Terese Huber
Ellen Percy
oder Erziehung durch Schicksale
Vorwort
Mein Verleger fürchtet vielleicht dass er in dieser Erzählung kein Product für
die Leihbiblioteken kein Büchelchen für Toiletten und Teetische herausgibt
Die Mittel jene zum Ankauf zu ermutigen kenne ich nicht sind es Recensionen
so brauche ich nur zu wünschen dass Ellen Percy von den edelsten unsrer
Recensenten beurteilt werde und so viel Selbstüberwindung es uns Recensirten
kosten mag müssen wir doch gestehen dass es deren gibt und geben kann um auch
diesen trotz seinem ernsten Titel empfohlen zu werden Was aber den Teil
meiner Landsmänninnen betrifft die beim Putz und Teetisch lesen so versichre
ich Herrn Brockhaus zuversichtlich für sie ist meine Ellen Percy gemacht Ich
weiß dass eine große Zahl ja die Mehrzahl meines Geschlechts in der glänzenden
Welt gaudy World nennt sie der ernste Young sich nach ernsten Gedanken
tröstenden Ansichten erhabenen Hoffnungen sehnt ich habe vielfach erfahren wie
die anscheinend Leichtgesinnte im einzelnen Gespräch festgehalten erfreut
erweckt ward wenn ich zufällig einen geistigen Funken in ihr entzündet hatte
wie mir manches Gesichtchen unter seinem Blumenkranz manche ältere Frau im
Assembleeputz freundlicher zuwinkte wenn ich Tags zuvor ein wahres oft ernstes
Wort zu ihr gesagt hatte Diesem Teil meiner Landsmänninnen habe ich Ellen
Percy vorzüglich bestimmt Ich stelle ihnen ein gedankenlos eitles unbesonnen
selbstsüchtiges vom Glück verzognes Geschöpf dar das ohne alle
Widerstandskraft im Unglück ohne alle Fertigkeit zum Erwerb in Armut
verfällt aber durch Unglück und Armut zur Entwicklung seiner moralischen und
körperlichen Anlagen geführt zu innerem Frieden und gesellschaftlichem Wohlstand
gelangt Ihr Leichtsinn verletzt nie die Schaam der Schmerz um ihre Torheit
wird nie winselnde Reue ihre Frömmigkeit bleibt von Kopfhängerei fern ihre
Armut ist nie ein untätiges Versinken in widrige Hülflosigkeit Ellen ist
eine edle Natur die durch harte Schicksale gebildet wird und Andre lehrt wie
sie Schicksale benutzen sollen
Meinen Stoff nahm ich aus einem älteren englischen Roman in drei ansehnlichen
Bänden Ich musste sie nicht nur verkürzen sondern ich fasste ihren Inhalt in
mein Gemüt auf und erzählte ihn meist ohne das Original vor Augen zu haben in
der Empfindungsweise eines deutschen Gemüts So hoffe ich manchem lieben
weiblichen Wesen Freude gemacht zu haben und wünschte nur dass es mir gelungen
sein möchte meiner Erzählung auch die Vollendung im Styl und in der Sprache zu
geben die zu einem guten Buche so notwendig ist
Terese Huber
Erster Teil
Selbstschilderung kann sich nie einer absoluten Wahrheit rühmen Nicht die
Gegenstände wie sie waren sondern wie sie mir erschienen und auf mich wirkten
stelle ich dar Aber diese Wahrheit reicht auch hin da die Folge der
Vorstellungen im Gemüte und ihr Einfluss auf die Handlungen den Wert einer
Selbstschilderung und ihren Nutzen für Andere bestimmt Ermuntere ich eine und
die andre meiner Schwestern bei der Selbsterziehung die sie sich bei der
Erziehung die sie ihren Kindern geben soll die Klippen zu meiden zwischen
denen mein Lebensschiff kaum dem Untergang entging so ist es einerlei ob diese
Klippen in Wahrheit diese oder jene Linien bezeichneten wenn ich nur mit
redlichem Geist sie darstelle wie sie mir vorkamen Mit diesem redlichen Geiste
erzähle ich wie mich Torheit ins Unglück stürtzte und die auch in der
Torheit nie verlorne Reinheit des Willens durch bessere Erkenntnis aus Unglück
mich gerettet hat
Mein Großvater gehörte zu der alten geschichtlich verehrten Familie der
Percys als jüngrer Sohn eines jüngeren Zweigs derselben war er noch glücklich
nach seiner Heirat mit einem Mädchen ohne allen Namen die ihm den Hass seiner
vornehmen Verwandten zuzog durch eine kleine Pfarre vor gänzlichem Mangel
geschützt zu sein Doch dieser ärmliche Schutz rettete nach seinem frühen Tode
seine Wittwe und Waisen nicht vor drückender Armut und die Percys mochten
nicht ungern sehen dass ein nicht ebenbürtiger Zweig ihres erhabenen Stammes in
Vergessenheit untergehe denn sie ließ meiner Großmutter keine Unterstützung
angedeihen Diese Umstände legten wohl den Grund zu meines Vaters Verachtung
gegen Geburtsvorrechte die seinen Vater so unbillig drückten und zu hoher
Schätzung eigener Kraft durch welche er sich beim Anfang meiner Geschichte zu
einem der Directoren der ostindischen Kompagnie emporgearbeitet hatte Er ist
daher auch der Einzige seines Geschlechts mit dem ich je in Verhältnissen
gestanden und Keiner desselben ward mir bekannt der mich bewogen hätte ihn
zum Wohltäter zum Vorbild oder zum Freunde zu erwerben Mein Vater war ein
stark gebauter bräunlicher Mann mit lebendigem Auge scharf gezeichneten
Runzeln im Augenwinkel und buschichen Braunen Sein Mund hatte einen arglistigen
Zug der wahrscheinlich schuld daran war dass ihn das Lächeln misskleidete
allein da er dieses sehr selten tat war das nicht störend um so mehr da ich
ihn nur in einem Alter kannte dem ein gewisser Ernst zukömmt das er aber mit
Rüstigkeit trug Meine Mutter war ganz andrer Natur ein zartes gefühlvolles
Wesen deren wehmütiges Lächeln bewies dass ihre Kräfte zum Wohltun dem
liebevollen glänzenden Blick ihrer Augen nie genügten Ach noch sehe ich sie
wenn sie ihre Hand segnend auf mein Haupt legte und mehr flehend wie vertrauend
emporblickte Sie war sich bewusst dass alle ihre Hingebung nicht ausreichte
mich zu erziehen und fand doch zuletzt immer wieder ihren Trost in der
Überzeugung vor Gott sich gänzlich hingegeben zu haben Ich weiß nicht ob ich
die Unbändigkeit meines Charakters von frühster Kindheit an einer natürlichen
Anlage oder früh begangnen Fehlern in der Behandlung meiner Wärterin
zuschreiben soll Genug dass Heftigkeit Eigenwille Stolz meine Erziehung vom
ersten Augenblick an erschwerten Die milde Stimmung meiner Mutter verleitete
sie zu dem irrigen Schluss dass Vermeidung jedes Widerspruchs mich der
Widersetzlichkeit enteben würde bis die reifende Vernunft meinen Willen
regelnd ihm Herrschaft über meine Leidenschaften verliehe Ohne einen
Verstandesschluss lehrte mich nun die Erfahrung das Mittel jeden meiner
fantastischen Einfälle durchzusetzen Ich weinte bei dem ersten Hindernis und
weinte fort bis ich das Gewünschte erhielt Nach meiner Mutter verderblichem
Grundsatz konnte nur die Unmöglichkeit sich mir in den Weg stellen und wo
diese eintrat kaufte sie durch überwiegenden Ersatz meine Verzeihung für ihr
Gesetz glücklich wenn mein Eigensinn meiner Fantasie nur erlaubte in einen
solchen Handel zu willigen Eine Tugend entwickelte diese völlige Abwesenheit
des Widerspruchs eine unverbrüchliche Wahrhaftigkeit meiner Gesinnungen und
Gefühle sie ward mir Bedürfnis gegen mich selbst und gedieh bei reifendem
Verstande zu dem Grundsatz dem ich zuerst die Entwickelung alles Guten zu
verdanken hatte
Ungezügelt in meinen kindischen Wünschen stets angehört bei meinen
kindischen Reden konnte es nicht fehlen dass mir hier und da Worte
entschlüpften welche die Vorliebe meiner Mutter und die Schmeichelei meiner
Wärterin zu witzigen Einfällen stempelten Sie wurden den Gästen meiner Mutter
wiedererzählt ihre unbedachtsame Bewunderung steigerte den Begriff den ich von
meiner eignen Wichtigkeit hatte und reizte mich ganz unvermeidlich das Talent
schneller und witziger Antworten welches in unserm Geschlecht sich so leicht
der Bewunderung zu erfreuen hat zu entwickeln Meine Mutter konnte sich nicht
enthalten auch meinen Vater mit meinen Witzfunken bekannt zu machen Sein
ernstes Gesicht erheiterte sich bei solchen Erzählungen und abgespannt von
seinen Rechnungsübersichten konnte er wohl bei seiner Rückkehr am Abend sagen
»Fanny lass mir einen recht guten Bissen zum Abendessen reichen und erhalte
Ellen guter Laune so will ich heute nicht in Klub gehen« Seine Absicht wurde
aber nicht immer erreicht Meine Mutter tat zwar ihr Bestes mir ging es aber
wie vielen ausgebildeten Leuten denen sich ihr Witz versagt wenn sie zur
Unterhaltung aufgefordert werden ich machte ihm Langeweile und ward weinend zu
Bett geschickt Gefiel ihm aber mein Geschwätz so sagte er etwa Was hilft ihr
das Ja wäre sie ein Knabe so sollte sie mir Parlamentsglied werden aber was
hilft ihr als Mädchen der Verstand Ich hoffe sagte meine Mutter schüchtern
er soll sie glücklicher machen Pah rief mein Vater mit
zweimalhunderttausend Pfund braucht sie kein anderes Glück als sich von früh
bis Abend die Zeit zu vertreiben Ich hörte diese und manche ähnliche Rede mit
an und es bildete sich in meinem Kopfe eine feste Verbindung zwischen den
Begriffen von Zeitvertreib und Glück zwischen Beschäftigung und Elend die den
Grund zu tausend Irrtümern legte
Also der Mittelpunct der Bemühung und Sorge eines ganzen Hauses war meine
Zufriedenheit je länger je mehr getrübt In dem Maße wie die Zahl meiner
Begriffe zunahm stieg die Zahl meiner Wünsche die Beharrlichkeit meines
Willens und die Unmöglichkeit der Gewährung Die Mannichfaltigkeit meiner
Genüsse gebar schon in Kinderjahren hie und da die Empfindung der Leere welche
den Satten verfolgt die Untrüglichkeit welche ich meinen Aussprüchen beimass
die Herrschsucht die ich übte vereinzelte mich unter meinen Gespielinnen Von
meinem überlegnen Wert überzeugt schien mir ihre Abneigung eine Rebellion
gegen das Recht und die Gerechtigkeit die ich ihren guten Eigenschaften meiner
Wahrheitsliebe gemäß widerfahren ließ und indem ich mir diese auch zur Tugend
anrechnete vermehrte sie meinen Stolz Nach und nach empfand mein Vater das
Nachteilige in meiner Entwicklung und er widersetzte sich irgend einem meiner
Einfälle mit einer Entschiedenheit als gälte es einen Krieg auf Tod und Leben
Allein nach einer Stunde einem Tag ja einer Woche durch die ich Bitten
Weinen Schmollen fortgesetzt hatte gewährte er in einem Anfall von Zorn was
er bis dahin standhaft verweigert hatte der Sieg war mein und sein Schwäche
versprach mir dass ein jeder anderer auf eben dem Wege zu erkämpfen sei Meine
gute Mutter der jeder Misston in der Außenwelt die Seele zerriss suchte jeder
solchen Widersetzlichkeit von Seiten meines Vaters zuvorzukommen hatte sie
einmal begonnen so trieb ihre Schüchternheit sie an durch verdoppelte Milde
gegen mich meinen Eigensinn zu entwaffnen und war die Krisis herbeigekommen so
befriedigte sie schnell meine Wünsche um deren Gegenstand nicht eine neue
Wichtigkeit zu verleihen Sie mochte oft die endlichen Folgen meiner
Verkehrteiten ahnen sie bemühte sich oft mein junges Herz zu Gott zu erheben
allein auch bei diesem heiligsten Mittel der Bildung verfehlte sie den Weg Sie
lehrte mich nur immer Gott danken für die Vorzüge die er mir verliehen aber
machte mich nicht aufmerksam auf die welche so viele meiner ärmern Mitgeschöpfe
vor mir voraushatten und durch deren Erwerbung ich allein zu Gotteskinde werden
konnte
Endlich war der Augenblick gekommen wo mein Eigensinn mir eine herbe Strafe
bereiten sollte Ich hatte eben mein neuntes Jahr vollendet als eine Bekannte
meiner Mutter mir eine Einladung sandte das Schauspiel in ihrer Loge zu
besuchen Eine Erkältung mit Halsweh verbunden hatte mich seit einigen Tagen ins
Zimmer gebannt und dieser Umstand bewog meine Mutter mich zu Hause zu
behalten unglücklicherweise war die Botschaft in meiner Gegenwart ausgerichtet
und das bestimmteste Verlangen ins Schauspiel zu gehen war die Folge Meine
Mutter wendete vernünftige Vorstellungen an ich beantwortete sie mit ungestümen
Bitten sie wies sie mit entschädigenden Versprechen ab ich setzte ihnen lautes
Weinen entgegen Sorge um meine Gesundheit gab diesesmal meiner Mutter Mut zu
beharren sie befahl meiner Wärterin mich zu entfernen Nun brach meine
Unbändigkeit los ich wehrte mich und erhitzte mich bis zur convulsivischen
Heftigkeit als mein Vater der dazu kam die Geduld verlor und zu meiner Mutter
sagte »Das Schreien kann ihrem Hals gefährlicher werden wie funfzig
Schauspiele« So wütend ich war bemerkte ich doch dass meiner Mutter diese
Äußerung missfiel Mein Vater der sein Unrecht fühlen mochte half sich damit
sie anzuklagen dass ihre Behandlung an meiner Unart schuld sei sie erwiderte
seufzend dass ich zu meinem eignen Wohl gebändigt werden müsste worauf er
nachlässig sagte »Pah bei einem Weibe ist ein Bischen Widerspruchsgeist recht
nützlich« ein Spruch durch den mancher rohe Ehemann die milde Güte seiner
Gattin belohnt Dieses Gespräch war für mich nicht verloren ich schrie noch
ausgelassener wie vorher bis mein Vater aus aller Fassung gebracht mir
zurief »Nun du unbändiges ausgelassen unartiges Ding so tu was du willst
und hör auf zu lärmen« Jetzt hatte ich was ich wollte ließ mich schnell
anziehen und ging ins Theater
Doch die Folgen waren schrecklich Kaum war ich wieder nach Haus gekommen
so verfiel ich in ein heftiges Fieber lange bedrohte mich der Tod Meine
Mutter meine geliebte engelgute Mutter die allein die Empfindung der Liebe in
mir erweckte deren Milde bei aller meiner Unbändigkeit den Begriff von Tugend
in mir wach erhielt deren unaussprechliche Güte doch eine Ahnung von Gewissen
in mir begründete wich nicht von meinem Lager Sie opferte ihre Gesundheit auf
um mein Leben zu erhalten Ich genass aber nach einigen Monaten war die Abnahme
ihrer Kräfte unverkennbar nur ich allein verstand deren drohende Bedeutung
nicht und doch wenn ich sie von meinem endlosen Geschwätz meinen lärmenden
Spielen gänzlich erschöpft sah konnte mich der Anblick so ergreifen dass ich
unbewusst meine jauchzende Stimme zu sanften Tönen herabstimmte und auf den Zehen
um ihren Sopha einherschlich Auch das längste Menschenleben kann nicht das
Andenken der himmlischen Freundlichkeit schwächen mit der sie diese kleinen
Beweise meiner Achtsamkeit aufnahm Bald wurde mein beständiger Aufenthalt in
ihrem Zimmer täglich auf wenige Stunden eingeschränkt dann brachte man mich nur
noch früh zu ihr wo ihre Kräfte in einiger Spannung waren und Abends um ihren
Segen zu empfangen und endlich verflossen drei Tage in denen mir ihr Anblick
gänzlich entzogen blieb Ungeduldig hatte ich sie zu sehen begehrt leichtsinnig
hatte ich mich durch nichtige Kurzweil davon abwenden lassen als mir der Befehl
gemeldet ward zu ihr zu kommen Mit kindischer Fröhlichkeit sprang ich in ihr
Zimmer Doch wie schnell verstummte meine Freude da mich meine Mutter mit laut
ausbrechendem Weinen in ihre schwachen Arme schloss mehrmals versuchte sie zu
sprechen aber ihre Wehmut verhinderte sie Da trat ein fremder ernsthafter
Mann der aufmerksam auf sie blickend am Bette stand herzu und wollte mich mit
der Bemerkung »die Kranke schade sich« von ihr wegnehmen Die Furcht mich
fortführen zu sehen belebte meiner Mutter schwindende Kräfte sie sagte mit
gebrochner schwacher Stimme »Komm meine Ellen komm falte deine kleinen
Hände und bitte Gott dass wir uns wiedersehen mögen« Ich verstand den Sinn
ihrer Worte nicht aber wie ich sonst wenn sie mich beten ließ zu tun gewohnt
war kniete ich nieder legte meine gefalteten Hände auf ihre Knie und betete
Guter Gott lass mich meine Mutter wiedersehen Zweimal ließ sie mich diese Worte
wiederholen legte dann ihre gefalteten Hände auf mein Haupt und gab mir mit
innigen heißen Gebeten in leisem Geflüster ihren letzten Segen Nur eine der
Bitten die sie in diesem Augenblick zu Gott sprach ist in meinem Gedächtnis
geblieben anfangs aus Verwundrung weil ihr Sinn mir unbegreiflich war
späterhin ward sie durch die Umstände mit unwiderstehlichem Nachdruck in mir
aufgefrischt »Sei o mein Gott betete sie gütiger wie ihre irdischen
Verwandten sei ihr ein Vater wenn du gleich durch Züchtigung dich also
erweisest« Noch Manches sagte sie das mein Leichtsinn bald vergaß bis ihr
erneutes Schluchzen den fremden Mann wieder herbeizog um mich zu entfernen
welches ich mir denn auch von der Traurigkeit des Auftritts ermüdet ziemlich
gern gefallen ließ Noch einmal drückte sie mich an ihr Herz wie die Türe
hinter mir sich zuschloss hörte ich noch einmal den leisen Schrei ihres
Schmerzens und auf ewig war für mich ihre Stimme verhallt
Den folgenden Tag bat ich umsonst meine Mutter zu sehen Noch einen und
die Leute eilten traurig und geschäftig um mich her die Dienstboten sahen mich
verstört und mitleidig an ein und der andre weilte mit einem Ausruf des
Bedauerns bei meinen kindischen Spielen Ein Augenblick von langer Weile brachte
mich darauf meinen Willen zu meiner Mutter gebracht zu werden bestimmt
durchzusetzen Meine Wärterin suchte mich abzuweisen mit Zögern entdeckte sie
mir die traurige Wahrheit allein gewohnt durch Täuschung jeder Art
beschwichtigt zu werden wollte ich ihr gar nicht glauben bis ihr betrübtes
Gesicht mich aufmerksam machte worauf ich ihrer Obhut entsprang und ungestüm zu
dem Zimmer meiner Mutter entfloh
Ihre Tür die sonst bei meinem ersten Zuruf aufsprang blieb verschlossen
allein der Schlüssel stack im Schloss und auf meinen Versuch ließ sie sich
öffnen Alles hatte sich hier seit meiner letzten Anwesenheit sonderbar
verändert still leer aufgeräumt unheimlich kam es mir vor Ihre Bettvorhänge
waren zurückgebunden ihr Lager sorgfältig geordnet und doch schien sie unter
dem leichten Tuche zu ruhen Ich zog es hastig hinweg ihr blasses Antlitz bot
sich mir dar Mutter Mutter wach auf rief ich erschrocken dass ihr Lächeln
mich nicht empfing ich legte meine Hand an das liebe Gesicht das ihrem
Schmeicheln noch nie widerstanden es war kalt wie Marmor aber noch immer
den Tod nicht erkennend stieg ich auf das Bett und schloss das fühllose
Todtenbild in meine Arme Da scheuchte ein Schreckensgeschrei mich empor es
war meine Wärterin die mir nachgefolgt war und der Abscheu mit dem sie mich
am starren Busen der Mutter erblickte belehrte mich endlich von meinem Unglück
Mein Schmerz kannte keine Grenzen der Eigensinn der mich auf jedem meiner
Einfälle beharren machte wies auch jetzt jeden Versuch ab mich von der Toten
zu entfernen Mein Geschrei versammelte die ganze Familie es zog zuletzt auch
meinen Vater herbei der mich mit Gewalt in mein Zimmer zu tragen gebot
Die Natur forderte endlich Erholung von einem so ausgelassenen Schmerz und
ein tiefer Schlaf gewährte sie ihr bald Am nächsten Morgen erregte zwar die
erwachende Erinnerung aufs neue mein Klaggeschrei allein es ward schwächer und
schwächer Der Anblick der Trauerkleidung zerstreute mich auch und bald kehrte
meine Traurigkeit nur anfallsweise zurück Die Stellen wo ich sonst meine gute
Mutter zu sehen gewohnt war konnten wohl noch oft schmerzvoll ihr Andenken
erneuern nur mit Widerwillen ließ ich mich in das Gesellschaftszimmer führen
wo nun Niemand mehr für meinen Zeitvertreib sorgte und zog meine ungefällige
Laune mir Vorwürfe zu so lehnte ich mein Gesicht mit lauten Klagen auf das
Polster wo sie ehemals ihren Sitz hatte Mein Vater fand diese Schmerzausbrüche
bei der Erholungszeit die er sich der tiefen Trauer wegen Anstands halber im
Ostindischen Hause auf vierzehn Tage verschafft hatte sehr störend Da mit
meiner guten Mutter Tod der einzige Einfluss der meine Halsstarrigkeit zu beugen
vermochte dahin war ward er täglich mit Klagen über meinen Übermut belästigt
Anfangs versuchte er sein Ansehen bei mir geltend zu machen allein da ihm dieses
gänzlich misslang beschloss er mich in eine der vornehmsten Erziehungsanstalten
zu tun Da er gar nicht darauf Anspruch machte in das Geheimnis der feinsten
Erziehung eingeweiht zu sein überließ er diesen Gegenstand unumschränkt dem
Walten der Madame Dupré der Directorin des Instituts seine einzige Erinnerung
war nur die keine Kosten dabei zu sparen Und diese hat man redlich
beobachtet Ich verließ das jetzt mir so traurige Vaterhaus ohne große
Betrübnis die Aussicht fortan mit Gespielinnen meines Alters zu leben überwog
die ängstliche Erwartung in Zukunft unter fremder Aufsicht zu stehen
Mein Empfang in dem Institute war schmeichelhaft kaum den Aufseherinnen
vorgestellt hörte ich die eine derselben zu der andern sagen welche reizende
Gespielin sie für Lady Marie du Bourgh sein wird Gewiss antwortete die andre
ein paar liebenswürdige Kinder Die erste sah mich prüfend an und erwiderte
Etwas wovon ich nur die Worte »nicht zu vergleichen« verstand Das Gespräch
ward fortgesetzt ich hörte aber nur die welche ich schon für meine
Widersacherin hielt emphatisch die Ausdrücke sagen »ein vornehmes Ansehen
Zartheit adeliches Wesen« und das währte so fort bis nach kurzer Zeit Lady
Marie ins Zimmer trat Ich konnte über die Zusammenstellung die man von uns
beiden gemacht hatte nur geschmeichelt sein denn sie war das liebreizendste
Kind das ich jemals gesehen Die Damen riefen sie herbei uns mit einander
bekannt zu machen sie verweigerte anfangs unter dem Vorwand sich von dem
Schneider einen Überrock anpassen zu lassen zu gehorchen nur nach einem
strengen Befehl von meiner Verteidigerin trat sie mit schmollendem Munde herzu
Die Aufseherin schien absichtlich ihre Ungeduld aufs äußerste zu steigern
indem sie es ihr lange unmöglich machte das Zimmer zu verlassen Wir mussten
gegenseitig unser Alter aufsagen Lady Marie war zwei Jahre älter wie ich
wir mussten uns gegeneinander messen ich war etwas größer wie sie Mit Groll
verließ sie endlich das Zimmer Ich sah sie erst in der Schule wieder wo wir in
derselben Klasse dieselben Aufgaben hatten Mein Bestreben über sie zu siegen
war aufgeregt die üble Laune zerstreute sie so ward am Ende der Lehrstunden
meine Arbeit gelobt die ihre getadelt und was als edler Wettstreit zu unsrer
Bildung hätte benutzt werden sollen streute in unsere Herzen den Samen
unwürdiger Empfindungen aus
Nachdem die Lehrstunden geschlossen waren überließ man uns einiger
Erholung wo ich dann aus Stolz und Schüchternheit ganz vereinzelt von meinem
Sitz aus die sich willkürlich bildenden fröhlichen Haufen meiner Gespielinnen
betrachtete Lady Marie flüsterte eine Zeit lang mit ein paar ihrer Vertrautern
dann ging sie wie von ungefähr nahe an mir vorbei und fragte hochmütig Ich
bitte Miss Percy gehören Sie zu des Herzogs von Nortumberland Familie Nein
antwortete ich Zu welchen Percys gehören Sie denn Mein Vater ist ein
reicher ostindischer Kaufmann in Bloomberry square erwiderte ich überzeugt
dass ich mich durch diese Nachricht sehr wichtig machen würde allein ganz im
Gegenteil fragte Lady Marie weiter Nun wer war denn Ihr Großvater denn einen
Großvater müssen Sie doch gehabt haben dabei sah sie für ihren Einfall Lob
ärntend um sich her Ich war aber wirklich in dem Fall von meinem Großvater
gar nichts zu wissen aus Verdruss und Einfalt sagte ich Ich weiß nicht wer er
war doch ein Herzog kann er nicht gewesen sein denn ich hörte meinen Vater oft
sagen er habe bei seinem Eintritt in die Welt nicht fünf Schillinge gehabt
Die kleinen Mädchen hielten noch einige lose Reden die mich ziemlich
aufbrachten bis Lady Marie mir endlich noch ins Gesicht sah und ein unmässiges
Gelächter begann Jetzt war meine Fassung zu Ende Mit viel mehr Mut als
Zierlichkeit versetzte ich ihr die derbste Ohrfeige über welche meine Gegnerin
in ein unmässiges Geschrei ausbrach indes ihre Gespielinnen starr von Erstaunen
und Schrecken umherstanden Man kann sich denken was für ein Auflauf entstand
Lady Mariens Unart ward zwar getadelt allein für meine raue
Selbstverteidigung sollte ich um Verzeihung bitten das verweigerte ich
hartnäckig und nach den heftigsten Auftritten wurde ich zum Einsperren
abgeführt Drei Tage lang beharrte ich in meinem Entschluss am vierten trieb
mich Langeweile und Einsamkeit der Aufseherin die sich gleich bei meinem
Eintritt in das Haus zu meinen Gunsten erklärt hatte einen Vergleich
anzubieten Ich forderte Lady Marie solle sich für ihre Unverschämtheit
entschuldigen so wolle ich mein Unrecht wegen der erteilten Ohrfeige bekennen
Allein die Reihe eigensinnig zu sein war jetzt an Lady Marie So ging der
fünfte Tag hin nach welchem man mir die Haft als Strafe anrechnend mich ohne
alle Bedingung in Freiheit setzte Von der Zeit an war die entschiedenste
Abneigung zwischen Lady Marie und mir ausgesprochen nach und nach teilte sie
die ganze Pension alle unsre Gespielinnen mussten es mit einer oder der andern
von uns beiden halten eine Trennung wie die der Whigs und Torys fand statt
Die letzte meiner Gefährtinnen die sich für meine Partei erklärte war Miss
Julie Arnold die Tochter eines kürzlich verstorbnen SeeassecuranzMäklers Da
der gute Mann sich selbst nicht im Stande sah seiner Familie Glanz zu geben
gründete er seine Hoffnung auf die Zukunft seines einzigen Sohnes Um es diesem
zu erleichtern vermachte er ihm zum Nachteil seiner Tochter fast sein
gänzliches ziemlich ansehnliches Vermögen Der junge Arnold welchem die Sorge
für seine Schwester dennoch oblag hielt es fürs beste ihr durch eine glänzende
Erziehung Ansprüche an eine gute Versorgung zu verschaffen und in dieser
Absicht kam sie in unsre Pension Die Natur hatte diesem Mädchen alle
Eigenschaften zugeteilt die zum Emporkommen durch Abhängigkeit erforderlich
sind Biegsamkeit des Charakters Leichtigkeit im Umgang ein Talent sich
unbefangen anzustellen keck zu schmeicheln ein ungezwungnes Betragen ein
kaltes Herz und dabei nur gerade so viel äussre Annehmlichkeit wie dazu gehört
nirgend zu missfallen und doch nie Eifersucht auf sich zu ziehen das waren die
Bestandteile ihres Wesens Schon als Kind drängte sie sich unter die
vornehmeren Gespielinnen man liebte sie nicht allgemein wollte sie aber einer
Einzelnen gefallen so gelang es ihr gewiss Diese Julie schwankte lange zwischen
mir und Lady Marie ja wie es gegen die Vacanz zuging und diese sie einlud sie
auf das Landgut ihres Vaters des Herzogs von C zu begleiten sprach sie sich
eine Zeit lang gänzlich zu ihren Gunsten aus allein wenige Tage vor der
bestimmten Abreise ließ Laune Lady Marie plötzlich eine Begleiterin ihres
Standes wählen und von nun an war Miss Julie mein treuer Bundesgenoss Von meinem
ersten Denken an gewohnt Alles mit Heftigkeit zu erfassen ward meine Liebe zu
ihr bald ausschließend Wir halfen uns gegenseitig in allen Vorfällen ich trug
ihr Neuigkeiten zu und sie mir Konfect ich machte ihre Aufsätze und sie half
mir bei meinem Putz doch der größere Vorteil blieb auf meiner Seite meine
ungezähmte Offenherzigkeit auf die frühe Gewohnheit Alles sagen zu dürfen und
für nichts gestraft zu werden gegründet zog mir bei den künstlichen
Verhältnissen der Pensionswelt beständige Unannehmlichkeiten zu kam es dann zur
Anklage und ich stand auf dem Puncte mich geduldig der Strafe zu unterwerfen
so wusste Julie durch einen unerwarteten Flug ihrer Einbildungskraft den
Sachbestand in ein andres Licht zu stellen so dass ich der Strafe entging Hätte
sie ihre List für eine Andere verwandt so würde ich sie vielleicht richtig zu
beurteilen gewusst haben allein für mich geübt erregte sie anfangs meine
Dankbarkeit und endlich meine Bewunderung
Sieben Jahre meines Lebens gingen darauf hin alle die schimmernden Talente
zu erlernen welche die glänzende Gesellschaft als einzige Vorzüge erkennt Für
keines bezeigte ich so viel Anlage wie für die Tonkunst keines entwickelte ich
auch mit so vielem Fleiß wozu mir der Wunsch Lady Marie zu übertreffen
Beharrlichkeit gab Sieben Stunden des Tages die ich unausgesetzt darauf
verwendete brachten mich dahin im Spiel auf dem Flügel und im Gesang so
vollkommen zu werden wie Tonkünstler die von der Gunst des Publicums abhängen
zu sein sich bestreben Sieben Stunden des Tages hatte ich der Musik gewidmet
indes nicht einmal der Gedanke in mir aufgestiegen war dass es Seelenkräfte
gäbe deren Entwicklung mein Wohl für Zeit und Ewigkeit begründete Nach und
nach erwachte das Verlangen in mir in eine Welt zu treten in der ich mir bei
meinen Vorzügen so vielen Beifall versprach Dass ich reich war wusste ich dass
ich hübsch war vermutete ich ungeduldig erwartete ich den Augenblick den
Szepter der Schönheit für den ich mich bestimmt hielt zu schwingen In dem
Sommer wo ich mein sechzehntes Jahr beschloss verließ Lady Marie unser
Institut um ihre Mutter die Herzogin von C nach einigen Badeorten zu
begleiten Die Nachrichten welche sie ihren Vertrauten von der Herrlichkeit
ihrer neuen Lebensweise gab vermehrten den Eifer mit dem ich in meinen Vater
drang mich zu sich zu nehmen solchergestalt dass der nächste Winter zu meiner
Entlassung aus der Pension festgesetzt ward
Mein Vater nahm bei meiner Rückkehr in sein Haus eine gänzliche Änderung
seiner Lebensweise vor Seit zwanzig Jahren hatte er die kurze Ruhezeit nach
meiner Mutter Tode ausgenommen seine Tage auf der Börse oder in dem
ostindischen Hause zugebracht Der Freitag und Samstag die er auf seiner Villa
in Richmond verlebte unterbrachen allein seine Geschäfte nun er mich aber an
die Spitze seines Haushalts stellte übergab er den größten Teil seiner
Handelsgeschäfte sich einen ansehnlichen Teil des Gewinnstes vorbehaltend
einem jungen Kaufmann und den Besitz der Musse mit dem Genuss derselben
verwechselnd nahm er sich vor fortan sein Leben zu genießen In den
Weihnachtsfeiertagen verließ ich meine Pension von Miss Julie Arnold die ich
mir auf einige Wochen zur Gesellschafterin ausgebeten hatte begleitet Ihre
Pensionszeit war mit der meinigen zugleich geschlossen und diese Einladung ihr
bei der Unsicherheit ihrer Verhältnisse sehr gelegen Mein Vater empfing mich
in Richmond wo wir den eigentlichen Eintritt der Wintervergnügungen abwarten
sollten Zu meiner Überraschung fand ich eine zweite Gesellschafterin vor
deren Persönlichkeit mit meinen Planen von glänzender Zukunft nicht so gut
übereinzustimmen schien wie die meiner jungen Gefährtin Dieses war Miss
Elisabet Mortimer eine vertraute Jugendfreundin meiner teuren Mutter die
durch raue Schicksale belehrt ihren Geist zu einer Reinheit ihr Herz zu einer
Frömmigkeit gebildet hatte die ich damals gar nicht zu begreifen im Stande war
Eines Versprechens eingedenk das sie meiner Mutter einst gegeben den Ruf mir
nützlich zu sein wenn mein Vater ihn einst an sie ergehen lassen würde nicht
auszuschlagen verließ sie ihre ruhige Hütte in der Nähe von Greenwich in der
sie fromm und wohltätig lebte glücklich bei dem Gedanken ihre Sorge für mich
sei ein Band das sie mit der geliebten Toten jenseit des Grabes vereinte Noch
jetzt glüht meine Wange vor Schaam bei dem Geständnis dass ich ihre Liebe mit
unwürdigem Mutwillen erwiderte Ihre einfachen Sitten waren der Gegenstand
unsers heimlichen Gespöttes ihre Frömmigkeit nannten wir Metodisterei ihre
würdige Matronenkleidung schien uns allen Begriffen des feinen Tons zu
widerstreben und wie wir hörten dass sie in ihrer stillen Heimat jeden Abend
im Gebet mit ihrer treuen Dienstmagd der sie jetzt auch ihren kleinen Haushalt
übergeben hatte beschloss nahmen wir uns fest vor uns der Einführung einer
solchen »abergläubischen Sitte« im Fall sie diese versuchen möchte zu
widersetzen Doch dazu zeigte sie nicht die geringste Neigung überhaupt legte
sie uns in keiner Hinsicht Zwang auf es schien als sei sie von der siegenden
Wahrheit ihrer Denkart so überzeugt dass sie einzig die Wirkung der Zeit auf
unsern Verstand und ihres milden Beispiels auf unsre Gewohnheiten abzuwarten
gedachte Ihr angenehmes Betragen wandelte bald unser Missbehagen an ihrem Beruf
in minder gehässige Empfindungen um allein weit entfernt Miss Mortimers Wert
schätzen zu können machten wir sie zum Gegenstand unsrer kindischen Possen Da
wir ihr leicht anzuregendes Mitleid wahrgenommen hatten erfanden wir
Unglücksfälle durch deren Erzählung sie augenblicklich zu Hülfleistungen
aufgefordert Meilen weit durch den Schnee ging um den Leidenden Linderung zu
bringen wir versteckten ihre Andachtsbücher entwendeten ihr Kinderkleidung und
Wäsche welche sie für Arme bereit hielt und klebten Karikaturen in ihren
Kirchstuhl Ich weiß nicht ob sie je erriet dass wir es waren denen sie diese
unwürdigen Scherze zuzuschreiben hätte nie wenigstens richtete sie einen
Vorwurf an uns sie ertrug sie mit sanfter Würde ein mitleidiges Lächeln war
alles was sie sich erlaubte und ward sie einmal durch einen unsrer
übermütigen Streiche in wirkliche Verlegenheit gesetzt so war sie die Erste
herzlich über ihre eigne Lage zu lachen Dieser verächtliche Leichtsinn
kurzweilte uns lange Zeit bis ein sehr ernster Vorfall mich so erschütterte
dass ich ohne Miss Juliens festere Beharrlichkeit wahrscheinlich meinen
unwürdigen Mutwillen auf immer eingestellt hätte
Wir wurden eines Tages zu einem benachbarten Gutsbesitzer gebeten einem
Wittwer mit ein paar ausgelassnen Söhnen und leichtsinnigen Töchtern Miss
Arnolds vorgezognen Bekannten Mein Vater war anderweitig versagt und bat Miss
Mortimer uns zu begleiten das war aber uns nicht gelegen wir hatten eine
lärmende Abendlustbarkeit vor bei der uns dieser würdigen Frau Gegenwart
störte und versuchten alle Mittel ihr den Besuch zu verleiden Wir gossen ihr
eine Tasse Tee auf ihr bestes Seidenkleid sie bemerkte sanftmütig dass ein
schlechteres ihr dieselben Dienste leisten würde wir drangen in sie Konfituren
zu genießen in Hoffnung dass sie ihr ein so heftiges Zahnweh erregen sollten
dass es sie am Mitgehen verhindern müsste sie versagte sich dieselben Wir
erzählten eine grässliche Räubergeschichte die auf dem vorhabenden Wege gestern
geschehen sein sollte sie meinte um so weniger würden die Räuber sich heute
auf demselben Wege betreten lassen Nun ergriff ich ein andres Mittel ich
beredete den Kutscher vorzugeben dass die Berline einer Ausbesserung bedürfe
allein mein Vater entschied kurz und gut dass wir mit Miss Mortimer oder gar
nicht gehen sollten Es ward also beschlossen ich müsste sie im Curricle
fahren und Miss Arnold nebst einem jungen Herrn von denen die sich schon um die
reiche Miss Percy zu versammeln anfingen sollten uns zu Pferde begleiten Jetzt
glaubte ich die schönste Gelegenheit zu haben meinen Mutwillen zu üben Ich
kannte die Furchtsamkeit der wackeren Miss Mortimer sobald wir daher meinem
Vater der uns vom Fenster nachsah aus den Augen waren gab ich unsern
Begleitern zu Pferd ein Zeichen und hin ging es in fliegendem Galopp
Schadenfroh sah ich Miss Mortimer erbleichen und ängstlich auf den Weg sehen wie
sie aber mit der sanftesten Anmut sagte »Liebe Miss Ellen wärs nicht besser
etwas vorsichtiger zu sein« konnte ich ihr nicht widerstehen ich wollte die
Pferde anhalten in diesem Augenblick ritt uns aber unser junger Begleiter vor
und gab meinen Pferden im Vorbeisprengen einen Peitschenhieb Nun trotzten die
aufgereizten Tiere meiner Anstrengung sie zu halten sie sprengten davon und
nach wenigen Sekunden rannten sie eine anständig gekleidete Frau die nicht
schnell genug über den Weg eilen konnte zu Boden Von der Schuld des Mordes
rettete mich ein Fremder der aus der Nähe herbeieilte und mit starkem Arme die
Zügel ergriff Die Pferde rückten das leichte Fuhrwerk widerstrebend zurück und
warfen es um Erschrocken eilte uns der Fremde zu Hilfe indes unsre Begleiter
in tollem Mute voransprengend gar nichts von dieser Begebenheit bemerkten Wir
waren beide nicht verletzt und Miss Mortimer sobald sie wieder aufrecht stand
eilte mit dem Fremden zu der ohne Besinnung im Wege liegenden Frau Ich stand
bewegungslos meinen Blick auf ihre Bemühungen sie zum Leben zu bringen
geheftet endlich schlug sie die Augen auf eine Zentnerlast fiel mir vom
Herzen Ich brach in Tränen aus allein mein Stolz bewog mich sie zu verbergen
und mit dem Schein stolzer Fassung meine Befehle bei dem Aufrichten unsers
verunglückten Fahrzeugs zu geben Nach wenigen Minuten war die misshandelte Frau
im Stande sich von Miss Mortimer und dem Fremden unterstützt in ihre nur
funfzig Schritt entfernte Hütte zu begeben Sie war nicht wesentlich verwundet
die Pferde waren ohne sie zu berühren über sie hinweggesetzt nur der
Schrecken und der Fall hatte die Arme des Bewusstseins beraubt Wie Miss Mortimer
nach einer sehr kleinen Weile zurückkam schlug sie mir vor unsre Lustpartie
auf zugeben und zurückzukehren Die Furcht den Tag mit ihr allein zubringen zu
müssen bewog mich auf die Fortsetzung unsers Weges zu dringen indem sie dem
Fremden uns zu begleiten erlaubte willigte sie ein zu Fuße weiter zu gehen
Schmollend ging ich neben ihnen her und hatte alle Musse unsern Begleiter den
mir Miss Mortimer als ihren alten Bekannten Herrn Maitland vorstellte zu
beobachten Er besaß eine atletisch große Gestalt wenig Anmut ziemlich
regelmäßige Züge und das glanzvollste Auge das ich je sah Hübsch zu sein
verhinderte ihn eine gewisse gutgebildete Breitschultrigkeit die wir Engländer
unsern schottischen Nachbarn gern Schuld geben Sein Lächeln war höchst anmutig
und zeigte die schönsten Zähne allein der Ernst schien ihm gewöhnlicher seine
Stimme war voll männlich und sanft an seiner Sprache doch er sprach nicht
viel würde ich wenn sie gleich etwas Fremdes hatte nicht den Schottländer
erkannt haben und diese Sprache war edel kräftig zuweilen zierlich sie
borgte aber von seinen Bewegungen keinen Beistand denn diese blieben ruhig und
kalt Vielleicht war es aus gewohnter Abneigung mit Fremden zu sprechen
vielleicht entfernte ihn auch das nachteilige Licht von mir in dem ich mich
gezeigt hatte genug dass er einzig Miss Mortimer unterhaltend sich mit mir
nicht mehr beschäftigte als die strengste Höflichkeit ihm gebot und dadurch
mir die ich darauf rechnete die Huldigung jedes Mannes zu gewinnen aufs
höchste missfiel
Bei unserm Eintritt in Herrn Vancouvers Hause umringten uns die jungen Leute
mit lautem Jauchzen vor allen Miss Julie die mich triumphierend um den Preis der
mit ihr eingegangenen Wette wer zuerst ankommen würde erinnerte Ich warf ihr
verdrießlich und mit einem harten Vorwurf über unsern Unfall den ich ihrem
Voraneilen zuschrieb meinen Geldbeutel hin sie beschuldigte ihren Begleiter
Beide stritten zusammen über ihren Anteil an dem Vorfall und der Tag ging in
solcher Verstimmung hin dass ich froh war die Stunde der Abreise eintreten zu
sehen Mein Herz war viel zu ungebildet um Unrecht einzugestehen und die
Langmut mit der Miss Mortimer mir jeden Vorwurf ersparte erwärmte es nicht
Doch am Abend wie ich dem ehrwürdigen Mädchen gute Nacht wünschte entwischten
mir die Worte »Gott sei Dank dass der Tag vorüber ist« Sie ergriff mit einer
Wärme die sie mir noch nie gezeigt hatte meine Hand und sagte »Schenken Sie
mir morgen eine Stunde liebe Ellen ich will sorgen dass sie Ihnen angenehmer
verfliesse« Ich wusste ihr für ihre Nachsicht keinen Dank denn ich hatte mirs
mit Hilfe der Miss Arnold nun einmal in den Kopf gesetzt dass sie kein Recht
habe mich zu meistern allein ihr Wesen war bei dieser Bitte so mild so
einnehmend dass ich höflich ihrer Einladung zu folgen versprach Nach dem
Frühstück als Miss Arnold einige Kaufläden zu besuchen in die Stadt fuhr
forderte mich Miss Mortimer zu einem Spaziergang auf Nach der Richtung des Wegs
den sie einschlug erriet ich sogleich dass sie mich zu der Hütte der Frau
führte welche meine Torheit gestern in so augenscheinliche Lebensgefahr
gebracht hatte nur die Schaam hielt mich ab auf der Stelle umzukehren und mit
einer bitteren Empfindung mich von einer Tugendlehre bedroht zu sehen trat ich
in das Haus Ich fand es nicht ärmlich noch trostbedürftig einige Bücher
reinliches Gerät die größte Sauberkeit zeugten von einem geordneten
hinreichenden Hausstand Meine Begleiterin unterhielt sich mit der Matrone die
am Feuerheerd mit Spinnen beschäftigt war und um meine Verlegenheit zu
verbergen nahm ich die Liebkosungen eines Windspiels an das bequem auf einem
gepolsterten Stuhl der Hausfrau gegenüber gelegen bald nach unserm Eintritt
herabgesprungen war und sich mir genaht hatte Anfangs beschnupperte es mich
nachdenklich blickte mich an wedelte mit dem Schwanz dann setzte es seine
Vorderfüsse auf meine Knie und gab seine herzliche Freude zu verstehen Mir
selbst schien das Tier auch nicht unbekannt ich freute mich seiner
Freundlichkeit die auch von den beiden Frauen bemerkt ward »Ich habe Ihnen Miss
Percy mitgebracht« sprach jetzt Miss Mortimer zu der Alten gewendet Diese rief
aber mit freudigem Erstaunen Miss Percy O da hat das treue Tier die Tochter
seiner Herrin besser wiedererkannt wie ich Guter Fidele du sahst sie doch
auch nicht mehr seit Hier verstummte ihre Stimme in Tränen und bei dem
Namen meiner Mutter zu wärmern Gefühlen erwacht fragte ich nun mit Teilnahme
nach der Bewandtnis die es mit diesem Hunde hätte dessen ich mich von der
letzten Lebenszeit meiner Mutter her jetzt wieder entsann Frau Wells die
Bewohnerin dieser Hütte war einst von der geliebten Verklärten die ihre
wohltätigen Handlungen mit reiner evangelischer Demut der Welt entzog aus der
bittersten Armut gerettet worden Sie hatte ihr Arbeit verschafft sie hatte
wöchentlich mehreremale einige Stunden in ihrer Hütte zugebracht um ihren
Töchtern Kleider machen und Tamburstickerei zu lehren und so hatten diese drei
Menschen es ihr zu danken dass ihnen der Segen des Fleißes ein hinreichendes
Auskommen verschafte Fidele war von meiner Mutter in ihrem letzten Lebensjahr
als ein besonders schönes ganz junges Tierchen angenommen worden ich erinnerte
mich wie er vielleicht durch Einwirkung der Stille ihres Krankenzimmers und
ihrer steten sanften Gegenwart schon damals wegen seiner leisen Sprünge und
milden Lustigkeit bewundert ward Dennoch setzte ich mirs in den Kopf mich vor
dem beweglichen Geschöpf zu fürchten was meinem Vater dem mein Geschrei bei
seinem Anblick verhasst war nach meiner Mutter Tod bewog ihn zu entfernen In
der Überzeugung ihn am besten bei der Frau Wells zu versorgen deren
Anhänglichkeit an die Verewigte ihm bekannt war ward Fidele ihr übergeben und
die Liebe mit der sie ihn gepflegt hatte bewies wie teuer meiner Mutter
Andenken ihr war Ich hörte mit Beschämung ihrer Erzählung zu Wie erschien ich
dieser Frau neben dem was meine Mutter für sie getan hatte Mir ward das Herz
nicht leichter wie wir bald darauf den Heimweg antraten sondern mein Gefühl
trieb mich unter dem Vorwand mein Taschentuch vergessen zu haben
zurückzugehen und Frau Wells indem ich ihr meinen Geldbeutel anbot schüchtern
um die Rückgabe des Hundes zu bitten Sie gestand mir ein Recht auf Fidele als
ehemaliges Eigentum meiner Mutter zu und versprach ihn mir durch ihre Tochter
zu senden allein mein Geld wies sie zu meiner großen Beschämung zurück
Wie ich wieder zu Miss Mortimer zurückkam machte sie einige Bemerkungen über
die Verdienste meiner Mutter die ich fühllos genug gewesen wäre in einem
andern Augenblick als einen stillschweigenden Vorwurf meines Unwerts
übelzunehmen in diesem Moment war aber die schlimme Rinde meines Herzens
gespalten ich hörte sie mit Seufzen an bat sie aber nach wenigen Minuten mich
heute nicht weiter mit diesen Gegenständen zu unterhalten weil sie mich schon
ganz trübsinnig gemacht hätten Vielleicht würde der wehmütig verwundernde
Blick meiner würdigen Begleiterin noch länger auf meinem Antlitz geruht haben
hätte nicht Herr Maitland der eben an dem Gartenhag abstieg unsre Unterredung
unterbrochen Er wollte sich auch nach dem Befinden der Frau Wells erkundigen
wie er aber hörte dass ihr Unfall ohne alle Folgen geblieben sei gab er sein
Pferd seinem Reitknecht und begleitete uns oder vielmehr Miss Mortimer denn
mit mir sprach er nur grade so viel wie die Höflichkeit aufs strengste fordern
kann nach Hause Mein Vater stand an der Türe des Parks so wie Herr Maitland
sich nahte kam er ihm einige Schritte entgegen reichte ihm die Hand und
bewillkommte ihn mit einer Achtung die ich ihn noch gegen Niemand bezeigen sah
Noch erstaunter wie über diese Begrüßung hörte ich dass er ihn zum Mittagessen
einlud welches Herr Maitland auch nach einiger Weigerung annahm Ich kann mich
wirklich nicht erinnern ob ich während der Mahlzeit auf seine Gespräche im
geringsten gemerkt habe Nach Tisch während er sich mit meinem Vater und Miss
Mortimer unterhielt führte ich am andern Ende des Zimmers recht wie die
ungezogne Jugend es sich herausnimmt mit Miss Arnold und dem jungen Vancouvers
ein Gespräch das eben so laut wie gehaltlos mehr wie einmal obgleich
vergebens meines Vaters Ermahnungen auf sich zog Miss Mortimer suchte unsern
Verein zu stören indem sie mehrmals die Rede an mich richtete allein ich
antwortete ihr so kurz teilnahmelos und zerstreut dass ihre Absicht nicht
erreicht ward
Nachdem sich unsre Gäste entfernt hatten stellte sich mein Vater mit sehr
ernstem Gesicht vor das Kaminfeuer und sprach seinen strengen Blick auf mich
die in einem fernen Fenster stand gerichtet »Miss Percy Ihr heutiges Betragen
hat mir missfallen Ich habe Ihnen die Wirtin eines reichen Hauses zu machen
aufgetragen und wünsche dass Sie es für Ihre Pflicht halten meine Gäste gut zu
behandeln alle meine Gäste« Eine allgemeine Stille herrschte und mein
Vater verließ das Zimmer Nun brachen meine Klagen aus Miss Julie unterstützte
mich und wagte es meines Vaters Forderung lächerlich zu finden Miss Mortimer
sprach in ganz verschiedenem Tone sie bewies mir alles Ernstes dass er ein
Recht zu ihr habe besonders aber wenn es einen Mann von Herrn Maitlands Wert
beträfe sei sie höchst billig Ich lachte eben so höhnisch wie übermütig auf
Von Herrn Maitlands Wert Mein Vater und Miss Mortimer wünschen wohl gar dass es
mir gelingen möchte des Gliedermannes Eroberung zu machen rief ich aus Miss
Julie bewunderte meinen Einfall mit lautem Gelächter »Herrn Maitlands
Eroberung« wiederholte Miss Mortimer und sah mir mit ruhigem Ernst ins Gesicht
nein wahrlich liebes Kind so weit versteigen sich meine Erwartungen nicht
Herrn Maitland rief sie nochmals indem sie wie im Selbstgespräch auf ihr
Strickzeug sah nein das wär ein abgeschmackter Einfall
Bei diesen Worten fühlte sich meine Eitelkeit gekränkt Ich bildete mir ein
Herr Maitland würde doch nicht der erste Hagestolz sein der eine
siebzehnjährige Erbin unterjochte und es entstand die Lust in mir meine Macht
zu versuchen Bei Herrn Maitlands nächstem Besuch bemühte ich mich ihn in ein
Gespräch zu ziehen es gelang mir sehr gut allein ich nahm nach einer halben
Stunde wahr dass ich in dieser ganzen Zeit weder Unsinn gesagt noch dessen
gehört hatte Ein zweiter Versuch lief eben so ab um seine Aufmerksamkeit zu
fesseln musste ich vernünftig sein Nach einem dritten der nicht besser
gelang gab ich meine Bemühungen auf überzeugt dass Herr Maitland gar keiner
Anerkennung von Liebenswürdigkeit noch einiges Einflusses derselben auf sein
Herz fähig sei Dessen ungeachtet schritt unsre Bekanntschaft fort wenn es mir
an andern Gesellschaftern gebrach konnte ich eine halbe Stunde ganz angenehm
mit ihm verplaudern Er war gelehrt es fehlte ihm nie an Gegenständen seiner
stets ernsten Unterhaltung sein Ausdruck war oft spruchreich und ward durch
seine leise ruhige Stimme noch anziehender Seine Steifheit mit der er zu viel
Höflichkeit verband als dass sie wie Stolz hätte aussehen können und zu viel
festes Wesen um durch sie schüchtern zu scheinen nahm den Charakter
nationeller Zurückhaltung an und seine Bekannten waren ihr nicht mehr
abgeneigt wenn sie ihn vermocht hatten sie gegen Einen von ihnen abzulegen
Mich schmeichelte es nicht wenig da ich bemerkte dass sie sich gegen mich
verlor indes er sie gegen Miss Arnold fortsetzte um so mehr da sein ganzes
Wesen mir den Begriff strenger Redlichkeit die von keinem äußern Vorzug gebeugt
wurde einflößte Diese mir erteilte Auszeichnung ward hingegen von dem Vorzug
den er fortwährend Miss Mortimer erzeigte völlig aufgewogen ja mein
Bewundrungshunger war so groß dass ich mich durch diesen Vorzug obschon Herr
Maitland über dreißig Jahr alt schien zu Zeiten wirklich gequält fand
Seine Besuche wurden gegen das Ende unsers Aufenthalts in Sedly Park
häufiger allein weder seine Gesellschaft noch die mehrerer anderer mir viel
wohlgefälligerer Männer konnte meine Ungeduld in die Stadt einzuziehen
vermindern Endlich hörte ich dass Lady Maria de Burgh schon jetzt als die
herrschende Schönheit des Winters anerkannt sei Ich stand bei Anhörung dieser
Nachricht eben vor einem großen Spiegel mit einem zuversichtlichen Blick auf
meine Gestalt gedachte ich der Miniaturreize meiner Nebenbuhlerin und flog zu
meinem Vater ihn um die Beschleunigung seiner Abreise zu bitten Er hatte sie
aber schon auf den vierzehnten Jenner angesetzt und bis dahin musste ich meine
Ungeduld zähmen
Ein glänzender Ball bei der Gräfin sollte mich endlich in die große Welt
einführen Nach einer lang besprochenen Wahl ob mein Putz an diesem wichtigen
Abend reich oder einfach leicht oder prächtig sein sollte bestimmten mich die
kostbaren Diamanten meiner Mutter die mein Vater mit manchen neuen
vervollständigt aufs glänzendste hatte fassen lassen und die günstige Meinung
die ich von der Höhe meines Wuchses besaß das Letztere zu wählen Strahlend von
Juwelen Jugend und Erwartung trat ich zur Stunde des Balls in das
Besuchzimmer wo nebst mehreren Herrn die sich an mein Gefolg zu reihen
gedachten Herr Maitland mich als mein Begleiter erwartete Allgemeiner Beifall
empfing mich allein er gnügte mir nicht bis ich Herrn Maitland den Miss Julie
auf die Schönheit meiner Juwelen aufmerksam machte sagen hörte »wer Miss Percy
erblickt wird ihre Juwelen nicht mehr bemerken« Ich war unfein und keck genug
diese gar nicht an mich gerichteten Worte aufzufassen und rief Sehr verbunden
Herr Maitland Eine Schmeichelei von Ihnen ist etwas so Seltnes wie ein Königin
Annens Pence der ohne mehr wert zu sein als ein andrer einzig ist weil sie
nur Einmal prägen ließ »Der Pence war nicht zum Umlauf bestimmt antwortete
er trocken er fiel aber einem Kind in die Hand das ihn nicht für sich zu
behalten verstand« Das Wort »Kind« musste mich heute wo ich zum ersten Mal
als erwachsenes Mädchen in die große Welt zu treten im Begriff war ganz
besonders kränken Tränen traten mir in die Augen und mit sehr herabgestimmtem
Mut stieg ich mit Miss Arnold und meinem strengen Mahner in den Wagen Mit dem
Ausruf der Bewunderung der mir beim Eintritt in die gedrängtvollen Säle
entgegentönte kehrte mein Leichtsinn zurück ich verließ auf das
unverbindlichste Herrn Maitlands Arm um mich von einem meiner gefälligern
Bekannten zu einem Stuhle führen zu lassen und vermied nach Jenem der finster
und nachdenkend neben mir Platz genommen hatte mich umzusehen Nach einigen
Minuten in denen mich der Glanz und die Fröhlichkeit des Schauspiels um mich
her völlig zerstreut hatten teilte sich das Gedränge und ich erblickte Lady
Marie die mit SylphenLeichtigkeit die Reihen durchflog Nie hatte sich ihre
zarte Gestalt so vorteilhaft gezeigt wie in der leichten weißen schön
drappirten Hülle die sie umgab ihr goldnes Haar schmucklos in Locken und
Flechten geordnet bildete die schönste Kopfform Ich ward zweifelhaft ob
meine Juwelen der vorteilhafteste Putz sein den ich hätte wählen können Nach
beendigtem Tanz schritt die Lady auf einen Stuhl zu den in demselben Augenblick
ein sehr schöner junger Mann mit zierlicher Grobheit einnahm und nachlässig
ihre Rede anhörend sein schönes Bein betrachtete seine Finger ein paarmal
durch sein mit anmutiger Nachlässigkeit gelocktes Haar zog und sich dann in
eine bequeme Stellung zurechtgerückt umhersah Jetzt fielen seine Augen auf
mich lebhaft sagte er seiner Nachbarin einige Worte die sie mit einem
verächtlichen Aufwerfen des Kopfes beantwortete er sprang auf schien in einem
augenblicklichen Wortwechsel mit ihr und sie ließ sich dann halb wider Willen
von ihm auf mich zuführen Nach einigen sehr kalten Worten von Wiedererkennen
sagte sie mir ihren Begleiter vorstellend Mein Bruder Lord Friedrich de
Burgh und wendete uns ohne Miss Juliens demütige Begrüßung mit einem Blick zu
beehren den Rücken Diese kränkende Vernachlässigung war mir ein Ruf die
Beschützerin zu spielen Ich fasste sogleich Miss Juliens Arm und ging von Lord
Friedrich begleitet im Saal umher
Unter seinen modigen Mitgesellen konnte Lord Friedrich noch für kurzweilig
und musste für einen der hübschesten angesehen werden Ich nahm an Lady Mariens
Blicken wahr dass seine Aufmerksamkeit auf mich ihr im höchsten Grade missfiel
und machte mir ein Fest daraus durch die kleinen Künste die Eitelkeit uns
lehrt ihn neben mir festzuhalten Nach einiger Zeit forderte er mich zu einem
Walzer auf dieser Tanz ward dazumal noch für eine kaum gebührliche Dreistigkeit
gehalten ich weigerte mich lange allein ein höhnisch missbilligender Blick den
Lady Marie eben auf ihren lebhaft in mich dringenden Bruder warf betörte mich
und ohne es eigentlich beschlossen zu haben stand ich mit ihm mitten im Saale
Alles wich zurück ich sah Aller Augen auf mich gerichtet ein lähmendes Gefühl
von Schaam ergoss sich durch meine Sinne allein es war zu spät in unseeligem
Wirbel flog ich dahin das oft unfein ausgedrückte Lob der Männer betäubte meine
schmerzhafte Verwirrung ich drang mir selbst die Überzeugung auf der Tanz sei
für mich schuldlos und zwang mich einen freien Blick auf die Umstehenden zu
werfen Da trafen meine Augen auf Herrn Maitland dessen Blick mit Missfallen und
unendlicher Wehmut mich betrachtete O ich sah nie ein Auge das so stechendes
Missfallen auszudrücken im Stande war Ich ward bis zur Ohnmacht von ihm
getroffen und eilte mich durch den Haufen drängend in den fernsten Winkel des
Saals Ein Kreis von Beileidbezeugenden denn man hielt meine plötzliche
Beendigung des Tanzes für eine Unpässlichkeit versammelte sich um mich Herr
Maitland nahte sich gesetzt und fragte ob ich mich nach Haus zu begeben
gesonnen sei Aufgebracht über die Störung mit der er meine Torheit
erschreckt beleidigt über die Gleichgültigkeit mit welcher er der Umstehenden
Sorge gar nicht zu teilen würdigte antwortete ich nachlässig daran wär in
den nächsten Paar Stunden gar nicht zu denken und schlenderte an Lord
Friedrichs Arm den Saal hinab Endlich um fünf Uhr erschöpft von der
Anstrengung fröhlich zu scheinen indes Heiterkeit fern von mir war von Lärm
und von Torheit übersättigt verließ ich den Ball Herr Maitland führte mich
bis an den Wagen wo er ernst und kalt seinen Abschied nahm Öde in Kopf und
Herzen so müde dass ich meinem schlaftrunknen Kammermädchen kaum mich
auszukleiden Zeit ließ ohne einen Gedanken an den Allwaltenden dem ich von
jedem meiner Tage Rechenschaft zu geben bereit sein sollte eilte ich in mein
Bett
Von da an war mein Leben ein fortwährender Kreislauf von Gesellschaft und
Putz Gedankenlos eilte ich von Kaufläden zu Morgenbesuchen dann zu
Ausstellungen Versteigerungen Assemblees Schauspielen und Bällen ohne dass
Herrn Maitlands ernste Winke seine bangen mitleidsvollen Blicke oder Miss
Mortimers bestimmtere Bemühungen mich störten Anfangs suchte diese weise
Freundin mich durch angenehme Zirkel und geistvolle Gesellschaft die sie bei
sich versammelte von dem lärmenden Gedränge abzuhalten allein ich hatte den
Becher der Torheit getrunken der sanfterer Heiterkeit schien mir schaal Sie
machte mir Vorstellungen sie redete zu meiner Vernunft zu meinem Herzen sie
waren beide betäubt Ich hatte die Keckheit ihr zu sagen dass wenn nach sechs
Wochen etwa alle meine Einladungen zu Ende wären ich einmal an einem regnigen
Sonntag ihre Lectionen anzuhören bereit sei Noch jetzt erstaune ich über ihre
Langmut bei meiner Unverschämtheit allein sie sah meine Torheit aus dem
Standpunct eines höheren Wesens an die Aussicht auf die Strafe die ihr drohte
schmolz allen Zorn in Mitleid dahin Wie sie einsah dass sie nichts über mich
vermöchte suchte sie den Beistand meines Vaters zu gewinnen allein dieser war
selbst über meine glanzvolle Erscheinung in der großen Welt etwas geschmeichelt
Er teilte die Menschen in zwei Klassen die eine welche Reichtum erwirbt die
andere die ihn genießt Ich gehörte zu der letztern und er glaubte nicht mich
darin hindern zu müssen Es schmeichelte ihn wenn der Morning Chronicle den
Glanz meiner Diamanten auf dem Ball der Gräfin nur dem meiner Augen nachsetzte
er lächelte behaglich wenn ein andrer Paragraph von der Bewerbung des jungen
Herzogs von D um meine Hand sprach Wirklich begünstigte er mehrere Bewerber
aus den vornehmsten Häusern bis sie ihm ernstliche Anträge machen ließ dann
schlug er sie mit der Forderung eines unerschwinglichen Wittwenbedings nieder
und wiederholte öfters dass er gar nicht gesonnen sei einem Burschen sein
Vermögen zuzuwenden der sich am Ende unterstehen könnte seinen Schwiegervater
zu missachten Ich blieb bei diesen Verhandlungen ganz ungerührt Meine
Aussichten schienen mir so glänzend und mein Hang zum Vergnügen war so groß
dass ich an keine Heirat dachte Fiel es mir hier und da einmal auf dass mein
Vater sehr annehmliche Vorschläge zurückwies so regte sich wohl der Gedanke in
mir er könne sich Herrn Maitland den er mit der ausgezeichnetsten Achtung zu
behandeln fortfuhr zu seinem Schwiegersohn ausersehen haben Leichtsinnig
lachte ich dann bei der Vorstellung des Triumphs diesen unbesiegbaren Starrkopf
ausschlagen zu können
Ohne dass einer meiner Freiwerber mich anzog oder einer meiner noch viel
zahlreicheren Bewundrer mir Neigung einflößte fand Lord Friedrich Mittel mich
am mehrsten mit sich zu beschäftigen Er war der modigste Mann ich strebte
danach die Schönheit des Tages zu sein aber noch mehr freute es mich Lady
Marie durch seine Beflissenheit allenthalben an meiner Seite zu erscheinen
Galle zu erregen In erster Rücksicht schmeichelte es meiner Eitelkeit von
manchem eifersüchtigen Gecken von manchem neidischen Mädchen über meine
verabredete Verbindung mit ihm mit heuchlerischer Teilnahme oder bitterem Spott
sprechen zu hören und die früh entkeimte in jedem Verhältnis angewachsne
Feindseligkeit zwischen Lady Marie und mir vermochte mich keinen Schritt zu
tun um unser Verhältnis zu stören Dieses war indessen einzig auf Eitelkeit
gegründet er äußerte keine ernstere Absicht und es wäre mir leid gewesen
hätte er es getan denn so sehr er Modeheld war so wenig hatte er einen
Eindruck auf mein Herz gemacht
Allein mit einer Heirat ists wie mit der Sünde wenn man sich oft daran zu
denken erlaubt stumpft sich der Schrecken davor ab Am mehrsten trug Miss
Juliens Bemühung bei mich nach und nach an den Gedanken dass es mit Lord
Friedrich einst dahin kommen könnte zu gewöhnen Da sie nun einmal den Platz
meiner Gesellschafterin eingenommen hatte und meinen Charakter sehr richtig
beurteilen mochte musste sie es auch für sich für einen günstigen Umstand
halten wenn ich einen glänzenden Rang in der Gesellschaft erhielt Sie suchte
mir in vielfach wiederholten Gesprächen bald die Ernstlichkeit von Lord
Friedrichs Neigung zu beweisen bald durch Aufregung meiner Eitelkeit oder
meiner Feindseligkeit gegen Lady Marie mich zu Fortsetzung meiner Koketterie
gegen ihn zu bewegen Miss Mortimer welche uns selten in Gesellschaft
begleitete in dieser selbst durch die jetzt so übliche Trennung der Jugend von
Personen reifen Alters meinen Leichtsinn nicht beobachten konnte blieb über
mein Verhältnis zu Lord Friedrich in völliger Unwissenheit Wirklich edle
Menschen selbst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse sie unvermeidlich mit
der Gemeinheit zusammenbringen bleiben von ihr unberührt denn sie sucht sich
selbst instinctartig von ihnen zu entfernen Es gehört ein Grad Dummheit oder
eine bestimmte böse Absicht dazu solche edle Menschen mit bösartigem Geschwätz
zu belästigen Eine solche Dummheit vermochte endlich ein ziemlich
untergeordnetes Mitglied meiner glänzenden Zirkel denn Reichtum Jugendglanz
und die Auszeichnungen meiner vornehmen Anbeter hatten mich in Gesellschaften
eingeführt in die meines Vaters Stand mir in gewöhnlichen Verhältnissen keinen
Zutritt gesichert haben würde eine solche Dummheit vermochte eine ältliche
Wittwe mit aller Heuchelei von Teilnahme und Entschuldigungen bei einem
Besuch den sie Miss Mortimer machte diese von Lord Friedrichs geflissentlicher
Beschäftigung mit mir und den Vermutungen die man darauf gründete zu
unterrichten Ich überraschte sie am Schluss ihrer Mitteilung und nahm nach
ihrer bald darauf erfolgten Entfernung die schmerzliche Gemütsbewegung wahr
in welche ihre Nachricht Miss Mortimer versetzt hatte Der milde unendlich
