Sophie Bernhardi
Evremont
Erster Teil
Vorrede
Dieser Roman welchen ich dem Publikum übergebe ist die letzte Arbeit meiner
verstorbenen Schwester Sophia1 welchen sie nur wenige Jahre vor ihrem Tode
vollendete Mein Urteil über dieses Werk könnte ein parteiisches scheinen und
ich enthalte mich daher weitläuftig über diese Komposition zu sprechen oder
ihre Vorzüge auseinander zu setzen Der unparteiische Kenner wird ohne meine
Erinnerung einsehn mit welchem Fleiß und mit welcher Liebe dieses Werk welches
die Verfasserin so manches Jahr beschäftigte ausgeführt ist Wenn die Dichterin
in ihren früheren Produkten nur Traum und Mährchenwelt darzustellen strebte
oder ein schönes Gedicht des Mittelalters neu erzählte so hat sie in diesem
Roman ihre Ansichten der Welt und der Menschen und vielfache erfahrungen
niedergelegt Die denkwürdigsten Jahre der neuen Geschichte bilden den
Hintergrund dieses großen mit mannichfachen wechselnden Figuren ausgestatteten
Gemäldes und die Erzählung die gut angelegt ist hebt sich aus dem klaren
Vordergrund und das Interesse wächst mit jedem Kapitel Die Erinnerungen eines
jeden welcher beobachten konnte und richtig schildern kann werden aus jener
merkwürdigen Periode ein gewisses Interesse haben und seine Worte werden um so
eindringlicher sein wenn ihm die Gabe verliehen ist diese Bilder und
Ereignisse in ein mehr oder minder künstliches Gewebe einzuflechten Eine solch
Darstellung ergießt sie sich aus einem reichen und vollen Gemüt wird sie
nicht durch Eigensinn und Vorurteil beschränkt hat außer dem poetischen
teilweise einen geschichtlichen Wert Diese freie deutsche Gesinnung
offenbart sich in diesen Blättern die ich hier dem Publikum übergebe mit dem
Wunsche dass die Freunde der Wahrheit dass der gebildete Leser sie nicht
unbefriedigt aus der Hand legen mögen Auch hoffe ich dass diese Darstellung das
Andenken der Verfasserin bei ihren wohlwollenden Freunden erneuen wird und dass
ihr Name denen wird zugesellt werden die das Schöne Edle und Gute erkannten
und es so viel unsere geschränkten Kräfte vermögen erstrebten
Ludwig Tieck
I
Im Spätherbst wenn die Nebel schwer und feucht an den Bergen hängen wenn die
Sonnenstrahlen nur noch matt das graue Gewölk durchdringen und die Natur keinen
erheiternden Anblick mehr gewährt dann ist der Mensch am Leichtesten geneigt
alle traurigen Erinnerungen in seine Seele zurück zu rufen und unwillkürlich
bildet sich so seine innere Stimmung nach den Eindrücken die er von außen
empfängt In den letzten Tagen des Novembers im Jahre 1806 an einem solchen
traurigen Herbstabend saß die Gräfin von Hohental mit ihrer Nichte Fräulein
Emilie von Stromfeld am Teetisch im Besuchzimmer des alten Schlosses
Hohental Die hohe Gestalt der Gräfin ihre würdige Haltung die dunkeln
durchdringenden Augen die edelen Formen des Gesichts ließ obgleich durch
zunehmende Magerkeit etwas zu scharf gezeichnet dennoch deutlich erkennen mit
welch einem hohen Grade von Schönheit die Natur ihre Jugend geschmückt haben
musste und noch jetzt obgleich sie vierzig Jahre zählte durfte sie Anspruch
auf jene würdevolle Schönheit machen die oft noch lange bleibt wenn der Reiz
der Jugend auch verschwunden ist
Der Zug des Schmerzes um den Mund und die blasse Gesichtsfarbe zeugten von
vergangenen Leiden so wie die fest geschlossenen Lippen des feinen Mundes auf
einen entschiedenen Charakter deuteten Fräulein Emilie ihre Nichte war kaum
achtzehn Jahre alt in der Blüte der Jugend und Schönheit schlank leicht
fein gebaut so zart dass die leiseste Bewegung des Gemüts eine Veränderung
ihrer Gesichtsfarbe hervorbrachte ihr frischer Mund lächelte mit unglaublicher
Anmut und verriet im Lächeln die Neigung ihres Gemüts zur Heiterkeit so wie
die großen dunkelblauen von langen seidenen Wimpern beschatteten Augen deutlich
zeigten dass ihr auch das Leid des Lebens nicht fremd geblieben war die reiche
Fülle der schönen glänzenden blonden Haare erhöhte den Reiz dieser lieblichen
Gestalt
Beide Frauen saßen stumm da Emilie mit einer Handarbeit beschäftigt von
der sie von Zeit zu Zeit aufsah um einen teilnehmenden Blick auf die Gräfin zu
richten die in sich versenkt Alles um sich zu vergessen schien Es ist heute
ein trauriger Abend unterbrach endlich Emilie das Schweigen mit ungewisser
Stimme der Herbst kündigt sich uns recht schwermütig an die Gräfin fuhr beim
ersten Tone nach der langen Stille erschreckt zusammen und zeigte dadurch
deutlich dass ihre Gedanken sie so sehr beschäftigt hatten dass die Gegenwart
des Fräuleins gänzlich von ihr war vergessen worden Sie hörte nur halb auf
Emiliens Bemerkung stand auf ging ein Paar Mal durch das Zimmer und sagte dann
mit einem halb bitteren halb schmerzlichen Lächeln An einem solchen Abende
glaube ich würde auch der begeistertste Freund der schönen Natur und des
einfachen Landlebens in seiner Vorliebe ein wenig wankend werden und sich im
Stillen wenigstens wenn er sich schämte es laut zu gestehen nach dem
leichtsinnigen Geräusche der Stadt sehnen nach Gesellschaft die er oft
langweilig genannt hat nach Schauspiel wenn es auch mittelmäßig wäre und die
Forderungen der Kunst keineswegs befriedigte kurz nach allem Dem was wir
immer so hochmütig sind verachten zu wollen und was doch kein gebildeter
Mensch entbehren kann
Ehedem bemerkte Emilie war das Leben auf dem Lande heiterer man brachte
wohl schwerlich einen solchen Abend einsam zu mehrere Familien aus der
Nachbarschaft vereinigten sich man lachte und scherzte die düstern Stunden
hinweg und ehe man es dachte war Herbst und Winter verschwunden und der
Frühling mit allen seinen Blüten entzückte uns von Neuem Es ist traurig dass
Ihr erster langer Aufenthalt auf dem Lande grade in eine so ungünstige Zeit
fällt Der Krieg hat alle Menschen ängstlich gemacht es wagt sich beinahe
Niemand heraus und wenn sich auch eine Gesellschaft vereinigt so fehlt doch
die ehemalige Heiterkeit
Die Gräfin unterdrückte eine Antwort die sie geben oder eine Bemerkung
die sie machen wollte und sagte nur seufzend ich wollte gutes Kind Du
könntest mich zerstreuen
Würde Musik Sie vielleicht erheitern fragte Emilie indem sie aufstand und
sich dem Instrumente näherte Um Gottes Willen nicht erwiderte die Gräfin in
meiner jetzigen Stimmung würde Musik mein Gefühl beleidigen
Soll ich Ihnen vorlesen fragte Emilie ein wenig schüchtern Lesen sagte
die Gräfin mit Bitterkeit lesen statt leben es ist die allgemeine Meinung
unserer Zeit wir verschleudern unser eigenes Leben um das eingebildeter
Personen zu lesen nun so lass uns denn so töricht sein wie alle Andern nimm
ein Buch und lies mir vor nur bitte ich Dich keine Poesien lass es schlichte
gewöhnliche Prosa sein woran wir uns ergötzen wollen
Wer sollte wohl in dieser Äußerung sagte Emilie lächelnd die
leidenschaftliche Verehrerin der Poesie wiedererkennen
Eben weil ich die Poesie verehre versetzte die Gräfin soll sie nicht in
meiner jetzigen Stimmung vergeudet werden Ich vermag heute nicht Aufmerksamkeit
genug darauf zu verwenden um die Schönheit eines Gedichtes heraus zu hören und
in solchem Zustande ist ein Roman das Beste was man lesen kann
Ich habe nicht geglaubt sagte Emilie dass Sie auch so gering von dem Romane
dächten wie die meisten gelehrten Recensenten und nun da es doch so scheint
werde ich in meiner eignen Ansicht irre
Wer sagt Dir dass ich gering von dem Roman denke fragte die Gräfin doch
fuhr sie fort lass Deine Ansicht über ihn hören
Sie wollen über mich lachen antwortete Emilie und wenn es Sie erheitern
kann will ich mich gern Ihnen so gegenüberstellen als könnte auch ich ein
Urteil haben
Gar zu bescheiden sagte die Gräfin Du weißt meine Liebe auch das Gute
muss man nicht übertreiben
Emilie errötete ein wenig und sagte dann jetzt wird es mir in der Tat
schwer eine Ansicht zu entwickeln die ich vor Kurzem noch mit so viel Klarheit
in mir hatte aber ich dächte die Romane wären deswegen so allgemein beliebt
weil sie uns in der Tat die Gesellschaft am Meisten ersetzen wir leben im
Kreise der Menschen die uns dargestellt werden wir kennen die Gegend in der
sie leben ihre Häuser und Hausgenossen es entwickelt sich ihr Charakter vor
uns sie vertrauen uns ihr Glück und ihre Leiden an und ist ein Buch beendigt
so habe ich wenigstens das Gefühl als ob ich aus einer Gegend abreiste worin
ich viele Freunde und interessante Menschen zurücklasse wo mir auch die
komischen Figuren ihr Herz entfaltet haben und so mir lieb geworden sind und
selbst die bösartigen sich so gezeigt haben dass ich sie entweder beklagen oder
bewundern muss
Du sprichst von guten Romanen sagte die Gräfin aber selbst die
mittelmäßigen besitzen noch Vieles von diesen Reizen und wenn uns ein wahrhaft
elender in die Hände fällt der uns in gar zu langweilige oder zu schlechte
Gesellschaft versetzt so gibt es nichts Leichteres als sich hier
zurückzuziehen denn nichts weiter ist nötig als dass wir das Buch wegwerfen
Nimm denn also einen Roman und lies lass uns versuchen ob wir uns fremde
Menschen eine andere Gesellschaft herzaubern und darüber uns selbst vergessen
können
Emilie richtete einen traurigen Blick auf die Gräfin und wollte sich
entfernen um ein Buch zu holen die Gräfin aber nahm sie bei der Hand und sagte
mit milder Stimme Ich quäle Dich gutes Kind durch meine heutige Laune aber
glaube mir es liegt mir so Manches drückend auf dem Herzen dass wenn ich
darüber spräche Du mich bedauern und gern Geduld mit mir haben würdest
Sie fürchten vielleicht sagte Emilie mit einiger Beklemmung dass die Feinde
dennoch durch die Bergschlucht dringen und uns hier beunruhigen werden obgleich
der Onkel es für unmöglich hielt Nicht diese Sorgen quälen mich am Meisten
erwiderte die Gräfin obgleich ich fürchte dass es möglich ist und dass wenn
es geschieht ein großer Teil unseres Vermögens verloren gehen kann was doch
auch nicht gleichgültig von uns betrachtet werden darf Emilie schwieg und die
Gräfin fuhr fort Man braucht nicht geizig zu sein um einen großen Wert auf
ein bedeutendes Vermögen zu legen das indem es den Rang unterstützt den wir
in der Welt einnehmen unsere Unabhängigkeit sichert und gewiss hat man nur in
der Jugend die Großmut alle irdischen Güter zu verachten weil man weder ihren
wahren Wert noch ihren rechten Gebrauch kennt Der edelste uneigennützigste
Mensch wird sich gedrückt fühlen wenn Mangel an Vermögen ihn von Andern
abhängig macht
Emilie konnte einen leisen Seufzer nicht unterdrücken und die tiefe Röte
die sich über ihre Wangen verbreitete verriet der Gräfin ihre Gedanken Emilie
fühlte sich erraten und die schöne Röte stieg bis zur reinen Stirn empor
indem die Augen sich senkten und Tränen darin hinter den langen Wimpern sich
verbargen Es schmerzte die Gräfin ihre junge Freundin verwundet zu haben sie
legte den Arm um ihre Schulter und ging so mit ihr durch das schwach erleuchtete
Zimmer damit Emilie in der größten Entfernung von den Lichtern die Tränen
unbemerkt in den Augen zerdrücken konnte Ich meine fuhr die Gräfin nach einem
kurzen Schweigen fort es würde mir schmerzlich sein wenn unser Vermögen so
zerrüttet würde dass der Graf gezwungen wäre die Unabhängigkeit aufzugeben die
ihm so teuer ist und dies könnte geschehen wenn ein feindlicher Einfall die
Güter zerstörte doch aber noch ein anderer Kummer liegt mir auf dem Herzen der
mich mehr als diese Sorgen quält
Beide Frauen waren an einem Fenster stehen geblieben und sahen in die dunkle
Nacht hinaus ein feiner Regen schlug gegen die Fenster die Sterne waren durch
schwarze Wolken verhüllt und kein Gegenstand ließ sich draußen unterscheiden
Ich hoffe sagte die Gräfin wir werden allein bleiben obgleich die Einsamkeit
mir heute sehr drückend ist denn ich wünsche nicht dass der Graf bei dieser
unfreundlichen Witterung in der dunkeln Nacht den Weg über das Gebirge zurück
machen möge Er wollte aber nicht die Nacht in Heinburg bleiben versetzte
Emilie Es ist unrecht erwiderte die Gräfin mit kaum bemerklichem Lächeln dass
der gute alte Baron mit seinen unschuldigen Torheiten ihm so sehr zuwider ist
ich hoffe aber er wird heute lieber einige von dessen etwas weitläuftigen und
nüchternen Geschichten anhören als bei diesem Wetter den Rückweg unternehmen
wollen
Schimmert nicht ein Licht dort unten im Tale fragte Emilie Wo rief die
Gräfin
Dort links vom Schloss erwiderte jene mich dünkt es bewegt sich aus
der Schlucht her auf dem Wege den der Onkel kommen muss
Die Gräfin schaute aufmerksam nach der Gegend hin und in der Tat bemerkte
man nun mehrere Lichter die sich auf dem Wege um eine dunkle Masse zu bewegen
schienen Die Dunkelheit der Nacht machte es unmöglich einen Gegenstand zu
unterscheiden da selbst die Lichter nur matt und trübe durch den fallenden
Regen schimmerten
Die Gräfin zog heftig die Klingel und befahl dem eintretenden Bedienten vom
Schloss aus mit mehreren Leuten den Lichtern entgegen zu gehen und eilig zu
berichten Wer da komme und ob diese unvermuteten Gäste das Schloss zu besuchen
gedächten Aengstlich blieben beide Frauen am Fenster stehen und man bemerkte
nun bald wie mehrere Menschen aus dem Schloss mit Laternen dem Zuge entgegen
eilten der sich offenbar dem Schloss näherte Einige Diener kehrten bald
zurück und berichteten es sei der Herr Graf begleitet von mehreren Bauern aus
einem nahe gelenen Dorfe die einen Mann auf einer Bahre nach dem Schloss
trügen
Bestürzt blickte die Gräfin auf Emilie wickelte sich dann in ihren Shawl
und befahl zu leuchten Emilie folgte der Gräfin Bediente gingen mit Lichtern
voran und so stiegen beide Frauen die große Treppe des Schlosses hinunter die
Flügeltüren des Hauses wurden geöffnet und in demselben Augenblicke auch mit
großem Geräusch das Tor des Hofes der Graf sprengte begleitet von einem
Reitknechte herein und warf sich sogleich vom Pferde als er die Gräfin
bemerkte die im offenen Tore des Hauses stand auf Emilie gelehnt und hinter
beiden mehrere Bediente mit vielen Lichtern Der untere Raum des Hauses füllte
sich bald mit der Dienerschaft des Schlosses die Neugierde vermischt mit
Furcht herbei führte
Der Graf warf einem Bedienten seinen von Regen durchnässten Mantel zu trat
dann eilig zu der Gräfin und sagte indem er ihre Hand fasste »Es ist nichts
meine Liebe das Sie beunruhigen dürfte der junge Mann ist im Walde ohnmächtig
und beinahe an seinen Wunden verblutend gefunden worden Da ich glaubte dass wir
hier am Besten im Stande wären ihm wirksame Hilfe zu leisten so habe ich ihn
hieher tragen lassen Er scheint nach der Uniform zu urteilen ein
französischer Offizier zu sein also zur feindlichen Armee gehörig doch kann
dies kein Hindernis sein ihm alle Hilfe zu leisten die in unsern Kräften
steht«
Kaum hatte der Graf diese eilige Erklärung gegeben als sich die Lichter
welche die Frauen vom Fenster des Schlosses ans bemerkt hatten zum Tore des
Hofes hinein bewegten Voran ging der Schulze des Dorfes ein junger kräftiger
Mann er trug in einer Hand eine Laterne und mit der andern nahm er seine mit
Pelz verbrämte sonntägliche Mütze ab um indem er sich tief vor der Gräfin
verbeugte zugleich mit einer heftigen Bewegung den Regen davon abzuschütteln
Mehrere Bauern trugen eine Bahre auf der der Verwundete lag und welche von
andern die Laternen mit brennenden Lichtern in den Händen trugen umgeben war
Auf den Befehl des Grafen wurde die Bahre mit dem Verwundeten nun durch das
offene Tor des Schlosses getragen die Gräfin zog sich an die Mauer zurück um
den Trägern Raum zu lassen und warf einen Blick auf den Kranken indem er vor
ihr vorbeigetragen wurde Er lag auf Kissen in Decken gehüllt und schien völlig
leblos zu sein so wie die Gräfin die Augen auf ihn richtete zuckte ein
schmerzlicher Schrecken durch ihren Körper sie bedeckte die Augen mit ihrer
Hand und der fest geschlossene Mund zeigte dass sie nach Fassung rang Emilie
berührte leise den Arm der Gräfin und fragte teilnehmend Ist Ihnen nicht wohl
Es ist nichts sagte die Gräfin indem sie ihre dunkeln Augen schnell wechselnd
auf verschiedene Gegenstände richtete um durch eine augenblickliche Zerstreuung
einen gewaltsamen Eindruck zu bekämpfen dann suchten ihre Augen mit einer
gewissen Besorgnis den Grafen der aber zu sehr mit dem Kranken beschäftigt war
und in diesem Augenblicke nicht auf die Frauen achtete
Es wurde nun schnell ein Zimmer im Schloss bereitet der Graf rief nach dem
Arzte des Hauses und die Gesellschaft wurde durch den Prediger des Dorfes
vermehrt der als ein vorsichtiger Reiter seinen Weg so langsam gemacht hatte
dass ihm sogar die Bauern welche den Kranken trugen vorgeeilt waren Er ritt in
diesem Augenblicke zum Tore des Hofes ein von einem Knechte begleitet der ihm
eine Laterne vortrug und ihm nun den Steigbügel hielt Langsam und bedächtig
stieg der Pfarrer ab und sein kleines mageres Pferd wurde von dem Knechte ohne
Weiteres nach dem Stalle geführt indem der Geistliche ihm mit etwas heiserer
Stimme noch verschiedene Vorsichtsmassregeln nachrief wenn das Pferd etwa heiß
sein sollte was sich bei dem langsamen Ritt in einer kalten regnigten Nacht
kaum vermuten ließ auch schien das Pferd überhaupt nicht so viel Sorgfalt zu
verdienen noch auch sonst zu genießen denn sein Bau und ganzes Ansehen
verriet dass es eben sowohl zum Pflügen und jeder anderen Arbeit als zu den
Spazierritten des Pfarrers gebraucht wurde Nachdem der bedächtige Reiter auf
diese Weise für sein getreues Ross gesorgt hatte näherte er sich so eilig als
es ihm Mantel Überrock und sonstige Verhüllungen seiner Person erlaubten der
Gräfin die sich nun völlig wieder gefasst hatte und den Prediger mit gewohnter
Höflichkeit bewillkommnete
Der Kranke war indes in ein Zimmer des unteren Stockwerkes gebracht worden
wohin der Graf begleitet vom Arzte folgte und der Prediger eilte von
Teilnahme und Neugierde getrieben ebenfalls zu dem Verwundeten die Gräfin zog
sich nach ihrem Zimmer zurück und Emilie ging um der Haushälterin alle
Aufträge zu geben die um den Zustand des Kranken zu erleichtern nötig waren
II
Nachdem der Arzt die Wunden des Kranken untersucht hatte die von verschiedenen
Säbelhieben herzurühren schienen bemerkte er dass er sie an sich nicht für
tötlich hielte dass ihm aber der Zustand des Kranken dennoch gefährlich
schiene durch die starke Verblutung sowohl als durch seine heftige Erkältung
da er wahrscheinlich lange hüflos im Walde gelegen hätte der rauen Jahreszeit
und der unfreundlichen Witterung Preis gegeben In der Tat gab der Verwundete
nur schwache Zeichen des Lebens und schlug erst nach langer Zeit die großen
dunkeln Augen auf doch ohne dass er irgend etwas von den Gegenständen um sich zu
bemerken schien Der Pfarrer leistete dem Arzte alle mögliche Hilfe in der
Behandlung des Kranken und verriet eben so viel Teilnahme für den Verwundeten
als Kenntnis der Wundarzneikunst Nachdem der Kranke versorgt war und der Arzt
die nötigen Verhaltungsregeln gegeben vor Allem verordnet hatte dass man den
Kranken auf keine Weise zum Sprechen reitzen müsse eine Verordnung die dem
Pfarrer sehr unangenehm war obgleich er ihre Notwendigkeit einsah kehrten
Alle in das Gesellschaftszimmer zurück Die Gräfin zeigte nichts von der trüben
Stimmung der sie sich überlassen hatte als sie mit Emilie allein war und
fragte mit Teilnahme nach dem Verwundeten
Der Graf unterrichtete sie von seiner gefährlichen Lage und sagte es wäre
wohl gut wenn Dübois die Sorge für ihn übernehmen wollte es würde dem alten
Manne zwar beschwerlich sein indes bei seiner Gutmütigkeit und Teilnahme für
alle Unglücklichen glaube ich würde er es gern tun besonders da der
Verwundete sein Landsmann ist der wahrscheinlich keine andere als die
französische Sprache zu reden versteht und sich folglich keinem von der
Dienerschaft verständlich machen kann Die Gräfin zog die Klingel und der
Pfarrer sagte vorschnell So sollten der Herr Graf ihm befehlen die Nacht bei
dem Kranken zu wachen Ich befehle nicht gern einem alten Manne sagte der Graf
höflich doch ein wenig verdrießlich der mehr aus Anhänglichkeit an uns in
meinem Hause lebt als aus einem andern Grunde und den ich niemals wie einen
Bedienten betrachte Man konnte überhaupt bemerken dass sowohl der Graf als die
Gräfin ein uneingeschränktes Vertrauen zu dem alten Dübois hatten der die
Verrichtungen eines Kammerdieners und eines Haushofmeisters wie es schien
freiwillig übernahm denn wenigstens der Graf richtete nie einen Befehl an ihn
sondern drückte seinen Willen als Wunsch aus und ließ ihn so gewöhnlich durch
die Gräfin an den alten Mann gelangen der auch bei aller Ehrerbietung die er
gegen den Grafen zeigte doch eigentlich nur die Gräfin als seine Herrschaft
betrachtete Dem Bedienten der auf den Ruf der Klingel eingetreten war sagte
die Gräfin er solle Herren Dübois bitten einen Augenblick zu ihr zu kommen
Der Pfarrer ein Mann ohne feine Erziehung der in seiner Umgebung sich zu
beherrschen nicht gelernt hatte ließ durch seine Mienen die eine schlaue
Verwunderung ausdrückten und durch das halbe Lächeln mit dem er den Arzt
ansah deutlich merken wie sehr ihn diese Art mit seiner Dienerschaft
umzugehen befremdete
Nach wenigen Augenblicken trat der alte Haushofmeister mit einer höflichen
Verbeugung ein und hielt sich ehrerbietig nah an der Türe Es war unmöglich
beim ersten Blicke den man auf ihn richtete dem alten Manne Wohlwollen und
Zutrauen zu versagen Seine hohe Stirn zeugte von einer so einfachen Redlichkeit
des Gemüts die grauen Augenbraunen beschatteten so gutmütige Augen die
wenigen grauen sorgfältig gepuderten Haare erweckten Teilnahme für sein Alter
und eine Trauer in seinem Gesichte die niemals verwischt wurde obgleich er bei
jeder Rede ein wenig lächelte verriet mehr Tiefe des Gemüts als man bei
gewöhnlichen Dienern findet Es war bekannt dass er die französische Revolution
mit allen ihren Folgen verabscheute und er dehnte diesen Abscheu auf Alles
sogar auf die jetzige Kleidertracht aus die wie er meinte auch eine Folge der
Revolution sei Er also war der alten guten Zeit getreu geblieben wie in seinem
Innern so auch in seinem Äußern und ihn schmückte noch ein brauner Rock mit
seidenem Futter und goldgesponnenen Knöpfen wie es sich für einen
Haushofmeister aus dieser guten Zeit ziemte Seine Haare waren frisirt und
gepudert und hinten in einem zierlichen Haarbeutel vereinigt er steckte wenn
er vor seine Herrschaft trat drei Finger seiner rechten Hand in die mit Seide
und ein wenig Gold gestickte atlassne Weste indes er den Hut unter dem linken
Arme hielt auch erlaubte er sich nie anders als in seidenen Strümpfen vor der
Gräfin zu erscheinen So belehrte er die Bedienten des Hauses mit solcher
Ehrerbietung behandelte man ehedem seine Herrschaft und zeigte dadurch
öffentlich der Welt dass man Leuten von hoher Geburt diente die durch ihre
edelen Eigenschaften unsere tiefste Verehrung verdienten Aber jetzt seufzte er
dann oft jetzt ist freilich Alles anders seit der unglücklichen Revolution
kümmert sich kein Diener mehr darum von welcher Geburt seine Herrschaft ist
auch sind ihm ihre Eigenschaften gleichgültig Geld und Lohn wird jetzt allein
berücksichtigt Wahrhaft gekränkt konnte der alte Mann sein wenn auf solche
Rede ein leichtsinniger Bedienter antwortete Natürlich was geht mich die
Herrschaft an Wer am Besten bezahlt dem diene ich am Liebsten und mich
kümmert es wenig was er ist oder wie er ist Wenn er solche Antworten auf seine
wohlgemeinten Reden erhielt dann zog er sich gewöhnlich auf sein Zimmer zurück
und las Anekdoten aus der guten alten Zeit von treuen Dienern und edelen Herren
und Niemand würdigte so sehr als er den bekannten Haushofmeister des großen
Kondé der sich in Verzweiflung selbst entleibte weil er glaubte er würde den
König nicht so bewirten können wie es die Ehre seines Herren erforderte
Diesem Dübois näherte sich nun die Gräfin und fragte indem sie ihn mit
ihrem gewöhnlichen durchdringenden Blick ansah mit etwas leiser Stimme Haben
Sie den verwundeten Offizier schon gesehen Ja gnädige Gräfin erwiderte der
alte Mann indem er sich verbeugte ich habe ihn gesehen Er richtete einen
schnellen traurigen Blick auf die Gräfin indem er diese wenigen Worte sagte
der Niemand sonst auffiel der aber die Gräfin so bewegte dass sie mit wankender
Stimme sagte Der Graf wünscht lieber Dübois Sie möchten die Sorge für den
Kranken übernehmen wenn es Ihre Kräfte und Ihre Gesundheit erlauben das heißt
fügte sie erklärend hinzu Sie möchten die Oberaufsicht führen damit ihm nichts
mangle und da er wahrscheinlich nur französisch reden wird und folglich
Niemand von der Dienerschaft ihn verstehen kann seine Wünsche von ihm erfahren
und dann den Bedienten die nötigen Befehle geben Ich habe den gnädigen Herren
Grafen schon um die Erlaubnis bitten wollen antwortete der alte gutmütige
Mann für die Pflege des Kranken zu sorgen denn setzte er mit einem Seufzer
hinzu wenn ich auch sonst keine Teilnahme für ihn hätte so ist er doch ein
Franzose zwar ein Franzose aus der jetzigen Zeit aber doch immer ein Sohn
meines Vaterlandes und das ist für mich hinreichend um für ihn wie für einen
eigenen Sohn zu sorgen Ich wusste dass Sie so denken sagte der Graf indem er
ihm freundlich auf die Schulter klopfte und Sie erzeigen mir eine wahre
Gefälligkeit dadurch dass Sie die Pflege des jungen Mannes übernehmen denn nun
kann ich völlig sicher sein dass nichts versäumt wird und in seiner
gefährlichen Lage alle Vorschriften des Arztes genau befolgt werden Dieser war
nun auch hinzugetreten und da er vernommen hatte dass Dübois die Krankenpflege
übernehmen wollte so behandelte er ihn von diesem Augenblicke an halb als einen
Amtsgenossen halb als einen Untergebenen er gab ihm ohne Umstände eine Menge
Aufträge was er alles für den Kranken tun sollte und fügte bei jedem Auftrage
die Ursache hinzu warum Dieses und Jenes geschehen müsse Dübois hörte Alles
geduldig an und blieb in seiner höflichen Fassung doch als der Arzt endlich im
Eifer der Rede einen Knopf der atlassenen Weste fasste und indem er heftig daran
zog ihm einschärfte alles Sprechen des Kranken zu verhindern wurde der alte
Mann ungeduldig entzog sich mit einer geschickten Bewegung den Händen des
Arztes und verließ mit einer Verbeugung das Zimmer indem er sich kaum enthalten
konnte zu bemerken dass ehedem vor der Revolution auch die Ärzte besser
erzogen gewesen wären und nur die eigene gute Lebensart ihm die Kraft gab
diese unfeine Bemerkung zu unterdrücken
Der Graf wendete sich nun an den Prediger mit der Bitte die Nacht auf dem
Schloss zu bleiben um ihm am andern Morgen beizustehn den nötigen Bericht an
die Regierung über den Verwundeten aufzusetzen mein Beamter sagte er ist in
diesem Augenblicke abwesend und ich fügte er lächelnd hinzu bin erst seit so
kurzer Zeit hier dass ich völlig fremd in den Geschäften bin Der Prediger war
sehr gern bereit allen Beistand zu leisten und nachdem auch seine Sache
abgemacht war und man den Befehl erteilt hatte den Schulzen und die Bauern
aufs Beste zu bewirten begab sich die Gesellschaft nach dem Speisezimmer um
sich nach den Beschwerden des Tages bei einer wohl zubereiteten Abendmahlzeit zu
erholen
Da wir nun ein wenig zur Ruhe gekommen sind sagte die Gräfin so bitte ich
Sie uns doch mitzuteilen wo Sie den Verwundeten in so kläglichem Zustande
gefunden haben
Sie wissen erwiderte der Graf dass unser guter Nachbar der Baron Löbau
nicht mit mir über die Grenzen unserer Besitzungen einig ist und dass ich da
mir der Zustand der Ungewissheit im Großen wie im Kleinen zuwider ist und ich
Streitigkeiten verabscheue mich entschloss trotz der ungünstigen Witterung mit
ihm nach der Gegend hinzureiten um wo möglich an Ort und Stelle Alles
auszugleichen Wir machten den Ritt mit einander und auf einer kleinen von
waldbewachsenen Hügeln umgebenen Fläche mitten im streitigen Grenzlande fanden
wir den unglücklichen jungen Mann wir entdeckten da wir untersuchten noch
Spuren des Lebens ich hüllte ihn in meinen Mantel und ritt nach dem nächsten
Dorfe um Hilfe herbei zu rufen der Herr Prediger war so gut mich zu begleiten
wir boten den Schulzen und die Bauern auf und eilten so schnell es sich tun
ließ nach dem Walde zurück Der gute Baron war indes bei dem Verwundeten
geblieben er hatte ihn mit Hilfe des Bedienten auf eine trockene Stelle
gebracht und suchte ihn gegen den Regen so viel als möglich zu schützen Der
Kranke hatte die Augen einigemale aufgeschlagen und ein dumpfes Stöhnen zeigte
dass er noch lebte der Herr Pfarrer verband in der Eile seine Wunden wir legten
ihn auf Kissen und hüllten ihn in Decken und ich nahm meinen Mantel zurück Als
der Verwundete auf der Bahre lag trat der Baron davor und indem er feierlich
um sich blickte fragte er wohin nun mit ihm Es käme dem zu für ihn zu sorgen
und der Regierung darüber zu berichten auf dessen Grund und Boden er gefunden
worden allein wessen ist der Grund und Boden Ich bemerkte da meine Wohnung
näher liege als das Schloss des Barons so wollte ich mich der Pflege des
Verwundeten annehmen Sehr wohl erwiderte der Baron aber ohne dass dadurch ein
Recht auf diesen Grund und Boden entsteht wenn Sie es bloß als eine Handlung
der Menschlichkeit und nicht als eine PossessErgreifung betrachten wollen so
bin ich zufrieden dass Sie ihn fortbringen lassen Ich gab feierlich mein Wort
auf die Handlung kein Recht zu begründen der Herr Pfarrer war Zeuge unseres
Vertrags und danach setzte sich der Zug in Bewegung Wir hielten im Dorfe an
der Herr Pfarrer suchte dem Kranken einige stärkende Mittel einzuflößen wir
versahen uns mit Lichtern und so erreichten wir endlich nach manchen
ängstlichen Augenblicken das Schloss
Und hier rief der Arzt mit Hastigkeit wird nun der junge Mann unter meinen
Händen entweder genesen oder sterben
Eines von beiden erwiderte der Graf wird wahrscheinlich eintreten doch
hoffe ich von seiner Jugend und Ihrer Geschicklichkeit das Beste
Es steht schlimm um ihn bedenklich schlimm sagte der Arzt indem er die
Augen fest zudrückte und den Kopf auf die linke Schulter senkte Aber warum
fuhr er nach einem kurzen Schweigen den Pfarrer an warum haben Sie ihn nicht
lieber in ihrem Hause behalten Der lange beschwerliche Weg über das Gebirge
hat die Kräfte des armen Kranken noch vollends erschöpft und gewiss seinen
Zustand sehr verschlimmert
Ich dachte sagte der Pfarrer mit einiger Verlegenheit da Sie hier im Hause
sind und ärztliche Hilfe das Wichtigste für den jungen Mann ist dass es am
Besten sei wenn er unter Ihren Augen wäre
Nichts nichts rief der Arzt Sie selbst verstehen recht viel von der
Kunst Sie hätten ihn gut pflegen können Sie hätten die Einsichten gehabt alle
nötigen Mittel richtig anwenden zu können es wäre dem Kranken nichts bei Ihnen
abgegangen
Aber sagte der Pfarrer verdrießlich Sie hätten nicht so oft nach ihm sehen
können und das ist doch das Wichtigste
Ich hätte mir rief der Arzt mein Pferdchen satteln lassen schnell wäre
ich des Morgens bei Ihnen gewesen was mach ich mir aus Beschwerde Und hätte
ich hier keinen Kranken gehabt und das Wetter wäre zu schlecht gewesen so wäre
ich die Nacht bei Ihnen geblieben das hätte sich Alles machen lassen und Sie
haben immer unrecht daran getan den armen Menschen so weit auf so schlechten
Wegen bei solchem Wetter und in einem so elenden Zustande fortschleppen zu
lassen
Der Arzt ahnte nicht wie sehr er den Pfarrer quälte denn er wusste nicht
dass dieser zwar höchst dienstfertig war und alle Hilfe leistete so lange bloß
seine Tätigkeit in Anspruch genommen wurde dass er sich aber augenblicklich
zurück zog wo seine Hülfsleistungen ihm Kosten verursachten oder
Verantwortlichkeit zuziehen konnten Als man deshalb vor seinem Hause mit dem
Verwundeten anhielt kämpfte er in der Tat mit sich ob er ihn nicht aufnehmen
sollte denn er sah das Gefährliche seines Zustandes wohl ein indes die Furcht
vor Kosten und Verantwortlichkeit trug den Sieg über seine Menschenliebe davon
und er folgte dem Zuge mit banger Sorge denn ihn quälte die Furcht der Kranke
möchte unterwegs sterben und es war ihm eben so peinlich daran zu denken was
auf den Fall alle seine Pfarrkinder von ihm sagen möchten als wie sehr ihn sein
eigenes Gewissen beunruhigen würde Der Graf suchte den Pfarrer von den
Vorwürfen des Arztes zu erlösen indem er erklärte er als der Grundherr würde
es nicht wohl haben zugeben können dass der Verwundete der ein feindlicher
Offizier scheine sich anderswo als unter seinen Augen aufhielte so lange bis
eine Bestimmung über ihn von der Regierung einträfe Der Arzt schwieg zwar einen
Augenblick wendete sich aber gleich wieder zum Pfarrer und rief Ich hätte mir
den Kranken nicht entgehen lassen Sie haben immer unrecht getan
Nach aufgehobener Tafel zogen sich die Frauen in ihre Zimmer zurück und der
Graf begleitet vom Arzt und Prediger besuchte noch einmal den Kranken sie
fanden ihn schlafend und Dübois berichtete er sei in so weit zu sich gekommen
dass man ihm einige Arzneien und auch einige Nahrungsmittel habe einflößen
können darauf sei er eingeschlafen Gut sehr gut rief der Arzt nun gewacht
darauf geachtet wenn er aufwacht dann gleich zu mir gekommen und mich gerufen
damit wir sehen was alsdann zu tun ist nur den Schlaf des Kranken nicht
gestört der Schlaf stärkt und beruhigt alle Nerven Der Arzt hatte die
Gewohnheit alle seine Verordnungen entweder in so abgerissenen Sätzen zu geben
oder sehr weitläuftig auseinander zu setzen weshalb dieses oder jenes geschehen
solle und die beabsichtigte Wirkung genau zu zu beschreiben in der Regel
wendete er aber die letzte Art seine Verordnungen mitzuteilen nur bei
Gebildeten an von denen er voraussetzte dass sie ihn verstehen könnten
Der Graf sagte freundlich zu dem alten Haushofmeister Sie werden doch
lieber Dübois nicht die Nacht aufbleiben wollen Es würde Sie bei Ihrem Alter
zu sehr angreifen
Der gnädige Herr Graf bemerken sagte der alte Mann dass ich es mir schon in
dieser Absicht bequem gemacht habe Er hatte einen weiten braunen Oberrock
angezogen Es wird mir nichts schaden einige Nächte aufzubleiben und ich habe
denn doch wenn Gott den Kranken zu sich nehmen sollte ein ruhiges Gewissen Er
sah in diesem Augenblicke auf das bleiche Gesicht des Verwundeten und konnte
seine Tränen nicht zurückhalten ob er es gleich nicht schicklich fand in
Gegenwart des Grafen zu weinen Dieser drückte ihm gerührt die Hand und sagte
Sie sorgen stets so treu für Andere und so wenig für Sich selbst denken Sie
daran wie sehr es die Gräfin und mich schmerzen würde Sie zu verlieren und
schonen Sie sich
Der alte Mann hielt einen Augenblick die Hand des Grafen und sah ihm mit
Dankbarkeit und Entzücken in die Augen Er kam sich in diesem Augenblicke vor
wie der Diener eines hohen Fürsten aus der guten alten Zeit vor der
französischen Revolution dessen Treue und Ergebenheit öffentlich von seinem
Herren vor den Edelen des Reichs anerkannt wird Der Graf drückte noch einmal
seine Hand und sagte mit großer Güte Gute Nacht dann lieber Dübois schlafen
Sie wohl meine Herren sagte er drauf mit einer Verbeugung zum Arzt und
Pfarrer und verließ das Zimmer Dübois schwieg aber seine Liebe für den Grafen
und die Gräfin wuchs diesen Abend zu einem so hohen Grade dass keine Opfer
welche sie auch von ihm hätten fordern können ihm zu groß gedünkt hätten
Der Arzt bemerkte dass es noch nicht spät sei und lud den Pfarrer ein da
nun die Geschäfte des Tages vollbracht wären noch ein Stündchen ihm auf seinem
Zimmer bei einer Pfeife Tabak Gesellschaft zu leisten Diese Einladung wurde vom
Pfarrer um so bereitwilliger angenommen je mehr er sich längst danach gesehnt
hatte seine gewohnte Abendpfeife in behaglicher Ruhe bei einer zwanglosen
Unterhaltung zu rauchen
III
Schon längst war es der sehnlichste Wunsch des Pfarrers gewesen die nähern
Familienverhältnisse des Grafen zu erfahren Ohne bösartig zu sein wurde er von
einem inneren Verlangen getrieben Alles zu erforschen was irgend einen
Menschen oder eine Familie betraf die zu dem Kreise seiner Bekanntschaft wenn
auch in weitester Entfernung gehörten ja Manche die ihn näher kannten
behaupteten seine große Dienstfertigkeit entspringe zum Teil daher weil sie
ihm Gelegenheit verschaffe Manches zu erfahren was ihm verborgen bleiben
würde wenn er sich nicht willig mit den Angelegenheiten vieler Menschen
beschäftigte So kam es dass er der allgemeine Ratgeber der ganzen Gegend war
ihr Rechtsfreund wenn die Prozesse nicht zu wichtig waren der Arzt aller
Bauern und Beamten die weit lieber ihm ihre Gesundheit anvertrauten als sich
an einen wirklichen Arzt wendeten Er häufte auf diese Weise Arbeit und
Beschwerden aller Art auf sich und fühlte sich vollkommen belohnt wenn seine
Klienten und Patienten alle Fragen die er ihnen vorlegte gewissenhaft genau
und treu beantwortteten dagegen konnte er aber in unbescheiden üble Laune
geraten wenn es sich Jemand beikommen ließ nur seine Arzneimittel oder seinen
Rat benutzen zu wollen ohne ihm weitere Auskunft über sich und Andere zu
geben so wie er eine mitleidige Verachtung gegen die Wenigen empfand die in
der Tat nichts zu sagen wussten weil sie sich nicht um die Angelegenheiten
Anderer bekümmerten einem Solchen konnte er mit wahrer Bitterkeit sagen Es ist
unbegreiflich wie man in der Welt mit den Menschen kann leben wollen ohne sich
um sie zu bekümmern Bei solchen Eigenschaften war es natürlich dass ob er zwar
sein Amt vorschriftsmässig verwaltete und man nicht sagen konnte dass er etwas
von seiner Pflicht versäumte doch allen seinen Handlungen der geistliche
Charakter möchte ich sagen fehlte und man auf der Kanzel wie vor dem Altar
immer den Geschäftsmann sah der nun grade dies Geschäft abmachte weil Zeit und
Stunde es forderten Er fühlte dies selbst und zwang sich oft Ernst und Salbung
in seine Haltung und Mienen zu bringen die weil sie im vollkommenen
Widerspruche mit seinem übrigen Tun und Treiben standen ihm einen Anstrich von
Heuchelei gaben die seiner Seele fremd war
Diesem Manne nun musste es höchst peinlich sein dass der Graf seit einigen
Monaten auf dem Schloss lebte ohne dass er erfahren konnte weshalb Denn ihm
schien es unnatürlich dass ein Mann wie der Graf der beinah funfzig Jahr alt
war und seit zwanzig Jahren unumschränkter Besitzer eines großen Vermögens der
sich in der ganzen Zeit wenig um seine Güter bekümmert sondern immer
abwechselnd in den größten Städten Europas gelebt hatte nun auf ein Mal und
zwar im Herbst sich ohne Ursache auf eines seiner Schlösser zurückziehen
sollte Ebenso hatte er nur dunkle Nachrichten über die Art wie die Verbindung
zwischen dem Grafen und der Gräfin sich gebildet hatte denn obgleich die Gräfin
in Schlesien geboren war so war sie doch im Auslande mit dem Grafen
verheiratet worden und er wusste nicht einmal recht wo Der Graf war der
protestantischen Kirche zugetan dagegen war die Gräfin katholisch ja er hatte
dunkel gehört sie sei dazu bestimmt gewesen sich dem Kloster zu weihen und er
hatte nie erfahren können was ihren Entschluss konnte geändert haben
Der einzige Bruder der Gräfin hatte große Besitzungen die kaum zehn Meilen
von dem jetzigen Wohnorte des Grafen entfernt waren aber auch er war seit
langer Zeit abwesend und der Pfarrer wusste nicht einmal wo er sich aufhielt
Der Graf und die Gräfin behandelten sich gegenseitig mit großer Achtung aber
mit einer gewissen Zurückhaltung und es ließ sich nicht bestimmen ob sie
glücklich oder unglücklich mit einander lebten Selbst der alte Dübois war ihm
eine rätselhafte Person und er konnte es nicht herausbringer weshalb er von
dem Grafen und der Gräfin mit so viel Schonung Achtung und Aufmerksamkeit
behandelt wurde
Diese Fragen die er sich selbst oft vorgelegt hatte ohne sie befriedigend
beantworten zu können glaubte er würden ihm nun wenigstens zum Teil aufgelöst
werden Denn da der Arzt mit dem Grafen gekommen war und wie es schien ihn
schon eine Zeitlang auf seinen Reisen begleitet hatte so glaubte er dass dieser
ihm über Vieles Aufschluss geben könnte
Es war dem Pfarrer zu vergeben dass er so falsche Hoffnungen auf den Arzt
gründete er hatte noch nicht Gelegenheit gehabt ihn näher kennen zu lernen
nur bei Kranken hatte er ihn einigemal angetroffen die die ganze Aufmerksamkeit
des Arztes in Anspruch nahmen und es war zwischen ihm und dem Pfarrer von
nichts die Rede gewesen als von dem Zustande dieser Kranken Er hatte also
nicht bemerken können dass der Arzt zu den unschuldigen Egoisten gehörte die
nur sich selbst beachten und nur ihre Wissenschaft verehren für die also die
übrigen Menschen nur in so weit bedeutend sind als sie diese Wissenschaft an
ihnen ausüben können Darum war ein gefährlich Kranker für ihn von höchster
Wichtigkeit der seine ganze Teilnahme in Anspruch nahm dem er alle seine
Zeit alle seine Gedanken widmen konnte und für den er eine dankbare Liebe
gewann wenn er endlich nachdem er sich pünklich allen Vorschriften unterworfen
hatte genas und durch Leben und Gesundheit zeigte dass die Wissenschaft über
die Krankheit zu triumphiren vermag Dagegen hatte er eine Art von Verachtung
gegen Personen die häufig leiden ohne sich für eine bestimmte Krankheit zu
entscheiden und sie nach den Regeln durchzumachen deren reizbare Seele
nachteilig auf den Körper wirkt und die dann wenn der Körper dem Übel
erliegt das ihm die Seele zufügt zum Arzte ihre Zuflucht nehmen Zu diesen
Unglücklichen gehörte eigentlich die Gräfin und es war dem Arzt jedesmal
verdrießlich wenn er zu ihr gerufen wurde Gesunde konnten in der Regel nur in
so fern darauf Anspruch machen seine Teilnahme zu erregen als er sie geeignet
fand mit ihnen über seine Wissenschaft oder über sein Leben zu reden Denn so
arm und eng sein Leben auch war so höchst wichtig bedeutend und lehrreich
erschien es ihm der kleinste Vorfall dünkte ihm eine wunderbare Begebenheit
die nicht verfehlen könnte ein großes Interesse zu erregen seine Meinungen und
Ansichten kamen ihm entscheidend vor und er hatte keine Ahnung davon dass er
von der Welt und dem Leben gar nichts wusste denn er hielt sich sonderbarer
Weise mit allen diesen Eigenheiten für einen Weltmann
Diese beiden nun saßen im Zimmer des Arztes Jeder in einer Ecke des Sophas
behaglich Taback rauchend der Pfarrer mit dem bestimmten Plane so viel als
möglich vom Arzte zu erfahren und dieser im Nachdenken versunken wie sein
Kranker aufs Beste zu behandeln sei
Sind Sie schon lange mit dem Herren Grafen auf Reisen unterbrach endlich
der Pfarrer das Stillschweigen
Auf Reisen erwiderte der Arzt ich bin gar nicht mit ihm auf Reisen
gewesen ich liebe solide Studien das kann man auf Reisen nicht haben Ich war
eine Zeitlang in Wien in des Grafen Hause und bin dann mit ihm hieher gereist
wo ich mich gänzlich nieder zu lassen denke Ja ja rief er lächelnd ich will
mich hier ansiedeln Sie hätten wohl nicht gedacht dass ich hier meine Hütte
bauen will
Die Gegend ist äußerst angenehm sagte der Pfarrer das würden Sie im
Frühlinge finden jetzt kann es Ihnen freilich wenig hier gefallen
Ei sagen Sie das nicht rief der Arzt ich bin sehr angenehm beschäftigt
gewesen so lange ich hier bin ich habe drei so merkwürdige Kranke dass mich
die Ärzte in Wien darum beneiden würden Der eine wissen Sie ist der alte
Schmidt bei dem ich Sie einmal antraf wie heißt er doch gleich ich fand ihn
in dem erbärmlichsten Zustande von der Welt als ich hier ankam jetzt fängt er
an sich zu erholen dass es eine Freude ist ihn anzusehen bring ich den Menschen
den Winter durch so sollen Sie sehen er wird vollkommen hergestellt Der
Leinweber das ist wahr der ging mir drauf aber es war auch nichts an dem
Menschen er hörte nicht er folgte nicht er wollte nach seinem Kopfe leben
und er hat gesehen was dabei heraus kommt
Der Pfarrer wollte nichts hören von Leuten die er in allen ihren
Verhältnissen genau kannte und suchte deswegen das Gespräch auf andere
Gegenstände zu lenken Ich meine sagte er die Natur kann jetzt keinen Reiz für
Sie haben die im Frühling und Sommer hier unglaublich schön ist
Freilich freilich erwiderte der Arzt die Natur schlummert jetzt aber
die Studien Herr Pfarrer die Studien müssen uns schadlos halten der Graf hat
auf meinen Vorschlag alle neueren medicinischen Schriften kommen lassen die
älteren besitze ich längst selbst dabei wird mir der Winter verfliegen dass ich
es beklagen werde wenn er vorbei ist
Sie leben wenig in der Welt wie es scheint bemerkte der Pfarrer In der
Welt antwortete der Arzt wie sollte ich nicht Ich lebe immerfort in der Welt
von einem Kranken geht es zum andern von Hohen zu Niedern von Niedern zu
Hohen dadurch gewinnt man Menschenkenntnis Herr Pfarrer vor dem Arzte
versteckt man sich nicht der Arzt ist wie der Beichtvater er durchschaut die
innerste Seele
Sie haben Recht sagte der Pfarrer und manche Übel könnten wohl nur der
Arzt und der Beichtvater gemeinschaftlich heilen
Solche Übel sind mir zuwider sagte der Arzt eine reine vernünftige
Krankheit da weiß man was man tun soll und wenn in solchem Falle der Körper
auf die Seele wirkt der Kranke schwermütig trübsinnig wird so weiß man wie
man ihn erheitern zerstreuen soll man liest ihm vor man erzählt ihm und ist
es so weit dass es angeht so führt man ihn spazieren Aber wo die Seele auf den
Körper wirkt mit solchen Kranken ist gar nichts anzufangen
Sollte nicht die Frau Gräfin eine solche Kranke sein fragte der Pfarrer mit
schlauer Miene
Ei ei rief der Arzt erstaunt ja beinah erschreckt wer hat Ihnen das
verraten Meine Lippen sind versiegelt ich bin stumm wie das Grab schändlich
der Arzt der eines Missbrauches dessen fähig ist was er an seinen Kranken
bemerkt
Ich glaubte sagte der Pfarrer man kann es der Gräfin auf den ersten Blick
ansehen dass sie nicht glücklich ist
Wie so fragte der Arzt bestürzt woran wollen Sie das bemerkt haben
Sie hat etwas Schwermütiges in den Augen erwiderte der Pfarrer ihre
Stirn ist nicht heiter die Blässe der Gesichtsfarbe scheint die Folge von Gram
und Kummer zu sein sie tut sich selbst Gewalt an um an der Unterhaltung
Anteil zu nehmen das Alles weist hin auf einen entweder durch eigene oder
durch fremde Schuld gestörten Seelenfrieden
Der Arzt schwieg einen Augenblick und sagte dann Ich glaube die Gräfin ist
ungern hier sie scheint das Landleben zu hassen sie ist mehr für die große
Welt In der ersten Woche die wir hier zubrachten verließ sie beinah ihr
Zimmer nicht und ich sah sie gar nicht Endlich führte mich der Graf eines
Abends zu ihr und ich fand sie so angegriffen so verwandelt dass ich mich
recht entsezte Es war mir leicht einzusehen dass Gemütsbewegungen das Alles
hervorgebracht hatten ich sagte es ihr klar und deutlich dass sie selbst das
Beste dafür tun müsste um sich herzustellen dass meine Mittel allein nicht
wirken könnten Sie verstand mich nicht und wollte mich nur los sein um wieder
den ganzen Abend zu weinen wie das solche Kranke an sich haben aber ich sagte
ihr gerade heraus dass sie Gesellschaft brauche und sich zerstreuen müsse ich
bot ihr an eine Partie Schach mit mir zu spielen dazu hatte sie mich sonst
zuweilen aufgefordert ich meinte es aufs Beste aber nichts war mit ihr
anzufangen der Graf mischte sich hinein und wollte behaupten Einsamkeit würde
heute am Wohltätigsten auf sie wirken Ich bewies ihm deutlich dass er sich
irrte und gab ihm zu verstehen dass er von der Medizin nichts wüsste und können
Sie denken ein so gescheiter Mann als der Graf wurde empfindlich und sagte
mir ganz trocken meine Einsicht möge die bessere sein oder nicht man müsse auf
jeden Fall dem Wunsche der Gräfin nachkommen
Mein Amtseifer verleitete mich zu sagen Wenn es also der Wunsch der Frau
Gräfin ist ihre Gesundheit völlig zu Grunde zu richten so muss ich als Arzt ihr
darin beistehen Ich sah wohl dass der Graf böse wurde aber ich war so
aufgebracht in dem Augenblick dass ich Alles aufs Spiel setzte und mich um die
Folgen nicht bekümmerte wenn sie auch die entsetzlichsten gewesen wären Die
Gräfin sagte einige Worte englisch zum Grafen sie weiß das verstehe ich nicht
und auf einmal war der Graf ganz ruhig Sie bat mich nun den andern Morgen zu
ihr zu kommen und versprach mir dann eine ernstliche Kur anzufangen und Alles
was ich verordnen würde gewissenhaft zu brauchen Was blieb mir übrig ich
musste gehen aber ich fühlte damals lieber Herr Pfarrer die Wahrheit der
Behauptung dass es keine Rosen ohne Dornen gibt ich fühlte mich in einer einem
Manne nicht geziemenden Abhängigkeit vom Grafen und bedurfte aller meiner
Philosophie um mich über mein Schicksal zu trösten
Es scheint also bemerkte der Pfarrer dass die Gräfin sehr auf den Grafen
einwirkt dass seine Ansichten sich nach den ihrigen richten mit einem Wort dass
sie eine gewisse Herrschaft über ihn ausübt
Ja ja rief der Arzt das mag wohl sein da zünden Sie mir ein großes Licht
an Herr Pfarrer wodurch ich auf einmal die richtige Ansicht bekomme Es ist
doch sonderbar dass ich immer in meinen wichtigsten Lebensverhältnissen mit
Frauen zusammentreffe die ihre Männer beherrschen
Ist Ihnen das schon öfter begegnet fragte der Pfarrer lächelnd
Auf eine höchst merkwürdige Weise ist es mir begegnet entgegnete der Arzt
im wichtigsten Augenblick meines Lebens ist es mir begegnet Ich wäre beinah Ihr
Amtsbruder geworden müssen Sie wissen ich studierte Theologie meine
Angehörigen wünschten es man verschafte mir ein Stipendium und der erste
Professor der Theologie auf der Universität die ich bezog war mein Oheim Ich
verschweige den Namen der Universität ich will Niemanden schaden Sie sehen
ich hatte brillante Aussichten Aber ich darf wohl sagen von der Wiege an
verfolgte mich das Unglück vernichtete meine schönsten Träume und stählte mich
eben dadurch zum Philosophen
Was begegnete Ihnen denn so Seltsames fragte der Pfarrer mit gespannter
Neugierde
Denken Sie antwortete der Arzt ich komme an und finde meinen Oheim den
Professor verheiratet
Nun sagte der Pfarrer lächelnd das ist weder seltsam noch merkwürdig
beinah alle Professoren sind verheiratet
Ja aber wie war er verheiratet versetzte der Arzt darauf kommt es an
Entwürdigt hatte er sich erniedrigt bis zur Verbindung mit seiner Haushälterin
einer rohen Person die von Bauern abstammte keine Kenntnisse hatte als was
Kochen und Waschen anbetraf eine Gesellschafterin die eines Gelehrten völlig
unwürdig war Ich überwand mich diese rohe Bäuerin Frau Base zu nennen weil
ich niemals gegen die Pflichten der feinen Lebenart verstosse ich ließ mir aber
die Überwindung deutlich merken die es mich kostete um meiner eignen Würde
nichts zu vergeben und die rachsüchtige Furie verfolgte mich von dem Augenblick
an Ich bemerkte es bald dass sie meinen Oheim ganz beherrschte und zu meinem
Nachteil auf ihn wirkte seine Güte für mich hörte auf und das Leben in seinem
Hause wurde mir sehr verbittert Dadurch wuchs die Abneigung gegen die
Theologie die ich immer empfunden hatte meine Neigung zur Medizin wurde
größer als je außerdem erlaubte mir meine schwache Brust nicht zu predigen
und so entschloss ich mich zu handeln wie ein Mann Ich schrieb meinem Oheim
einen Brief worin ich ihm alle Gründe auseinandersetzte die meinen Entschluss
bestimmten und nahm von der Theologie Abschied Ich meldete ihm zugleich ich
wünschte ihn den Abend auf seinem Studirzimmer zu sprechen um mich mit ihm über
meine Laufbahn zu beraten Ich stellte mich ein zu der Stunde die ich ihm
bestimmt hatte aber denken Sie sich mein Erstaunen er war abwesend und auf
seinem Studirzimmer traf ich statt seiner die Megäre sein Weib Er hatte die
Schwachheit gehabt ihr mein Schreiben mitzuteilen und sie stürmte mir mit
einem Strom von Scheltworten entgegen nannte mich unsinnig dass ich mein
Studium aufgeben wollte fragte mich wovon ich leben wollte ob ich ihr zur
Last zu fallen gedächte und was der Gemeinheit mehr war Ich empört dass eine
so unwürdige Person sich ein Urteil über Männer anmassen wollte deren
Handlungen sie gar nicht fähig war zu begreifen sagte indem ich meine Stimme
bedeutend erhob mit einem Ausdruck von Würde der sie stutzig machte Frau
Professorin und Frau Base merken Sie den Spruch und wenden sie ihn auf sich an
denn es ist darin nicht bloß die Kirche gemeint sondern alles Würdige und Edle
was für Männer und nicht für Weiber gehört Mulier taceat in ecclesia dieses
verordnete schon der Apostel Paulus
Nun sagte der Pfarrer da ihre Base vermutlich nicht lateinisch verstand
so ging diese Bitterkeit unschädlich vorüber
Ich übersezte ihr was ich gesagt hatte rief der Arzt aber nun war es auch
hohe Zeit der Furie zu entrinnen ich verließ das Zimmer meines Oheims
sogleich und sein Haus vor Anbruch des Tages Ich schrieb ihm aus Jena wohin
ich nun eilte um mit ganzer Seele Medizin zu studieren ich erhielt aber nur
eine kurze trockne Antwort worin er mir meldete dass er seine Hand gänzlich
von mir abziehe da ich mich erdreistet habe seine Gattin mit solcher Frechheit
zu beleidigen Was war zu tun ich musste mich fügen und ich kann sagen dass
ich mit geringen Mitteln die Arzneiwissenschaft wie ein Held erobert habe
Jedoch wie kamen Sie mit dem Grafen in Verbindung fragte der Pfarrer der
gern wieder das Gespräch auf diesen Gegenstand leiten wollte der ihm wichtiger
war als die Lebensgeschichte des Arztes ob er gleich auch diese nicht ohne
Teilnahme anhörte denn es war ihm ein Bedürfnis geworden aller Menschen
Verhältnisse genau zu kennen mit denen er irgend in Berührung kam
Ich hatte es möglich gemacht sagte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln
indem ich meine eignen Studien trieb noch so viel durch Unterricht den ich
Andern gab zu gewinnen dass ich nicht nur lebte sondern auch noch ein Sümmchen
ersparte womit ich mich auf den Weg nach Wien machte um die großen Geister der
dasigen Region kennen zu lernen Es ging auch dort mühsehlig aber es ging doch
ich erreichte meinen Zweck und studierte mit Eifer Der Graf hielt sich zu der
Zeit in Wien auf er suchte einen geschickten jungen Arzt der ihn auf seine
Güter begleiten sollte man empfahl mich und ich erndtete nun die Früchte
meines Fleißes ich kann bei einem bedeutenden Gehalte nun ein völlig
sorgenfreies Leben führen und ungehindert mich meinem Lieblingsfach widmen
Der Pfarrer versuchte es einigemal das Gespräch wieder auf den Grafen zu
lenken indes die Phantasie des Arztes war zu sehr durch seine eigne wunderbare
Lebensgeschichte angeregt und alle Fragen die der Pfarrer an ihn richtete er
mochte sie wenden wie er wollte führten den Arzt immer wieder auf einen
Vorfall seiner Jugend oder Kindheit so dass nichts mehr aus ihm herzubringen
war und der Pfarrer verdrießlich über die geringe Ausbeute die er gemacht
hatte sich endlich entschloss zu Bette zu gehen Er verabredete noch vorher mit
dem Arzte dass sie um fünf Uhr am andern Morgen aufstehen und den alten Dübois
von seiner Krankenwache ablösen wollten
Nach dieser Verabredung begaben sich beide zur Ruhe und überließen sich den
Träumen die ihrem Lager nahen wollten
IV
Mit dem Schlage fünf stand der Pfarrer der in allen Geschäften höchst pünktlich
war und sein ganzes Leben zum Geschäft machte vor dem Bette des Arztes und
ermahnte ihn der Verabredung gemäß aufzustehen indem er ihm zugleich
anzeigte dass der Kaffee schon auf dem Tische stehe wie sie es am vorigen Abend
bestellt hätten
Der Arzt sprang auf kleidete sich mit großer Hast an und riet dem Pfarrer
seine Morgenpfeife beim Kaffee zu rauchen weil er nicht zugeben könne dass im
Zimmer des Kranken geraucht würde Er selbst machte das Kaffeetrinken eilig ab
denn er hatte eine große Begierde den Kranken zu sehen Nach wenigen Minuten
begaben sich beide Arzt und Pfarrer nach dem Krankenzimmer sie fanden den
Verwundeten ruhig schlummernd und den alten Haushofmeister neben dem Bette
desselben in einem Lehnstuhl sitzend Er hatte seine silbergrauen Haare mit
einer weißen Nachtmütze bedeckt Pantoffeln an den Füßen seinen weiten braunen
Überrock bis oben zugeknöpft und las mit der Brille auf der Nase andächtig in
einem französischen Gebetbuche beim Schein einer Lampe deren Schimmer er so
gerichtet hatte dass der Kranke nicht von den Lichtstrahlen belästigt wurde
Nun wie gehts bester Herr Dubois rief der Arzt eilig wie gehts mit
unserm jungen Manne Sie haben mich nicht gerufen in der Nacht ist also wohl
nichts vorgefallen
Der Kranke versetzte der Haushofmeister erwachte aus seinem Schlummer vor
einigen Stunden er blickte um sich und wollte sich aufrichten es war ein
rührender Anblick dem armen jungen Mann fehlten die Kräfte ich bat ihn ruhig
zu sein Wo bin ich fragte er französisch Ich gab ihm in der Kürze einige
Auskunft ich weiß aber nicht ob er mich verstanden hat er forderte zu
trinken und als ich seinen Wunsch befriedigt hatte sank er wieder in
Schlummer wie Sie ihn noch sehen
Es ist gut sagte der Arzt es ist sehr gut indem er den Puls des
Verwundeten lange mit bedächtigen Mienen untersuchte Jetzt alter Freund
können Sie zu Bett gehen und wir Beide der Herr Pfarrer und ich wollen die
Krankenwache übernehmen
Wäre es nicht besser wenn ich hier bliebe fragte der Haushofmeister der
junge Mann hat sich vielleicht schon an meinen Anblick gewöhnt auch kann ich
mich ihm verständlich machen
Meinen Sie es könne Niemand hier französisch sprechen als Sie sagte der
Arzt empfindlich ich spreche so gut als Sie und kann also mich dem Kranken
eben so wohl verständlich machen Diese letzten Worte fügte er als Beweis der
Behauptung die sie enthielten französisch hinzu indem er zugleich alles
Nötige zum Verbande des Verwundeten auf den Tisch in Ordnung legte da er aber
das Deutsche im härtesten Thüringer Dialekt sprach und diesen auch auf das
Französische übertrug so klangen seine Worte den Ohren des geboren Parisers so
rau wie die Rede eines Wilden und er sah den Arzt mit Erstaunen an der so
unbefangen behauptet hatte dies sei so gutes Französisch als nur immer er der
Pariser zu sprechen vermöge
Nun machen Sie alter Mann gehen Sie zu Bett wiederholte der Arzt Sie
müssen durchaus einige Stunden schlafen sonst werden Sie krank und dann fallen
Sie in meine Hände
Diese letzte Äußerung schien in der Tat Eindruck auf den Haushofmeister zu
machen denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer
entfernen der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn doch sogleich
einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nächsten Städtchen holen zu
lassen das hätten wir gleich gestern tun sollen bemerkte er es wurde aber in
der Unruhe vergessen es ist nötig dass er den Kranken sieht der Herr Graf
könnte sonst Ungelegenheiten haben Dübois entfernte sich um diesen Auftrag zu
besorgen und sich dann zur Ruhe zu begeben Der Arzt wartete auf das Erwachen
des Kranken und der Pfarrer fing an den Bericht an die Regierung über ihn
aufzusetzen Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt
vermehrt Der Kranke erwachte seine Wunden wurden von allen Dreien
gemeinschaftlich untersucht und verbunden und auf einige Fragen die er tun
wollte wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet dass er in guten Händen
sei aber sich fürs Erste alles Sprechens enthalten müsse wenn er sein Leben
erhalten wolle Die größte Ermattung des Verwundeten machte dass er sich
geduldig in Alles fügte was über ihn beschlossen wurde und die fremden
Menschen die ihn umgaben mit ruhigem Erstaunen betrachtete
Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft man hatte ihm die
Gegenwart des fremden Arztes gemeldet er begrüßte ihn höflich und erkundigte
sich mit vieler Teilnahme nach dem Verwundeten
Nachdem ihm die Ärzte und der Pfarrer berichtet hatten was sich nach der
ruhigen Nacht die der Kranke gehabt hatte Gutes hoffen ließe näherte sich der
Graf dem Bette desselben Der junge Mann richtete seine großen dunkeln Augen auf
den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen denn er
versuchte es sich empor zu richten Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht
so war der Name des Hausarztes riefen ihm zugleich zu er solle alle
Anstrengungen unterlassen Der Graf der sich neben seinem Lager nieder ließ
bat ihn indem er seine Hand fasste ruhig zu bleiben und nicht selbst durch
unnötige Anstrengungen seine Herstellung zu verzögern Ein schwacher kaum
merklicher Druck der Hand womit der seinige erwidert wurde zeigte dem Grafen
dass ihn der Kranke verstand Er gab ihm nun selbst Nachricht wo er sich jetzt
befände und bat ihn sein Haus so zu betrachten als ob er im Hause seines
Vaters wäre und alle Hilfe und Dienste die man ihm gerne leisten wolle so
ruhig anzunehmen als ob er sie von seinen nächsten Angehörigen empfinge
Trotz seiner großen Schwäche richtete der Kranke einen so rührend dankbaren
Blick auf den Grafen dass dieser sich wunderbar erweicht fühlte Es war ihm als
ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein teurer geliebter Freund zu ihm
aufblickte auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen könne Er
betrachtete nachdenkend das schöne edle obwohl durch Krankheit entstellte
Gesicht des jungen Mannes die dunkeln Haare die sich in weichen Locken um die
hohe kühne Stirn legten den wohlgeformten Mund Alles dünkte ihm so bekannt
und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden dem dieser Jüngling glich
Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf dass unwillkürlich alle im
Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernstaft
betrachteten wie er selbst welches den jungen Mann zu quälen schien Er wandte
sich also an den Pfarrer mit der Bitte ob er ihm nun behilflich sein wolle den
nötigen Bericht an die Regierung abzufassen Ich glaube sagte der Pfarrer es
wird weiter nichts nötig sein als was ich hier aufgesezt habe zu
unterschreiben Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz
hin der ihn durchlas und sich nicht enthalten konnte innerlich zu bemerken
dass der Pfarrer wohl nicht in der bürgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle
stehe und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei Es herrschte
eine Genauigkeit in diesem Aufsatze die jedem möglichen Verdruss in der Zukunft
vorbeugte und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswürdigen Kürze und
Deutlichkeit verbunden Die Uniform des Verwundeten war beschrieben wodurch die
Gerichte wenn ihnen daran gelegen war ausmitteln konnten zu welchem
feindlichen Regiment er gehöre
Die Zeugnisse der Ärzte waren diesem Bericht beigelegt und der Graf hatte
in der Tat nichts weiter nötig als seine Unterschrift hinzuzufügen
Mit großem Vergnügen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers und
der Gedanke ging schnell durch seine Seele ob er sich nicht an ihn in manchen
Angelegenheiten wenden sollte die er ungern gerichtlich betreiben wollte und
wo sich ihm vielleicht in der Person des Pfarrers unvermutet ein guter
Unterhändler darbot Nur die vorschnelle Art desselben sich in alle Gespräche
zu mischen die unbescheidene Zudringlichkeit womit er sich über Dinge zu
fragen erlaubte die man nicht beantworten wollte machte den Grafen irre und
er fürchtete ein unbescheidener Frager möchte nicht mit Bescheidenheit
schweigen können Indem der Graf dies dachte ruhten seine Augen forschend auf
dem Pfarrer der sich diesen Blick nicht erklären konnte und sich verdrießlich
nach dem Arzt umsah den er für einen halben Narren hielt von dem ein
vernünftiger Mensch nichts erfahren könne
Der Graf besann sich dankte dem Pfarrer sehr höflich unterschrieb den
Bericht sendete ihn ab und nahm sich vor den Geistlichen genauer zu beobachten
und auf eine gute Art Erkundigungen über seinen Charakter einzuziehen um dann
diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gemäß sein Vertrauen zu bestimmen
Der Pfarrer sowohl als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem
Schloss und verließen es nach der Tafel ohne dass weiter etwas Erhebliches
vorgefallen wäre Es war natürlich dass sich beinah alle Gespräche um die
Begebenheiten drehten die alle Gemüter mit Sorgen erfüllten Die unglückliche
Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen ließ befürchten dass sich die
Feinde auch über diesen Teil von Schlesien verbreiten würden Alle glaubten
dass man es nur den engen Schluchten zu danken haben würde die zu dem jetzigen
Wohnorte des Grafen führten wenn das Schloss von feindlichem Besuche verschont
bliebe desto mehr war für die andern Besitzungen des Grafen zu befürchten Der
Pfarrer erschöpfte sich in Vermutungen welche Veranlassung den französischen
Offizier könnte nach einem so einsamen Orte im Walde geführt haben wie der war
wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte Eben so war es unbegreiflich
Wer seine Gegner gewesen sein konnten da die vielen Wunden die er empfangen
bewiesen dass kein Zweikampf vorgefallen war sondern wahrscheinlich mehrere
Gegner den Unglücklichen niedergehauen hatten Da Spuren von Pferden bemerkt
worden waren so ließ sich vermuten dass Reiter diese Handlung verübt und nach
dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich geführt hatten denn da er
selbst mit Sporen gefunden worden so konnte man annehmen dass auch er zu Pferde
gewesen war
Es lässt sich nicht ausmitteln sagte der Graf wie die Begebenheit
zusammenhängt wir müssen uns in Geduld fügen bis die Brustwunden des Kranken
so weit geheilt sind dass er selbst sprechen und uns die nötigen Aufschlüsse
geben kann Der Pfarrer gab diese Notwendigkeit mit einem Seufzer zu und
bemerkte nur wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte so werde man
niemals den Zusammenhang erfahren Die Gräfin wendete sich erschreckt an die
Ärzte und fragte ob sie die Wunden für so gefährlich hielten Beide mussten es
zugeben dass hauptsächlich die große Erschöpfung den Zustand des jungen Mannes
gefährlich mache und dass man nur durch die sorgfältigste Pflege und die Jugend
des Kranken eine ungewisse Hoffnung begründen könne Die schöne Emilie in der
unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit großer
Rührung Ach Gott wie traurig muss es für eine Mutter oder Schwester sein einen
Sohn oder Bruder in der Blüte der Jugend zu verlieren Und wenn nun dieser
vollends hier sterben sollte wir wissen nicht wer er ist wir können seinen
Angehörigen keine Nachricht geben und sie haben nicht einmal den traurigen
Trost zu erfahren dass die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert
worden sind als es in menschlichen Kräften steht
Die Gräfin obgleich gewohnt alle ihre Empfindungen zu beherrschen konnte
eine schmerzliche Teilnahme nicht verbergen und man sah es ihr an dass sie
sich erleichtert fühlte als die Fremden das Schloss verließen Sie äußerte ehe
sie sich auf ihr Zimmer zurückzog den Wunsch den alten Dübois zu sprechen um
ihm einige Aufträge zu geben und der Graf versprach ihn ihr zu schicken und
indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben
Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat fand er sie in
heftiger Bewegung mit gefalteten Händen den tränenschweren Blick zum Himmel
gerichtet und hörte noch einige Worte eines klagenden Gebets mit dem sie Trost
und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien Der alte Mann stand in seiner
gewöhnlichen Stellung in der Nähe der Türe und richtete einen
schüchternflehenden Blick auf die Gräfin die als sie ihn bemerkte schnell
ihre Augen trocknete dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte als
wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen
Der treue Diener wartete bis sie ihn anreden würde und endlich näherte sie
sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte Ich will eine Frage an Sie tun lieber
Dubois die mich Überwindung kostet Man hörte es ihrer Stimme an mit welcher
Anstrengung sie sprach es schien dass ein gewaltsam zum Herzen zurückgedrängter
Schmerz die Brust beklemmte und ihr das Atmen und das Sprechen beinahe
unmöglich machte Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit noch leiserer
ungewisserer Stimme fort Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende
Ähnlichkeit bemerkt mit sie zitterte und schwieg ein Blick auf den alten
Diener zeigte ihr dass er sie verstand denn seine alten Augen füllten sich mit
Tränen er faltete unwillkürlich die Hände und neigte einigemal bejahend sein
graues Haupt Der gewaltsam in die Brust der Gräfin zurückgedrängte Schmerz
behauptete nun sein Recht und strömte in Tränenfluten aus ihren Augen die
stillen Seufzer lösten sich in Klagen auf die den Himmel der Ungerechtigkeit
beschuldigten und der erschreckte Alte wusste nicht was er tun sollte um
diese Stürme zu beruhigen Erschöpft sank die Gräfin endlich in einen Lehnstuhl
nieder Das Feuer ihrer Augen erlosch die bleichen Wangen wurden noch bleicher
und die zitternden Hände schien es suchten ein befreundetes Wesen Es schien
als wolle der Lebensfunken der unglücklichen Frau erlöschen oder wenigstens
eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern
Sie fühlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu
beherrschen der Schmerz in ihren Zügen wurde milder sie richtete das matte
Auge auf den alten Diener der in stummen Tränen ihr zur Seite stand Lassen
Sie uns ruhig sein guter Dübois sagte sie mit kranker Stimme ich wollte Ihnen
auftragen wo möglich den Namen des jungen Mannes zu erforschen vielleicht hat
er Papiere bei sich die Auskunft geben vielleicht es ist Wahnsinn Dübois
was ich hoffe ich weiß es und dennoch ich bitte tun Sie wie ich Ihnen
sage Der Alte versprach was die Gräfin von ihm forderte und warf ehe er sich
entfernte einen flüchtigen Blick in den Spiegel um zu sehen ob sein Gesicht
und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte den er so eben mit seiner
Gebieterin geteilt hatte und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen
Bitten Sie Fräulein Emilie zu mir rief ihm die Gräfin mit matter Stimme nach
Emilie eilte zur Gräfin Der Haushofmeister hatte ihr gesagt sie befände
sich nicht wohl aber Emilie bebte zurück als sie die Gräfin erblickte die
völlig ermattet noch im Lehnstuhl saß und deren bleiches Gesicht noch feucht
von Tränen war die ihren Augen unwillkürlich immer wieder von Neuem
entströmten Komm zu mir liebe Emilie sagte die Gräfin Du musst Geduld mit mir
haben Du sanftes Kind ich plage Dich mehr als ich mir selbst verzeihe
Was ist Ihnen begegnet fragte Emilie mit ängstlicher Stimme das Sie so
erschüttert haben kann Soll ich den Onkel rufen Soll man den Arzt kommen
lassen
Nein mein Kind sagte die Gräfin matt aber bestimmt ich will den Grafen
nicht durch meinen Zustand beunruhigen und der Arzt kann mir nicht helfen
O wüsste ich ein Mittel sagte Emilie indem sie die Hand der Gräfin weinend
küsste wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden könnten
Befremdet sah die Gräfin ihre junge Freundin an die errötend die Augen
niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verriet dass sie aus Liebe und Mitleid
sich übereilt und mehr gesagt hatte als sie sich erlauben wollte Wesshalb
glaubst Du dass mir Ruhe des Herzens mangelt fragte die Gräfin nach kurzem
Stillschweigen
Emilie war zu wahr als dass sie sich nun durch halbe Antworten hätte aus der
Verlegenheit ziehen können auch war die Gräfin zu klug als dass sie sich anders
als scheinbar durch solche Antworten würde haben befriedigen lassen und Emilie
wäre in Gefahr geraten Achtung und Vertrauen ihrer Tante völlig zu verlieren
und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben
betrachtet zu werden sie entschloss sich also offenherzig zu antworten wenn sie
auch die Gräfin dadurch kränken sollte Warum antwortest Du mir nicht fragte
diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin die noch von Röte überzogen
verlegen mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand
Weil ich Sie kränken müsste wollte ich diese Frage beantworten die meine
Unbesonnenheit veranlasst hat sagte Emilie indem sie die schönen blauen Augen
freimütig auf die Gräfin richtete
Sprich aufrichtig mit mir sagte diese in mildem Tone und doch halb
misstrauisch erwartend welche Erklärung nun folgen würde
Sie sind so weit erhaben sagte Emilie über Eitelkeiten und ähnliche
kleinliche Leidenschaften die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben Ihr
Geist ist zu gebildet als dass Sie aus Eigensinn eine solche haben könnten und
dennoch Emilie schwieg zögernd Und dennoch fragte die Gräfin ich bitte
Dich fahre freimütig fort
Ich muss es sagte Emilie nachdem unser Gespräch diese Wendung genommen hat
Sie haben mir so viele Güte bewiesen dass Sie mich zu ewiger Dankbarkeit
verpflichtet haben und ich bin in Gefahr dass sie mich nun als undankbar
verabscheuen werden
Nein nein sagte die Gräfin sprich ohne Zögerung und weitere Einleitung
Bei der Güte Ihres edelen Herzens bei der Großmut Ihrer Seele sagte
Emilie können Sie dennoch in der Laune die Sie eben beherrscht mich oft so
schmerzlich verwunden mit so kränkend wegwerfender Bitterkeit in manchen
Stimmungen meine Fehler rügen
Glaubst Du fragte die Gräfin mit erzwungenem Lächeln dass Du niemals Tadel
verdienst
Ich bin so töricht nicht erwiderte Emilie sanft aber tue ich meiner
mütterlichen Freundin Unrecht wenn ich glaube es würde Güte und Liebe mir die
Bahn zeigen die ich zu wandeln habe und nicht Bitterkeit und kränkender Spott
wenn Ihr Herz die schöne Ruhe empfände die Sie so sehr verdienen Würden Sie
bei der Großmut Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armut sprechen wie
Ihre Laune es Ihnen oft gebietet gegen das hülflose Geschöpf das einzig von
Ihrer Freigebigkeit lebt und das Sie dadurch oft zwingen die Nahrung die es
Ihrer Güte verdankt mit seinen Tränen zu benetzen Kann diese Bitterkeit
diese Heftigkeit der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben
als dass Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet Ihrer Seele der Frieden fehlt
den ich für Sie so oft mit Tränen vom Himmel erbeten habe
Emilie schwieg erschrocken und erstaunt über ihre Dreistigkeit die sie sich
selbst nicht zugetraut hatte Die Gräfin hatte die Augen ernst auf ihre junge
Freundin geheftet indes sie sprach doch löste sich dieser Ernst bald in Liebe
und Güte auf Du hast Recht Emilie sagte sie ich habe Dir Unrecht getan
schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekränkt worden und Deine Sanftmut
hat mir immer mit Liebe erwidert Du hast Recht diese Ungerechtigkeit
entspringt aus einer gequälten Seele aus einem von tausend Qualen zerrissenen
Herzen aus Erinnerungen an Leiden die ich nicht vertilgen kann und nicht
mitteilen will Vergieb mir Emilie dass ich Dir wehe getan habe und statt
ein Kind das ich mir zu plagen erlaubt habe wirst Du mir künftig eine Freundin
sein an deren Brust ich über meinen Kummer weinen kann nur frage mich nie um
diesen Kummer
Sie breitete indem sie dies sprach ihre Arme aus und drückte Emilie mit
Liebe an die Brust die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit
erwiderte
Nach diesen Erklärungen bat die Gräfin ihre junge Freundin sie einige Zeit
allein zu lassen dass sie sich zu sammeln vermöchte und Emilie war verwundert
als nach einer Stunde die Gräfin im Gesellschaftszimmer zur Teezeit erschien
zwar noch blass und matt aber im Äußern vollkommen ruhig Sie nahm an allen
Gesprächen Anteil und sprach mit Geist und Feuer über Musik und Poesie als
die Unterhaltung sich dahin lenkte und bat zuletzt Emilie viele ihrer
Lieblingslieder zu singen wozu der Graf bereit war zu accompagniren so dass der
Abend viel heiterer zugebracht wurde als sich nach einem so stürmischen Tage
erwarten ließ
V
Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten ohne dass auf dem
Schloss etwas Merkwürdiges vorgefallen wäre Der Verwundete besserte sich
langsam aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden um nicht
die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen Die Nachforschungen des alten
Dübois waren fruchtlos gewesen denn es schien dass man den jungen Mann nach
seinem Falle beraubt habe weil eben so wenig ein Taschenbuch als Geld oder Uhr
oder irgend eine Sache von Wert in seinen Kleidern gefunden wurde Der Graf
hatte dem Haushofmeister aufgetragen den jungen Mann mit Wäsche Kleidern und
Allem was er bedürfen würde zu versorgen und man musste nun abwarten bis er
selbst Aufschluss über sein Schicksal geben könnte Der Pfarrer war mehreremale
auf dem Schloss gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen der
Kranke durfte nicht sprechen der Arzt wusste nichts anders als seine
Begebenheiten seine Erfahrungen seine Empfindungen mitzuteilen und die
Übrigen wollten sich auf nichts einlassen Alles was der Pfarrer in Bezug auf
das Ereignis hatte in Erfahrung bringen können war dass feindliche Reiterei in
der Entfernung von einigen Meilen passiert sei was wenigstens möglicher Weise in
Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte aber die Nachrichten die er darüber
erhalten waren dunkel da sie ihm ein wandernder Krämer mitgeteilt hatte der
sie wieder von Bauern erfahren haben wollte Es blieb nach vielen vergeblichen
Versuchen dem Pfarrer nichts anders übrig als sich so gut wie alle Andern in
Geduld zu fügen
Der Baron Löbau Erbherr auf Heimburg wie er sich gern nennen hörte war
ebenfalls auf dem Schloss gewesen um der Gräfin wie er sagte seine
Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglücklichen zu erkundigen dessen
Pflege der Graf wie er nachdrücklich bemerkte aus Menschenliebe übernommen
habe man fülte er wollte indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte doch
zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern
Der Baron Löbau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals
die feinsten Sitten zu eigen gemacht Neigung für das Landleben bestimmte ihn
sich früh zurückzuziehn und diesem sich zu widmen obgleich er nun aber ein
höchst tätiger Landwirt geworden war so hatte er dessen ungeachtet nicht
seine Ansprüche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben hatte er auch
seit mehr als dreißig Jahren diese glänzende Bühne auf der er sich in früher
Jugend hatte versuchen wollen nicht mehr betreten Er dachte nicht daran dass
auch über das Betragen die Mode herrsche und zweifelte keinen Augenblick daran
dass was zu seiner Zeit als fein galant und artig angesehen worden auch noch
jetzt so betrachtet werden müsse Er hielt sich für einen Philosophen weil er
das Landleben liebte für einen Hofmann weil ihm auch Gesellschaft angenehm
war für einen Gelehrten wenigstens für einen sehr gebildeten Mann weil er
einige Bücher gelesen hatte für einen Kunstkenner weil er einige schlechte
Bilder und einige höchst mittelmäßige Kupferstiche besaß für einen Staatsmann
weil er alle Rechte genau inne hatte die sich auf die Provinz in der er lebte
und auf seine besonderen Verhältnisse anwenden ließ Er gefiel sich in seiner
Würde als ein bedeutender Gutsbesitzer von dem viele andere Personen abhängig
waren Er war bei diesen unschuldigen Torheiten gütig dienstfertig
wohlwollend und dennoch weniger geliebt als er es verdiente Wenige Menschen
gaben sich die Mühe seinen Charakter genau kennen zu lernen und beinah alle
seine Nachbaren fühlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels
an Aufrichtigkeit
Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkürlich zu denn bei seiner
leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf
ihn und da er so viele Neigungen in sich vereinigte so schloss er sich allemal
unwillkürlich mit seiner Höflichkeit und Verehrung dem Repräsentanten eines
Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an der in der Gesellschaft eben am
Glänzendsten erschien so huldigte er abwechselnd dem Reichsten dem
Vornehmsten dem Gebildetsten dem Klügsten dem Künstler und dem Landwirt und
da er den Fehler beging den ganzen Vorrat seiner höflichen Aufmerksamkeit
immer diesem einen Begünstigten zu widmen so geschah es ganz natürlich dass er
alle andern vernachlässigte und eben dadurch beleidigte Doch gab sich diese
unangenehme Stimmung der Nachbaren selten entschieden zu erkennen denn da von
Zeit zu Zeit jeder seiner ausschliesslichen Aufmerksamkeit sich zu erfreuen
hatte so wurden sie abwechselnd versöhnt und beleidigt nur allein mit dem
Pfarrer stand er ohne Unterbrechung in einem gespannten Verhältnis denn da der
Fall nie eintrat dass dieser in Gesellschaft dem Baron als der Reichste der
Vornehmste der Klügste oder der Gebildetste erschien so wurde er alsdann
jedesmal gänzlich von ihm übersehen und er war nur höflich gegen ihn wenn er
mit ihm allein war wodurch der Pfarrer indem er es ihm als Hochmut auslegte
sich im Inneren sehr beleidigt fühlte Seine Empfindlichkeit pflegte er dann
durch kurze mit einer auffallenden Bitterkeit gegebene Antworten auszudrücken
so oft der Baron ihn anredete dieser dagegen setzte seiner schnöden Bitterkeit
dann wieder eine so kalte Höflichkeit entgegen dass sie den Pfarrer jedesmal
aufs Neue beleidigte und so erhielt sich in Beiden seit vielen Jahren diese
Stimmung Der Baron glaubte es als einen Verstoss gegen die Höflichkeit
betrachten zu müssen wenn er im Beisein der Gräfin über die Grenzstreitigkeit
sprechen wollte und doch war es leicht zu bemerken dass dies Geschäft ihm am
Herzen lag und ein Hauptgrund seines Besuches war Der Graf befreite ihn von der
Qual die er sich auferlegt hatte darüber zu schweigen indem er selbst das
Gespräch darauf lenkte Nachdem nun Jeder seine Rechte eine Zeitlang verteidigt
hatte sagte der Graf wir wurden neulich davon abgehalten den ganzen Teil des
Waldes zu durchreiten über den wir streiten ich werde beim ersten schönen
Wetter den Ritt noch einmal unternehmen Alles selbst betrachten und können wir
auch dann nicht einig werden so denke ich sollten wir die Sache
Schiedsrichtern anvertrauen Mit dieser Anordnung musste der Baron zufrieden
sein denn es ließ sich nichts Vernünftiges dagegen einwenden und dennoch hätte
er es lieber gesehen mit dem Grafen allein zu unterhandeln Man trennte sich
freundschaftlich nach dieser Verabredung und der Graf versprach sehr bald dem
Baron seine Vorschläge mitzuteilen
In der Tat lag dem Grafen daran eine Streitigkeit die zu Spannungen Anlass
geben konnte sobald als möglich zu beendigen Er ritt also an einem schönen
Wintermorgen begleitet von seinem Förster nach der Gegend des Waldes hin er
bemerkte indem er die Grenzen umritt dass der Baron in der Tat den Anspruch
den er machte nicht begründen könne dass aber für ihn selbst der Verlust nicht
bedeutend sein würde wenn er sich um des nachbarlichen Friedens Willen zur
Abtretung eines Teiles von dem was der Baron forderte verstände und indem
er bei der Stelle wieder vorbei kam wo Beide den Verwundeten gefunden hatten
beschloss er dem Baron die Hälfte dessen freiwillig anzubieten was er
schwerlich durch einen Rechtsspruch gewinnen konnte und dann die Grenze
zwischen beiden Besitzungen durch dies schöne Tal zu führen Erfrischt
gestärkt durch den schönen Wintertag unter dem heitern blauen Himmel fühlte
der Graf überhaupt mehr die Geringfügigkeit ihres Streites als im geheizten
Zimmer in einem beschränkten Raume und machte für sich selbst die Bemerkung
dass die Menschen überhaupt eigennütziger und eigensinniger in ihren Häusern als
unter freiem Himmel sind
Beschäftigt mit diesen Betrachtungen näherte er sich dem Dorfe und dem
Wohnhause des Pfarrers es fiel ihm ein denselben zum Vermittler in dieser
kleinen Streitigkeit zu wählen und vielleicht dadurch eine Veranlassung zu
finden ihn auch in wichtigeren Fällen zu benutzen Er hielt vor der Wohnung des
Geistlichen an bei dem längst Mittag vorüber war und gab sein Pferd dem
Reitknechte der ihn begleitet hatte indem er zugleich dem Förster nach Hause
zu reiten erlaubte Als er die niedrige Pforte des Raumes öffnete der das Haus
zugleich als Hof und Garten umschloss sprangen ihm mehrere Hunde von
verschiedener Größe bellend entgegen die von mehreren Kindern verschiedenen
Alters die im Hofe spielten augenblicklich zur Ruhe gebracht wurden einige
ältere Knaben sprangen eiligst in das Haus um die Ankunft des Fremden zu
melden die jüngeren Kinder stellten ihre Schlittenfahrten auf dem Hofe ein um
den Fremden und seine Pferde zu betrachten der Pfarrer der den Grafen vom
Fenster aus bemerkt hatte kam ihm an der Tür des Hauses so höflich und
freundlich entgegen dass man es ihm ansah er erwarte etwas Ungewöhnliches von
diesem Besuche Als der Graf nach den ersten Begrüßungen das Zimmer betrat
bemerkte er den Schulzen des Dorfes der sich vor dem gnädigen Herren so tief
er vermochte bückte Nu lebe Er wohl mein Freund sagte der Pfarrer zu dem
Landmanne komme Er morgen wieder Er sieht ich habe heute keine Zeit mehr Der
Schulze bückte sich indem er sich zugleich mit der linken Hand im Kopfe krazte
und blieb zögernd an der Türe stehen
Wenn der Mann ein Anliegen an Sie hat Herr Pfarrer sagte der Graf so
bitte ich lassen Sie sich durch meine Gegenwart nicht stören Wenn mir der Herr
Graf denn erlauben wollen sagte der Geistliche sehr freundlich und indes die
Güte haben wollen Platz zu nehmen er machte eine einladende Bewegung nach dem
Sopha hin und schob mit dem Fuße zugleich hölzerne Pferde Schubkarren und
anderes Spielzeug seiner Kinder aus dem Wege das auf dem Boden zerstreut lag
Der Graf stieg über ein aufgestelltes Kegelspiel hinweg um sich in der Ecke des
Sophas niederzulassen und der Pfarrer wendete sich kurz nach dem Landmanne um
und sagte in einem gebietenden Tone Nun hurtig Freund erkläre Er sich was Er
von mir zu wissen wünscht
Der Schulze räusperte sich ein wenig und sagte Nicht wahr Herr Prediger
Sie kennen die alte Liese Lemmerten aus Krumbach Der Pfarrer besann sich ein
wenig und fragte ist das nicht die Schenkwirtin Der Schulze nickte bejahend
Nun was ist mit der rief der Pfarrer Er sieht ich habe Eile
Nun lächelte der Schulze freundlich die hat Gott zu sich genommen Was
rief der Pfarrer mit Verwunderung ist die gestorben wie tausend habe ich denn
das nicht erfahren
Ja sagte der Schulze sehr zufrieden morgen gehen wir alle zum Begräbnis
meine alte Mutter wird sich auch aufmachen
Und was geht das mich an sagte der Pfarrer Krumbach gehört nicht zu meiner
Kirche was habe ich dabei zu tun
Nichts Herr Pfarrer sagte der Landmann Sie sollen auch gar nicht zum
Begräbnis kommen ich sagte bloß ich und meine alte Mutter werden hinüber
fahren
Was will Er denn eigentlich fragte der Pfarrer ungeduldig Die Erbschaft
erwiderte der Schulze Die Lemmerten war eine alte reiche Frau und von meinem
Vater her muss ich erben Nun da wünsche ich Ihm Glück sagte der Geistliche ich
weiß die Verstorbene muss ein bedeutendes Vermögen hinterlassen haben der Bauer
Kielmann hat auf sein Gut und Haus von ihr fünf tausend der Bäcker Köhler weiß
ich auch auch der Krämer zehn bis zwölf tausend Taler müssen da sein sagte
der Pfarrer nach meiner kurzen Berechnung ohne ihr eigenes Haus und ihren Hof
Ja aber sie wollen mir nichts geben klagte weinerlich der Schulze
Wesshalb fragte der Pfarrer schnell Wer will es ihm verweigern sind nähere
Erben da
Nein nein nein rief der Schulze gar keine Erben sind da das ist eben
das Unglück
O spreche Er deutlich und nicht unvernünftig sagte der Prediger scheltend
Nun so lassen Sie mich doch die ganze Geschichte erzählen erwiderte der
Schulze im zänkischen Tone Die alte Liese Lemmerten nun das war die Schwester
von meinem Großvater Gott habe ihn selig nun weiter waren keine Geschwister
als der selige Mann und die selige Frau nun sehen Sie die selige Frau hatte
keine Kinder aber mein seliger Großvater der hatte zwei Kinder meinen Vater
und seine Schwester nun und die Schwester das weiß nun kein Mensch wo die
geblieben ist und darum soll ich die Erbschaft nicht kriegen die Person soll
erst ausgekundschaftet werden
Wie wir das hörten da sagte meine alte Mutter Peter ich heiße Peter
nun Peter sagte sie gehe Du nur zum Herren Pfarrer der Herr Pfarrer weiß
Alles und Deine alte Muhme mag stecken wo sie will so kriegt er es heraus
und kriegt er es nicht heraus so wird es ein Anderer gar nicht herauskriegen
Während dieses Vortrages war die alte Kinderwärterin herein gekommen und
hatte das verschiedene Spielzeug der Kinder vom Boden aufgelesen um es heraus
zu bringen sie hörte des Schulzen Rede mit an und mischte sich als er geendigt
hatte ohne Umstände in das Gespräch Seines Vaters Schwester Herr Schulze
sagte sie das war ja Lore Breitler die diente ja wie ich noch ein junges Ding
war mit mir zusammen bei der seligen Frau Baronin Schlebach auf Seizheim ich
weiß aber nicht wo sie nachher hingekommen ist
Das war ja die Mutter der Frau Gräfin sagte der Pfarrer indem er sich
schnell zum Grafen wendete der diese Frage bejahte
Komme Er nach dem Begräbnis wieder zu mir sagte der Pfarrer hierauf zum
Schulzen ich werde suchen Erkundigungen einzuziehen und werde sehen wie ich
Ihm dienen kann
Der Schulze und die Kinderwärterin verließen jetzt mit einander das Zimmer
und setzten ihr Gespräch über Lore Breitler und die zu hoffende Erbschaft noch
vor der Türe eine Zeitlang ziemlich lebhaft fort Der Pfarrer aber wendete sich
zum Grafen und bat ihn noch einmal um Entschuldigung dass er sich habe durch den
Landmann abhalten lassen ihn zu unterhalten
Ich konnte um so weniger verlangen erwiderte der Graf dass Sie den
Schulzen ohne eine befriedigende Antwort von sich ließ da ich selbst in der
Absicht zu ihnen gekommen bin Sie um Ihren Beistand in einer Angelegenheit zu
bitten
Der Geistliche aus wirklicher Dienstfertigkeit und aus Reugiede die
Angelegenheit des Grafen zu erfahren erbot sich mit größter Bereitwilligkeit zu
allen möglichen Diensten
Der Graf war im Begriff dem Pfarrer seinen Entschluss über die
Grenzstreitigkeit mit dem Baron Löbau mitzuteilen und ihn zu ersuchen als
Vermittler dem Baron sein Anerbieten mitzuteilen als sich die Türe öffnete
und die Frau des Predigers die Unterhaltung unterbrach Da man beim Pfarrer
schon längst zu Mittag gespeist hatte so wurde angenommen der Graf mache einen
NachmittagsBesuch ihm wurde Kaffee angeboten und man fing zugleich an
Anstalten zum Teetrinken zu treffen diese Aussicht bestimmte den Grafen so
schleunig als möglich dem Pfarrer die nötigen Mitteilungen zu machen und den
gewünschten Beistand von ihm zu erbitten Der Geistliche bekämpfte eine Zeitlang
den Entschluss des Grafen ein Stück des Waldes abzutreten indem er ihm
auseinandersetzte dass die Ansprüche des Barons sich auf leere Einbildungen
gründeten da er aber sah dass der Graf entschlossen war ein kleines Opfer zu
bringen um Weitläuftigkeiten zu vermeiden so übernahm er gern den gegebenen
Auftrag und versicherte im Voraus dass dies Anerbieten sehr bereitwillig vom
Baron würde angenommen werden Der Graf dankte ihm vorläufig und stand auf um
Abschied zu nehmen Ich fahre morgen nach Heimburg sagte der Pfarrer und komme
dann übermorgen zu Ihnen und bringe Ihnen die Antwort
Zufrieden dies Geschäft so eingeleitet zu haben trabte der Graf heiteren
Mutes nach seinem Schloss zurück und kam noch zeitig genug an um zu Mittag zu
speisen
VI
Versprochener Massen fand sich der Pfarrer auf dem Schloss ein um die Antwort
des Baron Löbau zu überbringen die so ausgefallen war wie er es vorhergesagt
hatte und schlug nun in dessen Namen vor die Grenze in der künftigen Woche zu
führen Der Graf war dazu bereit doch bemerkte der Geistliche dass sein
Betragen nicht so offen war wie sonst Es schien ihn etwas zu beunruhigen
worauf seine Gedanken unwillkürlich immer wieder zurück kamen Der Pfarrer
blieb zu Mittag auf dem Schloss und der Arzt machte bei Tische Mitteilungen
über den Zustand des Kranken die ungemein günstig lauteten man konnte aber
bemerken dass der Graf so lebhaft er auch daran Teil nahm doch nicht dadurch
erheitert wurde Auch die Gräfin schien verstimmt und die Unterhaltung wurde
nur mühsam fortgeführt
Da ich doch einmal auf Heimburg war fing der Pfarrer nach einer Pause an
während welcher Jedermann mit sich beschäftigt war so wollte ich auch gleich
versuchen ob ich nichts für den Schulzen tun könne und erzählte dort den
Todesfall der alten Schenkwirtin und auch die Verlegenheit wegen der
Ausmittelung seiner Base Die Frau Baronin versicherte mir fuhr er fort indem
er sich an die Gräfin wendete ich würde von der Frau Gräfin die beste Auskunft
erhalten können
Von mir fragte die Gräfin verwundert Sie wissen ich bin hier wie eine
Fremde zu betrachten wie könnte ich Auskunft über den Schulzen oder seine Base
geben
Ich hatte erfahren erwiderte der Pfarrer dass die Miterbin des Schulzen
einmal bei Ihrer seligen Frau Mutter gedient hatte und teilte dies der Frau
Baronin mit Da beide Häuser immer in vielfachem Verkehr mit einander gestanden
haben so hoffte ich mit Recht etwas Näheres zu erfahren Die Frau Baronin ließ
ihre alte Dienerschaft rufen und darunter sind noch manche die sich recht gut
der Zeit und der Person erinnern und sie versicherten alle einstimmig als die
Frau Gräfin mit ihrer verstorbenen Frau Mutter vor einigen zwanzig Jahren nach
fremden Ländern verreist sei hätte sie diese Lore Breitler zu ihrer Bedienung
mitgenommen und sie würde sich also wahrscheinlich erinnern ob sie gestorben
oder wo sie sonst geblieben sei
Die Gräfin schrak ein wenig zusammen als sie den Namen hörte und eine
feine Röte färbte die blassen Wangen Beides entging dem beobachtenden
Geistlichen nicht eben so wenig als die Bewegung in der Stimme mit welcher
die Gräfin nach einer kleinen Pause sagte Es ist wahr wir hatten diese Person
zu unserer Bedienung mit uns genommen sie hat uns aber nachher verlassen und
ich weiß nicht mehr ob sie in Frankreich oder in der Schweiz von uns gekommen
ist auch habe ich nie wieder etwas von ihrem Schicksale erfahren
In welchem Jahre hat sie wohl Ihren Dienst verlassen fragte der Pfarrer
indem er den Blick fest auf die Gräfin heftete
Ich vergesse so leicht Jahrzahlen sagte die Gräfin ich kann mich in der
Tat nicht erinnern
War sie noch bei Ihnen fragte der Pfarrer im Ton eines Polizeibeamten der
eine Untersuchung zu führen hat nachdem Sie mit dem Herren Grafen vermählt
waren
Nein antwortete die Gräfin mit Beklemmung ungefähr ein halbes Jahr vorher
war sie von uns weggekommen
Nun dann lässt sich ja das Jahr ausmitteln bemerkte der Pfarrer mit
unbescheidenem Lächeln denn die Frau Gräfin werden ohne Zweifel sich des Jahres
Ihrer Vermählung erinnern
Es sind in diesem Herbst fünfzehn Jahre gewesen sagte der Graf mit mehr
Stolz in Haltung und Mienen als man gewöhnlich an ihm bemerkte dass ich so
glücklich gewesen bin mich mit der Gräfin zu verbinden und ich glaube fuhr er
mit einem Tone der Stimme fort der offenbar den Geistlichen in seine Schranken
zurückweisen sollte Sie werden nun die Nachforschungen nach der Base des
Schulzen fortsetzen können ohne dass die Gräfin ferneren Anteil daran zu nehmen
braucht
Der Pfarrer wurde empfindlich doch fühlte er auch zugleich dass er selbst
zu weit gegangen war und wollte sein Verhältnis zum Grafen nicht verderben
Emilie suchte einigemale ein Gespräch anzuknüpfen die Unterhaltung aber wollte
kein Leben gewinnen und Jedermann atmete freier als die Tafel aufgehoben
wurde Die Gräfin und Emilie verließen den Saal sogleich der Arzt entfernte
sich um einige Kranken zu besuchen und der Graf ging mit dem Pfarrer einige
Zeit stillschweigend im Gesellschaftszimmer auf und ab
Ich habe heute unsern Verwundeten noch nicht besucht sing der Pfarrer nach
langem Schweigen an wenn der Herr Graf erlauben möchte ich wohl jetzt sehen
wie er sich befindet
Schenken Sie mir noch einige Augenblicke sagte der Graf mit Hastigkeit es
war sichtbar dass er mit dem Entschluss kämpfte dem Geistlichen eine Mitteilung
zu machen und dass es ihm schwer wurde dem Manne sein Vertrauen zu schenken
dessen vorschnelle unbescheidene Art zu fragen ihn noch eben so empfindlich
verlezt hatte
Ich wollte Ihnen eine Sache mitteilen sagte der Graf nach langem
Schweigen die mir sehr am Herzen liegt vielleicht könnte Ihr Rat und Ihre
Tätigkeit mir vielen Verdruss ersparen große Unannehmlichkeiten von mir
abwenden doch müsste ich vorher versichert sein dass Sie sich der Mühe gern
unterzögen und vor allen Dingen das unverbrüchlichste Stillschweigen beobachten
wollten
Die Empfindlichkeit des Pfarrers war nach dieser Einleitung völlig
verschwunden und mit wahrer Gutmütigkeit und reger Teilnahme sagte er So
viel in meinen Kräften steht bin ich von ganzem Herzen bereit Ihnen zu dienen
und die Mühe die ich dabei haben könnte verdient gar nicht in Anschlag
gebracht zu werden auch gebe ich Ihnen mein heiliges Wort dass was Sie mir
auch anvertrauen mögen in meiner Brust so sicher bewahrt ist wie in Ihrer
eigenen Ein Geistlicher der nicht schweigen könnte setzte er mit schlauem
Lächeln hinzu wäre ja der verächtlichste und der unbrauchbarste Mensch von der
Welt
So hören Sie denn den Grund meiner Sorgen und meiner Unruhe sagte der Graf
Der größte Teil meines Vermögens rührt von einer Erbschaft meines Aeltervaters
her die er damals gemeinschaftlich mit seinem Bruder machte mein Aeltervater
behielt die Güter und zahlte seinem Bruder die Hälfte des Wertes aus und es
wurde ein Dokument darüber aufgesetzt welches in dem Archiv des hiesigen
Schlosses aufbewahrt wurde mit allen andern Familienangelegenheiten betreffenden
Papieren Vorigen Sommer nun meldete mir ein Freund nach Wien als ein Gerücht
dass die von dem Bruder meines Aeltervaters abstammende Linie gesonnen sei
Ansprüche auf mein Vermögen zu machen indem sie vorgebe die Teilung sei nie
geschehen und ich also widerrechtlich im Besitz des ganzen Vermögens Ich fand
die Behauptung lächerlich da ich zu gut wusste dass das Dokument vorhanden sei
Indes die Sache war zu wichtig als dass ich sie hätte Fremden anvertrauen mögen
und ich entschloss mich selbst im vorigen Herbste hieher zu kommen Der Ausbruch
des Krieges rief andere Gedanken und andere Sorgen hervor und ich dachte nicht
mehr ernstaft an die erste Veranlassung meines Hierseins Vor einigen Wochen
erfuhr ich dass meine Gegner nur den Frieden abwarten wollen um ihren Prozess
gegen mich einzuleiten und diese Nachrichten bestimmten mich eine ernstliche
Nachforschung anzustellen und denken Sie sich meine Unruhe ich habe das ganze
Archiv durchsucht ohne das Dokument zu finden
Sind Sie gewiss dass es vorhanden war fragte der Pfarrer indem er sinnend
vor sich niederblickte
So gewiss als ich lebe und Ihnen dies mitteile rief der Graf
Das gibt einen abscheulichen Prozess sagte der Pfarrer mit nachdenklicher
Miene und der Ausgang ist ungewiss Sie können ihn verlieren und zu allen Kosten
nicht nur verurteilt werden sondern auch zum Ersatze aller Zinsen von der
Hälfte Ihres Vermögens die in Anspruch genommen wird Das würde nicht weniger
als beinahe Alles kosten was ich besitze sagte der Graf mit bitterem Lächeln
und es ist keine erfreuliche Aussicht wenn man sein ganzes Leben hindurch an
Überfluss gewöhnt war beim herannahenden Alter Mangel und Entbehrungen
befürchten zu müssen
Nun nun so weit sind wir ja noch nicht tröstete der Pfarrer Wenn Sie
gewiss wissen hub er nach einer Weile wieder an dass das Dokument in Ihrem
Archive war so ist es vielleicht Ihrer Aufmerksamkeit entgangen in so
wichtigen Angelegenheiten sucht man oft zu ängstlich zu übereilt und findet
darum nicht Wollen Sie mir den Schlüssel anvertrauen und mich noch einmal
nachsuchen lassen Vielleicht bin ich glücklicher
Sehr gern sagte der Graf indem er dem Geistlichen den Schlüssel reichte
den er noch bei sich trug denn er hatte erst diesen Morgen die Nachsuchung
geendigt Doch fügte er mit einem Seufzer hinzu ich bin überzeugt Sie werden
nichts finden
Wer weiß sagte der Pfarrer indem er den Schlüssel nachdenklich
betrachtete Wenn ich nichts finde fügte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen hinzu so muss das Dokument entwendet worden sein Haben Sie auf
Niemanden Verdacht Wer hätte in Ihrer Abwesenheit den Schlüssel des Archivs
Der alte Lorenz den Sie ja müssen gekannt haben sagte der Graf Er war
eine Art von Kastellan hier im Schloss seit dem Tode meines Vaters er hatte
alle Schlüssel also auch diesen aber ich glaube nicht dass er jemals das
Archiv betreten hat
Hm hm brummte der Pfarrer der alte Lorenz Wer das Dokument entwendet
hat fuhr er wie im Selbstgespräche fort hat es unfehlbar getan um es den
Gegnern zu verkaufen und es kann also der alte Lorenz nicht sein denn hätte er
es verkauft so würde er nicht in Geldnot sein und er wollte noch diese Woche
von mir borgen das ist also kaum möglich und doch wer kann des Menschen Herz
ergründen Wesshalb haben Sie den alten Mann aus Ihrem Dienste entlassen fragte
er hastig den Grafen
Sie wissen antwortete der Graf ich kam im Herbst allein hieher Ich hatte
die Gräfin in Breslau gelassen ich wollte erst das Schloss mit Allem versorgen
was sie gewohnt ist und nicht entbehren kann ich kam also dem alten Lorenz
gewissermaßen unerwartet eines Abends allein und da mir die Sache mit dem
Dokument am Herzen lag forderte ich noch denselben Abend den Schlüssel des
Archivs Ich suchte die Schrift auf der Stelle wo ich mir einbildete dass sie
liegen musste doch machte ich mir keine Sorgen da ich sie nicht fand und
meinte ich irrte mich über den Ort wo ich sie aufgehoben glaubte und nahm mir
vor zu gelegenerer Zeit ordentlich zu suchen Der alte Mann schien mir
empfindlich und verstimmt dass ich ihm die Schlüssel sogleich bei meiner Ankunft
abgefordert hatte auch schien er mir verdrießlich als er die lange Ruhe des
Schlosses gestört sah da in den nächsten Tagen die ganze Dienerschaft eintraf
deren wir hier bedurften Kurz er bat mich ihm zu erlauben die Pension die
er von Alters her hat an einem andern Orte verzehren zu dürfen da er sich
selbst zu alt fühle mir noch dienen zu können Ich bewilligte seine Bitte gern
und wir trennten uns zu beiderseitiger Zufriedenheit denn wenn ihm die Unruhe
zuwider war so war mir seine ewige Unzufriedenheit unerträglich
Hm hm brummte der Pfarrer es ist kaum denkbar dass er das Dokument haben
sollte und ich hoffe noch immer ich werde es finden
Sie würden mir eine große Unruhe vom Herzen nehmen sagte der Graf
Wir haben heute Mittwoch bemerkte der Pfarrer bis Sonnabend Nachmittag
habe ich Zeit hier zu bleiben dann muss ich nach Hause und an meine Predigt
denken wenn Sie mir könnten ein Zimmer in der Nähe des Archivs anweisen lassen
so wollte ich diese Zeit dazu benutzen um eine genaue Nachsuchung anzustellen
ich müsste aber meine Frau davon erst benachrichtigen damit sie mich nicht
vergeblich erwartet
Der Graf zog die Klingel und gab dem eintretenden Bedienten die nötigen
Aufträge Wenn der Reitknecht gesattelt hat fügte der Pfarrer hinzu so soll er
noch erst zu mir kommen damit ich ihm ein Billet an meine Frau mitgeben kann
Nachdem diese Anordnungen getroffen und das Zimmer des Pfarrers eingerichtet
war nahm er es in Besitz und war so unvermutet auf mehrere Tage ein Gast des
Schlosses geworden Nachdem er nun an seine Frau geschrieben hatte verfügte er
sich sogleich nach dem Archive und fing seine Nachforschungen an Der Reitknecht
kam vor Abend mit der Antwort von der Frau Predigerin zurück und brachte
zugleich einige Wäsche für den Pfarrer Pfeifen und einen großen Vorrat Taback
zu seinem Gebrauche mit
Während der Graf und der Pfarrer im Gesellschaftszimmer geblieben waren und
der Erstere den Geistlichen mit seinen Verlegenheiten bekannt gemacht hatte
hatte sich der Haushofmeister Dübois zur Gräfin verfügt um ihr Alles was er
über den Kranken hatte in Erfahrung bringen können mitzuteilen
Der junge Mann war viel besser geworden und selbst der Arzt untersagte seit
einigen Tagen das Sprechen nicht mehr gänzlich Dübois hatte ihm also mit
Geschicklichkeit nach und nach abgefragt wovon er glaubte dass es die Gräfin zu
wissen wünschte um aber so viel als möglich ihr jede Bewegung des Gemüts zu
ersparen hatte er die gesammelten Nachrichten aufgeschrieben und reichte der
Gräfin das Blatt Es ist besser sagte er wenn die gnädige Frau Gräfin das
Aufgeschriebene lesen als wenn ich es mündlich vortrage beim Sprechen könnten
leicht Erinnerungen rege werden die Erschütterungen verursachen würden
Es hätte der Haushofmeister unstreitig besser getan an diese Erinnerungen
nicht zu erinnern indes die Gräfin beherrschte sich und nahm mit scheinbarer
Gelassenheit das Blatt aus seiner Hand Der Name des jungen Mannes las die
Gräfin ist Adolph St Jülien Adolph wiederholte sie und eine Träne fiel auf
das Blatt Er ist der Sohn fuhr sie mit zitternder Stimme fort eines reichen
Banquiers der vor mehreren Jahren gestorben ist die Mutter lebt noch und der
Sohn wünscht sehnlichst ihr Nachricht von sich geben zu können Da er in den
Rheinprovinzen erzogen ist so spricht er beinah eben so gut Deutsch als
Französisch Er dient seit einigen Jahren in der Armee und ist Kapitain des
Regiments
Die Gräfin schwieg und schaute lange vor sich nieder endlich richtete sie
mit einem tiefen Seufzer die Augen auf den Haushofmeister und sagte Es klingt
ganz so fremd wie ich vernünftiger Weise erwarten musste nehmen Sie Ihr Blatt
zurück fuhr sie fort indem sie es ihm hinreichte und vergessen Sie meine
wahnsinnigen Hoffnungen die ich durch nichts durch gar nichts begründen kann
und kaum vor mir zu entschuldigen vermag
Die Ähnlichkeit ist so auffallend sagte Dübois furchtsam
Sie raten mir Erinnerungen zu vermeiden sagte die Gräfin schmerzlich
lächelnd die Sie selbst nun erregen
Mich zwingt die Pflicht ehrerbietig daran zu erinnern sagte der alte Mann
schüchtern Herr St Jülien ist jetzt in der Besserung er wird morgen etwas
aufstehen er wird in einiger Zeit das Zimmer verlassen können und wird dann
doch natürlich wünschen der gnädigen Frau Gräfin seine Dankbarkeit zu bezeugen
Wenn nun sein Anblick
Ich verstehe Sie sagte die Gräfin Sie haben Recht ich muss meine Gedanken
schon daran gewöhnen diese Ähnlichkeit in einem mir völlig fremden Wesen zu
betrachten um ruhig zu bleiben oder doch zu scheinen wenn er mir lebendig vor
Augen steht Sein Sie ohne Sorgen guter Dübois fuhr sie fort indem sie sich
ihm näherte Hatte ich auch keinen Grund mich zu beherrschen als nur diesen
alten Augen Tränen zu ersparen die schon so viele über meine Leiden vergossen
haben so würde er mir hinreichend sein Verlassen Sie mich aber jetzt fuhr sie
gütig fort wir sind in Gefahr uns beide zu erweichen und wenn Sie das für
meine Gesundheit nachteilig finden so kann es Ihnen bei Ihrem Alter nicht
anders als höchst schädlich sein
Der Haushofmeister folgte dem Winke seiner Gebieterin und schwur bei sich
dass niemals eine Königin auf Frankreichs Throne ihre Diener edler behandelt
habe als die Gräfin ihn
VII
Der Pfarrer lebte ganz in dem Archive er kam nur zum Abendessen zur übrigen
Gesellschaft Frühstück Mittagessen und Tee ließ er sich dort hinbringen und
durchsuchte mit der größten Genauigkeit Alles Endlich war die Nachforschung
geendigt und er hatte nichts gefunden Er stützte sich gedankenvoll auf den
großen Tisch der in der Mitte des Zimmers stand und bedauerte wahrhaft den
Grafen für den er in demselben Grade seine Freundschaft zunehmen fühlte als er
mit seinen Geschäften und Verhältnissen bekannter wurde Willenlos zog er die
Schublade des Tisches auf in der er noch einige Papiere bemerkte die aber von
keiner Wichtigkeit zu sein schienen und unter denen das Dokument gewiss nicht
verborgen sein konnte denn es waren Umschläge von Briefen alte Recepte zu
Arzneien kleine zum Teil zerrissene Rechnungen Auch der Graf hatte diese
Schublade geöffnet aber sich gleich überzeugt dass sie nichts enthalte was
schon der Größe nach die gesuchte Schrift sein könnte also den Inhalt nicht
weiter beachtet der Pfarrer aber der dergleichen Dinge gründlicher betrieb
setzte sich noch einmal vor den Tisch nieder entfaltete und betrachtete jedes
Blatt und so fielen ihm zwei kleine unordentlich zusammengedrückte Stücke
Papier in die Hände in denen er als er sie entfaltete bald einen Anfang der
Abschrift der gesuchten Urkunde erkannte Es war deutlich dass der Abschreiber
sich beide Male verschrieben das Papier verdrießlich zusammengedrückt und in die
Schublade geworfen hatte wo es gewiss nicht hatten bleiben sollen Freudig über
seine gemachte Entdeckung ließ der Geistliche sogleich den Grafen rufen und
teilte ihm die gefundenen Papiere mit der Graf erkannte die Hand des alten
Lorenz er holte Briefe herbei die er früher von ihm erhalten hatte und auch
der Pfarrer überzeugte sich durch die Vergleichung dass kein Anderer als er
der Abschreiber der Urkunde gewesen sein könnte
Was ist nun zu tun sagte der Graf Hat er die Urkunde meinen habsüchtigen
Verwandten verkauft und kommt es zum Prozess so kann ich zwar durch diese
Blätter die Entwendung derselben wahrscheinlich machen aber dann mache ich im
besten Falle den Menschen unglücklich der meinem Vater so lange gedient hat
und beschimpfe die Mitglieder meiner eignen Familie die sich aus Eigennutz so
niedrige Schritte erlaubt haben
Ich glaube nicht dass das Dokument schon verkauft ist sagte der Pfarrer
nach einigem Nachdenken Es ist klar, dass der alte Schelm die Urkunde
abgeschrieben hat und das lässt sich nur auf eine Art erklären nämlich man hat
mit ihm unterhandelt und sich vorerst überzeugen wollen ob er in der Tat im
Stande wäre eine so höchst wichtige Schrift zu überliefern Da wir diese
Blätter hier gefunden haben so ist es klar dass die Abschrift nicht lange vor
Ihrer Ankunft gemacht worden ist und dass der Alte gewiss die Absicht gehabt hat
alle Spuren dieser Arbeit zu vertilgen Daher können Sie sich auch seine üble
Laune erklären als Sie ihm bei Ihrer unvermuteten Ankunft sogleich die
Schlüssel des Archives abforderten und sein Gewissen trieb ihn sich so bald
als möglich davon zu machen
Wohl sagte der Graf aber was kann ihn gehindert haben nun seitdem er
sich aus dem Schloss entfernt hat die Urkunde meinen Gegnern zu überliefern
Die Angst erwiderte der Pfarrer vor den möglichen Folgen vielleicht auch
ist der Handel noch nicht abgeschlossen vielleicht fordert er mehr als man ihm
bietet Kurz da ich bestimmt glaube dass die Schrift vor Ihrer Ankunft nicht
verkauft war so zweifle ich mit Recht daran dass sie es jetzt ist denn auf den
Fall würde er noch Geld haben ob er gleich locker lebt und er hat keins denn
er hat mich noch kürzlich schriftlich gebeten ihm Geld auf seine Pension die
er von Ihnen zieht vorzuschiessen
Was wollen Sie daran wenden fragte der Pfarrer nach einer kleinen Pause um
die Urkunde wieder zu bekommen
So viel Sie für nötig halten sagte der Graf bin ich gern bereit zu
zahlen um diese Geschichte auf eine anständige und für mich beruhigende Art zu
endigen
Sie lassen mir also völlig freie Hand sagte der Pfarrer wenn es Ihnen auch
hundert Dukaten kosten sollte
Ich würde Ihnen Zeitlebens dankbar bleiben rief der Graf wenn Sie mich für
ein so geringes Opfer von dieser Sorge befreien könnten
Das hoffe ich gewiss versicherte der Pfarrer Ich habe zugleich fuhr er
fort da ich alle Papiere durchgehen musste das Archiv für Sie geordnet und
wenn Sie es nun in dieser Ordnung lassen so kann es Ihnen niemals mehr
Beschwerde machen eine Urkunde die Sie nötig haben aufzufinden Bei diesen
Worten reichte er dem Grafen ein kleines Heft worin dieser alle Lehnbriefe
Schenkungen Prozesse FamilienAbmachungen die das Archiv enthielt numerirt
und chronologisch geordnet fand Wenn wir nun das Dokument vom alten Lorenz
wieder bekommen bemerkte der Pfarrer so brauchen wir es nur hier in diese
Rubrik einzutragen er deutete mit dem Finger darauf
Der Graf konnte sich nicht der Verwunderung erwehren dass ein Mann der in
seiner nächsten Umgebung in seinen Wohnzimmern so wenig das Bedürfnis der
Ordnung empfand eine so musterhafte in alle Geschäfte brachte Denn wie in dem
Wohnzimmer des Pfarrers so war ihm hier wieder als er das Archiv betrat das
der Geistliche nur wenige Tage bewohnt hatte höchst widrig aufgefallen wie der
Tabacksrauch in Wolken im Zimmer schwebte die Pfeifen zwischen Papieren auf dem
Tische lagen und die ausgebrannte Asche derselben auf dem Boden Kleidungsstücke
auf allen Stühlen und von frühem Morgen her die Gerätschaften zum Kaffee
nachbarlich vereinigt mit Tellern die noch die Überreste von kaltem Braten
enthielten den sich der Geistliche hatte kommen lassen Dagegen aber waren alle
Pergamente sowohl als die Schränke worin sie aufbewahrt wurden von Staub
gesäubert was unordentlich seit Menschenaltern durch einander gelegen hatte
war in bestimmten Fächern geordnet und es war dem Pfarrer nicht zu beschwerlich
gewesen jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen und ununterbrochen den ganzen Tag
zu arbeiten um dies Geschäft zu beendigen
So gewann denn der Graf die Überzeugung dass von dem Pfarrer der in seiner
Umgebung weder der Ordnung noch weniger der Zierlichkeit zu bedürfen schien
und dem so wenig darauf ankam ob er in der Gesellschaft liebenswürdig erschien
doch ein Jeder der reelle Dienste nötig habe die die höchste Tätigkeit und
angestrengteste Arbeit erforderten diese gewiss nicht vergeblich hoffen würde
Er nahm sich also vor dessen schroffes Betragen künftig milder zu beurteilen
und keinen Anstoß mehr an der wunderlichen Unordnung in seinem Hause zu nehmen
Der Pfarrer erbat sich die Erlaubnis den gefundenen Anfang der Abschriften
mit sich zu nehmen und versprach dem Grafen ihm den Erfolg seiner Untersuchung
sogleich mitzuteilen sobald er den alten Lorenz gesprochen hätte Man trennte
sich freundlich und der Pfarrer ritt nach Hause um zunächst an seine Predigt
zu denken die er den Sonntag halten musste Als er damit fertig war schrieb er
dem ehemaligen Kastellan des Schlosses in Erwiderung seines Gesuchs um einen
Geldvorschuss welches er früher mit Stillschweigen zu übergehen gesonnen war
und lud ihn ein persönlich zu ihm zu kommen um über dies Geschäft mit ihm zu
reden Er stellte seine Worte mit Klugheit so dass sie ihn zu nichts
verpflichteten aber doch dem alten Lorenz alle Hoffnung gaben das gewünschte
Darlehn zu erhalten und er erwartete also mit Recht diesen mit Nächstem bei
sich zu sehen
Er hatte sich nicht getäuscht in seinen Vermutungen denn kaum waren drei
Tage verflossen so hielt vor dem Eingange zu des Pfarrers Wohnung eine
Equipage die keinen vornehmen Besuch ankündigte Ein Mittelding zwischen Karren
und Kalesche dessen mit Oelfarbe angestrichener Kasten schief in sehr
beschädigten Riemen hing und dessen Türen in Ermangelung der Schlösser mit
Schnüren gebunden waren hatte ein mageres auf allen Füßen steifes und lahmes
Pferd mühsam durch die Straße des Dorfes gezogen und dadurch dem darin
sitzenden alten Manne vollkommen Zeit gewährt mit heuchlerischer Freundlichkeit
auf beiden Seiten alte Bekannte zu begrüßen die die Köpfe verwundert aus den
kleinen Fenstern steckten
Der alte Lorenz denn Niemand anders als er war der Reisende öffnete
eine Türe seines Wagens indem er die befestigenden Schnüre losknüpfte stieg
langsam aus und trocknete mit einem bunten Schnupftuche die Tränen aus seinen
roten immer triefenden Augen klopfte den Staub so gut es gehen wollte von
dem blauen mit metallenen Knöpfen versehenen Rocke und entblößte sein halb
kahles mit wenigen weißen Haaren bedecktes Haupt schon ehe er die Pforte
öffnete die zu des Pfarrers Wohnung führte wozu ihm dieser vollkommen Zeit
ließ indem er ruhig am Fenster stehend mit der Pfeife im Munde alle
Vorbereitungen betrachtete die der alte Mann machte um anständig vor ihm zu
erscheinen Nicht immer war Herr Lorenz so höflich gewesen alle Bauern zu
grüßen oder so besorgt mit gehörigem Anstande vor dem Pfarrer zu erscheinen Er
hatte viele Jahre das Schloss beinah allein bewohnt ein gutes Gehalt bezogen
sich des Kellers der Gärten der Fischerei und der Wildbahn ohne Umstände
bedient stillschweigend unter diesen Bedingungen sich verheiratet und nachdem
er Wittwer geworden war zwei Kinder einen Sohn und eine Tochter nachlässig
genug erzogen Er ließ den Sohn die Rechte studieren und man hatte ihn seitdem
er die Universität bezogen in der Gegend seines Geburtsortes nicht mehr
gesehen Die Tochter verließ den Vater vorgeblich um als Kammerjungfer zu
dienen seitdem der Graf schon aus der Ferne den alten Lorenz beschränkte indem
er andern zuverlässigern Personen die Verwaltung der GutsEinkünfte übertrug
und Herr Lorenz konnte nun weder für sich selbst seinen Tisch nach gewohnter
Weise auf Kosten des Grafen ferner besetzen noch seine zahllosen Freunde mehr
so gastfrei bewirten Da ihm Gesellschaft und Genüsse mancher Art zum Bedürfnis
geworden waren so suchte er auswärts was er sich im Schloss nicht mehr
verschaffen konnte fing an die Schenken zu besuchen begnügte sich mit
gemeineren Getränken und wurde in demselben Grade mit den Bauern vertrauter als
sich seine vormalige Gesellschaft von ihm zurückzog Natürlich war nun sein
Gehalt nicht hinreichend seine Ausgaben zu bestreiten so verwickelte er sich
in Schulden und fing an als diese ihn nach und nach bedrängten erst seine
entbehrlichen Besitztümer und nach und nach alle zu verkaufen so dass er
eigentlich sich schon in großer Armut befand als der Graf ihn aus seinen
Diensten entließ
In seiner früheren glücklicheren Zeit war er von Allen die ihn kannten
mit einer gewissen Achtung behandelt worden und eben auch dem Pfarrer war er
nicht immer ein unwillkommener Besuch gewesen sondern dieser hatte ihn früher
oft freundlich an der Türe seines Hauses bewillkommnet schon seit langer Zeit
aber war dies Verhältnis zwischen beiden aufgehoben und der Geistliche nickte
diesmal nur nachlässig mit dem Kopfe in Erwiderung der tiefen Verbeugung mit
der ihn der ehemalige Kastellan begrüßte als er endlich das Zimmer betrat
Wir haben uns lange nicht gesehen sagte der Pfarrer nach einem kurzen
Schweigen um das Gespräch zu eröffnen wie gehts seitdem Sie das Schloss
verlassen haben
Lorenz richtete die roten Augen heuchlerisch gen Himmel stützte sich mit
beiden gefalteten Händen auf seinen knotigen Stab und sagte indem er aus
tiefer Brust seufzte Ach Gott Herr Pfarrer wie kann es einem alten
verlassenen Manne gehen Kinderlos freundlos verstoßen von dem Herren dem ich
so viele Jahre gedient habe wie seinem Vater vor ihm nun Gott sei es
überlassen ich klage Niemand an aber ich wurde verstoßen und Ausländer
Franzosen Landesfeinde die nehmen den Platz ein der einem alten treuen Diener
gebührte nun ich will nicht klagen Gott mag richten ihm sei es überlassen
Der Graf aber erwiderte der Pfarrer sagt Sie selbst haben das Schloss
verlassen wollen also sind Sie gegangen und Niemand hat Sie vertrieben
Ja ja der Graf sagt so fuhr Lorenz seufzend fort aber wie ich behandelt
wurde welches Misstrauen man mir zeigte mir dem alten redlichen Diener das
sagt der Herr Graf wohl nicht Ja ja arme Leute müssen schweigen und großer
Herren Unrecht leiden das ist der Lauf der Welt Herr Pfarrer und ich will
nicht darüber murren Aber mein guter seliger Herr hätte mir das nicht getan
setzte er weinend hinzu mit meinem seligen Herren wurde alle meine Freude in
dieser Welt begraben
Sie haben aber doch noch manche gute Stunde erlebt sagte der Pfarrer nach
dem Ihr seliger Herr lange begraben war
Was will das sagen seufzte Lorenz indem er ein schelmisches Lächeln kaum
unterdrücken konnte was ist alle irdische Lust die man mit traurigem Herzen
genießt Und was ist die Erinnerung an vergangene bessere Tage wenn man mit
Alter und Armut kämpfen muss
Aber der Graf sagte der Pfarrer hat Ihnen ja Ihre Pension gelassen und
wie ich gehört habe sogar noch zugelegt
Alles wahr Herr Pfarrer klagte Lorenz aber was braucht ein alter
schwacher Mann nicht Alles
Sie könnten als ein einzelner Mann recht gut leben sagte der Pfarrer
verweisend wenn Sie nicht immer in den Schenken säßen wenn Trunk und Spiel
Ihnen nicht so viel kosteten
Lieber lieber Gott jammerte Lorenz mit Tränen wie sind deine Menschen
doch so hart Richtet nicht Herr Pfarrer so werdet ihr nicht gerichtet Wenn
ein alter Mann unter Gottes Himmel einsam wandelt und ruht sich nach der
Ermüdung aus und labt sich in seiner Ermattung durch einen Trunk so schilt ihn
die Welt einen Säufer wenn ein trauriger Mensch seinen Kummer zerstreuen will
und greift in der Angst seiner Seele nach den bunten Blättern oder nach den
Würfeln so nennt Ihr ihn sündlich einen Spieler
Es lässt sich wenig Gutes mehr von Ihnen hoffen sagte der Pfarrer
ungeduldig Sie sind ein rechter Heuchler geworden
Ich ergebe mich in den Willen Gottes sagte Lorenz ohne sich aus seinem
angenommenen Charakter herausschelten zu lassen Ihm gefällt es dass ein alter
Mann geschmäht und gescholten werden soll von denen auf deren Beistand er
hoffte Ich dachte Ihr Herz milder zu finden Herr Pfarrer setzte er mit einem
Tone hinzu in dem ein sanfter Vorwurf liegen sollte Ich klagte Ihnen meine
Not und Ihr Brief ließ mich hoffen dass Sie genigt wären sie zu lindern
Es ist gegen meine Grundsätze sagte der Pfarrer Geld zu solchen Zwecken
auszuleihen wozu Sie es verwenden würden wenn ich auch eine Summe übrig hätte
Des Herren Wille geschehe sagte Lorenz aber wozu fügte er verdrießlich
hinzu ließ Sie mich denn dann den weiten Weg machen Um mir eine abschlägige
Antwort zu holen Hätten Sie mir die nicht schriftlich geben können ohne mir
die Zeit zu rauben in der ich mich nach andern Mitteln hätte umsehn können
Welche Mittel haben Sie denn fragte der Pfarrer mit scheinbarer Teilnahme
um sich aus der Not zu helfen
Ich weiß es nicht sagte der alte Heuchler Gott wird mir Wege zeigen
vielleicht dass mein Sohn im Stande ist mir beizustehen
Erhielten Sie kürzlich Nachrichten von Ihrem Sohne fragte der Geistliche
hastig
Nicht so ganz kürzlich antwortete Lorenz mit merklicher Verlegenheit Wo
hält er sich jetzt auf stürmte der Pfarrer auf ihn ein treibt er die Rechte
noch bekleidet er ein Amt oder hat er Aussicht eins zu erhalten
Ich kenne seine Umstände nicht ganz genau sagte der Alte ausweichend sein
Brief ist darüber nicht deutlich doch hat er wohl Aussicht Gottlob sein Brot
zu erwerben
Von wo aus hat er Ihnen geschrieben fragte der Pfarrer indem er nahe zu
dem alten Manne hintrat eine Hand auf seine Schulter legte und ihm scharf in
die Augen sah
Ich habe den Ort vergessen erwiderte Lorenz zögernd
Aber Ihr Sohn ist in Schlesien fuhr der Pfarrer fort zu fragen Der Brief
hat keinen gar weiten Weg gemacht
Ja in Schlesien ist er stotterte der Alte
Hm sagte der Pfarrer indem er seine Hand von der Schulter des alten
Sünders zurücknahm der sich dadurch sehr erleichtert zu fühlen schien Der
Geistliche ging einige Male im Zimmer auf und ab und blies den Rauch aus seiner
Pfeife gedankenvoll vor sich hin
Wenn Sie mir also nicht helfen wollen Herr Pfarrer fing nach einem kurzen
Schweigen der alte Lorenz wieder an so will ich Sie Gottes Schutz befehlen und
mich wieder auf den Rückweg nach meiner armen Hütte begeben
Ich hatte die Absicht sagte der Pfarrer indem er dem Alten wieder
vertraulich näher trat noch mit Ihnen über andere Gegenstände zu sprechen und
Ihnen einen Weg zu zeigen auf dem Sie vielleicht Geld erhalten könnten ohne es
zu leihen denn Sie wissen geliehenes Geld macht nur eine halbe Freude das
Wiedergeben fällt gar zu schwer
Man muss sich vor der Zeit darüber nicht grämen lächelte der Alte Doch
lassen Sie hören wenn man gar nicht für die Erstattung zu sorgen braucht so
ist es freilich am Besten
Setzen wir uns sagte der Pfarrer und lassen Sie uns offenherzig sprechen
Sie sehen wir sind allein und was wir auch sprechen mögen es kann keine
Folgen haben da kein Zeuge vorhanden ist um die Aussage die Sie etwa machen
wollten für Sie bedenklich zu machen
Befremdet und misstrauisch sah der Alte den Pfarrer an indem er seiner
Einladung folgte Beide setzten sich so dass ein kleiner Tisch zwischen ihnen
war Sie hatten hob der Pfarrer von Neuem und etwas feierlich an auf dem
Schloss die Schlüssel zum Archiv in Händen nicht wahr
Ich hatte viele Schlüssel sagte der Alte trotzig so lange ich das Schloss
verwaltete Gott weiß was sie Alles schlossen ich habe mich nie darum
bekümmert
Sie sind aber doch wohl oft im Archiv gewesen fragte der Pfarrer indem er
ihn bedenklich anblickte
Wie kann ich wissen wo ich im Schloss gewesen bin oder nicht sagte
Lorenz nicht ohne Verlegenheit Es ist wohl viel verlangt dass ein alter Diener
Rechenschaft darüber ablegen soll wo er vierzig Jahre lang seine Füße
hingesetzt hat oder wo er in einem alten weitläuftigen Gebäude nicht gewesen
ist
Ich begreife nicht sagte der Pfarrer mit einem misstrauischen Blicke wie
meine Fragen Sie so unruhig machen können
Und ich begreife noch weniger antwortete Lorenz mit erzwungener Keckheit
wer Ihnen ein Recht gibt mir alle diese Fragen vorzulegen Mich bestimmt
erwiderte der Pfarrer mit Herablassung vor allem das Mitleid welches ich mit
Ihnen habe denn mir würde es leid tun einen alten Mann den ich so lange
gekannt habe unglücklich werden zu sehen
Was wollen Sie damit sagen fragte der Alte mit einiger Bestürzung
Der Pfarrer richtete die Augen scharf auf den vor ihm sitzenden Sünder und
sagte dann langsam und nachdrücklich Der Graf vermisst aus dem Archive eine ihm
wichtige Schrift sie ist warscheinlich entwendet Niemand als Sie hat vor dem
Grafen die Schlüssel gehabt auf wen kann der Verdacht fallen als auf Sie
Was gehen mich die Schriften des Grafen an sagte der Alte ich habe sie nie
angesehen ich habe mich nie darum bekümmert und der Graf hat mir ja die
Schlüssel abgenommen so wie er kam warum hat er nicht gleich gesprochen was
will er nun von mir
Sie waren also niemals im Archiv um die Schriften zu durchsuchen fragte
der Geistliche gelassen
Niemals antwortete Lorenz mit Frechheit meine Hände haben die alten
bestäubten Dinger nicht angerührt
Alter heuchlerischer Schurke rief der Pfarrer indem ihn die Verachtung
unwillkürlich hinriss und zugleich zog er sein Taschenbuch hervor und zeigte
dem alten Lorenz seine angefangenen Abschriften Sie können Ihre Hand nicht
ableugnen rief er ihm drohend hinzu und sehen Sie Ihre Handschrift straft
Ihre Worte Lügen Wo ist die Urkunde hingekommen fuhr er fort weswegen haben
Sie sie abgeschrieben
Ich weiß es nicht sagte der Alte zitternd und ernstlich erschrocken
Wahrscheinlich um mich im Schreiben zu üben Mein Gott Herr Pfarrer fuhr er
weinend fort Sie werden doch einen alten Mann nicht unglücklich machen und ihn
nicht solcher Dinge beschuldigen wollen die er nie begangen hat
Ich will Ihr Unglück nicht sagte der Pfarrer und eben so wenig der Graf
Es trifft Sie der wahrscheinliche Verdacht die Urkunde entwendet zu haben
schaffen Sie sie wieder herbei und der Graf ist bereit die Sache zu vergessen
und Ihnen noch funfzig Dukaten zu schenken
Was ich nicht habe kann ich nicht herbeischaffen sagte Lorenz wieder
ruhiger nachdem der Pfarrer Geld geboten hatte Sie kränken meinen ehrlichen
Namen Herr Pfarrer Gott mag Ihnen die Sünde vergeben
Der Geistliche tat sich Gewalt an um gelassen zu bleiben er sagte aber
dennoch mit unwillkürlicher Heftigkeit Wenn Sie nicht selbst Ihr Unglück
wollen so handeln Sie als ein vernünftiger Mensch vermeiden Sie die
gerichtliche Untersuchung die Sie ins Zuchthaus führen müsste merken Sie das
wohl Ich sage Ihnen jetzt mein letztes Wort der Graf gibt hundert Dukaten
wenn die Schrift ohne gerichtliche Hilfe herbeigeschaft wird
Mein Gott sagte Lorenz die Augen zum Himmel erhebend mein Gott Herr
Pfarrer wie wehe tun Sie mir altem hüflosem Manne Sie wollen Schande auf
mein graues Haupt laden der Herr vergebe es Ihnen Was im Archiv gewesen ist
vor funfzig Jahren das muss noch jetzt darin sein aber der Graf weiß nicht
Bescheid er versteht nicht zu suchen wenn man mich will nachsuchen lassen
ungestört ganz allein und Sie mir die hundert Dukaten zusichern wollen so bin
ich überzeugt ich werde die Urkunde auffinden und Sie werden dann einsehen
dass Sie mir altem Manne Unrecht getan haben Der Pfarrer sah ihn einen
Augenblick schweigend an und sagte dann Ich glaube wohl dass der Graf dies
billigen wird Sie können also die Nacht hier bleiben und Morgen können wir
nach dem Schloss und Sie mögen dann Ihre Nachsuchungen anstellen
Nein nein rief der Alte ängstlich das ist nicht möglich ich muss heute
Abend nach Hause aber übermorgen bin ich wieder bei Ihnen ich habe morgen ein
dringendes Geschäft
Der Pfarrer sah sehr wohl ein welch ein Geschäft der ehemalige Kastellan
beendigen musste ehe er daran denken konnte die Urkunde im Archiv aufzufinden
er ließ ihn also ungehindert fahren nachdem die gegenseitigen Versprechungen
erneuert waren dass nämlich Lorenz das Dokument unfehlbar finden und dagegen
eben so unfehlbar hundert Dukaten erhalten würde
VIII
Einige Tage waren verflossen seitdem Dübois der Gräfin die wenigen
unbefriedigenden Nachrichten über den Verwundeten gegeben hatte Der Kranke
besserte sich fortwährend und war endlich so weit das Zimmer verlassen zu
können Der Haushofmeister benachrichtigte die Gräfin dass es der sehnlichste
Wunsch des jungen Mannes sei ihr seine Dankbarkeit für die Aufnahme in ihrem
Hause zu bezeigen Sein Begehren ließ sich nicht abschlagen ohne alle Sitte zu
verletzen und die Gräfin selbst fühlte eine mit Furcht vermischte Begierde ihn
wieder zu sehen
Das Verhältnis zwischen Emilie und der Gräfin war seit der Erklärung die
beide näher rückte höchst freundschaftlich geworden die Gräfin war gegen ihre
junge Freundin liebreich und vertraulich sie tat sich nicht mehr den Zwang an
mit ihr gleichgültige oder geistreiche Gespräche zu führen wenn trübe
Erinnerungen und quälende Gedanken ihre Seele beherrschten und Emilie durfte
ihre Teilnahme offen zeigen statt dass sie sonst zu ihrer eigenen Qual in
solche Gespräche einstimmen musste
Beide Frauen saßen im Teezimmer und erwarteten den Grafen der versprochen
hatte um diese Zeit von Heimburg zurück zu kehren wohin ihn der Baron Löbau
dringend eingeladen hatte und den Kapitain St Julien der zum ersten Male den
Frauen seinen Besuch machen wollte Beide Männer wurden mit Unruhe erwartet Das
Dringende der Einladung des Barons ließ deutlich merken dass etwas Wichtigeres
als eine freundschaftliche Sehnsucht sie veranlasst hatte und St Julien wurde
von der Gräfin mit Ängstlichkeit erwartet weil sie befürchtete dass sie sich
bei seinem Anblick nicht so wie sie es wünschte würde beherrschen können
Endlich öffnete sich die Türe und langsam näherte sich der junge Mann den
einen Arm in der Binde tragend und sich mit dem andern auf den Haushofmeister
stützend Sein bleiches Gesicht die eigefallenen Wangen die gesenkten
Augenlieder die kaum geröteten Lippen zeigten von großer Ermattung aber indem
er zu sprechen begann glühte in den dunkeln Augen die er auf die Gräfin
richtete ein tiefes Gefühl der bleiche Mund bewegte sich mit unendlicher
Anmut und der Wohllaut der schönsten männlichen Stimme schien erschütternd auf
die Gräfin zu wirken Es währte einige Augenblicke ehe sie sich zu fassen
vermochte und Dübois richtete besorgte Blicke auf seine Gebieterin Emilie
betrachtete mitleidig den jungen Mann der sich mit Mühe aufrecht zu erhalten
schien Die Gräfin löste endlich die peinliche Verlegenheit die einige
Augenblicke herrschte Sie richtete mit Güte aber großer Anstrengung die
ersten Worte an den jungen Mann indem sie sagte »Ich weiß Sie sprechen
deutsch ich ziehe es vor mich in dieser Sprache zu unterhalten und Sie würden
mich verbinden wenn Sie nie französisch mit mir reden wollten« St Julien
verbeugte sich und schwieg einige Augenblicke der Ausdruck der Empfindlichkeit
war eine Minute sichtbar auf seinem Gesichte er konnte nicht voraussetzen dass
die Gräfin die Sprache seines Landes nicht verstehe und ihm musste es auffallen
dass sie in Erwiderung auf sein dankbares Gefühl das er sich auszudrücken
bemüht hatte diese Bitte an ihn richtete die nicht freundlich klang Ich muss
es beklagen sagte er endlich in deutscher Sprache dass meine Landsleute sich
Ihnen so verhasst gemacht zu haben scheinen dass ihre Sprache Ihnen selbst im
Munde dessen unerträglich ist dem Sie so viele Güte erwiesen haben
Es ist nicht das sagte die Gräfin in lebhafter Bewegung Ich bitte Sie
mich nicht zu verkennen es knüpfen sich für mich an dies Land und diese Sprache
so viele süße schmerzliche und schreckliche Erinnerungen dass ich das Land
nicht wieder sehen könnte die Sprache ungern höre und vor Allem aus Ihrem Munde
nicht vernehmen möchte Mit großer Bestürzung sah Emilie die Gräfin an deren
Wangen wie im Fieber glühten und deren zitternde Stimme von der Bewegung der
Seele zeugte Bei der größten Zurückhaltung die die Gräfin gegen Jedermann
beobachtete so dass sie auch in den vertraulichsten Stunden ihr Herz niemals
ihrer jungen Freundin öffnete musste der Zustand in welchem sie wie es schien
ihr Vertrauen einem jungen Manne entgegen tragen wollte den sie zum ersten Mal
sprach Emilien wie ein Zustand des Wahnnsinns erscheinen Dübois sah verlegen
vor sich nieder und St Julien schwieg erstaunt über den seltsamen Empfang
Die Gräfin fühlte dass sie sich hatte überwältigen lassen und gewann wie
immer bald die Herrschaft über ihre Empfindungen so dass sie nach kurzem
Schweigen sich mit Ruhe und Würde an St Julien wendete ihm ihre Teilnahme an
dem Unglück bezeugte das ihn zum Gast ihres Hauses gemacht hatte und ihre
Freude darüber äußerte ihn so weit hergestellt zu sehen Sie forderte den
Haushofmeister auf ihrem Gast alle Bequemlichkeiten zu verschaffen die seine
Lage erheischte und fragte höchst gütig ob ihm seine Kräfte erlaubten Anteil
an der Gesellschaft zu nehmen Man bemerkte zwar dass die Gräfin von Neuem ein
wenig zusammenschreckte als sie seine Stimme wieder hörte mit der er sich die
Erlaubnis ausbat noch in Gesellschaft der Damen zu bleiben sie blieb aber
ruhig und befahl nur einen bequemen Lehnstuhl ihr gegen über an den Teetisch
zu rücken den der Kranke einnehmen musste Sie richtete oft das Wort an ihn um
wie es schien sich an den Klang seiner Stimme zu gewöhnen und forderte dann
nach einiger Zeit Emilie zum Singen auf damit wie sie bemerkte St Julien
nicht mehr gereizt würde zu sprechen was ihm doch schädlich sein könnte
Emilie gehorchte der Gräfin um so lieber als sie sich heut nicht in ihr
Betragen finden konnte hätte sie ihre Freundin nicht zu gut gekannt so dass sie
wusste wie höchst ungerecht ein solcher Argwohn sein würde so würde sie sich
nicht haben enthalten können zu glauben dass die Gräfin einen vorteilhaften
Eindruck auf den jungen Mann zu machen wünsche St Julien war anfangs verstimmt
und verwirrt durch die seltsame Art mit welcher die Gräfin ihre Bekanntschaft
eröffnet hatte doch fühlte er sich bald durch die Unterhaltung angezogen so
wie durch die Güte welche sie gegen ihn äußerte ein Wohlwollen in seiner Brust
erregt wurde über das er sich weder nachzudenken noch es sich zu erklären
bemühte Es hatte während des Gesprächs die Gräfin des jungen Mannes
Aufmerksamkeit so gänzlich gefesselt dass er Emilien die sich überdies nicht in
die Unterhaltung mischte wenig beachtet hatte Er betrachtete nun indem sie
sich durch das Zimmer bewegte um sich dem Instrumente zu nähern die schlanke
edle Gestalt und konnte nicht umhin die Fülle der glänzenden schönen blonden
Haare zu bewundern die teils in Flechten aufgesteckt waren teils in Locken
den zarten weißen Nacken umspielten sie öffnete die frischen roten Lippen
und der Ton ihrer Stimme der silberrein aus der Brust empor stieg traf mit
rührender Gewalt sein Herz Emilie hatte den seltenen Vorzug dass sie sich
während des Gesanges verschönte ohne Anstrengung standen ihr die Töne in der
Höhe und in der Tiefe zu Gebote und sie konnte sich ungestört dem Genuss an der
Musik die sie vortrug überlassen darum glühte das Gefühl das ihre Töne
auszudrücken strebten während des Gesangs in ihren Augen das Entzücken spielte
um den lieblichen Mund und färbte mit höherer Röte die zarten Wangen
St Juliens Augen waren auf die schöne Sängerin geheftet Die lieblichen
Melodien die ihren Lippen entströmten durchdrangen sein Herz die sanfte Glut
ihrer blauen Augen schien sich heißer in den dunkeln Sternen der seinigen zu
wiederholen bis die zärtlichen Accorde ein wehmütiges Gefühl hervorriefen und
er unvermutet eine Träne im Auge fühlte als er die ihrigen im feuchten Glanze
schimmern sah
Überrascht durch eine ihm neue Empfindung beschämt durch eine zu große
Reizbarkeit die ihm Folge seiner Krankheit schien blickte er während des
Gesanges zum ersten Mal nach der Gräfin um zu erfahren ob er von ihr
beobachtet würde doch diese schien selbst in Gefühlen oder Gedanken verloren
und schien in diesem Augenblicke nicht auf ihn geachtet zu haben Der Gesang war
beendigt und alle drei schwiegen noch eine Zeitlang weil es Menschen die
Musik fühlen und lieben gewöhnlich schwer wird nach den himmlischen Tönen die
eine schöne Stimme im Gesange hervorgerufen hat die Unterhaltung durch Worte
und gewöhnliche Rede wieder anzuknüpfen
Auf dem Gesichte der Gräfin ruhte der Ausdruck einer unaussprechlichen Güte
und Milde als Emilie nach dem Gesange zu ihr trat Sie drückte die Hand ihrer
jungen Freundin und diese die schon durch die Musik erweicht war wendete sich
schnell ab um die Rührung zu verbergen zu der sie sich durch die Zärtlichkeit
der Gräfin bewegt fühlte Gewöhnlich drückten die Züge dieser Frau eine gewisse
Entschlossenheit aus keinem Unglück wenigstens im Äußern unterliegen zu
wollen und die Hoheit und Kälte in ihrem Wesen schien Empfindungen eher
abweisen als erwidern zu wollen In den wenigen Augenblicken aber wenn sie
sich zu vergessen und einem Eindruck rücksichtlos hingegeben schien dann
schwand Kälte Stolz Hoheit aus ihren Mienen wie ein Nebel vor dem heitern
Himmel hinweg und Liebe Güte und Milde sprachen aus den dunkeln Augen und
spielten als wehmütiges Lächeln um den schönen Mund In solchen Augenblicken
schien sie viel älter zu sein als in ihrem gewöhnlichen Zustande und doch auch
zugleich viel schöner Die Gräfin hatte während des Gesanges ihre junge Freundin
eben so aufmerksam als St Julien betrachtet und niemals war ihr die seltene
Schönheit und Anmut dieses lieblichen Wesens so aufgefallen als diesen Abend
Sie erschien ihr in ihrer frischen eben aufblühenden Jugend wie eine zarte
junge Rose die bewusstlos ihre Schönheit nach und nach dem Strahl der
Morgensonne entfaltet Auch St Julien war ein Gegenstand ihrer Beachtung
gewesen und sie musste sich gestehen dass obgleich seine Gegenwart schmerzliche
Erinnerungen in ihrem Herzen erregte sie doch auch zugleich wohltätig wirkte
Sie betrachtete mit Rührung die geliebten Züge die in ihr das Bild eines andern
Wesens hervorriefen und sah mit Wohlgefallen die Glut der Empfindung in den
großen braunen Augen deren Feuer doch durch die Krankheit gemildert ward und
er erschien ihr ihrer frischen jungen Rose gegenüber wie eine Blüte unter
einem heisserem Himmel entsprossen noch ungewohnt der rauheren Luft die deshalb
krank und welk noch schmachtete und nicht die Pracht der Farben zu entfalten
vermochte
Diese Träume wurden unterbrochen durch den von Heimburg zurückkommenden
Grafen er vermehrte die Gesellschaft aber ohne die Unterhaltung durch seine
Gegenwart zu beleben ein seltener Ernst ruhte auf seiner Stirn und die Worte
mit denen er St Julien seine Freude darüber bezeichnete ihn so weit
hergestellt zu finden dass er sein Zimmer verlassen könne erschienen diesem
kurz und kalt Die Gräfin tat einige Fragen an den Grafen die ausweichend
beantwortet wurden St Julien glaubte dass seine Gegenwart eine freie
Mitteilung hindere und stand deshalb auf um sich nach seinem Zimmer zurück zu
ziehen Des Grafen Teilnahme kehrte wieder als er die Ermattung des jungen
Mannes und seinen noch hülflosen Zustand bemerkte Er bot ihm die Hand um ihm
aufstehen zu helfen und sagte mit etwas gezwungenem Lächeln Da Ihre Kräfte
zunehmen und Sie sich bald wieder frei werden bewegen können so werde ich
Ihnen Ihr Ehrenwort abnehmen müssen das Schloss nicht ohne meine Einwilligung zu
verlassen um nicht mit Ihren Landsleuten sich gegen uns zu vereinigen
Welch ein ohnmächtiger Feind ich sein würde sagte St Julien scherzend
bemerken Sie wohl selbst da ich mich ohne fremden Beistand noch nicht einmal
aufzurichten vermag In vollem Ernst sagte der Graf zwar höflich aber sehr
bestimmt ich muss Sie bitten mir Ihr Ehrenwort zu verpfänden dass Sie sich hier
bei mir völlig wie ein Kriegsgefangener betrachten folglich ohne meine
bestimmte Einwilligung das Schloss nicht verlassen wollen auch auf den Fall
nicht setzte er finster hinzu dass Ihre Landsleute uns hier besuchen und Ihnen
das Anerbieten machen sollten sie zu begleiten
St Julien sah den Grafen mit Verwunderung an bemühte sich dann kalt und
ernst die Hand des verwundeten rechten Armes zu erheben um sie dem Grafen zu
reichen und verpfändete förmlich und feierlich seine Ehre dafür dass er sich
als Gefangener betrachten und das Schloss nicht ohne Erlaubnis des Grafen
verlassen wolle Beide verbeugten sich gegeneinander und St Julien noch
besonders gegen die Frauen er versuchte es dann sich nach der Tür zu bewegen
Emilie zog rasch und ängstlich die Klingel Dübois der im Vorzimmer gewartet
hatte trat ein und führte seinen Pflegebefohlenen nach dem einsamen
Krankenzimmer zurück
Was ist vorgefallen fragte die Gräfin mit Besorgnis sobald der junge Mann
das Zimmer verlassen hatte was kann Sie in dem Grade verstimmt haben
Ganz Schlesien ist in den Händen der Feinde sagte der Graf finster alle
Festungen ergeben sich das ganze Land ist nun eine Beute der Franzosen Sie
müssen landeseingeborne Führer haben kein Tal keine Schlucht bleibt
verschont und ungeheure Erpressungen drücken das ganze Land
Haben Sie diese übelen Nachrichten durch den Baron Löbau erfahren fragte die
Gräfin
Ihre Wahrheit ist leider nicht zu bezweifeln sagte der Graf obgleich ich
sie von ihm habe Ich fand in Heimburg mehrere Herren vom benachbarten Adel
versammelt man wollte sich beraten aber man sah bald ein dass man gezwungen
sein würde den Umständen gemäß zu handeln folglich keine Beschlüsse im Voraus
fassen könne und die Gesellschaft die sich versammelt hatte um zu
beratschlagen vereinigte sich da sie nichts Besseres tun konnte zu einem so
kleinmütigen gemeinschaftlichen Jammern und Klagen dass ich dadurch um alle
Geduld gebracht wurde Endlich bemerkte mir ein Herr aus der Gesellschaft dass
wenn die Franzosen auch mir einen Besuch machen sollten sie dann wohl ihren
Kameraden mit sich nehmen würden den ich ihnen so menschenfreundlich erhalten
habe Die Physiognomie des Menschen der diese Bemerkung machte war so
einfältig dass ich kaum glaube er hat etwas Boshaftes gemeint aber ich wurde
durch sein Geschwätz daran erinnert dass ich um hier St Julien besser zu
verpflegen als es im Hospital geschehen sein würde und um ihn nicht der Gefahr
auszusetzen auf dem Wege dahin umzukommen mich selbst verpflichtet habe
sobald es von der Regierung gefordert würde ihn als Kriegsgefangenen zu
stellen und nahm ihm deshalb das Ehrenwort ab uns nicht zu verlassen da er es
gewiss bald erfährt dass seine Freunde in der Nähe sind
Die Nachrichten die der Graf den Frauen mitteilte waren wohl geeignet
Unruhe zu erregen und nachdem nun Mehreres darüber hin und her gesprochen war
wurde man darüber einig dass es allerdings möglich sei auch hier von den
Feinden beunruhigt zu werden ob man gleich früher das Gegenteil gehofft hatte
Der Graf schlug den Frauen vor sich wo möglich zu entfernen und sich nach Prag
zu begeben wenn noch Wege dahin offen sein sollten Die Gräfin aber weigerte
sich bestimmt ihn zu verlassen und versicherte dass sie das Drückendste mit ihm
weit leichter als die Ungewissheit in der Ferne ertragen würde
Der Graf hatte es der Gräfin ungern vorgeschlagen ihn zu verlassen es war
ihm ein Bedürfnis in ihrer Gesellschaft zu leben Er hielt es aber für seine
Pflicht ihr die Wahl zu überlassen ob sie an einem entfernten Orte ohne ihn
der Unruhe und möglichen Gefahr ausweichen oder Beides mit ihm teilen wollte
Dankbar nahm er es daher an als sie seinen Wünschen gemäß entschied Dass Emilie
blieb war die natürliche Folge vom Entschlusse der Gräfin denn diese war ihre
einzige Stütze in der freundlosen Welt und nicht allein Dankbarkeit sondern
auch innige Neigung fesselte sie an die Frau die ihr seit Kurzem um so viel
teurer geworden war und die sie von Vielen verkannt glaubte
Nach und nach war man wie es immer geschieht ruhiger geworden nachdem man
die Gefahr von allen Seiten betrachtet hatte man sprach über mancherlei
Vorsichtsmassregeln die anzuwenden wären man entschloss sich den größten Teil
des Silbergeschirres und alle Sachen von bedeutendem Werte zu verbergen um den
bevorstehenden Verlust so gering als möglich zu machen denn man erwartete
nichts Anderes als Raub und Plünderung von den feindlichen Truppen
Emilie zitterte innerlich vor der Gefahr doch ließ sie nur wenig von der
heftigen Furcht merken von der sie befallen war teils weil sie nicht für
kindisch gehalten werden wollte teils weil sie besorgte die Gräfin möchte
sie von sich entfernen und irgend wohin in Sicherheit bringen wollen wenn sie
ihre Unruhe bemerkte Während solcher trüben Gedanken und Gespräche war es spät
geworden als der Arzt mit seinen gewöhnlichen starken und raschen Schritten
sich dem Zimmer näherte und ganz erhitzt eintrat
Nach den ersten flüchtigen Begrüßungen rief er dem Grafen zu Haben Sie das
Unglück schon erfahren Die Franzosen stehen vor Breslau das ganze Land ist in
ihren Händen
Woher haben Sie die Nachricht fragte der Graf und Emilie heftete ihre
Augen ängstlich auf den Arzt
Ich war beim Herrn Pfarrer erwiderte der Doktor Lindbrecht da kam ein
Verwalter aus der Nähe ich weiß nicht wie das Gut heißt ich habe mich auch
nicht darum bekümmert wie der schlechte Mensch heißt kurz der kam von einer
Reise aus der Gegend zurück und brachte die Nachricht Er war selbst mit Mühe
der Gefahr entgangen seine Pferde zu verlieren wie er sagte Ich wollte er
hätte sie verloren der Schurke und die Ohren dazu Aber er wird sobald nicht
wieder den Herren Pfarrer besuchen hoffe ich Wir haben ihm beide unverholen
unsere Meinung gesagt der Herr Pfarrer sowohl als ich er eilte auch zum Hause
hinaus als wenn ihn der böse Feind vertriebe
Wie sagte der Graf verwundert weil er die Nachricht brachte dass die
Feinde vor Breslau stehen Was konnte Sie oder den Herren Pfarrer darin
beleidigen
Nicht deswegen rief der Arzt mit Heftigkeit was gehen mich die Feinde
weiter an nicht der Franzosen wegen die vor Breslau stehen sondern um des
armen Menschen Willen den ich hier im Hause wieder herzustellen suche
Was sagte er denn von dem fragte der Graf mit einiger Spannung kannte er
ihn wusste er etwas von seinen Verhältnissen
Nichts wusste der elende Mensch rief der Arzt mit Erbitterung Lügen
Verläumdungen verbreitete er von dem Kranken von mir von Ihnen
Was konnte er sagen fragte der Graf mit erhöhter Verwunderung Denken Sie
rief der Arzt mit funkelnden Augen und vor Zorn glühenden Wangen er kannte mich
nicht er wusste nicht wer ich bin und hatte deshalb die Frechheit in meiner
Gegenwart zu erzählen bei Ihnen hier auf dem Schloss würde ein französischer
Spion unterhalten der alle Wege auskundschaftete der von hier aus den Feinden
alle Nachricht zukommen ließe um so durch Ihren Beistand das Land ins Verderben
zu bringen
Die Behauptung ist lächerlich sagte der Graf mit Verachtung Schändlich ist
sie rief der Arzt Ein Mensch der in einem so elenden Zustande war dass er
Wochenlang nicht sprechen ja beinah kein Glied rühren konnte der soll ein
Spion sein Sie der Sie aus Menschenliebe sich dieses Unglücklichen annahmen
sollen ihn bei sich haben um durch ihn mit den Feinden zu unterhandeln und
ich der ich meine Wissenschaft meine besten Kräfte anwende um einen Menschen
dem Rachen des Todes zu entreißen werde dafür als ein Landesverräter
betrachtet
Geben Sie sich zufrieden über das unsinnige Geschwätz des Pöbels
vernünftige Menschen werden uns Allen mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen
sagte der Graf mit scheinbarer Ruhe Es wäre aber gut fügte er hinzu wenn Sie
Herren St Julien dergleichen verschwiegen es könnte ihn aufreizen kränken
Was denken Sie von mir fragte der Arzt beleidigt halten Sie mich für so
roh and unwissend Jede Kränkung muss ihm schaden und bei seiner Jugend muss man
sich doppelt hüten Ein solcher Feuergeist könnte darauf kommen uns keinen
Schaden zufügen und das Schloss verlassen zu wollen ehe er hergestellt ist
Sorgfältig muss ihm darum Alles verborgen werden was ihn auf solche Gedanken
bringen könnte Ich will darum meinen Zorn verrauchen lassen und dann auch
gleich sehen wie er sich befindet
Die Frauen erzählten nun dem Arzte dass der junge Mann einige Stunden in
ihrer Gesellschaft zugebracht habe und Emilie bemerkte mit Teilnahme dass er
noch sehr schwach sei und noch ein sehr krankes Ansehen habe
Wenn er sich nur nicht durch zu langes Aufsitzen geschadet hat rief der
Arzt die Jugend kennt kein Maß und wenn nur die Stunden angenehm hingebracht
werden so kümmert sich so ein Kranker wenig darum wie viele Sorgen er seinem
Arzte verursacht Nun ich werde gleich sehen welche Folgen sein Besuch gehabt
hat Er wollte sich nach dieser Erklärung entfernen kehrte aber schnell in der
Türe wieder um und wendete sich hastig an den Grafen der indessen nachdenkend
auf und ab gegangen war Beinah rief er hätte ich einen Auftrag vergessen der
Herr Pfarrer hat mir dies Briefchen für Sie gegeben und ich Dummkopf hätte es
beinah aus Zerstreuung bei mir behalten statt es Ihnen einzuhändigen Er
reichte mit diesen Worten dem Grafen ein kleines Billet auf ziemlich grobem
Papier nach des Pfarrers gewöhnlicher Weise in höchster Kürze ohne alle
Zierlichkeit abgefasst ja selbst ohne Beachtung der Formen die Höflichkeit und
Sitte sonst gewöhnlich dem Menschen vorschreiben Der wörtliche Inhalt desselben
war dieser Statt des Titels
P P
Morgen um halb neun Uhr werde ich mit dem alten Lorenz bei Ihnen sein Er wird
die Urkunde wiederschaffen Ich bitte also den Schlüssel zum Archive und die
versprochenen hundert Dukaten bereit zu halten
Seefeld
Prediger zu
Der Graf war freudig überrascht durch den glücklichen und schnellen Ausgang
einer Sache die ihm so viele Sorgen verursacht hatte zugleich aber ein wenig
beleidigt durch die unhöfliche Form in welcher ihm dieser glückliche Ausgang
gemeldet wurde und indem er anerkannte welchen wichtigen Dienst ihm der
Pfarrer geleistet habe beschloss er doch zugleich die nächste Gelegenheit
wahrzunehmen wenn er etwas Bedeutendes für den Geistlichen tun könne um sich
von der Last der Dankbarkeit zu befreien die ihm nach des Pfarrers Gemütsart
drückend zu werden drohte
Der Arzt verfügte sich nun zu seinem Kranken er fand dessen Puls
fieberhaft seine Wunden gereizt kurz seinen Zustand auf alle Weise
verschlimmert und schrieb dies Unglück dem zu langen Aufsitzen und einer zu
lebhaften Unterhaltung zu Es ist ganz so wie ich es mir gedacht habe rief er
mehrere Male hintereinander und befahl dem alten Haushofmeister künftig darüber
zu wachen dass Herr St Julien nicht lange in Gesellschaft bleibe und in den
nächsten zwei drei Tagen das Zimmer gar nicht verliesse St Julien schwieg Er
ließ sich mit dem Arzte in keinen Streit über die Ursache seines verschlimmerten
Zustandes ein er ließ sich alle seine Verordnungen gefallen und gab sehr gern
das Versprechen sein Zimmer in den nächsten Tagen nicht zu verlassen Wenn Sie
wollen sagte er mit einiger Bitterkeit so will Ihnen versprechen Monate lang
mich hier einzuschliessen bis zum Frieden wenn Sie es verlangen Gott behüte
sagte der Arzt nur so lange bis Ihr Puls wieder ruhig geht bis Sie ohne
Gefahr Sich dem Vergnügen der Gesellschaft überlassen können dann im
Gegenteil werde ich Ihnen Zerstreung sehr anempfehlen denn Sie werden
schwermütig und das darf nicht sein das hindert die Genesung
Da St Julien den Wunsch zu schlafen äußerte so zog sich der Arzt zurück
indem er bemerkte der Schlaf sei Balsam den die Natur in alle Wunden träufle
und der am Besten die gereizten Nerven beruhige Er ging aber St Julien war
weit davon entfernt die Wohltat des Schlafes zu genießen alle Bilder die der
heutige Tag ihm gezeigt hatte gingen noch einmal vor seiner Seele vorüber und
er wiederholte sich innerlich alle Worte die zu ihm waren gesprochen worden
Von Neuem setzte ihn der seltsame Empfang der Gräfin in Erstaunen und von Neuem
fühlte er sich von der edelen Gestalt angezogen und gerührt von der Güte die sie
ihm gezeigt hatte
Von Neuem entzückten ihn die süßen Töne die Emiliens Lippen entschwebten
und lebendig stand sie vor dem Auge seiner Seele er fühlte den Blick der blauen
Augen im Herzen er sah die schlanke Gestalt in allem Reiz der anmutigsten
Jugend aber er fühlte auch schmerzlich die Härte die Kälte mit welcher der
Graf ihn zum ersten Male verwundet hatte So bin ich denn hier nichts klagte er
innerlich als ein gefangener Feind der so lange mit Schonung behandelt wurde
als er ein Gegenstand des Mitleids war und der kaum dem Grabe entrissen
Misstrauen und Zweifel erregt so schnell ist die Teilnahme verschwunden dass
mich der Graf im ersten Augenblicke in dem er mich außerhalb des Bettes
erblickt mit Härte an meine Gefangenschaft erinnert Hätten sie mich an dem
unglücklichen Tage im Walde sterben lassen so wäre ich nun frei Er tadelte
sich selbst über diese Gedanken und beschuldigte sich der Undankbarkeit indem
er sich die Güte des Grafen vergegenwärtigte blieb ihm der Gedanke höchst
quälend dass er eigentlich nackt in dessen Hause aufgenommen worden war und er
Alles von den dringendsten Bedürfnissen des Lebens an bis zu den überflüssigen
Dingen die ein in Wohlhabenheit erzogener Mensch so schwer entbehrt der Güte
des Grafen verdankte und dass er diese Güte nicht mehr so unbefangen benutzen
könne seitdem er wie er glaubte so unfreundlich behandelt worden war Er
seufzte tief und diese Seufzer und die unruhige Bewegung belehrten den
Haushofmeister dass er nicht den ruhigen Schlaf gefunden hatte den der Arzt als
so heilsam pries
Der alte Dübois näherte sich behutsam dem Lager und indem er leise den
Vorhang des Bettes aufhob sah er zu seinem Schrecken das Gesicht des Kranken in
Tränen gebadet Um Gottes Willen rief er was ist Ihnen begegnet Was kann Sie
so erschüttern Bedenken Sie Ihren Zustand und schonen Sie Ihr Leben St Julien
schämte sich seiner Schwäche und sagte indem er die Tränen von den bleichen
Wangen trocknete Sie sehen lieber Dübois die lange entkräftende Krankheit
macht mich so schwach wie ein Kind Ich weine indem ich an meine Mutter denke
und mir ihren Jammer vorstelle da sie so lange nichts von mir erfahren hat und
nach der Art wie ich aus dem Regiment verschwunden bin wenn diese Nachrichten
zu ihr gekommen sind mich getötet glauben muss
Dübois hatte schon einige Male versucht das Gespräch darauf zu lenken wie
der junge Mann im Walde gefunden worden war und hatte von ihm zu erfahren
gewünscht Wer ihn nach diesem eisamen Platz verlockt habe und weshalb man ihn
habe ermorden wollen aber immer war St Julien diesem Gespräche ausgewichen
und der Haushofmeister war viel zu höflich als dass er ihm eine Antwort hätte
abdringen sollen Auch dies Mal bemühte er sich etwas Näheres über diesen
Gegenstand zu erfahren St Julien wich nicht wie gewöhnlich dem Gespräch aus
sondern sagte mit milder aber ernster Stimme Sie haben mir so viel Gutes
erwiesen dass ich Ihnen undankbar erscheinen muss wenn ich nicht offen mit Ihnen
spreche aber selbst auf diese Gefahr hin muss ich über eine Sache schweigen die
nicht mich allein angeht und ich bitte Sie mich so wenig als möglich an diesen
unglücklichen Tag zu erinnern
Diese wenigen Worte waren hinlänglich um die Lippen des gutmütigen
wohlerzogenen Haushofmeisters auf ewig über diesen Gegenstand zu schließen und
er wollte sich vom Lager des Kranken zurückziehen als dieser sich aufrichtete
und ihn mit bewegter Stimme bat einen Brief den er ihm diktiren wollte an
seine Mutter zu schreiben Ich kann nicht ruhig sein sagte der Kranke ehe sie
nicht Nachricht von mir hat und Sie wissen in welchem Zustande mein Arm noch
ist ich darf noch nicht daran denken selbst zu schreiben Dübois setzte seine
Brille auf holte ein Schreibzeug herbei legte Papier zurecht und St Julien
diktirte ihm einen Brief in dem sich die zärtlichste Liebe für seine Mutter
aussprach Er meldete ihr dass ein unglücklicher Zufall ihn betroffen habe
durch den er von der Armee getrennt sei er sprach von seiner Verwundung und in
so dankbaren Ausdrücken von der großen Hilfe die er im Hause des Grafen
gefunden dass Tränen den Blick des Haushofmeisters verdunkelten und er die
Brille abnehmen musste um sich die Augen zu trocknen Endlich nachdem sich
Dübois wieder erholt hatte und sein Amt als Schreiber von Neuem verwalten
konnte wurde dem Briefe noch die Bitte hinzugefügt dass die Mutter des jungen
Mannes Mittel finden möchte ihm eine bedeutende Summe zukommen zu lassen damit
er nicht länger gezwungen wäre von den Wohltaten Anderer zu leben wie
edelmütig sie ihm auch erwiesen würden Dübois sah den Kranken verwundert an
und legte die Feder einen Augenblick bei Seite da aber St Julien noch einmal
die letzten Worte wiederholte so schrieb der alte Mann sie gewissenhaft nieder
indem er kaum merklich mit dem Kopfe schüttelte Als der Brief vollendet war
ließ der Kranke sich die Feder reichen um mit höchster Anstrengung seinen Namen
zu unterschreiben und bat dann Dübois den Brief dem Grafen offen zu
überreichen mit der Bitte ihn an seine Mutter zu befördern denn gewiss sagte
er kann es einem so angesehenem Manne nicht schwer fallen ein Mittel zu
finden dies Schreiben auf irgend einem Wege nach Frankreich zu befördern
Dübois versprach seinen Wunsch zu erfüllen und es schien dass der Kranke nun
ruhigen Vorstellungen Raum gäbe denn sein bejahrter Freund bemerkte bald nach
diesem Gespräche dass er entschlummert war
IX
Der Graf hatte den Schlüssel des Archivs sowohl als eine Rolle mit hundert
Dukaten an Dübois abgegegeben um sie dem Pfarrer sogleich beim Eintritte in das
Schloss einzuhändigen und der Haushofmeister saß deswegen des andern Morgens am
Fenster und wartete auf die Ankunft des Geistlichen um seinen Auftrag
auszurichten Es war noch nich neun Uhr als die kleine leichte aber nichts
weniger als zierliche Equipage desselben in den Hof rollte und er selbst mit
der Pfeife im Munde abstieg und verdrießlich durch das offene Tor auf den Weg
hinausschaute Er hatte nicht lange wartend gestanden als dieselbe Equipage
worin Herr Lorenz den Pfarrer vor einiger Zeit besucht hatte durch dasselbe
lahme Pferd auf den Hof geschleppt wurde gegen welche der Wagen des Geistlichen
ein prächtiges Ansehen gewann als nun beide neben einander hielten
Indes Lorenz die Schnüre auflöste und so die Türe seines Wagens öffnete
hatte sich Dübois dem Pfarrer genäherte und ihm Geld und Schlüssel seinem
Auftrag gemäß eingehändigt dieser steckte beides ein und befahl dann mit
lauter Stimme seine Pferde abzuspannen und sie nach dem Stall zu führen
dagegen ermahnte Lorenz den Bauer der ihm zum Kutscher diente sich bereit zu
halten damit er nach wenigen Augenblicken wieder fahren könne Wir wollen eine
halbe Stunde von hier füttern setzte er mit leiser Stimme hinzu dort ist eine
gute Schenke wo wir uns auch selbst eine Güte antun können Der Bauer war es
gern zufrieden Des Pfarrers Pferde waren abgespannt und dieser rief nun dem
alten Lorenz zu er solle kommen und sein Versprechen erfüllen
Beide stiegen nun die große Treppe hinauf der Pfarrer mit einem Ausdruck
von Verachtung gegen Lorenz im Gesicht und dieser mit Seufzern die ihm die
Erinnerung erpresste wie er sonst dies Schloss beinah als sein Eigentum
betrachtet hatte die glänzenden Tage gingen schnell vor den Augen seines
Geistes vorüber wo sonst zuweilen der Pfarrer als sein Gast auf dieser Treppe
von ihm war bewillkommnet worden dem er nun so demütig und mit so bösem
Gewissen folgte Sie hatten das Archiv erreicht und der Geistliche war mit dem
ehemaligen Kastellan eingetreten nachdem er die Türe geöffnet hatte Lorenz
blickte ihn befremdet an und sagte »Ich hatte mir ausgemacht hier allein und
ungestört zu suchen« Der Pfarrer verschloss gleichgültig von innen die Tür
steckte den Schlüssel zu sich und sagte dann sehr gelassen meine Gegenwart wird
Sie nicht stören ich werde hier ruhig am Tische sitzen bleiben und das
versprochene Geld aufzählen damit Sie es gleich in Empfang nehmen können
sobald Sie mir die Urkunde einhändigen Er fing dies Geschäft auch sogleich an
und die hundert Dukaten waren aufgezählt ehe Lorenz noch wusste was er tun
sollte ob er auf die Entfernung des Geistlichen dringen oder in dessen
Gegenwart seine Schelmerei ausüben solle Der Glanz des Goldes der ihm in die
Augen leuchtete bestimmte ihn zu letzterem und er näherte sich entschlossenen
Schrittes den Schränken worin die Urkunden aufbewahrt wurden aber eine neue
Verlegenheit machte dass er gedankenvoll stehen blieb er sah die Schränke
aufgeräumt alle Schriften darin in der besten Ordnung er begriff nicht wie er
den Schein retten sollte und sah auch keine Möglichkeit sich zurückzuziehen
ohne vorher sein Versprechen erfüllt zu haben Ein Blick auf das funkelnde Gold
das eben recht in den Sonnenstrahlen glänzte die durch ein hohes Fenster grade
auf den Tisch fielen gab ihm neuen Mut und er näherte sich herzhafter einem
der Schränke Der Pfarrer bewachte mit den Augen alle seine Bewegungen Lorenz
blätterte ein wenig in den Papieren hob einige Pergamente auf und legte sie
wieder nieder trat dann ein wenig von dem Schranke zurück und sagte mit
gepresster Stimme Ei was liegt denn hier Er bückte sich tief auf den Boden
und der Pfarrer sah deutlich wie er ungeschickt mit zitternden Händen die
Urkunde aus dem Busen zog und dann tat als habe er sie zwischen dem Schranke
und der Wand hervorgezogen Was finde ich hier rief er mit erleichterter Brust
und reichte dem Pfarrer der zu ihm getreten war die Schrift hin
Der Geistliche nahm schweigend das Dokument um es schnell durchzusehen ob
es das Gesuchte und ob es auch vollständig sei Lorenz hatte sich nun völlig
gefasst und sagte in seinem gewöhnlichen heuchlerischen Tone Gott sei gedankt
der mich das Gesuchte hat finden lassen und nicht hat zugeben wollen dass der
Name eines alten redlichen Dieners der Verleumdung Preis gegeben würde Er
vergebe denen die leichtsinnig ihre Augen nicht gehörig brauchen und wenn sie
dann nicht finden was sie suchen redliche Greise verlästern
Der Pfarrer hatte sich während dieser Rede vollkommen überzeugt dass er die
Schrift in seinen Händen hielt an deren Besitz dem Grafen so viel liegen musste
er faltete sie zusammen steckte sie in den Busen und nachdem er den Rock
sorgfältig zugeknöpft hatte sah er dem alten Sünder mit Zorn und Verachtung in
die Augen der diesen Blick nicht ertragen konnte sondern schüchtern vor sich
nieder blickte Glauben Sie hub der Geistliche nach einem augenblicklichen
Stillschweigen an dass ich so blödsinnig bin mich von Ihnen täuschen zu lassen
Glauben Sie dass ich nicht gesehen habe wie Sie die Urkunde aus dem Busen
zogen die sie mich nun bereden wollen hier gefunden zu haben Hätten sie nicht
verdient dass der Graf Sie für Ihren schändlichen Diebstahl den Gerichten
überlieferte und Sie der öffentlichen Schande Preis gäbe Können Sie es vor Gott
verantworten dass Sie einen Herren zu Grunde richten wollten dessen Brod sie
funfzig Jahre gegessen haben auf dessen Kosten Sie sich verheiratet und Ihre
Kinder erzogen haben und der trotz Ihrer Schlechtigkeit Erbarmen mit Ihrem
Alter hat und Sie weder der Schande noch dem Mangel Preis geben will Denken
Sie nicht daran alter Sünder dass Ihr grauer Scheitel bald von der Erde bedeckt
im Grabe ruhen wird dass Sie dann vor Gott stehen und Rechenschaft von Ihrem
Sünderleben geben müssen
Herr Pfarrer stammelte der ehemalige Kastellan wollen Sie mir Ihr Wort
brechen wollen Sie mich zu Grunde richten
Nein elender Mensch rief der Pfarrer mit großer Verachtung nehmen Sie Ihr
durch Diebstahl und Betrug gewonnenes Gold und eilen Sie Sich aus dem Hause zu
entfernen dessen Bewohnern Sie so vielen Dank schuldig sind und so schändlichen
Undank gezeigt haben Der Geistliche öffnete die Türe indem er diese Worte
sagte Lorenz raffte mit gierigen und doch vor Furcht zitternden Händen das Gold
zusammen und war so eilig sich zu entfernen dass er Hut und Stock vergaß und
der Pfarrer ihm beides durch einen Bedienten nachschicken musste
Fahre nur so schnell Du kannst flüsterte Lorenz dem Bauern zu indem er die
Türe seines Wagens zuband nach der Schenke nach Krumbach ich bin ganz
schwach geworden und brauche eine Stärkung Der Bauer war gern dazu bereit und
so schnell das lahme Pferd es vermochte verließ der ehemalige Kastellan das
Schloss mit dem Vorsatze es nie wieder zu betreten
Der Arzt hatte den Morgen seinen Kranken besucht und ihn zwar ohne Fieber
aber äußerst missmütig und niedergeschlagen gefunden er gab sich Mühe ihn zu
zerstreuen und sing an ihm Mancherlei aus seinem Leben von seinen wunderbaren
Schicksalen zu erzählen St Julien achtete aber nicht darauf er erbot sich
dem verwundeten Offizier die merkwürdige Krankengeschichte eines Schneiders
vorzulesen die in der neuesten medicinischen Zeitschrift enthalten sei und war
erstaunt als sich St Julien diese Unterhaltung ziemlich trocken verbat Er
griff zu seinem letzten Hilfsmittel und bot ihm an eine Partie Schach mit ihm zu
spielen aber auch dieser Versuch missglückte denn der junge Mann versicherte
er habe nicht die mindeste Lust zum Spielen Was soll ich denn aber dann mit
Ihnen anfangen sagte der Arzt Sie werden mir meine ganze Kur verderben mit
Ihrer Schwermut Überlassen Sie mich meinem Schicksal sagte der Kranke
verdrießlich Das geht nicht rief der Arzt das wäre gegen meine Pflicht ich
muss Alles tun um Sie wieder herzustellen und Sie hindern durch Ihre
Traurigkeit die Genesung Ich bin nicht traurig versicherte St Julien mit
einem tiefen Seufzer ich fühle mich nur schwach und wünsche Ruhe und
Einsamkeit
Nachdem der Arzt noch einige Versuche gemacht hatte den Kranken auf seine
Weise zu erheitern die sämtlich missglückt waren musste er ihn endlich wie er
sagte seinem Eigensinne überlassen weil er noch andere Kranke zu besuchen
habe denen er seinen Beistand auch nicht entziehen dürfe Kaum hatte er das
Zimmer verlassen so fragte St Julien den Haushofmeister mit einiger
Heftigkeit ob er dem Grafen schon den Brief an seine Mutter eingehändigt und
ob dieser ihn zu besorgen versprochen habe
Ich habe den Grafen seit gestern Abend noch nicht wiedergesehen antwortete
Dübois und kann ihn auch jetzt nicht sprechen da er sich mit dem Herrn Pfarrer
in sein Kabinet verschlossen hat aber verlassen Sie sich darauf ich werde ihm
noch vor Tische Ihr Schreiben übergeben St Julien musste mit dieser Antwort
zufrieden sein und Dübois sah es mit Betrübnis dass er sich in düstere
Träumereien versenkte Er versuchte es einige Male eine Unterhaltung mit dem
Kranken anzuknüpfen da dieser aber jedesmal kurz und einsylbig antwortete so
überließ er ihn endlich seiner düstern Laune und ging um im Vorzimmer des
Grafen zu warten damit er diesem sobald seine Geschäfte mit dem Geistlichen
beendigt wären den Brief überreichen könne an dessen Absendung dem jungen
Manne so viel zu liegen schien
Der Graf hatte die Urkunde aus den Händen des Pfarrers erhalten und da
dieser selbst so viel Freude darüber zeigte das Geschäft glücklich beendigt zu
sehen und den Grafen von dieser Sorge befreit zu haben so gewann er in den
Augen desselben durch eine so freundschaftliche Gesinnung mehr als er durch
seine kurze und unhöfliche Art zu schreiben verloren hatte und der Graf
beschloss von Neuem die guten Eigenschaften des Pfarrers gehörig zu würdigen
ohne sich durch die unangenehme Art wie sie sich zu erkennen gaben stören zu
lassen Er entschloss sich also ihm zu vertrauen und seinen Beistand in dieser
Sache ferner zu erbitten Er teilte ihm den Wunsch mit die
FamilienVerhältnisse des Verwandten der sich zu so unwürdigen Schritten hatte
verleiten lassen genauer zu kennen um beurteilen zu können ob eigene
Bedrängnis ihn verleitet habe oder ob er bloß durch Habsucht bestimmt worden
sei Im letzteren Falle schloss der Graf habe ich den Vorsatz jedes Verhältnis
mit ihm zu vermeiden im ersteren aber erlaubt mir meine eigene Lage da ich
keine Kinder habe Manches zu tun was uns näher bringen und vielleicht uns
beide beruhigen würde
Es war dem Pfarrer nicht entgangen dass der Graf seufzend die Bemerkung
gemacht hatte dass er keine Kinder habe und er glaubte seine Vermutung
bestätigt zu finden dass er mit seiner Gemahlin nicht vollkommen glücklich
lebte Er versprach aber seinen Beistand von ganzem Herzen und verpflichtete
sich ihm in Kurzem genaue Nachrichten über die Lage seines Verwandten zu
verschaffen Es konnte dieser Auftrag dem Pfarrer nicht anders als höchst
willkommen sein denn bei seiner Neigung aller Menschen Angelegenheiten zu
erforschen störte ihn oft der Vorwurf seines eigenen Gewissens und er konnte
sich nicht abläugnen dass eine solche Neugierde eines Geistlichen völlig
unwürdig sei also war es ihm alle Mal eine große Beruhigung wenn er seiner
Neigung folgend sich zugleich sagen durfte dass er aus Menschenliebe handle
dass er durch seine Nachforschungen Frieden stiften kurz etwas Löbliches
erreichen wolle Beide verließen also sehr mit einander zufrieden das Kabinet
des Grafen und fanden als sie sich nach dem Gesellschaftszimmer begeben
wollten im Vorgemache Dübois wartend der mit seiner gewöhnlichen Ehrerbietung
dem Grafen St Juliens Brief reichte und ihn mit dem dringenden Wunsche des
jungen Mannes bekannt machte Der Graf faltete ein wenig verdrießlich die Stirn
und sagte Ich werde den Brief nachher lesen weil es Herr St Julien wünscht
und dann ihn selbst darüber sprechen
Der Pfarrer äußerte den Wunsch den Kranken zu besuchen Dübois machte ihn
aber mit dessen trauriger Stimmung bekannt die ihn den Wunsch hatte äußern
lassen allein und ungestört zu bleiben Der Geistliche gab also für diesmal
seinen Vorsatz auf und verfügte sich zum Arzt um zu erfahren ob dieser nichts
von dem Kranken erforscht habe das Licht geben könne über seine schreckliche
Misshandlung an der einsamen Stelle im Walde wo man ihn gefunden hatte Er
verlor aber seine Zeit mit dem Arzte denn dieser wusste ihm nichts mitzuteilen
als Krankengeschichten die wenig Reiz für den Pfarrer hatten und Klagen über
St Juliens eigensinnige Schwermut die dem Arzte tausend Besorgnisse erregte
Unter solchen unerfreulichen Gesprächen waren die Stunden verflossen und
die Gesellschaft versammelte sich im Speisesaale zur Mittagstafel Wie es
natürlich war in einer so verhängnisvollen Zeit wendete sich das Gespräch bald
auf die Begebenheiten des Tages Verschiedene Meinungen wurden aufgestellt
manche Befürchtniss und manche Hoffnung ausgesprochen Alle aber mussten sich
darin vereinigen dass die einzige Hoffnung die man sich vernünftiger Weise
erlauben dürfte auf den Beistand der Russen gegründet sei Was wird nun der
alte Obrist Talheim sagen rief der Pfarrer wenn er sieht wie alle seine
Behauptungen zu Schanden werden Wie viel tausendmal hat er versichert dass die
französische Macht an der Preussischen scheitern werde dass der Geist des großen
Friedrichs noch in der Armee herrsche und sie unüberwindlich mache Zwar er wird
sich jetzt wohl wenig um die Festungen kümmern die den Franzosen übergeben
werden da ihm übermorgen selbst Alles abgenommen wird was er etwa noch
besitzt
Talheim fragte der Graf nachdenkend der Name ist mir so bekannt und ich
kann mich doch nicht gleich erinnern auf welche Weise
Er selbst erwiderte der Pfarrer hat es früher oft erzählt dass er ein
Freund Ihres Herren Vaters gewesen sei Ich erinnere mich rief der Graf bei
dem Regiment das in meiner Jugend in dieser Gegend in Garnison stand diente
ein Major Talheim der oft und lange ein Gast meines Vaters war und beide
lebten auf einem sehr vertraulichen Fuße mit einander sollte es derselbe sein
Gewiss antwortete der Pfarrer er hat es nachher bis zum Obristen gebracht und
dann seinen Abschied genommen
Und ist er in so bedrängten Umständen fragte die Gräfin
Er ist ganz zu Grunde gerichtet erwiderte der Pfarrer er soll ehedem ein
artiges Vermögen gehabt haben auch hatte er da er sehr lange gedient hat eine
Pension aber erstens hat er sich sehr spät man kann sagen im hohen Alter
verheiratet natürlich hat ihn die Frau nicht aus Liebe gewählt er dagegen
soll sie ganz töricht geliebt haben also hat er Alles getan was sie wollte
das hat ihm viel gekostet dann bestand sein Vermögen in baarem Gelde das hat
er bei verschiedenen Handlungshäusern die nach einander fielen verloren
endlich wurde er Wittwer und besaß beinah nichts als eine unmündige Tochter
nun kam er auf den traurigen Gedanken ein kleines Gut eigentlich einen
Meierhof zu pachten und verstand nichts von der Wirtschaft doch ging es so
lange als er zuzusetzen hatte nun ist er den Pachtzins schuldig geblieben und
das Gut ist ihm abgenommen und wenn er übermorgen nicht bezahlt so wird ihm
das Wenige was er an Mobilien besitzt verkauft Der Verwalter war gestern bei
mir der entweder das Geld empfangen oder ihm Alles was er hat abnehmen soll
Mein Gott das ist eine entsetzliche Lage sagte die Gräfin indem sie den
Grafen ansah
Hat denn Niemand Mitleid mit dem alten unglücklichen Manne sagte Emilie
indem sie die Augen bittend zum Grafen aufhob
Ich glaube schwerlich dass sich Jemand seiner annehmen wird bemerkte der
Pfarrer vorschiessen kann ihm Niemand denn bei den jetzigen traurigen Zeiten
wird ihm die Pension nicht ausgezahlt die er früher hatte wovon soll er also
wieder bezahlen da er sonst gar nichts hat
Desto schrecklicher muss ja aber der Mangel sein mit dem er kämpft
erwiderte die Gräfin
Gewiss antwortete der Pfarrer aber gewisser Massen hat er es sich auch
selbst zugezogen dass sich Niemand um ihn kümmert denn je ärmer er wurde je
stolzer wurde er auch je mehr er verlor je mehr zog er sich von den Menschen
zurück und wies jeden Rat ab wurde durch jede freundschaftliche Bemerkung
beleidigt Wer soll ihm also nun helfen da er Niemandem vertraut hat
Es ist wunderbar sagte der Graf nachdenkend dass nichts in der Welt so
