleichen Teilen von unsern
verehrten Eltern zuerst und in einer ferneren nicht minder dringenden Mahnung
von den unbefleckten Tugenden unserer makellosen Vorfahren empfingen Robert
sagte er freundlicher seinen Arm ergreifend was nützt das Geheimnis eines
Stammes dessen hohes Alter bis in die graueste Vorzeit reicht wenn es nicht
das Andenken ihres wohlverdienten Ruhmes wäre das sich noch den spätesten
Enkeln warnend vor jede Handlung stellt die da Gefahr brächte ihren Namen
nicht in voller Reinheit weiter zu vererben Du setzte er immer heiterer
werdend hinzu Du mit Deinen blonden Locken und Deinen blauen Augen ein
geborner Nottingham in dessen jugendlichem Angesicht die Züge des ersten
Ahnherrn liegen als Gewähr für seine auf Dich verpflanzten Tugenden Du
solltest der Erste werden der dem eben so glorreichen Geschlechte unserer
Ahnmütter ein wenn auch noch so schönes doch ein namenloses ein zweifelhaftes
Mitglied zugesellte Sag was Du willst ich glaube diesen Worten nicht ich
glaube Deinem bessern Selbst und Deiner männlich festen Seele Du wirst siegen
denn es mag sein dass die Gefühle des Herzens eine seltsame Tyrannei über uns
ausüben aber wo wäre die männliche Brust die sich nicht gegen jede Gewalt
aufgelehnt fühlte die uns zu beherrschen droht Lass uns mit einander Alles wohl
bedenken entziehe Dich mir nicht
Richmond erwiderte der Herzog es ist dies das Einzige was ich Dir
versprechen kann aber ich hege eben so fest die Hoffnung Dich zu meiner
Meinung überzuführen wie Du jetzt von mir dasselbe hoffest ich sage Dir noch
ein Mal sieh sie nur erst
In ihrer Liebenswürdigkeit werde ich gewiss die Rechtfertigung Deines Gefühls
finden denn das Unedle und Gemeine konnte Dich nie verführen Doch nie werde
ich in ihr die Rechtfertigung eines Wunsches finden der die Grenzen
anerkennender Gerechtigkeit gegen sie überschreitet und Dich gegen
Verpflichtungen blind macht die Du in Wahrheit gegen die Familie Dorset
eingegangen bist und an deren Erfüllung Niemand mehr zweifelt Du selbst mein
teurer Freund hättest nicht zugegeben daran zu zweifeln bevor dies
unglückliche junge Mädchen Dein natürliches Rechtsgefühl umwandelte
Der Herzog schwieg und wendete sich in einem unbeschreiblichen Zustande von
seinem Bruder Es gibt vielleicht kein Gefühl der menschlichen Brust welches
so grausame Widersprüche zu erregen vermöchte als dies eine der Liebe Es
teilt gleichsam unser Wesen in zwei streitende Personen und während uns die
Liebe mit ihren gesteigerten Anforderungen ein heiliges unbestreitbares Recht zu
besitzen scheint Alles umzustürzen was ihr störend entgegen tritt bleibt uns
oft zu unserer größten Qual ein richtiges Wahrnehmungsvermögen für die
Wichtigkeit solcher Schwierigkeiten
Der junge Herzog fühlte sich in dieser Lage Er musste sich gestehen dass sein
Bruder ihm nur in Erinnerung brachte was er selbst einst mit Überzeugung
anerkannt hatte aber das Verlangen seines Herzens dem er sich so unbesonnen
hingegeben übte eine Gewalt über ihn die er nicht anders als überwältigend
nennen konnte
Richmond merkte den unstäten Bewegungen und Blicken des Herzogs diesen
Zustand des unbehaglichsten Schwankens nur zu sehr an Es war eben sowohl
Klugheit als jenes liebevolle Vertrauen welches edelen Menschen anrät die
Vollendung des Angeregten in der eigenen Entwickelung des Anderen zu erwarten
was Richmond abbrechen ließ Beide Brüder gaben sich alsdann den äußeren
Pflichten hin welche die Ankunft der Gäste ihnen auferlegte
Zweiter Teil
Wir sind geneigt den Leser aus dem Familienkreise in dem er sich bereits
bekannt fühlen mag auf einige Zeit zu entführen um ihn an einem andern Orte
für die Ereignisse vorzubereiten von denen wir die Familie Nottingham später
erreicht sehen werden zugleich aber über das bereits von ihr Erlebte einen
Aufschluss zu erteilen der ihr selbst erst am Ende der uns vorliegenden Zeit
gegeben war Da wir nicht beabsichtigen die uns mitgeteilten Papiere und ihren
einfachen Inhalt mit schlagenden romanhaften Hauptentwickelungsmomenten zu
verzieren so hoffen wir den Leser dadurch dass wir ihm die Fäden in die Hände
geben die er später zu bedrohlichen Verwickelungen sich verwirren sieht in die
Stimmung eines besorgten Freundes zu versetzen der die Gefahren kennt wie sie
zu vermeiden wären weiß und doch außer Stand gesetzt ist schützend oder
warnend einzuschreiten
Diese Absicht auszuführen müssen wir einige Zeit zurückgehn und treffen
mehrere Tage nach der Ankunft des Prinzen von Wales aus Spanien in dem alten
Stadtteil von Westmünster dem glänzendsten und prachtvollsten Teile Londons
ein Es ward damals wie jetzt dieser dem alten Whitehall der Wohnung des
Königs zunächst gelegene Stadtteil als ein privilegirter Wohnsitz des höheren
Adels angesehen der sich noch als ausschließlich geschaffen betrachtete sowohl
die Person des Königs zu umgeben als auch eine Vormauer zu bilden gegen das
Volk Wie wenig auch von der eigentlichen Veranlassung die dieser Vorstellung
in frühester Zeit einigen Rechtsgrund verliehen haben mochte durch die
Entwickelung die sich über alle Stände nachgrade zu verbreiten begann übrig
geblieben war die damit verknüpften Vorrechte und Auszeichnungen blieben ein
ängstlich vom Adel bewachtes Gut in dem Maße vielleicht ängstlicher bewacht
als eine unlustige Wahrnehmung sich hin und wieder aufdringen mochte wie das
Volk zu einem festeren Verbande mit seinem Fürsten herangereift war Der Adel
war damals jeder Zügellosigkeit hingegeben in seiner moralischen Kraft
herabgekommen untereinander entzweit und sich verfolgend bis an die Stufen des
Trones und nur das alte Herkommen sicherte ihm noch seine Bevorrechtung Auch
fand diese noch wenig Widerstand in der allgemeinen Stimmung des Volkes welches
mit größerer Langmut als seiner Einsicht entsprechend schien sich gegen diese
Vorrechte bezeigte denn es liegt in dem Geiste eines Volkes das sich seiner
Geschichte bewusst wird eine rührende und unauslöschliche Dankbarkeit gegen
Namen an die sich vaterländische Erinnerungen und Triumphe knüpfen Es erklärt
sich am besten wie ein zum Volksbesitze erhobener Name noch lange ein
schützendes Panier bleibt für die Entartung des Nachkömmlings unter welchem er
die ererbten Vorzüge zu genießen wagen kann die er selbst zu erwerben nimmer
vermocht hätte Elisabet die klügste und eifersüchtigste Selbsterrscherin
hatte die Umgrenzung womit ihr stolzer Adel ihren Thron zu umgeben sich für
angewiesen hielt schon dadurch zu durchbrechen gesucht dass sie den Bürgerstand
in seinen Rechten zu heben suchte Talente in ihm für möglich hielt sie
folglich auch antraf und zu sich erhob Die Stütze die sie auf diese Weise
sich in den mittleren Klassen ihres Volkes bereitete das hierdurch mit schon
entwickelten Kräften Ziel und Richtung seines Strebens fand gab ihr ehe der
Adel in seiner eingebildeten höheren Natur sich dieser ihm entgegenstrebenden
Kraft bewusst ward eine von ihm unabhängigere Stellung die ihn als er sie
erkannte einsehen lehrte dass er seine Vorrechte an dem Throne durch etwas
Anderes verteidigen müsse als durch die Länge des Besitzes
Aber gegen das Ende der Regierung König Jakobs war es kaum möglich eine der
unsterblichen Einrichtungen jener königlichen Frau in der Gestalt wieder zu
finden wie sie von ihr diesem Nachfolger überliefert waren Der
wohleingerichtete Mechanismus eines Staates läuft indessen dem Anschein nach
eine Zeitlang noch ungestört in seinen Gleisen fort wenn schon die leitende
Hand fehlt die ihm seine ursprüngliche Tätigkeit gab Es ist dies oft
wahrzunehmende scheinbare Fortbestehn unter der Bürgschaft einer gewesenen Größe
nur allzu geeignet diejenigen in selbstgenügendes Vertrauen einzuwiegen die
von Segnungen sich noch erreicht fühlen welche sie schon längst aufgehört haben
auch ihren Nachkommen weiter vorzubereiten
König Jakob besaß eine Menge ausgezeichneter Kenntnisse die aber in ihm zu
keinem Resultat von Bildung gediehen waren und ihn bloß mit der lächerlichsten
Eitelkeit erfüllten wozu schwache Geister sich stets durch die Anstrengungen
berechtigt halten die ihnen das Erlernen verursachte und wodurch sie sich
geneigt fühlen ihnen einen überschätzten Wert beizulegen wie dürftig sie auch
dem leicht sich befruchtenden Genie zur Seite stehen Seine schwache durch
Erziehung und langjährig beugende Verhältnisse völlig erdrückte Natur hatte
keine Kraft sich durch die hohe Stellung zu elektrisiren zu welcher der Tod
Elisabeths ihn rief Ohne wahre Kraft war er eben so wenig fähig ein Tyrann
als ein Wohltäter seines Volks zu sein und stets der Spielball Anderer
behielt er sich so wenig eigne Ideen vor dass diese ihm unbestritten verblieben
da sie nur dienten ihn über seine gänzliche Willenlosigkeit desto leichter zu
täuschen
So nahm denn auch bald der Zustand bürgerlicher und geselliger Ordnung die
hieraus notwendig sich ergebende Umgestaltung an
Der Adel verbaute gar bald aufs Neue den Zugang den Elisabet sich zu
jeglichem Verdienst zu eröffnen gewusst und ohne Rivalität mit diesen
Emporkömmlingen ohne Aufmunterung von Oben zu einer höheren Entwickelung
abgeschnitten durch Jakobs weibisches Friedenssystem von jeder Kraftübung nach
Außen sank er nur zu bald in die rohe Ausgelassenheit zurück aus der er kaum
sich zu erheben angefangen
Alte Namen Reichtum äußere Schönheit ersetzten die Eigenschaften die
Elisabet nötig gemacht hatte Die Folge hiervon waren Günstlinge die sich
jeden Übermut jede Zügellosigkeit gegen das Volk ja selbst gegen ihres
Gleichen und bis vor das Angesicht des Königs ungestraft erlauben durften Der
mittlere Bürgerstand in seine frühere Beschränkung zurückgedrängt gab entweder
seine freiere Entwickelung auf oder widmete sich ihr doch nur ohne eine
belebende Beziehung zu höherer Anerkennung und der einzige Stand welcher
Vorteil dabei zu ernten schien war der Handwerksstand der aufgemuntert von
den ausgedehnteren Luxusbedürfnissen der Großen Vorteil davon zog und in
seinem äußern Aufwand bei weitem den unterdrückten Mittelstand überbot
So war denn allmälig die feine bescheidene und ernste Haltung verschwunden
welche zur Zeit der königlichen Herrscherin selbst über die Feste und Gelage des
Adels verbreitet sein musste sollten sie ihrem scharfen Tadel entgehen Oft war
eine ganze Straße selbst ein Vierteil der Stadt worin ein Großer ein Fest
anstellte in Unruhe und Aufruhr gebracht und man sah zur Zeit wo die Züge der
Gäste mit ihren zahllosen Gefolgen von Dienern Pagen und Anhängern sich zum
Vereinigungspunkt begaben die Läden geschlossen die züchtige Jugend der Weiber
und Mädchen versteckt und die Haupttüren selbst die solche verführerische
Besitztümer beschützten von Außen noch besetzt mit den wehrhaftesten Männern
des Hauses Diese geräuschvollen Zusammenkünfte mit ihrer über ganze Gemeinden
verbreiteten Unordnung begünstigten nur zu oft die geheimen verbrecherischen
Nebenabsichten die mit schamloser Gewalt unternommen nur der Gewalt wichen
und ungestraft von Oben zu kleinen Kriegen Anlass gaben die leider nur zu oft
zum Nachteil der Geringeren ausfielen Das niedere Volk spielte dabei am
häufigsten die Rolle der nur sinnlichen Eindrücken hingegebenen Kinder Der
Edelmann der die schönste Gestalt die schönsten Kleider die zahlreichsten und
kostbarsten Diener und die vornehmsten Anhänger besaß war sicher von seinem
Beifallsgeschrei jeden Fussbreit Weges begleitet zu werden Man hätte diese
vornehmen Herren fast bemüht nennen mögen dies noch zu vermehren denn sie
übten in geckenhafter Ausgelassenheit auf ihrem Wege tausend Dinge welche die
gute Laune des Volkes vermehren mussten welches entzückt war diese ihrem
Standpunkte so weit entrückten Personen Handlungen begehn zu sehen die sie
ihnen näher stellten wenn auch der redliche und gebildete Bürger sich mit Scham
und Unwillen davon wegwandte
An dem Tage wo wir unsere Leser in London einführen umleuchtete den
Vorplatz eines glänzenden Palastes ein Feuermeer von Pechfackeln und brennenden
Holzstössen deren Glanz die angrenzenden Straßen und den Himmel mit seinem
düstern Nebelschleier erreichte Man hätte wähnen können dem Brande einer Stadt
sich zu nähern wenn man von ferne das tobende Geschrei der Menge vernahm die
sich diesem Schauspiele entgegen drängte teils als Zuschauer teils als
Teilnehmer Aber es war nur eins der früher erwähnten Feste
Der Herzog von Buckingham versammelte zuerst nach seiner Rückkehr aus
Spanien die Großen des Landes und seiner Einladung war man mit größerem Eifer
entgegen gekommen da allerdings die Macht und Gewalt des gefürchteten Mannes
verdoppelt schien durch die ausgesprochene Freundschaft des Prinzen die ihm
seine unselige Herrschaft auch nach dem Tode des jetzigen Königs zu sichern
schien Seine zahllosen Feinde unter die sich mit Recht die Besten der Nation
zählten gaben die Hoffnung auf in der Zukunft das Ziel seines verderblichen
Einflusses zu sehen und Karl der Erste konnte später seine Tronbesteigung unter
kein unglückseligeres Zeichen setzen als das seiner Freundschaft für einen
Mann der in den Augen des ganzen Landes als Ursache aller dasselbe
heimsuchenden Übel galt
Dessen ungeachtet war zur Zeit die wir erwähnen sein Einfluss unantastbar
und für irgend einen Widerstand nicht der Augenblick da Das sagten sich die
Besten mit den Schlechten zugleich und man sah sie dieselben gefügigen Schritte
tun bloß darin unterschieden dass es dem Einen ein patriotisches Opfer dünkte
während der Andere sich und seinen Vorteil damit zu fördern oder zu schützen
suchte Buckingham kannte alle seine Feinde Zahllose Spione durchkreuzten für
ihn jeden ihm wichtig scheinenden Punkt jeder schändliche Dienst der Art ward
mit einem Aufwande belohnt der die Erfüllung der nächsten Anforderung schon im
Voraus sicherte Jeder war um so pünktlicher in seinem Dienste als über den
Beauftragten ein zweiter ihm unbekannter Wache hielt und wie Buckingham Verrat
zu bestrafen wusste darüber raunten sich selbst die Mitglieder dieser Bande nur
mit Grauen ihre Erfahrungen zu
So erreichte oft den edel Zürnenden in der Zurückgezogenheit die er dem
fahlen Glanze des Hofes vorzog die Strafe für ein gerechtes Wort welches die
Not und Verwirrung des Landes ihm abgepresst und das Misstrauen das sich so in
die innigsten Verhältnisse drängte und keine Einigkeit der Meinungen und
Ansichten sich herstellen ließ war eine der teuflischen Absichten Buckinghams
die er leicht erreichte
Zu seinen kleinen Belustigungen gehörte es bei seinen Festen oft alle die
zu bitten die ihm als einander bitter grollend bezeichnet waren Er wusste dass
sie lieber einen Feldzug unternommen hätten als den kurzen Weg zu seinem
Palaste und er schwelgte in der Freude sie nun doch dem Zwange sich beugen und
vor ihm erscheinen zu sehen
Sie hatten an einem solchen Tage oft alle Schattirungen des Übermuts zu
ertragen und waren bald der Gegenstand seiner kindischen Neckereien bald
seiner gröbsten Vernachlässigung Man wusste oft dass Frauen zweideutig in Ruf
und Sitte Königinnen des Festes die edelsten und vornehmsten Damen ihnen
nachstehen und ihren Launen und Wünschen unterworfen sein würden Dennoch
wagten diese hier weniger wegzubleiben als aus den Gemächern der Königin denn
welche hätte nicht einen Gatten Sohn Vater oder Bruder zu schützen gehabt und
wer konnte nachweisen dass Buckingham eine Vernachlässigung verziehen oder
übersehen hätte
Schon hatten sich am erwähnten Abend die glänzenden Räume in allen
Richtungen mit den ausgezeichnetsten Personen des In und Auslandes gefüllt Die
schönsten Frauen in dem kostbarsten Putze die Männer mit Allem was ihnen
Auszeichnung verleihen konnte und einem zahlreichen Gefolge von Pagen und
Dienern welche die Vorhallen einnahmen Alles drängte sich durch und in
einander und suchte mit Höflichkeit oder mit Gewalt den Vorteil eines Platzes
zu erringen der dem Range oder Interesse des Geladenen entsprechend schien
Aber obgleich die Mehrzahl sich schon beisammen fand und die Zeit bedeutend
vorgerückt war fehlte doch dem Ganzen sichtlich der Mittelpunkt der Wirt
selbst der allein so viele sich widerstrebende Elemente wie diese Säle
umschlossen zu verbinden unternehmen konnte Es war deutlich zu sehen wie beim
langen Harren das den Gästen auferlegt war und das sie als eine neue Anmassung
und Kränkung des übermütigen Mannes anzusehen hatten die scheinbare Heiterkeit
oder Ruhe und Würde womit der denkende Teil der Gesellschaft beim Erscheinen
sich ausgerüstet hatte dem Gefühl des Überdrusses und des unwilligen
Erstaunens wich
Nur die völlig gedankenlose Jugend schwärmte in gewohnter Weise lärmend und
neckend umher und brachte Bewegung um die in festen Gruppen sich
zusammenziehenden Gleichgesinnten Vergeblich bemühten sich die zahllosen
Anhänger und bevollmächtigten GesellschaftsKavaliere mit dem glänzenden Tross
vornehmer Hausdiener des Herzogs Leben in dies sterbende Fest zu bringen Der
Herzog selbst nur konnte die Last heben die sich je länger je mehr auf Alle
niedersenkte Selbst die Marquise von St Pol die im vollen Besitze seiner
Gunst sich als die Königin des Festes ansehen durfte und zu deren Füßen
Buckingham die Anordnung dazu von ihr bestimmt oder genehmigt verfügt hatte
unterlag allmählig der übelen Laune die diese Vernachlässigung ihr gab und ließ
sie die Bemühungen aufgeben womit sie bisher ihre und des Herzogs Anhänger
unterstützt hatte
Die Gesellschaft eines allgemeinen Interesses beraubt geriet daher auf
die Verfolgung ihres eigenen und besonderen was vielleicht noch anziehender und
beglückender für die Mehrzahl war doch waren genug unter den Anwesenden die
mit argwöhnischem Hasse aus dieser neuen Beleidigung des gesammten höchsten
Adels mit Einschluss der Minister und nächsten Umgebungen des Königs das über
jede Rücksicht hinaus gestiegene Ansehen des gefährlichen Günstlings sich
prophezeiten Andere wieder die sich in banger Furcht ihr Sündenregister
überhörten und sich schaudernd fragten welche Rolle sie in dieser allgemeinen
Verdammnis übernehmen würden während die Edelsten und Besten mit Scham und
Unwillen sich an einem Platze sahen der sie zu einer solchen Kränkung
verdammte und den zu verlassen sie jeden Augenblick von ihrem bessern Gefühl
sich aufgefordert fühlten wäre nicht Gefahr vorhanden gewesen dadurch eine
Verfolgung über sich und die Ihrigen herbei zu rufen welche abzuwenden außer
aller menschlichen Macht lag So entstand ein fast allgemeines aus den
verschiedensten Interessen hervorgehendes Verlangen den Herzog zu erblicken
woran sich die Jugend mit der Hoffnung auf die endliche Eröffnung des Tanzes und
die Hungrigen mit der Sehnsucht nach den Freuden der Tafel anschlossen Doch
dies Verlangen ward immer aufs Neue getäuscht und das drückende Gefühl der
stolzen englischen Barone steigerte sich noch durch das Hinzukommen der fremden
Herren welche Spanien und Frankreich mit großem Aufwande und in bedeutender
Anzahl an dem Hofe des Königs unterhielt welche Buckingham herbeigerufen sein
Fest zu verherrlichen und welche nun die ersten Personen des Königreichs unter
der unartigen Nachlässigkeit eines Mannes sich scheinbar beugen sahen dessen
unbeschränktes Ansehen sie dadurch anzuerkennen schienen
Man sah die spanischen Herren an deren Spitze sich der junge und schöne
Herzog von Samalca befand nach einer sehr ernsten Erwägung der vorwaltenden
Umstände sich in die kalte und steife Haltung begeben die den Urheber der
Beleidigung zu erwarten schien und der junge Herzog der sonst gegen die
blonden Schönheiten Englands nicht unempfindlich war wollte seiner Haltung
nach nur der Gesandte Spaniens sein Ganz verschieden war dagegen das Benehmen
der französischen Herren Diese schienen sich ganz ihrer heitern unbefangenen
Natur hinzugeben und die Unbill die ihnen nebst der ganzen versammelten
Gesellschaft widerfuhr entweder noch gar nicht zu bemerken oder sie als einen
neuen mutwilligen Scherz des liebenswürdigen Herzogs ansehen zu wollen
In ihrer Mitte befand sich ein Mann dessen Kleidung den Geistlichen
verriet und dessen unscheinbare Bildung so wie sein zurückhaltendes Betragen
ihn leicht hätte übersehen lassen können wäre er nicht der Gegenstand großer
Aufmerksamkeit seiner Gefährten gewesen die nicht aufhören konnten ihn mit
Fragen Anreden und Mitteilungen wie es schien eher zu belästigen als zu
erfreuen Sein braunes breites Gesicht in allen Verhältnissen verzeichnet
bewegte sich beim Sprechen fast gar nicht seine tiefliegenden Augen waren außer
ihrer Kleinheit noch halb geschlossen also fast nicht gegenwärtig und nur ein
breiter Mund entwickelte bei einem schnell vorübergehenden Lachen beinah
erschreckend zwei Reihen glänzend weißer Zähne die während des Sprechens sich
niemals zeigten
Man sah den Grafen von Salisbury sehr bald den Weg zu ihm finden und ihn mit
einer Auszeichnung begrüßen die er sonst nur in politischer Beziehung
anzudeuten pflegte und die augenblicklich die Stellung dieses unscheinbaren
Mannes für die Anwesenden bestimmte Er musste dem Grafen folgen um einigen
andern Personen vorgestellt zu werden und es ließ sich bald erkennen dass seine
Herüberkunft aus Frankreich erst kürzlich erfolgt sei
Selbst Lord Membrocke der Gefährte Buckinghams und mindestens so
übermütig wie sein Beschützer eilte ihm eine Ergebenheit zu bezeigen die ihm
selten eigen war und dass die kleinen Augen des Fremden Ausdruck gewinnen
konnten zeigte der wunderlich schnelle und stechende Blick womit er den
Kavalier überlief und die feine Weise womit er den Lord zwar als Bekannten
doch mit einer kühlen Zurückhaltung empfing die zum ersten Mal einen Stolz
durchblicken ließ den seine frühere Haltung kaum hatte ahnen lassen
Lord Membrocke schien jedoch hierauf wenig zu geben und im Gegenteil
entschlossen sich ausschließlich seiner Person zu bemächtigen als Lord Saville
ihm etwas zuflüsterte was die Farbe Membrockes änderte und ihn bald den Augen
der Menge entschwinden ließ Ein unbeschreiblich verächtliches Lächeln glitt
über das starre Gesicht des Fremden Sein Auge verfolgte einen Augenblick die
Richtung in welcher der Lord davon eilte während ein Unbekannter an ihn selbst
ein Wort zu richten schien dessen Empfang er mit einem leichten Neigen des
Kopfes andeutete
Doch wenn auch wenigstens für einen Teil der Gesellschaft die Ankunft der
Fremden eine Art von Zerstreuung gewährt hatte so kehrten doch bald Alle zu dem
lastenden Gefühl der Beleidigung zurück die mit jeder ablaufenden Stunde
drückender und nicht mehr durch die Versicherung gemildert ward dass der Herzog
noch bei Hofe sei indem Jeder wusste dass der Hof wohl von Buckingham aber
Buckingham nicht vom Hofe abhänge Unruhe und Verdriesslichkeit erreichte schon
die Dienerschaft an den Portalen des Schlosses als plötzlich die diensttuenden
Vorreiter des Herzogs in den Hof sprengten die Wachen ins Gewehr traten und
alsbald die Karosse des Herzogs mit dem lang ersehnten Gebieter daher flog
Seine erste Bewegung war dem Türsteher der so eben seine Ankunft donnernd
verkündigen wollte Schweigen zuzuwinken und anstatt die Treppen nach den
Gesellschaftssälen hinauf zu steigen bezeichnete er dem voraneilenden Diener
den Weg über eine Seitentreppe nach seinen Gemächern Erschrocken fast blickte
Maxwell der erstere Kämmerer des Herzogs seinen Herrn an als er ihn in
ungeordneter Kleidung und mit nachdenkenden Mienen ohne einen der ihn sogleich
umgebenden Diener zu sehen durch die halb erleuchteten Gemächer nach seinem
Schlafzimmer eilen sah als habe er von der Richtung seiner Schritte kaum
Kenntnis Maxwell sogleich ein besonderes Ereignis ahnend und eben so
entschlossen sich allein in dessen Kenntnis zu setzen entfernte aus eigener
Machtvollkommenheit die sich ihm nachdrängenden Dienstbeflissenen
Er fand bei seinem Eintritt in das Schlafzimmer des Herzogs denselben
bereits aller der Kleidungsstücke entledigt welche die Bequemlichkeit
hinderten und beschäftigt einen großen seidenen Mantel um sich zu ziehen
worin er sich von Maxwell unterstützt sogleich zur behaglichen Ruhe in die
Kissen seines Ruhebettes warf
Maxwell der dies für die Vorbereitung einer frischen Toilette hielt
beeilte sich vor den Augen des Herzogs einige neue sehr kostbare Anzüge
auszubreiten in steigender Ungeduld das erste Wort des launenhaften Mannes
erwartend der indessen mit halb geschlossenen Augen und fast träumend die
Gegenwart seines Dieners nicht zu bemerken schien Doch eben so schnell aus
einem Zustand in den andern übergehend flog er nach einigen Augenblicken wie
ein Blitz empor und forderte mit einer bis zum Zorn gesteigerten Ungeduld ein
Kästchen was Lord Saville abgegeben haben müsse
Es stand vor seinen Augen und seine unscheinbare Hülle rechtfertigte sehr
wenig das grenzenlose Entzücken womit der Herzog es jetzt an Brust und Lippen
drückte und nun mit den Händen und Maxwells Hilfe und allen zur Hand sich
findenden scharfen Werkzeugen eine Hülle nach der andern löste bis endlich ein
seidenes Tuch von Purpurfarbe mit goldenen Lilien besäet dem Herzog in die
Augen fiel Er stieß nun die Hände Maxwells zurück um es mit den zärtlichsten
Liebkosungen zu bedecken die er nur unterbrach um ein in Gold und purpurroten
Samt gefasstes Kästchen hervorzuziehen welches beim schnellen Oeffnen das Bild
einer schönen Dame im glänzendsten Schmucke gewahren ließ
Wir enthalten uns die Ausbrüche einer leidenschaftlichen Liebe wie sie der
Herzog von Buckingham zu empfinden vermochte hier aufzuzeichnen Maxwell an
solche Szenen gewöhnt dachte mit einem höhnischen Lächeln der Marquise von St
Pol die noch gestern in Person der Gegenstand von Äußerungen war die jetzt
einem toten Bilde und einem seidenen Tuche verschwendet wurden Zu genau diese
Zustände kennend um den Herzog früher davon abziehen zu wollen als diese
Emfindungen in ihm von selbst sich erschöpften und hinreichend belehrt dass
dies seine Geduld nicht über Gebühr in Anspruch nahm zog er sich hinter die
Barriere der aufgerichteten Prachtkleider zurück jeden Ausruf des Herzogs mit
einem Lächeln des Spottes und der Verachtung begleitend Aber der Herzog schien
dies Mal die vorwaltende Liebesangelegenheit mit Gedanken ernsterer Natur
vereinigen zu müssen es schien in ihm ein Streit zu walten der nur dann
einzutreten pflegte wenn ihm Zweifel kamen welches ihm das Vorteilhafteste
Bequemste oder Belustigendste sein möchte
Offenbar neigte sich aber dem abwesenden Gegenstande der sich ihm in dem
reizenden Bilde personifizirte sehr bald die Wage und er brach in einige
gottlose Eidschwüre aus ihrem Besitze jedes andere Interesse der Erde zu
unterwerfen Welche lächerliche Träume einer empfindsamen Knabenwelt setzte er
lachend hinzu sind überdies diese sogenannten Bande der Natur und existieren
sie hier noch Einem unbekannten Wesen dessen Dasein man mir zu verhehlen
wagte als es mir noch von Wert sein konnte sollte ich jetzt vielleicht dieses
Wiedersehen opfern Dieser Knabe Karl der die blödsinnige Vorstellung hegte
mir ein albernes Geheimnis zu entziehen und die strafenswerte Kühnheit es
wirklich auszuführen Ihren Plänen nachdem sie ergraut und in sich selber
zusammengefallen sollte ich die Hand bieten da sie sich selbst dem Grabe
verdammt haben und damit zugleich dem süßesten Glücke welches mir in Dir Du
himmlisches Bild lächelt selbstmörderisch entgegentreten Die Entscheidung ist
nicht schwer und sie ist geschehen rief er mit einer gellenden Stimme die das
ganze Grauenhafte eines überschrienen Gewissens in ihrem Laute trug Zurück sank
er in seine Polster und indem er das Kästchen mit dem Gemälde nach allen
Richtungen drehte und schob sprang plötzlich der Deckel von einander und ein
fein geschriebenes Blatt eng mit farbiger Seide umstrickt fiel dem Herzoge
entgegen Doch das Glück sich in den Besitz des Inhalts zu setzen sollte ihm
verzögert werden denn nach einem kurzen tobenden Gepolter im Vorzimmer und dem
Gezänk abwehrender Diener ward die Tür des Kabinets rasch geöffnet und Sir
John Saville stürzte bis an die Schwelle von den Dienern verfolgt in dasselbe
herein Maxwell froh über eine Dazwischenkunft die den langweilig werdenden
Zustand des Herzogs hoffentlich unterbrechen musste verschloss schnell hinter dem
Eingedrungenen die Tür neugierig der Bewegung Beider lauschend Doch
keineswegs schien der Herzog gesonnen das dreiste Verfahren seines
QuasiFreundes gütig aufnehmen zu wollen
Und darf man fragen sprach er sich in den Kissen aufrichtend und zornig
blickend was Lord Saville mit der angenehmen Vertraulichkeit die er sich eben
herauszunehmen beliebt andeuten will Haben meine Diener das Versehen gemacht
Euer Gnaden herbei zu rufen so bitte ich mir den Schurken zu bezeichnen der
mich veranlasst Euch selbst jetzt ankündigen zu müssen dass ich allein sein
will Ja wollen Euer Gnaden sich verantworten oder sich lieber entfernen
Ich habe das Erstere nicht nötig brauste Saville mit roher Stimme auf und
erkläre das Letztere nur in Eurer Gesellschaft zu tun Es überschreitet fast
das Maß der Möglichkeit den von Beleidigungen sprechen zu hören der in
demselben Augenblicke nicht allein mich sondern alle Herzöge Grafen und
Barone inklusive der sämtlichen Grosswürdenträger der Kirche der drei
vereinigten Königreiche mit Schmach und Beleidigungen überschüttet und seine
besten Freunde unter der Marter nutzloser und verachteter Höflichkeitsspenden
zur Verzweiflung bringt
Euer Liebden unterbrach ihn Buckingham ohne allen Zorn sich behaglich
dehnend und an den Seidenfäden des entdeckten Briefchens zupfend Euer Liebden
scheinen sich übel zu befinden Man spricht in London von böslichen
Fieberanfällen die eine schnelle Zerstörung des Gehirns bewirken Oder habt ihr
an einem Schenktische repräsentirt Oder haben die nächtlichen Gelage einer
Woche Euch zu einem TagsTräumer gemacht Ich nehme vielen Anteil an Eurem
bedenklichen Zustande Maxwell wo stehst Du untätiger Schuft während mein
bester Freund in so betrübter Lage sich befindet Einen Lehnstuhl eile eile
öffne sein Wamms wo sind die heilsamen Tropfen der Mutter Kleratri welche
selbst gegen den Tod an den luftigen Balkonen der zeitlichen Gerechtigkeit sich
unfehlbar zeigen Oder seid ihr nüchtern Mylord und durch eifrige Studien über
die Tischzeit getäuscht wie Gelehrte denn pflegen aus Hunger geistreich und
belehrend zu werden ich bitte Euch befehlt Maxwell Kouverts Lasst
auftragen wenn in diesem elenden JunggesellenHotel heute schon Feuer auf dem
Heerde brannte
Spart Cure jämmerlichen Späße Mylord rief immer erhitzter Saville und
glaubt nicht mich damit zu täuschen Ihr wisst sehr wohl dass ihr eure Diener
mit Einladungen durch London gejagt um heute einen Hof in Eurem Hause zu
halten bei dem Euch die vornehmsten und wichtigsten Personen des Landes den
Tribut ihrer abgezwungenen Unterwerfung darbringen sollen Ihr wisst sehr wohl
dass Ihr die empörende Unverschämtheit habt dies Fest seit vier Stunden ohne den
Wirt bestehen zu lassen Ihr wisst dass Ihr Euch damit so viele Feinde macht
als dies Haus Häupter zählt während Ihr wie ein Kind in Euren seidenen Windeln
liegt und Seide zupft Doch Alles wird sein Maß finden und Ihr werdet dieses
Fest mit Verfolgungen bezahlen müssen die zahlloser sein werden als die Haare
Eures Hauptes An ihrer Spitze steht mit drohenden Blicken schon jetzt die
enttronte Königin des Tages die Marquise St Pol Dies Fest das Ihr durch
alle Künste der Überredung ihr als ein Geschenk zur Annahme aufdrangt sie
sieht es jetzt als eine öffentliche boshafte Beschimpfung von Euch an Der Kreis
der zurückweichenden Damen der sie zu Anfang wie ihr Gefolge umgab wird immer
weiter und immer kälter wenden sich die Blicke von ihr denn man wagt eben so
wenig die zu verachten die Buckingham ehren will als man sie zu beschützen
denkt wenn er sie aufgibt Doch alle tragen eine und dieselbe Last der
Beleidigung Alles trägt mit der Marquise denselben heißen Wunsch sich zu
rächen und zu entfernen Die Gesellschaft ist in Parteien geteilt die Minister
des Königs Salisbury an ihrer Spitze die Grafen von Cumberland Sussex
Klifford Sommerset Klarendon stehen als Oberhäupter und beherrschen mit ihren
zornigen Blicken ihre um sie versammelten Anhänger Die schottischen Barone die
irischen Pairs blicken erstaunt auf dies Schauspiel einer vor ihren Augen
geschehenen Demütigung ihrer stolzen englischen Nachbarn und nehmen dann so
viel ihr mattes Ehrgefühl es zulässt ihr Teil für sich davon während die
Bischöfe Dechanten und Kapläne mit Nasen an deren zorniger Glut Ihr Eure
Kapaunen rösten könntet umhergehen und vergeblich den besänftigenden Geruch
Eurer Tafel erwarten Auf törichter Mann fuhr Saville fort in seinen
früheren Unwillen verfallend aus dem er sich selbst fast herausgeschwatzt
hatte auf beeilet Euch wieder gut zu machen was noch möglich ist
Aber ihm schallte statt der Antwort ein so übermässiges Gelächter des Herzogs
entgegen so heftig so anhaltend und ausgelassen dass Saville dessen völlig
gehaltloser Charakter unfähig war eine Meinung irgend einer Art gegen den
prachtvollen übermütigen Buckingham festzuhalten zuletzt mit fortgerissen ihm
gegenüber in einen Sessel sank und in dies Gelächter des Herzogs einstimmend
kaum einzuhalten im Stande war als Buckingham schon die tränenden Augen sich
zu trocknen begann
Saville Krone aller lustigen Spassmacher meines frivolen Hofstaats kein
Königreich nehme ich für den unsäglichen Spaß den Du vor mir vorüber führst
Welch ein Fest konnte die erschöpfte Kasse Deines herzoglichen Freundes
schaffen welches nur den hundertsten Teil des Vergnügens abwarf das diese
Deine unvergleichliche Beschreibung über meinen Geist verbreitet Wahrlich ich
bin erquickt als hätte ich in Äther gebadet meine Nerven haben Elastizität
gewonnen und es scheint mir wert diesem abgenutzten Leben noch einen Gedanken
zu widmen
O des bezaubernden Anblicks diese stolzen Gesellen wie die Schulknaben im
Sonntagsputz gedemütigt zu haben sie sich selbst züchtigen zu sehen Einer in
der eingebildeten Größe des Andern ihre ohnmächtigen Rachegedanken zu erraten
die Keiner länger Mut hat zu verfolgen als so lange ich fern bin diese
hochmütigen Ladys die vergeblich ihre Tugendlarven abzogen meiner kleinen
Favorite zu huldigen und die nun in der Enttäuschung sich selbst herabgesetzt
sehen Höre auf zu lachen armseliger ausgebrannter Kopf und sage mir wenn es
Dir möglich ist ob Du oder ich oder irgend ein Mensch der Erde sich ein so
reizendes Vergnügen ausdenken konnte wie hier sich im Reiche des Zufalls
gestaltete
O Du unvergleichlich liebenswürdiger Bösewicht lallte hier Saville aus
seinem Lachen sich heraus kämpfend wie war es möglich dieser tragischen
Begebenheit die allerlächerrlichste Seite abzugewinnen und mein vom Zorn
exaltirtes Blut so abzukühlen Ja es ist wahr Buckingham sie gehen mit tollen
Gesichtern umher und wir Membrocke Kork und Norris haben uns oft die
Handschuhe in die Zähne gestopft um nicht über ihre jämmerlichen Fratzen laut
aufzulachen aber dessenohngeachtet sage ich Dir es war ein lästiger Spaß für
uns Deine Marschälle des Bankets Ich dachte sie würden uns an die Gurgel
fassen für jede Artigkeit die wir hervorbrachten Besonders seit die spanische
Grandezza aufgezogen ist und sich gleichfalls mit ihrem Knaben von Herzog an
der Spitze beleidigt stellt wollen die Andern vor Bosheit vergehen sie
denken ihre Schmach kommt nun ins Ausland Nur die französischen Herren sind
liebenswürdig geblieben
Was sprichst Du unterbrach ihn hier Buckingham mit beiden Beinen zugleich
vom Lager aufspringend die französischen Herren Sie sind anwesend erschienen
Wie konnte ich das vergessen Kleider Kleider Maxwell Kleider Wo bist Du
Geschwind Fort Saville in die Säle zurück ich bin so eben angekommen
ändere nur die Kleider war am Bette des Prinzen von Wales der bis jetzt
bedeutend krank meiner Pflege bedurfte Fort fort Verbreite an jeder Ecke des
Saales diese Nachrichten und schicke mir sogleich Membrocke einige Andere
sollen im Vorzimmer warten
Membrocke Membrocke weißt Du was Du sprichst sagte in dumpfer
Verwunderung Saville kannst Du die Krankheit des Prinzen beweisen Willst Du
eine Torheit durch eine andere die Dir wichtiger werden könnte gut machen
Jämmerlicher Schwätzer schweig und wage es nicht mit Deinem stupiden
Geiste dem meinigen die Richtung geben zu wollen schrie Buckingham außer sich
vor Ungeduld während er die Kleider fast zerriss die Maxwell an diesen
Ungestüm gewöhnt ihm mit der größten Schnelligkeit anzulegen suchte Eile und
vollziehe meine Befehle dass nicht meine eigne Hand Dich aus diesen Zimmern
werfe augenblicklich soll Membrocke hier sein Fort mit Dir oder ich erdrücke
Dich
Ich gehe sagte Saville mürrisch und ohne sich zu beeilen ob aber Membrocke
kommt magst Du erwarten denn bis jetzt macht er den frère servant bei einem
breitschultrigen französischen Kaplan der heute erst angekommen auch unter
Deinen französischen Herren sich befindet
Buckingham blieb stehen wie vom Blitz getroffen die Augen traten ihm stier
aus dem Kopfe und eine jähe Glut überschlug sein schlaffes Gesicht Wer ist es
Wie nennt er sich den Du so bezeichnest brach er hervor indem er Saville an
beiden Schultern ergriff Bei allen Teufeln sprich wie heißt der den Du Kaplan
nennst
Lasst mich sagte Saville sich den Herzog derb abschüttelnd Ihr habt mich
heute genug gequält ich habe es satt seht ihn Euch selbst an oder fragt
Membrocke mit dem er bekannt ist es ist ein Monsignore und sein Name Mar Mas
Mazarin schrie Buckingham außer sich Kann sein sagte Saville schon halb
im Vorzimmer und die Tür fiel klirrend zwischen Beiden zu Aber Mazarin
dieser Name klang noch so oft aus dem Munde des so plötzlich veränderten
Herzogs als müsste er sich durch den Klang von seinem wirklichen Dasein
überzeugen In einen Sessel geworfen schien er Alles außer diesem Laut
vergessen zu haben und Maxwell wagte nicht die halbvollendete Toilette zu
beendigen
Doch währte dieser äußere Stillstand nicht lange die geöffnete Tür zeigte
den schönen eleganten Grafen von Membrocke den ausschweifendsten und
sittenlosesten Gefährten und Vertrauten Buckinghams Sein beschränktes Vermögen
und sein grenzenloser Aufwand hatten ihn trotz seines Hochmuts und bei dem
Glanze eines hundert Mal älteren und vornehmeren Namens doch zu einer Art von
vornehmen Mietling des Herzogs gemacht und nur die Schönheit und Anmut seiner
Person hatte ihm ein Ansehen erhalten welches er zu sichern suchte indem er das
Entehrende seiner Verhältnisse zu Buckingham in die Reihe der spasshaften
Verlegenheiten eines Mannes von Welt verwies
Mazarin rief Buckingham so wie er ihn sah aus seinem Nachdenken
auffahrend und fragend auf Membrocke zueilend
So ist es erwiderte der Graf mit einem schnellen Blick das Ruhebett
überlaufend auf dem noch der Inhalt des empfangenen Päckchens lag und wie ich
sehe der Bote süßer Gaben In Wahrheit ich möchte wetten er ahnt nicht dass
er Euch als Handlanger diente und ich muss die Feinheit eines liebenden
weiblichen Herzens bewundern die den Gegenstand Eurer Eifersucht wegschickt um
Euch Alles zu senden was Euch in der Ferne beglücken kann Mensch was gab Euch
diese Gewalt über die stolzeste der Frauen Schickt mich nach Deutschland
Mylord vielleicht schließt dies Land noch ähnlichen Zauber in sich Ich kenne
sie sonst alle und kenne die Szenen die man mit ihnen durchzuspielen hat so
auswendig dass ich vor Langeweile dabei vergehe
Aus Buckinghams Zügen verlor sich die Starrheit in dem Maße als er den
Worten Membrockes lauschte Du hast durch Deine Worte die aufsteigenden Dämonen
dieser Brust beschworen und mich von der Wut und Verzweiflung der Eifersucht
erlöst rief er endlich Ha diese abscheuliche Missgeburt die Beleidigung der
menschlichen Gestalt und dieses Meisterwerk der Schöpfung dies Weib von jeder
Schönheit jedem Zauber umgeben den der herrlichste Geist in dem schönsten
Körper zu schaffen vermochte Wer hat es ausgedacht Beide im Zusammenhang zu
glauben ohne zugleich der ganzen Ordnung der Dinge Hohn zu sprechen Und doch
Und doch Membrocke doch ist der Zweifel da dennoch dennoch zittre ich in
dieser Missgeburt meinen Nebenbuhler zu sehen
Weil Du es vorziehst zu zittern weil Dir der Sieg fast zu bequem ohne
Schwierigkeiten erscheint und der schöne glänzende und stets siegende
Buckingham lieber einen Pavian als gar keinen Nebenbuhler haben möchte Halt
ein jedoch und lass die Grillen fahren die in Wahrheit weder Grund haben noch
Dir und dem Andenken Deiner Göttin ziemen Jage nicht im blinden Eifer dieser
einen Phantasie nach und laufe an dem Ziele vorüber das indessen der der Dich
wild gemacht vielleicht ohne Hindernis erreicht
Zu toll ist es von Dir den weggesandten Nebenbuhler noch zu fürchten
ergründe lieber was dieser feine schleichende Prälat in England zu verrichten
hat wahrscheinlich mehr als Dir dies Bild dies Tuch dies übersponnene
Brieflein auszuliefern
Ha Membrocke Du hast Recht Schon wieder holt Dein ewig gegenwärtiger
Verstand den meinen ein Ich bin ein töricht unbesonnener Knabe Wie kann ich
träumen der Freund der Vertraute dieses Teufels Richelieu betrete diesen
Boden ohne die Fussangel vor mir auszubreiten in der ich mich gefangen geben
soll Höll und Teufel Wen ließ ich zurück mir Bericht zu senden über jener
Machinisten reges Spiel Wer blieb zurück Hilf mir wer hat gewagt so schlecht
mich zu bedienen dass dieser Dämon die Stiegen dieses Palastes betrat ehe ich
die Ahnung seiner Ankunft erhielt Hier unter meinem Dache Membrocke ehe ich
es ahnte Begreifst Du es Ich Buckingham betrogen überlistet Wer hat dies
Bubenstück erdacht Wer hat gewagt mir diesen Streich zu spielen So wahr ich
lebe und den Namen trage vor dem die Mitwelt zittert es soll sein letzter
sein
Schreckbar von Wut entstellt die zitternde Hand am Gefäße seines Degens
den er den Händen Maxwells entrissen schien sein Auge lechzend den Gegenstand
seiner Wut zu suchen und fiel auf die schöne glänzende Gestalt des Grafen der
mit der feinen Kälte der Überlegenheit am Kamin lehnte und mit gleichgültiger
Miene für sich zu denken schien Ohne den Herzog anzublicken oder den Ton zu
heben verwies er ihn zur Ruh Ihr werdet begreifen fuhr er fort dass kein
Atemzug dem Kardinal Eure Überraschung verraten darf Eilt schnell Euch als
Protektor ihm aufzuwerfen ehe wer Anders Euch zuvorkommt Schon beugte vor dem
Freunde des mächtigen französischen Ministers Salisbury den starren Rücken und
Klarendon und Sussex lauschten seinen Worten Ihr müsst es ihnen zuvortun so
eifrig ihn bewachen dass er zum freien Atmen keinen Raum behält um so sicherer
könnt Ihr ihn beobachten Doch lasst uns zur Gesellschaft eilen Maxwell tut
Eure Schuldigkeit Ich sehe hier an diesem Meisterstück von Wamms und Mantel ein
schlecht gewähltes Gürtelband Wozu dies matt gehaltene Geschmeide von Türkissen
zu diesem pfirsichfarbnen Samt Warum nicht jene Smaragden in Juwelen Sie
sind bei weitem passender Das Neueste ist man trägt die Quaste auf der
Schulter unter der Agraffe des Mantels seht so wie diese hier Buckingham Du
Ideal der Mode Du Angelpunkt aller Augen die sich mit Eleganz und Feinheit
bereichern wollen muss ich Dich belehren Setze Maxwell auf Pension ins Spital
mit ihm sein Sinn wird stumpf Doch sag hat Saville meine Nerven umsonst
erschüttert mit der Nachricht den Prinzen habe der Schlag gerührt
Ich hoffe er hat diese Torheit Dir nur allein ins Ohr geraunt Dich aus
dem Saal zu locken er sollte es sonst büßen Doch nur zu gewiss ist dass ich
dies Mal unfreiwillig mein Gastmahl ohne Wirt gelassen der Prinz erkrankte
plötzlich und liegt danieder Der König heult an seinem Bette und es war schwer
zu entkommen auch kam ich nur um dies Gewühl von Gästen aufzulösen und dann zu
ihm zurück zu kehren Doch es entfiel mir Vieles über dem Vielen was ich heute
gehört und endlich Alles über diesem inhaltreichen Kästchen ha Und endlich
auch dieses über dem Überbringer Sag ist Ormond anwesend
Er spielt die Rolle Josephs auch heute meisterhaft Und darum just rief
lachend Buckingham hab ich ihn Dir zum Gefährten erwählt Erstaune nicht Du
folgst mir nach Whitehall und bleibst die Nacht ich habe Dir viel zu sagen
Jetzt lass uns gehen ich bin so kalt jetzt so ruhig und besonnen wie nach zwölf
Stunden Schlaf Diese stolzen Herren werden an fünf Stunden Ärger hoff ich
jetzt schon zu viel haben um durch meine leider nur zu gut begründete
Entschuldigung sich beruhigen zu lassen und das ist mein Trost Nur ungern
wollte ich den süßen Spaß entbehren sie so toll gemacht zu haben und müsste ich
diesen Mazarin nicht heute noch umstricken ich hätte ihnen die volle Ladung
nach Hause mitgegeben und lieber Verse an den Mond gemacht als dass ich unter
ihnen noch erschienen wäre
In einem kleinen Turmzimmer des französischen Gesandtschaftshauses finden wir
einige Stunden später den bedeutenden Mann wieder der durch seinen bloßen Namen
Buckinghams Leichtsinn erschütterte Seine Erscheinung als Freund des mächtigen
Richelieu sicherte ihm schon damals die Huldigungen aller derjenigen die
irgend die Wichtigkeit des eben auf seiner höchsten Höhe stehenden französischen
Ministers zu beurteilen verstanden Wenig schien Mazarin durch die Art wie er
überall auftrat diese Auszeichnungen zu unterstützen und noch weniger zu
verraten wie er einst wirklicher als irgend ein gekröntes Haupt Europas die
Herrschaft führen und alles seinen Plänen untertan machen werde In seiner
unscheinbaren mehr geistlichen als weltlichen Kleidung gelang es ihm
vornehmlich sein Äußeres fast unbedeutend erscheinen zu lassen da die Natur
ihn wenig mit körperlicher Schönheit begabt hatte Seine atletische Gestalt und
seinen späterhin berühmt gewordenen Anstand der durch frühere militärische
Dienste entwickelt war hielt er bis jetzt noch ratsamer vor den Augen der
Welt in die sanften gebeugten Manieren eines guten bescheidenen Mannes
einzuhüllen
Dessen ungeachtet hatte Buckingham Gelegenheit genug gehabt seinen
weitreichenden und großen Einfluss kennen zu lernen Sie waren sich bei des
Ersteren Anwesenheit in Frankreich auf einem Felde begegnet wo der schlaue
Julio Mazarini sich um jeden Preis zu behaupten entschlossen war so wie
Buckingham seinerseits in dieser Beziehung weder einen Gegner in dieser Gestalt
gefürchtet hatte noch ihm zu weichen dachte Wenn jedoch diese Macht die
Mazarin für sich in der Stille warb der Welt und namentlich dem Auslande
vorerst noch ein Geheimnis bleiben musste so war in der Art wie Richelieu wohl
Mazarin als den einzigen ihm gleichkommenden Kopf zu bezeichnen pflegte diesem
ein Ansehen zugegeben welches ihm auf welchem Platz Europas er auch erscheinen
mochte eine weit über seine äußere Stellung reichende Auszeichnung sicherte
Doch war mit seiner Erscheinung auch stets ein gewisses Aufmerken vielleicht
nicht ganz ohne einen Zusatz heimlicher Befürchtung verbunden Richelieu
gebrauchte ihn stets zur Ausführung von Plänen die nur ein Ohr zur Mitteilung
fanden eben das seinige und die kleinen schmeichelhaften Sendungen die
Richelieu in seinem oder seines Königs Namen durch Mazarin an die verschiedenen
befreundeten Höfe ergehen ließ hatten oft für Richelieu eine so überraschende
Kenntnis der wichtigsten Geheimnisse eines solchen beschickten Hofes zur Folge
gehabt dass man langsam anfing die starke Beobachtungsgabe dieses Boten
einzusehn und ihn wenigstens in der möglichst besten Laune zu erhalten wünschte
da man in der Regel zu ungeschickt war ihn unschädlich zu machen
Richelieu war dies Mal über die Nückreise des Prinzen von Wales in so
zärtlicher Besorgnis gewesen und so entzückt über dessen glückliche Ankunft dass
Mazarin von ihm gesendet ward seine und des Königs Freude dem Prinzen
auszudrücken Alle denen dies mitgeteilt ward schienen über so viel Anteil
und Freundschaft entzückt während Alle mit angehaltenem Atem einander fragten
was er wohl noch vorhaben möchte Mazarin war über den ersten Eindruck den er
bei seinen jedesmaligen Sendungen hervorrief keinen Augenblick ungewiss aber er
besaß neben seiner schnellen und untrüglichen Menschenkenntnis eine so
ausdauernde unbesiegbare Ruhe Sanftmut und Geduld dass die Befürchtungen sich
wie von selbst an ihm entkräfteten und er fing erst dann seine Pläne zu
verfolgen an wenn er alle ihm in den Weg gelegten und alle im Voraus ihm
bekannten Proben als ein guter harmloser Mann bestanden hatte Richelieus
große erhabene Natur war einer solchen seinem ganzen Naturell widerstrebenden
Operation unfähig aber er benutzte an seinem Gefährten diese Fähigkeit und
wusste sie als eine unschätzbare Gabe zu achten wenn auch ohne sie ihm zu
beneiden
Mazarin hatte sich dem Zwange der Geselligkeit entzogen und es war leicht
wahrzunehmen dass ihm dies zu einer größeren Entwickelung seiner eigensten Natur
geholfen Das lange geistliche Kleid war über einen Sessel geworfen und die
kräftige hohe Brust und die breiten Schultern wurden vorteilhaft von einem
Wammse von violetter Seide mit feiner Goldstickerei gehoben Im Geschmack der
Zeit mit sorgfältiger Vermeidung jeder geckenhaften Übertreibung war auch
seine übrige Person in dieselben Farben gekleidet und eine feine goldne Kette
um seinen Hals war mit den Enden in das Wamms geknöpft Der Knopf indes der
dies zusammenhielt hätte fast den besonderen Wert dessen was er verschloss
erraten lassen denn es war ein ungewöhnlich schöner und großer Diamant
Im Hintergrunde des Gemachs waren zwei Pagen damit beschäftigt die goldnen
und silbernen Gerätschaften welche sich in einem Reisefutteral befanden
auszupacken und ihre sorgfältige Vermeidung jedes Geräusches schien sich auf
den Eifer zu beziehen womit Mazarin an einem Tische zwischen zwei Kerzen mit
der Abfassung eines Briefes beschäftigt war Doch konnte der Gegenstand des
Briefes unmöglich ein ernster sein Die Heiterkeit die bis zu einem breiten Zug
von Lächeln um seinen Mund gestiegen war und anderseits die Zerstreuung in der
er oft aufblickend die Augen nach einer kleinen gotischen Tür ihm
gegenüber richtete zeigten hinreichend der Inhalt sei bequem und leicht so
nebenher abzufassen
Ein kaum merkliches Geräusch ließ sich jetzt vernehmen Mazarin erhob sich
und ging auf die Pagen zu die mit ihrem Geschäft zu Ende gekommen schweigend
seiner Befehle harrten Ich danke Euch für heute meine Lieben sprach er sanft
und freundlich ich werde nur noch Benville bedürfen der im Vorzimmer warten
mag bis ich ihn rufe Bei Euch wird der Schlaf nach dem anstrengenden Reisetage
wohl nicht auf sich warten lassen Gute Nacht gute Nacht Der Herr segne Euch
setzte er hinzu als die Knaben niederknieten um seine Hände zu küssen die er
alsdann segnend auf ihr weiches Lockenhaupt legte Er blickte ihnen nach bis die
Türe des Vorzimmers sich geschlossen und vielleicht war das Gefühl womit er
die süßen schlaftrunkenen Kinder ihrer sichern Ruhe übergab und welches
unverkennbar seine Züge auf einen Augenblick einnahm sogar der Wehmut
verwandt Doch die Welt der Gefühle war bei ihm in den Hintergrund gedrängt er
wollte sie nur kennen in so fern sie ihm als Menschenkenner zu seinen Schlüssen
und Urteilen nötig waren sich selbst gebot er als erste Lebensregel über
allen ihren Anforderungen bloß als Beschauer dazustehn Unläugbar hatte er von
diesem kühlen Standpunkte aus sich einen sehr gesicherten Einfluss über Andere
erworben Ob es indessen möglich sei sich selbst ganz dieser großen
Beherrscherin der Menschheit zu entziehn ob man nicht in der Beobachtung und
Erkennung der Gefühle Anderer die eigenen immer wieder mit auferziehe ob jene
göttliche Liebe die unsere Entwickelung nie aus den Augen verliert eine ihrer
schönsten Gaben ganz unterdrücken lassen möchte wer wollte es fürchten und
nicht lieber glauben uns sei bloß gestattet die Außenseite von ihren
Erscheinungen frei zu erhalten innerlich bleibe der kleine Heerd um den
selbst gegen unsern Willen sie unverletzlichen Hausgöttern gleich ihre Plätze
behaupten wenn auch bei dem Einem zur lieblich sich mitteilenden Geselligkeit
erhoben bei dem Andern zum ernsten Schweigen verdammt immer doch ihres
unzerstörbaren Daseins Zeugnis ablegend
Gern nehmen wir den vorliegenden Moment als eine Bestätigung dieser Ansicht
da es überdies leicht die einzige sein könnte die dieser merkwürdige Mann uns
mitzuteilen veranlasst Denn schon sehen wir ihn weggewendet und der alten
Heimat seiner Gedanken zurückgegeben jene mienenlose Ruhe gewinnen die seine
Feinde und Beobachter zur Verzweiflung brachte Er berührte nur zu einem Klange
die Glocke auf seinem Tische und langsam öffnete sich die kleine von ihm
beobachtete Tür und in einen weiten Mantel gehüllt trat ein ältlicher Mann
ein der sofort Mazarin erblickend den Mantel zur Erde warf und auf ihn
zueilend ganz überwältigt wie es schien zu seinen Füßen niedersank
Benedicas rief er mit leiser bebender Stimme
In majorem Dei gloriam antwortete Mazarin mit feierlichem Ton und segnete
das tiefgesenkte Haupt des alten Mannes
Steh auf Porter setzte er sanft aber ernst hinzu wir dürfen uns nicht
erweichen es ist lange her dass wir uns zuletzt sahen aber so dies leibliche
Auge Dich nicht erreichen konnte traf mein geistiges doch stets auf einen
getreuen und eifrigen Diener im Namen des Herrn und unserer heiligen Sache
Porter der von uns bereits erwähnte Kammerdiener des Prinzen von Wales
erhob sich jetzt von seinen Knien und zeigte eine kleine magere und gebeugte
Gestalt in einer grauen Kleidung ohne alle Abzeichen Sein längliches blasses
Gesicht war von einem trüben Ernste gefurcht und ein sparsames weißes Haar lag
dünn um die schmale Stirn Seine matten blauen Augen die den rührenden Ausdruck
des Kummers aussprachen hatten sich noch nicht zu seinem in der Vergleichung
mächtiger noch erscheinenden Gefährten erhoben sondern ruhten schwermütig am
Boden Mazarin durchschaute vielleicht nur zu schnell aus ihm bekannten Gründen
den Gemütszustand des alten Mannes und suchte durch die freundlichste
Herablassung sein Herz zu ermutigen
Doch was seh ich alter Freund wie bist Du Deinen Jahren vorangeeilt
Weisses Haar und dieser gebeugte Rücken
Porter schlug jetzt mit einem tiefen Seufzer die Augen auf und sie blieben
auf Mazarins kräftiger Gestalt einen Augenblick ruhen indem er mit dem Ausdruck
des Schmerzes hinzufügte Nicht an Allen geht die Zeit spurlos vorüber
Sage vielmehr an Keinem antwortete Mazarin diese Worte wie einen Vorwurf
empfindend wenn auch der Himmel oft die wunderbar zu kräftigen weiß die in
ihrem schweren Berufe vor ihm getreu und gehorsam und der besonderen Kraft
benötigt sind
Ja wohl sprach Porter der Herr misst Jedem sein Maß und ich murre nicht
dass er das meine nur gering bestimmt zu haben scheint denn mein Leben war ein
nutzloser und trüber Kampf zwischen zwei geheilgten Pflichten welche zu
vereinigen mir nie gelang und denen ich dadurch vielleicht gleich unnütz ward
Selbstgerechtigkeit sich in irgend einer Angelegenheit anmassen zu wollen
sprach Mazarin streng gehört zu dem Ungehorsam welchen Deine Vorgesetzten Dir
in ihrer heilgen Machtvollkommenheit als die gefährlichste Klippe unserer
geistlichen Tugenden untersagt haben Welcher Hochmut heißt Dich Dein Leben
nutzlos nennen so Dir noch vergönnt ist an der kleinen Stufenleiter unserer
Befehle Deinen Fähigkeiten gemäß hinanzuklimmen Du bist von der Regel
abgewichen und ich könnte Dich strafen wenn nicht Milde und Geduld mit den
Gebrechen der Menschheit unser erstes Gesetz wäre und wenn Du nicht die Strafe
Deiner Vergehungen schon in jenem mutlosen Trübsinn trügest womit der
Beschützer unserer heiligen Vereinigung alle die heimsucht die sich zu eigener
Beschauung verführen lassen
Ach hochwürdiger Herr leget nicht die Bürde Eures Zorns auf mein schwaches
und gedrücktes Herz Gott dessen Augen die Herzen prüfet er weiß allein wie
ich um Kraft und Mut gefleht zur Vollführung des Willens meiner erhabenen
Obern Er weiß wie ich nicht denken wollte da es mich nur zu oft auf Abwege
führte Aber der Versucher ist mir in jeder Gestalt erschienen in der Gestalt
eines erhabenen Herrn zuerst den ich gegen meinen Willen lieben musste ach
selbst in der Gestalt meiner geheiligten Religion die ich verleugnen und
entbehren musste und die mich zu fragen schien ob ich das Rechte um solchen
Preis zu tun vermöge Ach Herr Herr ich bin ein Sünder und dem Zorn der
heiligen Gesellschaft verfallen Ich fühle es und nur Ihr könnt mich retten
wie Ihr es oft tatet indem Ihr meinen wankenden Glauben stützt
Ja wohl sprach Mazarin mit dem Tone des Vorwurfs der doch schon eine
allgemach zu hoffende Verzeihung ankündigt wohl hast Du mir es schon oft zur
traurigen Aufgabe gemacht Dich mit Dir und Deinen Pflichten auseinander zu
setzen und Dein gebleichtes Haar und Deine gefurchten Wangen scheinen mich noch
nicht dieser Sorge ablösen zu wollen
Hochwürdiger Herr sprach der Alte fast ihn unterbrechend während eine
leichte Röte um das blasse Gesicht zog und es erhellte wie der Abglanz eines
fernen längst abgetödteten Ehrgefühls wollt wenigstens bedenken dass diese
Wangen dass dies spärliche Haar Gestalt und Farbe im Dienste des geheiligten
Ordens Jesu erhielten
Ich kam her dessen zu gedenken erwiderte Mazarin sanft und wenn kein
Winkel der Erde den Pflichtvergessenen vor unserer gerechten Strafe zu sichern
vermöchte so erreicht unser Lohn auch den treuen und gehorsamen Diener unter
allen Verhältnissen des Lebens und die Höchsten des Ordens steigen zu ihm
nieder als Freunde und Brüder und er steht den Mächtigen der Erde gleich in dem
Heiligtum ihrer geheimen Welt Ich komme und bringe Dir den Segen des göttlich
erleuchteten Klaudius Aquavia er gibt Dir seinen erhabenen Beifall und erlaubt
Dir durch meinen Mund im Namen dessen an den wir alle glauben fortzufahren in
dem Dienste dem er Dich bis jetzt gewidmet Er erlaubt Dir um der wichtigen
und Gott gefälligen Zwecke willen die sein erhabener Wille uns unbewusst zu
erreichen gedenkt ferner die heilige Kirche zu verleugnen und vor den Augen der
kurzsichtigen Menge Dich jenen Verirrten anzureihn die Gott in ihrem sündigen
Verstande anbeten Er sendet Dir in dieser goldnen Kapsel fuhr er fort indem
er aus seinem Busen ein kleines wohl verwahrtes Kästchen zog eine von Urban
selbst geweihte Hostie die ich kraft seines Willens Dir zu Deiner geistigen
Erquickung nach den Regeln unserer heiligen Kirche zu reichen befugt bin
Der Eindruck dieser Rede und der darauf folgenden Gabe auf den alten
unglücklichen seiner Pflicht erliegenden Mann war unbeschreiblich wahrhaft
schrecklich für den der nicht wie Mazarin damit sein Ziel erreicht sah sondern
bloß die fürchterliche Macht dieses halb despotischen halb schmeichelnden
Ordens darin erkennen musste Die von Gewissenszweifeln eingesunkenen und
zernagten Züge schienen sich zu glätten die gebeugte Gestalt hob sich den
starren trüben Augen entsprühte ein fanatisches Feuer welches seinen
zitternden Körper in Bewegung setzte Sich anbetungsvoll niederwerfend streckte
er die Hände nach dem Heiligtum aus das er so lange entbehrt wonach er sich
so inbrünstig gesehnt und das nun in höchst möglichster Würde und Kraft ihm zu
Teil werden sollte Er war mit allen seinen Zweifeln und Sorgen am Ende und in
diesem Augenblicke nichts weiter als der eifrige und unterworfene Diener der
Väter des Kollegiums zu Klermont Mazarin hatte diesen leichten Sieg zu oft und
mit denselben Mitteln erreicht um etwas Weiteres als die Beendigung eines
gewöhnlichen Geschäfts darin zu sehen Nach einigen leichten Vorkehrungen
schickte er sich an die Berichte Porters zu hören die kaum in etwas Anderem
bestanden als in den eben vernommenen Regungen seines Gewissens welche er nun
ausschließlich dem Interesse der Gesellschaft Jesu wieder zugewendet und ihre
Gewalt als eine göttliche verehrend als Versuchung des bösen Feindes ansah und
welcher Qual Beschwörung er von dem Genuße der geweihten Hostie mit Zuversicht
erwartete Mit welchen Gründen Mazarin diese Hoffnungen zu unterstützen suchte
lassen wir unberührt Das Resultat genügt uns dass Porter indem er fortfuhr
die kleinsten von ihm ausgespähten Handlungen seines unglücklichen Prinzen
rücksichtslos zu verraten nur die höchste Verpflichtung der Erde zu erfüllen
und der Tugend und dem Prinzen selbst in getreuster Liebe zu dienen wähnte
Den Tod der Gräfin Buckingham erfuhr ich erst bei meiner Landung führte
Mazarin ein angefangenes Gespräch weiter Lazarino hatte sich zu den Ruderern
gesellt die mein Boot herüber brachten Vielleicht machte diese Nachricht meine
Herüberkunft weniger nötig und nur Deine Abwesenheit entschuldigt diese späte
Mitteilung
Hochwürdiger Herr mein Amt ist schwieriger seit der Herr Herzog die Person
des Prinzen unablässig umgibt dessen ungeachtet hatte nach Eurem Befehle ich
alle Mittel benutzt Euch so schnell wie möglich zu dienen während ich aber
Pater Lorenzo bei Euch glaubte erfuhr ich seinen Hingang Die Verzweiflung des
gnädigsten Prinzen bei der Nachricht des Todes der hohen Dame war grenzenlos und
ich fürchte der Anfang einer großen Krankheit Der Herr Herzog haben sich
gänzlich seiner bemächtigt haben mich zu Bett geschickt den Leibarzt ins
Vorzimmer Seine Majestät den König selbst haben Sie wie ein Kind gleich
welchem der alte Herr sich auch laut weinend geberdete durch die Gemächer nach
seinen Zimmern geschleppt und ihn hier wie man einen Buben bedroht zur Ruhe
verwiesen Sie versehen jeden Dienst selbst und Lord Membrocke bedient wieder
den Herzog Ich sah dem Wesen lange zu von einem sichern Plätzchen aus fügte er
lächelnd hinzu bis die Stunde schlug die mich zu Euch rief
Erzähle mir jetzt genau von welcher Zeit Du die Vertraulichkeit des Prinzen
und des Herzogs rechnest und ob Du glaubst dass Buckingham von Allem
unterrichtet ist was des Prinzen geheime Verbindung betrifft
Ehe wir nach Spanien gingen wusste er sicher hiervon nichts Beide hatten
ein verschiedenes gegenseitig geheim gehaltenes Interesse die Bemühungen des
Grafen Bristol zu verwünschen Der Herzog von Buckingham war beleidigt überall
mit Bewunderung und Verehrung den Namen des Gesandten zu hören der alte Hass
den die Tochter Bristols die Frau Herzogin von Nottingham durch ihre
Vermählung gegen alle Mitglieder dieser Familie in ihm angezündet ward aufs
Neue genährt durch so viel scheinbares Glück und Verdienst und alle nur
erdenklichen bösen und gottlosen Reden über diese papistische Betschwester wie
er die allergnädigste Infantin zu nennen pflegte gingen so rücksichtslos über
seine Lippen dass sie nur zu oft das Ohr meines Prinzen erreichten aber anstatt
den Prinzen zu kränken was sonst der Herr Herzog auch eben nicht ungern
veranlasste fand er den Prinzen auf seine Ansicht fast eingehend Ihr könnt Euch
denken wie dem armen Herrn das Herz schwellen mochte wenn er eine
Schwierigkeit nach der andern sinken sah und vom alten Könige bedrängt jede
neue Ausflucht mit dem Zorne des Vaters erkaufen musste Seine letzte Hilfe war
der Herzog von Nottingham Sie sahen sich und er der am besten die
verzweiflungsvolle Lage des Prinzen kannte willigte ein nach Madrid zu gehen
Als Schwiegersohn des Grafen Bristol konnte seine Reise nicht auffallen und er
war vom Prinzen zu jedem Mittel autorisirt das diese gefürchtete Verbindung
trennen konnte ja im letzten Falle sollte er der Großmut der Infantin von
welcher der Prinz eine sehr gute Meinung hatte sein ganzes Verhältnis
vertrauen doch vorher bei dem Herrn Grafen von Bristol Alles erschöpfen ihn
davon abzuschrecken Diese unglücklichen Ketzer besprachen sich in meiner
Gegenwart über das beste Mittel dem Herrn Gesandten die Vermählung mit einer
Katolikin als verderblich fürs Land darzustellen Ihr wisst Hochwürdiger Herr
wie der arme Herzog Madrid nur erreichte um an einem auf der Reise
ausgebrochenen Fieber worin er aus Eifer für seinen gnädigsten Prinzen sich
nicht geschont zu verscheiden Als die entsetzliche Nachricht hier eintraf die
der erleuchtete Provinzial Manzori um zwölf Stunden früher an mich gelangen
ließ ohne dass es in meiner Macht stand den Prinzen vorzubereiten denn dies
hätte den geheimen Weg verraten können auf welchem ich davon in Kenntnis
gesetzt worden befanden sich eben der Herr Herzog von Buckingham bei Seiner
Königlichen Hoheit Den gnädigsten Herrn überwältigte der Schmerz auf das
Heftigste und ich sah ihn in die Arme des Mannes stürzen den er so lange Jahre
vermieden hatte Ach Herr die Hand stützte ihn die sich einst freventlich
gegen ihn erhoben Aber der arme erschütterte Herr verriet in seinem Schmerze
warum der Herr Herzog nach Spanien gereist denn in der Verblendung dieses
Schmerzes nannte er sich den Mörder seines Freundes Von diesem Augenblicke an
vertrat Buckingham die Stelle des Vertrauten Er erfuhr aber dennoch nicht den
versteckten Anlass zu dem Widerwillen des Prinzen und ahnte ihn auch nicht Denn
der Herr Herzog sind wohl böswillig und äußerst listig aber auch oft von großem
Leichtsinne besessen und übersehen leicht die Ursachen die Andere leiten wenn
Sie selbst nicht in Absichten gehindert sind deren Erfolg Sie eben mit Eifer
betreiben Genug er war es der den Entschluss des Prinzen nun selbst nach
Spanien zu gehen zuerst aussprach und den gnädigen Herrn dergestalt zu reizen
wusste dass er sich fast mit Gewalt von dem Könige die Erlaubnis nahm Er
versprach dem Prinzen dass er diese Verbindung stören wolle indem er unverholen
seinen Hass gegen den Grafen von Bristol und dessen Ruhm und Ansehen aussprach
ferner wenn sie nach Spanien kämen solle der Prinz dabei die Freiheit haben
sich als der liebenswürdigste Herr zu betragen wobei er tausend Mal Ehre und
Leben verpfändete den Prinzen unangefochten durchzubringen Und Ihr wisst wie
er vollständig sein Wort gelöst hat
Ja unterbrach ihn Mazarin von unwillkürlichem Verdruss ergriffen weil die
Väter Jesu ihn nicht hindern wollten und den eitelen Toren unbewusst nach ihrer
Genehmigung und ihrem Willen handeln ließ Sie waren es die seine Reise
beschützten und die zahllosen Gefahren von seinem und des Prinzen Haupte
abwendeten Doch weiter weiter setzte er hinzu von seinem Unmute wie es
schien selbst überrascht
Die Gräfin fuhr Porter fort sollte über die Reise Seiner Königlichen
Hoheit getäuscht werden wie man sie schon früher über die Reise des Herrn
Herzogs von Nottingham getäuscht was aber damals leichter möglich gewesen war
da sie eben auf einer Reise nach Schottland sich befand um ihre Tochter
abzuholen Denn stets war diese edle Dame bereit dem Prinzen die Freiheit
wieder zu geben und nie würde sie seine Schritte gegen den Willen des Königs
genehmigt haben Seine Königliche Hoheit sandten daher da ihre baldige Rückkehr
erwartet werden durfte ihr die Bitte entgegen seine längere Abwesenheit wegen
Krankheit des Königs zu entschuldigen und nicht eher Briefe zu senden als er
sie abfordern werde So war der Gefahr vorgebeugt dass diese wichtigen
Mitteilungen in fremde Hände kämen zugleich aber auch der armen Dame bei
herannahendem Ende jedes Mittel geraubt ihre Lage kund zu geben und ihre
Tochter in Sicherheit zu bringen Der einzige Schritt den sie tat und tun
konnte den Herzog von Nottingham unter dessen Namen alle ihre Briefe an den
Prinzen gingen zu unterrichten brachte ihr die Nachricht seines Todes zurück
So kam es denn dass die Nachricht von ihrem Ende durch die Beamten ihrer Güter
dem allein anwesenden Grafen von Buckingham mitgeteilt ward welcher sich
sogleich beeilte einen wohl bedeutenden Nachlass der Schwester in Beschlag zu
nehmen
Bei unserer Rückkehr erfuhr ich sofort was ich Euch über den Tod der Frau
Gräfin und die Flucht und das Verschwinden der jungen Lady mitgeteilt habe
denn der Herr Herzog hatten Ihren alten Kammerdiener zurückgelassen und
Davenack wusste nichts was ich nicht auch erfuhr Da der Prinz selbst nicht an
die Reise zu der Frau Gräfin denken konnte indem ihn teils Seine Majestät der
König teils der Herr Herzog nicht aus den Augen verloren war er im Begriffe
mich abzusenden um die die er noch am Leben und sich vermöge seiner Kämpfe um
sie näher gestellt wähnte zu begrüßen Denn die arme Dame war so von der Welt
vergessen dass ihr Tod für den Hof nur eine Fortsetzung ihres Lebens war und
Niemand davon wissen konnte da Niemand mit ihr in Verbindung stand Da kam der
Graf von Buckingham der indessen wie gewöhnlich von einem Orte zum andern
geschwelgt hatte zurück und verkündete zuerst dem Herrn Herzoge den Tod der
Schwester Da der Herr Herzog sie seit ihrer Entfernung von London nicht wieder
gesehen hatte war ihm ihr Tod nun auch höchst gleichgültig und so war es mehr
der Zufall als eine zu lösende Verpflichtung dass der Herzog Seiner Majestät es
anzeigte und nun des Anstandes halber dem Prinzen eine gleiche Meldung machte
Da ich jeden Augenblick etwas der Art erwartete blieb ich stets in der Nähe
Seiner Königlichen Hoheit und so war ich Zeuge dieser traurigen Szene Der
Prinz blieb starr und bleich wie Marmor vor ihm stehen dann fuhr er mit der
Hand nach dem Herzen und stürzte ohnmächtig zu Boden Ich verschloss sogleich die
Türen und wir brachten ihn beide nach langen vergeblichen Bemühungen ins
Leben zurück aber der Wahnsinn in den der gnädige Herr geriet entdeckte
Buckingham das ihm lang entzogene Geheimnis Als der arme Herr anfing sich zu
erholen suchte sein gutes Herz Trost an dem Herzen des Bruders und fiel in die
ausschweifendsten Pläne jetzt noch der Verstorbenen jede Ehre zu erweisen die
er ihrem Leben nicht mehr hatte gewähren können namentlich aber wollte er die
junge Lady für seine Tochter erklärt haben und dem Könige darüber sogleich seine
Bitte vortragen Der Herr Herzog widersprachen ihm nicht denn Sie waren doch
anscheinend sehr überrascht und wohl ganz ungewiss über die von der Sache zu
fassende Ansicht Doch beruhigten Sie Seine Königliche Hoheit durch die
Zusicherung jeder Mitwirkung die in ihren Kräften stände auch unterstützte ein
zweiter Anfall den der Prinz bekam und dem eine gänzliche Abspannung folgte
das Bemühen des Herzogs vor allen Dingen Zeit zu gewinnen Die Ärzte wurden
nun gerufen der König benachrichtigt und obgleich der Herzog Alles tat um
müßige Personen zu entfernen erscholl doch bald das ganze alte Schloss von der
traurigen Nachricht dieses gefährlichen Erkrankens
Und was fragte Mazarin weiter was hörtest Du von der jungen Lady die so
schnell verschwunden und deren Sicherheit durch den Grafen Buckingham so arg
bedroht schien
Davenack sprach Porter hat mir darüber was er von dem Kammerdiener des
Grafen herausholen konnte erzählt
Nachdem nämlich der Herr Graf die Anzeige von dem Tode seiner Schwester
erhalten hatte glaubte er in Abwesenheit des Herrn Herzogs der am selben Tage
London mit Seiner Königlichen Hoheit verlassen hatte dahin abgehn zu müssen
nicht undeutlich die Hoffnung verratend irgend einen Nachlass zu finden der
ihn für diese langweilige Reise entschädigen könne Er hatte dieselbe auch so
lange verzögert dass er die Schwester im Sarge fand Eines Abends als er im
Buckingham Park noch bis zur Nacht schwelgend an der Tafel saß meldete ihm
sein Kammerdiener es hätten sich vermummte Gestalten nach dem Paradezimmer
worin die Leiche der Frau Gräfin stand geschlichen Immer schien er die Ahnung
irgend eines Geheimnisses zu haben Daher gebietet er sogleich mehreren Dienern
ihm zu folgen und findet die junge Lady an dem Sarge ihrer Mutter er entreisst
ihr den Schleier der sie umhüllt und die Ähnlichkeit mit seiner Schwester
die sich nun ihm zeigt verwirrt ihn so dass er einen Geist zu sehen glaubt
Feuergeschrei gibt ihr Gelegenheit mit Gersem zu entfliehn Das Feuer leitete
den Grafen nach einem vorher übersehenen Teile des Hauses er fand eine halb
verbrannte Frau Mistress Hanna war es In den Flammen welche die von ihr im
Schlaf umgestossene Kerze entzündet hatte erwacht und von Außen eingeschlossen
hatte sie ein Fenster aufgerissen wodurch das Feuer nur mehr um sich griff bis
die Tür verbrannt einstürzte und Hilfe von Außen kam Kaum war die Gefahr
vorüber so vermisste der Graf die Flüchtlinge Schloss Garten und endlich die
angrenzenden Gehöfte wurden durchsucht ein Hirtenknabe verriet die Fliehenden
die um schneller zu entkommen Pferde in einer Meierei genommen hatten
Die Schönheit des Fräuleins das Geheimnisvolle ihrer Auffindung und Flucht
Alles bringt den Herrn Grafen in Wut er selbst setzt sich mit mehreren Dienern
zu Pferde und bald hat er sie erreicht Gersem setzt sich zur Wehre ein Hieb
über den Kopf streckt ihn nieder und gibt das sterbende Fräulein in die Gewalt
des Grafen Da ihr Leben entflohn zu sein scheint kehrt er zur Nacht in eine
Hütte ein um Wiederbelebungsversuche zu machen während der schwer verwundete
Gersem nach dem Schloss voran gesendet wird Aus jener Hütte nun ist das
Fräulein aufs Neue durch ein Fenster entflohn und ob nun der Herr Graf durch
das bereits Geschehene etwas die Lust verloren hatte oder die Unglückliche
wirklich bald in Sicherheit kam genug der Herr Graf kehrte nach mehreren
Versuchen sie aufzufinden unverrichteter Sache zum Schloss zurück Er fand
hier viel zu tun das Feuer brannte noch Gersem und Mistress Hanna waren
sterbend Er schickte nach einem Arzt dem er empfahl das Schloss nur nach der
Genesung Beider zu verlassen allen Hausgenossen aber ward über das Geschehene
bei Verlust des Dienstes das strengste Geheimnis anbefohlen Sodann reiste er
ab ich denke ein wenig verlegen wie der Herr Herzog die Sache beurteilen
werden da dieselben oft in Bezug auf die Handlungen Anderer kritischer sind
als nach ihren eignen zu erwarten stände
Der Herr Graf hatte übrigens gewünscht dem Herrn Herzog Nachricht über die
junge Lady zu geben über deren Zusammenhang mit der verstorbenen Dame er nicht
ohne Verdacht geblieben war Bei Gersems angehender Besserung versuchte ein
Abgesandter des Herrn Grafen ihn auszuforschen aber Gersem war ganz
unerbittlich Auf die Frage wer sie sei hat Gersem geantwortet dass er es
nicht wisse auf die Frage wo sie sei hat der Schmerz den er geäußert nur zu
sehr bestätigt dass er sie selbst verloren habe und das Einzige was er nicht
verborgen war sein früherer Entschluss die Lady nach London zu bringen
Dessen ungeachtet ist es gelungen den Aufenthaltsort der jungen Dame
auszuforschen denn der Herr Graf wünschten sie wieder in Verwahr zu nehmen und
ließ daher von Alois und seinen Leuten die Gegend ausspähen da zu erwarten
stand dass diese junge und zarte Dame nicht sehr weit vorgedrungen sein könne
ohne Schutz und Hilfe in der Nachbarschaft zu finden was ihre Entdeckung
erleichtern musste
Dies bestätigte sich auch bald In der Gegend von Cheffield stieß nämlich
Alois in Bettlertracht auf eine glänzende Kavalcade von Herren und Damen in
deren Mitte die junge Lady Maria die Alois sogleich wieder erkannte Es waren
Damen und Herren aus GodwieKastle und der junge Herzog von Nottingham an der
Spitze des Zuges Eingang in das Schloss zu gewinnen war zwar leicht da jedem
Bedürftigen Nahrung gereicht wird aber die junge Dame von dort zu entführen
schien unmöglich da sie im Schoss der Familie von allem was die Etikette und
die Sicherheit erfordert umgeben lebt und der Graf haben nunmehr das Weitere
bis zur Ankunft des Herrn Herzogs aufgeschoben
Mazarin hatte mehrere Male während der Alte ohne einzuhalten seine
Berichte mit der aufs Neue bestätigten Devotion gegen die Befehle des Ordens ihm
vortrug auf einer kleinen Tafel neben sich einige Worte notirt während sein
scharfes Auge dann wieder halb gesenkt keinen Zug keine Bewegung des
verführten Greises verabsäumte Auch gehörte die Mimik des Alten sehr wesentlich
zu seinen Worten Obwol zu dem blassen dürftigen Ausdruck der in seinen Zügen
herrschend war zurückgekehrt und ohne den Blick beim Sprechen aufzuschlagen
hatte er eine Art mit der seitwärts am Leibe niederhängenden Hand hinterwärts
ganz wenig und blitzschnell in die Luft zu haschen und diese Bewegung war von
einem Lächeln um den Mund begleitet so bitter und verächtlich dass es die
innere Verdammung der Sache andeutete wenn auch die Worte seines Mundes nie
über die devote Sprache des demütigen Dieners sich erhoben
Mazarin sah so vor seinen Augen die Personen bezeichnen gegen die der
Privatass des Alten den Eifer unterstützte zu dem er im Bunde des Ordens
verpflichtet war Wenn er auch im Ganzen einen solchen Verrat innerer Meinungen
tadeln musste als eine mangelhafte Ausbildung an einem Schüler der heiligen und
strengen Väter deren erste Regel die vollkommene Beherrschung des Äußern war
so glaubte er sie doch weniger in diesem Falle rügen zu dürfen Die Zeit hatte
hier längst jeden Verdacht entkräftet da der Greis mit dem vollständigsten
Verrate seines Prinzen zugleich eine Sorgfalt und aufopfernde Liebe für
denselben verband von der er zu viele Beweise gegeben um nicht von ihm als ein
völlig geprüfter und bewährter Diener zum Teilnehmer an den wichtigsten
Beziehungen seines Lebens gemacht zu werden
Auch hüteten sich die klugen Väter sehr wohl den Alten auf Proben des
Gehorsams zu setzen die gegen die scheinbare Treue welche sich Porter in der
persönlichen Behütung des Prinzen vorbehalten hatte stritten fürchtend der
Gehorsam desselben könne sich dort zu ihrem Nachteil zeigen da seine oft
erregten Gewissensskrupel schon jetzt der Gesellschaft des Prinzen zuzurechnen
waren dessen reiner gerechter und tugendhafter Sinn auf die sophistischen
Lehren und Grundsätze welche Porter erzogen hatten bedenklich einwirkte Im
Gegenteil wusste man ihm sein schweres Amt stets aus dem Gesichtspunkt einer
aufopfernden Liebe für den Prinzen darzustellen derselbe solle geschützt werden
gegen Feinde des Trones er solle dadurch dem Einfluss der heiligen Väter
erhalten werden die bei ihrer großen Liebe zu dem hoffnungsvollen Prinzen ihn
aus der schrecklichen Gefangenschaft der Ketzerei dereinst zu erlösen hofften
Weiter reichten die wohl erwogenen Fähigkeiten Porters nicht hierzu hatte
er aber die den geringeren Ständen oft in hohem Grade eigene Beobachtungsgabe
und seine Meldungen haben bewiesen dass er weder etwas Wesentliches übersah
noch über die Mittel sich in Kenntnis zu setzen verlegen war Er war so im
Mittelpunkt des Hofes eine unschätzbare Person geworden die man dabei mit
nichts weiter zu nähren hatte als mit den fanatischen Mitteln der heiligen
Kirche und der gleich großen Furcht welche die vornehmen und mächtigen
Ordensbrüder ihm einzuflößen wussten Sein natürlicher Hang zur Intrigue der
von Jugend auf in ihm entwickelt jetzt der einzige Reiz seines öden von allen
wärmeren Beziehungen des Lebens völlig entblößten Daseins ausmachte unterhielt
diese Absichten
Vorerst sprach Mazarin mit der Kälte des Obern welcher den befohlenen
Bericht angehört wirst Du mir jetzt zu hinterbringen wissen was Buckingham
über das heut Erfahrene beschliesst ob er den Aufenthalt der Lady kennt und was
er ihr zugedacht Zweitens setzte er hinzu indem ein etwas röterer Glanz um
seine Züge spielte und einer jener stechenden Blicke hervor brach wodurch er
zuweilen sein Herz erleichterte zweitens will ich jeden Boten jeden Brief den
Buckingham oder Membrocke in dieser Zeit absendet vorher gesehen haben Devenant
wird dies als eine kleine vorläufige Begrüßung ansehen setzte er hinzu einen
schweren grünseidnen Beutel Porter darreichend Solltest Du mein ehrlicher
Freund für den solche Dinge keinen Wert haben solltest Du nicht Auslagen
gemacht haben Der Orden würde es verweigern Deine Rechnungen zu sehen da Du
aber an der Kasse heiliger Zwecke Deinen Anteil hast so nimm dies vorläufig
Du darfst solche elende Mittel nicht schonen Porter nahm mit völlig
gleichgültiger Miene eine ähnliche Summe indem er mit Stolz hinzusetzte
Bemerkt wohl nicht in meinem Interesse empfange ich dieses elende Mittel wie
Ihr mit Recht sagt
Ohne zu antworten wandte ihm Mazarin den Rücken Er hatte Erfahrungen genug
gemacht über die Wirksamkeit dieser Mittel und hatte nie ermangelt die
Empfänglichkeit dafür in seinen Werkzeugen zu unterhalten wenn es auch bei
Porter nur zu den Nebenwirkungen diente die nicht ausbleiben durften Dieser
hatte die Befehle für seine nächsten Dienste mit aller Unterwürfigkeit empfangen
und sich dann auf demselben geheimen Wege entfernt der ihn sicher hierher
geführt während Mazarin sich den Händen Benvilles übergab um nach einem höchst
bewegten Tage sein Lager und den Schlaf zu suchen wenn er dem willig erscheinen
möchte vor dessen Seele das Leben gerade nur so viel Wert und Bedeutung hat
als er durch eignen Willen hinein legt Diese Ansicht macht allerdings die Sorge
für den kommenden Tag zu einer Aufgabe unserer Willkür jenen Frieden jene Ruhe
fern haltend welche willig nur den erreichen dem die Überzeugung von der
eignen Kraftbegrenzung zum freudigen Vertrauen wird auf eine höhere überall
ausreichende Kraft
Es würde schwer sein in das Chaos der Gedanken welche in Buckingham wogten
einzudringen er fühlte jedoch die Notwendigkeit eines zu fassenden
Entschlusses weil das wiederkehrende Bewusstsein des Prinzen sogleich
entscheidende Anforderungen hervorrufen konnte denen irgend eine Richtung zu
geben er alsdann gerüstet sein musste
Die Überzeugung erbitterte ihn dass ihm ein so wichtiges Geheimnis entzogen
ward dass seine heimlichen Spione eine so große Begebenheit in seinem nächsten
Interesse übersehen konnten dass der Prinz den er so lange als einen unmündigen
Knaben aus Gnade geduldet und geschont hatte ebenso seine Schwester die als
unbrauchbar von ihm verachtet und vergessen war dass Beide ihn so zu täuschen
vermocht ihm das entzogen hatten was seinem Ehrgeiz aufs Höchste geschmeichelt
und ihn zum Meister alles Glanzes erhoben haben würde Dies Mittel Bristol
mitten in seinen Operationen tötlich zu treffen und die Familie dessen auf die
höchste Stufe zu heben welchen dieser unerschütterliche Mann stets mit der
verdienten Nichtachtung behandelt hatte dies Ereignis endlich welches er
selbst herbeizurufen bemüht gewesen war ehe die Erhebung des Prinzen zum
Tronerben ihn an der Möglichkeit hatte verzweifeln lassen welches nun ohne
seinen Willen seinen Schutz dennoch geschehen dies alles und die hieraus
hervorgehende beschämende Überzeugung dass seine Macht nicht überall ausreiche
brachte in ihm einen Groll eine Wut hervor die jeder andern Rücksicht
vorherrschen wollte Dass dies Gefühl gemässigter in ihm geworden wäre hätte
seine Schwester noch gelebt und wäre das noch zu erringen gewesen was ihm so
große Befriedigung verhieß scheint uns allerdings wahrscheinlich Ihr Tod aber
machte den Prinzen wieder zu einem freien Eigentum des Staates und er sah
voraus dass diese versäumten Vorteile wenn sie bekannt würden ihn in den
Augen seiner Feinde mehr lächerlich als beneidenswert machen würden Er musste
sich mit Zähneknirschen gestehen dass er dem Prinzen bei der Reise nach Spanien
als Werkzeug von Plänen gedient die ihm so nahe lagen und worüber ihm dennoch
das Vertrauen entzogen ward während er wähnte den Prinzen zu dieser Reise in
dem Interesse seiner Pläne gegen Bristol benutzt zu haben Für so viele
Demütigungen und so vielen möglich gewesenen Vorteil schien ihm eine
königliche Nichte ein trauriger Ersatz Sie war ihm in seinen bis jetzt
verfolgten Plänen sogar lästig und hinderlich und alle Kränkungen welche sein
stolzes Herz durch die Urheber ihres Daseins empfangen zu haben glaubte
vereinigten sich in Widerwillen gegen dies unschuldige Wesen das zu opfern ihm
nur eine sehr geringe Befriedigung der Rache für so viele ihm zugefügte Unbilden
schien
Zwar musste er sich sagen dass die Erklärung ihres rechtmäßigen Daseins vor
der Welt in Spanien nur vollenden musste was er begonnen aber diese Sache war
für ihn abgemacht denn Spanien hatte bereits Noten überreicht die nicht nur
jede Täuschung über etwaige freundschaftliche Verbindungen oder nähere
Verhältnisse aufhoben sondern sogar auf offene Feindschaft deuteten ja er
wollte diesen Bruch den er über Bristol triumphierend sich allein
zuzuschreiben trachtete nicht scheinbar der Bekanntwerdung einer allerdings
unter allen Umständen beleidigenden und trennenden Veranlassung beigemessen
wissen
Man sollte sagen Buckingham habe diese Verbindung nicht gewollt also hat
er sie getrennt Ebenso wenig passte die Lautwerdung dieser geheimen Verbindung
zu den neueren Absichten Buckinghams die er angeknüpft um das große Werk einer
Vermählung des Prinzen nicht allein dem Grafen Bristol zu entreißen sondern
sich selbst anzueignen
Er hatte die unbesonnene Reise des Prinzen nach Spanien durch Frankreich
geleitet und indem er den Hof Ludwigs des Dreizehnten durch die natürlichen
Vorzüge des Prinzen gewinnen ließ und der Prinz die aufblühende Schönheit der
Prinzessin Henriette der reizenden Tochter Heinrichs des Vierten kennen
lernte wusste er Richelieu für eine Verbindung Beider zu stimmen ihm den
Prinzen schon jetzt liebend zu schildern und was seinen Besuch in Spanien
betraf der wahren Absicht die Lüge unterzuschieben dass es dabei auf
Henriettens Besitz abgesehen gewesen sei
Richelieu hatte für den Augenblick kein Bedenken zu tun als ob er
Buckingham Alles glaube Diese Verbindung war ihm gelegen Was ihr entgegen
stand kannte Richelieu besser als Buckingham Er war jedoch weit entfernt
diese Schwierigkeit hervor zu heben die er im Gegenteil sehr bemüht gewesen
war Buckingham verbergen zu helfen zumal da deren Kenntnis damals wo die
Schwester des Herzogs noch am Leben war nur zu gewiss in den Plänen desselben
eine Diversion gemacht hätte Richelieu war daher entschlossen erst dann den
Herzog die Entdeckung machen zu lassen wenn er weit genug die Sache betrieben
haben würde um dann aus Stolz sie fortsetzen und notgedrungen selbst die
Hindernisse entfernen zu müssen Wenn jedoch der Herzog von Buckingham seinen
Stolz darein setzte als eine mächtige diplomatische Person dazustehn war sein
Charakter doch zu sehr die Beute aller Leidenschaften um eine solche Stellung
mit Konsequenz und Überlegenheit durchführen zu können und der Leichtsinn und
der Übermut seines ganzen Wesens verstrickte ihn oft zur selben Zeit wo er
das ernsteste Ziel verfolgen wollte in tausend Nebendinge die es dem Zufall
anheim gaben was aus der Hauptsache werden sollte
Dass dessen ungeachtet ihm so viel gelungen stand er nicht an seinen
Talenten beizumessen wie sehr es auch nur seinen geschickteren Emissären oder
der Furcht vor seiner zügellosen Rachsucht zuzuschreiben war
Auf gleiche Weise wusste er dieser mit Frankreich angeknüpften Verbindung
auch dies Mal eine Beimischung einer Torheit zu geben die allein hinreichend
war über seine Person die tödtlichsten Gefahren zu bringen und ihn völlig
untauglich machen musste die Rolle des Unterhändlers wonach sein ganzer Ehrgeiz
trachtete weiter durchzuführen
Anna von Österreich die Gemahlin Ludwig des Dreizehnten lebte an dem Hofe
ihres Gemahls wie eine Verstossene Dreizehn Jahre lang war eine der schönsten
und geistvollsten Frauen die jemals einen Thron geziert der Gegenstand eines
unüberwindlichen Widerwillens ihres Gemahls gewesen Jung und von stolzer
Gemütsart ertrug sie ihr hartes Loos nur mit tiefstem Verdruss und wusste ihren
Wandel nicht vor dem Vorwurf zu bewahren dass sie ihr Loos verdient habe Wie
konnte Buckingham einer Frau deren sonderbare Verhältnisse kein Geheimnis
waren und deren bezaubernde Schönheit ihn augenblicklich zum Toren machte
gegenüber stehen ohne sich jeden Versuch zu erlauben den die freche
Zügellosigkeit eines verwöhnten Wüstlings ersinnen mag das Herz und Gewissen
eines leidenschaftlichen Weibes zu betören
Dass Richelieu auch dies kannte war gewiss da er jede Verbindung der
unglücklichen Königin wusste ja leitete aber er hatte durch die Launen des
Herzogs begünstigt hier einen Wächter gefunden wie ihn Buckingham sich nicht
träumen ließ und der ihn deshalb um so sicherer durchschaute und umstrickte
Mazarin dessen unschönes Äußere jeden Verdacht der Art von ihm zu
entfernen schien hatte durch den langsamen Zauber der Gewöhnung durch einen
vielseitig gebildeten Geist durch ein sanftes von kleinen Launen und
Eigenheiten pikant gemachtes Wesen und vor Allem durch den dargelegten Ausdruck
einer anbetenden unglücklichen Leidenschaft für die Königin endlich das eitle
und stolze Herz dieser leidenschaftlichen Frau erweicht So stark gefesselt und
stets noch mehr sie unterjochend durch seine scharfen und launenhaften
Sonderbarkeiten die zu ertragen er sie gewöhnte blieb er wenn auch in
Wahrheit mit italienischer Wärme sich hingezogen fühlend doch stets Beherrscher
dieser Empfindung um sie den Umständen und äußern Verhältnissen unterzuordnen
So war ihm der mächtige Einfluss gesichert der ihm aus dieser Empfindung für die
Zukunft erwuchs Aber er besaß bei aller Ruhe womit er unter den Augen und mit
der Beistimmung Richelieus diese Verbindung zu seinen Absichten zu lenken wusste
doch einen Grad von Eitelkeit der sich bei unschönen Männern um so heftiger
zeigt als sie gezwungen sind dieselbe eben um der ihnen verweigerten äußern
Vorzüge willen zu verbergen Er fühlte sich innerlich unsäglich geschmeichelt
dieser schönen geistreichen und hochfahrenden Königin eine Leidenschaft
eingeflößt zu haben durch die ihr ganzer Charakter aus den Fugen trat und zum
willenlosen Spiel seines Willens ward Die Gefahr eines Verlustes der so
errungenen Gewalt für unmöglich zu halten war vielleicht die größte Täuschung
dieses klaren Geistes und es konnte nur der feinen Phantasmagorie seiner
erwähnten Eitelkeit gelingen ihn darüber sicher zu stellen
Wie musste er daher Buckingham ansehen der ohne in ihm seinen Gegner zu
ahnen ihn fast überrennend mit der rücksichtslosesten Zuversichtlichkeit und
dem ganzen Ungestüm des schönen Mannes dem Ziele zustürmte welches er für einen
Andern fast nicht erreichbar wähnte Noch war Buckinghams Besuch zu kurz
gewesen noch trieb die zärtliche Frau Mazarins Eifersucht in ihrer tötlichen
Stärke ahnend nur Spott mit seiner tollen Leidenschaft aber schon gefiel sich
ihre Eitelkeit in der Bewunderung des wegen seiner Schönheit und Galanterie
berühmten Mannes Mazarin sah sie mit ihm die kleinen Künste treiben die ihn
freilich nur verführen sollten um ihn zu verspotten aber geweckt aus seiner
wohlgefälligen Sicherheit ließ er sich nicht mehr täuschen und fand sich zum
ersten Male durch das mächtigste Gefühl in seinen politischen Ansichten und
Beschlüssen gestört Richelieu durchschaute ihn sogleich und erteilte ihm in
der Stille nur noch eine bedingte Wirksamkeit in den Angelegenheiten welche die
Höfe von Frankreich und England nach Buckinghams Absichten näher verbinden
sollten
Doch war es Buckingham bei seiner Rückkehr vorbehalten den Gegner zu
erkennen und zugleich die ans Fabelhafte grenzende Leidenschaft der Königin für
diesen fast hässlichen ernsten und abgemessenen Sonderling Seine Wut darüber
kam nur dem Verlangen gleich diesen ihm so unwürdig scheinenden Günstling zu
stürzen und die Eitelkeit der Königin unterstützte nur zu sehr die
Unternehmungen des wilden Mannes
Der Herzog verließ Frankreich mit dem Versprechen als öffentlicher
Gesandter und Bewerber um die königliche Prinzessin wieder zu kehren und ein
Verhältnis alsdann fortzuführen welches der Leichtsinn der Königin schon jetzt
begünstigte So übermütig er aber seine Absichten betrieb fühlte er dennoch
dass seine Lage nicht ohne Schwierigkeiten sein würde Richelieu war stets sein
heimlicher Feind gewesen stellte sich ihm jetzt aber als von gleichem Interesse
und den schmeichelhaftesten Gesinnungen belebt gegenüber Wie wenig er indes
demselben trauen durfte zeigten die von der Königin empfangenen Warnungen die
ihn zwangen vorerst schneller abzureisen um unter einem offiziellen und seine
Sicherheit sanctionirenden Charakter wiederzukehren Auch war dieser ganze
Vermählungsplan vorerst Eigentum seines Kopfes womit er jedoch leicht fertig
zu werden meinte da er damit am sichersten König Jakobs Schmerz über die
Zerstörung seiner Pläne in Spanien zu beruhigen dachte Auch durfte er bei der
Schönheit der Prinzessin Henriette die Einwilligung des Prinzen um so eher zu
erhalten hoffen als dieser von der freisinnigen Bildung dieser Fürstin keinen
nachteiligen Einfluss derselben als Katolikin zu fürchten hatte
Schon hatte Jakob unfähig dem halb zürnenden halb schmeichelnden
Buckingham zu widerstehen zu Allem seine Einwilligung gegeben während die
Bewunderung des Prinzen für die bezaubernde Henriette von Frankreich ihm zur
Zeit die seinige gleichfalls zu sichern schien genug der ersehnte Augenblick
war nah der ihn in dem vollen Glanze eines Bewerbers für seinen Prinzen an den
Hof zurückrief wo er hoffen durfte unter dieser äußern Bestimmung die geheimen
Wünsche und Absichten seines sittenlosen Herzens zu verfolgen Wie musste er
daher die Hindernisse aufnehmen die sich ihm durch die Mitteilungen des
Prinzen einzuleiten schienen und wie die Ankunft des verhassten Mazarin der
sich nie ohne wichtige Absichten einzuführen pflegte und den er in so vielen
Beziehungen zu fürchten hatte Aber Hindernisse sind für intriguante Menschen
nur ein erhöhtes Lebensprinzip durch sie wird dem Verlangen ihre Absichten zu
erreichen noch die besondere Freude ihre Gegner zu demütigen beigesellt
Wir verlassen einstweilen diesen Schauplatz der Leidenschaften uns mit den
Andeutungen begnügend deren weitere Entwickelung dem Verfolg unserer
Mitteilungen vorbehalten bleibt
In BurtonHall hatte sich außer dem Familienkreise des Grafen von Dorset eine
zahlreiche Gesellschaft von jüngeren und älteren Personen aus der Nachbarschaft
gesammelt welche das gastfreie Schloss der allgemein verehrten alten Herzogin in
seiner weiten Ausdehnung anfüllte und das heitere Leben eines fortlaufenden
Festes darin verbreitete
Die schönen Tage des Herbstes und die großen wildreichen Forsten die
BurtonHall umzogen waren eine reiche Quelle von Vergnügungen für die Herren
der Gesellschaft und selbst die Damen verschmähten in der damaligen Zeit
keinesweges diesen Freuden mit einiger Begrenzung ihrer persönlichen Tätigkeit
beizuwohnen Ein Jagdzug gewann allerdings dadurch an mannigfachem Interesse da
in Gegenwart schöner Augen es oft noch ein lockenderes Ziel galt als mit dem
ersten sichern Schusse den zierlich dahin fliegenden Hirsch oder den wütend
hervorbrechenden Keiler zu erlegen und wenn auch dies Gelingen nicht fehlen
durfte suchte man doch mit gehöriger Kraft und Anmut Pferd und Waffe dabei zu
regieren ein andres Ziel noch außer diesem im Sinne tragend Denn wo die
Schönheit der Frauen in der Brust des Mannes ein erhöhtes Leben verbreitet da
freut er sich ein stolzes wildes Pferd zu besteigen das von seiner Kraft und
seinem Mute sich bändigen lassen muss und sein Herz jauchzt der kleinen Gefahr
wenn er im schlauen Aufblick das holde Antlitz der ängstlich Lauschenden sich
entfärben sieht oder den zarten Lippen der Laut des Schreckens entschwebt
Doch war so leichter Ruhm in jener Zeit in welcher wir mit unserer
Gesellschaft uns befinden nicht wohl zu gewinnen denn mutig gewandt und mit
mancher Gefahr des fröhlichen Waidwerks vertraut waren auch die englischen
Damen damals gewohnt zu Rosse sich lustig zu tummeln und es galt die volle
Anstrengung der zärtlichen Kavaliere durch ihre Taten Beifall oder Anteil zu
erregen
Diese Freuden welche BurtonHall so schön begünstigte wurden durch den
reich begabten See der gegen Süden zunächst dem kleinen Flecken Burton den
Park begrenzte anmutig vervielfacht und nach dem Umherschwärmen im Freien
luden die Hallen und Gemächer des Fürstlichen Hauses zu anmutigen Spielen und
Tänzen für die Jugend während die älteren Männer und Frauen in den angrenzenden
Gemächern um die alte Herzogin in traulich ernstem Gespräch versammelt blieben
Noch immer beobachtete die jüngere Herzogin von Nottingham in diesem Kreise
die ernste verschlossene Haltung der trauernden Witwe Sie suchte zwar vermöge
der feinen Weise ihrer Erziehung die Heiterkeit um sie her nicht zu stören und
wusste stets mit vollkommener Hochachtung gegen den Willen der heiteren
verklärten Aeltermutter ihr eigenes Gefühl einer anständigen Willfährigkeit
unterzuordnen Aber sie konnte nicht wohl irgendwo erscheinen ohne den Einfluss
ihres Karakters selbst gegen ihren Willen um sich zu verbreiten und Jeder
glaubte eine Anforderung zur Beherrschung seiner eigentlichen Stimmung in ihren
kalten strengen Augen zu lesen
Wenn die Jugend sich hiervon ausgenommen zeigte so war es die
Unbefangenheit und die geringere Wahrnehmung fremder Individualitäten die
diesem glücklichen Alter noch eigen ist auch wohl die natürliche Entfernung in
der Alter und Rang die Herzogin hielt und welche zu verringern sie weder die
Neigung noch das Geschick ihrer liebenswürdigen Schwiegermutter besaß Zwar
vermisste sie die Abwesenheit ihrer beiden Söhne in diesem Zirkel der sonst alle
die einander befreundeten jungen Leute umschloss mit mehr Schmerz als sie sich
eingestehen wollte Die Erweichung indes welche der große Gram um den Tod ihres
Gemahls und die folgenden uns bereits bekannten Umstände in ihr hervorzurufen
vermochten war diesem Gemüte ein zu fremder Zustand als dass mit der
anscheinenden Entfernung dieser letzten ihr bereits so nah gerückten Sorgen
nicht die stolze Sicherheit wiedergekehrt wäre In der langen Verwöhnung des
Glücks war sie ihr zu sehr eigen geworden ja es mochte Augenblicke geben in
denen sie das rücksichtslose Vertrauen gegen ihre Schwiegermutter bereute und
voll Erstaunen des Zustandes gedachte der sie an ihrer eigenen Kraft hatte
verzagen lassen Sie suchte sich mit ihrem Stolze mit dem unläugbar
untergrabenen Zustand ihrer Gesundheit zu entschuldigen und in einem völlig
entschlossenen und kühlen Benehmen sich selbst der ferneren Teilnahme ihrer
Schwiegermutter zu entziehn Wie schonend und wahrhaft gütig diese edle Frau
auch dies Vertrauen aufgenommen hatte so nahm doch keine Gewalt der Herzogin
das verletzende Gefühl vor ihr als eine ungeliebt gewesene Gattin dazustehn
die nur den zweiten Platz in dem Herzen des langbesessenen Gatten zu erringen
gewusst Auch lastete die Gegenwart des Wesens dem sie eine so wichtige
Beziehung geben zu müssen glaubte auf ihr und hinderte nicht allein für den
Augenblick das Vergessen dieser schmerzlichen Stunden sondern hielt stets eine
nagende Furcht vor der Zukunft in ihrem Busen fest
Gewiss war die strenge Rechtlichkeit welche diesen Charakter auszeichnete
nötig das bittere Gefühl welches sich gegen die junge Lady in ihr regte so
weit zu beherrschen dass sie das hülflose Wesen nicht zu entfernen suchte und
ihr eine Existenz geben ließ den Ansprüchen gemässer die alle äußern Umstände
ihr anzuweisen schienen
Der Bischof von Edinburg hatte schon längst die Abwesenheit des Master
Brixton angezeigt welcher sich mit besonderen Aufträgen der schottischen Kirche
seit längerer Zeit in London befand dieser Antwort jedoch die bestimmte
Erklärung hinzugefügt dass der Graf und die Gräfin von Melville kinderlos
verstorben und ihre weitläuftigen Besitzungen in Schottland an eine entfernte
Linie gefallen seien die Verfügung über ihre kleinere Besitzung an der Grenze
von Schottland befinde sich indes zu einer noch unbekannten Bestimmung unter
Administration des Staates welches alles nächst den veranlassten kirchlichen
Nachweisungen überall das Dasein eines natürlichen Erben zu verneinen schien
So waren Marias Ansprüche diesen Erklärungen zufolge vorläufig in ein
trostloses Nichts zerfallen und der Herzogin ein vollständiges Recht gegeben
eine junge Person über deren ganzer Existenz so viel Dunkel ruhte mindestens
aus dem Kreise ihrer Familie zu entfernen Das Gegenteil musste als eine fast zu
weit getriebene Großmut erscheinen auch fürchtete die Herzogin diese
Handlungsweise möchte sich tadeln lassen und der streng behaupteten
aristokratischen Würde ihres Hauses nicht angemessen erscheinen Aber wenn sie
auch so von äußeren Umständen unterstützt unter dem Gedanken aufatmete sie
könne wohl diese so schmerzlich störende Person in eine anständige
Zurückgezogenheit von sich und ihrer Familie verbannen dann traten wieder die
geheimen aber von ihr selbst zugestandenen Rechte dieser Unglücklichen vor ihre
Seele und das Bild dessen dem sie im Leben aus unbegrenzter Liebe so viel
vergeben schwebte ihrem Geiste vor und unterstützte den rechtlichen Mut der
in ihr so oft die Regungen der Leidenschaft besiegte
Nach solchen Siegen konnte sie sogar ihren Anblick ohne Bitterkeit und mit
jenen ernsten Regungen von Gefühl ertragen die jene ihr abzugewinnen gewusst
hatte ja es lag ihr vielleicht unbewusst in dieser milderen Fassung noch
jetzt ein mit dem Toten fortgesetzter Kampf um das Verdienst seiner alleinigen
Liebe Sie hatte vorläufig ihrem Schützlinge ohne weitere Beschränkung den Platz
gelassen auf den ein von der Natur verliehenes Recht sie anzuweisen schien und
wie auch die stärksten Geister in ihrer eigenmächtigen Schicksalsführung an
Grenzen geraten die sie eine außer sich wirkende Macht anerkennen lassen so
fühlte die Herzogin auch hier sich an einer Grenze jenseits welcher ihr Geist
keine Haltungskraft mehr fand Sich so häufig von diesem Gegenstande ermüdet
fühlend kam sie endlich zu der bis dahin ziemlich fremden Hoffnung dem Zufall
seinen Anteil an dieser Begebenheit zu gönnen während sie sonst stets sich
geschickt geglaubt hatte seine Darbietungen zu leiten und zu benutzen
Es war ihrem geliebten Richmond gelungen den jungen Herzog von der
Unzulässigkeit seiner Verbindung mit dem unbekannten Wesen zu überzeugen welche
wohl seine menschliche Güte in Anspruch nehmen ihn aber nie von einer so weit
gediehenen und mit seiner Ehre verflochtenen Verbindlichkeit abziehen dürfte
wie seine bereits anerkannte Verbindung mit Anna Dorset war Glücklich hatte
auch die wohl überlegte schnelle und heimliche Abreise der alten Lady
mitgewirkt welche den Gegenstand dieser unglücklichen Leidenschaft mit sich
führte ohne dass dem Herzoge Zeit zum Abschiede geblieben wäre denn Richmond
selbst hatte ihren Anblick vermeidend sich zum beständigen Begleiter seines
trostlosen Bruders gemacht und ihn so am besten von jeder neuen Erschütterung
abzuhalten gewusst
Was auch der Himmel an mannigfachen Leiden in den Tagen der Jugend an
unserem Leben versuchen mag die eigentliche Weihe zum Schmerz empfängt das arme
Herz erst in dem Kummer hoffnungsloser Liebe Der bunte Teppich des Lebens
entfärbt sich die Schwermut ruht wie ein großer mächtiger Vogel mit
ausgebreiteten Flügeln auf unserer Stirn Unter seinem Drucke scheint unser
Geist zu schwinden und die Klarheit des Himmels verhüllt sich in seinem weichen
Flügelschlag Je wunderbarer die Erhöhung des ganzen Daseins durch eine
wahrhafte Liebe wird und die Kraft und den Mut der Jugend zu den idealsten
Bestrebungen reift desto tiefer greift alsdann das Absterben dieses Antriebes
in das innerste Leben ein Wir begreifen nicht wie wir weiter leben können und
was überhaupt noch in der Welt für uns zu tun sein könnte und es ist ein
dürrer öder Pfad der von da an uns zu wandeln angewiesen wird und der nur
langsam endlich in die breiten heiteren Wege des Lebens wieder einlenkt
In dieser Stimmung folgte der junge Herzog seinem Bruder und dem Grafen
Archimbald nach London wohin diese sich eilig zu begeben hatten da die Lage
des Grafen von Bristol in Spanien die Tätigkeit seiner Verwandten in England
allerdings nötig zu machen schien
Es war kein Geheimnis mehr dass Buckinghams Wille die wohl eingeleitete
Verbindung des Prinzen von Wales mit der Infantin getrennt hatte Keinen Zweifel
hatten die Freunde des Grafen Bristol dass dies hauptsächlich zu seiner Kränkung
geschah und eben so wenig zweifelten sie an den weiteren Schritten des durch
Bristols Tugenden beleidigten Buckingham
Noch war Spanien nicht gesonnen um der PrivatSache dieser englischen Lords
willen die Beleidigung weniger zu empfinden die nach dem auffallenden Schritt
des Prinzen von Wales eine allzu große Kränkung für die Infantin war um nicht
eine ernste und drohende Stellung dort zu rechtfertigen Schon waren
gegenseitige Demonstrationen erfolgt die Bristols Weisheit nicht mehr hoffen
durfte gegen den persönlich beleidigten Herzog von Olivarez zu friedlicher
Ausgleichung zu bringen Doch mit Schmerz musste er gewahren dass ihm dies
unverschuldete Unvermögen durch Buckinghams Einfluss zum Verbrechen gemacht
wurde und er den Ausbruch eines Krieges dessen Wahrscheinlichkeit vor Augen
lag mit seiner Zurückberufung und Anklage würde bezahlen müssen von deren
Ausgang er unter den obwaltenden Umständen wenig zu hoffen hatte
Die bedrohte Lage des hochverehrten Vaters blieb der Herzogin von Nottingham
bis dahin noch ein Geheimnis und die politischen Beziehungen die durch die
Auflösung der Verbindung beider Höfe ganz England beschäftigten motivirten auch
die Gegenwart ihrer Verwandten in London hinreichend und waren ihr in einem
Augenblick willkommen wo es ihr um die Entfernung und Zerstreuung des jungen
Herzogs zu tun war die nicht füglicher als im Interesse für den geliebten
Prinzen von Wales zu erreichen standen Sie war daher überrascht in einem
späteren Briefe die baldige Ankunft Richmonds angezeigt zu finden da sie ihn
fast lieber in der Nähe seines Bruders gewusst hätte obwohl ihr der
Gemütszustand des letzten als gemässigt und ergeben geschildert ward
Der Schlag war indessen geschehen Bristol war zurück gerufen und Richmond
war nur von seinen Anverwandten bestimmt im Fall die Nachricht sich
verbreitete die unglückliche Tochter auf das vorzubereiten was alsdann nicht
ganz mehr zu verhehlen war
Es war um eine spätere Stunde des Nachmittags als Lord Richmond mit seinem
Gefolge sich dem Schloss der geliebten Großmutter nahte
Das blühende Küstenland das er den letzten Tag durchzogen die Schönheit
der Gegend in der er sich eben befand und woran sich so teure Erinnerungen
seiner Jugend knüpften endlich der Anblick des Schlosses selbst das von den
höchsten Zinnen seines altväterlichen Baues bis in die kleinsten Winkel seiner
innern Räume die heiteren Bilder einer glücklichen Kindheit ihm darbot Alles
wirkte vereint sein Herz zu erheitern und es mit der ungeduldigen Sehnsucht zu
erfüllen womit wir einem gewissen Glück entgegen eilen In fröhlicher Hast
versuchte er die Schnelligkeit seines Rosses welches gleich seinem Herrn die
behagliche Stelle ahnend ihn im flüchtigen Lauf vor die Tore des Schlosses
trug
Ein eisgrauer Pförtner ruhte an dem geöffneten Eingange und ließ sich von
den rötlichen Strahlen der herbstlichen Sonne bescheinen Ein Bild des tiefen
Friedens der hier zu walten schien statt der Tore und Fallgatter und
geschickten Bogenschützen die früher in dem Haushalte eines mächtigen Herrn
nicht fehlen durften um den Eingang zu behüten Doch alsbald weckte den
friedlich Träumenden der Hufschlag der Rosse und lustig schwenkte er sein
Mützchen als er in dem Nahenden den Enkel seiner geliebten Herrin erkannte der
stets jedem Diener ein willkommener Gast war von welchem jeder seinen Anteil
freundlicher Worte und Blicke gewiss hatte Geschäftig eilte er alsdann ihm in
den innern Hof voran seine Ankunft laut verkündend
Hier war das bunte heitere Leben der Geselligkeit auch unter den Dienern
der Gäste welche das Schloss erfüllten verbreitet und die noch teilweis
gedeckten Tische die vollen Kannen und Becher und die heitere Stimmung Aller
bekundete hinreichend die freigebige Haushaltung der alten Dame Die neuen Gäste
erhöhten nur die allgemeine Freude und Richmond drängte sich langsam und
freundlich die herzlichen Begrüßungen erwiedernd bis zu der großen Halle hin
in der er voll Ehrfurcht von dem ehrenwerten Master Lovelace bewillkommt ward
der in das Innere des Schlosses ihn führend für die Meldung seiner Ankunft
sich kurzen Verzug erbat weil die beiden Herzoginnen sich für einige Stunden
zurückgezogen hatten einer kleinen Ermüdung nachgebend
Richmond ließ sich von dem verlegenen Diener der fast in Versuchung
geraten wäre das Gebot bei einer solchen Veranlassung zu umgehen seine Zimmer
anweisen und ermahnte ihn die bestimmte Zeit der Ruhe für beide Damen nicht zu
unterbrechen
Bald hatte er dann seine Reisekleider abgeworfen und eilte nun mit
steigendem Vergnügen in einem Gange durch die wohlbekannten Räume des alten
Wohnsitzes ganz in der Stille das Fest der Erinnerung zu feiern Die Stunde des
Tages war ihm günstig die Gesellschaft zu Pferde und Wagen hinausgeeilt um das
schöne Wetter zu genießen und Lord Richmond konnte sicher sein den Teil des
Schlosses wohin sein Herz mit kindlicher Lust sich sehnte zu erreichen ohne
vor dem Besuch bei den Herzoginnen mit den andern Bewohnern zusammen zu treffen
Die Zimmer die er zu besuchen wünschte stießen zunächst an die Wohnung der
alten Herzogin und man gelangte zu ihnen durch eine Gallerie die eine zahllose
Reihe alter Ahnenbilder aus dem Hause Nottingham und den nach und nach damit
verbundenen Häusern welche die Frauen zu diesem berühmten Geschlecht geliefert
hatten enthielt In dem Alter ihres Daseins stellten sie außer dem Stammbaum
ihres stolzen Hauses auch noch die stufenweise Entwickelung der Kunst dar wo