teilnehmende Ausdruck ihres Gesichts überraschte mein Gefühl ich fragte mit
Wärme nach der Ursach ihrer Bekümmernis allein da ich an ihrer Antwort
wahrnahm dass es sich um eine Ermahnung handle fand ich Mittel ihrem Gespräch
unter einem geringfügigen Vorwand sogleich zu entschlüpfen Die nächstfolgenden
Tage vermied ich sehr geschickt ihr Gelegenheit zum Wiederaufnehmen des
Gegenstandes zu lassen allein eine kleine Unpässlichkeit die mir das Zimmer zu
hüten gebot gab mich bald darauf in ihre Hand
Ein zufälliger Blick in den Spiegel zeigte mir zu meinem unaussprechlichen
Schrecken wie auffallend drei Tage leichten Fiebers mich entstellt hatten Ich
äußerte meine Empfindungen in leichtsinnig verdriesslichem Ton und ehe ich mirs
versah zog Rede und Antwort eine Unterredung herbei in welcher Miss Mortimer
mich eben so weise wie gefühlvoll auf die Gefahr aufmerksam machte zu der mein
Leichtsinn mich hinriss Ich glaubte sie so wie mich mit der Versicherung dass
ich an gar keine Heirat dächte zu beruhigen Sie warnte mich darauf mit dem
Beispiel so manchen Mädchens die durch die Sorglosigkeit mit der sie eines
Mannes Bewerbung gestattete sich endlich gefesselt gefunden hätte Mit
unwürdiger Gemütlosigkeit wagte ichs nun zu behaupten es sei ja am Ende auch
ganz gleichgültig ob ich Lord Friedrich heirate oder einen Andern und da er
Geld ich aber einen Rang brauchte wäre ja dieser Plan gar nicht so schlimm
Ohne von dem Übermut mit dem ich ihrer sanften Weisheit mein gehaltloses
Geschwätz entgegensetzte entrüstet zu werden stellte sie mir mit zunehmender
Wärme mit einer Innigkeit die eine selbst mir auffallende Jugendblüte über
ihre blassen Wangen verbreitete die Unhaltbarkeit meiner Lebensansichten für
spätere Jahre ihre Gefahr für die einst nachfolgende Ewigkeit vor Erschüttert
von ihrer Rede und jeder ernsten Rührung abgeneigt eilte ich der vortrefflichen
Freundin unbedingt zu versprechen nie Lord Friedrich meine Hand zu geben Sie
dankte mir und hätte noch mehr gesagt allein Miss Julie stürmte eben ins Zimmer
herein und brachte mir ein Päckchen das im Vorzimmer gelegen und dessen Inhalt
sie mich mit Neugier entwickeln sah Was ists rief sie dringend Ein Billet
von Lord Friedrich und zwar Karten zu Lady St Edwards Maskenball am fünften
Mai Miss Arnold sprang voll Freude im Zimmer umher o das ist herrlich das
ist göttlich und wir sind diesen Tag noch nicht versagt Ich blickte verlegen
und missmutig auf die Karten das eben statt gehabte Gespräch dämpfte meine
Freude Miss Mortimer drehte ängstlich ihre Näharbeit in den Händen und fragte
mich endlich schüchtern ob ich die Karten anzunehmen gedächte Nun das
versteht sich rief Miss Julie vorlaut Warum sollte ich nicht fragte ich
Miss Mortimer ohne sich je an Miss Arnold zu richten so ungeziemend diese sich
auch in das Gespräch einmischte suchte nun mit schüchterner Sanfteit und
unerschütterlicher Geduld mir begreiflich zu machen dass die Gattung dieser
Lustbarkeit so wenig wie die Art des Zutritts den wir dazu erhalten von
vernünftigen Leuten gut geheißen werden könnte Nachdem ich meine Antworten
denn Gegengründe konnte ich sie nicht nennen erschöpft endete ich wie alle
ungezogene Menschen mit einer Unverschämtheit indem ich sie trotzig fragte
wer ihr das Recht gäbe mich zu meistern und zu drängen Helle Tränen brachen
aus ihren Augen »Ihre Mutter gab es mir Ellen« rief sie mit vom Schmerz
erstickter Stimme »Ihre Mutter die von unsrer langjährigen erprobten
Freundschaft der heiligen Erfüllung meines ihr gegebenen Versprechens
entgegensah So lange Sie vor meinen Augen leben Ellen muss ich Sie vor
unwürdigen Torheiten hüten oder Ihrer Mutter Andenken würde mich wie ein böses
Gewissen verfolgen«
Überwältigt durch diesen Ernst drangen auch mir Tränen in die Augen
schnell raffte ich die Einladungskarten zusammen schloss ein entschuldigendes
Wort an Lord Friedrich bei und bat Julien die mir mit der größten Bestürzung
zusah ohne den Mut meiner bestimmten Bewegungen zu hindern dem Bedienten zu
klingeln »Geben Sie mir den Brief sagte sie gleichgültig ich gehe doch die
Treppe hinab und kann ihm den Weg ersparen« nahm mir ihn ab und verließ das
Zimmer
Miss Mortimer deren Tränen noch flossen ergriff meine Hand drückte sie
mit ihren beiden und sah mich mit einem Blick an der die Wildheit selbst
menschlich gemacht hätte Ich fühlte mich erleichtert durch die Entsagung die
ich geübt aber mein elender Stolz erstarrte mich vor dem Gefühl der Liebe ich
hatte die Härte meine Hand zurückzuziehen und kalt und hochmütig das Zimmer zu
verlassen
Doch was tue ich Wird mich denn nicht die Welt verachten der ich diese
Geständnisse mache Werden meine Leser nicht diese Blätter mit Abscheu von sich
werfen Mögen sie Ich kann dennoch einem von ihnen ein Beispiel zur Besserung
sein und dann vergesse doch keiner dass Abscheu vor dem Bösen noch nicht
Tugend ist und gedenke auch dass ich nur dann ganz verloren gewesen wäre wenn
ich schon eine klare Erkenntnis des Bessern gehabt hätte mein Verstand war
wirklich noch in der Dunkelheit des Irrtums befangen
Die Selbstüberwindung eines so lieblosen Herzens war nicht geeignet den
Geist zu bekräftigen Sobald ich mich mit Miss Arnold allein befand ward es ihr
unschwer meine Einbildungskraft mit den lebhaftesten Bildern des Vergnügens
dem ich entsagt hatte anzufüllen Sie stachelte meinen Stolz indem sie meine
Nachgiebigkeit gegen Miss Mortimer als die schüchterne Unterwerfung eines
Schulkindes schilderte und brachte mich bald dahin die Zurücksendung der
Einladungskarten aufs bitterste zu bereuen Wenn wir sie nun aber wieder haben
könnten fragte Julie mit schalkhaftem Lächeln Unmöglich rief ich nie würde
ich Lord Friedrich darum bitten Wenn ich sie aber gar nicht fortgeschickt
hätte teure Ellen sondern in der Überzeugung dass so ein abgeschmacktes
Beginnen Sie gereuen müsse Ihnen das Päckchen abnahm um es sie nahm es aus
ihrem Arbeitskästchen hier zu verwahren
Ich war wie vernichtet Ein achtjähriger Umgang mit Miss Arnold hatte mich
noch nicht verleitet meine gewohnte Wahrhaftigkeit die eigentlich nur
furchtloser Trotz war meine Handlungen nicht zu verbergen abgelegt zu haben
Der Schritt den Miss Julie getan hatte schien meine innere Freiheit unleidlich
zu verletzen ich erstarrte vor der Demütigung die mir fremde Schuld zuziehen
könnte Julie bemerkte die Unruhe meiner Gedanken obschon deren Gegenstand ihr
fremd sein mochte mit der einnehmendsten Schmeichelei stellte sie mir vor wie
sie nur um meinetwillen gehandelt habe wie sie gern allen Tadel auf sich nehmen
wolle um mir ein meinen Ansprüchen so angemessenes so unschuldiges Vergnügen
zu verschaffen allein jetzt ward der zutrauenvolle dankbar glänzende Blick
mit dem Miss Mortimer für das Hinwegsenden der Einladungskarten meine Hand
drückte mein Schutzgeist ich konnte ihr Lob meiner Wahrhaftigkeit das sie mir
noch vor so kurzem gegeben nicht zu Schanden machen und gewann noch einmal den
Sieg über mich die Karten mit eigener Hand dem Bedienten zum Forttragen zu
übergeben
Nun war mein Herz wirklich leicht wirklich stolz Ich vergab Miss Mortimer
meine Fehlschlagung dem Maskenball beizuwohnen mein Abend obschon einsamer
wie gewöhnlich weil ich mich noch als Kranke behandeln musste verfloss in der
heitersten Laune und mein Schlaf ward von freundlichen Träumen umgaukelt Mich
wandelte wohl im Verlauf des Tags die Lust an Miss Mortimer meinen zweiten da
er nicht durch Trotz herbeigeführt ward viel reinern Triumph über eine
Maskeradesehnsucht mitzuteilen allein ich konnte es nicht tun ohne meine
Freundin die nur um meinetwillen sich dem Tadel ausgesetzt hatte
bloszustellen und gebot mir Schweigen
Schon während meines Streites mit Miss Arnold hatte mir der Gedanke an Herrn
Maitlands Meinung über diesen Maskenball vorgeschwebt und vielleicht mir
unbewusst meinen Entschluss befördert Jetzt wünschte ich dass er kommen möchte
und befahl dem Bedienten von allen Besuchen ihm allein Zutritt zu gestatten
ich machte mir selbst glauben nur weil mein Krankenanzug und meine Blässe
seinem stoischen Mut ohnehin gleichgültig sein müssten ingeheim wünschte ich
aber seinen Beifall für meine Selbstverleugnung zu ärnten Doch erwartete ich
ihn diesen Abend vergeblich erst den folgenden stellte er sich ein und kaum
hatte er Platz genommen so rühmte ihm Miss Mortimer mit der zartesten Vorliebe
der Freundschaft meine Entsagung Ich blickte verstohlen ihn an Sobald er
wovon die Rede sei vernommen verbreitete sich ein Freudeschimmer über sein
Gesicht »Mir däucht sagte er dafür sind wir Miss Percy keinen Dank schuldig
sie hat gewiss mehr Freude empfunden Ihrer Bitte zu willfahren als zwanzig
Maskenbälle ihr gegeben hätten« Nicht eben das rief ich mir würde eine
Maskerade die größte Freude von der Welt machen Sie wollen also durchaus
einiges Verdienst bei diesem Opfer haben fragte Herr Maitland mit leichtem
Scherz setzte sich mit anmutiger Vertraulichkeit neben mich auf den Sopha und
erörterte mit einem Witz der stets an die Empfindung anstreifte den Wert
meiner Entsagung Im Verlauf des Gesprächs gebrauchte ich auch den Ausdruck von
»geziemendem Stolz« Er fragte mich darauf was ich unter dieser schönen
Redensart verstehe Nachdem ich vergeblich versucht hatte sie zu erklären sagte
ich mutwillig geziemender Stolz sei das Gefühl welches mich abgeneigt mache
je als eine geduldige Magd mich vor der Herrschsucht des Mannes zu beugen ein
Gefühl welches mir stets den Mut eines unabhängigen Geistes erhalten solle
ohne welchen das Dasein mir nichts wert sei »Fern sei es von mir Ihnen
diesen zu rauben« sprach Herr Maitland anfangs mit Lächeln das aber noch
während er redete einer ernsten Teilnahme Platz machte »Allein welchen Wert
könnte nicht dann dieses Dasein gewinnen wenn Miss Percy die reichen Gaben mit
denen die Natur sie überschüttete und die doch nur ein Darlehn sind aufs beste
anzuwenden bedacht wäre Was würde sie dann erst sein Alles was Ihre
wärmsten Freunde von Ihnen wünschen könnten Sie würden vielleicht dann nicht
mehr die Bewunderung aller Gecken begehren sie vielleicht erlangen allein die
innigste Hingabe derer die weiter blicken als auf ein schönes Gesicht die
wär Ihren gewiss« Die Wärme mit der Herr Maitland sprach war seiner
Gewohnheit so entgegen sein Blick ohnehin so durchdringend strahlte mit so
ausserordentlichem Glanz dass sich mein Auge vor ihm senkte und glühende Röte
meine Wange umzog Gewiss nur diesem Manne konnte es gelingen meinen Übermut
zu beugen allein ich war so befremdet über meine Unterwürfigkeit dass die
Widerrede mir versagte und der unerwartete Eintritt meines Vaters mir als eine
wahre Erleichterung erschien
Sein Gesicht kündigte mir an dass ein besondrer Gegenstand ihn mehr lebhaft
als wohltätig beschäftige Er schritt rasch ein paarmal im Zimmer hin und her
stellte sich dann vor das Kamin und rief mir zu »Endlich werde ich des
Überlaufs um Ihretwillen müde Miss Percy« Um meinetwillen lieber Vater was
will man von mir »Von Ihnen ziemlich wenig aber von mir bei dergleichen
Gelegenheit mein Geld Verzeihen Sie Herr Maitland sagte er sich gegen ihn
wendend dass ich Sie mit Familiensachen unterhalte« Wer will gelegentlich
meiner mein Geld fragte ich sorglos »Lord Friedrich de Burgh der zweite
Sohn des Herzogs von C Seine Gnaden waren heute früh bei mir und haben mir die
bestimmtesten Vorschläge gemacht« Herr Maitland hatte im Ernst seiner letzten
Worte meine Hand ergriffen und sie meinem Vater zuhörend in einer Art
Zerstreuung noch immer gehalten bei dem Namen Lord Friedrichs ließ er sie mit
einem unsanften Druck los ich blickte auf um den Ausdruck seines Gesichts zu
sehen allein er hatte sich abgewendet und schien sorglos in einem Buch das auf
dem Nähtisch lag zu blättern Mein Vater erzählte nun weitläufig wie der
Herzog bei seiner Bewerbung die Ehre einer Verbindung mit seinem Hause die
Aussicht auf die Herzogskrone welche die hinfällige Gesundheit seines ältesten
Sohns Lord Friedrich verspräche nicht habe anzudeuten vergessen wie es aber so
ziemlich am Tage läge dass mein Heiratsgut ein großer Bewegungsgrund bei seiner
Einwilligung in seines Sohnes Wünsche gewesen sei Hier hielt mein Vater inne
und blickte mich fragend an als erwarte er dass ich doch einige Neugier nach
der Entscheidung die er in der Sache gegeben bezeigen sollte Ich spielte aber
sorglos mit meinem Armband und ließ mich auf nichts ein Herr Percy nahm also
wieder das Wort und erzählte mit Triumph wie unbedenklich er den Herzog
abgewiesen habe Zweitausend Pfund Wittum habe er geboten »eine schöne
Herrlichkeit für ein Mädchen das Hunderttausende Mitgift hat und noch doppelt
so viel zu erwarten Und dafür schloss er soll ich einen Schnapphahn in mein
Haus aufnehmen den ich herausfüttern dem ich alles bis auf den Rock mit dem
er den Gecken spielt anschaffen müsste damit er und seine bankerotte Familie
mich und mein Mädchen über die Schulter ansehe Nein wahrlich dafür hat kein
wackerer Mann in England sein Vermögen gesammelt Wie Maitland« Wahrlich
nein nicht nach Ihrer noch nach meiner Ansicht antwortete Herr Maitland
gezwungen »Aber der große Mann ist auch in einen Zorn geraten er schämt
sich seiner Vorschläge und wünscht sie geheimgehalten Gewisslich ich werde sie
nicht verkünden Alle Welt weiß dass ich viel vorteilhaftere Vorschläge für
meine Tochter verwarf«
Also er will die Sache soll verschwiegen bleiben fragte ich hastig da
könnten sie ja seine Töchter vielleicht nicht einmal erfahren »Sie sehen sie
demnach als gänzlich beendigt an« sagte mein Vater zu mir ohne auf meine Worte
zu achten Gewiss rief ich wüsste ich nur wie ich machte dass sie Lady Maria
erführe Vertrauen Sie sie einer recht innigen Freundin sagte Herr Maitland
sehr trocken sagen Sie mir aber nur warum es Ihnen so am Herzen liegt dass
Lady Maria sie erfährt »Weil sie sich ganz grenzenlos darüber ärgern wird
die Tochter eines bloßen Kaufmanns welche dem Enkel des hundert und funfzigsten
de Burgh einen Korb gibt das wird ihr alle Kanten und Schönheitsmittel
verleiden« Ich war von diesem Gedanken so entzückt dass ich erst nach einer
Weile bemerkte wie Herr Maitland bis ans Ende des Sophas von mir gewichen war
und ganz erblasst in finsterem Nachdenken den Kopf auf die Hand stützte Gleich
darauf nahm er von Miss Mortimer Abschied doch in dem Augenblick wo er zur Tür
schritt kam die Kammerfrau dieser und meldete ihr Frau Wells wünsche sie einen
Augenblick zu sehen Miss Mortimer bat ihn seine Schutzbefohlne noch zu
begrüßen er willigte ein aber mein Vater begab sich mit der Bemerkung hinweg
Wenn die Frau Geld will Miss Mortimer so lassen Sies mir sagen ich habe den
Leuten immer das Ihrige geschickt und bin ihnen nichts schuldig
Anfangs war die gute Frau bestürzt ihre Wohltäterin nicht allein zu
finden sie schien sich nicht zum Reden ermutigen zu können Doch Herr
Maitland dem es nun einmal gegeben war sich alle Herzen zu erschließen tat
ihr einige Fragen die ihre Zuversicht zurückriefen Geld wollte diese wackre
Frau nun eben nicht aber Etwas das der Arme eben so oft braucht aber seltener
fordert guten Rat wünschte sie von Miss Mortimer zu hören wegen einer
Liebschaft ihrer Tochter Sally Sie ward von einem jungen Handwerksmann zur Ehe
begehrt sein Gewerb und Sallys Nadel konnten des jungen Ehepaars täglichen
Unterhalt sichern allein zur Hauseinrichtung war nichts da sie musste mit
Schulden angefangen werden und das meinte Frau Wells setzte sie auf immer
zurück Nun habe sie den Liebenden geraten ein paar Jährchen zu warten recht
fleißig zu sein und recht zu sparen bis sie das Nötige zusammengebracht
hätten »Die jungen Leute denken aber wenn man sich liebe brauche man wenig
sagte sie zu mir gewendet ach sie haben das Armsein vergessen seit Ihre
verehrte Mutter mir zu sicherm Erwerbe verhalf Das weiß Niemand was Armsein
ist als der es erfahren hat wie ich Manches Leiden kann man sich auf
Augenblicke aus dem Sinne schlagen aber harte Schuldner frierende hungrige
Kinder ach die lassen uns die Armut keinen Augenblick vergessen Meine
Bitte ist nun dass Miss Mortimer meiner Sally zureden möchte meinem Rate zu
folgen und nach ein paar Jahren in denen sie gewiss vierzig oder funfzig Pfund
zusammensparen könnten mit meinem Segen ihre Ehe anzutreten« Wie rief ich
den Schluss ihrer Rede gar nicht anhörend mit vierzig oder funfzig Pfund ist die
Sache abgetan Die kann ich ihr ja sogleich von meinem Monatsgelde geben denn
gewiss habe ich so viel übrig Ellen was fällt Ihnen ein rief Miss Arnold die
seit einer Weile ins Zimmer getreten war Sie wollen doch nicht funfzig Pfund
auf einmal hingeben Warum nicht Ich brauche das Geld nicht und sollte ich
so gibt mir Papa einen Vorschuss Anfangs bot ich mein Geld in gutmütiger
Überraschung an erst Miss Arnolds Widerspruch ließ mich ein Verdienst in meiner
Handlung entdecken und dafür den Lohn in Herrn Maitlands Blicken zu finden
suchte ich ihn nun auf Aber sein Auge schenkte meiner Freigebigkeit keinen
Beifall die nicht aus Grundsätzen entsprang die kein Opfer auflegte keine
Entsagung gebot Mit ruhigem Mitleid blickte er mich an als wolle er sagen Du
armes Geschöpf selbst dein Gutes hat keinen moralischen Halt Frau Wells
grübelte nicht über die Quelle meiner Großmut sie dankte mit inniger Rührung
nahm sie aber nicht an weil Sally und Robert ihres Eheglücks sichrer wären
wenn sie ein paar Jahr gearbeitet und gespart hätten um es zu erlangen und
weil die Gewohnheit von Geduld und Fleiß ihnen mehr frommen würde wie mein
Gold Der belohnende Blick den ich in Maitlands Auge gesucht hatte
bestrahlte jetzt Frau Wells er verhieß ihr Segen für diese Denkart allein drei
Jahre meinte er sei eine zu lange Prüfung sie solle die Liebenden ein Jahr
lang nach ihrem Ziele hinarbeiten lassen und was an dessen Schluss noch an der
nötigen Summe fehle lege er dann hinzu Frau Wells dankte innig aber ohne
Erniedrigung ich könnte sagte sie darauf sich zu mir wendend Sally am
wirksamsten bei ihrer Absicht unterstützen das junge Mädchen arbeite gut es
fehle ihr nur an neuen Mustern und Kunden unter vornehmen Leuten wenn ich mich
aber herablassen wollte sie für mich arbeiten zu lassen so würden bald die
elegantesten Damen ihr zu tun geben So wie ich der wackeren Frau Meinung
verstand geriet ich in die peinlichste Verlegenheit Wie konnte ich mich
entschließen ein Kleid anzulegen das nicht die erste Modeschneiderin der
Hauptstadt gemacht hatte Aber Frau Wells bat so schüchtern so ernst Wie
sollt ichs ihr abschlagen Miss Arnold ließ mir Zeit mich zu sammeln denn noch
ehe die wackre Frau ganz ausgesprochen rief sie »Behüte uns Gott ehrliche
Frau Miss Percy soll doch kein Ding anziehen wie Ihre Tochter sie
zusammenflickt Ehe die ein Muster fände zöge es ja alles Lumpengesindel durch
die Hände« Ich wollte nicht zudringlich sein nahm Frau Wells hocherrötend
das Wort ich meinte wenn Miss Percy die Güte hätte Sally anzuweisen O liebe
Frau Wells sagte ich besänftigend dessen wäre ich nicht fähig ich verstehe
nichts davon aber ich will Sally empfehlen überall wo ich Arbeit für sie
hoffen kann Liebe Miss Mortimer Sie geben ihr zuerst welche Das kann sie
sagte Herr Maitland trocken sie kann den Zauber eines modigen Rockschnittes
entbehren
Mistriss Mortimer erfuhr späterhin dass Herr Maitland in den nächsten Tagen
die Summe welche Sally bei ihrer Hochzeit ausgezahlt werden sollte gerichtlich
niedergelegt hatte Das junge Mädchen ließ sich von meiner ehrwürdigen Freundin
zur freudigen Nachgiebigkeit in der Mutter Rat bewegen und das Glück dieser
Menschen war gesichert Ich vergaß schnell meine wertlose Großmut sie glich
dem unstäten Schimmer des wogenden Meeres indes Miss Mortimers und Maitlands
Menschenliebe belebend tätig allverbreitet wie der Sonnenstrahl wirkte
Sobald meine Unpässlichkeit vorüber war begann ich meinen Kreislauf von
Lustbarkeiten von neuem Mein erster Ausgang war ein Konzert und Souper das
Lady G einem kleinen Freundeskreis von vier und funfzig Personen gab Gleich
bei meinem Eintritt erblickte ich Lord Friedrich der neben seiner Schwester
Lady Auguste und Lord Glendowr stand Lady Marie machte ihn mit spöttischem
Gelächter meine Anwesenheit bemerken er wendete den Kopf nicht einmal zu mir
ich durchblickte Lady Mariens Absicht und setzte alle kleine Mittel der
Gefallkunst in Tätigkeit um ihr Lord Friedrich zu entreißen doch alles
umsonst bis die Frau vom Hause mich zu einer BravourArie aufforderte zu der
ich mich meiner Fähigkeit bewusst war nach ihren ersten Tönen welche die
Gesellschaft in die tiefste Stille gezaubert hatten nahte sich Lord Friedrich
der Lady G die bewundernd neben mir stand Mein Herz schlug hörbar über
meinen Triumph meine Stimme schien von der Begeisterung getragen da hörte
ich wie er sich bei der Wirtin nötiger Geschäfte wegen entschuldigte und
sah wie er aus der Gesellschaft verschwand Meine Fassung reichte kaum aus die
Arie zu beenden unter dem Geräusche des Beifalls gewann ich Zeit meine Lage zu
übersehen und da ich wie alle eitle Weiber lieber Anmassung abwehrte als
Vernachlässigung ertrug beschloss ich meine Empfindlichkeit zu verbergen Bald
war mein Plan entworfen durch eine geschickte Wendung bewog ich Lord Glendowr
Lady Marias erklärten Bewunderer mir einen Augenblick Aufmerksamkeit zu
verleihen und fesselte ihn dann so vollständig dass er den ganzen Abend nicht
mehr meine Seite verließ Wahrlich der armselige Triumph war teuer erkauft er
verdammte mich drei tötlich langweilige Stunden mit anscheinender
Lebhaftigkeit dem Geschwätz des einfältigsten Sterblichen zuzuhören Eine
Anstrengung von der ich müde und von innerem Zwiespalte erschöpft endlich nach
Haus eilte
Das notwendige Geschäft das Lord Friedrich aus der Gesellschaft gerufen
war eine Spielpartie in welcher er zweitausend Pfund verloren hatte Miss Arnold
sprach mit dem zärtlichsten Mitleid von ihm und gebrauchte ihren Einfluss über
meine Schwäche so wohl dass sie mich endlich beredete die Verzweiflung sein
Gesuch bei meinem Vater gänzlich fehlschlagen zu sehen habe ihn zu dieser
Torheit gebracht In gewissem Sinne hatte sie recht Geld musste er sich
verschaffen wie es ihm durch Eroberung meiner Mitgift nicht gelungen war
versuchte er es mit den Karten allein diese Entdeckung zu machen war ich viel
zu sehr in Selbstbetruge befangen Es schmeichelte meiner Eitelkeit eines
Mannes Leidenschaft also aufgeregt zu haben und mein Zorn über seine
Vernachlässigung war wie ich ihn den folgenden Abend bei Mistriss Klermont fand
beinahe verraucht
Die Zimmer waren so voll dass ich mich gleich beim Eintritt von Miss Arnold
getrennt sah und erst nach einigen Minuten sie im ernsten Gespräch mit Lord
Friedrich begriffen wiederfand Befremdet trat ich ihnen näher und hörte ihn
sagen »Da würde ich eine sehr einfältige Figur machen« »Die Sache ist
unmöglich antwortete Miss Arnold er hat auf der Welt keinen Verwandten als
« hier erblickte sie mich schwieg und errötete Doch ich hatte keine Zeit
Bemerkungen zu machen denn Lord Friedrich ergriff meine Hand und äußerte seinen
Unmut über seine von meinem Vater erlittene Fehlschlagung in einem Ton dem
»mein Selbstgefühl« welches ich gegen Herrn Maitland als Richtschnur meines
Betragens aufgestellt kalte Verachtung hätte entgegensetzen sollen Doch Lady
Marie die ihren Bruder bewachte näherte sich schnell um ihn zu einem
Zeitvertreib abzurufen den er durch Kartenkünste Lady Auguste zu verschaffen
versprochen hatte das war genug mich über meine weibliche Würde zu verblenden
ich setzte mein Gespräch mit Lord Friedrich fort ließ mich auf einen
nebenanstehenden Stuhl nieder er nahm seinen Platz neben mir und schlug seiner
Schwester ab sie an Lady Augustens Spieltisch zu begleiten In der
Unterhaltung welche nun folgte wurden die zurückgesendeten Einladungskarten
nicht vergessen Er scherzte über meine Weigerung und drang darauf die
eigentliche Ursache derselben zu wissen aus Verlegenheit sagte ich ihm dass ich
Anstand nähme mich in die Gesellschaft einer Dame zu drängen der ich nicht
vorgestellt sei Bei diesen Worten sprang er auf um mir Lady St Edmond welche
sich auch in der Gesellschaft befand und wie er sagte seit langer Zeit mich
kennen zu lernen wünsche zuzuführen Sogleich kehrte er mit einer Dame zurück
deren glänzende Erscheinung und liebenswürdige Gestalt wenn sie gleich über die
Jugendjahre hinaus war den angenehmsten Eindruck machte Ihre gemütvolle
Höflichkeit ihr ungezwungnes Betragen ihre Schmeichelreden bezauberten mich
ich blieb den ganzen Abend ihre Gefährtin und nahm das Versprechen ihres Besuchs
auf den folgenden Morgen mit der größten Freudigkeit an
Sie erfüllte dieses Versprechen und war im vertraulichen Geschwätz am Kamin
noch hinreissender wie im Geräusch des Salons obgleich ihre Reize beim
Tageslicht weniger vorteilhaft erschienen Im Verlauf des Gesprächs warf sie
mir auf die schmeichelhafteste Weise meine Weigerung vor ihren Ball wie sie
sich ausdrückte durch meine Gegenwart glänzender zu machen Ich war redlich
gesonnen bei meinem Entschluss nicht dabei zu erscheinen zu beharren allein
Miss Arnold wusste meine Gründe bald zu entkräften bald indem sie meine
Nachgiebigkeit gegen Miss Mortimers Wunsch als kindische Folgsamkeit darstellte
meine Eitelkeit zu reizen so dass ich das Anerbieten der Lady St Edmond uns
nochmals Karten zu senden nicht abzulehnen den Mut hatte
Kaum hatte sie mich mit den einnehmendsten Liebkosungen verlassen so trat
Miss Mortimer ein und musste den ersten stürmischen Erguss der Freude über meine
neue Bekanntschaft vernehmen Sie tat es mit bedächtiger Ruhe und der
gleichgültigen Bemerkung »sie habe gehört dass Lady St Edmond sehr
liebenswürdig sei« Noch mehr durch ihre Fassung die ich für Abneigung gegen
meinen neuen Götzen hielt erhitzt häufte ich Lobsprüche auf Lobsprüche und
fügte den Wunsch mit so einer Freundin meine Tage zu verleben hinzu Miss
Mortimer erinnerte mich an die Notwendigkeit neue Verbindungen nur allmählig
zu knüpfen Ich nannte das Kalterzigkeit Sie deutete darauf dass Lady St
Edmonds Ruf von der Art sei diese Behutsamkeit einem jungen Mädchen sehr nötig
zu machen Nun war mein Stolz empört ich wollte mich den Regeln allgemeiner
Klugheit nicht unterwerfen übermütig erklärte ich alles was die Welt über
meine neue Freundin urteilen möchte für Verleumdung und einer solchen
Verleumdung Gehör zu geben für die elendste Schwäche Mit Engelmilde setzte mir
darauf Miss Mortimer den Unterschied auseinander der darin läge ein altes
FreundesVerhältnis wegen Beschuldigungen des öffentlichen Rufes aufzulösen
oder neue solche Verhältnisse mit einer Person von beflecktem Rufe zu knüpfen
Das Erstere könnte Ehre und Menschlichkeit in manchen Fällen verbieten das
Andere sei gewagt und für eine Person meines Alters und Geschlechtes völlig zu
verwerfen Diese Ansicht war so einleuchtend dass ich mit all meinem Übermut
nicht sogleich eine Widerlegung bereit hatte Miss Mortimer viel zu edel um
sich der Bestätigung meiner Niederlage in meinem Stillschweigen zu erfreuen
verließ ungesäumt das Gemach
Der Gedanke an den verführerischen Maskenball zerstreute mich bald von dem
unangenehmen Eindruck den diese Unterredung zurückließ Fest entschlossen ihm
zu entsagen erlaubte ich mir um so unbedachter mich an der Vorstellung seines
Glanzes zu weiden Ich dachte mir die Pracht meiner türkischen Maske die
Anmut die sie meiner Gestalt verleihen müsste die Bewunderung die ich
erregen die witzigen Antworten die ich erteilen würde doch vor allem
beschäftigte sich meine Einbildungskraft mit dem Vergnügen den ganzen Abend an
Lady St Edmonds Seite zu sein Zu gewohnt meine Interessen mit Miss Arnold zu
teilen wurden meine eitelen Träume Gegenstand unsers nächsten Gesprächs und es
ward ihr leicht da durch Lady St Edmonds persönliche Einladung der Hauptgrund
der Weigerung der in Lord Friedrichs Dazwischenkunft bestanden hatte gehoben
war mich zu bereden dass es meinem Vater allein zukomme über das Annehmen oder
Ausschlagen der Einladung zu entscheiden Der Ausweg war meinem Gewissen
willkommen allein es war noch zu schüchtern den Vorschlag meinem Vater selbst
zu tun fehlte es mir an Mut Miss Arnold bot sich ungebeten zu der
Unterhandlung an diese glückte ohne die geringste Schwierigkeit mein Vater
durch seine Unkunde der feinern Gesetze des weiblichen Anstandes da meine gute
Mutter nie in der großen Welt gelebt hatte und durch seine Eitelkeit die an
den vornehmen Bekanntschaften seiner Tochter Gefallen fand irre geleitet
tadelte Miss Mortimers Ansicht und befahl mir ohne weitres Nachdenken der
Einladung Lady St Edmonds zu folgen Nun war der Pflicht genug getan aber die
Umstände erheischten es doch Miss Mortimer die Veränderung meines Entschlusses
mitzuteilen und das schien mir noch schwieriger als das Gesuch an meinen
Vater Miss Arnold versuchte mir deutlich zu machen dass zu Vermeidung aller
Unannehmlichkeiten für beide Teile nichts leichter sei als dem würdigen
Mädchen unsern Besuch des Maskenballs gänzlich zu verschweigen Sie kenne unsre
Einladungen nicht es sei sehr leicht an dem Ballabend eine andere Gesellschaft
zu besuchen dann später unsern Anzug zu ändern um noch immer früh genug bei
Lady St Edmond zu erscheinen Meine ganze Seele empörte sich gegen diesen
furchtsamen Betrug fast hätte mich dieser Vorschlag über Juliens gefährlichen
Einfluss aufmerksam gemacht allein sie wusste bei der ersten Äußerung meines
Missfallens mich mit Tränen und Liebkosungen zu überzeugen dass nur der innige
Wunsch mir den Genuss dieses Ballabends zu verschaffen sie leite Sie bot mir
an ihre Karte Miss Mortimer abzutreten so alle Hindernisse zu heben und mir den
sichersten Beweis ihrer uneigennützigen Freundschaft zu geben Mein schwaches
Herz der Liebe bedürftig und der Schmeichelei gewöhnt ließ sich leicht
beschwichtigen und als Ersatz für das meiner Freundin getane Unrecht gab ich
ihr sogar bis dahin nach dass wir um Miss Mortimers Missbilligung so viel wie
möglich zu entgehen sie erst am Ballabend selbst im Augenblick unsrer Abfahrt
mit meinem veränderten Entschluss bekannt machen wollten
Miss Mortimers Ermahnungen zum Trotz setzte ich meine Bekanntschaft mit Lady
St Edmond fort Ich zog zwar einige Erkundigung über sie ein ihr Erfolg
stellte meinen neuen Liebling als eine Frau dar die sich mit großem Glück und
Vorteil dem Hazardspiel ergäbe und über einen Punkt ihres Betragens solcher
Fehltritte wegen verdächtig werde die es besser sei nicht zu erwähnen Die
Heftigkeit mit der ich Lady St Edmond unschuldig zu finden wünschte bewog
mich die öffentliche Meinung als eine Despotin zu betrachten der zu
widerstehen mich meine Eitelkeit aufreizte meine Zuneigung für sie gewann
durch meine Absicht ihr dadurch nützlich zu sein neue Stärke so wie auch
meine Bewunderung ihrer liebenswürdigen Eigenschaften dadurch anwuchs Wirklich
war aber ihr Betragen gegen mich so anziehend ja so bezaubernd durch Geist und
gemütvolles Wesen dass ich noch jetzt nach Verfluss manches Jahres und mancher
gemachten Erfahrung überzeugt bin ihr Wohlgefallen an mir war nicht ganz
erlogen Ich habe selten ein so verhärtetes Herz gefunden dass es nicht
wenigstens vorübergehend durch die redliche Gefühlswärme der Jugend gerührt
worden wäre Ich vermochte auch gar keine Ursache zu entdecken die sie mir zu
heucheln bewegen könnte auch für die Beschuldigung ihrer Liebe zum Spiel fand
ich in ihrem Verhältnis zu mir keinen Beweis sie veranlasste mich nur ein
einzigesmal die Karten zu nehmen und da war ich im Gewinnen Miss Mortimer fuhr
indes fort mich zu warnen und auf ihrer übelen Meinung von dem Gegenstand meiner
Vorliebe zu beharren so dass ich den Ausdruck meiner Bewunderung aus
Widerspruchsgeist noch erhöhte Ein prophetischer Ausspruch meiner Warnerin
prägte sich meinem Gedächtnis besonders ein weil er mit einer Strenge abgefasst
war wie ich sie bei keiner andern Gelegenheit aus Miss Mortimers sanftem Munde
vernahm Ich hatte Lady St Edmond »meine Zauberin« genannt diesen Ausdruck
fasste sie auf und sagte »Zauberin ja das ist sie denn sie zieht Sie in einen
Kreis den nichts Gutes oder Heiliges betritt wollen Sie ihr dahin folgen so
bieten Sie allen guten Engeln Lebewohl Die Guten werden Sie einer nach dem
andern verlassen und Ihnen kein Gefährte bleiben als der Ihre Irrtümer
benutzen will oder Ihren Untergang befördern«
Es ist sehr sonderbar dass Wesen die so wie wir alles von der Zukunft
erwarten sie oft da sorglos übersehen wo sie uns so sichern Rat gewähren
könnte Wird man es glauben können dass ich von derselben Unterredung weg in
welcher Miss Mortimer jene ernsten Worte zu mir sprach in einer Versteigerung
wo die ganze Londner Welt sich einfand an der Seite Lady St Edmond erschien
Man verkaufte den Nachlass einer höchst modigen Frau unter dem sich alles kleine
Gerät ZimmerAufputz und LuxusSpielwerke befanden die das Bedürfnis des
Künstlers erfindet um die Übersättigung des Reichen zu neuer BesitzesBegier
zu reizen Jedes Mitglied der Modewelt ward von der Begierde sein Geld und seine
Zeit zu vergeuden oder doch seine Neugierde zu weiden dahin geführt Lord
Friedrich seiner schönen Kousine beständiger Begleiter war uns zur Seite so
wie er überhaupt seit mein Vater seine Bewerbung zurückgewiesen mir seine
Aufmerksamkeit noch viel eifriger bezeugte wie vorher Miss Arnold glaubte es aus
dem Grund zu erklären dass er seine Beflissenheit gegen mich nun sie gar keine
Absicht mehr haben könnte auch gar nicht mehr zu verbergen brauche indem unser
Verhältnis beiderseitig eine unschädliche Koketterie bleiben müsste Diese
Erklärung beruhigte mich nicht weil sie aber meiner Eitelkeit freies Feld bot
ließ ich sie als hinreichend gelten Es waren schon eine Menge kostbarer
Spielwerke verkauft während das Gesicht mancher gegenwärtigen Dame durch
Begehrlichkeit Neid Fehlschlagung mehr oder weniger entstellt mich fast so
sehr als der Anblick der glänzenden Gerätschaften beschäftigte Endlich fiel
mir der missgünstige Ausdruck einer betagten hageren Frau die ihre Augen auf
eine runde blühende Gestalt richtete welche ein eben erstandnes sehr schönes
Porzellangefäss wohlgefällig betrachtete so lebhaft auf dass ich meinen
Bleistift hervorzog um sie als Karrikatur zu entwerfen Noch war ich damit
beschäftigt als ein allgemeiner Ausruf der Bewunderung meine Blicke auf ein
Toilettenkästchen von Schildpatte mit goldnen Verzierungen zog das eben zum
Verkauf ausgeboten wurde Dieses Kästchen war ein Meisterstück an Vollendung der
Arbeit an Reichtum und Zierlichkeit der Verzierungen In einem Moment ward ich
vom Zuschauer bei dieser Szene der Torheit eine handelnde Person ich fand in
der Versicherung des Ausrufers dass die funfzig Pfund für die es angeschlagen
sei nicht ein Drittel seines Wertes betrügen eine Rechtfertigung meiner
unwiderstehlichen Lust es zu besitzen und tat ein Gebot Die Besitzeslust
welche mich ergriffen wirkte auch auf Andere man steigerte den Preis bis zu
siebzig Pfund Nun stockte der Wetteifer einen Augenblick dieser schien mir
günstig ich bot noch einmal allein ich hatte mich geirrt jetzt trat eine
ältliche widrige Dame mit mir in Wettstreit mit spottender fast
geringschätzender Kälte trieb sie mich hinauf bis für hundert und funfzig Pfund
sie mir das Spielwerk überließ Ich hielt meinen neuen Besitz in den Händen
ich genoss die Glückwünsche die neidischen Blicke die bewundernden Ausrufungen
der Umstehenden als mir die Notwendigkeit meinen Kauf zu bezahlen aufs Herz
fiel Den VersteigerungsGesetzen gemäß musste dieses baar geschehen und ich
hatte aufs höchste zwanzig Guineen in meinem Beutel Mit einer Verlegenheit die
alles was ich bisher in dieser Art erfuhr übertraf wendete ich mich kaum
hörbar an Lady St Edmond mit der Bitte um ein Darlehn das ich gewiss war ihr
gleich nach meiner Nachhausekunft erstatten zu können Ich meinte sicher noch
einen großen Teil meines Monatgeldes in meinem Schreibtisch zu haben reichte
dieses nicht hin so rechnete ich auf einen Vorschuss von meinem Vater und war
auch überzeugt bei Miss Arnold Unterstützung zu finden denn vor kurzer Zeit sah
ich dass sie Gold in Händen hatte und teilte auch meine letzte monatliche
Rente mit ihr Lady St Edmond hörte meine Bitte mit der größten Gefälligkeit
bezeigte mir aber das innigste Bedauern auch nicht einen Schilling in ihrem
Beutel zu haben da sie gar nicht einzukaufen gesonnen gewesen sei Zugleich
rief sie Lord Friedrich herbei um mir den nötigen Vorschuss zu machen So
leichtsinnig ich war so sehr Irrtum und Torheit mich umfing schauderte ich
doch vor dem Gedanken Lord Friedrichs Schuldnerin zu werden Ich weigerte mich
darüber mit ihm einzugehen und blickte umher um mich an eine andre Bekannte zu
wenden Ein reiches junges Frauenzimmer die ich oft sah schien mir die
geschickteste mich aus meiner Verlegenheit zu reißen ich stellte sie ihr vor
sie wies mich aber mit der Versicherung zurück dass ihr nur eine Guinee sie in
Versteigerungen zu verwenden zu Gebot stehe Aber Sie boten ja auch auf das
Kästchen rief ich verwundert »O das tat ich zum Zeitvertreib Was sollte
ich mit diesem kostbaren Dinge machen Das kaufen nur Leute die alle Taschen
voll Geld haben« Lady St Edmond verlachte mich ohne Schonung über meine
Ziererei gegen Lord Friedrichs Anerbieten die Notwendigkeit zu bezahlen drang
sich mir auf und ehe ich mirs versah war Lord Friedrichs Gold in meinen Händen
Doch stellte er mirs auf so eine bescheidne anständige Art zu die es bewies
dass ein Modeheld bei Gelegenheit dennoch höflich zu sein im Stande ist Sobald
ich seine Banknote angenommen fragte ich ihn scherzend welche Sicherheit er
von mir für die Rückzahlung verlange Er fasste meine Hand und zog mir tändelnd
einen Ring von wenigem Wert mit den Worten vom Finger »Das ist mein Pfand
Glauben Sie aber nicht dass ich es für ein paar armseelige Guineen zurückzugeben
gedenke Sie können es sobald Sie wollen bei einer schicklichen Gelegenheit
eintauschen« Der Scherz missfiel mir aber um ihm keine Wichtigkeit zu geben
und seine Bedeutsamkeit nicht überlegend ließ ich ihn im Besitze des Rings
Wie ich mit meinem durch so bittere Verlegenheit erworbenen Schatz nach
Hause kam untersuchte ich meinen Geldvorrat und fand zu meinem Erstaunen dass
neun bis zehn Pfund alles sei was er enthielt Mir war es rätselhaft wohin
mein Geld gekommen sein könnte aber da ich ein ähnliches Erstaunen bei meinem
Vater voraussetzen musste wenn ich ihn um Vorschuss ersuchte wendete ich mich
zuvörderst mit meinem Gesuch an meine Freundin Miss Julie Mit einem Erguss von
Bedauerniss und SelbstAnklage erklärte sie mir kaum einige Guineen zu
besitzen sie habe zwar baar Geld in Händen gehabt allein bei ihrem letzten
Besuch bei ihrem Bruder habe sie ihn in einer Verlegenheit gefunden »und gut
wie ich bin« waren ihre Worte »half ich ihm aus indem ich mir eine Freude
daraus machte ihm diesen Beweis von der Großmut meiner edlen hochherzigen
Freundin gegen ihre Julie geben zu können Am Ende des Monats zahlt er mirs
zurück und dass Lord Friedrich so lange warte ist ja das Gleichgültigste von
der Welt« Der Meinung war ich nicht meine nächste Absicht ging ernstlich
dahin mich an meinen Vater zu wenden allein Miss Arnold machte mich aufmerksam
dass ich dieses nicht könnte ohne ihm mein gesellschaftliches Verhältnis zu Lord
Friedrich zu verraten sie stellte mir die Unannehmlichkeiten die ein Verbot
von seiner Seite mir zuziehen könnte so fühlbar vor sie bewies mir so klar
dass der Schritt bei der Sicherheit in wenig Tagen zahlen zu können so unnötig
sei ja dass mir meines Vaters Aushülfe im äußersten Fall immer zu Gebot stände
so dass ich zwar ängstlich und ungewiss ihm die Sache zu verhehlen einwilligte
Möge doch hier jeder meiner Leser der noch am Eingang seiner Lebensbahn
steht meinen warnenden Zuruf hören jede seiner Handlungen die er vor seinem
natürlichen Verstand wer er sein mag zu verhehlen sucht mit scharfem Blick zu
untersuchen Ist diese Handlung wichtig so verlasse er sich nicht auf sein
eigenes Urteil über sie ist sie geringfügig so hüte er sich dass Verhehlen sie
nicht zu drückender Wichtigkeit anwachsen mache Ein schüchternes Gemüt
verliert indem es sich durch diese heimlichen Pfade durchwindet die sichre
Haltung des reinen Bewusstseins ein kühnes stolzes wie das meinige war dem
die Anerkennung von Irrtum von Bedürfnis nach Beistand so schwer wird erfasst
mit einer Eigenmacht die in ihrer Kraft noch nicht wie etwas Schlechtes
aussieht diesen Ausweg Vorwurf zu vermeiden und der frohe Mut der Wahrheit
ist für dasselbe dahin
Für dieses Mal war Miss Arnold mit ihrem Sieg über meinen besten Willen
zufrieden Wie ein guter Feldherr begnügte sie sich den eroberten Posten zu
sichern Erst am folgenden Morgen fragte sie mich nachlässig ob ich an Lord
Friedrich einige Worte zur Entschuldigung geschrieben Ich verneinte es und
setzte hinzu dass es mir ungeschickt schiene Wenn Sie nicht schrieben meinen
Sie fragte Julie gewiss wäre das ungeschickt Außerdem sollten Sie gar keine
Gelegenheit zu schreiben aus den Händen lassen denn es besitzt Niemand in dem
Grade wie Sie die Grazie des Styls der Wendung in einem Billet Der dunkle
Begriff von Unziemlichkeit ein solches Billet zu schreiben der mich bis dahin
beschäftigt hatte verschwand vor dieser Schmeichelei ich schrieb ich erhielt
eine Antwort die mich in die Notwendigkeit versetzte meinem Liebhaber denn
Lord Friedrich als solchen zu betrachten hatte ich nun stillschweigend
eingewilligt nicht ohne einige Zeilen zu lassen Briefe Sonette Episteln in
Versen flogen hin und her und nahmen bald den Gang eines geregelten
Briefwechsels an Miss Mortimer durfte von diesem allen nichts ahnen und das
Unrecht nimmt so schnell von unsrer Seele Besitz dass mich die Geschicklichkeit
mit der wir unsere geheime Kurzweil verbargen mir bald zu einem eignen
Vergnügen gereichte
Der Maskenball rückte indessen näher mein Sultaninnenputz beschäftigte mich
so lebhaft dass ich wenig auf die gewöhnlichen Umgebungen Achtung gab nur auf
Miss Mortimer wendete sich durch Gewissensunruhe angetrieben zuweilen mein
Blick Ich bemerkte dass sie leidend aussah zwar war ihre Gesundheit immer sehr
zart allein in dieser Zeit fielen mir ihre krankhafte Farbe ihre tief
liegenden Augen und ein schmerzlicher Zug ihrer bleichen Lippen um so
ängstlicher auf als ihr Blick der oft traurig auf mir ruhte mein Unrecht zu
erraten schien Sie befreite mich selbst von dieser Sorge indem sie mir
freundlich klagte dass mein Vater ihr abschlage eine kleine Gesellschaft für
den fünften Mai zu veranstalten wie sie mir am Abend des Maskenballs
erträglicher die Zeit zu verkürzen gewünscht hätte O Ellen unterbrach sie sich
selbst wie ähnlich sehen Sie Ihrer guten Mutter wenn Sie erröten Da möchte
ich immer erröten antwortete ich denn ich möchte Niemandem lieber ähnlich
sehen wie ihr Nun liebe Ellen wenn Sie nicht eitel sein wollen so will
ich Ihnen sagen dass Sie eine noch wesentlichere Ähnlichkeit mit ihr haben Sie
sind gleich ihr fähig Ihre liebsten Wünsche Ihren Freunden zum Opfer zu
bringen Diese Worte überwältigten mich von meinem bösen Gewissen überrascht
rief ich Sie mir ähnlich O ein Engel des Lichts könnte eben so gut einem
schwarzen brütenden hier fühlte ich dass ich mich verriet und hielt inne
Miss Mortimer blickte mich mit einem so sanften zutrauenvollen Lächeln an bei
dessen Erinnerung ich jedesmal mich selbst verabscheue »liebe Ellen sagte sie
dabei wenn ich Ihr Beichtiger sein soll so müssen Sie mir Ihre Sünden auch
hübsch vertrauen sonst besitze ich ja wie Herr Maitland es nennt eine
Sinecure« Ja wahrlich das sollte ich erwiderte ich ruhiger sollte nie
wieder etwas Unrechtes tun ohne es Jemand anzuvertrauen Aber die Leute haben
keine gute Art mir meine Fehler vorzuhalten sie machen mich zornig Miss Julie
hält mir oft meine Fehler vor aber sie macht mich nie bös »Nun liebe Ellen
versuchen Sie es einmal mit mir ich will Ihnen absichtlich gewiss nichts
Verletzendes sagen An Geschicklichkeit will ich mich zwar nicht rühmen mit Miss
Arnold zu wetteifern aber an herzlicher Zuneigung gewiss Sie haben ein Recht zu
meiner Nachsicht das kein Irrtum von Ihrer Seite Ihnen raubt um so mehr da
ich überzeugt bin dass Sie sich nie zu Hinterlist und Schlechtigkeit herablassen
werden« Ein Herz das sich von den Worten gemissbrauchten Vertrauens nicht
getroffen fühlte müsste gänzlich verhärtet sein Ich flog zu Miss Arnold um ihr
meinen festen Entschluss anzukündigen Miss Mortimer sogleich unser
Maskeradengeheimniss mitzuteilen allein der Schneider mit einer Menge
Schachteln Paketen und meinem Maskenanzug erwartete mich in meinem Zimmer eine
Stunde die über dem Anpassen desselben hinging kühlte meinen reuigen Eifer
dergestalt ab dass es Miss Julie leicht gelang mir zu beweisen wie es in jeder
Rücksicht besser sei bei unsrer ersten Abrede zu bleiben
Wie oft ja wie fast immerdar sind meine schönsten Gefühle ehe sie noch zu
Handlungen wurden dahin geschwunden Gefühle müssen ja ihrer Natur nach
vergänglich sein Nur lange Übung gibt unsrer Vernunft die Herrschaft sie
nicht als den Beweggrund unsrer Handlungen zuzulassen sondern nur als den
milden Vermittler zwischen der Strenge des allgemeinen Gesetzes und seiner
Anwendung auf Andre
Endlich kam der lang ersehnte fünfte Mai Die Putzmacherin hatte mir mein
Maskenkleid schon am frühen Morgen versprochen doch sie hielt nicht Wort meine
Ungeduld ward den ganzen Vormittag auf die Probe gestellt und erst um zwei Uhr
erhielt ich diesen Schatz Voll Begierde die Wirkung meines Putzes auf meine
Gestalt zu beobachten eilte ich in mein Kabinet vor Miss Mortimers Überfall
war ich sicher sie hatte sich zu einer Beratung mit ihrem Arzt eingeschlossen
aber auch Miss Juliens Gegenwart war mir bei dem Probespiel meiner Eitelkeit zur
Last ich verriegelte meine Tür und meine glänzende Verwandlung ward ohne alle
Zeugen begonnen Schon stand ich eine lange Weile vor dem Spiegel und versuchte
jede Stellung welche meine Gestalt oder meinen Putz am vorteilhaftesten
herausheben konnte als ich eine Unruhe auf der Treppe vernahm ein ängstliches
Geflüster dessen Ursach zu erfahren ich unbesonnen meine Tür öffnete Mein
erster Blick fiel auf Miss Mortimer die dem Anschein nach leblos von einigen
Bedienten die Treppe herauf in ihr Zimmer getragen ward Ich eilte ihr nach
Meine unzusammenhängenden Fragen belehrten mich dass meine ehrwürdige Freundin
sich nach dem Abschied ihres Arztes plötzlich nicht wohl befunden und in dem
Moment wo sein Wagen fortrollte leblos zu Boden gesunken war Ich hatte mich
des Gedankens an Andrer Weh des Anblicks fremder Leiden so entwöhnt dass ich
von Schrecken erstarrt gar keines klaren Gedankens noch weniger der geringsten
Hülfleistung fähig war Eine Dienstbotin ein Mietling brachte durch ihre
Sorgfalt die Freundin meiner Mutter meine einzige wahre Freundin zum Leben
zurück So wie sie ihre Augen öffnete erinnerte ich mich meiner törichten von
allem um die Ohnmächtige versammelten Hausgesinde schon lange angestaunten
Kleidung Ich zog mich schnell hinter die breite Gestalt der Haushälterin
zurück und sobald ich der Kranken liebe Stimme gehört hatte die herzlich
dankend für die geleistete Hilfe nun allein zu sein wünschte eilte ich in mein
Kabinet mich meines Flitterstaates zu entkleiden Nachdem ich mich in meinen
gewöhnlichen Anzug geworfen hatte schlich ich leise an Miss Mortimers Tür ich
horchte alles war still ein wilder Schrecken ergriff mich ich fürchtete das
Entsetzlichste aber das menschliche Gefühl obsiegte ich trat ein und
erblickte die Leidende auf ihren Knien ihr Antlitz von Tränen benetzt ihre
Hände betend zum Himmel erhoben Diese Stellung war mir nicht fremd meine
Mutter hatte mich vor Gott die Knie zu beugen gelehrt ja ich hatte die
Gewohnheit am Abend und Morgen gedankenlos eine Gebetformel zu plappern
beibehalten allein der Aufflug der Seele zum Thron der Gnade der aus Miss
Mortimers Antlitz sprach die Erhebung zum Überirdischen in der hinfälligen
dem Tod geweihten Erdenform ergriff mich mit unnennbarem Entsetzen ich zog die
Betende in meinen Armen empor und beschwor sie mir zu sagen welches Unglück
ihr widerfahren sei »Kein Unglück meine Ellen sprach sie sanft meine
Liebkosung erwiedernd Ich bin ein armes schwaches Geschöpf dem es noch nicht
gelungen ist sich Gottes Willen mit Aufopferung seines irdischen Seins zu
unterwerfen Ich habe mich seiner Vaterhand in mancher großen Angelegenheit
gebeugt und nun empört sich mein schwacher Geist bei der Furcht vor
körperlichen Leiden« Ich erfuhr nun dass ein lang empfundnes lang
verschwiegnes Übel sich endlich so furchtbar entwickelt habe dass sie nicht
hoffen dürfe ihr Leben anders als vermöge einer sehr schmerzhaften gewagten
Operation zu erhalten Die Erwartung des peinigenden Schmerzes erschütterte
ihren zarten Körper sie rang mit Ernst ihrer Vernunft den Sieg über die
widerspenstige Natur zu verschaffen Anfangs ergriff mich der hohe Flug ihrer
frommen Begeisterung aber bald empfand ich dabei die Unbehaglichkeit welche
uns bei warmen Empfindungen die wir nicht zu teilen fähig sind befällt Unter
dem Vorwand dass sie Ruhe bedürfe beredete ich sie sich niederzulegen und
verließ ihr Zimmer
Noch vor vier Monaten würde ich nicht fähig gewesen sein eine Nacht auf dem
Ball zuzubringen in welcher der letzte von meines Vaters Dienern gefährlich
krank gewesen wäre und jetzt stand ich an mich bei dem bedenklichen Zustand
der Freundin meiner Mutter und meiner Freundin einem solchen Zeitvertreibe zu
entsagen Gewohnt Miss Arnold in jeder Angelegenheit zu meiner Vertrauten zu
machen teilte ich ihr meine Zweifel mit Sie bewies mir dass mein Opfer Miss
Mortimer von gar keinem Nutzen sei dass sie gar keines Beistandes bedürfe und
in diesem Fall der meine ihr nicht so nützlich sei wie die Sorgfalt ihres
Dienstmädchens ja sie machte es sogar zu einer Finanzsache so eine ungeheure
Summe wie mein Anzug gekostet hatte nicht vergeblich ausgegeben zu haben
Meine Torheit war ihre Bundsgenossin also ward ihr der Sieg leicht und es
blieb nur der drohende Augenblick noch zu überstehen der Kranken unsre Absicht
rücksichtlich des Maskenballs bei unserm Weggehen zu erklären Wir gestanden
uns gegenseitig nicht dass wir hofften Miss Mortimer würde ihrer Unpässlichkeit
wegen ihr Schlafzimmer gar nicht verlassen und dann jede Erklärung unnötig
sein Wie unser Putz angelegt war begaben wir uns in das Besuchzimmer den
Wagen zu erwarten In meiner Seele befand sich keine Spur der Sorglosigkeit
welche ein Fest wie das welchem wir entgegengingen anziehend machen kann Ich
äußerte gegen Miss Arnold noch einmal meinen Wunsch lieber Miss Mortimer in ihrem
Schlafzimmer aufzusuchen als ohne ihr Wissen das Haus zu verlassen Wir
stritten uns noch über diesen Gegenstand als meine würdige Freundin unerwartet
eintrat Sie sah blass und hinfällig aus kam aber mit ihrem gewöhnlichen leisen
raschen Schritte auf uns zu Bei ihrem ersten Anblick zog ich mich unwillkürlich
hinter Miss Arnold zurück Die Sünde macht uns jetzt noch so einfältig wie unser
erster Vater im Paradiese als er schuldig wurde es war Auf diese Weise fiel
ihr nur Miss Arnold ins Auge und sie rief freundlich »Sie sind ja wie zum Siege
gerüstet Nie sah ich etwas so anmutig Fantastisches wie diesen Anzug«
Jetzt erblickte sie aber mich und die Wahrheit ward ihr plötzlich klar denn
sie fuhr zurück und wechselte die Farbe Eine Todtenstille erfolgte ich
blickte stumm zu Boden Julie fand zuerst die Sprache wieder sie sagte
nachlässig »Herr Percy hat uns eine Stunde auszugehen erlaubt« »Ja setzte
ich zögernd hinzu der Vater erlaubte es uns und wir bleiben nur eine kleine
Weile« Schüchtern blickte ich sie an und fand sie so blass wie den Tod »Miss
Mortimer rief ich auf sie zueilend zürnen Sie nicht zu sehr« »Miss Percy«
sagte sie mit leiser mühseeliger Stimme »ich masste mir eine Herrschaft über
Sie an diese Gelegenheit nötigte Sie um so weniger mich zu « Sie hielt
das wohlverdiente Wort zurück aber mein Gewissen ersetzte es Ich versicherte
sie nun ich rief Miss Arnold zum Zeugen dass es nie meine Absicht gewesen sei
ohne ihr Wissen auf den Ball zu gehen Miss Mortimer antwortete sanft gütig
aber mit unverkennbar tiefem Schmerz »Am wenigsten heute an dem letzten Tage«
so sagte sie und ihre Gemütsbewegung benahm ihr die Stimme Ich sah nur
diese der Sinn ihrer Worte entging mir in der Heftigkeit streitender
Empfindungen und wenn gleich die bessern in diesem Augenblick aufgeregt waren
behielt doch der Leichtsinn den Sieg und wir fuhren zum Ball
Bei der Stimmung in der ich mich befand ward ich beim Eintritt in den Saal
wirklich betäubt ich hielt mühselig den Gedanken fest mich Lady St Edmond
die als Wirtin keine Maske trug zu entdecken und nicht mehr von ihrer Seite zu
gehen Doch wie ich mich ihr nahen wollte trat eine SultansMaske auf mich zu
und sprach mich als eine Fremde an Auf den ersten Blick erkannte ich Lord
Friedrich da ich die Wahl seiner Kleidung in Verbindung mit der meinen
unmöglich für Zufall halten könnte erschreckte mich der Gedanke mein
Geheimnis das niemand wie Miss Arnold bekannt gewesen war verraten zu sehen
Die Eitelkeit in einem angenommenen Charakter zu sprechen bewog mich aber doch
dem Sultan gleichfalls als Fremde zu antworten In wenigen Momenten hatten wir
uns in ein nichtsbedeutendes Gespräch verwickelt und wie ich mich umsah war
Lady St Edmond von ihrem Platze verschwunden Hastig begann ich sie zu suchen
der Sultan blieb mir zur Seite hielt meine Schritte auf und lenkte mich durch
seine Bemerkungen über manchen meiner Bekannten den er mich unter der Maske
entdecken ließ wobei er sich wirklich sehr kurzweiliger Wendungen bediente von
meinem Zweck ab Unser törichtes Gespräch war bald so ungezwungen geworden dass
wir uns gegenseitig einander nicht fremd zu sein gestanden Ich fand den Ton
in welchem mir Lord Friedrich dieses Geständnis machte nicht sehr ehrerbietig
anstatt ihn aber durch Kälte abzuwehren begegnete ich ihm durch eine witzige
Antwort In dem Augenblick wo ich sie gesagt hörte ich nahe bei meinem Ohr
eine leise Stimme die zu mir sprach »Sein Sie vorsichtig Sie bedürfen es«
Bestürtzt sah ich mich um erblickte aber nur gleichgültige schwarze Dominos in
gleichgültiger Stellung so dass ich die gehörten Worte für eine Täuschung meiner
gereizten Fantasie hielt doch aber sehr froh war in diesem Augenblick Lady St
Edmond zu finden Sie schien meinen Unmut sie nicht früher erreicht zu haben
nicht sehr zu teilen überhäufte mich aber dermaßen mit Schmeicheleien dass
meine gute Laune zurückkehrte und ich anfing das bunte Gewirre um mich her mit
Heiterkeit zu betrachten Der Raum wo getanzt ward war einen Augenblick leer
und sogleich schlug mir Lord Friedrich vor einen Tanz aufzuführen der von der
Nationalität der Türken nichts wie den Ausdruck sinnlicher Leidenschaft hatte
der ihn der Modewelt auf unsern Teatern empfahl Ich erinnerte mich an den
unseligen Walzer der mir am Tag meines Eintritts in die große Welt so bittere
Empfindungen erregt hatte lehnte den Vorschlag bestimmt ab bot mich aber an
ihm zu jedem andern Tanze meine Hand zu geben Lady St Edmond machte mir
begreiflich dass es in einer Charaktermaske höchst geschmacklos sein würde in
einem andern als mit ihr übereinstimmendem Tanz aufzutreten dass ich also den
Tanz des Serails aufführen oder gar nicht tanzen müsste Und ich tanzte so
schön und ich war so gewohnt Beifall für mein Tanzen zu ärnten Ich hatte vor
meinem Spiegel so sicher auf Beifall gerechnet Lord Friedrich bestärkte Lady
St Edmonds Schlussbemerkung wie ich doch nicht glauben könnte dass sie mich in
ihrem Hause vor ihren Augen zu etwas Unziemlichem auffordern würde mit den
ausgelassensten Schmeicheleien und so befand ich mich mit ihm von einem
dichten Kreis von Zuschauern umgeben ehe ich meinen Entschluss eigentlich
geändert hatte mitten im Saal stehen Mein Herz zitterte vor der Torheit die
ich beging Heil o Heil des allen Völkern sobald sie die erste Stufe der
Bildung gewonnen haben allgemeinen Gesetzes welches unser Geschlecht der
Meinung unterwirft Schamlosigkeit kann sie verachten höhere Pflichten können
uns berechtigen sie zu beseitigen allein für die Mehrzahl der Weiber die bei
einem wenig umfassenden Beruf gern das Aussergewöhnliche mit Lebhaftigkeit
ergreifen ist die Meinung wie der Vorposten der Tugend sie gibt dem Nachdenken
Zeit sich gegen den Feind zu bewaffnen Dieser Vorposten fehlte mir jetzt
Unverlarvt hätte ich es nie gewagt mich den Blicken der mir unbekannten Menge
auszusetzen in meinem Flitterstaat meinen schamglühenden Wangen von der Larve
bedeckt härtete ich mich bald gegen das Unziemliche meines Auftretens ab und
die Schüchternheit die meine Bewegungen dennoch beibehielten mochte dem
Charakter des Tanzes für die Zuschauer einen besonderen Reiz geben bei dessen
Namen sich heute mein Bewusstsein empört
Nach Beendigung des Tanzes eilte ich unter dem Beifallsruf der Menge zu
Lady St Edmond zurück allein sie hatte ihren Platz verlassen Miss Arnold
erwartete mich im Gespräch mit einem Bekannten begriffen Sogleich begannen wir
die Hausfrau zu suchen Im Vorbeigehen bei einem Tisch mit Erfrischungen
besetzt griff ich vom Tanz von der Larve und von dem Gedränge erhitzt nach
einem Glas Eis Lord Friedrich entzog es heftig meiner Hand erinnerte mich an
die Folgen einer so gefährlichen Erquickung und reichte mir einen Becher
schäumenden Champagner »Trink wenig der Becher enthält Gift« hörte ich die
vorige Stimme mir zuflüstern Herrn Maitlands Bild gesellte sich zu dem
Schrecken der mich bei diesen Worten überlief Ich blickte um mich unter einem
Haufen schwarzer Dominos stand mir einer derselben nahe allein mit der
gleichgültigsten Haltung ergriff er eben ein Glas Punsch und seine kleine
unansehnliche Gestalt ließ auch keinen Gedanken an jenes Mannes hohen kräftigen
Wuchs aufkommen Da es mir gar nicht einfiel den Worten der Maske eine
sinnbildliche Deutung zu geben hielt ich sie für einen unzeitigen Scherz und
leerte mit nächlässigem Lächeln das Glas Die Wirkung des Weins war bei der
schon bestehenden Aufregung meiner Lebensgeister augenblicklich meine
Lustigkeit stieg bis zur Spannung ich wanderte lachend schwatzend Miss Julie
und ihren Begleiter ohne Unterschied mit in das Gespräch ziehend immer in der
Absicht Lady St Edmond aufzusuchen von einem Zimmer zu dem andern Ehe ich
mir es versah gelangten wir ganz am Ende der Gesellschaftszimmer in ein Gemach
das wie ich mir nachmals zu erinnern glaubte Lord Friedrich erst öffnete es
war so glänzend wie die übrigen erleuchtet und mit einem wohlbesetzten
Trinktisch verziert doch die wohltätige Kühle der Luft bewies dass der Haufen
es noch nicht angefüllt hatte Mein Begleiter führte mich zu einem Sopha wir
setzten unser Gespräch fort durch die offene Tür sah ich die Bewegung der
Gäste und obschon getrennt von der Menge fiel mir die unmittelbare
Notwendigkeit diesen angenehmen Ort zu verlassen nicht auf Lord Friedrichs
Gespräch ward zärtlicher und dringender endlich hatte er die Keckheit mir mit
klaren Worten eine Reise nach Schottland vorzuschlagen Ich nenne es Keckheit
bedarf die ein Mann gegen ein armes Mädchen das durch den Leichtsinn mit dem
es alle Schutzwachen des Zartgefühls eine nach der andern entließ dessen
Achtung erstickte und ihm die Zuversicht wagen zu dürfen aufdrang Ich
beantwortete seinen törichten Antrag mit erkünstelter Heiterkeit und blickte
auf um Miss Julie wieder an unserm Gespräche Teil nehmen zu lassen als ich zu
meinem Schrecken wahrnahm dass sie und ihr Begleiter sich nicht mehr im Zimmer
befanden Bei meinem lebhaften Aufblicken umschlang mich Lord Friedrich mit
schmeichelnden Worten als die wahrscheinlich von Miss Julie bei ihrem Weggehen
angelehnte Tür des Gesellschaftszimmers aufgestoßen ward und Lady Maria du
Burgh mit einer andern Dame denen mein warnender Domino auf dem Fuße folgte
herein trat Mit einem Lächeln in dem Hass und Verachtung wetteiferten rief
Lady Maria »Wir stören ein Rendezvous« und wendete sich auf mich deutend zu