selten angetroffen wird als Vertrauen wahres uneingeschränktes Vertrauen
selbst unter den edelsten Menschen und am Seltensten fügte er nach einer
kleinen Pause hinzu das Vertrauen das dem Freunde die Zerrüttung unseres
Vermögens zeigen möchte Jeder Mensch schämt sich der Armut und verbirgt kein
Gebrechen so ängstlich und sorgfältig als dies so lange es irgend in seinen
Kräften steht
Die Wangen der Gräfin hatten sich auffallend gerötet als der Graf über
Mangel an Vertrauen selbst zwischen edelen Menschen klagte und diese Röte war
dem beobachtenden Geistlichen nicht entgangen Sie richtete einen
durchdringenden Blick auf den Grafen der aber von diesem nicht bemerkt wurde
und sie wurde wieder ruhig da es sich deutlich erkennen ließ dass der Graf
diese Bemerkung ohne Nebenabsicht gemacht hatte und es sich besonders aus dem
Schluße seiner Rede ergab dass ihn bloß die Lage des Obristen Talheim in
diesem Augenblicke beschäftigte
Ich glaube sagte sie endlich dass sich nichts so leicht erklären lässt als
das Gefühl der Scheu womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt
Ja wohl rief der Pfarrer mit seiner gewöhnlichen vorschnellen Art es ist
eine erbärmliche Eitelkeit für reich angesehen sein zu wollen Ich glaube
nicht dass dies der Grund ist erwiderte die Gräfin sondern vielmehr die
Einbildung derer an die man sich wenden könnte denn natürlich kann sich der
Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden und die werden alle Mal ihren
glücklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit ihres Fleißes oder ihrer
Ordnung betrachten und werden immer annehmen dass ihrem leidenden Bruder eine
dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen
Das ist aber auch gewöhnlich der Fall fiel der Geistliche ein
Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung sagte die Gräfin lächelnd
Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natürlich dass sich jeder Wohlhabende für
klüger hält als der Notleidende ist folglich mit der Hilfe die er ihm
leistet zugleich eine gewisse Vormundschaft übernimmt und von dem der seine
Hilfe empfängt fordert er solle mit seinen Augen sehen aus seinem Herzen
fühlen und nach seiner Leitung handeln Sagen Sie selbst kann es für einen
Menschen etwas Schmerzlicheres geben als wenn er die Hilfe seiner Freunde so
teuer erkaufen muss dass er gezwungen ist seine Einsicht seinen Willen seine
Gefühle seine Selbstständigkeit aufzugeben und können Sie sich wundern dass
Jeder diesen traurigen Zustand so lange als möglich vermeidet Könnten wie uns
entschließen mit den Augen unserer notleidenden Freunde zu sehen uns in ihre
Lage zu versetzen und unsere Hilfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu
gewähren so dass wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen hülfen
die sie hindern sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen statt dass wir ihnen
jetzt höchstens unter der Bedingung Beistand leisten dass wir sie in die unsrige
hinüber zwingen dann glaube ich würde weder Vertrauen noch Dankbarkeit in
der Welt so selten angetroffen werden
Der Geistliche verstand die Gräfin nicht recht und machte nun bei sich aus
dass sie eine Neigung zur Schwärmerei habe Dies Wort war ihm ein Trost denn
Alles was seiner Denkungsweise fremd war was er nicht verstand oder was ihm
zuwider war bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art
von Selenkrankheit Er endigte also das Gespräch von Wohltätigkeit indem er
sich an den Grafen wendete und sagte es fällt mir eben ein da wir heute über
Ihre Verwandten sprechen Ihr Vetter der junge Graf Hohental stand hier in
der Nähe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges der ritt täglich zum
alten Obristen und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken
die böse Welt sagte aber fügte er lächelnd hinzu dass der junge Nittmeister
mehr um des schönen Fräuleins als um des alten Obristen Willen so oft den Weg
machte Ich glaube der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters fragte
der Graf
Ich weiß es nicht sagte der Pfarrer lachend aber dass Sie es nicht wissen
sezt mich in Verwunderung
Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren erwiderte der Graf wenig mit meiner
Familie in Verbindung gewesen und natürlich können in einem solchen Zeitraume
manche Mitglieder geboren sein von denen ich nichts erfahren habe
Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet dass seine Pferde
angespannt seien so wie er befohlen habe er verließ also das Schloss nachdem
er dem Grafen noch einmal versprochen hatte ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten
über seine Verwandten zu verschaffen die ihm wichtig scheinen könnten Der Graf
las nun noch einmal St Juliens Brief und verfügte sich dann zu ihm um wie er
versprochen hatte selbst mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen
Er fand den jungen Mann noch in der schwermütigen Stimmung die sich seiner
seit dem Augenblick bemeistert hatte als ihm der Graf erklärt hatte er müsse
sich als Gefangener betrachten er hatte beschlossen dies im strengsten Sinne
zu tun und sein Zimmer so wenig als möglich zu verlassen und bekämpfte mit
Schmerz die Sehnsucht die sich ihm im Herzen regte die Gräfin und Emilie
wieder zu sehen In seiner trüben Laune bemühte er sich Alles feindlich
auszulegen und so glaubte er der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und
habe ihn deshalb in ihrer Gegenwart mit solcher Kälte behandelt In dieser
trübseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden die der
Graf an ihn richtete so kurz und trocken als es nur immer die Höflichkeit
erlaubte der Graf aber ließ sich dadurch nicht abschrecken sondern sagte im
väterlich milden Ton indem er seine Hand fasste und sie wohlwollend drückte Sie
sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bösen Laune ich habe sie verlezt
indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte ohne die Schonung zu haben Ihnen
zu erklären wodurch ich gezwungen bin zu fordern dass Sie das Schloss nicht ohne
meine Einwilligung verlassen wollen
So trübe St Julien auch gewesen war so fest er sich eingebildet hatte er
sei vom Grafen gekränkt beleidigt erniedrigt worden so schmolzen doch alle
diese Empfindungen in wenigen Augenblicken hinweg und der väterlich milde Ton
der Stimme des Grafen rührte sein Herz die Güte womit dieser sich selbst
Unrecht gab beschämte den jungen Mann und er errötete über seine eigene
Undankbarkeit Ich hätte Sie daran erinnern sollen fuhr der Graf fort dass in
diesen traurigen Zeiten des Krieges man oft selbst Schwierigkeiten findet
einander kleine Dienste zu leisten ich hätte Sie nach den erlassenen
Verordnungen eigentlich als Kriegsgefangenen nach einer Stadt senden müssen in
der sich eine bedeutende Besatzung befindet Ihr Zustand erlaubte keine Reise
und ich erhielt die Erlaubnis für Ihre Genesung zu sorgen nur dadurch dass ich
mich verflichtete Sie so bald es gefordert würde und Ihre Kräfte es erlauben
vor die Behörde zu stellen die ein Recht haben würde es zu verlangen Seitdem
hat sich die Lage der Dinge geändert damit hätte ich Sie bekannt machen müssen
das Land ist in den Händen der Franzosen ich muss erwarten dass ich eben so
wenig von ihrem Besuch verschont bleiben werde als Andere und es ist
natürlich dass Ihre Freunde und Kameraden Sie auffordern werden ihren Fahnen zu
folgen ich habe keine Macht es zu hindern wenn Ihre Ehre Sie hier nicht
fesselt und könnte also in dem Fall wenn Sie mit den Franzosen zögen mein
Wort nicht lösen Wie nachteilig dies in der Folge für mich sein würde werden
Sie einsehen wenn ich Ihnen sage dass schon jetzt unsinnige Gespräche
entstehen als ob ich mit den Feinden des Landes in Verbindung stände und dass
Sie als der Unterhändler bezeichnet werden Meine Ehre fordert also dass Sie
mich für jetzt nicht verlassen und darum verzeihen Sie mir dass ich Ihnen in dem
Augenblicke so unfreundlich diese Verbindlichkeit auflegte wo ich mich selbst
durch manche trübe Nachrichten verstimmt fühlte
St Julien sah erst jetzt den ganzen Umfang der Verbindlichkeiten ein die er
gegen den Grafen hatte tief beschämt durch sein eigenes Unrecht und doch auch
zugleich erleichtert im Herzen blickte er errötend zum Grafen auf und sagte
Ich habe mich betragen wie ein unverständiger Knabe ich fühle erst jetzt Ihre
großmütige Schonung mit der Sie mich über alles Harte meiner Lage hinweg
gehoben haben und ich Tor gebe aus gekränkter Eitelkeit der übelen Laune Raum
wenn so ernsthafte Sorgen Ihr Herz bewegen
Sie sind gegen sich selbst viel zu hart sagte der Graf lächelnd Ich weiß
nicht rief St Julien welch ein Gefühl Ihre Schonung und Milde würdig
erwidern könnte
Vertrauen sagte der Graf wahres freundschaftliches Vertrauen ist der
schönste Beweis dass unsere Freundschaft erkannt wird darum beziehen Sie es
nicht auf Sich wenn Sie meine Stirn zuweilen finster sehen und lassen Sie
nicht solche Briefe schreiben setzte er lächelnd hinzu indem er ihm den Brief
reichte den St Julien errötend zurücknahm die nichts weiter beweisen als
dass Sie mich missverstanden haben Ich sehe ein fuhr er ernstaft fort dass Sie
herzlich wünschen müssen Ihrer Mutter Nachrichten von sich zu geben aber Sie
werden nun auch einsehen dass ich es nicht unternehmen kann in diesem
Augenblicke Briefe nach Frankreich zu befördern Ich fürchte aber Sie werden
bald Gelegenheit durch Ihre Landsleute finden
Vergeben Sie mir mein törichtes Betragen sagte St Julien und ich will
mich gern in alles Übrige finden
Beweisen Sie mir dass Sie es aufrichtig bereuen sagte der Graf gütig
lächelnd und lassen Sie mich wie einen Vater für Sie sorgen ohne dass Sie sich
meinen Einrichtungen wiedersetzen
Welch ein Glück wäre es für mich sagte St Julien mit Tränen wenn ich
einen solchen Vater hätte der meine Jugend leitete
Und welch ein Glück wäre es einen Sohn zu haben wie Dich sagte der Graf
indem die Empfindung ihn überwältigte und eine Träne in seinem Auge schimmerte
Lassen Sie uns nun Beide vernünftig sein setzte er nach einigen
Augenblicken hinzu und zeigen Sie mir dass Ihre Empfindung für mich Ihnen Ernst
ist Sie haben von Ihrer Mutter eine Summe Geldes verlangt es ist aber
unmöglich dass Sie jetzt Ihren Wunsch erfahren oder befriedigen kann nehmen Sie
also indessen von mir was Sie mir ja später ersetzen können Der Graf legte mit
diesen Worten eine Rolle Gold auf den Tisch und St Julien fühlte dass es ein
roher Eigensinn sein würde wenn er sich weigern wolle es zu empfangen Er
dankte also einfach aber herzlich und nahm es als ein Darlehn an
Fühlen Sie sich stark genug das Zimmer zu verlassen sagte der Graf so
begleiten Sie mich zu unsern Damen das wird Ihnen auf jeden Fall besser sein
als hier einsam zu träumen was der Arzt auch sagen mag Freudig nahm St Julien
die Einladung an der Graf bot ihm selbst den Arm und beide sezten sich nach dem
Teezimmer in Bewegung zu Dübois frohem Erstaunen Die Gräfin heftete einen
wehmütigen Blick auf Beide als St Julien auf den Grafen gestüzt eintrat
und Emilie bewillkommnete sie mit unschuldiger Freude Die Unterhaltung wurde
lebhaft man vergaß die gegenwärtige Zeit und der Graf und St Julien schienen
sich mit jeder Minute einander mehr zu nähern je mehr sich die Übereinstimmung
ihrer Denkungs und Empfindungsweise offenbarte Kunst Poesie und Natur waren
die über alle Parteiinteressen erhabenen Gegenstände des Gesprächs Emilie
mischte sich lebhaft in die Unterhaltung und entfaltete einen Reichtum des
Geistes einen Schatz von Kenntnissen die den jungen Mann in Erstaunen sezten
weil er bei ihrer einfachen beinah schüchternen Art sich zu betragen durchaus
nicht auf die Vermutung gekommen war dass sie so unterrichtet sein könnte Ohne
Absicht von Emiliens Seite musste er bemerken dass sie alle neueren Sprachen
verstand und die vorzüglichsten Werke in allen gründlich kannte so weit aber
war sie davon entfernt aus Eitelkeit diese Gegenstände zu berühren dass es ihr
bei ihrer einfachen Seele vielmehr schien als verstände es sich von selbst dass
jeder Mensch der Kunst und Poesie liebe wenigstens dies Alles kennen müsse
und da St Julien mit Feuer und Geschmack über Manches sprach so setzte sie
voraus dass er weit mehr gelesen habe als sie selbst und setzte ihn dadurch
zuweilen ein wenig in Verlegenheit bis er endlich offenherzig gestand dass er
nur wenig Zeit bis jetzt darauf gewendet habe sich Kenntnisse dieser Art zu
verschaffen und dass die frühe Übung in den Waffen ihn gehindert habe in
dieser Hinsicht seiner Neigung folgen dass er aber nun da seine Krankheit ihm
nicht lange mehr hinderlich sein würde sich eifrig mit der Erlernung des
Englischen und Italienischen beschäftigen wolle Der Graf bot sich ihm als
Lehrer an und sein Anerbieten wurde mit herzlicher Freude angenommen
Jeder fühlte sich wohl an diesem glücklichen Abend die Gräfin war ruhig
beinah heiter die Erinnerungen an vergangene Leiden schienen für einige Stunden
aus ihrem Gedächtnis gewichen zu sein der Graf fühlte sich so heiter wie er
seit Jahren nicht gewesen war und St Julien konnte indem er abwechselnd Beide
betrachtete nicht mit sich darüber einig werden wen er seinem Herzen näher
fühlte wenn aber seine dunkeln Augen einem Blick aus den himmelblauen der
schönen Emilie begegneten dann schlug er sie schüchtern nieder und wagte nicht
die holde Gestalt mit in dem Kreise zu begreifen über den er sich eben die
Frage vorgelegt hatte Als sich das Gespräch wieder auf Musik wendete versuchte
er es auszudrücken wie sehr ihn Emiliens Gesang am vorigen Abend entzückt habe
und der Graf und die Gräfin forderten ihre junge Freundin auf einige
italienische Sachen aus der älteren Zeit zu singen um auch den heutigen Tag
würdig zu beschließen Emilie sang ohne sich zu weigern und St Julien gab
sich rücksichtslos den süßesten Empfindungen hin er konnte sich im Entzücken
des Hörens keine größere Glückseligkeit denken als seine Stimme mit den
himmlischen Tönen vermischen zu dürfen die den rosigen Lippen der jungen
Sängerin entschwebten
Als sie geendigt hatte versicherte der Graf und die Gräfin ihre Stimme
werde täglich schöner sie habe nie so vortrefflich gesungen als am heutigen
Abend St Julien konnte sich nicht entschließen mit Worten ihren Gesang zu
loben oder wie man sich auszudrücken pflegt ihr etwas Verbindliches darüber
zu sagen aber der dankbare entzückte Blick dem Emiliens Augen begegneten als
sie sich zufällig zu ihm wendete belehrten sie dass er nicht ohne Empfindung
zugehört hatte
Sie scheinen den Gesang sehr zu lieben fragte ihn nach einigen Minuten die
Gräfin und haben sich gewiss selbst mit Musik beschäftigt
Ein wenig oberflächlich antwortete St Julien wie beinah mit allen
Dingen die ich bis jetzt getrieben habe aber auch das soll besser werden
fügte er hinzu sobald ich wieder hergestellt bin will ich versuchen ob ich
meine Stimme nicht durch die Krankheit verloren habe und wenn dies nicht der
Fall ist, Musik und Gesang mit großem Eifer treiben Singen Sie Tenor fragte
die Gräfin
Ja sagte St Julien und man versicherte mich oft ich habe eine recht gute
Stimme die nur ausgebildet werden müsse dazu mangelte mir aber die Geduld
Ein schöner Tenor sagte der Graf ist das seltenste und beinah das schönste
Geschenk des Himmels und es ist eine wahre Sünde im Besitze einer solchen Gabe
zu sein ohne sie auszubilden
Wie schön wäre es rief Emilie wenn Sie erst wieder singen könnten wir
haben hier ganz vortreffliche Musik die leider ungebraucht liegen muss wie
Vieles könnten wir mit einander ausführen
St Juliens Augen leuchteten und seine Wangen röteten sich vor Freude bei
dieser Vorstellung und er versprach eben pünktlich Alles zu tun was seine
Genesung beschleunigen könnte und sich streng den Vorschriften des Arztes zu
unterwerfen als dieser herein trat und da er St Julien in der Gesellschaft
erblickte aus Verwunderung drei Schritte zurück sprang Sie sind hier rief er
aus der Ferne mit zornig verweisenden Minen ich wollte Sie eben in Ihrem Zimmer
besuchen und dachte Sie ruhig im Bette zu finden
Kommen Sie nur näher sagte der Graf lachend und betrachten Sie ihn
genauer dann werden Sie finden dass es ihm hier gar nicht übel geht
Kopfschüttelnd näherte sich der Arzt und betrachtete ernstaft den jungen Mann
der sich des Lachens nicht erwehren konnte als der Arzt mit komischer
Feierlichkeit nachdem er ihn eine Zeitlang betrachtet hatte seinen Puls
untersuchte und dann mit Heftigkeit ausrief Sie sind der wunderlichste Kauz
der mir noch vorgekommen ist so lange ich die Arzneiwissenschaft ausübe
Gestern Abend heute Morgen ohne alle Ursache im höchsten Grade schwermütig
Puls fieberhaft alle Lebenskräfte herunter die Augen ganz matt und tot so
dass Sie mir recht gefährlich vorkamen Heute Abend ohne Fieber der Puls sehr
gut die Augen heiter lebendig eben so ohne die mindeste Ursache
Die Gesellschaft sagte der Graf lächelnd hat ihn erheitert und so diese
wohltätige Wirkung hervorgebracht
Das kann nicht sein entgegnete der Arzt ich wollte ihm ja heut Morgen
Gesellschaft leisten ich gab mir alle Mühe ihn zu erheitern aber wer sich auf
nichts einlassen wollte das war mein Kranker
Ja dann lässt sich freilich seine Besserung gar nicht erklären sagte der
Graf scherzend die Ursache dieser Wirkung wird nicht aufzufinden sein
Man muss darüber nachdenken erwiderte der Arzt ganz ernstaft Jetzt muss
ich aber darauf bestehen sagte er zu St Julien dass Sie sich zur Ruhe begeben
das zu lange Aufsitzen ist Ihnen durchaus schädlich Fügen Sie sich den
Vorschriften des Arztes sagte Emilie wie Sie es versprachen damit er Sie
recht bald wieder herstellt und wir bald mit einander das erste Duett singen
können
Singen rief der Arzt im höchsten mit Unwillen vermischten Erstaunen Sie
denken daran zu singen Gott behüte ich habe Ihnen kaum zu sprechen erlaubt
von Gesang kann gar nicht die Rede sein und wenn ich Sie auch ganz hergestellt
habe so ist es doch möglich dass Ihre Brust schwach bleibt und dass sie sich
solche Gedanken müssen vergehen lassen
Dann stellen Sie mich aber nicht ganz her sagte St Julien mit heiterer
Laune denn vor meiner Verwundung hätte ich Tagelang singen können ohne dass ich
es in der Brust gefühlt hätte wenn Sie es also unternehmen mich vollkommen
wieder herzustellen so müssen Sie mich in diesen Zustand zurück versetzen
Was das für Ansichten sind sagte der Arzt das beweist recht wie wenig Sie
von der Arzneiwissenschaft verstehen Wir wollen uns aber heut darüber nicht
streiten sondern ich will Sie auf Ihr Zimmer führen und Ihre Wunden verbinden
Er wollte ihm den Arm bieten um ihn zu führen der Graf aber der seine
gutmütige Ungeschicklichkeit kannte zog die Klingel und überlieferte den
Kranken der sanften Pflege des höflichen Dubois
X
Des andern Morgens erschien der Graf nicht beim Frühstück und man meldete der
Gräfin er habe das Schloss zu Pferde in Begleitung eines Reitknechts schon vor
einigen Stunden verlassen Die Gräfin sowohl als Emilie vermuteten es leicht
wohin ihn dieser frühe Ritt geführt hatte und ihre Vermutung war nicht
ungegründet Ein scharfer Wind wehte dem Grafen schneidend entgegen als er am
frühen Morgen über die Hügel trabte und der Sonnenschein funkelte blendend auf
den Schnee so weit sein Auge reichte der Frost schüttelte seine Glieder und
er wünschte den Weg beendigt zu haben aber dennoch hatte er nicht das
Unangenehmste eines Wintertages empfunden als aber nach und nach das Blau des
Himmels von grauem Gewölk bedeckt wurde das sich wie schwerer Nebel
niedersenkte so dass Erde und Himmel sich nicht mehr unterscheiden ließ und
als er nun die tieferen Gründe und Schluchten hinter sich gelassen und eine
ziemlich ausgedehnte Ebene erreicht hatte ein scharfer Wind heulend blies der
ihm den Schnee der vom Himmel herabfiel eben so entgegen trieb wie den der
vom Boden aufgeweht im Wirbel gedreht wurde so dass Erde und Himmel auch in
dieser Rücksicht sich vereinigt zu haben schien da bereute er es beinah dass er
sich selbst der unfreundlichen Witterung ausgesetzt und nicht einem Diener die
Botschaft anvertraut hatte Herzlich erfreut war er daher als er plötzlich
bemerkte dass er sich am Eingange eines Dorfes befand denn der vom Himmel
herabfallende und der von der Erde aufgewehte Schnee verdickte die Luft
dermaßen dass sich die nächsten Gegenstände kaum unterscheiden ließ Der Graf
stieg in der Schenke des Dorfes ab um sich einigermaßen zu erwärmen und
erkundigte sich dann nach dem Meierhofe den der Obrist Talheim bewohnte Der
Wirt ein wohlbeleibter gutmütiger Mann gab die nötige Auskunft indem er
den Obristen herzlich bedauerte
Dass Gott erbarm rief er aus was wird der arme alte Herr anfangen er hat
Niemanden gedrückt aber nun drücken ihn Viele nicht der Feind ist so schlimm
gegen uns wie man gegen ihn ist
Der Graf fragte ob das kleine Gut das der Obrist bewohnte weit entfernt
vom Dorfe liege Keine halbe Viertelstunde rief der Wirt und ich habe schon
wollen hingehen und ihm anbieten wenn sie ihn morgen austreiben fürs Erste
hieher zu ziehen aber lieber Gott so ein Herr kann nicht in einer Schenke
wohnen und dann könnte ich ihn auch nicht immer ernähren und wäre er einmal
hier so würde ich ihn nicht wieder los denn Wer wird sich die Last aufladen
wollen alt ist er auch und stürbe er bei mir so müsste ich ihn noch begraben
lassen und ich bin selber ein gedrückter Mann Die schweren Zeiten der Krieg
die vielen Abgaben das soll Alles aus der Schenke bestritten werden Kinder
habe ich auch das muss man Alles bedenken
Der Graf ob er zwar auf die edelste Weise jeden Vorzug anerkannte und
niemals annahm dass die Geburt allein schon Rechte verleihen könne war doch
keinesweges gleichgültig gegen die Vorzüge der Abkunft und ihm schauderte
innerlich vor dem Gedanken dass ein Mann von vornehmer Geburt von guter
Erziehung der dem Staate mit Auszeichnung gedient hatte durch den Drang der
Umstände so erniedrigt werden könnte von der Wohltätigkeit eines Schenkwirts
abhängig zu werden Er fragte deshalb mit inniger Hast ob er einen Boten haben
könne der ihm als Führer zum Wohnort des Obristen dienen wolle Wollen Sie dem
guten Herren Beistand leisten fragte der Wirt höchst erfreut
Ich will ihn besuchen erwiderte der Graf zerstreut So sagte der Wirt
mit gedehntem Tone rief den Hausknecht mit verdrießlicher Miene und gab diesem
eben so unfreundlich den Befehl diesen Herren nach der Wohnung des Obristen zu
führen den er besuchen wolle
Der Graf hatte trotz der ungestümen Witterung den Weg bald vollendet er
hatte sein Pferd in der Schenke gelassen und näherte sich zu Fuße dem
Haupteingange eines artigen Landhauses Nicht hier hinein rief ihm sein Führer
zu hier wohnt der Herr Verwalter jetzt wenn Sie den alten Obristen besuchen
wollen müssen wir von der andern Seite hinein gehen Mit diesen Worten führte
er ihn durch den Hof wo der Graf eine kleine Hintertür des Hauses bemerkte
Nachdem ihm der Hausknecht gesagt hatte dass diese zur Wohnung des Obristen
führe wurde er von dem Grafen verabschiedet der nun die niedrige Türe öffnete
und sich in einem engen Raum befand der eine Art Vorplatz bildete
Er wollte eben eine andere Türe gegenüber öffnen als er eine
lärmendzankende weibliche Stimme vernahm die in unangenehmen Tönen kreischte
Was geht es mich an ob Sie frieren oder nicht wollen Sie Feuer haben so
bemühen Sie sich nur selbst darum schaffen Sie sich nur Holz an ich werde mich
nicht mehr darum bekümmern
Um Gottes Willen erwiderte eine sanfte bittende Stimme wie kannst Du nur
jedes Wortes wegen das mein Vater spricht so aufgebracht sein Du weißt doch
wie lange er Dir ein guter Herr gewesen ist
Was Herr rief das zankende Weib wollen Sie eine Herrschaft vorstellen so
bezahlen Sie Ihre Leute geben Sie mir was mir zukommt an Essen Trinken und
Lohn dann können Sie sagen dass ich bei Ihnen diene
O Gott bat die andere Stimme schreie doch nicht so mein Vater muss ja
jedes Wort hören
Was kümmert es mich ob er es hört oder nicht er mag sich Leute suchen die
ohne Lohn bei ihm dienen und Hunger und Kummer mit ihm leiden und zum Dank
sich noch müssen schelten und quälen lassen Meinetwegen mag er erfrieren ich
werde kein Feuer machen und wenn Sie vom Herren Verwalter Holz haben wollen so
mögen Sie selbst gehen und darum bitten Sie werden noch um Manches bitten
müssen
Mit diesen Worten riss sie die Türe auf die der Graf öffnen wollte und
stürmte an diesem vorbei nachdem sie ihn einen Augenblick über den
unvermuteten Anblick betroffen angestarrt hatte
Der Graf betrat nun den Raum den sie eben verlassen hatte Es war eine
kleine Küche worin aber beinah gar kein Gerät sichtbar war auch brannte kein
Feuer auf dem Heerde und durch eine zerbrochene Fensterscheibe wehte ein
scharfer kalter Wind das Schneegestöber hinein Eine jugendliche schlanke
Gestalt lehnte sich das Gesicht mit beiden Händen bedeckt an der Mauer und
schien sich nun da sie sich allein glaubte rücksichtslos dem Schmerz zu
überlassen Der Graf sah wie ihre Tränen die feinen von Kälte geröteten
Finger benetzten doch schien sie im Schmerz die Kälte nicht zu fühlen obgleich
nur ein leichtes Kleid von gestreifter Leinwand den schlanken Körper bedeckte
Eine reiche Fülle dunkelbrauner Haare war ohne Kunst in starken Flechten um das
zierliche Köpfchen geschlungen Der Graf war einen Augenblick verlegen wie er
seine Gegenwart ankündigen sollte da er so unvermutet Zeuge ihres Kummers
geworden war endlich wendete er sich und machte die Türe zu die die
hinausstürmende Magd hatte offen stehen lassen Das Geräusch verursachte dass
die weinende Gestalt sich schnell aufrichtete ihre Tränen eilig trocknete und
als sie sich zum Grafen wendete mit erzwungener Fassung ihm entgegen trat Der
Graf fühlte sich innig bewegt als die schönsten braunen Augen ihn fragend
anblickten deren Feuer durch Kummer und Tränen zu erlöschen drohte Die reine
Stirn der milde wehmütige Mund die blassen mageren Wangen gewährten
vereinigt ein so rührendes Bild von Hoheit Schmerz und Mangel dass der Graf
eines Augenblickes bedurfte ehe er mit Fassung nach dem Obristen fragen und
sich als einen alten Bekannten desselben ankündigen konnte
Darf ich Sie nicht bitten mir Ihren Namen zu nennen erwiderte das junge
Mädchen damit ich meinen Vater auf Ihren Besuch vorbereiten kann
Der Graf der sich fürchtete abgewiesen zu werden da der Obrist in seiner
Lage so menschenscheu geworden war sagte schnell Erlauben Sie mir mit Ihnen
zugleich einzutreten ich muss Ihren Vater durchaus sprechen Terese so hieß
die Tochter des Obristen sah den Fremden mit Furcht und Zweifel an ob er nicht
ein Bote neuen Kummers sei aber dennoch war sie zu schüchtern als dass sie ihm
den Eintritt zu verbieten gewagt hätte und so betrat der Graf mit ihr zugleich
ein kleines Zimmer das der Familie zum Wohnort diente da der Verwalter schon
das übrige Haus in Besitz genommen hatte Auch das Zimmer war beinah von allem
Gerät entblößt und doch der Raum darin beschränkt ein schmales Bett nahm die
eine Wand ein die andere wurde durch einen Schirm bedeckt hinter welchem ein
ähnliches zu stehen schien ein Tisch von schlechtem Holz stand unter dem
Fenster ein Lehnstuhl von gleichem Werte daneben diese Dinge nebst einem
Stuhle machten den ganzen Hausrat aus In dem Lehnsessel am Fenster saß ein
langer hagerer alter Mann dessen Körper eine sehr abgetragene Uniform als
Bekleidung dienen musste in dessen Gesicht Alter und Gram tiefe Furchen gezogen
hatten dessen wenige graue Haare ungeordnet um seine Schläfe hingen dessen
blasse Lippen sich fest fast krampfhaft schlossen und so auf die Gewalt
deuteten die er sich antat um dem auf ihn eindringenden Elende zu begegnen
Diese Gestalt erhob sich beim Eintritt des Grafen langsam aus dem Sessel Es war
der Obrist Talheim der indem er den Grafen mit Kälte begrüßte und ihn
fragend und verwundert betrachtete zu erwarten schien dass dieser so kurz als
möglich die Ursache aussprechen würde die ihn zu diesem Besuch bestimmt habe
Den Grafen machte dieser stumme Empfang verwirrt Ich weiß nicht fing er nach
einigen Augenblicken an ob Sie meine Zudringlichkeit entschuldigen werden wenn
ich Ihnen meinen Namen nenne und Sie an die Freundschaft erinnere die Sie
früher für meinen Vater hatten Ich bin der Graf Hohental
Der Obrist verbeugte sich schweigend und erwartete dass der Graf weiter
reden würde Da ich seit einiger Zeit auf meinen Gütern lebe fuhr der Graf
fort und es erfahren habe dass Sie sich in meiner Nähe aufhalten so eilte ich
Ihre Wohnung aufzusuchen um wo möglich die Freundschaft welche Sie für meinen
Vater hatten auch für mich in Anspruch zu nehmen
Sehr verbunden sagte der Obrist indem er sich abermals verbeugte Der
Graf von Neuem durch die Einsylbigkeit desselben in Verlegenheit gesetzt fuhr
nach einer kleinen Pause fort Ich beklage nur dass ich Ihren Aufenthalt so spät
erfahren habe eben in dem Augenblicke da Sie Ihren Wohnort verlassen wollen
Da ich meinen Wohnort verlassen will wiederholte der Obrist mit bitterem
Lächeln Er schwieg einen Augenblick und die blassen Wangen röteten sich nach
und nach er suchte seine innere Wallung zu bekämpfen und fing seine Rede mit
scheinbarer Gelassenheit an die ihn nach und nach verließ bis er endlich dem
lange unterdrückten Schmerz die volle Gewalt über sich einräumen musste
Da ich meinen Wohnort verlassen will wiederholte er noch einmal indem er
einen zornigen Blick auf den Grafen richtete Es ist unmöglich fuhr er fort
dass Ihnen meine Lage unbekannt ist weshalb wollen Sie meiner spotten Ich habe
mich von den Menschen zurückgezogen ich habe ihnen meinen Jammer verborgen
weil ich mir ihren Beistand weder wollte abschlagen lassen noch ihn um einen zu
teuren Preis erkaufen ich habe mit meinem armen Kinde nach und nach Alles
entbehren gelernt was uns Gewohnheit teuer machte ja endlich auch was das
Bedürfnis heischte uns blieb nichts mehr um uns zu erwärmen wir haben kaum
noch ein Mittel uns zu sättigen und morgen wird meinem grauen Scheitel und
ihrer zarten Jugend auch noch das Obdach geraubt dann fasse ich die Hand meines
Kindes und führe sie hinaus dem stürmenden Winterwinde entgegen und versuche
ob es mein Herz leichter erträgt sie am Wege sterben zu sehen oder die Menschen
anzuflehen ihr ein elendes Leben zu fristen Die Stimme des Obristen wurde
ungewiss indem er die letzten Worte sprach man sah dass er die Tränen
niederkämpfte aber schnell gefasst fuhr er zum Grafen gewendet ruhiger fort Da
ich mein Elend nicht mehr verbergen kann so habe ich es Ihnen mit wenigen
Worten ganz gezeigt Sie sehen nun ob ich meinen Wohnort freiwillig verlassen
will was können Sie mir noch zu sagen haben setzte er mit weicherer Stimme
hinzu als er die Rührung des Grafen bemerkte
Ich muss mich selber tadeln erwiderte dieser dass ich nicht den rechten Ton
gefunden habe Ihnen meine Teilnahme zu zeigen Ich hörte allerdings von Ihrer
Lage und ich kam Ihnen den Beistand anzubieten den ich dem Freunde meines
Vaters schuldig zu sein glaube
Der Obrist sah ihn bei diesen Worte mit zweifelnden Blicken an es schien
als ob er es nicht wagte der Hoffnung Raum zu geben die sich im Herzen anfing
zu regen Terese die in Verzweiflung still geweint hatte hob den nassen Blick
verwundert und hoffnungsvoll zum Grafen auf der eilig fortfuhr um Beide zu
beruhigen Er eröffnete dem Obristen dass ein Meierhof ganz nahe beim Schloss
Hohental unbewohnt sei weil die Pachtzeit des vorigen Pächters geendigt wäre
und in diesen stürmischen Zeiten sich kein anderer gefunden habe Er bot diesen
dem Obristen zum Aufenthalt an und fügte er hinzu da ich weiß dass Ihre
Verlegenheit dadurch so gesteigert worden ist dass Ihre Pension in den letzten
Zeiten nicht ist ausgezahlt worden so erlauben Sie mir diese kleine Summe für
meinen König auszulegen es ist das Geringste setzte er schnell hinzu was ein
treuer Untertan zu tun verpflichtet ist ich werde diese Auslagen in der
Zukunft gewiss zurück erhalten und man wird mir noch danken dass ich einen
verdienten Krieger dadurch aus unwürdigen Verlegenheiten befreit habe
Der Obrist der so grade und stolz mit verzweiflungsvollem Mut dem
schrecklichsten Elende hatte entgegen gehen wollen fühlte nun seine Sehnen
erschlaffen wie uns die durch einen heftigen Schmerz gewaltsam aufgeregten
Kräfte auf einmal verlassen wenn der Schmerz selbst von uns weicht so machte
ihn das Gefühl der Erlösung aus seiner entsetzlichen Lage kraftlos er sank auf
seinen Lehnsessel zurück und vermochte nicht die Tränen zurück zu halten die
nun in reichen Strömen über seine gefurchten Wangen flossen sein Auge richtete
sich nach oben und mühsam erhob er auch die zitternden gefalteten Hände die
Lippen bewegten sich stumm wie es schien zum inbrünstigen Danke Die Tochter
flog herbei und warf sich mit Ungestüm vor den Vater nieder sie umarmte mit
Heftigkeit seine Knie aber auch sie vermochte nicht zu reden Der Greis blickte
auf sein Kind nieder er streckte eine Hand nach ihr aus die aber kraftlos auf
die schönen braunen Locken des zierlichen Köpfchens herabsank der Blick der
Liebe erstarb den er auf die Tochter richten wollte sein Auge schloss sich und
er sank zurück wie in die Arme des Todes Der Graf hob erschrocken die Tochter
vom Boden auf die nun erst den Zustand des Vaters bemerkte Beide bemühten sich
den entkräfteten Greis ins Leben zurück zu rufen Terese hatte ein Glas kaltes
Wasser geholt als einziges Stärkungsmittel das im Hause vorhanden war man
besprützte den Obristen damit man rieb ihm die Schläfe bis er endlich zur
größten Beruhigung des Grafen die Augen wieder öffnete denn dieser fing im
Ernst an zu fürchten dass er nicht wieder atmen würde
Der entkräftete Greis blickte lächelnd bald seine Tochter bald den Grafen
an und schien sich nicht deutlich auf alles Vorgefallene besinnen zu können
Der Graf der seine größte Ermattung bemerkte fürchtete noch immer für ihn und
führte ihn mit Hilfe der Tochter zu seinem ärmlichen Lager Der Obrist ließ es
geschehen ohne zu fragen und ohne sich zu sträuben und ein wohltätiger
erquickender Schlummer schloss aufs Neue seine von Tränen feuchten Augen
Der Graf fühlte sich wunderbar bewegt er blickte auf den schlafenden Greis
auf die seitwärts stehende Tochter das ärmliche Gemach die dürftige Kleidung
der Bewohner Alles drückte höchsten Mangel aus und dennoch schien ein so
lieblicher Frieden in diesem Augenblick in dem kleinen Raume verbreitet zu sein
dass der Graf sich unendlich wohl darin fühlte Er setzte sich selbst auf den
Lehnsessel des Alten nieder eine behagliche Wärme fing an sich im Zimmer zu
verbreiten und man hörte das Feuer im Ofen knistern die zankende Magd war
nämlich halb von Reue halb von Neugierde angetrieben zurückgekehrt und hatte
das nötige Holz verschafft und in der Stille Feuer im Ofen angezündet
Der Graf hatte den ziemlich weiten und beschwerlichen Weg in kalter
unfreundlicher Witterung zurückgelegt er fühlte sich selbst ein wenig
entkräftet und als er auf seine Uhr blickte musste er sich überzeugen dass er
nicht wie er gehofft hatte zur Mittagstafel zurück nach Hohental reiten
könnte Er wendete sich also an die Tochter des Obristen mit der freundlichen
Bitte diesen Mittag ihr Gast sein zu dürfen und bereuete die Bitte sobald er
sie ausgesprochen hatte Er fühlte mit Beschämung dass auch für ihn wie für
alle Reiche selbst dann wenn sie die Brüder den drückendsten Mangel leiden
sehen die Armut etwas durchaus Fremdes und Unverstandenes geblieben sei Seine
unbesonnene Bitte setzte die arme Terese in die peinlichste Verlegenheit sie
die sich gern vor ihm niedergeworfen hätte um ihn wie ein himmlisches
hülfreiches Wesen zu verehren die gern die Hände mit dankbaren Tränen gebadet
hätte die so reichen Segen über ihres Vaters letzte Lebensjahre verbreiten
wollten und nur durch weibliche Scheu zurückgehalten wurde hatte nun nichts
wusste nun nichts was sie dem verehrten Gast als Erquickung anbieten konnte
Eine dunkle Röte überflog ihr Gesicht sie verbeugte sich schüchtern und wollte
zur Tür hinausschlüpfen der Graf aber erinnerte sich in demselben Augenblicke
des Wortwechsels den er gehört hatte als er das Haus betrat und folgte ihr
auf dem Fuße Die zänkische Magd stand am Heerde in der Küche auf dem ein
helles Feuer brannte Der Graf befahl ihr mit ernster Stimme das Mittagsessen
für die Familie zu bereiten indem er ihr zugleich versicherte dass gleich nach
Tische der Obrist sich mit ihr berechnen und ihren Lohn sowohl als alle
rückständigen Auslagen berichtigen würde Terese erriet aus dieser Anordnung
dass der Graf mit der Unverschämtheit der Magd bekannt sei und indem ihre
Tränen von Neuem flossen wusste sie selbst nicht ob aus erhöhter Dankbarkeit
oder Beschämung
Als beide nach dem kleinen Zimmer zurückkehrten war der Obrist nach kurzem
Schlummer sehr gestärkt erwacht und der Graf konnte mit ihm alle nötigen
Verabredungen wegen seiner künftigen Einrichtung treffen er strengte sich an
mit Ruhe und Fassung auf alle Vorschläge des Grafen einzugehen weil dieser
bemüht war jeden Schein der Wohltat zu entfernen und die Sache wie ein
Geschäft zwischen Freunden zu behandeln indessen hörte man es seiner Stimme an
dass er die Rührung nur mit Gewalt unterdrückte endlich aber als der Graf die
Summe in Gold auf den Tisch gelegt hatte die seine rückständige Pension betrug
und noch einmal den Obristen bat sie so lange von ihm zu empfangen bis die
Zeiten wieder ruhiger würden wo sie ihm unfehlbar von den Behörden wieder
ausgezahlt werden müsse konnte der Greis sich nicht zurückhalten er schloss mit
leidenschaftlicher Heftigkeit den Grafen in die Arme und rief O Du echter Sohn
Deines Vaters Du wahrer Erbe seines Herzens ich bin ja nicht so hoffährtig
dass ich es nicht erkennen sollte wir armen bedrängten Menschen bedürfen einer
des andern ich bin ja nicht so roh dass ich Deine Milde nicht erkennen sollte
ich bin ja nicht so undankbar dass ich für empfangene Wohltat nicht danken
könnte Ach hätte ich einen Freund gehabt wie Dich ich wäre ja nicht zu
solchem Elende herabgesunken hätte ich einen solchen Freund in meiner Nähe
geahnt ich würde ihn ja um Hilfe angesprochen haben und nicht in Gefahr
geraten sein mit meinem armen Kinde zu verschmachten Terese hatte sich nun
auch einer Hand des Grafen bemächtigt die sie mit Küssen und Tränen bedeckte
Der Graf überließ sich seiner Rührung und ihren Liebkosungen weil er fühlte
dass man die Herzen gefühlvoller Menschen am schmerzlichsten verwundet wenn man
gleichsam zu vornehm ihren Dank gar nicht annehmen will sondern sich
unfreundlich ihrer Liebe entzieht Die Gemüter waren endlich wieder ein wenig
beruhigt worden und man suchte sich gewaltsam zu fassen als die Magd
hereintrat um den Tisch für die kleine Gesellschaft zu decken Sie starrte
verwundert die noch auf demselben liegenden Goldmünzen an und verließ das Zimmer
augenblicklich wieder weit bescheidener als sie eingetreten war Der Obrist
betrachtete nachdenklich das kleine Häufchen Goldes und ein wehmütiges Lächeln
schwebte um seinen Mund Auch ich sagte er nach einem augenblicklichen
Stillschweigen war einmal in der Lage eine solche Summe weggeben zu können
und ich darf mir das Zeugnis geben ich habe es mehr als ein Mal getan aber
dennoch muss ich gestehen habe ich niemals das wahre Mitgefühl für meine
leidenden Brüder gehabt weil ich das grässliche Elend das ein Mensch erdulden
kann nicht kannte weil ich nicht zu ahnen vermochte von welchen Qualen eine
solche Summe uns erlösen kann Ach fuhr er tief seufzend fort wenn man sein
Vermögen nach und nach schwinden sieht wenn es endlich bis auf eine solche
Summe geschwunden ist und wir trostlos einem dürftigen Alter entgegen sehen
dann glaubt man zu verzweifeln wenn aber auch dieser schwache Rest sich nun
täglich vermindert und dadurch unsre Sorge vermehrt wenn wir nichts mehr unser
nennen als eine solche Münze wie glücklich dünkt uns dann der Zustand in
welchem wir noch eine solche Summe besaßen wenn wir nun endlich mit zagender
Hand das letzte Goldstück hinreichen und es in Scheidemünze verwandeln lassen
wie ängstlich zuckt unser Herz bei jedem Stückchen Silber um welches wir unsern
kleinen Schatz verringern Ach und mit welchem Gefühl geben wir die letzte
allerlezte kleine Münze hin es ist als ob man von dem Leben schiede Der
Obrist bedeckte sein Gesicht und konnte die Rührung nicht beherrschen die sich
seiner von Neuem bemeisterte Der Graf legte sanft seine Hand auf den Arm des
alten Mannes und sagte mit milder tröstender Stimme Lassen Sie das Vergangene
vergangen sein lassen Sie uns mutig den Blick auf die Zukunft richten die für
uns Alle noch vieles Erfreuliche enthalten kann
Der Obrist antwortete nur durch einen Händedruck und trocknete schnell seine
Augen als die Magd von Neuem eintrat und noch einen Stuhl brachte der ganz
unentbehrlich war wenn drei Personen zu Tische sitzen sollten Der Obrist nahm
das Gold von dem Tische hinweg über den ein schlechtes Tischtuch gebreitet
werden sollte und hielt es einen Augenblick verlegen in der Hand denn nirgends
im Zimmer war etwas worin man diese Summe hätte aufbewahren können lächeld
steckte er sie endlich zu sich
Das ärmliche Mahl war bald geendigt und der Graf erinnerte an die nötige
Berechnung mit dem neuen Verwalter die er gern noch beendigt sehen wollte ehe
er sich von seinen neuen Freunden trennte Der Obrist befahl der Magd den Herrn
Verwalter zu ihm her zu bitten und der Graf fing als die Magd gegangen war
diesen Auftrag auszurichten eben an mit dem Obristen zu verabreden dass er ihm
morgen die nötigen Pferde und Wagen senden wolle um ihn in seine neue Heimat
hinüberzuführen als die Magd die Tür mit einigem Ungestüm aufriß und durch
die Grobheit des Verwalters selbst wieder zur Grobheit ermutigt zum Zimmer
hinein rief der Herr Verwalter hat keine Zeit hieher zu kommen er sagt wenn
Sie etwas mit ihm zu sprechen hätten so könnten Sie eben so leicht zu ihm als
er zu Ihnen kommen Eine glühende Röte überflog das blasse Gesicht des
Obristen und hastig wollte er sich aus seinem Sessel erheben und der Magd
folgen die die Türen wieder zugeworfen hatte Der Graf aber drückte ihn sanft
auf seinen Sitz zurück und sagte Ich werde gehen und für Sie die Berechnungen
mit dem Verwalter abschließen Ein dankbarer Blick Theresens belohnte den
Grafen der das Zimmer sogleich verließ und der Tochter die Sorge überließ den
aufgeregten Vater wieder zu beruhigen
Der Graf selbst war durch die Ungezogenheit empört worden die man sich
gegen eine Familie erlaubte die man für hilflos hielt und benutzte den Gang in
der kalten Luft um seinen Unwillen zu unterdrücken Er musste nämlich wie schon
bemerkt nachdem er die Wohnung des Obristen verlassen zur Hintertür
hinausgehen das ganze Haus samt dem Hofe umkreisen um dann durch den
Haupteingang zur Wohnung des Verwalters zu gelangen Da kein Mensch im Hause
sichtbar war so stand der Graf mit einiger Verlegenheit in einem geräumigen
Vorsaal und wusste nicht wohin er sich wenden sollte um den unhöflichen
Bewohner des Hauses aufzufinden endlich bestimmte ihn ein leises Geräusch sich
einer der verschiedenen Türen zu nähern er klopfte an diese Tür und herein
rief ihm eine tiefe Bassstimme entgegen der Graf öffnete und bemerkte an einem
Tische sitzend zwischen dicken Tabackswolken einen Mann von ungefähr funfzig
Jahren dessen ansehnliche Breite und starker Gliederbau ihn sogleich als
denjenigen bezeichneten dem die tiefe Bassstimme angehörte so wie er auch aus
einer großen Tabackspfeife die Wolken heraus blies in die er sich selbst halb
verhüllte Bei des Grafen Eintritt schob er einen beschriebenen Bogen unter
andere Papiere befreite mit plumpen Fingern die Kupfernase von der Brille
betrachtete einige Augenblicke den Grafen und fragte dann ohne alle Zeichen der
Höflichkeit Was begehrt der Herr und gab sich so als den Herrn des Hauses
kund Ihm gegenüber saß an demselben Tische ein junger Mann von schlanker
Gestalt zierlich nach der neuesten Mode gekleidet das braune Haar gelockt der
ansehnliche Backenbart gekräuselt das Auge zwar auch mit Gläsern bewaffnet
doch schien auch dies mehr Mode als Bedürfnis auch verschmähte er die plumpe
Art des älteren Mannes zu rauchen sondern erregte nur ganz kleine Dampfwolken
durch eine Zigarre die in einer goldenen Röhre steckte Dieser zierliche Mann
war mit Schreiben beschäftigt worin er sich durch den Eintritt des Grafen nicht
stören ließ ohne sich auch nur ein Mal nach ihm umzusehen indem er mit weißen
Fingern aus einer nach dem neuesten Pariser Geschmacke gearbeiteten goldnen
Dose die neben ihm auf dem Tische stand ein wenig Taback nahm ein sehr feines
battistenes Schnupftuch neben der Dose vollendete das Bild eines höchst
zierlichen Herrn
Der Graf hatte einen Augenblick die beiden so höchst verschiedenen Gestalten
betrachtet und fragte dann Wer von ihnen meine Herren ist der Verwalter des
Guts Ich erwiderte der Breite indes der Schlanke ungestört fortschrieb was
verlangen Sie von mir Ich komme erwiderte der Graf im Namen des Herrn
Obristen von Talheim um mit Ihnen seine Berechnungen abzuschließen Und Wer
sind Sie fragte mit einem hämischen Seitenblick die plumpe Gestalt Ich bin der
Graf Hohental erwiderte dieser verdrießlich und ich hoffe Sie werden keine
Schwierigkeiten dabei finden sich mit mir im Namen des Herrn Obristen zu
berechnen da ich von ihm beauftragt bin jeden Rückstand sogleich zu
berichtigen O ganz und gar nicht sagte der Verwalter indem er mit plumper
verlegener Höflichkeit die Pfeife auf den Tisch legte den beschriebenen Bogen
den er schon bei des Grafen Eintritt unter andere Papiere geschoben hatte noch
tiefer verbarg und nun so eilig als sein schwerer Körper es gestattete ging
um einen Stuhl für den Grafen zu holen Der junge Mann war ebenfalls
aufgestanden als sich der Graf genannt hatte er steckte scheinbar gleichgültig
seine goldene Dose und sein battistenes Schnupftuch ein ließ dann seitwärts
einen Blick an dem Grafen hinunter gleiten nahm seine Papiere zusammen und
verließ mit einer leichten zierlichen Verbeugung das Zimmer
Der Graf brachte nun sein Geschäft mit dem Verwalter sehr bald in Ordnung
dessen rohe Ungezogenheit sich in eine eben so plumpe Unterwürfigkeit verwandelt
hatte seitdem er wusste Wer mit ihm sprach und Wer sich des Obristen annahm
Als der Graf zu diesem zurückkam fand er ihn abermals in einem Wortwechsel mit
der Magd Diese war nämlich von ihrer Herrschaft bezahlt und ihr angekündigt
worden dass man ihre Dienste nur noch bis zum morgenden Tage bedürfe und nun
zerfloss sie in Tränen darüber dass sie von ihrer Herrschaft mit der sie so
Vieles gelitten habe verstoßen werden solle
Der Graf riet seinen Freunden ihr Geschrei durch ein Geschenk zu
beendigen durchaus aber sie nicht mit sich nach ihrem neuen Wohnorte zu nehmen
Als endlich auch dies beseitigt war nahm der Graf von seinen neuen Freunden
Abschied indem er sein Versprechen wiederholte am folgenden Tage ihnen die
nötigen Equipagen zu senden Dem Obristen und seiner Tochter war es kaum
möglich den Grafen scheiden zu lassen an dem sie mit der dankbarsten Liebe
hingen der wie ein höheres Wesen sie auf ein Mal aus dem tiefsten Elende
befreit hatte Beide hatten ihn begleitet der Vater hielt seine rechte die
Tochter seine linke Hand so hatten sie die Schwelle des Hauses überschritten
Morgen rief der Graf morgen sehen wir uns wieder Wenn nur meinem Vater die
strenge Kälte nicht schadet sagte Terese leise indem ihr tränenschwerer
Blick auf dem weißen Scheitel des Greises ruhte dessen wenige graue Haare im
scharfen Nordwinde flatterten und dessen abgetragene Uniform die durch Kummer
und Alter entkräfteten Glieder nicht gegen die raue Witterung zu schützen
vermochte Der Graf folgte mit seinen Augen dem Blicke der Tochter und
betrachtete dann einen Augenblick die schlanke feine Gestalt die selbst vor
Kälte in der dünnen Kleidung zitterte noch ein Mal fühlte er was es auf sich
habe mit den Leiden der Armut kaum vermochte er seine heftige Rührung zu
unterdrücken Ich werde für Alles sorgen rief er nur der Tochter noch zu und
entzog sich mit einem herzlichen Händedrucke eilig Beiden
Der Obrist und seine Tochter folgten mit den Augen ihrem Freunde so lange
bis ein Gebüsch ihn ihren Blicken entzog und kehrten dann beruhigt getröstet
in dankbarer Liebe überfliessend in ihr ärmliches Gemach zurück Der Graf suchte
die Schenke eilig zu erreichen und bemerkte schon von fern wie des Wirts
rundes Gesicht ihm unendlich freundlich durch die Scheiben des kleinen Fensters
entgegenblickte er kam auch dem Grafen schon an der Haustür entgegen nahm ihm
den Mantel ab und öffnete geschäftig die Türe des Zimmers Eine Tasse warmer
Kaffee versicherte er gutmütig wird Ew Gnaden bei dem kalten Wetter gut
tun ehe Sie Ihren Rückweg antreten und sogleich näherte sich die Wirtin um
dem Grafen dieses Getränk in reinlichem Geschirr anzubieten Diesem war es in
der Tat nach dem ärmlichen Mahl eine Erquickung und er nahm es gern an
obgleich er sich über des Wirts veränderte Stimmung wunderte deren Ursache ihm
jedoch nicht lange verborgen blieb Der Wirt ließ es sich deutlich merken dass
er es schon erfahren habe wie mild der Graf für den Obristen gesorgt habe Die
grobe Magd war nämlich schon früher als der Graf in der Schenke gewesen und
hatte die große Neuigkeit verkündigt Da ihn der Graf nicht über diese Sache zu
Worte kommen ließ so suchte er seinen Beifall durch erhöhte Dienstfertigkeit
auszudrücken und als der Graf endlich nach seinen Pferden rief und seine
Rechnung verlangte hätte der Wirt gern nichts genommen und nur des Grafen
stolzes Gesicht schreckte ihn ab doch richtete er seine Forderung äußerst mäßig
ein und als er das Geld empfing beschloss er dasselbe dem ersten Armen zu
schenken der bei ihm herbergen würde dann führte er des Grafen Pferd selbst
vor und hielt ihm den Bügel Nun reisen Sie mit Gott sagte er als der Graf zu
Pferde saß Sie haben heut ein christliches Werk getan Sie sind es besser im
Stande als ich der Segen bleibt nicht aus Der Graf betrachtete einen
Augenblick das breite gutmütige Gesicht des Mannes der so herzlich froh und
dankbar aussah als ob ihm selbst eine große Last abgenommen wäre und trat dann
heiteren Mutes den Rückweg nach dem Schloss Hohental an
XI
Die Abenddämmerung war schon eingebrochen und noch immer erwartete die Gräfin
und Emilie mit ängstlicher Ungeduld den Grafen vergeblich Die Sorge der Frauen
war von Neuem erregt worden durch die Nachricht die der Schulze so eben
gebracht hatte dass einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt seien von denen er
nicht mit Gewissheit angeben konnte ob sie zu den feindlichen oder freundlichen
Schaaren gehörten St Julien verweilte noch auf seinem Zimmer Dübois war bei
ihm beschäftigt und der Arzt schon am Morgen nach Krumbach geritten wohin er
eilig zu kommen aufgefordert worden war um ärztlichen Beistand zu leisten
Emilie quälte sich mit der doppelten Sorge dass der Oheim auf seinem Wege auf
feindliche Truppen gestoßen sei die ihn mit fortgeführt hätten oder dass
feindliche Truppen während seiner Abwesenheit die Bewohner des Schlosses
bedrängen könnten und in beiden Fällen zeigte ihr ihre Phantasie ungewisse
Bilder von Gräueln die um so quälender waren weil sie sich nicht deutlich
bewusst war was sie eigentlich fürchtete auch die Gräfin war durch die
Nachricht des Schulzen beunruhigt doch war ihre Hauptsorge die dem Grafen
möchte ein Unfall begegnet sein und sie war eben im Begriff Befehle zu
erteilen dass man ihm auf dem Wege den er kommen musste entgegen reiten
sollte als der Hufschlag eines Pferdes hörbar wurde und gleich darauf ein
Reiter in den Hof sprengte Beide Frauen eilten zum Fenster sie vermuteten mit
Gewissheit den Grafen es war aber der Arzt der gleich darauf hastig und lärmend
die Treppen heraufstieg und mit vor Zorn und Kälte geröteten Wangen das Zimmer
betrat in dem die Frauen sich aufhielten Man sah es dem Arzte an dass etwas
Großes seine Seele bewegte der Zorn beherrschte ihn aber so sehr dass er nicht
sogleich durch Worte die Qual seines Herzens erleichtern konnte und erst nach
wiederholten Fragen der Gräfin und ängstlichen Bitten Emiliens strömte er
abwechselnd lateinische und deutsche Sentenzen über die Schlechtigkeit der
menschlichen Natur aus Nur nach langem Forschen erfuhren die Frauen die Ursache
des ungewöhnlich heftigen Zornes des Arztes Er war als er von seinen
Krankenbesuchen hatte heimkehren wollen in der Schenke des Dorfes gewesen um
sein Pferd dort wieder in Empfang zu nehmen und war bei seinem Eintritte durch
heftig streitende laute Stimmen überrascht worden die zu seinem Erstaunen den
Namen des Grafen wiederholt nannten hiedurch sei seine Aufmerksamkeit erregt
worden berichtete er und er habe mit Abscheu gehört wie man den Grafen
öffentlich beschuldigt habe er stehe mit den Feinden in Verbindung In seinem
Hause halte sich verkleidet ein bedeutender französischer Offizier auf und leite
von da aus die Operationen der Feinde auch der alte Haushofmeister diene als
Spion Er habe es deutlich bemerkt behauptete er dass diese schändlichen
Beschuldigungen hauptsächlich von einem jungen Manne in schwarzer zierlicher
Kleidung ausgegangen waren viele Bauern und andere in der Schenke anwesende
Personen hätten ihren Abscheu durch laute Verwünschungen des Grafen kund getan
andere bessere hätten den Grafen verteidigt diesen habe sich der Arzt
natürlich angeschlossen es habe nicht viel dazu gefehlt dass ein blutiger
Streit entstanden wäre und Gott weiß so schloss der Arzt seinen Bericht
welches mein Schicksal gewesen wäre wenn nicht glücklicher Weise der Baron
Löbau das Zimmer der Schenke betreten hätte auf dessen Ermahnungen die Gemüter
sich beruhigten besonders als er mit großer Herablassung den unvernünftigen
Bauern die Geschichte des verwundeten Franzosen weitläufig erzählte Als der
Tumult sich gelegt hatte fuhr der Arzt fort reiste der Baron weiter der bloß
seine Pferde hatte ein wenig ausruhen lassen und Jederman bemerkte nun mit
Erstaunen dass der schwarz gekleidete junge Mann sich ganz still beim Eintritt
des Barons entfernt hatte Es war weislich von ihm gehandelt setzte der Arzt
noch hinzu denn seine Verläumdungen würden ihm nun übel bekommen sein
Die Gräfin war sichtbar bestürzt über den Bericht des Arztes und Emilie
brach in Tränen und Klagen aus Ist es möglich rief sie dass eine Handlung der
Menschenliebe absichtlich so verkannt wird wäre es glaublich wenn wir es aus
der Ferne vernähmen dass eine so unschuldige Sache so böslich gedeutet werden
kann Ist es nicht höchst schmerzlich dass Menschen so feindselig gesinnt sein
können Wie glücklich bist Du liebe Emilie sagte die Gräfin mit bitterem
Lächeln dass solche Erfahrungen Dich noch so tief verletzen Du ehrst und liebst
noch die Menschen im Allgemeinen in der Unschuld Deines Herzens glaube mir
setzte sie mit einem tiefen Seufzer hinzu man bedarf großer eigener Tugend um
wenn man die Menschen kennt nicht an der Menschheit zu verzweifeln Gott lasse
mich niemals Erfahrungen machen rief Emilie mit Lebhaftigkeit die mich zu
solchen Betrachtungen zwängen Amen sagte die Gräfin mit Ernst von ganzem
Herzen stimme ich diesem Wunsche bei glaube mir fuhr sie mit Güte fort man
erkauft solche Einsichten sehr teuer und fühlt sich nicht glücklicher durch die
erlangte Weisheit Mich befremden dergleichen Erfindungen wenig auch fühle ich
mich kaum durch die Bosheit die darin enthalten ist verletzt obgleich die
Verleumdung einen der edelsten Menschen trifft nur erfüllt es mich mit Sorgen
wenn ich bedenke wie nächteilig dergleichen Gerüchte dem Grafen werden können
Nachteil sagte der Arzt kann nicht mehr aus der Schlechtigkeit entstehen
denn alle Menschen in der Schenke wurden über die Sache aufgeklärt und werden
gewiss auch Andere belehren wenn der schwarze Bösewicht mit seinen Verläumdungen
sich noch ferner hervorwagen sollte mit Feuereifer wird man ihm widersprechen
Daran zweifle ich sagte die Gräfin lächelnd vielmehr steht zu befürchten
dass man die ganze Geschichtserzählung des Baron Löbau in solchem Falle vergessen
wird oder wenn man sich seiner auch erinnert so wird er selbst als ein halber
Mitschuldiger erscheinen wie die erhitzen Gemüter jeden so betrachten werden
der es übernimmt den Grafen zu verteidigen und dies wird natürlich Jedermann
zum Schweigen bewegen
Mich nicht rief der Arzt mit höchster Lebhaftigkeit mich nicht und wenn
es mir das Leben kostet so werde ich Jedermann zeigen wie schändlich und wie
wahnsinnig eine solche Behauptung ist auf mich kann der Herr Graf zählen Wie
ernstaft der Gegenstand auch war über den man sich besprach so zwang die
komische Heftigkeit des Arztes der Gräfin dennoch ein Lächeln ab und sie
erwiderte ihm in halb scherzhaftem Tone ich zweifle an Ihrer Treue
keinesweges und obgleich der Apostel Petrus den Herrn verläugnete in der Stunde
der Gefahr und uns dies deutlich die Schwäche des menschlichen Herzens zeigt
so werde ich doch auf Ihre Standhaftigkeit bauen Mit Empfindlichkeit versetzte
der Arzt man werde vielleicht noch einmal Gelegenheit haben die Bemerkung zu
machen dass er nicht vergeblich die Kenntnis der größten Tugenden aus
griechischen und lateinischen Autoren sich erworben habe es könne wohl noch
kommen dass man ihm das Zeugnis geben müsste dass er sie auch auszuüben
verstände Er richtete indem er dies sagte seine kleinen blitzenden Augen
scharf auf die Gräfin die diese Bitterkeit mit ruhiger Gelassenheit hinnahm und
statt aller weiteren Erwiderung den Arzt bat St Julien die Sache zu
verschweigen um ihn nicht unnütz zu beunruhigen und es ihr zu überlassen dem
Grafen die nötige Mitteilung zu machen Der Arzt hatte kaum jene Worte
gesprochen als er auch schon heftig erschrak über die gefährliche Kühnheit zu
der ihn wie er glaubte sein lebhaftes Gemüt hingerissen hätte und eben so
sehr war er nun erstaunt dass die Gräfin seine beabsichtigte Beleidigung gar
nicht zu bemerken schien um so bereitwilliger daher war er das verlangte
Versprechen zu geben Man hatte während dieser Gespräche die augenblickliche
Sorge für die Sicherheit des Grafen vergessen man hatte nicht so ängstlich auf
jeden Hufschlag gelauscht so dass ein Ausruf freudiger Überraschung den Grafen
bewillkommnete als er von seinem späten Ritte heimkehrend die Gesellschaft
vermehrte Man sah es an der ungewöhnlichen Heiterkeit mit welcher der Graf die
Frauen begrüßte dass er mit dem verflossenen Tage zufrieden war sehr behaglich
fühlte er sich am Teetische im warmen erleuchteten Zimmer nach dem
beschwerlichen Wege in Kälte und Dunkelheit Wir waren recht besorgt um Sie
sagte Emilie da Sie so lange ausblieben Ich hielt mich beim Prediger auf
versetzte der Graf aber wo ist St Julien Ich dachte ihn bei Euch meine
Lieben zu finden er ist doch nicht wieder krank oder melancholisch Kann es
mir begegnen rief der Arzt indem er sich heftig vor die Stirn schlug dass ich
meine Pflicht versäume dass ich meine Kranken nicht gehörig besuche Mit diesen
Worten wollte er zum Zimmer hinausstürmen und stieß auf St Julien der eben
eintreten wollte Kaum vermochte er es die Frauen und den Grafen zu begrüßen
so eilfertig bemächtigte sich der Arzt seiner um sich in einen Strom von
Selbstanklagen und Entschuldigungen zu ergießen die St Julien eine Zeitlang
befremdet anhörte ehe er begriff was der Arzt eigentlich wollte als er ihn
endlich verstand beruhigte er ihn mit der Versicherung dass er sich lange nicht
so wohl gefühlt habe als am heutigen Abend und dass Dübois den nötigen Verband
ganz nach des Arztes Vorschrift besorgt habe Doch konnten diese tröstenden
Worte die Unzufriedenheit nicht aufheben die der Arzt mit sich selber empfand
Ich werde es mir nie vergeben rief er feierlich aber es soll mir auch nicht
zum zweiten Male begegnen strenge werde ich über mich wachen und keine Pflicht
mehr vernachlässigen und deshalb will ich auch sogleich noch Manches an
Medikamenten besorgen die ich für meine Kranken in Krumbach morgen nötig habe
Kaum ließ sich der Arzt bewegen noch vorher mit der Gesellschaft Tee zu
trinken er tat es zwar endlich auf allgemeines Verlangen wie er sich
ausdrückte verließ aber doch sehr bald das Zimmer um den ganzen Abend wie er
sagte seiner Pflicht zu leben
Man brachte den Abend heiter hin aber dennoch war eine gewisse Spannung
fühlbar Die Gräfin wollte in St Juliens Gegenwart nicht fragen ob der Graf
etwas für den Obristen Talheim getan habe Emilie konnte ihre Unruhe nicht
beherrschen weil ihr immer die verläumderischen Gerüchte im Sinne lagen die
über den Grafen verbreitet wurden und sie betrachtete mit einer gewissen
Wehmut St Julien der die unschuldige Veranlassung dazu war St Julien fühlte
sich gedrückt weil er bemerkte dass durch seine Gegenwart eine freie
Mitteilung in der Familie gehindert wurde die doch Jeder zu wünschen schien
nur der Graf war vollkommen heiter und schrieb die Spannung die ihm nicht
entging auf Rechnung der Neugierde von welcher er die Frauen gequält glaubte
St Julien verließ bald nach der Abendtafel die Gesellschaft und der Graf
wendete sich als sie kaum allein waren lächelnd zu den Frauen und sagte Nicht
wahr meine Lieben heute war Euch unser liebenswürdiger Freund herzlich
beschwerlich und Ihr habt ihn schon lange weggewünscht um nur zu erfahren wo
ich den ganzen Tag gewesen bin Die Gräfin läugnete nicht dass sie zu wissen
wünschte wie er den Tag verlebt habe ob sie gleich gar nicht darüber
zweifelhaft sei wo er ihn zugebracht habe
Der Graf gab eine treue Schilderung der Not in der er den Obristen und
seine Tochter gefunden habe und ging leicht über die Art hinweg wie er ihm
Hilfe geleistet hatte auch schilderte er mit Laune sein Zusammentreffen mit dem
plumpen Verwalter und dem zierlich gekleideten schwarzen Herrn Die Gräfin wurde
aufmerksam bei diesem Umstande und erkundigte sich genau um welche Zeit dies
Zusammentreffen stattgefunden habe und ob Krumbach weit vom jetzigen Wohnort
des Obristen entfernt sei Ihre Fragen erregten die Neugierde des Grafen und
nach gegenseitigen Erklärungen und Mitteilungen waren beide darüber einig dass
es wohl derselbe junge Herr gewesen sein könnte den der Arzt in Krumbach
angetroffen habe nur blieb es rätselhaft was einen ganz fremden Menschen
bestimmen könne diese Gerüchte in Umlauf zu bringen Es kann um so eher sein
schloss der Graf dass jenen der Arzt in Krumbach getroffen hat da er geraume
Zeit vor mir hinweg ging und ich mich noch lange beim Prediger aufgehalten
habe Es sind jetzt preußische Truppen hier in der Gegend schloss der Graf es
sind einzelne Reiter durch das Dorf gesprengt und der Prediger hat durch genaue
Erkundigungen erfahren dass sie zu den Unsrigen gehören dies ist mir um des
Obristen Willen lieb denn sollte er ihnen begegnen so hoffe ich werden sie
ihn ruhig ziehen lassen obgleich im Kriege das Bedürfnis Freunde wie Feinde
oft zwingt Pferde in Beschlag zu nehmen Emilie konnte ihre Besorgnisse nicht
verschweigen dass dem Grafen Unannehmlichkeiten aus solchen schlechten
Verläumdungen erwachsen könnten wie sie eben erfahren hatten auch die Gräfin
stimmte ihr bei und sagte mit Zärtlichkeit Wie würde es mich schmerzen wenn
Ihre besten Handlungen eine Quelle des Verdrusses für Sie würden Seid doch
darüber ruhig meine Lieben sagte der Graf Sollte mich irgend Wer zur
Rechenschaft ziehen der ein Recht hat es zu tun so wisst Ihr dass ich mich
verteidigen kann müssiges Geschwätz ohnmächtige Bosheit aber lasst uns
verachten denn sonst erreichen ja die Menschen ihren Zweck und verbittern uns
das Leben Emilie schwieg doch fühlte sie sich durch diese Antwort des Grafen
nicht beruhigt auch die Gräfin sagte über diesen Gegenstand nichts mehr aber
man sah deulich dass auch ihre Besorgnisse nicht gehoben waren
Der Graf kam auf den Obristen zurück und eilte noch alle Aufträge zu geben
um ihn am andern Morgen nach seinem neuen Wohnorte zu versetzen Die Gräfin
übernahm es für die Einrichtung des Hauses zu sorgen und der Graf bemerkte
die Tochter des Obristen sei ungefähr von gleicher Größe mit Emilie So kannst
Du ja leicht liebe Emilie sagte die Gräfin für die nächsten Bedürfnisse
Deiner neuen Freundin sorgen Emilie hatte selbst schon diesen Vorsatz gefasst
und errötete nun da sie das was sie innerlich freiwillig beschlossen hatte
als einen Auftrag zu erfüllen hatte es schlich ein Gefühl von Traurigkeit durch
ihr Herz das sie nicht beherrschen und sich nicht gleich erklären konnte Man
trennte sich nach dieser genommenen Abrede bald und als Emilie einsam in ihrem
Zimmer war fühlte sie Tränen über ihre Wangen fließen die ihrem gepressten
Herzen Luft machten
Was will ich denn worüber klage ich denn sagte sie zu sich selbst kann
denn mein undankbares Herz nicht ruhig schlagen sich nicht befriedigt und
glücklich fühlen im Kreise der besten Menschen Was ist es denn eigentlich was
mich schmerzt fuhr sie in ihrem Selbstgespräche fort Wer hat mich denn
verletzt oder beleidigt Nein dachte sie seufzend Niemand hat mich verletzen
wollen aber empfinden muss ich es dennoch dass mir nicht ein Traum von
Selbstständigkeit nicht ein Schatten von Eigentum bleibt Nicht einmal die
Freude darf ich empfinden die der Arme hat der dem Aermeren gibt ich muss
Alles selbst was mich bedeckt und kleidet als etwas Geliehenes betrachten
worüber die Eigentümer sobald sie wollen auch anders bestimmen können O
wohl fuhr sie klagend fort hat die Gräfin recht gänzliche Armut ist ein
schreckliches Unglück sie macht uns abhängig nicht bloß in unseren Handlungen
in unseren Gedanken und Empfindungen sogar Wie beneidenswert rief sie aus
ist das Loos des armen Tagelöhners gegen das meinige die ich von scheinbarem
Reichtume umgeben bin er darf den Erwerb eines Tages mit Zufriedenheit ja mit
dem Gefühle eines edelen Stolzes betrachten er hat durch seine Anstrengungen es
als sein Eigentum errungen frei darf er seinen Lieben oder Aermeren und
Hülfloseren davon mitteilen und wenn dankbare Herzen um ihn schlagen wenn
liebevolle Blicke auf ihm ruhen so fühlt er sich befriedigt er hat diesen
Dank diese Liebe verdient aber ich was kann ich tun Geliehenes Gut an
Andere abtreten das mir alsdann sogleich auf das Grossmütigste ersetzt wird
Ach es ist entsetzlich hart fuhr sie fort immer empfangen zu müssen ohne
jemals geben zu können und selbst die freundliche Täuschung als ob man geben
könnte nicht einen Augenblick festhalten zu dürfen
Niemals hatte Emilie noch ihre abhängige Lage so schmerzlich empfunden als in
dieser einsamen Stunde sie überließ sich rücksichtslos dem Schmerz und dem
Mitleid mit sich selber und ihre Tränen flossen noch einige Stunden bis
endlich die Erschöpfung einen kurzen Schlummer herbeiführte von dem sie wenig
gestärkt am anderen Morgen erwachte
Die Gräfin war schon im Saale wo man frühstückte als Emilie eintrat Was
fehlt Dir Liebe rief sie ihrer jungen Freundin entgegen ist Dir nicht wohl
Du bist ungewöhnlich blass Mir fehlt nichts sagte Emilie mit schwacher
wankender Stimme Du bist krank mein liebes Kind sagte die Gräfin mit großer
Zärtlichkeit indem sie ihre beiden Hände fasste Gewiss mir fehlt nichts
erwiderte Emilie mit gesenkten Augen und zitternder Stimme und sie konnte es
nicht verhindern die Tränen entströmten den sanften Augen von Neuem und
flossen über die bleichen Wangen Die Gräfin richtete das Gesicht der weinenden
Freundin mit sanfter Gewalt empor und sagte mit mildem Ernst Ich errate jetzt
was Dir fehlt ich sah es wohl dass ich Dich gestern verletzte aber ich konnte
nicht glauben dass ein harmlos gesprochenes Wort Dich so tief verwunden würde
Ich könnte mich beklagen fuhr sie mit großer Güte fort dass Du dieser
misstrauischen Empfindlichkeit in Deinem Herzen Raum gibst wenn ich nicht selbst
unglücklicher Weise dies Gefühl in Dir erregt hätte durch die Bitterkeit der
ich mich so oft überlassen habe Lass mich Dich bitten mein teures Kind fuhr
sie mit großer Milde fort bekämpfe diesen Feind in Deinem Herzen er raubt Dir
sonst jedes Glück des Lebens Die leicht gereizte Empfindlichkeit würde Deine
Freunde aus Vorsicht zurückhaltend machen Du würdest die Furcht Dich zu
verletzen für Kälte nehmen und Dein Misstrauen würde in demselben Masse
zunehmen wie alle Verhältnisse gespannter würden Du würdest es dann vielleicht
nicht Dir zuschreiben wenn jede Heiterkeit die inniges Vertrauen zu einander
erzeugt aus unserm Kreise verschwunden wäre sondern Du würdest uns mit jedem
Tage ungerechter und Dein Schicksal beklagenswerter finden
Können Sie mich für so gränzenlos undankbar halten fragte Emilie
Sprich nicht so oft von Dankbarkeit sagte die Gräfin ich will von Dir
keine andere als die welche ein gutes Kind für seine Eltern empfindet das ist
die gefühlte beinah bewusstlose nicht die in jedem Augenblick erkannte Und
nun sage mir welche gute Tochter würde gereizt gekränkt sein und eine ganze
Nacht hindurch weinen wenn ihre Mutter ihr den Vorschlag macht einen Teil
ihrer Kleider zu verschenken an Personen die es bedürfen besonders wenn die
Tochter ein Herz hat wie Du das sie selbst schon zu solchen Handlungen
bestimmt
Ich will mich nicht verteidigen sagte Emilie aber ein wenig muss es mich
entschuldigen wenn Sie daran denken dass eine Tochter Rechte hat die ihr
andere Empfindungen geben Wenn eine Tochter einen so willkommenen Auftrag
erfüllt so gibt sie mit der Mutter da ich nur von dem Ihrigen mitteile
So habe ich es denn nicht erreichen können sagte die Gräfin dass Du mir in
Liebe angehörest Du siehst unser Verhältnis ich möchte sagen juristisch an
sind es denn bloß die Bande des Blutes auf die sich Rechte gründen Gibt nicht
die Liebe eben so heilige Ich fühle setzte sie mit einiger Bitterkeit hinzu
ich habe einen bösen Samen in Dein Herz gestreut Ach rief sie mit einem
unendlich schmerzlichen Ausdruck wenn ich nicht mehr bin wirst Du es
vielleicht einsehen was in mir die Erbitterung gegen Mangel und Armut erzeugt
hat und dann wirst Du die heutige Stunde bereuen
Vergeben Sie mir nur rief Emilie indem sie sich laut weinend in ihre Arme
warf
Du sprichst von Rechten sagte die Gräfin wieder mild Wenn uns ein
unglückliches Schicksal aller anderen Hilfsmittel beraubte und uns ganz auf uns
zurückwiese hätte mir Deine Liebe nicht ein Recht gegeben Deine jüngeren
Kräfte in Anspruch zu nehmen und würde ich Dich nicht kränken wenn ich Hilfe
und Dienstleistungen von Dir zurückwiese oder in diesen Zeichen Deiner Liebe
aus misstrauischer Empfindlichkeit die Spuren meiner Abhängigkeit fände
O Gott rief Emilie Warum fuhr die Gräfin fort willst Du mich denn
kränken und die Zeichen meiner Liebe missverstehen Vergeben Sie mir nur
wiederholte Emilie Die Gräfin küsste sie zärtlich und sagte dann mit Güte
scherzend Da nun die Farbe auf Deinen Wangen zurückgekehrt ist so mache nun
dass die Spuren der Tränen aus den Augen verschwinden damit nicht St Juliens
ängstliche Blicke fragen welch ein Unheil Dir widerfahren ist zwar in dessen
Brust hättest Du gestern vielleicht ein gleichfühlendes Herz gefunden er hat
viel von Deiner Empfindlichkeit
Sie spotten meiner mit Recht sagte Emilie errötend Nein im Ernst
erwiderte die Gräfin lächelnd ich wollte auch nicht dass der Graf Dich um die
Ursache Deiner Tränen fragte Du würdest doch ein wenig um die Antwort verlegen
sein
Die Vereinigung der Gemüter wurde aufs Neue zwischen beiden Frauen
befestigt und inniger als je wie es nach jeder kleinen Störung geschah
Emilie konnte sich selbst nicht begreifen und verzieh es sich schwer dass
sie eine Nacht in Kummer und Tränen hingebracht und damit gewissermaßen die
besten Menschen angeklagt hatte und die Gräfin beschloss die Bitterkeit nie
wieder in sich aufkommen zu lassen die wie sie sah so nachteilig auf
diejenigen wirkte die sie am zärtlichsten liebte Sie beschloss zu vergessen
was eine lange Vergangenheit Schmerzliches enthielt und dieser Vorsatz wurde in
demselben Augenblicke gestört denn der Graf trat mit St Julien in den Saal
Der Anblick des jungen Mannes der heiter lächelnd die Frauen begrüßte schien
in der Gräfin gewaltsam ein geliebtes Bild aus längst verflossener Zeit
hervorzurufen und nur mit Mühe konnte sie in den heiteren Ton der Unterhaltung
einstimmen der heute die kleine Gesellschaft belebte
Nach dem Frühstück eilte Jeder die nötigen Anordnungen zu treffen um dem
Obristen Talheim seinen neuen Wohnort angenehm zu machen Der Graf sendete die
erforderlichen Equipagen und mit diesen einen weiten Pelzmantel um den alten
Mann gegen die Kälte zu schützen Die Frauen hatten dieselbe Aufmerksamkeit für
seine Tochter Die Gräfin sorgte nun dafür dass die nötigen Möbel nach dem eine
halbe Stunde weit entfernten Meierhofe gesandt wurden und Dübois wurde von ihr
beauftragt Alles zur Bequemlichkeit Erforderliche zu besorgen er war wie
immer so auch hier der Vertraute der Gräfin und kannte also die Lage des
Obristen daher hieß ihn sein natürliches edles Gefühl Alles vermeiden was bei
der neuen Einrichtung als prächtig hätte auffallen können weil er wohl wusste
dass das Gemüt dessen der Unterstützung bedarf dadurch schmerzlich verwundet
wird wenn die Unterstützung den Anschein von Prahlerei gewinnt eben so
sorgfältig vermied er den Anschein von Vernachlässigung und es mangelte bald in
dem freundlichen Hause nichts was zur anspruchslosen Bequemlichkeit einer
Familie erforderlich ist Emilie fuhr selbst mit hinüber und ordnete die Wäsche
und Kleider in den Schränken und es wurde beschlossen dass Dübois die
Ankommenden diesen Abend erwarten sollte Die Zimmer waren behaglich erwärmt
ein anmutiger Wohlgeruch schwebte durch alle denn Dübois hatte nicht versäumt
sie mit feinem Räucherwerk zu durchräuchern ja selbst mehrere blühende
Staudengewächse hatte er aus den Treibhäusern des Grafen hinüber geschafft
trotz der Schwierigkeit sie auf dem Wege gegen die Kälte zu schützen um damit
das Zimmer zu schmücken welches er für die Tochter des Obristen bestimmte
Endlich war Alles bereit auch für ein einfaches Abendessen war gesorgt und der
Haushofmeister ging mit zufriedener Miene noch einmal durch alle Zimmer um
jedes einzeln zu betrachten als der Wagen vorfuhr Schnell eilte er seiner
Schuldigkeit gemäß den Obristen an der Türe des Hauses zu empfangen und schien
die wehmütige Verlegenheit nicht zu bemerken die Vater und Tochter ergriff
als er ihnen selbst die kostbaren Pelze abgenommen hatte und sie nun beide in
höchst ärmlicher Kleidung in dem freundlich ausgeschmückten Zimmer standen
Früher als nötig gewesen wäre ließ Dübois das Abendessen anrichten um die
Verlegenheit des Obristen und seiner Tochter zu beendigen die nicht recht
wussten wie sie sich gegen ihn benehmen sollten und noch nicht den Mut hatten
sich als die Bewohner des Hauses zu fühlen Das Abendessen ging still vorüber
und wurde in der Spannung in der sich Alle befanden kaum berührt nur als
Dübois dem Obristen Wein eingeschenkt hatte und der edle Trank dem alten Manne
entgegen duftete konnte er sich nicht enthalten mit einiger Begierde das Glas
zu ergreifen und mit sichtlichem Wohlbehagen das lang entbehrte Labsal zu
schlürfen die Wärme des Weins durchdrang seine Glieder und teilte ihm jene
Ermattung mit die man beinah eine wollüstige Empfindung nennen könnte er ließ
es daher ohne Widerrede geschehen dass der Haushofmeister ihn nach dem Zimmer
führte welches er ihm zum Schlafgemach bestimmt hatte und machte keine
Einwendungen dagegen dass Dübois für diesen Abend das Geschäft eines
Kammerdieners übernahm Er wollte als er zu Bett gebracht war noch Manches
denken und in seiner Seele ordnen aber ein lange nicht empfundenes Wohlbehagen
scheuchte alle Gedanken zurück Er dehnte sich mit wehmütigem Entzücken auf
seinem bequemen Lager aus er fühlte die glänzend weißen feinen Betttücher und
die seidene Decke mit den Fingern an er wollte sein heutiges Lager mit dem
gestrigen vergleichen aber Gedanken und Gefühle gingen in dem seligen Vergessen
unter welches der Vorbote eines erquickenden Schlafes ist
Terese war im Speisezimmer zurück geblieben und erwartete mit
Schüchternheit Dübois Rückkunft Die Veränderung ihrer Lage war so groß dass sie
sich betäubt fühlte und deshalb noch nicht Mut zur Freude gewann als endlich
der Haushofmeister zurück kam schlich sie zum Lager des Vaters der schon im
sanftesten Schlummer ruhte sie küsste leise seine Stirn und folgte nun Dübois
der ihr die übrigen Zimmer des Hauses zeigte und ihr auch alle Schlüssel
einhändigte worauf er für heute ehrerbietig Abschied nahm
Als sich Terese allein befand hob sie die Hände dankend zum Himmel empor
und Tränen des Entzückens benetzten die von langem Kummer gebleichten Wangen
es schien ihr ein Traum der täuschend ihre Seele umfing und sie fürchtete zu
erwachen endlich als sie sich gesammelt hatte ging sie noch einmal durch alle
Zimmer und betrachtete Jedes mit ruhiger Freude sie öffnete die Schränke und
bemerkte mit dankbarem Erstaunen wie großmütig und zartsinnig für jedes
Bedürfnis des Hauses gesorgt war auch rührte es sie bis zu Tränen als sie
Alles vorfand was zur Kleidung der Frauen aus besseren Ständen gehört
Nach einem stärkenden Schlummer erwachte Terese am andern Morgen Dübois
hatte für die nötige Bedienung gesorgt sie wählte eine einfache
Morgenkleidung und fühlte sich bewegt und erhoben zugleich als sie sich wieder
in Gewänder gekleidet sah wie sie ihr in früheren Zeiten notwendig erschienen
waren Als sie nun ihr Zimmer verließ fand sie Alles zum Frühstück bereitet
und sie näherte sich leise dem Schlafgemach ihres Vaters Alles war darin still
und eine seltsame Angst ergriff ihr Herz sie fürchtete die plötzliche
Umwandlung seiner Lage könne zu heftig auf ihn gewirkt haben sie öffnete daher
behutsam die Tür des Kabinets und näherte sich leise dem Lager des
schlummernden Greises Er lag mit gefalteten Händen und geschlossenen Augen
aber seine Lippen bewegten sich wie im flüsternden Gebete und zwischen den
grauen Wimpern drängten sich Tränen über die gefurchten Wangen die ähnliche
Tropfen in Theresens glänzenden Augen hervorriefen Sie beugte sich über den
alten Vater und küsste mit inniger Liebe seine gefalteten Hände Der Greis
öffnete die noch tränenfeuchten Augen und lächelte entzückt bei dem Anblick
seines schönen Kindes
Meine gute Tochter sagte er mit bewegter Stimme es stärkt mein Herz dass
Deine Erscheinung wieder Deiner würdig ist lass uns Gott innig dafür danken dass
wir aus dem höchsten Elende erlöst sind denn niemals habe ich Dich ohne zu
schaudern in der Tracht der höchsten Dürftigkeit betrachten können Der Obrist
wünschte sein Lager zu verlassen und wurde von Neuem bewegt als er bemerkte
mit welcher Zartheit sowohl für seine Bedienung als für alles zur bequemen
Morgenkleidung eines Greises Erforderliche gesorgt war Nach dem Frühstück
gingen Vater und Tochter durch die verschiedenen Zimmer und bewunderten mit
dankbarer Rührung die Anmut und Bequemlichkeit ihrer neuen Wohnung Endlich
ließ sich der Vater im Wohnzimmer in der Ecke des Sophas nieder und zog seine
Tochter neben sich die erschrocken zu ihm aufblickte weil sie seine Hand
zittern fühlte und hohen Ernst über sein Gesicht verbreitet sah
Mein Kind sagte der Obrist wir dürfen unsere Pflicht nicht vergessen wir
müssen unsern Wohltätern unsern Dank darbringen für so viele Güte Du fühlst
mein liebes Kind fuhr er fort indem er die Hand der Tochter ängstlich drückte
wie schwer mir dieser Gang werden muss so tief die Dankbarkeit in meiner Seele
ruht so sehr ich unsern edelen Freund verehre so wird mir altem Manne dennoch
das Förmliche in der Äußerung meiner Dankbarkeit schwer das mich wie man es
auch betrachten mag dem Bettler gleich stellt der für ein empfangenes Almosen
dankt Missversteh mich nicht fuhr er fort als er bemerkte dass die Tochter
reden wollte ich verkenne den Grafen nicht aber bist Du überzeugt dass er auch
uns kennt Ihn hat uns seine Art wie er gegen uns handelt vollkommen kennen
gelehrt wir können mit reiner Empfindung einen so edelen Mann bewundern und eben
deswegen von ihm annehmen was uns seine Güte bietet aber kennt er auch uns
Weiß er ob wir seiner Freundschaft würdig sind Ihn hat allein unsere Not
bestimmt uns wohl zu tun und darin liegt das Peinliche unserer Lage wir sind
ihm gegenüber Arme und nicht Freunde der Freund kann die Güter des Lebens mit
dem Freunde teilen er weiß der Freund ist überzeugt er würde wenn das
Verhältnis umgekehrt wäre eben so handeln und will nichts weiter als die
Liebe die innige Achtung des Freundes aber der Arme ach mein liebes Kind er
empfängt bloß und der Geber der ihn nicht kennt weiß noch nicht ob er jemals
seinen Schützling in einen Freund wird verwandeln mögen er weiß nicht ob das
Herz des Empfangenden nicht zu jeder edelen Empfindung unfähig ist und deshalb
ist die äußere Dankbarkeit die es so schwer fällt auszuüben unerlässlich
Ich dächte erwiderte Terese ich könnte die Hand des Grafen mit inniger
Liebe ohne peinliche Empfindung küssen Auch ich sagte der Obrist kann seine
Hand mit zärtlicher Bewunderung drücken aber hast Du daran gedacht dass damit
unsere Pflichten noch nicht erfüllt sind Hast Du vergessen dass er vermählt
ist und dass wir also der Gräfin einen Besuch machen müssen Terese senkte die
Augen ein peinliches Gefühl hob ihren Busen der Schmerz zuckte um den schönen
Mund und sie küsste schweigend die Hand des Vaters die noch in der ihren ruhte
Beide fühlten dass sie sich ohne Worte verstanden denn jetzt erinnerte sich
Terese an Alles was sie und ihr Vater früher über die Gräfin gehört hatten
und zwar aus einem Munde dessen Tönen die schöne Terese nicht ohne
Parteilichkeit gelauscht hatte
Der junge Graf Hohental nämlich ein Verwandter des Grafen war in dem
Hause des Obristen mit Wohlgefallen aufgenommen worden So lange das Regiment
bei welchem er als Rittmeister diente in der Nähe stand hatte der junge Mann
keine Gelegenheit versäumt sich dem Obristen zu nähern und die gleichen
Ansichten über viele Verhältnisse des Lebens der gleiche Hass gegen Frankreich
hatte sie bald in Freunde verwandelt so weit die Verschiedenheit des Alters
dies erlaubte Bei der Vertraulichkeit die sich auf solche Weise gebildet
hatte geschah es dass der Rittmeister zuweilen seine Familienverhältnisse
berührte und sich dann jedes Mal mit großer Bitterkeit über die Gräfin äußerte
Er hatte von ihr behauptet dass sie aus Eigennutz sich mit dem Grafen verbunden
habe der im unrechtmässigen Besitze des ganzen Vermögens der Familie sei und
dass sie in Folge dessen eine ewige Trennung von der Familie beabsichtigte
deshalb habe sie ihren Gemahl bestimmt sich immer in der Ferne aufzuhalten und
ob er gleich ohne Kinder sei habe sie ihn doch dazu vermocht dass er niemals
das Geringste für die dürftigen Mitglieder der Familie getan habe eben so
hatte er oftmals ihres unmässigen Stolzes gedacht und ihres schroffen Betragens
wodurch alle Verwandte vollkommen dem Grafen entfremdet würden ja er hatte
erwähnt dass sie einen unversöhnlichen Hass gegen ihren einzigen Bruder trüge und
sich auch niemals die kleinste Annäherung habe gefallen lassen so viele
Versuche dieser Bruder auch gemacht habe dem diese Familienzwiste höchst
schmerzlich wären Der Rittmeister hatte zwar niemals Gelegenheit gehabt die
Gräfin kennen zu lernen aber da er alle Nachrichten über ihren Charakter von
seinem Vater hatte so zweifelte er nicht an der Wahrheit derselben
Diese Erinnerungen waren es welche Vater und Tochter zum ernsten Nachdenken
stimmten und nur unter Seufzern vermochten sie zu beschließen sich fertig zu
machen um einen Besuch abzustatten der so peinlich auf ihr Gefühl wirken
konnte Der Obrist wollte eben seiner Tochter noch einige Ratschläge erteilen
wie sie bei dem vermutlich sehr stolzen Empfange der Gräfin sich zu betragen
habe als Beider Aufmerksamkeit von diesem Gegenstande abgezogen wurde durch das
lustige Geläute von Schellen wodurch sich annähernde Schlitten ankündigten Sie
traten zum Fenster und sahen mit Überraschung dass zwei Schlitten durch das
kleine Tal flogen und wenige Augenblicke daraus vor dem Hause hielten Ein Herr
sprang aus dem einen und sie erkannten sogleich den Grafen der zweien Damen
die Hand bot und alle drei waren bald eingetreten um den Obristen und seine
Tochter zu begrüßen Der Graf umarmte den Obristen und sagte indem er
freundlich dessen Hand schüttelte meine Gemahlin wollte sich selbst überzeugen
ob nichts zu Ihrer Bequemlichkeit mangelt und zugleich meine Nichte mit ihrer
künftigen Freundin bekannt machen Der Obrist konnte nicht sogleich Worte
finden er hatte sich die Gräfin durchaus anders gedacht er fand keine Spur von
Härte und Stolz sie behandelte ihn mit der Wärme und Achtung wie man einen
alten Freund der Familie empfängt sie drängte ihm nicht das Gefühl ihrer
Wohltat durch ein zu ängstliches Fragen auf ob Alles seinen Wünschen
entspreche sondern verwickelte ihn mit Leichtigkeit in ein Gespräch über
frühere Zeiten über den König Friedrich den Zweiten für den sie seine
Verehrung aufrichtig teilte und hatte so bald jede Spannung aufgehoben die
erst die Gesellschaft zu drücken schien
Emilie hatte bald den Weg zu Theresens Herzen gefunden Beide hatten ohne
den Genuss des vertraulichen Umgangs mit einer jugendlichen Freundin einsam
gelebt und Beide verlangten daher zu sehnlich danach sich diesen Genuss zu
verschaffen als dass sie aus Zurückhaltung lange hätten einander fremd bleiben
können Es war leicht zu bemerken dass Terese manche Kenntnis nicht hatte die
Emilie besaß auch nicht die zierlichen Arbeiten der Frauen aus den höheren
Ständen waren ihr bekannt denn sie hatte in ihrer drückenden Lage nicht einmal
Gelegenheit gehabt sie zu sehen noch weniger die Mittel sich das Material zu
verschaffen um solche artige Spielereien zu verfertigen Ja sie gestand dass
sie auch das Wenige was sie von Musik verstanden vergessen habe weil das
Instrument schon lange verkauft sei und dass sie auch allen Mut zur Musik
verloren hätte und es ihr eine Sünde würde geschienen haben die Stimme zum
Gesange zu erheben so lange ihr Vater unter schwerem Kummer seufzte Beide
junge Freundinnen hatten bald und eifrig verabredet was sie mit einander
treiben und lernen wollten Die Gräfin und der Obrist waren über die meisten
Gegenstände ihrer Unterhaltung derselben Meinung der Graf konnte nun ohne
Furcht seinen alten Freund zu verletzen noch alle nötigen Anordnungen
treffen und Terese sah sich noch ehe ihre neuen Freunde schieden an der
Spitze einer unabhängigen kleinen Haushaltung wodurch ihr die Freude gewährt
wurde mit kindlicher Liebe selbst für die Bedürfnisse und die Bequemlichkeit
ihres geliebten Vaters sorgen zu können
Die neuen Freunde besuchten nun ohne Furcht das Schloss Man las man machte
Musik man tauschte seine Meinungen gegen einander aus und der alte Obrist
machte obwohl er alle Franzosen hasste doch von jeher mit jedem einzelnen den
er kennen lernte eine Ausnahme und war nun um so bereitwilliger mit St Julien
dies zu tun weil dieser durch seine persönliche Liebenswürdigkeit ihn ganz für
sich einnahm ja er verzieh ihm sogar die Bewunderung Napoleons weil der junge
Franzose Friedrich den Zweiten ebenfalls verehrte Für Dübois der mehr wie ein
Mitglied der Familie als wie ein Diener derselben betrachtet wurde empfand der
Obrist bald die Achtung die sein Charakter jedermann einflößte der ihn näher
kennen lernte und als die Gräfin sich sogar entschloss zuweilen Teil an einer
Partie LHombre zu nehmen welches der Obrist mit großem Vergnügen spielte so
heiterte sich seine Seele in dieser Umgebung völlig auf und er sagte einige Mal
seiner Tochter Ich würde in dem Kreise unserer Freunde vollkommen glücklich
leben wenn sie nicht die Schwachheit hätten dem Prediger alle Ungezogenheiten
nachzusehen selbst der alte verständige Dübois muss zuweilen recht an sich
halten wenn sich der kleine kecke Mensch so viel heraus nimmt ja ich glaube
wenn der Graf es nicht absichtlich von Zeit zu Zeit wiederholte dass die Gräfin
den Tabacksrauch durchaus nicht vertragen kann er würde sogar mit seiner Pfeife
in der Gesellschaft erscheinen und auch jetzt wer weiß was geschehen könnte
wenn nicht zum Glücke der Narr der Doktor da wäre zu dem er gehen und rauchen
kann
Auf diese Weise waren einige Wochen verflossen Terese hatte sich vom
überstandenen Kummer erholt ihre Wangen röteten sich ihre Augen gewannen ihr
eigentümliches Feuer wieder und wenn sie auch im Ganzen ernst blieb so konnte
sie doch zuweilen heiter und schalkhaft lächeln Alle Fähigkeiten die in ihrer
Seele geschlummert hatten begannen sich zu entwickeln so dass Emilie über die
Fortschritte erstaunte die ihre junge Freundin machte und beide sich immer
inniger an einander anschlossen Der Obrist bemerkte es nicht ohne Rührung wie
herrlich sich die Schönheit und alle Vorzuge seines Kindes entfalteten da der
Druck der Armut von diesem teuren Haupte genommen war Er schloss dies geliebte
Kind eines Abends in seine Arme und die Augen nach oben gewendet rief er
Jetzt Vater im Himmel kann ich ruhig sterben da ich mein Kind in Sicherheit
weiß Können Sie mich so kränken dass Sie vom Sterben sprechen rief Terese
weinend nun da ich hoffe dass wir noch viel glückliche Tage mit einander leben
werden Das wollen wir auch mein Kind sagte der Obrist aber willst Du mir es
nicht gönnen dass ich nun mit Ruhe an mein Ende denken kann da ich Dich sonst
als Du schutzlos warst mit Verzweiflung betrachtete Du kennst nicht das Gefühl
eines Vaters setzte er seufzend hinzu der fürchten muss dass er sein Kind
hilflos und einsam in der harten Welt zurücklassen muss Wenn jetzt der Himmel
über mich verfügt gehst Du zwar weinend aber nicht verzweifelnd vom Grabe
Deines Vaters in das Haus Deiner Freunde Seit ich die Gräfin kenne bin ich
über Dein Schicksal ruhig und ich werde um so länger leben schloss er indem er
lächelnd mit den Locken der Tochter spielte weil ich mein Ende ruhig abwarten
kann
Es schien als ob die Sorge welche die Gräfin für Theresens Ausbildung
trug sie selbst manchen Kummer vergessen ließ sie erheiterte sich sichtlich in
dem Umgange ihrer Kinder wie sie beide junge Frauenzimmer nannte St Juliens
Gesundheit befestigte sich täglich mehr und der Graf bemerkte oft er werde
schmerzlich die Lücke in seinem Leben fühlen wenn der endliche Friede den
jungen Mann bestimmen würde nach seiner Heimat zurück zu kehren Auch der
Gräfin war der junge Mann sehr lieb geworden und nur noch zuweilen kehrte die
Bewegung wieder die sie bei seinem ersten Anblick empfunden hatte wenn er sie
unvermutet anredete oder wenn seine Augen lange auf Emilie hafteten dann
schien er in ihrer Seele Schmerzen wach zu rufen die sie nur mit Anstrengung
bekämpfte In solcher Ruhe hatte die Familie einige Zeit gelebt und wenn es
auch nicht möglich war ohne Kummer das unsägliche Elend zu betrachten welches
durch den Krieg über diesen Teil von Deutschland gebracht wurde so gab es doch
Stunden in denen man sich einer reinen Heiterkeit hingab
In dieser Stimmung hatten der Obrist und seine Tochter am vorigen Abend das
Schloss verlassen die jungen Leute hatten sich verabredet Götes Tasso den
folgenden Abend zu lesen Die Gräfin hatte dem Obristen versprochen wenn es
sein könnte seine lHombrePartie so einzurichten dass nicht der Geistliche
sein Mitspieler sein müsse Er freut sich zu gemein versicherte der Obrist
wenn er ein gutes Spiel hat spielt die Karten auf bäurische Weise aus macht
sehr schlechten Witz dabei und hält sich deshalb für einen liebenswürdigen
Spieler gewiss wenn man ein Mitglied der guten Gesellschaft gänzlich von der
Leidenschaft für das Spiel heilen wollte man brauchte es nur zu zwingen
täglich mit unserm guten Herren Prediger zu spielen Die Gräfin scherzte beim
Frühstück eben darüber dass der Doktor den sie anstatt des Geistlichen zum
Mitspieler bestimmte den Obristen nicht besser befriedigen würde als man den
Galopp eines Pferdes hörte und gleich darauf der Arzt atemlos mit glühenden
Wangen und mit Schweiß bedeckt in den Saal stürmte Was gibt es rief ihm der
Graf bestürzt entgegen Wir sind verloren rief der Arzt das Schloss wird gleich
von Soldaten besetzt werden So sind Franzosen in der Nähe rief der Graf
indem er aufsprang Nein keine Franzosen Preußen sind es keuchte der Arzt
Nun sagte der Graf dann sind es ja Freunde und wir haben nichts zu fürchten
Nichts zu fürchten jammerte der Arzt hätten Sie nur die Reden gehört die
sie geführt haben der Herr Prediger trieb mich hieher damit Sie sich wo
möglich entfernen möchten um nicht den Wirkungen der Verläumdungen zu
unterliegen
Der Graf sah einen Augenblick nachdenkend vor sich nieder zog dann hastig
die Klingel und beschied Dübois eilig zu sich Guter Dübois redete er ihn an
ich weiß ich kann auf Sie in jeder Lage rechnen gehen Sie zum Kapitain St
Julien und halten Sie ihn auf jeden Fall auf seinem Zimmer zurück welche Unruhe
auch hier entstehen mag sagen Sie ihm dies sei mein ausdrücklicher Wille und
bleiben Sie zur Sicherheit bei ihm
Wir erwarten hier jeden Augenblick preußische Truppen fuhr er fort als er
sah dass der Haushofmeister ihn mit Verwunderung betrachtete tun Sie ja was
ich Ihnen auftrage und weichen Sie auf keinen Fall davon ab Er hatte den
Grafen noch nie so in Bewegung gesehen eben wollte dieser die Frauen bitten
sich zurück zu ziehen als eine Eskadron in den Hof sprengte den Führer an
ihrer Spitze Die Gräfin erschrak ihr fielen die verbreiteten Gerüchte ein und
sie sah an des Grafen Anordnungen dass er Unannehmlichkeiten erwartete sie
stützte sich auf die Lehne eines Stuhls und erwartete mit Spannung die Dinge
die da kommen würden Emilie war blass sie ahnte dunkel die Gräuel des Krieges
würden nun hier beginnen Der Arzt hatte sich entfernen wollen doch ein Blick
auf die Gräfin schien in ihm eine Erinnerung hervor zu rufen seine Seele
kämpfte offenbar mit einem großen Entschlusse auf einmal schien dieser Entschluss
gefasst er trocknete den Schweiß von seinem Gesicht ab blieb und erwartete das
ungeheure Schicksal das ihn nach seiner Meinung jetzt treffen musste Das
Klirren der Sporen und des nachschleppenden Säbels im Vorsaale wurde vernehmbar
die Türen wurden mit Heftigkeit geöffnet und herein stürmte ein junger
erhitzter Krieger und rief ohne auf die Frauen zu achten Wo ist der Herr des
Hauses
Ich bin der Graf Hohental sagte der Graf und Sie sind in meiner Wohnung
So sind Sie es also rief ihm der Rittmeister vor Zorn glühend zu der sein
Vaterland den Feinden verrät Sie zeigen den Franzosen alle Vorräte an Sie
lassen sie durch alle Schluchten führen Sie halten die Spione in Ihrem Hause
verborgen nun da Sie so wacker für die Feinde gesorgt haben so werde ich auch
hier wahrlich nicht schonen die Pferde die meinen Leuten gefallen sind müssen
hier ersetzt werden Ihre Hafervorräte nehme ich in Beschlag meine Leute
müssen bewirtet werden und den Spion liefern Sie freiwillig aus oder ich
brauche Gewalt
Der Graf bekämpfte den Zorn der in ihm aufstieg und sagte mit scheinbarer
Gelassenheit Es ist jetzt nicht der rechte Augenblick meinen Charakter gegen
Sie zu verteidigen ich werde mir Ihren Namen ausbitten um dies in der Zukunft
zu tun das Unglück der Monarchie fühlen wir Alle gleich schmerzlich und was
das Vaterland und seine Krieger von meinem Eigentume bedürfen steht ihnen zu
Gebote deshalb mögen Sie meine Pferde nehmen wie alle Hafervorräte Für die
Bewirtung der braven Truppen werde ich sorgen so gut es angeht was steht
weiter zu Ihrem Befehl
Ich verlange dass Sie den hier im Hause verborgenen Spion ausliefern sagte
der Rittmeister etwas gelassener in Folge des würdigen Benehmens des Grafen
Wen bezeichnen Sie mit einer so schimpflichen Benennung fragte der Graf
Den französischen Offizier rief hitzig der Rittmeister der unter dem
Vorwande einer Krankheit sich hier im Hause aufhält
Unter dem Vorwande einer Krankheit rief der Arzt den der Graf nicht mehr
zurück halten konnte Vorwand nennen Sie seine Krankheit rief er noch einmal
indem er den Kopf auf die linke Schulter senkte und die blitzenden Augen auf den
Rittmeister richtete Mir hat er sein Leben zu verdanken aus dem Rachen des
Todes habe ich ihn gerissen setzte er hinzu und ich werde ich muss ihn und den
Herren Grafen gegen jede Verleumdung verteidigen
Ich verlange die Auslieferung des Franzosen rief der Rittmeister was gehen
mich Ihre Narrheiten an
Narrheiten schrie aufs Äußerste beleidigt der Arzt Gehören Sie zu den
Barbaren die Kunst Wissenschaft und Menschenliebe vereinigt Narrheit nennen
Der Arzt hatte im Eifer seiner Rede alle Furcht vergessen und war dem
Rittmeister so nahe getreten dass dieser sich von Neuem gereizt fühlte und mit
funkelnden Augen dem Arzte zurief Kommen Sie mir nicht so ungezogen nahe wenn
ich Sie nicht zum Fenster hinaus werfen soll
Der Graf warf einen glühenden Blick auf den Offizier und indem er den Arzt
mit der augenblicklichen großen Kraft des Zorns wie ein Kind bei Seite schob
sagte er Sie werden Niemanden zum Fenster hinauswerfen so lange ich lebe über
meinen Leichnam geht der Weg um meine Hausgenossen zu beleidigen
In dem Augenblicke als der Offizier etwas Heftiges erwidern wollte wurde
die Türe geöffnet ein alter Wachtmeister zeigte sich der dem Rittmeister
eifrig winkte dieser schritt durch den Saal und ging nach kurzem Gespräch mit
dem Wachtmeister eilig nach dem Hofe hinunter
Die im Saale Versammelten wagten es nicht einander anzureden weil sie die
Zurückkunft des Offiziers jeden Augenblick erwarteten als sie Pferdegetrappel
auf dem Hofe vernahmen und zu ihrem Erstaunen die ganze Eskadron den Führer an
der Spitze abreiten sahen
Was bedeutet dies fragte die Gräfin nach kurzem von Staunen erzeugtem
Schweigen
Das bedeutet antwortete der Graf nachdenklich dass Franzosen in der Nähe
sind die uns vermutlich in größerer Anzahl ihren Besuch zudenken
XII
Der Auftritt der eben statt gefunden hatte war schnell vorüber geflogen und
hatte alle Anwesenden jeden auf verschiedene Weise so sehr aufgeregt dass
Niemand Worte gefunden hatte um eine Ansicht zu äußern Der Arzt stand noch in
der Mitte des Saales unbeweglich auf der Stelle wo ihn der Graf im Zorn
hingeschoben hatte man sah dass er mit dem Entschlusse kämpfte etwas
Bedeutendes zu sagen endlich näherte er sich dem Grafen der in Nachdenken
versunken war und sagte mit Haltung und unterdrücktem Gefühl Ich muss meinem
Herzen Luft machen ich muss meiner Empfindung Worte geben edler Mann verehrter
Herr Graf Sie haben mein Leben aus einer furchtbaren Gefahr gerettet denn wäre
ich diese Höhe hinunter geflogen wie der Barbar drohte auf den gepflasterten
Teil des Hofes hier unter dem Fenster so war es um mich geschehen denn mit
solcher Gewalt hätte er mich nicht werfen können dass ich dort den Rasen im
Fallen erreicht hätte Es war meine Pflicht Sie gegen die Verleumdung zu
verteidigen ich habe auch immer geglaubt dass Sie meinen männlichen Charakter
gehörig würdigen und mir nicht eine schimpfliche Feigheit im Augenblick der
Gefahr zutrauen würden eine Verläugnung ähnlich der des Apostel Petrus fügte
er mit einem Seitenblicke auf die Gräfin hinzu aber ich habe nicht geglaubt
dass ich Ihrem Herzen teuer wäre dass Sie Ihr Leben zu meinem Schutze wagen
Ihre Brust zur Vormauer der meinigen machen würden Die letzten Worte sprach er
mit wankender Stimme und kaum beherrschter Rührung Diese Handlung schloss er
endlich mit Patos bindet mein Geschick an das Ihrige für jetzt und immer
Der Graf verstand erst nicht recht was der Arzt wollte denn er war zu
jener Äußerung am Wenigsten durch ein wärmeres Gefühl für denselben bestimmt
worden er hatte bloß sich in seinem Hausgenossen beleidigt gefühlt als er aber
endlich den Sinn der an ihn gerichteten Rede begriff sagte er über den
gutmütigen Dünkel des Arztes lächelnd Wir sind oft nicht so böse mein lieber
Doktor wie Sie im Eifer von uns zuweilen glauben aber oft auch bei Weitem
nicht so gut wie Sie sich uns vorstellen deshalb verdiene ich auch heut Ihren
Dank nicht
Bescheidenheit ist die Krone der Tugend rief der Arzt begeistert und
verließ den Saal um seine Kranken zu besuchen Die gutmütige Einbildung des
Arztes hatte dazu beigetragen die Spannung aufzulösen in die alle durch die
eben erlebte Begebenheit versetzt waren Lächelnd blickten sich die
Zurückgebliebenen an und Ruhe schien wieder im Schloss herrschen zu wollen
Dübois glaubte da die Truppen den Hof verlassen hatten dass auch St Julien
nicht mehr von der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden brauchte doch fragte
er vorsichtig erst nach des Grafen Meinung der natürlich seine Ansicht teilte
und bald erschien St Julien und erschöpfte sich mit dem Grafen in Vermutungen
um es sich zu erklären weshalb das Schloss so eilig von den Truppen geräumt
worden sei Des Grafen Ansicht dass Franzosen in der Nähe sein müssten wurde
bald bestätigt denn ein Reiter sprengte in den Hof den Niemand sogleich für
den Prediger erkannte weil er ganz die gemächliche Art zu reiten aufgegeben
hatte und sein Tier zu völlig ungewohnten Kraftäusserungen zwang Ross und Reiter
waren ganz aus der gewöhnlichen Fassung denn da sich der Geistliche eilig herab
warf ohne wie sonst für sein Pferd zu sorgen so fing dies ohne Umstände an
auf dem Rasen zu weiden und zu Emiliens Schrecken die darauf angebrachten
Blumenstücke zu zertreten
Aus Eile keuchend trat der Prediger nach wenigen Augenblicken herein und
jetzt in der Unruhe seines Gemüts achtete er noch weniger als sonst auf die
höflichen Formen des Umgangs daher grüßte er kaum die im Saale versammelten
Personen und rief dem Grafen zu Meine Frau und Kinder folgen mir nach Sie
werden hier im Schloss doch besser aufgehoben sein als bei mir die Franzosen
sind mir auf den Fersen
Der Graf nahm gern die Familie des Predigers bei sich auf ob ihn gleich
selbst in diesem Augenblicke dessen Mangel an Lebensart verletzte die große
Familienkutsche des Geistlichen fuhr auch bald durch das Tor des Hofes von
einigen kleineren Equipagen begleitet die die zahlreiche Familie desselben
enthielten Man hatte kaum für das Unterkommen Aller sorgen können und der
Prediger hatte eben seinen Entschluss ausgesprochen für seine Person zurück zu
reiten um auf Ordnung zu sehen und so viel als möglich zur Erleichterung der
Bauern zu tun als Emilie ausrief Ach Gott dort kommen die Feinde Alle
Anwesenden eilten dem Fenster zu an welchem Emilie stand und Alle bemerkten
dass in derselben Schlucht durch die der Graf damals vom Gebirge herab gekommen
war als er den verwundeten St Julien nach dem Schloss tragen ließ ein
Funkeln von Waffen sichtbar wurde In ängstlicher Erwartung waren Aller Blicke
dorthin gerichtet der Geistliche bemächtigte sich eines vorhandenen Fernrohres
und teilte laut seine Bemerkung mit Jetzt kommen sie aus der Schlucht heraus
Wer kann sie diesen Weg geführt haben Das muss ein Einheimischer sein ein
Fremder hätte ihn nie gefunden Es sind Reiter fuhr er fort im Sonnenschein
sehe ich es deutlich jetzt biegen sie hier herum sie kommen zum Schloss am
Ende hätte ich besser getan meine Familie nicht hieher zu bringen Auch
Equipagen sind in dem Zuge Der dort mit dem großen Federbusch wird wohl der
General sein Was Auch eine Dame zu Pferde und ein schwarzgekleideter Herr
neben dem General Wo soll das Alles unterkommen und Gott weiß ob nicht schon
unterwegs Viele untergebracht sind am Ende ist mein Haus schon voll wilder
Menschen die mir Alles zerschlagen und verzehren und wie soll ich nun durch
den Haufen zurück Er sprach immer fort das Fernrohr noch lange vor sein Auge
haltend ob es gleich nicht mehr nötig war denn Jedermann konnte schon längst
ohne dessen Hilfe bemerken wie ein bedeutender Zug Kavallerie sich dem Schloss
näherte Der Anführer ritt jetzt an der Spitze zu seiner Rechten eine Dame in
Reitkleidern die mit großer Sicherheit zu Pferde saß und den Kopf nach allen
Seiten hin wendete so dass der Wind mit den wallenden Federn ihres Hutes
spielte Zur Linken des Anführers ritt ein junger Mann in schwarzer Kleidung
der als der Zug sich schon dem Baumgange näherte der zum Schloss führte sich
zurückzog indem er sich vor dem Anführer ehrerbietig neigte als er deshalb den
Hut abnahm wurde sein dunkel gelocktes Haar sichtbar und der Graf glaubte den
jungen Mann zu erkennen den er damals auf dem Meierhofe bei dem Verwalter
antraf mit dem er des Obristen Talheims Rechnung berichtigte Die den
französischen Anführer begleitende Dame und der junge Mann begrüßten einander
mit großer Vertraulichkeit als der Letzte sich von dem Zuge trennte
Der Graf wendete sich jetzt nach dem Saale zurück und bemerkte dass die
Gräfin bleich und bebend auf die ankommenden Feinde schaute und Emilie sich
ängstlich an sie schmiegte Lassen Sie uns nicht die Fassung verlieren meine
Lieben sagte der Graf und eilig beraten was nun geschehen muss Diese ach
diese Truppen sagte die Gräfin mit dumpfer kaum hörbarer Stimme auch Dübois
der in den Saal getreten war schien ungewöhnlich bleich und blickte ängstlich
auf die Gräfin Der Graf hatte nicht Zeit über den Eindruck nachzudenken den
die ankommenden Feinde auf seine Hausgenossen machten Er rief der Gräfin zu
sich zurück zu ziehen die stumm Emiliens Arm nahm und mit ihr hinauswankte St
Julien konnte nicht begreifen wie die Annäherung der Franzosen einen so
entsetzlichen Eindruck machen könne wie er ihn an der Gräfin bemerkte wenn er
auch begriff dass sie als Feinde unwillkommen sein mussten Auch Sie bitte ich
sagte der Graf zu ihm fürs Erste mit Dübois den Saal zu verlassen ich und der
Herr Prediger wir wollen die neuen Gäste empfangen
Kaum hatte man diese wenigen Anordnungen treffen können als der
französische General von seinem Gefolge umgeben die Dame zu seiner Rechten in
den Hof einritt Man konnte wohl bemerken dass die Feinde gut unterrichtet sein
mussten denn sie hatten den Verwalter des Guts schon in ihrer Mitte und zwangen
ihn ihnen die für die Pferde nötigen Vorräte anzuzeigen auch gab ihm der
General selbst in gebrochenem Deutsch den Befehl die vorhandenen Pferde
auszuliefern damit der Wagen der Dame neu bespannt werden könnte das Schloss
so endigte sein Befehl nehme ich in Besitz so lange ich hier verweile Der
Verwalter ein ziemlich unterrichteter Mann stellte dem General in
französischer Sprache vor da der Graf und seine Familie hier sei so würde
seine Excellenz doch gewiss darauf Rücksicht nehmen So lange ich hier bin bin
ich Ihr Herr antwortete der General ebenfalls französisch und Sie haben dafür
zu sorgen dass alle meine Befehle pünktlich befolgt werden Ihr Graf mag es
lernen sich in dieser Zeit ohne sein Schloss und ohne seine Diener einzurichten
Er war mit diesen Worten abgestiegen ein Adjudant bot der Dame die Hand und
der General rief diesem zu Sorgen Sie zunächst für die Zimmer von Madame Ich
werde selbst für mich sorgen erwiderte die Schöne mit dreistem Lächeln und
hüpfte an der Hand des Adjudanten die Treppe hinauf
Der General stieg nun ebenfalls langsam von vielen Offizieren umgeben mit
Würde die Treppe hinauf Der Pfarrer fühlte wie sein Herz innerlich bebte als
das Klirren der vielen Sporen sich dem Saale näherte Er hatte vom Fenster aus
bemerkt in welcher Schnelligkeit die Feinde von allen Nebengebäuden und allen
Vorräten die sie enthielten Besitz genommen hatten er fürchtete nun für
sich für seine Familie und auch für den Grafen und dessen Hausgenossen
Die Flügeltüren des Saales wurden geöffnet der General trat herein und der
Graf ihm mit Anstand entgegen Ich weiß es Herr General dass der Krieger im
Kriege oft genötigt ist mit Härte seine Bedürfnisse zu fordern doch bin ich
von französischen Kriegern überzeugt dass sie jeden Druck vermeiden werden den
nicht die Umstände gebieten
Der General schwieg einen Augenblick und betrachtete den Grafen zweifelhaft
Ihr Name sagte er endlich ist Ihr Name nicht Hohental Der bin ich sagte der
Graf und blickte nun ebenfals verwundert auf den General Mein Gott rief
dieser indem er beide Arme nach dem Grafen ausstreckte kennen Sie mich denn
nicht wieder Es ist ja unmöglich teurer Freund dass das Andenken an mich ganz
bei Dir verlöscht ist muss ich mich denn nennen hast Du denn alle heitern
Stunden in Paris vergessen Klairmont rief der Graf mit Erstaunen Derselbe
bester Graf erwiderte der General indem er ihn herzlich in seine Arme schloss
Wir haben uns lange nicht gesehen sagte endlich der Graf lächelnd Vieles
hat sich seitdem geändert und es ist nicht leicht in dem General Klairmont den
heitern schlanken tanzenden Klairmont meinen damaligen Freund wieder zu
erkennen und gewiss hättest Du es damals wohl nicht geglaubt dass Du jemals
unter Umständen wie die gegenwärtigen mein Gast sein würdest Gewiss gewiss
nicht sagte der General und sah sich mit einiger Unruhe nach seinem Adjudanten
um Erlaube sagte er drauf zum Grafen ein kleines Dienstgeschäft Der Graf zog
sich zurück und der General trug dem Adjudanten auf jede Gewalttätigkeit zu
verhindern alle Vorräte unberührt zu lassen Alles so viel als möglich in
die Nebengebäude einzuquartieren und sich überhaupt so zu betragen als ob sie
zum Besuch bei einem Freunde wären
Der Adjudant eilte diese den früheren so entgegen gesetzten Befehle zu
erteilen und der General wendete sich wieder zu dem Grafen Hätte ich nur
ahnen können sagte er dass dies Dein Schloss wäre mein alter Freund so hätte
ich Dich zwar besucht aber nicht mit so ansehnlicher Begleitung nicht auf
Kriegsfuss aber man hat Dich mir nur immer als den reichen Grafen ohne Dich zu
nennen bezeichnet und da dachte ich dann ich dachte man könne es sich hier
etwas bequem machen ohne dass ich nach Deinem Namen fragte
Der Adjudant kehrte zurück der Befehl zu schonen war etwas zu spät
gekommen die Vorräte waren schon unter die Truppen verteilt noch etwas Wein
hatte der Adjudant retten können weil man ihn zum Gebrauch des Generals zurück
gelassen hatte und auch die Pferde des Grafen hatte er wieder nach dem Stalle
zurück führen lassen Die dem Prediger gehörigen hatten noch keinen Liebhaber
gefunden und waren also ebenfalls gerettet
Indem der General noch mit der Verlegenheit hierüber kämpfte zeigte sich
Dübois an der Türe und winkte mit ängstlichen Mienen dem Grafen Der General
bemerkte es und fragte misstrauisch Es gibt doch keine neue Unordnung durch
meine Leute Und als Dübois statt aller Antwort mit den Achseln zuckte rief er
Reden Sie wenn was Sie zu sagen haben Jemanden aus meinem Gefolge betrifft
Wenn es Ew Excellenz denn befehlen sagte der Haushofmeister zögernd so muss
ich berichten dass die gnädige Frau Generalin die Zimmer der Frau Gräfin und des
Fräuleins in Besitz genommen und unsere Damen daraus verdrängt hat so dass Alle
auch die Frau Predigerin nun in das kleine Zimmer der Haushälterin zusammen
gedrängt sind wo die Frau Gräfin krank auf dem Bette liegt ich wollte nun um
den Befehl des Herrn Grafen bitten um zu erfahren was zur Erleichterung und
Bequemlichkeit der Frau Gräfin geschehen kann Eine dunkle Röte hervorgerufen
von Scham und Zorn verbreitete sich über das Gesicht des Generals Führen Sie
mich nach dem Zimmer der Frau Gräfin rief er dem Haushofmeister zu Voran ich
folge Ihnen Dübois tat wie ihm befohlen worden und schritt voran der
General folgte und der Graf schloss sich an um wo möglich einen unangenehmen
Auftritt zu verhindern Dem Prediger wäre es unmöglich gewesen zurück zu
bleiben auch wenn ihm Jemand diese Qual hätte auferlegen wollen er folgte also
ebenfalls den Übrigen
Als dieser Zug das Zimmer der Gräfin erreichte fanden sie die junge Dame
welche den General zu Pferde hieher begleitet hatte vor dem Spiegel sitzen Sie
hatte das Reitkleid schon ausgezogen und hatte um den entblößten Busen und die
Schultern einen durchsichtigen Musselin geworfen der bei jeder Bewegung
enthüllte was er scheinbar verhüllen sollte Diese leichte Tracht erregte ihr
keine Verlegenheit obgleich drei bis vier Bediente im Zimmer waren die
Schachteln und Pappkasten aller Art herauf gebracht hatten aus deren Inhalt
ihre Gebieterin einen reizenden Anzug wählen wollte Die eben gebrauchte
Schminke stand noch vor ihr und sie war damit beschäftigt einen Zweig Rosen in
ihre dunkeln Locken zu befestigen als der General eintrat dem sie zärtlich
entgegen lächelte Lassen Sie mich meine Kleidung vollenden bat sie ihn ehe
ich Ihnen zur Tafel folge
Nicht hier ist Ihr Ankleidezimmer sagte der General mit Härte folgen Sie
mir dahin wo Sie hingehören und all der Kram uns nach rief er den Bedienten
zu Er ergriff nach diesen Worten ziemlich unsanft die Hand seiner Freundin und
führte sie mit Gewalt in ihrer leichten Tracht nach dem Saale die noch nicht
recht befestigten Rosen hingen herunter schlugen bei dem eiligen Schritte zu
welchem der General sie zwang die Wangen der Schönen die Bedienten rafften
Reitkleid Schminke Blumen und Schachteln unordentlich zusammen und folgten
dem Zuge der auf diese Weise in die Mitte des Saales gelangte wo der General
die Hand der Dame plötzlich los ließ und dem Grafen sagte Du wirst gewiss die
Güte haben dieser Person ein Zimmer anweisen zu lassen
Mit ungewissen Blicken betrachtete der Graf die junge Dame und sagte Wenn
Madame Deine Gemahlin ist Wenn Madame meine Gemahlin wäre so würde sie sich
wie eine Frau von Stande zu betragen wissen
Dies Wort klärte die Sache auf und der Graf befahl dass man ihr im unteren
Stockwerk ein Paar Zimmer anweisen sollte Eben wollte sie von den Bedienten
die ihre Schachteln trugen begleitet den Weg dahin antreten als der Prediger
zu ihr trat und sie folgendermaßen anredete Ich habe meinen Augen nicht trauen
wollen ich habe es nicht für möglich gehalten dass ich Sie unter solchen
Umständen hier antreffen könnte Kann man so durchaus jedes Gefühl der Scham und
Dankbarkeit verleugnen
Die junge Person hatte verlegen vor sich nieder geblickt da aber jetzt
Alles auf sie einstürmte so fand sie auf ein Mal den Mut zur Frechheit wieder
und indem sie die Augen dreist auf den Pfarrer richtete sagte sie Ich wüsste
doch nicht Wem ich hier so viel Dank schuldig wäre doch wohl Ihnen nicht
dafür dass Sie mich zu einer elenden Stelle haben empfehlen wollen Der Pfarrer
wollte etwas erwidern aber der General bei dem die Neigung für seine Geliebte
wiederkehrte so wie das Gefühl der Beschämung über ihr Betragen verschwunden
war machte es ihm unmöglich indem er seine Schöne bei der Hand nahm und sagte
Komm mein Kind ich will Dich selbst nach Deinem Zimmer führen
Er verließ in dieser Absicht mit ihr den Saal und der Graf konnte sich nun
an den Pfarrer mit der Frage wenden Wer denn eigentlich die junge Person sei
Mein Gott rief dieser Lisette ist es des alten Schuftes des Lorenz Tochter
Man fand nicht Zeit sich zu verwundern der Graf eilte die Gräfin wieder in
Besitz ihrer Zimmer zu setzen wohin sie krank und matt gebracht wurde den
Grafen dringend bittend es zu vermeiden dass sie gezwungen würde den General
zu sehen wenn er etwa darauf kommen sollte ihr einen Besuch machen zu wollen
Als der Graf in den Saal zurückkehrte fand er den General und den Prediger
darin auf und abgehend und er hörte eben wie der Letztere das Versprechen
empfing dass die in seinem Pfarrhause einquartierten Soldaten zurück gezogen
werden sollten Es war sehr bald zwischen dem General und dem Grafen die alte
Vertraulichkeit der früheren Zeit erneuert worden und der Letztere teilte dem
feindlichen Anführer St Juliens Begebenheit mit samt den Gründen die ihn zu
der Bitte bestimmten den jungen Mann nicht zu nötigen seinen Fahnen zu
folgen Der General sah es ein dass sein Freund in Unannehlichkeiten verwickelt
werden könnte wenn er den jungen Mann entliesse und die preußische Regierung ihn
jemals wieder in Anspruch nehmen könnte aber schloss er seine Rede da dieser
Fall nicht eintreten kann so vermag ich auch Deine Besorgnis nicht zu
begreifen
Wie verstehst Du das fragte der Graf mit Erstaunen Glaubst Du denn in der
Tat, erwiderte der General sehr gelassen dass der Kaiser Napoleon die Großmut
so weit treiben wird die preußische Monarchie wieder herzustellen die schon
vernichtet ist und dass er zu diesem Behuf dem Könige Provinzen zurück geben
wird die wir schon besitzen
Niemals war es dem Grafen eingefallen dass es in dem Plane des französischen
Kaisers liegen könnte Preußen ganz aus der Reihe der Staaten zu tilgen und es
erschütterte deshalb sein Innerstes dass Jemand ihm gegenüber ein so ungeheures
Unglück so gelassen aussprechen konnte Könnte ich glauben erwiderte er dem
General dass dies Entsetzliche eintreten könnte es würde mich zur Verzweiflung
bringen Ich kann begreifen dass Ihr in Frankreich mit Gleichgültigkeit den
Wechsel der Regenten den Austausch der Länder betrachtet Ihr habt so vielen
Wechsel erlebt Alle Eure Einrichtungen sind noch viel zu jung und neu als dass
sie tiefe Wurzeln hätten schlagen können Ihr würdet Euch ebenfalls trösten
wenn Napoleon unterginge und die Bourbons wiederkehrten
Halt rief der General lästre den Kaiser nicht sprich nichts
Hochverräterisches in meiner Gegenwart die Bourbons werden Frankreichs Boden
nie wieder betreten
Ich wollte nur sagen erwiderte der Graf dass diese Begebenheit nicht
außerhalb der Gränzen der Möglichkeit liegt und dass Euer Kaiser so hoch das
Glück ihn auch emporgehoben hat selbst dazu beitragen kann sie wirklich zu
machen denn meinst Du wenn unser Unglück so groß sein sollte dass wir dies Mal
gänzlich erliegen müssten und die Macht von Russland nicht hinreichen sollte
Euren Sieg zu hemmen dass dann nicht ein neuer Mut eben aus der Verzweiflung
entstehen würde Glaube mir Jeder würde sein ganzes Vermögen seine
Seelenkräfte und sein Herzensblut daran setzen das Vaterland zu retten und auf
dessen Thron den angestammten König der zu uns gehört wie wir zu ihm wieder
zurückzuführen Und wenn nun diese Hunderttausende Euch entgegenträten die Alle
ein Gefühl ein Gedanke begeisterte von denen Jeder entschlossen wäre wenn es
sein muss rühmlich zu unterliegen aber nie von seinem Platze zu weichen werdet
Ihr dann auch diese besiegen können Und wird nicht vielleicht dies Gefühl sich
aller Länder bemeistern die Frankreich in Fesseln hält Und wäre es dann nicht
möglich dass der Stern der Euch jetzt leitet verschwände und Ihr Eure alte
Bahn suchtet Ich bitte Dich sagte der General mit einem mitleidigen Lächeln
lass uns nicht über Politik sprechen ich darf Deine Äußerungen nicht anhören
die nur Dich verderben können ohne uns im Mindesten zu schaden Ich will zu
Deiner Beruhigung den jungen Mann bei Dir lassen bis dieser Krieg geendigt ist
und der Friede der nicht lange ausbleiben wird uns belehrt hat wessen Ansicht
die richtige war
Der Graf fühlte selbst dass es besser sei dergleichen Gespräche zu
vermeiden und ließ St Julien bitten die Gesellschaft zu vermehren indem er
zugleich die Damen entschuldigte die durch die Krankheit der Gräfin abgehalten
würden zu erscheinen Dem General schien diese Einrichtung eine Erleichterung
zu gewähren weil er sich nach dem was vorgefallen war der Gräfin gegenüber
unbehaglich gefühlt haben würde auch seine Begleiterin erklärte nicht
erscheinen zu wollen und so waren die Männer dies Mal bei der Tafel allein und
der General benuzte die größere Freiheit die dadurch entstand als der Wein ihn
etwas begeisterte zu manchen Scherzen die die Gegenwart der Frauen unmöglich
gemacht haben würde und es schien seine Heiterkeit zu erhöhen wenn er solche
witzige Einfälle an den Geistlichen richten konnte der nicht recht den Mut
hatte sie abzuweisen weil er den feindlichen General fürchtete und sich doch
empfindlich gekränkt fühlte dass er seine geistliche Würde so verletzen lassen
musste
Der Graf suchte den Pfarrer gegen die Angriffe des Generals zu schützen
indem er diesen an die früheren Zeiten erinnerte die sie miteinander in Paris
verlebt hatten und sich nach manchen Bekannten erkundigte die damals zu ihrem
Kreise gehört hatten Es machte auf die Gesellschaft einen traurigen Eindruck
dass der General gleichzeitig beinah über jeden berichtete der ist in jener
Schlacht geblieben der starb an seinen Wunden nach der Schlacht den raffte
eine ansteckende Krankheit im Lager hinweg so dass kaum zwei oder drei als
Lebende bezeichnet wurden die sämtlich einen bedeutenden Rang in der Armee
erreicht hatten
Es macht mich schwermütig rief der Graf wie vieles Leben untergehen muss
um die Pläne eines Einzelnen zur Ausführung zu bringen und da beinah Alle mit
denen wir damals lebten in Staub zerfallen sind so frage ich mit Bangigkeit
nach dem Freunde den ich wahrhaft liebte und von dessen Schicksal ich seit
wir uns trennten nichts habe erfahren können Was ist aus dem jungen Evremont
geworden
Die Heiterkeit mit welcher der General bis jetzt über den Tod aller
Jugendbekannten gesprochen hatte verschwand plötzlich aus seinen Zügen und es
schien als ob in der Frage des Grafen ein Zauber läge wodurch auch die Wirkung
des Weins aufgehoben würde denn ernst und nüchtern erwiderte er Mit dieser
Frage rufst Du den schrecklichsten Augenblick meines Lebens mir zurück und
alles Entsetzen welches damals meine Brust erfüllte droht mich von Neuem zu
ergreifen Er bedeckte mit der Hand einen Augenblick seine Augen fuhr dann
damit über die Stirn und sagte Traurig hat unser junger Freund geendigt und
ich habe niemals den Zusammenhang seines Schicksals erfahren können Du
verliessest Paris als die entsetzlichen Auftritte begannen die unsere
Revolution täglich hervorrief Der alte Graf Evremont der Vater unseres
Freundes hieß es um diese Zeit sei gestorben ein dunkles Gerücht behauptete
er sei nach der Schweiz entflohen auch von dem Sohne wollte man behaupten er
sei abwesend als er plötzlich in Paris erschien und sich allenthalben
öffentlich zeigte Er ließ es sich gefallen dass ihn Niemand mehr Graf sondern
Alle Bürger Evremont nannten Es war die Rede davon dass er bei der Armee
angestellt werden sollte als er auf ein Mal wieder verschwand man behauptete
er sei emigrirt und seine noch vorhandenen Güter wurden eingezogen denn es
ergab sich dass Vieles verkauft war Ich teilte die allgemeine Ansicht dass er
sich zur Kondéschen Armee begeben habe und dachte in Jahren nicht weiter an
ihn
Die Hinrichtungen waren damals häufig in Paris und es war die traurige
Pflicht des Dienstes in solchen Fällen einen Platz um die Guillotine zu
besetzen so wurde auch ich eines Morgens beordert diese Pflicht mit meiner
Kompagnie zu erfüllen Es waren mehrere unglückliche Schlachtopfer schon
gefallen ich hatte mich von dem scheußlichen Anblick abgewendet und ich
begreife noch nicht welche innere Macht mich zwang mich endlich nach dem
Schaffot hinzuwenden da grade hatte es eine edle Gestalt bestiegen die
geisterbleich mit den dunkeln Augen in meine starrte Ich wollte rufen
Evremont aber das Entsetzen fesselte die Stimme in meiner Brust in demselben
Augenblick ertönte ein so durchdringend gellender Schrei der Verzweiflung dass
alle Zuschauer dieses grausen Schauspiels zusammenbebten und sich unwillkürlich
nach der Seite hinwendeten von woher der Schrei ertönte auch meine Augen
folgten der allgemeinen Richtung und ich sah einen Augenblick zwei blendend
weiße Arme nach dem Schaffot ausgestreckt ein todtenbleiches Gesicht einer Frau
mit wahnsinnigem Ausdruck ein zweiter Schrei ertönte und die Gestalt sank
zurück und war mir in der Menge verloren Als ich mich wieder nach dem Schaffot
wendete hatte unser unglücklicher Freund geendet und sein edles Blut strömte
dampfend hinunter Ich gestehe Dir sagte der General nachdem Alle eine
Zeitlang geschwiegen hatten an diesem Tage kam mir die Revolution der ich
sonst mit ganzer Seele anhing grässlich vor ich beweinte unsern Freund mit
bitteren Tränen ich glaubte nicht dass ich nachdem ich dies erlebt hatte
jemals wieder heiter werden könnte und doch was ist der Mensch mit seinen
Freuden und Schmerzen Ich überwand dies wie vieles Andere und wurde wieder mit
dem Leben vertraut
Und jene unglückliche Frau fragte der Graf mit ungewisser Stimme
Ich habe niemals erfahren Wer sie war und in welcher Beziehung sie zu ihm
stand erwiderte der General seine Schwester aber war es nicht fügte er
hinzu die würde ich erkannt haben dabei fällt mir ein fuhr er lächelnd fort
es war ja des armen Evremonts sehnlichster Wunsch diese Schwester mit Dir zu
verbinden und Du selbst warst ja auch damals dazu geneigt wie hat sich denn
doch Alles anders gestaltet oder sollte die Gräfin Deine Gemahlin vielleicht
Meine Gemahlin ist eine Deutsche versetzte der Graf Nach meiner Abreise
von Paris hatte ich bald jede Spur des unglücklichen Freundes wie seiner
liebenswürdigen Schwester verloren die Zeit beruhigte mich nach und nach über
den Verlust und als sich die Dinge schon lange anders gestaltet hatten hegte
ich noch immer die Hoffnung ich würde ihn den ich so herzlich liebte einmal
plötzlich wieder erblicken ja so wie Du mir heute unvermutet erschienst so
träumte ich oft würde er mir als vermeintlicher Feind entgegentreten und mich
als herzlicher Freund in seine Arme schließen
Und er wäre eine willkommenere Erscheinung gewesen sagte lächelnd der
General
Sei nicht ungerecht erwiderte der Graf und tadele es nicht wenn das
traurige Schicksal eines Freundes mich schmerzt den wir Beide liebten Das ist
der Fluch der Revolutionen fuhr er mit bewegter Stimme fort dass sie das
Edelste hinwegraffen dass sie den tugendhaftesten Bürger und den gemeinsten
Bösewicht auf dieselbe Stufe des Elends schleudern und beider Blut oft auf
gleiche Weise vergießen
Das ist wahr rief der General und sind wir denn nun nicht dem großen Geist
unendlichen Dank schuldig der dies blutige Ungeheuer fesselte der Ruhe und
Sicherheit in alle Familien zurückkehren hieß und Frankreichs Söhne auf eine
Bahn des Ruhms leitete so kühn so glänzend wie die Geschichte kein Beispiel
bietet
Es wäre ungerecht sagte der Graf eine entschiedene Größe nicht anerkennen
zu wollen auch wenn wir sie im Feinde bewundern müssen aber glaube mir fügte
er lächelnd hinzu wir alle haben noch kein Urteil über Napoleon dies müssen
wir der unparteiischen Nachwelt überlassen wir sind zu sehr in der Gegenwart
befangen diejenigen die er im kühnen Laufe seines Glücks mit sich erhebt
werden ihn vielleicht zu sehr bewundern und die die er als egoistischer Sieger
schonungslos drückt werden ihn vielleicht zu leidenschaftlich hassen nur die
Nachwelt wird mit Gerechtigkeit aussondern Was wirklich groß in Eurem Helden
erscheint und auch anerkennen dass er nicht frei von Eitelkeit und kleinlicher
Selbstsucht war
Du übernimmst aber doch schon jetzt die Rolle der Nachwelt sagte der
General empfindlich und urteilst ob Du gleich behauptest dass wir nicht
urteilen können
Wir können uns über diesen Gegenstand nicht verstehen erwiderte der Graf
indem er freundlich die Hand seines Freundes fasste jeder von uns müsste seine
Lebensansichten und Erfahrungen aufgeben wenn er zu der Meinung des Andern
übertreten sollte darum lass es uns erwarten ob nicht auch uns die Zukunft in
dieser Hinsicht wieder näher zusammen rückt
Du meinst sagte der General gereizt wenn die Bourbons wieder über
Frankreich herrschen wenn alle alten Anmassungen wiederkehren wenn Ich meine
gar nichts sagte der Graf ihn unterbrechend als dass wir die Zeit unseres
Beisammenseins nicht in unnützen Streitigkeiten verlieren sollten Darin hast Du
Recht erwiderte der General wir wollen nichts gar nichts mehr über Politik
sprechen bis nach dem Frieden der uns vielleicht auf eine andere Weise näher
zusammenrückt als Du vorhin meintest
Der Graf schwieg um den Streit zu beendigen und St Julien bat den General
um eine Unterredung und folgte ihm zu diesem Zwecke nach seinem Zimmer hier
trug er ihm die Bitte vor einen Brief an seine Mutter zu besorgen
Ich darf eigentlich gar nicht wissen dass Sie hier sind sagte der General
da Ihre Gesundheit aber noch nicht hergestellt ist und Sie doch keinen Anteil
an den Gefechten nehmen können so will ich Sie hier als krank zurücklassen und
Ihren Brief besorgen den Sie mir morgen abgeben müssen da wir übermorgen
weiter ziehen um uns der großen Armee anzuschließen St Julien fühlte sich
beschämt und gekränkt dass er nicht in den Reihen der Braven fechten sollte ihn
ängstigte der Gedanke dass der General sein Zurückbleiben für Feigheit halten
könnte und er setzte ihm deshalb sein ganzes Verhältnis zum Grafen auseinander
und bat ihn selbst zu enscheiden ob er sein dem Grafen gegebenes Wort
verletzen könne
Der General hörte mit Rührung St Juliens Bericht und bewunderte aufrichtig
die edle schonende Weise mit welcher ihm jeder denkbare Beistand war geleistet
worden Sie wären ohne den Grafen verloren gewesen sagte er endlich also sind
Sie gewissermaßen sein und kein Mann von Ehre darf sein Ehrenwort verletzen
auch bin ich überzeugt dieser Krieg wird bald beendigt sein dann werden Sie
uns zurückgegeben und das Leben liegt noch vor Ihnen um sich Ruhm zu erwerben
Aber nun erklären Sie mir schloss er seine Rede wie kam es dass man Sie
getrennt von der Armee in dieser hülflosen Lage einsam fand
Eine dunkle Röte bedeckte St Juliens Gesicht er schwieg verlegen und
stotterte endlich es war eine Ehrensache ein Duell dem ich mich nicht
entziehen konnte Ich will nicht weiter in Sie dringen sagte der General kalt
die Sache scheint nicht solcher Natur zu sein dass sie sich aufrichtig
mitteilen lässt Geben Sie mir morgen Ihren Brief Hiemit entließ er den jungen
Mann der aufs Tiefste verletzt sein einsames Zimmer suchte um den Schmerz zu
verbergen der sein Herz zerriss da er sah wie er von dem General verkannt
wurde der offenbar zu glauben schien dass wenig ehrenvolle Gründe ihn zum
Schweigen bestimmten
Der Arzt war indessen auf dem Schloss angekommen und berichtete dass das
Unglück viel gelinder vorüber ginge als man hatte vermuten können Anfangs
rief er ja Anfangs da sah es freilich übel aus die Franzosen kamen wütend
wie die Tigertiere Der forderte Wein Jener wollte Braten und Fisch und die
Verwirrung war grenzenlos denn die armen unvernünftigen Bauern verstanden nicht
einmal was ihre Gäste wollten diese nahmen ihre Zuflucht zu Prügeln um sich
verständlich zu machen die Weiber fingen an zu heulen die Kinder kreischten
dazwischen kurz es war ein Getöse als ob die Welt untergehen sollte Zum
Glück war ich gegenwärtig fuhr der Arzt mit Selbstzufriedenheit fort ich der
niemals seine Pflichten versäumt wenn die Erfüllung derselben auch mein Leben
in Gefahr bringen sollte ich besuchte heute wie immer meine Kranken und auch
zu dem Schmerzenslager drang das wüste Geschrei Da ich nun französisch
verstehe so konnte ich wie eine wohltätige Gottheit zwischen Feinde und Bauern
treten ich bewirkte dass die Franzosen ihre Forderungen herabstimmten indem
ich ihnen die Unmöglichkeit zeigte dass der Bauer nicht geben könne was er
nicht hat und ich erklärte den Bauern die Bedürfnisse ihrer Gäste diese hörten
auf zu prügeln und die Weiber statt zu heulen deckten die Tische Die Feinde
wurden guter Laune und die Gemüter näherten sich dabei fand es sich dass
einige Franzosen krank sind die Feldapoteke ist aber schlecht versehen und
der junge Arzt der Franzosen war sehr in Verlegenheit auch hier kann ich
heilbringend dazwischen treten ich habe was er bedarf ich werde ihm selbst
die nötigen Arzneien hinbringen und er wird meinen Rat benutzen den Bauern
aber habe ich befohlen für Kraftbrühen für die Kranken zu sorgen
Auch dafür sagte der Graf wird besser hier im Schloss gesorgt werden
können
Das ist wahr rief der Arzt auch Feinde sind Menschen die Wissenschaft
macht keine Unterschiede ich muss sie wieder herzustellen suchen und wollen sie
so undankbar sein wenn sie durch meine Hilfe ihre Glieder wieder brauchen
können sie zu unserem Schaden zu benutzen so ist das ihre Sache die sie
verantworten mögen
Der General war wieder zur Gesellschaft zurückgekehrt und hatte des Arztes
Bericht von diesem unbemerkt gehört Er verstand im Ganzen seine Mitteilung
und lächelte über die seltsamen Gebärden womit er seine Rede begleitete Jetzt
rief der lebhafte Arzt muss ich erst sehen wie es mit Herrn St Julien steht
und dann zurück zu meinen Franzosen Er wendete sich schnell und bemerkte nun
dass der General dicht hinter ihm gestanden hatte und da er nachdem er sich
gewendet hatte in die Augen des feindlichen Anführers blickte so sprang er vor
Schrecken St Juliens erwähnt zu haben drei Schritte zurück Ich
Unglücklicher rief er aus welche Unvorsichtigkeit habe ich begangen Der
General der ihn erriet sagte Beruhigen Sie sich ich lasse Ihnen Ihren
Kranken Sie sind ein braver Mann wenn auch etwas sonderbar lächerlich würden
wir in Paris sagen aber hier in Deutschland werden Sie vielleicht bloß etwas
seltsam genannt werden
Der Arzt war erstaunt und empört zugleich dass man ihn lächerlich finden
könnte und die dunkle Röte seines Gesichts wie seine funkelnden Augen zeigten
dass er etwas Heftiges antworten wollte der Graf der ihn erriet lenkte jedoch
seinen Zorn ab indem er ihn erinnerte dass er heute St Julien noch nicht
besucht habe und ihn auch bat sich nach dem Befinden der Gräfin zu erkundigen
Der Arzt eilte hinaus diese doppelte Pflicht zu erfüllen und der General
sagte als er den Saal verlassen hatte zum Grafen Das scheint eine gutmütige
Karrikatur Du hast Deinen Haushalt recht vollständig auf den Fuß der guten
alten Zeit eingerichtet denn Du besitzest in diesem Deinem trefflichen Arzte
wie es scheint zugleich einen Hofnarren
Wir müssen es unsern Besiegern gestatten sagte der Graf lächelnd unsere
gelehrten Freunde mit Namen zu bezeichnen wie es ihnen gut scheint und haben
kein Recht oder wenigstens keine Macht ihre Freimütigkeit zu beschränken
Nimm es nur nicht übel sagte der General gutmütig dass ich meine Meinung
ohne Umstände aussprach aber gewiss muss man sich erst an die wunderlichen
Manieren Deines Arztes gewöhnen ehe man seine guten Eigenschaften gehörig
würdigen kann und mit einem Französisch ist der Mann behaftet dass ich es in
welcher Gegend der Welt ich auch war noch niemals barbarischer vernommen habe
Und grade dies sagte der Graf ist sein Stolz Er ist überzeugt dass er wie
ein geborner Pariser spricht sein Ohr hört gar keinen Unterschied
Nun siehst Du erwiderte der General Du musst seine Narrheit ja selbst
zugeben
Der Prediger konnte sich in der Nähe des Generals gar nicht behaglich
fühlen und es war ihm also sehr erwünscht zu vernehmen dass die Rückkehr nach
seinem Pfarrhause ohne Gefahr zu bewerkstelligen sei er beschloss daher seine
Familie auf dem Schloss zu lassen wo er sie unter dem unmittelbaren Schutze
des feindlichen Generals am Sichersten glaubte und kehrte mit dem Arzte nach
dem Dorfe zurück um selbst zu sehen wie es den Bauern erginge
Alles war hier in vollkommener Ruhe die französischen Soldaten hatten sich
überzeugt dass die Bauern bereit waren sie so gut als möglich zu bewirten da
sie die Vorräte der Häuser selbst untersucht hatten so wussten sie wie weit
sie ihre Forderungen ausdehnen könnten und waren genügsamer geworden
Nachdem sie ihre Waffen geputzt hatten fingen sie an mit den Kindern zu
spielen oder ihrem Wirte in seinen häuslichen Beschäftigungen zu helfen Einige
suchten sich eine Violine und einen Bass zu verschaffen um in der Schenke zum
Tanze zu spielen denn die jüngeren Soldaten hatten sich nicht eher zufrieden
gegeben bis sie alle weiblichen Personen die das Regiment begleiteten zum
Tanze willig gemacht hatten auch einige Mägde aus dem Dorfe waren überredet
worden und so zog nun diese ansehnliche Schaar der Schenke zu um den Ball zu
eröffnen
Die Kranken fand der Arzt um Vieles besser da sie sich durch die vom
Schloss gesendeten Kraftbrühen und durch den guten ebenfalls von dort
erhaltenen Wein sehr gestärkt fühlten
Der französische Arzt war dankbar für die Arzneien die ihm sein deutscher
Kunstgenosse mitteilte und der Prediger lud den deutschen wie den französichen
Arzt ein den Abend bei ihm zuzubringen welches von Beiden bereitwillig
angenommen wurde
XIII
Der andere Tag ging ohne Störung und ohne merkwürdige Vorfälle vorüber Den
folgenden zog der General mit seiner Schaar weiter um sich der großen Armee
anschließen Das Geräusch der Waffen der Gehenden und Kommenden war
verschwunden und eine so tiefe Ruhe und Stille senkte sich wieder auf das
Schloss nieder als ob Krieg und Tod gar nicht in der Nähe wüteten
Der Graf besuchte nun den Obristen Talheim den er vom Schloss entfernt
gehalten hatte so lange die Franzosen dort die Herren waren denn der alte
Krieger würde nicht mit der nötigen Geduld den Anblick der übermütigen Sieger
ertragen haben Er teilte ihm zum Troste die Nachricht mit die sich anfing zu
verbreiten dass endlich die Russen zum Beistande erschienen seien und man
hoffte nun mit Gewissheit dass Napoleons Macht an dem nordischen Koloss scheitern
würde
Auf St Julien schienen mancherlei Bewegungen des Gemüts nachteilig
gewirkt zu haben denn sein Zustand fing sich an merklich zu verschlimmern
seine Wunden entzündeten sich von Neuem und der Arzt geriet in Verzweiflung
Emiliens Kummer war sichtbar wenn der junge Mann so bleich und im Fieber
zitternd in der Gesellschaft erschien und ihre fragenden teilnehmenden Blicke
senkten Balsam in das verwundete Gemüt des Kranken Der Graf und die Gräfin
bemühten sich liebevoll ihn aufzurichten und Dübois verdoppelte Aufmerksamkeit
und Pflege Selbst der Obrist Talheim bewies dem jungen Manne aufrichtige
Teilnahme und vermied es sogar in seiner Gegenwart die Franzosen zu
verwünschen so dass nach und nach Ruhe und Heiterkeit in seine Seele
zurückkehrte Die Bauern hatten durch die kurze Anwesenheit der Franzosen mehr
gelitten als man Anfangs glaubte und der Graf musste auch hier helfend
eintreten wenn nicht einige ganz zu Grunde gehen sollten er selbst erwähnte
seinen eigenen Verlust nicht ob dieser gleich nicht unbedeutend war
So war das Weihnachtsfest herbeigekommen und obgleich Jeder dem Andern
kleine Geschenke bot und mit Dankbarkeit als Zeichen der Liebe empfing so waren
doch alle Gemüter zu sehr gedrückt als dass eine allgemeine Heiterkeit hätte
stattfinden können Die Feinde waren Herren des Landes das von ihnen planmässig
ohne Schonung benutzt wurde die Festungen waren in ihrer Gewalt und Niemand
konnte es sich abläugnen dass eine große Entscheidung nahe sei denn musste die
Macht Russlands vor der Napoleons weichen so war es nur zu gewiss dass er ohne
Widerspruch das Schicksal des unglücklichen Landes bestimmen durfte
Diese traurige Stimmung wurde noch erhöht als die Nachricht von der
unglücklichen Schlacht bei Pultusk sich verbreitete beinah aller Mut und alle
Hoffnungen wurden erschüttert Die langen traurigen Winterabende trugen dazu
bei die Schwermut zu erhöhen Nur mit Anstrengung vermochte man zuweilen aus
der Wirklichkeit hinweg zu flüchten und in Poesie und Musik den Trost zu
suchen den das Leben in der Gegenwart nicht gewähren konnte
Endlich kam die Nachricht von einer furchtbaren Schlacht die den 7 und 8
Februar bei Eylau geschlagen sein sollte Das Gerücht verkündigte die Russen
wären die Sieger und Napoleons Armee nach einem fürchterliche Blutbade
vernichtet Wenn auch das menschliche Gefühl die auf Hohental vereinigten
Freunde zu schaudern zwang über den grässlichen Untergang so vieler Tausende so
erhob sich in der Seele doch die lange nicht gekannte Freude die Hoffnung regte
sich im Herzen man glaubte wieder an die Rettung des Vaterlandes und wenn man
auch ahnte dass noch manche Kämpfe zu bestehen sein dürften so fasste man doch
Mut nach diesem ersten Pfande des wiederkehrenden Glücks Nur St Julien
schlich bei der allgemeinen Freude hinweg er fühlte mit innigem Schmerz die
Niederlage der Franzosen er zweifelte aber an der Wahrheit der Berichte der
Sieg schien ihm gefesselt an die französischen Adler er konnte sich die
Möglichkeit nicht denken dass die dreifarbige Fahne rückwärts wiche und er
hoffte also mit Sehnsucht auf bestimmte Nachrichten die wie er nicht
zweifelte diesen ersten widersprechen würden Aber sein Herz war geteilt er
musste es sich gestehen dass ihm der Sieg der Franzosen keine reine Freude
gewähren würde weil er seine deutschen Freunde an die ihn tausend zarte Bande
knüpften so innig schmerzen musste
Überhaupt hatte St Julien im Umgange mit diesen Freunden das Leben anders
betrachten gelernt er hatte mit einem gewissen Leichtsinn wie beinah alle
jungen Leute in Frankreich Militärdienste genommen es schwebte ihm dunkel das
Bild des glänzenden Ruhmes vor den er durch Napoleons Stern geleitet gewinnen
wollte ein strahlender Name in der Geschichte und als Lohn im gegenwärtigen
Leben in der Ferne der Marschallsstab von Frankreich Er hatte sich nie gefragt
weshalb diese Kriege geführt würden und welchen Zweck sie befördern sollten
Hier nun unter Frankreichs Feinden hatte er den Beistand gefunden der ihm
das Leben rettete und hier öffnete sich sein Herz Gefühlen die ihm dies Leben
verschönerten und ihm bis dahin fremd gewesen waren denn wie innig er seine
Mutter auch liebte so fühlte er doch dass er der Gräfin mit größerer
Zärtlichkeit ergeben sei Der Graf flößte ihm nicht nur die Liebe ein die er
für einen Vater empfunden haben würde wenn er jemals einen Vater gekannt hätte
sondern er betrachtete ihn auch mit Bewunderung er war ihm das Vorbild eines
vollendeten edelen Mannes dessen kleine Schwächen selbst seinen Charakter mehr
zierten als entstellten Sein empfängliches Gemüt öffnete sich dem Zauber den
die Dichtkunst auf ihn übte die er durch den Grafen in den Werken aller
Sprachen kennen lernte und er empfand es lebhaft welchen nie versiegenden
Quell der edelsten Genüsse ein gebildeter Geist in sich trägt Und Emilie Schon
der Klang ihres Namens bewegte ihm das Herz in seinen Tiefen jeder ihrer
Blicke jedes ihrer Worte umstrickte ihn mit neuem Zauber er fühlte die
glühendste Leidenschaft die zärtlichste Sehnsucht in seiner Seele und wagte es
zu hoffen dass ein ähnliches Gefühl sich auch in ihrem Busen entzündet hätte
Unter diesen Umständen war ihm der Gedanke schrecklich dies Haus diese
Menschen je verlassen zu müssen und doch war dies sobald der Friede
geschlossen war unvermeidlich und er schloss sich seinen deutschen Freunden und
vor Allen Emilie nur um so inniger an um über der beglückenden Gegenwart die
quälenden Sorgen für die Zukunft zu vergessen
Es konnte der Gräfin nicht entgehen dass zwischen St Julien und Emilie sich
das zarteste innigste Verhältnis bildete es erfüllte dies ihr Herz mit Sorgen
für die Zukunft ihrer jungen Freunde und dennoch wagte sie nicht mit Emilien
darüber zu sprechen weil oft eine Leidenschaft erst dadurch Macht gewinnt wenn
man unbestimmten Gefühlen Wort und Gestalt gibt Die jungen Leute ferner als
bisher von einander zu halten ließ sich ohne fühlbaren Zwang nicht machen und
dieser würde ein Misstrauen welches keines von beiden verdiente gezeigt haben
Es blieb also der Gräfin nichts weiter übrig als von der Zukunft wenn auch mit
sorgendem Gemüte zu erwarten wie das Loos ihrer jungen Freunde sich
entwickeln würde
Unter diesen verschiedenartigen Hoffnungen und Sorgen hatten die Freunde
mehrere Tage gelebt da begann die Hoffnung welche nach der Schlacht bei Eylau
erregt worden war nach und nach zu sinken Der Obrist Talheim der sich am
lebhaftesten gefreut hatte wurde zuerst bedenklich da nach diesem großen
Schlage keine Veränderung in der politischen Lage fühlbar wurde Er fing zuerst
an den großen Sieg zu bezweifeln und bald konnte es sich Niemand mehr
verbergen dass zwar ein großes Blutvergießen bei Eylau stattgefunden hatte aber
dass es für keine Partei entscheidend gewesen war Ein Schimmer von Hoffnung
erhielt sich noch die Franzosen hatten doch auf jeden Fall einen sehr kräftigen
Widerstand gefunden und nach diesem blutigen Tage keine bedeutenden Vorteile
gewonnen
Während solcher Spannung kam der Frühling heran Die Wiesen bekleideten sich
mit zartem frischem Grün der würzreiche Duft der Veilchen schwebte in den
Tälern tausend Blumen öffneten ihre Knospen und schimmerten der wärmenden
Sonne in allen Farben entgegen die Bäche waren von den Banden gelöst mit denen
sie der Winter gefesselt hatte und schlängelten sich wie Silberbänder durch das
frische Grün das zarte Laub der Birken flimmerte wie duftiges Gold um die
silbernen Stämme indes Buchen Linden Eichen und alle später sich belaubenden
Bäume ernstaft da standen und die Zweige mit den schwellenden Knospen in der
lauen Luft wiegten gleichsam als ob sie das voreilige Tun der andern tadeln
wollten
Noch kein Frühling hatte St Juliens Herz mit so trunkenem Entzücken
erfüllt als dieser und Emilie behauptete ihn in solcher Schönheit noch nie
erlebt zu haben auch Theresens Seele öffnete sich dem holden Zauber und die
jungen Leute vergaßen allen Kummer der Welt wenn sie auf den nahen Bergen umher
schweiften oder durch die blühenden Täler einem klaren Bache folgten bis er
sich mit Brausen auf die Räder einer einsam gelegenen Mühle stürzte Die älteren
Freunde genossen mit Sorgen die schönen Tage denn trübe und schwül wie ein
Gewitter drückte die französische Macht das Land und bange harrte man der
Zukunft entgegen
Endlich ward die Schlacht bei Friedland geschlagen und wenige Tage danach
wurde der Waffenstillstand mit Russland geschlossen und gleich darauf der mit
Preußen Jetzt mussten alle Hoffnungen auf eine bessere Zukunft aufgegeben
werden denn Jedermann konnte voraussehen dass ein höchst nachteiliger Frieden
diesem Waffenstillstande folgen werde
In dieser Zeit hörte der Graf mit minderer Teilnahme als wohl sonst in
seinem Charakter lag die Berichte des Predigers der schon früher wie er es
versprochen hatte Erkundigungen über alle Mitglieder der Hohentalschen Familie
hatte einziehen wollen aber durch die unruhigen Zeiten daran war verhindert
worden Er konnte jetzt dem Grafen mitteilen dass sein Verwandter der den
Prozess gegen ihn habe einleiten wollen in sehr bedrängten Umständen lebe und
dass vermutlich das so wichtige Dokument welches der alte Lorenz entwendet
hatte nur dadurch in die Hände des Grafen zurückgekommen sei weil sein Vetter
die erforderliche Summe nicht habe herbeischaffen können um dem alten Lorenz
den Diebstahl zu bezahlen Auf seine Erkundigung erfuhr der Graf ferner dass
sein feindlich gesinnter Vetter einen einzigen Sohn habe der in der Schlacht
bei Eylau verwundet worden sei und dessen Schicksal seine Eltern mit dem
tiefsten Kummer erfüllte weil man seitdem keine Nachricht mehr von ihm habe
Der Graf beschloss nach diesen Nachrichten sobald es die Umstände erlaubten
mit diesen fernen Mitgliedern seiner Familie in Verbindung zu treten und dann
nach der Art ihres Betragens das seinige abzumessen
Es war ein schöner heiterer Nachmittag in der ersten Hälfte des Juli als
die Gräfin mit St Julien und Emilie den Obristen Talheim besuchte der so sehr
von den neuesten Begebenheiten niedergebeugt war dass man für seine Gesundheit
fürchten musste Der Graf hatte noch einige Rechnungen mit seinem Verwalter
durchzusehen und versprach den Übrigen zu Pferde zu folgen Eben waren seine
Geschäfte beendigt eben wollte er befehlen sein Pferd vorzuführen als das
Schmettern eines Postorns das ein vielfaches Echo in dem engen Tale weckte
seine Aufmerksamkeit erregte Er trat zum Fenster und bemerkte bald wie ein
leichter glänzender Reisewagen mit vielen Bedienten durch die Schlucht flog und
in den Baumgang einlenkte der zu des Grafen Schloss führte Der Wagen flog in
den Hof zwei Bediente sprangen ab um den Schlag eilfertig zu öffnen und
heraus stieg der General Klairmont der eilig die große Treppe hinauf sprang
und ehe der Graf der ihm entgegen ging noch die Treppe erreichte schon in
dessen Armen lag Ich musste Dich noch sehen mein guter teurer Freund rief
der General indem er dem Grafen herzlich die Hände drückte ich kann nur eine
Stunde bei Dir bleiben ich bringe wichtige Befehle des Kaisers nach Paris und
ich machte den kleinen Umweg mit Freuden um Dich noch ein Mal zu umarmen
Der Graf dankte ihm für seine Freundschaft und da er nur einen so kurzen
Besuch ankündigte so wurden sogleich einige Erfrischungen herbei geschafft und
beide Männer saßen bald in trauliche Gespräche vertieft zu welcher Unterhaltung
der General das Meiste in der heitersten Laune beitrug
Weißt Du rief er endlich weshalb ich mit solchem Entzücken nach Paris
fliege Es ist meiner Familie gelungen eine Verbindung für mich zu schließen
die ich schon einleitete ehe dieser Krieg ausbrach und jetzt werden meine
Wünsche gekrönt eine der schönsten Damen in Paris ist meine Braut jung reich
liebenswürdig talentvoll und setzte er mit Gewicht hinzu von altem Adel Und
die Schöne die in Deiner Begleitung war fragte der Graf lächelnd Ach rief
der General die lustige Dirne ist fort Ich wurde bei Eylau wo es verdammt
heiß herging verwundet zwar nicht bedeutend aber ich musste doch einige Wochen
zu Bettliegen ich vertraute der leichtsinngen Person zu sehr sie zeigte mir
große Liebe übernahm meine Pflege selbst und wich nicht von meinem Lager und
so kam es dass ich als ich eines Morgens nach einer ruhigen Nacht erwachte und
erwartete sie werde wie gewöhnlich mein Frühstück bereiten erfuhr sie sei
mit einem jungen Manne davon gegangen der sich auch im Lager aufhielt und den
sie für ihren Bruder ausgegeben hatte Als ich nachsehen konnte ergab es sich
denn freilich dass sie alles mitgenommen hatte wozu sie hatten kommen können
aber mag es sein ich fluche ihrem Andenken deshalb doch nicht da ich nun eine
ernsthafte Verbindung schließen will so hätte ich sie doch von mir entfernen
müssen und so mag sie dann immer ihren Raub als ihre Mitgift betrachten und
einen deutschen Pinsel damit beglücken
Es konnte nicht fehlen dass die Unterhaltung bald die Gegenstände berührte
die für Alle die wichtigsten waren und als der Graf des Waffenstillstands
gedachte rief der General der Friede ist so gut wie geschlossen und was ich
nimmermehr geglaubt hätte Preußen besteht noch Der frühere Plan Napoleons
diese Monarchie gänzlich aus der Reihe der Staaten verschwinden zu lassen ist
aus persönlicher Freundschaft für den russischen Kaiser von ihm aufgegeben
worden Freilich fügte er lächelnd hinzu werdet Ihr unschädlich gemacht die
Hauptfestungen bleiben in unsern Händen eine Besatzung fürs Erste im Lande
aber Ihr besteht doch als Monarchie und das ist bei der jetzigen Lage der Dinge
etwas Großes zu nennen
Eine dunkle Röte des Zorns färbte die Wangen des Grafen der in dem
leichtsinnigen Freunde einen höhnenden Feind zu erblicken glaubte mit Mühe
hielt er sein Gefühl zurück und sagte mit unterdrückter Stimme Es ist auch
etwas Großes dass Preußen noch besteht und Wer weiß was sich in der Zukunft
daraus entwickeln kann
Gewiss fuhr der General scherzend fort ohne des Grafen veränderte Stimmung
zu bemerken Manches werdet Ihr Euch jetzt müssen gefallen lassen Napoleon
verfolgt standhaft seinen Plan England zu verderben und da dieses Volk am
Schmerzlichsten in seinem Handel verwundet werden kann so müsst Ihr grossherzigen
Preußen dem ProhibitivSysteme beitreten und den Insulanern Eure Märkte
verschließen daraus folgt dann freilich dass Eure alten Frauen und
Kaffeeschwestern Napoleon verwünschen werden weil er ihre Genüsse stört aber
dieser ohnmächtige Zorn wird Frankreichs Kraft nicht erschüttern
Gewiss sagte der Graf wäre es töricht und kindisch von uns an so
armselige Genüsse zu denken wenn das Vaterland untergeht und mir scheint es
haben die denkenden Geister so triftige Gründe so tief gefühlte Ursachen Eures
Kaisers eisernen Szepter zu verabscheuen dass es dieser kleinlichen Dinge dazu
nicht erst bedarf Aber auch dafür wollt Ihr sorgen so scheint es dass auch der
arme und beschränkte Geist jeden Tag und jede Stunde an seinen gegründeten Hass
erinnert wird Es ist ganz etwas anders fuhr der Graf heftig fort als er
bemerkte dass der General ihn unterbrechen wollte wenn einem Volke eine
Entbehrung auferlegt wird die zu seiner Erhaltung dient deren Notwendigkeit
es selbst fühlt und einsieht und Frankreich wird vielleicht noch einmal
erfahren welche Entbehrungen die Preußen erdulden können um ihr Joch
abzuschütteln In einem solchen Falle zu seufzen und zu klagen wäre unmännlich
und verächtlich Aber wenn ein Fremder das Recht des Sieges schnöde missbraucht
wenn er um unausführbare Plane zu verfolgen den Armen selbst bis in seine
häuslichen Einrichtungen verfolgt und drückt so wird diesem Armen das weitere
Nachdenken erspart und sein Hass wird ohne Geistesanstrengung genährt So oft ein
Armer den jämmerlichen Genuss eines angewöhnten Getränks entbehren muss so oft
die Frau eines in seinen Mitteln beschränkten Bürgers daran denken muss ihren
Tisch so zu bestellen dass sie den Zucker entbehren kann eben so oft werden
alle diese Menschen fühlen dass ein furchtbarer Despotismus sich auf uns
gelagert hat und es wird der unerträgliche Druck den Willkür und Laune gegen
das äußere Leben üben im Volke gewiss einen eben so lebhaften Abscheu einen
eben so glühenden Hass entzünden wie edlere Gründe bei dem gebildeten Teile der
Nation und wenn Frankreichs Kaiser wie aus einem Herzen von allen diesen
Millionen verabscheut wird so muss er unterliegen
Halt sagte der General ernstaft Dein Eifer führt Dich zu weit und Du
bringst Dich in Gefahr ohne Deiner Sache zu nützen Ich kann es mir denken
wenn Ihr an Eurem König hängt dass Euer Herz mit Kummer erfüllt ist Ich sehe es
ein dass Eure NationalEhre gekränkt ist und dies könnte auch einen Franzosen
zur Verzweiflung bringen aber wenn ich Dir so viel einräume so gib auch Du zu
dass solche Rücksichten unsern Kaiser nicht hindern dürfen sein großes Ziel zu
verfolgen und bedenke dass die Zeit viel zu aufgeregt ist als dass ungeahnet
Reden wie Du sie führst geduldet werden können bedenke dass Du Dich dann
nicht über Napoleon zu beklagen hast wenn solche Unbesonnenheiten Dein Unglück
herbeiführen und wenn wie es scheint fuhr er lächelnd fort die
Kolonialwaaren zu Deiner Familienglückseligkeit notwendig sind so bin ich der
Mann der Dir persönlich die Freiheit verschaffen kann so viel davon kommen zu
lassen dass Du die Wohltat selbst auf Deine Bauern ausdehnen kannst
Der Graf musste lachen sich so wenig verstanden zu sehen indes gab er dem
besorgten Freunde darin Recht dass die gegenwärtige Zeit mehr Vorsicht
erheische und er versprach ihm diese Vorsicht zu üben
Und nun rief der General lebe wohl Meine Zeit ist gemessen empfiehl mich
Deinen Damen deren Anblick wie es scheint mir versagt bleiben soll ich mag
als Feind oder Freund erscheinen und doch gestehe ich ich hätte gern der Frau
meine Huldigung dargebracht die Dich Philosophen zu fesseln vermochte Nachdem
er den Grafen mit Herzlichkeit umarmt hatte eilte er die Treppe hinunter
sprang in den geöffneten Wagen und dahin flog die leichte Equipage durch den
Baumgang und bald schmetterte das Postorn und weckte das Echo in dem engen
Tale von Neuem Der Graf stand und schaute dem enteilenden Freunde nach bis
sich die Töne in der Ferne verloren
XIV
Es war ziemlich spät geworden als der Graf endlich die Wohnung des Obristen
erreichte Man war dort schon über sein langes Ausbleiben ängstlich geworden
und Alle begrüßten ihn mit Herzlichkeit da er in ihrer Mitte erschien Der Graf
teilte die Ursache seiner verzögerten Ankunft mit und die Gräfin war froh dass
ein glücklicher Zufall sie begünstigt hatte und sie ohne dass es auffallend
erschienen die Gesellschaft des General Klairmont hatte vermeiden können Der
Obrist fragte ängstlich ob der General nichts über den zu erwartenden Frieden
geäußert habe und als der Graf ihm nun alles mitgeteilt hatte was ihm selbst
bekannt war rief der alte Krieger mit gefalteten Händen und den Blick gen
Himmel gerichtet Gott sei gedankt dass doch wenigstens ein Kern des Vaterlandes
bleibt aus dem sich eine neue Kraft entwickeln kann in unserm unsäglichen
Elende müssen wir den Himmel für diese Gnade preisen Uns bleibt doch auch unser
König kein Franzose wird uns beherrschen Ach fuhr er mit Rührung fort wenn
es möglich ist dass die Verstorbenen von uns wissen so muss es den großen
Friedrich mitten in seiner Seligkeit schmerzen zu sehen wie das Werk seines
Heldenmutes und seiner Staatskunst untergeht und durch wen Durch dieselben
Franzosen die er bewunderte und bei allen Gelegenheiten seinen deutschen
Untertanen vorzog
Der Graf bemerkte dass er nur das Allgemeinste über den bevorstehenden
Frieden wisse dass er aber gewiss mit Opfern aller Art werde erkauft werden
müssen und dass zu befürchten sei dass wenn die eigne Kraft zu sehr geschwächt
würde dann auch von Russland für die Zukunft nichts zu hoffen sei Dies Unglück
rief der Obrist mag ich gar nicht denken ich betrachte jeden Frieden mit
Frankreich nur wie einen Waffenstillstand um neue Kräfte zu sammeln und der
Kampf wird sich immer wieder erneuern bis endlich der gemeinsame Feind erliegt
Da der Graf bemerkte wie peinlich für St Julien die Unterhaltung wurde so
suchte er die Aufmerksamkeit auf einen andern Gegenstand zu lenken und fragte
den Obristen ob er sich nicht freuen würde vielleicht nach dem Frieden den
jungen Grafen Hohental wieder zu sehen da er gehört habe er sei früher mit
ihm bekannt gewesen Dem Obristen fiel bei dieser Frage alles das Nachteilige
ein was der junge Graf so oft über seinen Oheim und dessen Gemahlin geäußert
hatte und er antwortete daher mit Befangenheit wohl würde es ihn freuen mit
dem jungen Manne wieder zusammen zu treffen der so oft die trüben Tage seiner
Einsamkeit erheitert habe Der Graf fragte über den Charakter seines jungen
Vetters und obwohl der Obrist nur lobend sich über ihn äußerte so geschah dies
doch mit so vieler Zurückhaltung dass der Graf misstrauisch wurde und glaubte
der Obrist wollte nur aus Schonung für ihn nichts Nachteiliges über seinen
Verwandten sagen
Theresens Wangen glühten sie konnte die Zurückhaltung ihres Vaters nicht
begreifen sie schien ihr gar nicht mit der Wahrheit seines Charakters vereinbar
zu sein sie wusste wie er über den jungen Grafen dachte und nun war sein Lob
so kalt so gemessen dass es beinah wie Tadel klang Ach hätte sie das Bild des
jungen Mannes entwerfen dürfen wie es in ihrer Seele lebte der Graf würde dann
nicht ein so gleichgültiger Zuhörer gewesen sein Wie oft in den Stunden der
bittersten Not hatte ihre Phantasie ihn vorgespiegelt wie auf einmal der junge
Held erscheinen und durch ihn alles unsägliche Elend in Glück und Freude
verwandelt werden würde und nun da sie ihn mit solcher Kälte musste loben
hören schien es ihr als ob die zärtlichen sinnigen Augen ihres Freundes zu
ihr hinüber blickten und von ihr Gerechtigkeit forderten
Die Gesellschaft trennte sich spät und kehrte in einer schönen warmen
mondhellen Nacht nach Schloss Hohental zurück Hier erfuhr der Graf dass der
Prediger dagewesen sei und ihn dringend zu sprechen gewünscht habe auch
berichtete Dübois dass der geistliche Herr versprochen habe des andern Tages in
der Frühe wieder zu erscheinen In der Tat war die Gesellschaft am andern
Morgen auch kaum versammelt als der Pfarrer eintrat und nach den ersten kurzen
Begrüßungen den Grafen bei Seite nahm und hastig ihn um die Nachrichten fragte
die General Klairmont mitgebracht habe dessen kurzer Besuch auf dem Schloss dem
Pfarrer schon bekannt war Der Graf musste das schon öfter Mitgeteilte
wiederholen und weder der Prediger noch der Arzt der auch hinzugetreten war
konnten viel Tröstliches in diesen Nachrichten finden Der Krieg sagte der
Prediger endlich hat uns viel Unglück gebracht und von dem Frieden scheint
es dürfen wir wenig Gutes hoffen indes wird doch wenigstens dann wieder ein
geregelter Gang der Geschäfte eintreten die Menschen werden sich doch regen und
wieder erwerben können und das ist bei der jetzigen allgemeinen Not immer
schon ein großer Trost Ich werde dann auch wieder für Manche etwas tun können
um ihre Angelegenheiten in Ordnung zu bringen und auch unserem Schulzen hier
kann ich dann doch vielleicht zu seiner Erbschaft verhelfen wenn alle Behörden
erst wieder in Tätigkeit sind Recht rief der Arzt nicht die Sache der
Menschheit aufgegeben durch keine Not durch kein Drangsal darf ein edler
Geist dahin gebracht werden auch ich will meine Studien fortsetzen und wenn
der Friede eintritt werden mir doch wenigstens die Mittel dazu nicht mehr
fehlen der Verkehr der Geister wird wieder frei
Der Graf bewunderte schweigend welche Armseligkeiten die meisten Menschen
zu trösten und zu beruhigen vermögen und durch welche unbedeutenden Gegenstände
ihr inneres Auge von den großen Ereignissen der Zeit abgelenkt wird
Der vielbesprochene Friede wurde endlich bekannt und jeder Preuße konnte
nicht anders als mit heißem Schmerz die tiefe Herabwürdigung des Vaterlandes
betrachten die in diesem Frieden lag Er war so drückend dass es beinah wie
Spott klang diese Übereinkunft Friede zu nennen Beinah unerschwingbare Summen
mussten bezahlt werden die Hauptfestungen blieben in Französischen Händen eine
Besatzung im Lande und das Preussische Heer musste bis zur Unbedeutenheit
vermindert werden
Über die gefurchten Wangen des Obristen Talheim flossen heiße Tränen als
er die Bedingungen dieses Friedens las Es ist vorbei rief er dem Grafen zu
Preußen ist verloren die Bedingungen können nicht erfüllt werden dann haben
die Franzosen einen Vorwand und bleiben unsere Herren und wenn durch ein Wunder
Alles sollte erfüllt werden können so bleibt es immer der Großmut der Feinde
überlassen ob sie gehen wollen denn wir behalten keine Armeen sie zu
vertreiben
Obgleich der Graf selbst niedergeschlagen war suchte er doch seinen alten
Freund aufzurichten indem er ihn darauf aufmerksam machte dass gerade aus
dieser Verzweiflung sich eine Kraft entwickeln könne die Niemand noch ahnte
Die nächste Sorge schloss er wird sein müssen die Summen herbei zu schaffen
die den raubgierigen Feinden zu zahlen sind und dies mein teurer Freund
fürchte ich wird noch vieles Unglück herbeiführen denn durch diese Anstrengung
werden unzählige Familien verarmen und doch sind sie durchaus notwendig damit
die Feinde aus Berlin weichen und der König wieder in der Mitte seiner
Untertanen sein kann
Ach mein armer König rief der Obrist wie muss sein edles Herz bluten wenn
er all das Elend betrachtet das auf seinen Kinder ruht denn er liebt sein
Volk er hat das Herz eines Vaters für unsere Leiden und mit welchen Schmerzen
fühlt gewiss die Königin die allgemeine Not
Wir müssen sagte der Graf das edle Beispiel nachahmen das unser
Königshaus uns gibt Der König hat seinen Haushalt aufs Äußerste beschränkt
um die allgemeine Last so viel als möglich zu erleichtern Wenn wir Alle uns auf
das Notwendigste beschränken und alles Überflüssige zum Besten des Staats
verwenden so lässt sich hoffen dass vielleicht den drückenden Verpflichtungen
genug getan werden kann
Der Obrist betrachtete den Grafen mit einem traurigen Blick fasste dann
seine Hände und sagte mit bebender Stimme Der König kann nichts mehr für den
Einzelnen tun es wäre Wahnsinn es noch zu hoffen also teurer Graf werden
Sie niemals den kleinsten Teil aller für mich gemachten Auslagen
zurückerhalten
Sind wir denn noch so kalte Freunde sagte der Graf in dem Tone sanften
Vorwurfs dass Sie an diese Armseligkeit denken und sich darüber Sorge machen
Lassen Sie uns jetzt den Kummer über unser Vaterland teilen aber auch die
Hoffnung für die Zukunft nicht ganz aufgeben
Die Freunde trennten sich und obwohl der Obrist tief über sein Vaterland
trauerte so segnete er doch sein Geschick das ihm einen Freund zugeführt
hatte der ihn mit starker Hand von dem Abgrunde zurückgezogen hatte in welchen
er beinahe versunken wäre und dessen Liebe nun sein Alter mild schirmte
Unwillkührlich wurden seine Gedanken Worte und er rief indem er die Hand der
Tochter drückte Ja er handelt gegen mich wie ein liebender Sohn Die Tochter
verstand sein Gefühl und drückte einen Kuss auf die väterliche Hand
Wenige Tage nachdem der Friede allgemein bekannt geworden war erschien der
Baron Löbau auf Schloss Hohental um den Grafen seinen Nachbar wie er sagte
freundschaftlich zu besuchen Man bemerkte aber bald dass mit diesem Besuche
noch eine Absicht verbunden sei und dass er das Gespräch mannigfach wendete um
mit diplomatischer Feinheit seinem Zwecke näher zu rücken endlich äußerte er
da doch nun der Friede dem Lande wiedergeschenkt sei so schiene es ihm passend
eine anständige Freude darüber zu bezeigen
Und aus welchem Grunde fragte der Graf kann uns dieser Friede erfreulich
scheinen
Einmal sagte der Baron mit Verlegenheit ist doch das Blutvergießen
geendigt und dann teurer Graf bester Nachbar die Klugheit fordert es dass
wir uns erfreut darüber zeigen dass wir unsern König behalten Welcher
preußische Untertan entgegnete der Graf hat hierüber wohl ein anderes Gefühl
und welcher Mann von Ehre wird ein anderes bei uns voraussetzen
Ganz gut sagte der Baron mit wichtiger Miene aber leider trifft man nicht
auf lauter Männer von Ehre Ich muss es sagen ob es mich gleich schmerzt man
hat nur zu viel darüber gesprochen dass Sie mein bester Nachbar ein heimlicher
Anhänger der Franzosen wären des guten Herren St Julien wegen der bei Ihnen
im Hause lebt Mir ist der Zusammenhang dieser Sache zu genau bekannt ich habe
also allenthalben widersprochen überall Ihre Partei genommen aber was ist die
Folge davon gewesen Nichts anderes als dass man mich für Ihren Mitschuldigen
erklärt Wir müssen also durchaus etwas tun die Gemüter zu versöhnen wenn
uns diese Ansicht nicht höchst nachteilig sein soll kurz wir müssen ein
Friedensfest veranstalten zuerst mag dies bei Ihnen geschehen dann bei mir
Ich bin gern bereit sagte der Graf mit Heftigkeit alle meine Nachbaren und
Freunde bei mir zu sehen aber unmöglich kann ich sie unter dem Vorwande
versammeln als wolle ich mich mit ihnen über einen Frieden erfreuen der mein
Herz mit dem tiefsten Kummer erfüllt
Tun Sie es unter welchem Vorwande Sie wollen sagte der Prediger der zu
der Gesellschaft hinzugekommen war aber ich glaube selbst dass es gut ist wenn
Sie sich Ihren Nachbarn mehr nähern denn ich kann nicht leugnen dass die
nachteiligen Gerüchte welche der Herr Baron erwähnte wirklich bestehen und
es ist das letzte Mittel um zu zeigen dass man nichts Verdächtiges in seinem
Hause hegt wenn man es einer großen Gesellschaft öffnet
Wenn es denn sein muss sagte der Graf empfindlich dass ich um mich von
Verdacht zu reinigen meine Nachbarn bewirte so mag ein solches Reinigungsfest
in des Himmels Namen stattfinden ich will mich nicht weigern aber als
Freudenfest wegen dieses Friedens will ich es nicht betrachtet wissen
Bedienen Sie sich eines andern Vorwandes sagte der Prediger man wird Ihnen
auf jeden Fall dankbar sein wenn Sie anfangen die Gesellschaft wieder zu
vereinigen wodurch den Menschen ein Übergangspunkt von der langen drückenden
Traurigkeit während des Krieges zu neuer Heiterkeit gegeben wird
In einigen Tagen sagte der Graf fällt der Geburtstag der Gräfin ein ich
werde also an diesem Tage ein Fest veranstalten so gut es auf Hohental gehen
will
Schön sagte der Baron dabei kann auf jeden Fall unter Trompetenschall die
Gesundheit des Königs getrunken werden der Lärm das Jubeln dabei muss so laut
als möglich getrieben werden um eine bedeutende Wirkung hervorzubringen Bei
mir bleibt es ein Friedensfest ich beabsichtige damit Mancherlei worüber ich
mich jetzt noch nicht erklären kann Mit schlauem Lächeln entfernte sich der
Baron nachdem er seine Absicht erreicht hatte Der Graf hatte nur ungern
nachgegeben ihm schien es nicht anständig eine laute Freude zu bezeigen bei so
viel Ursache zum Kummer auch glaubte er selbst die Summe die für ein solches
Fest aufgewendet werden müsste könne im gegenwärtigen Augenblick besser benutzt
werden indes da nun einmal das Versprechen gegeben war so wurden Einladungen
weit und breit versandt Die Gräfin und Emilie ordneten mit Dübois an wie die
Genüsse dieses Festes aufeinander folgen sollten und der alte Haushofmeister
sorgte viel zu eifrig für die Ehre des Hauses als dass nicht durch ihn die
Wirtschafterin und die Köche gehörig in Tätigkeit gesetzt worden wären
Während der Beschäftigungen des Schlachtens Backens und aller anderen
Vorbereitungen die ein großes Fest auf dem Lande erfordert konnte es der Graf
nicht lassen seinem Missmute dadurch Luft zu machen dass er zuweilen mit St
Julien darüber scherzte wie mühselig diese Anstalten zur Freude wären bei
denen doch am Ende Alles auf Essen und Trinken hinaus liefe Der junge Mann gab
ihm Recht und die Gräfin bemerkte Es gibt überhaupt sehr wenige
Festlichkeiten bei denen der Genuss im Verhältnis zu der Mühe stände die die
Anstalten dazu verursachen
Die Aufmerksamkeit wurde auf einen andern Gegenstand gelenkt als der
Prediger kam und dem Grafen einen Brief brachte Ich kann es mir nicht erklären
sagte der Geistliche ich habe hier noch einen Brief der ist von dem alten
Lorenz worin er mich ersucht ihm seine Pension die Sie ihm auszahlen zu
übermachen er fügt zu diesem Zwecke auch die Quittung bei und mit demselben
Boten kommt der Brief an Sie und dieser Bote ist ein Bauer von dem Gute Ihres
Herren Vetters der mir versichert der alte Lorenz sei dort auf dem Schloss
auch ist der Brief an Sie mit dem Hohentalschen Wappen gesiegelt
Der Graf öffnete dies Schreiben und es fand sich dass es von seinem Vetter
dem jungen Grafen war der ihm meldete dass er schon lange das Verlangen gehegt
habe ihm als seinem Verwandten seine Hochachtung zu bezeigen und da nun
durch die große Reduktion der Armee er für jetzt verabschiedet sei so glaube
er die Musse die ihm dadurch geworden nicht besser benutzen zu können als
wenn er diesen lang genährten Wunsch befriedige und so kündigte er sich hiemit
für einen der nächsten Tage auf Hohental an
Der Brief war mit so großer Zurückhaltung und trockner Kälte geschrieben
dass er keine gute Meinung für den Verfasser bei dem Grafen erregte denn er
dachte Ist es für ihn ein so lästiger Zwang mich zu besuchen so hätte er es
ja unterlassen können da ihn Niemand dazu aufgefordert hat macht er aber die
Reise trotz seines Widerwillens so muss eine Absicht damit verbunden sein Indes
verschwieg der Graf diesen Gedanken und äußerte bloß gegen den Prediger dass es
ihn freue seinen jungen Vetter kennen zu lernen der ihm seinen Besuch
ankündigte Ich konnte nicht darauf kommen setzte er hinzu ihn zu unserm Feste
einzuladen da ich nicht wusste dass er schon bei seinen Eltern ist und auch die
Entfernung zu groß ist als dass man ihn zu den Nachbaren rechnen könnte der
Weg den er zu machen hat muss schon eine Reise genannt werden und ich hoffe
deshalb er wird sich länger bei mir aufhalten wollen wenn er auch noch zu
unserm Friedensfeste kommen sollte
Ich begreife nur nicht was der alte Lorenz dort macht sagte der
Geistliche Da er kein Dokument mehr verkaufen kann sagte der Graf mit einiger
Bitterkeit so lassen Sie ihn treiben was er will Er händigte hierauf dem
Geistlichen die halbjährige Pension des ehemaligen Kastellans gegen dessen
Quittung ein der darauf den Boten am andern Tage zurückzusenden versprach
Es war am Vorabende des großen Festes alle Anstalten waren beendigt und
man konnte nun dem verständigen Dübois die Ausführung ruhig überlassen Jetzt
sagte die Gräfin scherzend zu Emilie die eben etwas erhitzt und ermüdet
eintrat fängt das Fest für uns schon an nun brauchen wir für nichts mehr zu
sorgen jetzt ruht die Bürde allein auf Dübois Schultern der das große Werk
gewiss zu unserer Zufriedenheit ausführen wird also setze Dich nun zu uns und
lass uns einmal wieder ein vernünftiges Gespräch führen wozu seit gestern kein
Mensch hat kommen können
Emilie wollte eben antworten als man einen Wagen vorfahren hörte Um Gottes
Willen rief St Julien es kommt doch wohl nicht ein voreiliger Gast schon
heute Man eilte zu den Fenstern der angekommene Fremde war schon ausgestiegen
indes der leichte kleine mit zwei unansehnlichen Pferden bespannte Reisewagen
der Knabe von fünfzehn bis sechszehn Jahren der zugleich Kutscher und Bedienter
zu sein schien dies Alles deutete auf keinen vornehmen Gast Die Gesellschaft
wendete sich eben nach dem Saale zurück als Dübois die Flügeltüren öffnete und
mit ehrerbietiger Stimme in den Saal hinein rief der Herr Graf von Hohental
Der Angekündigte trat ein und Aller Augen waren auf einen jungen Mann
gerichtet dessen edler Anstand für ihn hätte einnehmen können wenn nicht dem
schönen ausdrucksvollen Gesichte alle Freundlichkeit und Milde gemangelt hätte
Er war blass und mager nach überstandener Krankheit und Anstrengung Zwischen
seinen Augenbraunen ruhte ein Zug den man hätte feindlich nennen können wenn
nicht die Augen einen Trübsinn ausgedrückt hätten der zuweilen bis zur wilden
Verzweiflung gesteigert schien
Er näherte sich dem Grafen und sagte indem er sich mit Kälte verbeugte er
habe den Wunsch nicht unterdrücken können ihm seine Aufwartung zu machen und
sei schon so frei gewesen ihm diesen Vorsatz in einem früheren Briefe
anzukündigen Der Graf erwiderte eben so kalt dass es ihn herzlich freue einen
Verwandten bei sich zu sehen dessen Bekanntschaft er sich schon lange gewünscht
habe er stellte ihn hierauf der Gräfin vor und machte ihn mit den Hausgenossen
bekannt
Der Gräfin verursachte das Feindliche in der Stellung welche die beiden
Verwandten gegen einander annahmen die größte Pein und durch einige herzliche
Worte suchte sie sich dem jungen Manne zu nähern auf die dieser indes zwar
höflich aber mit schroffer Kälte antwortete Vor St Julien als der Graf ihn
nannte beugte er sich kaum merklich ohne ein Wort zu sagen der junge Franzose
erwiderte den Gruß wie er ihn empfing und in wenigen Minuten war eine
allgemeine und gründliche Verstimmung entstanden
Um ein Gespräch anzuknüpfen erkundigte sich der Graf nach dem Vater seines
neuen Gastes und bedauerte dass er so viele Jahre außer aller Verbindung mit
seiner Familie gelebt habe so dass ihm alle Verhältnisse derselben fremd
geworden wären Der junge Graf schoss einen feindlichen Blick auf die Gräfin und
sagte die Trennung des Grafen sei von seinem Vater oft als ein großes Unglück
beklagt worden
Ich wüsste nicht sagte der Graf dem der Blick nicht entgangen war
empfindlich welch Unglück ich dadurch für Verwandte herbeigeführt hätte die