hier von den naivesten Versuchen einer dürren Angabe von Kopf und Händen bis zu
den entzückenden Schöpfungen eines Holbein und van Dyk die Übergänge zu finden
waren Zu diesen Studien hatte Richmond offenbar keine Andacht mitgebracht denn
er schlich eilig an ihnen hin als fürchte er ihre Ansprüche an seine
Teilnahme und schnell sehen wir ihn in einer Haupttür verschwinden die nach
der Frontseite des Schlosses führte
Er stand jetzt einsam und seinen Gefühlen überlassen in dem großen Gemach
mit purpurroten Sammettapeten das in seiner stillen Pracht und hergebrachten
Ordnung sich behauptete trotz der Jahre die über ihm hingegangen Die Fenster
waren große Türen durch deren helle Scheiben ein klares Licht einfiel und die
zugleich einen Ausblick gewährten auf einen breiten an mehreren Zimmern
hinlaufenden Altan Ein steinernes Geländer umzog diesen luftigen Raum und
zeigte in regelmässiger Entfernung schlanke Strebepfeiler welche einen leichten
Überbau mit reicher Stuckatur versehen trugen der den Altan deckte und ihn
zu einem offenen und doch gegen die Unbilden des Klimas in etwas gesicherten
Saal machte dessen angenehm geschützte Lage ihn zum Lieblingsaufentalte für
die Morgen und Abendstunden der alten Herzogin bestimmt hatte
Die tiefe Stille die hier herrschte und nur durch den Gesang der Vögel
unterbrochen ward welche in den dichten Laubgebüschen unter dem Altan nisteten
machte ihn zu einem Asyl der Heimlichkeit und Ruhe Doch beherrschte der Blick
weit über diese Waldeinsamkeit hinaus das Land in großartigen Massen mit dem
glänzenden Bande des breiten Stromes und den schönen Berglinien des ferneren
Hochlandes ein weites und geräuschvolles Bild des Lebens entfaltend dessen
Einwirkung an der grünen Oase dieses friedlichen Ruhepunktes zu enden schien
Hierhin sehnte sich Richmond hier wollte er wieder der süßen Zwiesprache
lauschen die er als Knabe mit seiner Sehnsucht und seinen Träumen gehalten
Diese Räume schienen für ihn geweiht durch das Andenken an entscheidende innere
Entwickelungsmomente Hier hatte er Stundenlang in ungestörter Einsamkeit
geweilt um unermüdet in die Ferne zu blicken und ihrem unb estimmten
Nebelgrunde die warmen farbenreichen Bilder seiner Phantasie einzuprägen Hier
war der Augenblick ihm eingetreten der uns zum Selbstbewusstsein weckt und uns
dem Leben als abgesondert gegenüber stellt Wer kennt die Stelle wo dies Wunder
ihm offenbart ward und betrachtet sie nicht als Heiligtum geweiht für alle
Zeiten
Zum Manne gereift durch früh erlangte innere Mündigkeit den Jahren weit
vorangeeilt sah er sich nach langer Trennung auf der heiligen Stelle als ob
seit diesen Jahren kaum eine Nacht verflossen so hatte hier die Zeit am
wohlgegründeten Besitz ihr Recht verloren Vor allem aber blickte er fast
zärtlich auf den hohen breiten Lehnstuhl der teuren Großmutter der mit seiner
hohen Lehne weit über den Sitzenden ragte und ihn vor jedem Luftzug schützte
Auf dem Boden und auf dem Rande des steinernen Geländers lag zerstreutes
Vogelfutter die kleinen Gäste aus dem Park zu locken die ihre Wohltäterin
schon kennend in ganzen Schaaren zu ihren Füßen den Bedarf sich sammelten
Daneben stand das kleine altertümliche Tischchen mit dem Ebenholzkästchen
worein sie Seide zupfte Alles deutete auf kürzlichen Gebrauch und dass dies
Plätzchen noch immer in seinem vollen Rechte bei der Besitzerin stand
Eine bunte Gedankenreihe war es die auf dieser Stelle an dem jungen Manne
in sehr abwechselnden Erscheinungen vorüber zog Der weiche Ausdruck kindlicher
Hingebung in seinem schönen Antlitz ging langsam in jene feste ernste Miene
über womit wir im glücklichsten Falle dem Leben die Kenntnis seiner Ergebnisse
bezahlen und als er den langen Blick aus der Ferne zurückzog brachen sich die
festen Lippen in einem Hauche einem Seufzer ähnlich und sein Auge blickte
feucht
Von Stimmen aufgeschreckt die aus dem eben verlassenen Zimmer zu ihm
drangen eilte er schnell in das daneben liegende Kabinet das nächste Ziel
seiner Wanderung Hier hingen Bildnisse welche die alte Lady zu ihren
kostbarsten Besjetztümern zählte Sie waren teils Geschenke die ihr Gemahl der
hohen Gunst seiner Souveraine verdankte teils von ihm selbst um hohe Preise
von den ersten Künstlern erworben und Abbildungen der bedeutendsten Personen
aus der königlichen Familie von England
Diese schönen Bilder hatten auf den jungen Richmond stets einen Zauber
ausgeübt der zusammentraf mit seinem lebhaften Interesse für die Geschichte
seines Vaterlandes und am liebsten vor ihren ausdrucksvollen Zügen rief er sich
zurück was von ihrem Leben schon abgeschlossen in dem Spiegel der Geschichte
aufgefasst erschien
Das ganze Zimmer war von feiner sorgfältiger Einrichtung dass es mit seinen
hell polirten Wänden und Fußboden und den reichvergoldeten Stuckaturen einem
Schmuckkästchen glich wozu noch der feine Duft des reichlich darin verwandten
Cedernholzes kam und einige bequeme Sessel von purpurfarbnem Samt die in
stets unverrückter Ordnung seit einem halben Säkulum voll Ehrfurcht die
gewählten Gäste zu erwarten schienen die sich einer so hohen Versammlung zu
nähern wagen würden Auch war Richmond fast der einzige unter seinen
Geschwistern dem als Kind erlaubt gewesen war allein hier einzutreten und er
fühlte sich selbst heute noch mit scheuer Freude erfüllt als er die schön
gefugte Tür aufdrückte durch deren große Scheiben das Licht in vollem Glanze
diese Bilder zeigte
Er lauschte dem eigentümlichen Laute womit die glatten Angeln der Tür
sich stets zu drehen pflegten und der ihn auch jetzt sogleich begrüßte ihn
einzutreten einlud und wie durch einen Zauber ihn in die Gemeinschaft mit den
lebensvollen Gestalten des vergangenen Jahrhunderts einführte
Er blieb am Eingange stehen den Raum gleichsam befragend ob er derselbe
sei und musste bald sich eingestehen verändert sei nur er um ihn dagegen sei
Alles in unerschütterlicher Ordnung geblieben Er sah sie noch alle vor sich
die großen Gefährten seiner damaligen Einsamkeit sie blickten aus ihren breiten
goldenen Rahmen noch mit denselben Blicken nieder und schienen noch jetzt
zufrieden in so vollkommener Abbildung der Nachwelt überliefert zu sein Doch
anders war der Anteil gestellt womit der Mann die Ansprüche die ihnen in
Wahrheit zustanden abwog zuerkannte oder verweigerte und wenn er von manchen
ihrer Sünden sich mit Verachtung wegwandte hatte er dagegen nicht minder für
ihre Herrschertugenden und das durch sie bewirkte Gute ein vaterländisch
anerkennend Herz
Er wandte sich wie absichtlich von dem ihm zunächst befindlichen Bilde und
eilte dem entgegen das als die Krone aller der Tür gegenüber die Hauptwand
einnahm
Es war das Bild der Königin Elisabet ihr Patengeschenk bei der Geburt des
letztverstorbenen Herzogs von einer unbekannten Meisterhand im vollsten Zauber
von Farbe und Licht dargestellt
Die stolze Frau liebte auf ihrer unbestrittenen Höhe zur frühern Ungunst
des Geschickes sich zurück versetzt zu sehen und Woodstock wo sie in
philosophischer Zurückgezogenheit und Verbannung den Wissenschaften lebte blieb
wohl zu allen ihren Bildern der selbstgewählte Hintergrund Auch hier gewahrte
man das kleine feste Schloss von dessen Terrassen sich ein breiter Weg bis zu
dem schönen Eichbaume hinzog unter dessen Schatten sie einst die Gesandten
Englands empfing die sie auf den Thron ihrer Väter riefen
Sie selbst saß auf diesem Bilde vor einem violetten Vorhange der an der
rechten Seite aufgezogen die erwähnte Gegend zeigte Ihre Physiognomie trug den
lebhaften und geistreichen Ausdruck der ihren großen und männlichen
Gesichtsformen ein wahrhaft königliches Ansehen gab und in Betracht ihrer
hohen Bestimmung jeden Anspruch auf weibliche Schönheit leicht aufgeben ließ
Ihr reiches Kleid von Silberstoff war mit einem Latz von Perlen und Juwelen
um ihren vollen Körper in der freien Mode damaliger Zeit so geordnet dass ihre
schönen Schultern unverhüllt und von dem hohen Spitzkragen zart umsäumt
erschienen
Sie hatte den Kopf hoch gehoben und etwas zur rechten Seite gewendet ihr
glänzendes rötliches Haar war frei empor gekämmt und zeigte die große runde
Stirn mit den hochgewölbten Augenbrauen Auf der Mitte des Kopfes nach hinten
über saß eine brillantene Krone und die Fülle von Locken die ihr reiches Haar
zuließ fiel von da wie es scheinen sollte in leichter Nachlässigkeit von
beiden Seiten nieder Die Lippen waren wie zu einer rednerischen Bewegung
geöffnet und die rechte Hand von großer Schönheit hielt in ihrem Schoss die
Oden des Horaz Etwas zur Linken zeigte sich auf einer Terme die Büste des Plato
und darunter aus dem Bilde schon herausgehend so dass man nur einen Teil eines
Tabourets gewahrte sah man den königlichen Hermelin auf den Elisabet so eben
wie der Horaz in ihrer Hand andeutete den Musen huldigend mit ihrer linken
Hand den Zepter niederlegte
Wie reich und bedeutungsvoll dies Bild auch in seinen Beiwerken sein mochte
es war dem Künstler doch vollkommen gelungen sie sämtlich der mächtigen
Persönlichkeit der königlichen Frau unterzuordnen
Dieser kühne überzeugte Blick diese stolz gehobenen Lippen kündigten
vollkommen sie als diejenige an die Sixtus der Fünfte nächst sich selbst und
Heinrich dem Vierten zu den drei einzigen Selbsterrschern rechnete und gewiss
musste vor ihrem Bilde ein Jeder in seinen Ausruf einstimmen Un grand cervello
di principessa
Links ihr zur Seite hing das Bild ihres Vaters Heinrich des Achten von
seinem Liebling Holbein mit aller Kunst und Sorgfalt dieses großen Meisters
ausgeführt Er war zur Zeit der Vermählung seiner Schwester mit Ludwig dem
Zwölften bei dem Hoflager zu Kalais gemalt zur schönsten Zeit seines männlichen
Alters und in dem vollen Glanze des damals unermesslichen Kleideraufwandes
Er saß zurückgekehrt in einem tronartigen Sessel einen kleinen mit Juwelen
besetzten und mit einer Feder aufgeklappten Hut halb zurückgeschoben auf dem
hohen Kopfe die eine Hand über die auf einem Tische seitwärts stehende Krone
gelegt hielt er in der andern seine eigne Übersetzung des Neuen Testaments
Sein Gesicht schaute halb lächelnd grade aus Es lag mehr Hohn und Triumph
als Freude oder Heiterkeit darin und dem Beobachter musste leicht der Übergang
zu finden sein von diesen noch jugendlich überwölbten Zügen zu dem wilden
Gepräge des später so blutdürstigen Tyrannen
Ihm gegenüber hingen die Bilder seiner beiden Kinder Eduard des Sechsten
und dessen grausamer Schwester der nachherigen Königin Maria
König Eduard war als Knabe abgebildet er hatte seinen Lieblingshund ein
großes weißes Windspiel mit dem rechten Arme umfasst und schien die zarte
schwankende Gestalt an ihm zu stützen Seine dichten braunen Locken hingen
schlicht um das bleiche kranke Antlitz und die großen dunkeln Augen blickten
aus dem wasserblauen Grunde mit einer Wehmut als wollten sie im Voraus das
trübe Loos des künftigen schwachen Königs beklagen
Weit hinter ihm in der gotischen Halle die den Raum des Bildes füllte
lagen auf einem kleinen Polster die Insignien der ihn einst so drückenden
königlichen Würde
Schmerzliches Loos rief Richmond wenn die Natur im Widerspruche mit dem
Berufe den uns der Himmel durch die Geburt zu überweisen scheint die Mittel
uns versagt ihn zu erfüllen und besser doch Dein trübes schwaches Walten in
Kraftermangelung als jener Missbrauch empfangener Gewalt um die Höllengeister
Deines Innern ins Leben zu rufen Wer würde Dein Loos nicht preisen vor dem
Bilde Deiner Schwester
Sie war in ihrem acht und dreissigsten Jahre nach ihrer Verlobung mit Philipp
dem Zweiten von Spanien gemalt Der Hintergrund des Bildes vielleicht durch
Zufall von einem schlicht niederfallenden blutroten Vorhange bedeckt erhöhte
wunderbar den grauenhaften Eindruck den das Ganze machte Denn wer konnte das
Bild dieser blutdürstigen Frau erblicken ohne zu denken sie tauche aus den
Bächen von Blut auf welche sie mit Freuden um des Glaubens willen strömen ließ
Sie saß auf einem Stuhle auf dessen hoher Lehne links das Wappen Spaniens
rechts das von England tronte Nach der bigotten Weise ihres Lebens war sie in
das schwarze Gewand einer Karmeliterin gekleidet doch über der verhüllten Stirn
war die kleine brillantene Königskrone befestigt über der wieder ein feiner
schwarzer Flor bis auf den Boden niederfiel Zur linken Seite stand ihr ein
roter behangener Tisch auf dem ein Andachtsbuch ein Kruzifix und zu dessen
Füßen das Zepter doch über Alles dies hinweg eine scharf gezeichnete Geissel
lag
Ihr Arm ruhte auf diesem Tische und die Enden der Geissel waren durch die
Finger gezogen während ihre rechte Hand das Bild des damals sechs und zwanzig
jährigen Philipps von Spanien hielt für den sie eine allzu heftige Neigung
nährte
Ihr bleiches schlaffes Antlitz von jedem Reize der Jugend oder Schönheit
weit entfernt trat in erschreckender Wahrheit aus den dunkeln Hüllen hervor
und zeigte den vereinten Austritt stumpfen Geistes und fanatischer Bosheit
Richmond hatte ihr fürchterliches Unrecht und das Elend das sie in
fünfjähriger Regierung über sein Vaterland gebracht mehr noch als früher
empfinden lernen und wenn er als Knabe sich zwang vor diesem Bilde das er
hasste so lange festzustehen bis es ihm schien als erhöbe sie drohend sich und
wolle ihn ergreifen so wandte voll Verachtung sich der Mann von diesen Zügen
die der Nachwelt könnte der Name auch verloren gehen noch sagen werden was
sie war
Und auch wie damals wenn der Knabe für das Schrecken das er sich herauf
beschworen Beschwichtigung suchte wandte er sich Denn hier hing neben
Heinrich dem Achten ihrem Grossohm das Bild der siebenzehnjährigen Königin von
neun Tagen das erste blutge Opfer der schrecklichen Maria die schöne
tugendhafte Johanna Grei
Wie ein Engel als Bote eines bessern Lebens der Welt auf kurze Zeit
gesandt so blickte aus diesen tiefen blauen Augen der Himmel in der eignen
Brust Fünfzehnjährig schon Gemahlin des ihrer so würdigen Guilford war sie als
Braut dargestellt Im Weggehn aufgehalten wie es schien stand sie mit leichter
Grazie aufgerichtet vor einem Sessel und blickte mit dem vollen Antlitze aus dem
Bilde Die feine jugendliche Gestalt die kaum die Grenzen der Kindheit
überschritten war in die Farben des väterlichen Hauses Suffolk in weißen
Silberstoff mit himmelblauer Robe gekleidet Ihr wunderschönes blondes Haar floss
wie gesponnenes Gold in zarten Wellen ohne Zwang den halb gewendeten Rücken
entlang und reichte über die Hälfte der kindlichen Gestalt an den Schläfen von
der weißen Stirn gescheitelt war es mit blauen Schleifen zierlich aufgebunden
und auf dem Hinterteile des Kopfes ruhte die herzogliche Krone Eine
Säulenhalle zog bis in die weite Ferne sich als Hintergrund und am Ende
derselben sah man perspektivisch verkleinert Lord Guilford daher eilen
Ach rief Richmond von so viel Unglück und so viel Tugend tief bewegt
hätte nie Dein kindlich Haupt ein schwereres Diadem belastet als diese leichte
Herzogskrone das unbestrittene Erbteil Deiner Väter
Noch blieb er sinnend stehen dem spiegelhellen Boden zugewendet Es blieb
ein Bild noch zu betrachten übrig er wusste es wohl Doch zögernd verschob er
seinen Anblick als müsste er erst das eigne Herz betrachten und seinen
schnelleren Schlägen lauschen Sollt er als Mann erfahren was ihn als Knabe
schon bewegt Musst er es eingestehn dass das wunderbare Loos ihm gefallen sei
an ein Bild die süßesten Regungen des Gefühls verschenkt zu haben Nein rief
er dem Knaben gehört diese Schwärmerei Er wandte sich mutig er stand davor
und wie am Strahl der Sonne der leichte Nachtfrost einer Mainacht zu einem
Tautropfen sich verwandelt so verschwamm in seinem ersten Blick Wille
Absicht jeder Widerstand der Überlegung und Herz und Seele sogen sich fest an
ihren alten Wahn
Dicht an der hellen Eingangstür und wie in einem Schreine da die Holzwand
herausgehoben war es einzulassen hing ein Brustbild dessen Rahmen in einem
runden Medaillon das lebenvolle Antlitz der schönen unglücklichen Königin von
Schottland umfasste Der Rahmen trug in Gold und Farben und reichen Edelsteinen
die drei Wappen welche die unglückliche Frau mit Eigentumsrecht behauptete
Die Wappen Schottlands und Frankreichs waren an dem oberen Rande unter der
dreidoppelten Krone im Mittelpunkte des Rahmens das Wappen Englands das zu
behaupten ihr so großen nur mit Blut gesöhnten Hass der eifersüchtigen
Elisabet zuzog unter den beiden ersteren Reich mit Laubwerk und Emaillen war
das Kunstwerk dieses Rahmens ausgeführt und enthielt in ArabeskenForm noch
viele Anspielungen auf den hohen Geist der königlichen Frau Das Ganze war
umschlungen von einem emaillirten Bande auf dem in goldner Schrift die Namen
Plato Aristoteles Horaz Pindar Homer Dante und Ariost als der Gefährten
ihrer Einsamkeit zu lesen waren und wie vorzüglich auch das Bild zu nennen
war der Rahmen an sich blieb ein schätzbares Kunstwerk
Aus einem tiefen saftigen Hintergrunde einer Tapete von grünem Damast
ähnlich trat der in wunderbarer Wahrheit aufgefasste Kopf der Königin hervor
Das hellbraune Haar war frei weggehoben und zeigte die ganze Schönheit der
königlichen Stirn Die lichtvollste Freiheit der Gedanken schien diese schöne
Wölbung selbst gebildet zu haben und das glänzende Licht das von Innen aus
diese reine Form zu durchdringen schien hätte auch ohne den Ausspruch dreier
Kronen sie zur geistigen Beherrscherin ihrer Zeit erhoben Von den feinen leicht
eingedrückten Schläfen bildete sich der Kontur des zarten Kopfes im reinsten
Oval bis zu dem vollen jugendlichen Kinn über dem mit allen Grazien der schön
gewölbte Mund die holde Mähr von ihren Scherzen ihrem feinen Witze zu erzählen
schien
In den vollen leicht gefärbten Wangen ruhte der feine Anfang eines zarten
Grübchens geschaffen um ihres Lebens Liebesglück und Schmerzen zu verraten
Ihr waren zuerst die Augen verliehen die seitdem ein Erbteil ihres
unglücklichen Stammes mit einem Zauber jeden zu fesseln wussten auf wen sie
einmal in Liebe sich geheftet
Unter einer kaum merklichen Wölbung der feinen Augenbrauen ruhten weit und
schön geschnitten die großen braunen Augen die klar und tief den hohen Geist
der ihnen inne wohnte von Lieb und Sehnsucht halb bezwungen zeigten Sie
schienen wider Willen der hohen Abkunft von Missgeschick zu reden und die langen
schwarzen Wimpern hingen auch beim vollsten Aufblick wie ein leichter
Trauerschleier um den vollen Glanz
Dazwischen hob sich an der Stirn breit und voll die feine griechische Nase
und verstärkte mit ihrer edelen festen Form den hohen geistigen Ausdruck ihrer
Züge Ihr wunderschönes braunes Haar war ohne Schmuck der Königin sich selbst
in seiner seltenen Fülle die Krone flechtend doch zeigte es unverdeckt in einem
hohen Spitzkragen die runde schlanke Säule des Halses auf welcher der Kopf so
leicht und zierlich ruhte dass beide je zu trennen nur ein Barbar zu denken
wagen konnte Hier hörte das Bildnis auf leicht in den Schulterlinien war ein
schwarzes Sammetkleid angegeben das unter dem Kragen mit einem in Brillanten
eingelegten roten Stein befestigt war
Ungezählt entflohn die Augenblicke vor diesem Bilde und das innere
geheimste Leben Richmonds trat hervor und ließ sich nicht mehr zur Rechenschaft
ziehen vor dem Geiste der Überlegung der fragend ja missbilligend es
anschaute Es war da und hatte sich zum sichersten Bewusstsein in diesen
Augenblicken aufgeschwungen es lebte und sein Leben ward eingestandene Wonne
Still und mit Rührung gelobte sich Richmond der Welt dem rohen Vertrauen der
Menschen ewig verhüllt wollte er selbst nimmer mehr mit diesem Gefühle hadern
sondern hoch es halten Eine kleine glückselige Insel sollte es in ihm fortan
bilden worauf er landen wollte aus der Wirklichkeit verschlagen
So sich jugendlich überspannend störte es ihn nicht Gesang und Harfenton
vom Altan her zu hören Die schönen vollen Frauentöne das kunstreich
ausdrucksvolle Spiel der Harfe es schlich sich ein in seine Träume verwebte
sich darein als ihnen angehörend Mit steigendem Entzücken hörte er die Worte
des göttlichen Shakespeare dieselben welche die Frauen der Königin in Heinrich
dem Achten der unglücklichen Katarina am Vorabend des Gerichts singen
Orpheus sang
1
Der Bäume Wipfel
Und der Berge starre Gipfel
Beugte seiner Laute Macht
2
Pflanz und Blum entspross voll Wonne
Als hätt Regenguss und Sonne
Ewgen Lenz hervorgebracht
3
Jedes Wesen ward Gehör
Selbst die wilde Well im Meer
Hing das Haupt und legte sich
4
Tonkunst deine Zauberein
Hört der Gram und schlummert ein
Hört dich fort und stirbt durch dich
Mit feierlichen Akkorden schlossen diese rührenden Worte und weckten den
glücklichen Träumer Nein sie war es nicht selbst die unglückliche Königin
Maria die dies Lied gesungen Er war nicht zu Stirling zu HolyroodHouse er
war in Burtonhall in der Nähe seiner Familie und nur ein paar Schritte
vielleicht führten ihn in ihre Mitte
Bewegt von der Wirklichkeit und von seinen Träumen öffnete er die Tür und
stand am Ende des Altans seinen Lieben gegenüber
Die jungen Damen des Schlosses hatten sich hier zu einiger Musse aus dem
größeren Kreise der Gesellschaft zurückgezogen und alle sich mit dem Wunsche um
Lady Melville versammelt sie zur Harfe singen zu hören Dies war auf die
erwähnte Weise geschehen Sie saß jetzt ausruhend in ihrer schwarzen Kleidung
auf dem Lehnstuhl der alten Herzogin Die Harfe ruhte seitwärts geschoben noch
in ihrem Arme auf dem purpurroten Samt des hoch über ihr emporragenden
Stuhles hob sich der schöne Kopf in seiner ganzen regelmäßigen Zierlichkeit und
belebt vom Gesange und dem lobspendenden Zuspruch der lieblichen Gefährtinnen
leuchtete von ihm der volle Zauber ihres lebhaften Geistes Sie hatte sich zu
der ihr rechts stehenden Gruppe gewandt welche Arabella und Anna Dorset sich im
Arm haltend zeigte zu ihren Füßen und den Kopf in zärtlichem Schmachten zu der
Sängerin aufgehoben saß Ollonie Dorset wärend Lucie von Hinten den Stuhl
erklommen hatte und eben mit Jubelgeschrei ihren blonden Lockenkopf herüberzog
um ihren Liebling von da aus zu umfassen Schnell und leicht sprang Lady Maria
jetzt auf zog den kleinen Engel zu sich herüber und nun sogleich von Allen
umfasst stand sie wie die Göttin der Liebe und Freude da
Die reichen braunen Locken zurückschüttelnd richtete sie das Haupt empor
da erblickte ihr Auge den Lord am Ende des Altans ihnen gegenüber in stiller
Anschauung vertieft und nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet streckte
sie die schöne Hand nach ihm deutend aus und rief Sieh da Lord Richmond
Augenblicklich wandten sich alle Köpfe und im selben Augenblick flogen die
Schwestern und Kousinen auf ihn zu und unter den freudigsten Begrüßungen der
Übrigen hing sich Lucie an seinen Hals und versuchte durch den lautesten
Ungestüm sich in seinen Besitz zu setzen
Unter den liebenswürdigsten Scherzen erwiderte er die zärtlichen
Begrüßungen seiner Verwandten und eilte dann in ihrer Mitte der Gräfin Melville
entgegen In der anmutigsten Ruhe lehnte sie an der Brüstung des Altans
während ihr Antlitz von der unschuldigen Freude leuchtete womit die Szene vor
ihr sie teilnehmend erfüllte Hold lächelnd richtete sie sich jetzt dem
Nahenden entgegen Richmond aber eilte den Übrigen voran Hier rief Lucie
hervorspringend hier Richmond hast Du meinen Engel Marie
Und welchem glücklichen Zufall habe ich es zu danken der Lady Melville
bekannt zu sein sprach Richmond
Bekannt erwiderte sie In Wahrheit Mylord ich sah Euch nie vor diesem
Augenblick Aber setzte sie mit dem ruhigen Ausdruck natürlicher Unschuld
hinzu als ich Euch gewahrte wusste ich gleich dass Ihr es sein müsstet
Richmond hatte unwillkürlich seine bewegten Augen während sie sprach zur
Erde gesenkt er genoss den Ton dieser klangvollen Stimme und schon schwieg sie
aber der gewandte junge Mann schien um die Antwort verlegen Er hob die Augen zu
ihr auf sein Blick traf den ihrigen und zwei schöne Seelen hatten sich
erkannt
Möchte Lady Melville das Wohlwollen welches sie meiner Familie schenkt
auch auf den übertragen der sich erst so spät darum zu bewerben vermag sprach
er endlich mit furchtsamer Stimme
Es würde mir schwer werden Euch Mylord als einen Fremden anzusehen die
Liebe die Ihr in Eurer Familie genießt erhält Euch auch während Eurer
Abwesenheit darin gegenwärtig Ich könnte Euch von Euch erzählen wäret Ihr etwa
Euch fremd geworden setzte sie lächelnd hinzu
O rief Richmond lebhaft und heiter Ihr dürft nicht zweifeln Wer bliebe
nicht der Wahrheit am getreuesten wenn er eingestände von sich am wenigsten zu
wissen werdet Ihr aber wirklich den sich selbst Entfremdeten belehren wollen
wenn ich einmal um diese Belehrung in Wahrheit bitten will
Lord Richmond erwiderte das schöne Mädchen ich habe viel von der großen
Kunst gehört die Wahrheit verschweigen zu können aber bis jetzt selbst noch so
wenig Fortschritte darin gemacht dass Ihr viel Hoffnung habt sie zur Zeit von
mir zu hören
Und möchte dieser schöne Mund nie durch so falsche Kunst entweiht werden
sprach eine männliche Stimme ehe Richmond antworten konnte hinter seinem
Rücken
Amen sagte lächelnd Lady Marie hell aufblickend und im selben Augenblick
lag Richmond in den Armen des liebenswürdigen Grafen von Ormond welcher ohne
von der lebhaft beschäftigten Gruppe bemerkt zu werden sich herbei geschlichen
hatte
Bald füllte sich nun der Altan mit mehreren Gästen durch die Nachricht von
Richmonds Ankunft herbei gezogen und eben erschien Lovelace mit der Bitte der
beiden Herzoginnen nach dem Ballsaale sich zu verfügen welcher willkommenen
Einladung man auf das Heiterste sogleich folgte
Der Ballsaal war eine offene weite Halle welche mit dem Parke gleich lag
und zu den verschiedenen Spielen der Jugend diente besonders aber zum
geschickten Werfen des Balles nach dem Ziele benutzt ward und davon ihren Namen
hatte
Der davorliegende weite Rasenplatz verstattete eine Ausdehnung der Spiele
und ein kleines Schiesshäuschen mit allen Arten von Gewehren bis zur Armbrust
hin reizte sehr oft die Geschicklichkeit der jungen Leute beiderlei
Geschlechts
Auch heute ging man bei der Schönheit des Wetters sogleich zu den Spielen
auf dem Rasenplatze vor dem Hause über und Alles schien von einer besonders
heitern Stimmung belebt Man stellte Wetten an wer das Ziel in der Scheibe
treffen würde wobei die Damen teilnehmend mitwirkten und als Richmond von den
Herzoginnen die mit der älteren Gesellschaft die Halle vorzogen beurlaubt
ward schloss er sich mit seiner anerkannten Geschicklichkeit dem fröhlichen
Schwarme an Gräfin Melville von Jugend auf in allen möglichen Leibesübungen
erfahren trug nicht allein über die Damen stets den Sieg davon sondern über
die meisten der anwesenden Kavaliere Dies sollte sich jedoch bei Richmonds
Ankunft ändern denn bei dem ersten Schuss war der Mittelpunkt der Scheibe
durchbohrt und gleich nach ihm sendete er den kleinen Pfeil von der Armbrust
dass seine Spitze unversehrt durch das von dem Schusse gebohrte Loch drang
Lauter Beifall folgte dem trefflichen Gelingen und brachte neuen Eifer in die
Bemühungen der Übrigen Lady Melville traf zwar mit ihrem Pistol die Federn des
Pfeiles im Ziel doch musste Richmond für den Sieger anerkannt werden
Lord Richmond schien sich zwar äußerlich der allgemeinen Geselligkeit
hinzugeben und an allen Anwesenden gleichen Anteil zu nehmen er konnte sich
aber nicht enthalten fortwährend Lady Melville zu beobachten deren dunkles und
sonderbares Schicksal eben wie ihr Einfluss auf das Herz seines Bruders ihn zu
einem Interesse für sie bewog welches durch ihren Anblick nicht verringert
werden konnte
Er hatte sich trotz dem was ihm über ihren Wert reichlich von allen Seiten
mitgeteilt ward nicht zu ihrem Vorteil einnehmen lassen denn die Angaben
welche sie über ihre Geburt und ihr Leben gemacht waren von keiner Seite
bestätigt und mussten gar leicht dem Argwohn gegen die Glaubwürdigkeit ihrer
Person Raum geben dabei fühlten sich sein Herz und seine strengen Grundsätze
von Ehre und Pflicht unbeschreiblich verletzt durch den Zustand worin er seinen
zärtlich geliebten Bruder fand Die Leidenschaftlichkeit worin dies schöne
geregelte Gemüt aufgelöst schien und die Entschlüsse die daraus entstanden
und die zum Nachteil aller seiner bisher beobachteten Grundsätze einzig über
dies fremde namenlose Wesen Glück verbreiten sollten steigerten sein
Misstrauen und ließ ihn an ihrer Unwissenheit und Absichtslosigkeit einigen
Zweifel hegen welches ihm um so leichter ward da hiermit die schmerzlich von
ihm empfundene Schuld des Bruders sich merklich verringerte und ihn mehr als
einen Verführten erscheinen ließ
Das Einzige woran er unbezweifelt glaubte war ihre Schönheit aber auch
diese nahm ihn gegen sie ein denn nur mittelst dieser konnte sie seinen Bruder
verführt haben Nichts aber hasste er mehr als wo diese göttliche Gabe des
Himmels von Frauen benutzt ward das Herz der Männer zu bestricken und obwohl
seine Gerechtigkeit ihn hinderte diesen Fall hier bestimmt anzunehmen war er
doch entschlossen ihn für möglich zu halten und sie einer scharfen Beobachtung
zu unterwerfen
Er fand sich nun von ihrem Anblick selbst überrascht und hatte in wenigen
Stunden viel von dem was er früher über sie gedacht innerlich widerrufen Ihre
Schönheit war auffallend und musste die Bewunderung eines Jeden erregen aber ihr
Auge hatte nichts von der eitlen Verschämteit womit die ihrer Schönheit sich
Bewussten den Blicken der Männer begegnen Ruhig klar und offen ertrug sie jedes
Auge und schaute wie ein Kind fest zu Jedem auf Sie hatte keinen Begriff von
der angelernten Sitte der Frauen gegen Männer sich anders zu betragen als
gegen Frauen ihre Freundlichkeit trat ohne die traurige Verkrüppelung der
Gefühle hervor die mit der unbestimmten Furcht vor einem ungekannten Übel die
Unschuld des Herzens bedroht ehe noch die Schuld selbst es zu berühren
vermochte Die unschuldige Neugier womit sie Richmond fast aufsuchte um mit
ihm zu sprechen hatte zwar etwas Abweichendes von dem Bilde welches er sich
von der zarten Zurückhaltung einer Jungfrau geschaffen aber es ward ihm bei ihr
nicht zur Störung ja es setzte ihn in Nachdenken ob er nicht sein Ideal nach
dieser einfachen Natur korrigiren müsse
Dessen unerachtet erfüllte ihn das Fräulein mit Erstaunen welches noch
denselben Abend sich steigern sollte als die Gesellschaft nach dem schnellen
Ausbruch eines Gewitters in die erwähnten Prachtzimmer des Schlosses sich
zurückgezogen hatte Die jungen Leute nahmen plaudernd von dem GemäldeKabinet
Besitz und Lady Melville lehnte sich an die Glastür dem Bilde der Königin von
Schottland gegenüber Lord Richmond konnte sich hier eines vergleichenden
Blickes nicht enthalten und zu Lord Ormond gewendet sprach er sein Erstaunen
über die unbezweifelt große Ähnlichkeit dieses Bildes mit der Lady aus
Es ist uns allen aufgefallen erwiderte der Lord sich zum Bilde der
Königin wendend und wenn Ihr es bestätigt der Ihr dies Bild so lange
studirtet dann dürfen wir unserm Urteil wohl vertrauen
Marie ward dadurch aufmerksam
Erlaubt sprach Richmond Euch meine Überraschung über die genaue
Ähnlichkeit dieses schönen Bildes mit Euch selbst auszudrücken
Es ist mir nicht neu zu hören ich weiß es entgegnete sie ruhig und blickte
dabei mit einem wehmütigen ernsten Ausdruck zu dem Bilde hin welches die
höchste Schönheit repräsentirte und wobei die Anerkennung der eignen
Ähnlichkeit damit ein ziemliches Bewusstsein ihrer Schönheit auszudrücken
schien
Dies fühlte Richmond mit der gehässigen Laune der Männer die zwar nie
unterlassen mögen dies Bewusstsein mit verführerischen Worten zu wecken doch
die daran verloren gehende Unbefangenheit der Frauen bitter tadelnd dann
vermissen
Es schien ihm so schwer diesem Bilde zu ähneln Er hatte es vor wenigen
Stunden noch für unmöglich gehalten Zwar hatte er es nun selbst ausgesprochen
aber es verletzte ihn dennoch es als etwas Gewisses und lang Bekanntes
angenommen zu sehen Er hätte es in diesem Augenblick gern sich und dem
Gegenstande verläugnet und die Kälte die seine Züge sogleich ausdrückten wäre
nicht schwer zu erkennen gewesen aber die Lady merkte nicht darauf ihre
Gedanken hatten eine weit andere Wendung genommen Sie verließ ihren Platz und
setzte sich auf ein Tabouret seitwärts dem Bilde nieder
Diese Bewegung war offenbar der Ähnlichkeit noch vorteilhafter aber
Richmond unangenehm aufgeregt hielt dies für beabsichtigt und war im Begriff
sich wegzuwenden als die Gräfin ganz in das Anschaun des Bildes versunken mit
einem wehmütigen Ausdruck der Stimme fortfuhr Wie oft hat der glückliche
Zufall dieser Ähnlichkeit meine teuren Verwandten beschäftigt und erfreut Man
schmückte mein Haar wie es die Königin zu tragen pflegte mit der kleinen
Spitzenhaube man kleidete mich nach der Sitte jener Zeit und ließ mich gehen
und stehen und niedersetzen wie von ihr gesehen zu haben die Freunde und
Anhänger sich noch genau erinnerten obwohl unter meinen Verwandten nur mein
Vater der Graf Melville sie gekannt hatte Er wusste Stundenlang von ihr zu
sprechen denn er war Edelknabe bei ihr zu der Zeit da diese drei
unglückseligen Kronen noch mit vollem Rechte ihr unschuldiges Haupt schmückten
Gewiss sprach Lord Ormond dazwischen ist und bleibt diese unglückliche Frau
eine höchst ausgezeichnete und anziehende Erscheinung und die schwärmerische
Anhänglichkeit welche sie ihren Freunden und Anhängern einzuflößen wusste
vermehrt die Zweifel ob ihr grauenvolles Schicksal ein verdientes war
Wie tief hat mich stets ihr Schicksal ergriffen fuhr sie fort und hob die
schwermütig gesenkten Augen empor wie habe ich meine kindischen Gedanken
zerquält mit Plänen wie sie hätte gerettet werden können wie hab ich sie
geliebt und alles Gute was ich zu fassen vermochte ihr beigelegt Als nun
endlich das geheim gehaltene Glück der Ähnlichkeit mir anvertraut ward wie
tief erschüttert war ich da Warum lebte ich nicht als sie zu Tewksbury in
ihrem Kerker schmachtete Ich wäre zu ihr eingeschlichen in meinen Kleidern
wäre sie entflohen ich ihr so ähnlich wäre an ihrer Statt auf jenem
Blutgerüst gefallen
In Wahrheit Lady Melville rief hier die junge verwittwete Marquise
Danville Euer großmütiger Enthusiasmus ist ein um mehr als dreißig Jahr
verspäteter ziemlich bequemer Tribut der Dankbarkeit für das Glück der
schönsten Frau zu ähneln die gleich der griechischen Helena die Welt in Brand
und Unheil stürzte
Ihr habt Recht Mylady sprach die Gräfin durch den grellen Ton der
Missgunst unsanft aus ihren Kinderträumen geweckt wohl ist dies ein nutzloser
oder wie Ihr sagt ein bequemer Enthusiasmus Vergeblich selbst hätte ich zu
jener Zeit gelebt Wie würde was den Edelsten meines Landes nicht gelang dem
schwachen Mädchen durch den zufälligen Schein der Ähnlichkeit gelungen sein
Doch ich liebte sie früher als ich von meinen Zügen wusste inniger aber musste
ich seitdem mich zu ihr hingezogen fühlen Ich bin mir des ersten Einflusses
wohl bewusst der mich aus meinen eignen Zügen mahnend anzureden schien Fast
beschämt fühlte ich mich von dem Glücke ihr zu gleichen ich fürchtete zu
strengerer Rechenschaft bestimmt zu sein und fuhr sie sich selbst belächelnd
fort ich wünsche den köstlichen Gefässen gleich zu sein deren Form zerspringt
sobald ein Tropfen Gift hinein geschüttet wird
Es entstand eine Pause in der Alle die sie allmälig umgeben hatten mit
den verschiedensten Empfindungen doch voll Anteil auf sie blickten Lord
Ormond drückte Richmonds Arm und die Glut der tiefsten Empfindungen ruhte auf
seinem edlen Angesicht während Ollonie Dorset mit erblassten Wangen bald ihre
feuchten Augen auf die Lady bald auf Lord Ormond und Richmond wandte welcher
letztere nicht mehr den Ausdruck unbilliger Kälte trug Doch wenn diese Männer
sichtlich ergriffen ihr eben nichts zu sagen wussten und hiermit sie ehrten kam
derlei zartere Bedenklichkeit nicht in die Seele Lord Membrockes der sich ihr
sogleich näherte um mit dem flachen Wortschwall des eitelen Weltmannes sie zu
versichern Maria Stuart sei zur rechten Zeit geboren und gestorben denn die
Schönheit habe sie mit siegreicheren Kronen geschmückt als die dreifach
gekrönte Königin
Sogleich erhob sich die Lady und als sie so emporgerichtet stand und ihr
plötzlich so stolzer Blick über den schönen sieggewohnten Lord hinstreifte
schien sie Allen noch viel mehr der königlichen Maria zu gleichen deren hoher
Sinn durch keine Gewalttat des Schicksals zu beugen war
Sie zog leicht die schönen Augenbrauen und Anna Dorsets Arm ergreifend
wehrte sie ihn mit der Hand Lasst das Mylord Ihr habt nicht Einsehen wie
ichs meine und ich muss Euch darum verzeihn wenn Ihr mir weh tut denn wir
sind uns fremd
Lord Membrocke suchte seinen gekränkten Stolz hinter ein lautes Applaudiren
dieser kühnen Rede zu verbergen und ihren Witz zu rühmen während ihm das stolze
Mädchen schon längst den Rücken gewandt hatte und in den Nebensaal entschwunden
war
Als sich die Gesellschaft getrennt erwartete Lord Ormond in einem Saale
des Erdgeschosses lustwandelnd seinen geliebten Richmond zu einem traulichen
Zwiegespräche nach dem sich Beide sehnten
Lord Ormond war der Bruder der Lady Dorset und wenn auch bedeutend jünger
als seine Schwester doch in der Mitte der dreißig und mit vollem Rechte in dem
Besitze der allgemeinsten Anerkennung Als Kämmerer des Königs machte diese
Stellung die ihm als Irischen Pair zur Auszeichnung gereichte ihn zum fast
beständigen Bewohner Londons und den einzigen Ersatz für diesen Zwang gewährte
ihm das Haus seiner Schwester der die Würde ihres Gemahls dieselbe Lebensweise
aufnötigte
Lord Ormond war der Liebling seiner Schwester er teilte jede Freude jeden
Schmerz dieser schüchternen Frau die von dem erhabenen Ernst ihres Gemahls
erdrückt nur an dem sanften und liebevollen Herzen des Bruders ihre unbestimmte
Gefühlswelt erschließen konnte Sein Rat den er stets in ihrem wahren
Interesse erteilte machte ihn zum wohltätigen Dolmetscher zwischen den beiden
sich so ungleichen Ehegatten Der Graf Dorset der in die Interessen seiner
hohen Hofstelle vertieft sich gar nicht in die schüchternen Anforderungen
seiner Gattin finden konnte da sie ihm mehrenteils unverständlich blieben
fühlte sich durch seinen Schwager dessen ausreichendem Schicklichkeitsgefühle
er vertrauen durfte der Sorge enthoben seine Gewahlin verstehen zu müssen Was
sie wünschte erfuhr er meist durch ihn denn aus ihrem eigenen Munde ging eine
solche Mitteilung stets so von Nebengedanken und Gefühlen verwirrt hervor dass
der gute Lord trotz einer höflichen Anerkennung ihrer Rechte doch selten im
Stande war in seinen Antworten ihr Genüge zu tun wodurch ihr wieder auf lange
die Lippen versiegelt wurden und der Gemahl sich leicht für beunruhigt in seiner
Pflichterfüllung ansehen konnte
Die Erziehung seiner beiden Töchter hätte offenbar seinen Blick häufiger auf
seine Häuslichkeit richten müssen wären ihm nicht dieselben da ihre Geburt ihn
zwei Mal in der Hoffnung eines Erben getäuscht hatte herzlich gleichgültig
gewesen
Seine Gemahlin schien ihm außer dem Fehler keinen Sohn geboren zu haben
die leidlichste Gefährtin die ein vornehmer Mann sich nur zur Gattin wünschen
könnte Er folgerte unter ihrer Leitung müssten die beiden Töchter sich ihr
ähnlich bilden und so war er fertig und außerdem überzeugt dass Lord Ormond für
einen etwa abweichenden Fall schon Alles berichtigen würde
Er war dessen ungeachtet nicht blöde es ganz seinem Verdienste um die
Erziehung seiner Töchter zuzurechnen als der Herzog von Nottingham seinen
ältesten Sohn für Lady Anna vorschlug Den Zusatz im Falle die jungen Leute
Neigung zu einander gewönnen acceptirte er mit dem mitleidigen Lächeln des
überlegenen Mannes denn er schien ihm nur auf das richtige
Schicklichkeitsgefühl Beider zu deuten Es freute ihn Beide gleich gut auf
diese Weise versorgt zu wissen ohne übrigens in Bezug auf seine Tochter über
die blinde Voraussetzung hinaus zu gehen dass sie eine eben so stille Kreatur
als ihre Mutter sei Von ihrem künftigen Gemahl Genaueres zu wissen als seine
dereinstigen Titel und Einkünfte oder seine jetzige vorteilhafte Aufnahme bei
Hofe würde ihm sogar unschicklich erschienen sein
Lord Ormond fand um so nötiger die lückenhafte Stellung seines Schwagers
in dessen Familie zu ergänzen da es ihm in der Kinderstube seiner Nichten schon
klar ward dass sie Beide nicht umsonst die Töchter dieses stolzen und heftigen
Mannes waren und seine sanfte Schwester eine eben so schwache Beurteilung der
Karaktere ihrer Kinder besaß als ihr Gemahl
Lord Ormond war durch eine bittere Täuschung in der Liebe von dieser
zerstreuenden und abziehenden Tätigkeit der Seele früher als seine Jahre es
natürlich machten auf das ernstere Leben innerlicher Reflexionen verwiesen
worden Er erschien dadurch älter ja er war es denn die Leidenschaft hatte
anscheinend ihr Recht zu einer Zeit über ihn verloren wo gewöhnlich dieser
Streit noch längst nicht abgetan zu nennen ist
Er hatte sich bemüht aus der trostlosen Verödung des Schmerzes sich durch
eine mutige und vollständige Resignation empor zu heben Er hatte dem Leben
erklärt dass es ihm für sich nichts mehr zu gewähren vermöchte er hoffte so ein
Bollwerk aufgeführt zu haben zwischen sich und einer möglichen Wiederholung so
leidenschaftlicher Zustände an die er nach Jahren nur mit Schaudern denken
konnte in dem Bewusstsein unter ihrem Einflusse dem Himmel sich selbst und
dem Leben auf das Trostloseste entfremdet gewesen zu sein
Seine schöne vom Himmel so reich begabte Natur folgte willig der Anweisung
sich einem allgemeinen Interesse wohlwollend hinzugeben und er erkannte die
Welt als vollständiger und reichhaltiger in dieser uneigennützigen bezuglosen
Ansicht
Wer aufgehört hat sich selbst in den Beziehungen des Lebens zu suchen der
gewinnt bald einen feinen und scharfen Blick für das Bedürfnis Anderer und die
kleinsten Anforderungen üben über ihn dasselbe Recht der Teilnahme als die
breit in das Leben einschreitenden Begebenheiten die Jeder erkennt
Die Kinder seiner Schwester erfüllten ihn mit einer Zärtlichkeit die durch
das Gefühl ihnen nützlich sein zu können erhöht ward Als er seine Nichten
zuerst wiedersah war Anna vierzehn und Ollonie zehn Jahr
Er musste sich bald überzeugen dass wenn auch Anna ihm eben so innig anhing
als Ollonie doch sein Einfluss auf sie ein bedingter sein würde da sie so alt
geworden ohne von irgend wem in der Bildung ihres Karakters geleitet zu sein
jetzt ihn schwerlich noch in die Grenzen zurückzuführen vermochte die doch
ihrer gefährlichen Anlage nach nötig schienen Ihr Herz gehörte zu den stillen
Organen ihres Wesens denen man zwar das Leben nicht absprechen kann die aber
nicht stark genug wirken um der übermütigen Verstandestätigkeit das
Gleichgewicht zu halten Die Folge davon war ein jäh aufwachsender Egoismus ein
stets vorherrschender Stolz und ein zu allen Leidenschaften vorbereitetes Wesen
das nur der Gelegenheit bedurfte um in ungezügelter Lebendigkeit ins Leben zu
treten
Ihr Oheim gerührt durch den gefahrvollen Zustand des schönen Wesens wollte
ihre Fehler unter einander sich bekämpfen lassen und nachdem er bald durch
Teilnahme ihre Liebe erworben behandelte er sie mit einer schonenden Achtung
die stets das Gute das er ihr wünschte als schon vorhanden annahm und die
Erreichung des Besten als in ihrer Natur liegend voraussetzte
Ihr Stolz hatte ihre Wahrhaftigkeit behütet und ihr Verstand war ein
unbestechlicher und scharfer Beobachter Sie unterlag der nicht zu läugnenden
Betrachtung dass sie das nicht war was dieser geliebte Oheim ihr zugestand
aber indem sie ihn selbst höher achten musste als alles bisher Bekannte rief
ihr Stolz den Entschluss ins Leben sein ehrendes Urteil wirklich zu verdienen
Das hatte der Menschenfreundliche gewollt Jetzt sah er bald dass sie zur
Selbstbeobachtung geführt war und zur Wahrnehmung ihrer Fehler gelangte womit
er Alles eingeleitet zu haben glaubte wodurch diesem lang verwöhnten Gemüt
aufzuhelfen war Auch hatte er später die Freude bei dem Entstehen ihrer Liebe
zum jungen Herzog von Nottingham die ungemein wohltätige Hilfe zu sehen die
dies wärmere und lebhaftere Dasein ihres Herzens ihrer ganzen Natur verlieh
Ihre Fehler waren zusammengesunken der Atem des Wohlwollens hob die Brust und
die Sicherheit ihres Blicks tauchte unter in dem scheuen Glanz einer
sehnsüchtigen Hoffnung Also seufzte ihr Oheim die Liebe die so Vielen zum
Verderben wird und die Leidenschaften aus ihrem Bande reißt legt diesem
ungezähmten Kinde wohltätige Fesseln an Sie war wohl noch dieselbe aber gewiss
blieb dass sie eines starken Gefühles fähig war und somit für diesmal gerettet
Ganz anders war sein Gefühl und sein Verhältnis zu Ollonie Dies holde Kind
hing sich bald mit der ganzen Fülle ihres zärtlichen Herzens an den geliebten
Oheim und Ormond schaute mit Entzücken und auch mit heimlicher Sorge in dies
feurig gefühlvolle Herz Es schien ihm den Stempel des Leidens von der Natur
empfangen zu haben er wusste am besten welchen Gefahren sie unschuldsvoll dies
zarte empfängliche Innere entgegen trug und seine Zärtlichkeit seine Sorgfalt
für sie trug den Charakter der Hingebung womit wir den lieben den wir von
einem harten Schicksal bedroht wissen Ganz im Gegenteil von ihrer Schwester
war der Lord hier einzig bemüht die vorlaute Gewalt ihres Herzens zu mäßigen
und ihren Verstand vor einer Unterdrückung zu behüten zu der die Gelegenheit
sich stets geschäftig zeigte Er betrieb selbst ihren Unterricht nur aus seinen
Händen empfing sie ihre Lektüre ihre Noten ihre Vorbilder zum Zeichnen
Ihre Zeiteinteilung Arbeit und Belustigung Alles war von ihm angeordnet
und er liebte dies endlich in ihm nur lebende Wesen mit einer Innigkeit von
welcher der eigene Vater keine Ahnung in sich fühlte
Jetzt war Ollonie fünfzehn Jahr in großer Schönheit erblüht und wenn auch
stets noch phantastisch und überwallend und einer gleichmässigern Entwickelung
ihrer Natur nach vielleicht nicht fähig doch gerade um so interessanter in
dieser bewegten geistvollen Abschweifung von dem Gewöhnlichen
Ormond behielt den holden Zögling stets im Auge ihre Zukunft erfüllte ihn
noch immer mit Sorge und er kannte nur einen Mann dem er sie gönnte nur
einen welchem er den so von ihm gehegten Schatz übergeben mochte und dies war
sein Liebling eben so sehr als Mann wie Ollonie als Weib kein anderer als
Lord Richmond
Graf Archimbald hatte ebenfalls für seinen Neffen und dereinstigen Erben
diese Wahl getroffen und es hatte Ormond seinen ganzen Einfluss gekostet der
beabsichtigten Abschliessung dieser Angelegenheit die nähere Bekanntschaft der
jungen Leute vorausgehen zu lassen
Die Anwesenheit Aller in Burtonhall wohin auch er mit Erlaubnis des Königs
der ihn gern zu jener Sendung an die Familie Nottingham beurlaubt hatte sich
begeben durfte sicherte ihm die Hoffnung selbst die Herzen seiner jungen
Freunde beobachten zu können da Graf Archimbald sich sehr bereit zeigte seinen
Neffen im Auftrage dahin zu senden und Ormond zweifelte nicht an dem Gelingen
dieser so wünschenswerten Angelegenheit
In diese Gedanken vertieft sehen wir ihn seinen jungen Freund erwartend
umher wandeln als plötzlich die Türen sich öffneten und die junge schöne
Marquise Danville eintrat die begleitet von einem Pagen der ihr vorleuchtete
durch diesen zur Verbindung mehrerer Gemächer dienenden Saal eilte um sich nach
ihren Zimmern zu begeben Sie gab ein mächtiges Erschrecken vor hier dem einsam
wandelnden Lord zu begegnen aber die Bewegungen des Erstaunens kleideten sie so
ungemein gut dass sie dieselben über Gebühr verlängerte und es sei uns der
Zweifel an ihrer Wahrhaftigkeit um so eher vergeben da Lord Ormond vornehm
reich und mit allen persönlichen Vorzügen geschmückt war die von dieser
geschickten Frau nicht übersehen werden konnten
Auch hatte das Schicksal die Lady bisher schlecht bedacht Im vierzehnten
Jahre war sie bereits dem alten Marquis Danville vermählt und obgleich jetzt
Witwe und Besitzerin eines bedeutenden Vermögens wünschte die junge
Leidtragende doch in aller Billigkeit die Vernachlässigung die ihre Jugend
erfahren durch den Besitz eines Mannes nach ihrem Sinne auszugleichen Wenn nun
auch Lord Membrocke sich fast bereit zeigte durch Darreichung seiner Hand sich
in Besitz ihrer Reichtümer zu setzen und wenn sie es auch nicht aufgeben
mochte ihn als ihren Bewunderer gelten zu lassen hatte sie doch Verstand
genug Lord Ormond für eine bessere Partie anzusehen Sie war daher während ihres
Beisammenseins mit ihm schon alle mögliche Versuche ihn zu fesseln
durchgegangen ohne ihrem Ziele näher gerückt zu sein
Ha rief sie Lord Ormond Ihr seid böse mich arme erschütterte Frau so zu
erschrecken wie konnte ich Euch hier ahnen
Ich bin bekümmert Mylady rief der Lord ihr höflich entgegen tretend und
gebe zu dass meine Gegenwart unerwartet ist aber erlaubt mir nun Euch meinen
Arm zu geben um Euch nach Euren Gemächern zu geleiten
Der Lady war dies zwar ganz recht dass der Lord sie aber nun wirklich ohne
Weiteres mit aller Höflichkeit und unaufhaltsamen Schrittes durch den Saal zu
führen begann zertrümmerte alle ihre Hoffnungen die auf ein so interessantes
Zusammentreffen gestützt waren welches bisher gefehlt hatte und jetzt unbenutzt
vorübergehen sollte
Die kühlen höflichen Worte Ormonds ließ nämlich nicht die kleinste Szene
einleiten und so hatten die in so geteiltem Interesse Wandelnden die Gallerie
erreicht woran die Zimmer der Dame stießen als Beider Gedanken abgelenkt
wurden durch eine vor ihren Augen sich begebende Szene
Sie sahen nämlich deutlich eine Dame die Gallerie hinabeilen an ihrer Seite
im lebhaften Gespräch einen Mann den sie Beide augenblicklich für Lord
Membrocke erkannten Jetzt blieb die Dame stehen sie wendete sich und schien
ihren Begleiter entfernen zu wollen Lord Membrocke kniete nieder und schien
flehend ihre Teilnahme zu fordern
Die Dame beugte sich ob zum Abwehren oder Erhören seiner Bitten blieb
unentschieden da Beide jetzt erschreckt auffuhren indem Lord Richmond der
sich zu Lord Ormond begeben wollte sie fast erreicht hatte und durch seine
absichtlich lauten Schritte sich jetzt kund gab Die Dame verschwand rasch in
einer Tür und Membrocke eilte grüßend an Richmond vorüber
Die Heuchlerin rief die Marquise dieser Hochmut vor den Augen der Welt
und doch eine Intrigue mit diesem sittenlosen Lord
Wen meint Ihr rief Ormond heftig bewegt wie könnt Ihr entscheiden wer
diese Dame war da das Mondlicht allein die Gallerie erleuchtet und wir uns
irren können sicher irren
Irren rief die Lady stolz und kalt indem sie ihren Arm aus dem seinigen
zog irren Wo wäre denn zum zweiten Mal diese neu erstandene Maria Stuart die
Ihr selbst wohl hinreichend kennen müsst da Eure Augen sie stets begleiten und
jetzt Eure Furcht vor ihrer Beschimpfung Euch hinreichend verrät Ja glaubt
nur Mylord diese Erbin von Marias Reizen ist auch die Erbin ihres bösen
Blutes ich durchschaute sie schon längst
Um Gotteswillen Lady mässigt Euch und seid nicht so grausam voreilig es
kann nicht sein sicher Ihr irrt es war nicht Lady Melville
Mit Hohn blickte die erzürnte Dame in das Gesicht des Grafen dann rief sie
bitter lächelnd Unser Streit wird bald zu schlichten sein Dort kommt Lord
Richmond er war ihnen ganz nah er wird entscheiden können wer diese
zweideutige Dame war Hierher Lord Richmond Meine Schritte sind gehemmt durch
Erstaunen und Unwillen Wie ist es möglich dass Lady Melville sich zu diesem
Liebhaber verstehen konnte Erzählt uns habt Ihr gehört was sie sprachen
Wollte er sie umarmen erhörte sie sein Flehen Unter diesen stürmischen
Fragen der Lady war Richmond näher gekommen Aber auch die listige Stellung
ihrer Fragen sollte ihr zu keiner Bestätigung helfen denn Richmonds zartes
Gefühl erkannte mit Widerwillen die heftige Schadenfreude womit sie das Böse zu
vernehmen trachtete und war sogleich entschlossen ihr diese nicht zu gewähren
Lord Membrocke habe ich erkannt erwiderte er ihr daher in gemessenem Tone
über die Dame aber in deren Nähe er sich befand kann ich nicht urteilen da
das Licht in der Gallerie zu unbestimmt ist wie Euer Gnaden selbst bemerken
werden
Ein kurzes bitteres Gelächter brach hier aus dem Munde der höchlichst
getäuschten Lady Nun Mylords rief sie heftig wenn Ihr Beide Eure Augen nur
habt wenn es gilt diese Abenteuerin zu bewundern so seid sicher mein Auge
war scharf genug diese angebliche Lady Melville zu erkennen und ich weiß jetzt
genug von ihr Ich wünsche Euch angenehme Träume fügte sie spöttisch hinzu und
verschwand in der Türe die zu ihrem Zimmer führte
Die beiden Freunde kehrten schweigend nach dem Saale zurück wohin sie zu
kommen sich verabredet hatten aber ohne der ersehnten traulichen Mitteilung zu
gedenken wandelten sie neben einander mehrere Mal auf und ab bis endlich Lord
Ormond Richmonds Arm ergriff und mit einer tief bewegten Stimme ihn anredete
Sprich Richmond gibt es keinen Zweifel bist Du gewiss dass sie es war
Sie war es erwiderte er ernst denn sie ist nicht zu verkennen
Großer Gott rief Ormond heftig welch ein Zusammenhang knüpft dies Wesen
an den nichtswürdigen Buben Ich kann nicht glauben was diese Danville
auszusprechen wagt ein anderer trauriger Zwang muss sie beherrschen Sie steht
verlassen ohne natürlichen Beistand da jung und unerfahren welch ein
Höllengedanke dass es dem gelenken Bösewicht gelingen könnte diesen Engel zu
verlocken
Und sagte Richmond bist Du wirklich sicher dass sie dieses gute Vorurteil
verdient Hast Du seither im täglichen Verkehr sie so genau geprüft Ich kann
mich zum Vertrauen noch nicht stimmen lassen obwohl ich es teilnehmend
anerkenne dass es ein hartes Loos ist so da zu stehen wie sie Der kleinste
Zweifel an der Reinheit einer Frau hängt sich verunstaltend um sie wie ein
böses Schlinggewächs um der Säule ebenmässigen Bau und Zweifel mindestens hat
sie erregt Kannst Du die Rätsel lösen die ihr Leben ihr Erscheinen unter uns
begleiten Kannst Du des Argwohns Dich überheben wenn Du sie kennst
Ich kenne diese geheimnisvollen Umstände ergriff nun ruhiger Ormond das
Wort und weiß sie nicht zu lösen doch fern bleibt von mir jeder Argwohn Kenne
sie nur erst und lass sie selbst Dir Zeugnis ablegen von der unverfälschten
Reinheit ihrer Seele Sie fühlt den Schmerz der ihrer Lage zugeteilt ist nur
als das trostlos plötzliche Vereinsamen eines in Liebesfülle aufgeblühten
Kindes doch fern liegt ihr die Ahnung einer ihr dadurch aufgedrückten
Zweideutigkeit Sie hat den festbegründeten Stolz der Unschuld und jenes
rührende Vertrauen in die Wahrheit noch durch deren offene Enthüllung sie sich
selbst und uns allen glaubt Genüge getan zu haben Sie lebt so ohne Furcht vor
uns in diesem Kreise dass sie sich um nähere Enthüllung ihres geheimnisvollen
Lebens nur deshalb sorgend müht weil sie der Unruhe ihrer Freunde über ihr
Verschwinden denkt und es sich selig träumt diejenigen der Ihrigen die sie
noch am Leben hofft uns zuzuführen Dass uns das Erscheinen dieser Freunde zum
Zeugnis über sie auch nötig scheinen könnte ahnt ihre Seele nicht Und wer muss
ihren unbekannten Freunden nicht Zeugnis hoher Einsicht ablegen wenn er die
Erziehung dieses Mädchens kennt Die Natur hat an dieser schönen Hülle sich
nicht erschöpft frei großartig und edel ist jeder Trieb in dieser Brust doch
wie hat auch die Erziehung mit höchster Weisheit mit Ehrfurcht fast vor dieser
natürlichen Gestaltung gegen alle Verkrüppelung sie bewahrt Ich kenne die
Pläne die Berechnungen ihrer Erzieher nicht darum kann ich nur sagen es
scheint sie ist zu einer großen Bestimmung auferzogen und ihrer Natur eine
völlig freie und eigentümliche Entwickelung gegönnt Sie hat die Formen die
wir an Frauen lieben die von der feinsten Sitte der vornehmen Welt erzogen
wurden und dennoch ist es als ob sie nichts von allem diesen wüsste als ob ihr
hohes weibliches Gefühl sie jedes Mal die Formen erfinden ließe die dann dem
strengsten Richter genügen müssen Sie geht ruhig arglos wie ein Kind unter
all diesen verschiedenen Gestalten hier umher und weiß sich überall zu finden
aber ein unedles Wort reizt schnell dies sorglose Kind sie hat ein kräftiges
Herz des edelen Zornes fähig und wunderbar tritt dann ein echter Stolz aus ihr
hervor Dann fühlt man erst wie völlig wahr und natürlich sie gebildet ist und
denkt mit Freuden der schönen Natur die sie so mäßig klar und ruhig in allen
Verhältnissen bleiben lässt Nein ich kann den Glauben an ihre reine Abkunft
nicht aufgeben es wird noch Licht über sie kommen diese Ungerechtigkeit sie
der Missdeutung preis zu geben begeht der Himmel nicht an seinem Liebling
Richmond drückte bewegt von dem warmen Eifer des edelen Freundes seine
Hand er hatte das schöne Bild welches aus seinen beredten Worten vor ihm
aufgestiegen mit einem unaussprechlichen Gefühl als ein bekanntes zum Leben
auferstandenes in seinem tiefsten Gemüte aufgefasst und fühlte sich davon zu
sehr gerührt um ruhig plaudernd wie es die Absicht dieses Beisammenseins
verlangte auszuharren
Auch schien Lord Ormond davon wie von etwas Ausgesprochenem überzeugt
Freundlich innig pressten sie sich Abschied nehmend an einander und Jeder
eilte reich mit eigenen Gedanken ausgestattet zur willkommenen Einsamkeit
Erst als Ormonds Blicke hier in seinem Zimmer auf eine kleine Zeichnung von
Ollonies Hand fielen gedachte er wie so ganz er bei jenem Zusammensein mit
Richmond seine Absicht außer Acht gelassen ihn aufmerksam auf Ollonie zu
machen Er blieb betroffen stehen dann schien ihn plötzlich Schreck und Schmerz
zu überwältigen er hob die Hände gepresst gegen die Stirn und wir verlassen
ihn um Richmond zu belauschen der sein Zimmer durchmessend seufzend mehr als
ein Mal zu sich sprach Du armer Bruder
Längst war das Ereignis das ihrer Feindin und ihren Freunden so auffallend
ward aus den Gedanken Marias entschwunden wir finden sie in ihrem Zimmer
halb entkleidet auf einem Tabouret vor dem mit ihrem Schmuck belegten
Nachttisch sitzen und die alte ihr zugeteilte und sie zärtlich liebende
Kammerfrau beschäftigt das schöne braune Haar das wie ein seidner Mantel um
ihre Schultern hing zur Nacht zu kämmen und in Flechten aufzubinden Doch immer
zog sie kopfschüttelnd den Kamm zurück denn immer berührte er fünf weiße
schlanke Finger die trotz der wiederholten Verletzung stets bemüht waren das
zarte Haupt zu stützen das schwer von Gedanken einem unergründlichen
Geheimnis nachzusinnen schien
Vergeblich hatte die gute alte Errol gehustet bei Berührung des Kammes um
Verzeihung gebeten ihre sonst stets heitere auf die alte Pflegerin aufmerksame
Gebieterin blieb heute den kleinen sonst so leicht verstandenen Bemühungen
eine Unterredung anzuknüpfen unzugänglich
Ihr seid müde teure Lady hob sie nun endlich lauter an und wenn Ihr Eure
liebe Hand zurückziehn wollt will ich Euch bald zur Ruhe helfen aber ich muss
doch Eure Haare aufbinden Ein holdes aber stummes Lächeln war die ganze
Antwort aber die schöne Hand ruhte nun friedlich neben der andern im Schoss und
die alte Errol eilte ungestört ihr Werk zu vollenden
Kein Wunder fuhr sie fort noch immer bemüht ihr Rede abzugewinnen dass
Ihr so müde seid habt Ihr doch heute Nachmittag gar viel Bewegung Euch gemacht
Wahrlich Euch kann Niemand übertreffen Die jungen Damen so zierlich sie sind
keine weiß bei allen Spielen das zu leisten was Ihr vermögt und wäre Lord
Richmond nicht gekommen auch die Kavaliere hättet Ihr besiegt aber der das
liebe Kind von Jugend auf war er der Klügste Beste und Geschickteste
Lord Richmond so tönte es jetzt über die Lippen der schweigsamen Lady Lord
Richmond ja wohl Du musst ihn kennen Du warst ja von Jugend auf in
GodwieKastle
Ja Mylady zu Befehl und Anne meine liebe jüngste Schwester die an den
Master Jepson verheiratet ist die war seine Amme Es war von Geburt an ein
schönes begabtes Kind und heute wie er mit Euch um die Wette durch das seidene
Tau lief da war es mir als sähe ich ihn wieder als Knaben vor mir
Aber wo warst Du Errol ich sah Dich nicht als wir heute spielten
Euer Gnaden der Master Lovelace hatte uns erlaubt die obere Gallerie die
an den Speisesaal stößt und gerade auf den Platz sieht zu besuchen denn Alle
wollten gern den jungen Herrn sehen
Während dem war die alte Errol mit ihrer Arbeit zu Ende gekommen Sie küsste
jetzt die schönen Hände da die junge Dame stets ohne Hilfe ihr Bett bestieg
und entfernte sich froh dass sie ganz so freundlich wie gewöhnlich von ihrer
jungen Herrschaft entlassen worden war
Maria fand sich nun allein Sie dachte dass der Augenblick zu beten gekommen
sei und hoffte dann durch den Schlaf ihrer sonderbaren Stimmung enthoben zu
werden Sie kniete in hoffnungsvoller Erwartung des Gebets vor ihrem kleinen
Pulte nieder aber es blieb Alles stumm in ihr ihr ganzes Innere schien still
zu stehen und sie selbst stand wie vor etwas Fremdem in erstaunensvolle
Selbstbeschauung aufgelöst Wie die Hallen an einem Feierabend vor dem Feste so
war ihr Herz mit dem vollsten Schmucke angetan aber die lautlose Stille darin
zeigte an dass der Morgen noch nicht angebrochen war der dieser stillen
Vorfeier Namen und Bedeutung verleihen sollte
Kindlich geängstigt von dem Gedanken nicht beten zu können hob sie flehend
ihre Hand zum Himmel Herr mein Gott und Vater rief sie aus tiefer Brust sieh
mich an und sei mir gnädig
Dann senkte sie ihr schönes Haupt lange auf das Pult küsste endlich
inbrünstig ihr kleines griechisches Evangelium das ihr zur Erbauung diente und
legte sich beklommen und sich selbst entfremdet auf ihr Lager Da flossen
endlich die Tränen die sie bisher aus Scham bekämpft und sie wehrte ihnen
nicht länger obwohl sie es tadelte so ohne Ursach zu weinen und wie ein
unschuldiges Kind weinte sie sich in die Arme des Schlafes hinüber
Die Sonne Englands leuchtet nur selten am frühen Morgen mit dem hellen
farblosen Lichte anderer Länder In Nebel und feuchte Dünste gehüllt verbreitet
sie ein weniger helles und wärmendes aber alsdann von der zartesten Rosenfarbe
magisch verklärtes Licht In langen schmalen Streifen sendete sie am andern
Morgen ihren zauberischen Glanz durch die bunten gotischen Fenster in das
Schlafgemach der hold noch Träumenden Auf dem glänzenden Tafelwerk an Wänden
und Fußboden schienen die farbigen Scheiben ihr Licht als zerstreute Blumen zu
malen gleichsam neckend um die Schläferin zu wecken So ruhte das schöne Kind
ganz übergossen von den bunten Lichtern auf ihrem Lager dessen Vorhänge weit
zurückgezogen ihnen vollen Einzug gönnten Doch schon zuckten zuweilen die
zarten Augenlieder und eben wollten die feinen Hände die blendenden Lichter aus
den Augen streichen da vollendeten diese selbst das angefangene Werk und zwei
klare Augen öffneten sich dem heitern Morgen
Mit einer unbeschreiblich süßen Empfindung ward sie sich ihrer selbst
bewusst Wie ein Kind das liebes Spielzeug wieder erkennt schaute sie lächelnd
aufgerichtet umher in das lieblich gefärbte Gemach den Gegenständen ihre
anmutigen wohlbekannten Erscheinungen aufs Neue ablauschend Als sie auch ihr
weißes Gewand und sich selbst mit bunten Lichtern übergossen sah entschlüpfte
sie leichten Fußes dem so lustig bestreuten Lager und hinaus in die Frische des
herrlichen Morgens sehnte sich die heiße Brust Jugendlich erquickt und erfreut
durch den gesunden Schlaf gedachte sie nicht ihrer Empfindungen am Abend oder
glaubte sie doch nach flüchtiger Erwägung glücklich beseitigt Ein doppelt und
dreifaches Leben an seliger Heiterkeit füllte ja heute die gestern so beklommene
Brust sie musste ja niederknien und dies Mal fehlte das Gebet ihr nicht ja
ein Hymnus von Dank und Liebe gegen Gott strömte aus dem seligen Herzen und als
sie von Freude und Andacht leuchtend aufstand da schien sie die andächtig
harrende Errol zu fragen Ist es nicht eine Seligkeit zu leben
Mit dem heitersten Lächeln strich sie über das alte liebe Gesicht und ein
Kind kann nicht teilnehmender nach der Nachtruh der Mutter forschen als jetzt
das schöne Fräulein die alte Dienerin befrug
Dazwischen lauschte sie stets nach den Fenstern hin und das erwachende
Leben in der Natur entging ihren aufmerkenden Sinnen nicht Zwar war die Zeit
des Sommers schon dahin aber der Herbst hatte noch sein eigentümliches Leben
nicht verloren und sie hörte von fern den Reiher über dem Moore sich mit
vereinzeltem Geschrei erheben der Drossel nahen sanften Ton und der Seemöwe
weitgetragenen gellenden Ruf Hell lachte sie den Schwalben nach die aus dem
Mauergesimse emporschwirrend sich erst an den glänzenden Scheiben mit dem Kopf
stoßen mussten ehe sie den rechten Weg in das Weite fanden Hinter ihnen her
strebte ihre Seele mit Ungeduld und schnell half sie selbst sich in die
zierliche Morgenkleidung hüllen Dem Klima und der Sitte gemäß bestand diese
weder in Mousselin noch seidenem Stoffe sondern sie wählte einen dunkeln
Samt dessen Ränder mit feiner Goldstickerei zu dem goldnen Netze passten das
die glänzenden Zöpfe umschloss und von einem kleinen Federhute überbaut wurde
der so leicht wie ein Heiligenschein um den Kopf saß weder der Sonne noch dem
Sturme zu wehren vermögend Während dies in eigentlicher Schnelligkeit bald
beendigt ward hatte sich zu wiederholten Malen ein Geräusch an der Türe hören
lassen das zwar einen ungestüm Harrenden andeutete aber zugleich von einem
Willkommenen herrühren musste denn jedes Mal blickte Lady Maria mit dem
schalkhaften Lächeln zur alten Errol auf die dann jedes Mal lachend nach der
Tür hinnickte
Jetzt war das schöne Wesen von Kopf bis zu Fuße geschmückt und trotz des
dabei waltenden Eifers doch von keinem andern Gefühle bewegt als dem der
gehörigen Abfertigung eines nötigen Geschäfts Rasch und von eigener freudiger
Ungeduld übereilt flog sie gegen die Tür und sogleich stürzte sich Gaston ihr
mit dem ausgelassensten Jubel entgegen und nachdem sie seine Liebkosungen
empfangen jagte er die kühnsten Sprünge wagend und in langen Bogen sie
umkreisend und wieder erreichend um sie her während sie selbst wie ein
flüchtiges Reh über die Stiegen und Gallerien mit ihm hinab eilte in den
herrlich ihr entgegen leuchtenden Park
Aber welch ein Morgen schien ihr der heutige Welch ein Licht welch ein
Farbenglanz und welch eine leichte balsamische Luft von der sie sich wie
getragen fühlte Welch ein Gefühl von Glück und Mut und Hoffnung schien ihr
von ihm auszugehen Ihre Seele war befreit von dem Kummer der seine schwere
Hand nach ihr in der Einsamkeit auszustrecken pflegte die Bilder der verlorenen
Lieben ihr vorführend und ihr eigenes vereinsamtes Loos
Ach wohl gedachte sie ihrer Lieben aber heute mehrten sie nur die
unschuldige Seligkeit des Herzens und statt ihrer sonst in Tränen gehüllten
Bilder verklärten sie sich jetzt in heiter blickende Engel die aus dem
glühenden Morgenhimmel sich schützend und segnend über sie herab neigten
Ja ich muss glücklich sein rief sie sich zu denn dies wollten sie ja von
mir und zum ersten Male fiel es ihr ein wie sie ihr das Glück das aus einer
wahrhaft harmonischen Entwickelung des Menschen hervorgehen müsse und das sie
jetzt empfand als die Aufgabe des ganzen Lebens gestellt hatten
Sie fühlte dass sie an diese Aufgabe zu wenig gedacht aber heute wollte sie
dieselbe zugleich lösen Sie hielt den Schmerz für besiegt in sich oder doch für
aufgelöst in kindlicher Ergebung und dankte im ausgesprochenen Gebete Gott für
das Glück zu leben Zu leben setzten ihre Gedanken das Gespräch des kindlichen
Herzens fort und zu leben unter den edelsten und besten Menschen
Sie sandte ihnen allen tausend zärtliche Grüße zu als sie so eben eine
Höhe ersteigend das in der Ferne über den Bäumen des Parkes sich erhebende
Schloss gewahrte Ach mit jenen vereint den Tag zu verleben schien ihr ein nun
erst von ihr verstandenes geschätztes unnennbares Glück zu sein
An dem Fuße einer großen Eiche die noch vollbelaubt mit ihren weit
ausgebreiteten Zweigen die Anhöhe beschattete befand sich ein kleiner Sitz den
Lady Maria am liebsten bei ihren frühen Spaziergängen einnahm Von hier aus
hatte sie einen weiten Blick in die reizende Gegend die für sie einen
besonderen Zauber trug denn hier konnte sie mit ihren scharfen Augen die fernen
Gebirgslinien des Cheriot und die Grenzen Schottlands erspähen Der Solway an
dessen Ufern sie als Kind gespielt war zwar verdeckt von dem Gebirge des Peek
aber diese fernen malerischen Linien diese ersten Grenzwarten des schönen
Landes das sie als ihr Vaterland ansehen musste gaben ihrer Phantasie stets die
Bilder der Heimat und es war ihr eine Pflicht geworden täglich hinüber zu
schauen und sie wie liebe Verwandte zu begrüßen
Sie musste sich heute wie manchen Morgen damit trösten die Himmelsgegend
aufzusuchen denn so fern hin ruhten noch dichte Nebelschleier um den Horizont
Aber auch dies gab ihrem lebhaften Sinne Genuss denn gleich einem ungeheueren
Oceane breitete sich der NebelHintergrund aus während der Punkt wo sie stand
in seiner saftigen Frische wie eine Oase daraus hervor leuchtete
Voll atmete sie dem schönen Naturbilde entgegen und Alles ward ihr heut
zum Troste oder zur Freude und jeder Schatten versank denn ihr Busen war
ausgefüllt von einem einzigen unendlichen Wohllaut
Gaston an das Ziel der Wanderung seit lange gewöhnt hatte voranstürmend
sie hier erwartet und saß nun aufgerichtet gleich einer Schildwache zu ihren
Füßen und schaute mit seinen klugen Augen wie verständig in die Gegend hinein
Doch jetzt zog er die Ohren horchend an wandte unruhig und knurrend den
Kopf und ohne sich von der schmeichelnden Hand seines Schützlings beruhigen zu
lassen schlug er plötzlich hell an und fuhr seinen großen Körper rasch
erhebend pfeilschnell nach dem Waldwege hin der von dort aus gleichfalls zu
der Höhe führte
Lady Marie folgte seinem Laufe mit den Augen und sah wie Gaston sich in
seiner ganzen Länge aufgerichtet gegen einen Mann gedrängt hatte dem er auf
diese Weise verwehrte weiter zu schreiten da sein wildes Gesicht gegen das
seinige gehalten ihm jede Bewegung mit einem drohenden Knurren erwiderte
Gaston Gaston rief Lady Marie furchtlos für sich und erschreckend über
des Tieres Wildheit komm zurück komm zu mir
Gaston wandte den Kopf nach ihr zurück und schnell dem Rufe der lieben
Stimme gehorchend stieß er den Mann ihn eben so heftig loslassend fast
rücklings über und war im selben Augenblicke liebkosend zu ihren Füßen Noch mit
ihm beschäftigt blickte Lady Marie erst auf als ste den Schatten des nahenden
Mannes vor sich am Boden sah und jetzt erkannte sie zu ihrem lebhaften
Missvergnügen Lord Membrocke
Wer die schnelle Verwandlung ihrer Züge und ihrer ganzen Gestalt jetzt
betrachtete musste der Worte des Lord Ormond gedenken denn mit gerötetem
Antlitze hob sie sich so stolz empor dass ihr leuchtender Blick den Mann vor ihr
zu bedrohen schien
Je mehr sie in einer traumähnlichen Bewusstlosigkeit sich den süßesten
Gefühlen hingegeben und die Wirklichkeit nur in dem schmückenden Gewande dieser
Stimmung erblickt hatte desto ferner war ihr das Andenken an einen Mann
getreten der ihr so viel Veranlassung zum Zürnen gegeben hatte und ihren
Argwohn und ihre Ungeduld unablässig erregte
Doch der Lord schien nicht geneigt den Zorn des schönen Fräuleins bemerken
zu wollen sondern näherte sich ihr mit der schlauen Ehrfurcht und
Unterwürfigkeit die ihm allein übrig blieb um sich in der Nähe dieses stolzen
und klugen Kindes erhalten zu können
Mylady sprach er sie ehrfurchtsvoll grüßend ich muss Euch sehr für Eure
Befreiung von meinem Feinde danken da ich allerdings überrascht auf einem
friedlichen Spaziergange so fest an der Gurgel gepackt zu werden mir wenig zu
helfen wusste
Ich erkannte Euch nicht Lord Membrocke als ich Gaston zurück rief
unterbrach ihn Lady Melville kalt sich von ihm wendend und in die Gegend
blickend es war eine ganz gewöhnliche Handlung des Anteils und vielleicht
überflüssig da Gaston Niemand verletzt und mir nur diesen Platz gern einsam zu
erhalten trachtet
Ich könnte gehen wollt Ihr sagen um Gastons handfeste Bemühungen nicht
vergeblich zu machen setzte er spöttisch hinzu ich bin also offenbar hier
zuviel und hättet Ihr gewusst dass Lord Membrockes Gurgel unter seinen Krallen
zusammen geschnürt war so hättet Ihr vielleicht es nicht der Mühe wert
erachtet ihn abzurufen Mylady erlaubt mir Euch zu sagen Euer Stolz tut hier
Eurem schönen Herzen mehr Schaden als er verantworten kann Ihr hasst Niemand so
heftig selbst den armen Membrocke nicht um ihn gleichgültig irgend einer
Gefahr ausgesetzt zu sehen wenn Ihr sie mit einem Laute Eurer holden Stimme
abwenden könntet
Es lag zu viel Wahres in diesem Vorwurfe als dass er nicht das offene und
bescheidene Gemüt Marias hätte treffen sollen Sie glaubte ohne Grund eine
unweibliche Härte begangen zu haben und die früheren Veranlassungen ihrer
nötigen Zurückhaltung über diesen Vorwurf vergessend wandte sie sich mit
milderem Wesen zu ihm
Mylord sprach sie in den ruhigen Ton der Höflichkeit übergehend Ihr
vertraut meinem Herzen nicht zu viel ich hoffe dass es sich nie vom allgemein
menschlichen Wohlwollen zu gehässiger Ausschliessung verirren wird Sollten meine
Worte in der ersten Überraschung gegen Euch das Gegenteil ausgedrückt haben
so mögt Ihr mir verzeihen
Lord Membrocke jauchzte innerlich dies stolze Wesen gegen sich in Nachteil
gebracht zu haben und hätte Lady Maria das boshafte Lächeln gesehen womit er
hinter ihr stehend sie betrachtete sie hätte vielleicht bereut auf seine Worte
gehört zu haben
Was könntet Ihr noch sagen Mylady erwiderte er sanft zurückhaltend was
härter wäre als das grenzenlose Misstrauen womit Ihr mich behandelt seitdem
Euer bezaubernder Liebreiz aus dem geheimen Abgesandten Eurer Freunde Euren
zärtlichsten und unglücklichsten Anbeter machte
Ihr habt mir befohlen darüber zu schweigen fuhr er fort als die Lady sich
augenblicklich anschickte die Höhe hinabzusteigen indem er ihr ehrerbietig
aber nahe genug folgte um ihr Ohr noch zu erreichen und ich werde Euren
Befehl befolgen so lange meine schwache Kraft es vermag aber ich beschwöre
Euch noch ein Mal wendet um dieser unschuldigen unfreiwilligen Vergehung
meines Herzens nicht Euer Vertrauen ganz von mir Denkt ich wiederhole es Euch
dass ich der Einzige bin dem sich Euer unglücklicher Oheim vertrauen durfte um
Euch dem letzten ihm gebliebenen Troste von ihm Kunde zu geben Er ist
umstellt verfolgt und jeden Augenblick der Gefahr ausgesetzt seine Sicherheit
durch Flucht bewirken zu müssen Bedenkt was Ihr tut indem Ihr mir versagt
Euch zu ihm zu führen und so die Zeit vergehen lasst die ich viel nützlicher an
seiner Seite zubringen könnte
Mylord sprach hier Lady Melville ohne still zu stehen Ihr behandelt mich
auf eine unverzeihliche Weise Eure unschicklichen Verfolgungen lassen mich
nichts für wichtiger halten als wie ich mich denselben entziehen soll und das
wenigstens darf ich nicht bezweifeln dass mein Oheim Euch nie zu seinem
Vermittler gewählt haben würde hätte er ahnen können mich dadurch in die
beleidigende Vertraulichkeit mit einem Manne zu bringen der damit anfing mich
zum Gegenstande einer unehrerbietigen Neigung zu machen Aber davon abgesehen
dass das Vertrauen eines der edelsten Menschen Euch hätte bewegen müssen mich
mit Achtung zu behandeln muss ich jedenfalls einen Mann gering achten der eine
Lage wie die meinige zu benutzen sucht um während ich meines natürlichen
Schutzes beraubt bin mir Vorschläge zu tun an die ich nicht denken darf ohne
Eure Nähe gleich der einer giftigen Schlange zu fliehen Seitdem Ihr meinen Zorn
empfunden habt erst seitdem tretet Ihr als Gesandter auf und unter der
Autorität der Namen die mir heilig sind sucht Ihr mein verscheuchtes Vertrauen
wieder zurück zu bringen Vielleicht hatte ich Unrecht Euch noch ein einziges
Mal Gehör zu geben aber ich bin noch zu jung zu wenig gewohnt mich selbst zu
leiten und war zu überwältigt von dem Gedanken an die Möglichkeit dieses
letzten einzigen Schutzes der mir geblieben um dem nötigen und allzusehr
gerechtfertigten Misstrauen sogleich Gehör geben zu können Ihr habt auf diese
teure Namen hin mich mit ungekannten Schrecknissen bedrohend eine
Verschwiegenheit von mir erpresst die mich unaufhörlich beleidigt die mich wie
eine Schuld gegen die edle Familie belastet der ich das unbedingteste Vertrauen
schuldig zu sein glaube und welche Ihr mir ohne alle Gründe als Gefahr bringend
schildern wollt Aber seid sicher mein Herz verwirft diese falsche Stellung
jeden Tag lebhafter und eben heute fühle ich es unerlässlich mich wieder rein
zu stellen heute noch soll die Herzogin von Nottingham erfahren was Ihr von
mir verlangt in wessen geheimer Vollmacht Ihr hier zu sein vorgebt und hat sie
für mich geprüft dann mögt Ihr immerhin unter dem Gefolge Euch befinden das
sie mir ersehen wird um mich an den Ort meiner Bestimmung zu führen
Nun rief hier Membrocke mit einem Zorn den er längst einmal gegen das
mutige Mädchen zu versuchen entschlossen war und wozu er sich ziemlich durch
ihre wegwerfende Antwort geneigt fühlte nun so folgt denn Eurem übermütigen
Sinn und seid es dann selbst welche die letzte Hand an das Schicksal Euers
Oheims legt Wisst dass das erste Wort was mich als den geheimen Freund Eures
Verwandten vor dieser Frau bezeichnet mich zwingen wird ihn ihr zu nennen und
seinen Aufenthalt zu entdecken und wisst dass es derselbe ist der in die
Angelegenheiten des Grafen von Bristol verwickelt von diesem durch ein einziges
Wort zum Schaffot geführt werden kann
Lady Melville bebte hier unwillkürlich zusammen und als sie ihr schönes
Antlitz zu ihm wandte war es erblasst und ihr großes Auge schaute voll
Entsetzen zu ihm auf
Ja vollendete Membrocke die ihn erfreuende Wirkung beobachtend ja Ihr
wollt nicht geschont sein und sollt es denn endlich wissen wie schrecklich die
Lage Euers Oheims ist wie sehr sie geschont sein will Gewiss habt Ihr den Namen
Buckingham nennen hören und müsst ahnen dass Eure Verwandten nur zu nah mit
diesem erlauchten Geschlechte verbunden sind Eben jetzt ist Graf Bristol
zurückgekehrt wegen der spanischen Zwistigkeiten sucht er sich zu
rechtfertigen indem er den Herzog von Buckingham anklagt Nur zu leicht würde
ihm das gelingen könnte Graf Bristol den Aufenthalt Euers Oheims entdecken und
ihn vor Gericht laden Genug Zeugnisse werden gegen ihn reden denn sein edles
vertrauungsvolles Gemüt hatte ihn an Schritten teilnehmen lassen deren
Aufdeckung nach der gänzlich verfehlten sicher guten Absicht jedem
Teilnehmer den Tod bringen muss da es die Auflösung der spanischen Vermählung
und den daraus sich jetzt entwickelnden Krieg betrifft Das Parlament ist
versammelt Graf Bristol muss seine Anklagen beweisen wenn er nicht das gezückte
Schwert über sein eigenes Haupt rufen will Es blieb Euerem Verwandten nichts
übrig als Flucht In tiefster Verborgenheit an der Grenze des Königreichs harrt
er ob die Nachforschungen Bristols ihm nahen werden um dann sogleich allein
trostlos und verlassen von aller Liebe in ein fremdes Land zu fliehen Die
ganze Familie Nottingham unterstützt diese Nachforschungen denn sie verhehlen
sich nicht dass ohne diese Beweise die Lage des Grafen sehr bedenklich wird
Geht jetzt hin und entdeckt selbst der Tochter des Grafen Bristol wohin sich
der geflüchtet den sie um den Preis ihres halben Lebens suchen würde und wenn
dann das Henkerbeil ihn erreicht so lasst mir wenigstens die Gerechtigkeit
widerfahren dass ich Euch warnte
Lord Membrocke hatte mit der vollen Sicherheit gesprochen die er in der
Überzeugung gewann sie erschüttert zu haben aber seine Berechnungen sollten
immer an einem solchen weiblichen Charakter scheitern von dem er überhaupt keine
Vorstellung hatte Die heftige Erschütterung des ersten Augenblicks bemeisternd
suchte ihr an klares Nachdenken gewöhnter Geist diese überraschenden Tatsachen
zu prüfen und unterstützt von ihrem Widerwillen und ihrem Misstrauen gegen den
Erzähler weigerte sich bald ihr ganzes Innere ihm Glauben beizumessen
Ich kann nicht denken dass die Lage meines teuren Oheims so ist wie Ihr
sie darstellen wollt und niemals kann ich annehmen dass dieser stolze und reine
Charakter in irgend eine Handlung verwickelt sein sollte die ihn zu einer so
schimpflichen Verborgenheit zwingen könnte Hätte dieser Engel von Milde und
Güte sich aber zu einem Schritte weiter verleiten lassen den er bereuen müsste
nimmer würde er geduldet haben dass ein anderer dadurch in Gefahr geriete er
wäre der Erste gewesen der dem Parlament als sein eigener Ankläger sich
gegenüber gestellt hätte Graf Bristol hätte in ihm selbst seinen Verteidiger
gefunden ob auch das Henkerbeil wie Ihr sagt dann über seinem Haupte zuckte
Ha rief sie begeistert von dem Tugendzeugniss das sie diesem geliebten
Andenken abgelegt gesteht es nur Ihr habt eine schlechte Mähr ersonnen mich
von denen zu entfernen bei denen ich nur allein Schutz und Hilfe finden konnte
gegen Euren bösen Willen und Gott mag Euch vergeben dass Ihr dazu mir so
heilige Namen missbrauchtet
Wieder eilte sie heftig erzürnt den Weg vor ihm her welcher nun in einen
breiten Laubgang einlenkte der aus den Frühstückssaal zuführte in dem bereits
alle Mitglieder des Hauses und der Gesellschaft versammelt waren Nun so rette
Euch Gott halsstarriges Mädchen rief Membrocke und Du teurer unglücklicher
Freund magst mir vergeben dass ich Dein mir so heiliges Vertauen an ein so
trotziges wildes Wesen verriet auf dessen Liebe Du zu viel bautest
Lady Melville blieb stehen Trotz der Gewalt die sie ihrem Herzen antat
ihre Besonnenheit zu erhalten ward doch durch die früheren Worte Membrockes in
ihr eine Angst erregt die sie nicht mehr zu beschwören vermochte Tief aber
traf sie der letzte Vorwurf selbst aus diesem Munde
Gott Du bist mein Zeuge rief sie indem ihre Stimme bebte dass könnte ich
Euch glauben ich zu Fuß als Bettlerin ja selbst mit Euch bis an den fernsten
Punkt der Erde wandeln würde ihn aufzusuchen und ihm mit meiner Liebe innig zu
dienen aber Sie schwieg und Schmerz und Unruhe lagen so unschuldig rührend
in diesen holden Zügen ausgedrückt dass Membrocke selbst einen Augenblick davon
ergriffen beschloss sie zu seiner wirklichen Gemahlin zu erheben und nach
dieser tugendhaften Entschließung um so dreister seine bösen Geister aufrief
sie durch alle erdenklichen Täuschungen in seine Gewalt zu bringen
Wie kann ich nun wieder diesen Beteuerungen glauben sprach er mit
unverstellter Anmassung da überhaupt Eure ganze Teilnahme für Eure natürlichen
Freunde in derjenigen untergegangen zu sein scheint womit Euch hier diese
fremde Familie fesselt
Einen Tag früher hätte Maria diesen Vorwurf mit Unwillen zurückgewiesen
heute bebte sie innerlich davor aus einem ihr selbst noch nicht bekannten
Grunde wie vor einer Wahrheit zurück
Ich weiß fuhr Membrocke fort durch den Mund Eures Oheims dass Ihr noch
nicht den Namen desselben kennt Ihr irrt wenn Ihr ihn für einen Grafen von
Marr haltet Ihr beginnet selbst dies zu ahnen und wisst dass Eure Beschützer
ebenso daran zweifeln Warum war aber Euer Anteil so lau dass Ihr nicht von mir
eine so wichtige Nachricht vernehmen wolltet die doch wohl unzweifelhaft mir
bekannt sein muss
Marie erglühte bei dem Gedanken an diese Art von Rechenschaft die der
fremde verhasste Mann von ihr zu fordern schien
Erinnert Euch Mylord rief sie stolz dass aus meinem Munde an Euch nie ein
anderes Wort ergangen ist als was ich von Eurer Zudringlichkeit gezwungen
aussprechen musste dass ich mich nie zu einer Frage herabliess die den verhassten
Zwang Eurer Nähe mir hätte verlängern können dass ich vor Allem nie anerkannt
habe Ihr könntet irgend etwas von denen wissen die ich zu hoch verehre um
Euch als ihren Abgesandten ansehen zu mögen Ein Name wie wichtig mir auch der
rechte sein möchte würde aus Eurem Munde gehört für mich keinen höheren Wert
haben als jener den ich jetzt schon als einen von mir irrig angenommenen
ansehen muss Lasst die Vertraulichkeit womit Ihr mir Rechenschaft abzufordern
geneigt seid Ihr seid und bleibt mir völlig fremd
Sie eilte vorwärts bis zur Hälfte schon die Allee zurücklegend und
Membrocke fühlte nun mit Unwillen wie schwer ihm hier jeder Schritt gemacht
würde wie er auch jetzt wieder einlenken müsste Er suchte sie daher zu
erreichen und trotz dem dass Gaston sich zwischen ihn und seine Gebieterin
gedrängt hatte versuchte er doch so nah und vertraulich wie möglich neben ihr
zu schlendern da er im Angesicht des angefüllten Saales hoffen durfte bemerkt
zu werden Dies unterstützte seine Absicht den Schein eines Einverständnisses
mit ihr zu erwecken und die in Bezug auf sie gefasste gute Meinung zu
erschüttern welches ihn hoffen ließ eine Spaltung hervorzubringen die sie
hilfloser und isolirter machen musste
Euer Zorn hob er aufs Neue an obwohl ich immer dessen Ziel sein muss legt
gegen Euren Willen Zeugnis von Eurem treuen kindlichen Herzen ab das ich nötig
hatte um Euch nun bald Beweise geben und anvertrauen zu können um deren
Wirkung ich sicher bin Bald erwarte ich meinen Pagen von da zurück wo er lebt
der mich bei Euch beglaubigen muss Bis dahin hört auf meine letzte flehende
Bitte und um des Andenkens willen das Ihr so hoch haltet schweigt gegen
Jeden der Euch auch noch so würdig des Vertrauens scheint Hört Ihr mein Page
sei zurück und ich weiß Euch nichts Genügendes zu sagen oder zu geben dann
sollt Ihr selbst den Tag meiner Abreise bestimmen ich kann Euch nur dem Schutze
des Himmels empfehlen
Lady Melville würdigte ihn keiner Antwort sondern suchte ihm voran zu
eilen und während sie jetzt sich dem Saale näherte gewahrte sie die ganze
Gesellschaft um den fröhlichen Genuss des Frühstücks versammelt
Wie rief die Marquise Danville sehe ich recht Eilt dort nicht unser
kleines Geheimnis Lady Melville daher wenn ich nicht irre am Morgen in
derselben Gesellschaft von der ich sie am Abend begleitet fand Doch man hat
mir gestern Abend bewiesen dass ich zu schwach sehe um mich auf meine Augen
länger verlassen zu können Lord Ormond wollt Ihr mir wohl sagen da jetzt
anstatt des Mondes die Sonne am Himmel steht wer die beiden vertrauten Personen
sind die dort die Allee entlang zu uns eilen Oder Ihr Lord Richmond fuhr sie
in bitterem Spotte fort denn seht unserm lieben Lord Ormond erstirbt die
Antwort auf den Lippen
Ohne Zweifel ergriff Lord Ormond fest und kalt das Wort ist dies Lady
Mellville und Lord Membrocke Lady Melville liebt früh in dem Genuße der
schönen Natur ihr Gemüt zu erheitern und ihre Nerven in der Morgenluft zu
stählen welches ihr die bezaubernde Gesundheit des Körpers und des Geistes
erhält der wir uns alle freuen
Während dem war Richmond fast ungestüm von seinem Sitze geeilt der nun
eintretenden Lady Melville die Tür zu öffnen und Ormonds Aufmerksamkeit zog
sich einen Augenblick auf Ollonie die mit einer seltsamen Überspannung in
Marias Arme stürzte sie heftig küsste und dann an ihr vorüber aus der Tür
verschwand
Als Maria am Eingange des Saales einen Augenblick hold grüßend stehen blieb
und ihre alsbald wieder klar werdenden Augen freundlich über Alle hinglitten da
war es ihr als ob ein böser Dämon ihr gefolgt der erst hier in der Nähe dieser
edlen Menschen seine Macht über sie verliere Ihre Brust entlud sich der herauf
beschwornen Not und Friede und süße Hoffnung auf Schutz und Glück unter ihnen
zog wie der Gruß eines Engels in ihr Herz
Mit einem unbeschreiblichen Gefühle kindlicher Ehrfurcht und Liebe näherte
sie sich den beiden Herzoginnen die am Ende des Saales in der Nähe des Kamins
mit dem älteren Teile der Gesellschaft sich niedergelassen hatten und innig
ihre Hände küssend ward sie von Beiden nach einer Jeden Art und Weise
freundlich begrüßt
Hierher Mylady rief jetzt Lady Danville hier ist ein Platz für Euch
Wahrlich Ihr macht es den Leuten schwer Eure Gesellschaft zu genießen Heute
Morgen als ich Euch mit Gaston in den Park fliegen sah als ob Ihr wer weiß
welche Eile hättet da suchte ich Euch nachzukommen begierig von Euch die
Freuden eines nebligen Herbstmorgens zu erlernen aber ich fand bald dass Ihr
Euch für heute einen andern Schüler erwählt hattet und ich fürchtete zu stören
als ich Lord Membrocke desselben Weges Euch nacheilen sah Ich kehrte daher
schnell zu diesem warmen Zimmer zurück hätte auch auf keinen Fall einen so
langen Lehrgang ausgehalten wie Ihr mit Lord Membrocke zurückgelegt
Maria hatte sich zu Anfange dieser Rede der Lady genähert Während des
Verlaufs ihrer Worte blieb sie stehen und blickte voll Erstaunen in die bitter
lächelnden Züge der Marquise Sie war sich eines gegen sie gerichteten bösen
Willens so wenig gewärtig dass sie im ersten Augenblicke zweifelte ob sie recht
höre als sie sich überzeugen musste ihr Zusammentreffen mit dem verhassten Lord
werde als ein verabredetes angesehen und laut und mit Hohn als solches
beleuchtet fühlte sie sich empört Ihr Antlitz ward von einer hohen Röte
überdeckt ihre schlanke Gestalt hob sich zu einer edelen Majestät und der ernst
gebietende Glanz ihrer Augen setzte Richmond in Staunen
Ich muss zwar annehmen Mylady dass Ihr so eben scherzen wolltet aber Ihr
habt in Eurer guten Laune übersehen dass Ihr einen Gegenstand wähltet der
selbst im Scherze das Gefühl einer Frau beleidigt und ich bin beschämt Euch an
diesen Missgriff erinnern zu müssen
Haltet zu Gnaden stolzes Kind rief die Marquise hochrot von Zorn glaubt
Ihr in mir einen so lehrbegierigen Schüler zu finden wie in Lord Membrocke so
seid Ihr im Irrtum Erlaubt dass ich Euch auf diesen Missgriff Eurerseits
aufmerksam mache Ihr aber Lord Membrocke seid kühl geworden in Eurem
Ritteramte warum bekennt Ihr denn nicht den Zufall dem wir Euer empfindsames
Zusammentreffen zuschreiben sollen Könnt Ihr nicht setzte sie lachend hinzu
da Membrocke mit einem zweideutigen Lächeln die Achseln zuckte
Wie dürfte mein Mund widersprechen zischelte er wo die schöne Lady
Melville sich so bestimmt erklärt hat
Diese Worte wurden mit Willen halb leise gesprochen wenn auch deutlich
genug um von den zunächst Stehenden verstanden zu werden und das Gelächter
welches die Marquise ihnen nachschickte vollendete das Beleidigende derselben
Aber schon erreichten sie nicht mehr das Ohr des unschuldigen Opfers dieser
Bosheiten Denn die alte Herzogin auf alle ihre Gäste ein wachsames Auge
habend hatte die erhöhten Stimmen am Ende des Saales bemerkt und der
schutzlosen Maria stets mütterlich gewogen hatte sie schnell ihren Pagen
gesandt sie an ihre Seite zu rufen Schon hatte das liebliche Mädchen ihre
Leiden vergessend neben der alten Lady Platz genommen ohne die Vollendung
einer Beleidigung zu ahnen die sie mutig von sich abgelehnt zu haben wähnte
Richmond war ihr gefolgt Wie auch seine innere Empfindung über dies neue
Zusammentreffen mit dem Lord sein mochte dessen bekannter Charakter dem Rufe
einer jeden Frau schaden musste die man in irgend einem Verhältnisse zu ihm
denken konnte jedenfalls hatte die Art wie Lady Melville von der boshaften
Marquise angegriffen ward ihm empörend gedünkt Wenn er sich seine Meinung auch
vorbehalten zu müssen glaubte wollte er doch nimmer dulden dass man in seiner
Gegenwart und in dem Hause seiner Verwandten ein junges schutzloses Wesen zu
beleidigen wage Der Achtung sich wohl bewusst die man seinem Charakter zollte
widerlegte er durch die ehrfurchtvollste Höflichkeit gegen die eben Beschuldigte
in den Augen der meisten Anwesenden das eben Gehörte Er bediente sie selbst mit
der liebenswürdigsten Galanterie bei dem Frühstück und der anfängliche Zwang
und die Absichtlichkeit die er sich auferlegte wichen bald dem Vergnügen das
Keinem in der Nähe Mariens fremd bleiben konnte Ihr Geist besaß heute eine
besondere Elastizität und die Freude hatte zu vollständig in dem lebhaft
erregten Herzen Raum gewonnen um nicht bald über Alle dazwischen getretenen
Eindrücke zu siegen Diese Erschütterungen selbst trugen bei sie noch lebhafter
und anziehender erscheinen zu lassen da sie ihr ganzes Wesen in Aufregung
gebracht hatten Ihre wundervollen klaren Augen wechselten mit einem fesselnden
Ausdruck und ihr leicht bewegtes Mienenspiel deutete schon ehe noch Worte ihn
bezeichneten den Gegenstand ihrer Empfindungen an
Es war Richmond nicht möglich die Augen von ihr zu wenden obwohl er sich
einstweilen mehr noch ein Beobachter als ein Bewunderer dünkte
Und warum war denn meine liebe Maria so erzürnt als ich sie zu mir rufen
ließ frug jetzt die alte Lady zärtlich Lady Melville anblickend
Unsanft berührt mitten in dem heiteren Gespräch mit Richmond schien sie ihm
fast zusammen zu schrecken und schnell ernst und errötend niederblickend
blieb sie die Antwort zu lange schuldig um nicht dadurch aufzufallen
Ich war unhöflich fuhr die alte Herzogin gütig fort ich hätte Dich nicht
stören sollen da Du eben heiter warst aber das war nur die Neugierde der
alten Frau auch möchte ich nicht zugeben dass Dir etwas zu Leide geschehe denn
ohne Grund erzürnst Du Dich nicht
Innig küsste Maria ihre Hand Das Gefühl dieses Schutzes sollte mich sanft
lassen unter welchen Umständen es sein möchte aber ich habe viel mit meinem
ungestümen Herzen zu kämpfen
Die alte Herzogin ward so eben angeredet und drückte nur noch die Hand ihres
Lieblinges zur begütigenden Antwort Lady Melville wandte sich aber sogleich zu
Richmond ihr Gesicht glühte und ihre Augen standen in Tränen
O Mylord rief sie wie hasse ich in mir diese leicht veranlasste Heftigkeit
und wie wenig vermag ich sie noch zu zügeln trotz dem dass ich ihrer so lebhaft
mir bewusst bin Wir sollen wohl nicht gleichgültig bleiben wenn uns das
Unnötige aufgenötigt wird aber diese Selbstverteidigung lässt stets einen
Stachel in uns zurück denn selten bleibt uns die Gelassenheit die bloß das
Rechte überhaupt verteidigt Leicht mischt sich Beschämung des Andern in unsere
Worte und so wird aus der Verteidigung eine Art von Rache die uns dann wieder
selbst verwundet und vor uns selbst herabsetzt
Gewiss versetzte Richmond ist hierin die Lage einer Frau noch viel zarter
als die eines Mannes Wir sind in den vielseitigeren Beziehungen unsers Lebens
in viel größerer Gefahr der Missdeutungen und wir müssen uns fast an diese
Voraussetzung gewöhnen und sie ertragen lernen um unsere Handlungen nicht
endlich beschränkt zu sehen von dem gefährlichen Ehrgeiz jene zu vermeiden Oft
geht der Weg zu einer feststehenden Achtung und Anerkennung nur durch Ertragung
uns fern liegender Anschuldigungen und es gehört gewiss der wahre Mut der
Tugend dazu wenn wir schweigend unsere Rechtfertigung allein der Gerechtigkeit
vertraun die im Laufe der Zeit jedem wahrhaften Bestreben vorbehalten ist
Doch wie auch dieser Grundsatz als ein allgemeiner Jedem gelten möge in den
meisten Fällen leidet eine Frau zu sehr unter dem leisesten sie treffenden
Argwohn als dass sie nicht eilen möchte ihn von sich abzuwehren und ist der
Zorn irgendwo Ihrem Geschlechte erlaubt möchte es hier sein
O nein auch da nicht rief Maria lebhaft Ich träumte jetzt schon von der
Erreichung einer so stillen in sich begründeten Würde einer Sanftmut der
Seele die in dem Ankläger oder Verläumder allein den Leidenden den zu
Beklagenden sieht dann aber muss der Zorn fern bleiben und unsere Worte werden
um so mehr den Charakter der Überzeugung tragen Doch als die größte Sünde
sollten Männer sich fürchten eine Frau überhaupt in die böse Stimmung des Zorns
zu versetzen Denn wäre auch das größte Recht auf unserer Seite wir werden uns
doch stets im Nachteil befinden eben weil wir aus unserer Natur heraustreten
Es bleibt ein Misslaut in uns zurück hätten wir auch den glänzendsten Sieg davon
getragen Wüssten die Männer doch wie dankbar wir denen sind in deren
Atmosphäre wir rein und furchtlos aufatmen und sorgenlos unserer Natur uns
hingeben können ihres Schutzes gewiss und ihrer edelen Beobachtung aller feinen
Begrenzungen unserer dann so glücklichen Existenz
Richmond hob den sinnend niedergeschlagenen Blick bei diesen Worten zu ihr
auf Ein unbeschreibliches Gefühl sagte ihm dass er es sei den sie in der
Lebhaftigkeit ihrer Rede bezeichnet hatte es ward ihm zur höchsten Süßigkeit
sich sagen zu können er werde von ihr verstanden und anerkannt und als sein
Blick belebt von dieser Empfindung den ihrigen suchte da sank er hinter den
feinen Schleier der langen seidenen Augenwimper
Es blieb ihnen keine Zeit diese zarte Verlegenheit zu bekämpfen die
jüngere Herzogin erhob sich und forderte Richmond auf sie nach ihren Zimmern zu
begleiten Er wusste es wohl dass ihm hier das schwierige Geschäft oblag seine
leicht gereizte Mutter mit der bedrohten Lage ihres Vaters bekannt zu machen
und es kostete ihm in dem gegenwärtigen Augenblick eine besondere Überwindung
aus dem weichen Zustand in dem er sich fühlte zu all der Besonnenheit
zurückzukehren die der vorliegende Gegenstand nötig machte
Es gelang ihm jedoch besser als er sich zugetraut hatte ja er fand heute
sogar ein fast neues Talent in sich das einer leichteren Auffassung der
verwickeltesten Umstände und da er auch seine Mutter von ihrer Sorge um seinen
Bruder erleichtert antraf der in einem langen kindlichen Briefe seiner
Verbindung mit Anna Dorset mit der ruhigen Würde des entschlossenen Mannes
gedacht hatte fand er sie in einer ansprechenden Stimmung
Sie sah der Ankunft ihres Vaters mit kindlicher Freude entgegen und setzte
zu viel Vertrauen in seinen hohen Ruf um nicht jede Anklage dadurch entkräftet
denken zu müssen Vielleicht hätte es in Richmonds Auftrage gelegen ihr diese
stolze Sicherheit um etwas zu verringern aber sein stets gegen diese geliebte
Mutter so zärtliches Herz vermochte es nicht sie aufs Neue schon heute zu
beunruhigen wo sie eben erst eines solchen Gefühls in Bezug auf ihren ältesten
Sohn sich entledigt hatte Er glaubte nähere Nachrichten von seinem Oheim
abwarten und ihre ihm so heilige Ruhe noch eine Zeitlang bewahren zu können
Ein Versuch seine Mutter zu einiger Mitteilung über Lady Melville zu
bewegen scheiterte jedoch da sie ihm mit der kühlen Ruhe einer
Selbsterrscherin erwiderte dass sie die etwa nötigen Bestimmungen über dies
Fräulein sich selbst vorbehalten und daher alle anderweitigen Bemühungen ihr
Schicksal aufzuklären sich verbeten habe indem solche der Ehre und dem Glück
des armen Wesens wenig erspriesslich schienen Sie ziehe vor ihr auch ohne
weitere Aufklärung ihren Schutz zu bewilligen worin sie sich jetzt bestärkt
fühle da die Befürchtung durch sie die Ehre ihrer Familie bedroht zu sehen
nach Roberts männlicher Fassung verschwunden sei Dagegen sprach die Herzogin
sich sehr wohlwollend über ihre künftige Schwiegertochter aus unterließ auch
nicht der reizenden Ollonie zu erwähnen Es ward ihr leicht zu erkennen wie
fern Richmond jeder Gedanke an die Pläne seiner Familie liege da er von der
heranblühenden Jungfrau wie von einem lieben Schoosskinde sprach und in jener
gleichgültigen Laune die weder Lob noch Tadel widerlegen mag den
Versicherungen seiner Mutter zuhörte dass sie von ausgezeichneten Tugenden des
Geistes und Herzens sei Auch schwieg die Herzogin gar bald denn sie sah in
dieser Vernachlässigung eines Mädchens der sie im Geheim die Ehre zugestanden
ihre Schwiegertochter zu werden eine Beleidigung sowohl für sich als für
Ollonies jungfräuliches Gefühl und sie konnte das selbst ihrem Sohne nicht
schnell genug vergeben um ihn so freundlich zu entlassen als er es erwarten
durfte Doch auch dieser Wink sollte dies Mal verloren sein denn Richmond ging
in Gedanken vertieft von dannen er frug sich nur wie die Erwähnung der Lady
Melville die doch jetzt aufgehört habe seiner Mutter Besorgnis zu erregen sie
so auffallend habe verstimmen können
Die alte Herzogin wünschte die Gesellschaft um sich fest zu halten bis sie
selbst mit ihrer Familie nach GodwieKastle zurückkehren würde und sie war
daher unermüdlich in den Vergnügungen und Beschäftigungen um sich her die
angenehmste Abwechselung zu erhalten
Es konnte ihr das nicht fehlschlagen da ihr die reichsten Mittel nach Außen
zu Gebote standen da ihre stets gleiche Laune und ihre heitere Milde überall
belebend eingriff und Jeder durch ihren Beifall sich belohnt sah wenn er zur
Heiterkeit des Ganzen die Hand geboten hatte Trotz diesem über alle wehenden
Panier der Freude kann wohl Niemand bezweifeln dass nicht allen das Herz zu
dieser einen Losung schlug und Viele von eignen Betrachtungen beschwert nur
jene schickliche Haltung beobachteten die nirgends das eigene Interesse geltend
zu machen sucht
Lord Ormond befand sich vornehmlich unter diesen letzteren denn er war sich
seiner bewusst geworden und hatte sich mit einer unbeschreiblichen Erschütterung
eingestehen müssen durch Lady Melville aufs Neue mit einem Gefühl bekannt
geworden zu sein dem er sich nicht mehr zugänglich gewähnt hatte Ja er musste
diese Empfindung dies Mal in sich von einer Hochachtung und einer Teilnahme
unterstützt fühlen wie bei seiner früheren so unglückselig leidenschaftlichen
Liebe niemals der Fall gewesen Er hatte anfänglich noch die Schwierigkeiten
erwogen die bei seiner Stellung und seinem Range in der Verbindung mit einem
unbekannten Wesen über dessen Leben noch so viel Dunkel und Zweideutigkeit lag
ihm zu besiegen oblagen Aber er erkannte jetzt nur eine Schwierigkeit nur die
eine Furcht ob er der so viel ältere Mann das Herz dieses Engels je gewinnen
könne und war zu jedem andern Opfer bereit wenn er dies eine erlangt haben
würde Er wollte im Fall man etwa Bedenken trüge seine Gemahlin bei Hofe zu
empfangen seinen Abschied nehmen und seine Güter durch allen Zauber von Kunst
und Kultur zu einem würdigen Boden für sie umschaffen Aber diesen wichtigen
Augenblick der darüber entscheiden sollte wagte er nicht herbei zu führen ja
tausend Bedenklichkeiten ließ ihn vielmehr denselben stets weiter hinaus
schieben Er hörte indes nicht auf sie mit der zärtlichsten Aufmerksamkeit zu
bewachen und erkannte nur zu bald mit Sorge wie die kindliche Ruhe und das
herrliche Gleichgewicht ihres ganzen Wesens von ihr zu weichen begann und bald
einer schwermütigen Stimmung bald einer überreizten Lebhaftigkeit Platz
machte was auf einen innerlich leidenden Gemütszustand schließen ließ Er
suchte sie stets zu unterstützen seinen Worten ohne Beziehung einen allgemein
beruhigenden Charakter zu geben sie vor der neugierigen Zudringlichkeit Anderer
zu bewahren und ihre eigenen Äußerungen die immer mehr den Ausdruck des
Leidens trugen vor Missdeutungen zu schützen
Sie schien die Nähe eines sorgsamen Freundes in ihm zu ahnen und es war
ihm als ob sie ihn stets unter allen ihren Umgebungen suche und in seiner Nähe
allein zu der harmlosen Ruhe zurückzukehren vermöge die sonst ihr eigenstes
Element war Wie konnte Ormond sich enthalten auf diese ihm so süße Wahrnehmung
die Erfüllung der Hoffnungen zu bauen die ihn jetzt einzig belebten Und
dennoch wagte er das entscheidende Gespräch noch nicht mit ihr einzuleiten
Jeden Versuch tiefer in ihr Vertrauen einzudringen und namentlich sie über ihr
ihm stets unbegreiflicher werdendes Verhältnis zu Lord Membrocke zum Vertrauen
zu wecken blieb nicht nur ohne Erfolg sondern schien sogar jedes Mal so viel
Unruhe ja Schmerz ihr zu verursachen dass er nicht oft sich überwinden konnte
dazu erneute Veranlassung zu geben
Wie nahe aber auch dieses Interesse seinem Herzen lag Ormond hatte sich zu
lange gewöhnt seinen Umgebungen eine größere Teilnahme als sich selbst zu
schenken um auch nicht jetzt noch für Alle teilnehmend zu bleiben und so lag
ihm zunächst ob Ollonie zu beobachten welche ihn in die schmerzlichste Unruhe
versetzte
Das holde leidenschaftliche Kind schien jetzt über alle Grenzen erregt in
einem beständigen krampfhaften Zustande zwischen Lachen und Weinen zu schweben
Auch hier wo sonst Ormond das unbedingteste Vertrauen fand ward er jetzt
zurück gewiesen und seine väterlich ernsten Vorstellungen ihr sonderbar
übertriebenes Wesen mehr zu beherrschen hatten sie laut weinend wie in einem
Zustande von Verzweiflung zu seinen Füßen geführt ja viele Tage später durfte
nur sein Blick sie aufmerkend erreichen um neue Tränen aus ihren Augen zu
locken
Immer von der einen Idee erfüllt in Richmond und Ollonie dereinst ein Paar
zu sehen begann Ormond ihren Zustand auf ihr erwachtes Gefühl für Richmond zu
beziehen Dass dies Gefühl bei dem geliebten Kinde für ihr ganzes Leben bedeutend
sein würde hatte der zärtliche Freund stets erwartet und nur den Himmel
angerufen sie glücklich in ihrer Liebe sein zu lassen da ihm die Leiden einer
unglücklichen Liebe für dies Gemüt höchst gefährlich erschienen Welches aber
ihr Loos bei Richmond sein würde das blieb ihm immer je länger je mehr
ungewiss denn Richmond hatte ein vorherrschend ernstes Betragen angenommen und
hielt sich mehr als gewöhnlich von dem nähern Umgange der Dame zurück Selbst
eine frühere Vermutung dass Richmond von den Reizen der Lady Melville
hingerissen sein Herz an diese verloren habe bestätigte sich nicht indem er
auch sie zu vermeiden schien und sich auf seinem Zimmer in Bücher und
Schriften vergrabend den melancholischen Ernst seiner Züge hinreichend vor ihm
durch die Sorge um Lord Bristol rechtfertigte dessen Lage immer bedrohlicher
sich zu gestalten schien
Ein auffallendes Ereignis bestimmte endlich Ormond den letzten ihm so
gewagt erscheinenden Schritt bei Lady Melville zu versuchen
Der jüngere Teil der Gesellschaft hatte sich durch eine MorgenPromenade zu
Pferde erheitert und man hatte so eben den Schlosshof erreicht als Lord
Membrocke seinem Pferde die Sporen gab und pfeilschnell auf einen Jüngling in
Reisekleidern zusprengte der im Hofe harrend unter den übrigen Dienern stand
und sogleich dem Lord den Steigbügel haltend ihm beim Absteigen ein Packet
überreichte
Zwischen Ormond und Lady Arabella ritt Lady Melville still und gedankenvoll
zunächst in den Schlosshof ein Als sie sich so eben aus dem Sattel gehoben
hatte nahte ihr Lord Membrocke mit triumphirender Miene hob das Briefpacket in
die Höhe und rief bedeutungsvoll sich neigend Ich habe die Ehre Mylady Euch
anzuzeigen dass mein Page so eben von seiner Reise zurückgekehrt ist
Sogleich legte sich Todtenblässe über Marias Angesicht aber als Membrocke
noch einen Schritt näher trat stieß sie einen herzzerreissenden Schrei des
Entsetzens aus und sank ohne dass die überraschten Anwesenden es hätten
verhindern können auf den Boden nieder Sogleich ward Alles tätig Mit einer
wütenden Heftigkeit stieß Richmond Lord Membrocke der ihr zunächst stand und
sie berühren wollte zurück und richtete sie selbst auf indem er mit lauter
Stimme nach einem Sessel rief Denn obwohl sie vom Boden aufgehoben worden so
zeigte sie dennoch dass ihre Besinnung noch nicht vollständig genug war um sich
auf den Füßen halten zu können
Sie öffnete jetzt die Augen und blickte Richmond an dann schlossen sich
diese wieder und sie schien aufs Neue ihrer Sinne beraubt Richmond eilte die
Lady auf den herbeigetragenen Stuhl sanft aus seinen Armen niederzulassen dann
übergab er sie der Sorgfalt der Frauen bestieg sogleich sein Pferd und ritt
die Herren flüchtig grüßend langsam über den Hof in der Richtung des eben
zurückgelegten Weges
Von der heftigsten Bewegung ergriffen brachte Ormond mehrere Stunden einsam
in seinen Zimmern zu Nein er durfte dies geliebte Wesen nicht länger schutzlos
den Verfolgungen des Mannes hingeben der über sie ein unbekanntes Recht
auszuüben schien das sie mit Entsetzen erfüllte und das sie doch anzuerkennen
gezwungen schien Noch heute wollte er ihr den Schutz anbieten den seine
ehrerbietige Liebe ihr gewähren konnte als ihr Verlobter hatte er das Recht
ihre Sorgen zu teilen und jeden ihr Überlästigen zu entfernen Länger damit
zurückzuhalten schien ihm feigherzige Schwäche und er eilte hinweg um über
ihr Befinden Erkundigung einzuziehn
Lord Membrocke begab sich indessen mit seinem wichtigen Paket nach seinem
Zimmer wohin ihm sein gewandter Page folgte Er hob aus einem Briefe
Buckinghams zu seiner unsäglichen Freude einen zweiten hervor der mit dem
Siegelring des Prinzen von Wales verschlossen die Aufschrift An Lady Maria
Melville zeigte Dies schien ihn so vollständig zu befriedigen dass er fast
Buckinghams Brief zu lesen übersah indem er seinem Pagen unaufhörlich Aufträge
gab die von dem listigen Knaben wohl verstanden auf eine schnelle Abreise
hindeuteten Wir wollen uns indessen mit dem Inhalte des ungelesenen Briefes
bekannt machen wie es der Lord wenn auch später doch wohl schwerlich
unterlassen haben wird
»Du hast aufs Neue gezeigt« schrieb Buckingham »dass Du eigentlich zu
nichts taugst was über den Gesichtskreis einer kopflosen Weiberintrigue reicht
und könnte ich in dem alten Eulennest bei diesen lächerlichen Tugendhelden
diesen Nottinghams einen andern meiner Geschäftsleute brauchen so würde ich
Dir befehlen angesichts dieses das Feld zu räumen Denn wie Du auch die Sache
einhüllst es ist nur zu klar Du hast wie der jämmerlichste Stümper das Mädchen
verschüchtert ehe Du sie sicher hattest Du hattest vergessen dass ich Dir
befohlen sie zwar zu entführen aber dabei eingedenk zu bleiben dass Du meine
Nichte entführtest die etwas zu weit über Deine Person erhaben ist als dass Du