den Umstehenden Ich glaubte die Vernichtung ergiff mich und drückte mich in den
Sopha zurück Lord Friedrich aber sprang auf und sagte mit einem heftigen Fluch
zu seiner Schwester »hätte eine von euch den tausendsten Teil von Miss Percys
Reizen so könnte sich ein Mann auch bei euch vergessen aber dafür seid ihr
sicher Verzeihen Sie mir Miss Percy rief er dann zu mir gewendet verzeihen
Sie mir oder ich bin der unglücklichste Mensch« In diesem Augenblick
versöhnte mich keine Schmeichelei selbst nicht wenn sie auf Lady Marias Kosten
gemacht wurde ich versuchte es einige beissende Worte zu erwidern aber meine
peinliche Empfindungen überwältigten mich dergestalt dass Tränen sie
erstickten Ich trocknete sie schnell und eilte von Lord Friedrich wie von
meinem Schatten verfolgt in den Tanzsaal zurück wo es mir auch gar nicht
schwer ward Lady St Edmond zu finden Mit einiger Lebhaftigkeit warf ich ihr
vor meine Hoffnung den Abend an ihrer Seite hinbringen zu dürfen durch ihr
Verschwinden vereitelt zu haben und drang darauf den Ball jetzt zu verlassen
Sie bewies mir mit den anmutigsten Schmeicheleien dass ihre Pflicht als Wirtin
sie genötigt hätte ihren Platz mehrmals zu verändern widersetzte sich aber
meinem Begehren mich nach Hause zu begeben nicht beharrlich sondern erlaubte
Lord Friedrich nach meinem Wagen zu senden Über das angenehme Gespräch mit
welchem diese geschickte Frau mich nun zu fesseln wusste bemerkte ich kaum dass
Lord Friedrich eine ganz ungeziemend lange Zeit um meinen Wagen herbei rufen zu
lassen ausblieb Ich sah mich endlich nach ihm um als mein unbekannter Warner
sich nochmals zu mir herabbeugte und eindringend sagte »Verblendetes Mädchen
wohin willst du gehen« »Nach Hause wo ich schon längst gerne wäre« »Du
wirst nicht nach Hause kommen der Wagen den du erwartest führt dich nach
Schottland« Ich fuhr erschrocken empor die Übereinstimmung dieser Warnung
mit Lord Friedrichs verwegner Zumutung schien mir mehr wie ein Ungefähr aber
in eben diesem Augenblick trat Miss Arnold mit dem Lord herbei und der Letzte
meldete mir auf die ungezwungenste Weise dass mich mein Wagen erwartete Ein
augenblickliches Nachdenken hatte mir indessen das Abenteuerliche von meines
Warners Verdacht deutlich gemacht Ich sah die Unmöglichkeit ein von meines
Vaters Kutscher und Bedienten nach Schottland geführt zu werden nahm Lord
Friedrichs Arm und eilte aus der Gesellschaft Schon stand ich mit dem Fuß auf
dem Kutschentritt als ich bemerkte dass ich nicht meines Vaters Wagen vor mir
hatte Erschrocken trat ich zurück und ließ mich auch von Lord Friedrichs
Bedeuten dass mein Wagen des ungeheueren Gedrängs wegen in einer Stunde noch
nicht vorfahren könnte er deshalb mir den seinen anböte nicht beruhigen
sondern begab mich wieder in das Vorhaus Noch einmal stand mein Warner neben
mir und erbot sich mich sicher zu meinem Wagen zu geleiten oder ihn wenn ich
einen Augenblick verweilen wollte heranfahren zu lassen Lord Friedrich
versuchte einen hohen Ton anzunehmen der Domino antwortete sehr kühl aber auf
eine Art die des Lords böses Gewissen zu seinem Bundsgenossen machte Ich zog
vor den Wagen zu erwarten die Maske befahl einem sehr sauber gekleideten
Bedienten ohne Livree ihn zu suchen dieser hatte ihn auch nach wenig Minuten
gefunden ich stieg mit Miss Arnold ein und erlaubte dem Domino gern mich bis an
meines Vaters Haus zu begleiten Unterwegs versuchte ich zu erfahren wer mein
Beschützer sei er wies jede Frage zurück sagte aber mit einfacher Offenheit
er habe von Jemand dem mein Wohl am Herzen liege den Auftrag gehabt mich an
diesem Abend vor Schaden zu hüten Auf keine andre Erklärung ließ er sich ein
sondern beharrte in einem einsylbigen Ernst der mir von dem Zeugen meiner
Torheit höchst demütigend war Unsre Ankunft zu Haus beendete dieses peinliche
Beisammensein Der Unbekannte hatte seinen Wagen nachfahren lassen und sobald
mir die Haustür geöffnet ward fuhr er davon
Miss Arnold schien geneigt sich wortreich über die Vorfälle dieses Abends zu
verbreiten dem widersetzten sich aber meine peinigenden Empfindungen Ich
wollte ihr eben eine gute Nacht wünschen als der Diener hereintrat um mir ein
in Briefform zusammengelegtes Papier welches er auf dem Boden des Wagens
gefunden hatte zu übergeben Neugierig drängte sich Miss Arnold herbei sicher
in ihm Aufschluss über unsern Unbekannten zu finden aber ich behielt es gefaltet
in der Hand und ging in mein Schlafzimmer
Das war also das Fest von dem ich mir das höchste Vergnügen versprochen
dem ich einige der besten Gefühle meines Busens geopfert für das ich Pflichten
verletzt und das mir ohne die Dazwischenkunft meines Unbekannten vielleicht
die Ruhe meines Lebens gekostet hätte Tief betrübt hielt ich jenes Blatt in
meiner Hand Dass mich das Verlangen spornte zu entdecken wer sich meiner
angenommen war verzeihlich aber dass dieses nach und nach in eine so
leichtsinnige Neugier überging die mich fähig machte endlich dieses offenbar
nicht mir bestimmte Billet zu lesen bedeckt noch heute meine Wange mit Scham
Es war mit Herrn Maitlands Namen unterschrieben und enthielt in sehr einfachen
Ausdrücken die Bitte an einen Freund dem Maskenball der Lady St Edmond
beizuwohnen und mich auf ihm nicht aus den Augen zu lassen weil er Verdacht
habe dass meine Unerfahrenheit mich schlechten Menschen in die Hände geben
möchte »Die wichtige Angelegenheit schrieb er die am morgenden Tage mich
unter die Vertreter unsers Volkes ruft erfordert diese Nacht mein Nachdenken
und meinen Fleiß Ich zeigte Ihnen Miss Percy in einer Gesellschaft sollte die
Larve sie Ihnen unkenntlich machen so merken Sie nur auf Stellung und Gang
Niemand hat sie so edel wie sie oder geben Sie auf ihren Arm Achtung der mir
noch vor wenigen Tagen da sie ihn um ihres Vaters Schultern legte von
unvergleicher Schönheit schien Ich habe Ihnen schon einmal gesagt dass mich
dieses junge Frauenzimmer um Miss Mortimers willen Teilnahme einflößt doch in
wie hohem Grade dieses der Fall ist, beweist der Freundschaftsdienst den ich
von Ihnen fordere«
Verschwunden war meine Demütigung meine Zerknirschung ich jauchzte
innerlich für Freude diesem kalten stolzen überweisen Mann Unruhe gemacht zu
haben ich glaubte mich für alle meine Fehlschlagungen entschädigt da ich
erfuhr dass er meine Reize anzuerkennen gezwungen sei Einen Gecken zu
unterjochen welch ein geringer Sieg Allein den Mann der bisher allein mir
Scheu eingeflößt in meinen Ketten zu sehen erschien mir als ein unendlicher
Triumph Ich wollte ihn verfolgen ich wollte ihn mir sichern und mein
töriges Herz schlug bei dem Gedanken Herrn Maitland elend in seiner
Knechtschaft zu erblicken
Doch so widersprechende Empfindungen hatten meine Kräfte erschöpft Die
peinliche Mattigkeit die mich befiel führte weniger angenehme Bilder vor meine
Fantasie zurück und ich sehnte mich diesen unwürdigen Tag mit dem
gedankenlosen Zustand des Schlafes zu vertauschen
Wie ich am folgenden Morgen in das Frühstückszimmer trat war Miss Mortimer
in Reisekleidern der erste Gegenstand dem meine Blicke begegneten Unerachtet
unsers letzten so herzlichen Gesprächs schien mir ihre Abreise in diesem
Augenblick doch ein Vorwurf meines Betragens der meine Eigenliebe beleidigte
Ich tat als wenn ich diesen Umstand gar nicht bemerkte und setzte mich in
mürrischem Stillschweigen an den Teetisch Keins sprach ein Wort das Frühstück
ward in der widrigsten Stimmung genossen Ich suchte mich zu überreden dass Miss
Mortimers Empfindlichkeit sehr ungereimt sei mein Vater zog seine Stirn in
immer furchtbarere Falten Miss Arnold rückte unruhig auf ihrem Sessel und Miss
Mortimer beugte sich über ihre unberührte Chocolatentasse verstohlen die
Tränen abtrocknend die ihren Augen entrollten »Es bleibt doch Unrecht dass
Sie darauf bestehen fortzugehen ehe ich jemand anders für Ellen gefunden habe«
sagte endlich mein Vater mit ausbrechendem Verdruss Diese Worte wohl noch mehr
die Art wie er sie vorbrachte reizten Miss Mortimer zu einer ungewöhnlichen
Bestimmtheit in dem Ton ihrer Antwort »So lange ich Miss Percy nützlich sein zu
können hoffen durfte zweifelte ich gern an der Notwendigkeit sie zu verlassen
seit man aber Verheimlichung gegen mich braucht ist diese Hoffnung dahin Auch
kenne ich nun den Zustand meiner Gesundheit Außerdem erklärt der Arzt dass
jeder Aufschub die Hoffnung der Heilung vermindert« »Nun ein jeder weiß am
besten was er tut erwiderte mein Vater allein um ihrer Gesundheit willen
sollten Sie nicht nötig finden mein Haus zu verlassen Mein Hauswundarzt würde
Sie behandelt die Cur Ihnen nichts gekostet haben und Sie hätten doch bei mir
mehr Bequemlichkeit als in Ihrer engen Wohnung gefunden« »Ich zweifle nicht
an Ihrer Großmut sagte Miss Mortimer kopfschüttelnd allein schon der Name
Heimat wiegt manchen Mangel auf besonders für den Kranken und Sterbenden«
Diese Worte und die Ankunft ihres Reisewagens trieb mich an ein Fenster aus dem
ich eifrig hinausschaute als sei ich mir der Gegenstände vor meinen Augen
bewusst Nachdem Miss Mortimer von meinem Vater Abschied genommen trat sie zu
mir ergriff meine Hand und sagte mit milder herzlicher Stimme »Ellen sollen
wir nicht als Freunde scheiden« Ich hätte die Welt hingegeben wäre es mir in
diesem Augenblick möglich gewesen einen gleichgültigen Ton aus meiner Kehle zu
bringen es wollte nicht gelingen Tränen erstickten mich aber mein gottloser
Stolz trieb mich an sie zu verbergen ich lehnte mich ohne zu antworten aus
dem Fenster »Vielleicht sehen wir uns noch wieder Ellen nahm Miss Mortimer
nach einer Pause noch immer meine Hand haltend mit gebrochner Stimme von neuem
das Wort jetzt ich weiß es nutzt es nichts wenn ich Ihnen sage dass Sie sich
auf ein gebrochnes Rohr stützen doch wenn es Ihnen einst das Herz verwundet hat
1 dann Ellen vergessen Sie nicht dass ich stets bereit bin mit Ihnen zu
weinen Sie zu trösten Ihrer Mutter Andenken macht es mir ewig zur geliebten
Pflicht« Ich konnte nicht antworten nicht in meines Vaters in Miss
Arnolds Gegenwart die bitteren Empfindungen die mich zerrissen offenbaren
Ja ich war elend genug meine Hand aus der ihren loszureißen und entfloh in ein
einsames Zimmer Doch welchen Ort hatte ich gewählt Es war meiner Mutter
Schlafcabinet bis zu meiner Rückkehr aus der Pension war es in seinem
unveränderten Zustand geblieben hatte es auf meine dringende Bitte keine
Veränderung erfahren jetzt trieb der Anblick der ihr Andenken zurückrufenden
Umgebungen meinen Schmerz aufs höchste Hier stand noch ihr Lehnstuhl wo ich so
oft vor ihr kniend ihren Abendsegen empfing dort ihr Nähkästchen aus dem ich
die farbigen Seiden zum Spiel herausnahm das Tischchen auf dem sie mir Blumen
malte der Fussschemel auf dem ich an ihrem Bett hinaufstieg wie ich zum
letztenmal ihre Leiche umarmte O Mutter Mutter rief ich an diesem Bett
auf meine Knie sinkend du wardst mir entrissen und die Freundin die
Ratgeberin die du mir ließest treibt meine harterzige Torheit krank und
sterbend aus dem Hause Eine Weile schluchzte ich den Kopf auf die Polster
gelehnt als Fidel leise an mich hinaufsprang und mit seinen Liebkosungen mich
zu trösten bemüht schien Ein plötzlicher Gedanke riss mich auf ich bin nicht
würdig dachte ich dieses Tier zu pflegen dessen Treue die meine zum Erröten
zwingt Miss Mortimer gebührt sein Besitz an mir ist ja doch alle Liebe
verloren Ich nahm den Hund auf den Arm und eilte nach der Tür ihn zu Miss
Mortimer in den Wagen zu bringen als ich Miss Arnolds nichtssagende Stimme
vernahm welche der Abreisenden die eben die Treppe herabstieg eine
gleichgültige Abschiedsformel zurief Vor dieser konnte ich mich jetzt nicht
sehen lassen ich schellte hastig und befahl dem eintretenden Bedienten Fidel
in Miss Mortimers Wagen zu setzen mit der Bitte ihn zu verpflegen da er mir
höchst lästig zu werden anfinge So konnte ich mich sogar bei dieser Handlung
der Selbstbestrafung nicht entschließen meine wahren Empfindungen zu zeigen
Doch der Schmerz mit dem ich jetzt kämpfte war überhaupt nicht »der
göttliche Schmerz der niemand gereut« er war das peinigende Gefühl über die
Folgen meiner Torheiten nicht die Einsicht in ihre strafbare Größe Nicht
Entschluss zur Besserung folgte ihm sondern sehr bald die Bemühung ihn
abzuschütteln mich zu zerstreuen und zu diesem Zweck forderte ich meinen
Wagen um den gewöhnlichen Kreislauf meiner Morgenbesuche zu beginnen An Miss
Arnolds Begleitung gewohnt suchte ich sie auch diesesmal ehe ich in den Wagen
stieg und wunderte mich sie ohne mein Vorwissen ausgegangen zu finden weil
nun der vornehmste Gegenstand der in meiner Einbildungskraft arbeitete die
Furcht vor dem Missbrauch war den Lady Marie von der Wahrnehmung meiner Torheit
in der vergangenen Nacht machen würde befahl ich zur Lady St Edmond zu
fahren da ich von dieser zuerst Aufklärung und Beruhigung über diesen
beängstigenden Gegenstand erwarten konnte Wie ich zu ihrer Tür kam schien
mich der Bediente am Aussteigen verhindern zu wollen doch da ich im Anfahren
bemerkte dass eine Mietkutsche die schon vor der Tür hielt meinem Wagen
hatte Platz machen müssen war ich überzeugt sie zu Hause zu finden und trat
in das Haus Zu meinem Befremden ward ich aber in ein Hinterzimmer geführt wo
mich Lady St Edmond erst nach einigen Minuten aufsuchte dann aber mit ganz
besondrer Herzlichkeit sich entschuldigte dass ein Geschäftsmann sie mich zu
vernachlässigen genötigt habe Wir gingen nun in ihr Kabinet und sie
schmeichelte bald jede Sorge über die Vorgänge der gestrigen Nacht aus meinem
Gemüt Bei der Frage wie nur der unbekannte Domino auf den Verdacht einer
Entführung hätte kommen können rief sie nach einigem Nachdenken mit der
Lebhaftigkeit einer Person die eine erwünschte Auflösung findet »Ach gewiss
ließ Lord Friedrich den Wagen in welchem er heute früh nach Lincoln abreisen
wollte gleich vor meine Tür kommen um vom Balle dahin abzufahren Davon
wollen wir uns sogleich Gewissheit verschaffen« Mit diesen Worten eilte sie
aus dem Zimmer um einen ihrer Leute abzusenden dass er sich ob der Lord
wirklich abgegangen sei erkundige Ohne an den Gegenstand den ich in die Hand
nahm zu denken übersah ich einen Haufen Visitenkarten die vor mir auf dem
Tisch lagen bis mir eine mit Miss Arnolds Namen auffiel sehr flüchtig mit
Bleistift geschrieben standen die Worte auf ihr »Ich bitte nur um fünf Minuten
Gehör ich habe etwas ganz besonderes zu sagen« Sehr befremdet über den
dringenden Ton einer Bitte deren Wichtigkeit ich mir gar nicht erklären konnte
hielt ich Lady St Edmond bei ihrer Rückkehr die Karte hin und fragte was hatte
denn Miss Julie für ein wichtiges Geschäft Die Dame geriet in sichtbare
Verlegenheit behauptete aber sich der Sache gar nicht mehr zu erinnern es
sei wegen eines Huts eines Federbuschs gewesen Halb überzeugte sie mich
halb wusste sie mich von dem Gegenstand zu entfernen und in der Zwischenzeit kam
der Bediente mit der Nachricht zurück man habe Lord Friedrich diese Nacht gar
nicht zu Hause gesehen indem er von dem Ball nach Lincoln abgereist sei Nun
konnte ich billigerweise keinen Verdacht mehr nähren und nahm ziemlich erheitert
von der Lady Abschied In einer der Straßen durch welche mich mein weiterer Weg
führte war ein schwerer Kohlenwagen umgefallen der die mir entgegen kommenden
Fuhrwerke eines nach dem andern behutsam vorbeizufahren nötigte indes das
meine abwarten musste bis ein leerer Raum ihm fortzufahren gestatte Aus
derselben Notwendigkeit hielt jetzt eine Mietkutsche neben mir die ich
sogleich für dieselbe erkannte welche mir vor Lady St Edmonds Tür Platz
gemacht hatte Es war ein ehemaliger Herrschaftswagen an dem man das mir
bekannte Wappen noch nicht übermalt hatte Ich blickte in den Wagen und erkannte
Miss Arnold darin die sich anfangs zu verbergen suchte dann aber freundlich
winkend mich sie in mein Fuhrwerk aufzunehmen bat Ich tat das sogleich
allein meine Empfindung war in so hohem Grad aufgeweckt dass unser Gespräch sich
sehr bald in eine Erörterung über meine Anklagpuncte verwandelte Dergleichen
Erklärungen zwischen einem offenen zutrauenden und einem kalten berechnenden
Charakter können nicht zur Ergründung der Wahrheit ausschlagen Miss Arnold gab
dem Gespräch bald eine Wendung die mich gegen sie in Nachteil setzte sie
bewies mir die Grundlosigkeit meines Verdachts und einmal von meinem Unrecht
gegen sie überzeugt riss mich mein heftiges Wesen hin durch den vollen Erguss
meines Vertrauens mein Vergehen gegen die Freundschaft zu büßen
Einen Auftritt heftiger Empfindung einen Erguss schöner Gefühle hatte ich
nun gehabt aber ach der ließ keinen Frieden in meiner Seele zurück Der leere
Platz wo Miss Mortimer beim Mittagessen gesessen quälte mich mit Vorwürfen und
ich eilte in die Oper in drei Gesellschaften um mich von allem Nachdenken zu
zerstreuen Endlich war der Abend vorüber beim Eintritt in mein Schlafzimmer
überbrachte man mir einen Brief von Miss Mortimer denn sie hatte befohlen mir
erst am Abend wenn ich mich für die Nacht zurückgezogen hätte ihn zu
übergeben Mit einer höchst schmerzlichen Empfindung nahm ich ihn in die Hand
ich war ermattet von dem freudenlosen Schwindel des Tages und wusste zuverlässig
dass alles was dieser Brief enthielt mir den Schluss desselben nur noch
peinlicher machen könnte Ich hatte mich geirrt Mit aller Milde ihres
liebevollen Herzens aber mit dem Ernst einer Christin die in der Erfüllung
ihrer Pflicht keine Schüchternheit kennt ging sie mein Betragen durch legte
mir nochmals alle ihre Gründe vor mich vor Lady St Edmonds Umgang zu warnen
und gestand mir dass sie meinem Vater angeraten habe Miss Arnold nicht weiter
um die Verlängerung ihres Aufenthalts zu bitten weil sie ihre Gegenwart meinem
Wohl für sehr nachteilig halte Die Beweggründe die sie mir darlegte um mich
zu einer Veränderung meiner Ansicht des Lebens zu bewegen erschütterten meinen
Leichtsinn sie zeigte mir was ich oft was ich heute so tief fühlte dass all
mein Flitterstaat dass alle Befriedigung meiner Eitelkeit mir kein wahres Glück
gewähre Ich weinte laut bei der innigen Bitte meiner beleidigten Freundin Gott
zu suchen so lang es noch Zeit sei durch Mäßigkeit Rechtschaffenheit und ein
frommes Gemüt
Schlaflos verging mir die Nacht und obschon ich die folgenden Tage meine
gewohnte Lebensweise nicht unterbrach war mein Gemüt doch an jedem Abend
denn keine andere Einsamkeit ließ mir meine zerstreute Lebensweise zu mit dem
Inhalt von Miss Mortimers Briefe beschäftigt Ich fühlte die Notwendigkeit
etwas an mir zu bessern doch womit ich anfangen sollte wurde mir nicht klar
Rechtschaffenheit schien mir gar keine Tugend meines Standes sie schien mir nur
für arme Leute gemacht Der ohne Andern etwas zu entziehen seine Wünsche zu
befriedigen im Stande ist konnte meiner Meinung nach nicht in den Fall kommen
gegen die Rechtschaffenheit zu fehlen Einst fromm zu werden war ich sehr fest
entschlossen doch jetzt hielt ich die Übungen und Entsagungen aus welchen ich
die Frömmigkeit bestehend glaubte meinem Alter nicht für angemessen Mäßigkeit
schien mir die Tugend mit der ich anzufangen beschloss Ich malte mir die
Einschränkungen aus die ich in meinem Putz zu machen gedachte ich nahm mir
vor weniger Vergnügungsorte zu besuchen und außer der Genugtuung die diese
Lebensbesserung Miss Mortimer geben sollte musste sie das wusste ich auch Herrn
Maitland gefallen Diese Rücksicht schien mir das Verdienst meines Entschlusses
gar nicht zu schmälern denn der entusiastische Beifall welchen die ganze
Nation seit dieses Mannes öffentlichem Auftreten ihm zollte hatte meiner
Eitelkeit seine Meinung so wichtig gemacht dass ich mit Entzücken daran dachte
sie zu gewinnen
Herr Maitland der bisher in unbekannter Zurückgezogenheit alle Pflichten
eines guten Bürgers erfüllte hatte auf Wegen wo sein Gewinn zahlreichen Armen
die Wohltat des reichlichen Erwerbs gab sein Vermögen vergrößert und dieses
Vermögen angewendet Talente zu unterstützen arme Schuldner zu befreien
nützliche Unternehmungen zu befördern Aber unbekannt woher die Wohltaten
kamen konnten die Unterstützten die Geretteten nicht einmal in ihrem
Dankgebet seinen Namen vor Gott stammeln Doch jetzt ward die große Frage über
die Sklaverei der Neger in dem Parlamente erörtert und nun brach Maitland die
Stille in der er so manches Jahr lang gewirkt und obschon selbst ein
Teilnehmer an dem westindischen Handel also bei der Aufrechtaltung des
Sklavenhandels beteiligt stand er dawider auf und sprach mit einer
Beredsamkeit gegen dieses Schandmaal christlicher Kultur welche auch die
Kältesten erwärmte die Gleichgültigsten zur Aufmerksamkeit hinriss Britannien
wünschte sich Glück zu dem Bürger der die Zierde seines Volkssenats genannt
ward das Ausland beneidete das Volk in welchem eines einzelnen Mannes Tugend
Raum fand so mächtig zu wirken und seine Bekanntschaft wurde von den Edelsten
und Grössten der Hauptstadt gesucht Und diesen Mann gedachte ich durch die
kleinen Künste der Eitelkeit unter mein Joch zu beugen ihn dessen
Überlegenheit über alle Männer ich so lebhaft erkannte wollte ich den mich
umflatternden Gecken gleich sehen Statt wie ich bei Miss Mortimers Abreise
besorgt hatte sich aus unserm Hause zurückzuziehen waren seine Besuche
häufiger als zuvor er kam gewöhnlich ehe er ins Parlament fuhr bei uns zum
Frühstück und wenn die Abendsitzungen der Kammer ausgesetzt wurden verlebte er
diese Stunden mit uns Ich setzte jetzt alle Mittel seine günstige Meinung von
mir zu erhöhen in Bewegung aber sein Betragen blieb sich ohne Abweichung
gleich er beschäftigte sich selten ausschließend mit mir und wenn es geschah
so war es mit einem Ernst der an Strenge zu grenzen schien sein Blick ruhte
wohl oft auf mir aber ich nahm nichts von dem Beifall darin wahr der mir
Gelingen versprochen hätte im Gegenteil lag eine Wehmut eine Trauer in
seinen glänzenden Augen die ein bängliches Gefühl von Selbsttadel in mir
aufriefen Doch da mein Leben keinen würdigen Zweck hatte konnten dunkle
Gefühle seine Anwendung nicht veredeln Von Miss Arnold in den zahlreichen
Stunden unsers müßigen Geschwätzes stets aufs neue angespornt mein Geschlecht
wie sie es nannte an diesem stolzen Mann zu rächen versuchte ich es seine
Empfindung durch dieselben Vorzüge zu rühren die er in jenem von mir auf eine
so unredliche Weise gelesenen Brief an mir gerühmt hatte Ich führte mit der
unwürdigen Kunst der Gefallsucht Gelegenheiten herbei meinen Gang meine
Haltung vor seinen Augen zur Schau zu stellen ich suchte ihm meinen Arm unter
den günstigsten Umständen zu zeigen ich brachte in jedem Gespräch »meine
kunstlose Einfalt meine kräftige Originalität« an das waren alles Züge mit
denen er mich gegen meinen unbekannten Warner vom Maskenball geschildert hatte
Allein das Fremdartige was diese Absichtlichkeit in mein Betragen brachte
arbeitete meinem Zwecke gänzlich entgegen Anfangs sah er mir mit Befremden zu
bald aber bezeigte er mir durch den Überdruss mit dem er sich von mir ab zu dem
gleichgültigsten Mitglied der Gesellschaft wendete wie peinlich meine Künste
auf ihn wirkten Miss Arnold die in alle meine Torheiten mit gewohnter
Teilnahme einzugehen fortfuhr brachte mich endlich auf den Gedanken dass nur
noch eine Probe seine Gesinnung zu ergründen übrig bliebe ich müsse
versuchen ihn zur Eifersucht zu reizen und nach mancher Überlegung schien uns
Lord Friedrich zu dieser Probe am besten geschickt
Mylord hatte zwar seit der misslungenen Unterhandlung seines Vaters seine
Besuche bei mir eingestellt und meiner Weigrung sie wieder zu erlauben
gehorcht allein ich wusste sehr wohl dass es nur eines Winkes bedurfte um ihn
zurückzurufen diesen erhielt er und es konnte nicht fehlen dass er zu gleicher
Zeit mit Herrn Maitland wiewohl durch meine Veranstaltung nicht in den Stunden
wo mein Vater gegenwärtig war bei mir zusammentreffen musste Nun begann ich
augenblicklich die elendsten Kunstgriffe eitler Quälsucht in Bewegung zu setzen
Ich zeichnete Lord Friedrich durch jede Zuvorkommung aus flüsterte mit ihm
ohne ihm etwas Geheimes zu sagen lachte ohne einen Gegenstand dazu machte
Anspielungen auf nichtswürdige Kleinigkeiten denen ich nie Wert beigelegt
hatte Obgleich Miss Arnold beauftragt war die Wirkung dieser unedlen Posse auf
Herrn Maitland zu beobachten unterließ ich nicht einige Seitenblicke auf ihn zu
werfen ich glaubte ihn erblassen zu sehen allein meinen Triumph zu
vergewissern gönnte er mir keine Zeit denn ohne meiner Torheit mit einem
Worte Einhalt zu tun nahm er nach einer Viertelstunde einen sehr frostigen
Abschied Miss Arnold versicherte mich dass sie bei diesem ganzen Auftritt auch
nicht die mindeste Regung von Eifersucht auf seinem Gesicht wahrgenommen hätte
allein dass ein jeder Empfänglichkeit für feinere Gefühle so fähiger Mann wie
er wahrscheinlich mehr wie einmal dem Feuer dieser peinlichen Leidenschaft
ausgesetzt werden müsste bevor sie ihm ans Herz dränge und so versäumte ich
kein Zusammentreffen der beiden Männer ohne mein unedles Spiel zu wiederholen
Alle meine Mühe war vergebens Herrn Maitlands Gleichmut blieb unerschüttert
nur seine Heiterkeit schien sich zu trüben und der Ernst seines Auges stand zu
meiner Qual wie ein Zauberspiegel vor mir der mir meine eigne Gestalt als
Verzerrung zurückwarf Mein Vater machte dieser unwürdigen Komödie ein Ende
indem er mir eines Morgens in der Stellung mit dem Ton in dem er seine
bedeutendsten Ermahnungen zu geben pflegte den Befehl erteilte Lord
Friedrichs Besuche fortan nicht mehr zu gestatten »Herr Maitland« setzte er
hinzu »versichert mich zwar dass dein Herz an dieser Bekanntschaft keinen Teil
nimmt welches ein solcher Geck auch wenig verdiente ich finde es aber nach
dem was zwischen mir und seinem Vater vorfiel nicht dem Anstand gemäß ihn in
meinem Hause zu empfangen«
Also nicht einmal den Verdacht dass ich Lord Friedrich einen Vorzug
gewährte gelang mir in Herrn Maitland zu erwecken Nun gab ich meinen Plan und
meine Hoffnungen auf und um den innern Schmerz dabei zu betäuben machte ich
mir selbst weiß und Miss Arnold bemühte sich mich darin zu bestärken dass ein
gefühlloser Mensch wie Herr Maitland meiner Bemühung nicht wert sei
Seit ich Miss Mortimers Brief las hatte ich oftmals den Vorsatz gefasst sie
in ihrer Einsamkeit zu besuchen Jeden Tag wurde ich durch eine längst
verabredete oder nicht abzulehnende Einladung daran verhindert Jetzt fühlte
ich eine Leere in meinem Herzen die mir sogar Trauer und Schmerz wünschenswert
machte Der nächste Tag nach dem an welchem ich meines Vaters Zeugnis über
Herrn Maitlands scharfen Blick in mein Herz erhalten hatte war ein Sonntag und
ich beschloss ihn dem strengsten Gesetze gemäß zu einem guten Werke einem
Besuch bei Miss Mortimer zu verwenden
Es war ein schöner sonnenheller Morgen an dem ich mich auf den Weg machte
Die Natur hatte den ganzen Reichtum des Sommers enthüllt und besaß nur noch die
Frische des Frühlings Der Schatten der Bäume malte sich dunkel auf dem üppigen
Rasen die Fluten der Temse trugen zahllose Fahrzeuge die zum Teil vor Anker
liegend sich in ihrem elastischen Elemente wiegten zum Teil vom sanften
Luftauch getrieben ihre schneeweißen Segel von dem blendenden Licht
bestrahlt majestätisch dahinglitten Miss Mortimers Wohnung lag nur eine kleine
Stunde von der Stadt entfernt in meiner Kindheit hatte ich sie oft mit meiner
Mutter besucht und noch bestand der Eindruck der durch die pünctliche Ordnung
in ihrem Garten den Überfluss der schönsten Blumen die sorgfältig gepflegten
Geländer an ihren Fenstern sich mir damals einprägte Die Veränderung in den
Umgebungen ihres kleinen Häuschens fiel mir jetzt auf Die Blumenbeete waren
verwildert der ehedem so sorgfältig gereinigte Weg von dem Hag zur Haustür
bis auf einen schmalen Pfad mit Gras überwachsen und die Rankengewächse welche
sich ehedem wohlgeordnet über der Pforte und den Fenstern gewölbt hingen
verworren herab wie Tränenweiden von einem Grabmal Eine ehrbare Person in
reinlicher ländlicher Kleidung öffnete mir die Tür geleitete mich die Treppe
hinauf und trat mich anzumelden vor mir in das Zimmer
O willkommen tausendmal willkommen hörte ich Miss Mortimer rufen und ich
eilte dem Dienstmädchen nach Ach ich rechnete wohl sie verändert zu sehen
aber so wie ich sie fand hatte ich mir sie nicht gedacht Eine schwache
Röte flog über ihr Gesicht um dem Ansehen einer verklärten Unkörperlichkeit
Platz zu machen Ihr Auge das sonst so mild schimmerte strahlte in krankem
Feuer ihre Hand die sie nach der meinigen ausstreckte glühte und war so weiß
und so abgezehrt dass das Licht wie durch Alabaster sie zu durchströmen schien
indes jede kleine Ader sich in mattem Blau auf ihr hinschlängelte Und dennoch
drückten diese verstörten Züge nur Heiterkeit und Güte aus dennoch tönte in
dieser matten Stimme der Wohlklang der Liebe Auf meine Frage nach ihrer
Gesundheit sagte sie mit wehmütigem Lächeln »Ich glaube ich werde noch eine
Weile der Erde zur Last sein müssen Die Ärzte sagen die augenblickliche
Gefahr sei vorüber« und wie ich dafür innig Gott dankte setzte sie hinzu
»Gottes Wille geschehe Ich hoffte eine Zeitlang dem Himmel so nahe zu sein
vermeinte nicht auf das stürmische Meer zurück geworfen zu werden Doch wie es
Gott gefällt« Die Rinde der Eitelkeit und Selbstsucht meines Herzens war
durch ihren Anblick durch ihre Worte gesprengt ich sprach von meiner Hoffnung
sie bald in meines Vaters Landgut zu Richmont ihre gänzliche Wiederherstellung
abwarten zu sehen Sie wies diese Aussicht nicht ab sprach aber mit Entzücken
von einer andern einer überirdischen Genesung Es ist gut dachte ich dass die
so keine Freude mehr in diesem Leben haben sich an der Aussicht auf ein andres
erfreuen Damals dachte ich nicht wie bald ich selbst erfahren sollte dass sich
uns diese Aussicht beim Verlust aller irdischen Freuden nicht so unfehlbar
darbietet dass unser Blick im Genuss dieser Freuden schon auf sie gerichtet
gewesen sein muss um nach ihrer Flucht in ihr Ersatz zu finden Ich hatte zwei
Stunden mit meiner würdigen Freundin zugebracht in denen sie sich zu Zeiten
einer liebenswürdigen Munterkeit überließ In so einem Moment wagte ich es Herrn
Maitland zu nennen ich äußerte meine Verwunderung dass er nach ihrem Austritt
aus unserm Hause dennoch fortführe es fleißig zu besuchen So wie mein durch
Miss Mortimers Anblick aufgeregtes Gefühl sich beruhigte nahm meine gewöhnliche
Gedankenreihe ihren Gang und ich hoffte durch Miss Mortimer einige Aufklärung
über Herrn Maitlands Gesinnungen zu erhalten Ihr Lächeln bei meiner Frage
schien von Bedeutung aber Barbara verhinderte sie zu sprechen indem sie sehr
schöne Früchte und feinen Wein auftrug mit dem wie meine Freundin mir sagte
sie reichlich versehen würde von einer Hand die sie wohl erraten könnte die
den Dank aber ablehne Ein sanftes Klopfen an der Haustür lenkte Miss Mortimer
zu meinem großen Verdruss abermals von der Beantwortung meiner Frage ab Barbara
kam ehrerbietig herein Herrn Maitland zu melden der schon zum dritten Mal
eingesprochen hatte ohne Zutritt zu erhalten Ihre Gnaden sollten ihn doch
nicht wieder abweisen sagte die treue Dienerin sich tief verneigend der
ehrenwerte Herr hat sein Pferd schon an den Zaun gebunden und hofft sicher
vorgelassen zu werden »Gut weil Sie bei mir sind meinen guten Ruf zu
verbürgen mag es drum sein« sagte Miss Mortimer mit sanftem Lächeln »führ ihn
herein« Sie wollte zu seinem Empfang aufstehen war aber sichtlich zu
schwach dass ich sie in meinen Armen aufrecht halten musste Wie Herr Maitland
mich erblickte leuchtete die freudigste Überraschung aus seinen Augen »Miss
Percy« war alles was er sagte aber ich hätte diese Worte und den Blick mit
dem er sie begleitete nicht gegen die Schmeichelei der ganzen Welt vertauscht
In diesem Augenblick war mein gefallsüchtiger Sinn von der Nähe der einfachen
Liebe und Frömmigkeit gefesselt Miss Mortimer bot ihm von den aufgetragenen
Früchten an wobei sie einen Wink fallen ließ der ihre Vermutung dass er der
Geber derselben sein möchte andeutete Eine flüchtige Röte zeigte dass er
verraten war er nahm sie aber mit der Bemerkung an dass sie nach einem langen
Fußweg in der Sonnenhitze eine willkommene Erquickung gewährten »Sie beharren
darauf an einem Sonntag Ihre Pferde nicht zu gebrauchen« fragte Miss Mortimer
»Meine Geschäfte fordern es selten und das Vergnügen Miss Mortimer zu
besuchen ist mit einem Spaziergang um einen sehr wohltätigen Preis erkauft«
antwortete er mit einfachem Ernst In dieser Stimmung verflog eine Stunde ohne
dass von der Welt Tun und Treiben die Rede war Nur einmal klagte Herr Maitland
dass seine Hoffnung das Loos der Sklaven zu mildern vergeblich gewesen sei
»Ich fürchte aber setzte er hinzu ich bedurfte dieser Belehrung Warum lassen
wir Menschen uns beikommen unserm obersten Herrn allein vorschreiben zu wollen
zu welchen Diensten er uns brauchen soll« O diese Lehre bedarf Niemand so
sehr wie ich rief Miss Mortimer wie oft fühle ich mich zum Murren versucht
bei der Aussicht vielleicht noch Jahre lang in diesem ganz nutzlosen Zustand
hinzuleben »Nennen Sie ihn nicht nutzlos« sagte Maitland und der Glanz
seiner Augen wurde von einer Träne gedämpft »nennen Sie einen Zustand nicht
nutzlos in welchem Sie durch Mut und Milde Andern den Weg zum Himmel zeigen
indem Sie ihn gehen Bedenken Sie dass Gottes Güte wohl herrlich erscheint wenn
er seine Menschen beglückt aber ungleich mächtiger noch wenn sein Geist indem
er ihnen alle Glücksgüter entzogen hat ihren Geist freudig erhält« Wie
konnte ich unempfindlich bleiben bei einer Ansicht der Dinge die Maitlands
starke Seele durchdrang und die schwache Leidende deren hinwelkende Gestalt
ich umfasste über Leben und Welt emporhob Ich fühlte in diesem Augenblick eine
unaussprechliche Sehnsucht ihren Seelen nachzustreben in ihrem erhabenen Flug
und im Gefühl meiner Unfähigkeit sagte ich leise unter Tränen mein Antlitz an
Miss Mortimers Schulter gelehnt »Beten Sie für mich beten Sie dass wenn ich
einst krank und sterbend bin Ihr Gott mich segnen möge wie er nun Sie segnet«
Ich weiß nicht was meine Freundin mir antwortete meine ganze Aufmerksamkeit
war auf Maitlands Handlung gerichtet Er legte seine Hand auf mein Haupt
blickte auf mich dann zum Himmel mit einem Ausdruck der alle große erhabene
Empfindungen vereinigend ihm etwas wahrhaft Überirdisches gab er sprach
nicht aber welche Beredtsamkeit hätte je diese Stille ersetzt
Was hätte denn geschehen müssen um den Eindruck dieser heiligen Stunde in
meinem Herzen fruchtbringend zu machen Ach so schlecht bereitet war der Boden
dass Miss Mortimer selbst das Gedeihen des zarten Keimes verdarb Beim Abschied
sagte sie mir gewiss mit der Hoffnung meines künftigen Glücks beschäftigt in
zärtlicher Zuversicht ins Ohr »Nun weiß ich warum Herr Maitland so oft nach
Bloomsbury square kommt« und mit diesen Worten war mein eingeschläferter
Leichtsinn erweckt Die einfachste Höflichkeit forderte mich auf Herrn
Maitland zur Rückkehr in die Stadt meinen Wagen anzubieten er nahm ihn an und
wie ich mich plötzlich ihm gegenüber sitzen sah nahm ein töriges Bild nach dem
andern von meinem wankelmütigen Sinne Besitz Eine Zeit lang hörte ich meinem
freundlichen Gefährten sogar teilnehmend zu der nur von Miss Mortimer sprach
bald gab ich aber der Unterhaltung eine so herausfordernde Wendung dass er um
seine Selbstbeherrschung zu behaupten ganz natürlich dazu kam mich als
weiserer Freund wegen meines Verhältnisses zu Lord Friedrich zu warnen Ich wies
seine Vorstellung mit erkünstelter Heiterkeit zurück mit gut gelauntem Scherz
wollte er tiefer in den Gegenstand eingehen als mich meine absichtliche und
natürliche Lebhaftigkeit hinriss ihm meine Hand auf den Mund legend das
Sprechen zu verbieten Maitland ergriff sie und drückte sie an seine Lippen
ließ sie dann schnell los und nun saßen wir beide bestürzt und verwirrt
einander gegenüber Nach einer peinlichen Stille rief Maitland mehr im
Selbstgespräch als an mich gerichtet »Sie mochte mich trotz meiner selbst dahin
bringen den Gecken zu spielen« und dann blieb er den Kopf auf die Hand
gestützt aus dem Wagen blickend in finsterem Stillschweigen vor mir sitzen
Meines Triumphs über Maitlands Gleichgültigkeit war ich nun gewiss allein dass
ich seinen stolzen Geist deshalb nicht unterjocht hatte war sichtbar Ohne
einen klaren Begriff von der Würde des Mannes zu haben ahnte ich dass sie
meinem Plane im Wege stehe und ohne mir erklären zu können welche Gefahr mich
bedrohe fand ich keinen Mut in mir unser Stillschweigen hinwegzuscherzen
Sobald wir London erreicht bat Herr Mattland um Erlaubnis aussteigen zu
dürfen und nahm kalt und kurz seinen Abschied Die Gewissheit von Maitlands
Neigung war mir nun geworden Mit übermütigem Stolz trachtete ich jetzt
danach von diesem Mann den ich noch keiner Torheit erliegen sah das
Geständnis seiner Schwäche zu hören und zwischen Hoffnung und Furcht die Qualen
leiden zu sehen welche ich töriger Weise für die schmeichelhafteste Huldigung
meiner Reize ansah Miss Arnold reizte meine Beharrlichkeit meinen stoischen
Liebhaber bis dahin zu treiben durch stets rückkehrende Zweifel ob seinem
Betragen auch wirklich der Sinn den ich ihm gab beigelegt werden könnte und
bei der Begier mit der ich sie überzeugen und meinen Triumph vervollständigen
wollte gelang es ihrer List meine Einwilligung in alle ihre Vorschläge zu
erhalten Sie beharrte bei der Behauptung dass nur die drohendste Furcht mich zu
verlieren einen Mann der so eifersüchtig sei sich selbst zu beherrschen wie
Herr Maitland zu einem bestimmten Schritt mich zu gewinnen vermögen könnte In
ihm die Besorgnis zu erregen dass ich in Gefahr stehe Lord Friedrichs
Vorschlägen Gehör zu geben schien ihr dazu am besten geschickt Ich war selbst
durch die Fehler meiner Erziehung zur Aufrichtigkeit gewöhnt worden und so oft
ich seit einiger Zeit durch Umwege zu meinen Zwecken zu gelangen suchte hatte
der Gegenstand meiner Begierde mich hingerissen aber mein Gefühl nie gegen ihre
Strafbarkeit verhärtet Auch jetzt empörte sich dieses Gefühl gegen den
Gedanken Herrn Maitland glauben zu machen dass Lord Friedrich meine Liebe
gewonnen habe und heftig weigerte ich mich diesen Plan ins Werk zu stellen
Miss Julie bewies mir sogleich dass dieses nicht ihre Absicht sei im Gegenteil
würde sie wenn ichs ihr überließ Herrn Maitland einen Wink zu geben das
Verhältnis so darstellen als habe meine Unbefangenheit mich in Verlegenheiten
verwickelt bei denen ich durch edle Aufopferung meiner selbst zu büßen
entschlossen sei und weit entfernt Sie zu tadeln schloss Miss Julie wird er
Ihre Denkart bewundern müssen Bewundern Herr Maitland würde mich bewundern
müssen An diesem Gedanken scheiterte der letzte Rest meiner Gewissenhaftigkeit
Doch gestand ich mit Angst zu dass meine dienstfertige Freundin Herrn Maitland
bei seinem nächsten Besuch empfangen und ihre Hinterlist ins Werk setzen sollte
Herr Maitland ließ mir Zeit bessere Entschlüsse zu fassen es verliefen
acht Tage ohne dass er in unserm Hause erschien Allein Miss Arnold sorgte dafür
dass meine Begierde diesen stolzen Mann das Bekenntnis seiner Schwäche ablegen
zu sehen nicht erkaltete und indem sie meinen Sieg ausmalte schwebten
leichte undeutliche Gestalten einer edleren Art im Hintergrund meiner Fantasie
Gestalten denen sie nur an Eitelkeit gewöhnt keine bestimmte Umrisse zu geben
vermochte ich darf aber hoffen sie deuteten auf die Sehnsucht in der Neigung
die ich sobald ich ihr Geständnis empfangen zu verhöhnen gesonnen war eine
Zuflucht gegen mich selbst zu finden
Nachdem dieser Gegenstand täglich unser Gespräch beschäftigt hatte
überraschte uns endlich Herrn Maitlands Besuch wie wir uns abermals über diesen
Gegenstand unterhielten Miss Arnold sah ihn an der Anfahrt absteigen und bewog
mich durch die dringendsten Gründe ihr seinen Empfang zu überlassen Mit einer
Vorempfindung unendlichen Wehs erwartete ich den Ausgang dieses Gesprächs mehr
wie einmal stellte mir meine Eitelkeit unsern Plan als gelungen Maitland als
gefesselten Sklaven zu meinen Füßen vor aber schnell wich dieses törige
Gaukelspiel und eine gestaltlose Furcht ließ mich auf die undeutlichen Töne
ängstlich horchen die von dem Besuchzimmer heraufschallten Jetzt hörte ich die
Tür öffnen und sah Herrn Maitland mit raschen Schritten ohne einen Blick
zurückzuwerfen über die Anfahrt gehen und zwischen den Hecken verschwinden Was
haben Sie bewirkt rief ich atemlos in das Besuchzimmer tretend wo die
Unterredung Statt gefunden hatte Miss Arnold fuhr bei meinem Eintritt auf sie
schien in unangenehm zerstreuter Stimmung doch fasste sie sich sogleich und
begann einen weitläuftigen Bericht über ihre Unterhaltung mit Herrn Maitland
aus dem sichtlich hervorging wie widerwillig er sich mit ihr gegen die er
seine Abneigung nie verhehlt hatte in ein Gespräch über mich eingelassen hatte
wie heftig er anfangs durch ihre Äußerung dass ich meine Freiheit für verwirkt
halte erschüttert gewesen sei aber bald mit Stolz behauptet habe wie er eine
solche Nachricht von meinen eignen Lippen erwarte und dann meinen Entschluss gut
heißen müsste »Gereizt durch seinen Unglauben durch seine stolze Zuversicht«
fuhr Miss Arnold fort »ergriff ich nun das letzte Mittel ihn zu überzeugen ich
entdeckte ihm« Was um Gottes willen was rief ich ungeduldig und
ängstlich da ich Miss Julie erröten und stottern sah »Nun ich entdeckte ihm
dass ein kleines Darlehn welches Sie Lord Friedrich abzutragen hätten Sie in
die Notwendigkeit setzte seine Anträge zu begünstigen« Ich hörte den Schluss
ihrer Rede nicht mehr an In der schrecklichsten Empörung meiner Gefühle warf
ich meiner unvorsichtigen Freundin ein Geständnis vor das mir notwendig
Maitlands Achtung entreißen musste Julie erschrack über meinen heftigen Schmerz
sie entschuldigte sich mit Tränen im Eifer mir zu dienen dieses unselige
Geständnis abgelegt zu haben »und dennoch bedurfte es dessen um auf seinen
Starrsinn zu wirken sagte sie weiter hätten Sie ihn gesehen wie er bleich
zitternd um Atem kämpfend im Zimmer umherschritt Sie würden eingestanden
haben dass er nur also zu überwältigen sei« Ich kannte diesen festen Mann zu
gut um diese Darstellung nicht für übertrieben zu halten allein dass er
peinlich leiden musste bei dieser Entdeckung meiner Torheit dessen war ich
gewiss Und was sagte er fragte ich endlich vor Angst Er wollte sogleich zu
Ihnen wollte Sie sprechen Nun warum ging er denn fort Ich musste diese
Frage mehrmals wiederholen ehe Miss Arnold sie verstand »Er besann sich wollte
sich erst fassen und wird in einer Stunde zurückkehren« war endlich ihre
Antwort
Ehe diese Stunde verflossen war hatte sich mein Unwille über Miss Julie zum
Teil durch ihre Liebkosungen zum Teil von einer neuen mich beschäftigenden
Furcht gelegt Ich besorgte Herr Maitland möchte es für Pflicht der
Freundschaft halten meinen Vater mit meiner Schuld an Lord Friedrich bekannt zu
machen ich wünschte ängstlich dieses zu verhindern aber Maitland um
Verschwiegenheit zu bitten verbot mir mein Stolz Wie er zu mir eintrat war
meine Verlegenheit nicht geringer wie die seine obwohl ein unbefangener
Beobachter in mir den Kampf ohnmächtigen Stolzes in ihm den Streit des tiefsten
Schmerzes mit dem festen Sinn des Rechtschaffnen gelesen haben würde
Bei seinen ersten Worten waren seine Empfindungen noch zu stürmisch um
ihnen gewohnte Deutlichkeit zu geben doch in Selbstbeherrschung geübt ging er
nach wenigen Momenten mit Zartheit und Güte in die Erörterung des Gegenstandes
ein der ihn zu mir geführt hatte Da er meine Abneigung mich meinem Vater zu
entdecken vernahm bat er mich auf das ehrerbietigste mir die Summe welche
ich Lord Friedrich schuldig war vorstrecken zu dürfen Auf meine bestimmte
Weigerung schlug er Miss Mortimer als Mittelsperson vor aber auch dieses lehnte
ich ab und durch die innige Rührung in seinem Ausdruck meines Sieges über sein
Herz durch die Ehrerbietung seines Betragens meiner Herrschaft über seinen
Willen immer sichrer gewann mein Leichtsinn immer mehr die Oberhand über die
mich bisher folternden peinlichen Gefühle und mit rücksichtslosen Kunstgriffen
war ich bemüht das Gespräch auf den Punkt zu bringen wo Herr Maitland einer
Erklärung nicht würde entgehen können Der nächste Gegenstand unserer
Unterredung machte mir das leicht Sie betraf Lord Friedrichs Bewerbung ich
äußerte mit empörendem Leichtsinn dass jede Wahl gleichgültig sei da bei der
meinen die Liebe noch immer ausgeschlossen sein würde Er hoffe das solle
nicht der Fall sein bemerkte Herr Maitland mit erzwungener Fassung »Er wird
es fuhr ich Leichtsinn nachäffend fort denn wem kann meine Hand endlich
zufallen Von den Männern die sich um mich drängen will der eine Teil ein
Spielwerk an das er sein Geld hänge der andre Teil mein Geld um es an seine
Spielwerke zu hängen Wie wäre der eine und der andere im Stand mein Herz zu
schätzen Ja hätte ich einen Mann gefunden fähig der Freund meiner Jugend zu
sein das wenige Gute in mir zu entwickeln meine Fehler zu ertragen und zu
bessern einen Mann den ich geliebt hätte weil er meine Achtung gewonnen so
würde ich ihm vielleicht meine lebhafte herzliche Freundschaft geschenkt
haben« Diese ganze Rede war eine eingelernte Rolle allein in ihr lag der Kern
meines bessern Sinnes und gegen das Ende zu nahm die wahrste Rührung in meiner
Seele Platz Maitland saß mir gegenüber den Arm auf ein zwischen uns stehendes
Tischchen gelehnt während ich sprach hatte ich nicht den Mut ihn anzusehen
jetzt nahm ich aber wahr dass der starke Mann zusammenzuckte und der leichte
Tisch von dem Zittern seines Arms bebte Plötzlich fiel mir die Schilderung ein
die mir Miss Arnold von seinem Zustand bei ihrer Entdeckung meiner Schuld an
Lord Friedrich gemacht ich sah mich meines Siegs über Maitlands Herz gewiss
meine guten Regungen verflogen und ich blickte auf um seine Fassung zu
erspähen
Sein Auge schien mit seinen scharfen Blicken bis ins Innerste meiner Seele
zu forschen seine Wangen glühten doch nur einen Moment Todtenblässe
verdrängte dieses Rot er fasste zitternd meine Hand kämpfte einen Augenblick
nach der Kraft zu sprechen und sagte endlich meine Hand gleichsam von sich
werfend im Ton des ernstesten Vorwurfs »Ellen wie können Sie da Sie Ihre
Gewalt über mich wahrnehmen wie können Sie Andere möchten meine Schwäche
verachten ich selbst verachte sie aber Ihnen Ihnen hätte sie heilig sein
sollen«
Wie soll ich mir selbst den Vorgang in meinem Innern erklären Nun hatte ich
also meinen Zweck erreicht ich hatte Maitland das Geständnis seiner Niederlage
entrissen allein weit entfernt mich meines Sieges zu erfreuen fühlte ich mich
durch den Vorwurf den seine Worte enthielten aufs tiefste verwundet Sein
Missfallen übte die Kraft des bösen Gewissens über mich und ich war so
erschüttert dass ich unfähig meine Fassung zu finden mein Haupt nicht
aufzuheben vermochte Herr Maitland stand einige Augenblicke gedankenvoll und
schweigend dann sagte er mit halb erstickter Stimme »Nein nicht jetzt
schenken Sie mir morgen einige Momente es werden die letzten sein« Und ehe es
mir möglich war ein Wort über die Lippen zu bringen hatte er sich entfernt
Wie eine Verbrecherin schlich ich in mein Zimmer wo Selbstvorwürfe Zorn
gegen Miss Arnold und eine unklare Furcht vor den Folgen von Herrn Maitlands
Unwillen mich peinlich beschäftigten Mein Triumph über den Sieg meiner Reize
gewann nur nach und nach Raum in meinen Betrachtungen ja ich musste das Andenken
an alle meine Bemühungen diesen Sieg zu erreichen zurückrufen um den
Entschluss mich nie vor einem stolzen Liebhaber zu demütigen zu erneuern »Mag
er seine Fesseln brechen wenn er kann« rief ich endlich mit neu erwachtem
Übermut denn noch war mein Leichtsinn nicht fähig den Verlust Herrn
Maitlands als Freund zu ermessen er hatte ihn nur als Sklav zu sehen gestrebt
Herr Maitland ließ sich am folgenden Morgen nicht erwarten aber seine
Fassung war von der des vorigen Abends gänzlich verschieden Sie drückte Ruhe
Selbsterrschaft Würde aus Er begann ohne Verlegenheit sich für schuldig zu
erkennen indem er sich ein paar Mal von seinem Gefühl hätte hinreißen lassen
und glaubte mir Erklärung darüber geben zu müssen Gekränkt durch seine
Selbstbeherrschung gab ich ihm einige leichtsinnige Antworten und nahm dann
wie er auf seinem Ernst beharrte mit nachlässigem Wesen meine Näharbeit in die
Hand als suche ich durch sie das mangelnde Interesse seiner Unterhaltung zu
ersetzen »Flösst es Ihnen gar keine Neugier ein Ellen« nahm Herr Maitland das
Wort »zu erfahren wie Sie ein Herz das Sie mit treuer Neigung zu umfassen
wohl geschickt gewesen wäre gewonnen und wie Sie es verloren haben Ist es
auch nicht um meinetwillen so könnte es Ihnen doch vielleicht einst nützen
wenn von einem Mann für den auch Sie empfinden die Rede ist« »Ich hoffe so
schlimm wird mir es ja nicht gehen die Liebeslaune irgend eines Mannes je zu
beklagen« »Hier war von keiner Liebeslaune die Rede« nahm Herr Maitland von
neuem mit Ernst das Wort »Sie waren meine erste Liebe und Ihre Wohlfahrt wird
mir zärtlichen innigen Anteil einflößen noch lange nachdem meine
gegenwärtigen schmerzlichen Empfindungen erloschen sind Allein ich muss fliehen
ehe ich die Kraft verliere dem zu entsagen dessen Besitz mich unendlich elend
gemacht hätte« »Sicher mein Herr dieses Elend würde ich Ihnen ersparen«
sagte ich mit schwellendem Stolz denn auf diese Sprache hatte ich von Seiten
eines Liebhabers nicht gerechnet »Ellen das ist kindisch Zürnen Sie weil
ich Ihnen die Langeweile vergeblicher Bewerbung erspare Wenn ich Sie mit
Schmerz verlassen sollte müssten Sie die Vorzüge wieder besitzen die mich
zuerst an Ihnen bezauberten denn nicht Ihre Schönheit gewann Ihnen mein Herz
Ich hatte Sie oft gesehen und war kalt geblieben Es war Ihre kindliche Einfalt
Ihre gänzliche Absichtslosigkeit Ihr völlig durchsichtiges Gemüt wie ich es
nennen muss um die Leichtigkeit auszudrücken mit der ich Ihre Empfindungen
erriet die mich gewannen Wenn ich ermattet von Arbeit war krank von der
Herzlosigkeit der Menschen so kam ich zu Ihnen und dachte Nun ists ja Eins
was« Herr Maitland hielt inne mein bessres Gefühl siegte ich begriff dass
ich seine Achtung verloren hatte und Tränen füllten mein Auge Allein die
Furcht er möchte meinen dass ich den Verlust seiner stoischen Liebe bedaure
zwangen sie in mein stolzes Herz zurück Er fuhr fort »Ich nahm aber bald wahr
dass unsre Wünsche unsre Bestrebungen nicht übereinstimmten dass sie das
häusliche Glück stören müssten Nach dem dreissigsten Jahr sieht ein Mann wohl
ein dass nach dem Entzücken des Liebhabers der Gatte eine lange Reihe von Jahren
vor sich hat wo er entweder seine Sorgen und Freuden mit seinem Weibe teilen
oder die Unterwerfung der Abhängigkeit von ihr fordern muss Das Letztere könnte
ich nie Ihre Wünsche hätten mich jeden Augenblick verletzt und seine
Stimmung ward immer feierlicher wie könnte der welcher einen Freund sucht
den erwählen der seine Beschäftigung für lästig hält seine Freuden für
Hirngespinnste seine Hoffnungen für einen Traum Nein Ellen die Gattin
eines Christen muss mehr sein als das Spielwerk seiner müßigen Stunden sie muss
sein Mitgenoss sein bei der Arbeit beim Gebet« Mein Stolz empörte sich immer
mehr »Genug mein Herr« sagte ich »ich bin hinlänglich von meiner
Unfähigkeit eine Würde nach der ich nie Verlangen trug zu bekleiden
überzeugt« »Das glaube ich Ihnen Miss Percy und das söhnt mich mit meinem
Opfer aus Vermindern Sie es also nicht durch diese Verachtung Es bedarf ihrer
nicht um mich zu überzeugen dass Sie nicht ohne eifrige Bewerbung gewonnen
werden können ich versuchte diese versuchte sie bis mich meine Schwäche
überraschte und nun ist es gerade noch Zeit zu entfliehen deshalb reise ich
in vierzehn Tagen nach Westindien ab«
Mir war es als versänke die Erde unter meinen Füßen Dass Herr Maitland
unsern Familienkreis meiden würde darauf war ich gefasst aber Westindien
»Nach Westindien« wiederholte ich kaum hörbar »Ja Ich habe dort Geschäfte
Doch schon zu lange sprach ich von mir selbst Da der Fall eintritt wo es recht
ist dass die rechte Hand die linke abhaue so ists besser der Streich sei
geschehen Nur noch eine Bitte liegt mir am Herzen « Er zögerte ich hatte
nicht die Kraft zu fragen was ich zu vernehmen so begierig war Maitland fasste
meine Hand »Ellen« sagte er mit Innigkeit »ewig teure Ellen mancher trübe
Gedanke wird wenn wir weit getrennt sind Sie belasten ich bitte vertrauen
Sie diese Miss Mortimer und übergeben ihr dann dieses Päckchen« Ich begriff
dass es die Mittel enthielt die Schuld an Lord Friedrich zu tilgen ich lehnte
das Anerbieten ab versicherte dass diese Schuld keine Eile habe dass sie kein
Geheimnis sei dass ich sie wegen eines Spielwerks eingegangen wäre doch
meine heftige Bewegung wahrnehmend beherrschte ich mich schnell und bat ihn mit
neu erwachendem Stolz Miss Mortimer bei ihrer Kränklichkeit nicht mit dieser
Kleinigkeit zu belästigen Er suchte mich zu widerlegen da er aber meine
Beharrlichkeit bemerkte rief er »So ists Zeit zu enden Leben Sie wohl
Ellen Aller Segen « Hier versagte ihm seine Stimme er warf einen Blick auf
mich O nie nie verschwand dieser Blick vor meinem Gedächtnis und über den
Schmerz der um seinen Mund zuckte glitt ein Lächeln wie ein Sonnenblick über
die sturmgeschlagne Flur Ich wendete mich ab und er verschwand
Ich erlebte wie alle Welt mich verließ ich wanderte heimlos in fremden
Straßen ich sah mich mit den Unseligsten des Menschengeschlechts in dem Ort des
Grausens eingesperrt aber den Schmerz fühlte ich niemals wieder der mich
ergriff da ich wieder in das Zimmer hinblickte und Maitland nicht mehr fand
Miss Mortimers Worte tönten in mein Ohr »Die Guten und Weisen werden Sie
verlassen« O sie haben mich verlassen und ich bin freundlos allein rief
ich zur Erde sinkend und verbarg mein Haupt auf dem Platz auf dem Maitland
gesessen hatte
Nach diesen Äußerungen wird man nun glauben dass mein Herz wirklich einen
tiefen Eindruck empfangen hätte Das war aber keineswegs der Fall Herr
Maitland hatte meine Eitelkeit gereizt er hatte meine Neugier erregt sein
Gespräch hatte mich angezogen ich fand in der Unterhaltung mit ihm den Genuss
geistige Fähigkeiten in mir zu entdecken die in dem flachen Geschwätz meiner
andern Bekannten nicht angeregt wurden ich besaß eine Art kindlichen Vertrauens
in seine Güte sein Charakter flößte mir eine tiefe Achtung ein was mich bei
seiner Abreise so heftig schmerzte war die Gewissheit seine Achtung verloren zu
haben von ihm durchschaut worden zu sein es war die Bekümmernis des Rückhalts
seiner Güte der Überzeugung von seinem Schutz die unklar aber fest in meiner
Seele ruhte beraubt zu sein Leider blieb dieser Eindruck so wenig wirksam dass
ich schon nach einigen Stunden mit gewohntem Leichtsinn mit Lord Friedrich
liebäugelte und nach wenigen Tagen während der ich das Andenken an Maitlands
Abschied als etwas Schmerzliches vermieden hatte seiner kaum mehr gedachte
Der Befehl meines Vaters rücksichtlich der Besuche des Lords in seinem
Hause war keineswegs befolgt worden er stellte sich täglich daselbst ein ich
begegnete ihm in dem größten Teil meiner Gesellschaften am häufigsten traf ich
ihn bei Lady St Edmond deren Umgang ich weil er mir mehr als jeder andre
schmeichelte noch immer am häufigsten aufsuchte Meine angenehmsten Stunden
brachte ich bei ihr in einem kleinen Zimmerchen zu in welchem Kunst Luxus und
Geschmack erschöpft waren um den eigensinnigsten Forderungen eine Genüge zu
leisten Die mildesten und frohesten Farben verschmolzen sich an den Wand und
Fensterbekleidungen einige üppige Landschaften von Meisterhand gemalt die
schönsten Vasen die zierlichsten Divans machten diesen kleinen Raum zu einem
Feenaufentalt den Abends Alabasterlampen mit Mondlicht erhellten zu dem aber
ein großes Fenster das Tageslicht nur durch die Verzweigung der schönsten
duftenden Blütenpflanzen zuließ Ein herrliches Pianoforte eine eben so
vortreffliche Harfe eine kleine Sammlung Dichter vollendeten den Aufputz dieses
Kabinets Nie ward es von einem Bedienten betreten der wenige Dienst den man
darin verlangte ward von einer leichtfüssigen rosenwangigen Zofe besorgt Hier
war Lord Friedrich meistens der Dritte in unserer Gesellschaft Lady St Edmond
behandelte mich wie eine vertraute Freundin ich empfand nicht die mindeste
Scheu gegen sie und so blieb es seiner Klugheit überlassen diese unbedachten
Zusammenkünfte zu benutzen Ohne dass er meinem Herzen lieber geworden wäre als
im Anfang unserer Bekanntschaft wusste er sich durch die Sprache der verliebten
Schmeichelei meiner Aufmerksamkeit je mehr und mehr zu bemächtigen ich hatte
mich an das eitle Spiel kleiner Gefallkünste Zwiste Nachgeben Gebieten
Beherrschen gewöhnt und wenn ich hier und da durch irgend einen Zug in Lord
Friedrichs Betragen gewarnt aufmerksam wurde beruhigte ich mich selbst mit der
Überzeugung dass zwischen mir und einem Mann dessen Bewerbung mein Vater
unbedingt abgewiesen nicht die Rede von einem nähern Verhältnisse sein könnte
Eines Morgens den ich wie so oft geschah bei Lady St Edmond in obenerwähntem
Kabinette in Gesellschaft Lord Friedrichs zubrachte ward sie eines Geschäftes
wegen abgerufen und der Lord benutzte unser Alleinsein um mit unerwartetem
Ernst mir seine Leidenschaft zu erklären Ich suchte wie schon früher bei
weniger dringendem Geschwätz dieser Art durch witzige Einfälle abzuwehren
allein er veränderte seinen Angriff und stellte mir sehr ernstlich das Recht
vor welches mein Betragen ihm gegeben hätte Hoffnungen zu hegen Dieser
Vorwurf erschreckte mich auf eine sonderbare Weise er gab mir augenblicklich
ein Bewusstsein meiner Schuld aber zugleich eine entschiedne Abneigung gegen den
Mann der Rechte an mich geltend machen wollte In der größten Angst aber mit
eben so großer Wahrhaftigkeit gestand ich ihm dass seit mein Vater sich
bestimmt gegen seine Bewerbung erklärt ich ihn von allen Männern für den
gehalten hätte mit dem es am gleichgültigsten wäre sich zu unterhalten und
in ihm eine ähnliche Ansicht voraussetzend wäre mir es nie eingefallen in
seinen Reden einen ernstaften Sinn zu suchen Mit Heftigkeit klagte er mich
jetzt an ihm in den Augen der Welt Hoffnungen gegeben zu haben die nun seine
Ehre in Gefahr brächten in unsern nähern Verhältnissen Vorschläge nicht
unwiederruflich verworfen zu haben die nur die Liebe genehmigt Diese
Vorwürfe riefen mir jenen unseligen Maskenball zurück wo der Leichtsinn meines
Betragens den Lord damals zu dem Vorschlag einer Entführung nach Schottland
veranlassen konnte zugleich hatte mir aber Herrn Maitlands Charakter die
Gewohnheit erhalten dem Wort »Ehre« in dem Munde eines Mannes einen höheren
Wert beizulegen als der Gebrauch der Modewelt ihm erteilt Ich schauderte vor
dem Gedanken Lord Friedrichs Ehre durch meine gefallsüchtige Laune Anfällen
ausgesetzt zu haben und fand deshalb nicht den Mut in mir seine flehenden
Bitten ihm noch jetzt nach Schottland zu folgen so wie ich hätte tun sollen
abzuschlagen Ich ließ mich auf Gründe meiner Weigerung ein meines Vaters
bestimmte Abneigung gegen eine Verbindung mit dem Lord war der erste und wenn
meine Denkart klar und mein Sinn edel gewesen wäre hätten die abgedroschnen und
herzlosen Gründe mit denen er das väterliche Ansehen zu schwächen suchte mir
den Unwert des Mannes und die Gefahr mich ihm anzuvertrauen ins hellste Licht
stellen müssen Aber er bewies mir dass meine persönlichen Vorzüge allein mich
emancipirten dass meines Vaters Weigerung meine Rechte schmälerten dass
allgemeine Regeln einen höheren Geist nicht bänden und mein Vater nach dem
ersten Aufbrausen seines Unwillens einer Verbindung die in jeder Rücksicht
angemessen sei seinen Beifall nicht versagen würde Diese Schmeichelreden
beschwichtigten meine Unruhe aber dennoch empfand ich eine große Erleichterung
als Lady St Edmonds Rückkehr dem Gespräch ein Ende machte
Ohne eine entschiedene Neigung für den Mann dem ich die tägliche