ich kaum in meiner Jugend gekannt habe Ich fühle wohl erwiderte sein Vetter
dass diese Erklärung nur mein Vater geben könnte und dass er sie nicht in
Gegenwart von Fremden geben würde St Juliens Auge glühte er stand auf und
wollte den Saal verlassen Wo wollen Sie hin mein bester St Julien sagte der
Graf indem er ihm mit Zärtlichkeit die Hand bot Sie wissen wie lieb mir Ihre
Gesellschaft ist warum wollen Sie uns also verlassen St Julien setzte sich
wieder der junge Graf hatte die Augen zu Boden gesenkt und es entstand ein
drückendes Schweigen
Die Gräfin versuchte es von Neuem das Gespräch wieder zu eröffnen aber
alle ihre Fragen wurden so einsylbig von dem jungen Grafen erwidert wie es der
Anstand nur irgend erlaubte Der Graf verlor beinah die Geduld doch da er
dachte dass das Kommen seines jungen Vetters gewiss einen Zweck habe so tat er
sich selbst Gewalt an um wo möglich diesen kennen zu lernen Es waren nach und
nach alle Gegenstände vergeblich berührt worden durch die man hoffen konnte
ein Gespräch einzuleiten und der Graf tat nun als letztes Hilfsmittel einige
Fragen über den Krieg
Ein schmerzliches fast höhnendes Lächeln zuckte um den Mund des jungen
Grafen Wie glücklich sagte er dass Sie hier den Krieg nicht erlebt haben dass
Sie sich hier in Ruhe und Wohlstand von dem Kriege können erzählen lassen und
abwechselnd Freunde und Feinde bewirten Ich will Ihnen nur eine Geschichte aus
dem Kriege erzählen und Sie werden für Ihre Ruhe dem Himmel danken Ein junger
Offizier mein Freund und Waffenbruder ging mit mir zugleich zum Regiment und
machte mich auf dem Wege mit seiner Mutter und drei liebenswürdigen Schwestern
bekannt die auf ihrem Gute wohlhabend mit Anstand lebten Wir hatten uns kaum
entfernt so hörten wir die Franzosen hätten es genommen und geplündert Mein
unglücklicher Freund erfuhr nichts von den Seinigen bald darauf wurde das
Schloss von den Preußen genommen welche die Not zwang ohne Rücksicht für die
Bewohner die noch übrigen Vorräte zu benutzen So zogen fünfmal abwechselnd
Feinde und Freunde hindurch bis auch unser Korps wieder in die Nähe gedrängt
wurde Auf dem väterlichen Boden meines Freundes zerstampften unsere Rosse die
Saaten bei einem blutigen Scharmützel die Feinde zogen sich zurück aber mein
Freund sank von einer feindlichen Kugel in der Brust getroffen auf seinem
eigenen Boden Ich brachte den sterbenden jungen Mann in das Haus seiner Väter
und fand es öde aller Mobilien beraubt die Fenster zerschlagen von allen
Bewohnern verlassen endlich entdeckte ich in einem Winkel zusammengekauert eine
weiße bleiche Gestalt die die abgemagerte Hand erhob und mit wahnsinnigem
Lächeln auf die Leiche ihres Bruders deutete der schon gestorben war Es war
die jüngste Schwester meines Freundes die Mutter und die beiden älteren waren
tot und diese durch Hunger und jede Misshandlung wahnsinnig geworden Dies ist
der Krieg schloss der junge Graf von dem sich hier freilich keine Spuren
zeigen
Die Gräfin verhüllte bei dieser grässlichen Geschichte das Gesicht Emiliens
Tränen flossen unverborgen und auch die männlichen Zuhörer waren tief
erschüttert Der Graf glaubte dass die allgemeine Teilnahme die sein Vetter
bemerken musste diesen geneigter machen würde sich anzunähern aber im
Gegenteil schienen durch die erzählte Begebenheit Gefühle in ihm erregt zu
sein die ihn noch feindlicher stimmten Er äußerte sich in so starken
Ausdrücken über die Franzosen dass es der Graf nicht mehr hinderte als St
Julien den Saal verlassen wollte und sich selbst mit den übrigen Hausgenossen
sobald als möglich zurückzog um Gespräche mit seinem Vetter zu endigen die zu
leidenschaftlich von diesem geführt wurden
XV
Während die Gesellschaft im Saale versammelt war war Dübois noch für das Fest
des folgenden Tages beschäftigt und die Anordnungen welche er machte führten
ihn durch alle Gänge des Hauses So ging er auch an dem Zimmer vorüber in
welchem die Bedienten versammelt waren und hörte wie ihm ein verwirrtes Getöse
von Lachen Weinen Schelten und Fluchen daraus entgegen tönte Entrüstet
öffnete der alte Haushofmeister die Türe um sich nach der Ursache des
unziemlichen Lärmens zu erkundigen Die dort Versammelten bemerkten ihn nicht
sogleich und er sah wie der Knabe des jungen Grafen mit funkelnden Augen und
erhitzen Wangen hinter einem Tische stand und sich mit dem Rücken gegen die
Wand lehnte den rechten Arm hatte er erhoben und in der Hand hielt er drohend
ein blinkendes Messer Schurken rief er mit von Wut entstellter Stimme wagt
es und der erste der mir naht dem stoße ich dies Messer in die Brust
Entsetzt sprang Dübois vor und rief Um Gottes Willen was geht hier vor Soll
ich Mord hier im Hause erleben Die Bedienten wichen zurück und der Lärm
verstummte auch der Knabe hatte den Arm sinken lassen ob gleich die Hand noch
das Messer hielt Junger Mensch fuhr Dübois fort sich zu diesem wendend was
konnte Dich zu solcher Wildheit reizen dass Du in Deiner zarten Jugend ein
Mörder zu werden drohst Herr erwiderte der Knabe mit zitternder Stimme indem
seine Wut sich in Wehmut auflöste und die hellen Tränen über seine Wangen
flossen Sie wissen nicht wie mich diese Menschen reizten Ich gehöre nicht zu
ihnen drum hielt ich mich abgesondert Nun fingen sie an mich zu necken meine
Dürftigkeit zu verlachen und über meine Kleidung ihren Spott zu treiben da
verlor ich die Geduld und sagte ihnen was meine ernstliche Meinung ist dass ich
lieber sterben wollte als eine Livree tragen wie sie wenn sie auch noch mehr
Gold an sich hätten drauf wurden sie wütend und wollten mich schlagen und so
kam es dass ich um mich zu verteidigen hier stockte der Knabe seine Hand
ließ das Messer fahren und er blickte mit Beschämung vor sich nieder
Und wenn Du nun so unglücklich gewesen wärest in diesem törichten Streite
einen jener unnützen Schufte zu töten fragte der alte Mann und seine blutende
Leiche läge jetzt vor Dir würdest Du dann nicht verzweifeln Ich habe Unrecht
sagte der Knabe aber sollte ich mich denn schlagen lassen Der Haushofmeister
wusste keine Antwort zu geben denn sein eigenes Ehrgefühl sagte ihm dass der
Knabe schwer gekränkt worden sei und doch wollte er keine gewaltsame Handlung
entschuldigen Er wendete sich deshalb zu den Bedienten und sagte Euer Betragen
werde ich dem Herrn Grafen melden und ich bin überzeugt dass Ihr eher alle aus
seinem Dienste gejagt werdet ehe er es duldet dass ein Gast seines Hauses ein
Verwandter in seinem Diener beleidigt wird Du mein Sohn sagte er zu dem
Knaben komm von diesen Menschen hinweg Du sollst in meinem Zimmer bleiben bis
Dein Herr Deiner bedarf Er nahm nach diesen Worten die Hand des Knaben und
führte ihn aus dem Bedientenzimmer hinweg
Das fehlte noch sagte einer der Zurückbleibenden dass wir um des
Bettelprinzen Willen unsere Stellen verlören aber Du Johann hast den Lärmen
angefangen bekommt es uns schlecht so gehen wir über Dich her Der Beschuldigte
wollte sich verteidigen es wurde Partie für und wider ihn genommen und es war
nah daran dass der Streit ernstaft erneuert wurde wenn nicht ein Jäger der
Vernünftigste der Gesellschaft dringend zum Frieden ermahnt hätte Seinem Rate
beschloss man auch einmütig zu folgen und man wollte Dübois ehe er am andern
Morgen den Grafen sprechen könnte vermögen die Sache zu verschweigen und sich
mit dem Knaben zu versöhnen suchen damit auch dieser nicht bei seinem Herrn
sich beklage
Dübois hatte den Knaben auf sein Zimmer geführt und fragte ihn hier Hast Du
schon zu Abend gegessen mein Kind Nein sagte der Knabe da ich mich nicht
unter die Bedienten mischen wollte so hat mir auch Niemand etwas angeboten Der
Haushofmeister brachte nun selbst einige kalte Gerichte und stellte auch eine
kleine Flasche Wein vor seinen neuen Gast Der Knabe fing unter stillen Tränen
an zu essen und trank auch ein wenig von dem ihm angebotenen Weine Als er seine
Mahlzeit beendigt hatte sagte Dübois Und nun mein Sohn erzähle mir doch
weshalb Du nicht zu den Bedienten zu gehören glaubst Sie sind ein so guter
Herr sagte der Knabe zutraulich recht wie einem Vater könnte ich Ihnen
vertrauen mit Ihnen kann ich gern über alles Unglück sprechen das ich schon
erlebt habe so jung ich auch noch bin Mein Vater war ein gelehrter Mann aber
weil er in seiner Jugend nicht Geld genug hatte so konnte er auch nicht auf
eine Universität gehen und studieren wie es sein Wunsch war also konnte er
auch nicht Prediger werden und nahm eine Kantorstelle an wobei er sich auch
recht gut stand Es war ein schönes großes Dorf und hieß Schönau wo wir
wohnten ein anderes Dorf gehörte auch zu unserer Kirche und mein Vater hatte
eine reiche Einnahme Die Bauern ehrten ihn als einen Mann der beinah gelehrter
war als der Prediger selber unser Herr Pfarrer liebte meinen Vater und Beide
waren recht große Freunde selbst wenn der gnädige Herr auf dem Schloss war
so lud er niemals den Prediger zu Tische ohne auch meinen Vater zu bitten so
ging Alles recht schön und gut mein Vater unterrichtete mich sorgfältig und
sagte oft zu mir Du Gustav musst Alles nachholen was ich aus Armut habe
versäumen müssen denn Gottlob ich habe so viel dass ich Dich auf eine
Universität werde schicken können
So war ich etwa zehn Jahre alt geworden da starb meine gute Mutter die
schon lange kränklich gewesen war Sie können wohl denken dass ich sie herzlich
und lange beweinte auch mein Vater trauerte tief über ihren Verlust und wir
wären vielleicht noch länger in unserm Kummer versunken geblieben wenn nicht
der Prediger so viel getan hätte uns zu trösten Nachdem ein Jahr vergangen
war heiratete mein Vater eine Verwandte des Predigers und ich war am
Hochzeitstage recht betrübt denn manche alte Bäuerinnen hatten mir gesagt Nun
Musje Gustav nun werden Seine guten Tage vorbei sein nun kommt eine
Stiefmutter ins Haus nun wird Alles anders gehen Aber es war nicht so meine
Stiefmutter war so gut ach so gut wie es nur immer eine wahre Mutter sein
kann Es wurde freilich Manches anders bei uns im Hause aber viel besser Meine
verstorbene Mutter hatte bei ihrer Kränklichkeit nicht mehr recht für Alles
sorgen können nach ihrem Tode hatte mein Vater sich aus Betrübnis um das
Hauswesen gar nicht bekümmert und so lebte nun Alles wieder bei uns auf wir
hatten feinere Wäsche bessere Kleider unser Haus wurde aufgepuzt im Garten
prangten die schönsten Blumen und wenn der Herr Pfarrer bei uns speiste so
bewirteten wir ihn eben so anständig wie er uns Seine Söhne waren meine
Freunde und Spielkameraden mein Vater war mit meinem Fleiß zufrieden und ich
war recht glücklich bei meinen Eltern
So ging es fort bis mir ein Schwesterchen geboren wurde Nun sagten die
bösen Weiber wieder nun wird es aus sein nun hat die Stiefmutter selber ein
Kind nun wird sie sich um den Stiefsohn nicht kümmern aber es war nicht wahr
Ich liebte mein Schwesterchen herzlich ach lieber Herr es war ein Kind wie
ein Engelchen es war eine Belohnung für mich wenn es die Mutter in meine Arme
gab und hätten Sie nur dies Kind gekannt fuhr der Knabe mit Tränen fort
hätten Sie nur gesehen wie freundlich die dunkelblauen Augen sein konnten wie
lieblich der rote Mund im Lächeln die weißen Zähnchen zeigte Jeder Mensch
musste dies Kind lieben und doch sprach meine Mutter immer so als ob es eine
besondere Tugend von mir wäre dass ich mein Schwesterchen so liebte und die
gute Mutter wurde aus Dankbarkeit dafür noch zärtlicher gegen mich
Sehen Sie so gut so glücklich war Alles und so blieb es bis ich beinah
fünfzehn Jahre alt war nun sagte mein Vater Gustav nun musst Du nach
Königsberg auf die gelehrte Schule und bist Du da recht fleißig gewesen und
hast alles Erforderliche gelernt dann kannst Du dort gleich die Universität
beziehen und wenn Du brav und fleißig bleibst so kann ich noch Freude und Ehre
in meinem Alter durch Dich erleben
Sie können wohl denken dass ich mit Tränen von meinen Eltern schied aber
doch freute ich mich auch weiter zu kommen mit meinen Studien als es auf dem
Lande ging Mein Vater begleitete mich selbst nach Königsberg und ich sah es
wohl dass er mich recht mit Stolz betrachtete als man mich nach dem Examen
gleich nach Sekunda setzte So trennten wir uns und ich blieb nun einsam in
Königsberg zurück und dachte mit Eifer zu studieren Aber ach das Glück war bald
zu Ende mein Vater meldete mir nach wenigen Monaten mein liebes Schwesterchen
sei an dem Scharlachfieber gestorben und auch die Mutter davon befallen worden
Der Krieg war ausgebrochen und mein Vater sagte dass er uns ganz trennen
könnte Er befahl mir daher die Reise nach Schönau mit einem Fuhrmanne
anzutreten den er mir bezeichnete und von welchem er erfahren hatte dass er
eine Reise unternehmen würde die ihn nahe bei unserem Dorfe vorbeiführte Ich
gehorchte meinem Vater und war sehr bald wieder in unserm Dorfe aber wie ganz
anders war hier Alles geworden Die Franzosen waren schon dort gewesen und
hatten Alles geplündert und zerstört das Dorf war zum großen Teile abgebrannt
und die Bauern hatten die Häuser verlassen die noch standen Meine Mutter fand
ich sehr krank der Vater war ganz tiefsinnig geworden Nun kamen die Preußen
und verlangten Lebensmittel und Pferde gleich darauf wurden sie von den
Franzosen vertrieben die feindlichen Kugeln zündeten das Dorf von Neuem an und
der Schrecken als die Flammen wieder leuchteten lähmte meine kranke Mutter
nun stürmten die Feinde in unser Haus und drohten mich und den Vater
umzubringen aber der Anblick der sterbenden Frau machte dass sie still wieder
abzogen In derselben Nacht starb meine zweite Mutter und mein Vater war so
betäubt dass er nicht weinte und auch kein Wort sprach Wir saßen beide bei der
Leiche indes das Feuer draußen wütete Unser Haus stand etwas abseits und
wurde deshalb von den Flammen verschont Niemand war von den Dorfbewohnern
dageblieben auch der Prediger war mit seiner Familie entflohen so waren wir
ganz verlassen Mein Vater suchte endlich im Hause umher und fand etwas
AbendmahlsWein und ein kleines Brod Iss das sagte er zu mir ich will sehen
ob nicht irgend ein Mensch sich findet der uns hilft die arme Frau begraben Er
ging hinaus Ich konnte nichts essen und legte das Brod neben mich hin da hörte
ich auf ein Mal Flintenschüsse meine Augen richteten sich nach dem Fenster
Feinde sprengten vorbei gleich darauf wurde unsere Türe aufgestoßen und
Preussische Soldaten brachten meinen Vater mit Blut bedeckt herein eine Kugel
hatte ihn durchbohrt und er lebte nur noch um die Hand auf meine Stirn zu
legen und mich ohne Worte zu segnen Die Soldaten legten seine Leiche neben die
meiner Mutter und ich warf mich nieder und küsste die blutige kalte Hand meines
Vaters Da trat ein junger Offizier herein und der klägliche Anblick entlockte
ihm Tränen er kam zu mir richtete mich auf und suchte mir Trost
einzusprechen Er zwang mich das Zimmer zu verlassen und einige Weiber die
immer bei den Soldaten sind mussten für die Leichen sorgen Mit Güte fragte er
mir alle meine Verhältnisse ab und sagte dann Armes Kind Du hast in solcher
Jugend schon ein schreckliches Unglück erfahren und bist nun ganz hilflos und
verlassen Diese Worte machten von Neuem meine Tränen fließen und ich glaubte
das Herz würde mir vor Schmerz brechen Der gute Herr suchte mich zu trösten und
sagte dann Wenn Du Niemanden hast dem Du angehörst so bleib bei mir und ich
will für Dich sorgen so gut ich kann Ich fühlte seine Güte ich küsste seine
Hände und sagte ihm dass ich seine Wohltat erkenne aber dass ich um meine
lieben Eltern immer weinen müsste Er tadelte mich nicht und sorgte nun dafür
dass die armen Eltern begraben wurden so anständig als es gehen wollte er ließ
auch ein Kreuz auf ihr Grab setzen Und ich erfuhr nun auch dass mein Wohltäter
ein Graf sei und Hohental hieße Er blieb einige Tage noch im Hause und ich
war immer um ihn er hatte mich nun ganz kennen gelernt und sagte Deine Eltern
haben Dir eine gute Erziehung gegeben so bald es nur angeht sollst Du wieder
auf die gelehrte Schule und auf die Universität und ich will sehen ob ich mir
nicht einen Freund in Dir erziehen kann Diese Worte rührten mich tief und ich
gelobte mir seine Liebe zu verdienen Endlich kam ein Befehl mein Herr musste
mit seinen Truppen weiter rücken Ich muss Dich mit mir nehmen sagte er zu mir
obgleich Krieg und Schlachten nicht für Deine Jahre taugen aber ich weiß Dich
nirgends unterzubringen und so könnte der Krieg uns leicht für immer trennen
Ich folgte also dem gütigen Herrn und erlebte an seiner Seite die fürchterliche
Schlacht bei Eylau Den zweiten Tag dieser grässlichen Schlacht wirft sich ein
Trupp Franzosen auf die Bagage bei der ich und mehrere Knaben waren viele
wurden niedergemetzelt andere entkamen und so auch ich Nebst der Furcht für
mein Leben quälte mich auch noch der Kummer dass ich von meinem Herrn nichts
wusste auch die Sorge dass er nun Alles verloren habe und dann erfasste mich die
Angst ob er nicht vielleicht geblieben sei und ich ihn so auf immer verloren
habe Diese mannichfachen Gefühle quälten mich auf meiner Flucht die ich immer
weiter fortsetzte bis ich durch ein niedergebranntes Dorf eilte einem einsam
stehenden Hause zu Ich riss hastig die Türe auf und stand bald in einem großen
leeren Zimmer das ich sogleich für die ehemalige Wohnung meiner Eltern
erkannte Das Bett stand noch darin auf dem beide Leichen gelegen hatten der
Anblick rief meine Tränen hervor und ich stand schluchzend und Hände ringend
vor dem leeren Bette da wurde es auf einmal laut und lebendig Degen und Sporen
klirrten die Türe wurde geöffnet und herein getragen wurde mein lieber Herr
ganz wie mein Vater bleich und mit Blut bedeckt Ich schrie auf in der wildesten
Verzweiflung Schweig dummer Junge rief mir ein Arzt entgegen er ist nicht
tot Ach welch ein Trost war dies Wort für mich hätte der gute Mann auch noch
weit ärger geschimpft wie er nachher noch oft tat wenn ich etwas ihm nicht
recht zu machen verstand ich wäre doch niemals auf ihn böse geworden
Sie legten meinen lieben Herrn auf dasselbe Bett auf dem mein armer Vater
gelegen hatte Seine Wunden wurden untersucht und die Kugel herausgezogen der
Arzt gab die beste Hoffnung und die Offiziere die ihn hieher gebracht hatten
mussten nun zu ihren Truppen zurück Der Arzt blieb und die Offiziere
versprachen ihn nach einigen Tagen abzuholen Als wir allein waren verlangte
der Arzt ich sollte ihm Lebensmittel verschaffen Ich durchsuchte das ganze
Haus und fand in einem kleinen oberen Zimmer einige alte Frauen die nach dem
Dorfe zurück gekommen waren und sich in dem einzigen Hause welches noch stand
eingerichtet hatten diese nun mussten Hilfe schaffen und sie taten es für Geld
auch gern und so wurde der Arzt befriedigt
Die Offiziere hatten mir als man meinen Herren entkleidete das Geld
gegeben welches er bei sich trug und auch seine Uhr ich erfuhr auch von
ihnen dass sie ihn gerettet hatten als er in ihrer Nähe von einer Kugel
getroffen gefallen war
Schon des andern Tages kamen die Offiziere zurück und brachten uns alle
auch meinen kranken Herrn nach einem Orte wo ein Lazaret eingerichtet war
und hier dauerte es lange ehe mein armer Herr nur sprechen konnte Endlich
erlaubte es ihm der Arzt und seine ersten Worte richtete er an mich Gustav
sagte er ich habe es wohl gesehen und gefühlt mit welcher Liebe Du mich
pflegst Du leistest mir alle Dienste auch die die sonst nur einem Bedienten
zukommen aber lieber Junge die Dienste die man dem Freunde leistet
erniedrigen nicht und vielleicht kann ich es Dir noch einmal vergelten Nach
einigen Tagen fragte mein Herr Lieber Gustav wie viel Geld haben wir noch Ich
zählte die Summe und sagte sie ihm Das ist wenig erwiderte er seufzend und
wir müssen vielleicht noch lange damit auskommen rufe mir Jemanden dem wir die
Uhr verkaufen können und dann hüte Dich etwas Überflüssiges auszugeben Ein
Jude fand sich bald der die Uhr kaufte und nun teilten wir das Geld sehr
sparsam ein Es war aber doch natürlich dass ich meinen kranken Herrn nichts
wollte entbehren lassen und lieber Manches selbst entbehrte und nun machen sich
die Schufte hier über meinen Herrn lustig weil er mir keine bessern Kleider
gibt Lass diese elenden Menschen mein gutes Kind sagte Dübois mit weicher
Stimme und endige Deine Erzählung
Nun fuhr der Knabe fort Endlich war mein Herr so weit gekommen dass wir
reisen konnten Der Waffenstillstand wurde auch bekannt und wir machten uns
nun ich kann wohl sagen recht arm auf den Weg um zu seinen Eltern zu
gelangen Mein Herr war so gut dass er sich ernstlich entschuldigte wenn ich
ihn bediente Dich hat ein Gott recht zu meinem Beistande gegeben sagte er ein
Mal wie wollte ich ohne Dich bestehen da ich noch nicht gesund bin So
erreichten wir endlich seines Vaters Schloss aber Sie werden es nicht übel
deuten lieber Herr wenn ich es aufrichtig sage dass der alte Graf mir nicht
gefiel auch sah ich wohl dass mein gütiger Herr niedergeschlagener wurde als
er es im Felde und in Krankheit und Armut war Hier wurde auch eine andere
Einrichtung getroffen und er litt es durchaus nicht mehr dass ich ihn bediente
er nannte mich hundert Mal des Tages seinen jungen Freund oder seinen
Pflegesohn und ich hörte es wohl wie sein Vater ihm oft Vorwürfe machte dass
er sich durch mich eine unnütze Last auf den Hals geladen habe So aß ich dort
mein Brodt mit Tränen aber es wurde noch schlimmer ein alter widriger Mann
mit triefenden Augen kam dorthin der trug dem alten Grafen Vieles vor und auch
meinem jungen Herrn was es war kann ich nicht sagen aber mein Herr wurde oft
sehr aufgebracht und ich hörte mehrere Male wie er dem alten Grafen zuschwor
er würde solch Unrecht nicht dulden dann suchte ihn der alte Graf selbst wieder
zu besänftigen und bat ihn nicht durch Hitze Alles zu verderben und zur
Klugheit seine Zuflucht zu nehmen Endlich kam die Nachricht dass mein Herr
verabschiedet sei das brachte ihn vollends zur Verzweiflung Gustav sagte er
eines Abends zu mir ich muss eine kleine Reise unternehmen und ich will auf
dieser Fahrt keinen von meines Vaters Leuten mit mir nehmen denn ich habe
bemerkt dass sie ihrer Zunge zu viel Freiheit gestatten und über ihre Herrschaft
zu viel schwatzen Ich konnte dies nicht leugnen Hast Du so viel Liebe für
mich fuhr mein guter Herr fort dass Du mir auf dieser Reise die Dienste leisten
willst die mir Erziehung und Gewöhnung unentbehrlich gemacht haben und kannst
Du auch wohl ein Paar Pferde regieren Ich versicherte ihm dass ich Alles
leisten wollte und so machten wir uns auf den Weg Mein Herr sorgte für mich
besser als für sich selbst und ich hoffte die Reise würde ihn erheitern Ich
bemerkte es wohl dass er immer unruhiger wurde Endlich heute Morgen hielten
wir vor einem hübschen Hause an ich sah es wohl wie der Graf zitterte als er
abstieg seine Augen und Wangen brannten aber nach wenigen Minuten kam er
bleich wie eine Leiche zurück bestieg still den Wagen sprach während des
ganzen Weges kein Wort und hier angekommen hat er auch nicht an mich gedacht
und mich zum ersten Mal wie einen Bedienten vergessen
Der Graf muss etwas sehr Schmerzliches erfahren haben mein lieber Sohn
sagte der alte Haushofmeister da er Dich so hat vergessen können Weißt Du denn
nicht Wer in jenem Hause wohnte
Nein sagte der Knabe ich sagte Ihnen ja mein Herr hat den ganzen Tag kein
Wort mit mir gesprochen
Ich sollte Dich nun eigentlich nicht Du nennen mein liebes Kind sagte
Dübois da Du schon ein halber Student gewesen bist aber das wirst Du einem
alten Manne der Dir gut will wohl erlauben
Wenn Sie mich Du nennen rief der Knabe so freut mich das denn Sie sind
ein guter ehrwürdiger Mann aber von den Bedienten hier im Hause werde ich es
niemals leiden
Da der gute junge Graf fuhr Dübois fort wie Du selbst bemerkt hast so
schon manchen Kummer zu haben scheint so wirst Du ihm wohl das schlechte
Betragen der elenden Bedienten gegen Dich nicht erzählen Nein gewiss nicht
rief der Knabe ich weiß es würde meinen Herrn schmerzen und diese Menschen
sind es nicht wert dass er um ihretwillen einen trüben Augenblick haben soll
Du bist ein braver Mensch sagte der Haushofmeister und da ich sehe dass
der junge Graf nicht sowohl Dein Herr als Dein Freund und Wohltäter zu nennen
ist so werde ich dafür sorgen dass das Verhältnis hier so eingerichtet wird
wie er es sebst bei seinem Vater gestellt hat ich werde befehlen dass ihn einer
von den hiesigen Bedienten aufwartet
Nimmermehr unterbrach der Knabe mit Heftigkeit den alten Mann von diesen
Menschen die über seine Armut gespottet haben soll ihn Niemand anrühren sie
würden sich am Ende noch heraus nehmen auch darüber zu lachen wenn nicht alle
Stücke des Anzugs meines Herren so prächtig sind wie ihr reicher Graf
vielleicht Alles hat Der gute Haushofmeister konnte das Gefühl nur ehren
welches den Knaben bestimmte den jungen Grafen selbst zu bedienen er sagte
also Handle darin wie Du willst mein Kind aber das wirst Du mir nicht
abschlagen dass Du so lange der junge Graf hier bleibt bei mir wohnst und an
meinem Tische mit mir speisest Dafür danke ich Ihnen herzlich sagte der junge
Mensch mit Tränen in den Augen denn Sie können wohl einsehen dass ich mich
unter den Bedienten elend gefühlt hätte
Kaum waren die letzten Worte gesprochen als die Klingeln von allen Seiten
läuteten und die Bedienten eilten ihre verschiedenen Herren zu bedienen Der
Haushofmeister nahm einen Armleuchter und eilte mit dem jungen Gustav um den
Saal zu erreichen Die Gesellschaft trennt sich heut ungewöhnlich früh bemerkte
er noch unterwegs und kam eben zur rechten Zeit um dem jungen Grafen
vorzuleuchten und ihn nach seinem Zimmer zu führen
Der junge Graf war finster eingetreten das gutmütige Gesicht und das
silberweisse Haar des Haushofmeisters bewirkten aber doch dass er ihn höflich
entließ Stumm ließ er sich nun die Dienste seines jungen Freundes gefallen und
warf sich rasch entkleidet mit dem Ausdrucke der Verzweiflung auf sein Bett
Die Tränen stiegen dem Knaben in die Augen als er sich anschickte das Zimmer
zu verlassen ohne ein freundliches Wort aus dem Munde des geliebten Herrn zu
vernehmen
Gustav rief dieser als der Knabe eben gehen wollte was wird aus Dir hier
in dem prächtigen Hause
Der gute alte Haushofmeister sagte der Knabe hat sich meiner angenommen
ich wohne bei ihm und speise an seinem Tische Dann ist es gut sagte der junge
Graf ich hatte Dich armen Jungen heute vergessen Du wirst mir ein ander Mal
erzählen wie es kommt dass sie Dich trotz dem nicht unter die Bedienten
verstoßen haben heut habe ich zu vielen Kummer heut kann ich nichts mehr
hören Du armer Junge setzte er mit weicher Stimme hinzu ich dachte Dir wohl
zu tun und Du musst so Vieles mit mir leiden Der Knabe küsste die dargebotene
Hand mit Tränen Nun geh nur heut und suche zu schlafen sagte der Graf indem
er ihm die Hand drückte morgen wenn wir beide geschlafen haben wollen wir
über Manches sprechen
Der Knabe ging und fand den Schlummer bald den der junge Graf ihm gewünscht
hatte aber Zorn qualende Sorgen und herzzerreissender Gram hielten diesen
selbst noch lange wach und der Morgen fing schon an zu dämmern als endlich
auch seine Augenlieder sich senkten und der lang ersehnte Schlaf wohltätig ihn
umfing
XVI
Als der junge Graf am andern Morgen erwachte sah er seinen Knaben am Fenster
sitzen und mit Eifer in einem Buche lesen Er rief ihn zu sich und fragte nach
seiner Beschäftigung Ach lieber Herr Graf rief der junge Mensch ich habe
hier in dem alten Manne dem Haushofmeister einen wahren Schatz gefunden Heut
Morgen schon sehr frühe hat er mich in die Bibliothek des Grafen geführt und
mir erlaubt von den Büchern zu nehmen was ich will ich habe mir gleich den
Shakespeare genommen Sie können es nicht glauben welche Glückseligkeit es ist
nach so vielen Monaten nach einem wilden Leben wieder ruhig bei solchem Buche
zu sitzen
Ich wollte ich könnte Dir erst die Mittel verschaffen Deine Studien
fortzusetzen sagte der Graf und mich bekümmert es herzlich dass sich für jetzt
noch keine Aussicht dazu zeigt
Man kann ja auch für sich studieren sagte der Knabe tröstend und hier der
alte Mann fuhr er lächelnd fort hat mich ordentlich examinirt doch er sah
bald dass ich mehr wusste wie er aber mit meiner Aussprache des Französischen
war er sehr unzufrieden und er hat mir befohlen so lange wir hier sind immer
mit ihm in dieser Sprache zu reden damit er mir zurechtelfen kann und ich
nicht eine Aussprache bekomme wie ein gewisser Doktor der hier im Hause sein
soll über die alle wohlerzogenen Leute lachen müssten versicherte Dübois Er
hat mir auch versprochen dass für unsere Pferde gut gesorgt werden soll und da
ich mich auf ihn verlassen kann so kann ich den ganzen Tag wenn Sie mich nicht
brauchen auf seinem Zimmer sitzen und lesen denn hier sind unermesslich viele
Bücher
Du und Dein neuer Freund sagte der junge Graf Ihr scheint zu glauben dass
mein Aufenthalt hier sehr lange dauern wird da Ihr solche Pläne darauf gründet
Herr Dübois meint freilich erwiderte der Knabe schüchtern dass Sie eine
Zeitlang hier bleiben würden um einen so vortrefflichen Verwandten wie er den
hiesigen Grafen schildert näher kennen zu lernen
Das wird sich zeigen sagte der Graf düster indem er sich erhob um sich
anzukleiden Während dieser Beschäftigung rief er sich die Ursache zurück die
ihn hieher geführt habe und dass er gezwungen sei diese schwere drückende
Pflicht gegen seinen Vater zu erfüllen Nur kann ich es nicht auf seine Weise
schloss er in Gedanken seine Betrachtungen ich verstehe es nicht eine
Begebenheit langsam herbei zu führen ich kann Niemanden untergraben und wenn
er fällt geschickt seine Stelle einnehmen wie mir der Vater das Alles so
weitläufig auseinandergesetzt hat Der Franzose soll aus dem Hause und das auf
die einfachste Weise von der Welt
Mit diesen Gedanken beschäftigt betrat er den Saal wo er die Hausgenossen
schon versammelt fand auf die er einen bessern Eindruck machte als am
vergangenen Abend Der kurze Schlaf hatte die leidenschaftliche Spannung gelöst
die den vorigen Tag zu bemerken war er war höflicher wenn auch Kälte und
Zurückhaltung in seinem Betragen nicht zu verkennen war und man es wohl
bemerkte dass seine Seele sich mit andern Gegenständen beschäftigte als denen
die eben im Gespräch verhandelt wurden
Er hatte einige Mal höflich das Wort an St Julien gerichtet so dass es
Niemandem auffallen konnte als er ihm endlich einen gemeinschaftlichen
Spaziergang in den Garten vorschlug Dem Grafen war es angenehm dass die beiden
jungen Männer sich zu nähern schienen und auch St Julien ergriff gern die
Gelegenheit einem Verwandten seines väterlichen Freundes näher zu treten
dessen unhöfliche Kälte ihn den vorigen Tag empfindlich beleidigt hatte
Beide durchschritten die dem Hause zunächst liegenden Gänge des Gartens ohne
zu reden und als St Julien ein Gespräch anzuknüpfen suchte wurde er bald
durch die einsylbigen Antworten des jungen Grafen davon abgeschreckt So gingen
sie stumm neben einander bis sie einen einsamen vom Hause ziemlich entfernten
Platz erreichten und St Julien fing eben an zu bemerken dass mit dem Gange in
dem Garten wohl kein harmloser Spaziergang beabsichtigt sei als der junge Graf
auf ein Mal still stand und seinen Begleiter also anredete Ich habe Sie
gebeten Herr St Julien mich in den Garten zu begleiten um ungestört Ihnen
Eröffnungen machen zu können deren Folgen die Art bestimmen wird wie Sie meine
Offenherzigkeit aufnehmen werden St Julien schwieg betroffen und erwartete mit
Spannung wie der junge Graf in seinen Mitteilungen fortfahren würde Wenn von
meinem Geschick allein die Rede wäre hob dieser nach sichtbarem Kampfe von
Neuem an so könnte es sein dass ich Ihren Plänen nicht in den Weg getreten
wäre da aber das Schicksal eines alternden Vaters einer leidenden Mutter die
Zukunft jüngerer Schwestern auf dem Spiele steht so sind mir dadurch Pflichten
auferlegt die ich erfüllen muss
St Julien glaubte zu träumen er begriff nicht wie er auf die entfernteste
Weise auf das Schicksal aller dieser genannten Personen einwirken könne und bat
den jungen Grafen fortzufahren damit er diesen Zusammenhang begreifen möge
Sie könnten mich leicht verstehen sagte der junge Graf mit Bitterkeit ohne
weitere Auseinandersetzung da Sie es aber selbst so wollen so will ich Ihnen
eine genügende Erklärung geben Das Vermögen welches Ihr Gönner mein Oheim
besitzt ist nicht so schlechterdings nach dem Rechte sein sondern käme zum
großen Teile meinem Vater zu dessen beschränkte Lage ihn zwingt den Raub in
den Händen seines Verwandten zu lassen Die unglückliche Heirat des Grafen hat
ihn von seiner Familie gänzlich entfernt welche die Gräfin wie wir aus
sicherer Quelle wissen hasst und von der sie den Grafen fern hält damit er
nicht etwa in einer schwachen Stunde von seinem Gewissen angeregt der Familie
einigermaßen Gerechtigkeit widerfahren lasse
Hier nun übt der Graf mein Oheim Großmut nach allen Richtungen aus
fremden Mitteln aber doch vorzüglich gegen die Feinde des Landes die seine
Freunde zu sein scheinen und schloss der Graf zornig da die Gräfin eine
Vorliebe für Sie empfindet die sich nicht erklären lässt und meinen schwachen
Oheim beherrscht so wissen wir dass es im Werke ist Ihnen das ganze Vermögen
zuzuwenden wie Sie auch schon große Summen empfangen haben Desshalb wollte ich
Ihnen raten sich mit dem Empfangenen zu begnügen und nicht einer
achtungswerten Familie zu entziehen was ihr wenigstens nach dem Tode des
Grafen zufallen muss wenn sie auch leidet so lange er lebt und ich fordre um
diesen Zweck zu erreichen dass Sie das Haus meines Oheims verlassen und werde
von dieser Forderung nicht abstehen so lange ich lebe Ich hoffe Sie verstehen
mich nun vollkommen
St Julien war erstarrt bei dieser Rede des jungen Grafen Ein
instinktartiges Gefühl leitete seine Hand nach der Waffe zu greifen die er
aber glücklicher Weise nicht an seiner Seite trug seine Augen schienen Funken
zu sprühen seine Wangen glühten und seine Glieder bebten vor Zorn Blässe des
Todes folgte dieser Glut und den Augenblick darauf schossen die Flammen des
Zornes von Neuem in den Wangen empor er suchte nach Worten und seine Lippen
bebten ohne einen Ton zu finden endlich ohne dem Grafen zu antworten eilte
er mit schnellen Schritten einen Baumgang auf und ab bis nach und nach sein
Gang ruhiger seine Haltung gemässigter wurde Er kehrte endlich zu dem seiner
mit Verwunderung harrenden jungen Grafen zurück und das bleiche mit kaltem
Schweiße bedeckte Gesicht des leidenschaftlichen jungen Franzosen erschreckte
selbst diesen der ihm feindlich gegenüber stand
Herr Graf sagte St Julien mit tonloser Stimme Sie haben vermutlich
erwartet dass nach den Mitteilungen die Sie mir gemacht haben kein Wort
weiter zwischen uns nötig sei als die Bestimmung des Orts wo wir uns beide
noch ein Mal treffen und den nur Einer lebend verlässt und ich gestehe dass mir
dies selbst ganz natürlich vorkommen würde da aber auch ich nicht bloß mich zu
berücksichtigen habe so muss auch von meiner Seite eine Erklärung vorangehen Er
erzählte ihm nun wie der Graf ihn gefunden und aus reiner Menschenliebe in sein
Haus genommen habe Die Erinnerung wie zart und edel er von der ganzen Familie
behandelt worden war füllte wieder seine Seele und löste die Bande mit denen
Hass und Wut sein Herz umschnürt hatten Mit weniger Empfindung erwähnte er wie
das Wohlwollen des Grafen für ihn täglich zugenommen habe und wie in seiner
Seele die dankbare Verehrung täglich gewachsen sei Dies sind die Bande rief
er die mich an dies Haus fesseln dies sind die Gefühle die ewig
unauslöschlich in meiner Seele ruhen und wahrlich setzte er hinzu heute fühle
ich dass ich der Liebe des Grafen nicht unwert bin da das Gefühl der
Dankbarkeit mich bestimmt so unerhörte Beleidigungen nicht sogleich auf die
einzige Art die hier unter Männern von Ehre denkbar ist zu rächen Da die
lächerliche Verleumdung dem Grafen bekannt wurde fuhr er fort dass man mich als
einen Kundschafter darstellen wollte den er in seinem Hause hielte um
Frankreich zu dienen so nahm mir der edle Mann mein Ehrenwort ab sein Haus
nicht ohne seinen Willen zu verlassen damit er mich vor die Behörde stellen
kann die sein König ernennen mag um diesen Flecken von dem Namen des besten
der Menschen zu vertilgen und Sie sehen also sagte er bitter lächelnd dass
wenn ich auch so feig sein wollte mich Ihren Wünschen zu fügen ich dies nur
mit dem Willen Ihres Oheims tun könnte Was sein Vermögen betrifft so kann ich
nicht beurteilen in wiefern ihm der Besitz desselben zukommt ich weiß nur
dass er den edelsten Gebrauch davon macht Ihre Befürchtung aber dass ich mich
als sein Erbe eindrängen wolle ist völlig grundlos Ich habe selbst Anspruch
auf ein großes Vermögen und die Summen die ich von dem Grafen als Darlehn
empfangen habe sind in Beziehung auf sein wie auf mein Vermögen unbedeutend
und da ich täglich Briefe aus meiner Heimat erwarte die mich in den Stand
setzen werden meine Verpflichtung zu lösen so mag die Rückzahlung alsdann
durch Ihre Hände gehen um Sie völlig zu beruhigen Alles dies habe ich gesagt
schloss St Julien um mein Gewissen gegen den Grafen frei zu erhalten wenn mich
ein unglückliches Schicksal zwingen sollte seinen Verwandten beinah unter
seinen Augen zu töten oder wenn er über die Leiche eines Freundes trauern muss
dem er seine Liebe geschenkt hat und jetzt Herr Graf erwarte ich welche
Genugtuung Sie mir nach der mir zugefügten Beleidigung anbieten werden
St Juliens Worte trugen das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und
unangenehme Gefühle kämpften in der Seele des jungen Grafen Er musste sich
gestehen so schmerzlich ihm dies als Sohn auch wurde dass nicht immer die
edelsten Beweggründe seinen Vater leiteteten er konnte es nicht abläugnen dass
er nicht immer der Wahrheit treu blieb um seinen Zweck zu erreichen und doch
hatte er keine andern Beweise für alle seine Anschuldigungen als die Worte eben
dieses Vaters er erinnerte sich dass ihm dieser selbst jedes offene gewaltsame
Unternehmen dringend widerraten und von ihm begehrt hatte er solle zu
Falschheiten und Verläumdungen sich herablassen die sein ganzes Herz
verabscheute ja er musste es sich bekennen dass der Inhalt aller Aufträge seines
Vaters eigentlich kein anderer gewesen sei als auf jeden Fall eine Summe Geldes
von seinem Verwandten zu erhalten um den Fall des eigenen Hauses abzuwenden
Diese Betrachtungen drängten sich ihm auf und er fühlte lebhaft das
Unschickliche und Unwürdige seines Betragens und die Verlegenheit die dies in
ihm erregte erhöhte seinen Unmut über sich selbst Endlich da er die
Notwendigkeit fühlte eine Antwort zu geben sagte er Ich kann nicht leugnen
dass ich mich übereilt und auf zu wenig begründete Angaben Ihren Charakter falsch
beurteilt zu haben glaube unsere Bekanntschaft ist zu neu als dass ich Sie
möchte in meinem Herzen lesen lassen wodurch Sie vielleicht die Entschuldigung
meines Betragens fänden ich muss es mir also gefallen lassen wie Sie auch immer
meinen Charakter beurteilen mögen da ich Ihnen aber darin unbedingt Recht
geben muss dass es eine unglückliche Notwendigkeit wäre wenn einer von uns
beiden hier unter den Augen meines Oheims bleiben müsste und meine unbesonnene
Rede ein solches Unglück möglich gemacht hat so bitte ich Sie dieser Rede wegen
um Verzeihung hier unter vier Augen setzte er nachdrücklich hinzu und wenn
Sie mit dieser Genugtuung zufrieden sind so gewähren Sie eben so einsam die
Verzeihung wie Sie die Beleidigung empfingen
Um Ihres Oheims Willen bin ich zufrieden sagte St Julien und aus freiem
Antriebe sage ich Ihnen noch dass ich selbst es betreiben werde so bald als
möglich ein Haus verlassen zu können an welches sich die schönsten Empfindungen
meiner Seele knüpfen das mir aber dennoch nicht lange mehr ein Obdach gewähren
darf weil man bei meinem hiesigen Aufenthalte mir Pläne unterlegt die nur ein
Ehrloser hegen könnte Er verbeugte sich gegen den Grafen und beide junge
Männer gingen auf verschiedenen Wegen nach dem Schloss zurück
St Julien fragte sich unterwegs oft ob er recht getan habe nach einer
so leichten Entschuldigung eine so schwere Beleidigung zu verzeihen und sein
Stolz wollte ihm vorspiegeln dass er sich zu willig zur Vergebung habe finden
lassen aber sein besseres Selbst bekämpfte diese Gedanken und er war zufrieden
mit der Selbstüberwindung die er seinem väterlichen Freunde zu Liebe geübt
hatte Die baldige Trennung von diesem und von der Gräfin ach und von Emilie
die er sich selbst auferlegt hatte fiel beklemmend auf sein Herz aber die
glückliche Mischung seines Blutes machte dass er in der Gegenwart leicht die
nächste Zukunft vergaß und so heiterte sich sein Auge auf als Emilie ihm in
dem Saale entgegen trat und ihn scherzend aufforderte heut an diesem großen
Tage als ein würdiger Hausgenosse dazu beizutragen das Fest angenehm und
lebendig zu machen welches der Baron Löbau gewiss immer ein Friedensfest nennen
würde so wenig der Graf dies auch wollte Ein Friedensfest wiederholte St
Julien lächelnd und dachte an die wenig friedliche Unterredung die er eben im
Garten gehabt hatte
Man hat meinen Geburtstag vorgeschoben sagte die Gräfin die hinzugetreten
war aber der Baron wird es nicht gelten lassen Mit inniger Empfindung küsste
St Julien die Hand der Gräfin indem er ihr seinen Glückwunsch darbrachte und
lobte sich innerlich dass er einen Streit vermieden hatte durch den dieser Tag
als ein blutiger wäre bezeichnet worden
Die Stimmung des jungen Grafen war nicht so angenehm er fragte sich was er
eigentlich damit gewollt habe dass er St Julien beleidigte Sein Vater hatte
ihm die Notwendigkeit vorgespiegelt diesen zu entfernen und sich seinem Oheim
anzuschließen aber die Frage drängte sich ihm auf welch ein Recht hatte Dein
Vater dies zu verlangen und würdest Du selbst wohl jemals auch nur von Ferne
auf den Gedanken dieses Vaters eingegangen sein wenn Dich nicht die
verzweiflungsvolle Lage desselben dazu bestimmt hätte Und wie schön sagte er
zu selbst wie schön habe ich die Aufträge des Eigennutzes ausgeführt Durch
mein größtes entsetzlichstes Unglück was mein Vater am Wenigsten verstehen
würde zur äußersten Verzweiflung gebracht komme ich hier an und soll höfliche
Reden wechseln indes ich selbst mit meinen Händen ein Grab aufwühlen und mich
hinein verscharren möchte um nur von dem Leben nichts mehr zu wissen Der Zorn
über die verächtliche Rolle die ich hier übernommen habe kam hinzu und ich
ließ eigentlich Jeden meine eigne Schlechtigkeit büßen und wenn ich nun den
Franzosen erschossen hätte sagte er bitter lächelnd das würde unfehlbar meines
Vaters klug angelegte Pläne sehr befördert haben das würde meinen Oheim der
den jungen Mann liebt gewiss bestimmt haben dessen Mörder für seinen Erben zu
erklären Nein sagte er zu sich selbst indem er sich heftig die Tränen von
den Wangen trocknete nein verläumde Du Dich nicht selbst nein Du wolltest
nicht morden aus Eigennutz Du suchtest einen Zweikampf um darin zu fallen um
dem grässlichen Elende des Lebens zu entfliehen das Du Tor doch zu feig bist
freiwillig zu verlassen
Der junge Graf hatte gesucht auf einem einsamen Spaziergange die nötige
Fassung wieder zu gewinnen Ich muss ja doch sagte er sich selbst was mein Herz
auch leidet heute die abgeschmackte Festlichkeit mitmachen morgen will ich
darüber nachdenken was ich eigentlich hier will Er kehrte also ebenfalls nach
dem Schloss zurück und fand dass man mit der Mittagstafel schon auf ihn
wartete denn es war beschlossen worden heute früher zu speisen als gewöhnlich
um nicht durch die Ankunft der ersten Gäste in Verlegenheit zu geraten
Der Graf hatte geglaubt sein Vetter und St Julien wären einander näher
getreten und er erstaunte also als er bemerkte dass ihr Betragen gegeneinander
noch förmlicher geworden war Sie begegneten einander höflicher als früher aber
die Höflichkeit war von so sonderbarer Art dass jede höfliche Rede die der Eine
an den Andern richtete mit einer Herausforderung hätte endigen können Das
heutige Fest hinderte alle ernsten Mitteilungen und der Graf nahm sich vor
den folgenden Tag seinem jungen Vetter entweder näher zu treten oder den
peinlichen Besuch mit kurzer Art abzukürzen
Die Mittagstafel war aufgehoben Der junge Graf entfernte sich um noch
einen einsamen Spaziergang zu machen und in der Natur Trost für sein zerrissenes
Herz zu suchen Er fühlte sich aus tausend Gründen unglücklich aber was ihm den
letzten Trost und alle Haltung raubte er musste sich fragen ob er noch seiner
eignen Achtung wert sei nachdem er den Bitten seines Vaters nachgegeben und in
dessen Aufträgen auf Schloss Hohental erschienen war er konnte durchaus nicht
begreifen was er eigentlich hier wollte denn Alles was ihm sein Vater zur
Aufgabe gemacht hatte kam ihm geradezu verächtlich und abgeschmackt vor
Die Damen hatten sich wegbegeben um sich festlich zu kleiden und St
Julien zog sich in derselben Absicht auf sein Zimmer zurück der Graf blieb
allein und wünschte das Fest möchte vorüber und die gewöhnliche Ordnung des
Hauses wieder eingetreten sein da rasselten mehrere Wagen in den Hof und aus
verschiedenen Equipagen stieg der Prediger und seine zahlreiche Familie Der
Graf entschuldigte die Damen dass sie mit ihrer Kleidung beschäftigt die Frau
und Töchter des Predigers noch nicht empfangen könnten Ich bin eigentlich etwas
früher gekommen sagte der Geistliche weil ich noch ehe die Gesellschaft
kommt etwas mit Ihnen zu sprechen wünsche Der Graf führte den Prediger in sein
Kabinet und die Familie desselben blieb fürs Erste sich selbst überlassen in
dem Gesellschaftszimmer wo sie der Haushofmeister mit Kaffee bewirten ließ
Wissen Sie redete der Geistliche den Grafen an als sie allein waren dass
es mit dem Vater Ihres jungen Vetters der sich hier aufhält erbärmlich steht
Es war ein Kornhändler heute bei mir der brachte mir die Nachricht mit Er ist
gänzlich zu Grunde gerichtet die Gebäude auf dem Gute sind alle verfallen sein
Viehstand ausgestorben die Schaafheerden hat er verkauft und jetzt bedrängt
ihn eine Zahlung die er durchaus nicht leisten kann In dieser Not hat sich
der alte Schurke der Lorenz auf dem Schloss eingefunden er erbietet sich die
Summe zu schaffen das Gut für ein Jahr zu pachten in welcher Zeit ihm Ihr Herr
Vetter die vorgestreckte Summe zurückzahlen muss oder das Gut bleibt für einen
sehr niedrigen Preis in den Händen des Darleihers und der mir die Nachricht
mitteilte meinte der Darleiher wäre der Sohn des Alten Könnte ich nur
begreifen wie die Menschen auf ein Mal zu so vielem Gelde gekommen Der Graf
erzählte dem Prediger auf welche Art sich die Tochter des Alten von dem General
Klairmont getrennt habe und teilte ihm auch die Vermutung mit die er hegte
dass der Sohn den Franzosen als Spion und Wegweiser gedient haben möchte Jetzt
geht mir ein Licht auf rief der Prediger wir sahen den jungen Mann ja selbst
der den General bis zu Ihrem Schloss begleitete jetzt kann ich mir Alles
erklären auch wie die Franzosen hier so trefflich Bescheid wussten Aber ist es
nicht abscheulich dass solche Schufte nun die Gutsbesitzer hier im Lande werden
sollen Das muss man abzuwenden suchen sagte der Graf ich werde mit meinem
Vetter über den Gegenstand zu sprechen suchen Es ist nur schwer fügte er
hinzu den jungen Mann zur Mitteilung zu bewegen
Ich habe hier einen Brief für ihn sagte der Pfarrer derselbe Kornhändler
brachte ihn mit er ist vermutlich von seinem Vater denn er ist mit dem
Hohentalschen Wappen gesiegelt der wird wohl die traurige Geschichte
umständlich enthalten Wollen Sie mir dies Schreiben anvertrauen sagte der
Graf so werde ich es morgen meinem Vetter abgeben wir wollen heute dadurch
seine Laune nicht verderben er ist außerdem nicht in der heitersten Stimmung
Das kann ich mir bei seiner Lage denken bemerkte der Geistliche der Vater
zu Grunde gerichtetet und er selbst verabschiedet das muss ihn natürlich
niederdrücken
Der Graf hatte den Brief von dem Geistlichen empfangen und bat diesen nun
nach dem Saale zurückzukehren um Teil an der Gesellschaft zu nehmen
XVII
Es hatte sich schon eine zahlreiche Gesellschaft versammelt als der Graf und
der Prediger den Saal wieder betraten und es war in der Tat ein angenehmer
Anblick eine blühende geschmückte Jugend nach langer Trauer wieder zur
Heiterkeit und Freude vereinigt zu sehen Einige durchschwärmten den Garten
aber dies waren nur Wenige denn die meisten jungen Leute freuten sich
hauptsächlich auf die lang entbehrte Lust des Tanzes und die jungen Damen
wollten ihre für den Ball eingerichtete Kleidung keiner Gefahr auf einem
Spaziergange im Freien aussetzen
Endlich wurden für den ältereren Teil der Gesellschaft die Spieltische
hingesetzt und die Musik ertönte um der jüngeren Welt den Anfang ihrer Freude
zu verkündigen Die lustigen Klänge der Klarinetten und Hörner schwebten nach
dem Garten hinunter und lockten schnell die wenigen Lustwandelnden herbei und
viele Paare durchflogen mit leichten von Freude beflügelten Füßen den Saal St
Julien hatte den scherzenden Wink der Gräfin verstanden die ihm riet nicht
immer mit derselben Dame zu tanzen er betrachtete es also wie eine Pflicht der
Höflichkeit auch mit einigen andern jungen Damen zu tanzen und nur dann erst
wenn er dies wie ein Geschäft abgemacht hatte kehrte er immer mit neuem
Entzücken zu Emilien zurück Der Obrist Talheim hatte für diesen Abend kein
Spiel angenommen er wusste nicht recht wie sich seine Tochter benehmen würde
die zum ersten Mal in einer so glänzenden Gesellschaft auftrat er fürchtete mit
väterlicher Eitelkeit dass sie schlecht tanzen würde da sie keinen andern
Unterricht in dieser Kunst erhalten hatte als durch Emilie und St Julien von
denen die Sache nur wie ein Scherz war getrieben worden Aber obgleich Terese
mit Schüchternheit den Saal betrat so fand sie sich doch bald zurecht die Nähe
der Gräfin gab ihr Mut Sicherheit gewann sie durch den Beistand ihrer jungen
Freunde und der zärtliche Vater sah mit Entzücken dass sie an Leichtigkeit
Grazie und Anstand viele andere junge Tänzerinnen übertraf
Der Graf hatte sich gewundert dass sein Vetter immer noch in der
Gesellschaft fehlte er hatte sogar einige Male nach dessen Zimmer geschickt um
ihn auffordern zu lassen Teil an der allgemeinen Heiterkeit zu nehmen aber
jedes Mal war die Antwort zurückgekommen dass der junge Herr Graf gar nicht zu
Hause sei Verdrüsslich über diese Sonderbarkeit teilte er eben dem Obristen
mit dass sein Vetter bei ihm im Hause sei und klagte über dessen seltsames
Betragen Der Obrist freute sich sehr auf das Zusammentreffen mit seinem jungen
Freunde und bedauerte nur dass er ihn noch nicht erblickte Endlich trat der
junge Mann sorgfältig gekleidet in den hell erleuchteten Saal sein Auge
schweifte über die glänzende Gesellschaft hinweg und haftete auf der würdigen
Gestalt eines Greises der in das Gespräch mit seinem Oheim vertieft ihn nicht
sogleich bemerkte Eine glänzend neue Uniform die ganze für sein Alter zwar
passende aber mit Sorgfalt gewählte Kleidung deutete auf eine Wohlhabenheit
die den jungen Grafen irre machte und sich am Wenigsten mit seinen letzten
Nachrichten vereinigen ließ aber das edle ihm so wohl bekannte Gesicht die
dünnen Haare die sich silberweiss an die Schläfe schmiegten ließ keine
Zweifel Er wollte eben vortreten und den Obristen anreden als dieser sich
umwendete und ihn erkannte Mit väterlicher Liebe trat er dem jungen Manne
entgegen dessen Staunen ihn verhinderte sein Gefühl auszudrücken Sie haben
mich hier nicht erwartet rief mit Gutmütigkeit lächelnd der Obrist nach den
ersten Begrüßungen aber kommen Sie nur ich will Sie noch mehr in Verwunderung
setzen Sie sollen auch meine Tochter begrüßen Betäubt hatte der junge Graf
sich führen lassen und stand nun vor einem reizenden Wesen dessen schlanke
Gestalt von leichten Gewändern umschwebt von Blumen umrankt war und das ihm
aus heitern braunen Augen mit unschuldiger und unverhehlter Freude entgegen
lächelte Der junge Graf stand verwirrt Theresens Bild hatte ihn begleitet in
allen Gefahren in allen kummervollen und in allen besseren Stunden aber in der
Dürftigkeit war sie ihm erschienen wie er sie gekannt hatte das Letzte was er
von ihr erfahren hatte ihn in Verzweiflung versenkt ja er musste sie für
verloren halten und nun fand er sie hier umgeben mit allen Zeichen des
Wohlstandes in allem Übrigen den versammelten Damen gleich nur dass statt der
reichen Perlen der glänzenden Steine mit denen die andern geschmückt waren
eine feine venetianische Kette das Weihnachtsgeschenk der Gräfin den schlanken
Hals bescheiden umschlang
Sie hier stammelte endlich der junge Graf wie bin ich so glücklich Sie
hier zu finden Setzen Sie sich zu mir sagte Terese mit vor seliger Freude
feuchten Augen ich will Ihnen Alles erzählen
Der Graf nahm einen Stuhl neben ihr ein und die Welt umher entschwand ihm
Er horchte mit Entzücken auf die Töne die den roten Lippen begeisternd
entschwebten das im schönen Gefühle der Dankbarkeit befeuchtete Auge blickte so
rein so zärtlich in das seine dass er dem Zauber zu erliegen fürchtete die
Fassung wollte ihn verlassen die Rücksicht auf die Gesellschaft entschwand ihm
und er war nahe daran zu den Füßen des Wesens hinzusinken das ihm wie durch
ein Wunder so verschönert so veredelt zurückgegeben wurde nachdem es von ihm
mit finster menschenfeindlicher Verzweiflung betrauert worden war
Die Gräfin hatte schon längst das Auffallende einer so langen und innigen
Mitteilung in einer großen Gesellschaft bemerkt sie war einige Male vorbei
gegangen aber die jungen Leute waren zu sehr mit sich beschäftigt als dass sie
auf einen leichten Wink hätten achten können Die Gräfin bot also Teresen die
Hand als hätte sie ihr etwas zu sagen und führte sie freundlich mit ihr
sprechend von dem jungen Grafen hinweg dessen trunkene Augen jeder Bewegung
seiner reizenden Freundin folgten
Die Musik spielte einen französischen Kontretanz und St Julien forderte
Teresen auf neben der die Gräfin saß die ihrer jungen Freundin noch einige
Worte zuflüsterte worüber diese wie die schönste Rose errötete indem sie doch
zugleich liebevoll zu der Gräfin auflächelte Der junge Graf war mit seinen
Gedanken wenig bei dem Tanze man sah es ihm an dass Gefühle seine Brust
bewegten die er sich vergeblich zu beherrschen bemühte
Der Tanz war geendigt und St Julien hatte Teresen kaum zu ihrem Sitze
zurückgeführt als der junge Graf hastig zu ihm trat seinen Arm merklich
drückte und mit bewegter Stimme ihm eilig zuflüsterte Folgen Sie mir auf einige
Augenblicke in den Garten St Julien war erstaunt der heftige Druck das
glühende Auge die bewegte Stimme des Grafen der schon den Saal verlassen
hatte ließ auf eine Erneuerung der Feinschaft schließen und er folgte ihm
missvergnügt darüber dass er ihm die wenigen Stunden der Freude zu verbittern
strebte
Der junge Graf stürmte durch die Gänge des Gartens so dass St Julien ihn
mit Mühe erreichte und beide standen endlich auf demselben von Gebüschen
umgebenen Platze wo sie den Morgen ihr feindliches Gespräch geführt hatten Es
war eine stille warme Nacht der Mondschein ruhte auf dem Laube der Bäume und
breitete seinen Silberschimmer über den Rasen aus ein Springbrunnen plätscherte
in der Nähe und nur einzelne Töne der Musik klangen wie lockend zu ihnen vom
Schloss herunter
Der Graf wendete sich hier plötzlich und indem er St Juliens Arme die
dieser über die Brust zusammen geschlagen hatte mit beiden Händen heftig fasste
rief er St Julien ich muss reden heute noch mein Herz würde sonst
zerspringen ich könnte das Gefühl der Qual und Seligkeit nicht diese Nacht
hindurch ertragen Nicht wahr rief er aus indem ihm die Tränen über die
Wangen strömten es wäre lächerlich wenn Einer von uns den Andern für feig
halten wollte da wir Beide jeder für sein Vaterland aus schmerzlichen Wunden
geblutet haben deshalb sind für uns solche abgeschmackte Rücksichten nichts
und was sind alle Rücksichten gegen mein Gefühl hier an derselben Stelle wo
ich Sie beleidigte bitte ich Ihnen mein Unrecht ab hier sage ich Ihnen dass
ein wilder Schmerz mich dahin brachte Sie gern zu verkennen dass ich einen
Zweikampf suchte um mein Leben darin zu endigen und hier antworten Sie mir ob
Sie mein Gefühl mit derselben Freimütigkeit erwidern können
Bester Graf sagte St Julien mit Rührung Sie sind so erschüttert dass Ihr
Zustand mich besorgt macht lassen Sie uns vergessen dass wir uns gegenseitig
verkannt haben und schenken Sie mir Ihre Freundschaft
Freundschaft wiederholte der Graf mild lächelnd ja lassen Sie uns Freunde
sein und helfen Sie mir die Qual des Kummers und die Seligkeit des Entzückens
ertragen die mich beide zu vernichten drohen Sie müssen es erfahren fuhr er
nach einem kurzen Schweigen während dessen er sich gesammelt hatte mäßiger
fort was mich bei meiner Ankunft hier auf dem Schloss in jene unselige
Stimmung versetzt hatte und wodurch jetzt mein Gefühl so gänzlich umgewandelt
worden ist damit Sie mich nicht für einen Toren halten dessen Zorn eben so
wenig als seine Freundschaft Achtung verdienen
Sie müssen wissen dass ein großer Teil unseres Adels mit der Armut kämpft
und zu diesen Unglücklichen gehört mein Vater Von frühester Kindheit an hörte
ich es beklagen dass mein Oheim hier das gesammte FamilenVermögen mit Unrecht
besitze es wurden oft ohnmächtige Pläne gegen ihn entworfen und man
behauptete dass hauptsächlich meine Tante ihn abhielte sich mit meinem Vater in
Unterhandlungen einzulassen Auf mich machte dies Alles keinen tiefen Eindruck
außer dass ich einen Widerwillen gegen meinen Oheim und besonders gegen meine
Tante fasste Ich nahm Militairdienste eben so wohl aus Not als aus Neigung
ich lernte früh entbehren denn mein Vater konnte mich nur wenig unterstützen
von den jungen reichen Leuten beim Regiment zog ich mich zurück einen Bruder
hatte ich nicht und so lebte ich die schönsten Jahre der Jugend in tiefer
Einsamkeit des Herzens
Endlich lernte ich ein Wesen kennen in noch beschränkterer Lage als ich
selbst dessen zarte Schönheit die wie eine Knospe im Erblühen war dessen edle
Eigenschaften die sich unter den ungünstigsten Umständen dennoch herrlich zu
entwickeln begannen tausend zarte Bande um mein Herz legten und ich lernte
eine Seligkeit kennen die ich in diesem armen Leben nie geahnt hätte Ich
erwartete von meinem Vater nichts aber ich hoffte dass sein Gut ihm die Mittel
zur Existenz gewähren würde so lange er lebte Ich war Stabsrittmeister und es
konnte nach meiner Meinung nicht mehr lange währen dass ich eine Eskadron
bekommen müsste dann wollte ich mich mit dem holden Wesen vereinigen in dessen
unschuldigen Augen ich zu meinem Entzücken las dass sie vielleicht ohne es zu
wissen auf mich die Hoffnungen ihres Lebens baute Der Krieg begann und ich
musste mich von meiner holden Freundin und ihrem ehrwürdigen Vater trennen Bei
Eylau wurde ich schwer verwundet und verlor zugleich Alles was ich an irdischen
Besjetztümern mein nennen konnte Nach Monaten hatte ich mich in so weit erholt
dass ich reisen konnte und nun wurde es durch den Waffenstillstand auch möglich
Ich kam bei meinem Vater an den ich in vielen Jahren nicht gesehen hatte und
in den ersten Stunden schon überzeugte ich mich dass er völlig zu Grunde
gerichtet war wozu der Krieg das Seinige beigetragen hatte Ich war kaum einige
Tage bei meinen Eltern als der Friede mit allen seinen Bedingungen bekannt
wurde und in Folge der großen Reduktionen bei der Armee erhielt ich meinen
Abschied Jetzt wurde meinem Vater die Nachricht mitgeteilt dass mein Oheim
damit umgehe das gesammte Vermögen einem Fremden zuzuwenden Mich erbitterte
mehr als alles Andere die Ungerechtigkeit gegen meinen Vater und ich ließ
mich bestimmen die Reise hieher zu unternehmen ich war hiezu um so lieber
bereit da mich die größte Unruhe quälte über das Schicksal meiner Freunde alle
meine Briefe waren unbeantwortet geblieben und die heisseste Sehnsucht erfüllte
mein Herz
Auf dem Wege hieher eilte ich zuerst die Unruhe meines Herzens zu endigen
Ich wollte mich an dem Anblicke meiner Freundin stärken und erfreuen ich hoffte
selbst Rat von ihrem Vater vor Allem aber wollte ich sie sehen und über ihr
Schicksal beruhigt sein so erreichte ich nach den qualvollsten Tagen der
heißesten Sehnsucht endlich ihre Wohnung Fremde Menschen kamen mir entgegen
ich fragte nach dem Obristen Talheim ein plumper breiter Mensch fragte Meinen
Sie den vorigen Pächter Nun ja das war ja der Obrist Talheim rief ein Weib
aus einem Winkel Der ist gänzlich hier verarmt ergänzte nun der widrige
Mensch vorigen Winter wurde er hinaus getrieben und wird nun wohl schon
gestorben sein Und seine Tochter fragte ich mit höchster Anstrengung Gott
weiß sagte der Mensch wo das Mädchen hingekommen sein mag wie kann man es
wissen da Freunde und Feinde hier durchgezogen sind Ich weiß nicht wie ich
das Haus verlassen habe ich weiß nicht was ich auf dem Wege hieher dachte und
fühlte Mit dieser Qual im Herzen kam ich hier an Alles kam mir nun
feindselig vor ja selbst der sichtbare Wohlstand empörte mich denn ich dachte
an die Entbehrungen meines Vaters mir fiel es ein dass vielleicht ein kleiner
Teil dessen was hier überflüssig ausgegeben wird das edelste Geschöpf
erhalten hätte Dunkel schwebte mir dabei vor dass ich doch meinem Vater nicht
einmal würde nützen können und diese Gefühle brachten mich dahin das Ende
meines Lebens zu suchen Können Sie nun die Stimmung begreifen die mich dazu
trieb den Streit mit Ihnen zu beginnen St Julien drückte seine Hand und der
junge Graf fuhr fort Ich war nicht so verstockt dass ich nicht dennoch mein
Unrecht empfunden hätte ich war entzweit mit mir selbst ich entzog mich den
Blicken aller Menschen und schweifte auf den Bergen umher um in der Einsamkeit
das Gleichgewicht wieder zu finden das meine Seele verloren hatte die Stürme
meines Busens wurden gekühlt eine edlere Trauer ruhte mir im Herzen und ich
beschloss schon auf meinem einsamen Spaziergange mich näher gegen Sie zu
erklären Mit solchen Empfindungen kehre ich zurück und finde hier begreifen
Sie mein staunendes Entzücken die Freundin meines Herzens mit allen Zeichen des
Wohlstandes umgeben blühender schöner als ich sie jemals kannte Ihr
leuchtendes Auge goss den Strahl des Friedens in meine Seele von ihren
Purpurlippen erfuhr ich wie sie und ihr Vater schon am Rande des
entsetzlichsten Abgrundes gestanden hatten hier vernahm ich welche Hand sie
erhalten dass mein Oheim wie ein edelfühlender Mensch ihr Leid geteilt wie ein
milder Engel sie darin getröstet und wie ein helfender Gott sie mit starkem Arm
daraus errettet hatte Ich vernahm mit welcher schonenden Großmut meine gütige
Tante das Werk ihres Gemahls vollendete wie ihr edler gebildeter Geist alle
schönen Keime zu entwickeln strebt die in Theresens Seele ruhen ich erfuhr
wie dies himmlische Geschöpf hier nur Liebe und Freundschaft umgegeben und sie
heben und tragen auf den Wegen des Lebens Liebe Bewunderung Entzücken
durchbebten mein Herz aber zugleich die brennende Scham über die verächtlichen
Gründe die mich dazu gebracht hatten mich diesen Menschen feindlich gegenüber
zu stellen Ich konnte mich nicht mehr beherrschen ich wäre zu Theresens Füßen
gesunken und hätte allen meinen Empfindungen Worte gegeben wenn nicht meine
Tante das holde Geschöpf in demselben Augenblicke von meiner Seite genommen
hätte
Und nun mein teurer Freund sagte St Julien werden Sie doch gewiss schon
den Entschluss gefasst haben sich mit Offenheit an Ihren Oheim zu wenden und
werden eben so wie ich überzeugt sein dass Sie einen väterlich helfenden
Freund an ihm finden werden
Es kann nicht sein sagte der junge Graf dass mein Oheim das Vermögen
besitzt welches zum Teil meinem Vater zukäme sein edler Charakter würde ihn
sonst längst bestimmt haben Gerechtigkeit zu üben und mein Vater schwebt gewiss
darüber wie über vieles Andere im Irrtume aber es sei wie es will ich
werde mit meinem Oheim über Alles sprechen und wenigstens zwischen uns soll ein
reines Verhältnis stattfinden
St Julien konnte den Entschluss des jungen Grafen nur loben und erinnerte
ihn nun daran dass sie schon lange aus dem Gesellschaftssaale entfernt wären und
dies leicht auffallen könnte
In der Tat hatte der Graf die Abwesenheit der beiden jungen Männer bemerkt
die ihm bei der feindlichen Stellung die sie gegen einander annahmen
mancherlei Besorgnisse erregte um so größer war also seine Verwunderung als
sie Arm in Arm eintraten und ihre Blicke wie ihre ganze Haltung zeigten dass
auf ein Mal eine innige Vertraulichkeit an die Stelle feindseliger Kälte
getreten war
Der junge Graf näherte sich seiner schönen Freundin von Neuem und fragte mit
schmeichelnden Blicken Darf ich nicht wissen was meine Tante Ihnen sagte als
sie vorhin unsere Unterredung störte Warum sollte ich Ihnen das nicht
mitteilen dürfen antwortete Terese indem sie die großen dunkeln Augen mit
dem Ausdrucke der reinsten Unschuld zu ihrem Freunde erhob die Gräfin sagte
mir Ich werde gewiss mein liebes Kind Dich nicht mit unzeitiger
Zudringlichkeit stören wenn wir unter uns sind und lauter wohlwollende Menschen
Dich umgeben dann kannst Du ohne Rückhalt Deinem Freunde alles mitteilen was
ihm wichtig scheint aber hier jetzt unter so vielen fremden Menschen ist es
besser wenn Du keine so langen und angelegentlichen Unterredungen mit ihm
führst Und Sie wünschen den Rat meiner Tante zu befolgen fragte lächelnd der
Graf Wenn es Sie nicht kränkt wünsche ich es wohl erwiderte Terese
aufrichtig denn die Gräfin behandelt mich so mütterlich ihr Rat ist so wohl
gemeint dass ich ungern davon abweichen möchte
Da wir denn nicht viel mit einander sprechen dürfen sagte der junge Graf
so werden Sie es mir doch gewiss nicht abschlagen mit mir zu tanzen O gewiss
nicht rief Terese ich habe mich schon lange darüber gewundert dass Sie ganz
weggegangen waren und nicht einmal Lust bezeigten mit mir zu tanzen Und dahin
schwebten Beide durch den Saal zum größten Erstaunen des Grafen der die
Verwandlung seines finsteren Vetters gar nicht begreifen konnte und doch auch
sich nicht aufklären mochte weil er eine lange vertrauliche Unterredung mit St
Julien in dieser gemischten Gesellschaft nicht suchen wollte
So war unter Tanz Spiel und heitern Gesprächen ein großer Teil der Nacht
verschwunden und die Gesellschaft begab sich nach dem Speisesaale zur
Abendtafel Die geschmackvolle Verzierung der Tafel die glänzende Beleuchtung
machten dem Haushofmeister eben so viel Ehre als die Fülle der auserlesenen
Speisen und Getränke Die feurigen Weine erhöhten die Heiterkeit der Gäste und
auch die welche sich bis jetzt ruhig gehalten hatten wollten nun durch Witz
und muntere Einfälle ihren Zoll zur allgemeinen Freude beitragen Freilich
trafen nicht Alle immer das Beste und oft erhob sich Gelächter aus ganz andern
Gründen als der beabsichtigte welcher es erregte aber doch umschwebte die
Freude die Tafel Endlich neigte sich auch diese Lust zu Ende und der
Haushofmeister schenkte schon den perlenden Champagner ein der Baron Löbau sah
mit ängstlichen Blicken den Grafen an der ihn sogleich verstand ein Glas nahm
und indem er aufstand mit lauter Stimme rief Auf das Wohl unseres teuren
Landesvaters unseres geliebten Königs den uns Gott lange erhalten möge Ein
langer schmetternder Tusch von Trompeten bestätigte die ausgebrachte Gesundheit
und es war als ob die Töne in jeder Brust das gleiche Gefühl der Liebe und
Hingebung hervorriefen Aller Augen glänzten in Tränen alle Stimmen
wiederholten die Worte und selbst der Baron Löbau der die Sache wie eine
Förmlichkeit betrieben hatte fand unvermutet eine Empfindung in seinem Busen
die auch seine Augen befeuchtete Er hatte sich nicht auf den Grafen verlassen
und befürchtet dass in Ansehung dieses wichtigen Gesundheitstrinkens nicht die
gehörige Anordnung getroffen sein möchte deshalb hatte er es nicht verschmäht
in einem unbeachteten Augenblicke den Haushofmeister aufzusuchen und ihm selbst
das Nötige aufzutragen und blickte nun mit einem Gefühl von Stolz gleichsam in
die Trompetentöne hinein die er glaubte veranlasst zu haben
Nach der Abendtafel wollten noch Einige den Tanz zu erneuern suchen aber
auch die Lust ermüdet den Menschen und da der Tag schon wieder zu dämmern
begann so trennte sich die ermüdete Gesellschaft
XVIII
Als nach einer Ruhe von einigen Stunden der Graf sich wieder von seinem Lager
erhoben hatte säumte Dübois nicht aus doppelten Gründen sogleich vor dem
Herrn zu erscheinen zuerst wollte er erfahren ob der Graf mit der ganzen
Anordnung des Festes zufrieden gewesen sei und dann glaubte er dass es gut
getan sei wenn er ihm die Unterredung mitteilte die er mit dem Knaben Gustav
gehabt hatte
Als ihn der Graf erblickte rief er Ei ei guter Dübois sind Sie schon
aufgestanden nach der großen Anstrengung die Sie gestern hatten Sie sollten
sich mehr schonen Sie sollten daran denken dass Sie sich uns noch lange
erhalten müssen Dübois lächelte entzückt über diese Güte und versicherte dass
er gar keine Müdigkeit fühle auch fuhr er fort stand mir der Knabe des jungen
Herrn Grafen mit so vieler Gewandheit und Einsicht bei dass ihm ein großer Teil
des Lobes gebührt wenn wir überhaupt Lob verdient haben
Alles war vortrefflich sagte der Graf jede Anordnung verständig wie lässt
sich das auch von Ihnen anders erwarten Sie haben in Paris eine so gute Schule
gehabt und Alles war so eingerichtet wie ich es liebe Jeder wohl versorgt
auch der geringste Gast beachtet ein anständiger Überfluss ohne alle Prahlerei
durch Ihre Mühe war es ein so wohlgeordnetes Fest dass ich Ihnen recht sehr
dafür danke Gewiss sagte der Haushofmeister ich bin innig erfreut über die
Zufriedenheit meiner hohen Herrschaft aber doch muss ich der Wahrheit gemäß
eingestehen dass ich mir ohne den lieben Knaben Gustav gar nicht in dem Grade
diese mir so teure Zufriedenheit hätte erwerben können
Was ist es mit dem Knaben fragte der Graf denn es scheint mir dass Sie
seiner nicht ohne Absicht gedenken
So ist es erwiderte Dübois und ließ sich gern bereit finden Alles was er
von dem Knaben wusste mitzuteilen Der Graf hörte nicht ohne Teilnahme dessen
traurige Geschichte und sagte als sie geendigt war Wie bereit doch ein Jeder
ist dem Andern Unrecht zu tun ich hätte meinem finsteren kalten Vetter nicht
so viel Menschlichkeit zugetraut und ich war sehr geneigt das für seinen
Charakter zu erklären was vielleicht nur die Folge eines eben erduldeten
Unglücks sein mag Ich hielt es deshalb für meine Pflicht erwiderte Dübois
das Alles zu berichten damit nicht vielleicht die Mitglieder eines verehrten
hohen Hauses durch Missverständnisse noch mehr von einander getrennt werden Sie
sind ein verständiger Mann sagte der Graf mit Güte und ich habe es oft mit
Dank erkannt dass Sie alles was zu meinem Vorteil gehört wie ein Freund
berücksichtigen Dies ist die Pflicht eines treuen Dieners sagte der alte Mann
mit vor Rührung bebender Stimme aber nicht immer wird diese Pflicht gegen so
edle Herren ausgeübt Ich bin so dreist gewesen fuhr er sich beherrschend fort
dem Bürschchen Gustav den Gebrauch der Bibliothek zu gestatten ohne um Ihre
Erlaubnis dazu erst nachzusuchen wie ich hätte tun sollen aber die Geschäfte
des Tages verhinderten mich und ich hoffe der Herr Graf verzeihen mir diese
Freiheit Sie haben auch daran Recht getan mein guter Dübois sagte der Graf
wie ich alles was Sie für den unglücklichen Knaben getan haben nur loben
kann und gewiss werde ich es nicht unterlassen Ihre guten Absichten mit ihm
nach besten Kräften zu unterstützen Das Wort war gesprochen welches Dübois von
der Großmut seines Herrn erwartet hatte und er ging in jeder Hinsicht
befriedigt hinweg Kaum hatte der Haushofmeister den Grafen verlassen als St
Julien mit ganz ungewöhnlicher Heiterkeit hereintrat Sie wollten kein
Friedensfest rief er lachend nachdem er den Grafen umarmt hatte aber wenn Sie
auch dabei bleiben wollen das gestrige Fest nicht so zu nennen so haben Sie
doch meinen Frieden mit einem heftigen Feinde dadurch gestiftet und setzte er
mit Herzlichkeit hinzu ihn in meinen aufrichtigen Freund verwandelt
Dann wäre durch eine geringe Ursache eine große Wirkung hervorgebracht
sagte der Graf lächelnd aber teilen Sie mir doch mit wie die Verwandlung sich
begeben hat die ich schon gestern bemerkte
St Julien wurde ernstaft und erzählte dem Grafen das ganze anfänglich so
feindliche und dann so rührend herzliche Benehmen des jungen Grafen er teilte
ihm Alles mit was er von ihm selbst erfahren hatte und sein Zuhörer konnte
sich des Mitgefühls nicht erwehren
Der arme junge Mann rief er als St Julien geendigt hatte er hat Vieles
durch ein hartes Geschick erduldet und sehr Vieles durch die ungereimte
Falschheit seines Vaters der den eigenen Sohn hintergeht um ihn zu Schritten
zu bewegen die ihn nur hätten herabwürdigen können Ich sehe das deutlicher
ein als Sie mein lieber Freund und zweifeln Sie nicht ich werde dem
Vertrauen meines Vetters so begegnen wie ich hoffe dass es für uns Alle
wohltätig sein soll
Nur gedenken Sie meiner nicht dabei sagte St Julien denn ich weiß nicht
ob unsere junge Freundschaft nicht dadurch erschüttert werden könnte wenn er
darauf käme zu glauben ich habe sein Vertrauen missbrauchen wollen
Sein Sie unbesorgt sagte der Graf lächelnd ich werde ja nicht den kaum
geschlossenen Frieden stören wollen
Die Gesellschaft versammelte sich spät zum Frühstück und die heiteren
Erinnerungen an den gestrigen Tag wurden gehemmt und unterbrochen weil man
bemerkte dass der junge Graf seine Gedanken auf andere ernstaftere Gegenstände
richtete und dass auch sein Oheim diesen Dingen wenig Aufmerksamkeit schenkte
und hauptsächlich ein Gespräch mit seinem Vetter einzuleiten suchte Endlich
nach beendigtem Frühstück bat er diesen ihm in sein Kabinet zu folgen weil er
sich über manche Gegenstände mit ihm zu unterreden wünsche Der junge Graf
folgte schweigend nicht ohne peinliche Empfindungen weil er nicht wusste
welche Wendung eine Unterredung nehmen würde die er wünschte und fürchtete
Als sie allein waren sagte der Graf Ich glaube mein lieber Vetter Sie
haben es leicht bemerken können dass Offenheit und Freimütigkeit die Hauptzüge
meines Charakters sind ich befürchte nicht mich zu täuschen wenn ich dieselben
Eigenschaften bei Ihnen voraussetze es ist uns also ohne Frage beiden gleich
quälend wenn wir eine Spannung zwischen uns erhalten die vielleicht durch eine
offenherzige Unterredung aufgehoben werden kann Der junge Graf fand auf diese
Anrede keine Antwort und begnügte sich mit einer stummen Verbeugung Ich will
den Anfang des Vertrauens machen fuhr sein Oheim fort da mich die weitere
Bahn die ich auf dem Wege des Lebens zurückgelegt habe vielleicht geschickter
dazu gemacht hat diese Aufgabe zu lösen Ich glaube mich nicht zu irren setzte
er hinzu wenn ich annehme dass Sie mich durch Ihren Besuch hier nicht bloß
deshalb erfreuen um die Bekanntschaft eines Verwandten zu machen sondern dass
Sie dazu auch noch durch andere Gründe bestimmt worden sind Ich kann nicht
leugnen sagte der junge Graf mit einer Verlegenheit die er nicht bekämpfen
konnte mein Vater hat mir mancherlei Aufträge gegeben die es mir unendlich
schwer fällt auszurichten
Ich glaube erwiderte ihm sein Oheim ich kann Ihnen die Eröffnung die Sie
mir machen müssen erleichtern wenn ich sage dass mir im Ganzen der Inhalt
Ihrer Sendung bekannt ist Ihr Vater beabsichtigt seit lange Ansprüche auf
einen großen Teil meines Vermögens geltend zu machen und die Kenntnis dieser
Absicht die mir mein Rechtsfreund mitteilte bestimmte mich hauptsächlich
hieher zu kommen wo in einer so wichtigen Angelegenheit meine Gegenwart
vielleicht unentbehrlich sein konnte
Ich kann nicht leugnen sagte der junge Graf mein Vater ist überzeugt
bedeutende Ansprüche zu haben
Ist es Ihnen bekannt worauf er diese gründet fragte der Graf
Mein Vater ist überzeugt erwiderte sein Vetter dass nach dem Tode Ihres
Aeltervaters die Summe welche Ihr Großvater dem seinigen hatte auszahlen
sollen nie berichtigt worden ist
Ich kann Sie vom Gegenteil überzeugen sagte der Graf und Ihnen das
Dokument über die vollständig geleistete Zahlung vorlegen Er reichte es ihm mit
diesen Worten hin und zog sich etwas zurück um seinem jungen Verwandten Zeit
und Ruhe zum Lesen zu gewähren Er beobachtete ihn während dieses Geschäfts und
sah wie das Gesicht des jungen Mannes während des Lesens erbleichte und das
Gefühl einer völligen Hoffnungslosigkeit sich auf seinen Zügen ausdrückte Noch
eine Zeitlang hielt er das Blatt zitternd in der Hand und sein Auge ruhte mit
dem Ausdrucke der Verzweiflung auf den Buchstaben die alle seine Erwartungen
vernichtet hatten Endlich nahm er sich zusammen und gab gefasst seinem Oheim die
Urkunde zurück Es ist so wie ich es schon früher ahnte sagte er mit ruhiger
Stimme es war ein Irrtum meines Vaters Ihr Vater rief der Graf mit
Heftigkeit und unterbrach sich selbst er fühlte wie hart es wäre einem Sohne
zu zeigen wie weit sein Vater von der Bahn der Ehre abgewichen sei
Mein Vater ergänzte der junge Graf muss seinen Irrtum schleunig erfahren
wenn auch dadurch alle seine Hoffnungen vernichtet werden er muss es wissen dass
wir gar keine Rechte auf Ihr Vermögen haben
Wenn ich auch zugeben muss erwiderte sein Oheim dass Sie diese Rechte in
der Tat nicht haben hören denn dadurch notwendig alle Hoffnungen auf Haben
Sie mein lieber Vetter denn gar keine Rechte an einen Verwandten Überrascht
blickte der junge Graf empor und sein Oheim fuhr freundschaftlich fort
Hören Sie mich ruhig an Ich bin in einer so glücklichen Lage geboren dass
ich von frühester Jugend an mehr hatte als ich bedurfte meine Neigungen waren
mehr auf geistige Genüsse als auf kostbare Vergnügungen gerichtet Die Gräfin
teilte meine Lebensansichten und so wurde es bei mir ein Grundsatz von dem
ich niemals abwich meine Ausgaben immer so einzurichten dass sie bedeutend
unter meinen Einnahmen blieben durch diese Einrichtung bin ich in der Lage
immer eine Summe bereit zu haben die ich zum Vorteil eines Freundes verwenden
kann und wenn ich mich auch in mancher Hinsicht über Ihren Vater zu beklagen
habe so wäre es doch vielleicht besser gewesen wenn ich mich ihm früher
genähert hätte Ich glaube dass selbst Sie mein lieber Vetter nicht einmal
ganz die Gefahr seiner Lage kennen er ist nahe daran sich in die Hände eines
Menschen zu liefern der sein gegenwärtiges Unglück und die Bedrängnisse die in
Folge des Friedens eintreten müssen dazu benutzen wird um ihm sein Vermögen zu
entreißen Ich erhielt gestern diesen Brief für Sie es kann sein Ihr Vater
schreibt Ihnen selbst das Nähere lesen Sie dieses Schreiben und teilen Sie mir
dann das Nötige daraus mit damit wir gemeinschaftlich überlegen können wie
sich am Besten helfen lässt Er reichte ihm mit diesen Worten den am vorigen Tage
vom Geistlichen empfangenen Brief und entfernte sich um seinen Vetter ungestört
den vielleicht wichtigen Inhalt überlegen zu lassen
Erstaunt bestürzt blickte der junge Graf seinem Oheim nach mit wenigen
Worten hatte dieser seine ganze Lage geändert er hatte es ausgesprochen dass er
die Mittel besitze ihm zu helfen und auch den Willen ihm diese Hilfe zu
leisten und dies war ohne allen Prunk wie eine einfache Handlung abgemacht Das
Leben lächelte ihm wieder entgegen die gränzenlose Not seines Vaters und
seiner Familie war gehoben und Theresens Bild schwebte eilig seiner Phantasie
vorüber In diesem Gedränge mannigfacher Empfindungen hielt er noch immer seines
Vaters unentsiegelten Brief in der Hand und ein zufälliger Blick darauf
erinnerte ihn dass er ihn lesen müsse um seines Oheims wohltätige Absicht
befördern zu helfen
Wie ganz anders aber wirkte dieses Blatt auf die Gefühle des jungen Mannes
Es ließ sich nicht verkennen dass es in verzweiflungsvoller Stimmung geschrieben
war in dieser Angst verriet sein unglücklicher Vater nur zu deutlich dass er
den Sohn getäuscht habe um ihn nur überhaupt zu einem Schritte gegen den Grafen
zu vermögen er rechnete auf dessen heftigen reizbaren Charakter und gab ihm
viele unwürdige Mittel an die Hand eine Summe die er nannte von dem Grafen
auf jeden Fall zu erpressen indem er diese Handlungsweise ihm nur als Erfüllung
der Pflichten darstellte die der Sohn habe das graue Haupt des Vaters vor
schmachvoller Armut zu bewahren die kränkelnde Mutter und die noch
unerwachsenen Schwestern gegen das eindringende Elend zu beschirmen Wenn Du nun
auch beschloss er dies Schreiben durch die Erfüllung dieser Pflichten einige
schmerzliche Stunden mit meinem Vetter Deinem Oheim hinbringen musst so
bedenke dass Du durch diese kurze Selbstüberwindung von uns Allen den Jammer
eines langen kummervollen Lebens abwenden kannst
Der junge Graf fühlte sich durch dies Schreiben vernichtet Wie edel und
einfach war sein Oheim ihm vertrauend entgegen getreten mit welcher rührenden
Freimütigkeit hatte er die Hilfe eines Verwandten angeboten und wie unwürdig
zeigte sich sein Vater dieser Unterstützung Mit brennendem Schmerz senkte sich
die Überzeugung in seine Seele dass der alte Vater die Achtung des Sohnes nicht
verdiene das bleiche Bild der leidenden Mutter stand rührend vor den Augen
seines Geistes und er verstand jetzt den schmerzlichen Zug um den
wehmütiglächelnden Mund und sein eigenes von heftigem Leid beängstigtes Herz
machte sich Luft durch den klagenden Ausruf Ach Du arme Du unglückliche
Mutter
Der Graf hatte erwartet sein Vetter würde ihm bald folgen um das Nötige
über das eingeleitete Geschäft zu verabreden nachdem er aber lange vergeblich
auf ihn gewartet hatte kehrte er nach seinem Kabinet zurück und fand dort
seinen jungen Verwandten in einem Zustande der Trostlosigkeit der ihn
erschreckte Was ist geschehen lieber Vetter rief er ihm ängstlich zu welch
Unglück hat Ihre Familie betroffen Der junge Graf saß an einem Tische auf den
er die Ellbogen gestützt hatte um das Gesicht in die flachen Hände zu
versenken er erhob sein bleiches Antlitz als er angeredet wurde und sagte mit
zitternder Stimme Ich verliere alles Zutrauen zu mir selber Alles was mir
heilig war fängt an mir ein Irrtum zu erscheinen und ich möchte beinah
wünschen gar nichts Achtungswertes im Leben mehr anzutreffen um mich über
mein Unglück zu trösten
Wie kommen Sie zu so seltsamen Gedanken fragte der Graf Lesen Sie dies
Blatt erwiderte sein Vetter denn ich will Sie nicht hintergehen wenn es mir
auch als eine Pflicht befohlen wird Sie müssen wissen Wem Sie Ihre Hilfe
anbieten
Der Graf hatte den Brief gelesen und sagte mit Güte Sie haben zu wenig in
der Welt gelebt mein lieber Vetter deshalb ist Ihr Gefühl so reizbar
geblieben Es ist gewiss ein großes tief eingreifendes Unglück wenn ein Kind
die Einsicht bekommt dass der Charakter seines Vaters Schwächen hat die das
Unbedingte in der Achtung des Knaben aufheben aber Sie sind ein Mann Sie
müssen mit dem Gedanken vertraut sein dass die menschliche Natur überhaupt
unvollkommen ist und müssen daher diese Unvollkommenheit auch bei Ihrem Vater
ertragen Der junge Graf fand sich wenig durch diese Ansicht getröstet doch
beruhigte er sich nach und nach bei dem fortgesetzten Zureden seines Oheims Es
ist vielleicht zu Ihrer aller Glück schloss dieser endlich denn dies muss Sie
bestimmen die Leitung seiner Angelegenheiten nach und nach aus seinen Händen zu
nehmen ohne die Rücksichten zu verletzen die Sie als Sohn ihm schuldig sind
und wenn Sie ihn von den Geschäften entfernen und jede Sorge von ihm abwenden
können so wird auch manches Nachteilige durch die Not Erzeugte aus seinem
Charakter schwinden
Man kehrte nun beruhigter zu dem Briefe zurück und der Graf ersah daraus
was er durch den Geistlichen schon wusste dass eine bedeutende Summe sogleich
nötig sei wenn das Vermögen seines Verwandten nicht in die Hände des alten
Lorenz fallen sollte und dass noch andere Unterstützungen erforderlich wären um
Ordnung in die Geschäfte zu bringen Er riet nun seinem Vetter selbst
zurückzureisen mit der nötigen Summe um nur den alten Lorenz gleich aus dem
Hause zu bringen seinen Vater zu überzeugen dass er durch kein Mittel der
Gewalt oder List etwas erhalten könne dass aber der Graf bereit sei aus
Freundschaft für den Sohn jeden erforderlichen Beistand zu leisten dass aber
auch dann dieser allein für Alles die Verantwortung übernehme und folglich die
Geschäfte durch seine Hände gehen müssten
Der junge Graf wollte den andern Tag abreisen um die wohlgemeinten Pläne
seines Oheims in Ausführung zu bringen Das ist unmöglich rief der Graf Sie
müssen übermorgen das Friedensfest bei dem Baron Löbau mit feiern helfen ich
habe es ihm in Ihrem Namen versprechen müssen Und soll denn meine arme Mutter
so lange in der Angst erhalten werden sagte sein Vetter der den Vater nicht zu
nennen wagte
Das wäre grausam schreiben Sie sogleich wir senden einen Boten und Sie
ersparen sich zugleich die Verlegenheit unangenehme Dinge mündlich zu sagen
die doch berührt werden müssen Er fuhr nun fort seinem jungen Verwandten seine
Ratschläge zu erteilen die diesem eben so mild als vernünftig erschienen
Und schloss er wenn Sie sich dann genaue Kenntnis von Ihrer Lage verschafft
haben dann kehren Sie zu mir zurück und bleiben wenigstens einen Monat bei mir
damit auch wir uns genauer kennen lernen indem wir Ihre Geschäfte ordnen und
dann wollen wir auch gemeinschaftlich für das Fortkommen Ihres Knaben sorgen
von dem mir der gute Dübois so viel Rühmliches gesagt hat Der junge Graf konnte
nur einige Worte des Dankes stammeln die heftige Rührung machte es ihm
unmöglich Ausdrücke für sein Gefühl zu finden er verließ seinen Oheim um auf
den nahgelegenen Bergen umher zu schweifen und in der freien Natur die
mannichfachen Empfindungen der Liebe der Achtung der wiederauflebenden
Hoffnung und des Schmerzes über seinen Vater die in seinem Busen stürmten zu
besänftigen Nach einer Stunde kehrte er beruhigter zurück unb schrieb nun den
peinlichen aber notwendigen Brief an seinen Vater auf den der Bote schon
wartete
Am Nachmittage war die Luft so mild und still dass er die Gesellschaft im
Garten versammelt fand als er von einem Besuch den er beim Obristen Talheim
gemacht hatte zurückkehrte Der Prediger war ebenfalls gekommen und ihm
schallte Gelächter und die streitende Stimme des Arztes aus dem Garten entgegen
Es wird Niemand behaupten können hörte er noch den Arzt empfindlich rufen dass
ich nicht die Fähigkeit hätte den Takt der Musik zu hören und mich im Tanze
danach zu richten
Das behauptet auch Niemand erwiderte St Julien es ist bloß die
Standhaftigkeit Ihres Charakters die Sie bestimmt sich immer auf einer Stelle
herum zu drehen Ihre Dame mag dagegen tun was sie will Sie lassen sich nicht
beherrschen und wenn die Andern den Umkreis gemacht haben und endlich Alle
wieder auf ihren Plätzen stehen so nehmen Sie den Ihrigen mit besserem Rechte
ein als jeder Andere weil Sie ihn so standhaft behauptet haben
Sie sind ein Spötter sagte der Arzt ärgerlich und wenn Sie nicht ein
Mensch wären den ich aus dem Rachen des Todes errettet hätte so würde ich
ernstlich böse werden
Und das würde mich ernstlich kränken sagte St Julien indem er dem leicht
versöhnten Gegner freundlich die Hand bot
Es wäre traurig sagte die Gräfin zu dem Arzt gewendet wenn Sie das
Friedensfest des Barons in Feindschaft mit Ihrem kaum hergestellten Patienten
besuchen wollten oder sich wohl gar durch ihn bestimmen ließ das Tanzen
aufzugeben
Das werde ich nicht rief der Arzt es ist die Pflicht eines Jeden zur
Unterhaltung einer Gesellschaft nach besten Kräften beizutragen die durch so
viele Mühe und Anstrengung versammelt wird
Und wie weise sagte die Gräfin hat es der gute Baron eingerichtet dass er
uns zwei Tage Ruhe zwischen den Festen gönnt denn wer vermöchte die Last dieser
Freuden zu ertragen wenn sie ohne Erholung auf einander folgten
Es ist das erste Mal sagte St Julien dass ich Gelegenheit gehabt habe die
Zurüstungen zu einer großen Gesellschaft auf dem Lande zu beobachten und ich
habe bemerkt dass eine solche Freude sich einigermaßen mit einer Schlacht
vergleichen lässt bedeutende Helden sind geblieben ich sah dass ein
krummgehörntes schwer hinwandelndes Rind der allgemeinen Freude sein Leben zum
Opfer bringen musste aber doch haben die leichten Truppen am Meisten gelitten
das Gakeln im Hühnerhofe hat sich seit der großen Katastrophe bedeutend
vermindert
Die größte Beschwerde bemerkte der Graf verursacht bei solchen
Gelegenheiten die große Menge Pferde und verschiedenartiger Bedienten die alle
wieder ihre Rangordnung unter einander haben die anerkannt werden muss die
begleitenden Kammerdiener dürfen nicht mit den gewöhnlichen Bedienten vermischt
werden die Kutscher und Vorreiter trennen sich von diesen die Kammerjungfern
wollen höher geachtet werden als die Kinderwärterinnen die auch bei solchen
Gelegenheiten nicht fehlen und so gibt es in den unteren Zimmern zehn
verschiedene Gesellschaften zu bewirten wenn sich eine in den Sälen des Hauses
versammelt
Störend ist es mir gewesen sagte St Julien dass oft auf eine Dame musste
gewartet werden wenn ein Tanz anfangen sollte weil sie eben ihr Kind tränkte
oder dass aus den entfernten Zimmern sich zuweilen das Geschrei der Kinder
vernehmen ließ deren Bedürfnis die Mutter nicht befriedigen konnte weil die
Quadrille noch nicht beendigt war
Es ist eine moderne Torheit sagte die Gräfin dass die Frauen glauben sie
erfüllen eine wichtige mütterliche Pflicht wenn sie ihre Kinder selbst tränken
Wie rief der Prediger halten die Frau Gräfin dies nicht für die erste
Pflicht einer Mutter
Wenn eine Mutter erwiderte die Gräfin ihr Kind so sehr liebt dass sie ihm
die erste Nahrung durchaus selbst reichen will so ist dies weder Tugend noch
Pflicht zu nennen die Mutter befriedigt bloß ihr eigenes Gefühl es versteht
sich dass ich hier nur von den wohlhabenden Müttern spreche denn wenn eine arme
Frau von schwacher Gesundheit ohne hinreichende Nahrung und Pflege die letzten
Kräfte aus Not und Liebe aufopfert und recht eigentlich ihr Kind ihr Leben
saugen lässt so ist dies ganz etwas anders ich spreche bloß von unseren Damen
und ich meine wenn diese eine solche Pflicht übernommen haben dass sie sie dann
auch ganz erfüllen müssten
Nun dies tun doch wohl alle Mütter erwiderte der Prediger
Ich glaube wenn eine dieser Mütter sagte die Gräfin eine Amme bei ihrem
Kinde hätte die es sich beikommen ließe eine Nacht hindurch tanzen zu wollen
dass sie sehr unzufrieden damit sein würde aber wie gesagt es ist eine moderne
Torheit und es wäre hart wenn die jungen Frauen alle Lust des Lebens aufgeben
sollten weil sie etwas unternommen haben was sich mit dieser Lust nicht
vereinigen lässt
Es ist wahr rief der Arzt die Frauen sind auf die Häuslichkeit angewiesen
von der Natur dies ist ihre wahre und einzige Bestimmung
Das ist eine Behauptung der sich gar nicht widersprechen lässt sagte die
Gräfin ob ich gleich überzeugt bin dass wir beide einen ganz verschiedenen Sinn
damit verbinden
Und ich denke meinte der Prediger der Begriff der Häuslichkeit ließe sich
leicht feststellen und es könnte nicht schwer fallen die Pflichten einer Frau
auseinander zu setzen die hauptsächlich in hingebender Liebe bestehen Ich habe
es immer getadelt dass bei der Erziehung der jungen Mädchen mehr darauf gesehen
wird dass sie glänzen sollen als dass man sie zu künftigen Gattinnen bildet die
ihre Pflicht erfüllen könnten die doch hauptsächlich darin besteht den Mann zu
beglücken
Ich möchte nicht gern sagte die Gräfin einen oft geführten Streit von
Neuem führen es sind so unzählige Bücher geschrieben worden die davon
ausgehen den Satz als unbestreitbar hinzustellen dass die Frauen dazu da sind
die Männer zu beglücken und deren Verfasser sich nur in Ratschlägen
erschöpfen wie dies am besten zu bewerkstelligen sei dass viel Mut dazu
gehört sich gegen die allgemeine Ansicht aufzulehnen
Wie rief der Prediger ist es möglich an der edelsten Bestimmung des
Weibes zu zweifeln
Würden Sie nicht finden Herr Prediger sagte die Gräfin dass es eine
seltsame Anmassung wäre wenn Jemand behaupten wollte es sei die erste und
heiligste Pflicht der Männer ihre Frauen zu beglücken sie wären eigentlich nur
dazu da und halten Sie den Schöpfer für so parteilich dass er ein Geschlecht
bloß dazu erschaffen haben sollte damit das Andere beglückt wird Ich glaube
dass sich beide Geschlechter ergänzen dass aber beide ihre Selbstständigkeit
bewahren müssen und der größte Fehler in der weiblichen Erziehung liegt wohl
darin dass auf diese Selbstständigkeit wenig Rücksicht genommen wird und die
armen jungen Mädchen nur für ihre künftigen Gatten gebildet werden
Der Geistliche wollte die Gräfin unterbrechen aber ohne es zu bemerken
fuhr sie fort Warum sollen die Talente die Fähigkeiten und alle schönen
Eigenschaften der Seele eines jungen Mädchens nicht eben sowohl ausgebildet
werden als die eines Knaben schon um ihrer selbst Willen
Dann würden wir also lauter gelehrte Frauen haben bemerkte der Pfarrer mit
spöttischem Lächeln
So wenig erwiderte die Gräfin wie wir lauter gelehrte Männer besitzen
denn wo Neigung und Geistesfähigkeit nicht vorhanden ist kann sie auch nicht
ausgebildet werden ja ich glaube zu Ihrer Beruhigung versichern zu können fuhr
die Gräfin fort dass es mit sehr wenigen Ausnahmen gar keine gelehrte Frau geben
kann so wenig wie eine Künstlerin im wahren Sinne des Worts
So geben also die Frau Gräfin hierin doch die Überlegenheit des männlichen
Geschlechts zu fragte der Pfarrer
Nicht weil ich glaube erwiderte die Gräfin dass die Fähigkeiten des einen
Geschlechts an sich größer wären als die des andern aber hierin glaube ich
entscheiden in der Natur begründete Verhältnisse Gewöhnlich wird ein junges
Mädchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheiratet und ihre
Erziehung ist damit beendigt Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst
seine Seelenkräfte kennen und bildet sich selbstständig in der ihm angemessenen
Richtung aus er wählt dann seine Studien sucht in den Geist der Wissenschaft
einzudringen die ihn besonders anzieht und widmet ihr sein ganzes Leben Eine
Frau übernimmt indem sie sich verheiratet wenigstens in Deutschland die
Pflicht ihrem Hause vorzustehen und die vielen kleinen Beschäftigungen und
Sorgen zerstückeln so sehr das Leben dass an eine ernsthaftes Studium kaum mehr
zu denken ist Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein und es kann
eine Frau schon von Glück sagen wenn sie so viel Geisteskraft behält um sich
nicht völlig zu vernachlässigen Desshalb kann auch selbst ein hervorragender
Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten und was wir an den
Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben wird immer vornehmlich
durch Tiefe des Gefühls durch einen scharfen beobachtenden Geist durch ein
glückliches Gedächtnis errungen sein Wenn also auch eine Frau sich mancherlei
Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann wenn sie auch einen richtigen Blick
für das Leben gewinnt wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimnis der
menschlichen Natur erschliesst so kann sie eine höchst interessante Erscheinung
aber niemals eine Gelehrte sein
So würde also das Kölibat erfordertich sein um eine Gelehrte
hervorzubringen sagte der Prediger
Auch dann würde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck
erreicht werden sagte die Gräfin Was dem jungen Manne so leicht wird ist für
eine Frau unmöglich sie könnte keine hohe Schule keine öffentlichen Hörsäle
besuchen es müsste also da sie sich unter die Studenten nicht mischen dürfte
ihr Vermögen so bedeutend sein dass sie sich die vorzüglichsten Lehrer auf
andere Weise verschaffen könnte und dennoch würde ein solches in der
Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit
führen denn sie müsste den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich
beschäftigten Freunden entbehren durch den die Ausbildung der Männer so sehr
befördert wird und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben um nicht als
pedantisch und anmassend verlacht zu werden also wäre auch dies ein sehr
mühevoller und unsicherer Weg Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals
etwas ausgezeichnet Großes werden leisten können ist glaube ich noch leichter
einzusehen Ein unüberwindliches Gefühl der Sittsamkeit wird das Studium der
Natur verbieten und ich glaube alle Künstler sind darüber einig dass ihnen
dies unentbehrlich ist Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert
wieder die bedingte Freiheit denn es kann doch nur die Stelle beobachtet
werden wohin man in anständiger Begleitung spazieren gehen kann Die Gedanken
welche die Seele auf einsamen Wanderungen nährt muss eine Frau entbehren und
auch hier kann nur der Rat eines Lehrers leiten statt dass die jungen Männer
sich gegenseitig mit einander beraten verlachen und bewundern und so durch
Wetteifer alle Kräfte des Geistes anregen Auch liegt in der Seele der Frauen
eine gewisse Schüchternheit die die Ausübung einer jeden Kunst hindert ich
meine nicht die so oft äußerlich gezeigte die nicht einmal immer wahrhaft ist
sondern diejenige die es einer Frau unmöglich macht das Tiefste Wahrste
Wildeste und Größte was ihre Seele denkt auszusprechen Ich halte es für
unmöglich dass eine Frau eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele aufgeben kann
und deshalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhüllen als zeigen und
eben deshalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der
Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken dass große
künstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind aber ich zweifle ob er
irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern können
Es scheint aber sagte der Geistliche als ob wir in einen Widerspruch
gerieten erst glaube ich verlangten die Frau Gräfin dass unsere Töchter wie
unsere Söhne ausgebildet werden sollten und nun geben Sie selbst zu dass dies
unmöglich ist
Ich glaube nicht erwiderte die Gräfin dass ich mit mir selbst im
Widerspruche bin ich glaube nur den Wunsch geäußert zu haben dass so wie man
die jungen Männer um ihrer selbst Willen erzieht man diese Gerechtigkeit auch
gegen das weibliche Geschlecht üben sollte Dass die Erziehung an sich
verschieden sein muss habe ich nicht leugnen wollen und wenn ich glaube dass
keine Frau eine gründliche Gelehrte oder eine vollendete Künstlerin sein kann
so habe ich wiederum damit nicht ausdrücken wollen dass schöne Geistesanlagen
nicht so viel als möglich ausgebildet werden sollten Es wäre überhaupt zu
wünschen dass die Erziehung der Töchter ernsthafter betrachtet würde denn
welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen in der Welt
haben mag so wird man doch darin übereinkommen dass die Erziehung der Kinder
großen Teils in den Händen der Mutter ruht und schon deswegen sollte man diese
gehörig ausbilden damit sie ihre Söhne vernünftig erziehen könnten Aber auch
wenn man betrachtet wie vieler Standhaftigkeit Selbstüberwindung und Klugheit
eine Frau selbst in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens bedarf so ist
es unbegreiflich dass man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen
fordert und zwar in einem Alter wo den jungen Männern noch sehr Vieles
nachgesehen wird und doch so wenig dafür tut durch eine vernünftige
Ausbildung den Ernst in ihrer Seele zu erwecken durch den allein alle diese
Eigenschaften erworben werden können
Der Geistliche schien dies Gespräch mit Eifer fortsetzen zu wollen der
Gräfin aber däuchte es als habe sie sich schon zu weitläuftig über einen
Gegenstand geäußert über den ihre Ansicht so sehr von der allgemeinen abwich
und sie nahm gern die Gelegenheit wahr das Gespräch zu endigen als der Obrist
Talheim die Gesellschaft vermehrte
XIX
Des andern Tages hatte sich der Graf mit seinem Vetter wieder in sein Kabinet
zurückgezogen er ging mit ihm noch ein Mal alle nötigen Maßregeln durch die
zu ergreifen sein möchten um die Güter feines Vaters zu retten und händigte
ihm eine bedeutende Summe teils baar teils in Wechseln ein um nicht bloß die
dringende Zahlung leisten zu können sondern auch auf unvorhergesehene Fälle
gefasst zu sein und nun auch wie der Graf noch bemerkte etwas für den Knaben
Gustav tun zu können über dessen künftiges Schicksal die beiden Verwandten
zugleich das Nähere bestimmten
Nachdem diese Geschäfte beendigt waren ging der junge Graf in den Garten
hinunter um in der Einsamkeit die mancherlei Gefühle zu ordnen die ihn bei der
unerwarteten Großmut seines Oheims immer wieder von Neuem bestürmten In den
dunkeln Gängen desselben traf er St Julien der schwermütig darin auf und
abging und mit Wehmut auf einen Brief blickte den er eben empfangen hatte und
noch in der Hand hielt Als er den jungen Graf erblickte reichte er ihm die
Hand und sagte Es ist vorbei der anmutige Traum ist ausgeträumt ich muss
wieder zurück in das traurige einsame Leben
Was ist Ihnen begegnet fragte der junge Graf was kann Sie in dem Grade
traurig stimmen Teilen Sie mir Ihr Unglück mit
Ich bin wohl undankbar sagte St Julien lächelnd dass ich die Beweise der
Liebe der zärtlichsten besten Mutter auf eine Art empfange dass meine Freunde
sie für ein Unglück halten müssen Lesen Sie selbst diesen Brief und Sie werden
sehen das was man gewöhnlich Unglück nennt enthält er nicht
Der junge Graf fing den Brief zu lesen an und nach den zärtlichsten Klagen
einer Mutter über die Leiden eines geliebten Sohnes sah er bald dass sie so
große Summen zum Gebrauche dieses Sohnes anwies wie sie nur der Reiche mit
Großmut bestimmen kann Der Graf dachte an seinen frühern Streit mit St Julien
und glaubte einen Augenblick dieser habe ein Mittel gesucht um ihn auf eine
etwas prahlende Weise von dem Ungrunde seiner damaligen Ansichten zu überzeugen
doch ein Blick auf seinen Freund belehrte ihn bald dass dieser sich jetzt am
Wenigsten mit solchen Gedanken beschäftigte Er las daher den Brief weiter und
fand dass die Mutter die lebhafteste Dankbarkeit für den Grafen und seine ganze
Familie ausdrückte zum Schluße bat sie den Sohn sich nicht eher von dem
Schloss Hohental zu entfernen bis sie selbst dort erscheinen würde um der
gräflichen Familie den Dank zu bringen den ihr Herz so lebhaft empfände bis
dahin hoffte sie würden auch alle Verhältnisse so geordnet sein dass der Sohn
sie alsdann nach Frankreich zurück begleiten könne
In der Tat, sagte der junge Graf ich begreife nicht wie dieser Brief Sie
hat traurig stimmen können
Muss ich denn nicht rief St Julien mit Heftigkeit dies Haus nun bald
verlassen in dem ich zuerst das Leben habe verstehen gelernt und den Grafen
den ich wie einen Vater ehre und die Gräfin die ich wie eine Mutter zärtlich
liebe und er schwieg und eine brennende Röte flammte auf seinen Wangen
Und Emilie ergänzte der junge Graf lächelnd wie wollen Sie das Gefühl des
Schmerzes bei der Trennung von ihr bezeichnen
Wenn Sie es denn erraten kaltblütiger Mensch rief St Julien so können
Sie es ja begreifen was mich zur Verzweiflung bringt Er stürmte nach diesen
Worten hinweg und ließ den Brief in den Händen seines Freundes zurück
Da der junge Graf die Notwendigkeit fühlte einen so wichtigen Brief wieder
in den Händen dessen zu wissen an den er gerichtet war so suchte er St Julien
im Garten auf und fand ihn nach einer halben Stunde ruhiger als er ihn
verlassen hatte dieser nahm den Brief zurück und sagte Diese Tage diese
Wochen bis meine Mutter ankömmt sind noch mein ich will also den Rest des
Lebens genießen
Ich begreife nicht sagte der junge Graf was Sie eigentlich zur
Verzweiflung bringt Ich glaube nicht dass sich Emilie so gegen Sie beträgt dass
Sie von dieser Seite gar keine Hoffnung hegen dürften Ein Strahl der Hoffnung
flammte bei dieser Bemerkung in St Juliens Augen auf und sein Freund fuhr
fort Dass mein Oheim Sie wie einen Sohn liebt bemerkt ein Jeder meine Tante
bezeigt Ihnen täglich das Gefühl einer Mutter Von Ihrer Mutter die Sie mit
Zärtlichkeit überhäuft scheint es mir haben Sie Widerspruch am Wenigsten zu
befürchten also wo liegt denn Ihr Unglück
Ihnen scheint Alles so klar und leicht was mir zu entwirren so schwer
däucht erwiderte St Julien Haben Sie aber nicht selbst oft gehört dass
Emilie den Entschluss ausgesprochen hat sich von der Gräfin nicht trennen zu
wollen und wenn ich zurück muss wird sie mir dann nach einem Lande folgen das
diese zu verabscheuen scheint Der Graf selbst so hoch ich ihn ehre wird er
eine Verbindung mit mir gern sehen da er doch an Deutschen Adelsvorurteilen
etwas hängt Und wenn Alles glücklich gehen sollte so bleibt doch der Schmerz
unabwendbar dass ich den Grafen und die Gräfin verlassen muss und kann ich es
wissen ob ich nicht gezwungen bin vielleicht einmal mit dem französischen Heer
als Feind wiederzukehren
Zuerst denke ich sagte der junge Graf tun Sie am Besten Ihre Mutter zu
erwarten und dann meinem Oheim Ihr ganzes Vertrauen zu schenken seine
Welterfahrung und sein edles liebevolles Gemüt werden Ihre Zukunft am Besten
ordnen Dieser Rat schien dem jungen Franzosen so vernünftig dass er ihn ohne
Einschränkung zu befolgen beschloss und sich vornahm die Gegenwart in
ungetrübter Heiterkeit zu genießen Er vernahm es ungern als ihm sein Freund
eröffnete dass er gleich nach dem Feste des Baron Löbau das Schloss zu verlassen
gedenke indes tröstete ihn die Versicherung dass die Abwesenheit nicht von
langer Dauer sein würde
Des folgenden Tages als der junge Graf sich zum Feste des Baron Löbau
ankleidete und sein Knabe ihm dabei Hilfe leistete sagte er diesem Heute mein
lieber Gustav leistest Du mir diesen Dienst zum letzten Mal
Wie rief der Knabe erschreckt wollen Sie mich von sich entfernen was habe
ich getan Ihre Unzufriedenheit zu verdienen
Nichts mein liebes Kind erwiderte der junge Graf aber ich will mir nicht
mehr erlauben Deine Liebe zu missbrauchen und Dich selbst zu erniedrigen da die
Not mich nicht mehr dazu zwingt Er teilte ihm nun alle mit seinem Oheim
verabredeten Pläne mit schrieb ihm vor wie er sich in der Zukunft zu betragen
habe und händigte ihm mehrere Goldstücke ein mit dem Auftrage durch Dübois
Beistand sich eine anständige Kleidung dafür zu verschaffen
Der Knabe ging mit dem Golde in der Hand zu Dübois zurück sobald der junge
Graf seiner Hilfe nicht mehr bedurfte sein Gefühl war überrascht seine
kühnsten Wünsche auf ein Mal befriedigt und dies Glück schien ihm so groß kam
ihm so unerwartet dass er noch nicht den Mut sich zu freuen finden konnte
Ist Dein Herr schon zur Gesellschaft in den Saal gegangen fragte ihn
Dübois als er eingetreten war
Ich habe keinen Herrn mehr erwiderte der Knabe mit einigem Stolz der Graf
Robert aber ist in dem Saale und Alle werden gleich zum Baron Löbau fahren
Wie verstehe ich das fragte der Haushofmeister will der junge Graf Dich
von sich entfernen
Ach lieber Herr Dübois rief der Knabe und die Tränen flossen ihm über die
glühenden Wangen Alles ist jetzt anders mein guter lieber Herr doch so darf
ich ihn ja nicht mehr nennen das hat er mir streng verboten er hat es ja mit
Ihrem Grafen verabredet dass ich wieder auf die gelehrte Schule soll dann auf
die Universität damit ein rechter Gelehrter aus mir werden kann Indes er nach
Hause reist in Geschäften soll ich hier bleiben und in der hiesigen Bibliothek
studieren wenn er wieder kommt will er mich selbst nach Breslau auf die
gelehrte Schule bringen und bis dahin soll ich Sie bitten mir für dies viele
Geld gute Kleider zu verschaffen damit ich wie sein Freund und Pflegesohn dort
erscheinen kann und ihn meinen lieben Herrn den soll ich nie mehr so nennen
sondern Graf Robert oder meinen Freund und meinen Beschützer
Ich habe es erwartet mein Sohn sagte der Haushofmeister dass Dein
Schicksal diese Wendung nehmen würde und nun da mein Graf sich mit seinem
Verwandten verständigt hat kann ich für Dich tun was in meinen Kräften steht
und brauche nicht mehr zu befürchten Deinen Beschützer dadurch zu beleidigen
behalte also nur das Geld mein Söhnchen es wird Dir auf der gelehrten Schule
recht angenehm sein wenn Du gleich ein hübsches Taschengeld mitbringst wofür
Du Dir manches anschaffen kannst was Du vielleicht sonst entbehren müsstest und
überlasse es nur mir Dich mit Wäsche und Kleidern zu versorgen und ich werde
es schon so einrichten dass sich der junge Graf Deiner nicht zu schämen braucht
Ach lieber Herr Dübois rief der Knabe wie gut sind Sie wie gut sind hier
alle Menschen auf dem Schloss Ach hätte ich damals wohl hoffen können dass
ich solchen Beistand finden würde als unser Dorf verbrannt und mein Vater
getötet wurde Ach mein guter lieber Vater fuhr er laut weinend fort jetzt
könnte ich ihm nun doch wieder Ehre und Freude machen wenn er lebte und es
sehen könnte wie nun Alles wieder so gut wird Ist es nicht traurig dass ich so
einsam in der Welt bin dass Niemand mit Stolz mehr auf mich blicken wird wenn
ich mich auch noch so sehr anstrenge kein Vater keine Mutter kein Bruder und
keine Schwester Alle sind dahin Alles ist begraben
Jetzt sagte Dübois gerührt von dem Schmerz des Knaben musst Du Deinem
Beschützer Ehre zu machen streben
Ach erwiderte dieser der Graf ist so gut so milde gegen mich aber er
ist ein vornehmer Herr er wird immer mein Wohltäter bleiben es wird ihn auch
freuen wenn ich etwas recht Tüchtiges lerne weil er glaubt dass es mir dadurch
wohl gehen muss aber welche Ehre kann ich ihm bringen Welchen Stolz kann er
empfinden wenn er mich betrachtet wenn ich auch alle Kräfte anstrenge und weit
mehr als meine Kameraden leiste Wenn Du ein recht großer berühmter Gelehrter
wirst antwortete ihm Dübois so dass andere Gelehrte einmal Deine
Lebensgeschichte schreiben wenn sie dann berichten wie Du verloren gewesen
wärest und die Welt niemals Deine Kenntnisse zu ihrem Segen hätte benutzen
können wenn nicht der Graf Hohental als Dein Beschützer aufgetreten und Dich
vom Verderben errettet hätte so dass die Welt seiner Großmut die Erhaltung
eines ausgezeichneten Geistes verdankt glaubst Du nicht dass dann der Graf mit
Stolz auf Dich blicken wird dass Du ihm Ehre machen kannst
Und dann muss auch gesagt werden rief der Knabe mit glühenden Wangen indem
er sich in die Arme des Alten warf wie Herr Dübois für mich gesorgt hat wie er
mich aus der Gemeinschaft mit den Bedienten errettet hat und alles alles was
Sie für mich getan haben muss erwähnt werden
Mache nur dass ich es recht bald erlebe sagte der gute alte Mann dass mein
Name so ehrenvoll genannt wird dann werde auch ich Dich mit Stolz betrachten
aber bedenke dass Du erst noch sehr Viel lernen musst ehe wir alle diese Freude
haben können
Daran soll es gewiss nicht fehlen rief der Knabe mit Begeisterung das
werden Sie schon sehen so lange ich hier bin wie ich Tag und Nacht studieren
will Er ging auch sogleich aus der Bibliothek die nötigen Bücher zu holen um
diesen löblichen Vorsatz auszuführen
Die Gesellschaft des Schlosses Hohental legte den Weg zum Baron Löbau in
großer Heiterkeit zurück denn obgleich der Himmel bedeckt war so war der Tag
doch mild warm und der Weg führte durch anmutige Täler die von klaren
Bächen durchrieselt waren Der Blick auf die nahen Gebirge gewährte
Mannichfaltigkeit und das Geläute der weidenden Heerden erregte das Gefühl des
Friedens ländlicher Einsamkeit
Wenn ich mich auch ein wenig davor fürchte sagte die Gräfin einen großen
Teil der Nacht für die Freuden der Geselligkeit aufopfern zu müssen so ist es
doch als Spazierfahrt betrachtet ein großer Genuss den Weg durch diese Täler
zu machen
Man gelangte endlich auf Heimburg an und der Baron Löbau empfing seine
Gäste mit sichtbarer Freude Er hatte befürchtet da sie später als die übrige
Gesellschaft kamen dass irgend ein Unfall sie überhaupt verhindern würde ihr
Versprechen zu halten und dies würde ihm aus vielen Gründen höchst kränkend
gewesen sein denn erstens hielt er den Grafen für den vornehmsten und reichsten
von allen seinen Nachbarn dann hatte er die Absicht dessen Fest durch das
seinige merklich zu überbieten und endlich beabsichtigte er noch einen Plan
auszuführen von dem er hoffte dass er ganz besonders zum Glanze seines Festes
beitragen sollte
Die Wolken von übler Laune also die sich schon auf seiner Stirn gelagert
hatten zerstreuten sich so wie der Graf mit seiner Gesellschaft den Saal
betrat und er wurde sehr heiter als die Gräfin und Emilie aufrichtig die
schönen Pflanzen und Blumen bewunderten womit die Säle geschmückt waren
verdrießlich wurde er zwar wieder etwas als einige Tropfen Regen fielen und
trat mit sichtbarer Unruhe auf den Balkon hinaus bald aber kehrte er beruhigt
zurück denn der Regen ließ sogleich wieder nach Seine näheren Bekannten
schlugen nun der Gesellschaft einen Spaziergang in den Park vor Die Damen
betrachteten ihre Kleider und wären gern zurück geblieben da aber die ganze
Gesellschaft aufbrach musste man sich fügen Der Baron führte mit unendlicher
Selbstzufriedenheit den Zug an leitete die Gesellschaft in der Tat durch
anmutige Anlagen die wohl befriedigt haben würden wenn man sie einfach ohne
immer zum Bewundern gezwungen zu werden hätte besuchen dürfen da er selbst
aber sich bei einer jeden schönen Aussicht überrascht und entzückt zeigte und
behauptete dass er sie jetzt zum ersten Male bemerkte obgleich seine näheren
Bekannten diese Überraschung schon oft mit ihm geteilt hatten so wurde das
Vergnügen der Gesellschaft sehr vermindert Auf dem Bache der den Park
durchschlängelte zeigten sich von Zeit zu Zeit Kähne mit Menschen die
beschäftigt waren zu fischen Der Baron schalt auf die Freiheit die sie sich
genommen hatten machte aber gegen seine Gäste die Bemerkung dass die
Unverschämtheit dieser Menschen doch dazu beitrüge in die Landschaft Leben zu
bringen und dass er sich gern seine Fische stehlen ließe da dieser Umstand
seinen Gästen zufällig den angenehmen Anblick des regen Lebens in den grünen
Buchten verschafte Die Gäste lobten die Wirkung die die Fischerkähne machten
und bewunderten die Großmut des Barons der sich den Diebstahl um der
malerischen Wirkung Willen gefallen lasse Die Fischer ließ sich mit Ruhe
schmälen und brachten nachdem sie ihr Geschäft vollendet hatten die Fische in
die Küche des Barons wie es ihnen schon am vergangenen Tage war befohlen
worden Bei der weiteren Fortsetzung des Spaziergangs geriet der Baron auf
einmal außer sich denn eine Heerde auserlesen schönen Rindviehes weidete an dem
Abhange eines Hügels er beklagte sich heftig über die Frechheit des Hüters dass
er sich erlaube die Heerde dorthin zu treiben und seine junge Anpflanzung
dadurch zu zerstören Diejenigen unter den Gästen die den Baron weniger
kannten hielten seinen Zorn in der Tat für ernstlich und fürchteten für den
Hüter der Heerden seine vertrauteren Bekannten aber machten ihn darauf
aufmerksam welche schöne Wirkung die weidende Heerde zwischen den grünen Bäumen
mache und diese Bemerkung beruhigte ihn sichtlich er machte nun selbst auf die
Schönheit des Viehes aufmerksam auf den angenehmen Eindruck den das Geläute
der vielen Glocken mache und unterließ es um so lieber auf die Bitte einiger
Freunde den Hüter rufen zu lassen um ihn auszuschelten weil er nicht wissen
konnte ob der nicht in seiner Dummheit den erhaltenen Befehl als Entschuldigung
angeführt haben würde Diese wie der Baron behauptete unangenehme
Überraschung war kaum vorüber als ein anderer Gegenstand seine ganze
Aufmerksamkeit in Anspruch nahm Man hörte die Töne einer Flöte die kunstreich
genug geblasen wurde um eine angenehme Wirkung im Freien zu machen und bald
entdeckte man auf einem ziemlich großen Grasplatze weidende Schafe deren Hüter
ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren der Virtuose war Der Baron ließ es sich
nicht merken dass er den jungen Menschen hatte unterrichten lassen und
bewunderte die außerordentliche Gabe der Natur mit allen seinen Gästen
Endlich war Alles erschöpft womit der Baron überraschen und in Erstaunen
setzen zu können glaubte und er führte seine Gäste nach dem Schloss zurück
Man konnte wahrnehmen dass er noch einen Gast erwartete denn seine Stirn
verdüsterte sich als er bemerkte dass während des langen Spaziergangs Niemand
angekommen sei Die jungen Leute erwarteten mit Ungeduld den Anfang des Tanzes
aber der Baron suchte dies zu verschieben und zeigte lieber den Herren in der
Gesellschaft noch seine schönen Pferde die von diesen aufrichtig bewundert
wurden
Da nun aber durchaus nichts mehr zu zeigen war so ließ sich der Anfang des
Balles nicht mehr verschieben und eben wollte der Baron mit verdrießlicher Miene
die nötigen Befehle deshalb geben als noch eine Equipage vorfuhr sichtlich
erleichtert ging der Baron dem neuen Gaste entgegen den er fürs Erste in ein
Seitenzimmer führte
Die Gräfin hatte auf diese kleine Unruhe in der Gesellschaft nicht geachtet
sie hatte ein Gespräch mit einigen Frauen angeknüpft und gab sich mit höflicher
Aufmerksamkeit der Unterhaltung hin es überraschte sie deshalb als der Baron
mit der Zierlichkeit der Tage seiner Jugend und mit großer Freundlichkeit
seinen neuen Gast an der Hand vor ihr stand Meine teure Gräfin meine edle
Freundin redete er sie feierlich an
Die Gräfin war aufgestanden ein zweifelnder Blick ruhte bald auf dem Baron
bald auf dessen Begleiter und sie beherrschte mit Anstrengung eine große
Bewegung der Seele Lassen Sie den Frieden der unser Land beglückt fuhr der
Baron fort auch in die Herzen der Einzelnen dringen gönnen Sie mir das große
Glück etwas dazu beizutragen Geschwister die so lange getrennt waren wieder
zu vereinigen nehmen Sie einen Bruder wieder in Ihrem Herzen auf und
verherrlichen Sie durch eine aufrichtige Versöhnung und eine herzliche Umarmung
das Fest des allgemeinen Friedens Die Gräfin hatte ihren Bruder den sie so
unerwartet nach vielen Jahren wieder erblickte nicht so gleich erkannt ein
heftiges Zittern bebte durch alle ihre Glieder und eine dunkle Röte flammte auf
ihren Wangen ein Strahl des Zornes traf ihn aus den dunkeln Augen und ein
unendlicher Schmerz zuckte um den festgeschlossenen Mund Als er aber nachdem
der Baron seine Rede geendigt wirklich mit geöffneten Armen vortrat und die
Gräfin an seine Brust drücken wollte trat diese auf einmal bleich wie Marmor
einen Schritt zurück die Lippen bewegten sich aber kein Ton war vernehmbar
matt erhob sie abwehrend beide Hände und wäre leblos zu Boden gesunken wenn
nicht St Julien und der junge Graf die den Auftritt aus der Ferne beobachtet
hatten hinzugesprungen wären und sie in ihren Armen aufgenommen hätten Der
Baron der mit Sicherheit eine Umarmung der versöhnten Geschwister erwartete
hatte den Musikanten befohlen so wie sie die Umarmung bemerkten einen lang
anhaltenden Tusch zu blasen als diese nun die Gräfin in St Juliens Armen
sahen schmetterten Trompetentöne lange und anhaltend durch den Saal
Der Graf war in den Seitenzimmern mit einigen Herren im Gespräch gewesen und
kehrte mit ihnen nach dem Saale zurück um die Ursache des Trompetengetöns zu
erfahren Er sah eben die ohnmächtige Gräfin in ein Nebenzimmer bringen und
eilte dieser nach Nur halb und verworren konnte er die Ursache dieses heftigen
Auftritts erfahren er drängte den Baron der sich entschuldigen wollte
unfreundlich zurück Die Gräfin sah aus wie eine Sterbende der Arzt verlangte
sie sollte gleich hier zu Bett gebracht werden Mit der letzten Anstrengung
verweigerte sie dies und verlangte den Wagen Der junge Graf eilte sogleich ihn
vorfahren zu lassen und Alle überstanden mit großer Qual die wenigen Minuten
bis man die Gräfin in den Wagen bringen und den Rückweg nach Schloss Hohental
antreten konnte
Der Baron Löbau und seine Gäste blieben erstaunt über diese unerwartete
Störung zurück und als man die Sprache wieder fand vereinigten sich alle
Stimmen die Gräfin höchlich über ihr unversöhnliches Gemüt zu tadeln obgleich
die Klügeren es nicht billigen konnten dass der Baron diese Versöhnung wie ein
Schauspiel um sein Fest zu verherrlichen angelegt hatte Der Bruder der Gräfin
sprach wenig und beseufzte nur sein Unglück wodurch ihm jeder Versuch der
Annäherung an seine Schwester seit vielen Jahren misslungen sei aber viele der
Gegenwärtigen tadelten im Stillen den letzten unschicklichen Versuch
Dem Baron Löbau blieb endlich nichts übrig als das Fest fortgehen zu
lassen Der Tag begann aber es war ihm verdrießlich dass die besten Tänzer und
Tänzerinnen der Gräfin gefolgt waren denn nicht nur der junge Graf St Julien
und Emilie hatten das Schloss des Barons verlassen sondern auch der Obrist
Talheim und dessen Tochter Indes bewegte sich die Jugend bald heiter
durcheinander und der Baron würde sich von seiner Verstimmung erholt haben
wenn nicht alle Feuerräder bei dem beabsichtigten Feuerwerke versagt hätten Ein
Schwärmer fuhr unglücklicher Weise in einen Strohhaufen und zündete diesen an
und der Baron vergaß alle Rücksicht für seine Gäste aus Angst dass die nah
gelegenen Wirtschaftsgebäude in Brand geraten könnten Ein vom Himmel
herabströmender Regen endigte zwar bald diese Sorge aber löschte auch zugleich
die Illumination aus die zum Beschlusse das Fest hatte verherrlichen sollen
So vielen Widerwärtigkeiten musste sein Geist erliegen und er war selbst
froh als ein Fest nun zu Ende geführt war von dem er sich so viele Wirkung
versprochen und das doch alle seine Erwartungen getäuscht hatte
Zweiter Teil
I
Der Graf war mit seiner Familie auf Schloss Hohental angekommen und auch der
Obrist Talheim und seine Tochter waren dem Wagen gefolgt weil der Zustand der
Gräfin Alles beunruhigte Auf dem Schloss herrschte bei der unerwarteten
Zurückkunft der Herrschaft große Verwirrung denn die Dienerschaft hatte sich
entfernt um ihre eigenen Vergnügungen aufzusuchen in der Überzeugung dass sie
die Herrschaft erst gegen den Morgen des kommenden Tages zu erwarten hätten nur
der Haushofmeister war gegenwärtig und der Knabe Gustav der sich in Studien
vertieft hatte Emilie und Terese entkleideten die Gräfin und brachten sie zu
Bette während der bestürzte Dübois ausschickte um die weibliche Dienerschaft
zusammen zu rufen Der Graf ging im Saale stumm auf und ab ein finsterer
Missmut ruhte auf seiner Stirn und weder St Julien noch der junge Graf wagten
das Schweigen zu unterbrechen denn man sah wohl dass nicht allein Teilnahme an
dem Befinden der Gräfin diesen Missmut hervorrief sondern dass ihn die
Oeffentlichkeit des auf Heimburg stattgefundenen Auftritts tief verletzt hatte
und es zeigten sich auf seinem Gesichte Spuren von einem ihm sonst fast völlig
fremden Groll dessen Gegenstand er vielleicht selbst nicht mit Bestimmtheit
anzugeben wusste
Als die Gräfin zu Bette gebracht war ging der Graf in ihr Schlafzimmer zu
ihr Er fand seine Gemahlin sehr entkräftet und den Arzt eifrig beschäftigt
alle Vorkehrungen für die Nacht zu treffen Er hatte die Medikamente schon
bereitet deren Gebrauch er verordnete er gab Dübois hundert Befehle die
dieser mit zitternder Stimme auszurichten versprach indem er die
tränenschweren Augen auf die Gräfin richtete er verordnete Wer die Nacht bei
der Kranken wachen sollte und schärfte es dringend ein ihn sogleich zu rufen
wenn der mindeste Zufall eintreten sollte Die Gräfin ließ sich schweigend Alles
gefallen fühlte sich aber sichtlich erleichtert als der Arzt endlich das
Zimmer verließ
Der Graf trat nun an das Bett seiner Gemahlin und indem er ihre Hand fasste
fragte er mit Teilnahme ob sie sich besser fühle Die dunkeln Augen der Gräfin
richteten einen matten aber forschenden Blick auf den geliebten Mann sie las
seine Gedanken und seine Gefühle auf der umwölkten Stirn und sagte mit kaum
hörbarer Stimme Durch Ruhe wird mir besser werden entziehen Sie mir nur Ihre
Liebe nicht Sie hatte diese Worte mit bebender Stimme gesprochen und ihre
zitternden Lippen drückten einen Kuss auf die Hand des Gatten die noch in der
ihrigen ruhte Der Graf beugte sich überrascht nieder und küsste die
leichenblasse Stirn seiner Gemahlin Er zog sich wie sie es wünschte zurück
damit sie wo möglich in Einsamkeit und Stille die zu ihrer Erhaltung so
nötige Ruhe fände
Er konnte St Julien und seinem Vetter die seine Zurückkunft mit
Ängstlichkeit im Saale erwartet hatten wenig Tröstliches sagen und Alle
trennten sich von einander und harrten mit peinlicher Unruhe dem kommenden
Morgen entgegen
Als der Graf seine Gemahlin verlassen hatte winkte diese Emilien zu sich
und bat sie dafür zu sorgen dass der Obrist und Terese sich nach Hause begeben
möchten damit nicht der alte Mann die Ruhe der Nacht entbehrte und als Emilie
zurück kam und ihr die Nachricht brachte dass der Graf für die Erfüllung ihres
Wunsches sorgen würde bat die Kranke dass nun auch sie sich zur Ruhe begäbe
vorher aber alle Dienerschaft aus dem Vorzimmer entfernen möge Du weißt mein
Kind sagte sie mit mattem Händedruck und hinsterbender Stimme ich brauche nur
Ruhe um mein Übel zu besiegen Emilie versprach Alles und die Gräfin bat sie
noch die Vorhänge ihres Bettes zuzuziehen damit weder das Nachtlicht noch der
Strahl des kommenden Morgens ihre Einsamkeit und Ruhe stören möge Es geschah
wie die Kranke es verlangte und ihre junge Freundin ging dann und befahl im
Namen der Gräfin dass Jedermann das Vorzimmer verlassen und sich zur Ruhe
begeben sollte nur Dübois winkte sie leise herbei und bat ihn zu bleiben Er
neigte sich bejahend und zeigte auf einen Armstuhl in welchem er die Nacht
hinbringen wollte Sie hatte die Tür des Schlafzimmers geöffnet gelassen damit
der Alte während ihrer Abwesenheit auch das leiseste Geräusch hören könnte und
ging nun hinweg um sich von dem Putze zu befreien den sie für den Ball
angelegt hatte und noch immer an sich trug Dies Geschäft war bald abgemacht
sie kehrte unbemerkt zurück um auf dem Sopha im Schlafzimmer die Nacht
hinzubringen und rückte leise die Nachtlampe näher um sich durch Lesen wach zu
erhalten
Bald aber wurde ihre Aufmerksamkeit ungeteilt auf die Kranke gerichtet
die sich nun völlig einsam wähnend ihrem gepressten Herzen durch Klagen und
Tränen Erleichterung verschafte Habe ich nicht Alles Alles verloren hörte
sie diese mit leiser zitternder Stimme zu sich selber sagen Habe ich nicht das
Grässlichste erlebt War ich nicht am Rande des Wahnsinns und in der furchtbaren
Verzweiflung zwangen mich nicht heilige Gefühle dieses Mannes rettende Hand zu
ergreifen Und nun muss ich nun noch den letzten Halt im Leben muss ich noch
seine Achtung sein Vertrauen und seine Liebe verlieren Und muss ein unwürdiges
Gaukelspiel die entsetzlichsten Bilder aus der Vergangenheit hervorrufen um den
so mühsam errungenen scheinbaren Frieden grausam zu zerstören
Die Klagen gingen in rührende Gebete um Trost über und um Stärkung um das
Rechte tun zu können Die Worte gingen endlich in einem leisen Schluchzen
unter und nach kurzer Zeit verstummte auch dieses Emilie näherte sich leise
dem Bette und öffnete behutsam den Vorhang sie sah dass die Gräfin aus völliger
Entkräftung in Schlummer gesunken war und hoffte dass die Ruhe auf jeden Fall
wohltätig auf die Kranke wirken würde Emilie kehrte nun zu ihrem Buche zurück
aber die fortwährende Stille die ruhigen obwohl matten Atemzüge der Gräfin
beruhigten nach und nach ihr Gemüt und die Natur übte ihr Recht aus Sie
empfand nun die Müdigkeit die sie durch mancherlei ängstliche Sorgen und
Anstrengungen aufgeregt früher nicht gefühlt hatte unwillkürlich lehnte sich
ihr Kopf in die Kissen des Sophas zurück die Augenlieder senkten sich über die
glänzenden Augen die Gegenwart entschwebte ihren Sinnen und bunte Traumbilder
umfingen ihren Geist
Die Gräfin war nach einigen Stunden erwacht und fühlte sich etwas gestärkt
ein langes mit Überlegungen abwechselndes Gebet ließ einen Entschluss in ihrer
Seele reifen den sie schon oft gefasst aber immer nicht den Mut gehabt hatte
auszuführen Sie öffnete die Vorhänge ihres Bettes mit schwacher zitternder
Hand um zu sehen ob der Tag schon so weit vorgerückt sei dass sie ohne große
Störung durch ihre Klingel Jemanden herbeirufen könne und ihre Blicke fielen
auf Emilie die vom Schlummer gerötet wie eine junge Rose ruhte und den
Strahl des Morgens zu erwarten schien um alle Pracht der Schönheit zu
entfalten Gerührt betrachtete die Kranke die liebliche Gestalt und erkannte mit
Dankbarkeit die Liebe die sie bestimmt hatte den Schlaf der Nacht entbehren zu
wollen und lächelte wie dennoch die Natur diese Liebe überwunden habe und der
Schlummer sie mit seinen süßesten Banden umfinge Emilie rief sie mit schwacher
Stimme und bemerkte als ihre junge Freundin aus leichtem Schlummer aufsprang
dass auch die Türe des Schlafzimmers mit Behutsamkeit ohne Geräusch halb
geöffnet wurde und das greise Haupt des alten Haushofmeisters sich hineinbeugte
dessen treue Augen auf die leidende Herrin mit Liebe und Sorge blickten
Auch Sie mein guter Dübois rief die Gräfin auch Sie haben die Ruhe der
Nacht um meint Willen verloren
Ich danke Gott für die Gnade erwiderte der alte Mann indem die Tränen
über seine bleichen Wangen flossen dass er unsere geliebte Herrin erhalten hat
was liegt an einigen Stunden Schlaf
Die Gräfin winkte ihn zu sich und sagte gerührt Versprechen Sie mir jetzt
zur Ruhe zu gehen mir ist um Vieles besser Sie müssen es tun damit ich mich
nicht um Ihre Gesundheit ängstige Der alte Mann küsste die ihm dargebotene Hand
der Gräfin mit inniger Ergebenheit und entfernte sich um die Ruhe zu suchen
weil sie es wünschte
Emilie hatte sich dem Lager der Kranken genähert und diese sagte nun
Zuerst mein liebes Kind schaffe alle Medikamente bei Seite Du darfst wohl
wissen dass nicht die Verordnungen des Arztes meine Übel heilen können aber
wir wollen ihn damit nicht kränken sage nur dass ich Alles wie er es gewollt
gebraucht habe und ich mich viel besser fühle dass ich aber nur ruhen wolle und
durchaus Niemanden sprechen auch ihn nicht denn ich könnte ein Gespräch mit
ihm jetzt nicht wohl ertragen
Als Emilie diesen Wunsch der Gräfin erfüllt hatte und zu deren Lager
zurückkehrte fand sie die Kranke sehr bewegt und blickte erschrocken in das
bleiche mit Tränen bedeckte Gesicht Kehre Dich nicht an meinen Schmerz sagte
die Gräfin indem sie mit schwacher Hand ihre junge Freundin zu sich zog ich
habe mir selbst eine Pflicht auferlegt und ich muss ich will sie erfüllen wenn
auch mein Herz darüber brechen sollte wenigstens werde ich dann in Frieden mit
mir selber sterben Emilie kniete am Bette der Gräfin nieder und küsste die
zitternde magere Hand ihrer mütterlichen Freundin mit heißen Tränen Die
Gräfin streichelte die blonden Locken der Knieenden und sagte Wir wollen uns
nicht erweichen mein gutes Kind ich wollte Dich bitten einen wichtigen
Auftrag für mich auszurichten suche Dich also zu fassen Emilie erhob sich und
stand da erwartend was die Gräfin von ihr verlangen würde Nach einigem Zögern
beschrieb ihr diese ein Kästchen welches sie in ihrem Schreibtische verwahrte
und bat es ihr zu bringen Emilie fand es bald und kehrte damit zu der Kranken
zurück die eine Feder daran drückte worauf der Deckel aufsprang und es ließ
sich darin mehrere Papiere und ein kleines Bild bemerken welches zu Emiliens
Erstaunen eine große Ähnlichkeit mit St Julien hatte Die Gräfin bedeckte
dieses Gemälde sogleich nahm ein Paket Papiere heraus und ließ den Deckel des
Kästchens wieder zufallen und Niemand würde leicht die verborgene Feder
gefunden haben durch die es die Besitzerin zu öffnen verstand
Die Kranke betrachtete sinnend die Papiere in ihrer Hand und sagte dann mit
matter aber entschlossener Stimme Sobald der Graf aufgestanden ist begib Dich
zu ihm und übergib ihm diese Papiere bitte ihn sie alsbald zu lesen und wenn
er sie gelesen hat zu mir zu kommen um mich sogleich den Eindruck kennen zu
lehren den sie auf sein Gemüt gemacht haben Bitte ihn um die Menschlichkeit
mich nicht länger als es nötig ist in der fürchterlichen Qual dieser
Ungewissheit zu lassen sage ihm es sei mein Vorsatz gewesen dass er den Inhalt
erst nach meinem Tode erfahren sollte aber die Ereignisse des gestrigen Tages
hätten mir die Notwendigkeit gezeigt ihn schon jetzt damit bekannt zu machen
Gehe nun und richte dies sogleich aus damit nicht die elende Feigheit der
menschlichen Natur mich bestimme meinen Vorsatz wieder zu ändern Der Graf
hatte sein Lager nach wenigen Stunden in denen er die Ruhe vergeblich suchte
wieder verlassen es kämpften mancherlei Gefühle in seiner Seele er fühlte sich
seiner Gemahlin so innig verbunden er achtete ihren Geist er ehrte ihren
Charakter es war die einzige Frau die ihm jemals eine heftige Leidenschaft
eingeflöst hatte diese hatte sie nach kurzem Widerstande durch die Verbindung
mit ihm wie er damals meinte aufs Schönste befriedigt Sie hatte ihm nicht
die gleiche Leidenschaft geheuchelt aber ihm ihre innige zärtliche
Freundschaft versichert Er durfte damals hoffen in der Verbindung mit ihr ihr
Herz lebhafter zu rühren er ahnte das Glück eine blühende Nachkommenschaft um
sich zu sehen und hoffte die Mutter seiner Kinder würde dann ihre scheue
Zurückhaltung aufgeben und die gemeinsame Zärtlichkeit und Sorge würde sie mit
ihm in inniger und herzlicher Liebe vereinigen Wie ganz anders hatte sich Alles
gestaltet Ein heimlicher Gram nagte an dem Leben seiner Gemahlin und hatte sie
verhindert die Jahre der Jugend heiter zu genießen und nicht einmal das hatte
seine ausdauernde Liebe errungen dass sie ihm ein Vertrauen geschenkt hätte
welches der alte sie begleitende Diener besaß er überraschte sie oft in
Tränen wenn er ihr Freude hatte bereiten wollen und nichts hatte sie
vermocht ihm den Quell der Tränen zu zeigen den jener alte Diener kannte In
diesem innerlich nagenden Schmerze war sie früh verblüht und auch die Hoffnung
einen Sohn als Stütze und Trost seines Alters heranwachsen zu sehen war
getäuscht worden und er musste sich gestehen dass er sein ganzes Leben in
trauriger Einsamkeit des Herzens hingebracht hatte Er fühlte mit lebhaftem
Schmerz dass etwas Fremdes Scheidendes zwischen ihm und seiner Gemahlin stehe
er musste es sich sagen dass wie einig sie in allen edelen Empfindungen auch
wären wie sehr sie sich gegenseitig schätzten und ehrten doch die wahre innige
Vereinigung fehle die allein das Leben beglückt
Es hatte ihn immer befremdet dass die Gräfin jede Annäherung an ihren Bruder
mit Widerwillen zurückgewiesen hatte und tief im Herzen verletzte ihn jetzt der
Abscheu den sie öffentlich gegen diesen gezeigt hatte auch erfüllte es ihn mit
Unmut wenn er daran dachte welche Gespräche nach diesem unangenehmen
Auftritte in der Nachbarschaft entstehen würden er zürnte über den Baron der
alles Dies durch seine kindische Torheit veranlasst hatte und grollte doch auch
mit der Gräfin die eine so unnatürliche Abneigung gegen ihren einzigen Bruder
öffentlich gezeigt hatte
In diesen verschiedenen Empfindungen die in seinem Busen sich nicht
ausgleichen und ordnen wollten wurde er von seinem jungen Vetter überrascht
der wie es verabredet war reisen wollte aber vorher noch über das Befinden
seiner Tante Erkundigungen einzuziehen wünschte Der Graf empfing ihn
liebreicher als je er fühlte inniger als sonst das Bedürfnis Jemanden zu
haben der ihm angehörte und er drang lebhaft in seinen jungen Verwandten
sobald als möglich zu ihm zurück zu kehren Der junge Graf obwohl er mit
Dankbarkeit die Zuneigung erwiderte die ihm so unverholen entgegen kam wurde
bestürzt über die Weichheit die sein Oheim nicht beherrschen konnte er
fürchtete um die Gesundheit der Gräfin stehe es schlimmer als man ihm sagte
und er nahm sich vor sie wo möglich vor seiner Abreise noch zu sehen Er
verließ den Grafen als Emilie eintrat blieb aber im Vorzimmer um durch diese
die Erlaubnis zu erbitten von seiner Tante Abschied zu nehmen
Emilie richtete den Auftrag der Gräfin weinend aus Es war ihr als ob sie
den Willen einer Sterbenden berichtete Der Graf empfing das Paket mit bewegtem
Gemüte und erwiderte mit unbeherrschter Rührung dass er dem Verlangen der
Gräfin genau nachkommen werde Er verschloss sich in sein Kabinet sobald er
allein war um sein Wort zu erfüllen
Als Emilie zur Gräfin zurückkehren wollte traf sie auf den jungen Grafen
der ihr sein Anliegen vortrug sie versprach ihm seinen Wunsch der Gräfin
mitzuteilen machte ihm aber wenig Hoffnung zu dessen Erfüllung weil die
Kranke erklärt habe dass sie zu schwach sei selbst den Arzt zu sprechen und
vor allen Dingen Ruhe bedürfe Es war also Emilien selbst überraschend als die
Gräfin nach kurzem Besinnen erklärte dass sie den jungen Grafen sehen wollte
und Emilien bat ihn sogleich herein zu führen Dieser erschrak sichtlich als
er sich dem Lager der Kranken näherte und bemerkte welche Verwüstung eine Nacht
des Leidens hervorbringen kann Die Gräfin bat ihn sich neben ihr Bett zu
setzen und sagte indem sie ihm die Hand reichte Sie wollen uns verlassen
mein lieber Vetter ich weiß es ist notwendig und Ihre Reise lässt sich nicht
aufschieben aber ich bitte Sie eilen Sie recht bald zu uns zurück Ich weiß
Sie haben geglaubt dass ich Ihnen den Weg zu dem Herzen des Grafen verschliesse
Sie haben mir Unrecht getan es ist nie so gewesen mein Unrecht gegen Sie
besteht einzig darin dass ich mich zu selbstsüchtig in meinen eigenen Gram
verloren habe und deswegen nicht an die Verwandten meines Gemahls dachte dies
Unrecht bitte ich Ihnen ab Wenn Sie zurückkommen werden Sie mich vielleicht
besser finden und dann hoffe ich werden Sie sich wohl in dem Hause
liebevoller Verwandten fühlen und jedes Misstrauen gegen mich und den Grafen
wird schwinden Vielleicht aber finden Sie mich bei Ihrer Rückkehr nicht mehr
vielleicht sind dann schon alle meine Leiden geendigt dann mein teurer
Vetter dann bringen Sie ein kindliches Herz für Ihren Oheim mit und lassen Sie
ihn fühlen dass er nicht verarmt an Liebe ist wenn auch mein Herz nicht mehr
für ihn schlägt
Der junge Graf wollte antworten aber die Wehmut beherrschte seine Stimme
Die Gräfin schien ihm so krank dass er in der Tat fürchtete dies seien die
letzten Worte welche dieser Mund jemals zu ihm sprechen würde er beugte sich
über ihre Hand und benetzte sie mit heißen Tränen indem er sie küsste Lassen
Sie uns jetzt scheiden sagte die Kranke indem sie die Hand des jungen Mannes
schwach drückte Ich darf nicht die letzten Kräfte meines Lebens in Rührung und
Wehmut auflösen ich muss mich sammeln um wenigstens noch ein Mal meinen Gemahl
sprechen zu können Nicht wahr Ihr Versprechen habe ich Sie werden sich mit
Liebe an sein edles Herz schließen Es soll die Aufgabe meines Lebens sein rief
der junge Graf sein Wohlwollen zu verdienen So leben Sie nun wohl sagte die
Kranke vielleicht sehen wir uns wieder
Der Himmel kann nicht so grausam sein erwiderte der junge Graf er wird
uns allen Ihr teures Leben erhalten
So lassen Sie uns denn in dieser Hoffnung scheiden sagte die Kranke mit
matter Stimme und Emilie führte den jungen Grafen hinaus der seine Bewegung
nicht beherrschen konnte und in seine Begleiterin drang ihm zu sagen welche
Hoffnung sie hege Diese antwortete ihm nur mit Tränen und deutete mit der Hand
nach oben zum Zeichen dass sie nur vom Himmel Hilfe erwarte St Julien hatte
sich einige Mal im Vorzimmer der Gräfin gezeigt um nach ihrem Befinden zu
fragen jetzt traf er auf den jungen Grafen und dieser teilte ihm in heftiger
Bewegung die Unterredung mit die er eben mit seiner Tante gehabt hatte Beide
Freunde trennten sich hierauf mit Tränen und der junge Graf beschwor St
Julien ihm einen Eilboten zu schicken wenn der Zustand der Gräfin schlimmer
werden sollte da er aus Rücksicht für seine Eltern seine Reise nicht
aufschieben dürfe
St Julien suchte den Grafen auf um in dessen Nähe Trost in der quälenden
Unruhe zu finden die ihn zu zerstören drohte dieser hatte sich in sein Kabinet
verschlossen und war für Niemand zugänglich Der bekümmerte junge Mann schlich
nun zu Dübois der ihn dadurch einiger Massen aufrichtete dass er ihm vertraute
wie die Gräfin schon oft in so bedenklichem Zustande gewesen sei dass ihr aber
Gott jedes Mal die wunderbare Kraft gewährt habe sich durch den starken Willen
der Seele wieder zu erheben und dass er auch dies Mal nicht verzage wiewohl er
zu den Mitteln des Arztes nicht das mindeste Vertrauen habe
So schwach dieser Trost auch war so ergriff ihn St Julien doch als eine
sichere Hoffnung er konnte den Gedanken nicht fassen dass die Gräfin aus dem
Leben scheiden sollte es schien ihm als würden dadurch die Wurzeln seines
eignen Daseins gestört
Dübois kehrte nach dem Vorzimmer der Kranken zurück und St Julien
begleitete ihn Auf die leise Frage des Haushofmeisters erwiderte Emilie die
Gräfin sei ruhig wolle aber Niemanden sprechen als den Grafen und auch diesen
nur wenn er von selbst käme rufen sollte ihn Niemand Der junge Mann hörte die
ihm so teure Stimme die Jederman den Eintritt versagte er schlich also hinweg
und suchte auf einem langen einsamen Spaziergange sein klopfendes Herz zu
beruhigen
Der Graf hatte das Packet aus Emiliens Händen empfangen er hatte sich in
sein Kabinet verschlossen um es sogleich wie seine Gemahlin es wünschte zu
lesen und dennoch kam es ihm seltsam und fremd vor dass er sich mit toten
Buchstaben beschäftigen sollte in den Augenblicken da die Krankheit des
teuersten Wesens ihm die Seele mit so lebhafter Unruhe erfüllte Warum sollte
er überhaupt lesen was sie ihm mit wenigen Worten sagen konnte In allen
Dingen auch hierin schloss er seine Betrachtungen endlich will ich ihr meine
Liebe beweisen ich will jedes andere Gefühl beherrschen jeden anderen Gedanken
verbannen und tun was sie von mir fordert Nachdem er diesen Entschluss gefasst
hatte setzte er sich an seinen Schreibtisch löste das Siegel entfaltete die
Blätter und las Folgendes
II
Wenn diese Blätter in die Hände meines Gemahls fallen hob die Handschrift der
Gräfin an dann hat vielleicht das Herz aufgehört zu schlagen das ihn so innig
liebte und ehrte und dennoch nie den Mut finden konnte ihn in die Tiefe des
Jammers blicken zu lassen an dem es verblutete Ach nur zu gewiss ist es die
erste Falschheit führt unsägliche Verwirrung herbei und kettet ein Unrecht an
das andere Hätte ich sprechen dürfen vor unserer Verbindung wie mein Gefühl
mich trieb ich hätte mir selbst und auch dem teuersten Freunde meines Herzens
all den Kummer erspart der aus dem Gefühle entspringen musste dass ich ihn
fortwährend über mich täuschte Hätte ich auch später geredet so wäre dann
vielleicht die Innigkeit auch eingetreten die mir den dornenvollen Pfad des
Lebens erleichtert hätte aber die Furcht dass mein teurer Gemal das erste
Verschweigen nicht verzeihen würde schloss fortwährend meine Lippen und wir
wandelten durch meine Schuld zwar neben einander aber nicht mit einander auf
dem Pfade des Lebens Der tiefe Schmerz über dies Unglück und über mein Unrecht
wodurch es herbei geführt worden ist bestimmt mich alle erlittenen Qualen noch
ein Mal durchzufühlen und diesen Blättern meine Leiden zu vertrauen damit sie
ein Mal wenn auch erst nach meinem Tode meinen Gemahl das Wesen ganz kennen
lehren das so unglücklich an seiner Seite wandelte und ach in der Verbindung
mit ihm so glücklich hätte sein können wenn sein früheres Leben sich hätte
anders gestalten wollen Sein grossmütiges Herz wird dann vielleicht meine Qual
beweinen und das Verschweigen dieser Qual verzeihen
Ich muss um über mich selbst vollkommenen Aufschluss zu geben der Jugend
meiner Eltern erwähnen Mein Vater war in seiner Jugend ein schöner Mann er war
einer der reicheren Edelleute und seine Umgebung hielt ihn für liebenswürdig
Ich habe kein Urteil darüber denn ich habe ihn in so früher Kindheit verloren
dass sein Bild nur schwach in meiner Erinnerung dämmert Er war Protestant und
die Aufklärung die in der Zeit seiner Jugend sich aller ausgezeichneten
Menschen bemeisterte ergriff auch ihn und ließ ihn in aller Religion nur eine
weltliche Anstalt sehen durch welche die Moralität des Volks erhalten und den
Fürsten das Regieren erleichtert würde bei diesen Gesinnungen fiel es ihm nicht
ein dass die Religion jemals ein Hindernis seiner Wünsche sein könnte und er
überließ sich der Liebe zu meiner Mutter ohne nur daran zu denken dass sie der
katholischen Kirche angehörte
Meine Mutter war von beschränkten Eltern geboren und ihre Erziehung wurde
durch den Beichtvater ihrer Mutter geleitet also war es begreiflich dass sie
nur einen Weg zur Seligkeit kannte und außerhalb ihrer Kirche nur Verderben
erblickte Mein Vater setzte seine Bewerbungen fort und fand selbst Mittel den
einflussreichen Beichtvater für sich zu gewinnen indem er mit jugendlichem
Leichtsinn den beschränkten Priester hoffen ließ die Verbindung mit meiner
Mutter könne ihn wohl bestimmen sich in den Schoss der katholischen Kirche in
der Zukunft aufnehmen zu lassen nur jetzt gab er zu verstehen machten es ihm
weltliche Rücksichten unmöglich daran zu denken Er erlaubte sich diese
Falschheit ohne Vorwürfe seines Gewissens denn ihm war die Religion überhaupt
gleichgültig und er betrachtete es als ein unschuldiges Mittel seinen Zweck zu
erreichen wenn er auf diese Weise einen Priester und durch ihn meine Mutter
hinterging
Es ist natürlich dass die Neigung meiner Mutter für meinen Vater mächtig in
ihrem Herzen wuchs da die Hoffnung sich damit verband sein ewiges wie sein
zeitliches Glück zu begründen und es ist begreiflich dass auch die Eltern bald
für einen Plan gewonnen wurden den der Beichtvater unterstützte Mein Vater
hütete sich den Hoffnungen auf seine Bekehrung zu widersprechen und ließ alle
Schritte geschehen ohne eine andere Ansicht über die Religion der Kinder
auszusprechen die aus dieser Ehe entspringen könnten als die welche von
seinen Schwiegereltern angenommen wurde und diese glaubten dass die Kinder
eines Mannes der selbst sich mit der katholischen Kirche vereinigen wollte
nicht anders als in den Grundsässen dieser Kirche erzogen werden könnten
Mit dieser Falschheit von der einen und Beschränktheit von der andern Seite
wurde die Verbindung geschlossen und meine Mutter sah wenige Wochen nach ihrer
Vermählung trotz der Beschränktheit des Geistes in der man sie hatte aufwachsen
lassen dass an eine Bekehrung meines Vaters nicht zu denken sei und er
verwundete ihr Herz wenn er sich schonungslos darüber zu scherzen erlaubte
durch welche Mittel er sie gewonnen habe Die Gesellschaft meines Vaters bestand
aus jungen Leuten die mehr oder weniger seinen Meinungen über Religion
anhingen und meine Mutter musste oft Gespräche anhören von denen sie in frommer
Einfalt glaubte ihr frevelhafter Inhalt müsse das Feuer des Zornes vom Himmel
herunter auf die sträflichen Häupter der Leichtsinnigen rufen
Mit Schmerzen sah der Beichtvater wie gröblich er sich hatte täuschen
lassen und die Eltern der unglücklichen Frau suchten durch fromme Werke den
Himmel wegen ihres Irrtums zu versöhnen In dieser Lage der Dinge wurde die
Schwangerschaft meiner Mutter fast wie ein Unglück betrachtet denn man
fürchtete mit Recht dass auch die Kinder der katholischen Kirche würden entzogen
werden und so auch diese Seelen verloren gehen würden Indes wurde es
notwendig diesen Gegenstand zur Sprache zu bringen und wie man es befürchtet
hatte lachte mein Vater nur über die Hoffnung dass er die Erlaubnis geben
würde seine Kinder katholisch zu erziehen Man bediente sich selbst der List
um ihn dazu zu vermögen sein stillschweigend gegebenes Versprechen zu erfüllen
indem man ihm vorstellte da ihm alle Religion gleichgültig sei so könne er ja
leicht zugeben dass die Mutter die sich nicht zu seinen Ansichten erheben
könne den Trost habe dass die Kinder ihren Glauben teilten Mein Vater stellte
die weltlichen Nachteile dagegen auf die seinen Kindern aus dem Bekenntnisse
der katholischen Religion erwachsen müssten und nach langem Unterhandeln konnte
endlich nur mit Mühe erreicht werden dass die Söhne der Religion des Vaters die
Töchter aber dem Glauben der Mutter folgen sollten
Jetzt stiegen eifrige Gebete zum Himmel empor das Kind welches meine
Mutter noch unter ihrem Herzen trug möge eine Tochter sein ganz entgegen den
gewöhnlichen Wünschen der Familien die einen Sohn eifriger als eine Tochter zu
erbitten pflegen Auch diese Gebete erhörte der Himmel nicht und das Entzücken
der jungen Mutter war mit Schmerz vermischt als man ihr nach überstandener Qual
den neugebornen Sohn hinreichte Die Freude des Vaters war laut und heftig ein
glänzendes Fest sollte die Taufe des Neugebornen verherrlichen und mit
innerlichem Schauder sahen Mutter und Schwiegereltern den protestantischen
Prediger die heilige Handlung verrichten Der Beichtvater meiner Mutter tröstete
sie mit dem Gedanken dass noch nichts verloren sei weil die Taufe in welcher
Kirche sie auch gefeiert werde immer die gleiche Gültigkeit habe und es immer
noch in der Macht meiner Mutter stände die junge Seele dem wahren Heile
zuzuwenden
Dieser Gedanke entzündete eine neue Hoffnung in der Brust der unglücklichen
Frau und wendete ihre leidenschaftliche Liebe dem Kinde zu dessen Seelenheil
sie gefährdet wähnte Wenn sie in blinder Zärtlichkeit sich ganz dem Kinde
hingab alle seine Wünsche befriedigte selbst die welche der verkehrteste
Eigensinn aussprach so täuschte sie sich selbst und bildete sich ein es
geschähe um sich die Liebe des Sohnes um jeden Preis zu erhalten um ihn durch
diese Liebe später zum wahren Heil zu leiten es entging ihr der Widerspruch
dass sie den später leiten wollte von dem sie sich schon als Kind völlig
beherrschen ließ Mein Vater zog das Kind ebenfalls an sich weil er ihn mit dem
gewöhnlichen Stolz der Väter als Fortpflanzer seines Namens betrachtete und
weil er den Plänen der Mutter die er gar wohl bemerkte entgegen wirken wollte
und so kam es dass dieses Kind im frühesten Alter der unumschränkte Gebieter des
Hauses war dessen eigensinnigste Launen auch die Bedienten als Befehle zu
betrachten sich gewöhnten
So verwöhnt war dieses Kind sechs Jahre alt geworden und als meine Eltern
die Aussicht auf weitere Nachkommenschaft schon fast aufgeben zu müssen
glaubten fühlte meine Mutter zum zweiten Male die Hoffnung einem Kinde das
Dasein zu geben War schon bei der ersten Schwangerschaft das Flehen um eine
Tochter inbrünstig gewesen so wurden jetzt weder Gebete noch Gelübde gespart
und meine Mutter gelobte dem Himmel Falls er ihr eine Tochter schenken würde
sie dem Dienste des Himmels zu weihen um in ununterbrochenen Gebeten die
Bekehrung des Vaters wie des Bruders zu erflehen
Dies Mal wurden ihre frommen Wünsche erhört und ich Unglückliche erblickte
das Licht des Tages Meine Mutter empfing mich mit Entzücken in ihren Armen
aber nicht als ein Kind legte sie mich an die mütterliche Brust sondern als ein
Sühnopfer welches sie wähnte vom Himmel errungen zu haben nicht um mein selbst
Willen widmete sie mir ihre Sorge und Pflege sondern weil ich nun da war um
ein ganzes Leben hindurch für einen begünstigten Bruder zu beten Auch mein
Vater begrüßte meinen Eintritt ins Leben nicht mit Liebe er blickte mit Kälte
auf mich weil er die ihm unangenehme Verpflichtung hatte mich in der
katholischen Kirche erziehen zu lassen denn es ging ihm wie vielen
Freigeistern die ich später kennen lernte die alle Religion hinwegspotten
wollten und doch ihren Geist von den Fesseln nicht lösen konnten in denen die
Sekte sie hielt in der sie geboren waren
War die Feierlichkeit bei der Taufe meines Bruders groß gewesen so wurde um
so stiller die heilige Handlung begangen die mich auf katholische Weise zur
Christin weihte Da mein Vater mich der Erziehung meiner Mutter und dem
Einflusse ihres Beichtvaters überlassen musste so gewöhnte er sich mich von der
Geburt an als ein seiner nicht würdiges Wesen anzusehen und betrachtete um so
mehr meinen Bruder als seinen Stolz und sein Eigentum und so kam es denn dass
meine Erziehung von der frühesten Kindheit an ganz so eingerichtet wurde dass
ich dem Zwecke wozu man mich bestimmte einem Bruder das Heil zu erringen
einst vollkommen entsprechen könnte
Ich war kaum fünf Jahre alt als ein unglücklicher Sturz mit dem Pferde das
Leben meines Vaters in Gefahr brachte Es war ihm nicht entgangen welche Pläne
meine Mutter mit mir hatte ob er gleich nicht ahnte dass ich geopfert werden
sollte um seine eigene wie meines Bruders Bekehrung zu erbeten da ich aber
seinem Gefühl völlig fremd blieb und er alle Neigung allein seinem Sohne
zuwendete so war ihm der Plan meiner Mutter in sofern lieb als meinem Bruder
dadurch der ungeteilte Besitz des Vermögens gesichert wurde welches durch die
Verwaltung meines Vaters bedeutend war vermindert worden Da ihm der gefährliche
Zustand seiner Gesundheit nicht verborgen bleiben konnte ob er gleich von den
Aerzten noch einige Zeit nach dem unglücklichen Sturze erhalten wurde so
richtete er sein Testament ganz zum Vorteile meines Bruders ein und da meine
Mutter während seiner Krankheit einige Mal seine Bekehrung mit Hilfe des
Beichtvaters versucht hatte so erregte dies nicht nur seinen Zorn sondern auch
die Sorge dass nach seinem Tode derselbe Eifer für die Seele meines Bruders sich
zeigen würde und er ernannte einen Vormund aus der Zahl seiner Freunde der
meinen Bruder zu sich nehmen und seine Erziehung leiten sollte damit wie er
unverholen äußerte der Knabe nicht durch die Mutter den Händen der katholischen
Priester übergeben werden möchte
Meine unglückliche Mutter erfuhr also den doppelten Schlag des Geschickes
dass sie den Mann ihrer Liebe verlor ohne wie sie meinte seine Seele gerettet
zu haben und dass gleich nach dessen Tode ihr auch der Sohn entrissen wurde um
dessentwillen sie nur noch lebte
Da es nun durch die Entfernung des Knaben der trauernden Mutter unmöglich
gemacht wurde unmittelbar für seine Bekehrung zu wirken in welchem Gedanken
sie einen schwachen Trost beim Tode des Mannes gefunden hatte so blieb nichts
übrig als mittelbar durch ihr und mein Gebet dahin zu wirken und ich wurde zu
allen geistlichen Übungen schon in dieser zarten Jugend angehalten
Da es wie eine ausgemachte Sache betrachtet wurde dass mein Leben dem
Dienste Gottes im Kloster geweiht sei so hegte ich selbst auch keinen andern
Gedanken und da meine Mutter den Einfluss lebensfroher Gespielen fürchtete so
erzog sie mich in völliger Einsamkeit ich sah beinah nur den Beichtvater und
sie und als Grund für diese Zurückgezogenheit wurde ohne Hehl meine Bestimmung
zum Klosterleben angeführt so dass ich nicht Teil nahm an den wenigen
Gesellschaften die meine Mutter besuchte und auch das Gesellschaftszimmer
verließ wenn zuweilen Besuch bei uns erschien
Ich fügte mich ohne Zwang und ohne Klage in diese Einsamkeit ich lebte in
Träumen die meine Phantasie erzeugte ich bildete mir innerlich ein
wunderbares reiches Leben und hielt mich so für alle äußeren Entbehrungen
schadlos Mein lebhafter Geist der mit nichts genährt wurde musste alle
Beschäftigung in sich selber suchen und führte mich oft an die Gränze des
Wahnsinnes denn ich glaubte selbst an meine wachen Träume Die einzige Störung
dieses einsamen träumerischen Lebens trat ein wenn uns mein Bruder von seinem
Vormunde begleitet besuchte Der muntere Knabe verspottete die werdende Nonne
und wenn er prahlend von der Heiterkeit seines Lebens erzählte so regte sich
zuweilen die Sehnsucht in meiner Brust Teil an seiner Freude zu nehmen Auf
meine Mutter machten diese Besuche nach denen sie sich so heftig sehnte jedes
Mal den traurigsten Eindruck und unsere Gebete in der Einsamkeit wurden
verdoppelt um eine Bekehrung zu erflehen die immer zweifelhafter zu werden
schien
Mein Bruder hatte ungefähr das Alter von sechzehn Jahren erreicht als ich
bemerkte dass sein Betragen gegen uns anders wurde Er kam jetzt zuweilen
allein teils weil seinem Vormunde der Aufenthalt bei uns langweilig war
teils weil er glaubte mein Bruder sei so befestigt in seinen religiösen
Ansichten dass die Mutter keinen Einfluss mehr auf ihn würde ausüben können
Diese Besuche gewährten dieser einen kaum mehr gehofften Trost mein Bruder
spottete nicht mehr über meine Bestimmung ja er konnte mit Bewunderung von der
Heiligkeit eines einsamen Gott geweihten Lebens sprechen er ließ in solchen
Stunden meine arme Mutter hoffen dass sobald er das mündige Alter erreicht
haben würde er sich in den Schoss der katholischen Kirche würde aufnehmen
lassen und es bedurfte keiner großen Überredung um die Mutter und den
Beichtvater zu überzeugen dass diese frommen Gedanken vor dem Vormunde verborgen
gehalten werden müssten damit dieser nicht den Sohn aufs Neue von der Mutter
trennte Die arme Frau hatte sich ohne große Kunst von dem Manne täuschen
lassen der ihre Liebe gewann und ließ sich nun noch bereitwilliger von einem
Knaben hintergehen Sie bemerkte es nicht dass sie diese frommen Äußerungen
jedes Mal mit ansehnlichen Summen bezahlen musste die mein Bruder von ihren
Ersparnissen empfing Mein Vater hatte meiner Muter ein sehr mässiges Einkommen
bestimmt da aber ihre Eltern in der Zwischenzeit gestorben waren so hatte sie
durch die ihr zugefallene Erbschaft bedeutendere Mittel und mein Bruder hatte
nicht so bald Kenntnis von diesem Zuwachs als er ihn für sich benutzte durch
eine Heuchelei die der Beweis einer großen Schlechtigkeit gewesen wäre wenn er
diesen Kunstgriff nicht mit kindischem Dünkel für das Zeichen eines starken
Geistes gehalten hätte der sich erlauben dürfte die Schwachheit einer bigotten
Mutter auf diese scherzhafte Weise zu benutzen
So hatte mein Bruder nach und nach das ganze Erbe meiner Mutter erhalten
ehe er sein mündiges Alter erreichte und diese fing an die Entbehrungen zu
fühlen die sie sich aus Liebe für diesen Sohn selbst auferlegt hatte doch
machte ihr dies keinen Kummer denn für mich war gesorgt indem ich aus der Welt
schied und sie selbst konnte dann bei dem geliebten geretteten Sohne den Rest
des Lebens in heiliger Freude hinbringen Ich war noch sehr jung aber ich sah
mit Befremden die bedenklichen Mienen die mein Bruder zu solchen Träumen
machte wenn sie ihm mitgeteilt wurden
Ich war ungefähr fünfzehn Jahr alt geworden und meine Mutter fing sich an
ernstlich darüber mit dem Beichtvater zu beraten in welchem Kloster ich meine
Probezeit hinbringen sollte als ein Brief von einer Tante meiner Mutter ankam
und unserem Leben eine neue Wendung gab Diese Tante hatte sich mit einem
bedeutenden Vermögen die Schönheit der Natur zu genießen nach der Schweiz
zurückgezogen sie war alt und kinderlos und forderte meine Mutter auf mit mir
zu ihr zu kommen damit sie ihr Leben nicht unter fremden Menschen endigen
müsse und versprach zugleich wenn meine Mutter diesen Wunsch bereitwillig
erfüllen wollte sie zu ihrer einzigen Erbin zu ernennen
Niemand unterstützte den Vorschlag dieser Tante eifriger als mein Bruder
und als meine Mutter die Besorgnis äußerte dass er getrennt von ihr wieder lau
werden und seinen heiligen Vorsatz aufgeben könne versicherte er dass er uns
nach der Schweiz folgen würde wo er ohne Aufsehn zu erregen leichter noch als
im Vaterlande dies Verlangen seines eignen Herzens stillen könne Diese
Äußerung war entscheidend und wir begaben uns auf die Reise zu der alten
reichen lebenssatten Tante wie sie von meinem Bruder genannt wurde
Ich hatte unser Haus beinah niemals verlassen meine Spaziergänge
erstreckten sich nicht weiter als bis in unsern Garten dessen geschorene
Hecken und regelmäßig abgeteilte Blumenbeete mir weiter keine Abwechselung
gewährten als dass ich die Blumen blühen und verblühen sah und doch hatte ich
selbst in diesem beschränkten Raume in der Unschuld meines Herzens unsägliche
Freude genossen Waren doch die Sommerlüfte warm und lind glänzte doch der
Himmel über mir dufteten mir doch die Blumen entgegen und meine Phantasie
füllte die Gänge mit wandelnden Gestalten wache Träume der lieblichsten Art
umfingen häufig meinen Geist in diesem Garten und eine bunte Mährchenwelt
umgaukelte mich
Die angetretene Reise nun entführte mich aus der engbeschränkten bekannten
Welt und zeigte mir zum ersten Male eine großartige Natur Schon unsere
vaterländischen Berge unsere üppigen Täler und rieselnden Bäche entzückten
mein Herz und ich dachte mit Beklemmung daran dass ich von dieser herrlichen
Welt scheiden sollte und wieder höchstens in einem beschränkten Garten würde
verweilen dürfen Aber als wir die Schweiz erreichten war es als ob mein Busen
sich dehnte Diese Seeen diese Berge diese Täler weckten ein Gefühl des
Lebens in mir das mir bis dahin fremd gewesen ich fühlte dass ich da sei um
mein selbst Willen und konnte mich nicht mehr als ein Wesen betrachten welches
für Andere dahin gegeben werden dürfe und leise im Herzen regte sich mir der
Verdacht ob mein Bruder auch solche Opfer verdiene Mein trunkenes Auge
schweifte unersättlich über Berg und Tal und meine Seele sog das reinste
Entzücken in sich Aber indem ich mit himmlischer Wonne das Leben fühlte
welches sich so glänzend und neu vor mir ausbreitete versprach ich mir
innerlich leise aber fest eine Welt nicht zu verlassen deren Zauber sobald
ich ihn kennen lernte so mächtig auf mich wirkte
III
Wir hatten Luzern erreicht in dessen Nähe die Tante meiner Mutter ein herrlich
gelegenes Landhaus bewohnte Mit aufrichtiger Liebe wurden wir von der mehr als
siebzigjährigen Frau empfangen die das nahe Ende ihres einfachen schönen
Lebens mit Ruhe und Heiterkeit erwartete und sich durch die Gegenwart naher
Verwandten gestärkt fühlte aber dennoch ließ sich bald bemerken dass ihre
Hoffnung nicht vollkommen befriedigt war und dass der beschränkte Geist meiner
guten Mutter ihr die Unterhaltung nicht gewähren konnte die sie in ihren
einsamen Stunden durch das Beisammensein mit einer Verwandten erwartet hatte
Ihr wahrhaft frommer Sinn konnte eben so wenig damit zufrieden sein dass ich
schon vor meiner Geburt zum Opfer für einen Andern bestimmt war und wenn sie
die Ansichten meiner Mutter in dieser Hinsicht bekämpfte so machte dies deshalb
einen erschütternden Eindruck auf diese weil sie keine frevelnde Freigeisterei
bei ihrer Tante voraussetzen durfte sondern sie in allen Handlungen ihres
Lebens als fromme Katolikin verehren musste
Meine große Jugend erregte die Teilnahme dieser vortrefflichen Frau und
indem sie für meine Bildung zu sorgen beschloss und mich deshalb mehr an sich
zog bemerkte sie mit Schrecken eine völlig verwahrloste Erziehung und auf die
Vorwürfe welche sie meiner Mutter darüber machte glaubte diese genügend mit
der Frage antworten zu können von welchem Nutzen mir weltliche Kenntnisse bei
meinem künftigen Aufenthalte im Kloster sein könnten und ob sie nicht im
Gegenteil dazu dienen würden in mir eine Sehnsucht nach der Welt zu erregen
die ich bestimmt sei zu verlassen Die Tante suchte ihr die Gefahr auseinander
zu setzen die darin liege wenn ein so lebhafter feuriger Geist als der meine
gar keine Nahrung erhielte und alle Hülfsquellen in der künftigen Einsamkeit nur
in sich suchen müsse worauf meine Mutter auf Beichte und Gebet als die
sichersten Stützen der Seele hindeutete
Die Tante gab bald jeden Streit über diesen Gegenstand auf und benutzte ihre
Überlegenheit des Geistes um für mich ohne weiter zu fragen Lehrer in allen
nötigen Wissenschaften anzunehmen und da sie mich zugleich zu allen frommen
Übungen anhielt die die Kirche vorschreibt so konnte meine Mutter keinen
Grund finden sich einer Einrichtung zu widersetzen von der die Tante
behauptete dass sie ihr eine erheiternde Beschäftigung im Alter gewähre
Für mich begann in dieser Zeit ein so glückseliges Leben dass vielleicht
durch die Trunkenheit in der mein Geist sich befand alle Fähigkeiten meiner
Seele erhöht wurden und so die Bewunderung meiner guten Tante erregten Meine
Mutter konnte mich hier nicht auf das Haus beschränken denn die Herrin
desselben begünstigte den Umgang mit Personen meines Alters die in unserer Nähe
lebten und die anständige Freiheit der Sitten in der Schweiz erlaubten es uns
auf den nahen Bergen umher zu schweifen und mit den reinen Lüften sog ich die
Kräfte des Lebens in mich mein Geist erstarkte wie meine Glieder meine Wangen
röteten sich meine Augen leuchteten in der Fülle des Glücks und der
Gesundheit Die Zaubergärten der Poesie erschlossen sich um diese Zeit meinem
Geiste und übten eine nie geahnete Gewalt auf meine Seele Meine Mutter bemerkte
mit Unruhe die Verwandlung die mit mir vorging und die sie eine traurige
Verweltlichung nannte die Tante war in demselben Grade darüber erfreut
Schon ehe wir in der Schweiz angekommen waren hatte sich zwischen meiner
Grosstante und einem alten Franzosen ein freundliches Verhältnis gebildet
welches oft Beiden zum Trost gereicht hatte der Tante in ihrer Einsamkeit und
dem Franzosen in manchen Leiden der Gegenwart
Herr Blainville so nannte sich der alte Mann hatte Frankreich verlassen
müssen weil sein vorurteilsfreier Geist die Anzeichen der herannahenden Stürme
erkannte Seine Stellung in der Nähe seines Monarchen hatte ihn vermocht diesen
auf seine gefährliche Lage aufmerksam zu machen und ihm die Möglichkeit des
Unglücks zu zeigen welches bald furchtbar hereinbrechen sollte Anfangs
verlacht wurde er bald angefeindet und als ein Anhänger verhasster Systeme
verdächtig gemacht und er sah seine Freiheit um seiner treuen Anhänglichkeit
Willen bedroht Der entgegengesetzten Partei war er ebenfalls verdächtig weil
er seinem Könige ergeben war und so war er zu gleicher Zeit der Verfolgung des
Hofes und dem Hasse des Volkes ausgesetzt und hatte kaum noch Zeit durch eine
eilige Flucht einer Verhaftung zu entgehen die sein Leben in Gefahr bringen
konnte Bei dieser unvorbereiteten Flucht konnte er nur sehr geringe Hilfsmittel
mit sich nehmen und er musste mit seinem Vermögen einen Sohn und eine Tochter in
Frankreich zurücklassen für deren Schicksal er unaufhörlich fürchtete und je
deutlicher sich in den fortschreitenden Begebenheiten der Zeit erkennen ließ
dass er nur zu richtig die Übel seines Vaterlandes voraus gesehen hatte um so
heftiger wurde seine Unruhe und sein Herz wurde von den quälendsten Sorgen um
das Schicksal seiner Kinder zerrissen denn seine Phantasie spiegelte ihm die
furchtbarsten Ereignisse vor Es konnte seiner bejahrten Freundin nicht
gelingen ihn zu beruhigen Eine furchtbare Revolution pflegte er oft wenn sie
ihm Trost einsprechen wollte zu sagen bricht über mein unglückliches Vaterland
herein und ich weiß wohl dass diese in der Zukunft für Frankreich ja für ganz
Europa die heilsamsten Früchte tragen kann aber in der Gegenwart wo alle
Leidenschaften aufgeregt sind wird sie wüten wie ein furchtbarer Orkan der
zwar auch die Luft reiniget aber Wehe dem der ihm nicht ausweichen kann
Endlich kam er eines Morgens mit triumphirender Miene in unser Haus von
einem jungen Manne begleitet welchen meine würdige Grosstante mit herzlicher
Freude als den jungen Blainville begrüßte Sie wünschte dem Vater aufrichtig
Glück dass durch die Ankunft des so heiß ersehnten Sohnes die Unruhe seines
Herzens beendigt sei und fragte den jungen Mann mit Teilnahme nach seiner
Schwester Er berichtete mit Kummer dass es ihm unmöglich geworden sei für die
Schwester und sich Pässe zu erhalten dass er gezwungen gewesen sich ohne Pass
über die Grenze zu schleichen welches er nicht habe bewerkstelligen können
ohne Gefahren sich auszusetzen denen ein junges Mädchen unmöglich könne
preisgegeben werden er habe also in Paris wo sie verborgen und in Sicherheit
leben könne aufs Beste für sie gesorgt und da er selbst bald zurück müsse so
hoffe er dann vielleicht Mittel zu finden auch sie dem Vater zuzuführen
Der junge Blainville schien durch meinen Anblick überrascht und es war
nicht zu verkennen dass er sich vom ersten Augenblicke unserer Bekanntschaft an
mit Innigkeit mir zuwendete sein Vater schien seine Neigung durch seinen
Beifall zu unterstützen meine Grosstante wirkte ihr nicht entgegen und meine
Mutter schien sie Anfangs nicht zu bemerken
Wer jemals die Süßigkeit der Momente empfunden hat wenn zwei junge Herzen
sich gegeneinander öffnen um sich zu vereinigen der wird es begreifen dass es
mir schien als ob die Sonne nur in dem Herzen ruhte deren glänzende Strahlen
Alles um mich her beleuchteten und verschönten Der alte würdige Blainville
streichelte oft meine glühenden Wangen und nannte mich sein Kind seine zweite
Tochter den Trost seines Alters Ich begriff nicht warum diese Schmeichelworte
mir Tränen entlockten und doch war ich so selig in diesen Tränen
Meine Grosstante und der alte Blainville hatten jetzt häufig lange
Unterredungen mit einander die ihre vertrauliche Freundschaft noch zu
befestigen schienen aber ich bemerkte dass nach solchen Unterredungen die Tante
oft besorgte Blicke auf meine Mutter richtete endlich schien diese sich an die
Gefühle ihrer Jugend zu erinnern und sie begann die Gefahr die ihren Plänen
drohte zu ahnen Sie bereute nun das ihrer Tante gegebene Versprechen mich
nicht aus ihrer Nähe entfernen zu wollen und wusste nicht wie sie dies erfüllen
und doch zugleich ihrem Gelübde treu bleiben sollte Endlich glaubte sie durch
Aufrichtigkeit gegen Alle einem drohenden Übel begegnen zu können Sie ergriff
also die erste schickliche Gelegenheit um in des alten wie des jungen
Blainvilles Gegenwart zu erklären dass sie mein Leben dem Heiland geweiht und
mich deshalb für das Kloster bestimmt habe und von ihrer gütigen Tante hoffe
dass sie mir erlauben würde bald mein Probejahr anzutreten Wie ein Donnerschlag
wirkte diese Erklärung auf den jungen Blainville Ich sah ihn erbleichen und
hielt meine strömenden Tränen nicht zurück der alte Blainville sah verlegen
auf die Tante die einen etwas zornigen Blick auf die Nichte richtete aber
diese blickte triumphierend wie nach einem gewonnenen Siege umher
Die schöne Ruhe war aus unserm Kreise gewichen aber dennoch war nicht
erreicht worden was meine Mutter im frommen Eifer für ihre Kirche und aus
blinder Liebe für meinen Bruder wollte Ich suchte die Einsamkeit aber nicht
bloß um meinen Tränen Luft zu machen sondern um mich auch in dem Vorsatze zu
bestärken mich nicht für meinen Bruder opfern zu lassen Ich entwarf manche
Pläne wie ich mich dem alten Herrn Blainville anvertrauen und seinen Rat
benutzen wollte aber wenn ich mit ihm zusammentraf konnte ich den Mut nicht
dazu finden
Der junge Blainville hatte bald meine einsamen Spaziergänge entdeckt und
eine Erklärung die vielleicht ohne die Äußerungen meiner Mutter unsere
Schüchternheit noch lange zurückgehalten hätte vereinigte nun auf das Festeste
unsere Herzen wir gelobten uns mit allem Ungestüm der Jugendliebe ewige Treue
und hofften von der Zeit von der Güte meiner Grosstante von dem Einflusse des
alten Blainville unser Glück aber freilich konnten wir es uns nicht verhehlen
dass dieser niemals einem Plane seine Zustimmung geben würde der offenbar das
Recht einer Mutter verletzt hätte von dieser Mutter aber konnten wir weder
durch Bitten noch durch Tränen etwas zu gewinnen hoffen da das vermeinte
Seelenheil eines geliebten Sohnes ihr wichtiger war als das irdische Glück
einer wenig geliebten Tochter und so schlossen sich alle unsere Unterredungen
mit hoffnungslosen Tränen und nur Eins ward jedes Mal von Neuem beschlossen
in unserer Liebe ohne Wanken auszuharren
Ich hatte dem jungen Blainville meine Vermutung anvertraut dass mein Bruder
durch eigennützige Absichten bei seinem Handeln geleitet würde und dass er die
Bekehrung selbst auf die meine Mutter so inbrünstig hoffte nur vorspiegele um
mich ins Kloster zu verstoßen und so auch noch das kleine Erbe zu behalten
welches mein Vater mir ausgesetzt hatte und wir beklagten um so schmerzlicher
die Blindheit der Mutter die mich diesem Bruder opfern wollte als unvermutet
er selbst erschien und seine Ankunft uns zum Trost gereichte was wir am
Wenigsten erwartet hätten
Als die erste Freude der Bewillkommnung vorüber war erschrak meine Mutter
ihren Sohn so verändert zu finden die Blüte der Jugend war von seinen Wangen
schon abgestreift seine Gestalt zusammengesunken obgleich er kaum zwei und
zwanzig Jahre alt war und er schob die Schuld der traurigen Veränderung die
mit ihm vorgegangen war auf den vielen Kummer den ihm sein Vormund verursache
der wie er behauptete seine Neigung zur katholischen Religion entdeckt habe
Er trieb die Heuchelei so weit dass wenig fehlte und meine Mutter hätte ihn für
einen Märtyrer des Glaubens gehalten Der alte Blainville der die Welt besser
kannte als sie vertraute der Tante nach wenigen Tagen dass ihm der junge Mann
ein leidenschaftlicher Spieler zu sein schiene
Es ließ sich bald erkennen dass mein Bruder neue Summen von meiner Mutter zu
erhalten wünschte und dass diese so bedeutend sein mussten dass sie ihre Kräfte
überstiegen denn sein Missmut ließ sich eben so wenig als ihre Tränen
verhehlen Da der alte Blainville die Verhältnisse meiner Familie kannte so gab
er seinem Sohne einen Rat der unser Glück herbeiführte In Folge dieses Rates
nämlich suchte der junge Blainville sich meinem Bruder zu nähern er bot ihm die
Hilfe welche die Mutter nicht gewähren konnte und übernahm es zugleich mich
zu verpflichten auf mein kleines Erbe Verzicht zu leisten wenn er die Mutter
dazu bestimmen könne in unsere Verbindung zu willigen
Mit welchem frohen Erstaunen wurde mein Herz erfüllt als mein Bruder sich
mir nun liebreich näherte und den frommen Wahn der Mutter beklagte der ohne
Schonung meine Jugend opfern wollte er segnete den Gedanken der ihn zu rechter
Zeit herbeigeführt hätte um ein solches Unglück zu verhindern Mir klangen
diese Worte in seinem Munde so fremd dass ich ihn Anfangs mit Misstrauen
betrachtete er lächelte und sagte wirst Du denn niemals Zutrauen zu mir
gewinnen meine gute Schwester Ich beförderte den Plan der Mutter weil ich
glaubte ein geistliches Leben sei Dein wahrer Beruf Deine eigene Wahl da mich
aber Blainville der mehr Vertrauen zu mir hat als Du eines Besseren belehrt
hat so werde ich die Mutter noch heute bestimmen Eure Hände in einander zu
fügen
Da ich keine Kenntnis davon hatte durch welche Mittel Blainville meinen
Bruder bestimmt hatte unser Glück zu befördern so warf ich mich mit Tränen
der Reue in seine Arme ich gestand ihm die nachteiligen Gedanken die ich über