mit Deinen gewöhnlichen Plänen an ihr nicht Deinen Hals wagen würdest Genug
Dir bleibt nur das eine Verdienst dass Du als ein ausgearteter Verwandter
dieser Familie Nottingham auf eine Zeitlang unter ihnen geduldet werden kannst
und ich entsetze Dich Deines Amtes nicht damit es Dir vergönnt bleibe durch
Dein ferneres Betragen mir noch einige Proben von Deinem bis jetzt nicht
verspürten Witze abzulegen
Dein Einfall mit dem Briefe ist nicht übel und wenn sie Dir darauf
freiwillig folgt so bist Du im Fall der Verfolgung gedeckt und erkenne ich sie
später an möchte es wenig darauf ankommen ob auch die ganze Welt wüsste sie
wäre mit Dir davongegangen Außer vor dem hohen Areopagus der Nottinghams wird
die Nichte Buckinghams wohl überall ihre volle Geltung behalten Ein Hauptspass
ist es dabei dass ich ihnen so ohne dass sie es ahnen einen Gegenstand aus den
Händen spiele den sie jetzt mit vornehmer Pietät dulden und der ihnen so
wichtig scheinen würde in ihrer verwickelten Angelegenheit mit Bristol So viel
ist gewiss Karl seufzt nach diesem Mädchen wie eine Mutter nach ihrem
Schoosskinde und wären diese Nottinghams seine ärgsten Feinde wie sie es
überdies nicht sind er würde ihnen den Dienst ihr Leben gerettet zu haben mit
nichts glauben vergelten zu können und selbst auf meine Kosten mit diesem
Bristol sie bezahlen dabei rückt die Zeit immer näher welche das Wollen und
das Können in eine Hand geben wird denn Vater Jakob sieht aus wie die
verschossenen Gobelins im Ahnensaale und selbst die große Abschliessung von
Babys Vermählung mit Frankreich vergisst er jeden Augenblick wieder und glaubt
die Infantin werde erwartet
Beeile Dich jetzt sie wegzubringen ich habe mehr zu bedenken als dies
Mädchen und doch muss sie in meinem Gewahrsam bleiben bis die französischen
klugen Herren mir ihre Prinzessin überliefert haben und dieser Prozess der den
hochmütigen Bristol stürzen soll beseitigt ist Dann soll Frankreich welches
schon über meinen Einfluss zu triumphiren glaubt erfahren dass Buckingham gegen
die Reize ihrer Prinzessin ein Gegengift in dem Besitz einer berechtigten Nichte
hat und die stolze Herzogin von Nottingham die einst Buckingham verschmähen
durfte soll bejammern lernen dass sie Buckinghams Nichte nicht früher erkannt
hat um ihren Vater damit retten zu können
Wenn Du Dich klug und bescheiden beträgst wird Dein Verdienst beim Vater
des Mädchens einzukleiden sein aber sei schnell und lasse mich nicht länger
hören dass Du sie mit Gewalt nicht entführen darfst Folgt sie Dir nicht willig
so befehle ich Dir entführe sie mit Gewalt denn sie muss verschwunden sein ehe
die Ahnung ihres Wertes laut wird Bedenke dass ich keinen Fuß eher aus England
setze bis ich sie gewiss habe Du findest in Berrystreet Alles zu ihrem Empfange
bereit und wie es der Rang fordert den sie beim Eintritte in mein Haus
einzunehmen berechtigt ist Du aber wirst sogleich mir selbst die Nachricht des
glücklichen Gelingens überbringen und dann die Ehre haben mich nach Frankreich
zu begleiten wohin ich mich begebe die Hand der königlichen Henriette zu
empfangen und die schönste der Frauen wieder zu sehen
Warum hast Du mir nicht lachen helfen als Tomson mit seiner geübten Feder
den rührenden Brief verfasste der meine kleine spröde Nichte in meine Hände
liefern soll Ich schwöre Dir dass ich der ich täglich die Handschrift des
Prinzen sehe sie nicht unterscheiden konnte Den Siegelring kennt sie auch
denn Karl schwatzt den ganzen Tag von den Wundern die er und der steife Narr
der Nottingham an dem Dinge wollen erlebt haben
Nun mir kann es recht sein dabei merke ich wohl dass diese Korporation von
Heiligen mich als den nahen Blutsverwandten selbst in eine Art Heiligtum
gehüllt hat und dass sie meinen Namen mit gehöriger Hochachtung betrachtet Viel
zu viel habe ich Dir nach Massgabe Deiner geringen Verdienste geschrieben ich
fürchte fast es ist ein bisschen Langeweile dabei mitunter denke ich dass Du
mir fehlst Deine Schulden sind abermals bezahlt der Kastellan von Berrystreet
hat für Dich einige Wechsel Buckingham
NB Damit Du den Inhalt des rührenden Oheims kennst erfolgt hier die
Abschrift«
Sie lautete wie folgt
»O weigere Dich nicht länger dem Einzigen zu folgen der sich dem
gefährlichen Unternehmen unterzog Dich zu mir zu führen
Ein schreckliches Geschick macht die edelsten Menschen zu meinen bittersten
Feinden Du darfst Dich ihnen nicht vertrauen ohne großes Elend über mich zu
bringen Glaube nicht dass ich über die Torheiten dessen blind bin dem Du Dich
vertrauen musst aber es blieb mir keine Wahl Mir ist er ergeben davon habe ich
Proben mutig und treu ist sein Sinn Folge ihm ohne Verzug ohne Sorge nur an
Deinem Herzen kann ich die Schmerzen ausweinen die mich zerreißen Ich
unterschreibe mich nicht Du kennst Handschrift und Siegel«
Zwar war Membrocke vom Inhalte beider Briefe wenig erbaut doch sein
Leichtsinn ließ ihn bloß im Hintergrunde die Reise nach Frankreich sehen und im
nächsten Augenblicke die Sicherheit jetzt das stolze Fräulein in seinen Besitz
zu ziehen Trotz Buckinghams DrohBrief behielt er sich doch vor die
Angelegenheiten hier nach seiner Ansicht zu ordnen und so viel sich nur
erreichen ließ für sich zu gewinnen denn bei seinem Mangel an aller Achtung
für Frauen zweifelte er nicht dass eine Fluchtreise tausend Verhältnisse
herbeiführen müsse welche dann zu seinen Gunsten zu leiten ihm immer noch ein
Leichtes schien
Für den Rest des Tages blieb Lady Maria in Gesellschaft der Lady Arabella
auf ihrem Zimmer Lord Ormond und Membrocke mussten beide daher ihre Ungeduld bis
zum andern Tage zügelu
Als Lady Maria am andern Morgen zum Frühstück erschien trug sie den
unverkennbaren Ausdruck des tiefsten Grames ihr Antlitz war blass und ihre
Augen schauten so groß und kalt und mit einem so trostlosen Ausdrucke umher dass
sie Niemand ohne Anteil sehen konnte Sie blickte von Einem zum Andern in
gleicher Teilnahmlosigkeit und schob ihren Sitz zwischen die jungen Damen ein
die sie alle mit Beweisen der größten Zärtlichkeit überhäuften
Ormond blieb in der bewegten Stimmung die ihm der so nah rückende wichtige
Augenblick gab lieber fern von ihrer Nähe Membrocke aber genoss die stolze
Sicherheit des nahen Gelingens und fragte wenig nach der kleinen Gunst die zu
erringen hier sehr zweifelhaft war Er kündigte dagegen der alten Lady seine
Abreise nach London an da Seine Majestät die Gnade gehabt habe ihn zu der
Gesandtschaft zu ernennen die zur hohen Vermählungsfeierlichkeit sich mit dem
Herzog von Buckingham nach Frankreich begeben werde
Man hörte die Nachricht mit so wenig Betrübnis an als irgend die
Höflichkeit gestattete und der Lord wendete nun seine gnädige Aufmerksamkeit
ausschließlich der Marquise Danville zu
Richmond allein näherte sich der Lady Maria Als er sie anredete bebte
seine Stimme und als Maria ihre schwermütigen Augen von der seelenvollen
Stimme ergriffen zu ihm aufschlug da strahlte ihr eine solche Fülle des
Gefühls aus seinen Zügen entgegen dass augenblicklich das verschwundene warme
Leben in ihren Busen zurückkehrte und ihre Züge den bezaubernden Ausdruck
wieder annahmen der ihnen so eigen war
Richmond konnte diese von ihm bewirkte Veränderung nicht verkennen und er
gab sich dem verführerischen Vergnügen hin an dem Geiste dieses schönen Wesens
sich zu erfreuen
Sie hatten beide ziemlich die Welt um sich her vergessen und Richmond
gewahrte zu spät dass die Augen seiner Mutter in starrer Prüfung auf ihm ruhten
Er hörte nicht mehr was Maria ihm sagte noch ein Mal blickte er sie an als
wollte er den Ausdruck ihrer Züge mit sich hinweg nehmen dann verließ er sie
mit der kalten Höflichkeit die er seit lange allein für ihr Verhältnis passend
erachtet hatte Maria versank aufs Neue in die Apathie aus der sie nur
augenblicklich gerissen schien und als Lord Membrocke sich ihr mit Zuversicht
näherte und sie um eine Unterredung bat neigte sie bejahend ihr Haupt mit einer
Ergebung als könne keine Gewalt der Erde mehr das drohende Schwert von ihrem
Haupte abwenden
Was ich jetzt von Euch noch zu hören habe macht es kurz Mylord sprach
Lady Melville als sie in einer halb offenen Säulenhalle die der Lord zu seiner
Audienz erbeten hatte ihn sich ihr nahen sah Sie hatte alle ihr noch mögliche
Kraft und Besonnenheit hervorgerufen um sich durch nichts überraschen oder
verführen zu lassen und hoffte noch immer er werde die ihm über sie
verliehenen Rechte nicht genügend beweisen können
Lord Membrocke fand es leicht den bescheidenen Mann zu spielen da er im
nächsten Augenblicke seinen Triumph feiern konnte und indem er ihr ehrerbietig
einen Sessel zuschob blieb er in gemessener Entfernung vor ihr stehen
Mylady hob er an meine Worte sollen Euch nicht länger belästigen Ich bin
nur der Überbringer eines Schreibens das wahrscheinlich beredter zu Euch
sprechen wird und ich bin bloß hier um zu hören was Ihr nachdem Ihr den
Inhalt kennt mir zu befehlen haben werdet
Mit diesen Worten entfaltete er langsam vor den ihn scharf beobachtenden
Augen der Lady ein Portefeuille aus dem er den verhängnisvollen Brief
hervorzog Leichenblässe und hohe Glut wechselten in den Zügen Marias als er
ihn ehrerbietig hinhielt Sie griff danach als sie ihn aber gefasst hatte und
die ewig teuren Züge der Handschrift dieses geliebten Oheims zu erkennen
glaubte als diese Überzeugung noch durch den Anblick des Abdrucks seines
Siegelringes verstärkt ward unterlag sie ihren mächtig sie überraschenden
Empfindungen und mit einem Strom von Tränen sank sie in den Sessel zurück
Ach sie hätte sich verachtet wäre noch ein Zweifel in ihrem unschuldigen
Herzen geblieben und ehe sie noch den Inhalt kannte war sie schon
entschlossen jede Bedenklichkeit zu unterdrücken und Alles zu befolgen was ihr
darin aufgegeben würde
Mit der kindlichsten Ehrfurcht las sie nun die liebevollen Worte die so
viel Schmerz und so viel Liebe und Vertrauen zu ihr ausdrückten sie presste sie
endlich an ihre Brust hob die in Tränen schwimmenden Augen wie zu einem kurzen
Gebete zum Himmel und erhob sich dann völlig entschlossen von ihrem Sessel
Ich bin jetzt überzeugt dass mein Oheim mich selbst zu sich beruft dass er
selbst meine Verschwiegenheit gegen meine Wohltäter verlangt dass mir kein
anderes Mittel übrig bleibt die Befehle meines einzigen mir gebliebenen
Verwandten zu erfüllen als Euch zu folgen und heimlich zu folgen Sie sprach
diese Worte mit einem Widerstreben dass sie trotz der Absicht den Vertrauten
ihres Oheims nicht mehr zu beleidigen doch nicht zu unterdrücken vermochte
Ich war dieses Eurer so würdigen Entschlusses gewiss erwiderte Membrocke
und habe daher Alles zu meiner Abreise vorbereiten lassen Ich werde wenn es
Euch also gefällt morgen Mittag öffentlich abreisen am Abend zurückkehren und
Euch mit einem raschen Pferde und sicheren Gefolge am nördlichen Ausgang des
Parkes erwarten Ihr müsst Euch dahin begeben so bald Ihr Alles in Ruhe wisst
denn uns bleibt in dieser ersten Nacht ein bedeutender Weg zurück zu legen um
uns vor den gewiss erfolgenden Nachstellungen verbergen zu können
Er hatte sich beeilt Alles was nötig war und sie in seinen Einzelheiten
erschrecken musste in diesen Augenblicken der ersten Überraschung vor ihr
auszusprechen Sie stand sprachlos vor ihm und er hätte noch lange sprechen
können ohne dass sie ihn unterbrochen hätte denn sie schauderte während er
seinen Plan vor ihr entwarf über die schreckliche Lage in die sie sich durch
diesen Entschluss versetzte Ihre kindliche Liebe ihr Pflichtgefühl alles was
einen Augenblick früher sie über jede Rücksicht erhoben hatte reichte nicht
mehr zu wenn sie nun zugleich der Vertraulichkeit und Gewalt gedachte die sie
diesem Manne einräumte und des schmählichen Verdachtes den sie in dem Kreise
ihrer bisherigen Beschützer über sich zurück ließ Die teuren Gestalten in all
ihrer ernsten Tugend gingen mahnend an ihr vorüber Ach wie schwer war es auf
ihre Achtung zu verzichten Wie erschwerte es die Trennung von ihnen die auch
ohne diese Zugabe ihr Herz zu zerreißen drohte so grausam Sie erwog die
Möglichkeit sich rechtfertigen zu können sie wollte einen Brief zurücklassen
der ihre Unschuld beteuern sollte aber auch dazu sank ihr der Mut da sie
fühlte dass nur Angabe der Gründe ihres Schrittes sie rechtfertigen konnte
indem die Flucht mit diesem Manne eine Handlung war die jede allgemeine
Versicherung ihrer Unschuld entkräften musste
So blieb ihr denn nichts als völlige Ergebung und ihr reines Herz hob sich
voll Vertrauen zu dem empor der ihre Unschuld kannte und in dessen Hand es
lag sie von jeglichem Verdachte zu retten Sie gedachte mit tiefer Wehmut der
Worte Richmonds dass das mutige Ertragen des bösen Verdachts im Gefühl einer
höheren Absicht in einzelnen Fällen als eine allgemein Jedem gestellte Aufgabe
anzusehen sei und dass sich daran die Würde des inneren Bewusstseins stärke
Diese Aufgabe nun war ihr so bald zu Teil geworden und ach ihm nicht einmal
durfte sie es sagen dass sie sich der Prüfung unterzog Sie fühlte die ganze
Bitterkeit dieses Schmerzes und ihre junge Brust ergriff ihn mit aller Kraft
eines neuen Gefühls Aber der Schmerz verleiht auch Kraft und ihn mutig in
seiner ganzen drohenden Gestaltung anblicken bewaffnet uns unwillkürlich gegen
ihn Maria fühlte etwas dem Ähnliches Sie hatte wähnte sie das
Schmerzlichste durchgefühlt jetzt trat das Bild ihres leidenden Verwandten
wieder vor ihre Seele und mit edelm Mute beschloss sie auch um so hohen Preis
ihm Alles zu sein
Es mag so bleiben wie Ihr sagtet sprach sie zu Lord Membrocke der noch
immer ohne Antwort in dem schnellen Wechsel ihrer Züge ihre Entschließungen zu
lesen versucht hatte
Ich bitte Euch überdies um Verzeihung wegen meines Betragens Ihr müsst mich
mit den Fehlern entschuldigen die Ihr ohne Zweifel bei der Art gemacht habt
wie Ihr mich von Eurer Sendung unterrichten wolltet Ich habe jetzt den besten
Willen Euch zu vertrauen sorget durch Euer Betragen dafür dass es mir möglich
bleibe wozu der einzige Wunsch sein kann dass ich nie etwas Anderes als den
Gesandten meines Oheims in Euch wahrnehme Er kniete nieder um sein
spöttisches Gesicht zu verbergen und ihre Hoheit persiflirend küsste er den
Saum ihres Kleides indem er rief eine gekrönte Königin solle ihm nicht
heiliger sein
Ein kurzer Schrei Marias schreckte ihn auf Sprachlos vor Schreck deutete
sie seitwärts wo eben eine weibliche Gestalt der Marquise Danville nicht
unähnlich nach den inneren Gemächern zu verschwand während am Ende des
Kreuzganges Lord Ormond an Richmonds Arm gelehnt sich zeigte
Steht auf rief sie heftig und entehrt mich nicht vor der Zeit durch Euer
Betragen Lord Membrocke erfüllte dies so beleidigende Gebot gerade mit so viel
Musse wie nötig war um gewiss zu sein dass beide Lords ihn zu ihren Füßen
gesehen hatten und entfernte sich dann sie vertraulich grüßend Dies entging
der unglücklichen Maria denn bei dem Anblick dieser beiden Männer und der
Stellung Membrockes war sie einer Ohnmacht nahe und überwältigt von der
schrecklichen Überzeugung dass ihre Verurteilung schon jetzt und eben damit
angefangen habe Sie fühlte aufs Neue ihre Kraft sinken noch ein Mal fragte sie
angstvoll ihr Gewissen ob es nötig sei sich selbst so grausam anzuklagen ja
es fiel ihr sogar der bis dahin nicht möglich geachtete Zweifel an der Forderung
ihres Verwandten ein Sie fühlte dass Kummer und Unglück diesen edelen Mann etwas
aus seiner Höhe herabgezogen haben müssten da er nicht anstand sie einer so
zweideutigen Lage hinzugeben Aber rief ihr edles Herz eben darum muss ich zu
ihm heilen muss meine Liebe dies edle Wesen Abermals war sie entschlossen und
ein lauter tiefer Seufzer beendigte diesen schrecklichen Kampf
Und warum teilt Lady Maria mit Niemand den tiefen Gram dem sie zu
unterliegen scheint sprach hier eine sanfte gerührte Stimme und Maria die
den Nahenden nicht bemerkt hatte blickte in Lord Ormonds teilnehmendes
Antlitz Maria schüttelte nur langsam das Haupt ihre Lippen blieben
verschlossen
O teure Maria rief er jetzt lebhafter warum hat nur ein Einziger das
Recht Euer Vertrauen zu genießen ein Einziger ach und ein so Unwürdiger
während Lady Maria von den treusten und redlichsten Freunden umgeben ist die
keine Aufgabe zu schwer halten würden ihr Ruhe und Heiterkeit wiederzugeben O
Mylady habt Erbarmen mit Euren Freunden mit Euch selbst Die Bürde die Ihr
tragt ist für Euch allein zu schwer wählt einen von uns dass er so glücklich
werde sie mit Euch tragen zu können
Das steht in Gottes Hand seufzte Maria und schlug die Augen in trostvollem
Glauben zum Himmel auf dann wandte sie sich überwältigt von der innigen
Sprache des edelen Mannes zu Lord Ormond und reichte ihm sanft die Hand
Doch was auch ein unerbittliches Geschick über meine Handlungen bestimmen
mag seid sicher Mylord Euer werde ich gedenken und dieser Stunde Eures
treuen tätigen Mitgefühls und so unmöglich ich Euer Anerbieten annehmen kann
so sicher seid dass ich seinen Wert tief empfinde um so tiefer als ich den
hochachte der es mir so großmütig darbietet
O rief Ormond dringend wenn Ihr mich achtet wenn Ihr Vertrauen zu mir
habt so steht nicht an mich zu Eurem Beschützer anzunehmen O sprecht was
knüpft Euch an diesen sittenlosen Mann Warum könnt Ihr Euch seinem Einflusse
nicht entziehn Glaubt mir kein Zweifel an Eurer engelgleichen Reinheit trübt
meine Verehrung gegen Euch ich bin gewiss höllische Täuschungen haben Euch
umsponnen hintergangen seid Ihr ein Irrtum der Tugend ist es der Euch von
diesem Manne abhängig macht Redet sagt nur ein Wort sagt dass Ihr selbst Euch
von ihm trennen möchtet und ich will ihn zwingen dass er nie wieder von diesem
Augenblicke an Euch nahen darf
O nein nein rief Maria haltet ein mit Eurem Eifer lasst ihn in Frieden
verfolget ihn nicht ich darf es nicht veranlassen nicht zugeben Ormond wandte
sich ab mit einem Schmerze der ihn zu sehr übermannte um sogleich wieder reden
zu können aber das Gefühl dass sie unglücklich sei und der schreckliche
Gedanke dass sie sich in der Gewalt eines Mannes zu befinden schien von dem er
nur das Nachteiligste voraussetzen konnte dies überwältigte jede andere
Betrachtung wie sehr er auch durch ihre anscheinende Teilnahme für diesen Mann
zu leiden begann Er konnte sie nicht verlassen mit erneutem Anteil wandte er
sich zu ihr
Teure Lady Maria seht mich als Euren besten Freund an und dann und in
dieser Beziehung würdigt meine Worte Eurer Aufmerksamkeit Mein Herz leidet zu
heftig bei dem Zustande in dem ich Euch sehe Ich würde Euch Eurem eigenen
Gutdünken überlassen können wenn Ihr glücklich wäret aber Ihr seid es nicht
dieser unglückselige Mann hat Euch nicht Frieden und Glück mit dem Vertrauen zu
sich einflößen können darum können Eure Freunde nicht ruhig bleiben und glaubt
mir wer Lord Membrocke kennt fühlt Sorge um Euch Er hielt in der Hoffnung
einer Antwort inne aber nur bleicher und bleicher ward ihr schönes Angesicht
ihre Lippen öffneten sich aber sie schienen keine Worte sprechen zu können nur
bange Seufzer entschwebten ihnen
Jetzt stand der unglückliche Mann vor der Vermutung die ihm am schwersten
ward auszusprechen und die sich ihm doch endlich unwiderstehlich aufdrängte
Ich kann Euch nicht verlassen sprach er als sie einen schwachen Versuch
machte hinweg zu gehen und ihm mit der matt erhobenen Hand das Gleiche
anzudeuten suchte ich kann Euch nicht verlassen Ihr habt mir Freundesrechte
zugestanden o zürnt mir nicht wenn ich von meiner Sorge um Euch getrieben
Euch zu dringend erscheine lasst mich die größte Angst meines Herzens Euch
gestehen und rechnet auch in diesem Falle auf meine grenzenlose Ergebenheit auf
jeden Beistand dessen Ihr benötigt seid Ich frage Euch hat die
liebenswürdige Außenseite dieses Mannes hat sein munterer Geist Eindruck auf
Euer junges unerfahrenes Herz gemacht liebt Ihr ihn
Als ob ein elektrischer Schlag das Fräulein getroffen so fuhr sie jäh
empor und ihr ganzes Leben schien aus den Zauberbanden der Apathie worin sie
im vorigen Momente gefangen lag zu seiner vollen Energie erwacht ihre Wangen
und ihre Augen hatten Licht bekommen hoch stand sie sogleich auf und die Hände
an die Brnst gedrückt rief sie laut und aus tiefer Brust Gott sei mir gnädig
Mylord wohin führt Euch Euer erfinderischer Geist Wie war es Euch möglich
dahin zu gelangen Nein nein Seid sicher ich liebe ihn nicht und kann ihn nie
lieben nein die Gerechtigkeit lasst mir widerfahren dies für unmöglich zu
halten
Sie hatte sich mit einem so engelreinen UnschuldsEifer zu ihm hingebeugt
dass seine Seele jubelnd ihr Glauben schenkte und hätte sie für den Ausdruck
seiner Züge Sinn gehabt sie hätte darin das hohe Entzücken erkennen müssen das
er bei dieser Wahrnehmung empfand Sein Augenblick war nun gekommen Ich glaube
sprach er zitternd o vergebt mir wenn ich Euch beleidigte zürnt mir nicht
aber lasst mich um so dringender fortfahren wenn Euch kein Gefühl an ihn bindet
Euch vor ihm zu warnen
Edler Freund wenn Ihr Glauben an meine Unschuld habt erwiderte Maria
sanft und ernst so unterwerfet diesen der Probe mir ohne Gründe zu vertrauen
Ich hoffe zwar vor Gott gerechtfertigt zu sein aber es ist mir versagt so auch
vor Menschen dazustehen Ich muss dies Mal der Stimme meines Gewissens folgen
ich stehe allein setzte sie voll Wehmut hinzu und von allem natürlichen
Beistand getrennt
Nein rief Ormond hier sie unterbrechend Ihr steht nicht allein nur von
Euch hängt es ab Euch demjenigen den Ihr Freund genannt durch die heiligsten
Bande auf ewig zu nähern Ja teure Maria ich will es Euch nicht länger
verschweigen ich liebe Euch sagt dass Ihr mein sein wollt und macht mich zum
glücklichsten Manne O vertraut mir ich will Euch ehren schützen und lieben
und die ganze Bürde Eures unverdienten Schicksals wie groß sie auch sein möge
auf mich nehmen damit Euer Engelherz wieder frei atme und Ihr das Entzücken
empfinden möget namenlos zu beglücken
Maria hatte ihn mit einem Ausdruck angesehen der nur zu deutlich mehr
Schreck als Freude andeutete sie drückte jetzt die flache Hand gegen die Stirn
als wollte sie sich zu einem klaren Bewusstsein wecken während Ormond mit einer
Erwartung an ihren Zügen hing die nur zu deutlich seine tiefe Erschütterung
ausdrückte
Ihr Ihr liebt mich stammelte sie endlich tonlos und das schöne Auge floss
in Tränen über die auf Ormonds gefaltete Hände fielen der seiner nicht mehr
mächtig zu ihren Füßen gesunken war O Lord Ormond warum liebt Ihr eben mich
fuhr sie mit einem tiefen Schmerzenstone fort o warum mich Doch nein es kann
nicht sein es wird nicht sein es ist Euer großmütiger Eifer der Euch zu
diesem Glauben führt Nein nein Ihr liebt mich nicht aber retten wollt Ihr
mich aus der trostlosen Vereinsamung in der ich dastehe wollt Ihr mich
erretten Ihr wollt Euch zum Opfer bringen um mich von dem Einfluss jenes Mannes
zu befreien den Ihr mir so verderblich schildert O ich habe Euch erraten und
erkenne den ganzen Umfang Eures großmütigen Herzens Doch wie auch Alles
kommen mag ich kann nicht kann dies großmütige Opfer von Euch nicht annehmen
O steht auf rief sie dringend als Ormond den Kopf senkte und seine Stellung
nicht änderte
Es war kein Opfer meinerseits was ich Euch zu bringen dachte ich war es
der von Euch ein Opfer begehrte sprach Ormond nach Fassung ringend indem er
von seinen Knien aufstand Ich der Vereinsamte suchte die Gemeinschaft eines
Engels der alternde Mann beging die Torheit die Gefühle der Jugend zu hegen
und ihre Erwiderung für möglich zu halten ich bin bestraft und was ich
leiden werde ist die Busse meiner Torheit Ihr liebt mich nicht ich sehe es
klar wenn Ihr das Wort auch gern mir sparen möchtet doch verstanden habe ich
Euch und werde versuchen es zu überleben
O um Gotteswillen sprecht nicht so rief Maria hier von tödtlicher Angst
ergriffen und eilte ihm nach da er bleich und schwankend an einen Pfeiler sich
zu stützen suchte Tränen des tiefsten schmerzlichsten Anteils stürzten über
ihre Wangen Von aller Schüchternheit verlassen sah sie nur den edelen
Leidenden ach ihretalben Leidenden sie ergriff seine Hand und drückte sie
zwischen den ihrigen sie suchte bittend sein Auge um durch die zärtlichste
Teilnahme ihm Linderung zu verschaffen und hätte Ormond das wärmste Gefühl der
Freundschaft in diesem schrecklichen Augenblick zu schätzen gewusst es hätte ihn
schön und tröstend aus ihren Blicken ansprechen müssen
Er rang mit dem jähen Wechsel seiner Hoffnungen er versuchte die
körperliche Erschütterung die ihn selbst überraschte zu besiegen er richtete
sich an ihrer zarten Hand die sie ihm kindlich lieh empor er wagte es den
schweren trüben Blick aufzuschlagen und blickte unwiderstehlich hingezogen zu
ihrem lieben Antlitz auf
Engel sprach er tief gerührt als er ihre unschuldige zärtliche Sorge um
ihn erblickte Du kannst nicht weh tun und wenn Du auch das blühendste
Paradies der Zukunft mir in einer Sekunde zur öden Steppe der Wüste verwandelt
hättest Nein ich will leben lernen und mich so leidlich wie möglich
schicken und wenn es nur wäre um Dir keinen Seufzer mehr zu kosten diesem
klaren Auge keine Träne Vergesst was ich Euch sagte aber vergesst nicht dass
ich Euer wärmster Freund geblieben versprecht mir ach als kleinen Ersatz für
das was ich eben verlor versprecht mir dass ich Freundes Rechte auf Euch
behalten soll
Sie legte sanft und ernst die Hand in die ihr dargebotene Mein edler und
großmütiger Freund sagte sie dann mit innigem Tone vielleicht kommt bald der
Augenblick wo nicht mein Mund doch das Andenken an diese mir geschenkten
Rechte Euch mahnen wird Sie schwieg und fühlte aufs Neue die Last des eignen
Geschicks Doch Ormond blieb nun wieder stehen und mutig von dem eigenen
Schmerze sich erhebend wendete er ihrer geheimnisvollen Lage sich wieder
ausschließlich zu
Muss ich Eure Worte deuten als ob uns von Euch eine Trennung drohe Was hat
man getan Euch von hier wegzuscheuchen O glaubt mir von Allen seid Ihr
geliebt jedes Glied dieser Familie achtet sich glücklich Euch ehrenvollen
Schutz zu verleihen bis die Zeit Euch über Eure Verhältnisse aufklären wird
Warum wollt Ihr nicht den Schutz annehmen der den Gewährenden nur Freude
schafft Maria lehnte sich immer müder in ihrem Geiste fühlend gegen einen
niederen Fenstersitz Antworten konnte sie nicht sie fühlte sich übermannt von
den Bildern die in ihrem Geiste auftauchten und verschwanden Ormond blieb sie
betrachtend vor ihr stehen und selbst heftig erregt sprang sein Geist in Bezug
auf sie von einem kühnen Schluße zum andern
Da war ihm plötzlich als risse die Binde vor seinen Augen Sie liebt rief
eine Stimme in ihm und willenlos fast rief sein Mund Ihr liebt Maria jetzt
weiß ich Alles Ihr liebt
Maria zuckte bei dem Worte zusammen und legte die Hand scheu auf ihr Herz
dann blickte sie Lord Ormond voll Erstaunen fragend wie ein Kind in die Augen
Ihr liebt teures Mädchen sagte er noch ein Mal mit höchster Teilnahme
denn sie schien auf diesen Laut aus seinem Munde zu warten und wie begabt mit
höherer Erkenntnis setzte er mit überzeugender Gewalt hinzu Ihr liebt
Richmond
Irr flammte ihr Blick bei diesen Worten auf dann sank sie die Hand
schnell aufs Herz drückend ohne Laut ohnmächtig nieder Ormond bezwang so
mächtig in Anspruch genommen leicht seine eigne Stimmung Er öffnete die
Scheiben und richtete sie sanft in dem Fenstersitz empor Bleich ohne alle
Farbe glich sie einem schönen Marmorbilde Wunderbar rührend spielte das
seltsame Lächeln der Ohnmacht um den zarten Mund während der tiefe Ausdruck des
Leidens in der schmerzlich gezogenen Stirn ausgedrückt lag und die herbstliche
Sonne mit blassen Lichtern eindringend in leichten Goldstreifen das blasse
Heiligenbild verklärte
Bald schien es dem Lord die Ohnmacht habe sie verlassen Ruhig wie bei
einer Schlafenden hob sich der Atem ihrer Brust immer süßer ward das Lächeln
ihres Mundes und aus den sanftgeschlossenen Augenliedern drangen einzelne
Tropfen und fielen wie Perlen auf den Schoss aber sie öffnete sie nicht und
Ormond blieb gefesselt von Erwartung ihr stumm gegenüber Fürchten konnte er
ihren Zustand nicht denn auch die Stirn begann sich jetzt zu lichten Engel
schienen mit ihr zu spielen so süß ward jeder Zug des lächelnden Gesichtes
Gewaltsam hatten Ormonds Worte das Geheimnis ihrer Brust entschleiert und
durch diesen Namen ihm ein so mächtiges Recht verliehen dass sie dem schnellen
Bewusstsein unterlag Kaum wars eine Ohnmacht zu nennen was sie überkam
seltsam war Traum und Bewusstsein in ihrer Seele jetzt verschwistert Sie wusste
wohl sie ruhte sanft von der Sonne Strahl bespielt im Fenstersitze sie nahm
es wahr dass Ormond gütig schützend ihr zur Seite stand doch eben so ohne
Erstaunen ohne einen Übergang von Vorstellungen die sie der Wirklichkeit
entfremdeten schaute sie wie die Bogen des Fensters vor ihr sich auseinander
schoben und ihr ein freier Blick in die herrlichste Natur ward Auf einer weiten
Höhe schien ihr Sitz zu stehen sie blickte in ein blühend Land reich an
schönen Städten mächtigen Schlössern und hohen Türmen und Katedralen
Weit ins Land hinein sah sie mit klaren Augen das bunte Treiben eines
reichen weit verbreiteten Volkes doch der vergangenen Zeit gehörend Ein
Festtag schien für Alle angebrochen denn festlich glänzend zog die Bevölkerung
nach einer Richtung hin und aus der weiten Ferne hatte sie Begriff von
rauschendem Getöne von Musik von Menschenstimmen vom Geräusch der Waffen und
vom Jubelruf der Freude
Ein schmelzend Grün bedeckte die Höhe auf der sie ruhte und einsam schien
es hier als reiche der Fuß des Hügels nicht zur Erde hin Sie fühlte ein
seliges Genügen ein himmlisches Erlöstsein von aller irdischen Sorge nichts
schien ihr obzuliegen als selig lächelnd zuzuschauen wie schön gestaltet Alles
um sie war Da sah sie eben näher nun am Rand des Hügels einen Eichenwald die
Sonne schien hinein der Boden schimmerte vom saftigen Grün des Mooses und
Blätterschatten tanzten wie dunkle Blumen drüber hin da hörte sie den
Chorgesang der Geistlichen ein Agnus Dei sangen sie und bald erschienen in den
breiten Wegen sie paarweis mit dem Allerheiligsten mit holden Knaben die aus
Silberbecken die leichte blaue Wolke des Räucherwerks um sich kräuselten Die
Ritter folgten im goldenen Harnisch und mit langen wehenden Federn auf ihren
Schultern trugen Andere den hellen Silbersarg mit goldener Krone und die Zipfel
des königlichen Purpurmantels hielten Knaben in Gold und düsterer Seide Viele
waren die in hoher Trauerpracht noch folgten dann war der breite Weg des
Waldes wieder leer und nur die Sonne spielte mit den Blättern auf dem frischen
Grunde Doch liebliche Töne klangen jetzt der Wald verhüllte noch die neue
frohe Mähr nur Hörnerharmonien in heiterer Weise zu einem Hochzeitsreigen
wohlgeschickt eilten froh voran dann kam der Zug in bunter Pracht Wie
spielten nun im Glanz der Sonne die bunten goldenen Stoffe der Herren und
Frauen der Edelsteine der bunten Federn zauberisch Farbenspiel Der leichte
Schritt der schön geschmückten Rosse schien mehr begeistert von den
Hörnerklängen als gelenkt vom leichten Druck des goldenen Zügels taktmässig
hinzuschreiten Die Schönheit ziert hier die Pracht und Glück und Lust entspross
in zarter Harmonie und endlich bot der Mittelpunkt des Zugs sich dar Zwei
schöne Knaben führten den milchweissen Zelter auf dem die junge Schönheit
lächelnd ruhte die in dem Schmuck der Königin wie eine Nymphe des Waldes mit
Blatt und Moos und Blumen zu tändeln schien und einer langen Ranke zarte Fäden
um einen schönen königlichen Mann geschlungen hatte der innig ihr ergeben
gefesselt schon an ihren Augen hing Der Zug schien sich zu nahen den Hügel zu
ersteigen die holde Frau nickte nach Maria hin sie hob die zarte weiße Hand
empor und steckte fünf kleine Finger in den goldenen Reifen einer Krone die
sich hoch dann ihr entgegen streckte Da hob der Mann an ihrer Seite sein
Angesicht und sah Maria zärtlich an
Mein Oheim rief sie Verschwunden war das Bild der ganze süße Traum Sie
stand plötzlich aufgerichtet vor Lord Ormond der zu ihren Füßen lag und
flehend sie beschwor zum Bewusstsein zu erwachen Sie sah ihn an mit dem
holdesten Lächeln ihre Augen leuchteten wie von einem tiefen innern Lichte
erhellt und sanfte Röte ergoss sich um ihr Angesicht Ja sprach sie als ob
Lord Ormond jetzt erst das verhängnisvolle Wort gesprochen Ihr habt es mir
gesagt jetzt weiß ich es ich liebe ihn Dies angstvolle Geheimnis ist nun fort
aus meiner Seele ja ich liebe ihn Sie hatte die Hände auf ihre Brust
gedrückt als wollte sie sich das Eigentumsrecht an dieser Überzeugung
sichern Sie hatte wie es schien vergessen was Lord Ormond über sich selbst
ihr gesagt und war jetzt nur bemüht ihn zum Vertrauten ihres nun erst
verstandenen Gefühls zu machen Ormond senkte noch immer kniend sein Gesicht
auf ihre Hand die sie ihm willig ließ von unnennbaren Gefühlen fast betäubt
Da riss sie aus ihren geisterhaften Schwärmereien ein lautes helles Schluchzen
dicht an ihrer Seite Ormond sprang auf Maria blickte hin Ollonie Dorset stand
mit schlaff niederhängenden Armen ihnen gegenüber und mit dem Ausdruck der
Verzweiflung im bleichen Gesicht weinten ihre schönen Augen Ströme bitterer
Tränen
Als sie sich bemerkt sah flog sie auf Maria zu umschlang in voller Qual
ihren Nacken und seufzte Du liebst ihn O Du Glückliche Und Dich wie liebt er
Dich O nimm ihn nimm ihn Ollonie kann sterben für Euch beide Ja Ihr gehört
zusammen es musste so kommen wie konnte er mich lieb behalten neben Euch O
Maria ich selbst ich wollte Euch hassen wie Ihr so sorglos mein Glück
zerstörtet doch auch ich auch ich konnte Euch nicht hassen Ja ich musste Euch
nur heftiger lieben denn liebenswerter scheint Ihr mir noch durch das Lob
seiner Liebe
O Gott rief Ormond hier ganz außer sich das teure Wesen in diesem
Schmerz zu sehen So war denn ausgesprochen was er aus ihrem Zustande nur zu
wahr erraten sie hatte Richmond in der Stille lange geliebt und erst ihr
Gefühl verraten seitdem sie ihn für Maria glühend wähnte Wie teilte sich in
diesem Augenblick sein Herz zwischen diesem geliebten Mädchen und dem teuren
Gegenstand seiner Liebe Still hielt Maria das holde Kind an ihrem Busen fest
ohne Worte tiefsinnend Sie wird ohnmächtig sagte sie dann leise und hob sie
mit Ormonds Hilfe auf ihren Sitz
O seufzte Ormond tief und schmerzlich musst Du schönes Herz auch die Qual
unglücklicher Liebe leiden Wie habe ich vergeblich gefleht es möchte ihr
erspart bleiben doch immer ahnte ich ihre Liebe ja ich wünschte sie ehe ich
wähnen konnte dass meinem edlen Richmond der höchste Preis zu Teil geworden
Still sprach Maria leise Ihr seid im Irrtum Lord Richmond liebt mich
nicht und mein Gefühl das Ihr mich kennen lehrtet hat damit nichts gemein
Doch Ollonie liebt Richmond nicht Euch liebt sie teurer Ormond Euch Und
unbegreiflich habt Ihr Euch getäuscht und dies bis diesen Augenblick übersehen
Ohne Euch zu nennen hat sie mir längst ihr Geheimnis verraten und ich hoffte
Ihr teiltet ihr Gefühl
Ormonds Erstaunen raubte ihm die Sprache Ihre einfachen und bestimmten
Worte ließ keine Missdeutung zu und vor ihm selbst tat sich die Überzeugung
auf mit tausend schnell gegenwärtigen Beweisen Doch er behielt nur wenig Zeit
diese Gedanken zu verfolgen Die leichte Erschöpfung wich von Ollonie sie
schlug die Augen auf und blickte Beide zärtlich an dann nahm sie Ormonds Hand
drückte sie sanft in Marias Rechte und lispelte leise und schwach So gehört
Euch denn Und Du lieber bester aller Menschen Du werde glücklich
Sie wollte aufstehen aber matt geworden ward sie von Beiden unterstützt
Ollonie sagte Maria sanft Du hast zwei Hände vereint die es schon in
Freundschaft waren nicht Liebe wird ihr folgen Nun aber überlasst mir die
Pflege unserer teuren Ollonie ich führe sie sicher
Ormond drückte in stummer Sprache die Hände Beider an sein Herz und eilte
dann mit seiner vielfach angeregten Qual von dannen
Der Tag der diesem Morgen folgte war nun der letzte den Maria unter dem
ehrwürdigen Schutze ihrer großmütigen Freunde verleben sollte und es war ihr
die Aufgabe gestellt unter einem ruhigen Äußern ihr tief bewegtes Herz zu
verbergen Wenn etwas diesen überwältigenden Umständen das Gleichgewicht zu
erhalten vermochte war es die bestimmte Richtung die seit Ormonds Worten das
Gefühl ihres Herzens erhalten hatte Sie gewann trotz den andrängenden äußern
Umständen Zeit sich hierüber mit sich völlig zu verständigen Wie sie es so
lange in sich als unverstandenes Geheimnis hatte tragen können überraschte sie
und sie bat sich selbst um Verzeihung dass sie in Verworrenheit und Unruhe und
unverständlichem Wechsel von Freude und Leid hatte verderben können was nun
verstanden zu einem schönen vollständigen Schatz ihrer Seele gehörte sie
adelte und ihr eine neue erhebende Weihe zu geben schien Dass zur selben Zeit
diesen Empfindungen der Eintritt ins Leben und jede glückliche äußere Beziehung
abgeschnitten ward erkannte bei flüchtiger Betrachtung ihr klarer Verstand zu
bestimmt um eine Träumerei darüber zuzulassen und sie fühlte dass sie nur
dann ihrer selbst würdig sich als Besitzerin dieses Gefühls anerkennen könnte
wenn sie eben so bestimmt und aufrichtig ihm die vollständigste Resignation zur
Seite setzte So heiligte sie beide Gefühle in ihrer Brust und als sie nach
diesem festen Abschluss mit sich das übrige Leben anblickte fühlte sie sich ihm
viel ruhiger gegenüber gestellt als früher und nur ob sie das Rechte zu tun
vorhabe das nur flößte ihr Bedenken oder Sorge ein nicht mehr die damit
verknüpften Opfer Nur der Brief der die teuren Schriftzüge trug konnte immer
wieder aufs Neue die Bedenklichkeiten besiegen die in jeder andern Beziehung
ihr der bevorstehende Schritt einflößte Aber ihren Widerwillen sich auch nur
in vorübergehende Gemeinschaft mit diesem Mann zu setzen diesen zu überwinden
fühlte sie sich außer Stande und ließ darin endlich ihr Herz gewähren
Seltsam traf sie Richmonds Anblick als sie ihn bei der Tafel zuerst wieder
sah und sie würde ihn schwerlich ohne den Tribut der Weiblichkeit ertragen
haben hätte ihre wahrhaft feste und vollständige Resignation ihn nicht ohne
alle Beziehungen zu sich bloß als das schöne Urbild ihrer Liebe ihr erscheinen
lassen
Als er sie anblickte drang das unaussprechlichste Gefühl der Befriedigung
durch ihr Herz und sie gewahrte den tiefen schwermütigen Ausdruck seines
Blickes mit der schmerzlichen Überzeugung dass er dem Mitleiden angehöre womit
er sie in Bezug zu Membrocke sah Bald sagte sie sich wird der Schritt
geschehen der mich fürs Leben aus Deiner reinen Nähe treibt und meinen Namen
den Verworfenen beigesellen wird Du wirst erröten mich unter diesem Dache
einst gesehen zu haben Ein Seufzer bezeichnete die Schwere des Opfers das ihr
auferlegt war und sie fühlte sich fast getröstet dass ihr Gefühl nie in seinem
Herzen Wiederklang gefunden und so ihm der Schmerz erspart blieb an ihr sich
scheinbar geirrt zu haben
Fast war es ein Glück dass Ollonies Zustand ihre Sorgfalt erforderte Maria
besaß vollkommen die Eigenschaft der Frauen das eigene Interesse zurück zu
drängen und frei und hingebend sich einem fremden aufzuschließen Ihr war mit
der gütigen Empfindung zugleich der Takt verliehen unscheinbar und ohne den
Leidenden außer eigne Tätigkeit zu setzen bloß ergänzend oder stützend
einzutreten und namentlich war sie schnell Olloniens Wesen überschauend sie
zur Kraft zu wecken bemüht
Eine lange Unterredung in der sie doch die eigentliche Vertraute zu
werden vorsichtig vermied hatte Ollonie nicht allein überzeugt dass Maria sich
ihrem teuren Oheim nicht vermählen wolle sondern auch in ihr jene
jungfräuliche Empfindung geweckt die sie fürs Erste zur Selbstbeherrschung
zwingen konnte
So hoffte Maria sie aus dem leidenschaftlichen Zustand zu erlösen den ihr
die Eifersucht gegeben und für Ormond Zeit zu gewinnen von der sie das Glück
Beider hoffen zu dürfen glaubte
So dem fremden Interesse hingegeben hatte die junge Heldin fast keinen
Blick für ihre eigene Zukunft übrig fiel er aber darauf dann schaute sie in
ein undurchdringliches Dunkel worin sie nur das eine Bild ihres teuren
verfolgten Oheims als Ziel und Lichtpunkt erblickte Dahin wandten sich dann
alle Kräfte ihrer edelen Seele und verliehen ihr den ruhigen Ernst der zwar
alle Blüten des Glückes verschließt aber desto freier und stärker jede Tugend
der Seele zur Reife bringt Sie schien sich seit diesem Morgen weit über die
Zeit der Jugend hinaus entrückt und wie jede Bewegung ihrer Seele sich ihrem
Äußeren mitteilte so trug ihr ganzes Wesen jene ernste und ruhige Würde
welche die Abfindung mit dem Leben bezeichnet
Membrocke konnte dies nicht übersehen und es gehörte nicht zu seinen
angenehmen Beobachtungen er hätte sie lieber hinfällig und außer sich erblickt
Diese feste Haltung schien ihm wenig Rechte über sie lassen zu wollen und er
verwünschte dies ihm stets neue Aufgaben bereitende Mädchen
Als die Tafel aufgehoben war und die jüngeren Personen sich dem fröhlichen
Beisammensein überlassen wollten fühlte Maria sich unfähig daran Teil zu
nehmen Ihr Herz sehnte sich mit kindlicher Innigkeit nach dem Beisammensein mit
der Herzogin von Nottingham In ihrer Nähe wollte sie die letzten Stunden
durchleben und sich stärken zu dem großen Schritt der ihr bevorstand
Schaudernd sah sie wie Membrocke sich nach der Tafel von Allen beurlaubte
Indem er sich auch ihr ehrerbietig zum Abschiede näherte warf er ihr einen
vertraulichen Blick zu und flüsterte Um neun Uhr bin ich zurück
Maria vergaß tief beleidigt ihr ganzes Verhältnis zu ihm und antwortete
ihm bloß durch einen Blick voll Verachtung Aber ihr Gesicht war Allen
sichtbar mit Blut übergossen und Richmond wendete sich von ihr ab und verließ
die Gesellschaft
Als die beiden Herzoginnen sich entfernt hatten blieb Maria in dem
schmerzlichen Gefühl alle hier Versammelten zum letzten Male zu sehen wie
gefangen zurück Von Allen nahm sie im Geiste Abschied ach Keiner schien ihr
mehr unbedeutend oder unliebenswürdig Selbst die Pagen die Diener die noch
mit dem Dienste beschäftigt hin und wieder gingen Alle flössten ihrer Seele das
schmerzlichste Interesse des nahen Abschieds ein Lucie hing sich in ihre Arme
und begehrte morgen früh den Spaziergang mit ihr und nun ward sie von allen
Mädchen umgeben die sie liebevoll drängten den Jagdzug mitzumachen den
Richmond für morgen vorgeschlagen und Maria unfähig ihn zu belügen abgelehnt
hatte Da entschlüpfte sie rasch den ungestümen Liebesbeweisen die ihre Brust
zerrissen und eben so wenig fähig allein zu bleiben führte sie ihren Vorsatz
aus zur jüngeren Herzogin sich zu begeben in deren ernster gemässigter Nähe
sie gegen neue Erschütterung der Art sich gesichert hielt
Als sie von dem meldenden Pagen geführt in das lange gotische Zimmer
eintrat in dessen Fenstervertiefung die Herzogin saß gewahrte sie zu ihrer
Überraschung Lord Richmond vor ihren Füßen auf einem niederen Fensterbänkchen
sitzen
Willkommen Lady Maria sprach die Herzogin während Richmond schnell
aufsprang Ihr seid gütig mir Euren Nachmittag schenken zu wollen da Alle wie
ich höre sich auf eine Kavalcade begeben Damit reichte sie Maria die Hand
entgegen welche diese mit beklommenem Herzen an ihre Lippen drückte
Und doch Mylady sprach Maria fürchte ich seid Ihr zu gütig gewesen mich
anzunehmen Ihr hattet liebe Gesellschaft Ihr hattet vielleicht Geschäfte
setzte sie hinzu auf Richmond blickend der mehrere Papiere in der Hand
haltend stumm grüßend ihr gegenüber stand
Ich hätte in diesem Fall es Euch aufrichtig gesagt erwiderte die Herzogin
Wen ich willkommen heiße der darf auch dessen sicher sein Setzt Euch fügte
sie hinzu und zog Maria auf einen kleinen Sessel der nächst ihrem Lehnstuhl
stand und Du Richmond nimm Deinen alten Platz hier ein und lies mir das Ende
Deines Briefes vor Meine liebe Maria wird sich so lange mit sich unterhalten
Richmond tat wie ihm geheißen und obwohl er erst nach einigem Verzuge die
Stelle wiederfinden konnte bei welcher Marias Ankunft ihn unterbrochen hatte
las er doch mit einer Stimme die noch lange vergeblich nach Festigkeit
strebte weiter »Ich kann unter diesen Umständen nicht genau angeben wann mir
das Glück zu Teil werden wird Dich meine geliebte Tochter zu umarmen
Keinesfalls kann ich indes wünschen dass Du nach London kommest da in der
Hoffnung die sich uns jetzt darbietet mir vielleicht vergönnt sein wird nach
GodwieKastle zu kommen Dass ich diesen Zeitpunkt herbei sehne und Alles was in
meinen Kräften ist anwenden werde ihn zu beschleunigen wird Dir gewiss sein
und meine Tochter wird nicht wünschen dass etwas in einer Sache übereilt werde
wovon die Ehre ihres Vaters abhängt«
Da sei Gott vor sprach die Herzogin und legte den Brief des Grafen von
Bristol den Richmond ihr reichte ehrerbietig zusammen doch bin ich der
Meinung dass mir am allerwenigsten zustehe mit Besorgnis an diese Beweisführung
zu denken Nicht als Tochter fühle ich mich um die Ehre meines Vaters besorgt
als Engländerin bin ich besorgt und beschämt denn sagt wohin muss es mit einem
Lande gekommen sein in dem sich die Männer die sich die Säulen des Staates
nennen dürfen an die sich die Verehrung zweier Generationen und die Hochachtung
fremder Staaten knüpft verteidigen müssen gleich als wären sie unbekannte
dem Zweifel unterworfene Emporkömmlinge für welche keine Taten reden können
England wird erstarren an der Nachricht Bristol stehe vor dem Richterstuhle
eines Parlaments und neues Weh wird den Namen Buckinghams treffen der so
grenzenloses Elend verbreitet und mit welchem die Nachwelt alles Unglück und
alle Schande dieser Zeit bezeichnen wird
Maria schauderte zusammen Die bitteren strengen Worte der gekränkten Frau
bezeichneten die Katastrophe in die ihr eigenes Schicksal nun so geheimnisvoll
und gefährlich verflochten war sie nannten zugleich den Namen Buckingham in
derselben Beziehung als Membrocke es getan und bestätigten die Wahrheit
seiner Angaben
Ich habe Euch teure Mutter noch Einiges über die Vermutungen des Grafen
Archimbald mitzuteilen hob jetzt Richmond an
Seine Tätigkeit hat keinen Augenblick gerastet und so große Hindernisse
ihm die Wachsamkeit Buckinghams auch in den Weg legte ist es ihm mit Hilfe
eines mächtigen und geheimen Feindes von Buckingham dennoch gelungen dem Lord
Saville auf die Spur zu kommen der nach der Überzeugung Euers Vaters die
wichtigen Dokumente entwandte die von der Hand des Herzogs von Olivarez
unterzeichnet das bestimmte und durchaus ehrenvolle Benehmen des Grafen
bestätigen Gewiss ist eine traurige Zeit gekommen wo Lord Bristol eines
Dokuments bedarf sich freizusprechen von dem schmählichen Verdachte sein
Vaterland mutwillig und um persönlicher Genugtuung willen in einen so
gefährlichen Krieg verwickelt zu haben aber es ist dahin gekommen wollen wir
uns immer freuen dass es der Unschuld nie an Freunden fehlt und dass Lord
Bristol die Besten des Landes unter die seinigen zählt
Du sagst ein wahres Wort mein Sohn aber ich wiederhole es ich trage Leid
um England das auf dem Wege ist dem Auslande ein Spott zu werden
Graf Archimbald fuhr Richmond fort scheint überdies die Auflösung des
Königs zu erwarten Die Fieberanfälle haben sich wiederholt und die Idee des
Krieges mit Spanien ist ein Schreckbild geworden dem der unglückliche schwache
Greis dessen ganze kleine Politik Zeit seines Lebens in dem Bündnis mit
Spanien bestand zu unterliegen droht
Buckinghams Abschluss der Vermählung unseres Prinzen mit der französischen
Prinzessin soll fast wider Willen des Königs und des Prinzen geschehen sein Den
König hat dieser verwegene Mann zittern gelehrt und das Jawort des Prinzen
während einer hitzigen Krankheit erhalten die ihn gleich nach der Rückkehr von
Spanien überfiel und über deren Ursache obwohl Buckingham den Prinzen fast
ausschließlich umgab doch sehr seltsame Gerüchte umlaufen
So viel ist gewiss dass der Prinz stets Allem gnädig was unsere Familie
angeht Alles angewendet hat diesen Prozess von dem Grafen Bristol abzuwenden
dass der König aber von Buckingham verhärtet und außer sich über den Gedanken
am Ende seiner Laufbahn noch einen Krieg zu erleben den er stets so ängstlich
vermieden den Grafen als die einzige Ursache davon ansieht
Nun rief die Herzogin so erhalte Gott sein Leben nur noch so lange bis er
seinen besten und getreusten Diener gerechtfertigt vor sich sieht O ich
ertrüge es nicht wenn dies gekrönte Haupt zur ewgen Rechenschaft gerufen
würde ehe er dem sein irdisch Recht gesprochen der sich um ihn so wohl
verdient gemacht
Hier entglitt dem Busen der unglücklichen gequälten Maria ein tiefer
Seufzer Der gerechte Wunsch dieser edelen Frau ihrer Wohltäterin der Mutter
Richmonds dieser heilge Wunsch für dessen Erfüllung auch sie ihre Hände hätte
zum Himmel erheben müssen er enthielt das Todesurteil über den einzig ihr
gebliebenen Verwandten über den teuren Oheim an den sie trotz des Scheines
von Schuld der ihn zu treffen schien nicht ohne die tiefste und zärtlichste
Bewegung des Herzens denken konnte Ihr blieb jetzt kaum ein Zweifel dass es der
verfolgte Lord Saville war dem sie diese Rechte zugestehen musste dass Lord
Membrocke ihr Wahrheit gesagt und sie im Begriff sei zu dem zu fliehen der den
Verfolgungen ihrer Beschützer preisgegeben war
Riesenhaft groß trat ihr hartes Schicksal vor sie hin bereit alle die
zarten Fäden zu zerreißen die sie mit diesen geliebten Menschen hier verbunden
hatten
Die Herzogin missdeutete dieses Zeichen tiefer Teilnahme und ihre Hand
sanft drückend sprach sie Gott behüte Euch vor ähnlichen Sorgen liebes Kind
Euer allzu weiches Herz erläge solchen Leiden
Die Schicksale der Menschen sprach hier mit tiefer Bewegung Richmond sind
verschieden nicht zweien wird ein gleiches zu Teil aber der Schmerz findet zu
jeder Brust den Weg und nur wie er uns innerlich gefasst findet macht den
Unterschied Doch die geringsten Schmerzen bleiben immer jene die das eigne
verfehlte Glück uns gibt Wer widersteht aber mit dauerndem Mute wenn er das
Edelste und Liebste was die Erde für ihn trägt in der Gewalt einer bösen Macht
leiden und untergehen sieht ohne dass ihm das Recht verliehen ward es zu
schützen oder zu verteidigen
Wir wollen damit schließen so heftige Auskunftsmittel wie Deinem
jugendlichen Eifer zusagen nicht für nötig zu halten sagte die Herzogin mit
beschwichtigendem Tone und schien nicht zu gewahren wie Richmonds Augen an den
bleichen kummervollen Zügen Marias hingen Maria sah diese Augen nicht denn
die ihrigen hafteten melancholisch am Boden aber seine Stimme drang zu ihrem
Herzen und ein wunderbar wonnevoller Schmerz durchzuckte sie
Das gebe Gott seufzte er tief auf und vergeben mögt Ihr meinen trüben
Worten Aber ich glaube setzte er zur Heiterkeit sich zwingend hinzu der
Nebel dieser letzten Tage tut es bei mir ich bin nicht mehr ich selbst ich
fühle es wohl denn trübe liegt auf mir die Erwartung jedes nächsten Morgens
Marias Haupt senkte sich hier auf die Armlehne des Stuhles in dem die
Herzogin saß Doch diese sah die fallenden Tränen nicht die sie zu verbergen
strebte sondern ganz Mutter schaute sie besorgt ihrem Liebling ins Angesicht
und prüfte mit ihrer Hand ängstlich die kalte Stirn
In Wahrheit Du bist krank ich selbst habe glaub ich übersehen dass wir
vielleicht zu lange hier verweilten Lass uns zurückkehren nach GodwieKastle
Seine hohe gesunde Lage wird Dich am besten wieder herstellen auch sind wir
dort London um so viel näher und leicht lässt sich jetzt dort ein Kreis
versammeln der Dir Zerstreuung und Erholung gibt
O sorgt nicht um meinetwillen teure Mutter rief Richmond nicht diese
Luft ists die mein Herz so presst und keine andere Luft lindert dies Weh
Glaubt und vertraut mir nur aus mir selbst muss ich mich erheben und ich werde
es Doch Eurem Plan nach GodwieKastle zu gehen widerspreche ich nicht Wir
sind dort London näher das sage ich auch und dort muss unser aller Schicksal
sich jetzt lösen So gib denn Befehl zu unserm Empfange dort sprach die
Herzogin noch immer ganz von Besorgnis eingenommen
Alle hatten sich erhoben Richmond wollte gehen Maria stand vor dem
Augenblick der sie auf immer von ihm trennen sollte Kaum trugen sie noch ihre
wankenden Füße und sie hielt sich an dem Lehnstuhle der Herzogin welche an
einen Tisch getreten noch einige Papiere für den Sohn zurecht legte
Richmond betrachtete Maria er sah ihre Erschütterung und trat ihr näher
Und wird Lady Maria noch länger ihren besten Freunden das bisherige Recht
zugestehn sie mit sich zu führen Darf ich ihre Zimmer in GodwieKastle bereit
halten lassen
Maria versuchte umsonst zu antworten Nach einigen vergeblichen Bemühungen
die bebenden Lippen zu öffnen schüttelte sie leise das Haupt
Ihr wollt uns nicht folgen fuhr er nun bewegter fort Ihr verschmäht die
Herzen die Euch so innig ergeben sind die Ihr durch Eure Nähe habt vergessen
lassen dass ohne Euch zu leben möglich sei Es ist Euch Niemand etwas unter uns
Niemand darf sich des Glückes rühmen Euch so nötig zu sein wie Ihr es uns
geworden Ihr seid so gut so großmütig aber gefühlvoll wenigstens nicht Er
schwieg seine Stimme bebte zu heftig und Maria vergingen bei dieser nie
gehörten Sprache fast die Sinne Wie mit einem Siegel waren ihre Lippen
verschlossen und nur die Angst dieses Verstummens hielt sie aufrecht Sie
drückte die Hand endlich auf ihr Herz und hob die Augen zu ihm auf die das
ganze Geheimnis ihres Herzens trugen
Ich verstehe nicht sagte die Herzogin und wandte sich wollt Ihr nicht mit
nach GodwieKastle Lady Maria
Ich habe keinen freien Willen erwiderte jetzt Maria mit dem Ausdrucke der
Ergebung
Gewiss sagte die Herzogin welche Kleinmütigkeit Was ist Euch Womit haben
wir es versehen und worin haben wir Euch Zwang aufgelegt Bestimmt ganz nach
Gefallen ob Ihr uns begleiten oder später mit meiner Schwiegermutter folgen
wollt
Ich empfinde tief Eure Güte und habe Euch nur aus voller Seele zu danken für
die unendliche Großmut die Ihr mir unablässig beweist Seid sicher dass ich
nirgends lieber bin als wo Ihr seid dass es die süßeste Empfindung meines
Herzens wäre Euch zu dienen um nur Eure Nähe nicht zu entbehren
Die Herzogin fühlte sich geschmeichelt vor ihrem Sohne der Gegenstand von
so vieler Liebe zu sein und ungewöhnlich freundlich zog sie Maria zu sich und
küsste ihre Stirn
Ihr seid ein liebes gefühlvolles Kind sprach sie dabei ich lege
gleichfalls Wert auf Euren Umgang und sehe es gern wenn Ihr mit uns geht
Marias Herz unterlag hier Sie sank vor ihr nieder und ihre Hände
ergreifend rief sie flehend O in dieser glücklichen Stunde gebt mir Euren
Segen dass er auf meinem Haupte unwiderruflich ruhen möge Was auch mein dunkles
Schicksal über mich verhängen möge widerruft ihn nie Dann werde ich hoffen
dass ein guter Engel mir zur Seite bleibe Ihre Augen vergossen Tränen und
sie hatte etwas so unwiderstehlich Dringendes dass die Herzogin ohne Widerstand
die Hände auf ihr Haupt legte Gott segne Euch liebes Kind sprach sie dabei
mit sichtlicher Überraschung Aber lasst das steht auf und seid nicht so
heftig Ihr seid ohne Ursache so feierlich als ob uns das jüngste Gericht
bevorstände wir sollen stets über unsere Gefühle strenge Disziplin halten gar
leicht werden wir sonst bei geringen Veranlassungen davon überrascht
Maria stand auf und trocknete ihre Augen sie fühlte die Ruhe des Todes Mit
dieser letzten Erschütterung schien ihre Seele ausgekämpft zu haben sie kam
sich wie eine Sterbende diesen geliebten Menschen gegenüber vor sie konnte
keinen Schatten von Hoffnung haben je wieder mit ihnen vereint zu werden ihre
Trennung schien ihr vollständig und unwiderruflich wie durch den Tod Aber
dieses Überdenken ihres traurigen Geschicks gab ihr für den nächsten Augenblick
alle Fassung wieder Sie blickte auf zu Richmond als er sich jetzt entfernte
und begleitete ihn mit ihren Augen bis er in der Tür verschwand Ich habe ihn
zuletzt gesehen sagte sie dann zu ihrem getödteten Herzen
Sie blieb bis die alte Herzogin erschien um ihre Schwiegertochter zur
Abendgesellschaft abzurufen Beide waren von Marias Blässe überrascht und
gönnten ihr sich auf ihr Zimmer zurückzuziehn Still küsste diese Beiden zum
letzten Mal die Hand und ging dann langsam an der Versammlungshalle vorüber aus
der eine Heiterkeit schallte die für sie nicht mehr vorhanden war
Als sie in ihr Zimmer trat verabschiedete sie die gute getreue Errol und
blieb dann allein sich zu ihrem großen Unternehmen vorzubereiten Sie hatte nur
wenig Anordnung zu treffen alle gingen darauf hin sie so unabhängig wie
möglich von Membrocke zu machen Sie legte ihre Juwelen und eine bedeutende
Summe Geldes die ihr aus den Wechseln ihres Taschenbuches mitgeteilt war
nebst einem zweiten vollständigen Anzug zusammen kleidete sich selbst in ein
festes Reisekleid und harrte dann bis die Glocken des Schlossturmes Neun
schlugen Dann stand sie auf und warf sich vor dem Betpult nieder an dem sie
nie wieder knien sollte aber fern von ihr war jede Erweichung Ihre Züge
schienen von Marmor hoher Ernst ruhte auf ihrer Stirn und die Freiheit der
Seele die aus einer klaren und unabänderlichen Anschauung des Pfades den uns
die Pflicht führt entsteht selbst wenn wir ihn mit Gefahren umstellt
erblicken diese ward ihr zu Teil und ließ sie erkennen dass nach der Trennung
von den ihr so teuren Menschen nichts mehr der Rührung wert sei
Sie flehte Gott um Schutz an Meine Seele behüte und nimm sie in Deine
Obhut gib mir Kraft dass ich zu Deiner Ehre vollende was mir obliegt Herr
Dein Wille geschehe
Nach diesem kurzen Gebet stand sie auf hüllte um Kopf und Schultern ihren
weiten Mantel ergriff ihr kleines zusammen gepacktes Eigentum und eilte aus
ihren Zimmern
Sie wusste die Gesellschaft noch beisammen und musste jeden Augenblick ihr
Auseinandergehen erwarten aber sie war fest entschlossen es mit furchtloser
Gleichgültigkeit zu wagen
Als sie um die Gesellschaftshalle zu vermeiden an welcher vorüber sie den
Park auf kürzerem Wege erreichen konnte durch die Gallerie ging in der sie am
Morgen die entscheidensten Augenblicke ihres Lebens durchkämpft hatte dachte
sie noch ein Mal mit tiefer Wehmut an Ormond und als sie an die Stelle
gekommen wo sie die Ergiessungen seines edlen Herzens empfangen blieb sie einen
Augenblick gefesselt stehen Da hörte sie vom Park her deutlich nahende Schritte
und bald mehrere Stimmen Ihre Lage ward schrecklich den Nahenden wurden
Windlichter vorgetragen und der Fensterbogen in den sie treten konnte war so
groß und vom Monde erleuchtet dass ihre schwarze Gestalt bei dem flüchtigen
Blicke erkannt werden musste Wie durfte sie aber an diesem Aufblick nach diesem
Fensterbogen zweifeln da sie unter mehreren Stimmen die des Lord Ormond
erkannte bei dem sie dasselbe Andenken an diesen Platz voraussetzen musste Doch
blieb ihr keine Wahl als dem Zufall zu vertrauen und da die Nahenden sie jetzt
erreicht hatten drückte sie sich fest verhüllt in die Ecke des Fensters mit
starrer Erwartung des nächsten Augenblicks
Die Herren hatten den morgenden Jagdzug geordnet und sprachen von ihren
Pferden Richmond ging mit einem der Herren voran und als er rasch an dem
Fenster vorüber streifte sprach er Nein Sir Francis wählet welches von
meinen Pferden Euch ansteht dies Pferd gehört Lady Melville und ich hoffe sie
wird uns begleiten Indem strich Ormond vorüber aber das Haupt auf die Brust
gesenkt schien die Erinnerung des hier Erlebten viel zu mächtig in ihm zu sein
um noch Sinn für ein äußeres Zeichen zu haben Sie waren vorüber nur einzelne
Streifen Licht glitten noch über den Boden hin Maria entfloh nun so schnell
sie vermochte ihrer Haft
Die dunkeln Schatten des Parks waren erreicht Sie näherte sich dem
verabredeten Platze und hörte bald die leisen im welken Laube rauschenden
Schritte ihres Gefährten Ein unbeschreibliches Entsetzen erschütterte sie als
er vor sie hintrat sie zu begrüßen
Seid Ihr bereit Mylord So eilt denn und führt mich den dornigen Pfad der
Pflicht und denkt dass wie ich hilflos auch scheinen möge doch über mir Gott
im Himmel wacht wie über Euch er einst richten wird
Eure Hülflosigkeit teure Lady ist eine eingebildete im Gegenteil wird
dies der erste Schritt zu der ausgezeichneten Stellung sein wozu Euch Eure
Geburt berechtigt Der mächtige Buckingham und Euer edler Oheim werden siegreich
hervorgehn aus allen ihnen von dieser stolzen Familie bereiteten Bedrängnissen
daran zweifelt nicht
O schweigt ich bitte Euch von Triumphen die mit dem Unglück meiner
Wohltäter erkauft sind Wie könnt Ihr ein Verwandter dieser edelen Familie an
ihr Unglück mit Gleichgültigkeit denken da ich es selbst nicht vermag selbst
um den Preis nicht den teuren Oheim gerettet zu sehen
In Wahrheit ich hätte nicht Vorwürfe erwartet rief Membrocke dass ich
Eurem Interesse lebhafter zugetan bin als dem meinigen aber ich sehe ein dass
Lady Melville für alle Bewohner der Erde mehr Großmut und Gerechtigkeit hat
als für mich selbst
Es ist jetzt nicht der Augenblick einen Wortstreit zu führen erwiderte
Maria ernst und ich bin nicht in der Stimmung mir eine richtige Erwägung der
Zukunft zuzutrauen Man findet für gut sie in ein Dunkel zu hüllen welches
mich zu sehr der Willkür eines Einzelnen hingibt um mich ihm nicht schärfer
beurteilend gegenüber zu stellen als unter gesicherten Verhältnissen der Fall
sein würde Ich will Euch meine Dankbarkeit aufheben und sie soll nicht gering
sein wenn Ihr mich meinem natürlichen Schutze übergeben haben werdet Lasst uns
jetzt unsere Reise beeilen
In einer kleinen Schlucht die sie jetzt mit schnellen Schritten erreichten
fanden sie die Pferde und zwei gleichfalls berittene Diener Schnell und sicher
hob sich Lady Maria in den Sattel und die Kappe ihres Mantels tief über ihr
Gesicht ziehend überließ sie den Zügel Lord Membrocke welcher ihr zur Seite
ritt während ein Diener den Zug anführte und der andere ihn beschloss
So blieb Maria stumm in sich selbst verloren nur des Einen sich bewusst dass
ein neues Leben für sie angegangen war und dass ihre Jugend von nun an
abgeschlossen hinter ihr lag
Als der Tag anbrach befanden sie sich bei einer einsam liegenden Meierei
wo Lord Membrocke eine Sänfte für Maria bestellt hatte und sie nötigte einige
Erfrischungen zu sich zu nehmen Noch war es ihm nicht gelungen sie in ein
Gespräch zu ziehen eben so wenig sagte ihm ihre ganze Haltung zu Ruhig und
gemässigt waren ihre Antworten sie ließ eben so wenig Vertraulichkeit als
Vorwürfe zu und hielten ihn beständig in der begrenzten Zurückhaltung eines
Begleiters
Die feuchte Nacht die Kälte des Morgens und der angestrengte Ritt hatten
indessen Maria eine kleine Erholung nötig gemacht und sie sah die Ankunft
einer Sänfte nicht ungern da sie ihr noch mehr Abgeschiedenheit zu sichern
schien und ihrer großen Ermüdung zu Hilfe kam Sie benutzte die Gelegenheit dem
Lord ihren Dank für seine sorgfältigen Reiseanstalten auszudrücken da sie sich
selbst zu einer milderen Stimmung für ihn zu bewegen wünschte
Lord Membrocke war entzückt über diese sanfteren Worte wie er sie noch nie
aus ihrem Munde gehört und leichtsinnig und töricht glaubte er sich jetzt den
Hoffnungen auf ihre Gunst überlassen zu können Er verdoppelte seine Bemühungen
welche der traurige Zustand der Meierei wenig begünstigte Zwar brannte ein
hohes Torffeuer in dem weiten Kamine der den Hausgenossen zugleich als Heerd
diente aber der Rauch schien keinen andern Weg zu kennen als durch die
morschen Fenster und Türen der großen Halle selbst Ein Haufen ärmlich
gekleideter Kinder ihre düster blickende Mutter und einige sehr wild aussehende
Männer teilten diesen Raum mit den Reisenden und schienen in der Überzeugung
so vornehmen Leuten nichts zu ihrer Erquickung bieten zu können auch gänzlich
gleichgültig gegen ihre Erscheinung zu sein Membrocke ließ indessen Alles
herbeischaffen was seine Reiseküche vermochte er bereitete selbst Marias Sitz
am Heerde und trocknete mit Sorgfalt ihren feuchten Mantel Er durfte ihr aber
keine lange Rast gönnen und Maria fürchtete selbst eine Unterbrechung ihrer
Reise zu sehr um nicht sogleich bereit zu sein
Sie bestieg nun ihre Sänfte und Membrocke setzte sich an die Spitze des
Zuges welcher mit doppelter Eile vorwärts ging und noch um zwei Diener
vermehrt war
Es war Maria aber nicht vergönnt zu größerer Ruhe zu gelangen Sie fühlte
ein ungemein heftiges Brennen ihres Kopfes und ein so ängstliches Klopfen des
Herzens dass ihr Atem zu stocken begann Die Ruhe ihres Geistes verwandelte
sich in eine qualvolle Erregung von Angst und Furcht Sie bebte bei jedem
Geräusch zusammen und wünschte zuletzt nur noch das neue ungekannte Übel
möchte sie erreichen da sie das Härteste besser ertragen zu können glaubte als
diese Furcht für die sie keinen Namen hatte Es machte ihr daher keinen
stärkeren Eindruck als sie um die Mitte des Tages den nachfolgenden Diener
herbei sprengen hörte worauf sogleich Membrocke nachdem er seinen Bericht
angehört den Zug zur größten Eile antrieb Sie glaubte an den Bewegungen ihrer
Sänfte erraten zu können dass man Seitenwege einschlug und zweifelte nun nicht
länger dass sie verfolgt würden Doch wer verfolgte sie dieser eine Gedanke
löschte alle übrigen Betrachtungen aus Sie wagte nicht Membrocke zu fragen
der wie sie hörte unruhig hin und her sprengte Auch blieb ihr wenig Zeit zu
Schlüssen übrig denn das wilde Heranjagen von Pferden überzeugte sie dass sie
eingeholt wären Nach einigen Versuchen die Eile zu verdoppeln hielt plötzlich
die Sänfte von einem verworrenen Stimmengeräusch umgeben
Halt Halt schrie eine wohlbekannte Stimme und sogleich hörte sie
Membrocke in einem heftigen Wortwechsel mit Lord Richmond und Ormond Mit
entsetzlicher Ruhe beantwortete Membrocke die Vorwürfe seiner Verfolger Er
fragte sie mit kaltem Hohne welches Recht sie hätten ihn und die Lady zu
verfolgen und sie von ihm zurück zu fordern da es ihm doch wohl ohne den
Willen der Lady selbst nicht hätte gelingen können sie zu entführen
Haltet ein mit dieser Verleumdung rief Richmond außer sich sie ist Euch
nicht freiwillig gefolgt Geraubt habt Ihr sie mit Gewalt entführt und ich
fordere sie von Euch zurück im Namen der Herzogin von Nottingham deren Haus Ihr
durch solche Tat zu beschimpfen wagtet Augenblicklich übergebt das Fräulein
uns und steht uns dann Rede über die Beleidigung die Ihr derselben anzutun
gewagt
Überlasst die Wahl dem Fräulein selbst lachte Membrocke sie mag bestimmen
wem sie folgen will sie mag sagen ob sie mir freiwillig gefolgt oder ich sie
entführt habe Wahrlich Mylords wir ereifern uns sehr unnütz da ein Wort aus
dem Munde des schönen Fräuleins Euch besser aufklären wird als meine eifrigsten
Bemühungen und glaubt mir ich bin ganz bereit Euch die Lady zu überlassen
wenn sie Euch nur folgen will
Es lag eine Sicherheit in Membrockes Betragen die Ormonds Herz mit den
entsetzlichsten Zweifeln erschreckte während sie Richmonds Zorn nur erhöhte
Haltet ein mit Euren Schmähungen rief er Euer Mund kann die reinste Tugend
nicht beschimpfen Er stürzte zu der Sänfte hin und riss die Tür derselben auf
Maria hatte jedes Wort der schrecklichen Unterhandlungen gehört und empört
über Membrockes boshafte Benutzung ihrer Lage nur zu wohl erkannt dass ihr
keine Rettung von dem schmählichen Verdachte blieb Als sie Richmond erblickte
glühend und außer sich mit Seelenangst auf ihre Entscheidung harrend da
verließ sie ihre Besinnung und ihre erste Bewegung war sich aus der Sänfte zu
stürzen
Bleibt Mylady sagte Membrocke kalt und beantwortet die Fragen dieser
gestrengen Richter Sagt folgt Ihr mir aus eigenem Antriebe habt Ihr mich zum
Begleiter dieser Reise angenommen oder habe ich Gewalt gebraucht und Euch
entführt
Entführt wiederholte mit Abscheu Maria nein nein Er entführt mich nicht
o eher den Tod
Und doch schrie Richmond doch seid Ihr mit ihm Nun seht Ihr wohl lachte
Membrocke mit Gewalt erlangt man nichts über das stolze Kind
Lady sprach Richmond indem er erblassend sich an den Schlag der Sänfte
hielt wie kamt Ihr in seine Gewalt Nicht um meinetwillen frage ich mir steht
kein Recht zu sondern um meiner Mutter willen die um Euch trauert wie um ihr
eigenes Kind Ich beschwöre Euch antwortet mir warum verliesst Ihr uns warum
finde ich Euch in der Gewalt des Lord Membrocke Er schwieg sichtlich
erschöpft seine abgebrochenen Reden seine am Boden ruhenden Augen zeigten nur
zu deutlich die tiefe Bewegung seiner Seele
Maria fühlte jedes seiner rührenden Worte als eine neue Wunde ihrer Brust
Auf seine Achtung verzichten zu müssen gegen ihn nicht die Rechtfertigung
erwähnen zu dürfen die ihr Andenken bei ihm rein von Schuld erhalten musste
sie glaubte diesen Gedanken in seiner ganzen Qual schon früher erschöpft zu
haben aber wie ganz anders war es jetzt ihm gegenüber von seinen rührenden
Worten von dem viel rührendern Ausdruck seiner Stimme und Mienen begleitet
Noch ein Mal fragte sie sich ob es hier keinen Ausweg gebe noch ein Mal
seufzte sie nach Rettung aber die Antwort die ihr klarer gegenwärtiger
Verstand ihr gab blieb dieselbe Alsbald kam ihr die Kraft zurück die schon
halb entschwunden geschienen
Sagt Eurer ehrwürdigen Mutter teurer Lord sprach sie dumpf aber fest
mein Leben würde ein Dankgebet bleiben für meine Wohltäter sagt ihr ich
verdiene noch immer den Segen den sie auf mein Haupt niedergelegt noch ein Mal
flehe ich sie an ihn nicht zu widerrufen Ein Mehreres habe ich zu meiner
Rechtfertigung nicht Ich bitte Euch verzögert meine Reise nicht und überlasst
mich dem Schutze des Lord Membrocke
Großer Gott rief Richmond mit der höchsten Heftigkeit wie schrecklich müsst
Ihr betrogen sein da Ihr so im Rechte zu sein glaubt Wie können wir Euch
verlassen da wir hieran nicht zweifeln dürfen Mylady hier ist Lord Ormond er
genoss Euer Vertrauen ich beschwöre Euch lasst ihn die Umstände prüfen die
einen mindestens so auffallenden Schritt veranlassten Ormond tretet näher ich
bitt Euch redet bewegt das Fräulein Euch zu vertrauen Gewiss Ihr werdet
hintergangen o misstrauet Eurer Jugend Eurem Mangel an Erfahrung Euer
tugendhafter Mut Euer offener Charakter haben Euch verlockt
Ormond war zwar näher getreten aber wie gelähmt von dem Vorgefallenen und
ihren eben gehörten Erklärungen Die Worte erstarben ihm er hob nur seine Augen
zu ihr auf in denen der Vorwurf mit dem Schmerze um den Vorrang kämpfte
Es ist genug rief Maria allen ihren Mut sammelnd ich werde nicht
betrogen unläugbare Beweise haben die traurige Notwendigkeit bestätigt der
ich mich jetzt unterwerfe Ich muss schweigen aber vielleicht würdigt mich noch
Gott dereinst des einzigen von mir ersehnten Glückes mich vor Euch
gerechtfertigt zu sehen ja vielleicht ist es mir durch diesen mich
niederbeugenden Schritt dereinst noch möglich meinen teuren Wohltätern
nützlich zu werden Lasst mich jetzt Mylords und richtet nicht wenn es Euch
möglich ist
Ihr wollt fort von uns stammelte Richmond fort von Euren Freunden Ihr
verschmähet unsern Beistand Maria teure Maria
Die Unglückliche verhüllte ihr Gesicht ihr Mut war dahin ihre Sinne
schwanden sie hörte nichts mehr
Es scheint mir Mylord dass ich Euch alle Geduld und Nachsicht bewiesen auf
die Ihr irgend Anspruch machen konntet sprach endlich Membrocke Ich fordere
jetzt dass Ihr zurücktretet und die Lady ihrer freien Wahl überlasst die wie
Ihr gesehen zu meinen nicht zu Euren Gunsten ausfiel
Noch immer ruhten Richmonds Augen auf Maria die mit verhülltem Gesicht auf
ihren Knien in der Sänfte lag und kein Zeichen des Lebens gab das den Andern
unbewusst von ihr gewichen war
Ormond ergriff von Richmonds Zustand gerührt seinen Arm und zog ihn
zurück wohl einsehend dass ihre Macht vorläufig hier nicht ausreiche doch fest
entschlossen Membrocke nicht aus den Augen zu verlieren
Membrocke benutzte dies verschloss die Sänfte und setzte den ganzen Zug in
rasche Bewegung
Als sie dahin zogen und kein Zeichen des Widerstandes in der Sänfte noch
eine Hoffnung übrig ließ stürzte Richmond an Ormonds leidende Brust und Beide
hielten sich im Bewusstsein eines großen Schmerzes fest umschlungen Wir müssen
Beide jedoch sich selbst überlassen und der unglücklichen Maria folgen die wir
mehrere Tage später in einer völlig veränderten Lage wieder finden Lord
Membrocke nämlich nachdem er sie bis dahin mit leidlicher Haltung geführt
hatte übergab sie eines Morgens beim Aufbruch zur weiteren Fortsetzung der
Reise einem andern Begleiter der angeblich auf einige Zeit ihre Reise leiten
würde da es ihm jetzt obliege voran zu eilen um ihren Oheim von ihrer nahen
Ankunft zu unterrichten
Alles was Lady Maria von der Gegenwart des Lord Membrocke befreite schien
ihr glaublich und annehmbar Sie fügte sich daher ohne Gegenrede in diese
Anordnung und trennte sich mit erleichtertem Herzen nach kurzem höflichen
Abschiede Ihrem Oheim durch diesen Mund den Gruß ihrer Liebe voran zu schicken
konnte sie sich nicht überwinden
Der Tag an dem wir uns ihr wieder zugesellen war einer der
angestrengtesten der ganzen Reise Die anbrechende Nacht verhüllte von Außen die
Gegenstände und gestattete keine Wahrnehmungen mehr über den Weg den Lady Maria
in ihrer kleinen Sänfte zu verfolgen hatte Die unwillkürliche Zerstreuung die
der Tag ihr gewährte hörte hiermit auf und zurück gedrängt in ihren Sitz ward
sie aufs Neue von allen Bedenklichkeiten über ihre Lage ergriffen
So sehr sie sich durch die Entfernung des Lord Membrocke erleichtert fühlte
konnte sie doch daraus keinen beruhigenden Schluss ziehen Aufs Neue entzog sie
ihm vielmehr ihr mühsam geschenktes Vertrauen um zu erforschen ob sie endlich
doch von ihm betrogen worden sei Aber was ward dann aus dem Briefe des Oheims
denn sie nicht bezweifeln konnte Warum überließ er sie ohne Widerstand jetzt
einer andern Obhut was konnte ihm eine Entführung aus dem Schloss ihrer
Beschützer nützen wenn er sich nicht dadurch seine Gewalt über sie sichern
wollte Und in welcher Gewalt war sie jetzt Setzte sie ihre Reise nach Lord
Membrockes Bestimmung fort sollte sie dennoch ihren Oheim erreichen oder war
noch irgend ein ihr unbekanntes Interesse für ihre Person das jetzt über ihr
waltete Oft erschreckte sie der Gedanke jener wilde Lord welcher sie zwang
aus dem Schloss ihrer Tante zu entfliehen könne jetzt über sie gebieten aber
wie wenig stimmte dafür die Art ihrer Behandlung wie wenig passte das Wesen des
Mannes der ihr Reisegefährte war zu den bösen Absichten die sie dann hätte
fürchten müssen
Der Fremde der sie begleitete hatte allmälig ihre Achtung und ihr
Vertrauen gewonnen Obwol er erst im mittleren Alter stand war dennoch der
Ausdruck seines Gesichts von einem tiefen schwermütigen Ernst und seine
scharfen edelen Züge wurden durch die Blässe seiner Farbe noch erhöht Er
lächelte nie aber sein Ernst war mit so viel Milde gepaart sein Organ so
wohltönend dass eine mehr hervortretende Freundlichkeit nicht vermisst ward Er
war weit davon entfernt gegen Lady Maria die Dienstbeflissenheit eines galanten
Mannes anzunehmen Ruhig nahm er wahr was ihr nötig oder angenehm sein konnte
und er erteilte danach seine Befehle ohne jemals selbst sich einer
Dienstleistung zu unterziehen Ihre Anfangs dringenden Aufforderungen sich über
seine Absichten und Vollmachten zu erklären und ihr zu sagen ob sie noch das
frühere Ziel ihrer Reise erreichen werde wusste er ganz von sich abzulehnen
indem er mit der höchsten Milde immer aufs Neue wiederholte dass sie ohne Furcht
und Sorge seiner Führung vertrauen könne dass keine Art von Widerwärtigkeit sie
treffen solle so lange sie unter seinem Schutze sei und dass ihr wahres Wohl
bei dem Ziel ihrer Reise jetzt mehr bedacht werde als früher dabei nötigte er
sie aber ohne Unterbrechung dieselbe fortzusetzen und ihre Nachtlager waren
nicht mehr in wohl eingerichteten Schlössern sondern in Schlupfwinkeln und
Ruinen oder unscheinbaren Hütten die bei ihrem ersten Anblick wenig Aussicht
aus eine menschliche Wohnung gaben Hier fanden sich Personen welche so wenig
zu ihren Umgebungen zu gehören schienen dass Marias edles Zartgefühl erschrak
als sie dieselben zu den niedrigen Diensten ihrer Aufwartung sich herablassen
sah Sie hörte hier auf den hölzernen Sitzen bei mühsam verstopften Türen und
Fenstern und einem elenden Gericht von grobem Mehl die hohen würdevollen Reden
der gebildeten Welt und bemerkte eine Vertrauteit mit allen Formen dieser
höheren Kreise verbunden mit einer stoischen Verachtung der daran haftenden
Eitelkeit Wenn auch häufig in gleichem Maße die tiefste Bitterkeit dabei
hervortrat erfüllte doch das Elend wozu so gebildete Geister verdammt waren
das Herz Marias mit Teilnahme welche sie zur Verzeihung ja zur
Verteidigung jeder dadurch erzeugten Härte stimmte Sie ahnte bald dass sie
allein unter Personen sich befand welche der verfolgten katholischen Kirche
angehörten die geneigter waren im Vaterlande zu darben als in andern Ländern
geduldete Flüchtlinge zu sein Auch schienen ihr die kolossalen Ruinen in denen
sie zu verschiedenen Malen einen mühsam geschützten Wohnort finde trotz der
Nacht die sie hinführte und oft wieder vor dem Morgen davon wegrief den
zerstörten Klöstern anzugehören wovon sie in der Geschichte von der Ausrottung
der katholischen Religion in England so viel gehört hatte
Ihr Zartgefühl und die Achtung für ihren schwermütigen Gefährten hielt sie
ab sich darüber Gewissheit zu verschaffen ja sie fühlte bald ihr eigenes Herz
so von Teilnahme für diese Märtyrer erfüllt dass sie nur der eigenen Achtung
für sie genügte wenn sie in ein ehrendes Schweigen alle weitern Ansprüche auf
Erläuterungen begrub und damit das Vertrauen vergalt das man ihr bei ihrem
jedesmaligen Empfange bezeigte
Sie zweifelte eben so wenig dass ihr Begleiter seiner Gesinnung nach zu
jenen Unglücklichen gehöre und sein Reisegewand obwohl es keine bestimmte Form
der Kleidung erkennen ließ erinnerte sie doch ebenso wie sein kahles Haupt an
das Kostüm der Priester jener Kirche Auch ward ihre Reise durch sehr unbesuchte
Wege fortgesetzt und es schien ihr ebenso sehr das Bestreben ihres Begleiters
sich und sein Gefolge wie sie selbst zu verbergen Außerdem suchte er während
des Tages an dem Schlage ihrer Sänfte reitend sie zu unterhalten und dies auf
eine so ausgezeichnete Art dass der Lady oft die Stunden im Fluge vorüber
gingen Auch wusste er sie selbst zu Mitteilungen zu veranlassen und bekannt
mit allen Personen von Bedeutung die in die Zeit seines Lebens gehörten
beantwortete er alle ihre Fragen auf das Genügendste und mit mancher feinen
Gegenbemerkung
Hauptsächlich lenkte er oft seine Unterredungen auf religiöse Gegenstände
und entwarf die erschütterndsten Gemälde von den Leiden und Unterdrückungen
welche die Katholiken in England von der Härte und Unduldsamkeit der
Protestanten zu erleiden hatten
Er wusste die Verfolgten zu Helden ihrer Überzeugung zu machen und die
Stärke und Fülle des Trostes hervorzuheben der ihnen aus ihrem Glauben
erwachse wogegen er mit einzelnen scharfen Zügen die Gegenpartei schilderte
als in einer von Gott verlassenen ruchlosen Verdorbenheit versunken
Diese Erzählungen rührten um so mehr das Herz der Zuhörerin da sie in ihrer
eigentümlichen Zusammenstellung den Stempel der Wahrheit trugen Auch konnte es
an Stoff hierzu nicht leicht fehlen bei der noch frischen Erinnerung an die
wirklichen Greuel der Verfolgung die unter Elisabet den vom Volke gehassten
Glauben vertilgen sollten Auch Jakob war noch zu manchen ähnlichen Verordnungen
durch die öffentliche Meinung gezwungen worden wenn auch er obwohl selbst
eifriger Protestant Toleranz gern übte Eigentliche Verfolgungen wurden gewiss
von ihm weder gebilligt noch veranlasst aber dennoch zu wenig gehindert um
nicht zu den traurigsten Bedrückungen Gelegenheit zu lassen
Maria fand sich bei diesen Unterredungen auf keinem fremden Boden ihre
Erzieher hatten die höchste Toleranz in religiösen Beziehungen gepredigt und
sie kannte sehr wohl den verschiedenen Standpunkt des Religionswesens unter den
Regierungen seit Heinrich dem Achten Sie so vorbereitet und klar zu finden
erregte offenbar die besondere Aufmerksamkeit ihres Begleiters und seinen
geschickten Bemerkungen tat sich bald die ahnungslose Seele seiner jungen
Gefährtin zu einer unbefangenen Erzählung ihrer Erziehung und einer begeisterten
Schilderung ihrer Erzieher auf wodurch ihm mancher unerwartete Aufschluss über
die geheimsten Religionsansichten der wichtigen Person kam die das Fräulein als
ihren Oheim bezeichnete
Der Weg den die Reisenden an dem vorliegenden Abend zurücklegten war so
verdorben und uneben dass ihr Begleiter sich voraus begeben hatte um die
Gefahren zu untersuchen die dem Transport einer Sänfte bevorstehen konnten
Langsam nur zogen die müden Tiere über den immer ungleicher werdenden Boden An
Marias Ohr drangen von Zeit zu Zeit dumpfe Töne die sie zwar bei dem
Fortbewegen des Zuges dem Anrufen der Pferde und Diener untereinander nicht
verfolgen konnte die ihr aber zu wohlbekannte Jugenderinnerungen wiedergaben
um sie nicht endlich zu überzeugen dass sie in die Nähe der Küste gekommen und
dass es das Meer sei das sein majestätisches Wellengeräusch zu ihr herüber trug
Diese Überzeugung versetzte sie in eine unbeschreibliche Aufregung Es schien
ihr gewiss dass sich jetzt ihre nächste Zukunft entscheiden musste An die Küste
hatte man sie geführt und also Wort gehalten denn hier durfte sie auch ihren
Oheim erwarten Dies geliebte Bild trat mit einem Male mit dem ganzen Zauber
kindlicher Liebe ausgestattet vor ihre Seele und unterdrückte darin jedes
andere Bild jede andere Beziehung zum Leben Mit Enthusiasmus ward sie sich der
süßen Pflicht bewusst für ihn zu leben und sein Schicksal mit ihm zu teilen
Indem sie in dem kleinen Raum der Sänfte niederkniete stieg ein Gebet aus ihrer
Seele welches Gott Dank sagte für den heiligen Beruf den er ihr verliehen und
worin sie ihn anflehte ihre Seele zu kräftigen um Alles zu vollenden zu seiner
Ehre
Sehr überrascht war daher ihr Begleiter als er den Zug ausruhen ließ und
zur Sänfte mit einer Fackel zurückkehrend die Lady ohne alle Spuren der
Ermüdung fand und mit so leuchtenden Augen mit so heiterer Stirn in so fester
Stellung überhaupt dass die Worte der Teilnahme die in Bezug auf die
Beschwerden des Weges ihm auf den Lippen schwebten erstarben und er von
Erstaunen überwältigt eine Frage nach der Ursache wagte
Denkt Ihr Sir antwortete ihm entzückt lächelnd das schöne Mädchen ich
höre die Stimme des Meeres nicht Es hat mich in der Wiege zur Ruhe gesungen es
war der Takt zu meinen Jugendträumen wo ich es höre scheint mir die Heimat
Verwandte Glück und Sicherheit ahne ich wo ich seinen Gruß vernehme und mit
der Zuversicht die ich jetzt empfinde will ich Euch danken ehrwürdiger Mann
dass Ihr Wort hieltet dass Ihr mich mit rastloser Güte und Großmut beschütztet
und mich jetzt meinem großen Beruf entgegen führt O sagt offen wann werde ich
zu ihm gelangen Ist er mir schon nah Werde ich bald seinen Segen empfangen
Wer den Gang ihrer Gedanken so wohl zu erforschen gewusst wie ihr Begleiter
konnte nicht lange missverstehen was sie jetzt bewegte und sein
augenblickliches Erstaunen wich einem sehr milden Gefühl von Teilnahme und
Wehmut welches in sich wahrzunehmen ihn vielleicht selbst überraschte
Er musste unwillkürlich daran denken wozu die Natur sie berufen habe und
wozu der Wille der Menschen sie jetzt bestimme und er sah trübe zu Boden als
der fragende Blick aus diesen klaren Augen seine Antwort ihm abzufordern
trachtete
Habt Geduld liebe Lady sagte er mit verlegenem Ausdruck Ihr habt recht
geraten wenn Ihr am Ziel Eurer Reise Euch glaubt Das Fernere werdet Ihr dort
durch Andere als mich hören mir selbst ist nicht bekannt ob Euren Hoffnungen
die Erfüllung nah oder fern liegt
Nun so lasst uns weiter reisen rief das Fräulein damit mir endlich
Sicherheit werde und ich handeln darf oder erfahren wer für mich so
uneingeschränkt zu handeln strebt mein Geist sehnt sich hinaus ich fühle
Kräfte und den Willen sie meiner Pflicht zu weihn
Die schnell gegebenen Befehle zur Fortsetzung der Reise unterbrachen diese
kurze Unterredung und bald erreichte der Zug einen Weg der geebneter schien
und jetzt durch das Hervorbrechen des Mondes sicher erhellt keine weitern
Schwierigkeiten darbot
Alsbald durchzog man noch ein kleines Waldgehege von dürftigem Fichtenholze
und unmittelbar dahinter erkannte die scharf aufmerkende Reisende das Felsenufer
des Meeres und die oberen Dächer und Turmspitzen eines Bauwerks welches
zwischen die Felsspalten hineingedrängt unterhalb den Blicken noch entzogen
war
Maria drückte die bebende Hand auf ihr Herz Sie schien sich zu entsetzen
bei diesem Anblick der sie mit der Ahnung einer großen Lebensentscheidung
erfasste Aber tief blau ruhte jetzt der aufgehellte Himmel über den weißen
Kreidefelsen und unzählige freundliche Sterne blickten mit ihren wohlbekannten
Namen und Bildern wie alte Bekannte Ein süßer Trost zog in ihr bewegtes Herz
und als sie gerade über der höchsten Turmspitze das Zeichen des Himmelswagens
stehen sah der so auch über den Zinnen von Burtonhall und dem Waldschlosse der
Tante stand lächelte sie wie Kinder die geliebte Spielkameraden wieder sehen
Es zeigte sich jetzt bei dem Einzug in die felsigen Küstenschluchten ein
bequemer Weg der fast unmerklich ansteigend bis zum Schloss fort lief welches
nun auf einer Plattform großartig und geräumig sichtbar ward Auf der einen
Seite mit seinem Unterbau in das Meer reichend von der andern Seite genugsam
von dem Felsen entfernt um eine freie Stellung und einige Anlagen von Gärten zu
erlauben die so gut es die Rauheit der Küste zuließ Versuche der Kultur zu
beabsichtigen schienen hatte das Ganze ein wohlerhaltenes und festes Ansehen
Für Lady Maria welche an die raue Lage solcher Besitzungen gewöhnt war zeigte
sich darin nichts Abschreckendes Im Gegenteil schweifte ihr Auge mit Entzücken
über das Schloss hinweg nach dem dunkeln Spiegel des Meeres das in
majestätischer Ruhe nur seinen eigenen ebenmässigen Bewegungen gehorchend wie
erzürnt von dem Widerstand der kreidigen Ufer seine dumpfe gebieterische
Stimme vernehmen ließ
O Du lieber Gefährte meines Lebens seufzte sie sehnsuchtsvoll stehe mir
bei und sei mein Schutz
Da ward ihr der liebe Anblick entrückt die Sänfte lenkte ein und bald
erreichten die Reisenden ein wohl verschlossenes Brückentor vor dem man
anhielt und das sich erst dem ziemlich oft wiederholten Schalle des Hornes
öffnete welches einer der Diener ertönen ließ
Alsbald taten sich die mächtigen Torflügel der innern hohen und festen
steinernen Mauer auf welche von dem Flügel des Schlosses aus einen
weitläuftigen regelmäßigen Hof umschloss der in sehr gefälliger Einteilung mit
TaxusHecken und geschnittenen Bäumen der leicht durchwinternden Cypressen zu
Spaziergängen und Ruheplätzen im Freien bestimmt schien Um den Teil aber der
sich unterhalb des Schlosses befand führte ein in offene Bogen eingeteilter
Gang der als eine spätere Anlage sehr zierlich und wohlerhalten zugleich in der
Mitte das große EingangsPortal zeigte dem sich jetzt die Reisenden auf einem
ringsumlaufenden gepflasterten Wege nahten
Der Begleiter der Lady der von einigen Dienern bis hierher geleitet war
hob die Lady aus der Sänfte und führte sie schweigend in die wohlerleuchtete
große Halle ein die nach allen Seiten Türen und zwei Haupttreppen zeigte und
die Verbindung des ganzen Hauses zu enthalten schien Hier empfing sie ein alter
gebeugter Diener in zierlicher einfacher Kleidung der sich vor Marias
Gefährten bis zur Erde beugte und seine Hand zu küssen strebte welches dieser
aber zu verhindern wusste Dann warf er einen schnellen Seitenblick auf die Lady
und blieb verlegen stehen
Nun Miklas sprach der Begleiter wie steht es mit unserem Empfange Willst
Du für die Lady auf das Beste sorgen
Miklas aber schwieg und zuckte die Achseln dann hob er italienisch an in
der Hoffnung dadurch seine Antwort der Lady zu entziehn Ihr seid noch nicht so
weit wie Ihr hofft sie weigern sich die Signora zu empfangen ihr Obdach zu
geben Ihr müsst das erst bewirken ehrwürdiger Herr denn Ihr Gnaden sind mehr
erzürnt als willfährig zu nennen
Genug genug erwiderte der Andere welcher wohl wusste dass Maria den alten
verstanden hatte führt die Lady in ein Zimmer und mich zu Eurer Gebieterin
Seid gewiss Lady fuhr er zu Maria gewendet fort dass ich auch jetzt treulich
für Euch sorgen werde
Der Alte führte die Lady unterdessen gegen eine der Türen des
Untergeschosses und indem er sie öffnete rief er laut hinein Margarit
empfange diese Dame
Maria trat in ein kleines gewölbtes Gemach dessen hohes Fenster fast bis
zur Erde reichte und nach dem hell vom Monde beleuchteten Bogengange des Hofes
hinaus ging und das in seiner übrigen Ausstattung wenn auch reinlich und
anständig doch das Zimmer eines Hausvogtes zu sein schien wofür sie den Alten
sogleich gehalten hatte
Mit allen Zeichen der Verlegenheit und der Überraschung sprang ein junges
Mädchen aus der Fensternische ihr entgegen die gleichfalls wohlhabend aber in
die Tracht geringerer Stände gekleidet war Dicht vor der Lady stehend konnte
sie die Augen nach einem flüchtigen Blick nicht wieder erheben und begann ein
verzweifeltes Spiel der Hände mit ihren silbernen Brustlatzketten
Maria vergaß dem schönen verlegenen Kinde gegenüber sogleich Alles was
sie selbst in diesem Augenblick bewegte und mit der ganzen holden
Freundlichkeit ihres für jeden Bedrängten stets offenen Herzens ergriff sie das
verlegene Mädchen bei der sich sträubenden Hand und redete ihr zu Sei nicht
bange mein Engel Du sollst in mir keinen unfreundlichen Gast haben gewiss
fuhr sie fort bist Du des Hauswarts Tochter und hast wohl noch mehr Geschwister
oder eine liebe Mutter die Du mir wohl rufen kannst Lass doch Deine Angst sieh
ich setze mich selbst da Du versäumst mich zu nötigen doch lass nur Deine
Unruhe dann wollen wir uns noch viel erzählen bis der Vater mich abruft
Ein tiefer Seufzer stieg hier aus dem Busen der Geängstigten sie blickte
auf und dann schnell nach dem Fenster zurück Es war eine so auffallende Qual
auf ihrem Gesichte wahrzunehmen dass Lady Maria sie vorerst aufgab und sich ohne
Weiteres fast dicht bei der Tür auf einen ledernen Stuhl niederließ um ihrer
jungen Gefährtin Zeit zur Besinnung zu lassen Aber es schien als ob dies
kleine Rätsel damit sich nicht beruhigen könnte Denn anstatt sich zurück zu
ziehen stand sie noch immer vor Maria und während sie oft sich nach dem
Fenster umsah schien sie darauf ihre Stellung vor der Lady abzuändern dass sie
den Anblick desselben ihr entzöge
Endlich brach sie in Tränen aus und lief mit der Schürze vor den Augen zum
Fenster zurück
Als Maria sie ein Weilchen hatte weinen hören gewann ihr Mitleiden über
ernstere Betrachtungen die Oberhand
Es ist mir leid dass ich Dich so betrübe liebes Kind hob sie sanft an
kann ich auch den Grund nicht erraten will ich Dich doch gern erleichtern
wenn Du mir nur einen andern Platz zeigen willst wo ich der Rückkehr meines
Begleiters warten kann
Das Schluchzen hörte auf mit leisen Schritten nahte sich das Mädchen Ach
sprach ein tief betrübtes Stimmchen teure Lady was müsst Ihr von mir denken
ach ich Unglückliche wie habe ich Euch so schlecht behandelt Indem fuhr sie
erschrocken zusammen und schaute nach dem Fenster um an dem Lady Maria ein
leises Klirren gehört wodurch aber die Angst des Mädchens sich wieder aufs
Höchste zu steigern schien Nein Lady brach sie endlich mit gejagter Stimme
los hier könnt Ihr nicht bleiben es ist hier kalt es ist hier so unwürdig
für vornehme Leute ich werde Euch hinführen wo es besser ist
Wie Du willst mein Kind sagte Maria sanft und stand sogleich auf der
Kleinen folgend die nun zur selben Tür hinaus fast fliegend vor ihr her in
einen Eingang trat der einen erleuchteten Gang verschloss an dessen Seite sie
eine hohe Tür öffnete die Lady einzutreten nötigte und dann eben so schnell
davon lief als sie vorangeeilt war
Maria sah sich jetzt in einem ziemlich langen aber nicht breiten Gemache
welches an der einen Seite der Länge nach vier hohe Fenster zeigte die so in
der Mauer verloren waren dass sie schmale Kabinette bildeten Das Zimmer war
gewölbt und mit reicher Architektur versehen Vom Gebälk hing eine große schön
gearbeitete Lampe herab und verbreitete über die nächsten Gegenstände ein klares
Licht Zwei lange Tafeln standen in einiger Entfernung von einander um den
ledernen daran geschobenen Sitzen Raum zu lassen Die Tische waren mit feinen
weißen Tüchern bedeckt und in schicklichen Zwischenräumen mit leeren silbernen
Gerätschaften zum Gebrauch der Tafel bestellt
Am oberen Ende wo die Tafeln zusammen liefen stand ein hoher Lehnstuhl von
Eichenholz der ein wenig erhöht fast einem kleinen Thron ähnlich sah Ein
rotes Sammetkissen lag auf dem Sitze und zu den Füßen und davor stand ein
kleines Tischchen ebenfalls mit TafelGeräten besetzt
Lady Maria konnte daher nicht zweifelhaft sein dass sie sich in dem Esszimmer
des Hauses befand und zählte zwölf Lehnstühle woraus sie auf die Zahl der
täglichen Hausgenossen schloss und den übrig bleibenden Patz an den Tafeln auf
öfteren größeren Zuspruch beziehen konnte
Sie ging am Ende des Saales einer Fensternische zu in der sie ermüdet auf
einen Sitz niedersank und von hier aus noch ein Mal den Raum überblickte Ach
dachte ihr kindliches Herz mit Zärtlichkeit ist dies auch Dein Wohnort
geliebter Mann den ich vergeblich zu erreichen strebe Ist an dieser Tafel Dein
Platz und in welcher Beziehung lebst Du hier Von da hinweg fiel jetzt ihr
Blick gegenüber auf eine sonderbare Einrichtung In dem ganz steinernen Zimmer
sah sie am Ende des Saales dem erhöhten Platze gegenüber eine Wand von
geschnittenem Eichenholz noch ein Mal so hoch und breit als die Eingangstür
aber für einen solchen Zweck gewiss nicht bestimmt denn es war eine flache Wand
vor der eine kleine Treppe vom selben Holze bis zur Hälfte des Ganzen in die
Höhe lief Oben bildete sie einen Absatz der einen Balkon mit einer Brustlehne
hatte und darüber hing eine silberne Lampe welche nicht brannte
So sonderbar diese Einrichtung war konnte sie die junge Lady doch nur
vorüber gehend fesseln denn das Fenster woran sie ruhte ging nach der Seite
des Meeres hinaus Die tiefen regelmäßigen Töne womit dieses sich am Fuße des
Schlosses brach drangen zu ihr hinauf und zogen ihre Blicke nach Der Mond
leuchtete hell und Maria sah nun wie schön das Schloss in einer Art Bucht
gelegen war an beiden Seiten von vorspringenden Felsufern gegen das Ungestüm
des Meeres geschützt Unter den Fenstern fast dicht daran grenzend lief eine
Terrasse die von vergeblichen Versuchen zeugte den Stürmen des Ozeans
gegenüber dem Boden etwas Vegetation zu entlocken Ach welche weit abziehenden
Erinnerungen traten damit vor ihren Geist Wie gedachte sie der Kindheit wo sie
selbst als eifrige Blumistin so unermüdlich mit den rauen Elementen ihres
Wohnorts gekämpft hatte ihm einige Blüten zu erziehen Voll Teilnahme blickte
sie nieder um zu prüfen wie weit man hier damit gelangt sei und so von Bild
zu Bild geführt versank sie in ein tiefes Sinnen über die wunderbare Gestaltung
ihres Lebens Das erste Bedürfnis zarter Jugend sich vertrauend anzuschließen
und die zweifelhaften Schritte ins Leben nach der gereiften Ansicht schützender
Freunde lenken zu können dies musste sie in den schwierigsten Augenblicken ihres
Lebens entbehren und ihren eigenen Geist aufrufen ihr Stütze und Hilfe zu
sein
Wenn sie einen Blick auf ihre Erziehung warf musste sie oft glauben ihre
Erzieher hätten ein solches Schicksal für sie geahnt da sie mit besonderer
Sorgfalt sie über das Leben aufzuklären bemüht gewesen waren und ihren Geist
auf Selbstständigkeit und eigene Erkennung der Wahrheit gerichtet hatten Ach
und doch wie wenig mochten sie ihr Schicksal voraus gesehen haben Wie war sie
aus dem Kreise gerissen worden in dem sie so sicher sie geborgen glaubten Wie
musste sie sich sagen dass die Umstände hier alle Berechnungen vernichtet hatten
weil sonst ihre Lage nicht so bis auf das Letzte hilflos hätte sein können
Mit ihrer innern Freiheit des Geistes hatten sie ihr Hilfsmittel für das Leben
geben wollen aber alle andern Mittel sich ehrenvoll zu behaupten waren ihr
durch dieselbe Liebe entzogen
Der Name den sie beibehielt er sogar war ihr in Zweifel gestellt Sie
durfte es nicht wagen sich irgend Jemandem verwandt zu nennen ohne auf
schlecht verhehlte Bedenklichkeiten zu stoßen und oft hätte sie die Stirn
berühren mögen und sich fragen ob ihre ganze Jugend ein spurlos verschwundener
Traum gewesen oder ob jetzt sie ein solcher Zustand quäle aus dem sie
vergeblich zu erwachen strebe
Das erste Zeichen das sie in der fremden Welt in die sie so jäh gestoßen
war aus jener frühern erhielt wie ward es ihr zu Teil und wo führte sie es
hin Konnte sie übersehen dass sie unermesslich viel gewagt dem Manne zu folgen
der damit begann sich frech ihr zu nähern Konnte sie sich jetzt geborgen
halten da der Empfang in diesen Mauern so gar kein Zeichen der Teilnahme
zeigte deren sie doch gewiss sein musste im Fall ihr Oheim sie hier erwartete
und wo Schutz hoffen und suchen wenn sie verraten war Hier erfüllte sich ihr
unschuldiges Herz mit einem tiefen Schmerze es war das Andenken an ihre
großmütigen Wohltäter auf GodwieKastle welche für sie verloren waren Sie
waren für sie verloren ihre strenge Tugend eben schied sie auf immer
Heisse Tränen drängten sich dieser Überzeugung nach und in ihnen tauchte
das Bild des edlen Richmond auf wie er flehend an ihrer Sänfte stand und sie
zurückzuführen strebte Ach es trat aus diesen letzten Augenblicken ein
unvergesslicher Ton seiner Stimme in ihre Erinnerung ein Blick seiner
seelenvollen Augen Wenn sie in heiliger Einsamkeit mit sich ihn jungfräulich
schüchtern herauf zu rufen wagte dann öffneten sich die Pforten ihres Herzens
von seiner selgen Fülle aufgesprengt und ihr ganzes Wesen blieb lauschend
stehen und horchte den Wundern die einen magischen Kreis sanft betäubend um
sie zogen Sie verhüllte schüchtern ihr Haupt Denn eben ungerufen kam der süße
Zauber und trocknete die bitteren Tränen und ließ das tief betrübte Herz
erquickt zurück aufs Neue mit sanften Hoffnungen und jugendlichem Vertrauen
ausgeschmückt
Ein leichter Fußtritt in der Nähe ließ sie schließen dass sie nicht mehr
allein sei Sie zog den Mantel zurück und erblickte nun eine ältliche Frau
welche sich aus einem anderen Teile des Zimmers der Eingangstüre nahte und
dieselbe sorgfältig mit einem Riegel verschloss Sodann zündete sie mehrere an
den Wänden hängende Lampen an doch nur auf der Wand die den Fenstern
gegenüber und ehe Maria die so eben sich erheben wollte um sich ihr kund zu
geben dazu gelangen konnte rollte sie den hohen Lehnstuhl bei Seite und zog
einen Teppich weg worunter sich eine Falltür zeigte die sie mit großer
Schnelligkeit öffnete und so von einander schlug dass sie zwei Lehnen bildete
woran sie sichern Schrittes mit ihrer Leuchte in die Tiefe stieg
Maria fühlte sogleich dass sie hier der ungeahnte Zeuge eines Geheimnisses
gewesen und unangenehm davon bewegt schwankte sie ob sie sogleich das Zimmer
verlassen oder die Rückkehr der Frau erwarten solle
Sie entschied sich für das Letztere da die verriegelte Tür ihr den Wunsch
anzeigte von Außen jede Störung zu verhüten und sie nicht berechnen konnte
welch größeres Unheil sie anrichte wenn sie durch ihre Entfernung diesen
Eingang unbeschützt ließe Die Fremde erhielt das Fräulein lange in unerfülltem
Harren und bald drängte sich ihrem Geiste eine Möglichkeit auf dies Ereignis
mit demjenigen in Verbindung zu denken den sie überall anzutreffen hoffte Aber
wie schauderte sie bei dem Gedanken dass unter der Erde seine Wohnung sei welch
ein Loos musste ihm dann gefallen sein wenn seine Gegenwart in solch strenges
Geheimnis gehüllt ward
Sie behielt nicht lange Zeit zu Vermutungen denn durch ein Geräusch wurden
ihre Blicke der eichenen Wand zugerichtet an der sich außerhalb Schlösser zu
rühren schienen Plötzlich taten sich vor ihren erstaunten Blicken oberhalb der
kleinen Treppe die eichenen Wände auseinander und zeigten eine kleine Tür
welche die Einsicht nach einem hell erleuchteten niedrig gewölbten Gange zuließ
In dem alten Manne der hier hervortrat erkannte Lady Maria den Hausvogt
der sie empfangen hatte und der damit beschäftigt den Eingang durch das
Ineinanderschieben der Holzwände zu erweitern jetzt wieder in demselben
Augenblicke verschwand als sie ihn anrufen wollte Dennoch blieb sie
entschlossen sich um jeden Preis aus der unfreiwilligen Lage einer Lauscherin
zu ziehen Eben erhob sie sich um dem alten Manne nachzugehen als sich ihr ein
so überraschender Anblick darbot dass sie von Erstaunen gefesselt in ihren
Fenstersitz zurücksank der sie in tiefe Schatten gehüllt jedem Blicke entzog
Es zeigten sich nämlich plötzlich in dem kleinen Eingange der Treppentür
zwei Knaben in Chorhemden mit reich gesticktem Skapulier welche lange
Wachskerzen tragend die kleine Treppe hinab in den Saal schritten
Ihnen folgte eine große hagere Frau welche in der Kleidung einer
UrsulinerNonne mit dem Rosenkranze in der Hand von einem Geistlichen in der
Tracht des Ordens Jesu beim Niedersteigen unterstützt ward Als er den Saal
erreicht hatte und dem hellen Scheine der Wachskerzen begegnete erkannte Lady
Maria ihren Reisegefährten aber ihr Erstaunen fesselte jede ihrer Bewegungen
und machte sie jetzt wirklich unfähig sich zu erkennen zu geben
Diesen Personen folgten nun mehrere Frauen alle in vorgerücktem Alter und
alle als Ursulinerinnen gekleidet
Sie zogen in gemessener Ordnung durch den Saal der Falltür entgegen und
stiegen schweigend ohne die Köpfe zu erheben oder eine andere Bewegung zu
machen als das langsame Fortschleppen alter schwacher Personen erfordert die
verborgene Treppe hinab
Der Hausvogt verschloss die Wände wie die Falltür hinter sich so dass die
Lady nach einigen Momenten die noch der Überraschung gehörten zweifelte ob
sie dies Alles wirklich gesehen oder aufs Neue von den Bildern ihrer Phantasie
überwältigt worden sei Als sie endlich gewiss war sich nicht getäuscht zu
haben strömte damit zugleich eine Fülle von Beziehungen auf ihr eigenes
Schicksal über sie ein und ahnend stieg in ihr der Gedanke auf dass hier in
einem scheinbar heimlich erhaltenen Nonnenkloster ihr Oheim unmöglich Schutz und
Hilfe gesucht haben könne Diese Folgerungen wurden plötzlich durch ein
ungestümes Klopfen und Hämmern an der verschlossenen Eingangstür unterbrochen
dem gleich darauf ein ängstliches Rufen folgte
O öffnet öffnet die Tür habt Erbarmen und kommt hervor wenn Ihr noch
hier seid Ein kleiner Wirbel von klopfenden Fingern und das zarte weinerliche
Stimmchen überzeugten Maria bald dass es Margarit sei welche sich einzudrängen
bemühte und da sie selbst nichts lebhafter wünschte als diesen Zufluchtsort
fremder Geheimnisse zu verlassen so eilte sie hervor und schob mit leichter
Mühe den Riegel zurück
Margarit stürzte nun todtenblass herein und verwildert die Blicke
umherwerfend rief sie O teure Lady haben sie Euch gesehen O sagt es mir
ich bin verloren wenn sie Euch sahen
Sei ruhig Kind ich ward sehr gegen meinen Willen von Niemand gesehen
aber bringe mich hier fort denn ich möchte diese meiner so unwürdige Rolle
nicht weiter spielen
Ja ja ich führe Euch fort rief Margarit noch immer bleich und zitternd
nichts will ich Euch mehr verbergen denn Ihr werdet mich nicht unglücklich
machen und ich muss ja doch verzweifeln Angstvoll die Hände ringend und
seufzend ließ sie sich jetzt von Maria zur Tür hinausdrängen und bald hatten
Beide das kleine Zimmer erreicht aus dem sie von dem wunderlichen Kinde zu
Anfang fast vertrieben worden war
Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen als die Kleine vor Maria
auf ihre Knie niederfiel und in Tränen ausbrechend in dem flehendsten Tone
kindischer Angst sie beschwor ein ewiges Schweigen über das Erlebte zu
bewahren
Ach Ihr wisst nicht wie schrecklich ich bestraft werden würde wenn man
wüsste dass ich so unbesonnen die Geheimnisse des Hauses verriet Ich dürfte
nicht frei und wie jetzt um meinen guten Vater bleiben ich müsste auch in die
Gewölbe beten gehen und mich einsperren in die kleinen Zimmer Ach Ihr würdet
mich töten wenn Ihr Euch gegen den Vater verrietet ach und Euch selbst
träfe auch gewiss ein trauriges Loos
Du brauchst mich nicht an eigne Gefahr zu erinnern sprach schmerzlich
gerührt Lady Maria Dein Schmerz ist mir genug und ich werde ihn nicht durch
unbesonnenes Schwatzen erhöhen Aber bist Du auch sicher dass Niemand weiter
als Du um meine Anwesenheit dort weiß Kann mich Niemand überführen dass ich
die Wahrheit verhehle
Nein nein stammelte Margarit offenbar wieder verlegen werdend wenn Ihr
es selbst nicht sagt wird es Niemand erfahren
Nun so nimm mein Wort liebes Kind dass ich schweige und verscheuche nun
jede Furcht und Sorge vor mir denn Niemanden will ich betrüben am wenigsten
ein so liebes Kind wie Dich Sie neigte sich dabei sie sanft emporzuheben
und drückte einen leichten Kuss auf die Stirn des sich nun verklärenden
lieblichen Mädchens Bei dieser entwickelte sich jetzt erst ihre ganze Natur in
einer höchst anmutigen Geschäftigkeit um Lady Maria Sie nahm ihr den
Reisemantel ab und suchte es ihr auf alle Weise leicht und angenehm zu machen
Die Flamme nagte bereits behaglich an einem reichlichen Torfaufsatze im Kamine
Margarit schob nun den großen bequemen Lehnstuhl dahin und ein Bänkchen zu
dessen Füßen und ruhte nicht bis Maria alle eigenen Bemühungen für ihr
Reisegerät aufgegeben hatte und in dem Sessel sich der Ruhe überließ
Hierzu fühlte sie sich auch hinreichend durch die Strapazen des Tages
aufgefordert Es machte ihr Vergnügen während sie behaglich ruhte die Kleine
mit den Augen zu begleiten die so anmutig und geschäftig sich umher drehte
bis sie endlich an einem kleinen Tischchen seitwärts vom Kamine Platz nahm und
an einem seidenen Netze eifrig zu knöpfeln begann dabei schauten die klugen
hellen Augen oft zur Lady lächelnd auf und guckten dann nach dem Fenster und
scheu wieder auf ihre Arbeit zurück
Da wir nun doch in so kurzer Zeit Freunde und Vertraute geworden sind
liebes Kind hob Lady Maria endlich an so möchte ich wohl erfahren warum Du
mich zuerst fast aus diesem Zimmer hinausgejagt hast Es muss Dich doch dazu ein
wichtiger Grund getrieben haben indem Du vielleicht das Ereignis voraussehen
konntest was ich erlebt Nun werde nicht wieder ängstlich fuhr sie fort da
sie sah dass Margaritens Kopf glühend rot auf die Brust sank und alle Qualen
der Angst und Beschämung sie zu ergreifen schienen Wenn es Dich sehr ängstigt
will ich warten bis Du mehr Vertrauen zu mir fassest sollte ich hier überhaupt
lange verweilen
Ach seufzte Margarit und hielt die Hand an die Stirn ich möchte es Euch
lieber sagen als gegen eine so gütige Dame so einfältig und undankbar
erscheinen aber Ihr werdet eine gar böse Meinung von mir bekommen und doch
sind wir Beide ganz unschuldig
Beide sagte Maria was meinst Du denn Ja rief Margarit schnell
aufstehend komm nur hervor Lanci wir wollen der lieben Dame Alles sagen
Voll Überraschung wandte die Lady den Kopf und sah nun aus der
Fenstervertiefung einen Jüngling in feiner Jagdkleidung mit einem kleinen
gefiederten Mützchen in der Hand hervortreten der gleich Margarit in den
glühendsten Purpur der Beschämung gehüllt schüchtern neben ihr stehen blieb
Kinder sagte Maria trotz der hier am Tage liegenden Intrigue ganz
bezaubert von dem Augenblicke dieser schönen jungen Leute was habt Ihr denn
vor Weiß denn Dein Vater darum
Ach das ist es eben seufzte Margarit glaubt Ihr wohl dass er es nicht
leiden will dass Lanci mich besucht Lanci ist mein Vetter wir wurden groß
zusammen und darum haben wir uns so lieb Mit eins musste Lanci aus dem
Schloss bloß weil man zugesehen hatte wie wir uns jagten auf dem Abhange Sie
taten ihn zu dem alten Förster im Walde und er soll mich nicht besuchen Liebe
Lady da passt er denn zuweilen auf wenn Reisende kommen wie oft geschieht und
kommt so mit herein
So so lächelte Maria und da habe ich ihn heute Abend wohl hier
eingeführt
Ein schneller freundlicher Blitz aus seinen dunkeln Augen welcher die
Fragende traf sagte Ja und Margarit setzte nun verschämt hinzu Seht liebe
Lady das war meine Angst als Ihr kamet Denn Lanci der schnell wie ein Reh
ist hatte mir schon das Zeichen gegeben dass ich ihn einlassen sollte und er
klopfte immer wieder weil er nicht wusste was mich hinderte zu öffnen
Und auf welche Weise wird denn Lanci eingelassen fragte die Lady weiter
Beide schauten nach dem niedrigen Fenster und konnten dann ein kleines Lachen
nicht unterdrücken was sie als schuldlos spielende Kinder bezeichnete dass
Maria unwillkürlich mitlachen musste
Aber sprach sie dann sich zum Ernst zwingend Ihr seid doch recht
leichtsinnige Kinder Hat es der Vater einmal verboten so wird es großen Lärm
geben wenn er Lanci findet und mich däucht das kann jeden Augenblick
geschehen und dann Margarit bist Du doch immer ungehorsam