Gelegenheit meine Schwäche zu benutzen zugestanden hatte ohne einen klaren
moralischen Sinn welcher mir einen deutlichen Begriff von den Bedingungen zu
meinem wahren Glück geben konnte teilte ich Miss Arnold meine Verlegenheit mit
und bat Lady Edmond um Rat Die Erstere schien bloß Teilnahme Mitgefühl zu
zeigen und bewies mir doch dass bei dem nachteiligen Eindruck den Lady
Marias Darstellung meiner Torheit am Ballabend gegen mich erregt eine Heirat
mit Lord Friedrich der sicherste und für mich der schmeichelhafteste Weg sei
meine Unruhe zu beendigen Lady St Edmond fand Mittel mir in einer Wolke von
Weihrauch über meine Vorzüge meine Empfindungsart meinen Geist zu beweisen
dass ich mich in den Fall gesetzt hätte wo nur meine Heirat mit Lord Friedrich
mein Betragen zu rechtfertigen im Stande sei
Während es mir so von allen Seiten an einer weisen Einwirkung gebrach da
mein töricht eitles Herz sich vor der einzig rettenden der meiner verehrten
Miss Mortimer fürchtete weil es sich bewusst war dort keine Schmeicheleien
keinen in Lob gehüllten Tadel sondern strenge Mahnung an die Pflicht zu hören
versäumte Lord Friedrich nicht bei jeder Gelegenheit die Sprache der
Leidenschaft gegen mich zu führen Eines Tags fand ihn mein Vater zu meinen
Füßen in einer feurigen Rede begriffen Im Gefühl seines verletzten Hausrechts
da er sich seine Besuche verbeten mit der Erbitterung die ihm Einer aus der
verhassten Kaste erregen musste der in dem zarten Punkt der väterlichen Gewalt
seinen Absichten zu widerstreben suchte verabschiedete er ihn mit mehr
Bestimmtheit wie gutem Ton Der Auftritt war empörend für mich weil mein
Vater indes vier starke Lakaien an der Saaltür standen sein Hausrecht gegen
den einzelnen Mann übertrieb er war höchst erschütternd weil ich den ernsten
Mann noch nie so von Zorn übermannt gesehen hatte Wie Lord Friedrich das Zimmer
verließ stieß mein Vater die Tür mit einem gewaltigen Fußtritt zu nahte sich
mir heftig fasste gewaltsam meine Hand und rief »Hattet Ihr vergessen Ellen
Percy dass diesem Glücksjäger mein Haus verschlossen sein sollte Fortan
geschehe das nicht wieder Ich kann Euch dreimalhunderttausend Pfund
hinterlassen und arbeite an einem Project die Summe zu verdoppeln aber Euer
ältester Sohn soll John Percy heißen und eben so seines Sohnes Sohn und Ihr
sollt keinen unverschämten aristokratischen Bettler heiraten der sich
unterstehen möchte den Mann dem er sein Dasein zu verdanken hätte über die
Schultern anzusehen Gott verdamme mich wenn ich das je zugebe Versteht Ihr
mich Ellen Percy« Bei diesen Worten schüttelte er meine Hand und schleuderte
sie so gewaltsam von sich dass ich wankend mich an einem Stuhl halten musste
indes er zornglühend das Zimmer verließ
In der Jugendzeit wo Mangel an erduldeten Leiden uns Mut gibt und die
Einfachheit unsrer Verhältnisse unsre Urteilskraft noch gar nicht geprüft hat
kann ein besser geordnetes Gemüt wie das meine durch Heftigkeit zum
Widerstand gereizt werden Mir erschien meines Vaters Betragen so despotisch
dass es mich aufforderte alle Rechte der Natur für mich geltend zu machen
Ungewohnt mein Betragen tadeln noch weniger meiner Neigung Verbote auflegen
zu sehen suchte ich zu meines Vaters Widerwillen gegen eine Heirat mit Lord
Friedrich nun eine besondere Ursache und fand sie durch die Bedingung erklärt
unter welcher er meine Hand zu vergeben gedachte Einem Mann ohne Namen wollte
er mich geben einem untergeordneten nüchternen anspruchbaren Geschöpf dem
sein Geld erst zu einem Dasein verhelfen sollte und in dem Masse wie ich mir
sein Bild ausmalte befestigte sich der Entschluss gegen diese Gefahr mich zu
schützen Bis dahin hatte ich die Weise wie ich dieses tun wollte nicht
beschlossen ja nicht überlegt ein nichtsbedeutender Zufall musste sie
bestimmen
Während der Mahlzeit erwähnte Miss Arnold eines glänzenden Frühstücks zu dem
uns Lady B auf den folgenden Morgen eingeladen habe Mein Vater erklärte dass
ich weder bei diesem Frühstück noch in irgend einer andern Gesellschaft
erscheinen solle bevor ich ihm nicht feierlich angelobt mit Lord Friedrich
keine Art von Verkehr mehr fortzusetzen »So muss ich zu Hause bleiben« sagte
ich mit trotziger Entschlossenheit »denn nach dem Frühstück ist ein Ball und
ich habe mit Lord Friedrich zu tanzen versprochen« »Nun so genießen Sie Ihr
Frühstück zu Haus Miss Percy ich hoffe es soll so gut wie Lady B ihres sein«
Mein Verdruss bei diesem Ausspruch meines Vaters war nicht gering denn ein
gestickter Morgenanzug um den Lady Maria in Handel gestanden und den ich durch
einen übermäßigen Preis ihr entzogen hatte sollte heute ihren Neid erregen
Aber mein Widerwille meinen Vater durch eine Bitte zu besänftigen war viel
größer wie dieser Verdruss Miss Arnold half dem Einen und dem Andern ab Ihr
Einfluss bei meinem Vater hatte seit Miss Mortimers Entfernung so zugenommen dass
es ihr auch bei dieser Gelegenheit nicht schwer fiel seine Erlaubnis
rücksichtlich des Frühstücks zu erhalten allein ein bestimmter Befehl fortan
jedem Verkehr mit Lord Friedrich unbedingt zu entsagen verhinderte mich Freude
darüber zu empfinden
Den folgenden Morgen beim Familienfrühstück denn meine Einladung bei Lady
B verhinderte diese Familienmahlzeit nicht erhielt mein Vater einen Brief
den er mit sichtlicher Bestürzung las und seine Teetasse unberührt
hinstellend augenblicklich das Zimmer und gleich darauf das Haus verließ Sein
Benehmen ängstigte mich auch Miss Arnold schien es mit Unruhe zu bemerken
allein die Stunde des Ankleidens war da und so überließ ich mich ohne des
Vorgangs wieder zu gedenken dem Wirbel des Tags Das Frühstücksfest verlief wie
alle solche Feste mit der Larve der Freude mit leeren Köpfen mit Herzen die
oft von Neid und Bitterkeit erfüllt also schlimmer wie leer sind Es war seit
jenem Abend des Maskenballs das erste Mal dass ich Lady Maria begegnete der
Anblick meines ihrer Eitelkeit entzogenen Kleides konnte nicht dazu beitragen
ihr das Andenken jenes Abends in einem mildern Lichte erscheinen zu lassen und
so war ihr jede Gelegenheit mich zu demütigen willkommen Sie fand sie bei
Veranlassung eines Tanzes in welchem sie mich von meinem Platze verdrängte
Lord Friedrich der mein Partner war suchte die Sache beizulegen allein die
Umstehenden waren wenig geneigt ihm behilflich zu sein so dass ich tief
gekränkt den Reigen verließ Lord Friedrich führte mich auf meinen Platz zurück
er nahm den Augenblick wahr mir den Vorteil zu zeigen den ein einziges Wort
mir über Lady Maria geben könnte und was seine leidenschaftlichen Bitten nicht
vermocht hatten bewirkte der gekränkte Stolz ich willigte ein mit Lord
Friedrich nach Schottland zu fliehen
Um allen Verdacht zu vermeiden ward verabredet dass wir Lady St Edmond ins
Vertrauen ziehen wollten sie solle mich am folgenden Morgen in ihrem Wagen bis
Barnet führen wo mich mein künftiger Ehemann in Empfang nehmen würde Miss
Arnold gedachte ich den Plan zu verschweigen denn sie hatte mich vor wenigen
Tagen mit weisem Kopfschütteln gebeten im Fall ich je in eine Entführung
willigte möchte ich sie mit dem Geheimnis verschonen da sie es für ihre
Pflicht halten könnte meinen Vater davon zu unterrichten Von dem Augenblick
an wo ich das unselige Versprechen gegeben hatte schien mir die Gesellschaft
um mich her der Saal die Musik wie in einem undeutlichen Nebel zu schwimmen
Mein Gemüt war so erschüttert dass ich mir wie aus mir selbst herausgetreten
vorkam Lord Friedrichs anscheinendes Entzücken hatte keinen Sinn für mich ich
sah die Dinge sich um mich drehen ohne ihre Absicht und Bedeutung fassen zu
können so wie im Sonnenschein die Mücken vor unsern Augen schweben ohne dass
wir ihre Gestalten zu unterscheiden vermögen Vergeblich warf ich mich in das
Geräusch der Gesellschaft suchte Gespräch versammelte die Männer durch mein
Geschwätz entfernte die Weiber durch Jener Beifall das gegebne Versprechen
stand zwischen mir und der Außenwelt es trieb mich nach Hause und vor dem
Gedanken schaudernd dass mir dann erst jenes Schreckbild recht nahe treten
würde war ich doch die Letzte unter denen die in später Nacht die leer
gewordenen Säle verließen
Nach einer schlaflosen der peinlichsten Unentschlossenheit dahingegebenen
Nacht fand ich erst gegen Morgen einige Augenblicke unruhigen Schlummers
dennoch stand ich sehr früh auf machte die nötigsten Vorbereitungen zu meiner
vorhabenden Reise und versuchte ein paar Zeilen an meinen Vater zu schreiben
Sie sollten ihn meiner kindlichen Liebe versichern ohne mein Vorhaben zu
verraten Aber wie unfähig war ich zu diesem Geschäft Zehnmal setzte ich
einige Zeilen zusammen die mir nicht genügten zerriss das Geschriebne und
beschloss endlich diese Absicht erst dann wenn mein Vorhaben ausgeführt sei zu
erfüllen Sobald die Frühstücksstunde geschlagen hatte begab ich mich aus
meinem Zimmer eifrig die letzte Gelegenheit meinen Vater zu sehen ergreifend
und zitternd ihm mit diesem Bewusstsein unter die Augen treten zu sollen An der
Tür des Frühstückszimmers verließ mich fast der Mut ich horchte auf seine
Stimme und wie alles stille war fürchtete ich mich vor seinem Schweigen
seinem mir begegnenden Blick Die Aufmerksamkeit eines Bedienten den mein
Zögern zu befremden schien bestimmte mich endlich die Türe zu öffnen
schüchtern blickte ich nach meines Vaters gewöhnlichem Sitz er war leer Eine
Last fiel mir vom Herzen »Wo ist mein Vater« fragte ich den Diener »Er ging
aus und hat hinterlassen dass er nicht zum Frühstück zurückkehren werde« war
die Antwort Das war mir eine ungewohnte Erscheinung Das Frühstück war die
Vereinigungsstunde der Familie die meinen Vater immer herbeigezogen hatte
sollte er sie heute versäumen so musste ich ohne einen Blick des Segens
hinwegscheiden heute besonders nachdem ich bei unserm letzten Zusammensein
seinen Unwillen erregt hatte Das konnte ich nicht ertragen und der Vorsatz
mein Vorhaben aufzugeben keimte in meinem Herzen Ehe er aber zu einem festen
Entschluss gereift war hielt Lady St Edmonds Wagen vor dem Hause Ich eilte sie
zu empfangen führte sie bei Seite und beschwor sie wenigstens heute den
einzigen Tag meine Reise zu verschieben meines Vaters Abwesenheit mache es mir
unmöglich das Haus zu verlassen Sie schalt meine Schwäche sie bewies mir dass
grade diese Abwesenheit mir die Gefahr mich zu verraten erspare und wie bald
ich ihn da sie an seiner schnellen Versöhnung gar nicht zweifle wieder sehen
würde sie stellte mir das Unrecht vor das ich an Lord Friedrich begehe die
Gefahr einen so leidenschaftlichen Liebhaber aufs Äußerste zu treiben Durch
ihre Beredsamkeit gewonnen zeigte sich mir mein Vorhaben von einer andern
Seite als die welche mich bisher beschäftigt hatte und mein Schwanken
benutzend riss mich Lady St Edmond mit sich fort Noch eilte ich vorher zu der
Freundin meiner Jugend um ihr da sie keinen Teil an meinem Geheimnis nehmen
durfte ein zweideutiges Lebewohl zu sagen »Julie« rief ich ihre Hand
drückend »ich entferne mich auf kurze Zeit Vermisst mich mein Vater so
ersetzen Sie mich bei ihm O Julie wenn Sie mich je geliebt so bezeigen Sie
ihm die kindliche Ehrfurcht die ich ihm schuldig gewesen wäre« Meine
zitternde Stimme mein bewegtes Gemüt hätten mich Miss Arnold verraten müssen
allein sie war entschlossen ein Geheimnis nicht zu entdecken das ihr zu wissen
nachteilig werden konnte Nachlässig sagte sie mir Lebewohl und kein Lächeln
des Wohlwollens war im Augenblick des Scheidens von ihrer Jugendfreundin auf
ihrem Antlitz sichtbar
In einer völligen Betäubung aller meiner Gefühle fuhr ich vom Hause ab wie
ich meiner wieder deutlich bewusst ward befand ich mich schon in ganz fremden
Umgebungen die ich nicht mit meiner Vergangenheit reimen konnte die mir meine
Zukunft nicht erraten ließ Lady St Edmond verwendete ihr freundlichstes
Geschwätz um meine Aufmerksamkeit auf angenehme Gegenstände zu lenken sie
drang mir das Versprechen ab gleich nach erhaltner kirchlicher Einsegnung
meiner Ehe in ihrem Hause eine Zuflucht zu suchen schilderte mir die
Annehmlichkeit meiner künftigen Verhältnisse wenn ich wie es mir gar nicht
fehlen könnte die verschiedenen Glieder der Familie du Burgh für mich gewonnen
und wie die Versöhnung mit meinem Vater die ebenso wenig Schwierigkeit haben
würde dann meine Beruhigung vollenden müsse Es gelang ihr mein Gemüt zu
beruhigen so dass ich bei unsrer Ankunft in Barnet meine gewöhnliche
Geistesheiterkeit größtenteils wieder gewonnen hatte Wie der Wagen anhielt
und ich den Mann dem ich mein ganzes Lebensheil zu übergeben gesonnen war zu
meinem Empfang bereit zu erblicken erwartete drückte ich mich mit
unwillkürlichem Grausen in den Winkel des Wagens zurück und ließ meine
Begleiterin vor mir aussteigen Da ich nur ihre Stimme hörte die mich
nachzukommen bat raffte ich mich auf ich folgte ihr in ein Zimmer ich hörte
wie sie ihrem Bedienten auftrug nach Lord Friedrich zu fragen doch seine
Antwort er sei noch nicht angekommen veränderte nur meine Lage sie
verbesserte sie nicht Ich beantwortete Lady St Edmonds zuversichtliche
Bemerkung dass er unverzüglich dass er in fünf Minuten eintreffen werde mit
einem spottenden Lachen Die fünf Minuten gingen hin auch zehn und längere
Zeit In größter Unruhe saß meine Begleiterin am Fenster blickte der Straße
entlang und hoffte bei jedem Hufschlag bei jedem Rollen eines Wagens es müsse
der Erwartete sein ich schien gleichgültig den großen Ochsen von Durham und
Godolphins Araberpferd deren Abbildungen an der Wand hingen zu betrachten
indes meine Begleiterin mit zunehmender Unruhe alles aufbot um Entschuldigungen
wegen ihres Neffen Verweilen zu ersinnen Eine Stunde mochte in dieser Spannung
verflossen sein als ich auf eine ihrer Äußerungen erwiderte »Suchen Sie doch
weiter keine Ursache Mylady Mylord hat unsere Verabredung vergessen und somit
verhindert uns nichts nach der Stadt zurückzukehren welches ich Sie dringend
bitte unverzüglich zu tun« Sie widerstand mir zwar bat mich noch eine kleine
Weile zu warten weil sie gewiss sei nur die unseligsten Ursachen könnten Lord
Friedrich zurückhalten doch forderte sie einige Erfrischungen und befahl ihre
Pferde zum Einspannen zu bereiten Über diesen Anstalten ging abermals gegen
eine Stunde dahin ich erklärte nun wenn Mylady nicht sogleich abführe so
würde ich Post nehmen und unverzüglich allein zurückkehren Dieses bewog sie
anspannen zu lassen aber ehe es geschehen war sprengte ein Reiter vor das
Haus ich hörte ihn nach Lady St Edmond fragen und bevor diese die Tür des
Zimmers erreicht hatte trat ein Reitknecht Lord Friedrichs herein gab ihr
einen Brief und begab sich schweigend hinweg »Endlich werden wir erfahren«
rief Mylady indem sie den Brief erbrach Doch bei den ersten Worten fuhr sie
betroffen zusammen und wie ich mit erzwungner Gleichgültigkeit und kalter
Verachtung fragte was die Ursache von meines Liebhabers Abtrünnigkeit sei
stammelte sie unzusammenhängende Entschuldigungen über das unangenehme Geschäft
ein Unglücksbote sein zu müssen Dieses auf Lord Friedrichs Untreue deutend
bat ich sie mit bitterem Gelächter sich darüber zu trösten indem diese wohl das
geringste Unglück meines Lebens sein würde Nein Miss Percy nicht diese
nahm sie etwas beleidigt das Wort aber Ihr Vater hat fassen Sie sich es
ist Ihrem Vater Mehr erlaubte ihr meine Bestürzung und Ungeduld nicht zu
sagen Mit dem Ausruf »was hat mein Vater« zog ich ihr hastig den Brief aus
der Hand und las Folgendes von seinem Inhalt denn diesen Brief hat der Zufall
gleichsam wie ein Denkmal vom Wendepunct meines Schicksals mich aufbewahren
lassen
»Teure St Edmond Mit dem Percy hat der Teufel sein Spiel gehabt Er
speculirte wie ein Narr und verlor nah an eine Million Durch den glücklichsten
Zufall von der Welt erfuhr ich es in dem Augenblick wo ich nach Barnet abfahren
wollte ich musste der Sache erst gewiss sein ehe ich Sie benachrichtigte und so
wurde der Bote verspätet Ich gehe nun unverzüglich darauf aus die Darnel zu
beschwatzen Das ist ein verdammter Tausch denn die Percy ist das hübscheste
Mädchen in London aber wies nun steht hätte ich mir das Gehirn eingeschossen
wäre ich mit ihr bis Schottland gelangt Suchen Sie das Mädchen zu beruhigen
wie es gehen will Gut ist sie mir doch und wenn ich das hässliche Shäpchen
heirate habe ich auf Trost zu denken Ich muss eilen mir die Darnel zu sichern
und sobald das in Richtigkeit ist soll es Ihnen an den fünftausend Pfunden
nicht fehlen«
Das Erstaunen mit dem ich diesen Brief las ward von der Furcht über meines
Vaters Unfall zurückgedrängt Ich hatte nie einen Gedanken an die Möglichkeit
des Verlustes unsers Wohlstandes gehegt bei der Sicherheit mit der ich meinen
Vater seine Geschäfte behandeln sah schien mir eine unglückliche Spekulation
ganz unmöglich seine erst vorgestern geäusserte Zuversicht sein Vermögen in
kurzem verdoppelt zu sehen galt mir für eine untrügliche Zusage ich hoffte
dass irgend ein falsches Gerücht Lord Friedrichs Habsucht irre geführt habe Doch
der weitere Inhalt dieses Schreibens empörte mein Innerstes wohl war das ein
glücklicher Zufall der mich vor dem Elende einem solchen Verworfnen zu
gehören befreit hat rief ich laut und verweigerte Lady St Edmond das Blatt
nach welchem sie ihre Hand ausstreckte »Nein dieses Blatt bewahre ich auf als
Zeugnis der niedrigsten Verführung deren sich je ein Mann zum Verderben eines
törichten Mädchens bediente Jetzt Mylady werden Sie doch durch nichts mehr
zur Stadt zurückzukehren verhindert« Lady St Edmond schien sehr
herabgestimmt ohne Einwurf folgte sie mir an den Wagen und stumm traten wir
unsern Rückweg an Der Inhalt des Briefs ward mir immer klarer ich verstand
nun welchen schändlichen Anteil meine Begleiterin an dem ganzen Vorgang
genommen ich überhäufte sie mit Vorwürfen ich fühlte tief den Schmerz
verratner Freundschaft missbrauchten Vertrauens Nach und nach wendete sich
aber meine Aufmerksamkeit auf meines Vaters Lage ich erinnerte mich jetzt des
Briefs welchen er wie ich ihn das letzte Mal sah mit so offenbarer Bestürzung
gelesen andre Umstände stellten sich mir gleichfalls in einem bedeutenden
Lichte dar und vermehrten meine Angst Sie nahm mit jedem Augenblick zu der
Anblick der Straße wo sein Haus lag benahm mir den Atem und wie der Wagen
hielt vernahm ich kaum Lady St Edmonds Entschuldigung mich nicht hinein zu
begleiten Kaum vermochte ich aus dem Wagen zu steigen und mit zitternden
Knieen trat ich in die langsam auf mein Klopfen sich öffnende Tür »Hat mein
Vater nach mir gefragt« rief ich dem Diener entgegen »Nein Ihre Gnaden«
»Ist er zu Hause« »Er ist er ist zu Hause aber « Der Mensch schwieg
furchtbares Entsetzen in seinem Gesicht Eine ungeheure gestaltlose Furcht
ergriff mich meine Seele erstarrte vor ihr mein Verstand vermochte nicht ihr
eine Form zu geben einen Gedanken mit ihr zu verbinden ich sank besinnungslos
zu Boden
O soll ich denn diese Bilder des Schreckens vor meinem Gedächtnis wieder
aufrufen soll ich die Wunden wieder öffnen die keine Zeit je geheilt Muss ich
den furchtbaren Weg Schritt vor Schritt verfolgen der mich endlich bis zur
Grenze des Wahnsinns geführt Ich muss denn mein Schicksal soll Andere vor
dergleichen Schicksal behüten Zwar wird Wenigen ein so hartes herbes
aufbewahrt sein aber wenn ihr Kopf leichtsinnig ist wie der meine ihr Herz
eigennützig wie das meine ihre Fantasie mit Nichtigkeiten angefüllt wie die
meine gewesen ist so wird ihre Kraft auch einem geringeren Unglück nicht
widerstehen Deshalb fahre ich in meinen furchtbaren Erinnerungen fort
Eine lange Sinnlosigkeit hielt mich umfangen nur von einzelnen
Schreckbildern meiner Vergangenheit in deutlichen Umrissen unterbrochen Endlich
erwachte ich aus diesem Zustand ich befand mich allein in meinem Zimmer meine
Flucht meine demütigende Rückkehr der Verrat an meiner Freundschaft die
Aussicht auf gänzliches Verderben stieg plötzlich vor meinem Bewusstsein auf
Alles alles hat mich verlassen rief es in meinem Innern nur bei ihm der mich
zu lieben nie aufhörte nur bei meinem Vater werde ich Teilnahme Verzeihung
Liebe finden und sei es in Armut weiter ging meine Vorstellungskraft
nicht ich sprang vom Bett herab ich eilte durch die halb dunkelnden Gänge in
meines Vaters Vorzimmer Wo sonst bei frühem Kerzenschein mehr wie ein Diener
mir die Türen eröffnete war alles einsam und still hastig trete ich in sein
Kabinet ein düstrer Abendstrahl leitet meine Blicke zum Sopha da liegt eine
Gestalt die ich für die meines Vaters erkannte sein Gesicht verhüllt Blut
Blut befleckte seine Kleider O das zu erzählen vermag ich nicht
Aus einer langen todähnlichen Ohnmacht erwachte ich zu einem Zustand der
von Raserei nicht weit entfernt war Kein Gedanke ward mir klar keiner rief
mich zu einer Pflicht zu einer Tat auf meine ganze Seelenkraft vermochte sich
nur mit dem Bilde meines Elends zu beschäftigen Wie eine undeutliche Stimme
unter Sturmesgeheul in einzelnen Tönen schallt wiederholten sich einzelne Worte
meiner vernachlässigten Freundin meiner teuren Miss Mortimer in meinem trüben
Gedächtnis aber das Sturmesgeheul war mir lieber und mit einer Art Bitterkeit
als habe ihre Prophezeiung mein Schicksal herbeigezogen ließ ich diese
schwachen Töne sich nicht zu einem verständlichen Sinne sammeln Juliette die
Freundin meiner Kindheit die Teilnehmerin all meines Glanzes meiner Freuden
sie glaubte ich sei es die mir jetzt Trost geben könnte und mit der Ahnung
dass es doch eine Abwechslung im Gefühl meines Elends gäbe sah ich mich da mein
Bewusstsein wieder einige Klarheit erhielt in ihren Armen Die ersten Tränen
erleichterten mein gespanntes Gehirn ich horchte auf ihre Stimme die mir
freundliche Worte sagte und litt es endlich dass sie mich unter dem Vorwand
für meine Angelegenheiten zu sorgen um bald wiederzukehren verließ Ich
verband keinen bestimmten Sinn mit ihren Worten und ihr lag es nur daran mir
zu verhehlen dass kalter Eigennutz allein sie zu mir geführt um noch so lange
es ihr die Umstände gestatteten ihr Eigentum welches sie durch meines Vaters
Güte gesammelt aus seiner jammererfüllten Behausung zu schaffen
Von neuem meiner trostlosen Einsamkeit überlassen fühlte ich mich durch
Juliens Besuch nur elender weil er meinen Geisteskräften wieder eine gewisse
Tätigkeit gegeben hatte Ich nahm wahr wie in den wenigen Stunden die seit
dem Umsturz meines Glücks verflossen alle Verhältnisse um mich her zerfallen
waren Unsere Dienerschaft ward ohne Rücksicht auf ihren persönlichen Charakter
wegen ihrer Geschicklichkeit ihrer Gestalt höchstens auf Empfehlung gewählt
die Bemühung sie in ihrem Dienst zu bessern Menschen zu machen fiel uns nie
ein in den Kreis unsrer Obliegenheiten aufzunehmen von ihrer Herrschaft hatten
sie nur das Beispiel unbegrenzter Bedürfnisse gedankenloser Zerstreuung gehabt
Was konnte sie an mich binden da mir die Mittel ein ungebundnes Leben
fortzusetzen geraubt waren Zwei Tage hatten sie zu eigenmächtigen Herren ihrer
Zeit gemacht so dass ich nur mühselig die wenigen Dienste von ihnen erhielt die
mein hülfloser Zustand erheischte Noch war keine Stunde nach Juliens Abschied
verflossen so trat ohne einen Bedienten im Vorzimmer gefunden zu haben ein
unbekannter Mann ins Zimmer der mir andeutete dass es nötig sei meine
Schränke zu versiegeln indem man erfahren dass einige Juwelen von Wert in
meinem Besitz seien ich möchte aber vorher die mir nötigen Kleidungs und
Wäschvorräte herausnehmen Gewohnt nur mit der schonendsten Ehrerbietung
behandelt zu werden mein Zimmer nie von Jemand betreten zu sehen als der den
Zutritt wie die schmeichelhafteste Gunst zu erkennen verstand fühlte ich mich
durch den unerwarteten Eintritt dieses Mannes tief verwundet noch mehr aber
durch sein Geschäft das mir den beleidigendsten Verdacht anzudeuten schien auf
das heftigste empört Hätten alle Juwelen Indiens zu meinen Füßen gelegen ich
würde sie ihm unberührt wie alle meine Schlüssel übergeben haben und durch
diesen traurigen Stolz brachte ich mich um eine Menge kostbarer Kleinigkeiten
die mir eine geringe Hilfe für meine nächste Zukunft gewährt haben könnten Aber
nach diesem Vorgang war mein Entschluss gefasst ich sah die Notwendigkeit ein
meines Vaters Haus zu verlassen und schrieb Miss Julie einige Zeilen in denen
ich sie bat mich sogleich zu sich abzuholen um ihren jetzigen Aufenthalt zu
teilen Sie hatte mir hinreichende Gründe anzugeben gewusst warum sie gleich
nach der schrecklichen Entscheidung von meines Vaters Schicksal den Befehlen
ihres Bruders ihres Vormunds gehorchen und sich in sein Haus begeben müssen
Jetzt schien mir dieses ein glücklicher Umstand und die einzige Bedingung die
ich ihr machte war die Freiheit die ich mir vorbehielt nur sie allein zu
sehen nie zu irgend einem Umgang auch nicht dem mit ihres Bruders Familie
gezwungen zu sein Kaum hatte ich das Billet abgeschickt so sehnte ich mich
ängstlich nach einer Antwort Der Bediente kam mit dem Bescheide zurück Miss
Arnold sei nicht zu Hause Bisher das verzogne Schooskind des Glücks war
Warten Aufopfern Entsagen mir fremd und diese erste kleine Fehlschlagung
fühlte ich als ein Unrecht einen Mangel an Wärme der Freundin von der ich
nicht vermutet hatte dass sie in diesem Augenblick nicht zu Hause sei Wohin
mochte sie gehen indes ich dem Elend der Verzweiflung zum Raube ward Was
konnte sie anziehen wenn ich sie bedurfte Würde ich je sie verlassen haben
wenn ungleich geringere Übel ihr meine Gegenwart wünschenswert gemacht hätten
Mit solchen und viel traurigern Betrachtungen brachte ich die Zeit hin bei
jedem Geräusch hoffte ich eine Botschaft von ihr nach jeder Viertelstunde hielt
ich es für unmöglicher dass sie die nächste noch ausbleiben könnte Aber die
nächste ging hin und wieder die nächste und der ganze Abend ohne dass eine
Botschaft kam und die tiefe Nacht welche meine Hoffnung abschnitt vermehrte
nur meinen Gram und ward nur durch kurzen ängstlichen Schlummer verkürzt Der
Tag brach an ich stand früh auf um bei Juliens Ankunft gleich bereit zu sein
ihr zu folgen Aber sie kam noch immer nicht einsam genoss ich mein Frühstück
ich horchte mit verhülltem Gesicht auf die Ankunft ihres Wagens Wohin sollte
ich blicken wo nicht Geister verlorenen Glücks mir begegneten Dort der Platz
wo Maitland zum letzten Male stand hier das Fenster aus dem ich um Miss
Mortimers Abschiedsgruss zu entgehen halsstarrig blickte und neben mir der
Platz wo stets mein Vater gesessen Jetzt hörte ich einen Wagen vor das Haus
fahren ich eilte ihm entgegen zu sehen Es war der Leichenwagen der meines
Vaters Sarg zu Grabe fahren sollte
Nachdem der Anfall wilden Schmerzes den dieser Anblick in mir erregt hatte
vorüber war kehrte die Erwartung von Miss Arnolds Antwort mit peinigender
Ungeduld zurück Endlich blieb mir nur die Vermutung dass der Zettel ihr nicht
übergeben worden sei und ich bereitete mich einen zweiten zu schreiben als
anstatt ihrer selbst eine schriftliche Antwort anlangte Betroffen über die
Notwendigkeit ohne ihren freundlichen Beistand das Haus zu verlassen gebot
ich mir auch dazu Mut zu behalten und eilte die Gründe ihres Verfahrens zu
lesen Sie schrieb sehr wortreich und nicht ohne einigen Ausdruck von Liebe
»wie es ihr sehr weh täte mir sagen zu müssen dass ihr Bruder sich einem nahen
Verhältnis zwischen ihr und mir widersetze Freilich müsse sie ihm recht geben
dass ein Mädchen dessen einziges Gut so wie bei ihr der Fall sei in einem
unbescholtnen Ruf bestehe ihre Freundinnen behutsam wählen solle leider sei
aber meine Entführung bekannt worden und so müsse sie um ihres Bruders willen
meiner Gesellschaft entsagen Wenn sie nun gleich für die Zukunft alle äußere
Beweise von Anhänglichkeit sich verbitten müsste würde sie nicht weniger meine
dankbar ergebne Dienerin bleiben«
Starr wie ein Todter blieb ich nachdem ich diesen Zettel gelesen
bewegungslos sitzen Der Schlag hatte meine Seele gelähmt er hatte mein
Bewusstsein vertilgt Ich weiß nicht was den allmäligen Übergang dieses
Zustandes in grenzenlose Verzweiflung in mir bewirkte vielleicht nur die
Rückkehr physischen Lebens und Leben musste bei solchen Umständen Verzweiflung
sein Ich warf mich an den Boden forderte mit wildem Geschrei den Tod heraus
mich vor einer Welt zu retten wo Verrat fühllose Härte und Eigennutz mich
jeder Möglichkeit zu leben beraubt hatte Wohl erinnerte ich mich wie ich dies
allgemeine Verdammungsurteil über die Menschen aussprach dass noch ein Geschöpf
in meiner Nähe lebe welches mir einst sagte »Wenn ich je Freundestrost brauche
« Aber meine Seele war erbittert ich hasste die Menschheit und die
Tugendhaften mit ihr und warf der von aller Welt abgeschiednen durch Krankheit
an ihre Wohnung gefesselten Miss Mortimer vor mich noch nicht in den Tagen des
Jammers aufgesucht zu haben da ich sie doch in den Tagen des Glanzes harterzig
zurückstiess
Noch lag ich also in tiefem Schmerz auf den Boden hingestreckt als derselbe
Mann der gestern meine Schränke versiegelte abermals eintrat Ich raffte mich
auf die Stellung in der er mich fand der Blick mit dem ich ihn empfing
mussten ihm Mitleid einflößen denn er brachte sein Gesuch mit dem Ton schonender
Teilnahme achtungsvoller Behutsamkeit vor Die Gläubiger meines Vaters wollten
zur Aufzeichnung seiner Verlassenschaft schreiten das Haus samt allem Gerät
und aller Habseligkeit sollte verkauft werden und man ließ mich bitten einen
andern Aufenthalt zu wählen Also ausgetrieben aus dem Hause wo meine Mutter
gelebt wo meine Kindheit gepflegt wo ich meinen Vater als Herrn herrschen
gesehen wo er mir der beste gütigste Vater gewesen war ausgetrieben ohne
eine Zuflucht auf Erden und um die Zuflucht jenseits zu suchen hatte ich ein
verhärtetes Herz Ich stieß einige bittere Worte gegen die Menschen aus die
meinen Vater ins Unglück gerissen die nun wie Räuber in sein Eigentum zu
teilen sich beeilten Der Fremde wies mich sanft zurecht er bat mich nicht
der Feindseligkeit zuzuschreiben was einfacher Gesetzesgang sei und legte
einige Banknoten vor mich hin welche die Gläubiger mir einhändigten um meine
nächste Einrichtung zu bestreiten Zugleich bat er mich einen Freund
herbeizurufen der meine Sache verträte der mir Rat gäbe in einer Lage welche
mich der Fassung für mich selbst zu sorgen offenbar beraubt hätte »Einen
Freund« rief ich mit bitterem Hohne »o meine Freunde habe ich geprüft und habe
sie so treu befunden dass der dürre Buchstabe des Gesetzes der mir dieses
Almosen zuteilt ich nahm das Päckchen mit Banknoten in die Hand
menschlicher mit mir verfährt wie sie« Der Schmerz erstickte meine Worte
ich warf dem Unbekannten die Banknoten hin »Da nehmen Sie dieses zurück ich
werde nicht diese und keine andere Unterstützung gebrauchen« Der Mann verließ
mich mit Erbarmen im Blick und so vergiftet war mein Gemüt dass ich diesen
Blick aus meinem Gedächtnis verdrängte ich bedurfte die ganze Tiefe des
Jammers um darin zu versinken
Ich befahl unverzüglich einen Mietwagen herbeizuholen und ohne weiter ein
Wort zu sprechen ohne einen Auftrag zu hinterlassen ohne eine andere Regung
als ein convulsivisches Schaudern wie ich an meines Vaters offenem verödetem
Zimmer vorbeiging verließ ich das Haus und befahl in eine enge schmuzige
abgelegne Straße zu fahren durch die mich einst mein Kutscher wegen eines
aufgerissnen Steinpflasters führen musste Die Dunkelheit das unheimliche Ansehen
der Häuser hatte ein Bild in meiner Fantasie zurückgelassen das sich zu meinem
trostlosen Vorhaben eignete Dort angekommen befahl ich dem Mietkutscher an
dem ersten Hause wo Zimmer zu vermieten angeboten würden zu halten Nach
mehreren vergeblichen Nachfragen fand sich ein kleiner schmuziger Laden aus dem
mir eine anständig aussehende ältliche Frau entgegentrat die mir auf meine
Frage versicherte das einzige Zimmer das sie vermieten könne stehe mir zu
Dienst Wie sie mich näher ins Auge fasste ward sie bei meinem Anblick bestürzt
Freilich konnte sie mein Verlangen ihr Zimmer zu bewohnen nicht mit meinem
Ansehen reimen Meine Trauerkleidung war mir von meiner Kammerfrau angelegt
worden sie war so kostbar wie diese Tracht es zulässt Dieser Umstand und die
Verzweiflung in meinen Zügen machte die Frau stutzen sie bot mir einen Stuhl an
und ging hinaus mit dem Kutscher zu sprechen Ich bemerkte das es war mir ganz
gleichgültig eben so die Entschuldigungen der Frau die mich bei ihrer Rückkehr
versicherte keinen nachteiligen Verdacht gehegt zu haben Bis zum Tod ermüdet
gab ich ihr meinen Beutel in die Hand er enthielt den letzten Rest des
Überflusses den ich nie zu berechnen Beruf gefunden hatte es war eine
armselige Summe für den der im Schoose der Üppigkeit gelebt aber überzeugt
dass sie länger wie mein sinkendes Leben dauern würde gab ich sie sorglos dahin
und forderte nur augenblicklich in das mir versprochne Zimmer geführt zu
werden Mühselig schleppte ich mich eine steile finstre Treppe hinauf und trat
in ein dunkles enges dumpfes Gemach an einer Seite stand in einer Vertiefung
hinter einem geflickten verblichnen Vorhang ein Bett dessen mich zu bedienen
noch vor vier Tagen der höchste Grad von Müdigkeit mich nicht vermocht hätte
jetzt sehnte ich mich mein brennendes Haupt auf diese elenden Pfühle zu legen
und hoffte mit Zuversicht es werde nur kurze Zeit darauf ruhen
Endlich war ich allein Ich empfand eine furchtbare Freude jetzt alle
Banden die mich an die Menschen knüpften abgelöst zu haben und sicher darauf
rechnen zu können dass dieses verlorne Geschöpf sobald es aus dem Winkel in
den es sich geflüchtet auf den Kirchhof getragen wäre in dem Andenken der
Menschen schnell und gänzlich vergessen sein würde Ein heftiges mich völlig
betäubendes Fieber überwältigte mich ich rasete nicht sondern lag in dumpfer
Betäubung welche die gutmeinende aber rohe Sorgfalt meiner Wirtin und ihrer
Tochter eines kränklichen missgestalteten widrigen Geschöpfs oft zu stören
versuchte Ich erwachte dann wies ihren Trost ihre dargebotnen Erquickungen
und eben so die sich vor meine Erinnerung drängenden Bilder der Vergangenheit
von mir und sank in neue Dumpfheit zurück Meine körperlichen Empfindungen
schmeichelten mir mit nahem Tode die Glut die mich verzehrte lähmte meine
Kräfte bis zur äußersten Hülflosigkeit der bewusstlose Dumpfsinn in dem es mir
gelang mich zu erhalten schien mir Vorbote ewigen Schlafs
Konnte ich denn aber wirklich in dieser Verhärtung des Herzens dieser
Gedankenlosigkeit über das Diesseits und Jenseits aus der Welt gehen wollen
fiel denn kein Strahl der himmlischen Liebe in meine Seele Nein Die welche
schmeckten wie gütig der Herr ist wenden sich im Unglück mit doppeltem Eifer
zu seiner Güte ich hatte ihn aber in meinen guten Tagen nie gesucht darum
konnte ich jetzt den Weg zu ihm nicht finden So lange mir noch Kräfte blieben
schien mir das Loos das mich getroffen ein grausames Unrecht denn ich hatte
nie die Forderung an mich gemacht besser zu sein wie ich war hatte also
keinen Begriff davon weniger Glück zu verdienen wie bisher das Leben mir
geboten Seit aber die Krankheit meine Kräfte gebrochen hatte war dieser Trotz
dahin doch die Ruhe die ihm folgte glich der lebenverderbenden Erstarrung
des toten Meers Tage und Nächte gingen darüber hin deren Wechsel mir beim
unwillkürlichen Erwachen aus meiner Dumpfheit nur durch das tiefere und mindere
Dunkel meines Zimmers merkbar ward Endlich ließ sich meine Wirtin nicht mehr
durch meine strenge Weigerung zu sprechen zu hören Nahrung zu nehmen
abweisen sie sah meinem Tod entgegen und fürchtete die Unannehmlichkeiten die
es ihr zuziehen könnte eine Unbekannte ohne fremden Beistand gelassen zu haben
noch mehr die Kosten ihrer Beerdigung tragen zu müssen Wie sie wieder einmal
vergeblich versucht hatte ihrem Zureden Eingang zu verschaffen sagte sie mir
ohne Umschweife dass mein ihr bei meiner Ankunft übergebner Geldvorrat
erschöpft sei und ich mir neue Mittel des Unterhalts verschaffen oder mich nach
einer andern Wohnung umsehen müsse Vor acht Tagen noch hätte diese Behandlung
meinen Stolz aufs heftigste empört jetzt empfand ich sie bloß wie eine
schnellere Beförderung zum Grabe und sagte gleichgültig sobald ich ihre Mühe
nicht mehr bezahlen könnte wollte ich sie davon freisprechen Damit war diese
Frau aber nicht befriedigt sie schlug mir wie sie schon oft getan hatte vor
meine Freunde von meinem Zustand zu benachrichtigen Aber da berührte sie die
eiternde Wunde meines Herzens ich drückte mein Gesicht in das Kissen und
antwortete nicht mehr Nun fragte die Wittwe ob ich denn gar keinen Gegenstand
zum Verkaufen besäße und deutete auf einen Ring den ich nie von dem Finger
gelegt Es war das einzige Andenken von meiner Mutter das ich erhalten Bis
jetzt war mir der Wert desselben nicht deutlich geworden ich hatte ihn seit
ich hier schmachtete noch niemals bemerkt doch nun besann ich mich plötzlich
woher er mir kam und mit Härte befahl ich der Frau zu schweigen mir zu sagen
wenn der letzte Schilling meines Geldes ausgegeben sei wo ich denn lieber auf
der Türschwelle sterben als ihr einen Augenblick zur Last fallen wolle
Beleidigt verließ sie mich und unterbrach den ganzen Tag über meine Einsamkeit
nicht mehr
Erst dieser Vorgang erinnerte mich an das was mir bisher als das geringere
Übel entgangen war an die gänzliche Armut die mich bedrohte Allein meine
Lebensgeister zu einiger Tätigkeit zu spannen vermochte der Gedanke nicht im
Gegenteil diente er als neuer Beweis dass ich dem Tode verfallen sei und davon
überzeugte mich die leidenvolle Unruhe in meinem Innern der nagende Schmerz in
allen Gebeinen der sich meiner bemächtigte die ich beide für die sichern
Vorboten der Auflösung hielt Kaum nahm ich wahr dass die Nacht dem qualvollen
Tag gefolgt war glühende Funken kreuzten vor meinen Augen umher die Dumpfheit
meines Jammers ging in gänzliche Vergessenheit über und die Krisis die ich für
den Tod gehalten löste sich auf in einen heilbringenden Schlaf Meine
ungeschwächte Jugend hatte gesiegt die Dumpfheit selbst welche meine
Verzweiflung übertäubte war vielleicht wohltätig für meine Nerven gewesen die
gänzliche Entäusserung von Speise hatte den Gang der Natur ohne Störung gelassen
genug ich erwachte mit hellem Bewusstsein meines Unglücks aber auch meiner
Rettung vor dem sehnlich gewünschten Tod Der Gedanke Gott zu danken erwachte
nicht mit dem rückkehrenden Leben bittere Angst um die Zukunft nahm von meinem
Gemüte Besitz und mein noch schwacher Kopf arbeitete angestrengt einen Weg zu
ersinnen der mich in einer Welt die ich so feindselig hatte kennen lernen zu
einer Freistätte führte Bei diesem Nachsinnen hatte ich gar nicht die Augen
geöffnet um zu sehen wer so leise in meine Tür trat und sich meinem Bett
näherte ein lauter Ausruf schmerzlichen Erstaunens schreckte mich auf »Miss
Mortimer« rief ich und der Anblick dieser gütigen verkannten Freundin weckte
Erinnerungen in mir auf die mein verstocktes Herz mit Fühllosigkeit umeisten
Sie vermochte nicht zu sprechen schluchzend hielt sie mich in ihren Armen
»Miss Mortimer was wollen Sie hier« fragte ich kalt und machte mich von ihr
los »Was ich will Ellen das ist sehr ungütig zu fragen was ich will
Konnte ich erfahren dass Sie litten ohne zu Ihnen zu eilen Kann ich Sie nicht
trösten oder doch trauern mit Ihnen« »Ich traure nicht und bedarf keinen
Trost Lassen Sie mich« »Nicht so mein teures Kind Es ist Ihnen nicht
auferlegt fühllos zu sein Wir wollen weinen über die harte Schule in die Sie
Gott geführt aber nicht an seiner Barmherzigkeit zweifeln« »Barmherzigkeit
die zeigt er mir nicht Er hat mich ohne Mitleid zur Erde getreten und ich will
liegen bleiben bis diese Erde mich verschließt« Der Schmerz über meine
trostlose Seelenstimmung benahm Miss Mortimer lange die Fähigkeit zu sprechen
dann bat sie mich liebevoll mehr Milde zu zeigen und bei meinem Starrsinn rief
sie mit aufgehobnen Händen gen Himmel »O du Gott des Friedens senke doch
Sanfteit in dieses Herz das du gewiss zu deinem Tempel geschaffen hast Ich
vermag hier nichts« Sie hatte sich halb abgewandt wie sie dieses Gebet
sprach aber ich sah ihre weißen abgezehrten Hände die sie emporhielt und
hörte ihre Seufzer ich erinnerte mich des hinfälligen Zustandes in dem ich sie
das letzte Mal getroffen ich vermutete dass sie ihr Krankenzimmer nur
verlassen um mich aufzusuchen um mir Hilfe zu bringen Zu solchen Bemühungen
konnte nur Wohlwollen antreiben gänzlich verlassen dem ganzen
Menschengeschlecht unwert war ich also doch nicht ich fing an Güte für möglich
zu halten aber noch ohnmächtig gegen das Gift in meiner Seele kämpfend wies
ich ihr Anerbieten mich zu sich zu nehmen oder mich in diesem elenden
Schlupfwinkel zu pflegen halsstarrig zurück Miss Mortimer ward innig betrübt
allein ihr wahrhaft christliches Gemüt hatte nicht um Dankbarkeit zu ärnten
sich zum Liebesdienst erboten meine Härte schreckte sie deshalb nicht ab Wie
ich im Schimmer des Glücks glänzend ihre Liebe abwies glaubte sie ihr Leben
höher schätzen zu müssen als die Verpflichtung ohnmächtiger Zeuge meiner
Torheit zu sein nun vom Blitz des Unheils mein stolzes Haupt gebeugt war
ertrug sie den Ausbruch meines feindseligen Geistes mit unerschöpflicher Geduld
Da sie sah dass ihre Bitten ihr in ihre Wohnung zu folgen so wie die ihre
Pflege unter meinem traurigen Obdach anzunehmen vergeblich sein ließ sie ab
und entfernte sich ohne mir ein bestimmtes Lebewohl zu sagen Sie hatte meinen
starren Sinn nicht beugen können allein die Eisrinde meines Herzens war
erschüttert so dass ich ihr wie sie mit schwankendem Schritte mein Zimmer
verließ sehnsuchtsvoll nachsah
Indem sie die Tür öffnete schlüpfte der arme Fidel zu mir herein er
sprang an mein Bett herauf und drückte mir seine Freude mich wiederzusehen mit
eben der stillen Innigkeit aus die ihn einst meiner Mutter so lieb gemacht
hatte Wird es der Seelenforscher begreifen wird der Moralist mir verzeihen
dass die Liebkosungen dieses treuen Tieres endlich vermochten was die Stimme
der Freundschaft die Vorstellungen frommer Vernunft nicht bewerkstelligen
konnten Mein starrer Sinn brach bei den Bildern meiner Kindheit die Fidel
mir herbeirief die Bitterkeit meines Herzens ward hinweggeschwemmt von den
Tränen die ich über dieses Tier vergoss
Miss Mortimer blieb nicht lange von mir entfernt sie brachte mir nach kurzer
Abwesenheit einige Erfrischungen die meinen Gewohnheiten und dem Bedürfnis
meiner jetzigen Schwäche angemessner waren wie die ekeln Gemengsel die mir
meine wohlwollende Wirtin in den ersten Tagen meiner Krankheit angeboten hatte
Wie sie eintrat verbarg ich meine Tränen aber ihrer erneuerten Bitte sie in
ihre friedliche Hütte zu begleiten konnte ich nicht mehr widerstehen Mit einem
erschütternden Gefühl rückkehrenden Seelenlebens denn ich glaube dass der
Herzensschmerz welchen ich fühlte wirklich daher entstand dass die
Lebensgeister die im Jammer vertrockneten Kanäle wieder zu durchströmen begannen
hörte ich ihre sanften Worte an Sie wolle sich nicht zu meinem Schmerze
drängen sagte sie sie wolle mich nicht einmal einladen um der Mahlzeit willen
mein kleines Zimmer zu verlassen es würde ihr genügen zu wissen dass ich in
ihrer Nähe sei dass ich sie finden könnte sobald ich ihrer bedürfe Das
Geständnis meines Unrechts drängte sich auf meine Lippen allein dieses
Geständnis das in meinen glücklichen Tagen als Selbstüberwindung Wert gehabt
hätte konnte im Munde der Zerschlagnen Wohltaten Bedürftigen wie demütiges
Werben um Versöhnung aussehen ich versagte mir die Seligkeit der Reue und
rief Miss Mortimers Hände an meine Brust drückend »Meine einzige meine beste
Freundin« Und sie die ganz Liebe ganz Großmut war ließ sich mit diesen
Worten genügen
Nach wenigen Tagen in denen mich Miss Mortimer mit der zärtlichsten Sorgfalt
pflegte fühlte ich meine Kräfte so weit hergestellt dass sie es wagte mich in
ihre Wohnung überzuführen Es war ein eben so schöner Morgen als an dem Tag wo
ich ihr meinen ersten Besuch gemacht hatte eben so glänzend strömte das
Sonnenlicht über das üppige Grün der Wiesen eben so schwebten die Schiffe
deren blendend weiße Segel die erquickendsten Lüfte schwellten auf dem
silbernen Strom nur das dunklere Laub der Bäume und die Färbung ihrer Früchte
verriet die Höhe des Sommers Meine Freundin versuchte es mich auf dieses
fröhliche lebendige Schauspiel aufmerksam zu machen aber es erheiterte mich
nicht kalt wendete ich mein Auge von ihm ab und dachte wozu einer Welt wo
Unrecht Gram und Leiden ihre Herrschaft verbreitet hätten dieser reizende
Schmuck gegeben sein möchte Von allen Siegen der Ergebung in eine höhere
Leitung eines kräftigen Verstandes über das schwache Gemüt ist keiner
lohnender als wenn wir in jeder Lage fähig sind das Gute das uns der
Augenblick bietet zu genießen Für mich die ich noch immer mit Gott haderte
über den Weg den es ihm gefiel mich zu führen prangte die Natur umsonst in
ihrer schönsten Pracht ich stieß die Freude von mir die sie dem ergebnen
Herzen meiner Freundin zu genießen gab Bei unsrer Ankunft in Miss Mortimers
Wohnung begrüßte sie mich mit der innigsten Zärtlichkeit als Mitglied ihres
Haushalts sie führte mich sogleich in das mir bestimmte Gemach das angenehmste
dieses bescheidenen Hauses Sehr niedliches wenn gleich höchst einfaches Gerät
bot mir jede Bequemlichkeit dar Grüne Wände schneeweiße Vorhänge ausgesuchte
Reinlichkeit verbreiteten Heiterkeit und der Anblick der umliegenden Gärten
durch ein großes mit Jasmin umranktes Fenster wiegte die Seele zur Ruhe ein Ich
fand eine kleine Zahl wohlausgewählter Bücher und in den Schiebfächern eines
Schrankes einen großen Teil meiner Wäsche und nützlichsten Kleidungsstücke
welche Miss Mortimers Bemühung von den mit meines Vaters Verlassenschaft
beschäftigten Personen zurückzuerhalten geglückt war Wie viel ich ihr zu
danken hatte fühlte ich wohl aber dadurch ward mir meine Bedürftigkeit nur
fühlbarer und seufzend folgte ich meiner großmütigen Freundin Ermahnung der
Ruhe zu pflegen Ich bedurfte ihrer sehr für meinen geschwächten Zustand war
die Überfahrt nach der Nähe von Greenwich und der erste Versuch dem Leben
wieder anzugehören eine schwere Ermüdung Matt sank ich auf das Reinlichkeit
duftende Bett das nach jenem jämmerlichen Lager auf dem mich mein Siechtum
festgehalten als die größte Wohltat hätte erscheinen sollen und überließ mich
dem Schlaf
Der Abend sank als ich bei den Tönen einer sanften Harmonie erwachte die
anfänglich wie ein Engelchor in der Luft zu verfliessen schienen bis ich völlig
vom Schlaf ermuntert Miss Mortimers fromme Stimme erkannte die ihr Abendlied
sang Keine andre Stimme hätte die kindliche Dankbarkeit die siegreiche
Freudigkeit ihrer Seele so ausdrücken können wie die ihre und so wenig ich
seit dem Umsturz meines Glücks fähig war Dinge außer mir zu beobachten zog
doch diese Stimme wie sie auf der mildesten Abendluft getragen zu mir
herauftönte meine Aufmerksamkeit an Welchen Schatz besitzt sie denn dachte
ich bei mir selbst der sie vor Andern so froh macht Heute früh hörte ich sie
ihren Morgen mit einem Lobgesang beginnen und nach einem für Andrer Wohl in
Mühe verlebten Tag geht sie unter Dankgebet der Nacht entgegen Gewiss ihr ist
diese glückliche Stimmung angeboren und außerdem sie kannte ja nie eine bessere
Lage sie verlor nichts Wohl ihr dass Armut und Beschränkung sie vor dem
Betrug und der Härte der Menschen bewahrte Der Gesang war beendet die Stille
um mich her überließ mich von neuem meinen quälenden Betrachtungen und um ihnen
zu entgehen griff ich nach einem Buche das neben mir auf dem Tische lag Es
war meiner Mutter Bibel Vornan stand ihr Name von ihrer eignen Hand
geschrieben dann der Tag meiner Geburt endlich wurde mein Tauftag mit
folgenden Worten erwähnt »Diesen 11 Jenner 1775 habe ich Gott mein teures
Kind gewidmet Möge er dieses Opfer annehmen und reinigen wenn es auch mit
Feuer sein müsste« Diese Worte erinnerten mich an die nie ganz vergessenen von
meiner Mutter letztem Segen und ich rief mit innigem Schmerz »O Mutter
hättest du vorausgesehen wie verzehrend das Feuer sein sollte das du zu meiner
Reinigung herabbetetest du hättest nicht so geschrieben denn dein Herz war
mild gegen einen Jeden es hätte sich ja meiner erbarmt« Nun schlug ich eine
andre Seite des Buchs auf welche wie das Blatt zeigte oft umgewendet sein
musste mein Auge erblickte die unterstrichne Stelle »Könnte wohl eine Mutter
ihren Säugling den Sohn ihres Schooses vergessen Ja sie kann es doch nie
vergesse ich deiner« Ich erinnerte mich dunkel diese Worte von meiner Mutter
im Gebet oft gehört zu haben damals verband ich keinen Sinn mit ihnen jetzt
fielen sie mir auf ich dachte nach ob denn wohl ein so trostvoller Gedanke
den so viele Tausende der Millionen für wahr annähmen der meiner Mutter
Aufrichtung und Freudigkeit gegeben ganz ohne Grund sein könnte Wenn er aber
gegründet wäre so würde ich ja nicht verlassen sein warum denn musste ich
erfahren was nur den Verlassensten bestimmt sein konnte Diese Betrachtungen
beschäftigten mich durch die ganze schlaflose Nacht Nach und nach erzeugten sie
aber die Frage in mir warum wenn eine väterliche Macht unser Schicksal ordnet
auch wenn es uns mit Unglück niederdrückt dennoch ordnet warum habe ich nicht
gesucht mich dieser Macht gefällig zu machen warum gedachte ich ihrer nie da
doch mein ganzes Wohl in ihren Händen ruhte Sobald der Tag anbrach griff ich
wieder nach dem Buch das meine Mutter getröstet und suchte eine Antwort auf
meine Frage und eine Entschuldigung meines Tuns Die erste fand ich je mehr
ich las Ich gewahrte dass mein Leben den Bedingungen unter welchen Gottes
Friede verheißen wird ganz entgegen gewesen sei dieses Buch gebot Entsagung
für sich und Bemühung für Andre ich hatte einzig nach Genüssen gestrebt und für
Andre nie das Geringste getan Mein leichtsinniger Verstand fragte ein paar
Mal was verbürgt dir denn ob diese Vorschriften wirklich den Frieden Gottes
versichern dass Gott wirklich dein Vater sein wird wenn du sein Kind bist Aber
da sprach eine laute Stimme in mir und deutete auf die Schriftstellen die meine
Mutter getröstet und auf die Freudigkeit mit der meine fromme Retterin über
Armut Schmerz und Ansicht des nahen Todes siegte Sie sagte dass der jetzige
Zustand meiner Seele in seinem unermesslichen Jammer mir Ahnungen höheren Glückes
gewähre als ich im Rausche meiner ehemaligen Freuden niemals gekannt hatte Ich
las fort und dachte nach und befragte Miss Mortimer die ohne mich in dem Gang
meiner SeelenEntwicklung zu stören nur antwortete nie den notwendig
erfolgenden Fortschritten meines Nachdenkens vorgriff Doch Ruhe fand ich noch
nicht Mein Verstand war zu ungeübt und die Erinnerungen an mein vergangnes
Leben zu demütigend um mich ohne Kampf zu einer klaren Ansicht meiner selbst
kommen zu lassen Wie ich die Torheit meines bisherigen Lebens zuerst einsehen
lernte wollte ich meine Selbstvorwürfe durch Scheingründe entkräften deren
Ohnmacht im Innern empfindend leitete ich oft Gespräche mit Miss Mortimer ein
welche einzelne Puncte meiner Zweifel erhellen sollten sie hörte mit
unbeschränkter Geduld meine seichten und aus Widerstreben gegen eine bessere
Überzeugung oft wiederholten Einwürfe an und achtete nicht auf die Unvernunft
einer trostlosen Behauptung mit der ich jeden Streit in dem ich mir den Sieg
nicht zuschreiben durfte beschloss Mein Dünkel musste endlich unbedingt
eingestehen dass ich bisher ein unwürdiges gedankenloses Dasein geführt hatte
und dass es wohl Gottes Vaterliebe sei die mir das Leben erhielt um mir Zeit zu
besserer Erkenntnis zu geben und mir durch meine Freundin Mittel und Beispiel
zu ihrer Erlangung zusendete Dem trotzigen Untersuchen folgte ängstliche
Anerkennung ich wusste dass ich den Weg des Rechten verfehlt hatte ich sah das
Ziel vor mir aber die Mittel mich auf der rechten Bahn dahin zu erhalten
waren mir noch unklar Kleinliche Gebetsübungen Bussen Entsagungen quälten
mich eine Zeit lang konnten aber im Beisammenleben mit meiner ehrwürdigen
Freundin deren Frömmigkeit diesen Zwangsmitteln so fremd war nicht lange
bestehen
Miss Mortimer blieb ihrem ersten Versprechen meinem Aufenthalt bei ihr gar
keinen Zwang aufzulegen getreu sie forderte mich nie auf mein Zimmer zu
verlassen aber das Zusammensein mit ihr ward mir lieber in dem Maas wie meine
Begriffe über Leben und Bestimmung sich läuterten Ich fing an ihren
Krankenbesuchen und ihren Andachtsübungen beizuwohnen ich arbeitete mit ihr an
Kleidungsstücken für die Armen aber wie verschieden war noch der Sinn in dem
sie dieses alles tat von dem meinen Sie erfüllte mit kindlichem Herzen ihren
Beruf so weit es ihre Kräfte erlaubten das Beste des großen Haushalts ihres
himmlischen Vaters zu befördern ich strebte bänglich den gerechten Unwillen
dieses Vaters zu versöhnen sie sprach Dankgebete aus ich verehrte den
beleidigten Herrn Die nähere Bekanntschaft die ich bei den Krankenbesuchen mit
den Armen machte trug nicht dazu bei meinen Empfindungen Milde zu geben Ich
hatte bisher ihren Zustand nur aus Schauspielen und Romanen gekannt Almosen gab
ich nur von meinem Überfluss dem Bettelnden der mein Auge beleidigt mein Ohr
ermüdet hatte und mit dessen traurigem Anblick ich keinen Begriff als den des
schnell vergessenen Ekels verband Nun fand ich unter dieser Menschenclasse
Laster Schuld halsstarriges Unrecht Undankbarkeit wie unter dem übrigen
Menschengeschlecht Mein Mitleid verlor den Sinn der Liebe es bedurfte einer
Zeit um mich zu belehren dass Almosen nicht gegeben werden um Tugend zu
lohnen sondern oft um das Laster welches Folge des äußersten Bedürfnisses ist
zu entfernen dass wir aber nie vernachlässigen sollen mit gleichem Eifer einen
guten Gedanken in dem Armen zu erwecken als einem seiner physischen Bedürfnisse
zu steuern Wie sich mir nach und nach die Überzeugung aufdrängte dass so
mancher der Unglücklichen die meine Freundin indem sie sich manche
Bequemlichkeit versagte dem Untergang entriss durch den Leichtsinn die
Unbilligkeit Reicher wie ich noch vor kurzem war in physisches und moralisches
Elend gestürzt wurden fing ich an mit Schmerz auf die Zeit zu blicken wo ich
Mittel hatte so vielen zu helfen und teilnahmelos vor den Hülfsbedürftigen
vorüberging
Eines Tages führte mich Miss Mortimer in ihr Gärtchen hinaus die warme
Herbstsonne zu genießen da bemerkte sie ein magres barfüssiges kleines Mädchen
das seine braune Hand durch den Gartenzaun steckte und in echt bergschottischer
Sprache ein Almosen erbat Meine Freundin fragte nach den Umständen des Kindes
dessen Antworten aber durch seine fremde Mundart und große Schüchternheit ganz
unverständlich wurden Miss Mortimer nahm mein Anerbieten lieber selbst die
Wohnung des kleinen Mädchens zu besuchen um sie in Stand zu setzen von der
Anwendung ihrer Gabe zu urteilen dankbar an und so folgte ich diesem bis zu
einem elenden Häuschen das in einer der entlegensten Straßen von Greenwich lag
Wie mein Auge in der mich empfangenden Finsternis die Gegenstände zu
unterscheiden begann erblickte ich auf einem elenden Lager eine abgemagerte
Gestalt deren Todtenblässe bei dem Anfall eines furchtbaren Hustens einer
dunkeln Röte wich wobei sein glänzendes Auge und unruhiger Blick ein
verzehrendes Fieber verkündigte Ganz in den mephitischen Dunstkreis des niederen
Zimmers gehüllt saß eine Frau an dem niederen Heerd und bemühte sich das raue
matte Geschrei eines kleinen Kindes zu beschwichtigen Bei meinem Anblick sprang
sie auf mir ihren Schemel den einzigen Sitz in dieser Wohnung anzubieten
und der Kranke versuchte mit schottischer Höflichkeit sich im Bette zu erheben
um mich zu begrüßen Unfähig zu dieser Anstrengung forderte er die Hilfe seiner
Frau die nach dem kleinen Mädchen meiner Führerin rief ihr den Säugling
abzunehmen damit sie freie Hände bekäme ihren Gatten zu unterstützen Der
Gedanke dem schwachen Mädchen das Kind anvertraut zu sehen erschreckte mich
unbedacht bot ich die Arme dar es selbst zu übernehmen und freudig überrascht
reichte die Mutter mir es hin als ich voll Entsetzen seinen Zustand erblickte
Es war von Kinderblattern wie mit einer Eiterkruste überdeckt seine Augen
seine Nase waren verschwunden sein Mund nur an den rauen Klagetönen kenntlich
in denen er stöhnte ein pestartiger Geruch umgab das elende Wesen die arme
Mutter hatte ihm den Vorurteilen ihres Landes gemäß um wie sie sagte das
Gift vom Herzen zu treiben so viele Wärme wie möglich verschafft sie sich
selbst die notwendigste Nahrung entzogen um durch geistige Mittel den Ausbruch
der Blattern zu befördern Der Abscheu den ich gegen das Kind bezeigte kränkte
sie bitter sie mahnte mich an die flüchtige Dauer der Schönheit denn auch ihr
Knabe sei vor wenigen Tagen noch lieblich gewesen und zeigte einen so
anständigen vom Elend ungedemütigten Geist dass ich beschämt dastand Kummer
in der Hütte verbreitet zu haben wohin Trost zu bringen meine Absicht gewesen
Es gelang mir sie zu begütigen Nach mancher Verständigung erfuhr ich endlich
dass der wackre Mann ein Schotte sei der in seinem Vaterlande ganz erträglich
als Gärtner gelebt hatte die Hoffnung in England sein Glück zu machen wo
schottische Gärtner gesucht werden lockte ihn an Da es ihm nicht gleich
gelang Arbeit zu finden geriet er in große Bedrängnis bis er es wagte einen
edelen Landsmann anzusprechen Herrn Maitland durch dessen Vorwort Herr Percy
ihn auf seinem Gute zu Richmond als Gärtner anstellte Bei diesem Namen fuhr
ich zusammen aber schon zur Vorsicht gewöhnt verriet ich mich nicht sondern
fragte ob sie Miss Percy gekannt hätten Das nicht sagte die Frau denn sie
wären den Tag in Dienst getreten als die Herrschaft in die Stadt zog und wenn
Miss Percy zu kurzen Besuchen hinausgekommen sei habe sie so viele bunte und
fröhliche Leute um sich gehabt dass ihr keine Zeit geblieben sei auf armes
Gesinde zu blicken Aber an ihrem Unglück sei sie doch schuld denn gegen das
Frühjahr habe sie darauf bestanden einige schöne ausländische Pflanzen
unerlässlich an einem gewissen Tage zur Zierde bei einem großen Fest zur Blüte
gebracht zu sehen Kampell der den Auftrag erhielt besorgte sie Tag und Nacht
in dem stark geheizten Wärmehaus sie hätte mehr wie einmal gesagt wenn er
schweisstriefend von da in Hemdärmeln durch Schnee und kalten Nebel zum Essen
gekommen sei »das bringt dir den Tod du stirbst mit den Blumen die gegen alle
Natur getrieben werden« So wars gekommen Sein Atem ward ihm schwer und
schwerer seine Kräfte nahmen ab aber gearbeitet musste werden in dem feuchten
Frühling stand er und grub an den nassen Morgen und in den kalten Abenden und
wie mein Vater ihn nicht mehr lohnen konnte ward er abgedankt und nun lag er
auf dem langsamen Todbette auf dem es seiner selbstsüchtigen Herrschaft jetzt
an Mitteln gebrach ihm Erleichterung zu geben
Meine Seele litt im furchtbaren Bewusstsein veranlassten unwiederruflichen
Unglücks Ich fragte ob Kampell einen Arzt habe Kopflose Frage Einen Arzt
wo es an Mitteln fehlte sich Nahrung zu verschaffen »Ach« rief Kampell
»hätte ich nur Mittel nach Schottland zurückzukehren dort würde ich bald
wieder gesund Die Luft ist dort so rein man atmet so leicht« Dahin sollt
ihr gelangen rief ich lebhaft und reichte ihm meinen Beutel ohne zu bedenken
dass es nicht mein Eigentum sei was ich gab dass ich dieses wenige Geld wie
alles was ich genoss meiner Freundin verdanke die es ihrem Bedürfnisse entzog
Meine nächste Sorge war um einen Arzt In einem nahen Kramladen bezeichnete man
mir die Wohnung eines Herrn Sidnei zu der ich eilte ich fand einen
wohlgebildeten anständigen jungen Mann der mich höflich aber mit sichtbarer
Befremdung über meine Erscheinung anhörte Obgleich ich durch die Erzählung von
Kampells Schicksal schmerzlicher wie je an meine vergangne Torheit erinnert
war entging mir der günstige Eindruck nicht den meine Gestalt auf ihn machte
ich empfand eine Genugtuung die ich mir den nächsten Augenblick als eine Sünde
vorwarf und meine Kappe tief ins Gesicht ziehend ihn auf den Weg zu Kampells
Wohnung begleitete Der Arzt untersuchte den Zustand des Kranken und mit der
bittersten Seelenpein hörte ich seine mir mit wenigen leisen Worten gegebne