ihn genährt hatte ich bat ihn dieser innerlichen Beleidigung wegen um
Verzeihung ich überhäufte ihn mit Dank und Liebe und war unendlich beglückt
als er mir großmütig verzieh und sich meine Liebe gefallen ließ Ich fürchtete
nur noch er würde die Mutter nicht bestimmen können Lass das meine Sorge sein
erwiderte er mit einem beinah verächtlichen Lächeln
Er verließ mich um die Mutter sogleich zu sprechen Mein Herz pochte als
ich in ihrem Zimmer Beide laut und heftig sprechen hörte und ich erfuhr
nachher dass mein Bruder erklärt habe er könne es nicht ertragen dass ich um
einer Einbildung Willen geopfert würde denn um seinen Übertritt zur
katholischen Kirche zu erreichen dazu bedürfe es dieses Opfers nicht und mein
Gebet für ihn würde eben so kräftig wirken wenn ich auch keine Nonne sondern
Blainvilles Gattin würde Er sei entschlossen so bald er mündig geworden zu
der katholischen Kirche überzutreten wenn meine Mutter ihre Einwilligung zu
meiner Verbindung geben wolle würde aber diese verweigert so werde er einen
feierlichen Eid leisten als Protestant zu sterben Diese Drohung wirkte wie
sie sollte und bestimmte meine Mutter sogleich den lang genährten Plan
aufzugeben und sie trat an der Hand des Bruders in den Saal um mir dessen
große Liebe die nur mein Glück wolle zu verkündigen Sie ermahnte mich die
oft begangene Sünde zu bereuen dass ich diesen edelen Bruder des Eigennutzes
beschuldigt habe denn wäre er eigennützig schloss sie ihre Rede so würde er
mich nicht bestimmt haben Dich zu verheiraten was ihn nötigt Dir Dein Erbe
auszuzahlen welches ihm geblieben wäre wenn Du den geistlichen Stand erwählt
hättest Mein Bruder ließ es geschehen dass ich ihm meine Reue noch ein Mal
bezeigte ja er duldete es dass ich seine Hände dankbar küsste die wie ich
wähnte mich dem Leben zurück gaben
Noch denselben Abend wurde ich mit dem jungen Blainville verlobt und in
wenigen Tagen sollte unsere Verbindung gefeiert werden Wir waren beide viel zu
entzückt und zu sehr mit unserm Glück beschäftigt als dass wir uns über die Art
gegen einander erklärt hätten wie mein Bruder unser Wohltäter geworden war
nur lächelte mein Verlobter wenn ich die Liebe und Großmut dieses Bruders
pries
Befremdend war es mir daher als nach wenigen Tagen der alte Blainville mich
in sein Kabinet führte und mich bat eine Schrift zu unterzeichnen worin ich
auf jede Erbschaft meines Vaters zum Vorteil meines Bruders Verzicht leistete
mit der Bewilligung meines künftigen Gemahls und meines Schwiegervaters Dieser
versicherte mir meines Bruders Verhältnisse machten dies durchaus notwendig
auch wollte er mir sogleich die Summe ersetzen Ich zögerte nicht zu
unterschreiben aber die Täuschung war geendigt ich wusste nun dass nicht Liebe
für mich meinen Bruder bewogen hatte mein Glück zu befördern und ich hörte es
ohne Kummer wie mein Schwiegervater hinzufügte dass meines Bruders schleunige
Abreise so nötig sei dass er nicht Zeuge meiner Verbindung mit seinem Sohne
würde sein können da diese um eine Woche hätte aufgeschoben werden müssen weil
der Geistliche krank geworden sei der wie er und meine Grosstante wünschten
den Segen über unsere Verbindung sprechen sollte
In der Tat reiste mein Bruder nach zwei Tagen ab nachdem er die Summe von
Blainville erhalten die ihm dieser zugesichert hatte Mein Schwiegervater
liebte seinen Sohn auf das Zärtlichste er wollte nur sein Glück und da er sah
dass dies Glück ohne eine Verbindung mit mir nicht denkbar war so tat er Alles
um sie herbei zu führen aber da er mächtige Feinde in Frankreich hatte da ihm
dort noch eine Tochter lebte um derent Willen er selbst oder der Sohn dahin
zurückkehren musste so war Vorsicht für ihn um so nötiger weil er um seine
Feinde zu täuschen das Gerücht hatte verbreiten lassen er sei gestorben Er
hatte also selbst einen Aufschub meiner Verbindung mit seinem Sohne veranlasst
um meinen ungeduldigen Bruder zu entfernen dem er seinen wahren Namen nicht
anvertrauen wollte der doch in diesem feierlichen Augenblicke genannt werden
musste Meine Mutter deren Verschwiegenheit er nicht vertraute war nicht zu
fürchten denn sie selbst hatte erklärt ihr Gefühl erlaube ihr nicht bei
meiner Trauung gegenwärtig zu sein da es ihre liebste Hoffnung gewesen sei
mich als eine Braut Christi zu sehen so könne sie mich zwar segnen aber jede
irdische Verbindung nur beweinen
Zu meinem Befremden bestritt Niemand diesen Vorsatz und als ich mit Tränen
meine Mutter bewegen wollte ihren Entschluss zu ändern führte mich meine
Grosstante hinweg und sagte Lass Deine Mutter bei ihrem Entschlusse es ist für
Alle der beste den sie hätte fassen können
Der feierliche Tag war erschienen die Trauung sollte in der Kirche eines
nahen Dorfes stattfinden meine Grosstante begleitete mich dahin Blainville kam
in Begleitung seines Vaters und des Kammerdieners den ich ihn immer wie einen
Freund hatte behandeln sehen dies waren die Zeugen die gegenwärtig sein
sollten
Meine Grosstante sagte mir auf dem kurzen Wege Ich habe Dich nicht lange
allein sprechen können in diesen Tagen weil ich nicht die Aufmerksamkeit Deiner
Mutter erregen wollte und so bleibt mir nun keine Zeit Dich gehörig
vorzubereiten und ich muss Dich nur bitten nicht überrascht zu sein wenn der
Geistliche der Euch verbindet nicht den Namen Blainville ausspricht den Dein
künftiger Gemahl und Dein Schwiegervater hier nur ihrer Sicherheit wegen führen
in ruhiger Stunde wirst Du alles Nötige von Beiden selbst erfahren ich kann
Dich nur daran erinnern dass Du den Mann liebst und nicht den Namen auch dass
Niemand eine Täuschung beabsichtigt hat und in der gegenwärtigen schlimmen Zeit
manche Vorsicht nötig wird Es kränkt mich dass Du in diesem wichtigen
Augenblicke durch andere Gedanken zerstreut wirst da Du nur fromme haben
solltest aber doch konnte ich Dich nicht ganz unvorbereitet lassen
Ich hatte mich noch nicht von meinem Erstaunen erholt als unser Wagen vor
dem Eingange des Kirchhofes hielt der die kleine Kirche umgab Mein Verlobter
wartete hier auf mich und führte mich zur Kirche mein Gemüt war wunderbar
bewegt das kleine Gefolge die beinah heimliche Trauung die Ungewissheit über
den Namen meines künftigen Gemahls Alles versetzte mich in eine so ängstliche
Spannung dass ich das Feierliche der Handlung kaum empfinden konnte und vor
Allem darauf lauschte welchen Namen der alte ehrwürdige Geistliche aussprechen
würde um den Mann der ihn führte mit mir zu verbinden und überrascht zuckte
ich zusammen als er ihn unter dem Namen Graf Evremont fragte ob er mich zur
Gefährtin seines Lebens wähle
IV
Bis hieher hatte der Graf mit Spannung zwar aber doch mit ruhiger
Aufmerksamkeit gelesen der Name Evremont aber traf wie ein Blitzstrahl seinen
Geist die Blätter entfielen seiner Hand und die Erzählung des General
Klairmont gewann in diesem Augenblicke ein furchtbares Licht
Er sah seinen unglücklichen Freund auf dem Schaffot er erblickte seine
Gemahlin im Gedränge des Volks er sah sie die weißen Arme erheben sah den
wahnsinnigen Ausdruck des Gesichts er hörte innerlich ihren lauten
durchdringenden Schrei und verhüllte vor entsetzlichem Schmerze laut weinend
sein Gesicht und so wunderbar ist des Menschen Gemüt in diesem ungeheueren
Schmerze beklemmte doch zugleich die Beschämung seine Seele sich seine Gemahlin
so tief erniedrigt vermischt mit dem Volke als die Wittwe eines Hingerichteten
zu denken Er bedurfte eines langen Kampfes mit sich selber ehe er so viel
Fassung gewann dass er die Blätter wieder ergreifen und diese unglückliche
Geschichte weiter verfolgen konnte Die Erinnerung mit welcher Pein seine
Gemahlin ihn erwarten würde gab ihm endlich den Mut dazu und er kehrte zu dem
Inhalte der verhängnisvollen Blätter zurück und las wie die Gräfin den Fortgang
ihrer Geschichte folgendermaßen berichtete
Mein Schwiegervater führte mich als die Gemahlin seines Sohnes in sein Haus
und benutzte die erste ruhige Stunde mir die Notwendigkeit zu zeigen seinen
Namen zu verschweigen Er hatte beschlossen seinen Sohn keiner Gefahr mehr
auszusetzen sondern sobald es sich tun ließe selbst nach Frankreich
zurückzukehren um seine Tochter und sein Vermögen in Sicherheit zu bringen und
er glaubte er würde diesen Plan um so gefahrloser ausführen können wenn
Niemand seinen Tod bezweifelte Ob ich gleich sehr jung war sah ich die
Wichtigkeit des Geheimnisses doch ein und begriff die Notwendigkeit alle
unsicheren Zeugen bei meiner Trauung zu entfernen Der alte Geistliche welcher
uns eingesegnet hatte war der Beichtvater und Freund meines Schwiegervaters
also war auch auf dessen Verschwiegenheit zu zählen
Ich war dem Herzen meiner Mutter niemals teuer gewesen aber seit meiner
Verheiratung behandelte sie mich völlig wie eine Fremde und richtete jeden
zärtlichen liebevollen Gedanken ohne Hehl auf meinen Bruder dessen Mündigkeit
sie sehnsüchtig herbeiwünschte denn sie zweifelte nicht dass er dann sein
Versprechen erfüllen und seine Seele wie sie es nannte in Sicherheit bringen
würde Mich kränkte diese unverdiente Kälte und dies war der einzige Kummer
der damals wie ein Schatten zuweilen den hellen Glanz meines Glückes
verdunkelte
Ich empfand es eine kurze Zeit wie glücklich der Mensch sein kann um bald
mit desto heftigerem Schmerz zu erfahren welch furchtbares Leid das menschliche
Herz zu ertragen vermag Mein Schwiegervater liebte mich zärtlich und äußerte
oft wenn ein Franzose Frankreich vergessen könne so würde er sich hier
umgeben von unserer Liebe vollkommen glücklich fühlen besonders wenn er die
Tochter erst mit uns vereinigt habe aber ach geliebte Kinder seufzte er dann
der Himmel gewährt kein reines Glück wir sind doch immer aus unserm Vaterlande
verbannt Der Sohn suchte ihn in solchen Stunden mit der Möglichkeit der
Rückkehr zu trösten Es wird die Zeit einmal kommen erwiderte er dann wohl
Frankreich wird feine Kinder wieder zu sich rufen aber ich werde diese Zeit
nicht mehr erleben
Unser stilles Glück wurde durch den Tod meiner trefflichen Grosstante
getrübt sie endigte nach einer Krankheit von wenigen Stunden wie im sanften
Schlummer ein wahrhaft frommes Leben Gleich bei unserer Ankunft hatte sie meine
Mutter für ihre einzige Erbin erklärt und wie sie es versprochen hatte ihr
Testament diesem Zwecke gemäß eingerichtet Später als die treffliche Frau die
ungerechte Vorliebe meiner Mutter für meinen Bruder bemerkte wollte sie zu
meinem Vorteile eine Änderung treffen die jedoch immer verschoben wurde und
so geschah es dass der Tod sie überraschte und die frühere Anordnung in Kraft
blieb Ich beweinte die geliebte Frau die mir mehr Mutterliebe erwiesen hatte
als die Mutter die mich geboren hatte aber das zärtliche Flehen meines Gemahls
schmeichelte meinen Kummer hinweg er erinnerte mich an die Pflichten gegen ihn
gegen seinen Vater und ach an das Pfand unserer Zärtlichkeit das noch unter
meinem Herzen ruhte und dem sich meine Seele mit dunkler ahnungsvoller Liebe
zuneigte
Meine Mutter meldete meinem Bruder den Tod der Tante und forderte ihn auf
zu kommen und ihr bei den nun eingetretenen Geschäften beizustehen Wie wir es
erwartet hatten folgte er bereitwillig diesem Rufe um für meine Mutter die
Erbschaft in Empfang zu nehmen und diese erstaunte als dies Geschäft nach
einigen Wochen beendigt war den Nachlass ihrer Tante so gering zu finden dass
sie nicht auf das ihr von meinem Vater ausgesetzte Einkommen wie es ihr Vorsatz
war zu Gunsten meines Bruders Verzicht leisten konnte
Nachdem mein Bruder die Geschäfte meiner Mutter geordnet hatte verließ er
uns um ein Jahr in Paris zuzubringen und dann nach seiner Rückkehr wollte er
sein Vermögen aus den Händen seines Vormundes empfangen und wie meine Mutter
hoffte den lang genährten Vorsatz ausführen sich in den Schoss der
katholischen Kirche aufnehmen zu lassen Wir alle sahen ihn mit Vergnügen nach
dem Lande seiner Sehnsucht abreisen denn Paris war ihm der Mittelpunkt der
Welt das Ziel seiner glühenden Wünsche und er hatte es bis jetzt nicht
erreichen können weil ihm sein Vormund standhaft die Mittel dazu verweigerte
Wenige Wochen nach der Abreise meines Bruders wurde unser aller Glück
erhöht denn der Himmel schenkte mir einen Sohn den der Großvater mit dankbaren
Tränen gen Himmel hob der Vater mit trunkenem Entzücken betrachtete und den
ich in selige Freude verloren an meinen Busen drückte Gewiss begleitet die
Liebe einer Mutter den Sohn unwandelbar durch sein Leben aber sie wird sich mit
dem vorrückenden Alter in eine innige Freundschaft verwandeln die wehmütige
Zärtlichkeit einer jungen Mutter aber den rührenden Stolz die ahnungsvolle
Liebe die trunkene Hoffnung auf eine glänzende Ferne diese Gefühle kann nur
dunkel ahnen Wer sie nicht selbst erlebt hat
Mein Schwiegervater hatte scheinbar zufällig den Geistlichen bei sich der
unsere Trauung vollzogen hatte der Arzt ein Freund auf dessen
Verschwiegenheit er ebenfalls zählen konnte erklärte das Kind sei so schwach
dass es sogleich getauft werden müsse ehe meine Mutter eingeladen werden konnte
der heiligen Handlung beizuwohnen und so waren mein Schwiegervater und der Arzt
die einzigen Taufzeugen und der neugeborne Evremont wurde in der Taufe Adolph
genannt
Meine Mutter schalt den Arzt unwissend als sie das gesunde Kind erblickte
für dessen Leben er gezittert hatte und der gutmütige Mann ließ sich lächelnd
den Vorwurf gefallen und sagte er danke Gott für seinen Irrtum
Glück und Frieden die seligste Ruhe umspielten mein Leben und meine
zagende Seele sträubte sich die Erinnerung von diesem hellen Punkte meines
Daseins abzuwenden um sich in die dunkele Tiefe grausenvoller Verzweiflung zu
versenken
Mein Sohn war ungefähr ein Jahr alt geworden ich hatte ihn selbst genährt
denn meine eifersüchtige Liebe würde es mit Neid betrachtet haben wenn sein
erstes Lächeln sich einem fremden Wesen zugewendet hätte Eine Aufwärterin die
meiner Mutter aus Deutschland gefolgt war hatte sich seit meiner Verheiratung
in meinen Dienst begeben und diese wurde nun die treue und sorgfältige Wärterin
des Kindes Um diese Zeit fing mein Schwiegervater an an manchen Übeln zu
leiden die zwar für ihn beschwerlich waren aber doch nicht sein Leben zu
verkürzen drohten und wir hielten es für unsere Pflicht ihm mehr als je unsere
Liebe und unsere Dienste zu weihen um ihm sein Schmerzenslager erträglicher zu
machen aber eine schlimme Nachricht schreckte uns alle aus der Ruhe des Herzens
auf Ein Freund meines Schwiegervaters hatte Frankreich neuerdings verlassen und
brachte die Kunde dass die Schwester meines Gemahls sich aus ihrem Schutzorte
habe entfernen müssen weil ihre Beschützer selbst um wieder sie verhängten
Verfolgungen zu entgehen aus Paris entflohen wären ohne für ihre
Schutzbefohlne zu sorgen Die Schrecken der nahen Revolution fingen um diese
Zeit an fühlbar zu werden das Volk fing an seinen Hass gegen den Adel tätlich
zu zeigen schon schien seine Wut Opfer zu fordern und jeder der nicht den
Mut hatte alle in früheren Jahrhunderten erworbene Vorrechte aufzugeben
suchte sein Haupt vor der drohenden Gefahr zu bergen Wie viele Andere so waren
auch die Beschützer meiner Schwägerin entflohen und man erfuhr in dieser Angst
um ein geliebtes Wesen nur dass eine alte Dienerin des Hauses sie bei sich in
tiefster Verborgenheit aufgenommen habe Mein Schwiegervater war in
Verzweiflung dass seine Krankheit eine Reise unmöglich machte und es wurde nach
langem Kampfe beschlossen dass mein Gemahl zum Schutze der Schwester nach
Frankreich zurückkehren sollte Ich erklärte mich nicht von ihm trennen zu
wollen aber die Vorstellungen meines Schwiegervaters die Sorge für meinen
Sohn die Bitten meines Gemahls und vor Allem die Versicherung seiner baldigen
Rückkehr bestimmte mich endlich mich dem allgemeinen Wunsche zu fügen und
Evremont reiste von schmerzlichen Tränen und heißen Segenswünschen begleitet
ab
Ach wie trübe wurden nun die Tage am Krankenlager meines Schwiegervaters
dessen Zustand die Sorge um seine Kinder verschlimmerte kaum gewährte mir das
Lächeln der süßen Unschuld mit dem mein Sohn seine dunkeln Augen zu mir erhob
einigen Trost Die große Ähnlichkeit mit seinem Vater den ich fern und in
Gefahr wusste erpresste mir Tränen so oft ich auf ihn blickte und unser aller
Angst wurde erhöht als mein Bruder aus Frankreich zurückkehrte und alle
Auftritte schilderte die schon vorgefallen waren aber dennoch hatte ihn Paris
mit allen seinen Freuden so entzückt dass er den Vorsatz aussprach dahin zurück
zu kehren sobald er seine Geschäfte mit seiner Vormundschaft geendigt habe
Meine Mutter erinnerte ihn an seine Versprechungen die ihr am Wichtigsten
waren und er erwiderte mit frechem Scherze den die gute Mutter nicht
verstand Paris sei am Besten dazu geeignet die Religion zu verändern und sie
sollte von ihm hören sobald er wieder dort sein würde Er beklagte es dass er
seinen Schwager nicht in Paris getroffen und machte mir Vorwürfe dass ich
zurückgeblieben sei und so die Gelegenheit verloren habe die Hauptstadt der
Welt wie er Paris nannte kennen zu lernen
Nach einem kurzen Aufenthalte bei uns verließ uns mein Bruder dem die trübe
Einsamkeit in der wir lebten peinlich und langweilig war und wir hörten nun
nichts aus Frankreich als was uns öffentliche Blätter meldeten denn ein
Briefwechsel wäre unsicher und gefährlich gewesen und in vielen
verzweiflungsvollen Stunden glaubte ich Evremont sei schon als Opfer gefallen
und ich sah dass dieselbe Sorge an dem Leben meines Schwiegervaters nagte Viele
gewaltsame Auftritte waren schon vorgefallen die Bastille war erstürmt worden
und immer kehrte mein Gemahl noch nicht zurück Das Kind welches er auf den
Armen der Wärterin zurück gelassen hatte fing an seine Kräfte zu entwickeln und
lernte den Namen Vater lallen indes wir fürchteten der Vater sei ihm schon
verloren
In solcher Qual waren uns mehr als achtzehn Monate verstrichen und die
Hoffnungslosigkeit hatte alle Kräfte unseres Geistes gelähmt Dazu gesellten
sich andere Sorgen die Hilfsmittel meines Schwiegervaters fingen an sich zu
erschöpfen und wir lebten einer kummervollen Ungewissheit der Zukunft in jedem
Sinne entgegen
Noch ein Mal leuchtete ein Strahl des Entzückens in unser dunkles Schicksal
Wir hatten einen kummervollen Tag wie viele vorhergehende vollbracht und
überlegten in der Stille des Abends welchen Gefahren Evremont vielleicht habe
erliegen müssen als die Tür sich öffnete und der für dessen Schicksal wir
noch eben fürchteten gesund und heiter hereintrat O Wer vermöchte die
rührende Freude zu beschreiben mit welcher der greise Vater den in voller Kraft
der Jugend und männlicher Schönheit blühenden Sohn in seine Arme schloss Wer
vermöchte mein Entzücken nachzufühlen als der langersehnte Vater an das Lager
seines Kindes trat und behutsam die rosige Wange des kleinen Schläfers küsste um
den süßen Schlummer des holden Lieblings nicht zu stören Ja noch ein Mal
umspielte die reinste Freude mein Herz und die Tränen meines Entzückens
vermischten sich mit den Tropfen die Liebe und Rührung aus den Augen des
geliebten Mannes pressten
Als wir uns so weit gesammelt hatten dass wir seine Mitteilung vernehmen
konnten berichtete mein Gemahl dass er Alles in Paris viel besser gefunden
habe als wir hätten hoffen dürfen Er habe dem Gerüchte dass sein Vater
gestorben sei nicht widersprochen um mit mehr Sicherheit und Ruhe für unser
aller Wohl sorgen zu können denn wenn auch die Hofpartei jetzt zu schwach sei
um meinem Schwiegervater zu schaden so sei dagegen die Volkspartei viel
mächtiger geworden die sich einbilden könnte sie wolle in seiner Person einen
Feind ihrer Ansichten bestrafen Er selbst hatte überall die beste Aufnahme
gefunden und er durfte hoffen dass wenn er schleunig zurückkehrte man seine
Entfernung nicht erfahren und ihn also nicht auf die Liste der Emigrirten
bringen würde Das gesammte Vermögen wollte er dann nach und nach in Sicherheit
zu bringen suchen wie er schon Vieles von den liegenden Gründen veräussert habe
und die Summen die er nicht gleich baar hätte erhalten können durch die
Anweisung an einen Freund dem der Vater vollkommen vertrauen konnte sicher
gestellt hätte Bedeutende Summen die er baar mitbrachte erhöhten noch die
allgemeine Zuversicht auch beruhigte er den alten Vater über die
zurückgebliebene Tochter für deren Sicherheit ebenfalls gesorgt war
Für mich war ein Schreckensklang in diesem Berichte es wurde von meinem
Gemahl mit Bestimmtheit ausgesprochen dass er bald wieder nach Paris
zurückkehren müsse und auch mein Schwiegervater sah dies als notwendig an Der
Gedanke an eine neue Trennung war mir fürchterlich Die Erinnerung an alle
Leiden an die qualvolle Angst an die Schrecknisse welche meine Phantasie mir
vorgespiegelt hatte erregte in mir ein solches Entsetzen dass ich nicht den
Mut hatte alle diese Empfindungen noch ein Mal zu erleben und ich beschloss im
Stillen mich nicht wieder von Evremont zu trennen
Die Gespräche zwischen meinem Gemahl und seinem Vater berührten in dieser
Zeit oft den Zustand äußerster Aufregung in dem sich Frankreich damals befand
und Beide gaben zu dass inmitten aller Ausschweifungen zu denen das Volk sich
verleiten ließ große Kräfte und herrliche Talente sich zu entwickeln begannen
und mein Gemahl machte den alten Vater oft darauf aufmerksam dass sie von
angestammten Vorrechten nicht mehr aufzugeben brauchten um in Frankreich
ungestört zu leben als sie hier freiwillig aufopferten um unter fremdem
Himmel vergessen ein dunkles Dasein zu fristen
So zärtlich der Vater den einzigen Sohn auch liebte so konnte dieser doch
niemals diese Seite berühren wie behutsam er es auch tat ohne den alten
Grafen Evremont aufs Schmerzlichste zu verwunden der sich dann wohl zu
heftigen Vorwürfen hinreißen ließ und meinen Gemahl beschuldigte dass auch er
sich dem allgemeinen Schwindel hingäbe und aus Verkehrtheit des Herzens sich
mit dem Pöbel zu vermischen und sein edles Blut zu beschimpfen strebe
Wenige Gespräche reichten hin um meinen Gemahl zu überzeugen dass dies ein
Punkt sei über den er mit dem Vater nie seine Ansicht teilen würde und dass es
daher besser sei Gespräche dieser Art gänzlich zu meiden und Alles zu tun um
der Neigung des Vaters zu entsprechen
So waren zwei Wochen vergangen als mein Gemahl daran erinnerte dass er
seine Rückreise nach Frankreich antreten müsse wenn er es vermeiden wolle dass
seine Abwesenheit nicht bemerkt würde Mein Schwiegervater gab die
Notwendigkeit mit einem tiefen Seufzer zu und Evremont blickte mit dem
Ausdrucke des innigsten Schmerzes auf mich Dieser Blick gab mir den Mut
sogleich bestimmt zu erklären dass ich mich nicht wieder von meinem Gemahl
trennen würde
Mein Schwiegervater hatte bemerkt wie Viel ich während Evremonts
Abwesenheit gelitten hatte und lobte meinen Entschluss der meinen Gemahl mit
dankbarer Freude erfüllte Nun wurde beschlossen wir sollten die größte
Behutsamkeit anwenden und uns den Weg offen lassen Falls sich die Lage der
Dinge geändert hätte dass wir unter dem Namen Evremont nicht aufzutreten
brauchten
Der Arzt meines Schwiegervaters nahm den lebhaftesten Anteil an unserer
Sicherheit und verschafte uns Pässe worin wir als eine Schweizerfamilie
Namens Blainville bezeichnet wurden und als es nun endlich zur Abreise kam
bestand der alte Graf Evremont darauf dass sein alter erprobter Diener der mehr
sein Freund geworden als sein Untergebener geblieben war uns begleiten sollte
da seine Kenntnis von Paris seine Einsicht und Treue uns von unschätzbarem
Nutzen sein könne Der gute Dübois trennte sich mit Tränen von seinem
geliebten leidenden Herrn dessen Pflege er nun Fremden überlassen musste aber
er erkannte es als Pflicht bei dem gefährlichen Unternehmen des jungen Grafen
seinen Beistand nicht zu versagen um wo möglich das Vermögen retten zu helfen
und auch die Tochter in die Arme des Vaters zu führen
Meiner Mutter musste die Ursache unserer Reise verschwiegen werden und hatte
sie schon früher den sträflichen Leichtsinn meines Gemahls bitter getadelt der
ihn nach ihrer Meinung bestimmt hätte Vater Gattin und Kind zu verlassen um
sich in Paris allen Zerstreuungen hinzugeben so konnte sie nun nicht Worte
finden die ihr hart genug schienen um meine Lieblosigkeit zu schelten die nun
auch mich bestimmte einem leichtsinnigen Gemahl zu folgen und einen leidenden
Vater zu verlassen Sie tadelte mit heftigen Worten dessen Schwäche die ihn
wie sie glaubte bestimmt hätte seine Einwilligung zu einem unsinnigen
Unternehmen zu geben und ihr Unwille stieg aufs Höchste als sie bemerkte dass
auch Dübois mit uns gehen sollte und so der alte Mann ganz verlassen bliebe Sie
sagte mir mit Härte sie habe immer geglaubt da ich meine Pflicht gegen Gott
nicht habe erfüllen wollen dass ich gegen Menschen nicht gewissenhafter sein
würde So schieden wir von dem Segen meines Schwiegervaters von seinen
eifrigen Gebeten begleitet und von meiner Mutter mit Kälte und Unwillen
entlassen
Wir erreichten zwar ohne Hindernisse Paris unsere Pässe wurden überall als
gültig anerkannt aber wie ganz anders hatte sich hier Alles in dem kurzen
Zeitraume während meines Gemahls Abwesenheit gestaltet Die Erbitterung und die
Zügellosigkeit des Volkes war aufs Höchste gestiegen Der Adel wurde verfolgt
und Wer sein Vaterland verlassen hatte wurde als ein des Todes schuldiger
Verräter betrachtet und auch Evremont war als ein solcher bezeichnet worden
Die noch nicht verkauften Grundstücke waren eingezogen worden und sein Leben
wurde bedroht Wie segneten wir die Weisheit meines Schwiegervaters und seines
Freundes des wohlwollenden Arztes wir konnten uns nun als die Familie
Blainville durch Dübois Beistand eine einfache Wohnung in einer Vorstadt mieten
und lebten hier als Bürger mit beschränkten Mitteln gänzlich zurückgezogen so
dass ich von den Herrlichkeiten der Hauptstadt der Welt wie mein Bruder sie
nannte wenig bemerkte und auch mein Gemahl verließ das Haus nur in der
Dämmerung von Dübois begleitet um die nötigen Geschäfte zu besorgen Diese
strenge Eingezogenheit wirkte nachteilig auf die Gesundheit meines Sohnes und
der herbei gerufene Arzt riet uns den Liebling unseres Herzens der bisher
beinah immer in freier Luft gelebt hatte auf ein Dorf zur Pflege zu geben wie
so viele Eltern in Paris es täten die für die Gesundheit ihrer Kinder besorgt
wären Er rühmte uns zu diesem Zweck eine Wittwe an deren Gewissenhaftigkeit er
aus Erfahrung kannte
Mein Herz blutete bei diesen Vorschlägen und ich sah mit Tränen auf meinen
bleichen Knaben Der Arzt verließ uns und Dübois stellte mir vor dass ich der
Gesundheit meines Sohnes dies Opfer schuldig sei und in Gefahr geriete wenn
ich es nicht bringen wollte dies liebliche Kind zu verlieren auch sei die Lage
meines Gemahls so gefährlich dass man selbst nicht dem Arzte mit Sicherheit
einen häufigen Zutritt in unser Haus gestatten könne ohne Unvorsichtigkeit und
Verrat fürchten zu müssen
Ich fügte mich allen diesen Gründen die Evremont lebhaft unterstützte und
gab das Kleinod meines Herzens dahin Dübois versicherte uns dass er in Paris
viel sicherer sei als mein Gemahl denn mehrere seiner ehemaligen Bekannten ja
selbst einige seiner Verwandten gehörten zu den heftigsten Jakobinern und waren
als solche Magistratspersonen geworden und sie hatten nicht so sehr alles
menschliche Gefühl verloren dass nicht ihr ehemaliger Freund und Verwandter
einigen Schutz hätte finden sollen aber ihr republikanischer Eifer ging so
weit dass er diesen nicht auf uns auszudehnen wagte
Ach wie schmerzlich blutete mein Herz als ich mein Kind in Dübois Arme
legte es war als ahnte ich das entsetzliche Unglück von dem ich betroffen
werden sollte und der alte Mann war so ergriffen von meiner heftigen Rührung
dass er kaum vermochte den als vernünftig erkannten Vorsatz auszuführen doch
siegte die Sorge für unsere Sicherheit über sein Mitleid und er trug mein Kind
hinweg
Der Zustand in Paris wurde immer trüber und ängstlicher Wir wagten es
nicht am Tage meinen Sohn zu besuchen und es konnte nicht fehlen dass es der
Wittwe auffallend erscheinen musste dass wir jedes Mal so spät Abends das Dorf
erreichten dass wir uns begnügen mussten das schlummernde Kind zu betrachten um
uns von seinem Wohlsein zu überzeugen Dübois warnte mich ernstlich vor der
Gefahr die hieraus für Evremont entspringen musste und auch diese Besuche
durften nicht oft wiederholt werden
Es wäre gefährlich gewesen die Schwester meines Gemahls als Fräulein
Evremont in unser Haus zu nehmen es wurde also die Übereinkunft getroffen dass
sie als Kammerjungfer bei mir scheinbar in Dienst treten sollte und als solche
lebte die schöne und reizende Adele seit einiger Zeit mit uns und teilte
unsere strenge Zurückgezogenheit aber es ergab sich daraus eine
Unannehmlichkeit an die wir nicht gedacht hatten Die Dienerin welche mich
begleitet hatte hatte es schon sehr aufgebracht dass der kleine Adolph ihrer
Pflege entrissen worden war und sie fand sich nun aufs Äußerste dadurch
beleidigt dass die neue Kammerjungfer Vorzüge genoss die ihr nie zu Teil
geworden waren und welche diese nach ihrer Meinung gar nicht verdiente auch
tadelte sie mich laut darüber dass ich jetzt noch eine Dienerin angenommen habe
da ich mein Kind nicht mehr bei mir hätte und sie doch sehr gut mit allen
Geschäften allein fertig geworden sei und das Kind auch noch gewartet habe Es
wäre diese schöne Einrichtung nur getroffen worden weil wir nicht wüssten wie
wir Geld genug ausgeben sollten kurz sie ließ über diesen Gegenstand ihrer
übelen Laune freien Lauf und es bedurfte aller Klugheit und Gutmütigkeit
Dübois um diese häuslichen Zwiste in den Schranken des Anstandes zu halten Er
beruhigte sie zuletzt damit dass er ihr vorstellte ich habe die junge Person zu
mir genommen um die französische Sprache zu üben und so ließ sich endlich die
treue aber herrschsüchtige Dienerin die Gegenwart der vornehmen Mamsell
gefallen wie sie mit Bitterkeit die arme Adele nannte und ihr Schelten über
die Vermehrung unseres Hausstandes diente noch dazu jeden möglichen Verdacht
deshalb von uns zu entfernen denn sie hatte nur zu sehr das Bedürfnis gegen
Jedermann tadelnd darüber zu sprechen und die angeblichen Gründe zu einer so
unnützen Ausgabe lächerlich zu machen
Uns Allen waren diese Verhältnisse peinlich und jeder sehnte sich danach
die Rückreise anzutreten Wir hatten uns bis jetzt frei von Verdacht erhalten
und selbst die Fragen welche hin und wieder an unsere deutsche Dienerin waren
gerichtet worden konnten uns nicht beunruhigen denn sie konnte nichts
verraten weil sie uns selbst für das hielt wofür wir in Paris galten
So peinvoll waren zwei Jahre verstrichen in welchen wir das Ungeheuerste
erlebt hatten und nur wie durch ein Wunder ungefährdet geblieben waren Mein
Gemahl hoffte nun nur noch eine kurze Zeit verweilen zu müssen um auch einen
großen Teil des Vermögens mit sich nehmen zu können den ein treuer Freund
seines Vaters ihm überliefern sollte und schon traf Dübois im Stillen alle
Anstalten zur Abreise und hatte auch Hoffnung einen Pass für die so genannte
Kammerjungfer zu erhalten die ebenfalls für eine Schweizerin angesehen werden
sollte und ach mit welcher Sehnsucht schlugen Aller Herzen dem Augenblicke
dieser Abreise entgegen
Unser einziger Vertrauter welcher die Geldgeschäfte für meinen Gemahl
leitete war das Haupt eines ansehnlichen Wechselhauses und weil ihm mein
Schwiegervater in früheren Zeiten die wichtigsten Dienste geleistet hatte blieb
er uns aufrichtig ergeben aber so schlimm und gefahrvoll war die damalige Zeit
dass selbst er meinen Gemahl dringend bat nie am Tage ihn in seinem Komptoir
sprechen zu wollen weil er seinen Kassirern und Schreibern nicht das Leben
eines teuren Freundes anvertrauen möge Falls er von einem als Graf Evremont
erkannt werden sollte Desshalb ging mein Gemahl auch zu ihm nur in der
Abenddämmerung und sprach ihn dann nicht im Komptoir sondern in seinem Zimmer
So standen die Sachen als ein unglückliches Geschick es wollte dass mein
Bruder zum zweiten Male in Paris erschien und unserem treuen Dübois auf der
Straße begegnete es ließ sich auf seine Erkundigung nicht abläugnen dass wir
noch in Paris wären um so weniger da ihm meine Mutter diese Nachricht schon
mitgeteilt hatte und eben so wenig konnte der alte Mann es vermeiden diesen
Bruder zu uns zu führen wie er verlangte Er tat es mit klopfendem Herzen und
fand nur darin einige Beruhigung dass der Leichtsinnige selbst seinen Schwager
nur unter dem Namen Blainville kannte
Nach dem ersten Besuche meines Bruders der uns alle in Schrecken setzte
wurden die Anstalten zur Abreise noch eifriger betrieben denn außer der Sorge
für uns selbst erfüllte es uns mit Unruhe wie er die zunehmende Schwäche des
alten Evremont schilderte und er tat dies ohne Schonung weil er glaubte dass
uns diese Nachrichten keinen Kummer verursachen würden denn da wir nach seiner
und meiner Mutter Ansicht den alten Mann um unseres Vergnügens Willen
leichtsinnig verlassen hatten so setzte er keine große Liebe für ihn bei uns
voraus und wir mussten seufzend schweigen um uns durch unsere Verteidigung
nicht zu verraten Wir waren aber nun in unserer Zurückgezogenheit nicht mehr
die Herren unserer Zeit meine schöne Schwägerin die reizende Adele die mein
Bruder für meine Kammerjungfer hielt machte einen unwiderstehlichen Eindruck
auf ihn und er brachte beinah alle Tage in unserm Hause zu Bei seinen häufigen
Besuchen musste es ihm auffallen uns immer zu Hause zu treffen und da er eine
gewisse Vertraulichkeit zwischen Adele und meinem Gemahle zu bemerken glaubte
so bildete er sich ein dass diesen eine unerlaubte Neigung an das Haus fesselte
und dass ich meine Zimmer kaum verliesse um die Beiden nicht unbewacht zu lassen
Dieses eingebildete Verhältnis gab ihm Gelegenheit auf unsere Kosten witzig zu
sein und wir mussten es geschehen lassen um ihn nicht auf die rechte Spur zu
leiten
Endlich schien es dass wir von dieser Qual erlöst werden sollten Mein
Bruder kündigte uns an dass er feine Abreise beschlossen habe weil seine
Gegenwart erforderlich sei um wichtige Geschäfte in Ansehung seines Vermögens
zu beendigen Es hatte sich ein Reisegefährte gefunden dem er sich anschließen
wollte und alle Umstände schienen uns günstig er hatte schon Abschied genommen
und wollte den Nachmittag des folgenden Tages reisen
Wir saßen am Morgen dieses unglücklichen Tages ruhig bei einander ohne
irgend eine Ahnung einer schlimmen Zukunft als mein Bruder blass und verstört
bei uns eintrat Er musste nach kurzem Zögern meinem Gemahl vertrauen dass er die
Nacht in einem jener berüchtigten Spielhäuser zugebracht und nicht nur alles
verloren habe was er besaß sondern auch noch eine beträchtliche Summe schuldig
sei der an den er sie verloren begleitete ihn und erwartete im Vorzimmer die
Zahlung und er beschwor meinen Gemahl ihn aus diesem Labyrinthe des Unglücks
zu erretten denn in der Hitze des Spiels aufgereizt durch seinen Verlust und
durch den in der Verzweiflung getrunkenen Wein hatte er sich Reden erlaubt die
sein Verderben herbeiführen konnten wenn er nicht schleunig den noch in seinen
Händen befindlichen Pass zu seiner Abreise benutzen könnte
Evremont übersah nicht nur die Größe der Gefahr in der mein Bruder
schwebte sondern er erkannte auch wie nachteilig für uns die Verbindung mit
ihm werden könne Alle diese Gründe bestimmten ihn ihm eine Anweisung auf jenen
Banquier zu geben dem er vertrauen durfte und er hoffte dieser würde die
angewiesene Summe sogleich auszahlen Unglücklicher Weise war das Bedürfnis
meines Bruders so bedeutend dass aus bester Absicht der wohlwollende Freund die
Auszahlung zu verzögern beschloss um meinen Gemahl vielleicht von einem
leichtsinnigen Schritte dadurch abzuhalten denn die große Eile und die
verstörte Miene meines Bruders erregten in ihm den Verdacht die Güte meines
Gemahls möchte gemissbraucht werden und er erwiderte daher auf die dringende
Forderung der Zahlung er müsse sich erst mit dem Bürger Blainville berechnen
dann sei er bereit Zahlung zu leisten
Wie ein Verzweifelnder kam mein Bruder von seinem Gläubiger begleitet
zurück und beschwor meinen Gemahl ihn sogleich zu dem Banquier zu begleiten und
die verlangte Berechnung abzuschließen damit er noch diesen Tag reisen könne
denn seiner erhitzen Einbildung schwebte Gefängnis und Guillotine unaufhörlich
vor
Da er die Unbescheidenheit gehabt hatte seinen Gläubiger bei uns
einzuführen so sah Evremont dass die Gefahr eben so groß sei wenn er
entschieden darauf bestände die Berechnung erst am Abende vornehmen zu wollen
als wenn er es wagte sich ein Mal am Tage bei seinem Geschäftsfreunde zu
zeigen denn im ersten Falle könnte der ihn begleitende Gläubiger meines Bruders
leicht Verdacht daraus schöpfen dass mein Gemahl sich nicht am Tage zeigen
wolle Er beschloss also den unglücklichen Gang Der wohlwollende Banquier
richtete einen Blick des unwilligen Erstaunens auf meinen Gemahl als er
begleitet von meinem Bruder und dessen Gläubiger in seinem Komptoir erschien
Hätten Sie mir geschrieben sagte er verdrießlich dass die Sache so dringend sei
so würde ich mich dazu verstanden haben die Summe noch zu zahlen Die
Berechnung mit Ihnen kann ich jetzt nicht vornehmen da mich andere Geschäfte
drängen Er gab seinem Kassirer Befehl die Summe zu zahlen und dieser tat es
stillschweigend indem er kaum auf meinen Gemahl zu achten schien
Wir atmeten frei als wir meinen Bruder entfernt wussten den Dübois hatte
abreisen sehen Dieser gute vorsichtige Mann ging den Nachmittag desselben
Tages um eine andere entlegene Wohnung für uns zu suchen da er glaubte dass es
besser sei nach den letzten Ereignissen einen von unserem jetzigen Wohnorte
entfernten Teil von Paris aufzusuchen wo wir wieder völlig unbekannt wären Es
war ein schöner warmer Nachmittag Adele war mit der deutschen Dienerin zu Fuß
ausgegangen um einige Kleinigkeiten zu kaufen und sich dabei ein wenig in der
freien Luft zu bewegen ich war mit Evremont im seligsten Frieden allein und
wir bildeten Pläne wie wir nun bald in ungestörter Ruhe in der Schweiz unserm
Glück und unserer Liebe leben wollten da auf einmal wurde ein Geräusch von
vielen Tritten auf den Treppen laut wir hörten mit Entsetzen das Getöse von
Waffen die Tür wurde aufgestoßen und Polizeibeamte drängten sich von Wachen
begleitet in unsere friedliche Wohnung
Ich war betäubt von dem furchtbaren Schreck ich hörte nur dumpf dass der
PolizeiBeamte meinen Gemahl als Grafen Evremont verhaftete dunkel wie im
Traume sah ich dass unsere Papiere versiegelt und weggenommen wurden ich war
innerlich erstarrt ich fühlte in diesem Augenblicke nichts als aber der
PolizeiBeamte auch mich berührte um mich als seine Gefangene zu bezeichnen da
zuckte ein so heftiger Schmerz durch meine Brust dass ich leblos niederfiel
Als ich die Augen wieder öffnete sah ich meinen Gemahl nicht mehr Die
Ungeheuer hatten ihn während meiner Ohnmacht von meiner Seite gerissen und ich
hatte nicht einmal den letzten traurigen Trost von ihm Abschied zu nehmen
Meine furchtbare Verzweiflung rührte selbst diese täglichen Diener der
Grausamkeit sie suchten mich auf ihre Weise zu beruhigen und gaben mir zu
verstehen dass man mich zu Evremont führen dass ich sein Gefängnis mit ihm
teilen würde und dieser Gedanke machte dass ich ruhig wie ein Lamm folgte und
mich führen ließ wohin man wollte dunkel schwebte mir der Tod als
unvermeidlich vor aber es lag in diesem grässlichen Augenblicke ein Trost in dem
Gedanken dass wir zusammen sterben würden Auf der Straße vor unserer Wohnung
hielt ein Wagen ich stieg ohne Weigerung hinein und diese Erinnerung ist mir
noch jetzt beinah die fürchterlichste ohne an mein Kind zu denken Mich
belehrte jetzt die Erfahrung dass es einen so gewaltsamen Schmerz geben kann
der selbst die heiligsten Gefühle zu vernichten vermag denn auf dem Wege nach
dem Gefängnisse fiel es mir nicht ein einziges Mal ein dass ich Mutter sei nur
die Angst um Evremont erfüllte meine ganze Seele
Angelangt in diesem Orte des Grausens wurde ich beinah ohne Bewusstsein in
ein großes schwach erleuchtetes Gemach geführt und dumpf hörte ich mit
Schlössern und Riegeln die Türe des traurigen Aufenthalts befestigen Meine
Augen schweiften irr umher ich suchte die Gestalt meines Freundes und sah nur
Weiber die sich wie dunkle Schatten vor meinen Blicken bewegten und deren
Klagen in verworrenem Getön mir unverständlich summten Eine weinende Stimme
erhob sich endlich lauter als die übrigen und rief mit schmerzlichem Tone Ach
meine armen Kinder Dieses Wort gab mir Leben um mein Unglück zu fühlen und
Bewusstsein um seine grässliche Tiefe zu erkennen Mein Kind rief ich in
schmerzlicher Klage mein Sohn mein Gemahl und Tränen bedeckten mein Gesicht
Es waren um diese Zeit die Gefängnisse in Frankreich nicht allein mit
Verbrechern angefüllt Im Volke war nach langer Unterdrückung der unbändige
Trieb nach Freiheit erwacht dieser wurde oft missleitet und die edelsten Opfer
bluteten dem neuen Götzen Es waren in diesem traurigen Aufenthalte einige
Frauen die mit wahrhafter Seelengrösse ihr eigenes Unglück und ihren
wahrscheinlich nahen gewaltsamen Tod auf einige Zeit vergessen konnten und das
Loos einer neuen Leidensgefährtin zu erleichtern suchten Man machte in einem
Winkel des Gemachs ein Lager für mich zurecht Jede trug von dem ihrigen dazu
bei man suchte vor allen Dingen meine irren Gedanken auf einen bestimmten
Gegenstand zu richten man fragte mir die Geschichte meines Leidens ab und ohne
diesen menschenfreundlichen Beistand den ich von Tod und Grausen umgeben
fand wäre ich wahrscheinlich verloren gewesen und eine ewige Nacht des
Wahnsinns hätte vielleicht meine Seele umfangen
Wie lange ich an diesem Orte des Schreckens verweilte weiß ich nicht Ich
hatte nicht Besonnenheit genug die Tage des Jammers zu zählen die Gefährtinnen
meines Elends verminderten sich ob sie die Freiheit erlangten ob sie dem Tode
hingegeben wurden erfuhr ich nicht ich gab in dumpfer Verzweiflung mich selbst
verloren und wünschte den Tag herbei an dem Frankreichs Boden auch mein
unschuldiges Blut trinken würde und fürchtete doch zugleich seine Schrecken
Eines Morgens öffnete sich der Kerker und ich wurde aufgefordert mich vor
meine Richter zu stellen Verzweiflung und Krankheit hatten die Kräfte meines
Körpers erschöpft ich begriff kaum mehr was man von mir wollte ich fühlte nur
noch dunkel dass jetzt der Todestag gekommen sei und schwankte einer Leiche
ähnlich dahin wo man mich vor meine sogenannten Richter stellte Man tat
verschiedene Fragen deren Sinn ich nicht mehr im Stande war zu begreifen Ich
gab vermutlich Antworten doch weiß ich nichts von ihrem Inhalte Ich hatte nur
noch so viel Besinnung dass ich das Ganze für eine Förmlichkeit hielt die voran
gehen musste ehe man mein Todesurteil ausspräche und ich erwartete mit einer
Art von Ruhe diesen Spruch und schrak verwundert zusammen als man mich für
unschuldig und frei erklärte Mit starrer Verwunderung blickte ich auf meine
Richter und blieb vor den Schranken stehen man machte mir bemerklich ich könne
den Gerichtssaal verlassen und es sei schicklich dies zu tun und ich blickte
trostlos umher denn ich wusste nicht wohin ich mich wenden sollte Da trafen
meine Augen auf das treue Antlitz Dübois der sich zu mir drängte meine Hand
fasste und mich hinaus führte Ich ließ es geschehen und als die Luft des
Himmels mich wieder anwehte wollte ich reden fragen nur hier nicht nur um
Gottes Willen jetzt nicht sagte der redliche Mann und ich bemerkte nun wie
elend und abgemagert er aussah
Er zog mich fort er wollte einen Platz erreichen um einen Wagen zu finden
da gerieten wir in ein Gedränge von Menschen das uns gewaltsam mit sich
fortschob Dübois war nur mit mir beschäftigt er suchte mir Platz zu machen
und ich ermattet und geängstigt hatte ein schwaches Verlangen die Ursache des
Gedränges zu erfahren Ich blickte umher mich blendete im hellen Sonnenscheine
der Glanz von Waffen ich bemerkte dass durch diese Bewaffneten ein Raum von
Menschen frei erhalten wurde meine Augen trafen auf eine Maschine die auf
einer Erhöhung errichtet war und deren grausamen Gebrauch ich ahnte Menschen
standen auf dieser Erhöhung und Gott im Himmel ich erkannte meinen Gemahl
Einen Schrei der Angst stieß ich aus vor dem ich selber erbebte alle Kräfte
strebten hin nach dem unglücklichen Opfer dies ist das letzte was ich von
meinem damaligen Zustande weiß
V
Ich weiß es nicht wie lange ich von Wahnsinn umfangen mich selber und mein
Kind nicht kannte Ich erinnere mich nur dass ich eines Morgens nach langem
Schlaf wie es mir schien erwachte Ich wollte mich erheben und fühlte zu
meinem Erstaunen meine Glieder an mein Lager befestigt ich blickte um mich und
fand mich in einem kleinen peinlichen Zimmer vor dessen Fensten Weinreben sich
empor rankten deren breite Blätter sich in der Seine wiegten so dass ihr
Schatten sich auf dem Lande bewegte Neben dem einfachen Lager kniete ein alter
Mann der ein Gebetbuch in den Händen hielt und so eifrig betete dass ihm die
Tränen über die Wangen flossen Ich blickte genau hin und strengte mein
Gedächtnis an um irgend etwas zu erkennen wodurch ich an die Vergangenheit
erinnert und die Gegenwart mir deutlich würde denn mir war jede Erinnerung
entschwunden Nachdem ich den betenden Mann eine Weile betrachtet hatte schien
sich ein schwaches Licht in meinem Geiste aufzudrängen und ich rief Dübois
mit matter Stimme O nie werde ich es vergessen mit welchem Ausdrucke seliger
Freude der gute Mann mich ansah wie inbrünstig er Gott dankte für dies erste
Zeichen wiederkehrender Besinnung Ich fragte ihn weshalb man mich so quäle und
mich an mein Lager befestigt habe Mit Tränen winkte er eine Wärterin herbei
und man löste meine Bande auf
Es erschien bald ein anderer Mann in dem ich einen Arzt erkannte er zeigte
sich über meinen verbesserten Zustand sehr erfreut und versicherte dass kaum ein
Rückfall zu befürchten und man nun berechtigt sei bei meiner Jugend das Beste
zu hoffen
Als wir wieder allein waren fragte ich den alten Dübois nach meinem Gemahl
und der Blick des Schmerzes mit welchem er sich abwandte und stumm die Hände
rang gab mir Besinnung und Gefühl meines Leidens Ich habe nie bestimmt
erfahren welche Mittel Dübois angewendet hat um meine Freiheit zu bewirken
nur so viel habe ich nach und nach den Mut gehabt von ihm zu erfragen dass sich
zwei von seinen Verwandten unter den Richtern befanden und dass er es deshalb
wagen durfte seinen Bitten noch durch andere Mittel als durch Worte Nachdruck
zu geben aber nie hat er mir vertraut wie groß die Opfer waren die er für
mein armes Leben gebracht hat Auch für meinen unglücklichen Gemahl hatte er
sich verwendet und Versprechungen erhalten die ihn zu Hoffnungen berechtigten
er hatte es sogar erlangt ihn im Gefängnis sprechen zu dürfen und dort hatte
Evremont der sich über sein Schicksal nicht täuschte ihm das feierliche
Gelübde abgenommen mich nie zu verlassen und sein Leben meinem Beistande zu
widmen Ein neuer Aufstand des Volkes hatte die schwache Hoffnung Dübois
vernichtet man gab alle Gefangene die es mit dem verhassten Namen der
Aristokraten bezeichnete Preis und Evremont fiel mit vielen Andern
Die Jugend übte ihr Recht meine Kräfte begannen zurück zu kehren und wenn
ich auch in den Gedanken an meinen Sohn keinen Trost finden konnte so fühlte
ich doch die Pflicht für ihn zu leben Ich bat also Dübois ihn zu mir zu
bringen weil ja nun kein Grund der Trennung mehr sei auch verlangte ich Adele
zu sehen und ich fühlte einen wehmütigen Trost in der Hoffnung mit der
Schwester den Gemahl zu beweinen Dübois suchte mich durch mancherlei
Vorstellungen von meinen Wünschen abzuleiten und ihre Erfüllung weiter hinaus zu
schieben Ich litt selbst zu sehr als dass ich gleich die Leiden des alten
Mannes bei diesen Gesprächen hätte bemerken können endlich aber konnte mir die
ganze Tiefe meines unermesslichen Unglücks nicht länger verborgen bleiben
Dübois war an jenem unglücklichen Tage nach der Abreise meines Bruders erst
spät nachdem er eine seinen Wünschen entsprechende Wohnung gefunden hatte in
der Absicht zurückgekehrt uns noch denselben Abend dorthin zu führen Wie groß
war sein Entsetzen als er unsere Zimmer leer fand und von dem Herrn des Hauses
unser unglückliches Schicksal erfuhr Er dachte in diesem Augenblicke nur an
Evremont und an mich Als er den ersten Schmerz beherrscht und die nötige
Besinnung wiedergefunden hatte suchte er Erkundigungen darüber einzuziehen
nach welchem Gefängnisse man uns gebracht habe und sich dann den Weg zu unserer
Befreiung zu bahnen In diesen Anstrengungen gingen einige Wochen verloren ehe
er nur daran dachte sich nach meinem Sohne zu erkundigen Von meiner Schwägerin
und der deutschen Dienerin glaubte er dass sie mit uns verhaftet wären und so
erfuhr er von ihrem Schicksal nichts Als der gute alte Mann nach unsäglichen
Bemühungen endlich das gewisse Versprechen erhalten hatte dass man mich des
folgenden Tages unschuldig und frei sprechen würde eilte er nach dem Dorfe um
meinen Sohn von seiner Pflegerin zurück zu nehmen und durch dessen Anblick mich
zu ermuntern das Leben mit Standhaftigkeit zu ertragen Aber ach der bittere
Kelch des Leidens war noch nicht geleert er musste hier erfahren dass die
Wittwe welche meinen Sohn verpflegt hatte vor zwölf Tagen gestorben wäre und
Niemand wusste was aus dem Kinde geworden sei nur so viel wussten die Nachbaren
zu sagen dass sie während der letzten kurzen Krankheit der Wittwe kein Kind bei
ihr bemerkt hatten Alle ferneren Nachforschungen waren vergeblich und es
schien als ob mit einem Schlage die ganze Familie Evremont vernichtet werden
sollte Mit diesem neuen entsetzlichen Schmerz in der Seele erschien der gute
Dübois im Gerichtssaale um wenigstens mich in Sicherheit zu bringen und es
gehörte die Kraft der Religion dazu die in seinem Herzen lebte dass er nicht
beim Anblicke des unglücklichen Endes seines geliebten Herrn den Verstand verlor
und in der Nacht des Wahnsinns die meine Seele umgab mich noch unterstützen
konnte
Der herbeigerufene Arzt war zweifelhaft gewesen ob nach den entsetzlichen
Erschütterungen meine Vernunft jemals wiederkehren würde und Dübois hatte den
edelmütigen Entschluss gefasst sein Leben meiner Pflege zu weihen Da er aber
glaubte dass er mir nicht alle Bequemlichkeiten würde verschaffen können so
wollte er sich zu dem Banquier begeben den er als Vertrauten der beiden Grafen
Evremont kannte um von ihm einige Summen für meine Bedürfnisse zu erhalten
Aber auch von hier kehrte er trostlos zurück er konnte nur erfahren dass
wahrscheinlich der Kassirer welcher meinem Bruder die verlangte Summe
ausgezahlt meinen Gemahl erkannt und als ein heftiger Jakobiner unsere
Verhaftung veranlasst habe der Banquier selbst sei sobald er diese erfahren
mit seinen Hauptbüchern und allen baaren Summen aus Paris verschwunden um einem
ähnlichen Schicksale zu entgehen
So waren denn alle Hoffnungen untergegangen und Dübois brachte alles
zusammen was er besaß verkaufte jede Sache von Wert und mietete eine kleine
Wohnung in der Vorstadt wohin er mich führte indem er mich hier für seine
Nichte ausgab Die Fenster unserer Zimmer gingen in den an das Haus grenzenden
Garten und so war ich mit meinem Elende und meinem Pfleger ganz allein und
völlig von der Welt geschieden Dübois hatte die Behutsamkeit mich nach und
nach mit dem ganzen Umfange meines Unglücks bekannt zu machen und zugleich an
die Pflicht zu erinnern die ich habe den Rest meines Daseins dazu anzuwenden
um dem alten Grafen Evremont den Trost zu gewähren den er nur von mir nach dem
Verluste aller seiner Hoffnungen erwarten könne Er gab es zu dass dies die
letzte Pflicht sei die ich im Leben zu erfüllen habe und billigte meine
Absicht aus der Welt alsdann mich zurück zu ziehen
Mein großes Unglück hatte mich mutlos gemacht und Gedanken die früher
meine Seele von sich gewiesen haben würde beherrschten jetzt meinen Geist Ich
glaubte zuweilen dass sich die Vorhersagung meiner Mutter erfüllt habe die mir
den Zorn Gottes verkündigt hatte wenn ich ihr Gelübde unerfüllt ließe und mich
dem Gott entzöge dem sie mich geweiht hatte Meine matten kraftlosen Gedanken
kehrten immer wieder zu dieser Vorstellung zurück und ich beschloss so bald
mein Schwiegervater die Bahn seines traurigen Lebens geendet haben und meines
Beistandes nicht mehr bedürfen würde das Gelübde meiner Mutter zu erfüllen Ein
einsam gelegenes Kloster eine enge Zelle und ein dunkles Grab waren die
Gegenstände meiner Sehnsucht wenn mein Herz noch Sehnsucht empfinden konnte
Meine Kräfte waren nach und nach so weit hergestellt dass Dübois daran
denken konnte die Reise mit mir anzutreten Während meiner langen Krankheit
hatten sich die Regierungsformen in Frankreich mehrere Male geändert aber
seinen Verwandten war es immer gelungen Einfluss zu behalten und so wurde es
ihm möglich die nötigen Pässe für sich und seine Nichte die Bürgerin
Blainville herbei zu schaffen Der letzte Rest des Vermögens des guten Alten
musste angewendet werden um die Kosten der Reise zu bestreiten doch empfand ich
hierüber keine Unruhe da ich glaubte der alte Graf Evremont würde jede Auslage
bei unserer Ankunft großmütig ersetzen
Ich schied also von Frankreich und ach mit welcher Empfindung Sein Boden
hatte das edle Blut des geliebten Mannes getrunken und meine Augen wendeten
sich mit Abscheu und Entsetzen hinweg und doch konnte mein Herz von diesem
verabscheuten und geliebten Boden sich nicht ganz losreißen denn lebte mir
nicht vielleicht noch hier ein verlornes Kind dessen Spur ich vielleicht wieder
fände wenn ich bleiben dürfte
Wir reisten in der Nacht ab denn Dübois fürchtete meine Erschütterung wenn
ich die Straßen von Paris wieder erblickte und ich schied mit heißen
schmerzlichen Tränen von der Stadt die mein ganzes Glück vernichtet hatte Je
näher wir dem Ziele unserer traurigen Reise kamen um so heftiger wurde Schmerz
und Angst in meiner Brust ich fürchtete den Anblick meines greisen
Schwiegervaters mein Unglück lag wie ein Verbrechen auf meiner Seele ich
sollte ihm sagen Ich komme allein Dein Sohn ist ermordet Dein Enkel und Deine
Tochter verloren Ich fürchtete nicht die Kraft zu besitzen diese schwere
Pflicht zu erfüllen und ach ich fürchtete vergebens die Milde des Himmels
hatte ihm das herbeste Leiden erspart der Graf Evremont war gestorben ehe eine
Kunde unseres Unglücks zu ihm hatte dringen können
Alle wichtigen Papiere hatte der Sohn in Händen gehabt um das Vermögen aus
Frankreich zu ziehen Der Nachlass des alten Grafen war also gering und wurde
durch die lange Krankheit und die Beerdigung erschöpft so dass Dübois keine
Hoffnung auf Ersatz hatte aber der alte treue Mann beweinte nur seinen Herrn
ohne an einen andern Verlust zu denken
Meine Mutter fand ich ganz nah dem furchtbaren Abgrunde der Armut in den
Alter Schwäche und Krankheit eine verlassene Wittwe versenken können und meine
Seele schauderte bei ihrer kleinmütigen Verzweiflung Die Liebe zu meinem
Bruder die sie früher so ungerecht gegen mich gemacht hatte sich in den
glühendsten Hass verwandelt er hatte ihr nach und nach Alles abgenommen und
nun da sie keine andern Hilfsmittel mehr hatte als das ihr von meinem Vater
ausgemachte Einkommen zahlte er auch dieses nicht und gab die Mutter dem
bittersten Elende Preis So lange mein Schwiegervater lebte teilte er seine
Hilfsmittel mit meiner unglücklichen Mutter durch seinen Tod aber war sie der
letzten Stütze beraubt und mein Bruder schilderte ihr seine eigne schlimme
Lage und sagte ihr bestimmt und kalt dass er nichts für sie tun könne und
wenn auch der alte Herr Blainville gestorben sei so lebe ihr ja doch ein
reicher Eidam der sie leicht zu sich nehmen und unterstützen könne Die
Religion hatte er nicht geändert und bat die gekränkte Mutter ihn mit dieser
törichten Zumutung zu verschonen
In dieser Lage wendete Dübois das Letzte an um für unsere nächste Zukunft
zu sorgen und schob die Überlegung wie sich unser Leben gestalten sollte für
die nächsten Wochen zurück indem er mich bat mich zuerst von den Anstrengungen
der Reise zu erholen und meine Mutter in ihrer verzweiflungsvollen Stimmung
einigermaßen zu beruhigen Ich mit dem entsetzlichsten Weh im Herzen sollte
Ruhe und Trost gewähren da ich selbst nur Seufzer und Tränen hatte aber
dennoch fand die arme unglückliche Mutter Trost in meiner Liebe und als ob sie
ihre frühere Ungerechtigkeit gut machen wollte wendete sie mir nun die
zärtlichste Neigung zu Indem wir in diesem traurigen Zustande lebten hatte
mein Bruder den Leichtsinn Ihnen mein teurer Graf Briefe an seine Mutter und
an seinen Schwager zu geben dessen Tod er nicht wusste und den er wieder in der
Schweiz vermutete und so betraten Sie unser Haus Ich hatte es nicht über mich
vermocht mein Herz zu zerreißen und meiner Mutter den ganzen Zusammenhang
meiner traurigen Geschichte zu erzählen sie wusste bloß mein Gemahl und mein
Sohn seien gestorben und sie glaubte keine Unwahrheit zu sagen wenn sie mich
Ihnen als die Wittwe Blainville vorstellte Ich war es gern zufrieden diesen
Namen zu behalten und das entsetzliche Unglück meines Lebens im Verborgenen zu
tragen denn so konnte mich doch kein rohes Wort verletzen Im Geheim bemühte
sich Dübois immer noch etwas von meinem Sohn zu erfahren aber jede Spur seines
Daseins war verschwunden
Ich weiß es mein teurer Freund ich trat Ihnen bleich wie ein Marmorbild
entgegen mit tiefem Kummer im Herzen voll Abscheu gegen eine Welt die ich
mich zu verlassen sehnte und dennoch machte dies vom Schicksal vernichtete
Wesen Eindruck auf Ihre Seele und fesselte Ihr Herz Ach und ich erkannte mit
Dankbarkeit die zarte Aufmerksamkeit eines edelen Gemüts ich fühlte den milden
Trost der Freundschaft und ein dämmerndes Licht fiel in meine Seele und zeigte
mir als schwachen Schatten einen fernen Reiz des Lebens Ich weiß nicht ob
meine Mutter durch das erlittene Unglück scharfsichtiger geworden war aber sie
bemerkte zuerst Ihre wachsende Neigung und gründete die Hoffnung ihres Alters
darauf Ich gestehe es jetzt mein edler Freund mich erfüllte damals der
Gedanke an jede andere Verbindung als die ich glaubte mit dem Himmel
geschlossen zu haben mit Entsetzen und ich zog mich unwillkürlich von Ihnen
zurück und brachte meine Mutter dadurch zur Verzweiflung die sich nun um ihre
letzte Hoffnung betrogen sah Wenn Sie ahnen könnten was ich damals litt Ihr
edles Herz würde mich beklagen Bitten Tränen Vorwürfe und Verwünschungen
wendete mit wilder Leidenschaftlichkeit meine Mutter an um mich Ihren Wünschen
geneigt zu machen und ich musste mir gestehen dass ihr von Alter Krankheit und
Gram geschwächter Körper diesen zerstörenden Empfindungen nicht lange würde
widerstehen können
Ich glaube mein teurer Freund Sie hatten damals eine zu strenge Ansicht
von der weiblichen Würde und bei verschiedenen Gesprächen die zu meiner Qual
über die französische Revolution geführt wurden äußerten Sie sich hart über die
Frauen die auf irgend eine Weise daran Teil genommen hatten und als ich ein
Mal bemerkte dass wohl ein hartes Schicksal eine Frau darin verflechten könne
erwiederten Sie mit großer Heftigkeit dass dies für eine edle Frau ein
unermessliches Unglück sein würde denn ein solches männliches Handeln und Leiden
würden jeden Reiz der Weiblichkeit vernichten wie es ja auch Frauen so roh
machen kann fügten Sie hinzu dass sie fähig sind nachdem sie kaum den Mann
begraben haben der auf dem Schaffot verbluten musste einem andern die Hand zu
reichen und ihm Zärtlichkeit und Liebe zu versprechen da ihre Seele nur
Schauder und Entsetzen sollte fühlen können Mir würde eine solche Frau
schlossen Sie damals abscheulich bleiben so lange ich lebte und ich begreife
nicht wie irgend ein Mann anders fühlen kann
Diese Worte die vielleicht nur ein augenblickliches Gefühl Ihrer Seele
vielleicht nur eine Verstimmung bezeichneten haben uns beide mein geliebter
Freund um das reine Glück das Lebens gebracht Ich die ich die Pläne und
Wünsche meiner Mutter kannte betrachtete diese mit Wehmut denn mir schien
jetzt Alles beendigt Ich beschloss nun ewig über mein Schisal gegen Sie zu
schweigen aber mich auch entschieden von Ihnen zurückzuziehen um nicht
Hoffnungen zu nähren die nicht erfüllt werden konnten denn nach Ihrem eigenen
Geständnis mussten Sie ja aufhören mich zu lieben wenn ich im Stande wäre
Ihnen die Hand zu bieten nachdem ein entsetzliches Unglück mir den ersten
Gemahl entrissen hatte und nur indem ich Sie über mich täuschte hätte ich mir
Ihre Liebe erhalten können
Ich sah die Notwendigkeit ein meiner Mutter das Unglück meines Lebens in
seiner ganzen Ausdehnung mitzuteilen damit sie sich entschlösse Hoffnungen
die sie mit Entschiedenheit nährte aufzugeben Ich erfüllte diese schwere
Pflicht deren Ausübung mich zu vernichten drohte Meine Mutter im Erstaunen
über das ihr völlig Neue und Unerwartete hatte noch die Grausamkeit mich mit
Klagen und Vorwürfen über dies lange lieblose Schweigen zu bestürmen und
bemerkte ihre Härte erst als sie mich wie sterbend vor ihr nieder sinken sah
Jetzt erwachte ihre Liebe wieder und die Verzweiflung in der ich sie
erblickte als ich wieder zur Besinnung kam gab mir den Mut zum Troste der
Mutter das Leben zu ertragen
Damals ahneten Sie nicht mein teurer Freund wie tröstend und wie quälend
mir Ihre zärtliche Sorge während der Krankheit war die mich als Folge der
stürmischen Auftritte mit meiner Mutter befiel Es konnte mir nicht mehr
verborgen bleiben dass Sie sich mit leidenschaftlicher Liebe entschieden hatten
Ihr Geschick an das meine zu knüpfen und sobald es meine Kräfte erlaubten bat
ich meine Mutter Sie mit der Geschichte meines Lebens bekannt zu machen
So willst Du mir denn hartnäckig um einer Grille des Grafen Willen alle
Hoffnungen auf ein ruhiges Alter rauben fragte meine Mutter mit Tränen Können
Sie wollen entgegnete ich dass ich einen edelen Mann hintergehen soll Was
nennst Du hintergehen fragte meine Mutter Wie Ihr Euch alle vereinigtet mir
die Wahrheit zu verschweigen und ich nicht einmal den Namen meines Eidams
kannte habt Ihr alle und die fromme Tante an der Spitze daran gedacht dass Ihr
mich hintergingt Hat es Euch allen einen Seufzer eine Träne gekostet mir das
Geschick meines Kindes zu verheimlichen Und wenn Dir dies damals keine Sünde
schien worin liegt denn nun das Unrecht wenn Du dem zweiten Gemahl die
Todesart des ersten verschweigst
Diese seichten Gründe meiner Mutter konnten meine Empfindung nicht ändern
aber ich fühlte dass jeder Streit mit ihr die entschlossen war ihre Ansicht
nicht aufzugeben fruchtlos sein würde und ich wollte lieber aus ihren eignen
Gefühlen sie bekämpfen und sagte also Die Verbindung mit dem Grafen teure
Mutter können Sie selbst ja nicht wünschen da er Protestant ist Ich habe
darüber sagte meine Mutter anders denken gelernt und obgleich ich Deinen
Bruder nicht mehr liebe so würde ich dennoch verzweifeln wenn ich mir sagen
müsste ich habe ein Kind für die ewige Verdammnis geboren kann also mein Sohn
als Protestant die Seligkeit finden so mag dies meinem künftigen Eidam den ich
als besser und edler erkenne noch leichter gelingen
Ich wollte meiner Mutter antworten und da sie bemerkte dass ich mich ihren
Gründen nicht fügen würde wählte sie ein anderes sicheres Mittel Ehe ich reden
konnte kniete sie an meinem Lager nieder fasste meine Hände und sagte indem
ihre Tränen über die von Kummer gebleichten Wangen flossen Wenn Du denn nicht
um Deinet Willen Deine unglückliche Geschichte verschweigen willst mein
geliebtes Kind so tue es um meint Willen in Deiner Hand liegt nicht bloß das
Glück Deines eigenen Lebens auch die Ruhe einer elenden unglücklichen Mutter
Zwei Kinder habe ich geboren eines hat mein Herz zertreten und die flehende
Mutter von sich gestoßen soll ich Euch beide soll ich auch Dich vor Gott
verklagen dass Du der verschmachtenden Mutter keine Hilfe leisten willst Nein
o nein rief ich in Jammer und Tränen vergehend mein Loos ruht in Ihren
Händen wenden Sie es wie Sie wollen Mit Entzücken drückte mich die Mutter an
ihre Brust und ließ mich in ihre Hand einen feierlichen Eid schwören Ihnen mein
erlebtes Unglück zu verschweigen
So mein teurer Graf wurde unsere Vereinigung geschlossen und da ich über
die Hauptsache zu schweigen gelobt hatte so war es mir gleichgültig dass ich
mit Ihnen als Wittwe Blainville verbunden wurde und meine Mutter war beruhigt
da sie auf behutsame Erkundigungen die sie durch ihren Beichtvater eingezogen
hatte erfuhr die Ehe sei vollkommen gültig mein Familienname sei die
Hauptsache bei dieser neuen Verbindung Meine Mutter hatte einen Augenblick den
Gedanken meinen Bruder als Zeugen bei unserer Vermählung einzuladen und auch
Sie fanden es natürlich und ich sah wohl Ihr Erstaunen als ich mit Schauder
und Entsetzen erklärte dass ich diesen Bruder die Quelle alles meines
Unglückes nie wieder sehen wollte
So wandelten wir nun neben einander und je mehr ich Ihr schönes Herz Ihren
edelen Charakter kennen lernte um so drückender wurde mir die ausgeübte
Falschheit Meine Mutter dankte mir in jeder einsamen Stunde für das Glück
welches sich durch die liebende Sorge des neuen Eidams über den Rest ihrer Tage
breitete und ihre Ängstlichkeit ließ mich das Versprechen der Verschwiegenheit
jeden Tag erneuern ja in der Sorge die sie dafür trug dies Glück nicht wieder
zu verlieren ging sie so weit dass sie von mir die schwärzeste Undankbarkeit
forderte und verlangte ich sollte Dübois diesen Retter meines Lebens gegen
den sie selbst die größten Verpflichtungen hatte von mir entfernen Umsonst war
es dass ich ihr jeden Tag wiederholte ein Wort von mir sei hinreichend des
guten Alten Zunge auf ewig zu fesseln sie wiederholte mir ewig Du hast früher
Deiner Mutter nicht vertraut und nun vertraust Du Dein und mein Glück einem
Diener
Mein Herz hatte zu grausame Schläge erlitten die Kraft der Jugend war
gebrochen es konnte kein leidenschaftliches Gefühl des Glücks mehr durch meinen
Busen zittern mir war nur die Fähigkeit geblieben den Schmerz auf diese Weise
zu empfinden aber die milde Wärme einer zärtlichen Freundschaft die sanftere
Empfindung einer grenzenlosen Verehrung erfüllte meine ganze Seele und Sie
geliebter Freund würden nicht so oft schmerzlich über die Kälte meines Herzens
geklagt haben wenn ich Ihnen in freier Hingebung ohne Rückhalt mein Gefühl
hätte zeigen können aber die schönsten Augenblicke innigen Vertrauens wurden
mir gestört jeder Erguss der Herzens gehemmt durch den Gedanken er kennt Dich
nicht er darf Dich niemals kennen damit er Dich nicht verabscheut Ich sah es
Sie waren nicht glücklich in unserer Verbindung und der nagende Schmerz darüber
gab mir die Bitterkeit die ich eben so oft gegen Andere als gegen mich selbst
wendete und in dem Grade wie ich die Liebe Anderer dadurch von mir entfernte
wurde ich unzufriedener mit mir selbst Sie geliebter Freund hatten Geduld mit
allen diesen Schwächen Sie hofften mein Herz von seinem langen Grame zu heilen
und als meine Mutter in unsern Armen verschieden war und ihre letzten Worte uns
gedankt hatten für die zärtliche Kindesliebe die wir ihr bewiesen da glaubten
Sie mein teurer Gemahl durch Zerstreuung auf Reisen meinen Kummer überwinden
zu können Sie waren verwundert meine Abneigung gegen Frankreich zu bemerken
und wir gingen nach Italien Es gibt wohl keinen Schmerz des Lebens der sich
unter dem milden Himmel Italiens nicht gelindert fühlte Unser eigenes reges
Dasein unser persönliches Schicksal scheint uns kleiner da wo eine große
Vergangenheit jeden Augenblick ihre ernste erhabene Sprache zu uns redet und
ich fühle ich wäre in Italien ruhiger geworden wenn es möglich wäre dass eine
Mutter aufhören könnte ein verlornes Kind zu beweinen
Ich vermochte Dübois fortwährend geheime Nachforschungen anzustellen und
ich erwartete mit gleicher Unruhe das Gelingen wie das Misslingen derselben denn
wenn er nun auch das kaum denkbare Glück gehabt hätte meinen Sohn aufzufinden
mit welcher Stirn wollte ich Ihnen mein so lange verhehltes Schicksal dann noch
vertrauen und würde mir nicht dieses späte erzwungene Bekenntnis noch gewisser
Ihre Liebe rauben als ein freiwilliges vor unserer Verbindung Und je mehr
Jahre verflossen je ängstlicher musste ich mir die Frage wiederholen wenn ich
nun endlich einen Sohn wiederfände erwachsen unter fremdem Einflusse ob er mir
dann noch die Kindesliebe bieten könne nach der mein einsames Herz sich sehnte
und ob nicht vielleicht ein gespenstisches Wesen vor mir stehen würde durch das
Blut in seinen Adern mein eigen und durch alle Empfindungen seiner Seele mir
fremd
Diese nie ruhende innere Qual war der Grund weshalb meine Gesundheit sich
nie wieder befestigte und Sie mussten die Hoffnung Vater zu werden aufgeben
und entbehrten um meint Willen auch dies Glück wie beinah jede andere Freude
des Lebens und ich musste mir gestehen dass ich mit der innigsten Neigung mit
der zärtlichsten Freundschaft dennoch nichts anders vermocht habe als Sie um
jede Hoffnung und um jede schöne Heiterkeit des Lebens zu bringen da Sie in
einer andern Verbindung wahrscheinlich glücklicher gewesen wären
Mit zitternder Hand und mit unsäglichen Tränen habe ich diesen Blättern die
ganze Tiefe meines Unglücks vertraut und Ihr schönes Herz wird die Fehler und
Irrtümer verzeihen die unser Leben getrübt haben und mit Rührung der treuen
Gefährtin gedenken deren innigste Neigung Sie dennoch nicht beglücken konnte
weil das Vertrauen unseren Herzen fehlte
VI
Der Graf hatte die von seiner Gattin an ihn gerichteten Blätter nun alle gelesen
und er blieb an dem Tische sitzen auf welchen er die Ellenbogen stützte das
Gesicht in beide Hände senkend Es stürmten so viele verworrene Empfindungen
durch sein Herz dass sein Geist lange nicht Klarheit und Ruhe gewinnen konnte
um sich darüber zu erheben Das schreckliche unverschuldete Unglück seiner
Gemahlin erschütterte ihn bis in die innerste Seele aber diesem Gefühle war
dennoch eine missmütige Beschämung beigesellt wenn er sie sich im Gefängnisse
unter dem Volke oder wahnsinnig dachte Das Schicksal des hingerichteten
Gemahls seines eigenen Freundes erpresste ihm Tränen und dennoch wendete sich
seine Seele mit Widerwillen ab wenn er die Wittwe dieses Unglücklichen als
seine Gattin denken wollte Ein inniges Mitleid mit sich selber wurde durch die
wehmütige Betrachtung in ihm erweckt dass er in der Tat nie glücklich gewesen
sei und das Gefühl seines Unglücks immer im Busen getragen aber immer betäubt
habe durch Reisen durch Studien durch Gesellschaften So drängt sich mir denn
auf einmal die vernichtende Klarheit auf dachte er innerlich dass ich mein
ganzes Leben in Wahn und Täuschung verloren habe eine krankhafte Leidenschaft
bestimmte mich den Besitz einer Frau zu erstreben die ich niemals wahrhaft
besessen habe die mit jugendlicher Innigkeit einen Andern liebte dessen Bild
noch in ihrem Herzen lebt und dessen Ende mich mit Schauder erfüllt Sie wurde
nicht Mutter um mir Freude des Lebens und Trost im Alter zu gewähren und ihre
mütterliche Zärtlichkeit wendet sich mit fortwährendem Gram auf ein verlornes
mir fremdes Wesen das wenn es noch lebt vielleicht in niedrigen Verhältnissen
erwachsen die Mutter beschimpft die es geboren und mich zugleich der ich mit
dieser Frau verbunden bin Ja ich bin sehr sehr unglücklich sagte er endlich
laut und seine Tränen träufelten zwischen den Fingern hindurch und fielen auf
die von der Hand seiner Gattin beschriebenen Blätter nieder In dieser
kummervollen Stellung blieb der Graf eine Zeitlang sitzen bis er endlich sich
mit männlicher Kraft erhob und edlere grossmütigere Empfindungen Raum in seiner
Brust gewannen So zahle ich denn wie jeder Andere sagte er mit Bitterkeit zu
sich selbst den Tribut der menschlichen Schwäche ich denke mit Selbstsucht nur
an mich ich bemitleide nur mich und vergesse undankbar alle schönen Stunden
die ich in dieser Verbindung durchlebte und den Schmerz der unglücklichen Frau
die mir endlich ihren Kummer vertraut wie die Angst mit welcher sie erwartet
welchen Eindruck dies Bekenntnis auf mich machen wird O Wohl hattest Du Recht
Du Arme die Du meine Schwäche kennst zaghaft ein Vertrauen zurück zu halten
das noch jetzt so verkehrte Empfindungen in meinem Busen weckt Und könnte ich
denn fragte er sich noch jetzt ohne zerstörenden Schmerz die Verbindung mit
dieser Frau aufgeben würde es nicht auch mich vielleicht vernichten wenn der
Tod sie mir entrisse Habe ich jemals einen Menschen gekannt der meine
Eigentümlichkeit so verstanden mich mit so zärtlicher Freundschaft geliebt
hätte als sie Kann ich dies Wesen aus meinem Leben hinweg denken ohne das
Leben von allem Reize für mich zu entblössen Und was ist es denn nun eigentlich
was mein Herz von ihr abwenden will Doch hauptsächlich die Hinrichtung meines
unglücklichen Freundes und der ängstigende Widerwille wird doch mir unbewusst
nur dadurch erzeugt dass die Seele beschimpfende Verbrechen und öffentliche
Hinrichtung immer verbunden denken will Aber sind nicht grade die Edelsten als
Opfer gefallen und soll sich ein kleinliches Gefühl unverändert erhalten wenn
ein furchtbares Geschick wie mit Meereswogen sich heran wälzt alle Dämme die
Sitte Gesetz und Religion zum Schutze der Menschen errichtet haben brausend
durchbricht und alles ihm entgegen stehende Leben verschlingt Und hat sie denn
nicht das Ungeheuerste erduldet setzte er mit Wehmut hinzu und hat sie diesen
wilden Schmerz nicht ertragen ohne den eignen Wert zu verlieren Blieb nicht
in ihrer Seele neben ihrem Kummer Raum für jede edle Empfindung und bin ich
klein genug diesen wahrhaften Heldenmut zu verkennen Und ist es denn nicht
möglich dass noch Alles besser wird Jetzt gehört sie mir im vollen Vertrauen
an meiner Brust wird ihr lange gepresstes Herz nun freier schlagen ich kann
kräftiger als sie es vermochte die Spuren des verlorenen Kindes aufsuchen
dessen Herz vielleicht seiner Eltern würdig ist der alsdann auch mir ein Sohn
sein und die Tage meines Alters verschönern kann Nein ich bin nicht
unglücklich schloss der Graf sein langes Selbstgespräch und neuen Mut und neue
Hoffnung drückten seine edelen Züge aus und mild leuchteten die noch von
Schmerzenstränen feuchten Augen
Die Gräfin hatte sich selbst die Pflicht auferlegt es äußerlich ruhig zu
erwarten ob der Graf liebevoll zu ihr zurückkehren würde nach dem Bekenntnisse
ihres Unrechts gegen ihn Sie hatte die Vorhänge ihres Bettes zuziehen lassen
und faltete nun zum stillen leidenschaftlichen Gebet die Hände sie krampfhaft
fest in einander schließend und flehte inbrünstig in Gedanken um das Ende ihrer
Leiden und ihres Lebens wenn sich das Herz des Grafen durch ihr langes
Schweigen beleidigt von ihr abwenden sollte Sie hatte eine peinliche Stunde
gehabt und rief endlich Emilie mit sterbender Stimme herbei und bat sie im
Vorzimmer des Grafen zu erkunden ob er noch in seinem Kabinet verschlossen sei
aber ihn auf keinen Fall zu rufen Emilie berichtete der Graf sei in seinem
Kabinet und kein Laut vernehmbar Nach einer qualvollen Vietelstunde wurde sie
mit demselben Auftrage abgesendet und kam mit derselben Antwort zurück Der
Zustand der Gräfin wurde immer beunruhigender Fieberglut und Leichenblässe
wechselten auf ihrem Gesichte und die heftigen Schläge ihres Herzens hoben und
senkten die Decke ihres Lagers Als Emilie zum fünften Male mit demselben
Auftrage abgeschickt wurde nahm sie sich vor den Grafen auf jeden Fall zu
sprechen um ihn mit dem gefährlichen Zustande seiner Gemahlin bekannt zu
machen und eben näherte sie sich in dieser Absicht der Türe als er sein
Kabinet öffnete Der Graf trat heraus und fragte mit Heftigkeit Was macht meine
Gemahlin Sie lebt erwiderte die weinende Emilie aber ihr Zustand Er
hörte nichts mehr das eine Wort hatte ihm genug gesagt um ihn mit höchster
Angst nach dem Schlafzimmer der Kranken eilen zu lassen Er schlug mit
Heftigkeit den Vorhang des Bettes zurück und die flehenden Augen der Gräfin
ihre zitternden zu ihm emporgehobenen Hände erfüllten ihn mit der
schmerzlichsten Wehmut Mein teures mein geliebtes Weib rief er aus indem
er sie in seine Arme schloss So hast Du mir vergeben sagte die Gräfin mit kaum
hörbarer Stimme Es war das erste Mal dass sie ihren Gemahl mit Du anredete und
diese einzige Sylbe die er sich früher so oft gesehnt hatte aus ihrem Munde zu
vernehmen rührte ihn nun als Zeichen völligen Vertrauens aufs Innigste Er
konnte in diesem Augenblicke nicht daran denken die Gesundheit seiner Gattin zu
schonen und erregende Gespräche zu vermeiden Die leidenschaftlichsten Ergüsse
des Herzens die zärtlichste Selbstanklage die grossmütigste Vergebung
wechselten in schnell und heftig geführten Gesprächen mit einander ab und der
Arzt würde befürchtet haben dass der schwache Faden des Lebens der so lange
leidenden Frau durch diese Erschütterungen zerreißen müsste Sie ruhte auch
beinah vergehend in den Armen des Grafen aber der Balsam des Trostes senkte
sich mild in ihre Brust Sie blickte mit reinem Vertrauen in das treue Auge des
leidenschaftlichen Freundes der die Bilder eines glücklichen genussreichen
Lebens vor ihr entfaltete aber selbst in dieser Aufregung des Gemüts
Besonnenheit genug behielt keine Hoffnung erregen zu wollen dass der verlorne
Sohn noch gefunden werden könnte denn ob er sich gleich vornahm die eifrigsten
Nachforschungen nach ihm anzustellen so schien es ihm doch grausam in der
Mutter Hoffnungen zu erwecken die er vielleicht niemals erfüllen könnte
Der innigste Bund wurde zwischen beiden Gatten in dieser Stunde geschlossen
und die Ruhe die an die Stelle der gewaltsamen Spannung trat die das Herz der
Gräfin bis auf diesen Augenblick geängstigt hatte wirkte höchst vorteilhaft
auf ihre Gesundheit sie versprach dem Grafen sich zu schonen und um sich für
ihn zu dessen Glück sie notwendig sei zu erhalten den Vorschriften des
Arztes Folge zu leisten
Getröstet indem er Trost erteilte verließ der Graf mit sich zufrieden
das Gemach seiner Gemahlin nachdem er noch dem eben eingetretenen Arzte mit
zärtlicher Rührung die höchste Sorge für die Kranke empfohlen hatte Im
Vorzimmer traf er Dübois der mit ängstlicher Spannung ihm entgegen sah und ein
Wort über den Zustand der Kranken vernehmen wollte Dem Grafen flogen schnell
wie er den alten Mann erblickte alle Bilder dessen was er getan und gelitten
vor den Augen des Geistes vorüber und wie ihn die treuen Augen in nie gesehener
Aufregung ängstlich betrachteten rief er mit vor Wehmut zitternden Lippen
Mein guter alter Dübois und streckte ihm die Hand entgegen die der alte Mann
fasste um sie zu küssen der Graf aber zog ihn heftig in seine Arme und hielt
ihn einige Sekunden fest an seine Brust gedrückt Der Haushofmeister wusste
nicht wie ihm geschah und er stand und sah dem Grafen noch nach als dieser
schon lange das Zimmer verlassen hatte
Am andern Morgen als alle heftig aufgeregten Empfindungen durch die Ruhe
der Nacht wieder besänftigt waren ließ der Graf den Haushofmeister zu sich
rufen und sagte ihm mit höchster Güte Ich weiß es jetzt erst mein guter
Dübois wie Viel ich Ihnen schuldig bin die Gräfin hat es mir vertraut was Sie
für sie getan und gelitten und dass ich außer der Erhaltung ihres mir so
teuren Lebens Ihnen vielleicht noch große Summen schuldig bin die Sie
ausgelegt und nicht zurückerhalten haben lassen Sie uns also darüber nun
aufrichtig sprechen damit Sie wenigstens Ihr Eigentum nicht verlieren wenn
wir Ihnen auch niemals Ihre Liebe und Treue vergelten können Der alte Mann sah
den Grafen mit Überraschung an und Tränen traten in die gutmütigen Augen und
flossen über die gefurchten Wangen So ist mir denn endlich der Trost geworden
rief er aus dass die Frau Gräfin ihr Herz dem edelsten Gemahl geöffnet hat und
der lange verschwiegene Gram wird nun nicht mehr heimlich an der Wurzel ihres
Lebens nagen Ja gnädiger Herr Graf fuhr er fort wir haben Viel entsetzlich
Viel gelitten und ich kann nicht zweifeln dass Gott in dieser furchtbaren Zeit
mein Leben nur deshalb erhalten hat damit ich der unglücklichen Frau nützlich
sein konnte dies ist mir gelungen und dafür danke ich dem Himmel täglich Was
ich damals an Geld ausgegeben ach gnädiger Herr Graf Welches Herz hätte wohl
so verworfen sein und in solchen Stunden des höchsten Jammers daran denken oder
die armseligen Summen zählen können doch bin ich überzeugt dass die Frau Gräfin
mir Alles längst vielfach ersetzt hat und ich habe in dieser Rücksicht nichts
zu fordern
Wenn Sie denn also nichts annehmen wollen sagte der Graf gerührt so geben
Sie wenigstens jeden Dienst im Hause auf und leben Sie als ein Freund mit uns
dem wir unsere Dankbarkeit werden zu beweisen streben
Und warum wollen der Herr Graf mir meine Funktion abnehmen fragte der
Haushofmeister lächelnd
Weil ich meinen Freund nicht zum Diener erniedrigen will sagte der Graf
indem er die Hand des alten Mannes drückte
So hoch mich dies Wort auch ehrt versetzte Dübois mit großer
Bescheidenheit so erlaube ich mir doch zu bemerken dass ich nicht einzusehen
vermag worin meine Erniedrigung bestände wenn ich bei meiner gewohnten
Beschäftigung bleibe Ich glaube es hängt von der Art ab wie ein Geschäft
betrieben wird ob es edel oder unedel zu nennen ist und wenn die wichtigsten
Aemter im Staate mit knechtischer Seele bloß des eigenen Gewinns wegen
verwaltet werden ohne den freien Antrieb der wahren Vaterlandsliebe und innigen
Verehrung für den Monarchen so ist derjenige der sie ausübt mag er äußerlich
so hoch stehen wie er will doch ohne wahre Erhabenheit in meinen Augen und
wenn ich voll ehrfurchtsvoller Liebe aus freiem Antriebe meines Herzens mein
Leben dem Dienste einer edelen Herrschaft widme und wenn mein treues Auge
darüber wacht dass bei Ihrem großen Haushalte Ihre Einkünfte nicht verschwendet
werden und Ihnen so die Mittel bleiben unendlich viel Gutes zu tun so habe
ich Anteil an allem Guten und Großen was auf diesem Wege erreicht werden kann
und ich fühle mich durch meine Beschäftigung nicht erniedrigt
Sie haben Recht sagte der Graf durch die Wahrheit in den einfachen Worten
des alten Mannes überrascht Handeln Sie ganz wie Sie wollen nur versprechen
Sie mir keine Anstrengung zu übernehmen die Ihnen bei Ihrem Alter nachteilig
sein könnte Der alte Mann versprach dies willig und sagte dann die Wahrheit
meiner Ansicht ist mir durch unsern guten Gustav erst recht deutlich geworden
Er wird gewiss einmal ein ausgezeichneter Gelehrter daran lässt sich bei seinem
großen Fleiß gar nicht zweifeln und er war schon ein halber Student als sein
edler Beschützer sich seiner annahm Sind ihm denn dadurch seine Vorzüge
genommen dass er aus freiem Antriebe seinem väterlichen Freunde alle Dienste
leistete die dieser bedurfte so lange ihm die Mittel fehlten es anders
einzurichten und müssen wir den Knaben nicht um so höher achten der solcher
Liebe fähig war
Sie haben Recht sagte der Graf und ich freue mich so oft ich den jungen
Menschen in der Bibliothek antreffe Seine Bescheidenheit sein feines Wesen
zeugen von der guten Erziehung die er früher gehabt und sobald mein Vetter
zurückkommt wollen wir alle drei für sein weiteres Fortkommen sorgen Der
Haushofmeister fühlte sich für alles was er jemals getan durch dies Wort des
Grafen mehr als belohnt der ihn dadurch aus der Reihe der Diener empor hob und
ihn gleichsam neben sich stellte und seine Liebe wuchs in dem Masse wie ihm
sein verehrter Herr sein Vertrauen zuwendete ihm eröffnend dass er entschlossen
sei dem Schicksal des jungen Evremont aufs Eifrigste nachzuforschen und wenn
er ihn gefunden ihn wie seinen eignen Sohn zu betrachten Der alte Dübois gab
alles an was nur irgend auf eine Spur führen konnte um den Verlorenen zu
entdecken und zerfloss beinah in Tränen weil er dadurch gezwungen war alles
erlittene Unglück der Familie Evremont sich ins Gedächtnis zurückzurufen Der
Graf suchte ihn nicht ohne eigne Rührung zu trösten und Beide kamen darin
überein dass vor der Gräfin alle Nachforschungen geheim gehalten werden müssten
damit sie nicht Hoffnungen Raum gäbe durch deren Nichterfüllung ihr Herz um so
tiefer verwundet werden müsste
Nach diesem langen Gespräche trennten sich Beide vollkommen befriedigt und
der Graf eilte sich nach dem Befinden seiner Gemahlin zu erkundigen Die Kranke
hatte eine sanfte Ruhe genossen und zu des Arztes Erstaunen zeigten sich alle
Spuren einer schleunigen Besserung Die Gräfin hatte in dieser ernstaften
Krankheit wie er meinte allen Eigensinn verloren sie brauchte die
vorgeschriebenen Mittel regelmäßig und der Graf war so zärtlich besorgt dass er
den Arzt immer wieder angelegentlich bat ja alle Sorgfalt für ihre
Wiederherstellung anzuwenden Schon den nächsten Abend hatte St Julien den
Trost eine Stunde am Krankenbette in Gesellschaft des Grafen Emiliens und
ihrer Freundin Terese zubringen zu dürfen und die Kranke war zwar sehr
ermattet aber so ruhig und heiter wie er sie nie gesehen und die innige
zärtliche Vertraulichkeit der beiden Gatten machte ihn nun erst darauf
aufmerksam dass früher eine gewisse Spannung zwischen ihnen geherrscht hatte
Die unermüdete Sorgfalt des Arztes verbunden mit der größeren Ruhe des
Herzens welche die Kranke jetzt genoss hatte bald jede Gefahr entfernt und die
Gräfin konnte nach kurzer Zeit schon täglich einige Stunden außer dem Bette
verweilen ihre Kräfte nahmen sichtlich zu und nach dem Verlaufe von sechs
Wochen erlaubte ihr der Arzt endlich das Krankenzimmer zu verlassen und an der
gemeinsamen Tafel zu speisen Dies war ein Fest der Liebe für alle Hausgenossen
und der Graf hatte zur Feier dieser erfreulichen Begebenheit den Obristen
Talheim seine Tochter und auch den Prediger eingeladen Der Arzt hatte sich im
Stolz über die Genesung der Gräfin die er ganz allein als einen Triumph seiner
Kunst betrachtete ein fast despotisches Ansehen über die Kranke angemasst
welches sich diese mit lächelnder Geduld gefallen ließ und so begleitete er sie
nach dem Speisesaale wo sie von allen Anwesenden mit freudiger Rührung als dem
Leben wiedergegeben begrüßt wurde Bei Tische drängte sich der Arzt in ihre
Nähe nicht wie er versicherte aus törichtem Hochmut sondern seiner Pflicht
gemäß damit er ihr die Speisen widerraten könne die ihm schädlich dünken
würden er übte aber eine so strenge Kritik dass er der Gräfin beinah nichts
erlaubte zu berühren Die Kranke hatte sich immer geduldig seinen Verboten
unterworfen als aber die Tafel beendigt war sagte sie scherzend Aber lieber
Herr Doktor Sie sind mit mir heut eben so streng verfahren wie der Arzt mit
dem Sancho Pansa nachdem er endlich Gouverneur der längst versprochenen Insel
geworden war und bei der Wiederkehr meiner Gesundheit fällt mir diese Strenge
beinah eben so beschwerlich als ihm
Niemand konnte begreifen weshalb dieser Scherz den Arzt so heftig
beleidigte dass er mit glühendem Gesicht und halb zugedrückten Augen die im
Zorn feurig blinkten rief Ich weiß es herrscht jetzt die sonderbare Mode die
von müßigen Köpfen ersonnenen Narrheiten in die ernstaftesten Angelegenheiten
zu mischen aber niemals hätte ich geglaubt dass ich mit dem wahnsinnigen Don
Quixote oder mit dem Bauer Sancho verglichen werden könnte Vergeblich bemühte
sich St Julien ihm deutlich zu machen dass ihn Niemand mit dem edelen Ritter
oder seinem braven Stallmeister verglichen habe sondern mit dessen gelehrten
Arzt Er blieb zornig und antwortete nicht mehr bis der Graf selbst ihm ein
Glas Wein einschenkte und ihn ermahnte an diesem schönen Tage versöhnlich zu
sein und auf das Wohl der wieder hergestellten Kranken zu trinken doch auch
jetzt folgte er zwar der Aufforderung mit allen Übrigen aber man sah dass er
immer noch Verdruss im Herzen hegte Der Graf erhob jetzt sein Glas indem er
sagte Und nun auf Ihr Wohl liebster Herr Doktor dessen Kunst und treuer Sorge
wir den heutigen frohen Tag verdanken Jetzt schwanden die Wolken des Verdrusses
von seiner Stirn und er blickte wie ein siegender Held umher
Nachdem die Tafel aufgehoben war trat die Gräfin zu ihm und sagte Sie
müssen mir heute da ich mich durch Ihren Beistand so wohl und heiter fühle
einen Scherz verzeihen und als Zeichen aufrichtiger Versöhnung ein Andenken
nicht verschmähen Sie zog einen Ring vom Finger und bot ihn dem Arzte an der
die Brillanten die nun an seinem Finger glänzten mit demselben Gefühl
betrachtete wie ein junger Offizier das erste Ehrenzeichen Der Graf trat nun
hinzu und überreichte ihm eine sehr schön gearbeitete goldene Dose weil der
Arzt sich seit Kurzem auch das Tabackschnupfen angewöhnt hatte Emilie näherte
sich und überreichte ihm die schönste feine Wäsche Terese bot ihm einen von
ihr selbst gearbeiteten Geldbeutel dar und St Julien überreichte ihm trotz
seines beinah zu großen Abscheus gegen alles Tabackrauchen eine so
außerordentlich verzierte schöne Tabackspfeife dass dies Geschenk des Wertes
wegen zwar ernstaft der Auszierung halber aber scherzhaft gemeint schien Der
Arzt blickte in verlegener Freude umher Stolz über seine anerkannten
Verdienste dankbare Rührung über diese öffentliche Anerkennung und auch Freude
über den Wert der Geschenke bestürmten sein Herz dermaßen dass ihm Tränen in
die Augen traten und er nicht gleich Worte finden konnte die ihm schicklich
dünkten seine Gefühle auszudrücken Er küsste rasch hinter einander die Hände
aller Damen und in der Hast ergriff er auch einige Male die Hand eines Herrn
und würde sie in der Blindheit seiner freudigen Eile ebenfalls geküsst haben
wenn ihm nicht ein kräftiger Druck jedes Mal seinen Irrtum gezeigt hätte
wodurch denn seine Verlegenheit noch vermehrt wurde
Dem Prediger war es bei diesem kleinen Feste nicht entgangen dass die
frühere Spannung die er so oft zwischen dem Grafen und seiner Gemahlin bemerkt
hatte völlig verschwunden und an die Stelle formeller Höflichkeit eine
herzliche Innigkeit getreten war Er sah es leicht ein dass die Krankheit der
Gräfin als Folge des Zusammentreffens mit ihrem Bruder zu betrachten sei aber
eben so wenig wie er begreifen konnte wodurch dies Zusammentreffen so
erschütternd gewirkt habe vermochte er einzusehen wie durch diesen
öffentlichen Auftritt der dem Grafen nur unangenehm sein konnte eine größere
Herzlichkeit zwischen beiden Gatten wäre herbeigeführt worden Er konnte sich
ruhig in Nachdenken über die ihm unerklärliche Erscheinung versenken denn seine
Unterhaltung wurde nicht in Anspruch genommen weil Emilie Terese und St
Julien mehrere Musikstücke dreistimmig eingeübt hatten und mit diesem kleinen
Koncerte die Genesung der teuren Kranken feiern wollten
Die Gräfin er bebte zwar bei dem Tone von St Juliens Stimme sichtbar fasste
sich aber bald und gab sich ruhig dem Genuße hin den die zärtlichste
Anhänglichkeit ihr bereitet hatte und gestand sich innerlich dass das Leben
noch Reiz für sie haben könne und dass selbst der Schmerz der Erinnerung den
giftigsten Stachel verloren habe da ein treues Herz ihn mit ihr teilte und
sie sich nicht mehr der Verheimlichung und Falschheit schuldig wusste
Der Abend begann schon zu dämmern und man hatte während der fortgesetzten
Musik das Rollen der Räder eines vorfahrenden Wagens nicht bemerkt so dass Allen
unerwartet der junge Graf Hohental in den Saal trat Ein allgemeiner Ausruf der
Freude begrüßte den Neuangekommenen doch wurde diese sogleich gemässigt als man
die Blässe seines Gesichts und die Kleidung tiefer Trauer wahrnahm wodurch ein
erlebtes Unglück des neuen Gastes angedeutet wurde Mit sichtbarem Gefühl
bezeigte dieser der Gräfin seine Freude über ihre Genesung ein Strahl
wehmütigen Entzückens leuchtete in seinen Augen als er Theresens Hand küsste
welche die seinige mit unverhehlter herzlicher Neigung drückte mit gleichem
Feuer erwiderte er St Juliens stürmische Umarmung und mit kindlichem Gefühl
die väterliche Begrüßung des Obristen und seines Oheims Was macht Ihr Vater
teurer Vetter fragte dieser halb leise Ich habe ihn vor wenigen Tagen
begraben sagte der junge Graf mit vor Rührung wankender Stimme ich glaubte
Sie hätten die Anzeige seines Todes schon erhalten Nein erwiderte der Graf
mit Bestürzung mir ist Ihr Unglück völlig fremd und es erschüttert mich um so
mehr da es mich daran erinnert wie nahe daran ich selbst war den
schmerzlichsten Verlust zu erdulden
Jedermann fühlte dass es unschicklich sein würde in den Ton lauter Freude
jetzt wieder einzustimmen Die Unterhaltung wurde also ernsthafter und die
Gesellschaft trennte sich früher als wohl ohne die Ankunft des jungen Grafen
geschehen wäre Als dieser den Saal verlassen und sein Zimmer betreten hatte
kam ihm ein junger Mensch entgegen in dem er nicht eher seinen Gustav erkannte
bis er sich laut weinend in seine Arme warf Freudig überrascht drängte ihn der
junge Graf von seiner Brust zurück um ihn zu betrachten Nein rief er endlich
aus nimmermehr hätte ich geglaubt dass wenige Wochen einen Menschen so zu
seinem Vorteile verändern können sage mir doch wie hast Du es angefangen dass
Du während meiner Abwesenheit ganz das Ansehen eines jungen Kavaliers gewonnen
hast
Wenn das ist sagte der junge Mensch so kommt es wohl daher dass mir Herr
Dübois so außerordentlich gute Kleider hat machen lassen die Frau Gräfin hat
mir die feinste Wäsche geschenkt und der Herr Graf gab mir vor wenigen Tagen
diese goldene Uhr damit ich wie er sagte meine Studien regelmäßig einrichten
könne dabei habe ich noch alles Geld das Sie mir schenkten Das ist Alles ganz
gut sagte der junge Graf aber woher hast Du den Anstand die vortreffliche
Haltung
Das kommt denn wohl meinte sein junger Freund lächelnd von dem lustigen
Herrn St Julien zu dem Herr Dübois viel von mir gesprochen hat und der mich
nun seit das Leben der Gräfin außer Gefahr ist täglich vexirt und mich dabei
tanzen reiten und fechten lehrt Ich versichere Sie fuhr er plötzlich in
Rührung übergehend fort hier im Schloss sind lauter vortreffliche Menschen
die Bedienten abgerechnet aber Herr Dübois meint die wären beinah nirgends so
gut wie sie oft in Büchern geschildert werden und verzeihen Sie mir wenn auch
Herr Dübois nicht so vornehm ist als sie Alle so ist er gewiss einer der Besten
hier im Schloss
Ich glaube es Dir erwiderte der junge Graf und es schmerzt mich dass ich
ihm früher Unrecht getan habe ich sehe er handelt wahrhaft väterlich gegen
Dich
Sie haben das rechte Wort ausgesprochen erwiderte der Jüngling wie ein
Vater sorgt er für mich und der Rat den er mir gibt ist jedes Mal so weise
dass ich blind vor Undankbarkeit sein müsste wenn ich ihn nicht befolgen wollte
Es war hier eine trübe Zeit im Hause so lange die Gräfin so gefährlich krank
war Der Graf sprach mit Niemandem Herr Dübois zehrte sich ganz ab vor Kummer
Herr St Julien und Fräulein Emilie weinten mit einander so oft sie sich sahen
Herr Dübois ermahnte mich mit ihm für das Leben der Gräfin zu beten und ich
tat es auch aus vollem Herzen und Gott verstand uns Beide obgleich er
katholisch und ich protestantisch betete endlich erholte sich zu unserer aller
Freude die Frau Gräfin Da sagte mir vor wenigen Tagen Herr Dübois Der Graf
will durch ein kleines Fest die Genesung seiner Gemahlin feiern und hatte sich
vorgenommen Dich an diesem frohen Tage zum ersten Male an seinen Tisch zu
nehmen ich habe ihm dies für jetzt widerraten und ich will Dir mein lieber
Sohn die Gründe sagen weshalb ich dies tat damit Du siehst dass ich es wohl
mit Dir meine Kein Mensch ist Herr seines Geschickes wir können nichts tun
als was uns auferlegt wird mit Anstand tragen und indem wir verständig unsere
Verhältnisse ordnen die schlimmen nach und nach besiegen Du mein liebes Kind
hast dies Haus unter ungünstigen Umständen betreten die ganze Dienerschaft
beleidigte Dich indem sie Dich für ihres Gleichen hielt wenn Du jetzt auf ein
Mal an der Tafel ihres Herrn speisest so müssen sie Dich zwar bedienen aber Du
kannst denken mit welchem Neide und innerem Grimm und es lässt sich nicht
berechnen welche Kränkungen Dir durch ihre Bosheit entstehen können Wenn Du
uns aber jetzt verlassen hast und uns dann nach einiger Zeit als Student
besuchst dann ist ein Zwischenraum zwischen Deiner bedrückten Lage und der
neuen Erscheinung auch hat sich die Dienerschaft dann wohl zum Teil verändert
Du hast schon mehr Ansprüche in der Welt dann speise an des Grafen Tafel und
ich will Dich gern selbst bedienen Ich erschrak vor diesem Worte denn wäre es
nicht eine wahre Gottlosigkeit wenn ich die Unverschämtheit hätte mich von
diesem ehrwürdigen Manne bedienen zu lassen Ich sagte ihm dies auch und
versicherte ihn dass ich ihm die Dienste eines Sohnes bis an mein Lebensende
leisten würde Er umarmte mich ordentlich gerührt als ob mein Gefühl etwas
Besonderes wäre und so wurde beschlossen dass so lange ich jetzt noch hier
bleibe ich fortfahre bei ihm zu speisen und zu wohnen
Der junge Graf hatte diesen Bericht nicht ohne Rührung vernommen und
beschloss dem alten Manne seinen Dank für dessen freundliche Güte zu bezeigen
Mit großem Ernst aber untersagte er seinem jungen Freunde jede persönliche
Dienstleistung und dieser musste es halb mit Kränkung halb mit Stolz
betrachten wie ein fremder Bedienter der mit ihm gekommen war den jungen
Grafen entkleidete und er verließ durch eine herzliche Umarmung beglückt
seinen edelen Beschützer um ihn der Ruhe die er bedurfte zu überlassen
VII
Es hätte zwar der junge Graf Hohental nach einer eiligen etwas angreifenden
Reise der Ruhe bedurft um so mehr da er in der jüngst vergangenen Zeit Vieles
erlebt hatte wodurch seine Kräfte erschüttert waren aber eben diese
Erfahrungen in seinem innern wie in seinem äußern Leben waren so inhaltsschwer
dass Gedanken von der wichtigsten Art und die wichtigsten Pläne lange den
Schlummer von seinem Lager scheuchten und er den Tag herbei wünschte um eine
geheime ernste Unterredung mit seinem Oheim zu suchen und doch wusste er nicht
bestimmt was er ihm sagen wollte oder durfte
Als der junge Graf vor etwa sechs Wochen das Schloss Hohental mit schwerem
Herzen verlassen hatte um zu seinen Eltern zu reisen wurde er auf diesem Wege
von ängstigenden Sorgen und beunruhigenden Gedanken gequält das Leben der
Gräfin war in Gefahr und er hatte wie es jedem edelen Menschen zu ergehn pflegt
eine um so größere Teilnahme für diese Frau gewonnen als er ihr Unrecht getan
und sie sogar in seiner dumpfen Verzweiflung beleidigt hatte und es erfüllte
ihn daher ihr Zustand mit lebhaftem Kummer Auf der andern Seite beunruhigte ihn
nicht nur die Lage seiner Eltern die ganz von dem Wohlwollen seines Oheims
abhing sondern er musste auch mit Schmerzen daran denken welche Schritte sein
Vater von ihm verlangt hatte um diesen Oheim zum Beistande zu vermögen
Schritte die indem er sie nur dachte die Röte der Scham auf seine Wangen
trieben Endlich gesellte sich zu allen diesen Sorgen durch einen Zufall noch
eine andere die für den Augenblick die ängstlichste wurde Es zerbrach nämlich
ein Rad seines Wagens und dadurch wurde er mehrere Stunden aufgehalten Da er
nun die Zeit seiner Reise genau berechnet hatte so fürchtete er sein Vater
würde schon nachteilige Verbindungen eingegangen sein ehe er mit der ängstlich
ersehnten Hilfe erschiene denn er konnte sein Vaterhaus nicht an dem Abende
erreichen welchen er als den spätesten seiner Ankunft bezeichnet hatte sondern
erst am Nachmittage des folgenden Tages eintreffen Er fand seine Mutter allein
die ihm ungewöhnlich bleich mit verweinten Augen entgegen trat Gottlob dass Du
kommst rief sie indem sie ihn mit Tränen umarmte es ist der letzte
Augenblick wenn Du Hilfe bringst wo sie uns nützlich werden kann Der junge
Graf beruhigte die leidende Mutter und fragte dann nach dem Vater Du kommst wie
ein Engel des Trostes erwiderte die Mutter noch immer weinend und berichtete
nun dass der alte Lorenz und sein Sohn erklärt hätten dass sie noch heute
abreisen würden wenn das beabsichtigte Geschäft nicht noch an diesem Tage zu
Stande käme und dass der Vater voll Misstrauen gegen seinen Verwandten alle
Hoffnung aufgegeben habe da der Sohn nicht zur versprochenen Zeit eingetroffen
sei und nun krank mit Verzweiflung im Herzen eben mit den Beiden herum fahre
um ihnen alle Vorteile des Gutes zu zeigen das ihnen noch diesen Abend
übergeben werden sollte
O Mutter rief der junge Graf schmerzlich bewegt hätte mein Vater sich mit
offenem redlichem Vertrauen an seinen edelen Verwandten gewendet niemals wäre
unsere Lage so drückend geworden dass sie ihn so tief erniedrigt hätte mir
Ratschläge zu geben die mein Gefühl mir verbietet zu wiederholen
Du hast Recht sagte die trauernde Mutter ja hätte Dein unglücklicher Vater
nur die Hälfte des Scharfsinns daran gewendet auf rechtlichen Wegen seine
Umstände zu verbessern den er darauf gerichtet hat sein Schicksal durch Mittel
zu bezwingen die ich beweinen muss so glaube ich wir würden ohne Kummer unsere
Lage betrachten aber dennoch geliebter Sohn beurteile den armen Mann nicht
zu hart denn er ist mir ein treuer Freund und Euch ein liebender Vater und der
Kummer nagt ja eben an seinem Leben und bringt ihn vor der Zeit ins Grab dass
er nichts für uns alle tun kann
Wenn uns der Vater liebt sagte der junge Graf finster so sollte er nicht
Handlungen begehen oder fordern die uns zwingen für ihn zu erröten
O still mein Kind erwiderte die sanfte Mutter Dein Herz schlägt noch mit
Jugendkraft Du kannst es noch nicht wissen wohin ein feindliches Geschick den
Menschen bringen kann Dein Vater hat in der Jugend mit aller Glut und Kraft
des Herzens geliebt ihm wurde Erwiderung geheuchelt indes seine Empfindung
verspottet und er mit dem schnödesten Eigennutz betrogen wurde und zwar durch
einen Freund dem er sich mit ganzer Seele vertraute Seine einzige Schwester
bedeutend älter als er war längst verheiratet als die älteren starben und der
Schwager benutzte als Vormund das Vermögen indes Dein Vater seine Jugend in
Dürftigkeit hinbrachte sich in Schulden verwickelte die als er mündig wurde
sich so drückend zeigten dass er die Einsicht gewann er sei genusslos verarmt
denn was ihm nach der Teilung mit seinem Schwager blieb hatte er in
immerwährender durch Dürftigkeit und Not erregter Herzensangst schon im Voraus
ausgegeben und wenn seine Schulden bezahlt werden sollten behielt er nichts
übrig Wo er sich hinwendete um Unterstützung wurde er mit Kälte als ein
Verschwender dem man nicht vertrauen könne zurückgewiesen und seine Schulden
denen seine Verwandten mit Eifer nachspürten als Beweise gegen ihn gebraucht
In dieser Bedrängnis wendete er seine Augen auf mich und wählte nicht aus
Liebe sondern aus Not mich zur Gefährtin seines Lebens und hoffte durch die
einzige Tochter eines reichen Handelsherren seine gesunkenen Vermögensumstände
wieder zu heben Meinem Vater schmeichelte vielleicht der Gedanke dass eine
Gräfin aus seinem einzigen Kinde werden solle und da er nicht gewohnt war die
Ansichten Anderer zu vernehmen so befahl er mir Deinen Vater als meinen
Bräutigam zu betrachten und bestimmte den Tag der Vermählung In der Tat fiel
es mir auch nicht ein dass ich befugt sei Einwendungen zu machen und der Tag
unserer Verbindung erschien und wurde aufs Glänzendste gefeiert Es schien als
ob Wohlstand und Glanz mit mir in unser Haus gezogen wären mein Vater gab die
nötigsten Summen bei unserer Vermählung sogleich und verlangte Dein Vater
sollte nach drei Monaten ein Verzeichnis einliefern von allen Schulden und allen
Bedürfnissen dann wolle er Alles berichtigen und unsere Haushaltung wie er
sagte auf einem solideren Fuße einrichten Jetzt erschienen dieselben Freunde
und Verwandten die Deinen Vater in seiner Bedrängnis mit Kälte abgewiesen
hatten und wünschten ihm Glück sie wurden unsere täglichen Gäste und
erschöpften sich in Herzlichkeit und zuvorkommender Liebe man fand mich höchst
liebenswürdig man lobte es dass ich bei dem großen Reichtume meines Vaters
doch gar keine Ansprüche mache kurz Dein Vater wurde noch ein Mal mit allen
Menschen versöhnt und überredete sich er habe sich geirrt und in seiner
bitteren durch die Not erzeugten Stimmung die Menschen mit zu feindlichen
Blicken betrachtet Aber ach wie bald brach dies scheinbare Glück zusammen Ein
großes Handlungshaus in England fiel und sein Sturz zog den eines
Amerikanischen und mehrerer Hamburger nach sich mit denen mein Vater in
Verbindung stand und er war schon zu Grunde gerichtet ohne es zu ahnen als er
meine Hochzeit so glänzend feierte Er konnte den Schreck nicht überwinden und
wurde vom Schlage getroffen als er die Nachricht seines Unglücks erhielt Acht
Wochen nach meiner Verheiratung wurde er begraben Jetzt wurde Alles
gerichtlich bei meinen Eltern versiegelt und die Armut übte dort ihre
furchtbare Gewalt wo eben noch Glanz und Überfluss geherrscht hatten Mein
Vater hatte von mehreren Verwandten meiner Mutter Gelder in seiner Handlung und
diese waren so vorsichtig gewesen sie mit unterschreiben zu lassen und jetzt
so schamlos die Kleider und Wäsche meiner unglücklichen Mutter verkaufen zu
lassen um sich bezahlt zu machen und die arme Frau wäre ohne Obdach gewesen
wenn nicht Dein Vater der die Verbindung mit mir nur geschlossen hatte um
Vermögen zu erlangen ihr sein Haus und seine Unterstützung angeboten hätte
Ach mein Sohn wie schnell verloren sich alle die Freunde die Dein Vater
während seines kurzen Glückes besessen hatte als meine Mutter bei uns einzog
und unsere Dürftigkeit teilte Die Besuche hörten auf und wenn unsere
Einsamkeit zuweilen gestört wurde oder wenn wir gezwungen waren Besuche zu
machen so suchte man Gelegenheit über Missheiraten zu sprechen die nie zum
Guten ausschlagen könnten und meine sanfte Seele empörte sich wenn ich diese
rohen Menschen deren mangelhafte geistige Bildung ich nur bemitleiden konnte
so reden hörte Dein Vater aber wurde durch ein solches Betragen aufs Äußerste
erbittert und beschloss jedes Mittel anzuwenden um seine Umstände wieder zu
verbessern Er studierte die Landwirtschaft eifrig aber ihm mangelten die
Mittel zu den nötigen Auslagen und die besten Pläne konnten deshalb nicht
gelingen Dies zog ihm den Spott seiner Nachbaren zu die viel zu beschränkt
waren als dass sie seine Einsichten hätten beurteilen können aber die
Verleumdung tat ihre Wirkung und unsere Lage wurde immer schlimmer Mehrere
Kinder waren geboren die unsere Sorge vermehrten Jetzt da die ganze Welt uns
feindlich gegenüber stand gewann Bitterkeit und Verachtung gegen die Menschen
die Oberhand in Deines Vaters Brust Er hatte nicht die heldenmütige Kraft der
Tugend die uns über jedes Missgeschick erhebt und da er Ursache gefunden hatte
die Menschen so tief zu verachten so glaubte er auch der Selbstachtung nicht
mehr zu bedürfen Sie beten nichts an als ihr armseliges Vermögen pflegte er
oft zu sagen sie werden sich von der kleinsten Summe nicht freiwillig trennen
um ihren nächsten Verwandten vom Verderben zu erretten so muss man sie durch
jedes Mittel der Klugheit zum Beistande zu zwingen suchen Seine Kenntnis der
Rechte wie seine Überlegenheit des Geistes führten ihn in der Tat auf manche
Mittel bald von dem Einen bald von dem Andern eine Summe als Darlehen zu
erpressen die unsern Untergang verschob aber es konnte nicht fehlen dass sich
nun alle die seine Achtung niemals verdient hatten herausnahmen Deinen Vater
zu verachten und ach die allgemeine Stimme übte eine so traurige Gewalt dass
er auch die Achtung der Besseren verlor Er wollte sich überreden dass ihm dies
gleichgültig sei aber ich sah wohl wie der Kummer darüber an seinem Leben
nagte Meine Mutter war längst gestorben und Dein Vater hatte uns durch alle von
ihm angewendeten Künste nur ein höchst dürftiges Leben gefristet Deine
Schwestern wuchsen von allen Menschen zurückgesetzt beinah ohne alle Erziehung
heran und wir waren aufs Äußerste getrieben als derselbe Lorenz der jetzt
Deines Vaters Vermögen an sich zu bringen strebt hier erschien und nachdem er
einige Stunden sich ins Geheim mit Deinem Vater unterredet hatte sich wieder
entfernte Jetzt sagte hierauf Dein Vater mit großer Heiterkeit zu mir jetzt
will ich meinen hochmütigen Vetter wohl zwingen mir beizustehen bald werde
ich die Mittel dazu in meinen Händen haben und Du mein unglückliches Weib
brauchst dann nicht mehr in Not mit unsern armen Kindern zu vergehen Wie
flehentlich bat ich ihn damals auf der Bahn des Rechten zu bleiben und sich
offen mit Vertrauen an diesen Verwandten zu wenden Er lachte mit Bitterkeit
über meinen Rat und fragte mich ob wir noch nicht Demütigungen genug erfahren
hätten ob ich nach neuen lüstern sei
Wie einen Bettler würde er mich abweisen sagte er wenn ich ihn freimütig
bäte mir von seinem Überflusse Unterstützung zu gewähren aber mit größtem
Danke wird er einen Teil seines Vermögens aufopfern wenn er fürchten muss noch
weit mehr zu verlieren
Meine Tränen flossen nun im Verborgenen denn ich wusste wohl dass ich
Deinen Vater zur Änderung seiner Ansicht nicht würde bewegen können Nach
einiger Zeit erschien der alte Lorenz von Neuem und brachte ein Pergament wofür
er eine ansehnliche Summe verlangte Ich hörte es wohl wie ihm Dein Vater alles
geben wollte was sich noch an Silber oder sonst an Sachen von Wert im Hause
befand aber dies Alles betrug nur noch eine unbedeutende Summe Auf
Verschreibungen wollte sich der Alte vollends nicht einlassen indem er
behauptete ein solcher Handel könne nur gegen baares Geld abgeschlossen werden
Dein unglücklicher Vater war so in Verzweiflung dass ich glaubte er würde jede
Rücksicht vergessen und es versucht haben dem alten Lorenz die Schrift auf die
es ihm ankam mit Gewalt zu entreißen wenn nicht in diesem Augenblicke der
Prediger gekommen wäre dem wir wie vielen Andern schuldig sind und der also
höflich empfangen werden musste
Der alte Lorenz benutzte diesen günstigen Augenblick um sich zu entfernen
und sagte mit widrigem Lächeln dass er nach einigen Wochen wieder anfragen
wollte ob der Herr Graf seine Dienste noch wünsche Von jetzt an zehrte Dein
Vater sich sichtlich ab in dem leidenschaftlichen und fruchtlosen Bestreben die
Summen zusammen zu bringen die gefordert wurden ehe der Alte die Schrift
ausliefern wollte Er erfuhr dass sein Verwandter den ungetreuen Kastellan
entlassen hatte und dies erregte in ihm eine lebhafte Freude denn er hoffte
nun mit geringeren Kosten seinen Zweck zu erreichen In der Tat bot ihm der
alte Lorenz die Schrift nun für die Hälfte der früher geforderten Summe an aber
auch seine herabgestimmte Forderung zu befriedigen war unmöglich weil er sich
nur gegen baares Geld zur Auslieferung des Verlangten verstehen wollte
In dieser sorgenvollen Zeit vermehrte der Krieg unser Unglück und der Friede
vollendete es denn Du mein geliebter Sohn kehrtest krank und des Dienstes
entlassen zu uns zurück Dein Vater wagte nun einen verzweifelten Versuch er
kannte Dich zu gut als dass er es nur hätte unternehmen mögen Dir seine
Ansichten mitzuteilen er wusste dass Du dann sein Begehren nicht erfüllen
würdest er ließ Dich also glauben Dein Oheim sei gegen uns im höchsten
Unrecht und schickte Dich ab eine Ausgleichung mit diesem ungerechten
Verwandten zu versuchen Da er überzeugt war die Schrift durch die sich Dein
Oheim gegen seine Forderung sicher stellen konnte sei noch in den Händen des
alten Lorenz so glaubte er dass jener wenn er sie vermisste sich auf einen
Vergleich einlassen würde und da er es für unmöglich hielt dass der alte Lorenz
es wagen könnte die aus dem Archive entwendete Schrift zurückzuliefern so
erregte es in ihm eine Art von Freude auch diesen zu überlisten und seinen
Diebstahl nun doch zu benutzen ohne ihm etwas dafür zu bezahlen da er sich so
unbeugsam gegen jeden Vorschlag gezeigt hatte
Ich weinte und betete im Stillen Gott möge uns aus diesem Drangsal erlösen
als der alte Lorenz von Neuem bei uns erschien aber dies Mal in ganz
veränderter Gestalt auftrat Er versicherte auf Deines Vaters ängstliche Frage
er habe die bewusste Schrift bei sich zu Hause und sie stehe demselben unter den
früher ausgesprochenen Bedingungen zu Diensten aber jetzt da er durch
glückliche Unternehmungen seines Sohnes in Wohlstand versetzt sei komme er um
uns Dienste anderer Art zu leisten Er kannte unsere gefährliche Lage ganz er
wusste welche Forderungen Deinen Vater bedrängten und machte nun die Dir
bekannten Anträge Dein Vater versprach ihm darauf einzugehen wenn Deine Reise
zu Deinem Oheim die nun beschlossen wurde fruchtlos sein sollte Mit
spöttischem Lächeln willigte der Alte und mit hochmütigter Verachtung sein
übermütiger Sohn in diesen Vorschlag ein
Du reistest ab und unsere unwürdigen Gäste fingen an sich ganz wie die
Herren des Schlosses zu betragen und ihr Übermut wuchs je mehr sie bei einem
längeren Aufenthalt die Not bemerken mussten die uns bedrängte Dein Vater
ertrug Alles standhaft und erwartete mit letzter Anstrengung seiner moralischen
Kraft Deine Rückkunft da mein geliebter Sohn erschien Dein Bote und
vernichtete alle unsere Hoffnungen Was Du von der großmütigen Gesinnung Deines
Oheims schriebst glaubte Dein Vater nicht er meinte Du hättest Dich durch
gleissnerische Reden täuschen lassen dass sein Verwandter sich wieder im Besitz
der entwendeten Schrift befand brachte ihn zur Verzweiflung denn er sah nun
keinen Grund mehr weshalb er uns helfen sollte und er weinte untröstlich eine
ganze Nacht hindurch über unsern unvermeidlichen Untergang Am andern Morgen
machte er dem alten Lorenz Vorwürfe darüber dass er die Schrift seinem
ehemaligen Herrn gegen ihre Abmachung ausgeliefert habe Der alte Heuchler
antwortete aber mit schändlicher Dreistigkeit Gott hat es nicht haben wollen
mein Herr Graf dass Sie auf diese Weise wieder zu Vermögen kommen sollten ich
bot Ihnen die Schrift erst für vierhundert Dukaten an dann wollte ich sie Ihnen
in Betracht Ihrer Umstände für zwei hundert Dukaten lassen da Sie aber auch
darauf nicht eingehen konnten so entschloss ich mich sie meinem vorigen Herrn
dessen Vater ich schon gedient hatte und für den ich also noch immer
Anhänglichkeit fühlte für hundert Dukaten zurück zu geben und seitdem ich hier
bin sehe ich ja auch deutlich genug dass Sie mir sogar diese geringe Summe
nicht hätten zahlen können Trösten Sie sich also gnädiger Herr Graf es hat
nicht sein sollen Sie wissen wohl Wer da hat dem wird gegeben werden und Wer
da nicht hat dem wird auch das noch genommen was er hat das lehrt uns selbst
das Evangelium
Dein Vater ertrug die Pein dieser letzten Tage in düsterem Schweigen es kam
keine Klage mehr über seine Lippen nur als er gestern um Mitternacht sein Lager
suchte drückte er meine Hand und sagte Wir sind verloren unser Sohn ist nicht
gekommen bis morgen Mittag wollen die Schurken nur noch warten Nachmittag alle
Einrichtungen des Gutes betrachten und den Abend den Kontrakt abschließen dann
muss ich ihnen die Wohnung hier nach wenigen Tagen überlassen und Gott weiß wo
wir unser Haupt hinlegen werden
Du kannst es denken geliebter Sohn sagte die Mutter indem sie den jungen
Mann von Neuem umarmte mit welcher Qual ich den heutigen Tag verlebt habe bis
Du mir endlich wie ein Engel des Trostes erschienst
Könnte auch ich nur Trost in dem Allen finden sagte der junge Graf indem
er mit tiefem Kummer in die weinenden Augen der Mutter blickte Ich bringe Ihnen
vollständige Hilfe und zwar von dem Manne gegen den mein Vater sich mit
nichtswürdigen Gaunern vereinigte um ihn zu betrügen O Mutter können die
Wogen des Weltmeers diesen Flecken von dem Namen eines Edelmannes abwaschen
Glaube mir erwiderte die Mutter ich fühle sein Unrecht wie Du aber sei
mild bedenke sein Unglück der alte Mann hat Alles eingebüßt Vermögen
Gesundheit die Achtung seiner Mitbürger und seiner selbst soll er ganz
verzweifeln wenn er sieht dass er auch die Liebe seines Weibes und seiner
Kinder verloren hat
Der junge Graf schwieg und bedeckte sein Gesicht mit den Händen bis das
Geräusch eines vorfahrenden Wagens Beide aufschreckte Sie trockneten schnell
die herabströmenden Tränen und gingen dem Vater entgegen der wie der Sohn mit
Schmerzen bemerkte nur mit Mühe aus dem Wagen steigen konnte weil seine Füße
geschwollen waren Sein Gesicht war bleich und entstellt er atmete schwer aus
beklemmter Brust und konnte auf den Arm des Sohnes gestützt durch heftiges
Husten gehindert nicht so schnell die Treppe ersteigen wie seine zitternde
Eile es verlangte er sah mit scharfen Blicken abwechselnd in die verweinten
Augen der Mutter und des Sohnes die ihm schlimme Vorzeichen zu sein schienen
Der alte Lorenz blickte mit lauerndem Lächeln von dem jungen Grafen auf seinen
Sohn und dieser erwiderte den Blick des Vaters durch ein spöttisches Zucken
des Mundes Alles dies entging dem alten kranken Grafen nicht der sich um so
mehr beeilte sein Zimmer am Arme des Sohnes zu erreichen dessen Zorn beim
Anblicke des beinah vernichteten Vaters schwand Sie hatten endlich die Treppe
erstiegen und der Vater zog den Sohn in sein Kabinet und sagte indem er noch
dessen Arm umschlossen hielt in heftigster Angst Sprich es nur aus zögre nur
nicht Du bringst nichts wir sind verloren
Könnte doch dadurch Alles gut werden sagte der Sohn indem er beide Hände
des Vaters fasste dass ich Ihnen vollständige Hilfe bringe Wie war das sagte
der Vater indem er durch den freudigen Schreck ermattet sich in einen
Lehnstuhl senkte hast Du die nötigen Summen
Ich habe alles erhalten was wir brauchen erwiderte der Sohn und zwar
ohne Anstrengung ohne Künste O mein Vater wie sehr haben wir den besten der
Menschen verkannt Lass das jetzt rief der Vater indem ein Strahl der Freude in
seinen erlöschenden Augen aufblitzte wir wollen uns schnell die beiden Schurken
vom Halse schaffen die mich ganz wie ihres Gleichen behandelt haben Ach mein
Vater seufzte der Sohn Lass alle Erklärungen rief der Vater wenn die Beiden
aus dem Hause sind dann wollen wir über Alles sprechen Er wollte sich schnell
erheben um dies sogleich auszuführen aber der Husten der ihn von Neuem
überfiel verhinderte ihn an der Ausführung seines Vorsatzes Es währte eine
halbe Stunde ehe der Kranke sich von der Anstrengung des heftigen Hustens
erholen konnte Ich habe mich um der Schurken Willen heute noch erkältet sagte
er endlich und dies wird mir um so nachteiliger da ich schon krank war ehe
wir in den Wagen stiegen aber komm nur wir wollen sie nun gleich abfertigen
Er erreichte auf den Arm des Sohnes gelehnt den Saal in dem die Mutter mit
dem alten Lorenz und dessen Sohne ein gleichgültiges Gespräch zu führen suchte
So krank der alte Graf sich auch fühlte so richtete er sich doch stolz empor
und sagte mit vornehmer Höflichkeit zu den Beiden Es tut mir leid meine
Herren dass Sie sich so lange vergeblich bei mir aufgehalten haben da aus
unsern früheren Plänen nichts werden kann weil ich gesonnen bin meinem Sohn
die Güter zu übergeben und ich beklage nur fügte er spöttisch lächelnd hinzu
dass Sie sich heute die unnütze Mühe gemacht haben Alles in meiner Wirtschaft
zu betrachten die Sie niemals führen werden
Der alte Lorenz so wohl als sein Sohn waren nach dieser Erklärung sichtlich
bestürzt aber da sie fühlten dass alle ferneren Versuche vergeblich sein
würden ging der Sohn hinweg um seinem Bedienten zu befehlen die Pferde
anspannen zu lassen Nicht eine Sylbe wurde gesprochen um diesen Vorsatz zu
verhindern obgleich die Abenddämmerung schon eintrat und beide unwürdige Gäste
mussten sich von dem Schloss entfernen das sie schon wie ihr Eigentum
betrachtet hatten
Gottlob rief der alte Graf als sie das Haus verlassen hatten nun ist die
Luft wieder rein aber ich fühle mich krank und ermattet ich will mich zur Ruhe
begeben und Tee im Bette trinken das wird mir wohl tun und dann sollst Du
mein Sohn mir Alles erzählen Der junge Graf zog die Klingel um einen
Bedienten herbei zu rufen aber wie heftig er dies auch in kurzen Zwischenräumen
wiederholte so zeigte sich doch Niemand um den Kranken zu entkleiden Der Sohn
ging endlich selbst um einen Diener aufzusuchen aber seine Mühe war
vergeblich Von der zahlreichen Dienerschaft war Niemand zu finden Es hatte
sich in diesem Hause ein Jeder nach und nach so viele Freiheiten genommen und
so viele Dienstleistungen von sich abzulehnen gewusst dass zwar viele Menschen
darin waren die ernährt werden mussten aber niemand der wahrhaft nützlich
gewesen wäre Da man ihnen allen den Lohn schuldig bleiben musste so fanden sie
Mittel sich auf andere Weise bezahlt zu machen und indem ihre Forderung jeden
Monat anwuchs konnten sie um so trotziger bei jedem Tadel den die Herrschaft
auszusprechen wagte erwidern Zahlen Sie mir meinen Lohn aus so verlasse ich
Ihren Dienst sogleich Der junge Graf seufzte bei dieser fühlbaren Zerrüttung
des ganzen Hauswesens und dachte an die edle Einfachheit und Ordnung in dem
Hause seines Oheims
Da er seinen Zweck gänzlich verfehlte und keinen Diener fand so kehrte er
zu seinem Vater zurück den er im heftigen Fieberfrost zitternd fand die Mutter
war hinunter gegangen um Tee zu besorgen denn auch dies machte Schwierigkeit
da es etwas früher als gewöhnlich geschehen sollte Der Zustand des alten Grafen
erregte das innigste Mitleid des Sohnes er führte den alten Mann nach dem
Schlafzimmer und leistete ihm selbst die nötige Hilfe um ihn zur Ruhe zu
bringen Indes hatte die Mutter jemanden gefunden der Tee besorgen wollte und
der Kranke fühlte seinen Zustand bald merklich durch Ruhe und Wärme erleichtert
Jetzt erzähle mir sagte er nun zum Sohne wie es Dir gelungen ist Deinen Oheim
zum Beistande zu bewegen So wie ich ihn mit unserem Bedürfnisse bekannt machte
erwiderte der junge Mann war er zu jeder Hilfe bereit
Wie sagte der Vater in heftiger Bewegung er schlug Dir nicht zuerst Alles
ab er ließ Dich nicht zwanzig Mal Deine Bitte wiederholen um sich an Deiner
Erniedrigung sich ergötzend nach und nach etwas abpressen zu lassen
Nichts von allem Dem erwiderte der Sohn er gab mir die nötigen Summen
um hier einigermaßen Ordnung hervorzubringen und trug mir auf so bald als
möglich mit einer vollständigen Berechnung unserer Bedürfnisse wiederzukehren
damit er uns gründlich helfen könne Und was sagte er zu meinen Ansprüchen
fragte der Kranke indem die Röte der Scham auf seinen Wangen brannte
O mein Vater antwortete mit dem Ausdrucke höchsten Schmerzes der Sohn er
zeigte mir dass wir keine haben wie ich Ihnen dies schon in meinem Briefe
meldete und legte mir zur Bestätigung eine Schrift vor die Sie nicht in seinen
Händen glaubten
Der Kranke wendete sich seufzend ab und antwortete nicht worauf der Sohn
nach kurzem Schweigen seine Hand ergriff und im Tone milden Vorwurfs sagte Sie
haben mein Vater in diesem Verwandten den edelsten besten Menschen verkannt
und sich Mittel gegen ihn anzuwenden erlaubt deren Gebrauch für Sie selbst
schmerzlich und beschämend sein muss und mich schon um desswillen unglücklich
macht weil ich als Ihr Sohn der immer mit Ehrfurcht zu Ihnen sollte reden
können diese Worte des Vorwurfs aussprechen muss
Der Kranke wendete sich um richtete sich mit heftiger Bewegung auf und
sagte dann nicht ohne Bitterkeit Ich weiß es aus eigener Erinnerung dass die
Jugend nichts so freigebig bietet als Achtung auf der einen und Verachtung auf
der andern Seite und dass sie häufig in beiden Fällen Unrecht hat Missverstehe
mich nicht fuhr er eifrig fort da er sah dass der Sohn antworten wollte es
kann sein ja ich glaube es selbst dass ich Deinem Oheim Unrecht getan habe
aber kann dies wohl beweisen dass ich überhaupt im Irrtume gegen die Menschen
und im Unrecht gegen sie bin wenn er eine Ausnahme von der Regel macht und Du
vielleicht unter hunderttausenden nicht noch einen finden wirst der auf gleiche
Weise handelt Die Menschen haben mein Herz zerfleischt wohin ich mich wendete
In glücklichen Tagen hat mich Betrug Bosheit Neid und Missgunst verletzt in
unglücklichen wurde ich durch Härte Spott und Verachtung gekränkt Ich fand
nicht eine Ausnahme nicht einen einzigen Freund was konnte ich denn also in
diesen Menschen lieben und achten Glaube mir setzte er mit milderer Stimme
hinzu wenn die Tugend des Menschen auch nicht selbst eine Zufälligkeit ist so
hängt sie doch fast immer von zufälligen Umständen ab Wäre ich so glücklich
gewesen in meiner Jugend einen wahren Freund einen wohlwollenden Verwandten
anzutreffen so hätten sich meine Vermögensumstände herstellen lassen und indem
ich nach meiner Neigung ohne Sorgen hätte leben können hätte ich auch die
gewöhnliche Liebe und Achtung für die Menschen behalten denn ihr wahres
verächtliches Inneres hätte ich dann niemals erkannt und durch die fortgesetzte
Täuschung wäre ich im Frieden mit mir selbst erhalten worden Du bist darin
glücklicher als ich setzte er hinzu indem er dem Sohn liebevoll die Hand
reichte Du hast angetroffen was ich durch Gebet und Tränen in der Unschuld
meiner Jugend oft herbeirufen wollte und die sogenannte Tugend in Deiner Brust
wird nicht durch ein so trübseliges gramvolles Leben erschüttert werden wie
ich es habe erdulden müssen Ich weiß es Du wirst wenn Du auch Mitleid mit mir
hast meinen Worten dennoch nicht Glauben schenken und ich zürne Dir deshalb
nicht ja es freut mich selbst um Deinetwillen denn Du wirst die Achtung der
Menschen und Deiner selbst dadurch bewahren und glaube mir es ist ein Unglück
dessen Tiefe Du nur schaudernd ahnden kannst das Gefühl dieser Achtung zu
verlieren
Hätte der Sohn auch so hart sein mögen die Ansicht des Vaters zu bekämpfen
die dieser sich gewissermaßen zum Troste aufzustellen bemühte so würde dies
schon durch den sich plötzlich verschlimmernden Zustand des Kranken unmöglich
geworden sein Die lange leidenschaftliche Rede hatte den alten Grafen
angegriffen ein heftiger Husten war die Folge der sich mit einem Blutsturz
endigte Die Mutter und der Sohn waren in Verzweiflung aber der Anfall ließ zu
ihrem Troste bald nach und der Sohn verlangte nun es sollte zum Arzte mit
größter Eile gesendet werden Es wird nichts helfen sagte der Kranke mit
ersterbender Stimme und die Tränen der Mutter bestätigten seine Ansicht
Warum fragte der Sohn was kann ihn hindern Wir haben öfter nach ihm
geschickt sagte die kummervolle Mutter aber immer vergeblich vermutlich weil
wir ihm einen früher geleisteten Beistand noch nicht haben bezahlen können Die
Flammen des Zornes röteten die Wangen des Sohnes und er verstand ein schwaches
Lächeln des Kranken das ihn an die Menschenkenntnis seines Vaters erinnern
sollte
Ich werde selbst hinfahren und ihn gewiss mitbringen sagte der Sohn
entschlossen und verließ die Eltern um Bediente aufzusuchen die sich nun
endlich eingefunden hatten Indes nach seinem Befehle ein leichter Wagen
angespannt wurde nachdem er noch erst die Einwendungen mit einiger Heftigkeit
beseitigt hatte die der Kutscher erheben wollte kamen seine Schwestern von
einem Besuche beim Prediger nach Hause und begrüßten mit lärmender Freude den
Bruder indem sie sich auf wilde unordentliche Art von den hindernden Hüten und
Mänteln befreiten Er umarmte Beide herzlich aber es war ihm nicht möglich die
von der Sonne gebräunten Gesichter die wenig geschonten Hände und Arme die
Wildheit der Gebehrden ohne Schmerz zu bemerken Ihn erschreckten die lauten
heftigen Stimmen und innig betrübten ihn all die Zeichen einer vernachlässigten
Erziehung indem er an Terese und Emilie dachte deren natürliche Schönheit
durch eine anständige Haltung und edle Gebehrden gehoben wurde Er ermahnte die
sorglosen Schwestern leise aufzutreten und den kranken Vater nicht durch ihre
lauten Stimmen zu erschrecken So ist der Vater krank fragten sie ängstlich
und die großen unschuldigen Augen schwammen in Tränen Habt Ihr denn das noch
nicht bemerkt fragte der Bruder durch die gutmütige Trauer in den
unschuldigen Gesichtern bewegt Er ist seit einigen Tagen nicht wohl erwiderte
die ältere Schwester aber er sagte selbst es hätte nichts zu bedeuten Ich
fahre jetzt zum Arzt versetzte der Bruder wenn ich mit ihm zurück komme dann
werden wir hören ob der Zustand unseres Vaters bedenklich ist Er verließ die
Schwestern und warf sich in den Wagen um in möglichster Eile den Beistand
herbei zu schaffen der in diesem Augenblicke so wichtig war da er nicht ohne
Grund die Wiederholung des Blutsturzes fürchtete Der eine Meile entfernte Arzt
war bald erreicht indes der junge Graf wurde nur kalt von ihm empfangen er
machte Einwendungen dagegen mitzufahren er verlangte der junge Mann solle ihm
den Zustand seines Vaters schildern so wolle er die nöhigen Mittel
verschreiben Als ihm aber von dem jungen Grafen die früher geleistete Hilfe
freigebig bezahlt und die gleiche Freigebigkeit für den jetzigen Fall
zugesichert wurde änderte er seine Ansicht und entschloss sich selbst
mitzufahren um den Kranken zu sehen
Aus tiefster Brust seufzend trat der bekümmerte Sohn an der Seite des ihn
begleitenden Arztes den Rückweg an Die Bemerkungen seines Vaters beschäftigten
seine Seele und er konnte es sich nicht abläugnen dass die Empfindungsweise und
die Lebensansicht eines Jeden wenigstens zum Teil von seiner äußern Lage
abhängig sei Wie soll mein Oheim dachte er die Menschenverachtung meines
Vaters nur verstehen da der verächtlichste Eigennutz sich dem Einen ohne
Rückhalt zeigt weil er nichts glaubt gewinnen zu können und also nichts zu
schonen braucht indes er sich dem Andern ewig verbirgt weil er seiner
Befriedigung gewiss ist und sich ihm auf diese Weise als Anhänglichkeit
aufrichtige Freundschaft Anerkennung des Verdienstes und Gott weiß für welche
Tugend verkauft
Der ihn begleitende Arzt ahnte nicht dass er das finstere Nachdenken des
jungen Mannes veranlasst hatte und glaubte die Besorgnis für den Vater allein
in dessen einsylbigen Worten zu erkennen er suchte ihm also Mut einzusprechen
und der junge Graf würde sein Bestreben dankbar erkannt haben wenn er sich
nicht hätte gestehen müssen dass nur der befriedigte Eigennutz die
Menschlichkeit in der Brust des Arztes erweckt habe Der Rückweg wurde mit
derselben Schnelligkeit gemacht die man angewendet hatte den Arzt zu
erreichen obgleich der Kutscher laut genug bemerkte damit der junge Graf es
hören sollte die Pferde würden wohl umfallen wenn sie den Stall erreichten da
sie so wenig Hafer bekämen und doch übermäßig angestrengt würden
Man hatte endlich die kleine Reise vollendet und der Arzt fand den Kranken
zwar nicht ohne Fieber aber doch schlummernd auch hatte sich der Blutsturz
nicht erneuert und er glaubte hierauf beruhigende Hoffnungen gründen zu können
Der ängstliche Sohn drang hierauf in den Arzt einige Tage zu bleiben um den
Gang der Krankheit zu beobachten und dieser willigte ohne Schwierigkeit ein
Die Blicke der Mutter waren etwas ängstlich bei diesen Einrichtungen und
der Sohn bemerkte bei der dürftigen Abendmahlzeit die Ursache dieser
Ängstlichkeit und seine Seele wurde mit innigster Wehmut über die traurige
Lage seiner Eltern erfüllt als deren Opfer der Vater eigentlich fiel und die
sich während seiner Abwesenheit so sehr verschlimmert zu haben schien
Es war von dem Arzte bekannt dass er eine gute Tafel liebte und der junge
Graf entschuldigte die Mangelhaftigkeit des heutigen Mahles mit der Unruhe die
des Vaters Krankheit verursacht habe Als noch die nötigen Verordnungen für die
Nacht gegeben waren zog sich der Arzt in ein nahes Zimmer zurück damit er
sogleich gerufen werden könnte wenn ein bedenklicher Zufall eintreten sollte
Der besorgte Sohn hieß die ältere Schwester am Bette des Vaters verweilen und
winkte die Mutter hinaus um ihr zu vertrauen dass er gleich des andern Tages
eine neue Ordnung des Hauses einzuführen gedächte Er erkundigte sich bei der
Mutter welche sie für die brauchbarsten von den vielen unnützen Bedienten
hielte und erklärte diese fürs Erste behalten und alle andern entlassen zu
wollen Die Mutter weinte Freudentränen als sie vernahm dass der Sohn auch
dazu die Mittel von dem verkannten Oheim empfangen hatte auch dass er alle
Bedürfnisse im Hause sogleich befriedigen und die nötigen Vorräte sogleich
anschaffen könne Die von der Mutter genannten Bedienten wurden aufgezeichnet
die weibliche Dienerschaft sollte ganz erneuert werden denn von dieser
versicherte sie müsse sie am Meisten leiden
Es war spät geworden und der junge Graf warf sich in den Kleidern auf sein
Bett weil er am frühen Morgen die Verbesserung des Hauswesens beginnen wollte
Er stand um drei Uhr nach kurzem Schlummer zu diesem Endzweck auf und wollte
einen Diener selbst rufen um nicht vielleicht durch das Herbeiströmen aller
wenn er die Klingel zöge ein unnützes Getöse im Hause zu erregen doch diese
Sorge war vergeblich
Es war kein Mensch im Hause und auch die Ställe waren leer und als sich
endlich ein schlaftrunkener Knabe fand erfuhr der junge Graf auf seine
Erkundigung dass im nächsten Dorfe eine Hochzeit sei wohin sich die ganze
Dienerschaft begeben habe indem sie sich der Pferde zu diesem Zweck bedient
hätte
Ein Trinkgeld machte den Knaben munter der nun abgesendet wurde um die
freche Dienerschaft von ihrer Belustigung abzurufen und nach einer Stunde kamen
sie zu Fuß und zu Pferde zurück und verfügten sich mit einiger Verlegenheit auf
das Zimmer des jungen Grafen wie es ihnen befohlen war Auf seine Vorwürfe über
ihre Unverschämtheit erfolgte ihre gewöhnliche Antwort dass man ihnen ihren Lohn
auszahlen und sie entlassen möchte wenn man mit ihren Diensten nicht zufrieden
sei Als aber dem ersten der dies Wort gesprochen hatte der Wunsch erfüllt und
ihm ernstlich angedeutet wurde binnen einer Stunde das Schloss zu verlassen
traten die andern schüchtern bei Seite baten um Verzeihung und gelobten
ernstlich Besserung Der junge Graf nahm nun die beabsichtigte Reinigung vor
die frechsten Trunkenbolde wurden entlassen und die Verabschiedeten wie die
Bleibenden bezahlt Einem Jeden wurde sein Geschäft angewiesen und ihnen
ernstlich versichert dass ein Zeichen des Ungehorsams eine unehrerbietige Miene
ihre Verabschiedung sogleich veranlassen würde
Dem Jäger wurde befohlen Wild herbei zu schaffen Andere mussten für Fische
sorgen aus dem nächsten Städtchen wurde Wein und andere Bedürfnisse gebracht
und zugleich das bei einem dasigen Juden verpfändete Silbergerät
zurückgenommen und so wurde es möglich zur innigen Freude der Mutter dem
Arzte anständige Mahlzeiten anzubieten und ihn auch in dieser Hinsicht zu
befriedigen Im Vorzimmer wartete beständig ein Diener und die leiseste
Bewegung der Klingel rief ihn herbei um die Befehle der Herrschaft ehrerbietig
zu vernehmen
Der Kranke war erwacht und betrachtete lächelnd die Sorgfalt mit welcher
der Arzt sich für seine Herstellung bemühte die ehrerbietig aufwartenden
Bedienten den veränderten Ton des ganzen Hauses Nicht wahr fragte er den Sohn
etwas spöttisch Du erkennst die Macht des Geldes Wie war ich verlassen
verhöhnt von den Bedienten selbst vernachlässigt Du bringst dies Zaubermittel
und siehe die Verwandlung Aber sage mir doch fuhr er fort ich habe die Nacht
daran gedacht da Dein Oheim so bereit ist seine Schätze mitzuteilen so hat
wohl der junge Franzose von dem uns der alte Lorenz erzählte schon
beträchtliche Summen im Voraus genommen auf die ihm für die Zukunft bestimmte
Erbschaft
Ach mein Vater erwiderte der Sohn indem die Erinnerung an beschämende
Auftritte seine Wangen rötete zu welchen erniedrigenden Schritten hat mich
auch in dieser Hinsicht Ihre falsche Ansicht verleitet Der junge Mann ist weit
davon entfernt meinen Oheim missbrauchen zu wollen Er ist ein edler feuriger
liebenswürdiger Mensch der die Liebe des Oheims verdient und sie aufs
Zärtlichste erwidert aber dessen Geld nicht bedarf davon habe ich Gelegenheit
gehabt mich zu überzeugen er erhielt große Summen von seiner Mutter und würde
sie bei der Freundschaft deren er mich würdigte im Falle mein Oheim mir meine
Bitte abgeschlagen hätte mit mir geteilt haben wenn ich mich hätte
entschließen können ihn darum zu ersuchen
So so sagte der Kranke nun und der französische Haushofmeister ist der
auch so tief in Edelmut versunken
Ich weiß nicht was ich Ihnen antworten soll erwiderte der Sohn gereizt
Ich wollte nur wir hätten hier jemanden der so treu so uneigennützig mit
wahrer Ergebenheit für seine Herrschaft die Wirtschaft verwaltete wie dieser
gute alte Mann den der Oheim mit Recht nicht wie einen Diener sondern wie
einen Freund behandelt und der sich doch nie in diesem Verhältnis überhebt und
so nahe er seiner Herrschaft auch durch die Liebe mit der er ihr ergeben ist
stehen mag sich doch äußerlich immer in ehrerbietiger Ferne hält
Das ist wahr sagte der Kranke spöttisch die Hofhaltung Deines Oheims
liefert ja ein Abbild des himmlischen Paradieses er tront ja recht in
glänzender Herrlichkeit auf seinem Schloss und sammelt alles Schöne und Edle
um sich her Nun und die Damen fuhr er fort sie sind wohl auch frei von allem
verwundenden Stolz von aller kleinlichen Eitelkeit und Ziererei sie verehren
wahrhaft den großen Mann und täuschen ihn nicht durch scheinheilige Lüge um ihn
zu betrügen indem sie innerlich über seine Anmassung lachen nicht wahr mein
guter Sohn fragte er mit scheinbarer Treuherzigkeit sie sind eben so edel
eben so trefflich wie alles Übrige auf Schloss Hohental
Der Sohn konnte den Zorn über die schnöde Undankbarkeit des Vaters nicht
mehr bewältigen und war im Begriffe etwas Heftiges zu erwidern als die Mutter
ihre Hand sanft auf seinen Arm legte und sagte Du siehst dass Dein Vater sich
heut um Vieles besser befindet als gestern da er selbst heiter werden und
scherzen kann Der Kranke fühlte das Unziemliche seiner Reden und sagte in einer
Anwandelung von Reue Ich fühle es ja selbst wie vielen Dank ich Deinem Oheim
schuldig bin durch seinen Beistand ist es mir wenigstens so gut geworden ruhig
und mit Anstand sterben zu können obgleich es mir nie so wohl geworden ist so
zu leben aber die langen Jahre des Duldens des Zornes des Kummers haben mein
Herz verhärtet und mit Bitterkeit erfüllt es wird mir deshalb nicht so leicht
wie Du glaubst zu den Empfindungen der Jugend zurückzukehren die Du die
besseren nennst Hätte ich früher nur einen einzigen Menschen angetroffen der
mir großmütige Liebe bewiesen hätte so würde ich den Glauben an die Menschen
nicht verloren haben Sein Auge traf indem er dies sagte den kummervollen von
Tränen umschleierten Blick der Gattin er bot ihr die Hand und sagte nicht ohne
Rührung Dich habe ich freilich getroffen Du gute treue Seele ein Befehl
bestimmte Dich Dein Geschick mit dem meinen zu verknüpfen und dennoch ist
Deine Liebe und Treue in unwandelbarer Sanftmut mein eigen geblieben auf dem
langen dornenvollen Wege des Lebens den wir mit einander wandeln mussten aber
Deine Liebe konnte nicht mein Schicksal bezwingen Du konntest mir keine Hilfe
bieten
Die Bewegung des Gemüts und das viele Sprechen erregte den gefährlichen
Husten des Kranken so dass der Arzt herbeieilte und nachdem der Anfall vorüber
war das häufige Sprechen untersagte und vor allen Dingen Ruhe des Gemüts
empfahl
Als die Familie wieder allein war sagte der Kranke spöttisch Die Ruhe des
Gemüts hat er mir immer ganz besonders empfohlen und jetzt wird es mir auch
möglich dies Recept zu benutzen Aber wenn die täglichen Sorgen des Lebens mich
niederbeugten und ich den Meinigen weder Nahrung noch Kleider so wie sie es
bedurften verschaffen konnte wenn an jedem Posttage zwanzig Mahnbriefe und
gerichtliche Verfolgungen mich ängstigten wenn ich mich meiner Dürftigkeit
wegen überall verachtet und selbst von den Bedienten vernachlässigt sah wenn ich
in unserer drückenden Not immer neue Verluste entstehen sah weil ich sie auch
nicht durch die kleinste Auslage abwenden konnte wie sollte ich es denn da
möglich machen die Gemütsruhe mir anzueignen die der gute Arzt so notwendig
findet
Der Sohn bat den Vater sich jetzt aller Sorgen zu entschlagen und da nun
hoffentlich Alles besser gehen würde der Vorschrift des Arztes zu folgen und
auch das Sprechen zu vermeiden um nicht den Husten zu reizen Der Kranke fügte
sich willig dieser Bitte und der Sohn verließ das Krankenzimmer nicht ungern
weil die Denkungsart seines Vaters ihn im innersten Herzen verwundete Er hielt
es jetzt für seine Pflicht das angefangene Werk zu vollenden und nach der
Anleitung seines Oheims Ordnung in alle Zweige der Wirtschaft zu bringen er
ließ also den Verwalter rufen der willig mit ihm in alle Zweige der Verwaltung
einging und ihm mit herzlichem Bedauern alle Nachteile zeigte die im Laufe des
Jahres durch den Mangel aller Vorräte und durch die Unmöglichkeit Auslagen zu
machen hatten entstehen müssen und der junge Graf konnte leicht berechnen dass
die Familie seines Vaters allein von dem was auf diese Weise verloren worden
war anständig hätte leben können Der Verwalter stimmte seiner Ansicht mit
vollkommener Überzeugung bei und machte ihn noch auf die Nachteile aufmerksam
die dadurch hatten entstehen müssen dass keiner von den Beamten hatte bezahlt
werden können Der junge Graf nahm hiebei Gelegenheit zu fragen wie viel er
selbst zu fordern habe Es ergab sich dass er seit vier Jahren keinen Gehalt
bekommen hatte und er versicherte er würde dem gnädigen Herrn gewiss nicht
beschwerlich gefallen sein wenn die Not ihn nicht dazu gezwungen und da man
gehört habe dass die Güter verpachtet werden sollten so habe er als Vater von
acht Kindern die Pflicht gehabt für diese zu sorgen Der junge Graf verstand
ihn nicht und fragte ihn ob er etwas von seinem Vater erhalten habe Mein
gnädiger Herr Graf erwiderte der alte Mann seit vier Jahren nicht einen
Heller deshalb zwang mich die Not und Sorge für acht unerzogene Kinder
unbescheiden zu sein Es fiel dem jungen Manne wohl auf ihn trotz der so oft
erwähnten Not so überaus gut gekleidet zu sehen indes da er in allen
Verhältnissen so wohl unterrichtet schien und so guten Willen zeigte so entließ
er ihn mit der Versicherung er würde ihn bald in seiner Wohnung aufsuchen um
das Nähere mit ihm zu verabreden Er schickte ihn hinweg um ihm nicht seinen
Geldvorrat sehen zu lassen weil er fürs Erste nur die Hälfte seiner Forderung
zu befriedigen gedachte denn die Berichtigung der ganzen Rechnung würde eine zu
empfindliche Lücke in seinen kleinen Schatz gemacht haben Er folgte also dem
Verwalter nach einer Viertelstunde und suchte ihn in seiner Wohnung auf um die
Not des guten Alten von der er ihm so viel vorgesprochen sogleich zu mildern
Er traf ihn mit acht sehr wohlgekleideten Kindern die ein Privatlehrer eben
in verschiedenen Wissenschaften unterrichtete und es drängte sich dem
verwunderten jungen Grafen die Bemerkung auf dass der gute rechtliche
Verwalter wie er sich selbst nannte andere Mittel haben müsse den Aufwand
seiner Haushaltung zu bestreiten als seinen rückständigen Gehalt Er konnte die
große Verlegenheit des Alten nicht begreifen mit der er seinen zweijährigen
Gehalt als die Hälfte seiner Forderungen empfing so wenig als die wiederholten
Versicherungen dass er den gnädigen Herrn Grafen nicht gedrängt haben würde
wenn die Güter nicht hätten verpachtet werden sollen
Wenige Stunden darauf löste sich aber dieses Rätsel Es traf nämlich eine
gerichtliche Zuschrift an den alten Grafen ein die Mutter und Sohn zu lesen
beschlossen ohne sie dem Kranken mitzuteilen um ihm unnötigen Verdruss zu
ersparen Aus diesem Schreiben nun ergab sich dass der gute alte Verwalter bei
den Behörden mit der Bitte eingekommen war die Erndten seines Herrn zu seinem
Vorteile in Beschlag zu nehmen bis er befriedigt sei ehe die Güter dem
Pächter übergeben würden
Der junge Graf war so aufgebracht dass er dem Verwalter sogleich das noch
rückständige Geld auszahlen und ihn in derselben Stunde entlassen wollte die
Mutter aber widerriet ihm diese übereilte Maßregel und er sah selbst ein dass
es besser sei nicht in der ersten Hitze zu handeln sondern alle Rechnungen
genau durchzugehen ehe er einen Mann entliesse der es verstand vier Jahre mit
einer zahlreichen Familie anständig ohne alle rechtlichen Einkünfte zu leben
In solchen Beschäftigungen gingen mehrere Tage hin Der Arzt hatte das
Schloss verlassen weil die Besserung des Kranken sichtlich fortschritt und der
junge Graf dachte schon daran nach Schloss Hohental zurück zu kehren und dem
Oheim Bericht über Alles was er getan abzustatten Er wurde an der Ausführung
dieses Vorsatzes nur dadurch gehindert dass einige von seinen Kameraden die
wie er verabschiedet waren ihn besuchten und erst in behutsamen Gesprächen
endlich mit offenem Vertrauen ihm Entwürfe und Pläne mitteilten die seine
eignen Angelegenheiten ihm klein und unbedeutend erscheinen ließ und seine
Seele mit einer Glut erfüllten die er vor Allem vor seinem Vater verbarg Die
Rettung des Vaterlandes schien möglich auf dem Wege den man ihm zeigte
Preußens alter Kriegsruhm konnte sich erneuern ja schöner herrlicher wieder
aufblühen als jemals Diese Träume konnten wirklich werden wenn alle treuen
Herzen sich in der Stille vereinigten und dem edelen Könige der sein Schicksal
mit erhabener Milde trug wie dem bedrängten Vaterlande ihr Blut und Leben
weihten
Auch um über diese Pläne einer innigen Verbindung aller Treuen mit seinem
Oheime sich zu beraten sehnte sich der junge Graf nach Hohental und um wie
er sich leise gestand die lang genährte Zärtlichkeit für die liebensdige
Terese dem väterlichen Freunde zu vertrauen denn bei seines Vaters
Lebensansichten und dessen feindlichem Spott über Armut und uneigennützige
Liebe konnte es ihm nicht einfallen mit seinem nächsten Anhörigen über seine
Neigung zu sprechen
In dieser Stimmung erwartete er mit Sehnsucht den Arzt um seine Meinung
über den Kranken zu vernehmen und danach seine Reisepläne zu bilden als dieser
eines Abends einen neuen und viel heftigeren Anfall des Blutsturzes erlitt der
die ganze Familie in Schrecken versetzte Der Arzt wurde herbeigerufen der dies
Mal nicht zögerte zu kommen aber seine bedenklichen Mienen als er den Kranken
erblickte so wie seine viel strengern und ängstlicherern Vorschriften ließ
das Schlimmste befürchten Er verließ das Schloss nicht mehr und widmete dem
alten Grafen alle Sorge und alle Aufmerksamkeit aber keine menschliche Kunst
konnte die Wiederholung des Übels verhindern und der alte Graf deutete
sterbend auf seine weinende Frau und die jammernden Töchter indem er matt die
Hand des Sohnes drückte und sein Geist entschwand der körperlichen Hülle
Mit inniger Trauer schloss der Sohn die Augen des dahingeschiedenen Vaters
und führte die weinende Mutter von dem Sterbebette hinweg Er empfahl den
Schwestern ihren Jammer zu mäßigen und durch verdoppelte Liebe die Mutter zu
trösten Er selbst durfte sich keiner untätigen Trauer überlassen weil die
Sorge für die Familie deren Haupt und einzige Stütze er nun geworden war seine
ganze Tätigkeit in Anspruch nahm Als das Notwendigste geordnet und die
irdischen Reste seines Vaters zur Erde bestattet waren eilte er nach Schloss
Hohental um den Rat seines Oheims in höchst wichtigen Angelegenheiten zu
vernehmen
VIII
Nach kurzem Schlummer erhob sich der junge Graf von seinem Lager um noch vor
dem Frühstücke den Oheim aufzusuchen den er in seinem Kabinet mit der
Durchsicht vieler Papiere beschäftigt fand Der junge Mann eilte seinem
väterlichen Freunde Bericht darüber abzustatten wie er die Angelegenheiten
seines Vaters habe ordnen wollen als dessen Tod sie zu seinen eigenen gemacht
habe Er sprach mit Rührung von seines Vaters traurigem Leben und suchte die
Ansicht des Oheims über dessen Charakter dadurch zu mildern dass er sich zu
zeigen bemühte wie unglückliche Verhältnisse ihn zur Menschenfeindlichkeit und
Menschenverachtung geführt hätten Wir tun gewiss immer gut erwiderte ihm der
Oheim wenn wir alle Erscheinungen im äußeren Leben als unsichere Zeichen des
wahren Innern betrachten und unser Urteil über die Menschen mild sein lassen
wenn wir auch nicht alle ihre Handlungen zu rechtfertigen vermögen
Dies würde uns aber zum völlig untätigen Dulden führen versetzte sein
junger Freund
Gewiss nicht erwiderte der Graf denn die Milde mit welcher ich den
Menschen betrachte der mir Unrecht zufügen will braucht mich noch nicht zu
bestimmen seine Ungerechtigkeit zu erdulden wenn ich mich auch ohne Hass
dagegen verteidige ja ich kann mich über eine empörende Handlung höchlich
erzürnen ohne darum den der sie ausübt geradezu zu hassen
Doch glaube ich versetzte der junge Graf dass es Verhältnisse gibt in
denen der Hass eine wahre Tugend wird und ich meine es liegen uns viele Gründe
ganz nahe die alle besseren Gemüter bestimmen sollten sich in dieser
Empfindung gegen unsere Unterdrücker zu vereinigen
Und warum nicht lieber in der entgegengesetzten für unser Vaterland und
unsern edelen König fragte der Graf Oder meinen Sie fuhr er fort als er sah
dass sein Verwandter schwieg dass der Hass kräftiger wirkt als die Liebe
Nein sagte der junge Graf aber das ist nicht zu verkennen dass er sich
jetzt lauter ausspricht
Wenn dies ist erwiderte sein Oheim so kann man ihn mit Klugheit für edle
Zwecke benutzen ohne ihn zu teilen
Zu dieser Höhe der Tugend kann ich mich nicht erheben rief der junge Graf
ich hasse alle Franzosen von ganzem Herzen und will meine besten Kräfte daran
setzen sie zu vernichten
Hassen Sie auch St Julien und Dübois fragte der Graf und sein Verwandter
blickte verwirrt vor sich nieder und sagte endlich Diese machen eine Ausnahme
sie sind weit davon entfernt den Druck zu billigen den uns ihre Landsleute mit
so empörender Anmassung empfinden lassen
So lassen Sie uns denn sagte der Graf den Übermut die Anmassung hassen
und alle Kräfte anwenden um von dem unwürdigen Druck unter dem wir leiden uns
zu befreien Dass dies nicht ohne gerechten Zorn gegen die Unterdrücker geschehen
kann ist natürlich aber warum wollen Sie deshalb der unedeln Empfindung des
Hasses Raum in Ihrer Brust gestatten Der Zorn kann den Menschen erheben der
Hass wird ihn immer ungerecht machen und deshalb erniedrigen
Ich verstehe nicht so fein zu unterscheiden sagte der junge Graf ich fühle
nur wie glühend ich Napoleon hasse und kann mir diese Empfindung nicht
abläugnen setzte er mit einiger Heftigkeit hinzu obgleich ich fürchten muss
dass sie mich in Ihren Augen erniedrigt
Der Hass sagte der Graf ist eine eben so wunderbare Empfindung in der Brust
des Menschen wie die Liebe ja Sie können mit dieser Glut des Herzens gar
nicht hassen ohne eine Beimischung von Liebe und Bewunderung für den gehassten
Gegenstand
Wie rief der junge Graf überrascht ich sollte Napoleon lieben
Missverstehen wir uns nicht sagte sein Oheim Sie erkennen ohne Zweifel
viele Vorzüge des Geistes in Napoleon Sie müssen ihn als Feldherrn oft
bewundern und als Staatsmann zuweilen achten und es erregt eben Ihren Hass dass
er die Vorzüge des Geistes und das Glück seiner Waffen missbraucht um die Welt
mit Krieg zu verheeren die Völker zu unterdrücken und im Übermute seines
Glückes den heiligsten Empfindungen Hohn zu sprechen Würden Sie in dem
allgemeinen Feinde gar nichts Achtungswertes finden so würden Sie Ihr Gefühl
nicht selbst glühend nennen sondern ein kalter auf Verachtung begründeter Hass
würde Ihre Brust erfüllen und dieser würde alles Andere eher als eine
Begeisterung gegen den gemeinsamen Feinb hervorrufen
Unser Gespräch hat uns weit von dem Gegenstande abgeführt sagte der junge
Graf den ich zu berühren wünschte
Ich glaube nicht erwiderte sein Oheim denn ich bezweifle nicht mein
lieber Vetter dass Sie seit Kurzem zu einem Bunde gehören der sich vorzüglich
auf Tugend gründen will und darum haben wir uns wohl nicht zu weit von unserm
Gegenstande entfernt wenn wir gemeinschaftlich überlegen welche Art von Zorn
oder Hass mit der Tugend im Bunde sein kann
Da sein junger Verwandter mit Bestürzung schwieg setzte der Graf hinzu Ich
will Ihnen kein Geheimnis entreißen und bin auch hiezu um so weniger berechtigt
als ich um jedes Missverständnis zu vermeiden zugleich erklären muss dass ich
nach meinen Grundsätzen zu keiner geheimen Gesellschaft gehören kann
Sie würden sich also ausschließen fragte sein Verwandter mit Bestürzung
wenn alle Edelen sich zu vereinigen strebten um einen Zustand zu endigen der
uns alle erniedrigt
Keineswegs sagte der Graf und ich hoffe noch den Zeitpunkt zu erleben wo
ich es beweisen kann dass mein ganzes Vermögen und der letzte Tropfen meines
Blutes meinem Könige und meinem Vaterlande gehören aber ich bin nicht für
geheime Gesellschaften obgleich ich es einsehe dass Verhältnisse eintreten
können in welchen sie beinah notwendig werden und ich nicht so blind bin
nicht erkennen zu wollen wie schwer ja beinah unmöglich jetzt ein öffentliches
Zusammentreten der Guten sein würde das traurige Ende des unglücklichen Palm
hat uns gezeigt wie weit die Machtaber im Stande sind zu gehen Aber auch im
gegenwärtigen Augenblicke kann ich solche Vereinigung nur wie ein notwendiges
Übel betrachten
Es ist mir diese Ansicht um so mehr befremdend sagte der junge Graf als
ich die Überzeugung habe dass die bedeutendsten Staatsmänner entweder selbst an
dieser Verbindung Teil nehmen oder sie doch wenigstens beschützen
Sie haben vielleicht eine ähnliche Ansicht von der Lage der Dinge wie ich
erwiderte der Graf
Auch kann eine Verbindung kaum eine heimliche genannt werden sagte sein
junger Verwandter die in allen ihren Bestrebungen von den einsichtsvollsten
Staatsmännern gekannt und gebilligt wird
Eben darum erwiderte sein Oheim wird sie geleitet von diesen Männern in
der nächsten Zeit unendlich viel Gutes leisten Aber wenn die Drangsale der
Gegenwart vielleicht besiegt sein werden wird sie sich dann ruhig auflösen
wenn der angegebene Zweck erfüllt ist oder wird sie fortbestehen wollen um
andere Zwecke die ihr jetzt fremd sind zu verfolgen Dies ist eine Frage die
Sie mir nicht beantworten können und dies ist die Ursache weshalb ich mich
unmittelbar nicht anschließen und durch keinen Eid mit einer Gesellschaft
verbinden kann auch bin ich nicht mehr jung genug um unbedingt fremden
unbekannten Obern folgen zu können da ich seit lange gewohnt bin nach eigener
Einsicht zu handeln
So wäre denn die Hoffnung meiner Freunde und meine eigene auf Ihren Beistand
vergeblich sagte der junge Graf
Das nicht erwiedete sein Oheim wenn ich auch nicht unmittelbar zu Ihrer
Verbindung gehöre so bin ich doch von ganzem Herzen bereit jeden einzelnen
guten Zweck den Sie zu erreichen streben und mir mitteilen wollen damit ich
beurteilen kann ob auch ich ihn für gut halte aus allen Kräften zu
unterstützen besonders wenn Sie mir versprechen wollen sich sogleich von
dieser Verbindung zu trennen so bald der jetzt angegebene Zweck die Befreiung
des Vaterlandes von den Franzosen erreicht ist
Wenn das erreicht ist sagte der junge Graf mit glühenden Wangen wofür wir
alle bereit sind unser Blut bis auf den letzten Tropfen zu vergießen wenn wir
unser Vaterland vom fremden Drucke befreit sehen wenn unser König wieder in der
Mitte seiner Untertanen mit Ruhe und Sicherheit für das Wohl Aller wachen und
Milde und Gerechtigkeit üben kann dann bedarf es keiner Verbrüderung mehr und
gewiss kehren dann Alle wieder ruhig unter den Schutz der Gesetze zurück
Habe ich Ihr Wort dass wenigstens Sie so handeln werden fragte der Graf
Gewiss erwiderte sein Verwandter indem er die dargebotene Hand des Oheims
ergriff Unter solchen Bedingungen sagte dieser können Sie mich gewissermaßen
als ein Ehrenmitglied Ihrer Vereinigung betrachten deren von mir gekannte und
gebilligte Absichten ich aus allen Kräften unterstützen werde und deren
jetziges hochwichtiges Bestreben ich keinesweges verkenne
Es wurde über diesen in der damaligen Zeit höchst wichtigen Gegenstand noch
Vieles gesprochen und erörtert und der Graf sagte endlich Nachdem wir nun so
viel über öffentliche Angelegenheiten gesprochen haben sollten Sie mir denn
nichts über Ihr eigenes Glück zu vertrauen haben Der junge Graf bekannte seinem
Oheim die lang genährte zärtliche Neigung für die schöne Terese und den
Vorsatz ihr seine Hand anzubieten obgleich er ihr kein glänzendes Loos
versprechen könne Der Oheim billigte sein Gefühl für ein zärtliches edles
Wesen dessen Neigung für seinen Verwandten er lange erraten hatte Er freute
sich über eine Verbindung die wie er glaubte Beide beglücken müsse und
schloss endlich indem er lächelnd sagte Und nun lassen Sie auch mich Ihnen
einen Plan mitteilen den ich seit einiger Zeit mit stillem Vergnügen innerlich
ausbilde und der Ihr häusliches Glück und Ihr öffentliches Wirken vereinigt
fördern könnte Der junge Graf erwartete mit Spannung was sein Oheim ihm
mitteilen wolle und dieser fuhr fort Sie haben mein lieber Vetter so vieles
Trübe im Leben erduldet dass dies einigermaßen in Ihren Charakter überzugehen
droht deshalb wäre es mein Rat dass Sie ein Jahr Ihres Lebens daran wendeten
diesen Trübsinn wieder los zu werden und von der Welt etwas mehr kennen zu
lernen als den engen Raum auf dem Sie sich bis jetzt unter ungünstigen
Umständen bewegt haben dabei könnten Sie die Gesinnungen in Deutschland mit
Behutsamkeit zu erforschen streben vielleicht auch Verbindungen knüpfen die in
der Zukunft für Ihre Pläne dienlich wären zugleich könnten Sie sich die
nötigen Kenntnisse von der Landwirtschaft verschaffen einen tüchtigen Mann in
diesem Fache zu Ihrem Beistande auffinden und wenn Sie mit einem solchen nach
einem Jahre zurückkämen dann würde ich Ihnen meine Güter zur Verwaltung
übergeben und die Bedingungen natürlich so einrichten dass Ihnen bedeutende
Mittel bleiben Ihre Pläne zu verfolgen dann könnten Sie Neuerungen einführen
ohne aufzufallen Sie könnten die Schulen verbessern und die Jugend in den
Waffen üben und käme die Zeit so könnten Sie die jungen Landleute von meinen
und Ihren Gütern wohl bewaffnet und wohl geübt dem Könige zuführen und an deren
Spitze selbst für unser aller Wohl fechten
Der junge Graf war entzückt über diesen Plan nur betrübte es ihn dass er
sich von Neuem von seiner schönen Freundin trennen sollte Auch für diese sagte
sein Oheim ist ein Aufschub ihrer Verbindung heilsam Das arme Kind hat so
vielen Druck des Lebens erduldet dass ihre Gesundheit darunter gelitten hat
lassen Sie diese sich jetzt erst wieder befestigen und gönnen Sie ihr die Zeit
unter Anleitung der Gräfin ihre Bildung zu vollenden die sie durch ungünstige
Umstände verhindert früher hat versäumen müssen und die sie um so weniger
entbehren kann da sie die Leitung eines Hauses die Sorge für eine entstehende
Familie ohne den Beistand einer erfahrnen Mutter übernehmen muss
Der junge Graf umarmte mit dankbarem Entzücken seinen gütigen Oheim und ging
freudig in dessen wohlwollende Pläne ein Es wurde nun noch beschlossen die
Mutter des jungen Grafen und seine Schwestern in Breslau wohnen zu lassen damit
die Erziehung der letzteren dort vollendet werden könne und der junge Graf
sowohl als sein Oheim fassten den ernsten Entschluss jede unnütze Ausgabe zu
meiden um den Überschuss ihrer Einkünfte zum Wohle des Vaterlandes verwenden zu
können Zuletzt erinnerte noch der Graf seinen Vetter an die Notwendigkeit die
stattgefundene Unterredung dem Obristen Talheim in so weit zu verschweigen in
wie weit sie das Wohl des Vaterlandes betraf weil bei dessen heftiger Liebe für
den König und daraus entspringendem heftigem Hass gegen dessen Feinde nicht
Vorsicht genug von ihm zu erwarten war und er also leicht ohne es zu wollen
in freudiger Hoffnung Dinge verraten könne die durchaus verschwiegen bleiben
mussten
Von neuen entzückenden Hoffnungen erfüllt erschien der junge Graf mit seinem
Oheime zum Frühstück im Saal wo man Beide schon erwartete Aber er konnte nicht
Teil nehmen an heiteren Gesprächen er sehnte sich nach der Einsamkeit und
verließ deshalb die Gesellschaft bald um auf einem langen einsamen Spaziergange
die mannigfachen Gefühle in seinem Busen gegen einander auszugleichen Zum
ersten Mal lachte ihm das Leben in heiterem Glanze entgegen die Sehnsucht
seiner Liebe die er bis jetzt nur zaghaft zu nähren gewagt hatte sollte nun
aufs Schönste befriedigt werden und zugleich zeigte sich ihm ein Weg seine
begeisterte Liebe für seinen König und sein Vaterland tätig zu beweisen und er
fühlte in dem Masse den persönlichen Hass in seiner Brust sich mildern als sich
ihm die Mittel zeigten seiner Liebe genug zu tun so dass er sich leise im
Inneren gestehen musste dass sein Oheim wohl Recht haben möge in seiner
Andeutung dass Liebe und Zorn vereinigt zu Taten begeistern können der Hass
aber eigentlich durch das Gefühl der Ohnmacht erzeugt wird Er dachte an seinen
unglücklichen Vater an dessen feindliche Stimmung gegen alle Menschen und wie
auch dessen Hass aus dem Gefühle entsprungen sei dass er sich nicht aus den ihn
bedrückenden Verhältnissen loszuwinden vermöge Ach armer Vater seufzte er
wenigstens darin hattest Du Recht dass sich mein Loos glücklicher gestaltet und
dass es nicht Tugend in mir ist wenn mein Herz wärmer für die Menschen schlägt
als das Deine von Allen misshandelte Mit Beschämung dachte er daran zurück in
welcher feindlichen Stimmung er das Haus seines Oheims das erste Mal betreten
hatte dem er nun Alles verdanken sollte die beglückende Befriedigung seiner
innigen Liebe und die stolze Hoffnung die seinen Busen erweiterte und
schwellte so oft sie in seinem Geiste Raum gewann dass er einst an der Spitze
von Braven dem gemeinsamen Feinde entgegen rücken und zur Befreiung des
Vaterlandes beitragen würde
Er hatte sich vertieft in solche Gedanken weit vom Schloss entfernt ohne
es zu bemerken und suchte nun den Rückweg durch anmutige enge Schluchten
indem er dem Laufe der Bäche folgte Er erreichte endlich die Ebene wieder
bemerkte aber dass er sich dem Garten seines Oheims von der entgegengesetzten
Seite des Schlosses her näherte Ein Diener der den kürzeren Weg zu einer nahe
gelegenen Mühle gehen wollte öffnete eben die Hintertüre die auf eine mit
Bäumen bewachsene Wiese führte und der junge Graf benutzte die Gelegenheit den
Garten von dieser Seite zu betreten Wie er durch die schattigen Gänge hinging
hörte er mit Befremden ganz in der Nähe Schüsse fallen und als er sich eilig
der Gegend näherte woher der ihn beunruhigende Schall kam mäßigte er bald
seine Schritte denn er hörte St Juliens Gelächter und erreichte auch bald eine
kleine Ebene die durch eine leichte Einfassung von dem übrigen Garten getrennt
war und die St Julien zum Platze für Waffenübungen bestimmt zu haben schien
denn er und der junge Gustav waren eben damit beschäftigt nach dem Ziele zu
schießen und St Juliens Gelächter erscholl jedes Mal so oft der junge Mensch
fehlte Der junge Graf hielt sich nah verborgen und bemerkte dass St Julien
meisterhaft schoss mit sicherer Hand und geübtem Auge beinah niemals fehlte dass
aber auch sein junger Freund nicht so viel Spott und Tadel verdiente wie ihm
durch seinen wohlwollenden Lehrer zu Teil wurde Jetzt ist genug Pulver
verdorben hörte er St Julien endlich sagen jetzt zu den andern Waffen und
die Rapiere wurden von Beiden ergriffen und hier erndtete der Schüler selbst
von seinem Meister Lob Der junge Graf hatte der Waffenübung eine Zeitlang mit
Teilnahme zugesehen ehe er seine Gegenwart bemerken ließ Er betrachtete mit
einem sonderbaren Gefühle den Eifer welchen der junge Franzose anwendete
seinem aufmerksamen Schüler den Gebrauch der Waffen zu lehren und konnte sich
nicht enthalten schaudernd an die Möglichkeit zu denken dass dieser die
erlernten Vorteile ein Mal gegen den Lehrer selbst anwende Ja er dachte daran
dass er selbst wenn seine Sehnsucht erfüllt werden sollte dann auch dem Freunde
feindlich gegenüber stehen müsse und betete innerlich dass nie eine
Notwendigkeit eintreten möge die ihn zwänge sein Schwert gegen dessen Brust
zu richten
Um diesen peinlichen Gedanken los zu werden machte er seine Gegenwart
bemerklich indem er St Julien rief Dieser warf die Waffen von sich und
schwang sich mit Leichtigkeit über die niedrige Umzäunung nun rief er dem
Freunde zu haben Sie die Grillen auf den Bergen gelassen die heute Morgen Ihre
edelen Gedanken beschäftigten und kann man wieder Antworten erwarten wenn man
Sie anredet
Zunächst sagte der junge Graf danke ich Ihnen dass Sie sich für die
Ausbildung meines jungen Freundes bemühen
Ach das tun wir gegenseitig sagte St Julien Der dort ist gegen mich
gerechnet ein Gelehrter er steht mir mit den Gaben seines Geistes bei und ich
suche ihm das Aeusserliche beizubringen und ich wollte nur ihm gelänge es mit
mir so gut wie mir mit ihm denn betrachten Sie nur wie er ganz das
schulmeisterliche Ansehen unter meinen Händen verloren hat aber auch ich mache
ihm wenigstens keine Schande ja bei dem neulichen Konzert legte ich durch
seinen Beistand selbst Ehre ein denn er hatte mir meine Stimme vortrefflich
eingeübt
So verstehst Du Musik fragte der junge Graf überrascht
Mein Vater war ein so gelehrter Musiker erwiderte der junge Mensch mit
Bescheidenheit dass er Kantor an der Hauptkirche der größten Stadt hätte sein
können und er hat mich früh angehalten Generalbass und Kontrapunkt zu studieren
ich hatte nur in der letzten Zeit keine Gelegenheit Musik zu üben und habe darum
die Fertigkeit im Spielen verloren
Das ist nicht wahr rief St Julien ich habe seit einigen Tagen ein
Instrument auf meinem Zimmer und weiß darum wie gut er spielt
Ach lieber Herr St Julien sagte der junge Mensch Sie verstehen zu wenig
von Musik als dass Sie es recht beurteilen könnten ob ich gut spiele
Der junge Graf konnte sich des Lächelns über diese Treuherzigkeit nicht
erwehren St Julien aber brach in ein lautes Gelächter aus nein mein Lieber
rief er diese deutsche Aufrichtigkeit müssen Sie sich abgewöhnen wenn Sie
nicht gar zu oft gezwungen sein wollen die durch meinen Unterricht erworbenen
Fechterkünste zur Verteidigung Ihrer Worte anzuwenden
Ich wollte Sie ja nicht beleidigen sagte der junge Mensch verwirrt
Ich bin auch nicht beleidigt erwiderte St Julien denn ich habe zu viel
Selbsterkenntnis als dass ich nicht einsehen sollte dass Sie Recht haben aber
man ist es doch in der feinen Welt nicht gewohnt die Mängel des Nächsten so
offenherzig rügen zu hören übrigens fuhr er gegen den jungen Grafen gewendet
fort bin ich schon selbst so ehrlich gewesen meine geringe Kenntnis und sein
großes Verdienst öffentlich einzugestehen denn ich konnte nicht das allgemeine
Lob wie gut ich neulich meine Stimme in unserm Konzert ausgeführt habe ganz
allein auf meine Rechnung hinnehmen ich entdeckte also den Damen den heimlich
mir geleisteten Beistand und es wurde beschlossen dass der junge würdige Mann
die Stelle eines Kapellmeisters bei unsern musikalischen Übungen übernehmen
soll aber er weigert sich hartnäckig wie ich auch auf ihn einrede und er muss
doch nachgeben denn ich habe den Damen seinen Beistand versprochen
Wesshalb willst Du denn diese Gefälligkeit nicht haben fragte der junge Graf
den Jüngling Weil der alte gutmütige Aristokrat Dübois tausend Einwendungen
hat rief St Julien die Frage an des jungen Mannes Statt beantwortend
Ich werde Dübois bitten sagte der junge Graf meiner Tante seine Ansicht
mitzuteilen wenn sie ebenfalls seiner Meinung ist so können wir weiter nichts
tun wenn sie aber Deine Teilnahme an der Musik wünschen sollte so wirst Du
Dich gewiss nicht weigern Deine Freunde zufrieden zu stellen Gewiss nicht rief
der Jüngling sobald die Frau Gräfin es befiehlt und Herr Dübois nichts dagegen
hat
In der Tat, sagte St Julien lächelnd wenn ich nicht von Natur bescheiden
bin so wird diese Aufrichtigkeit mich doch nach und nach dahin bringen es zu
werden Er zeigt ganz unverhohlen dass meine Bitten nichts wiegen in der Schale
auf der er seine Handlungen abmisst
Dieser scherzhafte Streit wurde durch einen Bedienten unterbrochen der St
Julien aufsuchte um ihm einen Brief abzugeben der eben mit der Post gekommen
war
Von meiner Mutter rief dieser freudig überrascht und verließ die Freunde
um in der Einsamkeit die Worte der Liebe zu lesen die eine zärtliche Mutter an
ihn richtete
Der junge Graf unterrichtete nun den Jüngling Gustav davon dass er mit
seinem Oheim den Plan zu dessen fernerer Ausbildung verabredet habe Fürs Erste
sollte er nach Breslau um auf der dasigen gelehrten Schule die lange
unterbrochenen Studien fortzusetzen und dann auf eine Universität die er
selbst wählen könne Sein Beschützer nannte ihm die für ihn bestimmte jährliche
Summe die weit des dankbaren Jünglings Erwartungen übertraf Ich werde selbst
nur noch einige Wochen hier bleiben schloss der junge Graf und dann eine Reise
antreten deshalb bitte ich Dich so lange ich jetzt hier bin auch zu bleiben
denn es würde mir wehe tun wenn Du Dich so schleunig von mir trennen wolltest
Bin ich denn nicht Ihr Eigentum rief der Jüngling indem er sich seinem
edelen Beschützer in die Arme warf wäre ich nicht ohne Sie verloren
wahrscheinlich im Elend umgekommen Und nun wollen Sie mich bitten da Sie doch
wissen dass jedes Wort jeder Wink von Ihnen mir Befehl und Gesetz ist
Vergiss nicht sagte der Graf bewegt dass ich Deiner Liebe und Pflege
ebenfalls mein Leben verdanke Verbindlichkeiten also die wir gegen einander
haben sind einander gleich und Du musst Dich nicht wie einen Untergebenen
sondern wie meinen Freund betrachten der nur darum von mir abhängt weil ich
älter als er und dadurch berechtigt bin seine Schritte zu leiten
Diese freundliche Unterredung wurde durch St Juliens Rückkunft
unterbrochen der sich mit ernsten Mienen und feuchten Augen den beiden Freunden
näherte Lesen Sie sagte er zu dem jungen Grafen indem er ihm den eben
erhaltenen Brief hinreichte Sie werden sehen das schöne Leben hier ist bald
geendigt und Gott weiß wohin mich mein Schicksal führt Der junge Graf nahm
den Brief und indes er ihn las ging St Julien schweigend in einem Baumgange
auf und ab
Die Mutter des jungen Franzosen berichtete ihm in diesem Briefe dass sie die
persönliche Bekanntschaft des Generals gemacht habe zu dessen Regiment er
gehöre und dass dieser die Gefälligkeit gehabt habe ihr zu versichern dass aus
seiner langen Abwesenheit vom Regimente kein Nachteil für ihn erwachsen solle
indem sie einzig seinen gefährlichen Wunden und der damit verbundenen Krankheit
zugeschrieben werden sollte Der Kommandant der Festung würde den Befehl
erhalten ihn als einen wegen Wunden und Krankheit zurückgebliebenen
Kriegsgefangenen von der preußischen Regierung zurück zu fordern und ihm dann
noch einen Urlaub für zwei Monate gewähren zur völligen Wiederherstellung seiner
Gesundheit Nach Ablauf dieser Zeit müsse er sich aber bei seinem Regimente
einfinden dessen Bestimmung unbekannt sei das aber vermutlich nach Italien
gehen werde
Vor Ablauf dieser Zeit schloss die Mutter würde sie unfehlbar auf Schloss
Hohental erscheinen um seinen edelen Freunden zu danken und in der
Gesellschaft des geliebten Sohnes nach Frankreich zurückreisen
Die Blicke des jungen Grafen ruhten noch ernst auf dem gelesenen Blatte als
St Julien wieder zu ihm trat um den Brief zurück zu nehmen Nicht wahr fragte
er seinen Freund es kränkt Sie auch dass wir sobald uns trennen sollen Ja
wohl sagte der junge Graf mit einem tiefen Seufzer und Gott weiß wie wir uns
noch einmal gegenüber stehen müssen
Sie werden doch nicht fremde Dienste nehmen wollen um gegen uns zu fechten
fragte St Julien überrascht Gewiss nicht versetzte sein Freund mit bitterem
Lächeln
Nun dann ist keine Gefahr vorhanden sagte St Julien leichtsinnig dass wir
uns gegenseitig erschlagen müssten denn Preußen kann nicht mehr wider uns
sondern muss mit uns sein und auf diesen Fall wären wir ja Freunde und
Waffenbrüder
Junger Mann erwiderte sein Freund indem er beide Hände auf die Schultern
des jungen Franzosen legte ich wollte Sie hätten etwas deutsches Blut in den
Adern dann würden Sie ahnen was noch alles in dem dunkeln Schoss der Zukunft
ruht doch wozu fuhr er sich selbst unterbrechend fort sollen wir noch
Schreckbilder aus der Ferne herbeirufen da unsere Trennung an sich betrübend
genug ist
Ja wohl seufzte St Julien mit welchen Schmerzen werde ich von hier
scheiden Indem er dies sagte blickte er in die Ferne und sein Freund
bemerkte indem er ebenfalls die Augen dahin richtete Emilie und die Gräfin
die durch einen langen Baumgang sich dem Platze näherten auf welchem die jungen
Männer versammelt waren die sogleich den Damen entgegen gingen Der Jüngling
Gustav wollte sich zurückziehen aber St Jülien bemerkte selbst in seinem
Schmerze dessen Absicht Er fasste deshalb seinen Arm und zwang ihn so sich
ebenfalls den Damen entgegen zu bewegen Emilie bemerkte den Kummer in den Augen
St Juliens und ihr ängstlich fragender teilnehmender Blick wirkte zauberhaft
auf den jungen Mann Die Wolken des Kummers schwanden und das reinste Entzücken
leuchtete aus seinen Augen Die Gräfin war heiter und fragte nach den ersten
Begrüßungen lächelnd Nun haben Sie Ihren Kapellmeister geneigt gefunden die
ersten Proben zu Ihrem großen Konzert heut Nachmittag zu leiten
Er schlägt mir hartnäckig allen Beistand ab erwiderte St Julien wenn ihm
Dübois nicht die Erlaubnis dazu erteilt
Ich habe mit Dübois schon darüber gesprochen sagte die Gräfin gütig er
sieht es ein dass es eine Torheit wäre wenn man um kläglicher Rücksichten
Willen in seinem Hause nicht sein eigener Herr sein wollte
Nun sagte St Julien mit einem gutmütig schadenfrohen Blick auf Gustav
der Sieg wäre also mein und heut Nachmittag ist trotz Dübois Weisheit die erste
Probe
Wenn Sie auch über mich spotten erwiderte der Jüngling empfindlich so
bleibe ich doch dabei dass ich nichts gegen Herrn Dübois Rat unternehmen werde
Er ist viel zu gütig gegen mich gewesen als dass ich ohne Undankbarkeit anders
handeln könnte Sie haben Recht sagte die Gräfin indem sie ihm gütig die Hand
reichte die der Jüngling mit großer Ehrerbietigkeit küsste Ich achte selbst
Herrn Dübois so hoch dass ich nichts tun möchte was ihn kränken könnte und
ich würde lieber auf ein Vergnügen Verzicht leisten als ihm einen Kummer
verursachen und Herr St Julien denkt im Grunde eben so wie ich
Ja wohl rief dieser mit inniger Empfindung ich glaube ich bin ihm noch
mehr Dank schuldig als unser Freund Gustav und mich freut es setzte er
lächelnd hinzu dass er ihm erlaubt die Würde unseres Kapellmeisters anzunehmen