Ja sagte hier der Jüngling der gute alte Vater ist es aber gar nicht der
uns trennt er muss es nur tun weil es Ihr Gnaden haben wollte Er hat es mehr
als hundert Mal gesagt wenn ich ein ordentlicher Mann würde sollte Margarit
meine Frau werden
Schweig doch davon Lanci rief Margarit dazwischen wer wird davon
sprechen
Aber sagte Lanci die liebe Dame denkt sonst wir sind schlechte Kinder
Wir tun es aber bloß heimlich damit wenns herauskommt der Vater sagen kann
dass wir beide Schuld haben und wird Margarit dann fortgejagt so heirate ich
sie gleich
Nein sagte Margarit nicht eher als bis Du Jäger bist das tue ich dem
Vater nicht zu Leid so lang Du Bursche bist
Lanci warf den Kopf hinten über wie Jemand der es besser weiß und seiner
Sache sehr gewiss ist
Aber wenn Ihr doch auch dem Vater davon nichts sagen wolltet setzte jetzt
Margarit besorgt hinzu
Wahrlich sagte Maria lächelnd den Kopf schüttelnd ich werde ganz schwer
von allen Deinen Geheimnissen Wenige Stunden bin ich erst hier und zwei
wichtige Dinge willst Du schon mich zu verhehlen zwingen Weißt Du wohl dass das
Letzte mir wichtiger scheint als das Erste
Beide sahen sich erstaunt und besorgt an und rückten dann unwillkürlich dem
Sitze Marias näher sie flehend anblickend
Sieh ich kann es gar nicht leiden wenn junge Leute heimlich sind fuhr
Maria fort gewiss habt Ihr schon zuweilen um Eure kleinen Besuche zu verbergen
allerlei List und Lügen sagen müssen und das ist immer gottlos und kann Euch
verderben Solltet Ihr Euch denn nicht treu bleiben wenn Ihr Euch auch nicht
sähet Und wenn Lanci Jäger ist und ordentlich um Dich wirbt wird er Dich schon
zur Frau bekommen da der Vater ihn lieb hat
Treu bleiben das ist nicht schwer sprach Lanci sich männlich aufrichtend
und wenn ich sie zanzig Jahr nicht sehen sollte bliebe ich ihr treu aber wenn
ich nicht manch Mal hierher zu dem armen kleinen Dinge komme dann hat sie gar
keinen Spaß mehr und muss ganz umkommen in dem alten finsteren Schloss Das
könnt Ihr nur glauben gnädige Lady so um gar nichts bestehn wir all die
Gefahr nicht gelogen hab ich auch noch nie darum und vielleicht bewahrt mich
Gott davor da er sieht dass ich es aus guter Absicht tue
Maria fühlte sich unwillkürlich von dem Gemisch von Liebe und kindlicher
Reinheit gerührt das aus Beider Wesen und Worten sprach Margarit dagegen war
durch des Geliebten Verteidigung wieder traurig angeregt Maria fühlte wohl
wie schwer die Furcht einer Trennung auf sie wirke und da sie den
Verhältnissen von welchen diese jungen Leute bedrängt wurden noch so neu und
fremd war stellte sie gern ihr Richteramt ein hoffend der gute Engel der so
lange mit ihnen war werde sie ferner schützen
Gott sei Euch gnädig sagte sie sanft wie kann ich Euch raten da mir
Alles hier fremd ist Ich kann mich nur durch Schweigen unschädlich machen das
will ich Betet Ihr zu Gott dass er Euch behüte und Euer Herz nicht in
Unwahrheit verstricke Ich will Euch nicht stören mein Kopf ist ohnehin müde
lasst mich hier ausruhen und sagt Euch ungestört was Euer Herz erfreut
Freundlich dankten die wieder kindlich erheiterten jungen Leute und zogen
sich in den tiefen Fenstersitz zurück während Maria ungestört ihren Gedanken
nachhing
Aber häufig geschieht es dass unsere Phantasie aufhört tätig zu sein wenn
die Gegenwart mit ihren Erscheinungen uns so nah gerückt ist dass wir uns jeden
Augenblick als selbst tätig erwarten können Wir schließen dann im Gegenteil
uns wie eine Knospe zusammen um der Wirklichkeit die gesammelten Kräfte
darbieten zu können und das ablockende Spiel der Phantasie erbleicht mit seinen
bunten Bildern an der Erwartung des nächsten Augenblicks
So kam es dass es Maria unmöglich ward ein Bild hervor zu heben für ihre
eigene Lage und unbestimmt angeregt sank ihr müdes Haupt zurück und sanfter
Schlummer wiegte sie bei dem leisen Geflüster der jungen Leute ein
Aus einem farblosen Traum erweckte sie der Strahl eines Lichtes der ihre
Augen traf Vor dem Tischchen der Tochter an dem die letztere wieder saß stand
der alte Vogt einen Armleuchter mit Kerzen haltend und sprach leise in die
freundlich aufmerkende Tochter hinein
Gern bester Vater beantwortete das gute Kind die Anrede des Alten gern
will ich für die arme Dame sorgen und viel lieber wenn sie nicht jenen alten
Damen anheimfällt und die freundlichen Zimmer bezieht denn ich hoffe doch da
wird sie nicht auch geplagt werden
Schweig unterbrach sie der Alte strenger blickend tue was vor Dir
liegt sei dankbar für das Vertrauen Ihrer Gnaden und lass Deine unschicklichen
Bemerkungen Die gnädige Frau hat dem ehrwürdigen Herrn erlaubt Alles nach
seinem Gutdünken einzurichten und wir waren bis jetzt damit beschäftigt und
Halt lieber Alter unterbrach ihn hier Lady Maria unfähig durch
anscheinenden Schlaf sich hinter die geheimen Verhältnisse des Hauses zu
stehlen wenn Deine Worte nicht für mich sind so fahre nicht fort denn ich
habe wie Du siehst ausgeschlafen
Überrascht aber mit ehrfurchtsvoller Höflichkeit wandte sich der Alte
schnell zur Lady und sich bis zur Erde beugend sagte er in der angemessenen
Haltung eines Schlossvogts
Meine gnädigste Frau die Besitzerin dieses Schlosses beehrt mich Euch
Mylady hierselbst willkommen zu heißen und da der vorgerückte Abend der
gnädigen Dame nicht mehr erlaubt Euch eine Audienz zu erteilen ersucht sie
Euch die Zimmer in Besitz zu nehmen die sie zu Eurem Empfang hat einrichten
lassen und über Dero Diener zu befehlen die alles Mangelnde zu ersetzen bemüht
sein werden
In Wahrheit guter Alter erwiderte Maria indem sie sich mit ihrer
eigentümlichen Hoheit erhob das Willkommen der Dame deren Gast ich wider
Willen bin kommt so spät und nach so unziemlicher Vernachlässigung dass ich so
einladende Worte mehr auf Eure gute Sitte als auf die Eurer Herrin beziehen
möchte Doch sei es darum ich sehe mich nicht ungern bloß an Euch und Eure
Tochter gewiesen und bin bereit Euch zu folgen
Der alte Herr sah mit einigem Erstaunen auf diesen stolzen Anspruch an seine
Gebieterin Aber Domestiken die alt geworden im Dienste sehen nicht ungern an
denen die sie bedienen sollen einen hohen Anspruch auf äußere Achtung
hervortreten sie fühlen sich selbst dadurch gehoben und glauben sich weniger zu
vergeben gegen Personen die sich selbst zu ehren wissen
Der Alte mochte noch außerdem Gründe haben unserer jungen Heldin Ehrfurcht
zu bezeigen denn es schien er fühle sich nun ganz an seinem Platze Er
erwiderte mit stummer Verbeugung die Worte der Lady und schritt dann mit dem
hoch gehobenen Leuchter voran als sie in ihren Mantel sich hüllend bereit
schien ihm zu folgen
Auf dem entgegengesetzten Flügel im Erdgeschoss des Schlosses öffnete Miklas
jetzt eine Tür welche die Lady einlud in ein großes Vorzimmer zu treten das
an seinen leeren weißen Wänden die kostbarsten Stuckaturen von einem großen
Feuer in dem weiten Kamin erleuchtet zeigte
Der Alte durchschritt dies Zimmer und bat die Folgenden in ein daran
stossendes Kabinet zu treten wohin nur Margarit die Lady begleitete Auf das
Angenehmste fühlte sich Maria von dem ersten Anblicke desselben überrascht Es
gehörte zu den Zimmern die uns sogleich einladen zu bleiben und uns Alles
darzubieten scheinen was ein sinniges Leben erfordert Es war angenehm erwärmt
und nur ein mildes Kohlenfeuer glühte noch in dem MarmorKamin der den ganzen
Hintergrund des schmalen Zimmers einnahm Davor standen auf einem schönen
Teppiche mehrere bequeme Sessel ganz wie die Wände und Vorhänge des Zimmers
mit grünem Damast und goldenen Borten bedeckt Es schien als hätten Freunde so
eben von traulicher Zwiesprache sich erhoben und Maria konnte sich nicht
enthalten voll Hoffnung und Sehnsucht nach ihren leeren Sitzen zu blicken
Gegenüber zeigte sich das breite hohe Fenster das in seine tiefen Wände
eine kleine Biblotek aufgenommen hatte wovor ein schön geformtes Lesepult
stand mit allen Einrichtungen zum Schreiben versehn und an ein kleines
Ruhebett war zu ihrer freudigen Überraschung eine Harfe gelehnt Mehrere
Bilder an den Wänden passend verteilt schienen alte Portraits und
Heiligenbilder und entgingen vorerst ihrer Betrachtung da der Schein der
Kerzen ihre finsteren Tafeln nur schwach erhellte Auch drängte Margarit
begierig die Lady mit ihrer Wohnung bekannt zu machen sie in das Nebenzimmer
das eben so hoch und schmal als das erstere durch ein großes damastbehangenes
Bett sich als Schlafzimmer ankündigte
In der Fensternische war hier eine schwerfällige aber reich besetzte
Toilette angebracht und ein ungeheurer venetianischer Spiegel vorteilhaft
gegen das Fenster aufgestellt Was aber sogleich Marias Aufmerksamkeit anzog
war eine der Tür gegenüber eingelegte Nische von schwarzem Marmor worin von
zwei Wandleuchtern auf denen Kerzen brannten erleuchtet sich das Bild einer
Mutter Gottes mit dem Kinde zeigte von einer so himmlischen Schönheit in
Ausdruck und Farbe dass Margarits Bewegung womit sie sich augenblicklich davor
bekreuzte und das Knie beugte natürlicher erschien als ihr schnelles
Übergehen zu den andern Gegenständen des Gemaches
Das Bild ruhte auf einem Untersatz von ebenfalls schwarzem Marmor welcher
ziemlich deutlich die Form eines Altars hatte vor welchem ein kleines Betpult
stand worauf sie ein aus ihrer ReiseEquipage entlehntes griechisches Neues
Testament erkannte
So schön und sinnig auch diese Einrichtung getroffen war fühlte Maria doch
mit ihrem richtigen Gefühl eine Absichtlichkeit heraus die sie fast verletzte
und früher als der Gegenstand es verdiente wendete sie sich davon ab ihr
kleines liebes Eigentum von dem Betpulte wegnehmend und es auf ein Tischchen
neben ihr Bett legend
Nun teure Lady rief innig befriedigt Margarit seid Ihr denn nicht ganz
zufrieden mit Eurer Wohnung und wollt Ihr die kleine Margarit als Eure
gehorsame Dienerin annehmen
Beides beides sagte freundlich Maria sogleich jugendlich in die heitere
Stimmung ihrer kleinen Dienerin eingehend und nun bitte ich Dich mein Gepäck
etwas zu ordnen welches ich hier angehäuft sehe
Ja teure Lady vertraut das mir erwiderte Margarit und erlaubt
vorerst dass ich Euch Eure Haube abnehme und ein wenig Eure Reisekleider
wechseln helfe denn das wird Euch erquicken und Lust machen zur AbendMahlzeit
die mein Vater indessen für Euch servirt
Mit vielem Geschick unterzog sich die Kleine jetzt ihren neuen
Dienstleistungen wobei ihr die unendliche Fülle und Schönheit von Marias Haar
manchen Ausruf des Erstaunens entlockte wie sie überhaupt jetzt erst die hohe
Schönheit ihrer neuen Herrin erkannte und von einer fast scheuen Ehrfurcht davor
erfüllt ward
Maria fühlte sich von dem langentbehrten Behagen an einer gewohnten
weiblichen Bedienung und den kleinen Annehmlichkeiten einer bequemen Einrichtung
erheitert und stets sich ihren Empfindungen hingebend ermüdete sie nicht
anmutig scherzend ihre kleine Dienerin anzuleiten so dass als endlich der
erquickliche Wechsel der Kleider beendigt war Beide mit heiterer Stirn der
Einladung folgten welche der alte Herr zum Abendbrot ergehen ließ
An der Tür des Vorzimmers welches zu ihrem Speisezimmer bestimmt war
schulterte der alte Vogt und überreichte ihr auf einem silbernen Teller einen
fein gebrochenen Streifen Papier auf dem sie in italienischer Sprache die Worte
fand Hoffet und seid getrost
Dazu fühlte sie sich in ihrem Innern vollkommen geneigt denn ihr war in
hohem Grade die glückliche Gabe zu Teil geworden mit jedem Augenblicke
abzuschließen und immer klar in ihrer Stimmung Jedem sein Recht sei es in
Schmerz oder Zufriedenheit zu gönnen Ihr junges unerfahrenes Leben machte sie
noch kindlich sicher den guten Worten vertrauend die man ihr bot und diese
jugendliche Hingebung fand doch Schranken in einer seltenen Schärfe der
Beobachtung und einem höchst zarten und weit reichenden Gefühlsvermögen Sie
verlor daher nur selten ihre Sicherheit und Ruhe was ihr unbewusst in diesen
Eigenschaften begründet und vielleicht früh von ihren Erziehern erkannt so
schön entwickelt worden war
Freundlich das Streifchen in der Hand zerdrückend schritt sie vor und
ergötzte sich an den schönen Verhältnissen des hohen hell erleuchteten Gemachs
In der Mitte desselben stand ein kleines Tischchen mit einem Kouvert
belegt wovor ein unermesslich hoher Lehnstuhl gerückt war dessen goldene mit
bunt benähtem Samt bedeckte Wände verschiedene erblichene Wappenschilder
zeigten
In einiger Entfernung stand ein mit reichem Silbergeschirr bedeckter
Schenktisch auf dem die angerichteten Speisen dampften
Ei sprach Lady Maria freundlich alle diese Anordnungen beobachtend Du
hast sehr angenehm für meinen Hausstand gesorgt lieber Alter Ich muss Dir Dank
sagen wenn Du Haus Hof und Küchenmeister zugleich warst es ist Alles aufs
Beste eingerichtet um nach einer beschwerlichen Reise angenehm ausruhn zu
können
Sie richtete dabei ihre Augen huldreich auf Miklas und fand ihn in ihrem
Anschaun so ganz verloren dass er kaum ihre Worte verstanden haben mochte und
wir müssen es unentschieden lassen ob etwa eine andere Gedankenverbindung in
ihm bei dem vollen Anblick des Fräuleins aufstieg Als sie sich indes dem Tische
näherte eilte er herbei und rückte ihr den Stuhl sie ehrfurchtsvoll bedienend
Die durch manche Entbehrungen erregte Esslust des jungen Fräuleins gewährte
dem Vater und der Tochter hinlängliche Genugtuung für ihre Bemühungen Sie
lobte die trefflichen Seefische und die saftigen Waldschnepfen indem sie
neckend einige Fragen über Jagd und Jägerei des Schlossgeheges hinwarf und die
erglühende Margarit sogleich wegschickte um ihr die auf dem Schenktisch
stehenden in Zucker eingelegten Früchte zu holen
Dem Alten ging je länger je mehr das Herz auf seinem lieblichen Gast
gegenüber Wie stolz und ernst und ihrer Würde sich bewusst sie ihm zuerst
erschienen war sah er doch noch nie in einer und derselben Persönlichkeit so
viel kindliche Unbefangenheit eine so sorglose Sicherheit und eine Heiterkeit
vereinigt welche die Umgebungen in ihren Kreis zog ohne ihnen je eine
Verwechselung der Verhältnisse möglich zu machen
Als er ihr am Ende des Mahles in einem zierlich getriebenen SilberGeschirr
einen kühlen Wein des überseeischen Frankreichs darbot konnte er sein Entzücken
kaum hinter seiner Ehrfurcht bergen als sie lieblich lächelnd ihn auf der Zunge
prüfte und dann dem alten WeinKenner ein wichtiges Zeugnis über die Güte
desselben abgab
Wolle Gott Euer Gnaden jeden Tropfen zum Segen werden lassen rief er fast
gerührt
Amen erwiderte sie sich rasch erhebend indem er mit mehr Gewandtheit
als er sich noch zugetraut bis zu ihrer Tür voranschritt sie zu öffnen und
ihr jede Kourtoisie eines alten wohlerzogenen Dieners zu erweisen strebte
Als Maria sich für die Nacht entkleidet hatte und ihre junge Dienerin
entfernen wollte blieb diese erstaunt stehen und zeigte ihr an dass sie
entschlossen sei in ihrer Nähe zu bleiben
Denkt Ihr Lady es sei nicht besser zu zweien in diesem Schloss zu
wohnen Nein weiset mich nicht zurück Ihr wisst noch nichts von diesem bösen
Schloss Gott sei uns gnädig fuhr sie fort sich bekreuzend ich bin nicht
befugt davon zu sprechen aber besser ist es Ihr behaltet mich bei Euch
So sagte Maria lächelnd Du willst also mein Schutz und Schirm sein und in
Deiner Nähe hältst Du mich für sicherer vor all Deinen angedeuteten
Fährlichkeiten Sage mir doch wenigstens ob Du Dich bei meiner Beschützung als
Geisterbannerin zeigen musst oder bewaffnet mit Degen und Pistolen damit ich
erfahre welcher Art meine Gefahren sein werden
Ach teure Lady spottet nicht fuhr Margarit ängstlich fort Ihr mögt wohl
sehr mutig sein aber was hier zuweilen geschieht sträubt wohl Männern das
Haar und Ihr würdet es nicht so leicht ertragen als Ihr glaubt
Wenn dem so wäre glaubst Du dass Dein alter Vater uns hier verlassen und
uns schutzlos der Gefahr Preis geben würde Geh geh Margarit Du hast zuviel
Ammenmährchen gehört ich aber kenne törichte Furcht nicht und verlange allein
zu schlafen
Nein nein liebe Lady Ihr werdet das nicht wollen ich müsste ja den Weg
allein zurück machen und überdies sie stockte
Nun überdies fragte die Lady überdies bist Du eigensinnig und willst nicht
gehorchen
Ach Ihr zürnt teure Lady ich aber bin unschuldig an Eurem Unwillen denn
seht ich kann wohl dieses und jenes Zimmer verlassen aber weiter nicht denn
denn wir sind ja eingeschlossen
Eingeschlossen rief die Lady und nie sah Margarit schneller veränderte
Züge als bei diesem Worte Gefangene fuhr das Fräulein in höchster
Überraschung fort ist es möglich Margarit was treibt man mit mir wer wagt
es so mich zu behandeln mit welchem Rechte verfügt man über die Freiheit
meiner Person Sprich Ich befehle Dir mir zu sagen wer ist die Besitzerin des
Schlosses Wo bin ich und was weißt Du von den Absichten auf meine Person Doch
Du träumst Mädchen Deine abergläubische Furcht will mich einschüchtern damit
Du Deinen Willen behältst ich selbst werde untersuchen ob Du mich zu täuschen
denkst
Mit flüchtigem Fuße eilte sie ein Licht ergreifend durch das angrenzende
Zimmer nach dem großen jetzt wieder völlig leeren Vorzimmer das ohne Kerzen
von der Flamme des Kamins nicht mehr erhellt ein ödes geisterhaftes Ansehen
hatte Aber das Fräulein voll Erwartung und erzürnt über die Möglichkeit dass
Margarit Recht haben könne nahm wenig davon wahr sondern froh nur die große
Eingangstür zu erkennen eilte sie mit schnellen Schritten darauf zu Doch sie
drückte vergeblich an dem breiten eisernen Schloss hin und her und ihr Licht
dazu erhebend erkannte sie bald den einfachen Mechanismus eines von Außen
befestigten Riegels
Die Überzeugung von der Wahrheit dessen was sie als eine große persönliche
Beleidigung ansah überwältigte ihren Geist für den Augenblick bis zu einer Art
von Betäubung Sie lehnte den Kopf gegen den Arm und an das verhängnisvolle
Schloss als müsse sie auf dieser Stelle Mittel zu ihrer Befreiung ausdenken Das
Licht hing unbeachtet in der andern niedergesunkenen Hand und die kleine Flamme
suchte an ihrem langen niederhängenden Nachtkleide eben weitere Nahrung als
seufzend und mit unterdrücktem Weinen die näher geschlichene Kleine es aus ihrer
Hand zog
Ach Lady kommt hier weg schluchzte sie leise ach zürnt nicht länger
Halt rief Maria aufschreckend ich höre Schritte hörst Du es Margarit
Heiliger Gott sei uns gnädig stammelte Margarit und strebte die Lady mit
sich zu ziehen
Nein sprach Maria ich werde diesen späten Wanderer anrufen er soll
augenblicklich Deinen Vater herbei holen und sagen dass man mich hier als Gast
und nicht als Gefangene behandele
Nein nein o schweigt rief Margarit sich vor ihr niederwerfend
Aber Maria war aufgeregt und zürnend und als die Fußtritte jetzt vor der
Tür anzuhalten schienen als ob das Geräusch welches Maria absichtlich an dem
Schloss machte sie festielte rief sie
Wendet Euch hierher Habt die Güte diese Tür von Außen zu öffnen so Ihr
könnt oder Miklas den Hausvogt zu rufen
Sogleich schien Jemand von Außen mit Ungestüm gegen die Tür zu fahren und
nach einigen ungeschickten Versuchen sie so aufzudrücken rasselte es heftig an
dem Schloss welches zitterte und nachgab
Maria riss der niedergesunkenen Margarit das Licht aus der Hand und es hoch
hebend blickte sie der aufgestossenen Tür entgegen Doch voll Grauen bebte sie
zurück als ein Weib eindrang dessen verwildertes Ansehen eine Wahnsinnige
bezeichnete Ihre grauen Haare hingen unter einem schwarzen Schleier lang hervor
und in dünnen Strähnen über ihre furchtbar hohe Gestalt welche nur von
notwendiger Kleidung gedeckt Hals und Brust und Arme in widriger Abzehrung
zeigte
Aber vor Allem furchtbar war die Grabesfarbe des Gesichts die stieren
glanzlosen Augen und das Lächeln des Wahnsinns um den lippenlosen Mund
Schaudernd trat Maria zurück aber angezogen schien die grässliche Erscheinung
von ihrem Anblick sie folgte ihr nach den mehrarmigen Leuchter gegen sie
vorstreckend und je länger sie mit ihren furchtbaren Augen sie anblickte desto
mehr gewann ihr starres Gesicht einen gemischten Ausdruck von Erstaunen und
Wut
Wer bist Du sagte sie mit heiserer Stimme ich muss Dich kennen Sie rieb
die Stirn und wieder vordringend rief sie höllisch lachend Du bist so ein
Spuk aus der großen Welt woraus sie mich vertrieben Ha jetzt kenne ich Dich
Doch von wannen kommst Du Wer brachte Dich hierher Sendet Dich der Knabe
Villiers den sie Herzog nennen Ha ha ha ha Du bist es und kennst Du mich
die schöne Franziska Howard
Komm komm Du entgehst Deinem Schicksal nun nicht bist Du doch von seinem
Blute Ha die Rache ist süß sehr süß
Gierig streckte sie die Hand aus und ergriff Marias Gewand welche
vergeblich mit dem Entsetzen kämpfend ihre Knie wanken fühlte und als die
kalte Hand des Weibes ihren Hals umspannte ihrer Sinne beraubt zur Erde sank
Als sie die Augen wieder aufschlug leuchtete der frühe Morgen matt durch
das hohe Fenster Langsam kehrte ihr Bewusstsein zurück und sie sah nun dass sie
in dem großen Himmelbette ihres Schlafgemachs lag und dass mehrere Personen um
sie beschäftigt waren Ein Versuch sich zu bewegen ließ sie einen Schmerz und
eine Lähmung ihres Armes fühlen und jetzt überzeugte sie sich dass man daran
eine Ader geöffnet woraus das Blut sich vor ihr in ein Becken ergoss
Es waren dies Alles die Wahrnehmungen eines noch halb ohnmächtigen Geistes
der sich selbst noch nicht wieder vereinigt fühlt mit den Zuständen des Körpers
Sie erkannte den Reisegefährten der die Lanzette geführt hatte sie sah
Margarit auf ihren Knien das Becken haltend sie fühlte sich in den Armen
einer fremden Frau deren mildes schneeweisses Gesicht sich dicht neben dem
ihrigen zeigte aber sie hätte sich nicht gleichgültiger dabei fühlen können
wenn sie eine mit diesen Gegenständen bemalte Holztafel gesehen hätte Nachdem
der nötige Verband umgelegt war und sie aus den Armen der Frau sanft in die
Kissen sank und die grünen Vorhänge des Bettes sie in eine angenehme Dämmerung
hüllten sanken ihre Augenlieder ermattet nieder der Schlaf trat an die Stelle
der tiefen Ohnmacht und vereinigte den durch Schrecken verstörten Geist mit dem
genesenden Körper
Nach einem langen und erquickenden Schlaf erwachte das Fräulein mit der
angenehmen Empfindung wieder hergestellter Kräfte Die Ruhe die außerhalb der
Vorhänge ihres Bettes herrschte war indes eine Wohltat welche sie sich zu
verlängern suchte da ihr Geist sogleich zu arbeiten begann um teils die
Begebenheiten der letzten Stunden sich zurück zu rufen teils ihre Beziehungen
zu sich selbst herauszufinden Aber ihre Phantasie hatte vor dem letzten
Ereignis einen zu tiefen Eindruck empfangen um nicht immer darauf zurück kommen
zu müssen Der Name Franziska Howard den die grauenvolle Erscheinung sich
beigelegt gehörte einem Wesen dessen Name mit jenem tiefen Abscheu in England
genannt ward womit man Verbrechen bezeichnet die in einer zu hohen Sphäre sich
begeben um in ihrer ganzen Wahrheit zur Anschauung des Volkes zu gelangen
Maria war damit unbekannt aber wenn sie den Äußerungen dieser elenden Frau
nachdachte ward ihr die Ahnung eines durch Gewissensvorwürfe gestörten Geistes
Schaudernd dachte sie an die Nähe dieser Furie die in ihren Phantasien sie zu
einem bekannten Gegenstande ihrer Wut gestempelt hatte Natürlich prüfte sie
jetzt ihre ganze übrige Lage und was unter so bedrohlichen Umständen ihr etwa
noch für Schutz geblieben sei und bei dem Zurückkommen auf diesen Gegenstand
fühlte sie sogleich eine lebhafte Anerkennung der von Margarit und Miklas ihr
bewiesenen Sorgfalt
Es war klar dass Miklas die Tür verwahrt hatte sie vor dem umherwandernden
Spucke zu schützen dass Margarit davon unterrichtet vielleicht um sie nicht
zu beunruhigen den Grund verschwiegen ihr eigener Ungestüm aber diese gütige
Vorsorge verhindert hatte da durch ihr Geräusch an der Tür und ihr Rufen
offenbar der schreckliche Gegenstand herbei gezogen worden war
Erwärmt von dem Gefühl hier eine ihr zugewendete gute Absicht anerkennen zu
dürfen und lebhaft bewegt von dem Wunsche das dabei von ihr selbst
Verschuldete gut zu machen griff sie schnell in die Vorhänge des Bettes und
sie zurückdrängend sah sie Margarit an dem Fussende ihres Bettes auf einem
niedrigen Stühlchen sitzen und an dem Netze knöpfeln das auf ihren Knien ruhte
Ein freudiger Ausruf des lieben Mädchens begleitete ihr Aufblicken und an
dem Bette niederstürzend küsste sie kindlich jubelnd die Hände ihrer Lady und
konnte nicht müde werden sich über ihre gehoffte Genesung zu freuen
Aber setzte sie schüchtern hinzu teure Lady zürnt Ihr mir und meinem
alten Vater auch nicht mehr
Gutes Kind erwiderte Maria wie rührt mich Deine Sanftmut und Güte da
ich allein die bin die über Dich so viel Schrecken brachte indem ich die
Vorsorge Deines Vaters und Deine eigene Schonung verkannte in meiner Heftigkeit
nur mir selbst folgte und Alles dadurch herbei zog wogegen Ihr mich zu behüten
trachtet Vergieb Du mir dagegen und sei gewiss ich werde Deine guten Absichten
nicht wieder missverstehn
Ach teure Lady Ihr seid wie ein heilger Engel rief Margarit wie hätte
ich Euch wohl zu vergeben Gottes Gnade und die heilge Jungfrau haben uns ihren
Schutz verliehen sonst wären wir freilich unterlegen Aber wie konntet Ihr auch
das ahnen was wir erlebt Wer es kennt glaubt es kaum
Sage mir liebe Margarit wenn es Deine Pflicht nicht überschreitet
unterbrach sie Maria wer war die grässliche Person die uns erschreckt hat und
warum genießt sie bei ihrer Geisteszerrüttung die Freiheit hier umher zu gehen
Ach teure Lady wer möchte die ihr nehmen da sie die Herrin des
Schlosses unsere gnädige Gebieterin ist
Die Herrin des Schlosses rief Maria erschrocken
Ja so ist es Die Lady ist sehr reich und ihr Gemahl nun schon viele Jahre
im Grabe obwohl ich noch recht gut mich des lieben schwermütigen Herrn
erinnere Gott sei seiner Seele gnädig Glücklich war er auch nicht die Leute
sprachen Allerlei von ihm Er musste viel Trauriges erlebt haben denn rührender
seufzte kein Mensch Ach und dann hörten wir ihn eben so die Nächte durch umher
wandern und tief tief seufzen Des Morgens fanden ihn die Bedienten oft auf den
kalten Steinen der großen Halle oder auf den Treppen eingeschlafen liegen Alt
konnte er dabei nicht werden das könnt Ihr denken aber er tat keinem Kinde
was zu Leide ja er liebte sie zärtlich und ich und Lanci und einige
Fischerkinder wir saßen gern um ihn her und er schnitt uns Bilderchen und
knetete uns Püppchen von Wachs
Mit der gnädigen Frau war es damals noch nicht so weit wie jetzt aber
lieben taten sich die Herrschaften nicht Man sagt der gnädige Herr sei ein
Ketzer gewesen und die gnädige Frau habe ihn gern durch die heilige Kirche von
seiner Schwermut befreien wollen aber das sei ihr nicht gelungen und darum
schrien sie oft fürchterlich gegen einander und blieben dann wieder getrennt
So kam es auch dass die gnädige Frau es gar nicht merkte als Mylord eines
Morgens verschwunden war und als sie spazieren gehen wollte fand sie die
Leiche des gnädigen Herrn vor einer kleinen verschlossenen Tür dicht vor ihrem
Schlafzimmer Seitdem ist Mylady sehr unruhig und geht häufig des Nachts umher
und beabsichtigt Mylord zu suchen von dem sie jetzt noch denkt er schlafe
irgendwo und werde sich erkälten Aber es sind nun fast zehn Jahre dass der arme
Herr zur Ruhe ist und Mylady weiß dies auch bei Tage und so lange sie gesund
ist aber häufig vergisst sie es wieder
Das Unheimliche des Eindrucks den Maria empfangen ward durch diese
Mitteilungen nicht gemildert und vor Allem schrecklich schien es ihr in der
Gewalt eines sinnberaubten Wesens zu sein Sie fühlte die größte Ungeduld sich
über die Verhältnisse in die man sie gegen ihren Willen gezwängt Auskunft zu
verschaffen und sich vollkommen gesund fühlend verlangte sie das Bett zu
verlassen
Liebe Lady verzieht einen Augenblick Pater Klemens will erst Euren Puls
untersuchen ehe er dies zugibt ich rufe ihn sogleich
Wer ist Pater Klemens sprach Maria Lass das liebes Mädchen ich fühle mich
ganz wohl und wünsche nur dass Du zu Deinem Vater gehst und ihn aufforderst mir
meinen Reisegefährten herzusenden den ich notwendig sprechen muss
Nun liebe Lady sagte Margarit das ist ja eben Pater Klemens derselbe
der Euch diese Nacht zu Hilfe kam und Euch nachher zur Ader ließ
Maria war von dieser Entdeckung nicht sehr überrascht und wünschte um so
mehr das Bett zu verlassen da sie Sehnsucht trug sich selbst in unabhängiger
Tätigkeit zu fühlen diesem unsicheren geheimnisvollen Umherschleichen
gegenüber
Ehe es daher Margarit hindern konnte ergriff sie die seidene Decke ihres
Bettes und sich hineinhüllend stand sie pfeilschnell auf ihren Füßen und
betrieb nun selbst mit Geschick und Schnelligkeit ihr Ankleiden wobei sie doch
bald Margarits Beistand nötig fand da der Arm an dem man die Ader geöffnet
noch ziemlich unbrauchbar war
Als sie sich dann den sorgfältigen Händen der neuen Kammerjungfer entzogen
eilte sie der Nebentür zu und als sie in ihr Wohnzimmer trat fand sie die
Lehnstühle an ihrem Kamine nicht mehr leer sondern in der einfachen Kleidung
des Ordens Jesu saß ihr Reisegefährte einer Frau gegenüber die Maria auf den
ersten Blick für dieselbe erkannte in deren Armen sie erwacht war
Beide schienen in ihr Gespräch vertieft und nicht wenig überrascht als
Maria blühend vollständig gekleidet und mit jenem klaren und festen Ausdruck
des ganzen Wesens der vom guten Rechte zeigt vor sie trat
Pater Klemens wie wir ihn nun nennen müssen schien auch nicht sogleich den
rechten Ton finden zu können und sein Gesicht war mehr verlegen als ernst
Ihr überrascht uns Mylady sagte er vor sich niedersehend ich will
wünschen dass Ihr Euch nicht zu früh für gesund erklärt habt Ich war gesonnen
Euch Ruhe anzuraten
Ruhe Sir antwortete Lady Maria Ruhe bedarf nur noch mein Geist über das
Gefühl der Gesundheit gibt man sich selbst das richtigste Zeugnis
Die blasse Frau machte hier eine kleine Bewegung und zog Marias
Aufmerksamkeit dadurch auf sich Ich irre mich wohl nicht fuhr sie gegen diese
gewendet fort wenn ich mich Euch verpflichtet halte für Euren liebreichen
Beistand den Ihr mir in dieser Nacht geleistet
Ohne die Augen zu erheben verbeugte sich die Angeredete bloß mit dem Kopfe
Pater Klemens hatte mich zu diesem Dienst ersehn erwiderte sie leise Ihr
seid mir nicht dafür verpflichtet
Maria konnte trotz dieser kalten Antwort ihre Blicke nicht sogleich von
der anziehenden Person abwenden die diese Worte sprach und deren hohe und
schlanke Gestalt in der eng anschliessenden schwarzen Kleidung die sie trug
noch sehr wohl als schön zu erkennen war Ihr milchweisses Angesicht von der
feinsten Regelmäßigkeit mit seinem demütigen und frommen Ausdruck rief
unwillkürlich das Andenken an jene rührenden Heiligenbilder zurück die in ihrem
kleinen Schrein das ganze Leben zugebracht zu haben schienen um einem einzigen
frommen Gedanken nachzuhängen Ihr Kopfputz aber erinnerte Maria an die Nonnen
die sie zur Nacht gesehen obgleich dieser jetzt Schleier und Skapulier fehlten
und allein die eng anliegenden weißen Binden um Stirn und Kinn geblieben waren
Als sie aus Schicklichkeit die Augen abzog begegnete sie den Blicken des
Pater Klemens welcher mit sichtlichem Vergnügen den Eindruck zu erwägen schien
den Maria empfing
Sir sprach sie hierauf mit Festigkeit Ihr müsst begreifen dass ich von Euch
über sehr viele Dinge Aufklärung erwarte und die von Euch selbst mir gewünschte
Ruhe nicht früher möglich ist wie es überhaupt wohl scheinen mag sie möchte
vorerst eben nicht mein Loos sein
Ich bin bereit dazu erwiderte der Pater obwohl ich Euch im Voraus bitten
muss in mir nur den bevollmächtigten Vollzieher höherer Befehle zu erkennen
denen ich selbst willenlos untertan bin
Es beliebt Euch vielleicht hochwürdiger Herr mich zu entlassen sprach
hier die blasse Frau schüchternd sich dem Pater nähernd ich würde meinen
einige andere Pflichten zu haben
Geht liebe Tochter sprach Pater Klemens haltet Euch aber gern bereit die
Einsamkeit dieser Eurer Schutzbefohlenen zu teilen
Ich habe weder eigene Zeit noch eigenen Willen selig wer gewürdigt wird
zu gehorchen antwortete sie und ohne ihr stilles Gesicht zu verändern beugte
sie ihr Haupt welches der Pater segnend berührte worauf sie leicht wie ein
Geist an Maria hinschwebte ohne sie bei dem Gruße ihres Hauptes anzublicken
Maria sah diesem ganzen Abschiede mit einem anschwellenden Gefühle zu
welches als die Tür sich hinter der demütigen Gestalt schloss sich Luft zu
machen strebte
Ich bin also in der Gesellschaft von Katholiken Ihr seid ein Priester jenes
Glaubens und jene Frau gehört zu den Schwestern der heiligen Ursula
Mit Ruhe setzte sich Pater Klemens bei diesen Worten nieder ihr den
Armstuhl anweisend der so eben verlassen worden war und erwiderte dann seine
Augen andächtig erhebend
Ja Mylady Ihr habt es gesagt Hierher in diese verpönten Mauern hat sich
eine kleine fromme Gemeinde geflüchtet um dem alten heiligen Glauben ihrer
Väter treu bleibend dem vaterländischen Boden ein Samenkorn jener ausgerotteten
heiligen Frucht zu behüten zu Gottes allmächtiger Verfügung am Tage der da
zeigen wird wessen Reich die Erde Englands ist
Es ist kein Grund mehr vorhanden Euch dies zu verbergen denn für Verrat
bürgt uns Eure Gesinnung mehr noch als die übrige erlangte Sicherheit
Ehrwürdiger Herr sprach Maria ich weiß dass Eure Verbindungen gegen die
Gesetze meines Vaterlandes laufen und es kann mir keine angenehme Entdeckung
sein mich für den Augenblick darein verwickelt zu sehen Indes weit davon
entfernt die Treugesinnten Eures Glaubens zu tadeln bedaure ich vielmehr dass
man die Würde unserer Kirche dadurch zu erhalten dachte dass man verfolgend
gegen die Eurige aufträte
Sehr wahr sprach Pater Klemens sichtlich belebt es war das Gefühl
welches jeder Verblendung der Art folgt dass wer einmal aus den Segnungen
unserer Kirche tritt nur durch weltliche Macht Siege erringen könne
Dies ungerechte Mittel gegen eine tief begründete Überzeugung und den Rat
des Gewissens ist zu allen Zeiten und von allen Parteien benutzt worden
erwiderte die Lady und wir dürfen es sicher dem Wesen der Kirche nicht
zurechnen was nur der Despotismus der Unduldsamkeit verschuldete Aber wenn ich
bis so weit sprach geschah es hauptsächlich Euch zu überzeugen wie ich von
Innen heraus den Geist der Kirche der ich angehöre für unverträglich mit den
harten Mitteln halte die angewandt sind die Eure zu vertilgen Ich würde aus
dieser Überzeugung nie die Hand bieten Ähnliches zu veranlassen und darüber
keinen weltlichen Richter anerkennen Jetzt aber sagt mir auf welche Weise hat
mein Schicksal diese Wendung genommen und was wisst Ihr mir über die Absichten
zu sagen die mich hierher leiteten
Euch aus den Händen des schwärzesten Verrats zu befreien erwiderte Pater
Klemens mit Betonung aus Mitleid für Eure Jugend und Unschuld die dem Elende
bestimmt war Wer von Oben her ein so weitreichendes Interesse an Eurem Leben
nimmt weiß ich Euch jedoch nicht zu sagen ich bin ein beglaubigter Priester
des heiligen Ordens Jesu mir ist nur das blinde Vollziehn dessen gestattet was
jederzeit das Rechte und Beste ist
Was meint Ihr unterbrach ihn Lady Maria heftig bewegt Ich ward betrogen
Von wem Sagt ich bitte Euch von wem
Dass nur von Lord Membrocke die Rede sein kann darüber könnt Ihr gewiss nicht
im Zweifel sein antwortete Pater Klemens von ihm der um Euch aus der Obhut
der Familie zu entführen in deren Kreise Ihr lebtet kein anderes Mittel wusste
als jenen erlogenen Brief
Großer Gott seufzte hier das unglückliche Mädchen in ihren Sitz
zurückfallend so hätte ich recht geahnt Doch wie könnt Ihr den Brief erlogen
nennen rief sie alsbald sich erhebend der seine Handschrift zeigt mit seinem
Siegelring gesiegelt den ich so oft an seiner Hand gesehen
Armes Kind es war leicht Euch zu betrügen denn die Höllenkünste ahnt ihr
nicht womit gewandte Schreiber eine jede Handschrift nachzuahmen wissen und
dass man Siegelringe stehlen könne war Euch auch wohl kein vertrauter Gedanke
Schaudernd verhüllte Maria ihr erblasstes Angesicht und ein Gefühl von
Trostlosigkeit eine Verlassenheit ein Elend nötigte sich ihrem Geiste mit
dieser Entdeckung auf wie sie es nie empfunden und ihre erste Flucht ihr
Alleinsein auf der Landstraße an Hunger und Müdigkeit erliegend schien ihr nun
ein glücklicher Zustand da sie damals die Hoffnung trug ihr lebe der Oheim und
in ihm aller Schutz alle Liebe aller Trost
Nach einigen Augenblicken tiefster Erschütterung die der Pater Klemens in
ernstes Sinnen verloren nicht zu unterbrechen suchte rang sich ihr Geist mit
neuer Anstrengung empor sie zog die Hände weg und den Verkündiger dieser
trostlosen Nachrichten schmerzlich anblickend rief sie mit dem Tone der
wahrsten Seelenangst
Vergebt mir wenn ich so grausam betrogen wie Ihr sagt und verlassen von
Allen die mir die Natur zum Schutze bestimmte jetzt die Qual des Misstrauens
kennen lerne und sie auch gegen Euch von dem ich um so viel lieber Gutes
dächte da ich nur Gutes von Euch erfahren nicht ganz zu bemeistern vermag
Beweiset mir edler Sir was Ihr sagtet denkt mit Nachsicht dass wenn ich
annehmen dürfte Ihr allein betrügt mich jetzt dadurch mein Leben minder
hoffnungslos würde und eine Aussicht mir bliebe den Schutz zu erreichen nach
dem ich mich sehne Denkt setzte sie mit hervorbrechenden Tränen hinzu dass
wenn Lord Membrocke mich betrogen hat und mein Oheim nichts von mir weiß mir
fast jede Hoffnung schwindet ihn aufzufinden
Und nun sprecht ich beschwöre Euch sprecht die Wahrheit Haltet ein
rief sie angstvoll als Pater Klemens die Lippen öffnete hört mich weiter Man
sagt die Teilhaber Eurer Kirche halten Alle meines Glaubens für ausgeschlossen
aus dem Verbande christlicher Pflichten Ich kann es nicht denken ich will es
namentlich von Euch nicht denken aber es könnte sich doch in Eurem Geiste eine
Geringschätzung gegen das Schicksal eines Wesens einstellen das Ihr Ketzerin
nennt Ich verlange nicht dass Ihr gegen mich wärmer fühlen sollt als Euer
Glaube zulässig hält aber bedenkt Sir dass wir die Wahrheit zu sagen uns
selbst schuldig sind dass jede Seele sich selbst vergiftet die zu Gunsten
irgend eines Planes den heiligen Pfad der Wahrheit verlässt O Sir also um Euer
selbst willen um des heiligen Namens willen den der Orden trägt zu dem Ihr
Euch bekennt redet die Wahrheit denkt dass ich an diesen Namen glaube gleich
Euch und dass wir durch ihn Strafe oder Vergebung empfangen werden
Der Pater hatte sie nicht ohne Teilnahme gehört und vielleicht hatte
manche Mahnung ihn nicht ohne Verlegenheit gelassen aber die Erinnerung an den
Orden dem er verpflichtet war heilte schnell alle Verletzungen des Gewissens
und führte ihn zu seinen Verpflichtungen zurück die auf Gott gefällige Zwecke
gerichtet über die Mittel keinen Zweifel gestatten
Könntet Ihr übersehen hob er mit Würde an wie vorsorglich diejenigen gegen
Euch gehandelt die Euch meiner Obhut vertrauten wie würdet Ihr dadurch am
besten jenes traurige Vorurteil widerlegt fühlen welches die Feinde unserer
heiligen Kirche verbreitet haben um die Seelen zu verscheuchen die ohne
Befriedigung jener abgefallenen Kaste angehören und nach dem Mutterschoosse
unsrer Kirche sich zurücksehnen
Die Diener und Dienerinnen dieser vom Heilande stammenden Lehre gehen
verfolgt beleidigt und im Elende schmachtend noch immer gleich den Jüngern des
Herrn über die vom falschen Wahn ergriffene Erde und suchen wie der Hirt im
Evangelium das verirrte Schaf Wer Euer beklagenswertes Loos meinen Obern
entdeckt habe kommt mir zu wissen nicht zu Eure Unschuld indes rührte die
erhabenen Männer Jesu und da ihr Einfluss eine noch unsichtbare aber nicht
geringe Macht ist erhielt ich das Zauberwort welches Lord Membrocke von Euch
abzustehen zwang Ihr selbst mögt durch unbefangene Äußerungen und die daran
geknüpften Nachforschungen Eurer Freunde Lord Membrocke zu dem Plane
Veranlassung gegeben haben der ihm Eure Entführung gelingen ließ Glücklicher
als Eure Freunde hatte er den entdeckt den Ihr zu finden strebtet seine
Handschrift ward von einem geschickten Bösewicht nachgemacht der Siegelring ihm
entwendet und Beides in des Lords Hände geliefert Ihr liesset Euch täuschen
obwohl keine Zeile dieses Briefes die Gesinnungen des Mannes verriet dessen
Handschrift man wohl nachzuahmen vermochte aber nicht den Ton seiner Liebe
O Ihr sprecht wahr rief hier Maria überwältigt von der fremden
Bestätigung ihrer eigenen Empfindungen
Und so triumphirte das Böse und Ihr folgtet dem elenden Verführer der Euch
verkauft hatte an einen vornehmen Wüstling dem er Euch zuführte
Und jetzt rief Maria alles Andere übergehend wie werde ich es jetzt
anfangen um mich so bald als möglich unter den Schutz meines Verwandten zu
begeben Soll gegen Euch Sir der Ihr so viel für mich getan und gegen diese
geheimen Freunde die sich meinem Danke entziehen meine Verbindlichkeit noch
höher steigen Soll ich Euch das Glück dieser Wiedervereinigung verdanken
Mylady Ihr findet mich hier an der Grenze meiner Wirksamkeit und Macht
Euch hierher zu führen lauteten meine Vorschriften ich erwartete hier weitere
Bestimmungen zu finden die jedoch ein ungewöhnlicher Zufall verspätet haben
muss und die Euren unfreundlichen Empfang verschuldet haben Wenn die
Vorschriften ankommen werden sie enthalten was mit Berücksichtigung Eurer
Sicherheit in Bezug auf diesen höchst gerechten Wunsch und seine mögliche
Ausführung zu beschließen ist Geduldet Euch bis dahin und überseht nicht in
nutzloser Sehnsucht nach jenem Ziele die Annehmlichkeiten die Euch hier ein
ruhiges ungefährdetes Leben sichern
Und wisst Ihr wenigstens nicht mir zu sagen ob mein Oheim bereits Nachricht
von meinem Schicksal und jetzigem Aufenthalte erhielt Denn nachdem man gewagt
hat diesen teuren Namen zur Ausführung so böser Absichten zu missbrauchen wie
Ihr sagt und wie tausend von mir nur mühsam unterdrückte Ahnungen mir
bestätigen zweifle ich nicht mehr dass die ganze Erzählung über seine
politische Stellung mit zu den Erfindungen jenes Verräters gehört Sie einen
Augenblick geglaubt zu haben gereicht mir zur tiefsten Beschämung da sie den
erhabenen Charakter des Mannes befleckte den ich nie so anzugreifen hätte
gestatten sollen
Das Schicksal dieses Mannes liegt mir zu fern als dass ich Euch darüber
Auskunft geben könnte aber ich glaube annehmen zu müssen dass es eine Wendung
genommen die ihn vielleicht augenblicklich aus der Lage setzt Euch selbst
Dienste zu leisten Es wird ihm sehr zur Beruhigung gereichen Euch in einer
vollkommenen Sicherheit und in den anständigsten Verhältnissen zu wissen da
wie sehr auch das Letztere in dem Hause der Herzogin von Nottingham der Fall
war doch Eure Sicherheit sich als unzulänglich erwiesen hat
O Sir seufzte hier Maria wen trifft der Vorwurf anders als mich selbst
Meine eigne leichtgläubige Torheit hat mich dem Schutze entzogen der sonst
ausreichend für alle andern Fälle war
Ihr habt darin nicht Unrecht und ich mag es Euch um so weniger ausreden da
Euer Selbstvertrauen in den meisten Fällen weiter geht als sich mit Eurer
zarten Jugend und dem Mangel an Vertrauen verträgt der notwendig damit
verknüpft ist
Maria fühlte sich von diesem sanften Verweise des bejahrten Mannes dessen
Grundsätze und Ansichten sie mit Verehrung angehört hatte wohltätig berührt
und da junge und gut geartete Personen sich stets zu denen hingezogen fühlen
die sie schonend auf ihre Fehler aufmerksam machen so hätte Pater Klemens
nichts vorteilhafteres wählen können wenn es überhaupt sein Wunsch war sich
in der Gunst des Fräuleins festzusetzen Sie hob ihre Augen mit einem so
demütigen Ausdruck zu ihm empor als hätte sie ihn allein beleidigt und sagte
mit sanfter Stimme
Ich sehe es wohl ein dass Ihr ganz recht habt und Eure Güte mich daran zu
erinnern ist sehr groß Ich bin viel zu früh dem Rate meiner Verwandten
entzogen worden alle meine Fehler sind daher unbeachtet geblieben und ich
selbst habe versäumt mit Ernst darauf zu wirken Aber gewiss will ich von jetzt
an da Gottes Güte mir eine Warnehmung durch Euch schickt dagegen nicht länger
nachsichtig sein Darf ich Euch indes nun einen Wunsch gestehen der sehr lebhaft
in mir wird seit ich weiß dass ich betrogen ward
Redet liebe Tochter erwiderte der Pater Klemens mit dem väterlichen Tone
in den das Fräulein ihm selbst so eben hineingeholfen hatte mit Anteil will
ich alle Eure Wünsche hören und fördern was möglich ist
Maria öffnete die Lippen aber ein tiefes Rot deckte plötzlich ihr
unschuldiges Angesicht und ihr Kopf sank auf ihre Brust Nach einigen
verlegenen Augenblicken hob sie schüchtern an
Glaubt Ihr verehrter Sir dass eine aufrichtige Darstellung der Wahrheit und
meiner damit verflochtenen Torheit die teure tugendhafte Familie versöhnen
könnte die ich durch meine unbesonnene Entfernung so tief beleidigt habe und
könnt Ihr mir dies zu bewirken einen Weg zeigen
Pater Klemens hielt mit der Antwort zurück und hätte Maria nicht eben
abgeschworen ihrem Urteil unbedingt zu vertraun so hätte sie nicht übersehen
können dass dieser Gedanke ihm sichtlich widerstrebte
Es wird zu Eurer Rechtfertigung im Laufe der Zeit sich sicher eine
Gelegenheit finden erwiderte er nach einigem Bedenken doch jetzt müsst Ihr
durchaus Euch von Allen Schritten nach Außen zurückhalten da vorerst nur die
spurloseste Zurückgezogenheit Euch vor den Nachstellungen des mächtigen Mannes
bewahren kann gegen dessen weitreichenden Einfluss selbst Euer Oheim Euch nicht
zu schützen vermöchte
Nennt mir teurer Sir diesen furchtbaren Mann der so verhängnisvoll für
mein armes Leben ward und zugleich seine Gründe gerade mich zu verfolgen
Solltet Ihr nie den Namen des Herzogs von Buckingham haben nennen hören Er
ist es der Euch verfolgt Lasst Euch damit genug sein dass er Euer Verderben
wollte und verlangt nicht dass ich nähere Angaben mache die zu erwähnen weder
meiner geistlichen Würde ziemt noch Euch sie anzuhören
Maria schwieg wie gelähmt vor Schrecken und Abscheu erst nach langer
Bekämpfung der dadurch erregten Schmerzen fuhr sie schüchtern fort
Und bin ich hier sicher Werde ich hier nicht erreicht werden und wer lässt
mir hier Schutz angedeihen Wem habe ich nächst Euch zu danken
Den mächtigen Obern meines Ordens die in diesem Hause welches unter ihrer
besonderen Macht steht schon manche von der Welt verfolgte Unschuld gerettet
haben denen seid auch Ihr verpflichtet Aber kümmert Euch um diese
Verpflichtungen nicht Euer Verwandter wird diese Ansprüche dereinst anerkennen
und sie zu belohnen wissen
Und Sir fuhr sie fort und Unruhe und Bekümmernis malte sich in ihren
Zügen stehe ich nicht unter dem Einfluss der schrecklichen Frau oder wie bin
ich vor ihr zu sichern
Ihr werdet derselben Frau im Laufe des Tages noch vorgestellt werden und
Euch dann selbst überzeugen dass wer nicht bei Nacht sich mutwillig ihr
entgegen stellt bei Tage nichts von einer Unglücklichen zu leiden hat die bei
uns allen den höchsten Anspruch auf Mitleiden und sogar auf Achtung besitzt Ein
höchst bewegtes und der weltlichen Begierde ergebenes Leben sucht sie gut zu
machen durch eine fromme Hingebung an die heilige Mutterkirche und sie hat ihr
väterliches Schloss seit dem Tode ihres Gemahls der so wirksamer Reue
unzugänglich war zu einem Aufenthalt der ehrwürdigen Schwestern gemacht in
deren Kloster sie als Kind erzogen ward und zu denen sie jetzt sich mit
heiligen Gelübden wieder bekannt hat Ihr werdet unter den Frauen dieses Hauses
würdige Gesellschaft finden und vor allen in dem Umgang mit Schwester Electa
die Ihr hier saht ein wahrhaftes Vorbild christlicher Tugenden und weiblicher
Demut erkennen Wie auch Eure GlaubensMeinungen abweichen mögen zweifle ich
doch nicht Ihr werdet der frommen Einteilung des Tages Euch anschließen da
sie Euch eine würdige Beschäftigung mit den höchsten Gegenständen menschlicher
Betrachtungen sichert Um ein mögliches Ärgernis schwacher Seelen zu verhüten
namentlich um die ängstliche Empfindlichkeit Eurer Wirtin nicht zu reizen die
sich schwer überzeugen ließ dass Ihr Euch hier nicht als Spötterin eindringen
wolltet bitte ich Euch sogar die einfache Kleidung des Hauses anzulegen und so
den Frieden zu sichern den man Euch dann ungestört wird genießen lassen
Wie rief Lady Maria mit ihrer ganzen Lebhaftigkeit ich sollte das Gewand
einer Nonne anlegen Ich eine Protestantin sollte wenn auch nur in dieser
Aeusserlichkeit den Schein einer Handlung annehmen die mich von der Kirche
trennte der ich durch Geburt und Überzeugung angehöre Nein Sir das ist
nicht Euer Ernst oder Ihr denkt sehr gering von dem Eifer den wir unserer
Lehre zuwenden Ich will mich der Ordnung des Hauses das mir Schutz verleiht
fügen aber ohne mich Gebräuchen anzuschließen die man mich gelehrt hat als
unverträglich mit der reinen Lehre des Evangeliums anzusehen Sicher verspreche
ich Euch durch ein ehrerbietiges Betragen jede Besorgnis wegen einer unwürdigen
Spötterei zu verbannen aber in dem Maße wie ich dies tue soll man auch
meine Überzeugung ehren und sie nicht als verächtlich ansehen dass sie sich
hinter einen Schein von Lüge verbergen müsste
Als Maria Alles gesagt hatte was ihr aufschwellendes Herz ihr eingab
gewahrte sie erst den ernsten vorwurfsvollen Blick des Priesters womit dieser
die heftigen Worte der Gereizten begleitete Nachdem sie sich gesammelt schien
ihr diesem stillen Vorwurf gegenüber ihre ganze Rede nur der Ausbruch einer
Heftigkeit die sie sonst stets in sich anfeindete
Das Stillschweigen welches Pater Klemens zu beobachten fortfuhr verstärkte
den Vorwurf den sie sich aufnötigte und schnell zu ihrer eigensten Natur
zurückkehrend redete sie mit ruhiger doch schüchterner Stimme fort
Ich fühle was Ihr sagen wollt ehrwürdiger Herr und sehe ein dass ich
heftiger war als Euer Vorschlag rechtfertigt Wenn ich Euch tadelnswert
erscheine so verzeiht mir der eigne Vorwurf hat mich erreicht und Euch wollte
ich nicht wehe tun
Schweigend senkte Pater Klemens das Haupt und erhob sich langsam indem er
gesonnen schien das Fräulein über die Aufnahme ihrer Entschuldigung im Zweifel
zu lassen Sein Auge hing am Boden er grüßte sie feierlich und verließ das
Zimmer ohne die geringste Erwiderung
Als die Tür sich hinter ihm schloss und die unglückliche Maria sich allein
sah da überwältigte sie das Gefühl ihrer trostlosen Lage und sie sank in
Tränen aufgelöst auf den Teppich hin ihren Kopf in den Polstern des Lehnstuhls
bergend So verlassen hatte sie sich noch nie gefühlt Das Zürnen des Paters
die Art wie auch er sie jetzt verließ machten ihr erst fühlbar welch eine
Stütze er ihr geworden und wie erschreckend und trostlos sich ihr Leben
gestaltet hatte da ein Blick über dasselbe ihr sagte dass alle ihre Hoffnungen
niedergesunken und sie von Allen getrennt sei denen sie vertrauen durfte und
die es früher oder später jemals gut mit ihr gemeint
Zum ersten Male fühlte sie in ihr sonst so gesundes Herz eine Mutlosigkeit
einziehn wovor sie bisher ihr starker Charakter ihre Jugend und alle ihr
vorschwebenden Hoffnungen bewahrt hatten Körperlich ermattet von den
Eindrücken dieses Hauses zu dessen düstern Geheimnissen sie sobald gelangen
musste erschreckt verfiel sie in eine bisher unbekannte Furcht und unbestimmte
Sorgen für ihre persönliche Sicherheit nahmen ihr völlig die Freiheit des
Geistes die ihr sonst eigen war
Sie fühlte dies selbst aber sie konnte nicht einsehn wie viel sie ihrer
Körperschwäche davon zurechnen musste Doch alle Umstände ihrer Lage schienen ihr
allein schon geeignet sie nieder zu beugen und diese Ansicht versenkte sie in
eine widerstandlose Betrübnis
Sie ließ ihren Tränen freien Lauf und eine Fülle von Wehmut drängte sich
aus ihrem Busen Weinend liegen zu bleiben bis alle Schmerzen ausgeweint wären
und sie sterbend sich auflöse schien ihr das Einzige was ihr übrig geblieben
Dies hoffte sie in der schmerzlichen Abspannung ihres Geistes dahin deutete sie
die überhand nehmende Schwäche ihres angegriffenen Körpers danach sehnte sich
ihr ermüdetes Herz Aber es ist selten der Wille des Himmels unsern Körper zur
Zerstörung an unsere Seelenschmerzen zu übergeben Nur wer zum ersten Male den
Umfang einer Trostlosigkeit kennen lernt die ihn schnell von allen gewohnten
Banden des Lebens ablöst hofft und erwartet sie durch den Tod gelöst zu sehen
Eine andere Wechselwirkung ist uns aufgegeben ein anderer Sieg dem
schmerzbeladenen Geiste aufgehoben Gegen unsern befangenen Willen bleibt die
zarte Körperhülle für die in ihr tobenden Stürme ausreichend bis wir den
Frieden mit allen Erscheinungen in und außer uns schließen und erstarkt im
Kampfe weder unsere Auflösung hoffen noch sie zu wünschen wagen Wer aber
einen tiefen umfassenden Schmerz erlebt der ihn aus allen Freudentempeln der
Vergangenheit scheuchte der erwacht zum Weiterleben wie ein Verbannter der
fern von dem Boden der Heimat wo sein Glück und seine Lieben wohnen an der
fremden Stelle nichts sucht und erwartet und als ein stiller teilnahmloser
Gast als ein neid und freudloser Beobachter die Schätze der Erde nicht mehr
für sich vorhanden glaubt Oft geht der Unglückliche diesen Weg ohne zu ahnen
dass es der Weg zu einer lichtvolleren Erkennung des Lebens ist
Lady Maria stand nach einigen Stunden erschöpfenden Schmerzes von ihren
Knien auf und blickte sich kalt und gleichgültig an als ihr blasses leidendes
Gesicht aus dem Spiegel zurücksah Sie hätte keine Fremde gefunden die ihr
gleichgültiger geschienen hätte als sie sich selbst Nur eine dumpfe
Vorstellung des Erlebten und der augenblicklichen Lage war ihr nach so vielen
Anstrengungen und Erschütterungen geblieben nur eine klagenlose Ergebung eine
völlige Mutlosigkeit gegen ihr Schicksal anzukämpfen und hätte man jetzt den
Schleier der Ursulinerinnen über sie geworfen sie würde ihn lächelnd als eine
Wohltat empfangen haben Diese Stimmung hatte Zeit um sich zu greifen denn ob
absichtlich oder zufällig ihre Einsamkeit ward bis zur Mittagszeit nicht
gestört
Margarit meldete ernst und schüchtern dass das Mittagessen aufgetragen sei
und sie folgte ohne Erwiderung der Meldung Aber der alte Diener der heute in
ein festes Schweigen gehüllt sie bediente musste voll Erstaunen die leidenden
Züge des schönen Fräuleins und ihr gänzlich verändertes Wesen betrachten Sie
grüßte mit dem müden Haupte ohne dass ein Lächeln den stummen Gruß belebt hätte
unberührt blieben die Speisen vor ihr stehen und sanft wies ihre Hand den
kleinen goldnen Becher zurück dessen Inhalt sie noch gestern so wohl zu
schätzen gewusst Miklas und seine Tochter wechselten Blicke und auch der Vater
konnte die Teilnahme nicht unterdrücken die sich in einzelnen Tropfen aus den
Augen der Tochter stahl Längst hatte man auch die letzte Schüssel unberührt
hinweggenommen und harrte dass Maria sich erheben würde aber in tiefes Sinnen
verloren gab sie kein Zeichen dass sie sich ihrer Lage bewusst war Mit der
ganzen Geduld wohlerzogener Diener hielt der Alte diese Probe aus doch ehe er
es verhüten konnte kniete Margarit neben dem Fräulein nieder
Liebe teure Lady wollt Ihr Euch niederlegen sprach sie weinerlich Ihr
müsst sehr krank sein
Als ob ein Schuss an ihr Ohr gefallen so schreckte die gebeugte Gestalt
Marias bei diesen Worten empor und schnell aufstehend rief sie hastig und
tonlos Was willst Du Wie Wo soll ich hin
Wollt Ihr nicht ruhen liebes Fräulein sprach Margarit noch schüchterner
durch die Aufnahme ihrer ersten Worte Ihr scheint der Ruhe zu bedürfen
Ja Ruhe Ruhe seufzte Maria die habe ich nötig sehr nötig wo aber
sagst Du dass ich sie finden soll
Auf Eurem Bette erwiderte die Kleine ermutigt lasst mich Euch dahin
führen
Träumerisch blickte Maria die geschäftige Dienerin an und mit einem
Seufzer der ihre Brust zu sprengen schien ließ sie sich hinwegführen
Der Abend breitete schon seine Schatten über das Schlafzimmer Marias auf
dessen Bette sie unruhig atmend lag in jenem Zustande von Fühllosigkeit womit
wir oft einen Zeitraum füllen in dem geistige und körperliche Ermüdung uns
wohltätig gegen den Schmerz abstumpfen dessen Opfer wir wurden Maria dachte
wenig und die tiefe Stille die sie umgab da Margarit ob aus eigenem oder
fremdem Antrieb schweigend in einem Eckchen ihrer Befehle harrte ließ sie eine
Abfindung mit dem Leben träumen eine Trennung von der Welt an die sie mit
Befriedigung dachte Sie schauderte daher erschreckt auf als ein dunkler
Schatten vor dem Fenster vorüber nach ihrem Bette glitt denn sie fühlte Furcht
vor neuen Erschütterungen und ihr erster Gedanke war das grauenhafte Wesen der
Nacht zu sehen Beschwichtigend drangen daher die sanften Sprachlaute der
Schwester Electa zu ihr nieder
Der Friede des Herrn sei mit Euch Mylady so redete die feine Gestalt sie
an indem sie über den Fußboden hinschwebend dem Bette nahte Ich wollte Euch
meine Dienste anbieten fuhr sie fort und Euren Arm verbinden
Maria richtete sich mühsam auf erwiderte leise den ersten Gruß und gab
sich willig den Bemühungen hin welche der weibliche Arzt mit großer
Geschicklichkeit übernahm Als dies Geschäft beendigt zögerte die Schweigende
noch einen Augenblick und betrachtete das bleiche Gesicht ihrer Pflegebefohlenen
mit Teilnahme
Ihr seid auch im Übrigen leidend liebe Lady und Eure Hände haben
Fieberwärme soll ich Euch einen kühlenden Trank bereiten
Habt Dank erwiderte Maria mir ist ganz wohl und nur mein Kopf entbehrt
Ruhe Ruhe es ist schwer sie zu finden daher bin ich geduldig dass sie mir
fehlt
Ruhe hob Electa an Ruhe kehrt nur ein wo wir mit frommem Vertrauen was
außer uns liegt an die Regierung dessen verweisen der über alle Erscheinungen
der Erde wacht
Ich hoffe sagte Maria ich befinde mich noch auf dem Wege des Vertrauens
den Ihr bezeichnet aber ich bin jetzt keines klaren Bewusstseins fähig Eben
mein Kopf hindert mich es ist Alles abgerissen ohne Folge und Ausdauer nur
hier setzte sie seufzend hinzu ihre Brust berührend hier fühle ich eine
niederbeugende Last
Nichts beugt uns tiefer erwiderte die ernste Gefährtin mit Sanftmut als
wenn wir von der unruhigen Begierde das Leben nach unserm Willen zu lenken
abstehen müssen und unsere geringen Kräfte kennen lernen welche Jugend und
Unerfahrenheit uns überschätzen lassen Doch diese Erkenntnis ist mehr als
alles Andere eine Gnade des Himmels und kein süsseres Glück ist als still
harren auf den Willen des Höchsten
Ja sagte Maria unwillkürlich Anteil nehmend ich habe eine Ahnung von dem
Frieden der Seele in dem jeder Widerstand sich auflöst weil der Einklang
gefunden ist mit uns und der Außenwelt Aber dies ist das Ziel nicht der Weg
Nimmer mögen wir dahin gelangen wenn wir uns nicht in der Teilnahme aller
unserer Kräfte kämpfend und wieder kämpfend und zu immer neuen Fragen ans
Leben bereit erhalten bis wir alle Antworten vernommen haben die möglich sind
und nötig zum Frieden mit uns selbst und wenn dazu Mut und Kräfte schwinden
setzte sie schwermütig hinzu dann ist uns das Härteste geschehen
Ach seufzte Electa nach einer kleinen Pause junges kühnes Gemüt wie
gefährlich ist ein dergestalt herausforderndes Treiben Der Frieden den ich
meine ist ein Gnadengeschenk des Himmels das hernieder fließt ohne unser
Verdienst ohne unser kühnes Ringen Ich verstehe Euch zum Teil nicht doch
wie mir scheint glaubt Ihr diese Gabe Euch selbst mit Euren menschlichen
Kräften erwerben zu können Vergebt aber mich schaudert vor dem Gedanken das
höchste Gnadengeschenk durch den Hochmut der Menschen verunglimpft zu sehen Die
Welt ist die Versuchung der wir entsagen sollen um Frieden zu finden Wir
können nicht mit der Welt im Einklang sein und zugleich auch mit dem Willen
Gottes denn die Welt verlockt uns stets zum Widerspruch gegen denselben ehe
wir Alles in ihr als eine Versuchung zum Bösen ansehen lernen und ihr gänzlich
absagen
Mein Geist ist müde und schwach erwiderte Maria sanft und ich möchte Euch
kein Ärgernis geben da Ihr sicher gefunden habt was Ihr als ein unmittelbares
Gnadengeschenk Gottes anseht
Nein nein unterbrach Electa hier die angefangene Rede mit mehr Eifer als
Maria diesem stillen Wesen zugetraut Nein glaubt nicht dass ich zu den
Gewürdigten des Herrn gehöre denen er seinen Frieden gab Wenigen nur wird so
großer Lohn zu Teil Wenigen nur und ich trage den Fluch der Welt noch auf
meinem verlockten Geist und mein Gebet ist unfruchtbar und kann diese Seligkeit
nicht hernieder flehen Zehn Jahre sind es dass ich in wahrer reumütiger
Erkenntnis einer Welt entsagt die den Gesetzen christlicher Demut Hohn
spricht und die empfangene Sünde hat noch ihren Stachel in mir zurückgelassen
Und Ihr armes junges Wesen scheint in dieser Welt und unter allen ihren
zahllosen Verlockungen die Erlangung des Friedens zu hoffen der selbst da
ausbleibt wo alle Versuchungen der sündigen Welt vor diesen heiligen Mauern
umkehren
Maria konnte nicht ohne Teilnahme die tiefe Zerknirschung den peinlichen
Zustand der armen Seele sehen die unter dem Schleier stiller Ergebung ein so
unruhig kämpfendes Herz barg
Es ist nichts so wirksam ein edles Gemüt aus den Banden des eignen Kummers
zu erlösen als der Blick auf ein fremdes Seelenleiden welches bei jungen
Personen überdies noch stets den Wunsch belebt einwirkend zu helfen während
längere Erfahrung uns die Unzulänglichkeit dieses frommen Eifers einsehen lässt
und uns mehr bloß zum teilnehmenden Zuschauer macht
Ihr fandet also auf dem eingeschlagenen Wege nicht den Frieden nach dem Ihr
trachtet hob Maria nach einer kleinen Pause gutmütig forschend an Ihr hättet
Euch in der Welt erst mit ihr versöhnen müssen jetzt steht sie wie eine Feindin
hinter Euch und der Hass den Ihr empfindet stört eben Euren Frieden und er
kommt nimmer von Gott Seine Welt ist eine heilige Offenbarung und unsere
Unvollkommenheit ist es wenn wir sie mit Sünden belastet sehen
Sprecht nicht so Ihr wisst nicht was Ihr sagt und dass Ihr im Irrtum seid
Es ist Gottes Wille dass wir die Welt hassen sollen um uns davon los zu reißen
und dem Himmel in seiner reinen Herrlichkeit uns zuzuwenden Um der
Unsterblichkeit unserer Seele willen müssen wir den ewigen Tod der Sünde
fliehen uns kann nur Ruhe in dieser Welt Versöhnung in jener werden wenn wir
die Versuchung hassen lernen und im Gefühl unserer Schwäche davor fliehen Ihr
seid noch in der unglücklichen Sucht befangen Euch selbst zu beraten daher
hofft Ihr so weltlich weil das Weltliche Eurer sündigen Neigung zusagt Erst
wenn wir uns selbst verlassen und die ganze Last unserer Verantwortung einem
Gotterfüllten Führer anheim stellen erst dann sehen wir ein wie nutzlos wir
uns abmühten in der eigenen regellosen Tätigkeit Eine Gnade Gottes ist der
geistliche Gehorsam dem wir allein dann angehören und von bevorrechteter
geistlicher Erkenntnis gelenkt werden wir von der Sünde entfernt
Aber auf welchen Wegen glaubt Ihr sprach Maria dass jene Gotterfüllten
bevorrechteten Führer fähig wurden uns Irrende zu leiten und verantwortlich für
uns zu werden Glaubt Ihr nicht dass sie mit sich selbst erst anfingen und der
Selbstberatung nicht überhoben waren um ihren Geist zu der Höhe zu führen die
sie nun erst für Andere zu einem schützenden Vormund ihrer schwächern Seele
macht
Die heilige Kirche erwiderte Electa verleiht ihren Dienern ohne sie
durch die befleckenden Wege gewöhnlicher Menschennot zu führen die Höhe und
Heiligkeit von welcher den Schwächern mitzuteilen sie berufen sind Ein ganzes
Leben in heiliger Einsamkeit und Unschuld zugebracht ein Leben an das nie ein
irdisches Verlangen streifte ein Leben dass durch die Satzungen der Kirche über
uns so weit erhoben ist soll von uns nicht mit dem Maassstabe gemessen werden
der unser eigenes irdisches unvollkommenes Dasein uns gibt Wenn ihnen Kämpfe
aufgegeben sind wie uns allerdings die Geschichten der Heiligen sagen so sind
diese so weit über denen die wir zu bestehn haben dass ihrer teilhaft zu
werden schon eine Heiligung für uns wäre Die Not die uns beugt liegt als
ein unbekanntes Gebiet weit ab von ihrer Bahn und doch suchen sie den
Seufzenden dort auf doch wissen sie ihn zu finden und die reine Atmosphäre
ihrer Nähe zu der sie uns hinziehn ist der Anfang womit sie uns Schauder
erregen vor unserer weltlichen Gestaltung Denn allgemach zu dem Mute zu
erstarken die Seele aufzutun die Sünde auszusprechen von der wir uns selbst
nur ein lügenhaftes Geständnis abzulegen vermögen die Wahrheit aufgedeckt zu
hören von dem geheiligten Munde des Reinen Untadeligen und uns selbst baar von
jeder Täuschung zu erkennen ferner in der Angst und Qual der Sünde die uns
dann befällt an ihn uns festhalten und uns nicht verloren halten zu dürfen so
lange wir ihm gehorchen ja von ihm die Last unserer Sünde getragen zu fühlen
ihn verantwortlich dafür gemacht zu sehen wenn wir bloß befolgen was sein
heiliger Mund gebietet wie wäre damit die eitle Sucht zu verbinden die Retter
unserer Seele selbst auf eine Linie der Betrachtung mit uns zu stellen da sie
doch so hoch über uns stehen
Es muss ein schönes Loos sein das gefunden zu haben was Ihr schildert
erwiderte Maria An einem hochbegabten reinen Geist in unserer Nähe uns
aufzuranken und in seiner Klarheit leicht zu erkennen wo in uns selbst es
dunkel blieb Wahrheit gebend und empfangend sich auszuheilen von dem leicht
gehegten Schein derselben das ist ein seliges Loos wer es gekannt und einsam
dann verbleiben muss der welkt am Boden früher hin
England rief hier Electa mit heiligem Eifer ist arm geworden an dem
heilgen Troste den ich meine und darum verwirrt ein irres Suchen dies arme
Land Der Sünder will vom Sünder Schutz der von derselben irdischen Not
belastet seufzt und der für den Leidenden an seiner Seite nur dieselbe Qual zum
Austausch der Empfindung nicht aber die Kraft zu entsündigen erhalten hat
Alle die dem neuen Geiste fröhnen alle die gleich Euch Mylady wie mir
däucht an weltliche Bande denken bei dem was ich auf jene höheren Geistlichen
bezog die werden welk werden vor der Zeit Denn es ist zwar noch die Wurzel
die ihrer inneren Natur gemäß Zweige und Ranken treibt aber die Hand des
Gärtners fehlt die sonst empor das strebende Gewächs gezogen hätte sich selbst
überlassen überwächst sich der Keim erstickt in eigener ungeregelter Fülle und
welkt am Boden hin
Dies Gleichniss scheint Ihr gute Schwester auf unsere Kirche zu beziehen
und fragen möchte ich Euch dagegen ob Ihr denn die Eure noch auf dem
Standpunkte glaubt den Ihr so eben schildertet und der sich allerdings in
ihrer früheren Entwickelung vorfand Nie habe ich ohne Achtung und Verehrung der
frommen Männer denken können welche zuerst die Inbrunst ihrer Liebe und
Anbetung unter jenen Formen darzustellen strebten worin nach ihnen so viele
Tausende mit gleicher Inbrunst ihr heißes Andachtsgefühl versenkten und es
heiligten und heilig übertrugen durch das unschuldige Verlangen das Höchste
was uns gegeben ward zu ehren Sie hatten sicher einen göttlichen Ruf
empfangen und erstaunenswürdig bleibt was ihnen in einer Welterrschaft
gelungen welche ohne Beispiel in der Geschichte steht und deren Segensfülle in
allen Richtungen nachzuweisen ist Doch eben sie die Geschichte lehrt uns auch
die ganze Stiftung als ein Menschenwerk betrachten das der Welt seine großen
Dienste tat und des Inhalts entledigt den das Bedürfnis erheischte nun leer
geworden ist und den Gang alles Irdischen allmäligem Verfall entgegen geht
Noch sind einzelne Seelen mit ihrer frommen reinen Liebe vermögend einen Sinn
hinein zu legen dem ihrer ersten Stifter ähnlich Aber dies ist individuell es
ist nicht mehr das Werk der Geist der Kirche Haltbar ist nicht was Basis
einer Weltentwickelung war die erreicht nun ein anderes Bedürfnis sucht und
findet und so erlaubt es mir zu denken ist die Reformation entstanden nicht
Menschenwerk dem Menschenwerk entgegen sondern notwendige Entwickelung der
Menschheit in sich das Bedürfnis eines höheren Lebens im Geiste unabhängig von
dem Verhältnis berechtigter Menschen der Priester zu unberechtigten den
Laien mit einem Wort ein Leben mit Gott durch den freien Genuss des
Evangeliums
So bin ich gelehrt worden zu denken und so sehe ich Eure Kirche nicht
tadelnd aber als ein ehrwürdiges Vergangenes an und weiß gar wohl von ihrem
wahren Inhalt zu trennen was notwendig mit ihrem Verfall als Sünde sich von
ihr aus verbreitet hat
Unglückseliges Kind sprach hier Electa sich bekreuzigend welch ein Geist
spricht aus Euch Ach Herr Herr Du prüfst mich hart in dieser Versuchung
warum muss ich die Schwache und Ohnmächtige unsere heilige Kirche angreifen
hören Warum muss ich in ein Gemüt blicken das sicher geworden ist in so
schrecklicher Verläugnung
Es war nicht meine Absicht Euch weh zu tun unterbrach Maria die
Erschütterte in ihren Klagen ich war eben nicht in der Stimmung so ernste
Dinge mit Euch zu erwägen Ihr selbst habt mich dazu belebt und die einmal
gewonnene Überzeugung zu unterdrücken fehlt mir jede Anlage Glaubt nicht in
mir eine verhärtete Seele zu finden ich hoffe eine Christin zu sein und mein
Herz ist voll von dem Glauben an die Offenbarung Lasst uns damit beschließen
wir möchten sonst weit über unsere Befugnis uns hinausreden
Und jetzt trat Pater Klemens zu ihnen von dem es ungewiss blieb ob er ein
Zuhörer gewesen da sein gelegenes und geräuschloses Herzutreten die Antwort der
jetzt sich entfernenden Schwester Electa verhinderte und es im Zweifel blieb
ob sie nachgiebiger oder zurückstossender ausgefallen sein würde
Maria richtete sichtlich erfreut sich ihm entgegen und es war nicht zu
übersehen wie sie hold ihn anlächelnd auf dem einzigen ihr gebliebenen
bekannten Gesicht ein Wohlwollen suchte das sie bei der Fremdheit und
Verlassenheit ihrer Lage festzuhalten strebte Aber Pater Klemens vermied den
Blick dieses wiederbelebten Auges und nachdem er sanft aber kurz nach ihrem
Befinden gefragt kündigte er ihr trocken an dass er komme ihr Lebewohl zu
sagen da er vor Nacht das Schloss verlassen werde
Bei dieser Nachricht fühlte sich Maria wie von einem betäubenden Schlage
gelähmt und gleich darauf von einer Flut so niederschlagender und angstvoller
Vorstellungen überwältigt dass sie fast einen Schrei außstieß und wie vor einem
Schreckbilde ihr Gesicht verhüllte Pater Klemens fuhr indes ohne sich davon
scheinbar bewegen zu lassen mit Ruhe fort Ihr findet hier ehrenvollen Schutz
und alle Gelegenheit Euren Geist in die Stimmung zu bringen die Eurer Zukunft
die entsprechendste ist Es wird Euch an belehrendem Umgang nicht fehlen Ihr
werdet Euch Liebe und Wohlwollen erwerben können und jede Teilnahme finden
die der Tugendhafte stets für alle wahren Interessen des Lebens empfindet Vor
Allem aber denkt mit Dankbarkeit gegen Gott daran dass Ihr durch die Boten
seiner Gnade auf Erden aus den Fallstricken des Lasters errettet seid
Indem mein Auftrag an Euch hiermit vollendet ist setzte er mit weicherer
Stimme hinzu empfehle ich Euch dem Schutze des Himmels und will Gott bitten
Eurem Geiste diejenige Stimmung zu verleihen die Euch den Frieden in Euch und
zu Euren Umgebungen sichert Der Herr segne Euch und Maria fühlte eine
kalte Hand auf Ihrem Scheitel und den angefangenen Segen dem nun die schnelle
Trennung folgen sollte unterbrechend ergriff sie die Hand des Mönches und
zeigte ihm mit dieser raschen Bewegung ihr rührendes von Schmerz und Angst
entstelltes Angesicht
Nein nein Ihr könnt mich nicht verlassen wollen rief sie bebend so den
letzten Trost nicht von mir ziehen Ihr wollt mich bestrafen für meine Ungeduld
am Morgen mich noch mehr erschrecken Nein rief sie lebhafter seine Antwort
unterdrückend Ihr könnt mich in dieser fremden Welt nicht ohne Schutz lassen
Bleibt nur hier ich bitte Euch Still will ich sein und Euch gehorsam wie ein
Kind dem Vater Alles will ich tun was die schreckliche Gebieterin verlangt
denn mein Inneres kann ich behüten und das Äußere zu befolgen soll mich
Demut lehren und Nachsicht gegen fremden Willen Ich will das düstere
Nonnenkleid anlegen fuhr sie fort die steigende Bewegung des Pater Klemens
nicht sehend ja ich will hinab steigen in die finstere Gruft wo Ihr Gott
dient und hier wie da werde ich beten können Aber geht nicht fort wenn Ihr
nicht den Tod über meinen geängstigten Geist hernieder rufen wollt oder müsst
Ihr fort so nehmt mich mit Fürchtet nicht für mich auf einer vielleicht
beschwerlichen Reise Ich will Alles entbehren was die Pflege des Körpers
erheischt ich will mit Euch zu Fuße wandern ich habe Kräfte glaubt mir Ach
erdrückt nur nicht den Geist in mir raubt dem Herzen nicht den letzten
Hoffnungsstrahl und Ihr sollt mich ausdauernd finden und unermüdlich in Allem
was Ihr begehrt
Pater Klemens hatte nicht ohne Rührung und Erstaunen ihren Worten gehorcht
Maria hatte in ihrer Angst die Kenntnis der unterirdischen Kirche verraten und
ihm zugleich eine Anhänglichkeit und ein Vertrauen gezeigt dass er seinem Herzen
nicht wehren konnte zu überlegen ob den Geboten Genüge zu leisten sei die ihn
von ihr vertrieben Aber es konnte nur ein kurzer Kampf mit seinem menschlichen
Gefühle sein schnell kehrte der gewohnte Einfluss des Gehorsams wieder und er
suchte sich mit der Hoffnung zu trösten ihr Schicksal könne noch in dem höheren
Willen seiner Obern eine bessere Wendung nehmen
Ich muss Euch zwar hier verlassen hob er daher bald gefasst an als ihr Blick
ängstlich seiner Antwort entgegen sah doch geschieht dies mit der innigsten
Überzeugung dass für Euer Wohl damit gesorgt ist Ich habe bei dem was Ihr
mich tun seht keine freie Wahl mir steht nicht zu zu ändern und zu klügeln
mir fehlt die Übersicht von dem was nötig ist es wird erreicht indem ein
Jeder ohne Einspruch auf seinem Platze das Befohlene tut Dies genügt uns und
ist Erfüllung unseres Berufs
Ha rief Maria sich erhebend und mit glühenden Wangen vor ihn tretend wo
ist die fürchterliche Gewalt die Euren hellen Geist in solche Knechtschaft
zwängt Wer seid Ihr dass Ihr das hohe Recht der Menschen aufgegeben frei der
eigenen Überzeugung zu folgen Wie hat man es vermocht Euch so in Fesseln
einzuschlagen dass Ihr Euch der freien Beratung mit Euch selbst entzieht und
blind und ohne Zweck ein abgerissenes Dasein lebt unwissend ob der Weg den
Ihr mit festgeschlossenen Augen geht derjenige sein wird auf dem Ihr vor Gott
dereinst wünschen werdet Euch befunden zu haben Ist das die Stimme des
Gewissens der wir folgen sollen die Euch von dem verlassenen Wesen fortruft
welches verlockt durch falsche Kunst aus ehrenvollem Schutz getrieben hier
unter grauenhaften Umständen von neuen dunkel drohenden Gefahren sich umgeben
sieht O werft ein so fremdes Wesen von Euch gehorcht dem heiligen Geiste der
in der Brust des bessern Menschen Tun und Lassen richtet O dass ich Euch
rührte für Euch selbst für mich
Es entstand eine Pause Der Pater war in eine Stimmung gebracht die ihn
entsetzte doch in dem Maße als er was er eben vernommen innerlich wie eine
harte Versuchung zu bezwingen trachtete riss er sich mit seiner ganzen Kraft
davon los und erwiderte mit mehr Kälte und Härte als zu erwarten war
Haltet ein mit Euren unbesonnenen Reden Euer Verstand ist ein keckes Ding
und überbietet mit leichten Worten schnell jedes Maß womit Ihr wenigstens
trachten solltet das zu würdigen was fremd oder widersprechend erscheint
Lernt erst begreifen dass wer zu gehorchen vermag in sich einer größeren Kraft
bedarf als zum Widerstehen gehört dass nur der mit Ruhe die äußere Freiheit
aufgibt der sie nach Innen gesichert hält und dass der Weg kein fremder ist
auf welchem das Panier des Heilandes weht Eben darum verstummt die neugierige
Frage ob seine Bahn auch rau und öde über Fels und Trümmer durch stille nie
bemerkte Täler führe Ihr wisst es selbst nicht wie ich in Eurem Wesen eben
jetzt die Weisheit derjenigen verehre die Euch hier zur Erkenntnis Eurer selbst
die Gelegenheit geben
Scheltet mich wie Ihr wollt rief Maria schnell seine weitere Rede
hindernd aber verlasst mich nicht stellt mich so unmündig dar wie Ihr wollt
überzeugt Euch nur dass ich um so mehr Eures Schutzes bedarf Ich glaube dass
Ihr mich kennt und Eurer Weisung will ich gehorchen aber schweigt mir von der
fremden Macht von der ich mich gekannt denken soll Oder fuhr sie plötzlich
ernster fort ich muss glauben wer ich bin zu wem ich gehöre ist nur ein mir
vorentaltenes Geheimnis und jene Obern tragen irgend eine Absicht mich die
Freigeborene hier als Gefangene verschmachten zu lassen O entsetzliches Loos
Könnt Ihr es denken dauert Euch meine Jugend nicht nicht der Schmerz derer
die mich vielleicht zu finden trachten und denen ich hier widerrechtlich
vorenthalten bin
Ihr werdet mit dieser Art die Umstände anzusehen erwiderte der Pater
unter die Ihr Euch fügen müsst Euer Loos schwerer machen als es der Wahrheit
nach zu nennen ist Nehmt die Dinge so einfach wie sie vor Euch liegen und
überlasst es der Zeit die Veränderungen darin hervor zu rufen die der Himmel
Euch bestimmt
Ach welch ein Rat für ein Herz das in so kurzer Zeit alle Gefahren einer
schutzlosen Lage durchkämpfen musste und sich nicht verhehlen kann dass es auf
sich auf seine eigenen Kräfte angewiesen ist auf eine Erfahrung so jung und
ungeprüft die muss ich Euren Worten glauben so unzulänglich sich erwies dass
es einer fremden Einwirkung bedurfte um die schrecklichen Folgen des ersten
selbst gelenkten Schrittes abzuwenden
Ihr solltet daraus lernen wie wenig Ihr zur eignen Lenkung Euers Schicksals
berufen seid und dankbar anerkennen dass Eurer Jugend diese Hilfe von einer
Seite kommt wo mit der reifsten und weit reichendsten Erfahrung der Wille sich
verbindet sie zu Eurem Nutzen anzuwenden
Nein nein Ihr überredet mich umsonst diese heimlich waltende Macht als
eine wohltätige anzusehen ihre Anordnungen sind im eigenen Interesse mit
Beschränkung der Freiheit dessen angeordnet dem sie zu helfen vorgibt Ich
will mich frei erklären Ich verlange über mich Gewalt zu haben diese Mauern
will ich verlassen und heute noch ich will von Gott geschützt den suchen der
allein ein Recht hat mir zu gebieten
Da Ihr denn selbst diesem heiligen Schutze entsagt so danket Gott dass
Niemand in diesen Mauern lebt der Euch zu willfahren berechtigt ist Ich warne
Euch noch ein Mal ergebt Euch mit Gelassenheit in Eure Lage Der Widerstand
möchte eine Aufmerksamkeit erregen die Euer Schicksal auf eine Weise bestimmte
wie Ihr sie am meisten fürchtet und wie sie jetzt vielleicht noch abzuwenden
ist wenn Ihr still ergeben Euren aufstrebenden Geist verberget
Ihr sprecht in Rätseln und lasst doch ahnen man habe mich zu andern Zwecken
hierher gebracht als mich der Schande zu entziehen Ihr wisst mehr Es ist
gewiss Ihr kennt die Absicht die über mich bestimmt und seid nicht ohne
Mitleid ohne Teilnahme Erbarmt Euch denn und tut mehr entreisst mich dieser
Lage die so viel Bedrohliches in sich schließt Ich muss Euch vertrauen obwohl
Ihr Euch so klein so gering als Diener jener fremden Macht bezeichnet Ihr habt
ein Herz ich weiß es Ihr könnt es nicht so sehr im Gehorsam ersticken dass es
Euch nicht sagte was menschlich und gerecht ist Fürchtet nichts von meiner
heftigen Weise die stärker ist als ich sie sonst in mir kannte was ich jetzt
wohl fühle denn die Kräfte des Menschen wenn sie erweckt werden treiben gute
und böse Früchte und eingehegt von treuer Liebe und belebt vom reinsten
Vertrauen kannte ich den Widerstand nicht den ich heftig in mir sich regen
fühle wo Beides aus meinem Leben nun verschwunden ist Doch ich will mich gegen
Euch ganz bezwingen lernen denn Euch muss ich am meisten jetzt vertrauen wenn
ich auch wünsche Ihr vertrautet in höherem Grade Euch selbst Es sind erst
Stunden verflossen seit mein Geist von einer Schwäche befallen war die mir
sonst fremd mich jetzt mit Angst erfüllt Ich glaubte sonst der äußern Not zu
widerstehen sei das Schwerste aber ein tödtliches Grauen umschleicht mich
wenn ich denke der Geist wird endlich müde und schläft ein im Schlaf könnte er
geschehen lassen wovor ihm beim Erwachen grauete Seht sagte sie leiser und
mit kindlicher Furchtsamkeit ihm nahend ich zittere für das Heil meiner Seele
Ihr könnt nicht leugnen ehrwürdiger Herr hier wird ein anderer Glaube als der
meine streng geübt man wird mich ungern als anders Glaubende hier dulden man
wird den Übelstand durch Bekehrung heben wollen und seit heute Morgen fehlt
mir der gute Mut ich könnte siegend mir selbst getreu verbleiben Ich sehnte
mich zu sterben in meinem Schmerze und konnte nicht recht beten und jeder
Trost der lebenskräftig sonst aus meinem Glauben mir entgegen trat war mir so
fern wie hinter Nebeln ein Freund den man nur schwach erkennt Das könnte
wiederkehren ich weiß nicht wie ich sagen soll sterben möchte ich nur nicht
den Rückschritt tun zu Eurer Kirche und möglich halte ich ihn bloß weil mir
die neue Erfahrung geworden ist von meiner Geistesschwäche
Unglückliches Kind sprach nach einer Pause der Geistliche mit mehr Gefühl
als er sich gestatten wollte Ihr rührt mich so sehr ich Euch im Irrtume sehe
und darum desto mehr Warum ward Eurem fähigen Geiste nicht von Jugend auf die
sanfte Lenkung unsrer Kirche zu Teil Nicht Furcht nicht Zweifel beugten dann
Euren Mut Ihr würdet in jedem Glaubensbruder die Verwandten wieder finden die
Euch entrissen sind wie Tausenden vor Euch Das ist der Fluch von jener
Spaltung der wahren vom Heilande eingesetzten Kirche dass Mensch vom Menschen
geschieden steht im irren Zweifel dass der Eine seiner Seele Heil nur dann
behütet glaubt wenn er gering hält und verachtet was dem Andern heilig
erscheint Wo ist der Anhalt in Eurer Kirche wenn der Geist ermüdet unterliegt
wie Ihr eben an Euch selbst gewahrtet Der Hochmut Eurer Selbstgerechtigkeit
treibt Euch hinaus weit über die Grenzen Eurer wahren Kraft Ihr unterliegt in
dem eitelen Treiben der Welt und nirgends findet Ihr den Anhalt in dieser Wüste
nirgends den sichern Port in dem Ihr ausruhen könnt und Schutz und Hilfe
findet Er ist nur im Schoss unserer Kirche nur Eigentum der frommen Männer
die in heiliger Betrachtung der göttlichen Dinge den Maßstab für die richtige
Würdigung irdischer Not gefunden Sie allein vermögen uns zu stützen wo wir
erlahmen in dem wilden Jagen nach eitler Lust und Ihr fürchtet diese Stütze
Ihr fürchtet sie in dem Augenblicke wo Ihr Euch schwankend fühlt in Eurem
stolzen Alleinsein
Genug ehrwürdiger Sir unterbrach Maria hier den Eifernden schnell zu sehr
mahnt mich Eure Rede daran dass ich nicht umsonst fürchtete in diesem Hause den
Angriffen Eures Glaubenseifers ausgesetzt zu sein Nicht zum polemischen Kampfe
fühle ich mich gerüstet und billig solltet Ihr meinem Geschlechte und meiner
Jugend dies erlassen wollen obwohl verhehlen will ichs Euch nicht mir Einiges
beifällt das dartun möchte die Erde sei überall des Herrn und Hinfälligkeit
drücke ihren Stempel auf alles MenschenWerk Der Glaube dem ich angehöre
gibt mir Kraft und eben jetzt mich aufzulehnen gegen falsches unklares
Treiben Frei bin ich geboren und einem hohen Geschlechte gehöre ich an wenn
über seinen Namen mir auch ein Gewebe gezogen ist in welchem ich Wahrheit von
Trug nicht mehr zu trennen weiß Dem gemäß darf ich nicht leiden dass ich zu
unbekannten Zwecken unbekannter Menschen diene und müsst Ihr mich verlassen so
begehre ich mindestens durch Euch die kennen zu lernen die hier gebieten auf
dass ich mich offen mit ihnen selbst verständigen könne
Maria hatte ihre volle Energie wieder erlangt ihr schönes Antlitz zeigte
Licht und Farben ihr schlanker Wuchs hob königlich sich höher und der Ton
ihrer Stimme hatte die bebende Tiefe die aus einem gekränkten Herzen kommt
Pater Klemens übersah dies nicht und fühlte wohl wie wenig fürs Erste diese
Stimmung geeignet sei ihrem Schicksal eine bessere Wendung zu geben aber diese
Betrachtung war zugleich mit einem warmen Gefühl der Teilnahme verbunden und
machte es ihm unmöglich ihren Vorteil ganz zu übersehen ja ihn beschlich
sogar ein Gefühl von Furcht vor derselben Macht der er diente als müsste er sie
davor zu schützen suchen Vielleicht hätte ein etwas ruhigeres Nachdenken ihn
dieser menschlichen Empfindung entzogen und ihn wieder zum Sklaven seiner
aufgenommenen Pflicht gemacht Häufig indes übt eine wahrhaft edle Natur auf ein
mühsam bezwungenes Gemüt worin der edle Keim überbaut von Absicht und
Sophisterei begraben liegt die magische Gewalt belebend zu dem halb
Erstorbnen einzudringen Es entstehen so oft Zeichen eines höheren Daseins in
einem sonst leer davon befundenen Leben wunderbarer als die Oasen in der
Wüste und vergänglicher und leichter überschüttet von dem heißen Sande des
ringsum herrschenden Bodens Genug der Pater zögerte nicht ein Mensch zu sein
Wünscht diese Zusammenkunft nicht in dieser Stimmung sagte er leiser und
lasst Euch warnen den Geist nicht zu zeigen der Euch belebt Man fürchtet eben
Euer hochstrebendes Gemüt und wenn man sich davon überzeugt hielte würdet Ihr
nie mehr diese Mauern verlassen dürfen Erschreckt nicht so heftig sprach er
begütigend weiter da er die blasse Stirn den Schreck des edelen Wesens sah Ihr
sollt nicht umsonst mir Vertrauen geschenkt haben Haltet mich nicht zurück Ich
kann Euch nützlicher sein in der Ferne und ich will es wenn Ihr mir dagegen
feierlich gelobt Euch hier mit Klugheit zu verhalten durch keinen Widerspruch
eine zürnende Aufmerksamkeit auf Euch zu lenken still ehrend Electas und der
Andern Glaubenseifer zu begegnen und ruhig den kühnen Geist in Fesseln
einzuschlagen Dann fuhr er schwankend fort glaubt man vielleicht wenn ich zu
Eurer Freiheit Euch das Zeugnis des beschränkten Sinnes gäbe doch genug
unterbrach er sich sichtlich beängstigt Die Teilnahme macht mich geschwätzig
ich hoffe Ihr werdet mich nicht missverstehn Ich ehre jede Absicht meiner Obern
und hoffe ihnen nicht zu nah damit zu treten dass ich zu Duldung und Gehorsam
Euch ermahnte
O bereut nicht edler Mann was Euer menschlich Herz Euch sagen ließ rief
kindlich zärtlich hier Maria Ihr habt genug gesagt Kann ich auch den Grund von
diesem Verfahren nicht erkennen so weiß ich doch die Absicht und will mich
wahren mit Gottes Beistand obwohl ich niemals absichtlich zu täuschen gelernt
sondern es stets verschmäht habe Ich will Gott bitten dass er mir eingebe was
nötig ist die Feinde hier zu täuschen denn Freiheit ist so süß und jenseits
dieser Mauern lebt noch so manche heitere Hoffnung Ach helft mir sie erringen
und glaubt mir die schöne Welt die Gottes Offenbarung war sie ist nicht
sündig und Sünde nur ist was sie von Gottes Ebenbild trennt
Tränen flossen auf die Hand des Priesters die Maria mit den ihrigen fest
umschlossen hatte und so lebensvoll so überzeugt sprach sie ihm zu dass es
fast schien als habe sie vielmehr das Werk der Bekehrung an ihm versucht und
sei weiter darin vorgedrungen als mit seinem Berufe sich vertragen wolle denn
das niedergeschlagene Auge konnte nicht ganz verbergen was seine
ausdrucksvollen Züge von innerem Widerspruch und tiefer Rührung sagten
So lasst uns scheiden sagte er sanft und Gott behüte Euch und lenke Alles
nach seinem Wohlgefallen
Sanft beugte Maria das Haupt und segnend berührte er es einen Augenblick
Leise aber fest verließ er das Gemach und Maria blieb nicht so trostlos
zurück wie er sie gefunden Ein Strahl von Hoffnung erhellte die düstern Räume
ihres Herzens in welche mit der vollen Kraft der Jugend das Vertrauen
wiederkehrte und der Mut dem Widerwärtigen zu begegnen
Wir wollen nicht behaupten dass Marias Mut derselbe blieb als sie am
nächsten Morgen die Augen aufschlug und ihre Gedanken darauf fielen dass Pater
Klemens längst aus diesen Mauern entfernt sei und sie allein Allem gegenüber
stehe was ihr fremd und besorglich erschien Aber der gesunde Schlaf der Jugend
hatte nicht umsonst ihren Körper erquickt frei lebte er auf und in ihm fand
die Seele Ruhe
Margarits Vater bereitete das Frühstück an dem lodernden Feuer des Kamins
während Maria sich mit Hilfe der Tochter im Nebenzimmer ankleidete Bei ihrem
Eintritt empfing sie eine sehr feierliche Einladung des alten Dieners der
Herrin des Schlosses sich vorzustellen
Ich bin bereit erwiderte Maria mit leichtem Wechsel der Farbe sagt Eurer
Dame meine Willfährigkeit ihr aufzuwarten Sie wird die Stunde Euch vielleicht
bestimmt haben wann sie mich empfangen will denn wenig kenne ich noch die
Ordnung des Hauses
Ihr Gnaden bedürfen einer langen Morgenruhe sprach der alte Diener die
Augen niederschlagend Schwester Electa wird Euch Mylady abrufen wenn Ihr
Gnaden dazu bereit sind
Schön mein guter Alter erwiderte Maria wir sind erst kurze Zeit
Bekannte ich habe Euch aber Dank zu sagen für die Sorgfalt und Güte die Ihr
mir bei einigen Zufälligkeiten erwieset
Schuldigkeit durchaus Schuldigkeit murmelte der alte erfreute Mann und
schob den Sessel zu dem Tischchen worauf ein Frühmahl bereitet stand das der
Schlossküche Ehre machte und nichts vergebens aufgestellt war für Marias
angeregte Esslust
Sie beschäftigte sich alsdann damit die Einrichtung ihrer Zimmer zu
mustern und untersuchte besonders ihre Bibliothek die allerdings von
einseitiger Auswahl Maria aufs Neue die unheimliche Überzeugung gab dass man
auf alle Weise ihrem Geiste jene Richtung zu geben trachte welche in diesem
Hause die allein geduldete war
Eine kleine Ausgabe des italienischen Homers war hinter andern Büchern
verborgen offenbar eine Abweichung vom vorgeschriebenen Plan die Pater Klemens
sich erlaubt Es erfreute sie dies um so mehr da sie eine tröstliche Zusage
seiner milden wohlwollenden Gesinnungen darin wahrnahm das einzige Unterpfand
aller Hoffnung für ihre Zukunft
Diese Beschäftigungen wurden von der Schwester Electa unterbrochen welche
erschien sie zu dem bevorstehenden Besuche abzurufen Maria empfing sie mit der
ihr eignen huldvollen Güte und fest entschlossen den Rat des Pater Klemens
nicht zu vergessen so lange es sich mit ihrer Würde vereinigen ließe eilte sie
mit Margarits Hilfe ihre Kleidung in eine ernste Form zu bringen was ihr
leicht gelingen konnte da sie zum Wechsel ihrer Reisekleider nur die bei sich
führte die sie als Trauer für ihre Verwandte getragen Ihre Juwelen ließ sie
zurück und die Fülle ihrer schönen Locken verbarg sie unter einer schwarz
sammetnen Haube die an der Stirn mit einer Spitze anliegend in zwei kleinen
Bogen bis zu den Wangen sie umschloss und wenn auch allerdings zur herrschenden
Welttracht gehörend doch ein ungemein einfaches und ernstes Ansehen verlieh Sie
suchte während dieser Anordnungen ihr Gemüt zu sammeln und den Schauer zu
überwinden der jeden Augenblick bei dem Andenken an das Erlebte ihre Fassung
zu überwältigen drohte ja sie ermahnte sich höchst vorsichtig in ihren
Äußerungen zu sein und Alles genau zu beobachten was um sie her vorgehe
Als sie bereit war folgte sie der in großen Ernst versenkten Gefährtin
welche sie zu dem Hausflur führte von wo breit geschwungene schwerfällig
verzierte eichene Treppen in die oberen Zimmer des Schlosses gingen Überall
zeigte sich der prachtliebende Sinn der Erbauer oder Bewohner und die polirten
Stufen stimmten vollkommen mit den dunkeln eichenen Wänden überein an denen in
goldenen Rahmen eine Reihe Bilder hingen unterbrochen von künstlich verzierten
Wandleuchtern welche doch schwerlich mit ihren dicken gelben Kerzen die dunkeln
Räume erhellen mochten die keinen lichten Gegenstand zum Reflex ihrer Strahlen
darboten Der trübe Morgen erhellte nur sparsam diese Gegenstände denn sein an
und für sich schwaches Licht fand keine Unterstützung in den Scheiben von
gemaltem Glase die keinen Blick nach der Gegend gestatteten wohin sie führten
Auf der breiten saalartigen Brüstung wo sich beide Treppen oben vereinigten
brannten ein paar schwache Kaminfeuer und hier fand sich ein Diener der dem
leisen Befehl der Schwester Electa folgend hinter einem großen sehr roh
gezeichneten Gobelin verschwand welcher den Haupteingang zu den innern
Gemächern zu verbergen schien
Mit einem schrillenden Ton fuhr alsbald diese Vorwand zurück und von dem
stummen Diener angewiesen traten Beide in das Innere ein
Der große Saal der sie aufnahm schien gänzlich unbenutzt denn der weiße
Marmor seiner Wände zeigte sichtlich die trübe Farbe des Staubes und der
Feuchtigkeit wovon die Luft durchdrungen war und die fast erschreckend die
Eintretenden anfiel
Es folgte auf der rechten Seite wohin sie sich wendeten eine Reihe von
Zimmern die reich mit Samt seidenen und goldenen Tapeten behängt und
ausgestattet waren zugleich aber unfehlbar aus einer neueren Zeit herstammend
eine Reihe Gemälde aus der Heiligen und LegendenGeschichte enthielten die
jedes feiner ausgebildete Gefühl für Kunst empören mussten Vor der letzten Tür
blieb Electa welche alle diese Räume mit gesenktem Haupte durchwandert und bei
ihrem raschen Vorschreiten Maria nur wenig Zeit gelassen hatte Beobachtungen zu
machen einen Augenblick stehen und Marias Näherkommen erwartend sagte sie
leise Ehrwürdige Frau wird sie genannt
Sie drückte die Tür auf und Maria stand in einem kleinen leeren Raum der
von oben Licht empfangend einen Flur bildete von wo eine schmale Wendeltreppe
aus den unteren Räumen in die Höhe führte Augenblicklich rief dieser Anblick ihr
die Erzählung Margarits von jener Treppe zurück wo der unglückliche
wahnsinnige Herr des Schlosses seinen verzweifelnden Geist ausgehaucht hatte
und die kleine spitze Tür der sie sich näherten schien mit ihrer breiten
Schwelle und tiefen Nische das Sterbelager des Unglücklichen zu sein auf dem
seine Gemahlin ihn am Morgen vergeblich zu erwecken suchte Schaudernd blieb
Maria stehen und nahm wahr wie Electas Schritte gleichfalls zögernd inne
hielten und sie erst nach einem kurzen Gebet einer Bekreuzigung und
Besprengung aus dem an der Tür aufgehängten Weihkessel sich zum Vorschreiten
anschickte
Fast wider Willen folgte ihr mechanisch Maria und sie standen nun wirklich
in einem düstern Schlafgemach mit dunkeln gründamastenen Tapeten und einem
ungeheueren Himmelbett versehn Das Zimmer in enger halbrunder Form durch
einige schmale hohe Fenster matt erleuchtet war das Innere eines Turms zu
dessen anderer Hälfte eine etwas größere Tür führte der sie sich jetzt
näherten
Dies zweite Gemach war von einem hellen Kaminfeuer sowohl erwärmt als
erleuchtet denn der Tag blickte auch hier nur sparsam kaum eingelassen durch
die hohen aber schmalen gotischen Fenster Das hell vorspringende Feuer
bewirkte aber dass Maria im ersten Augenblick geblendet außer Stand war die
sie umgebenden Gegenstände zu erkennen und mit gebeugtem Kopfe an der Tür
stehen blieb Als ihre Augen sich von dem schnellen Wechsel erholt hatten sah
sie sich in einem etwas größeren runden und gewölbten Zimmer an dessen
getäfelten Wänden und Fußboden das Licht des Feuers zu erblinden schien da das
dunkle Eichenholz mit noch dunklern Tafeln behangen war welche
gefühlverletzende Darstellungen von Märtyrergeschichten enthielten die eben
keinen vorteilhaften Begriff von dem Sinn und Geschmack der Bewohnerin erwecken
konnten Eine Nische von kunstreich durchbrochenem Holze umschloss ein besser
gelungenes Bild des Erlösers vor dem zugleich ein Altar und ein Betschemmel
standen Einige hohe Sitze welche gleich Chorstühlen zwischen den Fenstern
hinliefen und ein eben so verzierter Schreibtisch waren der zunächst zu
übersehende Inhalt des Gemaches wovon Marias Aufmerksamkeit indes abgelenkt
wurde da Electa sie ermutigte vorzuschreiten Zunächst dem Kamin doch so dass
sein Schatten sie deckte gewahrte sie nun in einem der hohen Chorstühle eine
weibliche Gestalt welche mit hohler trockener Stimme sie nötigte näher zu
treten Kein Ton erinnerte Maria an die schrecklichen Laute des Wahnsinns die
sie gefürchtet hatte zu vernehmen und der Anblick der Person so traurig und
abschreckend er war passte zu keiner der furchtbaren Erinnerungen Sie war ohne
alle Abweichung von Schnitt und Farbe in ein prachtvolles Nonnengewand gehüllt
dessen kostbare Stoffe aus ihrer höheren Würde sich erklären ließ welches
übrigens bloß ihr schlaffes gelbes Angesicht und ihre hageren langen Hände
sehen ließ die von einem Rosenkranz umschlossen müde vor ihr niederhingen
Maria die eine Anrede erwartete sah sich den prüfenden stechenden Blicken
der düstern Erscheinung ausgesetzt die ohne alle Rücksicht auf
Gastfreundlichkeit bloß das helle Licht des Kamins in dessen Beleuchtung Maria
stand zu benutzen schien um die Persönlichkeit ihres Gastes vollständig zu
erforschen
So beleidigend dies auch war so fühlte Maria doch eine Beklemmung und
Bangigkeit die es ihr unmöglich machten selbst diesen kränkenden Empfang zu
unterbrechen ja ihr Auge hing fast mit derselben Achtsamkeit an dieser
unheimlichen Gestalt als müsste sie ihre Bewegungen bewachen um sich vor ihr zu
schützen
Dies lange Examen ihrer Augen kündigte sich als beendigt an durch ein
verächtliches Lächeln welches plötzlich das leblose Gesicht der alten Lady
überschlich Halb sich seitwärts wendend redete sie sodann einen Mann an der
hinter ihrem Stuhl bis auf den Kopf verborgen saß
Es ist dieselbe eitle Schönheit die ich an ihr wahrnehme und die ihre
Herkunft mehr bestätigt als die Versicherungen der Beteiligten Eine gute
Aufgabe wenn der Sinn ihrer Ahnenfrau sich auf sie übergetragen hat Ihr könnt
dann Eure Weisheit zusammen nehmen denn zur Zeit reichten alle festen Schlösser
von Schottland und England nicht hin das zu hüten was unter so einer
weltlichen Haube hockte Ein kurzes heiseres Lachen vollendete die
unverständliche Rede
Wir vertrauen auch keiner weltlichen Hilfe erwiderte der Angeredete
sondern dem Einfluss und der Fürbitte unserer gebenedeiten Mutter Gottes welche
Vorsorge trägt für die Verirrten ihres Geschlechts wie Ihr in Demut anerkennen
werdet
Ein ziemlich misslauniges Gesicht bog sich von dem Antwortenden weg während
die Hände ohne Säumniss ein paar Kreuze schlugen und einige Kügelchen des
Rosenkranzes abzählten
So ist es hochwürdiger Herr sprach sie sodann sehr gleichgültig die
Heiligen haben das Vollbringen und wer dies Geschlecht kennt wie ich der muss
hoffen dass sie sich alle vereinigen werden es zu vertilgen Bei den letzten
Worten zuckte ein wildes Feuer aus ihren Blicken und sie schleuderte sie wie
einen Blitz auf Maria hin
Es ist zwar nicht meine Wahl dass Ihr hier seid begann sie jetzt zu dieser
gewendet denn dies Haus genießt eine Heiligung die durch profanen Besuch nicht
verletzt werden sollte Da man mich aber versichert Ihr würdet durch das
Beispiel der hier waltenden heiligen Kirche bald von Euren Irrtümern
zurückgebracht werden so darf ich die Hand zu einem Werke nicht verweigern
dessen Verdienstlichkeit ich in Demut erkenne Ich habe Euch demnach vor mich
gefordert um Euch die Erlaubnis zu erteilen unter uns zu erscheinen und durch
das was Ihr sehen werdet Euren Geist in die Stimmung zu bringen die Euch mit
Eurem Gewissen versöhnen wird
Maria kämpfte während dieser trocknen unfreundlichen Rede mit aller Macht
gegen ihr beleidigtes Gefühl ihre Wangen röteten sich und ihre Augen füllten
sich von diesem schmerzlichen Kampfe
Ihr werdet ohne Zweifel wissen erwiderte sie jetzt mit bewegter Stimme
wie ich hierher gekommen und wie wenig es in meine Willkür gestellt worden ist
Euer Haus zu suchen oder zu vermeiden wenn Ihr aber Gründe habt den
Anordnungen derer die mich hierher führten zu folgen so rechnet es mir nicht
an wenn ich Euch lästig bin Ich werde Eure Gastfreundlichkeit wenn Ihr mir
sie gewähren wollt nicht durch ein störendes Betragen vergelten und so lange
ich hier bleiben muss ehren was Andern ehrenwert erscheint wenn meine
Erziehung mir auch eine andere Richtung gab
Ihr macht vor allen Dingen zu viel Worte Lange Erwiderungen sind überall
unpassend wo strenger Gehorsam das Einzige ist was verlangt wird und man
Eurer Versicherungen nicht bedarf da sich von selbst versteht dass Ihr keinen
Einwand zu machen habt Ich muss bekennen ehrwürdiger Herr fuhr sie fort mit
demselben kalten verächtlichen Tone sich wieder rückwärts wendend ich finde
mich bloß aus Achtung für Eure und des Pater Klemens höhere Erkenntnis darein
dieser jungen und wie mir scheint äußerst übermütigen Person eine
Bevorrechtigung zu gewähren die nur alle jene eitelen weltlichen Gedanken nähren
wird von denen ihr Kopf sichtlich erfüllt ist auch muss ich mir einige
Bestimmungen über die Dauer solcher Nachsicht vorbehalten
Die Bestimmungen denen wir beide gehorchen müssen werden nicht ausbleiben
erwiderte eben so trocken der Angeredete und die vorzüglichste Dienerin der
heiligen verfolgten Kirche wird über ihre Stellung zu diesen WillensMeinungen
nicht im Zweifel sein
Auf dem Gesichte der Lady zeigte sich während dieser Worte ein Kampf
widerwilliger Art und es kostete ihr sichtliche Mühe eine Mäßigung zu
behaupten wie dieser aufgenötigte Gehorsam sie ihr auflegte Doch war es
unverkennbar dass die ältere Gewohnheit tyrannischer Eigenherrschaft sich
mächtig gegen die strengen Anforderungen eines Gehorsams auflehnte an den sie
sich nie ohne Bitterkeit erinnert fühlte Genug genug Ich sage nicht dass es
für jetzt anders sein soll nur wie lange werde ich mit Eurem geistlichen
Rate in Überlegung ziehen denn allerdings ist es das Schloss der Howards in
dem wir uns befinden
Ja vollendete der Hochwürdige diese Rede und im Besitz der hochwürdigen
Äbtissin zur heiligen Ursula
Höhnisch warf sie den Kopf zurück und die immer noch stehende Maria nun
wieder ins Auge fassend sprach sie heftig und rau
Die weltliche Haube will ich nicht wieder sehen Schwester Electa wird Euch
einen passenden Kopfputz bringen Eure Kleider habe ich Euch noch für einige
Zeit gestattet Ihr werdet früh zur Messe erscheinen im Refectorium zu Mittag
essen und die Vesper halten dazwischen wird der hochwürdige Pater Johannes Euch
Unterricht erteilen und in dem Maße als Ihr fortschreiten werdet in der
Entsagung von Euren Irrtümern werdet Ihr
Überlasst mir das Weitere unterbrach sie Pater Johannes der die Vollendung
ihrer Rede nicht zu wünschen schien und wahrnahm wie Maria von dieser übelen
Behandlung erschüttert kaum aufrecht zu stehen vermochte Er näherte sich aus
seinem Versteck hervortretend dem zitternden Mädchen und führte sie selbst von
Electa unterstützt zur Tür hinaus
In dem kleinen Schlafzimmer hielt er sie an Lasst Euch sagte er beruhigend
durch den lobenswerten aber etwas heftigen Eifer der hochwürdigen Frau nicht
erschrecken Ihr werdet darunter nicht zu leiden haben so Ihr Euch sanft und
aufmerksam zeigt
Maria wollte reden gleich auf der Stelle wollte sie jeden Zweifel aufheben
über das was man von ihr zu erwarten habe aber ein krampfhaftes Schluchzen war
der Tribut den ihre geängstigte Natur verlangte Vergeblich bemühte sie sich
deutlich zu sprechen sie brachte nur abgerissene und unverständliche Worte
hervor
Ich sehe Euch wieder unterbrach Pater Johannes diese missglückenden
Versuche überlegt wohl was Ihr sagen wollt Euch wird weder Rat noch Trost
fehlen aber hütet Euch durch Widerstand in Kleinigkeiten Eure Verhältnisse
hier mutwillig schlimmer zu machen Schwester Electa ich vertraue die
Bekümmerte Eurer Vorsorge und Eurem Troste Geht geht setzte er abwehrend
hinzu und verschwand hinter der Tür in das Gemach das sie verlassen während
Maria von Electa geführt den Weg nach ihren Zimmern zurücklegte
Ich denke man hat uns da eine schwere Pönitenz auferlegt hochwürdiger
Herr begann die erzürnte Lady völlig ihrer übelen Laune hingegeben als der
Pater Johannes mit ernstem und ruhigem Antlitze eintrat Ein Ärgernis denke
ich für Alle die zu einer höheren Begnadigung in dies Haus gelangt sind
Wenn die Aufgabe schwer ist die man uns gab so ist es nicht an Euch dies
zu rügen erwiderte in gänzlich verändertem strengem Tone der Geistliche da
nur schwierige und widerstrebende Ausübungen Euch die Wohltat erzeigen können
Euren Geist von den Makeln der Welt zu erretten die noch in zu großer Stärke
Euch anhängen Ich denke es gehörte nicht zu Euren Aufgaben die junge Person
die wir Euch zuführten mit einer Strenge zu empfangen die sie verschüchtern
und gar zum Widerstand reizen wird Sie musste zutraulich gemacht werden sie
musste die wohlwollendsten Gesinnungen bei uns annehmen können dann sicherten
wir uns ihre Aufmerksamkeit ihre Nachgiebigkeit und Gewöhnung und der Einfluss
eines einförmigen von aller Zerstreuung fernen Lebens dem sie hier anheim
fiel ward dem heiligen Vorhaben günstig Ihr habt jedoch gleich dem
hochmütigen Kinde der Welt Euerem eitelen Herzen und seiner Lust zu kränken
und zu verachten Genüge getan und wahrscheinlich mehr Unheil in wenigen
Minuten angerichtet als in unserer Macht liegen wird je wieder gut zu machen
Ich brauche Euch nicht zu sagen wie weit Ihr dadurch Euch von den Pflichten
entfernt habt deren strenge Erfüllung doch das einzige Mittel ist Euch hier
den Schutz zu sichern dessen Ihr bedürft dort aber die Vergebung Eurer Sünden
und die Errettung von ewiger Verdammung
Diese harte und strenge Rede wirkte gleich einer Bannformel über das
gereizte Wesen der Lady Erschreckt von dem bloßen Tone ihres Beichtigers
senkte sie beim Anfange seiner Rede schon das Haupt aber die harten Worte
verletzten so sichtlich ihr verwöhntes Gemüt dass sie bald wieder auffuhr und
mit Blick und Mienen ihre Empörung anzudeuten suchte Da der Geistliche aber die
Streiche seiner Worte schärfte trat nach und nach die Furcht ein welche man
durch die stärksten Mittel als das einzig mögliche Joch ihr übergeworfen hatte
und alsbald zeigte sich auch Zerknirschung welche ihr die zuletzt gebrauchte
Drohung um so lebhafter erregte als ihr entnervter Geist von den Vorwürfen
eines schwer belasteten Gewissens bedrängt nur zu empfänglich für die Androhung
künftiger Strafe war
So geschah es dass ohne Gegenrede sich angstvolle Seufzer aus ihrem Munde
drängten und zu allen Trostmitteln ihrer Kirche schreitend murmelte sie die
Gebete ihres Rosenkranzes und schlug mit blindem Eifer Stirn und Brust
Pater Johannes ging indessen mit langen Schritten auf und nieder und
schien nachdem er sie zur Ruhe verwiesen sie ganz vergessen zu haben und in
der Tat suchte er seine Gedanken in Bezug auf die Persönlichkeit der jungen
Lady über deren fernere Leitung ihm Vollmachten geworden waren zu ordnen
Die Lady hatte indessen ihre Andacht beendigt Nicht wagend das Nachdenken
des wandelnden Priesters zu unterbrechen und zu einem müßigen Hinbrüten auf
ihrem Lehnstuhl verdammt fand ihr Geist allgemach den bequemeren und oft
betretenen Weg zur Zeitlichkeit und zu jenen irdischen Zwecken wieder die ihr
trotz aller äußern Form klösterlicher Strenge unmöglich so fremd werden
konnten als man es zuweilen um sie in Furcht und Gehorsam zu erhalten von ihr
erzwang
Der unglückliche verführte Herzog von Sommerset war dem Henkerbeile nur
durch Jakobs unbesiegbare Liebe zu ihm entflohn Dies Schloss war ihm zu einem
Gefängnisse der mildesten Art angewiesen Von der Teilnehmerin oder
eigentlichen Urheberin seiner Verbrechen seiner katholischen Gemahlin Lady
Franziska Howard war dies alte Besitztum der Howards zum Heerde des in ihrem
Vaterlande verpönten und vielleicht eben darum von ihr beschützten Katholizismus
gemacht worden Von der klugen Herrschaft ihres jesuitischen Beichtvaters
geleitet stand sie bald in Verbindung mit allen Machinationen der dem alten
Glauben anhängenden und noch immer sehr mächtigen katholischjesuitischen
Partei woran sich nur zu viele weltliche Händel anschlossen die sie zu teilen
oder zu erspähen unablässig bemüht war
Die ungemein einsame und doch feste Lage des Schlosses die Küsten des nahen
Frankreichs in dem diese Partei ihre mächtigsten Anhänger unter dem damals
Europa beherrschenden Richelieu zählte und das unabhängige immer noch
bedeutende Vermögen der verbannten Lady machten es zu einem unschätzbaren
Schutzpunkte Nachdem die Herrschaft über die Eigentümer bis zur gänzlichen
Nullität des unglücklichen Hausherrn erreicht war wurden die Anordnungen darin
mit einer Überlegung und Verschlagenheit getroffen dass dadurch das Dasein
dieses Verstecks und seiner von den Zeitgenossen fast vergessenen Bewohner der
Welt entzogen blieb
Kein gebahnter Landweg wies dahin und die hohen Ufer hinter denen das
Schloss versteckt war hinderten den Anblick desselben aus der Ferne Es
wahrzunehmen blieb nur vom Meere aus möglich bei Umschiffung eines sehr
gefährlichen Punktes der von allen erfahrenen Schiffern vermieden eine von
den Spitzen der Bucht bildete in welche das Schloss seine festen Mauern senkte
Während es kaum einem Hause ähnlich sah das einigen von den strengen
Gesetzen dahin verschlagenen Katholiken zur Zuflucht diene hatten die
geschickten Lenker dieser Angelegenheit hier eine klösterliche Stiftung
begründet welche in ihrer Form die Strenge behauptete die ihnen bei der
Beherrschung eines fast unbezähmbaren Geistes in der Lady Franziska zu Hilfe
kam Ihr war eine gewisse Würde zugeteilt worden die ihrer zügellosen
Herrschsucht Befriedigung gönnte ohne sie der geistlichen Zucht zu entziehn
die so nötig war sie mit allen ihren Plänen und Anforderungen dem Willen derer
unterzuordnen die sich die Lenkung ihrer Angelegenheiten so vollständig
angemasst hatten Sie ward auf diese Weise ganz zu den Zwecken gebraucht die