Erklärung dass für ihn keine Heilung mehr möglich sei Ich musste an die offene
Tür treten um nicht niederzusinken unter der Last meines Bewusstseins »Wer ist
dieser Engel« hörte ich Herrn Sidnei fragen Engel das leichtsinnige
Geschöpf das zur Mörderin ward Ich wollte hinzutreten und durch Nennung
meines Namens allen den Abscheu auf mich ziehen den ich verdiente aber der
Mut fehlte mir und die Worte starben auf meinen Lippen Der Zustand des Kindes
war weniger hoffnungslos zweckmässigere Behandlung half der Natur die Heftigkeit
des Übels ertragen seine Augen öffneten sich wieder dem Lichte und Leben und
Gesundheit wurden ihm wieder geschenkt Die Tage seines Vaters waren aber
gezählt Wie ich nach kurzer Zeit eines Abends ihm einige Labung darreichte
sank er zurück und hauchte ohne Todeskampf seinen Geist aus Jetzt machten mir
die kleinen Kunstfertigkeiten mit denen ich ehemals wenige müßige Augenblicke
ausgefüllt hatte wirkliche Freude Ich verfertigte mancherlei Kleinigkeiten
deren Verkauf mir die Mittel verschaften die Rückreise von Kampells
Hinterlassnen nach Schottland zu bewerkstelligen
So schmerzvoll dieser Vorfall war trug er doch dazu bei mich einen
trostvolleren Blick in meine Zukunft werfen zu lassen Ich hatte die Folgen
meines selbstsüchtigen Lebens gesehen hatte aber auch das Glück genossen einen
kleinen Teil davon wieder gut zu machen Der Wert meiner Zeit ward mir
anschaulicher Die Entwicklung meiner geringen Geschicklichkeiten wurden mir
wichtig jedes kleine Gelingen gab mir Momente von Freude die wie jede reine
Freude je mehr und mehr den Sinn des Dankes zu Gott anzunehmen begann
Seit mir Herr Sidnei an des armen Kampells Krankenbett bekannt geworden war
hatte er sich die Erlaubnis verschafft Miss Mortimer zu besuchen und sein
angenehmes Betragen machte ihn zum willkommnen Gaste Bei wiederholten
Gesprächen zeigte sich eine Denkungsart bei ihm welche mir bewies dass seine
Grundsätze bei aller ihrer Rechtlichkeit nicht aus den religiösen Begriffen
entsprossten in welchen ich meine Beruhigungen suchte in denen sie aber noch
nicht fest genug begründet waren um sie ohne Bekehrungseifer behaupten zu
können Ich ließ mich in Streitigkeiten mit ihm ein bei denen ich nicht immer
der siegende aber nie der nachgebende Teil war Sidnei blieb immer Herr seines
Gleichmuts und brachte mich am meisten um den meinen durch die Herzlichkeit
mit der er mich versicherte es sei ihm an der Form des Denkens wenig gelegen
und er würde immer ruhiger über die Möglichkeit die seine einst für meine
hinzugeben wenn er Menschen wie Miss Mortimer und mich von ihr ihre Tugenden
ableiten sähe Ich hielt dieses für sträfliche Gleichgültigkeit gegen religiöse
Ansichten und machte Miss Mortimer Vorwürfe dass sie welche doch gewiss die gute
Sache viel besser zu verteidigen vermöchte an unserm Wortwechsel niemals Teil
nahm »Ich fürchte mein kaltes Blut zu verlieren und ihr dadurch zu schaden«
antwortete sie lächelnd »So wünschten Sie dass ich Ansichten von deren
Falschheit ich überzeugt bin scheinbar gut heißen soll« »Gar nicht liebe
Ellen aber sie nicht bestreiten Uns Weibern steht es überhaupt besser an das
Christentum durch Beispiel als durch Wortstreit zu lehren und einem Mann der
wie Herr Sidnei als ein Christ lebt wird Gott gewiss auch die Gnade geben wie
ein Christ zu denken das Wie und Wenn müssen wir nicht vorwitzig erzwingen
wollen« Wie ich etwas kühler geworden war sah ich wohl ein dass Miss Mortimer
recht hatte und legte mir das Gesetz auf die Wortkriege mit Herrn Sidnei zu
vermeiden und diese Nachgiebigkeit bestimmte vielleicht den wackeren Mann mir
ernsthafte Anträge zu machen Eine kurze Zeit lang ließ sie mich
unentschlossen Es war ein Ausdruck einfacher Wahrheit in ihnen die sie mir
welche den Unwert feuriger Versicherung vor kurzem auf eine so traurige Weise
erfahren hatte empfehlen musste Seine Persönlichkeit seine Sitten sein Ruf
litten keine Einwendung ich konnte mir nicht verhehlen dass Miss Mortimers
hinfällige Gesundheit mich mit dem Verlust meiner einzigen irdischen Stütze
bedrohe und Herrn Sidneis Hand mich dann allen den Leiden entziehen würde die
ich auf mich eindringen sah aber ich liebte nicht und wenn diese Heirat mich
vor großen Übeln schützte so legte sie mir auch Pflichten auf die es mir
ohne Liebe sehr schwer schien zu erfüllen Meine Vernunft schalt mich eine als
flüchtig geschilderte Empfindung zur Bedingung des dauerndsten
Lebensverhältnisses zu machen allein sie trat auf die Seite meines Gefühls wie
sie sich überzeugte dass dieses nicht eitle Vorzüge sondern eine Überlegenheit
des Geistes und des Charakters von einem Gatten fordere um ihm ohne
Demütigung meiner eignen Vernunft gehorchen zu können So lautete wirklich das
Resultat meiner ernstlichen Erwägung von Herrn Sidneis Antrag allein ich war
mir damals bewusst und sage es jetzt ohne Hehl dass ein Brief Herrn Maitlands
den ich gerade während meiner Überlegung empfing mir das eigentliche Bedürfnis
meines Herzens klar machte zugleich aber auch meine Überzeugung Herrn
Maitlands Herz verloren zu haben aufs neue bestätigte Sein Brief enthielt kein
Wort welches sein ehemaliges Geständnis berührt hätte aber wohl männlich
herzliche Teilnahme an meinem Unglück zärtliche Sorge für meine Wohlfahrt Er
suchte mir mit einem Vertrauen in meine Kraft das diese Kraft hob die
Pflichten und den Gewinn meiner neuen Lage darzulegen und erinnerte mich dass
Unabhängigkeit des Einzelnen nur durch den Gebrauch eigener Kräfte auf einem
sichern Grund gewonnen werden könnte
Ich machte Miss Mortimer mit meinem Entschluss Herrn Sidneis Hand
auszuschlagen bekannt und erhielt erst nach manchem Einwurf ihren Beifall mit
dem Zusatz dass sie zuversichtlich hoffe Gott werde mir einen andern Beschützer
für die Zeit der Gefahr senden »Der muss ich selbst sein meine verehrte
Freundin« sagte ich mich mutiger zeigend wie ich war »Herr Maitland deutet
mir in seinem Brief an was die Basis meiner Unabhängigkeit sein soll« »O
meine gute Ellen« rief Miss Mortimer indem sie mich sorgenvoll anblickte »die
Sicherheit des LebensUnterhalts ist es ja nicht allein die ein weibliches
Wesen bedarf Rat und Zuspruch« »Verzeihen Sie mir teure Freundin«
unterbrach ich sie »diese kann mir Herr Maitland so gut geben wie ein Gatte
er bleibt ja nicht ewig jenseit des Meers« Miss Mortimer seufzte »Ja wenn die
Frau die er wählt Ihre Beschützerin würde« »Eine Frau Liebste Miss
Mortimer warum soll er denn eine Frau wählen Sie haben einen sonderbaren
Geschmack Heiraten zu stiften« »Das ist eine Mühe die ich mir seit einigen
zwanzig Jahren freilich nur für andre gegeben habe« erwiderte sie mit einem
gutmütig spottenden Lächeln und veranlasste mich dadurch zum ersten Mal um die
Erzählung ihrer frühern Lebensverhältnisse zu bitten Meiner geliebten Freundin
Andenken ist mit dem Gebet derer denen sie wohl tat von der Erde
verschwunden es lebt nur noch in meinem Herzen aber ihr anspruchloses Leben
ist mit Herrn Maitlands Jugendgeschichte verbunden und um dieser willen weihe
ich ihr dieses Blatt
Miss Mortimer und meine Mutter hatten die Freundschaft die sie verband von
ihren Eltern ererbt Ihre Väter fochten einer an des andern Seite und fanden auf
demselben Schlachtfelde ihren Tod Beide Wittwen zogen sich in die Einsamkeit
zurück und widmeten sich ganz den ihnen obliegenden Pflichten Mistriss Mortimers
Loos war das leichtere denn ein kleines väterliches Erbe sicherte ihre einzige
Tochter vor Abhängigkeit dagegen Mistriss Warburton die schwere Aufgabe geworden
war einen Knaben von hohem Geist und reichen Anlagen mit der Armut zu
versöhnen und ein zartes schönes Mädchen durch eine zweckmässige Erziehung
gegen die rohen Ansprüche einer freudelosen Welt zu bewahren Des jungen
Warburtons Fortschritte in den Wissenschaften waren der Stolz seiner Lehrer die
Freude seiner Eltern als seines Vaters Tod ihn aller Mittel auf diesem Wege
seine Ausbildung fortzusetzen beraubte Mit bitterem Schmerz musste der Jüngling
eine Beschäftigung suchen wo die Arbeit des heutigen Tages den Unterhalt des
morgenden sicherte Tief gebeugt verbarg er dennoch sein Leid um den Kummer
seiner Mutter nicht zu vergrößern Miss Mortimer die Gespielin seiner Kindheit
blieb seine einzige Vertraute sie teilte seinen Schmerz Er beweinte eine
Zukunft die er mit ihr zu teilen gehofft hatte und sie verhehlte ihm nicht
dass mit seinem Gelingen auch ihr Glück gesichert gewesen wäre In dem
ostindischen Hause wo er sein freudloses Tagwerk abspann fand er jedoch einen
Freund Herrn Maitland der obwohl sieben Jahr jünger wie er anfangs seine
Achtung und dann seine Liebe gewann
Maitland war damals fast noch ein Knabe aber ein großer kräftiger kecker
Bergschotte seine Nerven waren durch harte Leibesübungen und raue Witterung
gestählt seine starke Seele hatte Kraft erworben bei einer Erziehung welche
keine andre Erholung als Wechsel der Beschäftigung zuließ Er hatte sein
Vaterland auf den Befehl seiner Eltern verlassen um sich dem Eigensinn eines
Oheims zu fügen der ihm nur unter dieser Bedingung ein reiches Erbe versprach
Das Andenken seiner Heimat war ihm unendlich teuer allein von seinem
Vaterhause sprach er selten schweigend und zurückhaltend entging er dem
gemeinen Spott der sich so gern über die Anerkennung armer Verwandten auslässt
Er hatte erfahren wie wenig der stumpfe Sinn der Menge den Eindruck begreifen
kann den ein Lied voll Einfalt eine alte Sage von dem Ruhm der Ahnherrn
hervorbringt nicht wie der arme Bergschotte alle Schätze der Kunst gern
hingegeben hätte um nur noch ein Mal in den Abgrund zu blicken den kein Fuß
vor dem seinen zu erklimmen gewagt noch einmal die Kühle des Tales zu atmen
wo er nach seinem ersten Jagdabenteuer geruht hatte Genuss und Arbeit hindert
die Neugier niemand aus der geschäftigen Menge die den Handelslehrling umgab
fragte nach dessen JugendGeschichte Warburton allein wusste dass er ein Opfer
gebracht dessen Größe gleichgültigen Menschen nicht bekannt gemacht werden
durfte Maitlands Oheim der eine sorgfältige Erziehung hochschätzte bestand
darauf dass sein Neffe sich streng wissenschaftlich ausbildete und war willens
ihn im gehörigen Alter die Universität besuchen zu lassen bis dahin machte ers
ihm aber zur Pflicht täglich einige Stunden der Erlernung seines künftigen
Berufs des Handels zu widmen Trotz Maitlands Jugend fand Warburton doch in
ihm den Gefährten der ihn völlig verstand in classischen Sprachen war er fast
so geschickt wie jener besaß er mehr Einbildungskraft so hatte Maitland mehr
Schärfe des Geistes und Auffassungsgabe und ertrug mit stiller Verachtung den
Spott seiner Schulgenossen über seine befremdliche Aussprache Warburton dessen
milde Sitten den seinen ähnlicher waren gewann seine Zuneigung ihr Geschmack
stimmte zusammen die wenigen Stunden die er in dem Zahlamt zubringen musste
unterbrachen auf eine wohltätige Weise Warburtons drückend einförmiges
Tagewerk er horchte mit Entzücken auf Maitlands Beschreibungen seines an
Naturschönheiten so reichen Vaterlandes sie wurden Freunde und Warburton
vertraute ihm endlich die Zerstörung seiner Hoffnungen und das harte Loos seine
erworbnen Kenntnisse unvervollkommnet lassen zu müssen Maitlands stärkere Seele
schlug ein Mittel gegen dieses Übel vor er wies seinen Freund an wie er durch
anhaltendere Arbeit und strengere Sparsamkeit eine Summe sammeln könnte die ihm
das Besuchen einer Universität möglich machen würde Von diesem Augenblick an
gab er selbst ihm das Beispiel von Arbeitsamkeit und Ersparen die er ihm
anempfohlen hatte Er brach seinem Schlaf ab er entsagte seinen Erholungen um
für einen Buchhändler Übersetzungen zu liefern er scharrte alles was er von
seinem Taschengelde erübrigen konnte wie ein Geizhals zusammen die Einladungen
seiner Gefährten lehnte er ab ihre Anschuldigungen der Knauserei beantwortete
er mit nachlässigem Lächeln allein wie sie ihn näher kannten waren wenige von
ihnen so schlecht über ihn scherzen und keiner so kühn seine Verachtung zu
zeigen Denn schon damals flößte Maitlands ernstes rechtliches offenes Wesen
Achtung ein Nach einer zweijährigen Beharrlichkeit zu gleichem Zwecke stellte
er seinem Freund die Frucht seiner Selbstverleugnung zu und fühlte sich mehr wie
belohnt als sich Warburton nun im Stand sah ihn nach Oxford zu begleiten
Wenige Monate vor Warburtons Abreise nach der hohen Schule ward Herr Percy
schon damals ein sehr reicher Mann eines Regenschauers wegen genötigt in
einer Pfarrkirche wo eben Morgengottesdienst gehalten wurde Obdach zu suchen
Francis Warburton war unter den Betenden und zog durch ihre Andacht Sittsamkeit
und zarte Schönheit seine Aufmerksamkeit auf sich er ließ sich bei ihrer Mutter
einführen und machte ohne Zögerung seine Anträge Francis erschrack vor einem
Liebhaber bei dem die dreißig Jahre die er mehr zählte wie sie nicht den
größten Einwurf begründeten aber er bot die grossmütigsten Bedingungen an die
Mutter befahl nicht überredete nicht sie sprach nur einmal von ihres Sohnes
Eduard Bedrängnis »hätte er einen Freund der ihn unterstützte« sagte sie »so
würde er noch der Stolz meiner alten Tage« »Er soll ihn haben diesen
Freund« rief Francis mit Tränen und versprach Herrn Percy ihre Hand Ihr
Opfer sollte vergeblich sein Warburton sollte nicht der Unterstützung
bedürfen die Reichtum zu geben vermag noch der Beförderung die Reichtum
erkauft seine Gesundheit durch die angestrengte Arbeit in dem Zahlamt
geschwächt war seinem jetzt freiwilligen Streben nicht mehr gewachsen aber
unempfindlich gegen die Gefahr verfolgte er seinen anlockenden Weg er verwarf
die Warnung der Freundschaft die ihm die traurigen Folgen voraussagte und
eines Morgens ward er tot an seinem Schreibtisch gefunden Ein Aufsatz durch
welchen er sich die Bahn literarischen Ruhms bürgerlichen Glücks zu öffnen
gehofft hatte lag soeben vollendet vor ihm auf dem Tisch
Miss Mortimer und ihre Freundin weinten zusammen meine Mutter fand bald
durch meine Geburt einen Gegenstand der Liebe welcher die Leere die ihres
Bruders Tod in ihrem Herzen gelassen hatte ausfüllte Miss Mortimer erhob ihren
Blick in eine bessere Welt sie suchte hier auf Erden nie wieder ihr Glück
Maitland durch feste Grundsätze gesichert brachte seine Zeit einzig mit
dem Zweck seines Aufenthalts beschäftigt unangefochten von den Torheiten
seiner Gefährten in Oxford zu Nachmals besuchte er um seine Handelskenntnisse
zu vervollkommnen die größten Handelsplätze des festen Landes machte die
persönliche Bekanntschaft der gebildetsten Männer daselbst und umfasste in seinem
Bestreben alle Zweige der Wissenschaft welche zu dem Handelsverkehr der Völker
benutzt werden können Im fünf und zwanzigsten Jahre kam er zurück um einen
Hauptanteil an einem der größten Handelshäuser in Grossbritannien zu nehmen ehe
er dreißig Jahre erreicht hatte verhalf ihm der Tod seines Oheims zu einer
ehrenwerten Unabhängigkeit und seine Handelsgeschäfte versprachen ihm ein
Vermögen das jeden Traum von Reichtum überstieg Aber Reichtum war nicht
Maitlands Leidenschaft der geringste Teil seines Einkommens genügte einem Mann
von so einfachem Geschmack der sich an Mäßigkeit gewöhnt hatte und seine
Freuden in der Häuslichkeit suchte Der größte Teil desselben verlief sich in
vielfachen Kanälen gleich unsichtbaren Quellen deren Dasein sich nur durch das
üppigere Grün des Bodens verrät Wie er der Negerhandel anzugreifen beschloss
ward er einzig von der Überzeugung der Wahrheit und des Rechts angetrieben Da
er selbst große Besitzungen in Westindien hatte würde ihn Eigennutz zu den
Gegnern dieser Unglücklichen gezogen haben Bei seinem wissenschaftlichen
Nachdenken über menschliche und StaatenVerhältnisse hatte er diesen
Menschenhandel als das schmuzigste Schandmaal des Culturzustandes als den
schnödesten Spott des Eigennutzes gegen die Grundwahrheiten des Christentums
erkannt Wie seine Bemühungen dem Elend einer ganzen Klasse seiner Mitbrüder im
Allgemeinen ein Ende zu machen fehlschlug begab er sich auf seine
westindischen Besitzungen um den Zustand der geringen Zahl die er selbst
besaß zu verbessern und sich die Kenntnisse über ihre Verhältnisse zu
verschaffen die ihm bei erneutem Kampf für ihre Rechte Waffen in die Hand
geben konnten
So war Maitland Gern weilte ich bei seinem Bilde vielleicht nicht ganz
ohne weibliche Eitelkeit gewiss mit schmerzlicher Erinnerung dass ich einst
fähig sein konnte das Herz dieses edelsten Mannes zum Spielwerk meines
Übermuts machen zu wollen und mit noch mehr Schmerz dass dieser Übermut
mich seiner Achtung beraubt hatte Obschon ich ihm auf seinen obenerwähnten
Brief antwortete zeigte er kein Verlangen den Briefwechsel fortzusetzen
erwähnte meiner gegen Miss Mortimer nur als einer gemeinschaftlichen Freundin und
sprach von seiner Rückkehr nach England als von einem noch manches Jahr
hinausgeschobnen Entschluss
Die Erfahrungen welche meine Torheiten mich so schnell ärnten ließ
hatten mich so weise gemacht dass ich meine Pflicht fühlte Herrn Sidneis
Heiratsantrag da ich ihn nicht annehmen wollte bald und unumwunden
zurückzuweisen so dass kein Zweifel über seine Zukunft ihm blieb Ohne einigen
Streit in meinem Innern ging es nicht ab Herr Sidnei bot sich mir als ein
angenehmer Gesellschafter dar an dem meine Einsamkeit keinen Überfluss besaß
Die Gewohnheit einen Mann um mich zu haben den wohl nicht mehr meine Laune
aber doch meine Wünsche regierten ward mir schwer Doch ich fing an
Pflichterfüllung zur ersten Bedingung meines Friedens zu machen und stand also
nicht an dem wackeren Mann meinen Entschluss jetzt noch nicht zu heiraten zu
erklären Sidnei war ein Mann von gesundem Verstand und festem Sinn nach
einigem Kampf mit seiner Einsicht und seiner Redlichkeit ward er da ich ihn
ernstlich überzeugte dass er mir nicht mehr sein könnte mein Freund
solchergestalt dass unser Verkehr durch die Beseitigung seiner Ansprüche nicht
einmal eine Veränderung erlitt
Das Gegenteil in Herrn Sidneis Betragen wäre mir doppelt empfindlich
gewesen weil seine ärztlichen Besuche je mehr und mehr durch Miss Mortimers
zunehmende Leiden zur Notwendigkeit wurden Der Zufall führte mich darauf ihm
einst in Betreff eines Linderungsmittels welches er ihr verschrieb einige die
Scheidekunst betreffende Fragen vorzulegen Er gab mir einen Aufschluss der
meine Wissbegierde reizte in einem gleichförmig einsamen Leben ergreift man gern
jedes Mittel die Interessen zu vermehren ohne die Gewohnheit zu stören und so
kam es dass ich sein Anerbieten mir etwas Chemie zu lehren freudig annahm Miss
Mortimer hörte ihm mit Anteil zu wenn er neben ihrem Krankenstuhl mir die
Geheimnisse der Verwandlung der Substanzen so weit der Mensch sie der Natur
abgelauscht hat erklärte und lächelte freundlich wenn ich von meinen kleinen
Versuchen mit verbrannten Fingern oder gefärbten Nägeln zurückkam Mein
Lehrmeister konnte mir sehr wenig Zeit widmen er wies mich mehr an allein nach
Fortschritten zu streben und so gering deren endlicher Erfolg war lehrte mich
dieses Bestreden doch zum ersten Mal dass der Erwerb von Kenntnissen noch andern
Genuss gewähren kann als den damit vor Andern zu glänzen
Mein äussres Leben verfloss bei Miss Mortimer in solcher einförmigen Ruhe dass
ein Jahr und drüber dahinging ohne dass ich eine Begebenheit aufzuzeichnen
wüsste Mein innres Leben war nicht ohne Wandel zwischen sträubender und ergebner
Trauer je nachdem ich die Vergangenheit empfand oder die Zukunft berechnete
Oft überwog das Ermessen von der Größe meines ehemaligen Leichtsinns und den
Folgen die er gehabt die Hoffnung durch regen Eifer fürs Gute den versäumten
Weg zu dem erhabenen Ziel das ich nun ins Auge gefasst einzuholen Oft
unterdrückte auf eine Zeit lang die Aussicht in die öde freudlose Zukunft die
vor mir lag in das lange Leben an dessen Anfang erst meine frühe Jugend stand
mein Vertrauen zu meinem himmlischen Vater Wie sich aber auch mein Sinn je
zuweilen trübte so waren es dennoch nur Sommerwolken die vor der Sonne
vorüberschweben und sich endlich in milden Tränenregen auflösen nie mehr
umhüllte mich der lichtlose lebenlose Dunstkreis der herzlosen Torheit noch
der furchtbar finstere Sturm aus dessen Wüten mich meine fromme Freundin
gerettet
Doch eben von ihr sollte die nächste Flut des Schmerzens über mich
einbrechen So unerfahren ich in der Krankenpflege war konnte es mir doch nicht
entgehen dass Miss Mortimers Gesundheitszustand sich verschlimmerte und zugleich
stieg der Verdacht in mir auf dass sie durch Geldbedürfniss zu einer zunehmenden
Sparsamkeit verbunden sei Ich bemerkte dass sie sich unter dem Vorwand kein
Gefallen daran zu finden manche Erquickung die der Arzt ihr vorschlug
versagte und bald überzeugte mich ein Zufall von der Wahrheit meines traurigen
Verdachts An einem Tage wo sie besonders leidend war kam ihr Anwalt um mit
ihr zu sprechen unfähig seinen Besuch anzunehmen bat sie mich ihn zu
verabschieden und er hatte die Unvorsichtigkeit mir die er unterrichtet von
ihren Angelegenheiten glaubte einen Auftrag an sie zu geben der mir verriet
dass ihr ganzes kleines Vermögen durch meines Vaters Untergang verschlungen
worden war Bei dieser Nachricht glaubte ich vor Schmerz zu erliegen In dem
Zeitpunct wo sie sich der Mittel ihres LebensUnterhalts durch meinen Vater
beraubt sah hatte sie ihre wenige Barschaft aufgewendet um mich in meinem
Elende aufzusuchen hatte meine Zurückweisung ertragen hatte mich gerettet und
nun über ein Jahr vor mir ihre Armut verborgen hatte sich das Nötige
entzogen um mir einen Teil meiner verweichlichten Bedürfnisse zu verschaffen
Für meine Empfindung gibt es keine Worte so wie damals es keinen Zügel für sie
gab Mit einer verzehrenden Glut des Schmerzens in meiner Brust wirklich dem
körperlichen Gefühl nach verzehrend eilte ich zu meiner Freundin und wie sehr
ich die Notwendigkeit einsah ihr keine Heftigkeit zu zeigen so bat ich sie
doch mit einem Strom von Tränen mir einen Weg suchen zu helfen auf dem mein
Unterhalt ihr nicht mehr zur Last fiel Mit Fassung und Engelmilde verweigerte
sie meine Bitte »Ich kann Sie nicht entbehren meine gütige Ellen« sagte sie
»man verbirgt mir nicht dass ich Ihnen in wenigen Monaten Ihre Freiheit
zurückgeben muss aber bis dahin Ellen bis dahin verlassen Sie mich nicht
Lassen Sie mich nicht allein sterben« Das war das erste Mal dass der
schreckliche Zeitpunct den ich mir wohl zuweilen als endlich erfolgend gedacht
hatte mir so nahe so unausweichbar gewiss vor das Auge gerückt wurde Mit Mühe
konnte ich der Verzweiflung widerstehen In mein Zimmer verschlossen betete ich
nicht ach ich bat nur um die Kraft beten zu können um die Weisheit nicht in
Aufruhr gegen Gottes Ratschluss zu geraten und nur allmählig besänftigte sich
mein Gefühl so weit dass der feste Wille Gott zu vertrauen wieder die Oberhand
erhielt Ich fühlte die Notwendigkeit durch irgend einen Erwerb Miss Mortimer
aller Ausgaben für mich zu enteben auf das quälendste aber bei dem besten
Willen standen mir überall meine fehlerhaften Gewohnheiten im Wege Ich hatte
mancherlei Modearbeiten gelernt allein solche Bestrebungen hatten mehr das
Vorzeigen im Gesellschaftskreis als ihre Vollendung zum Zweck Eine
Geschicktere wie ich ließ sich bezahlen um mir eine Stickerei eine
Nadelarbeit anderer Art in Gang zu bringen ich setzte sie mit einem
glücklichen mir angeborenen Geschick fort und nach wenigen Tagen musste jene
wenn deren Gebrauch eine Bestimmung hatte sie vollenden oder sie ward in ein
Schubfach gesteckt und nie wieder berührt Die Mühseligkeit des Anfangs die
Anstrengung der Fortsetzung die Beharrlichkeit zur Vollendung waren mir sehr
ungewohnt ich arbeitete mit glühendem Gesicht ich erweckte mich durch den
Gedanken an meine leidende Freundin zehnmal aus einer Träumerei während der
meine Nadel ruhte oder scheuchte mich durch diese Erinnerung vom Fenster
zurück wohin eine Blumenranke ein Schmetterling mich gelockt und meines
Fleißes vergessen gemacht hatte Und wenn es mir gelungen war eine kleine Summe
zu erwerben so verschlang sie das was ich für mein persönliches Bedürfnis
hielt Ach der in Üppigkeit Erzogne hat den Maasstab für das Notwendige
verloren Ich besaß mehr wie die mehrsten meiner Schwestern und glaubte weil
ich allem Schmuck aller Verzierung entsagt hatte meine Bedürfnisse aufs
strengste vereinfacht zu haben War nun meine Kleidung bestritten so blieb mir
kaum eine Kleinigkeit um sie für meine geliebte Kranke zu verwenden Bei dem
innigen Wunsche mehr für sie tun zu können hielt ich meine Augen mehr wie
einmal auf den lieben Ring das einzige Andenken meiner Mutter geheftet Wenn
ich diesen verkaufte dachte ich dabei könnte ich lange lange kleine Zuschüsse
in Miss Mortimers Haushalt geben denn ich glaubte ihn von ansehnlichem Wert
allein jedes Mal widersetzte sich mein Herz ich sagte mir selbst so ein
teures Andenken müsste nur der dringendsten Notwendigkeit aufgeopfert werden
und diese führte endlich ein nichtsbedeutender Umstand herbei Eines Tages wie
meine Freundin matt am offenen Fenster saß trat eine Frau mit einem Korb des
schönsten Obstes davor den sie von der Straße herein darbot Miss Mortimer
welcher der Arzt dessen Genuss vorgeschrieben hatte schien mit einiger Sehnsucht
nach den einladenden Früchten zu sehen verweigerte aber davon zu kaufen
Schnell eilte ich zu der Obständlerin suchte die schönsten Früchte aus ihrem
Korb verwendete den ganzen Erwerb daran der mir für einen gemalten Lichtschirm
geworden und häufte meinen Schatz mit kindischer Freude vor der teuren
Freundin auf Meine Tränen flossen vor Freude einzeln rollten ein paar Tropfen
über Miss Mortimers bleiche Wangen mit einem unbeschreiblichen liebevollen
wehmütigen Lächeln das mir deutlich verkündete sie wolle mir nicht meine
Freude verderben nahm sie einen Pfirsich und wie ihre lieben schwachen Hände
ihn hielten sagte ihr gen Himmel gerichteter Blick dass sie Gott danke der
seinen Menschen solche Labsale geschaffen In diesem Vorfall schien mir die
dringende Notwendigkeit welche den Verkauf meines Ringes bestimmen sollte
erschienen ich eilte in der nächsten Stunde nach London um mein Kleinod einem
Juwelenhändler zu überlassen
Zweiter Teil
Ungewohnt in einem öffentlichen Fuhrwerk zu reisen war ich anfangs wie ich
mich mit ein paar fremden Menschen in dem Wagen eingeschlossen sah über meine
Keckheit erschrocken Ich zog meinen Hut ins Gesicht drückte mich als würde
mich das ihrem Blicke entziehen in die Kutschenecke hinein und wagte kaum zu
atmen Bald gewahrte ich dass sie mich gar nicht beachteten der kleine Weg
ward ohne Störung fortgesetzt so dass ich nicht mehr die Überfahrt aber die
Ankunft in London fürchtete Die erstere hatte Miss Mortimers Barbara bei meinem
Einsteigen bezahlt indes ich gedankenlos für alles außer dem Zweck meiner
Reise mich so wenig mit Gelde versehen hatte dass es mir beim Aussteigen an
Mitteln fehlte einen Mietwagen zu nehmen Die Not zwang mich den Laden des
Kaufmanns mit dem ich meinen Handel machen wollte zu Fuße aufzusuchen und
jetzt in einer der volkreichsten Straßen von London war ich nun wirklich den
neugierigen Blicken den kecken Anreden einiger Männer ausgesetzt und geriet
darüber so außer mir dass ich wie ich den Laden erreichte gar nicht wahrnahm
wie ein Wagen mit der du Burghschen Livree vor ihm hielt Er war voll geputzter
vornehmer Leute aber nur Eine Gestalt zog meine Augen an meine herzlose
Freundin Ich wollte fliehen mir wars als sähe ich eine Schlange im
Begriff nach meinem Herzen zu schießen aber meine Kräfte versagten mir ich
ward so sichtlich ergriffen dass ein Ladenmädchen mir schleunig einen Stuhl bot
Julie erblickte mich gleichfalls ihr Gesicht glühte sie wendete es ab da
erwachte mein Stolz ich gebot meinen zitternden Knieen und trat zu dem
Kaufmann um meinen Handel zu schließen Zu meinem schmerzlichen Erstaunen
erfuhr ich von ihm wie kindisch ich meinen Ring nach dem Wert den mein Herz
ihm beilegte geschätzt hatte Er bot mir fünfundzwanzig Pfund indes ich auf
die vierfache Summe gerechnet hatte wohl versuchte ich einige Einwendungen
aber ich wusste aus meinen ehemaligen Besuchen in solchen Läden dass darin kein
Feilschen stattfindet kummervoll wartete ich auf meine Kaufsumme als ich auch
Lady Marie wahrnahm die mit Miss Arnold welche noch immer ihr Gesicht von mir
abwendete gesprochen hatte und sich jetzt unter dem Vorwand den Kaufmann zu
sprechen mit kalter Neugier zu mir herandrängte Ihr Benehmen war so gefühllos
dass es ihr einen Anstrich von Gemeinheit gab die mir meine sittliche
Überlegenheit plötzlich fühlbar machte ich trat zurück und sagte verächtlich
zu dem Kaufmann »Tun Sie die Geschäfte der Dame ab wenn sie deren wirklich
hat ich will warten« Lady Maria die meine scharfe Zunge noch von der Pension
her kannte zog sich mit einem hochmütigen Kopfaufwerfen zurück ich erhielt
nach langem Warten meine Auszahlung und wollte forteilen als Miss Arnold die
Unverschämtheit hatte zu mir zu treten Leider war die Zornesglut die mich
nun der Schmerz überwunden war übermannte nicht die Gemütsstimmung welche
mir meine letzte Vergangenheit hätte lehren sollen In den ruhigen Tagen des
Lebens gelingt es uns leicht unser Selbstbewusstsein rein zu erhalten aber
nicht weil wir stark sondern weil die Versuchung schwach ist Ich erfuhr jetzt
wie viel mir noch fehlte um das Gebot »segnet eure Feinde« erfüllen zu können
Ich beantwortete Miss Arnolds ungeschickte Entschuldigung »dass sie mich nicht
gleich erkannt habe« mit kaum erhaltner Fassung und auf ihre Anerbietung mich
nach Haus zu begleiten wo sie mir Vielerlei erzählen könne indes Lady Maria
und Lord Glendower ihren Hochzeitputz einkauften mit schneidender Kälte wobei
ich ihr andeutete ich wohne bei Miss Mortimer wo sie und Lady Marie wenn es
ihrem guten Rufe nicht Schaden brächte eine Entlaufene zu besuchen mich
auffinden könnten Hiemit wendete ich ihr den Rücken zu eilte aus dem Laden und
ließ mich von dem ersten Mietwagen den ich erblickte nach Hause bringen
Unzufrieden mit mir selbst und schüchtern über den Wert meiner Fortschritte
im Guten brachte ich die nächsten Tage zu Fast hätte ich gewünscht den beiden
Damen die eine so beschämende Herrschaft über meinen bessern Willen geübt
hatten recht bald wieder zu begegnen um mich würdiger zu betragen Diese
Gelegenheit zeigte sich mir nicht denn von dieser Zeit an blieb mir keine
Freiheit mehr Miss Mortimers Krankenbett zu verlassen Vier Monate lang kämpfte
sie mit der Ergebung einer Heiligen gegen die schmerzlichste Zerstörung Wie
oft unfähig ohne fremde Hilfe ihrem Haupt eine andre Lage zu geben dankte sie
Gott mit leuchtenden Augen für das Glück von mir von ihrer Ellen diesen
Dienst zu empfangen Wie oft wenn ich ihr den Angstschweiß von der Stirn
trocknete flog ein sanftes Lächeln über ihre blassen Lippen die sie jeden
Laut des Schmerzens sich versagend krampfhaft verschlossen hielt Schüchtern
und schwach wie die Natur sie bildete war diese Standhaftigkeit nicht die
Folge von leichtem Ertragen des Übels sondern des frommen Zutrauens dass Gott
ihr helfen werde wo ihr Kraft gebräche und in diesem Zutrauen bleibt unsre
Kraft auch unerschöpflich Sie sah den Tod als Siegerin nicht als Besiegte
herannahen und die Heiterkeit die während ihres Lebens liebenswürdig war
machte sie im Sterben erhaben
Endlich kam der große Augenblick ihrer Befreiung herbei Ihre Erziehung für
ein höheres Dasein war vollendet die Rückkehr in das Haus ihres Vaters ward ihr
eröffnet Eines Morgens nachdem ich nach mancher ganz durchwachten Nacht einige
Stunden geschlafen hatte eilte ich zu ihr und fand sie von Schmerzen befreit
Unwissend über den Ausgang ihres Übels glaubte ich törichterweise dass die
Krisis ihrer Krankheit nun überstanden sei blickte vorwärts in Jahre einer
heitern Zukunft und teilte ihr meine kindischen Hoffnungen mit Sie war nicht
gegen ihre Lage verblendet »Teures Kind« sagte sie »warum willst Du mir ein
Leben wünschen das mir nur Schmerz bietet Bete doch vielmehr dass mein Tod Dir
zum Vorteil gereiche Betest Du nicht jeden Morgen der heutige Tag möge Dir
gesegnet sein« Ich hatte mir wohl die Unvermeidlichkeit der mir jetzt so
nahen unvermeidlichen Trennung gedacht aber heute an dem nun eingetretnen
Tage zwischen dem kein Raum kein Aufschub mehr war Der Schmerz überwältigte
mich ich warf mich in unaussprechlichem Jammer an der Sterbenden Lager auf
meine Kniee »Ellen mein Kind« nahm sie wieder sanft tröstend das Wort und
ihre matte Hand suchte mein Haupt aus seiner Verhüllung aufzurichten »halte
meinen fesselentbundnen Geist nicht durch Deine Klagen an der Erde zurück
Könnte mein leidenvolles Dasein Dir helfen so hätte ich meinen Gott um dessen
Verlängerung gebeten aber Du brauchst mich nicht mehr Ich habe es
wahrgenommen meine Ellen Du hast das Eine das Not tut gefunden nun
bedarfst Du meiner gebrechlichen Stütze nicht mehr Wenn ein ganzer Himmel voll
Glanzes Dir aufgeht willst Du verzweifeln wenn ein schwacher dunkler Strahl
Dir verschwindet«
Der Arzt den ich schnell berufen ließ kam nur um ihre Erwartung zu
bekräftigen Sie sollte die Sonne nicht wieder aufgehen sehen Sie bot Jedem
der mit ihrer Pflege beschäftigt gewesen war ein heitres liebevolles Lebewohl
gab Jedem ein Andenken und schickte Alle von sich fort nur ich und ihre alte
Barbara blieben bei ihr »Ich habe sie auf meinen Armen gehalten da sie ans
Licht trat« sagte diese gottergebne Greisin »ich war Zeuge ihres Lebens vor
dem Herrn es ist hart dass ich ihr Grab erblicken muss und dann allein sterben
aber Sein Wille geschehe«
Der Pfarrer des Kirchspiels wohin ihre Hütte gehörte kam auf ihre Bitte
mit ihr zu beten »Sehen Sie meine Ellen« sagte sie wie der würdige Mann sich
eine Zeit lang entfernte »das ist das Göttliche unsrer Religion sie gibt wie
die Sonne jeder Pflanze die Wärme die sie ihrer Natur nach gebraucht so jedem
Menschen der es treu mit ihr meint die Art Trost die er nach seiner
Eigentümlichkeit bedarf Der starke Geist im gesunden Körper betet wie es ihm
Not tut und der schwache wie es ihn tröstet ich endlich deren Leben halb
schon entflohen ist ich sammle meine schwindenden Gedanken in den frommen
Worten dieses ehrwürdigen Mannes Ellen es ist wie wenn ich mich eines
schönes Liedes leichter erinnerte wenn Ihre liebe Hand die Melodie auf der
Harfe spielte« O du Engelmilde die auch im Tod noch bedacht war die erhabene
Frömmigkeit ihrer Seele um meiner Schwäche willen menschlich zu schildern
Nachdem sie gegen den Abend lange in Mattigkeit gelegen bat sie mich ihr
Popens Sterbelied eines Christen herzusagen Ich kniete an ihrem Bett und tat
es Sie schien die Worte im Innern nachzusprechen ich blickte sie noch einmal
an ihr Auge glänzte wie eines Überwinders Blick meine Stimme brach und wie
eine Trostlose schluchzte ich O Tod wo ist dein Sieg und verhüllte mein
Gesicht auf ihrem Deckbett Sie legte ihre Hand auf mein Haupt die Hand ward
schwerer und schwerer sie sank herab auf meine Schulter ich blickte auf und
sie lag wie eine Schlafende denn des Gerechten Tod gleicht dem Schlafe
Kein Mann auch der zartfühlendste nicht kann den Schmerz ermessen der
mich niederdrückte wie ich meiner einzigen Freundin meiner einzigen irdischen
Stütze den letzten Dienst erwiesen und ich nun den geliebten Leichnam von
Mietlingshänden in den Sarg einsperren sah wie ich endlich von der Grabstätte
zurückkehrte und gezwungen war die Leute aus dem Zimmer wo sie lebte die
letzten Spuren ihres Daseins forträumen fortputzen vertilgen zu sehen Männer
mögen unendlich tief den Schmerz fühlen aber sie verlieren in ihrem Liebsten
nie ihre Sicherheit ihre Stütze ja sich selbst sie können hinausstürzen in
die öde Welt und im Gedränge des Lebens der Gefahr ihrem Dasein einen Wert
beilegen das Weib muss hilflos an dem Platz stehen bleiben wo ihr Lebensglück
von ihr schied muss in dem Moment wo sie die Natur den Schrei des Schmerzens
auszustossen treibt durch die Formen des Anstands sich von einer kalten
Außenwelt die Vergünstigung leise weinen zu dürfen gewinnen
Wenige Tage nach Miss Mortimers Hinscheiden langte ihr natürlicher Erbe an
und eilte durch Eröffnung ihres letzten Willens den Bestand ihrer
Hinterlassenschaft zu erfahren Sie befriedigte ihn sehr wenig und diese
Fehlschlagung erbitterte ihn vielleicht dergestalt dass er der Verewigten später
eigenhändig hinzugefügtem aber nicht gerichtlich besiegeltem Befehl der alten
Barbara und mir den Genuss ihrer Wohnung so lange es uns gut dünkte zu
gewähren keine Folge leistete Er erklärte mir ohne Rückhalt dass er keine
Verbindlichkeit hätte diese Klausel zu achten weshalb ich ihm einen Mietzins
zu entrichten oder mir eine andre Wohnung zu suchen habe Nach dieser Erklärung
brannte mir der Boden unter den Füßen allein wohin sollte ich gehen Die
Verwandten meines Vaters waren mir stets fremd geblieben die meiner Mutter
waren mir während meines Pensionsaufentalts fremd geworden und späterhin hatte
ich sie mit leichtsinnigem Hochmut von mir entfernt in dem glänzenden Zirkel
in welchem ich mich im Taumel der Eitelkeit bewegt hatte war Keiner nicht
Einer der wie des Unglücks Wogen mich verschlangen nach mir gefragt hätte
und Keiner dem ich jetzt zutraute dass er mir Rat und Beistand schenken würde
Wie ärmlich der Ertrag weiblicher Arbeiten sei hatte ich schon erfahren der
einzige Weg mir ein Unterkommen zu schaffen schien mir eine Stelle als
Erzieherin zu sein An den Kenntnissen die ein reiches Mädchen braucht fehlte
es mir nicht einige Sprachfertigkeit zierliche Arbeiten des Luxus und der
Fantasie Musik gründlicher und ausgebildeter als man sie gewöhnlich antrifft
das waren meine Mittel des Unterrichts aber welches waren die der Erziehung
Ich wollte erziehen die kaum den natürlichen Jahren der Kindheit entwachsen
nur eben Zeit gehabt hatte zu erfahren dass es mir selbst an Erziehung gefehlt
habe Allein diese Erfahrung war ja vielleicht ein Mittel Andre erziehen zu
können und Gebet und fester Wille sollten das Übrige ersetzen Nur nicht in
London nicht auf dem Schauplatz meines schnell verschwundnen Glanzes wollte ich
in so verschiedner Gestalt auftreten mir diese Prüfung ohne die dringendste
Not aufzulegen schien sogar einer geziemenden Würde im Unglück nicht
angemessen und mein inneres Gefühl hieß diesen Widerwillen gut Sobald mein
Entschluss gefasst war eröffnete ich dem Geistlichen welcher mit meiner
sterbenden Freundin gebetet hatte die Bedrängnis meiner Lage und meinen Wunsch
sie auf dem erwähnten Weg zu verbessern Er ging mit warmer Teilnahme in meine
Verhältnisse ein erbot sich sogleich an eine seiner verheirateten Schwestern
im fernen Norden des Reichs zu schreiben und lud mich ein bis ich ein
anständiges Unterkommen gefunden in dem Schoos seiner Familie zu verweilen
Ein sehr unerwarteter Vorfall sicherte mich bei meiner gänzlichen
Verarmung in diesem Zeitpunct vor völliger Entblösung von Geld Unter den
Papieren meiner verewigten Freundin fand sich ein an mich überschriebner
versiegelter Brief er enthielt eine Banknote von dreihundert Pfund und im
Umschlag folgende Worte
»Meine teure Ellen brauchen Sie die beiliegende Summe ohne Bedenken und
ohne Nachfrage Sie gehört Ihnen ich hatte nie Ansprüche darauf sie kam in
einer sehr traurigen Stunde in meine Hand aber aus Furcht Sie möchten an die
Sterbende nutzlos verschwenden was der Überlebenden einst Not tun könnte
richtete ich es so ein dass sie Ihnen erst wenn alles vorüber ist übergeben
werden kann Elisabet Mortimer«
Ich mutmasste sogleich dass diese Summe von Herrn Maitland herkommen müsste
und fast überzeugt dass er jetzt gar keinen andern Anteil mehr an mir nehme
als den Mitleid mit einer Unglücklichen einflößt konnte mir diese Gabe nur als
eine Wohltat erscheinen Es war mir zu schwer so unweigerlich Almosen zu
empfangen wenn gleich mein bessrer Sinn meinem Stolze sagen wollte dass solche
aus der geehrtesten Hand am wenigsten verwunden sollten In der Hoffnung dass
sich unter Miss Mortimers Papieren eins finden möchte das mir über Herrn
Maitlands Denkart in Absicht auf mich irgend eine Spur geben könnte bat ich den
Erben der Verewigten mir diese durchsehen zu lassen Er vergönnte es mir
gern aber meine Hoffnung ward betrogen Eine Menge Briefe von Herrn Maitland
erwähnten meiner nie anders als im Ton gewöhnlicher Höflichkeit nur in dem
Fragment von einem zur Hälfte abgerissnen der wahrscheinlich durch ein Versehen
von meiner Freundin nicht ganz vertilgt worden war fand ich folgende Zeilen
»Ich will mich durch Ihre Beschreibung von Ihrer jungen Freundin
Vervollkommnung nicht blenden lassen Indem Sie ihre vorteilhafte Entwicklung
schildern haben Sie sie vor Augen in den Reizen geistigen Ausdrucks in den
schönsten Gesichtszügen Ich weiß wohl wie das kindliche Lächeln ihres Mundes
der helle Blick unter ihren seidenen Wimpern heraus das Herz besticht Dass ich
mich dessen noch erinnre nachdem meine Vernunft ihre Herrschaft wiedergewann
beweist ja die mächtige Wirkung dieser holdseligen Gestalt Ellen hat warme
Leidenschaften eine lebhafte Einbildungskraft ihr Unglück hat sie heftig
erschüttern müssen aber das bringt noch keine Gemütsveränderung hervor Was
unserm ganzen Leben zur Richtschnur dienen soll muss nicht auf Kräften beruhen
welche äussre Begebenheiten steigern und mindern können Ellens guter Verstand
muss mit ihrem tiefen Gefühl übereinstimmend erkannt haben dass ihr ganzes
irdisches Dasein zu einem himmlischen führe und daher kein Moment desselben
bedeutungslos keine Handlung gleichgültig sei Nur dann ist sie sicher nach
menschlichen Kräften im Wirken für Andre ihre Bestimmung und ihr wahres Leben
zu finden Denn das verehrte Freundin ist doch Religion die Religion die
in jeder äußern Form unsere Wohlfahrt sichert Doch das darf ich Ihnen nicht
erst sagen und gibt es eine Lage welche Ihrer jungen Freundin zu dieser wahren
Religion zu verhelfen vermag so ist es das Beisammensein mit Ihnen Ihr
Beispiel das Zeugnis das Ihr Leben von der Wahrheit Ihrer Frömmigkeit ablegt
Sie sehen wohl dass ich sehr fest entschlossen bin weise zu bleiben da ich
mich trotz dem Zauber der Liebenswürdigkeit der Ihre Freundin umstrahlt über
ihre Mängel selbst durch Ihre Lobreden nicht verblenden lasse
Die Ausführung meiner gegenwärtigen Plane wird mich noch Jahre lang von
Grossbritannien fern halten sonst könnte ich hoffen ganz von dem Joche befreit
welches Miss Percy fast gelungen wäre mir aufzulegen für ihr Glück wachen zu
ihrer Entwicklung beitragen zu können ich hatte einigen Einfluss auf sie Wäre
es einem vernünftigen Wesen geziemend sich mit Träumen zu beschäftigen ich
könnte träumen «
Hier war das Blatt abgerissen und meine Einbildungskraft konnte sich von
der möglichen Vollendung dieses Redesatzes nicht losreißen Dieses Bruchstück
überzeugte mich nur von dem was ich zu meiner schmerzlichen Beschämung je
länger je mehr einsah dass ich Maitlands ganze Liebe besessen und durch meine
Torheit beharrlich an ihrer Zerstörung gearbeitet hatte und dass sie endlich an
dem tödtlichsten Gifte von Schaamröte glühend konnte ich es nicht ausdenken
an Verachtung meiner Handlungsweise erstorben war Tief betrübt hatte mich
dieser Brief wohl gemacht aber den Mut benahm mir meine Betrübnis nicht Ein
schwacher Strahl des Lichts welches Maitland allein Religion nennen wollte war
in meiner Seele entglommen und es gab Augenblicke wo das Andenken an ihn sich
mit dem an meine verklärte Freundin solchergestalt verschmolz dass mein Schmerz
um ihn aller Torheit entwunden nicht mehr ein irdischer Schmerz war
Woher die Banknote kam blieb mir also ein Geheimnis und wie sicher es mir
schien dass ich sie Herrn Maitlands Fürsorge verdankte verbot mir doch meine
weibliche Würde sie ihm zurückzusenden da ich ohne allen Beweis für meine
Voraussetzung hätte aussehen können als suche ich ein Verhältnis das er
offenbar nicht aufrecht erhalten wollte wieder anzuknüpfen Ich sah deshalb
diese Summe als mein Eigentum an und der erste Gebrauch den ich von ihr
machte befreite mich von einer Schuld die wäre mir auch das günstigste
Schicksal zu Teil geworden zuerst getilgt werden musste um mir Seelenruhe zu
geben Jener beschämende Vorschuss den mir Lord Friedrich in den Tagen meiner
Torheit gemacht und den zu tilgen ich bisher kein Mittel vor mir gesehen
hatte wurde unverzüglich zurückgezahlt was mir übrig blieb musste ich mit der
treuen alten Barbara teilen die durch die Härte von Miss Mortimers Erben nach
einem Leben das sie ganz dem Dienst ihrer Herrschaft geweiht sich ohne
Unterstützung befand Nachdem ich das kleine Denkmal bezahlt hatte mit dem ich
Miss Mortimers Ruhestätte bezeichnen ließ und mir noch einige notwendige
Kleidungsstücke gekauft verließ ich mit dreißig Guineen als einziger Habe die
geliebte Hütte wo ich aus dem Abgrund der Verzweiflung zum Vertrauen auf einen
himmlischen Vater wiedergeboren ward dessen Leitung auf dem finsteren Pfade den
ich vor mir sah ich mich wenn nicht mit immer gleicher Heiterkeit doch mit
festem Vertrauen übergab
Es war ein stürmischer Winterabend an dem ich meinen stillen Schutzort
verließ ich hatte jeden Platz des Hauses der mir meiner Freundin Gegenwart
zurückrief noch einmal besucht hatte den Lehnsessel wo sie wenn ihre
Krankheit sie in dem Zimmer festhielt vom Fenster aus die Gegend und die
untergehende Sonne betrachtete gegenüber gesessen und mir die Worte voll
frommen Sinns die sie dann sagte wiederholt ich hatte vor ihrem Sterbelager
kniend gebetet und die Fülle der Wehmut hatte mich zu einer Ergebung gestimmt
die mich bei dem Abschied von der gastfreundlichen Hütte aufrecht erhielt Bei
dem Vorübergehen vor dem Gottesacker kehrte ich daselbst ein um den einfachen
Stein zu besehen der seit meinem letzten Besuche daselbst auf meiner Verewigten
Grabhügel aufgestellt ward Ich fand ihn wie ich gewünscht einzig bestimmt
mir und späteren Verehrern ihres Andenkens nach mir den Rasen anzuzeigen der sie
deckte Diese letzte Liebespflicht schien mir das Siegel der Unwiederruflichkeit
auf ihren Verlust zu drücken so dass ich wie sich die Kirchhofstür hinter mir
schloss noch einmal und bitterer den Schmerz empfand der bei dem Getöse der
ersten Erdschollen die auf Miss Mortimers Sarg herabrollten mich zerrissen
hatte Es war schon ziemlich dunkel wie ich den Pfarrhof erreichte Mein
schüchternes Klopfen ward nicht gleich gehört dennoch erwartete man mich in
dieser Stunde und der Gedemütigte ist sich so lebendig bewusst wie ihm neue
Verletzung erspart werden könnte Mein Entschluss bei dem Eintritt in meine neue
Freistätte den ersten Eindruck nicht über mich entscheiden zu lassen wurde
wankend und statt mein Klopfen zu wiederholen lehnte ich meinen Kopf weinend
an diese Tür die einzige auf Erden die mir Aufnahme versprochen und an die
ich nun vergeblich geklopft hatte Die Ankunft des Geistlichen endigte dieses
schwächliche Hingegebensein in die Nebenumstände eines harten Looses welches
ich im Ganzen mutig übernommen hatte Er klopfte heftig an indem er mich um
Verzeihung bat durch unerlässliche Amtsverrichtungen mich persönlich in sein
Haus abzuholen verhindert gewesen zu sein Auch auf sein Klopfen ward die Tür
nicht sogleich geöffnet doch man sah Lichter durch die Zimmer tragen hörte
Türen schlagen Treppen auf und ablaufen endlich ging die Tür auf und eine
Magd atemlos vor Eile leuchtete uns die Treppe hinauf »Ich hoffe liebe
Miss« sagte der Geistliche im Hinaufsteigen »Sie sollen sich sobald meine gute
Frau ihre Geschäfte alle abgetan hat einheimisch bei uns fühlen« Diese
Bedingung schreckte mich auf »es würde mir sehr leid tun wenn Frau durch
meine Gegenwart belästigt würde« erwiderte ich bestürzt »Wenn das nur
möglich sein könnte dann wäre sie recht in ihrem Element« rief mein neuer
Wirt mit etwas erzwungner Heiterkeit und öffnete die Tür des Vorzimmers Ich
nahm in dem Augenblicke wahr wie die Hausfrau von einem Stuhl herabstieg von
dem aus sie eine von der Decke herabhängende Lampe angezündet hatte sie band
schnell eine farbige Schürze ab warf sie in einen Winkel und kam mit einem
Schwall von Worten die mich zu bewillkommnen gemeint waren auf mich zu Man
hatte einmal in meiner Gegenwart gesagt die Pfarrerin sei eine gebildete Frau
und diese Eigenschaft hatte vorzüglich meinen Widerwillen die Wohltat ihres
Gatten anzunehmen vermindert Unsre Eitelkeit sucht sich bei der
vollständigsten Ergebung doch noch eine Befriedigung vorzubehalten indem ich
willig den Vorzügen entsagte die mir das Schicksal entrissen glaubte ich bei
einer Frau von Bildung Anklänge gleicher Empfindungen mit den meinen hoffen zu
können Dieser Empfang schien meinen Hoffnungen wenig zu entsprechen Mich mit
lauter Entschuldigungen über die Einfachheit ihrer Bewirtung und Voraussetzung
der Fülle welche ich so eben verlassen habe demütigend geleitete sie mich in
das Gesellschaftszimmer und drückte mich durch die Unfeinheit mit der sie ihren
Mann mir den ersten Platz anzuweisen erinnerte zu Boden Ich hielt es für
meine Pflicht ein Gespräch mit ihr zu beginnen allein ihre gespannte
Aufmerksamkeit auf jedes Geräusch das aus der nahen Küche zu uns hertönte
machte sie dazu ganz unfähig sie wendete den Kopf mit dem Ausdruck der größten
Ungeduld auf die Seite der Tür rückte auf ihrem Stuhl hin und her bis ein
Scherbengeklingel von zerbrochnem Porzelan ihr die Fassung entriss und sie die
Hände über dem Kopf zusammenschlagend aus dem Zimmer lief Der Pfarrer war
diese Auftritte wahrscheinlich gewohnt oder wollte durch seine Ruhe das durch
seine Frau gestörte Gleichgewicht wieder herstellen er rückte ohne sich stören
zu lassen seinen Stuhl näher zu mir und begann von einer neuen Flugschrift zu
sprechen Doch da wars eine Kunst den Faden des Gesprächs festzuhalten indes
in der anstoßenden Küche Zank Scheltworte und Befehle abwechselten endlich
aber griff ein unverkennbarer Ton und das darauf entstehende Geheul des Hundes
des guten Pfarrers Herz an seiner empfindlichen Stelle an er ward feuerrot
sprang auf machte drei rasche Schritte und kehrte dann mit dem fragmentarischen
Selbstgespräch ein Glück dass die Kinder alle zu Bett sind sein Gespräch
wieder anzuknüpfen auf seinen Sessel zurück
Endlich wurden wir zum Abendessen gerufen Meine Wirtin suchte mich mit
freundlichen Blicken zu empfangen aber ihre zuckenden Mundmuskeln verrieten
ihre innere Stimmung und diese obsiegte auch indem sie mich bitterlich
beklagte von alter zersprungner Fayence essen zu müssen weil die Dirne da
sie deutete auf das junge Dienstmädchen das sichtbar verschüchtert uns
aufwartete ihr so eben drei Dutzend feine Porzelanteller auf Einer Tracht
zerbrochen hätte »Das ist ein großes Glück mein liebes Weib bemerkte der
Pfarrer damit hat sie dir drei Dutzend Zorne erspart und diesen einen wollen
wir nun beseitigen« Das war aber nicht in der Gewalt dieses geplagten
Ehemanns sondern der Unmut seiner Frau ergoss sich in bittere Anschuldigungen
der ungeschickten Magd und Klagen über die überwältigenden Mühen einer Hausfrau
der es mit ihren Geschäften ein Ernst sei »Der Eifer sie zu besorgen ist
rühmlich meine Liebe« bemerkte der Gemahl mit behutsamem Ton »doch beurteile
selbst ob du nicht für die wichtigern Erfordernisse mehr Kräfte erübrigtest
wenn Du kleine Verwaltungszweige wie Fürsten zu tun pflegen deinen Ministern
überliessest« »Dann möchte es in meinem Hause aussehen wie in jener Staaten
und davor behüte mich der Himmel Sagen Sie selbst Miss Percy haben Sie während
Miss Mortimers langer Krankheit nicht die Folgen davon erfahren wenn die Herrin
nicht überall selbst gegenwärtig ist« »Verzeihen Sie« erwiderte ich
unwillig über die gleichgültige Veranlassung durch die sie sich an meiner
Freundin Tod erinnern ließ »in Miss Mortimers Hause war so viel Ordnung so
wenig Ansprüche ein so mildes Regiment dass ich in dieser Rücksicht ihren
traurigen Gesundheitszustand nie angesehen habe« Sobald ich ausgesprochen
hatte bereute ich den versteckten Tadel den meine Worte enthielten allein der
war an meiner Wirtin verloren sie sagte nur zerstreut von dem Ungeschick mit
welchem das Dienstmädchen eine Schüssel aufhob »So also wird Miss Mortimer wohl
nicht so gar genau haben haushalten müssen « Ich fand einen Sinn in dieser
Bemerkung der mich verletzte hatte aber Klugheit genug mir die Antwort zu
ersparen und diesem peinlichen Abend durch die Bitte mir mein Zimmer
anzuweisen ein Ende zu machen
Ach es war nicht das einfache Gemach eines Familienmitglieds wohin man mich
führte es war ein Putzzimmer in dem nichts bequemen Gebrauch versprach
sondern alles nur sorgsames Schonen aufdrang Doch müde von dem Kummer des Tags
und der Disharmonie des Abends legte ich mich mit der Hoffnung nieder dass nun
die Anstrengung des Empfangs von Seiten meiner Wirtin überstanden sei die
folgenden Tage geräuschlos in einfacher häuslicher Beschäftigung hingehen
würden denn so befremdlich mir die Art der Teilnahme an den Geschäften war
begriff ich wohl dass es einer Pfarrfrau sehr zur Ehre gereichen könnte sie
selbsttätig zu besorgen Allein meine Rechnung war falsch So sanft mein Schlaf
war so früh und unsanft ward er unterbrochen Fegen Scheuern Keifen
Befehlen Türenschlagen Kindergeschrei durch hörbare Acte der vollziehenden
Gewalt auf kurze Zeit beschwichtigt bewiesen mir dass meine arme Hausfrau bei
dem Aufwand aller ihrer Kräfte keine Ordnung und bei steter Autokratie keinen
Gehorsam einzuführen vermochte Die widerstandslose Ergebung des Pfarrers wäre
mir verhasst geworden hätte ich sie der Fühllosigkeit zuschreiben müssen allein
ich sah bald dass sie die einzige seiner Individualität mögliche Art war
Ärgernis zu vermeiden Sein ältestes Kind war in einer Pension in den Tagen
wo ich sein Gast war brachte er das zweite aus dem Hause und gab mir zu
verstehen dass er die armen Kleinen auf diese Art dem Einfluss einer traurigen
Häuslichkeit zu entziehen gedenke Um diese Ausgaben bestreiten zu können
arbeitete er angestrengt für Buchhändler Ich bedauerte und achtete den Mann
der tägliches Märtyrertum zu erleiden die Kraft besaß die ihm wahrscheinlich
im Anfang seiner Ehe gefehlt hatte um seiner Gattin fehlerhafte Neigungen zu
zügeln
Allein der Aufenthalt in diesem Hause war mir so drückend dass ich mich
überzeugte die härteste Dienstbarkeit könnte nicht quälender als die
Gastfreundschaft von Mistriss sein Die Antwort auf den Brief den der
Pfarrer an seine Schwester geschrieben ward daher mit der größten Ungeduld von
mir erwartet und war mir wie sie eintraf tausendfach willkommener da sie
meinem Beschützer meldete dass sie selbst mich in ihrem Hause aufzunehmen
wünschte um die Erziehung ihrer einzigen Tochter zu vollenden Meine
musikalischen Talente hatten mir bei ihr zu besonderer Empfehlung gedient
Mistriss Murray wünschte meine Bedingungen zu erfahren von denen sie fürchtete
sie möchten ihre Mittel übersteigen aber sehr geneigt wäre das Äußerste zu
tun Der Schwager des Pfarrers war Marineofficier und in diesem Augenblick zur
See Seine Gattin mit ihren Kindern einem Sohn und einer Tochter lebte in
Edinburg ein Umstand der zu meiner Befriedigung beitrug denn so sehr der
wackre Herr Sidnei mir zuredete einen sehr verteilhaften Platz den er in
London für mich gefunden hatte anzunehmen beharrte ich auf meinem Abscheu vor
der Gefahr dort meinen ehemaligen Bekannten zu begegnen Herr Sidnei sowohl wie
der Pfarrer redeten mir zu meine Abreise nicht auf eine so schwankende Aussicht
hin bei einer so ungünstigen Jahreszeit zu unternehmen sie stellten mir vor
dass mein Eintritt bei Mistriss Murray nur gewinnen könnte wenn meine
Verhältnisse in ihrem Hause vorher näher bestimmt würden Über diesen Umstand
war ich ganz gleichgültig Die Ungeduld meine jetzige Lage zu verändern machte
mich blind gegen alle Unannehmlichkeiten die eine andre ganz unbekannte mir
aufdringen könnte und somit ward meine Abreise beschlossen
Der Landweg nach Edinburg war für meine Mittel zu kostbar und wie sehr sich
auch meine beiden Ratgeber widersetzten verdingte ich mich doch auf ein
Handelsschiff und ging nach einem vierzehntägigen Aufenthalte in dem
Pfarrhause zur See Die gewaltsame Steigerung meiner Geistesstärke mit der ich
meine Abreise betrieben war in Gefahr gänzlich zu sinken wie der Pfarrer und
Herr Sidnei nachdem sie mich an Bord begleitet in ihrer Barke wieder ans Land
ruderten In einem feuchten Winternebel sah ich sie von meinem Schiff abstossen
zuerst wurden mir ihre Züge dann ihre Gestalten unkenntlich bald sah ich nur
noch ihre weißen Tücher in grauem Nebel wehen und endlich war der dunkle Punkt
den ihr Nachen auf den Wogen bildete vor meinen tränentrüben Augen
verschwunden Nun fühlte ich mich allein nun wäre ich gern zurückgekehrt in
das Haus das bei aller seiner unheimlichen Sitte mir jetzt eine Freistätte
schien Regen und Wind trieben mich vom Verdeck in ein dumpfes Behältnis wo
vierzig Mitreisende von der ungestümen Bewegung des segelnden Schiffes mehr
oder weniger angegriffen umher lagen Auch mich trieb diese unleidliche
Beschwerde mein Lager zu suchen Ich hatte kein zierlicheres erwartet gab
also meinem Ekel vor dem was ich fand nicht nach sondern strengte alle meine
Kräfte an die auf mich eindringenden unangenehmen Empfindungen zu ertragen Die
Gesellschaft meiner Gefährten in ihren bedrängten Umständen das Schwanken des
Schiffs das Geschrei der Seeleute das Klappern des Tauwerks das donnernde
Anprallen der Wellen an die Schiffswände und endlich wie der Wind wirklich
zum Sturm anwuchs das Geschrei und Arbeiten an der Pumpe die ein entstandenes
Loch unaufhörlich in Bewegung zu halten erforderte das alles waren Umstände
deren Zusammentreffen eine geübtere Reisende wie mich hätte angreifen können
Die Reisenden mit der Seefahrt unbekannt hielten das mäßige Unwetter für einen
weltzertrümmernden Orkan und drückten ihre Todesfurcht mit mehr oder weniger
Heftigkeit aus ich konnte unsere Gefahr nicht beurteilen empfand aber mein
körperliches Leiden so schwer hatte im Leben so wenig Vorteil zu hoffen dass
mir der Tod wahrscheinlich und willkommen schien Ich suchte nur meinen Geist zu
bekräftigen damit der entscheidende Moment mich gerüstet finden möchte Doch
der Sturm legte sich an Schiffsuntergang war nicht zu denken aber unser
Fahrzeug war so stark beschädigt dass wir die holländische Küste wohin uns der
widrige Wind getrieben hatte willkommen heißen mussten und des Hafens froh in
Rotterdam ans Land gingen
Gänzlich unbekannt mit den Mitteln wie mit der Notwendigkeit hauszuhalten
nahm ich ein Zimmer in einem anständigen Wirtshaus wo ich sehr eingezogen und
mit sehr ernsten Betrachtungen beschäftigt die acht Tage zubrachte welche unser
Fahrzeug zu seiner Ausbesserung bedurfte Wie es zur Abreise kam war ich
höchlich betroffen durch die Bezahlung meiner Rechnung die ganze mir übrige
Barschaft bis auf zehn Guineen vermindert zu sehen Dennoch fasste ich Mut
Meine Reise bis Edinburg forderte wenig Kosten mehr und dort konnte ich mich in
Mistriss Murrays Haus bis zum Ablauf des ersten Quartals aller Ausgaben
enthalten Der erste Teil dieser Aussicht ging in Erfüllung Unsre Überfahrt
von der holländischen Küste nach Edinburg war angenehm und so schnell dass ich
schon nach vierzehn Tagen in dem Hafen einen Mietwagen bestieg der mich nach
Edinburg führte
Ich war über den nun zunächst mir bevorstehenden Augenblick in einer solchen
Spannung dass ich die romantische Lage der Stadt die Schönheit ihrer Straßen
gar nicht bemerkte sondern zwischen dem innigsten Gebet zu Gott den Antritt
meines neuen Berufs zu segnen und den Bildern welche sich meine
Einbildungskraft von meiner bevorstehenden Lage machte geteilt war Ich malte
mir Mistriss Murrays Bild bis auf ihre Kleidung ihre erste Verbeugung aus O
möchte sie nur in ferner Ähnlichkeit nur im letzten Nachklang Miss Mortimer
gleichen seufzte ich aus beklommner Brust Aber Herr Maitland hatte mir oft
seine Landsmänninnen als groß kräftig rasch gemalt das Bild glich Miss
Mortimer nicht und mir schien es recht fürchterlich eine solche hohe strenge