denn sonst sehe ich hätten wir doch wohl darauf Verzicht tun müssen
St Julien konnte sich nicht entschließen die schöne Heiterkeit auf
Emiliens Stirn durch die Nachricht zu trüben dass er bald würde scheiden müssen
auch schienen ihm zwei Monate in diesem Augenblick noch ein langer Zeitraum in
welchem jede Stunde eine neue Art von Freude brächte so dass er selbst sich den
Genuss nicht trüben wollte Er beschloss aber dem Grafen den Brief seiner Mutter
mitzuteilen weil nun doch bald auf die Forderung des französischen
Kommandanten der Festung von der preußischen Regierung demselben die Weisung
zukommen müsste den bezeichneten Kriegsgefangenen zu stellen
So war also nun der Jüngling Gustav der als ein armer Knabe auf Schloss
Hohental angekommen war zum Erstaunen der Bedienten erst von ihnen
abgesondert dann wie ein junger Edelmann gekleidet endlich in den Saal ihrer
Herrschaft eingeführt worden und er nahm Teil an deren Gesellschaft und an
ihren Vergnügungen Die große Kenntnis der Musik die er vor Allen voraus hatte
wurde nicht bloß St Julien nützlich sondern auch den Damen deren Singübungen
er besser zu leiten verstand und den Bitten der schönen Terese gelang es
sogar dass der junge Graf sich entschloss die fehlende Bassstimme zu übernehmen
aber freilich verursachte er bei seinem gänzlichen Mangel an musikalischer
Kenntnis dem jungen Kapellmeister die meiste Beschwerde der gerade eine Ehre
darin suchte dass sein Beschützer sich besonders auszeichnen sollte
So schwanden die schönen Herbsttage dahin unter abwechselnden Spaziergängen
Vorlesungen und musikalischen Übungen und der Jüngling Gustav fehlte nie in
dem freundlichen Kreise der nur durch den Prediger den Arzt und den Obristen
vermehrt wurde denn der Graf hatte sich von aller Gesellschaft zurück gezogen
und als Grund offen die Notwendigkeit des Ersparens angegeben weil das
Vaterland so vieler Opfer bedürfe und er bemerkte oft dass es ein peinliches
Gefühl sei sich unnütze Ausgaben zu erlauben indes sagte er unser erhabenes
Königshaus ein so edles Beispiel des Entsagens gibt Es war dies gewiss die
innere Empfindung des Grafen aber er benutzte die Gelegenheit auch gern sich
von dem Umgange mit dem benachbarten Adel zurück zu ziehen denn es war ihm
nicht unbekannt geblieben wie viele Gespräche über seine Gemahlin der
unangenehme öffentliche Auftritt zwischen derselben und ihrem Bruder bei dem
Friedensfeste des Baron Löbau veranlasst hatte
St Julien teilte dem Grafen den Brief seiner Mutter mit und beide Männer
sahen seufzend ein dass die Trennung notwendig und nah sei Der Graf gestand
sich trauernd dass er die Lücke nicht auszufüllen vermöchte die durch des
jungen Mannes Entfernung in seinem Herzen entstehen würde aber er verschwieg
diesen Kummer und so waren Alle scheinbar heiter und Jeder suchte dem Andern
den Schmerz über die nahe Trennung zu verbergen um die letzten Stunden des
Beisammenseins in ungetrübtem Frohsinn zu genießen
IX
Es war ein schöner Sonntagnachmittag im Herbste des Jahres achtzehnhundert und
sieben als der Doktor Lindbrecht nach einem mäßigen Spaziergange seinen Freund
den Pfarrer besuchte und sich an dessen Teetisch in der Ecke eines Sophas
behaglich lehnte um aus der von St Julien erhaltenen Pfeife den Rauch in
gelinden Wolken im Zimmer zu verbreiten Das auffallend große goldne Mundstück
derselben so wie die überladene Verzierung mit Ketten Quasten und Schnüren in
allen Farben sagte seinem Geschmacke zu Lächelnd betrachtete er oft den
funkelnden Brillanten an seinem Finger nahm zuweilen aus der auf dem Tisch
stehenden goldnen Dose Tabak und zog die schon zu weit hervorstehende feine
Wäsche noch ein wenig mehr heraus indem er mit gutmütigem Hochmut seinem
Freunde erzählte der Graf habe nach der Genesung der Gräfin seinen Gehalt
ansehnlich vermehrt und St Julien außer dem Geschenke zum Andenken ihn noch für
die Heilung seiner Wunden großmütig belohnt so dass ich mich jetzt schloss er
für einen reichen Mann halten und vielleicht bald an eine vernünftige Heirat
denken kann
Der Pfarrer ging eben im Kopfe alle seine Bekannten durch die er vielleicht
zu dieser Verbindung empfehlen könnte als der Schulze des Dorfes mit Geräusch
eintrat den Sonnenschein der Heiterkeit in allen Mienen Der kräftige Landmann
übersah in der Freude das strenge Gesicht seines Seelsorgers womit dieser den
lauten unehrerbietigen Eintritt tadeln wollte und rief Gott segne Sie Herr
Prediger Meine Mutter hatte Recht als sie sagte Peter geh Du zum Herrn
Pfarrer der schafft Deine Base heraus mag sie stecken wo sie will dies Wort
der guten alten Frau ist wahr geworden Sie haben die Base herbeigeschaft
In der Tat, fragte der Geistliche wird sie kommen
Sie ist schon hier erwiderte der Schulze freundlich und als eine vornehme
Madame ist sie angekommen sie wird auch gleich hier bei Ihnen sein sie wollte
selbst mit Ihnen über die Erbschaft sprechen Sehen Sie da kommt sie mit meiner
Mutter und ihrer Tochter Der Pfarrer trat zum Fenster und auch seine Gattin kam
neugierig herbei so wie alle Kinder nur der Arzt blieb in philosophischer Ruhe
in seiner bequemen Lage denn ihn regte die Neugierde wenig an die Verwandte
eines Plebejers eines Bauern zu sehen
Die Frau des Predigers lächelte ein wenig über den überladenen und für ihr
Alter nicht anständigen Putz der Ankommenden der aber doch von großer
Wohlhabenheit zeigte Eine ziemlich wohlbeleibte Frau näherte sich mit etwas zu
weit ausgreifenden Schritten dem Pfarrhause ihr Kleid von hellfarbiger Seide
hatte sie etwas hoch aufgehoben um nicht im Gehen gehindert zu werden die
blaufarbigen Bänder der Haube flatterten im Winde und mischten sich mit roten
Rosen die den Kopfputz verzierten Die Mutter des Schulzen war in ihrer
sonntäglichen Kleidung und Beiden folgte ein junges weissgekleidetes Mädchen
deren großer Strohhut ihr Gesicht nicht bemerken aber deren sehr schlanke Form
auf große Jugend schließen ließ Der Pfarrer wusste nicht recht ob er den
Ankommenden wie seines Gleichen entgegen gehen oder den Eintritt der Verwandten
eines Bauern ruhig erwarten sollte Er entschied sich für das Letztere doch
tat es ihm alsbald leid als er mehrere Schnüre echter Perlen um den
sonnverbrannten Hals der Eintretenden bemerkte
Die drei Frauen hatten das Wohnzimmer des Geistlichen betreten und die
Fremde sagte mit etwas durchdringender Stimme Nehmen Sie es nicht übel Herr
Prediger dass wir Ihnen beschwerlich fallen Der Arzt hatte sich um die
Ankommenden nicht gekümmert und war in Gedanken versunken sitzen geblieben
Der Ton der Stimme aber mit welcher die wenigen Worte gesprochen wurden zuckte
wie ein elektrischer Schlag durch alle seine Nerven und er sprang auf und stand
nahe vor der Angekommenen ohne dass er es wusste Diese betrachtete ihn einen
Augenblick schlug die Hände zusammen und rief Ist es möglich kann es sein
muss ich den Hasenfuß hier antreffen Der Arzt sprang beleidigt zurück Na sei
Er nicht böse rief die Fremde indem sie ihm die Hände entgegenstreckte und
sich nicht bemühte die Tränen zurück zu halten die reichlich über ihre
vollen braunroten Wangen flossen Er wird sich ja nun wohl die Hörner
abgelaufen und von einer Tante die es gut mit ihm meint ein Wort vertragen
gelernt haben
Der Arzt wusste nicht recht wie ihm geschah Frau Base stammelte er und
wollte die dargebotene Hand mit Höflichkeit küssen er wurde aber wohlmeinend an
eine volle Brust gezogen mit kräftigen Armen denen sich nicht widerstehen
ließ umschlungen und drei bis vier Mal schallend geküsst indem er die noch
immer fließenden Tränen warm an seiner Wange fühlte Diese unverkennbaren
Zeichen des Wohlwollens brachten auch ein Gefühl der Rührung bei ihm hervor
Frau Base sagte er Sie haben Ihren Sinn gegen mich christlich geändert
Er war ja ein Narr antwortete seine Verwandte indem sie ihre Tränen
trocknete er bildete sich in seinem überstudirten Kopfe ja nur dummes Zeug von
mir ein Ich habe es immer gut mit Ihm gemeint so wie mein alter guter seliger
Mann
So ist mein Oheim gestorben fragte der Arzt mit Bestürzung Ja wohl
erwiderte die Wittwe und bis zum letzten Augenblicke seines Lebens hat er
nicht aufgehört an Ihn zu denken für ihn zu sorgen und ich kann es Ihm sagen
wie Er von Jena weggegangen war und Niemand wusste wo Er geblieben wäre haben
wir oft bitterlich geweint und es bereut dass wir Ihn so in die Welt hatten
hinein laufen lassen und mein Alter sagte oft Es ist zu hart dass wir ihm
nicht geschrieben haben der arme Mensch hat alles Vertrauen zu uns verloren
wir hätten ihm seinen Fehler vergeben sollen wer weiß in welchem Elende er
umgekommen ist Solche traurige Gedanken hatten wir über ihn und nun Gottlob
finde ich Ihn hier ausgeputzt wie den Grosstürken
Der Pfarrer und seine Familie umstanden die beiden sich erkennenden
Verwandten und es gelang dem Ersten endlich einige Ordnung in die Gespräche zu
bringen
Die Frau Professorin wurde so bald sie als solche erkannt war eingeladen
auf dem Sopha neben ihrem Neffen Platz zu nehmen wogegen sie sich nicht
sträubte Das junge Mädchen in ihrer Begleitung wurde von ihr als ihre Tochter
bezeichnet und gesellte sich zu den Töchtern des Predigers auf deren
Aufforderung sie den großen Strohhut abnahm und ein feines blasses Gesicht mit
großen blauen Augen zeigte die sie schüchtern beinah nach jeder Bewegung auf
die Mutter richtete die ziemlich streng das Betragen der Tochter zu regeln
schien starke Flechten von hellblonden Haaren vollendeten das Bild des jungen
Mädchens das im Ganzen einen angenehmen Eindruck hervorbrachte Als diese Gäste
Platz genommen hatten sah sich der Pfarrer verlegen nach dem Schulzen und
seiner Mutter um die er nicht zu seiner Gesellschaft zählen und auch als
Verwandte der Fremden nicht beleidigen wollte Sie waren aber schon bereit sich
zurück zu ziehen denn wenn sie auch ihre vornehmen Verwandten mit Stolz
betrachteten so wussten sie doch dass sie sich dem Geistlichen nicht als
Gesellschaft aufdrängen konnten Der Arzt konnte sich noch immer in das was ihm
begegnet war nicht recht finden und der Prediger suchte das Gespräch auf die
Angelegenheiten und auf die Begebenheiten der Frau Professorin zu leiten Sie
war wie alle Leute ohne Erziehung gleich bereit auf Beides offenherzig und
umständlich einzugehen und erzählte Wie ich in Giessen vor fünfzehn Jahren
eintraf und nach meinem Vaterlande zurückkehren wollte beschädigte ich mich
beim Absteigen vom Wagen so stark am Fuße dass ich nicht weiter konnte und
einige Wochen da bleiben musste um das Bein zu heilen Während der Zeit hatte
ich einige gute Freunde gefunden die mir sagten ein gewisser Professor der
sich vor lauter Gelehrsamkeit um nichts Anders bekümmern könne suche eine
Haushälterin auf deren Treue er sich verlassen könne denn er sei ein Mann von
Vermögen Ich sagte zu mir was willst du zu Hause machen Das Bauernleben bist
du doch nicht mehr gewohnt und suchst dann doch wohl wieder einen Dienst also
besser gleich hier geblieben So geschah es dann und ich nahm die Stelle bei dem
guten alten Manne an aber lieber Herr Prediger was war bei dem für eine
Wirtschaft Jeder bestahl ihn Jeder betrog ihn seine Kollegia wurden ihm
nicht bezahlt sein Geld nahmen ihm Heuchler und Betrüger ab kurz es ging
Alles drunter und drüber Ich konnte das nicht mit ansehen Zu seinem Besten
zankte ich mich mit ihm alle Tage aber es half nichts er konnte sich nicht
ändern Ich stellte ihm hundert Mal vor dass er auf diesem Wege ein verlorner
Mann sei und riet ihm eine Frau zu nehmen die Gewalt über ihn habe und ihn
in Ordnung halten könne denn ich als seine Haushälterin könne darin nichts
tun Seine Blutsauger lachten mich nur aus wenn ich sein Geld eintreiben
wollte er sah Alles ein gab mir Recht aber konnte sich immer nicht
entschließen Endlich hatten wir uns ein Mal wieder tüchtig gezankt und ich
sagte ihm wenn er keine Frau nehmen wolle so würde ich auch nicht bei ihm
bleiben denn ich könne die unordentliche Wirtschaft nicht länger mit ansehen
Da sagte der gute Mann was brauche ich denn in der Ferne zu suchen was mir so
nahe im Wege liegt Wir können uns ja gleich selber heiraten meine gute
Leonore wenn es nötig ist eine Frau zu nehmen um Ordnung im Hause zu haben
Ich war anfänglich ganz bestürzt über seine Rede wie ich es aber gehörig
überlegt fand ich dass er ganz recht hätte Ich erkundigte mich ob er nahe
Verwandte habe Niemanden sagte er als einen Schwestersohn der bald hieher
auf die Universität kommen wird um unter meiner Anleitung Theologie zu
studieren und für den ich wie ein Vater zu sorgen denke Nun dachte ich für
den wird es auch besser sein wenn er zugleich eine Muttr findet denn ich
dachte nicht Herr Prediger wie ich mich mit dem alten Herrn Professor zu
dessen Bestem verheiratete dass uns Gott noch Kinder schenken würde Na wie
gesagt so getan wir waren ein Paar ehe der Trotzkopf dort ankam Ich sah es
wohl dem war die Frau Base nicht recht nicht vornehm genug aber ich dachte
das wird sich schon geben findet er nur täglich seinen Tisch gedeckt und gute
Klösse in der Suppe so wird er wohl einsehen dass sein Oheim vernünftig darin
gehandelt hat für eine Pflegerin im Alter zu sorgen Aber der Mensch war wie
verhext je mehr ich ihm Alles nach dem Munde einzurichten suchte um so gröber
wurde er und blinzte immer tückischer mit den kleinen Augen Das bemerkte selbst
mein guter Mann der sonst auf wenig achtete und ich hatte oft genug zu tun
um ihn zufrieden zu sprechen Ich sagte ihm oft Jugend hat keine Tugend wenn
er mehr zu Verstande kommt wird ihm der dumme Hochmut vergehen Aber es wurde
täglich schlimmer Endlich schrieb er gar meinem Manne dass er umsatteln und auf
die Doktorei studieren wolle Sie wissen Herr Prediger jeder Mensch liebt seine
Profession und ich dachte meinen alten Mann würde der Schlag rühren wie er
den Brief las denn Der hatte schon das Versprechen erhalten dass man ihn in
eine schöne Pfarre einschieben wolle wenn er ausstudirt haben würde Lorchen
sagte der gute Mann zu mir ich fürchte für meine Gesundheit wenn ich den
Undankbaren spreche übernimm Du es ihm sein Unrecht zu zeigen Ich tat das
gern für den alten Mann und wollte dem Springinsfeld zeigen dass er sein
Stipendium und Alles verlieren müsste wenn er nicht geistlich bliebe Aber der
war grob wie ein Kannibale und führte so anzügliche hebräische Redensarten von
denen er behauptete sie ständen in der Bibel dass mir endlich wie er gar dem
Apostel Paulus seine Grobheit zuschieben wollte auch die Galle überlief und ich
ihm tüchtig meine Meinung sagte
Am andern Morgen war der Brausekopf auf und davon und wir weinten
hinterdrein und ich weinte noch mehr wie meine Tochter nach wenigen Tagen
geboren wurde denn nun konnte er nicht Gevatter stehen bei dem Kinde wie ich
ich es immer mit seinem Oheim ausgemacht hatte Mein guter Mann sah wie mich
das Alles kränkte und schrieb nach Jena an einen guten Freund den er dort
hatte und der richtete es so ein dass dem Neffen alle Unterstützung zukam die
er durch uns bekommen konnte bald als Geschenk für eine glückliche Kur bald
auf andern Wegen so dass wir wussten es ginge ihm dort nichts ab Er blieb lange
in Jena ohne uns weiter zu schreiben als ein Mal Mein seliger Mann wartete
immer auf Briefe und dachte ihm dann zu vergeben denn für ihn schickte es sich
doch nicht mit der Vergebung aller Grobheit dem Neffen entgegen zu kommen wer
aber nicht schrieb das war der übermütige Patron und so blieb es viele Jahre
bis man auf ein Mal meinem alten Manne meldete der Vogel sei ausgeflogen Er
war aus Jena verschwunden und Niemand wusste wo er geblieben war Ich weiß
nicht fuhr die gute Frau ernstaft den Kopf schüttelnd fort ob mein lieber
Vetter alle die Tränen verdient hat die sein guter seliger Oheim um seinet
Willen weinte Vor zwei Jahren wie der gute Mann sein Ende nahe fühlte sagte
er zu mir Lorchen wenn Du meinen Neffen auffinden kannst so lass ihm doch aus
meinem Nachlasse die Bibliothek und die Naturaliensammlung zukommen wenn Du es
glaubst dass unser Kind es entbehren könne Ich antwortete ihm unsere Marie
würde wenn sie die Jahre hätte wohl ohne die Bücher und all den Kram einen
guten Mann finden und ich wollte es dem Neffen geben Er fragte mich ob er
darüber etwas aufzeichnen solle ich antwortete aber dass es ihm bewusst sei dass
ich keine Heidin wäre und dass es keiner Schreiberei bedürfe um seinen Willen
zu erfüllen Darauf ist Sein Oheim gestorben lieber Vetter und er kann alles
das Zeug nun haben
Wie rief der Arzt erstaunt die ganze Bibliothek das ganze
Naturalienkabinet
Alles erwiderte seine Verwandte die Bücher die Steine die ausgestopften
Vögel und andern Tiere Es hat mir Mühe genug gekostet alles das Vieh zu
erhalten und Gott weiß ob nicht doch die Motten die Kreaturen gefressen hätten
trotz des vielen Pfeffers und Lavendels der daran gewandt wurde wenn sich
nicht ein Paar von meinen Herren Kollegen der Sache angenommen hätten Sie waren
immer Freunde des Seligen gewesen und hatten auch seine Liebhabereien und so
wurde Alles erhalten
In der Tat, sagte der Arzt gerührt ich erkenne die Großmut der
wertgeschätzten Frau Base ganz wie ich soll
Na was faselt Er nun wieder von Großmut lieber Vetter erwiderte seine
Verwandte gutmütig der Selige wollte ihm das alles gönnen also kommt es ihm
zu und es wäre schlecht von mir gewesen wenn ich es ihm hätte verderben
lassen Er verliert so dadurch dass uns Gott ein Kind bescheert hat aber wenn
er sich nach etlichen Jahren ordentlich aufführt so kann er mein Schwiegersohn
werden mit der Zeit und dann bekommt er mehr als ohne mich der alte Mann sein
Oheim nachgelassen haben würde nicht einmal das zu rechnen setzte sie mit
einer stolzen Bewegung des Kopfes hinzu was ich hier noch erbe
Frau Base Ihre Güte stammelte der Arzt
Na na das ist nur so ins Blaue gesprochen unterbrach ihn diese Meine
Marie hat noch lange Zeit das braucht Ihn nicht zu binden und mich auch nicht
Die schlanke Marie ein Kind von dreizehn Jahren betrachtete neugierig den
Arzt den ihre Mutter so ohne Umstände als den künftigen Bräutigam bezeichnete
indes dieser verlegen errötend an seinem Busenstreif zupfte Es flogen ihm
alle Vorteile dieser Verbindung schnell durch den Kopf aber auch die ihm
höchst anstössige Verwandtschaft mit Bauern die daraus entspringen müsse Er
richtete die halb zugedrückten Augen scharf auf das junge Mädchen deren feine
Gestalt nichts Bäuerisches hatte aus deren blassem Gesicht ihn die große
Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Oheim rührend ansprach Er beschloss also zu
überlegen zu prüfen und dann wie ein Mann sein Schicksal zu bestimmen Dass er
selbst seiner vermutlichen Braut missfallen könne fiel ihm gar nicht einmal
ein
Die Base hatte durch den Gedanken an eine mögliche nähere Verbindung mit dem
Vetter eine noch lebhaftere Teilnahme für diesen gewonnen und fragte ohne
Umstände nach allen seinen Verhältnissen worauf sie lauter befriedigende
Antworten erhielt Der Prediger mischte sich in dies Gespräch und hoffte durch
die nun anwesende ehemalige Dienerin der Gräfin Vieles über deren frühere
Verhältnisse zu erfahren Er sagte also Da Sie meine werte Frau Professorin
in Ihrer Jugend die Baronin Schlebach und ihre Tochter auf Reisen begleitet
haben so werden Sie sich ja freuen die Letztere hier wieder zu begrüßen Was
rief die Angeredete indem sie aus großer Überraschung von ihrem Sitze
aufsprang ist die Frau von Blainville hier Frau von Blainville wiederholte
der Prediger verwundert ich meine die Gräfin Hohental die Gemahlin des
hiesigen Gutsherrn
So lebt sie also und hat sich wieder verheiratet fragte die Wittwe des
Professors Nun setzte sie mit Rührung hinzu ich muss die Gnade Gottes preisen
dass er mir auch diesen Wunsch gewähren will sie vor meinem Ende wieder zu
sehen ich habe mir vergebliche Mühe genug gegeben sie wieder aufzufinden
Also war die Gräfin schon ein Mal verehelicht sagte der Prediger der sich
von seinem Erstaunen nicht erholen konnte
Haben Sie das nicht gewusst fragte die Fremde mit einem scharfen
Seitenblicke Nein erwiderte der Geistliche es ist mir überhaupt Manches
auffallend gewesen die Familie scheint Vieles zu verschweigen und selbst die
vertraute Dienerschaft teilt das geheimnisvolle Wesen denn der Haushofmeister
Dübois ist eben so zurückhaltend wie seine Herrschaft So ist der gute alte
Dübois auch hier rief die Fremde in freudiger Überraschung Sie kennen ihn
also fragte der Prediger aufs Neue Wie sollte ich nicht rief mit Tränen in
den Augen die Frau Professorin indem sie vor Verwunderung die Hände zusammen
schlug Du große Güte morgen am Tage gehe ich aufs Schloss sie alle zu
besuchen Du mein Heiland das hätte ich nicht gehofft auch den guten Alten
wieder zu finden nach so vielem Unglück er war ja schon damals alt
Sie werden uns ja vieles Interessante mitteilen können Frau Professorin
sagte der Geistliche sehr freundlich Sie äußerten sich verwundert darüber die
Gräfin lebend zu wissen Sie drückten sich so aus als ob sie Ihnen verloren
gegangen wäre das klingt ja Alles recht sonderbar und könnte wohl die Neugierde
erregen Die Befragte richtete abermals einen scharfen Blick auf den Geistlichen
und erwiderte mit der Frage Hat Ihnen denn die Gräfin das nicht alles selbst
erzählt Keine Sylbe erwiderte der Pfarrer und auch hier unserm Freunde der
doch der Arzt des Hauses ist sind alle Verhältnisse desselben fremd So
erwiderte die Frau Professorin trocken wenn das ist, so ist es ein Zeichen
dass die Frau Gräfin darüber nichts sprechen will denn Sie mein lieber Herr
Prediger haben eine so dreiste Art zu fragen dass man es sich schon recht fest
vornehmen muss wenn man ein Geheimnis bei sich behalten und Ihnen verbergen
will Ich will nun gerade nicht damit sagen dass sich das für einen
protestantischen Geistlichen schickt Wenn Sie katholisch wären so wäre es was
Anders denn die haben ihren Götzendienst und ihre Ohrenbeichte aber wir guten
Christen brauchen Gottlob unsern Priestern nicht Alles zu sagen
Verlegen und empfindlich erwiderte der Pfarrer Nach Ihrer Antwort muss ich
glauben dass Sie mir eine recht böse Absicht zutrauen wenn ich aus Teilnahme
mich nach den Verhältnissen der Gräfin erkundige
Nehmen Sie es mir nicht übel erwiderte die Base des Schulzen ich bin mein
Lebelang treu gewesen und was die Gräfin für gut gefunden hat Ihnen zu
verschweigen werden Sie von mir auch nicht erfahren
Der Geistliche war aufs Äußerste verletzt dass diese Frau mit bäuerischer
Gradheit ihm seinen Fehler so treuherzig vorrückte zugleich musste er sich
tadeln dass er sie für zu einfältig gehalten da er vermutlich alles was er
wissen wollte hätte erfahren können wenn er nicht geglaubt hätte hier ohne
alle Umstände geradezu gehen zu dürfen Er schwieg also verdrießlich Der Arzt
hatte auf diese Unterredung seines Freundes mit seiner Base wenig geachtet Sein
eigenes Schicksal beschäftigte ausschließend seine Gedanken Der Besitz einer
bedeutenden Bibliothek eines ansehnlichen Naturalienkabinets beglückte sein
Herz Er dachte daran wie er dies alles wolle hieher kommen lassen und dabei
fiel ihm die Notwendigkeit ein ein eigenes Haus zu haben wenn er seine
Schätze recht genießen wollte An diesen Gedanken knüpfte sich der andere dass
alsdann eine Frau im Hause notwendig sein würde und er blinzelte so oft nach
der schlanken Marie hinüber dass diese trotz ihrer großen Jugend errötete Auf
solche Weise war die Unterhaltung den Frauen überlassen und die Frau des
Predigers vertiefte sich mit der Base des Arztes bald in ein Gespräch über
häusliche Einrichtungen welches immer wärmer und lebhafter wurde je mehr beide
Frauen ihre gegenseitigen Einsichten erkannten und man wechselte laut und
lebhaft mit Fragen und Ratschlägen ab worauf die beiden anwesenden Männer
nicht zu achten schienen sondern gedankenvoll und stillschweigend Tabak
rauchten indes die jungen Mädchen in dieser langweiligen Umgebung nicht recht
wussten was sie mit sich anfangen sollten
Wie ein Sonnenstrahl durch den Nebel dämmert so wurde die drückende
Langeweile die sich auf die Gesellschaft zu lagern begann ein wenig durch
einen rasch vorfahrenden Wagen zerstreut dessen zierliche der neusten Mode
entsprechende Form sich im hellen Mondenschein bemerken ließ Der Prediger eilte
erstaunt den neuen Gästen entgegen denen ein gut gekleideter Diener den Schlag
des Wagens öffnete worauf ein junger sehr zierlich gekleideter Mann
heraussprang dem ein alter etwas mühsam folgte Der Herr sei gelobt der uns so
weit geführt hat sagte dieser mit heuchlerischer Stimme und der Prediger
erkannte den alten Lorenz Er war zweifelhaft wie er ihn aufnehmen sollte als
dieser mit großer Unbefangenheit auf ihn zutrat und ihm die Hand mit
Vertraulichkeit bot die der Prediger überrascht nicht ausschlug Wir fuhren
so nahe bei Ihnen vorbei lieber Herr Prediger begann Lorenz dass ich es nicht
unterlassen konnte Ihnen meinen Besuch zu machen um so weniger da auch mein
Sohn sehr wünschte Ihnen nach so langer Zeit ein Mal wieder seine Achtung zu
beweisen Die Neugier diesen Sohn zu sehen war in dem Augenblick das
überwiegende Gefühl des Predigers und er nötigte die Angekommenen höflich
einzutreten Der junge Mann näherte sich mit leichten Schritten und sicheren
Gebehrden den Frauen um sie zu begrüßen und nach einigen höflichen Worten mit
denen er seinen späten Besuch bei der Frau des Predigers entschuldigte musterte
er mit dreistem Blicke die Gruppe der jungen Mädchen von welchen keine seinen
besonderen Beifall zu erhalten schien Er fuhr sich hierauf mit den weißen
Fingern durch die schwarzen Locken ordnete vor dem Spiegel ohne Umstände seine
Halsbinde und gesellte sich zu den Männern
Der Prediger konnte sein Erstaunen weder beherrschen noch verbergen indem
er seine neuen Gäste betrachtete Jede Spur von Armut war verschwunden die
feinsten Kleider trug heute der alte Lorenz statt des abgetragenen Überrockes
dessen er sich noch vor Kurzem bediente Sie waren seinem Alter angemessen aber
doch nach der Mode den kahlen Scheitel deckte eine künstliche Perücke und
statt des im Walde geschnittenen Stockes diente ihm jetzt ein mit einem goldenen
Knopfe versehenes Rohr als Stütze
Der Arzt war durch das Geräusch der Eintretenden ebenfalls aufgeregt worden
und indem er die neu Angekommenen begrüßte betrachtete er mit scharfen
stechenden Blicken den jungen Mann der seine großen schwarzen Augen dafür
höchst ruhig auf ihn richtete
Irre ich nicht redete ihn der Arzt mit vor Zorn flammenden Wangen an so
habe ich schon ein Mal die Ehre gehabt Ihnen zu begegnen Ich wüsste nicht
antwortete der junge Lorenz ich bin jetzt erst kurze Zeit wieder hier im Lande
Indem er diese Antwort höchst gleichgültig gab nahm er aus einer goldenen Dose
ruhig Tabak
Der Arzt ergriff seine eigene viel schönere goldene Dose und indem er
heftig auf den Deckel schlug rief er mit funkelnden halb zugekniffenen Augen
Ich dächte doch Sie müssten sich erinnern was in Krumbach vorfiel als ich Sie
dort in der Schenke traf
Ich halte mich nicht anders in Schenken auf sagte der Andere verächtlich
als wenn auf Reisen meine Pferde Ruhe bedürfen und so kann es wohl sein wenn
Sie solche Orte besuchen dass Sie mich ein Mal in der in Krumbach vorhandenen
getroffen haben denn mein Weg hat mich mehrmals durch dieses Dorf geführt
Und Sie hätten ganz vergessen sagte der Arzt indem er nahe auf ihn zutrat
was Sie damals alles sprachen als ich durch mein Pflichtgefühl getrieben die
Schenke besuchte aus Menschlichkeit die der Arzt niemals verleugnen darf denn
Wehe dem der sich zu vornehm dünkt an das Schmerzenslager zu treten mag es
stehen wo es will So können Sie mich in Schenken und an noch niedrigeren Orten
antreffen wenn Pflicht und Menschenliebe es mir gebieten wenn ich aber zu
meiner Erholung unter Menschen gehe so werden Sie mich immer in der besten
Gesellschaft finden zu der ich gehöre
Es ist gut dass Sie mir das sagen antwortete der junge Lorenz gleichgültig
denn Ihre unnütze unbegreifliche Heftigkeit würde mich das zum Beispiel nicht
haben erraten lassen
Der Arzt bemühte sich nun ebenfalls gleichgültig zu sprechen und fuhr
deshalb mit schlecht unterdrückter Heftigkeit fort Es scheint also Sie haben
rein vergessen was Sie damals über den Grafen Hohental sprachen über seine
Ergebenheit gegen die Franzosen über den verwundeten Herrn St Julien dessen
Leben ich mit Mühe erhalten hatte und der ein Spion sein sollte der arme
Mensch der weder sprechen noch sich rühren durfte damals jetzt Gottlob ist
er hergestellt und kann sich selbst verantworten Haben Sie das alles ganz aus
Ihrem Gedächtnisse vertilgt
Wenn ich damals in der Tat solche Ansichten hatte erwiderte der junge
Lorenz mit unzerstörbarer Ruhe und Gleichgültigkeit so habe ich sie gewiss mit
allen die etwas von den Verhältnissen des Grafen wussten geteilt und ich sehe
nicht ein was Sie darin beleidigen kann und wenn Sie wirklich zur guten
Gesellschaft gehören wie Sie versichern so werden Sie selbst einsehen dass es
nicht passend ist mich in einem fremden Hause über eine Ansicht die Ihnen
unrichtig scheint mit Heftigkeit zur Rede zu stellen Nach diesen sehr ruhig
gesprochenen Worten ließ er den kampflustigen Arzt stehen und nahm einen
gleichgültigen Anteil an dem Gespräche seines Vaters mit dem Prediger
Der alte Lorenz hatte dem Geistlichen schon auf seine gewöhnliche
heuchlerische Weise mitgeteilt dass er ein kleines Gut fürs Erste gepachtet
habe dass er aber wohl hoffen dürfe es werde in Jahresfrist das Eigentum
seines Sohnes werden der für jetzt eine Stelle als Privatsekretair bei einem
bedeutenden französischen Generale annehmen würde der mit seinen Truppen noch
so lange in Preußen verweilen würde bis die Kontributionen alle abgetragen
wären und es ist dies eine vernünftige Einrichtung schloss der alte Heuchler
und Gott möge seinen Segen dazu geben denn mein Sohn kann dem Herrn General
nützlich sein in tausend Fällen weil er die Rechte studiert hat und kann auch
wiederum manchem Freunde dienen der die Hilfe eines Landsmannes bei dem Herrn
General brauchen sollte
Es entgingen die schlechten Gründe dem Pfarrer nicht welche die Handlungen
des Sohnes wie des Vaters bestimmten und er betrachtete den jungen Mann mit
misstrauischen Blicken als er sich in das Gespräch mischte
Die Base des Arztes redete diesen an und begann ihm Mancherlei von ihrem
verstorbenen Gemahl zu erzählen dadurch lenkte sich die Unterhaltung ohne Zwang
auf die Bibliothek und das Naturalienkabinet und ging endlich auf merkwürdige
Krankheitsfälle über die dem Arzte vorgekommen waren und die sie sich
umständlich erzählen ließ so dass dessen üble Laune gänzlich schwand und er nach
dem Abendessen von ihr aufgefordert mit Vergnügen diese Verwandte die er sich
eingestand verkannt zu haben nach Hause zu begleiten versprach Als sie nach
einem formellen Abschiede von dem Prediger und dessen Familie und einer kaum
merklichen Verbeugung gegen Lorenz und dessen Sohn nun den Arm ihres Neffen
gefasst hatte und im hellen Mondenscheine der friedlichen Wohnung des Schulzen
zuwandelte sagte sie gutmütig scheltend Er hat immer noch seinen
unvernünftigen Trotzkopf Vetter was fing Er nur für unnütze Händel mit einem
Menschen an der ihn ins Unglück bringen kann So wie ich hörte dass der alte
Vater dem Prediger ohne Scham und Scheu erzählte dass sein Sohn ein Franzose
wird so fing ich nur gleich mit Ihm an Allerlei zu reden und ließ mir geduldig
vorerzählen wovon ich kein Wort verstehe damit Er nur nicht wieder mit dem
schlechten jungen Menschen in Zank und dadurch in Unglück geraten sollte aber
sei Er für die Zukunft vorsichtig versprech Er mir das Sie meinen es gut mit
mir sagte der Arzt nicht ohne Bewegung Das habe ich immer getan erwiderte
seine Verwandte und umarmte und küsste ihn herzlich da sie das Haus des
Schulzen erreicht hatten Die schlanke Marie reichte dem Vetter die Hand die
dieser höflich küsste worüber das junge Mädchen lebhaft errötete und die
Verwandten trennten sich in der wohlwollendsten Stimmung
Der Prediger hatte den Verdruss dass Lorenz und sein Sohn nicht die mindeste
Anstalt machten ebenfalls aufzubrechen und er war gezwungen ihnen ein
Nachtlager anzubieten damit er sich selbst zur Ruhe begeben könnte und dies
wurde von Beiden wie eine Sache die sich von selbst verstände angenommen
X
Der Arzt hatte am Morgen des nächsten Tages den ihm etwas beschwerlichen Auftrag
seiner Base zu besorgen und der Gräfin ihre Ankunft und ihren Besuch für
denselben Vormittag zu melden denn wie sehr er sich auch mit dieser Verwandten
innerlich versöhnt hatte so kostete es ihm doch Viel seinen Hochmut zu
besiegen und sie als Verwandte und zugleich als die ehemalige Dienerin der
Gräfin zu bezeichnen Diese war sichtlich erschreckt und erfreut durch die
unerwartete Nachricht und suchte sobald sie nur Fassung gewann den Arzt auf
eine geschickte Art über alle beim Prediger geführten Gespräche auszufragen
aber ihre Unruhe wurde nicht gehoben denn jenes Seele war besonders davon
erfüllt wie heldenmütig er sich nach seiner Meinung dem Verräter dem jungen
Lorenz gegenüber benommen hatte
Er hatte die Gräfin kaum verlassen als diese Dübois rufen ließ um ihm das
Unerwartete mitzuteilen und ihn zu bitten die ehemalige Dienerin zuerst zu
empfangen um ihr die nötige Schonung zu empfehlen Der alte Mann war bereit zu
tun wozu sein eigenes Herz ihn trieb und er begab sich hinunter um die
Ankommende zu empfangen ehe sie einen Diener des Hauses sprechen konnte denn
der Haushofmeister kannte aus früheren Zeiten ihre große Redseligkeit und konnte
nicht wissen ob die Veränderung ihres Standes sie zurückhaltender gemacht haben
würde Seine Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt denn kaum war eine
Viertelstunde verflossen so nahte sich die Erwartete im höchsten Putz mit
großen Schritten Die Tochter folgte der Mutter denn es gelang ihrer
Anstrengung nicht sich in gleicher Linie mit derselben zu erhalten und kaum
hatten Beide die Schwellen des Hauses überschritten als die Mutter ihren alten
Freund erblickend ihren Shawl heftig zurück warf so dass er zur Erde fiel und
mit einem lauten Ausrufe der Freude ihn zu umarmen eilte Dübois erwiderte
diese Zeichen der Freundschaft Anfangs mit Herzlichkeit da aber die oft
wiederholten Umarmungen ihn beinah zu ersticken drohten und die schallenden
Küsse ein spöttisches Lächeln auf den Gesichtern einiger hinzugetretenen
Bedienten hervorriefen so entzog er sich höflich den Armen die ihn
umschlossen und bat seine Freundin erst bei ihm einzutreten ehe sie ihren
Besuch bei der Gräfin ablegte Bereitwillig folgte die Base des Arztes dieser
Einladung von der Tochter begleitet die den Shawl der Mutter vom Boden
aufgehoben und ihn ihr ruhig wieder umgelegt hatte
Der Haushofmeister bewirtete seine Gäste mit einem Frühstück während
dessen er der Wittwe des Professors alles abfragte was er zu wissen begehrte
und ihr raten konnte so gelinde als möglich ihrer ehemaligen Herrschaft
mitzuteilen was diese wissen musste Unter Strömen von Tränen war die
Unterredung geführt worden und die geduldige Marie saß während ihrer langen
Dauer einsam am Fenster eines andern Zimmers wohin sie die Mutter nachdem sie
dieselbe mit Kuchen und Chokolade versorgt verwiesen hatte um ungestört mit
ihrem alten Freunde zu sprechen
Endlich war das Frühstück geendigt und das Nötige verabredet die Tränen
wurden getrocknet der Shawl in die gehörigen Falten gelegt und der
Haushofmeister bot seiner Freundin den Arm führte sie mit höflicher
Aufmerksamkeit die große Treppe hinauf und geleitete sie in die Zimmer ihrer
ehemaligen Herrschaft
Die Gräfin trat ihnen entgegen Meine gute Freundin rief sie indem sie die
ehemalige Dienerin erblickte und wollte sie umarmen diese aber ergriff mit
Heftigkeit beide Hände der ehemaligen Gebieterin die sie abwechselnd mit Küssen
bedeckte und mit Tränen überströmte Sobald die Gräfin ihre Hände befreien
konnte umarmte sie die Wittwe des Professors und sagte Wie freut es mich
meine Liebe Sie wieder zu sehen und nach so vielen Jahren zu finden dass die
Zeit den Anteil den Sie an meinem Schicksal nehmen nicht geschwächt hat
Mitten in ihrer Rührung wurde die Base des Arztes empfindlich und sagte
Millionen Tränen habe ich um Ihretwillen geweint und gewiss nicht verdient dass
Sie mich nun so fremd behandeln und mich nicht mehr Du nennen und Leonore wie
in früheren Zeiten so viele Jahre hindurch
Mein Herz ist darum nicht weniger warm sagte die Gräfin indem sie die
Hände der erzürnten Frau drückte aber dies muss um Ihretwillen so bleiben auch
würde sich Ihr Neffe der Arzt gekränkt fühlen wenn es anders wäre
Nun ja erwiderte besänftigt dessen Base den Toren kenne ich ja mit
seinem Hochmute Lassen Sie uns überhaupt jetzt nicht von solchen Kleinigkeiten
sprechen sagte die Gräfin mit bewegter Stimme meine gute Leonore Sie kennen
mein Unglück haben Sie mir gar nichts Tröstliches zu sagen
Die Wittwe des Professors ward durch diese Frage auf ein Mal wieder in den
tiefsten Schmerz versenkt O Gott rief sie aus was haben Sie alles leiden
müssen und wie hat der Kummer Sie vor der Zeit alt gemacht wie mager sind die
schönen weißen Hände geworden und wo ist die herrliche Farbe geblieben Blühten
Sie doch wie eine Rose und es war ganz natürlich dass der gute Herr Blainville
so verliebt blieb ob Sie gleich schon lange verheiratet waren
Meine Liebe sagte die Gräfin aus beklemmter Brust schonen Sie mich mit
Erinnerungen durch die Sie mich töten können
Die Professorin weinte und sagte unter heftigem Schluchzen Sie haben Recht
ach Sie haben Recht aber ich kann den Schmerz nicht bezwingen wenn ich Sie
ansehe
Reden Sie nicht von mir sagte die Gräfin mit großer Anstrengung sprechen
Sie von dem Schicksale des unglücklichen Kindes
Ich weiß ja nichts von dem kleinen Herrn klagte die Wittwe des Professors
und sammelte sich endlich so weit um von Tränen und Klagen unterbrochen
ihrer ehemaligen Herrin erzählen zu können wie sich ihr Schicksal gestaltet
hätte nachdem sie die Gräfin verloren Diese obgleich zerschmettert von dem
Worte der Dienerin durch das ihre letzte dunkle Hoffnung verloren zu gehen
schien bezwang dennoch ihr Gefühl und hörte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den
Bericht um doch vielleicht noch eine schwache Spur des Verlornen darin zu
finden
Ach hob die ehemalige Dienerin ihre Wehklage an wie war uns zu Mute mir
und der Mamsell Adele als wir damals in Paris unsern Einkauf gemacht hatten und
nun ruhig nach Hause gegangen waren Mein Gott mein Gott als wir die offenen
Türen erblickten als wir ankamen die geöffneten Schränke und die grausige
Unordnung Ihr schöner Hut lag auf dem Boden und es hatte Jemand mit
schmutzigen Füßen darauf getreten der Wirt des Hauses stand im Wohnzimmer und
schalt uns so wie wir ankamen schändliche Aristokraten ich wollte ihm
antworten wie sichs gehörte denn ich hatte französisch genug dazu in der
Gottvergessenen Stadt gelernt aber Mamsell Adele rief heftig Wo ist Herr
Blainville und seine Gemahlin Herr Blainville wiederholte plötzlich der Wirt
von dem weiß ich nichts der Vaterlandsverräter der verkappte Graf ist wo er
hingehört im Gefängnisse Mein Bruder mein unglücklicher Bruder schrie
Mamsell Adele in Verzweiflung und wurde bleich und starr wie eine Leiche So
groß mein Schmerz war so ging mir doch ein Licht auf und ich war recht böse
dass Sie mir die Sache nicht gehörig vertraut hatten ich hätte nichts verraten
und hätte den gehörigen Respekt vor Mamsell Adele haben können statt dass ich
sie geärgert hatte wo ich konnte denn ich hielt sie für hochmütig und von
Ihnen begünstigt und ich dachte ich wollte sie dadurch aus dem Dienst treiben
denn sie kam mir unnötig im Hause vor Jetzt sah ich das alles anders ein durch
dies einzige Wort das sie im Unglücke und im Schrecken ausgesprochen
O mein Gott seufzte die Gräfin und bedeckte ihre überströmenden Augen mit
den Händen Die rohe aber gutmütige Erzählerin sah welche Schmerzen ihre
Worte erregten und zog mit sanfter Gewalt die Hände der ehemaligen Herrin von
den weinenden Augen derselben zurück um sie mit Küssen und mit warmen Tränen
zu bedecken Weiter meine Liebe sagte die Gräfin mit zitternder Stimme um
Gottes Willen fahren Sie fort
Ja weiter in der unglücklichen Geschichte rief die Wittwe des Professors
Sie wissen nicht wie mir das Herz blutet wenn ich an all den Jammer und
Trübsal denke Ich wusste nicht was ich mit Ihrer armen Schwägerin anfangen
sollte die bleich und starr da saß ohne zu weinen ohne zu reden ja ohne ein
Glied zu rühren Ich war ganz allein mit ihr der Hausherr hatte uns wieder
verlassen und ich wusste nicht was ich anfangen sollte denn ich hatte nicht
den Mut die Arme zu verlassen und einen Arzt zu rufen Endlich brachte ich sie
doch wieder etwas zur Besinnung sie sprang nun auf ein Mal auf fasste heftig
zitternd meinen Arm und sagte leise Komm wir müssen meinen Bruder aufsuchen
Ich war bereit und wir stürmten der Türe zu ohne zu wissen wohin In der Türe
begegnete uns ein alter Herr den das arme Fräulein Adele zu kennen schien Mit
gerungenen Händen fiel sie vor ihm auf die Knie und rief Helfen Sie retten
Sie Der gute Mann weinte selber und sagte zuerst müssen Sie fort von hier und
zwar sogleich damit Sie nicht ebenfalls verhaftet werden denn alsdann würde es
noch schwieriger werden etwas für Ihren Bruder zu tun Ich fürchte der Herr
des Hauses ist schon ausgegangen die Anzeige zu machen denn ich traf ihn nicht
zu Hause deshalb lassen Sie uns eilen Als ich diese Worte hörte kam mir
schnell von Gott der gute Gedanke dass Ihnen nicht damit geholfen wäre wenn uns
die unmenschlichen Jakobiner einsperrten und ich sagte also dem guten alten
Manne der sich unserer annehmen wollte dass man Mamsell Adele gar nicht fragen
müsse denn sie sei so außer sich dass der Hausherr mit der Wache kommen würde
ehe sie nur begriffe wovon die Rede sei Der verständige Mann sah das ein und
wir fassten jeder die arme Weinende unter einem Arm und brachten sie mit Gewalt
die Treppe hinunter in den Wagen des alten Herrn und der Schurke der Wirt
behielt nichts als das leere Nachsehen wenn er mit seinen Jakobinischen Wachen
wird angekommen sein Wie lange wir gefahren sind weiß ich nicht denn sowohl
ich als unser alter Begleiter wir waren während des Weges nur bemüht die arme
Mamsell Adele ein wenig zu beruhigen aber Gott weiß es gelang uns schlecht
Endlich hielt der Wagen vor einem kleinen Hause in der Vorstadt der alte Herr
hieß mich ausstiegen und ging mit mir in dies unscheinbare Haus das nachdem er
drei Mal leise geklopft geöffnet und hinter uns sogleich wieder verschlossen
wurde Eine alte Frau kam uns entgegen und ich hörte wohl wie mein Führer ihr
auftrug für mich aufs Beste zu sorgen aber um Gottes Willen mich nicht
ausgehen zu lassen weil wir alle durch meine Unvorsichtigkeit unglücklich
werden könnten Als er mich verlassen wollte fragte ich was aus Fräulein Adele
werden sollte Er antwortete mir wir dürften nicht zusammen bleiben es wäre
für uns beide sicherer wenn Jede einen andern Zufluchtsort fände er sei ein
Freund ihres Hauses und sorge für unser aller Bestes mit großer eigener Gefahr
Ich hatte lange genug unter den Heiden in Paris gelebt ich konnte also wohl
einsehen dass wir behutsam sein müssten und fügte mich in mein Schicksal Als
ich mit der guten Frau allein war hatte ich Zeit genug über unser Unglück
nachzudenken und ich brachte die ganze Nacht weinend und jammernd zu denn nun
da die größte Angst vorbei war dachte ich auch an unsern kleinen Herrn Endlich
am Abende des andern Tages kam der Herr wieder der mich hieher geführt hatte
und sagte mir er würde mich des andern Abends um dieselbe Zeit abholen und zu
einer deutschen Herrschaft bringen die mich als Kammerjungfer mitnehmen und in
Frankfurt am Main zurücklassen wolle von wo ich meine Heimat leicht erreichen
könne Ich fragte nach Ihrem Schicksale Er trocknete sich die Tränen und
sagte man müsse auf Gottes Beistand hoffen er könne mir nichts darüber sagen
Als ich nach Fräulein Adele fragte antwortete er etwas ungeduldig er könne mir
weiter keine Nachricht geben als nur die Versicherung dass sie außer Gefahr
sei und ich sollte froh sein dass er auch mich in Sicherheit bringen wollte
Ich fragte ihn ob ich nicht noch ein Mal nach unserer Wohnung zurück gehen
könne um meine Sachen abzuholen die dort alle zurück geblieben waren Er wurde
hierauf recht grob und sagte es sei ein Zeichen großer Dummheit dass ich um der
Lumpen Willen dahin zurück zu gehen dächte Er besänftigte sich aber bald und
befahl mir ich sollte bis zum nächsten Abende zusammenrechnen wie viel der
ganze zurückgelassene Kram wert sei er wolle ihn mir baar bezahlen ich solle
aber weder mich noch ihn deshalb unglücklich machen Ich war damit zufrieden
und fragte ihn nicht weiter nach unserm kleinen Herrn denn ich dachte mir
schon dass er doch nicht aufrichtig antworten würde Kaum aber hatte er das Haus
verlassen so fing ich an die alte Frau die es bewohnte mit Bitten und Tränen
so lange zu bestürmen bis sie selbst zu weinen anfing und mir zu helfen
versprach denn da sie mich nicht recht verstand so glaubte sie der kleine
Herr sei mein eigenes Kind und ich ließ es geschehen dass sie es glaubte und
gab gern zu dass sie mich für eine leichtsinnige Dirne hielt damit sie mir nur
helfen möchte In aller Frühe des nächsten Morgens drückte sie mir einen Hut
tief ins Gesicht hinein hing einen Schleier darüber gab mir einen Mantel und
nachdem sie sich eben so angetan hatte verließen wir das Haus nahmen auf dem
nächsten Platze einen Wagen und so ging es fort nach dem Dorfe Gott wie schlug
mein Herz auf diesem Wege teils aus Angst dass man uns verhaften möchte
teils aus Verlangen nach dem lieben Kinde Wir erreichten glücklich das Dorf
wir fanden das Haus aber nur zu neuem Jammer Die Pflegerin unsers kleinen
Herrn lag im hitzigen Fieber von dem Kinde war nichts zu sehen Die Weiber die
die Kranke warteten sagten mir ein alter Herr habe am vorigen Tage das Kind
abgeholt und es zu einer Dame in einen Wagen gehoben die nach des alten Mannes
Aussage die Mutter des Kindes gewesen sei Ich dachte einen Augenblick Sie
selbst hätten Ihr Kind abgeholt aber ich besann mich bald dass es nicht so sein
könnte denn Sie würden auch mich wieder zu sich genommen haben wenn Sie frei
gewesen wären Es war nun nichts weiter zu tun als den Rückweg mit Tränen
anzutreten und den Abend zu erwarten Als es dunkel geworden kam der alte Herr
richtig wie er es versprochen Ich hatte indes meine Rechnung für Lohn und
Kleider gemacht wie er es verlangt hatte Er bezahlte mir Alles und schenkte
mir noch hundert Franken zur Reise Da ich ihn in so gütiger Stimmung sah so
wagte ich es ihm mein Leid mit unserem Kinde zu vertrauen Er wurde sehr böse
und schalt auch die alte Frau dass wir gegen seinen Befehl das Haus verlassen
hatten als ihm diese aber um sich zu entschuldigen sagte dass sie meinen
Jammer und meine Tränen nicht mehr hätte mit ansehen können weil ein Stein
hätte durch meine Klagen bewegt werden müssen da wurde er wieder sanftmütig
und sagte da ich so große Treue für meine Herrschaft zeigte so wolle er die
Unbesonnenheit vergeben und übrigens müsse ich zu meinem Troste glauben dass
Gott ein unschuldiges Kind nicht würde untergehen lassen wenn ich es auch nicht
mehr bei seiner Pflegerin gefunden habe Das war alles was ich mit Bitten und
Flehen über den kleinen Herrn erfuhr und ich musste nun mit dem unbekannten
Herrn fort der mich zu meiner neuen Herrschaft brachte die beinah kein Wort
mit mir sprach Mit dem frühesten Morgen ging es aus Paris hinweg Wir reisten
Tag und Nacht bis wir Giessen erreichten Hier ließ sie mich zurück und ich
hatte nicht einmal erfahren mit Wem ich die Reise gemacht hatte Weil ich mir
den Fuß beschädigt hatte musste ich in Giessen einige Zeit bleiben und da fügte
es Gott dass ich an meinen alten Professor geriet Wie ich mit dem verheiratet
war vertraute ich ihm unser ganzes Schicksal an denn er war eine treue Seele
und ich dachte er würde vielleicht etwas auskundschaften können über Ihr
Schicksal oder über unsern kleinen Herrn Er schrieb nun nach allen Weltgegenden
hin und hatte überall seine gelehrten Freunde die ihm allerlei Lappalien
meldeten was sie ihre wissenschaftlichen Forschungen nannten aber das was mir
am Herzen lag forschte keiner aus Die Schweizer schrieben ihm der alte Herr
Blainville und Ihre Frau Mutter wären tot von Ihnen wusste man nichts und die
Franzosen konnten von dem kleinen Herrn gar nichts ausspüren und so musste ich
mich in Gottes Willen ergeben und dachte gar nicht mehr dass ich Sie jemals
wieder sehen könnte und hier nun schenkt mir Gott die unvermutete Freude Und
das bin ich doch eigentlich dem hiesigen Prediger schuldig denn hätte er nicht
in den Zeitungen bekannt machen lassen dass ich mich hier einer Erbschaft wegen
zu melden hätte so wäre es mir wohl niemals eingefallen diese Reise zu
unternehmen und wenn mein alter Professor noch lebte so würde er auch nun
einsehen dass er Unrecht hatte darüber zu lachen wenn ich mir aus den
Zeitungen nichts vorlesen ließ als solche Bekanntmachungen und Anzeigen wo
allerlei Sachen verkauft wurden denn sagen Sie selbst was geht mich Bonaparte
an und was brauche ich noch über die Franzosen zu hören Die habe ich
hinlänglich kennen gelernt und den Krieg fühlt man genug wenn er da ist man
braucht sich nicht um den zu bekümmern der in der Ferne geführt wird Solche
Anzeigen aber haben ihren Nutzen und man sollte nicht darüber lachen wenn
vernünftige Menschen sie lesen Mir wird diese einfältige Neugierde wie mein
seliger Mann meine Leserei nannte manchen schönen Taler einbringen denn ich
erhalte nun dadurch die mir zukommende Erbschaft
Die Gräfin hatte mit ängstlicher Aufmerksamkeit den Bericht ihrer ehemaligen
Dienerin vernommen und sie fand einen schwachen Trost darin Sie wusste doch nun
bestimmt dass ihre Schwägerin sowohl als das geliebte Kind in den
schrecklichsten Augenblicken ihres eigenen Lebens nicht umgekommen waren Sie
konnten beide leben und es konnte vielleicht dem Grafen gelingen diese
schwachen Spuren zu verfolgen und die Verlornen aufzufinden Sie dankte daher
der ehemaligen Dienerin für die von ihr bewiesene Treue und bat sie während
ihres hiesigen Aufenthaltes auf dem Schloss zu wohnen Die Wittwe des
Professors nahm dies Anerbieten mit Dankbarkeit an und sagte Es ist nicht
Hochmut von mir aber erstlich bin ich froh wieder in der Nähe meiner
ehemaligen Herrschaft zu sein und dann habe ich mir das Bauernleben so
abgewöhnt dass ich es nicht lange bei den guten Leuten meinen Verwandten würde
aushalten können
Die Gräfin bat nun sie möchte ihre Zimmer gleich in Besitz nehmen und alle
ihre Sachen nach dem Schloss bringen lassen damit bei der Mittagstafel sie
sich schon ganz als Hausgenossin fände
Ich bemerke rief die Professorin Sie verlangen ich soll an Ihrer Tafel
speisen und als die Gräfin dies bejahte fuhr sie fort Nimmermehr werde ich
mich dazu entschließen und wenn ich mir auch das Bauernleben abgewöhnt habe so
habe ich doch keinen dummen Hochmut bekommen Sie sind lange Jahre meine
Herrschaft gewesen das werde ich nicht vergessen Ja ich habe mich nicht
einmal zu der Gesellschaft der andern Professorsfrauen gehalten wie mein
seliger Mann noch lebte denn ich sah es recht gut dass ich ihnen zu gering war
ich war ihnen nicht fein nicht gelehrt genug aber mit aller ihrer
Gelehrsamkeit hatten es ihre Männer nicht so gut wie mein alter lieber Mann
Der konnte ohne Sorgen leben brauchte sich um nichts zu kümmern und hatte doch
Alles im Überfluss und wenn die Herren Professoren bei uns speisten so
gestanden sie alle aufrichtig bei uns sei der beste Tisch So lebten wir still
und ruhig ich pflegte meinen Mann und hielt mein Kind zur Kirche und Schule
an und sorgte dafür dass meine Marie früh die Wirtschaft lernte und nicht
tausend unnütze Torheiten Desshalb setzten die andern Professorentöchter das
arme Kind auch zurück denn mir fiel es nicht ein dass es nötig sei dass sie in
allen Sprachen Liebesbriefe zu schreiben verstehen müsse eben so wenig braucht
sie mit einem Schawl oder mit einer Trommel zu springen oder auf allen
Instrumenten zu klimpern Auch ist es kein Unglück wenn sie nicht alle
Spielereien zu machen versteht die im Grunde kein Mensch braucht denn ich habe
gesehen dass die vornehm erzogenen Mamsellen nachher vor lauter Gelehrsamkeit
ihr Haus nicht regieren konnten und mit allen ihren feinen Arbeiten nicht
verstanden wenn es Not tat ein Hemd für ihren Mann und ihre Kinder
zuzuschneiden
Sie mögen im Ganzen Recht haben sagte die Gräfin obwohl ich fürchte Sie
gehen zu weit was Ihre Tochter anbetrifft doch Sie sind mir ein so lieber
Gast dass ich wünsche Sie möchten sich in meinem Hause einrichten wie es Ihnen
am angenehmsten ist
Wenn Sie mir das erlauben sagte die Professorin so werde ich bei meinem
alten Freunde Dübois speisen und meine kleine Marie mögen Sie an Ihren Tisch
nehmen damit sie Manieren lernt denn da ich sie in der Zukunft mit dem Doktor
zu verheiraten wünsche und der so viel auf feine Lebensart hält so wäre es mir
lieb wenn sie darin nicht hinter ihren künftigen Mann zurückbliebe
Die Gräfin lächelte indem sie die Bitte ihrer ehemaligen Dienerin
bewilligte und Dübois der herbei gerufen wurde erhielt den Auftrag die
Zimmer im unteren Stockwerk der neuen Bewohnerin anzuweisen zugleich teilte ihm
die Gräfin scherzend mit dass die Frau Professorin seine Gesellschaft der
ihrigen vorzöge und an seiner Tafel zu speisen wünsche Mit großem Ernst
erwiderte der Haushofmeister dass er die Ehre so ihm seine Freundin erweise
zu schätzen verstehe Nun nun sagte die Wittwe des Professors sprechen Sie
nur nicht mit so großem Respekt wissen Sie nicht mehr wie oft sie mich
ausgescholten haben wie wir noch Kameraden waren
Die Gräfin wünschte die Tochter der Professorin zu sehen und Dübois eilte
die stille geduldige Marie herauf zu führen die während der langen Unterredung
zwischen ihrer Mutter und der Gräfin ruhig am Fenster in Dübois Zimmer gesessen
hatte
Als der Haushofmeister das Zimmer verlassen hatte trat St Julien ein um
ein Buch von der Gräfin abzuholen welches sie ihm am vorigen Tage versprochen
hatte So wie die Professorin ihn erblickte wurde sie bleich und schlug die
Hände zusammen Als der junge Mann die Gräfin anredete schien seine Stimme
einen ähnlichen Zauber wie sein Anblick auf die ehemalige Dienerin zu üben
denn sie seufzte tief auf und wurde glühend rot St Julien der die Bewegung
der Fremden bemerkte ohne zu ahnen dass er sie veranlasse glaubte sie habe
ein Gesuch bei der Gräfin und verließ deshalb bald das Zimmer um durch seine
Gegenwart nicht zu stören
Wer ist dieser junge Mann rief die Professorswittwe außer sich die Hände
der Gräfin ergreifend als sie allein waren
So fällt Ihnen die große Ähnlichkeit auch auf fragte die Gräfin mit
zitternder Stimme indem Tränen über ihre Wangen flossen
Mein Gott mein Gott rief die Professorin bebend es ist ja Herr
Blainville wie er leibte und lebte sogar das Zucken des Mundes womit er das
Lachen unterdrückte wie er mich in meiner Alteration bemerkte
Die Gräfin hatte kaum noch Zeit ihre ehemalige Dienerin mit den
Verhältnissen des jungen Mannes bekannt zu machen und sie zu bitten von allen
Leiden die sie mit einander erlebt hätten nichts dem Prediger anzuvertrauen
weil es für sie kränkend sein würde wenn diese Schmerzen ein Gegenstand
allgemeiner Gespräche werden sollten und die Wittwe des Professors hatte kaum
feierlich versprochen zu schweigen als die Tochter derselben blöde und zitternd
eintrat und sich furchtsam der Gräfin näherte um ihre Hand zu küssen wie es
ihr früher die Mutter befohlen hatte
Die Gräfin fühlte Mitleid mit dem armen Kinde das offenbar durch eine übel
angebrachte Strenge der Mutter unterdrückt kaum zu atmen wagte Sie sprach
gütig mit dem eingeschüchterten jungen Mädchen konnte aber doch nichts als
einzelne Sylben von ihr als Antwort gewinnen Sie machte hierauf der Mutter den
Vorschlag ihre Tochter ganz bei Emilie wohnen zu lassen weil junge Mädchen
besser zu einander passten als zu bejahrten Frauen Die Professorin fühlte sich
geschmeichelt und gab ihre Einwilligung worauf die Gräfin Emilie zu sich bitten
ließ um ihr ihre neue Freundin vorzustellen Diese betrachtete mit Teilnahme
das zitternde Kind und die Wittwe des Professors sagte nachdem sie Emilie mit
einem scharfen Blick betrachtet hatte zur Tochter So kannst Du denn gleich
hier bleiben ich werde allein zu meinem Vetter dem Schulzen zurück gehen und
unsere Sachen herschaffen lassen damit wir noch heute in Ordnung kommen Die
Worte hatte sie mit Härte und Trockenheit an die Tochter gerichtet Hierauf trat
sie zu Emilie fasste ihre Hand und sagte mit einer Träne im Auge Ich lasse
gern mein Kind bei Ihnen Sie sehen gut und milde aus und werden eine Waise
nicht verspotten wenn sie auch die feinen Manieren nicht hat die ich ihr nicht
habe geben können und der selige Professor auch nicht Der gute Mann verstand
nichts von Kindererziehung obgleich er dicke Bücher darüber schrieb
Emilie drückte die Hand der rohen aber guten Frau und sagte wenn Ihre
Tochter mir Vertrauen schenken will so werde ich sie als meine liebe Freundin
betrachten
Lieber Gott erwiderte die Professorin was hat so ein Kind zu vertrauen
Das wäre ja ein Unglück wenn die schon ihre Geheimnisse hätte
Die Gräfin konnte das Lächeln über dieses Missverständnis nicht unterdrücken
und sagte Lassen Sie Ihre Tochter ohne alle Sorge bei uns meine liebe
Freundin und eilen Sie sich Ihrem Wunsche gemäß einzurichten damit ich die
Freude habe Sie bei mir recht bald einheimisch zu sehen
Die Professorin ging und es ließ sich bemerken dass die blöde Marie nach der
Entfernung der Mutter tief aufatmete und sich sichtlich erleichtert fühlte Sie
ließ sich nun auch zum Sprechen bewegen und obgleich sie in allen Kenntnissen
selbst für ihr Alter zurück zu sein schien so ließ sich doch eine natürliche
Munterkeit des Geistes ja selbst eine Anlage zur Schalkhaftigkeit nicht
verkennen und man bemerkte deutlich indem sie über ihre häuslichen
Einrichtungen sprach dass sie mit der von der Mutter erhaltenen Erziehung nicht
so zufrieden war wie diese es zu verdienen glaubte sondern es regte sich in
dem jungen Mädchen eine lebhafte Sehnsucht nach allen ihr versagten Kenntnissen
und sie hüpfte fröhlig an Emiliens Hand hinweg indem sie ihr Glück pries sich
zum ersten Male in ihrem Leben ohne die Gegenwart der Mutter einer jungen
Freundin gegenüber zu befinden
Die Wittwe des Professors besorgte mit gewohnter Tätigkeit ihre Geschäfte
und bezog schon vor der Mittagstafel die von Dübois auf dem Schloss für sie
eingerichteten Zimmer Der Haushofmeister hatte für seine Freundin aufs Beste
gesorgt und sie fand Alles bequem und sauber eingerichtet auch ein zu ihrer
Bedienung bestimmtes Mädchen Er war ihr auch beim Auspacken und Ordnen ihrer
Kleider behilflich und führte sie dann nach dem Zimmer wo er für sich und seine
Gäste die Tafel hatte bereiten lassen und wo er ihr seinen jungen Freund Gustav
vorstellte In Eintracht setzten sich diese drei zu Tische und heitere
ungezwungene Gespräche würzten das Mahl Dübois bediente mit echt französischer
Höflichkeit seine Freundin für die er ein ungeheucheltes Wohlwollen empfand
der junge Gustav fand sich durch das Beispiel des Haushofmeisters zu gleicher
Aufmerksamkeit bewogen und Beider Bestrebungen wurden von der Wittwe des
Professors dankbar anerkannt Da aber Dübois sie immer Madame anredete so
folgte sein junger Freund auch hierin seinem Beispiele und dies verdüsterte
nachdem es einige Male geschehen war sichtlich die Stirn der Frau Professorin
Mit auffallendem Verdruss wendete sie sich zu dem jungen Menschen und sagte mit
ziemlicher Heftigkeit Mein lieber junger Herr wenn mich Herr Dübois Madame
nennt so hat das nichts auf sich wir sind alte Freunde auch wissen die
Franzosen nicht was sich schickt sie kennen keinen Unterschied und nennen
Alles gradeweg Madame ein Fischerweib und ihre Königin oder Kaiserin aber ein
Deutscher muss Lebensart lernen und daher können Sie mich immer nach meinem
Titel Frau Professorin nennen denn selbst der Neid muss es meinem seligen Manne
lassen dass er ein gelehrter Professor war
Der junge Mann schwieg mit Bestürzung und Dübois sagte lächelnd Vergeben
Sie mir meinen Fehler werteste Freundin wodurch unser Freund auch zum Irrtum
verleitet wurde Ich werde mir die französische Unhöflichkeit abgewöhnen und den
Ihnen zukommenden Titel nicht mehr vergessen
Gott bewahre rief seine Freundin zwischen uns bleibt es beim Alten aber
die Jugend muss anständig erzogen werden meinen Sie das nicht auch Freilich
freilich sagte Dübois lächelnd und nicht wahr mein Sohn fuhr er zu Gustav
gewendet fort Du wirst die erhaltene Lehre nicht wieder vergessen Der
Jüngling neigte sich beistimmend und die Heiterkeit kehrte zu der kleinen
Gesellschaft zurück die ohne weitere verdrießliche Störung ihre Mahlzeit
beendigte
XI
Die schüchterne Marie hatte im oberen Stockwerke im Speisesaale an der Tafel
Platz genommen und hielt sich ängstlich an der Seite ihrer Beschützerin Emilie
Sie konnte ihre Blödigkeit nicht überwinden und wagte weder zu essen noch ein
Wort zu sprechen so gütig sie auch von allen Seiten aufgemuntert wurde Die
Gräfin bat am Ende Jedermann möge sie ungestört lassen weil diese Blödigkeit
nur durch die Zeit zu überwinden sei wo sie sich dann von selbst verlieren
würde Der Arzt fühlte sich gekränkt durch das ungeschickte Betragen seiner
Verwandtin und vermutlichen künftigen Braut doch tröstete er sich mit dem
Gedanken dass sie eigentlich noch ein Kind sei dessen Fähigkeiten unter seiner
Leitung ausgebildet werden könnten
Der Obrist Talheim und seine Tochter so wie der Prediger nahmen Teil an
dem Mittagsmahle welches durch heitere freundschaftliche Gespräche zu Mariens
Qual verlängert wurde die erst dann wieder frei atmete als man endlich die
Tafel aufhob
Emilie und Terese beschlossen nach der Tafel einen Spaziergang in den
Garten zu machen und forderten ihre neue Freundin auf sie zu begleiten
Herzlich froh aus dem Saale zu entkommen schloss sie sich gern an und Emilie
fragte als sie in den dunkeln Baumgängen auf und ab gingen weswegen sie denn
unter lauter wohlwollenden Freunden so ängstlich gewesen sei Mein Herz war aus
großer Ehrerbietung so beklommen antwortete das unschuldige Kind Der Graf
meint es gewiss gut mit Jedermann aber er hat so vornehme Augen dass mir bange
wurde so oft er mich ansah vor der Frau Gräfin fürchte ich mich schon weniger
denn sie ist eine Frau aber auch der junge Herr Graf sieht so vornehm ernstaft
aus und dann der alte Herr Obrist so majestätisch Wie er hat gewiss der alte
König von Preußen ausgesehen von dem er so viel spricht Glauben Sie mir ich
kam mir recht unverschämt vor dass ich mich unterstand mit allen den Herren zu
Tische zu sitzen und ich weiß nicht weshalb sie alle den Herrn St Julien so
zu lieben scheinen denn der hat doch gewiss ein schlechtes Herz
Wie kommen Sie darauf fragte Emilie überrascht
Bemerkten Sie denn nicht erwiderte Marie wie er immerfort meinen Herrn
Vetter den Doktor zum Besten hatte und doch sagt er selbst dass er ihm das
Leben gerettet hat
Aber können Sie denn leugnen fragte Terese dass der Doktor etwas sonderbar
in seinem Betragen ist
Ach das verstehen Sie nicht antwortete die Kleine empfindlich das kommt
von der Gelehrsamkeit Ich habe viele gelehrte Herren gesehen die noch viel
sonderbarer sich betrugen und mein seliger Vater selbst der ein großer Mann
war wie alle Andern sagten sah doch auch seltsam genug aus
Das müssen Sie nur Herrn St Julien deutlich machen sagte Emilie ein wenig
spöttisch wenn er seinen Fehler einsieht wird er ihn gewiss verbessern
Gott bewahre mich davor mit dem Menschen zu sprechen rief die Kleine
erschrocken Er würde ja noch weit mehr Ursache finden über mich zu spotten
als über meinen armen Vetter
Sie sind ja sehr gegen ihn eingenommen bemerkte Emilie Und Sie kennen ihn
so wenig fügte Terese hinzu Sie wissen nicht wie gut er ist fragen Sie nur
Ihren Vetter selbst ob er ihn nicht herzlich liebt
Das würde wenig beweisen sagte die Kleine mit altkluger Miene Meine Mutter
hat es tausend Mal gesagt je größer die Gelehrsamkeit der Herren ist die sie
aus den Büchern haben je einfältiger sind sie in der Welt worin sie leben und
deshalb wird es mein Vetter auch gar nicht bemerken wenn ihn Herr St Julien
verspottet Das sehe ich besser ein wie er ob ich gleich noch ein Kind bin
wie meine Mutter sagt
Emilie und Terese lächelten über den Eifer ihrer jungen Gefährtin mit
welchem sie den Arzt verteidigte und waren sehr zufrieden als die Töchter des
Predigers zum Besuch kamen deren Alter mehr dazu geeignet war dass sich die
noch sehr junge Marie ihnen anschließen konnte Sie verlor auch in deren
Gesellschaft bald die große Schüchternheit und in jugendlicher Lust überließ
sie sich mit ihnen der Freude und die jungen Mädchen liefen um die Wette
versteckten sich in den Hecken und tobten als glückliche Kinder umher während
die älteren Freundinnen viele ernsthafte und hochwichtige Gegenstände mit
einander besprachen Jede hatte der Andern vertraut wie drückend die Einsamkeit
für sie sein würde wenn nun die Freunde schieden an deren Umgang sie sich so
gewöhnt hätten und Jede fühlte recht wohl welcher Kummer dann das Herz der
Andern erfüllen würde
Der Graf hatte sich mit dem Obristen in sein Kabinet zurückgezogen um ihm
auseinander zu setzen was er für seinen Vetter zu tun gesonnen sei um diesem
dadurch den Weg zu bahnen sein Glück von Terese und ihrem würdidigen Vater zu
erbitten denn obgleich die tiefe Leidenschaft des jungen Grafen so wenig wie
die aufrichtige Neigung der schönen Terese den beobachtenden Freunden ein
Geheimnis sein konnte so fand es der Graf doch schicklich dem Obristen erst
seinen Plan vorzulegen wie das häusliche Glück seines Verwandten gesichert
werden sollte ehe dieser förmlich um die Hand der Geliebten anhielte
Der Obrist fand neue Ursache die Großmut seines Freundes zu bewundern und
willigte im Voraus in das Glück seines Kindes
Der junge Graf und St Julien waren zu Dübois hinunter gegangen um ihren
Kapellmeister aufzusuchen wie St Julien den jungen Gustav nannte Sie fanden
die Wittwe des Professors bei dem Haushofmeister Beide saßen am Kaffeetische
aber man sah dass die Unterhaltung nicht heiter gewesen war denn Beide hatten
viel geweint So wie aber St Julien eintrat entfuhr ein Ausruf der
Verwunderund der ihre Tränen trocknenden Frau und sie betrachtete mit
auffallender Aufmerksamkeit den jungen Mann der denn auch seinerseits seine
Verwunderung hierüber nicht bergen konnte
Beide eingetretenen Freunde hatten seit einiger Zeit eine so innige
Verbindung geschlossen dass ihnen jede Förmlichkeit lästig wurde und sie
nannten sich daher gewöhnlich bei ihrem Taufnamen deshalb sagte auch jetzt der
junge Graf nachdem Dübois seinen Pflegesohn gerufen hatte wie er den jungen
Gustav nannte Lass uns nun gehen Adolph um unsere Musik gehörig einzuüben
Heissen Sie Adolph rief die Wittwe des Professors indem sie mit Heftigkeit
aufsprang Ja erwiderte St Julien und ich denke dies ist ein gewöhnlicher
Name den ich führen darf wie jeder Andere ich begreife nicht was darin
seltsam oder befremdend sein könnte Die Wittwe des Professors hatte ihn während
dieser Rede starr angesehen und schlug nun mit sichtlichem Erstaunen ihre Hände
zusammen und ihre Augen flossen in Tränen über St Julien kam auf den
Verdacht dass sie an Geistesverwirrung litte und sah Dübois befremdet an
Dieser sammelte sich selbst mit Anstrengung und sagte mit erzwungenem Lächeln
Meine werte Freundin und ich wir haben so viele gute und kummervolle Stunden
mit einander verlebt und es knüpfen sich für uns Beide teure Erinnerungen an
den Namen Adolph die auch mich zuweilen in Ihrer Gegenwart bewältigt haben
deshalb werden Sie die Bewegung der Frau Professorin verzeihen
Ich will nicht in Ihre Geheimnisse eindringen sagte St Julien den Dübois
sichtliche Bewegung ernstaft machte Sie haben mich nie mit Fragen belästigt
und es ist nur billig dass ich Ihre Bescheidenheit nachahme Er reichte dem
alten Manne freundschaftlich die Hand verbeugte sich gegen die Wittwe des
Professors und entfernte sich mit seinen beiden Freunden
Als die Andern allein waren sagte der Haushofmeister Meine beste Freundin
wir müssen behutsamer das Geheimnis der Gräfin zu bewahren suchen Die
wehmütige Erinnerung an die Vergangenheit hat heute eine zu mächtige Herrschaft
über uns geübt und wir sind in unserer Betrübnis unvorsichtig gewesen
Das mag sein erwiderte die Professorin aber ich lasse es mir nicht
nehmen der Herr St Julien sieht dem seligen Herrn Blainville ähnlich wie ein
Tropfen Wasser dem andern und Gott weiß wie das zusammenhängt Unsern kleinen
Herrn habe ich selbst gewartet und habe tausend Mal das kleine braune Maal unter
dem linken Auge betrachtet das hat nun der Herr St Julien auch und das ist
doch wunderbar genug
Aber liebe Freundin sagte Dübois ich habe Ihnen alle Verhältnisse des
Herrn St Julien auseinander gesetzt Seine Mutter lebt und wird in Kurzem hier
sein um den Sohn abzuholen
Das kann sein sagte die Wittwe des Professors aber ich habe es öfter
gehört dass wenn man ein Kind brauchte und Gott keins gewährte man sich ein
fremdes verschafft hat
Meine teure Freundin welchen Gedanken erregen Sie in mir rief Dübois in
freudiger Bestürzung
Ich werde hier bleiben sagte die Professorin trotzig bis die Frau Mutter
kommt Ich werde sehen wie das zusammenhängt denn so ähnlich sieht ein Mensch
dem andern nicht durch Zufall
Sie zeigen mir eine Hoffnung sagte Dübois indem er die Hände seiner
Freundin zitternd fasste die mein altes Herz nicht mehr zu hegen wagte aber um
Gottes Willen lassen Sie uns der Gräfin nichts davon sagen ich glaube sie
würde sterben wenn wir in ihr eine Vermutung erregten die sich nur zu
wahrscheinlich in kurzer Zeit als nichtig erweisen wird
Glauben Sie nur sicher erwiderte die Wittwe des Professors dass ich
schweigen kann wenn ich will und wenn es mir nötig scheint Ich rede nur wo
ich es für gut halte und meinen Schreck habe ich nun auch überstanden Ich
werde jetzt auch mit dem Herrn St Julien ganz ruhig reden können und werde
meine Zeit abwarten wenn ich es für gut halte hervorzutreten Aber sagen Sie
mir doch hat denn die große Ähnlichkeit die Gräfin auf gar keine Vermutung
geführt
Ich glaube wohl erwiderte Dübois dass sie beim ersten Anblicke des jungen
Mannes eine schwache Hoffnung hatte aber da ja seine Mutter lebt so musste sie
bald das Nichtige derselben erkennen
So sind die vornehmen Leute grollte seine Freundin Dass man ein Kind
stehlen kann ist ihr gewiss noch gar nicht eingefallen Nun ich betrachte es als
eine Fügung Gottes dass ich hieher habe kommen müssen und ich werde mir die
Frau Mutter des Herrn St Juliens etwas genauer betrachten ehe der hinweg geht
den ich für unsern kleinen Herrn halte
Der Haushofmeister fing selbst an nach so bestimmten Aussprüchen seiner
Freundin Hoffnungen zu nähren und ermahnte nur die lebhafte Frau zur
Behutsamkeit und Vorsicht und Beide beschlossen weder dem Grafen noch seiner
Gemahlin das Geringste von ihren Vermutungen vor der Ankunft der Mutter des
jungen Mannes mitzuteilen und dann ihr Betragen nach den Umständen
einzurichten
Während dieser verschiedenen Unterredungen war der Prediger mit dem Arzte in
dessen Zimmer wo Beide während sie eifrig Tabak rauchten sich darin
vereinigten das Betragen des alten Lorenz und seines Sohnes zu tadeln der
Prediger aber dennoch dem Arzte riet sich klüger und mit mehr Mäßigung als
bisher gegen Beide zu benehmen Der Doktor Lindbrecht wollte außer sich
geraten dass ein Geistlicher ihn wie er es nannte zur Falschheit ermahnen
wollte da er mit seiner Feuerseele keinen Schurken sehen könne ohne ihm seine
Verachtung zu zeigen und keinen Verläumder ohne ihn mit männlicher Kühnheit zu
widerlegen Der Pfarrer bewies mehr Geduld als gewöhnlich gegen den Arzt um ihm
überzeugend zu beweisen dass dieses törichte Angreifen des jungen Lorenz nicht
allein für ihn selbst unangenehme Folgen haben würde sondern auch leicht dem
Grafen nachteilig werden könne so lange die Franzosen noch ihre Besatzung im
Lande hätten und noch immer gewissermaßen die Herren spielten Sie hörten ja
selbst schloss er dass der elende Mensch der junge Lorenz sich wie mit einer
ehrenvollen Sache damit brüstete dass er im Dienste eines französischen Generals
sei Bedenken Sie was daraus alles entstehen kann wenn Sie in so offenbarer
Feindschaft mit ihm leben dass Sie ihn angreifen wo Sie ihn treffen
Der Arzt sah endlich die Notwendigkeit ein die Glut seiner Seele zu
beherrschen wie er sagte und er hatte bald Gelegenheit eine Probe seiner
Mäßigung und Klugheit abzulegen
Als der Geistliche seinen widerstrebenden Freund endlich mit Mühe auf die
Bahn der Klugheit geleitet hatte begaben sich Beide nach dem
Gesellschaftssaale wo sie den Grafen und den Obristen schon fanden noch in
erste Gespräche vertieft die den Obristen so schien es lebhaft angeregt
hatten denn er betrachtete mit Rührung sein schönes Kind als Emilie mit ihrer
Freundin Terese fast zu gleicher Zeit den Saal betrat begleitet von Marie und
den Töchtern des Predigers die sämtlich etwas erhitzt nach ihren lebhaften
Spielen eintraten
Da die jungen Männer sich ebenfalls mit der Gesellschaft vereinigten und
kurz darauf auch die Gräfin erschien so konnte die Musik beginnen worauf sich
heute St Julien besonders freute da er ein zärtliches Duett mit Emilie
vorzutragen hatte welches auch glänzend gelang weil die eigene Empfindung sich
den Tönen vertraute und Beide ihr unschuldiges Geheimnis welches sie sich
selbst noch nicht gestanden hatten in fremde Worte gehüllt schwebend auf
himmlischen Tönen öffentlich bekannten
Es gibt wohl wenige Menschen auf die Musik gar keinen Eindruck macht auch
war nicht Einer in der Gesellschaft der sie nicht auf seine Weise empfand aber
doch war Niemand so davon ergriffen als die Verwandte des Arztes Die Wangen
des jungen Mädchens glühten und die großen blauen Augen strebten vergeblich die
Tränen zurück zu halten die zu ihrer Angst und Qual wie Tautropfen auf Rosen
glänzten
Emilie näherte sich ihr nach beendigtem Gesange mitleidig denn alle
Schüchternheit die sie im Garten bei lebhaften Spielen verloren hatte war
zurückgekehrt in der ernstaften vornehmen Gesellschaft Macht Musik einen so
traurigen Eindruck auf Sie fragte Emilie das junge Mädchen leise dass Sie Ihre
Tränen nicht zurückhalten können
O flüsterte Marie lebhaft und leise ich habe niemals andern Gesang gehört
als in der Kirche und zuweilen von Studenten auf der Straße weil die Mutter
mich nirgends hingehen ließ In der Kirche habe ich auch so mitgesungen wie
alle Andern aber lieber Gott was ist das für ein Unterschied Wie Sie hier
sangen war mir zu Mute als ob der Himmel geöffnet wäre und die Engel von oben
herunter sängen Ja gewiss ich habe es schon heute bemerkt hier sind alle
Herrlichkeiten vereinigt in diesem Schloss und Garten und die Menschen darin
leben wie die Seligen im Paradiese durch diese Mauern dringt keine Not und
was Jammer und Schmerzen bedeuten wissen Sie nicht
Emilie lächelte still Sie dachte an die jammernden Gebete die hier zum
Himmel aufgestiegen waren an die in diesen Sälen verhallten Seufzer an die
zahllosen Tränen die beinah alle Bewohner schon vergossen hatten und
entfernte sich von Marie um nicht durch deren kindliches Gerede sich selbst zur
Wehmut stimmen zu lassen
Die Stimmung der Gesellschaft veränderte sich als ein Bote den der Graf
nach der nächsten Stadt geschickt hatte zurückkehrte und unter mehreren Briefen
auch ein Schreiben an den Grafen mitbrachte worin ihm aufgetragen wurde den
französischen Kapitain St Julien ungesäumt vor den Kommandanten der Festung
zu stellen die Bescheinigung dass solches geschehen sei der Behörde
einzuliefern und zugleich anzugeben weshalb er den besagten St Julien bei sich
behalten und auf welche Autorität statt ihn den Behörden einzuliefern
Dieses Schreiben verscheuchte die Heiterkeit die noch eben die Gesellschaft
belebt hatte denn es mahnte ernstaft an die nahe Trennung und rief außerdem
manches Ernste und Kummervolle lebendig hervor was sich Jeder gern zu verhüllen
bestrebt hatte Die Männer vereinigten sich um zu beraten was nun geschehen
müsse und indem Alles überlegt wurde erkannte der Graf von Neuem wie vielen
Dank er dem Prediger schuldig sei der damals schon als St Julien leblos in
das Haus des Grafen gebracht wurde mit Besonnenheit und Genauigkeit dafür
gesorgt hatte dass man gehörig antworten und sein Betragen rechtfertigen konnte
Es wurde nach ernsthafter Beratung beschlossen dass gleich des anderen Tages
St Julien nach der Festung abreisen solle begleitet von dem Grafen und dem
Arzte von dem Ersten damit die für die preußische Behörde erforderliche
Bescheinigung nicht verweigert würde und von dem Zweiten damit erforderlichen
Falls ein Zeugnis abgelegt werden könne durch welches der junge Mann
gerechtfertigt würde so dass sein Ausbleiben von seinem Regimente nicht zu
seinem Nachteil für eine willkührliche Handlung ausgegeben werden könnte
Sobald Sie die Bescheinigung vom Kommandanten erhalten haben sagte der
Prediger dann senden wir mit dieser die Eingabe zugleich ein die wir machten
um anzuzeigen wie ein französischer Offizier verwundet im Walde gefunden worden
sei nebst dem Zeugnisse der Ärzte über seinen gefährlichen Zustand und dem
Bescheide der Behörde dass besagter Offizier so lange unter Ihrer Obhut bleiben
könne bis weiter über ihn verfügt würde und so sind alle Unannehmlichkeiten
vermieden Der Graf sah dies wohl ein und sein Blick trübte sich nicht aus
Besorgnis vor Unannehmlichkeiten wie der Prediger zu glauben schien sondern er
verdüsterte sich bei dem Gedanken an die baldige unvermeidliche Trennung Er
reichte St Julien die Hand die dieser zärtlich drückte indem er schweigend
die großen dunkeln Augen abwendete die überzuströmen drohten
Gustav näherte sich dem jungen Grafen der sich still und sinnend an eine
Fenstervertiefung lehnte und dessen umwölkte Stirn zeigte dass noch andere
Gedanken sein Gemüt bewegten und nicht allein die nahe Trennung Emilie war
blass geworden und hatte mit der Gräfin den Saal verlassen Der Arzt war nachdem
er vernommen hatte dass sein Zeugnis bei dem französischen Generale vielleicht
nötig sein würde im Gefühle seiner Wichtigkeit einige Mal mit hastigen
Schritten im Saale auf und abgegangen und zog sich nun in sein Zimmer zurück
einen weitläuftigen Krankenbericht aufzusetzen den er dem Kommandanten der
Festung vorzulegen gedachte um ihn zu belehren wie gründlich und
vollkommen nach den Regeln der Kunst St Juliens Wunden geheilt worden wären
So war die Heiterkeit und Freude aus dem Kreise der Freunde entflohen und
kehrte auch nicht für diesen Abend zurück als man sich von Neuem vereinigte
Jeder fühlte das Bedürfnis sich ungestört seinen Gedanken zu überlassen und
man trennte sich deshalb früher als gewöhnlich
Der Graf und St Julien waren am andern Morgen in Begleitung des Arztes nach
der Festung abgereist und der junge Graf der sie zu Pferde eine Strecke
begleitet hatte war zurückgekehrt und wandelte einsam und traurig in den
dunkeln Baumgängen des Gartens Sein Schützling und Freund der junge Gustav
hatte sich zu ihm gesellt und suchte ängstlich und schweigend aus den trüben
Blicken seines Beschützers dessen Kummer zu erraten Endlich brach der Graf
Robert das Schweigen indem er sagte Bald wird nun hier alles auseinander
gehen was sich so schön zusammen gefunden hat und auch von Dir mein guter
Junge muss ich mich nun bald trennen
Sie haben es selbst gewollt erwiderte der Jüngling schüchtern ich wäre
gern bei Ihnen geblieben
Das wäre eine Torheit gewesen versetzte der junge Graf Dein eigenes
Bestes fordert die Trennung Du musst Deine Studien vollenden Aber vergiss nur
über Deinen Studien nicht dass Du ein Vaterland hast denke daran dass Dein
König Deiner vielleicht in der Zukunft bedarf und dass es die erste und edelste
Pflicht aller Männer jedes Standes ist ihrem Vaterlande ihren Arm zu leihen
wenn ihn dasselbe zu seinem Schutze bedürfen sollte kurz gedenke aller unserer
Gespräche die wir führten wenn wir unser Vaterland beweinten aber gedenke
ihrer in Deinem verschwiegenen Innern und lasse Dich nicht verleiten Knaben zu
vertrauen worüber sich nur Männer beraten sollen Lasse Dich nicht dadurch
täuschen dass Du vielleicht denkst ich habe ja doch auch manches Ernste mit Dir
besprochen ohne Deine Jugend als Hindernis zu betrachten Dich hat ein hartes
Schicksal erzogen und Dich frühe gereift Deine Seele ist männlich geworden
obwohl Du noch ein Jüngling bist
Ich werde gewiss alle Ihre Lehren in treuer Brust bewahren erwiderte der
Jüngling und gewiss nicht der letzte sein der wenn es gilt dem Vaterlande
seine Dienste anbietet Ich habe den Krieg in der Nähe gesehen ich habe alle
Leiden erfahren die er herbei führen kann und ich bin eben darum meiner um so
gewisser wenn es einmal dazu kommt denn mich kann nichts Unerwartetes
erschrecken und entmutigen und kein neuer grausenhafter Anblick kann meine
Seele verwirren und dennoch wenn ich hier in diesen Baumgängen friedlich mit
Herrn St Julien auf und abgehe so treibt mich oft der Gedanke auf ein Mal von
ihm dass er zu unsern Feinden gehört und heute hat es mich recht mit Kummer
erfüllt dass er nun zu seinen Fahnen zurückkehrt
Die Ehre gebietet es antwortete der Graf finster er kann nicht anders
Aber sagte der junge Mensch ängstlich indem er den Arm des Grafen heftig
drückte ohne es zu wissen wenn uns nun dieser gute freundliche St Julien
der uns beide liebt der mich selbst die Waffen brauchen lehrt ein Mal
feindlich gegenüber steht ist es nicht wie ein Brudermord wenn wir unser
Schwert auf seine Brust richten
Gott wird solch Zusammentreffen verhüten sagte der Graf abgewendet Wenn es
aber doch geschähe fragte der Jüngling dringend was wäre in solchem
schrecklichen Falle unsere Pflicht
Uns abzuwenden und einen Brudermord zu vermeiden sagte der Graf wenn es
irgend möglich ist ohne unsere Sache zu verraten
Und wenn wir aus der Ferne mit unserm Geschütz ihn niederschmettern und das
Unglück erfahren wenn wir als Sieger das Schlachtfeld behaupten fragte der
junge Mensch mit bewegter Stimme
Dann beweinen wir einen gefallenen Freund sagte der Graf mit
hervorbrechendem Schmerz Was quälst Du mich mit diesen Vorstellungen Das ist
es ja eben was meine Seele ängstigt ich habe diesen Menschen wie einen Bruder
lieben gelernt Ich sehe es ja welche Bande ihn an dies Haus fesseln werden
und dennoch kann er uns nicht wahrhaft angehören und das Schicksal fügt
vielleicht einmal das Grässlichste Doch fuhr er nach einigem Besinnen fort
diese Schreckbilder drohen noch aus so weiter Ferne dass es töricht ist sich
diesen Sorgen jetzt schon hinzugeben
Als die Reise des Grafen und St Juliens den Abend vorher beschlossen wurde
hatte die Gräfin den Obristen gebeten mit seiner Tochter auf Schloss Hohental
bis zur Rückkehr der Herren zu verweilen und dieser hatte gern ihren Wunsch
erfüllt und Terese verließ am andern Morgen Emiliens Zimmer wo sie die Nacht
zugebracht indem ihre Freundin sich zur Gräfin begab und wollte ungestört im
Garten sich ihren Träumen und Hoffnungen überlassen denn der alte Obrist liebte
sein einziges Kind zu sehr als dass er ihr seine Unterredung mit dem Grafen
hätte verschweigen können Sie wandelte sinnend ein milder Ernst ruhte auf der
schönen gesenkten Stirn und ein halb wehmütiges Lächeln umschwebte die wie
Purpurrosen glühenden Lippen Vertieft in Gedanken hatte sie nicht auf ihren
Weg geachtet und keinen Gegenstand bemerkt so dass plötzlich der Graf Robert und
sein junger Freund vor ihr standen Eine glühende Röte bedeckte beim Anblick
des Grafen das edle ausdrucksvolle Gesicht und der Zauber der Schönheit die
ihm nie so reizend erschienen war fesselte die Zunge des liebenden Mannes Der
Jüngling Gustav zog sich nach den ersten Begrüßungen zurück und Terese war
allein mit dem Freunde unter dem blauen Himmel der herbstlich mild sich über
ihnen wölbte Der Graf fand endlich Worte die lang gehegte innige Zärtlichkeit
seines Herzens zu enthüllen und Theresens Seele war zu einfach das Gefühl in
ihrem Busen zu rein und edel als dass sie es dem Freunde hätte verbergen mögen
aber dennoch versagten ihr die Lippen als sie nach Worten suchte Die schönen
braunen Augen füllten sich mit Tränen und blickten mit so tiefer rührender
Zärtlichkeit in die flehenden des geliebten Mannes dass er die holde Antwort
verstand und das liebliche Geschöpf von seliger Freude trunken in seine Arme
schloss Er drückte einen Kuss auf den rosigen lebenswarmen unentweihten Mund
und indem ihn die Schauer des Entzückens durchbebten erschrak die unschuldige
Jungfrau vor dem neuen unbekannten Gefühl und entwand sich sanft den
umschlingenden Armen
Der Graf hatte die schweigende Antwort verstanden und führte die Geliebte
zum greisen Vater und bat hier um die Bestätigung seines Glücks Der Obrist
erhob die Hände dankend zum Himmel und flehte mit lautem freudigem Gebet um
Segen für seine geliebten Kinder
Es waren die Minuten des reinsten Entzückens entschwunden in denen der
Mensch in höheren Empfindungen lebend sich selbst und die Gegenwart vergisst
Die Erde trat wieder in ihre Rechte ein und indem die irdischen Verhältnisse
wieder mit Klarheit hervortraten wurden die Freunde an die Pflichten gegen
diejenigen gemahnt deren Großmut ihr Glück erst möglich machte Der Obrist
führte seine Kinder selbst zur Gräfin die er mit Emilien im Saale antraf und
machte ihr die beschlossene Verbindung bekannt Er hatte dies mit Ruhe und Würde
tun wollen aber ihn bewältigte die Rührung und die Tränen flossen über die
vom Alter gefurchten Wangen Ihnen und Ihrem edelen Gemahl schloss er danke ich
die himmlische Ruhe meiner letzten Tage und das Glück meines Kindes Er wollte
nach diesen Worten die Hand der Gräfin küssen sie aber entzog sie ihm um ihn
gerührt und ehrerbietig zu umarmen Sie sind ja unser aller Vater durch Ihr
Gefühl sagte sie und ich bin Ihnen Dank schuldig Ich habe meinen Vater so
früh verloren dass mein verwaistes Herz die ehrerbietige Neigung einer Tochter
niemals empfand bis ich sie indem ich Ihr Wohlwollen erkannte fühlen lernte
Emilie neigte sich glückwünschend gegen den jungen Grafen und drückte mit
inniger Liebe ihre Freundin an die Brust und es durchzitterte ihren Busen ein
so wehmütiges Gefühl indem sie die junge glückliche Braut in ihren Armen
hielt dass sie den Saal verließ sobald es ohne auffallend zu sein geschehen
konnte um in der Einsamkeit ein Gefühl zu überwinden das sie um so mehr
ängstigte weil es ihr wie eine Anwandlung von Neid erschien
Als sie allein war schien es ihr als ob ein Schleier von ihrem inneren
Auge hinweggehoben sei Sie erkannte nun mit Klarheit was ihre dunkle Sehnsucht
schon lange angedeutet hatte Das Leben ohne St Julien schien ihr trübe und
öde und mit unaussprechlicher Trauer musste sie sich eingestehen dass die
nächste Zukunft ihr das Gestirn entrücken würde das ihr unbewusst ihr die Bahn
des Lebens bezeichnet hatte Früh gewöhnt indes die Schmerzen der Seele zu
besiegen kehrte sie nach einiger Zeit zur Gesellschaft zurück und ihre Stirn
erschien so heiter dass Niemand als die Gräfin den Kummer ahnte den ihre junge
Brust verschloss
XII
Die Reisenden hatten um nach der Festung zu gelangen mehr als eine
Tagereise zurückzulegen und erreichten den Ort ihrer Bestimmung erst den
folgenden Morgen Nachdem sie von der Fahrt ausgeruht und sich in schickliche
Kleider geworfen hatten begaben sie sich nach der Wohnung des Kommandanten Im
Vorzimmer trafen sie verschiedene Personen die alle vorgelassen sein wollten
wie es dem Grafen schien Ein Kammerdiener stand an der Türe und der Graf
näherte sich ihm und bat indem er seinen Namen nannte ihn zu melden Der
Kammerdiener neigte sich höflich indem er nach einem jungen Manne blickte der
in einer Fenstervertiefung eifrig mit Jemandem sprach Des Grafen Augen folgten
dem Blicke und er erkannte ohne Mühe den schwarz gekleideten jungen Mann den er
schreibend bei dem groben Verwalter angetroffen hatte als er den Obristen
Talheim aus unwürdigen Verhältnissen erlöste Ohne Verlegenheit näherte sich
der durch den Wink des Kammerdieners Herbeigerufene und des Arztes blitzende
Augen begegneten den kaltblickenden dunkeln Sternen des jungen Lorenz Ein
Ausruf der Verachtung wurde nur mit Mühe unterdrückt denn zur rechten Zeit
fielen dem feurigen Arzte die Warnungen des Predigers ein und er beschloss nun
mit philosophischer Standhaftigkeit und männlicher Würde die Nähe eines Schurken
zu ertragen Der junge Lorenz näherte sich ohne den Arzt weiter zu beachten
mit ruhiger kalter Höflichkeit dem Grafen und fragte ob ein dringendes
Geschäft ihn zum Kommandanten führe da er nur in diesem Falle gemeldet werden
dürfe weil seine Excellenz sehr beschäftigt sei
Es lag ein so vollkommenes Vergessen aller Verhältnisse in der mit
unverschämter Höflichkeit gestellten Frage dass der Graf so gut wie der Arzt
gezwungen war sich zu beherrschen um sich nicht durch einen Menschen verletzt
zu zeigen der dessen unwert schien Jener antwortete also mit Kälte dass er
darum ersuchen müsse ihn gleich zu melden weil es allerdings dringend nötig
sei dass er seine Excellenz den Herrn Kommandanten spräche Der junge Lorenz
verließ ihn wie es dem Grafen schien mit einer spöttischen Verbeugung die
sehr kalt erwidert wurde und verschwand durch die Türe die zu dem
Kommandanten zu führen schien
Wenn die Türe geöffnet wurde erwartete der Graf jedes Mal eingelassen zu
werden aber so oft einer der Gehör gefunden hatte das Kabinet des
Kommandanten verließ wurde ein anderer der Harrenden eingeführt und den Grafen
und seine Begleiter schien Niemand zu beachten Der junge Lorenz erschien wieder
im Vorsaale und ging an dem Grafen vorüber ohne ihn anzureden und dieser
konnte sich nicht überwinden seine Verwendung noch ein Mal zu fordern Er
erstaunte über sich selbst sich geduldig harrend in dem Vorsaal eines
französischen Generals zu finden und nur die Liebe welche er für St Julien
empfand konnte ihn bestimmen das Ende des sonderbaren Auftrittes ruhig zu
erwarten
St Julien hatte ungeduldig umher gesehen um einen Offizier zu erblicken
an den man sich wenden könne aber nur Personen die wie Kaufleute und
Handwerker aussahen waren als Bittende im Vorsaale und der Kammerdiener an der
Tür dessen Augen immer fragend auf den auf und ab gehenden Lorenz gerichtet
waren so oft ein neuer Bittender in das Heiligtum drang
Endlich blieb der junge Lorenz vor dem Arzte stehen und sagte mit großer
Geringschätzung Wenn Sie bei seiner Excellenz etwas zu suchen haben so tun
Sie am Besten mir Ihre Mitteilung zu machen denn der Herr General wird sich
schwerlich mit Ihnen einlassen und auch gegen mich bitte ich sich kurz zu
fassen denn lange Auseinandersetzungen habe auch ich nicht Zeit zu hören
Wer sind Sie denn eigentlich hier fragte der Arzt mit unterdrücktem Grimme
dass Sie sich in die Geschäfte des Herrn Generals mischen wollen Es gehört eine
große Beschränktheit des Geistes dazu sagte Lorenz mit großer Ruhe es nicht
ohne Frage einzusehen dass ich hier angestellt bin aber Sie werden doch nicht
in so hohem Grade geistig kurzsichtig sein um es nun nicht zu begreifen dass
ich Sie die ungezogene Frage kann bereuen machen
Es war klar dass Lorenz der verschiedene Male von dem Arzte war schnöde
behandelt worden ohne es rächen zu können jetzt ihn veranlassen wollte in der
Heftigkeit die ihm eigen war sich zu vergessen und ungebührlich laut im
Vorsaal des Generals zu werden Durch ein solches Vergehen hoffte er den Arzt in
so ernsthafte Unannehmlichkeiten zu verwickeln dass er alle empfangenen
Beleidigungen auf ein Mal rächen könnte Der Graf sah den Kunstgriff gelingen
und wusste nicht gleich wie er das beabsichtigte Ungewitter abwenden sollte
denn wenn er sich selbst entschloss sich in das Gespräch der Beiden zu mischen
so konnte er nicht wissen ob der Übermut des jungen Lorenz nicht so weit
gehen würde auch ihn zu beleidigen und er fühlte dass es seiner gleich
unwürdig sei eine Beleidigung dieses Menschen zu rügen wie zu ertragen Alle
diese Gedanken flogen in einem Augenblicke mit Blitzschnelle durch den Geist
des Grafen und er sah unruhig auf den Arzt der kampffertig da stand mit
glühenden Wangen und halb zugedrückten blitzenden Augen Nur eines Wortes hätte
es noch bedurft und seine Brust hätte sich ohne Rücksicht des furchtbaren Zornes
entladen da rettete ihn ein Zufall den er oftmals während des Laufes seines
Lebens segnete
Die Türe wurde geöffnet und ein Adjudant trat in den Vorsaal und sagte
französisch Der Herr General kann heute Niemand mehr hören da andere Geschäfte
seine Zeit in Anspruch nehmen und Wer noch etwas vorzutragen hat mag morgen um
dieselbe Stunde wieder erscheinen Sagen Sie das deutsch Herr Sekretair fuhr
er zu Lorenz gewandt fort für diejenigen die nicht französisch verstehen
Mit einem boshaften Blick auf den Arzt wiederholte Lorenz nachdrücklich
betonend die Worte des Adjudanten und die noch im Saale gewartet hatten
verließen ihn missmütig und Lorenz hatte die Unverschämtheit mit eimem
Ausdrucke der Verwunderung den Grafen anzusehen so dass sein Blick zu fragen
schien was ihn nach dieser Erklärung noch bestimmen könne zu verweilen
Der Graf aufs Äußerste darüber empört sich auf diese demütigende Weise
abgewiesen zu sehen wollte eben den Adjudanten anreden zu dem auch schon St
Julien treten wollte als die Flügeltüre geöffnet wurde und der Kommandant von
einigen Adjudanten begleitet heraustrat Der Graf mit all der natürlichen
Würde die ihm eigen war und mit der Höflichkeit der Gebehrden die durch die
Erziehung und das Leben in der großen Welt erworben wird trat dem Kommandanten
entgegen und sagte Mein Herr General wenn es Ihre Zeit noch irgend erlaubt so
bitte ich Sie mir dem Grafen Hohental und dem Kapitän St Julien noch einen
Augenblick Gehör zu verleihen
Der General verbeugte sich verbindlich und fragte zu dem Kammerdiener
gewendet Wesshalb sind die Herren nicht gemeldet Der Kammerdiener deutete stumm
auf Lorenz und dieser sagte ohne alle Verlegenheit Da Ew Excellenz befohlen
haben die Personen nach der Reihefolge wie sie gekommen sind vorzulassen und
der Herr Graf mit seinen Begleitern zuletzt kam so glaubte ich keine Ausnahme
machen zu dürfen Es ist gut sagte der General kurz ich hatte Ihnen befohlen
vorläufig die Vorträge derer zu hören die nicht französisch verstehen um Zeit
zu ersparen Vergessen Sie nicht dass dies Ihr Hauptgeschäft ist Er lud hierauf
den Grafen und St Julien ein ihm in sein Kabinet zu folgen und der Arzt
schloss sich uneingeladen an indem er einen triumphirenden Blick auf seinen
Feind Lorenz schoss
Mit echt französischer Höflichkeit wurde das Geschäft behandelt St Julien
fand nicht die Schwierigkeiten die er befürchtet hatte Er erhielt als
dienender Offizier seines Regiments einen Urlaub auf zwei Monate um seine
Gesundheit zu befestigen wie seine Mutter es ihm schon gemeldet hatte Der Graf
empfing die für seine Behörde wichtige Bescheinigung und der General dankte ihm
verbindlich dass seine Menschlichkeit einen hoffnungsvollen Offizier erhalten
habe den er damals als er sich seiner angenommen doch als einen Feind hätte
betrachten müssen Der Graf erwiderte dass er überzeugt sei ein französischer
Krieger würde in ähnlichen Fällen eben so handeln und in dem leidenden Menschen
keinen Feind erblicken Wenn aber die Rettung des Kapitäns fuhr er fort als
ein Verdienst anerkannt werden muss so darf ich mir dies nicht anmassen denn
mein Beistand würde ihn kaum einige Stunden erhalten haben Dass er lebt und
blühend vor uns steht haben wir nur der Geschicklichkeit und dem Eifer des
Herrn Doktor Lindbrecht zu danken Der Graf erwähnte aus Mitleid das Verdienst
des Arztes denn dieser stand seitwärts und drückte mit großer Verlegenheit sein
ansehnliches Manuskript an die Brust welches er in der Nacht ausgearbeitet
hatte um dem Kommandanten eine Übersicht davon zu verschaffen auf welche
Weise die Heilung St Juliens bewerkstelligt worden sei Er hatte dies
Manuskript im Busen um es auf den ersten Wink vorzulegen und nun richtete
Niemand eine Frage an ihn kein Mensch kümmerte sich um ihn und er hatte alle
seine Philosophie nötig um diese Vernachlässigung des Verdienstes mit Anstand
zu ertragen
Der General sagte ihm nun noch einige verbindliche Worte die sein Herz
einigermaßen erquickten und entschuldigte sich gegen den Grafen dass ihm seine
Zeit für jetzt nicht erlaube das Vergnügen seiner Gesellschaft länger zu
genießen er hoffe aber ihn und St Julien bei der Mittagstafel zu sehen Der
Graf und sein junger Freund nahmen die Einladung an und Alle verließen das
Kabinet des Generals und indem sie den Vorsaal betraten in welchem Lorenz noch
auf und ab ging nahmen alle drei Abschied vom General der seine Einladung
wiederholte und sagte Ich hoffe mein Herr Doktor dass Sie den Herrn Grafen
begleiten werden Ein Sonnenschein triumphirender Genugtuung verbreitete sich
über des Arztes Gesicht und nachdem er sich tief vor dem Generale gebückt
hatte sah er seitwärts nach Lorenz ohne ihn zu grüßen und ging wie ein
siegender Held hinweg
Mit sehr verschiedenen Empfindungen nahmen die drei Freunde das Mittagsmahl
bei dem Kommandanten ein Der Graf sowohl als der General fühlten dass eine
freundschaftliche Annäherung unmöglich sei denn obgleich der Friede geschlossen
war und die Franzosen nun als Freunde in Preußen zu stehen behaupteten so
konnte es doch einem einsichtsvollen Manne nicht entgehen dass der Druck den
sie fortwährend auf das Land ausübten sie den Preußen nicht als solche zeigen
konnte Auch das eigne ritterliche Gefühl sagte den bessern Franzosen dass die
Preußen nach den großen Demütigungen die sie erlitten sich nicht eher
aufrichtig mit ihnen versöhnen könnten bis die Schmach wieder getilgt wäre Es
war also natürlich dass der Graf und der General nur über sehr allgemeine
Gegenstände sprachen und sich nur so weit näherten wie es Männern von Welt die
Sitte gebietet Der Arzt war Anfangs scheu in dieser ihm durchaus fremden
Gesellschaft und sein schroffes seltsames Betragen wurde hier noch
auffallender als unter schonenden Freunden auch tadelte er sich innerlich dass
er ohne dass die Pflicht es gebot an einer Gesellschaft Anteil nahm deren
Dasein schon sein patriotisches Gefühl verletzte und er würde vielleicht den
Grafen gar nicht begleitet haben wenn er nicht seinen Feind Lorenz hätte
demütigen wollen der am Ende der Tafel saß wohin der Arzt nun von Zeit zu
Zeit übermütige Blicke richtete Eine andere Furcht beunruhigte ihn noch Er
besorgte nämlich St Julien werde wie er es sich unter Freunden erlaubte ihn
auch hier zum Gegenstande des Scherzes machen und er wusste nicht wie er dann
seine Fassung behaupten sollte doch sah er zu seiner großen Freude bald wie
ungegründet diese Besorgnis war St Julien behandelte ihn hier unter Fremden
mit der ernstaftesten Achtung und sprach gegen die jungen bei der Tafel
gegenwärtigen Offiziere mit lebhafter Dankbarkeit darüber wie er dem Eifer der
Geschicklichkeit und der unermüdlichen uneigennützigen Sorgfalt seines Arztes
und Freundes sein Dasein verdanke Dies war genug um die lebhaften Franzosen
seine seltsamen Manieren vergessen zu machen und sie überschütteten den Arzt
mit lebhaften und aufrichtigen Danksagungen dafür dass er ihnen einen braven
Kameraden erhalten habe Der überglückliche Arzt bewegte sich heftig hin und her
auf seinem Stuhle um nach allen Richtungen hin über seine erfüllte Pflicht
sprechend für das ihm bezeigte Wohlwollen zu danken Erstaunt war er aber dass
die Franzosen sein Französisch größtenteils nicht verstanden und dass es ihnen
St Julien oft wie eine fremde Sprache übersetzen musste und zum ersten Male kam
er auf die Vermutung dass es nicht Anmassung und Eigensinn sein möchte wie er
früher glaubte wenn ihm Dübois Winke über seine Aussprache des Französischen
gegeben und zuletzt da er sie nicht beachtet nur immer Deutsch mit ihm geredet
hatte
St Julien schien bei dem Anblick französischer Uniformen und Feldzeichen
alle andern Verhältnisse vergessen zu haben Mit Begeisterung erfüllten ihn die
Berichte von Schlachten und Siegen an denen seine Tischgenossen Teil genommen
hatten und er seufzte über die Untätigkeit zu der er selbst indes durch seine
gefährliche Verwundung war gezwungen worden Er fragte nach manchen von seinen
Bekannten und Kameraden und wenn er auch von vielen hörte dass sie in den
Schlachten geblieben waren in denen er nicht mitgefochten zu haben beklagte so
hatten doch auch andere militärischen Rang und Ehren erkämpft während sein
eigener Ehrgeiz unbefriedigt blieb und er betrachtete mit einer Art von Neid
ihr Loos
Als das Gespräch schon eine Zeit lang mit Lebhaftigkeit über alle diese
Gegenstände geführt worden war sagte einer der Adjudanten zu St Julien Da Sie
doch nach so vielen von Ihren Bekannten und Kameraden sich mit Teilnahme
erkundigen so wundert es mich dass Sie gar nicht an die drei Brüder Lambertis
denken die doch beinah Ihr Geschick geteilt hätten
Was ist aus ihnen geworden fragte St Julien mit großer Bewegung Der
älteste erwiderte der Adjudant ist in der Schlacht bei Friedland geblieben
der zweite ist mit seinem Regimente nach Italien gegangen und den jüngsten der
bei Friedland einen Arm verloren hat habe ich vor einigen Monaten in Berlin
gesprochen er hatte die Absicht nach Paris zu gehen Mit seiner Gesundheit aber
stand es in Folge seiner gefährlichen Verwundung noch so schlecht dass er bei
meiner Abreise noch in Berlin bleiben musste um sich einigermaßen zu erholen
ehe er die weite Reise unternehmen konnte Er teilte mir auch Ihr unglückliches
Ende mit denn er hielt Sie für tot
Und was sagte er darüber fragte St Julien mit großer Spannung Er erzählte
mir sagte der Adjudant dass Sie beim Marsche Ihres Regiments einen Abend in
heiterer Gesellschaft mit den Lambertis zugebracht darauf des andern Morgens
etwas spät mit ihnen ausgeritten wären und um an dem gegebenen Sammelplatze
wieder mit Ihrem Regiment zur rechten Zeit zusammentreffen zu können hätten Sie
einen Führer angenommen der Sie auf kürzeren Wegen durch das Gebirge zu führen
versprochen habe Dieser aber sei ein Verräter gewesen denn er habe Sie
gänzlich vom Wege abgeleitet und endlich wären Sie in der Einöde eines sich
weit ausdehnenden Waldes auf ein kleines Detachement preußischer Truppen
gestoßen bei deren Anblick Ihr Wegweiser sogleich entflohen sei Von den
Preußen angegriffen hätten Sie teurer St Julien nach der tapfersten
Gegenwehr Ihrem Schicksale erliegen müssen und auch Ihre Freunde die
Lambertis wären nahe daran gewesen Ihr Loos zu teilen weil sie sich aus
mehreren Wunden blutend schon ermattet gefühlt hätten als Hörnertöne aus der
Ferne das feindliche Detachement vermutlich zu seinem Regimente riefen denn
ohne sich um den Toten zu bekümmern und ohne die Lebenden weiter zu bekämpfen
wären die Feinde so eilig als möglich davon gesprengt und den Lambertis blieb
nichts übrig als ihren gefallenen Freund zu beweinen Der jüngste Lamberti
hatte Ihre Uhr Ihren Ring und Ihr Taschentuch zu sich genommen um bei seiner
Rückkehr nach Frankreich Ihrer Mutter diese traurigen Zeichen von dem
unglücklichen Ende eines geliebten Sohnes zu überreichen
Es ist ein Glück sagte St Julien mit sehr bewegter Stimme dass meine Muter
anders unterrichtet ist und also wenn der teilnehmende Bote die Zeichen meines
Todes überreicht nicht so heftig erschüttert werden kann wie er vermutlich
erwartet
Und verhält es sich so mit der Geschichte Ihres Unglücks wie eben erzählt
wurde fragte der General
Alles verhält sich so erwiderte St Julien der mit großer Anstrengung
seine Fassung zu behaupten strebte Der Graf hatte während dieses Gesprächs St
Julien aufmerksam beobachtet und ihm entging es nicht wie gewaltsam dieser
sein Gefühl niederkämpfte Bei der letzten Antwort begegneten die Blicke des
junges Mannes denen des Grafen und eine dunkle Röte bedeckte augenblicklich
sein Gesicht wodurch der Letztere überzeugt wurde die Sache verhalte sich
anders
Sie lebten in großer Vertraulichkeit mit den Lambertis begann der Adjudant
von Neuem Ich glaube Sie sind sogar verwandt
Weitläuftig sehr entfernt erwiderte St Julien kurz um das Gespräch zu
endigen
Die Lambertis sind aber Italiener sagte der Adjudant
Die Mutter meines Vaters war eine Italienerin erwiderte der junge Mann
und ich hoffe diesen Freunden und Verwandten noch als wieder erstandener Todter
den gebührenden Dank für ihre Teilnahme an meinem unglücklichen Ende
abzustatten
Dem Grafen entging die Zweideutigkeit dieser Antwort nicht und er fing an zu
glauben dass St Julien über seine beinah tödtliche Verwundung darum ein
hartnäckiges Stillschweigen beobachtet hatte um nicht Gräuel und Verbrechen
seiner eigenen Familie zu enthüllen Er suchte ihn also auch jetzt von der
unangenehmen Notwendigkeit zu erlösen noch mehr über diesen Gegenstand zu
sprechen und gab der Unterhaltung durch einige zweckmässige Fragen eine andere
Richtung
Endlich wurde die Tafel aufgehoben und die Gesellschaft trennte sich Es war
leicht zu bemerken dass St Juliens natürliche Heiterkeit ihn verlassen und
einem trüben ernsten Nachdenken Platz gemacht hatte Der Graf fühlte sich
erleichtert als er im Gasthofe angekommen die nötigen Befehle geben konnte
um die Rückreise nach Schloss Hohental anzutreten denn der Aufenthalt unter
französischen Kriegern umringt von ihren Fahnen und Feldzeichen beklemmte
seine Brust und ihn verwundete tief was St Julien in Entzücken versetzt
hatte Beide gaben sich also aus verschiedenen Gründen einem schwermütigen
Sinnen hin Nur der Arzt war vollkommen heiter er hatte den vollständigsten
Sieg über seinen Feind Lorenz davon getragen der an der Tafel des Kommandanten
wenig war beachtet worden während er selbst nach seiner Meinung die größten
Auszeichnungen genossen hatte Er war auch der erste der Neigung zeigte ein
Gespräch anzufangen als sie die Festung hinter sich hatten Ich hätte nicht
gedacht begann der Arzt seine Rede dass die Franzosen so höflich und
liebenswürdig sein könnten wie ich sie heute gefunden habe und wenn sie den
Übermut aufgeben wollten alle anderen Völker zu beherrschen so würde ich
mich nicht weigern sie als Kinder der civilisirten Welt als Brüder in der
großen europäischen Familie zu betrachten
Der Graf musste bemerken dass die letzte Unterhaltung an der Tafel des
Kommandanten der Festung einen tiefen Schatten in St Juliens Seele gesenkt
hatte da selbst diese Äußerung des Arztes seine Laune nicht erregte und er es
dem Grafen überließ eine Antwort darauf zu geben dessen Stimmung ebenfalls
nicht heiter genug war um in alle Ansichten des Arztes einzugehen Es wurden
also ziemlich stumm die ersten Meilen zurückgelegt Je mehr sie sich aber Schloss
Hohental näherten um so lebhafter fühlte St Julien das Glück noch zwei
Monate in dem Kreise seiner Freunde verweilen zu dürfen und die Lebhaftigkeit
des Geistes der Frohsinn der Jugend waren zurückgekehrt noch ehe der Wagen
durch das Tor des Schlosses rollte
Der Graf Robert eilte den Ankommenden entgegen und wie einen neu gewonnenen
Freund schloss er mit großer Freude St Julien in die Arme denn er hatte
innerlich gefürchtet der Kommandant der Festung würde Schwierigkeiten
machen die Rückkehr zu erlauben und vielleicht darauf bestehen dass St Julien
sogleich zu seinem Regiment abreisen solle Die Gräfin bewillkommnete ihn mit
sichtbarer Rührung und Emilie die halb hinter derselben verborgen stand
sendete einen Blick zärtlicher seliger Freude zu ihm hinüber der ihm das Herz
in seinen Tiefen bewegte und ihm schien es als ob er jetzt es zum ersten Male
wahrhaft und mit ungemessener Dankbarkeit empfände wie wahr und innig er in
diesem Hause geliebt sei wo ihn die zartesten Bande umschlossen
Als die ersten freudigen Begrüßungen vorüber waren wollte der Graf den
Frauen erzählen wie bereitwillig der Kommandant ihren Wunsch erfüllt habe aber
ehe er noch seinen Bericht begann erschien der Prediger der es wusste dass die
Freunde diesen Abend zurück erwartet würden um so bald als möglich zu hören
wie es bei dem feindlichen General gelungen und zu sehen ob St Julien
wirklich wieder zurückgekehrt sei woran auch er wie der Graf Robert
gezweifelt hatte Die Freude und die Glückwünsche wurden bei seinem Eintritte
erneuert aber er selbst kürzte sie gern ab um zu erfahren was der Graf über
seinen kurzen Aufenthalt in der Festung mitteilen würde Dieser konnte
natürlich nur die Höflichkeit und Gefälligkeit des Kommandanten rühmen der
ihnen ohne alle Schwierigkeiten die Freude gewährt hatte St Julien noch zwei
Monate bei sich zu sehen und zwar ohne Nachteil für den jungen Mann Zwei
Monate schienen den jungen Leuten eine beträchtliche Zeit und ein unbewusst
schnell gewechselter Blick zwischen Emilie und St Julien sprach ohne ihren
Willen diese Meinung aus und erregte in jedem ein tröstliches Gefühl Der Graf
erzählte dem Prediger die merkwürdige Ungezogenheit des jungen Lorenz und
dieser rief höchst entrüstet So werden Sie doch dem Vater dieses übermütigen
Menschen die Pension nicht länger zahlen die er von Ihnen zieht
Und wie hinge das was ich dem Vater versprochen habe mit dem Betragen des
Sohnes zusammen fragte der Graf
Glauben Sie denn dass er weniger schlecht und undankbar ist als der Sohn
erwiderte der Prediger glauben Sie dass er Ihre Unterstützung im Mindesten
verdient oder auch jetzt nur bedarf
Sie haben gewiss Recht antwortete der Graf und ich bin ganz Ihrer Meinung
Auch gestehe ich Ihnen hätte ich diese unwürdige Familie bei meiner Ankunft
gekannt so wie ich sie jetzt kenne dass dann meine Unterstützung wenigstens
nicht so bedeutend ausgefallen sein würde trotz der langen Dienstjahre die der
Alte geltend macht Da ich aber aus Mangel an richtiger Kenntnis mein Wort
einmal gegeben habe so kann ich mich nicht wieder zurückziehen obwohl ich
einsehe dass der alte Lorenz nicht sowohl so viele Jahre gedient hat wie er
sich rühmt als vielmehr sich und seine Familie verschwenderisch hat erhalten
lassen ohne Nutzen zu stiften und gewiss hätte er dafür keine Belohnung
verdient aber wie gesagt die Sache lässt sich nun nicht mehr ändern und wir
müssen uns darein ergeben
Es ist aber ärgerlich sagte der Pfarrer dem noch Wohltaten zuwenden zu
sehen der jetzt wieder mit Übermut wie ein reicher Mann unter uns auftritt
Er hat das kleine Gut Schöntal gepachtet und lebt dort ganz wie ein Edelmann
Ich war neugierig seine Einrichtung zu sehen und brachte ihm deshalb selbst
die vierteljährige Pension hin die Sie ihm zukommen lassen Ich erstaunte wie
außerordentlich gut er das Haus meublirt hat und er hatte die Unverschämtheit
mir mit seinem widrigen Lächeln zu sagen Da jetzt so viele Edelleute in der
schweren Kriegszeit die Gott über uns verhängt hat zu Grunde gehen so kommt
man wohlfeil an alle diese Dinge Herr Prediger und ich kann nach Gottes
gnädigem Willen in meinem Alter doch noch fühlen dass ich ein Mensch bin so gut
wie alle die Herren Das Geld welches ich ihm brachte warf er so gleichgültig
in seinen Schreibtisch als wäre es für ihn eine ganz geringe Summe und
keineswegs eine Unterstützung die er der Großmut verdankt sondern die
Bezahlung einer unbedeutenden Schuld Mein Schreiber soll die Quittung
aufsetzen sagte er vornehm ich werde sie unterzeichnen denn meine Augen
werden schwach und erlauben mir nicht mehr viel zu schreiben Ich ärgerte mich
so sehr über sein übermütiges Betragen dass ich ihn etwas zu demütigen
beschloss und daher sagte So würden Sie wohl jetzt keine Urkunden mehr
abschreiben können wenn sich die Gelegenheit darböte Nein das würde mir nicht
mehr möglich sein antwortete er sehr freundlich ohne alle Verlegenheit auch
habe ich es Gottlob nicht mehr nötig solche Arbeiten zu machen und bin durch
Gottes Gnade so eingerichtet bester Herr Prediger dass ich in meinem Hause nur
über Dinge zu sprechen brauche die mir angenehm sind Ich wollte den alten
Sünder verlassen aber er bestand darauf ich musste den Abend bei ihm bleiben
und ich fand seinen Tisch außerordentlich gut besetzt Man hat die Gottesgabe
bemerkte er weit billiger als die vornehmen Herren denn die Kenntnisse die
ich mir in der Jugend erwarb schützen mich besser vor Betrug Das kann ich
begreifen erwiderte ich ihm so dass er die Beziehung verstehen musste
Freilich freilich antwortete der Schelm ohne alle Verlegenheit es begreift
sich leicht Wer so lange wie ich in herrschaftlichen Häusern lebt macht auch
seine Studien nur anders wie die Gelehrten Herr Pfarrer Bei Tische wurden
sehr gute Weine angeboten und der Alte sagte mit unerträglicher Heuchelei Gott
hat mir gute Kinder geschenkt die für ihren alten Vater sorgen Mein lieber
Sohn hat mir einige Kisten Wein gesendet Lieber Gott er ist in einer Lage wo
er das alles mit Leichtigkeit erwirbt und er will nicht dass das schwache Licht
meines Lebens erlöschen soll und sucht deshalb die Flamme zu nähren nun der
Herr wird es ihm vergelten Er sagte mir hierauf dass in der nächsten Woche
seine beiden Kinder ihn auf einige Tage besuchen würden um seinen siebzigsten
Geburtstag festlich zu begehen und er lud mich so dringend dazu ein dass ich
zusagen musste Als er mein Versprechen hatte fing er an wie er sagte aus
Freude darüber unmäßig zu trinken und ich verließ ihn im Zustande tierischer
Betrunkenheit und schämte mich dass ich ein solches Mahl mit einem solchen
Menschen hatte teilen können Auch war ich natürlich entschlossen sein Haus
nicht wieder zu betreten obgleich ich gern sehen möchte wie sich die saubere
Familie an diesem Feste gebehrden wird Auch möchte ich wissen wo sich seine
Tochter aufhält nachdem sie den französischen General verlassen hat der Alte
gab darüber nur ausweichende Antworten Ist es denn nun schloss der Prediger
nach allem diesem nicht unerträglich dass dieser übermütige Mensch noch
Wohltaten empfangen soll deren Wert er so wenig erkennt
Sie haben Recht erwiderte der Graf und nur ein gegebenes Wort bestimmt
mich eine Unterstützung fortzusetzen die allerdings wie ich selbst einsehe
besser angewendet werden könnte
Der Geistliche konnte hierauf nichts weiter erwidern und wurde von der
Unterredung mit dem Grafen durch einen lebhaften Streit zwischen dem Arzte und
St Julien abgezogen an dem nach und nach die ganze Gesellschaft Teil nahm
Der Arzt behauptete nämlich mit größtem Eifer da die Franzosen in Deutschland
wären so wäre es ihre Schuldigkeit deutsch zu lernen und sie müssten es wie
eine höfliche Gefälligkeit betrachten wenn man sich dazu verstände französisch
mit ihnen zu reden und hätten gar kein Recht weder über schlechte Aussprache
noch sonstige Mängel dabei zu lachen St Julien scherzte über den Gedanken und
fand die Vorstellung ungemein belustigend dass also wenn ein Feldzug eröffnet
werden sollte die erste Vorbereitung dazu durch die Sprachmeister in
verschiedenen Zungen gemacht werden müsste
Der Graf der sich in das Gespräch mischte sagte Sie würden Recht haben
lieber Doktor wenn die Franzosen zu uns als Bittende Hülfesuchende kämen da
sie aber leider als Sieger hier sind so können sie wohl erwarten dass wir
unsere Gesuche in ihrer Sprache vortragen denn es möchte zu unserm eigenen
Nachteil gereichen wenn wir dies nicht verständen und so schafft eine
Gewohnheit selbst die mir immer so außerordentlich albern erschienen ist doch
auch ihren Nutzen freilich bei einer unerfreulichen Gelegenheit
Welche Gewohnheit fragte der Prediger neugierig
Der seltsame Gebrauch erwiderte der Graf der seit Jahrhunderten immer
weiter um sich gegriffen hat in den gebildeten Familien statt der Landessprache
die französische zu reden und nicht etwa gegen Franzosen oder überhaupt gegen
Fremde nein unter sich so dass recht in ihrem Herzen eine jede Familie ihrer
Nationalität entäussert und fremd französisch zu werden sucht
Tadeln Sie die Kenntnis und den Gebrauch fremder Sprachen fragte St Julien
verwundert da Sie selbst mehrere gründlich kennen und lieben
Der Graf antwortete lächelnd Kaiser Karl der Fünfte sagte ein kluger Mann
der vier Sprachen redet ist so viel wert als vier kluge Männer und der
Meinung bin ich auch Aber würden Sie sich nicht wundern wenn in den
französischen Salons auf ein Mal deutsch oder englisch von allen Menschen
geredet würde die darauf Anspruch machen zu den Leuten von gutem Tone zu
gehören und Jeder dies für vornehmer hielte als wenn er an seinem eigenen
Heerde sich der Sprache seines Landes bediente Würden nicht alle wahren
Franzosen ein solches antinationales Beginnen auf das Heftigste und zwar mit
Recht tadeln Und liegt nicht der Gedanke ganz nahe wenn ich mich immer eines
fremden Idioms bediene um meine besten Gefühle sinnreichsten Gedanken und
witzigsten Einfälle darin auszudrücken dass die Sprache des Landes
vernachlässigt werden roh und ungebildet bleiben muss In Deutschland hat ein
gebildeter Mittelstand die Sprache lebendig ausgebildet und gewiss dadurch viel
zu dem Glanze und der Anmut beigetragen die wir neben der Tiefe und Innigkeit
bei den vorzüglichsten Schriftstellern unserer Nation bewundern Die Vornehmen
haben seit lange besser verstanden sich französisch als deutsch auszudrücken
Es ist wahr sagte St Julien auch die Italiener erwarten dass man in ihrem
Lande ihre Sprache mit ihnen redet aber ich habe dies immer für Unwissenheit
gehalten
Zum Teil sagte der Graf mag es so sein Aber noch weiter gehen in dieser
Forderung die Engländer und gewiss nicht aus Unwissenheit sondern aus sehr zu
lobendem Nationalstolze denn ich wenigstens begreife nicht worauf sich die
Vaterlandsliebe am Ende stützen kann wenn eine Nation alles Eigentümliche bis
auf ihre Sprache selbst bei sich zu vertilgen strebt Ein Bequemlichkeit ist
indes wie nicht zu leugnen ist aus dieser lächerlichen Gewohnheit entstanden
dass nämlich die französische Sprache die geistige Scheidemünze des Lebens
geworden ist und man nur diese eine zu erlernen braucht um sich vom Tajo bis
zur Newa und noch weiter hinaus verständlich zu machen
Und das ist doch ein großer Vorteil rief St Julien
Für die Franzosen erwiderte der Graf sie gewinnen dabei am Meisten
selbst an Bequemlichkeit denn sie brauchen sich nicht mit dem Studium einer
einzigen fremden Sprache zu bemühen selbst nicht für ihre diplomatischen
Unterhandlungen denn auch diese werden in der Regel in französischer Sprache
geführt und ich weiß nicht ob Jemand daran gedacht hat welch ein großer
Vorteil den Franzosen schon allein dadurch zugestanden ist dass mit ihnen in
ihrer Landessprache unterhandelt wird die ein geistreicher Mann immer besser zu
benutzen verstehen wird wie eine fremde wenn er sie sich auch noch so sehr zu
eigen gemacht hat
Aber eine Sprache muss doch bei diesen Verhandlungen angewendet werden sagte
der Prediger und so würde es nicht zu vermeiden sein dass eine Nation in dieser
Rücksicht begünstigt wird
Ehedem bemerkte der Graf wurden alle Staatsgeschäfte verschiedener
Nationen lateinisch verhandelt und ich begreife nicht weshalb dies jetzt
lächerlich und pedantisch gefunden wird Es war wenigstens Gerechtigkeit darin
eine Sprache die keine lebende Sprache eines Volkes mehr ist und die folglich
alle Parteien erlernen mussten in Fällen anzuwenden wo es so sehr darauf
ankommt kein Übergewicht zu gestatten
Das Gespräch wurde dadurch unterbrochen dass Dübois eintrat und nach einem
leisen Gespräch mit dem Grafen Robert das Zimmer mit demselben verließ Alle
selbst der Graf nicht ausgenommen waren verwundert über das Geheimnisvolle in
der Art wie der Haushofmeister den jungen Grafen abgerufen hatte und
erwarteten mit einiger Unruhe seine Rückkehr Nach einigen Minuten erschien er
wieder im Saale und Ernst und Unruhe hatten sich auf seiner Stirn gelagert
Zwei ehemalige Regimentskameraden sagte er zu seinem Oheim bitten mich für
diese Nacht um Gastfreundschaft die natürlich ich nicht ohne Ihre Erlaubnis
gewähren kann und ich komme deshalb
Lieber Vetter unterbrach ihn der Graf mit leichtem Unwillen bedarf es noch
einer Frage ob mir Ihre Freunde willkommen sein werden
So erlauben Sie mir erwiderte sein Verwandter mit einiger Verlegenheit
mich für heute mit ihnen zurückzuziehen und für die Bequemlichkeit meiner Gäste
in Ihrem Hause zu sorgen denn der eine ist nicht wohl doch hoffe ich wird er
sich nach der Ruhe der Nacht erholen und ich werde Ihnen ehe sie weiter
reisen Beide vorstellen können
Er verließ nach diesen Worten von Neuem den Saal der Graf blickte ihm
verwundert nach Der Prediger war so lebhaft aufgeregt von diesem Vorfalle und
versenkte sich in so tiefes Nachdenken darüber was dieser geheimnisvolle Besuch
zu bedeuten haben könne dass er die sehr merklichen Winke des Arztes übersah
der sich ebenfalls mit ihm zu entfernen und ihm etwas anzuvertrauen wünschte
Der Graf konnte sich einer leichten Unruhe nicht erwehren er vermutete dass
dieser Besuch mit Verbindungen im Zusammenhange stehe in die sich sein
Verwandter wie er wusste eingelassen hatte und er fürchtete dass vielleicht
eine Unbedachtsamkeit den jungen Mann in Verantwortung bringen und ihn selbst
mit hinein ziehen könne Er wurde also nachdenkend und still und es gelang
endlich dem Arzte den Prediger auf sein Zimmer zu führen um ein wichtiges
Geheimnis in dessen Busen niederzulegen Endlich fing er triumphierend an
bester Herr Prediger kann ich Ihren lang gehegten Wunsch befriedigen und Ihnen
den vollständigsten Aufschluss über eine Sache geben die Sie sich so oft
vergeblich bemüht haben zu erfahren
Und über welche Sache wäre Ihnen dies möglich fragte der Geistliche mit
Spannung Über die wunderbare Verwundung unseres guten Herrn St Julien
erwiderte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln
Was haben Sie darüber erfahren fragte mit Eifer der Pfarrer und bei
welcher Gelegenheit Sie wissen antwortete der Arzt ich kümmere mich nicht
sonderlich um die Angelegenheiten der Menschen wenn sie nicht mit meiner Kunst
zusammenhängen und ich würde auch dies Mal um meint Willen nicht so aufmerksam
darauf gewesen sein denn für mich ist es die Hauptsache dass ich den jungen
Mann hergestellt habe Wie er zu seinen Wunden gekommen ist mir eigentlich
gleichgültig aber die Freundschaft hat ihre Rechte Also um Ihret Willen
bester Freund hörte ich genau hin und prägte mir die ganze Unterredung an der
Tafel des Kommandanten so genau ein dass ich sie Ihnen Wort für Wort wiederholen
kann Er tat dies hierauf mit großer Umständlichkeit und fragte mit
selbstzufriedenem Lächeln als er geendigt hatte seinen aufmerksamen Zuhörer
Was sagen Sie nun habe ich nun nicht den Zusammenhang der ganzen Sache zu Ihrer
Kenntnis gebracht und bin ich gänzlich unfähig wie Sie so oft behauptet haben
einer Sache meine Aufmerksamkeit zu schenken die nicht mit meiner Wissenschaft
zusammenhängt
Und halten Sie denn diese Erklärung für die aufrichtige wahre fragte der
Geistliche etwas verächtlich Die geringste Überlegung hätte Ihnen ja sagen
müssen dass wenn sich die Sache so verhielte St Julien keine Ursache gehabt
hätte sie uns allen so ängstlich zu verschweigen und dass er uns wenn dies der
richtige Zusammenhang der Sache wäre diese Mitteilung denselben Tag gemacht
haben würde an welchem Sie ihm zu sprechen erlaubten
Mann Sie haben Recht rief der Arzt von seinem Sitze aufspringend Sie
sind ein wahrer Macchiavell an Scharfsinn
Bedeutend ist in Ihrem Berichte erwiderte der Prediger dass die erwähnten
Italiener des jungen Mannes Verwandte sind Nun fuhr er nach einigem Nachdenken
fort ich gebe es noch nicht auf der Sache auf den Grund zu kommen so wie
manchem Geheimnisvollen in diesem Hause Sagen Sie mir doch morgen wenn Sie
nach dem Dorfe reiten um Ihre Kranken zu besuchen ob die heut angekommenen
Gäste auf dem Schloss geblieben sind Auf den Fall würde ich doch morgen wieder
herkommen um sie mir anzusehen Der Arzt gab das verlangte Versprechen und der
Pfarrer trennte sich von ihm in wohlwollender Stimmung
XIII
Es waren kaum einige Minuten verflossen nachdem der Prediger den Arzt verlassen
hatte und dieser fing eben an sich auszukleiden wobei er aus tiefster Brust in
abwechselnden Tönen gähnte als seine Türe geöffnet wurde und Graf Robert zu
seinem Erstaunen bei ihm eintrat Bester Herr Doktor redete ihn dieser mit
verstörter Miene an mit Angst und Sorgen habe ich gewartet bis der Prediger
Sie verlassen hat um Ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen Ich weiß Sie sind ein
verschwiegener Mann und treuer Freund
So weit die Welt mich kennt sagte der Arzt sich in die Brust werfend wird
mir Niemand diese Eigenschaften absprechen
Eben darum erwiderte der junge Graf nehmen wir unsere Zuflucht zu Ihnen
Einer meiner jungen Freunde ist in eine Ehrensache verwickelt ein Duell war die
Folge in dem er verwundet worden ist Er scheint sehr zu leiden und weigerte
sich doch standhaft Sie früher um Ihren Beistand zu bitten als bis Sie allein
sein würden denn Verschwiegenheit ist in seiner Lage durchaus notwendig
Sie können darauf rechnen sagte der Arzt der seinen Rock schon wieder
angezogen hatte meine Lippen schweigen wie das Grab Das ist die Pflicht des
Arztes und Sie wissen dass ich alle meine Pflichten erfülle Nach diesen mit
großem Nachdruck gesprochenen Worten nahm er alle chirurgischen Instrumente
zusammen so wie alles zum Verband Erforderliche Diese Sachen werden wir
vermutlich brauchen sagte er mit einem schlauen Lächeln da Sie des Wundarztes
mehr als des Doktors zu bedürfen scheinen
Er folgte nun dem jungen Grafen nach dessen Zimmer wo sie seine beiden
Freunde und den jungen Gustav antrafen Sie haben den jungen Menschen in Ihre
Geheimnisse eingeweiht sagte der Arzt indem er verwundert einen Schritt
zurücksprang verlassen Sie sich auf seine unbedachtsame Jugend
Sein Sie ruhig erwiderte der Graf ihn hat ein hartes Schicksal früh
gereift seiner Vorsicht dürfen wir uns unbedingt vertrauen
Wenn das ist sagte der Arzt so verdient er die höchste Achtung Aber fuhr
er mit bedenklicher Miene fort wenn Ihr Geheimnis nicht verschwiegen bleibt so
denken Sie daran dass Sie es mir nicht allein vertraut haben Nach diesen Worten
näherte er sich dem Kranken der in einem Lehnstuhle saß und sehr zu leiden
schien Sein Gesicht war bleich wie das eines Toten und die blauen zuckenden
Lippen deuteten auf heftige Kälte die den ganzen ermatteten Körper zu beben
zwang Der hat ein tüchtiges Wundfieber sagte der Arzt zum Grafen gewandt
sein Zustand muss sogleich untersucht werden Er näherte sich hierauf dem Kranken
und sagte mit etwas heftiger Stimme Und warum liegen Sie denn bei Ihrer
Ermattung nicht ordentlich ausgekleidet im Bette
Sein Arm ist so aufgeschwollen sagte der junge Graf dass wir ihn nicht von
seinem Rocke zu befreien vermochten
Der Arzt sah dass selbst über Hand und Finger sich eine starke Geschwulst
verbreitet hatte Er antwortete nichts sondern nahm aus seinem Besteck eine
Scheere und schnitt den Ärmel des Rocks der Länge nach auf So klug hätten Sie
lange sein können sagte er sich an den jungen Gustav wendend der ihm zu
seiner Beschäftigung leuchtete weil er diese verweisenden Worte nicht an die
andern Gegenwärtigen geradezu richten und ihnen doch eine Lehre für die Zukunft
geben wollte Als der Verwundete von seinem beschwerlichen Kleidungsstücke
befreit war zeigte es sich dass seine Wunden unter dem Verbande stark geblutet
hatten und es war nicht möglich den alten Verband ohne Schmerzen abzunehmen
Während nun der Arzt hiemit beschäftigt war rief er mehrere Mal In welchen
Händen sind Sie gewesen Wie haben Sie sich einem Menschen anvertrauen können
der nicht einmal einen Verband aufzulegen versteht Das ist ja ärger als ob Sie
unter die Wilden geraten wären denn die werden es doch noch besser verstehen
eine Wunde zu verbinden Der junge Graf suchte ihn zu beruhigen indem er ihm
sagte dass sein Freund nicht hätte daran denken können für seine Gesundheit zu
sorgen indem er nur auf seine Sicherheit habe Rücksicht nehmen können und
deshalb wären schon zwei Tage verflossen seit dem ersten Verbande Wenn Sie
meinen Verband nach sechs Wochen abnehmen wollten erwiderte der Arzt mit
Verachtung so würden Sie ihn immer noch in ganz anderm Zustande antreffen
Während dieser Rede war es endlich gelungen die Wunde zu befreien und der
Arzt heftete einen langen bedeutenden Blick auf den jungen Grafen indem er
einen Ausruf der seinen Lippen entschlüpfen wollte gewaltsam zurück drängte
und dabei so wunderliche Gesichter machte dass nur der Ernst des Augenblicks so
mächtig auf seine Umgebung wirken konnte dass sich keine Spur von Lachlust
zeigte Der Graf mochte nicht fragen aber ihn selbst hatte der Anblick der
Wunde und der ganz blau aufgelaufene Arm belehrt dass das Übel seines Freundes
zu den ernstaften gehörte Mit schonender leichter Hand hatte der Arzt die
schlimme Wunde gereinigt und den kunstgemässen Verband aufgelegt und der Kranke
fühlte sich sehr erleichtert Der Graf gab ihm von seiner Wäsche und der Arzt
half ihn in eine bequeme Lage auf sein Lager bringen Auch dies schien in ihm
eine wohltätige Empfindung zu erregen Als alles dies beendigt war fragte der
Arzt den Kranken Was haben Sie gegessen zu Abend Gar nichts heute den ganzen
Tag erwiderte dieser der mit diesen Worten zuerst das bis jetzt beobachtete
Schweigen brach Obgleich die Stimme matt und krank war so erkannte sie der
Arzt dennoch und sprang im höchsten Erstaunen drei Schritte zurück und rief
wunderbar höchst wunderbar Der junge Graf geriet in den verzeihlichsten
Irrtum dass der Arzt die lange Enthaltsamkeit seines Freundes so lebhaft
bewunderte und sagte daher Die heftigen Schmerzen haben den Armen gehindert
an Nahrung zu denken Ach was rief der Arzt ich dachte jetzt nicht an
Lebensmittel aber was mich erschütterte davon ist jetzt nicht Zeit zu reden
Jetzt muss ich als Arzt als Menschenfreund handeln Ihr Freund muss durchaus
einige leichte stärkende Nahrung haben deshalb wird es nötig sein Dübois
gewissermaßen in unser Geheimnis zu ziehen Er ist ein braver Mann ob er gleich
ein Franzose ist wie wir ja überhaupt einige achtungswerte Subjekte von dieser
Nation kennen gelernt haben und er ist sehr dienstfertig obgleich er hier im
Hause sehr verwöhnt wird Man muss sich an ihn wenden damit er Ihrem kranken
Freunde etwas Kraftbrühe verschafft denn er darf nicht länger ohne Nahrung
bleiben Sie hätten mir dies nur mit wenigen Worten auftragen dürfen sagte der
junge Gustav empfindlich Herr Dübois ist der menschenfreundlichste Mann von der
Welt und wird gewiss sogleich aus dem Bett aufstehen um herbei zu schaffen was
Sie bedürfen Nach diesen Worten ging der junge Mensch hinweg und der Arzt
beobachtete noch eine Zeit lang den Kranken dann sing er an seine auf dem
Tische ausgebreiteten Instrumente sorgfältig zu reinigen und einzupacken und er
hatte dies Geschäft noch nicht geendigt als der Jüngling schon wieder eintrat
und eine Schale Kraftbrühe für den Kranken selber brachte Der Arzt eilte um
diesen im Bette aufzurichten und während er die dargebotene Nahrung nahm zu
unterstützen Der Kranke fühlte die wohltuende Wirkung der Nahrung die er zu
sich genommen und senkte sein Haupt unmittelbar darauf zum Schlaf auf die
Kissen nieder
Der Arme sagte Graf Robert er hat zwei Nächte ohne Ruhe gepeinigt von
Sorgen zu Pferde zugebracht und diesen ganzen Tag ohne Nahrung weil die
Schmerzen der schlecht verbundenen Wunde zu heftig wurden
Wir wollen nun sehen sagte der Arzt wie es morgen sein wird Ich werde
nicht eher kommen als bis Sie mich rufen damit ich nicht unnütz seinen Schlaf
störe denn Ruhe bedarf Ihr Freund vor allen Dingen Sobald er aber erwacht ist
zögern Sie keinen Augenblick mich zu rufen Nach diesen Worten ging der Arzt
hinweg um sich ebenfalls zur Ruhe zu begeben deren Bedürfnis er auch zu fühlen
begann
Der Graf Robert schlief wenig in dieser Nacht Der ängstliche Zustand seines
verwundeten Freundes hatte keinen andern Gedanken bis jetzt Raum gegeben als
nur solchen die dazu dienten dessen Schmerzen zu erleichtern Jetzt aber in
der Stille der Nacht überließ er sich dem Nachdenken Er wusste noch nicht
welche Mitteilungen ihm beide Freunde zu machen hätten und er wünschte den
Morgen herbei um sowohl den Zusammenhang des Unglücks welches den einen
betroffen zu erfahren als auch zu der Kenntnis zu gelangen welche Art von
Beistand sie eigentlich von ihm erwarteten Der Verwundete sein ehemaliger
Regimentskamerad ein Herr von Werteim war entschlummert der Andere welcher
gleichfalls bei demselben Regimente mit dem Grafen gedient hatte und ein Baron
Lehndorf war warf sich unruhig auf dem Lager umher und der Graf hörte seine
tiefen Seufzer und er bemerkte dass sein bekümmerter Gast erst in einen
unruhigen Schlummer fiel als schon der Morgen zu dämmern begann Endlich
behauptete die Natur ihr Recht und auch die Augen des Grafen Robert waren
geschlossen Ein sanfter Schlummer ruhte auf den Augenliedern der drei Freunde
als der Arzt mit leisen Schritten von Gustav begleitet in das Zimmer schlich
Er hatte sich gewundert dass ihn noch Niemand gerufen hatte und wunderte sich
nun noch mehr hier noch Alles in sanften Schlaf versenkt anzutreffen Er
näherte sich behutsam dem Lager des Kranken und betrachtete ihn aufmerksam Wenn
Sie nun wendete er sich tröstend zu Gustav dieses jugendliche bleiche Gesicht
betrachten dem der Kummer unverkennbar seine Züge aufgedrückt hat wenn Sie
diesen wehmütigen Mund ansehen werden Sie wohl glauben dass diese Gliedmaßen
und Lineamente dem rohesten Menschen angehören Verwundert und zweifelnd sah der
Jüngling den Arzt an Ich weiß was ich sage rief dieser durch die zweifelnde
Miene seines Zuhörers beleidigt die nötige Vorsicht vergessend und der Kranke
schlug die blauen Augen auf und zugleich ermunterten sich die andern Schläfer
Nun wie geht es heute fragte der Arzt den Verwundeten es tut mir leid dass
ich Ihre Ruhe gestört habe
Wunderbar erwiderte der Verwundete mit tiefer wohltönender Stimme vor
deren Klang aber der Arzt ein wenig zurückbebte wunderbar hat Ihre Hilfe und
die Ruhe der Nacht meine Schmerzen gelindert und ich fühle dass ich aufstehen
kann ohne meine Kräfte anzustrengen Erst wollen wir Ihren Arm betrachten
sagte der Arzt dann wird es sich zeigen ob Sie aufstehen können Der Verband
wurde abgenommen und der Arzt überzeugte sich bald dass der schlimme Anschein am
vorigen Abend ihn getäuscht habe der wahrscheinlich daher entstanden war weil
der junge Mann seine Kräfte mehr angestrengt hatte als die menschliche Natur
erlaubt denn er hatte ohne zu ruhen seine Reise zwei Tage und zwei Nächte zu
Pferde fortgesetzt Dadurch war die Wunde gereizt und das heftige Wundfieber
erregt worden auch mochte der schlechte Verband das Übel vermehrt haben Sie
können aufstehen sagte der Arzt gleichgültig nachdem er den neuen Verband
aufgelegt hatte Es ist gar keine Gefahr dass Sie den Arm verlieren könnten wie
es mir gestern schien und man kann auch heute ein vernünftiges Wort wie ein
Mann zum Manne mit Ihnen reden ohne dass ein einsichtsvoller Arzt die
Erschütterung Ihrer Nerven zu sehr befürchten muss
Die Augen aller Anwesenden waren mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens
auf den Arzt gerichtet denn Niemand begriff was auf diesen Eingang folgen
sollte
Ja ja meine Herren sagte dieser indem er mit Selbstgefühl umherblickte
Sie sehen mich an und Ihre Mienen drücken Verwunderung über meine Rede aus aber
Sie mein junger verwundeter Herr dessen Name ich nicht die Ehre gehabt habe zu
erfahren obgleich wir nun zum zweiten Male bei einer merkwürdigen Gelegenheit
zusammentreffen was wäre denn nun aus Ihnen geworden Wer hätte hier Ihre
Wunden verbinden sollen wenn Sie mich wie Sie vor einigen Monaten
beabsichtigten zum Fenster hinaus geworfen hätten Nach einem solchen Sturze
hätte ich wahrscheinlich Niemandem mehr meine Hilfe angedeihen lassen können
und Falls ich mich auch vollkommen erholt hätte so weiß ich doch nicht ob
meine Philosophie mich so stark gemacht haben würde dem hülfreiche Hand bieten
zu können der seine Hände feindlich und gewalttätig an mich gelegt hätte Dass
dieses Unglück vermieden ist haben Sie nur dem Herrn Grafen zu verdanken
Der Arzt hätte seine Rede noch viel länger fortsetzen können denn alle
Zuhörer waren so erstaunt dass Niemand daran dachte ihn zu unterbrechen Als er
endlich schwieg trat der Graf Robert zu ihm und sagte indem er ihm sanft die
Hand auf die Schulter legte Bester Doktor reden Sie im Fieber
Keineswegs erwiderte der Arzt indem er sich der Berührung entzog Der
Kranke weiß auch recht gut dass dem nicht so ist denn seinem Gedächtnisse wird
es nicht entschwunden sein dass er hier mit seinen Heerschaaren anrückte und
statt höflich wie es dem Freunde ziemte seinen Bedarf für Rosse und Männer zu
fordern das Schloss gewissermaßen mit Sturm zu nehmen dachte und friedliche
wissenschaftlich gebildete Einwohner die sich nicht Landesverräter wollten
schelten lassen zum Fenster hinaus zu werfen drohte
Wie rief der Kranke indem er sich erhob so bin ich hier unter dem Dache
des Franzosenfreundes
Sie sind unter dem Dache des edelsten Mannes meines Oheims erwiderte Graf
Robert mit Ernst
Wie ist es denn sagte der verwundete Herr von Werteim dieser Arzt spricht
ja doch als ob ich im Hause des Mannes wäre von dem damals angezeigt wurde
dass er während des ganzen Krieges einen französischen Offizier bei sich habe
mit dem er in der größten Vertraulichkeit lebe
Den habe ich hier den französischen Offizier rief der Arzt mit glühenden
Wangen und funkelnden Augen und Sie können ihn sehen Vollkommen habe ich ihn
hergestellt gesund und blühend kann ich ihn zeigen und so gut kann es Ihnen
auch werden wenn Sie sich vernünftig betragen
Der Graf eilte den Arzt zu unterbrechen dessen steigende Hitze unangenehme
Auftritte zu veranlassen drohte wie er auch in seinem Eifer gänzlich vergaß
dass er den Kranken zu schonen habe Diesem teilte nun der besonnenere Freund
St Juliens Verhältnisse in diesem Hause mit und mäßigte die aufbrausende Hitze
des Arztes am Besten dadurch dass er nachdem er den traurigen Zustand
beschrieben in welchem der junge Franzose im Hause seines Oheims aufgenommen
wurde es rühmend anerkannte dass er nur durch die Geschicklichkeit des Arztes
lebe und seiner Familie zurückgegeben werden könne
Wenn dem so ist erwiderte Herr von Werteim und wie könnte ich daran
zweifeln da ich von Ihnen teurer Freund die Aufklärung erhalte so habe ich
in törichter Hitze Ihren Oheim sehr beleidigt ja ich gestehe ich habe mich
so vergessen dass nur allein die Verzweiflung die in meinem Herzen tobte mich
einigermaßen entschuldigen kann Sie wissen es selbst wo wir uns zeigten
gewahrten wir den Untergang unseres Vaterlandes Feigheit und Verrat zerrissen
das Herz unseres Königs und seiner Getreuen und es ist begreiflich dass die
Verleumdung Eingang fand Aus diesen Gründen hoffe ich wird mir Ihr Oheim
vergeben und Sie werden auch Ihren Freund den Herrn Doktor bewegen mir seine
Verzeihung zu bewilligen
Als Christ rief der leichtversöhnliche Arzt mit feierlicher Stimme als
Christ habe ich Ihnen längst vergeben als Mensch verzeihe ich Ihnen jetzt und
als Arzt fügte er hinzu indem er die Augen halb zudrückte und schalkhaft
blinzelte denke ich feurige Kohlen auf Ihr Haupt zu sammeln und das wird mir
nicht schwer werden denn Ihre Verwundung wird mir nicht so viel Not machen
wie die des armen St Julien Sie haben nur durch die Vernachlässigung so viel
gelitten aber er war in einem traurigen Zustande und stolz schlägt das Herz in
meiner Brust so oft ich ihn ansehe denn ohne mich würde er längst im Grabe
ruhen und könnte alle die Possen nicht treiben mit denen er uns belustigt aber
auch mich zuweilen ärgert
Nachdem die Versöhnung erfolgt war frühstückte der Arzt in bester
Freundschaft mit den drei Herren und eilte dann seine Kranken zu besuchen so
wie sein dem Prediger gegebenes Versprechen zu erfüllen und ihm zugleich das
wunderbare Zusammentreffen mit einem Manne zu vertrauen dessen feindselige
Gesinnung einst seinem Leben Gefahr gedroht hatte doch wollte er dessen
Verwundung wie er es gelobt hatte pflichtmässig verschweigen
Als der Arzt die Freunde verlassen hatte wurden alle Gesichter ernster Der
Graf Robert erwartete die Mitteilung die ihm gemacht werden sollte und seine
Gäste fühlten die Notwendigkeit zu reden
Sie sehen uns hier bei Sich teurer Freund begann der Baron Lehndorf in
einem traurigen ungewissen Zustande
Lass mich reden unterbrach der junge Werteim den Sprechenden die Erwähnung
aller traurigen Umstände die berührt werden müssen würde Dich noch mehr als
mich verletzen wie ich Dein Gemüt kenne Der Baron schien dem Freunde gern das
Recht der Rede einzuräumen und lehnte sich still mit bekümmerter Miene in den
Sessel zurück
Es ist keine Schande arm zu sein begann der Herr von Werteim denn die
zufälligen Gaben des Glücks bestimmen nicht den Wert des Menschen deshalb sage
ich es ohne Erröten dass meine Jugend und Gesundheit mein einziges Vermögen
waren denn die sehr verschuldeten Güter meiner Familie sind schon mehrere
Geschlechter hindurch das Erbe einer andern Linie und meine Vorfahren hatten
sich rühmlich wenn auch nicht prächtig durch Kriegsdienste und Staatsämter
erhalten Meinen Vater hatte ich früh verloren und meine sehr kränkliche Mutter
lebte mit meiner Schwester von einer kleinen Pension sehr beschränkt so dass ich
selbst zuweilen noch einen Teil meines mäßigen Gehaltes anwenden musste um
ihren kümmerlichen Haushalt zu unterstützen Mit meinem Freunde Lehndorf verband
mich früh eine brüderliche Neigung und die zunehmenden Jahre steigerten diese
bis zur innigsten Freundschaft die sich in jeder Stunde unseres Lebens treu
bewies Der junge Mann sprach diese Worte mit bewegter Stimme indem er seinem
Freunde die Hand reichte und fuhr dann mit ruhigerem Tone fort Lehndorf war in
einer besseren Lage als ich Er war allein und ein kleines Erbe unterstützte
ihn so lange bis er hoffen durfte eine Eskadron zu bekommen er genoss also
seine Jugend ohne drückende Sorgen Es konnte bei unserer Vertraulichkeit nicht
fehlen dass er meine Schwester kennen lernte Ihre Jugend und Liebenswürdigkeit
machten Eindruck auf das Herz meines Freundes und sie schien eine Empfindung zu
teilen von der wir hofften dass sie unser Lebensglück erhöhen würde Es ward
bestimmt sobald Lehndorf eine Eskadron bekäme dass alsdann der Segen der Kirche
ein glückliches Paar vereinigen und mir den zum Bruder weihen sollte den ich
längst als solchen liebte Von heftiger Bewegung ergriffen sprang der Baron
Lehndorf von seinem Sitze auf und eilte einige Mal hastig durch das Zimmer
Nachdem er sich gesammelt hatte fuhr sein Freund also fort So standen die
Sachen als der Krieg ausbrach Welche unglückliche Wendung er nahm ist
bekannt Die Pension meiner Mutter wurde nicht ausgezahlt und ich traf meine
Familie in der größten Armut als ich mit meinem Freunde zurückkehrte der
durch den unglücklichen Frieden so wie ich verabschiedet war Jetzt schienen
alle Hoffnungen zertrümmert und wir hätten dem größten Elende erliegen müssen
wenn mein Freund nicht großmütig den Rest seines kleinen Erbes mit uns geteilt
hätte
Lehndorf machte eine ungeduldige Bewegung Warum willst Du mich zwingen zu
verschweigen rief sein Freund was die Wahrheit zu bekennen fordert und was
ich Dir eben so einfach und treu geboten hätte wie Du mir wenn die
Verhältnisse die umgekehrten gewesen wären Zum Grafen gewendet fuhr er darauf
fort Das Liebesglück meines Freundes musste verschoben werden bis zu einer
besseren Zeit die wir alle nicht aufgeben konnten zu hoffen Meine Schwester
gelobte die zärtlichste Treue und unsere Sorgen richteten sich auf die nächste
Zukunft Sie selbst nahmen Teil an der innigen Verbindung deutsch gesinnter
Freunde und kennen die Verpflichtungen und den edelen Zweck unserer Vereinigung
Also können Sie denken dass wir nicht zögerten als mir und meinem Freunde der
Auftrag wurde einige ehemalige Kameraden die so wie wir verabschiedet und in
Untätigkeit lebten zu prüfen und wo möglich für unseren edelen Zweck zu
gewinnen Wir eilten den Wunsch unserer Brüder zu erfüllen und lebten daher nah
an zwei Monate entfernt von unseren Lieben Ein feindliches Schicksal wollte
dass während dieser Zeit ein französisches Regiment welches bis jetzt zur
Besatzung gehört hatte von einem anderen abgelöst wurde und dass der Obrist des
einrückenden seine Wohnung in dem Hause nahm wo auch meine Mutter und Schwester
in strenger Zurückgezogenheit ein Paar Zimmer im Hinterhause bewohnten Der
Obrist hatte eine deutsche Frau oder wenigstens galt sie dafür denn ihre
gemeinen Sitten haben mir Zweifel über die Art der Verbindung erregt in welcher
sie mit dem Obristen lebte Diese suchte unter dem Vorwande dass ihr als einer
Deutschen der Umgang mit deutschen Frauen ein Trost sei die Bekanntschaft
meiner Mutter und es gelang ihr durch manche kleine Dienstleistungen leicht
eine schwache kränkliche Frau für sich zu gewinnen so wie sie die unerfahrene
Jugend meiner Schwester benutzte um diese ganz in ihren Kreis hinüber zu
ziehen Als ich und mein Freund nach mühevollen nur halb gelungenen Geschäften
zurückkehrten und die kleine Wohnung betraten wohin mich kindliches und
brüderliches Gefühl und meinen Freund die Sehnsucht einer innigen treuen Liebe
zog überraschte uns da wir unvermutet erschienen ein seltsamer Anblick
Meine Schwester stand vor uns in reizender Blüte der Jugend und Schönheit
geschmückt mit allem Tand den die Mode fordert um auf einem Balle zu glänzen
Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem unglücklichen Geschöpf so wie sie uns
erblickte und meine schwache Mutter suchte ihre Verlegenheit zu überwinden um
die nötige Auskunft zu geben so erfuhren wir ein Ball den der Obrist gebe
sei die Veranlassung des festlichen Putzes Die deutsche Frau des französischen
Kriegers habe die Einwilligung meiner Mutter erbeten die ihrer armen einsamen
Tochter doch auch nicht harterzig jede Lust des Lebens habe verweigern wollen
Und als ich fragte Wer denn den Tand bezahlt habe der meine Schwester
umflatterte erfuhr ich dass dieser der Frau Obristin gehöre die meine
Schwester so lieb gewonnen habe dass sie Alles mit ihr zu teilen wünsche Sie
können wohl denken wie tief ich die zehnfache schmähliche Erniedrigung empfand
dass meine entartete Schwester bereit war mit den Feinden ihres Vaterlandes im
Tanze sich zu vereinigen gegen die ihr Bruder und ihr Bräutigam jeden
Augenblick mit Freuden gekämpft haben würden auch den letzten Tropfen ihres
Herzblutes nicht sparend um sie von der Erde zu vertilgen und dass die Tochter
eines Edelmannes sich nicht schämte um dies zu können den nichtigen Putz aus
den Händen derselben Feinde zu empfangen die ihr Vaterland zertreten und
beraubt hatten um nun mit diesem Raube eine prahlerische entehrende Großmut
zu üben Ich sagte meiner Mutter und Schwester alles was mein empörtes Gemüt
mir eingab und nur meinem Freunde gelang es mich zu besänftigen indem er um
Schonung für die Geliebte bat Es versteht sich dass aller Putz sogleich
zurückgesendet werden musste und meine unvermutete Ankunft diente als
Entschuldigung dafür dass meine leichtsinnige Schwester nicht auf dem Balle
erschien Aber ich hatte die Kränkung zu erfahren dass es nicht das erste Mal
war dass meine Mutter und Schwester sich geneigt gezeigt hatten solchen
Einladungen zu folgen und ich musste erfahren dass letztere auf früheren Bällen
ungestört durch einen mürrischen Bruder hatte glänzen und Beifall gewinnen
können Mit scheinbarer Demut hatte sie meine heftigen Verweise hingenommen
sie war blass und still Ich verbot allen Umgang mit den Franzosen aufs
Strengste und glaubte dass mir pünktlich Folge geleistet werden würde Gegen
meinen Freund verhielt sie sich leidend und ließ sich seine Zärtlichkeit eben
nur gefallen und er machte mir Vorwürfe indem er behauptete meine heftige Art
zu tadeln habe einen tiefen schmerzlichen Eindruck auf das zarte Gemüt meiner
liebenswürdigen Schwester gemacht Auch die Mutter meinte so gar groß könne das
Versehen nicht sein da ja ihre Tochter nicht die einzige deutsche Dame sei die
auf den Bällen des Obristen getanzt habe Da ich Mutter und Schwester nach
wenigen Tagen wieder verlassen musste um noch unausgeführte Aufträge zum Besten
unserer Verbindung zu besorgen so ließ ich mich im Vorgefühle der nahen
abermaligen Trennung leichter versöhnen und der Friede in unserer kleinen
Familie war hergestellt Als ich nach wenigen Tagen mit meinem Freunde von Neuem
abreisen musste forderte ich von meiner Schwester das Versprechen sich während
unserer Abwesenheit fern von den Feinden des Vaterlandes zu halten und keiner
leichtsinnigen Lust nachzugeben Sie reichte mir ohne zu antworten die Hand
indem ihre Augen von Tränen überflossen Ich hielt das für ein feierliches
Versprechen und nachdem ich meiner Mutter meine Wünsche ernstlich ans Herz
gelegt reiste ich mit meinem Freunde ruhig dahin wohin unsere Bestimmung uns
führte Wir fühlten uns beide unbehaglich in der Ferne mein Freund in dem
Verlangen das Gemüt meiner Schwester wieder völlig mit sich auszusöhnen denn
ihm schien es als ob meine Strenge ihre Liebe zu ihm vermindert habe und ich
weil ein dunkles Gefühl mir sagte dass diese Schwester einer anderen Aufsicht
als der einer zu schwachen Mutter bedürfe Wir eilten also beide nach wenigen
Wochen zurück wenn auch mit manchen Sorgen im Herzen doch ohne Ahnung des
Jammers der uns erwartete Wir fanden die Mutter allein verzweifelnd dem Tode
nah die Schwester war verschwunden Als unsere starre Verzweiflung so weit
nachließ dass wir nach den näheren Umständen fragen konnten erfuhren wir den
Tag nach unserer Abreise habe der Bruder des Obristen ebenfalls die Stadt
verlassen um nach Paris und von dort zu einem Regimente an der spanischen
Gränze zu gehen in der folgenden Nacht sei meine Schwester verschwunden Ein
zurückgelassener Brief an die Mutter erklärte mit all den Redensarten die jetzt
so häufig gemissbraucht werden sie sei durch eine unwiderstehliche Leidenschaft
zu diesem Schritte gezwungen worden Ein Kästchen worin sie manche
Kleinigkeiten aufhob war vermutlich im Drange dieser Leidenschaft vergessen
worden denn darin fanden sich mehrere Briefe die den Gegenstand ihrer Neigung
bezeichneten dem die Unglückliche das Glück des Lebens die Ehre ihrer Familie
und das Herz des edelsten Mannes geopfert hatte Es war niemand anders als der
Bruder des Obristen und einige deutsche Billets von der Hand der Frau oder
Geliebten des Obristen belehrten uns dass sie das Ganze geleitet hatte
Mit diesen Briefen in der Hand ließ wir uns beim Obristen melden Wir
wollten von ihm den Weg erfahren den sein Bruder genommen um ihn zur
Rechenschaft zu ziehen und die Unglückliche ihrem Verderben zu entreißen Er
wollte die Sache leicht französisch nehmen und gab ausweichende Antworten Als
mein Freund heftig und dringend wurde sagte er lachend für so unritterlich und
unbrüderlich würden wir ihn doch nicht halten dass er selbst uns seinem Bruder
nachsenden würde um ihm sein Glück zu entreißen Als ich mit Heftigkeit von der
Genugtuung sprach die der erlittene Schimpf fordere sagte er kaltblütig er
sei bereit diese im Namen seines Bruders zu geben Ich nahm ihn beim Worte und
der nächste Tag wurde zur blutigen Entscheidung bestimmt Mein großmütiger
Freund ließ den kleinen Rest seines Vermögens beinah ganz in den Händen der
kranken ihre Schwachheit zu spät bereuenden Mutter und sehnte sich statt
meiner von der Kugel des Franzosen zu sterben Ich bestand auf meinem Recht er
war mein Sekundant Wir trafen am andern Morgen mit unserm Feinde zusammen
seine Kugel streifte mir den Arm und riss eine große Wunde hinein ich aber traf
meinen Gegner wie wir glauben müssen tötlich denn er blieb leblos in den
Armen seines Sekundanten der uns wohlmeinend zur Flucht antrieb und mein
Freund riss mich besinnungslos hinweg
Herr von Werteim schwieg Tiefer Ernst lag auf der Stirn des Grafen und
Lehndorf bedeckte sein Gesicht mit der Hand den Arm auf die Lehne des Sessels
stützend Nach kurzem Schweigen fuhr Werteim fort Alle unsere Handlungen nach
der Flucht meiner Schwester waren in schmerzlicher Verzweiflung rasch auf
einander gefolgt und Keiner hatte an einen bestimmten Plan verständig denken
können Wir fanden uns also auf der Landstraße mit sehr wenigem Gelde und den
Kleidern die wir an uns trugen Wir spornten unsere Pferde an und wussten nicht
wohin So gerieten wir zufällig in ein Dorf und erfuhren dass es zu Ihren
Gütern gehöre und dass wir dem Herrenhause ganz nahe wären Ich blieb in der
Schenke während Lehndorf einen kurzen Besuch bei Ihrer Mutter machte um nach
Ihnen zu fragen Hier erfuhr er Ihren Aufenthalt und dies gab unserer Flucht
eine bestimmte Richtung Ich war schlecht verbunden aber wir eilten
dessenungeachtet vorwärts ohne weder uns noch unseren Pferden die nötige Ruhe
zu gewähren und diese erlagen der Anstrengung Zwei Stunden von hier mussten wir
sie zurücklassen und ich machte obwohl zum Tode ermattet trotz meiner
Schwäche den Rest des Weges mit meinem Freunde zu Fuß und so kamen wir gestern
bei Ihnen an mit dem Plane nach einiger Ruhe dem Rate und dem Troste eines
Freundes gemäß uns zu dem Korps von Schill zu begeben um wenn er uns nicht
anders brauchen kann als Gemeine unter ihm zu dienen denn in diesem geht dem
Vaterlande eine neue Sonne auf und ich hoffe wir werden Großes durch ihn
erleben
XIV
Werteim schwieg und der Graf Robert sagte Sie zweifeln wohl keinen Augenblick
daran dass ich alles aufbieten werde was in meinen Kräften steht um Ihre Pläne
zu befördern aber ich glaube lieber Werteim Sie werden einige Tage ruhen
müssen ehe Sie daran denken können weiter zu reisen und dies erfüllt mich mit
Sorgen denn wenn der Obrist wirklich geblieben ist so muss man Verfolgung
befürchten und wie leicht können Sie hier entdeckt werden
Im Grunde sagte Werteim finster liegt mir wenig am Leben und mein Freund
Lehndorf ist gesund Schaffen Sie ihm also die Mittel fortzukommen damit mir
wenigstens der Trost bleibt wenn ich untergehen muss dass er lebt um vielleicht
in der Zukunft an der Rache Teil zu nehmen und den Feind bestrafen zu helfen
der uns nachdem er unser Vaterland in den Staub getreten unsere Ehre gekränkt
hat durch seine Satelliten unsere Bräute und Schwestern rauben und so wie die
öffentliche Ehre verletzt ist auch die Familienehre mit Hohnlachen zu Grunde
richten lässt
Der Baron Lehndorf erklärte sich bestimmt dass er den Freund nicht verlassen
würde und der Graf bat den Verwundeten es zu erlauben dass er seinem Oheim die
Geschichte seines Unglücks mitteile da ja doch nur durch ihn in seinem Hause
kräftiger Beistand zu erlangen sei Nur schwer ließ sich Werteim überreden
seine Einwilligung zu dieser Mitteilung zu gewähren denn sein von Natur
heftiges und durch das öffentliche sowohl als sein eigenes Unglück erbitterte
Gemüt war schwer von einmal empfangenen Eindrücken zu heilen und was auch der
Graf Robert sagen mochte er schwieg düster dazu und verlor den Verdacht und
Widerwillen gegen den Oheim seines Freundes nicht ganz Endlich überstimmt und
überredet musste er die verlangte Einwilligung geben und Graf Robert begab sich
zu seinem Oheim um das Beste seines düstern ungestümen Freundes zu beraten
Der Graf beklagte den jungen Mann und war um so mehr zur Hilfe bereit da er
dem Staate einen kräftigen Krieger zu erhalten wünschte Doch entschied er
dahin dass jede Maßregel aufgeschoben werden müsse bis der Arzt zurück sei um
seine Meinung zu hören wie bald der Verwundete sich neuen Anstrengungen
unterwerfen könne Es ward also beschlossen um jede Neugierde der Bedienten zu
unterdrücken die bei etwaigen Nachforschungen nachteilig werden könnte zu
verbreiten der junge Mann sei durch einen Sturz mit dem Pferde verletzt worden
und müsse sich hier im Hause etwas erholen ehe er weiter nach Warschau reisen
könne wie seine Absicht sei und um allen Schein des Geheimnisses zu vermeiden
sollten die beiden Fremden der Familie des Grafen vorgestellt werden und in
diesem Kreise scheinbar gleichgültig leben bis der Arzt die Abreise erlauben
würde Der Graf Robert hatte es Anfangs zu erwähnen vermieden dass der Herr von
Werteim derselbe sei durch dessen ungestüme Hitze sein Oheim schon ein Mal war
beleidigt worden Er wollte erst die Unterstützung desselben für den jungen Mann
in Anspruch nehmen und ihm dann dessen aus Vaterlandsliebe entstandenen Missgriff
bekennen Im Eifer des Gesprächs aber vergaß er diesen Vorsatz und hatte seinen
Oheim verlassen ohne ihm diesen Umstand zu vertrauen
Zu seinem Freunde zurückgekehrt fand er bei diesem den größten Widerwillen
sich zu fügen denn auf der einen Seite hielt ihn Scham und Verlegenheit zurück
sich einer Familie zu zeigen bei der sein erstes Auftreten keinen
vorteilhaften Eindruck konnte zurückgelassen haben und dann war sein Misstrauen
gegen den Grafen welches er freilich dem Verwandten desselben nicht zeigen
durfte keineswegs gehoben Endlich musste er einsehen dass er da sein böses
Schicksal ihn zwang gerade in diesem Hause Gastfreundschaft zu empfangen
wenigstens jetzt die Höflichkeit üben müsste die sowohl die Sitte als seine
eigene Sicherheit forderte Er ließ es also geschehen dass der Graf Robert
sowohl ihn als seinen Freund Lehndorf mit Wäsche und Kleidern anständig
versorgte woran bei ihrer übereilten Flucht Keiner gedacht hatte um dem Grafen
und seiner Familie vorgestellt werden zu können Als sie den Saal in dieser
Absicht betraten fiel es dem jungen Grafen ein dass er es vergessen habe
seinen Oheim darauf vorzubereiten dass er in der Person des Herrn von Werteim
keinen Unbekannten begrüßen würde und er befürchtete unangenehme Folgen dieser
Vergesslichkeit
Es war nicht zu verkennen dass ein Schatten von Unmut über das Gesicht des
Grafen flog als sein Blick dem des ihm vorgestellten Verwundeten begegnete Die
leise Hoffnung dass er ihn nicht wieder erkennen würde verließ den jungen Mann
Verlegenheit und Scham färbten sein Gesicht mit dunkler Röte und drohten ihn
aller Fassung zu berauben
Der Graf hatte bald das in ihm aufsteigende Gefühl besiegt und sagte
höflich wenn auch mit einiger Kälte Da ich das Vergnügen habe Herr von
Werteim Sie bei mir zu sehen so muss ich glauben dass Sie Ihre Ansichten über
mich die Sie bei unserm ersten Zusammentreffen so unverholen äußerten geändert
haben und diese stillschweigende Erklärung ist mir im gegenwärtigen Augenblicke
genügend um jedes Missverständnis zwischen uns aufzuheben Der junge Mann wollte
antworten aber er strebte vergeblich danach Worte zu finden so dass der Graf
mit seiner Verlegenheit Mitleid fühlend ihn ohne weitere Antwort zu erwarten
mit seinem Freunde den Damen vorstellte
Der Gräfin gegenüber war der Zustand des jungen Mannes ebenfalls peinlich
denn die Erinnerung stieg in ihm auf wie er dieselben Frauen damals im Saale
getroffen und sie keines Grusses kaum eines Blickes wert gehalten habe als er
im Schmerz über das öffentliche Unglück mit zu großer Rohheit den Grafen als
Landesverräter behandelte Er konnte also nur mit Mühe auf die Teilnahme die
ihm die Gräfin über seinen Unfall bezeigte einige höfliche Worte antworten und
war froh als sich der Obrist Talheim der sich ebenfalls in der Gesellschaft
befand seiner bemächtigte und ihn in ein Gespräch über die letzten Gefechte
über die beinah gänzliche Auflösung der preußischen Armee und über den Druck der
Franzosen verwickelte
Der Arzt war von seinen Krankenbesuchen zurückgekommen und man begab sich
zur Tafel aber die Stimmung war nicht so unbefangen wie gewöhnlich Die neuen
Gäste nahmen nur mit Zurückhaltung an den Gesprächen Teil und des Grafen
Höflichkeit war förmlicher und kälter als man es an ihm gewohnt war St Julien
hatte sich mit unbefangener Heiterkeit der Gesellschaft angeschlossen aber die
beiden Freunde des jungen Grafen würden es wie einen Verrat an ihrer heiligen
Sache betrachtet haben wenn sie den Scherz eines Franzosen belächelt hätten
wenn auch ihr Herz nicht von so frischen Wunden geblutet hätte wie dies nach
der Entführung der Schwester und Braut der Fall war Es zog sich also bald nach
aufgehobener Tafel Jedermann zurück und der Graf erkundigte sich bei dem Arzte
ob er es für möglich halte dass der junge Werteim seine beabsichtigte Reise
fortsetze
Da der Arzt sah dass der Graf im Geheimnis sei so gestand er offen der
junge Mann müsse wenigstens zwei Tage ruhen wenn die Wunde sich nicht aufs
Neue heftig entzünden solle in welchem Falle der Kranke in Gefahr sei den Arm
zu verlieren Der Graf richtete seinen Plan demgemäss ein und ließ seinen Vetter
zu sich bitten Es wurde nun beschlossen dass der junge Gustav noch diesen
Nachmittag mit einem leichten Jagdwagen und zwei guten Pferden aus dem Stalle
des Grafen unter dem Vorwande abreisen solle dass der Graf Robert diese leichte
Equipage als ein Geschenk für seine Schwestern nach seinem Gute sende Der junge
Mensch sollte aber statt dorthin zwei Poststationen nach Warschau machen und
dort in einer Schenke die Ankunft der Reisenden erwarten denen er Wagen und
Pferde zu ihrem Fortkommen zu überlassen habe Er selbst solle denn ein
Reitpferd einhandeln und damit zurückkehren Die Reisenden sollten öffentlich
auf dem Wege nach Warschau von Schloss Hohental abreisen und von der
bezeichneten Station ab ihren Weg nach Berlin oder wohin sie sonst wollten
richten und man hoffte durch diese Einrichtung sowohl die Verfolger irre zu
führen als auch den Verdacht des Beistandes und der Mitwissenschaft von den
Bewohnern von Hohental abzulenken Der Graf Robert teilte seinen Freunden den
entworfenen Plan mit die damit zufrieden dankbar die Fürsorge des Freundes
erkannten nur hätten sie gewünscht sogleich abreisen zu können die
Verzögerung zweier Tage schien ihnen peinvoll Der Graf Robert bat den jungen
Gustav in Gegenwart seiner Gäste um die Gefälligkeit diesen Auftrag zu
übernehmen weil es unmöglich sei sich in einer so ernstaften Sache jemandem
zu vertrauen auf dessen Verschwiegenheit man nicht mit Sicherheit rechnen
könne Der Jüngling bemerkte mit Dankbarkeit das Bestreben seines beschützenden
Freundes eine falsche Meinung seiner Gäste über ihn von ihm abzuwenden und als
er bereitwillig den Auftrag seines Freundes zu vollziehen versprach überhäufte
ihn dieser mit Danksagungen in die der Verwundete sowohl als der Baron
Lehndorf herzlich einstimmten und der Jüngling trat nach dem verabredeten Plan
sogleich die Reise an
Mit schmerzlichen Empfindungen hatte sich der junge Werteim aus dem
Gesellschaftssaale der Gräfin zurückgezogen Er fühlte grollend die Kälte mit
welcher der Herr des Hauses ihn behandelte und konnte sie doch innerlich nicht
tadeln denn mit Beschämung musste er sich gestehen dass sein früheres Betragen
ihn nicht berechtigte eine liebevolle Aufnahme zu fordern und indem er
gezwungen war unter so drückenden Verhältnissen Hülfsleistungen in diesem Hause
zu empfangen die vielleicht sein Leben erretteten betrachtete er St Julien
mit Unmut und bemühte sich gewissermaßen einen Verdacht gegen den Grafen in
seiner Seele fest zu halten um sich nur nicht sein Unrecht in seiner ganzen
Größe eingestehen zu müssen Traurig blickte er also auf den zierlichen Wagen
auf die schönen mutigen Pferde nieder mit denen eben der Jüngling Gustav
abreiste zum Abschiede noch freundlich hinauf grüßend worauf ihm Graf Robert
noch mit zärtlicher Besorgnis Warnungen zurief die der junge Mensch lächelnd
beantwortete indem er aus dem zierlichen Kabriolet mit sicherer Hand die edelen
Rosse lenkte und wie im Fluge den Hof verließ
Trübe schlichen die Stunden vorüber der Herbst war schon weit vorgerückt
feuchte Nebel senkten sich hernieder und die Natur bot dem bekümmerten Gemüte
keinen Trost so dass nur gesellige Vereinigung Aufheiterung gewähren konnte St
Julien kam um die Freunde zu einer solchen Vereinigung einzuladen Er machte
dem Grafen Robert Vorwürfe dass er den jungen Gustav hatte abreisen lassen Wir
werden uns außerdem bald genug trennen müssen sagte er Du hättest doch gewiss
einen andern finden können der Deine Aufträge zu erfüllen im Stande wäre Auch
die Damen sind böse dass Du unsern lieben Kapellmeister entfernt hast und es
wird ohne ihn schlecht mit der Musik gehen und Du nimm es nicht übel Du
bedarfst ihn am meisten Er kehrt ja in wenigen Tagen wieder sagte der Graf
lächelnd
Lieber Freund erwiderte St Julien ernstaft wenn man nur noch wenige
Wochen zu leben hat dann sind einige Tage viel Du weißt wir müssen uns bald
trennen und Gott weiß wohin dann mich das Schicksal führt Es scheinen sich
neue Gewitter im Süden zusammen zu ziehen und mir blutet das Herz wenn ich
denke dass wir die wir hier so glückliche Tage mit einander leben uns nun
trennen und vielleicht niemals wiedersehen denn wer kann mit Bestimmtheit
wissen ob ich aus den Kämpfen die sich zu entwickeln drohen lebend
wiederkehre
Der Graf Robert drückte schweigend die Hand des jungen Mannes indem er
liebevoll in die dunkeln Augen blickte die mit Zärtlichkeit auf ihn gerichtet
waren und der junge Werteim sagte in der übereilten Hoffnung dass sich
vielleicht ein Krieger von Napoleons Sache abtrünnig machen ließe Wenn Sie Ihre
deutschen Freunde so lieben wie Ihre Worte zeigen warum verlassen Sie denn
nicht die Sache des Weltunterdrückers und ersparen Sich einen Schmerz den ich
natürlich finde und die späte Reue zum Verderben der Welt mitgewirkt zu haben
Beleidigt blickte St Julien auf doch die Flamme des Zornes verschwand als
sein Auge auf das bleiche Gesicht des Verwundeten sich richtete und er
erwiderte lächelnd Es wäre unpassend wenn ich in diesem Augenblicke Gewicht
auf den Ruhm legen wollte der die französischen Waffen umgibt und der allein
hinreichend wäre Frankreichs Krieger an ihren großen Feldherrn zu fesseln aber
ich frage Sie Herr von Werteim wenn ich so glücklich wäre von Ihnen sehr
geliebt zu werden ob Sie in dieser Neigung wie mächtig sie auch wäre einen
Grund finden könnten Ihren König Ihr Vaterland Ihre Sache zu verlassen wenn
sich alle Braven um Ihre Fahnen sammeln Auch denken meine deutschen Freunde zu
gut von mir fuhr er etwas empfindlich fort als dass sie einen solchen Schritt
je auch nur für möglich gehalten hätten
Ein allgemeines Schweigen folgte auf diese Worte die nicht dazu dienten die
Gemüter einander zu nähern und der Graf Robert erinnerte endlich dass es Zeit
sei sich in den Saal zu begeben wohin ihn alle drei Freunde etwas missmütig
begleiteten Die Hausgenossen waren schon versammelt und man nahm um so lieber
zur Musik seine Zuflucht da sich ein heiteres Gespräch diesen Abend nicht
wollte durchführen lassen weil Keiner recht mit sich und dem Andern zufrieden
war
Während des ersten Quartetts trat der Prediger ziemlich geräuschvoll in den
Saal und man sah es ihm an dass er mit Überwindung den Schluss der Musik
erwartete weil er etwas auf dem Herzen hatte das ihm wichtiger als alle Musik
der Welt schien und sein Bestreben sich dem Grafen zu nähern war so
auffallend dass selbst Emilie während des Gesanges sich dadurch gestört fühlte
und dem Ende zueilte ohne wie sonst mit innerer Lust alle Kunst des Vortrages
zu entfalten und ihr Gefühl in Tönen sich wiegen zu lassen
Man hatte auch kaum geendigt als die auffordernde Miene des Geistlichen den
Grafen nötigte aufzustehen und sich ihm zu nähern worauf dieser ein scheinbar
gleichgültiges Gespräch anknüpfte indem er mit dem Grafen durch den Saal ging
und dann wie er glaubte unbemerkt ihn hinweg nach einem entlegenen Zimmer
führte Als sie dies erreicht hatten ging der Prediger einige Mal auf und
nieder und der Graf brach endlich das Schweigen indem er sagte Sie haben
vermutlich etwas zu berichten das nicht angenehmer Natur ist denn sonst
würden Sie Herr Prediger nicht so lange mit der Mitteilung zögern
Wenigstens sonderbar ist es erwiderte der Geistliche und ich befürchte
Sie werden von mir glauben dass ich mich in Ihre Familienangelegenheiten
einzumischen suche und doch konnte ich es vermöge meines Amtes nicht
ablehnen da ich ersucht wurde meine Kräfte anzuwenden um Frieden zu stiften
und wo möglich zu vereinigen was so lange schon unnatürlich entzweit ist
Wie verstehe ich das fragte der Graf mit finstrer Stirn
Ich will es zugeben sagte der Geistliche mit so mildem Tone wie er ihn nur
von seiner scharfen Stimme erzwingen konnte dass der Bruder Ihrer Frau Gemahlin
Unrecht gegen seine Schwester geübt hat Er gesteht dies selbst ein mit
herzlicher Reue aber sollen deshalb Geschwister einander ewig zürnen Beten wir
nicht täglich Vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben Und soll dies ein
leeres Wort bleiben bei dem unsere Herzen nichts empfinden
Lassen wir das Herr Prediger sagte der Graf kurz und finster ich bitte
Sie diese Seite nie mehr zu berühren
Der Graf wollte nach diesen Worten zur Gesellschaft zurückkehren der
Prediger aber hielt ihn zurück und indem er den Ton des Seelsorgers fallen
ließ sagte er im Tone des Geschäftsfreundes Gönnen Sie mir noch einen
Augenblick ich habe meine Pflicht getan indem ich die Versöhnung der
Geschwister versuchte worauf ich nie gekommen wäre wenn ich nicht den
bestimmten Auftrag dazu hätte
Und Wer fragte der Graf mischt sich in meine Familienangelegenheiten Wer
kann Ihnen einen solchen Auftrag gegeben haben
Wer anders erwiderte der Pfarrer lächelnd als der dem die Versöhnung am
Meisten am Herzen liegt
Wie rief der Graf mit Erstaunen der Baron Schlebach
Ihr Herr Schwager ja versetzte der Pfarrer mit schlauem Lächeln
Niemals erwiderte der Graf mit Heftigkeit darf er auch nur die leiseste
Annäherung erwarten und ich kann die Hartnäckigkeit mit der er darauf besteht
nicht achten Ich bitte Sie ihm dies so deutlich zu machen dass er es einsehen
muss Wählen Sie dazu Worte welche Sie wollen nur befreien Sie mich und seine
arme Schwester von einer Zudringlichkeit die für uns unerträglich ist
Hören Sie mich sagte ernstaft der Geistliche den die große Heftigkeit des
Grafen in Verwunderung setzte Es ist ganz unmöglich dass Sie den Baron
Schlebach nicht sprechen Sie würden dadurch Auftritte veranlassen die Ihnen
wie ich Sie kenne im höchsten Grade widrig sein würden
Wie kommen Sie mit diesem Menschen in Verbindung sagte der Graf noch immer
sehr entrüstet Ohne mein Zutun erwiderte der Pfarrer Der alte Lorenz
brachte ihn heute zu mir indem er zu mir mit seiner gewöhnlichen Heuchelei
sagte da ich von Gott dazu bestimmt sei die Irrenden auf den rechten Weg zu
leiten so habe er dem Herrn Baron geraten sich an mich zu wenden damit er
den Frieden seiner Seele wieder gewänne und in Eintracht mit seiner Familie
leben könne denn ihm nage es das Herz ab wenn er sehen müsse wie seinen
verehrten Freund den Herrn Baron der Kummer darüber verzehre dass sich
diejenigen die Gott ihm so nahe gestellt habe so fern von ihm hielten Der
Baron sprach weniger von Gott zu mir sondern sagte mir bloß Herr Lorenz habe
ihm versichert dass ich der Freund Ihres Hauses sei und da mein Amt es mir zur
Pflicht mache die Gemüter der Menschen zu versöhnen so werde ich wie er
hoffe gewiss auf das Bereitwilligste ihm eine Unterredung mit Ihnen auszuwirken
suchen die vielleicht eine Versöhnung zwischen lang getrennten Geschwistern
herbeiführen könne um so mehr da er bereit sei jedes Unrecht gegen seine
Schwester einzugestehen und sie deshalb um Verzeihung zu bitten Dies alles
wurde sehr höflich gesagt aber er fügte hinzu Sagen Sie meinem Schwager dass
ich ihn durchaus sprechen muss und wenn er eine Unterredung die ich wie Sie
selbst sehen mit Vorsicht einleite nicht bewilligen will so bin ich
entschlossen nach Schloss Hohental zu gehen um ihn aufzusuchen und er kann
meinen Anblick nur dann vermeiden wenn er den nächsten Verwandten seiner
Gemahlin mit Gewalt von seiner Schwelle treiben lässt
Was kann der Mensch von mir wollen rief der Graf entrüstet welch neues
Unglück will er durch seine Gegenwart hervorrufen
Bewilligen Sie ihm die Unterredung sagte der Pfarrer besänftigend Ich habe
ihn gebeten die Nacht bei mir zu bleiben dann kann er morgen früh hieher
kommen und Sie sprechen ihn erst allein und bestimmen ob er sich Ihrer Frau
Gemahlin nähern soll
Hieher nicht rief der Graf noch immer sehr aufgeregt hierher darf er nicht
kommen die Gräfin darf ihn nicht in ihrer Nähe ahnen Der unglückliche Frevler
er kennt nicht einmal den Umfang seiner Schuld Der Graf schwieg plötzlich denn
mitten in seiner Leidenschaftlichkeit bemerkte er den aufmerksam lauernden Blick
des Predigers der zu erwarten schien dass im Drang verschiedener schmerzlichen
Empfindungen der Graf jede Zurückhaltung aufgeben und ihm die Quelle der Leiden
zeigen würde die er oftmals in einer Familie wahrgenommen hatte die von außen
so glücklich schien
Ein kurzes Schweigen war entstanden Endlich sagte der Geistliche ein wenig
über die getäuschte Hoffnung verstimmt So sprechen Sie ihn bei mir wenn Sie
ihn hier nicht sehen wollen denn glauben Sie mir sprechen müssen Sie ihn
durchaus wenn nicht ärgerliche Auftritte entstehen sollen
Nach einigem Nachdenken sagte der Graf mit ruhiger Fassung Ich nehme
dankbar Ihr Anerbieten an und bitte Sie die Sache so zu leiten dass der Gräfin
die Nähe ihres Bruders wo möglich verschwiegen bleibt Auch ich hätte gern ein
Zusammentreffen vermieden das nicht erfreulich sein kann indes auch solche
Dinge gehören zu den Bürden des Lebens die ein Mann muss ertragen können
Der Prediger gelobte von seiner Seite Verschwiegenheit doch bemerkte er
gegen den Grafen dass der Baron mit dem alten Lorenz gekommen sei der um so
weniger eine Zusammenkunft die er eingeleitet habe verschweigen würde wenn er
wüsste dass man dies wünsche Der Graf gab ihm Recht und Beide wunderten sich
darüber dass der Baron mit dem Alten in einer Vertraulichkeit lebe die
unziemlich genannt werden konnte da ihn nur niedrige Gründe bestimmt haben
konnten sich einem Trunkenbolde vertraulich zu nähern von dem er durch