ihre geistlichen Vormünder verfolgten und zuweilen wurden dieselben
Leidenschaften die sie zu beherrschen trachteten ihrer eignen Richtung
überlassen je nachdem das Eine oder Andere zweckmässiger schien Nicht zu
übersehn war dabei in der Lady ein großer Hang sich diesem Einflusse zu
entziehn obwohl ihr gedrängtes Gewissen sie zur Sklavin derselben Männer machte
gegen die sie wiederum ihre ganze List zeigte um eine über ihre Erlaubnis
reichende Gewalt auszuüben
Mitten in dieser Stimmung die am häufigsten nach einer ihr abgezwungenen
Zerknirschung eintrat befand sich jetzt die Lady als sie sich endlich zu einer
Anrede entschloss die das verdrießliche Schweigen aufheben sollte
Wenn man mir so gänzlich die Macht entziehen will die ich meiner Würde nach
über den weiblichen Teil dieses Hauses besitze so sehe ich nicht ein was eben
dies Haus ihr nützen soll und warum man sie die doch schon bis zur Küste
vorgedrungen ist nicht noch den kurzen Weg über das Meer machen ließ wo sie in
Frankreich denke ich besser als hier aufgehoben werden konnte
Vielleicht wird dies später noch nötig werden erwiderte Pater Johannes
nachdenkend wir setzten vorläufig auf Eure Weltklugheit und Euren guten Willen
Vertrauen und hatten keineswegs die Absicht diese junge Person Eurem Einflusse
zu entziehn Ob sie uns nützlich oder hinderlich werden kann durch den Anspruch
ihrer Geburt ist noch zu unentschieden bei der bestimmten Richtung die ihr die
frühere Erziehung gab als dass wir sie jetzt schon unabänderlich aus dem Lande
entfernen sollten Wenn sie uns aber nützlich bleiben oder werden soll so
bedenkt dass sie nur entlassen werden kann als unsere Freundin als die
Teilnehmerin aller unserer Interessen dass sie ihre hohe Geburt nur dann kennen
lernen darf wenn sie damit das schwache Herz zu regieren gelobt das durch den
Tod ihrer Mutter erschüttert unempfindlich bleiben könnte für den Besitz der
schönsten Fürstin der erlauchten Henriette von Frankreich
Und dies hofft Ihr wirklich zu erreichen bei einem Geschöpfe das neben dem
Fluche ihres Geschlechtes einerseits den unbezwinglich trotzigen Charakter der
Buckinghams trägt und andrerseits die ganze weltliche Torheit ihrer
Aeltermutter dieser berüchtigten Maria von Schottland in jedem Zuge ihres
glatten Gesichts Sperrt sie lieber heute als morgen ein und lasst jede Hoffnung
auf ihre Bekehrung fallen Damit werdet Ihr wenigstens so viel erreichen dass
Ihr diesem verabscheuungswerten Buckingham seinen auf sie berechneten Triumph
entzieht Ihr werdet über sie keinen feiern Dafür nehmt das Wort einer Frau
die nicht umsonst Menschen gesehen hat
Pater Johannes schwieg nach dieser Rede und es war ihm deutlich anzusehen
dass er nicht viel bessere Hoffnungen nährte
Pater Klemens sagte er dann rühmte uns die Güte ihres Herzens und die
kindliche Hingebung in den Willen älterer Personen Darauf mussten wir bei
unserer Behandlung hinzuwirken suchen und darum habt Ihr mit Eurem rauen
Empfang so ganz verkehrt gehandelt
Ha rief die Lady mit ziemlichem Ungestüm wenn ich nur nicht verständige
und erfahrene Männer von Güte des Herzens und Hingebung in Anderer Willen müsste
schwatzen hören So lange der Wille Anderer den Gelüsten des eigenen Herzens
schmeichelt so lange findet er uns bereit ihm zu folgen so lange sind wir
gütig und nachgiebig und fremde Leiden erwecken unsere Teilnahme so lange bis
wir für unsere eigenen sie vergeblich suchten Leerheit des Herzens wie des
Lebens mit einem Worte die Zeit der Jugend verbreitet nach Außen diesen
törichten Schein aber wer hat ihn nicht weichen sehen sobald die Begierden des
Herzens erwachend dem Willen eine Richtung geben Dasselbe gute Herz das mit
seiner Leerheit Euch täuschet unterstützt dann die Vorschläge der
Leidenschaften und kein fremder Wille wird es nachgiebig finden von dem Wege
abzuweichen auf dem dies gute Herz fort stürmt unbekümmert um die Niederlagen
die es dabei anrichtet Franziska Howard hat nicht umsonst gelebt Damals hieß
sie auch ein gutes sanftes Kind als der alte schwachköpfige König die
Familien Essex und Howard vereinigen wollte und man mir die Puppe und Essex das
hölzerne Schwert wegnahm unsere Hände zu einer späteren Vermählung an einander
zu schmieden Als aber Franziska den schönen Seimour sah und Herzogin von
Sommerset werden wollte da rühmte Niemand mehr ihr sanftes Herz denn sie hatte
einen Willen bekommen und unbesiegbare Wünsche ließ sie den Willen Anderer
verspotten O früh sehr früh hat man mich gelehrt was es mit dem Guten im
menschlichen Herzen für eine Bewandtnis hat und von ganzer Seele verachte ich
die Heuchler welche eine Stimmung zeigen die ihnen mit dem ersten Hauch der
Leidenschaft verloren ging Gebt Acht fuhr sie fort da Pater Johannes der
Versuchung solche sündliche Rede seines Beichtkindes mit dem Donner der Busse zu
erwidern nicht nachgeben zu wollen schien gebt Acht wie lange ihre
Nachgiebigkeit aushalten wird wenn man sie hindert in die Welt zurückzukehren
wohin jeder Pulsschlag ihres eitelen Herzens sich drängt
Darum hob Pater Johannes jetzt an sei der Widerstand den sie erfahre ein
unmerklicher dass sie nicht im Streite Kräfte finde die am ersten absterben
werden in der öden Gleichmässigkeit einer Geist tödtenden Lebensweise
Ein kurzes widriges Lachen aus dem Munde der Lady gab ziemlich verständlich
Kunde von ihrer Würdigung dieser Worte
Pater Johannes ließ dies unbeachtet vorüber gehen und fuhr mit Ruhe fort
Unsere nächsten Nachrichten werden uns den Tod des Königs melden und die
Ankunft der neuen Königin dann werden Stürme beginnen unabsehbarer vielleicht
als wir jetzt ahnen können Die Königin wird unseres Einflusses bedürfen denn
Misstrauen empfängt sie um ihres heiligen Glaubens willen an der Grenze dieses
Landes Es ist nicht unbekannt geblieben dass geheime Artikel Karls Macht in
seinem Hause beschränken und abenteuerlich genug malt man das Unbekannte aus
Jetzt gilt die Frage ob sie Karls Herz besitzen wird Zwei Leidenschaften
teilen sich in ihn die Sucht des Selbsterrschens und der düstere Gram um den
Tod der Jugendgeliebten und um das einzige Kind dieser Ehe Hält Karl die Gattin
deshalb fern von seinem Herzen dann wäre der große Wurf zu wagen seine Tochter
der Königin zum Geschenk zu senden Wer sie ihm bringt wird großes Recht an
seine Liebe haben und die Königin wird die seltene Gelegenhett erhalten eine
Großmut ihm zu zeigen für die er dankbar sein muss
Und die Tochter unterbrach ihn die Lady die Tochter wird der katholischen
Gemahlin das Widerspiel halten Buckingham wird die weltlich gesinnte Nichte in
sein Interesse ziehen und für sein grenzenloses Reich der Gewalt eine neue Stütze
finden
Um darüber entscheiden zu können muss man etwas Höheres glauben als Ihr es
noch vermögt Dies Mädchen wird nicht mit dem lasterhaften Buckingham gegen
ihren Vater sich verbinden
Aber fiel sie rasch ein gegen die katholische Königin wird die Ketzerin
den Vater zu sichern suchen
Dies wäre eher möglich und dies bleibt noch zu erwägen Um aber über diesen
Punkt völlig sicher zu werden wird sie hier fest gehalten und Proben
unterworfen die jeden Zweifel darüber aufheben können
Gut gut ich wünsche Euch Glück dazu Doch die Welt ist erst der Magnet
der aus dem Schacht des Herzens die verborgenen Erze ans Licht zieht und zwar
von solchem Gehalt als dieser mächtige Magnet allein zu wecken und festzuhalten
weiß Seid Ihr außerdem aber so völlig sicher dass sie hier verborgen bleibt
Fürchtet Ihr nicht die tausendarmige Macht des gut bedienten Buckingham nicht
diese Nottinghams die den listigen Archimbald an der Spitze viel vermöchten
wenn sie wollten
Wenn sie wollten betonte spöttisch lächelnd der Hochwürdige aber sie
wollen nicht Kennt Ihr den Irrtum nicht an dem der hochmütige Geist dieser
Herzogin von Nottingham hinkrankt Er hindert sie die Flucht des Fräuleins zu
rügen wie sie sonst nicht unterlassen würde Streng hat sie jede Nachforschung
gehindert und verpönt und dennoch hat diese Ausflucht die sie sich gestattet
der Welt ein Geheimnis zu entziehn das ihrem Hochmute so verletzend wurde ihr
Gewissen in ein Heer von Vorwürfen gestürzt Sie glaubt sich halb und halb
verpflichtet die geträumte Sünde ihres Gatten an diesem Wesen gut zu machen
und dass sie der Lockung nicht widerstand diese saure Pflicht von sich
abzuschütteln reizt ihren stolzen Geist der vor sich selbst bewundernd dastehn
möchte Und dass sie jede wirksame Verfolgung hinderte dass sie von Archimbald
der leicht sich zu beruhigen weiß streng begehrte ihre Söhne zurück zu halten
beweist genug dass sie der Versuchung unterlag Denn allerdings muss sie dieselbe
in Membrockes Händen jetzt nach so langem Zögern für verloren halten und der
Gedanke daran quält sie und entfernt sie doch eben immer mehr von dem Wunsche
sie wieder aufzufinden
Das gönne ich ihr von Herzen rief behaglich freundlich die Lady in ihre
eignen Fallen müssen diese Heuchler sich verstricken besser möchten sie sein
als Andere um hochmütig herabsehen zu können Wenn wir der reizenden Sünde in
unsern Wegen nicht auszuweichen wissen ziehen diese Heuchler selbst das Bild der
Tugend womit sie prunken zu dem Dienst ihrer Sünde hin Ja ja es ist Alles
eins Nur wird der Eine von der Welt gezüchtigt der Andere dagegen in seinem
schwachen Herzen und der Zufall ist bei Beiden der geschäftige Wirbelwind der
darüber fährt und nach allen Ecken hin verwechselt und durch einander wirft
was die jämmerliche Klugheit der Menschen gesondert zurecht legte
Kann man sich Tolleres denken als dass dieser neckische Zufall das Mädchen
auf dessen Haupte ein unsichtbares Diadem geruht welches behütet und bewacht
war von Allem was Schlauheit und List nur erdenken konnten nun verschmachtend
mit Wunden bedeckt und ausgestoßen aus aller menschlichen Verbindung eben auf
die Schwelle derjenigen niederlegt die ihre natürliche Feindin schon um ihres
Antlitzes willen ist und welche nun sogleich geschäftig Alles in ihrer
Einbildung so anordnet dass ihr daraus die höchste Züchtigung ihres eitelen
Herzens erwachsen muss
Auch uns erwiderte der Pater überraschte dies Ereignis das so wenig
vorher zu sehen war Immer war dies Kind uns wichtig und unsere Absichten mit
ihr und dem ganzen Geheimnis haben oft gewechselt Um die spanische Verbindung
zu hindern wäre sie eine vortreffliche Erscheinung geblieben denn ehelich war
Karl verbunden darüber sind die Beweise vorhanden doch allerdings war es nur
ein letztes Mittel welches zwar jene aber auch die Verbindung mit Henriette
von Frankreich gehindert oder doch verzögert hätte vielleicht bis zu dem
ungelegenen sich nahenden Moment seiner größeren Freiheit als König
Und es ist nicht zu leugnen Buckingham hat uns gedient indem er sich zu
dienen glaubte in unserm Solde War der Prinz nicht auf dieser tollen Reise wo
Jeder heimlich sein verkapptes Interesse unter dem Scheine von Vertrauen barg
mit Buckingham so konnte Vieles nicht geschehen und höchst wahrscheinlich war
das Mädchen unserer Macht entzogen wenn wir durch Porter auch in Kenntnis ihres
ferneren Schicksals blieben
Eben so war es nötig dass Lord Nottingham in Madrid starb und sonach im
Hause seiner Gemahlin ihr der wahre Schutz fehlte der einzige der alle Zweifel
der gekränkten Gattin hätte lösen und damit uns eine höchst unwillkommene
Entdeckung veranlassen können die dem Prinzen augenblicklich zu ihrem
Wiederbesitz verholfen hätte
Uns war der Ort den der Zufall ihr angewiesen nicht erfreulich bis wir
über ihr ferneres Loos Befehle einzogen Kaum war zu erwarten dass Buckingham
obwohl sehr gegen unsern Plan durch die Überraschung die der Prinz erlitt
Teilnehmer des Geheimnisses sie gerade bei den Nottinghams suchen würde Doch
bestand der Kardinal damals da der Tod der Mutter das Hindernis für Frankreich
aufgehoben hatte darauf dass wir diese Störung beseitigten Es war nächst der
geheimen Klausel des Ehekontrakts nicht der unwichtigste Teil von Mazarins
Sendung sie selbst mit hinweg zu führen denn schon fürchtete der schlaue
Staatsmann die neue Unterjochung des neuen Königs durch den alten Einfluss
Buckinghams und wollte eine mögliche Steigerung nimmer wagen Doch verzichtete
er endlich auf die schnelle Ausführung dieses Planes da wir ihm Nachricht
gaben wie der schlaue Herzog mit großer List sie aufgefunden und unter tausend
Torheiten seines Freundes Membrocke einen Plan entworfen ganz dazu geschaffen
sie uns ohne das geringste Aufsehn in die Hände zu liefern
Ein Kinderspiel war es fürwahr da die Chiffern des Herzogs uns alle durch
Maxwell bekannt sind den tollen Tropf den Membrocke so lange umher zu jagen
bis wir sie unterdessen mit aller Sicherheit seiner Nachforschung entzogen
Alles gut bis dahin sprach Lady Sommerset aber Ihr spielt gewagtes Spiel
Hier sollen wichtige Interessen wie unläugbar Buckinghams Macht ist wenn sie
auf den nächst zu erwartenden Monarchen übergeht durch ein Weib aufgewogen
werden die da jung mit einer seltenen Schönheit und dem Anspruch einer hohen
Geburt begabt sobald sie sich dessen in der Welt bewusst sein wird gewiss Alles
was Ihr auch bei ihr eingeleitet zu haben glaubt von sich werfen wird wenn es
ihr hinderlich scheint Und was dann Wo wird dann Eure Macht bleiben
Unschädlich sie zu machen erwiderte mit eisiger Kälte der Pater Johannes
bleibt uns in jedem Augenblick mitten in dem Glanz der Welt wie zwischen diesen
Mauern und was die ihr zugedachte große Gewalt betrifft so ist gegen
Buckingham bereits eine andere heraufgeführt die von jener nur unterstützt zu
werden brauchte
König Jakob wird sich mit Bristol versöhnen und er wird gehoben durch
allen Einfluss des französischen Hofes eine Rolle spielen die nie unbedeutend
sein kann wo er sie überhaupt zu spielen Lust hat
Mit seinem Interesse ließe sich das Mädchen selbst verpflechten denn mir
sagte Pater Klemens dass sie ihm in ihren Gesprächen ohne Ahnung dieses
Geständnisses eine Herzensneigung zu dem Enkel Bristols verraten die
befördert werden müsste wenn sie der Welt zurück gegeben werden sollte denn die
Nichte Buckinghams würde dadurch FamilienMitglied seiner Feinde
Ha der Plan ist gut Doch soll ich Euch sagen was ich denke Sperrt sie
ein vertilgt sie gleichviel wie da habt Ihr den Vorteil sicher Und Karl
Ich müsste die Stuarts nicht kennen wenn ich so töricht sein sollte zu denken
Liebesgram und Vatersorge um Zwei die da nicht mehr sind werde der blühenden
Gattin von deren Schönheit Ihr so viel Aufhebens macht hinderlich sein
Doch sagt mir fuhr die Lady fort sagt mir nur das Eine seid Ihr sicher
dass Karl vermählt war mit dieser Buckingham Sind Dokumente darüber Ist durch
die Offenbarwerdung dieser Tochter keine Schande zu hoffen für Buckinghams
stolzes Herz
Der Prinz war früher vermählt als er hoffen konnte Prinz von Wales zu
werden erwiderte der Priester Beide waren noch im zartesten Alter doch der
leidenschaftlich aufgeregte Karl wollte wenigstens die Garantie dieser
Vermählung haben und der Graf und die Gräfin Melville waren die Zeugen
Der Schlosskaplan Master Brixton vollzog die Zeremonie die Dokumente sind
doppelt ausgefertigt das eine im Besitz Brixtons und das andere verwahrte der
Herzog von Nottingham hinter dem Bilde der Gräfin von Buckingham welches der
Prinz von Wales ihm einst während eines Aufenthaltes in London heimlich in die
wohl verborgene Nische des Schlafgemachs setzen ließ und dessen Dasein wohl
schwerlich ein Mensch außer dem Herzog kennen mag
Aber wie konnte Nottingham dessen ungeachtet diese rasende Leidenschaft
fassen da er doch wissen musste dass sie schon als Gemahlin des Prinzen nach
London kam
Dies erfuhr er erst nach dem Tode seines Bruders als der Prinz krank
darnieder liegend keinen treueren Boten kannte als eben ihn der keinen
Augenblick sein Bett verließ Er sendete ihn zur trostlosen Gemahlin noch auf
dieser Höhe sie seiner treuen Gesinnung versichernd denn fest entschlossen
blieb er sie auf den Thron zu heben und verriet somit dem Freunde das
Geheimnis
Ha ha lachte die Lady das war ein guter Auftrag und daher wurde dann die
verschmähte Gräfin Bristol schnell in Gnaden zur Braut erhoben
Doch es sei so rechtmässiger Geburt oder nicht vertilgt sie vertilgt
Alles was den Namen Stuart oder Buckingham trägt nur dann habt ihr den Erfolg
sicher
Mit diesen Worten erhob sich die Lady und schritt nach ihrem BetPult den
Rest des Morgens einer vorgeschriebenen Andacht zu weihn die über den
felsenharten Inhalt dieses Wesens auch nicht den kleinsten Einfluss ausübte
Die Zeit die jetzt für die unglückliche Maria anhob war ganz dazu
geschaffen ein so junges und lebhaftes Gemüt nieder zu beugen und in eine
schwermütige und dumpfe Stimmung zu versenken
Sie musste nach einer Zusammenkunft mit Pater Johannes worin sie nicht
ermangelt hatte ihr Glaubensbekenntnis abzulegen und zu verteidigen doch dem
Rate des Geistlichen nachgeben und sich der Ordnung des Hauses fügen
Er sah wohl ein dass der boshafte Geist der Lady nicht so weit gezähmt
werden möchte um mit ihr gemeinschaftlich handeln zu können und so wusste er
sich dem Fräulein als eine wohltuende Mittelsperson anzudeuten an die sich die
Hülflose um so lieber anschloss da ihr sonst nur Margarits kindisches Geschwätz
oder der beschränkte Geist der verschüchterten Schwester Electa für die Stunden
blieb die sie nicht in Gemeinschaft mit der Lady selbst oder im sogenannten
Arbeitssaal mit den übrigen Schwestern zubringen durfte
Diese Stunden waren ihr fast die unleidlichsten denn wenn der Kultus dem
sie beiwohnen musste auch abweichend und ihren empfangenen Begriffen nach
unzulässig war konnte es ihr doch nicht schwer werden daran ihre eigenen
Gefühle anzuknüpfen und so die Widersprüche die ihr von Außen drohten in sich
auszugleichen
Hier aber war sie Stundenlang dem ermüdendsten Geschwätze ausgesetzt
welches sich um die widerlich entstellten und übertriebenen Schilderungen
merkwürdiger Martyrien oder die Wunder von HeiligenBildern und Reliquien
drehte und im Munde beschränkter Personen eine Verzerrung und Krassheit erhielt
welche zu ertragen ihr die härteste Geistesqual däuchte und doch blieb ihr
dagegen nur der geringe Schutz ihre Gedanken auf die Handarbeit zu richten die
hauptsächlich in der Anfertigung der groben Kleider und der Sandalenähnlichen
von Stricken geflochtenen Schuhe bestand welche die Kleidung der Nonnen
ausmachten
Es entging Maria nicht dass das Schloss außer den Nonnen oft Gastbesuch
hatte der zu dieser klösterlichen Form wenig passte Die Mittagszeit im
Refektorium zeigte fremde geistliche Teilnehmer von denen sie sich beobachtet
sah ja aus ihrem Zimmer musste sie den Besuch von Personen empfangen die sich
weiter nicht zeigten und bei deren Gegenwart auch Lady Sommerset gewöhnlich auf
mehrere Tage ausblieb die sonst als Priorin beständig den großen Lehnstuhl
einnahm der den geheimnisvollen Eingang zur Kirche bedeckte mit welcher Maria
jetzt durch tägliche Teilnahme völlig vertraut geworden war
Über den Zweck dieser Besuche die außerdem von dem konsequenten Verfahren
des Pater Johannes unterstützt wurden blieb kein Zweifel Sie sollten Maria
nicht allein bekehren sie sollten sie zu einem gewissen Zweck zu einer
teilnehmenden Verpflichtung für den Orden bekehren
Sie versuchte anfänglich dem Rat des Pater Klemens zu Folge auf dem ihre
einzige Hoffnung beruhte eine völlig duldende Haltung zu behaupten die weder
zugestand noch verweigerte so dass man sie wirklich für bekehrt hielt doch als
man nun anfing ihr in dieser Beziehung nähere Mitteilungen zu machen empörte
sich gegen diese Täuschung ihr stolzes und reines Herz Sie trat nun bestimmter
entgegen verdoppelte aber dadurch nur die Bemühungen um sich und zog sich eine
peinliche Szene zu die mit einem Eidschwur endete den man von ihr über die
Geheimnisse dieses Schlosses begehrte Nach langem Weigern willfahrte sie
endlich da sie sich kaum denken konnte dass außer dem Fanatismus der
Einzelnen irgend ein böser Zweck diesen Dingen zum Grunde liege und da sie
wohl einsah dass ihr keine Wahl bleiben würde wenn sie nicht selbst jede
Hoffnung zum Heraustreten aus diesem Hause damit zerstören wollte
Ihr Verhältnis zu der Lady des Hauses blieb gleich widrig und beklemmend für
sie War auch eine ähnliche NachtSzene nicht wieder vorgefallen hatte diese
doch ein so tief reichendes Ensetzen in ihr zurückgelassen dass durch
ungewöhnliche Töne die oft Nachts an ihr Ohr drangen und durch eine
Nachlässigkeit Margarits einst an die Tür ihres Schlafgemaches vorrückten ihr
hinreichend der grauenvolle Eindruck unterhalten ward den jene furchtbare Frau
ihr eingeflößt hatte
Fast rätselhaft schien jedoch bei solcher Geisteszerrüttung die körperliche
Stärke sowohl als die Schärfe und Klarheit des Verstandes die ihr nach solchem
Paroxismus verblieb Wie abschreckend und empörend die Richtung dieses Geistes
auch war setzte sie doch oft ihre gelehrten Umgebungen in Erstaunen und führte
mit ihrem schlagenden Verstande GeistesKämpfe wobei ihre Gegner wofern sie
nicht meist zu der durch Weltklugheit berühmten Gesellschaft Jesu gehört hätten
ihrem durch weitreichende Erfahrungen entwickelten und überlegenen Scharfblick
hätten weichen müssen
Maria war die Rolle die sie früher in der Welt gespielt verborgen aber
sie bekam ein treues Bild von den Qualen dem ein durch Sünden zerstörtes
Gewissen auch bei der größten Härte des Gemüts nicht entgeht Sie gewahrte mit
Erstaunen wie diese stolze jeden Augenblick Widerstand leistende Frau wie ein
Kind eingeschüchtert und bebend vor dem angedrohten Fluch der Kirche sich den
harten Worten des Geistlichen und seinem Willen unterwarf den sie wenn sie
sich von dieser innern Qual mit allen Hülfsmitteln ihres sophistischen
Verstandes wieder befreit hatte ihrerseits zu unterdrücken eifrig bemüht war
Was jedoch unsere junge Heldin nicht erfuhr sei uns erlaubt für den Teil
unserer Leser denen das Leben der Franziska Howard nicht bekannt ist mit
einigen Worten hier einzuschalten
Nach dem Willen Jakobs des Ersten die beiden Familien denen er gleich
verpflichtet war an einander zu knüpfen wurden Lord Essex und Lady Franziska
wie sie uns selbst schon angedeutet hat schon als Kinder und beschäftigt noch
mit Puppe und hölzernem Schwert mit einander vermählt und der vierzehnjährige
Gemahl mit seinem Gefolge nach Italien geschickt um dort seine Erziehung zu
vollenden
Lady Franziska erblühte indessen zu einer seltenen Schönheit und als
Hofdame der Königin führte sie der tägliche Umgang in die Arme eines königlichen
Günstlings der aus dem niedrigsten Stande durch blühende Schönheit und
Liebenswürdigkeit zu den höchsten Würden und Ehrenstellen von Jakobs
lächerlicher Vorliebe emporgehoben endlich zum Herzoge von Sommerset erklärt
ward
Beide Liebende zweifelten nicht dass Jakob eine Scheinehe wie sie Lady
Franziska fesselte leicht den Wünschen seines Lieblings opfern würde und waren
daher sehr erstaunt dem ungemessensten Zorne des Königs bei dieser Entdeckung
zu begegnen
Durch die Gunst des Kanzlers Lord Overbury war Sommerset dem Könige bekannt
geworden und von dem ausgezeichneten Geiste und den großen Kenntnissen dieses
Staatsmannes unterstützt war es dem völlig unwissenden Jünglinge allein möglich
gewesen die Stelle eines Ministers auszufüllen die Jakob ihm aufnötigte
Er stand auch hier in sein Vertrauen gezogen großmütig dem Verirrten zur
Seite und belebte seine Hoffnung für die Zukunft Jakob bestand indessen darauf
dass Lady Franziska ihre Verpflichtungen gegen Essex der nun voll Liebe gegen
seine junge Gattin zurückgekehrt war erfüllen solle und verbannte sie bei
ihrer hartnäckigen Weigerung vom Hofe
Hier unterhielt Overbury den Briefwechsel der Getrennten und blieb ihr
Schutz gegen Jakobs härtere Maßregeln
Aber die zügellose Leidenschaft der durch Widerspruch Gereizten hinterging
die vorsichtige Sorgfalt ihres edelen Freundes sie fanden Mittel sich ohne
seine Hilfe zu sehen und vollzogen gegen den Rat ihres Wohltäters ihre in
jeder Beziehung unrechtmässige Vermählung
Mit dem ganz edelen Zorn eines boshaft hintergangenen Freundes sagte sich
Overbury nach dieser Entdeckung von den bisher Beschützten los und ihrer
eigenen Torheit überlassen ward ihr Geheimnis nur zu schnell dem Könige
verraten und Beide wurden in den Tower gesetzt
So aus dem glänzenden Leben ausgestoßen dem Beide ganz ergeben
entwickelten sich alle die gehässigen schon bereit liegenden Laster Franziskas
und ihren Gemahl dessen indolenter Charakter mehr gewährend als mit handelnd
war gänzlich beherrschend schwur sie ihrem Wohltäter Overbury eine
unversöhnliche Rache da er ihr den Schutz verweigerte den zu leisten sie
selbst unmöglich gemacht hatte
Die Sammlung ihrer Briefe unter Overburys Adresse die Summen die er ihnen
vorgestreckt wurden die sorgfältig geordneten Dokumente womit die Lady ihre
eigene Mutter an den König absendete ihren Wohltäter zu stürzen
Der Erfolg ward von einem Gelddefekt unterstützt den der unglückliche Mann
nicht nachweisen konnte und der ebenfalls durch die Agenten der Lady ihm
gemacht war
Unläugbar hatte er den Zorn des Königs verdient indem er den beiden
Verliebten so ganz gegen den Willen seines Monarchen Vorschub geleistet
Vergeblich verschwor Overbury seine Teilnahme an der endlichen Vermählung Lady
Franziska hatte durch nachgemachte Briefe auch dies völlig außer Zweifel
gestellt und Overbury betrat den Tower an dem Tage an welchem Lord Sommerset
mit seiner Gemahlin ihn verließ welche vom Könige begnadigt ihren ehemaligen
Platz bei Hofe wieder einzunehmen hofften Hier entstand aber ein wütender
Kampf der Eifersucht zwischen dem indessen heimisch gewordenen Herzog von
Buckingham dem neuen Günstling und dem zurückgekehrten der von seiner
Gemahlin unterstützt Alles versuchte die alten Rechte wieder zu gewinnen
Overbury hatte indessen Freunde gefunden die von Buckingham begünstigt
das Recht der Verurteilten aufs Neue beleuchteten und Jakob fing selbst an
aufmerksam zu werden als der Beweis sich zuerst kund gab Overbury habe die
Summen die er nicht nachzuweisen wusste nicht veruntreut
Dies war die Losung für Lady Franziska welche vom Laster einmal ergriffen
jetzt keine Handlung mehr scheute die sie der öffentlichen Schande entziehen
und ihre geheime Rache befriedigen konnte
Overbury ward vergiftet in seinem Kerker gefunden mit ihm zur selben Zeit
starb eines gewaltsamen Todes sein Sekretair derselbe der durch die genaue
Ordnung und Darlegung aller seinen Herrn verteidigenden Papiere der Sache diese
Wendung gegeben
Diese wichtigen Dokumente selbst waren verschwunden aber eine furchtbare
Gerechtigkeit erstand gleich nach Lautwerdung dieser Greuel in der öffentlichen
Meinung Mit Fingern wies man auf Lady Franziska und ihren Gatten und es
bedurfte nur geringer Anzeichen um ihnen aufs Neue die Wohnung des Towers
anzuweisen auf dessen düsterer Schwelle sie nun der Schatten ihres gemordeten
Wohltäters empfing
Hier bildete sich in dem unglücklichen Verbrecher dem kaum dreissigjährigen
Lord Sommerset die furchtbare Verwirrung des Geistes aus die durch so viel
Schuld veranlasst späterhin der rächende Begleiter seiner Tage ward und so
hartnäckig der Widerstand seiner Gemahlin blieb so leicht waren doch seinem
erschütterten Geiste die Aussagen entrissen die das Oberhaus bedurfte um Beide
des Lebens für verlustig zu erklären
Lange zögerte Jakob obwohl die Richtigkeit des Urteils anerkennend mit der
Vollziehung
Die Zeit verwischte das Andenken dieser Greuel erst aus den Kreisen der
Unterhaltung dann aus den Gedanken der Menschen überhaupt Ob sie lebten ob
heimlich das Urteil an ihnen vollzogen oder ob sie in einer strengen
Verbannung gehalten würden war zweifelhaft zuletzt gleichgültig und Jakobs
Räte die den Kampf ihres Herrn kannten durften zuletzt wagen ihm selbst
vorzuschlagen die Gefangenen nach dem alten Schloss der Howards an der
Ostküste von England zu bringen
Sein Wunsch ward dadurch erfüllt denn es kränkte ihn zu sehr ein Mitglied
aus der Familie Howard und seinen ehemaligen Liebling den öffentlichen
VerbrecherTod sterben zu lassen
So führte sie ein sicheres Geleit dahin wo sie den Strafen der Einsamkeit
und ihren Sünden überlassen blieben
Man behielt lange die Gewohnheit zuweilen durch königliche Kommissarien von
ihrer Gegenwart sich zu überzeugen und dies Recht blieb auch noch immer dem
nächsten Gerichtshofe zu jeder beliebigen Stunde das Schloss und die Bewohner zu
besuchen und von ihrer Gegenwart sich zu überzeugen
Nach dem Tode des unglücklichen Herzogs dessen Wahnsinn durch die harte
Behandlung seiner Gattin vermehrt ihm so früh den Tod gab wie wir schon aus
Margarits Bericht ersehen haben hörten die lästigen Besuche immer mehr auf
sie blieben aber die Hauptveranlassung einer so sorgfältigen Verheimlichung der
katholischen unterirdischen Kirche da diese nicht so schnell als die Kleider
oder die Personen die Verdacht erregen konnten zu verbergen war
Lady Franziska hatte auf den Rat ihrer geistlichen Freunde mit dem letzten
Richter der Stadt Gersei dem diese Obliegenheit ward eine Abkunft durch
Entrichtung einer Summe Geldes getroffen und ihr vorrückendes Alter als Motiv
ihres Wunsches genannt unbehelligt von jenen lästigen Nachweisungen verbleiben
zu können Dies hatte den besten Erfolg gehabt da der Richter selbst in hohen
Jahren sich gern dieser Verpflichtung überhoben sah und ihm die Gegenwart der
Verbannten viel angenehmer veranschaulicht ward durch einen monatlichen Revers
den er ihr für die empfangene Abfindung ausstellte Denn die Notwendigkeit
sich einer Frau gegenüber zu stellen über deren Verbrechen seit dem Tode ihres
Gemahls wie über ihre Geisteszerrüttung so übertriebene Gerüchte in der kleinen
Stadt herrschten dass Jeder das Schloss als einen Pfuhl der Hölle floh war stets
eine lästige Pflicht
Dies ist die Geschichte einer Frau in deren Nähe wir unsere junge Heldin
haben führen müssen und indem uns der Wahrheit nach nur vergönnt war ihre Lage
als ungünstig und unerfreulich zu bezeichnen ja als von einer Unsicherheit
umgeben die unsere Teilnahme erregen könnte müssen wir sie doch auch auf
einige Zeit verlassen um uns in Zusammenhang mit den Dingen zu setzen die
anderswo sich als einflussreich auf ihr Schicksal erzeigen werden Und zwar
müssen wir in manchen Beziehungen uns erlauben eine Zeit flüchtig zu berühren
in welche wir unsere Leser früher bereits eingeführt haben
Dritter Teil
Die beiden Lords Ormond und Richmond hatten zwar die Gewissheit Lady Melville
werde mit ihrem Willen von Membrocke geleitet aber bei dem lebhaften Protest
des Fräuleins gegen jeden Gedanken einer Entführung hatten sie gleichwol sich
überzeugt dass sie dessen ungeachtet das Opfer einer Täuschung ward wofern
nicht ihrem ganzen Handeln ein Geheimnis anderer Art zum Grunde lag das sie
ihnen zu verheimlichen gesucht hatte
Den Rückweg bis zum Schloss legten sie unter tausend Plänen und
Vermutungen über dies Ereignis zurück wobei sich indes das Herz Beider
sträubte ihr eine innigere Verbindung mit Lord Membrocke als Grund
unterzulegen wozu ihre Handlungsweise an und für sich allerdings einigen
Verdacht darbot
Die Hauptfrage blieb indes was unter solchen Umständen ferner für sie zu
tun sei Denn hätte sie auch durch die genossene Gastfreundschaft sich
verpflichtet halten können Rechenschaft von ihren Handlungen zu geben so war
ihr doch das Recht unbestritten über sich selbst zu verfügen und hiermit auch
den Nachforschungen ihrer Freunde eine Grenze gesetzt
Zwei so zartfühlende Männer würden sich dieser Beschränkung ihres Schutzes
unter andern Umständen unbedenklich gefügt haben wären nicht Beide von der
Unmöglichkeit überzeugt gewesen Membrocke könne je eine andere als schlechte
Absicht mit Frauen haben und hätten nicht Beide mit Zuversicht geglaubt er
habe durch die schlauesten Lügen dies klare nur zu offene Gemüt betört ihm
zu folgen
Sie vermuteten dass die Schwierigkeiten die sich der Familie Nottingham
entgegen gestellt hatten ihr Auskunft über ihre Verwandten zu verschaffen
benutzt worden wären um ihrem Vertrauen eine andere Richtung zu geben und aufs
Neue stieg ihre Sorge wohin sie wohl geführt sein möchte
Die Entdeckung ihrer Flucht hatte dabei die Mutter Richmonds und die alte
Herzogin so erschüttert dass die Beiden von Besorgnis erfüllt waren so ohne
alle Milderung dieses schmerzlichen Gefühles ja fast mit erhöhten Sorgen für
die junge Lady zurückkehren zu müssen
Doch schon fanden Beide die Umstände verändert Die jüngere Herzogin lehnte
alle Erklärungen durch die Kälte ab mit der sie augenblicklich die Sache
abzuschließen trachtete Keine Spur war mehr übrig von der heftigen Unruhe die
bei der ersten Nachricht sie fast ihrer stolzen Haltung beraubt hatte
Wir sind uns das Zeugnis schuldig die Pflichten der Menschenliebe und der
Gastfreundschaft an dieser jungen Person vollkommen erfüllt zu haben erwiderte
sie dem lebhaften Vortrage ihres Sohnes glauben uns aber jetzt für uns selbst
und unsere Umgebungen ihrer vollkommen entledigt durch das Stillschweigen und
unerhörte Dunkel worein sie sich zu hüllen für gut befunden hat
Ich die ich dieser jungen Person eine mütterliche Güte erzeigte ich fühle
dass ich die Einzige bin die sich von dieser Handlung gekränkt ansehen kann Ich
gebe aber dies Gefühl und das damit verbundene Recht meines ferneren Schutzes
hiermit auf da ich einsehe dass ich überhaupt nur dies zartere Recht besaß sie
von der eigenen Lenkung ihres Schicksals abzuhalten Ich danke Ihnen daher
Mylord Ormond und Dir mein Sohn für die Bereitwilligkeit die Wünsche meiner
ersten Überraschung zu erfüllen ich erkläre die ganze Sache damit beendigt und
werde wenn es mir späterhin zulässig erscheint aus eigenem Gutdünken darüber
bestimmen ob noch das Eine oder das Andere in dieser störenden Episode unseres
würdigen Familienlebens zu tun sei und im Fall ich dabei der Hilfe bedürfte
die Eure jeder andern vorziehn
Du wirst gewiss Deiner Großmutter selbst Deinen Bericht machen wollen Meine
Abreise nach GodwieKastle ist auf morgen festgesetzt und ich freue mich Deiner
Begleitung mein Sohn In Wahrheit wir alle haben wichtigere Pflichten und
Sorgen als die Torheiten einer Fremden zu beleuchten oder uns zu Herzen zu
nehmen
So entfernte sich die Lady jede Gegenrede abschneidend und so fanden die
Lords auch die alte Herzogin deren vorherrschende Güte zwar eine so stolze
Härte nicht zuließ aber doch von sich selbst fast jedes Interesse ablehnte und
mit einem leisen Anhauch von Empfindlichkeit Alles an ihre Schwiegertochter
verwies
Beide Lords trennten sich mit der Überzeugung es sei während ihrer
Abwesenheit zu unangenehmen Erörterungen zwischen den beiden Damen gekommen
wobei jedoch Richmond unbekannt blieb wie er selbst durch die Äußerungen
seiner Teilnahme dieser misstrauischen Frau eine bedeutende Veranlassung
geworden gegen Lady Melville kälter zu werden und wie daraus eine Abweisung
der Vorschläge ihrer Schwiegermutter entstand welche diese engelgute Frau
selbst nicht ohne einige Empfindlichkeit vernehmen konnte
Was jedoch die Gefühle anbetrifft die Richmond in Anspruch nahmen so
fühlte er auf der Stelle den Vorwurf der Mutter und wie frei er sich auch davon
wusste ihn verdient zu haben gelobte er sich doch fest dass kein anderes
Interesse als das seines ehrwürdigen Großvaters dessen schwierige Lage er
besser noch als seine Mutter kannte ihn vorherrschend beschäftigen solle bis
jene Angelegenheiten eine erwünschtere Wendung genommen haben würden Dann
sprach er zu sich selbst und eine tiefe Röte drängte sich hervor dann sei mir
Gott gnädig
Wir finden bald nachher die herzogliche Familie in GodwieKastle versammelt
Die alte Herzogin hatte Burtonhall verlassen um sich zu ihrer Schwiegertochter
zu begeben welche bald nach dem letztgemeldeten Ereignis nach GodwieKastle
zurückgekehrt war Die Jahreszeit war zu weit vorgerückt um andere
Versammlungsörter zu bieten als die welche die gesellige Flamme von den
behauenen Fichtenstämmen in den weiten Räumen der hohen Kamine durch alle
Gemächer heimliche Wärme verbreitend darbot Der Nordwind erreichte das Schloss
durch die unbelaubten Wälder die Sonne blieb verhüllt oder blickte nur matt
durch dichte Nebelschleier Licht und Wärme waren von außen her nicht mehr zu
erwarten und die einsamen Bewohner kehrten mechanisch in die alten Gewohnheiten
der winterlichen Zeit zurück
Es war kaum anzunehmen dass die Anordnung der Zeit und die Obwaltung des
Hauses von denen ausgehe die ihr Rang dazu berief viel eher schien es jene
fügten sich in das was von der Dienerschaft in jahrelanger Gewohnheit und
schweigsamen Gehorsam nach dem einmal gekannten Willen ihrer Herrschaften auch
jetzt wieder sorgsam ohne Frage eingerichtet war Man verließ die eigenen
Gemächer und verfügte sich in die Versammlungszimmer wenn die aufwartenden
Diener die Stunden dazu meldeten man trennte sich wenn die Zeit zu diesem
Beisammensein durch den Aufhub der Tafel oder des Frühstücks angezeigt war und
der Zwang der über Allen waltete schob die streng gehaltenen Stunden selten
hinaus
Es war die Zeit einer bangen Erwartung die Alle zur Untätigkeit verdammte
während Sorge beleidigter Stolz und die Bürde eines großen erlittenen Unrechts
im Geheim die Leidenschaften Aller steigerte und weder ein Abschliessen mit dem
Leben zuließ noch eine mutige Anstrengung für die Wiedererlangung des
gestörten Friedens
Wohl wusste die erhabene also geprüfte Familie dass England den Kummer
teile und über die Beleidigung murre die jeden edelen Mann in Bezug auf die
schimpfliche Behandlung des Grafen Bristol zu betreffen schien Aber es sind
nicht alle Gemüter gestimmt in der Teilnahme der Menge Trost finden zu
können Graf Bristol war am Ende eines glücklichen und ruhmvollen Lebens nicht
vorbereitet es so traurig zu beschließen und das stolze Herz seiner Tochter
widerstand dem Unglück mit ergebungslosem Unwillen
Lord Bristol war vom Hofe und aus London verwiesen Der Stolz womit er das
Parlament zum Schiedsrichter zwischen seinem Ankläger und sich gestellt wissen
wollte war eine Herausforderung zu gefährlicher Art für Buckingham als dass er
nicht eine Verweisung vom Könige erpressen sollte um alle Anstrengungen mit
einem Male zu vernichten die von Seiten der mächtigen Familie des Grafen
gemacht wurden um ihn glänzend zu rechtfertigen Machtlos stand Lord Bristol
vor diesem harten Gebot Das Antlitz seines Königs war ihm entzogen der Prinz
von Wales wie es schien teilte die Meinung des verwegenen Herzogs zu
widerstehen war der Gewalt nicht der Graf musste vor den Toren von London
umwenden und in der Verbannung sich für begünstigt halten dass man das Schloss
der Herzogin von Nottingham als Zufluchtsort anzusehen ihm verstattete
Was ihm von hier aus zu tun möglich war beschränkte sich darauf die
Wirksamkeit des Grafen Archimbald und des Lord Richmond durch Alles zu
unterhalten was ihm zu seiner Rechtfertigung an Beweisen zu Gebote stand doch
der Widerstand und die gesetzwidrigen Hindernisse welche diese auf allen Wegen
von Buckinghams Kreaturen aufgestellt fanden machte ihr Streben zu dem
erfolglosen Geschäft der Danaiden und setzte ihre eigene stets behauptete
achtungsvolle Stellung allgemach herab Ihre offenen Bemühungen hatten zuerst
das Missfallen des Hofes zur Folge welcher sich nicht an eine Sache erinnert
sehen wollte die nicht zu rechtfertigen war und in Ansehung der betreffenden
ausgezeichneten Person nicht in der Stille sich beseitigen ließ
Die Minister des Königs obwohl von der Unschuld des Grafen überzeugt hatten
Buckinghams Willen gegenüber keinen Einfluss auf den König und Lord Salisbury
hatte mit engherziger Strenge sich von jeder Teilnahme an seiner Familie
ausgeschlossen sobald sie gegen den einmal ausgesprochenen königlichen Willen
lief So geschah es dass der Mann der noch vor Kurzem im Mittelpunkte der Gnade
zweier großen Höfe von den Freundschafts und Gnadenbezeigungen der spanischen
und englischen Majestäten überhäuft und im Begriff gewesen war eine glänzende
Allianz für sein Vaterland durch die heiligsten Bande zu befestigen und sich
den Segen und den Dank seines Königs und seines Vaterlandes zu verdienen
jetzt durch die beispiellose Unverschämtheit eines ungeschickten und
leichtsinnigen Toren sich zum Spielball der boshaften Willkür desselben
herabgesetzt sah angeklagt treulosen Verrats des königlichen Vertrauens
angeklagt öffentlich und laut vor ganz England vor ganz Europa und durch den
grausamsten Machtspruch zur Verbannung und zu einem Schweigen verdammt das
diesen geachteten Namen zu einem Gegenstande des Zweifels machte
Bis zu dem Augenblicke waren alle Bemühungen seiner Freunde ihm Gelegenheit
zur Rechtfertigung auszuwirken vergeblich gewesen Ihre Bitten erreichten
Jakobs wohlverwahrtes Ohr nicht mehr Der Prinz zeigte eine Kälte dagegen die
den besorgten Freunden des Vaterlandes die Wahrheit zu bestätigen schien es
habe der Charakter des Prinzen nach der Rückkehr aus Spanien eine traurige
Umänderung erlitten die man dem entschieden hervorgetretenen Einflusse
Buckinghams zuzurechnen sich für berechtigt hielt
Der König von Spanien Bristols unermüdlicher Freund und Bewunderer hatte
trotz der feindlichen Stellung die beide Länder jetzt gegeneinander annahmen
seine gerechte Empfindlichkeit überwunden und in einem eigenhändigen Schreiben
an Jakob seinen Liebling verteidigt und den König für ihn zu gewinnen gesucht
Jakob hatte diesen Brief nie erhalten und dem großmütigen Philipp ward
angedeutet dass seine Vorliebe dem Grafen eben nicht zum Besten gereiche da er
gerade verklagt sei der katholischen Majestät zu vorteilhaft gesinnt gewesen
zu sein
Ein gleiches Schicksal hatte Lord Bristols erhabene Freundin die edle und
unglückliche Pfalzgräfin Elisabet die Tochter Jakobs die aus dem Besitztum
ihres Gemahls vertrieben in trostloser Verlassenheit jetzt auch der Hoffnung
beraubt war nachdem mit Bristols Sturz der spanische Einfluss auf ihr Schicksal
verloren gegangen von dem sie ihr gesunkenes Glück wieder aufgerichtet zu sehen
hoffte Vergeblich sagte man ihr dass Frankreich die Rolle Spaniens ersetzen
dass sie bei dieser politischen Umwälzung nichts verlieren würde ihr Langmut
war erschöpft und die Verzweiflung gab ihrer Sprache die ungeschminkte Färbung
der Wahrheit Die dringenden Briefe dieses Inhalts an ihren Vater die stets von
heftigen Ausbrüchen gegen Buckingham und von Beteuerungen für Bristols Unschuld
erfüllt waren wurden nicht unterdrückt sondern Buckingham weidete sich daran
wie sie selbst den Zweck zerstörten den sie erreichen sollten Jakob hatte die
unglückliche Verbindung stets als eine Plage betrachtet wovon sein ängstlich
bewachtes Friedenssystem bedroht und seine stets sparsam gefüllten Kassen zum
Oeftern geplündert wurden und wenn er seiner Tochter diese beiden Belästigungen
bisher verziehen hatte geschah es immer nur in so fern als das Unheil eines
Krieges noch wirklich abgewendet worden war In dem Augenblicke wo seine
sinkenden Lebenskräfte ihn herzloser und übellauniger als je machten
erbitterte ihn die Vorstellung dem Kriege mit Spanien nicht mehr entgehen zu
können so heftig dass er getäuscht über die wahren Urheber desselben sich
durch die Verteidigung Bristols der ihm als ein solcher vorgespiegelt worden
wahrhaftig empört fühlte zumal da diese Verteidigung von einer Prinzessin
ausging von welcher er stets in trüber Vorahnung die Veranlassung zu einer
Katastrophe erwartet hatte die ihn jetzt eben durch ihren Schützling erreicht
zu haben schien Er hörte daher nicht auf sich auf das Lauteste über die
Mahnungen der Pfalzgräfin zu beklagen und es konnte Niemandem entgehen dass
diese Bemühungen die Sache des Grafen noch mehr verdarben
So wenig nun unter diesen Umständen sich ein Weg zu öffnen schien dessen
Verfolgung günstigere Resultate hoffen ließ war doch Graf Archimbald eben wie
Richmond entschlossen festen Fußes das bestrittene Feld zu behaupten da es
außer allem Zweifel blieb dass London und der Hof bewacht in allen seinen
Abwechselungen Gelegenheit geben müsste die nie aufzugebende Sache an ein
klareres Licht zu ziehen
So blieben Beide freiwillig von GodwieKastle getrennt während der junge
Herzog in einer stillen leidend ruhigen Fassung in dem Hause seiner nunmehr
anerkannten Braut in London seine Zeit in gleichem Anteil dem Kummer seiner
Familie wie den Pflichten seines Berufs widmete
Die jüngere Herzogin begriff unter den offen daliegenden Ursachen des
Kummers alle Empfindungen ihres Herzens wie manches ihnen auch beigemischt sein
mochte was sie sich oder Andern einzugestehen nicht geneigt war Sie hatte sich
mit der Angelegenheit der angeblichen Gräfin Melville seit ihrer freiwilligen
und heimlichen Entfernung von Burtonhall für abgefunden erklärt und sich wie
ihren Umgebungen mit der ihr eigenen Art welche keine andere Meinung aufkommen
ließ jede weitere Nachforschung nach dem ferneren Aufenthalte nach Ergehen
derselben untersagt Der Name des liebenswürdigen Wesens war daher in den einst
von ihr belebten Räumen verklungen oder wurde nur schüchtern in den langen
Wintergesprächen der Dienerschaft erwähnt welche alle dem gütigen Fräulein
zugetan verblieben
Lord Bristol hatte die endlich geöffneten Gemächer des verstorbenen Herzogs
bezogen und sein rastloser Geist war hier mit der Abfassung von Memoiren
beschäftigt die sein reiches und einflussreiches diplomatisches Leben betrafen
So sich in die Vergangenheit vertiefend behielt er doch seine gegenwärtige
Stellung unverrückt im Auge und auf die Liebe des Königs zu ihm bauend die er
einst so vollständig besessen ging sein lebhafter Wunsch dahin sich auf irgend
eine Weise ihm nähern und sich vor ihm selbst verteidigen zu können
Eine einzige Vertraute dieses Wunsches gab es für ihn dies war seine
Tochter Wie sonst bei Lebzeiten ihres Gemahls ruhte die Herzogin heute in dem
Lehnstuhle dem Arbeitstische ihres Gemahls gegenüber von welchem her jetzt das
ernste gefurchte Antlitz des Vaters zu ihr blickte um dessen hohe Stirn die
Locken des starken Haares von dem Reife des Alters gebleicht sich majestätisch
bauten und den erhabenen Eindruck seiner ganzen Erscheinung zu krönen schienen
Ich habe meinen Namen vor England nicht zu verteidigen meine Tochter
setzte er gelassen ein mit ihr geführtes Gespräch fort und hätte ich es so
würde nach menschlicher Wahrscheinlichkeit die Zeit nicht aus bleiben wo es
geschehen könnte aber zu jener Rechtfertigung nach der ich gestehe es Dir
mein Herz sich sehnt dazu möchte es bald an der Zeit sein oder für immer zu
spät Mein teurer dass ich es sagen muss missleiteter König ist am Ende seiner
Tage Soll er sein Auge schließen ohne es noch einmal versöhnt und wohlwollend
auf seinen treuen Diener den er einst seinen Freund nannte gerichtet zu haben
Er hatte sich während dieser Worte erhoben und schritt gedankenvoll durch
das kleine Gemach
Sein stolzes Haupt hatte sich nachdenkend auf seine Brust gesenkt seine
Armen lagen gekreuzt über einander
Die Herzogin begleitete ihn mit den ausdrucksvollen Blicken die ihr so
eigen waren wenn sie sich einen Gegenstand bis zur Klarheit ausdachte und hier
verfolgte sie den Gedanken dass die persönliche Ungnade des Königs der
Gespiele Freund und Vertrauter ihres Vaters gewesen dem dieser mit
grenzenloser Hingebung und einer an Enthusiasmus grenzenden Liebe gedient dies
edle Herz tiefer verwundete als eine öffentliche Anklage an die Niemand im
Ernste glaubte wenn auch sie zu widerlegen außer dem Interesse der Mehrzahl
lag
Sie hatte die ruhende Stellung aufgegeben Gedanke an Gedanke beflügelt von
der Liebe zu dem edelen innigverehrten Vater ordneten sich in ihrem Kopfe und
röteten das blasse zusammengefallene Antlitz mit einem Anhauche früheren
Glanzes
Nun wohl teurer Vater so lasset uns handeln sprach sie endlich und erhob
sich lebhaft vor ihn hintretend Die Witwe des Herzogs von Nottingham ist nicht
vom Hofe verbannt ihr wird der Zugang nicht verwehrt sein zu den Stufen des
Trones Lasst Eure Tochter als Euren Boten voran nach London eilen diese
wankenden Knie werden sich leicht beugen um für den Vater Gerechtigkeit zu
erflehen und Jakob wird die Tochter hören die von dem Herzen des Vaters zu dem
seinigen reden will Ich fürchte diesen Buckingham nicht und Ihr wisst setzte
sie stolz hinzu ich habe ihn nie gefürchtet auch ist ja meine Sendung eine
Sendung des Friedens Möge England ungewiss bleiben ob Jakob versöhnt ist mit
seinem edelsten Diener seid nur Ihr es nicht länger sei nur von diesem Herzen
der Schmerz genommen der es jetzt ergriffen hält
Bristol betrachtete seine Tochter ein sanfter Ausdruck glitt über seine
bekümmerten Züge und seine Arme lösten sich die Hände der Tochter zu ergreifen
Ich danke Dir Arabella für den warmen Anteil den Du mir bewahrt hast
sprach er sanft aber vielleicht bedarf ich ihn nicht um Dich einem so
ungewissen Unternehmen auszusetzen dessen Misslingen Dich tiefer verletzen
würde als Du berechnen kannst Diese ersehnte Zusammenkunft ist vielleicht
nicht mehr fern und ich war eben gesonnen Dich auf meine mögliche kurze
Entfernung vorzubereiten welche mit einem mir gemachten Vorschlage den König
zu sehen zusammenhängt und welche den Bewohnern dieses Schlosses zu deuten
ich Deiner Klugheit überlassen muss
Und habe ich so viel Anspruch an Euer spätes Vertrauen verehrter Herr um
hier mehr als ein blinder Hüter Eurer mit Fremden verabredeten und mir bis jetzt
so wohl entzogenen Pläne zu sein sprach die Herzogin sich nach ihrem Sessel
zurückziehend
Ja wohl Fremde seufzte hier Lord Bristol schwer auf denn in England
scheint kein Herz mehr nach dem Takte alter Ehre und alten Rechtes zu schlagen
sondern wie die Furcht das feige Blut regiert im jähen Wechsel von Hast und
Gleichgültigkeit
Die Hilfe die man mir beut sie kommt von jenen die aus dem Untergange
meiner lang gepflegten für England segensreichen Pläne ihre eigenen aufblühen
sehen Richelieu bietet sich zum Vermittler an durch Richelieus geheimen
Einfluss soll ich den König sehen
Richelieu rief die Herzogin in der Überraschung ihre Empfindlichkeit
vergessend Richelieu der Jesuit der Feind aller Freiheit aller Tugend Euer
Feind so lang Ihr England mit Spanien zu vereinen strebtet er er würde Euren
Einfluss zu heben suchen nachdem ihm durch Euren Sturz der beste Vorteil ward
und er begierig mit Eurem Feinde Buckingham die Bande schürzte die auf immer
Alles trennen was Ihr mit langer Weisheit in andrer Richtung angeknüpft Vater
wollt Ihr mich glauben lehren an den Ruf der Richelieu zu dem verschlagensten
Staatsmanne Europas stempelt Wenn er Euch zu täuschen wüsste glaube ich an
Alles
Eben weil ich Dich als so rasch in Urteil und Äußerungen kenne erwiderte
Lord Bristol entzog ich Dir wie Du bestätigst nicht ohne Grund die langsam
entstehenden Beweggründe die endlich mich zu diesem Punkte führen konnten doch
weiß ich die Überzeugung wird Dir bald nötig sein dass Dein in den Wegen der
Politik grau gewordener Vater nicht jetzt in die Schlingen eines französischen
Kardinals gefallen sondern dass hier zum ersten Male der Fall eingetreten ist
dass Beide in einem Interesse handeln
Da die Herzogin ihn nicht unterbrach fuhr Graf Bristol fort Was ich zum
Wohle des Ganzen mit Spanien so sorgfältig angesponnen ist unwiderruflich
dahin Frankreich hat mit neidischen Augen eine Verbindung betrachtet welche
England einen überwiegenden Einfluss auf alle europäischen Beschlüsse verhieß
und wohl wissend von wem dieser Plan ausging und geleitet ward und wie nach
ihm Keiner ihn führen könnte war ich seinen geheimen Machinationen unaufhörlich
preisgegeben Alle Schwierigkeiten des römischen Hofes wurden von Frankreich
geleitet und scheiterten allein an dem seltenen persönlichen Verhältnis welches
zwischen mir und Philipp bestand und mein einfaches Wort höher gelten ließ als
alle Intriguen des ehrgeizigen Kardinals Dass aus der unbegreiflichen Versöhnung
des Prinzen mit Buckingham diese verderbliche Reise entstehen dürfte die Alles
vernichten musste das lag außer der Berechnung selbst der kühnsten Wünsche
Frankreichs doch ward es eben so schnell zu dessen Vorteil benutzt wie es
außer meinen Kräften lag es unschädlich zu machen Eine wunderbare Erscheinung
in der Welt hat sich hier wiederholt dass oft die Weisheit durch die
Schellenkappe von ihrem Throne gejagt wird um das Laster darauf zu krönen Was
Richelieu nicht zu hintertreiben gelang mit dem ganzen drohenden Apparate des
römischen Hofes das gelang dem wahnsinnigen Übermute eines boshaften Toren
der vielleicht in toller Laune seine Schuhschnallen gegen diese Verbindung
gewettet hatte So brutal so planlos so ohne Hehl seiner bösen Absicht trat
dieser Mensch auf und dennoch so unwiderstehlich da er kein Mittel scheute um
gerade das zu zerstören worauf Alles beruhte Treue und Glauben an englische
Redlichkeit und reine Sitte
Und der Prinz rief die Herzogin Nie werde ich das Rätsel lösen können
was er uns dabei aufgibt Nicht hoch ist meine Meinung von ihm gewesen sie ist
gerechtfertigt seine erste Handlung zeigt ihn als einen Mann ohne Haltung ohne
Güte und wahres Ehrgefühl Wie konnte er je die Hand Buckinghams ergreifen die
sich einst freventlich gegen ihn erhob und sich von allen denen wenden für die
er früher nur zu leben schien
Der Prinz erwiderte Bristol zeigt sich freilich abweichend von dem was
früher wir von ihm erwarten durften aber ehe ich Dir beipflichte müsste ich ihn
näher beobachten können Ganz rechne ich seinem Charakter diese Verwandlung nicht
zu es liegt hier irgend ein äußeres Anreizungsmittel zum Grunde das bis jetzt
zu erforschen mir nicht gelang Doch leider ist so viel gewiss dass seit er in
Deinem Gemahl seinen guten Engel verloren er in die Gewalt eines bösen Geistes
geriet der mindestens seine Handlungen der Welt entstellt wiedergibt
Vielleicht hätten wir den Schlüssel zu allem diesem wenn Dein Gemahl Zeit
behalten hätte mir den Grund seiner Reise nach Spanien zu entdecken dass sie
vom Prinzen veranlasst war ist das Einzige was mir klar geworden
Wunderbar sagte die Herzogin düster vor sich hin er hat ihn mir missgönnt
vom ersten Augenblicke an er hat ihn mir entzogen so viel er vermochte er hat
ihn mir endlich für immer geraubt
Bristol umging es diese bittere Anklage seiner Tochter durch Widerspruch zu
schärfen und sie abziehend führte er die abgewichene Unterredung auf ihren
Anfang zurück
Frankreich hat einerseits erreicht was es wollte aber indem es an die
Stelle der Infantin die französische Prinzessin gesetzt betrachtet es schon
voll Argwohn denjenigen durch dessen wahnsinnigen Eifer dies erreicht ward Die
Prinzessin soll eine Abgesandte Richelieus werden ihr unbestrittener Einfluss
auf den Prinzen muss gesichert werden und schon wird Alles in Bewegung gesetzt
Buckingham zu stürzen oder ihm ein Gegengewicht zu geben und somit ist
Richelieu darauf bedacht mich an das Interesse der Fürstin zu knüpfen durch
sie mich mit dem Hofe zu versöhnen und Buckingham entgegen zu stellen
Verzeiht erwiderte die Herzogin hier kalt ihn unterbrechend wenn ich
Euch dies Mal nicht verstehe Einfach wie Ihr mich erzogen habe ich von keinem
andern Wege Glück und Gunst zu erlangen Begriff bekommen als von dem offenen
Wege des Rechts Durch eine Kabale Richelieus den Platz Euch wieder gewinnen zu
sehen den Euch vor ganz Europa eine Ungerechtigkeit zu rauben wagte darauf
wäre ich nicht verfallen freilich die einfache Bitte einer Tochter um
Gerechtigkeit für ihren Vater könnte den stolzen Kardinal beleidigen indem der
Erfolg seine feinen Pläne zu übereilen drohte
Arabella sagte Bristol indem er das gesenkte strenge Antlitz der Tochter
lächelnd betrachtete Du bist dieselbe noch wie damals als Du in dem großen
Turmzimmer auf dem alten Stammschlosse der Digby eine echte Erbin ihres
stolzen Blutes mit dem Filetstock Deinem Vater drohtest wenn er in Deinen
Plänen die Welt zu beherrschen einige Abweichungen anzuraten wagte Ohne
Zwang bist Du erwachsen ohne Zwang geblieben bis jetzt schön und vollständig
ist Deine Natur entwickelt sich selbst Gesetz geworden Mir schien es stets der
einzige Weg die tiefe Leidenschaftlichkeit Deiner stolzen Natur in sich selbst
sich bezwingen zu lassen und viel hast Du wahr gemacht was das Vertrauen des
Vaters Dir übertrug was damit nicht erreicht werden konnte soll mich nicht
überraschen denn ich stellte es stets in Zweifel
O Vater rief die Herzogin sich seinen Augen entziehend es steht nicht
wohl die zu schelten die müde von Schmerz und Täuschung ungleich in ihrem
Innern bewegt von Gleichgültigkeit gegen sich selbst und heißer Liebessorge für
die Ihrigen das einfache Recht zu ihrer Richtschnur wählt
Auch schelte ich nicht noch weniger zürne ich Deinen raschen Worten doch
hüte Dich wie eben jetzt den verletzten Stolz der Dich hier so selbst erhoben
richten lässt nicht zu verwechseln mit dem rührenden Bedürfnis nach einfachem
Recht
Die schöne Seele die nur danach lechzt sie verfehle vor allen Dingen
nicht sich selbst zu prüfen ob sie rein genug gestimmt war um Recht von
Unrecht rein zu scheiden
Wenn ich die schmutzige Hand ergreife die sich mir bietet wer zweifelt
und vor Allem warum zweifelst Du dass es ein Opfer ist was ich in höherer
Absicht bringe Die Feinde meines Vaterlandes stehen an dem Fuß des Trones
verloren ist die Hoffnung Englands verloren der Prinz bleibt er in den Händen
Buckinghams Mir fehlt um die Ketten worin er langsam eingeschmiedet wird zu
brechen jetzt die Kraft
Hat Richelieu sich verrechnet indem er sie für mich zu brechen sucht ich
habe ihn nicht getäuscht er kennt mein Leben es trägt keinen Hauch von
Selbstsucht unvorentalten blieb es ihm dass dieses Herz nichts eingebüßt von
seiner warmen Liebe für England und sein erlauchtes Herrscherhaus Das Antlitz
was ich wirklich trage hat Richelieu als Maske vorgenommen er spricht von
Sorge für England und seinen Tronerben ich empfinde sie er heuchelt mir
Vertrauen als ob ich allein das Unheil hindern könnte und ich fühle in
Wahrheit dazu die Kraft den Willen So reden wir dieselbe Sprache er die
Sprache die mich täuschen soll um mich als vorläufiges Mittel gegen Buckingham
zu gebrauchen ich die Sprache der Überzeugung und des Herzens an die er
keinen Glauben hat die er für Verstellung hält da er nie eine Beleidigung
vergeben würde wie ich sie erfuhr und da er wähnt ich trachte nur nach einem
Standpunkt des Herrschens entfernt von dem Platz wo ich Ehre und Ruhm
erlangte
Dem Könige mich zu versöhnen lag außer seinem Willen und hält er es für
eine Grille die mich ihm fast verächtlich macht dass ich auf der Versöhnung mit
einem für ihn völlig abgetanen leeren Greise so ernst bestand und doch war
diese zu bewirken meine erste Bedingung Ich erwarte die Nachrichten die mich
von hier abrufen sollen mit jeder Stunde
Am Abende desselben Tages hielt an derselben Treppe der Terrasse welche
einst den leblosen Körper der unglücklichen Maria trug ein kleiner Trupp wohl
bewaffneter Reiter mit einem leeren Handpferde Aus dem italienischen Flügel
glitt der Schein eines wandernden Lichtes an den Fenstern vorüber bis es
verschwand Bald öffnete sich eine kleine Pforte nach der Terrasse hin Eine
hohe männliche Gestalt in einen Mantel gehüllt trat hervor legte den Weg bis
zur Treppe schnell zurück rief dort ein fremdes Losungswort welches sogleich
erwidert ward stieg die Treppe hinab und bald verklang der Hufschlag der
schnell davon eilenden Rosse in den hart gefrornen Wegen des Waldes
Die Herzogin von Nottingham brachte ihrer Schwiegermutter am andern Morgen
in Gegenwart ihrer Tochter und der versammelten Dienerschaft die Empfehlungen
des Grafen von Bristol welcher sich auf einige Tage nach DigbyKastle begeben
Sie trug dabei jene kalte abweisende Miene welche ihre sanfte Schwiegermutter
nie zu verändern versucht hatte und die alle Übrigen wie durch eine Mauer
entfernt hielt und so zog ein düsterer Schleier mehr sich um die einsamen
Bewohner des in Nebel gehüllten von Stürmen umwehten Schlosses
Noch ein Mal sollte das alte Whitehall das seit die Gesundheit des Königs
immer mehr zu sinken begann verödet war den Glanz und das Gepränge einer
Hofceremonie erleben
Buckingham hatte trotz des Widerstandes des fast sterbenden Jakobs es
durchgesetzt in einer feierlichen Audienz im Angesichte aller Großen des
Reichs vom Könige selbst als Stellvertreter des Prinzen von Wales zur
feierlichen Vermählung mit Henriette von Frankreich dahin abgesendet zu werden
Es war allein eine Befriedigung seiner Eitelkeit welche ihn dies Opfer von
dem kranken Könige erzwingen ließ und die Freude an den misslaunigen Gesichtern
der Lords die zu seinem Triumphe erscheinen mussten und denen jede Miene des
übermütigen Mannes zurufen sollte Ihr empfangt durch mich Eure Königin
Fast hätte er gewünscht Bristol aus seiner Verbannung erlösen zu können um
ein Zeuge des Triumphes über ihn zu sein Das Hotel des Herzogs glich einem
Markte auf dem alle Erzeugnisse der Kunst und des Luxus in der größten Auswahl
und Schönheit aufgestellt waren bewacht und mit ängstlicher Sorgfalt dem
Momente aufgehoben wo ein Blick des Wohlgefallens ein Neigen des Hauptes Dies
oder Jenes zum Eigentum des Herzogs machen würde Er versagte den Tage lang
Harrenden oft diese ersehnte Ehre obwohl er täglich zwischen ihnen durch nach
seinen Zimmern ging so hartnäckig dass sie ihm nicht anders vorzukommen
schienen als die leblosen Figuren in den Tapeten der Wände Keiner wagte ihn zu
erinnern dass sie lebten und litten Keiner der Ehre und Vermögen zugleich an
selten verlangte Gegenstände und deren glücklichen Verkauf geknüpft hatte
durfte um Gehör bitten wenn er nicht erleben wollte vertrieben vielleicht
ohne seine Güter aus dem Raume gejagt zu werden welchen einzunehmen Allen
schon zur Gunst angerechnet ward
Die großen Säle des Erdgeschosses waren in Packhäuser umgewandelt und die
kostbarsten SilberServices die seltensten Geschirre aller Art um ein
glänzenden Haus von wenigen Wochen in Paris zu machen wurden hier zum Transport
über das Meer eingerichtet
Nur Maxwell der die Launen seines Herrn oft durch eben so hartnäckige zu
vertreiben wusste ließ sich mit seinen Anträgen bei dem Ankauf neuer
Stickereien und Juwelen zu den zahllosen prachtvollen Kleidern nicht so
zurückweisen und eine kurze Audienz die der mächtige Kämmerling forderte
nötige dem Herzog seine Meinungen ab
Diesem ganzen wüsten Treiben welches der großen Katastrophe der Abreise
voran ging fehlte zur höchsten Ungeduld des Herzogs noch immer die eine Person
von der er sich selbst und alle seine Angelegenheiten am liebsten beherrschen
ließ wenn ihm dazu selbst die Laune verging
Dies war Lord Membrocke Längst war die Zeit vorüber welche ihn
zurückführen musste aber weder von ihm selbst noch von dem Verlauf seines
Auftrages waren Nachrichten eingetroffen und die Boten welche Buckingham nach
dem Schloss gesendet welches er für den Empfang seiner Nichte einzurichten
befohlen waren alle mit der Meldung zurückgekommen dass man dort noch immer die
fremde Dame erwarte und von Lord Membrocke keine Spur sich gezeigt habe
Buckingham würde nicht gezweifelt haben dass Membrocke seine Nichte entführt
habe hätte er nicht gewusst dass derselbe zu einer solchen romanhaften
Entschließung überhaupt zu gleichgültig und bequem sei und am wenigsten in
einem Augenblicke sich dazu hinneigen würde wo er ihm die Aussicht zu einer der
glänzendsten Reisen an seiner Seite eröffnet und hiermit seiner einzigen
Leidenschaft seiner grenzenlosen Eitelkeit das weiteste Feld zur Ernte
dargeboten hatte
Buckingham war in der seltenen Lage Geduld haben zu müssen und dies
brachte ihn jeden Tag wo er durch irgend eine ToilettenBagatelle an
Membrockes Abwesenheit erinnert ward ein paar Mal in die entsetzlichste Wut
worin er ihn verwünschte die größten Züchtigungen und Kränkungen ihm verhieß
bis er es wieder vergessen oder ein paar neue unnütze Boten abgesendet hatte
die den frühern Bescheid wiederholten
Es war am Tage vor der großen Audienz in Whitehall als die Tür des
Kabinets sich öffnete in dem der Herzog mit Maxwell ratschlagte und Membrocke
mit seinem eigentümlichen eleganten Anstande und mit der Sicherheit einer
vollkommen gerechtfertigten Erscheinung hereintrat
Maxwell sah voll Erstaunen wie Buckingham in seine Arme flog ihn herzte
und küsste und nicht glücklich genug sich preisen konnte dass er eben heute
komme einen Tag vor der Audienz die er jetzt mit der größten Geläufigkeit ihm
zu schildern begann Alle dabei gehofften Triumphe von der lächerlich
dargestellten Angst des alten Königs bis zu dem Wamse und den Juwelen die ihn
dabei zieren sollten wurden aufgezählt und er ruhte nicht bis er voll Sorge
Membrockes Toilette würde nicht glänzend genug dabei erscheinen ihm von seinen
fertig daliegenden noch ungemachten Stickereien aufgenötigt hatte was sich
dazu eignete den Glanz seines Begleiters zu heben
Wer Beide beobachtete und die früheren Ausbrüche des leichtsinnigen Herzogs
vernommen musste glauben er supplicire um die Freundschaft und Verzeihung
Membrockes und dieser sei der Beleidigte und Zürnende doch nur
augenblicklich Wer wie Maxwell seinen Herrn kannte den konnte es nicht
befremden denn so beherrschte ihn stets der Augenblick
Jahrelang konnte er Menschen und Verhältnisse verfolgen und mit allen Fäden
der feinsten und boshaftesten Intrigue umspinnen und in demselben Augenblick
wo er die verschlagensten Pläne ersonnen zerstreuten ihn bis zur kindischsten
Sorglosigkeit und Albernheit die kleinsten Interessen der Geselligkeit und
Eitelkeit
Dagegen trat Membrocke der sich in seinem Betragen gegen ihn eine gewisse
vornehme Zurückhaltung zum Grundsatz gemacht hatte mit einer sehr merklichen
Verstärkung dieses Wesens vor ihm auf so dass es endlich der Herzog aus seiner
Zerstreuung zu sich kommend wohl merken musste Sogleich wie vom Blitz von dem
Gedanken getroffen dass er ihm habe zürnen wollen sprang er auch im Nu in diese
Stimmung über
Ha Mylord rief er hochrot vor Zorn ich verstehe jetzt warum Ihr
ansteht Euch freundlich und offen zu betragen Ihr fürchtet die Rechenschaft
die Ihr mir abzulegen habt Sprecht augenblicklich wo habt Ihr sie Was habt
Ihr gewagt gegen meinen Willen zu tun Ha gegen meinen Willen Ihr sollt es
fürchterlich beklagen gegen meinen Willen Bösewicht Verräter
Halt überschrie Membrocke die wütende Stimme des Herzogs und drückte den
Andringenden so überlegen zurück dass jener mit versetztem Atem inne halten
musste Ich bin nicht gesonnen hier in Eurem Kabinette eben so der Spielball
Eurer ungezogenen Launen zu sein wie Ihr bei der Angelegenheit mit dieser Dame
gewagt habt mich außer diesem Hause umher zu jagen Von Euch begehre ich
Rechenschaft Warum habt Ihr diese Dame die ich als ein wahrer Edelmann
geschützt und behütet habe meiner Sorgfalt entzogen Warum mich auf das
Unnützeste umherziehen Euch überall vergeblich erwarten lassen Bis ich
endlich gegen Euren Willen ohne Zweifel den einzigen mir zusagenden Ausweg
ergriff hierher zu gehen und von Euch selbst Rechenschaft zu begehren Ihr
erwartet ein freundliches Gesicht da ich Euch in tiefem Frieden mit Euch selbst
beschäftigt finde wahrscheinlich ohne Gedanken daran dass Ihr mich umher
jagtet fast bis zum Augenblicke wo Euer mir gemachtes Reiseanerbieten nicht
mehr ausführbar gewesen wäre und das Meer uns zu trennen die Güte gehabt hätte
Nein nein rief Buckingham hier ernst und besorgt blickend es ist Alles
nicht so wie Du sagst Lass uns das Geschwätz von Vorwürfen enden damit wir zur
Wahrheit kommen es ahnt mir wir sind beide betrogen und eine Verständigung
unter uns ist nötig Nimm mein Wort Du hast seit meinem letzten Briefe zu
Burtonhall keinen weitern Auftrag von mir erhalten
Aber drei Mal die Chiffern die Deinen bestimmten Willen andeuten welche
ein Mal mich Deine Nichte in andere Hände übergeben ließ und zwei Mal mich zu
vergeblichen Rendezvous führten
Wir sind betrogen fuhr Buckingham wild auf Wo sind die Chiffern Man hat
Dich getäuscht Voll Ungeduld habe ich die Anzeige Deiner Rückkehr und der
Sicherheit Deiner Schutzbefohlenen abgewartet Erzähle schnell Eben so schnell
müssen die Mittel ergriffen werden dies Bubenstück zu entlarven Ha von woher
kann mir dies kommen Glaubst Du von den Nottinghams Doch nein Sie hätten sie
Dir mit dem Degen in der Faust abgenötigt größere Feinheiten kennen sie nicht
Auch haben sie nicht unterlassen diese Feinheit gegen mich zu versuchen
und nicht ich habe es gehindert sondern Deine erhabene Nichte selbst
Sie selbst schrie Buckingham halb lachend hattest Du sie schon am
Angelhaken Deiner schönen Augen Wie Du hast gewagt sie in Dich verliebt zu
machen
Ich würde es nicht gehindert haben sei gewiss wenn meine Reize dies Wunder
bewirkt hätten Doch dies Mal kann ich bei meiner sonstigen ziemlichen
Wahrnehmung aller Schattirungen weiblicher Entzückung die meine
unwiderstehliche Person hervor zu rufen vermag nicht anders als eingestehn
dass ich auf den ersten schwachen Anfang vergeblich gewartet habe Sie hat mich
vom ersten bis zum letzten Augenblick mit Misstrauen behandelt und nur ihre
unbegreifliche Klugheit lehrte sie während der Reise ihr hochmütiges
Zurückstossen in eine kalte Höflichkeit umzuändern womit sie mir die einzige
Gelegenheit zur Vertraulichkeit abschnitt denn ich hatte mich jetzt nicht
einmal über irgend etwas gegen sie zu beklagen
Ganz natürlich fiel Buckingham hier ein Deine unbegreifliche tolle Art
ein Verhältnis mit ihr anzuknüpfen musste diesen Phönix in dessen Adern das
stolzeste Blut von England fließt empören und Dir den Stab brechen
Weiberkenner spottete er dies Mädchen war zu hoch für Deine verbrauchten
Theorien
Tor rief Membrocke ärgerlich hättest Du mir neue Lehren geben wollen Sie
gehörte nicht zu denen die ich durch Launen Übersehn Quälereien und einen
eingestreuten Sonnenblick der Anbetung besiegen konnte sie hätte das Alles
nicht bemerkt und ihre unbegreifliche Hoheit ich muss es Dir gestehen machte
sie von Niemand abhängig Aber wenn ich sie nach dieser Überzeugung unter die
zweite Rubrik der Frauen stellte musste ich aus meiner Gemächlichkeit heraus
und ihr Verzweiflung Wahnsinn bleiche Wangen und tote Augen zeigen Ha
hätten Euer Liebden bessern Rat gewusst Ich habe noch keine Frau gekannt die
dies lange mit ansah und nicht wenigstens durch einen holden Blick voll
Teilnahme lindern wollte keine fast die mit diesem ersten Blicke den ich
bloß der Tugend und Menschlichkeit verdankte nicht mein Eigentum geworden
wäre
Diese armen Kreaturen fühlen sich so gering und sehen uns so allgewaltig
und unabhängig über sich dass sie dem Wahnsinn nahe kommen wenn wir den Glauben
in ihnen erwecken unser Leben unser Glück hänge an der Richtung und dem
Schimmer ihrer schönen Augen Habe ich etwa Unrecht Kanntest Du eine Tugend
die nicht eben dieser ihrer Tugend zum Opfer ward
Aber meine Nichte lachte Buckingham meine Nichte Hat der erhabene Kenner
weiblicher Herzen vor dem ich armseliger Schüler mich beugen muss hat er eine
dritte Rubrik für die Nichte des stolzesten Herzogs erfinden müssen Was sagte
sie zu dem Fussfall zu dem Wahnsinn zu den bleichen Wangen und toten Augen
Membrocke riss ärgerlich den Mantel um die Schulter und sich im Sessel
dehnend rief er So viel unnütze Bemühung Sie schalt mich wie einen
Schulknaben und sah mich später so wenig an dass es gleich war ob ich rot oder
blass aussah Hätte ich Kühneres gewagt sie hätte ihren Hund auf mich gelassen
und die kleinste Unbesonnenheit brachte mich gleich in Gefahr den tugendhaften
Nottinghams verraten zu werden denn ihr Widerwillen mir nur ein heimliches
Wort zu gönnen war durch die größte Zurückhaltung nicht mehr zu überwinden
Göttlich göttlich rief Buckingham und rieb sich voll Freude die Hände als
ob er nicht grade das Gegenteil gewollt und mit dem tollsten Leichtsinne Ehre
und Tugend seiner Nichte an den verdorbensten Mann den er kannte gewagt hätte
Aber rief er plötzlich nun musstest Du Gewalt gebrauchen sie zu entführen
oder sollte sie dem Briefe gefolgt sein
So war es erwiderte Membrocke Sie glaubte früher nicht an meine
erdichtete Verbindung mit ihrem in ein fabelhaftes Dunkel gehüllten Oheim aber
der unbegreifliche Umstand dass sie seinen Namen nicht kannte nachdem ihr die
Nachforschungen der Nottinghams bewiesen es sei kein Graf von Marr machte sie
empfänglich für den Namen Saville den ich unterschob da ich vermuten musste
die Familie könne ihn gelegentlich bezeichnen als in Bristols Angelegenheiten
bös verwickelt Misstrauen gegen mich und Furcht den zu verraten den sie
anbetet und den ich bei ihrem ersten Worte an die Familie zu entdecken drohte
hielten sich die Waage und ließ sie allein dies Einverständnis mit mir
ertragen aber unmöglich wäre es mir geworden sie auf mein Wort zu einer Flucht
zu bewegen Da kam der Brief Erschüttert ward sie gewaltig bei seinem Anblick
aber es blieb etwas in ihr zurück Die Handschrift hatten wir getroffen nicht
so den Ausdruck die Art und Weise woran sie gewöhnt war Ihr Gefühl ward
dadurch unterbrochen zurückgedrängt doch lache nur ihrer Unschuld das
Siegel des Ringes entschied Sie weiß noch nicht dass man auch unfreiwillig
durch Ringe solche Zeichen versenden kann
Genug dies war seine Hand Sie ließ sich seitdem von mir leiten Auch sagte
sie mir später bemüht mich zu ihrem eigenen Trost zu rechtfertigen die Frau
Herzogin selbst habe den Namen Saville in einer Unterredung mit Lord Richmond
als einen Feind des Grafen Bristol bezeichnet Du kannst denken dass sie
überzeugt war den rechten Weg zu gehen denn sie bestand den harten Kampf gegen
Richmond und Ormond welche uns verfolgten ihre Flucht zu verteidigen und sich
in ihrer Gegenwart aufs Neue meinem Schutze zu übergeben
Die Tugendhelden zogen ab drohend und lärmend und von meinem Betragen
welches Kälte und Ruhe leicht zu spielen hatte aufs Äußerste verletzt
Sie hatten mir doch Schaden getan denn da ich mich den ganzen Tag von
ihrer Sänfte entfernt gehalten sagte man mir am Abend die Lady sei krank Sie
hatte ein brennendes Fieber und ich war froh sie der Hilfe jener Abigail
überlassen zu können deren Haus wir bald erreichten Dort kostete sie mir eine
schlaflose Nacht denn sie schien todtkrank und ich glaubte unsere Reise
unterbrochen Gleichwol ließ sie mich am andern Morgen rufen Ich fand sie zwar
bleich und mit verweinten Augen aber völlig angekleidet und zur Abreise fest
entschlossen Ja sie dankte es mir sogar als ich ihr bald darauf meldete dass
die Abreise vor sich gehen könne Obwol sie sichtlich litt tat sie sich doch
die größte Gewalt an und bestieg sogar für die Hälfte des Tages ihr Pferd
welche Bewegung so wie der Genuss der freien Luft ihr sehr wohl tat
Wir hatten am Abend Sir Patricks Schloss erreicht wo sie sich wie immer
nur um Ruhe und Alleinsein bittend zurückzog Als ich am Abend aus den innern
Gemächern Patricks trete schlüpft eine kleine graue Gestalt über die Gallerie
und übergibt mir einen Brief Er war von Dir
Nein nein er war nicht von mir schrie Buckingham
Eine Deiner unverschämten Chiffern
Und welche rief Buckingham gespannt
Sieh und gehorche Darunter von fremder Hand dass ich die Lady zur selben
Stunde an Patrick übergeben solle mit dem Befehl den Begleitern die Du am
andern Morgen senden würdest sie auszuliefern ich aber solle schnell in
demselben Augenblick aufbrechen und mich nach RodwicHouse begeben wo ich Dich
selbst in dringender Angelegenheit finden würde
Und Du warst wahnsinnig genug dies zu tun schrie Buckingham außer sich
war es doch meine Handschrift nicht wie konntest Du Dich so betrügen lassen
Und wann hättest Du Dich je herabgelassen Deine Befehle selbst zu
schreiben erwiderte Membrocke finster Wie oft habe ich solche törichte
Botschaften erhalten wie oft hast Du wiederholt dass diese Botschaften mit
einer der bekannten Chiffern Deiner Unterschrift gleich geltend wären Hast Du
in Torheit und Leichtsinn sie verraten so trage nun die Strafe dafür denn
gewiss ist es mehrere wo nicht gar alle sind verraten Mich wenigstens haben
drei umhergeneckt aus einer Gegend des Königreichs in die andere nach langem
Harren wieder weiter bis ich endlich selbst der Sache müde ward und ohne mich
an etwas anderes zu kehren hierher kam
Fort zu Patrick schrie Buckingham mit beiden Beinen aufspringend lass
Surveillant rufen augenblicklich muss er fort und Patrick soll her lebend oder
sterbend gleich viel alle Chiffern sollen ins Feuer Überall sollen sie
eingetauscht werden wir müssen neue erfinden Wer wer hat dies getan wer hat
dies wichtige Geheimnis erraten können das nur wir beide wissen
Wer sagt Dir erwiderte Membrocke dass die Nottinghams Dir nicht auf der
Spur sind Glaubst Du sie verkennen die Wichtigkeit der Person wenn sie Ahnung
oder Gewissheit haben
Ich glaube es nicht sagte Buckingham abweisend dies ist eine Weise zu der
sie kein Geschick haben und daher die hohe Miene der Gradheit annehmen wohinter
jeder Dummkopf seine Beschränktheit verstecken kann Sie hätten in Korpore eine
Audienz gefordert das Knie gebeugt und in Demut gesprochen Wir hatten die
Ehre einer Tochter Euer Gnaden das Leben zu retten Lord Membrocke hat sie uns
aber gestohlen und so weiter und so weiter Jetzt glaube nur schweigen sie
aus Hochmut sie schämen sich des ganzen Abenteuers Aber lass mich jetzt
besorge Dir anständige Kleider und versuche es des Glanzes nicht unwürdig zu
erscheinen der morgen mich umstrahlen wird O könnte ich morgen Bristol eine
Stunde hier haben zum Zeugen dieser Audienz Jetzt jetzt nehme ich den Platz
bei der schönen Henriette von Frankreich ein den er schon mit einem Fuße bei
seiner steifen Infantin inne hatte
Es wird Zeit sein sagte Membrocke phlegmatisch nach OrkleiStreet zu
fahren Lord Marcliff hält dort ein Wettrennen zu Pferde ich habe für ihn
Partie genommen
Ich kann nicht sagen ob ich Zeit finden werde an morgen zu denken Lady
Hiacinte will mich nach ihrem Landhause nehmen
Und ich massakrire Dich wenn Du nicht morgen erscheinst wie ich will rief
Buckingham dazwischen und drohte Membrocke nach der sehr anmutig grüßend
langsam aus dem Zimmer entglitt
Wenn Buckingham nicht fest überzeugt gewesen wäre dass kein Mann der Erde
sich ihm vergleichen könne er würde einem argwöhnischen Gefühl nicht haben
entgehen können indem er Lord Membrocke am Tage der Audienz in einer so
sorgfältigen und berechneten Toilette wiederfand dass Lady Hiacinte
wahrscheinlich allein nach ihrem Landhause gefahren war um der hierzu
erforderlichen Geistesanstrengung Raum zu lassen
Doch Buckingham voll kindischer Eitelkeit für sich selbst übertrug diese
auf seine Lieblinge die er bloß als Staffage ansah als Träger des von ihm
selbst abfallenden Glanzes Und so lachte er vor Freude über Membrockes
Galanterie gegen ihn wie ers auslegte und rief ihm bloß eine Kondolenz für
Lady Hiacinte zu die Membrocke mit einem so freundlich zerstreuten Gesicht
anhörte als läge ihm das Verständnis allzu fern
Doch Buckingham hatte sich verrechnet wenn er sich als den Augenpunkt der
ganzen Versammlung dachte Er empfing durch die grausame Härte womit er den
todtkranken König herausgerissen seine Strafe Sein böses Fieber hatte den
König lang von dem Anblick aller seiner Untertanen getrennt und sein
Erscheinen unter ihnen erregte eine Teilnahme einen Schmerz der um so
heftiger wirkte da Alles sich hier zu einem Triumph des gefährlichen Mannes
vereinigt sah der als Quäler und Beleidiger des geliebten Monarchen angesehen
ward Entsetzlich war die Blässe seines Gesichts und die Abzehrung seiner
Gestalt Seine Schwäche machte ihn unfähig allein sich aufrecht zu erhalten
Der Prinz von Wales stützte ihn während Jakob nur zuweilen die müden Augen
umher warf und dann mit seiner alten steifen Art die Hand ausstreckte und mit
den Fingern sonderbar schnippte was aber Alle die ihn kannten und liebten als
freundlichen Gruß wohl verstanden und was eine größere Bewegung unter ihnen
hervorbrachte als die rührendsten Worte es vermocht hätten
So ward aus dem glänzenden Triumphe Buckinghams eine höchst rührende
Abschiedsscene von einem König der viel Liebe genoss und den man um so
trauriger scheiden sah als mit ihm nicht zugleich der scheiden wollte den zu
lieben man als seinen einzigen Fehler zumal in einem Augenblick ansah wo der
Alles versöhnende Tod über der widerstandlosen Gestalt des alten Königs
schwebte
Jeder erinnerte sich einer von ihm empfangenen Güte Was man getadelt seine
Liebe zum Frieden seine oft spöttelnde Gelehrsamkeit seine Toleranz gegen die
Katholiken Alles diente jetzt zu seinem Lobe und um die allgemeine Rührung und
den Schmerz zu motiviren den der Anblick der menschlichen Hinfälligkeit
ungeschützt von Purpur und Krone einem Jeden hervorrief Die zahlreiche
glänzende Versammlung drängte sich dem Throne zu Jeder wollte noch einen Blick
haben oder seine Hand sein Gewand küssen Jeder kehrte mit Tränen sich weg
und Buckinghams Augen welche allein trocken blickten sahen nur erweichte
traurige Menschen die wenigstens auf einen Augenblick unempfindlich geworden
waren für den Neid und beschämten Stolz womit er sie sämtlich zu peinigen
gehofft
Übereilt gedrängt und fast unbeachtet ging die eigentliche Audienz
vorüber und sonderbarer Weise schien ein unbedeutendes Ereignis mehr Anteil zu
erregen als dieser lang vorbereitete Pomp Einen Augenblick frei stehend sein
Gefolge hinter sich lassend trat der französische Gesandte noch ein Mal dem
König nah und bemächtigte sich seiner Hand indem er ihm zwei Worte leise
zuflüsterte Der König stieß ihn fast zurück krampfte die Hand die der
Gesandte losliess schnell zusammen und steckte sie in sein Wams Im selben
Augenblicke kniete ein Jüngling an der Hand des Gesandten vor dem Könige
nieder Lord Richmond Derbery sprach der Gesandte ziemlich laut der König
hörte seine Worte teilnehmend an und legte wie zum Segen die Hand auf sein
Haupt Aber dann zog er beide Hände ängstlich in die Höhe der Prinz von Wales
trat hinzu und der Gesandte wie Lord Richmond traten in die Menge zurück
Wütend über die ganz misslungene Audienz und von unbestimmten Ahnungen bei
dem eben Geschehenen ergriffen stürzte Buckingham von der Tür zurück wohinter
der König verschwunden und gerade auf Richmond zu welcher wie vorbereitet
festaufgerichtet den Herzog zu erwarten schien
Übermütiger Mensch was habt Ihr gewagt Euch zu erlauben Mit welchem
Rechte nahmt Ihr für Euer armseliges Interesse den wichtigsten Augenblick einer
Stunde in Anspruch die mir allein gehörte Entschuldigt Euch damit ich
vergesse dass Ihr zu den Knaben einer Familie gehört die ich hasse und
verachte
Blickt umher Herr Herzog sagte Richmond kalt ohne seine Stellung zu
verändern Euch gehörte diese Stunde nicht allein König Jakob hat sie allen
seinen Edelen geschenkt und ich habe einen Teil erhalten den Ihr mir nicht
rauben könnt der auch nicht gegen Euch der Entschuldigung bedarf am wenigsten
von Einem aus dem Hause Nottingham wo die Knaben früh zu Männern werden
Ha Kind lachte Buckingham kannst Du Deinen Degen heben oder hat ihn Dir
die Mutter mit Seide in der Scheide festgenäht Ha Kind antworte doch
Ihr wisst sagte Richmond dass Ihr jetzt nur eine Antwort verdient die mir
diese heiligen Mauern nicht zu geben erlauben aber nehmt es hin da Ihr es
wollt Der ist feig der da reizt wo er unverletzlich ist
Ha schrie Buckingham außer sich vor Wut und Beide hatten die Hände am
Degen und traten sich mit blitzenden Augen gegenüber aber mit Gewalt trennten
die Andern sie und der Prinz von Wales stand plötzlich unter ihnen und rief
laut und streng Der König befiehlt Frieden und Ruhe
Schon hatte der französische Gesandte der dem Prinzen zur Seite erschien
Richmond entfernt und Buckingham ward ebenfalls hinweg gedrängt
Noch hingen die dicksten Nebel gleich grauen Vorhängen vom Himmel herab und
hüllten die frühe Morgenstunde des folgenden Tages in ihr trübes Licht als ein
kleiner Trupp wohlbewaffneter Männer vor einem Brückentor anhielt welches
einen Seitenflügel des alten Schlosses von Whitehall mit dem unteren Teile der
Stadt verband Einem Pfeifchen wurden in bestimmten Absätzen drei Töne entlockt
und bald hörte man Tritte über die Brücke nahen die Türen drehten sich langsam
auf und den stillen Gruß still erwiedernd zogen die Reiter über die Brücke in
den Hof der hier zunächst von den Stallgebäuden umschlossen war
Man stieg ab und drei von den Männern folgten dem Torwart in den mittleren
Eingang während die Zurückbleibenden die Pferde bei Seite führten ohne sie
abzuzäumen Durch mehrere alte Teile des Schlosses führte sie eine breite
Treppe auf eine Gallerie welche vernachlässigt von Staub und abgefallener
Stuckatur verunstaltet in ihrer früheren Bestimmung wohl nicht diese
Vernachlässigung erlitten hatte
Durch diese Gallerie sprach einer der Männer ging ich zu meiner ersten
Audienz bei der Königin Elisabet Dies war damals der Haupteingang und nicht
wahr wir kommen hier in ihr Bibliotekzimmer fragte er sich zum Torwart
wendend
Euer Gnaden zu Befehl erwiderte dieser Hier pflegte die erhabene Frau
zuweilen mit einem Buche die Bibliothek verlassend lustwandelnd auf und nieder
zu gehen während oft die höchsten Personen fremder Länder hinter den kleinen
Fensterchen lauschten die sonst klar und heller als jetzt von den äußern
Vorzimmern hierher die Aussicht öffneten und sie war so gnädig darauf
Rücksicht zu nehmen und zeigte sich oft gar prachtvoll wie ihrer Schönheit es
am besten stand gekleidet
Mit einem leichten Zucken der Achseln schritt der Fragende weiter der alte
Kastellan öffnete nun die kleine spitze Tür und sie traten in den weiten
Raum an dessen Wänden zwar noch die in Eichenholz gearbeiteten BücherNischen
sich zeigten aber leer von den Schätzen welche Elisabet mit so großem Nutzen
darin gesammelt
Hier behielten die Wanderer Zeit zu ihren Betrachtungen denn ihr Führer
verließ sie und sie folgten ihm nicht Der ältere der Anwesenden näherte sich
dem hohen schmalen Fenster welches nur matt durch seine kleinen Scheiben den
trüben Tag einließ und an dessen tiefer Nische der hohe eichene Sessel stand
an dessen Seitenlehnen durch einen ziemlich rohen Mechanismus ein Pult
eingeschraubt war das man von sich schieben und nach sich ziehen konnte Lange
blieb er schweigend davor stehen
Wie viel große und weise Bestimmungen sind von diesem rohen Gestelle für
mein teures Vaterland ausgegangen sprach er dann zu seinen Begleitern
gewendet Wer könnte sich der Wohltaten bewusst sein die ihr großer ihrer Zeit
vorangeeilter Geist über England ausgeschüttet und noch der Schwächen gedenken
wollen die ihre Zeit leichter auffasste als ihre Größe da jene ihr gemeinsames
Teil waren und zu dieser sie erst heranreifen musste um sie zu verstehen Nur
Eins nur Eins aus Deinem Leben weg und Du wärest rein ein Gipfel aller
Herrschergrösse
Aber er hat Dir auch dies vergeben er konnte nicht Dein Nachfolger sein
nicht überall die Spuren Deiner Größe auf seinem Wege finden ohne nicht deshalb
Dir zu vergeben Bald fuhr er fort aus seinem Selbstgespräche erwachend bald
werdet Ihr Euch wiederfinden und rein verständigen wenn Wiederfinden nicht zu
den frommen Träumen gehört die den Reiz der Erde zu Gunsten des Himmels
entkräften sollen Wie scheint mir jede Hoffnung längerer Erhaltung des
königlichen Lebens zu schwinden wie treulos war es ihn der Qual des gestrigen
Tages auszusetzen
Ja wohl Mylord erwiderte hier der Zweite sehr lebhaft und wie viel
Übermut wie viel GewaltBewusstsein gehörte dazu dies durchzusetzen wenn wir
den Herzog tadeln der ewig uns zu tadeln gibt erleben wir nichts Neues Doch
nicht zu übersehen bleibt dass dem König ein Sohn wie es scheint vergeblich an
der Seite lebt Warum muss man sich mit Erstaunen fragen warum geschieht was
ein Wort aus seinem Munde unbezweifelt hindern konnte Sollte der Herzog auch
diesen Mund nicht mehr zu fürchten haben Dann Mylord liegt freilich ein
unabsehbar weites Feld trübseliger Befürchtungen vor England und allen denen
die durch Verwandtschaft bald nur ein Interesse mit ihm haben sollen Was meint
Ihr Mylord was ein Gesandter Frankreichs nach dem gestrigen Tage zu berichten
habe
Gewiss wird er den Verlauf des heutigen Morgens abwarten ehe er die Depesche
siegelt erwiderte der Aeltere lächelnd denn schwerlich möchte der gestrige
Tag ihm Notizen zu etwas Neuem seinem Hofe Unbekanntem geliefert haben Auf
alle Fälle würde ich aber als französischer Gesandter der königlichen Prinzessin
von Frankreich den Rat geben nichts Anderes an dem Hofe ihres Gemahls sein zu
wollen als eine gute Hausfrau ja ich glaube sogar es war dies der Rat den
der spanische Gesandte in London der damals verlobten Infantin gab und das auf
Anraten eines in Spanien anwesenden Engländers
Nun in Wahrheit lachte der Andere es wäre dem französischen Gesandten zu
raten dass er nie einen andern Rat befolgen möchte als den des braven
Engländers der sicher sein Terrain kannte
Wenn der Erfolg entscheiden soll so hätte er es schlecht gekannt und ihm
wäre wenig zu trauen
Und dennoch wage ich es mit ihm rief der Andere mit Wärme näher tretend
sein Stern steht noch über England und sein Wohl ist an ihn geknüpft nur war
es des Himmels Wille dass er nicht Spanien sondern Frankreich leuchten sollte
Eine kaum merkliche Verbeugung ward durch den schnellen Eintritt eines alten
Mannes unterbrochen dessen kleine feine Gestalt und saubere Kleidung den
wohlbekannten Master Porter den Kämmerer des Prinzen von Wales anzeigte
Während der Aeltere sich zurückzog trat der Zweite schnell ihm entgegen
Master Porter rief er ich hoffe Ihr bringt uns gute Nachrichten
Dies zu beurteilen würde über mein Verhältnis hinausgehn erwiderte
Porter sich tief nach allen Richtungen verneigend ich kann bloß sagen dass
Seine Majestät entschlossen sind im Bette den Herrn Gesandten zu sprechen und
dass die Herren die ihn begleiten sehr leicht in einem Vorzimmer Zutritt
erhalten können wenn der Herr Gesandte sie für sein Gefolge erklärt
Schon gut Alter schon gut Wir wollen diese Erklärung abgeben lachte der
heitere Marquis aber was meinst Du werden wir sicher sein
Der Alte griff schnellend mit der Hand in die Luft und lächelte ein wenig
Ich glaube der Herr Herzog zürnen etwas mit Seiner königlichen Hoheit dem
Prinzen und erwarten seinen Besuch wegen der Vorfälle bei der Audienz die mein
gnädigster Herr zu missbilligen geruht haben Ich habe in einer halben Stunde die
Ehre den gnädigsten Prinzen zu Seiner Majestät zu begleiten vielleicht
befehlen mir der Herr Marquis den Prinzen auf die Gegenwart Euer Gnaden
vorzubereiten
So ist denn Alles wie wir es nur wünschen konnten lasset uns eilen teure
Lords rief der Marquis sich zum Weggehen anschickend
Bitte untertänigst zu bemerken sprach Porter mit etwas zähem Tone
dazwischen dass wenig auf die Launen des Herrn Herzogs zu rechnen ist dass wir
zur Bewachung der Vorzimmer Niemand stellen durften um nicht unnützes Aufsehen
zu machen Mein gnädigster Herr der Prinz würde es aber niemals vergeben wenn
durch ein unerwartetes Eindringen des lebhaften Herrn Herzogs eine neue
Erschütterung des Königs erfolgen sollte da mein gnädigster Herr die des
gestrigen Tages schon mit großer Bekümmernis sah und den Herrn Herzog bis zu
seiner Abreise entfernt zu halten wünscht Sollten der Herr Marquis dazu Jemand
ersehen würde ihn die Vollmacht des Königs berechtigen im ersten Vorzimmer
einem Jeden den Eingang zu verweigern
Machet mich zum Riegel an der Tür Herr Marquis sprach jetzt der Jüngere
der Begleiter und er wird halten bis Ihr selbst ihn wegschiebt
Junger Mann lachte der liebenswürdige Marquis dass Ihr von Stahl und
Eisen leicht Funken sprüht erlebte ich schon gestern aber mir wäre in Wahrheit
um ein so edles Metall leid es dem Zerbrechen auszusetzen Ihr fordert einen
gefährlichen Posten
Ich suche die Gefahr nicht und habe Euch gestern wenig kaltes Blut gezeigt
ich weiß es ohne es zu bereuen erwiderte Jener aber es gilt heute ein
höheres Interesse als mich gestern beherrschen konnte leichtsinnigem
Übermute gegenüber Ihr sollt im Falle es gilt auch mein kaltes Blut kennen
lernen
Vertraut ihm sagte der Aeltere ich weiß er wird können was er
verspricht
Wohlan so zeigt uns den Weg denn die Hintertreppen in Whitehall hat meine
französische Verschlagenheit noch nicht erspäht
Aber um Gott lieber Marquis rief der alte König aus seinem Bette dem
eintretenden Gesandten entgegen ich fürchtete mich gestern nicht vor Euch aber
sehr sonderbar war es doch dass Ihr meine Hand so öffentlich ergriffet und
zwar wie mich dünkt sehr gegen die Dehors die man einem königlichen Haupte
schuldig ist obwohl ich sehr geneigt bin Euch als Repräsentanten meines
nächsten Verwandten meines Bruders von Frankreich anzusehen
Und dieser tut hiermit für seinen ungestümen Gesandten Abbitte sprach der
Marquis denn mein königlicher Herr war es der mir diesen Schritt befahl und
auf dieser Unterredung habe ich bestanden in seinem Namen Geruhen Euer
Majestät aus meinen Händen dies Privatschreiben meines gnädigen Herrn zu
empfangen
Er kniete nieder es ihm zu übergeben
Ich bitte Euch mein lieber Marquis steht auf ich bitte Euch ich erlaube
Euch zu sitzen und bin sehr erfreut über die Freundschaft meines königlichen
Bruders aber nicht sehr über dessen Mitteilungen hinsichtlich des armen
Jungen des Buckingham gegen den Alle böse sind außer mein Kronprinz und ich
Euer Zettelchen hätte mich fast böse gemacht auf Euch und ich denke Ihr wollt
ihn selbst hören er wird sich sehr zu rechtfertigen wissen Denn dass er den
Bristol nicht leiden kann ist bloß Liebe zu mir weil Bristol mich betrogen
mir den Krieg gebracht mit dem Feinde konspirirt und die beste Partie in Europa
für meinen Prinzen hintertrieben was gottlos und schändlich ist da mir Bristol
lieb war wie mein Auge im Kopfe und mein ältester Freund
Der König geriet hier in ein kurzes Schluchzen dessen erste Laute der
Marquis abwartete und dann schnell in die Klagen des Königs eingriff
Euer königlichen Majestät zu beweisen dass der Herr Herzog von Buckingham
die Sache falsch angesehen hat und sehr geneigt war diesen alten Freund Euer
Majestät nicht neben sich in dem Herzen zu dulden davon hat mein königlicher
Herr unumstössliche Beweise erhalten Es war ihm daher unmöglich zuzugeben dass
Euer Majestät gekränkt würden durch den Verdacht gegen einen alten treuen
Diener den der Herr Herzog vielleicht aus eifersüchtiger Liebe zu Euer Majestät
zu verstärken trachtete
Ja ja da habt Ihr Recht sagte der alte König nachdenkend Steeny wie
ich den Buckingham wohl nenne liebt mich zu sehr er könnte wohl ein bisschen
eifersüchtig sein
Aber verstärkte der Marquis die Wirkung wenn diese Schwäche auch um des
erhabenen Gegenstandes willen verzeihlich scheint was muss der treue Diener
leiden der von Jugend auf Euer Majestät mit Leib und Leben gedient wenn er das
Opfer dieser Eifersucht würde Und so ist es mit Eurem Bristol gnädigster Herr
Er verschmachtet getrennt von Euch ohne den Trost Eurer Gnade die das
Sonnenlicht seines ganzen Lebens war
O Herr Gesandter rief der alte König und sein Gesicht zuckte vor Rührung
Ihr sprecht sehr gut aber Ihr seid sehr eingenommen für den Lord Mein Lebelang
habe ich Gerechtigkeit geübt auch war es zum ersten Male dass Bristol gegen
mich gefehlt Ich werde Buckingham bitten mir die Wahrheit zu sagen und
verhält es sich so ist mein lieber alter Bristol mir treu gewesen dann soll er
seinen alten König wieder finden Und hört Herr Marquis wir könnten uns viel
erzählen aus der alten Zeit gute und schlechte Tage haben wir erlebt hatte ich
nichts da stand Bristols Kasse offen nachher konnte ich nicht Alles lohnen
seht es hat mir immer geahnt es möchte so ein bisschen von Buckingham
herrühren dass mein alter Bristol plötzlich ein Verräter sein sollte Aber lässt
er sich wohl bedeuten Gleich wird er wütend tobt und tollt wie ein Kind und
der alte Bristol glaubt es doch nicht dass ich ihm zürne Mit dem Grämen Herr
Marquis da ist es nur nichts das bildet Ihr Euch ein weil Ihr nicht wisst was
wir für alte Freunde sind
Und wenn es nun doch so wäre Euer Majestät wenn es dem alten Lord am Leben
nagte dass sein königlicher Freund ihn nicht mehr vor sein Antlitz lässt dass er
nicht noch einmal das Wort des Vertrauens und der Güte hören soll was von
seiner Jugend her ihn ermuntert hat zum Leben und Wirken für seinen königlichen
Herrn wenn der Gram darum sein Haupt bleicher gefärbt als seine Jahre und die
Ruhe der Nächte sich in dem Wunsche verzehrt noch ein Mal die Hand seines Herrn
zu küssen wie dann Euer Majestät
O ich bitte Euch lieber Herr Marquis haltet mich doch nicht für so hart
und böse gern würde ich ihn wiedersehen besonders wenn er wie Ihr im Namen
meines königlichen Bruders von Frankreich mir versichert wenn er unschuldig
ist aber Ihr seht selbst ein dass das gar nicht möglich ist denn wenn es
Buckingham hörte und ihm bleibt nichts verborgen wenn er hörte Bristol
wäre hier gewesen Ihr könnt denken was dann nicht allein ich und mein Prinz
leiden würden sondern auch Bristol Er schlüge ihn tot wo er ihn fände und
seine Einwilligung zu diesem Wiedersehen gäbe er nie da ich ihn nun einmal habe
verbannen müssen Denkt dass Ihr selbst nur durch eine List bei mir seid die
mich zwar gestern in der Audienz sehr erschreckte die ich aber Euch gern
verzeihe um Euers Eifers willen für meinen alten Freund Bristol
Der Marquis fühlte sich von dem Anblick dieses kranken schwachen Mannes
bewegter als er geahnt Sein gutes Herz und sein sanfter Sinn war so
eingeschüchtert dass er keinen Begriff mehr von seiner ihm zustehenden Gewalt
hatte und ganz zum Kinde geworden die Zuchtrute des übermütigen Günstlings
mehr als jede andere Regung fürchtete
Und dies sagte er endlich sich zusammen nehmend soll mein Bescheid sein
Der Bescheid auf den Bristol mit banger Sorge harrt
Ich verspreche Euch lieber Marquis ich werde Alles außerdem in Überlegung
nehmen und meinem alten Bristol sagt nur denn Ihr schlauer Herr steht doch
mit ihm in Verbindung ich lasse ihm sagen er solle sich nicht grämen denn
wenn er unschuldig ist wie ich gern glaube so habe ich ihn eben so lieb wie
vorher Auch soll er nur sich Zeit lassen wir versöhnen uns schon noch einmal
Freilich setzte der alte König nachdenklich hinzu von seiner verfallenen
Gestalt gutmütig lächelnd zum Marquis aufblickend freilich viel Zeit haben
wir dazu meinerseits nicht mehr
O rief der Marquis überwältigt von Rührung so benutzen Euer Majestät
diesen freien sichern Augenblick Ja ich stehe mit ihm in Verbindung unter
dem Schutze Frankreichs den ich für ihn in Anspruch nehme führte ich ihn
hierher im Nebenzimmer harrt er O sprecht ein Wort und er liegt zu Euren
Füßen
Um Gott was ist das Hilfe Hilfe Verrat ich bin verloren man gebraucht
Gewalt Steeny Steeny Baby zu Hilfe zu Hilfe So schrie der alte König
indem er die Decken seines Bettes in seiner trostlosen Geistesverwirrung sich
vorhielt
Der Marquis hatte Überwindung nötig diesen fast widrigen Zustand gelassen
anzusehen er fasste sich aber entschlossen sein Werk zu vollenden
Ich muss Euer Majestät erinnern hob er mit feierlicher Stimme an dass hier
vor Euch der Gesandte Frankreichs steht beauftragt von Dero königlichem Bruder
Euer Majestät eine Bitte in Bezug auf den Grafen von Bristol vorzutragen Es
sind weder Mörder noch Verräter die zu Euer Majestät reden mein Auftrag ist
ein Werk des Friedens
Nun nun sagte der König zu sich kommend und etwas beschämt ich verstehe
wohl und ist mir einen Gesandten zu empfangen nichts Fremdes Er schob sich
unruhig in seinem Bette umher und seine Augen irrten immer nach der Tür hin
durch die der Gesandte eingetreten Endlich sah er ihn lächelnd an und winkte
ihm näher Leise sagte er dann Ist er wirklich da
Der Marquis bejahte es
Nun hört sagte er freudig mit den Augen blinzelnd dann lasst ihn ein
Augenblickchen herein ehe es Jemand sieht und haltet Wache hört Ihr
Der Marquis flog in das Nebenzimmer Der große Augenblick war gekommen
wonach Bristols Herz so innig sich gesehnt es sollte geschehen Der Marquis
eilte auf ihn zu und den Mantel selbst von seinen Schultern ziehend rief er
Glück auf er ist versöhnt Doch setzte er wehmütig hinzu fasst Euch und vor
allen Dingen begnügt Euch mit seiner wieder aufgelebten Liebe verteidigt Euch
nicht Er versteht Euch nicht und Ihr verliert die Zeit
Wehmütig drückte Bristol die Hand des Marquis und trat schnell in das
bekannte Zimmer seines Königs
Ein ununterbrochenes Weinen mit Worten vermischt drang aus dem Bette des
Königs ihm entgegen Aber Bristol kniete vor seinem kaum noch kenntlichen
Könige dessen physisches und geistiges Hinscheiden ihm schmerzlich beim ersten
Anblicke einleuchtete mit derselben Verehrung nieder wie einst vor den Stufen
des Trones als er diesen noch in seiner höchsten Kraft besessen
Der König neigte sich über ihn und legte seine Hände zärtlich auf sein
Haupt Bristol wagte nicht zu sprechen er ehrte selbst allzu sehr erweicht
die Bewegung des verehrten Monarchen
Sprich nur Digby sagte dieser endlich gefasster Du hast Deinen König nicht
zu fürchten denn ich glaube es dem guten Marquis dass Du mich nicht hast
verraten wollen
Da sei Gott vor sprach Bristol und hob sein Haupt frei in die Höhe dass ein
Tropfen Blutes in diesen Adern flösse der gegen meinen gnädigen Herrn sich
auflehnte Bristol hätte ihn selbst mit der Spitze seines Degens hervorgelockt
Ich dachte es wohl mein alter Freund Aber Du weißt wohl die Jugend will
immer klüger sein und ich muss Dir im Vertrauen sagen alles was Du mit der
Infantin damals abgeredet war mir doch lieber als was mein lieber Steeny jetzt
mit der Französin vor hat Indes sehe ich ein dass da es die Infantin nicht
sein konnte uns nur diese königliche Prinzessin noch übrig blieb und immer
bleibt gegen Steenys Eifer nichts zu sagen wenn er auch darin zu weit gegangen
ist Dein Verdienst schmälern zu wollen Doch bitte ich Dich um meinetwillen
halte Ruhe und gib nicht zu dass aufs Neue Streit entsteht Sieh Bristol ein
Anderer wird bald an meiner Statt sein und ihm werde ich Dich empfehlen aber
meine Stunden sind gezählt und gern möchte ich sie ungestört haben
Und nimmer sollen durch mich diese kostbaren Stunden die Gott verlängern
mag gestört werden erwiderte Bristol tief gerührt von dem völlig wieder
erlangten Vertrauen des teuren Königs Ich habe nur einen Wunsch gekannt er
war mit meinem Könige versöhnt zu sein und noch einmal voll Vertrauen die Hand
küssen zu dürfen die huldvoll über mein ganzes Leben reichte
Du hast Recht gehabt dies zu wünschen und Du hast dadurch Deinem alten
Freunde wohlgetan Sie sagen mein böses Fieber sei jetzt zu Anfang des
Frühjahrs heilsam aber dies gilt nur für die Jugend ich weiß es besser
Gestern das war meine letzte Audienz Bald hoffe ich setzte er mit Andacht und
Ruhe hinzu vor dem Audienz zu haben welcher der König der Könige ist Im
Ganzen Bristol fürchte ich ihn nicht Denn ob ich getan was möglich war auf
meinem Platze das kann nur der wissen der allein meine Kräfte richtig zu
schätzen weiß aber selten habe ich unterlassen was ich als Recht erkannte und
wenn Du mir verzeihen willst alter Freund dann denke ich wird mich ein mildes
Gericht erwarten
Bristols lange unbenetzte Augen flossen hier über schluchzend drückte er
sein Gesicht in die fieberheisse Hand des Königs und stöhnte schmerzlich O mein
König mein teurer Herr muss ich noch lange nach meinem teuren Könige leben
so wird jeder Hauch Dank und Liebe für ihn sein aber vielleicht vereinigt mich
Gottes Hand bald wieder mit dem dem ich hier ausschließlich meine Kräfte
weihte
Ja sieh mein Freund fuhr der König fort und immer freier und ruhiger
ward sein Ausdruck wenn wir reif sind hier aufzuhören das sagt freilich kein
Mensch dem andern voraus aber es gibt etwas in unserm Innern welches zum
Wegweiser dient nach jener Welt das Leben löst sich von uns selbst ab es
schrumpft zusammen wir sehen es in allen seinen Teilen verkleinert wie aus
weiter Ferne Dann glaube mir ist es Zeit da oben wird es weiter und größer
und der Trieb der uns Zeitlebens beherrscht dahin zu wollen wo wir uns freier
bewegen können der führt uns zuletzt ohne Scheu über die Grenze hinüber Sie
ziehen noch an mir herum und Jeder will etwas anders und ich will nichts als
Ruhe um sterben zu können da denke ich es wird nicht mehr viel schaden was
ich zugebe und der da oben macht es wieder gut wenn es meinem armen Lande
Schaden bringen sollte Ich empfehle Dir meinen Kronprinzen Du weißt am besten
was für Prinzipia wir befolgt haben es könnte ihm Not tun Bleibe ihm zur
Seite das heißt wenn Du mit Buckingham versöhnt sein wirst wozu ich Dir Glück
wünschen will aber ich sage Dir was er sich einmal in den Kopf gesetzt das
hält er fest ich könnte Dir viel davon erzählen ohne ihn deshalb verkleinern
zu wollen
Jetzt stutzte der König und hielt inne denn ziemlich vernehmlich ward im
Nebenzimmer gesprochen man unterschied die kalte und etwas abstossende Sprache
des Prinzen und die helle und lebendige Stimme des Marquis
Der König ward etwas rot während er horchte dann schien er sich zu
beruhigen Leise und heimlich ein wenig lächelnd sagte er Steeny ist nicht
dabei der wäre schon hereingebrochen Karl ist aber ein guter Sohn er wird
seinen alten Vater nicht betrüben wollen Doch höre Lieber Du tust mir zu
Gefallen ein bisschen blöde und stellst Dich hinter den Bettvorhang nun höre
tue es
Bristol litt empfindlich bei dem Gedanken sich verbergen zu sollen er
stand mit gebeugtem Haupte und ehe noch die Bitte des Königs den alten Stolz
überwinden konnte öffnete der Marquis dem Prinzen die Tür und beide traten
ein
Der Prinz hielt sich abgewendet von Bristol als sähe er ihn nicht und ging
auf das Bett seines Vaters zu ohne dass Bristol sich von seinem Platze geregt
hätte
Der König streckte ihm mit unruhiger Zärtlichkeit die Hände entgegen die
der Prinz in kindlicher Ehrfurcht küsste
Mein lieber Sohn mein teures Kind Gott segne Dich dafür dass Dein alter
Vater Dein erster und letzter Gedanke ist komm ganz nahe heran setz Dich auf
mein Bett mein guter Sohn so redete Jakob seinen Sohn mit dem sichtlichsten
Bestreben an ihn durch Liebe und Freundlichkeit milde zu stimmen
Ich hoffe mein teurer Vater befindet sich leidlich und was hier in meiner
Abwesenheit mindestens Unbesonnenes geschehen ist hat wie ich hoffen will
keinen Einfluss ausgeübt über die so leicht erschütterte Gesundheit Eurer
Majestät
Gesundheit Kind lächelte der König sieh Kind das passt nicht mehr wo
ist hier noch Gesundheit Und meine Krankheit Kind der wollen wir gern eine
wohltätige Erschütterung gönnen
Wohltätig betonte der Prinz wollte Gott es gäbe eine solche aber da ich
sie nicht herbeiführen kann werde ich jeden ohne Unterschied für eine
nachteilige verantwortlich machen
Nun nun sagte der alte König etwas empfindlich wenn Du erlaubst mein
Kronprinz wollen wir selbst es noch übernehmen unsere Angelegenheiten zu
vertreten Höre Kind so musst Du mir nicht kommen Frieden will ich haben und
Du wirst um meinetwillen ihn nicht mehr lange zu halten brauchen Nun setzte er
schnell zu seinem gutmütigen Tone zurückkehrend hinzu ich habe Dir nichts
Unangenehmes sagen wollen mein Prinz komm näher und tue mir die Liebe und
vertrage Dich mit dem der hinter Dir steht und nach Deinem gnädigen Angesicht
verlangt
Mein gnädigster Vater erwiderte der Prinz ohne sich umzusehn hat zu
befehlen wen ich sehen soll und aus Gehorsam werde ich selbst das tun was
meinem Gefühl widerstrebt Aber ich möchte es dem zu überlegen geben der dies
Opfer veranlasst ich könnte nicht immer in der Stimmung sein mich dessen mit
Nachsicht zu erinnern
Höre sagte der König nach seiner Weise entrüstet Du musst nicht drohen
denn da Du bald König sein wirst ist Dein Zorn viel fürchterlicher wie der
meinige Abgesehen davon wie er mir erscheinen muss da ich Dein König und Dein
Vater zugleich bin sage ich Dir mein Prinz Du hast schon viel von unserm
lieben Herzog gelernt und obwohl mir Eure Freundschaft lieber ist als Eure
Feindschaft vor der spanischen Reise ist mir doch nicht sonderlich lieb dass Du
eben so störrisch wirst wie Buckingham Aber Du wirst jetzt gut sein denn Du
bist immer lenksamer als Buckingham gewesen Drum bitte ich mache mir die
Freude und sieh Dich gnädig um
Ich muss glauben gnädigster Herr sprach der Prinz im hartnäckigen Ton einer
festgefassten Meinung dass der den Ihr mir empfehlt weder den Wunsch hat
meinen Blicken zu begegnen noch den Mut des reinen Gewissens mir dem schwer
Gekränkten gegenüber zu stehen
Doch diese Worte waren kaum ausgesprochen als ein paar tönende Schritte den
Grafen von Bristol vor den Prinzen führten und ihn nach einer ehrfurchtsvollen
Verbeugung ruhig und fest wie in die Erde gewurzelt hinstellten
Ich konnte in Demut harren sprach er sanft und ernst so lang mein
gnädiger König für mich sprach aber ich kann nicht irren wenn ich annehme
diese letzten Worte Eurer königlichen Hoheit waren an mich gerichtet Ich bin
hier und der Mut eines reinen Gewissens leitete den heißen Wunsch eines treuen
Untertanen das Antlitz der hohen Herrscher in Gnade zu schauen für die er