knochenstarke Frau zu erblicken Indes rollte mein Wagen durch die bei später
Tageszeit stillen menschenleeren Straßen mir ward immer bänger bis er endlich
an einem schönen aber ganz unerleuchteten Hause stille hielt Ich schellte und
atemlos wartete ich bis die Türe sich öffnete so dass ich den Diener kaum
verständlich fragte ob Miss Murray zu Hause sei Nein Ihre Gnaden sie ist
seit vierzehn Tagen verreist Großer Gott verreist wohin Nach Portsmout
Sobald die Nachricht kam dass der Kapitain verwundet dort ans Land gestiegen
sei reiste Mistriss Murray mit ihrer Tochter dahin ab Und ließ sie keine
Briefe für mich zurück Des Bedienten Antwort überzeugte mich dass kein Mensch
meine Ankunft erwartet hatte ich übersah nun die Folgen meiner übereilten
Abreise und sank halb ohnmächtig vor Schrecken in den Wagen zurück Steigen
Sie hier aus Ihre Gnaden fragte jetzt der Kutscher Nein rief ich ohne zu
wissen was nun weiter zu tun möglich sei Wohin soll ich Sie denn führen
fragte Jener wieder Ich antwortete mit einem Tränenstrom denn ich wusste
keine Tür die sich mir öffnen wo Jugend und Armut Schutz finden könnte Der
Bediente schien von meiner Betrübnis gerührt vielleicht sagte er hat Mistriss
Murray meinem jungen Herrn Aufträge an Sie zurückgelassen Ist der Sohn des
Kapitains zurückgeblieben Ja Ihre Gnaden er blieb um seine Kollegien
auszuhören Er ist jetzt nicht zu Hause muss aber sogleich heimkommen Belieben
Sie einzutreten und sich auszuruhen
Mir schien es am besten diese Einladung anzunehmen ich zahlte den Kutscher
aus und folgte dem Diener ins Haus Er führte mich in einen artigen Salon wo
ein erfreuliches Steinkohlenfeuer Helle genug gab um den Aufputz des Zimmers zu
erkennen Zierliches Gerät Bücher auf allen Tischen eine schöne Harfe Mappen
mit Zeichnungen bewiesen mir das Streben nach Bildung in dessen Bewohnern Mein
zerschlagner Mut hob sich von neuem ich untersuchte die Bücher es waren
meistens juristische Werke daneben ein sehr zerlesenes Exemplar der neuen
Heloise ein Tibull jetzt fiel mir ein großer Stricksack der am Sopha hing
in die Augen er mochte wohl ein halbes Dutzend paar Strümpfe enthalten sie
guckten obenheraus und mit ihnen ein Gebetbuch Die Mappen verrieten die
beginnende Kunstfertigkeit der jungen Miss ungeheure Blumensträusse in winzigen
Körben Landschaften mit Schweizerhütten und überem Kamin ihr Gemälde in der
Stellung den Horopipe zu tanzen Ich betrachtete das alles mit sehr geteilter
Aufmerksamkeit weil ich von einem Augenblick zum andern den Eintritt Herrn
Henrys erwartete Endlich hörte ich einen raschen Schritt unter den Fenstern
vorbeigehen ein Liedchen ward geträllert und ein nachdrückliches Pochen
verkündigte den Herrn vom Hause Die Angst schärfte mein Gehör ich vernahm
oder glaubte zu vernehmen dass der Bediente meine Ankunft meldete einige
schnell auf einander folgende Fragen schienen mir Neugier ohne Verlegenheit zu
beweisen und darauf eilte der Fragende auf den Salon zu Bei seinem Eintritt
ins Haus war ich aufgesprungen dann war mirs eingefallen dass ich linkisch
aussehen müsste ließ ich mich stehend finden also setzte ich mich wieder mein
Herz schlug hörbar und es bedurfte der mir erst so spät erworbenen Herrschaft
über meine äußern Bewegungen um bei Herrn Henrys Eintritt mit Fassung zu
erscheinen Wahrscheinlich hatte die Abenteuerlichkeit meiner Ankunft im Hause
welche der Bediente dem jungen Menschen berichtet haben mochte ihm eine
kurzweilige Bekanntschaft versprochen sein Eintritt hatte wenigstens etwas
Unachtsames das bei meiner Annäherung einem Ausdruck von Erstaunen und
ehrerbietiger Höflichkeit Platz machte Er bestätigte die Aussage des Bedienten
Mistriss Murray hatte gar nicht daran gedacht dass ich mich bevor eine nähere
Verabredung stattgefunden auf den Weg machen könnte und hatte deshalb nicht
die geringsten Anstalten zu meinem Empfange getroffen Der junge Mann der bei
ziemlich regelmäßigen Zügen schöne große schwärmerische Augen besaß und
keineswegs wie ich ihn mir vorgestellt ein tölpischer Schulknabe sondern ein
schlanker zierlicher Jüngling von achtzehn bis neunzehn Jahren war suchte mich
zu überzeugen dass nichts natürlicher sei als seiner Mutter Rückkehr in ihrem
Hause ruhig abzuwarten So ehrerbietig die Art war mit welcher er mir diesen
Vorschlag tat lehnte ich ihn dennoch bestimmt ab bat um die Adresse seiner
Mutter um ihr meine Ankunft zu melden und um ihre Befehle zu bitten und
forderte einen Mietwagen um noch heute Abend ein anständiges Unterkommen zu
suchen Rücksichtlich des Erstern sagte er mir dass die Post in dieser halben
Stunde noch abgehe einen langen Brief zu schreiben sei daher unmöglich er
wolle dem seinen der zum Siegeln bereit liege die Nachricht von meiner Ankunft
und meiner Verlegenheit noch hinzusetzen Was aber meine Absicht heute Abend
noch ein Unterkommen zu suchen beträfe so wäre sie grausam gegen mich gegen
seine Mutter und gegen ihn selbst »Wodurch« sagte er mit dringend bittendem
Ton »hat meine Mutter verschuldet dass Sie eine rücksichtslose Unfreundlichkeit
in ihr voraussetzen Wodurch zog ich mir die Weigerung zu einen Abend nur meine
Gesellschaft zu dulden Und endlich und vor allem wie können Sie wagen in
später Nacht es hatte wirklich zehn Uhr geschlagen in einer unbekannten großen
Stadt auf Geradewohl ein Unterkommen zu suchen« Wahrlich dieser Erinnerung
bedurfte es nicht um mir meine grausame Lage fühlbar zu machen Ich hatte mit
äußerster Anstrengung bei dieser Erörterung einen gefassten Ton zu erhalten
gesucht bei Herrn Henrys letzter Frage wollten meine Tränen gewaltsam
hervorbrechen als der Ton seiner Stimme mir ein so bewegtes Gemüt von seiner
Seite verriet dass ich aufmerksam auf die Notwendigkeit hier meine
Selbsterrschaft zu behalten meinen Schmerz niederkämpfte und durch meine
Einwilligung diese Nacht die mir angebotne Gastfreundschaft anzunehmen dem
Streit ein Ende machte Herr Henry befahl sogleich und mit einer Freude die mir
deutlich bewies welchen Wert er auf meine Einwilligung legte das
Schlafcabinet seiner Mutter zu meinem Empfang zu bereiten und der übrige Abend
verging in lebhaftem Gespräch über allgemeine Interessen Noch nie hatte ich
Gott so herzlich für ein sanftes Lager gedankt wie diesen Abend an dem ich
doch nicht wusste wo ich am folgenden Morgen einen Schutzort finden würde Gott
hatte mir heute eine Ruhestätte gegeben alle meine Verstandeskräfte konnten die
morgende nicht aussinnen deshalb empfahl ich mich seiner Obhut und überließ
mich der Erholung des Schlafs
Herrn Henrys Empfang beim Frühstück war voll Ehrerbietung aber nicht so
gleichgültig wie meine Verhältnisse es nötig machten Wie ich seinen
Morgengruß mit der Bitte beantwortete mir sogleich durch seinen Diener eine
Person anweisen zu lassen die mir eine Wohnung verschaffen könnte antwortete
er mit Bekümmernis wenn ich hartnäckig die natürlichste Handlungsweise die
nahe Rückkehr seiner Mutter oder ihre wahrscheinliche Bitte sie in Portsmout
aufzusuchen in ihrem Hause abzuwarten verweigerte so schlüge er mir vor eine
ihrer in Edinburg verheirateten Schwestern um Rat oder Beistand zu bitten Das
war ein Lichtstrahl in dem Dunkel das sich vor meine Aussicht gelagert ich
widerlegte alle seine wiederholten Bitten um Abänderung meines Beschlusses und
trieb ihn an gleich nach dem Frühstück diese Tante für mich um ihren Schutz zu
ersuchen Er blieb lange aus ich hatte Zeit mich dem ängstlichsten Nachdenken
zu überlassen und wie er zurückkehrte versicherte er mich Mistriss St Klaire
nicht zu Hause gefunden zu haben Ich musste mit seinem Versprechen gegen den
Abend noch einmal zu ihr zu gehen mich begnügen und suchte meine Unruhe durch
Gespräch und Harfenspiel zu zerstreuen Mein Spiel entzückte den jungen Mann er
äußerte die bitterste Klage über seiner Mutter Vergesslichkeit für den möglichen
Fall meiner Ankunft keine Befehle gegeben zu haben »Dann dürften Sie unser Haus
nicht verlassen Miss Percy dieselben grausamen Ursachen die Sie jetzt von mir
treiben gäben dem Bruder Ihres Zöglings dann ein Recht Sie zu schützen« Ich
wusste nun aus Erfahrung wie nachteilig es für unser Geschlecht werden könnte
Dinge als Scherz aufzunehmen die einer ernstaften Deutung fähig sind ohne auf
diese durch die Art des Vortrags noch bedeutenderen Worte zu antworten begab
ich mich um das Gespräch abzubrechen in mein Zimmer Wie ich nach einer Weile
wieder in den Saal gehen wollte hörte ich eine fremde Stimme die nach Herrn
Henry fragte dieser trat aber sogleich aus dem Sprechzimmer heraus und rief
lebhaft dem Eintretenden zu »So eben wollte ich zu Dir schicken Du musst mit
mir zu Mittag essen ich will Dir die Bekanntschaft eines Engels verschaffen«
»Ein Engel hier im Hause« »Hier im Hause meiner Schwester Erzieherin«
»Mit der hältst Du indes Haus Das wird Deine Mutter ungemein erbaulich finden
Hat dies so bestellt« »Gott nein sie weiß nichts von ihr « Darauf
sprach er leise ihn von der Treppe hinwegführend Ich wusste nun genug um meine
Unentschlossenheit zu beenden Gedemütigt der Gegenstand der Bewunderung von
ein paar Kollegienschülern zu sein beschloss ich sogleich ihre Aussicht auf das
Mittagsmahl zu hintergehen Auf meine Bitte und durch das Geschenk einer halben
Guinee in mein Interesse gezogen ging die Hausmagd sogleich mir bei
rechtlichen Leuten eine kleinen Wohnung zu suchen und einen Mietkutscher zu
holen der mich und mein Gepäck augenblicklich dahin abführe Sobald beides
erlangt war begab ich mich in das Besuchzimmer von Herrn Henry um Abschied zu
nehmen Er war äußerst bestürzt aber sein junges Gemüt hatte noch die
schätzbare Zartheit die dem Betragen bei halb bewusster Schuld die Sicherheit
raubt Der Besuch seines Freundes die Einladung an ihn hatte ihm die
Zuversicht mit der er noch heute früh mich in seiner Mutter Hause zurückhalten
wollte vermindert er bat mich niedergeschlagen nur so lange zu verziehen bis
er noch einmal Mistriss St Klaire aufgesucht habe Ich versicherte ihm meine
Absicht ihr selbst meinen Besuch machen zu wollen ließ mir ihre Adresse geben
und fuhr nach meiner neuen Wohnung ab
Mir war wohl wie ich von meinem kleinen Zimmer das Wohn und Schlafstätte
zugleich war Besitz genommen hatte Ich fühlte neuen Mut gegen die Außenwelt
nun ich mir in meinem Innern das Zeugnis recht getan zu haben ablegen konnte
Der einsame Abend ward angewendet um beim Schein meiner einzigen dünnen Kerze
an Mistriss Murray zu schreiben Lange stritt ich mit mir selbst was die
Redlichkeit mir geböte ihr zu sagen Die Verlegenheit in die mich ihre
Abwesenheit gesetzt hatte war meine Schuld denn sie hatte mich nicht
abzureisen eingeladen ich hatte also gar keine Ansprüche an sie musste mich ihr
gleichsam von neuem nur anbieten Dieser Schritt war aber wegen ihres Sohnes
schnell gefassten Wohlgefallens an mir reiflich zu überlegen Herrn Henrys
Vergaffung war unzweifelhaft dass aber diese bei einem zwanzigjährigen
Rechtscandidaten nicht als eine dauernde Leidenschaft zu behandeln sei sagte
mir meine Vernunft dass aber Vorsicht und Anstand verböten durch meinen
Eintritt in seiner Mutter Haus diese Vergaffung zu unterhalten ihn von seinen
Studien zu zerstreuen seinen Eltern Unruhe zu bereiten sagte mir mein Gewissen
und mein Zartgefühl Was war da zu tun Der Mutter selbst zu melden dass
ihr Sohn meine Schönheit bewundre wäre eine Albernheit die Aussicht in ihre
Familie aufgenommen zu werden die einzige die mir in meiner verlassenen Lage
vergönnt war von mir zu weisen wäre ein Verrat an mir selbst gewesen und
hätte Herrn Henrys Gefühlen zu viel Wichtigkeit beigelegt Ich half mir mit
einem Mittel das mir jetzt ein bisschen jesuitisch scheint damals aber
Entschluss eines reinen Willens war und mir deshalb auch keine Reue gekostet hat
Ich beschloss mich zu Mistriss St Klaire zu begeben und ihren Rat zu erbitten
gewiss würde sie ihrer Schwester ein Wort über meine Gestalt schreiben wenn ihr
dieses keine Unruhe über die Sicherheit von ihres Sohnes Herzen einflößte So
glaubte ich bei der redlichen Absicht jedes nähere Verhältnis mit ihm zu
meiden die Freistätte welche mir Miss Murrays Haus versprechen könnte
annehmen zu dürfen In diesen Gesinnungen verfasste ich meinen Brief ich meldete
auch meinem gütigen Pfarrer meine Ankunft in Edinburg und die Unannehmlichkeit
die mich daselbst betroffen und so war die Stunde herbeigekommen die mich
jetzt ein Bedürfnis trieb im Gebet zu Gott und mit Prüfung meines eignen Herzens
zuzubringen Sie gab mir den Seelenfrieden in dem man vertrauensvoll sich der
Erquickung des Schlafes überlässt
Früh am folgenden Morgen kam Herr Murray und drei Stunden verflogen in
lebhaftem Gespräch wodurch mir aber das Unziemliche meiner Verhältnisse gegen
diesen Jüngling nur auffallender wurde Sobald er mich verlassen hatte suchte
ich Mistriss St Klaire auf Ich fand eine hagere lange ältliche Dame in einem
ziemlich engen hochlehnigen Armstuhl mit dem Ausnähen eines grossblumigten
Musters in Linon beschäftigt Sie ließ mich ziemlich weit im Zimmer vortreten
stand dann auf wodurch sie sich notwendig einen Schritt vorwärts bewegen
musste und wie sie ihre ganze Höhe erreicht hatte hörte ich den dicken steifen
Troguet ihres dunkelbraunen Kleides etwas rascheln woraus ich schloss dass sie
eine Art von Verbeugung gemacht haben müsste sichtbar war sie mir nicht »Herr
Murray hat wenn ich recht verstanden habe die Güte gehabt mich zu melden«
sagte ich schüchtern Die Dame blickte nach einem Stuhl ich hielt das für eine
Einladung mich zu setzen rückte ihn herbei und nahm Platz »Es ist sehr
unglücklich für mich Mistriss Murray nicht zu Hause zu finden« nahm ich da
keine Antwort erfolgte von neuem das Wort »Hum « tönte es ganz dumpf und
die Stille blieb ununterbrochen »Sie verließ Schottland sehr unerwartet«
»Sehr unerwartet« Wieder eine Pause »Ich hatte meine Herreise
unglücklicherweise schon angetreten ehe ich es erfuhr« »Das war schlimm«
»Sie wird doch nicht lange abwesend bleiben« »Davon weiß man nichts«
»Vielleicht wünscht sie nicht dass ich ihre Rückkehr erwarte« »Das weiß ich
nicht« Bis diesen Tag hatte ich kalte Abwehr jeder Teilnahme noch nicht
kennen lernen Ich hatte gewaltsame Unglücksfälle erlebt war in höchst
ängstlichen Verlegenheiten gewesen aber die drückenden Verletzungen des Gemüts
in gemein ruhigen Verhältnissen des Lebens waren mir noch unbekannt Mein Gemüt
hatte sich zu Gott gewendet aber mein Verkehr mit ihm dass dieser triviale
Ausdruck mir vergönnt sei war ein Feiertagsdienst ich hatte seine Hilfe in
so wichtigen Momenten erfleht dass es mir Entweihung seiner Größe schien diese
Hilfe bei den Dingen des gewöhnlichen Verkehrs zu verlangen Das war Folge der
noch mangelhaften Erkenntnis von dem wahren Wert des Lebens in mir indem jeder
Augenblick Fortschritt auf derselben Bahn zur Ewigkeit ist Jetzt kämpfte in
meiner Brust mein über so unerhörte Teilnahmelosigkeit empörtes Gefühl mit dem
Urteil meines Verstandes ihr nur Gleichgültigkeit entgegensetzen zu sollen
Der Verstand siegte ich atmete tief und fragte Mistriss St Klaire ob sie mich
nicht im Fall Mistriss Murray meiner Dienste nicht bedürfe in eine andere
Familie als Erzieherin empfehlen würde »Das wird schwer sein Die Leute
nehmen keine Fremde« »Die Empfehlung welche Mistriss Murrays Wahl lenkte
würde auch hier gelten« Doch wozu dieses Gespräch wiederholen Ich schied
von dieser Frau ohne die mindeste Hoffnung durch sie Hilfe zu erlangen Wie
oft indem ich meinen Weg einsam nach meiner Wohnung zurück nahm glaubte ich in
den Gesichtern die an mir vorbeigingen bekannte Züge zu entdecken Ein paar
Mal stockte mein Herz vor Entzücken bei dem raschen Schritt den eine bekanntere
Gestalt auf mich zu zu nehmen schien Könnte mir denn Gott nicht einen Retter
senden wollen fragte ich mich wenn meine Vernunft meine törichte Hoffnung
zurechtweisen wollte Aber fremd und ohne Teilnahme eilten die Menschen an
mir vorüber und ich kehrte einsam in mein einsames Zimmer zurück O wer in dem
verlassensten Winkel des Erdbodens nur ein Wesen hat zu dem er sagen kann die
Einsamkeit ist süß der weiß es nicht wie freudenlos eine Wohnung ist in der
wir nicht hoffen dürfen dass auch nur eine einzige teilnehmende Seele anklopfen
werde
Ich wusste also nun dass die Beantwortung meines Briefs an Mistriss Murray
meine letzte Hoffnung entschied aber auch dass jede Rücksicht erfordre den
Besuchen ihres Sohnes fortan zu entsagen Man meine doch nicht dass es bei dem
rationellen Standpunct wohin ich gelangt zu sein wähnte unmöglich ein so
großes Opfer hätte sein können auf die Besuche eines vergafften Studentchens
Verzicht zu tun Nicht weil er das war aber weil er das letzte gebildete Wesen
war durch das ich mit einer Welt für die ich gebildet und erzogen wurde
zusammenhing kostete es mir ein ernstes Opfer seine Besuche nicht mehr zu
gestatten Von nun an brachte ich eine lange Woche in völliger Einsamkeit zu
Der Gang in die nahe Kirche war die einzige Gelegenheit bei welcher ich die
Gasse betrat Meine Hauswirtin stellte mir den Nachteil dieser Lebensweise für
meine Gesundheit vor und bewog mich endlich meiner Sehnsucht nach Bewegung und
Luft nachgebend sie eines Tags bei einem Ausgang zu begleiten Es tat mir
unendlich wohl die freie Luft zu atmen in grösserm Umfang wie in den engen
Gassen den Himmel über mir die erleuchteten Berge um die Stadt her zu
erblicken Wie wir nach Haus zurücklenkten erblickte meine Hausfrau an der Tür
eines Hauses ein scharlachrotes Fähnchen auf dem mit großen Buchstaben die
Worte standen »Hier wird ausgepfändet« Sie sagte mir das verkündige einen
Verkauf von Hausgerät da könne man oft wunderwohlfeile Sachen bekommen ich
möchte doch ein bisschen mit ihr hineintreten Mir graute vor dem dunkeln
Eingang allein meine Lage erlaubte mir nicht sehr schwierig zu sein deshalb
folgte ich ihr nach durch einen finsteren schmuzigen Gang eine hohe steile
Treppe hinauf auf einen langen Gang dessen kleine Fenster auf einer Seite
schwarze spitze Giebel erblicken ließ auf der andern Seite aber mehrere
Türen in Zimmer führten die in eine Menge Wohnungen sehr armer Leute
eingeteilt zu sein schienen Das erste Zimmer einer dieser Abteilung war so
von Leuten angepfropft dass sie auch den Gang vor den Türen besetzt hielten und
es mir unmöglich machten meiner Hausfrau zu folgen Indem ich wartete um durch
den Haufen dringen zu können gewahrte ich ein kleines Kind auf den Armen einer
höchst ärmlich gekleideten Frau das mit Wangen auf denen die schönste
Gesundheitsröte prangte aus seinen glänzenden Augen einen schüchternen Blick
auf mich warf dann sein Köpfchen von der Mutter Schultern aufhebend lächelnd
auf mich hinsah Seine Mutter aber lehnte wie es schien in Kummer versunken
ihren Kopf an das Fenster Ich hätte sie gern angeredet aber ihr Schmerz gebot
mir Zurückhaltung denn ich war ja meiner Mittel ihr zu helfen nicht gewiss
Indem kam ein eben so ärmlich gekleidetes Weib wie sie selbst schlug sie
gutmütig plump auf die Schulter und sagte »Seid doch gefasst es ist schon
manch einer ausgepfändet worden« Meine arme Frau die bei dem derben Gruß der
Nachbarin ihre Tränen getrocknet und sich freundlich aufgerichtet hatte
verhüllte von neuem schluchzend das Gesicht in ihre Schürze Ich wendete mich
nun an die Nachbarin um mehr von der Weinenden zu erfahren und hörte dass
Cecile Graham so hieß die Trauernde die Frau eines Soldaten sei der aus der
von jeher den Bergschotten fest eingewurzelten Liebe für ihr Stammoberhaupt
sein Heimatstal verlassen hatte um der Fahne seines Häuptlings zu folgen
Ungern blieb seine Gattin zurück und nährte sich seitdem in der Hauptstadt
hinreichend mit ihrem redlichen Fleiß Endlich den Tag vor dem Mietsziel wo
sie alle ihre ersparten Pfennige schon zusammengelegt hatte um sie den nächsten
Morgen dem Hausherrn zu bringen brach ein Dieb ihren Kasten auf und raubte ihr
die mühselig gesammelte Summe Unfähig sich auf eine andre Weise bezahlt zu
machen gebrauchte der Hausherr sein Recht ihre Habseligkeiten zu seiner
Abzahlung zu verkaufen »Und will er dieses arme junge Geschöpf freundlos in die
Welt hinausstossen« rief ich mit inniger Teilnahme »Gott verzeihe ihm das«
»Mir mangelts nicht an Freunden Ihre Gnaden« sagte die Weinende in echt
schottischer Mundart aber viel weniger rohem Ton wie ihre Nachbarin »alles
Gewässer des Brearde kann mein Blut nicht von des Lords Verwandtschaft waschen«
»Welches Lords« fragte ich über den emphatischen Ausdruck lächelnd »Erdines
selbst Lady sein Großvater und meine Urgrossmutter waren Geschwisterkinder«
»Tut denn der Lord nichts für seine Verwandten« »Das würde er und er ist
nicht der Mann der den Bittenden ohne Hilfe lässt« »Warum wendet Ihr euch
denn nicht an ihn« »Wahrlich Lady ich will den Lord nicht belästigen er
könnte denken ich meine er müsse mich füttern weil Jemmy mit Herrn Kennet
fortgezogen ist das begreifen Sie« »Was wollt Ihr aber tun wollt Ihr euch
alles nehmen lassen« »Könnte ich nach den Hochlanden zurück so würde alles
andre schon gehen Überfluss sind wir nicht gewohnt ich hätte auch alles
hergeben wollen nur nicht das Stückchen Tuch das ich uns hinein zu wickeln
mit eignen Händen gesponnen« »Wie Euch hinein wickeln was soll das
bedeuten« fragte ich weit entfernt den Sinn ihrer Worte zu fassen »Nun ja
Jemmy und mich einwickeln mit Erlaub wenn man uns zur Ruhe trägt Und ein
hübscher Stückchen Flächsen konnte man nicht sehen Ihre Gnaden selbst hätten
drin ruhen können ja Miss Graham in eigener Person« Anfangs glaubte ich
wirklich die gute Frau rede irre aber bald schämte ich mich meiner
Unfähigkeit in das Gefühl eines Armen einzugehen Wie sich die menschlichen
Wünsche auf ein gutes Bahrtuch beschränken könnten begriff ich nicht gleich
aber das Ansehen der Frau sprach für ihren gesunden Verstand Ihre klare breite
Stirn und nahe über die Augen gezognen Braunen von blitzend lebhaften Augen
begleitet verrieten kühle Klugheit ihre festen scharfen Züge ob sie gleich
von der nationalen Backenbreite entstellt wurden zeichneten sie unter den
gemeinen Gesichtern der umstehenden Weiber aus Ich fragte sie darauf wie weit
ihre Heimat entfernt sei »Hörten Sie je von einem Ort der Glen Enradine
heißt Er mag etwa hundert Meilen und ein Eckchen weiter von hier nach Norden
und Westen hin liegen« »Und so weit wolltet ihr in dieser Jahreszeit reisen«
»Wenn es Gottes Wille wäre Hier und da müsste ich mit Erlaub wohl guter
Menschen Beistand erbitten Viel mitzunehmen habe ich nicht Da das Kind an
meiner Brust und ein Päckchen Tabak den ich für meine Mutter gesammelt mein
Knabe ist derb Gott segne ihn der liefe denn auch manchmal ein Stückchen neben
her« Ich ärgerte mich anfangs an dem Almosenbitten späterhin habe ichs bei
diesem Bergvolk ganz anders ansehen lernen Unter wahrhaft einfachen Menschen ist
das Hülfebitten des Reisenden ein letzter schöner Nachhall alter VäterSitte
der zufolge des Gastes Einkehr ein Segen des Herrn war Cecile erkannte es nicht
für das aber sie trat unbedenklich in die einfachen Menschenrechte zurück da
wo einfache menschliche Bedürftigkeit sie überwältigte »Warum wendet ihr euch
nicht ans Kirchspiel« fragte ich weiter »An das Kirchspiel an die
Armenbüchse Gott wird mich ja davor behüten Kirchspiel Nein nein wie groß
unsre Not ist dahin wird sie uns nicht treiben« Tränen drangen aus ihren
Augen sie herzte ihr Kind und rief »Du gutes liebes Tierchen2 eher soll es
dir und deiner Mutter an Dach und Fach fehlen ehe sie dir diese Schmach
bereite indes dein Vater so weit weg ist« Es kostete mir Mühe die gute Frau
zu überzeugen dass ich sie nicht beleidigen gewollt da nach den englischen
Sitten die Unterstützung des Kirchspiels gar nichts Entehrendes hat Jetzt kam
aber eine Nachbarin und meldete ihr dass so eben ihr Stückchen Tuch in Aufstrich
gebracht werden sollte »Nun in Gottes Namen« rief sie und brach aufs neue
in Tränen aus »so mögen sie mich denn in die blose Erde legen Die
PfundNote will ich nicht anbrechen« »Ihr habt also noch Geld« fragte die
Nachbarin »Ein Pfund das Jemmy seiner Mutter bestimmte und das ich ihr noch
nicht habe schicken können« Ich war zu lang an Reichtum gewöhnt gewesen um
Almosen weise zu verwenden allein die heldenmütige Entsagung mit der diese
Frau fremdes Eigentum ehrte riss mich hin ich drängte mich in die
Versteigerungsstube kaufte das Stückchen Leinwand brachte es Cecilen zurück
und erinnerte mich erst jetzt dass ich ohne ihr einen wesentlichen Dienst
geleistet zu haben ein für mich höchst empfindliches Opfer gebracht hatte Die
Zeit wo ich Beifall gab wenn eine schöne Empfindung meine Seele erhoben hatte
war vorüber daher legte ich meinem Eifer Cecilens Wunsch zu befriedigen
keinen Wert bei ich hätte mit eben dem Gelde ihre Lage wirklich erleichtern
können und sollte ich das nun versäumen Diese Mutter mit ihrem Säugling auf
den Armen so fern von ihrer Heimat schien mir so viel ärmer als ich dass es
mir grausam bedünkt hätte ihr nicht zu helfen Ich kaufte ihr notwendigstes
Hausgerät für sie zurück verschafte ihr ein Unterkommen in dem sie eine
mildere Jahreszeit abwarten konnte und kam nun so arm nach Hause dass mir nur
kärglich noch für eine Woche Lebensunterhalt übrig blieb
Ich habe bemerkt dass es nicht die Erinnerung an gute Handlungen ist die
uns in trüben Tagen Mut gibt Denn wenn wir in ruhigen Stunden unsre besten
Handlungen genau überlegen so bleibt wohl keine übrig die aus völlig reinen
Beweggründen geschehen wäre wenn auch im Augenblick selbst ein schöner
Enthusiasmus uns erhoben hätte Wenn unsre Weisheit oder was einerlei ist
unsre Kraft wankt so ist ein bedingungsloses Vertrauen in das höchste Wesen
mit dem Bewusstsein das Gute gewollt wenn auch nicht erreicht zu haben unsre
sicherste Stütze Das erfuhr ich jetzt in den Tagen die noch bis zur Ankunft
von Mistriss Murrays Antwort auf meinen Brief vergingen und noch mehr wie
diese mir sagte dass sie durch des Kapitains wankende Gesundheit gezwungen ihm
mit ihrer Tochter in ein wärmeres Klima zu folgen meiner Dienste gar nicht mehr
bedürfe Sie beklagte meine vergebliche Reise und verwies mich zu weiterer
Beförderung an ihre Schwester Mistriss St Klaire Anfangs verwarf ich diese
Schutzempfehlung auf das unwilligste das Andenken des herzlosen Empfangs dieser
Frau war mir noch zu neu aber was sollte ich tun Freund und geldlos wie ich
war musste ich meinen Widerwillen bekämpfen und sie nochmals aufsuchen
Wahrlich sie hatte sich nicht geändert und der äußerste Grad der Hülflosigkeit
hatte mich wohl zu größerer Nachgiebigkeit entschlossen aber nicht fühllos
gemacht Mit eben der unerschütterlichen Teilnahmlosigkeit wie das vorige Mal
erklärte sie mir ihre Abneigung sich meiner anzunehmen eben so die
Unwahrscheinlichkeit dass es mir gelingen könnte ein Unterkommen zu finden und
schloss damit dass zu meinen Freunden zurückzukehren für mich wohl das Beste
sein würde »Wenn das möglich wäre« sagte ich indem mir die Tränen in die
Augen stiegen »so würde ich Sie wohl nie mit meinem Besuche beschwert haben«
»Hm so fehlt es Ihnen wohl an Reisegeld« Gern hätte ich diese übermütige
Frage mit aufwallendem Stolze beantwortet aber ich war von der Heftigkeit
meiner Empfindungen der Stimme beraubt »Ich mag fremden Leuten zwar nichts
vorschiessen da aber meine Schwester in die Sache verwickelt ist so gebe ich
Ihnen hier fünf Pfund mit denen Sie Ihre Reise bis London bestreiten können«
So lange über ein Jahr hatte ich nun gearbeitet meinen Stolz zu
beherrschen und jedes Mal dass er angegriffen ward hatte er noch meiner
Vernunft die Herrschaft erschwert So wie sonst die Zuversicht auf meine
eingebildeten Vorzüge mich in meinem törichten Wahn auf eine höhere Wesenstufe
gestellt hatte so fühlte ich jetzt dieser fühllosen Frau gegenüber mich in der
Würde meines Unglücks gekränkt der Sturm meiner Empfindung brachte mein Blut in
so eine heftige Wallung dass ein heftiges Nasebluten mir vielleicht ein
gefährlicheres Übel ersparte Unfähig zu jeder Überlegung eilte ich aus
Mistriss St Klairens Zimmer und kam erst in der freien Luft wieder zur Besinnung
zurück Die gutmütige Neugier des Edinburger Volks setzte mich in eine neue
Verwirrung Männer und Weiber versammelten sich zahlreich um mich boten mir
Hilfe an und taten Fragen über die vermutliche Ursache meines Zufalls Ich
flüchtete in den einzigen sich in der Nähe befindlichen Laden und eilte sobald
sich die Menge verlaufen hatte nach Hause Es bedurfte nur des gleichern
Schlags meines geängsteten Herzens um mir die Unziemlichkeit ja das Unrecht
meines Betragens einsehen zu lassen Ich behandelte mich selbst wie ein krankes
Kind dem man die Veranlassung sich zu schaden ganz aus dem Weg räumt ich
drängte alle meine persönlichen Empfindungen jetzt zurück und fragte mich ganz
einfach ob die Widrigkeit ihrer äußern Erscheinung abgerechnet Mistriss St
Klaire meine Vorwürfe denn wirklich verdiene Sie die ich für eine fühllose
Frau hielt hatte die gemeine Pflicht der Menschlichkeit gegen mich erfüllt ich
aber die nach einer höheren Bildung strebte hatte das Beispiel unsers
erhabensten Lehrers sehr schlecht gegen sie beobachtet Gedemütigt in meinen
Augen durch meine Schuld nicht durch Mistriss St Klairens Misshandlung eilte
ich den Schritt zu tun den Menschenliebe und Klugheit gebot ich entschuldigte
in einigen Zeilen an Mistriss Murrays Schwester mein störrisches Betragen
begründete aber die verweigerte Annahme ihres Geschenks auf eine Art die nicht
ganz von dem Gefühl frei war das meinen Busen in ihrer Gegenwart geschwellt
hatte doch das rachsüchtig bittere Gefühl das mich in jenem Augenblick
empörte war aus meiner Seele gewichen Ist nun einer und der andre unter meinen
Lesern der in diesem Wechsel der Empfindung noch keine Selbsterrschaft in
meinem Urteil über Mistriss St Klaire keine evangelische Milde erkennen will
den warne ich dass er durch überlegnere Siege über sein individuelles Gefühl
nicht in geistigen Hochmut durch vorgebliche Feindesliebe nicht zu
heuchlerischer Bemäntelung seiner innern Gehässigkeit hingerissen werde
Da es nun durchaus notwendig geworden war Mittel zu meinem Lebensunterhalt
zu suchen so beschäftigte ich mich mit der Verfertigung einiger artigen
Kleinigkeiten wie ich sie während meines Aufenthalts bei Miss Mortimer zwar mit
wenig Vorteil aber doch mit einigem Erwerb verkauft hatte allein leider war
damals in Edinburg noch keine Verkaufsanstalt für weibliche Betriebsamkeit
eröffnet Jetzt verließ mich mein froher Mut Ich zweifelte keinen Augenblick
an Gottes Fürsorge ich rief mir die Gelegenheiten zurück wo sie mich aus
drohenden Übeln errettet hatte aber mein Kopf schmerzte mir von vergeblichem
Sinnen auf welchem Wege Auskunft aus meinem Elend zu finden sei bis
Tränenströme seine Spannung erleichterten In einem solchen Augenblick hörte
ich eines Morgens Herrn Murray bei meinen Hausleuten nach mir fragen Es waren
nun Wochen vergangen ohne dass der Anblick eines teilnehmenden Wesens mich
erinnert hatte mein Wohl oder Wehe könne noch irgend Jemandes Aufmerksamkeit
erregen eben so lange hatte ich den Austausch vernünftiger Gedanken ja den
Laut gebildeter Stimmen entbehrt Mit klopfendem Herzen zwang ich mich demnach
das meiner Hausfrau gegebne Gebot diesen jungen Mann abzuweisen erfüllen zu
lassen aber freilich empfand ich dabei einen Kummer den der Gegenstand an und
für sich selbst nicht hervorrief und nicht verdiente Indem ich meine Gedanken
zu zerstreuen trostlos in meinem kleinen Zimmer umherschaute erblickte ich
mein eigenes Bild in dem kleinen Glase das über meiner einzigen Wäschcommode
hing es zeigte mir eine so zerschlagne Geistergestalt dass ich froh war nicht
so vor meines Bewunderers Augen erschienen zu sein Jedes junge Geschöpf das
einst blühend und bewundert durch frühes Unglück sich vor der Zeit verblühen
sah kann wohl nicht dem bittersten Schmerz entgehen aber mir die ehemals in
dieser Bewunderung ihr ganzes Glück gefunden mir deren Gefühle so lange in
eitelen Bestrebungen unangeregt geblieben jetzt erst sich zur edleren Tätigkeit
entwickelten mir wars vielleicht zu verzeihen wenn ich meine erloschnen
Augen meine erblassten Wangen für einen grausamen Raub ansah den das Schicksal
an mir beging
Das einzige menschliche Wesen das ich jetzt zuweilen aufsuchte war Cecile
Graham mit ihren blühenden Kindern Wie ich den Ekel vor der Unordnung und dem
Schmuz ihrer Wohnung überwunden hatte fand ich bei ihr so viel Zeitvertreib
wie in den meisten zierlichen Gesellschaften Ich studierte den Menschen in ihr
Sie war ein Gemisch von gesunder Vernunft und Aberglauben augenblicklichem
Geize und herzlicher Freigebigkeit scharfsinnigem Beobachtungsgeist und
romantischer Fantasie Alles was sie sah und hörte erinnerte sie an eine alte
Begebenheit irgend eines tapfern Grahams oder an die Einwirkung eines
Gespenstes oder einer Elfe Das Andenken an Maitland dem mancher meiner
Augenblicke geweiht war brachte mich auf den Gedanken von Cecile die Gaelische
Mundart zu erlernen Mich selbst verspottend dachte ich mir seine
Überraschung wenn ich ihn einst wiedersähe und ihn in seiner Landessprache
von der ich freilich nicht wusste ob er sie noch verstehe begrüßen könnte
Indes Cecile an ihrem Spinnrade saß ließ ich mir alle möglichen Gegenstände von
ihr benennen und schrieb mit einem ungeheueren Aufwand von Selbstlautern die
Aussprache auf Cecile welche keinen Begriff hatte dass eine Arbeit ihren Lohn
in sich selbst haben könnte war sehr neugierig meine Absicht bei dieser
Anstrengung zu erfahren doch fragte sie mich nicht unmittelbar darum sondern
suchte mich durch Umschweife auszufragen »Sie wollen wohl selbst ins Hochland
gehen« fragte sie mich einst mit ihrem hellen durchdringenden Blick Ich
versicherte sie das falle mir nicht ein »Sie könnten einen braven Mann nehmen
der Sie dahin brächte« sagte Cecile weiter und setzte mit einer Andacht als
habe sie mir die höchste irdische Glückseligkeit gewünscht hinzu »und das gebe
Gott« »Ich danke Cecile ich habe aber keine Aussicht dazu« »Das können
Sie nicht sagen War doch Lady Eredine selbst mit Erlaub nichts Bessers als
eine Südländerin« Ich musste lachen denn Cecile sagte ihr »Erlaub« nur wenn
sie etwas Unanständiges zu entschuldigen zu haben glaubte »Wie kam der Lord
zu so einer Frau« fragte ich »Es war des Himmels Wille er konnte sie nicht
lassen und Herrn Kennet ists wenn er leben bleibt wies Gott gefallen möge
auch vorbehalten eine Landsmännin von Ihnen zu freien« »Habt Ihr Ahnungen
Cecile dass Ihr wisst was Herrn Kennet bevorsteht« »Nein Lady ich sah nie
etwas Ungewöhnliches aber wir haben in unsrer Gegend einen Spruch der sagt
Eine Rehkuh die aus der Fremde kam das beste Lager in Glen Eredine nahm und
der weiseste Mann in Killifoildich und das ist Donald Macjan sagte mir die
schönste SachsenBlume würde in der Halle von Kastell Eredine grünen und
blühen« »Das ist eine hübsche Weissagung Da sollte ich lieber gleich nach
Eredine gehen mein Glück zu versuchen« »Darüber ist gar nicht zu lachen«
fuhr Cecile ernstaft fort »Niemand weiß wo ihm sein Glück blühen wird Herr
Henry selbst könnte Sie wählen wenn er wüsste welche gute Dame Sie sind«
Dieser Herr Heinrich aber war Cecilens Held sie räumte zwar Herrn Kennet als
dem ältesten Sohn die erste Stelle in ihrer Ehrerbietung ein allein ihre
herzliche Liebe war Heinrich geweiht Sie hatte mir so viel von ihm seiner
fröhlichen Kindheit seinem Mut seiner Abhärtung auf Jagd bei Seestürmen und
allen Gefahren erzählt dass er mir wie ein alter Bekannter vorkam und ich auf
Cecilens Wort alles Gute und Große von ihm erwartete Allein dieser ihr Abgott
besuchte seine Heimat nur zufällig und verstohlen Die Ursache warum ein
Bergschotte dem das Feuer seines eignen Heerdes flammte dem ein betagter Vater
jedesmal mit Sehnsucht entgegen sah in der Fremde lebte wollte mir Cecile
anfangs nicht deutlich erzählen wie sie aber meine Teilnahme an ihrem jungen
Laird gehörig erprobt zu haben glaubte gab sie mir folgenden Bericht
»In der Michaelsmesse mag es gegen zwanzig Jahr sein« erzählte sie »als
Leute vom Klan Alpine der mit Erlaub nicht viel taugte die Kühe von Glen
Eredine hinwegtrieben alle sogar Lady Eredines eigne Kuh die nach der Lady
selbst Lady Eredine hieß Sie können denken ob die Erediner das ruhig mit
ansahen Herr Kennet hielt sich des Studirens wegen in der Stadt auf deshalb
wars nicht seine Schuld dass er nicht für uns focht aber Herr Henry er sollte
eben auch dahin abgehen der bat so lange und so dringend dass ihm der Lord
endlich seinen Willen ließ Donald Macjan stand beim Abschied zunächst an des
Lairds Lehnstuhl Knabe sagte er und legte seine Hand auf Henrys Kopf du
wirst Glen Eredine keine Schande machen und nicht mit leeren Händen heimkehren
dabei wandte er Donald einen Blick zu als wollte er sagen Du bleibst ihm zur
Seite und Donald sagte mir ihm habe sein Herz hoch geschlagen und er habe
gedacht zu kleinen Stückchen sollen sie mich hacken ehe ich einen Zoll von ihm
weiche Da zogen sie aus Donald und noch drei weil Herr Henry sagte er
wolle nur was er brauche denn so klug war er wenn gleich fast noch ein Kind
Er zog nun der Spur des Viehes nach durch Moor und Heide wie ein gemachter
Mann nur gekonnt hätte Augen hatte er wie ein Adler und machte den ganzen Tag
keine Rast auch nur um einen Bissen Brod in den Mund zu stecken obschon seine
Zähne damals länger waren wie sein Bart Nachts wickelte er sich in seinen
Plaid und legte sich mit den Andern auf den Boden wie es mancher wackre Laird
tat als die Gastöfe und Kutschen und dergleichen Hätscheleien noch nicht
Sitte waren
Gut früh war er vor den Rehen schon wach und wie er beim Morgendämmern von
Bouoghrin herabsteigt sind die Erediner Kühe Lady Eredine an ihrer Spitze das
Erste was er sieht Neil Roy Kalum Dubh und ein paar Andre die mit Erlaub
eben so wenig nutz waren hüteten sie und mancher Andre mochte etwa in den
Büschen versteckt sein Damals warens üble Zeiten Die roten Soldaten waren
kurz vorher eingebrochen und hatten unsern Männern ihre Wehren genommen so dass
der welcher geboren war Schwerter Schilde und Dolche zu besitzen genug um
den ganzen Glen Eredine zu bewaffnen keine Waffe in seiner Hand hielt als den
Haselstock den er von seiner Hecke geschnitten Aber ein Graham Lady packt
seinen Feind wenn ihm der Tod auch schon die Finger lähmt Herr Heinrich stand
wies ihm zukam vornan und gebot Neil Roy das Vieh friedlich wieder
herauszugeben Aber dieser Schelm mit Erlaub war so frech des Lairds Sohn zu
antworten was er genommen hätte wolle er behalten Wenn Dus im Stande bist
sagte Herr Heinrich und Neil schlug vor es sollten die fünf Erediner sich fünf
seiner Leute aussuchen und mit ihnen kämpfen Topp rief Herr Heinrich ich
wähle Dich und Schmach dem Erediner der nicht den stärksten Feind wählt O
Lady wenn Sie hörten was Donald von diesem Kampf sagt das Blut würde in Ihren
Adern erstarren Herr Heinrich hielt sich so tapfer dass Neil ungeduldig dem
Ding gar kein Ende zu sehen seinen Dolch zog um ihn in unsers lieben Lammes
gutes Herz zu stoßen doch er fuhr ihm nur ganz leicht in den Arm Wie aber
Donald ihn bluten sah ließ er seinen Gegner sprang dem Neil an die Kehle und
würgte ihn mit beiden Händen bis er den Dolch fallen ließ wobei Kalum Dubh
immer auf ihn losschlug wie auf eine Korngarbe allein daran kehrte Donald sich
nicht bis Herr Heinrich aus Edelmut ihm befahl ihn loszulassen wobei er ihm
mit eigener Hand vom Boden aufhalf und den Dolch so weit fort in die Heide
hineinwarf dass ihn niemand mehr fand Die beiden andern Alpiner lagen am Boden
die Erediner hatten also gewonnen und eilten zu dem Vieh Der eine rief Lady
Eredine der andre Duh Voiach schwarze Schöne und die guten Tiere erkannten
ihre Stimmen und sprangen ihnen nach Aber Herr Henry suchte zuerst Janet
Donalachs Kuh heraus weil sie einer Wittwe gehörte und vier Kinderchen von ihr
ernährt wurden aber alle andre kamen auch nach Haus Huf und Horn wie Herr
Heinrich zugesagt hatte und keiner der Alpiner durfte sich rühren denn Neil
hatte versprochen nur fünf gegen fünf sollten kämpfen«
»Aber Cecile was hat denn das mit Herrn Heinrichs Verbannung aus der
Heimat zu tun« »Das ei nun die SüdlandsSherifs die sich in alles
mischen zu müssen glauben so dass sie den Distelflocken nachspüren wohin sie
der Wind trägt meinten dass es auch zu ihrem Amt gehöre zu fragen warum die
Alpiner mit Glen Eredine gefochten Da mussten die roten Soldaten Neil Roy und
Kalum Dubh beim Kopf nehmen und die wurden auf Stirling Kastle gebracht und
nun hieß es man würde Herrn Heinrich auch abholen Lady Eredine hatte aber
immer gewünscht dieser solle fremde Länder bereisen da lag sie dem Lord so
lange an bis er es erlaubte Um nun nicht schwören zu müssen und damit
Menschenleben zu wagen verließ Herr Heinrich lieber Freunde und Mitgeborne und
Alle die gern den Boden geküsst hätten wo sein Fuß geschritten O wehe mir
entweder erinnre ich mich noch des Tags oder ich habe mirs so lange erzählen
lassen bis mir zu Sinn geworden ist als hätte ichs gesehen denn mir ists
als wüsste ichs noch wie meine Mutter mich auf ihre Arme nahm und das Tal
hinab ihn begleitete Jung und Alt ging mit ihm und der Pfeifer voraus spielte
das Klaglied Keiner konnte sprechen meine Mutter konnte ihm kein Lebewohl
sagen sie ging und ging bis sie nicht mehr fortkonnte und dann sah sie ihm
nach und segnete ihn und weinte Und die Säuglinge die diesen Tag auf den Armen
getragen wurden waren wie er das erste Mal wieder nach Glen Eredine
zurückkehrte schon auf den Beinen und liefen ihm auf eben dem Wege mit
Freuderuf entgegen« »Was ward denn mit den beiden Gefangenen« »Loslassen
mussten sie die Meinen Sie ein echter Schotte würde schwören damit ein
SüdländerSherif sein Mütchen kühlen möge Zwei Erediner versteckten sich
lange um dem Zeugnis zu entgehen Donald und Duncan Bane antworteten so listig
dass der Südländer nichts daraus machen konnte Da ward Neil frei und in
derselben Nacht was aber wie Donald sagte kein wackerer Erediner guteissen
konnte trieb er vier von des Sherifs eignen Kühen in Glen Eredines Triften
um Herrn Heinrich damit zu ehren aber der alte Laird schickte sie zurück als
haben sie sich allein dahin verlaufen«
Diese Erzählung und zwanzig andre in welchen Herr Henry immer als Held
auftrat vermehrten meine Teilnahme an einem Volksstamm dessen Charakter durch
zwanzigjährige Unterdrückung seine Hauptzüge noch beibehalten hatte Man entriss
ihm seine Volkstracht man nahm ihm seine Waffen die ihm als Schmuck und Wehr
gleich teuer waren ist es zu verwundern wenn diese beeinträchtigten
Menschen ihre Sicherheit in der Flucht ihre Stärke im Betrug suchten
Doch der sorgenvolle Arme ist selten sehr neugierig und wie teilnehmend
ich auch Cecilens Geschichte anhörte war mein Geist doch noch lebhafter mit der
mir drohenden Not beschäftigt Ich hatte schon eine für meine gänzlich
erschöpfte Barschaft sehr ansehnliche Summe daran gewendet in öffentlichen
Blättern meine Dienste als Lehrerin der Jugend anzubieten Wahrscheinlich
schenkten die Edinburger einer unbekannten Fremden kein Vertrauen Mein Versuch
blieb ohne Erfolg nun entschloss ich mich zu dem schwersten Schritt zu dem bis
jetzt die Not mich genötigt ich sammelte mir aus den Zeitungen die Anzeige
der verschiedenen weiblichen Lehranstalten der Stadt und ging eines Morgens im
kalten Winterfroste aus von Haus zu Haus meine Dienste anzubieten In dem einen
waren die Lehrerinnen schon überzählig in einem andern bestellte man mich auf
ein ander Mal in einem dritten nahm man keine so jungen Lehrerinnen an und so
kam ich nach einer langen Wanderung hungrig und erfroren in mein ödes Zimmer
zurück wo ich bei der Glut meiner letzten Kohlen und einem ärmlichen Mahl Gott
anflehte mir den Dank für die Wohltat zu lehren dass ich heute noch nicht ohne
Feuerung nicht ohne Nahrung sei O das ist ein gewaltsamer Zustand der von
wahrer Ergebung noch fern ist Aber das junge Leben das noch auf tausend
Wegen zum Glück gelangen zu können sich bewusst ist kämpft mit allen Kräften
gegen den Gedanken nur zur Entsagung bestimmt zu sein Im Alter ist das
leichter da verlieren sich die Wege einer nach dem andern und der einzige
letzte den wir noch wallen müssen führt sicher zum Ziele Schon hatte ich
durch Cecilens Beihilfe in der größten Heimlichkeit einige meiner aus London
mitgebrachten Kleidungsstücke verkaufen lassen um meiner Hausfrau ihre Miete
zu bezahlen und berechnete ängstlich die Zeit der abnehmenden Winterkälte um
dann irgendwo in einem Landstädtchen bei einer ehrbaren Familie die häuslichen
Dienste zu übernehmen eine Aufgabe zu der ich in der rauen Jahreszeit bei
meinen bisherigen Gewohnheiten die physische Möglichkeit nicht einsah Unter
diesen Umständen kam eines Morgens meine Hausfrau zu mir herein setzte sich
ohne Rücksichten denn zu diesen hielt sie sich gegen ihre arme Hausgenossin
nicht verpflichtet recht breit auf einen Sessel und erklärte mir »sie habe
gehört dass ich eigentlich in der Absicht ins Land gekommen sei in einem
reichen Hause Erzieherin zu werden nun habe sie eine Schwester die als
Stubenmädchen bei Mistriss Boswell diene einer so reichen Dame wie nur eine
der habe sie meine artige Person und sittsames Wesen gerühmt und die sauberen
Arbeiten die sie mich machen gesehen und die habe mich ihrer Herrschaft
vorgeschlagen um Miss Jessy ihr elfjähriges Töchterchen zu erziehen Mistriss
Boswell sei auch nicht ganz abgeneigt und so sollte ich doch ja unverzüglich
nach George Square gehen mein Glück zu versuchen« Also einer solchen
Empfehlung sollte ich meine Versorgung endlich zu verdanken haben dachte ich
mit schmerzlichem Lächeln Das ist der Lohn des stolzen Sinnes der sich lieber
in die unfreundliche Fremde begab als Gefahr laufen wollte in seiner Heimat
vor den Augen seiner Bekannten dienstbar zu werden Doch diesen Betrachtungen
nachzuhängen hatte ich nicht Zeit ich sah die Notwendigkeit die sich mir
darbietende Aussicht zu verfolgen und machte mich unverzüglich nach George
Square auf den Weg
Es war noch bei guter Zeit ich hatte mein ärmliches Frühstück eben erst
genossen meine eigne Einsicht hätte mich belehren sollen dass die reiche Frau
noch im Bette sein würde Dennoch kehrte ich bei dem Bescheid um ein Uhr
wiederzukommen mit gesunknem Mut nach Hause zurück Um ein Uhr erhielt ich
denn wirklich Zutritt Man führte mich in ein artig aufgeputztes Zimmer wo mich
Mistriss Boswell halb sitzend halb liegend auf einem zierlichen Sopha empfing
Ein mageres eckiges Gesicht mit einer aufgestülpten Nase und schwarzen Augen
machte dass sie auf den ersten Blick gescheidt aussah allein ihr gerade
eingeschnittner Mund ihre borstigen Augenbraunen ihre niedrige gedrückte
Stirn zeigten beim zweiten den Irrtum Sie vertrieb sich mit ihrer Tochter
einem schönen lockigen Kinde die Zeit vor einem großen Schmuckkästchen aus dem
sie Armbänder Halsketten Ringe hervornahm und sich und die Kleine so damit
behing dass sie wie Südseeinsel Prinzessinnen aussahen An der
Wohlgefälligkeit mit der sie sich in dem seitwärts hängenden Spiegel beschaute
war es sichtbar dass diese Beschäftigung zu ihrer sowohl wie zu Jessys Kurzweil
gereichte Ich stellte mich ihr bescheiden als die Person vor welche ihr als
Erzieherin ihrer Tochter empfohlen sei Sie stand nicht auf beantwortete auch
meine Rede nur mit einer Verziehung des Mundes die sie für ein Lächeln hielt
wovon jene aber auch nicht die fernste Ähnlichkeit hatte es war eine
Verlängerung der Mundwinkel von welcher Herz und Auge keine Notiz nahmen Nach
einer ziemlichen Pause sagte sie zu dem Kinde »Jessy meine Liebe geh zur
Kampel und sage ihr sie soll mir mein Riechfläschchen suchen und hilf ihr
dabei« »Nein nicht ich« rief die Kleine in heulendem Ton »ich weiß wohl
dass Du dein Riechfläschchen nicht brauchst Du willst mich nur fortschicken um
wegen der garstigen Hofmeisterin zu sprechen« »Nicht doch Herzchen geh nur
ich nehme Dich auch mit mir in der Kutsche spazieren und wir kaufen eine neue
Puppe eine große große mit blauen Augen« »Du hast mir schon einmal eine
versprochen wenn ich das O schriebe und hast sie mir doch nicht gegeben Jetzt
wirst Dus eben so wenig tun« Da ist mir gut in die Hände gearbeitet dachte
ich Mutter und Kind stritten sich fort bis Letzteres seinen Willen behielt und
die Mutter mir nun in Jessys Gegenwart meine Geschicklichkeit abfragte Das
Pianoforte Singen alle Wissenschaften zusammen sollten gelehrt werden mir
ward aber ehe der Katalog zu Ende war die Antwort erspart denn Jessy die
mich von allen Seiten betrachtet hatte fragte »Sie sind doch nicht selbst die
Hofmeisterin oder ja« »Ich hoffe es zu werden liebes Kind« »Ich dachte
Sie wären ein hässliches grämliches altes Ding Sind Sie grämlich Sie«
»Nein ich hoffe nicht« »Ei ich glaube Sie sind lustig und freundlich«
Mistriss Boswell warf mir einen listigen Blick zu der ihre Zufriedenheit
ausdrücken sollte »Nun Liebchen von der hübschen Lady möchtest Du doch Musik
und allerhand Dinge lernen« sagte sie zur Tochter »Ich will nichts lernen
gar nichts aber spielen soll sie mit mir und mich mit dem garstigen
Buchstabirbuch nicht quälen« »Nun sie soll Dich nicht quälen Miss Percy wie
viel Jahrgeld erwarten Sie« »Das bleibe Ihnen und Herrn Boswell überlassen
Achtungswürdiger Schutz ist für mich die erste Rücksicht« »Gewiss Schutz ist
eine wichtige Sache« bemerkte die Dame und schien sich dann lange von dieser
Verstandesanstrengung erholen zu müssen Ich hatte während dem das Glück
Jessys Gunst durch meine Unterhaltung so sehr zu gewinnen dass sie bei ihrer
Mutter nächster Frage wenn ich meinen neuen Beruf antreten würde durchaus von
keinem Aufschub hören wollte sondern so lange weinte und trotzte bis ich
denselben Abend noch wiederzukommen versprach
Durch ein unglückliches Schicksal nehmen meistens gerade diejenigen
Ehemänner die Zügel des Hausregiments welche am wenigsten sie zu führen
geschickt sind Eine Frau von Grundsätzen weist dieses Vorrecht von sich eine
vernünftige Frau sucht sich die Notwendigkeit das Regiment zu führen selbst
zu verhehlen Die innige Liebe des Weibes ist viel beglückter durch
Unterwürfigkeit als durch Herrschaft und gegen den überlegnen Geist der Frauen
ist die männliche Eifersucht schon hinlänglich bewaffnet Mistriss Boswell ward
durch keine dieser Ursachen verhindert ihren Mann am Leitseil zu halten Das
wunderte mich nicht weiter aber ich konnte lange nicht begreifen warum sichs
der Gatte gefallen ließ denn er war kein einfältiger Mann Ich erklärte mirs
endlich als die Folge seines langen Aufenthalts in den Kolonien wo er von
aller gebildeten Gesellschaft entfernt bei wenigen Geschäften gar keinen
literarischen Hülfsquellen einzig auf den Umgang seiner Frau beschränkt gewesen
war Sie hatte dagegen ein Herrschermittel das im häuslichen Leben obgleich
ganz negativ so mächtig ist dass ihm meines Bedünkens noch kein Ehemann
widerstanden hat Er flieht oder unterwirft sich Sie schmollte mit einer von
mir bis dahin nicht für möglich gehaltnen Hartnäckigkeit die allen Bitten
allem Nachgeben widerstand Außerdem war sie in ihrer ersten Jugend
wahrscheinlich hübsch gewesen das ist freilich ein vorübergehendes Mittel der
Gewalt allein ein sehr wenig rühriger Mann macht sich aus der einmal gefassten
Bewunderung seiner Frau eine Gewohnheit die es ihm bequem ist nicht zu ändern
Wo aber die Herrschaft fehlschlagen konnte bediente sich Mistriss Boswell der
List ihr war jedes Mittel willkommen Kind Gesinde ein Jeder der sich wollte
brauchen lassen ward gebraucht Dagegen wendete Kind Gesinde und wer sich
diese Mühe geben wollte gegen sie die einzigen Waffen an denen sie zugänglich
war Verleumdung und Schmeichelei und hatte sie nicht eben die Laune
Festigkeit zeigen zu wollen so widerstand sie diesen selten Schon am ersten
Abend den ich in ihrem Hause verlebte lernte ich ihre Eigenheiten kennen
»Wollen Sie morgen Jessy ihre erste französische Stunde geben« fragte sie mich
mit dem verbindlichsten Lächeln das sie aufbringen konnte »Ich sollte denken
meine Teure« sagte Herr Boswell nicht im Ton eines Oberherrn »wenn es Dir
gefällig wäre möchte es vielleicht besser sein das Kind lernte erst seine
Muttersprache« »Die kann sie immer noch lernen« antwortete die Dame indem
ihr Lächeln verschwand »Meinst Du aber nicht sie sollte lieber mit dem
beginnen was am notwendigsten ist« »Wir können Miss Percy ihre Zeit nicht
mit Englisch lehren verlieren lassen« sagte sie ohne den Gatten eines Blickes
zu würdigen Dieser bedurfte einige Sekunden seinen Mut zu sammeln dann fing
er mit sanftem Ton an »Ich glaube Miss Percy wird nie ihre Zeit für verloren
halten wenn sie unserm Kinde irgend etwas das Du ihm nützlich glaubst lehrt«
Mistriss Boswell drehte alle Ringe an ihren Fingern herum und sagte nach einer
langen Pause ohne eine Muskel ihres Gesichts zu bewegen »Man braucht das Kind
nur lesen zu hören« »Doch Miss Percys Sprache und Ausdrücke sind so
unvergleichlich gebildet « Hier unterbrach er sich von Anzeichen die mir
noch unbekannt waren in Zaum gehalten und die Dame sprach kein Wort mehr hob
ihre Augen nicht mehr auf Endlich wie ich mich zur Schlafenszeit hinwegbegeben
wollte sagte ich im innern Gefühl dass es dem Vater zustehe über den
Unterricht seines Kindes zu entscheiden zu Herrn Boswell »Soll ich morgen mit
Miss Jessy die englische Sprachlehre anfangen« »Wie Sies fürs Beste halten
wie es Ihnen gefällt« antwortete er zögernd und warf seiner Frau einen
schüchternen fragenden Blick zu auf den sie aber keineswegs zu achten
würdigte Nun begleitete ich sie bis an ihr Schlafzimmer wo sie mich zu meiner
Befremdung hineinzog und schnell hinter sich zuschloss so dass Herr Boswell auf
dem Vorplatz zurückblieb Sie setzte sich bequem nieder und erzählte mir von
Negersclaven Goldstaub und Elephantenzähnen Nach einer Weile bat der Gemahl
sehr freundlich um Einlass sie tat gar nicht als wenn sie ihn hörte Bei einem
zweiten Gesuch von seiner Seite sagte ich ihr gute Nacht wünschend »Ich
fürchte Herrn Boswell im Wege zu sein« »O sein Sie ruhig« rief sie den
Kopf schüttelnd mit einem listig sein sollenden Blick Da sie den Türschlüssel
in ihre Tasche gesteckt hatte hing ich von ihrer Willkür ab und sie schwatzte
unbefangen fort bis der arme Herr Boswell seiner vergeblichen Bitten müde von
seinem eignen Schlafzimmer fortging um in irgend einem andern Gemach eine
Schlafstätte zu suchen Sobald sie seines endlichen Rückzuges gewiss war schloss
sie mir die Tür auf und wünschte mir eine gute Nacht Während vier Tagen gelang
es Herrn Boswell auf keine Weise weder Blick noch Wort von ihr zu erlangen Er
willigte in ihren Unterrichtsplan für das Kind ihr Sinn war nicht zu wenden
Endlich am fünften Morgen gab sie ihm die erste noch sehr mürrische Antwort auf
eine seiner Fragen und ehe ich michs versah war die Versöhnung vollendet
deren Beweggrund von ihrer Seite wie ich später erfuhr Geldbedürfniss war
Sie machte mich sehr bald bekannt mit vielen ihrer kleinen Künste den Fehlern
ihres Gatten den Familienzwistigkeiten den Mitteln Miss Jessy zu gängeln
ihren Mann zu hintergehen das Gesinde zu belauschen Ich konnte die
Notwendigkeit dieser elenden Listen nie begreifen allein es liegt in jeder
Verstandesübung eine Art von Genuss diese Kniffe aber waren die einzige Art wie
Mistriss Boswell den ihrigen zu üben vermochte Dieser Charakter flößte mir
peinlichen Ekel ein in einem Grade den ich kaum zu unterdrücken im Stande war
Ich glaube es ist leichter Beleidigungen zu vergeben als fortwährend Milde
gegen einen Menschen zu üben der unsern Verstand so wie unser moralisches
Gefühl verletzt und diese Milde ist dennoch nicht weniger eine heilige Pflicht
der besonnenen Menschlichkeit wie jene Am wehesten tat mir Mistriss Boswells
Bösartigkeit dann wenn sie auf meinen Zögling Einfluss üben musste Aus
Eifersucht über des Kindes Neigung zu mir oder vielleicht aus bloser
Gewohnheit krumme Wege zu gehen führte sie die Kleine zu Heimlichkeiten an
die der Mutter Torheit oder des Kindes Einfalt mir immer verrieten Bald waren
es Vergünstigungen irgend einer Art die ihr streng verboten wurden der
Hofmeisterin wissen zu lassen oder sie ließ eine vernachlässigte Aufgabe
heimlich von Jemand anders an des Kindesstelle verrichten war die Kleine über
einen von mir erhaltnen Verweis betrübt so gab sie ihr Zuckerbrod und befahl
ehe sie mir nahe käme den Mund wohl auszuspülen damit ich es nicht wahrnähme
Nur die harte Notwendigkeit unter der ich seufzte konnte mich vermögen in
diesem Hause zu bleiben Mein Gefühl empörte sich um so heftiger gegen diese
elenden Kunstgriffe weil mir mein Zögling sehr lieb ward Die Tochter so einer
Mutter musste müßig verschlagen selbstwillig sein allein dabei war Jessy
anmutig gescheidt und von einer kindlichen Innigkeit die allen Verkehrteiten
ihrer Erziehung widerstanden hatte Dieser letzten Eigenschaft ist nie zu
widerstehen am wenigsten konnte ichs die außer diesem Kinde keinen Menschen
hatte der mir Liebe erwies Ohne Jessy wäre dieses Haus eine Einöde für mich
gewesen Mit Mistriss Boswell war kein Gespräch zu führen sie las nicht sie
beschäftigte sich nicht also fand keine gemeinschaftliche Zeitanwendung
zwischen uns statt sie dachte nicht also konnten wir keine Ideen auswechseln
sie war einzig mit sich beschäftigt es fand also keine Sympatie zwischen uns
statt Ihre Unart und Laune hatte Freunde und Bekannte von ihrem Tische
gescheucht nur ein paar arme alte Verwandtinnen die für ihre Untertänigkeit
zum Essen bleiben durften kamen ins Haus Herrn Boswells Aufmerksamkeit auch
nur im geringsten Maße auf sich zu ziehen war wie ich bald erfuhr eine
unverzeihliche Untat auf diese Weise blieb ich in diesem Hause so fremd wie
ich den Tag meines Eintritts gewesen war Welche strenge Schule musste ich
durchwandern Das einzige Geschöpf an das ich ein vernünftiges Wort richten
konnte das einzige für das ich Liebe empfinden konnte war ein Kind das man
nicht meiner Einwirkung überließ mein Unterhalt hing von einem völlig
verächtlichen Wesen ab aber ich war jetzt so weit zur Selbsterkenntnis
gekommen dass ich fühlte wie ich gerade durch diese schweren Obliegenheiten am
besten zur Beherrschung meines noch immer aufstrebenden Stolzes gelangen könnte
und ich wiederholte mir täglich das Versprechen geduldig abzuwarten bis die
Vorsehung mir eine tröstlichere Aussicht eröffnete
Der einzige Genuss den ich in meiner ärmlichen Einsamkeit gehabt hatte
meine Besuche bei Cecile Graham waren mir in meiner neuen Lage unmöglich Jessy
konnte ich nicht mit dahin nehmen und so lange allein auszugehen war mir nicht
vergönnt so ward denn auch mein Erlernen der Gaelischen Sprache aufgegeben und
ich musste mit niedergeschlagenem Herzen dennoch lächeln dass mir darum die
Möglichkeit Herrn Maitland wiederzusehen entfernter schien weil ich dieses
Band zwischen ihm und mir zerreißen musste Endlich einmal an einem Tag wo
Mistriss Boswell Jessy mit sich genommen hatte um ihr Spielzeug zu kaufen nahm
ich die Zeit wahr zu Cecilen zu gehen Ich fand sie beschäftigt auf dem
einzigen hölzernen Stuhl den sie besaß Haferkuchen zu kneten denn ihr Tisch
lag so voll von den verschiedensten Dingen dass sie darauf keinen Platz hatte
Bei meinem Eintritt warf sie den Teig bei Seite zog einen zerrissnen Strumpf von
einem quer über die Stube gezognen Strick stäubte damit den Stuhl ab und bat
mich zu sitzen Ich entschuldigte mich dass ich sie störte »O das tut gar
nichts« rief sie »ich bin gewiss Sie bringen immer Glück und ich dachte
schon ich würde Sie nie wiedersehen« »Warum besuchtet Ihr mich nicht«
fragte ich »Ja Lady ich war an Ihrer Tür eines Tags wo man sagte Sie
wären ausgegangen ich kam dann zwei oder dreimal wieder hin und setzte mich mit
den Kindern auf die Stufen und meinte immer Sie sollten aus der Tür treten
aber es ward mir nicht so gut« »Warum liesst Ihr mich nicht rufen« »Liebe
Lady« sagte Cecile mit einem Lächeln stolzer Demut »die Leute hätten Wunder
denken können warum ich Sie sprechen wollte Aber viel habe ich an Sie gedacht