Erziehung und Bildung und Gründe aller Art entfernt gehalten werden sollte
Der Graf kehrte jetzt mit dem Prediger scheinbar ruhig zu der Gesellschaft
zurück und sagte indem er dem ängstlichen Blicke der Gräfin begegnete mit
heiterem Lächeln Der Herr Prediger hatte mir Mancherlei über die Gemeinde
mitzuteilen aber nicht wahr setzte er hinzu indem er ihm die Hand bot wir
werden gemeinschaftlich alle Übel abwenden Gewiss antwortete der Pfarer
lächelnd das Schwerste haben Sie ja schon getan
Die Gräfin die durch die lange Abwesenheit ihres Gemahls und des Predigers
beunruhigt worden war glaubte nach diesem heiteren gleichgültigen Gespräch
dass nichts Bedeutendes vorgefallen sein könnte und wollte sich der Unterhaltung
wieder hingeben aber es war diesen Abend kein Leben in die Gesellschaft zu
bringen Der Graf war innerlich mit der Unterredung beschäftigt die am
folgenden Tage Statt finden sollte Die Gäste des Grafen Robert waren von
Kummer und Misstrauen gedrückt zu keiner harmlosen Teilnahme an der
Unterhaltung zu bewegen so dass man zuletzt zu den Karten seine Zuflucht nahm
womit der Prediger besonders zufrieden war
Da der Baron Lehndorf sein Freund Werteim und der Prediger die Partie des
Obristen Talheim machten so redete der Pfarrer den Verwundeten oftmals an und
nötigte ihn die verabredete kleine Fabel zu wiederholen dass er nämlich mit dem
Pferde gestürzt sei und sich den Arm beschädigt habe welcher Unfall ihn
genötigt das Vorwort seines Freundes zu benutzen um die Gastfreundschaft hier
in Anspruch zu nehmen wo er zugleich so glücklich gewesen sei den Beistand des
Herrn Doktors für seinen Arm benutzen zu können Und davon haben Sie mir nichts
gesagt sagte der Prediger indem er einen scharfen Blick auf den Arzt richtete
der dem Spiele zusah Der überraschte Freund wurde rot und sprang einen Schritt
zurück drückte dann die Augen zu und sagte vor Verlegenheit blinzelnd Es ist
eine unbedeutende Beschädigung es war nicht der Mühe wert darüber zu sprechen
Der Prediger erwiderte nichts weiter richtete aber noch einige
gleichgültige Fragen über das französische Militär an den Baron Lehndorf und
seinen Freund und spielte ruhig seine Partie zu Ende Nach dem Abendessen nahm
er den Arzt am Arme und schlug ihm vor noch eine Pfeife Tabak in seinem Zimmer
zu rauchen welches dieser nicht ablehnen konnte und so trennte sich die
Gesellschaft weil ein Jeder sich danach sehnte sich seinen Gedanken ungestört
überlassen zu können
Nachdem der Prediger im Zimmer des Arztes mit großer Gelassenheit seine
Pfeife in Ordnung gebracht gestopft und angezündet hatte lud er seinen Freund
ein seinem Beispiel zu folgen woran dieser noch nicht gedacht hatte denn ihm
war heute die Aussicht dass der Geistliche noch lange könne bei ihm verweilen
wollen nicht angenehm weil er sich gern losmachen und seine Pflicht erfüllen
wollte denn die Wunde des Herrn von Werteim musste noch verbunden werden und
er wollte den jungen Mann nur ungern noch länger die Ruhe der Nacht entbehren
lassen
Also fing der Prediger das Gespräch an den Rauch aus seiner Pfeife in die
Höhe blasend der Herr von Werteim ist mit dem Pferde gestürzt und dadurch ist
er verwundet worden
Unbedeutend erwiderte der Arzt er wird bald hergestellt sein und seine
Reise fortsetzen können
Und nach Warschau will er fragte der Prediger weiter
So höre ich sagte sein ängstlich werdender Freund
Lieber Doktor Lindbrecht erwiderte hierauf der Geistliche lächelnd Sie
haben durchaus kein Talent zum Lügen Das müssen Sie besser lernen wenn Sie
mich hintergehen wollen Ich will Ihnen jetzt sagen wie die Sache
zusammenhängt Ihr Kranker ist im Duell mit einem französischen Obristen
verwundet worden der noch übler weggekommen ist denn an seinem Aufkommen wird
gezweifelt und der DivisionsGeneral hat der Gemahlin des Obristen versprochen
den Mörder desselben aufs Nachdrücklichste zu verfolgen deswegen tun Sie gut
wenn Sie Ihrem Patienten raten seine Genesung nicht hier abzuwarten und Sie
müssen den Ruhm ihn herzustellen schon einem Andern überlassen
Der Arzt betrachtete seinen Freund mit weit geöffneten Augen blieb eine
Zeit lang sprachlos vor Erstaunen und rief dann Sie haben einen Dämon der Sie
lehrt in die Tiefe eines jeden Geheimnisses zu blicken denn auf gewöhnlichen
Wegen können Sie unmöglich Alles erfahren
Sie sehen ich habe meine Nachrichten erwiderte der Prediger
selbstgefällig lächelnd und Sie sehen auch dass das zuweilen nicht so übel ist
denn man kann unbesonnenen Leuten dienen wenn man wohl unterrichtet ist
Noch stand der Arzt in Staunen verloren über die unbegreifliche Klugheit
seines Freundes als die Türe geöffnet wurde und der Graf Robert eintrat der
mit einiger Verlegenheit den aufgeregten Arzt und den gelassen rauchenden
Prediger betrachtete Sie sehen nach hob der Letztere schalkhaft lächelnd an
ob Sie unsern Freund den Doktor noch nicht allein finden damit er die Wunden
des Herrn von Werteim endlich verbinde
Nicht ich rief der Arzt heftig vorspringend und die Hand auf die Brust
legend nicht ich habe den Verrat begangen Er weiß unser Geheimnis aber
welcher Dämon es ihm verraten ist mir unbekannt
Sein Sie ruhig sagte der Prediger ernstaft und gebehrden Sie sich nicht
so wunderlich Ich habe von Reisenden zufällig erfahren dass ein französischer
Obrist von einem verabschiedeten preußischen Offizier schwer verwundet worden
ist
Also lebt der Obrist rief der Graf in freudiger Überraschung jede
Zurückhaltung aufgebend Er lebte noch vorgestern erwiderte der Geistliche
Die Ärzte sollen aber sein Aufkommen bezweifeln und der DivisionsGeneral die
heftigste Verfolgung der Flüchtlinge beabsichtigen Desshalb rate ich Ihnen
Ihre Freunde so bald als möglich fortzuschaffen und nicht eine Minute länger
als es nötig ist zu zaudern
Der Graf dankte dem Prediger und eilte seinem Oheime die Nachrichten die
er eben erhalten hatte mitzuteilen worauf Dübois gerufen wurde der alsbald
wieder die Zimmer des Grafen verließ um Postpferde für den folgenden Morgen um
fünf Uhr zu bestellen Der Arzt hatte die Wunde des Kranken eben verbunden als
der Graf Robert zu diesem eintrat ihm die Notwendigkeit anzuzeigen schon den
andern Morgen zu reisen Werteim war mit dieser Anordnung zufrieden denn er
fühlte sich gedrückt unter dem Dache des Grafen Der Arzt teilte ihm hierauf
noch ehe er sich zurückzog die nötigen Verhaltungsregeln für die Reise mit
versprach auch um vier Uhr die Wunde noch ein Mal zu verbinden und kehrte dann
zum Prediger zurück den er noch rauchend auf seinem Zimmer fand und der nun
auch mit dem übermütigen Rate von ihm schied in der Zukunft das unnütze
Bestreben ihm etwas zu verheimlichen aufzugeben
XV
In der Dämmerung des Morgens hielt eine schlechte Postchaise auf dem Hofe und
der Baron Lehndorf bestieg sie mit seinem Freunde nachdem dieser aus den Händen
des Arztes befreit war der dies Mal seinen Verband noch sorgfältiger als
gewöhnlich aufgelegt hatte damit die Anstrengung der Reise die Wunde so wenig
als möglich erhitzen möge Ein kleiner Mantelsack war gepackt worden der die
nötigsten Gegenstände enthielt mit denen der Graf Robert die scheidenden
Freunde versorgte Eine Summe Geldes hatte er ihnen ebenfalls eingehändigt die
ihre nächste Zukunft sicherte und ob sie ihm gleich herzlich dankten so
empfingen sie doch seine Hilfe ohne Beschämung da er zu ihrer Verbrüderung
gehörte und es die Pflicht eines jeden Mitbruders war aus allen Kräften die
Glieder des Bundes zu unterstützen die eben Hilfe bedurften
Da die Freunde aus sicheren Quellen wussten dass Schill in Berlin erwartet
wurde so beschlossen sie sich ebenfalls dahin zu begeben und der Graf Robert
hatte ihnen versprochen dort wieder mit ihnen zusammen zu treffen da auch er
zunächst die Hauptstadt besuchen wollte und die Abreise dahin immer nur
verzögert hatte weil er sich vor dem Schmerze der Trennung fürchtete Die
beiden scheidenden Freunde hatten beinah die ganze Nacht dazu angewendet ihn zu
überreden sich ebenfalls wie sie es beschlossen hatten an Schill
anzuschließen Der Graf aber war dem seinem Oheim gegebenen Worte treu
geblieben dem er feierlich versprochen hatte nichts übereilt zu beschließen
und jedes Unternehmen vorher streng zu prüfen ehe er sich zur Teilnahme bereit
zeigte Desshalb blieb er standhaft dabei den Freunden zu versichern dass er
wenn ihm in der Nähe Alles so sicher und vorteilhaft für die gute Sache
erscheinen sollte wie es ihnen in der Ferne vorkäme dann keinen Anstand nehmen
würde sich mit ihnen zu vereinigen
Diese sehr bedingte Zusicherung war den Freunden keineswegs angenehm und sie
beklagten in dieser Rücksicht ihren zu kurzen Aufenthalt auf Schloss Hohental
weil sie meinten der Graf Robert würde ihrer Ansicht haben weichen müssen wenn
sie Zeit gehabt hätten öfter auf den Gegenstand zurück zu kommen Doch trösteten
sie sich damit dass in Berlin der Anblick der Schaar begeisterter Krieger die
den heldenmütigen Anführer umgab auch die Seele des kälteren Freundes
entzünden und ihn bestimmen würde durch einen kühnen Entschluss in ihre Mitte
einzutreten
Die Gräfin wunderte sich über die schnelle Abreise seiner Freunde als der
Graf Robert sie ihr beim Frühstück anzeigte Doch fand sie es natürlich dass der
Herr von Werteim einen Aufenthalt zu verlassen eilte der ihm unangenehme
Erinnerungen aufdrängte und sie beklagte nur dass vielleicht seine Gesundheit
durch die zu große unnütze Eile leiden könne
Der Graf meinte in der Jugend habe man viele Lebenskraft und könne großen
Beschwerden Trotz bieten Er selbst könne die Abreise der beiden Freunde nur
loben und würde an ihrer Stelle eben so gehandelt haben
Man fand nichts Ungewöhnliches darin als nach dem Frühstück der Graf sein
Pferd zu satteln befahl weil er dem Prediger einen Besuch machen wollte mit
dem er wie er sagte manche die Gemeinde betreffende Gegenstände zu beraten
habe und die Gräfin ahnte nicht als sie ihm nachblickte indem er von dem Hofe
hinunter ritt welcher Zusammenkunft er entgegen eilte
Im Hause des Predigers war er schon mit Ungeduld erwartet worden denn dem
Hausherrn wurden seine Gäste überaus lästig weil der alte Lorenz unter dem
Schirme seines vornehmen Freundes den Prediger mit einer beleidigenden
Vertraulichkeit quälte die dieser nicht zurückzuweisen verstand und sich auch
nicht geneigt fühlte zu ertragen Er eilte also dem Grafen so wie er ihn
erblickte vor die Tür seines Hauses entgegen und bewillkommnete ihn mit
herzlicher Freude
Der Graf erwiderte diese freundliche Begrüßung in merklicher Spannung und
die Eile mit welcher er eintrat zeigte deutlich dass er die ihn erwartende
peinliche Unterredung so bald als möglich zu beendigen wünschte Als er das
Wohnzimmer des Pfarrers erreicht hatte trat ihm der Baron Schlebach mit
verbindlicher Freundlichkeit entgegen und wollte ihn mit der Vertraulichkeit
eines Verwandten umarmen Der Graf wich diesem Zeichen der Freundschaft durch
eine höfliche kalte Verbeugung aus und sagte indem er einen strengen
verächtlichen Blick auf den alten Lorenz richtete Da Sie mich wahrscheinlich
allein und ungestört zu sprechen gewünscht haben so denke ich bitten wir beide
den Herrn Prediger dass er Ihrem Begleiter einen schicklichen Ort Sie zu
erwarten anweiset er wird uns diese Gefälligkeit nicht abschlagen da er schon
so gütig gewesen ist uns dies Zimmer für eine kurze Zeit zu überlassen und hier
eine Zusammenkunft zu gestatten die Ihnen unvermeidlich scheint
Der Baron fügte sich dem Wunsche des Grafen und der alte Lorenz hatte in
der Gegenwart des Letzteren nicht den Mut seine Unverschämtheit fortzusetzen
Er verließ also das Zimmer und auch der Prediger fühlte dass er der Unterredung
zwischen den beiden sich so seltsam gegenüberstehenden Verwandten schicklicher
Weise nicht beiwohnen könne auch er verließ also das Gemach obwohl mit
zögerndem Schritte indem seine natürliche Neugierde ihn wie ein Magnet
festhalten zu wollen schien
So waren denn nun die beiden Verwandten allein und ein fragender Blick des
Grafen lud den Baron zum Sprechen ein der noch immer lächelnd schwieg weil er
wie es schien die rechten Worte suchte um diese seltsame Unterredung zu
eröffnen Der Graf hatte also Zeit ihn zu betrachten und sich zu erinnern dass
der Baron in der Blüte der Jugend ein auffallend schöner Mann gewesen war Jetzt
hatte freilich die Zeit und mehr vielleicht noch ein unregelmässiges Leben die
herrliche Gestalt zerstört aber immer noch leuchteten dem Grafen die schönen
dunkeln Augen entgegen die ihn an seine Gemahlin erinnerten obwohl ein
wilderes Feuer darin brannte Die hohe freie Stirn wurde durch die
Beweglichkeit der Augenbraunen verunstaltet und das süssliche Lächeln welches
den feinen Mund fortwährend umschwebte gab diesem einen Zug von spöttischer
Falschheit aber dennoch machte noch jetzt die Persönlichkeit des Barons einen
angenehmen Eindruck der durch seine schöne weiche und doch männliche Stimme
erhöht wurde als er endlich zu sprechen begann so wie die edelen Gebehrden eine
gute Erziehung und das Leben in der feinen Welt bewiesen
Es ist wohl seltsam hob der Baron mit scheinbarer Freimütigkeit an dass
ich heute zum ersten Male das Glück habe Ihnen als Verwandter gegenüber zu
stehen obgleich Sie schon so lange mit meiner einzigen Schwester verbunden sind
und man glauben sollte dass nach dieser Verbindung unser natürliches Verhältnis
zu einander das in dem Brüder gegen einander stehen wäre
Es drängt sich uns im Leben erwiderte der Graf oft die Erfahrung auf dass
wir uns den Banden welche die Natur zu knüpfen scheint dennoch entziehen
müssen wie beklagenswert uns auch diese Notwendigkeit erscheinen mag
Aber ist es möglich sagte der Baron mit einschmeichelndem Lächeln dass
meine Schwester einen Groll so lange nähren kann dass die vernünftigere Ansicht
des Gemahls nicht im Stande sein sollte ihn zu besiegen Ich kann nicht
glauben dass sie einen so hohen Wert auf einige Summen legen sollte die ich
ich gestehe es von ihrem ersten Gemahl empfing und bei dem besten Willen nicht
zurück geben konnte
Wenn meine Gemahlin versetzte der Graf mit höflicher Kälte Gründe hat
jede Annäherung zu vermeiden und lieber das lieblose Urteil der Welt über sich
ergehen lässt die sie schonungslos genug tadelt dass sie dem Wunsche des
einzigen Bruders entgegen in dieser Zurückgezogenheit beharrt so kann ich Ihnen
wenigstens die Versicherung geben dass diese Gründe nicht so niedriger Art sind
Sollte denn also ihr Herz sagte der Baron mit den weichsten Tönen seiner
sanften Stimme sich auf immer feindlich gegen mich geschlossen haben weil sie
glaubt dass ich freventlich unkindlich unsere arme Mutter Preis gegeben habe
Ach könnte sie sich nur entschließen mich zu hören sie würde dann auch dies
gewiss milder beurteilen und mein Unglück vielleicht beklagen wenn ich es auch
durch Leichtsinn selbst veranlasst haben sollte
Meine Gemahlin antwortete der Graf hat jeden Anspruch darauf Ihre
Handlungen zu beurteilen längst aufgegeben und wenn sie sich außer dem
Bereiche schmerzlicher Erinnerungen zu halten wünscht so ist dies, um den
Frieden ihres Lebens zu bewahren notwendig ohne von feindlichen Gesinnungen
zu zeugen
Sie gewähren mir einen großen Trost sagte der Baron mit scheinbarer
Herzlichkeit indem er dem Grafen die Hand bot die dieser wenn er nicht
geradezu beleidigen wollte nehmen musste denn Sie geben mir die Versicherung
dass ich von meiner Schwester nicht gehasst bin und so darf ich denn nun mit
größerer Zuversicht die Hoffnung einer endlichen Versöhnung hegen
Ich bitte Sie entgegnete der Graf mit großem Ernst jeden Gedanken an eine
Annäherung gänzlich aufzugeben Hat das Leben Ihrer Schwester den geringsten
Wert für Sie so werden Sie sich dieser Notwendigkeit um so eher fügen wenn
ich Ihnen sage dass Sie auf das Haupt dieser Unglücklichen ein Schicksal geladen
haben vor dem Sie vielleicht selbst schaudern würden wenn Sie es in seinem
ganzen Umfang kennen sollten Wenn Sie aber trotz dieser Erklärung annähernde
Schritte noch für angemessen halten so muss ich noch hinzufügen dass ich solche
wie eine offenbare Feindseligkeit gegen mich betrachten würde der ich auf
gleiche Weise dann begegnen müsste
So wäre diese Hoffnung vorüber sagte der Baron seufzend und ich scheide
völlig verarmt im Herzen aus meinem Vaterlande Sie sehen nur mein Unrecht aber
nicht meine Schmerzen Sie wollen Ihre Gemahlin vor unangenehmen Eindrücken
bewahren und beachten es nicht wenn Sie das Herz des Bruders zerreißen Doch es
sei Sie ahnen nicht das Gefühl der Verzweiflung mit dem ich von Ihnen scheide
da ich in der Hoffnung kam das Herz meiner geliebten Schwester zu rühren und
durch diese Versöhnung nicht bloß diese wieder zu gewinnen glaubte sondern auch
einen edelen Verwandten einen brüderlichen Freund Alle diese Träume sind
vernichtet und ich muss freudlos wie ich es begann das traurige Leben enden
Beide schwiegen eine Zeit lang endlich sagte der Graf Da die Absicht aus
welcher Sie diese Zusammenkunft wünschten nicht erreicht werden kann so werden
Sie selbst es am Besten finden wenn wir nun friedlich scheiden da ich nicht
glaube dass Sie mir noch sonst etwas zu sagen haben können
Freilich sagte der Baron indem er wie aus tiefem Sinnen auffuhr scheiden
müssen wir und ich kann Ihnen nichts mehr sagen Und doch fuhr er wie sich
besinnend fort warum sollte ich jetzt nicht über ein Geschäft wie ein Edelmann
zum andern mit Ihnen sprechen können obgleich es meine Absicht war auch dies
freundlich und liebevoll wie es zwischen Verwandten sich ziemt zu behandeln
Ich stehe zu Befehl sagte der Graf mit höflicher Kälte
Sie wissen erwiderte der Baron anmutig lächelnd dass unser Vaterland so
gut wie vernichtet ist und dass die ungeheueren Lasten die jeden einzelnen
bedrücken der nicht unermesslich reich ist wie Sie schon viele kleinere
Gutsbesitzer vermocht haben ihr Eigentum dem Staate gänzlich zu überlassen
weil es nicht möglich war die Forderungen dieses Staates zu befriedigen
Ich weiß antwortete der Graf seufzend dass das Grundeigentum beinah allen
Wert verliert weil der Druck der Abgaben nicht gemildert werden kann so lange
die Franzosen im Lande bleiben
Nun dann möchte er noch ziemlich lange anhalten sagte der Baron mit
schlauem Blick und selbst Ihr großer Reichtum könnte am Ende nicht ausreichen
Mein Reichtum ist bei Weitem nicht so groß wie Sie zu glauben scheinen
erwiderte der Graf trocken Ich habe seit vielen Jahren von meinen Einkünften
jährlich etwas zurückgelegt und diese so ersparten Summen setzen mich nun in
den Stand die notwendigen Forderungen des Vaterlandes zu befriedigen ohne
mein Vermögen zu zerstören wie es andere minder Beglückte leider müssen
Das ist es ja was ich meine versetzte der Baron mit etwas spöttischem
Lächeln Sie haben mit bewunderungswürdiger ja mit beneidenswerter Vorsicht
die sieben fetten Kühe benutzt und können nun großmütig die sieben mageren
ernähren
Ich weiß nicht sagte der Graf empfindlich ob das Gespräch wie wir es
jetzt führen die Einleitung eines Geschäftes sein kann und ob es nicht besser
wäre zu scheiden ohne uns gegen einander zu verstimmen
Ich denke erwiderte der Baron dass Sie mir ehe wir uns trennen noch das
Zeugnis geben werden dass ich wenigstens mein Schicksal mit Gleichmut trage
denn auch ich bin einer der minder Beglückten die ihr Eigentum aufgeben
müssen um das wankende Vaterland zu unterstützen und ich wollte nach der
gelungenen Versöhnung Ihnen als Ihr Freund und nächster Verwandter meine Güter
zum Verkauf anbieten Da die Versöhnung leider gänzlich misslungen ist so biete
ich Ihnen den Handel an wie ein Edelmann dem andern
Sie wissen wohl selbst sagte der Graf dass es im gegenwärtigen Augenblicke
beinah unmöglich ist Güter zu kaufen weil nicht allein die Aufbringung der
Kaufsumme Verlegenheit hervorbringt sondern weil man dadurch die Last der
Abgaben so steigert dass man davon erdrückt werden muss also werden Sie es
natürlich finden wenn ich jeden Antrag der Art ablehne
Ich weiß nicht erwiderte der Baron höflich ob Sie nicht diese
abschlägliche Antwort zurücknehmen wenn Sie die Sache von allen Seiten überlegt
haben werden Jedermann weiß dass Sie Ihr großes Vermögen zu dem edelen Zwecke
benutzen alle Hülfsbedürftige zu unterstützen dass Sie bei dieser löblichen
Menschenliebe nicht einmal darauf Rücksicht nehmen ob sie Freunden oder Feinden
Ihres so hoch von Ihnen verehrten Vaterlandes zu Teil wird Jedermann weiß dass
ich als der einzige Bruder Ihrer Gemahlin mich seit lange fruchtlos bemühe in
der Jugend entstandene Irrungen mit meiner Schwester auszugleichen Welch ein
seltsames Licht müsste es auf diese Schwester und auch auf Sie werfen wenn Ihre
feindliche Stimmung gegen mich deren Grund Niemand begreift so weit ginge dass
Sie mich allein die Hilfe nicht finden ließ die sonst Jedermann bei Ihnen
findet Auch glaube ich könnte es Sie bestimmen auf den Handel einzugehen dass
ich wenn er zu Stande kommt gesonnen bin diese Gegend gänzlich zu verlassen
wodurch Sie gesichert wären dass nicht wieder ärgerliche Auftritte Statt finden
könnten wenn ich zufällig mit meiner Schwester zusammenträfe
Sie stellen Gründe auf sagte der Graf mit Bitterkeit die mit siegender
Gewalt alle Einwendungen lähmen und die mich in der Tat geneigt machen Ihren
Forderungen zu genügen wenn es meine Kräfte erlauben
Ich dachte es wohl erwiderte der Baron verbindlich dass ich mich nicht
vergeblich an Sie gewendet haben würde Wir können einen Tag festsetzen wenn
wir uns in Breslau treffen wollen wo wir unser Geschäft beendigen können Doch
muss ich bitten diese Zusammenkunft nicht länger als eine Woche aufzuschieben
weil ich sonst in anderen Plänen gehindert würde und muss Sie noch ersuchen die
Bedingung einzugehen eine Summe sogleich auf Abschlag der Zahlung zu
entrichten
Wie sagte der Graf eh ich die Güter kenne ehe mir einmal der Kaufpreis
genannt ist
Ich gestehe sagte der Baron lächelnd dass diese Bedingung etwas von der
allgemeinen Regel abweicht aber bedenken Sie die Umstände sind auch nicht die
gewöhnlichen Ein Verwandter macht Ihnen diesen Vorschlag der sich entfernen
will und dem Sie dann vielleicht nie im Leben mehr begegnen
Dies entscheidet sagte der Graf Unter dieser Bedingung bin ich bereit auch
auf diese Forderung einzugehen wenn sie meine Kräfte nicht übersteigt denn ich
setze voraus Sie wissen den Wert Ihrer Bedingung zu schätzen und ich fürchte
Sie haben Ihre Forderung dem gemäß eingerichtet
Ich werde die Genugtuung haben sagte der Baron mit einschmeichelnder
Stimme dass Sie mich bescheidener finden als Sie vermuten Ich habe einem
Freunde tausend Taler zu bezahlen der seine Rechte seinem Vater übertragen
hat dem alten Herrn Lorenz der mich hieher begleitet hat um das Geld sogleich
zu empfangen und ich muss deshalb auf die Abzahlung dieser Summe dringen weil
sonst leicht eine mir nachteilige Spannung zwischen mir und meinem Freunde
entstehen könnte
Und Sie nennen diesen Menschen Ihren Freund fragte der Graf mit Erstaunen
Warum nicht erwiderte der Baron lächelnd Wollte ich hier bleiben so
könnte vielleicht aus dieser freundschaftlichen Verbindung manche Verlegenheit
für mich entstehen aber da wir beide nach der spanischen Gränze gesendet
werden wo unser Vorteil gemeinschaftlich sein wird und wo uns Niemand kennt
so können die hiesigen engherzigen Rücksichten keinen Einfluss auf mich üben um
so mehr da die Franzosen alles andere eher aufgeben werden als das Gefühl
einer ursprünglichen Gleichheit daher würde es mir selbst keinen Nachteil
bringen wenn auch die Herkunft meines Freundes bekannt würde
Ich habe den Franzosen niemals so sehr Unrecht tun mögen sagte der Graf
zu glauben dass sie die Gleichheit welche sie verlangen so verstanden wissen
wollen dass sie keine moralische Unterschiede annähmen Doch fuhr er mit einem
kalten Blick auf den Baron fort ich habe hier kein Urteil zu fällen
Sie meinen entgegnete dieser lächelnd der moralische Unterschied zwischen
mir und dem werten Herrn Lorenz möchte nicht bedeutend sein denn ich wette
Sie halten uns beide für ein Paar Taugenichtse
Ich habe schon bemerkt sagte der Graf dass ich kein Urteil über Sie habe
Nach der spanischen Gränze wollen Sie fragte er hierauf also muss ich
vermuten Sie nehmen französische Dienste und so könnte es sich fügen dass Sie
selbst einmal gegen Ihr Vaterland gebraucht würden
Wie die Sachen jetzt stehen antwortete der Baron lässt es sich kaum
vermuten denn dies Preußen welches Sie mein Vaterland nennen ist zu eng zu
notwendig mit Frankreich verbunden als dass sein Adler nicht immer mit dem
französischen fliegen sollte Aber selbst wenn es anders wäre so könnte dies
mein Handeln nicht bestimmen Wie oft haben Preußen gegen Oesterreicher Sachsen
und Andere gefochten die sich doch wohl Deutsche nennen müssen und die folglich
zu dem deutschen Vaterlande gehören denn so enge Grenzen werden Sie doch Ihrer
Vaterlandsliebe nicht stecken wollen dass Sie alles was außerhalb Preußen
liegt Fremde und Feindesland nennen wollen Wenigstens würden Sie wenn Sie
dies täten in seltsame Verlegenheiten geraten Sie müssten dann mit
feindlichen Augen selbst die betrachten die Sie noch im vorigen Jahre mit
Bruderliebe umfasst haben als die Söhne des gemeinsamen Vaterlandes die
Einwohner der abgetretenen Provinzen nämlich
Der Baron schwieg Da aber der Graf nicht antwortete fuhr er fort Sie
nehmen vermutlich die Gränzen des Vaterlandes bis zum Rhein an Ich gehe etwas
weiter ich überschreite den schönen Fluss und finde mit Weltbürgersinn überall
mein Vaterland so weit die Zivilisation reicht
Dies ist ein Gegenstand sagte der Graf kalt über den sich nicht streiten
lässt Jedermann folgt darin seiner Ansicht und es würde zu weit von dem Zwecke
unserer Zusammenkunft abführen wenn wir gegen einander unsere Meinungen
entwickeln wollten
Der Baron folgte bereitwillig diesem Wink und es wurde festgesetzt dass
beide Herren sich nach vier Tagen in Breslau treffen wollten um den
beabsichtigten Handel abzuschließen und dass der Graf tausend Taler dem Pfarrer
übergeben wollte der sie gegen die gehörige Quittung dem alten Lorenz abzugeben
habe Der Graf hatte sich zu diesem Opfer entschlossen um einen Verwandten zu
entfernen dessen Nähe nur unheilbringend sein konnte Er hatte aber den
Vorsatz in Breslau einen Rechtsgelehrten zu Rate zu ziehen und nur dann den
Kauf der Güter in der Tat abzuschließen wenn er überzeugt sein könnte dass
sein unwürdiger Verwandter ihm nicht neue Nachteile bereitete In diesem Falle
wollte er die ihm abgedrungene Summe lieber verlieren
Als das Geschäft so weit beendigt war wollte der Graf sogleich nach Schloss
Hohental zurückkehren Der Baron aber hielt ihn mit höflichen Gesprächen
zurück ohne sich durch die kurzen Antworten welche er erhielt abschrecken zu
lassen und ein mit allen Verhältnissen Unbekannter hätte nach der Art wie die
Unterredung geführt wurde schließen müssen dass beide Verwandte eigentlich im
besten Einverständnis lebten und dass der Baron mit liebenswürdiger
Gutmütigkeit sich bestrebte die üble Laune eines geachteten Verwandten zu
verscheuchen Der Graf erfuhr auf diese Weise gegen seinen Willen dass der Baron
ein genauer Freund des Obristen sei der durch den Herrn von Werteim war
verwundet worden dass er durch diesen mit dem DivisionsGeneral in Verbindung
gekommen sei welcher bedeutenden Einfluss in Paris habe so dass es ihm nicht
schwer gefallen wäre dem Baron so wie dem jungen Lorenz eine Anstellung bei der
Armee zu verschaffen die nach der spanischen Gränze geschickt werden solle
Doch erklärte sich der Baron über die Natur dieser Anstellung nicht genauer und
der Graf konnte aus dem Zusammenhange leicht erraten dass der Baron auf die
erste Sprosse der Leiter des Glücks die er ersteigen wollte durch die
sogenannte Gemahlin des Obristen erhoben worden war in welcher der Graf ohne
seinen Scharfsinn anzustrengen die Tochter des alten Lorenz erkannt haben
würde wenn auch der Prediger nicht schon längst durch unumwundene Fragen die
Sache außer allen Zweifel gesetzt hätte Endlich gelang es dem Grafen sich von
dem Baron loszumachen und die wohlgemeinten Einladungen des Predigers zu
beseitigen und er eilte aus der Nähe eines Menschen hinweg dessen
Gefährlichkeit er schon in der einzigen Unterredung die er nach vielen Jahren
mit ihm gehabt genügend erkannt hatte und ihm däuchte das Opfer von tausend
Talern unbedeutend wenn dadurch die Überzeugung erkauft werden könnte dass er
den Bruder seiner Gemahlin nie wieder sehen werde In diesen Gedanken und
Betrachtungen erreichte er seine Wohnung wo er andere Nachrichten fand die
wie er auch dagegen kämpfte niederschlagend auf ihn wirkten
XVI
Als der Graf vor seiner Wohnung vom Pferde stieg kam ihm St Julien entgegen
in dessen Augen noch leichte Spuren von Tränen waren obgleich der lächelnde
Mund dem Gefühle widersprechen zu wollen schien welches diese
Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte Er hielt einen Brief in der Hand und
sagte In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein um Ihnen ihren Dank
darzubringen und mich mit sich hinwegzuführen Die Lippen des jungen Mannes
zitterten indem er diese Worte sprach Er kämpfte mit der Wehmut doch
plötzlich überwältigte ihn sein Gefühl er ließ den Tränen freien Lauf und
rief indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte Werde ich Sie und Alle jemals
wiedersehen Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen können Der Graf
drückte mit inniger Rührung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit mühsam
beherrschtem Schmerz So nah ist also die unglückliche Stunde Er fasste darauf
den Arm St Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen wo er wie es St
Julien wollte den Brief las den dieser von seiner Mutter erhalten hatte Wir
müssen uns die Trennung noch nicht so denken sagte er endlich Ihre Mutter wird
sich bewegen lassen so lange bei uns zu verweilen bis die Zeit Ihres Urlaubs
geendigt ist
Gewiss sagte St Julien wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch
erfüllen aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick
doch der den Schmerz der Trennung herbeiführt
Endlich sagte der Graf ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung
und trennt uns nichts anders so naht doch endlich der Tod und zerreißt auch die
festesten Bande Darum ist jeder Tag des Glückes in unserm armen kurzen Leben
ein unendlicher Gewinn
Beide Männer betraten in wehmütiger Stimmung den Saal wo sie die Frauen
und den Grafen Robert beisammen fanden denen die baldige Ankunft der Mutter St
Juliens mitgeteilt wurde Der Schmerz in den Augen der Gräfin war nicht zu
verkennen und Emilie verließ den Saal weil sie die Tränen nicht zurückhalten
konnte die an den langen goldenen Wimpern zitterten Stumm reichte der Graf
Robert seinem Freunde die Hand die dieser mit Innigkeit drückte
Der Graf verließ seine vom Gefühl der nahen Trennung schmerzlich berührten
Freunde und begab sich zu der Wittwe des Professors wo er den Haushofmeister
Dübois fand Dieser gutmütige alte Mann hatte nach und nach die Überzeugung
seiner Freundin Herrschaft über sich gewinnen lassen und glaubte beinah mit
Gewissheit mit ihr dass St Julien der geraubte Sohn der Gräfin sei Der Graf
hatte öfter die gewesene Dienerin über alle Umstände befragt und er musste
wenigstens zugeben dass die Sache möglich sei Er hatte die Möglichkeit so oft
erwogen dass sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde Er hatte sich längst
gestanden dass es eben die große Ähnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde dem
Grafen Evremont gewesen sei die ihn zu dem jungen Manne so wie er ihn
erblickte wunderbar hingezogen hatte Er teilte auch dies der Professorin mit
aber schloss er diese Ähnlichkeit kann ein Spiel der Natur sein wie wir öfter
Gelegenheit haben es zu bemerken
Ich weiß nicht rief die Wittwe des Professors ob die Natur ein so dummes
Spiel macht dass nicht bloß die Ähnlichkeit da ist sondern auch das kleine
braune Maal unter dem linken Auge das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn
betrachtet habe Ich wollte es dem Kinde wegbeizen lassen aber die Frau Gräfin
war zu ängstlich und gab es nicht zu Ich kann es gar nicht begreifen wie die
vornehmen Leute so blind aus lauter Klugheit sind Wie ist es möglich dass die
Frau Gräfin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt
Sie bezeichnen Herrn St Julien sagte der Graf mit so großer Bestimmtheit
als den Sohn meiner Gemahlin und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen
Mannes hier sein und alle Täuschungen werden schwinden
Lasst sie nur kommen rief die Professorin indem sie die Hände
zusammenschlug lasst sie nur kommen ich will ihr schon Fragen vorlegen Die
Frau Gräfin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen sie wäre im Stande und ließe
sich mit schönen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen Aber mir soll sie
Antwort geben die französische Madam ich werde sie nicht so ziehen lassen und
wenn sie auch ihren großen Buonaparte mitbrächte so ließe ich mich doch nicht
einschüchtern
So ernstaft dem Grafen die Sache erschien so konnte er doch ein Lächeln
über den Eifer seiner Verbündeten nicht unterdrücken Er teilte nun ihr und
Dübois mit dass er gezwungen sei auf einige Tage zu verreisen und bat Beide
wenn die Mutter des jungen Mannes während seiner Abwesenheit kommen sollte
Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine übereilte Abreise vor seiner
Rückkunft zuzugeben unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht verlangen
sollte aber auch mit allen entscheidenden Schritten die zu Entdeckungen führen
könnten bis zu seiner Rückkunft zu warten damit Alles mit so viel Schonung für
die Gräfin als möglich eingeleitet werden könne Beide versprachen ihm pünktlich
zu gehorchen und die Wittwe des Professors sagte Sie sehen dass ich schweigen
kann das ist nur ein einfältiges Gerede wenn die Männer immer darauf sticheln
dass die Weiber nicht schweigen können Ist es mir der Mühe wert so weiß ich
meine Zunge wohl zu bändigen Sie sehen ich lebe hier Wochenlang und es brennt
mir täglich auf dem Herzen wenn ich sehe wie kummervoll die Frau Gräfin den
jungen Mann betrachtet Ich möchte ihr gerne sagen So öffnen Sie doch die
Augen wischen Sie die Tränen daraus hinweg damit sie hell werden und umarmen
Sie das beweinte Kind damit der nutzlose Jammer endlich endigt Aber Sie haben
mir so viel vernünftige Gründe angeführt dass ich immer schweige und das Elend
ruhig ansehe
Der Graf dankte ihr für ihre Standhaftigkeit und versicherte dass er
überhaupt nicht so nachteilige Meinungen in Betreff der Klugheit und
Zurückhaltung der Frauen hege und dass ihr Beispiel auch jeden andern eines
Besseren belehren müsse und verließ mit Dübois die durch so freundliche Worte
hochbeglückte Frau um mit diesem noch nähere Verabredungen zu treffen für den
Fall dass St Juliens Mutter während seiner Abwesenheit eintreffen sollte
Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten die gegen eine Frau getroffen
wurden die sich ihm stets als eine zärtliche Mutter gezeigt hatte Er sehnte
sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke in welchem sie ihn in die Arme
schließen würde und sein inniger Schmerz entstand nur aus der Überzeugung dass
diesem glücklichen Augenblicke die Trennung von zärtlich und leidenschaftlich
geliebten Wesen folgen müsste
Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen
Tag früher ein als er den Baron erwarten durfte Er wollte diese Zeit dazu
benutzen um den Rat eines Rechtsgelehrten über den vorgeschlagenen Kauf früher
zu nehmen ehe er sich weiter gegen den Verkäufer erklärte Doch war seine
Vorsicht in sofern vergeblich weil der Baron ebenfalls den Entschluss gefasst
hatte einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein um den
Rat eines Rechtsgelehrten zu benutzen und das Schicksal wollte dass Beide sich
an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft
zusammentrafen Da der Baron sehr zu verkaufen wünschte und der Graf nachdem er
sich genau über Alles unterrichtet hatte einsah dass er wenigstens keinen
großen Verlust zu befürchten habe so war der Handel bald abgeschlossen Der
Graf übernahm alle auf den Gütern ruhenden Schulden und der Baron empfing noch
eine Summe baar die er wie er lächelnd bemerkte mit Weisheit anlegen wollte
und teilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit dass er in drei Tagen sein
Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke
Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende
Herrschaft vermehrt worden und er kehrte nur halb zufrieden nach Schloss
Hohental zurück Denn wenn es ihm auch erfreulich war nun auf die Entfernung
eines Verwandten rechnen zu dürfen dessen Gegenwart seiner Gemahlin so
schmerzlich werden konnte so fühlte er doch wie sehr seine Sorgen in der
verhängnisvollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt
würden Es war ihm nicht entgangen dass die Gräfin sich zum Teil eben deshalb
von allem Umgange mit den Nachbarn zurückgezogen hatte um der Gefahr eines
zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen der nur
unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte und er hoffte mit Recht dass ihr
die Nachricht die er mitzuteilen hatte erfreulich sein würde Er hatte den
kurzen Aufenthalt in Breslau auch dazu benutzt für den jungen Gustav zu sorgen
Auch sein Vetter sollte reisen und er sah ein dass die Einsamkeit drückend
werden müsste wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zurückhalten wollte
In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zurückgelegt
und erreichte ziemlich ermüdet Schloss Hohental denn der Spätherbst des Jahres
achtzehn hundert und sieben war eingetreten Die feuchte kalte Luft
durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der wärmenden Flamme des
Kamins Mit bekümmerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen Gottlob
dass Sie gnädiger Herr kommen rief er ihm zu ich bin in einer tötlichen
Verlegenheit
Was ist vorgefallen fragte der Graf ängstlich
Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St Julien erwiderte
der alte Mann ist angekommen und sie verlangt er soll ihr bis zum nächsten
Städtchen entgegen kommen Wie kann man dies verhindern
Es ist besser wir machen keinen Versuch dies zu hindern sagte der Graf
nach einem Augenblicke des Nachdenkens St Julien kann nicht so von uns
scheiden auch wenn es von ihm gefordert würde und auch sonst ist dies selbst
wenn Ihre Vermutung gegründet wäre nicht wahrscheinlich denn unmöglich kann
seine Mutter den Verdacht ahnen den wir hegen Mir scheint es dass sie den Sohn
nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will und dieser Wunsch ist
natürlich Desshalb befehlen Sie dass Pferde und Wagen bereit gehalten werden
damit der junge Mann morgen fahren kann sobald er es wünscht und lassen Sie
uns das Übrige geduldig erwarten
Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen
zu fügen aber dies Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen und als der
Graf die Treppe hinauf stieg eilte er zu seiner Freundin der Professorin um
ihr die Gefahr mitzuteilen in der sie schwebten den aufs Neue zu verlieren
den sie sich beide gewöhnt hatten als den Sohn der Gräfin zu denken Die
ehemalige Dienerin zürnte über den Leichtsinn des Grafen und wählte nicht mit zu
ängstlichem Zartsinn die Worte um diesen Zorn auszudrücken Doch beruhigte sie
sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung dass der Graf wenigstens
darin Recht habe wenn er meinte die Kinderräuberin wie sie ohne Umstände St
Juliens Mutter nannte könne doch nicht wissen dass jemand im Schloss sei der
ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben würde zu prüfen und sie riet dem
Haushofmeister mit guter Manier darauf zu sehen dass der junge Mann nicht
seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnähme auf die er sich einen Pass
verschaffen könnte Dübois versprach so viel es die Bescheidenheit erlaubte
darauf zu achten
Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die Nachricht der nahen
Ankunft einer Frau in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verändern musste
Der schwermütige Blick der Gräfin haftete auf St Julien Es wurde ihr heute
zum ersten Male recht klar wie schwer es ihr werden würde die Rechte einer
Andern anzuerkennen denn sie fühlte wie innige mütterliche Gefühle sie selbst
für den jungen Mann im Herzen hegte Emilie und St Julien suchten sich zu
nähern und wagten doch einander nichts zu sagen Der Obrist ging im Saale auf
und ab und wiederholte von Zeit zu Zeit ein braver Soldat müsse seiner Fahne
treu bleiben unter allen Umständen und die Festigkeit eines Mannes zeige sich
nicht bloß in der Schlacht sondern vorzüglich dann wenn es darauf ankäme
Gefühle des Herzens zu besiegen Graf Robert und Terese waren in das Vorgefühl
der eigenen Trennung verloren und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen
nur auf kurze Zeit
So war der Abend ziemlich traurig verstrichen Am andern Morgen zeigte sich
Dübois bei St Julien geschäftig um den Rat seiner erfahrnen Freundin zu
befolgen aber zu seiner großen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit
sich und würde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Börse vergessen
haben wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht hätte
Heute Abend bin ich zurück sagte er indem er dem alten Manne freundlich
die Hand reichte Dann verließ er das Zimmer eilte mit leichtem Schritte die
Treppe hinunter warf sich hastig in den Wagen der schnell dahin rollte und
wie es Dübois in diesem Augenblicke schien das Glück des Hauses entführte
Der Tag verstrich den Schlossbewohnern langsam in peinvoller Stimmung des
Gemüts Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht abläugnen die darin
lag dass eine Frau mit feindlichen Gefühlen von einer Familie erwartet wurde
der sie sich aus reinster Dankbarkeit nähern wollte Doch konnte er eben so
wenig als die Andern dies Gefühl besiegen und er empfand jetzt dass er viel
fester daran glaubte als er sich früher hatte gestehen wollen dass der von
Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig
geliebte Sohn sei Die Gräfin deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen
verbarg hatte ihm längst bekannt dass die große Ähnlichkeit St Juliens mit
dem Grafen Evremont an den sie selbst die Stimme des jungen Mannes fortwährend
erinnere ihr Herz in die süße Täuschung eingewiegt habe dies könne ihr Sohn
sein dass sie deshalb Mutterliebe für den jungen Mann fühle und seine Abreise
ihr lebhaften Schmerz erregen würde Emilie sagte nichts aber der kummervolle
Blick und die blassen Wangen verrieten ohne Worte ihr Gefühl
In solcher Stimmung war es natürlich dass jeder von den Hausgenossen die
Einsamkeit suchte und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Talheim wo wie er
es sich bewusst war seine schöne Braut ihn mit reiner unschuldvoller
Zärtlichkeit erwartete
Der Arzt bemerkte kaum dass etwas Ungewöhnliches in der Familie vorging
Alle Gedanken und Empfindungen die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren
richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf
seine junge Verwandte die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner großen
Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete dass Jemand in ihrer
Gegenwart über seine seltsamen Manieren scherzte denn ihr schien diese
Seltsamkeit von großer Gelehrsamkeit unzertrennlich und sie sprach für ihr
Alter mit großem Ernst und tiefem Gefühl über den edelen Beruf eines Arztes der
sich großmütig ganz der leidenden Menschheit weiht keine Stunde eigentlich für
sich lebt sondern jeden Augenblick bereit sein muss sein Dasein für Andere zu
benutzen und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf seinen
Beruf zu erfüllen Der Arzt war viel zu eitel als dass er in solchen
Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte und sein Herz entzündete
sich für die junge Verehrerin mit zärtlicher Liebe Die Wittwe des Professors
freute sich stillschweigend darüber dass Alles sich nach ihren Wünschen zu fügen
schien und ihr Wohlwollen für den Arzt mehrte sich täglich obgleich sie
stündlich schalt und belehrte und diese Anmassung die ihm früher im Hause
seines Oheims so unerträglich schien dass er sich um ihr zu entgehen einem
ungewissen Schicksale Preis gab dünkte ihm nun das Zeichen mütterlicher
Sorgfalt und er gewöhnte sich daran nichts ohne den Rat und die Einwilligung
einer Frau zu tun deren Einfluss er früher mit bitterem Hasse entflohen war
Auch an diesem Tage ließ sie ihn gleich nach der Mittagstafel zu sich rufen und
sagte Mein lieber Vetter es wäre vernünftig wenn Sie zu dem Prediger ritten
und diesen Abend bei ihm blieben denn erfährt er dass heute eine fremde Frau
hier ankommt so sehen wir ihn sicher auch bald bei uns um nur gleich im ersten
Augenblicke die Fremde zu betrachten und ihren ganzen Lebenslauf auszuforschen
Was kann es schaden erwiderte gleichmütig der Arzt wenn man ihm diese
Unterhaltung gönnt
Ich will das nicht haben rief die Professorin heftig Es schickt sich
nicht dass einer der nicht zur Familie gehört im ersten Augenblicke
gegenwärtig ist wenn eine solche Bekanntschaft gemacht wird
Freilich sagte der Arzt ich habe es längst bemerkt unser guter Prediger
wird leicht zu großer Wissbegierde aufgeregt und ist in solchen Fällen nicht
immer delikat
Was geht mich seine Delikatesse an erwiderte die Professorin das ist die
Sache seiner Frau die hat für seinen Tisch zu sorgen Ich will nur nicht dass
er heute die Familie stören soll und haben Sie nicht gesehen wie vernünftig
der Graf Robert ist der schon lange davon geritten ist So klug denke ich
kann mein Vetter auch sein
Sie haben Recht werteste Frau Base sagte der Arzt und ob ich gleich
heute ein besonderes Studium vorhatte so will ich es doch bis morgen
aufschieben und heut den ganzen Abend mit dem Prediger Whist oder Boston
spielen und Falls wir ganz allein sind auch Schach denn man muss sich seinen
Freunden aufopfern
So war nun Alles nach der Meinung der Professorin gehörig vorbereitet um
die ankommende Feindin mit scharfen Blicken zu beobachten und sie und Dübois
horchten mit Herzklopfen auf jedes Geräusch Aber die Dämmerung war längst
eingebrochen die Lichter in allen Zimmern angezündet und noch immer hörte man
keinen Wagen rollen und die Furcht fing sich allmälig an zu regen dass man St
Julien nicht mehr wiedersehen würde Nicht bloß der Haushofmeister und seine
Freundin erwarteten mit so ängstlicher Ungeduld den jungen Mann und seine
Mutter auch der Graf und seine Angehörigen teilten die peinliche Unruhe die
in dem Masse sich steigerte wie die Finsternis zunahm
St Julien hatte die kleine Reise die ihn seiner Mutter entgegen führte
mit geteilter Empfindung angetreten und er machte sich selbst bittere Vorwürfe
darüber dass sein Herz nicht mit reiner Freude erfüllt war Je näher er aber dem
Orte kam wo wie er wusste ihn die erwartete deren mütterliche Liebe ihn so
treu auf dem Pfade seines Lebens begleitet hatte je mehr traten alle andern
Empfindungen in den Hintergrund seiner Seele zurück und mit inniger lebhafter
Zärtlichkeit schloss er die geliebte Mutter in seine Arme
Nach einer so langen Trennung war es natürlich dass der Tag unbemerkt
entfloh und es war schon völlig dunkel geworden als der Wagen mit den beiden
Reisenden auf den Hof des Schlosses Hohental rollte und die Spannung aller
Erwartenden löste
Die Gräfin erbleichte Sie fasste den Arm der nicht minder bewegten Emilie
und verließ mit dieser den Saal um in einer kurzen Einsamkeit die gehörige
Fassung zu gewinnen die Fremde mit anständiger Ruhe zu begrüßen Der Graf eilte
den Ankommenden mit Höflichkeit entgegen St Julien hatte so eben seine Mutter
aus dem Wagen gehoben und der Graf bot ihr den Arm indem er sich ihr als den
Herrn des Hauses nannte und das Glück pries sie bei sich zu begrüßen Sie
wollte indem der Graf sie die Treppe hinauf führte von ihrer Dankbarkeit
reden aber die Stimme versagte ihr und eine heftige Rührung erlaubte nur
einzelne Töne Endlich in den Saal angelangt schlug sie den Schleier zurück
der ihr Gesicht bedeckte und der Graf blickte in die schönsten schwarzen Augen
die von Tränen funkelten Der rote Mund lächelte halb schalkhaft halb
wehmütig und zeigte zwei Reihen Zähne wie Perlen Die durch die Reise und durch
ein lebhaft aufgeregtes Gefühl höher glühenden Wangen gaben dem Gesicht für
einen Augenblick den Reiz entschwundener Jugend zurück und den Grafen
überraschte die Ähnlichkeit mit St Julien in diesem Gesicht und noch eine
andere die ihn verrwirrte und für einen Augenblick der Sprache beraubte
Die Fremde sagte endlich mit noch immer fließenden Tränen So hat mir die
Zeit denn in der Tat so übel mitgespielt dass kein Zug der Erinnerung zu Hilfe
kommen will und ich muss mich Ihnen Graf Hohental nennen
Der Ton der Stimme rührte eine Saite in des Grafen Brust die längst nicht
mehr geklungen hatte Er wollte antworten als die Gräfin eintrat und mit Ruhe
und Anstand sich der Fremden näherte um sie zu begrüßen Beide Frauen standen
sich einen Augenblick gegenüber beide wollten reden aber beide verstummten und
starrten sich zweifelnd in die Augen Adele rief endlich die Gräfin mit
sterbendem Tone und bebenden Lippen Cäcilie erwiderte die Fremde mit dem
lauten Rufe der Freude und beide Frauen lagen sich in den Armen und umschlossen
sich so fest als ob diese Bande der Liebe sich nie wieder lösen sollten
Der Graf zog sich bescheiden etwas zurück Ihm hatte dieser eine Laut die
Bewegung seines eigenen Herzens erklärt und mit Blitzschnelle durchflog ihn
der Gedanke dass nun auch St Juliens Ähnlichkeit mit dem Grafen Evremont
erklärt sei und indem er eine ihm so lieb gewordene Täuschung aufgeben musste
senkte sich ein Schatten tiefer Traurigkeit in seine Seele
O rede rede geliebte Freundin sagte endlich die Gräfin mit zitternder
Stimme Halte ich Dich wirklich lebend in meinen Armen und sehe ich Dich nach
so langen schmerzensvollen Jahren blühend und glücklich Ohne Grund sind um Dich
so viele Tränen geflossen Heiter gesund eine glückliche Mutter so sehe ich
Dich wieder Darum fuhr die Gräfin fort indem sie mit mattem Lächeln auf St
Julien deutete zog mich mein Herz zu diesem Menschen ohne es zu wissen liebte
ich Deinen Sohn
Meinen Sohn fragte die Freundin lachend indem ihre Tränen heftiger
strömten Besinne Dich doch gedenke der Zeit in der wir zusammen lebten
Berechne die Jahre seit unserer Trennung kann er wohl mein Sohn sein
Und Wessen ist er denn fragte die Gräfin kaum hörbar mit glühenden Wangen
und strahlenden Augen indem sie beide Hände der Freundin krampfhaft drückte
Und hast Du denn erwiderte diese laut weinend Deinen armen Adolph gänzlich
vergessen
Meinen wiederholte die Gräfin mit schwindendem Bewusstsein meinen meinen
Sohn rief sie laut wie zu neuem Leben erwachend und streckte dem jungen Manne
beide Arme entgegen Der Graf und St Julien hatten sich unwillkürlich während
des kurzen Gesprächs den beiden Frauen genähert und ob der Letztere gleich den
Zusammenhang der gehörten Worte nicht begriff so zog ihn doch sein Gefühl vor
der Gräfin nieder die ihn schnell mit der übernatürlichen Kraft die auf einen
Augenblick eine heftige Bewegung der Seele uns gibt von ihren Knieen emporriss
und die Mutter ruhte an der Brust des Sohnes und benetzte seine Wangen mit ihren
Tränen Doch plötzlich ließ sie den Sohn fiel mit rascher Bewegung vor der
Freundin nieder und küsste deren Hände ohne dass diese der stürmischen Gewalt der
Liebe zu wehren vermochte Du hast ihn mir erhalten rief sie aus Du gibst ihn
mir zurück so ganz so wie ich ihn in meinen Träumen sah Er kann meine Liebe
fühlen und verdienen er ist ja er ist mein Sohn Erschöpft senkte sich das
Haupt der Gräfin Der Graf hob sie vom Boden auf und führte sie zu einem
Lehnsessel in den sich die von der Kraft des Augenblicks nun verlassene Frau
senkte indem sie mit matter Stimme doch mit seligem Lächeln die Freundin die
noch ihre Hände hielt fragte Und nun sage mir wie ist er mein
Glaubst Du mir denn nicht ohne Erklärung sagte mit liebevollem Blicke und
zärtlicher Stimme die treue Freundin Sollen denn in diesem Augenblicke seliger
Freude alle Schmerzen der Vergangenheit erneuert werden und willst Du an diesen
Gefühlen untergehen jetzt da das Leben mit neuem Reize Dir lächelt Ich will
Dir morgen alle Auskunft geben die Du verlangen kannst nur schone Dich heute
Der Graf hatte St Julien mit inniger Zärtlichkeit umarmt und sagte Ich
habe Dich immer geliebt wie mein eigenes Kind Jetzt mache ich meine
Vaterrechte an den Sohn meiner Gattin geltend Mein teurer Vater rief der
junge Mann indem er sich von Neuem in die Arme des Grafen warf Meine geliebte
Mutter sagte er mit zärtlicher Stimme indem er sich eilig aus den ihn
umfangenden Armen befreite und die Knie wieder vor der Gräfin beugte ihre Hände
mit zitternden Lippen küsste und mit überströmenden Tränen benetzte So hat mein
Herz mich nicht betrogen es ließ mich die heiligen Bande ahnen die hier mich
fesseln Er blickte auf und sah in die feuchten glänzenden Augen der Frau die
er bis jetzt für seine Mutter gehalten hatte und die sich nun wehmütig
lächelnd über ihn beugte Habe ich denn nun keinen Anspruch auf Liebe mehr
fragte sie den jungen Mann mit zärtlichem Vorwurfe Tilgt ein Augenblick mein
Bild aus Deinem Herzen
Welch ein Ungeheuer müsste ich sein wäre dies möglich rief St Julien
indem er aufsprang und mit eherbietiger Liebe Madame St Julien umarmte Aber
fuhr er fort vollenden Sie Ihre Wohltat und sagen Sie mir durch welches Band
ich Ihnen angehöre
Der unglückliche Graf Evremont Dein Vater und der erste Gemahl Deiner
Mutter war mein Bruder sagte die zärtliche Adele und ihre Tränen flossen dem
schmerzlichen Andenken
Der Graf wollte eben bitten den schmerzlichen Erinnerungen heute nicht Raum
zu geben als ein anderer Gegenstand die Aufmerksamkeit Aller auf sich zog
Dübois hatte sich von lebhafter Teilnahme angetrieben in der Nähe des Saales
gehalten eben so seine Freundin die Professorin Beide hatten sehr verständig
beschlossen nur in der Nähe zu bleiben um so bald als möglich das Ergebniss
einer Zusammenkunft zu erfahren die ihnen für das Glück einer Familie so
wichtig schien der sie so innig ergeben waren Aber Beide hatten nicht die
Kraft ihrem Vorsatze treu zu bleiben Sie näherten sich unmerklich den
geöffneten Türen des Saales und waren so Zeugen eines Auftritts der ihr eigenes
Herz in seinen Tiefen bewegte Der bescheidene Dübois erhielt sich in
ehrerbietigem Schweigen obgleich seine alten Augen überflossen und die Tränen
ihm unbewusst die gefurchten Wangen überströmten Die ehemalige Dienerin aber
schob ihn mit einer ziemlich heftigen Bewegung bei Seite und indem ihre Tränen
auf den glühenden Wangen funkelten rief sie Nun Gott sei gepriesen dass sich
Alles aufklärt Ich habe es ja immer gesagt dass der junge Herr unser kleiner
Adolph ist Wie sollte ich ihn denn nicht erkannt haben da ich ihn gewartet
habe und er mir so lieb war als wäre es mein eigenes Kind Na fuhr sie fort
indem sie dem überraschten jungen Manne die Hand reichte Sie haben mich rein
vergessen Sie wissen nichts mehr davon dass ich Ihnen Vater und Mutter zum
Trotz allen Willen erfüllte aber das vergebe ich Ihnen denn Sie waren noch zu
klein als man Sie auf das Dorf brachte Sie können von mir nichts wissen
Träume ich fragte Adele die Gräfin oder ist diese Frau die deutsche
Dienerin die mit uns in Paris war
Die Gräfin wollte antworten aber die Wittwe des Professors kam ihr zuvor
indem sie sagte Freilich bin ich es und wären Sie damals so vernünftig
gewesen mir zu sagen Wer Sie waren so hätte ich Ihnen alle die Drangsale
nicht angetan die Sie mir gewiss noch nicht vergeben haben
Ach schon längst von ganzem Herzen meine liebe Freundin sagte mit
liebreichem Lächeln die Frau die nun St Juliens Tante genannt werden muss Ich
wusste ja dass der Widerwille gegen mich nur aus Liebe für meine teure Schwester
entstand und biete Ihnen zum Zeichen aufrichtiger Versöhnung die Hand Die
Professorin trat befriedigt zurück und die schönen Augen der freundlichen Adele
begegneten Dübois verklärten Blicken Mit Heftigkeit fasste sie die Hand der
Gräfin und sagte Die Vergangenheit tritt mir hier lebendig entgegen Dies
ehrwürdige graue Haupt dieses treue Auge das gutmütige Lächeln ruft auf das
Lebhafteste in mir das Andenken an den guten väterlichen Freund Dübois hervor
Und wer als er erwiderte die Gräfin indem sie den Alten herbei winkte
könnte denn so selig befriedigt zu uns hinüber blicken
So wird es mir so wohl sagte Adele und fasste die Hand des beschämten
Greises diesem väterlichen Freunde noch danken zu können dessen Liebe und
Treue unermüdet wachte um jede Gefahr von uns zu wenden und dessen alte Augen
gewiss unzählige Tränen über unser Geschick vergossen haben
Es ist zu viel sagte der alte Mann von Rührung überwältigt Die Seligkeit
ist zu groß für meine Kräfte Der Graf und St Julien eilten den Wankenden zu
unterstützen doch das tief in ihm wohnende Gefühl der Ehrfurcht gab ihm bald
wieder die Kraft sich zu erholen Er entzog sich den ihn stützenden Armen und
sagte indem er mit dem Ausdruck inniger Liebe in des jungen Mannes Auge
blickte Ich habe die höchste Freude erlebt deren der unvollkommene Mensch
fähig ist Jetzt mag der Herr über mich gebieten Er zog sich nach diesen Worten
aus dem Saale zurück und seine Freundin die Professorin die ihn erwartet
hatte fasste seinen Arm und führte ihn auf sein Zimmer
Die im Saale versammelte Familie vergaß noch oft den Vorsatz diesen Abend
an nichts Trauriges zu denken Hundert Fragen berührten kummervolle Gegenstände
und wurden nur halb beantwortet Zärtliche Liebkosungen hemmten die
hervorbrechenden Tränen und man trennte sich endlich ohne das liebevolle
Verlangen befriedigt zu haben das Jeder empfand das Schicksal des Andern zu
erfahren weil es zu deutlich war dass die Gräfin durchaus der Ruhe und Erholung
bedurfte
St Julien schlich nach Dübois Gemach Sein klopfendes Herz fand keine Ruhe
Der alte Mann musste ihm noch alles Unglück eines Vaters mitteilen den er nie
gekannt und dessen Schicksal er als ein fremdes zuweilen gleichgültig hatte
erwähnen hören Dübois entlastete sein eigenes Herz indem er einem Andern die
Schmerzen zeigte die er so lange einsam getragen und fühlte sich beglückt in
der Liebe die der Sohn eines verehrten Herrn ihm bewies
Schon dämmerte der Morgen als sich Beide trennten und auch St Julien
fühlte dass er der Erholung bedürfe Ein sanfter Schlummer umfing ihn nach den
stürmenden Empfindungen des Tages und flößte ihm neue Kraft ein für ein bewegtes
Leben
Dritter Teil
I
Wer eine Zeit lang auf dem Lande gelebt hat wird die Erfahrung gemacht haben
dass es zwar kräftigen Geistern gelingen kann sich selbst von der Sucht frei zu
erhalten ohne Schonung alle Verhältnisse seiner Bekannten zu durchdringen dass
es aber ganz unmöglich ist die Forschungslust Anderer zu hemmen Die genaue
Kenntnis des Vermögens eines Jeden wie aller Umstände des Lebens wird den
Nachbaren in weitem Umkreise Bedürfnis und unter dem Scheine treuherziger
Teilnahme dringen sie mit geradezu gestellten Fragen in die tiefsten Wunden des
Herzens ein Der feinere Weltmann fühlt mit leisem Takte sogleich die Gränze
die nicht überschritten werden soll und wenn auch seine Schonung nicht aus
Milde entspringt sondern nur dem was man gewohnt ist Sitte und guten Ton zu
nennen seinen Ursprung verdankt so wirkt sie doch wohltätiger als das
Benehmen der Landbewohner die den der mit edler Zurückhaltung seine Schmerzen
verhüllt einen verschlossenen Charakter nennen und sich gleichgültig und
misstrauisch von ihm wenden weil er seine tiefsten heiligsten Gefühle die
nicht verstanden werden können nicht Preis geben mag damit der Müßiggang der
Seele Beschäftigung finde
Diese schon oft gemachte Erfahrung musste der Graf von Neuem machen Es war
nicht möglich dass die Vorfälle in seinem Hause nicht hätten bekannt werden
sollen und die unerhörten Begebenheiten regten die ganze Nachbarschaft auf Nur
Wenige hatten seit Kurzem dunkel vernommen dass die Gräfin schon früher vermählt
gewesen und sich als Wittwe mit dem Grafen verbunden hätte denn der Prediger
von dem die dunkle Nachricht herrührte hatte selbst nichts weiter darüber
erfahren können als was er aus dem Munde der Professorin in ihrer ersten
Überraschung vernommen hatte Jede spätere an dieselbe gerichtete Frage über
diesen Gegenstand war kurz abweisend und mehr als verdrießlich beantwortet
worden Selbst der Bruder der Gräfin hatte sich auf keine Erklärung der nähern
Umstände eingelassen und die deshalb an ihn gerichteten Fragen nur einsylbig
beantwortet so dass diese erste Verbindung der Gräfin zu allerlei seltsamen
Gerüchten Veranlassung gab denn es fiel Niemandem ein dass man erlebte
Schmerzen mit undurchdringlichem Schleier könne verhüllen wollen um sie nicht
zum Gegenstande gleichgültiger Gespräche zu machen sondern man nahm mit der
gewöhnlichen Lieblosigkeit müßiger Menschen an dass nur nachteilige Umstände
denen verschwiegen werden könnten die sich alle für die Freunde des Hauses
erklärten
Diese Ansicht war in der ganzen Gegend umher die allgemeine geworden als
man auf einmal das höchst Seltsame erfuhr die Gräfin habe aus früherer Ehe
einen Sohn und da die Entdeckung des Sohnes mit früheren Gerüchten in
Verbindung gebracht wurde so lautete die sich allgemein verbreitende Nachricht
ein bekannter französischer Spion sei als der Sohn der Gräfin erkannt worden
und da man meinte dass ein Spion nur ein sehr niedriger Mensch sein könne so
erklärte man dies für einen Umstand der einen finsteren Schatten auf die frühere
Verbindung der Gräfin werfe und dies alles eigentlich ohne böse Absicht
sondern nur um durch eine seltsame Begebenheit die einer langweiligen Ruhe
hingegebene Seele lebhaft anzuregen Es vereinigte sich also um diese Zeit im
weiten Umkreise von Hohental keine Gesellschaft die nicht diesen Gegenstand
verhandelt hätte und da Jedermann die Sache etwas anders erzählte als er sie
vernommen hatte so war sie endlich in dem Munde der Letzten so seltsam und
abenteuerlich geworden dass die von welchen die ersten Nachrichten ausgegangen
waren die lebhafteste Freude über die neuen Aufklärungen dessen was ihnen in
der Sache dunkel geblieben war empfanden
Es konnte unter solchen Umständen nicht fehlen dass täglich neugierige
Besucher auf Schloss Hohental erschienen die die innigste Teilnahme
vorgebend mit Fragen auf den Grafen und die Gräfin eindrangen deren ruhige
Beantwortung eben so viel Standhaftigkeit erforderte wie man bedarf um eine
schmerzhafte Operation mit Gelassenheit zu ertragen Um diesem sich täglich
erneuerndem Übel auszuweichen änderte der Graf den früher entworfenen
Lebensplan und schlug seiner Gemahlin vor den Winter in Berlin zuzubringen Mit
Freuden wurde dieser Vorschlag von der Gräfin angenommen die noch mehr als der
Graf durch die sich stets vermehrenden Wogen des öffentlichen Geschwätzes litt
Von der lebhaften Adele die sich im Winter auf dem Lande langweilte konnte nur
eine freudige Einwilligung erwartet werden und der Graf beredete den Obristen
Talheim leicht sich der Gesellschaft anzuschließen denn er wollte den Greis
der nur mit ihm und seinen Hausgenossen umging nicht der trüben Einsamkeit
überlassen
Die Anstalten zur Abreise waren bald getroffen Der Graf Robert war über
diesen Entschluss höchst erfreut und bis zum Entzücken wurde diese Freude
gesteigert als er erfuhr dass auch seine schöne zärtlich geliebte Braut Teil
an dieser Reise nehmen würde Auch die Professorin wollte ihre Rückreise
antreten aber nur um im Frühlinge zurückzukehren und dann ihr Leben in ihrer
geliebten Heimat zu beschließen Sie hatte die gemachte Erbschaft dazu
angewendet ein großes Bauerngut in des Grafen Herrschaft zu kaufen Dieser
hatte dies Gut von allen Diensten und Abgaben befreit und angränzende Felder
und Wiesen hinzugefügt so dass es nun eine ganz artige Besitzung bildete Die
Professorin eilte nach ihrem ehemaligen Wohnsitze zurück um ihr sich dort
befindendes Vermögen zusammen zu bringen mit dem sie im Frühlinge wiederkehren
und die Kosten bestreiten wollte um ein neues bequemes Haus an einer schönen
Stelle am Abhange eines Hügels zu erbauen der sich mit dem schönsten Grün
bekleidet sanft hinab senkte bis ein klarer Bach seinen Fuß mit kleinen
kräuselnden Wellen umspielte Die Professorin war um so mehr für den gewählten
Platz eingenommen weil es ihr bekannt war welche trefflichen Forellen der
kleine muntere Bach enthielt Der Graf wies alles nötige Bauholz und die für
das neue Haus erforderlichen Steine an und erhöhte noch ansehnlich den Gehalt
des Arztes so wie er ihm das vollkommene Jagdrecht zur großen Freude der
Professorin gestattete denn wenn diese ihren Neffen auch nicht für einen
sonderlichen Jäger hielt so hoffte sie doch mit Recht wohl andere zu finden
die die Küche gehörig mit Wildpret versorgen würden
Nach allen diesen Einrichtungen glaubte der Graf immer noch nicht genug
getan zu haben um den Arzt zu belohnen dessen große Sorgfalt wie er
überzeugt war St Juliens Leben erhalten hatte Die Gräfin überredete ihre
ehemalige Dienerin leicht den Weg über Berlin zu nehmen und die Tochter während
des Winters in einer dasigen Erziehungsanstalt zu lassen damit diese etwas mehr
von den feineren weiblichen Beschäftigungen lernte als die Mutter bis jetzt für
gut gehalten hatte ihr beibringen zu lassen Auch der Arzt war mit dieser
Anordnung zufrieden ob er sich gleich nur mit Schmerzen von seiner künftigen
Braut und deren Mutter trennen konnte nur durch die Hoffnung getröstet dass der
nächste Frühling ihm nicht nur Beide zurückbrächte sondern auch die Bibliothek
und das Naturalienkabinet seines verstorbenen Oheims Er nahm sich vor sich
diesen Winter ganz den Studien zu widmen um den Schmerz der Trennung zu
besiegen und um sich zu erholen mit dem einzigen ihm bleibenden Freunde dem
Prediger den Plan des Hauses zu entwerfen welches nach seiner Meinung alle
Forderungen des Geschmacks und der Bequemlichkeit befriedigen sollte Da der
Graf dem Schlossgärtner befohlen hatte einen großen Obstund Gemüsegarten auf dem
neuen Gute anzulegen so führte die lebhafte Phantasie des Arztes ihm tausend
reizende Bilder der Zukunft vor wie er im Schlafrocke neben seiner jungen
zärtlichen Frau in einer Weinlaube seines Gartens sitzen und Kaffee trinken
würde oder er sah sich mit dem Prediger Tabak rauchend zwischen seinen hohen
Kornfeldern wandern und bewunderte schon jetzt im Geiste den reichen Segen der
goldnen Ähren indem er mit stolzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab
wandelte und den Rauch aus der Pfeife die er wirklich rauchte vor sich
hinblies Das sind idealische Träume rief er dann wohl indem er sich mit der
Hand rasch die kurzgelockten Haare durcheinander wühlte Aber kann irgend ein
Mensch hoffen dass die Träume seiner Sehnsucht erfüllt werden so bin ich es
denn mein Glück steht mir so nahe dass ich es mit den Händen erreichen kann und
wahrlich meine Welterfahrung wird es nicht vorüberfliehen lassen sondern
sicher ergreifen und festhalten
So von allen Seiten befriedigt hatte man sich getrennt Der junge Gustav war
von dem Grafen nach Breslau gesandt worden wo er noch ein Jahr bleiben sollte
um dann auf die Universität die er sich selbst wählen würde abzugehn Dübois
der den Jüngling väterlich liebte hatte ihm beim Abschiede noch ein
ansehnliches Geschenk aufgezwungen ob er gleich mit Allem überflüssig versorgt
war denn auch der Graf Robert hatte ihn mit allen Beweisen herzlicher
Freundschaft entlassen So war nun Schloss Hohental wo sich eben noch so viel
Leben geregt hatte auf einmal öde und verlassen und nur aus den Zimmern des
Arztes schimmerte dem Wanderer ein einsames Licht entgegen das aber wie ein
freundlicher Stern dem Hilfe Suchenden leuchtete denn je mehr der Wohlstand und
die Zufriedenheit des Arztes zunahmen je mehr fühlte er sich verpflichtet
seine Wissenschaft die er als die Quelle seines Glücks betrachtete zum Heile
seiner Mitmenschen anzuwenden und wenn er auch täglich hochmütiger wurde in
der Überzeugung seines anerkannten Werts so hinderte ihn dieser unschuldige
Hochmut doch nicht täglich zugleich milder und wohlwollender zu werden
Der Graf war mit seiner Familie und seinen Freunden in Berlin angelangt und
hier versprach er der noch immer liebenswürdigen Adele ihre und St Juliens
Angelegenheiten ordnen zu helfen ehe sie die Rückreise mit diesem nach
Frankreich antreten müsse Denn wie sich auch das Schicksal des jungen Mannes
gewendet hatte so fiel es doch Niemandem ein dass er anders handeln könne als
zu seinem Regimente zurückzukehren
Schon in Hohental hatte die Gräfin nachdem die stürmische Bewegung der
Seele sich gemildert hatte die durch Entdeckungen entstehen musste welche die
tiefsten Gefühle des Herzens aufregten alle nötige Auskunft über die Erhaltung
ihres Sohnes empfangen
An jenem unglücklichen Tage so hatte die Schwester des Grafen Evremont ihre
Erzählung begonnen als Dich geliebte Schwester und meinen teuren Bruder
unerwartet ein entsetzliches Schicksal traf kehrte ich ruhig nachdem unsere
kleinen Geschäfte abgemacht waren mit unserer Leonore nach unserer Wohnung
zurück Ich sage Dir nichts von dem Jammer und der Verzweiflung die hier meine
Seele erfüllten Ich dachte nicht an mich ich wollte zu Euch und wäre gewiss
ohne den Freund und Retter der mir wie ein Bote des Himmels erschien ebenfalls
ein Opfer der Grausamkeit geworden die sich damals Vaterlandsliebe nannte
Der Chef des Handlungshauses dem mein Vater und mein Bruder mit so großem
Recht ihr Vertrauen schenkten erschien und wurde mein und Adolphs Retter Ich
war von Angst und Schrecken so betäubt dass ich ihm willenlos folgte Ich
bemerkte kaum dass er Leonore von mir trennte und ahnte nicht welcher Gefahr
der gute Mann sich aussetzte um die letzten Überreste des Hauses Evremont zu
schützen Erst später erfuhr ich was ich Dir jetzt im Zusammenhange mitteile
Er mochte vielleicht selbst einige Hoffnung hegen dass mein armer Bruder
gerettet werden könnte Vielleicht aber täuschte er mich auch nur mit dieser
Hoffnung damit ich ohne Widerstand mich seinen Maßregeln fügte Genug er
brachte mich in eine entlegene Vorstadt wo ein schon bejahrter Mann sein
Freund und Verwandter Herr St Julien das Hinterhaus eines ansehnlichen
Gebäudes bewohnte Hier erfuhr ich dass mein Erretter sein Haus verlassen hatte
um nicht wieder dahin zurückzukehren Er hatte die Abwesenheit seines ersten
Buchhalters benutzt desselben den er im Verdacht hatte meines Vruders Unglück
veranlasst zu haben und von dem er glaubte dass er das Komptoir nur verlassen
habe um ihn selbst der Regierung als einen Feind des Vaterlandes zu bezeichnen
Die kurze Zeit die dem alten Manne blieb war von ihm benutzt worden alle
Wechsel und baar vorrätigen Summen mit sich zu nehmen so wie die Hauptbücher
seiner Handlung und wichtige von meinem Bruder bei ihm niedergelegte Papiere Er
hatte einen Mietkutscher genommen den er ehe er unsere Wohnung erreichte mit
einem andern vertauschte Dies tat er noch zwei Mal ehe wir die abgelegene
Wohnung seines Freundes erreichten der obwohl nicht vorbereitet auf unsern
Empfang uns dennoch liebreich und bereitwillig bei sich aufnahm
Ich bemerkte bald dass beide Freunde sich ohne allen Rückhalt mit einander
besprachen und später vertraute mir Herr St Julien dass Beide gegen mich die
bestimmte Hoffnung meinen Bruder und Dich zu retten nur darum ausgesprochen
hatten um mich vor gänzlicher Verzweiflung zu bewahren dass sie selbst aber
Euch beide als verloren beweint hätten
Es schien den Freunden zu gefährlich sich in Paris selbst verborgen halten
zu wollen und die Abreise nach dem Elsass der Heimat des Herrn St Julien der
große Fabriken in der Nähe von Strassburg hatte wurde beschlossen Ein Zufall
begünstigte unsere Flucht Ein alter Komtoirdiener des Herrn St Julien war
Wittwer und seine einzige ohne mütterliche Leitung erwachsene Tochter hatte
vor mehreren Jahren den trostlosen Vater verlassen und sich in Paris einem
verächtlichen Leben hingegeben um augenblickliche Befriedigung eitler Lust zu
finden Da aber ein solches Leben der Schande auch dem Wechsel unterworfen ist
so war die leichtsinnige Tochter des redlichen Mannes in Krankheit und Armut
geraten und hatte sich in dieser trostlosen Lage an das Herz des Vaters
gewendet Wohl selten wird ein Vater die flehende Stimme des verirrten Kindes
ohne Rührung vernehmen und auch der alte Armand eilte Liebe und Versöhnung im
Herzen in Begleitung des Herrn St Julien nach Paris den ein Handelsgeschäft
dahin führte
Der Vater nahm die kranke Tochter und ihren Sohn den lebenden Zeugen ihrer
Verirrung bei sich auf Kein Vorwurf kränkte die ungeratene Tochter Der alte
Vater drückte das schuldlose Kind mit Liebe an seine Brust Durch Sorgfalt und
zärtliche Pflege kehrte die Gesundheit der leichtsinnigen Laurette bald zurück
die Spuren der Verwüstung die Armut und Krankheit angerichtet hatten
schwanden allmälig und der zu gute Vater fand in der wieder aufblühenden
Schönheit der Tochter Entschuldigung für ihre Fehler Herrn St Juliens
Geschäfte waren beendigt und da die Gesundheit der Tochter Armands hergestellt
war so hatte man Pässe zur Reise genommen die auf den nächsten Tag bestimmt
war Armand hatte noch einige nötige Vorkehrungen hiezu getroffen und kehrte
von Geschäften ermüdet nach seiner Wohnung zurück als er hier statt der
Tochter einen Brief fand in dem sie ihm meldete dass es ihr unmöglich sei
Paris zu verlassen und unter seinen Augen zu leben da jeder milde Blick den er
auf sie richte ihr Herz wie ein Dolchstich durchbohre und es daher für beide
besser sei wenn sie sich diesen peinlichen Empfindungen und ihm den Anblick
ihrer Schande entzöge
Es war nur zu wahrscheinlich dass die neu aufblühende Schönheit der
leichtsinnigen Laurette Bewunderer herbei gezogen hatte und dass sie von Neuem
sich ihrem früheren Leben hingab Der Vater war in Verzweiflung und er erklärte
Herrn St Julien dass er Paris nicht mit ihm verlassen könne weil er
entschlossen sei die Spuren seiner unglücklichen Tochter aufzusuchen und alles
was väterliche Liebe und Gewalt vermöge anzuwenden um sie ihrem sträflichen
Leben zu entreißen
Dieser Umstand der eine Stunde vor unserer Ankunft Herrn St Julien mit
Verdruss erfüllt hatte wurde nun von beiden Freunden als ein glücklicher Zufall
betrachtet Mein Erretter sollte unter dem Namen Armand Herrn St Julien
begleiten und ich mit unserm Adolph als Laurette und ihr Sohn wie sie in dem
Pass angegeben waren den Herr St Julien schon in Händen hatte und beide
Freunde freuten sich herzlich dass die Beschreibung der Person dieser
leichtsinnigen Dirne auf mich angewendet werden könne und so bot mir die
Schande des verächtlichen Lebens einer Fremden Schutz in der traurigen Zeit wo
Tugend und Ehre mich nicht hätten schirmen können
Ich wurde bei diesen Verhandlungen nicht um meine Einwilligung gefragt
indem man sie voraus setzte und in der Tat, es wäre unvernünftig gewesen ein
Rettungsmittel von sich zu weisen das sich so unvermutet darbot Auch war ich
so betäubt von Angst und Kummer dass ich unfähig war zum Denken und Überlegen
Der erste matte Strahl der Freude und Hoffnung durchzuckte mein Herz als ich
vernahm dass ich Adolph mit mir nehmen dass ich mich nicht mehr von ihm trennen
sollte
Wir erreichten den Wohnort des Herrn St Julien und lebten abwechselnd auf
einem angenehmen Landsitze und in Strassburg Du kannst wohl denken dass ich die
beiden Freunde mit unablässigen Fragen über Euer Geschick bestürmte Ach und
endlich geliebte Cäcilie konnte mir das Traurigste nicht verborgen bleiben
Ich erfuhr meines unglücklichen Bruders Ende und von Dir nichts
Ich weiß nicht wie lange ich mich der trostlosesten Verzweiflung hingab
Ich weiß nur dass endlich die Jugendkraft über die Krankheit siegte die meinem
Leben drohte und dass ich als erstes Zeichen des Bewusstseins Adolph in meine
Arme schloss und mit Tränen überströmte Als ich wieder einigen Anteil an der
Außenwelt nahm bemerkte ich dass Herr St Julien um Vieles blässer älter und
hinfälliger geworden war und diese Wahrnehmung erschreckte mich Es drängte
sich mir die ganze Hülflosigkeit meiner Lage auf wenn ich auch ihn verlieren
sollte Ich fragte nach seinem Freunde und erfuhr dass er während meiner langen
Krankheit gestorben sei Viele nach einander folgende traurige Berichte von
Hinrichtungen ihm nahe verwandter Personen hatten ihn schon aufs Krankenlager
geworfen und als er das gleiche Ende seines letzten Neffen erfuhr hatte ein
Schlagfluß sein kummervolles Leben geendigt
Es konnte mir nicht entgehen dass Herr St Julien es mit Ungeduld erwartete
dass die Ärzte mich für völlig genesen erklären möchten um eine Unterredung mit
mir zu führen die er nicht mehr glaubte aufschieben zu dürfen und von deren
ernstem Inhalt er nachteilige Folgen fürchtete so lange meine Gesundheit noch
wankend wäre Ich kam ihm in seinem Verlangen entgegen weil ich immer noch
hoffte wenigstens von Dir etwas Tröstliches zu erfahren und er zögerte nicht
mehr mich mit meiner Lage bekannt zu machen und mir seine Wünsche mitzuteilen
die nur mein Wohl beabsichtigten Der würdige Mann hatte keine Mittel
verabsäumt um Nachrichten von Dir zu erhalten und er hatte durch seine
Nachforschungen nur erfahren dass ich auch meinen Vater zu beweinen habe der
sein kummervolles Leben in der Schweiz geendigt hatte Du warst spurlos
verschwunden und von allen Wesen denen ich liebend angehörte blieb mir
nichts als Dein und meines Bruders Kind das mit unschuldiger Heiterkeit zu
meinen Füßen spielte und mit kindlichem Lächeln mich seine Mutter nannte
während ihm unbewusst die Stürme des Unglücks über sein schuldloses Haupt
hinwegzogen
Herr St Julien betrachtete die furchtbare Revolution die mit entsetzlicher
Gewalt alle Blüten unseres Lebens zu Boden schlug mit den Augen eines Bürgers
Er schauderte vor den Strömen Blutes die täglich flossen aber er glaubte
große Missbräuche hätten diese entsetzlichen Reibungen hervorgebracht und
hoffte unsere Nachkommen würden die Früchte unserer Leiden genießen Er hielt
sich für überzeugt dass der Adel mit allen seinen Vorrechten und ehrgeizigen
Träumen für immer aus Frankreich verschwunden sei und glaubte deshalb mir
keinen Nachteil zuzuziehen wenn er mir seine Hand anböte um mir als
französischer Bürgerin den Schutz unsers Vaterlandes zuzusichern Der edle Mann
sagte mir mit bescheidenen aber bestimmten Worten dass sein Verhältnis zu mir
das eines Vaters bleiben würde und dass nicht die selbstsüchtigen Absichten
eines töricht verliebten Greises ihn leiteten sondern dass er mein Wohl vor
Augen habe Er sagte mir dass er die bestimmte Überzeugung habe nicht mehr
lange leben zu können und dass ich dann als seine Wittwe mit Anstand meine
Unabhängigkeit bewahren oder eine andere Wahl treffen könne dass ich aber als
Fräulein Evremont schutzlos tausend Gefahren ausgesetzt sei und noch weniger
für Adolph sorgen oder ihn schützen könne
Ich sah die Wahrheit alles Gesagten ein und empfing mit Dankbarkeit und
Rührung die Hand des edelen Greises und man nannte mich Madame St Julien Als
auf diese Weise meine Rechte in seinem Hause festgestellt waren legte mein
großmütiger Freund mir alle unsern Adolph betreffende Papiere vor den er
zugleich adoptirt hatte Was von dem Vermögen unsers Vaters hatte gerettet
werden können war in seinen Händen und er sicherte mir und Adolph bald nach
unserer Verbindung nicht nur dies sondern auch noch sein beträchtliches
Vermögen Ich machte ihn darauf aufmerksam dass dies vielleicht eine
Ungerechtigkeit gegen seine Verwandten sei aber er antwortete mir mit einem
bitteren schmerzlichen Lächeln alle seine Angehörigen hätten für das Vaterland
ihr Blut versprjetzt teils auf dem Felde der Ehre teils unter dem Messer der
Guillotine so dass ihm nur einige sehr entfernte Verwandte die kaum auf diese
Benennung Anspruch machen könnten in Italien geblieben wären die ihr
schlechter Charakter von seinem Herzen geschieden haben würde auch wenn sie ihm
näher ständen Meine Bitten vermochten den lebensmüden gebeugten Greis dennoch
diesen ein bedeutendes Legat auszusetzen und nun glaubte ich mit ruhigem
Gewissen in liebevoller Dankbarkeit die Beweise seiner Großmut für mich und
Adolph annehmen zu können
Die Ahnung der Nähe seines Todes hatte meinen edelen Beschützer nicht
getäuscht Wenige Monate nach unserer Verbindung entschlummerte er in meinen
Armen sanft zur ewigen Ruhe und wie einen zweiten Vater beweinte ich ihn
kindlich mit heißen Tränen Mein großmütiger Freund hatte vor seinem Tode alle
seine Geschäfte so geordnet dass ich mit Hilfe eines erfahrnen Buchhalters sie
noch eine Zeitlang fortführen und mich dann nach und nach zurückziehen konnte
Ich folgte mit Gewissenhaftigkeit allen Vorschriften die er hinterlassen hatte
und fand mich dadurch nach zwei Jahren im Besitze eines Vermögens über dessen
Größe ich selbst erstaunte Nachdem ich den Schmerz über den Verlust meines
edelen Freundes überwunden hatte wendete sich alle leidenschaftliche Liebe
deren mein Herz noch fähig war unserm Adolph zu Du kannst wohl denken dass
sich manche Bewerber der jungen reichen Wittwe nahten aber sei es dass meine
Liebe zu Adolph jede andere Neigung unmöglich machte oder dass mein Herz nach so
vielen harten Schlägen des Schicksals überhaupt nicht mehr fähig war gerührt zu
werden genug die Jugend verschwand ohne dass ich mich auch nur ein Mal
versucht gefühlt hätte meine Freiheit aufzuopfern und Adolph ist meine einzige
Leidenschaft geblieben
Es ist natürlich dass dieser Bericht nicht hatte ohne Unterbrechung gegeben
werden können Viele zärtliche und schmerzliche Erinnerungen machten dass die
Freundinnen sich oft weinend umarmten und dass sie erst wieder Zeit bedurften
um sich zu erholen ehe sie eine Unterhaltung fortsetzen konnten deren Inhalt
für Beide so wichtig war Ich hätte wohl gewünscht schloss endlich ihre Tränen
trocknend Adele dass ich Adolph der mich allein an das Leben fesselte von der
Gefahr einer kriegerischen Laufbahn hätte zurückhalten können aber es machten
dies teils die jetzigen Einrichtungen unseres Vaterlandes teils das Blut der
Evremonts das in seinen Adern fließt unmöglich denn er hatte kaum das
erforderliche Alter erreicht als er sich in die Reihen der Krieger drängte und
ich hielt es unter solchen Umständen für das Beste Alles was ich vermochte
anzuwenden um ihn zu empfehlen damit er so bald als möglich zum Offizier
befördert würde Dies geschah auch trotz seiner großen Jugend sehr bald und ihm
war wenigstens die Bahn eröffnet sich Ehre zu erwerben wenn ich auch
fortwährend für sein Leben zittern musste
Die Dankbarkeit welche die Gräfin für die Schwester des Grafen Evremont
empfinden musste erhöhte die frühere Neigung und beide Frauen schlossen sich
eng an einander in inniger Freundschaft die dadurch noch fester wurde dass
Beider Zärtlichkeit sich in demselben Gegenstand begegnete Adolph St Julien
pries sein Geschick das ihm zwei Mütter gegeben hatte die er beide mit
herzlicher Liebe empfing
Der Graf hatte es gern übernommen die Geschäfte seiner Freunde ordnen zu
helfen und er fand es natürlich dass die Tante das zarte Gefühl für Recht zu
befriedigen suchte und dem Neffen das Erbe seines Vaters einzuhändigen wünschte
Er stand ihr also in diesen Auseinandersetzungen bei und indem er in Berlin die
Papiere durchging die sie zu diesem Behuf mitgebracht hatte fielen ihm auch
die Zeugnisse der Geburt des jungen Mannes in die Hände und er machte die
Wittwe des Herrn St Julien darauf aufmerksam dass es auch gerecht sei dass
dessen Adoptivsohn den so lange geführten Namen ablege und den ihm durch die
Geburt zukommenden führe Es war ihm nicht schwer die Schwester des Grafen
Evremont zu überzeugen dass bei der Wendung die die öffentlichen
Angelegenheiten Frankreichs genommen hatten dies für den jungen Mann
vorteilhaft sei um so mehr da nicht nur dort ein neuer Adel entstand sondern
Napoleon unverkennbar die alten Familien um sich zu sammeln suchte und man so
in der Ferne hoffen konnte den jungen Mann wieder als Grafen anerkannt zu
sehen eine Hoffnung die weder dem Grafen selbst noch der Wittwe St Juliens
gleichgültig war denn wie der Mensch auch meint sein Herz gereinigt und sich
über Vorurteile erhoben zu haben so lassen sich doch Gefühle die von
frühester Kindheit an ihm unbewusst genährt werden und mit ihm gewachsen sind
wohl verleugnen sie gänzlich auszurotten aber ist er niemals im Stande
Der Graf war weit davon entfernt irgend ein drückendes Vorrecht des Adels
erneuert zu wünschen aber er konnte sich nicht abläugnen dass er den jungen
Mann den er väterlich liebte und dem er als dem Sohne seiner Gemahlin alle
Rechte eines leiblichen Sohnes einräumen wollte Graf Evremont zu nennen
wünschte und er meinte wenn nur der erste Schritt geschehen sei und er den
Namen seines Vaters führte so stände der Anerkennung des alten Adels eigentlich
nichts mehr entgegen die ja in Deutschland erfolgen musste selbst wenn sie
Napoleon nicht bewilligen sollte weil die vorhandenen Dokumente die Rechte des
jungen Mannes an diesen Titel klar bewiesen denn dass der geliebte Sohn sich auf
deutschen Boden zurückziehen sollte sobald die Ehre es erlaubte war gleich
nach der Erkennung in Hohental von allen Seiten beschlossen worden
II
St Julien empfing mit Dankbarkeit sein väterliches Erbe und bat den Grafen es
gemeinschaftlich mit seiner Tante zu verwalten Der Frühling näherte sich und
da der Urlaub des jungen Mannes ebenfalls beendigt war so durfte er nicht
länger zögern und die Trennung die seinem Herzen so schwer wurde musste
erfolgen
Der Graf suchte die Standhaftigkeit seiner Familie zu erhalten und vor Allem
die Gräfin zu schonen indem er darzustellen suchte dass wenigstens keine Gefahr
für den geliebten Sohn für die nächste Zeit zu befürchten sei weil man von
Portugal wohin sich die Truppen wahrscheinlich richten würden keinen
bedeutenden Widerstand erwarten dürfe Die Gräfin fühlte dass der Graf die Sache
selbst anders betrachtete als er sie zu ihrer Beruhigung darzustellen wünschte
und fand deshalb keinen Trost in seinen Worten
In den schönen Augen der sanften Emilie entdeckte man oft Spuren von
Tränen und ihre sonst von einer zarten Röte angehauchten Wangen wurden
täglich bleicher St Julien suchte seit lange ein einsames Gespräch mit ihr
und er bereute hundert Mal dass er den Aufenthalt auf dem Lande nicht besser
benutzt hatte der ihm täglich die Gelegenheit dazu bot die er in Berlin lange
vergeblich herbei wünschen musste Er wollte sich nicht trennen ohne aus dem
Munde der Geliebten das Wort zu vernehmen welches nach seinem Gefühle über das
Glück seines Lebens entscheiden musste und dies Wort wollte er selbst vernehmen
und nicht der Bewerbung eines Andern verdanken und nur dann wenn Emilie über
sein Glück entschieden hätte wollte er es seinen Freunden mitteilen
Endlich fand sich der lang herbeigesehnte Augenblick Der Graf war mit den
andern Damen ausgefahren und wurde erst in einigen Stunden zurückerwartet
Emilie die seit einiger Zeit die Einsamkeit suchte um sich ungestört ihren
Träumen und ihrer Trauer hingeben zu können war unter dem Vorwande eines
leichten Unwohlseins gern zurückgeblieben und St Julien der ihre Absicht bei
der Mittagstafel erfuhr zog sich ebenfalls von der Gesellschaft zurück
Er fand die Geliebte wie er es wünschte allein Die bei seinem Eintritt
getrockneten Tränen und die Röte ihrer Wangen zeigten ihre innere Bewegung
Vor der dunkeln Glut seines Auges senkten sich schüchtern die milden
dunkelblauen seiner Freundin und nach schwachem Widerstreben ruhten ihre
zitternden Hände in den seinen Ihr Ohr trank die süße Melodie seiner Worte und
sie berauschte ihr Herz mit seligem Entzücken Die Glut seines Gefühls öffnete
ihm das schöne von jungfräulicher Zaghaftigkeit verhüllte Herz und ließ ihn
entzückt die Tiefe und Fülle ihrer zärtlichen Neigung ahnen Die Stunden
verschwanden dem glücklichen Paar wie Minuten und als der Graf mit seiner
Gesellschaft zurückkehrte belehrte ihn der leuchtende Blick St Juliens und die
hochroten Wangen Emiliens dass eine Erklärung zwischen Beiden Statt gefunden
hatte die er und die Gräfin lange erwartet der sie aber nicht hatten
vorgreifen wollen
Da Niemand den Wünschen der Liebenden entgegen war so wurde ihre Verlobung
noch denselben Abend geschlossen und da man glaubte dass die Angelegenheiten in
Portugal bald beendigt sein würden und hoffte annehmen zu dürfen dass die
Vermittlung Napoleons in der Angelegenheit der spanischen Königsfamilie ohne
Blutvergießen eintreten könne so wurde von allen Seiten beschlossen dass die
Verbindung St Juliens mit der schönen Emilie dann sogleich geschlossen werden
sollte
Freilich seufzte der junge Mann über diesen Aufschub aber er sah ein dass
nun da er mit der Erklärung aus seltsamer Zaghaftigkeit so lange gezögert
hatte die Zeit nicht mehr hinreichte um vor seiner Abreise die nötigen
Vorbereitungen zu einer ehelichen Verbindung zu treffen Dann wünschte er eben
so wie der Graf diese unter dem Namen Evremont zu schließen und da er in
seiner Regimentsliste als St Julien eingetragen war so konnte er sich nicht
eher anders nennen bis eine Anerkennung von Napoleon und in Folge dessen eine
Umschreibung ausgewirkt worden war Es blieb also für alle Teile nichts anders
übrig als den Schmerz des Aufschubs und der Trennung zu ertragen
Der lang gefürchtete Augenblick war endlich erschienen Die Gräfin entließ
die weinende Adele aus ihren Armen und drückte mit krampfhafter Heftigkeit den
Sohn an die Brust Des Grafen Wangen waren bleich und er bemühte sich vergeblich
die Tränen zurückzuhalten als Adele zu ihm trat und ihm im stummen Schmerz die
Hand reichte Das dunkle kummervoll auf ihn gerichtete Auge ließ ihn ahnen dass
in der Tiefe der Seele die Neigung nicht ganz erstorben sei die wie er
glaubte einst ihr Herz für ihn empfunden hatte Emilie hatte ihr Gesicht
verhüllt und lehnte sich trostlos an die Ecke des Sophas Endlich riss sich St
Julien aus den Armen der Mutter los umschlang noch ein Mal die beinah
ohnmächtige Geliebte und stürmte mit dem Grafen hinaus Im Vorzimmer traf er auf
Dübois der die Familie nach Berlin begleitet hatte
Liebevoll richtete der alte Mann die Augen auf St Julien Er wollte reden
aber die Wehmut versagte ihm die Sprache Der junge Mann drückte den Greis mit
Heftigkeit an die Brust und küsste die von Alter und Gram gefurchten Wangen
dann stürzte er mit dem schmerzhaften Ausruf Ach mein Vater in die Arme des
Grafen Mutig mein Sohn sagte der Graf mit bebenden Lippen standhaft wir
sehen uns wieder Auch Adele war hinzugetreten und reichte sprachlos weinend
Dübois die Hand die dieser mit zitternden Lippen küsste und mit heißen Tränen
benetzte Alle stiegen die Treppe hinunter Noch ein Mal umarmte der Vater den
geliebten Sohn noch ein Händedruck noch ein letzter Blick und dahin rollte
der Wagen und war bald den Blicken des Grafen entschwunden der langsam allein
und kummervoll die Treppe wieder hinauf stieg und sich zu den trostlos
weinenden Frauen verfügte
Die Zeit besiegte endlich auch die Heftigkeit dieses Schmerzes Er hatte
sich in stille Trauer verwandelt und leise schlich sich die Hoffnung in die
verwundeten Herzen Die Phantasie machte sich aus der Gegenwart los und zeigte
in naher Zukunft schimmernde Bilder des Glücks
So hatte nach mehreren Tagen die Familie die äußere Ruhe wieder gewonnen
und jeder Posttag wurde nun ein Festtag denn jeder brachte Briefe voll inniger
Liebe und zärtlicher Freundschaft von den Reisenden Aber endlich wurde auch
diese Mitteilung von Seiten St Juliens seltener denn als er sein Regiment
erreicht hatte machten die militärischen Bewegungen desselben einen
regelmäßigen Briefwechsel unmöglich
Der Graf hatte indessen von dem Prediger einen Brief erhalten der
mancherlei Gedanken in ihm erregte Der Pfarrer teilte ihm nämlich mit dass er
einen Brief von dem Baron Schlebach dem Bruder der Gräfin erhalten den dieser
aber nicht selbst geschrieben habe sondern da er durch eine heftige
Erschütterung des Gemüts gefährlich erkrankt sei habe schreiben lassen In
diesem Briefe sagte der Baron dass er sich an den Prediger wende damit dieser
dem alten Lorenz die Nachricht eines Unglücks auf eine gelinde Art beibringen
möge das der alte Mann doch erfahren müsse und aus dem Munde des Predigers am
besten erfahren könne der durch den Trost der Religion den notwendigen Schmerz
zu lindern vermöge Das bezeichnete Unglück selbst wurde auf folgende Art
dargestellt Es habe sich häufig ereignet dass sie auf ihrer Reise nach der
spanischen Gränze mit ebenfalls sich dahin begebenden französischen Truppen
zusammengestossen wären und es wäre nicht zu vermeiden gewesen dass die
Offiziere der verschiedenen Korps nicht oft Spielgesellschaften veranstaltet
hätten woran sowohl der Baron als auch sein Freund Lorenz hätten Teil nehmen
müssen Bei einer solchen Gesellschaft wo viel Geld hin und her sei verloren
worden habe sich ein heftiger Streit erhoben in den unglücklicher Weise sein
Freund wäre verwickelt worden Ein Duell wäre von den erhitzen Gemütern als
das einzige Mittel betrachtet worden die verletzte Ehre zu reinigen und dieses
habe eine so unglückliche Wendung genommen dass sein Freund von einer Kugel
durchbohrt nicht weit von Bayonne geblieben sei Dieser Unglücksfall habe ihn
selbst den Baron so erschüttert dass er schwer erkrankt sei Desshalb eile er
eine traurige Pflicht zu erfüllen ehe es vielleicht durch sein Ende unmöglich
würde damit er sich nicht sterbend den Vorwurf zu machen habe dass der alte
Vater auch das ihm zukommende Erbe noch verlöre nachdem er schon so unglücklich
gewesen sei den Sohn zu verlieren da der Nachlass des verschiedenen Sohnes doch
wenigstens dazu dienen könne dem Greise die Beschwerden des Alters zu
erleichtern Der Baron hatte diesem Briefe das von dem alten Lorenz selbst
verfertigte Verzeichnis der Sachen die der Sohn mitgenommen hatte in
beglaubigter Abschrift beigefügt Da es unmöglich sei diese Sachen selbst zu
senden hatte der Baron wie er anzeigte die Garderobe zu verkaufen befohlen
die Ringe aber Uhren Dosen Brillanten und so weiter von kunstverständigen
Männern nach ihrem wahren Werte abschätzen lassen weil er sie Falls er leben
bleiben sollte zum Andenken an seinen Freund zu behalten wünsche Auch hierüber
waren die nötigen Zeugnisse beigelegt nebst der für den vollen Wert dieser
Kleinodien erkannten Summe Ebenfalls folgte die baare Summe dessen mit was der
Sohn wie es dem alten Lorenz bekannt war als Reisegeld mitgenommen hatte Die
ganze beträchtliche Summe war dem Prediger in Wechseln übermacht worden und der
alte Lorenz war nun ein wohlhabender Mann und der Geistliche fragte an ob der
Graf unter diesen Umständen noch immer die ihm früher bewilligte Pension wolle
auszahlen lassen da der Alte einen so schlechten Gebrauch von dem ihm auf eine
so traurige Weise zugefallenen Vermögen mache und sich nach einer kurzen Trauer
über den Verlust des Sohnes ganz dem Trunke ergeben habe also eine fernere
Unterstützung weder bedürfe noch verdiene und jetzt gerade eine durch viele
Unglücksfälle herabgekommene Familie die er dem Grafen näher bezeichnete durch
den würdigen Gebrauch der für den alten Lorenz bestimmten Summe dem Elende
entrissen werden könne
Der Graf wies eine Summe an zur Unterstützung der von dem Prediger
empfohlenen Familie aber zu dessen großem Verdruss entschied er zugleich dass
dem alten Lorenz den der Prediger seiner großen Schlechtigkeit wegen
verabscheute die Pension unter jeder Bedingung ausgezahlt werden müsse
Der Graf verlor sich in Nachdenken über den Brief des Predigers Es schien
ihm gar nicht dem Charakter seines Schwagers des Barons zu entsprechen mit so
viel zärtlicher Schonung und Rücksicht gegen den alten Lorenz zu verfahren
Vielmehr erlaubte er sich zu denken dass der Baron teils aus Leichtsinn
teils aus Gleichgültigkeit gegen alle menschlichen Gefühle es natürlicher
gefunden haben würde über den ganzen Vorfall zu schweigen die vorhandenen
Summen zunächst zu verbrauchen und es ruhig der Zeit und dem Zufall zu
überlassen den Vater von dem Verluste seines Sohnes zu benachrichtigen Dieser
Brief nun zeigte eine gewisse Ängstlichkeit den Alten zufrieden zu stellen und
fernere Nachforschungen und Fragen abzuwenden Auch die Empfindsamkeit des
Barons war dem Grafen sehr befremdend Es schien ihm nicht glaublich dass dessen
durch ein langes Spielerleben verhärtetes Herz eine so zärtliche Neigung für den
jungen Lorenz könne gefasst haben dass dessen Tod ihm eine gefährliche Krankheit
zuziehen könne und es dünkte ihm unmöglich dass man wenn man die Kräfte
besitze einen so langen und besonnenen Brief zu diktiren nicht auch so viel
Kraft noch haben sollte um wenigstens seinen Namen selbst zu unterschreiben
Falls man nicht durch Lähmung oder Verwundung daran verhindert würde und doch
waren diese Hindernisse in dem Briefe nicht angegeben Je mehr der Graf über
alle diese Umstände nachdachte um so zweifelhafter wurde ihm die Wahrheit aller
angegebenen Tatsachen und es stieg die Vermutung in ihm auf die Sache könne
sich umgekehrt verhalten der Baron könne im Duell geblieben sein und der junge
Lorenz von Hochmut verleitet sich dessen Papiere angeeignet haben und als
Baron fortzuleben wünschen Dies angenommen ließ sich auch das Übrige erklären
Es wurde ihm dann leicht seinem Vater zu übermachen was er selbst besessen
hatte wenn er sich in Besitz dessen setzte was der Baron mitgenommen dem ja
der Graf selbst ansehnliche Summen ausgezahlt hatte Auch lag die Vermutung
nahe dass das Duell über dessen Gewinn im Spiele entstanden sein könne und es
war erklärt weshalb der angebliche Baron die eigenhändige Unterschrift
vermieden hatte Je mehr der Graf über diese Umstände nachdachte um so
wahrscheinlicher wurde ihm seine Vermutung doch beschloss er gänzlich darüber
zu schweigen und der Zeit die Aufklärung zu überlassen
Es war indessen der Frühling des Jahres achtzehn hundert und acht
eingetreten Der Graf seine Familie und Freunde lebten mehr sich selbst als
der Gesellschaft Der Graf konnte die damals herrschenden Ansichten und die
daraus entspringenden Hoffnungen nicht teilen und wie hoch er auch den
Heldenmut Schills achtete so glaubte er doch dass die Rettung des Vaterlandes
unmöglich durch die schwachen Kräfte erreicht werden könne die sich um den
sammeln könnten in dem die Berliner mit lauter Begeisterung den Erretter und
Befreier ahneten Doch wie wenig er auch die allgemein ausgesprochene Hoffnung
für die nächste Zeit teilte so zeigten sich dem aufmerksamen Beobachter doch
so viele Spuren von wahrer Kraft und Vaterlandsliebe dass wenigstens die
Hoffnung für die Zukunft nicht in seiner Brust erstarrte und er um so lieber in
der Gegenwart schwieg weil derjenige welcher der Begeisterung der Berliner zu
widersprechen wagte beinah wie ein Landesverräter betrachtet wurde
Dem Obristen Talheim war es unmöglich dieselbe Mäßigung zu beobachten
Ihm als einem alten Militär aus der Schule Friedrich des Zweiten schien es an
Wahnsinn zu gränzen dass alle jungen Leute eine Stimme über kriegerische
Operationen und über die Verwaltung des Staates haben wollten Ihm schien es die
einzig mögliche Verwaltungsart dass der König und seine Minister über Krieg und
Frieden bestimmten dann ein Heer ordneten und dessen Leitung erfahrenen
Offizieren übertrügen Alles was dabei vom Volke ausgehen sollte erschien ihm
wie Rebellion und er verkündigte oft dass alle Gräuel der französischen
Revolution eintreten müssten wenn den lauten Äußerungen der Bürger und vor
Allen der Jugend nicht Einhalt getan würde
Es war vergeblich dass der Graf ihn darauf aufmerksam machte wie der
außerordentliche Druck unter welchem das Vaterland seufze auch
außerordentliche Mittel notwendig mache und wie man wenn man künftig hoffen
wolle durch die Hilfe Aller das beinah unmöglich Scheinende zu erreichen auch
die Stimmen Aller hören müsse Aus Achtung für den Grafen schwieg dann wohl der
Obrist aber er zeigte bei nächster Gelegenheit seinen Abscheu nur um so lauter
Unter solcher Umständen war es natürlich dass ihm der Aufenthalt in Berlin
unerträglich wurde und er sehnte sich nach der Stille des Landlebens und nach
einer Umgebung zurück die mehr Rücksicht auf sein Alter nahm und wenn sie auch
seine Ansichten nicht immer teilte ihm doch nicht mit so großer Heftigkeit
widersprach wie er es sich zu seiner Verwunderung in Berlin von ganz jungen
Leuten musste gefallen lassen
Der Graf Robert hatte sich mit Eifer der Landwirtschaft gewidmet und es
war zu bemerken dass er die Angelegenheiten des Vaterlandes etwas aus den Augen
verlor und jeden Tag mit zärtlicher Sehnsucht die blühenden Wangen die
leuchtenden Augen und die schlanke Gestalt seiner Braut betrachtete die
ebenfalls von seinen Blicken zu leben schien und in unverkennbarer Zärtlichkeit
das Glück des Daseins nur an seiner Seite empfand
Die Briefe St Juliens waren seltener geworden Man erwartete jedoch dass
die öffentlichen Angelegenheiten sich so wenden würden dass man bald ihn
wiederzusehen hoffen dürfte denn man glaubte Napoleon würde mit dem Vorteile
zufrieden sein der ihm daraus erwachsen musste dass die aufs Äußerste
aufgeregten Leidenschaften der spanischen Königsfamilie ihn zum Vermittler und
Schiedsrichter aufriefen und dadurch in eine Stellung brachten wodurch Spanien
mit allen seinen Kräften von ihm abhängig wurde Aber das Unerhörte war
geschehen Der Held der Sieger in so vielen Schlachten hatte mit unwürdiger
List ein Netz ausgespannt das zugezogen wurde als alle Glieder der königlichen
Familie in den verderblichen Kreis gelockt waren Und der Ruhm der französischen
Adler war befleckt sie die triumphierend über so vielen Schlachtfeldern
geschwebt hatten bewegten sich nun in einem durch unwürdige List errungenen
Lande
Hätte Napoleon nicht mit zu großer Geringschätzung auf die Menschen und in
Folge dessen auf die öffentliche Meinung herabgesehn so hätte er vielleicht
einen für seinen Ruhm und wahren Vorteil so nachteiligen Schritt unterlassen
über den nur ein Gefühl der Missbilligung und des Abscheues in Aller Herzen
lebte und der selbst die an Anbetung gränzende Verehrung verminderte die bis
dahin alle seine Truppen für ihn gehegt hatten
Diese allgemeine Wirkung war auch in St Juliens Briefen bemerklich denn ob
er sich wohl mit Behutsamkeit ausdrückte indem er die Besetzung Spaniens
meldete so war doch eine große Kälte fühlbar die bei seiner früheren warmen
Begeisterung für Napoleon um so mehr auffiel und dem Grafen Veranlassung zu
manchen Betrachtungen gab
Dies Mal war der Obrist Talheim mit den lauten Äußerungen des Unwillens
der Berliner zufrieden Die harten Urteile der jungen Leute über Napoleon und
seine Regierung schienen ihm weder vorlaut noch unziemlich und die stärksten
Äußerungen über diesen Gegenstand wurden in der Stadt als die Aussprüche des
Obristen Talheim bekannt so dass der Graf besorgt wegen der möglichen Folgen
ihn eines Morgens zur Behutsamkeit ermahnen wollte und sich deshalb auf sein
Zimmer begab Er fand den alten Mann wehmütig halb unwillig nachdenkend und
Terese in deren Augen sich Spuren von Tränen zeigten schlüpfte nach der
ersten Begrüßung des Grafen hinaus Dieser vergaß den Zweck seines Besuchs in
der Besorgnis dass dem Freunde etwas Unangenehmes begegnet sein möchte und
suchte mit Behutsamkeit den Grund des Kummers zu erforschen der Vater und
Tochter sichtlich bewegte Der Obrist schien verlegen weil er die Worte nicht
finden konnte die ihm schicklich dünkten ein Gespräch einzuleiten welches er
doch offenbar wünschte Endlich sagte er Scheint es Ihnen jetzt nicht auch
lieber Graf als ob wir nun da sich Napoleons Macht immer weiter ausdehnt alle
Hoffnung aufgeben müssten von dem Drucke befreit zu werden
Wenigstens für die nächste Zeit erwiderte der Graf seufzend glaube ich
kaum dass wir uns erfreulichen Hoffnungen überlassen dürfen
Und kann es wohl fragte der Obrist weiter jetzt einen wahren Genuss
gewähren Deutschland oder überhaupt die Länder Europas zu durchreisen und
überall dieselbe drückende Herrschaft des Fremden anzutreffen überall den
schnöden Übermut seiner Beamten zu finden und im Grunde als den einzigen
Gewinn seiner Reisen die Überzeugung nach Hause zu bringen dass alle Nationen
ihre Selbständigkeit verloren haben
England müssten wir doch ausnehmen bemerkte der Graf lächelnd
Nun ja sagte der Obrist verdrießlich England ist dadurch geschützt dass
Napoleon es nicht erreichen kann Aber glauben Sie mir wäre nicht das Meer sein
Schutz es würde eben so wie alle Übrigen sich der französischen Macht beugen
denn hat nicht Preußen erliegen müssen Sind nicht die in der Schule Friedrichs
erzogenen Krieger überwunden Welche Nation ist also sicher wenn er sie
erreichen kann
Der Graf wollte den Verdruss des Obristen nicht noch steigern er antwortete
also auf diese Frage nichts und der alte Krieger fuhr nach einem kurzen
Schweigen fort Ich wollte nur sagen ob es nicht besser sei für jetzt die
öffentlichen Angelegenheiten so viel wie möglich aus den Augen zu lassen weil
man doch auf keine Weise wohltätig eingreifen kann und sich auf einen stillen
abgelegenen Fleck mit seiner Familie zurückzuziehen um im Genuße des
häuslichen Glückes einigermaßen Trost für alles öffentliche Ungemach zu finden
Gewiss sagte der Graf wäre dies weise von dem gehandelt dem Niemand
feindlich diese einfachsten natürlichsten Genüsse stört
Ich sehe ein erwiderte der Obrist mit Verlegenheit dass Sie es vorziehen
müssen sich auf einige Zeit von Ihrem paradiesischen Landsitz zu trennen denn
das neugierige Geschwätz rund umher muss Ihnen verdrießlich gewesen sein aber
ich halten Sie mich nicht für undankbar lieber Graf ich sehne mich aus dem
Geräusch der Stadt hinweg Ich kann nicht annehmen dass ich noch lange lebe
Betrachten Sie mein graues Haar und Sie werden mir Recht geben und mir dem
sich dem Grabe zuneigenden Greise scheint es sträflich Glück und Genuss des
Lebens noch verschieben zu wollen und von der ungewissen Zukunft zu erwarten
was sich uns so freundlich in der Gegenwart bietet
Der Graf sah den Obristen verwundert an weil er nicht begriff wohin dies
Gespräch führen sollte Der Greis nahm die Hand des Freundes die er mit
Zärtlichkeit drückte und sagte mit weicher Stimme Warum wollen Sie den Sohn
von mir entfernen den sich mein Herz gewählt hat Warum wollen Sie ihn in die
Ferne senden von dem ich mich mit dem schmerzlichen Gefühl trennen würde dass
ich ihn wahrscheinlich nicht wiedersehe Warum wollen Sie meiner Tochter den
Trost versagen wenn sich die Augen des Vaters auf immer schließen aus denen
des Freundes Mut zu gewinnen das Leben und seine Schmerzen zu ertragen
Ich glaubte sagte der Graf nicht gegen Ihre oder meines Vetters Wünsche zu
handeln indem mein Rat ihm seinen Lebensplan vorzeichnete Die geringste
Einwendung von seiner Seite würde mich bestimmt haben auf seine Ansicht
einzugehen deshalb gestehe ich befremdet mich unser Gespräch ein wenig O
teurer Freund rief der Obrist indem er die Hand des Grafen heftig drückte und
Tränen seine grauen Wimpern netzten halten Sie es denn für so leicht
Einwendungen gegen den zu machen dessen großmütige Liebe sich nur mit unserem
Glück beschäftigt Ist es denn nicht natürlich dass ein Wort ein Zeichen von
Ihnen uns alle zum schweigenden Gehorsam bestimmt da wir ja nur Ihnen Ihrer
Liebe allein alles verdanken was uns das Leben an Glück und Genuss noch bieten
kann
Dann wäre die Liebe Tyrannei sagte der Graf etwas unwillig und Sie würden
meine Freundschaft zu teuer erkaufen wenn Sie dafür alle Selbstständigkeit
hingeben wollten Aber mir schien die heftige Vaterlandsliebe meines Vetters so
groß dass ich befürchtete sie könnte in manchen Stunden über die zartere
Neigung seines Herzens die Herrschaft gewinnen und ich hielt es deshalb für
wohlgetan beide Empfindungen so viel als möglich in Einklang zu bringen Auf
diese Ansicht gründete sich vorzüglich mein Rat
Sie haben gewiss oft die Erfahrung gemacht sagte der Obrist lächelnd dass
wenn das menschliche Herz eine Zeitlang mit gleicher Macht zwei Leidenschaften
gehegt hat dann plötzlich die eine so gewaltig wird dass sie die andere auf
lange gänzlich unterdrückt Dieser oft schon eingetretene Fall hat sich
erneuert und die heisseste Sehnsucht Ihres Vetters richtet sich auf meine
Tochter deren zärtliche Neigung sich so unschuldig offenbart dass sie Ihnen
nicht hat entgehen können
Aber warum rief der Graf schweigt mein Vetter über dies alles gegen mich
da ein Wort von ihm hinreichend ist um mich für seine Wünsche zu bestimmen
Dieser Mangel an Vertrauen ich gestehe es beleidigt mein Gefühl
Sie haben unrecht sagte der Obrist mit einiger Heftigkeit Sie wissen es
nicht wie Sie bis zur Anbetung beinah von den jungen Leuten geliebt werden und
ich finde es natürlich dass sie ihre Wünsche beherrschen und ihr Leben nach der
besseren Einsicht eines großmütigen erfahrnen Freundes ordnen wollen und
glauben Sie denn dass ich ein Wort gesprochen hätte wenn bloß von der Sehnsucht
der Liebenden die Rede wäre Vor denen breitet sich das Leben noch weit und
herrlich aus und ein kurzer Aufschub ihres Glücks enthält für sie am Ende eben
so viel Süßigkeit als Qual Aber ich teurer Graf ich muss geizen mit den
Stunden irdischen Glückes und soll es möglich sein dass das wunderbare Gefühl
noch mein Herz berührt einen Enkel in den Armen zu halten so muss ich selbst
aus dem Wege räumen was der Verbindung meines Kindes entgegen steht
Unwillkührlich richtete sich das Auge des Grafen auf das silberweisse Haupt
des Greises der ihm gutmütig lächelnd gegenüberstand und er sagte indem er
die Hand desselben innig drückte Nicht eine Stunde will ich ein Glück
verzögern dessen hohen Wert für Sie ich wohl erkenne und ich sehe wieder ein
dass das Gefühl beinah immer sicherer leitet als Überlegung und Berechnung
Ich wusste es wohl sagte der Obrist dass es nur ein Wort kosten würde um
Sie unsern Wünschen geneigt zu machen aber eben darum wurde es mir schwer dies
Wort zu sprechen
Lieber alter Freund sagte der Graf lächelnd es ist ja Ihre Angelegenheit
und nicht meine Es ist ja also natürlich dass Sie darin bestimmen und nicht
ich
Sie wollen erwiderte der Obrist jede Erinnerung daran abweisen dass unser
aller Glück nur allein Ihr Werk ist aber um so lebendiger werden wir es fühlen
Der Graf gab dem Gespräch eine heitere Wendung indem er mit dem Obristen
überlegte wie bald die Verbindung seiner Tochter mit dem Grafen Robert gefeiert
werden könnte und begab sich hierauf zu den Frauen um ihnen mitzuteilen dass
die beabsichtigte Reise seines Vetters aufgegeben und dagegen seine
Verheiratung beschlossen sei
Die Gräfin sowohl als Emilie die sich mehr als sie zeigen wollten dem
Kummer um St Julien überließen fanden Zerstreuung ihres Grams indem sie sich
eifrig mit der Ausstattung ihrer jungen Freundin beschäftigten und mit
zärtlicher Liebe und großmütiger Freundschaft alles darin vereinigten wodurch
das häusliche Leben edel und zierlich gestaltet werden kann
Die glühende Dankbarkeit des Grafen Robert zeigte seinem Oheim wie schwer
das Herz des jungen Mannes den längeren Aufschub seines Glücks ertragen hätte
und Terese drückte mit beredtem Schweigen und seligen Tränen ihre Freundin
Emilie an die klopfende Brust und empfing mit glühendem Erröten und
niedergeschlagenen Augen die reichen Geschenke der Gräfin
Der Graf hatte mit seinem Vetter alle nötigen Verabredungen getroffen Ein
erfahrner Landwirt hatte sich verbindlich gemacht den Letzteren zu begleiten
und mit ihm gemeinschaftlich die großen Besitzungen des Oheims wie seine
eigenen zu verwalten dabei sollte nicht verabsäumt werden die jungen
Landleute in der Vaterlandsliebe zu erhalten und in den Waffen zu üben um in
einer besseren Zukunft die Beide in der Ferne zu erblicken glaubten von ihren
gesammten Kräften Gebrauch zu machen
Schnell waren die wenigen Wochen verflogen die zu den Vorbereitungen einer
ehelichen Verbindung erforderlich waren und der Tag der das Glück der
Liebenden befestigen sollte war erschienen Emilie hatte ihre Freundin edel und
einfach geschmückt und Aller Augen richteten sich bewundernd auf die schlanke
Gestalt der holden Braut als sie an der Hand des Vaters der seine Rührung
nicht bekämpfen konnte in den Saal trat Es schien als ob erst an diesem Tage
die Schönheit der Jungfrau sich in ihrer ganzen Herrlichkeit entwickelt habe
und die leuchtenden Augen des Grafen Robert zeigten dass er sein Glück erkannte
Kein lautes Fest bezeichnete mit unpassendem Getöse die Vereinigung der Herzen
die in ihrer innigen Empfindung dadurch nur verletzt worden wären Auch gesellte
sich mancher ernste Gedanke zu dem Gefühl des Glücks Der Obrist wusste dass er
nicht lange mehr das glückliche Loos seines Kindes betrachten dass er sich nicht
lange mehr der Liebe der Tochter erfreuen würde und seine Gedanken richteten
sich mitten im Gefühl des Glücks auf ein dunkles Grab und mit erhöhter
Zuversicht über dies Grab hinaus Der Graf dachte daran dass sein Name nur in
den Nachkommen seines Vetters fortleben werde und dass St Julien dessen Liebe
ihm Ersatz für alles was er entbehrte gewähren solle von Gefahren umringt
sei die er sich nicht verhehlte wenn er sie auch seiner Gemahlin verschwieg
Die Gräfin teilte trotz dieses Schweigens seine Sorgen und fragte sich mit
stiller Angst und Wehmut ob sie wohl je den Tag erblicken würde an welchem
sie dem Sohne die Geliebte so festlich geschmückt entgegen führen könne und ihr
Auge ruhte mit zärtlicher Trauer auf Emilie die in Tränen lächelnd die
glückliche Freundin umarmte
III
Es waren einige Tage nach der Verbindung des jungen Grafen verflossen und das
neue Ehepaar sowohl als der alte Vater schickten sich an nach Schloss Hohental
abzureisen denn es war verabredet worden dass sie dort wohnen sollten weil von
allen Gütern des Grafen dies die anmutigste Lage hatte und das Schloss selbst
vollkommen darauf eingerichtet war eine Familie in sich aufzunehmen und ihr
alles zu gewähren was zur Bequemlichkeit des Lebens gehört Der Graf Robert
wollte auch seiner Mutter vorschlagen mit den Schwestern bei ihm zu wohnen und
er hoffte dann dieser guten geduldigen Frau die vom Leben beinah nichts als
das Leiden kennen gelernt hatte wenigstens das herannahende Alter zu versüßen
denn er wusste Terese würde ihr eine liebevolle Tochter sein Auch zweifelte er
nicht daran dass die junge Gattin in allen ihr neuen Verhältnissen Rat und
Hilfe bei der sanften erfahrnen Frau finden würde Auf die Ausbildung der
Schwestern konnte der Umgang mit Terese nur vorteilhaft wirken und so sollte
Schloss Hohental welches eine Zeitlang ernst und schweigend auf dem Hügel
geruht hatte von wo aus es das liebliche Tal beherrschte von Neuem ein
heiteres bewegtes Leben in sich aufnehmen
Die Unvollkommenheit alles irdischen Glückes wird dem Menschen dann am
Fühlbarsten wenn seine liebsten Wünsche befriedigt werden denn es gibt keine
Freude ohne die herbe Beimischung des Schmerzes und in das Lächeln des
Entzückens fließt die Träne der Wehmut Diese Wahrheit erfuhr die junge
glückliche Gattin Denn wenn ihre Phantasie in lieblichen Träumen das schöne
Leben der nahen Zukunft auf Schloss Hohental ausbildete und sie unbewusst die
glänzenden Bilder des Glückes anlächelte so fühlte sie in demselben Augenblick
die warmen Tränen auf ihren Wangen denn um dies Glück zu erreichen musste sie
die Gräfin und Emilie verlassen und dieser Gram breitete einen leichten
Wolkenschatten über den heiteren Himmel ihrer Zukunft
Ehe noch die Abreise der Neuvermählten erfolgt war traf ein Brief des
Predigers aus Hohental ein der sich ernstlich über den Arzt beschwerte und den
Grafen bat ihm nicht die Schuld davon beizumessen dass der Bau des Hauses auf
dem Gute desselben noch nicht begonnen wäre obgleich der Sommer schon großen
Teils verstrichen sei Er habe zwar versprochen die Leitung dieses Baues zu
übernehmen jedoch natürlich nur in so weit als seine Kenntnisse dazu
ausreichten Er habe also einen Riss entworfen wonach das Gebäude größer und
bequemer als das Pfarrhaus hätte werden können aber der Hochmut des Arztes sei
damit nicht zufrieden er wolle durchaus dass sein künftiger Wohnsitz ein
kleines Schloss werden solle und bestehe vor allen Dingen auf einem auf Säulen
ruhenden Balkon Über diesen Gegenstand sei so viel hin und her gestritten
worden dass man die Zeit darüber verloren habe und er der Prediger sich nun
genötigt sehe sein Versprechen zurückzunehmen da er sich nicht darauf
einlassen könne Paläste erbauen zu lassen weil so weit seine Kenntnisse nicht
reichten und er auch nicht notwendig fände weder für den Arzt noch für dessen
künftige Schwiegermutter dass sie Paläste bewohnten Eine große Empfindlichkeit
gegen den Arzt war in diesem Schreiben nicht zu verkennen und der Prediger
erwähnte es kaum dass seinen eigensinnigen Freund oft das lange Ausbleiben
seiner künftigen Schwiegermutter beunruhige um so mehr da er keine Briefe von
ihr erhielte welches doch wie der Geistliche mit Bitterkeit bemerkte nicht zu
verwundern sei denn diese Dame ob sie gleich jetzt einen Palast mit einem
Balkon bewohnen sollte werde gewiss noch so viel von ihrem früheren demütigeren
Stande an sich haben dass ihr das Schreiben als eine unnütze Beschäftigung
erschiene Der Graf sah aus diesem Briefe deutlich dass der tägliche ungestörte
Umgang zwischen dem Arzte und dem Geistlichen nachteilig auf Beide gewirkt
hatte und dass sie sich wahrscheinlich für ihr ganzes Leben entzweien würden
wenn nicht bald ein Anderer vermittelnd dazwischen träte Es war ihm also auch
aus diesem Grunde angenehm dass sein Vetter dahin zurückkehrte von dem er
hoffen durfte dass er die kleinen Feindseligkeiten in der Hohentaler
Gesellschaft noch im Keime unterdrücken werde Er ließ einen Riss eines artigen
Landhauses mit einem auf Säulen ruhenden Balkon anfertigen und sein Vetter der
auch mehr als der Geistliche durch seine mathematischen Kenntnisse dazu geeignet
war versprach den Bau desselben zu leiten Nach zwei Tagen war die Abreise der
Neuvermählten und des Obristen festgesetzt als man durch die Ankunft der Frau
Professorin überrascht wurde Obgleich gewandt in Geschäften und auch nicht
durch weibliche Schüchternheit in der Ausführung gehindert hatte sie doch mehr
Hindernisse gefunden bei dem Bemühen das nachgelassene Vermögen ihres
verstorbenen Mannes zusammenzubringen als sie vermutet hatte Jetzt war nun
Alles glücklich beendigt und ihr Gesicht strahlte vor Freude als sie ihre
Tochter erblickte die sich eben bei der Gräfin befand und vernahm dass auch
der junge Graf mit seiner Gemahlin nach der geliebten Heimat zurückkehren
wolle Kaum geringer war die Freude der Tochter denn wenn auch der Aufenthalt
in Berlin vorteilhaft auf ihre Sitten und Bildung gewirkt hatte so sehnte sie
sich doch herzlich nach dem freieren Leben in der Natur. Die Herrlichkeiten der
Hauptstadt ob sie sie gleich mit der heiteren Unbefangenheit eines Kindes
genoss hatten keinen so tiefen Eindruck auf ihr Gemüt gemacht dass sie ihr
dadurch Bedürfnis des Lebens geworden wären und die zierlichen jungen Männer
die zuweilen den Kreis ihres Umgangs berührten waren nicht glücklicher denn
sie stellte unaufhörlich Vergleichungen zwischen ihnen und ihrem Vater und
Bräutigam an und gewiss würden die jungen Herren aufs Höchste überrascht
gewesen sein wenn sie beide Personen gekannt und gewusst hätten dass diese
Vergleichungen zu ihrem Nachteil ausfielen Die junge Marie betrachtete die
liebenswürdige Jugend mit einiger Geringschätzung Sie vertraute ihrer Freundin
Terese zu der sie ein besonderes Vertrauen hatte zuweilen die jungen
zierlichen Herren die so viel Sorgfalt auf ihre Haarlocken und Halsbinden
verwendeten nach allen Wohlgerüchen der Erde dufteten sich immer einem Spiegel
gegenüber zu halten suchten schienen ihr oft verkleidete Mädchen und sie käme
zuweilen in Versuchung ihnen zur Unterhaltung eine weibliche Arbeit anzubieten
wenn sie die große Langeweile bemerkte die auf ihren Gesichtern ruhte und sie
überzeuge sich nur dann wieder dass diese geputzten Wesen keine Mädchen wären
wenn sie auf einmal mit großer Heftigkeit über die Notwendigkeit sich zum
Kriege zu erheben sprächen und Buonaparte vom Throne stoßen wollten höchst
lächerlich aber käme es ihr alsdann wieder vor wenn sie mit derselben
Heftigkeit für oder wider eine Schauspielerin stritten und die gleiche
leidenschaftliche Begeisterung für die eine oder andere an den Tag legten die
sich in den nächst vorhergehenden Gesprächen für ihren Lieblingshelden Schill
offenbart hätte Ja schloss sie ihre Bemerkung ich glaubte alle diese für das
Vaterland Begeisterten würden nun mitziehen und die Taten ausführen helfen die
sie für notwendig erklären aber mir scheint sie sind alle hier geblieben
Terese scherzte mit dem angenehmen Kinde zuweilen über ihre große Abneigung
gegen die jungen Herren und fragte ob sie denn gar nichts an dem Arzte
auszusetzen fände
O ich bin nicht so blind erwiderte die Kleine dann ernstaft Ich sehe es
wohl dass ihm die Kleider nicht so gut sitzen wie den hiesigen jungen Herren
und wenn ich seine Frau bin werde ich es ihm abgewöhnen dass er beim Tanze so
hoch mit einwärts gebogenen Knieen springt oder noch besser er unterlässt das
Tanzen ganz denn es kleidet ihn nicht und er kümmert sich dabei nicht um den
Takt Aber ist es denn nicht natürlich dass er diese Künste nicht so gut zu
machen versteht wie die hiesigen jungen Herren die wie es scheint nichts
Anders zu tun haben Kann er seine Aufmerksamkeit auf solchen Tand richten da
er Tag und Nacht studiert wie er den Menschen die an irgend einem Gebrechen
leiden helfen könne Gewiss sind schon Viele durch ihn gesund geworden und
glücklich und blicken ihm dankbar und freundlich entgegen wenn sie ihn kommen
sehen ohne darauf zu achten wie er seine Füße setzt und das denke ich ist
mehr wert als alle die Possen die man hier in der Stadt treibt
Terese hütete sich in solchen Fällen der Ansicht ihrer jungen Freundin zu
widersprechen denn da die Tochter eben so entschieden wie die Mutter eine
Verbindung mit dem Arzte als das Ziel ihres Lebens betrachtete so wäre es ein
Unglück gewesen wenn das junge Mädchen ihren Geschmack für äußere Vorzüge des
männlichen Geschlechts verfeinert hätte
Der Graf teilte der Frau Professorin die Zwistigkeit zwischen ihrem
künftigen Schwiegersohne und dem Geistlichen mit und indem er ihr die
Veranlassung dazu sagte zeigte er ihr zugleich den Riss des künftigen
Wohnhauses den er hatte entwerfen lassen und bat sie so lange im Schloss zu
wohnen bis sein Vetter der junge Graf diesen Bau würde ausgeführt haben
Mit leuchtenden Augen betrachtete die Wittwe des Professors den Plan des
Hauses den ihr der Graf erklärte und je mehr sie die Zweckmässigkeit und
Bequemlichkeit der Einrichtungen erkannte je höher stieg ihr Entzücken bis
sich zuletzt die Freude in dankbare Rührung auflöste und die großen auf das
Papier niederströmenden Tropfen die Zeichnung zu verderben drohten Ja sagte
sie endlich zum Grafen gewendet Sie handeln gegen alle Menschen wie einer
der hoch über ihnen steht aus dessen Herz nur Wohlwollen aus dessen Händen nur
Segen kommt und Gott verzeihe mir meine Sünden ich fühle eine Art Andacht
wenn ich an Sie denke Wären alle hohen großen Edelleute in Frankreich so
gewesen wie Sie sind die Revolution hätte gar nicht kommen können denn Wer
hätte dann wohl Hand an einen Edelmann legen mögen und Buonoparte müsste es sich
dann vergehen lassen uns zu drücken und alles was ihm einfällt uns zu
verbieten
Der Graf wollte das Gespräch ablenken und sagte lächelnd Es freut mich dass
Ihnen der Plan zum Hause gefällt und noch größere Freude wird es mir machen
wenn ich Sie erst darin besuchen kann
Nun rief die Professorin entzückt wenn Sie mir die Ehre erweisen so werde
ich Sie bei mir so aufnehmen dass Sie meine Dankbarkeit erkennen werden und in
dem schönen Hause fuhr sie fort indem sie die Hand auf die Zeichnung legte
werde ich das können Mein Vetter bemerkte sie indem sie den Riss von Neuem
betrachtete ist ein hochmütiger Mensch dass weiß ich von Alters her aber
warum sollen wir denn keinen Balkon haben Das sehe ich denn doch auch nicht
ein Von dem Prediger ist es doch auch nur Neid wenn er sich dem widersetzt Er
will nicht dass wir es besser haben sollen als er und wenn Sie es uns gönnen
warum sollen wir dann das Gute nicht genießen Mag er sich ärgern wie er will
ich freue mich selber auf den Balkon ich kann da oben sitzen wie auf einem
kleinen Turme und von der einen Seite einen großen Teil der Wirtschaft
übersehen und ich leugne auch nicht dass es mir angenehm ist wenn mein Vetter
der Schulze sieht was aus seiner Muhme geworden ist Der nimmt gewiss den Hut
schon auf dem Hofe ab wie vor dem herrschaftlichen Schloss wenn er zu uns
kommen will und dies Gebäude erblickt
Die Zuhörer der Professorin waren zu gutmütig als dass das Lächeln auf
ihren Gesichtern etwas Anderes als Wohlwollen ausgedrückt hätte Man gönnte es
der ehemaligen treuen Dienerin dass sie auf ihre Weise glücklich war und der
Graf Robert nahm sich sogar vor ihr noch manche angenehme Überraschung zu
bereiten da er bemerkte dass sie nicht ganz unempfindlich gegen Anmut und
Zierlichkeit war wie er früher geglaubt hatte In dieser wohlwollenden Stimmung
wurde die Reise nach Hohental von allen Personen angetreten die ihre
Bestimmung dahin führte und dem Grafen der Gräfin und Emilie wurde die
Einsamkeit fühlbar nachdem sie den Schmerz des Abschiedes überstanden hatten
Auf Schloss Hohental dagegen regte sich Leben und Tätigkeit Der Graf
Robert hatte seine Mutter von seiner Abreise aus Berlin benachrichtigt und er
hatte die Freude sie den Tag nach seiner Ankunft auf Schloss Hohental mit den
Schwestern zu begrüßen Der Obrist hatte nichts gegen den Plan einwenden wollen
den in reiner Freude eines dankbaren Sohnes der Graf Robert entworfen hatte mit
der Mutter vereinigt zu leben Aber er fürchtete im Stillen für das Glück seines
Kindes denn er hatte im Laufe seines langen Lebens die Erfahrung gemacht dass
selten die Mutter des Mannes die junge Gattin desselben mit Liebe betrachtet
ja dass oft je mehr der Sohn selbst von der Mutter geliebt wird um so
deutlicher eine seltsame Abneigung gegen dessen Gattin sich zeigt die sich
nicht anders erklären lässt als dass eine eigensüchtige Neigung eifersüchtig die
Liebe des Sohnes ausschließend auf sich lenken möchte Er wurde daher angenehm
überrascht als er bald gewahr wurde dass in dieser sanften demütigen Frau
seine Tochter nicht nur eine Mutter sondern er selbst eine treue Freundin
gewann die ihm die Beschwerden des Alters zu erleichtern und die letzten Jahre
seines Lebens zu verschönern suchte
Da auch diese Besorgnis verschwunden war die ihn auf der Reise geängstigt
hatte so fühlte der Greis sich vollkommen glücklich Wie ein Patriarch tronte
er im Lehnsessel in der Mitte seiner Lieben Jeder suchte ihm seine Liebe und
Achtung zu beweisen Niemand reizte ihn durch Widerspruch wie er ihn in Berlin
erfahren hatte denn der Arzt der sogleich pflichtgemäss die Sorge für seine
Gesundheit übernahm untersagte es allen Hausgenossen durch lebhafte Anregungen
die schwachen Lebenskräfte des sich dem Grabe zuneigenden Greises zu zerstören
dessen Tage auf diese Weise im süßesten Frieden der Seele und in aller
Behaglichkeit eines sorgenlosen Lebens dahin schwanden Und kam der Abend der
ihm jedes Mal die Sehnsucht nach einer lHombrePartie brachte so fehlten seine
beständigen Mitspieler der Prediger und der Arzt niemals und wurde ja einer
von ihnen durch seinen Beruf ein Mal abgehalten so nahm die Mutter des Grafen
Robert willig die Karten und verkürzte dem Greise die Stunden durch seine
gewohnte Unterhaltung
Der Prediger und der Arzt hatten sich durch die Vermittlung des Grafen
Robert leicht mit einander versöhnt und betraten von Neuem den Pfad der ihnen
zum Bedürfnis gewordenen Freundschaft Der Prediger war geneigt die
Zwistigkeiten mit dem Freunde zu vergessen denn er fühlte sich im Grunde in
allen Verhältnissen des Lebens durch seinen klaren Verstand und richtigen Blick
so sehr über den Arzt erhaben dass er alles was er dessen Torheit nannte
ruhig verachtete und der Arzt war zu glücklich als dass er ein feindliches
Gefühl im Herzen hätte bewahren können
Er betrachtete mit Entzücken die gänzliche Veränderung die der Aufenthalt
in Berlin mit dem Äußeren seiner Braut hervor gebracht hatte Ein schüchternes
blödes sich oft linkisch benehmendes Kind war hingegangen und eine junge Dame
kam zurück die sich in Kleidern nach der letzten Mode ohne Zwang bewegte ohne
Verlegenheit an allen Gesprächen Teil nahm und wenigstens eine oberflächliche
Kenntnis der Literatur verriet und dennoch ruhten trotz aller dieser
erlangten Vorzüge die blauen Augen noch mit derselben Teilnahme auf ihm wie
früher und wie zerstreut er auch war so hörte er doch dass der Klang ihrer
Stimme gefühlvoller war wenn sie mit ihm sprach als wenn sie ihre Worte an
Andere richtete Das ihm neue beseligende Gefühl des Glücks geliebt zu
werden gab seinem ganzen Wesen eine Weichheit die ihn mehr als je geneigt
machte alles zu verzeihen wodurch er sich beleidigt glaubte Selbst abgesehen
von dieser glücklichen Stimmung wie hätte er nicht versöhnlich sein sollen
er trug ja einen vollkommenen Sieg über den Prediger davon sein künftiges
Wohnhaus wurde mit einem Balkon gebaut und die ganze Einrichtung desselben viel
schöner als er es hätte ersinnen können Er hatte schon im Frühlinge einen
Teil seines Gartens mit ausländischen Sträuchern und Gewächsen bepflanzen
lassen von denen ihn Bücher die er zu diesem Behufe angeschafft lehrten wie
sie behandelt werden müssten wenn sie in unserm Klima gedeihen sollten und er
nannte den Raum auf dem diese Gewächse vereinigt waren seinen botanischen
Garten Aber freilich gewährte dieser einen traurigen Anblick denn da der Arzt
den Gärtner in der Behandlung der Pflanzen unterrichtete und durchaus darauf
bestand dass sie ganz nach seiner Vorschrift gewartet werden sollten so gingen
die meisten aus welches der Gärtner ganz natürlich fand der sich oft äußerte
wenn der Arzt die Sache nur ihm überlassen und den armen Pflanzen Ruhe gönnen
wollte so würde sie Gott eben so gut wachsen lassen wie andere unter seiner
Pflege befindliche im Treibhause des Schlosses Dies Misslingen seiner Anlage
hatte den Arzt oft verdrießlich gemacht und ihn dem Spotte des Predigers
ausgesetzt Aber nun richtete er die kleinen scharfen Augen im Gefühle des
Sieges auf den spottenden Freund denn es hatte ihm nur ein Wort gekostet und
der Graf Robert hatte ihm versprochen ein Treibhaus mit dem neuen Gebäude zu
verbinden und die Pflanzen aller Himmelsstriche konnten dann durch den
geschickten Gärtner des Schlosses gezogen werden
Mit dem Gefühle inniger Dankbarkeit überrechnete der Arzt oft sein Glück
Ein anständiges Auskommen eine junge schöne ihn schwärmerisch liebende Braut
ein prächtiges einem adlichen Wohnsitze ähnliches schon im Entstehen
begriffenes Haus daran ein Treibhaus und ein botanischer Garten darin eine
Bibliothek und ein Naturalienkabinet für alle Genüsse des Leibes und Geistes
also auf alle Weise gesorgt dabei geachtet von seiner Umgebung glücklich in
seinen Launen Dankend hob er nach solchen Betrachtungen die Hände zum Himmel
empor die kleinen Augen glänzten in Tränen seliger Rührung und er versprach
sich selbst sein Glück würdig zu genießen und bescheiden und dankbar zu
bleiben
Die Frau Professorin hatte freiwillig die Führung des Haushalts im Schloss
übernommen weil der tätigen Frau Beschäftigung Bedürfnis war Aber sie
bemerkte oft dass die Abwesenheit Dübois nur zu sichtbar sei denn die Ordnung
die Ruhe der Anstand und das vornehme Wesen welches er zu erhalten verstehe
werde nie ganz ohne ihn erreicht werden eine Anerkennung die den alten Mann
entzückt haben würde wenn er sie hätte vernehmen können
So wohl und glücklich fühlten sich alle Bewohner des Schlosses Hohental
während die eigentlichen Besitzer manchem Kummer im Herzen Raum gaben
IV
Nach der Abreise ihrer geliebten Freunde wurde die dadurch entstehende Lücke in
der gräflichen Familie in Berlin sehr fühlbar und der Trübsinn wurde
gesteigert weil keine Nachrichten von St Julien eintreffen wollten Es war nur
zu deutlich dass die Freude der Spanier über einen Herrscher aus Napoleons
Geschlecht nicht so groß war als dessen Bulletins der Welt verkünden wollten
und die Sorge um den Sohn und Geliebten senkte sich schmerzlich in die Brust der
einsamen Freunde Jeder suchte den Andern zu schonen und wollte deshalb seine
Sorgen nicht bekennen aber der verschwiegene Gram nagte sichtlich an Aller
Herzen Wie ein elektrischer Schlag zuckte daher die Freude durch jede Brust und
lähmte für einen Augenblick die Kraft der Glieder als endlich ein großes Paket
eintraf welches außer den Briefen voll zärtlicher Liebe für die Mutter und
glühendem Gefühl für die Braut noch eine Art von Tagebuch für den Grafen
enthielt worin sich auf jeder Seite das kindliche Gefühl eines guten Sohnes
aussprach und welches zugleich eine kurze Darstellung der Begebenheiten in
Spanien enthielt so weit sie ohne Gefahr für den Schreiber und Empfänger
berührt werden durften Nachdem er die weltgeschichtlichen Begebenheiten die
unter seinen Augen sich ereignet flüchtig angedeutet hatte sagte er unter
Anderem Bald nach des Königs Joseph glänzendem Einzuge in die neue Hauptstadt
seines Reiches wurde ich von Vittoria mit Depeschen an ihn gesendet und ich
leugne nicht dass ich gern die Gelegenheit ergriff die sich dort neu
gestaltende Welt in der Nähe zu sehen und ein poetisches Gefühl ließ es mich
höchst reizend denken an den Ufern des Manzanares zu wandeln obgleich es mir
bekannt war dass die Lage der Hauptstadt in Ansehung ihrer malerischen und
poetischen Umgebung weit hinter der anderer Städte des Reichs zurück steht
Ich fand den König Joseph von einem glänzenden Hofe umgeben der freilich
zum großen Teil aus Franzosen bestand Aber es ist auch nicht zu leugnen dass
viele vorzügliche Geister sich ihm anschließen die durch seinen Einfluss und
Napoleons mächtige Hilfe die Fesseln des Geistes abzuwerfen hoffen unter deren
Druck Spanien so lange schmachtet so dass die edelsten Kräfte einer grossherzigen
Nation seit lange einer großen Teils unwürdigen Geistlichkeit zur Befriedigung
eigensüchtigen Verlangens dienen Ja der aufgeklärte Teil der Geistlichkeit
selbst seufzt nach der Erlösung von diesem Joche Um so sorgfältiger aber sucht
der bei Weitem größere Teil derselben den beschränkten Sinn des Volkes vor
jedem eindringenden Lichtstrahle zu bewahren denn sie fühlen natürlich dass die
Wurzel ihrer Macht erschüttert werden muss wenn das Volk aufhört zu glauben dass
Seligkeit und Verdammnis unmittelbar in den Händen der Priester ruht Wir werden
also nicht bloß den Kampf zu bestehen haben der durch ein verwundetes
Nationalgefühl erregt ist sondern unser furchtbarster Feind ist der Fanatismus
den die Priester zu ihrem eigenen Vorteile sowohl als zu Gunsten Ferdinands im
Volke erregen und durch alle Mittel die ihnen zu Gebote stehen stärken und
nähren
Diese Betrachtungen drängten sich mir auf so flüchtig auch nur die
Beobachtungen waren die ich anstellen konnte denn kaum hatte ich am Morgen
meine Depeschen abgegeben und mich dem Könige vorstellen lassen der mich mit
großer Huld empfing als ich auch schon von so vielen Bekannten umringt und in
so viele Zerstreuungen verwickelt wurde dass mir keine Zeit zu ernsten
Beobachtungen blieb Als die Seele aller Gesellschaften hörte ich einen
liebenswürdigen deutschen Baron allenthalben nennen der sich dem Hofe des
Königs angeschlossen hatte und von diesem selbst als ein geistreicher und
unterrichteter Mann und angenehmer Gesellschafter besonders ausgezeichnet
wurde Auch bei den Damen hatte dieser Fremde viel Glück und eine reiche
vornehme und schöne Frau die der König selbst oft mit seinem Besuch beehre
habe sich ganz offen für ihn erklärt hieß es so dass man erwartete die große
Neigung werde Beide zu einer ehelichen Vereinigung bestimmen und der König werde
dann den aus einem alten Geschlecht abstammenden Deutschen mit sehr bedeutenden
Ehrenstellen bekleiden
Da ich diesen gefeierten Mann von allen Seiten als ein Ideal der
Liebenswürdigkeit preisen hörte so wurde endlich meine Neugierde erregt und ich
fragte nach seinem Namen Viele wussten diesen gar nicht Er war ihnen bloß als
der liebenswürdige deutsche Baron bekannt oder als Don Fernando Endlich nannte
ihn mir ein besser Unterrichteter als Baron Schlebach und mir fiel ein dass ein
solcher ja unser Verwandter sein müsse weil ja dies auch der Name meiner Mutter
ist und ich beschloss mich mit ihm bekannt zu machen
Der Tag war mir unter mannichfachen Zerstreuungen verschwunden und am Abend
war Zirkel bei Hofe wo auch ich erscheinen musste Es war eine glänzende
Versammlung die sich vereinigte und es hätte mir wohl mancher der Anwesenden
wichtig sein können wenn nicht meine Aufmerksamkeit auf einen einzigen
Gegenstand wäre gelenkt worden Dort steht der deutsche Baron flüsterte mir ein
Bekannter zu Meine Augen folgten dem Winke der seinigen und trafen auf einen
Blick dessen Schärfe und Kälte mir ein bekanntes Bild hervorriefen das ich
doch nicht festzuhalten vermochte In dem Augenblicke redete der König den Baron
freundlich an und das anmutige Lächeln des in der Tat schönen Mundes
verbreitete einen eigenen Reiz über das blasse von dunkelm Haar umlockte
Gesicht Die Kälte und Schärfe schwand aus den dunkeln Augen und die schlanke
reichgekleidete Gestalt erhöhte den angenehmen Eindruck und doch wurde indem
der König sich von ihm wendete und er zurücktrat ein gemeiner Hochmut in
seinen Mienen und Gebehrden sichtbar der auf einmal meinem Gedächtnisse zu
Hilfe kam und mich an den Sekretair des Kommandanten der Festung
erinnerte der uns damals so übermütig behandelte und den Sie mir als den Sohn
eines Ihrer ehemaligen Beamten bezeichneten Ich wollte mich eben diesem
unbekannten Verwandten nähern als der König mich erblickte und mich an meine
Stelle fesselte indem er sich mir näherte und auch mich durch eine freundliche
Anrede auszeichnete Die Unterhaltung hatte einige Minuten gewährt Als sich der
König darauf zu Andern wendete suchten meine Blicke den Baron vergebens Ich
weiß nicht hinter welche Gruppe er sich zurückgezogen hatte denn spät erst
als der Zirkel sich auflöste sah ich ihn noch einen Augenblick indem er mit
vielen Andern die Appartements verließ und zwar in solcher Entfernung dass ich
eine in den königlichen Sälen unschickliche Eile hätte anwenden müssen um ihn
zu erreichen
Meine Neugierde war durch diese kleinen Umstände erhöht worden und ich ließ
mich bei der Dame seines Herzens des andern Tages vorstellen einer schlanken
edel gebauten Spanierin deren dunkle gebietende Augen eine Glut ausströmten
die entzücken oder erschrecken musste Sie lud mich mit aller liebenswürdigen
Gastfreundschaft der Spanier ein an ihren Abendgesellschaften Teil zu nehmen
und versicherte mir dass ich in diesen Kreisen manchen Mann antreffen würde der
der Stolz seines Vaterlandes sei wie auch manchen bedeutenden Fremden Ich
dankte für ihre gütige Einladung indem ich sie annahm und sie erwiderte dass
sie jedem Franzosen mit Vergnügen ihr Haus öffne weil sie von dem französischen
Einfluss hoffe dass er Spanien von dem geistigen Druck befreien werde unter
welchem es so unwürdig schmachte Ich machte die schöne für ihr herrliches
Vaterland mit Recht begeisterte Dame darauf aufmerksam dass sich doch ein
kräftiger Widerstand und zwar nicht bloß vom Volke aus gegen unsere Einwirkung
zu offenbaren anfange Das ist unser Unglück sagte sie schmerzlich seufzend
Der Stolz der Spanier weist die fremde Hilfe zurück und würde das unermessliche
Unglück beweinen das daraus entspringen müsste wenn die Versuche gelingen
sollten sich dem fremden Einflusse zu entziehen denn die ganze Masse des
Volkes wird von der Geistlichkeit in den Fesseln des dumpfen Aberglaubens
gehalten und es wird diese Kette die es in seiner Blindheit für sein Heil und
seinen Ruhm hält bis auf den letzten Blutstropfen mit der Tapferkeit echter
Spanier verteidigen und viel zu gering ist die Zahl der Einsichtsvollen das
Bessere Erkennenden als dass sie nicht der Masse erliegen müssten Desshalb
bedürfen wir der fremden Hilfe um das murrende Volk wider seinen Willen zu
seinem Heile zu leiten und wenn uns dafür die Flüche des jetzigen Geschlechts
treffen so wird der Segen des künftigen diese Last wieder von uns nehmen Ich
fand mich berufen politische Streitfragen mit der schönen Dame zu erörtern und
verabschiedete mich in der schönen Hoffnung die Bekanntschaft eines mir etwas
rätselhaften Verwandten bei ihr zu machen
Es war natürlich dass ich noch denselben Abend von der Erlaubnis Gebrauch
machte und den glänzenden Kreis vermehrte der sich um die schöne Frau
versammelte Aber wenn ich am Morgen die gebietende Hoheit ihrer Miene bewundert
hatte die doch auf eine wunderbare Weise mit Zärtlichkeit und selbst Schalkheit
gemischt war so lag am Abend Schmerz und Trauer unverkennbar auf der edelen
Stirn der Mund zwang sich zum Lächeln um die freundlichen Reden der Gäste zu
beantworten aber selbst dies Lächeln hatte einen schmerzlichen Ausdruck Ich
gestehe indes dass ich keinen lebhaften Anteil an dem sichtbaren Kummer der
schönen Frau nahm meine Augen suchten in dem glänzenden Kreise den deutschen
Baron und suchten ihn vergeblich
Endlich richteten einige nähere Bekannte die Frage gerade zu an die Dame des
Hauses wie es komme dass man den liebenswürdigen Don Fernando diesen Abend
vergeblich erwarte Es schien seine liebenswürdige Freundin hatte nur diese
Frage erwartet um ohne Rückhalt den Schmerz ihres Busens zu entfesseln Sie
teilte den Freunden mit dass er sie noch diesen Morgen vollkommen gesund
besucht habe kurz nachdem Sie mich verlassen hatten sagte sie indem sie sich
an mich wendete Ich teilte ihm meine Freude über meine Bekanntschaft mit Ihnen
mit und er schien lebhaften Anteil daran zu nehmen aber bald darauf wurde er
von heftigem Schwindel befallen Er fuhr nach Hause und nun erfahre ich auf
meine Erkundigungen dass er ernstlich krank ist und das Bett vielleicht in
mehreren Tagen nicht verlassen kann
Die ganze Gesellschaft bewies die lebhafteste Teilnahme für Don Ferdinand
und Jeder versicherte ihn des andern Morgens besuchen zu wollen um sich von
seinem Befinden zu unterrichten Ich war nicht der letzte der diesen Entschluss
fasste denn ich wollte die Zweifel die immer lebendiger in mir aufstiegen auf
jeden Fall aufzuklären suchen
Ich säumte also nicht mich in Begleitung eines Bekannten der mich
vorstellen sollte nach seiner Wohnung zu verfügen sobald es am andern Morgen
die Schicklichkeit erlaubte zu einem Kranken einzudringen Aber meine Hoffnung
wurde getäuscht denn wir wurden an der Türe höflich mit dem Bescheide
abgewiesen dass Don Fernando sich so übel befände dass er Niemand empfangen
könne Drei Tage nach einander setzte ich hartnäckig meine Belagerung fort
Endlich gab ich die fruchtlose Bemühung auf in der Meinung dass der Kranke doch
endlich wieder sichtbar werden müsse Nach einigen Tagen aber wurde mir
angezeigt dass ich meine Depeschen beim Minister in Empfang nehmen und meine
Rückreise nach Vittoria antreten könne Ich zögerte natürlich nicht meine
Pflicht zu erfüllen und war in derselben Stunde bereit abzureisen als mir der
König melden ließ ich möge meine Abreise bis zum andern Tage verschieben weil
er mir den Morgen um neun Uhr noch einige Aufträge selbst erteilen wolle Ich
musste diesem Befehle gehorchen und ich hatte am andern Morgen die Aufträge des
Königs vernommen die es ihm besser däuchte mir mündlich zu vertrauen als sie
in Depeschen mitzuteilen deren Beförderung immer unsicher ist weil es tausend
Möglichkeiten gibt sie dem Überbringer zu entreißen da im Gegenteile ein
Mann von Ehre die ihm anvertrauten Dinge wenigstens mit in sein Grab nimmt ohne
sie zu verraten wenn selbst Tod oder Gefangenschaft ihn hindern sollte sie
gehörigen Orts mitzuteilen Der König hatte mich sehr freundlich sehr
wohlwollend entlassen und ich dachte in diesem Augenblick am Wenigsten an
unsern sich rätselhaft verbergenden Verwandten als ich im Vorsaale plötzlich
auf ihn stieß und wir uns ganz nahe gegenüber standen indem er in demselben
Augenblick durch eine Türe in den Saal trat während ich mich durch dieselbe
entfernen wollte Er war bei meinem Anblick sichtbar überrascht doch hatte er
im Augenblick seine Fassung wieder gewonnen und schien eben so schnell den
Entschluss gefasst zu haben mir nicht mehr ausweichen zu wollen da dies ohne
sehr auffallend zu handeln nicht mehr geschehen konnte Dies alles war die
Sache eines Augenblicks und ich wollte ihn eben anreden als sein gutes
Geschick ihn abermals und vielleicht auf immer von mir erlöste denn indem ich
ihn anreden wollte winkte ein Kammerherr des Königs ihn in die inneren Zimmer
desselben hinein Sichtbar beruhigt schlüpfte der Verlegene mit einer leichten
Verbeugung bei mir vorbei um dem ihn befreienden Winke zu folgen und ich trat
meine Reise nach Vittoria an ohne etwas Näheres von diesem rätselhaften Baron
erfahren zu haben
Als der Graf diese Mitteilung St Juliens aufmerksam gelesen hatte wurde
ihm seine frühere Vermutung zur Gewissheit dass nämlich in jenem dem alten
Lorenz gemeldeten Duell nicht dessen unwürdiger Sohn sondern der Baron
geblieben sei dessen Name nun von dem jungen Lorenz benutzt worden sei um sich
in Verhältnisse zu drängen die ihm auf andern Wegen wahrscheinlich unerreichbar
geblieben wären Der Graf überlegte ob es nicht seine Pflicht sei Schritte zu
tun um einen Betrug zu enthüllen der vielleicht eine liebenswürdige Frau zur
Beute eines Abendteurers machte denn dies war doch eine ausgemachte Sache dass
dieser Don Fernando der Bruder seiner Gattin nicht war wenn er selbst nicht der
junge Lorenz sein sollte Um aber ganz sicher zu gehen und Niemanden ohne Not
zu beleidigen beschloss er auf jeden Fall vorher genaue Erkundigungen
einzuziehen ob etwa noch ein anderer Baron Schlebach lebe und sich in Spanien
aufhalte der Gräfin aber nichts davon zu sagen dass er überzeugt sei der
Bruder dessen Rückkunft sie zuweilen fürchtete ruhe schon längst im Grabe
Die Sorge um den geliebten Sohn schob bald jede andere Betrachtung in den
Hintergrund der Seele zurück denn in Spanien entwickelten sich Kämpfe und
Gefahren die für sein Leben täglich zittern ließ und wenn die Freude das
Herz auf kurze Zeit bewegte und die Augen entzückt auf den Zügen der geliebten
Hand ruhten so wandelte die Betrachtung gar bald die Tropfen der Freude in
Zähren der Wehmut denn wenn sich auch die Eltern und die Geliebte an diesen
Briefen erfreuten die heitere Gesundheit und zärtliche Liebe atmeten so war
doch schon ein langer Zeitraum seit ihrer Abfassung verstrichen und in dieser
langen Zeit konnten Gefechte genug vorgefallen sein die das teure Leben
gefährdet hatten So nahte der Winter trübe und traurig Der Herbst hatte die
Hoffnung gewährt dass wenigstens die dumpfe Ruhe des drückenden Friedens in
Deutschland bestehen könne aber auch diese Hoffnung war entschwunden und
Oestreich rüstete sich zum erneuerten Kampfe Napoleon entwickelte eine
bewundernswürdige Tätigkeit In kurzer Frist war ein sieggewohntes Heer
vereinigt und das traurige Schauspiel sollte sich erneuern Deutsche sollten
wieder gegen Deutsche kämpfend erblickt werden und die deutsche Erde sollte von
Neuem das Blut der eigenen Kinder trinken und in ihrem Schoss die Leichen ihrer
von deutscher Hand erschlagenen Söhne verbergen
Nicht alle französischen Truppen hatten aus Spanien hinweg gezogen werden
können aber unter denen die an den Rhein beordert waren befand sich das
Regiment in welchem St Julien diente und Eltern und Geliebte hatten
wenigstens den Trost ihn sich näher zu wissen
Niemals war die Hoffnung so allgemein so lebendig gewesen als nach
Oesterreichs Kriegserklärung vielleicht nur weil der Druck unter welchem die
Völker seufzten immer lästiger ihr Unglück immer schmerzlicher wurde Aber wie
dem auch sei es konnte dem Beobachter nicht entgehen dass es nur einer
siegreichen Schlacht bedurft hätte und ein großer Teil Deutschlands hätte sich
schon damals dem österreichischen Heere wider Napoleon angeschlossen aber die
Schlachten gingen verloren und unaufhaltsam wie ein reissender Strom drangen
Napoleons Heere vorwärts
Alle Hoffnungen die man damals auf Österreich setzte gingen unter und
auch die laut mit Frankreich Krieg verlangende Berliner Jugend verstummte denn
ihr Held in dem sie den Erretter den Befreier Deutschlands zu sehen wähnte
war gefallen mit Heldenmut zwar aber für sein Vaterland völlig nutzlos und
die Überreste seiner tapfern Schaar die nicht so glücklich waren entfliehen
und sich verbergen zu können fielen einem Feinde in die Hände der sie nicht
mit großmütiger Schonung behandelte sondern sie das härteste Schicksal
erdulden ließ
Wer auch von Schills gewagtem Unternehmen nicht die Hoffnungen hegte die
seine lauten Bewunderer aussprachen musste dennoch das unglückliche Ende eines
Mannes schmerzlich beklagen der Gutes und Großes wollte aber seine Zeit
missverstand und deshalb der Zeit vorgriff
Die Gräfin und Emilie lebten in dieser Zeit in qualvoller Angst Dem Grafen
selbst bangte für den geliebten Sohn und alle Gründe die er anführte um die
Frauen zu beruhigen verloren ihre Kraft weil man zu deutlich fühlte dass er
die Hoffnungen die er erregen wollte nicht teilen konnte Auch Dübois ging
trostlos umher Der letzte Sprössling des Hauses Evremont seufzte er oft für
sich Herr erhalte ihn setzte er jedes Mal hinzu indem er die gefalteten Hände
flehend zum Himmel erhob Jedes Zeitungsblatt erhöhte die peinliche Unruhe der
Familie beinah ein jedes enthielt Nachrichten von Gefechten und Schlachten und
man wusste St Juliens Regiment focht in den meisten und von ihm selbst
gelangte keine Nachricht zu der trauernden Familie Endlich war der
Waffenstillstand geschlossen und es ließ sich voraussehen dass der Friede auf
denselben folgen würde und zwar ein Friede der Napoleons Macht nur noch höher
heben und das unglückliche Deutschland noch tiefer niederdrücken musste Diese
Überzeugung verbreitete eine schmerzliche Trauer über Deutschland die auch der
Graf empfand aber die plötzlich gemildert wurde und der höchsten Freude im
Kreise dieser Familie Raum gab denn ein Paket von St Julien traf ein und
meldete nach allen überstandenen Gefahren bis auf eine leichte Verwundung
seine vollkommene Gesundheit Zugleich teilte er die Nachricht mit dass er zum
Obristen ernannt worden sei beklagte aber dass er in dieser unruhig bewegten
Zeit noch nicht habe Mittel finden können die Anerkennung des Namens Evremont
zu bewirken Sein Brief war im Taumel der Siegesfreude geschrieben denn nur
Frankreichs Ruhm und sein eigener den er noch zu erreichen hoffte hatten ihm
vorgeschwebt indem er schrieb und er dachte nicht daran welchen schneidenden
Gegensatz sein Gefühl zu der schmerzlichen Trauer seiner Freunde über ihr
Vaterland bilden musste Die Frauen sahen über die Ausdrücke jugendlicher
Begeisterung hinweg sie suchten in St Juliens Briefen nichts als Zeichen
fortdauernder Liebe zärtlicher Treue und fühlten nach langer Zeit
schmerzlichen Grams und zerstörender Angst Ruhe und Hoffnung im beseligten
zärtlich bewegten Herzen Des Grafen Freude war nur in den ersten Augenblicken
rein Er fühlte es in den nächsten Minuten schmerzlich dass Männer doch nur dann
ganz in Liebe verbündet sein können wenn ihre heiligsten Interessen dieselben
sind und er wünschte sehnlicher als je St Julien bewegen zu können
Frankreich zu verlassen und sich als Bürger deutscher Erde zu betrachten diese
recht im Genuße des Sieges und des Ruhmes geschriebenen Briefe aber ließ ihn
fürchten dass der junge Mann schwer zu bewegen sein dürfte eine Laufbahn
aufzugeben die seinem Ehrgeize so viele Befriedigung versprach Man
beantwortete St Juliens Schreiben sogleich und der lang gestörte Briefwechsel
wurde nun wieder regelmäßig fortgeführt
Noch war die Freude in allen Herzen lebendig als der Graf von Neuem
lächelnd die Bemerkung machte dass der Mensch im Gefühle des hohen Glücks oder
eines großen Unglücks zunächst an sich denkt und dass dann alles andere was er
sein Höchstes und Heiligstes immerwährend genannt hat in den Hintergrund tritt
und nur erst wieder beachtet wird wenn die Freude oder das Leid welches uns
persönlich trifft durch Zeit und Gewohnheit gemildert wird Der Graf in seinem
milden Sinne fand diese Empfindungsweise menschlich und natürlich und meinte
wir wären noch weit von schnöder Selbstsucht entfernt wenn wir auch die ersten
Augenblicke des Glücks oder des Kummers ungeteilt uns selbst widmeten sobald
wir nur dann wieder auch auf andere Menschen und ihre Schmerzen uns besännen
Sein Vetter aber der Graf Robert hatte mit strengerem Sinn oft gegen ihn den
Ruhm der Spartanertugend bewundernd anerkannt und behauptet ein echter Sohn des
Vaterlandes werde dessen Unglück und Erniedrigung auch im höchsten eigenen
Glücke stets empfinden ja er hatte behauptet dass es für ihn gar kein Glück
geben könne das im Stande wäre sein Herz so ganz zu erfüllen dass er seines
Vaterlandes nicht gedächte und nun hielt der Graf einen Brief von ihm in der
Hand in dem er ihm mit dem höchsten Entzücken die Geburt eines Sohnes meldete
und des trauernden Vaterlandes mit keiner Sylbe gedachte Ja man fühlte es
diesem Schreiben an dass alle übrigen Verhältnisse der Welt dem Herzen des
Vaters gleichgültig schienen der den neugebornen Sohn in seinen Armen hielt
und dessen zärtlich geliebte Gattin die Schmerzen und Gefahren der Geburt
glücklick überstanden hatte Der Graf fand diese reine ungeteilte Freude
natürlich aber er nahm sich doch vor seinen Vetter darauf aufmerksam zu
machen dass er nun nie mehr von der menschlichen Natur erwarten dürfe als was
er selbst geleistet habe
Auch der Obrist Talheim hatte mit zitternder Hand dem Grafen sein Glück
gemeldet und er sowohl als der Graf Robert baten ihn mit seiner Familie der
Taufe des Neugebornen beizuwohnen und diese Bitte verstärkte der Graf Robert
dadurch dass er seinem Oheim vorstellte wichtige die Verwaltung der Güter
betreffende Geschäfte machten eine mündliche Unterredung durchaus notwendig
Der Graf teilte den Damen die empfangenen Nachrichten mit und freudige
Teilnahme bewegte Aller Herzen Auf die Frage aber ob sie ihn nach Hohental
begleiten wollten folgte ein ernstliches Bedenken Die Gräfin bemerkte dass es
ihr schwer fallen würde sich wieder allen neugierigen Fragen des Geistlichen
und der Nachbaren auszusetzen und Emilie sagte leise und errötend dass dann
auch wieder der regelmäßige Briefwechsel der kaum mit St Julien eingeleitet
wäre gestört werden müsse wenn man sich von Berlin wohin nun alle Briefe
gerichtet würden entfernen wollte Es wurde also bestimmt dass nur der Graf
allein nach Hohental reisen sollte von den besten Wünschen der
Zurückbleibenden begleitet Er meldete seinem Vetter diesen Beschluss nebst dem
Tage seiner Ankunft
Auf den dritten Tag nach dem Empfange dieses Briefes war die Abreise nach
Hohental festgesetzt und in dieser Zwischenzeit war eine emsige Geschäftigkeit
der Frauen bemerklich und als der Tag der Abreise erschien erstaunte der Graf
über die Menge der Schachteln Kartons und Körbchen die er mitnehmen sollte
welche die Geschenke für die junge Mutter und den Neugebornen enthielten die
die Freundinnen sendeten Ich bin doch oft sagte der Graf lächelnd mit Frauen
gereist und habe es immer unwahr gefunden wenn sie beschuldigt werden so
unermesslich viele kleine Bedürfnisse in kleinen Behältern mit sich zu führen
dass sich das Reisen mit ihnen leicht in eine Qual verwandeln könne und nun soll
ich allein reisen und werde zum ersten Mal so mit Schachteln und Körben
umgeben dass es nur Dübois Genie möglich sein wird dies alles so zu ordnen dass
noch ein völlig erwachsener Mensch Raum daneben im Wagen findet
Ist es nicht ungerecht sagte die Gräfin lächelnd die kleine Beschwerde
nicht ertragen zu wollen Hat uns nicht selbst wie wir das Leben bewusstlos und
hilflos betraten die liebende Sorge zärtlicher Freunde begrüßt Liegt nicht
etwas Rührendes darin wenn wir uns vorsorgend um ein neugebornes Wesen
beschäftigen so dass alles bereit ist dessen es in der Zukunft in seiner
Hülflosigkeit bedarf Ich wenigstens kann mir nichts Traurigeres denken als
wenn der Mensch schon beim Beginne seines Lebens Liebe und Teilnahme entbehrt
Wohl sagte der Graf ernstaft ich werde dem Neugebornen die Geschenke
überbringen und ihm nichts von dem entziehen was sein aufdämmerndes Leben
verschönern soll und ihn doch oft nur quält indem Mutter und Amme ihn mit
Dingen zu putzen streben die er gar nicht zu würdigen versteht
Dübois hatte während dieser Unterredung Alles geordnet und der Graf fand zu
seiner eigenen Verwunderung für Alles hinreichenden Raum in dem vorgefahrnen
Wagen der ihn bald aus dem Gesichtskreise der Frauen entführte und den Bergen
entgegen rollte die den alten Sitz seiner Ahnen umgaben
V
In Hohental herrschte die reinste Freude Mit lautem Entzücken wurde der Graf
bei seiner Ankunft von seinem ihm entgegen eilenden Vetter begrüßt und an der
Türe des Saales empfing ihn der Obrist der ihm auch hatte entgegen gehen
wollen aber seine vom Alter geschwächten Kräfte waren nicht mehr hinreichend
zur eiligen Bewegung Er streckte dem Grafen die zitternden Arme entgegen der
gleich bei der Begrüßung bemerkte dass der Greis in dem letzten Jahre seit er
ihn nicht gesehen sich mit starken Schritten dem Grabe genähert habe und ein
Blick auf den Arzt der sich im Saale befand und von dem Obristen unbemerkt
leise die Schultern zuckte bestätigte die schnell gemachte Bemerkung Der Graf
sendete der jungen Mutter alle mitgebrachten Geschenke und ließ ihr seine
Ankunft melden weil er durch keine Überraschung ihre Gesundheit in Gefahr
bringen wollte Der Arzt übernahm vorsichtig selbst die Anmeldung und der Graf
erneuerte gegen den Obristen seine freudigen Glückwünsche Der Herr hat mir
alles gegeben sagte der Greis um was ich in ängstlichen Stunden inbrünstig
flehte mein Kind ist erhalten und Gott hat ihr einen Sohn geschenkt an dem sie
so viel Freude und Trost erleben möge wie sie mir selber gewährt hat Er hatte
indem er diese Worte sagte die vor Alter zitternden Hände gefaltet und richtete
den tränenfeuchten Blick nach oben Der Graf betrachtete gerührt die hinfällige
Gestalt und Graf Robert der den Blick verstand drückte mit trauriger Miene
die Hand seines Oheims Der Arzt kam zurück und meldete die junge Frau Gräfin
sei zum Empfange des Herrn Oheims bereit und die Männer begaben sich nach den
inneren Zimmern Es war dem Grafen wunderbar zu Mute als er das ehemalige
Schlafzimmer seiner Gemahlin betrat und mit annmutiger Gebehrde und
holdseligem Lächeln die liebliche Terese den neugebornen Sohn in den Armen
ihm entgegentrat Sie wollte ihn anreden doch die heilige Rührung der ersten
Mutterliebe machte dass ihr die Stimme versagte Sie reichte ihm das Kind
entgegen und der Graf von Gefühl überwältigt neigte sich herab und drückte
einen leichten Kuss auf die unschuldige Stirn des dem Leben bewusstlos entgegen
schlummerden neuen Bürgers der Erde Indem seine Lippen das zarte Kind
berührten zuckte das schmerzliche Gefühl durch seine Brust dass der Himmel ihm
das höchste menschliche Glück versagt habe und er wendete sich ab um dies
Gefühl nicht bemerken zu lassen Der Graf Robert wollte seinen Sohn der Mutter
aus den Armen nehmen weil er jede Anstrengung für sie noch für zu angreifend
hielt aber die Frau Professorin trat hervor und vereitelte seine Absicht Es
geht nicht an sagte sie ziemlich trocken dass Sie mit dem Kinde so viel herum
handtiren Bloß deshalb sind die ältesten Kinder so oft nervenschwach weil die
jungen Eltern mit ihnen wie mit einem Spielzeuge umgehen Ein Kind muss vor allen
Dingen Ruhe haben und in den ersten sechs Wochen seines Lebens nichts anderes
tun als Nahrung nehmen und schlafen dann werden gesunde Menschen daraus
Während dieser Rede hatte sie den Neugebornen zur Ruhe in sein Bettchen
gebracht und nun erst richtete sie ihre tiefste ehrerbietigste Verbeugung an
den Grafen die dieser höflich erwiderte ohne indes sein begonnenes Gespräch
mit der Mutter des Grafen Robert abzubrechen der er sich indes die Frau
Professorin sprach hatte vorstellen lassen Diese schüchterne sanfte Frau
hatte ihr Leben ohne alle Freude verblühen sehen ihre Jugend war im Hause ihrer
Eltern aus Mangel an Liebe traurig dahingeschwunden Ihr Vater dachte nur an
Handel und Gewinn und nur sein Stolz verband sie mit dem Grafen den er weder
achtete noch liebte Im Hause ihres Gatten war ihr Leben eine Kette von
Bekümmernissen und Kränkungen die teils aus Mangel teils aus dem Hochmut
der Freunde und Verwandten ihres Gatten teils aus dessen eigenem Charakter
entsprangen den sie nicht achten konnte obwohl sie sich ihren Gemahl zu lieben
zwang Armut nötigte sie sich von dem Sohne zu trennen den sie mit
Leidenschaft liebte und die vernachlässigte Erziehung ihrer Töchter zu beweinen
deren traurige Zukunft sich gar nicht berechnen ließ Diese ganze drückende Last
der Schmerzen war nun von ihr genommen aber ihr Herz zitterte noch lange in den
Nachwehen der Leiden als sie schon täglich Gott mit Tränen für die glückliche
Wendung ihres Schicksals dankte Nach langen kummervollen Jahren war sie nun der
peinvollen Sorgen der Armut entledigt und sah sich und die Ihrigen mit allen
Zeichen der Wohlhabenheit umgeben Der Sohn den die Abwesenheit seit den
Kinderjahren ihr entfremdet hatte war ihr von Neuem mit inniger Liebe
zugewendet die sich täglich mehrte je mehr er das reine liebevolle Gemüt der
Mutter erkannte Seine Gattin hatte sich ihr ganz in Zärtlichkeit hingegeben
und die verwilderten Töchter hatten das knabenhafte Toben längst mit den
besseren Sitten sich entwickelnder Jungfrauen vertauscht Der alte Obrist
endlich hing mit dankbarer Freundschaft an dieser liebreichen Frau und sagte
oft indem er ihre Hand drückte Wenn ich sterbe ist mein Kind darum noch nicht
verwaist denn ihr bleibt eine Mutter wenn der Vater scheidet Dieses ruhige
sich in sanftem Wechsel kaum merklich bewegende Leben schien ihr nun von Neuem
bedroht Sie hatte die Ankunft des Grafen gefürchtet auf die sich alle übrigen
Glieder der Familie freuten denn es schien ihr kaum möglich dass ein reicher
vornehmer Mann ohne die Anmassung auftreten sollte die ihr schon bei minder
begüterten und minder ausgezeichneten Mitgliedern der Familie ihres verstorbenen
Gatten so drückend geworden war Sie war in dieser Meinung bestärkt worden denn
sie hatte sich herabgelassen die Base des Arztes über die Persönlichkeit des
Grafen auszufragen weil sie sich gescheut hatte diese Fragen an die Mitglieder
der Familie zu richten und diese hatte in ihrer Beschreibung vor Allem die
stolze vornehme Haltung des Grafen hervorgehoben Sie rüstete sich also mit
Geduld und beschloss mit Sanftmut die Anmassungen des Wohltäters ihrer Kinder zu
ertragen Um so angenehmer wurde sie also überrascht als der Graf zwar mit
aller Feinheit der Sitten die durch das Leben in der großen Welt erworben wird
sich ihr näherte aber sie vor Allen mit der Höflichkeit und Achtung behandelte
die aus dem Gefühl entspringt und einen wohlwollenden Charakter bezeichnet Bald
fand sich also der Graf nur von dankbaren liebenden Freunden umringt und er
bemerkte mit Vergnügen auch den jungen Gustav der die Ferien der Universität
benutzt hatte um seinen großmütigen Freund und Beschützer den Grafen Robert
zu besuchen Auch mit diesem Jüngling war eine große Veränderung vorgegangen Er
hatte sich männlicher ausgebildet und eine gewisse Ängstlichkeit im Betragen
abgelegt die durch das Drückende seiner früheren Verhältnisse entstanden war
Er nahm jetzt seine Stelle in der Gesellschaft mit anständiger Bescheidenheit
ein auch nannte ihn Niemand mehr Gustav sondern nach seinem Familiennamen
Herrn Torfeld
Der Prediger hatte sich bald nach des Grafen Ankunft auf dem Schloss
eingefunden und es wurde verabredet dass die Taufe des Neugebornen am andern
Tage Statt finden sollte Da der Graf nicht lange im Kreise seiner Freunde
verweilen wollte so fühlte Niemand die Neigung die wenigen Stunden des
Beisammenseins durch geräuschvolle Gesellschaften zu verkümmern und deswegen
sollte die Taufhandlung nicht durch laute prunkende Feste verherrlicht werden
sondern die im Schloss versammelten nächsten Verwandten schienen den jungen
Eltern die würdigsten Taufzeugen
Man versammelte sich des andern Tages im Saale des Schlosses Der Obrist
erschien in der Uniform mit dem von Friedrich dem Zweiten erhaltenen Orden pour
le merite und seine Gestalt erschien in der vollen Kleidung noch hinfälliger
Der Prediger saß abgesondert sich zur Rede die er beabsichtigte sammelnd
Alles zur Feierlichkeit Erforderliche war geordnet und die Taufhandlung sollte
beginnen Man reichte dem Obristen seinen neugebornen Enkel Er wollte ihn in
den Armen empfangen aber die vor Alter und Rührung zitternden Glieder versagten
ihm dem Dienst Er deutete auf den Grafen und eilte mit bebenden Händen die
Tränen zu trocknen deren er sich schämte weil er fühlte dass die
Kraftlosigkeit des Alters eben so viel Anteil an ihnen hatte als die Rührung
der Liebe Der Neugeborne wurde Walter genannt nach seinem würdigen Großvater
Die Feierlichkeit war beendigt die mannigfaltigen in den Herzen aller
Teilnehmer angeregten Empfindungen schwanden nach und nach und gaben einer
ruhigen Heiterkeit Raum die es gestattete dass sich das Gespräch auch auf
Geschäfte richtete Der Prediger verließ nach der Mittagstafel das Schloss Die
Schwäche des Obristen erforderte Ruhe deren die junge Mutter ebenfalls
bedurfte und der Graf schlug seinem Vetter einen Spaziergang vor den dieser
benutzen wollte um den Oheim zugleich mit den Verbesserungen in der
Bewirtschaftung bekannt zu machen Ihr Weg führte die beiden Verwandten auch zu
dem Besitztum des Arztes und seiner Base Der Bau war schon weit
fortgeschritten Der Graf lobte den etwas veränderten Plan den das Treibhaus
nötig gemacht hatte das nach des Arztes heftigem Wunsche mit dem Hause in
Verbindung stehen sollte Er lächelte als er die Anlage zu dem Balkon bemerkte
der so viele Streitigkeiten veranlasst hatte und riet dann seinem Vetter
ernstaft den Bau des Hauses so sehr als möglich zu beschleunigen damit er
bald möglichst die Frau Professorin aus dem Schloss auf eine freundschaftliche
Weise entfernen könne Denn Sie werden bemerken setzte der Graf hinzu dass der
sanfte Charakter Ihrer Mutter und die schüchterne Jugend Ihrer Gemahlin der
wohlmeinenden Herrschsucht dieser Frau zu viel Raum geben und deshalb dies
Verhältnis wenn es noch lange fortbesteht am Ende sich notwendig auf eine
unangenehme Weise auflösen muss
Der Graf Robert sah die Richtigkeit dieser Bemerkung um so mehr ein da ihm
mehr als ein Mal die rücksichtslose Dreistigkeit dieser Frau unangenehm gewesen
war die um so schroffer hervortrat da sie nicht mehr durch den Grafen und
seine Gemahlin in Schranken gehalten wurde und für die übrigen Mitglieder der
Familie nicht die gleiche Ehrfurcht empfand da sie sich nun bewusst war dass sie
es wohl meinte und immer das Gute und Verständige wollte so kümmerte sie sich
wenig darum in welcher Form sie ihre Meinung ausdrückte
Der Graf Robert fühlte sich heiter befriedigt durch die Anerkennung des
Oheims der allen Bestrebungen seines Vetters die Bewirtschaftung der Güter zu
verbessern vollkommene Gerechtigkeit widerfahren ließ und die Verwandten
setzten ihren Weg fort alles Geschehene und alles noch Erforderliche
besprechend Es war ein heiterer milder Herbsttag und auch der herannahende
Abend behielt den milden sommerlichen Charakter Die beiden Freunde beschlossen
den Rückweg über die nahen Hügel zu nehmen und schlugen deshalb einen Fußpfad
ein der bei einer einsamen in einem engen Tale liegenden Mühle vorbeiführte
Als sie über die schmale Brücke des Mühlbachs schreiten wollten blieben Beide
unwillkürlich stehen Die scheidende Sonne vergoldete das enge Tal und des
Abendhimmels Purpur und Gold spiegelte sich auf dem brausenden schäumenden
Mühlbach der seinen funkelnden Schaum eilig hinunterstürzte und erst später als
dunkelblaue Flut den blumigen Ufern schmeichelnd sich durch das Tal
schlängelte Beide Freunde gaben sich den Eindrücken des schönen Abends hin und
die Erinnerung an die Mühen des Lebens entschwand ihrem Gedächtnis Sie
erstiegen die waldbewachsenen noch reich belaubten Hügel und lächelten wie ein
durch die Tritte der Wanderer aus dem hohen Grase aufgescheuchtes Reh an ihnen
vorüber sprang und sich im Fliehen mit klugen Augen nach den vermeintlichen
Feinden umschaute Sie gingen weiter und ein nahes Rauschen im seitwärts
liegenden dichten Gebüsch erregte in ihnen die Vermutung dass ein zweites Wild
dem ersten folgen würde Sie blieben stehen ihre Blicke auf das Gebüsch
gerichtet Die Zweige desselben wurden auseinander gebogen und eine dürre Hand
streckte sich hindurch Ein bleiches Gesicht das dunkles verwildertes Haar und
Bart noch bleicher erscheinen ließ zeigte sich und stierte mit dunkeln
glanzlosen Augen die beiden Verwandten an Die bleichen dünnen Lippen bewegten
sich doch blieb es ungewiss ob sie zum Lächeln oder Reden die in dem
abgemagerten Gesicht sehr lang erscheinenden Zähne entblößten Spuren einer
Uniform zeigten sich in den Lumpen die den vorgestreckten Arm bedeckten Der
Graf starrte dies Bild menschlichen Elends mit Entsetzen an der Graf Robert
aber rief nachdem er noch einen Augenblick mit höchster Spannung die
Erscheinung betrachtet hatte die Hände zusammenschlagend Heiliger Gott es ist
Werteim Der Genannte bejahte durch eine Senkung des Kopfes mit beinah
wahnsinnigem Lächeln Graf Robert sprang auf ihn zu Einen Bissen Brodt sagte
er mit hohler wie aus dem Grabe klingender Stimme und auch für jenen wenn es
noch Zeit ist Der jüngere Graf und sein Oheim waren durch das Gebüsch gedrungen
und warfen einen Blick des Entsetzens auf die mit scheußlichen Lumpen nur
unvollkommen bedeckten Glieder des als Werteim Erkannten Dieser deutete auf
einen bewegungslos im Grase liegenden Gegenstand Die Grafen wollten sich diesem
nähern Er wird tot sein sagte Werteim dumpf es ist Lehndorf Um Gottes
Willen einen Bissen Brodt
Ich werde Hilfe schaffen rief der Graf Robert und wollte in Verzweiflung
fortstürzen Bleiben Sie hier bei Ihren Freunden sagte sein Oheim ihn
zurückhaltend ich weiß hier in der Nähe Hilfe
Der Graf eilte auf einem Fusspfade quer durch den Wald und erreichte bald die
versteckt liegende einsame Hütte eines Waldwächters Der Bewohner selbst war in
den Forst gegangen und nur sein Weib und ein Knabe von etwa zwölf Jahren waren
im Hause Der Graf erforschte dringend und eilig zum Erstaunen des Weibes
welche Nahrung die Hütte bieten könnte und entraffte ihren Händen einen Krug
Milch den er dem Knaben gab indem er ihm eilig zu folgen befahl Er wollte
schon die Hütte verlassen als er sich besann dem Weibe ein Geschenk gab und
ihr befahl so eilig als möglich einen kleinen Wagen zu bespannen und damit auf
der nahe gelegenen Stelle des Waldes zu erscheinen die er ihr bezeichnete und
die sie sehr wohl kannte
Der Graf schritt so hastig voran dass der Knabe der den Milchkrug in Händen
hatte ihm kaum zu folgen vermochte und so erreichten sie ganz erhitzt sehr
bald den Platz wo der Graf Robert mit Todesangst die Rückkehr seines Oheims
erwartete
Es war die letzte Kraftanstrengung gewesen mit welcher Werteim sich den
beiden Verwandten zu nähern gesucht hatte Er war dem Grafen Robert in die Arme
gesunken so wie dessen Oheim um Hilfe zu suchen enteilte Ich sterbe hatte
er kaum hörbar hervor geächzt als der bekümmerte Freund ihn sanft auf den Boden
niedersenkte Ein leises Stöhnen des andern Elenden zeigte dass auch dieser noch
lebe Der Graf Robert brachte Reisig zusammen breitete seinen Mantel darüber
und suchte nun beide unglückliche Freunde in eine bequemere Stellung zu bringen
indem sie neben einander mit den Köpfen auf dieser Erhöhung ruhten Das
kraftlose Aechzen der Verschmachtenden zerriss sein Herz Mit entsetzlicher Angst
erwartete er die Rückkehr des Oheims denn er fürchtete jeder Augenblick könne
der letzte der Leidenden sein
Endlich erschien der Graf selbst sehr erhitzt und ihm folgte mit von der
Eile glühendem Antlitz der Knabe Die matten Blicke der Sterbenden richteten
sich dem Retter entgegen Der Graf nahm den Krug aus den Händen des Knaben der
mit weit geöffneten Augen die Schreckbilder menschlichen Elends anstarrte Er
neigte sich zu Werteim dessen vor Begierde zitternde Lippen sich dem Rande des
Kruges näherten den die abgemagerten Hände mit krampfhafter Gewalt umspannten
und nicht wieder lassen wollten Der Graf der das Gefährliche des Übermasses
nach langer Entbehrung kannte brach mit Gewalt die Finger des gierig
Schlürfenden aus einander und wendete sich zu dem Leidensgefährten desselben
der in kaum vernehmbaren Tönen über die Selbstsucht des Freundes klagte Als
auch dieser erquickt war sendete der Graf den Knaben dem Fuhrwerk entgegen das
auch nicht lange ausblieb Die beiden Unglücklichen wurden auf den mit Stroh
gefüllten kleinen Leiterwagen gehoben mit den Mänteln der Grafen bedeckt und
Graf Robert begleitete dies Fuhrwerk das sich auf den Waldwegen nur langsam
fortbewegen konnte indes sein Oheim auf Fusspfaden voran eilte um den Arzt von
dem Geschehenen zu benachrichtigen und die Aufnahme der Kranken im Schloss
vorzubereiten
VI
Nach den ersten Ausrufungen des Erstaunens ergriff der Arzt schnell einige
stärkende Mittel die er gleich anzuwenden gedachte und wollte den Kranken
entgegen eilen doch plötzlich blieb er stehen betrachtete mit blinzelnden