redlich und treu gearbeitet bis grausamer Verdacht seine Kräfte lähmte und sein
Haar bleichte
Der Prinz blieb vor seinem Anblick nicht ohne Eindruck Dieser schöne Mann
hatte so den unverkennbaren Ausdruck einer hohen Seele dass es fast unmöglich
war an Verrat und bösen Willen ihm gegenüber zu glauben Der Prinz entging
diesem Eindruck nicht und erwiderte fast unwillkürlich des Grafen Gruß Aber
wenn er auch nicht glauben konnte er habe seine Verbindung mit der Infantin
getrennt war er doch von Buckingham so heftig bestürmt ihn als den Urheber des
Krieges anzusehen und zuletzt so gegen den Grafen eingenommen worden dass er
sich fast angewöhnt hatte die oft wiederholt gehörte Lüge wegen jener
Verbindung selbst gegen die Stimme seines Innern als wahr ihm anzurechnen So
hielt der Eindruck der ehrwürdigen Persönlichkeit des Grafen gegen so viele
eingeimpfte Täuschungen nicht aus die überdies noch ein Unrecht verkleiden
mussten und ein Geheimnis dessen der Prinz sich bewusst war
Ich darf jetzt nicht länger übersehn Graf Bristol sprach er kalt dass Ihr
es seid doch wenn ich mich weigerte Euch früher anwesend zu glauben denke
ich bezeigte ich damit eben meine Ehrfurcht gegen den Willen des Königs der
Euch von London verbannte wo ich Euch dennoch jetzt anwesend finde ohne dass
mir in dem Willen des Königs eine Änderung bekannt ward
Dieser Vorwurf Eurer königlichen Hoheit trifft mich um so schmerzlicher
erwiderte Bristol sanft als ich ihn mir lange genug als Einwurf gegen die
wohlwollenden Absichten meiner Freunde vorhielt Aber möge ein sanfteres
menschliches Gefühl die strengste Gerechtigkeit Eurer königlichen Hoheit
unterstützen und den Gründen Eingang verschaffen die mich ungehorsam werden
ließ
Schon wandte sich der Prinz ungeduldig ab aber der König neugierig
zuhorchend bog sich mit dem halben Leibe aus dem Bette hervor und rief lebhaft
Erzähle Bristol erzähle Du hast sicher gute Gründe wenn Du mir ungehorsam
warst was Dir überdies schon vergeben ist aber lass nur hören wie das Alles
zuging ich hatte ganz vergessen danach zu fragen
Der Prinz blieb nun aber mit allen Zeichen finsteren Widerwillens und trotz
der Bitten des Königs sich nieder zu lassen steif von Bristol und dem Marquis
abgewendet
Als ich dem Befehl Eurer Majestät gehorchend sprach nun Bristol zum Könige
gewandt mich von London entfernte und mich auf die Güter meiner Familie
zurückzog geschah es nur mit dem festen Willen von der Gerechtigkeit Euer
Majestät die Widerrufung eines Befehls zu begehren der den unangetasteten Namen
eines Mannes beleidigte den Euer Majestät bisher durch die schwierigsten und
gefahrvollsten Aufträge zu ehren gewusst hatten Aber es war unmöglich diese
unablässig wiederholten Bitten die in Demut nur um Gelegenheit zu meiner
Verteidigung nachsuchten bis zu Euer Majestät gelangen zu lassen sie sind
alle an dem bösen Willen gescheitert mir diese meinen Feinden gefährliche Gunst
zu versagen
Mylord sprach hier der Prinz heftig es steht dem Angeklagten schlecht
anklagend aufzutreten und Misstrauen als Vorbereitung einer sehr zweifelhaften
Rechtfertigung redender Tatsachen auszustreuen
Angeklagt betonte mit hoher Stimme der Graf angeklagt und ungehört
zurückgewiesen von dem Richterstuhle meines Vaterlandes von dem Throne meines
Königs Angeklagt und vergeblich um Raum zur Rechtfertigung flehend Ja ich
wiederhole es noch ein Mal Graf Archimbald Glanford brachte in meinem Namen
drei Mal dieselbe Bitte vor meinen König hat sie nicht erreicht
Nein nein rief Jakob es ist so Karl ich habe nichts erfahren zu meinem
großen Leidwesen
Da gab ich mich endlich dem großmütigen Mitleiden des erhabenen Monarchen
hin der bald durch die heiligsten Bande dem Interesse Englands verwandt sein
wird und jetzt schon mit wahrer Freundschaft ihm ergeben ist Die Zerstörung der
einst vorteilhaft genannten Pläne die den mit niederriss der sie in treuer
Absicht eingeleitet sie war der Anfang eines Glücks für Frankreich worauf es
zu viel Wert legt als dass es nicht milde und teilnehmend für den fühlen
sollte der darunter gelitten
Der Herr Marquis hat sich lange vergeblich bemüht Gehör zu finden die
gestrige Audienz machte es ihm möglich während er um die Gnade bat den Grafen
Richmond einzuführen der für seinen Großvater um Gerechtigkeit flehte Euer
Majestät ein Papier einzuhändigen welches von den vergeblich gemachten
Versuchen benachrichtigte und diese Audienz für den Herrn Marquis erbat
Ja ja sagte der alte König das ist Alles so Ein wenig auffallend war der
Schritt den mein lieber Marquis tat aber wahr ist es und wir hatten nichts
dagegen auch ohne den Fussfall des jungen Lords Deines Enkels mein Bristol
hätten wir eingewilligt
Aber diese Szene sagte der Prinz zum Marquis etwas bitter lächelnd
maskirte vortrefflich die Übergabe Eurer Depesche
Der Marquis lächelte so unbefangen und höflich sich verneigend als ob der
Prinz ihm eine Galanterie gesagt hätte und zeigte bloß mit der Hand auf den
entgegengesetzten Eingang des Zimmers welcher nach dem Vorzimmer des Königs
führte Der Marquis hatte allein den wachsenden Sturm eines Streites vernommen
welcher von daher immer heftiger sich hören ließ und den er nicht ungern bisher
von den drei lebhaft angehört Sprechenden überhört sah Doch jetzt schien die
Sache auf dem Punkte wo er nicht sehr wünschen konnte die Unterredung
verlängert zu sehen denn das Interesse Frankreichs an dem Grafen durfte nicht
über die leichte Teilnahme menschenfreundlichen Wohlwollens hinausgehend
erscheinen und ein heftiger Schlag gegen eine Tür des Vorzimmers unterbrach
jetzt Alle zugleich
Da haben wir es schrie der König ganz außer sich das ist Buckingham O
mein Gott ich armer alter Mann muss ich so gequält werden Macht Euch gefasst
er wird wütend sein Bristols Namen durfte ich nicht nennen und nun ist er
selbst hier O Bristol wie kannst Du verantworten mich in eine so unangenehme
Lage zu stürzen
Mit welchen Empfindungen auch bisher der Prinz und Bristol sich gegenüber
standen schnell vereinigte sie das Gefühl der Beschämung über das Betragen des
alten Königs Ja der Prinz mochte dem edelen und treuen Bristol gegenüber
vielleicht mit minderer Wärme an den Diener denken dessen Einfluss auf seinen
Vater er unmöglich billigen konnte wenn er sah zu welcher kindischen Furcht
seine fernste Annäherung ihn verdammte
Euer Majestät sagte der Prinz rasch vortretend wird mir gewiss den Befehl
geben den unanständigen Streit den man wagt in die Zimmer meines königlichen
Vaters zu verlegen augenblicklich zu beendigen Wenn Euer Majestät unterdessen
den Grafen von Bristol beurlauben wollen wird der Herr Marquis die Hintertür
wohl wieder finden die sich vorher seinen Wünschen auftat
Ich danke Euer Königlichen Hoheit erwiderte der Marquis schnell dem
Gesandten Frankreichs sollte hier jeder Weg offen stehen Übrigens muss ich
bedauern dass ein Zufall denjenigen gerade jetzt versperrt den ich vorzog zu
kommen Die Tür jenes Kabinets ist verschlossen wie ich eben untersucht habe
Doch wenn Seine Majestät den Grafen Bristol beurlauben so darf ich wohl nicht
zweifeln dass er durch jenen Ausgang an meiner Seite Eurer Königlichen Hoheit
ungehindert folgen darf
Der Prinz drückte die Lippen ein und es war sichtlich dass er sich
keineswegs dem Herzog gegenüber so sicher fühlte wie der Marquis in seiner
plötzlich stolzen Haltung ihm aufnötigen wollte
Aber es war hier ein schneller Entschluss nötig Denn teils brannte der
Prinz vor Begierde dem Marquis den Anblick des Königs zu entziehen der Alles
was gesprochen ward mit Klagen bekleidete welche die grenzenlose Gewalt des
Herzogs andeuteten teils musste der Prinz fürchten der Herzog erzwinge den
Eingang und vor dem Bette des Königs könnten sich Szenen ereignen die er zu
fürchten hatte
Herr Graf von Bristol sagte er daher plötzlich mit der stolzen Fassung die
ihm so wohl stand bittet den König Euch zu beurlauben
Stumm kniete Bristol vor dem Bette nieder und dieser Augenblick der ihn
für immer von seinem königlichen Freunde trennte ward ihm erleichtert durch die
Überzeugung dass wie auch wenige Augenblicke vorher ihr ruhiges Beisammensein
noch einige Symptome seines frühern edlen Geistes geweckt doch der für dessen
Beifall er so gern gelebt und gewirkt längst von Krankheit Alter und fremder
Anmassung unterdrückt war
Ja geh nur sagte der König ihm grämlich die Hand gebend ich will es Dir
verzeihn dass Du mich so beunruhigst aber Du hättest es wohl lassen können und
abwarten bis Karl König ist der Deine Angelegenheiten dann besser ausfechten
mag als ich
O entlassen mich Euer Majestät nicht so rief Bristol schmerzlich ich kam
nur um einen Blick der alten Gnade zu empfangen um ein Mal mir sagen zu
können Ich blieb immer treu unwandelbar
Ja ja rief der König das bestreite ich auch nicht aber sieh daran habe
ich nie gezweifelt und darum hättest Du nicht zu kommen brauchen aber nun tue
mir die Liebe und geh Leb wohl leb wohl Es ist Alles gut Alles gut
zwischen Dir und Deinem König
Bristol gab jeden weiteren Versuch auf stumm küsste er noch einmal die Hand
womit der König nun unablässig zum Weggehn winkte und sich gegen die Wand
wendend jede Unterredung abschnitt
Vor den Zimmern des Königs hatte sich Lord Richmond ruhig vor die Tür gestellt
die sich nach dem letzten Zimmer vor dem Schlafgemach des Königs öffnete mit
dem festen Vorsatze hier die Zusammenkunft seines Großvaters mit dem Könige vor
Störungen zu sichern Doch eingedenk der Warnungen des Marquis hatte er den
Degen unter dem Mantel entschlossen sich jeder Reizung gegenüber fest zu
halten und hoffend sie werde ihm erspart bleiben
Doch was konnte früh oder spät in dem Palaste von Whitehall geschehen und
dem verborgen bleiben der seine besoldeten Aufseher in jedem Winkel desselben
hatte
Richmond blieb als er den Herzog von fern hörte kein Zweifel in welcher
Absicht er komme Schon im Vorzimmer hörte er das Bestreben den diensttuenden
Kämmerer zu ängstigen und die Miene sorgloser Unbefangenheit anzunehmen
Nun mein Kind rief er dem alten Manne entgegen wie steht es da drinnen
Bist Du ungestört auf Deinem Platze geblieben Befand sich mein königlicher Herr
ganz wohl diese Nacht
Ohne die leise Antwort zu beachten fuhr er fort Ich hoffe den alten Herrn
durch meinen frühen Besuch den er nicht mehr erwartet angenehm zu überraschen
Sieh ich hatte Klervon mit seiner Harfe schon um sechs Uhr an meine Tür
bestellt um so erweckt in der rosigsten Laune von der Welt mein erstes
Frühstück unter Jakobs Pantoffeln und ledernen Nachtwämsern zu verzehren Na so
lache doch bin ich denn nicht sehr spaßhaft Alter
Sehr sehr Euer Gnaden stotterte der alte Mann von Buckinghams Hand sich
etwas erleichternd die wie eine eiserne den alten Mann fast zu Boden drückte
Nun nun lachte Buckingham geh und lass Dir einen Morgentrank geben die
Zunge klebt Dir am Gaumen Oeffne mir die Tür ich will Dich nicht aufhalten
Dies war das was der alte Mann nicht durfte denn der König hatte ihm sagen
lassen sie nicht früher zu öffnen als bis er es ihm befehlen ließe
Seine Majestät stammelte der alte Mann
Es ist schon gut schrie Buckingham mit steigender Wut denn er wusste nun
dass ihm der Eingang versagt war schon gut ich brauche Deinen Bericht nicht
mehr öffne mir die Tür der König wird mir selbst das Weitere sagen
Eben Seine Majestät haben jeden Eingang verboten
Verboten lachte Buckingham ja ganz recht aber was denkst Du dass mich
das angeht
Seine Majestät haben keine Ausnahme befehlen lassen
So will ich Dir über Deine Bedenklichkeiten weghelfen aber ich werde es Dir
gedenken dass Du mir gegenüber sie haben konntest und fort schleuderte er den
alten Mann und stieß mit den Füßen die Tür auf
Voll Erstaunen gewahrte er hier die nächste Tür wieder bewacht und das von
seinem Widersacher vom vergangenen Tage Dies überstieg seine Erwartung
Wer zum Könige gekommen wusste er nicht nur dass der Marquis mit im Spiele
sei ahnte er ohne sein Interesse für Bristol möglich zu halten
Bei Richmonds Anblick durchzuckten ihn zuerst unbestimmte Ahnungen worüber
er sich nähere Aufklärung zu verschaffen entschlossen war
Ohne Richmonds Stellung zu bemerken ging er auf die Tür zu als könne ihm
kein Widerstand begegnen
Als er im Begriff war die Hand an das Schloss zu legen trat Richmond vor
Herr Herzog sprach er sich verneigend der König hat für Jedermann den
Eingang untersagt
Der Herzog trat zurück und betrachtete spöttisch den Grafen Ach sagte er
sich verneigend ein neuer Page Ja so das wusste ich nicht gab man Dir gestern
Abend die Achselbänder dass Du heute Morgen noch so laut krähst
Sieh Kind Du bist neu darum habe ich Lust Dir einen Rat zu geben Ich
bin der Herzog von Buckingham für mich existiert nie ein Verbot der Art als Du
auswendig gelernt
Ich kenne den Herzog von Buckingham sprach Richmond kalt und habe ihn
nicht nötig zu erinnern dass ich Degen und Sporen führe also nicht Page bin
Aber beauftragt bin ich von Seiner Majestät hier auch für den Herrn Herzog von
Buckingham keinen andern Bescheid zu haben als den vernommenen
Ich will Euch der Verantwortlichkeit überheben diese Torheit zu
wiederholen sagte Buckingham erbittert ich befehle Euch zurück zu treten ich
verlange den Eingang zum König
Der Herr Herzog sind zerstreut erwiderte Richmond hier ist nicht
Buckinghams Palast hier ist Whitehall und dies sind die Gemächer des Königs
worin nur ein Wille gilt den ich Euch genannt und den ich zu vertreten habe
Was ist das schrie Buckingham jetzt auf soll das Wahrheit sein In diesen
Räumen vor dieser Tür wagt ein Knabe mir den Weg zu verwehren
Ich bitte Euch Herr Herzog rief Richmond schnell und warm mässigt Eure
Ausdrücke dass sie ein Edelmann ertragen kann der wehrlos gemacht ist durch den
Dienst für den König
Und Ihr haltet es für möglich im Dienst des Königs mir mit einem Worte
entgegen sein zu dürfen Ihr glaubt Euer Wort das Wort von ganz England die
Worte der Welt die Worte des Königs und aller Könige der Erde würden Buckingham
hier wegtreiben wenn er einzutreten denkt Noch einmal verlasst diesen Platz
und hindert keinen Augenblick länger mich in meinem Vorsatz oder bei Gott Ihr
werdet es bereuen in Eurer Unwissenheit wie ich noch zu Eurer Entschuldigung es
nehmen will hier gewesen zu sein
Entschuldigt mich mit nichts Mylord entgegnete Richmond als mit meinem
Willen hier auf diesem Platz zu bleiben ich will von Euch nicht entschuldigt
sein denn ich bedarf es nicht
Ha Trotz rief Buckingham Du stößt die Nachsicht zurück die ich habe so
fühle denn Wütend rannte er gegen die Tür und schlug mit dem Griff seines
Degens auf das Schloss Aber eben so sicher und gewandt unterlief Richmond den
Herzog und hielt ihn ruhig und eisern mit steifem Arm von der Tür ab
Zieh und verteidige Dich schrie Buckingham seinen Degen ziehend aber
Richmond löste sein Degengehänge und schleuderte es mit dem Degen in die Mitte
des Zimmers
Ich versprach nicht zu ziehen sagte er fest jetzt steht es Euch frei
einen Mord zu begehen aber dieser erst eröffnet Euch den Eingang Er schlug
seinen Mantel von einander und stand so mit unbeschützter Brust vor Buckingham
der von so viel Festigkeit einen Augenblick überrascht ward aber dann von dem
Gedanken des Widerstandes wie wahnsinnig gemacht gegen die Tür und Richmond
rannte
Buckingham war für einen Riesen an Kraft bekannt und der Jüngling hatte
seine volle Gewandtheit nötig den Herzog zu pariren und seinen Posten zu
behaupten doch im selben Augenblick öffneten sich von Innen die Flügel und der
Prinz von Wales zeigte sich in der offenen Tür
Im Namen des Königs Frieden rief er dem erbosten Herzog entgegen und winkte
ihn zurück der auf nichts sinnend als die Tür zu erreichen sich sogleich
hineinwerfen wollte
Der König Herr Herzog fuhr der Prinz gegen Buckingham fort ist erstaunt
Euch noch in London anwesend zu hören er hatte geglaubt dass die gestrige
Audienz keinen Zweifel über Eure schnelle Abreise zuliesse
Seine Majestät entgegnete Buckingham überrascht wird den Wunsch nicht
verkennen ihn noch ein Mal zu sehen und da seine Majestät schon so früh
Audienz gaben setzte er höhnisch hinzu den Marquis und Bristol hinter dem
Prinzen gewahrend durfte ich nicht zweifeln auch ich würde empfangen worden
sein hätte hier nicht ein Unberufener die Rolle eines Türwarts übernommen
Des Prinzen Auge streifte an Richmond der sich tief verneigte
Dies hat mit dem Wunsche des Königs für Eure glückliche Abreise nichts
gemein sagte der Prinz ich füge den meinigen hinzu und hoffe Euch unter
glücklichern Umständen wieder zu sehen
Buckingham erstarrte vor Wut Er hatte die Anwesenheit des Prinzen nicht
gewusst er wagte nie ihn so zu reizen wie den König da der Prinz seine Würde
wohl kannte und sie war er einmal entschlossen vollkommen zu behaupten
verstand Auch legte der Marquis ihm Zwang auf und nur sein lang genährter
Übermut konnte ihn noch an Widerstand und Bosheit denken lassen
Ich weiß die Befehle dieses Mundes zu achten hob er an und bitte nur um
die Gnade mich in dem Schutze des Herrn Marquis wegbegeben zu dürfen da ich in
Wahrheit mir keine bessere Sicherheit in diesem von jungen Raufbolden bewachten
Palast denken kann
Dies soll Euch gewährt sein sprach der Prinz sehr ernst Herr Marquis ich
entlasse Euch Mylord von Bristol lebt wohl Ich denke wir werden uns
wiedersehen Seid indessen sicher dass ich die Worte meines königlichen Vaters
nicht überhört habe und Ihr Lord Richmond folgt Eurem Verwandten Ich
verkenne nicht dass Ihr die ersten Zierden eines männlichen Karakters Mut und
Mäßigung in sehr jungen Jahren heute vereinigt habt Nehmt Euren Degen auf Ihr
wusstet besser wo er in dem Palast des Königs hingehört Herr Marquis wir
werden den Grafen von Bristol mit unserm Gefolge aus Eurem Palaste abholen
lassen und er mag sich dann desselben bis zu seinem eigenen Schloss bedienen
Der Prinz grüßte stolz und ging voran durch die jetzt mit Hofleuten
angefüllten Säle gefolgt von den so mühsam bezähmten Parteien er hielt den
Herzog grüßend den Marquis mit einigen Worten zurück bis jener mit seinem
Gefolge über den Schlosshof sprengte
Noch saß die Herzogin von Nottingham nachdem sie sich für die Nacht
zurückgezogen hatte träumend der allmälig sinkenden Glut ihres Kamins gegenüber
und suchte der Sorge zu wehren die für den geliebten Vater je länger je mehr
ihr Herz erfüllte
Da öffnete sich die Tür hinter ihrem Rücken herein trat Lord Bristol und
weckte die Sinnende mit leis aufgelegter Hand
Es war eine ernste tief empfundene Freude der beiden schwer Geprüften und
Lord Bristol fühlte erst recht den Umfang des Erlebten in der Mitteilung an
seine Tochter
Ich bin für immer von meinem königlichen Herrn geschieden Arabella so
schloss er seine lange Erzählung aber das Schwerste war mir ihn von sich selbst
geschieden zu sehen
Und der Prinz sagte die Herzogin an die Zukunft denkend
Gott wird geben dass seine ausgezeichneten Eigenschaften sich selbst zu
echter Tätigkeit überlassen bleiben dann wird mein Vaterland zu beneiden sein
Ich selbst Arabella setzte er hinzu ich werde in ihm nicht den Erben des
Wohlwollens finden welches Jakob zu meinem Freunde machte Doch lass uns diesen
trüben Gegenstand beendigen ich habe Dir Freundlicheres vorzutragen Anna
Dorset bittet durch mich um Deinen Segen Sie ward in derselben Stunde als ich
London verließ die Gemahlin Deines Sohnes Dass Du mir diese Überraschung
zugedacht tat mir wohl Der Anblick eines glücklichen Familienkreises worin
wahrhaft menschliche Tugenden walten und ungestört sich entwickeln dürfen ist
der Balsam der Not tut wenn der größere Schauplatz menschlicher Tätigkeit
ein trübes Bild böslich sich durchkreuzender Leidenschaften darstellt
Darum erwiderte die Herzogin ist tugendhafte Behauptung des Rechts und
der Ordnung im Schoss edler Familien so wichtig weil aus ihnen die einzelnen
Geister hervorgehn die in das äußere Gewirre kleinlicher Interessen mutig
eingreifen und ihrer Zeit den Charakter aufnötigen der das erdrückte Gute
wieder belebt Mit sicherer Hoffnung sehe ich auf die eben geschlossene
Verbindung meines Sohnes er wird den ehrwürdigen Namen den er trägt in der
Ehe mit einem Wesen wie Anna Dorset würdig fortpflanzen und seinem Vaterlande
ein Repräsentant altadeliger Ehre und Sitte sein
Ich habe die beste Meinung von meinem Enkel und freue mich seiner Nähe denn
Du darfst sie erwarten sie sehnen sich nach Deinem Segen Ollony wird sie
begleiten und einige Wochen später denkt die Gräfin Dorset mit Lord Ormond
ihnen zu folgen
Und Richmond fragte die Herzogin darf ich ihn nicht erwarten
Richmond erwiderte der Lord scheint vorläufig ein anderes Interesse zu
verfolgen welches näher als in einigen Andeutungen zu erfahren weniger
Mangel an Vertrauen zu mir war als es in unserer ungemein gedrängten Zeit lag
So viel ist gewiss dass der edle Jüngling sich für gebunden hielt in allen eignen
Wünschen und Handlungen ehe erreicht war was ich zu meiner Ruhe gewünscht Ich
habe dies erraten können und muss die edle Hingebung die er mir bezeigt um so
mehr verehren da jenes Andere kein unbedeutendes Interesse haben kann indem er
augenblicklich nachdem ich mich befriedigt erklärt sich ihm ausschließlich
hingab
Er sendet Dir die ehrerbietigsten Grüße und lässt Dir sagen dass Lord
Membrocke plötzlich bei Hofe erschienen sei und von ihm und Lord Ormond zur
Rechenschaft gezogen ihnen die Überzeugung gegeben habe dass das Fräulein von
Melville nicht mehr in den Händen des Lords sei dass der Lord selbst aber nichts
von ihr zu sagen wisse und in Bezug auf die ganze Sache die Verstimmung über
einen gescheiterten Plan zeige dass er von unbekannter Hand eine Art von Notiz
über ihr ferneres Schicksal erhalten die er zu verfolgen denke und nicht ruhen
werde bis er Dir über Deine Schutzbefohlene gute Nachricht bringen könne
Mein Sohn fuhr die Herzogin mit schneidendem Tone auf hätte denke ich
abwarten können bis meine Befehle ihn zum Ritter dieser Dame kreirt hätten Mit
Erstaunen und Unwillen sehe ich ihn aus eigenem Willen eine Angelegenheit wieder
aufnehmen die ich für beendigt erklärt habe
Meine Tochter unterbrach sie der Lord mit einem sanften Lächeln wir dürfen
nie übersehen dass eine Zeit für unsere Kinder eintritt wo sie von den
Tugenden der Eltern zur Entwickelung getrieben diese erreicht haben und sich
als selbstständig erkennen Die Zeit tritt dann am entscheidendsten hervor wenn
das Herz von der gewaltigsten Macht über die Menschen ergriffen wird ich meine
wenn die Liebe zuerst ihren Einzug hält
Großer Gott rief die Herzogin mit der ihr eigenen Heftigkeit ich will
nicht hoffen mein Vater Ihr sprecht von einem vorliegenden Falle Nein Ihr
habt nur im Allgemeinen bemerkt nicht Richmond wähnt Ihr in diesem Falle von
ihm glaubt Ihr dies nicht
Und wenn ich eben ihn bezeichnet hätte liebe Arabella was erschreckt Dich
daran so heftig Unmöglich kann Richmond eine unedle Wahl treffen Melville ist
ein alter Name er nennt sie Deine Schutzbefohlene er verweist mich an Dich um
über ihren Wert ihre Tugenden Auskunft zu erhalten Robert spricht mit
Entzücken von ihr er treibt den Bruder zur Tätigkeit wie Legt dies nicht
Alles ein gutes Zeugnis für sie ab
Lasst das bester Lord sagte die Herzogin mit bebender Stimme und bleicher
Stirn lasst das und sagt ich beschwöre Euch sagt was Ihr glaubt ob Richmond
eine solche Neigung bekannte oder ob Ihr sie wahrgenommen
Richmond ist zart fast jungfräulich in seinen Äußerungen aber dennoch
glaube ich er liebt das Fräulein und Robert hat es mir bestätigt und sein
heissester Wunsch scheint diese Verbindung Doch was ists mit dieser jungen
Person und Gott weshalb erschüttert Dich dies so heftig meine Tochter
Die Herzogin hatte sich bei den letzten Worten des Lords erhoben sie wollte
ihre Verzweiflung dem väterlichen Auge entziehen aber es strömte ein solches
Übermaass von Schmerz und bangen Gedanken auf sie ein dass sie nicht fähig war
Fassung zu behalten Sie stützte sich betäubt auf die Lehne ihres Stuhles
unfähig ein Wort auf die dringenden und besorgten Bitten des Vaters zu
erwidern Mühsam wehrte sie endlich seinem Forschen mit der Bitte um Ruhe und
diese ihr als notwendig erkennend eilte der Lord Mistress Morton herbei zu
rufen
Wir haben Lord Richmond seit seiner letzten Anwesenheit in London nur in
öffentlichen Beziehungen wiedergefunden und kehren um so lieber zu ihm zurück
da uns durch die eben erwähnte Mitteilung des Grafen Bristol eine Andeutung
über ihn zukömmt die wir um so lieber verfolgen da sie uns wieder mit unserer
eigentlichen Schutzbefohlenen in Verbindung zu bringen scheint
Als er eines Abends spät nach dem Palaste seines Bruders zurückkehrte
meldete man ihm es harre auf ihn ein Fremder der nur ihm selbst seinen Namen
sagen wolle
Richmond begab sich nach seinen Zimmern und alsbald führte man den Fremden
vor der durch seinen würdigen Anstand wie durch seine Kleidung sogleich den
Geistlichen der herrschenden protestantischen Kirche verkündigte Sein
freundlich ernstes Gesicht und der ruhige Aufblick seiner Augen nahmen sogleich
Lord Richmonds Teilnahme in Anspruch und dieser führte ihn selbst in seine
innern Zimmer ihn hier verbindlich zu seinen Mitteilungen einladend
Ich weiß nicht Mylord ob ich die Angelegenheit die mich zu Euch führt
eine eigene oder eine fremde nennen soll gewiss aber bin ich dazu berufen mich
derselben mit allen meinen Kräften anzunehmen Mein Name ist Brixton und Euch
vielleicht in Bezug auf eine junge Dame nicht unbekannt deren sich Eure
verehrungswürdige Familie auf das Gnädigste angenommen hat
Brixton rief Richmond freudig überrascht Ihr seid derselbe würdige
schottische Geistliche an den uns Lady Melville verwies um näheren Aufschluss
über ihre Verhältnisse zu erhalten
Derselbe Mylord entgegnete Brixton der durch die unglücklichste
Verflechtung von Umständen durch eine lange Abwesenheit in Irland an der
großen und heilig gelobten Pflicht verhindert ward dem Fräulein allen Beistand
zu leisten den ihre höchst unerwartete Lage nötig machte Erst als ich wieder
in Edinburg war erhielt ich die Briefe welche man mir nachzusenden bei der
Unstätigkeit meiner Reise für unmöglich gehalten hatte zugleich aber die
Erlaubnis meines ehrwürdigen Bischofs mich nach GodwieKastle selbst zu
begeben
Hier stockte er und eine flüchtige Verlegenheit zeigte sich auf seinem
Gesichte Sodann fuhr er mit Höflichkeit fort
Ich habe die Ehre gehabt die Frau Herzogin selbst zu sprechen und von ihr
die niederschlagende Nachricht erhalten dass dies unglückliche verlassene
Fräulein einen Schritt getan hat der sie nicht allein der Missdeutung aussetzt
sondern wahrscheinlich auch in die unglücklichsten Verhältnisse gestürzt hat
wenn nicht bald etwas zu ihrer Rettung geschieht
Es gab eine Zeit an die ich mit Schmerz als eine vorübergegangene denke wo
alle Macht und alles Ansehen der erlauchten Familie Nottingham sich vereinigt
haben würde um diese Rettung zu beschleunigen
Ich mache der Frau Herzogin aus ihrer Weigerung keinen Vorwurf ich konnte
mich ihr nur mit halbem Vertrauen mitteilen da ich durch frühere
Versprechungen gehindert bin mich über das ganze Verhältnis der jungen Dame
genügend auszusprechen ich musste daher auf eine Teilnahme rechnen die sich
vielleicht für sie hier vorfand auf ein Vertrauen welches mir dem Fremden um
dieses Kleides willen vielleicht geschenkt ward Frauen sind zu einer größeren
Vorsicht bei Verschenkung ihres Vertrauens berechtigt auch sind die eignen
Familienangelegenheiten ganz geeignet das größere Interesse der Frau Herzogin
in Anspruch zu nehmen So habe ich allerdings sehr wenig Erläuterndes über den
unglücklichen Schritt des Fräuleins erfahren können
Ich musste mich darein finden und tat es um so eher da mir eine Reise nach
London jedenfalls den Schutz zu gewähren verhieß dessen ich bedurfte Die Sache
hatte sich hier jedoch anders gestaltet Unfähig die Personen zu erreichen die
ich als hilfreich kannte bin ich von einer mir verborgen bleibenden Partei in
allem was ich vorhabe beobachtet und gehindert ja ich habe Ursache zu
glauben dass selbst meine persönliche Sicherheit gefährdet ist
Sir rief hier Richmond dessen anschwellendes Herz aufatmete diesem
Manne der wahrscheinlich in GodwieKastle keine freundliche Aufnahme erfahren
hatte und der ihm doch so über Alles hinaus wichtig erschien sein Wohlwollen
bezeigen zu können nehmt denn vor Allem den Schutz an den dies Schloss und der
Name Nottingham zu leihen vermögen mein Bruder der diesen Namen von seinem
verehrungswürdigen Vater erbte trägt ihn nicht mit minderer Ehre
Freundlich sich neigend nahm der Geistliche diesen Antrag auf
Ich kann nicht leugnen dass Eure Güte die Bitte erfüllt hat die ich um so
sicherer an Euch tun wollte als ich mich selbst setzte er lächelnd hinzu für
wichtig erklären muss doch fuhr er ernster fort ein Blättchen vorzeigend ich
hatte nicht den Mut das Interesse Eurer Familie so fortdauernd in Anspruch zu
nehmen glaubte aber in einer unsicheren Lage den von einem Unbekannten und
anscheinend Wohlwollenden mir angezeigten Weg nicht verschmähen zu dürfen Kennt
Ihr die Handschrift
Richmond nahm das Blättchen In unortographischer Schrift stand darauf
»Eure persönliche Freiheit ist bedroht sucht das Palais der Nottinghams
auf Lord Richmond wird Euch Schutz verleihen«
Sonderbar rief Richmond wer kann Eure Sicherheit bedrohen Habt Ihr
darüber Vermutungen
Ich kann in diesem Augenblicke nicht darüber urteilen Mylord es ist so
Vieles so Unerwartetes in meiner Abwesenheit geschehen dass ich nicht im Stande
bin zu übersehen welche Ausdehnung dadurch ein Mitwissen um Verhältnisse
erhielt die bisher wohl berechnet in ein wohltätiges Dunkel gehüllt waren
Und gehen diese Verhältnisse die junge Dame ausschließlich an die sich Eure
Schülerin nannte fragte Richmond
Sie war bis zu dem entsetzlichen Augenblicke der sie plötzlich aller ihrer
Stützen beraubte der Gegenstand der zärtlichsten Sorgfalt und Liebe der
stolzesten Hoffuungen der glücklichsten Aussichten für die Zukunft und alle
die sie kannten fühlten sich durch Pflicht und Liebe berufen ihr die größte
Verehrung zu weihn Ach ich bin in diesem Augenblicke der einzige der von so
vielen und würdigen Personen ihr geblieben ist Aber es lebt noch außer mir ein
Wesen bestimmt ihr Schutz zu sein von Gott und Rechtswegen und dies zu
erreichen ist die Absicht meines Hierseins
Ihr sprecht von dem Oheime des Fräuleins den wir vergeblich getrachtet
haben ihr wieder zu finden nach dem sie sich unablässig sehnte Sagt Sir habt
Ihr ihn entdeckt lebt er hier und können wir uns mit ihm vereinigen das
Fräulein aufzufinden
Wie sehr beklage ich Mylord Eurem wahren und aufrichtigen Eifer nicht mit
dem vollen Vertrauen begegnen zu können von dem ich mich zu Euch durchdrungen
fühle aber mag es zu Anfang unserer Bekanntschaft gleich ausgesprochen sein
dass ich Euch auf alle Fragen die Antwort schuldig bleiben muss wenn sie gegen
Verpflichtungen streiten die ich nicht aufzuheben vermag
Könnt Ihr Euch entschließen mir ohne dies Euer Vertrauen zu schenken könnt
Ihr Euch mit mir vereinigen wo ich Hilfe bedarf zur Rettung der unglücklichen
jungen Dame so darf ich Euch bei der Würde meines Amtes schwören Ihr weihet
Beides keiner unedeln Sache vereinigt Euch mit keinem Unwürdigen
Genug Sir ich achte Eure Zurückhaltung und werde stets nur das Vertrauen
von Euch verlangen was sich mit jenen früheren Verpflichtungen verträgt Glaubt
indessen nicht dass wir so schnell das Fräulein aus den Augen verloren Ihr Weg
ist verfolgt worden von einer Person auf deren Treue wir uns verlassen konnten
und sie ist von Lord Membrocke getrennt in einem Schloss in Nordhampton
zurück gelassen worden während der Lord seinen Weg allein fortgesetzt hat doch
zur Zeit noch nicht in London eingetroffen ist wo er indessen von seinem
Freunde dem Herzog von Buckingham erwartet wird da er auf der Liste der
Kavaliere steht die dem Herzog nach Frankreich folgen werden Mein Diener ist
übrigens dem Lord Membrocke gefolgt bis er von dem Aufenthalte des Fräuleins zu
entfernt war um seine Rückkehr dahin erwarten zu können Unbezweifelt ist
jedoch dass auch dort ihre Gegenwart mit der größten Sorgfalt verhehlt wird da
es ihm bei seiner Rückkehr sogar nicht möglich ward über die Anwesenheit der
Lady die geringste Spur zu erhalten viel weniger sie selbst zu sehen
Die Angelegenheiten meiner Familie legten mir eine Verpflichtung auf die
mich an London band sonst würde ich viel früher geeilt haben die Spur zu
verfolgen die wir dadurch gefunden und die mich wenigstens in der einen
Beziehung beruhiget sie nicht mehr in Lord Membrockes unmittelbarem Gewahrsam
zu wissen obwohl ich ihn noch dabei im Spiele glauben muss da der Edelmann der
Besitzer jenes Schlosses ein Vertrauter des Herzogs von Buckingham ist
Des Herzogs von Buckingham rief mit sichtlicher Überraschung Master
Brixton Wie Hat der Herzog Kunde von dem Fräulein Glaubt Ihr Mylord dass
Lord Membrocke bloß als Agent des Herzogs handelte
Ich muss dies dahin gestellt sein lassen erwiderte Richmond doch rechne
ich es mehr der verliebten Torheit Membrockes zu womit er das Fräulein obwohl
Anfangs sehr zu ihrer Missbilligung verfolgte
Anfänglich erwiderte Brixton Zweifelt nicht dieser Torheit wie Ihr es
richtig nennt unterlag die Lady auch später nicht wie Ihr anzudeuten scheint
Auf eine andere Weise hat man sie zu diesem Schritte veranlasst Ich kenne sie zu
genau um nicht zu wissen dass dringende Anforderungen an sie ergangen sein
müssen sie zu diesem gehässigen Schritte zu bewegen
Sir rief Richmond bewegt Ihr habt ein so festes Vertrauen Denkt Ihr auch
ihrer Jugend ihrer leicht gereizten heftigen Natur Diese Quelle ihrer
eigentümlichen Seelenschönheit ist zugleich einer Frau so verderblich führt
sie so leicht über die Grenzen hinaus ach die sie nicht mit ihren Augen
überschreiten darf ohne in Gefahr zu sein
Ich ehre Euer feines Gefühl für die heilige Atmosphäre der Sittlichkeit
worin Ihr die weibliche Ehre einhüllet und teile diese Ansicht ganz
erwiderte Brixton aber Lady Maria ist die schönste Mischung kindlicher
Unschuld und eines starken Bewusstseins von Recht und Unrecht sie hat für ihre
Jugend eine Selbstständigkeit des Karakters die man nur begreift wenn man ihre
Erzieher und den Zweck ihrer Erziehung kennt Es ist wahr Mylord sie gehört
nicht zu den schönen bewusstlosen Seelen ihres Geschlechtes die aus dem Bereiche
einer rein gebliebenen Empfindung alles unwillkürlich entfernt halten was sie
verletzen könnte instinktartig sich bewahren und eine schöne ehrenwerte
Erscheinung bleiben Lady Maria ist mit Absicht geweckt und zum Bewusstsein
geführt worden Was wahrhaft rein und vor Gott beständig ist hat sie scheiden
lernen von dem leeren inhaltlosen Formenwesen wohinter verkrüppelte Seelen
sich mit allen Ansprüchen auf Achtung zu flüchten vermögen und wobei das
reinere und höhere Gefühl des Menschen oft mit erdrückter Überzeugung dem Banne
der tyrannischen Gewalt unterliegt Sie steht mit dem Maße ihrer Hingebung oder
Versagung stets vor dem Throne einer großen Idee die rein entwickelt stets
unerreichbar sie demütig erhält vor Gott kalt und völlig abweisend gegen die
von anderswo kommenden Weisungen der Menschen Sie ist dadurch gerade wärmer und
nachgiebiger gegen den großen Verband den die Natur unter den Menschen knüpfte
sie ist voll Ehrfurcht gegen die geselligen Pflichten die ergänzend eintreten
wo dieser nicht stattfindet Aber sie ist dies Alles mit einer Feinheit und
einem Bewusstsein was eben notwendig sie rücksichtslos erscheinen lässt nach
gewöhnlichen Voraussetzungen
Richmonds Augen ruhten während dieser Worte am Boden er gedachte des Ideals
seiner Brust er wollte prüfen ob es sich mit den Worten des Geistlichen
vertrug er konnte nicht damit fertig werden unsicher wogten die Bilder durch
einander und endlich fühlte er dass sein Nachdenken schon zu lange gewährt Mit
einer desto bereitwilligeren Miene eilte er das Schweigen zu unterbrechen
Es steht mir in keinem Falle zu Sir sprach er rasch an Worten Zweifel zu
hegen die durch die Erscheinung des Fräuleins selbst bestätigt sind und jedes
Misstrauen das ein so außerordentliches Schicksal an dem Charakter der Person
selbst mit sich führt würde um so unedler sein fest zu halten als es ohne
Zweifel die schmerzlichste Zugabe desselben ist Noch ein Mal nehmt die
Versicherung dass ich zu jeder Mitwirkung bereit bin und in einigen Tagen hoffen
darf mit meinen Angelegenheiten weit genug gediehen zu sein um dann die Spur
der Lady verfolgen zu können Erhaltet Euch der Sache Sir der Ihr so nützlich
werden könnt es ist mit Eurem Erscheinen ein Hindernis gehoben dessen
Bedenklichkeit ich stets empfand Euch wird die Lady vertrauen und Euch zu
folgen einwilligen wenn wir so glücklich sind sie aufzufinden was wir jetzt
kaum hoffen durften nachdem es uns schon ein Mal verweigert wurde wo die
eigene Überzeugung von Membrockes bösem Willen vielleicht noch nicht
eingetreten war
Seid daher vorsichtig und verlasst den Schutz dieses Hauses nicht bis zu
unserer Abreise Kennen wir die Absichten des unbekannten Warners nicht hat er
sich doch darin nicht geirrt Euch hier gesichert zu halten
Lord Richmond gab nun selbst Befehl einige Zimmer die an die seinigen
grenzten für einen Gast in Bereitschaft zu setzen und ließ dessen Reisegepäck
von einem verschwiegenen Domestiken der die Livree ablegte aus der Herberge
herbeischaffen ohne zu erlauben dass er die Mauern des Schlosses wieder
verlasse
Der andere Tag ward dazu verwendet mit dem jungen Herzoge die nötigen
Verabredungen zu treffen und Brixton mit denselben bekannt zu machen zu welcher
Beratung sich auch Lord Ormond einfand Außer Zweifel waren die Empfindungen
der hier zusammentreffenden Männer ganz geeignet Brixton die Hoffnung eines
kräftigen Beistandes zu verheißen und er beschloss innerlich mit denselben erst
Alles zu versuchen um seine junge Freundin ihren falschen Beschützern zu
entführen da er sich in jedem anderweitigen Schritte der ihm Aussicht auf
Hilfe verlieh mannigfach gehindert sah und er die Warnung für seine Freiheit
zu sorgen nicht unbegründet finden mochte
Der Widerstand den er erfahren schien ihm von einer gemachten Entdeckung
über das Fräulein herzurühren und er konnte ihr Verschwinden mit seiner eigenen
Verfolgung in Zusammenhang bringen obwohl es ihm höchst unwahrscheinlich blieb
dass dies von der Seite des Herzogs von Buckingham herkommen sollte den er
unmöglich mitwissend und doch verfolgend denken konnte
Einen Schritt bei Letzterem zu tun schien ihm bei der Veränderung der
Dinge die über Alles so viel Dunkelheit gebracht ein zu gewagtes Unternehmen
da seine Aufmerksamkeit zu erregen schon Gefahr brachte ein ihm bisher heilig
gehaltenes Geheimnis bloszustellen Er beschloss demnach zuerst ihre Befreiung
als das Nötigste anzusehen und der Zeit alle fernere Entwickelung anheim zu
stellen
In der größten Zurückgezogenheit wartete er daher die Zeit ab die seinem
jungen Beschützer erlauben würde sich ganz der Sache seines Schützling zu
widmen die aber für den Augenblick noch in Anspruch genommen war von den uns
bereits bekannten Vorgängen in der Familie Nottingham
An dem Hochzeittage seines Bruders begleitete Richmond seinen Großvater den
ehrwürdigen Lord Bristol trotz des prinzlichen Gefolges bis an die Grenzsteine
der väterlichen Besitzungen und eilte dann mit dem glühendsten Eifer zurück um
sich zu Brixtons Bestimmung zu stellen
Sein erster Schritt war jetzt Lord Membrocke aufzusuchen da nur noch
wenige Stunden bis zu dessen Abreise blieben indem dem Herzoge von Buckingham
zu dessen nächster Umgebung er gehören sollte keine Zögerung mehr gestattet
war Doch fand er dies eitle Kind der Welt in ein solches Gewirre der
gewöhnlichsten Lebensbeziehungen verwickelt so von Schneidern Juwelieren
Stickern und Handelsleuten aller Art umgeben dass ihm keine Beziehung zu Lord
Richmond in Erinnerung geblieben schien und er diesen aufforderte der
Tanzstunde beizuwohnen die ein französischer Tanzmeister ihm geben wolle um
ihn in den neuesten zu Paris bei Hofe gebräuchlichen Tänzen zu unterrichten
Ich denke Mylord sprach Richmond mit dem vollsten Ausdrucke der
Geringschätzung Euch wird nicht ganz entfallen sein dass ich Euer Haus nicht
betreten haben kann um Euren Spässen beizuwohnen dass es unter uns ernstere
Beziehungen gibt die erörtert sein wollen ehe ich Euch erlauben kann in
diesem Tone Euch zu vergnügen
Richtig rief Membrocke mit sehr natürlichem Erstaunen da ihm wirklich im
Augenblicke erst die Veranlassung zu Richmonds Besuch einfiel Wir haben setzte
er lachend hinzu über die kleine schlaue Miss eine Zwiesprache zu halten die
ich Euer Liebden strenger Aufsicht entführte
Richmonds Stirn brannte bei der geringschätzigen Art wie er hier ein Wesen
erwähnen hörte gegen das er sich selbst noch jeden Zweifel vorwarf
Ich bin nicht gewohnt Mylord rief er ungeduldig ihm näher tretend in der
Gegenwart solcher Toren ernste Angelegenheiten zu besprechen zeigt mir Euer
Kabinet
Allerliebst lachte Membrocke mit schon annehmender guter Laune
allerliebst Ihr hier versammelte Gesellschaft von Toren Ihr meine
liebenswürdigen Gefährten amüsirt Euch wohl indessen ich in meinem Kabinet ein
paar Fledermäuse jagen will die über Nacht herein geflogen Wollt Ihr mir dabei
helfen Mylord so nehmt den Vortritt
Mit stolzer Heftigkeit trat Richmond an ihm vorüber in das Kabinet welches
der Lord ihm geöffnet und trug dies auch eben so den Stempel der Torheit wie
das erstere so waren es doch nicht Menschen sondern leblose Gegenstände die
hier sich jeder ernsteren Beziehung zu widersetzen schienen
Lasst mich stehen rief Richmond als der Lord ihn auf ein mit allerlei Kram
belegtes Ruhebette einlud was ich mit Euch zu reden habe muss bald abgetan
sein Erklärt Euch ob Ihr der Familie Nottingham die durch mich zu Euch redet
den angetanen Schimpf gut machen wollt aus ihrem Kreise ein von ihr
beschütztes unbescholtenes Mädchen entführt zu haben ob Ihr es gut machen
wollt indem Ihr mir bekennt zu welchem Zwecke und wohin Ihr sie entführt oder
ob Ihr es vorzieht zu jeder Euch beliebigen Stunde mit mir Euren Degen zu
kreuzen
Wahrlich rief Membrocke der bei aller Verworfenheit die gewöhnliche
Kavalier Bravour hatte um jeden Preis möchte ich das Letztere wählen um des
Vergnügens willen Euren jungen Degen kennen zu lernen
Wohlan die Bekanntschaft soll Euch werden erwiderte Richmond er ist
nicht jung genug um die Sache der Unschuld nicht verteidigen zu können und
unentweiht noch nie gezogen worden um die Laster seines Besitzers zu
vertreten
Dies liegt außer Zweifel lieber Lord spöttelte Membrocke die Nottinghams
sind alle wahre Tugendhelden Ihr seid alle glaube ich von Eurer gestrengen
Frau Mutter erzogen worden man sagt sie habe ihre Erziehungsmetode bei Eurem
Vater eingeübt bis sie Euch dann übernommen
Nennt den Namen meiner Mutter nicht rief Richmond heftig ihr erhabener
Charakter und ihre Tugenden liegen außer Eurem Bereich ich kann nicht zugeben
ihn von Euch zu hören
Wahrlich unterbrach ihn Membrocke zurückweichend Ihr beschneidet sehr den
Stoff unserer Unterredung Wovon beliebt es Euch zu sprechen wenn nicht von den
lieben Angehörigen Ich dachte wie gut ich es gemacht hätte
Wir haben überhaupt nichts mehr zu sprechen Mylord erwiderte Richmond
kalt was wir noch vorhaben wird mit wenig Worten abzutun sein Wo werden wir
uns finden
Ja so sagte Membrocke und sein Gesicht ward plötzlich nachdenkend das ist
eine schlimme Sache wo soll ich dazu Zeit finden Diesen Abend reist der Herzog
ab ich habe noch unabsehbar viel vor bis dahin Ihr setzt mich wahrlich in
Verlegenheit
Ist das die Sprache eines Mannes von Ehre sprach Richmond oder
beabsichtigt Ihr eine neue Beleidigung gegen mich durch Eure Ausflucht Ihr
werdet Zeit finden und sollte es der gegenwärtige Augenblick sein und dies
Zimmer unser Kampfboden
Halt Halt rief Membrocke wir müssen nicht mit der Torheit anfangen an
unserer gegenseitigen Bravour zu zweifeln die hat jeder Edelmann unseres
Namens so viel wie nötig um wegen ein paar Unzen Blut mehr oder weniger sich
nicht zu kümmern Ich habe nicht die Absicht Euch zu beleidigen ja
eigentlich setzte er gutmütig hinzu achte ich alle Männer Eures Stammes wegen
ihrer makellosen Ehre aber Ihr müsst Euren Maßstab zu handeln nicht den
heiteren Kindern der Welt aufnötigen die andere Ansichten von Lebensgenuss
haben und darum nicht gleich einen ganz gewöhnlichen kleinen Liebesroman als
eine Ehrensache ansehen
Richmonds Herz zog sich krampfhaft zusammen Es lag das Eingeständnis eines
solchen Verhältnisses mit Lady Melville in diesen Worten und er schauderte
zurück ihrer so erwähnen zu hören Halb abgewendet um seine Erschütterung zu
verbergen rief er mit dem tiefsten Ausdruck von Zorn und Schmerz
Es kann kein Streit unter uns sein über Dinge worüber wir zu verschieden
denken als dass unsere Meinungen sich je erreichen werden Doch sollen Eure
Worte ein solches Verhältnis zur Gräfin Melville andeuten so sehe ich Euer
Verhalten dabei als eine Beleidigung für unser unbescholtenes Haus an und
bestehe auf der einzigen Genugtuung die Ihr geben könnt
Mylord sagte Membrocke hätte ich Zeit so würde ich mich nicht bemühen
Euch mit Worten aufzuklären denn ich liebe gleich Euch die prompte Sprache
von zwei guten Klingen so aber will ich der Aeltere auch der Gemässigtere und
Verständigere sein Aufrichtig gesagt es ist mir die Sache für welche Ihr mein
Blut fordert herzlich gleichgültig geworden und ich habe die Prüderie der
kleinen Närrin längst vergessen Sie ist nicht der Mühe wert dass zwei Männer
wie wir uns darum raufen
Gut rief Richmond der einige trostreiche Worte vernommen mit mehr Ruhe
Auch ich bin kein Kind das bloß seine Waffen versuchen will doch fordere ich
dann von Euch einen offenen Bescheid darüber wo Ihr das Fräulein hinführtet in
welcher Lage sie sich befindet
So weit reicht mein guter Wille nicht Mylord erwiderte ruhig Membrocke
nun aber seid ruhig und hört mich fuhr er fort da Richmond heftig auffuhr Ihr
sollt Alles wissen was Euch interessieren kann ich verspreche es Euch aber
seid nicht wie ein gereizter Löwe ich bin meines Lebens ja nicht sicher mit
Euch
Etwas beschämt über seine Heftigkeit die ihn diesem gering geschätzten
Manne gegenüber fast in Nachteil brachte zog sich Richmond kalt zurück
entschlossen genau und scharf aber ohne Unterbrechung zu hören
Wir wiederholen hier nicht eine Mitteilung deren Gegenstand wir bereits
kennen Membrocke ließ der Tugend des Fräuleins Gerechtigkeit widerfahren ohne
Buckingham zu nennen verriet er dass sie ihn als Begleiter zu ihrem Oheim
gewählt und legte ziemlich aufrichtig die Machinationen dar womit er das
Fräulein entfernt hatte wobei er jedoch den Brief verschwieg und dadurch ihre
Leichtgläubigkeit dem Erstaunen Richmonds überließ Das Ende und ihren Verlust
in Sir Patricks Schloss von wo ihn eine Einladung des Herzogs zu der vorhabenden
Reise weggeführt wusste er gleichfalls von der eigentlichen Wahrheit fern zu
erzählen und ihre Flucht von dort die ihm bis jetzt wirklich ein Rätsel war
in das überzeugende Licht der Wahrheit zu stellen Richmond hatte einen Trost
empfangen der ihn willfährig machte die übrigen Umstände günstig zu finden er
glaubte Membrocke alles Übrige da er so gern an dessen Unschuldserklärung des
Fräuleins Glauben hatte Ihre zugleich dabei hervortretende Unbesonnenheit
schien ihm nur zu sehr mit seinen eigenen Wahrnehmungen über sie zu stimmen als
dass er diesen Teil der Erzählung hätte in Zweifel ziehen sollen So erklärte er
sich denn innerlich zufrieden und stand auch nicht an es auszusprechen da er
es aufgeben musste der verworfenen Moral des Lords das Unwürdige seiner
Handlungsweise bemerklich zu machen
Ja Mylord sprach Richmond auf dessen Frage ich will mich zufrieden geben
mit Eurer jetzigen Mitteilung und danach handeln aber seid sicher Ihr bleibt
mir verantwortlich für die Folgen Eures strafbaren Verfahrens und hörte ich
hier nicht die Wahrheit so werdet Ihr nach Eurer Rückkehr wohl Zeit finden mir
Antwort zu geben auf das was ich Euch dann zu sagen haben werde
O sicher und gewiss rief Membrocke wieder in seinen nachlässigen Ton
verfallend was kann mir angenehmer sein als eine so ehrenvolle Aussicht bei
meiner Rückkehr
Mit der größten Kälte und Höflichkeit trennten sich Beide und es sei uns
nur noch erlaubt hinzu zu setzen dass Membrocke seinem Freunde dem Herzog von
Buckingham nichts von dieser Unterredung mitteilte Sein Betragen ließ keinen
Beifall hoffen da des Herzogs Hass gegen die Nottinghams stets nach Gelegenheit
trachtete sie anzugreifen vielleicht auch war es eine gewisse Schadenfreude
die diese edelen Gefährten gegen einander hegten und welcher eine mögliche
Befriedigung bevorstand wenn es den Nottinghams gelang das Fräulein
aufzufinden und damit die ehrgeizigen Pläne des Herzogs zu durchkreuzen
Membrocke zweifelte nicht Richmonds leidenschaftliche Stimmung würde ihm bei
ihrem Auffinden schon eingeben das zu tun was sie für den Herzog alsdann
ziemlich verloren machte genug der Lord entschloss sich darüber zu schweigen
Lord Richmond dagegen eilte in größter Eile zurück um mit seinen Freunden
nach diesen empfangenen Mitteilungen die nächsten Beschlüsse nehmen zu können
Dies war nicht minder schwierig als früher geworden und die einzige zu
verfolgende Spur musste sich von dem Schloss des Sir Patrick aus anknüpfen
lassen wohin sie sich zuvörderst zu begeben beschlossen und zwar Brixton und
Richmond von einigen bewährten Dienern begleitet
Wir führen unsere Leser an einem Nachmittage durch die weitläuftigen Gänge und
Gallerien des alten königlichen Schlosses an manchem anscheinend einladenden
Eingange vorüber und öffnen am Ende eines solchen Ganges eine kleine
unscheinbare Tür die uns in ein leeres und düsteres Vorgemach führt An dem
schwachen Torffeuer des Kamins finden wir einen Jüngling in häuslicher Tracht
knieend in einigen Tiegeln einen Teig rührend der nach dem daneben
ausgebreiteten Leinenzeuge und dem starken Geruch von Kräutern zu schließen
einen Umschlag für irgend einen Leidenden zu enthalten schien
Schnell und geschickt sehen wir ihn jetzt eben den hinreichend erwärmten
Teig in die Tücher schlagen und leicht und geräuschlos mit der vollen
Elastizität der Jugend in ein Nebenzimmer springen dessen kleine Tür uns
hinter ihm her in ein größeres Zimmer führt was an Höhe Umfang und Bauart dem
besseren Teile des Schlosses angehört
Seine innere Einrichtung bietet die seltsamen Widersprüche von geschmacklos
geordneten und unreinlich gehaltenen Gegenständen des Luxus zu den nötigen
Verrichtungen der geringeren Beschäftigung eines niederen Standes dar Alles
zeigt überdies von längerer Vernachlässigung denn wir finden Kleider und Wäsche
in unsaubern Zuständen über einander geworfen und diese Zerstörung bald
erklärt wenn wir den Seufzern folgen die uns nach einem Winkel des Gemaches zu
einem Lager ziehen Hinter seinen zurückgeschlagenen Vorhängen sehen wir die
bleiche abgezehrte Gestalt eines Greises die sich seufzend den Handreichungen
des geschickten Jünglings unterzieht der eben seine erwärmten Umschläge um den
Leib des Kranken legt
Nun werden die Schmerzen nachlassen Ohm spricht er alsdann mit der
sichersten Zuversicht Du wirst dann einschlafen wenn Du aufwachst wirst Du
Hunger haben und Dich satt essen und wenn morgen früh die Sonne scheint
schleppe ich Dich nach Deinem Fenstersitz und dann bist Du gesund
Trotz der kühnen Reihefolge der zu hoffenden Zustände und der wenigen
Wahrscheinlichkeit ihrer Erfüllung richteten sich die kleinen trüben Augen des
Kranken doch einen Augenblick voll Hoffnung nach dem jugendlichen Tröster als
läge in seinen Worten schon ein Balsam dessen Wohltat nicht ganz ohne Wirkung
bleiben könne
Doch nach der Art alter Leute der Jugend ihre glücklichen Kombinationen
nicht zu gestatten selbst wenn ihre Erfüllung die eigenen geheimen Hoffnungen
ausspräche schüttelte der Alte unwirsch das Haupt und unter vielen Seufzern
hob er fast scheltend an
Torheit Torheit Siehst Du so wenig ein wie ich leide und
heruntergebracht bin um mich in zwölf Stunden durch Deinen Brei wieder auf die
Beine bringen zu wollen Alles steht zwar in der Macht des Herrn setzte er
beinah weinerlich hinzu und ist mein Ziel noch nicht gekommen werde ich
genesen aber vielleicht vielleicht erstehe ich auch nimmer mehr von diesem
Schmerzenslager
O schweig doch rief der Jüngling mit jugendlicher Ungeduld wie wirst Du
doch sterben Du bist ja noch gar nicht alt und bekömmst ja so schöne Arznei
wie der König selbst Der Mensch kann viel aushalten sagte immer Dein Bruder
Margaritens Vater und da musst Du Geduld haben Ich gebe Dir auch bald wieder
Tropfen und der Brei wird sicher Deinem Leibe gut tun
Dies schien in Wahrheit der Fall zu sein denn das leidende Gesicht des
Alten zog sich ruhiger zurecht und dem ängstlichen Stöhnen folgte eine
Ermattung die in einen leichten Schlummer überging
Still saß der Jüngling und blickte in die wohltätige Ruhe die sich nach
und nach um ihn verbreitete Sein jugendliches Gesicht trug trotz der eben
bewährten Tätigkeit die Spuren der Übermüdung die vielleicht einige Nächte
an dem Schmerzenslager durchwacht ihm zugezogen hatten Seine Augen ruhten erst
mit aller Anstrengung weit geöffnet auf seinem Pflegebefohlenen als aber dessen
ruhiger Atem anzeigte dass die Süßigkeit des Schlafes ihn beschlichen wurden
sie immer matter und von dem Bilde der Ruhe vor sich sympatetisch ergriffen
senkten sich die schweren Augenlider Bald fand er eine Stütze auf den weichen
Decken des Fussbodens und es sank ein fester und anhaltender Schlaf auf seine
bedürftige Natur
Nicht lange hatte so die Stille gewährt da schlichen leise Schritte durch
das Vorzimmer und in einen weiten Mantel gehüllt erschien eine männliche
Gestalt die mit schnellen Blicken das Zimmer überfliegend die ganze Lage
aufzufassen strebte und dann leise den Armstuhl an dem Bette des Kranken
einnahm zu dessen Füßen der Jüngling den Schlaf der Unschuld schlief
Seine lebhaften kleinen Augen flogen von einem Schläfer zum andern und es
war nicht ohne Interesse die Gedanken darin zu lesen welche unbewacht sich
ganz den so eben empfangenen Eindrücken hinzugeben schienen
Den Greis vor sich prüfte er mit der geringschätzigen Miene eines sicheren
Kenners von Leben und Tod und zog die Lippe gleichgültig empor als er ihm
innerlich das Letztere zuerkannt hatte
Auf den Jüngling zu seinen Füßen starrte er dagegen mit einem Ausdruck von
Neid und Neugierde hin So ruhig so heiter schlafen können War es ein Glück
das er nicht mehr begriff und das ihn doch heimlich an seine verlorne Seligkeit
mahnte war das Geringschätzung gegen ein so unbewegtes Leben gegen eine so
unbedeutende Existenz Er zuckte mit dem Fuße der fast dicht an dem lockigen
Haupte des vom Schlaf Geröteten stand und zog ihn mit verächtlichem Lächeln
zurück Doch der Alte hatte nur wenig Augenblicke Ruhe gefunden vielleicht
hatte ihn der stechende Blick des Ankommenden aus dem Nebellande der Träume
zurück gelockt
Unwillkommen schien das Bild des Harrenden dem müden Auge es schloss und hob
sich nur mit einem Seufzer
Es geht bedeutend besser wie ich sehe Alter rief der Angekommene ich
denke Du hast überwunden
Etwas Ruhe und Schlaf würden vielleicht bei so geschwächten Kräften das
Nötigste sein doch wie Ihr befehlt ich bin Euch zu gehorchen bereit was
steht zu vollführen erwiderte ergeben der Kranke
Deine Genesung ist allerdings nötig und gern gesehen erwiderte der
Angeredete und die Wohlgeneigteit Deiner Freunde wünscht sie zuerst um
Deinetwillen weniger machen die äußern Angelegenheiten für jetzt sie nötig
Seufzend legte der Alte sein Haupt auf die Kissen zurück Nach einer kleinen
Pause hob er an
Ist es mir erlaubt zu hören auf welche Weise man mit Master Brixton fertig
wurde
Porter Porter drohte der Andere mit der erhobenen Hand Deine erste Frage
ist nach diesem Schleicher den wir Deiner Obhut anvertrauten und nun da wir
ihn fast erreicht hatten um ihn unschädlich zu machen ist er verschwunden und
bis jetzt bleibt jede Auskunft über ihn uns aus Man argwöhnt nicht ohne Grund
dass er von Dir selbst eine Art Warnung oder gar irgendwo Sicherheit empfing und
es ist nicht mein letzter Auftrag hierüber Dein Gewissen zu rühren
Die lauernde Aufmerksamkeit womit Porter denn diesen uns wohlbekannten
Diener des Prinzen von Wales haben wir vor uns den drohenden Worten gehorcht
hatte ermässigte sich gegen das Ende derselben zu einer stillen Duldermiene
Mein ganzes elendes Leben ist dem Gehorsam gewidmet gewesen für die
erhabenen Zwecke denen ich blind dienen musste da sie zu erkennen mein
schwaches Vermögen nicht ausreichte Wo bin ich gegen den höheren Willen mit dem
meinigen eingeschritten Warum lässt man jetzt am Siechbette des Unterliegenden
so harte Worte wie an einen Treulosen ergehen
Nicht immer sind wir Deines blinden Gehorsams gesichert gewesen sehr viel
hatte man Dir vertraut und sieht man auf die endlich zu hoffenden Resultate
zurück sind sie ausgeblieben Prinz Karl denke ich verrät wenig Neigung
seinen unglücklichen katholischen Untertanen dereinst Schutz zu verleihen die
erhabene Frau die wir dieser großen Rache zur Beschützerin erkoren wird hier
einen einsamen Sitz finden und das Herz ihres Gemahls mehr gegen ihre Absichten
verschlossen als darauf vorbereitet
Hochwürdiger Herr erwiderte Porter zurückgehalten Ihr seid gekommen Euch
um jeden Preis zu erzürnen darum häuft Ihr Verbindlichkeiten auf mich die
notwendig unerfüllt bleiben mussten da sie bei weitem meine Fähigkeiten und
meine Stellung überstiegen Habt Ihr selbst je mehr von mir gewollt als die
Abneigung die man dem gnädigsten Herrn durch unsere gebenedeite Kirche
einzuflößen trachten könnte zu ermitteln und die hochwürdigen zu seinem
geistigen Wohl verbündeten Herren in Kenntnis der geheimen Handlungen zu
erhalten die einem so geringen Diener wie ich zur Kenntnis kommen konnten
Und doch denke ich dass Vieles uns davon entgangen ist entgegnete der
Zürnende was bei besserer Bedienung Deinerseits uns jetzt nicht so bedeutende
Mühe machen würde Wann erfuhren wir denn die wahren Verhältnisse der Gräfin von
Buckingham Etwa wie es noch Zeit war ihre wichtige und gefährliche Beziehung
zu hindern
Nein erwiderte der alte Mann bitter lächelnd erst da erfuhrt Ihr sie als
der Prinz überhaupt ein wertvoller Gegenstand ward durch den Tod seines
erlauchten Bruders Bis dahin musste ich zwar aushorchen aber selten wurden
meine Notizen abgefordert denn die Augen der hohen Brüder waren nur auf den
dereinstigen Tronerben gerichtet und Graf Archimbald war damals gefährlicher
als alle schönen Gräfinnen des Königreichs Den Posten bei diesem erlauchten
Prinzen hattet Ihr aber einem Andern anvertraut den ich gern späterhin zu
meinem gestrengen Herrn hätte übergehen lassen hätte die unverdient mir
geschenkte Gnade des Prinzen dies zugelassen
Es mag sein erwiderte in einiger Verlegenheit über den zurückgewiesenen
Vorwurf der Fremde dass Deine Dienste erst später Wichtigkeit erhielten doch
nimmt das den Vorwurf einer lässigen Bedienung nicht von Dir vielmehr sind
Deine Obern der Meinung dass Du viel gut zu machen habest wenn nicht die Folgen
der frühern Vernachlässigung Einfluss gewinnen sollen
Mit dem kläglichsten Ausdruck wandte sich der Kranke wie unter
wiederkehrenden Körperschmerzen auf seinem Lager und die Erdfarbe seiner Züge
wechselte mit einzelnen roten Streifen wie sie Zorn oder Angst hervorrufen Er
schien die strengen Worte des Redenden eben so wenig ertragen zu können als
sich hinreichend rechtfertigen zu dürfen und ließ übellaunig ihn dadurch im
Vorteile über sich
Indessen konnte dieser Zustand von Gegenwehr gegen einen fremden
despotischen Willen wodurch er auch hervorgerufen war immer nur eine
vorübergehende Erscheinung in dem durch lange Gewohnheit zum Knecht gestempelten
Geiste sein Das Joch wenn auch abgeschüttelt umschloss doch bald um so fester
wieder seinen Nacken und es war als ob der den wir so rau verfahren sehen
keinen Zweifel hegte an dieser Unterwerfung denn er sah mit anscheinend
vollkommener Ruhe den Konvulsionen der Empörung zu die den Alten bewegten bis
sie in sich ersterbend nichts zurückliessen als die aschgrauen mienenlosen
Gesichtszüge blindester Unterwerfung
Porter hob er an nachdem er dem Alten die nötige Zeit gegönnt wann
sahst Du den Prinzen zuletzt und wie war damals seine Stimmung
Der gnädige Herr erwiderte leise der Kranke benutzen seit meiner
Krankheit den Durchgang durch diese Zimmer um zu Seiner Majestät zu gelangen
und so geschieht es dass ich ihn jeden Morgen einige Augenblicke die Gnade habe
zu sehen nicht selten einige Worte zu hören die allerdings weit über mein
Verhältnis reichen und nur dem früheren Vertrauen in Bezug auf Dinge
zuzuschreiben sind die dem armen Herrn das Herz beschweren
Gut gut unterbrach ihn ziemlich ungeduldig der Andere Wie weit sind wir
Nicht sehr weit erwiderte besorgt der Alte keinesweges so weit wie zu
wünschen stände und ein alter Diener der Jahre lang von früh bis spät seinen
Herrn sieht und beobachtet kann wohl wahrnehmen was sich verändert und
umwandelt in wichtigen Augenblicken
Nun nun rief der Fremde dringend was meinst Du damit
Ich bin ein kurzsichtiges Werkzeug meiner Obern aber wenn mir nach
menschlicher Schwäche eigne Gedanken über die Angelegenheiten kommen wollen die
freilich in den besten Händen sind möchte mir oft scheinen es sei nicht
geraten dem gnädigsten Herrn das Herz so zu zerreißen und ihn so ohne Trost zu
lassen Still und sehr tiefsinnig war seine Gemütsart immer aber sehr milde
gütig und fügsam wohlwollend gegen alle Menschen zu gleicher Zeit und die hohe
Dame die bis dahin im Geheim den gnädigsten Herrn beglückte und das schöne
Kind dieses Bundes erhielten neben mancher Sorge doch das Herz des Herrn in
dieser gesegneten Stimmung Seit aber dieses geheime Glück durch Gottes Willen
dem gnädigsten Prinzen genommen seit auch das holdselige Kind verschwunden
welches die trostreiche Unterstützung bei seinem Gram hätte werden können ist
die Gemütsart des armen Herrn sehr verändert und seine Anlagen scheinen eine
sehr überraschende Entwickelung zu erleiden
Wie meinst Du das rief aufmerksam werdend der Fremde und rückte dem Bette
näher den fest schlafenden Jüngling leise mit dem Fuße weiter rollend
Es ist nicht gut fuhr Porter vorsichtig fort wenn einem verwöhnten Herrn
wie unserm gnädigsten Prinzen plötzlich Alles fehl schlägt Nicht alle Gemüter
halten derlei Erschütterungen aus ohne große Umwandlungen am öftersten
nachteilige zu erleiden Der Schreck wenn wir erfahren wie ohnmächtig unsere
eigenen Kräfte dem Schicksale gegenüber sind wird sehr häufig ein Zürnen und
nicht selten ein Erzürntbleiben gegen die ganze Welt was Weh erzeugt um uns
her Weh zurückführt in das also gemarterte Herz und Wehe Wehe ehrwürdiger
Herr wenn es dem inne wohnt der einen Thron besteigen soll Den Widerstand
den er gefunden lässt er erleiden das Glück an das er nicht mehr glaubt
versagt er um so leichter Andern und menschliche Mittel als unwirksam erfahren
zu haben am eignen Schicksal vertritt der Menschenachtung den letzten Zugang
und ein eigenwilliges stolzes Selbstvertrauen bleibt der Vertraute solcher
gefährlichen Seeleneinsamkeit
Alter Alter unterbrach ihn hier sein Zuhörer mit einem lebhaften Ausdruck
der Teilnahme der eben sowohl der Sache selbst als der schlauen Beobachtung
dessen galt der so gern als unbedeutend erscheinen wollte und doch nur zu
häufige Proben der tiefer gehenden Menschenbeobachtung gab die ihn zu dem
Werkzeuge jener umsichtigen Machtaber gestempelt hatte welche kein Talent in
ihrem Bereich verkannten oder unbenutzt ließ Sprich fuhr er fort sind dies
Wahrnehmungen die Du mit Deiner Schlauheit kombinirst Stützen sie sich auf
Tatsachen Gehören die Winke und Andeutungen dazu die über die Folgen der
Krankheit des Prinzen von Dir schon öfter gegeben wurden die sogar unter dem
Volke sich verbreitet finden Wäre es mehr als dies launische Übelbefinden
eines Genesenden Oder sind es nur von Dir herbeigeführte Schlüsse die Deiner
Lieblingsidee dienen sollen
Der Alte zog die Decke über seine hageren Schultern und sagte so
gleichgültig wie er vermochte
Legt meine Worte aus wie Ihr wollt was hülfen mir weitere Beteuerungen
seid Ihr doch einmal darauf gestellt mich zu kränken und mir zu misstrauen
Lieblingsideen verlernt der am ersten zu hegen dem kein freier Wille blieb den
kleinsten Wunsch zu fördern es ist lange her dass ich von Lieblingswünschen
träumte ich weiß nichts mehr davon
Du täuschest mich nicht fuhr der Unerbittliche fort ich weiß sehr wohl
wie Du uns überreden möchtest dies Unglückskind könne der Welt und seinem Vater
erhalten werden ohne unsere größeren Absichten zu durchkreuzen Läugne wenn Du
kannst dass sich alle Deine Beobachtungen bequemen müssen um dieser Idee
unschädlich zu werden leugne diese Schwäche diese Torheit für ein junges
unbedeutendes Mädchen für die Schwäche eines väterlichen Herzens welches doch
zu dem reichsten Ersatze bestimmt nur diese leichte Krisis von Schmerz zu
überstehen haben wird um dann die endlosen Sorgen die an diesem Wesen ihm
gegeben wären in rechtmäßige Freuden verwandelt zu sehen
Wer könnte wagen wollen Euch zu täuschen Hochwürdiger erwiderte der Alte
unterwürfig die Hauptsachen können Eurem scharfen Blicke nimmer entgehn nur
traut Ihr meiner Aufrichtigkeit zu wenig Was ich Euch über eine große sehr
ernst scheinende Karakterumwälzung des gnädigen Herrn gesagt verwerft es nicht
Denn der Todesschweiss auf König Jakobs Stirn prophezeihet dass Alles bald zu
Tage kommen wird was in diesem armen Herrn glüht und gährt Gedenket daran Er
hat die Ungeduld des Unglücklichen er wird handeln um sich zu zerstreun Gebt
Acht wie seine ersten Schritte sein werden denn was Ihr hofft wird vorerst
Euch täuschen Ein Weib legt ihm so bald nach dieser keine Zügel an Henriette
von Frankreich wahrscheinlich nimmer wenn irgend Eine so wäre es vielleicht
das gefangene Mädchen das sich mit vollem Rechte Maria Stuart nennt und das
Ihr vielleicht zu Eurem eignen Nachteil zurückhaltet
Nachdenkend schob der Mönch die Kappe von der breiten Stirn und zeigte damit
für einen Augenblick das Antlitz des Pater Johannes des Beichtigers auf dem
Schloss der Lady Howard Er bemerkte die lauernden Augen des alten Porters
nicht der die Wirkung seiner Worte auf dem entüllten Antlitz suchte und
erkannte dass sie mit großer Sorgfalt geprüft wurden
Ja hob der Pater dann nachdenkend an wenn dies Mädchen die Du so gern
Maria Stuart nennst den glaubensvollen Eifer ihrer großen Ahnfrau hätte diese
unbesiegbare Liebe zu unserer heiligen Kirche die ihr Haupt fallen ließ und
selbst ihren gemordeten Schatten noch zu einem drohenden Panier gegen diese
Afterkirche machte was denkst Du dass wir Deines Rates bedürften ihr einen
bedeutenden Platz anzuweisen und eben sie der Welt zu erhalten Aber
ketzerisches Blut von beiden Eltern in den Adern ketzerisch genährt und
erzogen ist sie starr geblieben gegen die Segnungen meines Unterrichts meiner
Belehrungen gegen die überzeugenden Beispiele täglicher kirchlicher Feier
gegen Alles was ein Gemüt sonst empfänglich macht wie strengste Einsamkeit
Entziehung von Luft und Bewegung und jener eitelen weltlichen
Geistesbeschäftigung durch deren Angewöhnung ihre lasterhafte Erziehung aus
diesem Kinde an Jahren einen Mann an Festigkeit in ihren Irrtümern gemacht
hat
O o sprach hier mit vieler Teilnahme der Kranke steht es so schlimm mit
dem armen Kinde
Ja so schlimm steht es erwiderte recht innerlich entrüstet der Andere
und so fürchte ich wird es bleiben und damit ihre Zukunft von ihr selbst
herbei geführt sein Glücklich müssen wir uns preisen dass uns darüber die
Verfügung gestellt ist denn in Buckinghams Händen mit der Zutat höfischer
Weltklugheit die er nicht ermangelt haben würde ihr zu geben hätte die
erhabene katholische Fürstin die sich hierher begibt und als eine wahre
Gesandtin des Herrn dies Ketzerland betritt die MärtyrerKrone früh genug um
ihre Schläfe fühlen können Und unser so spärlich gedeihender Einfluss Er
hielt inne als fehle ihm die Ergebung um den Gedanken zu vollenden der sich
ihm nur wider Willen aufgedrängt hatte Auch Porter schien von ernster Unruhe
bei diesen Worten ergriffen denn zu tief hatten ihn die zu verpflichten gewusst
die sein Gewissen und seine Stellung missbrauchten als dass er sein Interesse von
dem ihrigen hätte ganz abwenden können Die Liebe zu seinem Prinzen die
vielleicht das einzige warme Gefühl dieses abgetödteten Herzens war trat doch
immer wieder verschüchtert zurück wenn dieses mächtige Interesse aufkam Der
geheime Wunsch den Prinzen endlich seiner Kirche zuzuwenden verdeckte ihm
dabei die bösen Wege die er ging und die Treulosigkeit die er in jeder andern
Beziehung sich gegen ihn weder erlaubt noch verziehen hätte erschien ihm durch
solchen Zweck geheiligt
Es ist freilich dabei Manches zu bedenken fuhr der Mönch fort und nicht
unwichtig ist die Hartnäckigkeit des Sinnes den Du eben daher abgeleitet bei
dem Prinzen wahrzunehmen vorgiebst Aber es dürfte dies Alles eher zu bestätigen
sein als dies Mädchen so wie sie jetzt ist hervortreten zu lassen und
Buckinghams Einflusse der gebrochen werden soll damit eine neue Verstärkung zu
geben
Hochwürdigster hob hier der Alte an wie von einem frischen Gedankenstrome
belebt sagt mir doch beabsichtigten nicht frühere Pläne das Fräulein der
gnädigsten Prinzessin zu übergeben als ein Geschenk für den Vater sein Herz
damit ganz der großmütigen Gemahlin zuzuwenden
Man hat auch dies bedacht allerdings erwiderte Pater Johann doch blieb
es nur damals erwünscht als ihr Besitz noch nicht entschieden war
Seit sie unser gesichertes Eigentum geworden ist der Plan wenigstens nicht
weiter in Anregung gewesen und selbst unter dem Einflusse der Prinzessin bleibt
ihr Hervortreten gefährlich denn Buckingham hat unbestreitbare Rechte über sie
und wird sie sich ihm nicht leichter zuwenden als der katholischen Fürstin
Der Alte schwieg und vertiefte sich in seine Gedanken bis er endlich an
einer neuen Frage die sich ihm aufdrängte angelangt war die er sich jedoch
hütete als solche zu stellen
Der Einfluss und die Geschäftigkeit einer großen Anzahl von Personen die ihm
aus Furcht und Gewinnsucht dienen setzten den Herrn Herzog oft auf eine sehr
überraschende Weise von Dingen in Kenntnis die man weislich verborgen hält Ich
habe eine schmerzliche Sorge für das heilige Schloss und seine Bewohner Seit
lange glaube ich gehen über dasselbe bis jetzt freilich mehr verlachte und
gering geachtete Gerüchte käme aber der Herr Herzog bei vergeblicher
Nachforschung auf den Gedanken von welcher Hand diese ihm wichtige Person ihm
entzogen worden und verborgen werde sollte er da nicht im Weiterschliessen
diesen Ort finden können und denselben dann der brutalsten Nachsuchung
aussetzen
Alter erwiderte der Angeredete Du schiessest an Deinem Ziel vorüber Alles
zu übersehn ist Dir nicht verliehn und Deine Vorsorge macht Dich hier
kurzsichtig und einfältig als ständen Dir keine Erfahrungen zur Seite Wer hat
denn bisher spielend diese Verhältnisse geleitet wer diese Verbindung dies
Kind gehütet und stets sie bereit gehalten zum beliebigsten Gebrauche zur
Hintertreibung oder Erreichung nötiger Zwecke und zwar mit so fester und doch
ungeahneter Hand dass sie sich in völliger Freiheit und Sicherheit träumte
Hm erwiderte der Alte mit dem boshaftesten Lächeln welches er in seiner
ganzen Schärfe vortreten ließ ich weiß Sir dass es dieselben ehrwürdigen und
weisen Herren waren die endlich die Lady ohne Ahnung ihres Todes von ihrem
eignen Bruder der bloß zufällig nicht der Herr Herzog selbst war begraben und
den lang bewachten und festgehaltenen Schatz entwischen ließ in ziemlicher
Ungewissheit wo er eine Zuflucht gefunden oder ob ihm überhaupt noch eine
Zuflucht auf dieser Erde nötig sei
Ein Fehler unläugbar ein Fehler stotterte verwirrt Pater Johann aber sehr
verzeihlich und durch die Umstände entschuldigt Der höchst weise Hilarius der
diese Aufsicht übernommen hatte ward abgefordert nach des Höchsten Ratschluss
Pater Klemens der uns allgemein würdig schien das große Geheimnis zu teilen
noch in Frankreich der Prinz und der Herzog in Spanien das Kind in Schottland
es schien wenig Gefahr vorhanden Gewiss war es ein merkwürdiges Beispiel wie
das kleinste Versäumnis oft zur Zerstörung der klügsten Unternehmungen führen
kann Indessen fehlen dem Klugen selten die Mittel eine solche bloß menschliche
Befährniss wieder abzuwenden wie der Erfolg gelehrt
Wohl sagte trocken Porter aber es war freilich eine eigne Befährniss Sir
dass das Fräulein wie durch Instinkt getrieben zu diesen Nottinghams ihrem
alten Schutze flüchten musste und es endlich der Kabalen des Herrn Herzogs
bedurfte sie aus dieser strengen Obhut zu locken
Ja rief der Andere kurz auflachend es war ein Meisterstück diesen eitelen
Lord diesen Membrocke so bloß als Handlanger unserer Pläne handeln zu sehen
und Beide Buckingham wie ihn Einen um den Andern anzuführen
Denkt Ihr rief warnend Porter der Herr Herzog habe dies nicht erkannt
Denkt Ihr er werde es ruhen lassen Wie Viele haben jetzt schon den Verrat
seiner Chiffern büßen müssen er stürmt in Wut gegen alle Verdächtige an nur
immer an dem Einen vorüber der ihm zu nah steht um ihm verdächtig zu sein
aber darum ist doch die Entdeckung nicht unmöglich und Maxwell würde sich durch
nichts retten als indem er uns alle verriete daran zweifelt nicht
Kann sein erwiderte gleichgültig Pater Johann fürs Erste hat er Alles
vergessen und das Spielzeug das wir ihm gegeben der Glanz und die Ehre dieser
Brautsendung die seiner Torheit eben so viel Nahrung als Gefahren gibt wird
ihn denke ich auch nach seiner Rückkehr hinreichend beschäftigen Die
Gewitter die über ihm stehen und die er für blauen Himmel hält werden den
Wind aus Frankreich haben und hinter ihm herziehen bis sie sich in England über
ihm entladen
Die Szene die der Prinz durch Buckinghams Unverschämtheit in Whitehall in
Gegenwart des französischen Gesandten bei Bristols Zusammenkunft erlebte hat
ihn über Vieles nachdenkend gemacht und er forscht in der Stille ob wohl an
Bristols sogenanntem Verrate wirklich etwas sein möge Abwesenheit ist immer
Verlust für solche Günstlinge Buckingham wird denke ich die Verhältnisse
verändert wieder finden
Um so mehr sprach der Alte bedächtig wird er das Mittel wieder zu erlangen
suchen was ihm ein großes Gewicht sichert und sein Ansehen wieder herstellen
wenn nicht erhöhen muss
Denkt Sir dass zur Zeit als Ihr Mutter und Kind in der selbst gewählten
Lage nur bewachen durftet der Herzog von ihrer Wichtigkeit ja teils von
ihrer Existenz keine Ahnung hatte jetzt ist es anders und selbst der Groll so
lange darüber getäuscht worden zu sein schärft das Interesse Es war eine
schwarze Stunde und folgenreich in allen Beziehungen als mein gnädigster Herr
ungewarnt und gerade durch den Herzog die Nachricht des Todes derjenigen
erhalten musste um derentwillen er eben so große Opfer gebracht so große
politische Pläne hatte scheitern lassen selbst eine Verbindung mit dem früher
so gehassten Herzog eingegangen war Von da an schreibt sich Alles was die
hochwichtigen früheren Pläne verwirrt und gefährdet hat und der Herzog hat
wohl erkennend welchen ungeahneten Vorteil er verloren schnell übersehn wie
wir anerkennen müssen was ihm nun zu tun oblag So haben wir ihn sehr richtig
würdigen sehen dass jetzt ihm vorläufig nur Schaden daraus erwachsen und seinem
hochmütigen Plane sich zum Schöpfer einer eben so glänzenden Verbindung zu
machen als der wegen welcher Graf Bristol unterhandelt hatte diese Entdeckung
jetzt keineswegs wünschenswert sein könnte Darum musste das Wesen dessen Wert
für die Zukunft er wohl fühlte für den Augenblick da der zärtliche Schmerz des
Vaters ihr eine gefährliche Frankreich beleidigende Legitimität geschenkt
hätte zurück gehalten werden aber glaubt mir er wird es wenn nur erst die
Vermählung vollzogen nicht vergessen dass sie ihm entwandt ist um seine
späteren Pläne zu vereiteln Wer weiß ob er nicht schon jetzt ihren Aufenthalt
kennt und Euch bloß eine Aufsicht über sie lässt welche selber zu führen ihm
beschwerlich sein würde
Eine ungeduldige Bewegung des Pater Johannes unterbrach die schnellen
fieberisch gesprochenen Worte des Alten
Ich bin nicht gekommen Deine Weisheit zu hören rief er ziemlich
übellaunig und mich Schwätzereien hinzugeben die von zu ungleichen Personen
geführt werden um irgend zu einer Ausgleichung führen zu können Mein Auftrag
an Dich geht diesen Brixton an der jedenfalls jetzt entfernt und um jeden Preis
von dem Prinzen zurückgehalten werden muss
Dies habe ich antwortete mit völlig gesenkter Stimme der Kranke so lange
getan als es mir möglich war den Prinzen allein zu beobachten Es ist ihm
nicht gelungen Seine Briefe sind in meine Hände gekommen seine täglichen
Besuche an allen Zugängen zu den Gemächern des Prinzen vereitelt worden zwei
Mal kurz vorher ehe der gnädigste Herr sich aus denselben begeben ist er auf
meinen Befehl von den Wachen weggetrieben und hiernach von allen Bewohnern des
Schlosses verjagt worden wo er sich zeigte Von meinem Lager aus habe ich noch
Warnungen und Befehle gegen ihn ergehen lassen und er zeigt sich jetzt nicht
mehr doch dass er aus seiner Herberge verschwunden war mir neu
Seine Wichtigkeit ist nicht zu übersehn sprach der Pater wir würden ihm
zwar seinen so wohl unterrichteten Zögling zu entziehn wissen wie einem Jeden
doch ist es besser wenn sie dort unter strenger Aufsicht ihr Leben beschliesst
als dass wir zu dem äußersten Beschluss schreiten müssten Übrigens sichert die
nahe Küste von Frankreich ihre schnelle und dann unerreichbare Entfernung und
Trennung von allen Verbindungen mit ihrem Vaterlande
Brixton würde indessen durch die Spuren die er selbst von ihrer Flucht und
ihrem Aufenthalte bei den Nottinghams entdeckt hat dem Prinzen ein willkommener
Bote sein und wenigstens die Gedanken ihres Todes die ihm nach und nach
einzuflößen sind von ihm entfernen auch ist es nicht ratsam setzte er
flüchtig hinzu einen Mann zu ihm zu lassen der einer der gefährlichsten
Feinde unserer Kirche eben jetzt sich nachteilig zeigen könnte
Wohl wohl bekräftigte der Alte er darf nicht in Verbindung treten mit dem
gnädigsten Herrn dies sehe ich selbst ein und überhaupt alle müssen entfernt
bleiben die ihn daran erinnern was er verloren weshalb auch Gersei und Hanna
mit allen ihren Gesuchen abgewiesen sind
Diese Beiden sprach der Pater hat der Herzog selbst für gut befunden
unschädlich zu machen Zur Ruhe gebracht in der vorteilhaften Stellung das
leere Schloss zu hüten worin sie ein langes Leben der nun zerronnenen Hoffnung
widmeten einst mit diesem gehegten Kinde selbst einen hoch vermögenden Platz
einzunehmen hat Alter und überstandene Gefahr sie fügsam gemacht und sie
werden Dich nicht mehr belästigen Du hast fürs Erste den Prinzen fortwährend
auf den Tod der Gesuchten vorzubereiten Unsere ersten Berichte über die
Hoffnungen die sie zu geben schien sind durch Pater Klemens nach Frankreich
gegangen doch konnte ich seine Ansichten von Anfang an nicht teilen denn der
gute Herr sieht die Dinge selten in ihrer natürlichen Gestalt Meine folgenden
Berichte sind daher ganz anders ausgefallen und ich denke die Antwort wird so
sein dass sie es einst bereuen wird meinen hohen und anerkannten Ruf in
Bekehrung ketzerischer Gemüter durch ihren Widerstand angegriffen zu haben
Wenns nach mir geht verlässt sie nie wieder die Mauern dieses guten festen
Schlosses Die Glut des Zornes war am Ende dieser Rede auf die breite Stirn
und die düster funkelnden Augen des hochmütigen Paters getreten und Porter
erkannte genau was das Fräulein zu erwarten hatte vertrauten nämlich die
höheren Lenker dieses Gewebes den Berichten des in seinem geistlichen Hochmut
verletzten Priesters
Aber Brixton unterbrach der alte Mann den Gang des Gesprächs was denkt
Ihr mit ihm zu tun Vielleicht hat er abgeschreckt durch die vergeblichen
Versuche bereits seine Rückreise angetreten
Damit wirst Du uns wenigstens nicht raten wollen die Versuche zu seiner
Wiederauffindung einzustellen Ich werde seine Spur finden verlass Dich darauf
und gehabe Dich bis dahin wohl
Offenbar in der übelsten Laune die er sich erregt teils durch die
Erinnerung an die Verletzung seines Hochmuts teils durch den stets wieder
auflebenden Verdacht Porter möchte sie nicht redlich bedienen erhob sich der
Pater Stolz grüßend verließ er das Krankenlager des Vertrauten dem er in einer
durch Alter und Einsamkeit genährten Geschwätzigkeit wohl mehr mitgeteilt
hatte als er bei einer ruhigen Beratung mit seinem Verstande und den Gründen
des Verdachts gegen ihn für ratsam gehalten haben würde
Porter blickte dem Abgehenden mit einem Ausdrucke nach der an das boshafte
Spiel der Katzen erinnerte welche in ruhiger Stellung ihrem schon getroffenen
Feinde gegenüber bloß mit der Schärfe ihres Blickes ihn hüten sicher dass
ihnen der beliebige Augenblick zu Gebote steht wo das Ausstrecken der
bekrallten Pfote seiner Freiheit Grenzen setzt
Dessen ungeachtet sehen wir diesen Ausdruck gemässigt durch die
Betrachtungen die dem Alleingelassenen sich aufnötigen und nicht undeutlich
zog mancher schwere Seelenkampf über dies gefurchte Gesicht und konvulsivisch
sehen wir ihn seine Decken drücken und sich selbst zusammen ziehen und
strecken so dass es schwer wurde an die Wirksamkeit des Umschlages zu glauben
den der ruhig schlummernde Jüngling so vertrauungsvoll ihm umgelegt Doch wir
wissen dass die Seele des Menschen in eine Zerrüttung verfallen kann die
Konvulsionen zu erregen vermag unzugänglich den Linderungen von Außen und in
uns selbst den Arzt fordernd der mitleidend oft lange die nötige Hilfe
versagt
Der innere Streit den wir hier zu schildern suchen ging wie immer dahin
ob die Liebe zu dem von seiner Jugend auf ihm anvertrauten Prinzen dem er die
einzige warme Regung seines Herzens verdankte und der ihm eben darum vielleicht
in der Stille als sein Wohltäter erschien siegen sollte Eben so mächtig war
der Einfluss dieser Priester durch Erziehung Gewohnheit Religion und den
fanatischen Eifer der Kirche ein so mächtiges Werkzeug des Ruhmes zu gewinnen
in seinem tiefsten Leben gewurzelt
Es findet sich in der innern Geschichte aller Menschen mehr oder weniger ein
Streit zwischen den Eindrücken der Erziehung und den späteren Überzeugungen
und es möchte nicht schwer sein die Macht der ersteren in jedem Individuum
wieder zu erkennen wie sehr sie auch oft in dem entwickelten Geiste verarbeitet
erscheint Eben so häufig aber tritt uns die Erscheinung entgegen eine gänzlich
ihr hingegebene Natur zu finden die tyrannisch beherrscht von den ersten
Eindrücken jede freiere Entwickelung sogar von sich stößt und wie ein Sklave im
selbst gewählten Joche durchs Leben keucht Beschränkt und der edlen Bestimmung
entgegen das durch Erziehung überliefert Erhaltene bloß als Basis höherer
Entwickelung zu benutzen scheint uns ein solches Wesen verächtlich und
unbeachtenswert wie oft aber würden wir von diesem zuversichtlichen
Verwerfungsurteile abstehen müssen wäre uns ein freier Blick in das Innere
erlaubt Es wächst unter der Last befestigter alter Gewohnheiten und Vorurteile
oft dem Allen entgegen immer zum geheimen Widerspruche geneigt ein kleiner
zarter Keim freierer Überzeugung empor die vor der schweren Erde die hoch
darüber lastet nicht bis zur Entwickelung an das äußere Leben gedeiht aber
wenn das nahe Ende den Hochbejahrten aus dem irdischen Sein worin seine Fesseln
haften hinausgeführt dann erblicken wir zuweilen eine plötzliche Veränderung
von der wir uns angewöhnt haben zu sagen Er ist so sanft er wird bald sterben
Es sind aber nicht die letzten Tage die erst dies höhere Leben erzeugen es
sind die verhüllten schwachen Versuche der ganzen unfruchtbaren Vergangenheit
die in den letzten Tagen an dem ferner gerückten Leben keinen Widerstand mehr
finden und nun den kleinen Keim gedeihen lassen den Gott alsobald zum
Verpflanzen hinwegnimmt
Von dieser Betrachtung aus finden wir uns vielleicht in den Zustand des
Greises zurecht dessen zuckendes Gesicht zuletzt von einer diesen Zügen sonst
so fremden Rührung zeugt Bald ist es überwunden er schaut über den Rand des
Bettes nach dem Schläfer und endlich nachdem er die Notwendigkeit ihn zu
wecken erkannt streckt er die dürre Hand über das blühende Gesicht
Tief in die Süßigkeit des Schlafes versenkt wehrt der Jüngling die Störung
ab sich anders wendend um im Schlummer fortzufahren und bald auch dahin
verfolgt kehrt er aus dem Taumel seiner unschuldigen Träume zurück und strengt
sich an zu erwachen Er richtet sich endlich empor und sieht und hört nicht
viel und muss immer wieder von der kalten dürren Hand gereizt werden ehe er
Alles zusammen findet was zum Erwachen nötig
Armer Schelm ruft der Alte ihm mitleidig zu hast noch lange nicht
ausgeschlafen wie ich sehe und wirst böse genug sein dass ich Dich wecke
Setze Dich auf mein Bett und erhole Dich sieh da sind schöne gesottene
Früchte erquicke Dich erst ich habe einen Auftrag für Dich
Gern gern rief der wieder ermunterte Knabe freundlich ach sage mir doch
wie geht es Dir Ohm bist Du gesund hat der Brei geholfen
Helfen tut Alles so lange es an der Zeit ist lächelte trübe der Alte der
Tod aber hilft sich auch wenn er die Arbeit in Empfang nehmen will Doch lass
das guter Lanci und nimm Deine Sinne recht zusammen denn Du musst zeigen dass
Du ein kluger und verschwiegener Junge bist
Verschwiegen bin ich rief Lanci zuversichtlich das hat meine gute Mutter
oft gerühmt und klug könnt Ihr mich ja machen Ohm denn Ihr habts in Fülle
wie ich weiß
Wir wollen sehen mein Kind sprach Porter doch sag mir ein Mal möchtest
Du wohl Margarit wiedersehen
O Ohm sprach der Jüngling verschämt wie kannst Du davon sprechen Du
weißt dass ich hier bin Dich zu pflegen Du selbst hast es gewollt einen von
Deinen Verwandten wolltest Du um Dich haben und ich bin gern gekommen denn ins
Schloss durft ich mich so nicht mehr wagen und da hab ich Dich gern gepflegt
bleibe auch bei Dir bis Du umherläufst wie sonst aber dann redest Du mit dem
alten Miklas über die Margarit und mich denn zu Weihnachten werde ich Jäger
und dann will ich sie auch
Was ich versprochen werde ich halten erwiderte der Ohm sei aber
versichert dass Alles davon abhängt wie Du Dich jetzt zeigst Das beste Loos
harrt Dein wenn Du treu und klug meine Befehle erfüllest und das Gegenteil
kann Dein unabwendbares Schicksal sein zeigst Du Dich hier nicht wie es nötig
ist
Ach Ohm Ihr macht mich ängstlich Wie soll ich so große Gefahr bestehen
Werde ich das können Die arme Margarit was soll aus ihr werden wenn ich sie
nicht befreie
Befreie wiederholte der Alte streng weißt Du denn ob sie jetzt Dir folgen
würde da die junge Lady von der Du mir sagst ihr Herz ganz besitzt und sie
nicht von ihr will
Ach ich kanns nicht glauben rief Lanci betrübt Gesagt hat sie es
freilich und die arme schöne Dame sie müsste sich auch tot weinen wenn
Margarit nicht um sie wäre die sie immer tröstet
Das glaube ich auch Lanci sagte Porter darauf eingehend und darum sollst
Du die junge Dame retten helfen dann hast Du Margarit obenein und keine Not
weiter
Jesus Maria Joseph rief der Jüngling und machte einen Freudensprung durch
die Stube Rede Ohm sage was ich tun muss alles und klug dazu verschwiegen
obenein will ich sein Du sollst Dich sehr freuen über mich aber nun sage auch
damit ich danach tun kann
Porter blickte den Aufgeregten nachdenklich an und schien noch einmal den
Entschluss zu prüfen der ihm darum so bedenklich däuchte weil er dies junge
Wesen halb Kind halb Jüngling darein verwickeln musste und doch blieb ihm
keine Wahl Ihm der zu jeder Intrigue sonst mehr als eine Hand bereit hatte
ihm fehlte es zum ersten Male an einer solchen da seine Handlungen abweichen
sollten von dem bisher befolgten Systeme ihm kostete auch dies noch einen
Seufzer dann zog er den Jüngling näher Es musste was geschehen sollte schnell
geschehen
Du musst noch heute abreisen doch ganz im Geheim Wenn die Dunkelheit
einbricht so nimm Deinen Mantel und schleiche Dich aus dem Schloss Nimm die
westliche Seite des Schlosses wahr und gehe durch den breiten Weg um
BuckinghamsLodge herum einen weiten unangebauten Platz musst Du in nördlicher
Richtung durchschneiden dann kommst Du auf den Weg der Dir bald die großen
weitläuftigen Gebäude zeigen wird die Dich zu dem Schloss des Herzogs von
Nottingham führen Hier melde dich beim Torwart und bitte ihn dass er Dich zu
Lord Richmond führt will man nicht so dringe so lange bis man nachgibt ist
er nicht anwesend so harre am Tore bis er erscheint
Sodann verlange dass er Dich allein spricht und geschieht dies wie ich
nicht zweifle denn es ist ein herablassender Herr so sage ihm die Reise die
er morgen antreten wolle führe zu nichts mit Dir müsse er gehen wolle er
erreichen was er vorhabe
Aber was will er denn erreichen unterbrach Lanci den Ohm
Schweig fuhr der Alte fort Du musst ohne Unterbrechung hören Er will eben
die Lady im Schloss Howard befreien und will durch die Welt und weiß nicht
wohin und wo sie zu finden ist
O lachte Lanci freudig dazu bin ich gut Ohm Da soll er nur mit mir
kommen
Siehst Du es ein wozu ich Dich bestimme fragte der Alte milder Ja so
ists Fragt er Dich nun so vertraue ihm wo sie ist aber was er auch
anstellen mag von wo Du kommst sage ihm nicht nie komme mein Name über Deine
Lippen nie verrate ein Wort Dein Verhältnis zu mir aber alles Andere wende
an um den Lord von der Wahrheit dessen zu überzeugen was du sprichst Alles
tue damit er Dir schnell und unbedingt vertraue und seine Abreise aufs
Lebhafteste beschleunige Sage ihm der unbekannte Freund der Dich sende lasse
ihm die höchste Vorsicht die größte Eile empfehlen nur durch List würde er das
Fräulein retten Offene Gewalt würde sie sogleich aus dem Schloss selbst aus
ihrem Vaterlande führen Meinem Bruder Miklas wirst Du einen Brief überbringen
den ich sogleich schreiben werde Du wirst ihn in seine Hände zu spielen wissen
und dann genau vollziehen was er dadurch veranlasst Euch zu tun heißen wird
Ist die Lady befreit so sage dem Lord Richmond es gebe nur einen Ort wo
sie sicher sei dies sei in dem Schloss seiner Mutter doch selbst da nur wenn
über ihren Aufenthalt das tiefste Geheimnis beobachtet werde da sie von vielen
Seiten bedroht sei und jede Kunde von ihrem Aufenthalte ihre nachdrücklichste
Verfolgung herbeiführen könnte
Jetzt überlege das Gehörte wiederhole es mir dann bevor Du fortgehst noch
ein Mal und dann gib mein Schreibzeug und ein Blatt her worauf ich an Miklas
schreiben will
Der lang erwartete Augenblick war gekommen der 8te April des Jahres 1625 hüllte
England in Trauer König Jakob war dem Fieber unterlegen das er so richtig
selbst als den Verkünder seines nahen Endes erkannt hatte Der Tod versöhnte
auch dies Mal alle Herzen mit dem Hingeschiedenen an den sich zahllose Vorwürfe
und Klagen hefteten als der Hauch des Lebens noch in ihm zitterte Milde und
Güte schien jedes Wort auszusprechen und es bestätigte sich abermals dass der
Tod allein die Härte und den Unfrieden der Menschen versöhnt dass nur was den
Kreisen des Lebens entrückt wird aus dem Bereich ihrer Anfeindung tritt
Schnell kehrten sich Aller Augen auf das neue Gestirn das seine Laufbahn
beginnen sollte und es fehlte nicht an argwöhnischer Zergliederung an
Befürchtungen möglicher Übel um für das was wirklich geschah die Laune zu
verderben
Das schreckenvolle Loos welches Karl beschieden war hat für Mit und
Nachwelt ein weites Feld der Betrachtung eröffnet Doch gewiss bleibt es so
fürchterliche Katastrophen in der Geschichte eines Volks sind nicht von dem
einen Haupte verschuldet oder herbei geführt das als Sühne des Kampfes fällt
Das langsam schleichende Übel vieler Generationen worin zuletzt ein Volk
verwickelt wird macht es zum erzürnten Manne der sich rächen will für ein tief
empfundenes Leid und blutend aus vielen Wunden Linderung sucht und den zuerst
opfert der ihm zunächst die Farben des Feindes trägt wäre das Individuum auch
der Schuld fremd geblieben
Fremd war Karl wohl nicht der Schuld aber jedenfalls der Schuld fremd die
eine solche Strafe verdienen konnte und wenn wir ihn in Widersprüche
verstrickt bald mit glühendem Eifer seine Pflichten erfüllen und milde und
voll guten Willens alle Mittel zur Beseitigung wachsender Übel ergreifen bald
wieder düster und eigenwillig Menschen und Verhältnisse verkennen und die
keimende Empörung durch seltsame Missachtung reizen sehen so müssen wir der
Worte des alten Porters gedenken Er wird mit der Heftigkeit eines Unglücklichen
handeln der sich zerstreuen will
Wenn es uns gestattet wäre die geheime Geschichte der Menschen zu kennen
die auf der großen Bühne der Welt uns ihre Rolle vorspielen und deren Motive zu
ergründen während wir oft nur das zu erwägen vermögen was eben wieder als
geschichtliche Tatsache vor unsere Sinne tritt wir würden erstaunen wie tief
aus dem fest verschlossenen Raume des Herzens oft die Farbe gestiegen ist die
ihre Handlungen tragen Nachdenkend halten wir ein vor dieser Betrachtung auf
der glatten Bahn des Urteils Ein schmerzliches Gefühl drängt sich uns auf wie
getrennt der Mensch vom Menschen steht wie eher alle Güter der Erde sich
mitteilen lassen als dies geheimnisvolle Gut des Innern wofür keine Sprache
zum Verständnis gegeben scheint wofür es vielleicht eine gibt die aber wenig
mehr als ein Traum der Jugend scheint und deren Laute bald verklingen in der
Verhärtung des Herzens und des Lebens Diese Einsamkeit jedoch die wir uns
eingestehen müssen oft in den reichsten Kreisen des Lebens sie ist vielleicht
die Heimat unserer Andacht unseres Zusammenhanges mit Gott dessen
ausreichendes Verständnis wir empfinden und das uns erquickt durch die Ahnung
einer unverlierbaren Gerechtigkeit
Das äußere Leben Karls des Ersten zu verfolgen finden wir keine Spuren in
den Familienpapieren die wir hier der Welt übergeben Wenn sie auch Manches
von dem geheimen Geschick des Prinzen in leichten Andeutungen verratend über
seinen Charakter einen Aufschluss geben könnten so liegt es doch außer dem
Bereich unserer Absicht darauf weiter einzugehen
Karl empfand den Tod seines Vaters mit einer rein kindlichen Hingebung er
hatte bis zum letzten Augenblick ihm Zeit und Ruhe gewidmet und seine Pflege
bis zu den geringsten Handreichungen mit den übrigen Umgebungen geteilt
Gewiss hatte so viel Liebe das Ende des Königs erleichtert und selbst in das
gequälte Herz des Sohnes jenen Frieden jene Stille gebracht die aus der
Erfüllung einer heiligen Pflicht entspringt
Sein dunkles melancholisches Auge blickte um so rührender aus dem bleichen
Gesicht und als er an der Leiche des Vaters den gleich ihm ermüdeten Hofstaat
entließ um die Vorkehrungen zur Beisetzung nicht zu behindern konnten die
treuen Diener kaum dem Gedanken entgehn dass der neue Träger der Krone gleich
dem verschiedenen wie die Zierde eines Paradesarges aussehe
Langsam von Wenigen gefolgt durchschritt er die öden Zimmer bis er das
uns bekannte Gemach des kranken Porters erreicht hatte wo er allein schweigend
und gesenkten Hauptes an das Bett des immer noch Leidenden trat
Dein Herr und König ist nicht mehr wiederholte er die schon bekannt
gewordene Nachricht Ich habe keine Eltern mehr der Grabstein auf dieser Erde
wird immer breiter für mich Sprich es jetzt aus was Du seit langer Zeit
andeutest habe ich auch das Letzte was mich an diese Welt band verloren
Fürchte nicht fuhr er fort da Porter in entsetzlichem Kampfe nach einer
Antwort rang eben jetzt bin ich bereit Alles auch das Schwerste zu hören
So tröste Gott Euer Majestät stammelte der Alte und öffnete die Lippen
mehr zu sagen als der König kurz zusammenfahrend seinen Degen fest an die
Seite drückte ihm Stillschweigen zuwinkte und wie ein Nachtwandler starr und
steif aus dem Zimmer schritt
Porter blieb in Verzweiflung zurück nicht dies hatte er gewollt aber Karls
schnelle Auslegung vermöge der im Augenblick des Schmerzes ihm zunächst
liegenden Weise und seine Entfernung machten es Porter der selbst ans Bett
gefesselt blieb unmöglich den König zu beruhigen Ein längeres Nachdenken
drängte endlich seine Teilnahme ziemlich in den Hintergrund und ließ ihn sogar
Sicherheit für seine eigenen Schritte in dieser Annahme finden wobei er den
Vorsatz fest hielt bei der Nachricht von ihrer Rückkehr nach GodwieKastle dem
Könige die Hoffnung zu geben dass sie noch lebe
Von der Leiche eines Fürsten dessen Tod der Anfang einer eben so wichtigen
Epoche für England ward als sein Leben bei seinem stillen Gange und seinen
wenig hervortretenden Ereignissen kaum eine Spur hinterließ wenden wir uns zu
dem letzten Ruhebette eines Greises zu gering um in den Registern der
Geschichte einen Raum für seinen Namen zu finden wichtig genug für den
Mittelpunkt für die Hauptperson unserer Erzählung um ihn nicht zu übersehen
Wir treten in ein leeres Zimmerchen welches uns schon bekannt ist und mit
seiner hochgewölbten Decke seinen tiefen bis an den Boden reichenden Fenstern
uns die Wohnung des alten Miklas im Schloss der Herzogin von Sommerset zeigt
Leer sehen wir die Wände und mit schwarzen Vorhängen bezogen kein
gastliches Feuer in dem leeren Kamin verbreitet Helle und Wärme im trüben
matten Lichte umgeben zwölf Wachskerzen den erhöhten Sarg wo wir die erblasste
ehrwürdige Gestalt des alten Miklas gewahren dessen gefaltete Hände in denen
der Rosenkranz hängt und die stille Miene des Gebets und der sanftesten Ruhe
eher einen in heilige Andacht Versenkten als einen Gestorbenen ankündigen
Laut hören wir seitwärts schluchzen und sehen Margarit in Trauer gehüllt
auf der Erde vor Lady Melville knieen die auf einem schlichten Stuhl am Sarge
sitzend die Todtenwache mit der trostlosen Tochter teilen will Auf der andern
Seite hören wir ein leises Murmeln von Gebeten mit der lauteren Betonung
einzelner heiliger Namen und finden Schwester Electa welche sich dem Dienste
unterzogen hat die Sterbegebete an der Leiche herzusagen
Sanft hören wir dazwischen die Stimme Marias die mit der eignen Wehmut
kämpfend ein liebevolles linderndes Wort für die arme Margarit spricht
Aber wie sind die Züge verwandelt in die sonst mit dem Schmelz der Jugend
und Schönheit zugleich die frische kräftige Natur solche Fülle des Ausdrucks
legte eine Beweglichkeit der Mienen den Blick fast wider Willen fesselnd Die
schönen gerundeten Wangen sind länglich und kränklich verfeinert die Blässe der
Haut geht in das Weiß der kleinen Binde über die der Klosterhaube sich
anschliesst keine Spur des reichen Haares zeigend Der schöne Mund hat den
tiefen Ausdruck des Leidens mit seinen gesenkten Winkeln seiner erblassten
Farbe und die schöne Nase scheint wie durchsichtig in Feinheit und bläulichem
Schein Drüber ruhen die größer blinkenden Augen wie trostlose Gefährten
nichts mehr von Außen suchend von Innen nichts mehr findend um ihr voriges
Licht anzufachen nichts bewahrend als den Abglanz einer reinen erhabenen
Seele
Von der schluchzenden Margarit richtet sich ihr Auge zu dem lieben Greise
von ihm zu ihr zurück Sie teilt den Schmerz der Tochter nicht aus Mitleiden
allein sondern in dem Gefühl des großen Verlustes den auch sie an dem edlen
gütigen Greise erlitten welcher stets bestrebt war die Härte ihrer Lage durch
stille Wohltaten zu erleichtern Er hatte sie mit Margariten oft zur Nachtzeit
durch geheime Gänge und Türen an die ihr versagte Luft geführt und sie sah nun
eine Existenz vor sich die wenig von der in einem Kerker unterschieden war und
dieser an Luft und Bewegung Gewöhnten ein baldiges Siechtum zu drohen schien
Ergeben sieht sie in die Zukunft nach und nach sind alle ihre Hoffnungen
auf Rettung zusammen gefallen Sie will die Erinnerung fern halten und hat doch
kein anderes Leben als eben in der Erinnerung mit ihren Anklängen von
Seligkeit die den tiefen Schmerz ihrer Brust nähren und den Giftbaum wachsen
lassen unter dessen weit sich ausbreitenden Zweigen die Blüten ihres
jugendlichen Lebens welk werden und niedersinken Sie kommt sich alt vor und
denkt es sei lange her dass sie jung war sie könnte denken schon einmal
gelebt zu haben und zwischen ihrer früheren Existenz und ihrer jetzigen liege
ein Grab aus dem sie gestiegen um als ein wankender Geist umher zu gehen
nicht lebend und nicht tot
Ihr ward nicht der Trost zu Teil der den schiffbrüchigen Lebenswanderer
aufs Neue ansiedelt um in irgend einer Tätigkeit in der ungestörten Andacht
einer reinen Religiosität die Vergangenheit zu überwinden Die ausgesuchteste
ihrer Qualen war der Zwang der ihr auferlegt war in der Nähe und steten
Umgebung von Personen zu leben die in sinn und geistlose Beschäftigungen sie
zu verflechten trachteten und deren Religiosität bei näherer Bekanntschaft die
Abneigung bestätigen musste die sie gleich bei den ersten Versuchen des Pater
Johannes dagegen empfunden hatte
Der Hass den ihr bloßer Anblick in dem Herzen der Lady Sommerset erregte da
sie die schönen Züge der Schwester Buckinghams trug desjenigen der die Stelle
eines Lieblings wie Sommerset dem Könige war nach dessen Fall ersetzte und
damit ihr tödtlicher Feind ward dieser Hass trat in jedem Augenblick hervor
Er entlud sich mit Schadenfreude an dem unschuldigen Abkömmling ja
Gelindigkeit schienen ihr noch stets die niederbeugenden Maßregeln gegen die
Arme und entschlossen war sie im Innern dass Buckingham seine Pläne auf sie nie
erfüllt sehen sollte und sollte sie auch zum Äußersten schreiten und dies
Leben hinwelken lassen ihm sollte es nie Nutzen schaffen können
Pater Johann der sein Beichtkind vollkommen kannte wenn auch die Beichte
selbst ihm darüber nur mitteilte was sie selbst für gut fand schützte
Anfangs wo ihm die Hoffnung auf Marias Bekehrung eine neue Glorie vorspiegelte
seinen Zögling gegen die offenbaren Verfolgungen der Lady Aber seine üble Laune
stieg in dem Maße als ihm jenes Ziel entrückt ward und schnell benutzte die
scharfe Beobachterin die schwache Seite des Priesters um strengere
Einschränkungen über sie zu verfügen Sie schritt so wenig Widerstand mehr
findend in ihren tyrannischen Anforderungen fort bis sie jede kleine
Gemächlichkeit jede Beschäftigung des Geistes jede Erquickung des Körpers ihr
entzogen sah und suchte die Demütigung des Geistes die Trostlosigkeit des
Herzens durch die härtesten Worte und Reden zu vollenden
Maria setzte Anfangs diesen Dingen den jugendlichen Mut den Stolz ihres
edelen Blutes entgegen und fügte sich auf eine Weise die ihre Beobachterin
unsicher machte ob sie es vermocht hätte sie zu demütigen Als aber ihr Geist
in seiner Tätigkeit unterdrückt war als die Entbehrung der freien Natur ihre
Gesundheit untergrub zeigten sich in ihrem Äußeren jene Spuren die wir
bereits andeuteten und ihre Feindin sah den Erfolg ihrer Bestrebungen und fuhr
fort sie danach zu behandeln
Maria bewohnte längst nicht mehr die reich ausgestatteten Zimmer die Pater
Klemens im gutmütigen Eifer für sie eingerichtet hatte In einem überhängenden
Turm des ältesten Teiles des Schlosses nach dem Meere hinaus war ein ödes
leeres Zimmer ihr angewiesen worin sie nichts als ihr Lager ein Betpult und
einen Schrank fand ihr Nonnenkleid und das wenige ihr gelassene Gepäck zu
verwahren
Kein Buch kein Schreibgerät ward ihr gestattet Schon am frühen Morgen
ward sie von ihrem harten Lager durch die Glocken aufgeschreckt die im Innern
des Schlosses fast neben ihrem Zimmer hingen und so mächtig zur Frühmesse
riefen dass der Turm zu schwanken schien der keine andere Basis hatte als
einen kleinen Pilaster der ihn an eine niedere Fensterfronte anlehnte
Sie stieg dann dem Sinne verwirrenden Geräusch entfliehend und von bösen
Worten über Ketzerei und Lauigkeit der Andacht empfangen in die Gruft welche
die Kirche der Fanatiker war mit allem Glanze des katholischen Kultus
ausgeschmückt und auf den ermüdeten Geist Marias oft wohltätig wirkend da ihr
Herz doch auch hier in seiner Sprache zum Himmel sich erheben konnte und die
Schönheit des Raumes mit dem übrigen dürren GeistesLeben kontrastirend den
Misslaut beschwichtigte in dem ihr Herz den Tag über zitterte
Seufzend stieg sie dann ans Licht zurück denn sie konnte von da an sich
nicht mehr von ihren Umgebungen trennen und musste mit ihnen widrige
Handarbeiten treiben und ihr noch widrigeres Geschwätz anhören
Bei Tafel saß sie an einem gesonderten Tische um die ehrwürdigen Frauen
nicht zur Zeit ihrer Erholung zu stören durch ihre unheilige Nähe Hier war es
wo Lady Sommerset mit allen Stachelreden der Verachtung und des Hasses ihre
geringe Kost zu vergiften suchte und wenn die Tränen des Schmerzes die holden
Wangen der Verfolgten immer mehr auszubleichen schienen verstärkte die
Unerbittliche ihre Worte in der Gewissheit des Erfolgs
Spät am Abend erst ward sie auf ihren Turm entlassen der seiner öden
Wände und ungastlichen Einrichtung ungeachtet ihr wie eine Freistatt des
Friedens erschien
In den schmalen Raum des Fensters gedrückt blickte sie oft stundenlang in
das melancholisch rauschende Meer hin und rang in der Ermattung ihres ganzen
Wesens nach Kraft und Geduld vor Gott Da stellte sich dann der heimliche Trost
ein der ihr auf offenen Wegen längst entzogen war und Miklas mit seiner
Tochter erschien und Beide schütteten in das verwaiste Herz der Dulderin den
Trost einer Teilnahme einer Liebe und Verehrung der sie nirgends mehr
begegnete
Miklas war es der sich der Gefahr freiwillig unterzog dem
verschmachtenden Wesen die Wohltat der frischen Luft zu verschaffen Durch eine
unscheinbare Tür auf dem Vorplatze dieses luftigen Baues stieg man eine
schmale Treppe hinab vielleicht nur von Miklas gekannt und erreichte dadurch
einen kurzen verdeckten Weg der von dem ehemaligen Festungswerk herrührend
unmittelbar in den jetzt ausgetrockneten und zur Weide benutzten Schlossgraben
führte wo von beiden Seiten durch Wälle verdeckt jetzt die Spazierenden gegen
die Unfreundlichkeit der Nachtstürme und der Jahreszeit in etwas geschützt
waren
Unbeschreiblich war das Entzücken und die Dankbarkeit Marias für diese
Wohltat die ihr zwar nicht oft zu Teil ward aber sie dann auf das
Wunderbarste stärkte wozu das herzliche liebevolle Gespräch mit Margarit
beitrug deren ganze Seele an der geliebten Lady hing und nebenbei ihren kleinen
Kummer ausschüttete da Lanci zum Ohm nach London berufen war und das
unschuldige Sehen der beiden Liebenden dadurch sein Ziel gefunden hatte
Tief erschütterte Maria daher die Nachricht dass Miklas von einem bösen
Fieber befallen darnieder läge und überwältigt von dem Gefühl wie Margarit
leiden möge wagte sie die erste Bitte an Lady Sommerset die Pflege des Alten
mit der Tochter teilen zu dürfen
Die Lady ließ ihren Falkenblick mit allem Ausdruck höhnischer Schadenfreude
auf der Bittenden ruhen dann gewährte sie mit einem boshaften Lächeln denn
bereits war Maria dazu ausersehn diese Pflege zu übernehmen da man das Fieber
für bösartig und ansteckend hielt
Furchtlos und freudig eilte sie zu ihrem alten Freunde aber er kannte sie
nicht mehr und Maria hatte bald keinen Zweifel worauf sie Margarit
vorzubereiten habe
Diese Sorge nahm ihren Geist so in Anspruch dass sie fast übersah was ihr
selbst damit auferlegt ward und erst an dem Sarge wo wir sie wieder finden
ergriff sie das trostlose Gefühl wie viel sie verloren habe
An dem erwähnten Tage ritt in das Städtchen Boxhall welches zunächst dem
Schloss der Lady Howard lag eine kleine Anzahl Männer ein deren ermüdete
Pferde hinreichend zeigten dass sie nicht geschont worden waren und deren
fragende Blicke die sie an den elenden Häusern des öden kleinen Städtchens
umherwarfen deutlich ihr Verlangen nach einer Herberge andeuteten die den
Reitern wie den Rossen gleich nötig schien Ein solcher Aufenthalt fand sich
allerdings wie in jedem kleinen Orte auch hier und die Herberge zum weißen
Lamm wie sie sich nannte obgleich ohne große Unterstützung durch häufigen
Verkehr mit Fremden übertraf durch äußere und innere Einrichtung die geringe
Erwartung womit die Reisenden sich ihr genähert hatten
Master Haxford der Wirt erschien wohlgekleidet mit großer Gravität an der
Tür des zweistöckigen geräumigen Hauses als das Getrappel der Pferde die
seltene Erscheinung von Gästen verkündigte und lugte unter seinen dicken
Augenbrauen prüfend nach den Ankommenden hin während er zuweilen ihre
Bedürfnisse schon von fern taxirend einzelne Befehle in das Haus zurück rief
So fanden die Reisenden bei ihrer Ankunft den Hausflur mit mehreren
Domestiken angefüllt deren weiblicher Teil von einer Frau kommandiert ward
welche das empfehlendste Schild aller Wirtshäuser eine immense Korpulenz und
eine glänzende fast prunkhafte Reinlichkeit an ihrer kleinen Gestalt zeigte
Die Reiter die sich demnach erwartet sahen stiegen ohne Weiteres ab wobei