Man sagt des Fremdlings Odem ist kalt aber gewiss Sie können mir glauben mein
Herz ist für Sie warm gewesen seit ich Sie zuerst sah« »Ich glaube es
Cecile es gibt nicht viele Herzen wie das Eure« »Das letzte Mal wie ich
Euch sah Lady wart Ihr bleich wie ein Schneeglöckchen so dass ich meinte es
könne Euch ein böser Blick getroffen haben« »Verdirbt ein böser Blick andrer
Haut als dessen der ihn haben mag« fragte ich ungläubig »Ein böser Blick
kann einen Stein spalten sagt man in Glen Eredine« antwortete mit ernstem
Kopfschütteln Cecile »Wenn Sie es aber annehmen wollten so hätte ich wohl
etwas das Sie gegen alles Unheil schützen könnte« Sie suchte nun lange in
ihrem Bettstroh und fand endlich etwas das ungefähr wie ein Feuerstein aussah
»Wenn Sie dieses in Ihren Unterrocksbund nähen wollen« sagte sie mir ihn
darreichend »kann Niemand Ihnen mehr schaden« »Dank liebe Cecile aber wenn
ich Euch den Schatz nehme kann er Euch ja fehlen« »O mein Herzblättchen«
Kalb meines Herzens ist der Gaelische Ausdruck rief Cecile innig »es ist
meine Pflicht alles für Euch zu tun und gewährt mir Gott erst wieder nach
Glen Eredine zu kommen so werde ich vielleicht mehr können« Ich musste
innerlich lachen über den Stellvertreter der Vorsehung mit dem mich diese gute
Seele beschenkt hatte dachte aber doch dass er immer so wirksam wie jede andre
menschliche Weisheit zu wirken vermöchte da aber ein Versuch Cecilens
Aberglauben zu bestreiten ihr Vertrauen zu mir hätte erschüttern können nahm
ich ihren »ElfenPfeil« wie sie den Stein nannte dankbar auf und fragte sie
dagegen wenn sie nach ihrer Heimat abzureisen gedächte »Ich weiß nicht«
antwortete sie seufzend »das Wetter ist klar und schön und ich sehne mich nach
Haus aber sehen Sie ich fürchte es möchte Jemmy nicht lieb sein wenn
er mich in Eredine wüsste« »Wie wäre das möglich« »Ich weiß nicht«
antwortete sie halb lächelnd und blickte vor sich hin dann tief seufzend und an
ihrem Schürzenband drehend »sehen Sie Lady ich habe einen Freund in Glen
Eredine ich ich « »Um so besser Cecile das kann Euch nicht vom
Nachhausegehen abhalten« »Ja ich will sagen einen Junggesellen den
ich hätte freien sollen wenn es also beschlossen gewesen wäre« Nun seufzte sie
wieder »Sollte Euch Euer Mann nicht trauen Cecile« Augenblicklich war
ihre Verlegenheit verschwunden sie sah mir fest ins Gesicht und sagte »Nein
Lady so schlecht werde ich nimmermehr von ihm denken so verkehrt ist er nicht
Aber er könnte meinen dort würde mir das Herz schwer sein so lange er so weit
weg ist denn leider ist der arme Junge nie mehr recht bei sich seitdem der
Vater mich dem Jemmy zur Frau gab ach er will sich nicht abwehren lassen
immer nach mir zu sehen und mit dem kleinen Kennet da ihrem Knaben zu spielen
und unsre Kühe Abends nach Hause zu treiben und seit der Vater starb lässt er
sich nicht hindern meiner Mutter den Torf zu stechen obgleich ich nie mehr ein
Wort zu ihm sprach weder Gutes noch Böses seit dem Tag « Hier fuhr sie
mit ihrem Ärmel über ihre Augen und setzte dann leise hinzu »Nun es war
Gottes Wille und der führt alles zum Besten« »Aber wart Ihr denn nicht ein
bisschen harterzig dass Ihr so einen treuen Liebhaber verliesst« »O Gott
Lady was konnte ich tun Ich sah wohl dass er nicht für mich passe Seine
Eltern sind nur Fremde mit Erlaub und ich wenn ichs gleich selbst sage bin
mit den besten Familien im Lande verwandt Da begreifen Sie ja dass es mein
Vater nie zugeben konnte« »Und Ihr gehorchtet Eurem Vater gute Cecile«
sagte ich tief beschämt über das pflichtgemässe Betragen dieser ungebildeten
Frau in Vergleich mit meinem eignen Benehmen »Ach Lady ich war ja sein
Kind« antwortete Cecile »außerdem wusste ich Robert war mir nicht bestimmt
das wusste ich wohl wusste ich das« Sie wiederholte diesen Satz auf alle
Weise indes ich über meinen unseligen Ungehorsam nachsann denn Cecile hätte
lieber zehnmal dasselbe gesagt als dann wenn sie die Unterhaltung übernommen
eine Lücke im Gespräch entstehen zu lassen »Wie erfuhrt Ihr denn dass Robert
Euch nicht zum Gatten bestimmt sei« »Das will ich Ihnen sagen« antwortete
Cecile mit leiserer Stimme »wir haben in Glen Eredine einen Seher der war sehr
bestürtzt wie er mich im Geiste ganz deutlich an Jemmys linker Seite stehen
sah Zuerst früh dann immer weiter im Tag hinein da hatte er keine Ruhe bis
er es mir gesagt hatte Wie ichs aber erfuhr fiel ich vor Schrecken nieder
als träfe mich ein Blitzstrahl denn ich verstand wohl was das bedeute Aber
wir können keiner unserm Loose entgehen Nicht dass ich klagen wollte denn Jemmy
ist ein guter Gatte und ich habe es gut bei ihm gehabt« »Das verdientet Ihr
Cecile Eine gehorsame Tochter wird stets ein wackres Weib« »Grade das sagte
Miss Graham wie sie mir das erste Mal das Tuch um den Kopf band das Abzeichen
der Ehefrauen welches sie den Morgen nach dem Hochzeittag anlegen Sie tat es
mit eigener Hand ja wirklich und wie sie mich schluchzen sah als stiesse es mir
das Herz ab legte sie mir ihren Arm um den Hals und sagte als sei ich ihres
Gleichen gewesen Liebe Cecile sagte sie Ach diese zwei Worte waren mir
lieber als aller Hausrat den sie mir so reichlich schenkte Aber anfangs
gings mir doch hart und es mochte nie eine betrübtere Hochzeit in Glen Eredine
gefeiert worden sein obschon Herr Heinrich selbst Brautführer war denn sehen
Sie er ist Jemmys Milchbruder« Sie erzählte mir nun weiter Herr Heinrich
den Robert unendlich gedauert habe ihm sobald Jemmys Werbung genehmigt
worden auf ein entferntes Gut geschickt und durch Aufträge dort festgehalten
allein in der Unruhe seines Gemüts verließ der arme Bursche seinen angewiesnen
Aufenthalt irrte im Lande umher und kam gerade an Cecilens Hochzeittag nach
Glen Eredine zurück Cecile war so bewegt bei dieser Erinnrung dass ich nur
durch viele Fragen den Gang der Begebenheit erfuhr An jenem Hochzeitmorgen
bewirtete die Braut ihre Verwandten mit einem Frühstück bei welchem der Laird
selbst gegenwärtig war Das Mahl war reichlich und nach meiner guten
Bergschottin Meinung sehr ausgesucht schmackhaft auf ihn folgte der Tanz und
Cecile sagte »ich tanzte mit den Übrigen wenn mir gleich mit Erlaub das
Herz sehr weh tat und ich manchmal dachte o gälte der Tanz doch meinem
Leichenfest«3 Darauf kamen die Freunde des Bräutigams ein Haufe fröhlicher
Bursche und Mädchen Cecile begrüßte sie bot ihnen Erfrischungen und wendete
sich dann jammervoll ab »wie ein Gefangner der mit Festigkeit sein
Todesurteil empfangen hat« Endlich verkündigten Flintenschüsse die Ankunft des
Bräutigams und die Braut musste ihm entgegen gehen »Der Wind hätte mich
fortwehen können wie dürres Laub« sagte Cecile »ich war so kraftlos aber
Miss Graham unterstützte mich mit ihrem eignen Arm Jemmy und ich könnten doch
glücklich sein sagte sie mit tiefem Seufzer aber gewiss der Ort wo wir
zusammenkamen war ein Unglücksort Gerade wo der Weg nach Dorchtalla
hinabführt da wo Kennet Roy des Lairds Großvater etwas sah dem er zu seinem
Unglück nachging denn es führte ihn über Felsen hin zu einem furchtbaren
Abgrund wo er zerschmettert werden musste und wäre er von Eisen gewesen Nie
scheint die Sonne dahin wo er niederstürzte und das Wasser ist schwarz Nun
da an der Stelle bekam uns Jemmy zu Gesicht da eilte er nun wie es unsre
Sitte mit sich bringt auf uns zu mich zu begrüßen O den Gruß vergesse ich
nie« Cecile schauderte mit Entsetzen im Blick dann sprach sie weiter »Er
nahm seine Mütze ab um mit Erlaub von meinem Munde zu nehmen was ihm vorher
noch nie gestattet ward als o ich werde es nie vergessen eine Stimme
ganz wie wenn es keines Menschen Stimme wär aus der Höhe herabschallte
Cecile Cecile Und wie ich aufblickte stand Robert da wo der Adler sein Nest
baut und setzte den Fuß fest als wolle er eben herabspringen« »Rettetet Ihr
ihn« rief ich ergriffen »O Lady ich hätte ihn nicht retten können und wär
er vor meine Füße niedergesprungen Ich konnte nur meine Augen bedecken und
meine Hände falteten sich so fest dass die Nägel mich blutig rissen« »Gott im
Himmel« rief ich »hätte ihn keiner retten können« »Keiner hatte Macht
etwas zu tun außer Herr Heinrich der stets bereit ist das Gute zu tun Der
rief mit einer Stimme vor der die Felsen erzitterten und die ihn ansahen
bemerkten wie aus seinen Augen mit denen er nach Robert aufblickte das
wirkliche Feuer strahlte und er Robert zurückwinkte Und der arme Bursche war
nicht so fühllos dass er seinen Befehl misskannt hätte denn der ist noch nicht
geboren der ihm widersteht Und da flog Herr Heinrich um den Berg hinum und
kletterte den Fels hinauf wie ein Reh und beredete Robert mit ihm in das Schloss
zu kommen und da behielt er ihn weil er zur Arbeit nicht mehr zu brauchen war
Nicht dass er widerspänstig wäre außer wenn es ihn gerade befällt Da ist ein
Tälchen wo wir als Kinder Blumenkränze zu binden pflegten in dem darf kein
Kind keine Blumen mehr brechen und seit der Wetterstrahl dort die große Eiche
zersplitterte sitzt er manchmal an Sommertagen darunter und nennt sie den armen
Robert«
Cecilens Erzählung hatte mich so lange aufgehalten dass ich von meiner
Wanderung etwas später wie Mistriss Boswell von ihrer Ausfahrt zurückkam
weshalb diese mich mit einer Menge verfänglicher Fragen wegen meines langen
Aussenbleibens heimsuchte Ich machte sie sehr unbefangen damit bekannt fand
aber bei ihr keinen rechten Glauben wie denn Personen die selbst immer mit
kleinen Mitteln zu ihren kleinen Zwecken umgehen nicht begreifen können dass
Andre weder Vertraute noch Geheimnis bedürfen Wie ich an ihrem bedeutenden
Lächeln wahrnahm dass sie meinen einfachen Worten nicht traute brach ich mit
Unmut ab und erregte schon damit einigermaßen ihre üble Laune doch hätten
sich diese Wolken vielleicht noch verzogen aber eine ernstere Veranlassung zum
Unwillen führte Jessy durch eine kindische Spielerei herbei Indem sie in
Gegenwart ihrer beiden Eltern mich liebkoste und mit mir spielte fiel es ihr
ein meinen breiten Haarkamm herauszuziehen wodurch mein damals recht schönes
Haar in reichen Locken und Flechten herabrollte Vielleicht nur um die Unart
des kleinen Mädchens zu entschuldigen drückte Herr Boswell durch einen lauten
Ausruf seine Bewunderung über diese Lockenfülle aus und beging damit wirklich
eine Unfeinheit da seine Frau gerade in diesem Stück von der Natur besonders
vernachlässigt war Mistriss Boswell erbleichte vor Zorn und rächte sich durch
die Bemerkung dass es mir auch Mühe genug kosten möchte sie so schön zu
erhalten Leider gelang es ihr einigermaßen denn dieser Vorwurf an meinem Haar
zu künsteln brachte mich so weit auf dass ich lachend versicherte das sei etwa
das einzig Hübsche an meinem Haar dass es mir gar keine Arbeit koste Wie ich
das Wort ausgesprochen fiel mir erst ein dass sie jeden Abend ihrer armen
Kammerfrau über das Haarwickeln eine böse Stunde machte und ich wunderte mich
nicht wie sie in drohendem Stillschweigen eine ganze Stunde vor sich
hinblickend ihr Taschentuch zusammendrehte Zu meiner Befremdung ging aber
dieser Anfall vorüber und sie war den Abend über gesprächig und freundlich Am
folgenden Morgen wie ich nach den Lectionen Jessy um mich her spielen ließ
bemächtigte sich die Kleine einer Scheere und fuhr damit indem sie meine ins
Gesicht hängenden Locken abschneiden zu wollen schien so nahe an meinen Augen
hin dass ich sie in meinem gewöhnlichen herzlichen Ton bat dieses gefährliche
Spiel zu unterlassen Sie sah mich eine Weile mit sonderbarem Ausdruck an legte
dann ihre Arme um meinen Nacken und fragte leise »würde es Ihnen denn wirklich
leid tun wenn ich Ihnen die niedlichen Löckchen abschnitte« »Das denke
ich« sagte ich lächelnd und setzte in halber Selbstbetrachtung hinzu
»vielleicht mehr wie die Sache verdient« »Nun so will ichs auch nicht tun
und würde mirs zehnmal geheißen« »Jessy um Gottes willen wer könnte Ihnen
das heißen« rief ich überrascht von der Möglichkeit die ich im Hintergrunde
erblickte »Das sage ich nicht wenn Sie mir nicht versprechen « »Nein
liebe Jessy« unterbrach ich sie »sagen Sies mir nicht wenn Sie Ihr Wort
gaben zu schweigen allein versprechen Sie mir nie wieder so hinterlistig
Schaden zu tun« Ich war von der Gottlosigkeit dieser Behandlung von einer
Mutter gegen ihr eigenes Kind so erschüttert dass ich mit Tränen und inniger
Herzlichkeit ohne mich bei diesem Anlass aufzuhalten die Kleine über die
Strafbarkeit der Schadenfreude unterrichtete Da mein Zögling mich noch niemals
in diesem Grade bewegt gesehen hatte wirkte Mistriss Boswells Anschlag ihrer
Absicht ganz entgegen Statt das Kind von mir abzuwenden fasste ein lebhaftes
Gefühl von Reue in ihr Platz und es liebte mich von der Stunde an mit doppelter
Herzlichkeit Ohne den moralischen Abscheu der mich antrieb zuerst die Gefahr
des Unrechts von meinem Zögling zu entfernen hätte mich vielleicht meine
Heftigkeit hingerissen so dass ich unverzüglich zu Mistriss Boswell geeilt wäre
ihr das gefährliche Beispiel das sie ihrem Kinde gäbe vorzuwerfen und meinen
Abschied zu fordern allein die guten Lehren die ich Jessy gab verhalfen mir
zu der gehörigen Ruhe um meinen nächsten Schritt zu bedenken Ich sah wohl ein
dass mich nicht die Hoffnung diese Frau zu bessern ihr Vorwürfe zu machen
antreiben könnte einzig das Gefühl von Rechtlichkeit in meinen Obliegenheiten
gegen ihr Kind verband mich ihr zu sagen »Euer Tun führt euer Kind zum
Bösen« Andrerseits war ich mir mit Betrübnis bewusst dass ich nicht in der Lage
sei ohne die äußerste Notwendigkeit meine Verhältnisse aufzugeben Ich hatte
keine andre Zuflucht als dieses unfreundliche Haus Mistriss Boswell sah keine
Gesellschaft ich hatte keine Bekanntschaft gemacht jenseits ihrer Haustür war
ich heute so verlassen wie am Tage meiner Ankunft im Lande Diese Betrachtungen
gaben mir die Fassung meine Vorstellungen an Mistriss Boswell sehr höflich wenn
gleich sehr ernst einzukleiden Ihre Wirkung war wie ich sie vermutet hatte
Die moralische Seite der Sache entging ihr ganz und wie ich ihr bemerklich
machte dass Jessy die Hinterlisten die sie ihr lehrte einst gegen sie selbst
gebrauchen könnte sagte sie sorglos »An meinen Haaren wäre mir wenig gelegen
sind ja ohnehin jetzt Perücken in der Mode« Sobald sich Eigensinn mit Dummheit
paart muss Bosheit daraus hervorgehen und diese Ursach und Wirkung übersehend
suchte ich das Gespräch zu beenden entschlossen Jessy so viel es mein
vereinzelter Einfluss erlaubte sorgfältig zu bilden und ihre Mutter ihrer eignen
Verkehrtheit zu überlassen
Vielleicht wäre es mir nicht gelungen diese unangenehme Unterredung so bald
zu beendigen hätte nicht Herrn Boswells Eintritt der Leidenschaftlichkeit der
Dame eine andre Wendung gegeben Er schien von einem ungewöhnlich lebhaften
Interesse bewegt setzte sich neben seine Gattin auf den Sopha überhäufte sie
mit Schmeicheleien und wie er glaubte einen günstigen Eingang gefunden zu
haben erzählte er dass er heute einen alten Schulkameraden den er seit zwanzig
Jahren nicht gesehen wiedergefunden und rechte Lust hätte mit ihm zu Mittag zu
essen Mistriss Boswell sagte nichts sah aber verneinend aus ihr Mann schwieg
eine Weile dann fing er seine Kriegslisten wieder an und dieses Mal glückte es
ihm besser denn er fiel darauf ihr Morgenhäubchen in dem sie sehr hübsch zu
sein glaubte zu bewundern Sie beglückte ihn mit einem beifälligen Lächeln Nun
hielt er den Zeitpunct für günstig und sagte »Ich möchte recht gern mit dem
armen Tom Hamilton zu Mittag essen« »Lirum larum Das stünde mir an«
antwortete sie im Ton einer schnippischen Magd »Wozu braucht es doch wohl das«
»Nun Liebe Wir haben uns ja in zwanzig Jahren nicht gesehen und möchten gern
von vergangenen Zeiten sprechen ich habs ihm halb und halb schon zugesagt«
»Torheit« rief die Lady mit gebietendem Ton Der arme Eheherr rückte
seufzend seinen Stuhl ans Kamin und zeichnete nachdenkend Figuren in die Asche
Ob diese Beschäftigung seinen Mut stärkte weiß ich nicht genug er sagte nach
einer Weile halb leise zu mir »Wenn Sie meiner Frau Gesellschaft leisten
wollen habe ich rechte Lust mit meinem Freund zu speisen« »Das tun Sie doch
ja der Herr führt ja den Hausschlüssel wie das alte Sprichwort sagt« und
dabei verfuhr ich freilich nicht mit der Vorsicht die ich dem Hausfrieden und
meinen Verhältnissen schuldig war der Unwille über die unwürdige
Unterwürfigkeit des Eheherrn riss mich hin Herr Boswell schien den Mut des
Augenblicks benutzen zu wollen er eilte zum Zimmer hinaus doch schon draußen
steckte er den Kopf noch einmal in die Tür und rief mit erkünstelter
Heiterkeit »Auf Wiedersehen Liebste ich speise mit Hamilton« »Herr
Boswell« rief die Dame mit erblassenden Lippen aber er war fort und sie
verfiel in ihr Schmollen das einige Stunden lang und während des Mittagsessens
durch nichts unterbrochen werden konnte Anfangs hatte ich mich mehrmals bemüht
sie durch Gespräch zu zerstreuen da ich aber weder Antwort noch Gegenrede von
ihr erhielt fand ich es bald für angemessner sie sich selbst zu überlassen und
setzte meine Beschäftigungen allein und mit dem Kinde gerade als sei sie nicht
gegenwärtig fort Sie glaubte mich durch allerlei Störung ärgern zu können
stieß mir das Tintefass um trat dem armen Fidel auf die Pfote klapperte
während ich den Flügel spielte mit Schubladen und Schlüsseln Statt mich
empfindlich zu zeigen bewies ich ihr mit aufbringend guter Laune dass mir
dieses Alles keinen Abbruch tue und brachte es vielleicht durch diesen
Mutwillen dahin dass sie ihren Racheplan änderte oder fürs erste ihren Gatten
allein zu dessen Gegenstand ersah Der arme Mann kam ziemlich spät und
offenbar durch andre Mittel noch als des Schulkameraden Gesellschaft
aufgeregten Lebensgeistern nach Hause Er sagte seiner Frau einen treuherzigen
guten Abend wie sie ihn aber mit einer sehr unanständigen auf sein Aussehen
gegründeten Bemerkung zurück wies setzte er sich neben mich meine
Freundlichkeit auf eine Weise preisend die Mistriss Boswell notwendig erbittern
musste Ich sah das voraus und eilte aus dem Zimmer Aus der wütenden
Heftigkeit mit welcher ich sie aber beim Herausgehen ihre Schelle anziehen und
gleich darauf Herrn Boswell fluchend von seinem Bedienten in sein Zimmer führen
hörte musste ich vermuten dass der Auftritt zwischen den beiden Eheleuten ein
sehr unangenehmens Ende genommen hatte
Mehrere Tage setzte Mistriss Boswell ihr Schmollen nun ganz systematisch
fort Sie blickte nicht auf nahm an keinem Gespräch Anteil und fügte noch ein
paar andre ungewöhnlichere Kunstgriffe hinzu Sie hielt ihr Taschentuch fleißig
vor die Augen als suche sie Tränen zu stillen und verweigerte jede Speise mit
einem Ausdruck von Ekel der uns armen gesunden Leuten unsre Esslust als die
roheste Befriedigung eines schlechten Bedürfnisses vorwarf Was an ihren
Tränen sei erfuhr ich sehr bald denn da sie bald wahrnahm dass mich ihr Spiel
nicht täuschte ersparte sie sich die Mühe es in meiner Gegenwart fortzusetzen
und nahm es nur bei Herrn Boswells Eintritt wieder vor Ob aber der Zorn nicht
wirklich ihre Esslust verdorben blieb mir eine Zeitlang zweifelhaft Nach
einigen Tagen in denen der beängstigte Ehemann jedes Mittel ihr Rede
abzugewinnen und durch die niedlichsten ihr heimlich zubereiteten Leckerbissen
ihre Esslust zu reizen vergeblich versucht hatte kam er auf den Einfall bei
einem Zuckerbäcker in eigener Person eine Auswahl der zierlichsten Waren zu
kaufen Er kannte seiner Gattin Vorliebe für solche Näschereien suchte sie
deshalb schwer bepackt mit einigem Selbstvertrauen in ihrem Ankleidezimmer
auf und neben ihm schlüpfte Fidel weil er mich darin witterte herein Mit der
schmeichelhaftesten Einladung häufte der gutmütige Gatte überzuckerte
Pomeranzenschalen Quittenschnitze und Zuckerbrötchen vor seiner Herrin aus Ich
war auf dem Punkt über die großen Kinder die sich durch Bonbon versöhnen
wollten zu lachen als Fidel unter einem Tischumhang ein tüchtiges Stück
Rinderbraten hervorzog den die Dame wahrscheinlich bei meinem Eintritt dahin
geflüchtet gehabt hatte Nun vermochte ich nicht mehr das Lachen zu
unterdrücken Doch die Bosheit des einen die Schwäche des andern Teils war mir
zu verächtlich um meinen Zögling davon Zeuge sein zu lassen ich nahm Jessy bei
der Hand um sie aus dem Zimmer zu führen als ich Mistriss Boswell den
Feuerhaken ergreifen sah um den armen Fidel der seine Beute auf meinen Befehl
sogleich hatte fahren lassen damit zu verfolgen Hier verließ mich meine
Fassung Ich ergriff ihren Arm und sagte strenge Mistriss Boswell erniedrigen
Sie sich nicht selbst So wütend sie war wirkte doch meine entschlossene
Bewegung sie senkte den Arm und ließ den Hund unverletzt mit mir das Zimmer
verlassen Von diesem Augenblick an war aber das arme Tier der Gegenstand ihrer
Verfolgung sie verjagte ihn wo er ihr begegnen mochte und gab mir durch die
Herzlosigkeit mit der sie ihn aus dem Zimmer stieß manchen Stich ins Herz In
meinen Verhältnissen ward mir die Notwendigkeit klar diesen Gegenstand des
Aergernisses zu entfernen aber mein Stolz widersetzte sich so gut wie mein
Gefühl ich fand eine knechtische Nachgiebigkeit darin meinen treuen
Kindheitsgefährten einer unbilligen Leidenschaft zu opfern Doch bald zog der
arme Fidel selbst sein Schicksal herbei Eines Tags unterstand er sich vor der
Tür des Esszimmers zu liegen und seine ehrlichen Vorderpfoten der daher
schreitenden Mistriss Boswell recht eigentlich zum Opfer zu bieten Sie benutzte
seine Stellung trat ihm unbarmherzig auf dieselben und Fidel biss sie sehr
unsanft ins Bein Ihr Geschrei übertraf ihren Schmerz und die Wichtigkeit der
Wunde aber von nun an war ihr Ansuchen den Hund aus dem Hause zu schaffen
gerecht und ich dachte mit widerspenstig schwerem Herzen darauf mich darein zu
fügen Ich wusste keine Zuflucht für ihn wie Cecilens arme Behausung von ihr
allein konnte ich einige Güte für meinen alten Gespielen hoffen wenigstens bis
zu ihrer Abreise ins Hochland war er bei ihr versorgt und weiter wie auf die
nächste Zukunft wagte ich nicht mehr zu denken Wollte meine jugendliche
Fantasie ihren Flug weiter wagen so stieg die Erinnerung aller meiner
zertrümmerten Aussichten vor mir auf und statt zu Planen und Hoffnungen
schwang sich mein Geist auf ihren Fittigen im Gebet zu dem einzigen Beschützer
von dem ich Hilfe zu erwarten hatte empor Ich schickte mich den nächsten
Morgen an meinen armen Liebling zu Cecile Graham zu führen Jessy welche meine
Absicht auszugehen bemerkte bat mich begleiten zu dürfen und da ihr
wiederholtes Verlangen nicht bei mir fruchtete geriet sie was ihr jetzt
selten und gegen mich seit langer Zeit gar nicht mehr geschehen war in einen
der Anfälle von lautem Weinen das ihr die Gewährung ihrer Bitten von Seiten
ihrer Mutter zu verschaffen pflegte Auch dieses Mal erreichte sie ihren Zweck
denn obgleich ich Mistriss Boswell einige Gegenvorstellungen machte erteilte
ihr diese doch die Erlaubnis mit mir zu gehen Der Mutter stand es zu über ihr
Kind zu verfügen ich war daher im Begriff mich mit Jessy auf den Weg zu
machen als mir Fidel die Veranlassung dieser ganzen Begebenheit fehlte Seine
Abwesenheit war so etwas seltnes dass Bediente und Köchin mit mir suchten und
riefen um aber Jessys Ungeduld zu vermeiden beschloss ich fürs erste Cecilen
ihren neuen Kostgänger anzukündigen worauf sie ihn selbst abholen konnte und
ließ ihn zurück Bei meiner Ankunft an der Tür meiner guten Hochländerin ward
ich schmerzlich überrascht diese offen und die ganze ärmliche Wohnung leer und
verödet zu finden Mir schien es unbegreiflich wie sie hatte ohne Abschied von
mir zu nehmen die Stadt verlassen können es musste mir als einen Beweis ihrer
geringen Anhänglichkeit an mich gelten weshalb ich mit tränenden Augen in den
beräucherten engen Mauern umhersah von denen ich mir wie ich nun glaubte
fälschlich eingebildet hatte dass sie ein mir ergebnes Wesen bewohnt hätte Um
doch einige Nachricht von Cecilens Schicksal zu erhalten klopfte ich an die
nächste auf demselben Gange gelegne Tür Man antwortete mir nicht ich öffnete
sie ward aber von einem so furchtbaren Qualm unreiner Dünste angefallen dass
ich Jessy befahl auf dem Gange zu warten bis ich meine Nachfrage gemacht Ich
trat darauf ins Zimmer das wenige Licht welches das mit Lumpen verhangne
Fenster gewährte ließ mich erst spät ein Bett in einem Winkel erblicken an
dessen Inhaber ein junges Weib ich meine Frage um die Zeit von ihrer Nachbarin
Abreise richtete Da ich nur ein undeutliches Stöhnen zur Antwort erhielt bewog
mich ein unbedachtes Mitleid näher zu treten und mit Schrecken bemerkte ich in
der Kranken die irren Blicke die ängstliche Gesichtsröte des heftigsten
Fiebers Ich erinnerte mich Herrn Boswells Hausarzt von ansteckenden
Nervenfiebern die unter der ärmern Klasse häufig wären sprechen gehört zu
haben wendete mich also schnell ab doch jetzt erblickte ich Jessy die
meinem Gebot ungehorsam mir ins Zimmer nachgefolgt war und mit kindischer
Neugier sich neben mich hindrängte um die Kranke recht genau ins Auge zu
fassen Ich zog sie schnell hinweg und rief eine jetzt eintretende Verwandte
oder Wärterin auf den Gang hinaus um mir über Cecile Grahams Abreise einige
Nachweisung zu geben Eigne Not wenn sie recht dringend ist stumpft
ungebildete Menschen für fremdes Interesse ab Die Frau wusste mir gar nichts von
ihrer Nachbarin zu sagen als dass sie kurz ehe ihre Base das Fieber bekommen
abgereist sei Mit inniger Wehmut über Cecilens leichtsinnige Trennung von mir
und bange Sorgen über die Folgen welche dieser unvorsichtige Krankenbesuch auf
meinen Zögling haben könnte eilte ich nach Hause und eröffnete sogleich Mistriss
Boswell den Vorfall mit der dringenden Bitte ihren Hausarzt um
Vorkehrungsmittel für die Kleine zu ersuchen Ich dachte so wenig an meine eigne
Gefahr dass ich bereit war den Unwillen der Mutter über die Gefahr ihres Kindes
unbedingt über mich ergehen zu lassen allein zu meinem erstaunen beschäftigte
diese sie gar nicht sondern nur für ihre persönliche Sicherheit sorgend
sprang sie sobald sie meine Erzählung vernommen hatte mich abwehrend zurück
rief ihrer Kammerfrau um ihr Essig zum Waschen und Räuchern zu bringen und bat
mich um Gotteswillen nebst Jessy ihr doch ja nicht zu nahe zu kommen Eine so
heidnische Ängstlichkeit empörte mein Gefühl ich verhieß ihr den Rest des
Tags mit ihrer Tochter nicht mehr von meinem Zimmer zu kommen und eilte dahin
Vor meiner Tühr lag Fidele lang ausgestreckt in sonderbar starrer Stellung
Verwundert ihn nicht bei meiner Ankunft frohlocken zu sehen rief ich seinen
Namen Er suchte den Kopf aufzuheben öffnete noch einmal seine geschwollnen
Augen wedelte mit dem Schwanz und verschied Seine Stellung seine vor dem Tod
erstarrten Glieder die Umstände unter denen dieser Vorfall statt fand
verrieten mir dessen Ursach und Urheber Dennoch suchte ich meine Fassung zu
behalten ich rief den Kutscher herbei der beim ersten Anblick des Leichnams
ihm das Vergiftetsein ansah ich befragte ihn und die übrigen Dienstleute auf
ihr Gewissen ob ihnen etwas von Fideles Schicksal bekannt sei Sie versicherten
alle missbilligend dass der Hund Keinem im Wege gewesen und sein Tod wohl mehr
gemeint sei mich zu kränken als das arme Tier bei Seite zu schaffen Diese
allgemeine Meinung vermehrte meine Überzeugung von Mistriss Boswells
rachsüchtiger Tat Mit der moralischen Überzeugung dass es ein Verrat am
Guten sei eine solche feige Grausamkeit stillschweigend zu dulden und dass die
Abhängigkeit von einer Frau die verächtlich genug dächte ihrer Rache ein
unschuldiges Tier zu opfern schwerer sei wie jedes Loos das mich treffen
könnte begab ich mich in Mistriss Boswells Zimmer um ihr meine Denkart über
diese Handelsweise zu erklären Es ist eine peinliche Aufgabe den Seelenzustand
eines schlechten Menschen zu beobachten Mich dauerte diese Frau wegen des
Schreckens der sie bei meiner unbestimmten Anklage über die Todesart meines
Hundes ergriff Die Furcht vor der Rüge des Unrechts selbst wenn sie mit gar
keiner Strafe verbunden werden kann ist wohl die letzte Stimme des Rechts in
des Schuldigen Busen Ihr Erbleichen ihre Versicherung dass es niemanden
einfallen könnte ein unschädliches Tier das eines Andern Eigentum sei zu
töten hätte mich fast in die Notwendigkeit gesetzt meine Sache unausgemacht
zu lassen als ich beobachtete dass Mistriss Boswell mit einer gewissen
Vorsätzlichkeit ihr Taschentuch auf ein vor ihr am Boden liegendes Papier fallen
ließ und dann es aufzuheben bemüht war Ich kam ihr zuvor griff aber zugleich
nach dem Papier und las auf den ersten Blick die nach Apotekerart geschriebne
Überschrift »Arsenik« Dieser Beweis einer Tat für die mirs bisher ganz an
materiellen Beweisen gefehlt hatte benahm mir alle Klugheit ich warf ihr mit
dem Ausdruck der tiefsten Verachtung den elenden Tod meines Hundes vor und
setzte hinzu dass ich überzeugt durch mein angestrengtestes Bemühen ihrem
schlechten Beispiel bei ihrer Tochter nicht entgegen wirken zu können sie bäte
dieselbe wieder aus meinen Händen zu nehmen und mich zu entlassen Mit diesen
Worten eilte ich von ihr hinweg
Es bedurfte nur weniger Minuten um mir den Umfang des Opfers das ich
meinem Gefühl für Recht gebracht hatte zu ermessen Ich besaß weder Geld noch
Freunde noch die Tüchtigkeit harte Dienstarbeit zu verrichten und das schwere
Loos was mich erwartete war nicht Gottes heilige Führung es war die Folge
meines leidenschaftlichen Willens Meine Ungeduld Andrer Unart zu tragen
schloss mich jetzt aus dem letzten Verkehr das mir noch mit Menschen übrig
geblieben war aus und indem ich selbst so wenig Duldsamkeit erwiesen hatte
konnte mein Vertrauen in die meiner Brüder nicht groß sein So demütigend meine
Selbsterkenntnis und so trostlos meine Aussicht war hielt mich mein stolzer
Sinn dennoch aufrecht Meine einzige Unterstützung war das erste Quartal meines
Jahrgehalts von Seiten Mistriss Boswell es war jetzt völlig verflossen und ich
konnte an dessen Auszahlung so gering die Summe auch sein mochte nicht
zweifeln Seit ich es bei meinem ersten Besuch in diesem Hause Mistriss Boswell
überlassen hatte den Lohn meiner Bemühungen zu bestimmen war dieser Punkt nie
mehr erwähnt worden Schüchternheit Stolz Nachlässigkeit und Ekel durch einen
Handlohn meine Knechtschaft zu beurkunden hatten mich eines um das andre einen
Schritt zu tun verhindert Jetzt drang die Not und ich bat Mistriss Boswell
noch an demselben Tag mit mir zu rechnen Sie antwortete mit anscheinendem
Befremden dass sie dieses nie für nötig gehalten dass sie bei meinem Eintritt
in ihr Haus verstanden habe es sei mir nur um einen anständigen Schutz zu tun
und keineswegs gesonnen sei von dieser Ansicht zu weichen Meine Fehlschlagung
bei dieser Äußerung war so schmerzlich mein Unwille so bitter dass ich das
Gespräch fallen ließ und den Entschluss fasste Herrn Boswell als Vater und
Hausherr mit meinen Ansprüchen bekannt zu machen Sobald ich ihn zu Hause wusste
begab ich mich in sein Zimmer Sein Schrecken bei meiner Eröffnung war
unbeschreiblich er sprach von meiner Absicht seiner Tochter Erziehung
aufzugeben wie von dem bittersten Unglück das ihn treffen könnte und wendete
die dringendsten Bitten an meinen Entschluss zu ändern Mit einer Schonung die
aus seiner angewohnten Furcht vor seiner Gattin entstand gestand er die
Notwendigkeit für Jessys künftiges Wohl ein ihr andre Lehren ein andres
Beispiel wie das seiner Mutter vor Augen zu stellen und sagte er nachdem
mich neben meinem übrigen harten Loos die Sorge um das Wohl meines Kindes nicht
mehr drückte atmete ich seit ihrer Geburt zum erstenmal leichter auf weil ich
sie in Händen sah die alle meine Wünsche übertrafen Ich kann daher um keinen
Preis in Ihr Begehren willigen ich kann es für Sie selbst nicht recht heißen
darauf zu bestehen« Ich bestand aber doch darauf Die zahme Anerkennung seiner
elenden Schwäche gegen ein böses Weib empörte mich und bewies mir wie ich auf
väterliches Ansehen mich berufen könnend in keinem Falle hoffen dürfte durch
meine Sorgfalt allein Jessy gegen ihrer Mutter Einfluss zu bewahren Mit großer
Betrübnis stand er endlich von seinen Bitten um mein Bleiben ab und versprach
meiner anerkannt gerechten Geldforderung sobald es ihm möglich sei über eine
solche Summe ohne Zwiespalt mit seiner Frau zu verfügen aufs vollständigste
zu genügen Doch zu diesem Zweck beschwor er mich noch einige Tage in seinem
Hause zu verweilen wobei ich zugleich Mittel finden würde selbst mit mehr
Besonnenheit über meine Zukunft zu verfügen
Ach zu diesem so dringenden Geschäft blieb mir keine Zeit nachdem ich die
ersten vier und zwanzig Stunden nach jenem unglücklichen Besuch in Cecilens
verlassner Wohnung in erfolglosem Nachsinnen über meine Lage zugebracht hatte
klagte Jessy über Kopfweh und Schmerz in allen Gliedern gegen den Abend brannte
ihr Köpfchen in trockner Glut und noch einmal vier und zwanzig Stunden so
hatte sich das gefährlichste Nervenfieber als Folge der Ansteckung an dem Bette
des armen Weibes erklärt Mistriss Boswell geriet in eine Angst die an
Verrückteit grenzte Sie berief alles was sie von Aerzten erfragen konnte
ließ Wahrsagerinnen kommen um den Ausgang der Krankheit zu erspähen
Segensprecherinnen um ihr Zimmer die Treppe die Wege im Haus welche sie
täglich gehen musste zu besprechen allein ihr Kind sah sie nicht wieder dieses
wurde mit mir und seiner Wärterin in das entlegenste Zimmer gebannt niemand
der mit uns verkehrte durfte ihr nahen und ihr Gatte erhielt das strengste
Verbot unser Zimmer je zu betreten Doch das Vatergefühl war in ihm zu mächtig
um sich solcher herzlosen Vorsicht zu fügen da es ihm Tags über nicht vergönnt
war sich unbemerkt fortzustehlen brachte er die Hälfte der Nacht an dem
Krankenbett seines Kindes zu und teilte meine Sorgfalt für sie mit einer
Beharrlichkeit der ich diesen charakterlosen Mann nicht fähig gehalten hätte
Doch meine kleine Kranke war gleich fühllos gegen seine Zärtlichkeit wie gegen
seine Sorge ihre Liebe für mich schien ihr einzig noch übriges Gefühl auch für
sie war ihr kein willkürlicher Ausdruck geblieben doch meine Nähe war es die
sie ruhig erhielt meine Stimme die den dichten Nebel der ihr Bewusstsein
umfangen hielt hinlänglich zerstreute um dann und wann auf ihren Ruf ihr
trübes Auge zu öffnen und ausdruckslos auf mich hinzustarren Unter diesen
Umständen war es nicht mehr möglich dieses Haus zu verlassen Ich kam nicht mehr
von ihrer Seite und wenn ich vom Wachen erschöpft einen Augenblick der
Ermattung erlag ruhte mein Haupt auf demselben Kissen wie das der halb
entseelten Kranken Meine Sorgfalt gewann Herrn Boswells Dankbarkeit in einem
Grade den der traurige Vergleich zwischen der Hingabe einer Fremden und der
selbstsüchtigen Vorsicht einer Mutter wohl erhöhen musste In einer der Nächte
wo das Übel auf dem höchsten Punkt schwebte bewog ich ihn sich gegen den
Morgen zur Ruh zu begeben wie er vor der Tür des Zimmers bis wohin ich unter
der Versicherung ihm am Morgen sogleich Nachricht von der Kranken zu geben ihn
begleitet hatte Abschied nahm ergriff den sonst schwerfälligen Mann das Gefühl
der Verpflichtung die er mir zu haben glaubte er fasste meine beiden Hände und
sie festhaltend drückte er mit dem Ausruf »Gott lohne Dir frommen Mädchen
deine Liebe« seine Lippen auf meine Stirn In demselben Augenblick gewahrte ich
Mistriss Boswell die ihres Gatten nächtliche Abwesenheit aus seinem Schlafzimmer
musste wahrgenommen haben und jetzt im nachlässigsten Nachtkleide an der Tür des
Vorzimmers uns belauschte Erstarrt von Schrecken und Erwartung der kommenden
Dinge blieb ich stehen sie aber fuhr wie eine Furie auf uns zu und rief mit
bebenden Lippen »Schön o schön nun habe ich genug gesehen aber ich werde
nicht so törig sein dergleichen zu leiden Nein das werde ich nicht« Bei
diesen schimpflichen Worten sah ich mich um Schutz nach Herrn Boswell um allein
sein unmännlich furchtsamer Ausdruck ergrimmte mich so dass meine Fassung
zurückkehrte Mit Stolz und Verachtung rief ich ihr zu »Was wollen Sie nicht
dulden gnädige Frau Ihre eignen törigen Träume Das würde ich Ihnen raten«
Feig und ungeschickt wie sie war erlosch ihre Heftigkeit vor meiner festen
Rede allein ihr Gift strömte fort mit wankender Stimme sagte sie »Ich gedenke
mit Ihnen keine Worte zu wechseln allein ich bitte Sie Miss Percy mein Haus
friedlich zu verlassen und nicht durch Ihr Bleiben andrer Leute Ehemänner «
Hier verließ mich selbst der Wunsch gefasst zu erscheinen ich rief mit
erstickter Stimme »Wenn ich nicht fürchtete mehr zu sagen wie einer Christin
geziemt so würde ich Ihnen antworten« und mit diesen Worten eilte ich in das
Krankenzimmer zurück wohin sie wie ich wusste mir nicht folgen würde
Hier blieb ich in das schmerzlichste Nachdenken vertieft Mein Gefühl
weigerte sich eine Stunde länger in diesem Hause zu bleiben alles was mich
jenseits desselben erwarten konnte war mir in Vergleich des Unrechts was mich
hier getroffen hatte erträglich ich trotzte jedem ferneren Geschick Gott
vertrauend aber nicht als meinem leitenden Vater sondern als Bundsgenossen
meines Zorns Die Gegenwart der Krankenwärterin die mit höhnischem Spott die
Wut der leidenschaftlichen Frau belachte traf wie Pfeile mein Herz denn ich
begriff dass eine Andre ihres Gleichen eben so über meine Rolle bei diesem
Vorfall zu lachen sich erfrechen könnte Die Stelle brannte unter meinen Füßen
aber sollte ich die bleiche Kranke die vor mir da lag ein Bild des nahen
Todes verlassen Ihr erloschnes Auge fesselte mich ihr kurzes Atmen hielt
mich zurück Ich drängte alle meine persönlichen Empfindungen in mein
schwellendes Herz zurück und beschloss bis zur Entscheidung von Jessys Schicksal
meinen Platz in ihrem Krankenzimmer nicht zu verlassen War es denn reine
Liebe zu Jessy die mich bewog Nein diese Liebe war da und rein und mehr
wie sie Liebe für meine bei ihr übernommene Pflicht Allein der Trieb durch
meine heldenmütige Aufopferung Mistriss Boswell noch mehr ins Unrecht zu setzen
wirkte auch und so hat das Evangelium recht wenn es zu beten lehrt Ich bin
ein unnützer Knecht und mangle des Ruhms den ich haben sollte
Der Arzt verkündigte mir noch denselben Tag dass mein Beruf an dem
Krankenbett bald entschieden werden würde Er verhieß nach den vorhandnen
Anzeichen eine sicher eintretende Krisis die über Tod und Leben entscheidend
sein musste Ich bat ihn den Eltern der Kranken diese ängstliche Erwartung zu
ersparen und versprach ihm bis diese wichtige Stunde vorüber sei mich keinen
Augenblick von dem Bette des Kindes zu entfernen Der Tag verging in banger
Stille Mistriss Boswell ließ nichts von sich hören sie musste Mittel gefunden
haben ihren Gatten zu entfernen denn auch er ließ sich nicht im Krankenzimmer
sehen Ich war froh auf diese Weise alles Widerspruchs und aller Heftigkeit
überhoben zu sein die verdorbne Luft welche ich nun so lange Zeit atmete
hatte mein Blut entzündet meine Glieder waren matt und schwer meine Augen
wurden vom Licht schmerzlich angegriffen ich war unruhig und hatte doch mich zu
bewegen keine Kraft Stündlich nahm mein Übelbefinden zu Der Arzt wie er
seinen Abendbesuch machte erschrak über meine wilden Blicke und riet mir
augenblicklich zur Ruhe zu gehen allein ich hatte beschlossen erst Jessys
Schicksal entschieden zu sehen was dann geschehen würde schwebte vor meiner
glühenden Stirn wie ein Bild des ruhigen Grabes
Endlich stellte sich die schicksalsvolle Stunde ein Ein tiefer Schlaf sank
auf die Kranke herab allmählig erschlafften die gespannten Züge in zwanglose
Schlaffheit die Haut welche die Hitze gedörrt hatte schien sich auszufüllen
ihre Schmutzfarbe wandelte sich in krankes Weiß das aber wieder Leben verriet
denn große Schweißtropfen sammelten sich auf dem Antlitz das keiner Todtenlarve
mehr glich Kaum atmend saß ich neben dem Bett und starrte betend dieses
Wunder an Betend ohne Sinn denn mein Kopf schon von der Krankheit
eingenommen hatte nur für die eine Vorstellung Jessys Genesung noch Raum
Jetzt schlug sie die Augen auf Matt aber mit liebevollem Ausdruck richtete sich
ihr Blick auf mich und mein Name leise gelispelt war das Pfand ihres
zurückgekehrten Bewusstseins Kaum nahm ich mir die Zeit das Kind zu beruhigen
die Wärterin an ihr Bett zu setzen dann flog ich zu Herrn Boswell ihm die
beglückende Nachricht zu bringen Er war in seinem Ankleidezimmer ich trat ein
und erzählte ich weiß nicht wie Gott sei Dank rief er und vermochte nicht
mehr sondern brach in Tränen aus dann segnete er mich dafür dass ich sein
Kind gerettet wie er meinte und dann eilte er mit mir aus dem Zimmer die
Genesende zu sehen Bei unserm Austritt aus seiner Tür begegneten wir Mistriss
Boswell die bleich vor Wut sich nicht entblödete meinen Besuch in ihres
Gatten Zimmer auf das pöbelhafteste zu erklären Ich rief nicht zornig aber
erstarrt vor dem Misston zwischen des Vaters Dankgebet und der Mutter Lästerung
»Weib ich meldete Deinem Gatten dass Gott Euer Kind errettet hat« Was sie
aber antwortete vernahm ich nicht ich verstand nur dass sie mir augenblicklich
ihr Haus zu verlassen gebot Hier verließ Herrn Boswell die angewohnte
Schlaffheit seines Betragens um einem Anfall von unwürdiger Heftigkeit Platz zu
machen er fasste seiner Gattin Arm rief einige donnernde Worte die ich mir
nicht erinnre warf sie zur Seite und eilte in der Kranken Gemach Die Frau
erregte mein inniges Mitleid aber meine Kräfte sanken so schnell dass ich
nicht was ich gern wollte ihr zu sagen im Stande war Ich gehe ich gehe
gleich gehe ich sprach ich stammelnd wankte nach meinem Zimmer und sank ohne
Besinnung zu Boden
Eine sonderbare Betäubung bemächtigte sich nun meiner Schwarze Schatten
von blutroten Lichtstreifen durchkreuzt schwammen vor meinem Blick
abscheuliche Gespenster wimmelten um mich her und eines von ihnen das
scheusslichste legte seine glühende Hand an meine Stirn Dann folgte eine dunkle
Hoffnung dass alles nur ein schrecklicher Traum sei aus dem ich bald erwachen
würde ich strebte mich aufzurichten diesen Traum abzuschütteln doch
plötzlich sah ich mich am Rand eines Abgrunds liegen und musste froh sein mich
fest an die glühenden Felsen schmiegen jede Bewegung bei deren geringster ich
notwendig herabstürzen musste zu vermeiden Doch noch einmal war ich mir
bewusst dass diese Schrecken nur in Täuschung beständen Ich glaubte mein Zimmer
zu erkennen ich war mir bewusst dass es bestimmte Gegenstände gäbe an die ich
denken sollte doch anstatt sie zu finden drängten Larven und Töne sich um
mich und der Gedanke den Verstand verloren zu haben schnitt furchtbar durch
mein Gehirn Nach einer Zeit die ich nicht ermessen konnte glaubte ich eine
Gestalt sich mir nahen zu sehen die ich für meine Mutter oder Miss Mortimer
hielt Ich rief sie sie nahte sich mir ergriff mich aber unsanft hüllte mich
in ein raues dunkles Gewand das ich für mein Leichentuch hielt und übergab
mich zwei finsteren Gespenstern die mich auf ein Rad legten das sich im Wirbel
umherdrehte bis ich alles Gefühl und Bewusstsein des Schmerzes selbst
verlierend dem Elend dahingegeben war
Der erste Eindruck von dem ich mir wieder Rechenschaft zu geben vermochte
war der Ton rauer missklingender Stimmen die mich aus einem tiefen schweren
Schlummer zu wecken schienen Ich öffnete meine Augen und befand mich in dichter
Finsternis Mühselig hob ich mein Haupt empor und empfand eine scharfe
Nachtluft die in ein kleines Fenster zu meinen Füßen doch hoch an der Wand
hereinströmte Die Nacht war dunkel doch unterschied ich endlich dass es mit
eisernen Gittern verwahrt sei »Bin ich denn in einem Gefängnis« fragte ich
mich bestürzt aber Schwäche senkte mein Haupt wieder nieder und ich dachte
»mag es auch ein Gefängnis sein für die wenigen Momente die ich noch zu leben
habe ist das einerlei »Ich schloss meine Augen und meine noch immer trüben
Gedanken erhoben sich sehnsuchtsvoll zu der Welt die mir in glücklichen Tagen
so fremd war und mit der mich auch die Prüfung des Unglücks noch wenig vertraut
gemacht hatte Nicht lange so vernahm ich eine weibliche Stimme die im Ton der
sanftesten Klage zu singen begann dann lebhafter fortfahrend unglückliche
Liebe besang bis sie von einer ersterbenden Kadenz zum Gesprächston übergehend
in unzusammenhängenden Reden die Verwirrung ihrer Begriffe offenbarte und sich
selbst in die wildeste Heftigkeit hinein schwatzend in die stille Nacht hinein
rief Endlich schien der Ton einer fernen Glocke ihre wandernden Gedanken in
einen bestimmten Jammer zusammen zu fassen denn sie rief ängstlich sie läuten
sie läuten und verstummte in herzbrechendem Schluchzen In einem Tollhaus
sagte ich mit selbst und mein Blut erstarrte vor Schrecken aber er dauerte nur
einen Moment Und wenn auch jenseits der Pforte an der ich stehe ist der
Verrückte und der tiefste Philosoph seiner Fesseln entledigt O wär ich ihr
wirklich so nahe gewesen dieser Pforte welche beschämende Rechenschaft hätte
ich dem Hausherrn von dem Geschäft das er mir übertragen geben müssen Heil
dass seine Welt so groß ist um jedem Schüler Hoffnung zu geben dass er in ihr
irgendwo Raum zur Belehrung zur Besserung finden werde Doch in diesem
Augenblick wurden mir diese Betrachtungen nicht klar mein Geist war mit meinem
Körper so geschwächt dass meine Todeserwartung sehr bald in tiefen aber dieses
Mal in einen natürlichen Schlaf überging
Bei meinem auf ihn folgenden Erwachen war es heller Tag Ich konnte nun
meinen Aufenthalt übersehen Ich befand mich in einer Art von Zelle eben nur
lang genug für mein niedriges Bett die nackten Wände waren mit zahllosen
albernen Sprüchen beschrieben aber durch sie hin hatte eine meiner
unglücklichen Vorgängerinnen einen Namen der vielleicht die Veranlassung ihres
Elendes war in jeder Richtung mit den zärtlichsten Beinamen geschrieben Nie
kann ich diesen Namen vergessen so unbekannt mir der blieb der ihn trug der
ihn schrieb denn wenn ich in der erdrückenden Untätigkeit meiner Einkerkerung
alle diese Sprüche hundert Mal gelesen hatte kehrte meine Aufmerksamkeit auf
ihn zurück Indem ich noch meine Umgebungen betrachtete hörte ich einen festen
Schritt meiner Tür nahen den Schlüssel im Schloss sich umwenden und ein Mann
mit einem strengen dunkelgefärbten Gesicht trat herein Er bot mir einige Speise
der ärmlichsten Art Mein krankhafter Ekel bewog mich sie schnell von mir zu
wehren darauf reichte er mir einen Trank von Milch und Wasser den ich mit
Begierde verschluckte und soweit es meine Schwäche gestattete dafür dankte Des
Mannes strenger Blick milderte sich ein wenig »Ihr seid heute früh etwas
besser« fragte er »Ich werde es bald sein« erwiderte ich mit schwachem
Lächeln Er wendete sich um fortzugehen als mich der Gedanke ergriff dass ich
nach meiner Auflösung die ich für unfehlbar sich nahend ansah diesem Manne
vielleicht seinen noch roheren Gehülfen überlassen sein könnte ich bot alle
meine Kräfte auf rief ihn zurück und bat »wenn es mit mir aus ist so bittet
doch aus Barmherzigkeit bittet irgend ein frmmes Frauenzimmer dass sie für
meinen Leichnam sorge Ich war von gutem Stande und bin keiner Unanständigkeit
gewohnt« Der Mann versprach ohne Schwierigkeit mir zu genügen und ermunterte
mich dadurch noch mehr zu bitten »Ich habe einen Freund dem möchtet Ihr doch
auch schreiben« »Warum nicht wie heißt er« fragte er eifrig Herr
Maitland der reiche indische Kaufmann Schreibt ihm Ellen Percy sei hier
gestorben und habe seiner mit Achtung und Dankbarkeit gedacht« Der Wärter sah
mich einen Augenblick mit Erstaunen an dann lächelte er ungläubig und ging mit
den sorglos ausgesprochnen Worten »ja ja ich werde es besorgen« aus der
Zelle
Meine zitternde Hoffnung meine freudige Zuversicht eines heran nahenden
Todes ward diesen ganzen Tag von nichts als dem Eintritt des Wärters der mir
zu bestimmten Stunden Nahrung brachte unterbrochen Eine ruhige Nacht stärkte
meine Kräfte so merklich dass den folgenden Tag mit der Möglichkeit zu leben
auch die Freude am Leben zurückkehrte Mit dieser Freude ward aber auch das
schreckliche Bewusstsein meiner Lage in mir klar Ich begriff dass Irrtum oder
Bosheit die Bewusstlosigkeit meines von Jessy geerbten Fiebers für einen Zustand
angesehen hatte der mich in die Klasse der Unglücklichen welche diese Anstalt
bewohnten beigesellen musste Welche helfende Hand würde sich aber wenn Bosheit
mich hier festhielt meiner erbarmen Kein lebendes Wesen entbehrte mich von
allen die mich jemals gekannt Niemand fand eine Lücke da wo ich meinen Platz
in der Gesellschaft besessen wer sollte nach mir forschen wer an mir an der
aus den Lebenden ausgestrichnen Barmherzigkeit üben wollen Meine
Unerfahrenheit gab mir keine Möglichkeit an mir einen Ausgang aus diesem
furchtbaren Aufenthalt zu verschaffen Monate lang hier zu bleiben Jahre lang
vielleicht war ein Gedanke vor dem ich meinen schwachen Kopf hüten musste denn
er drohte mich den Unglücklichen gleich zu stellen deren herzzerreissende
Stimmen die Stille der Nacht mir hie und da zutrug Sobald mein Wärter am
zweiten Tage zu mir eintrat empfing ich ihn mit der Frage warum ich mich in
dieser Anstalt zu der mein Zustand mich keineswegs eigne befinde »Herr und
Mistriss Boswell« sagte ich »wissen beide dass mich das Fieber bei der
Krankenpflege ihrer Tochter befiel« »Ja ja das wissen sie« antwortete er
besänftigend »Warum haben sie mich denn hierher geschickt« »Ja für was
halten Sie denn dieses Haus« sagte der Mann nach einigem Nachsinnen »Denken
Sie denn es sei ein Irrenhaus Es ist eine Krankenanstalt für Kranke Ihrer Art«
Jetzt nahm ich wahr dass er mich glaubte als eine Verrückte beruhigen zu
müssen Ich bat ihn dringend er solle sich auf alle Weise von den sehr gesunden
Zustand meines Gehirns überzeugen und mich aus dem Hause entlassen Er versprach
mir dass dieses sobald es mein Zustand erlaubte geschehen sollte Um meine
Kräfte bald herzustellen sei es aber notwendig mich ruhig zu halten und mir
die unnützen Gedanken aus dem Sinn zu schlagen So schaudervoll dieser
unbestimmte Aufschub meiner Wünsche war musste ich dem Mann doch rücksichtlich
der Notwendigkeit durch Ruhe Genesung zu erstreben recht geben Ich erbat sie
innig von Gott und wendete mein Gemüt mit unendlicher Anstrengung von der
Hoffnung der Befreiung aus diesem fürchterlichen Aufenthalt die meine nächste
Zukunft beglücken sollte zu der Vergangenheit hin die durch Torheit
Eigensinn und Unglück mich in diese schreckliche Lage gebracht hatte Das
Nachdenken während der nun folgenden Tage reifte meinen Geist mehr wie Jahre
des Glückes hätten tun können Mein letztes Unglück hatte meinen stolzen Sinn
völlig gebrochen ich hatte die Vergänglichkeit jedes Erdengutes erfahren mein
letzter Götze war der Vorzug den mir mein Verstand über Mistriss Boswell gegeben
und der Übergang weniger Minuten von Gesundheit zu Krankheit hatte diesen
Verstand in eine Verfassung gesetzt die mich den Bewohnern eines Irrenhauses
gleichstellte Wenn ich statt des Unwillens mit dem ich der dummen
Leidenschaftlichkeit dieser Frau trotzte mit wahrer Überlegenheit des Geistes
und Milde des Gemüts sie behandelt hätte würde der ganze Gang der Begebenheit
verschieden gewesen Jessys Krankheit vielleicht vermieden und ich nie in
dieses fürchterliche Gewahrsam gekommen sein Mit allen diesen Betrachtungen
kehrte wirkliche Ergebung in mein Gemüt zurück und durch sie stärkten sich
meine Kräfte Ich war wieder fähig das Bett zu verlassen und den engen Raum
meines Kämmerchens zu durchschreiten und lag meinem Wärter täglich dringender
an mir meine Freiheit zu geben Er verwies mich immer kaltblütig auf das
unleugbare Bewusstsein meiner Schwäche berief sich aber endlich auf den nächsten
Besuch des Arztes dieser Anstalt der über meinen Aufenthalt entscheiden würde
Von nun an sah ich täglich diesem Besuch als meiner Rettungsstunde entgegen
Während die Zeit mit bleiernem Schritte dahin schlich hatte ich einen
Gegenstand ausfindig gemacht der mir einen Wechsel der Beobachtung in dem
Fortschritt seines Zustandes darbot Dieses war ein Schwalbennest welches
seine Bewohner in dem Mauerwinkel meines Zellenfensters erbaut hatten Ich ward
mit dem Tun und Lassen derselben aufs innigste vertraut sah sie aus und
einfliegen ihren Jungen Futter bringen und fröhlich im Sonnenschein die Mauern
umkreisen Während die Alten Nahrung zu suchen außen waren kamen die Jungen
einer nach dem andern an die Öffnung des Nestes und riefen in mein Gefängnis
hinein ich sprach zu ihnen hinauf und sie antworteten mir wieder Ich sah sie
wachsen und gedeihen und mir schien es oft als wär unser Schicksal verwandt
und die Vögelchen würden von ihren Eltern zu ihrem ersten Fluge zu eben der Zeit
geführt werden wenn mein Kerker sich öffnen würde Eines Morgens verkündigte
mir mein Wärter den lang ersehnten Besuch des Arztes und beantwortete meine
zuversichtliche Hoffnung auf sein unfehlbares Zeugnis sogleich in Freiheit
gesetzt zu werden mit gefälligem Zustimmen Meine schwachen Nerven gerieten
bei dieser Aussicht in ungeregelte Spannung Mit Mühe hielt ich mich zurück dem
Mann freudetrunken die Hände zu küssen aber auf meine Knie sank ich und
strömte noch in seinem Beisein mein Dankgefühl zu Gott aus Der Mann sah mich
aufmerksam an und verließ kopfschüttelnd das Gemach Ich ahnte dass meine
Heftigkeit seiner Meinung von der Gesundheit meines Kopfes nicht sehr günstig
gewesen war und suchte mich durch die Beobachtung meiner kleinen gefiederten
Freunde zu zerstreuen Jetzt bemerkte ich dass ein heftiges Sturmwetter
heranzog Bald sauste der Wind an den Mauern her und der Regen schlug an das
Fenster Die Eltern der jungen Brut steckten die Köpfchen aus dem Nest
gleichsam um das Wetter zu beobachten ein paar Mal schlüpften sie heraus
versuchten die Flügel zu lüften aber der Luftstrom trieb sie zurück sie
setzten sich mit gesträubtem Gefieder aufs Gitter schüttelten den Regen von den
Fittichen und krochen wieder in ihr Nest Um die gewöhnliche Zeit trat der
Wächter wieder bei mir ein »Wenn kommt der Arzt« fragte ich ängstlich »Bei
dem Sturm doch nicht« erwiderte jener verdrießlich »er reißt ja die Ziegel
vom Dach« In diesem Augenblick rollten wirklich Ziegel herab ich blickte zum
Fenster und rief »Ach das Nest reißt los o helft helft mir es retten« mit
diesen Worten deutete ich an das Fenster hin und auf mein Bett steigend
bemühte ich mich mit meiner Hand an das Fenster zu reichen um den leichten
Anbau zu sichern Es war zu spät ein neuer Windstoß ergriff ihn und schleuderte
ihn herab indem die Alten dem unsicheren Schlupfwinkel entfliehend vom Sturm
niedergetrieben mit ängstlichem Geschrei gegen den Boden flatterten Meine
Schwäche verriet sich freilich durch den Eindruck den dieser nichtsbedeutende
Zufall auf mich machte Ach dem Unglücklichen der von der Teilnahme seiner
Mitgeschöpfe keinen Trost erhält wird die teilnahmlose Natur zum Propheten und
Wahrsager Dieser Sturm an dem Tage meines ersehntesten Glückes hatte mich schon
gequält das Verderben dieser kleinen Geschöpfe deren ersten Flug meine jedes
fremden Gegenstandes beraubte Einbildungskraft so lange als Symbol meiner
Befreiung angesehen hatte brachte mich zur Verzweiflung Ich rang die Hände und
brach in ein convulsivisches Weinen aus »Nun da seht Ihr dass Ihr nicht fähig
seid das Haus zu verlassen« sagte mein Wärter der mir bedenklich zugesehen
hatte mit rechtaberischem Ton »wie würde es Euch gehen wenn Ihr Euch bei
andern Leuten auch so töricht wolltet anstellen« und hiermit verließ er das
Zimmer Die Einsicht der furchtbaren Folgen schnell übersehend welche dieses
Mannes Bericht an den Arzt über meinen Mangel an Fassung hervorbringen könnte
gab mir Selbstbeherrschung zurück ich warf mir die Verirrung meiner Fantasie
vor die mit einer Art von Aberglauben in den unzusammenhängendsten Dingen
Beweisgründe für die Leitung meines Schicksals aufgesucht da es mein besserer
Sinn so oft schon gläubig in die Hände eines gütigen Vaters im Himmel gelegt
hatte Mit vielem Kampfe gelang es mir bei dem Eintritt des Arztes in einer
ruhigen Stimmung zu sein Er befragte mich sehr sorgfältig um meine Gesundheit
dann sagte er zu dem Wärter »Herr Schmid ich wiederhole Ihnen was ich bei dem
Eintritt dieses Frauenzimmers gesagt ihr Übel eignet sich keineswegs für die
Behandlung dieses Hauses« »O was das anbetrifft« antwortete der Wärter mit
zuversichtlichem Wesen »so hätten Sie noch heute Morgen sehen sollen welchen
Auftritt ich wegen eines albernen Schwalbennestes mit ihr hatte« »Den will
ich dem Herrn erzählen« nahm ich das Wort »bitte Sie aber um Entschuldigung
Sie mit meiner kränklichen Empfindlichkeit belästigt zu haben« Statt der
Geschichte des zertrümmerten Nestes erzählte ich aber dem Arzt mit so bündigem
Zusammenhang wie mir immer möglich war die Veranlassung meiner Krankheit und
die Umstände denen ich mein Einsperren zuschrieb Der Arzt hörte mich
aufmerksam an tat dann viele Fragen um sich des Zusammenhangs meiner Begriffe
zu versichern und fragte endlich ob ich ihm gestattete bei Herrn Boswell
meinetwegen Erkundigungen anzustellen »Von Herzen gern wenn Sie keinen
andern Weg kennen sich von meinen gerechten Ansprüchen an meine Freilassung zu
überzeugen Außerdem wünschte ich Herrn Boswells häusliches Unglück nicht durch
die Kenntnis von seiner Frau Verbrechen zu vermehren« Der wackre Mann blieb
noch lange bei mir unterhielt mich von mancherlei Gegenständen um meine
Geistesfassung zu beobachten widerlegte durch die Bemerkungen welche ich
selbst über des Wärters Anschuldigung von Überspannung machte die falschen
Ansichten die der Mann von meinem Zustand hatte und am Schluss der Unterredung
o Entzücken das keine Ausdrücke beschreiben unterzeichnete er das
Zeugnis meiner Entlassung aus dem Institute
Ich wusste nicht wo ich nun ein Obdach finden sollte ich musste fürchten
dass meine wiedergeschenkte Freiheit mich der Dienstbarkeit dem Hunger dem
Elend entgegenführen würde aber ich war frei und so wie der Gedanke an
Gottes Schutz in meinem Kerker mein einziger Trost gewesen war so dünkte mir
draußen in der Freiheit sei mir sein Schutz noch gewisser Ach ist es dem der
nach langem Sehnen den Gegenstand seiner innigen Wünsche erhält wohl zu
verdenken wenn er ihn mit der höchsten Schöne herausschmückt Seine Brüder
seine Mitgenossen des wandelbaren Erdenlooses dürfen ihn darum wenigstens nicht
verwerfen
Die Ordnung des Hauses wollte dass Mistriss Boswell auf deren Antrag ich
eingesperrt worden war von meiner Freilassung von meiner Wiederherstellung
unterrichtet sein sollte Der Arzt nahm das Misstrauen wahr mit dem ich diese
Nachricht empfing sendete daher sogleich einen Boten zu ihr ab und erwartete
seine Rückkehr in meiner Zelle Dieser brachte die Nachricht dass Herrn Boswells
Haus unbewohnt und verschlossen sei indem die ganze Familie sich aufs Land
begeben habe »Gut« sagte der menschenfreundliche Mann »das hält Sie nicht
auf Mistriss Boswell empfange die Anzeige nach ihrer Rückkehr Die Furcht ihre
Untat bekannt machen zu sehen wird sie den Mangel an Förmlichkeit wohl
übersehen machen« Ich nahm daraus ab dass diese Frau durch die Furcht einer
Entdeckung aus der Stadt getrieben worden ihre Abneigung gegen das Landleben
war mir bekannt sie hatte um unter keinem Vorwand dazu beredet werden zu
können Herrn Boswells Vorschläge zu Verbesserungen seines Landhauses stets
abgelehnt Doch meines Schweigens über ihren an mir begangnen unmenschlichen
Verrat konnte sie gewiss sein Ich traute meinem eignen Gefühl noch zu wenig um
entscheiden zu können ob Gerechtigkeit oder Rache mich leiten würde indem ich
mich über jenen beklagte nahm deshalb den Entschluss fürs erste die Begebenheit
dieser letzten Wochen gegen niemand zu erwähnen Man händigte mir bei meinem
Austritt aus dem Hause einige Bündel mit allem dem Wäsch und Kleidervorrat
aus die ich in Mistriss Boswells Hause besessen hatte sie waren bei meiner
Überkunft in das Irrenhaus abgegeben und mir treulich aufbewahrt worden Es war
so wenig was dieser Vorrat enthielt aber der Erbe der reichsten
Verlassenschaft kann nicht froher auf seine Schätze blicken als ich auf diese