Augen den Grafen und sagte Vor Allem muss ich für Sie sorgen das ist das
Dringendste Ich bin gesund sagte der Graf ich bedarf keiner Hilfe Sie sind
furchtbar erhitzt erwiderte der Arzt und Sie sind in dem Alter wo
Schlagflüsse anfangen das Leben auch des Gesundesten zu bedrohen Überlassen
Sie mich nur meinem Schicksale sagte der Graf lächelnd mein Blut wird sich von
selbst wieder abkühlen Nein rief der Arzt mit Heftigkeit und Tränen
funkelten in den kleinen Augen nie würde ich es mir verzeihen hätte ich meine
Pflicht gegen Sie versäumt und wie könnte je mein Gewissen sich wieder
beruhigen wenn durch meine Nachlässigkeit das Leben eines erhabenen
Menschenfreundes des Schöpfers meines Glücks auch nur um eine Stunde verkürzt
würde
Der Graf fühlte sich bewegt durch die Liebe des Arztes wenn sie sich auch
auf eine etwas wunderliche Weise kund tat Er ließ sich also dessen
Verordnungen gefallen und bald fühlte er dass seine Pulse wieder regelmäßig
schlugen und das Blut nicht mehr gewaltsam zum Kopfe und zum Herzen drängte
Der Arzt hatte ehe er den Kranken entgegen eilte seiner Base einen Wink
gegeben die sich sogleich mit Mägden und Bedienten in laute Tätigkeit
versetzte um das für die Kranken bestimmte Zimmer mit allen erforderlichen
Bequemlichkeiten zu versehen
Die Dämmerung des Abends hatte schon die Gegend rings umher in tiefe
Schatten gehüllt als das elende Fuhrwerk auf dem die Kranken lagen von dem
Grafen Robert und dem Arzt begleitet das Schloss erreichte Mühsam wurden die
beinah Leblosen vom Wagen gehoben und sie empfanden eine schmerzliche Wollust
als sich die entkräfteten Glieder nach so harten Entbehrungen zum ersten Mal
wieder auf ein bequemes Lager streckten Der Arzt war von heftiger Rührung
ergriffen als er die beinah vernichteten in widrige Lumpen schmachvoll
gehüllten Gestalten betrachtete Wie groß kann das menschliche Elend sein rief
er klagend Hier ist die größte Vorsicht nötig und Gott wie werde ich den
alten Dübois vermissen Er ist zwar ein eigensinniger hochmütiger Mann der
sich auf seine Aussprache des Französischen viel zu viel einbildet aber einen
trefflicheren Krankenwärter habe ich niemals kennen gelernt Und Wer wird nun
diese hier bewachen dass sie meine Vorschriften genau befolgen woran doch ihr
Leben hängt
Nun nun rief die Frau Professorin ich will den Herrn Dübois nicht
lästern aber ich werde doch wohl auch im Stande sein Kranke zu pflegen und
ich will den sehen der mir was Böses nachredet wenn ich diese Christenliebe an
jungen Männern ausübe
Der Arzt war hoch erfreut dass seine Base sich zu diesem Dienste erbot und
er dankte ihr mit einer Innigkeit als habe sie ihm die größte Wohltat
erwiesen Na was sind das nun für Weitläuftigkeiten sagte die gutherzige Frau
barsch um ihre Rührung zu verbergen Was geschehen muss das darf man mir nur
sagen und ich bin gewiss dass sich Keiner unterfangen wird um ein Haar breit
davon abzuweichen
Der Arzt war nun beruhigt Seine Mittel stärkten die Kranken sichtlich und
er konnte schon am folgenden Tage ein stärkendes warmes Bad wagen wodurch
zugleich die Spuren des Elends von den Unglücklichen abgewaschen wurden die nun
wieder das Ansehen von zur besseren Gesellschaft gehörigen Menschen gewannen
Nach einigen Tagen der aufmerksamsten Behandlung schienen auch ihre geistigen
Fähigkeiten zurückzukehren denn sie gaben zusammenhängende Antworten auf die an
sie gerichteten Fragen und der Arzt verkündete mit lauter Freude dass er Beide
mit Hilfe seiner Base wieder herzustellen hoffe die für die Befolgung seiner
Vorschriften eben so eifrig wenn auch nicht eben so sanft wie Dübois sorge
Der Graf Robert hatte während dieser Zeit viel mit seinem Oheim über die
Sicherheit seiner Freunde gesprochen die ihm gefährdet schien da sie zu den
Truppen Schills gehörten die so unglücklich endeten Der Graf suchte ihn zu
beruhigen indem er ihm vorstellte dass die preußischen Behörden gewiss keinen
Eifer anwenden würden die Teilnehmer an dieser Unternehmung auszuspüren wenn
sie ihnen nicht bestimmt als solche angezeigt würden dass es also nur der
Klugheit bedürfe jede Teilnahme der Unglücklichen an Schills Plänen vorsichtig
zu verschweigen und für die müßigen Nachbarn die nicht ermangeln würden mit
Fragen einzustürmen eine wahrscheinliche Fabel zu ersinnen um ihren kläglichen
Zustand genügend zu erklären
Der Arzt hatte den Prediger gleich den nächsten Tag in der Bewegung seines
Gemüts mit dem traurigen Zustande bekannt gemacht in welchem die beiden jungen
Edelleute ehemalige preußische Offiziere nach dem Schloss waren gebracht
worden und jener erschien sogleich um das Wie und Warum zu erfahren und als
ihm der Graf Robert mit einiger Verlegenheit antwortete die Kranken wären noch
so schwach dass man sie nicht um ihr Geschick befragen könne und dass es
überhaupt menschlicher sein würde schmerzliche Erinnerungen aus ihrem Gemüte
zu entfernen als durch Fragen zu erregen erwiderte der Prediger verdrießlich
und spöttisch So wird es uns damit vielleicht gehen wie mit der Begebenheit
des Herrn St Julien der beinah in demselben Zustande in dies Schloss gebracht
wurde und niemals hat man die Veranlassung seines Unglücks erfahren
Des Grafen Wangen rötete der Zorn Sie wissen Herr Prediger sagte er mit
einiger Heftigkeit wie nah mit mir der Obrist St Julien verbunden ist und
wenn ich die Gründe ehre die ihn bestimmen über diesen Gegenstand zu
schweigen so dächte ich dies könnte eine Regel für alle meine Freunde sein
Der Prediger fühlte er war zu weit gegangen Ein verdrüssliches Schweigen
herrschte im Saale Endlich begann der Geistliche von Neuem Beinah hätte ich es
vergessen Ihnen mitzuteilen dass der alte Lorenz einen so schändlichen
Gebrauch von dem ihm durch des Sohnes Tod zugefallenen Vermögen gemacht hat dass
ich glaube er wird bald wieder in drückender Armut sein
Woher schließen Sie das fragte der Graf gleichgültig
Weil mir diesen Morgen ein jüdischer Handelsmann einen Brief von ihm
brachte in dem er mich ersuchte Sie dahin zu vermögen ihm eine schriftliche
Zusicherung der Pension auszustellen die Sie ihm bewilligt haben wie er
schreibt um Lebens und Sterbens Willen wie mir der Israelit vertraute damit
er sie diesem verkaufen könne Man wendete sich an mich fügte der Prediger
hinzu weil man nicht wusste dass Sie sich jetzt gerade hier befinden Ich riet
dem jüdischen Kaufmann sich mit diesem Gesuch gerade an Sie zu wenden und ich
zweifle nicht dass er bald auf dem Schloss erscheinen wird
In der Tat wurde nachdem kaum eine Viertelstunde verflossen war Herr
Moses gemeldet der dem Grafen des alten Lorenz Gesuch vortrug mit der
Versicherung dass er aus Menschenliebe bereit sei dem Greise die Pension
abzukaufen und ihm den Ertrag einiger Jahre voraus zu bezahlen obgleich es
möglich sei dass der Alte früher stürbe und er sich Verlust dadurch zuzöge so
wollte er es auf die Gefahr hin wagen damit nur der Greis nicht des Obdachs
beraubt würde denn er könne sich bei diesen schweren Zeiten bei den drückenden
Abgaben ohne diese Unterstützung nicht im Besitze des Gutes erhalten
Der Graf erwiderte auf die lange Rede des menschenfreundlichen Israeliten
dass ihm dies leid tue Da aber die dem alten Lorenz von ihm bis jetzt
ausgezahlte Pension ein freiwilliges Geschenk sei und er sich die Freiheit
vorbehalten wolle es ihm nach Umständen zu geben oder zu entziehen so sei er
nicht geneigt sich schriftlich eine Verbindlichkeit aufzulegen und eine
Handlung der Güte in eine Pflicht zu verwandeln Nach dieser Erklärung empfahl
sich Herr Moses nachdem er geäußert hatte dass er sich unter solchen Umständen
auf kein Geschäft mit dem alten Manne einlassen könne
Nachdem er den Saal verlassen hatte sagte der Graf Wie ist es nur möglich
dass der alte heillose Sünder in der kurzen Zeit seit er das Erbe seines Sohnes
empfing so viel Geld ausgegeben hat
Es tut mir leid es sagen zu müssen erwiderte der Prediger etwas kalt
weil er des Grafen frühere Heftigkeit noch nicht hatte vergessen können dass ihm
nicht bloß die schlechte Gesellschaft von seinem Gelde geholfen hat sondern
auch die sogenannte gute Der unselige Alte hat sich der Völlerei und dem Spiele
ergeben und manche haben es nicht verschmäht große Summen von ihm zu gewinnen
die recht bedeutende Ansprüche in der Welt zu machen gewohnt sind Aber gedenken
Sie ihm nun Ihre Unterstützung zu entziehen da er wieder in Not gerät die
Sie ihm zukommen ließ wie er ihrer nicht bedurfte
Keineswegs sagte der Graf da ich aber voraussehe dass dies bald seine
einzige Hülfsquelle sein wird so will ich sie ihm erhalten denn hätte ich ihm
die Möglichkeit gegeben seinen künftigen Unterhalt zu verkaufen so glaube
ich würde dies seinen Fall kaum einige Monate hingehalten haben
Das ist sehr wahrscheinlich sagte der Prediger und es wäre gut dass man
ihn wenn er alles Übrige verloren hat gewissermaßen unter Aufsicht nähme
denn die ewige Trunkenheit hat seine Verstandeskräfte geschwächt ihn unfähig
gemacht sich selbst zu regieren ja er ist völlig kindisch geworden Denken
Sie nur er ließ sich von Leuten die ihn verspotteten überreden ein Bad zu
besuchen dort den großen vornehmen Gutsbesitzer zu spielen sich zu lauter
Edelleuten zu drängen und Summen an diese zu verlieren welche bei den jetzigen
drückenden Verhältnissen einen viel Reichern als ihn hätten zu Grunde richten
müssen Der Graf zuckte verächtlich mit den Schultern und es ließ sich nicht
unterscheiden ob dies dem alten Lorenz oder den erwähnten Edelleuten galt Im
Laufe des Gesprächs verabredete er mit dem Prediger der seine gute Laune nach
und nach wieder gewann dass wenn der Alte so weit sein würde dass er nichts
mehr als die Unterstützung des Grafen besäße er alsdann bei rechtlichen Leuten
untergebracht werden sollte die sich anheischig machten für alle seine
Bedürfnisse zu sorgen und die ihre Entschädigung aus den Händen des Geistlichen
erhalten sollten der alsdann nur den Überrest dem alten Lorenz zur beliebigen
Verwendung einhändigen würde und so ist dem alten Schuft schloss der Pfarrer
seine Vorschläge ein weit besseres Loos gesichert als er verdient
Wenn wir streng sein wollen sagte der Graf lächelnd so ist dies mit
wenigen Ausnahmen wohl bei allen Menschen der Fall
Sie scheinen die Ansichten der strengen Theologen zu teilen sagte der
Prediger die den Menschen für so verderbt halten dass alles ihn umringende
Elend immer noch nicht seine Bosheit und Schlechtigkeit hinreichend bestraft
Ich spreche nicht von Ereignissen erwiderte der Graf die unabhängig vom
Menschen das Geschlecht desselben bedrohen gegen die man sich nicht
verteidigen kann weil sie uns unerreichbar jeden Kampf unmöglich machen und
wo freilich oft bei vollkommener Unschuld ein unermessliches Unglück erduldet
werden muss Aber im Ganzen werden Sie doch zugeben dass sich unser Schicksal aus
unserm Charakter entwickelt und wenn wir am Abend unseres Lebens den Lauf
desselben überdenken glaube ich werden wir zugeben müssen dass unsere
Torheiten Schwächen und Irrtümer uns noch weit mehr Kummer bereiten uns noch
in eine schlimmere Lage hätten versetzen können wenn dies nicht ein gütiges
Geschick zu unserem Besten abgewendet hätte
Dies Gespräch wurde durch den Grafen Robert unterbrochen der seinem Oheim
meldete es sei Zeit wenn er den kriegerischen Übungen der jungen Landleute
beiwohnen wollte sich auf den den dazu bestimmten Platz zu begeben weil man
sich dem Grafen zu Ehren versammelt habe obgleich es heute kein Sonntag sei
Der Graf war bereit seinem Vetter zu folgen und der Prediger bat spöttisch um
die Erlaubnis die Herren zu begleiten und man bemerkte an der verdrießlichen
Art wie der Graf Robert diese Begleitung annahm dass sie ihm keineswegs
angenehm war
Wir haben hier recht ein Bild von dem Zustande Frankreichs sagte der
Prediger noch immer spöttisch zum Grafen gewendet wie es war als die erste
Begeisterung seine Jugend vereinigte zum Kampfe gegen die ganze Welt Eben so
drängen sich die jungen Landleute hier herum zu den Waffenübungen und selbst
Wer Anfangs über die Begeisterung lachte die Ihr Herr Vetter unter Ihren
Untertanen verbreitete ward nach und nach von der Krankheit ergriffen und
statt des ehemaligen sonntäglichen Kegelspiels beschäftigt Exerciren und
Marschiren weit und breit die kampflustige Jugend wie gesagt ganz wie in der
Periode der Begeisterung in Frankreich
Und haben Sie vergessen sagte der Graf ernstaft was Frankreich damals in
dieser Begeisterung Unglaubliches vollbrachte Und sollte es nicht möglich sein
dass das was jetzt wie eine törichte Spielerei erscheint noch einmal nützlich
wäre Überrascht blickte der Pfarrer dem Grafen in die Augen Es schien er
wollte mit Begierde darin einen tieferen Sinn der Rede lesen Der Graf aber fuhr
ruhig fort Und wenn diese kriegerischen Übungen auch zu nichts weiter führen
so machen sie doch die jungen Leute gewandter und schon das ist Gewinn
Man hatte unter diesen Gesprächen den zur Waffenübung bestimmten Platz
erreicht und der Graf bemerkte den jungen Gustav Torfeld der mit großem Eifer
die Landleute einübte und mit Vergnügen sah der Graf dass er das was er sich
zu lehren bestrebte selbst in höchster Vollkommenheit zu üben verstand
Wenige Männer verlieren ganz die Neigung zu kriegerischer Tätigkeit denn
nur in der Brust weniger erstirbt das Gefühl gänzlich dass es des Mannes Beruf
ist sein Vaterland zu verteidigen seinen Heerd zu beschützen Auch der Graf
also überließ sich mit Lebhaftigkeit der Teilnahme an diesen Übungen und in
seinen Augen leuchtete die Hoffnung dass sich aus geringen Keimen viel Gutes für
die Zukunft entwickeln könne
Man war noch nicht lange auf dem Übungsplatze versammelt als man den
Hufschlag von Pferden vernahm und bald zeigten sich drei Reiter von denen der
eine voraus ritt und dem die beiden andern in bunter Kleidung folgten über die
man einen Augenblick in Ungewissheit blieb ob es kriegerische Uniformen waren
oder der phantastische Putz den Kunstreiter anzulegen pflegen Bald klärten
sich die Zweifel auf Der Baron Löbau nahte und stieg ab um den Grafen aufs
Herzlichste zu begrüßen
Ich dachte es wohl sagte er lächelnd dass ich Sie wenigstens hier auf dem
Übungsplatze finden würde wenn Sie es auch verschmähen Ihre alten Freunde und
Nachbaren zu besuchen
Der Graf entschuldigte sich mit der kurzen Dauer seines diessmaligen
Aufenthalts und mit den vielen dringenden Geschäften die in dieser kurzen Zeit
alle abgemacht werden müssten
Da Sie Teilnahme für unsere kriegerischen Übungen beweisen erwiderte der
Baron selbstgefällig lächelnd so müssen Sie doch wenigstens einem Manoeuvre
beiwohnen das morgen auf meinem Marsfelde Statt finden wird denn es ist doch
billig dass Sie auch meine Truppen in Augenschein nehmen da die ganze Sache
die jetzt so allgemein mit Eifer getrieben wird von mir ausgeht denn ich
machte Ihren Herrn Vetter zuerst darauf aufmerksam wie vorteilhaft es sein
würde wenn man die jungen Leute abhielte sich Sonntags in den Schenken zu
versammeln wo der Trunk oft zu Raufereien führte und dass es in unserer
jetzigen Zeit eine Wohltat sei wenn sie mit den Waffen umzugehen wüssten um im
Notfalle sich und die Ihrigen beschützen zu können Der Graf sah seinen Vetter
an der das Lachen mit Mühe unterdrückte Der Baron aber fuhr mit großer
Behaglichkeit fort Versprechen Sie mir morgen zu kommen Ihr Herr Vetter kennt
den Weg zu meinen Übungsplätzen und ich gebe Ihnen mein Wort Sie sollen eine
Kavallerie sehen die auch den Kenner befriedigen würde Die Leute haben Pferde
deren sich ein Prinz nicht schämen dürfte Sie können hier eine Probe davon
sehen Er deutete bei diesen Worten auf die beiden bunten Leute die ihn
begleitet hatten und bezeichnete sie auf diese Weise als Kavalleristen die zu
seiner Miliz gehörten
Beide Grafen hatten Mühe ernstaft zu bleiben versprachen aber den Baron zu
befriedigen und seinem Manoeuvre des andern Tages beizuwohnen worauf er sich
in seiner gutmütigen Torheit beglückt nach dem herzlichsten Abschiede von
ihnen trennte
Auf dem Rückwege nach dem Schloss nachdem sie sich von dem Prediger
getrennt hatten erzählte der Graf Robert seinem Oheim dass nachdem er
angefangen habe die jungen Leute unter demselben Vorwande den der Baron ihnen
als seine Gründe aufgestellt habe zu Waffenübungen zu versammeln der Baron mit
lebhaftem Eifer sogleich gestrebt habe ihn zu überbieten indem er dem Fussvolke
eine uniformirte Reiterei beigefügt habe die aus zehn bis zwölf Mann seines
Hofgesindes bestände die freilich alle schöne Pferde aus des Barons Ställen
ritten Die Hauptkunst bei ihren Manoeuvres bestände aber darin sagte er die
Pferde zu schonen die auf keine Weise erhitzt oder angestrengt werden dürften
so dass alle Evolutionen im ruhigsten Schritt ausgeführt werden müssten
Der Graf lachte und sagte die Torheit des guten Barons die gewiss in der
Gegend den meisten Lärm verursacht ist sehr nützlich denn sie dient dazu die
Aufmerksamkeit von Andern ab und auf ihn zu lenken und die Manoeuvres auf
seinem Marsfelde werden keine Art von Misstrauen erregen
So ist es erwiderte der Graf Robert weil er selbst so weit davon entfernt
ist einen höheren Zweck zu ahnen Wenn sich französische Officiere in der Nähe
befinden so ladet er sie jedes Mal feierlich ein um sie darauf aufmerksam zu
machen welche trefflichen Hülfstruppen sie aus den preußischen Landen im Fall
des Bedürfnisses zu erwarten hätten seit auf seine Veranlassung an mehreren
Orten Waffenübungen Statt fänden und also künftig statt vorher ungeschickter
Rekruten nun völlig eingeübte Streiter ausgehoben werden könnten
Die Sache ist unter den Franzosen ein Gegenstand des Scherzes und wenn
junge Officiere gegenwärtig sind so bemerken sie leicht seine Schwachheit für
seine Kavallerie und er ist mehr als ein Mal dadurch geängstigt worden dass
diese sich dann zu Kommandeurs seiner Kavallerie aufwerfen und sie Bewegungen
machen lassen die ganz von dem sanften Schritte der Gewohnheit abweichen
So dient er doch auch dem Vaterlande sagte der Graf und wenn es einmal
Ernst wird so wird derselbe Ehrgeiz der jetzt töricht erscheint ihn auch zu
ernsten Anstrengungen vermögen
Man erreichte das Schloss und beide Grafen besuchten die Kranken deren
Zustand sich sehr verbessert hatte und die der Arzt außer Gefahr erklärte Das
bleiche Gesicht des Herrn von Werteim rötete sich flüchtig als er den Grafen
erblickte Es ist eine eigene Strafe meiner Rohheit sagte er mit bewegter
Stimme dass ich Ihnen mehr als ein Mal Schutz Rettung meines Lebens und
Unterstützung verdanken muss die man nur mit Widerstreben aus der Hand des
vertrautesten Freundes empfängt und aus der großmütigen Hand eines beleidigten
Mannes nicht anders als mit tiefer Beschämung empfangen kann
Vergessen Sie doch endlich eine jugendliche Unbesonnenheit sagte der Graf
gütig die ohne Ihre Erinnerung mein Gedächtnis mir nicht zurückgerufen hätte
und denken Sie nur daran dass Ihre und Ihres Freundes Gesundheit wieder
hergestellt werden muss
Der Baron Lehndorf wagte die Frage ob sie sich im Schloss Hohental wohl
als gesichert betrachten könnten und der Graf erkundigte sich nun nach ihrem
Verhältnisse zu Schill und nach den näheren Umständen ihres Unglücks
Beide Freunde waren tief erschüttert als sie an das unglückliche Ende ihres
hochverehrten Anführers erinnert wurden doch beherrschte der Baron Lehndorf
zuerst seine Rührung und sagte dass sie Schill als Freiwillige und als Freunde
gefolgt wären und ihre Namen sich in keiner Liste befänden die man hätte
auffinden können
Dann begreife ich nicht sagte der Graf wie Sie sich nicht mit einiger
Behutsamkeit sogleich hieher gewendet haben
Die schreckliche Niederlage bei Stralsund sagte Werteim hatte uns aller
Mittel beraubt uns zu zeigen Wir besaßen nichts als die Uniform die wir an
uns trugen und einige Silbermünzen von unbedeutendem Wert Es stand also nicht
in unserer Gewalt die Kleidung abzulegen die uns kenntlich machte und wir
verbargen uns am Tage in Wäldern und Sümpfen um dem Schicksale unserer
Gefährten zu entgehen von denen wir zuweilen von unserm Verstecke aus einzelne
von den feindlichen Truppen Eingefangene bemerkten die einem schmählichen Loose
entgegengeführt wurden Wir hatten die Absicht uns dennoch trotz der Gefahr
hieher zu wenden Da wir aber nur bei Nacht wandern konnten so verirrten wir
uns oft und erkannten nach langer Anstrengung zuweilen dieselben Orte wieder
von wo wir vor mehreren Tagen ausgegangen waren Da wir uns nur die
allernotwendigste Nahrung erlauben durften so wurden unsere Kräfte erschöpft
und doch musste auch diese Nahrung noch beschränkt werden denn wir hatten bald
gar keine Mittel mehr Zwei Tage ehe Sie uns fanden war es uns schon nicht
mehr möglich ein wenig Brodt von den Bauern einzuhandeln denn wir hatten auch
nicht das kleinste Stück Geld übrig Wir versuchten es uns durch Beeren und
Wurzeln zu ernähren und wir wären gewiss verloren gewesen hätte der Zufall Sie
nicht zu unserem Beistande herbei geführt
Der Graf Robert umarmte seine Freunde in heftiger Bewegung und sein Oheim
wendete sich ab um seine Rührung zu verbergen Er sagte den beiden jungen
Männern dass er hoffe sie seien auf Schloss Hohental in vollkommener
Sicherheit dass er aber zu ihrer Beruhigung noch nähere Erkundigung einziehen
wolle
Da die Erzählung der Geschichte ihres Unglücks die Kranken sehr aufgeregt
hatte so riet ihnen der Graf dringend den Schlummer zu suchen damit sie
nicht wie er lächelnd hinzufügte sich den Tadel des Arztes und ihrer strengen
Wärterin zuzögen
Er führte darauf den Grafen Robert mit sich hinweg und sagte Ich bin
vollkommen überzeugt dass beide junge Männer ohne Gefahr hier bleiben können
wenn es nicht verraten wird dass sie mit Schill in Verbindung waren Desshalb
müssen wir auf eine bestimmte Erklärung des jämmerlichen Zustandes sinnen in
dem wir sie fanden denn glauben Sie mir der Prediger wird nicht mit
allgemeinen Antworten zufrieden sein Und wenn er auch täte als wäre er es so
wird er so viele misstrauische spöttische Winke fallen lassen dass er unfehlbar
Argwohn erregen wird und doch möchte ich auch ungern ihm das Geschick Ihrer
Freunde aufrichtig vertrauen denn er würde dies Vertrauen zwar um keinen Preis
missbrauchen sie unglücklich zu machen aber er würde dadurch ein solches
Übergewicht erlangt zu haben glauben dass er Ihnen bester Vetter oft
unerträglich lästig sein würde
Der Graf Robert der die Menschen nicht immer so milde betrachtete wie sein
Oheim und der daher dem Prediger nicht sonderlich geneigt war sah die Wahrheit
des Gesagten ein Nach langer Beratung kamen die beiden Verwandten überein dem
Prediger zu vertrauen die beiden jungen Männer hätten sich nach Frankreich
gewagt um das Schicksal der Schwester des Einen und der ehemaligen Braut des
Andern zu erforschen und wären auf den französischen Obristen gestoßen mit dem
Werteim das Duell der Schwester wegen gehabt habe Die eingeleitete Verfolgung
habe die jungen Männer zur Flucht genötigt und sie gezwungen sich ängstlich zu
verbergen Dadurch wären ihnen die Hilfsmittel ausgegangen und sie endlich in
den kläglichen Zustand geraten worin man sie gefunden Dass das französische
Regiment abgelöst war gab der Fabel einige Wahrscheinlichkeit und da der
Pfarrer bei seiner Neugierde im Grunde leichtgläubig war so ließ sich hoffen
er würde die Unwahrscheinlichkeiten in dieser Erzählung übersehen Der Graf
Robert übernahm es seine Freunde davon in Kenntnis zu setzen auf welche Weise
ihre Erscheinung auf dem Schloss erklärt würde damit sie im Stande wären die
Fragen gehörig zu beantworten die der Geistliche unfehlbar an sie richten
würde
Der große Tag war erschienen an welchem das glänzende Manoeuvre des Baron
Löbau Statt finden sollte Er hatte alles getan um die Waffenübung des Grafen
Robert zu übertreffen den er mit einigem Verdruss als seinen Rebenbuhler
betrachtete ohne zu bedenken dass er niemals auf die Idee gekommen wäre
Beschäftigungen der Art anzuordnen wenn ihm nicht die Einrichtungen des Andern
dadurch dass sie das Streben ihn zu übertreffen in ihm weckten eine Anregung
gegeben hätten
Als die beiden Grafen erschienen bemerkten sie eine Batterie von Kanonen
die ein Mittelding zwischen Scherz und Ernst ein Spielwerk für Erwachsene
genannt werden konnten Mit leuchtendem Gesicht machte der Baron sie darauf
aufmerksam und er hatte die Genugtuung dass der Graf alle seine Pläne lobte
Die Batterie wurde genommen und die Kavallerie auf den schönen Pferden entschied
im bedächtigen Schritt wie es angeordnet war den Sieg
Es ist so kindisch sagte der Graf Robert als sie sich von dem entzückten
Baron getrennt hatten dass man nicht einmal darüber lachen kann
So ist es doch auch harmlos erwiderte der Graf und wird Niemand
verletzen Es liegt in jedes Menschen Seele eine gewisse poetische Sehnsucht
aus dem alltäglichen Leben heraus zu treten etwas Besonderes vorzustellen Sie
offenbart sich schon bei dem Kinde in der Neigung zu Verkleidungen Bei
Niemandem von meinen Bekannten habe ich aber diese Sehnsucht so groß gefunden
als bei unserm guten Baron Sie werden dies in jeder kleinen Geschichte
bemerken die er erzählt und ich habe mir oft gedacht wenn er Talent genug zur
Darstellung besäße und seine Phantasie dadurch befriedigen könnte dass er
Novellen und Romane schriebe so würde er im gemeinen Leben der Wahrheit näher
bleiben
So wäre also rief der Graf Robert lachend ein Lügner im Grunde nur ein
verunglückter Dichter
Warum wollen Sie es nicht so milde betrachten erwiderte sein Oheim da
zudem in jedem Menschen auch in dem edelsten sich eine kleine Neigung für
diese Schwäche findet
Es ist wahr sagte Graf Robert ich möchte wohl den Menschen sehen der sich
rühmen könnte nie die Unwahrheit gesagt zu haben und es ist mir lieb wenn ich
mich künftig einmal auf so etwas ertappen sollte dass ich zu meiner Beruhigung
weiß dass ich mich nur der Neigung zur Dichtkunst überlasse indem ich sündige
Sie können uns ja gleich diese Gerechtigkeit wiederfahren lassen sagte sein
Oheim denn haben wir nicht gleichfalls ein feindliches Komplott gemacht um den
Prediger zu hintergehen Das ist Not rief der Graf Robert aber nicht freie
Neigung zur Dichtkunst
Da der Graf seine Abreise auf den andern Tag festgesetzt hatte wollte er
nachdem sie das Schloss wieder erreicht hatten noch den Abend von dem Obristen
Abschied nehmen um den Greis nicht am andern Morgen in seiner Ruhe zu stören
Als der Obrist sich bald nach zehn Uhr entfernen wollte um die Vorschriften
des Arztes nicht zu übertreten der die Ruhe vor Mitternacht unerlässlich für ihn
fand schloss ihn der Graf mit Rührung in die Arme um ihm Lebewohl zu sagen Er
fühlte den Freund in seinen Armen vor Altersschwäche zittern und sein Auge
ruhte wehmütig auf dem nur noch spärlich von silberweissen Haaren bedeckten
Scheitel Das leuchtende Auge des Greises traf den von einer Träne
verschleierten Blick des Grafen Sie fühlen sagte der Greis mit seligem
Lächeln dass wir uns hienieden nicht mehr wieder sehen werden Und Sie sprechen
dies wie eine Hoffnung aus fragte der Graf mit sanftem Vorwurf
Mein teurer Freund erwiderte der Obrist indem er beide Hände des Grafen
fasste wenn Sie durch die reizendsten Täler lustwandeln über Berge schweifen
die Ihnen die schönsten Aussichten immer neue Überraschung gewähren und Sie
setzten diesen Genuss unaufhaltsam fort kommt nicht endlich die Stunde wo auch
das schönste Tal nicht mehr zum Weiterschreiten lockt wo die ermüdeten Glieder
sich nach Ruhe sehnen und Sie sinken hin und lassen der menschlichen Natur ihr
Recht angedeihen Ein solcher müder Wanderer bin ich Ein großer Teil meiner
Bahn war rau und dornenvoll Sie versetzten mich in ein reizendes Tal aber
ich kann die Reise nicht fortsetzen ermüdet sehnen sich meine Glieder nach
Ruhe Wir werden uns hier nicht wieder sehen schloss der ehrwürdige Alte
empfangen Sie den letzten Dank und den Segen eines liebenden Vaters
Mit inniger Rührung umarmten sich die Freunde noch ein Mal und trennten sich
mit dem Gefühle dass sie wahrscheinlich zum letzten Mal liebende Worte
gewechselt hatten
VII
Der Graf hatte von allen Freunden am Abend Abschied genommen und wollte des
andern Morgens sehr früh das Schloss unbemerkt verlassen als er aber in dieser
Absicht den Saal betrat fand er den Arzt der ihn erwartete um jetzt noch
förmlich Abschied zu nehmen da er den vorigen Abend etwas war übersehen worden
Der Graf reichte ihm die Hand und sagte Ich danke Ihnen dass Sie mir noch
Gelegenheit geben eine Frage an Sie zu richten deren Beantwortung mir sehr am
Herzen liegt Was halten Sie von dem Zustande unseres alten Freundes
Der Arzt drückte die Augen zu senkte den Kopf auf die linke Schulter sah
dann den Grafen blinzelnd an und erwiderte Wenn das Öl verzehrt ist mögen
wir dann die Lampe noch so sorgsam hüten sie wird doch erlöschen und hier ist
das Lebensöl ausgebrannt und nur schwach glimmt noch die matte Flamme der
leichteste Windhauch wird sie verlöschen
Erhalten Sie mir den würdigen Greis so lange als möglich sagte der Graf mit
bewegter Stimme Er wollte sich nun entfernen aber sein Vetter Robert trat ein
um ihm zu sagen dass er ihn einige Meilen begleiten und dann zu Pferde
zurückkehren wolle Der Oheim hatte eben diese Begleitung dankbar angenommen
als auch die Damen erschienen um den geehrten Verwandten noch ein Mal zu
umarmen nur der Obrist kam nicht ihn fesselte Altersschwäche an sein Lager wo
er den Schlummer gewöhnlich erst gegen Morgen fand Der Graf tadelte liebevoll
die ihn umringenden Freunde dass sie ihr Wort nicht gehalten und sich der Ruhe
entzogen hatten Er entriss sich mit sanfter Gewalt ihren Armen und traf als er
eilig die Treppe hinunter stieg auf Gustav Torfeld der auch noch ein Wort des
Abschiedes von dem edelen Manne gewinnen wollte Der Graf reichte ihm freundlich
die Hand und lud ihn ein die nächsten Ferien zu benutzen um einen Teil
Deutschlands zu durchreisen und dann auch ihn zu besuchen da wo er sich eben
aufhalten würde Ein Strahl von Freude zuckte über des Jünglings Antlitz bei der
Vorstellung einer genussreichen Reise Ich werde sorgen dass Ihnen die Mittel
nicht fehlen sagte der Graf gütig indem er mit seinem Vetter den Reisewagen
bestieg
Es war ein kühler Herbstmorgen Die Natur hatte sich in wenigen Tagen
auffallend verändert sie hatte den sommerlichen Charakter verloren Das Laub
der Bäume welkte und fiel ab und die Waldung wurde dadurch lichter obgleich
ein neuer Reiz entstand indem die Bäume nachdem ihr Laub das frische Grün
verloren in verschiedenen Farben prangend von der Morgensonne beschienen
funkelten Beide Reisende saßen eine Zeit lang schweigend neben einander
endlich sagte der Graf Sie blicken so tiefsinnend vor sich nieder lieber
Vetter was kann Sie in so ernste Gedanken versenken
Ich dachte sagte der Graf Robert indem er bewegt die Hand des Oheims
drückte wie viel Segen ein edler Mensch um sich verbreiten kann und wie er
dann im Kreise der durch ihn Glücklichen durch Liebe herrscht wie ein
unumschränkter Monarch wie alles das was an den Höfen der Fürsten gespielt
wird um der Etikette zu genügen oder aus Eigennutz oder aus lächerlicher
Eitelkeit hier der Abdruck wahrer Empfindungen ist denn Wer in ihrem kleinen
Königreiche teurer Onkel fuhr er sich zum Lächeln zwingend fort ist nicht
beglückt wenn Sie ein freundliches Wort an ihn richten Wer fühlt sich nicht
gekränkt wenn Sie ihn übersehen Wer ringt nicht danach Ihr beifälliges
Lächeln zu gewinnen und Wer ist nicht stolz darauf wenn er Ihnen durch
unbedingten Gehorsam seine Verehrung und Ergebenheit beweisen kann Nein gewiss
schloss er die Menschen sind nicht so gefühllos wie man oft von ihnen
behauptet sie erkennen gern einen edelen Geist an und beugen sich willig seiner
Überlegenheit
Ich will nicht zur Unzeit den Bescheidenen mit Ihnen spielen erwiderte der
Graf Ich will Ihnen zugeben dass ich mich nicht für böse halte dass ich
überzeugt bin das Beste zu wollen dass ich zuweilen im Stande bin Andere auf
die rechte Bahn des Lebens zu leiten Ich will es eingestehen dass mein Herz
bewegt wird von fremder Not und dass mein Geist dann eifrig auf Mittel denkt
sie zu vermindern Aber teurer Vetter alle diese Eigenschaften würden nicht
im Stande sein mir mein kleines Königreich wie Sie es nennen zu bilden wenn
mir der Himmel nicht ohne mein Zutun ein bedeutendes Vermögen gewährt hätte
Wäre ich arm fuhr der Graf fort indem er die Hand seines Vetters drückte dann
würde ich zufrieden sein einen Freund zu finden der mein Herz verstände und
meinen Charakter unter allen Umständen richtig würdigte und ich würde unter den
übrigen Menschen verkannt einsam und vergessen ja von denen die sich meiner
erinnerten um eben der Eigenschaften Willen die Sie jetzt erheben getadelt
und verachtet umhergehen
Unwillig zuckte die Hand des Grafen Robert in der seines Oheims Getadelt
verachtet und verfolgt fuhr dieser mit Nachdruck fort denn eben die
Eigenschaften die man jetzt anerkennt würden mich wahrscheinlich hindern ein
Vermögen zu erwerben denn nicht alle Mittel würden mir gleich sein um diesen
Zweck zu erreichen und da ich niemals meine Seele zur Verehrung des Geldes
gewöhnen könnte so würde ich auch nie den gehörigen Eifer erlangen um es
zusammen zu häufen dabei würde mein ganzes Leben ein stillschweigender Tadel so
vieler Andern sein den ich durch keine Annehmlichkeit zu mildern vermöchte die
wir durch unser Vermögen so leicht unsern Bekannten verschaffen und sie könnten
dann nicht denken wie jetzt wenn ich unwillkürlich strengere Grundsätze
ausspräche Er hat gut reden wäre seine Lage so beschränkt wie die unsere so
würde er eben so denken wie wir so würde mir denn Niemand meine abweichende
Lebensansicht verzeihen wollen Die Mildesten würden sie für Torheit erklären
die Härteren mich für einen kopflosen verschrobenen Menschen halten
Sie haben so oft meine Härte getadelt sagte sein Vetter mit dem Ausdrucke
des Erstaunens wenn ich ein Urteil über die Menschen aussprach und nun muss
ich Ihre Ansicht weit härter finden und in der Tiefe Ihrer Seele eine
Menschenverachtung die mich erschreckt
Nicht der ist milde erwiderte der Graf der in der Täuschung lebt die
Menschen im Allgemeinen für trefflich hält und aus diesem Gesichtspunkte
handelt Nur dessen Herz darf so genannt werden der die Menschen kennt und
ihnen verzeiht und indem er die Fehler Anderer einsieht sich zugleich der
eigenen Schwäche bewusst ist und es sich eingesteht dass vielleicht am Meisten
der Stolz der Seele ihn aufrecht erhält der ihm den Willen gibt sich nicht zu
beugen Freilich wird ein Solcher in vielen Fällen wenn er Andern beisteht
sich nur selbst befriedigen aber ist er so glücklich nur einen Freund zu
besitzen den er wahrhaft ehren kann so wird ihn dies doch vor der schlimmsten
Selbstsucht bewahren und er wird sich das Bild einer edleren Menschheit dennoch
zu erhalten wissen
Der Graf hatte mit lebhafter Bewegung gesprochen und die Freunde hatten
ehe sie vermuteten die erste Post erreicht wo sie sich trennen wollten Der
Graf Robert schied von seinem Oheim mit erhöhter Empfindung denn er hatte die
Einsicht gewonnen dass nicht ein leicht erregtes Gefühl diesen zu großmütigen
Entschließungen bestimmte sondern dass ein entschiedenes Wollen einer wahrhaft
edelen Seele seine Handlungen leitete Und dennoch hat er Unrecht sagte er zu
sich selber Ich habe oft einzelne Menschen zu hart beurteilt seine unbillige
Härte aber trifft die Menschen im Allgemeinen und er dürfte nur um sich
blicken um seinen Irrtum zu erkennen denn wie viele treffliche Menschen haben
sich um ihn her versammelt Und wären diese alle so trefflich fragte er sich
betroffen weiter wenn er sie nicht zu sich herauf bildete und könnte er das in
dem Grade ohne die Hilfe seines großen Vermögens Ja ich selbst fuhr er mit
Beschämung in seinen Betrachtungen fort was wäre aus mir geworden der ich in
finsterem Grimm ihn zu bestürmen kam wenn seine Lage ihn gezwungen hätte nur
sein Recht gegen mich zu behaupten Hätte ich ihn wohl jemals richtig würdigen
und verstehen können wenn ich trostlos von ihm hätte scheiden müssen Würde ich
mich nicht mit kaltem Hass von dem Manne abgewendet haben den ich jetzt mit
Zärtlichkeit liebe und verehre Es ist gewiss fuhr der junge Mann seufzend in
seinen Gedanken fort es ist leider gewiss nicht bloß unsere Gefühle auch
unsere Tugenden hängen von Zufällen ab Wenige ragen wie mein Oheim aus der
Menge hervor und einen wie weiten Weg habe ich noch vor mir ehe ich ihn
erreiche Aber er hat Recht mit Beschämung muss ich es eingestehen der reiche
Schatz seines Geistes und seines Herzens würde unerkannt von der Erde wieder
verschwinden wenn die Güter des Glücks nicht die Dollmetscher seiner edelen
Seele würden Mit solchen Gedanken beschäftigt erreichte der Graf Schloss
Hohental während sein Oheim sich immer weiter davon entfernte und die Residenz
bald möglichst zu erreichen wünschte wo er mit Sehnsucht erwartet wurde
Als der Graf seine Reise zurückgelegt hatte und in Berlin eingetroffen war
wurden ihm nach den ersten freudigen Begrüßungen und teilnehmenden Fragen
mehrere während seiner Abwesenheit angekommene Briefe eingehändigt Zwei von
diesen Schreiben erregten seine besondere Aufmerksamkeit Das eine von St
Julien in dem er meldete dass der Abschluss des Friedens täglich zu erwarten
sei und dass er alsdann leicht Urlaub erhalten könne um sich mit den teuren
Eltern und der zärtlich geliebten Braut wieder auf einige Zeit zu vereinigen
Der andere Brief war von einem Rechtsanwald aus München der dem Grafen meldete
dass in den furchtbaren Schlachten bei Aspern und Wagram in denen die Bayern für
Napoleon fochten mehrere entfernte Mitglieder seiner Familie geblieben wären
so dass von dem im südlichen Deutschland lebenden Zweige derselben Niemand mehr
vorhanden sei als eine Wittwe die bei der durch die vielen Todesfälle
eingetretenen Erbschaft gleiche Rechte mit ihm habe und in deren Namen er sich
der Teilung wegen an den Grafen wende Der Nachlass bestehe wie der
Rechtsgelehrte meldete in einem am Rheine gelegenen Gute und einigem baaren
Vermögen Da aber die Miterbin als eine Wittwe sich bei den gegenwärtigen
unruhigen Zeiten nicht gern mit einem Grundbesitz befassen wolle so schlug ihr
Rechtsfreund dem Grafen vor nach billiger Übereinkunft das Gut zu behalten
und lud ihn ein entweder selbst zu diesem Behufe nach München zu kommen oder
Jemandem seine Vollmacht in dieser Angelegenheit zu übersenden
Es ist furchtbar seufzte der Graf wie verheerend diese ewigen Kriege
wirken ganze Geschlechter werden ausgerottet Er teilte seiner Gemahlin die
empfangenen Nachrichten mit und Beide entschieden sich die Reise nach München
anzutreten und den geliebten Sohn dorthin zu bescheiden weil der Graf glaubte
dass er von dort durch einen eng mit Napoleon befreundeten Hof leichter Mittel
finden würde die Anerkennung des Namens Evremont für St Julien zu bewirken
als von Berlin wo er sich nicht mit einem Gesuche an die französischen
Machtaber wenden durfte ohne einen gehässigen Schein auf sich zu laden Die
Gräfin sah die Triftigkeit seiner Gründe ein ihr Herz schlug dem Sohne entgegen
und aus Emiliens Augen leuchtete seliges Entzücken als sie vernahm wie bald
sie St Julien wieder zu sehen hoffen durfte und eine sanfte Rosenglut brannte
verschönernd auf ihren Wangen als der Graf bemerkte dass doch dieser Frieden
vielleicht so lange dauern würde als unerlässlich notwendig wäre um zwei
Liebende zu vereinigen Sollen wir denn ewig vor der Erneuerung des
Blutvergiessens uns ängstigen fragte die Gräfin Kann man einen Friedensschluss
wie er jetzt eintreten wird anders als wie einen Waffenstillstand betrachten
entgegnete der Graf Die Frauen seufzten über die trüben Aussichten aber
dennoch wich der Kummer der gegenwärtigen freudigen Hoffnung Der alte Dübois
schien sich zu verjüngen Mit Eifer wurden die Anstalten zur Reise durch ihn
betrieben und aus den Augen des Greises leuchtete ein Strahl der Freude bei dem
Gedanken dass er den jungen Grafen Evremont wiedersehen sollte denn er erlaubte
sich nie St Julien anders zu nennen seit seiner Erkennung
Der Graf hatte St Julien nach München beschieden Die Gräfin hatte ihrer
Adele den gefassten Entschluss gemeldet Dübois war mit den Vorbereitungen zur
Reise fertig Kein Teilnehmer an derselben ließ sich eine Verzögerung zu
Schulden kommen und so gelangte die Familie in kurzer Zeit nach München wo
bald nach ihnen Adele eintraf und wo man um das Glück der Vereinigung
vollkommen zu genießen nur noch auf St Julien hoffte der Wien nicht ohne
Urlaub verlassen durfte den er mit höchster Ungeduld erwartete
Die Auseinandersetzung der Erbschaft wegen welche die erste Veranlassung
zur Reise nach München gegeben hatte war in wenigen Tagen beendigt weil bei
der Denkungsart des Grafen jede Schwierigkeit leicht gehoben wurde indem er
weit davon entfernt war seine Miterbin eine nicht sehr bemittelte Wittwe
irgend bedrücken zu wollen Es wurde ihrem Wunsche gemäß die Vereinigung
getroffen dass der Graf das Gut am Rheine behielt und ihr noch eine Summe zu dem
baaren Nachlasse des gemeinschaftlichen Verwandten hinzuzuzahlen sich
verpflichtete sobald alle Rechtsformen beobachtet sein würden die um ihn in
den Besitz zu setzen erforderlich wären Der Graf nahm sich vor das neu
erworbene Gut so bald als möglich in Augenschein zu nehmen und wenn er die Lage
so reizend fände wie sie ihm beschrieben wurde wenigstens einen Teil des
Jahres dort zu wohnen
Eben hatte der Graf die letzten Geschäfte mit dem Anwalde seiner Miterbin
abgeschlossen und er nahm den Rückweg zu seiner Wohnung durch den Schlossgarten
der Residenz wo die warme Mittagssonne Lustwandelnde vereinigte denn wenn
München auch seiner hohen Lage und der Nachbarschaft der Gebirge wegen ein
wechselndes im Ganzen nicht angenehmes Klima hat und man im frühen Herbst und
späten Frühling Kälte und Schnee zuweilen ertragen muss so macht doch seine
südliche Lage dass dafür oft im November noch so schöne warme Tage eintreten
dass man sich nach Italien versetzt glaubt Ein solcher warmer Novembertag lockte
den Grafen unter die hohen unbelaubten alten Kastanienbäume des Schlossgartens
und er bemerkte dass wie ihn auch viele Andere die warme Mittagssonne
herbeigezogen hatte
Der Blick des Grafen schweifte über die verschiedenen lustwandelnden oder im
Gespräch verweilenden Gruppen und es machte einen betrübenden Eindruck auf ihn
dass er beinah Niemanden bemerkte der nicht Trauer trug wie sein Herz ihm
sagte um einen in den Schlachten des letzten Krieges gefallenen Verwandten Die
Wenigen die nicht in Trauer gehüllt waren machten keinen heiteren Eindruck
denn es waren verstümmelte zum Teil noch schwer an ihren Wunden leidende
Krieger die hier in der warmen Herbstsonne Erquickung nach grausamen Leiden
suchten So haben nun wieder Deutsche gegen Deutsche gewütet dachte der Graf
seufzend so vertilgen sie sich gegenseitig von der heimatlichen Erde und
bringen Trauer über verwandte Geschlechter Sein Schritt war ohne dass er es
bemerkte langsam geworden und sein Blick senkte sich kummervoll zu Boden als
er plötzlich aufschrak weil eine Hand von hinten sanft seine Schulter berührte
Er wendete sich und blickte in das ihm freundlich entgegen lächelnde Gesicht des
General Klairmont Der Graf war freudig überrascht und nach den ersten
herzlichen Begrüßungen fragte sein Freund lächelnd Was hat Dich so
philosophisch gestimmt dass Du in tiefe ernste Gedanken versenkt Deine
Freunde nicht bemerkst Ich ging bei Dir vorüber ohne von Dir beachtet zu
werden und ich redete Dich nicht gleich an weil ich einen Augenblick
zweifelte ob dieser sinnende Philosoph wohl mein Freund Hohental sein könne
den ich hier nicht erwartete
Es ist wohl natürlich sagte der Graf dass mich die Folgen Eurer Siege
ernstaft stimmen Bemerke alle diese Trauerkleider um uns her die ohne Zweifel
um Verwandte getragen werden die von deutschen Händen für Eure Sache fielen
So ist nun einmal der Krieg erwiderte der General nachlässig Doch was
führt Dich aus Deinen anmutigen Bergen hieher Etwa nur das Verlangen diese
Betrachtungen anzustellen
Ein nahe mit ihnen zusammenhängender Grund sagte der Graf In Euren
Schlachten ist ein Verwandter von mir geblieben der hier einheimisch war und
dessen Erbe ich geworden bin
So führt das Üble immer das Gute herbei sagte der General leichtsinnig
Sein Freund wendete sich verletzt ab Nun sei mir nur nicht böse fuhr der
General lächelnd fort Du weißt ich habe mich niemals zu Deiner sublimen Moral
erheben können und ich denke in meinem mir so oft von Dir vorgeworfenen
Leichtsinn dass es doch keine so grässliche Sache sein kann der Erbe eines
Verwandten zu werden den man vielleicht gar nicht oder doch nur wenig gekannt
hat
Der Graf ließ das Gespräch über diesen Gegenstand fallen denn er wusste dass
sein Freund seine Art zu denken in manchen Fällen und so auch hier nicht
verstand Es konnte nicht fehlen dass die Unterhaltung bald eine Wendung nahm
wodurch sie die Begebenheiten der Zeit berührte und der General bemerkte bei
dieser Gelegenheit Jetzt hoffe ich wird Dein Herz in sofern wenigstens sich
kummerfreier fühlen als nun nicht mehr Deutsche gegen Deutsche fechten werden
dieser Frieden stellt uns hierüber vollkommen sicher Alle kleineren Staaten
Deines Dir so teuren Vaterlandes sind mit Napoleon aufs Engste verbunden
Preußen wird durch die Umstände dazu gezwungen und Österreich wird sich jetzt
aufrichtig mit uns vereinigen
Die Verbindungen der Staaten unter einander erwiderte der Graf können nie
wie Privatfreundschaften betrachtet werden Sie sind so lange aufrichtig bis
ein höheres Interesse andere Forderungen macht
Was willst Du damit sagen fragte der General Weißt Du nicht dass die
Tochter des österreichischen Monarchen Kaiserin von Frankreich wird
Auch Familienbande antwortete der Graf sichern dem Bunde der Staaten keine
ewige Dauer Erinnere Dich als es Euer Ludwig der Vierzehnte durchsetzte
seinen Enkel auf Spaniens Thron zu erheben da rief er auch in der Trunkenheit
der Freude über das gelungene Werk Jetzt gibt es keine Pyrenäen für Frankreich
mehr Nun Du weißt die Pyrenäen sind dessenungeachtet geblieben
Jetzt aber sagte der General mit Stolz jetzt ist diese Scheidewand für
Frankreich gesunken Spanien ist unser
Ihr kämpft aber doch in diesem Euren Spanien noch mit abwechselndem Glück
versetzte der Graf
Was folgt daraus rief sein Freund unmutig
Dass sich die Pyrenäen dennoch wieder für Euch erheben können sagte der
Graf
Einen Augenblick flammte der Zorn in den Augen des Generals indem er den
Grafen anblickte doch der scharf geklemmte Mund der eben etwas Heftiges
aussprechen wollte schwieg Die Spannung des Gesichts löste sich die eben noch
zornigen Augen begegneten freundlich dem edelen Blicke des Grafen der Mund der
eben beleidigen wollte lächelte anmutig und nachdem der General seinen Freund
in dieser wohlwollenden Stimmung noch einen Augenblick betrachtet hatte brach
er in ein lautes Gelächter aus Habe ich jemals einen Menschen unerschütterlich
standhaft in seinen Ansichten gefunden sagte er endlich so bist Du es Du
wirst noch ein Märtyrer Deines Glaubens werden fügte er ernstaft hinzu
Ich weiß nicht wie es geschieht sagte der Graf ebenfalls lächelnd ich
habe mir sonst nie über diese Gegenstände Unbesonnenheiten vorzuwerfen ich weiß
meine Ansichten zurückzuhalten und zu verbergen so wie ich Dich aber erblicke
zolle ich der Torheit diesen Tribut und bekämpfe Deine Ansichten unnützer
Weise indem ich die meinigen eben so zwecklos zu verteidigen suche Ich kann
mir keinen Grund für diese Schwachheit angeben fuhr er fort wenn er nicht
darin zu suchen ist dass mir die Erinnerung der Jugend mit allen ihren
Vorrechten und ihrem rücksichtslosen Vertrauen nahe tritt wenn ich Dich
erblicke und ich mache eben diese Vorrechte geltend
Der General der seinen Arm in den des Freundes gelegt hatte drückte diesen
leise als Zeichen freundlicher Erwiderung
Wirst Du lange in München bleiben fragte endlich der Graf nachdem Beide
eine Zeitlang geschwiegen hatten
Nein erwiderte sein Freund Ich komme jetzt von Paris wohin ich mich nach
dem Waffenstillstande gern senden ließ und kehre nun nach Wien zurück wohin
ich mancherlei Nachrichten zu überbringen habe und ich verweile auch hier nicht
ohne Grund Doch werde ich morgen reisen und ich denke sagte er
freundschaftlich zum Grafen gewendet wir trennen uns heut so wenig als möglich
Dem Grafen fiel plötzlich ein dass sich ihm nicht leicht eine bessere
Gelegenheit bieten würde die Anerkennung des Namens Evremont für St Julien zu
bewirken und doch machten manche Umstände es ihm schwer dem General sein
Anliegen zu vertrauen Es war möglich dass sich sein Freund wenn er ihn damit
bekannt machte dass er mit der Wittwe des Grafen Evremont verbunden sei sich
der weiblichen Gestalt erinnerte die er bei der Hinrichtung des unglücklichen
Freundes erblickt hatte und es lag so nahe dann in dieser die Gemahlin des
Grafen zu vermuten Alle diese Vorstellungen peinigten ihn und er konnte zu
keiner Entschließung kommen und beide Freunde wandelten eine Zeitlang
schweigend auf und ab Ich erkenne Dich heute nicht wieder fing endlich der
General das Gespräch von Neuem an Was hast Du nur das Dich in so ernste in so
ungleiche Stimmungen versetzt
Der Graf hatte indessen seine Zweifel bekämpft Jedes Bedenken musste aus
Rücksicht für den geliebten Sohn überwunden werden und er sagte deshalb
entschlossen Ich wünschte dass Du Dich in einer Angelegenheit die mir sehr am
Herzen liegt bei Napoleon für mich verwenden möchtest und ich weiß nicht
recht wie ich sie Dir vortragen soll
Aha rief der General lachend muss sich Deine SpartanerTugend beugen
Bedarfst Du der Gewaltigen der Erde Nun freilich kann ich mir denken dass Du
einen schweren Kampf mit Deinen Grundsätzen bestehen musst ehe Du solche
Bekenntnisse ablegst
Es ist nicht das sagte der Graf aber um Dich in den Stand zu setzen mir
beizustehen muss ich Dich mit Einzelnheiten bekannt machen die mich in mehr als
einer Hinsicht schmerzlich berühren und da dies Mitteilungen sind die sich
nicht im Freien machen lassen und ich Dich früher davon in Kenntnis zu setzen
wünsche ehe ich Dich in meine Wohnung einlade so bitte ich Dich mich in die
Deine zu führen
Der General war bereit dazu und beide Freunde wollten den Schlossgarten
verlassen als der Blick des Generals auf einen Krieger fiel der eine Dame die
er am Arme führte los ließ und die Hand an den Hut legte um den General
militärisch zu begrüßen Dieser Krieger mochte einige vierzig Jahre zählen
seiner Haltung mangelte die französische Zierlichkeit einigermaßen sein stark
gebräuntes mageres Gesicht deutete auf viele überstandene Beschwerden und wenn
seine Kleidung eher beschränkte Umstände als Überfluss erkennen ließ so war das
Kreuz der Ehrenlegion auf seiner Brust ein Beweis seines Mutes Die Dame die
sich in seiner Begleitung befand mochte schön gewesen sein aber die
erschlafften Gesichtszüge bewiesen eben so wie der freche Blick dass sie das
Leben zu sehr benutzt hatte die hoch aufgetragene Schminke konnte den Schein
blühender Jugend nicht mehr hervorrufen so wie der auffallende Putz nicht
Wohlhabenheit lügen konnte Die beschmutzten Bänder und verblichenen Blumen mit
denen die schwarzen Locken überladen waren verkündigten wohl die Ansprüche die
noch gemacht wurden aber zeigten auch deutlich dass sie nicht mehr befriedigt
werden konnten
Wie geht es Kapitän redete der General den Krieger an Sind Sie von Ihren
Wunden wieder hergestellt
Dem Himmel sei Dank erwiderte der Angeredete ich kann bald wieder
eintreten in die Reihen der Braven
Der Kaiser wird Sie belohnen sagte der Genral ich kann das beste Zeugnis
Ihres Mutes bei Landshut ablegen und ich hoffe Sie bald als Obristen zu
begrüßen denn leider sind sehr viele brave Kameraden geblieben
Nur Ihnen mein General verdanke ich es erwiderte der Kapitän dass ich
meine Laufbahn nicht als Sergeant beschlossen habe denn die Zeiten sind auch
bei uns vorüber wo man sich ohne Beschützer empor arbeiten konnte
Sind Sie vermählt fragte halb leise der General der schon ein paar Mal den
Blick zu der Dame hatte hinüber streifen lassen die in des Kapitäns Begleitung
gekommen war und die nun sichtlich verdrießlich darüber dass Niemand ihre
Gegenwart zu berücksichtigen schien seitwärts stand
Sie begreifen mein General sagte der Kapitän verlegen lächelnd Madame
übernahm es mich während meiner langen Krankheit zu verpflegen und sie ist so
gütig sich meines Namens zu bedienen weil weil dies in vielen Fällen für
zwei in Freundschaft lebende Personen bequem ist Sie verstehen wohl wie ich
das meine
Vollkommen entgegnete der General mit spöttischem Lächeln indem er sich
eben von seinem Kriegsgefährten trennen wollte als die vernachlässigte Schöne
die ihren Zorn nicht länger unterdrücken konnte ihm näher trat und indem sie
ihm mit großer Dreistigkeit in die Augen blickte sagte Sie wissen aus eigener
Erfahrung General wie liebevoll ich einen Leidenden zu verpflegen verstehe
und ob meine Sorgfalt nicht Dank und Anerkennung verdient
Gewiss gewiss sagte der General ohne den spöttischen Ausdruck des Gesichts
zu mildern Ich habe den Wert Ihrer Zuneigung vollkommen würdigen gelernt und
vor Allem hat mich die zarte Schonung überrascht die mir den Schmerz des
Abschiedes ersparte und zugleich alle Hindernisse des leichteren Fortkommens mir
aus dem Wege räumte
So groß die Frechheit der Tochter des alten Lorenz auch war die sich in der
Begleiterin des Kapitäns nicht mehr verkennen ließ so schwieg sie doch einen
Augenblick bestürzt und sagte dann mit weniger dreister Stimme Ich glaube
meine Aufopferung für Sie hätte eine bessere Belohnung verdient
Ich zweifle nicht erwiderte der General lächelnd dass ich dies selbst
würde geglaubt haben da es Ihnen aber gefiel den Wert dieser Aufopferung
selbst zu bestimmen so habe ich Ihr Urteil für richtiger als das meine
gehalten
Nach einer leichten Verbeugung fasste der General von Neuem den Arm des
Grafen um sich eilig mit ihm zu entfernen Der Kapitän schien sein Verhältnis
zu seiner Freundin selbst zu leicht zu nehmen als dass er durch die Art wie der
General mit ihr sprach hätte beleidigt sein sollen Im Gegenteil blickte er
diesem mit wohlwollendem Lächeln nach als er sich entfernte und sagte indem
er seiner Begleiterin den Arm bot Ein braver Mann der General ein wahrer
Ehrenmann ohne auf den Zorn zu achten der in den Augen seiner Freundin
funkelte
Als die beiden Freunde die Wohnung des Generals erreicht hatten sagte
dieser Vor allen Dingen musst Du mir nun versprechen diesen Mittag mein Gast zu
sein Gern erwiderte der Graf wenn Du mir erlaubst meine Damen davon zu
benachrichtigen damit ich nicht vergeblich erwartet werde
Ist Deine Gemahlin mit Dir in München fragte der General nicht angenehm
überrascht denn sein Zusammentreffen mit der Tochter des alten Lorenz erinnerte
ihn daran wie er mit dieser auf Schloss Hohental erschienen war und er musste
es sich gestehen dass er dadurch unmöglich die Achtung der Gräfin gewonnen haben
könne Der Graf hatte die Frage des Freundes bejahend beantwortet und der Gräfin
einige Worte geschrieben Der General zog die Klingel auf deren Ruf ein
Bedienter in übertrieben reicher Livree erschien der zum Überbringer des
Blatts bestimmt wurde Der Graf sah dem davon eilenden Boten gedankenvoll
lächelnd nach und der General der einen Tadel seines Geschmacks in Bezug auf
die zu reiche Livree fürchtete fragte etwas gespannt Was fällt Dir an dem
Burschen so auf Der Wechsel der Dinge antwortete der Graf Ich weiß die Zeit
wo eine so reiche Livree dem Herrn dieses Burschen als einem entschiedenen
Aristokraten zur Guillotine geholfen hätte
Tempi passati sagte der General gähnend Von Menschenrechten ist nicht mehr
die Rede Der Ruhm der Glanz der französischen Nation das ist jetzt der
Gedanke der Alle mit Begeisterung erfüllt
Es ist eine eigene Ideenverbindung bemerkte der Graf lächelnd dass Du an
die Menschenrechte denkst wenn ich die Guillotine erwähne
Nun Du musst doch zugeben erwiderte sein Freund dass die verruchte
Maschine zu der Zeit am tätigsten war wo am Meisten von den Menschenrechten
geredet wurde Doch lass uns nicht wieder in die Politik geraten lass uns wie
in vergangenen Zeiten in harmloser Heiterkeit uns zu Tische setzen und dann
teile mir Dein Verlangen mit
Der Graf hatte gegen diese Anordnung seines Freundes nichts einzuwenden und
er folgte ihm zur Tafel wo der General einer schwelgerischen Mahlzeit alle
Gerechtigkeit widerfahren ließ und über die Mäßigkeit des Grafen mit in dem
Grade erhöhter Munterkeit scherzte wie der reichlich genossene Wein seine
Lebensgeister immer mehr anregte Endlich als der Pfropfen der
Champagnerflasche sprang und der schäumende Wein in den Gläsern perlte sagte
er Nun alter Freund sprich es aus was begehrst Du was soll ich für Dich bei
unserm Kaiser auswirken
Es ist mir unmöglich sagte der Graf Dir meine Wünsche bei der Flasche
mitzuteilen denn ich muss Dich damit Du mir gefällig sein kannst mit zu
ernstaften Gegenständen bekannt machen
So lass uns denn ernste Gegenstände ernst behandeln sagte der General indem
er sich mit dem Freunde von der Tafel erhob und ihn in ein anderes Zimmer
führte Es wurde dem Grafen schwer die nötige Mitteilung zu beginnen weil er
bei einem ihm an sich peinlichen Gegenstande die Weinlaune des Freundes
fürchtete Aber diese Besorgnis war ungegründet denn so wie der Graf den Namen
Evremont nannte war jede Spur der ausgelassenen Heiterkeit verschwunden die
der General bei Tafel gezeigt hatte und er hörte alles was der Graf ihm
mitteilte mit der ernstesten Aufmerksamkeit und innigsten Teilnahme an Was
Du wünschest sagte er endlich als der Graf schwieg ist eine Kleinigkeit die
der Kaiser ohne Frage sogleich gewähren wird Dafür könnte ich mich verbürgen
aber Du wirst es mir vergeben dass das Erstaunen über das wunderbare Schicksal
das Dich zum Gemahl von Evremonts Wittwe machte alle meine Sinne fesselt Armer
Evremont rief er klagend und doch fuhr er erheitert fort habe ich Recht
jedes Böse bringt sein Gutes Unser unglücklicher Freund wurde eigentlich das
Opfer seines Vaters das kannst Du nicht leugnen bei aller Liebe die der alte
Herr für ihn hatte aber dies Unglück hat Dein Glück herbeigeführt durch die
Verbindung mit seiner liebenswürdigen Wittwe und dass Du ihren Sohn ganz als den
Deinen betrachten willst daran tust Du recht und nur Gewinn wird Dir dabei zu
Teil denn ich sage Dir er ist einer der bravsten Offiziere in der Armee und
Du kannst noch die Ehre erleben Dich den Vater eines Marschalls von Frankreich
zu nennen
Der Graf bemühte sich nicht seinem Freunde auseinander zu setzen weshalb er
diese Ehre nicht zu genießen wünschte Er begnügte sich ihm für das bestimmte
Versprechen zu danken welches er gegeben hatte diesem geliebten Sohne die
Rechte seines wahren Namens wieder zu verschaffen und lud ihn nun ein den
Abend bei ihm zuzubringen und ihm zu erlauben ihn mit der Gräfin bekannt zu
machen Missverstehe mich nicht sagte der General zögernd wenn ich Dich bitte
diese Ehre zu verschieben bis ich sie länger genießen kann als es dies Mal
möglich wäre Du weißt in welcher Begleitung ich auf der Burg Deiner Väter
erschien Unter Männern hat dies nichts zu sagen bei Feinden auch nicht wo man
wie ein Ungewitter vorüberzieht und keine Achtung erwecken kein wohlwollendes
Andenken zurücklassen will Aber bei der Gemahlin meines Freundes ist dies eine
andere Sache Kann ich mich künftig des Umganges in Deinem Hause länger erfreuen
und durch ein fortgesetztes anständiges Betragen die übelen Eindrücke wieder
auslöschen so wirst Du mich dankbar Deiner Einladung folgen sehen Aber jetzt
auf eine halbe Stunde hinzugehen gleichsam um die Frau Gräfin mit dreister
Stirn daran zu erinnern Hier ist der Mann der sich in Ihrem Hause so unklug
aufführte und mich dann gleich wieder zu empfehlen nein verzeih das geht
über meine Kräfte
Der Graf bekämpfte die Gründe seines Freundes nicht mehr als es die
Höflichkeit forderte Ihm selbst war es angenehm ihn der Gräfin nicht ohne sie
darauf vorbereitet zu haben vorzustellen denn mit welcher Dankbarkeit er es
auch anerkannte dass sein Freund mit der Feinheit eines Mannes von Welt es nicht
auf die fernste Weise bemerken ließ dass er errate die weibliche Gestalt die
er bei der Hinrichtung Evremonts bemerkt habe möge die Gräfin gewesen sein so
würde doch schon jeder neugierige Blick den vielleicht sich unbeachtet
glaubend der General auf seine Gemahlin gerichtet hätte den Grafen tief
verwundet haben Er folgte also der Einladung des Generals noch einige Stunden
der Freundschaft zu weihen bis diesen Geschäfte abriefen die er noch mit den
Ministern vor seiner Abreise nach Wien hatte
Beide Freunde fühlten durch diesen mit einander verlebten Tag die Gefühle
ihrer Jugend neu belebt und trennten sich mit herzlicher gegenseitiger
Zuneigung
VIII
Es waren mehr als zwei Jahre verflossen seit der Graf mit seinem Freunde
Klairmont in München zusammen getroffen war längst war dessen Versprechen
erfüllt St Julien war als Evremont anerkannt und führte schon lange diesen
Namen Das Glück den geliebten Sohn zu umarmen war genossen und schon lange
wieder entschwunden Napoleons heftig bewegte Seele gestattete seinen Kriegern
keine lange Waffenruhe und es hatte die Verbindung der Liebenden beschleunigt
werden müssen wenn sie nicht die Qual der Trennung von Neuem erdulden sollten
Die reizende Emilie war in München mit dem schönen Sohne der Gräfin vereinigt
worden und wenige Tage darauf musste der Graf schmerzlich seufzend das
beglückte Paar entlassen und die bittersten Tränen benetzten von Neuem die
Wangen der einsamen Mutter Die Gräfin erkannte jetzt erst wie viel ihr Emilie
gewesen war als sich auch diese von ihrem Herzen losriss um dem geliebten
Gemahle zu folgen der neuen Gefahren entgegen eilte denn seine Bestimmung war
sich mit den Truppen zu vereinigen die noch immer auf Spaniens Boden kämpften
und den ungestörten Besitz des schönen Landes der neuen Dynastie nicht erringen
konnten Die schüchterne Emilie folgte den Truppen soweit es sich tun ließ um
so viel als möglich in der Nähe des geliebten Gemahls zu bleiben Nur selten
wurden die Eltern durch Nachrichten erfreut weil die ewigen Bewegungen der
Heere keinen regelmäßigen Briefwechsel gestatteten und die Phantasie war
geschäftig Bilder von tausend möglichen Gefahren zu erzeugen und oft schon
wurde Evremont verzweiflungsvoll als ein Gestorbener beweint
Da die Stimmung der Gräfin sie bewog die Gesellschaft zu meiden so hatte
der Graf sein neues Erbe das Gut am Rhein bezogen damit die ängstliche
kummervolle Mutter in der schönen Natur den Trost fände den ihr die
Gesellschaft nicht gewähren konnte
Nach langem Schweigen waren endlich wieder sehr verspätete Briefe von
Evremont und seiner Gattin eingetroffen Beide meldeten den zärtlichen Eltern
ihr neues Glück und Evremont konnte nicht Worte finden sein Entzücken
auszudrücken Emilie die angebetete Emilie hatte ihm einen Sohn geboren und
alle Gefahren glücklich überstanden die ein Leben jedes Mal bedrohen wenn ein
anderes aus ihm sich entwickeln soll Er selbst hatte neue Lorbeeren ohne Wunden
errungen und konnte sich des ungetrübtesten häuslichen Glückes erfreuen Emilie
selbst schrieb wenig weil jede Bewegung des Gemüts noch vermieden werden
musste aber die wenigen Worte ihrer Hand zeigten wie ganz selig sie sich als
Mutter fühlte und wie zärtlich liebend ihre Seele sich an den beglückten Gatten
schloss
Lange fand in dem Herzen des Grafen und seiner Gemahlin keine andere
Empfindung Raum als eine zärtliche wehmütige Freude über ihr erhöhtes Glück
und besonders empfand die Gräfin eine schmerzliche Sehnsucht nach dem Anblick
des neugebornen Kindes Man berechnete dass es nun schon einige Monate alt sein
müsse weil die Briefe die sein Dasein meldeten lange zurückgehalten worden
waren ehe sie ihre Bestimmung erreicht hatten
Endlich war diese wichtigste Familienbegebenheit so vielfach mit immer
erneuerter Freude besprochen worden dass die Seele gewissermaßen befriedigt war
und der Graf hatte nun auch das besonders an ihn gerichtete Paket des Sohnes
gelesen das in Form eines Tagebuches die bedeutendern Vorfälle bei der Armee
so weit dies zu wagen war berichtete
Der Graf folgte mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gange der Begebenheiten
an denen Evremont Anteil genommen hatte bis seine Aufmerksamkeit von den
großen weltgeschichtlichen Ereignissen abgelenkt wurde indem sein Sohn einen
Gegenstand berührte der seine Phantasie in den Kreis seines bürgerlichen Lebens
zurückführte
Ich zog so schrieb Evremont an der Spitze meines Regiments durch ein
anmutiges Tal das sich zwischen baumbewachsenen Hügeln hinschlängelte Der
Himmel war über uns dunkelblau wie ein unermesslicher Sapphir ausgespannt kaum
regten sich gelinde Lüfte Nichts unterbrach die Stille der Natur als das
sanfte Plätschern eines silberhellen Baches der zwischen blühenden Ufern floss
Mir schien es als sei dies ruhige Tal von den Menschen vergessen und blühe
hier still für sich in ungekannter Schönheit und es dünkte mir fremd und
seltsam dass ich hier mit kriegerischem Getöse über den ruhigen Busen der Erde
zog Meine Träumerei und die tiefe Ruhe um uns her wurde auf einmal durch den
Knall von kleinem Gewehrfeuer unterbrochen den ein vielfaches Echo in den
Bergen wiederholte und es schien mir als ließe sich ein fernes Jammergeschrei
schwach unterscheiden Da unter den jetzigen Umständen in diesem herrlichen
Lande Vorsicht die erste Tugend ist die man sich aneignen muss so zog auch ich
mit doppelter Vorsicht weiter durch das enge Tal und ich hatte so sehr allen
Sinn für die noch eben empfundene Schönheit desselben verloren dass ich eifrig
das Ende zu erreichen wünschte Indes näherte ich mich an der Spitze meines
Regiments dem Platze wo eben gekämpft worden war indem wir um einen Hügel
bogen hinter welchem sich das Tal etwas weiter ausbreitete und der erste
Blick überzeugte mich dass keine Gefahr zu überstehen sei ob sich mir gleich
ein trauriger Anblick darbot
Es waren Reisende die nur eine schwache Bedeckung hatten von Guerillas
überfallen worden und sollten eben geplündert und getötet werden als der
Anblick meiner überlegenen Macht diese bewog sich eilig zurückzuziehen und die
die sie sich zu Opfern ausersehen hatten ihrem Schicksale zu überlassen
Als ich dem Orte näher kam wo der Überfall Statt gefunden hatte bemerkte
ich zwischen umgeworfenen Wagen eine stehende Dame die ihre Hände krampfhaft
auf der Brust zusammengepresst hatte und mit dem Ausdrucke höchster Angst und
des heftigsten Schreckens die starren Blicke gedankenlos in die Weite richtete
Ich wollte meinen Augen nicht trauen als ich in dieser Dame diejenige wieder
erkannte der ich mich in Madrid hatte vorstellen lassen um die Bekanntschaft
eines rätselhaften Verwandten zu machen Als ich mich überzeugt hatte dass
keine Täuschung mich verblende stieg ich vom Pferde und näherte mich der
Geängstigten Ich fasste indem ich Sie anredete ihre Hand um sie aus der
Erstarrung zu erwecken Ein schöner Blick aus den dunkeln Augen traf mich bei
der Berührung doch schien sie sich bei meinem Anblick einigermaßen zu beruhigen
und deutete mit der linken Hand indem ich ihre Rechte hielt auf einen
Gegenstand den mir ein umgeworfener Wagen verbarg Ich näherte mich und sah
denselben jungen Mann den man in Madrid Don Fernando nannte schwer verwundet
auf dem Rasen liegen Er röchelte dumpf aus der verletzten Brust und bei jedem
Atemzuge quoll von Neuem das Blut hervor das den Rasen rings um ihn färbte
Ich bog mich entsetzt zu ihm nieder ich weiß nicht ob er mich kannte aber er
wendete scheu den Blick von mir ab Ich erkannte die Notwendigkeit
augenblicklicher Hilfe Der Regimentsarzt war schnell herbei gerufen und ich
führte die Dame hinweg bat sie in einiger Entfernung zu ruhen während des
notwendigen Verbandes und ließ ihr eine Bedeckung zu ihrer Sicherheit
Stillschweigend ließ sie sich alle meine Anordnungen gefallen und ich kehrte zu
dem Verwundeten zurück um Zeuge eines seltsamen Auftritts zu sein
Ein alter würdiger Unteroffizier hatte den Tadel seiner Kameraden nicht
geachtet und sich vor einiger Zeit mit einer Frau verheiratet die mehrere
Officiere nach einander zur Geliebten gehabt hatten Diese nun folgte als
Marketenderin dem Regimente und da bei dem Verbande des Verwundeten Leinenzeug
erforderlich war wurde sie herbei gerufen um wo möglich damit auszuhelfen Sie
erschien und schaffte bereitwillig herbei was sie vermochte und wollte nun
auch bei dem Verbande selbst Hilfe leisten Als sie sich um dies zu können zu
dem Verwundeten niederbeugte starrte sie diesen einen Augenblick an und rief
dann mit allen Zeichen eines lebhaften Schmerzes Jakob Bruder Jakob muss ich
Dich so wiedersehen Der Verwundete richtete einen matten Blick auf die Gestalt
deren kreischender Ton ihn erweckt hatte und wendete dann mit unverkennbarem
Widerwillen sein Gesicht hinweg
Diese Bewegung des zum Tode Verwundeten ließ die die ihn als Bruder
erkannte alle Gefahren vergessen denen sein Leben Preis gegeben war und sie
ergoss sich in Strömen von Scheltworten worin sie ihm vorwarf dass sein Hochmut
sie zu Grunde gerichtet habe indem er ihre Schönheit immer benutzt habe um
sich Wege zu bahnen und dass nun ein um seinet Willen gänzlich verlornes Leben
nun sein schnöder Undank ihr so vergelte dass er sie im letzten Augenblicke
seines Daseins nicht anerkennen wolle
Der junge Mann schien unter diesem Strome von Scheltworten furchtbar zu
leiden und seine Augen suchten ängstlich einen Gegenstand dessen Dasein er
offenbar fürchtete Ich duldete diesen Erguss des Zornes nur so lange als meine
Überraschung mich verstummen ließ Sobald ich mich davon erholt hatte befahl
ich dem Unteroffizier seine scheltende Gattin hinwegzuführen und da im Kriege
auch eine Marketenderin gehorchen muss so wurde meinem Befehle zur sichtbaren
Erleichterung des Verwundeten Folge geleistet Die hinweggeführte scheltende
Schwester hatte sich im Zorneseifer der deutschen Sprache bedient und so war
sie von Niemandem als von mir und dem unglücklichen Bruder verstanden worden
Indes hatte sich die Dienerschaft der Reisenden wieder gesammelt die vor den
Guerillas die Flucht genommen hatte auch einige Schäfer und Landleute hatten
sich eingefunden denen vielleicht diejenigen nicht fremd waren die ihre Beute
beim Anblicke der überlegenen Macht verlassen hatten Mit dem Verbande war man
so gut es sich tun ließ zu Stande gekommen und ich sah mich nun verlegen um
weil ich nicht wusste was ich mit dem Unglücklichen beginnen sollte Ein alter
Schäfer trat zu mir dessen weißes Haar und ehrwürdiges Gesicht jedes Misstrauen
zu widerlegen schienen das in meiner Seele hätte aufsteigen können Er riet
mir den Verwundeten über einen der Berge tragen zu lassen zu dem ein Fußpfad
hinaufführte und er versicherte mir wir würden in einer halben Stunde ein Dorf
erreichen und dort bei dem menschenfreundlichen Geistlichen allen möglichen
Beistand finden Er ist nicht wie Viele seines Gleichen setzte der Greis mit
Bedeutung hinzu wenn ein Leidender seiner Hilfe bedarf so fragt er nicht für
welche Sache er streitet Ich verstand den Wink Die Landleute bereiteten aus
Baumzweigen eine Bahre um den Verwundeten zu tragen Die Reisewagen waren
wieder aufgerichtet und sollten auf dem Fahrwege dasselbe Dorf zu erreichen
suchen wozu sie wie man versicherte einige Stunden brauchen würden Einen
Teil meiner Leute gab ich diesen als Bedeckung mit andere sollten uns zu Fuß
begleiten und den Rest des Regiments sendete ich mit der Marketenderin nach dem
Orte voraus wo ein Rasttag gehalten werden sollte
Als ich alle diese Anordnungen getroffen hatte näherte ich mich dem Orte
an dem ich die Dame verlassen hatte Zwei Kammerfrauen die sich hinter Hecken
während des Überfalls verborgen hatten sich zu ihr gefunden und schienen ihr
Beistand zu leisten denn in dem Schoss der einen ruhte das bleiche Haupt der
Gebieterin von dem sich die glänzend schwarzen Locken und Flechten in
Verwirrung bis auf den Rasen herabsenkten indes die andere ihr wohlriechende
Essenzen vorhielt Als ich mich dieser Gruppe näherte erhob sich die Dame mit
mehr Kraft als ich ihr zugetraut hatte und indem sie mir mit Anstrengung
entgegen wankte fragte sie mit bleichen bebenden Lippen Lebt mein Gemahl Da
ich so eben die unzweifelhafte Überzeugung bekommen hatte dass der verwundete
junge Mann wie Sie mein teurer Vater schon lange werden vermutet haben
Niemand anders sei als der Sohn Ihres ehemaligen Dieners des alten Lorenz so
verwirrte mich die Frage und ich schwieg einen Augenblick Die Dame wurde
sichtlich bleicher und indem sie mit beiden Händen meinen Arm fasste und ihn
krampfhaft drückte rief sie in höchster Angst Sprechen Sie es aus er lebt
nicht mehr und Gott fuhr sie fort und richtete den Blick mit dem Ausdrucke
des tiefsten Schmerzes nach oben o Gott ich habe ihm nicht vergeben Fassen
Sie sich erwiderte ich und brachte so viel Ruhe als möglich in meine Stimme
er lebt aber ich kann Ihnen nicht verhehlen dass sein Zustand mir nicht
gefahrlos scheint Gelobt sei die heilige Mutter Gottes rief sie und zog ihre
Hände zurück die meinen Arm noch immer hielten Ich teilte ihr nun mit dass
der Verwundete über den nahen Berg getragen werde um ein Kirchdorf eher zu
erreichen und fragte sie ob sie sich Kräfte genug zutraute den Weg einer
halben Stunde zu Fuß mit mir zu machen oder ob sie es vorzöge das Dorf auf dem
Fahrwege zu erreichen und so etwas später einzutreffen Sie wählte ohne Bedenken
das Erste und sagte indem sie sich zitternd an meinen Arm lehnte ihre Kräfte
seien völlig wieder hergestellt Wir setzten uns sogleich in Bewegung und auch
die Kammerjungfern schlossen sich uns an Wir bemerkten bald dass die jungen
Landleute den Verwundeten tragend sich schon den Berg hinaufbewegten und wir
eilten so sehr es die Kräfte meiner Begleiterin gestatteten ihnen zu folgen
Mit einiger Beschwerde war der Weg bald zurückgelegt und der würdige
Geistliche den einige voraneilende Landleute schon von dem Unglück unterrichtet
hatten kam uns am Eingange des Dorfes entgegen und bot sein Haus und alles
was er vermöge den Reisenden freundlich an Wir erreichten bald seine
bescheidene Wohnung und ein altes Mütterchen seine Haushälterin empfing uns
in reinlicher Kleidung eben so freundlich als ihr Herr Der Verwundete wurde
sogleich in ein kleines schon für ihn bereitetes Zimmer gebracht und wie ein
Sterbender bleich mit mattem Blick fast bewegungslos von der Bahre gehoben
und auf ein reinliches Lager gesenkt Der erste nur flüchtig angelegte Verband
musste jetzt verbessert werden und als der Unglückliche alle diese
unvermeidlichen Qualen überstanden hatte irrten seine Blicke im Zimmer umher
als ob er Jemanden suche den er schmerzlich vermisse Ich erriet ihn und eilte
seine Gemahlin aufzusuchen die der Geistliche in ein anderes Zimmer geführt und
der Vorsorge der Haushälterin überlassen hatte indes er selbst sich bemühte
alles herbei zu schaffen was zur Erleichterung des Kranken dienen konnte Ich
fand die Dame mit ihren Kammerfrauen im eifrigen Gebet vor einem
Muttergottesbilde auf den Knieen liegen sie erhob sich bei meinem Anblick und
ihr großes schwarzes Auge blickte mir ängstlich fragend entgegen Ich fragte
sie ob sie jetzt da der Verband gehörig angelegt sei ihren Gemahl besuchen
wolle Sie nahm schweigend meinen Arm und ich führte sie an das Lager des
Kranken Ein Strahl der Zärtlichkeit dämmerte auf im erloschenen Auge des
Verwundeten kraftlos bemühte er sich die Hand zu erheben und sie der Gattin
entgegen zu strecken Da löste sich die Starrheit ihrer Züge die glänzenden
Augen wurden feucht und Tränen träufelten wie Perlen über die bleichen Wangen
sie senkte sich auf ein Knie neben das Lager des Leidenden fasste mit ihren
beiden Händen dessen dargebotene Hand und presste sie mit leidenschaftlichem
Ausdruck an ihren Busen indem sie rief Ich vergebe Euch Don Fernando wie der
Himmel mir in meinen letzten Stunden vergeben möge Ein schwaches seltsames
Lächeln zuckte um den Mund ihres Gatten indem die Dame fortfuhr Ja und ich
bete inbrünstig zu Gott und allen Heiligen dass der Himmel Euch erhalten und
die gnadenreiche Mutter Euch zum Heile und mir zum Trost Euren Sinn ändern möge
Da ich fühlte dass jeder Zeuge den beiden Gatten lästig sein müsse verließ
ich das Zimmer und führte den Wundarzt mit mir hinaus Wir betraten beide den
kleinen Garten des Pfarrers und ich fragte ihn was er von dem Zustande des
Verwundeten halte Er zuckte die Achseln und erwiderte Er wird die Nacht nicht
überleben und es wäre gut wenn ihn der Pfarrer darauf vorbereitete damit
wenn er noch Verfügungen zu treffen hat die kostbare Zeit nicht verloren geht
Ich hörte mit Schrecken diese bestimmte kaltblütige Zusicherung eines Mannes
dessen geübter Blick sich schwerlich täuschen konnte Ich werde ihn mit keinem
Verbande mehr quälen fügte er hinzu denn es ist völlig unnütz auch werde ich
ihm nicht untersagen zu sprechen denn sein Schweigen könnte sein Leben
höchstens einige Stunden verlängern die keinen Wert für ihn haben können und
er hat vielleicht noch Anordnungen zu treffen die sein Gewissen beruhigen oder
für seine Familie wertvoll sein können Ob mich gleich die tiefe Ruhe empörte
mit welcher der Wundarzt alles dies aussprach so sah ich doch das Vernünftige
seines Verfahrens ein und kehrte zu dem Kranken zurück bei dem ich seine Gattin
und den Pfarrer antraf Es schien als ob er mich mit Sehnsucht erwartet hätte
denn er ließ so wie er mich erblickte die Hand seiner Gattin los die er auf
seine verletzte Brust gedrückt hielt und gab durch Zeichen zu verstehen dass er
mit mir allein zu sein wünsche Der Pfarrer verließ mit der Dame das kleine
Gemach und ich setzte mich neben das Lager des Leidenden hin Es schien als
suche er Kraft ein Gespräch zu beginnen das ihm notwendig däuchte und ihm doch
in jedem Sinne quälend zu werden drohte Ich suchte seinen Zustand zu
erleichtern und indem mir die Worte des Wundarztes einfielen begann ich das
Gespräch und sagte Sie werden mich gewiss nicht für so roh halten und glauben
dass ich Sie auch nur auf die entfernteste Weise beleidigen wolle wenn ich
einige Fragen an Sie richte über einen Gegenstand über den wie es scheint Sie
selbst sich mitzuteilen wünschen Ich verbinde mit diesen Fragen keine andere
Absicht als Sie das Sprechen so viel als möglich vermeiden zu lassen denn Sie
brauchen meine Fragen nur durch Zeichen zu beantworten und eben so wird ein
Zeichen mich davon belehren können wenn Sie diese Erklärungen überhaupt zu
vermeiden wünschen Erwartungsvoll richtete der junge Mann die dunkeln Augen auf
mich und ich fuhr fort indem ich meiner Stimme einen so sanften Ton gab als
ich nur vermochte Nicht wahr Sie sind der Sohn des alten Lorenz des
ehemaligen Kastellans des Grafen Hohental Ein schmerzhaftes Gefühl machte die
blassen Lippen beben aber der Verwundete gab ein bejahendes Zeichen Und der
Baron fragte ich weiter dessen Namen Sie führen ist bei Bayonne im Duell
geblieben und Sie benutzten seine Papiere Auch diese Frage wurde bejahend
beantwortet Ich habe Ihre Schwester entfernt fuhr ich fort um der Dame die
Ihre Gemahlin ist unnützen Kummer zu ersparen der durch eine rohe
Zudringlichkeit hätte veranlasst werden können Ein dankbarer Blick belohnte mich
für diese Aufmerksamkeit Haben Sie mir aber nichts für diese Schwester
aufzutragen fragte ich weiter Er deutete auf ein Kästchen das auf einem
kleinen Tisch neben dem Bette stand Ich öffnete es auf sein Verlangen er
deutete auf eine schwere Börse voll Goldstücken Wollen Sie dass ich ihr diese
Summe einhändigen soll Er bejahte auch dies Ich nahm die Börse zu mir und
versprach diese Pflicht zu erfüllen Und nun sagte ich wie soll ich es
beginnen um meine Fragen so einzurichten dass mir ein Zeichen andeuten kann
was ich um Ihre Wünsche zu erfüllen für Ihre Gemahlin tun soll Wie kann ich
dieser Pflicht genügen und Ihre Brust dabei schonen
Die Schonung ist unnütz sagte er mit leiser Stimme ich weiß dass ich
sterben muss und ich habe die wenigen Lebenskräfte die mir noch bleiben für
edlere Gegenstände bewahren wollen Ich beobachtete durch dies Fenster Ihr
Gespräch mit dem Wundarzte und ich sah es Ihren und seinen Mienen an dass ich
sterben muss Ich wollte Hoffnungen aussprechen die ich selbst nicht hegte Ein
Zeichen der Ungeduld legte mir Stillschweigen auf und der Kranke fuhr mit
Anstrengung fort Wenn ein Richter über den Sternen lebt wenn der Gebrauch den
wir hier von unserem Dasein machten unsere Zukunft dort bestimmt so wird das
Wesen das wir anbeten unsern wahren Wert wägen und nicht wie ein
Polizeioffiziant dieser armen Erde Untersuchungen anstellen ob wir es gewagt
haben einen andern als den uns zukommenden Namen zu führen um ein solches
Vergehen zu bestrafen Eine solche Furcht kann mich nicht beunruhigen
gleichgültig erscheint mir der Unterschied der großen und unbedeutenden Namen
eine Kinderei die bald für mich ganz geendigt sein wird aber versprechen Sie
mir alle Vorsicht anzuwenden damit meine Gemahlin nie über diesen Gegenstand
aufgeklärt werde Sie hat mich sehr geliebt mit höchster Leidenschaft fuhr er
fort aber doch nicht so sehr dass der kastilianische Stolz die Neigung nicht
überwunden haben würde wenn sie nicht überzeugt gewesen wäre sich mit einem
der ältesten Freiherrn des römischen Reiches zu verbinden und sie würde völlig
elend werden wenn Sie ihr den unschädlichen Wahn rauben wollten Er sah
verlangend nach mir auf Ich reichte ihm die Hand und gelobte auch dies und ich
glaube ich habe mir nichts dabei vorzuwerfen Warum sollte ich das Herz einer
unschuldigen Frau durchbohren um sie über einen Irrtum aufzuklären der
Niemandem in der Welt Nachteil zuziehen kann Ein unverkennbarer Ausdruck der
Dankbarkeit leuchtete matt in den verlöschenden Augen des Verwundeten Nachdem
er wieder einige Kräfte gesammelt hatte fuhr er fort Auch ich habe diese Frau
aufs Innigste geliebt eine schwache Röte färbte auf einen Augenblick die
bleichen Wangen aber freilich sah ich auch dies Gefühl anders an als die
heftige leidenschaftliche Frau Ich glaubte für den geliebten Gegenstand sei
jedes Opfer ohne Ausnahme möglich und hielt mich für berechtigt alle zu
erwarten die es in meinen Plänen liegen könnte zu fordern Die Irrungen die
hiedurch zwischen uns entstanden straften mich für diese falsche Ansicht
schrecklich doch auch dies ist vorbei Mir bleibt noch eine Pflicht zu
erfüllen Rufen Sie den Pfarrer und den Alkalden des Orts herbei und setzen Sie
in ihrer Gegenwart spanisch und französisch eine Erklärung auf dass alle
Wechselbriefe die sich in meiner Chatoulle befinden das unbestreitbare
Eigentum meiner Frau sind ob sie gleich auf meinen Namen gestellt sind und
ich werde die letzten Kräfte daran wenden dies Blatt zu unterschreiben Eilen
Sie aber ehe es zu spät wird und wenn ich tot bin schaffen Sie meine Frau
sicher nach Frankreich hinüber
Die lange Rede hatte die Kräfte des Kranken erschöpft und mich erschreckte
sein schwaches Husten Ich rief den Wundarzt eilig doch ging der Anfall dies
Mal vorüber ohne sein Leben zu endigen und ich eilte den Alkalden
herbeizuschaffen um der Frau die bald Wittwe sein würde wenigstens ihr
Eigentum nach dem Tode des Mannes zu sichern Auch dies Geschäft wurde
rechtsgültig geendigt und ich richtete den Kranken behutsam in meinen Armen
auf damit seine zitternde Hand die Urkunde unterzeichnen könnte Ganz erschöpft
lehnte er sich auf die Kissen zurück nachdem er dies vollbracht hatte und
sagte mir dann in deutscher Sprache Da ich um meine Frau zu heiraten zur
katholischen Religion übergetreten bin so wünsche ich noch zu beichten damit
die Arme über mein Ende sich beruhigen kann Ich teilte den Anwesenden seinen
Wunsch mit der der Gattin des Kranken sehr zum Trost zu gereichen schien und
wir ließ ihn mit dem Geistlichen allein dessen liebevolle Ermahnungen selbst
auf diesen Menschen einen tiefen Eindruck gemacht zu haben schienen denn der
Ausdruck seines Gesichtes war milder als wir auf sein Verlangen alle zu ihm
zurückkehrten Er nahm von uns Abschied erinnerte mich noch ein Mal an mein
Versprechen und blieb mit seiner Gattin allein
Die Unterredung zwischen beiden Gatten scheint eine leidenschaftlichere
Wendung genommen zu haben als für den Zustand des Kranken heilsam war denn sie
waren nicht lange allein als ein durchdringender Schrei der Frau uns bewog nach
dem Krankenzimmer zu eilen Als wir eintraten bemerkten wir sogleich dass nun
das Ende des jungen Mannes nicht mehr zu verzögern war Seine Wunden hatten sich
geöffnet und das Blut quoll unaufhaltsam hervor ein schwaches röchelndes
Husten erneuerte immer wieder sein Strömen Die Frau lag auf den Knieen neben
dem Bette des Sterbenden und klagte sich laut in den leidenschaftlichsten
Ausdrücken als die Mörderin desselben an
Der Wundarzt näherte sich ihr mit gutmütiger Rohheit und sagte ihr kalt
und trocken Sein Sie darüber ruhig schon vor mehreren Stunden habe ich es dem
Herrn Obristen gesagt dass Ihr Gemahl die Nacht nicht überleben könne und dass
jeder Versuch sein Leben zu erhalten vergeblich sein würde So roh mir diese
Worte klangen so schienen sie doch einen Trost für die Frau zu enthalten denn
sie wurde ruhiger gefasster Sie richtete einen mitleidigen Blick auf den
Sterbenden und faltete ihre Hände um für seine Seele zu beten Die Augen des
Verwundeten hatten Glanz und Licht verloren matt griff seine Hand auf der
Bettdecke umher Die Frau erriet ihn und fasste die suchende Hand Ein tiefes
Röcheln folgte und das Leben das er vielleicht nie würdig gebraucht hatte war
dem Unglücklichen entflohen
Ich war in diesen Stunden so vielfach aufgeregt worden dass ich meine
Pflicht für mein Regiment etwas aus den Augen verloren hatte und jetzt indem
ich mich darauf besann wusste ich nicht wie ich meine Versprechungen mit diesen
Pflichten vereinigen sollte Ich empfahl die Wittwe dem Pfarrer die ich zwar
betrübt aber doch viel gefasster fand als ich es erwartet hatte und eilte nach
dem Sammelplatze meines Regiments mit dem Versprechen vielleicht noch diesen
Abend wiederzukehren
Als ich den Ort erreicht hatte wo ein Rasttag gehalten werden sollte
überraschte mich angenehm der Befehl drei Tage hier zu verweilen um ein
anderes Regiment zu erwarten das sich mit dem meinigen vereinigen sollte Ich
brauchte die Vorsicht dem Manne der Marketenderin streng zu befehlen seine
Frau nicht aus den Augen zu lassen und ich fügte diesem Befehle die
Versicherung hinzu dass die Folgsamkeit freigebig belohnt werden sollte
Hierauf kehrte ich beruhigter zu dem Pfarrer zurück der schon alle
vorbereitenden Anstalten zu der Beerdigung zu treffen begann die am folgenden
Tage Statt finden sollte Das Glück war mir günstiger als ich hoffen durfte
denn wenige Stunden nach der Beerdigung zog ein französisches Regiment durch die
Gebirge das nach Frankreich beordert war und dessen Obristen ich als einen sehr
achtbaren Mann kannte Ihm durfte ich die Wittwe empfehlen und ich war
überzeugt dass sie unter seinem Schutze Frankreich sicher erreichen würde Es
blieb mir nun nichts übrig als sie mit der Notwendigkeit der baldigen Abreise
bekannt zu machen Sie nahm meine Erklärung mit Ruhe auf und sagte sie sei
bereit ihrem Schicksale zu folgen und ihr Vaterland auf immer zu verlassen das
sie nie wieder wohlwollend aufnehmen würde Sie bemerkte die Verwunderung
welche diese Worte in mir erregten und sagte Ich bin Ihnen Obrist so viel
Dank schuldig dass es mir eine Pflicht scheint Ihnen manche Aufklärungen zu
geben ohne die Sie vielleicht mein verletztes Gefühl nicht begreifen könnten
und das Unglück meines Lebens nicht einzusehen vermöchten Sie haben es in
Madrid leicht bemerken können fuhr sie fort mit welcher Glut der Seele ich Don
Fernando liebte denn ich war unabhängig und brauchte eine Neigung die ich für
anständig und edel hielt nicht zu verbergen Noch heftiger schien es flammte
die Glut der Liebe in Don Fernandos Seele und wir schlossen einen Bund der
wie ich hoffte uns beide beglücken sollte Sie wissen dass ich der
französischen Partei aus der reinen Überzeugung ergeben war dass nur durch sie
das Wohl meines Vaterlandes zu erreichen möglich sei Auch diese Ansicht schien
Don Fernando zu teilen Wir waren vereinigt und wenige Wochen waren
hinreichend um den Schleier vor meinen Augen zu zerreißen Ich musste es bald
erkennen dass ihn nicht ein hohes Interesse für die Fortschritte menschlicher
Veredlung nach Spanien geführt hatte er scherzte über meine Begeisterung und
glaubte da wir so innig verbunden waren nicht mehr nötig zu haben mir seine
wahre Ansicht zu verbergen Sein Vorteil bestimmte ihn allein er wollte bei
der Verwirrung die die verschiedenen Parteien erregten gewinnen er wollte
steigen und das allgemeine Unglück sollte ihm dazu helfen die höchsten Stufen
der Ehre zu erreichen Er hatte gehofft dies durch französischen Einfluss zu
erlangen doch wurde ihm dies zweifelhaft bei dem abwechselnden Glück womit in
Spanien gekämpft wurde Er suchte sich also der entgegengesetzten Partei
vorsichtig zu nähern ohne es mit der französischen verderben zu wollen und
hoffte so auf jeden Fall seinen Zweck zu erreichen
Abscheu und Verzweiflung erfüllten meine Seele als ich diesen Charakter in
ihm erkannte und dennoch gab es Stunden wo die Täuschung zurückkehrte und das
Gefühl der Liebe von Neuem meine Brust belebte wo mich der törichte Wahn
ergriff ich könne dies Herz vielleicht läutern diese Seele auf eine edlere
Bahn leiten aber bald sollte für mich auch die letzte Täuschung verschwinden
Einen Augenblick schwieg die schöne Kastilianerin eine tiefe Röte glühte auf
ihren Wangen und die Flamme des Zornes brannte in den dunkeln Augen bei der
Erinnerung erlittener Schmach Nach kurzem Schweigen fuhr sie mit unterdrückter
Bewegung fort Nicht bloß mein Vermögen wollte er benutzen um seine ehrgeizigen
Plane zu erreichen sondern mich selbst Ich sollte ihm dazu dienen die
Machtaber aller Parteien zu fesseln zu blenden doch genug über meine
Erniedrigung die jedes Band der Seele zwischen uns löste ohne die Fesseln
zerreißen zu können die mich unauflöslich an seine Person schmiedeten Ich
glaubte nun ich hätte den Kelch des Elends bis auf die Hefen geleert aber zu
diesem im Herzen nagenden Unglück drängte sich noch ein Leiden von außen herein
Die Intriguen Don Fernandos waren nicht mit Feinheit geleitet sie wurden von
allen Seiten durchschaut und wir wurden bei der französischen Partei ein
Gegenstand der Verachtung Der Hof war uns so gut als verboten und mein Haus
das Sie als den Sammelplatz der glänzendsten Gesellschaft gekannt haben war
eine Einöde Die Gegner der Franzosen betrachteten uns mit dem reinsten ganz
unverhehlten Abscheu und wir wurden wie Verpestete gemieden Unter solchen
Umständen fand ich es natürlich dass Don Fernando Spanien verlassen wollte und
ich weigerte mich nicht ihm nach Italien zu folgen das er mir als künftigen
Aufenthaltsort vorschlug Er hatte sich gleich nach unserer Verbindung mit
liebender Zudringlichkeit der Verwaltung meines Vermögens bemächtigt und in der
Stimmung in der sich meine Seele nun befand achtete ich zu wenig auf die Güter
des Lebens Aber ein wahrhaftes Entsetzen ergriff mich als ich nach unserer
Abreise aus Madrid durch ihn selbst erfuhr dass er alle eingezogenen Gelder auf
seinen Namen hatte stellen lassen und dass ich also in eine Abhängigkeit von ihm
geraten war die mich beinah zu seiner Sklavin machte Er machte mich mit der
größten Ruhe mit dieser Einrichtung bekannt und sagte lächelnd er habe diese
Vorsicht beobachtet damit die Grillen die mein Herz von ihm entfernt hätten
mich niemals bestimmen könnten mich gänzlich von ihm zu trennen und damit er
wie es ihm seiner ruhigeren Vernunft wegen gebühre Herr meines Schicksals
bleiben könne und meine leidenschaftliche Seele nie das seine zu bestimmen
vermöchte Im Innersten empört machte ich ihm die bittersten Vorwürfe über diese
niedrige Art zu handeln und es entschlüpfte meinen Lippen die Äußerung dass
ich schon lange bemerkt habe dass ich von ihm betrogen sei dass ich an sein
großes Vermögen in Deutschland nicht glaube weil er so eifrig bemüht sei sich
das meinige anzueignen Die Erfahrung meines Lebens erwiderte er ruhig hat
mich vorsichtig gemacht Durch den Gemahl meiner Schwester den Grafen
Hohental wurde ich in früher Jugend aus einer ruhigen sorglosen Lage
gedrängt und er hat es zu verantworten wenn dadurch ein Schatten auf meinen
Charakter fällt dass ich nun vielleicht zu ängstlich jedes Besitztum das mir
erreichbar wird mir zu sichern strebe denn durch seine Schuld habe ich früh
mit dem Missgeschick kämpfen müssen und in den Jahren der Jugend die dem Genuss
hätten geweiht sein sollen habe ich die Bitterkeit des Lebens erfahren
Es war mir höchst überraschend zu sehen dass ein Mensch so sehr ein Lügner
gegen sich selbst werden kann und es lag zugleich etwas Komisches darin wie er
die Wahrheit dass Sie mein teurer Vater einem Sie unverschämt beraubenden
Bedienten in seinem frechen Beginnen Einhalt taten in seine Erfindungen
hinüber spielte durch die er sich für Ihren nahen Verwandten ausgab Mich
überwältigte der Eindruck des Komischen und ein unwillkührliches Lächeln zuckte
mir um die Lippen
Die Dame schwieg verwundert und beleidigt einen Augenblick und eilte dann
sichtlich ihre Erzählung zu beendigen Aehnliche Gespräche sagte sie hatten
wir oft auf der Reise und nicht immer hielt ich die Ausbrüche meines Zornes
zurück und eben hatte ich Don Fernando beteuert dass ich ihm nie vergeben und
fortan nur Hass und Abscheu gegen ihn empfinden würde dass mein Fluch seine
Sterbestunde belasten solle als wir überfallen wurden und nur durch Ihren
Beistand einem noch schrecklicheren Loose entrannen
Wir schwiegen nun beide verlegen Endlich sagte die Dame mit etwas trockenem
Tone Da ich vielleicht in meinem Vertrauen zu weitläuftig geworden bin so
bitte ich Sie dies zu verzeihen und zugleich mir so viel Wohlwollen zu beweisen
als zu einiger Erwiderung meines Vertrauens gehört Sagen Sie mir aufrichtig
fuhr sie lebhaft fort was konnte Sie zum Lachen reizen als ich erwähnte wie
es Don Fernando rechtfertigen wollte dass er auf eine so unwürdige Weise mich
gänzlich von sich abhängig gemacht hatte
Gewiss lachte ich nicht sagte ich mit Verwirrung Nun worüber lächelten Sie
denn fragte die Wittwe ungeduldig Dass Ihr Gemahl Ihnen ein so gänzlich
falsches Bild von dem Grafen Hohental entworfen hat sagte ich endlich um nur
etwas zu sagen Wie Sie kennen den Grafen Hohental rief sie höchst
verwundert Die Gräfin ist meine Mutter sagte ich in der Überraschung
Erstaunt ließ die Dame die Arme sinken und rief indem sie mir starr in die
Augen blickte So war ja Don Fernando Ihr Oheim Ich lächelte und schwieg Wie
kommt es dann fuhr sie fort dass Sie Ihre Verwandschaft nicht schon in Madrid
geltend machten Da ich in Frankreich erzogen wurde so hatte ich keine
Gelegenheit meinen Oheim kennen zu lernen und ich wollte mich erst überzeugen
ob der nun Verstorbene dieselbe Person sei für die ich ihn hielt ehe ich mich
ihm zu erkennen gab Sie erinnern sich aber vielleicht dass eine Krankheit die
ihn damals überfiel mich meine Absicht verfehlen ließ
Die Wittwe sah mich mit einem durchdringenden Blicke an Sie fühlte die
Zweideutigkeit meiner Antwort und sagte endlich indem sie die flache Hand auf
ihre Stirn legte Ich will nicht weiter in Sie dringen ich selbst habe Don
Fernandos Charakter so kennen gelernt dass ich mir denken kann wie seine
Verwandten Gründe haben konnten sich von ihm zurückzuziehen Wesshalb soll ich
noch einen Schmerz mehr auf meine Seele laden durch die Kenntnis von Dingen die
mir vielleicht besser verschwiegen bleiben Als ich auf diese Bemerkung schwieg
sagte sie nach einigen Augenblicken Gönnen Sie mir den Vorzug mich als Ihre
Verwandte zu betrachten wenn wir im Leben wieder zusammentreffen sollten Da
meine Lebenspläne jetzt nur von mir allein abhängen so habe ich nicht die
Absicht nach Italien zu gehen wenigstens für jetzt nicht Eine Verwandte die
mit mir erzogen wurde und meine schwesterliche Liebe mit Innigkeit erwiderte
lebt in Frankreich in der Nähe von Bordeaux wohin sie dem Gemahl folgte Zu ihr
will ich und will dort in Ruhe und Abgeschiedenheit mein Herz zu heilen und
mein Gewissen zu beruhigen suchen
Ihr Gewissen fragte ich befremdet
Ja mein Gewissen erwiderte sie denn ich quäle mich mit inneren
Vorwürfen dass ich Don Fernandos Leben wenn auch nur um Stunden verkürzt habe
Ich wollte ihm in unserer letzten Unterredung mein ganz versöhntes ihm völlig
vergebendes Herz zeigen weil ich glaubte dies sei um sein Gewissen zu
beruhigen notwendig Er unterbrach mich aber indem er mir sagte ich möchte
erlauben dass er seine letzten Gedanken auf wichtigere Gegenstände richtete
denn es sei ein Irrtum von mir wenn ich glaube dass ich ihm so viel zu
verzeihen habe wir wären auf dem Wege unseres Lebens nur durch verschiedene
Ansichten geleitet worden und dies sei Alles Ich vergaß in diesem Augenblicke
die Nähe seines Todes Der Schmerz über mein durch ihn zu Grunde gerichtetes
Leben überwältigte mich und tief empört darüber dass er nicht einmal eine
Ahnung von seinem grässlichen Unrecht zu haben schien ließ ich mich zu einer
Leidenschaftlichkeit verleiten die ihn in seinen letzten Augenblicken nicht
schonte und der Strom meiner Vorwürfe wurde nur durch den Strom des Blutes
gehemmt der aus seinen Wunden drang
Mein Bekannter der Obrist dessen Schutz ich die Wittwe empfohlen hatte
unterbrach unsere Unterredung indem er kam unhöflich daran zu erinnern dass
er mit seinem Regimente aufbrechen müsse Eilig war Alles zur Abreise geordnet
und ich trennte mich nicht ohne Teilnahme von einer Frau deren Lebensglück ein
Elender gewissenlos zertrümmert hatte
Auf dem Rückwege zu meinem Regimente drängte sich mir die Betrachtung auf
wie falsch wir oft über die Menschen urteilen wenn wir bei ihnen
Gewissensqualen über Handlungen voraussetzen die wir als abscheulich erkennen
Ich habe im kurzen Laufe meines Lebens schon manchen ruhig sterben sehen von
dem seine Bekannten behaupteten seine Handlungen würden in der Stunde seines
Todes schwer auf seiner Seele lasten Die Unglücklichen erkennen ja ihr Unrecht
nicht die Verblendung verlässt sie ja auch im letzten Augenblicke nicht Sie
halten ihre Schlechtigkeit für Klugheit ihre Harterzigkeit für Vernunft und
männlichen Charakter den schnödesten Geiz für eine achtungswerte Sparsamkeit
und haben so für jeden Fehler den Namen einer Tugend bereit unter dem die Sünde
recht mit Liebe gehegt wird Würde denn nicht auch jeder Mensch eilen ihn
schändende Makel von sich zu tun wenn er sie als solche erkennte Aber das ist
unsere unglückliche Verblendung dass wir unsere schlimmsten Fehler für unsere
besten Tugenden halten
Als ich das Standquartier meines Regiments erreichte bemerkte ich dass das
erwartete welches sich mit dem meinigen vereinigen sollte schon eingetroffen
war und da nun kein Grund zum Verweilen mehr vorhanden war so wurde
beschlossen am andern Morgen aufzubrechen und wir verließen eine Gegend die
mir gewissermaßen merkwürdig geworden war Erst nachdem einige Tagesmärsche
zurückgelegt waren ließ ich die Marketenderin und ihren Gatten rufen Das
Gesicht der Frau zeigte deutlich wie übel sie mit mir zufrieden war dass ich
sie gleichsam in Gefangenschaft unter der Aufsicht ihres Mannes mehrere Tage
erhalten hatte und ich hatte Grund zu vermuten dass er das Recht des Mannes
der Frau zu befehlen durch sehr ernsthafte Mittel hatte müssen geltend machen
ehe sie sich ihm zu gehorchen bequemte Ich machte sie nun mit dem Tode ihres
Bruders bekannt und versüsste die Nachricht dadurch dass ich ihr das ihr
bestimmte Erbe einhändigte Die schwere mit Dublonen gefüllte Börse verfehlte
ihre Wirkung nicht Sie trocknete die Tränen und sagte es sei doch grausam von
mir dass ich ihr jetzt erst den Tod ihres einzigen Bruders anzeigte der doch in
seinen letzten Augenblicken ihrer noch liebevoll gedacht habe und nun da wir
schon so weit entfernt wären könne sie nicht einmal den Trost haben sein Grab
mit ihren Tränen zu benetzen Ich entschuldigte mein Verfahren so gut ich
vermochte ohne ihr zu sagen dass ich sie gerade von solchen Beweisen ihrer
Zärtlichkeit hatte abhalten wollen denn ich bin sehr überzeugt dass der
sogenannte Don Fernando mit diesem Namen gestorben ist ohne dem Pfarrer in
seiner letzten Beichte das demütige Bekenntnis abzulegen dass er der Sohn des
alten Lorenz und der Bruder der Marketenderin sei und der gutmutige
beschränkte alte Mann würde sich mit Gewissenszweifeln darüber gequält haben
dass er einem so verhärteten Sünder die vollständige Absolution gewährt hatte und
ein christliches Begräbnis mit allem Prunke den seine kleine Kirche bieten
konnte wenn er diesen Umstand erfahren hätte Die Schwester des Verstorbenen
nahm meine Entschuldigung kalt auf der Unteroffizier ihr Gatte aber sagte
lächelnd Ich habe Sie mein Obrist niemals hart gefunden im Gegenteil Ihre
Milde erkennt das ganze Regiment dankbar an wenn Sie also dies Mal für nötig
gefunden haben eine Ausnahme zu machen und sich gegen meine Frau hart zu
zeigen so müssen Sie dazu wichtige Gründe haben die uns weiter nichts angehen
So sehe ich die Sache an und damit kann sich meine Frau ebenfalls beruhigen
Was aber die Erbschaft anbetrifft fuhr er fort indem er die Börse aus den
Händen seiner Gattin nahm und sie wohlgefällig in seiner braunen Hand wiegte so
gestehe ich dass sie mich freut denn dieses Geld soll unserm kleinen Eugen zu
Gute kommen Ich habe die Überzeugung fügte er hinzu indem er die funkelnden
Augen auf mich richtete dass Niemand im Regimente meinen Mut bezweifelt ich
stand immer mit den Braven und würde es weit in der Armee gebracht haben wenn
nicht die Armut meiner Eltern es ihnen unmöglich gemacht hätte auch nur die
geringste Sorgfalt auf meine Erziehung zu wenden Jetzt habe ich die Mittel in
Händen meinen Sohn so gut unterrichten zu lassen wie den Sohn eines Generals
und wir können es noch erleben sagte er freudig lächelnd indem er seiner
Gattin derb auf die Schulter schlug unsern Eugen als General kommandiren zu
sehen Das denke ich so oft ich ihn in seinem Korbe schreien höre und mich
quälte nur die Sorge woher ich die Mittel zu seiner Erziehung nehmen sollte
doch jetzt Dank meinem verstorbenen Schwager bin ich von dieser Unruhe
befreit Nach diesen Worten führte der brave Soldat seine Gattin hinweg und mir
traten bald so viele ernsthafte Sorgen entgegen die die Erinnerung an diese
Begebenheit in den Hintergrund meiner Seele zurückdrängten dass ich nur jetzt
indem ich Ihnen schreibe dieselbe wieder lebhaft in mein Gedächtnis zurückrufe
Evremont ging nun wieder zu den öffentlichen Begebenheiten über die er
fortfuhr dem Grafen zu berichten in wie weit er selbst eine handelnde Person
dabei war bis zu dem Augenblicke wo er Gelegenheit fand seine großen Pakete
abzusenden
IX
Es war ein schöner heiterer Frühlingstag des Aprils achtzehnhundert und zwölf
als der Graf Hohental in dem Pavillon seines Gartens saß und gedankenvoll
hinaus schaute Wolkenleer glänzte das reine Blau des Himmels die sommerlich
warme Sonne spielte mit blinkenden Lichtern in den Wogen des Rheins Die Bäume
wiegten teils noch schwellende Knospen teils schon entfaltete Blüten an den
schlanken Zweigen die Wohlgerüche der Kräuter und der frühen Blumen schwebten
in der Luft Die Aurikeln hatten ihre vielfarbigen Augen geöffnet und ergötzten
duftlos durch ihre bescheidene Schönheit Von den Höhen der Berge schauten die
Überreste alter Schlösser die Zeichen entschwundener Macht herab an die
Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ernstaft mahnend und die Lerche wirbelte
ihren heitern Gesang tröstend aus der reinen Höhe herab Doch es schien nicht
als ob der Graf den Reiz des erwachenden Frühlings beachtete Die Stirn in die
flache Hand gelehnt und den Arm auf die Lehne des Sessels gestützt schaute er
hinaus in das glänzende tönende blühende Leben doch der wehmütige Zug des
Mundes der ernste Blick der Augen zeigten dass seine Seele sich mit trüben
Gegenständen beschäftigte
Die Gräfin war eingetreten ohne von ihm bemerkt worden zu sein Sie
betrachtete ihren in tiefes Sinnen verlorenen Gemahl und ein leiser Seufzer
entrang sich der beklemmten Brust Der Graf bemerkte sie und reichte ihr
liebevoll die Hand Teilnehmend forschte die Gräfin nach der Ursache seines
tiefen finsteren Sinnes Finster antwortete der Graf waren meine Gedanken wohl
nicht aber ich gestehe ernst und wehmütig Ich muss es oft bedenken fuhr er
fort wie wir beglückt sind vor Millionen Menschen wie viele tausend Augen sich
mit Neid auf uns richten mögen und doch wie wenige glückliche Stunden hat uns
dies Leben geboten Schlägt nicht stündlich unser Herz in ängstigenden Sorgen
Haben wir nicht immer gehofft nun solle das Leben beginnen und werde in der
nächsten Zukunft das wahre Glück eintreten und mit diesem ängstlichen Hoffen
auf die Zukunft ist in der Pein der Gegenwart das Leben verschwunden und wir
haben es in lauter Anstalten zum Leben verloren Wenn dies nun unser Loos ist
wie beklagenswert muss das Geschick des Armen sein der alle diese Pein duldet
und noch durch heftige Anstrengungen in bitteren Sorgen die Mittel herbei
schaffen muss sich in der kläglichen Gegenwart zu erhalten
Die Tränen träufelten über die Wangen der Gräfin indem sie sagte Das
Geschick gewährt die guten Stunden wie ein Karger den seine Gabe nachdem er
sie kaum gegeben gereut und der sie dem Armen mit rauer Hand sogleich wieder
entreisst Auch ich setzte sie hinzu betrachte mit Wehmut den Frühling die
erwachende Natur Wie vieles ist dahin das nicht mehr erwachen wird und ich
leugne nicht der Gedanke an meinen Bruder erfüllt meine Seele mit Schmerz Wie
oft habe ich in der Verhärtung meines Herzens gefürchtet er möchte wiederkehren
und sein Anblick würde mich verletzen und der war schon Staub dessen Dasein
ich fürchtete Ach wie gering ist die Tugend des Menschen Können wir doch
immer nur wahrhaft vergeben was uns nicht tief und wahrhaft verletzte aber die
ewig schmerzlich blutenden Wunden unseres Herzens verzeihen wir nicht Der
gemeine Rachsüchtige verfolgt seinen Beleidiger und strebt ihm wo möglich noch
mehr Böses zuzufügen als er durch ihn erlitten hat Wir verzeihen mit dem
Munde wir tun wenn wir können unsern Beleidigern Gutes und gefallen uns in
der Großmut unserer Gefühle ohne wahrhaft zu vergeben denn nie wird uns der
von dem wir uns tief verletzt fühlten wieder das sein können was er uns vor
der Beleidigung war und wir bereuen unsere Härte nur dann wenn der Gegenstand
derselben Staub ist
Ich glaube wir haben uns gegen diesen Bruder nichts vorzuwerfen sagte der
Graf mild tröstend Wir haben ihm unsern Umgang versagt den er unfehlbar zu
nicht löblichen Zwecken würde missbraucht haben und unsere Liebe die doch der
nur fordern kann dessen Herz fähig ist sie zu empfinden Was mich aber heute
besonders in trübes Sinnen versenkte fuhr er fort ist die Nachricht die
dieser Brief mir brachte dass unser alter Freund der Obrist Talheim sein
Leben in den Armen seiner Kinder sanft geendigt hat Er reichte nach diesen
Worten der Gräfin den Brief Sie las mit inniger Teilnahme wie sanft der Greis
zu der letzten Ruhe in den Armen seiner Kinder entschlummert war und wie er ihr
und dem Grafen seinen väterlichen Segen kurz vor dem Hinscheiden gesendet habe
und wie er Beiden seine dankbare Liebe versichern ließ von der er die
zuversichtliche Hoffnung ausgesprochen hatte dass sie über das Grab hinüber
reichen würde
Möge unser Ende so sanft sein sagte die Gräfin indem sie die Tränen
trocknend ihrem Gemahle das Blatt zurückreichte Mögen wir einst wie er unser
Leben in den Armen unserer Kinder beschließen Der Graf wendete sich ab um sein
kummervolles Gesicht zu verbergen Beide Gatten schwiegen Keiner wollte die
Sorgen aussprechen die sein Herz zernagten denn Keiner wollte den Kummer in
der Brust des Andern erwecken Seit den letzten Nachrichten von Evremont waren
abermals Monate verflossen Mehrere Gefechte in Spanien waren vorgefallen und
kein Wort seiner Hand hatte die ängstlichen Eltern über sein Geschick beruhigt
und nun strömte die große französische Armee in furchtbaren Massen über den
Rhein einem Feinde entgegen den in seinem eigenen Lande zu bekämpfen den
Franzosen selbst noch vor Kurzem ein abenteuerlich vermessenes Unternehmen
gedünkt haben würde und alle die Tausende die vorüber zogen ahneten nicht
wie sehnsüchtige Blicke oftmals den langen Reihen folgten Niemand brachte Kunde
von dem geliebten Sohne
Das trübe Sinnen der bekümmerten Eltern wurde auf einen Augenblick durch das
Rasseln eines Reisewagens unterbrochen der eilig vorüber flog und ihren Blicken
bald entzogen wurde durch eine Beugung die die Straße hinter dem Garten des
Grafen machte Das vorige sorgenvolle Schweigen war wieder eingetreten wurde
aber bald von Neuem durch freudig rufende Stimmen unterbrochen Der Graf und
seine Gemahlin sahen zugleich auf und richteten den Blick auf einen Baumgang
der zu dem Pavillon führte in dem sich Beide befanden Eine junge Frau flog mit
leichten Schritten durch diesen Baumgang der Wind spielte mit dem
zurückgeworfenen Schleier so dass das leichte Gewebe in den Lüften flatterte In
der Ferne zeigten sich noch andere Personen die sich mit langsamen Schritten
näherten Ehe noch der Graf oder die Gräfin eine Vermutung über die
Herbeieilende äußerten lag diese schon mit schlagendem Herzen mit glühenden
Wangen und seligen Tränen in den Armen der Gräfin Emilie stammelte diese in
der Überraschung des Entzückens und sank aus Freude entkräftet auf einen
Sessel als die junge Frau sich aus ihren Armen riss um den Grafen mit demselben
zärtlichen Ungestüm zu umschlingen Indes hatten sich auch die übrigen Personen
genähert und Emilie verließ schnell den Grafen nahm aus den Armen der Wärterin
ein schlafendes Kind und legte es in den Schoss der Gräfin indes sie selbst vor
ihr nieder kniete Mit bebenden Händen erhob die Gräfin das schöne wie ein
schlummernder Engel ruhende Kind und drückte zärtlich leise ihre Lippen auf den
rosigen Mund auf des Knäbleins unschuldige Stirn indes ihr unbewusst die
heiligen Tropfen entzückender Rührung niedertauten Der Graf entriss mit einer
Bewegung ungestümer Liebe seiner Gemahlin das Kind hob es in seinen Armen empor
und überließ sich ohne Rückhalt dem Gefühle der höchsten Freude Ach wie so
reich an seligen Genüssen dünkte in diesem Augenblick denen das Leben die noch
vor wenigen Minuten die dürftigen Freuden kurzer Stunden beklagten
Das Kind war durch die heftigen Liebkosungen erwacht und erhob in nicht
melodischen Tönen seine klagende Stimme Zwei Personen drängten sich hinzu um
es aus den Armen des Grafen zu empfangen die Wärterin und der alte vor Freude
zitternde Dübois Dem Letzteren gelang es sich des Kindes zu bemächtigen indem
er zum ersten Male in seinem Leben alle Scheu und Ehrerbietung vor denen bei
Seite setzte die er seine Herrschaft nannte und von denen er wie ein Glied der
Familie betrachtet wurde Es ist mein Recht sagte er indem er die Wärterin
wegdrängte es ist der vierte Graf Evremont dem ich dienen werde und der
dritte den ich in meinen Armen halte Er entfernte sich etwas mit dem Kinde
indem er Segen und Gebete über dasselbe sprach und überließ es nur dann erst
der Wärterin als die immer stärker sich erhebenden Klagetöne desselben ihm die
Notwendigkeit weiblichen Beistandes bewiesen Indes war eine Frau zur Gräfin
getreten die indem sie den Schleier zurückschlug in Tränen lächelnd sagte
Seid Ihr denn im Glücke so selbstsüchtig geworden dass Ihr außer Euch Niemanden
bemerkt Adele rief die Gräfin und presste die schwesterliche Freundin an ihre
Brust
Als der erste Sturm des Entzückens vorüber war heftete die Gräfin einen
ängstlichen Blick auf Emilie indem sie halb leise fragte Und Adolph Er kommt
jauchzte Emilie Morgen zieht sein Regiment durch diese Gegend morgen wird er
hier sein
Der Taumel der Freude legte sich endlich und als man einige Stunden
beisammen gewesen war hatte man sich so weit verständigt dass die Eltern nun
wussten das Regiment des Sohnes sei ebenfalls in Bewegung nach Russland er habe
Emilien die Bitte abgeschlagen ihm in diese unwirtbaren Länder zu folgen und
bestimmt dass sie den Ausgang des Kampfes bei seinen Eltern erwarten solle und
auch ihre liebevolle Tante habe sich an sie zu diesem Zwecke angeschlossen weil
sie hoffte das Leid der neuen Trennung und die damit verknüpften Sorgen
leichter mit den Freunden vereinigt zu ertragen
Ein leichter Schatten trübte den hellen Glanz der Gegenwart bei dem
Gedanken dass Evremont dazu bestimmt war an einem Kampf Anteil zu nehmen den
man sich nicht anders als höchst gefahrvoll denken konnte Indes die Gegenwart
war zu schön und sie trug mit ihrem Glück und ihrer Freude den Sieg davon über
die bangen Sorgen für die Zukunft die sich eindrängen wollten
Der nächste Tag erschien und mit ihm um das Maß des Glücks zu füllen
Evremont Wie ganz anders leuchtete dem Grafen der Frühling nun entgegen dessen
Pracht er am vorigen Morgen kaum beachtet hatte als er am Arme des geliebten
Sohnes unter seinen Blütenbäumen wandelte Mit väterlichem Stolz bemerkte er
die Veränderung die mit Evremont seit ihrer letzten Trennung vorgegangen war
Sein Körper hatte sich männlicher ausgebildet die Stimme tönte etwas tiefer aus
der schön gewölbten Brust die Augen waren befehlender geworden die Wangen
gebräunter und etwas magerer indes alle Anmut der Jugend und die liebevollste
Zärtlichkeit um den edel geformten Mund schwebte dessen rote Lippen im
herzgewinnenden Lächeln die schönsten Zähne entblößten
Zwei kurze Tage des Glücks waren den Freunden gegönnt Nie hatte der Graf
seine leidenschaftliche Zärtlichkeit für Evremont so ohne Rückhalt gezeigt als
in diesen beiden Tagen und es war ein rührender Anblick wie innig der junge
Krieger die Liebe erwiderte und mit kindlicher Unterwürfigkeit vereinigte
Endlich führte der Morgen des dritten Tages den Schmerz der Trennung herbei Der
Graf der sonst immer zur Fassung ermahnt hatte war dies Mal ohne Fassung Er
führte den Sohn in den Garten hinaus und dort mit ihm allein drückte er ihn
lange und schmerzlich an die Brust Mein Sohn sagte er endlich mit vor Angst
unterdrückter Stimme mein teurer Sohn ich fürchte wir sehen uns nicht
wieder
Mein Vater rief der Sohn erschreckt Gort wird Sie uns erhalten Ihr Alter
ist noch nicht so weit vorgerückt Sie sind gesund O um Gottes Willen
erwecken Sie mir solche Angst nicht Sie sind ein Segen ihrer Umgebung und der
Himmel wird Sie zum Wohle der Menschen erhalten
Der Graf widersprach ihm nicht Er wollte ihm nicht sagen dass er an seinen
Tod nicht gedacht hatte und dass ihn diese Vorstellung auch nicht mit solcher
Angst erfüllen würde Er lehnte schweigend die Stirn an des Sohnes Heldenbrust
und überließ sich ohne Rückhalt seinem Schmerz der sich in heißen Tränen
ausströmte
O mein Vater sagte Evremont indem er mit inniger Liebe den Grafen
umschlang und sich dann vor ihm auf ein Knie senkte geben Sie mir Ihren Segen
auf den Pfad mit den ich nun wandeln muss denn ich fürchte er wird rau und
dornenvoll sein Der Graf legte seine Hand auf das Haupt des jungen Mannes
indes seine betenden Lippen und sein nach oben gerichteter Blick den schönsten
Segen des Himmels für dies teure Haupt erflehten dann küsste er mit langem
Drucke Evremonts Stirn und riss den bis zu Tränen bewegten Krieger heftig empor
Lass uns wie Männer scheiden sagte er dann entschlossen und nicht mit unserm
Jammer Deine Mutter töten
Als der Graf und Evremont zu der Familie zurückkehrten wurde dem letztern
gemeldet dass Alles zum Aufbruch bereit sei Die schmerzliche Trennung war nicht
mehr zu verschieben Mit tiefbewegter Seele zog Evremont an der Spitze seines
Regimentes hinweg und in Tränen aufgelöst blieb seine trostlose Familie
zurück
Wie schwere dunkle Wolken das Blau des Himmels bedecken und die leuchtende
Sonne verhüllen so lastet der Schmerz auf der Seele des Menschen aber wenn die
dunkeln Wolken ihre Wasser ergossen haben wenn ein frischer Wind die Nebel
zerstreut dann freut sich die Erde von Neuem der goldnen Sonne und das reine
Blau des Himmels erglänzt von Neuem In Tränen löst der Mensch seinen Schmerz
auf notwendige Tätigkeit zerstreut den Nebel des Kummers und wir erstaunen
oft selbst dass unsere Schmerzen sich lindern und Hoffnung von Neuem uns
tröstend entgegen lächeln kann und wir müssen uns dann gestehen wandelbar sind
alle Gefühle der menschlichen Brust
Diese Bemerkungen teilten sich einander die Glieder der Familie des Grafen
mit als der leidenschaftliche Schmerz der Trennung nach einigen Tagen schwieg
und die Hoffnung leise tröstend in alle Herzen schlich
Die Frauen beschäftigten sich fast ausschließend mit dem Kinde und es wurde
auf die Nahrung Kleidung und Gesundheit des Kleinen eine Sorgfalt gewendet die
er gar nicht zu schätzen verstand Das erste Aufdämmern von Gedanken von
Besinnung erregte in seinen Angehörigen Entzücken Der Graf lächelte über dies
Treiben und doch konnte man bemerken dass er oft zu dem Kinde schlich und
versuchte ob es ihn noch nicht erkenne Oft küsste er die dunkeln Augen und die
rosigen Lippen dieses kleinen Abdrucks seines Vaters und eilte die Rührung zu
verbergen die ihn zu bewältigen drohte Dübois versicherte dass der kleine Graf
ihn schon verstände dies sei auch natürlich da er nur französisch mit ihm
rede und er zweifle gar nicht dass dies auch die erste Sprache sein würde die
der junge Herr sprechen würde
Noch hatte die Familie die größten Leiden nicht erfahren die der Schoss der
dunkeln Zukunft für sie in sich hegte Evremont erfüllte sein Wort Er gab
regelmäßig Nachricht und man folgte ihm in Gedanken über den Niemen Nach jedem
bei dem weiteren Vordringen bestandenen Gefechte stiegen die innigsten
Dankgebete zum Himmel empor denn glücklich hatte der junge Held sie alle
bestanden und nicht einmal eine leichte Verwundung erschwerte ihm die
Mühseligkeiten des Kampfes In dieser Abwechslung von Freude die jeder Brief
erregte und von Angst wenn man bedachte was alles vorgefallen sein könnte
seit er geschrieben war der Sommer entschwunden und der Herbst so reizend in
der Gegend wo der Graf lebte erhöhte die Beschwerden dort wo sein Sohn
kämpfte für eine Sache der der Vater nach seinen Ansichten keinen glücklichen
Fortgang wünschen durfte und während doch auch der Gedanke an das Misslingen des
überkühnen Unternehmens ihn des Sohnes wegen mit Furcht erfüllen musste Es
lastete also zwiefach drückend die Sorge welche Wendung wohl dieser Krieg
nehmen werde auf seiner Seele Blieben die Franzosen auch in diesem Kampf
Sieger so war auf lange Zeit jede Hoffnung zur Befreiung Deutschlands
verschwunden und wurden sie dort im hohen Norden vernichtet welch Schicksal
teilte dann sein Sohn
Diese Gedanken die dem Grafen immer wiederkehrten und die selbst der
Anblick des heiteren schönen sich schnell entwickelnden Kindes nicht
zerstreuen konnte raubten ihm die milde gleichmäßige Stimmung die sonst in
jedem Kummer ihn zur Stütze und zum Troste seiner Familie machte und er war
viel allein um nicht durch seinen Trübsinn den Kummer der Andern zu erhöhen
Jetzt erfuhr man durch die Zeitung dass eine große furchtbare Schlacht bei
Borodino geschlagen war worin sich die Franzosen Sieger nannten und in deren
Folge Moskau in ihre Hände fallen musste Ein zwiefaches Entsetzen erregte diese
Nachricht in dem Grafen War dann auch Russland verloren Und was war in dieser
entsetzlichen Schlacht aus Evremont geworden Denn von ihm trafen keine
Nachrichten ein
Aber noch ein Mal sollte der Balsam des Trostes die geängstigten Herzen
erquicken Ein Kourier der nach Paris eilte ein Bekannter Evremonts erfüllte
sein dem Freunde gegebenes Versprechen Er machte einen unbedeutenden Umweg und
stieg einen Augenblick bei dem Grafen ab um den bekümmerten Eltern ein Paket
von der Hand des geliebten Sohnes zu übergeben und zu versichern dass er ihn
gesund verlassen habe ob dies gleich beinah ein Wunder zu nennen sei weil er
sich rücksichtslos allen Gefahren des furchtbarsten Kampfes ausgesetzt habe
In Evremonts Briefen war der Eindruck nicht zu verkennen den die neuesten
Ereignisse auf seine Seele gemacht hatten Sie waren ernst und kein Strahl der
jugendlichen Heiterkeit leuchtete darin womit er sonst von überstandenen
Gefahren sprach Nach der Erwähnung des Kampfes bei Borodino sagte er Ich habe
viele Schlachten mitgefochten und habe den Tod in den Reihen der Krieger wüten
sehen aber niemals bin ich Zeuge so entsetzlichen Blutvergiessens gewesen und
ob wir gleich Sieger sind so glaube ich doch dass wenn wir noch öfter ähnliche
Schlachten erleben sollten selbst das große Genie des Kaisers nicht hinreichen
würde um Mittel aufzufinden bei so großen Opfern wie solche Siege sie
erfordern nicht unterzugehen
In mir fuhr er fort wurden während der Schlacht und nach dem Kampfe außer
der Teilnahme an dem allgemeinen Leiden noch Empfindungen erregt die einen so
tiefen Eindruck auf mein Gemüt gemacht haben dass ich mich seitdem ernster
fühle und dass es mir wenigstens jetzt noch scheint als ob die Heiterkeit der
Jugend dadurch auf immer in meiner Seele untergegangen sei Der Kampf hatte
schon einige Stunden gewährt die feindlichen Kugeln streckten ganze Reihen
nieder Ein Regiment in der Nähe des meinigen war beinah vernichtet als es den
Befehl erhielt sich mit meinen Truppen zu vereinigen und unter meiner Anführung
weiter zu kämpfen Der einzige übrig gebliebene Offizier führte mir den
schwachen Rest seiner Mannschaft zu und indem er sich mir näherte um meine
Befehle zu vernehmen und ich indem ich sie ihm geben wollte ihn anblickte
erkannten wir uns beide und erblichen in demselben Augenblick er vielleicht aus
Schrecken wie er mich erblickte ich aus Abscheu und Entsetzen denn es war
Lamberti der in Gemeinschaft mit seinen Brüdern mich hatte ermorden wollen mit
denen er mich wahrscheinlich in der Überzeugung verlassen hatte dass ich
wirklich tot sei als Ihre Menschenliebe mein teurer Vater den schwach
glimmenden Funken des Lebens in meiner Brust bewahrte wie Sie mich nachdem
Jene entflohen im Walde in Schlesien fanden Wir starrten uns beide einige
Augenblicke schweigend an Endlich fasste ich mich und sagte ihm Wir haben uns
vielleicht über die Vergangenheit gegen einander zu erklären doch ist dazu
jetzt nicht der Augenblick Sie sind mir zugeordnet und wir bekämpfen heute in
Eintracht den gemeinschaftlichen Feind Er beugte sich ohne weitere Antwort und
vernahm eben so stumm meine Befehle die ich kaum noch Zeit zu erteilen hatte
als unsere gemeinschaftlichen Regimenter zu einem neuen Angriff beordert wurden
Wir stürmten von Neuem auf die Feinde und ich hatte Gelegenheit zu bemerken
wie dieser Lamberti mit Löwenkühnheit allen Gefahren Trotz bot und ich musste
wenigstens den unbeugsamen Mut eines Menschen bewundern den ich sonst alle
Ursache hatte zu verabscheuen Zuletzt in der Hitze des Gefechtes hatte ich ihn
aus den Augen verloren und ich musste ihn für tot oder verwundet halten und
konnte da der Kampf bis zum Abend fortwütete nicht weiter an ihn denken
Endlich endigte die Nacht das mörderische Gefecht die Russen zogen sich zurück
und wir blieben Herren des blutigen Feldes Nach einer kurzen Erholung als kaum
der Morgen dämmerte führten mich Dienstgeschäfte nach der Gegend des
Schlachtfeldes zurück Meine entsetzten Augen suchten den grässlichen Anblick zu
vermeiden ich bog mit meinen Begleitern etwas seitwärts wir wollten ein
kleines Gebüsch umreiten als ein Ton unser Ohr traf der uns alle zugleich
erbeben machte Es war ein menschliches Geheul aber wenn das Wehklagen der
Verwundeten die nicht alle zugleich versorgt werden konnten schon
herzzerreissend war so drückte sich in diesem Tone eine so grässliche
Verzweiflung aus dass sich die Haare unseres Hauptes empor sträubten Nach
kurzem Besinnen näherten wir uns dem Orte woher die Töne kamen und fanden im
Gebüsch Lamberti so grässlich verstümmelt dass mein Herz erkranken würde wenn
ich es beschreiben wollte Gott weiß dass bei diesem entsetzlichen Anblick jedes
andere Gefühl als das des Mitleids aus meiner Brust schwand Ich näherte mich
dem Unglücklichen und wollte ihm Trost und Hilfe bringen Mit wahnsinniger
Verzweiflung blickte er mir in die Augen und rief Kommst Du Dich daran zu
weiden dass ich verdammt bin Ja wisse es schon Einer ist zum Abgrunde der
ewigen Qual hinunter gefahren zur Strafe dass wir Dir Dein armseliges Leben
rauben wollten Mein Bruder starb ohne Vergebung der Sünden und ist ewig
verloren und auch ich muss so schrecklich büßen Unglücklicher ich vergebe Dir
von ganzem Herzen sagte ich aufs Heftigste bewegt Mir hilft Deine Vergebung
nicht rief er in höchster Verzweiflung Du hast kein Recht mir meine Sünden zu
vergeben ich habe nicht meine Missetat gebeichtet mir fehlt die Absolution
des Priesters Meine Kraft strömt aus allen meinen Wunden und der Trost der
Kirche lindert nicht meine Qual Ich atme das Leben aus und die Seele fährt zum
Abgrunde hernieder
Ich fühlte wohl dass es vergeblich sein würde ihm in seinen letzten
Augenblicken andere Begriffe von der Gnade Gottes beibringen zu wollen als die
ihn durch sein ruchloses Leben begleitet hatten Wie die meisten Italiener war
er fest überzeugt dass er ohne Vergebung der Sünden durch den Mund eines
Priesters ewig verloren sei Ich erinnerte mich dass ich einen polnischen
Geistlichen bemerkt hatte der französisch redete und die fromme Pflicht
ausübte den Sterbenden Trost zuzusprechen Ich bat den mit Verzweiflung
Ringenden sein Gemüt zu beruhigen weil ich mich bemühen wolle ihm geistlichen
Trost zu verschaffen und ließ einige meiner Begleiter bei ihm denn sein
Zustand war so schrecklich dass ihn Niemand aufheben ja dass man ihn kaum
berühren konnte und er muss eine ungewöhnliche Lebenskraft besessen haben dass
er nicht schon geendet hatte ehe wir ihn fanden Ich war glücklich genug den
Geistlichen nicht sehr weit von dem Orte zu treffen wo Lamberti lag und ich
führte ihn von einem Toten hinweg dessen letzte Augenblicke er erleichtert
hatte zu einem Sterbenden dessen Seele schwarze Taten belasteten Als
Lamberti den Priester in meiner Gesellschaft erblickte milderte sich der
Ausdruck der Verzweiflung in seinen Zügen der fromme Vater aber schauderte als
er den verstümmelten Krieger erblickte Ich entfernte mich mit meinen Begleitern
so weit dass Lamberti ohne von uns gehört zu werden seine Beichte ablegen
konnte die der Geistliche selbst abkürzte denn es war deutlich dass sein Ende
nahe war Ich sah aus der Ferne wie er dem Sterbenden Absolution und Segen
erteilte worauf er sich dem Orte näherte wo ich ihn erwartete Tränen
glänzten in den Augen des Geistlichen als er mir sagte Kommen Sie und sprechen
Sie es jetzt aus dass Sie dem Unglücklichen den beabsichtigten Mord vergeben
damit seine Seele in Frieden scheiden möge Ich zögerte nicht und wurde von
Wehmut überwältigt als ich in den nun ruhigen Zügen des bleichen Gesichtes den
Ausdruck wiedererkannte der früher mein Herz zur Liebe bewegt hatte Alle
niederen Leidenschaften waren nun geschwunden Vergib mir jetzt Adolph sagte
er mit demselben weichen Tone der Stimme der früher mein Herz traf und füge
Deine Verzeihung der Vergebung der Sünden hinzu womit Christi Stellvertreter
mein Herz erleichtert hat Du bist gesund und glücklich und sieh ich bin hart
gestraft für den versuchten Mord Die letzten Worte sprach er schon mit
schwindender dahinsterbender Stimme Antonio rief ich mit dem wahrsten Gefühl
ich vergebe Dir von ganzem Herzen O möchtest Du leben dass ich Dich davon
überzeugen könnte Ein mattes Lächeln schwebte um den blassen Mund Er versuchte
es vergeblich die Hand zu mir zu erheben ein dumpfes Röcheln tönte aus der
schwer atmenden Brust ein leichtes Zucken überflog das Gesicht und das Dasein
des Unglücklichen war geendigt Als er gestorben war ließ ich den Leichnam
aufheben um ihn zu beerdigen wobei der Priester so weit es sich auf der
Stelle tun ließ alle frommen Gebräuche beobachtete Nachdem auch diese Pflicht
erfüllt war fragte ich den Geistlichen ob ihm Lamberti nicht die Ursache
vertraut hätte weshalb er und seine Brüder mir nach dem Leben getrachtet
hätten zu einer Zeit wo sie mir die innigste Freundschaft bewiesen Der gute
Vater sagte mir dass er alle näheren Erörterungen vermieden habe um den
Sterbenden noch mit dem Troste der Kirche stärken zu können weil er es erkannt
habe dass das Leben des Sünders nur noch wenige Minuten währen konnte Ich musste
mich also beruhigen und werde es nun wahrscheinlich niemals erfahren was
Menschen die mir so oft die zärtlichste Freundschaft schwuren bestimmen
konnte so grausam und treulos gegen mich zu verfahren Es ist gewiss dass der
Anblick eines Schlachtfeldes wo der Tod eben so furchtbar gewütet hat uns das
Leben des Einzelnen nicht so bedeutend erscheinen lässt und wir würden uns
selbst als engherzig und kleinlich verachten müssen wenn in solchen
Augenblicken Beleidigungen die wir erfahren haben Verrat der an uns geübt
wurde uns so wichtig erschiene wie in friedlichen Stunden in unsern ruhigen
Häusern und so war es auch ohne Zweifel meine wahrste Empfindung die die
aufrichtigste Versöhnung mit dem sterbenden Lamberti aussprach und doch fühle
ich nun bestimmt da ich ruhiger geworden bin und der Anblick seines Leidens
mich nur noch in der Erinnerung bewegt dass ich ihm mit dem besten Willen nicht
Wort halten könnte und alles was ich lebte er noch für ihn tun möchte würde
doch gewissermaßen Heuchelei sein denn das Zutrauen die Liebe und Achtung
gegen ihn sind auf ewig in meiner Brust vernichtet so dass auch die wahrste Reue
sie nicht wieder in mir zu wecken vermöchte Diese Betrachtungen sind
niederschlagend denn sie belehren mich dass die edelsten Empfindungen eben so
flüchtig durch unsere Brust ziehen wie die engherzigen selbstsüchtigen und
dass der Mensch einer großmütigen Erhebung über alle seine Schwächen nur in
einzelnen Augenblicken fähig ist
Noch viele ähnliche Betrachtungen enthielten Evremonts Briefe die von einer
ernsten Stimmung seiner Seele zeugten und die Worte der Liebe die er sonst
voll freudiger Hoffnung aussprach klangen dies Mal wehmütig so dass dieses
Schreiben nach der ersten Freude die Familie des Grafen in eine trübe Stimmung
versetzte die in demselben Masse zunahm als sich die Zeit ausdehnte in der sie
ohne alle Nachricht blieben Moskau war in Napoleons Hände gefallen ohne dass
eine Sylbe von Evremont seine Freunde über sein ferneres Schicksal beruhigt
hätte Eine drückende Schwüle lag auf allen Gemütern während Napoleon in der
alten Hauptstadt Russlands weilte Endlich ward ein Rückzug angetreten den so
schauderhaftes Elend begleitete dass die Herzen derer erbebten die die
unermesslichen Leiden in der Ferne vernahmen durch die ein so großes Heer
vernichtet wurde
Jetzt erfuhr die Gräfin dass es noch neue Qualen für sie gab deren
furchtbaren Schmerz sie in ihrem leidenschweren Leben nicht kennen gelernt
hatte Sie wagte nicht zu hoffen dass der schrecklichste Tod der so viele
Tausende dahin gerafft ein ihr so teures Haupt verschont haben würde Die
Angst presste ihr Herz zusammen und dennoch wagte sie nicht die Qual
auszusprechen die sie erlitt denn es schien ihrer peinlich gereizten
Phantasie sie könne den Sohn dadurch töten wenn sie nur die Möglichkeit
seines Todes ausspräche Zuweilen zeigten ihn ihr fieberhafte Träume lebend und
ihre Seele bebte schaudernd vor dem Anblick zurück den ihr solche Träume boten
Das bleiche starre Antlitz des geliebten Sohnes blickte dann mit Todesschmerz
auf die verzweifelnde Mutter und die von dem Elend verwüstete Gestalt erschien
ihr in einer schmählichen Erniedrigung die dem Zustande des jungen Werteim und
seines Freundes glich wie ihn der Graf beschrieben hatte als sie dem Tode nahe
von dem Grafen auf seinen heimischen Bergen gefunden wurden Auch der Graf
versank in düstere Schwermut Alle Versuche Nachrichten über Evremont
einzuziehen waren vergeblich gewesen und die Furcht dass das blühende Leben
des geliebten Sohnes unter dem rauen Himmel Russlands erloschen sei wurde
beinah Gewissheit in seiner Seele Aber auch er schwieg über seinen Gram er
wollte nicht den letzten Funken der Hoffnung in dem Herzen seiner Gattin töten
Doch oftmals verschleierten Tränen sein Auge die er nicht unterdrücken konnte
wenn er den kleinen Adalbert Evremonts Sohn auf seinen Knieen hielt und aus
dem kleinen Gesicht das dunkle Auge des Vaters ihn sinnig anblickte und
rosenrote Lippen in Evremonts herzgewinnendem Lächeln die milchweissen Zähnchen
entblößten
So tief bekümmert Emilie auch war so genoss sie dennoch das schöne Vorrecht
der Jugend lebendig zu hoffen in jedem Drangsal des Lebens Oft zwar benetzte
sie mit heissströmenden Tränen das liebliche Kind das dann mit ihr zu weinen
begann ohne ihren Kummer begreifen zu können aber öfter noch sprach sie dem
Kleinen vor wie schön Alles umher sein würde wenn der Vater erst zurück käme
und der Kleine lallte lächelnd an ihren Busen gelehnt den Namen Vater und
erfüllte das Herz der Mutter mit wehmütigem Entzücken
Die schwesterliche Freundin der Gräfin die zärtliche Adele war mit ihr
vereinigt geblieben und sie war die einzige die standhaft an Evremonts
Erhaltung glaubte und durch die Zuversicht mit der sie seine Rückkunft
erwartete oft dazu beitrug den Mut der Andern wieder zu beleben wenn er ganz
ersterben wollte
So war ein trüber Winter vergangen und die Wendung die die öffentlichen
Angelegenheiten genommen hatten lenkte wenigstens zuweilen die Gedanken des
Grafen von seinem persönlichen Kummer ab Preußens König rief die waffenfähige
Jugend auf sich um ihn zu versammeln und wie ein elektrischer Schlag traf
dasselbe Gefühl alle Herzen Nun sollte wirkend ins Leben treten was lange
vorbereitet war und der Graf erfuhr dass auch sein Vetter der Graf Robert die
bewaffneten und wohlgeübten jungen Landleute seinem Könige zugeführt habe und
dass ihn seine Freunde Werteim und Lehndorf auf diesem rühmlichen Zuge
begleiteten
So eifrig die Deutschen sich gegen Napoleon zu vereinigen strebten eben so
große Tätigkeit entwickelte aber auch er und mit dem neuen Frühlinge strömte
ein neues französisches Heer über den Rhein und harte Kämpfe entflammten stets
von Neuem den Mut der Krieger und mit angstvoller Spannung erwarteten die
Völker die Entscheidung ihres Geschicks
X
Endlich war der entscheidende Schlag gefallen Die große blutige folgenreiche
Schlacht bei Leipzig war geschlagen Die Franzosen mussten der von
Vaterlandsliebe erregten Begeisterung weichen und wurden über den Rhein
zurückgedrängt Doch ehe sie diesen Strom erreichen konnten musste Napoleon noch
ein blutiges Gefecht bestehen wo Tapferkeit mit Tapferkeit sich maß und
endlich sahen die deutschen Völker ihren Boden von fremden Bedrückern befreit
und im Taumel der Siegesfreude vergaßen sie willig die schweren Opfer die sie
für diese Befreiung dargebracht hatten
Seit dem letzten Kampfe bei Hanau fielen noch täglich kleine Gefechte vor
mit versprengten französischen Truppen die noch nicht über den Rhein zurück
gekonnt hatten und viele dieser kleinen Korps wurden von den Deutschen weit
seitwärts gedrängt und mussten oft mit einer überlegenen Macht kämpfen und
zuweilen fast untergehen ehe sie einen Punkt fanden wo sie durch erkaufte
Schiffer oder andere Mittel über den Rhein nach Frankreich zurück gelangen
konnten Auch in der Nähe des Landsitzes wo der Graf Hohental mit seiner
Familie lebte hallten oft die Berge den Donner des Geschützes zurück und als
dieser endlich schwieg hörte man doch noch täglich kleines Gewehrfeuer oft
ganz in der Nähe des friedlichen Wohnsitzes Unter solchen Umständen fand es der
Greis Dübois angemessen alle Pforten und Tore wohl verschlossen zu halten und
es war sein strenger Befehl Niemandem der klopfen möchte zu öffnen ohne ihn
vorher zu rufen damit er erst vernehmen könne ob Freund oder Feind Einlass
begehre In den ersten Tagen des Novembers war die Familie des Grafen wieder
geängstigt worden weil man gegen Abend ganz in der Nähe hatte schießen hören
und Dübois hatte an diesem Tage seine Vorsicht verdoppelt Die Dämmerung des
Abends wich beinah der Dunkelheit der Nacht ein leichter Nebel schwebte über
dem Rhein und deckte die Häupter der gegenüber liegenden Berge Die Familie des
Grafen war in einem Saale versammelt dessen bis auf den Boden reichende Fenster
nach dem Garten zu gingen Die milde Luft lockte zuweilen ein Mitglied derselben
hinaus auf eine kleine Terrasse die längs den Fenstern hinlief und wenn die
Türe zu diesem Zweck geöffnet wurde strömte der Duft von Reseda und spät
blühenden Blumen in den Saal wo ein schwaches Kaminfeuer brannte Der Anteil
den Alle an der Befreiung Deutschlands nahmen erfüllte doch wie lebhaft er
auch sein mochte nicht so ganz ihr Herz dass nicht auch die Trauer über den
abwesenden Sohn und Gatten über dessen Schicksal ein düsteres Schweigen ruhte
Raum darin behalten hätte und so wechselten Gespräche über die nächsten
Hoffnungen des Vaterlandes und über Evremont mit einander abwechselnd ab und
obgleich nichts vorgefallen war was die Sorge über sein Geschick hätte lindern
können so schlich doch die Hoffnung leise in jedes Herz denn es ist ein im
Gefühl ruhender Glaube dass eine glückliche Begebenheit ein Unterpfand sei
durch das uns das Schicksal verbürge dass sich nun Alles zu unserm Heile
gestalten werde
Diese friedlichen Gespräche wurden plötzlich durch ein lautes Klopfen an die
äußere Pforte unterbrochen Der Einlass Begehrende schien ungeduldig denn er
wiederholte nach kurzen Zwischenräumen lauter und heftiger die Schläge mit dem
metallenen Klopfer an das Tor so dass der Schall weit durch die Nacht tönte
Dübois in dem diese Zeichen der Ungeduld Besorgnis erregten näherte sich
in Begleitung des Gärtners und eines starken breitschultrigen Bedienten dem
Tore und gab dem Gärtner den Auftrag zu fragen Wer draußen sei und Einlass
begehre und er hoffte dass dessen tiefe Bassstimme dem etwaigen Feinde Achtung
einflößen würde indem er daraus schließen werde dass wehrhafte Männer vorhanden
wären die das Haus gegen eine geringe Anzahl zu verteidigen im Stande wären
Um Gottes Willen macht doch auf rief eine etwas kreischende Stimme in Thüringer
Mundart von draußen und gebt christlichen Menschen eine vernünftige Antwort
Überrascht horchte Dübois auf diese Töne doch wollte er seinem Ohre nicht
trauen und befahl dem Gärtner leise noch ein Mal zu fragen wie viel Personen
Einlass begehrten Für jetzt bin ich allein lautete die ungeduldige Antwort und
ich begehre nichts von Euch als dass Ihr mir aus Menschenliebe gegen gute
Bezahlung einen Boten verschafft der mich und meine Begleiter die wenige
Schritte von mir sind nach dem Wohnorte des Grafen Hohental führt
Alle Zweifel waren bei dem würdigen Haushofmeister verschwunden Mit
freudiger Eile wollte er selbst den schweren eisernen Riegel zurückschieben
doch seine schwachen zitternden Hände verursachten nur eine unnütze Verzögerung
da drängte der starke Bediente ihn hinweg und schob mit unbedeutender
Anstrengung das Eisen zurück worauf sich das Tor öffnete und der Aussenstehende
das silberweisse Haupt des Greises erblickte Dübois werter alter Freund rief
er in freudiger Überraschung indem er den Haushofmeister mit solcher Gewalt in
seine Arme schloss dass der entkräftete Alte nur mühsam die Worte an seiner Brust
keuchte Bester Herr Doktor gewiss ich bin entzückt aber Sie werden mich
ersticken Erschrocken ließ der Arzt denn es war Niemand anders als der würdige
Doktor Lindbrecht den Greis plötzlich aus seinen Armen los der in Folge dieser
unerwarteten Befreiung beinah zu Boden getaumelt wäre und streckte ihm die Hand
entgegen Dübois senkte seine schmale Hand in die kräftige des Arztes und
empfand einen Druck der Freundschaft der ihm Tränen des Schmerzes aus den
Augen presste Doch überwund der höfliche Franzose dies neue Ungemach und
erwiderte das Zeichen der Liebe so stark er es vermochte
Ist dies der Wohnsitz des Grafen fragte endlich der Arzt nachdem er sich
von seiner freudigen Überraschung erholt hatte Gewiss erwiderte Dübois und
den Herrn Grafen wird Ihre unvermutete Ankunft höchlich erfreuen Ich komme
nicht allein versetzte der Arzt mit listigem Lächeln ich komme mit Freunden
und auch mit Feinden und sehen Sie alter Freund da sind sie schon Ich war
nur voran geeilt weil ich hier Licht erblickte wollte die nötigen
Erkundigungen einziehen und fand mich unvermutet im Hafen Mit einem kräftigen
Schlage auf die Schulter verließ er den Alten und eilte den Ankommenden
entgegen Obgleich Dübois den Sinn der Rede des Arztes nicht verstanden hatte
so war er doch überzeugt dass keine Gefahr zu besorgen sei und erwartete also
im offenen Tore neugierig die Ankommenden denen der Arzt schon von fern
entgegen rief Nur hieher hier ist das Land der Verheißung hier ist der
Wohnort des Grafen Eine dunkle Masse näherte sich und Dübois vernahm deutlich
das Klirren der Schwerter und seine Besorgnisse erwachten von Neuem Endlich
konnte man die Ankommenden unterscheiden Ein junger Mann schwang sich vom
Pferde und Dübois der von einer freudigen Überraschung zur andern überging
fand sich in den Armen Gustav Torfelds den er in dem jungen Krieger erkennen
musste Auch der Graf Robert drückte die Hand des vor Freude weinenden Alten der
endlich nachdem er sich ein wenig erholt hatte Alle einzutreten bat und dem
Grafen die Freude zu gewähren einen teuren Verwandten zu umarmen und werte
Freunde zu begrüßen
Noch einen Augenblick gewartet rief der Arzt dort kommt unser Gefangener
Haben Sie einen französischen Gefangenen in Ihrem Gefolge fragte Dübois mit
Teilnahme Freilich freilich sagte der Arzt wir kommen nicht mit leeren
Händen und fuhr er fort indem er die kleinen Augen halb zudrückte und den
Greis listig lächelnd anblinzelte strengen Sie einmal Ihren Scharfsinn an und
erraten Sie Wen wir bringen Dübois dachte flüchtig an Evremont aber
überzeugte sich sogleich dass dies unmöglich sei und sagte daher seufzend Wie
kann ich wissen wer von den Franzosen in Ihre Hände geraten ist Wer anders
antwortete der Arzt als der General der sich damals auf Schloss Hohental so
viele ungebührlichen Freiheiten herausnahm bis es sich ergab dass er ein alter
Freund des Grafen war Wie der General Klairmont rief Dübois erstaunt
Derselbe sagte der Arzt und hier ist der junge Held der ihn gefangen genommen
hat und dem er sein Leben verdankt Durch einen Schlag auf Torfelds Schulter
bezeichnete er diesen als den Gegenstand seines Lobes
Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich ein Wagen unter der Bedeckung von
einigen Kriegern genähert der in den Hof fuhr Mühsam stieg der General
Klairmont ab wobei ihn der Graf Robert und Torfeld unterstützten In Folge
eines starken Blutverlustes war er sehr bleich und ermattet den Arm trug er in
der Binde Er erkannte Dübois sogleich und bat ihn ihm ein ruhiges Zimmer
anzuweisen wo er sich erholen könne und den Grafen zu bitten ihn erst morgen
sprechen zu wollen weil er sich heute zu entkräftet fühle Dübois eilte mit
gewohnter Gutherzigkeit diese Wünsche zu erfüllen und der Graf Robert sendete
die militairische Bedeckung nach dem Dorfe zurück wo seinen übrigen Truppen die
Nachtquartiere angewiesen waren und Alle setzten sich in Bewegung um den
Grafen freudig zu begrüßen
Das verworrene Getöse im Hofe das sich nun auch im Hause verbreitete
begann die Familie des Grafen zu beunruhigen Der Graf hatte einige Male die
Klingel gezogen um von den Bedienten Auskunft zu erhalten Da aber die
Neugierde alle um die Ankommenden versammelt hatte so erschien Niemand auf den
Ruf der Glocke und als nun auch im Vorzimmer ein lautes Geräusch von
Eintretenden und klirrenden Sporen entstand eilte der Graf mit einiger
Bestürzung auf die Türe zu indem sie sich eben öffnete und der Graf Robert mit
inniger Freude seinen Oheim zu umarmen eilte Kaum von seiner angenehmen
Überraschung etwas zu sich selbst gekommen bemerkte der Graf den jungen
Torfeld der bescheiden seitwärts stand Er wollte ihn eben freundlich
begrüßen als er daran durch den Arzt verhindert wurde der sich vordrängte und
in doppelter Hinsicht das Erstaunen des Grafen erregte Er hatte es nicht
erwartet dass sich der Doktor Lindbrecht von seiner Braut trennen und an dem
Kriege gegen Frankreich Teil nehmen würde deshalb setzte es ihn in Erstaunen
ihn in der Gesellschaft seines Vetters zu erblicken aber mehr noch als sein
Erscheinen selbst erregte die Art wie er auftrat die allgemeine Verwunderung
Der Krieg die Gefahren der Schlachten hatten einen ganz neuen Menschen aus dem
Arzte gemacht Er hatte es angemessen gefunden den feinen Weltton in dessen
Besitze er zu sein vermeinte mit den freieren Sitten des Soldaten zu verbinden
wie er sich überhaupt ein kriegerisches Ansehen zu geben gesucht hatte Ein
ansehnliches Schwert hatte er um seine Hüften gegürtet einen Stutzbart hatte er
sich wachsen lassen sein von der Luft gebräuntes Gesicht trug er mit einer ihm
sonst fremden Dreistigkeit emporgerichtet und dies alles machte einen so
überraschend komischen Eindruck dass selbst der Graf wie ernst er auch in der
letzten Zeit immer gestimmt war sich des Lächelns nicht erwehren konnte dabei
erhob der Arzt seine Stimme jetzt mehr als früher wodurch sie oft in ein
unangenehmes Kreischen überging er trat fester auf als ehedem und hatte es
nicht ungern wenn Schwert und Sporen bei jeder Bewegung klirrten
Es waren endlich viele eilige Fragen von allen Seiten beantwortet worden
Der Graf hatte erfahren dass sein Vetter ganz in seiner Nähe ein kleines Gefecht
mit einem französischen Haufen bestanden hatte der ihm seitwärts in den
Schluchten die die Berge bildeten entkommen war dass er sich während dieses
Gefechtes von Torfeld getrennt gefunden aber bald durch schnell aufeinander
folgende Schüsse wieder auf seine Spur geführt worden sei und eben als er
hinzugekommen habe sich ein hitziges Gefecht siegreich für seinen jungen Freund
geendigt der das Leben eines französischen Generals dabei gerettet den eben
Werteim in der Wut des Kampfes habe niederhauen wollen Der General der in
Folge starken Blutverlustes beinah ohnmächtig gewesen sei habe sich ihm hierauf
ergeben und schloss der Graf Robert seinen Bericht nachdem die kunstfertige
Hand unsers heldenmütigen Arztes seine Wunden verbunden hatte schafften wir
einen Wagen und brachten unseren Gefangenen hieher unter Ihr gastliches Dach
weil wir um so mehr eine freundliche Aufnahme für ihn hofften da wir Ihnen in
seiner Person einen alten Freund zu führen
Wer ist es fragte der Graf von Neuem in Verwunderung gesetzt
Wer wird es sein rief der Arzt sich mit der Antwort vordrängend als der
unbescheidene Mann der mit seiner lustigen Begleiterin damals das ganze Schloss
Hohental in Besitz nahm der mir geradezu ins Gesicht lachte wegen meiner
französischen Aussprache Ei er dachte damals nicht dass ihm mein Anblick noch
einmal so tröstlich sein würde
Wie Klairmont rief der Graf Derselbe erwiderte sein Vetter Da ihn der
Arzt erkannte und wir die Absicht hatten Sie bester Oheim auf diese Nacht zu
besuchen so brachten wir ihn hieher wo er hoffen darf allen Beistand zu
finden den er bedarf
Der Graf wollte seinen Freund sogleich besuchen da man ihm aber mitteilte
dass der General diesen Abend allein zu bleiben wünsche um sich zu erholen so
fügte er sich in den Willen seines Freundes und überließ es Dübois für dessen
Bequemlichkeit zu sorgen Doch befolgte er den Wink des Arztes und schickte nach
einem geschickten Wundarzte denn der Doktor Lindbrecht erklärte dass er morgen
mit den Truppen weiter rücken würde und also für den General nichts weiter tun
könne als am nächsten Morgen den Verband erneuern denn seine Pflicht rufe ihn
hinweg
Die durch vielfache Überraschungen erregte unruhige Bewegung der Gemüter
hatte sich gelegt Die Freunde freuten sich ruhiger des kurzen Beisammenseins
und auch die Frauen nahmen Teil an den Gesprächen Man erfuhr nun dass der Graf
Robert auf dem Marsche begriffen sei um mit einer Abteilung preußischer
Truppen sich zu vereinigen dass er hoch erfreut gewesen als er erfahren dass
die ihm anbefohlne Richtung nah bei des Grafen Wohnsitz vorbeiführe dass er
seine Einrichtungen so getroffen dass er einige Stunden früher hätte eintreffen
können wenn das Gefecht nicht einen Aufenthalt verursacht hätte
Die Gesellschaft saß endlich ruhig um den Kamin und Torfeld hatte sich des
schönen Kindes bemächtigt dessen Ähnlichkeit mit Evremont den er aufrichtig
liebte ihn innig bewegte doch hielt ihn seine Bescheidenheit zurück nach dem
Freunde zu fragen der ihm auf Schloss Hohental so viel Wohlwollen bewiesen
hatte Aus seinen Armen nahm der Graf Robert den kleinen Adalbert und indem er
ihn herzlich küsste pries er laut seine auffallende Schönheit worüber die
Mutter aus innerer Freude sanft errötete Der Kleine hatte nicht die
gewöhnliche Blödigkeit der Kinder er wuchs unter Erwachsenen auf und war es
gewohnt fremde Gesichter zu sehen Als aber auch der Arzt ihn an sich riss und
ihn mit halb geschlossenen Augen anblinzte dann einen heftigen Kuss auf seine
Wange drückte wobei der scharfe Bart ihn unsanft berührte da verzog sich der
liebliche Mund des Knaben zum Weinen und er streckte die kleinen Arme Hilfe
suchend nach der Mutter aus
Der Graf konnte seine wehmütigen Gefühle nicht beherrschen er dachte mit
Schmerzen an Evremont als er dessen Sohn von allen Freunden geliebkoset sah Er
war aufgestanden und trat auf die Terrasse hinaus um sich unbemerkt seinem
Kummer zu überlassen Sein Vetter folgte ihm und fragte in leisem ängstlichem
Tone Haben Sie Nachrichten von Adolph bester Onkel Seit der Schlacht von
Borodino keine antwortete der Graf indem er die Hand des Verwandten heftig
drückte Ich fürchte setzte er mit beinah versagender Stimme hinzu ich
fürchte wir werden nie mehr Rachrichten von ihm hören Um Gottes Willen hegen
Sie nicht solche Gedanken rief sein Vetter im wahrsten Mitgefühl der Himmel
erhält ihn Ihnen gewiss Es wäre zu hart wenn Sie teurer Onkel der Sie so
viel Glück und Segen um sich verbreiten so schmerzlich verwundet werden
sollten Lass uns davon schweigen sagte der Graf sich ermannend ich zeige
seiner Mutter und Gattin nie meinen Schmerz ich spreche zu ihnen immer nur von
Hoffnungen die ich oft selbst nicht mehr den Mut habe zu hegen Aber Du kannst
es der Mutter ansehen ihr Leben hängt an diesem zarten Faden die Gewissheit
dass der Sohn dahin ist führt auch ihren Tod herbei
Es ist wahr sagte der Graf Robert ich finde die Tante sehr verändert Wir
haben vielen Kummer in dieser Zeit erduldet antwortete der Graf seufzend indem
er mit dem Vetter in den Saal zurück trat wo er den Arzt mit auffallend lauter
Stimme sprechen hörte
Die Gräfin hatte sich während der Abwesenheit beider Grafen nach der Familie
des Predigers erkundigt und zur Verwunderung der Frauen hatte diese Frage den
Arzt in so heftigen Zorn versetzt dass die kleinen Augen funkelten und die
gebräunten Wangen sich dunkel röteten Ich werde nie mehr ohne Zorn an meinen
ehemaligen Freund denken hatte er eben heftig geantwortet und als er den
Grafen wieder eintreten sah wendete er sich sogleich an diesen und rief Denken
Sie Herr Graf welch ein schönes Beispiel von Vaterlandsliebe unser Herr
Prediger gegeben hat Ich machte ihm den sehr vernünftigen Plan er solle uns
als Feldprediger in diesen heiligen Kampf begleiten So lange er die Sache für
Scherz hielt ging er darauf ein und da er mit verstellter Ernsthaftigkeit
darüber sprach so glaubte ich seinen trügerischen Worten Denken Sie sich mein
zürnendes Erstaunen als es nun zum Aufbruch kam und ich ihm dieses bekannt
machte und ihn aufforderte sich uns anzuschließen da antwortete mir der
Schalk indem er die dünnen Lippen zu einem spöttischen Lächeln verzog Sind Sie
denn so töricht gewesen im Ernst zu glauben dass ich meine Gemeinde verlassen
werde Ich war ganz erstarrt über diese Falschheit nahm mich aber zusammen und
sagte Auch ich habe hier gleichsam eine Gemeinde an die meine Pflicht mich
bindet Es kann sein dass während meiner Abwesenheit Mancher meine Hilfe
entbehren und darunter leiden wird dies ist ein möglicher Fall aber mich ruft
die Pflicht dahin wo ich wie ich gewiss kann Hunderten ja vielleicht
Tausenden nützlich sein werde Eben so ist es mit Ihnen Ein bejahrter
Amtsbruder dem man nicht mehr zumuten darf die Beschwerden eines Feldzuges zu
teilen der mag Ihre hiesigen Pflichten mit versehen darum auf rüsten Sie
sich und folgen Sie wie ein Mann dem Ruf der Ehre Sind Sie denn ganz besessen
von Ihrer Torheit antwortete er mit beissiger Grobheit auf meine wohlgemeinte
Rede Könnte ich es vor meiner zahlreichen Familie verantworten wenn ich sie
wie ein Unsinniger verlassen wollte Da der Arzt im Laufe seiner Erzählung immer
heftiger wurde so suchte der junge Torfeld ihn zu unterbrechen der sichtlich
bei der Anklage des Predigers litt und sagte Aber zu berücksichtigen ist es
doch gewiss wenn ein Vater für eine zahlreiche Familie zu sorgen hat
Weil Sie in die Tochter verliebt sind antwortete der Arzt ohne schonende
Rücksicht so wollen Sie Ihre falsche Ansicht zur allgemeinen erheben Der junge
Mann schwieg errötend und der Arzt fuhr triumphierend fort Was hat das
Vaterland mit seiner großen Anzahl Kinder zu schaffen und hätten sie nicht alle
nützlich beschäftigt werden können Die erwachsenen Söhne hätten mit ins Feld
rücken müssen und die jüngeren hätten mit den Töchtern Charpie bereiten können
wie ich diese heilsame Einrichtung mit meiner Braut und künftigen
Schwiegermutter getroffen habe Die Stimme des Arztes wurde sanfter als er
dieser Personen gedachte und er fuhr zwar mit Selbstgefühl aber mit einer Art
von Wehmut fort und habe ich denn nicht größere Opfer gebracht als ich ihm
zumutete Ich habe eine schöne Braut verlassen die in Schmerz bei unserer
Trennung vergehen wollte aber doch mit Stolz auf mich blickte dass ich im
Stande war das Vaterland selbst meiner Liebe vorzuziehen Meine Verwandte und
künftige Schwiegermutter weinte dass sie im Schluchzen die Sprache verlor und
winkte mir noch tausend Grüße vom Balkon unseres Hauses herab so lange wir uns
sehen konnten Alle meine Studien müssen unterbleiben ausgenommen die
praktischen die ich täglich an Verwundeten mache die mir unter die Hände
kommen und vergeblich ist meine Bibliothek in schönster Ordnung aufgestellt
Mein botanischer Garten wird in meiner Abwesenheit zu Grunde gehen Den Jammer
kann ich mir schon denken denn die gute Frau meine Base versteht nichts
davon und der Schlossgärtner wird nachlässig werden wenn er sich selbst
überlassen bleibt Und was wäre vergangen oder verloren wenn der Prediger mit
uns gezogen wäre wie es seine Pflicht war Würde er nicht Alles wieder gefunden
haben wie er es verließ Und ist es nicht unendlich schwerer sich von einer
Braut als von einer Frau zu trennen
Das kommt auf die Ansicht an sagte der Graf besänftigend Und wenn Sie auch
darin Recht haben dass es im Allgemeinen nur ein Vorwand der Selbstsucht ist
die keine Opfer bringen will wenn die Pflichten für die Familie vorgeschoben
und als ablehnende Antworten die Redensarten gebraucht werden ich bin meiner
Familie diese Rücksicht schuldig oder ich kann dies vor meiner Familie nicht
verantworten so müssen Sie doch auch bedenken dass nicht Jedermann mit solchem
Heldenmut geboren wird dass es ihm wie Ihnen möglich ist der Pflicht jedes
Opfer zu bringen
Der Arzt wurde durch die Anerkennung seines Verdienstes besänftigt und die
wenigen Worte des Grafen die ihm schmeichelhaft waren machten ihn mehr zur
Versöhnung mit dem Prediger geneigt als alle Versuche Torfelds der den
Geistlichen zu verteidigen und so die Vereinigung der alten Freunde zu bewirken
suchte und als der Graf im Laufe des Gesprächs noch die Bemerkung machte dass
eine Gemeinde die von ihrem Prediger verlassen sei Gefahr laufe moralisch zu
verwildern so gab der Arzt zu dass sein Freund andere Pflichten zu erfüllen
habe als er und die Versöhnung ward in seinem Gemüte beschlossen Unter andern
kleinen Begebenheiten die der Arzt bei der nun ruhiger fortgesetzten
Unterhaltung erwähnte teilte er auch die Nachricht mit dass der alte Lorenz
wenige Tage vor seiner Abreise völlig kindisch gestorben sei und fragte ob der
Pfarrer nicht die schuldige Anzeige gemacht habe Der Graf erwiderte dass er
seit der ersten Bewegung der Truppen gar keine Briefe erhalten habe und man
ging leicht über das Ende eines Menschen hinweg der durch sein Leben weder
Achtung noch Teilnahme verdient hatte
Adele fragte den Arzt warum er sich so kriegerisch gerüstet habe da doch
sein Beruf selbst auf dem Schlachtfelde nur friedlich und heilbringend sei
Meine Absicht ist erwiderte der Angeredete Wunden zu heilen und wenn ich es
vermeiden kann keine zu schlagen aber setzte er hinzu indem er stolz um sich
blickte und den Griff seines Schwertes fasste es ziemt sich in Zeiten der
Gefahr dass der Mann gewaffnet ist und muss es sein so werde ich mein Leben
teuer verkaufen
So sehr es dem Arzte mit diesen Gefühlen Ernst war so hatte doch sein
ganzes Tun etwas so Komisches dass als er nach seiner Meinung wie ein Held in
der Mitte seiner Freunde stand Niemand eines leichten Lächelns sich erwehren
konnte
Die vorgerückten Stunden der Nacht erinnerten endlich Alle an die
Notwendigkeit einen kurzen Schlummer zu suchen denn mit dem frühesten Morgen
musste der Graf Robert mit seinen Begleitern aufbrechen um zur gehörigen Zeit an
dem ihm bestimmten Vereinigungspunkte einzutreffen und man trennte sich mit
erneuerten Gefühlen der Freundschaft und des Wohlwollens
Am andern Morgen war der Arzt der erste der sich vom Lager erhob und
nachdem er den fremden Wundarzt geweckt hatte der in der Nacht angekommen war
führte er ihn zum General Klairmont und ließ ihn in seiner Gegenwart den Verband
um dessen verwundeten Arm erneuern um sich von seiner Geschicklichkeit zu
überzeugen Als das Geschäft zu seiner Zufriedenheit beendigt war fragte der
General finster Werden Sie mit Ihren Freunden heute noch weiter rücken In
einer halben Stunde antwortete der Arzt So empfehlen Sie mich dem jungen
Grafen und seinem Freunde und entschuldigen Sie es so gut Sie vermögen dass
ich sie nicht vor ihrer Abreise zu sehen wünsche Es ist nicht Mangel an
Achtung fuhr der General fort als er die Verwunderung des Arztes bemerkte es
ist meine finstere Stimmung die mich eine völlige Einsamkeit wünschen lässt
deshalb entschuldigen Sie mich ohne Jemanden zu beleidigen
Der Arzt versprach seinen Auftrag auf die beste Art auszurichten und der
General fuhr fort Da ich großmütigen Feinden in die Hände gefallen bin so
besitze ich die Mittel Ihnen ein Andenken anzubieten Er reichte dem Arzte einen
wertvollen Ring und auf dessen ablehnende Gebehrden setzte er hinzu
Beleidigen Sie mich nicht indem Sie diese Kleinigkeit ausschlagen ich will Sie
nicht damit belohnen Es soll Sie dieser Ring nur erinnern wenn Ihnen andere
Franzosen in die Hände fallen dass ich Sie bitte diese eben so menschlich als
mich zu behandeln Der General hatte die letzten Worte mit bewegter Stimme und
abgewendetem Gesicht gesprochen und der Arzt nahm den Ring mit dem großmütigen
Gefühl einen besiegten Feind nicht kränken zu wollen Er erhob seine Stimme um
dem General zu versichern dass jeder Hülfsbedürftige aufhöre sein Feind zu sein
Doch eine unmutige Gebehrde des französischen Kriegers verschloss ihm die
Lippen und er entfernte sich als dieser kurz und trocken sagte Und nun leben
Sie wohl Herr Doktor und überlassen Sie mich der Ruhe die ich vielleicht noch
durch einige Stunden Schlaf finde
Auf dem Gange vor den Zimmern des Generals konnte sich der Arzt nicht
enthalten die blinkenden Steine des Ringes zu betrachten und zu berechnen wie
er sie zum Schmuck für seine Braut verwenden wolle als er in diesen angenehmen
Gedanken durch Dübois gestört wurde der ihn hier erwartet hatte um ihm
dieselbe Bitte für die verwundeten Franzosen ans Herz zu legen die der General
mit einem so ansehnlichen Geschenk begleitet hatte Aber lieber alter Freund
rief der Arzt halb beleidigt was quälen Sie sich und mich mit so unnützen
Sorgen Ich habe Ihnen ja den Beweis wie ich handle recht eigentlich in die
Hand gegeben ich habe Ihnen ja einen verwundeten Franzosen selbst ins Haus
gebracht nachdem ich aufs Beste für ihn gesorgt hatte Sie haben sich also
selbst davon überzeugen können wie großmütig ich unsere heillosen Feinde
behandle Dafür wird Gott Sie segnen sagte Dübois mit bewegter Stimme denn
wenn der Krieg auch ein notwendiges Übel ist, so ist die Grausamkeit doch
gewiss nie zu entschuldigen Der Arzt reichte dem Greise zum Abschiede die Hand
und drückte dabei dessen Hand so heftig dass er den Schmerz wieder von Neuem
aufregte der sich bei dem alten Manne seit der nachdrücklichen Begrüßung des
vorigen Abends noch nicht aus diesem Gliede verloren hatte
Als sich der Arzt von Dübois getrennt hatte suchte diesen der junge
Torfeld auf um in der Stille von seinem väterlichen Freunde Abschied zu
nehmen Der alte Mann hatte den jungen Krieger nicht mehr Du nennen wollen und
ihn mit Sie angeredet doch Gustav Torfeld forderte alle Rechte der Liebe
zurück und man sah dass es dem Greise erfreulich war sich wie ein Vater geehrt
zu fühlen und das Verhältnis früherer Vertraulichkeit zu erneuern Ich kann es
nicht tadeln sagte er beim Abschiede dem jungen Mann dass Du Dein Vaterland zu
verteidigen strebst aber bedenke dass Frankreich das meinige ist wenn Du
seinen Boden betreten solltest und sorge dafür dass Deine Krieger menschlich
verfahren Torfeld versprach dies um so bereitwilliger da sein eigenes Gefühl
ihn aufforderte Schonung zu üben wo es sich irgend mit seiner Pflicht
vereinigen ließe
Der Graf Robert hatte von den Frauen Abschied genommen die noch kaum Zeit
gefunden hatten alle Fragen nach seiner Gattin und seinen Kindern an ihn zu
richten die ihnen am Herzen lagen Er umarmte noch ein Mal seinen Oheim der
ihn in den Hof begleitete wo die Pferde hielten reichte dem alten Dübois
freundschaftlich die Hand und schwang sich in den Sattel Ihm folgte Torfeld
der mit derselben Leichtigkeit zu Pferde saß indes der Arzt etwas mehr Mühe
verwenden musste um sein Tier zu besteigen wobei ihm besonders das große
Schwert hinderlich war Die begleitenden Diener folgten und bald hatte der Graf
Alle aus den Augen verloren und der kurze Aufenthalt der Freunde dünkte den
Bewohnern des Hauses wie ein Traum als dieselbe Stille nun wieder in den Sälen
und Zimmern herrschte die auf kurze Zeit so erfreulich war unterbrochen worden
XI
Es waren einige Stunden seit der Abreise der kriegerischen Freunde verflossen
als sich der Graf nach dem Zimmer des Generals begab und indem er freundlich an
dessen Lager trat ihn lächelnd fragte Willst Du mich noch länger von Deinem
Angesicht verbannen Die Frage kann nicht Dein Ernst sein antwortete der
General indem er sich auf seinem Lager empor richtete und dem Grafen die Hand
des gesunden Armes bot Er zwang sich zum Lächeln indem er hinzusetzte Sehr
verschieden von dem ersten Male siehst Du mich jetzt zum zweiten Mal unter
Deinem Dache Dass dies möglich sein könnte würde ich noch vor Kurzem nicht
geglaubt haben
Der Graf hatte während dieser Rede seinen Freund genauer betrachtet und er
erstaunte über die große Veränderung die er bemerken musste Auffallend alt war
der General in den wenigen Jahren geworden und die Heiterkeit die sonst
unzerstörbar in seinen Augen glänzte und um seine Lippen spielte war durch eine
finstere Schwermut verdrängt worden die dem Gesichte einen für den Grafen
fremden Ausdruck gab Auf die mit einiger Bitterkeit ausgesprochene Bemerkung
des Generals erwiderte der Graf um dessen trübe Stimmung zu mildern dass der
Krieg so manchen Wechsel des Geschicks herbei führe dass man sich eigentlich
über keinen wundern dürfe Der General schwieg unmutig und fragte endlich Sind
Deine siegenden Freunde weiter gezogen
Sie sind alle abgereist antwortete der Graf Aber vergib fuhr er fort ich
kann es nicht mit dem ritterlichen Charakter eines französischen Kriegers
vereinigen dass Du so finster grollend einen glücklichen tapferen Feind
betrachtest Du hast weder meinen Vetter noch seinen Freund sehen wollen die
doch wie Du zugeben musst nur ihre Pflicht erfüllten indem sie Dich
bekämpften und ich gestehe Dir dass es mich befremdet zu sehen dass Du
Feindschaft bewahrst wenn der Kampf geendigt ist denn das ist gegen alle mir
bekannte französische Sitte
Du beurteilst mich ganz falsch sagte der General ich müsste eine lange
Geschichte erzählen um Dich darüber aufzuklären Es ist das Tragische des
Krieges dass gerade die bravsten Leute sich gegenseitig erschlagen denn die
Feigen suchen sich in Sicherheit zu bringen Man gewöhnt sich an solche
Erschütterungen wie an jede andere und achtet den braven Feind der unsere
braven Kameraden vernichtet aber zuweilen ist ein solcher Fall mit so
schmerzlichen Nebenumständen verbunden dass man doch wenn es möglich ist den
Anblick des Gegners meidet wo man nur friedlich mit ihm zusammen treffen darf
und ihm noch obendrein verpflichtet ist
Es trat ein neues Schweigen ein Der Graf hielt die Hand seines Freundes und
betrachtete ihn stumm denn er mochte nicht durch eine Frage die zudringlich
hätte erscheinen können das Gespräch wieder erneuern Endlich begann der
General wieder die Unterredung indem er sagte Wenn ich Dir die letzten
Ereignisse meines Lebens mitteile wirst Du es natürlich finden dass ich
ernster gestimmt bin als früher
Der Graf drückte die Hand des Freundes zum Zeichen dass er bereit sei zu
hören und dieser fuhr fort Du weist dass ich mich in Paris verheiratet hatte
Ich besaß eine junge schöne reiche und liebenswürdige Frau und dies wäre ein
großes Glück gewesen wenn uns Napoleon verstattet hätte ein solches Glück zu
genießen aber bald in Spanien bald in Deutschland und im hohen Norden kämpfend
lebte ich getrennt von meiner Gattin und das kurze flüchtige Beisammensein
das die Umstände zuweilen erlaubten diente nur dazu den Schmerz der Trennung
zu schärfen Indem ich mir bewusst war ein großes Vermögen zu besitzen musste ich
Entbehrungen erdulden die zu schauderhaft sind um sie zu wiederholen und
nicht allein in meiner Brust entstand ein Unwillen über Kriege deren Zweck wir
nicht einzusehen vermochten sondern die Stimmung wurde ziemlich allgemein in
der Armee besonders als der entsetzliche Rückzug aus Moskau angetreten werden
musste Die furchtbarste Kälte der schauderhafteste Mangel wütete mehr als der
Feind in unseren Schaaren und der Einfluss dieses Elends war so mächtig dass
alle Bande der Ordnung und des Gehorsams sich auflösten In diesem Zustande war
jedes Gefecht für uns verderblich und als endlich der Übergang über die
Beresina möglich wurde drängte sich Alles ohne Ordnung hinzu Heil und Rettung
am jenseitigen Ufer hoffend Auch ich zu Fuß in Lumpen gehüllt auf mein
Schwert wie auf einen Stab gelehnt drängte mich der Brücke zu um hinüber zu
gelangen und hielt mich vorsichtig in der Mitte des Menschenstroms um nicht
wie viele Andere seitwärts in den Fluss gedrängt zu werden und in den Wogen zu
versinken Die furchtbare Kälte mit dem Mangel vereinigt hatte jedes andere
Gefühl als die dumpfe Sehnsucht sich selbst zu erhalten in der Brust der
Menschen ersterben lassen und auch ich dachte nur an mich und sah mit wahrhaft
tierischer Fühllosigkeit Viele in den Strom sinken Endlich traf ein
kreischender Ton mein Ohr der mir bekannt klang wie rau und scharf das Elend
auch die Stimme gemacht haben mochte die ihn klagend außstieß Ich blickte
unwillkürlich nach der Seite hin von woher er schallte und meine Augen trafen
auf ein Weib die mühsam in der Menge den Durchgang zu erkämpfen strebte und ein
Kind hoch empor hielt um es im Gedränge gegen Verletzung zu sichern Die
Unglückliche konnte umringt von Menschen nicht bemerken dass sie gerade nach
dem Fluße hingedrängt wurde Die Vorderen stürzten hinein und erhoben ein
Klagegeschrei Sie wendete den Kopf um wo möglich die Ursache zu erspähen die
sie von ihrem Standpunkte aus nicht entdecken konnte und ihre Augen trafen auf
mich An diesen dunkeln glänzenden Augen die als letzte Spur der Schönheit ihr
geblieben waren erkannte ich die Arme Tausend Mal hatte ich diese Augen
geküsst tausend Mal hatten die süßen halb schalkhaften halb zärtlichen Blicke
ein warmes Gefühl in meiner Brust erregt und mein Herz heftiger schlagen machen
und nun erblickte ich sie im höchsten Elend und in augenscheinlicher Todesangst
wieder Denn obgleich als die Vorderen in den Fluss stürzten sich ein Geschrei
des Entsetzens erhob und die Nächsten zurück zu drängen versuchten so war die
Masse der Folgenden die die Gefahr nicht erkannten und immer meinten sie
drängten auf die Brücke zu zu groß immer mehr mussten ihrem Schicksal erliegen
und auch die Unglückliche die in diesem Augenblicke meine ganze Teilnahme
erregte war ihrem Verderben nah Sie bemerkte jetzt die Gefahr und ein
furchtbarer Schrei tönte zu mir herüber Ich weiß nicht ob sie mich in dieser
Angst erkannte aber mir schien es als richte sie den Ruf um Hilfe an mich und
ich weiß noch nicht wie es geschah ich stand in demselben Augenblicke an ihrer
Seite Ich wollte sie vom Ufer des Flusses zurückreissen und fasste in der bis zur
fürchterlichsten Angst gesteigerten Teilnahme ihr Kind das sie in demselben
Augenblicke losliess indem sie vorwärts gedrängt wurde in den nassen Tod Sie
richtete noch einen letzten Blick flehender Zärtlichkeit auf mich und die
Wogen rissen sie hinweg
Der General schwieg eine kurze Zeit und fuhr dann mit bewegter Stimme fort
Es schien als ob dies das letzte Opfer sein sollte das in den Wogen unterging
Man kam zur Besinnung die Nachstrebenden erkannten die Gefahr und es gelang
mir mit dem Kinde mich zurück zu kämpfen und die Brücke zu erreichen Kaum hatte
sie mein Fuß berührt als ein Mann sich herbeidrängte mit allen Zeichen der
Verzweiflung wild um sich blickte und in fast heulendem Tone schrie Mein Weib
mein Kind mein armes Weib mein unglücklicher Sohn Er erblickte endlich das
Kind in meinen Armen riss es an sich und rief mit erlöschender Stimme Wo wo
ist mein Weib Ich vermochte nicht zu antworten und deutete stumm auf den Strom
Er erbleichte wie ein Sterbender doch kehrte nach einigen Augenblicken das Blut
in seine Wangen zurück er schlug heftig auf seine Brust und sagte mit
männlicher Stimme Ertrage auch das mein Herz Er küsste hierauf das Kind und
sagte Jetzt Eugen musst Du mein einziger Trost sein Es schien als ob er das
Kind in den Armen alle männliche Kraft der Seele und des Körpers wieder
gewonnen hätte Er drang mir Bahn brechend wie ein Verzweifelnder vorwärts
und wir erreichten das jenseitige Ufer
Ich will Dir nicht fuhr der General nach einigem Schweigen fort eine
Beschreibung von dem Elende machen das wir auf diesem ganzen unglücklichen
Rückzuge erdulden mussten Der Soldat dessen Kind ich gerettet hatte schloss
sich an mich an und ich gestehe Dir ohne ihn wäre ich im Elende verschmachtet
Die Verhältnisse in denen er aufgewachsen war hatten ihn sinnreicher als mich
gemacht Mittel aufzufinden um unser Dasein zu fristen Als wir uns zum ersten
Male wieder geordneten Truppen anschlossen und er erfuhr dass er einem Generale
die Erhaltung seines Kindes verdankte wurde dadurch seine Anhänglichkeit noch
gesteigert und er war mir mit wahrhafter Schwärmerei ergeben Ich sorgte jetzt
für ihn und es ging uns einige wenige Tage besser aber als auf diesem
unglücklichen Rückzuge alle Hoffnungen untergingen da brach von Neuem ein Elend
auf uns herein das ich vergeblich zu beschreiben versuchen würde und ich muss
es wie ein Wunder betrachten dass sowohl ich als er und das Kind den deutschen
Boden erreichten Durch übermäßige Anstrengungen gelang es dem Braven unser
Dasein zu fristen und durch Entbehrungen aller Art bis zum Tode ermattet
trugen wir abwechselnd sein Kind denn es war nicht mehr möglich uns ein Pferd
zu verschaffen die beklagenswerten Geschöpfe waren längst vernichtet Als wir
den deutschen Boden erreicht hatten beschlossen wir uns einige Tage Ruhe zu
gönnen und die Bequemlichkeiten die der elende Gasthof eines kleinen
Städtchens an der polnischen Gränze bot dünkten uns köstlich Mein braver
Soldat hatte sich auf kurze Zeit entfernt und das vor Hunger weinende Kind bei
mir zurückgelassen jedoch er kehrte bald zurück mit Wein und allen guten Dingen
beladen die in dem kleinen Orte zu erreichen waren Ich betrachtete ihn mit
Erstaunen doch der Reiz einer so lang entbehrten guten Mahlzeit brachte alle
anderen Empfindungen zum Schweigen und erst nachdem wir alle gesättigt waren
fragte ich meinen Unglücksgefährten woher er die Mittel zu nehmen gedenke um
solchen Aufwand zu bestreiten Listig lächelnd verriegelte er die Tür unsers
schlechten Zimmers von innen ergriff dann ein Messer und trennte die Näte
seiner in Lumpen verwandelten Kleider auf und zu meinem Erstaunen wurden
mehrere Goldstücke sichtbar Als er sein Geschäft beendigt hatte legte er das
Geld vor mir auf den Tisch und sagte indem eine Träne in seinem kühnen Auge
glänzte Auch dies verdanken wir der guten Frau der Mutter meines Kindes Du
glaubst nicht wie tief mich diese einfachen Worte erschütterten Ich muss mir
jetzt zwar sagen dass die Unglückliche auch ohne mich vielleicht ein
leichtsinniges Geschöpf geworden wäre aber leugnen kann ich mir nicht dass ich
sie auf die Bahn des Verderbens geführt habe und die ich mit Hohn behandelte
als ich sie das letzte Mal sprach reichte mir nun gleichsam aus ihrem nassen
Grabe die Mittel zum Leben Die Not des Augenblickes besiegte jedes andere
Gefühl das Gold gewährte uns nun Mittel um Frankreich zu erreichen denn die
schwachen Reste meiner Regimenter früher zu treffen durfte ich nicht hoffen da
sich alle Ordnung aufgelöst hatte und Jeder fortzukommen suchte wie er konnte