Master Haxford mit Genauigkeit und Schlauheit ihr Rangverhältniss zu ermitteln
trachtete da ihre durchaus unscheinbare Kleidung sie nicht von einander
unterschied
Es kam darüber später unter den Eheleuten zu einem Streit indem Mistress
Haxford den älteren Herrn für den vornehmsten halten wollte und die
Kurzsichtigkeit ihres Mannes der den jüngeren dafür nahm belächelte weil
dieser sich beeilt habe vom Pferde zu kommen um den älteren ehrerbietig
herunter zu heben
Weib rief der Wirt vom Lamme ich kenne diese Vornehmen besser als Du
Jetzt macht er sich nichts aus seinem Range eben weil kein Vornehmer dabei ist
den er damit ärgern kann dass er sich brüstet Das sind immer die
Herablassendsten gegen die Geringeren wo sie Niemand sieht die nachmals die
Hochmütigsten werden Herabgehoben hat er ihn aber über die Schwelle ging er
zuerst nach dem Gepäck sah er sich nicht um während der alte Herr sich
aufhielt selbst Einiges davon mitzunehmen
Und der schöne Page hob die Wirtin an ist das nach Deiner Klugheit
vornehmes oder geringes Blut
Vornehm oder gering fuhr der Wirt ihr entgegen alle haben sie Magen alle
sind sie hungrig und durstig und Dein Platz ist in der Küche Er selbst aber
stieg mit einem Schlüsselbunde und kleinem Laternenstock durch eine Falltür in
den wohleingerichteten Keller und entging dadurch den Worten seiner beleidigten
Ehefrau die in der Tat keinen ungegründeteren Vorwurf bekommen konnte als den
der Versäumnis der wichtigen Küchenangelegenheit da sie dieser in einer
seltenen Vollkommenheit vorzustehen verstand
So sahen die Reisenden bald zu ihrem Vergnügen in dem hellen und wohnlichen
Gemach wo sie das Feuer eines großen Kamins schon empfangen hatte auch
Vorkehrungen zum Mittagsbrote machen die ihnen eine ziemliche Bekanntschaft mit
den feineren Bedürfnissen der Tafel zu verraten schienen vervollständigt durch
mehrere staubige und wohlverpichte Flaschen die Master Haxford selbst
sorgfältig auf den Schenktisch niedersetzte
Eine kurze Pause bis zum Auftragen der Speisen welche die Diener entfernte
benutzten die Reisenden zu einem Austausch ihrer Gedanken
Jetzt Mylord redete Brixton Richmond an der in schwermütiges Hinbrüten
verloren in die Glut des Kamins starrte jetzt wo wir so nah an unserm Ziele
sind muss ich mit Betrübnis eine Veränderung in Eurer Stimmung wahrnehmen die
verzeiht mir fast mich fürchten lässt es finden sich Hindernisse in Euch ein
die Ihr vorher nicht erkannt hattet oder Euch leuchten Schwierigkeiten ein die
mir entgangen sind
Fürchtet dies nicht teurer Sir erwiderte Richmond sich emporraffend und
freundlich zu ihm hinblickend weder ein Zweifel noch die kleinste Änderung
meines festen Entschlusses Euch um jeden Preis in Euerem Vorsatz beizustehen
ist in mir eingetreten im Gegenteil so nah dem Ziele fühle ich es lebhafter
als früher wie nötig es ist alle unsere Gedanken auf die Erreichung desselben
zu richten Mir bleibt nur ein Zweifel doch geht dieser nicht die Sache selbst
sondern das Verfahren an das uns durch diesen unbekannten Ratgeber
aufgenötigt und meiner Natur so widerstrebend ist dass ich für mein Verhalten
fast besorgt sein möchte Erhält mich etwas bei der Überzeugung dass wir uns
dieser Vorschrift fügen sollen so ist es Eure Nachgiebigkeit bester Sir da
Ihr allerdings besser als ich übersehen könnt ob dies einem geraden und
offenen Verfahren wozu ich immer die Neigung behalten werde vorzuziehen sei
Nachdenkend hörte Brixton diese Worte an und schien noch ein Mal verständig
die Umstände zu prüfen
Mylord hob er darauf an meine Einsicht ist nicht so klar wie Ihr denken
mögt Ich habe dies früher bekannt ich muss es wiederholen wie weit die
Entdeckungen sich erstrecken die durch den Tod ihrer Beschützer über das
Fräulein gemacht sind weiß ich nicht Ob Wahrheit oder neue Täuschungen ihre
Verfolgung herbeiführten ob eine elende Galanterie diesen Lord Membrocke
leitete oder eine tiefere von näher Unterrichteten herrührende Absicht ich
kann es nicht wissen Jedenfalls ist jedoch hier eine Partei tätig gewesen die
listiger und mächtiger vielleicht ihm entgegen wirkte und in deren Gewalt wir
sie uns denken müssen
Auffallend erwiderte Richmond ist das hartnäckige Schweigen des
Jünglings dessen Wahrhaftigkeit ich übrigens vertrauen muss und der doch
diejenigen oder den einen nicht nennen will der ihn uns gesendet welche
Absicht kann da zum Grunde liegen Tausend Mal hätte ich Alles für eine Falle
gehalten in die man uns lockt gerade um uns abzuziehen wären die Erzählungen
zu bezweifeln die der Knabe in der höchsten Unschuld und mit der vollen
Geschwätzigkeit der absichtslosen Unbefangenheit gibt und die so glaubwürdige
Nachrichten über das Fräulein enthalten dass wir nicht zweifeln können sie zu
finden wohin wir ihm folgen wenn was Gott verhüten möge ihre Verfolger sie
nicht schon weiter geführt haben
Ich bin vollkommen Eurer Meinung entgegnete Brixton ich kann nicht
zweifeln dass uns der Knabe redlich bedient seine eigene zärtliche Sehnsucht
nach Margarit die er seine Geliebte nennt ist nicht erheuchelt und ist in
vollkommener Übereinstimmung mit allen übrigen Aussagen Auch muss ich noch
bekennen dass mir seit seiner kindischen Heimlichtuerei die jedoch alles
verrät was er verhehlen möchte über die Geheimnisse des Schlosses eine Ahnung
kommt die in Bezug auf das Fräulein allerdings einen neuen Feind bezeichnen
könnte
Ihr meint rief Richmond dass die Einwohner von Howards Schloss Katholiken
sind
Habe ich das gesagt rief eine überraschte Stimme und Lanci der leis
hereingetreten war und diese letzten Worte gehört hatte stand glühend vor
Schreck vor beiden Männern
Du hast es unendlich oft verraten doch wohl nie eigentlich beabsichtigt
es zu sagen sprach Brixton ruhig sei aber unbesorgt es soll von uns nicht
weiter gebracht werden
Es tut mir leid wenn ich es verraten habe sagte Lanci Ihr werdet mich
aber nicht so unglücklich machen davon zu sprechen Doch hier im Hause muss ich
Euch sagen passen sie alle sehr auf uns auf die dicke Wirtin wollte durchaus
ich sollte ihr sagen wer der Vornehmste sei sie wollte mich mit Kuchen und
Aepfeln füttern wie einen Affen ich habe sie aber laufen lassen und habe
gesagt verzeiht Mylord wir wären alle nicht vornehm
Richmond und Brixton konnten ein Lächeln nicht unterdrücken welches sich
noch verstärkte als der Knabe wichtig fortfuhr Es ist aber Zeit dass wir jetzt
beschließen wie wir die arme Lady loskriegen und da denke ich dass ich den
Vorläufer mache
dabei werde ich Dich begleiten unterbrach Richmond ihn rasch jeder
Schritt der jetzt geschieht ist zu wichtig ihn allein Deiner jungen
Überzeugung anzuvertrauen Master Brixton mag sich hier einige Erholung
gefallen lassen bis wir ihm Nachricht geben können und seine Gegenwart nötig
wird
Der Knabe schwieg nach einem Augenblicke sah er beide Herren an und
schüttelte den Kopf
Nun Lanci sprach Richmond gefällt Dir der Plan nicht
Ich müsste lügen wenn ich Ja sagte erwiderte er offen ich möchte nicht
dass Einer hier bleibe nicht dass Einer jetzt mit mir ginge
Und weshalb fuhr Richmond fort sei offen mein Kind wir wollen gern
hören was Du Dir ausdenkst da Du bis jetzt Dich treu und gescheidt gezeigt
Seht Mylord hob Lanci an ich denke ich muss noch heute weiter Es ist
Freitag morgen ganz früh liefert der Wildmeister das nötige Wild für den
Sonntag in die Schlossküche dabei muss ich sein es ist die einzige Art wie ich
oder mein Brief mit herein kommen Unterdessen dachte ich müsstet Ihr aber doch
nachrücken damit Ihr zur Hand seid bei den Vorschlägen die Vater Miklas
austeilen wird und die ich nicht wissen kann Auch sehe ich jetzt wohl wo ich
bin und hätte besser getan uns und die Pferde noch einen halben Tag hungern
zu lassen als Euch hierher zu bringen
Was beunruhigt Dich hier rief Richmond aufstehend hältst Du es für
möglich dass man uns hier vom Schloss aus beobachten könnte
Ja erwiderte Lanci so denke ich der alte Wildmeister hat mir immer von
einer Herberge erzählt wo es hoch hergeht und wo die Katolischen denn Ihr
wisst es ja nun einmal aus und einziehen die von und nach dem Schloss wollen
Diese ist hier jetzt habe ich das Schild gesehen Zum Lamm so hieß sie aber
der Wildmeister wusste auch nicht dass sie im Städtchen liegt er sagte immer in
den Hügeln
Und glaubst Du sprach Richmond dass diese Leute im Solde des Schlosses
sind dass man die Fremden anzeigt die hier einkehren
Ja so sagte der Wildmeister und er weiß es am besten
So lasst uns sogleich wieder aufbrechen rief Richmond und sie auf alle
Weise über unsern Weg täuschen damit wir sie unsicher machen oder früher als
ihre Nachricht eintreffen
Brixton stand auf seine Bereitwilligkeit zu zeigen als die Türen sich
öffneten und die Diener mit den Speisen eintraten der Wirt mit einer wehenden
Serviette voran und mit großer Geschicklichkeit beiden Gästen zu gleicher Zeit
die Stühle herbeiziehend
Ein Blick tauschte die Gesinnungen der Beiden aus Um jedes Aufsehn zu
vermeiden nahmen sie die Mahlzeit an auch sagte sich Richmond bei einigem
Nachdenken dass jedenfalls den Pferden Ruhe zu gönnen sei ohne welche jedes
weitere Unternehmen Gefahr liefe
Sie hatten sich kaum niedergelassen als neues Pferdegetrappel sich vor der
Tür hören ließ und der Wirt nach einem flüchtigen Blicke durch das Fenster dem
Ankommenden entgegen eilte
Freundliche und ehrerbietige Begrüßungen hörte man wechseln und es erhob
sich eine ziemlich lange Zwiesprache im Hausflur Dann hörte man die Treppe
hinansteigen und zuletzt erschien der Wirt den neuen Gast hinter sich in der
Tür und bat um Erlaubnis den eben angekommenen Herrn an der Mahlzeit Teil
nehmen zu lassen
Es war wenig dagegen zu sagen da der Fremde sogleich eintrat und sehr
höflich und mit vielen Worten die Gastfreundlichkeit der Anwesenden in Anspruch
nahm
Kalt ward ihm zugestanden was nicht gut verweigert werden konnte und er
nahm sehr gemächlich an der andern Seite des Tisches Platz wo ihm auch Anfangs
die Stillung seiner Esslust hinreichende Beschäftigung gewährte was ihn jedoch
nicht abhielt seine kleinen stechenden Augen mit großer Beweglichkeit auf allen
anwesenden Personen herumfliegen zu lassen
Während er um Atem zu holem seine Kravatte einen Augenblick lüftete
begann er sich gegen seine Tischgenossen verneigend
Es ist selten an dieser Tafel mit so geehrten Gästen zusammenzutreffen die
Gegend ist sonst unbesucht hat keinen Verkehr die Nähe des Hafens von Dover
zieht dorthin alle Reisenden von Bedeutung
Diese Rede blieb eine Zeitlang unerwiedert Endlich fragte Richmond halb
zum Wirte halb zum Fremden gewendet Wie weit rechnet man Dover und wie ist
der Weg dahin
Sollten Euer Gnaden nach Dover zu gehen beabsichtigt haben rief der Fremde
muss ich sehr erstaunen über einen so bedeutenden Umweg da wie ich aus Kleidung
und Art zu schließen wage Dero Weg von London herkömmt
Nicht Jeder beabsichtigt gerade den kürzesten Weg erwiderte Richmond und
jedenfalls wird Dover erst in einiger Zeit lebhaft werden wenn die Prinzessin
von Frankreich dort anlangt
Es wird wenig Feierlichkeiten geben sagte der Fremde nachdenkend die
Landestrauer verbietet jedes Geräusch
Die Landestrauer rief Brixton was meint Ihr damit mein Herr wo ist
Landestrauer
Wann habt Ihr denn London verlassen werte Herren sprach der Fremde dass
Ihr den Tod des Königs nicht mehr erfuhret
Des Königs riefen Alle auf ein Mal
Und wann starb der teure Herr fuhr Richmond fort
Am Abende des achten dieses Monats erwiderte der Fremde
Also am Tage unserer Abreise sagte Brixton mechanisch
Ich reiste am andern Morgen ab fuhr der Fremde fort bin also doch etwas
rascher gereist als die geehrten Herren Handelsleute wie ich fuhr er fort
die meist auf Reisen ihr Leben zubringen sind aber auch besser mit all den
kleinen Vorteilen vertraut die das Fortkommen erleichtern
Diese Worte blieben wieder ohne Entgegnung da Richmond wie Brixton sich
tief erschüttert fühlten von der Nachricht die sie so eben erfahren hatten Die
Gedankenfolge erratend nahm der Fremde das Gespräch wieder auf
Die Trauer in London war sehr groß und allgemein so lange die guten Leute
auch darauf vorbereitet waren schien es doch als habe der Tod den König im
Jünglingsalter in der Fülle der Kraft hinweggenommen So geht es aber was man
lange besessen denkt man nie verlieren zu können dieselben die jetzt weinen
und stöhnen sprachen früher frevelhaft über ein so weit ausgesponnenes
Lebensziel nun es da ist schreien sie wieder über die neuen Aussichten für den
Thron und sehen überall Gespenster
Toren gibt es immer zu allen Zeiten bei allen Veranlassungen sagte
Richmond gleichgültig die Stimme des Volkes war anders über Jakob und die
Hoffnungen für seinen Nachfolger lassen sich nicht von Gespenstern verscheuchen
die nur Kinder oder Narren sehen
Wohl wohl erwiderte der Fremde mit niedergeschlagenen Augen eine
treffliche Scheibe Schinken zerlegend aber diese Vermählung diese unglückliche
Vermählung Es mag immer eine gute Dame sein diese nunmehrige Königin von
England die unter Papisten geborene und erzogene Prinzessin von Frankreich eine
verhasste Katolikin bleibt sie doch und dass der junge König diese mit sich
zieht bei seiner Tronbesteigung hat seine Nachteile glaubt mir Sir
Ich glaube Euch weder sprach Richmond stolz noch halte ich es für
schicklich über die Gemahlin meines Königs mich in Klügeleien einzulassen Ihr
Glauben ist Sache ihres Herzens worüber ihr nicht schon jetzt von jedem müßigen
Geschwätz das Gift zubereitet werden sollte Ich hasse derlei Voraussetzungen
wie ich das Böse hasse das es ist
Er stand bei diesen Worten auf sich gegen Brixton ehrerbietig gegen den
Fremden flüchtig verneigend und verließ das Zimmer da er schon seit dem
Eintritte des Fremden Lanci vermisste mit dem er jetzt ihre Abreise verabreden
wollte
Lanci war jedoch nicht zu finden und er hörte von seinem herzukommenden
Bedienten dass derselbe schon vor einer halben Stunde nach einer flüchtigen
Mahlzeit zu Pferde gestiegen und eilig durch die Hintertür davon geritten sei
Als Richmond nach seinem Zimmer zurück wollte näherte sich ihm sein
Kammerdiener und er merkte bald dass dieser ihm etwas zu sagen habe was keine
Zeugen litt
In den Hausflur zurücktretend erzählte ihm derselbe wie Lanci ihm gesagt
er müsse eilen das Schloss früher zu erreichen als der angekommene Fremde denn
wäre der erst dort mit der Nachricht von der Anwesenheit einer so starken
Gesellschaft als die Euer Gnaden hier so würde es gewiss unmöglich sein in das
Schloss einzudringen Euer Gnaden sollte ich dies sagen und vor dem Fremden
warnen zugleich möchtet Ihr den angekommenen Herrn sicher machen als ob ihr zu
verbleiben gedächtet vielleicht verzögere er dem zu Folge wohl selbst seine
Abreise in der Hoffnung Euch zu beobachten Den Leuten im Hause aber habe er
weiß gemacht er habe ein Stück unserer Reiseequipage im letzten Nachtquartier
zurückgelassen was er eilig holen müsse ehe es die Herrschaft vermisse
Richmond übersah schnell das gescheidte und treue Verhalten des ehrlichen
Lanci und der höchst unangenehme Eindruck den auf ihn der Fremde gemacht fand
nun seine Bestätigung Er glaubte nämlich in ihm den Kaplan des Schlosses zu
erkennen von dessen böser Autorität Lanci genug verraten hatte um ihn als
einen Feind und Verfolger der unglücklichen Lady Maria anzusehen Es war ihm
daher fast unmöglich ihn in der ersten Aufregung die in ihm durch diese
Entdeckung bewirkt wurde wieder zu sehen Er eilte nach seinem Schlafzimmer und
ließ Master Brixton dahin bescheiden
Nachdem er ihm alles Erfahrene mitgeteilt beschlossen sie der ferneren
Weisung des ehrlichen Jünglings zu harren da es allerdings gewiss schien dass
ihnen bei der Anwesenheit des Pater Johannes kein Schritt möglich werden dürfte
auf den sie nicht seine Aufmerksamkeit gerichtet fänden
So peinlich diese Lage besonders für Richmonds wärmeres Blut war beschloss
er doch mit dem Anscheine der Ruhe den Pater zu täuschen und ihn dadurch bis
zum morgenden Tage aufzuhalten ob er selbst länger auszuharren vermögen würde
wagte er sich nicht zu versprechen
Von dem Augenblicke an wo Miklas zur Beerdigung fortgetragen war fühlte Maria
eine Schwäche über ihre Glieder sich verbreiten dass sie nicht ohne
Unterstützung zu gehen vermochte
Electa die zwar bigott und in fanatischen Gefühlen glühend doch stets
mitleidig und teilnehmend gegen Maria blieb leitete die halb Ohnmächtige die
hohen Stiegen nach ihrem Turmzimmer hinauf da Margarit in fast gefühlloser
Trostlosigkeit auf ihrem Lager ruhte und selbst die geliebte Lady nicht mehr
sah die ihrer Hilfe bedürftig wurde
Electa die noch nie das verpönte Gemach der unglücklichen Maria betreten
hatte konnte kaum ihr Erstaunen bei dessen Anblick unterdrücken Unruhig
suchten ihre Blicke nach irgend einer Bequemlichkeit für die Kranke sie fand
nichts als das dürftige Lager das in dem kleinen Gemache in der Nähe des losen
Fensters stehend von dem unablässig eindringenden Winde bestrichen ward der in
dieser Höhe und von dem Meere aus nie einen Augenblick seine heulende Stimme
unterbrach
Sie legte die jetzt in Ohnmacht Versunkene auf diese elende Lagerstätte und
nestelte ihren eigenen Schleier los um ihn gegen das Fenster aufzuhängen
Aber nur etwas kaltes Wasser fand sie in einem irdenen Kruge die
Ohnmächtige zu erfrischen Doch tat dies einfache Mittel seine Wirkung und die
Unglückliche öffnete die Augen und blickte in die mitleidigen Züge Electas
Ihr hier fragte sie sanft wie ist mir geschehen Nachsinnend brach sie
plötzlich in sanfte Tränen aus die in etwas die Last von ihrer Brust
wegnahmen
Wie ist Euch nun fragte Electa Soll ich Euch entkleiden und zur Ruhe
bringen
Liebe Electa sagte Maria bedenkt wohl was Ihr tut Man will hier nicht
dass ich Hilfe finde ich möchte Euch nicht Verweise zuziehen lasst mich lieber
allein Gott wird mir Kraft geben oder sein Wille hat es auch anders vor nun
denn
Electa schlug die Augen nieder sie fühlte sich beschämt von der Lage des
armen Wesens dem sie nicht zürnen konnte für wie verderblich sie auch ihre
Geistesverkehrteit hielt Ihr Beistand bei ihrer Hinfälligkeit zu leisten
schien ihr doch nicht zu viel
Ich zweifle nicht sprach sie daher sich ermannend unsere ehrwürdige Oberin
wird gestatten dass ich Euch beistehe und ich gehe ihre Erlaubnis zu holen
Maria fühlte sich zum Widerstande zu schwach und kaum sah sie sich allein
als der furchtbare Geist des Fiebers über sie kam und ihrem Gehirn jene
schmerzhaften Bilder von Angst und Grauen eindrückte die das Blut verzehren und
alle Nerven zu zerreißen drohen Angstvoll stöhnend ohne Kraft und Gegenwehr
nagte so der schreckliche Wahnsinn an der Unglücklichen ohne dass Electa oder
eine andere Hilfe zu ihrer Linderung erschien Schon war die Nacht weit
vorgerückt schon brach sich die Wut des Fiebers da nahete aufs Neue ein
wildes Geheul ihrer Tür Selbst in der Verwilderung ihres Geistes erkannte sie
die grauenhaften Töne die so oft zur Nacht das Schloss aufstörten durch den
Wahnsinn der furchtbaren Lady Sommerset und ein heller Schrei des Entsetzens
entfuhr ihren Lippen als sie die Tür aufreißen sah und die Wahnsinnige mit
einem Doppelleuchter und zwei Kerzen hereinstürzte
Langsam heulend nahte sie sich lauschend vorgebogen streckte sie den
Leuchter nach dem Lager vor und betrachtete mit starren trüben Augen das
Schlachtopfer ihrer Wut
Ich komme Dich selbst zu pflegen rief sie höhnisch da ich Dir Electa
eingesperrt habe Ja Du wirst bald genesen koste nur erst von meiner Arznei
Ein schauderhaftes Lachen folgte diesen Worten Sie setzte den Leuchter taumelnd
auf die Erde und rieb sich wie in großer Angst die Hände
Arznei war es schrie sie plötzlich furchtbar auf über Maria hinaus
blickend wie nach einem andern Gegenwärtigen Ich sage Dir Arznei war es die
ich Overbury schickte nicht Gift nicht Gift nicht nicht Gift Furchtbar
röchelnd wiederholte sie dies letzte Wort viele Mal hinter einander während
sie starr zum Boden blickend alles Andere vergessen zu haben schien und so
furchtbar zitterte dass ihre dürren Glieder zu knistern schienen Doch
plötzlich mit dem schnellen Wechsel des Wahnsinns fuhr sie empor
Aber Du Du rief sie auf Maria einstürzend sollst mir büßen Er war so
schnell den Platz einzunehmen von dem er ihn verdrängt Herzog musste der Bube
Villiers werden Herzog Herzog wie mein Sommerset und ich sollte mich nicht
rächen Habe ich doch Dich auf die er neue Pläne des Ehrgeizes baut bist Du
mir doch sicher Nie nie sollst Du sie wiedersehen Nennt mich die ganze Welt
Giftmischerin Mörderin wohlan ich will den Ruf verdienen an Dir verdienen
Mit diesen Worten flog sie auf Maria zu und umklammerte sie mit der Stärke
des Wahnsinns
Starr vor Entsetzen hatte die Unglückliche den ganzen Vorgang mit angesehen
und von der eignen Qual des heißen Fiebers beherrscht kein Gebein geregt
Als sie sich aber jetzt in der Todesnot von den wütend eingegrabenen
Händen des schrecklichen Weibes fast erwürgt fühlte erwachte alle Kraft der
Jugend erhöht durch die Überspannung des Fiebers und sie riss sich mit der
schrecklichen Last empor und schleuderte die würgenden Hände von ihrem Halse
los Doch wenn auch ihr erstes Erstaunen Widerstand zu finden die Wahnsinnige
abgewiesen hatte mit neuer Wut fühlte sich Maria bald umklammert und ihre
eigenen Kräfte vom Fieber verzehrt schienen zu erlahmen ihre Besinnung ward
undeutlich ihr Haupt heiß und schwer ihr Auge ließ sie alle Gegenstände im
Kreise tanzend sehen
Noch eine angstvolle Bewegung sich loszuwinden machte sie dann brachen
ihre Kniee sie sank mit ihrer Verfolgerin zur Erde so dass sie den Armleuchter
umwarf und die Kerzen erloschen
Die tiefste Dunkelheit welche jetzt beide Ringende umfing änderte
plötzlich die Szene Die Wahnsinnige schien zu vergessen was sie vorhatte als
sie Maria nicht mehr sehen konnte sie ließ sie los und richtete sich auf
Wo bist Du Sommerset sprach sie leise sprich mein Gemahl wo soll ich
Dich finden Warum gehst Du so einsam durch die Nacht Overbury starb ja nicht
an Gift Du Du wenigstens bist ja unschuldig ich werde Dich suchen Du darfst
nicht ohne Beichte sterben Komm in Dein Zimmer heulte sie von Neuem furchtbar
auf stirb nicht auf der Treppe ehe Dir die Kirche vergab Seine Leiche
seine Leiche schrie sie plötzlich auf als sie an Marias daliegenden Körper
stieß und eilte sich aus der Tür zu stürzen die eben von Außen geöffnet ward
und einen matten Lampenschein eindringen ließ Wütend und blind für jeden
Gegenstand stürzte die Elende an der Eindringenden vorüber den langen Gang in
grauenvoller Schnelligkeit hinabfliegend von dem aus sie einen erleuchteten
Vorplatz erreichte
Zum Tode erschreckt trat Margarit nun näher denn diese arme Leidtragende
hatte nach der Ermüdung in ihrem Kummer voll Sorge ihres Fräuleins gedacht und
sich einsam durch die langen Wege geschlichen die Einzige zu erreichen bei der
sie Linderung hoffte die Einzige die ihr in diesem Schloss geblieben
Doch wie fand sie dieselbe totenbleich und einer Leiche ähnelnd mit
zerrissenen Kleidern mit blutender Stirne Margarit zweifelte nicht das
entsetzliche Weib habe sie erdrosselt Ihr Schmerz und ihre Verzweiflung drohten
sie anfänglich zu überwältigen aber das Gefühl wie viel darauf ankäme dass sie
bei Besinnung bliebe und die gänzliche Hülflosigkeit ihrer Lage riefen ihre
Kräfte ins Leben und gaben ihr die Mittel ein eine Rettung zu versuchen
Sie brachte die Unglückliche nach ihrem Bette sie wusch das Blut ab und
verband die Wunde deren Ursache sie an dem blutig daneben liegenden Armleuchter
erkannte und hatte die unaussprechliche Genugtuung bald einen Seufzer dann
ein leises Atmen wiederkehren zu hören und endlich die Augen sich öffnen zu
sehen die nun keinen Zweifel ließ dass sie lebe
Aber wie wenig schien damit erreicht als Margarit nun erst erkannte wie
zerstört die geliebte Herrin war
Angstvoll und unsicher irrten die Augen der Erwachten umher sie verstand
keine Frage die Margarit tat oder konnte doch die krampfhaft verschlossenen
Lippen nicht öffnen nur zusammenschaudern sah man sie oft und Margarit
versuchte den fast starren Körper auf das elende Lager zu legen und ihn mit
Allem zu bedecken was in dem elenden Zimmer sich vorfand
Doch hiermit sah sie auch ihre Hilfsmittel erschöpft denn wie sie ihr
weiteren Beistand verschaffen oder einen der Schlossbewohner zur Hilfe bewegen
sollte da ihr Vater nicht mehr lebte der Einzige der es gewagt die strengen
Befehle der Schlossfrau hinsichtlich der Unglücklichen zu umgehen sah sie nicht
ein und schien ihr ein hoffnungsloser Versuch dabei kam es ihr vor als fürchte
die Kranke ihre Entfernung als erkenne sie den Schutz ihrer Nähe denn so starr
die Züge waren drückten sie doch Angst aus wenn Margarit nach der Tür ging
Schon brach der Morgen an und sendete ein fahles trostloses Licht auf diese
Verlassenen und noch saß Margarit in Plänen zu Marias Rettung vertieft und
verwarf was sie beschlossen und beschloss was sie aufs Neue verwerfen musste
dabei blieben die Augen der Kranken starr und trübe aber weit offen der
Schauder durchrüttelte wie es schien höchst schmerzhaft zuweilen ihren kalten
gelähmten Körper und längst hatte Margarit aufgehört zu fragen denn angstvoll
aber vergeblich war die Anstrengung zu antworten
Endlich in immer steigender Angst kniete sie dicht an ihrem Kopfkissen
nieder und rief
Ihr braucht nicht zu antworten liebe Lady ich werde Euch nur sagen was
ich tun will denn so könnt Ihr nicht länger liegen bleiben ich will ins
Schloss gehen Eure Türe unterdessen verschließen und Euch herbeischaffen was
Gott mich vielleicht finden lässt
Auch hier blieb die Antwort aus aber der Ausdruck von Angst und Betrübnis
kehrte stärker zurück als vorher und hätte beinahe Margarit zurückgehalten
hätte sie sich nicht schnell entschlossen davon zu laufen
Ihre Sorge war nur wie sie die Tür die ohne Schloss war und nur von Innen
einen Riegel hatte verwahren sollte Sie schleppte einiges Gerümpel was den
früher erwähnten Eingang verbarg zusammen Sie hatte dadurch wenigstens den
ersten Versuch verhindert einzudringen und durfte um so mehr auf einige freie
Zeit hoffen da Lady Sommerset den auf solche Nachtzustände folgenden Tag über
gewöhnlich in ihrem Bette blieb
So eilte sie nun flüchtigen Fußes zurück in den bewohnten Teil des
Schlosses und hatte in ihrem frommen Eifer zu helfen so ganz vergessen was
sie selbst betroffen hatte dass sie fast vor Entsetzen zurücktaumelte als sie
in das schwarz behangene Zimmer trat dessen ganze frühere Einrichtung
verschwunden war nur das leere hölzerne Gestell zeigte noch den Ort von wo am
Abend vorher der Sarg des Vaters zu seiner Bestattung abgehoben wurde
Gott sei mir gnädig rief sie und wäre fast zurückgewichen aber ein
unschuldiges junges Gemüt rechnet sich die Furcht vor einem verehrten
Verstorbenen immer als ein Unrecht an auch war mit der gänzlichen Verlassenheit
ihrer Lage und den Ansprüchen die eben jetzt an ihre Entschlossenheit gemacht
wurden der zarte Übergangspunkt zu einer höheren Periode des jugendlichen
Daseins eingetreten wo die erste Anforderung an eigne Wahl und eigne
Entscheidung jenes Gefühl von Selbstständigkeit hervorruft das die Seele süß
und weh mit der Ahnung eines nun eingetretenen höheren Lebens durchschauert
Ach mein Vater rief sie kindlich die Hände faltend und an dem leeren
Gerüste niedersinkend als trüge es noch den geliebten Toten lenke Du meine
Schritte führe Du die Rettung herbei die uns Not tut Du der Du Alles
segnen wirst was ich für die Arme tue
Mutig und gestärkt erhob sie sich und durchmass furchtlos das kleine
Gemach das der Morgen schon mit einzelnen Sonnenstrahlen erhellte Sie selbst
löste die schwarzen Vorhänge an der Hinterwand und öffnete das dahinter
verborgene Schränkchen
Da hörte sie das Anschlagen der Hunde an der äußeren Mauer die
Eingangsglocke läutete und sie überlegte nun dass die Tätigkeit im Schloss
erwacht und ihr Rückzug nicht ohne Gefahr sei Sie horchte und die kleine
Pforte drehte sich ein lautes Hundegebell gesellte sich innerhalb zu dem
frühern von Außen
Ach nie konnte sie dies Gebell hören das ihr fast so lieb war wie
bekannte Menschenstimmen ohne der süßen Zeit zu gedenken wo mit dem
Wildmeister dessen muntere Rüden es anschlugen Lanci einzuziehn pflegte und
bei der Ablieferung des Wildes die Gelegenheit wohl zu benutzen wusste ihr einen
zärtlichen Gruß zuzuflüstern
Seufzend dachte sie seiner weiten Entfernung und Tränen traten in ihre
Augen über so viel Missgeschick Doch sich zusammenraffend nahm sie ein
Säckchen mit Kräutern welche gekocht der Vater oft bei plötzlichen
Erkrankungen für sich und Andere angewendet hatte sodann auch noch eine große
warme Decke von bunter Seide mit den Abbildungen von Adam und Eva ein
Prachtstück aus dem Nachlass ihrer Mutter womit sie nun die arme erstarrte Lady
zu erwärmen beschloss Ferner legte sie in einen kleinen Tragkorb den Torf der
am Kamin unverbraucht lag steckte ein Töpfchen dazu um die Kräuter zu kochen
nahm das Feuerzeug des Vaters und wollte eben den Rückweg antreten da sie aus
dem lauten Gespräche im Hofe schließen konnte dass der Weg im Schloss noch frei
sei als ihr Auge durch das uns bekannte Fenster blickte und teilnehmend an der
großen Gestalt des guten Wildmeisters hängen blieb der ihr Pate war Lanci
geliebt und das Liebesspiel der unschuldigen Kinder nie gestört hatte
Er stand mit dem Gesichte nach dem Fenster gekehrt und zählte aus einem
Korbe den ein Bursche gebeugt unter der Last auf der Schulter trug dem Koche
seinen Vorrat zu Sie ging fast mechanisch näher und drückte ihr blasses
Gesicht gegen die Scheiben fast wünschend er möge sie sehen ihr ein Wort des
Trostes sagen über den Vater den er so geliebt
Da war es ihr als zeige der Alte nach ihr hin der Koch wandte sich um und
nickte wie zur Bestätigung Er hatte sie erkannt er wollte sie sprechen das
war gleich zu sehen denn er betrieb die Ablieferung eilig und warf das große
innen gegerbte Fell das den Vorrat verdeckt hatte ungeduldig über den leeren
Korb dass der Bursche selbst fast damit bedeckt ward Dann schritt er ihn mit
sich nehmend fest über den Hof dem Fenster zu das Margarit schon öffnete um
mit Tränen überschüttet den alten Freund des Vaters zu erwarten
Armes Mädchen sagte der Wildmeister ihr näher tretend weine nur kaum
weint man genug um solchen Ehrenmann solchen Vater Du bist jetzt schlimm dran
armes Ding In dem verwünschten alten Eulennest kannst Du ohne Schutz nicht
bleiben fügte er hinzu als ein Blick auf den Hof ihn überzeugte dass der Koch
beschäftigt war
Ach unterbrach Margarit das Schluchzen ich bin noch viel schlimmer dran
als Ihr denkt könntet Ihr mir doch nur Rat geben
He Gumpricht rief der Wildmeister den Koch an lass mir ein Maß
Gewürzsuppe kochen es ist klamm heut Morgen ich komme zu Dir wenn ich das
Mädel ein wenig getröstet
Schon gut schon gut entgegnete Gumpricht sollst wohl sonst noch einen
Bissen zur Stärkung finden komm nur am Heerde ists nicht klamm Zugleich zog
er mit seinen beiden beladenen Knechten in das Schloss hinein
Margarit deren Tränen an dem Entschlusse ins Stocken geraten waren den
Wildmeister um Rat für ihr Fräulein anzugehn hörte jetzt erst mit Erstaunen
wie heftig der Bursche schluchzte der noch immer von dem Felle verhangen sich
an die Mauer des Fensters lehnte
Was fehlt Eurem Burschen Pate Hört wie er weint hat er den Vater auch
gekannt
Ich glaube wohl sagte der Wildmeister trocken und zog ihm Korb und Fell
vom Kopfe und zugleich hielt er seine große Hand auf Margaritens Mund die mit
einem Schrei zusammen fuhr als sie Lancis teure Züge jetzt erkannte
Schweigt alle Beide oder ich jage Euch von einander rief der Wildmeister
die eigne Rührung unter angenommenem Zorn verbergend willst Du mit Deinem
Geschrei das Schloss zusammen rufen dummes Mädchen Und Du lass das Heulen
schrie er auf Lanci ein der es schon ließ und bereits das Fenstergesims
erstiegen hatte Margarit in seine Arme schließend Jetzt musst Du nicht wie ein
Mädchen sondern wie ein Mann tun setzte er hinzu die jungen Leute die sich
stumm umfasst hielten gutmütig mit seiner durch einen Mantel breiter gemachten
Gestalt deckend
Ach Margarit rief jetzt Lanci unser guter alter Vater war er auch
sterbend noch bös auf mich
Niemanden hat er mehr gekannt Lanci weinte Margarit Keinen Segen hat er
mir gegeben aber als er lebte hat er oft von Dir gesprochen hatte Dich sehr
lieb und sagte immer der Onkel Porter würde Alles schon machen mit Dir und mir
Hat er das gesagt schrie Lanci freudig auf o dann tue auch was Dir
Onkel Porter befiehlt und folge mir mit Deinem Fräulein wozu wir Alles bereit
haben
Großer Gott Lanci Du bist ganz verwirrt wo sollen wir hier fortkommen wo
Du weißt dass die Lady Alles bewachen lässt
Sei ruhig erwiderte Lanci ist uns auch viel dadurch verdorben dass Dein
guter Vater uns keinen Rat mehr geben kann müssen wir doch fort und das
sobald als möglich und ehe Pater Johann zurück kommt der schon im Städtchen
angelangt ist
Nun dann sei uns Gott gnädig wenn der schon im Städtchen ist Lanci wir
können fürchte ich auch wenn die Tore aufstünden und Keiner uns aufhielte
sobald nicht fort
Seht Ihr wohl sprach Lanci mit ausbrechendem Zorn zum Wildmeister habe ich
es Euch nicht gesagt dass das Mädchen nicht fort will dass sie ihr altes Schloss
lieber hat als mich Aber wendete er sich zu ihr die Lady soll ja mit um
ihretwillen geschieht ja Alles
Wenn Du vernünftig zuhörtest was Dir gescheidte Leute zu sagen haben dann
würdest Du nicht so unsinniges Zeug von mir reden rief Margarit nun auch
schmollend eben um der Lady willen geht es nicht denn sie liegt sterbenskrank
darnieder
Großer Gott welch ein Unglück rief Lanci nun sind wir Alle schön dran
Die arme Lady was fehlt ihr denn sie wird doch nicht sterben wo ist sie denn
kann ich nicht zu ihr
Ach sprach Margarit ich weiß Dir nicht auf alle Deine Fragen zu
antworten könntest Du nur hier bleiben und mir helfen Denke nur sie liegt im
Türmchen nach dem Meere zu hat ein hartes Lager kein Feuer keine Arznei und
vorige Nacht wollte die alte Lady sie erwürgen als ich dazu kam und sie dadurch
gerettet ward Ach wenn Du sie siehst kein Mensch erkennt mehr das schöne
Fräulein so haben diese Unmenschen sie misshandelt
Selbst der Wildmeister schlug vor Erbarmen die Hände zusammen und Lanci
gebehrdete sich ganz trostlos
Was sollen wir denn tun rief er endlich hier stirbt sie gewiss und was
werden die Herren sagen Wildmeister sprecht doch ratet uns doch
Hört sagte der Alte das Ding ist schlimm und wie mich dünkt nicht viel
zu machen Lanci habe ich einmal hier beim Koch will ich bis Mittag verweilen
indes Margarit suche Du Lanci hinauf zu bringen dass er ihr sagt wies
steht Hören wird sie ihn doch können und verständig ist sie auch wie Miklas
sagte da lasst sie selbst den Bescheid überlegen auch tut ein Bischen Hoffnung
oft so gut wie Arznei Also fort macht leise und gescheidt und haltet Euch
nicht unnütz auf mit Euch selbst länger als bis Mittag kann ich nicht bleiben
Die jungen Leute waren sogleich bereit zu folgen und wenn der Weg über den
Flur zurückgelegt war blieb nicht viel mehr zu fürchten So schickten sie sich
mit ihrer kleinen Last an den Versuch zu machen und der Wildmeister schritt
über den Hof zurück nach dem Wirtschaftsflügel wo der Koch sein Reich hatte
der ihn lustig und heiter empfing und am Heerde niedersetzen ließ
Die ersten Schritte der beiden jungen Leute waren zagend und unsicher dann
flogen sie wie gejagte Rehe und hatten bald den gefährlichen Platz hinter sich
Da es in den Gängen erst spät Tag ward und heute der im ganzen Schloss schon
bekannt gewordene Zustand der Lady Allen längere Ruhe gönnte so erreichten sie
ohne Hindernisse den kleinen Turm dessen Tür sie noch zu ihrem großen Troste
mit demselben Gerümpel versetzt fanden wie Margarit es angeordnet hatte
Nun lass mich erst hinein und verkrieche Dich indes sonst möchte sie bei
deinem plötzlichen Anblick zu sehr erschrecken rief die Kleine und nahm was
er trug und schlüpfte hinein so leise sie es nur vermochte
Noch lag die Kranke auf derselben Stelle mit demselben starren Blick der
nur einen bestimmteren Ausdruck von innerer Angst zeigte
Ach seufzte Margarit schmerzlich indem sie ihr näher trat immer noch so
sehr krank nicht ein wenig besser liebe Lady
Der Versuch zu antworten den die Kranke machte misslang wieder und das
verständige junge Mädchen erkannte bald dass hier keine Nachrichten helfen
würden Sie breitete daher ihre schöne warme Decke aus und hüllte Schultern
und Füße besorglich ein dies Alles mit liebreichen Worten begleitend Dann aber
flog sie zum Kamin und legte auf den lange Zeit ungebrauchten Rost die trockenen
Torfstücke machte an kleinen Bündeln Stroh das Feuer an und war entzückt als
es lustig aufloderte sie nun ihr Töpfchen mit Wasser hineinschob und die
Kräuter bereit hielt sie in das siedende Wasser zu schütten So gelang es ihr
endlich der Leidenden das warme Getränk einzuflößen welches dieselbe mit
besonderem Bestreben zu sich nahm und dessen wiederholter Gebrauch zu
Margarits unaussprechlicher Freude die Starrheit der Züge zu lösen schien ja
es ihr endlich möglich machte Gute Margarit zu stammeln was auszusprechen
sich ihr ganzes Herz gesehnt hatte Ihr Blick ward nun milder ja die
Augenlider senkten sich und blieben endlich ruhen Margarit lauschte mit
angehaltenem Atem sie war nach einiger Zeit völlig gewiss dass der Schlaf
seinen stillen Segen über die Leidende gesenkt hatte
Nun schob sie sich leise zum Heerde schürte das sanfte Torffeuer das die
kalte Luft des Turmes wohltätig veränderte und blickte sehnsuchtsvoll nach
der Tür tausend Mal die Wonne sie zu öffnen gegen die Gefahr abwägend die
Kranke dadurch zu erwecken Sie bezwang sich lange dann verstärkten sich die
Überredungsgründe es zu wagen sie glaubte die Lady tiefer eingeschlafen
gegen Mittag musste sie ja ohnehin erweckt werden um zu entscheiden über Lancis
Mitteilungen Genug sie öffnete leise und der dicht davor lauschende Lanci
der sich ziemlich den Zusammenhang gedacht schlüpfte leise herein und Beide
kauerten sich nun sich durch mitleidige Blicke nach dem Lager verständigend am
Heerde hin und blickten sich an stumm lächelnd vor Seligkeit
Wohl mischten sich Margarits sanfte Tränen und Lancis leise Wehklagen um
den Vater ein aber wer wüsste nicht dass kein Gefühl des Schmerzes lange Raum
findet in der Brust die von dem Wohllaut beglückter und vereinigter Liebe
erfüllt wird Jede Lage welche die Glücklichen vereinigt und wäre es das
letzte Brett des gescheiterten Schiffes in der tobenden Flut wär es unter dem
Ausbluten der tötlichen Wunde die Beiden den Tod sichert wär es in der
tiefsten Gruft des Kerkers die sie schiede von der übrigen Welt wenn nur sie
Beide nichts scheidet jeder Ort ist ihnen dann die kleine glückselige Insel
auf der sie sich befinden als zur Seligkeit bestimmt nichts wahrnehmend was
ihnen gebräche durchdrungen von der Atmosphäre innigster Befriedigung Wer nach
dieser letzten geretteten Frucht des Paradieses greifen und ohne Furcht und
ohne Reue ihren geheimnisvollen beseligenden Inhalt genießen darf er schweige
ohne Klagen still wenn das Leben andere Opfer fordert zu einer Ewigkeit von
Leiden würde er das Gegengewicht finden Bald flüsterten sie lauter und
wechselten schneller Frage und Antwort in der glücklichsten Sicherheit die
ganze Welt vergessend Da hörten sie plötzlich leise und endlich lauter
wiederholt die Worte
Wo bin ich Margarit bist Du hier Wer umgibt mich
Erschrocken sprangen Beide auf und Margarit flog nach dem Bette
Aufgerichtet saß hier Lady Maria und blickte matt und fragend in Margarits
treue Augen
Teure Lady rief das gute Mädchen heiter o Gott sei gedankt dass Ihr so
weit seid Ihr könnt ja sprechen und Euch bewegen nicht Euch ist besser
Besser gutes Kind erwiderte Lady Maria sanft wenn auch nicht genesen
ich bin sehr matt aber Deiner liebevollen Mühe danke ich dass der qualvolle
Zustand endete in den mich die schreckliche Lady versetzt hatte Wie hat man
Dich aber zu mir gelassen und wie werde ich zu sichern sein gegen die
schreckliche Frau deren Anblick ich fürchte wie den Tod Doch sage mir fuhr
sie fort sind wir allein oder bewegt sich hinter Dir Jemand
Margarit trat schüchtern seitwärts und zeigte Lanci der sich auf den
Knieen hinter ihr verborgen hatte
Zürnt ihm nicht teure Lady sprach sie dabei er meint es gut will uns
Beide retten
Lanci sagte Lady Maria bist Du aus London zurück Gutes Kind hier sind
schlimme Zeiten indes eingetreten Margarit und ich haben unsern einzigen
Beschützer verloren
Ja Lady rief Lanci noch immer auf seinen Knieen liegend und zugleich
überwältigt von Verehrung und Betrübnis über ihren Anblick ja es ist viel
Trauriges geschehen aber hat Gott Euch einen Beschützer genommen so hat er Euch
zwei dafür wiedergegeben die Alles anwenden Euch hier wegzuführen
Lady Maria schwieg einen Augenblick und sah ihn trübe und nachsinnend an
dann sprach sie mutlos
Niemand von Allen die mir einst Schutz gaben kennt mein Gefängnis guter
Lanci wer sollte außer ihnen sich mein erbarmen wollen
Doch doch sprach Margarit eifrig und zog Lanci näher indem Beide vor dem
Bette niederknieten es sind alte Freunde von Euch liebe Lady
Nicht wahr fragte Lanci recht beglückt lächelnd Master Brixton ist ein
alter Freund von Euer Gnaden
Brixton rief Maria und die Überraschung goss ein lang verschwundenes
Purpurlicht über ihr Gesicht Mein Lehrer Mein Freund Mein zweiter Vater
Ja Lady rief Lanci er ist in Eurer Nähe und für Eure Flucht wird gesorgt
sein so bald Ihr gehen könnt werdet nur gesund
Gesund rief Maria als früge sie sich selbst ob sie noch krank sein könne
bei dieser Botschaft Ich bin gesund gesund genug um diesem Kerker entfliehen
zu können Steht auf Kinder damit ich meine Kräfte prüfe sie können mich
nicht verlassen wollen wo sie mir dienen sollen
Sie warf die Decke weg und stand plötzlich in ihrem groben Nonnenkleide vor
dem erstaunten Lanci Aber dieser schnelle Aufschwung der Kräfte dem Ruf des
starken Geistes gehorchend war nur vorübergehend schwindelnd fühlte sie ihr
Haupt von heftigen Schmerzen durchzuckt und sank fast eben so schnell
erbleichend auf ihr Lager zurück
Betrübt sahen die jungen Leute diesen Zustand mit an und mochten daraus
bange Schlüsse für ihre Lage ziehen als Lady Maria sich anstrengte sich
aufzurichten und von Margarits Armen unterstützt aufrecht zu sitzen suchte
Sprich mein Kind sprach sie zu Lanci Du musst mir viel zu sagen haben
Schickte er mir kein Zeichen seines Daseins hast Du keine Zeile von ihm an
mich
Nein teure Lady das nicht Ich musste heimlich von da fort wo wir zuletzt
rasteten um Eurem Feinde zuvorzukommen denn Pater Johannes ist im Anmarsch
Hätte der mich gesehen so wär ich und vielleicht der ganze Plan verloren
gewesen So bin ich nun vorangeeilt damit Ihr nur erst wüsstet dass wir da sind
und in der Hoffnung dass wir eher als er ankämen
Ach rief Maria schmerzlich warum verlässt mich meine Kraft Wie dringend
nötig scheint sie mir um aus diesem wohlverwahrten Kerker zu entfliehn wo die
Lady mich bald vermissen wird und ich dann aufs Strengste bewacht sein werde
erfährt sie mein Unwohlsein Denkt denn aber Master Brixton nicht daran mich
von der Lady selbst zu fordern Wie darf sie mich zurückhalten da sie kein
Recht über mich haben kann
Nein Nein liebe Lady das dürfen sie nicht das würde uns alle unglücklich
machen Einer der Alles angeordnet hat dem sie folgen weil er es am Besten
versteht er hat es streng verboten
Und wer ist dieser Eine fragte Maria
Ich darf ihn nicht nennen liebe Lady fraget mich nicht aber er meint es
gut mit Euch und ich bin sein Bote und Ihr werdet mir doch vertrauen
Ach sprach Maria wenn Brixton Dir vertraut und es also will wie darf ich
da noch zweifeln Doch was kann geschehen damit ich entkomme wie soll ich es
anfangen
Diese Frage ward durch einen schleichenden schleppenden Schritt auf dem
Gange unterbrochen den Alle zugleich mit nicht geringem Entsetzen hörten Es
nahte Jemand dies war gewiss und Lanci durfte nicht entdeckt werden ohne
Verdacht zu erregen da er überdies aus dem Schloss verwiesen war Das Gemach
hatte nur die eine Tür welcher man sich jetzt von Außen immer mehr näherte
Kein Schlupfwinkel kein Raum war zu ersehn und beinah außer sich schweiften
die Blicke der Verratenen umher Da zeigte Maria sprachlos auf das Fenster
wovor noch Electas Schleier ausgebreitet hing und Lanci schlüpfte ohne Bedenken
dahinter da schon an die Tür gepocht ward und jede Zögerung beim Oeffnen
Verdacht erwecken konnte
Maria legte sich schnell nieder und Margarit eilte zu öffnen doch fuhr
sie fast mit einem Schrei zurück als sie Pater Johannes vor sich sah der mit
seinem tückischen lauernden Blick sie und das Zimmer in das er einschritt
überflog
Nichts als Kranke finde ich rief er Marias Lager näher kommend wahrlich
große Unordnungen man kann nicht wohl abwesend sein ohne es bereuen zu müssen
Nun was fehlt denn Blosse Einbildungen nicht Frauentücken Kenne dergleichen
wird sich finden
Maria war im ersten Augenblick vom Schreck und Schwäche so überwältigt dass
sie nicht zu sprechen vermochte der Unmut stieg aber heiß empor und
abgebrochen aber deutlich sprach sie jetzt
Pater Johann ich glaube wir haben uns Beide zu genau kennen gelernt als
dass Ihr mich einer Verstellung fähig halten solltet oder ich Euch zu täuschen
suchen möchte
O rief Margarit Mut gewinnend Hochwürdiger Herr glaubt doch dies
nicht Sterbend war die arme Lady diese Nacht sie hatte ganz starre Glieder und
war ganz sprachlos und wär ich nicht dazu gekommen hätte die hochwürdige Lady
sie erwürgt Ihr seht noch das Blut am Kopfe von ihrem Falle als die Lady sie
nieder warf
Schweig rief der Pater ihr zu wer fragte Dich und wie kommst Du überhaupt
hieher Wer hat Dir erlaubt hier Pflege zu übernehmen
Ihr eigenes menschliches Herz Sir rief Maria da ich von aller Hilfe
verlassen den grausamsten Misshandlungen preisgegeben war Habt Erbarmen und
lasst sie nicht büßen dafür dass sie mir vielleicht das Leben rettete ich will
alles dulden was Euer Unmut über mich verhängt nur dies Mädchen treffe nicht
Euer Zorn
Pater Johannes warf einen finsteren Blick auf Margarit aber er hielt inne
als spare er ihr Teil ihr wenigstens noch auf Sodann zu Maria sich wendend
ergriff er ihre Hand und prüfte lange schweigend ihren Puls
Unruhig geht er fieberisch vollblütig murmelte er abgerissen hat nichts
zu bedeuten fügte er hinzu sie loslassend Etwas Seeluft wird gut tun Steht
nur auf und haltet Euch zu einer kleinen Wasserfahrt bereit um Mittag wird der
Wind gut gehen dann werdet Ihr dies Schloss was Ihr so hasst verlassen und die
kleine Überfahrt nach Frankreich wird Euch schneller herstellen als Ihr denkt
setzte er höhnisch hinzu das tödtliche Erschrecken das sich auf Marias Zügen
zeigte mit Schadenfreude bemerkend
Großer Gott schrie Margarit das Fräulein soll sterbend wie sie ist auf
die See Ist das zu glauben Erbarmt Euch doch hochwürdiger Herr sie stirbt
Euch ja unterwegs
Schweig rief er wild auffahrend und gegen Margarit so anlaufend dass
diese voll Entsetzen zurückwich bei dem engen Raume des Zimmers aber
unglücklicherweise in den Schleier Electas sich verwickelte und nun doppelt
entsetzt für die Folgen zitternd zu schwanken begann und nach manchem Versuche
sich aufrecht zu erhalten vor dem keifenden Pater niederfiel In diesem
Augenblicke riss der Schleier von seiner schwachen Befestigung und zeigte dem
Pater einen Anblick der ihn in ein so ungemessenes Erstaunen versetzte dass
seine scheltenden Worte augenblicklich verstummten Er wandte seine Blicke von
Maria zu Margarit und Lanci und Erstaunen Wut und Freude sie ertappt zu
haben sprachen gleich stark aus seinem anschwellenden Gesicht während Lanci
mit einem kräftigen Sprunge über das verhüllende Gewand setzte und Margarit die
Hand reichte aufzustehen ohne dem Pater eine größere Aufmerksamkeit zu
schenken als nötig war ihn eben bei seinem Sprunge nicht umzuwerfen
Man sah dagegen deutlich dass der Pater Johannes fast verwirrt war von dem
reichen Stoffe der sich hier darbot um Zorn und Verfolgung und alle bösen
Absichten die er für die Anwesenden in seinem Herzen trug auszulassen
Zweifelhaft wie er vernichtend genug sich sogleich ausdrücken sollte ließ er
als Vorspiel in Augen und Mienen lesen was sie zu erwarten hatten
Das Demütigende dieser Lage machte aber eine so lebhafte Anforderung an
Marias Gefühl dass sie alle ihre Kräfte aufbot um Schreck und Schmerz zu
überwinden
Ihr habt nicht nötig Pater Johann sprach sie ernst und zürnend indem sie
sich aufrecht setzte die Beleidigungen auszusprechen die Euer müssiges
Erstaunen genugsam angekündigt Dieser Jüngling ist allerdings vor Euch
verborgen worden wisst es aber Euch selbst Dank dass selbst die unschuldigsten
Dinge dem der sie tut noch Furcht vor Eurer Auslegung einflößen ich sage
Euch jedoch
Und ich sage Euch brüllte Pater Johann in namenloser Wut sie
unterbrechend dass jetzt über Euch alle der Stab gebrochen ist dass ich genug
von diesem Buben weiß um einzusehn in welcher Verbindung Ihr mit ihm stehen
mögt dass mir Krankheit Pflegerin und Gesellschafter alle diese verschiedenen
Machinationen mich zu hintergehn ganz klar sind und Alles geschehen wird
zweifelt nicht Euch so zu stellen dass Ihr es bereuen werdet
Ganz gut sagte Lanci trotzig aber mich könnt Ihr nicht halten ich bin des
Wildmeisters Bursche gehöre gar nicht in dies Schloss und verlange dass Ihr mich
augenblicklich ungehindert fortlasst
Fort brüllte der Pater fort Eher wollte ich Dich mit eigenen Händen
erdrosseln als Dich fortlassen Du Bube den ich schon hätte zertreten müssen
als Du Dich schlafend stellend vor dem Bette Deines alten heuchlerischen
Oheims lagest Ha wenn ich denke dass er Dich herliess dass Du ihm nicht
entsprungen bist ha welch ein schnöder Verrat ahnt mir dann und wie zur
rechten Stunde bin ich da gekommen Euch alle zu vernichten
Das soll Euch schwer werden schrie Lanci sich aus den Händen der
zitternden Margarit losreissend den Pater bei Seite stossend und wie ein Pfeil
durch die Tür in den langen Gang entspringend Eben so schnell flog Margarit
nach der Tür und suchte sie vor dem nachdringenden Pater wenigstens
augenblicklich zu verschließen um Lanci einen kleinen Vorsprung zu gönnen Aber
ihre Kräfte reichten gegen die des Paters nicht aus und Lady Maria eilte ihr
nicht zu Hilfe obwohl sie sich von ihrem Lager erhoben hatte denn lieber wollte
sie das Kommende ertragen als in ein persönliches Handgemenge mit dem
verachteten Manne geraten So unterlag Margarits Widerstand nur zu bald und
nun setzte das Geschrei des Paters dem armen Lanci schneller nach als es sein
schwerfälliger Schritt vermochte Bald sah sich der unglückliche Jüngling von
mehreren herbeigerufenen Aufpassern des Schlosses ergriffen und zu einem der
festen Zimmer geführt welche gelegentlich dienten die aufzunehmen die dem
Zorne des Paters oder der Lady verfallen waren
Indessen blieben die beiden unglücklichen Frauen in einem Zustande von
Kummer zurück den beide nach ihrer Art äußerten Während Margarit in
Verzweiflung die Hände rang blickte Maria stumm und ohne Worte vor sich nieder
und fühlte die völlige Verödung die nach großen Gemütserschütterungen uns das
Gefühl gänzlicher Hoffnungslosigkeit lässt
Jeden Augenblick erwarteten sie ihren Peiniger zurückkehren zu sehen und
eine Stunde nach der andern schlich träge in dieser bangen Erwartung dahin ohne
ihn oder einen Andern herbei zu führen Mittag war vorüber Beide fingen an aus
der ersten Betäubung zu erwachen Margarits Tränen hörten auf zu fließen
Maria begann ihre Lage aufs Neue zu betrachten und die Nähe eines Wesens das
für sie sorgte und handelte wie sie auch bedroht war ihm entführt zu werden
unterließ doch nicht einiges Leben in ihr aufzuwecken
Da seufzte Margarit schwer auf und trat vom Fenster zurück woran sie sich
so lange gelehnt hatte Denn tief unten an dem kleinen Vorsprunge der
natürlichen Bucht in der das Schloss lag sah sie das SegelBoot rüsten und
Pater Johannes mit dem alten KüstenSchiffer der seine Leute antrieb im
eifrigen Gespräche begriffen
Der Plan wird also ausgeführt werden rief hier Maria mit neuem Schmerz als
auch sie sich von jenen Vorkehrungen am Ufer überzeugt hatte und ehe mich die
väterliche Liebe meines Wohltäters erreichen kann werde ich ihm entrissen auf
immer nach einem fremden Lande entführt wo mir Tod oder ewiges Gefängnis droht
und kein Arm der Liebe mich mehr erreichen wird
Welch ein unerklärlich trauriges Loos ist mir beschieden und wer bin ich
dass selbst Fremde sich die Hand zu bieten scheinen mich zu verfolgen und in
einer grauenvollen Abgeschiedenheit zu erhalten Warum gibt man mir nicht
lieber den Tod als mich so langsamen Qualen preiszugeben O Margarit armes
Wesen was wird aus Dir werden und wie habe ich Dein und Lancis Schicksal zu
Eurem Unglück mit in das meine verflochten
O denkt nicht an uns teure Lady rief hier weinend Margarit denkt doch
nur ob wir nicht entkommen können da uns doch außerhalb des Schlosses Hilfe
harrt
Ich kann die Möglichkeit nicht finden erwiderte Maria ängstlich
umherblickend Du weißt wie alle Ausgänge bewacht sind und wie man in diesem
Augenblicke auf uns beide Acht haben wird Dazu kommt dass es Tag ist dass man
uns hier nicht lassen wird bis die Nacht eingebrochen und doch wäre der
einzige Ausweg zu entkommen sicher nur wenn uns die Nacht deckte
Ihr meint auf dem Wallwege den der Vater Euch so oft geführt hat sagte
Margarit ja hundert Mal habe ich daran schon gedacht aber wie sollen wir die
kleine eiserne Tür öffnen da alle Schlüssel des Vaters längst in die Hände des
neuen Kastellans übergegangen sind der sie alle wie Gold im Beutel an seinem
Gürtel trägt
Dies ist also auch nicht möglich sprach Maria und wir wollen uns trösten
da das Gelingen dennoch sehr zweifelhaft bliebe denn der Schlossgarten liegt
noch innerhalb der Schlossmauer obgleich ein Teil derselben wahrscheinlich
wegen der Hirten und der Weide in den Gräben abgetragen ist.
So ist es allerdings erwiderte Margarit Außer meinem Vater glaube ich
kannte auch Niemand diese Verbindung mit dem Schloss und ein Entkommen wäre
sicher möglich hätten wir nur den Schlüssel
Nach einigem Nachdenken rief Lady Maria plötzlich aufstehend Und doch
Margarit versuchen müssen wir es Lass uns jetzt gleich die Tür untersuchen
was kann uns geschehen wenn man uns entdeckt Übleres als man schon vor hat
schwerlich und wer kann mir wehren die Freiheit zu suchen die Niemand ein
Recht hatte mir zu rauben
Sie erhob sich doch war ihr Geist stärker als ihr Körper Die unleidlichen
Schmerzen am Kopfe traten stärker hervor und die Steifheit ihrer Glieder hatte
sich noch nicht gänzlich gehoben Mit tiefem Kummer machte sie die traurige
Wahrnehmung ohne sie jedoch zu äußern und versuchte Margarit zu folgen die
rüstig vor ihr her schritt und als sie den Gang leer fand sich über das
Gerümpel hermachte welches vor dem Treppentürchen aufgestellt war
Lady Maria war bemüht ihr dabei zu helfen aber ihre Schwäche und ihr
krankhaftes Gefühl ließ sie fast unterliegen Sie gab daher Margarits Bitten
nach und bewachte bloß den Gang um wenn sich etwa Jemand nähern würde
sogleich es anzeigen zu können Gedankenvoll schlich sie bis zu einem kleinen
Vorsprung der einen Blick auf die größere Treppe zuließ ohne sie selbst zu
verraten Sie sah an der unruhigen Bewegung der verschiedenen Schlossbewohner
dass etwas Ungewöhnliches geschehen sein müsse und bald erschien Pater Johannes
von Außen herbei gerufen und von einem atemlosen Diener begleitet eilig die
Treppe herauf steigend
Warum hat man meine Vorschrift übersehn rief er wild und mit allen Tönen
des Zornes hatte ich nicht ausdrücklich befohlen dass Hände und Füße gebunden
bleiben sollten
Ja antwortete der angstvolle Diener wo aber Stricke hernehmen die der
Kraft widerstanden welche die Lady anwendete Wir alle flogen wie Spreu im
Winde als sie auf uns zulief und wer konnte denken dass sie gerade nach der
Treppentür laufen würde wovor sie sonst sich so fürchtete Es hat wohl sein
sollen dass beide Herrschaften auf derselben Stelle
In diesem Augenblick schloss sich die Tür die Worte waren verhallt und nur
einzelne Diener schossen noch zuweilen in großer Eile über die Treppe hin
Von unbestimmtem Grauen beschlichen stieg die Ahnung in Maria auf dass der
Wahnsinn der Nacht bei Lady Sommerset angehalten habe und dass in diesem
Zustande etwas von ihr unternommen sein müsse was an den Unfall und Tod des
unglücklichen Lords erinnere Die Treppentür und deren Beziehung auf diese
schreckliche Katastrophe kannte sie nur zu wohl und eilte daher so schnell sie
es vermochte zurück um Margarit eine Nachricht zu bringen die einige
Hoffnung gab man werde ihnen bei der Verwirrung im Schloss Zeit zur Ausführung
ihres Planes gönnen welche vielleicht die Aufmerksamkeit des Pater Johannes
mehrfach in Anspruch nahm und ihn an der beabsichtigten Entführung jetzt
hinderte
Margarit nahm zwar an der Hoffnung Teil aber ihr Herz war doch betrübt
da sie die kleine Tür zwar erreicht aber jeden Versuch sie zu öffnen
vergeblich gesehen hatte
Verlieren wir nur jetzt nicht den Mut sprach dagegen Maria da uns ein
kleiner Hoffnungsschein dämmert Lass es uns wagen und den Armleuchter der Lady
anzünden und hierher bringen vielleicht entdecken wir noch irgend ein Mittel
gegen dies hartnäckige Türchen wenn wir den ganzen Raum untersuchen können
Margarit zeigte sich gleich bereit und eilte zurück während bis zu ihrer
Wiederkehr Maria noch ein Mal den Gang hinabschlich ihre Beobachtungen
anzustellen
Die Ruhe war wieder hergestellt Flur und Treppen leer und alle Tätigkeit
wie zu hoffen stand in dem Innern der Gemächer vereinigt
Froh ging sie jetzt dem Scheine des Lichtes entgegen der ihr Margarits
Annäherung verkündigte und Beide untersuchten nun mit größter Aufmerksamkeit
die kleine Tür und den angrenzenden Raum des Schlupfwinkels Aber die Tür war
zu fest um an ihre Öffnung auf andere Weise als vermittelst des Schlüssels
denken zu können und die Mauer umher so dick und von so starken Steinplatten
dass Beide mutlos von ihren Bemühungen abstanden
Als sie in das kleine Turmgemach zurückkehrten mit dem Gefühl sich in ihr
Schicksal ergeben zu müssen wenn ihnen von Außen nicht Hilfe käme sahen sie
dass der Abend herangerückt war und überließen sich nun der Hoffnung dass die
Vorfälle im Schloss die Absichten des Paters durchkreuzt und die gefürchtete
Abreise verschoben haben könnten Zeit zu gewinnen schien ihnen jetzt das
Wichtigste denn sie durften hoffen dass der Wildmeister der von allen
Vorfällen des Schlosses unterrichtet sein konnte mit ihrem Beschützer in
Verbindung stehe und dass vielleicht von dort Versuche gemacht würden zu ihrer
Rettung
So hielten sie sich hin Eine in der Andern Hoffnung nährend während
dieselbe immer schwächer wurde in der eigenen Brust
Da der Sturm zur Nacht heftiger ging und die Brandung an der Stelle wo das
Segelboot lag sich zu mächtig brach sahen sie dessen Segel einziehen und es
langsam in die große Bucht lenken die es vom Schloss einige hundert Schritt
entfernte und ihren Blicken entzog
Schon wollten sie der Hoffnung Raum geben die Reise sei heute ganz
aufgegeben indem die Nacht mit schrecklicher Dunkelheit anbrach und der Sturm
sich steigerte da scheuchte plötzlich ein Schlag an die Tür sie auf Beim
Oeffnen derselben trat Pater Johannes in Begleitung zweier Diener herein Es
blieb ihnen nun kein Zweifel darüber was ihnen bevorstand da die Diener einige
warme Mäntel trugen welche Pater Johannes ihnen anzulegen befahl
So schrecklich dieser Augenblick war konnten sie doch beide nicht übersehn
in welchem Grade das ganze Wesen des Pater Johannes sich noch verfinstert hatte
und wie blass und unruhig sein Ausdruck war
Eilt rief er oft dazwischen es ist keine Zeit zu verlieren die See geht
immer höher Du kannst auf der Reise weinen rief er Margarit zu welche die
Hände ringend ihre Lady und sich selbst umhüllte und beobachtete unterdes die
Züge Marias die zu stolz um ihr Gefühl zu verraten weder Wort noch Blick an
ihren Peiniger richtete sondern mit Ruhe und so weit körperliche Schwäche es
gestattete selbst ihre Kleidung befestigte und ihm nicht den Triumph gönnte
worauf er noch immer zu hoffen schien dass sie nämlich verzweifelnd ihn anflehen
würde
Doppelt erzürnt über diese Täuschung ließ er nach den nötigen Vorkehrungen
keine Zeit weiter vergehen sondern schritt nun voran die Frauen in Begleitung
der beiden Diener ihm nach durch den unbewohnten Teil des Schlosses endlich
eine schmale Wendeltreppe in der Mauer niedersteigend und dann eine Tür
aufstossend die unmittelbar ins Freie führte
Pater Johannes blieb hier einen Augenblick stehen und schien irgend etwas zu
erwarten Maria behielt Zeit um wahrzunehmen wie sie auf einem schmalen
gepflasterten Wege standen der sich hinabsenkte bis zu den Dünen welche mit
ihrem weißen Kalksande wie ein leuchtendes Band das schwarze Meer umsäumten
welches hochkochend zischend und im raschen Takte seine Wellen gegen die Küsten
peitschte
Nach einem Weilchen vernahm sie ein leises Pfeifen Pater Johannes
erwiderte es und Maria sah dass unterhalb des Steinweges auf dem sie standen
zwei Männer sich näherten denen Pater Johannes entgegen ging
Nach einer kurzen Unterredung mit dem einen derselben rief er den
Begleitern der Frauen zu sie hinab zu führen
Maria schritt abwärts ohne Hilfe anzunehmen während Margarit von Schmerz
überwältigt kaum mit der Hilfe beider Männer sich auf den Füßen zu erhalten
vermochte
Es sind Umstände eingetreten die mich verhindern Euch zu begleiten rief
Pater Johannes hier habt Ihr dagegen Euren Führer der mich ersetzen wird und
dem Ihr unbedingt gehorchen müsst Er wird Euch auf der Reise mit allem Nötigen
versorgen und nach Eurer Landung an den Ort bringen wo es fürs Erste rätlich
befunden worden ist Euch zu bewahren Nur strenger Gehorsam kann Eure Lage
erleichtern der geringste Widerstand würde sie verschlimmern und dennoch
nutzlos sein
Wenn etwas der Verzweiflung in Marias Busen ein Gegengewicht lieh so war
es der Unwille sich so beleidigend behandelt zu sehen Stolz wendete sie sich
von dem grollenden Pater der jedes seiner Worte mit Gift hätte tränken mögen
um seinen Unmut an ihr auszulassen
Eure Erinnerungen sind überflüssig rief sie kalt Alles was ich in diesem
Schloss und von Euch erfuhr war widerrechtlich und verbrecherisch Gegen
Misshandlungen der Art hat der Machtlose nur die Waffe der Verachtung Ich muss
mich in Euren bösen Willen fügen aber vor Gott und Menschen protestire ich
feierlich gegen die eben beabsichtigte Entführung aus meinem Vaterlande Die
Folgen welche zu lenken in einer höheren Macht steht als in der Eurigen
kommen über Euch denn so es Gott gefällt wird die Stunde nicht ausbleiben die
Euch zur Rechenschaft zieht und vielleicht ist sie Euch näher als Ihr denkt
Mit dem hohen Anstande eines gesicherten Selbstgefühls und als wäre sie die
Freie und Befehlende schritt sie jetzt vor so dass die Männer zurückwichen und
Pater Johannes den ihre Worte wie die Stimme einer Prophetin seltsam
erschütterten einen Augenblick wie gelähmt dastand Dann fuhr er wild ihr nach
und schien sie ergreifen zu wollen aber es lag in der hohen ruhig voran
gehenden Gestalt die furchtlose Würde der Unschuld die selbst den Pater
zurückhielt als wäre er durch eine fremde Atmosphäre von ihr getrennt
Sie schaute nicht mit einem Blicke zurück und verfolgte den Weg nach den
Dünen wo wie sie wusste das Schiff lag ohne Zögerung oder Schwäche zu
verraten
Pater Johannes winkte den Andern zu folgen er selbst starrte dem Zuge
sprachlos nach und ein kalter Schauer lief über ihn hin als sähe er einem
Leichenzuge nach dessen Gespenst ihn berührt habe Er versuchte zu rufen doch
die Laute erstarben ihm in der Beängstigung der keuchenden Brust Ein heimliches
Gericht ward über ihn gehalten der Augenblick der wie ein Blitzstrahl die
Seele des Sünders erreicht und im Nu Alles ausbrennt womit er sein Gewissen
verhüllt hatte er war eben jetzt gekommen und erhellte das schnöde Gewebe
welches er bis dahin bloß Klugheit genannt Die wenigen Worte womit die
gemisshandelte Unschuld sich vor ihm geltend gemacht hatte sie waren der
zündende Blitz geworden Es rief ihm zu dass er sie in ihr Verderben in ihren
Tod sende der nähme sie das wilde Meer nicht auf ihr sicherer noch an dem
Orte zu Teil werden würde wo er sie hinsendete seiner eigenen Rache genügend
und sie jedem andern Bekehrungsversuche entziehend der ihm misslungen keinem
Andern wenigstens Ruhm geben sollte
Aber die Gewohnheit zu sündigen lässt Gewissensqualen alt werden ehe sie
Handlungen umgestalten oft bleibt es dabei dass sie neben einander sich
wechselweis bekämpfen und wer Sieger ward bleibt uns dann unentüllt
Er versuchte seines Gewissens zu spotten er wollte zurückkehren nach dem
Schloss und sein Auge verfolgte doch noch den letzten schwarzen Schatten der
Geopferten bis er in dem Umwenden nach dem Ankerplatze verschwand Er atmete
auf und wendete sich so eben um den Steinweg zu ersteigen der nach dem
Schloss führte Lange blieb er hier wie angefesselt stehen als es ihm schien
er höre einen Schuss aus der Gegend die er eben mit seinen Blicken verlassen
Das Geräusch des Meeres machte jedoch Alles unsicher bis endlich ein zweiter
Knall ganz deutlich von einem Feuergewehre den Lauschenden überzeugte dass er
sich nicht getäuscht
Mutig und seiner atletischen Stärke vertrauend zögerte er keinen
Augenblick nach der Gegend hinzustürzen wo er jetzt einen Überfall fürchten
musste dessen Abweisung allein von ihm selbst das unvermeidliche Verderben
abwenden konnte
Doch kehren wir lieber zu Lady Maria zurück welche bei dem tiefen Gefühle
ihres harten unverschuldeten Geschicks jene Innerlichkeit zu finden wusste
welche das Vertrauen auf uns selbst als eine Stütze erkennen lässt die uns
erhalten wird und den Würdigen uns zugesellet von deren geistiger Gemeinschaft
kein Druck der äußeren Welt uns zu trennen vermag
Unter dem zerrissenen düstern Gewölke des weiten Nachtimmels der mit der
lauten Stimme des Sturmes mit dem Brausen des aufgewühlten Meeres ein zürnendes
Wechselgespräch zu führen schien schritt die verlassene Jungfrau dahin Ihre
Gedanken waren Gebete und ihr Haupt hing auf der Brust mit dem heiligen
Ausdrucke innern Friedens
Hoch hob der Wind den Schleier als wollten Himmel und Wellen das schöne
Antlitz betrachten welches zur Lilie erblasst in dem Glanze der Unschuld zu
leuchten schien
Ihre Begleiter folgten zwar aber sie näherten sich ihr nicht als ahneten
sie den erhabenen Zustand von Einsamkeit in den sie sich versenkt hatte als
trügen sie Scheu vor einem Wesen welches sie nicht verstehen konnten das aber
den Zauber einer hohen und vollendeten Individualität um sich verbreitete
So mit jedem Schritte sich äußerlich mehr dem trostlosen Ziele nähernd
stieg innerlich reiner und reiner geschieden von Furcht und Bangen ihre Seele
freier empor Das Ringen mit der Außenwelt hörte auf sie fühlte sich auf der
Welt allein aber im selben Augenblicke wendete ihr ganzes Innere sich
ungeteilt auf die ausreichende Fülle göttlicher Gemeinschaft die Blüten ihres
Geistes die welk hernieder hingen richteten sich auf und sie bedurfte nichts
mehr weder Glück noch Tod
So innerlich gesichert kehrte sie mit der stillen Teilnahme nach Außen
zurück die am ersten da eintrifft wo wir uns selbst nicht mehr darin suchen
Sie hörte bald hinter sich zwei bekannte Stimmen die zusammen klagten und
in diesem Zusammenklagen wohl den süßesten Trost für ihre Klagen fanden Auch
täuschte sie sich nicht es war Lancis und Margarits Stimme
Wie Lanci sagte sie sanft zurückblickend sollst Du mit uns entführt
werden Hat man die Gruft des Meeres für sicherer gehalten als die Haft des
Schlosses Armer Schelm Dich hat Dein treuer Eifer für mich ins Verderben
gestürzt und ich kann nichts tun als leiden wie Du und Deine Margarit und
damit ist Euch wenig gedient Brixton mein teurer Lehrer Du wirst in unserm
Verschwinden eine traurige Antwort empfangen
Ach teure Lady rief Lanci lieber sterbe ich mit Euch und Margarit als
getrennt von Euch zu leben und nichts zu Eurer Rettung tun zu können Die uns
verfolgen haben mir einen größeren Dienst geleistet als sie dachten und
wollten
Gott behüte fuhr Lady Maria fort dass Master Brixton sich zu Schritten
verführen lasse die seiner Sicherheit nachteilig würden Auch dies fügte sie
hinzu muss ich ergehen lassen wie Gott es verhängt es wird Alles ein Ziel
haben auch sein Schmerz seine Leiden um mich
Sie hatten jetzt den Punkt erreicht wo sich der Weg nach dem Ankerplatze
herum zog und da sie zugleich sich den Fischerhütten näherten die hier
zerstreut hinter dürftigem Gestrüppe versteckt lagen trat der von Pater
Johannes bezeichnete Führer welcher Lanci mitgebracht hatte hervor und
nötigte die Lady in eine der kleinen Hütten einzutreten aus deren niederen
Fenstern ein mattes Licht von dem nassen Torffeuer drang das vom Heerde aus den
winzigen Raum erhellte wohin sie jetzt dem Führer folgten
Bleibt hier einen Augenblick sprach er bis ich sehe ob Alles zur Abfahrt
bereit ist Ihr könnt ein wenig Wärme sammeln zur Reise es wird Not tun
Er zog sich zurück die beiden Bootsknechte an die Tür zur Wache stellend
Gedankenvoll setzte Maria sich auf einen kleinen Schemmel am Heerde der
Hütte nieder deren abwesende Bewohner ihre geringe Habe ohne Aufsicht
zurückgelassen hatten da sie auf die langsamen Fortschritte des Feuers an den
nassen Torfstücken sich verließen
Nicht lange saß sie so in sich gebückt da hörte sie Hufschlag von Pferden
gleich darauf aber einen heftigen Wortwechsel vor der Tür der Hütte welcher
eben so schnell damit endete dass der Eingang erzwungen ward und Lady Maria
einen Mann gewahrte der mit der größten Kraft die Bootsleute zurückstiess die
sich an ihn hängten um seinen Eintritt zu hindern
Bewegt sprang sie auf eine unbestimmte Ahnung erschütterte sie und im
selben Augenblicke stürzte sich Lanci aus dem Winkel der Hütte in die Gruppe der
Ringenden und unterrannte den einen der Schiffer mit solcher Wut dass er
strauchelte und von seinem Gegner abliess Mit der größten Gewandtheit verfolgte
dieser den nun wieder gleich gewordenen Kampf und schleuderte den andern
Schiffer fort während er sein Pistol zog welches zu gebrauchen ihm bisher
unmöglich gewesen war Indem er es auf den Schiffer der von Lanci nur
augenblicklich abgehalten sich nun zum neuen Anfall anschickte abdrückte
streckte er diesen an der Schulter verwundet zur Erde nieder
Rettet Euch Mylady rief er im selben Augenblick gegen Maria gewendet
die nunmehr Lord Richmond erkennend eine Schwäche und Betäubung fühlte die
sie willenlos und bebend ohne Bewegung auf ihrem Platze ließ
Habt Vertrauen mir zu folgen fuhr er dringend fort sanft ihr seine Hand
reichend es ist Brixton der mich sendet den Ihr finden werdet O um Gottes
willen vertraut mir Er sah sie schmerzlich bewegt und angstvoll an da hob sie
die Augen zu ihm auf versuchte aufzustehn und schwankte Doch er fasste sie auf
schnell gewann sie sich Kraft und reichte ihm die kalte zitternde Hand Indem
er sie gegen den Eingang hinzog stürzte sich der zweite Schiffer vor ihn hin
nach Hilfe rufend und vergeblich von Lanci daran verhindert
Zurück rief Richmond indem er ihm das zweite Pistol vorhielt oder teile
das Schicksal Deines Kameraden Doch hinderte ihn an schneller Ausführung dieser
Drohung die Sorgfalt für die zitternde Maria und das Hilfegeschrei durchdrang
die Luft im Augenblick als Richmond mit ihr ins Freie trat
Lanci rief Richmond entschlossen und zog Maria nach dem Walde zu Du
findest dort ein Pferd welches Lady Maria Dir erlauben wird mit ihr zu teilen
Du kennst den Dünenhort im Walde links von der Straße Vorläufig findest Du
dort Schutz während ich hier ihre Verfolgung hindern werde so lange wie
möglich Triffst Du meinen Diener auf dem Wege so lass ihn zu mir eilen Du aber
verfolge Deinen Weg dessen er unkundig ist
In diesem Augenblick stieß Maria einen Schmerzensschrei aus denn die Hand
die Richmond noch hielt ward durch einen heftigen Schlag aus der seinigen
geworfen und sie mit solcher Stärke umfasst und fortgetragen dass sie sich ohne
Widerstand darein fand Die Dunkelheit hatte nachgelassen und der Himmel
leuchtete mit großen weißen Windwolken so dass Maria die beim ersten
Hinaustreten aus der Hütte vom Feuer geblendet das Nahen ihres Feindes nicht
bemerkt hatte jetzt in ihm den Anführer erkannte dem Pater Johannes sie
übergeben hatte Aber ihr Auge durchdrang auch den nächsten Raum und sie sah
wie Richmond von zwei Männern gehalten ward gegen deren Stärke er vergeblich
ankämpfte
Jeder Augenblick entführte sie weiter von ihm nach dem Strande hin und der
Kummer den sie fühlte drohte sie zu töten
Jetzt verschwanden in der düstern Nacht zu immer undeutlichen Umrissen die
Gestalten der Kämpfenden und verzweifelnd rang sie mit ihrem Entführer Da
hörte sie einen Schuss und wenige Augenblicke darauf eine Stimme die sie
angstvoll beim Namen rief und sich ihr zu nähern schien Sie antwortete mit
einem lauten Hülferuf ward aber im selben Augenblick von ihrem Träger mit den
wütendsten Flüchen so unsanft in seinem Mantel fast erstickt dass ihr kaum
Atem zum Leben übrig blieb
dabei verdoppelte er seine Anstrengungen und sie hörte nun ganz nah das
Geräusch der Wellen und fühlte durch ihre Umhüllung den scharfen Seewind so dass
sie sich überzeugte jetzt hinter den Dünen dicht am Meere angekommen zu sein
Auch musste ihr Führer sich sicherer fühlen da er in seiner Eile nachließ ja
endlich sie niedersetzte und ihr zu gehen befahl
Lady Maria warf den erstickenden Mantel zurück als sie Boden unter ihren
Füßen fühlte und rasch nach allen Seiten blickend sah sie sich in einem
kleinen Versteck den eine Spalte in den Dünen bildete und vor sich das Meer
und das unruhig darauf tanzende Boot in kaum fünfzig Schritten Entfernung
Ich werde Euch nicht folgen rief sie entschlossen sich zu ihrem Führer
wendend sondern jeden Widerstand leisten und so nah der Hilfe die mir Gott
sendete nichts unversucht lassen Eurer Willkür zu entkommen Habt Ihr aber
Mitleiden mit dem Loose welches man mir zugedacht und wollt Ihr mir folgen und
mich zu meinen Beschützern zurückkehren lassen so sollt Ihr fordern dürfen und
kein Preis wird mir zu hoch scheinen
Was Ihr wert seid weiß ich schon lachte der Führer und habs in der
Tasche Dem Pater Johann zu dienen wird mir wohl besser bekommen als Euch zu
folgen wo ich nicht Haus noch Hof fände oder erst kriegen müsste was ich hier
schon habe Geht nur Geht An Euch ist nichts gelegen und was den Widerstand
betrifft den Ihr leisten wollt da seht Euch vor meine Vollmacht reicht weit
Er hielt ihr grinsend ein Pistol vor und fügte hinzu Seht so viel seid Ihr
wert wenn Ihr Lust kriegt zu schreien ich steche dann in die See und Euch
suchen die Raben dabei pfiff er leise nach dem Boote zu was sogleich
beantwortet ward
Nun rief Maria so sei mir Gott gnädig Ist der Tod mein Loos habe ich
mich um so weniger zu scheuen und ergeben will ich mich nicht und fürchte Euer
Pistol nicht Mit einer Schnelligkeit und Kraft die nur der Überreizung ihres
ganzen Wesens möglich werden konnte hatte sie sich ihrem Wächter entrissen und
von der großen körperlichen Gewandtheit unterstützt die ihre Erziehung ihr
gegeben hatte erkletterte sie den steilen Abhang der Dünen und hatte im
Angesichte des überraschten Führers die Höhe fast erreicht als das Pistol
knallte und sie getroffen in den Sand sank
Doch dieser Schuss gab ihrem Retter die Richtung wieder die er bei dem
Dunkel der Nacht verloren hatte Lord Richmond und Lanci welcher unablässig
seine Kraft zur Verstärkung des Ersteren anstrengte erreichten die Höhe der
Dünen und stürzten sich den steilen Abhang hinab in dessen Grunde sie das Boot
erblickten und am Rande des Meeres die dunkle Gestalt des Verfolgten welcher
Lady Maria auf seinen Armen tragend in wilder Eile das Boot zu erreichen
strebte
Wütend stürzte sich Richmond ihm entgegen Ihn ergreifend schlug er ihm
das nicht mehr geladene Pistol das er noch in der Hand hielt ins Gesicht und
riss ihm Lady Maria aus seinen Armen Dem Schmerze der schweren Last und der
vorangegangenen Anstrengung weichend überließ er dem Lord fast ohne Gegenwehr
die jetzt wertlos gewordene Beute und trachtete nur das Boot zu erreichen ehe
die Entdeckung des Vorgefallenen ihn der Rache preisgäbe
Erschrocken über den leblosen Zustand der Lady die keine Frage
beantwortete kein Zeichen der Selbsthilfe machte wandte Lord Richmond auf den
Entfliehenden keine Aufmerksamkeit und eilte den Weg zurückzunehmen den er
gekommen als sich abermals die Szene änderte und ein neuer Gegenstand sich ihm
entgegen setzte
Pater Johann hatte den Schauplatz erreicht und von demselben Schuss der
Richmond leitete hierher gezogen erkannte und überschaute sein Falkenauge
augenblicklich die Lage der Dinge Während er brüllend den fliehenden Schiffer
zurück rief lief er gegen den Lord an und Beide erkannten sich nun sogleich
als die Tischgefährten des verflossenen Tages Halt mein Herr rief der Pater
den Arm des Lords ergreifend unsere Freundschaft von gestern Mittag ist wohl
nicht ausreichend Euch eine Einmischung in meine Angelegenheiten zu gestatten
darum geht wohin Ihr wollt und bald rate ich Euch Diese Dame aber bleibt
bei mir sie ist mir anvertraut
Da sei Gott vor rief Richmond ehrloser Pfaffe dass sie Dir überlassen
bliebe Der letzte Blutstropfen in mir wird sie noch gegen Dich verteidigen
Und ohne ihn weiter zu beachten eilte er so schnell es ihm der immer schwerer
werdende Körper der Lady erlaubte der eben verlassenen Gegend zu da die bangen
Ahnungen die in ihm über den Zustand seines Schützlings aufstiegen vor allen
Dingen es ihm wichtig machten Menschen und Hilfe für sie zu erreichen
Doch war Pater Johann kein so schnell zu besiegender Feind und Richmond war
kaum einige Schritte vorgedrungen als Lanci aufseufzte denn er hörte das
kleine Hörnchen blasen welches der Pater stets auf seiner Brust trug und
welches den ihm untergebenen Hüttenbewohnern ein unüberhörbares Zeichen war
sich seinem Schalle nach zu sammeln
Der Sturm hatte die Mehrzahl zu Hause gehalten oder in der Nähe der Hütten
beschäftigt doch aufmerksam gemacht durch die gefallenen Schüsse und das
wiederholte Hülferufen hatten sie sich schon in der Stille gesammelt ihre
Neugierde zu befriedigen Der Ton des wohlbekannten Horns überzeugte sie nun
dass ihr mächtiger Zwingherr in dessen Hände ihr bescheidenes Loos gelegt war
ihrer Hilfe bedürfe und in größter Schnelligkeit drangen von allen Seiten jetzt
schwarze Schatten heran die sich durch Anrufen kund gaben während Andere von
Weibern und Kindern geschäftig begleitet nach den Hütten liefen um Kienfackeln
anzuzünden welche dort für den Gebrauch der Fischer bereit lagen
Richmond übersah die Gefahr seiner Lage sehr wohl und die Ahnung ihr
unterliegen zu müssen wenn ihm keine wirksamere Hilfe würde als Lancis
schwacher Arm mischte in das Gefühl des Mutes und der Entschlossenheit das
ihn beseelte jenen bitteren Tropfen der Verzweiflung der die Kräfte steigert
aber die Besonnenheit unterjocht
Er fasste krampfhaft den bewegungslos bleibenden Körper der Lady in seinen
linken Arm und seinen Degen in der Rechten schickte er sich an die Gruppe der
Männer zu durchbrechen
Doch es war ein Leichtes ihn der nur einen Arm zur Verteidigung behielt
durch zehn starke Arme die auf Pater Johannes Befehl auf ihn eindrangen zu
entwaffnen und er fühlte sich übermannt und seines Schwertes beraubt binnen
weniger Augenblicke
Hoch auf schäumte sein Blut bei dem Gedanken dieser Gewalttat und das
Schicksal welches nun Lady Maria bevorstand steigerte seine Kräfte bis zum
Übermenschlichen Er riss sich noch ein Mal los und schlang beide Arme so fest
um den leblosen Körper den er trug dass er den Bemühungen trotzte sie zu
trennen
Da durchdrang plötzlich eine helle Stimme das dumpfe Gemurmel der Wut und
Lanci erkannte Margarit welche laut rufend herbei lief und unablässig ein Wort
außstieß das plötzlich die geschäftigen Hände von Richmond abzog und den
ungleichen Kampf unterbrach
Die Miliz Die Miliz aus Dunferling Rette sich wer kann schrie das brave
Mädchen atemlos neben Richmond niederstürzend der bei der augenblicklichen
Stille sogleich das Pferdegetrappel erkannte welches ihm Rettung verhieß
Ha rief Pater Johann wie ein gereizter Tiger vorspringend wer tat mir
das Woher kommt diese Gaunerbande und so schnell herbei Die Fackeln die zu
andern Zwecken herbeigeschaft jetzt aus den Hütten ihr blutrotes Licht
näherten beleuchteten die wilden Züge des Verrat ahnenden Priesters dessen
racheglühender Blick wie ein Pfeil hervorschoss
Sorgfältig sich noch immer schützend aber freier in der Hoffnung der
Rettung streckte Richmond den Nahenden den verhüllten Arm entgegen
Wahret Euch rief er so laut er vermochte Euer Stunde hat geschlagen der
Tod der Herzogin von Sommerset ist bekannt die Milizen nahen Euch und das
Schloss im Namen des Königs in Beschlag zu nehmen
Alle wichen entsetzt bei dieser lauten Rede zurück
Pater Johannes warf einen Blick umher in welchem er mit Wut und Entsetzen
zu fragen schien ob der Augenblick gekommen der seiner hier so lang geübten
Macht Grenzen setzte Er fand auf allen den rauen Gesichtern die von den
Fackeln erhellt ihn anglotzten nur den Ausdruck der scheuen Furcht welche die
achtbare und strenge Miliz von Dunferling sich erworben hatte verbunden mit der
dumpfen Vorstellung von der unbestreitbaren Macht des königlichen Namens
Pater Johann hatte mit einem Blick die Wahrheit erkannt er durfte auf ihren
Beistand nicht mehr rechnen aber sein zweiter Gedanke welch eine Hölle ward
er ihm jetzt Die Rückkehr zum Schloss gewährte ihm keine Sicherheit mehr das
Boot die brüllende See auf deren unsichere Wellen er vor wenigen Augenblicken
das unschuldige Opfer seiner beleidigten Eitelkeit schonungslos hinaus zu stoßen
dachte blieb jetzt seine zweifelhafte Zuflucht wenn er es erreichen könnte
ehe die dem Fackelschein zueilenden Milizen ihn daran verhinderten Aber mit der
Überzeugung dass sein Schicksal nun entschieden sei schoss die wilde Glut der
Wut und Rache so gewaltsam in ihm auf dass er anstatt zu fliehen wie ein
Wütender sich auf Richmond stürzte
Muss ich weichen brüllte er mit grässlichem Geheul so soll es Euch
wenigstens nichts helfen Du widerspenstiges Weib sollst untergehn Mit diesen
Worten zog er einen langen blitzenden Dolch aus seinem Busen um ihn der von
ihrem Schleier überdeckten Maria in die Brust zu stoßen Doch Richmond stets
ihn beobachtend ließ sie aus seinem Arm zur Erde sinken und unterlief den
Pater waffenlos nur von seinem Mantel geschützt
Die Miliz die Miliz riefen jetzt mehrere Stimmen
Die Gefahr war nahe keine Zeit zu verlieren Wütend stieß der Pater die
Menge zurück und floh dem Strande zu in der Dunkelheit bald dem Auge
entschwindend
Richmond dachte nicht daran ihn zu verfolgen Rasch kehrte er zu dem Kreise
zurück der von den Fackeln erhellt ihm die Lady am Boden liegend zeigte
Margarit und Lanci neben ihr knieend
Ein lauter Schrei Margarits die so eben den Schleier gelüftet richtete
Aller Blicke dahin
Sie ist tot schrie diese krampfhaft auf sie schwimmt im Blute er hat sie
doch getroffen
Unmöglich rief Richmond näher fliegend Aber wie hätte der noch zweifeln
dürfen welcher die schöne Leiche sah überschüttet von ihrem Blute mit dem
blauen Schein des Todes auf Mund und Wangen
Richmond stand starr und betäubt sein männliches Herz kämpfte gegen ein
bisher ungekanntes Gefühl das ihn zu ersticken drohte Er hörte nicht was um
ihn geschah alle Kräfte seiner Seele schienen in dem einen Bewusstsein
untergegangen dass sie tot sei Erst als einige Personen sich anschickten die
Tote zu berühren erwachte er aus seiner Betäubung
Rührt sie nicht an schrie er heftig auf den Personen sich zur Abwehr
entgegen stürzend die bisher von ihm unbemerkt sich genähert hatten Keiner
darf sie berühren Keiner
Er blieb wieder stehen und betrachtete sie und der Ausdruck seiner Züge
veränderte sich von Minute zu Minute als ob Jahre an ihm vorüberzögen die
Blüten der Jugend von seinen Wangen raubend
Da erhob sich seufzend eine knieende männliche Gestalt an ihrem Haupte und
sich zu Richmond wendend sagte Brixton tief bewegt
Ich halte sie nicht für tot aber ihren Tod für gewiss wenn sie hier ohne
Hilfe bleiben muss
Ich bitte Euch Sir sprach der Anführer der Milizen Oberst Crawford
erlaubt dass wir die Verwundete nach dem Schloss bringen was bereits von
meinen Leuten besetzt ist und ganz zu Ihrer Verfügung steht wir werden dort der
Kranken allen Beistand leisten können und gewiss in den Hütten hier Matten
finden von denen eine Bahre zu machen wäre
Ich danke Euch Herr Oberst erwiderte Brixton Ihr gewährt mir mit dieser
Nachricht großen Trost ich wusste nicht dass Ihr so schnell Euer Recht
wahrgenommen hattet
Meinen Leuten Eingang zu verschaffen sprach der Oberst hat leider meine
Ankunft hier verspätet und wie ich fürchte mehr Unheil zugelassen als mit der
Besitznahme des Schlosses gut gemacht werden kann doch lasset uns keine
Sorgfalt sparen
Er gab sogleich seinen Leuten die nötigen Befehle zur Besorgung einer Bahre
und eilte selbst durch seine Gegenwart die Eile zu beflügeln
Richmond hatte sich indessen erholt die Möglichkeit ihr Leben noch zu
erhalten hatte ihn zu sich selbst gebracht Sein Gefühl schnell mit der alten
Kraft beherrschend gewann er nun Tätigkeit und Aufmerksamkeit für das was
Not tat
Er unterstützte Brixton in seiner Bemühung die Lady in eine sitzende
Stellung zu bringen und eilte alsdann die Anordnungen des Obersten zu
unterstützen durch welche auch bald eine vortreffliche Bahre von weichen
Matten an Stangen gebunden herbei geschafft ward worauf man mit Brixtons und
Margarits Hilfe den leblosen Körper legte der nun durch vier Milizen
getragen langsamen Schrittes nach dem Schloss gebracht ward
Welch eine Veränderung war im Verlauf weniger Stunden hier eingetreten
Die Tore die sonst streng verschlossen Keinem den Eingang verstatteten
der nicht vorher schon erwartet ward oder eine Beglaubigung brachte wie sie der
Lady Howard oder dem Pater Johann genügte standen weit geöffnet im
TorwartHäuschen saß der alte Hüter neben einem MilizSoldaten und blickte auf
die geöffneten Tore als necke ihn ein Traum mit versäumter Dienstpflicht
Der Zug ging ohne ihm Rede stehen zu müssen an ihm vorüber die Brücke
entlang über den weiten Hof und verschwand endlich in der Halle des Schlosses
Hier stand der neue Kastellan in unfreiwilliger Erwartung der Befehle die
eine fremde sonst so verachtete Autorität ihm geben würde und wagte nicht die
bunte Menge zurück zu weisen die sich dem Zuge nachdrängte in doppelter
Neugierde das unzugängliche Schloss das wie ein bezauberter Schatz zu den
unerhörtesten Historien Anlass gegeben in Augenschein zu nehmen und zu erfahren
ob der gefürchtete Pater Johann das schöne Mädchen wirklich erstochen habe
Längst hatte Richmond hierüber Brixton seine Meinung mitgeteilt Beide
hielten diese Verwundung für unmöglich
Richmond kam der Wahrheit näher indem er den Schiffer dem er sie am
Strande abgenommen für ihren Mörder hielt auch hatte Oberst Crawford bereits
Befehl gegeben die Flüchtigen zu verfolgen und das Abgehen des Bootes zu
verhindern was durch den mit neuer Wut sich erhebenden Sturm wahrscheinlich
auch außerdem unmöglich geworden war
Als sie in der Halle angekommen waren entstand die Frage wohin man das
Fräulein bringen sollte Margarit trat sogleich dazwischen und empfahl die
Zimmer des Erdgeschosses die uns bereits bekannt sind und von Maria auf
Veranlassung des wohlmeinenden Pater Klemens bei ihrer Ankunft bewohnt worden
waren
Der Kastellan eilte daher von mehreren Dienern die Lichter trugen
begleitet voran und bald zog der blutige entstellte Körper derjenigen in
diese Räume ein welche sie einst glänzend und in aller Fülle jugendlicher
Schönheit und Gesundheit betreten hatte
Eine zweite schwierige Frage war die nach ärztlicher Hilfe denn der Arzt
nach welchem Richmond mit Erlaubnis des Obersten einen reitenden Boten gesendet
war nicht vor Tage zu erwarten und bei dem starken Blutverluste schnelle Hilfe
dringend nötig
Margarit welche in ununterbrochener Aufmerksamkeit ihrer geliebten Lady
zur Seite blieb wusste auch hier Auskunft zu geben
Sie bat Lord Richmond die Schwester Electa von dem Kastellan herbei führen
und ihr wissen zu lassen dass eine tötlich Verwundete ihrer Hilfe bedürfe Sie
versicherte zugleich dass diese fromme Schwester stets in Abwesenheit des Pater
Johann die Kranken des Schlosses besorgt und große Kenntnisse von schweren
Verwundungen und deren Behandlung habe
Diese Nachricht die viel Glaubhaftes hatte da sie mit dem wohlbekannten
Gebrauch in Häusern der Art übereinstimmte wie man hier vorgefunden zu haben
nicht mehr bezweifeln konnte erregte eine neue Hoffnung für die bekümmerten
Freunde der Lady und als sich nach einiger Zeit die Tür öffnete und Electa
von zwei Frauen begleitet welche verschiedene Spezereien trugen eintrat eilte
ihr Richmond mit einer Lebhaftigkeit entgegen vor der das schüchterne Wesen
fast entsetzt zurückbebte
O fürchtet keine Beleidigung fromme Frau fügte er schnell hinzu mit dem
herzgewinnenden Tone der ihm so eigen war Ihr findet hier höchst bekümmerte
Freunde die von Eurer Hilfe Trost und Hoffnung erwarten wenn nicht den
Ausspruch dass Alles verloren sei
Schwester Electa antwortete nicht angstvoll strebte sie nur sich den
Blicken so vieler Männer zu entziehen und wagte nicht den Fuß vorwärts zu
setzen nicht sich zu bewegen noch zu fragen wer ihrer Hilfe bedurfte
Da schlüpfte Margarit um Richmond herum und rief an Electas Kleid
zupfend
O eilt eilt Schwester Electa Eure Hilfe ist nötig es ist Lady Maria
die Pater Johannes erstochen hat
Mit einem matten Tone des Entsetzens fuhr die bebende Gestalt empor aber
damit schien auch alle Scheu von ihr genommen Sie schaute angstvoll auf und
glitt nun rasch hinter Margarit her nach der Bahre hin die noch in der Mitte
des Zimmers stand
Einen Augenblick kniete sie nieder und starrte mit dem tiefsten Schmerze in
die Züge der Lady während sie krampfhaft ihre Hände rang dann stand sie auf
und indem sie gesenkten Blickes vor Lord Richmond trat sprach sie leise
Ich muss allein sein Entfernt Eure Gefährten Augenblicklich befolgte
Richmond ihr Begehr und bald sah sich Electa bloß von Frauen umgeben mit der
Hülfsbedürftigen allein
Ihre ganze besonnene Tätigkeit trat sogleich auf das Vorteilhafteste
hervor Während sie eine der Frauen entsendete ein Kräuterbad zu besorgen
musste die andere gegen den Kamin dessen helles Feuer alsbald entzündet war das
feine Leinen zum Umkleiden die Kompressen und Binden des chirurgischen Apparats
ausbreiten und mit feinen Essenzen durchräuchern während sie selbst mit
Margarits Hilfe die in Blut getränkten Kleider der Verwundeten ablöste um erst
zu entdecken wo die Ursache dieses Zustandes zu finden sei
Brust und Schultern zeigten sich gesund und bald entdeckte sich über der
linken Hüfte die von der Kugel zerrissene Stelle die eine Ader oder sonst ein
bedeutendes Blutgefäss gefasst und den heftigen Blutverlust veranlasst haben
musste dessen Folgen noch nicht zu bestimmen waren
Unablässig weinend rief Margarit bei jeder Bewegung Electas
Sagt ist sie tot wird sie sterben Lebt sie nicht wieder auf
Electa war vertieft in ihre Untersuchungen und da sie die Kugel am
Hüftknochen sitzend fand eilte sie zu ihrer Instrumententasche und schickte
sich an mit sicherer Hand den tieferen Einschnitt zu machen nach welchem die
Kugel augenblicklich zur Erde rollte
Ein Schrei der Freude drang aus Margarits Munde während sie ihre Fragen
nach Leben oder Tod mit verdoppelter Ungeduld wiederholte
An dieser Wunde stirbt sie nicht sprach Electa jetzt zum ersten Male die
Lippen öffnend aber was der Blutverlust bereits getan ist nicht zu bestimmen
Sie legte jetzt einen vorläufigen Verband um die Wunde und brachte den starren
Körper in das duftende stärkende Bad dessen gelinde Wärme die Kälte und
Starrheit des Todes zu lösen schien Auf das Sorgsamste legte alsdann Electa den
zweiten Verband an und ließ sie in die mitgebrachte erwärmte und von geistigen
Wässern belebte Wäsche hüllen und nach ihrem Schlafzimmer tragen dessen Luft
wie das Lager selbst Leben kräftigende Düfte und sanfte Wärme zu atmen schien
Noch hatte kein Zeichen des Lebens diese verständigen und sorgfältigen
Bemühungen gelohnt und jetzt erst begannen Electas Versuche ihren
geschlossenen Lippen einige Tropfen zur innern Belebung einzuflößen Schläfe
Pulse und Wangen wurden dabei sanft mit geistigen Wassern gerieben und der
Mund welcher jetzt geöffnet größere Portionen einflößen ließ gab nicht mehr
willenlos zurück was er empfangen
Electa konnte nicht umhin durch ein Zeichen diese Veränderung kund zu tun
bald zeigte sich auch ein leises Röcheln ein Kampf des schwachen Atems mit der
äußern Luft ein Höhersteigen der Brust ein leises Zucken ein Seufzer eine
matte Bewegung endlich ein plötzliches Aufschlagen der großen Augen
Electas strafender Blick hielt Margarits Freudengeschrei zurück denn
Besinnung war der Erschöpften noch nicht wiedergekehrt und leise fuhr Electa
fort den jetzt wieder bewegbaren Lippen ihre stärkenden Tropfen einzuflößen
Margarits volles Herz trieb sie aber leichten Schrittes aus dem Zimmer und
nun stürzte sie von Freude gejagt durch die Nebengemächer die Frauen fast
überrennend die das Vorzimmer aufräumten und so laut Lord Richmond rufend
dass als sie die Halle erreicht er ihr schon entgegenstürzte in namenlosem
Gefühle der Angst
Sie lebt rief sie ihm in die Arme fliegend eben hat sie die Augen
geöffnet
Tief erschüttert drückte er das treue Mädchen die so bald mit weiblicher
Feinheit ihn erraten hatte so unschuldig ihm ihre Entdeckung verriet an
seine Brust und setzte sie dann sanft zur Erde zu Brixton eilend der in banger
Qual zum Tode erschöpft ihm entgegen harrte
Eine dankbare Rührung verbreitete sich bei der glücklichen Botschaft auf
allen Gesichtern und Margarit weinte in Lancis Armen von seinen eigenen
Tränen begleitet die Bewegung aus die seit den letzten Stunden das arme
Mädchen erschüttert hatte
Da trotz der Erschöpfung die Brixton fühlte eine eigentliche Ruhe für den
Rest der Nacht ihm undenkbar schien entschied man sich nach dem Vorzimmer
zurück zu kehren das an das Zimmer Marias stieß Bald waren hier einige
Matratzen gegen die angenehme Glut des Kamins gelegt und Brixton willigte ein
so ruhend sich einige Erholung zu gönnen während Richmond und Oberst Crawford
in Sesseln sitzend durch Unterhaltung die Stunden bis zum Morgen zubringen
wollten und Margarit teils die Botin für die Nachrichten aus dem
Krankenzimmer machte teils mit Lanci in einem Eckchen die reichen
Begebenheiten ihrer letzten Vergangenheit durchsprach
Schon seit langer Zeit Mylord erwiderte Oberst Crawford eine Frage
Richmonds war unsere Aufmerksamkeit auf den geheimnisvollen Inhalt dieses
Schlosses gerichtet Es stand meinen Vorgängern ein Recht zu hier in beliebiger
Frist einzukehren und sich der wirklichen Gegenwart dieser Verwiesenen zu
versichern Eine lange Reihe von Jahren hatte indessen sowohl ihre Verbrechen
als ihre Personen zu der Gleichgültigkeit herabgesetzt die ihnen eine Art von
Freiheit zurück gab An ihre Entweichung war um so weniger zu denken da ihnen
in ihrem Eigentume Reichtum genug geblieben war um ein bequemes Leben zu
führen und die Kränklichkeit Beider die allgemein bekannte Geisteszerrüttung
des Lords einen solchen Schritt nicht wahrscheinlich machte
So hatte man nach gerade Besuche unterlassen die immer etwas Gehässiges
behielten ungern empfangen mit widrigen Eindrücken für den Besucher endigten
und in allen Beziehungen zwecklos waren Dagegen blieb unsere Aufmerksamkeit
stets rege in Bezug auf diesen Teil des Küstenstrichs weil hier der
Schleichhandel mit einer Unverschämtheit getrieben ward die sehr nah an
seeräuberische Überfälle streifte und doch von einem Rückhalte gedeckt war der
unsere Aufmerksamkeit endlich auf das Schloss richtete und den Lord Devenant der
vor mir hier befehligte zu dem Entschluss brachte das fast verjährte Recht
wieder in Anwendung zu bringen und seinen Besuch im Schloss mit einer
Untersuchung der Seite die nach der See zu geht zu verbinden Ich übergehe die
zahllosen Schwierigkeiten die ihm entgegengesetzt wurden und die wenn sie
auch seinen Verdacht vermehrten ihn dennoch zu keiner Entdeckung kommen ließ
Er berichtete darüber nach London ehe jedoch die Antwort für ihn eintraf
wurde ihm eine indessen ausgewirkte Erlaubnis des Königs präsentirt welche jede
Beunruhigung des Schlosses bei Lebzeiten der Herzogin von Sommerset verbot die
man offenbar als tötlich leidend dargestellt hatte
Indessen hatte der Bericht des Lord Devenant doch zur Folge gehabt dass mir
nach seiner Abberufung der Befehl ward das Schloss aus der Ferne streng zu
beobachten besonders die Verbindung die es mit der Umgegend unterhielte und
genau den Augenblick wahrzunehmen wo die Lady mit Tode abgehen würde wonach
der König dem die Besitzungen als Lehnsherrn zufallen berechtigt wäre
sogleich davon Besitz zu nehmen und dies unter Vorzeigung der mir dazu
behändigten Vollmacht augenblicklich ins Werk zu setzen um wo möglich zu
entdecken ob der Argwohn den die Bestimmung des Schlosses erregt wirklich
begründet sei
Wir dürfen nicht leugnen Sir sprach Richmond dass wenn wir auch nicht
alles Unglück haben verhüten können wir doch einer glücklichen Kombination von
Zufälligkeiten unsere gemeinschaftliche Wirksamkeit verdanken
Es ist mir nicht vergönnt die Verhältnisse der Dame zu deren Rettung ich
dem ehrwürdigen Herrn hier meine Hilfe lieh ganz klar zu übersehn und der
Grund warum man sie hierher führte bleibt mir deshalb gleichfalls dunkel
Jedenfalls jedoch haben wir ihre Entführung verhindert welche zur Nachtzeit
und bei so heftigem Sturme unternommen entweder das Interesse zeigt das man an
ihren Besitz knüpfte oder bei der Gefahr der man sie rücksichtslos aussetzt
auch die empörende Absicht verraten kann sie lieber aufzuopfern als in ihre
früheren Verhältnisse zurückkehren zu sehen
Und glaubt Ihr Mylord fragte der Oberst dass man die Nähe ihrer Freunde
ahnte dass Eure Absicht sie hier aufzusuchen erraten war
Ich darf daran nicht zweifeln erwiderte Richmond langsamer als ich
gewünscht ist unsere Reise von London hierher vor sich gegangen sie mehr zu
beeilen wäre mit Gefahr für das Alter und die Gesundheit des ehrwürdigen Herrn
verbunden gewesen dem ich wiederum eben so wenig voraneilen durfte da ich
seiner vollständigen Kenntnis des Schicksals der Lady in jedem Augenblick
bedürfen konnte und auch zweifeln musste ob die junge oft schon bitter
getäuschte Dame mir ohne den Schutz ihres anerkannten Freundes folgen würde
Meinen Entschluss über Dunferling zu gehen wo wie ich aus Lancis
Erzählung wusste die einzige bewaffnete Macht vorhanden war die wir zu Hilfe
rufen konnten wenn der Weg heimlicher Unterhandlung die uns von einem
wohlmeinenden Unbekannten empfohlen ward nicht zum Zwecke führen sollte muss
ich jetzt als ein großes Glück ansehen obwohl er durch die notwendige
Verzögerung die er mit sich führte unser Zusammentreffen mit dem Pater
Johannes herbei führte welchem unsere Absicht zu verbergen ich gleich für eine
Unmöglichkeit hielt und daher den Entschluss fasste durch eine schnelle
Ausführung wo möglich seinen Einwirkungen zuvor zu kommen und die Hilfe eines
Ehrenmannes in Anspruch zu nehmen welches Vorhaben dann durch die Ehre meiner
Bekanntschaft mit Euch so sehr begünstigt ward
Der Oberst verneigte sich Richmond fuhr fort
Lanci vorläufig bloß durch meinen persönlichen Beistand zu unterstützen
trieb mich die Ahnung einer nahen Gefahr Wenige Stunden nach Ankunft des Pater
Johann und nachdem ich ihn über mein Verbleiben getäuscht hatte eilte ich ohne
alle Begleitung fort dem Master Brixton die Bitte zurücklassend ferneren
Bescheid abzuwarten und hoffend durch die Gegenwart desselben und meiner Leute
den Pater Johann über meine Entfernung zu täuschen Auch war damals meine
Absicht den Anspruch an Eure Hilfe nur für Deckung unserer Flucht geltend zu
machen welche ich ungewiss über die Mittel die dem Pater Johann zu Gebote
standen um des Fräuleins willen keiner Gefahr aussetzen durfte Da der Weg
jedem Kinde bekannt ist und bei Erreichung der ersten Anhöhe nach Lancis
Beschreibung leicht zu finden war und endlich auch zu Anfang des Waldes ein
glückliches Zusammentreffen mit einem Jägerburschen mich begünstigte so
erreichte ich die Wohnung des alten Wildmeisters wohin mich Lanci verwiesen
von wo aus er selbst alles Weitere zu unternehmen dachte und wo sich die
bequemsten Verstecke vorfanden Überdies war es mir klar geworden welch
unbedingtes Vertrauen in den Alten gesetzt werden konnte
Da ich erst am Abend meine Wanderung angetreten hatte so war es bereits
Nacht als wir die Wohnung des Wildmeisters erreichten und als mich Lanci
empfangen und mit dem Alten bekannt gemacht hatte hörte ich den wenige Tage
vorher erfolgten Tod des alten Kastellans an den wir von unserem unbekannten
Freunde hauptsächlich empfohlen waren und durch dessen Mitwirkung mir die Sache
allein ausführbar schien
Von diesem Augenblick an gab ich die Hoffnung einer heimlichen Entführung
auf und war entschlossen mich am andern Tage in Begleitung Brixtons den ich
erwarten durfte und dessen Gegenwart jeden Argwohn fern halten musste nach dem
Schloss zu begeben Einlass zu begehren und das widerrechtlich gefangen
gehaltene Fräulein zurück zu fordern
Als ich jedoch meine Absicht mitteilte musste ich entschiedenen Widerspruch
erleiden Lanci warf sich mir fast zu Füßen und berief sich auf seine
bestimmten dem zuwiderlaufenden Befehle mit einer seltsamen Mischung
kindischer Furcht vor dem Zorn desjenigen der ihn ausgesendet und einer großen
Festigkeit die sein Alter zu überschreiten schien in Verschweigung des Namens
den ich ihm nochmals abforderte
Der alte Wildmeister dessen schweigsame Würde mich sehr anzog schlug sich
endlich von mir zur Erklärung aufgefordert auf Lancis Seite er sagte mit
dem Finger auf den Brief zeigend den Lanci an den alten Kastellan überbringen
sollte
Lanci nennt zwar auch mir nicht den Namen dessen der ihn gesendet aber ich
kenne die Handschrift und der dies schrieb wusste Zeitlebens mehr als andere
Menschenkinder und man hat gut getan sich genau nach seinen Vorschriften zu
richten
So willigte ich endlich ein den Besuch des Wildmeisters auf dem Schloss
wobei er Lanci mitzunehmen versprach abzuwarten da dem Fräulein eine Andeutung
der Versuche die zu ihrer Rettung gemacht wurden zu wünschen war auch mit
Margarits Hilfe sich vielleicht ein Mittel erdenken ließ die Flucht heimlich
einzuleiten wogegen ich nichts einzuwenden hatte da Master Brixton dies stets
vorzuziehen schien
Wir alle kürzten die Zeit der Nachtruhe ab und der Wildmeister entfernte
sich beladen mit dem Wildvorrat für das Schloss worunter er Lanci als Träger
zu verbergen hoffte
Der tötlichen Spannung worein Untätigkeit vor einer wichtigen Katastrophe
den Geist versetzt zu entgehn verließ ich die Wohnung bald nach meinem Wirte
und suchte das Schloss auf das so wunderbar verborgen und gleichwohl eine so
kühne und sichere Position gefasst hält Vergeblich suchte ich von Außen eine
Möglichkeit zu erspähen die unserm Unternehmen günstig werden könnte
Der Sturm hatte vom Morgen an mit wütender Heftigkeit getobt die kleinen
elenden Hütten welche zerstreut hinter den Dünen am Strande lagen gewährten
ein trostloses Bild von Armut und Elend und während ich an ihnen hinstrich
sah ich wie die Fischer aus der See zurückkehrten und als ich mich unter sie
mischte hörte ich dass der Sturm zu heftig sei um sich hinaus zu wagen
Um so mehr fiel es mir auf dass nach Verlauf von etwa einer Stunde einer der
Schiffer ein Boot losmachte und trotz des zunehmenden Sturmes in See ging Ich
redete den Trupp der zurückbleibenden Schiffer an die ihn mit Teilnahme auf
der See verfolgten und seine Gefahr oder seine Geschicklichkeit mit einzelnen
Ausrufungen begleiteten und fragte sie nach der Ursache dieses Wagnisses
Meine ganze Gegenwart schien unangenehm oder verdächtig Sie wichen meinen
Fragen aus und nur als ich endlich das Unternehmen als töricht tadelte fuhr
mich ein alter Fischer ziemlich unsanft an indem er ausrief
Er muss wohl fort der arme Junge es ist Befehl gekommen den Küstenschiffer
mit seinem Fahrzeug zu holen
Vom Schloss fragte ich plötzlich von der Wahrheit ergriffen also ist
Pater Johannes schon zurück
Ja sagte ein Anderer gewiss denn wer sollte sonst ein solch Wagstück
befehlen wem sonst würde der Küstenschiffer gehorchen
Ich war von dem Augenblick an überzeugt dass man die Lady zur See entführen
wollte und eben diese Überzeugung dass unsere Hilfe wenn nicht gleich dann
vergebens kommen würde trieb mich vom Ufer zurück nach der Wohnung des
Wildmeisters den ich nun in der größten Unruhe erwartete
Mutlos sah ich ihn endlich nahen Nach dem was er auf dem Schloss erlebt
und erfahren hielt er Alles für verloren da Lanci entdeckt und gefangen war
die Lady am Morgen im Wahnsinne ihren Wächtern entsprungen und eben die Treppe
auf der sie ihren Gemahl vor Jahren tot gefunden und auf der sie ihn beständig
in ihrem Wahnsinn suchte hinabgestürzt war und mit gebrochenem Genick ihren Tod
gefunden hatte wodurch seines Erachtens die ganze Herrschaft an Pater Johann
überging und keine Gnade mehr zu hoffen schien
Von Euch Herr Oberst unterrichtet über Eure Vollmachten in Bezug auf
diesen Tod brauche ich Euch nicht zu sagen dass dies mir jetzt gerade die
größte Hoffnung für uns alle gab Doch überzeugt wie sehr im Interesse des
Pater Johann es sein würde die Nachricht zu verheimlichen beschwor ich den
alten Wildmeister sich nach Dunferling zu begeben Euch die wichtige Nachricht
von diesem Tode mitzuteilen und Euch um schnelle Hilfe zu bitten
Ich selbst aber kehrte nach der Küste zurück Alles anzuwenden entschlossen
um eine Entführung der Lady wenn man sie noch beabsichtigen sollte zu
verhindern Hierzu blieb mir allerdings kein anderes Mittel als meine Pistolen
und mein Degen denn da ich Eure Ankunft für wichtiger hielt als die des Master
Brixton und meiner Leute so sollte der Wildmeister erst auf der Rückkehr nach
dem Städtchen gehen um ihre Ankunft zu veranlassen
Ich hielt mich jedoch am Strande verborgen um den Verdacht der Schiffer
nicht aufs Neue zu reizen und sah bald das Küstenboot vor Anker liegen das zu
einer längeren Fahrt gerüstet zu werden schien
Die Unterredung der beiden Männer ward hier durch eine Meldung unterbrochen
die ein UnterLieutenant der Milizen dem Obersten machen wollte
Der Oberst beurlaubte sich von Lord Richmond und unterredete sich eine
Zeitlang mit dem Offizier dann verabschiedete er ihn und kehrte wieder ins
Zimmer zurück
Das Richteramt Mylord ist vollstreckt ohne menschliche Zutat Eine
furchtbare und erschütternde Fügung hat das was Pater Johannes zum Untergang
der unglücklichen jungen Dame bestimmte zu seinem eigenen herbei führen lassen
Wie Sir rief Richmond aufspringend wie meint Ihr dies
Der anbrechende Tag erwiderte der Oberst hat die zerschellten Leichname
des Pater Johann und des Küstenschiffers an den Strand getrieben während das
Wrack des Schiffes auf der hohen See seinem Untergange entgegen treibt
Es entstand eine augenblickliche Pause unter den beiden Männern die dem
Gefühl der Ehrfurcht Raum gab welches den Menschen ergreift vor dem mächtigen
Einschreiten einer göttlichen Gerechtigkeit das die Kombinationen des
Menschengeistes überbietet und seine Absichten durchschneidet
Es ist ein gerecht Gericht gehalten Sir hob Richmond nach einer kleinen
Pause an Der böse Mensch übersieht in dem hochmütigen Dünkel womit er die
Mittel zu seinen Zwecken herbeiführt dass er selbst die Gewalt entwickelt die
in zerstörender Gegenwirkung sich auf ihn wälzen wird dass der Keim des
Untergangs notwendig dem Unrecht inne wohnt und dieselben Mittel die ihm
dienen sollten ihn zerstören werden
Ich habe Befehl gegeben ihre Körper zu beerdigen begann endlich der Oberst
und beurlaube mich meinen Bericht nach Hofe zu machen da mir nähere Befehle
über mein ferneres Verhalten fehlen
Bei dem Tode der beiden hauptsächlich Beteiligten versetzte Richmond ist
allerdings zu erwarten dass man eine stille Beilegung der hier vorgefundenen
Anzeigen über die Bestimmung des Schlosses vorziehen wird Ich muss Euch noch
außerdem bitten alle Andeutungen über die Anwesenheit und Verhältnisse der Lady
Melville und unserer Gegenwart aus Eurem Berichte weg zu lassen da dies aufs
Neue Verfolgungen veranlassen könnte denen wir das Fräulein zu entziehen
trachten müssen
Ich willige um so eher in Euren Wunsch erwiderte der Oberst als ich dies
als eine Privatsache ansehen muss die zu meinen Dienstpflichten in keiner
Beziehung steht