Jetzt da wir uns wieder gekleidet hatten und bequemer reisten erfuhr ich von
meinem treuen Begleiter dass er in Evremonts Regiment als Unteroffizier gedient
habe und dass er dessen Vorsorge die Mittel verdanke die uns so wohl zu Statten
kamen weil er seiner Gattin dies Geld als Erbschaft von einem harterzigen
Bruder verschafft habe
Der Graf hatte mit höchster Spannung die Erzählung seines Freundes gehört
Schon lange war es ihm gewiss dass der Begleiter des Generals derselbe
Unteroffizier sei dessen Evremont in seinen Berichten aus Spanien gedachte
Jetzt aber da sein Freund den Namen des betrauerten Sohnes aussprach hielt er
sich nicht mehr zurück und unterbrach die Erzählung mit dem heftigen Ausrufe Um
Gottes Willen sage mir was wusste Dein Begleiter von meinem Sohne Wenig
erwiderte der General sein ganzes Regiment war kurz vor dem Übergange über
die Beresina aus einander gesprengt worden und der brave Soldat hatte seinen
tapferen Obristen seitdem gänzlich aus den Augen verloren Doch war er so lange
er etwas von ihm wusste unerwartet glücklich ohne Wunden geblieben trotz der
Kühnheit mit welcher er sich allen Gefahren aussetzte und was noch mehr sagen
will ohne erfrorne Glieder und er ist wahrscheinlich in russische
Gefangenschaft geraten Es lag ein Trost für den Grafen in diesen dürftigen
Nachrichten und er hinderte den Fortgang der Erzählung nicht die sein Freund
wieder begann Wir erreichten endlich Paris sagte er mit einem tiefen Seufzer
und hier erwartete mich neuer Jammer Ich betrat mein Haus und fand es verödet
Meine Gattin die ich in der Hoffnung zurückgelassen hatte mir zum zweiten Mal
Vaterfreuden zu gewähren war durch die Geburt einer toten Tochter so
angegriffen worden dass sie wenige Tage danach starb und man schrieb dies
Unglück der immerwährenden Angst um mein Schicksal zu Man brachte mir meinen
Sohn dessen lächelndes Gesicht einen seltsamen Gegensatz gegen die
Trauerkleider bildete in die man das kleine Geschöpf gehüllt hatte Ich hob
meinen kleinen Napoleon zu mir empor und indem ich ihn küsste wiederholte ich
unwillkürlich die Worte des braven Soldaten und sagte Ertrage auch das mein
Herz Du mein Sohn musst künftig mein einziger Trost sein Mein Begleiter stand
neben mir und seine eigenen Worte aus meinem Munde rührten ihn bis zu Tränen
Gab uns der Kaiser nicht Zeit um uns zu erfreuen so gewährte er uns auch
keine um verlorne Güter zu betrauern und die Bildung des neuen Heeres das dem
Feinde entgegengestellt werden musste entriss auch mich meinem Kummer Ich sorgte
in Paris für meinen Sohn und indem ich seine Erziehung nach bester Einsicht
ordnete gab ich ihm den Sohn des Unteroffiziers des braven Bertrand zum
Gespielen und befahl ganz dieselbe Sorgfalt der Pflege und Erziehung auf dessen
Kind wie auf das meine zu wenden Diese Anordnung fesselte die treue Seele noch
inniger an mein Geschick und er ward mir ganz das was der alte Dübois Dir ist
nur möchte ich sagen nach Art eines Soldaten da im Gegenteile Dein alter
Freund immer den würdigen Hofmann zu spielen sucht
Wir waren wieder über den Rhein gegangen wir kämpften wieder wenn auch
blutige doch glückliche Schlachten und die stolze Hoffnung hatte uns nicht
verlassen unsere Macht in ihrer ganzen Ausdehnung wieder herzustellen Da
endeten endlich die unglücklichen Tage bei Leipzig diese ehrgeizigen Träume und
der Kaiser musste nach Frankreich zurück Bei Hanau musste noch ein Mal gekämpft
werden und unter den kleinen Abteilungen die von der Hauptarmee
hinweggedrängt wurden war auch ich mit einem Teile meines Korps Der alte
Bertrand wich nicht von meiner Seite er hatte in kleinen Gefechten mehrmals
mein Leben gerettet und wenn ich ihn ermahnte sich nicht so tollkühn in alle
Gefahren zu stürzen so sah er mich mit glänzenden Augen an und sagte Was habe
ich zu fürchten Sie haben mein Kind gerettet Sie erziehen meinen Knaben wie
Ihren Sohn Napoleon und Eugen unter diesen mit Ruhm bedeckten Namen werden
künftig unsere Kinder fechten Alles dies danke ich Ihnen und Ihnen gehört bis
zum letzten Tropfen mein Blut Ich stand oft beschämt vor diesem braven
Soldaten er hielt meine Handlungen für den Ausfluss hochherziger Menschenliebe
er ahnte nicht welches Band mich früher an seine Gattin gefesselt hatte und
ich fühlte mich gegen ihn einer fortwährenden Falschheit schuldig Mein kleines
Korps war nach und nach zusammengeschmolzen wir hatten mehrere Gefechte
bestanden Viele waren geblieben und Viele hatten mich verlassen um wie sie
vermochten über den Rhein zurückzukehren und so geschwächt wurden wir gestern
von Preußen angegriffen an einer Stelle wo die Wege in zwei verschiedene
Bergschluchten führten Ein Teil meiner kleinen Macht wurde von mir
hinweggedrängt und ich wurde mit den Wenigen die mich umringten heftig von
den Feinden bedrängt Der brave Bertrand sah unsere Kameraden fallen er sah
mein Blut fließen und kämpfte mit einer Erbitterung die ihn nicht mehr auf die
Stimme der Vernunft hören ließ Ein junger Offizier forderte uns auf uns zu
ergeben statt der Antwort führte Bertrand der sich zwischen uns geworfen
hatte einen wütenden Streich auf die Brust des jungen Mannes und dieser ich
weiß es war Gegenwehr ich weiß er konnte nicht anders aber es ist
entsetzlich er hieb meinen alten Freund nieder so nahe vor mir dass das treue
Blut auf meine Kleider spritzte und sich mit dem meinigen vermischte das so
heftig aus meinen Wunden floss dass mir die Kräfte entschwanden Der brave
Bertrand starb sogleich Die Wunde die sein Leben endigte war mit jugendlich
kräftiger Hand zu tief geschlagen als dass er lange daran hätte leiden können
ein halb lächelnder zärtlich stolzer Blick traf mich noch und schien zu sagen
Siehst Du dass ich nicht prahle all mein Blut habe ich für Dich vergossen Mir
wurde es dunkel vor den Augen und nur wie im Traume bemerkte ich dass ein Eisen
über mir funkelte und wie aus der Ferne hörte ich dass eine raue Stimme rief
So fahre auch Du zur Hölle Zurück Werteim rief der junge Offizier der meinen
Freund getötet hatte sie sehen er kann sich nicht verteidigen und sein
Schwert schlug die Waffe die über meinem Haupte blinkte zurück Dies alles war
die Sache weniger Augenblicke Ergeben Sie sich mir sagte der junge Mann darauf
zu mir Sie sehen Sie können nicht mehr fechten Ich reichte ihm meine Waffen
und sank ermattet zu Boden Als ich wieder zu mir kam fand ich mich unter den
Händen eines Mannes dessen Gesicht mich an ferne Zeiten erinnerte Seine Hand
war sanfter als seine raue Zunge denn indes er mit schonender Sorgfalt meine
Wunden verband verletzte seine kreischende Stimme mein Ohr mit barbarischem
Französisch und doch begreife ich nicht das wunderbare Gefühl ich fühlte mich
so schwach durch Trauer Schmerz und Blutverlust ich kam mir so verloren vor
und diese rauen Töne berührten verletzend und tröstend mein Ohr Es stieg in
meiner Seele bei ihrem Klange das Bild Deiner Bäume Deines Hauses auf und Dein
edles Antlitz blickte mich tröstend an durch die dunkle Verwirrung meiner
Gedanken hindurch
Der General schwieg und heftete den traurigen Blick auf eine stark mit Blut
befleckte Uniform die über der Lehne eines Stuhles hing Endlich sagte er
seufzend Das Übrige weißt Du ich bin nun hier und finde Liebe und Beistand
bei Dir Trost wird vielleicht die Zukunft gewähren
Der Graf war selbst zu bewegt als dass er es hätte versuchen sollen die
Gefühle seines Freundes durch die gewöhnlichen Trostgründe zu bekämpfen und
vielleicht trug seine wahre Teilnahme mehr dazu bei dessen Gemüt wieder zu
erheben als es Worte vermocht hätten Da die Wunde des Generals nicht
gefährlich war und nur der starke Blutverlust seine große Entkräftung veranlasst
hatte so hatte er sich nach einigen Tagen in so weit erholt dass er sein Lager
verlassen durfte und der Graf beredete ihn wenigstens einige Stunden des Tages
in der Gesellschaft der Frauen zu verleben Seitdem so viele ernste Sorgen den
Grafen beunruhigten war die Furcht in seiner Seele schwächer geworden dass sein
Freund seine Gemahlin wieder erkennen möchte und seit ihr Gemahl alle ihre
Schmerzen kannte hatte sich die scharfe Reizbarkeit der Gräfin verloren und da
sie wenigstens den Sohn wieder gewonnen hatte so erbebte sie nicht mehr vor dem
Klange der französischen Sprache
Viel leichter als früher konnte also der General Klairmont ein Mitglied des
Kreises werden der sich täglich im Saale um die Gräfin versammelte und ob
gleich durch die letzten Ereignisse seines Lebens seine Stimmung ernster
geworden war als sie es ehedem zu sein pflegte so ließ sich nicht verkennen
welche Gewalt auf ihn wie auf alle Franzosen der Umgang mit Frauen ausübte Es
währte nicht lange so wachte ein schwaches Verlangen wieder in ihm auf witzig
heiter geistreich in diesem liebenswürdigen Kreise zu erscheinen und da von
Seiten der Frauen Alles versucht wurde um seinen Kummer zu zerstreuen so
kehrte nach und nach Gesundheit und mit ihr größere Ruhe des Gemüts in die
Seele des Generals zurück wodurch die Heilung seiner Wunden sichtlich
erleichtert wurde
Durch die Bemühung den Freund zu erheitern wurde der Graf und seine Familie
mehr von dem eigenen Kummer abgezogen und Emilie machte sich oft ernsthafte
Vorwürfe darüber wenn sie auf die Bitte des Generals sang dass die Musik die
gewohnte Macht auf ihre Seele ausübte und die Sorge auf kurze Zeit aus ihrem
Herzen verdrängte Adele die nie den Mut gehabt hatte an Evremonts Rückkehr
zu zweifeln und der die dürftigen Nachrichten die der General geben konnte
eine Bestätigung ihrer Hoffnung waren tadelte die liebende zärtliche Emilie
ernstlich über solche Selbstanklagen und behauptete dass ihre Liebe für Evremont
weit erfreulicher sein würde wenn sie sich durch dieselbe bestimmen ließe auf
ihre Schönheit und Gesundheit zu achten und alle vom Himmel verliehenen
Fähigkeiten auszubilden damit wenn er nach unendlichen Mühseligkeiten endlich
zurückkehrte sie ihm jugendlich froh mit ihrem schönen Kinde an der Hand
entgegen eilen könnte und ihn durch neu erworbene Kenntnisse und durch erhöhte
Ausbildung früherer Fähigkeiten aufs Angenehmste zu überraschen vermöchte Die
Gräfin war wenigstens zum Teil derselben Meinung und sagte oft Ich fühle dass
wir besser tun würden uns für Evremont zu erhalten als dass wir uns aus Gram
um ihn zerstören der ihm nicht helfen kann und der ihm wenn wir daran
untergehen bei seiner Wiederkehr neuen Jammer bereitet Aber ich bin zu schwach
geworden ich kann nicht mehr ausüben was ich als vernünftig erkenne meine
Seele hat die Jugendkraft verloren
Der General Klairmont konnte oft lange den kleinen Adalbert auf den Knieen
schaukeln und ihm von seinem braven Vater erzählen Das früh entwickelte Kind
ergötzte ihn durch unschuldige Fragen die mehr Geist verrieten als sonst bei
Kindern von so zartem Alter gewöhnlich ist Ob wohl mein Napoleon auch so klug
sein wird rief dann der General Mir schien es immer als ob der kleine Eugen
des armen Bertrand mehr Geist verriete als mein eigener Sohn
Tage und Wochen waren entschwunden und der General dessen Wunden beinahe
geheilt waren fühlte sich täglich einheimischer in der Familie seines Freundes
Ja er würde heiter geworden sein wenn Frankreichs Geschick nicht den Frieden
seiner Seele getrübt hätte aber Frankreich war in Gefahr seinen Ruhm
verdunkelt zu sehen den Ruhm wofür das Blut so vieler Tausende geflossen war
Bei dem Gedanken daran kehrte ein finsterer Missmut in sein Herz zurück und als
mit dem Beginne des neuen Jahres die Verbündeten über den Rhein schritten und
den Krieg auf Frankreichs Boden führten da gränzte seine Stimmung an
Verzweiflung und ob er gleich hoffte dass jeder Franzose fühlen würde wie er
und dass jeder Bewohner des schönen Landes den geliebten Boden bis auf den
letzten Blutstropfen verteidigen würde so machte ihn doch seine eigene
Ohnmacht trostlos und er fand es schmachvoll aus der Ferne zusehen zu müssen
und nicht um die teuersten Güter mitkämpfen zu dürfen dabei bildete er sich
ein die Freude über die für Frankreich unglücklichen Ereignisse auf der Stirn
des Grafen zu lesen und so zog er sich heimlich grollend zurück und war beinah
immer in seinen Zimmern allein Da auf diese Weise der Zweck weshalb man
zerstreuende Unterhaltungen veranlasst hatte nicht mehr erfüllt wurde so
behauptete die herzzernagende Sorge wieder ihr Recht und schien jede Hoffnung
erdrücken zu wollen So ängstlich presste sie Aller Herzen zusammen so trübe und
schwer lastete sie auf jedem Sinn und das Jahr achtzehnhundert und vierzehn
begann sehr düster für die trauernde Familie
XII
Es war ein heiterer Wintertag in der ersten Hälfte des Januars Die Familie des
Grafen war ohne den General der in seinem Zimmer einsam mit dem Schicksale
grollte im Saale beim Frühstück versammelt Der Graf sprach von den
Fortschritten der Verbündeten in Frankreich und las einen Brief seines Vetters
des Grafen Robert vor den dieser Gelegenheit gefunden hatte dem Oheim zu
senden und aus dem sich ergab dass die Stimmung in Frankreich gar nicht so
allgemein für den Kaiser wäre wie es der Gereral aufs Hitzigste zu versichern
pflegte Diese friedliche Unterhaltung wurde unterbrochen indem Jemand mit
Heftigkeit die nach dem Vorzimmer führende Tür aufriß
Die Schwäche des Alters hatte den Haushofmeister vermocht darauf Verzicht
zu leisten seine Herrschaft beim Frühstück zu bedienen denn er musste länger
ruhen als es sich mit diesem Geschäft vereinigen ließ Nichts konnte ihn aber
dahin bringen dass er nicht die wenigen Überreste seiner silberweissen Haare
jeden Abend in Papilloten gelegt und am andern Morgen gehörig frisirt und
gepudert hätte um alsdann im stattlichsten Anzuge gegen Mittag vor der Gräfin
zu erscheinen ihre Befehle zu vernehmen Wie sehr mussten also alle Anwesenden
erstaunen als sie Dübois erblickten der mit einem ihm fremden Ungestüm die
Türe aufriß und dessen Anblick bewies dass er das Werk sein würdiges Haupt mit
einer anständigen Frisur zu schmücken erst halb vollendet habe denn nur die
rechte Seite war in gewohnter Ordnung über dem linken Ohre aber flatterten noch
die Papilloten die seine wenigen Haare gefesselt hielten Auch trug er noch
seinen Morgenrock und erschien in gelben Pantoffeln Das Ungewöhnliche dieses
Anblicks wurde noch durch die unnatürlich funkelnden Augen des Greises und die
tiefe Röte seiner Wangen erhöht Erschrocken waren alle Anwesenden
aufgestanden und der Graf trat dem alten Manne besorgt entgegen der nicht
sprechen konnte und um dessen Lippen ein ängstigendes Lächeln schwebte Endlich
keuchte er mühsam hervor Nachrichten Nachrichten von unserm Grafen Wo durch
Wen tönte es von allen Lippen und Alle umringten den Greis der auf die Tür
deutete Der Graf stürmte nach dem Vorzimmer und führte gleich darauf einen
jungen Husarenoffizier in russischer Uniform in den Saal Lebt er Ist er
gesund Nicht verstümmelt Haben Sie ihn gesehen so tönten die Fragen ihn
betäubend rund um den jungen Mann Ich habe sagte er endlich für Sie Herr
Graf Briefe von Herrn Evremont
Vom Grafen Evremont verbesserte Dübois laut der sich etwas erholt hatte
aber noch nicht so sehr dass er das Unschickliche seiner Kleidung hätte bemerken
können
So lebt mein Sohn sagte die Gräfin mit bebender Stimme und drängte sich zu
dem jungen Krieger O sprechen Sie wo lebt mein Sohn und ist er gesund
Werden wir ihn mit reiner Freude in unsere Arme schließen
Der junge Mann den wie es schien die vornehme Umgebung und alle die
Anzeichen des Reichtums die er vielleicht mit Evremont in seinen jetzigen
Verhältnissen niemals in Verbindung gedacht hatte etwas in Verwirrung setzten
sagte Wenn es derselbe ist von dem ich Ihnen Briefe bringe der lebt und ich
habe ihn gesund bei meinen Eltern verlassen Er ging hierauf nach dem Vorzimmer
zurück und brachte ein versiegeltes Paket das er dem Grafen reichte Alle
drängten sich hinzu auch Dübois Alle erkannten sogleich die Züge der geliebten
Hand Ein allgemeiner Ausruf der Freude entschwebte allen Lippen Der Graf hielt
seine Tränen nicht zurück und sagte Sie sind uns ein Bote des Himmels Sie
bringen nach jahrelangen Leiden Trost und Ruhe meiner kummervollen Familie
Die Gräfin fasste mit ihren bebenden Händen die Hand des jungen Mannes und
sagte fast schluchzend Im Hause Ihrer Eltern lebt mein Sohn O wenn Sie nach
überstandenen Gefahren zu Ihrer Familie zurückkehren dann wird Ihre Mutter
fühlen welchen Trost Sie mir heute gebracht haben Emilie hob ihr schönes Kind
empor und sagte indem sie die Tränen ungehindert fließen ließ die wie Perlen
über die in erhöhter Farbe brennenden Wangen flossen Sieh Adalbert dieser
Herr bringt Nachricht von Deinem Vater Der Kleine missverstand die Mutter und
indem er die zarten kleinen Arme um den Nacken des jungen Mannes schlang und mit
den roten Lippen wie mit frischen Rosen die gebräunten Wangen des fremden
Kriegers berührte fragte er Bringst Du meinen Vater mit
Vom Gefühle der Rührung überwältigt zog der junge Mann das Kind von den
Armen der Mutter und dessen schöne Augen küssend sagte er Wie sprechend sieht
er seinem Vater ähnlich Das Kind das die Frage die es eben getan schon
wieder vergessen hatte spielte ruhig an der Brust des Fremden mit den sich
vielfach kreuzenden Schnüren an dessen Uniform die seine ganze Aufmerksamkeit
erregte
Der Sturm des Entzückens legte sich endlich Der übermäßig quellende Strom
der Freude floss sanfter und Dübois bemerkte mit Entsetzen wie sehr er durch
seine unanständige Kleidung die gewohnte Ehrerbietung gegen die gräfliche
Familie verletzt habe Er entfloh beschämt um seinen Anzug eilig zu vollenden
Der fremde Offizier machte endlich eine Bewegung sich zu entfernen doch die
ganze Familie bestürmte ihn mit Bitten diesen Tag zu bleiben Er gestand dass er
zwei Nächte gereist sei um seinem Freunde Evremont Wort halten zu können und
dessen Briefe selbst zu überreichen dass er aber nun einiger Ruhe bedürfe und
dann schleunig aufbrechen müsse um zur bestimmten Zeit bei dem General
einzutreffen der ihn nach Petersburg gesendet habe und zu welchem er nun
zurückkehre Der Graf berechnete die Zeit und versprach für Kourierpferde zu
sorgen und eine ziemliche Strecke ihn durch eigene Pferde zu befördern und so
ließ es sich machen dass der junge Mann bis zum andern Morgen bleiben konnte
Dübois der nun völlig gekleidet und gehörig gepudert wieder eingetreten war
übernahm mit großer Freude den Auftrag für die Bequemlichkeit des Fremden zu
sorgen und es versteht sich dass er diese Pflicht aufs Beste erfüllte
Als der junge Offizier sich entfernt hatte um einige Ruhe zu genießen
ergriff ein Jeder die für ihn bestimmten Briefe um nur Einiges flüchtig zu
lesen und sich vorläufig von Evremonts Wohl und der Fortdauer seiner Liebe zu
überzeugen Der Graf besonders konnte das an ihn gerichtete Schreiben nicht so
bald beendigen da es den ganzen Lauf der Begebenheiten enthielt die den
Schreiber seit der Schlacht bei Borodino betroffen hatten Man beschloss also
dies alles in seinem ganzen Umfange gemeinschaftlich nach der Abreise des
Fremden zu lesen um gegen den der so hoch beglückende Nachrichten gebracht
hatte die Erfüllung der Gastfreundschaft nicht zu versäumen
Auf seine Erkundigungen erfuhr der Graf dass sein Gast in einen sanften
tiefen Schlaf versunken war Er befahl ihn nicht zu stören da der junge Krieger
dieser Erholung vor Allem zu bedürfen schien und begab sich zu dem General
Klairmont um ihm die Freude mitzuteilen die so eben die Familie beglückte
Gott sei gelobt dass er lebt rief der General den eigenen Trübsinn bei dieser
Nachricht vergessend Ich gestehe Dir fuhr er fort ich habe oft im Stillen
gefürchtet wir würden nie wieder von ihm hören und mochte nur meine Furcht
nicht zeigen um Euch nicht die Hoffnung zu nehmen die Ihr wie es mir schien
aller Wahrscheinlichkeit zuwider hegtet
Willst Du nun nicht wieder Teil an der Gesellschaft nehmen fragte der
Graf willst Du nicht den jungen Mann selbst über Evremont sprechen
Nein rief der General verdrießlich nach kurzem Schweigen Ich will den
Russen nicht sehen Nun eilen sie alle nach Frankreich und meinen dort leicht
Lorbeeren zu gewinnen und unsern Ruhm zu verdunkeln ich mag solchen anmassenden
Menschen gar nicht sprechen Morgen wenn er abgereist ist dann teile mir aus
Evremonts Briefen alles mit was nicht allein für die Familie gehört und Du
wirst sehen dass ich mich Euers Glückes freuen kann aber heute erlaube mir
allein zu bleiben Der Graf der die Freiheit seiner Gäste nicht zu beschränken
wünschte fügte sich in den Willen seines Freundes und als er diesen nach
einiger Zeit verließ und in den Saal zurückkehrte fand er die Gesellschaft dort
versammelt und den fremden Krieger durch den kurzen Schlaf gestärkt von den
Frauen umringt die alle verlangten er solle von Evremont erzählen und ihn
deshalb mit tausend Fragen bestürmten Der junge Mann wusste eigentlich nichts
weiter zu sagen als dass er als Kourier nach Petersburg gesendet worden und da
ihm die Zeit bestimmt sei in welcher er wieder bei seinem General eintreffen
müsse und man ihn in Petersburg sehr schnell wieder abgefertigt so habe er
durch angestrengte Eile es so einrichten können dass ihm Zeit geblieben sei
einen kurzen Besuch auf zwei Tage bei seinen Eltern zu machen deren Güter in
unbedeutender Entfernung von der Straße lägen die er habe verfolgen müssen
Hier habe er Evremont als Hausgenossen gefunden indem ihn sein Vater als
Kriegsgefangenen bei sich aufgenommen habe Den Abend vor seiner Abreise habe
ihn der liebenswürdige von der ganzen Familie geliebte junge Mann dringend
gebeten ein Paket an den Grafen Hohental zu besorgen und da er sich überzeugt
habe dass sein Weg ihn nahe bei dessen Schloss vorbeiführen müsse so habe er
sich entschlossen das Paket an dessen Beförderung dem Hausgenossen seiner
Eltern so viel zu liegen schien selbst zu besorgen obgleich ihm dieser nicht
gesagt dass er der Sohn des Hauses sei
Die Frauen waren über diese Zurückhaltung Evremonts sehr erstaunt Den
Grafen der das an ihn gerichtete Schreiben flüchtig durchgesehen hatte schien
sie weniger zu befremden er sagte nur lächelnd Die Umstände unter welchen
mein Sohn das Haus Ihres würdigen Vaters betrat würden vielleicht Zweifel an
seiner Wahrheitsliebe erregt haben wenn er sich Obrist und den Sohn eines
Grafen hätte nennen wollen Ich habe sein Schreiben noch nicht ganz gelesen
aber ich glaube nach dem was ich schon daraus ersehen habe dass wir nie im
Stande sein werden die ganze Schuld der Dankbarkeit gegen Ihre Familie
abzutragen Der junge Mann schwieg etwas verwirrt er mochte es nicht sagen dass
ihm während des kurzen Aufenthalts im Hause seiner Eltern Evremonts Dasein
völlig unbedeutend vorgekommen war dass er kaum ein Wort mit ihm gewechselt habe
und nur beim Abschiede erst aufmerksam auf ihn geworden sei als dieser ihn so
dringend gebeten ein großes Paket Briefe an einen deutschen Grafen zu besorgen
und dass Neugierde mehr als Teilnahme ihn bestimmt habe selbst der Überbringer
zu sein indem er zu erfahren gehofft habe in welchem Zusammenhange Evremont
mit diesem Grafen stehe ohne dass er irgend erwartet habe ihn als Sohn des
Gräflichen Hauses bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen
Der Tag verschwand den man dem Gaste so angenehm als möglich zu machen
strebte und am folgenden Morgen führten ihn des Grafen schnellste Pferde seiner
Bestimmung entgegen Der General der den Fremden hatte abreisen sehen erschien
nun sogleich und erinnerte den Grafen an sein gestriges Versprechen ihm alles
über Evremont mitzuteilen was die Teilnahme des Freundes erregen könne Der
Graf der die Blätter schon durchgesehen hatte war bereit sie vorzulesen da
sie Evremont wie er oft tat in französischer Sprache geschrieben hatte
Evremont beschrieb seinen Eltern den Einzug der Franzosen in Moskau wie sie
in ihren Erwartungen sich getäuscht gesehen hätten als sie die beinah gänzlich
von den Einwohnern verlassene Stadt betraten den furchtbaren Brand und den noch
furchtbarern Rückzug Mein Regiment fuhr er in seinem Berichte fort war
gänzlich auseinander gesprengt und vernichtet ehe wir die Beresina erreichten
Der Mangel die Kälte rafften Tausende hin und die Überlebenden dachten nur
daran weiter rückwärts zu kommen ohne mehr dem Befehle ihrer Officiere zu
gehorchen Der alte Bertrand der Schwager des jungen Lorenz hatte sich treu
mit einem kleinen Haufen an mich angeschlossen er glaubte mir Dank schuldig zu
sein für manche kleine Dienste die ich ihm geleistet um mein hartes Verfahren
gegen seine Gattin in Spanien wieder gut zu machen Diese die uns als
Marketenderin folgte gewährte mir nun viele Erleichterung durch die wenn auch
geringen Vorräte die sie für ihren Mann und ihr Kind zu bergen gewusst hatte
und die die Familie bereitwillig mit mir teilte Aber auch diese kleine
Milderung der Beschwerden sollte bald für mich aufhören Wir wurden eines Abends
in der Dunkelheit von Kosacken überfallen und da wir vor Kälte erstarrt nicht
fechten konnten so suchte Jeder den Feinden wie er vermochte zu entkommen
Ich irrte die Nacht auf einer unermesslichen Ebene umher ein scharfer Wind
hob den Schnee vom Boden auf und wirbelte ihn in der Luft umher vom Himmel
senkten sich gleiche Massen nieder die sich mit den vom Boden emporgewirbelten
vereinigten Bei jedem mühsamen Schritt sanken die Füße bis an die Kniee in den
Schnee der den Boden Ellenhoch bedeckte so dass es schien als ob alle
Lebendigen von der Erde verschwunden und ich einsam den furchtbar aufgeregten
Elementen Preis gegeben sei denn der Wind wurde immer kälter und schneidender
und die dünne Uniform konnte mich gegen dies Ungemach nicht schützen Alle meine
Besitztümer wie meine Dienerschaft waren zerstreut verloren und ich hatte vor
wenigen Tagen auf einer eiligen Flucht vor den Feinden selbst den Mantel
zurücklassen müssen den ich in einer rauchenden Hütte abgelegt hatte die mir
ein augenblickliches Obdach gewährte um ihn am Feuer und Rauch zu trocknen In
diesem trostlosen Zustande fühlte ich nur noch dunkel die Notwendigkeit mich
fortwährend zu bewegen wenn ich mein Leben erhalten wolle Mit höchster
Anstrengung setzte ich meine Wanderungen fort selbst völlig erblindet denn der
Wind trieb mir den Schnee ins Gesicht dieser blieb an den Augenliedern hängen
die sogleich zufroren Endlich waren meine Kräfte erschöpft trotz der großen
Kälte bemeisterte sich eine unwiderstehliche Schläfrigkeit meiner und ich
glaube ich würde nach wenigen Minuten niedergesunken sein und würde wie so
viele Tausende mein Leben durch die Gewalt der furchtbaren Elemente verloren
haben wenn nicht eine raue Hand die meine ergriffen und mich in eine kleine
Hütte gezogen hätte der ich mich ohne es in meiner Blindheit zu bemerken
genähert hatte Die große Hitze in der Hütte ließ den Schnee schmelzen mit dem
mein Gesicht bedeckt war und meine Augen öffneten sich Ich erkannte dass ich
mich unter Kosacken befand die hier die Nacht zugebracht zu haben und der Kälte
draußen eine gleiche Hitze in ihrer Hütte entgegensetzen zu wollen schienen
Dieser plötzliche Wechsel der Luft betäubte mich vollends und ich sah die
Gestalten sich nur wie Schatten in dem in der Hütte verbreiteten Rauch bewegen
Der Anführer dieses kleinen Trupps bemerkte es vielleicht dass ich dem Tode nahe
war Er trat zu mir schüttelte meine Hand und das braune kriegerische Gesicht
blickte mich gutmütig an er sprach einige Worte die mich vermutlich
ermuntern sollten ich verstand aber seine Gebehrden besser er reichte mir
nämlich eine Flasche hin und deutete an ich solle trinken Ich tat es und
fühlte wie die Wärme des Getränks wohltätig auf mich einwirkte zugleich aber
meine Müdigkeit sich erhöhte Auf einige Worte ihres Anführers hatten zwei
Kosacken mir die völlig durchnässte Uniform ausgezogen Sie bekleideten mich mit
einem gemeinen Soldatenmantel und setzten mir eine ähnliche Mütze auf Ich ließ
Alles mit mir geschehen ich war völlig betäubt und willenlos ich weiß nur
noch dass ich auf einen für mich bereiteten Haufen Stroh sank und in einen so
tiefen Schlaf fiel dass ich nichts mehr vernahm was in der Hütte vorging
Ich mochte mehrere Stunden geschlafen haben als ich durch heftiges Rütteln
aus diesem todtenähnlichen Zustande erweckt wurde Man deutete mir an dass wir
weiter ziehen müssten und reichte mir grobes Brod gesalznes Fleisch und
gemeinen Branntwein als Frühstück Ich verschlang diese dürftige Nahrung und sah
mich dann vergeblich nach meiner Uniform um sie war verschwunden zugleich
vermisste ich meine Uhr mein letztes Besitztum von Wert und die wenigen
Goldstücke die ich bei mir getragen hatte Ich sah also wohl dass mein tiefer
Schlaf von den behenden Kosacken nicht unbenutzt gelassen war Da ich aber den
Kriegsgebrauch kannte so erhob ich keine vergebliche Klage und bequemte mich
in der demütigen Kleidung eines gemeinen französischen Soldaten mit meinen
Überwindern die sich im Übrigen aber menschlich zeigten den Weg in eine
trostlose Gefangenschaft anzutreten
Ein kurzer Schimmer von Hoffnung leuchtete mir noch ein Mal Wir stießen auf
einen Teil eines französischen Regimentes Die Kosacken wurden angegriffen
sprengten nach ihrer Art zu fechten sogleich aus einander und entflohen einzeln
mit Blitzschnelle dem überlegenen Gegner und ich blieb in der Gewalt der
Franzosen Ehe ich aber noch Gelegenheit finden konnte mich mit dem Offizier zu
erklären stießen wir auf neue Feinde und nach einem kurzen Gefecht in welchem
der Offizier blieb gerieten wir in deren Gewalt und meine Befreier waren
meine Mitgefangenen geworden
Ich will nichts von dem Elende erwähnen das ich auf den endlosen Märschen
erdulden musste ehe wir das Armeecorps erreichten dem das uns führende Regiment
zugeordnet war Ich verdankte es der Kraft der Jugend dass ich diese
Mühseligkeiten überstand denen die meisten meiner Unglücksgefährten unterlagen
Endlich war dies traurige Ziel erreicht und die wenigen noch lebenden
Gefangenen die der Obrist des russischen Regimentes das uns genommen hatte
vorstellen konnte wurden einer großen Anzahl zugesellt die nach dem Innern des
Reiches geführt werden sollte Hier traf ich Franzosen Deutsche Italiener und
Spanier im bunten Gemisch aber Alle in gleichem Elend Unsere Namen wurden hier
flüchtig verzeichnet und da meine höchst armselige Erscheinung in der zu Lumpen
gewordenen Kleidung eines gemeinen Soldaten hätte ich die Wahrheit angegeben
meine Glaubhaftigkeit verdächtig gemacht haben würde so nannte ich mich bloß
Evremont Offizier des Regimentes das ich geführt hatte Aber auch dies konnte
bei der unglaublich großen Anzahl Gefangener die stündlich eingebracht wurden
nicht weiter beachtet werden Da ich nur mein Wort dafür hatte und meine
Erscheinung dem widersprach auch unter den gegenwärtigen Gefangenen Niemand
war der mich kannte so traf mich das Loos als gemeiner Soldat mit einer
Anzahl worunter wenige Franzosen waren meist Italiener einen Weg anzutreten
dessen ich mich mit Schauder erinnern werde so lang ich lebe
Unsere Nahrung war der Masse nach zwar hinreichend aber von der gröbsten
Art so dass sich meine Natur dagegen sträubte und ich beinahe dem Hunger
unterlag und ich gestehe dass ich menn wir durch kleine Städte zogen in
welchen Bäcker wohnten die schlechte Waizenbrote zum Verkauf ausgelegt hatten
alle Kraft der Seele aufbieten musste um meine Hand nicht danach auszustrecken
und mich hielt nur die Furcht vor den schimpflichen Folgen davon zurück denn
auch in diesem Elende blieb mir das Gefühl dass ich Ihnen meine verehrten
Eltern meiner angebeteten Emilie und meinem geliebten Knaben ein makelloses
Leben schuldig sei und dass ich keine Handlung begehen dürfe worüber mir so
teure Wesen jemals erröten müssten
So in täglich zunehmender Not hatten wir die Ostseeprovinzen erreicht
und mehrere der unglücklichen Gefangenen waren so entkräftet dass sie auf
Schlitten fortgebracht werden mussten um in der nächsten Stadt wo Lazarete
eingerichtet waren zur Pflege abgegeben zu werden Die Furcht vor einem
ähnlichen Schicksale vermochte mich alle Kräfte aufzubieten um meinen Weg zu
Fuß fortsetzen zu können und das Unglück der Kranken erleichterte selbst ein
wenig den Zustand der Gesunden denn das Bedürfnis Pferde zu haben um die
Hülflosen fortzuschaffen hatte die Einrichtung notwendig gemacht dass die an
der Straße wohnenden Edelleute die nötigen Pferde zu stellen verpflichtet
wurden und so zogen wir von einem Edelhofe zum andern indem in jedem neue
Pferde bereit gehalten wurden die die Kranken wieder bis zum nächsten brachten
und ich muss es dankend rühmen wie bereitwillig die Menschenliebe die Not des
Augenblicks zu lindern strebte Freilich war der wohltätige Beistand mehr
meinen Gefährten als mir zu Teil geworden denn ich konnte mich nicht
hinzudrängen um meinen Teil von den Lebensmitteln die uns gereicht wurden zu
erhalten Da mich die Gefangenen selbst für einen gemeinen Soldaten hielten so
glaubten sie mir keine Rücksicht schuldig zu sein und da die Not den von Natur
selbstsüchtigen Menschen noch selbstsüchtiger macht so rafften die Andern Alles
an sich ohne daran zu denken dass ich beinah verschmachtete
Trotz dieser großen Not hatte ich oft Gelegenheit zu bemerken dass das im
Allgemeinen feine und gebildete Aussehen der meisten Edelleute einen seltsamen
Gegensatz zu der Rohheit bildet in die die ursprünglichen Bewohner des Landes
die jetzigen Bauern versenkt sind so dass man sich weit weg aus Europa versetzt
fühlt wenn man sie betrachtet und seltsam überrascht wird wenn man in dieser
Umgebung zierliche Frauen schöne Fräulein und gebildete Männer die sämtlich
französisch reden sich bewegen sieht Mir wurde später dieses Rätsel gelöst
denn ich hatte Gelegenheit zu bemerken wie viel eine jede Familie für die
Erziehung ihrer Kinder tut und wie jeder Vater der es irgend vermag seine
Söhne auf Reisen sendet um ihnen eine Wohltat zu gewähren die er auch selbst
genossen hat Dadurch ist ein gewisser Anstand im Betragen fast allen Familien
eigen der den Fremden angenehm anspricht Die Ursache dieses anständigen
milden Betragens war mir zur Zeit meiner traurigen Wanderung nicht klar aber
ich sollte die wohltätigen Wirkungen desselben erfahren
Ich hatte durch fast übermenschliche Anstrengung mich immer aufrecht
erhalten aber meine Kräfte waren durch lange Entbehrungen aller Art so
geschwächt dass ich mit mir kämpfte ob ich mich nicht sollte sinken und
fühllos besinnungslos dem neuen Elende eines Lazarets entgegenschleppen
lassen als wir auf einem Edelhofe aufgestellt wurden und hier warten sollten
bis die nötigen Pferde herbeigeschaft würden Der Besitzer des Gutes ein Mann
von mittleren Jahren näherte sich uns mit seinem Verwalter und betrachtete
unser Elend mit mitleidigen Blicken Er sagte dem Verwalter einige Worte der
darauf ins Haus ging und redete die nächsten Gefangenen französisch an und
als er die Italiener bemerkte diese auch italienisch
Mit lärmender Freude ward er sogleich von denen umringt die die laute ihres
schönen Vaterlandes in so weiter Ferne vernahmen Indes war die Gemahlin des
Gutsbesitzers auch herab gekommen sie redete uns freundlich an und eine Magd
trug ihr einen Korb voll wollener Strümpfe nach die sie unter uns verteilte
denn das mitleidige Auge dieser Frau hatte sogleich unsere höchst mangelhafte
Fussbekleidung bemerkt Schöne Kinder umringten das würdige Paar in dessen Augen
Tränen des Mitgefühls glänzten Die Italiener besonders drängten sich stürmisch
heran um die Gaben den schönen Händen zu entreißen Ich lehnte mich seitwärts
an die kalte Mauer denn ich konnte mich beinahe nicht mehr aufrecht erhalten
Die Dame bemerkte mich und vielleicht durch mein bleiches Ansehen gerührt
näherte sie sich mir um mir ihre Gabe zu reichen die ich dankbar empfing Der
Verwalter erschien nun wieder und der Herr des Guts lud uns ein ins Haus zu
treten um uns zu erwärmen und uns durch eine einfache Mahlzeit zu erquicken
Alle drängten sich herbei und so auch ich den die äußerste Not dazu trieb so
gut ich es vermochte O meine teuersten Eltern wie köstlich dünkte mir nach
so langer Entbehrung reinlich bereitete Suppe die ein mürrischer Koch in
Schüsseln von grobem Ton vor uns hinstellte indem er uns hölzerne Löffel dazu
reichte Er zählte indem er mit seinem großen Messer Jeden berührte laut seine
ihm unwillkommenen Gäste und teilte das uns bestimmte Fleisch ohne Rücksicht
auf einladende Sauberkeit in eben so viele Teile als Personen vorhanden
waren
Die Wirtschafterin reichte Jedem mit verdrießlicher Miene ein Glas
Branntwein aus demselben Glase Alles das störte nicht die Lust des Genusses
und hätte ich nach der Mahlzeit meine ermüdeten Glieder zum erquickenden
Schlummer ausstrecken dürfen so würde ich mich in dem Augenblicke glücklich
gefühlt haben Doch die Pferde waren bereit und wir mussten scheiden Ich hatte
bemerkt dass der Gutsbesitzer vor unserer Mahlzeit ernstaft mit seiner Gemahlin
sprach wobei mich Beide betrachteten Jetzt näherte er sich mir wieder und
fragte wo wir gefangen genommen wären Nachdem ich auf seine Frage geantwortet
nahm ich die Gelegenheit wahr ihm für die Güte die er uns bewiesen zu danken
Es schien mir als ob er gern das Gespräch mit mir fortgesetzt hätte doch der
Unteroffizier der uns führte erinnerte dass es Zeit sei aufzubrechen und ich
verließ mit Schmerz einen Ort wo ich nach langem Leiden die erste Erquickung
gefunden hatte nachdem ich dem menschenfreundlichen Gutsbesitzer noch meinen
Namen gesagt hatte den er zu wissen begehrte
Erwärmt und gesättigt fasste ich von Neuem den Entschluss mich so lange als
möglich aufrecht zu erhalten um der Gefahr ins Lazaret zu kommen zu
entgehen und es war auf unserm zweiten Tagesmarsche den ich mit höchster
Anstrengung als Gesunder machte als ich den Gutsbesitzer der uns so wohl
aufgenommen hatte bei uns vorbeifahren sah Er grüßte uns freundlich und ich
weiß nicht was ich mir daraus Gutes vorhersagte aber sein Anblick richtete
meinen Mut auf und ich erreichte die Stadt als Gesunder wo unser ferneres
Schicksal entschieden werden sollte Wir waren auf dem Markte aufgestellt und
sahen nicht ohne schmerzliche Empfindungen uns von den Einwohnern mit Neugierde
betrachtet und erwarteten mit Ängstlichkeit die Entscheidung wohin wir nun
mit kraftlosen Schritten wandern sollten Ich blickte mit Betrübnis auf das
Haus wo der Obere der Polizei wohnte der unsere weitere Versendung zu besorgen
hatte als sich die Tür desselben öffnete und der mir so wohlbekannte
Gutsbesitzer an der Seite dessen heraustrat der unser Schicksal zunächst zu
bestimmen hatte Mein wohlwollender Bekannter näherte sich mir und fragte mich
ob ich etwas dagegen hätte wenn er mir den Vorschlag machte das Ende des
Krieges als sein Hausgenosse zu erwarten und indessen die Verpflichtung zu
übernehmen seine Kinder in der französischen Sprache und worin ich sonst
vermöchte zu unterrichten vor Allem aber beständig französisch mit ihnen zu
sprechen damit sie sich die nationale Aussprache ganz eigen machen könnten Ich
ging mit Freuden auf sein Anerbieten ein und in wenigen Minuten war die Sache
zwischen ihm und dem Obern der Polizei abgemacht und ich folgte zum großen
Ärger der Italiener um die sich Niemand bemühte dem wohlwollenden Manne
dessen Hausgenosse ich werden sollte Die wenigen Franzosen unter den Gefangenen
waren bald auf eine ähnliche Art wie ich selbst untergebracht und nur die
unglücklichen Italiener und Spanier wurden weiter gesendet Mein neuer
Beschützer kaufte mir zu allererst einen Mantel der obwohl nichts weniger als
fein mir dennoch höchst erfreulich war denn ich konnte nun die erstarrten
Glieder erwärmen auch in dem Gasthofe wo er selbst abgestiegen war mich durch
eine anständige Mahlzeit stärken und den andern Tag saß ich neben ihm im
Schlitten von wärmenden Decken geschützt und flog schnell und bequem den Weg
nach seinem Gute zurück den ich so kummervoll und mühevoll vor wenigen Tagen
gewandert war
Im Hause meines Beschützers angelangt fand ich die wohlwollendste Aufnahme
Der lang entbehrte Besitz eines freundlichen anständig möblirten Zimmers
erfreute mein Herz ein reinliches bequemes Lager lockte mich an doch wurde
ich dieses Genusses erst durch ein Bad würdig das man mir die Notwendigkeit
erkennend sogleich bereitete Die zarte Vorsorge der Gebieterin des Hauses ließ
es mir auch an Wäsche nicht mehr mangeln und da von meinen Kleidungsstücken
durchaus keines brauchbar war brachte man mir fürs Erste einen Schlafrock
meines Beschützers In diesem so sehr verbesserten Zustande war ich doch einige
Tage ein Gefangener auf meinem Zimmer bis der Schneider des Gutes ein
Eingeborner des Landes der die Bedienten des Hauses kleidete seine Kunst zu
meinem Besten ausgeübt hatte Da ich nicht mit ihm sprechen konnte musste ich
mich seiner Willkür überlassen doch wären Erinnerungen auch überflüssig
gewesen er kannte nur einen Schnitt der Kleider den er seit Jahren für alle
Bedienten des Hauses benutzte Der Stoff aus dem mein neuer Anzug verfertigt
wurde war zwar von feinem Gespinnst ein Fabrikat des Hauses worin ich nun
lebte doch aus Mangel an Kenntnis und den nötigen Vorkehrungen so schlecht
bereitet dass er nur in der Ferne eine Ähnlichkeit mit Tuch hatte Auf gleiche
Weise wurde meine Fussbekleidung durch einen Eingebornen besorgt und um das Werk
zu vollenden schnitt einer der Bedienten der dies Geschäft bei seinen
Kameraden besorgte mein Haar das auf den mühseligen langen Märschen völlig
verwildert war auf eine Weise zurecht dass ich vor mir selbst erschrak als ich
mich im Spiegel erblickte Und nun war ich fähig der Familie des Hauses
vorgestellt zu werden
Nennen Sie mich nicht undankbar verehrte Eltern Ich erkannte mit dankbarer
Seele die wohltätige Verbesserung meiner Lage aber ich stand dennoch betrübt
vor dem Spiegel und betrachtete mich mit einem erzwungenen Lächeln durch das
ich mich selbst aufzurichten strebte Ich musste daran denken dass ich sonst nur
die feinsten ausgewähltesten Zeuge für würdig hielt meinen Leib zu bedecken
und dass die vorzüglichsten Kleiderkünstler in Paris oft noch von mir getadelt
wurden und mich nicht zufrieden stellen konnten Meine Haut durfte nur Battist
oder höchstens die feinste holländische Leinwand berühren und ich gestehe ich
war nicht frei von Eitelkeit in Bezug auf mein vorzüglich schön gelocktes Haar
und ich hielt Wohlgerüche für ein unentbehrliches Bedürfnis des Lebens und nun
wie demütig umhüllt ja wie lächerlich entstellt blickte mich mein Bild aus
dem Spiegel an mir allen Mut benehmend mich vor den Frauen zu zeigen
Der Graf hatte viele Stellen dieses langen Schreibens mit bewegter Stimme
gelesen Die Tränen der zuhörenden Frauen waren häufig geflossen auch der
General der den kleinen Adalbert auf den Knieen hielt hatte oft mit Mühe die
Rührung zurückgehalten die in ihm die Teilnahme an Evremonts Geschick erregte
aber jetzt schien er mit einer andern Empfindung zu kämpfen die er einige
Augenblicke mit Anstrengung unterdrückte doch plötzlich brach er in ein
herzliches langes lautes Gelächter aus
Der Graf sah seinen Freund bei diesem unerwarteten Ausbruche der Heiterkeit
verwundert an Die Frauen richteten zornige Blicke auf ihn und die sanfte
Emilie sagte indem sie unwillig ihre Tränen trocknete Ist es möglich dass die
Kunde von so großen Leiden von der traurigen Lage eines Freundes irgend ein
Gefühl von Heiterkeit erregen kann
Werte Freunde sagte der General die Tränen trocknend die ihm sein
heftiges Gelächter erpresst hatte sein Sie nicht undankbar und verschonen Sie
mich mit Vorwürfen und zornigen Blicken Der Himmel weiß wie oft ich im Stillen
für Evremonts Schicksal gezagt habe und wie herzlichen Anteil sich an seinen
Gefahren und Leiden nehme deren Größe nur der beurteilen kann der mit
demselben Ungemache gekämpft hat Aber er lebt er ist gesund unverstümmelt
weder durch den Feind noch durch das noch feindlichere Klima die Gefahren die
ihn noch weiterhin in seiner Gefangenschaft hätten treffen können sind
abgewendet gegen den furchtbarsten Mangel dem er noch hätte erliegen können
und dem Tausende erliegen werden schützt ihn der Aufenthalt in einer achtbaren
Familie wohin Du alter Freund ihm aufs Schnellste die größten Summen senden
kannst was Du auch nicht unterlassen wirst dies ist ein Glück so groß so
ernstaft dass Euer Dank dafür nicht feurig genug zum Himmel emporsteigen kann
Aber nun seid auch gerecht und vergönnt mir da alle Gefahr und auch alle
eigentliche Not für ihn vorüber ist das Lächerliche seiner Lage zu fühlen
Können Sie es leugnen fuhr er fort indem er sich an Emilie wendete dass unser
Freund die größten Gedanken in seiner Seele hegen konnte und zugleich daneben
doch auch ernstaft daran dachte wie er sein Halstuch nach der Mode knüpfen
sollte Wollen Sie behaupten dass das weiche dunkle schön gelockte Haar ihm
nie eine angenehme Beschäftigung gewährt habe Und nun ist es gefallen unter der
plumpen Scheere eines Bauern Achtete er nicht beinah ängstlich darauf in
seinem Anzuge die Sitte des Tages zu beobachten Er war die Zierde der
Gesellschaften und dies bewusstlose Gefühl gab ihm die liebenswürdige Sicherheit
des Betragens die gleich weit von kindischer Schüchternheit entfernt ist wie
von ungezogener Anmassung Er war der Spiegel der Mode alle jungen Herren die
auf guten Ton Anspruch machten suchten sich ihm ähnlich zu gestalten und nun
wie sehr sind alle diese Vorzüge für den Augenblick verdunkelt Aber beruhigen
Sie sich meine Freunde die großen Geldsummen die Sie senden werden erreichen
ihn bald Dann wird er die demütige Hülle eines Kinderlehrers abwerfen und wie
die Sonne aus verschleierndem Nebel zum Erstaunen seiner Umgebung glänzend
hervortreten
Es konnte Niemand umhin sich einzugestehen dass der General nicht mit
Unrecht Evremont der kleinen Schwächen beschuldigte deren er gedachte Sie
waren aber so eng mit allen liebenswürdigen Eigenschaften seines Charakters
verwebt dass Niemand sie hinweg gewünscht hätte und das unwillkührliche Lächeln
auf allen Gesichtern zeigte dem Freunde dass man die Wahrheit seiner Bemerkungen
anerkannte Dieser hob den kleinen Adalbert von seinen Knieen auf küsste ihn
herzlich und rief Ich sage Dir mein Junge werde so gut so brav wie Dein
Vater so edel so mild so treu in der Freundschaft und so großmütig wie er
dann will ich Dir erlauben Dich noch sorgfältiger zu putzen wie er selbst
wenn es möglich ist
Diese Unterbrechung hatte die tiefe Rührung der Familie gemildert und man
vernahm in ruhiger Stimmung indem man zuweilen auch ein Lächeln sich erlaubte
die weiteren Klagen Evremonts die der Graf vortrug Ich wendete mich von dem
Spiegel ab schrieb Evremont weiter und schritt einige Mal im Zimmer auf und
ab um den unangenehmen Eindruck zu besiegen den mein Bild in demselben auf
mich gemacht hatte dann fasste ich den Mut mich den Damen vorzustellen
Des andern Tages nun völlig hergestellt von allen erduldeten Beschwerden
begann ich mit Eifer mein Geschäft Ich unterrichtete die Kinder in allen
Dingen worin ich Unterricht zu erteilen vermochte Ich lehrte nicht nur
französisch sondern auch Zeichnen Geschichte und Erdbeschreibung und
unterrichtete die Knaben in der Mathematik. Die dankbaren Eltern erkannten um so
mehr meine Bemühungen an als sie wie sie glaubten ein so vorzügliches Loos
getroffen hatten Denn in allen Nachbarhäusern waren ebenfalls kriegsgefangene
Franzosen da diese aber größtenteils waren was ich schien nämlich gemeine
Soldaten so konnten sie weder Sitten noch irgend eine Wissenschaft lehren und
ich musste oft lächelnd bemerken dass sich durch Einige sogar die provinziellen
Dialekte unsers schönen Frankreichs zu verbreiten anfingen Auf diese Art fühlte
ich mich bald heimisch bei den guten Menschen in deren Hause ich lebte und sie
behandelten mich bei sich wie ein Glied ihrer Familie Anders war dies freilich
in der Gesellschaft wo ich völlig bis zum Nichts herabsank denn die Edelleute
zu denen sich die Prediger gesellten bildeten eigentlich die Gesellschaft Die
verschiedenen Hofmeister und Lehrer waren nur gegenwärtig ohne dazu zu gehören
und von diesen sonderten sich die Deutschen wieder ab die natürlich Anspruch
darauf machten Gelehrte zu sein und deshalb mit großer Geringschätzung auf die
Franzosen herab sahen die sie ohne Ausnahme für gemeine Soldaten hielten Den
Frauen nähert man sich in Gesellschaften nur beim Tanze und da es meinem Gefühl
zu sehr widersprach mit fremden Frauen zu tanzen indes meine angebetete Emilie
vielleicht brennende Tränen des bittersten Kummers über mein Schicksal
vergisst und da ich außerdem vermeiden wollte dass man den Wunsch äußern
möchte ich solle die Kinder auch in dieser Kunst unterrichten weil ich in
meiner abhängigen Lage keinen Wunsch der geäußert wurde ablehnen durfte so
läugnete ich hartnäckig dass ich zu tanzen verstehe und obwohl man dies von
einem Franzosen lange nicht glauben wollte hörte man doch endlich auf mich
aufzufordern an einem Vergnügen Teil zu nehmen das keins für mich sein
konnte
Er hat Recht unterbrach der General abermals die Vorlesung er hat Recht
Dass er ernsthafte Wissenschaften zu lehren sucht in einer Abhängigkeit die er
aus ehrenvollen Gründen erduldet kann ihn nie beschämen aber ewig
unauslöschlich lächerlich und kränkend würde es mir sein wenn ich mir einen der
bravsten Offiziere der großen Armee denken müsste mit russischen Kindern nach
einer armseligen Geige herumspringend um ihnen Künste zu lehren womit sie in
ihren Gesellschaften glänzen sollen
So geschah es fuhr der Graf aus Evremonts Briefen fort dass ich mich nie so
völlig einsam fühlte wie in den Gesellschaften die sich hier auf dem Lande
bildeten und ich sehnte mich herzlich nach dem spät beginnenden Frühlinge um
einigen Ersatz für alles was ich entbehre in der Natur zu finden Doch auch
diese bietet hier Genuss mit karger Hand Die Gegend wenigstens in der ich lebe
ist so völlig flach dass man den kleinsten Hügel ganz ernstaft einen Berg
nennt und das Auge schweift irgend einen Punkt suchend an den es den Blick
fesseln möchte ermüdet über unermessliche Kornfelder die oft nur der Horizont
begränzt Man bekommt ein ängstigendes Gefühl der Trockenheit weil man mehrere
Meilen fahren kann ohne das kleinste Wasser zu erblicken und trifft man
endlich auf einen Bach so fließt er träge zwischen flachen Ufern und ist im
Sommer mit Schilf und Binsen bewachsen Dies ist im Allgemeinen der Charakter
des Landes und dennoch lieben dessen Bewohner hier die Natur mehr als ich es
an den Bewohnern der glücklichsten Gegenden bemerkt habe Man kann sagen sie
feiern jeden schönen Tag den ihnen der hier strenge Himmel etwa gewährt sie
benutzen jeden Platz an einem dieser Flüsse oder der kleinen Seen im Lande um
anmutige Gärten zu bilden Ja sie wandeln zu diesem Zwecke die unwirtbarsten
Sümpfe um und ringen mit unglaublichen Anstrengungen der widerspenstigen Natur
ein kleines Fleckchen ab um ihre Sehnsucht nach einer anmutigen Umgebung zu
befriedigen In solchen kleinen Paradiesen kann man es zuweilen vergessen dass
man so hoch im Norden lebt nur muss der unter den Blütenbüschen Wandernde sich
hüten dass sich sein Auge nicht über die Umzäunung hinaus verirrt sonst wird
ihn die Öde rund umher daran erinnern
Dass ich nun hier meine teuren Eltern trotz der Güte die ich erfahre ein
höchst trauriges Leben führe werden Sie begreifen in drückender Abhängigkeit
von der Gesellschaft eigentlich ausgeschlossen zurückgestoßen von der rauen
Natur ohne alle Nachricht von allen mir teuren Wesen und durch die
öffentlichen Nachrichten für mein Vaterland mit Recht besorgt Ich leugne nicht
dass ich mich oft mit aller Anstrengung ermannen muss um den Kummer den ich im
Herzen trage denen nicht zu zeigen die ihn weder verstehen noch teilen
könnten denn sehr begreiflich sind hier viele Dinge die mich betrüben eine
Ursache zur Freude
Es war mir ein Trost in einsamen Stunden diese Zeilen an meine Familie zu
richten ohne dass ich wusste wie sie bis zu Ihnen geliebte Eltern gelangen
sollten Nach Jahren hatte ich gestern das erste Mal wieder das Gefühl lebhafter
Freude Der älteste Sohn des Hauses in dem ich lebe überraschte seine Eltern
und Geschwister auf seinem Rückwege zur Armee mit einem kurzen Besuche Er hat
mir sein Ehrenwort gegeben dafür zu sorgen dass diese Briefe sicher in Ihre
Hände kämen mein teurer Vater und ich betrachte nun meine Not als geendigt
Evremont fügte noch Vieles hinzu für jedes einzelne Glied der Familie welches
der Graf nicht angemessen fand dem Generale mitzuteilen und er endigte die
Vorlesung die Alle mit so inniger Teilnahme angehört hatten
XIII
Das Schreiben Evremonts hatte die schmerzliche Trauer in der Familie des Grafen
geendigt An die Stelle der quälenden alle Lebenskräfte verzehrenden Angst trat
die wohltätige Sehnsucht der Liebe die zwar innig die Vereinigung mit dem
Geliebten herbei wünscht aber wenn das Schicksal zögert diese zu gewähren die
Stunden des Erwartens dadurch versüsst dass sie alle dem Streben gewidmet werden
den schönen Augenblick wenn er endlich eintritt auf alle Weise zu
verherrlichen Der Graf hatte leicht Mittel gefunden da er Evremonts Aufenthalt
kannte ihm solche Summen zu übersenden dass von einer abhängigen Lage nun bei
ihm nicht die Rede mehr sein konnte und da das ganze Land von Feinden gereinigt
war so konnte ein regelmässiger Briefwechsel eintreten der ein großer Trost für
Alle wurde Emilie hatte nun Gemütsruhe genug den wohlgemeinten Rat ihrer
Tante zu befolgen und sie teilte ihre Zeit zwischen der Sorge für ihren Sohn
den sie schon zu unterrichten anfing und eigenen Studien und Musik Die
wohlwollende Adele rief oft triumphierend Hatte ich nicht Recht dass ihn der
Himmel zu unserm Troste erhalten würde und war nun nicht all die furchtbare
Angst unnötig Sie liebte Evremont mit der Zärtlichkeit einer Mutter sie hatte
oft verzweiflungsvoll für ihn gezagt aber sie war nun herzlich froh mit gutem
Gewissen die Last der Traurigkeit abwerfen und sich ihrer angeborenen Heiterkeit
überlassen zu dürfen Der Graf gewann den Gleichmut der Seele wieder denn er
durfte den Schlag des Schicksals nicht mehr befürchten den er sich bewusst war
nicht ertragen zu können und die Gräfin die sich dem Grabe sichtlich zugeneigt
hatte kehrte gestärkt durch die innere Ruhe noch ein Mal auf den Weg des
Lebens zurück Selbst die Kräfte des alten Dübois schienen sich zu verjüngen da
er den jungen Grafen wie er Evremont nannte in Sicherheit wusste es entzückte
ihn dass der gütige Herr auch seiner in dem langen Schreiben gedachte und er
widmete nun dem kleinen Grafen wie er den kleinen Adalbert nannte doppelte
Aufmerksamkeit und hatte wenigstens selbst eben so viel Freude daran als er in
Evremont dadurch zu erregen hoffte dass der Kleine so reines Französisch sprach
dass kein Pariser etwas daran zu tadeln gefunden haben würde ein Verdienst
welches sich der alte Haushofmeister ganz allein zuschrieb
Jeder Fortschritt den die verbündeten Truppen in Frankreich machten
erhöhte die Zufriedenheit der Familie des Grafen denn jeder führte die Hoffnung
des endlichen Friedens näher Eine ganz andere Wirkung hatten diese Fortschritte
auf das Gemüt des General Klairmont Er hatte gehofft Frankreich würde der
gesammten Macht Europas widerstehen und so auf eigenem Boden den in der Ferne
verlorenen Ruhm wiedergewinnen Ihn entzückte daher jeder Vorteil den die
Franzosen erkämpften und er erklärte es für eine Verwegenheit der Verbündeten
dass sie sich nach Paris wendeten denn er sagte ihren gewissen Untergang vor
dieser Stadt voraus deren gesammte Bevölkerung wie er behauptete die Waffen
gegen den eindringenden Feind ergreifen würde Als nun der entscheidende Schlag
gefallen war Paris in seinen Mauern die fremden Heere aufnahm gränzte seine
Stimmung an Verzweiflung und als bald darauf Napoleons Abdankung und die
Zurückberufung der Bourbons erfolgte schloss er sich zwei Tage in sein Zimmer
ein ohne selbst dem Grafen Zutritt zu verstatten der so gern den Freund
beruhigt hätte
Als endlich der General wieder in der Gesellschaft erschien war er bleicher
und ernster als gewöhnlich Ich werde Dich nun bald verlassen sagte er dem
Grafen indem er ihm die Hand reichte Die Erinnerung an Deine Freundschaft an
den langen Aufenthalt in Deinem Hause wird mir um so wohltätiger sein da ich
Deinem Beispiel folgen und mich auf meine Güter zurückziehen werde
Wie kommen Sie zu dem Entschluss rief Adele unbedachtsam Wie oft haben Sie
behauptet in Frankreich könne man nur in Paris leben wenn man das Leben mit
allen seinen Vorzügen genießen wolle
Paris ist nichts mehr für mich rief der General mir aufflammendem Unwillen
Welchen Reiz könnte Paris für mich noch haben wo Alles danach strebt ein
ruhmvolles Leben zu vergessen oder als ein Verbrechen zu behandeln wo selbst
jedes Zeichen vertilgt werden soll das an eine so nahe Vergangenheit erinnert
dass sie beinah noch Gegenwart ist Nein rief er indem er die dreifarbige
Kokarde vom Hute nahm nie werde ich dieses Zeichen gegen das weiße Band
vertauschen und darf ich es nicht mehr öffentlich erheben so soll es auf
meinem Herzen ruhen so mag es mit mir begraben werden Er wendete sich ab um
das Gesicht auf dem Zorn und Rührung mit einander kämpften zu verbergen
Wie ist es möglich sagte der Graf in besänftigendem Tone dass die Farbe
eines Bandes Dich so leidenschaftlich erregen kann Du sprichst nicht wie Du
denkst sagte der General nach kurzem Schweigen während dessen er den Freund
zürnend angesehen hatte Bleibt das ein bloßes Band woran sich tausend
Erinnerungen der Ehre der Begeisterung des Entzückens nach überstandenen fast
unglaublichen Gefahren knüpfen Hätte man uns ein Zeichen nicht lassen sollen
unter dem Frankreichs Name unter allen Himmelsstrichen verherrlicht wurde Nein
nimmermehr wird der der dem kühnen Adler unter Egyptens heißen Himmel und nach
Russlands Wüsteneien folgte doch ich vergesse unterbrach er sich selbst mit
Bitterkeit ich vergesse dass ich mit Dir rede dessen Seele an alten
eingesogenen Vorurteilen hängt der in Ereignissen die außer aller
menschlichen Berechnung lagen mit Selbstzufriedenheit die richtige Berechnung
seiner Weisheit erkennen und der triumphierend mich daran erinnern wird dass ja
nun Alles so gekommen ist wie er es vorhergesagt der nun selbstgefällig in
tiefe Einsicht verwandeln wird was damals nur ein eigensinniges Festalten
veralteter Meinungen war
Und fühlst Du nicht sagte der Graf mit Milde wie sehr Du mir unrecht
tust indem Du ein so treffliches Bild von mir entwirfst Ich habe nichts
vorhergesagt ja ich gestehe dass ich nicht erwartet habe Ereignisse zu
erleben wie sie jetzt eingetreten sind und wenn ich in früheren Zeiten
glaubte dass sie nicht außer dem Kreis der Möglichkeit lägen so hatte mich die
Geschichte anderer Länder bewogen dies anzunehmen und keineswegs eigensinniger
Dünkel Und wenn ich dem Himmel von Herzen dafür danke mein Vaterland von dem
Drucke der französischen Übermacht befreit zu sehen so richte ich deshalb den
Blick nicht feindlich nach Frankreich hinüber und sollte der Traum den ich
jetzt hege denn nicht eben so wohl wie der frühere in Erfüllung gehen können
Sollten nicht beide Nationen statt einander feindlich zu vertilgen ihre
gegenseitigen Vorzüge anerkennen Sollte nicht ein friedlicher Wetteifer
eintreten können in der Ausbildung jeder Kunst und jeder Wissenschaft des
Lebens Und sollten nicht beide statt einander feindlich zu berauben nun lieber
durch gegenseitigen Austausch zu gewinnen suchen Der Hass der sich jetzt noch
durch die aufgeregten Leidenschaften ausspricht wird sich bald verlieren Die
Deutschen sind zu geneigt fremdes Verdienst anzuerkennen als dass sie nicht bald
wieder auch das französische gehörig würdigen sollten und den Franzosen
erlaube es mir zu sagen wird das erlebte Unglück eben so heilsam sein wie
einem in Reichtum Glück und Gesundheit übermütigen jungen Manne ein Schlag
des Schicksals zuweilen wohltut Es wird Euch bescheidener machen und die Idee
wird bei Euch Zugang finden dass es auch außerhalb Frankreich noch etwas
Bedeutendes und Wissenswertes geben kann dass auch die Bestrebungen anderer
Nationen Achtung verdienen und eine engere und edlere Verbindung wird sich so
zwischen Euch und Euren Nachbaren bilden als wenn Ihr sie durch die Gewalt der
Waffen unterdrücktet
Der General war zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt als dass er
die Worte des Freundes hätte genau beachten können Er hörte nur im Allgemeinen
die wohlwollende Gesinnung heraus und mehr dem Gange seiner Gedanken folgend
als dem Grafen antwortend sagte er Es ist wahr im Gefolge der Revolution
waren empörende Gräuel Das edelste Blut vergoss man der Menschlichkeit Hohn
sprechend in Strömen aber gestehe es viele große Gedanken wurden auch
ausgesprochen und fassten unmerklich Wurzel in jedes Menschen Brust und wenn Du
zurückblickst wie weit alle Staaten sowohl als einzelnen Menschen von der
Stelle aus weiter geschritten sind wo sie vor dieser Revolution standen so
wirst Du zugeben müssen dass sie wenn sie auch wie ein furchtbar zerstörendes
Gewitter über die Länder schritt doch auch wie dieses Spuren des Segens
zurückgelassen hat Napoleon bändigte dieses Ungeheuer aber mit ungemessenem
Ehrgeiz opferte er den kühnsten Plänen wieder das edelste Blut in Strömen und
doch fand Frankreich Trost in dem Ruhme der seinen Namen unter den fernsten
Himmelsstrichen verherrlichte Jetzt hat nun wieder das strömende Blut vieler
Tausende den Boden der Länder gerötet um die Vergangenheit zurückzuführen und
welcher Segen wird uns für diese Opfer
Die Segnungen des Friedens sagte der Graf den Euer schönes Frankreich
sowohl bedarf wie alle europäischen Länder Wir müssen erst erwarten
erwiderte der General was dieser Frieden für Folgen haben wird ehe wir seine
Segnungen preisen Ich werde mich auf jeden Fall zurückziehen und in ruhiger
Musse für die Erziehung meiner beiden Knaben sorgen Armer Bertrand fuhr er
seufzend fort unser Napoleon und Eugen werden diese Namen nicht von Neuem
verherrlichen wie Du hofftest denn Gott weiß ob man ihnen nicht die Namen
selbst als Verbrechen anrechnen wird
Wenige Tage nach dieser Unterredung schied der General von seinem Freunde
und Beide trennten sich nicht ohne Rührung denn wie verschieden auch oft ihre
Ansichten waren so fand doch Jeder in dem Andern so viele Vorzüge anzuerkennen
dass die gegenseitige Achtung das in der Jugend geknüpfte Band der Freundschaft
nur dauernder und fester machte und schon den folgenden Tag als der General
französischen Boden berührte dachte er Sollte es denn nicht möglich sein dass
wie ich Hohental liebe und achte obgleich er ein Deutscher und von den Grillen
dieser Nation nicht frei ist und wie er mich liebt obgleich er meine besten
Eigenschaften für Torheiten eines Franzosen hält eben so einst beide Völker in
aufrichtiger Freundschaft einander gegenüberständen Diese friedlichen
Gesinnungen wurden jedoch bald aus der Brust des französischen Kriegers
verscheucht indem er den feindlichen Truppen begegnete die so gleichgültig auf
französischem Boden wandelten als wäre es gar nichts Besonderes für sie sich
hier als Sieger zu bewegen und es gereichte ihm nur dies zu einigem Troste dass
alle wenigstens auf dem Wege waren Frankreich zu verlassen
Unter den rückkehrenden Kriegern war auch der Graf Robert und seine Freunde
und wenige Tage nachdem der General das Haus des Grafen verlassen hatte wurde
dieser aufs Angenehmste durch die Ankunft seines Vetters überrascht der dies
Mal in Begleitung aller seiner Freunde kam denn auch Werteim und der Baron
Lehndorf kehrten nach Deutschland mit ihren Truppen zurück und natürlich mit
ihnen der Arzt und Gustav Torfeld
Die Freude Aller wurde erhöht als sie erfuhren dass Evremont lebe und dass
man nun da alle Kriegsgefangenen frei gegeben wurden seine baldige Rückkehr
erwarten dürfe Der Graf bemerkte mit Wohlgefallen dass das scheue finstere
Wesen Werteims sich verloren hatte und dass seine Sitten milder als sonst
erschienen Der Graf Robert löste dem Oheim dies Rätsel indem er ihm die
glückliche Veränderung mitteilte die in der ganzen Lage des jungen Mannes
eingetreten sei Durch eine weitläuftige Verwandte war ihm eine Erbschaft
zugefallen und zwar hatte ihn diese zum einzigen Erben eingesetzt und die
entlaufene Schwester gänzlich ausgeschlossen Dies Vermögen setzte ihn in den
Stand das kleine Gut kaufen zu können welches der Graf früher dem Obristen
Talheim eingeräumt hatte und wenn er sich nun dazu entschließen wolle dies
dem jungen Manne zu überlassen so könne er bemerkte der Graf Robert dessen
Lebensglück begründen denn alsdann sei er entschlossen sich dort
niederzulassen und sich mit der ältesten Schwester des Grafen zu verbinden
indem Beide von gegenseitiger Neigung bestimmt dies sehnlichst wünschten
Da Sie mein lieber Vetter erwiderte der Graf Hohental als Ihr künftiges
Eigentum betrachten müssen so ist es mehr Ihre als meine Sache und ich gebe
im Voraus zu jeder Einrichtung die Sie dort treffen meine Einwilligung
Der Graf gab es nicht zu dass sein Vetter sich in Danksagungen ergoss indem
er scherzend bemerkte dass er noch zu lange zu leben hoffe als dass er jetzt
schon Dank für ein Erbe verdiene das er erst so spät zu überlassen gedenke und
er führte bald seinen Vetter auf das Schicksal seines Freundes zurück Wodurch
er völlig zur Milde gestimmt wurde fuhr der Graf Robert in Beziehung auf
Werteim fort war dass als wir nicht weit von Paris in ein artiges Landhaus
einquartirt wurden er in der Besitzerin seine entflohene Schwester erkannte
die hier mit ihrem Gatten der in Spanien schwer verwundet zum Dienst
untauglich wurde in glücklicher Ehe lebte Drei schöne in Gesundheit blühende
Kinder umgaben dies Paar und die Versöhnung war bald gemacht da Werteim seine
Schwester als Gattin dessen fand der sie entführt hatte und da man ihn
versicherte dass der französische Offizier sie in Deutschland schon förmlich
geheiratet haben würde wenn man nicht überzeugt gewesen wäre der Bruder werde
dies nicht zugeben und im Gegenteil darauf bestehen dass die Schwester dem
Baron Lehndorf ihr übereilt bloß um seinen Wunsch zu erfüllen gegebenes Wort
halten solle wodurch sie sich für ihr ganzes Leben höchst unglücklich gefühlt
haben würde Da Werteim sich gestehen musste dass er allerdings so gehandelt
haben würde und da Lehndorf über den Verlust der früheren Braut längst durch
die Hoffnung getröstet war sich mit meiner jüngeren Schwester zu verbinden so
war die Versöhnung von allen Seiten leicht und Werteim der es früher für die
Aufgabe seines Lebens hielt diesen Franzosen von der Oberfläche der Erde zu
vertilgen schied als dessen aufrichtiger Freund von ihm Er hatte nämlich die
Schwester mit dem Tode ihrer gemeinschaftlichen Verwandtin bekannt gemacht ohne
ihr zu sagen wie feindlich die sie auch im Tode vom Mitgenusse ihres Vermögens
ausgeschlossen habe deren Geiz ihr und der Mutter als sie noch lebte auch in
der dringendsten Not selbst die kärglichste Unterstützung versagt hatte Mein
Freund wollte also fuhr der Graf Robert fort sein Erbe mit der Schwester
teilen doch deren Gemahl gab dies nicht zu indem er dem Bruder seiner Gattin
bewies wie sein Vermögen bedeutend genug sei dass er leicht diesen Zuwachs
entbehren könne und nach einem gegenseitigen Kampfe der Großmut blieb mein
Freund der einzige Besitzer dss Vermögens indem er gern als Gabe des
Wohlwollens den Vorteil annahm den ursprünglich nur der Hass ihm hatte zuwenden
wollen Der Baron Lehndorf berichtete der Graf Robert weiter hat bei unserer
Rückkehr die sichere Aussicht auf eine sehr gute Anstellung bei dem Forstwesen
wodurch er ebenfalls in die Lage kommt einen Hausstand begründen zu können was
er in Vereinigung mit meiner jüngeren Schwester zu tun beabsichtigt
So haben Sie ja bei Ihrer Rückkehr bemerkte der Graf lächelnd die Aussicht
auf eine Reihe von Festen auf viele fröhliche Hochzeiten
Gewiss gewiss rief der Arzt der mit seinen großen Sporen im Saale
umherklirrte Sobald ich zurückkehre wird das große das heilige Fest begangen
Alle meine Gedanken richten sich nach der Heimat das Bild meiner geliebten
Braut folgte mir überall und ich habe selbst in Frankreich mancherlei Tand für
sie eingekauft um sie damit zu schmücken und auch für meine Schwiegermutter
die sich eigentlich noch lieber putzt und bunter kleidet als es sich wie mich
bedünken will für ihr Alter ziemt Aber unschädlichen Torheiten gibt der
Weise nach und besser zu viel Schmuck an den Bewohnern und im Hause als dass
die Grazien darin fehlen sollten
Man gab dem Arzte der diese Rede mit großer Selbstzufriedenheit gehalten
hatte von allen Seiten Recht und die Frauen verlangten die Geschenke zu sehen
die er für die Braut und Schwiegermutter bestimmt hatte um wie sie sagten
seinen Geschmack zu bewundern Der gutmütige Arzt der auf Alles eitel war
wurde durch diese Aufforderung erfreut und brachte nur zu gern alle Gegenstände
zum Vorschein die er wie er sagte in Frankreich rechtlich eingehandelt und
nicht wie ihm dies von Manchem bekannt sei ohne weitere Zahlung an sich
gebracht habe und die Frauen rühmten scherzend jedes Stück und lobten den
zarten Sinn des glücklichen Arztes der die Vorliebe seiner Schwiegermutter für
alles Bunte kennend ihren Geschmack beinah auf eine übertriebene Weise zu
befriedigen gesucht hatte
Die Freunde blieben einige Tage bei dem Grafen der sich ernstlich für den
jungen Torfeld zu verwenden versprach um ihm eine Stelle als Justizamtmann in
der Nähe von Hohental zu verschaffen deren Besitz er so heftig wünschte wie
der Arzt auf seine Weise mit feinem Scherz bemerkte um in der Nähe zu bleiben
und sich gegen Eingriffe in seine Eigentumsrechte auf das Herz der Tochter des
Predigers zu bewahren Der junge Mann schwieg errötend und es ließ sich also
annehmen dass der oft wiederholte Scherz des Arztes nicht grundlos war
Die Gräfin bemerkte während dieser Zeit gegen den Grafen Robert dass es
wunderbar sei wie verschieden Glück und Unglück auf verschiedene Charaktere
wirke Viele Menschen sagte sie werden durch Unglück erzogen Es macht sie
ernster milder teilnehmender gegen Andere wenn sie selbst die Schmerzen
kennen gelernt haben mit denen dies Leben uns verfolgt Andere macht dagegen
das Unglück hart störrisch und roh wie wir dies an Ihrem Freunde Werteim
bemerken mussten und nur das Glück vermag diese zu erziehen ihren Charakter
edler ihre Sitten milder zu machen Graf Robert errötete denn er erinnerte
sich daran dass auch er zu denen gehörte die das Glück edler gebildet hatte
und dass sein erstes Auftreten im Hause seines Oheims keinen vorteilhaften
Begriff von seinen Sitten erregt haben konnte Er sagte endlich verlegen
Auffallender ist es noch wie sehr der unaussprechliche Hass gegen Frankreich und
gegen Franzosen in der Brust meines Freundes gemildert ist seitdem er in dem
Entführer seiner Schwester deren rechtmäßigen Gemahl und einen braven
achtungswerten Mann kennen gelernt hat
Es ist überhaupt schwer bemerkte der Graf genau zu bestimmen in wie weit
sich Persönlichkeit in unsere Gefühle mischt wenn wir das Vaterland lieben oder
dessen Feinde hassen und ich glaube wenn wir recht scharf sondern wollten
würde nicht immer so viel Tugend übrig bleiben wie man in neuester Zeit in
diesen Empfindungen zu suchen gewohnt ist
Während des Aufenthaltes der Freunde beim Grafen gewann der Graf Robert den
kleinen Adalbert so lieb dass er im Scherze behauptete er müsse noch einst
durch eine Verbindung mit seinem jüngst geborenen Töchterchen sein Sohn werden
und er wiederholte diesen Scherz so oft dass man leicht bemerken konnte wie der
Wunsch sich ganz ernstaft in seiner Seele ausbildete
Die Heiterkeit des Beisammenseins wurde den Freunden nur auf Augenblicke
getrübt wenn sie daran dachten dass Evremont in ihrem Kreise fehle und jedes
Mal indem sie über seine Abwesenheit seufzten stieg zugleich ein Dankgebet zum
Himmel empor dafür dass er ihnen erhalten war
Endlich war der Augenblick der Trennung erschienen und wenn auch ein Gefühl
der Wehmut Alle beim Abschiede ergriff so eilten doch der Graf Robert und
seine Freunde mit freudigem hochklopfendem Herzen ihren heimatlichen Bergen
zu denn Jeder wusste dass ihn dort ein sehnsüchtiges Herz erwartete und
zärtliche Blicke ihn begrüßen würden Der alte Dübois wollte seinen Sohn wie er
den jungen Torfeld nannte nicht entlassen ohne ihm ein Geschenk aufzudringen
worin der junge Mann mit Rührung von Neuem die väterliche Liebe des Greises
erkannte Der Arzt verhehlte sein Gefühl höchster Glückseligkeit beim Abschiede
nicht Ich werde rief er indem er sich die Tränen der Rührung abtrocknete
die ihn zugleich bewältigte den Lohn aller der Opfer empfangen die ich dem
Vaterlande gebracht habe Die erhöhte Liebe und Achtung meiner Braut wird meine
Anstrengungen belohnen und die Lorbeern werden mich ehren die ich im Kriege
gewann nicht indem ich Menschen tödtete sondern indem ich manchen braven Mann
erhielt
Es ist wahr sagte der Graf Robert mit wahrer Tollkühnheit wagte sich der
Doktor jedes Mal auf das Schlachtfeld wenn kaum der Feind sich zurückzog und
die Kugeln noch herüber und hinüber flogen wie ein Geier auf seine Beute
stürzte er sich auf die Verwundeten und Viele danken ihr Leben und die
Erhaltung ihrer Glieder nur der schnellen Hilfe die er ihnen durch diesen Mut
gewährte und da unter den Geretteten mancher bedeutende Mann ist so glaube
ich dass diese seltene Tapferkeit eines Arztes noch durch eine Auszeichnung
belohnt werden wird
Das eiserne Kreuz sagte der Arzt indem er sich sehr in die Brust warf und
dadurch einige Ähnlichkeit mit einem indianischen Hahne gewann das eiserne
Kreuz kann mir nicht entgehen wenn man nicht ganz ungerecht gegen mich sein
will
Endlich trennte man sich und der kleine Adalbert vermisste noch einige Tage
den Grafen Robert und Torfeld schmerzlich die sich so viel mit ihm
beschäftigt dass sie die lebhafteste Zuneigung des Kindes gewonnen hatten
XIV
Das Leben war auf dem Landsitze des Grafen nach der Abreise der Freunde wieder
in seine gewohnten Gleise zurückgekehrt Die Tage verstrichen gleichmäßig unter
ernsten Beschäftigungen oder im Genuße der Natur der Poesie und Musik und
dieser einfache Gang des Lebens wurde nur durch erhöhte Heiterkeit unterbrochen
wenn Briefe von Evremont eintrafen Man hatte nun nichts mehr für ihn zu
fürchten seine Lage nicht mehr zu beklagen also gewährten seine Briefe reine
Freude nur mit der kleinen Beimischung von Schmerz dass die sehnsüchtige
Erwartung immer noch getäuscht wurde er konnte immer noch nicht seine Abreise
aus Russland melden Obgleich es bekannt war dass die kriegsgefangenen Franzosen
ohne Schwierigkeit Erlaubnis erhalten sollten nach Frankreich zurückzukehren
so war es doch natürlich dass bei der weiten Ausdehnung der russischen Provinzen
manche Zögerung für viele Einzelne eintrat und Evremont besonders wollte nun
bei seiner Abreise doch einen Pass erhalten in dem sein wahrer Rang in der
französischen Armee verzeichnet wäre Er hatte sich zum Teil in dieser Absicht
nach Petersburg begeben weil er dort mit Gewissheit hoffen konnte mehrere
Franzosen anzutreffen denen er persönlich bekannt wäre und die also sein
Gesuch unterstützen könnten Aber auch in der kaiserlichen Residenz musste er
seinen Aufenthalt länger ausdehnen als er wünschte ehe er sein Ziel erreichen
konnte und er schrieb seinen Freunden über diese merkwürdige Stadt
»Wer Petersburg sieht wird sich des Staunens nicht erwehren können über das
Ungeheure was menschliche Anstrengung in wenig mehr als hundert Jahren
hervorzubringen vermochte Wenn man die demütige Hütte besucht hat die sich
Peter der Erste errichtete von wo aus er sein Riesenwerk leitete und wirft
dann einen Blick auf die unermesslichen Straßen auf die kolossalen Palläste die
seitdem entstanden sind oder auf die herrliche Einfassung der majestätischen
Newa und die großartigen reich verzierten Tore und Gitter des Sommergartens
so kann sich die Phantasie nicht daran gewöhnen sich dies alles als kürzlich
entstanden zu denken Betrachtet man die ungeheueren Säulen aus Granit jede aus
einem einzelnen Block und wie Edelgestein polirt die in der Kasanschen Kirche
prangen so darf man diese Werke dreist mit den Werken der Römer vergleichen
und hätte immer ein richtiger Geschmack diese ungeheueren Kräfte geleitet dass
wir eben so wohl den edelen Styl der Baukunst immer bewundern könnten wie den
großen Kraftaufwand so wäre Petersburg beinah ein Wunder zu nennen aber nicht
zu leugnen ist es dass sich dem Beschauer oft ein Gefühl aufdrängt das ihn
zwingt eine solche Verwendung so ungeheurer Kräfte zu beklagen Auch war es
mir nachdem das erste Anstaunen dieser Schöpfung vorüber war störend das
lebendigfrohe Gewühl anderer Städte zu vermissen Die Straßen sind so
unermesslich lang und breit dass sie immer leer scheinen die Plätze sind so
groß dass sich Alles darauf verliert und ich weiß nicht ob es vielleicht aus
diesem Grunde war dass die Statue Peters des Ersten nicht den Eindruck auf mich
machte den ich erwartete Sie sieht in dieser Umgebung klein aus und selbst
der Felsen auf dem sie steht kann nicht Bewunderung in dem Beschauer erregen
wenn er es nicht weiß dass dieser ungeheure Granitblock aus Finnland hieher
versetzt wurde denn hier wo er jetzt steht sieht er bei Weitem nicht so groß
aus wie ich ihn mir nach Beschreibungen dachte Einigermassen mag der Sommer
Schuld sein an dem toten Ansehen das jetzt Petersburg hat weil dann Alles
eilt für diese wenigen Monate die reizenden Landhäuser zu beziehen die die
Stadt von allen Seiten umgeben und in der Tat, hier kann man es ganz
vergessen dass man im Norden lebt Diese verschwenderische Pracht von Blumen und
blühenden Stauden entzückt das Auge die sich auf dem Wasser schaukelnden bunt
geschmückten Gondeln rufen südliche Bilder in unserer Seele hervor Die
schattigen Baumgänge gewähren anmutige Kühlung bei dem Brande der Sonne und
schützen gegen die rauen Winde die tückisch oft auf einmal an den Norden
erinnern Ist man so glücklich an einem schönen Tage denn auch die nur in
Russland einheimische Hornmusik im Freien zu hören so muss auch der
eigensinnigste Kritiker gestehen dass die große Kaiserstadt und ihre Umgebung
die edelsten Genüsse zu gewähren vermag Ich habe niemals Instrumentalmusik
gehört die auf mich einen so tiefen unerklärlichen Eindruck gemacht hätte Es
ist ein lebendiges aus Menschen zusammengesetztes Instrument das wir hier
hören Jeder bläst nur einen Ton auf einem der an Größe verschiedenen Hörner
und wenn auch diese Musik ihrer Natur nach wohl nur dazu geeignet ist ernstere
Sachen in gedehnten Tönen vorzutragen so ist es doch aufs Höchste zu
bewundern wie dies Menscheninstrument eingeübt ist denn sie machen die
schnellsten Läufe auf und ab mit einer Genauigkeit die ans Unglaubliche
gränzt Nachdem mir diese Musik den höchsten Genuss gewährt hatte drängte sich
mir doch ein schmerzliches Gefühl auf denn es drückte mich hart den Menschen
in dem Grade zur Maschine erniedrigt zu sehen
Noch ergreifender aber und unendlich erhabener ist der Eindruck den die
russische Kirchenmusik auf jeden Menschen hervorbringen muss dessen Seele für
solche Eindrücke überhaupt empfänglich ist Bekanntlich verbannt der strenge
griechische Ritus alle Begleitung der Instrumente auch verbietet dieselbe
Strenge bei Besetzung des Soprans sich der Hilfsmittel zu bedienen die die
lateinische Kirche gestattet also wird die Diskantstimme von Knaben gesungen
die für die Kapelle zu diesem Behufe ausgewählt werden Die Seele wird getroffen
und das Herz in seinen Tiefen bewegt wenn diese göttlich schönen Stimmen sich
himmelan schwingen darum weil eine so süße Kindesunschuld in ihnen tönt das
man unwillkürlich an die den Thron Gottes umschwebenden Engel denken muss
Freilich wenn der Gesang verstummt ist und die Bewegung des Herzens sich
beruhigt hat behauptet dann der alte Fehler des Menschen immer urteilen und
vergleichen zu wollen sein Recht und ich musste mir gestehen als ich die
Kapelle verlassen hatte dass die lateinische Messe kunstreicher ausgebildet ist
auch liegt die Ursache warum dies so ist glaube ich ganz nahe Da nämlich die
Oberstimme in der griechischen Kirche immer von acht oder zehnjährigen Knaben
gesungen werden muss so kann nie ein Virtuose die echte Kunst des Gesanges oder
die ganze Tiefe des religiösen Gefühls darin entfalten alle andern Stimmen
müssen mit bescheidener Mäßigung behandelt werden damit die Oberstimme nicht
unterdrückt wird deshalb bewegt die rührende Unschuld in diesem himmlischen
einfachen Gesange vorzüglich das Herz wenn wir bei der kunstreicher gebildeten
lateinischen Messe oft noch Gelegenheit haben die große Virtuosität einzelner
Sänger zu bewundern Vielleicht würden diese Betrachtungen meinen griechischen
Christen viel zu weltlich dünken denn ich glaube es fällt nur wenigen ein den
Gesang in der Kirche als Kunst zu betrachten es scheint ihnen bloß unerlässlich
zum Gottesdienst zu gehören Überhaupt glaube ich hat die Kunst hier noch
wenig Eingang gefunden obgleich die Kaiserstadt viele herrliche Kunstwerke
besitzt Kunstgenuss ist hier ein Luxus den sich nur Wenige erlauben keineswegs
ein Bedürfnis der Seele Desshalb durchwandert man die Säle in denen die
Kunstschätze sich befinden beinah immer einsam und auch ich habe mir nur einen
flüchtigen Überblick zu verschaffen gesucht freilich aus andern Gründen Die
Kunstwerke sind so zahlreich die Sammlungen so großartig dass ich nicht lange
genug hier verweilen kann um einigermaßen mit Nutzen sehen und das Gesehene im
Gemüt ordnen zu können Schon allein die Sammlung geschnittener Steine ist so
groß dass ein Studium dazu erforderlich ist um sie einigermaßen kennen zu
lernen und ich habe mich während meines Hierseins oft darüber gewundert dass
bis jetzt so wenig über Petersburg und seine Kunstschätze geschrieben worden
ist wodurch der Fremde einigermaßen geleitet werden könnte
Da ich also auf ein Studium der hier befindlichen Kunstwerke mich nicht
einlassen kann so gewährt es mir ein großes Vergnügen die Stadt nach allen
Richtungen zu durchstreifen und wenn ich auf diesen Wanderungen in der Nähe
großartiger Palläste noch hin und wieder armselige Häuser erblicke so stellt
sich mir dadurch die noch nicht lange entschwundene Zeit neben die Gegenwart
und die riesenmässige Kaiserstadt mit ihren endlosen Straßen ungeheueren Plätzen
und kolossalen Gebäuden ist glaube ich kein übles Bild des ganzen Russlands
überhaupt dessen schnelle Entwickelung erst künftige Geschlechter ganz
unparteiisch werden bewundern können Bin ich von diesen Wanderungen und den
Betrachtungen die ich anstelle ermüdet dann schiffe ich mich auf einer Gondel
ein und die majestätische Newa trägt das leichte Schiffchen auf ihrem
glänzenden Rücken nach dem Takte der Ruderschläge gleitet das Fahrzeug dahin
und ich umkreise die blühenden Inseln die sich mit ihren Blumen Bäumen und
freundlichen Häusern in der silberhellen sie umfangenden Newa spiegeln Fällt
mir dann ein dass dies Duften und Blühen dieser dunkle Baumschatten diese
schwebenden Gondeln nur wenige Monate das Auge entzücken und den größeren Teil
des Jahres alles dies unter Schnee und Eis begraben liegt so kann ich mir
denken dass es mir wie die Zaubereien in den Märchen der Tausend und Eine Nacht
erscheinen würde wenn ich nach einem hiesigen endlosen Winter alle diese Pracht
für eine kurze Zeit auf einmal neu entstehen sähe denn die Natur muss hier
eilen wenn sie etwas leisten will und der Frühling wird beinah ganz
übergangen die dürren Bäume sind in wenigen Tagen belaubt und der Winter geht
beinah unmittelbar in den Sommer über
Alle äußerten nach dieser Beschreibung dass es ein großer Genuss sein müsse
Petersburg zu sehen und der Graf machte im Scherze den Vorschlag dorthin zu
reisen und Evremont abzuholen ein Gedanke aus dem vielleicht Ernst geworden
wäre wenn man nicht hätte befürchten müssen Evremont zu verfehlen der leicht
schon abgereist sein konnte ehe seine Freunde die Kaiserstadt erreichten
Unter diesen Erwartungen verschwand der Herbst und der Winter Evremont fand
mehr Schwierigkeiten als er geglaubt hatte Sein Aufenthalt in Petersburg
dehnte sich in die Länge Napoleon landete unerwartet in Frankreich ehe er nach
Deutschland zurückgekehrt war und seine Freunde besorgten dass die Wendung die
die öffentlichen Angelegenheiten nun nahmen vielleicht aufs Neue seine
Rückreise verzögern dürfte
Evremonts letzte Briefe hatten gemeldet dass er endlich seine Pässe so wie
er es wünschte erhalten habe und nun Petersburg verlassen würde um noch auf
wenige Tage nach dem Hause zurückzukehren das ihn so wohlwollend aufgenommen
hätte und dessen menschenfreundlichen Besitzern er gewiss die Erhaltung seines
Lebens zu verdanken habe eine Wohltat die er jetzt erst nach ihrem ganzen
Umfang zu schätzen begann da sich das Leben mit allen seinen Reizen von Neuem
vor ihm ausbreitete Dies waren die letzten Nachrichten die man von Evremont
erhalten hatte und die wie sie eintrafen die ganze Familie in Entzücken
versetzten Sein Schweigen nun gab Allen die traurige Überzeugung dass er neue
durch die eingetretenen Umstände veranlasste Hindernisse gefunden haben müsse
In solchen traurigen Betrachtungen saßen die Glieder der Familie an einem
schönen Sommerabend bei einander im Saale des Hauses Die Türen nach dem Garten
waren geöffnet und der Duft der Blumen strömte in den Saal aus dem Garten hörte
man den Gesang der Nachtigall und das Plätschern des Springbrunnens Jeder saß
in Schweigen versenkt halb auf diese Töne lauschend halb seinen kummervollen
Gedanken hingegeben Eine Bewegung in den nächsten Zimmern erregte endlich die
Aufmerksamkeit und indem Alle die Augen dahin richteten erblickten sie
zugleich Evremont der hineinstürmte und abwechsend ohne zu sprechen Vater
Mutter Gattin und seine gütige Tante an die Brust drückte Tränen der Freude
erstickten Anfangs alle Worte und als diese erste Erschütterung vorüber war
machte sich Evremont Vorwürfe darüber seinen Lieben seine Ankunft nicht vorher
gemeldet zu haben denn seine Mutter und selbst der Graf waren auf das Heftigste
von der Bewegung der Seele ergriffen Doch die Erschütterung der Freude wirkt
selten schädlich und als sich die Eltern ein wenig erholt hatten blickten
seine Augen suchend umher Emilie verstand den Blick sprang eilig nach dem
Garten hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken zurück Adalbert an ihrer
Hand den sie dem entzückten Vater zuführte Evremont konnte nicht aufhören
abwechselnd seinen Knaben seine Gattin und seine Eltern zu liebkosen er
tadelte sich selbst in Tränen lachend über seinen kindischen Ungestüm und
begann doch stets von Neuem Seine Familie hielt ihn in den Armen und blickte
ihm wie selig träumend in die Augen Man konnte kaum daran glauben dass der
lange Schmerz der Sehnsucht nun wirklich endlich gelöst sei und es vergingen
einige Tage ehe man sich mit dem Gefühle der Gewissheit des Glücks recht
vertraut gemacht hatte
Nachdem endlich die stürmische Bewegung in jeder Brust gemildert war
nachdem alle Fragen erschöpft und alle Antworten gegeben und selbst Dübois
befriedigt war dem Evremont alle die Liebe und Achtung bewies die der Greis
verdiente und für die liebende Aufmerksamkeit den innigsten Dank sagte die er
seinem Knaben gewidmet fanden ruhigere Gespräche Statt und die Blicke der
Männer richteten sich auf die öffentlichen Angelegenheiten Aber ehe noch die
wichtige Frage zwischen Vater und Sohn entschieden war ob es Evremonts Pflicht
sei oder nicht sich den französischen Kriegern anzuschließen war die Schlacht
bei Waterloo geschlagen und Napoleons zweite Abdankung machte jeden Streit
hierüber überflüssig
Der neue Friedensschluss war für Frankreich drückender als der erste und
indem Evremont darüber trauerte dass seinem Vaterlande Provinzen entrissen
wurden lag ein tröstendes Gefühl darin dass sein Interesse nicht mehr von dem
seiner Eltern verschieden war denn seine Güter jenseits des Rheins die er
fortan unter preußischer Regierung besitzen sollte machten ihn wie den Grafen
zum Bürger dieses Staates
Evremont hatte das Leben in so vielfacher Gestalt kennen gelernt dass er
obwohl noch jung dem öffentlichen Anteile daran gern entsagte und sich und
seiner Familie zu leben beschloss ein Entschluss der Emilien in Entzücken
versetzte und von den Eltern höchlich gebilligt wurde und nur Adele ob sie
gleich erfreut war alle Gefahr für den geliebten Neffen geendigt zu wissen
empfand es doch schmerzlich dass sie die still genährte Hoffnung Evremont noch
einst als französischen Marschall zu sehen aufgeben sollte Der Graf machte sie
auf die Unmöglichkeit aufmerksam als preußischer Untertan in der französischen
Armee zu dienen Ja ja bemerkte sie seufzend ich sehe es ein das sind die
traurigen Folgen von Frankreichs Unglück
Es war noch eine kurze Trennung Evremonts von der Familie notwendig Er
musste nach Paris reisen um seinen förmlichen Abschied aus der französischen
Armee sich auszuwirken den er leicht zu erhalten hoffte da alle Krieger die
unter Napoleon gefochten hatten nur zu bereitwillig von der neuerdings
zurückgekehrten Regierung entlassen wurden Aber diese Reise verzögerte sich
weil er sich nicht entschließen konnte nach so langer Abwesenheit seine Familie
sogleich wieder zu verlassen und weil er seinen Aufenthalt in Paris auf so
kurze Zeit zu beschränken dachte dass er selbst nicht Emilie bereden mochte ihn
zu begleiten denn wenn er auch die Absicht hatte dass sie Paris und Frankreich
sehen sollte so wollte er dies doch aufschieben bis Frankreich erst wieder
mehr Ruhe und Würde erlangt hätte und also auch mehr Genuss gewähren könnte
Es verzögerte sich also Evremonts Abreise von Woche zu Woche und die
Zögerung selbst wurde immer drückender weil die Notwendigkeit sich endlich zu
einer unangenehmen Handlung zu entschließen täglich dringender wurde In dieser
Zwischenzeit trafen Briefe aus Hohental ein an denen sich Jeder auf
verschiedene Weise erfreute Die Schwestern des Grafen Robert waren an Werteim
dem das kleine Gut unter sehr billigen Bedingungen überlassen war und an
Lehndorf der die gewünschte Anstellung erhalten hatte verheiratet und auch
der Arzt hatte seine Verbindung aufs Glänzendste gefeiert wobei seine
Schwiegermutter alle Kunst des Backens und Kochens entfaltet hatte um die Gäste
gehörig zu bewirten und über die Massen erhitzt durch die übernommene
Anstrengung bei der Bewirtung in ihrem bunten Pariser Putz eine seltsame
Erscheinung gewährt hatte
Die Freude des Arztes war aufs Höchste gesteigert worden weil er wirklich
das eiserne Kreuz vor seiner Hochzeit erhielt und es an diesem Ehrentage an
einem möglichst langen Bande an der Brust tragen konnte Mit Übermut hatte er
auf den Prediger geblickt indem er zwischen den Fingern das Ehrenzeichen hin
und herbewegte und ihm gesagt Sie hätten es auch haben können wenn Sie
vernünftigem Rate Gehör gegeben hätten und uns gefolgt wären um sich wie wir
dem Dienst des Vaterlandes zu weihen Dieser Übermut des Arztes hätte beinah
eine unangenehme Störung veranlasst indem die Antwort des Predigers der seiner
Empfindlichkeit Raum gab nicht so gemässigt ausfiel als seiner geistlichen
Würde besonders an diesem Tage angemessen war Überhaupt teilte sich der
große Kreis der Gesellschaft in und um Hohental seit diesen mannigfachen
Verbindungen oft in zwei kleinere wovon der eine sich um den Grafen Robert
vereinigte während in dem andern der Prediger und der Arzt einander oft nicht
ohne Heftigkeit den Vorrang streitig zu machen suchten Der Arzt gründete seine
Ansprüche auf die Wissenschaft sein Haus mit dem Balkon seinen botanischen
Garten seine Verdienste und vor Allem auf das eiserne Kreuz und wurde dabei
aufs Lebhafteste von seiner Schwiegermutter unterstützt Der Prediger fühlte
die Überlegenheit seines Geistes er war so gewohnt den Arzt zu übersehen und
dieser hatte seine geistige Überlegenheit so lange stillschweigend anerkannt
dass nun dem Geistlichen die Anmassung seines Freundes wie eine Rebellion
erschien die er durch alle Mittel beissenden Witzes und schneidender Verachtung
zu unterdrücken strebte indem er durchaus sich nicht darein finden konnte dass
der Arzt seit seinem Feldzuge ein anderer Mann geworden war Nicht selten wurde
die Spannung zwischen Beiden so groß dass der Graf Robert vermittelnd dazwischen
treten musste um die Versöhnung zu bewirken die indes niemals schwer zu
bewerkstelligen war weil beide Freunde zu sehr fühlten wie sehr sie einander
bedurften Von den verschiedenen Nachrichten die diese Briefe enthielten
erregte die die den jungen Torfeld betraf Evremonts Teilnahme am
Lebhaftesten denn er hatte den jungen Mann in früheren Zeiten aufrichtig
liebgewonnen und so freute es ihn denn nun dass auch er hoffen durfte die
Wünsche seines Herzens erfüllt zu sehen denn er hatte die ersehnte Anstellung
erhalten und es ließ sich erwarten dass er nächstens auch seine Verbindung mit
der Tochter des Predigers melden würde
Endlich ermahnte der Graf selbst Evremont an die notwendige Reise und die
ganze Familie wurde aufs Höchste überrascht als nachdem der Tag der Abreise
festgesetzt war der alte Dübois erschien und den jungen Herrn Grafen um die
Ehre ersuchte ihn begleiten zu dürfen Alle vereinigten sich den alten Mann zu
bewegen einen Plan aufzugeben den er bei seinem hohen Alter nur mit großer
Beschwerde ausführen könne
Ich kann es nicht erwiderte der Greis ich muss die heimatliche Luft
wieder atmen ich muss die Sehnsucht so vieler Jahre befriedigen und meine
Gebeine dem geliebten Boden lassen
Wie rief die Gräfin erschreckt Sie wollen uns ganz verlassen Was haben
wir Ihnen getan Dübois dass Sie uns diesen Kummer erregen wollen
O meine gütige meine gnädige Herrschaft erwiderte der alte Mann in
Tränen diese Frage könnte mein Herz zerreißen denn sie scheint mich des
Undanks zu beschuldigen wenn sie nicht ein neuer Beweis Ihrer Güte wäre Länger
als zwanzig Jahre habe ich in alle Gebete die ich an Gott richtete die
inbrünstige Bitte eingeschlossen es möge der ewigen Weisheit gefallen meinen
rechtmäßigen Herrn und König auf Frankreichs Thron zurückzuführen Der Herr hat
mein Gebet und das Gebet von Millionen erhört Der achtzehnte Ludwig hat den
Sitz seiner Väter eingenommen und wird Segen und Glück über unser Frankreich
verbreiten Ich habe Niemanden angefeindet der anders dachte als ich Ich
konnte mein Vaterland verlassen während es in den Zuckungen der Revolution sich
selbst bis zur Unkenntlichkeit entstellte aber nun da Glück und Frieden mit
dem rechtmäßigen König wiederkehrt nun zieht es mich gewaltsam zurück und ich
muss französische Luft atmen ehe ich sterbe
Man sah bald ein dass es unmöglich sein würde den Greis zurückzuhalten
ohne ihn aufs Schmerzlichste zu kränken und vielleicht dadurch sein Leben zu
verkürzen Es blieb also nichts übrig als dafür zu sorgen ihm die Reise so
bequem zu machen als nur irgend möglich wäre und Evremont ordnete alles
Nötige mit so zärtlicher Rücksicht an als ob es sein greiser Vater sei der
ihn begleiten wolle Die ganze Familie trennte sich mit Tränen von dem würdigen
Alten den am Meisten die Tränen und lauten Klagen des kleinen Adalbert
bewegten und lange nachdem der Wagen der die Reisenden hinwegführte schon
aus den Augen der nachblickenden Freunde verschwunden war konnte die Gräfin
sich nicht davon überzeugen dass Dübois in der Tat ihr Haus habe verlassen
können
Evremont hatte mit seinem Gefährten Paris bald erreicht wo er vor allen
Dingen seinen Zweck so bald als möglich zu erreichen suchte denn die glänzende
europäische Hauptstadt bot in diesem Augenblicke wenig Erfreuliches für ihn dar
Als Krieger schmerzte ihn die Erniedrigung in der er Frankreich erblicken
musste und das traurige Ende bewunderter Feldherren zerriss sein Herz Die
Schritte der Regierung konnte er als Bürger nicht billigen und die
Gesellschaft die sich in heftig einander bekämpfende Parteien teilte gewährte
ihm keine Erholung War es nun schon an Evremont zu bemerken dass ihn der
Aufenthalt in Paris nicht befriedigte so klagte Dübois laut ohne Rückhalt
darüber wie sehr er sich in allen seinen Erwartungen getäuscht fühle Er fand
weder die begeisterte Freude des Volks darüber dass ihm sein rechtmässiger König
wiedergegeben worden war die er erwartet hatte noch die Milde und Politur der
Sitten von der er überzeugt gewesen war dass sie mit diesem Könige wiederkehren
würde noch von Seiten der Regierung ein ernsthaftes Streben die Wünsche der
Nation zu befriedigen und die Art wie die Religion nach Frankreich
zurückkehrte konnte den von Natur milden und edelen Geist des Greises am
Wenigsten befriedigen Die heftig streitenden Parteien die er allenthalben
traf verletzten sein Gefühl für Schicklichkeit und nachdem er jeden Tag
missvergnügter geworden war überraschte er Evremont eines Abends mit der
Erklärung dass er den andern Morgen nach dem südlichen Frankreich abreisen
werde um sich nach einigen entfernten Verwandten zu erkundigen die sich
dorthin zurückgezogen haben sollten Evremont konnte ihn von diesen
Nachforschungen nicht zurück halten und musste mit Betrübnis den Greis scheiden
sehen denn er hatte gehofft ihn zu bewegen mit ihm nach dem deutschen Ufer des
Rheins zurückzukehren und war durch das sichtliche Missfallen seines alten
Freundes an dem jetzigen Zustande der Dinge in Paris in dieser Hoffnung bestärkt
worden und nun musste er ihn zu seinem Kummer gänzlich aus den Augen verlieren
Um sich von diesen und andern unangenehmen Eindrücken durch Zerstreuung zu
erholen war er in eins der glänzenden Kaffeehäuser getreten wo er eine
zahlreiche Gesellschaft fand die wie dies damals gewöhnlich geschah laut die
Begebenheiten des Tages beurteilte und die Schritte der Regierung aufs
Heftigste tadelte Evremont bemerkte bald dass er sich an einem Versammlungsorte
der leidenschaftlichsten Bewunderer und Anhänger Napoleons befand und nur der
aufgeregte Zustand dieser Männer machte es erklärlich wie ihnen entgehen
konnte was dem Unbefangenen sogleich auffiel dass viele Mitglieder der
Gesellschaft die am Heftigsten sich zu ereifern schienen im Grunde nur da
waren um die übrigen zu beobachten
Kaum hatte Evremont einige Augenblicke hier verweilt und von dem
dienstfertigen Aufwärter eine Erfrischung gefordert als er von mehreren
Anwesenden bemerkt wurde die ihn erkannten und als einen Mitgenossen
entschwundenen Ruhms und vorübergegangener Gefahren begrüßten Es waren dies
verabschiedete Offiziere die unter Napoleon mit ihm in Spanien gedient hatten
Zu ihnen gesellten sich mehrere Spanier die damals die Partei der Franzosen
ergriffen und dem König Joseph gedient hatten und die nun nach der Rückkehr des
Königs Ferdinand sich den Verfolgungen im Vaterlande entziehen und unter
Frankreichs Himmel Schutz für ihr Leben suchen mussten Die gegenseitige
Wiedererkennung war von manchem Ausrufe der Überraschung und der Freude
begleitet Erinnerungen an mit einander bestandene Gefahren und kleine
Abenteuer wie ein solcher Krieg sie bietet folgten diesen und einige Spanier
erinnerten ihn daran dass sie ihn im Hause der Wittwe Don Fernandos kennen
gelernt hätten und in dem so fortgeführten Gespräch erfuhr Evremont dass diese
schöne Wittwe sich mit einer Verwandten gegenwärtig in Paris befinde und dass ihr
Haus wieder wie früher in Madrid der Versammlungspunkt einer glänzenden
Gesellschaft sei Er ließ sich ihre Wohnung sagen und entfernte sich so bald es
sich tun ließ aus diesem lauten Kreise weil er bemerkte dass er seinerseits
ein Gegenstand der Aufmerksamkeit der beobachtenden Mitglieder geworden war
Ein gemischtes Gefühl von Teilnahme und Neugierde trieb ihn an noch
denselben Morgen einen Besuch bei Don Fernandos Wittwe zu machen Er hörte als
er gemeldet wurde einen Ausruf der Freude und als er eintrat kam ihm die
schöne Wittwe mit allen Zeichen freudiger Überraschung entgegen und begrüßte
ihn herzlich als einen Verwandten worauf sie ihn ihrer Freundin vorstellte die
ebenfalls Wittwe geworden war und noch die Trauer für ihren verstorbenen Gatten
trug und als Evremont auch diese begrüßt hatte und sich nun im Saale umsah
bemerkte er den General Klairmont der ihm herzlich die Hand drückte und ihm
zum Genuße der Freiheit und wiedergewonnenen Lebensfreude Glück wünschte Doch
was führt Sie hieher fragte der General im Laufe des Gesprächs Ich dächte
Paris könnte Ihnen jetzt nichts bieten was Sie aus den Armen Ihrer Freunde
worunter wunderschöne Arme sind über den Rhein zu uns hinüber locken könnte
Evremont teilte ihm die Ursache seines Hierseins mit und der General
sagte Sie haben Recht sich völlig zurückzuziehen auch ich habe es getan Als
unser Stern noch ein Mal aufleuchtete hoffte ich er würde von Neuem seine
kühne Bahn durchlaufen und schloss mich ihm mit vielen tausend braven Herzen an
seit er aber bei Waterloo sich neigte und alsdann auf St Helena sank halt ich
ihn für völlig untergegangen und wenn selbst durch ein Wunder Napoleon noch ein
Mal erschiene würde ich mein Schicksal nicht mehr an das seinige schließen
Seine ersten Erfolge waren so glänzend dass er die Mitwelt in Erstaunen
versetzte und sie blendete seine zweiten gränzten ans Wunderbare und rissen
alle Herzen mit ihm fort günstige Erfolge eines dritten Erscheinens aber halte
ich für unmöglich und da ich gewiss weiß dass ich ihm nicht mehr dienen kann so
will ich auch meine Ruhe nie wieder aufgeben ob ich gleich nicht so
philosophisch durch den langen Aufenthalt bei Ihrem Vater meinem alten Freunde
Hohental geworden bin wie ich glaubte denn ich habe die Einförmigkeit des
Landlebens nicht lange ertragen können und ich denke ich werde meine beiden
Knaben in Paris noch besser als in der Einsamkeit erziehen können
Da Evremont durch den Grafen das Ende des alten Bertrand und seiner Gattin
kannte für die er lebhafte Teilnahme behalten hatte weil er sich dankbar
erinnerte wie sehr sie sich bemüht hatten selbst an Allem Mangel leidend ihm
die Beschwerden des Rückzuges zu erleichtern so äußerte er gegen den General
seine Freude darüber dass der verwaiste Knabe in ihm einen großmütigen
Beschützer gefunden hätte
Lassen wir die Großmut beiseit sagte der General Sie wissen was mir der
alte Bertrand war aber Sie wissen nicht dass ich seine Frau früher unter andern
Verhältnissen kannte
Doch sagte Evremont lächelnd ich erinnere mich der schönen Dame recht
wohl die damals in Ihrer Begleitung war als Sie siegreich in Schloss Hohental
einzogen wo ich in der Zeit ein demütiger Gefangener war und ich habe nicht
ohne Erstaunen erst später erfahren dass dieselbe Marketenderin
Lassen wir dies alles sagte der General ihn ernstaft unterbrechend mir
tun alle diese Erinnerungen nicht wohl Genug Sie sehen dass es mir aus vielen
Gründen wohltut Bertrands Knaben mit dem meinigen zu erziehen und Sie können
beide hier sehen wenn Sie wollen Die Verwandte unserer Freundin hat zwei
Kinder und da die Wittwe Don Fernandos oder die Baronin Schlebach Kinder sehr
liebt ohne selbst Mutter zu sein so werden meine beiden Knaben oft hieher
geführt als Spielgesellen der andern und sie sind jetzt eben hier Auf
Evremonts Äußerung dass es ihm Freude machen würde die Kinder zu sehen die
der General der Baronin wie sie hier genannt wurde mitteilte erschienen die
beiden Knaben und Evremont wurde überrascht durch die kühnen Augen Bertrands
mit denen dessen Sohn ihn anbljetzte und durch die große Ähnlichkeit des
übrigen Gesichts mit dem Sohne des alten Lorenz
Ist es nicht ein sonderbares Spiel der Natur sagte die Baronin sich an
Evremont wendend und den Knaben unter Liebkosungen in ihre Arme schließend wie
sehr dies Kind Don Fernando ähnlich sieht
Evremont hätte ihr die Ähnlichkeit leicht erklären können doch schwieg er
darüber und lobte nur die Schönheit und den klugen Blick des Knaben und
verriet auch später dem General nicht in welchem Zusammenhange dies Kind mit
dem Gemahle der Dame stehe die sich für Evremonts Verwandte hielt denn er
traute diesem nicht Zurückhaltung genug zu um ein Geheimnis das ihm vielleicht
komisch dünken würde ernstaft zu verschweigen
Es ließ sich leicht bemerken dass die Wittwe Don Fernandos ein zärtliches
Andenken für ihn im Herzen bewahrte trotz alles von ihm erduldeten Unrechts
und sie wusste es Evremont Dank dass er Gefühle des Unwillens und der Verachtung
die sie ihm damals verriet als sie in Folge der kürzlich empfangenen Eindrücke
noch ihr volles Leben in ihrer Seele hatten die nun aber die Zeit abgeschwächt
hatte nicht weiter berührte eine Schonung die Evremont geübt haben würde
wenn ihn auch nicht die Zärtlichkeit mit der sie den ihm ähnlichen Knaben
liebkosete hätte bemerken lassen dass ihr das Andenken des Gemahls noch teuer
war
Der Sohn des Generals schien die Sorgen des Vaters zu rechtfertigen denn er
verriet in der Tat nicht so viel Geist und Feuer als sein ihm in allen Dingen
überlegener Spielgeselle und den sanften Charakter der sich in dem Kinde
aussprach schien der Vater nicht gehörig zu würdigen
Es waren alle Gemüter noch zu sehr durch die neuesten Umwälzungen in
Frankreich aufgereizt als dass eine Gesellschaft lange hätte beisammen sein
können ohne dass sich das Gespräch auf die Ereignisse des Tages gerichtet hätte
Der Tod des Marschalls Nei war damals das allgemeine Gespräch Mit Tränen in
den Augen sprach der General von der Hinrichtung des von ihm bewunderten Helden
und alle Äußerungen die Evremont hier über diese traurige Begebenheit hörte
waren weit von jeder vernünftigen Mäßigung entfernt und er selbst sprach durch
sein Gefühl und das Beispiel hingerissen seinen Schmerz darüber ohne Rückhalt
aus Endlich brach er auf nachdem er der Wittwe Don Fernandos das Versprechen
hatte geben müssen das Recht eines Verwandten zu benutzen und ihr Haus während
seines Aufenthaltes in Paris täglich zu besuchen Der General Klairmont war mit
ihm gegangen und forderte ihn auf diesen Tag ganz mit ihm zu verleben und
Evremont war bereit den Wunsch des alten Freundes seines Vaters zu erfüllen Im
Laufe des mannichfach wechselnden Gesprächs das unter beiden Kriegsgefährten
während des Tages Statt fand bemerkte Evremont scherzend der General sei so
einheimisch im Hause der Baronin dass die Hoffnung nicht ganz unbegründet
erscheine ihn noch dort als den Herrn des Hauses zu begrüßen Nein Freund das
ist nichts sagte der General Trotz aller Liebe die Don Fernandos Wittwe noch
für den verstorbenen Gemahl äußert scheint sie doch durch ihn die Überzeugung
gewonnen zu haben dass die Bande der Ehe keine Fesseln aus Rosen sind und ich
betrachten Sie mich mein Haupt ist kahl geworden und die übrig gebliebenen
Haare beginnen schon stark zu ergrauen Nein Freund für mich ist es nicht mehr
Zeit an Liebe und Ehe zu denken für mich ist die Zeit der Freundschaft den
liebenswürdigen Frauen gegenüber eingetreten und diese Meinung scheint die
Baronin auch zu hegen
Evremont musste in der Tat bemerken dass der General sehr alt geworden war
und dass die Beschwerden des Krieges diesen Zustand früher herbeigeführt hatten
als es die verlebten Jahre mit sich brachten Und dennoch versicherte der
General dass er an dem heutigen Tage ungemein heiter und lebendig gewesen sei
weil ihn die Freude einen so braven Kriegsgefährten und den Sohn seines alten
Freundes wieder zu sehen außerordentlich aufgeregt habe Auch ihm musste
Evremont als sie sich endlich trennten das Versprechen geben mit ihm während
seines Aufenthaltes in Paris so oft als möglich zusammen zu sein
XV
Der vergangene Tag hatte in Evremonts Seele vielfache Erinnerungen lebhaft
aufgeregt Der oft erwähnte Tod des Marschalls Nei hatte die Trauer über den
Fall dieses Helden schmerzlich erneuert und er beschloss in der Stille am frühen
Morgen die Stelle zu besuchen wo das bravste Herz von Kugeln durchbohrt
aufgehört hatte zu schlagen Er war deshalb am andern Morgen sehr früh allein
ausgegangen um von Niemandes Auge bemerkt sein Herz zu befriedigen und im
Geheim diese stille Todtenfeier zu begehen Er hatte den Garten Luxemburg
erreicht und näherte sich der Stelle wo der Boden das Blut des Helden
getrunken dessen kühne Seele sich auch im letzten Augenblicke nicht verläugnet
hatte Als Evremont sich dem verhängnisvollen Platze näherte bemerkte er dass
ihm Jemand in gleich liebevoller Erinnerung zuvorgekommen war Er sah auf der
Stelle wo der Marschall gefallen war einen Mann in abgetragener Uniform
knieen eine Hand hatte das Gesicht bedeckt und Evremont bemerkte dass der
linke Arm dem Krieger fehlte der hier das Andenken seines Feldherrn verehrte
Er wollte sich zurückziehen um den Knieenden nicht zu stören und zu
überraschen Das geringe Geräusch aber das diese Bewegung verursachte traf das
Ohr des Knieenden der Evremonts Annäherung nicht vernommen hatte Die das
Gesicht verdeckende Hand sank herab ein mageres sehr bleiches Gesicht erhob
sich dunkel glühende tief liegende Augen starrten Evremont an der einen
Schritt zurücksprang und dem das einzige Wort Lamberti von den Lippen floh
Kommst Du endlich Adolph sagte der so Angeredete ohne sich von den Knieen zu
erheben mit sanfter Stimme Lange fuhr er fort habe ich diesen Augenblick
erwartet und meine Seele darauf bereitet ich werde Dir nicht widerstreben und
wenn Du auch keinen Zeugen wider mich aufzustellen hast Ich werde das
Verbrechen nicht leugnen und ich würde mein Leben auch auf dem Schaffot freudig
von mir werfen wenn es meiner armen Mutter verborgen bleiben könnte ach und
ihr der Unglücklichen er schwieg und die magere Hand bedeckte von Neuem
seine Augen
Wenn ich auch sagte Evremont nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt
hatte Gefühle der Rache hätte nähren können so würden sie doch hier aus meinem
Busen schwinden wo sich unsere Herzen wenigstens noch in einer Empfindung
begegnen Er wollte sich zurückziehen doch der Knieende erhob sich nun und
sagte indem das glühende Auge auf Evremont ruhte Und wäre es möglich könntest
Du vergeben hier wo das Blut des Helden floss den wir beide verehrten
Ich habe schon längst ein Verbrechen verziehen dessen Ursache ich nie habe
enträtseln können sagte Evremont
O Gott rief der verstümmelte Lamberti in Tränen womit habe ich elender
Sünder Deine Gnade verdient Du nimmst die Last seines Fluches von meiner Seele
nicht ohne Sakrament und Beichte werde ich sterben denn ich beichte die
grässliche Missetat täglich und mich mich Unwürdigen allein rettet die ewige
Gnade von dem Pfuhl der Verdammnis in die meine unglücklichen Brüder beide
gesunken sind beide ohne Beichte dahin gegangen beide ewig verloren
In Evremonts Seele hatten verschiedene Empfindungen mit einander gekämpft
Er hatte das Wort früherer brüderlicher Vertraulichkeit womit Lamberti ihn
anredete nicht erwidern mögen und scheute sich doch auch ihn durch das
entschiedene Zurückweisen dieser Vertraulichkeit zu kränken Jetzt aber übte der
Anblick des so völlig zerknirschten Sünders volle Gewalt über sein Herz und nur
großmütigen Empfindungen Raum gebend sagte er mit milder Stimme Du quälst
Dich ohne Grund Francesco Dein Bruder Antonio ist nicht ohne Beichte
gestorben Ich selbst habe den Priester auf dem Schlachtfelde von Borodino wo
er verstümmelt lag zu ihm geführt und meine Verzeihung und die Vergebung
seiner Sünden haben seinen Tod erleichtert den er kämpfend wie ein Held fand
Und Du rief Lamberti und Du hast diese Großmut an Deinem Mörder geübt O
so kröne Dein Werk nimm die grässliche Last von der Seele einer verzagenden
Mutter die alle ihre Kinder für die Verdammnis geboren zu haben glaubt Sie
würde mir nicht glauben fuhr er flehend fort sie würde meinen dass ich mir
dies alles unser Zusammentreffen hier in Fieberträumen eingebildet habe die
freilich oft meine Seele verwirren O komm rief er als er sah dass Evremont
noch zögerte O komm Du hast einem Deiner Mörder in der Stunde des Todes den
Priester zugeführt und seine Seele gerettet Du hast dem andern verziehen o
komm nun auch ein Bote des Himmels und tröste die schuldlose Mutter
Wohl sagte Evremont ich will auch dies tun um Deiner Seele den Frieden
zurück zu geben der Dir nur zu sehr mangelt zeige den Weg ich folge Dir Ein
Blick staunender Dankbarkeit belohnte ihn für den großmütigen Entschluss Beide
verließen den Garten und ein misstrauischer Gedanke flog durch Evremonts Seele
als sein Führer ihn in eine entfernte Vorstadt führte und sie ihren Weg durch
enge krumme und schmutzige Straßen nahmen Könnte er der mich schon ein Mal
ermorden wollte dachte er nicht auch jetzt einen verruchten Plan entwerfen und
mich in irgend einem abgelegenen Winkel vielleicht den Händen seiner Genossen
überliefern und ich verschwände von der Erde ohne dass eins der mir teuren
Wesen die Ursache dieses Verschwindens ahnen könnte denn diese Unvernunft wird
mir Niemand zutrauen dass ich meinem Mörder freiwillig in seine Höhle folge
Seine Schritte wurden durch diese Gedanken unwillkürlich zögernd und langsam
und Lamberti blickte mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf seinen
Begleiter und sagte Ich sehe es Dich gereut Dein großmütiger Entschluss ich
fühle nur zu wohl dass ich Dein Misstrauen und nicht Deine Güte verdiene
Ich hege kein Misstrauen sagte Evremont in dem ein Blick auf die
Jammergestalt Beschämung über seine Besorgnis hervorrief aber ich fühle mich
seltsam ermüdet ist Deine Wohnung noch weit Wir sind zur Stelle antwortete
Lamberti indem er vor einem schmalen hohen Hause stehen blieb und die Klingel
zog um Einlass zu begehren Nachdem sie eine Zeit lang gewartet hatten öffnete
ein altes schmutziges Weib die Türe und Evremont folgte seinem Führer endlose
Stufen vieler Treppen hinauf und er bereitete sein Herz auf den Anblick des
tiefsten von Unordnung Unsauberkeit und dem ganzen scheußlichen Gefolge der
Armut begleiteten Elends vor Er wurde also um so angenehmer überrascht als
nachdem sie endlich die Höhe erstiegen hatten die Türe der Wohnung seines
Begleiters sich öffnete und sie in ein kleines aber äußerst reinliches Zimmer
traten dessen schlechte Möbel in gefälliger Weise geordnet waren und aus dem
ein angenehmer Wohlgeruch den Eintretenden entgegen strömte der durch einige
blühende Pflanzen die auf dem einzigen schmalen Fenster im Gemache standen
verbreitet wurde In der Nähe des Fensters saß ein Mädchen welches über die
Jugend hinaus und vielleicht durch Kummer noch mehr verblüht war als durch die
Macht der Jahre vor ihr auf dem Tische stand ein Karton mit künstlichen Blumen
und sie war eben damit beschäftigt noch andere zu vollenden die unter ihren
geschickten Händen eine treue Nachahmung der Natur wurden Nachdem sie Lamberti
mit Teilnahme und Evremont mit Anstand gegrüßt hatte fuhr sie mit ihrer
Beschäftigung fort und Lamberti ging nachdem er seinen Begleiter gebeten hatte
hier zu verweilen in ein anderes noch kleineres Gemach näherte sich einem
Bette dessen Vorhänge man in dem vorderen Zimmer bemerken konnte und fragte
mit leiser Stimme Schläfst Du meine gute Mutter
Wie könnte ich schlafen antwortete eine matte kranke Stimme wenn ich
bemerke dass Du die Nächte ohne alle Ruhe hinbringst wenn die Qualen Deiner
Seele Dich vor Tage aus dem Hause treiben und ich weiß dass Du Dich in
schrecklichen Bussen abmarterst und doch nicht retten kannst was ewig verloren
ist ja ich noch fürchten muss dass Du im Wahnsinne der Verzweiflung Dein Leben
selber endest und dann alle meine Kinder auf ewig verloren sind
Mutter sagte Lamberti mir ist heute ein Bote des Himmels erschienen er
hat meiner Seele Frieden gebracht und wird auch die Deinige beruhigen Der den
ich ermorden wollte hat mir vergeben und er ist hier Dir zu bezeugen dass
auch Antonio wie ein Christ mit seinem Gotte versöhnt gestorben ist Ja er
selbst hat ihm vergeben und auch selbst den Priester zu ihm geführt der die
Last der Sünde von seiner Seele genommen hat
Redest Du im Fieber rief die Mutter Großer Gott ist schon eingetreten
was ich so lange befürchtete hat sich der Wahnsinn Deines Geistes bemächtigt
Nein gute Mutter sagte Lamberti der seine Tränen nicht mehr zurück
halten konnte er ist hier er wird an Dein Lager treten und meine Worte
bekräftigen Wo rief die Mutter wo Hilf mir dass ich mich erhebe dass ich zu
seinen Füßen um Vergebung für meine sündigen Kinder flehe dass ich ihm Dank für
eine Großmut sage die sich nicht oft auf Erden findet
Das im vorderen Zimmer sitzende Mädchen hatte bei dem Anfange der
Unterredung zwischen Mutter und Sohn still fort gearbeitet und ihre Tränen auf
ihren Busen niederfliessen lassen Beim Fortgange derselben erhob sie den
feuchten Blick zu Evremont auf den ersten Laut der Mutter aber der Beistand
forderte flog sie in das kleine Nebenzimmer und bald erschien auf ihren und
Lambertis Arm gestützt eine reinlich gekleidete Alte die sichtlich an der
Gicht litt und sich ohne Stütze nicht wohl bewegen konnte Lasst mich sagte sie
zu den sie Führenden lasst mich jetzt dass ich die Kniee dieses großmütigen
Mannes umschlinge und ihn anflehe mir zu wiederholen was Du mein
unglücklicher Sohn mir verkündetest damit ich mich von der Wahrheit Deiner
Worte überzeuge Sie wollte sich zu Evremonts Füßen werfen er gab es jedoch
nicht zu sondern stützte sie mit seinen Armen führte sie zu dem einzigen im
Zimmer befindlichen Lehnsessel und wiederholte ihr alles was sie beruhigen
konnte
Können Sie bei der Mutter Gottes und ihrem gekreuzigten Sohne schwören
fragte die Alte dass Sie derselbe sind gegen den meine Söhne ein so
schreckliches Verbrechen ausüben wollten dass alle Ihre Worte wahr sind und dass
Sie aufrichtig und von Herzen vergeben Halb unwillig über dies Misstrauen legte
Evremont die Finger auf ein Krucifix auf welches die Alte deutete und das auf
einem kleinen Betaltare unter einem mit künstlichen Blumen umkränzten
Muttergottesbilde lag und sagte Ich schwöre es auf dies uns allen heilige
Zeichen des Kreuzes dass meine Worte wahr sind und meine Vergebung aufrichtig
ist
So verzeihen Sie auch meine letzte Forderung noch sagte die Alte mit
hervorbrechenden Tränen Eine Großmut wie Sie sie zeigen ist so selten in
unserer sündigen Welt in den rachgierigen Herzen der Menschen dass mich nur
eine feierliche Versicherung ganz beruhigen konnte Ach Sie wissen nicht fuhr
sie fort indem sie den tränenden Blick und die zitternden gefalteten Hände
zum Himmel erhob welche Folterqualen Sie von unser aller Herzen nehmen Da ich
weiß dass mein Sohn Antonio wie ein Christ gestorben ist so darf ich ja hoffen
dass auch Kamillo vielleicht noch diese Gnade Gottes vor seinem Ende gefunden
hat und Francescos Seele wird nun ruhiger werden und wir werden alle die
Trübsale des Lebens geduldiger tragen und allen diesen Segen bringen Sie in die
Hütte der Armen Es kann für diese Handlung eines wahren Gott ergebenen
Christen die reinste Vergeltung nicht ausbleiben
Wenn Du glaubst sagte Evremont sich an Lamberti wendend dass ich irgend
eine Vergeltung verdiene so kläre mich darüber auf was Dich und Deine Brüder
so feindlich gegen mich stimmen konnte zu einer Zeit wo ich mich Euch mit Liebe
und jugendlichem Vertrauen ohne Rückhalt hingab und Ihr mir diese Empfindungen
zu erwidern schient
Ich will es rief Lamberti mit einem tiefen Seufzer ich will Dir die ganze
furchtbare Tiefe der menschlichen Seele zeigen die Liebe und Verbrechen
zugleich hegen und im Gefühle der Freundschaft auf Mord sinnen kann
Nein ich will es sagte die Mutter ich will Dein Verbrechen nicht
beschönigen aber Du sollst Dich nicht härter anklagen als es diese Tat allein
schon tut Damit Sie den ganzen Zusammenhang dieser Begebenheit einsehen fuhr
sie zu Evremont gewendet fort muss ich auf mein eigenes Leben zurückgehen
Meine Eltern waren arme rechtliche Leute und wir lebten in einer Vorstadt
von Florenz wo wir dadurch reichlichen Unterhalt fanden dass ein Jeder bemüht
war so viel seine Kräfte erlaubten zu erwerben Mein Vater trieb einen kleinen
Handel meine Mutter verstand das Flechten der feinen so beliebten Strohhüte
und ich selbst war dafür bekannt die schönsten Blumen aufs Künstlichste
nachzubilden So floss unser Leben ruhig dahin unsere mäßigen Wünsche vermochten
wir zu befriedigen und beneideten Niemanden Ich war ungefähr siebzehn Jahr alt
geworden als ein Herr Lamberti in Florenz erschien und nicht weit von unserer
Behausung seine Wohnung nahm Die Nachbaren die mit ihm in Berührung kamen
konnten seine Freigebigkeit nicht genug rühmen seine Heiterkeit und gute Laune
bezauberte Jedermann und die Mädchen waren entzückt von seiner schönen Stimme
und seiner Kunstfertigkeit auf der Guitarre Das Gerücht verbreitete von ihm er
sei aus dem Römischen und habe sich von dort zurückgezogen weil einiger freien
Äußerungen über Religion wegen er Verfolgungen von der geistlichen Regierung
zu erdulden gehabt habe die ihn so ernstlich bedroht hätten dass er es
vorgezogen sein Vaterland zu verlassen
Es währte nicht lange so suchte er mit meinem Vater in Verbindung zu
kommen der sich in der Gesellschaft des heitern vielerfahrnen Mannes
wohlgefiel und bald war Herr Lamberti der Freund unseres Hauses den Jeder
schmerzlich vermisste wenn er einmal eine Stunde über die gewohnte Zeit seines
Erscheinens ausblieb Mir konnte nicht entgehen dass ich der Magnet war der ihn
herbei zog Meine Eltern bemerkten es eben so wohl und da der erfahrne Mann die
Neigung wohl erkannte die er mir einzuflößen gewusst hatte und von meinen
Eltern keine Hindernisse zu besorgen waren so hielt er um meine Hand an die
ihm mit Freuden bewilligt wurde In unserer Nachbarschaft wurde mein glänzendes
Glück wie man diese Heirat nannte mit Neid gepriesen Ich fühlte mich in der
Tat selbst glücklich und hatte nichts dagegen als mir mein Gatte ankündigte
er habe einen Grundbesitz in einem kleinen Orte in den Appeninen erworben Ich
würde ihm mit Freuden dahin gefolgt sein wenn nicht der Kummer darüber dass ich
mich von meinen Eltern trennen musste diese Freude getrübt hätte In der Tat
sah ich sie auch nach dieser Trennung nicht mehr wieder denn ein bösartiges
Nervenfieber raffte im folgenden Jahre Beide hinweg
In unserem neuen Wohnorte hatte mein Gatte unser Haus für die dasige Gegend
kostbar eingerichtet so dass es den Neid mancher Einwohner erregte während
andere sich uns mit einer Art von Ehrerbietung näherten und es schmeichelte
mir dass diese sämtlich meinem Gatten bei allen Gelegenheiten unbedingt zu
gehorchen schienen Zuweilen besuchten uns hier auch Fremde von denen mir
Lamberti sagte dass es seine Bekannten aus früheren Zeiten wären und die er mir
bald als reisende Kaufleute bald als Officiere nannte Ich bemerkte wohl dass
sie viele geheime Gespräche mit einander führten aber ich glaubte es sei die
Pflicht einer Frau da nicht eindringen zu wollen wo ihr Gatte ihre Teilnahme
nicht wünschte Oft auch entfernte sich Lamberti nach einem solchen Besuche eine
Zeitlang aus der Gegend und immer kehrte mit ihm neuer Überfluss in unsere
Wohnung zurück Bald sagte er mir er habe einen glücklichen Handel gemacht
bald er habe einen Prozess oder im Lotto gewonnen und ich bewunderte sein
außerordentliches Glück und dankte Gott mit kindlicher Einfalt für den reichen
Segen
Ich hatte meinem Gatten nach und nach drei Söhne geboren Die Knaben wuchsen
heran und vor allen war Kamillo der Liebling des Vaters denn er behauptete in
dessen wilder und rauer Gemütsart die mir Tränen des bittersten Kummers
auspresste die künftige Stütze des Hauses zu erblicken Ich wurde nachdem ich
drei Söhne geboren hatte nicht wieder Mutter und da sich mein Herz nach einer
Tochter sehnte nahm ich mit Lambertis Bewilligung meine gute Lucretia als
elternlose Waise zu mir und erzog sie mit mütterlicher Liebe Bald ließ es sich
bemerken dass sie und Francesko die zärtlichste Neigung verband Um die Zeit
kurz vor der französischen Revolution suchte uns in unserer entlegenen Ortschaft
ein Herr St Julien auf der in Handelsgeschäften eine Reise nach Italien
gemacht hatte und da ihm in Frankreich keine Verwandten lebten suchte er diese
weitläuftigen Vettern auf die mit ihm durch seine Mutter eine Italienerin und
geborene Lamberti im entfernten Grade verwandt waren Er freute sich der
kräftigen Jugend meiner Söhne und wollte ihren Vater bestimmen ihm einen zu
überlassen der die Handlung bei ihm lernen und nach seinem Tode seine Geschäfte
fortsetzen könne
Mit seltsamem Lächeln antwortete Lamberti auf diesen gütigen Vorschlag dass
er ihm selbst einen Sohn nach Paris bringen werde und dass er hoffe er werde
sich noch vorher von dessen Brauchbarkeit überzeugen Der gute Herr St Julien
machte uns allen vor seiner Abreise bedeutende Geschenke denn er hatte große
Summen und viele Juwelen bei sich
Es war nichts Auffallendes darin als Lamberti eine Stunde nach der Abreise
des Herrn St Julien ebenfalls aufbrach und dies Mal seinen Lieblingssohn
Kamillo mit sich nahm denn er hatte verschiedene Male gegen mich geäußert dass
ein Geschäft welches ihm großen Gewinn verspräche dringend seine Abwesenheit
fordere und dass er seine Abreise nur verschiebe um einen geehrten Verwandten
nicht früher zu verlassen als bis dieser gesonnen sei seine Reise fortzusetzen
Nach einer Abwesenheit von drei Tagen kam Lamberti ungemein heiter und mein
Sohn Kamillo in ausgelassener Fröhlichkeit zurück Mein Gatte sagte mir da
seine Geschäfte sich weit über seine Erwartung zu seinem Vorteile gewendet so
habe er mir ein bedeutendes Geschenk mitbringen wollen und überreichte mir bei
diesen Worten einen kostbaren Ring den ich im ersten Augenblicke mit Freuden
im zweiten mit Entsetzen betrachtete Gott rief ich aus wie kommst Du zu
diesem Ringe Er gehörte ja dem guten Herrn St Julien Wie kann dies sein
fragte Lamberti verwirrt indem er die Farbe veränderte was indes damals noch
keinen Argwohn in mir erregte woran willst Du dies erkennen Es ist kein
Zweifel erwiderte ich Der gute Mann zeigte mir einige Juwelen und mir gefiel
die Fassung dieses Ringes ungemein Ich würde ihn Ihnen zum Andenken schenken
sagte der treffliche Mann wenn ihn nicht meine Mutter getragen hätte zu deren
Andenken ich ihn bewahre und deren Haar er enthält Er drückte auf diesen
kleinen Punkt hier und siehst Du fuhr ich fort wie jetzt hob sich der
mittlere Stein und siehst Du hier ist das wenige graue Haar eingeschlossen
Nimmermehr hätte er diesen Ring freiwillig weggegeben er ist gewiss in die Hände
schändlicher Räuber gefallen und vielleicht gar von ihnen unbarmherzig
erschlagen worden
Warum nicht gar sagte Lamberti unwillig und setzte gleich darauf ruhig
hinzu Wenn dem aber so ist wie Du sagst so muss der Ring zu seinem Eigentümer
zurück an den ich sogleich deshalb schreiben werde Gebe Gott dass er lebt
sagte ich weinend indem mein Gatte das Kleinod aus meinen Händen zurücknahm Du
bist eine Törin sagte dieser mit Härte zu mir nicht jeder wird erschlagen
dem die Last des Reichtums etwas erleichtert wird Er verließ mich hierauf und
winkte seinen Sohn Kamillo mit sich hinweg dessen spöttisches Lächeln mir in
diesem Augenblicke durchs Herz schnitt Seit der Zeit stürmte ich oft mit
Fragen auf Lamberti ein ob er keine Nachricht von Herrn St Julien habe bis er
mir endlich mürrisch antwortete Höre auf mich um des alten Spiessbürgers Willen
zu quälen er lebt gesund und wohl in Frankreich und ist dort so reich dass er
den kleinen Verlust hier in Italien leicht verschmerzen kann
Also ward er doch wirklich von Räubern angefallen rief ich bestürzt
Das hat ja meine kluge Mutter gleich beim Anblick des schönen Ringes
erraten sagte Kamillo lachend und zu meinem Erstaunen stimmte der Vater in
das Gelächter ein Es war überhaupt seit dieser Zeit eine Veränderung in unserem
Hause eingetreten Der Vater gab den Söhnen mit Verschwendung alles was sie
begehrten um jede törichte Leidenschaft der Jugend zu befriedigen und meine
beiden älteren Söhne überließen sich allen Ausschweifungen wozu die Jugend nur
zu geneigt ist und vielleicht wurde von ähnlichen Vergehen Francesko nur durch
die Liebe zu meiner sanften Lucretia zurückgehalten dabei brachte der Vater
seinen Lieblingssohn Kamillo in eine solche Stellung gegen seine Brüder dass er
völlig ihr Herr wurde und er wusste diese Herrschaft durch Klugheit und durch
seinen kühnen Geist fortwährend zu behaupten Auf allen Reisen des Vaters
begleitete ihn nur Kamillo und ich bemerkte bald dass diejenigen Nachbarn die
den Vater zu verehren schienen dem Sohne beinah die gleiche Achtung bewiesen
Der Strom der französischen Revolution breitete sich auch über andere Länder
aus und meine Söhne sowohl als ihr Vater wurden von dem allgemeinen Schwindel
ergriffen Mit Entzücken sah der nun alternde Vater wie alle seine Söhne die
Waffen ergriffen und rief Recht meine Kinder sucht Euer Glück wo es jetzt
Viele finden ich bin noch rüstig genug hier unserm Geschäft allein
vorzustehen Ehe sich meine Söhne mit den republikanischen Truppen vereinigten
zu denen sie nun gehörten hatte sich Lamberti mit meinem Sohne Kamillo lange
eingeschlossen und sie hatten wie es schien ernste und wichtige Unterredungen
mit einander Francesko benutzte diese Zeit mir seine Empfindung mitzuteilen
und er und Lucretia legten in meine Hand das Gelübde ab für das ganze Leben
einander anzugehören
O welche Hoffnungen unterbrach sich die Mutter der Lambertis weinend
täuschten damals meine liebende Seele Ich sah meine Söhne durch ihren Mut
emporgehoben im Geiste in hohen kriegerischen Ehren ich sah meinen Francesko
den Liebling meines Herzens in bedeutendem Range sich mit der schönen Lucretia
verbinden und sah mich als die glückliche Ahnfrau künftiger Geschlechter Ja
sie war eine Schönheit fuhr die Alte fort als sie bemerkte dass Evremonts
Blick zu dem still arbeitenden Mädchen hinüberstreifte der Kummer hat diese
Blüte schnell gebrochen aber sie war damals eine blühende Schönheit
Evremont bemerkte jetzt erst das griechische Profil und die edelen Formen des
Kopfes wodurch so viele Florintinerinnen ausgezeichnet sind und die
Beschämung die sie bei Erwähnung ihrer vergangenen Schönheit empfand zauberte
diese auf einen Augenblick zurück denn die funkelnden halb niedergeschlagenen
Augen die glühenden Wangen zeigten flüchtig dem Beobachter was sie in der
Blüte der Jugend gewesen sein musste
Meine Söhne hatten uns verlassen fuhr die Alte fort und ich und Lucretia
lebten sehr einsam denn Lamberti war oft abwesend und kehrte nicht immer so
heiter zurück wie früher ja es entfuhren ihm zuweilen Klagen über die
Nichtswürdigkeit feiger Schurken die ihre Zunge bei dem Anblicke des Todes
nicht fesseln könnten und ihre Freunde denen sie Treue gelobt dadurch in
Gefahr brächten Zugleich bemerkte ich dass viele von unsern Nachbarn ihren
Wohnort verließen indem sie behaupteten sie könnten anderswo auf eine
vorteilhaftere Art sich ansiedeln Auch Lamberti äußerte oft es würde ihm in
den Gebirgen zu einsam er wolle nach Florenz oder nach Mailand ziehen um so
mehr da er vom Kirchenstaate ausgehende Verfolgungen auch hier zu befürchten
habe Um die Zeit hatte er erfahren dass Herr St Julien geheiratet und einen
Sohn seiner Gemahlin aus erster Ehe adoptirt habe dem er sein ganzes Vermögen
zuwenden wolle Diese Nachricht versetzte ihn in unglaubliche Wut und er
fluchte dem Verwandten der seine rechtmäßigen Erben auszuschliessen dächte Ich
machte ihn vergeblich darauf aufmerksam dass unsere Verwandschaft mit Herrn St
Julien so entfernt sei dass sie kaum diesen Namen verdiene und wenn wir auch
ganz nahe Verwandte wären so bleibe er ja doch immer Herr seines Vermögens und
könne es zuwenden Wem er wolle Ich hoffe erwiderte Lamberti Kamillo wird
Mittel für alles dies finden Um ihn zu besänftigen sagte ich der gute alte
Mann bewies uns und besonders den Kindern so viel Wohlwollen dass er sie gewiss
nicht übergehen wird wenn er auch sein Hauptvermögen seinem adoptirten Sohne
zuwendet
O diese reichen Bürger antwortete mir Lamberti hierauf mit Bitterkeit
entziehen dem alles Wohlwollen der ein wenig dreist von ihrem Überfluss
fordert Aber wir sind Herrn St Julien ja nie zur Last gefallen bemerkte ich
Sprich nicht über Dinge die Du nicht beurteilen kannst sagte Lamberti
rau und verließ mich um an Kamillo zu schreiben der schon Offizier geworden
war und gemeldet hatte dass auch seine Brüder dieselbe Auszeichnung in Kurzem zu
erwarten hätten
Als Lamberti seinen Brief abgesendet hatte verließ er mich um wieder eine
seiner gewöhnlichen Reisen anzutreten die mich ich konnte mir nicht erklären
weshalb zu beunruhigen anfingen und ich blieb mit Lucretia ganz allein Nach
einigen Tagen in der Dämmerung des Abends hielt ein unbekannter Gebirgsbewohner
mit einem kleinen mit Maultieren bespannten Wagen vor unserer Tür und als wir
heraustraten sahen wir mit Entsetzen das todtenbleiche Antlitz Lambertis Er
hemmte durch einen Wink den Schrei der unsern Lippen entfliehen wollte
Macht keinen unnützen Lärm sagte er leise helft mir ins Haus Der
Fuhrmann stand uns bei den Schwerverwundeten hineinzutragen und als wir ihn
aufs Bett in eine bequeme Lage gebracht hatten eilte ohne ein Wort weiter zu
sprechen der Fuhrmann mit seinem Wagen davon
Der Anblick der dringenden Gefahr hemmte meine Klagen und Tränen und ich
wollte einen Wundarzt rufen
Lass das sagte Lamberti es ist überflüssig ich fühle ich sterbe lass mir
Lucretia unsern Pater rufen Lucretia eilte den Geistlichen herbei zu rufen
und wenige Stunden darauf gab Lamberti seinen Geist auf nachdem er mich vorher
dringend ermahnt hatte alle Papiere die ich finden würde zu verbrennen weil
sie mir zu nichts helfen sondern mich nur in Verlegenheit bringen und auf sein
Andenken Schande häufen könnten Ich versprach dies aber im Schmerze über das
Verscheiden meines Gatten dachte ich nicht daran bis mich der Geistliche
ernstaft erinnerte den letzten Willen des Verstorbenen zu erfüllen Ich ging
also an dies Geschäft während der Geistliche und Lucretia alles zur Beerdigung
Nötige besorgten und als ich die Papiere verbrennen wollte belehrte mich ein
zufälliger Blick darauf dass diese Briefe sämtlich in Zeichen geschrieben
waren die ich nicht zu enträtseln verstand Ein einziger italienisch
geschriebener Brief fiel mir in die Hände Er war von Herrn St Julien und das
zärtliche Andenken das ich dem wohlwollenden Manne bewahrt hatte vermochte
mich einen Blick darauf zu werfen Gleich nach den ersten Worten die ich las
war meine Aufmerksamkeit schmerzlich gefesselt Dieser Brief war kurz nach Herrn
St Juliens Besuch bei uns nach seiner Rückkehr in sein Vaterland an Lamberti
gerichtet Er schrieb ihm darin dass er trotz der Dunkelheit der Nacht sehr wohl
die Räuber erkannt habe die ihm im Einverständnisse mit dem Postillon sein Geld
und seine Juwelen in der Lamberti unfehlbar bekannten Bergschlucht abgenommen
hätten dass er es wie eine Gnade des Himmels betrachten müsse dass er in diesem
furchtbaren Augenblicke so viel kalte Überlegung gehabt hätte einzusehen dass
er dies Erkennen nicht verraten dürfe weil sonst das blanke Eisen mit dem der
junge Bösewicht ihn fortwährend bedroht habe sich unfehlbar in sein Herz
gesenkt haben würde um ihm den Verrat unmöglich zu machen Ich will die
Gerichte nicht zur Rache anrufen schloss der Brief aber nur noch bemerken dass
diejenigen die sich auf Gefahr meines Lebens einen Teil meines Eigentums
angemasst haben nie mehr das Geringste von mir erwarten dürfen und sich also
jede Reise zu mir ersparen können weil ich keine Schlange in meinem Busen
erwärmen und keinen Räuber in mein Haus nehmen werde
Ein schreckliches Licht ging mir in diesem Augenblicke auf und der
Geistliche fand mich in Tränen gebadet den unglücklichen Brief in der Hand Er
nahm ihn sah ihn flüchtig durch und warf ihn zu den übrigen ins Feuer Euer
Gatte sagte er mir dann hat mir gebeichtet und die Vergebung seiner Sünden
empfangen schadet Euch nun nicht selbst und tut wie er weislich riet denn
Ihr müsst in Kurzen eine Haussuchung besorgen da ihn die Obrigkeit auf die
Angabe einiger Genossen vielleicht für das Haupt der Räuber halten wird die die
Gebirge unsicher machen und deshalb ist es gut wenn nichts gefunden wird was
diese Meinung bestätigen könnte Ich war zu sehr durch schmerzliche Empfindungen
betäubt als dass ich diesen Rat hätte befolgen können Der Geistliche also
verbrannte selbst alles noch Übrige ohne noch einen Blick darauf zu werfen
und eilte mit Lambertis Beerdigung die so feierlich als möglich vollzogen
wurde
Wenige Tage danach rückten Soldaten von Gerichtspersonen begleitet in den
Ort unseres Aufenthalts ein Die verlassenen Häuser der Lamberti ergebenen
Nachbarn wurden durchsucht und auch das unsrige Da aber gar nichts Verdächtiges
gefunden wurde und meine und Lucretiens Unschuld einleuchtend war der Pfarrer
auch die Verwundung Lambertis die sein Ende herbeigeführt hatte verschwieg so
entfernte sich alles Drohende bald wieder aus unserem Gesichtskreise
Aber nicht lange genossen wir die traurige Ruhe die uns geworden war Die
äußere Stille in der ich meine Tage durchlebte wurde durch die ganz Italien
erobernden Franzosen unterbrochen und bei einem kleinen Gefechte wurden mehrere
Häuser des Ortes wo wir lebten angezündet und auch unser Haus und unsre Habe
wurden ein Raub der Flammen Der oft wiederholte Schrecken wirkte nachteilig
auf meine Gesundheit und die Gicht lähmte meine Glieder In diesem traurigen
Zustande wendete ich mich mit Lucretia nach Florenz wo sie durch ihre
geschickte Arbeit die Kosten unseres Unterhaltes bestritt Von meinen Söhnen
empfingen wir wenig Unterstützung denn obwohl Herr St Julien die Großmut
gehabt hatte ihnen dennoch bei seinem Tode eine ansehnliche Summe zu
hinterlassen so hatten doch die älteren Brüder nach ihrer wilden Weise zu leben
bald alles was sie besaßen ausgegeben dem jüngeren Bruder aber hatten sie
keine Rechenschaft darüber abgelegt und Francesko der seit des Vaters Tode
nichts hatte als seinen Gehalt konnte uns nur spärlich unterstützen
In dieser Lage der Dinge schwanden die Jahre dahin bis auch Sie
Kriegsdienste nahmen und das Unglück wollte dass Sie den Umgang mit meinen
Söhnen nur zu eifrig suchten deren falsche Freundschaftsbezeigungen Ihr
argloses Herz verlockten
Nein rief Francesko Lamberti sie war nicht falsch diese Freundschaft Ich
liebte Dich wahrhaft auch Antonio war Dir ergeben und selbst Kamillo konnte
Deinen offenen wohlwollenden Charakter nicht verkennen Es ist ein prächtiger
Junge sagte er oft Schade dass er so bald sterben muss Wir lachten über einen
solchen Ausspruch da Du gesund und blühend warst und die Gefahren des Krieges
Dich nicht mehr bedrohten als uns Nun Ihr werdet sehen sagte dann Kamillo in
seiner gewöhnlichen herrischen Weise dass seine Tage gezählt sind
Endlich nahte jener verhängnisvolle Tag in Schlesien Wir wussten Kamillo
hatte Dich eingeladen ihn mit uns zu verleben und wir freuten uns aufrichtig
Deiner Gesellschaft Kamillo mietete einen Wegweiser mit dem er eine lange
ernsthafte Unterredung hatte Nachdem dies alles geschehen war redete er uns
ungewöhnlich ernst und feierlich an und sagte er habe von unserm verstorbenen
Vater den Auftrag ein uns zugefügtes großes Unrecht für uns unschädlich zu
machen Er habe feierlich die Verpflichtung übernommen für das Wohl der Familie
zu sorgen weil der Vater ihn als den der am Fähigsten dazu sei erkannt habe
er brauche aber jetzt unsern Beistand um dies zu vermögen und er fordere uns
auf ihm in dieser Angelegenheit die zu unser aller Bestem gereiche
vollkommenen Gehorsam zu leisten Wir waren es von Kindheit an gewöhnt unter
seiner Herrschaft zu stehen so dass wir dies ohne uns zu bedenken versprachen
Er nahm eine Reliquie die er am Halse trug hervor und ließ uns einen
furchtbaren Eid darauf schwören ihm blind zu gehorchen und was er befehlen
würde so lange er lebe selbst in der Beichte zu verschweigen Ich zögerte
einen Augenblick doch das Beispiel Antonios riss mich hin und wie er leistete
ich den entsetzlichen Eid Darauf setzte unser Bruder Kamillo das vermeintliche
Unrecht das uns unser Oheim St Julien zugefügt habe auseinander und ich weiß
nicht ob er wirklich selbst getäuscht war oder ob er uns täuschen wollte Er
versicherte durch einen Rechtsgelehrten den Inhalt des uns nachteiligen
Testaments zu kennen worin bestimmt sein sollte dass wenn Du Adolph ohne
Erben stürbest wir drei Brüder in Deine Rechte treten sollten Ihr seht also
ein schloss Kamillo dass Adolph sterben muss so leid es mir auch tut denn ich
würde ihn lieben wenn sein Dasein nicht das unsere verkümmerte und ich tödte
ihn ohne Hass der Pflicht der Selbstverteidigung gemäß wie den Feind der mir
im Felde gegenüber steht Ich schauderte vor diesem Vorsatze zurück doch
Antonio dem künftiger Reichtum lockender als künftige Seligkeit dünkte ging
sogleich darauf ein Ich warf mich meinen Brüdern zu Füßen Memme riefen Beide
Du weißt was Du geschworen hast und ließ mich mit der Verzweiflung ringend
auf dem Boden liegen Du kamst Adolph arglos liefertest Du Dich Deinen Mördern
aus Meine Brüder bewachten mich Ich hätte Dir kein Zeichen geben können wenn
ich es auch gewagt hätte den entsetzlichsten Eid zu verletzen den je eines
Menschen Zunge gesprochen hat Du fragtest mit Teilnahme nach der Ursache
meines blassen verstörten Aussehens Meine Brüder gaben Dir die Antwort dass
ein kalter Brief meiner Braut der nächstens eine förmliche Zurücknahme ihres
Wortes erwarten ließe mich so trübe stimme und Kamillo sagte mir bedeutend
zuwinkend dass der feurige Wein meine gesunkenen Lebensgeister erheben würde Du
selbst zwangst mit gutmütiger Zudringlichkeit mir mehr Wein auf als gut war
bis sich endlich mein Herz in dem Grade verhärtete dass ich dachte Nun wenn er
selbst es nicht besser haben will so mag es denn sein
Man hatte auch Dir selbst nur zu viel Wein aufgenötigt und als wir nun
endlich aufbrechen mussten sassest Du nicht so sicher wie sonst zu Pferde Der
Bauer führte uns wie Kamillo mit ihm verabredet hatte Man machte Dich glauben
wir schlügen einen kürzeren Weg ein um nach der Verspätung mit unsern Truppen
zur rechten Zeit in dem Versammlungsorte zusammen zu treffen Wir hatten eine
einsame Stelle im Walde erreicht Der Führer verschwand und Kamillo gab das
verhängnisvolle Zeichen Wie ein Wütender mit Tränen in den Augen und
Zähneknirschen riss ich Dich von hinten mit der linken Hand vom Pferde es wurde
mir dunkel vor den Augen und in Verzweiflung führte ich Streiche nach Dir mit
denen ich mein eigenes Herz zerfleischte Ich sah nichts mehr bis ich Kamillos
Stimme hörte der rief Es ist genug er ist dahin Ich war betäubt beinah
bewusstlos meine Brüder fassten die Zügel meines Pferdes und rissen mich hinweg
Später hörte ich Du seist aufgesprungen und habest Dich aufs Äußerste
verteidigt Davon habe ich nichts gesehen und es klang mir wie Töne aus weiter
Ferne wie meine Brüder sich unterredeten Deinen Mut lobten und es beklagten
dass Du uns im Wege habest stehen müssen
Wir mussten dem Feinde entgegen gehen und ich hatte nicht Zeit mich den
Qualen des Gewissens zu überlassen Die allererste Kugel die auf einem
Streifzuge der Feind zu uns hinüber sendete riss mir den linken Arm hinweg der
Dich vom Pferde gerissen hatte Schleunige Hilfe rettete mein Leben und als ich
völlig zur Besinnung gekommen und der Verband gehörig geordnet war besuchte
mich Kamillo und sagte Du bist zum Dienste unbrauchbar geworden armer Bruder
um so wohltätiger wird Dir nun unseres alten Oheims Vermögen sein Gedenke
stets des mir geleisteten Eides und da Du nun wenn Du geheilt bist nach
Frankreich zurückgehst so kannst Du der Wittwe unseres Oheims den Tod ihres
Sohnes melden Er teilte mir hierauf das Märchen mit das ich der
unglücklichen Frau für Wahrheit verkaufen sollte Ich bat ihn mich mit diesem
Auftrag zu verschonen Er rief mir den Eid des blinden Gehorsams ins Gedächtnis
zurück und sagte zürnend Ich würde Dich bebende Memme nicht zu diesem
Geschäft erwählen wenn es nicht sehr gut wäre dass die Mutter das Ende ihres
Sohnes durch einen von uns erführe die wir dabei zugegen waren und Du fuhr er
halb spottend fort kannst ihr ja sagen Du habest den Arm in seiner
Verteidigung verloren und die gute Frau wird alle Zeichen Deiner Gewissensqual
für zärtliche Teilnahme an dem Geschick ihres Lieblings halten Er gab mir
Deine Uhr und Dein Taschentuch um es der Mutter einzuhändigen und verließ mich
Noch denselben Abend blieb er in der Schlacht
Mein fürchterlicher Eid zwang mich trotz seinem Tode seinen letzten Befehl
zu erfüllen und nach meiner gänzlichen Heilung die mich lange in Berlin
aufhielt machte ich mich von Reue und Gram erfüllt nach Frankreich auf Ich
übergab Deiner Mutter die Pfänder Deines Todes und erzählte das wohl eingeübte
Märchen Aber von ihr erfuhr ich zu meiner Freude und zu meiner Bestürzung dass
Du wie durch ein Wunder gerettet lebest und in Sicherheit seist Hier erfuhr ich
auch zufällig dass wir wenn auch unsere Gräueltat gelungen wäre sie doch
völlig zwecklos ausgeübt haben würden denn unser Oheim mit Recht wider uns
aufgebracht hatte durch sein Testament seiner Wittwe die einzige Beschränkung
in der Verfügung über seinen Nachlass auferlegt dass er uns durch keinen
denkbaren Fall der eintreten könne jemals zufallen dürfe
Überzeugt nun dass Du uns sobald es die Umstände erlaubten zu blutiger
Rechenschaft ziehen würdest bereitete ich mein Gemüt auf diesen Augenblick
vor und als ich später von rückkehrenden wie ich verstümmelten Kriegsgefährten
erfuhr Du widersprächest dem von Kamillo ersonnenen Märchen nicht so glaubte
ich Du schwiegest bloß weil Dir die Beweise wider uns mangelten und als ich
nun endlich auch Antonios Ende erfuhr und nun meine Seele durch Beichte und
Busse erleichtern durfte legte ich mein furchtbares Geheimnis auch auf meiner
Mutter Herz die mit der liebevollen Lucretia hieher gekommen war wo ich
kümmerlich vom halben Sold lebte um das Leben eines Sünders zu erleichtern
Seit der Zeit habe ich mich auf Deinen Anblick vorbereitet und den Entschluss
gefasst durch ein vollkommenes Geständnis Dir jeden nötigen Beweis gegen mich
zu liefern seit der Zeit lebe ich nur der Reue und Busse
Ja und einer so furchtbaren Busse sagte die Mutter klagend dass meine letzte
Hoffnung darüber schwindet Wir hatten sein Unglück erfahren und seine weinende
Braut meine brave Lucretia sagte Um so mehr bedarf er einer treuen
Begleiterin durch das Leben die ihn sein Unglück vergessen lehrt Wir kamen
nach Paris und das Bekenntnis seines Verbrechens erfüllte das Herz des armen
Mädchens mit Schauder Sie rang mit Tränen und Gebet vor Gott und der heiligen
Jungfrau und sagte Wenn er sich selbst verabscheut wenn die Menschen ihn
meiden Wer soll ihn nach und nach mit sich selbst und mit Gott versöhnen wenn
nicht die treue Freundin seiner Jugend Aber er legte sich so harte Bussen auf
dass sie seine Seele immer zaghafter machten und finster entfernte er sich von
der Liebe und überlieferte sich gänzlich der Qual der Geisselung und jeder
Marter Sein strenges Fasten zehrt jede Lebenskraft auf und führt ihn an den
Rand des Grabes und ich die ich mich lange eine glückliche Gattin eines
geachteten Mannes wähnte und mich endlich als die Genossin eines Räubers fand
die die stolze Mutter dreier in Jugendkraft blühender Söhne war verlor zwei
davon kaum wurde mir der letzte verstümmelt erhalten und dieser letzte wird
vor mir die ich krank und elend bin ins Grab sinken und meine arme Lucretia
wird zum Lohne ihrer endlosen Liebe einsam vergehen wenn sie endlich auch die
Mutter die ihr Fleiß ernährt begraben haben wird
Das schweigende Mädchen erhob sich jetzt und indem sie zum ersten Male die
Lippen öffnete sagte sie ruhig um sich blickend Ich schäme mich meiner treuen
Neigung nicht und ich leugne sie nicht Ein verächtlicher Bösewicht wird gewiss
das Herz des Weibes das ihn aus Täuschung liebte von sich entfernen wenn sie
ihren Irrtum erkennt Aber was bleibt dem Menschen auf dieser armen Erde wenn
das Herz seiner Lieben ihm nicht bleibt die das seinige vollkommen kennen und
es wissen wie vieler schönen Empfindungen es noch fähig ist wenn der schwache
Mensch sich auch zu einem Verbrechen hat hinreißen lassen Ich will fuhr sie
fort Franceskos Tat nicht beschönigen ich erkenne in ihr ein großes
Verbrechen das die Gesetze der Menschen mit dem Tode bestrafen aber Gott der
die Tiefen seines Herzens kennt wird sie ihm dennoch vergeben und so bleibt
auch meine Liebe ihm selbst im Tode treu denn ist er auch ein Verbrecher er
ist kein Bösewicht und wenn ihn Alles verlässt so wird mein Herz ihm noch
Trost meine Seele noch Achtung bieten
Nicht ohne Rührung sagte Evremont sich an Francesko wendend Du siehst die
Milde der ewigen Liebe abgespiegelt in einer Menschenbrust aber wie uns dieser
Anblick auch innig bewegt und uns zur Ehrerbietung zwingt glaubst Du nicht dass
Gottes Liebe dennoch milder ist als die auch der besten Menschen Darum ermanne
Dich Francesko und gelobe mir Eins Er bot dem reuigen Sünder die Hand die
dieser heftig ergriff in demselben Augenblicke schmerzlich zusammenzuckend Was
hast Du wieder fragte Evremont mit edler Ungeduld
Es schmerzt und entzückt mich sagte Francesko dass Deine reine großmütige
Hand so arglos in der Mörderhand ruht die feindlich Dein edles Herz zu treffen
suchte Lass das antwortete Evremont ihm die Hand schüttelnd und antworte mir
willst Du mir geloben was ich von Dir fordere
Ich will sagte Francesko und Gott sei mein Zeuge ich will es noch treuer
halten als meinen freventlichen Eid
So gelobe mir sagte Evremont feierlich Dir selbst zu vergeben wie ich Dir
von ganzem Herzen verzeihe Gelobe mir Deine künftige Busse nur in Werken der
Liebe zu üben und es zu unterlassen Dich selbst zu martern damit Du den Deinen
ein Trost sein und ihre Leiden mindern kannst statt ihren Jammer zu vermehren
Gelobst Du mir dies
Ja ich gelobe es Dir sagte Francesko mit hervorbrechenden Tränen Du hast
in dieser Stunde die Qualen der Hölle von meiner Seele genommen und ich werde
mir wieder ein Mensch unter Menschen und nicht mehr ein ausgestossener Verbrecher
scheinen
Evremont trat zu dem Tische an dem das Mädchen gearbeitet hatte und indem
er zwei schöne Rosen nahm sagte er zu ihr Nicht wahr Sie geben mir diese dass
ich sie meiner Gattin als ein Andenken an eine schöne Stunde bringe Lucretia
neigte bejahend das Haupt denn sie vermochte vor Rührung nicht zu sprechen und
Evremont verließ von den Segenswünschen der Familie begleitet die enge
Wohnung worin nun lauter beruhigte Gemüter zurück blieben
Auf der Straße angelangt nahm Evremont den ersten Mietwagen der ihm
aufstiess weil er durch dies Labyrinth von Straßen nicht nach seiner Wohnung
zurückgefunden haben würde und im Fahren überlegte er was sich für Francesko
tun ließe denn ihm selbst irgend eine Unterstützung anzubieten und so sein
Gefühl aufs Tiefste zu verletzen vermochte er nicht Er dachte an den General
Klairmont und eilte noch denselben Morgen zu ihm um ihm seine Wünsche
vorzutragen die der alte Freund seines Vaters gern zu erfüllen bereit war dem
er nur sagte dass er sich eben erst nach einer langen Zwistigkeit mit Francesko
versöhnt habe und ihm deshalb nicht selbst Hilfe anbieten möge
Es kommt nur darauf an sagte der General dass ich ohne dass es auffällt
mit Lamberti zusammentreffen kann das Übrige wird sich machen denn wenn ich
auch selbst jetzt nicht dienen mag so denken doch nicht alle ehemalige
Kameraden wie ich und ich habe unter den jetzigen Machtabern Freunde genug
die einen armen verstümmelten Krieger ehrenvoll anzustellen vermögen und wenn
Ihre Gabe durchaus verschwiegen bleiben soll so steht es mir doch frei eine
Summe hinzuzufügen damit ich mich nicht gänzlich mit fremden Federn schmücke
Eine Gelegenheit mit Francesko zusammen zu treffen ohne ihn aufsuchen zu
müssen bot sich schon des andern Tages dar Das in Paris neu gewordene
Schauspiel der Einkleidung einer Nonne lockte viele teils andächtige teils
neugierige Zuschauer nach der Kirche wo die Zeremonie Statt fand Unter den
letztern war der General Klairmont mit Evremont und unter den ersteren Lamberti
und die ihn begleitende Lucretia die sich aufrichtig an der Handlung erbauten
Evremont hatte dem General den bleichen abgezehrten Lamberti gezeigt und als
Jedermann die Kirche verließ wurde dieser freundlich von dem General angeredet
der ihm auf die ungezwungenste Weise darüber Vorwürfe machte dass er einen alten
Kriegsgefährten nicht aufgesucht habe Er forderte ihn auf dies wieder gut zu
machen und gleich diesen Mittag bei ihm zu speisen und als der Angeredete
zögerte diese Einladung anzunehmen sagte er Sie werden Niemanden bei mir
finden als Ihren Freund den Obristen wir wollen uns ohne Zwang der vergangenen
Tage erinnern Er reichte ihm hierauf eine Karte mit seiner Adresse und sagte
Ich verlasse mich darauf dass Sie kommen Verwirrt verbeugte sich Francesko und
nahm so die unerwartete Einladung an
Bei der Tafel konnte der General leicht das Gespräch auf die vielen
Veränderungen die jetzt in allen Zweigen der Staatsverwaltung vorfielen
wenden und mit Geschicklichkeit erforschte er wohin sich die Wünsche seines
Gastes richteten und sagte endlich Ich zweifle gar nicht dass ich Ihnen eine
solche Anstellung werde verschaffen können Nach der Tafel führte er ihn in sein
Kabinet und zwang ihm eine Summe Geldes auf die die ersten Einsichtungen
erfordern würden und die er ihm in späteren Zeiten wiedererstatten könne Mit
freundlicher Gewalt setzte der General dies durch und duldete weder Ablehnen
noch Widerspruch Was ist es denn Großes sagte er ein verabschiedeter Krieger
steht dem andern bei das ist in der Ordnung Als Beide in den Saal
zurückkehrten wo sie Evremont gelassen hatten trat Lamberti zu diesem der
sich an ein Fenster lehnte und sagte Ich verdanke Dir auch dies alles ich
weiß es wohl der General ist zwanzig Mal an mir vorüber gegangen und hat mich
nicht erkannt Ich weiß wohl Wer nun die Erinnerung an mich in ihm aufgefrischt
hat und ich ahne was für einen Zusammenhang es mit seiner Freigebigkeit hat
aber ich habe Deine Vergebung empfangen Deine Hand hat in der meinen geruht Du
hast mich mit mir selbst versöhnt und mehr als ein Herz vom bittersten Schmerze
erlöst Nach allen diesen größten Wohltaten die ein Mensch dem andern erweisen
kann wie sollte ich nun nicht noch die kleinere auch von Dir empfangen können
Mit sich selbst zufrieden verließ Evremont die Wohnung des Generals und er
hatte die Beruhigung noch ehe er Paris verlassen konnte zu erfahren dass es
dem alten Freunde seines Vaters in der Tat leicht geworden sei sein Wort zu
erfüllen denn er hatte Lamberti in wenigen Tagen eine Anstellung verschafft
die ihn mit seiner Familie an die spanische Grenze führte und ihm dort ein
anständiges Einkommen sicherte und da sein Gemüt von den Schmerzen der Reue
geheilt zum Frieden des Lebens zurückkehrte so erfuhr Evremont später dass die
ihm so innig ergebene Lucretia ihr Schicksal noch fester mit dem seinen
verbunden und ihm nach langer Treue ihre Hand vor dem Altar gereicht hatte
Endlich war auch Evremonts Geschäft in Paris geendigt Er hatte seinen
Abschied erhalten und eilte mit liebevollem Herzen über den Rhein in die Arme
seiner ihn sehnsüchtig erwartenden Freunde zurück
XVI
Mit der höchsten Freude wurde Evremont von seiner Familie begrüßt die ihn nun
erst ganz als den ihrigen betrachtete da seine Verbindung mit Frankreich
aufgelöst war indes er selbst über diesen Grund der Freude seufzte denn ihn
schmerzte es dass er Frankreich nicht mehr sein Vaterland nennen sollte doch
ging diese Trauer unter den schönsten Empfindungen des Glücks im Kreise der
Seinen bald vorüber und der Strom des Lebens schien nun einen ruhigen Gang
zwischen blumigen Ufern nehmen zu wollen und nicht mehr über wilde Klippen zu
schäumen Die Stunden teilten sich zwischen Beschäftigungen und Vergnügungen
Pläne zu kleinen Reisen wurden entworfen so wie zur Verschönerung der Umgebung
und man gedachte bei diesen friedlichen Beschäftigungen oft des alten Dübois
dessen eigensinnige Entfernung die ganze Familie beklagte Es sollten nach den
Verschönerungsplänen die der Graf und Evremont entworfen hatten auf dem großen
Hofe der nach der Straße zu gewendet vor dem Eingange des Hauses lag große
Pflanzungen von Bäumen blühenden Sträuchern und Blumen angelegt werden
zwischen denen hindurch ein Weg für die Wagen frei gelassen werden sollte so
dass dieser Hof künftig zur Zierde des Hauses dienen könnte und die ganze
Familie war auf demselben versammelt wo der Graf und Evremont eben nach ihrem
Plane die verschiedenen Plätze ihrer Bestimmung gemäß abstecken ließ Man
hatte mit Teilnahme dieser Arbeit zugesehen bis ein auf den Hof rollender
Wagen die Aufmerksamkeit Aller auf den Ankommenden lenkte Die leichte von zwei
Postpferden gezogene Equipage hielt vor dem Eingange des Hauses und hinaus
schauten unter weißen Augenbrauen die freundlichen Augen Dübois Ein allgemeiner
Ausruf der Freude bewillkommnete den zurückkehrenden Greis Aller Hände
streckten sich ihm entgegen und auch die Bedienten eilten die Teilnahme ihrer
Herrschaft nachahmend herbei doch Evremont drängte sie zurück und er selbst
bot dem Greise die Hand zur Stütze der mühsam aus dem Wagen stieg sich
entzückt in dem freudigen Kreise umschaute und dann sagte Hier ist mein
Frankreich ich habe es jenseits des Rheins nicht gefunden
Wie im Triumph wurde der alte Mann ins Haus geführt und er konnte seine
Rührung nicht bewältigen als Adalbert an seinem Halse hing die von Alter
gebleichten und gefurchten Wangen mit den frischen Rosenlippen zärtlich küsste
und sagte Endlich habe ich Dich alten Papa Dübois wieder nun darfst Du nicht
wieder fort und ich hoffe Du hast mir schöne Sachen aus Deinem Frankreich
mitgebracht Ja wohl habe ich das sagte der Alte die Tränen von den grauen
Wimpern trocknend das wollen wir alles nachher auspacken
Man bemerkte jetzt erst einen zehn bis zwölfjährigen Knaben der dem alten
Dübois gefolgt war und nun verlegen an der Tür stehend mit den großen
schwarzen Augen im Saale umher blickte Dübois erinnerte sich jetzt auch seiner
Er machte sich von Adalbert los näherte sich ehrerbietig dem Grafen und sagte
Ich habe vielleicht das Vorrecht eines alten Dieners gemissbraucht indem ich mir
die Freiheit genommen habe diesem edelen Hause einen neuen Diener zuzuführen
Ich habe mich dieser hülflosen Waise angenommen und glaube ihn um so sicherer
Ihrem Schutze empfehlen zu dürfen als ich diesen selbst im Hause des alten
Grafen Evremont fand der mich als hülflosen Knaben bei sich aufnahm und mich
zum Diener seines Sohnes meines seligen Herrn bestimmte So dachte ich
könnte nun dieser Knabe seinem Urenkel dem kleinen Grafen dienen wozu ich ihn
selbst noch anleiten kann wenn Sie ihn Ihres Schutzes würdigen
Wen Sie guter Dübois sagte der Graf für würdig Ihres Beistandes halten
der ist mir ein willkommener Hausgenosse und es freut mich wenn ich für Ihren
Schützling etwas tun kann
Dies arme Kind sagte Dübois hat bei seiner Geburt schon die Mutter
verloren Der Vater ist bei den Verfolgungen der Protestanten kürzlich
umgekommen und es wagte Niemand aus Furcht vor den Geistlichen die im
südlichen Frankreich ihr Wesen treiben und sich Missionäre nennen sich des
armen Kindes anzunehmen das den Ermahnungen seines sterbenden Vaters
gehorchend seinem Glauben treu bleiben und nicht zur katholischen Kirche
übertreten wollte Die Geistlichkeit dort wollte ihn mit Gewalt in ein Kloster
bringen um wie sie sagten seine Seele zu retten und dies wäre auch wirklich
geschehen wenn ich mich nicht zum Erstaunen aller dasigen Einwohner seiner
angenommen hätte Um mich und ihn den Verfolgungen zu entziehen gegen die mich
auch mein graues Haar nicht geschützt haben würde beschleunigte ich unsere
Abreise denn mich hielt nichts mehr in Frankreich zurück Alle die mir durch
die Bande des Blutes jemals angehört hatten waren teils in der blutigen
Revolution teils in den furchtbaren Kriegen umgekommen und Frankreich selbst
ist durch die unglückliche Revolution so entstellt worden dass es seinen alten
liebenswürdigen Charakter nicht wieder gewinnen kann und der König selbst will
das Alte auf eine Weise dass es gar nicht mehr das Alte wird Doch Gott behüte
mich davor dass ich meinen rechtmäßigen König tadeln sollte Aber an die Stelle
der Irreligiosität die während der Revolution mein Herz erschreckte soll nun
eine Religionsunduldsamkeit treten von der ich nicht glaube dass sie Gott
gefällig sein kann Ich hoffe fuhr der alte Mann mit Wärme fort als ein echter
Katholik zu sterben aber ich habe so viel Tugend bei Andersglaubenden gefunden
dass ich nicht befürchten kann Gott werde sie verstoßen wenn sie auch in
manchen Punkten irren sollten und deshalb kann ihm die Verfolgung nicht
wohlgefällig sein
Der Graf lobte die milde Frömmigkeit des alten Mannes und versprach für das
Fortkommen des mitgebrachten Knaben zu sorgen Als Dübois sein Zimmer betrat
rührte es ihn von Neuem hier Alles in der Ordnung zu finden wie er es
verlassen hatte als wenn seine Rückkehr täglich wäre erwartet worden und als
er sich von der Reise etwas erholt hatte musste er dem Dringen Adalberts
nachgeben und die für ihn mitgebrachten Geschenke auspacken Sehen Sie sagte
der alte Mann bei jedem Stück das er dem neugierig zuschauenden Kinde
vorzeigte dies ist französisches Spielzeug dies sind französische Farben hier
sind französische Bilderbücher dies sind französische Konfituren und als alle
Herrlichkeiten vorgezeigt waren deutete er auf den fremden Knaben der bei dem
Auspacken geholfen hatte und sagte Und dies ist Ihr französischer
Kammerdiener Der große Nachdruck den der Alte auf das Französische legte
bewirkte dass Adalbert seine großen Augen mit einer Art von Ehrfurcht auf den so
Bezeichneten richtete die sich jedoch bald verlor als der Angekommene sein
Schulgenosse sein Spielgefährte und sein Aufwärter zugleich wurde und in
keinem dieser Verhältnisse die Achtung aus den Augen setzte die dem jungen
Grafen gebührte eine Sache worauf Dübois streng hielt denn er behauptete das
künftige Glück seines Zöglings beruhe darauf dass er seine Herrschaft mit einem
religiösen Gefühl verehre denn alsdann würde es ihm nicht möglich sein seine
Pflichten anders als mit Ergebenheit und strenger Rechtlichkeit zu erfüllen und
wie sehr eine edle Herrschaft dies anerkenne lehre sein eigenes Beispiel
Dübois hatte den heftigen Wunsch befriedigen wollen sein altes geliebtes
Frankreich wiederzusehen was vielleicht nie so da gewesen war wie seine
liebende Sehnsucht in der Ferne es sich gedacht hatte und kehrte in seiner
Erwartung getäuscht zu seinen wohlwollenden Freunden zurück die er seine
Gebieter nannte Aber das Frankreich seiner Einbildung hegte er immer noch mit
gleicher Liebe in seiner Seele und hoffte mit Zuversicht dass es als höchste
Vollendung menschlicher Einrichtungen sichtbar auf Erden erscheinen würde wenn
die Gemüter sich nur erst völlig von den Erschütterungen erholt haben würden
die die vielen Veränderungen veranlasst hätten Der Graf bestätigte seine Meinung
in so weit dass er die Ansicht aussprach es sei unmöglich dass so viel Blut
vergeblich geflossen sei und dass nicht endlich die Früchte aller gebrachten
Opfer die Welt mit ihrem Segen erfreuen sollten
So ging das Leben nun einen gleichmäßigen und stillen Gang fort Dübois
machte es zu seiner Hauptbeschäftigung Adalbert zu vergnügen und dabei für die
Reinheit seiner Aussprache des Französischen zu wachen Es erfreute ihn dass
Evremont französisches Obst pflanzte und sein Auge entzückte jede seltene
Pflanze die der Graf aus Frankreich erhielt weil sie ja früher in dem
geliebten vaterländischen Boden gewurzelt hatte Die Freunde scherzten jetzt
zuweilen über die sonderbare Richtung die der Charakter des alten Mannes nahm
denn es schien sich eine Neigung zum Geize zu offenbaren die Niemand in seiner
Seele geahnt hatte denn ihn erfreute sichtlich nichts so sehr als immer neue
Geldsummen zusammen zu bringen und man gab auch dieser Schwäche nach und Jeder
schenkte ihm bei allen Gelegenheiten baares Geld das in dem Greise die höchste
Freude erregte obgleich Jedermann überzeugt war dass er es zu gar nichts
benutzen könne
Auf diese Weise war ein Jahr seit der Ankunft des Alten verstrichen und
Evremont beschäftigte sich an einem schönen Frühlingsmorgen mit seinem Sohne im
Pavillon des Gartens als der französische Knabe mit erhitzen Wangen und in
Tränen schwimmenden Augen eilig eintrat Was gibt es Francois fragte
Evremont bestürzt
Ach Gott gnädiger Herr Graf sagte der Knabe der alte Herr Dübois ist so
rot im Gesicht und spricht so seltsam Schnell erhob sich Evremont und eilte
mit seinem Sohne der sich ihm an die Hand hängte in Dübois Gemach Der Greis
lehnte sich auf die Kissen seines Lagers seine Augen glänzten unnatürlich und
seine Wangen brannten in dunkler Röte Wie geht es Ihnen guter Dübois redete
Evremont ihn an Der Alte erhob den glänzenden Blick zu ihm und streckte die
brennende zitternde Hand ihm entgegen Da sind Sie ja gnädiger Herr sagte er
lächelnd aus keuchender Brust und o Gott ich Sünder habe in so schrecklichen
Träumen gelitten wahrhaft sträfliche Träume fuhr er flüsternd fort Ich
bildete mir ein Ihr edles Haupt nein es ist gegen die Ehrfurcht das Bild
eines so freventlichen schrecklichen Traumes durch Worte ins Leben zu rufen
aber bei Gott ich sah in einer entsetzlichen Stunde Ihr edles Blut fließen und
dies furchtbare Bild hat meine Sinne verwirrt dass ich alter Tor in
Verzweiflung Ihr Ende beweinte
Evremont wendete sich mit Schmerz ab denn er wusste der Kranke redete im
Fieber von seinem Vater für den er ihn in diesem Augenblicke hielt
Dübois sagte Adalbert klagend was sprichst Du denn für wunderliche Worte
Niemand kann ja begreifen was Du meinst
Ach sagte der Kranke freudig da ist ja auch der kleine Graf Adolph Wie
sich der Mensch doch unnütz quälen kann Den hielt ich für verloren und wagte
dies der unglücklichen Mutter erst gar nicht zu sagen die durch den
schrecklichen Tod des Gemahls ganz verwirrt war und der lange weder Vernunft
noch Religion Trost gewähren konnte Nun Gottlob nun wird ja alles Leiden
aufhören
Ja wohl seufzte Evremont ich fürchte für Dich endet alles irdische Leid
wie alle irdische Freude Er ließ Diener bei dem Greise zurück und ging nun
eilig einen Arzt herbei zu schaffen der auch bald erschien und mit Achselzucken
bemerkte dass das schwache Fieber des Alten leicht gehoben werden könne dass er
aber das höchste Ziel des menschlichen Lebens erreicht habe und deshalb
schwerlich von diesem Krankenlager wieder erstehen werde Diese Nachricht
verbreitete allgemeine Trauer in der gräflichen Familie Wie es der Arzt
vorhergesagt hatte wich das Fieber den angewendeten Mitteln leicht und der
Kranke begehrte völlig zur Besinnung gekommen einen katholischen Priester um
zu beichten und die letzten Sakramente seiner Kirche zu empfangen Die Gräfin
hatte diesen Wunsch vorausgesehen und der Geistliche war schon im Hause Er
konnte sich also auf den ersten Wunsch des Kranken sogleich zu ihm verfügen und
verließ ihn nach einer Stunde wahrhaft erbaut von der reinen Frömmigkeit des
sterbenden Greises
Als Dübois wieder allein war ließ er den Grafen zu sich bitten und ihm
sagen er wünsche ihn allein zu sprechen Der Graf eilte auf die Bitte des
Kranken herbei und fand ihn ohne Fieber der Glanz der Augen war erloschen und
die nach unten gedehnten Gesichtszüge des Greises deuteten auf sein nahes Ende
Ich wünsche meine letzten Worte an Sie zu richten sagte er zu dem Eintretenden
mit schwacher Stimme
Sie können sich wieder erholen lieber Dübois sagte der Graf nicht ohne
Bewegung
Das denken Sie selbst nicht erwiderte der Kranke mit schwachem Lächeln
und ich bin zur Reise gerüstet in unser ewiges Vaterland Ich habe meine Sünden
gebeichtet und ich hoffe Gott wird mir die Schwachheit vergeben dass ich den
Prediger in Hohental niemals leiden mochte und selbst in der Ferne nur mit
Widerwillen an ihn dachte denn sein dreistes Fragen ohne Schonung und Achtung
sein feindliches schneidendes Absprechen und sein hochfahrendes Wesen gegen
Niedere entschuldigt einigermaßen diese Abneigung und öffentlich angefeindet
habe ich ihn nie ich habe nur dem nicht Gerechtigkeit widerfahren lassen was
Sie seine guten Eigenschaften nannten Der Graf musste wehmütig lächeln dass der
alte Mann noch im Tode nicht die Abneigung gegen den Prediger überwinden konnte
die er gegen ihn empfunden hatte so lange er ihn kannte Doch was reden wir von
ihm fuhr der Kranke fort Sie wissen es Herr Graf ich habe immer die
jakobinische Gleichmacherei verabscheut und auf Erden mit Ehrerbietung den Rang
anerkannt worin der Herr die Menschen hat lassen geboren werden aber vor Gott
sagt unser Herr und Heiland Jesus Christus sind wir alle gleich und nur unsere
Tugenden werden dort gewogen Bald werde ich vor Gottes Thron stehen ich kann
mich schon als abgeschieden von der Erde betrachten So gönnen Sie es mir nun
noch vor meinem Hinscheiden Ihre Hand wie die Hand eines Freundes in der
meinigen zu fühlen nicht wie die des herablassenden Heren in der des durch
seine Gunst beglückten Dieners und vergönnen Sie mir die Ehrfurcht bei Seite zu
setzen die ich Ihnen immer bewiesen wie es meine Pflicht war so lange ich dem
Leben angehörte und lassen Sie mich die Liebe unverhohlen zeigen die ich für
Sie und die Ihrigen hegte Wie ein Vater habe ich die Gräfin geliebt besonders
seit ihrem Unglück aber ich will ihre weiche Seele schonen darum bringen Sie
ihr meinen Abschied und meinen Segen Sagen Sie ihr mein irdischer Dienst sei
geendet aber ich stürbe in der Hoffnung dass es mir vergönnt sein wird am
Throne Gottes für Sie alle zu beten und nehmen Sie die Schrift die unter
meinem Hauptkissen verborgen ist Sie enthält meinen letzten Willen versprechen
Sie mir dafür zu sorgen dass er erfüllt wird Der Graf nahm die Schrift wie es
der Greis verlangte und sagte indem er die erkaltende Hand fasste und innig
drückte Es soll alles erfüllt werden was Sie verordnen würdiger alter Freund
Sie wissen selbst fuhr er mit Bewegung fort wir alle haben Sie wie einen Vater
geliebt Sie bestanden darauf sich einen Diener zu nennen wir haben Sie wie
einen Freund geehrt Sie wissen es guter Dübois wir hegten keine anderen
Gefühle für Sie
Mit mildem Lächeln neigte der Alte bejahend das Haupt und es schien dem
Grafen als ob er dadurch in eine unbequeme Lage geraten sei und deshalb
schwerer atmete Er richtete ihn also sanft in seinen Armen empor um diese
Lage zu verbessern Ein Blick unendlicher Liebe lohnte ihm aus den erlöschenden
Augen und als der Graf das würdige Haupt des Greises auf die Kissen zurück
lehnte war das Leben entflohen
Mit der frommen Empfindung eines liebenden Sohnes drückte der Graf die
erstarrten Augen zu und wehrte seinen Tränen nicht die auf das erkaltete
Antlitz niederflossen
Ist denn dieser Hauch das Leben fragte er sich Muss dies Herz nun in Staub
zerfallen das so eben noch liebend für mich schlug Wohin ist der Geist
entflohen der noch so eben seine Gedanken mir mitteilte Das Auge ist starr
und eingesunken das so wohlwollend auf alle Menschen blickte und unempfindlich
ist die Hand die vor wenig Augenblicken den Druck der Liebe erwiderte O
welche Welt von Empfindungen schloss diese nun erstarrte Hülle in sich Wie
quälend wie entzückend und wie nichtig ist das Leben
Der Graf ermannte sich Er traf die nötigen Anordnungen für die Leiche und
ging um seiner Familie den Verlust bekannt zu machen der sie eben betroffen
Alle zollten dem würdigen Greise Tränen aber natürlich war es auch dass der
Schmerz mild war bei dem sanften Ende eines Greises der das höchste Lebensziel
erreicht hatte
Nach der Beerdigung öffnete der Graf in Gegenwart einer Gerichtsperson das
Testament des Verstorbenen und alle Mitglieder der Familie wurden von Neuem zu
Tränen bewegt als es sich ergab dass der dahin geschiedene Greis auch hierin
noch sein liebevolles Gemüt auf das Rührendste geoffenbart hatte Alle
Ersparnisse eines langen Lebens alle Geschenke die er in der letzten Zeit mit
kindischer Freude empfangen hatte waren zusammengehäuft und er ernannte den
Grafen Adalbert Evremont zum Universalerben dieses kleinen Schatzes und stellte
es seiner Großmut anheim Gustav Torfeld und dem Knaben Francois ein Geschenk
daraus zuzuwenden wobei sie sich in der Zukunft des Verstorbenen erinnern
könnten
Evremont ehrte das Andenken und den Willen des Greises und nahm dessen
Vermächtnis für seinen Sohn an aber der Graf sicherte als Geschenk dem Knaben
Francois die eine Hälfte der Summe zu und sendete die andere Hälfte als letztes
Geschenk des verstorbenen Dübois an Gustav Torfeld von dem man schon seit
einiger Zeit wusste dass er mit der Tochter des Predigers verbunden war und
dessen neuen Hausstand dies Erbe sicherer begründete
Der Prediger hatte bei der Verbindung seiner Tochter mit dem Justizamtmann
Torfeld erwartet in der Person seines Eidams künftig einen Verbündeten gegen
die Anmassungen seines rebellischen Freundes des Arztes zu finden aber er fand
sich unangenehm getäuscht denn der junge Mann schloss sich innig an seinen
frühesten Beschützer den Grafen Robert an und zog auch seine Gattin in diesen
Kreis hinüber und der Prediger fürchtete nicht mit Unrecht dass er endlich dem
Arzte würde unterliegen müssen der an seiner Schwiegermutter in allen seinen
Anmassungen eine so kräftige Stütze hatte
Die Gräfin befriedigte ihr Gefühl Sie ließ dem wackeren verstorbenen Greise
ein einfaches in edelm Style gearbeitetes Denkmal setzen und beide gräfliche
Familien in Hohental und am Rhein lebten fortan in ungetrübtem Frieden und die
Zukunft nur kann darüber belehren ob der so oft geäusserte Wunsch des Grafen
Robert in Erfüllung gehen und eine glückliche Heirat beide Familien in eine
zusammen schmelzen wird Wenigstens wird diese Hoffnung dadurch unterhalten dass
beide Kinder von denen man die Vereinigung erwartet eine große Neigung gegen
einander äußern die bei jedem Besuche den sich die Familien wechselseitig in
Schlesien und am Rheine abstatten sich zu erhöhen scheint
Fußnoten
1 Vereheliche Frau von Knorring