Master Brixton hatte eine kurze Ruhe gefunden und erblickte bei seinem
Erwachen seinen jungen Freund der bereit war ihm die tröstlichen Nachrichten
zu wiederholen welche Margarit von Zeit zu Zeit aus dem Krankenzimmer herüber
brachte
Der Morgen war indessen vollends angebrochen und die Männer hielten eine
Beratung über ihre nächsten Schritte
Eine sichere und jede Bequemlichkeit darbietende Zuflucht gewährte ihnen das
Schloss und dies war das augenblicklich nötigste Bedürfnis für Lady Maria
Ein kurzer Aufenthalt schien selbst dem Master Brixton nötig da seine
Gesundheit offenbar gelitten hatte und so entschlossen sie sich den Obersten
Crawford den sie offenbar vorläufig als ihren Wirt ansehen mussten um diese
Bewilligung zu bitten
Dagegen suchte Brixton es zu verhindern dass Richmond Nachrichten an seine
Familie sende oder suchte doch sie zu verzögern indem er ihn bat den
Ausspruch Electas abzuwarten wann ihre Abreise möglich sein werde
Richmond willigte um so lieber ein als er eine Art Scheu fühlte sich über
das Fräulein gegen seine Familie zu äußern
Oberst Crawford kehrte unterdes zu ihnen zurück und nachdem er ihren Wunsch
auf das Zuvorkommendste bewilligt folgten ihm die Herren um das Schloss in
Augenschein zu nehmen und für sich und ihre Leute die Zimmer zu wählen In
diese zogen sie sich dann zu einiger Ruhe zurück während Oberst Crawford in
aller Stille die Überreste der Herzogin in den schon seit lange bereit
stehenden Sarg legen und in das Erbbegräbniss neben ihrem Gemahle beisetzen ließ
und damit das dritte Begräbnis seit seinem kurzen Aufenthalt besorgte
Den Frauen des Schlosses machte er jeder einzeln in ihrem Zimmer einen
Besuch und forderte sie auf ihm ihre Verhältnisse zur Welt und zur
verstorbenen Herzogin zu entdecken
Er bekam hier genug Veranlassung sich zu überzeugen dass die meist aus
Frankreich stammenden Frauen welche hier der Herzogin eine Beschäftigung für
ihre bösen Launen gewährt hatten bis auf zwei die in fanatischer Stupidität
von jeder Mitteilung sich abwendeten ohne alle Empfindung für das Ableben
ihrer Patronin waren und dass die Furcht vor der Strafe die ihrer Korporation
harre ihr einziges Gefühl blieb
Der Oberst verhieß ihnen Fürsprache und empfahl ihnen ein ruhiges Verhalten
in ihren Zimmern Eben so versammelte er die Dienerschaft der Herzogin und
nachdem er sie von der Straffälligkeit ihres bisherigen Lebens unterrichtet
hatte und von den Verhältnissen in denen er vorläufig zu ihnen stehe schickte
er sie an ihre Plätze zur Obwaltung des Hauses ließ dann mit militärischer
Strenge von seinen Milizen die äußeren Posten besetzen und Keinem den Ausgang
gestatten Zur Versorgung der zahlreichen Bewohner war ein bedeutender Vorrat
aller Bedürfnisse vorhanden und die reichgefüllten nach der See hin gelegenen
Gewölbe bestätigten vollkommen den Verdacht dessen Oberst Crawford in Bezug
auf die Kontrebandirer bereits erwähnt hatte
In dem Krankenzimmer der Lady Maria ging das Geschäft der Pflege und Heilung
seinen stillen geräuschlosen Gang
Electas Geschicklichkeit und Sorgfalt zeigte sich so vollkommen ausreichend
dass der herbeigerufene Arzt nur täglich den Puls zu fühlen übrig behielt wonach
er stets Gefahrlosigkeit und baldige Genesung prophezeihete und endlich
wohlbeschenkt das Schloss verließ
Es war ein höchst ergreifender Anblick als Electa endlich den ehrwürdigen
Brixton an das Bett seines geliebten Zöglings führte
Maria wollte seine Hand küssen er legte sie segnend auf ihr Haupt Aber was
er ihr sagen wollte konnte seine bewegte Stimme nicht hervorbringen Still
setzte er sich ihr gegenüber blickte sie an und fühlte die Tränen nicht die
über sein ehrwürdiges Gesicht flossen
Mein Wohltäter mein Vater mein Erretter rief das erschütterte Mädchen
welchen Gefahren welchen Beschwerden habt Ihr Euch ausgesetzt mich zu retten
O Ihr mein einziger Schutz auf dieser Erde
Beruhigt Euch Lady Maria erwiderte sanft der ehrwürdige Geistliche Ihr
dürft Euch nicht Euren Gefühlen überlassen Eure Genesung ist zu wichtig Aber
Ihr werdet es bald erkennen dass Euch noch viele Freunde geblieben sind
Ach Sir seufzte Maria wisst Ihr denn alle die der unerbittliche Tod von
meiner Seite nahm Könnt Ihr sagen dass mir außer Euch noch irgendwer geblieben
ist da der Einzige den ich zu meinem Unglück vergeblich zu erreichen strebte
sich mir gegen meine Hoffnung entzieht
Vertraut mir teure Lady sprach Brixton dringend vertraut mir jetzt Euer
Schicksal an da ich unfehlbar klarer darin sehe als Ihr selbst Ihr seid für
den Augenblick in sicherem Schutze und nichts als Eurer Genesung bedarf es um
Euch würdigen und beglückenden Verhältnissen zurück zu geben
Marias Auge hatte erwartungsvoll auf Brixton geruht es senkte sich jetzt
von einer unbestimmten Ahnung erfasst zur Erde und die dringenden Worte
verstummten in einer süßen Ruhe die der Hoffnung verwandt war
Brixton behielt Zeit sie unterdes zu betrachten und mit Schmerz zu
bemerken wie die überstandenen Leiden und die sie beherrschende Erschöpfung
diesen schönen jugendlichen Zügen eingeprägt waren Er gedachte derer die dies
Kind mit so grenzenlosen Hoffnungen erzogen hatten und ihren jetzigen Zustand
weder ahnen noch verhindern konnten er erinnerte sich wen er eigentlich vor
sich sah zu welchen Ansprüchen er selbst sie hatte entwickeln helfen und dass
von allen diesen Ansprüchen in ihm jetzt nichts übrig geblieben war als das
Verlangen ihr ein unbemerktes Loos zu sichern keinem früher genährten Wunsche
nur dem des Herzens entsprechend
Dann fühlte er mit einer wahrhaft demütigen Beruhigung dass es das
erreichte Ziel nicht ist sondern der Weg dahin der über den Wert des
zurückgelegten Lebens entscheidet dass im Verfolgen dieses Weges ein höheres
Resultat der Vernunft sich entwickelt und das Ziel vertritt welches wir mit den
eitelen Kombinationen unsers Verstandes zu erreichen trachteten
Und darf ich die Frage wagen ohne Euch zu erzürnen hob sie schüchtern nach
einer Pause an wohin Ihr mich zu führen denkt verehrter Sir wann meine
Abreise möglich sein wird Darf ich es wissen
Ich hoffe Lord Richmond der mit grossmütigem Eifer mich unterstützt hat
wird Euch und mich zur Herzogin seiner Mutter zurückführen bis natürlicher
Schutz Euch Rang und Unabhängigkeit zurückgeben kann
Gewiss rief Maria ich irrte mich also nicht als ich Lord Richmond zu
erkennen hoffte Und zu meiner Wohltäterin soll ich zurück Sagt hat sie mir
verziehen wird sie der flüchtigen Törin ihre Hand noch ein Mal reichen Wer
hat sie über den Betrug aufgeklärt dem ich unterlag
Schont Euch teure Lady sprach Brixton besorgt da er sie so erregt und
die Farben wechseln sah Werdet erst gesund und erwartet dann das Weitere
Ich will sagte sie sanft und lehnte Electas Ermahnungen folgend sich in
die Kissen zurück
Ruhe und Einsamkeit war jetzt ein willkommenes Gebot für das reiche Leben
der Hoffnung in ihrer Brust
Electa erstaunte selbst über die schnellen Fortschritte welche die Kranke
in ihrer Genesung machte Die Wunde heilte schnell unter ihren sorgsamen Händen
Maria stand und ging bald ohne weitere Hilfe zu bedürfen als Margarits
jeder Zeit bereiten Arm und in ihrem Antlitze leuchtete durch die Lilienweisse
ein feiner Anhauch wiederkehrender Lebenskraft
So trug Electa denn selbst in ihrer schüchternen Weise die Bitte der Herren
vor der Lady ihre Glückwünsche darbringen zu können Nach einem still verlebten
Morgen den Maria sich selbst überlassen in ernstem Nachdenken und einer damit
verknüpften tiefen Bewegung ihres Herzens zugebracht empfing sie die Nachricht
dass die Herren in ihrem Wohnzimmer sie erwarteten
Sie blieb noch einen Augenblick mit niedergeschlagenen Augen sitzen dann
erhob sie sich und auf die harrende Margarit sich lehnend schritt sie langsam
der Türe zu
Wie das erste Mal als sie hier eintrat standen die Lehnsessel um das
glühende Feuer des Kamins zu traulichem Beisammensein einladend
Aber nicht leer waren sie nicht Fremde nicht feindlich Gesinnte hatten
Platz darauf genommen Die sich jetzt erhoben und ihr entgegen gingen waren
teure Freunde Beschützer die mit einem Mal die Bürde sich selbst schützen zu
müssen von ihr genommen hatten
Dem Obersten Crawford als Fremden als Seneschall des Schlosses gebührte
der Vorzug von Brixton ihr zuerst vorgestellt zu werden und ihre ersten
schüchternen Worte des Dankes zu hören die der Oberst mit Ehrerbietung
erwiderte aber sichtlich überrascht von der Erscheinung der Lady die selbst
im blassen Kolorit der Krankheit noch allen Zauber ihrer rührenden Schönheit und
Anmut übte
Richmond hatte während dessen versucht sich zu fassen als ihr erster
Aufblick ihn aber traf näherte er sich ihr ohne Worte finden zu können Beide
fanden sie nicht aber sich gegenüber zu stehen das Bewusstsein dieser Nähe
versenkte sie auf einen Augenblick in ein so süßes Gefühl von Befriedigung und
Ruhe dass sie der Worte nicht bedurften
Es gibt Augenblicke im Leben die alle Schmerzen der Vergangenheit
auslöschen sprach Richmond mit bewegter Stimme ein solcher ist der
gegenwärtige
Mein Retter stammelte Maria während einzelne Tränen aus ihren gesenkten
Augen fielen
O nennt mich nicht so rief Richmond schmerzlich aufseufzend ich habe Euch
nicht schützen können nicht retten vor den grausamen Misshandlungen denen Euer
Leben fast erlegen wäre
Erlegen wäre fiel Maria rasch ein wenn Ihr mich nicht gerettet das
zerschellte Boot hätte mich nicht geschützt da es seine Besitzer untergehen
ließ und doch hätte man mich trotz meiner Verwundung darin fortzuschleppen
gesucht hättet Ihr nicht großmütig mich meinem Entführer abgekämpft
Lassen wir diese grauenhaften Erinnerungen fiel Brixton sanft ein nehmt
bei uns Platz teure Lady dass wir des Glückes inne werden Euch genesen zu
sehen
Sanft lächelnd reichte Maria dem ehrwürdigen Herrn den Arm und nahm einen
der Lehnstühle ein die nun um sie her von so teuren Personen besetzt wurden
Mein Herz sehnt sich teurer Sir hob Maria an sich zu Brixton wendend
Euch Rechenschaft zu geben von meinem Leben seit ich durch den Tod meiner Tante
mir selbst überlassen blieb und Euch Mylord fuhr sie gegen Richmond fort bin
ich ebenfalls Rechenschaft schuldig über die traurige Verblendung die mich aus
dem Schutze meiner großmütigen Wohltäterin Eurer Mutter führte die mich so
hartnäckig widerstehn ließ wie Ihr und Lord Ormond einen großmütigen Versuch
machtet mich derselben zu entziehen Möchtet Ihr in dem was ich hierüber zu
sagen haben werde einigen Anlass finden mich mild zu richten Ich hatte mit
einem plötzlichen Lebenswechsel nicht die Schärfe des Urteils den Schatz der
Erfahrung erhalten die meine Handlungen hätten leiten können mit Beschämung
habe ich die törichte Sicherheit erkannt womit ich geneigt war meiner jungen
Überlegung zu folgen lasst es Euch rühren wie sehr ich dafür bestraft ward
setzte sie mit einem Lächeln voll Anmut hinzu das die sanfteste Bitte um
Nachsicht aussprach
Es ist wenigen Menschen ein so außerordentliches Schicksal zu Teil
geworden als Euch erwiderte Richmond wer könnte wünschen dass Euer
unschuldiges Herz Euer hochgestellter Geist eine Ahnung gehabt hätte von den
bösen Absichten die man Euch sicher mit größerer Schlauheit zu verhüllen
suchte als Ihr vorauszusetzen vermochtet Wir konnten nur beklagen dass uns
kein Recht zustand in Euren missleiteten Willen mit höherer Gewalt
einzuschreiten als eben das einer kurzen Freundschaft die das Glück uns
gegönnt
Dass ich diese nicht ausreichend fand erwiderte Maria dass irgend etwas
mich abhalten konnte sie für meine Autorität anzuerkennen muss ich mir zum
schmerzlichsten Vorwurf machen und kann Eure gütige Absicht mir Beschämung zu
ersparen nicht wegläugnen aber gewiss ist es und ich halte dies zu meiner
Rechtfertigung gern fest dass meine Lage traurig und ungewöhnlich war und gewiss
geeignet Neigung und Pflichtgefühl in einem unerfahrenen Wesen in Verwirrung zu
bringen Ganz fuhr sie nun ruhiger fort ist es mir noch nicht möglich den
Plan und die Absicht zu durchschauen um derentwillen man mich dem ehrwürdigen
Schutze Eurer Familie Lord Richmond entzog Betrogen scheint mir aber
jedenfalls von meinen späteren Feinden der gewesen zu sein der mich zuerst
betrog Doch betrogen werden um Freiheit und Lebensglück sollte ich und
vielleicht erhielt diese erste Absicht hier noch eine Ausdehnung durch den Hass
der Lady Sommerset welche selbst meinen Tod herbei zu führen suchte
Es wird mir schwer fuhr sie nach einigem Nachdenken fort welches keiner
der gespannt Lauschenden zu unterbrechen wagte unter meine Feinde einen Mann zu
zählen der mir Hochachtung und Vertrauen ja Dankbarkeit eingeflößt hat da er
mich von der verhassten Nähe des Lord Membrocke befreite Er war es zwar der
mich hier in mein Gefängnis führte aber es schien mir nur zu oft dass er wider
Neigung und Gefühl einem Zwange gehorchte der seinen lichtvollen Geist in
Fesseln hielt den er mir auch später andeutete und der ihn als einen Anhänger
des Ordens Jesu bezeichnete Er war Mönch und nannte sich mit seinem Ordensnamen
Klemens
Musste er mich auch hier begraben so war er doch freundlich bemüht mich im
Schutze meiner Beschäftigungen und einiger wohltuenden Aeusserlichkeitn zu
erhalten denn diese Zimmer bestimmte er mir selbst und endlich die größte
Wohltat Margarit teilte er mir zu
Lange habe ich gehofft er würde es sein dem ich meine Befreiung danken
könnte und habe ich mich darin getäuscht so kann ich die Überzeugung nicht
aufgeben dass er nur gehindert ward vielleicht durch eben die Autorität der er
sich so willig beugte obschon sein Geist über ihr stand
Ich habe ihm daher geglaubt als er mir die Täuschungen enthüllte die mich
in mein Verderben stürzten obwohl ich nicht einzusehn vermochte warum ich so
wichtig war für einen der mächtigsten und wie Pater Klemens ihn nannte einen
der verdorbensten Großen des Landes von dem Lord Membrocke nur als
Mittelsperson gebraucht worden war mich zu entführen und den er den Herzog von
Buckingham nannte
Herzog von Buckingham rief Brixton so heftig aufspringend dass Maria
zusammenfuhr ist es möglich großer Gott in dessen Händen wart Ihr Und
kannte er Euch sagt wusste er wen er in Euch hatte
Teurer Sir sagte Maria in sanftem Vorwurf Ihr vergesst dass ich selbst
mich nicht kenne dass ich nicht zu sagen wissen würde ob er mich kannte hätte
er mir selbst einen Namen beigelegt Doch jedenfalls wusste er mehr von mir als
ich erwarten konnte denn betrogen hat er mich nur durch diesen Brief und dieses
Petschaft denen ich zu folgen für Pflicht hielt wie ich denn früher jede
andere Art mich zu überreden zurückgewiesen hatte
Maria zog hier Beides hervor es Brixton überreichend
Großer Gott rief Brixton als sein Blick auf diese Gegenstände fiel es ist
Alles verraten
Pater Klemens fuhr Maria mit dem Bestreben den Erschrockenen zu beruhigen
schnell fort sagte mir dieser Brief sei nicht von meinem Oheim dessen
geliebte Handschrift er trägt er sei nur nachgeahmt und der Inhalt hätte mich
warnen sollen trotz seiner liebevollen Worte und dieser Ring den ich so oft
spielend von seinem Finger gezogen er sei ihm heimlich genommen
Ach teure Lady sagte Brixton es ändert wenig war der Herzog
unterrichtet dass Beides von Bedeutung sei so musste eine höchst wichtige
Entdeckung bereits geschehen sein und Eure Sicherheit bleibt dann noch von
einer gefährlichen Seite her bedroht
Ich hoffe rief Richmond mit glühender Stirn keine Gefahr welche den
freien Willen der Lady Maria bedroht kann eintreten so lange sie Euch vertraut
und mir vergönnt ihren Willen gegen jede Anmassung zu vertreten
Wobei Ihr über ein so starkes Gefolge von Milizen als Euch gut dünkt ja
über meine eigene Person so weit es meine Dienstpflicht erlaubt gebieten mögt
rief Oberst Crawford mit tiefer Ehrerbietung sich vor Lady Maria neigend
Unsere Abreise muss so sehr beschleunigt werden als es Eure Gesundheit
erlaubt teure Lady sprach Brixton von Gedanken wie es schien überfüllt
Ich hoffe die Frau Herzogin Eure Mutter Lord Richmond wird dem Fräulein
vorläufig einen Schutz verleihen den die hochgeehrte Frau dereinst nicht
bereuen wird gewährt zu haben während ich dafür Sorge tragen will ihr den
mächtigen und ehrenvollen Schutz zu verschaffen zu dem ihre Geburt sie
berechtigt
Seid sicher Mylady sprach Richmond Eure freiwillige Rückkehr wird jeden
Zweifel bei meiner Mutter versöhnen und jetzt wie früher werdet Ihr über uns
alle zu gebieten haben
Wir müssen uns dieser Hoffnung um so mehr freuen unterbrach Brixton Marias
Versuch zu danken da wir nicht zweifeln dürfen dass der geheime Obere dessen
Gesandter unser junger Freund Lanci ist und dessen Namen er uns so hartnäckig
verschweigt nicht nur ein wohlmeinender Freund ist indem er uns das Fräulein
wirklich finden ließ sondern zugleich auch weit mehr unterrichtet über das was
man mit ihr vor hatte als uns fürs Erste erlaubt ist zu übersehen Wir sind ihm
daher das Vertrauen schuldig seiner dringend empfohlenen Anweisung zu folgen
welche eben dahin ging den Schutz Eurer Familie Mylord vorläufig in Anspruch
zu nehmen
Ich hoffe Lady Maria wird kein Bedenken tragen entgegnete Richmond durch
die Befolgung dieser Anweisung meine Familie zu ehren und zu beglücken
Ich habe nur die Nachsicht und Verzeihung derselben in Anspruch zu nehmen
erwiderte Maria und zu erwarten ob meine Jugend und Unerfahrenheit mir
Fürsprecher sein werden
Habt indessen die Güte hob Brixton an uns aufs Genaueste wenn es Euch
beliebt Alles mitzuteilen sowohl wodurch man Euch zu dieser Flucht bestimmte
als was Euch in deren Verfolg begegnete
Mein Herz sehnt sich nach dieser Mitteilung erwiderte Lady Maria und es
soll Euch nichts davon entgehen denn mein Gedächtnis ist mir treu Doch erlaubt
mir verehrter Sir ehe ich beginne Euch eine Frage vorlegen zu dürfen welche
immer dringender wird je mehr mein Bewusstsein in Bezug auf die Verhältnisse der
Welt durch das was ich erlebte geweckt ist Wer bin ich fuhr sie mit bebender
Stimme fort als Brixton in ahnungsvoller Verlegenheit schweigend zur Erde
blickte Bin ich des Namens berechtigt den ich jetzt nur bestritten trage
Leben mir Angehörige und dürfen meine Verhältnisse jemals aus dem Dunkel
treten das sie bis jetzt zu einem Gegenstande des Verdachtes macht und ihre
Ehrbarkeit in Zweifel stellt Ich kann nicht zweifeln Ihr müsst mir Aufschluss
geben können denn Ihr wart der Freund der Vertraute der geliebten Menschen
welche meine Jugend behüteten
Ihr habt Recht Lady Maria sprach Brixton mit Fassung aber auch mit tiefem
Ausdruck wehmütiger Empfindung Ich bin unterrichtet von allen Euren
Verhältnissen aber es ist mir nicht vergönnt Euch jetzt schon darüber
Aufschluss zu geben so würdig Ihr trotz Eurer Jugend es seid Eure Geburt und
alles damit Verknüpfte zu kennen Meine Überzeugung darf hier nicht
entscheiden mich bindet ein Schwur dessen Lösung mir nicht zusteht Habt noch
eine kurze Geduld der Augenblick ist von Außen unterdessen schon gekommen der
wie ich hoffe jedes Hindernis beseitigen wird und hat sich Eure Zukunft auch
anders gestaltet als Eure Freunde träumten Ihr werdet Gerechtigkeit finden
verliert nur nicht das Vertrauen darauf
Maria schwieg aber in ihren zarten Zügen war der schmerzliche Kampf zu
lesen den sie mit ihrem Zartgefühl für Ehre zu kämpfen hatte da über die
wichtigsten Beziehungen derselben aufs Neue in Ungewissheit zu bleiben sie je
länger je mehr herab zu setzen schien
Ihr selbst Sir sprach sie dann mit dem tiefen Ausdruck eines bekämpften
Gefühls Ihr selbst und alle meine Umgebungen denke ich haben so viel ich mir
bewusst bin darauf hingewirkt ein starkes Ehrgefühl in mir zu wecken und jede
Unklarheit zu hassen und von mir fern zu halten Vergebt mir daher dass ich im
Begriff in die Welt zurück zu kehren mit Widerstreben einwillige mich namenlos
und geheimnisvoll ihr wieder darstellen zu müssen Jedoch fuhr sie fort mit
kindlicher Hinneigung zu Brixton sich wendend der sichtlich zu leiden schien
ich will den einen Gedanken festhalten dass ich Euch durch nichts besser mein
unbegrenztes Vertrauen meine Hochachtung bezeigen kann als indem ich mich
dieser peinlichen Lage unterziehe ohne Euch weiter zu belästigen
Seid sicher erwiderte Brixton gerührt ich werde mit allem was mir zu
Gebote steht eilen Euch derselben sobald wie möglich zu entziehen jetzt aber
versucht uns Eure Mitteilungen zu machen
Ich bin bereit dazu sprach Maria mild wenn anders mein gütiger Arzt der
sich dort an der Tür schon einige Mal gezeigt hat es nicht anders bestimmt
Ich würde wagen Euch eine kurze Ruhe vorzuschlagen sprach Electa sich
schüchtern nähernd und den Puls fühlend Ihr seid sehr bewegt und eine
Wiederkehr des Fiebers wäre nicht erwünscht
Gewiss nicht rief Richmond lebhaft aufstehend beurlaubt uns Mylady bis
wir uns ohne Furcht Euch zu schaden wieder nähern dürfen
Lady Maria willigte ein und die Herren zogen sich nach dem Vorsaal zurück
indes sie auf ihrem Bette ruhte
Doch musste Electa ihr bald den Wunsch zugestehn zurück zu kehren und
nachdem sich Alle um sie versammelt hatten erzählte sie was uns bereits
bekannt ist so weit ihre eigene Kenntnis der Umstände reichte
Wir unterlassen es ausführlich den Eindruck zu schildern den diese
Mitteilungen in ihren verschiedenen Beziehungen auf die Zuhörer machen mussten
und erwähnen nur dass während sich Nichmond gelobte Membrockes ehrlose
Betrügereien zu strafen Brixton sich in Besorgnisse gestürzt fühlte die um so
quälender waren je weniger es ihm möglich war die sich durchkreuzenden
Absichten in Übereinstimmung zu bringen mit einer Entdeckung der Geburt des
Fräuleins die Buckingham höchst unwahrscheinlich zu ihrem Feinde machen konnte
Er fühlte dass ihm nur eine Annäherung an die höchste und dabei zumeist
interessierte Person genügend Aufschluss geben könnte und er kehrte aus seinem
tiefen Nachdenken mit einer Äußerung zurück die alle seine Wünsche einschloss
indem sie die mögliche Beschleunigung ihrer Abreise empfahl
Electas Entscheidung war hiebei die wichtigste Sie bat noch um zwei Tage
Ruhe und die Herren sich diesem Ausspruch fügend eilten alle Anstalten so zu
treffen dass jede Sorgfalt mit der möglichsten Eile sich vereinigte
Diese Tage die Lady Maria in ungestörtem Umgange mit ihren Freunden
verlebte hatten einen so auffallenden Einfluss auf ihre Gesundheit und Stimmung
dass sich kein weiterer Aufschub der Reise nötig zeigte und sie dies Haus des
Schreckens mit völlig leichtem Herzen verlassen haben würde hätte sie das
Schicksal ihrer Wohltäterin Electa nicht mit Sorge erfüllt Dies zarte Wesen
dessen Gemüt ohne Kraft und eigne Bestimmungsfähigkeit den einzigen Anhalt
ihres verfehlten Daseins in der selbst gewählten Knechtschaft gegen ihre
geistlichen Oberen gefunden hatte und jede unschuldige Sehnsucht nach der Welt
als die schnödeste Sünde in sich verfolgte der sie doch immer wieder unterlag
fühlte sich nun sogar erschüttert in ihrem Glauben in ihrer Ergebung gegen
diese ihre bisherigen Vorbilder durch die Kenntnis ihrer wahren Gesinnungen wie
sie die letzten Begebenheiten ihr von allen Seiten schonunglos gegeben hatten
Sie lebte nur so lange noch in leidlicher Fassung als die Wunde der Lady
Maria ihr eine ihrer früheren Existenz gemässe Beschäftigung gab
Jetzt als von dieser Seite ihre Tätigkeit aufhörte und die nahe Abreise
der Lady ihr das einzige Wesen zu rauben drohte zu dem sie sich noch hingezogen
fühlte von dem sie sich geschützt sah da sank ihr ganzes Wesen in
Trostlosigkeit zusammen und Vergangenheit und Zukunft schien ihr eine
ununterbrochene Kette von Unglück und Leiden
Mit zarter Teilnahme suchte Maria den Zustand der Leidenden nach und nach
zu erforschen und wagte es endlich den Gedanken einer Rückkehr in die Welt in
ihr anzuregen Aber sie fand hier das einzige entschiedene Gefühl der Armen in
bestimmter Abneigung dagegen und erfuhr genug um ein schmerzlich verratenes
Herz zu ahnen das nur durch gänzliche Flucht aus jeder Beziehung des Lebens
Rettung gefunden hatte
Sinnend sah sie der unentschlossenen Leidenden nach dieser gewonnenen
Überzeugung gegenüber mutlos selbst ihrer Zukunft gedenkend als sie
plötzlich von einem Gedanken ergriffen ward dem sie schnell die Frage folgen
ließ ob sie den Aufenthalt des Pater Klemens kenne
Electa schien von dem bloßen Namen wie electrisirt und augenblicklich gab
sie das Kloster in Frankreich an wohin der Pater sich zurückgezogen hatte
Nun rief Maria lebhaft so geht zu ihm und unterwerft Euer Leben seiner
ferneren Bestimmung
Engel des Himmels rief Electa sich mit Begeisterung vor Maria hinwerfend
welche Eingebung sprach aus Euch Ja Ihr habt das Rechte getroffen doch wie
soll ich ihn erreichen sprach sie plötzlich zur größten Mutlosigkeit
zurückkehrend
Dafür lasst mich sorgen sprach Maria heiter und sicher ich gebe Euch mein
Wort Ihr sollt ihn erreichen ohne Fährlichkeit und Not Zugleich stand sie
auf drückte das schüchterne Wesen liebevoll an ihre Brust und begab sich in das
Nebenzimmer wo ihre Freunde sie bereits erwarteten
Mit der ganzen Wärme des Gefühls das ihr so eigen war trug sie ihnen ihre
Absichten und Wünsche in Bezug auf Electa vor und beschwor sie die Mittel dazu
ihr anzugeben und einzuleiten
Auch fand sie bei Richmond die lebhafteste Bereitwilligkeit bei Brixton die
wohlmeinendste Absicht Nur Oberst Crawford beobachtete ein ängstliches
Schweigen und gestand endlich als ihn Maria zur Teilnahme aufforderte er
bezweifle dass er einen der Bewohner des Schlosses entlassen dürfe bevor seine
Instruktionen aus London angekommen sein würden da er sich genötigt sehe bis
dahin alle Vorgefundenen als gleich schuldig und als Gefangene zu betrachten Er
setzte hinzu wie er hoffe dass man nach seinem Berichte geneigt sein werde
diese ganze Angelegenheit da sie in sich als aufgelöst anzusehen sei der
Vergessenheit zu übergeben und wie er alsdann zu der Erleichterung der Reise
des Fräuleins alles beitragen wolle was in seinen Kräften stehe
O Sir rief Maria hier mit lebhafter Unruhe denkt dass wir morgen das
Schloss verlassen denkt welch schmerzliche Unruhe ich mit mir nehme wenn über
dem Schicksal dieses armen Wesens eine trostlose Ungewissheit schwebt und mir
nicht selbst vergönnt ist sie zu ihrer Reise auszurüsten
Vertraut sie mir als Euer Vermächtnis sprach Crawford ehrerbietig und
heilig soll mir das Interesse des Wesens sein dem wir zum Teil Euer Leben
danken Mit der pünktlichsten Sorgfalt erfülle ich Eure Befehle und will ihre
Reise der sich höchst wahrscheinlich keine Hindernisse entgegen stellen werden
so sorgsam und anständig einleiten dass außer dem Meere selbst dem ich nicht zu
gebieten vermag nichts ihren eigenen Wünschen nachstehen soll
Ich glaube teure Lady sprach Brixton wir dürfen nicht weiter in Oberst
Crawford dringen da seiner Neigung hier seine Pflicht entgegen tritt und gewiss
können wir ohne Sorge dem edlen Manne unsere Freundin anvertrauen Euch wird
jetzt nur obliegen sie selbst mit dieser einzigen und bleibenden Auskunft zu
versöhnen
Da auch Richmond auf den Alles was Pflicht hieß stets eine starke Gewalt
ausübte schwieg so fühlte Maria sich bald selbst zu jener Mäßigung ihrer
Wünsche gestimmt und sie eilte nun Electa davon zu unterrichten welche sie
bei weitem weniger dadurch beunruhigt fand als sie erwartet hatte
So empfingen denn am nächsten Morgen als der erste Sonnenstrahl die mit
Tau bedeckte Erde zu einem blitzenden Himmel unzähliger glänzender Sterne
umschuf sämtliche Herren das Fräulein in der Halle des Schlosses wo sie von
Electa und Margarit begleitet in ihren Reisekleidern ihnen entgegen trat
Einen Augenblick blieb sie noch stehen und indem ihr Auge die Gegenstände
noch ein Mal überflog gedachte sie ernst des Abends als sie hier mit Pater
Klemens eingetroffen und von Margarits Vater empfangen ward dessen Tochter sie
nun für immer mit sich hinweg führte und sie hoffte eine Zeit der Leiden
abgestreift hinter sich zu lassen der sie fast unterlegen wäre
Mit Tränen dankte sie noch ein Mal dem Obersten Crawford umarmte Electa
und bestieg mit Margarit dieselbe kleine Sänfte die sie von Pater Klemens
geleitet hierher geführt hatte während die Herren und Lanci mit den übrigen
Dienern sich zu Pferde setzten und Crawford den Reisezug bis zu dem nächsten
Ruhepunkt begleiten zu dürfen sich ausbat da ein ferneres Geleit seiner Milizen
von beiden Herren abgelehnt war um jedes Aufsehn zu vermeiden
GodwieKastle als Familiensitz der Nottinghams erfüllte in dem Augenblick wo
wir jetzt uns demselben wieder nähern seine Bestimmung in seltenem Maße Zwar
hatte der Graf Bristol seine eigenen Besitzungen für die nächste Zeit
eingenommen doch ward seine Gegenwart an die man bei seiner langen Abwesenheit
sich keineswegs gewöhnt nennen konnte kaum vermisst am meisten wohl nur von der
empfunden die es so wohl verstand über alle Empfindungen ihres Innern den
Schleier zu ziehen wir meinen seine Tochter die jüngere Herzogin von
Nottingham
Es lag in der Stimmung ihres Innern zu den von Außen sich ihr darbietenden
Umständen ein Widerspruch den die stolze Frau mit einem an Unwillen grenzenden
Schmerze fühlte und diese Stimmung steigerte sich um so mehr da es ihr an
allen Mitteln fehlte sich derselben zu entledigen was ihrem stets
einschreitenden und ans Beherrschen gewöhnten Sinn einen Zwang auflegte der sie
grollend ihren übrigen Verhältnissen gegenüber stellte
Dagegen war der Himmel blau über allen übrigen zahlreich versammelten
Bewohnern von GodwieKastle
Anna Dorset nunmehr berechtigt die Liebe zu entwickeln und zu gestehen die
sie zu ihrem Gemahl hinzog zeigte ihre ganze Natur zu einem Reichtume und
einer Fülle weiblicher Anmut entwickelt die ihren jungen Gemahl fesselte und
mit ähnlichem Erstaunen erfüllte als uns wohl ergreift wenn wir eine Knospe
welche fest verschlossen unsern Anteil wenig erregen konnte am warmen Licht
der Sonne zur duftenden Blume entwickelt wiederfinden gewiss ward dieser mit
Gefühlen vertraut wie sie einer solchen Überraschung gegenüber nicht
ausbleiben
Die Gräfin Dorset hatte mit ihrer Tochter Ollony die Neuvermählten
begleitet und auch Graf Ormond war nach einer Trennung von mehreren Monaten
in GodwieKastle wieder eingetroffen
Graf Archimbald ordnete mit großer Sorgfalt die Papiere seines Bruders und
gab sich dazwischen mit vielem Geschick den gesellschaftlichen Stunden hin
welchen Alle mit Vergnügen beiwohnten und über denen die alte Herzogin von
Nottingham wie das Prinzip der Güte und Liebe mit ihren ewig klaren
teilnehmenden Augen waltete
So schien Allen hier eine Zeit der Ruhe eingetreten und für die Zukunft nur
erfreulichen Hoffnungen Raum gestattet zu sein Dennoch gab es so manche frisch
geheilte Wunden und noch reizbar gebliebene Stellen fast in jeder Brust dass
gerade so viel guter Wille so viel Liebe so viel wohlverstandene gute
Erziehung als alle besaßen dazu gehörte um nicht jeden Tag neue Störungen des
Gefühls und der Ruhe welche zu schützen Alle inniges Verlangen trugen herbei
zu führen
Richmonds Abwesenheit der Zweck derselben der Jedem bekannt war und das
was damit zusammen hing war ein hauptsächlich zum Stillschweigen verwiesener
Punkt für Alle
Die Herzogin von Nottingham hatte ihren Unwillen über dies Unternehmen auf
eine Weise geäußert und selbst gegen ihren Vater mit einer solchen hartnäckigen
Entrüstung durchgeführt dass Beide darüber in eine Art Spannung geraten waren
welche die Abreise des alten Lords erleichterte und dies wohlbekannte Ereignis
ließ freilich alle Übrigen völlig darauf Verzicht leisten die Meinung der
Herzogin milder zu stimmen Sie unterließ es völlig den Namen Richmond zu
nennen Niemand wagte ihr darin voran zu gehen und das Andenken der
unglücklichen Gräfin Melville schien bis auf die fernste Erinnerung erloschen
Und dennoch stand das Bild Beider vor der Seele eines Jeden nur vorsichtig
umgangen in Wort und Andeutung
Mit der tiefsten Seelenqual erwartete die unglückliche Mutter Nachrichten
die ihr hartes Geschick erleichtern oder erschweren mussten und mit der ganzen
Größe der Gefahr wie sie ihr erscheinen musste bekannt behandelte sie ihr
ungleiches und finsteres Betragen mit der ganzen Nachsicht einer solchen
Berechtigung
Vergeblich hatte der junge Herzog durch Lord Ormond der so eben aus London
eingetroffen war Nachricht zu erhalten gehofft auch ihm war sie gänzlich
ausgeblieben und er selbst hatte sich nur ungern entfernt ehe ihm Kunde
zugekommen
Die Mitteilungen beider Männer über diesen ihnen gleich interessanten
Gegenstand waren aber dabei von einer Zurückhaltung geleitet die nur zu
bestimmt ihre Verletzlichkeit in diesem Punkte andeutete und das Gefühl wie
ihre Stellung zu jenem Gegenstande sich verändert habe unterstützte den Wunsch
Beider in der Zeit die Erledigung ihrer Empfindungen zu suchen Konnte sich
auch Graf Ormond nicht wie der junge Herzog durch die heiligsten Interessen
abgezogen halten war dennoch auch ihm in den Worten der unglücklichen Maria
über Ollony ein Aufschluss geworden der ihn mit der größten Sorgfalt über sich
zu wachen veranlasste
Er hatte bei späterem Nachdenken trotz seiner wahrhaften Bescheidenheit
doch sich die Wahrheit dieser Entdeckung kaum verbergen können und nicht ohne
Vorwurf gefühlt wie die Befangenheit seines Herzens in anderer Richtung ihn so
ganz um die Beobachtung des seine Sorgfalt so nahe angehenden Wesens gebracht
hatte
Er hatte sich eine schnelle Trennung von mehreren Monaten auferlegt und
seine Gedanken waren von da an in dem Schmerze um zwei teure Wesen geteilt
Er zitterte Ollony wieder zu sehen und durfte es doch nicht länger
verschieben da seine Schwester die unbegreiflich lange Trennung mit einer
Ungeduld und Betrübnis erfüllte von deren Folgen er sie befreien musste
Wenn wir mit uns selbst unsicher werden so machen wir Pläne wie wir uns
betragen wollen Der bessere Mensch gibt sie gewöhnlich auf so bald er in die
Lage kommt für die er sich ausrüstete denn nur überhaupt und einem großen
Prinzip getreu sich dem Leben gegenüber zu rüsten ist die Aufgabe in der sich
alle andern lösen müssen wenn wir uns selbst getreu bleiben wollen
Schon bei Ollonys Anblick wollte keine seiner Ansichten passen Das schöne
Kind hatte den letzten Punkt ihrer Entwickelung und an Höhe und Feinheit der
Gestalt wie an innerer Haltung und zarter Zurückgezogenheit den Standpunkt
erreicht auf dem es uns klar wird dass das Flügelkleid der Kindheit mit dem
Schleier der Jungfrau vertauscht ward und die Flügel nur noch nach Innen dem
Geiste angehören verraten von dem weitsichtigen tiefen Blicke des ernsten
Auges
Ormond fühlte im ersten Moment sie sei auch von ihm geschieden und was
auch der innere Kern ihrer Brust bewahren mochte sie sei mit sich allein
geworden und dies Finden ihrer selbst schützte sie gegen Aufregungen und
Äußerungen wie sie Ormond noch wenige Monate früher zu beherrschen sich
verpflichtet fand
Die Stille die ihn von ihr aus anwehte betrog aber aufs Neue den sonst so
geschickten Menschenkenner und unterstützte die bescheidene Stimmung seiner
Seele die ihn überredete jedes Gefühl das früher hier gelebt als vorüber
gegangen anzusehen
Dessen ungeachtet fühlte er zu seiner eigenen oft großen Beschämung sich
auf dem Wege Ollony jetzt seinerseits in dieser Beziehung zu beobachten und je
fremder getrennter und veränderter sie ihm erschien desto öfter fühlte er das
Verlangen dies liebliche Geheimnis zu ergründen in diesem ihm einst so offen
darliegenden Gemüte den Veränderungen nachzuspüren die ihm so anziehend und
wichtig erschienen dass er ihnen den größten Teil seiner Gedanken zuwandte
Es war zuletzt ein eigenes Gefühl von Unbehagen wenn seine bescheidenen
Bemerkungen ihn überzeugen wollten sie sei ihm kindlich abgewendet und
jungfräulich nicht wieder zugekehrt und er fühlte sich endlich in einer Art
Aufregung die ihm einzig von der Besorgnis eingegeben schien dies junge Wesen
so abgeschlossen sich selbst überlassen zu wissen woraus sich leicht der
Vorsatz gestaltete sich ihr zu nähern und ihr Vertrauen zu gewinnen
Wir wollen uns vorläufig jeder Voraussetzung bei diesem gewagten Unternehmen
enthalten von wesentlichen Ereignissen in anderer Beziehung getrieben
Der Frühling hatte indessen die weiten Tore aufgetan und versendete seine
reichen Schätze über die schmachtende Erde Es drängte sich fröhlich ein junges
Leben neben dem andern hervor Platz suchend und findend in dichter
Gemeinschaft
Die Brust des Menschen teilt bewusst oder unbewusst so süßen Eifer etwas
soll anders in ihr werden zur Klarheit zur Blüte soll es sich durchbrechen
was im Winterschlaf uns eingehüllt erscheint wir fordern von uns und die
Gewährung ist schon bereit An Licht und Sonne hängt nicht bloß das Blütenleben
mit seiner zarten Existenz der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum
etwas Größeres zu leisten und zu vollbringen Auch sollten wir nicht immer nach
dem Geleisteten fragen es braucht nicht Existenz nach Außen zu gewinnen was
darum doch als Errungenes als Wahrheit in solchen Epochen der Seele verbleibt
Alles genoss nach Massgabe seiner Empfänglichkeit diese schöne Jahreszeit und
ließ sich locken von ihr hinaus in die überall einladende Gegend
Ein stattlicher Zug zu Pferde von Damen und Herren lenkte nach einem weiten
Ausfluge als schon der Tag sich neigte durch die breiten Wege des duftenden
Waldes dem Schloss entgegen
Arabella Ollony und die junge Herzogin ritten in leichter Zierlichkeit vor
den folgenden Herren doch indem sie die Heerstraße überschreiten wollten
entfuhr ihnen Allen zugleich ein freudiger Ausruf der Überraschung Arabella
gab ihrem Pferde die Zügel und flog in jagendem Laufe die Heerstraße hinab
Richmond Richmond rief dagegen Lady Anna ihrem herbeieilenden Gemahle
entgegen und bald fanden sich Alle um den sehnlich Erwarteten versammelt der
nicht säumte ihrer fröhlichen Eile zu begegnen
O Richmond rief der junge Herzog wie bist Du von uns Allen herbei gesehnt
und wie lange hast Du uns ohne den Trost gelassen von Dir zu hören
Rechne mir nicht zu was unvermeidlich in den Umständen lag rief Richmond
und denkt nicht geringer deshalb von meiner Liebe gegen Euch Aber sagt mir
jetzt um mich von jeder Sorge zu befreien wie ich unsere teure Mutter finden
werde
Die augenblickliche Pause die hier eintrat und welche der aufsteigenden
Sorge über die Stimmung der Herzogin galt ergriff Richmonds zärtliches Herz und
drückte sich in seinen Zügen aus als der junge Herzog ihn zu beruhigen eilte
indem er ihm die Versicherung gab dass sie wohl auf sei aber in ihrer Stimmung
geschont erst auf seine Ankunft vorbeitet werden müsse
Richmond fühlte leicht dass hier eine kleine Verlegenheit obwalte und es
ward ihm nicht schwer die Veranlassung von sich herzuleiten da er wohl wusste
wie seine Mutter auf jeden Schritt zur Auffindung der Gräfin Melville ein
Interdikt gelegt dem er durch seine Bemühungen allerdings entgegen gehandelt
Nun so bitte ich denn rief er sich seiner guten Sache bewusst und der
Liebe seiner Mutter vertrauend eilt mit dieser Vorbereitung sobald Ihr es
vermögt denn mir folgen auf dem Fuße zwei Personen deren besonderes Verhältnis
ihr mitzuteilen ich mich sehne und indem ich sie indessen Eurer Liebe
empfehle sie zugleich als alte Bekannte nenne nämlich die Gräfin Melville und
Master Brixton ihr Erzieher
Ein Ausruf der Teilnahme war die Antwort auf diese Ankündigung und wir
überlassen es dem Leser die verschiedenen Veranlassungen in den beteiligten
Personen sich selbst hinzu zu denken
Nach einem kurzen Kampfe entschied sich der junge Herzog seinen Bruder
selbst nach dem Schloss zu begleiten und ersuchte den Grafen Ormond den
Reisenden mit Sir Ramsei entgegen zu reiten sie in seinem Namen zu begrüßen und
in GodwieKastle einzuführen Dann lenkte er sein Pferd an die Seite seiner
Gemahlin und mit besonderer Aufmerksamkeit ihren Zügel fassend schien er sich
recht ihrer Gegenwart versichern zu wollen
Graf Archimbald beschloss gleichfalls seinen Liebling zu begleiten da es ihm
höchst unangenehm vorschwebte ihn der übelen Laune seiner Schwägerin verfallen
zu sehen
Er eilte sogar dem jungen Herzoge voran sich bei der Herzogin einzuführen
und wir glauben dass der Neffe dies Geschäft dem Oheim gern überließ
Ein kurzes Gespräch mit Richmond hatte ihm zu einer gedrängten Übersicht
des Geschehenen verholfen und er hoffte diese Mitteilungen würden versöhnend
das Herz der Mutter erweichen
Er fand sie in der strengen und ernsten Haltung die einen weniger gefassten
Mann als Graf Archimbald von jeder Annäherung zurückzudrängen geeignet war
Im Gegenteil aber reizte ihn diese Wahrnehmung in einzelnen Fällen noch zu
einem stärkeren Hervortreten der eigenen kalten Schärfe und sie begannen
gewöhnlich damit einander beim ersten Anblick wegen dessen zu zürnen was sie
im Laufe des Beisammenseins gegen einander zu verschulden gewärtigten
Ich hoffe meine teure Schwägerin hob er ihr zuvorkommend an ich finde
eine gute Stunde zur besten Botschaft die ich glaube bringen zu können
Richmond der verlorne Sohn nähert sich dem Schloss und ich bin voran geeilt
mir vor allen den Lohn so guter Botschaft von Eurem freundlichen Gesichte
abzufordern
Der jähe plötzliche Schreck der mit einer hohen Röte das strenge Gesicht
der Herzogin überflog raubte ihr tief ihr Herz erschütternd für einen
Augenblick die Sprache Sichtlich jedoch den Anteil von Freude bekämpfend den
diese Nachricht in sich schloss zeigte sie bald einen Ausdruck gemäß der
Stimmung die sie glaubte zeigen zu müssen
Ihr überrascht mich Mylord Lasst mich hinzusetzen dies ist vorläufig das
einzige Gefühl dem ich Raum geben kann Zu früh lernen Mütter die
Notwendigkeit kennen ihre Kinder als fremde sich von ihnen lossagende
Personen ansehen zu müssen Mein Sohn hat mir in seinem letzten Verfahren darin
den Unterricht gegeben der mein Herz zu schmerzlich traf um mich ganz frei ihm
gegenüber zu fühlen da ich außerdem von der Schwäche frei bin darum weil es
eben mein Sohn ist seinen Handlungen eine blinde Bewunderung zu zollen
Auf solchen Anspruch scheint er sich auch nicht beschränken zu dürfen
erwiderte Graf Archimbald mit kühler Gleichgültigkeit im Gegenteil scheint er
mit männlicher Festigkeit erreicht und beseitigt zu haben was für uns alle eine
Verpflichtung geworden deren Lösung jedoch von so mannigfacher Schwierigkeit
war dass sie wie billig das Maß von Tätigkeit einer Frau übersteigen musste
Ich erinnere mich nicht diese Sache in so fern Ihr von dem Schicksale der
jungen Abenteurerin sprecht der wir Schutz gewährten über meine Kräfte hinaus
gehalten wohl aber sie vollständig für meine Angelegenheit erklärt und
Niemandem die Verantwortlichkeit auferlegt zu haben womit dann der Gegenstand
für alle Andern erledigt und ich jede unberufene Einmischung als Anmassung und
beleidigende Bevormundung meines Willens anzusehen befugt war
Es ist nicht anzunehmen sagte Graf Archimbald dass wer in der Nähe Eurer
Durchlaucht lebt sich nicht von der Schwierigkeit solcher Einschreitungen
überzeugt haben sollte Erlaubt mir jedoch Euch aufmerksam zu machen dass wir
nie so fest uns selbst vertrauen dürfen um nicht die Möglichkeit anzunehmen es
könne außer unserm Bereich eine Denk oder Handelsweise stattfinden die den
einen oder andern Gegenstand früher entwickelt als uns vielleicht vorbehalten
war wenigstens setzte er höflich lächelnd hinzu habe ich mich öfter in diesem
Falle zu befinden geglaubt und nicht ungern an Anderer Tätigkeit die Grenzen
der meinigen erkennen gelernt
Verzeiht sagte die Herzogin gereizt ich bin nicht begierig gewesen eben
von meinen Kindern hierüber Belehrung zu empfangen und um aus dieser
Allgemeinheit zu dem besonderen vorliegenden Falle zu gelangen am wenigsten in
einer Sache deren Verfolgung nichts Ehrenhaftes mehr für meine Familie haben
kann da Sittenlosigkeit und Unwürdigkeit des Gegenstandes durch ihr eigenes
Betragen außer Zweifel gestellt ist
Auch darüber möchten sich die abweichendsten Ansichten verteidigen und
sogar beweisen lassen betonte Graf Archimbald seinerseits ziemlich stark und
ich freue mich hinzufügen zu können dass Richmond den wir immer nur in der
Wahrheit und der richtigsten Auffassung aller Verhältnisse fanden mir darüber
die bündigsten Versicherungen gab deren guter Grund schon dadurch mir bewiesen
scheint dass er die unglückliche verfolgte Lady in Begleitung des ehrwürdigen
Master Brixton seiner Familie wieder zuführt sie ihrem Schutze empfehlend
Was sagt Ihr rief hier die Herzogin schnell aufstehend mein Sohn Lord
Richmond führt das Mädchen welches sich unserm Schutze entzog um mit einem
ehrlosen Manne die Flucht zu ergreifen dies Mädchen deren Namen wir nur mit
Erröten vor unsern Töchtern könnten nennen hören dies Mädchen führt er in den
Kreis seiner Familie zurück und Ihr Lord Archimbald Ihr nehmt es über Euch
mir diese Nachricht zu bringen O geht geht Mylord Ihr spottet der alternden
Frau Ihr benutzt ihren durch Gram stumpf gewordenen Verstand und versuchet die
Macht Eurer Fabeln jedoch ist jener noch hell genug und diese sind schlecht
ersonnen Ich glaube viel eher an Eure schlechte Erfindungskunst als dass ich
durch den Glauben an ihre Wahrheit das eigene Kind in meiner Brust zerstören
müsste
Weder zum FabelnErfinden habe ich Talent Mylady sagte Archimbald kalt
noch fühle ich mich geneigt Euren sehr gegenwärtigen Verstand auf Proben zu
stellen Hier ist nicht von so tragischen Momenten die Rede als Eure Worte
andeuten Die Sache ist sehr einfach die dass ein junges Mädchen hintergangen
ward durch die Tücke eines erfahrenen Weltmannes dass sie nur anscheinend
Unrecht tat und bei unbefleckter Sitte erlöst aus einer schmäligen
Gefangenschaft voll Vertrauen die aufsucht von denen ihr schon ein Mal Schutz
und Hilfe zu Teil ward
Die Herzogin wollte eben in heftiger Rede entgegnen als schnelle Schritte
sich den Vorhängen der Tür näherten und im selben Augenblick sich Richmond
zeigte der mit dem ganzen Enthusiasmus kindlicher Liebe zu den Füßen seiner
Mutter stürzte Das heftige Wort der zürnenden Frau erstarb in ihrem Munde Der
Zauber den der Anblick eines geliebten Wesens über alle Kräfte unserer Seele
übt und sie aufzulösen scheint in dem Entzücken des Anblickens der Wohllaut
der unsere Seele erfüllt wenn wir das Bild in der Fülle des Lebens vor uns
sehen was den Hintergrund unseres Herzens mit tiefen unauslöschlichen Farben
einnimmt diesem Zauber unterlag das Mutterherz und Stille kehrte für einen
Augenblick in die aufgeregte Brust ein
Doch Richmond kannte seine Mutter zu wohl um nicht in ihren Zügen den kaum
bezwungenen Zorn zu erkennen und außer Zweifel über die Ursache war er Mann
genug den Gegenstand nicht zu scheuen sondern sobald als möglich zu
erörtern
O seht mich gütig an meine teure Mutter rief er mit dem tiefsten Ausdruck
der Liebe und seid sicher Ihr dürft es ohne Rückhalt Was ich Euch zu sagen
habe verdient nicht Euren Zorn nicht Eure Besorgnis Ich fühle mich stark in
dem Bewusstsein so gehandelt zu haben wie Ihr es von Eurem Sohne gefordert
haben würdet
Die Herzogin schwieg unwillkürlich lauschte ihr Ohr den überredenden Worten
des Lieblings aber das Phantom ihrer Angst trat wieder dazwischen Schwäche
schien ihr die verführerische Hoffnung und sie riss sich mit Anstrengung davon
los
Und ist es wahr was Lord Archimbald behauptet sprach die Herzogin dumpf
und ihn mit düsterem Auge anblickend ist es wahr führst Du die die sich
unserm Schutze entzog und Ruf und Sitte gleich stark beleidigte führst Du sie
diesem ehrwürdigen Hause zurück
So ist es rief Richmond lebhaft aufstehend und in Wahrheit ich rechne es
zu dem Besten was ich zu leisten vermochte Denn ein edles vom Schicksal
verfolgtes Wesen unschuldig und rein wie das Licht des Himmels habe ich aus
den Händen der Bosheit befreit und die grausamste Gewalttat an menschlicher
Freiheit und Würde verhindert
Diese Behauptung mein Sohn rief die Herzogin gepresst wirst Du mir
beweisen müssen und diese Beweise werden bei mir eine scharfe Prüfung zu
bestehen haben Nicht überreden werden mich die klugen und geschickten Sophismen
eines schönen Mädchens oder ihre rührenden Tränen oder was ihr sonst gelungen
sein mag gegen Dich zur Unterstützung anzurufen
Die Gräfin Melville sagte Richmond mit Ernst hat nie ihr unglückliches
Schicksal zu einem Gegenstand besonderer Unterredungen mit mir gemacht sie
ahnt wohl kaum das Dasein der Künste die Ihr eben andeutet und überließ es
ihrem Lehrer dem Master Brixton der sie mit mir auffand und sie keinen
Augenblick seitdem verlassen hat nachdem sie uns beiden das von ihr Erlebte
einfach mitgeteilt hatte mit mir die nötigen Schritte zu überlegen Das
Dunkel welches dessen ungeachtet darüber verbreitet ist das jedoch allein den
Motiven gilt warum man sie um jeden Preis unserer Obhut entziehen wollte und
warum ihre Person so wichtig gehalten wird dass man ihr lieber den Tod geben
als ein Hervortreten an das Licht gestatten wollte ist teils Brixtons
Geheimnis teils ihm selbst noch unaufgeklärt
Nun wahrlich rief die Herzogin in die widersprechendsten Empfindungen
aufgelöst die Aufschlüsse die nach so viel Ausnahmen übrig bleiben können
nicht von Belang sein und schwerlich mein Misstrauen gegen ihre Triftigkeit
aufheben Aber ich empfinde es als eine Härte des Schicksals und kann Dir dafür
nicht dankbar sein dass Du dies in Geheimnisse gehüllte Mädchen meinem Kreise
wieder zuzuführen trachtest der sich von jeder Zweideutigkeit frei erhalten
sollte
Und der es bleiben wird entgegnete Richmond wenn Ihr das Zeugnis des
Master Brixton eines ehrwürdigen angesehenen Geistlichen wenn Ihr das Zeugnis
Eures Sohnes wenn Ihr das Zeugnis der himmlischen Unschuld selbst nicht
zurückstossen wollt eine vorgefasste Meinung lieber festhaltend
Die Herzogin hatte vielleicht noch nie eine so feste Sprache von ihrem Sohne
gehört Sie erschrak innerlich und wie Mütter in ihren Söhnen oft leichter die
Autorität der Männlichkeit anerkennen als in deren Vätern so fühlte sie sich
davon aufgehalten und das Gefühl hier nur die Wahl zwischen einem ernstlichen
Erzürnen und einem großmütigen Nachgeben zu haben ließ sie aus dem Ersteren
verschüchtert sich in das Letztere hineinfinden
Ich gebe Deine eben gesprochenen Worte Deinem eigenen Nachdenken anheim
sprach sie mit jener milden Art die dem Stolzen so befriedigend wird weil sie
den Andern in Nachteil setzt und wenn mein Sohn mir meine Aufgaben nach seinem
Ermessen stellt will ich die Mäßigung und Selbstbeherrschung die ich von
meinen Angehörigen fordern muss ihnen vorangehend zeigen
Ohne Zweifel wird Beides von mir in einem hohen Grade gefordert indem man
mich zwingt ein junges Frauenzimmer wiederzusehn deren Ruf durch ihre eigenen
zweideutigen Handlungen gelitten hat über welche mir Aufklärung zu geben und
daran billig meine Einwilligung zu ihrer Wiederaufnahme zu knüpfen man
verweigert und es vorzieht sich vor mir in ein abenteuerliches Dunkel zu
hüllen
So willigt Ihr ein teure Mutter den Master Brixton zu sprechen rief
Richmond immer das Ziel im Auge behaltend und die zwischenliegenden
Schwierigkeiten verschmerzend also darf ich ihn Euch zuführen
Sollte das nötig sein sagte die Herzogin kalt ich denke dass der Herzog
mein Sohn bereits seine Einwilligung zu seiner Aufnahme gegeben hat und wir uns
nichts weiter zu sagen haben da ich allerdings nicht in der Stimmung bin mich
gelehrig für geheimnisvolle Histörchen zu erweisen
Master Brixton und Lady Melville würden sich dessen ungeachtet nicht als
Gäste dieses Hauses ansehen wollen bevor sie die Einwilligung meiner verehrten
Mutter dazu erlangt
Lady Melville Lady Melville rief die Herzogin rasch weißt Du nicht mein
Sohn dass der Graf Melville den sie zu ihrem Vater erhob kinderlos starb
Ich weiß es sagte Richmond fest doch Brixton gibt ihr mit voller
Überzeugung diesen Namen er muss ihr verbleiben bis wir das Schweigen des
ehrwürdigen Mannes aufgehoben sehen
Nun sagte die Herzogin mit jenem Lächeln welches den Andern verwundender
als das Wort trifft es wird Keiner in Abrede stellen dass mir viel zugemutet
wird und an den endlichen Mitteilungen dieses Master Brixton viele und sehr
wichtig scheinende Erklärungen haften
Keiner wird das in Abrede stellen verehrte Mutter aber auch Keiner in mir
das Vertrauen zerstören können dass diese uns einst genügend sein werden
Genug genug und schon zu viel erwiderte die Herzogin ich bin gesonnen
was man von mir fordert bald zu leisten um alsdann meine Gedanken von einer so
empfindlichen Sache ableiten zu können
Lord Richmond fühlte wie passend es sei hier eine Unterredung abzubrechen
welche jeden Augenblick ihn in Gefahr setzte die heilige Verpflichtung der
Ehrfurcht gegen seine Mutter zu verletzen die zu erfüllen ihm jederzeit wahres
Bedürfnis des Herzens war
Beide Männer zogen sich mit höflicher Kälte entlassen zurück im übrigen
Kreise der Familie sich für den Zwang entschädigend den die Unterredung ihnen
auferlegt und die Herzogin verblieb in ihren Gemächern eine Unpässlichkeit
vorschützend
Die Unterredung die sie am andern Morgen dem Master Brixton gewährte
konnte keinem von Beiden zur Befriedigung dienen
Die vorgefasste Meinung der Herzogin über diese Angelegenheit die halben
Mitteilungen die der würdige Mann gebunden durch sein gegebenes Wort fast
nur auf Versicherungen die den Glauben an seine Person bedingten machen
konnte fanden wenig Anklang bei der Hartnäckigkeit seiner Gegnerin und
beschränkten ihn fast auf die einfache Erzählung wie es dem Lord Membrocke
gelungen sei das Fräulein zu täuschen und wie es ihr ferner im Schloss der
Lady Sommerset ergangen
Ganz ohne Eindruck blieben diese letzten Mitteilungen nicht und dieser
wurde verstärkt durch den ruhigen Bericht über den Fortgang der Reise woraus
die Herzogin abnahm dass kein ausgesprochenes Verhältnis zwischen ihrem Sohne
und der Lady obwalte und die ganze Reise durch Brixtons und Margarits Nähe
vollkommen in den Grenzen schicklicher Zurückhaltung verblieben sein musste
Sie willigte ein das Fräulein zu sehen und sagte Brixton den Schutz zu den
er für sie bis zu seiner Rückkehr von London wohin er sich augenblicklich zu
begeben trachtete erbat
Jener Empfang war nicht ohne kränkende Äußerungen und mit der stolzen Kälte
verbunden die wenig Mut übrig lässt Aber Lady Maria hatte seit lange schon die
glückliche Sicherheit der Jugend verloren die sie in der ersten Zeit ihres
Unglücks ihre ganze Lage klar und ehrenhaft ansehen ließ
Sie erkannte nur zu wohl wie zweifelhaft ihre Geburt Name und Zukunft
geworden und fühlte sie sich auch innerlich gehalten durch die zuversichtlichen
Tröstungen Brixtons so entging es ihrem klaren Blicke doch nicht wie voll
Sorge der ehrwürdige Mann war für die nächsten Schritte die ihm zu tun
oblagen und ob diese Dinge sich je bis zu der Klarheit entwickeln würden um
Andern als Beweis und Überzeugung dienen zu können das stellte sich ihr in
immer zweifelhafterem Lichte dar
Sie verlernte daher auch in demselben Maße Ansprüche an die Gunst der
Menschen zu machen da sie sich durch so viel Missgeschick von ihnen
ausgeschieden und aller Berechtigung beraubt sah die ihr unter ihnen einen
ehrenvollen Platz anweisen konnte Sie hatte es daher nur mit tiefer Beschämung
geduldet sich der Familie Nottingham aufgedrungen zu sehen und war nur den
vereinigten Bitten Richmonds und Brixtons gefolgt als ihr Beide außerdem keinen
schützenden Aufenthalt zu nennen wussten und Brixton nicht aufhörte ihr die
Hoffnung zu erhalten dass sie aus dieser misslichen Lage bald in aller Ehre
hervorgehen werde
Sie empfand daher die Kälte der Herzogin als eine notwendige Zugabe ihres
Unglücks und trug sie mit um so stillerer Ergebung als sie es aufs Tiefste
bereute durch ihre frühere Unbesonnenheit das Vertrauen dieser edlen Frau
selbst erschüttert zu haben
Es war freilich dies auch die einzige Prüfung die ihr in diesem Hause
auferlegt war denn keiner der Andern stand an ihr Vertrauen und die alte Liebe
zu bezeigen ja das Unglück das sich in den Augen der Jugend so leicht von dem
Verdachte des Unrechts reinigen lässt schien ihr nur noch größeres Anrecht auf
die schonende Liebe ihrer jungen Freunde zu geben
In welchen Begrenzungen übrigens Lady Maria sich gegen ihren Retter Lord
Richmond gehalten hatte während einer Reise wo sie täglich Beweise seiner
Güte und Hingebung seiner gegen jede Zufälligkeit sie schützenden Vorsorge
empfing hier traten diese Grenzen doch noch bestimmter hervor und nicht
mehr wie auf der Reise war es eine selbstgewählte Entfernung die sie doch
immer in dem Bereich seiner ausschliesslichen Sorgfalt ließ sondern es mussten
alle Beziehungen der Art notwendig aufhören wo in der völlig gesicherten Lage
und ungestörten Ordnung des Hauses jede Veranlassung dazu wegfiel
Beide gerieten in eine Entfremdung die sie fast mit Zweifel erfüllte ob
sie beide jemals sich näher gestanden
Maria fühlte wie sie nur angewiesen sei diese Zurückhaltung zu
unterstützen aber es schien ihr bald als käme ihr Richmonds Gefühl darin nur
zu sehr zu Hilfe Sie fühlte sich von einer Schwermut beschlichen die sie zwar
wohl unter den vor Aller Augen daliegenden Umständen ihrer Lage verbergen von
der sie sich selbst aber nicht abläugnen konnte dass sie einer andern Ursache
angehörte und diese begann ihres Herzens sich mit einer Gewalt zu bemächtigen
die allen andern Kümmernissen die Kraft sie zu beugen raubte oder doch in
diesem einen Gefühle sie alle zusammen treffen ließ
Sie war zu fromm zu Gott ergeben sich den Tod zu wünschen aber es verging
kein Tag an dem sie nicht dahin kam mit einem sehnsüchtigen Laut ihrer Brust
an ihn als an die süßeste Erquickung hinzudenken
Sie machte sich Vorwürfe dass sie allgemach gleichgültig ward gegen ihr
ganzes verwickeltes Schicksal gegen ihre Zukunft das Einzige was noch einen
Anspruch an ihre Teilnahme geltend machte war das Andenken an ihren
unglücklichen Oheim dessen Existenz ihr aufs Neue durch Brixton bestätigt ward
und zwar in jener vollen Glorie der Tugend worin sie ihn von Jugend an vor
Augen gehabt
Ollony nahm den gewohnten Platz in der Nähe ihrer teuren Lady Maria ein
sie war ihr so viel näher indessen getreten man konnte sagen sie war zu der
Freundschaft herangewachsen die sie schwärmerisch zu ihr hinzog
Beide sahen ahnend einander in die schwermütigen Augen aber das heiligste
Siegel war auf die jungfräulichen Lippen gedrückt und das Verständnis des
gemeinsamen Gefühls gab sich nur kund in der Anziehungskraft die Beide an
allen Andern vorüber zu einander hinzog
Dies schöne Verhältnis gewann eine Art Heiligung und ward von Allen
unterstützt denn keine der übrigen Frauen rivalisirte mit Ollony
Lady Anna die sonst dazu am nächsten stand hatte eine zu ausschliessliche
Beziehung zu ihrem Gemahl gewonnen um für das Gefühl der Freundschaft in
solchem Maße noch zugänglich zu sein Ja sie hatte den feinen Takt der den
Frauen in der Liebe so eigen ist und der bei der Anerkennung von Marias Wert
ihr die kaum zu bezwingende Schlussfolge aufnötigte ein solches Wesen eben
müsse auch ihrem Gemahl sehr nahe zu stehen vermögen
Die ungemein feste und edle Haltung jedoch die der junge Herzog in dieser
gefahrvollen Lage behauptete ließ weder im Herzen seiner jungen Gemahlin noch
bei andern ihn beobachtenden Familien Mitgliedern die leiseste Unruhe
aufsteigen
Maria fand an ihm jetzt wie früher ihren wohlwollendsten Beschützer stets
bemüht ihr GodwieKastle als ihre Heimat lieb zu machen sie durch die feinste
Auszeichnung an seine Familie zu knüpfen und mit dem Gedanken zu versöhnen dass
ihr vielleicht keine andere lebe
Hierin sah er sich von seiner Gemahlin und allen seinen Geschwistern
unterstützt und bei der dauernden Vorliebe seiner Großmutter und da selbst
Lord Archimbald ein besonderes Wohlgefallen nicht verhehlte schien sich einer
solchen Hoffnung für die Zukunft nichts entgegen zu stellen
Maria sah dies mit der größten Anerkennung und bemühte sich ihr
niedergebeugtes Leben so gütigen Anforderungen gemäß zu erhalten
Aber sie war nie durch das was sie Andern schien zu beruhigen ihre Seele
wollte mit sich selbst im Einklang sein und nur was sie wirklich war schien
ihr würdig nach Außen hervortreten zu lassen
So entstand ein Kampf ein Zwiespalt in ihrem Innern der sie ungleich
erscheinen ließ und ihren Freunden oft die schmerzlichste Besorgnis einflößte
Tausend Mal wollte sie sich den begeisternden Zuruf wiederholen womit sie ihr
Gefühl für Richmond zuerst als freies Eigentum ihres Herzens sich zum Glück und
zum Segen anerkannt und alle Ansprüche des Lebens daran ausgelöscht hatte im
Gefühl selbst Alles suchend und findend
Der Augenblick war vorüber und für immer war dieser freie Standpunkt der
Resignation ihr mit der Ahnung einer Seligkeit verschwunden die Richmonds
Hingebung an ihr Interesse ihr mit einer schöneren Hoffnung eingeflößt
Es gab freilich für sein schüchternes Zurücktreten eine Auslegung welche
ihrem scharfen Blicke nicht entging und in der bestimmt kalten Stellung der
Herzogin gegen sie liegen konnte die zu absichtlich über das Verhalten
Richmonds bei ihrer Rettung und der damit verknüpften Reise eine bloß
zurückgehaltene Missbilligung ausdrückte Es ließ sich wahrscheinlich annehmen
dass Richmonds strenges Ehrgefühl für sich und vielleicht auch für sie
beleidigt durch sein bloß ehrerbietiges Betragen auch den Schatten eines
Verdachtes entfernen wollte gegen welchen auf andere Weise sich aufzulehnen
ihn die Stellung des Sohns zur Mutter verhinderte
Aber ein wahres Gefühl der Liebe ist selten bereit die Entfremdung und
Kälte des geliebten hochgestellten Gegenstandes in äußeren Umständen zu suchen
In sich selbst in dem eigenen geringen Wert findet es mit sanfter
herzzerreissender Schwermut den trennenden Grund und zürnt nicht und will nicht
gewinnen und besitzen wozu es mit dem Lächeln eines Sterbenden die Fähigkeit
sich versagt hält So Maria
Ohne alle Gegenwehr stand sie dem Schmerze still der nach und nach jeden
gesunden Atemzug ihrer Brust verwandelte und sie hielt zuletzt diesen Schmerz
für ihr Leben und wehrte ihm nicht einzuziehn und über alle Hoffnungen der
Zukunft das Leichentuch zu werfen Der Gesichtskreis ihrer Wünsche ihrer
Hoffnungen ward so klein dass sie zuletzt an dem Gedanken hängen blieb hier im
Bereich seiner Augen sterben zu können sei das höchste ihr noch gebliebene
Glück und dass sie kaum einen andern Wunsch mehr hegte als den es möge keine
Veränderung ihrer Lage sie um diesen Vorzug bringen
So sah sie Brixtons Reise und deren Zweck mit sehr gemischten Empfindungen
die sich endlich von ihr ab dem Andenken des ihr immer noch teuren Oheims
zuwandten
Um sie her gestaltete sich das Leben dagegen in allen Beziehungen so vielen
Ansprüchen gemäß glücklich und befriedigend
Der junge Herzog durchzog seine reichen Besitzungen und belebte die ganze
Gesellschaft zu Streifereien mit ihm in den schönen Forsten und entfernteren
Ansiedelungen Es verging kein Tag an dem man nicht teils zu Pferde teils zu
Wagen solche Unternehmungen vollführte wobei sich das Interesse der verschieden
Beteiligten vielfach anregte und aussprach
Lord Ormond blieb der fast ausschliessliche Begleiter von Lady Maria und
Ollony während Richmond nicht selten den Wagen seiner Mutter begleitete oder
sich den Fremden anschloss die stets im Schloss anwesend die Gesellschaft
verstärkten
Eine kleine Grenzstreitigkeit mit Master Allincroff gütlich durch die
wohlwollenden Gesinnungen des jungen Herzogs beigelegt hatte die Bitte dieses
Master Allincroff unabweislich gemacht auf der neugesteckten Grenze welche in
dem schönsten Eichen Forste sich befand seine nachbarliche Begrüßung
anzunehmen und unter Zelten auf dem feinen Teppich der Moose einen Tag zu
verleben Nur die ältere Herzogin und Lady Dorset hatten sich der wohlgemeinten
Einladung entziehen können alle übrigen Bewohner von GodwieKastle aber sich zu
Pferde dahin aufgemacht Die Herzogin und Lucie fuhren in der Mitte der
Kavalkade auf dem etwas ungebahnten und steinigen Wege der von den bekannten
Pfaden ablenkend endlich in einen Hohlweg führte Berg ab gehend zeigte sich
eine höchst malerische aber auch nicht ohne Gefahr zu passirende Straße die so
schmal war dass der Wagen der Herzogin nur mit Mühe sich durcharbeiten konnte
die Reiter aber genötigt waren am Rande des Hohlweges die schmalen Jagdwege zu
erklimmen Master Allincroff hatte den Damen viel von der Schönheit dieser von
Giessbächen und den schroffsten Felsenabhängen durchschnittenen Gegend zu
erzählen gewusst und Alle fühlten sich mit einer Art von Erregung diesen
wildromantischen Szenen gegenüber wobei die Schwierigkeiten welche der Boden
veranlasste die Heiterkeit und das Leben des ganzen Zuges erhöhten und tausend
kleine Neckereien und Scherze herbeiführten
Dadurch dass die Reiter die Höhe des Hohlweges erstiegen hatten war der Zug
in Stocken und Unordnung gekommen und Lady Maria hatte sich ihres klugen
Pferdes Führung vertrauend von Ormond und Ollony getrennt die bei einander
haltend mit den Übrigen die Einfahrt der Kutsche in den tief darunter
liegenden Hohlweg abwarteten
In ihre Gedanken vertieft hatte sie einen bedeutenden Vorsprung gewonnen
und eben eine gelichtete Höhe erreicht von wo aus sie über den Felsen hinweg
einen Blick auf die Waldgrenze gewann der sie eine Reihe bunt geschmückter
Zelte und die zum Empfang bereiten Gäste des Master Allincroff erkennen ließ
Auch musste sie als Vorbotin der Erwarteten erkannt sein denn sie sah wie
man sogleich mit einer weißen Fahne in die Luft wehte und im selben Augenblick
erhob sich ein lustiges Gewehrfeuer aus allen Gebüschen des Waldes und Weges
Marias Pferd stieg einen Augenblick erschrocken in die Höhe Doch besänftigt
von der liebkosenden Hand und der sanften Stimme der Reiterin schnob es nur
mutig war bald vertraut mit dem munteren Geplänkel und trug nur desto stolzer
sich und seine Führerin
Bei seinem ersten Schrecken hatte es sich jedoch gewendet und nachdem Maria
es zur Ruhe gebracht schlug sie die Augen auf und nach dem Hohlwege hin wo sie
den Wagen der Herzogin erwartete Doch welch ein Anblick bot sich ihr dort dar
Die Pferde der Herzogin waren gleichfalls von dem unbesonnen angeordneten
Lustfeuern erschreckt worden aber nicht von besonnener Hand wie Marias Pferd
beruhigt stürzten sie sich mit rasender Eile den gefahrvollen Weg hinab warfen
Vorreiter und Kutscher von ihren Plätzen und jagten über den steinigen
ungleichen Felspfad dahin der bald nach der entgegengesetzten Seite seine
hohe schirmende Wand verlierend hier an einer Tiefe entlang sich fortzog die
den schäumenden Giessbach in einem reißenden Bergstrome sammelte
Ein Blick ließ Marias klares Auge die Gefahr übersehen die hier fast
unabweislich den Untergang der Herzogin und Luciens herbei führen musste wenn
sie ohne Hilfe und Aufenthalt diesen entsetzlichen Punkt erreichten
Noch waren ihre Pferde trotz der Gedankenschnelligkeit ihres Laufes davon
entfernt es blieb eine Möglichkeit sie aufzuhalten wenn eben in dem
gefahrvollen Wege sich Jemand ihnen entgegen werfen konnte Aber wo fand sich
diese Hilfe In weiter Entfernung jagten die Reiter vergeblich dem rasenden
Sturze nach der sich unaufhaltsam und unerreichbar ihnen voranwälzte und sie
nur zu Zeugen des entsetzlichsten Unglücks nicht zu dessen Abwendung herbei zu
rufen schien
Maria war die einzige die Vorsprung gewonnen hatte noch ein Mal schaute
sie nach Hilfe umher kein lebendes Wesen nahte den Weg hinauf
Da trat der Gedanke der die angstvoll zuckende Brust erbeben ließ mit
begeisterter Klarheit hervor
Für Richmonds Mutter das Leben zu wagen welch ein Hochgefühl in dieser
liebenden Brust Mit Blitzschnelle drückte sie das elastische Tier das so
stolz sich von der geschickten Hand seiner Gebieterin leiten ließ in die
Seiten es schüttelte sich vor der Tiefe aber schnell geleitet von der
begeistert blickenden Führerin erreichte es mit einem leichten Satze einen
kleinen Felsvorsprung der die Tiefe zur Hälfte teilte der zweite Sprung auf
den Weg trieb sich von selbst und war unaufhaltsam
Fast ohne Besinnung von der doppelten Erschütterung des Sprunges erreichte
Lady Marie den Boden aber gegen jede physische Schwäche lehnte sich das
heldenmässig pochende Herz so mächtig auf dass die Kraft ihr ward die ihr nötig
war
Ganz nahe schon schäumte der Zug daher Die wütenden Vorderpferde an den
Zügeln zu ergreifen das war die Aufgabe einer zarten Frauenhand aber in dieser
Hand lag die ganze Kraft des Herzens concentrirt das zu lieben und zu sterben
verstand Ihr eigenes zitterndes Pferd in halber Richtung lenkend streckte sie
sich von ihm seitwärts gebogen dem entsetzlichen Laufe entgegen Er hatte sie
schneller erreicht als Worte es auszudrücken vermögen Wohl stutzten die wilden
Rosse ob des Widerstandes aber wie hätte er sie aufhalten können hätte nicht
Lady Marias Pferd in so nahe Berührung mit seinen schäumenden Gefährten
versetzt erhitzt und erschreckt einen angstvollen Satz in die Mitte des Weges
gemacht und dadurch gleichsam sich entgegenbäumend sich mit den Vorderpferden
verwickelt wodurch das linke Pferd stürzte und nun von selbst sich gleichsam
ein Knäuel der darüber hin strauchelnden Pferde bildete
Der Wagen stand bloß zuckend noch hin und hergerissen von den arbeitenden
Pferden
Lady Maria war einen Augenblick in diesem Knäuel verwickelter Pferde fast
vergraben Aber das edle Tier das sie trug und auf dem sie noch immer
Besinnung behaltend sich krampfhaft festhielt doch ohne ihm eine Richtung
geben zu können riss sich selbst mit stolzer Wildheit von seinen tollen
Gefährten los und frei sich machend durch einen weiten Satz tauschte es jetzt
seine Freiheit um die scheueste Angst sie wieder zu verlieren und flog in
gejagter Flucht den gefahrvollen Weg hinab
Marias Besinnung umhüllte sich ihr Kopf streifte ein paar Mal gegen die
niederhängenden Äste der Bäume sie sah nichts mehr deutlich und fühlte nur
eine heftige schmerzhafte Erschütterung die sie von da an ihres Bewusstseins
gänzlich beraubte
Die nachfolgenden Reiter unter ihnen Richmond zuerst hatten mit dem
größten Schreck das Unglück gesehen das die unzeitigen Höflichkeiten des Master
Allincroff über sie verhängten Es blieb ihnen nichts übrig als der Versuch
den Wagen zu überreiten und dies war ein Versuch den alle Männer unternahmen
all mit trostloser Gewissheit der Unmöglichkeit des Gelingens
Doch hatte Richmond in verzweifelter Anstrengung fast sein Ziel erreicht da
sah er das fabelhafte Unternehmen der Lady Maria welche wie ein Geist aus der
Luft in zwei gewagten Sprüngen auf ihrem Schimmel die Luft durchschnitt er sah
sie im nächsten Augenblicke sich in einen fast gewissen Tod stürzen sah sie
verwickelt in den Knäuel der wütenden Pferde und sah um diesen hohen Preis den
Stillstand des Wagens erkauft jetzt aber auch sie emporgerissen durch ihr wild
gewordenes Pferd und von demselben Schicksal erreicht welches sie von seiner
Mutter abgewendet
Im selben Augenblicke sah er diese von den Nacheilenden erreicht sie selbst
in der Mitte des Wagens gesund lebend aufgerichtet in ihrem Schoss Lucie in
ihre Kleider schützend gehüllt das blasse betränte Lockenköpfchen
hervorstreckend Ein flüchtiger Blick gab ihm hierüber Sicherheit er übersprang
daher mit seinem flüchtigen Pferde diese Gruppe Maria nacheilend
Es war vergeblich er konnte ihr Schicksal nicht mehr abwenden Ehe er sie
erreichte sah er sie widerstandslos vom Pferde herabhängen dann bei einer
ungestümen Bewegung desselben zur Erde fliegen
Im nämlichen Augenblicke hatte er sie fast erreicht sich vom Pferde herab
neben sie niedergeworfen Ein Strom von Blut quoll ihr aus dem bleichen Munde
die Besinnung hatte sie gänzlich verlassen
Als Maria zuerst die Augen aufschlug und die gestörte Geisteskraft sammelte
glaubte sie der Tod habe sie wirklich von allen Qualen erlöst und der Himmel
seine Seligkeiten aufgetan Auf duftigem Moose über ihr ein luftiges Zelt von
Laub und Blumenkränzen in den Armen der Herzogin ruhend die sie mit Blicken
der Liebe und Angst betrachtet zu ihren Füßen Richmond knieend ihre Hände in
den seinigen gefasst bleich mit dem Ausdruck der Züge für den es nur eine
Auslegung gibt sich selbst in einer himmlischen Ermattung fühlend in einem
Zustande der alle Kräfte gebunden hält und doch der süßeste Traumzustand ist
schien sie versöhnt aller Not entladen den Seligen schon zugesellt
Indem trat Stanloff hervor und erkannte das wiederkehrende Leben welches
Beide in Schmerz versenkt nicht wahrgenommen
Sie lebt sagte er leise
Großer Gott rief Richmond ist es Wahrheit Möglichkeit Sie lebt rief er
einen Blick auf sie werfend dann sprang er auf und die Arme hoch empor
gehoben stürzte er zum Zelte hinaus
Maria hörte wie er es dort noch ein paar Mal den wahrscheinlich seiner
Botschaft Harrenden wiederholte und fast im selben Augenblicke lag er wieder zu
ihren Füßen und blickte sie an mit dem Jubel der seligsten Freude
Ein Paar warme Tropfen fielen auf Marias bleiches kaltes Gesicht Sie
blickte auf und die strengen Augen der Herzogin in Liebe gebrochen waren der
Quell
Seid vor Allem ganz ruhig teures Kind Euer Leben und unser aller Ruhe
hängt daran sagte sie mit weicher Stimme als Maria einen Versuch zum Sprechen
machen wollte
Stanloff versuchte jetzt ihr Tropfen einzuflößen und redete die Herzogin
mit der Bitte an, sich selbst einige Ruhe zu gönnen da die beschwerliche
Stellung der sie sich unterzöge sie zu sehr angreifen würde
Redet mir nicht von Ruhe erwiderte sie ernst sie hat nicht an sich
gedacht als sie ihr Leben wagte das meine zu retten jede Bewegung kann den
schrecklichen Blutstrom erneuen ich danke Gott dass sie Ruhe in dieser Stellung
findet
O meine Mutter rief hier Richmond und drückte sein Gesicht in die Hand der
Herzogin
Etwas lebhaft zog sie die Hand zurück
Wir haben alle denke ich Fassung und Mäßigung in unser Betragen zu legen
da jede Gemütsbewegung der Kranken tötlich werden kann
Das werde ich auch können rief Richmond und stand von seinen Knien auf
sagt nur Stanloff wenn ich gehen muss ich will alles tun was nötig ist
Es möchte allerdings die höchste Ruhe zu empfehlen sein erwiderte
Stanloff
Nun so sei Gott mit Euch rief Richmond sich zu Maria beugend und die
Engel die Euch lieben mögen Euch erretten
Maria sah ihm nach und ihre Seele sagte Du bist mein Engel und Du heilest
mich
Das Fest des Master Allincroff war nach allen Seiten hin zerstoben Man
hatte die lustigen Zelte im Waldgrunde nur zu erreichen gestrebt um die
sterbende Lady Melville dort sanfter zu betten Niemand dachte nur des Festes
Alles war in Aufregung und Bekümmernis in gespannter Erwartung des Ausspruchs
Stanloffs dem keine vorzeitige Äußerung zu entlocken war und der Alles davon
abhängen ließ ob die gewaltsam gesprengte Ader der Brust sich geschlossen habe
oder fortbluten werde
Die Herzogin schien aufs Tiefste von dem Opfer erschüttert welches Maria zu
ihrer Lebensrettung gebracht sie hatte ihre völlige Besinnung behauptend mit
unbeschreiblicher Angst das verzweifelte Unternehmen vor ihren Augen sich
begeben sehen Ihre dadurch bewirkte Rettung schien ihr keinen Anteil zu
erwecken und sie machte sich fast ungeduldig von ihren Kindern los sogleich zu
Fuße Richmond nacheilend indem sie rasch rief er habe das Zweckmässigste
getan
Stanloff folgte und als man Maria in ihrem Blute fand das wie ein Quell
aus ihrem Munde floss schien sie einen Augenblick von Trostlosigkeit
überwältigt sympatetisch mit Richmond zu fühlen der die Verunglückte am
Boden stützend mit allen Ausbrüchen des Schmerzes und der Liebe ihren Namen
rief
Es ward von Allen betrieben bald eine Bahre von den Polstern des Wagens
verfertigt auf der man Maria sanft in das Tal zu den lustigen
blumengeschmückten Zelten niedertrug wo sie der trostlose Geber des Festes
empfing der sich als die nur zu gegründete Ursache dieses Unglücks ansehen
durfte Stanloffs Bemühungen war es gelungen den entsetzlichen Blutsturz zu
hemmen Seit vier Stunden hatte sich das Blut nicht mehr ergossen er verlangte
aber vier und zwanzig Stunden Ruhe ehe irgend eine weitere Transportirung
zuzulassen sei
Die Herren erteilten nun die Anordnungen wie das luftige Zelt zu einer
Herberge für die Nacht einzurichten sei und alle übrigen Zelte wurden ihres
Inhalts entkleidet um dies eine damit auszustatten
Die Herzogin Ollony Richmond und Stanloff waren entschlossen die
vorgeschriebenen vier und zwanzig Stunden bei der Kranken zu bleiben Der Herzog
und die übrigen Damen sollten gegen Abend nach dem Schloss zurückkehren und
alles herbeischaffen lassen was zum Transport der Kranken für den andern Tag
nötig wäre
Master Allincroff entließ seine übrigen Gäste und erklärte sich
entschlossen mit seinen Leuten das Zelt der Herzogin zu bewachen und zu jeder
nötigen Veranstaltung während der Nacht bereit zu sein
Die Herzogin gestattete endlich da Marias Zustand sich gleich blieb dass
Ollony ihre Stelle an deren Lager einnahm und Richmond hielt sich am Eingange
des Zeltes bereit Stanloff mit jeder Dienstleistung zu unterstützen
Gegen Morgen fiel die Kranke in einen sanften Schlaf und als der Gesang der
Vögel sie mit der Sonne erweckte wurden Alle überrascht und erfreut als sie
mit kräftiger klarer Stimme Ollony anredete und lächelnd fragte ob sie
wirklich lebe oder im Paradiese sei
Stanloff gab nun einige freundliche Worte der Hoffnung und als die langen
vier und zwanzig Stunden ohne neues Oeffnen der Ader vorüber gegangen waren
trat man mit vorsichtig eingerichteten Anstalten vom Schloss hinreichend
versehen den gefürchteten Rückweg an
Als Maria auf ihrer Bahre in den Schlosshof getragen ward hatten sich alle
Bewohner desselben in schmerzlicher Unruhe versammelt sie zu empfangen und die
lauteste Teilnahme das Schluchzen der Frauen und Kinder zeigte hinreichend
wie geliebt das Fräulein von Allen war Die Herzogin die kurz vorher zu Wagen
eingetroffen war stand mitten unter ihnen sie war selbst so mit dem Ereignisse
beschäftigt schien so besorgt und geängstigt über den Erfolg der Bewegung die
der Kranken trotz des sorgsamsten Tragens nicht zu ersparen war dass sie alles
Andere um sich unbeachtet ließ
Maria mit offenen Augen aber todtenbleichem Angesicht lächelte hold wie
ein verklärter Engel zu Allen Sie fühlte einen Frieden eine Seligkeit in ihrem
Innern worauf selbst der Gedanke ihres noch möglichen Todes keinen Einfluss üben
konnte Ach der Tränen wert schien sie sich als sie Tages vorher anscheinend
blühend und gesund über die Höfe ritt und als ob sie jede Teilnahme jeden
Schmerz unrechtmässig errege bemühte sie sich in ihren Zügen den Zustand ihrer
Seele auszudrücken
Die Herzogin befahl die Bahre nach ihrem Schlafgemach zu tragen und Maria
fand dort Alles zu ihrem Empfange sorgfältig geordnet Die Herzogin erklärte
die Pflege der Kranken mit Morton allein übernehmen zu wollen und Maria konnte
nichts als die sorgfältig ordnende Hand an ihre Lippen drücken
Der Erfolg lohnte so mütterliche Sorgfalt Es erfolgte kein neuer
Blutverlust die Kräfte ersetzten sich schnell und Maria verließ bald Bett und
Zimmer und streifte nicht minder schön bei der blässeren Farbe der Wangen
durch Schloss und Park
Das Ereignis schien ein neues Band um Alle geknüpft zu haben Die Herzogin
hatte von Dankbarkeit hingerissen in ihrer Liebe gegen Lady Maria die immer
nur wie unterdrückt in ihr fortbestanden zu haben schien so lebhaft und ohne
Rückhalt sich gezeigt dass Alle belebt durch das Gefühl ihrer großmütigen
Aufopferung für das Leben der teuren Mutter sich um sie als den Mittelpunkt
aller Bemühungen versammelten
Auch schien nichts mehr den eigenen Frieden ihr zu stören Ein stilles
Genügen an Allem wie es war eine Anhänglichkeit an den Platz wo ihr so viel
Liebe entgegen trat eine kaum verhehlte Scheu vor jeder möglichen Veränderung
dieser Lage tröstete ihre Freunde selbst über das Misslingen von Brixtons
Unternehmungen mit der Hoffnung das Fräulein werde eine solche Nachricht mit
minderem Schmerze ertragen wenn sie sich in ihrem jetzigen Verhältnis glücklich
fühle
Die Gesundheit der jungen Lady ward aber von ihnen allen als ein Gut
betrachtet für das sie einstehn müssten und zu ihrer Schonung und Pflege
erschien sie noch nicht bei den größeren Versammlungen der Familie und blieb
mit Ausnahme kleiner Spaziergänge auf ihre Gemächer beschränkt
Ein größerer Kreis von Fremden der im Schloss versammelt war hatte sich
bereits zerstreut und man genoss der größeren Stille die der Familienkreis
darbot zugleich mit der Hoffnung Stanloff werde dem Fräulein bald darin
einzutreten erlauben
Man hatte sich an einem schönen Abend auf den Terrassen versammelt und
heiter mit Stanloff um das Gewünschte streitend hatte man ihm eben die
Zusicherung entlockt das Fräulein bald zu ihnen hinab zu führen als die Hörner
auf den WartTürmen neue Fremde ankündigten und dem Herzog die Meldung gemacht
wurde dass sich ein kleiner Trupp Reiter dem Schloss nähere
Sir Ramsei der dazu beauftragt war die Fremden zu bewillkommnen und ihnen
entgegen zu reiten entfernte sich zu diesem Ende und Stanloff seines Auftrags
unter diesen Umständen entlassen eilte seine Schutzbefohlene in ihren
Gemächern aufzusuchen
Doch musste Sir Ramsei seinen Weg in kurzer Zeit zurück zu legen sich beeilt
haben denn mit glühendem Gesicht und in der vollsten Aufregung sehen wir ihn
über die Terrassen zurück eilen und sich dem Herzoge nähern der im Kreise der
Übrigen der neuen Ankündigung harrte
Nun sagte er lächelnd Ramseis Eile bemerkend Du scheinst uns sehr
Wichtiges mitzuteilen zu haben Wer beehrt uns mit seinem Zuspruch Ich hoffe
angenehme Nachrichten zu empfangen
Der Besuch der Euer Durchlaucht beehrt folgt auf dem Fuße die Meldung kam
zu spät ihn mit allen Ehren empfangen zu können Es ist mir untersagt ihn zu
nennen doch bitte ich untertänigst dass Euer Durchlaucht sich bis in den
Schlosshof ihm entgegen bemühn
In Wahrheit fuhr der Herzog mit guter Laune fort Du bist sehr feierlich
und auf die Ehrenbezeigungen Deiner Gäste sehr bedacht doch wir folgen Dir
denn Du bist ein zu guter Seneschall um Deinem Rate nicht vertrauen zu dürfen
Tut dies gnädigster Herr sagte Ramsei unruhig nach den Hallen blickend
Es zeigte sich jetzt dass die Ungeduld des eifrigen Seneschalls nicht ohne
Grund war denn mehrere Herren denen einer mit der vollen schnellen Haltung
welche den gewohnten Vortritt verkündigt voranschritt traten so eben aus der
mittelsten Halle auf die Terrasse
Der Herzog eilte ihnen entgegen aber der Herr der das Barett tief in die
Augen gedrückt hatte übersah flüchtig fast abwehrend grüßend die
Bewillkommnung des Herzogs und dem Kreise der Damen entgegen eilend näherte er
sich so schnell der verwitweten Herzogin dass er fast allein plötzlich vor ihr
stand
Wollt Ihr erlauben dass ein alter Freund unangemeldet alte Freundschaft und
Gastlichkeit in Anspruch nimmt sprach der Fremde indem er rasch den schwarzen
Mantel der ihn fast verhüllte zurückschob den Kopf entblößte und der
überraschten Herzogin das schöne ernste Antlitz Karls des Ersten zeigte
Mein König rief die Herzogin in der höchsten Bewegung
Der König wiederholten Alle
Der König wandte sich nun mit Anmut grüßend zu allen Anwesenden und mit
besonderer Hochachtung zu der edlen Mutter seines verstorbenen Freundes
Die augenblickliche Verlegenheit die diesem unerwarteten fast
unerklärlichen Ereignis folgte da man den König seiner jungen Gemahlin harrend
glaubte und jeden Augenblick die Meldung ihrer Landung ihn alsdann ihr entgegen
nach einer ganz andern Richtung führen musste wich doch bald der Notwendigkeit
jedes Erstaunen zu unterdrücken welches der König erwarten durfte erregt zu
haben
Derselbe schien jedoch so ernst nachdenkend und wie von einem Gedanken
vorherrschend beschäftigt dass man sich unbeachtet in seiner Gegenwart glauben
konnte nur die verwitwete Herzogin und Lord Richmond machten davon eine
Ausnahme
Die Herzogin hatte den ganzen Abend seine zahllosen Fragen zu beantworten
welche unverkennbar irgend einen Zweck hatten und sich alle um die Reise ihres
Gemahls seinen letzten Willen und ihr eigenes Leben seit dessen Tode drehten
Eben so Lord Richmond Der König blickte ihn mit langen prüfenden Blicken an
während er mit der Herzogin redete und Jeder sah dass dieser seine vorzügliche
Aufmerksamkeit fessele
Unser erstes Zusammentreffen Lord Derbery sprach er freundlich war
ernster Art gereichte Euch aber so sehr zur Ehre dass Ihr es nicht anders
wünschen könnt
Der erste wichtige Moment meines Lebens unter den Augen Euer Majestät
bestanden erwiderte Richmond bewegt möge alle folgenden der Art heiligen
So sagte der König mit beinahe wankender Stimme habt Ihr seitdem
fortgefahren das Werk ritterlichen Schutzes zu üben
Richmond blickte überrascht den König an und traf auf das prüfende
ausdrucksvolle Auge desselben worin etwas lag das er nicht verstand
Die Gelegenheit soll mich entschlossen finden hoffe ich erwiderte er
doch zu suchen braucht sie der Mann nicht
Brav brav rief der König und ich glaube der Mut der zu seiner
Befriedigung die Gefahren veranlasst die er zu bestehen trachtet führt mehr
Unheil herbei als ihm abzuwenden gestattet ist
Er ward nach diesen Worten aufs Neue still und nachdenkend und erhob sich
sodann um sich früh in seine Zimmer zurück zu ziehen kündigte seine Abreise auf
den andern Tag an und erbat sich die Zimmer des verstorbenen Herzogs bewohnen
zu dürfen
Das zurückbleibende Gefolge des Königs bestätigte vollkommen die Ansicht
dass dieser auffallenden Reise eine Absicht von der höchsten Wichtigkeit zum
Grunde liegen müsse da die alle Kräfte anspannende Schnelligkeit wie das
anbefohlene strenge Geheimnis den unpassenden Zeitpunkt derselben schien
vermitteln zu sollen und sie vom Könige beschlossen ward als er vom
Sterbebette seines alten Kammerdieners des Master Porter kam
Die Herzogin sah trotz ihrer kalten Haltung mit einiger Spannung dem
andern Morgen entgegen der ihr in einer vom Könige erbetenen geheimen
Unterredung den wahrscheinlichen Grund seiner Reise offenbar machen sollte
Der König der schon beim Eintritte in die Gemächer seines Freundes eine
lebhafte Bewegung gezeigt hatte entließ sich nach Einsamkeit und Ruhe sehnend
sobald es möglich war die Herren des Hauses wie seines eigenen Gefolges und
durchschweifte nun mit großen Schritten die schönen Räume
Porters naher Tod und die Qualen der Sterbestunde die den Unglücklichen im
doppelten Kampf des Geistes und Körpers zu Teil wurden hatten endlich das lang
unterdrückte Gefühl für Recht über alle Sophismen einer jesuitischen Erziehung
siegen lassen Er sah wohl ein dass die Spur zur Auffindung der unglücklichen
Lady Maria die er durch Lanci gegeben ihr nur eine höchst bedingte und
zweifelhafte Rettung werden würde so lange der König an ihren Tod glaubte und
ihr nicht unmittelbaren Schutz verleihen konnte So überwand er jede andere
Rücksicht und offenbarte seinem grausam betrogenen Herrn sein ganzes tief
verworrenes Leben in allen seinen Beziehungen zu der unglücklichen jungen Dame
Mit welchem Erzürnen auch der König eine solche empörende Beichte anhören
mochte der Gedanke sie lebe und sei ihm wieder zu gewinnen löschte jede
andere Regung in ihm aus und er sah Porter als seinen größten Wohltäter an
als habe mit diesem letzten Dienst ein ganzes Leben voll Verrat und Lüge die
Weihe der Tugend bekommen
Porter empfahl noch mit sterbender Stimme dem Könige Niemandem zu vertraun
selbst GodwieKastle aufzusuchen wo er sie gelang Lord Richmonds Versuch
finden müsste denn Porter hatte nur zu viel Ursache zu glauben die heiligen
Väter hätten ihm unbewusst den Platz bereits mit andern Kundschaftern besetzt
von dem sie ihn bald durch den Tod abgesetzt wähnten
Der König gab sich nach dieser Entdeckung ganz seinem ungestümen Herzen hin
in dessen Folge wir ihn in einem so kritischen Augenblick den Weg antreten sehen
von dessen glücklichem Erfolg er sich alles Glück versprach dessen er sich noch
fähig hielt
Nachdem er die Gesuchte unter den versammelten Damen nicht gefunden und
durch Lord Richmonds Anwesenheit sich doch überzeugt hatte es müsse irgend
etwas sich ergeben haben fühlte er eine Mutlosigkeit des Geistes die es ihm
unmöglich machte sich an demselben Abend noch Gewissheit zu verschaffen Er
hatte überdies in den Gemächern seines Freundes noch ein wichtiges Dokument
aufzusuchen und wir sehen ihn jetzt in das Schlafgemach treten wohin wir früher
die Herzogin begleitet haben
Derselbe Gegenstand war auch das Ziel des Königs die Holzwand wich dem
bekannten Drucke das schöne Bild lächelte ihm entgegen und machte alle Wunden
seiner Brust aufs Neue bluten
Wir enthalten uns eine Stimmung der Seele zu belauschen worin dieser zum
Unglück bestimmte Monarch von seiner Jugend und allen ihren Hoffnungen Abschied
nahm
In ewiges Dunkel begraben blieb der Welt diese stille und einflussreiche
Geschichte seines Herzens
Wir sehen ihn in seiner öffentlichen Erscheinung nur noch zwischen den zwei
verderblichsten Fehlern eines Herrschers geteilt Schwäche und Eigensinn
Die Zeit der er verfiel hatte keine Langmut mehr In sich kreissend und
gährend zerriss sie die Zügel einer Herrschaft die nicht mehr Schritt hielt mit
ihren Forderungen Sie musste sich in der Willkür müde schwelgen um die eiserne
Rute eines Cromwell küssen zu können
Nicht ohne Teilnahme denken wir uns den König auf einem Wendepunkte wo er
sich noch ein Mal weich und träumerisch an die Ideale seiner Jugend hängt
freudlos die Zukunft vor sich erblickend doch nicht ahnend wie furchtbar sie
sich gerüstet hatte ihn zu vernichten
Jetzt dachte er wie er seinem Robert einst dies Urbild ihrer Herzen worin
sie sich wie in einem Brennpunkte ihrer Liebe begegnet waren heimlich während
einer Abwesenheit des Herzogs in London in dies stille Gemach hatte einsetzen
lassen dies Bild woran der Herzog nicht mehr die Gefühle heißer Liebe
knüpfte sondern eine Begeisterung eine Stärkung für Erstrebung alles Guten und
Edlen Er hatte es wagen dürfen ihn zum stillen segenbrinden Engel in seine
Einsamkeit zu führen Er wusste dass Robert von dem Augenblicke an wo der Prinz
in jener verhängnisvollen Nacht als der Tod des Bruders ihn so viel höher
stellte und so viel ferner der früh ihm Vermählten und er keinen Boten fand
der fernen Leidenden das Wort der Treue zu senden als Robert den er sie
liebend wusste dass von dem Augenblicke dieser Entdeckung an er den männlichen
Kampf begann um über Gefühle zu siegen die er sich nicht mehr glaubte
gestatteten zu dürfen Er gedachte wie stolz und mutig er ihn bis zur
Vermählung mit Arabella Bristol durchgekämpft er gedachte des harten Streites
der Liebe mit ihm als er trachtete den Liebling von einem Schritte zurück zu
halten der ihm von der Verzweiflung eingegeben schien er gedachte aller guten
Stunden aller treuen Dienste die ihm dies seltene Freundesherz geleistet in
Behütung und Bewahrung des gefahrvollen Geheimnisses und zugleich mit dieser
Erinnerungsfeier zog der Schmerz der Einsamkeit durch sein Herz und er rettete
es nur aus allzumächtigem Weh indem er des Kindes gedachte das ihm vielleicht
noch geblieben
Schnell nahte er sich dem Bilde eine Feder bewegte es langsam aus der Wand
hervor dahinter zeigte sich eine Nische in deren Raum der König das vom
Freunde behütete Kästchen fand welches alle wichtigen Dokumente für die
Legitimität des teuren Kindes enthielt deren Durchsicht er nunmehr sich mit
dem bewegtesten Herzen hingab
Der König ließ sich am andern Morgen zu dem gemeinschaftlichen Frühstück melden
und ward von der ganzen Familie mit der ehrfurchtsvollsten Freude empfangen Er
wandte auch jetzt seine Reden fast ausschließlich an Richmond und äußerte
endlich er sei wie er hörte so eben erst von einer Reise nach der Ostküste
von England zurückgekehrt
Als dies Richmond bestätigte fragte der König was seinen Geschmack eben
nach dieser wenig angebauten Gegend hingezogen
Mich bestimmten bei dieser Wahl nicht die gewöhnlichen Anforderungen einer
Vergnügungsreise erwiderte Lord Richmond es war mehr eine Pflichterfüllung
die mich gegen andere Beziehungen gleichgültig machte
Eine eigne Angelegenheit sagte der König scharf ihn anblickend Doch
unterbrach er sich Richmonds sichtliche Verlegenheit gewahrend ich dränge mich
in Familiengeheimnisse und will Euch nicht in Verlegenheit setzen nur herzlich
wünschen dass der beste Erfolg diese außerdem wenig belohnende Reise krönte
So darf ich in Wahrheit hoffen ist geschehen wie Euer Majestät die Gnade
haben zu wünschen rief Richmond
Aber erstaunt sahen die Andern mit ihm wie der König bei diesen Worten
schnell aufsprang und mit dem lebhaftesten Ausdruck der Freude auf ihn
zueilend ausrief
O sagt sagt Ihr wart glücklich Grenzenlos wird mein Dank sein
Es blieb keine Zeit diese unzusammenhängenden Worte zu deuten der nächste
Augenblick hob den frühern in Überraschung auf
Lady Maria hatte von Sehnsucht den König zu sehen getrieben Stanloff
vermocht sie nach den Terrassen an dem Saal vorüber zu führen worin der König
frühstückte da sie sich der Familie nicht anschließen wollte um einer
Präsentation vor dem Könige zu entgehen bei der Alle in Verlegenheit kommen
mussten indem dem unglücklichen Mädchen noch immer kein Recht zu irgend einem
Namen zuzustehen schien
Gaston ihr steter Begleiter hatte sich auch dies Mal aus den Zimmern ihr
nachgeschlichen und mit ihr die Nähe des Saales erreichend zeigte er sich
plötzlich aufhorchend und eine Spur suchend die ihn trotz des leisen Rufs
Marias von ihrer Seite weg dem offenen Saale zuzog
Er hatte ihn kaum erreicht als der König wie bereits erwähnt von seinem
Platze aufsprang und sich gegen den stehenden Lord Richmond wendete
Im selben Augenblicke hatte Gaston den Freund seines Herrn erkannt und
stürzte jetzt mit der leidenschaftlichsten Heftigkeit auf den König zu
Die augenblickliche Überraschung des Königs endete sogleich indem er
Gaston erkannte seine Liebkosungen erwiderte und mit ihm dadurch
vorgedrängt jetzt in eine offene Tür der Hallen trat und dadurch der Lady
Maria sichtbar ward die ihn bisher nicht zu erkennen vermocht hatte
Seht rief Stanloff jetzt kennt Ihr den König sehen dort steht er mit
Gaston an der Tür
Maria blickte einen Moment hin dann stieß sie einen Schrei aus und mit dem
Ausruf
O Gott mein Oheim stürzte sie dem Könige zu Füßen
Unaussprechlich war die Überraschung aller Anwesenden Alles sprang auf und
eilte dieser unerwarteten Szene entgegen
Um Gott Lady Maria Was begeht Ihr rief die Herzogin aufs Tiefste
verletzt und erschrocken über den plötzlichen Anblick eines Gegenstandes den
ihr stolzes Herz eben dem Könige zu entziehen getrachtet hatte
Aber schon änderte sich die ganze Szene Der König zu ihr niedergebeugt
mühte sich sie in seine Arme zu ziehen indem er aufs Lebhafteste ihren Namen
unter den zärtlichsten Ausdrücken rief
Lady Maria richtete sich auf und sagte an seine Brust sich lehnend ernst
und zärtlich
Jetzt habe ich wieder eine Heimat auf Erden gefunden Du wirst mich von
allen den Rätseln erlösen die mich bisher verfolgten ich werde jetzt einen
Namen haben
O rief der König mit dem Laut des Schmerzes o Du teures unglückliches
verfolgtes Kind Meine ganze Macht kann nicht ausreichen was Du gelitten
auszulöschen Dir wieder zu geben was Du indessen verloren Aber einen Namen
sollst Du haben auf den Du mit Stolz blicken kannst eine Heimat soll Dir
werden des Namens würdig den Du mit Recht führst Frau Herzogin fuhr der
König fort erfahrt jetzt dass Ihr in den Wohltaten die Ihr diesem teuren
Kinde gewährt Euren König Euch zu Eurem lebenslänglichen Schuldner gemacht
habt Hier sei der erste Augenblick wo ich das süßeste Glück meines Lebens
ausspreche Sie ist meine Tochter und ihre rechtmäßige Mutter ist Elisabet von
Buckingham die Gott früher von dieser Erde rief als ich vor dem Angesichte der
Menschen ihre heiligen Rechte anerkennen durfte
Du der König Elisabet meine Mutter rief Maria Die Überraschung schien
ihr alle Kraft zu rauben
Der König führte sie nach einem Lehnstuhle sie zärtlich stützend während
um ihn her das Erstaunen und die Überraschung Aller sich in den verschiedensten
Erscheinungen kund gab
Doch wir werden das mütterliche Gefühl verstehen wenn wir sagen, dass die
Herzogin deren lange schmerzvolle Befürchtungen wir kennen ihre Augen zu
Richmond erhob und zärtlich sich an den Herzueilenden lehnend ihn fest und
mit einem seligen Lächeln an ihre Brust drückte
Mit stummem Entzücken blickte die alte Herzogin auf diese Szene die sie so
wohl verstand denn der Augenblick der dem Könige die Tochter hatte auch ihr
den verklärten Sohn sein in reiner Tugend strahlendes Bild zurückgegeben
Dieser rührende und überraschende Moment der alle Anwesenden aufs Tiefste
und Verschiedenartigste bewegte ward unterbrochen indem Sir Walter Ramsei mit
feierlicher Amtsmiene erschien Vor dem Könige der noch immer über Lady Maria
sie umschlingend gebückt stand beugte der Ankommende die Knie und redete ihn
auf folgende Weise an
Ein königlicher Bote erreicht so eben dies Schloss beauftragt Euer Majestät
in tiefer Ehrfurcht anzuzeigen dass dem Lande das ersehnte Heil geschah und der
Boden Englands die Königliche Henriette von Frankreich unsere nunmehrige
Königin empfangen hat
Der unglückliche Karl schreckte zusammen lebhaft drückte er die zitternde
Maria an seine Brust dann riss er sich empor
Ich danke Euch Sir Ramsei für die erfreuliche Botschaft Ihr werdet mich
von Euren Wünschen unterrichten müssen Dem ersten Überbringer solcher
Nachricht darf keiner unerfüllt bleiben den zu befriedigen in unserer Macht
steht Die Augenblicke sind uns also gezählt sprach er darauf zur Herzogin
gewendet Gönnt mir eine kurze Unterredung Mylady ich bin sie mir ich bin sie
Euch schuldig und diesem teuren Kinde Er bat Maria ihn zu begleiten und
führte Beide in die innern Gemächer
Was er hier der Herzogin und seiner Tochter zu sagen hatte kann kein
Gegenstand fernerer Mitteilung sein wir ahnen es aus der Erinnerung aller im
Laufe dieser Erzählung vor uns entwickelten Einzelheiten Auch brauchte der
König dazu wenig Zeit Er bewirkte einen vorläufig verlängerten Aufenthalt für
seine Tochter bei der Herzogin da er selbst sich außer Stande fühlte vor der
beabsichtigten Entdeckung an seine Gemahlin derselben einen Platz anzuweisen
der ihren Ansprüchen gemäß war
Als er in den Saal zurückkehrte näherte er sich mit besonderer Huld Lord
Richmond
Was Ihr Mylord für meine Tochter getan hat ein Vaterherz gehört und tief
empfunden ich wüsste keinen Wunsch den Ihr mir nennen könnt dessen Erfüllung
so weit es von mir abhängig nicht eine Befriedigung für meine Dankbarkeit sein
müsste Übernehmt bis wir uns wiedersehen setzte er lächelnd hinzu das
ritterliche Amt das Ihr so trefflich versteht bei meiner Tochter Euch allen
meine Freunde empfehle ich meine Tochter Lady Maria Stuart Zu den
HofFeierlichkeiten hoffe ich Euch alle als meine liebsten Gäste in London zu
sehen
Der König entfernte sich sie alle grüßend und bald sah man wie seine
schwarze Gestalt umgeben von dem glänzenden Zuge der Herren des Schlosses auf
schnellem Rosse dahin sprengte
Die königlichen Boten hatten die erste Audienz der Königin von England
verkündigt Das Land schien die Wanderung nach London angetreten zu haben Das
Volk stand in dichten Massen an einander gedrängt der seltenen Lust gewärtig
die das Schauspiel solchen Festes auch den Straßen verhieß
Zwischen durch bewegte sich der Zug des stolzen Adels von England
Schottland und Irland mit allem Glanze und allen Ansprüchen ausstaffirt die
Vermögen und Rang jedem Einzelnen gestatteten
Die Heiterkeit der Jugend die sich mit tausend Hoffnungen noch nie erlebter
Freuden dem Ziele entgegendrängte umgaukelte mit ihrer anmutigen Lebendigkeit
den stilleren Zug der Aelteren welche solche Freuden und ihre Täuschungen
kennend den erfahrnen Blick über die ersten Augenblicke dieser neuen
Katastrophe hinweg ihrer Zukunft entgegenrichteten und manche Anzeichen fanden
welche die ernste Erwartung rechtfertigten womit sie sich dem neuen
Herrscherpaare nahten
Die Säle des alten prachtvollen Whitehall hatten sich bereits mit den
Personen gefüllt welche an die Auszeichnung Anspruch machen durften hier zu
erscheinen Henriette von Frankreich hatte für jeden berühmten Namen ihres neuen
Vaterlandes ein anmutiges Wort eine schmeichelhafte Bemerkung Sie schien die
gekrönte Anmut zu sein und ihr Auge leuchtete so heiter und kräftig auf Jeden
nieder wie eine Verheißung glücklicher Zeiten Kaum widerstand einer der alten
finsteren englischen Barone der jugendlichen Königin Die Absicht ihr zu
misstrauen die jene sie sich als Klugheit anrechnend mitgebracht war den
Meisten entfallen und ein unfreiwilliges Geständnis neu gewonnener Hoffnung
malte sich auf ihrer geglätteten Stirn während die ritterliche Jugend am Griffe
ihrer Degen mehr der schönen Frau als der Königin ihr Leben vereidete
Karl der Erste sah nicht ohne Teilnahme den Eindruck den seine schöne
Gemahlin hervorrief Er selbst hatte einen erhöhten Ausdruck von Heiterkeit und
Ruhe und seine von der Natur zur Schwermut gestempelten Züge schienen mit dem
Lächeln der Befriedigung der jungen Königin ein heiteres Leben zu verheißen
Doch blieb eine Unruhe sichtbar die seine und der Königin Blicke öfter dem
Eingang entgegenrichtete durch den sich noch stets Neuangekommene
hineindrängten welche alle bemüht waren der neuen Landesmutter ihre Huldigung
darzubringen
Die Versammlung die keinen andern Augenpunkt als das königliche Paar
hatte erkannte bald dass sich hier etwas begeben solle welches der
ungeduldigen Erwartung sich noch zu entziehen schien und mit doppelter Spannung
horchte man auf jeden neuen von den Herolden verkündigten Namen
Da entstand schon im Vorzimmer Geräusch und lauter werdendes Gemurmel des
Beifalls
An der Hand des Herzogs von Buckingham erschien ein weibliches Wesen dessen
bezaubernde Schönheit mehr als der Glanz ihrer Kleidung alle Anwesenden in
gleich großer Teilnahme bewegte
So viele laut ausgesprochene und gar nicht überhörbare Zeichen der
Bewunderung hatten der edlen und hochgetragenen Gestalt der so Empfangenen jenen
leichten Anflug von Schüchternheit gegeben welcher der Jugend so bezaubernd
ansteht und den zarten Wangen ein tieferes Rot verleiht Sie trug in den
dunkeln Locken ein herzogliches Diadem von den kostbarsten Steinen ihr
purpurnes Sammetkleid war mit dem fürstlichen Hermelin besetzt welcher von
zwei Pagen in der königlichen Livree getragen seitwärts des silberstoffenen
Unterkleides niederfiel und den reichen Besatz von Juwelen zeigte womit das
Mieder befestigt war
Sie musste eine Verwandte des königlichen Hauses sein denn nur ihnen kam
diese Auszeichnung zu aber wer konnte sie sein
Wer hatte sie je gesehen und wie kam sie an die Hand des Herzogs von
Buckingham welcher stolz auf ihre Nähe mit hohnlachender Befriedigung das
Erstaunen und die Bewunderung der Anwesenden als einen ihm gehörigen Triumph
aufzunehmen schien
Ihr folgte unmittelbar der Herzog von Nottingham mit seiner Gemahlin seinem
Bruder und dem Grafen Archimbald von Glanford Aber Alles ward still als die
wundersame Erscheinung sich dem Eingange des Audienzzimmers nahte denn jetzt
musste ihr Name proklamirt werden Sie selbst schien diesen Moment kennend mit
leichter Schüchternheit ihn verzögern zu wollen denn einen Augenblick hielt sie
inne und eine tiefe Bewegung malte sich in ihren Zügen Da hob sie die großen
dunkeln Augen vom Boden und sie fielen sogleich auf den König der im selben
Augenblick die Hand seiner Gemahlin ergreifend mit lebhaftem Ausdruck der
Freude nach der Fremden hindeutete
Da erhellte das seligste Lächeln das schöne Gesicht der Unbekannten sie zog
die Hand von dem Arme des Herzogs von Buckingham und in voller
Selbstvergessenheit ihrer herrlichen Natur zurückgegeben eilte sie mit
freudiger Hast von aller Schüchternheit entkleidet groß und leuchtend
aufgerichtet wie eine Königin über die Schwelle des Saales
Maria Stuart Nichte des Herzogs von Buckingham rief der Herold und
zugleich gewahrten die überraschten Zuschauer wie das Königliche Paar den
Thron verlassend der jungen Herzogin bis zur Mitte des Saales entgegenging
ihrem Fussfall zuvorkommend sie umarmte und sie zwischen sich dem Throne
zuführte wo zur Linken der Königin auf der zweiten Stufe des Trones ein Sessel
ihr angewiesen ward den sie nachdem die Monarchen sich niedergelassen mit der
unschuldvollsten Sicherheit einnahm
Der Herzog von Buckingham nahm seinen Platz hinter dem Stuhle seiner Nichte
und der Türsteher proklamirte die Familie des Herzogs von Nottingham mit dem
Zusatze Richmond Herzog von Glanford
Als der junge Herzog sich dem Könige näherte umarmte ihn derselbe die
Königin reichte ihm die Hand zum Kusse und der Ceremonienmeister Graf Dorset
wies ihm das Tabouret an das eine Stufe niedriger neben dem Lehnstuhle der
Herzogin von Buckingham stand
Die Versammlung erfuhr jetzt dass sie in beiden so hochbeehrten Personen ein
Brautpaar sehe dessen feierliche Vermählung in der Kapelle des Königs gleich
nach beendigter Audienz statt haben werde
Aber was für ein weites Feld für die Mutmaßungen blieb nach dieser
ungenügenden Nachricht zurück
Wie wenig hatte ihr Name die aufgeregte Neugierde befriedigt
Warum gab man ihr den Platz der Prinzessinnen von Geblüt Wo war sie bisher
gewesen Welche Rolle wird ihr ferner zugeteilt sein
Es steht nicht zu erwarten dass diese Fragen der Wahrheit gemäß beantwortet
wurden Sie beschäftigten eine Zeitlang die Neugierigen doch als das baldige
Verschwinden der Beteiligten allmälig dieser ersten Anregung alle weitere
Nahrung entzog geriet Alles nach und nach in Vergessenheit
Die junge Herzogin von Glanford folgte ihrem Gemahl nach GodwieKastle und
verblieb dort im Kreise ihrer Familie bis die Besitzungen die der König ihr in
der Nähe des ehemaligen Schlosses ihrer Mutter verliehen zu dem Empfange des
jungen Paares mit königlicher Freigebigkeit eingerichtet waren
Die meiste Zeit des Jahres bewohnten sie BuckinghamPark so reich an
glücklichen Erinnerungen so nah an GodwieKastle so leicht erreichbar für den
König der nie aufhörte in Maria das Glück seiner Jugend zu lieben
Nur selten erschienen sie bei Hofe ein reicheres Lehen sich schaffend in
ihren weitläuftigen Besitzungen in dem beglückten Kreise ihrer Familie
Ein Jahr später führte Maria den Grafen Ormond mit Ollony Dorset zum Altare
Ormond glaubte er habe bisher nur geliebt als Versuch endlich vollständig
seine beglückte Braut zu lieben Maria hatte eine erfüllte Hoffnung mehr erlebt
Bald ruhte die schöne heitere Leiche der alten Herzogin von Nottingham in
der Todtenhalle von GodwieKastle Ihr herrliches Ende war wie ihr Leben ein
Segen für ihre Angehörigen
Ihrer Schwiegertochter war es beschieden die heitere Ruhe der Verklärten zu
ererben Der Stachel der ihr ganzes Leben verwundet und dem Blute seinen
scharfen Inhalt gegeben hatte war mit der Entdeckung von Marias Geburt
verschwunden
Sie fühlte mit Reue und Beschämung wie grausam sie Zeit ihres Lebens den
verkannt den sie so grenzenlos geliebt
Diese späte aber tiefe Reue die ihr doch ohne Beschämung zu Teil ward da
auch nicht ein Blick aus dem Auge der einzigen Vertauten ihrer ehrwürdigen
Schwiegermutter sie mehr an ihr Vergehn erinnerte erschütterte ihr stolzes
hartes Selbstgefühl und rief eine lang versäumte Weichheit der Gefühle hervor
die den Abend ihres Lebens mit einem sanft leuchtenden Glanz umzog
Brixton gab den Bitten seines Zöglings nach und beschloss noch immer tätig
und seinem Berufe getreu Segen spendend wo er erschien sein Leben auf
BuckinghamPark
Lanci war als tüchtiger Jägersmann über die herzoglichen Waldungen gesetzt
und Margarit hatte keine Bedenklichkeiten mehr ihm ihre Hand zu reichen
Nach einigen Jahren als Lady Maria der Königin aufwartete drückte ihr
diese ein Blatt in die Hand
Es war aus Frankreich Pater Klemens schickte ihr seinen Segen und Electas
letzten Gruß Als Ursulinerin war sie in frommer Stille bald nach ihrer
feierlichen Aufnahme in das Kloster St Klara dem Pater Klemens als Beichtvater
vorstand verschieden
Maria schickte ihr den wehmütigen Gruß der Liebe nach mit dem wir gern ein
hinüber gegangenes Leben begleiten das hier in dem zu hart befundenen Boden
nicht wurzeln konnte dessen Blüten dem ersten Nachtfrost erliegen und über
dessen zarte Ranken wir gern den leichten Himmel sich wölben sehen unter dessen
Decke dem Auge entzogen wir die Verpflanzung hoffen in ein milderes
fruchtbareres Land
Der Herzog von Buckingham hatte nichts weiter mit einer Nichte zu tun aus
der sich so wenig machen ließ und welche die Torheit beging ihre glänzende
Geburt durch eine ganz gewöhnliche Ehe um allen Einfluss zu bringen
Der Graf von Bristol gehört der Geschichte an Sein Leben und sein Tod ist
zugleich die Katastrophe der Geschichte Englands an deren verhängnissvoller
Schwelle wir eine Familie gesichert und beglückt durch innere und äußere
Verhältnisse verlassen müssen ohne weiter verfolgen zu können wie die Rollen
ihnen zugefallen sein mögen in dem großen Trauerspiel ihres Vaterlandes