geringen Habseligkeiten die mir für die nächste Zeit Reinlichkeit und ehrbaren
Anstand zusicherten
Wie ich endlich das Haus verließ und dessen Tore hinter mir zufielen wie
der Träger der mein kleines Gepäck trug mich fragte wohin ich zu gehen
gedächte schien mir das alles ein Traum Diese Frage die mir meinen verlassenen
Zustand aufdringen musste wie er sie zum ersten Mal tat füllte mich mit
Entzücken im nächsten Augenblick machte sie mich stutzig wie der Mann sie aber
wiederholte hatte ich meinen Entschluss gefasst und wies ihn wohlgemut an mich
zu meiner ehemaligen Hauswirtin Frau Millner zu führen Sie empfing mich sehr
kalt sie antwortete kaum auf meine Frage ob mein ehemaliges Zimmer offen sei
und auf meine Bitte wenn sie mir dieses nicht geben könnte doch eine andre
anständige Wohnung für mich aufzufinden brach ihre Beredtsamkeit los Ich musste
hören wie sie ihre Schwester indem sie mich an Mistriss Boswell empfohlen in
die Gefahr verabschiedet zu werden gebracht und dass es kein Mensch Mistriss
Boswell hätte verdenken können mich aus dem Hause zu schaffen nachdem ich so
ein Unglück wie Mistriss Jessys und ihres Vaters Krankheit in die Familie
gebracht hätte »Also ward Herr Boswell auch angesteckt« rief ich bestürzt
»Gewiss und das ganze Haus wäre krank geworden hätte man Sie nicht entfernt«
Bei dem Anblick meiner aufrichtigen Teilnahme milderte sich meiner Hausfrau
Betragen Ich war zu glücklich gestimmt um mich durch die erste
Unannehmlichkeit niederschlagen zu lassen und da es ihr auch ganz angenehm war
ihr Zimmer wieder zu vermieten so ward unser Vertrag bald erneut und ich
befand mich wieder im Besitz meiner ehemaligen Wohnung
Wie ich sie das erste Mal bezog schien sie mir so dürftig so klein und
jetzt musste ich mir doch eingestehen dass die wenigen Schillinge die ich in
meinem Gepäck als letzten Rest meiner kleinen Barschaft gefunden nicht
hinreichten diese Wohnung lange zu bezahlen Mein rechtlicher Anspruch an den
mir von Herrn Boswell versprochnen QuartalGehalt war die einzige mir
offenstehende Aussicht eine kleine Summe zur Deckung meiner nächsten
Bedürfnisse zu erhalten Der Schritt ward mir unendlich schwer aber ich lernte
je mehr und mehr mich der Notwendigkeit beugen und schrieb Jessys Vater ohne
der letzten Vergangenheit zu erwähnen mein Gesuch wobei ich ihn von dem Ort
wohin er das Geld zu senden habe unterrichtete Ich hoffte wenig und doch
waren die Tage die ohne Antwort verflossen sehr lang und die allmälig
eintretende Überzeugung dass man meinen Brief verhindert hatte in Herrn
Boswells Hände zu kommen sehr bitter Indessen machte ich jeden Versuch mir
Arbeit und Erwerb zu verschaffen Ich erkundigte mich nach Mistriss Murray sie
war noch immer im Auslande und ihr Sohn war ihr dahin gefolgt ihre
unliebenswürdige Schwester befand sich so wie der größte Teil der wohlhabenden
Bewohner Edinburgs auf dem Lande denn in der schönen Jahreszeit ist das was
von London nur als Redensart gilt in Edinburg im eigentlichen Sinne wahr die
Stadt ist dann leer Dieser Umstand mochte meinem Nachsuchen ebenso ungünstig
sein wie mein gänzlicher Mangel an Bekanntschaft und Empfehlung In vornehmern
Häusern fehlte mir diese und in Bürgerhäusern mochte meine wieder aufblühende
Jugend und mein Ansehen das mich auch in meiner bescheidenen Kleidung vor der
Volksclasse auszeichnete Misstrauen erregen
Eines Tags sah ich hinter dem Fenster eines Kaufladens einige kleine
Handarbeiten wie ich sie in meinen bessern Tagen verfertigt Ich trat hinein
und bot dem Kaufmann an ihm ähnliche zu liefern Er schien sehr wenig Vertrauen
in meine Geschicklichkeit zu setzen versprach mir aber doch wenn ich selbst
das Material dazu hergeben wollte und sie ihm gefielen dieselben zu kaufen So
gering diese Gefälligkeit war konnte ich doch meine erste Hoffnung an sie
knüpfen und ging freudig nach Hause Meine Lage forderte dringend eine
günstigere Wendung ich hatte nur eine Woche von meinen wenigen Schillingen
gelebt und bei der strengsten Sparsamkeit gingen sie zu Ende Meine Miete
sollte heute auch bezahlt werden und es blieb mir kein Mittel als ein Stück
meines kleinen Kleidervorrats zu verkaufen Lange sann ich nach wie ich dieses
schwere Opfer zu meinem größten Vorteil bringen könnte Wenn ich für den Erlöss
meiner Habseligkeit Material zu den Arbeiten anschafte die mir der Kaufmann
abzunehmen versprochen hatte so konnte ich mich in den Stand setzen nicht
allein Frau Millner zu bezahlen sondern auch für meinen künftigen Unterhalt zu
sorgen Allein hatte ich so lange ich ihr meinen Mietzins schuldig war das
Recht über einen Teil meines Besitzes auf eine andre Weise zu verfügen Sollte
ich die Nachsicht einer Person in Anspruch nehmen die ich nur mit Mühe
nötigte mich mit Achtung zu behandeln Nach langem schmerzlichen Bedenken
überwand ich meinen aufgährenden Stolz bat Frau Millner in mein Zimmer zu
kommen und legte ihr meine Lage vor »Ich kann Ihnen den Mietzins noch diese
Woche bezahlen aber dann nicht mehr wenn Sie mir nicht auf einige Tage Kredit
geben« schloss ich meinen Vortrag Sie sah mich verwundert an denn nie vorher
hatte ich mit ihr von meiner Lage oder meinen Verhältnissen gesprochen Nach
einigen Fragen durch die sie sich über meine Plane noch mehr verständigen
wollte und die ich nicht zurückweisen durfte sagte sie »Nein ich will Ihnen
nicht weh tun Bezahlen Sie mir die Hälfte der Miete und versuchen Sie mit der
andern Ihr Glück« Dieser Punkt war also gewonnen jetzt kam es darauf an das
Geld herbeizuschaffen und zu diesem Ende nahm ich mein kleines Päckchen um es
dahin zu tragen wohin die Not mir schon früher den Weg gezeigt hatte Der
elende Winkel in welchem der Trödler und Pfandverleiher seinen Laden
aufgeschlagen hatte erfüllte mich mit Ekel Es war ein trüber regniger Tag
vielleicht war dieser Umstand daran schuld dass mir dieser Ort heute so
schauerlich vorkam vielleicht hatte mein Fieber mich reizbarer gemacht meine
dürftige Nahrung mich geschwächt genug dass ich mit Zittern und Zagen mein
Geschäft begann Einige schmuzige zerlumpte Weiber anscheinend aus der
niedrigsten Volksclasse standen vor dem Zahltisch der mit Kleidungsstücken und
Wäsche von sehr schlechtem Ansehen bedeckt war in rauen rohen Tönen
feilschten sie schrien bettelten und Not Ungeduld oder Arglist verzog ihre
garstigen Gesichter Ich schloss schleunig meinen Handel und wollte wieder
hinwegeilen als ich beim Heraustreten eine Stimme vernahm die weniger
misstönend wie die andern traurig und halb leise dem Trödler ein dringendes
Gesuch vorzutragen schien Sie sprach meine Landessprache und dieser Ton traf
wie Freundes Stimme mein Ohr Das Gesicht der Sprechenden war von mir
abgewendet auch zum Teil mit einem Mantel verhüllt an dem noch einige Fetzen
eines ehemaligen Besatzes zu sehen waren mit dem einen Arm der so abgezehrt
war dass die farblose Haut jeden Knochen bezeichnete hielt oder schleppte sie
vielmehr ein kränkliches Kind Sie begann noch einmal zu bitten »O Herr wenn
es nur einige Schillinge sein könnten« »Nicht einen Ihr habt schon viel mehr
erhalten wie das Kleid wert ist« sagte der Mann mit unbarmherzigem Ton
»Nun so helfe mir Gott so muss ich verhungern« rief die Frau und schritt neben
mir aus der Tür Jetzt konnte ich ihre Züge unterscheiden und wie verändert
sie auch waren erkannte ich Julie Arnold Ich rief ihren Namen und mit ihm
trat ihre ehemalige Lieblosigkeit vor mein Gedächtnis Starr vor Entsetzen sah
ich sie einige Augenblicke an ein Bild des Jammers Krankheit Mangel Gram
war in ihre Züge eingegraben Ich erinnerte mich ihrer Blüte unsrer
Kinderjahre und schlang meine Arme um ihren Hals Lange konnten wir beide nicht
sprechen sie vermochte es zuerst »Ellen« sagte sie mit hohler tonloser
Stimme »Sie sind schrecklich gerächt« Jetzt erinnerte ich mich der
Verwünschung die ich damals wie sie mich verleugnete in der Tiefe meiner Not
gegen sie ausgestoßen und nun ich sie so viel elender sah als ich jemals
gewesen schien ich mir durch ihren Zustand gestraft Wie ich meine Augen zu ihr
aufhob blickte sie mit Schaamröte auf mich hin und sagte »Nicht wahr mit mir
ist seit Sie mich nicht sahen eine traurige Veränderung vorgegangen«
»Lassen Sie uns nur hier fortgehen liebe Julie dort sollen Sie mir erzählen
was Ihnen widerfuhr« antwortete ich indem ich ihr meinen Arm bot Sie nahm ihn
mit einem Blick der Verwunderung »gewiss Ellen« sagte sie »Sie müssen sich
schämen mit mir in meinem gegenwärtigen Aufzug durch die Straße zu gehen« »O
Julie kann ich in diesem Moment an Ihren Aufzug denken« rief ich im Herzen
gekränkt über ihre kleinliche Bemerkung und führte sie schweigend mit mir fort
Meine Wohnung war weit weg ihre Kräfte reichten kaum zu dem Weg hin sie blieb
mehrmals stehen um Atem zu schöpfen Da mir jetzt beifiel dass ich ihr das
Kind abnehmen müsste streckte ich meine Arme nach ihm aus konnte mich aber von
dem Verdacht der mich in diesem Augenblick ergriff nicht einer Bewegung
erwehren die ihr nicht entging Eine noch tiefere Röte überzog ihre
schwindsüchtig gefärbte Wange und sie sagte mit einem festen Blick in mein
Auge »Nein Miss Percy nein es ist kein Kind der Sünde« Mein Herz war nun
um vieles erleichtert ich umfasste das Kind und wir setzten unsern Weg fort
Endlich erreichten wir das Haus Meine Wirtsleute warfen übelwollende Blicke
auf den Gast den ich zu mir einführte Ich beachtete sie nicht brachte Miss
Arnold in mein Zimmer und teilte alles mit ihr was sich von Nahrungsmitteln
vorfand Sie aß wie eine Hungrige aber kaum gesättigt begann sie ihrem
Gespräch die kleinliche Wendung zu geben die es mir in alten Zeiten so
gefährlich gemacht hatte Sie bemerkte dass die Zeit in welcher sie mich nicht
gesehen wenn sie mich verändert meiner Schönheit nur Zuwachs gegeben
besonders durch die zartere Farbe welche mein Fieber mir zurückgelassen hatte
»Doch Julie werden Sie mich in einem Punkt verändert finden Ich habe alle
Freude an Schmeicheleien verloren aber von denen soll auch gar nicht mehr die
Rede sein Jetzt erzählen Sie mir warum ich Sie so weit von der Heimat
entfernt finde so erzählen Sie mir alles was Sie drückt«
Julie schien dazu gar nicht abgeneigt Sie sagte ihre vertraute
Bekanntschaft mit Lady St Edmond hätte sie notwendig Lady Maria de Burgh
nähern müssen »denn diese Dame« sagte die Arme indem ein wohlgefälliges
Lächeln um ihren blassen Mund spielte »verlor nachdem wir kaum ein paar Mal
zusammen gekommen waren ihr Vorurteil gegen mich Dazu gehört nun wenig denn
sie ist eine solche Törin dass sie nie recht weiß was sie will« Ich
erinnerte mich mit Schaamröte der Zeit wo Julie mit einer solchen Bemerkung
mir Wohlgefallen erregen konnte schwieg aber und ließ sie forterzählen wie
Lady Marie sich dergestalt an ihren Umgang gewöhnt habe dass sie in sie
gedrungen als Gesellschafterin bei ihr zu leben »Damals bewarb sich Lord
Glendower um Lady Maria oder vielmehr« sagte Miss Arnold »die Dame hoffte
ängstlich dass er sich bewerben würde Ich sah aber bald sehr deutlich dass er
bei gleichen Umständen mich bei weitem vorgezogen hätte« Hier hielt sie inne
als habe sie einen Einwurf von mir erwartet wie ich schwieg fuhr sie fort
»Sie wissen wohl Ellen dass ich nicht in der Lage war eine glänzende
Versorgung von mir weisen zu können ich hatte auch keine Art von
Verbindlichkeit gegen Lady Marie die mich ihr mein Glück aufzuopfern hätte
vermögen können« »Glück« rief ich mich des unwürdigen Charakters dieses
Mannes erinnernd »Nun nennen Sie es wie Sie wollen« erwiderte Miss Arnold
»in Vergleich der Abhängigkeit in der ich leben musste sei es von meinem
Bruder sei es von Fremden war es ein Glück und nach mancherlei Vorgängen
die mir klar bewiesen dass mir gar nichts Bessres zu tun übrig blieb entfloh
ich mit Lord Glendower nach Schottland« »O Julie Lord Glendower war ja sein
eigener Herr er konnte ja heiraten wen er wollte« »Je nun er wünschte es
also Und Sie wissen wohl Ellen wenn man liebt « »Nein Julie das weiß
ich nicht allein ich habe durch meine eigne Torheit das Recht verloren Ihnen
über diesen Gegenstand Bemerkungen zu machen Fahren Sie fort« »Wie wir
hierher kamen nahm ich leider wahr dass er mich in der Gesellschaft nicht
einführen wollte und dass ich vor ihren Augen straffällig erschien Ich
durchschaute bald Mylords abscheulichen Plan Zeugen konnte ich nicht gegen ihn
aufstellen aber ich hatte mich nach den schottischen Gesetzen über die Ehe
erkundigt und da weigerte ich mich mit Lord Glendower die geringste
Gemeinschaft zu haben bis er nicht wenigstens die Leute in deren Hause wir
wohnten beredet hätte dass ich seine rechtmäßige Frau sei nachher brachte ich
es auch dahin dass er mir ein Billet sendete an Lady Glendower überschrieben
dessen Inhalt hatte gar keinen Wert mir reichte aber die Überschrift aus Ich
war nun bemüht die Leute um uns her aufmersam zu machen dass er mich wie seine
Gattin behandelte und in Schottland ist das mehr wert als zehn Trauscheine
Ein solcher will ja auch gar nichts sagen was ein Paar unzertrennlich
verbindet ist eine Ehe vor Gott und Menschen Nicht wahr Ellen« »Wohl arme
Julie« sagte ich zwischen Mitleid und Widerwillen geteilt »dazu gehört aber
dass beide Teile fest entschlossen sind sich unwiderruflich zu verbinden«
Miss Arnold schlug einen Augenblick die Augen nieder dann fuhr sie mit
Zuversicht fort »Nun ich diesen Punkt gewonnen hatte weigerte ich mich nicht
ihm nach einem Landhaus das er in den Hochlanden gemietet hatte zu folgen
Dort verweilten wir einige Monate und langweilten uns von ganzem Herzen Im
Winter kamen wir wieder hierher und Glendower sprach davon nach London zu
gehen Ich konnte ihn nicht begleiten und mochte es auch wirklich nicht Der
Mensch hatte sich dem Trunk in hohem Grade ergeben Er ließ mich also zurück
mit dem Versprechen nach meiner Entbindung wiederzukommen Aber er war nicht
zwei Monate fort so las ich in den Zeitungen dass er sich mit Lady Maria
vermählt habe Die Nachricht traf mich wie ein Donnerschlag Aus Schrecken kam
ich zu früh nieder und war gefährlich krank Dennoch dictirte ich Briefe an
Glendower und Lady Maria in denen ich mein Recht dartat und erklärte im Fall
man es nicht beachtete die Gesetze zu Hilfe rufen zu wollen Ich schrieb oft
ehe ich eine Antwort erlangen konnte endlich hatte Glendower die Frechheit
alle meine Ansprüche an ihn abzuleugnen er war sogar so grausam zu behaupten
die Zeit wo mein armer kleiner Knabe geboren ward widerlege zum Teil meine
Anklage« Bis dahin hatte Julie mit einem empörend gleichgültigen Ton erzählt
jetzt brach sie aber in Tränen aus drückte das Kind an ihre Brust und rief
recht innig »Und so wahr mir Gott helfe der Knabe ist Glendowers Sohn und wie
ich ernstlich glaube sein einziger rechtmässiger Erbe Könnte ich ihn in seine
Rechte eingesetzt sehen so forderte ich weiter nichts« Sie bemeisterte bald
ihre Rührung und erzählte weiter Lord Glendower über die Misshelligkeiten
aufgebracht die ihre Forderung zwischen ihm und seiner Gemahlin erregt hatte
versagte ihr Unterstützung sie wendete sich an ihren Bruder der ihr sehr
zornig antwortete dass er genug für sie getan habe da er ihr eine Erziehung
geben ließ die sie in Stand gesetzt hatte sich mit Ehren durchzuhelfen nun
aber weiter keine Verbindlichkeiten gegen sie zu haben glaubte Zugleich
schickte er ihr dreißig Pfund die sie zu irgend einem kleinen Handel anlegen
sollte Dieses Geld reichte eben nur hin sie aus dem Schuldgefängniss zu
befreien Sie behielt nichts übrig verkaufte ihre Habseligkeiten eine nach der
andern und war nun zu der gänzlichsten Entblössung herunter gebracht Dazu kam
noch ihre wankende Gesundheit »dieser erschöpfende Husten« sagte sie »und
diese Schwäche obgleich ich weiß dass sie von gar keiner Bedeutung sind« Bei
diesen Worten konnte ich mich eines Schauders nicht enthalten Abzehrung blickte
aus ihren tief liegenden Augen sprach aus der dunklen abgeschnittenen Röte
ihrer hohlen Wangen »Warum sehen Sie mich so erschrocken an Ellen« rief sie
unwillig »ich bin nicht so krank wie ich aussehe« »Gewiss nicht gute
Julie« sagte ich und versuchte zu lächeln
Es war jetzt fast dunkel geworden der Ort wo Julie in der letzten Zeit
Unterkunft gefunden hatte war weit entlegen ich dachte darauf sie diese Nacht
bei mir zu behalten als Frau Millner den Kopf in die Türe steckte und mich
ziemlich unverbindlich aus dem Zimmer rief um mit mir zu sprechen Da es mir
ahnte wovon die Rede sein würde suchte ich die Unterhandlung vor dem Ohr
meines unglücklichen Gastes zu verbergen Meine Hausfrau warf mir mit
pöbelhaftem Unwillen vor eine Landstreicherin in ihr Haus eingeführt zu haben
die sie nicht darin zu dulden gedächte Ich stellte ihr mit Fassung vor dass
diese Wohnung so lange ich sie gemietet habe mein sei und es von mir
abhinge ein unglückliches Frauenzimmer die keineswegs von niedrigem Stande
sei bei mir zu beherbergen Mit diesen Worten wendete ich ihr den Rücken und
kehrte in mein Zimmer zurück Zornig eilte die Frau hinter mir drein »wenn das
Ihre Zuversicht ist« rief sie übermütig »so ist die Sache bald geendigt Sie
zahlen mir sogleich den rückständigen Zins oder räumen das Haus augenblicklich
ohne durch dergleichen Gesindel dessen guten Ruf zu beflecken« Da ich unfähig
meine Fassung aufrecht zu erhalten nicht sogleich antwortete wendete sich Frau
Millner an Miss Arnold und befahl ihr das Haus zu verlassen Diese mochte wohl
leider schon oft der Härte solcher Menschen nur Flehen entgegen zu setzen gehabt
haben denn sie bat wimmernd »Erbarmt euch doch ich habe ja nicht Kräfte um
nach Hause zu gehen« Mir schnitt diese Erniedrigung ins Herz ich rief ihr zu
sich nicht wegzuwerfen sondern in meiner Begleitung sich sogleich auf den Weg
nach ihrer Wohnung zu machen Bei diesen Worten zog ich meinen Beutel heraus
zählte nochmals die kleine Summe welche ich aus meinem Kleide gelöst hatte und
warf Frau Millner ihren Mietzins auf den Tisch Zu meinem Erstaunen fuhr Miss
Arnold während dessen fort mit Frau Millner um die Erlaubnis bei mir bleiben
zu dürfen mit einer Beharrlichkeit zu bitten die mich empörte und mir erst im
Verfolg erklärlich ward Ohne auf die Hausfrau zu hören die bei dem Anblick
meines Geldes sehr besänftigt ward und mir versicherte ihre Wohnung sei mir
nicht verweigert wenn die Hausordnung ihr gleich auferlegte sie Fremden zu
verschließen ergriff ich Miss Arnolds Arm und zog sie mit mir fort Sie folgte
mir widerwillig und erschwerte sich selbst den Weg durch vergebliche Klagen über
ihre Unfähigkeit dessen Ziel zu erreichen Es war Abend ich zitterte vor der
Aussicht diesen langen Weg im Dunkeln allein zurückkehren zu müssen ich
zitterte in der Gesellschaft meiner unglücklichen Gefährtin der Rohheit der
Vorübergehenden ausgesetzt zu sein Jedes Mal dass sie nach Atem ringend
stehen blieb war mir bang die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf uns zu
ziehen ich sprach ihr Mut ein und erlag fast selbst beim Fortschreiten unter
ihrer Last da sie sich kraftlos auf mich lehnte und der des armen Kindes das
wimmernd auf meiner Schulter lag
Endlich hatten wir Miss Arnolds Wohnung erreicht Sie befand sich in den
Mansarden eines Hauses dessen verschiedene Stockwerke jedes für zwei Familien
eingerichtet schien also insofern viel besser als Cecilens Wohnung gewesen
war die mit einer ganzen Kolonie auf demselben Boden gewohnt hatte Julie
klopfte zögernd ein schmuziges armseliges Weib öffnete behutsam und ihr
stellte mich Miss Arnold vor als ein Frauenzimmer das Ich verstand dass sie
mich ihr als Mietsfrau vorschlagen wollte allein das Weib hörte sie gar nicht
an sondern überschüttete sie mit Schimpfreden aus denen mir klar ward dass die
Unglückliche schon lange bei ihr Schulden gemacht und dann schloss sie die Tür
mit erschütterndem Lärm vor uns zu Starr von Schrecken wendete ich mich zu
meiner Begleiterin die von Jammer überwältigt auf die Stufen der Treppe
gesunken war und kaum vernehmlich mir zurief »O Ellen bitten Sie für mich
bitten Sie denn ich kann mich nicht weiter fortschleppen« Ich klopfte von
neuem an die Tür entschlossen mich der ganzen Härte der Hausfrau auszusetzen
um nur ein Obdach für meine unglückliche Gefährtin zu erhalten allein es war
vergeblich sie öffnete sich nicht
Es blieb mir nun nichts mehr übrig als Julie zu ermutigen dass sie noch
einmal den Weg zu Frau Millner zurück machen möchte überzeugt dass diese Frau
nun sie bezahlt war mir nicht versagen würde diese eine Nacht eine
Unglückliche zu beherbergen allein die Erschöpfung des Körpers hatte sich auch
der Seele mitgeteilt Julie war keines Entschlusses fähig sondern wimmerte
hilflos »ich kann nicht weiter gehen Sie verlassen Sie mich ich verließ Sie
ja wie das Unglück über Sie einbrach tun Sie was ich an Ihnen verdient
habe« Diese schrecklichen Worte gaben mir einen übernatürlichen Mut
Übernatürlich denn Gott senkte ihn in der Gestalt des Glaubens in mein Herz
Ich wusste keinen Ausweg aus dem Abgrund der Hülflosigkeit in dem ich mich
versunken sah weder für das zerschlagne Geschöpf das sich vor mir am Boden
krümmte noch für das weinende Kind das vor Hunger oder Furcht auf meinen Armen
bebte Aber mit einer Zuversicht als hörte ich den Fuß des Retters sich nahen
rief ich »Nein Julie ich verlasse Sie nicht und hilflos wie wir sind
wollen wir nicht verzweifeln sondern zu Gott beten dass er sich unser erbarme«
Die Arme war dieses Aufflugs des Geistes nicht fähig sie antwortete mir nur
durch dumpfe Klagtöne aber das Kind fester in meine Arme schließend wendete
ich mich ab und bat Gott mit unaussprechlicher Inbrunst uns eine Hilfe zu
senden
Der Schall eines die Treppe heraufsteigenden schwerfälligen Schrittes
schreckte mich jetzt auf Ich beschwor Miss Arnold mit leiser Stimme ihren
Jammer zu mäßigen damit man uns nicht des letzten Obdachs welches dieser
Treppengang uns vielleicht für diese Nacht gewähren könnte beraubte Doch
umsonst sie fuhr fort zu stöhnen doch ward ich über die herannahende Person
ruhiger da ich unerachtet der Dunkelheit sie für ein Frauenzimmer erkannte
Sie ging über den Vorplatz und klopfte an die jener von wo man Miss Arnold so
unbarmherzig abgewiesen hatte anstossende Tür dann kehrte sie zu meiner
Gefährtin zurück und fragte was ihr fehle »Sie ist fremd sie ist krank«
sagte ich mich ihr nähernd »und der einzige Ort wo sie diese Nacht Obdach
finden könnte ist zu weit als dass sie ihn zu erreichen im Stande wäre«
Jetzt öffnete sich die Tür ein junges Mädchen trat mit einer Lampe heraus
mehrere freundliche Gesichter begrüßten die heimkehrende Mutter ich erblickte
durch die offene Tür die gewöhnliche Helle eines Kaminfeuers in einer
reinlichen wenn gleich sehr beschränkten Wohnung Ach wie beneidenswert kam
mir diese Frau vor Ich betrachtete sie die Lamve beleuchtete sie ihre Züge
schienen mir bekannt sie war die Wittwe des armen Gärtners der in Greenwich
in meinem Beisein starb Sie sprach mitleidig mit Miss Arnold da zog sie das
kleine Mädchen beim Ärmel und sagte leise »Mutter die sieht der guten
englischen Dame ähnlich« Die Frau richtete ihre Blicke auf mich konnte ihren
Augen nicht trauen und rief »Nein das ist gar nicht möglich« »Es ist nur zu
möglich liebe Frau Kampell« sagte ich »das wandelbare Schicksal hat mich nun
zum Fremdling im Lande gemacht« »So sind Sie es wirklich« rief die Wittwe
mit fröhlichem Lächeln »Gott segne Sie Sie werden mir nie ein Fremdling sein
treten Sie ein und ruhen Sie aus und wenn Sie für die arme kranke Person kein
Unterkommen wissen so sagen Sie ihr dass sie auch herein komme«
Nur der einsame Wandrer der in Feindes Land geraten unerwartet eine
gastfreie Hütte sich eröffnen sieht kann begreifen mit welcher Freude ich
diese Einladung annahm Ich hob Julien vom Boden auf führte sie in Frau
Kampells Zimmer und dankte Gott für die Zuflucht die er uns so unverhofft
bereitet hatte Wir befanden uns in einem Gemach das zugleich als Küche und
Wohnzimmer diente unsre Wirtin rückte einen großen gepolsterten Armstuhl an
das Feuer und lud mich ein darin Platz zu nehmen Julie die vor Mattigkeit
ganz zusammensinkend neben mir stand zog zuerst meine Aufmerksamkeit auf sich
»Der Platz gebührt meiner kranken Freundin liebe Frau Kampell«4 sagte ich die
Arme zu ihm leitend Lady Glendower ist vielleicht einstens im Stand Ihre
Gastfreundschaft zu erkennen« Ich wollte meiner armen Gefährtin durch diese
Anerkennung ihrer Verhältnisse wohltun wollte aber auch meine eigne Lage die
mich in einer so traurigen Gesellschaft aufgeführt hatte in ein bessres Licht
setzen Mein Verstand hatte recht meine Jugend und Vereinzelung bedurfte
Beweggründe um so ein Verhältnis begreiflich zu machen allein meine Eitelkeit
mochte doch dabei nicht ohne alle Teilnahme sein Sobald ich Julie unter diesem
Namen eingeführt hatte ward es mir leichter bei Frau Kampell anzufragen ob
sie dieselbe nicht aufnehmen könnte Die gute Frau war sehr froh mir dienen zu
können und das kleine Mädchen dessen Schüchternheit allen meinen Versuchen
die Bekanntschaft mit ihr zu erneuern widerstanden hatte bot nun ihrer Mutter
leise an ihr Bett der Fremden zu überlassen Das war aber gar nicht nötig
Seit Frau Kampell durch meine Beihilfe in ihre Heimat zurückgekehrt war hatte
es ihr da sie eine geschickte Wäscherin war nie an Erwerb gefehlt Seit kurzem
hatte ihr Bruder ein wandernder Krämer der Wittwer geworden war sie gebeten
jetzt ihm hauszuhalten und da dieser auf mehrere Wochen abwesend war bot sie
Julien den Gebrauch seines Zimmers an
Nun für meine Gefährtin gesorgt war fing ich an wegen meines eignen
Unterkommens bange zu werden Mitternacht war beinahe herangekommen ich war
fast eine Stunde von Frau Millners Wohnung entfernt und ob ich gleich diese
rohe Frau jetzt bezahlt hatte so konnte ich doch nicht ganz sicher rechnen von
ihr aufgenommen zu werden Doch mir blieb keine Wahl Die Bitte auch bei meiner
guten Wittwe zu übernachten schien mir zu anmassend ich fürchtete damit ihre
Gutwilligkeit gegen die arme Julie zu schwächen Doch mich in dieser Nachtzeit
allein auf die Straße zu wagen schien mir unmöglich und so bat ich Frau
Kampell mich bis zu meiner Wohnung zu begleiten Sobald Julie meine Absicht
fortzugehen wahrnahm überfiel sie der unbillige Gedanke dass ich sie möchte
verlassen und nicht wiederkehren wollen Anfangs suchte sie durch die
ängstlichsten Bitten wie ich diesen aber vernünftige Vorstellungen
entgegensetzte durch das ungestümste Flehen mich davon zurückzuhalten Die
Nacht rückte unter diesem Streite fort ich fürchtete dass die Heftigkeit der
Unglücklichen in meiner Abwesenheit ihre neue Hausfrau ermüden könnte und erbot
mich endlich den Rest der Nacht an ihrem Bette zu wachen Unsre gute Wirtin
überließ alles meiner Willkür und führte uns sogleich unter den wiederholtesten
Entschuldigungen uns nicht besser bedienen zu können in das uns bestimmte
Zimmer ein Ach sie wusste nicht dass es bei weitem das zierlichste war welches
ich mir aus eignen Mitteln zu verschaffen je fähig gewesen Es war freilich
niedrig mit dunkeln wollnen Tapeten behangen aber mit gutem Hausrat und
einem Bette versehen dessen reine Wäsche dem ekelsten Geschmack genügt hätte
Julie ließ mich ohne Widerstand für ihr armes Kind sorgen das vielleicht seit
mehreren Tagen nicht so vollständig wie heute gesättigt reinlich gewaschen
und in einen reinen Bettüberzug den ich von Frau Kampell entlehnt warm
eingewickelt zu den Füßen seiner Mutter ruhig fortschlief
Während sich meine arme Gefährtin einem unruhigen doch dem Anscheine nach
tiefen Schlaf ununterbrochen überließ überdachte ich meine Lage Sie war durch
die Verhältnisse in welche ich nun mit Julie geraten war furchtbar
verschlimmert worden doch die Verbindlichkeit diese Unglückliche der
Verwilderung und dem Elende zu entreißen war mir so heilig dass mir kein
Gedanke aufstieg so lange sie so hilflos sei mich von ihr zu trennen Ich war
gesund ich hatte Tätigkeit und ein unbeflecktes Gewissen Mit demutvoller
Dankbarkeit zu Gott erkannte ich diese Vorzüge als Aufforderung und Mittel für
meine hülflose Kranke zu sorgen Dieser Mittel waren sehr wenig fürs Erste
zeigte sich der Erwerb über welchen ich mich gestern mit dem Kaufmann
verabredet hatte und diesen wollte ich Julien vorschlagen mit mir zu teilen
Ich erinnerte mich dass ihre bewegliche Fantasie ehemals eine besondere
Leichtigkeit gehabt hatte zierliche Spielwerke zu erfinden und hoffte sogar
dass diese Gattung von Arbeit indem sie ihrem Geschmack angemessen wäre zu
ihrer Ermunterung beitragen sollte Die Gegenwart des armen Kindes das sie mir
zubrachte bekümmerte mich nicht sehr die herzliche Freundlichkeit mit der
Frau Kampells Bruderskinder mit ihm gespielt hatten und die Hoffnung welche
mir sein gesunder Schlaf gab es bei hinreichender Nahrung und Pflege bald
erstarken zu sehen halfen mir ein ganz leidliches Bild von unserm Leben
entwerfen wenn ich Frau Kampell mich gleichfalls in ihr Zimmer aufzunehmen
bewegen könnte Eine andre Weise Julien zu unterstützen konnte ich nicht
ersinnen Was ich ihr allmälig von meinem Erwerb mitteilen konnte würde nicht
hingereicht haben sie zu unterhalten und meinen ernsten Zweck ihr Kind wohl
verpflegt zu sehen konnte ich damit gar nicht erreichen denn nach allem was
ich von der Unglücklichen vernahm ward es mir klar dass ihre Mutterliebe nicht
von der Art war ihre Tätigkeit selbst da wo ihre Kräfte hinreichten für ihr
Kind zu verwenden
Sobald ich es in der Küche meiner guten Wittwe laut werden hörte begab ich
mich zu ihr und trug ihr mein Anliegen vor Da sie den lebhaften Wunsch hatte
mich zu verbinden und ihr Bruder noch geraume Zeit abwesend bleiben sollte
wurden wir sehr bald des Handels einig Meine nächste Sorge war nun meine
wenigen Habseligkeiten von Frau Millner abzuholen Julie hatte nichts dagegen
doch entging mir eine gewisse Unruhe nicht die sie bei meinem Weggehen befiel
und wie ich schon das Zimmer verlassen hatte rief sie mich zurück und reichte
mir ihr Kind mit der Bitte es mitzunehmen weil sie heute nicht im Stande sei
es in die freie Luft zu bringen Ich durchschaute sie sogleich Sie wollte mir
das arme Geschöpf als ein unvermeidliches Hindernis von ihr entfernt zu
bleiben aufdringen Dieses Misstrauen nach dem was ich gestern für sie getan
in dem Augenblick wo sie Zeugin meiner Abrede für alles was zu ihrem Besten
getan werden konnte gewesen war erfüllte mich mit Abneigung Ich war im
Begriff sie lebhaft zurückzuweisen aber ein Blick auf ihr entstelltes Gesicht
ihre hinfällige Gestalt entwaffnete mich ich stellte ihr die Unbilligkeit ihres
Verdachts vor suchte sie von dem Bedürfnis zu überzeugen das mich antrieb
Gottes Gebot gemäß gegen sie meine Pflichten zu erfüllen und eilte meinem
Geschäfte nach Sobald ich mein kleines Gepäck von Frau Millner fortgeschaft
hatte kaufte ich von dem wenigen mir übrigen Gelde zuerst die unentbehrlichen
Bedürfnisse für den gegenwärtigen Tag und dann Stoffe zur Verfertigung der
Kästchen Beutelchen und Nadelkistchen die ich bei dem Kaufmann anzubringen
hoffte Sobald mein kleiner Haushalt besorgt war machte ich mich an die Arbeit
Ach es ist unendlich peinlich mit recht schwerem Herzen eine Beschäftigung zu
treiben die uns wohl einstens zum Spiel der Fantasie zur Ausfüllung müßiger
Augenblicke gedient hat Indem ich die bunten Fleckchen zusammensetzte die
fantastischen Figürchen malte beneidete ich manchmal Frau Kampells kleine
Marte die an ein paar groben SoldatenSocken strickte und noch mehr den
Kohlenträger der seines täglichen Gewinnes sicher unter seiner Last
schweigen oder ein lustiges Stückchen pfeifen konnte je nachdem es ihm gefiel
Allein die Not musste hier der begeisternde Genius sein und das fromme
Bewusstsein unter Gottes Segen zu arbeiten machte es mir alle Tage leichter
Juliens Hilfe war sehr nichtsbedeutend bei meinem Geschäft Das Unglück hatte in
ihr keine Kräfte entwickelt und körperliche Schwäche würde ihr jetzt die
Ausführung mit festem Willen sehr erschwert haben Sie fing manche Arbeit an
unterbrach sie hundertmal und warf sie endlich mit Ekel bei Seite Ich musste
froh sein wenn ich Mittel fand eine und die andre Unternehmung zu beenden oft
sah ich mit Bekümmernis die eingekauften Stoffe vergeudet ohne irgend einen
Vorteil daraus ziehen zu können Da ich vor meinem Gewissen die Pflicht
übernommen hatte für diese Unglückliche zu sorgen erlaubte ich mir nicht die
kleinste Ermahnung ihre üblen Gewohnheiten zu überwinden allein die
Unzufriedenheit welche Müßiggang und Beschränkung nach sich ziehen blieb bei
ihr nicht aus und ward durch die ihrer Krankheit eigentümliche böse Laune
vermehrt Gegen mich ließ sie dieselbe nicht aus aber das war ein bitterer
Zwang den sie sich auflegte denn so zart ich sie behandelte hielt sie sich
doch oft für verletzt und konnte sich der Überzeugung dann nie erwehren dass
ich sie für ihr früheres Verfahren gegen mich büßen lassen wolle Bald gesellte
sich zu dieser übelen Laune eine traurige Unzufriedenheit mit der einfachen Kost
welche mein geringer Verdienst anzuschaffen hinreichte Ihre kranke Esslust
sehnte sich täglich nach einer andern Nahrung von der sie jedes Mal
Erleichterung wenn nicht gar Heilung hoffte Ich entzog mir das Notwendige um
ihr das Mögliche von diesen erträumten Leckerbissen zu verschaffen allein ihr
bloßer Anblick flößte ihr meistens schon wieder Ekel ein
Ich hatte sie oft an die Notwendigkeit erinnert die Rechte ihres kleinen
Knabens durch eine gesetzliche Aussage vor einem Advokaten zu sichern Da sie
dieser Schritt an die Feierlichkeit eines Testaments erinnerte weigerte sie
sich beständig ihn zu tun versichernd dass es sobald sie ganz hergestellt
wäre ihr erstes Geschäft sein sollte Nun war sie schon seit einer geraumen
Zeit nicht mehr fähig das Zimmer zu verlassen Ich nahm wohl wahr dass sie sehr
gern einen Mietwagen zu einer Spazierfahrt hätte haben mögen allein meine
Mittel litten das nicht und so weh es mir tat beharrte ich ihre Winke nicht
zu verstehen List und Langeweile gaben ihr endlich ein die Schritte die sie
zum Besten ihres Kindes tun sollte zur Befriedigung ihrer Sehnsucht nach einer
Spazierfahrt zu benutzen Sie kündigte mir an dass sie einen Wagen haben müsse
um endlich ihre Geschäfte bei einem Advokaten zu besorgen Es war ein nasskühler
Tag nach einem heftigen Gewitter ich stellte ihr die übelen Folgen vor die es
für ihre Gesundheit haben könnte wenn sie die der Luft jetzt entwöhnt sei
grade heute sich ihr aussetzte Ihre Antwort legte mir durch die dienstbare
Demut mit der sie oft um meinen Widerspruch zu entkräften »meiner
Wohltaten« erwähnte Stillschweigen auf ich wendete also den Erwerb zweier
eifrig in Arbeit hingebrachten Abende darauf ihr einen Mietwagen
herbeizuschaffen und war doch herzlich froh wie sie mit der schriftlichen
Begutachtung des Rechtsgelehrten zurückkam dass ihre Beweisgründe sie sehr wohl
in Stand setzten eine Klage gegen Lord Glendower zum Besten ihres Sohnes zu
führen Doch diese Ausfahrt zog alle die Übel nach sich welche ich für die
arme Kranke gefürchtet hatte Ihr Husten und ihr Fieber nahmen in einem
furchtbaren Grade zu und zugleich ihre fantastisch umherschweifende Esslust die
bei ihrem zunehmenden Leiden in der Befriedigung eines jeden neuen Einfalls ein
Labsal erwartete Zu allen diesen Bedrängnissen gesellte sich jetzt noch die
Erklärung des Kaufmanns der mir bisher meine Arbeiten bezahlt hatte dass ich
sie wohlfeiler geben müsse als bisher weil sich zu wenige Käufer dafür fänden
Wohlfeiler wie bisher wo ihr Lohn kaum meine dringendsten Bedürfnisse
gedeckt hatte Das war ohne zum Hungerleiden gebracht zu werden nicht
möglich Wie unmöglich es sei einen andern Erwerb zu finden hatte ich aus
eigener Erfahrung gelernt wenn dieser mir gebrach war ich dem Verderben
dahingegeben Bei den Obliegenheiten die ich gegen Julie übernommen war es mir
sogar unmöglich geworden einen Dienst als Stubenmagd zu suchen denn wer sollte
sie pflegen wer ihren armen Knaben an den das innigste Wohlwollen mich band
Unentschlossen und trostlos wandelte ich nach Hause Der Abend brach ein ich
fand Julie eingeschlafen und blieb ihren kleinen Sohn durch leisen Gesang still
erhaltend an dem Fenster sitzen Der Mond spiegelte sich mit mattem Strahl in
den großen blauen Augen des blassen sanften Kindes es sah so vertrauend und
doch so wehmütig zu diesem Nachtgestirn auf das so oft meine Tränen
beleuchtet hatte Auch jetzt flossen sie langsam und einzeln über meine
angstglühenden Wangen Ach in solchen Stunden »gehen die Geister unsrer Sünden
vor uns vorüber« Ich hatte nun zu viel gelernt um mich gegen meinen
himmlischen Vater zu empören und die Erinnerung meiner frühern Torheiten
verwies mich auf das dringende Bedürfnis der strengen Schicksalsschule in der
ich mich befunden Das war ein trauriger mutloser Abend Doch er ging vorüber
und die Stunde kam wo es dem mit Gott befreundeten Gemüt täglich durch den
Gang der Natur so nahe so überzeugend nahe gelegt wird dass sein Schicksal in
einer höheren Hand ruht Sollten wir ohne diesen Gedanken uns je der süßen
Hülflosigkeit des Schlafes hingeben dürfen Erneut er uns nicht jeden Abend den
Beweis dass wir durch die Natur unsers Daseins genötigt sind einen so großen
Teil unsers Daseins hindurch ihm widerstandslos zu vertrauen und sollte nicht
jeden Morgen mit unserm Bewusstsein der Gedanke erwachen dass eine höhere Hand
uns geschützt hat Hülflos und ratlos warf ich mich diesen Abend mit
unbedingter Zuversicht an Gottes Vaterherz und erwachte am Morgen mit gestärktem
Mut und dem heiligen Vorsatz heute jeden auch den bittersten Schritt zu tun
um mich aus meiner Not zu erheben
Das einzige Mittel das ich zum vorteilhaftern Verkauf meiner Arbeiten und
vielleicht zu sicheren Bestellungen hatte ersinnen können war die Gefälligkeit
unsrer Hausfrau anzusprechen dass sie solche in den Häusern wo sie ihr Beruf
hinführte anbieten möchte Dieser Entschluss kostete mir unaussprechlich viel
Frau Kampell war bisher keineswegs von meiner Lage unterrichtet nicht dass ich
mich schämte arm zu sein oder um des Unterhalts willen zu arbeiten ich hätte
mich für glücklich gehalten hätte ich so wie diese wackre Frau auf Wochen
hinaus gewusst wer mir meine redliche Anstrengung bezahlen wollte aber dieses
Anbieten bunten Spielwerks das der vernünftige Tagelöhner ohnehin mit
Geringschätzung als ein Bedürfnis des müßigen Reichen ansehen muss schien mir
dem Betteln so ähnlich zu sein dass ich fürchtete Frau Kampells Meinung von mir
würde dadurch leiden Schwer ließ sich mein widerspenstiges Herz beschwichtigen
und mit einem Herzklopfen das mir den Atem benahm bat ich meine gütige
Wittwe den Auftrag zu übernehmen Sie war herzlich geneigt dazu tat mir eine
Menge Fragen über den Gebrauch den Preis der Ware die mehr ihren guten
Willen als ihre Fassungskraft bewiesen und mich an Cecile Graham erinnerten
deren natürlicher Scharfsinn mir gewiss diese peinlichen Einzelnheiten erspart
hätte Schließlich band ich ihr aufs dringendste ein in ihrem Ausbieten der
Waren nicht zudringlich zu sein und meinen Namen streng zu verschweigen
Den ersten Tag brachte sie meine armen Künsteleien ohne ein Stück verkauft
zu haben zurück und ich musste sie um für den heutigen Tag leben zu können um
einen sehr herabgesetzten Preis meinem ehemaligen Kaufmann überlassen Den
zweiten Tag glückte es besser sie verkaufte ein kleines gemaltes Körbchen
teurer als ich es angeschlagen hatte ja sie überbrachte mir zugleich von
Seiten der Käuferin die Bestellung ein ganzes Dutzend Kaminfächer zu
verfertigen Man wünschte sie so niedlich wie möglich ohne mir einen Preis
vorzuschreiben die Dame machte mir nur die einzige Bedingung dass ich selbst zu
ihr kommen möchte um die Arbeit mit ihr zu verabreden Diese war mir sehr
peinlich in der Lage wo ich mich befand konnte ich sie aber nicht abschlagen
Die arme Julie war über unser gutes Glück kindisch entzückt »O nun bekomme ich
das Glas Burgunder um das ich Sie schon zwei Tage lang vergeblich gebeten«
Seit zwei Tagen weigerte sie sich hartnäckig unsre einfache doch leichte
Nahrung zu genießen und klagte Tag und Nacht dass sie vergeblich nach dem
einzigen Labsal lechze welches ihrem kranken Körper Kräfte zu geben vermöchte
Bei dem Fieber das sie verzehrte bei dem Husten der ihr ganzes Wesen
erschütterte konnte Burgunder kein angemessner Genuss für sie sein mein weniges
Geld reichte auch nicht hin ihn zu kaufen und wenn ich diese Ausgabe erzwungen
hätte war ich gewohnt dass kranker Ekel ihr jede noch so ersehnte Befriedigung
sobald sie ihr gewährt wurde widrig machte Notgedrungen und aus Überlegung
hatte ich ihrem Verlangen nach diesem Glas Burgunder widerstanden und sagte auch
jetzt »Liebe Julie wir müssen auf etwas Anderes zu Ihrer Labung denken Alles
Geld das wir besitzen reicht wenn wir die morgen an Frau Kampell zu
bezahlende Miete abziehen nicht hin Burgunder zu kaufen« »Frau Kampell
kann warten die braucht das Geld nicht so dringend« »Liebe Freundin wenn
man jeden Tag nur für den Tag erwirbt kann man nicht Schulden machen man hat
kein Recht dazu weil der Tag wo man bezahlen könnte vielleicht nie
herbeikommt« »O so eine kleine Schuld aber ich weiß wohl ich habe nicht das
Recht solche Opfer von Ihnen zu verlangen Ich habe es nicht um Sie verdient
aber um meines armen Kindes willen das ohnehin bald eine Waise werden muss «
Hier unterbrach sie sich selbst und weinte fort Mir zersprang fast das Herz vor
Wehmut und Unwillen Der letzte weil ich aus hundertfacher Beobachtung wusste
dass sie nie an den Tod dachte und der traurige Schluss ihrer Rede nur mich
erweichen sollte Fest entschlossen auf meiner wohlbegründeten Weigerung zu
bestehen begab ich mich ohne ihr zu antworten hinweg Nachdem ich ein paar
Stunden an Frau Kampells Küchenfenster sitzend gearbeitet hatte kehrte ich in
mein Zimmer zurück wo ich zu meinem Befremden Julie an der Tür begegnete die
mir entgegen rief »Ach ich dachte Sie kämen nie wieder Wo ist der Wein«
»Liebe Julie« antwortete ich untröstlich über ihre Beharrlichkeit »ich kann
Ihrer Forderung nicht genügen«
Sie hatte sich eingebildet mich überredet zu haben die Fehlschlagung
brachte sie jetzt dergestalt auf dass sie durch das Weinen in einen Anfall von
Husten geriet der endlich einen Brustkrampf erregte wodurch ihr Leben
augenscheinlich zu erlöschen bedroht war Frau Kampell die glücklicher Weise zu
Hause war holte einen Apotekergesellen herbei dem es gelang durch einige
Opiate den Krampf zu stillen eine tödtliche Schwäche folgte ihm die nach
kurzer Zeit jedoch in einen ruhigen Schlaf überging Während ich die Nacht an
ihrem Bette verwachte dachte ich mit Schauder an die Vorwürfe die ich mir
würde gemacht haben wenn Julie in diesem durch meine Schuld veranlassten Anfall
den Tod gefunden hätte Mein Verfahren konnte ich nicht tadeln es war die
Frucht eines schweren Siegs der Vernunft über meine Weichheit allein die
schnelle Hilfe welche »des Doctors« wie ihn meine Wittwe nannte einfache
Arznei gewährt hatte machte mir die Notwendigkeit einleuchtend ärztliche
Hilfe für die arme Kranke zu suchen Bisher hatte ich geglaubt meine geringe
Einsicht in ihr Übel könne mich hinlänglich bei dessen Behandlung leiten
allein jetzt war mir die Möglichkeit ihres Todes bevor sie ihre Gefahr
eingestehe bevor sie ihre Gedanken zu der großen Verwandlung gesammelt nahe
getreten und ich dankte Gott für die Aussicht durch die mir aufgetragne Arbeit
einen hinlänglichen Erwerb hoffen zu dürfen um sogleich einen Arzt für Julie zu
bestellen Diese Betrachtungen hatten meine Abneigung gegen den mir
bevorstehenden Besuch gänzlich vertilgt so dass ich mich zwar sehr schüchtern
aber freudiges Mutes auf den Weg gemacht hätte wäre mir nicht eine neue
quälende Notwendigkeit klar geworden Die aufgetragne Arbeit sollte mir einen
reichern Gewinn geben allein sie erforderte auch längere Zeit und mein
Bedürfnis verlangte einen täglichen Zuschuss ich sah mich also notgedrungen
von meiner neuen Wohltäterin einen Teil der Bezahlung imvoraus zu erbitten um
so mehr da ich Stoff zu dieser Arbeit einkaufen musste eine unerschwingliche
Ausgabe in meinem Verhältnis Doch da mir meine Vernunft sagte dass ein großer
Teil Arbeiterinnen in diesem Fall sein dürften und eine solche Forderung mit
Almosenheischen nichts gemein hätte überwand ich meine Scheu und trat ziemlich
gefasst in das Haus Man wies mich zu einer ältlichen Frau von sehr angenehmem
Äußern der angemessne Ernst in ihrer Kleidung ihre Haltung forderten die ihrem
Alter gebührende Ehrerbietung wobei doch die Güte und Heiterkeit ihres Wesens
die Jugend anziehen musste Sie empfing mich mehr wie höflich und begann sogleich
ein Gespräch mit mir dem sie eine so leichte Wendung zu geben wusste dass ich
alle Verlegenheit ablegte Bald nahm ich wahr dass der günstige Eindruck
gegenseitig sei was mich nicht weiter wunderte da die Dame mir einen Wink gab
dass die gute Wittwe Kampell ihr in der Dankbarkeit ihres redlichen Herzens von
mir erzählt hatte Erst nach einem langen Gespräch kam sie auf die schonendste
Weise auf meine Arbeit zu sprechen verabredete die Darstellungen welche ich
auf den Fächern anbringen sollte mit so viel Geist wie Geschmack und gab mir
sehr verbindlich zu verstehen dass ich den Preis ganz nach meiner Mühe ansetzen
sollte Jetzt war nun der Augenblick gekommen wo ich mein Gesuch anbringen
sollte aber eben darum weil mich diese Frau nach so langer langer Zeit wieder
auf den Platz gesetzt hatte für den meine ehemalige Bildung mich bestimmte
fand ichs um so schwerer auch sogleich wieder zu der Rolle der Geldbedürftigen
herabzusinken Der Mut verließ mich ich ward stumm und zerstreut meine Zunge
versagte mir ihren Dienst aber dann fiel mir Juliens elender Zustand ein die
Notwendigkeit mir selbst Mittel zur Arbeit zu verschaffen und ich stammelte
»ich hätte wohl um eine Gunst zu bitten « aber mehr hervorzubringen war mir
unmöglich Die edle Frau sah mir fragend ins Gesicht fasste meine Hand und
sagte »Ich wünschte Sie sähen mich als eine alte Bekannte an mir ists
wirklich zu Sinn als habe ich Sie schon in der Wiege gekannt« Vor so viel
Güte schwand meine Widerspenstigkeit »ja« rief ich mit hervordringenden
Tränen »Sie sind gütig ich sehe Sie sind es und ich sollte nicht diese
Zurückhaltung fühlen ich sollte gestehen dass mich die äußerste
Notwendigkeit antreibt « Hier schwieg ich wieder aber die Dame hatte ihren
Geldbeutel schon in der Hand »Ich sollte Ihnen schmälen« rief sie freundlich
»denn Sie flössen mir den Verdacht ein zu denen zu gehören die Gottes Güte nur
dann erkennen wollen wenn er sie unmittelbar in ihre eignen Hände legt« Der
Vorwurf tat mir weh Ich fand die Sprache wieder und sagte ihr worin
eigentlich meine Forderung bestanden hätte aber im Sprechen erkannte ich dass
ihr Vorwurf doch einigen Grund hätte und setzte hinzu »Doch schmälen Sie nur
ich habe es einigermaßen verdient denn mir fehlt immer noch die Demut mit der
jede Gabe Gottes von einem armen Geschöpf das sie so oft nicht verdient hat
angenommen werden sollte« Die Dame schien meine Art und Weise ganz zu
verstehen sie gab mir nun so viel und auf die Bedingungen wie ich es wollte
ohne mir mehr aufzudringen Bei meinem Abschied fragte sie nach meinem Namen
den ihr Frau Kampell meinem Verbot zufolge nicht genannt hatte Ich errötete
über meine immer wieder auftauchende Eitelkeit und sagte »Es war wieder eine
Schwäche von mir ihn zu verschweigen Ich weiß Ellen Percy ist dadurch nicht
beschimpft dass sie durch ihre Arbeit ihren Unterhalt erwirbt« »Percy« rief
die Dame als wenn sie sich plötzlich an etwas erinnerte »Aber Frau Kampell
sagte Sie hätten in Schottland gar keine Bekanntschaften Kaum die
allerentfernteste« »So können Sie es doch nicht sein von der sie sprachen«
sagte sie wie im Selbstgespräch indem sie sich zu ihrem Schreibtisch wendete
wo offene Briefe lagen gleichsam als deute sie auf den Inhalt Gern hätte ich um
eine Erklärung gebeten allein da die Dame nichts hinzusetzte war ich zu
schüchtern und begab mich sehr neugierig hinweg Hätte ich Zeit gehabt so
möchte ich mich wohl mit Erraten und Luftschlössern beschäftigt haben von
diesem Zeitvertreib hatte mich aber die ernste Wirklichkeit ziemlich geheilt
und jetzt forderte mich Juliens Zustand auf mich mit ganz andern Dingen zu
beschäftigen Da ich einen Arzt für sie zu Rate zu ziehen gedachte fiel mir
der Mann ein der in meinem fürchterlichen Verwahrsam sich meiner so tätig
angenommen und durch sein Betragen gegen mich von seiner Menschlichkeit
überzeugt ließ ich ihn um einen Besuch bitten Er kam ungesäumt freute sich
ohne viele Worte über meine blühende Gesundheit und ging sogleich auf den Zweck
seiner Einladung los Während er Julie befragte beobachtete ich ihn wohl und
nahm wahr dass er ihren Zustand für hoffnungslos hielt indes sie mit dem
traurigsten Selbstbetrug ihm die Beobachtungen die er selbst machte abstritt
Er verließ sie ohne eine Verordnung zu machen Ich folgte ihm aus der Tür und
fragte ihn aufhaltend »Haben Sie mir gar keine Anweisung für die Kranke zu
geben« »Gar keine als sie treiben zu lassen was sie noch freut In weniger
wie einer Woche ist es mit ihr vorüber« Kaum hatte er diese fürchterlichen
Worte ausgesprochen so hörte ich einen schweren Fall und wie ich in das Zimmer
zurückflog lag Julie besinnungslos am Boden Sie hatte aus des Doctors Betragen
und meinem Eifer ihn zu begleiten Verdacht geschöpft hatte die Tür leise
geöffnet und unser Gespräch leise behorcht Das über ihr Leben ausgesprochne
Urteil hatte sie der Besinnung beraubt mühselig brachten wir sie ins Leben
zurück Ach sie begrüßte es mit dem wehklagenden Geschrei ich soll sterben
ich soll sterben und alles Zureden allen Trost von sich weisend wiederholte
sie deren armer Kopf nun weiter keinen Gedanken zu fassen fähig war
unaufhörlich diese Worte bis die erliegende Natur ihr in einem unruhigen
Schlummer Stillschweigen gebot
Auch mir war heute der Schlaf eine willkommene Wohltat so dass mein letzter
Gedanke ehe er mich in süße Vergessenheit hüllte ein herzlicher Dank war dass
der kleine Knabe heute nicht wie es wohl oft der Fall war durch sein Weinen
meine wenigen Ruhestunden verkürzte Bei meinem Erwachen fand ich Julie so
still und sie lag so unbeweglich dass ich mich mit Ängstlichkeit ihrer
Atemzüge versicherte Zu meinem Erstaunen schien sie ohne mich zu rufen schon
eine Weile gewacht zu haben Sobald sie mich aber erblickte fragte sie mit
einer Art Gleichgültigkeit »Hat denn der Doctor den Ruf eines geschickten
Mannes Er schien von meiner Krankheit gar nichts wahrzunehmen als was ich ihm
selbst sagte und das missverstand er dennoch ganz und gar« Die
Beharrlichkeit mit der sie auf ihrer Selbsttäuschung bestand war mir unendlich
schmerzlich ich wiederholte meine gute Meinung von des Arztes Geschicklichkeit
und setzte hinzu dass sein Urteil eigentlich aber gar nichts bestimme Wenn sie
das was ihr vor ihrem Ende zu tun übrig bliebe gewissenhaft vollbringe sei
es ja ziemlich gleichgültig ob er dieses fern oder nahe hielt Sie schwieg eine
Weile dann sagte sie mit einem tiefen Seufzer »Sie haben recht Kommen Sie
neben mein Bett ich will Ihnen einen Brief an meinen Bruder dictiren« Ich
willfahrte ihr sobald es mein kleiner Haushalt vergönnte und darauf sagte sie
mir einen Brief in die Feder über dessen Klarheit und Zweckmässigkeit ich
erstaunte Sie nannte und bezeichnete die Personen welche in ihrer Sache zu
ihren Gunsten Zeugnis geben konnten und nahm Herrn Arnolds herrschende
Leidenschaft höchst geschickt in Anspruch indem sie ihm begreiflich machte dass
er sobald die Legitimität von seinem Neffen erwiesen sei als Oheim und
natürlicher Vormund nach Lord Glendowers Tode mit der Verwaltung des gänzlichen
Vermögens von fünfundzwanzig tausend Pfund Einkünften beauftragt werden müsse
Mit unruhigem Rückblick auf mich selbst sah ich hier ein neues Beispiel wie
klar wir Andrer Fehler einsehen indes wir über die unsern in steter Täuschung
verbleiben Ich hoffte dass sie die Kräfte welche ihr ein erquickender Schlaf
schien gegeben zu haben nun auch zu einem noch viel ernstern Geschäft als die
zeitliche Wohlfahrt ihres Kindes zu begründen anwenden würde ich hoffte sie
würde ihrem Bruder über dessen Erziehung etwas sagen würde einen kräftigern
Zuspruch wie den meinen über ihre nächste große Zukunft verlangen aber die
flüchtige Helle ihres Geistes war schon vorüber ehe der Brief noch geschlossen
ward schweiften ihre Gedanken ab und ein halb träumender Zustand machte sie zu
jedem Nachdenken unfähig
Meine nächste Beschäftigung war nun die Zeichnungen zu meiner mir
aufgetragnen Arbeit zu entwerfen Leider war Frau Kampells Töchterchen heute
durch Hausarbeit verhindert mit dem kleinen Glendower zu spielen es blieb mir
daher nichts übrig als ihn mit der einen Hand auf meinen Knien zu halten ein
Körbchen mit den bunten Abschnitzeln meiner Arbeit vor ihm in welcher er
unruhig umherwühlte indes ich mit der andern Hand den ersten Entwurf zu meinen
Zeichnungen versuchte In diesem Augenblick öffnete sich leise die Tür und die
Dame bei der ich mich gestern vorgestellt hatte trat mit einer jüngeren ein
die auf den ersten Anblick meine Aufmerksamkeit fesselte Sie hatte eine
majestätische im schönsten Ebenmass gebildete Gestalt ihre Haut wenn gleich
von der Farbe die sich zu braunem Haar paart war durchsichtig und wenn gleich
für die kränkelnde Zartheit einer londner Schönen zu hoch gefärbt gewann sie
durch das Rot der Gesundheit ihrer Wangen Ihre schwarzen etwas grade
gezeichneten Augenbraunen lagen nahe über so dunkeln leuchtenden Augen dass
ihre eigentliche Farbe nicht zu unterscheiden war und für die Weiße ihrer Zähne
war das alte poetische Bild orientalischer Perlen zu matt Die Lieblichkeit
ihres Lächelns wäre eben so schwer zu schildern Wahr ist es sie konnte neben
einer zartgebauten Nymphe etwas zu breitschultrig aussehen aber ihre Formen
waren höchst weiblich ihre Bewegungen mild und behende Sobald sie ihre
Begleiterin als Charlotte Graham eingeführt hatte erinnerten mich ihre Züge an
meine gute Cecile sie glichen sich wie der rohe Entwurf einer Büste zu ihrer
ausgeführten Vollendung auch im Ausdruck fand dieser auffallende Unterschied
statt Cecilens ihrer war ernst durchdringend und für eine so junge Frau fast
streng Miss Grahams Gesicht war heiter offen lebendig beide aber drückten die
Art Scharfsinn aus welche die Worte dessen der da redet bis zu ihrer Quelle
verfolgt
Miss Grahams tiefe Trauerkleider und eine trübe Wolke die zuweilen über ihr
fröhliches Gesicht zog bedeuteten mich dass irgend ein Todesfall die Familie
betroffen haben musste Ihr Betragen benahm aber auch den Schüchternsten alle
Verlegenheit Es war gebildet aber nicht modig höflich doch nicht gekünstelt
gütig ohne den mindesten Anschein von Herablassung allein in ihrer Haltung
ihren Bewegungen vor allem in ihrem Gang drückte sich eine Hoheit aus die es
bewiess dass sie sich nie von der Gegenwart eines Obern gedrückt fühlte und wohl
zu gewähren aber nicht zu bitten gewohnt war Diese Eindrücke machte mir die
erste Viertelstunde von Miss Grahams Bekanntschaft Was mir Cecile von ihr gesagt
hatte war ganz geeignet gewesen ihr meine Bewunderung zu erwerben allein die
unaussprechliche Melodie ihrer Stimme erwarb ihr mit den ersten Worten die sie
mit einer etwas fremden ihr Vaterland höchst angenehm bezeichnenden Aussprache
zu mir sagte mein Herz »Wenn Sie uns entschuldigen im Fall wir Ihnen lästig
sind« sprach sie »so ist mein Gewissen beruhigt denn ich bin überzeugt Sie
sind es mit der ich mein Geschäft abtun soll denn zwei Personen können meiner
Beschreibung nicht ähnlich sehen« »Sie werden sich erinnern« sagte ihre
Begleiterin indem sie über meine erstaunten fragenden Blicke lächelte »dass
ich gestern einer Freundin gegen Sie erwähnte die ein Frauenzimmer Ihres Namens
aufgesucht hätte Wir dürfen nun hoffen solches in Ihnen gefunden zu haben und
damit muss manche zudringliche Frage entschuldigt werden« »Ich bedarf nur eine
beantwortet zu erhalten« sagte Miss Graham »Sagen Sie mir nur wer Ihre Eltern
waren« Dieses sagte ich ohne den geringsten Rückhalt »Gut« nahm Miss Graham
wieder das Wort »in diesem Fall habe ich die Freude Ihnen eine angenehme
kleine Nachricht zu bringen Mein Bruder war so glücklich eine Ihrem Vater
schuldige Summe einzutreiben der Schuldner zahlte sie nur unter der Bedingung
aus dass die Hälfte davon in Ihre Hände gegeben und nur die Hälfte der Masse
zugewendet werden sollte Die Sache ist nun gerichtlich abgetan und Sir
William Sorbes wird Ihnen fünfzehn hundert Pfund auszahlen« Kaum wird man mir
glauben dass diese Nachricht mir anfangs keine große Freude machte Ach das
kommt nun zu spät dachte ich meine Blicke auf die arme Julie heftend die aus
dem Hintergrund des Zimmers diesen Vorgang mit dumpfer Gleichgültigkeit zusah
Doch mein zweiter Gedanke belehrte mich dass ich undankbar gegen Gott und meine
Wohltäter sei und ich drückte Miss Graham meine Erkenntlichkeit aus Sie
versicherte mich dagegen auf die liebenswürdigste Weise dass meine Bekanntschaft
sie schon weit über den Wert des kleinen geleisteten Dienstes belohnt habe und
kam meinen weitern Danksagungen durch die Fortsetzung ihres Gesprächs zuvor
»Mein Bruder« sagte sie »konnte Ihre Spur nur bis zu Miss Mortimer und von da
nach Edinburg verfolgen hier verlor er sie und da er zu entfernt war
Nachforschungen anzustellen trug er sie mir auf und mir war in meinem Geschäft
eine Ihrer und meiner sehr dankbaren Schützlinge die gute Cecile Graham
behilflich Sie wies mich an die Boswells die wollten aber nichts von Ihnen
wissen Mittlerweile kam ich vor wenigen Tagen in die Stadt ohne zu wissen
welche Wege ich einschlagen sollte aber fest entschlossen nicht ehe ich Sie
gefunden Glen Eredine wiederzusehen« »Wäre es möglich dass ich solch eine
großmütige Teilnahme bei Fremden erregt haben sollte« »Nennen Sie mich
Fremde wenn Sie wollen wenn mir der Name nur einen freundlichen Empfang bei
Ihnen verschafft Doch mein Bruder muss Sie persönlich gekannt haben wenigstens
mit Ihrem Vater in sehr genauen Verhältnissen gewesen sein denn er beschrieb
mir Ihre Person« »Ja ja« nahm die ältere Dame mit gutmütigem Scherze das
Wort »die schwarzen Wimpern und das Grübchen in den Wangen« »Das Lächeln
hätte Sie mir doch noch leichter verraten« unterbrach sie Miss Graham »Wenn
ich die Ehre haben sollte Herrn Kennet den ich jedoch nur aus Cecilens
Erzählung gekannt zu haben glaube wiederzusehen kann er Ihnen selbst sagen ob
ich seinem Gemälde gleiche« antwortete ich ebenso verlegen wie geschmeichelt
Miss Grahams Heiterkeit erlosch und eine Träne füllte ihr Auge Ich suchte mir
diese sonderbare Erscheinung zu erklären und dachte dass Herr Kennet selbst der
Schuldner gewesen und seitdem verstorben sei weshalb meine Hoffnung ihn
wiederzusehen der liebenden Schwester so weh tue Diese fasste sich aber bald
wieder und fragte »Sie erinnern sich also nicht einen Bruder von mir zu Ihres
Vaters Lebzeiten gesehen zu haben« Ich war beschämt War Herr Kennet ein
Geschäftsmann gewesen der meiner Eitelkeit nicht besonders gehuldigt so konnte
er sich sehr wohl unter den vielen Gästen meines Vaters befunden haben ohne dass
ich ihn je bemerkt hatte »Gut« rief Miss Graham da sie meine Verlegenheit
bemerkte »ich will dafür sorgen dass Sie mich nicht also vergessen« und
jetzt wendete sie das Gespräch auf Cecile ihre Landsleute und den Unterschied
zwischen den Hochländern und den Einwohnern der Ebene Wenn gleich ihre
Unterhaltung über diesen wie über jeden andern Gegenstand keine besondere
Geistesbildung bewies so verriet sie doch einen natürlichen Scharfsinn eine
so schnelle und scharfe Beobachtungsgabe wie ich sie sehr selten angetroffen
habe Ihr Besuch nahm ein Ende ohne dass ich begreifen konnte wie er zwei
Stunden gedauert habe Die langentbehrte Wohltat eines freundschaftlichen
Austausches von Gedanken und Gefühlen hatte mich so entzückt dass das
unerwartete Glück welches sie mir verkündet mich so lange sie gegenwärtig
war wenig beschäftigte
Doch die Gelegenheit es anzuerkennen stand mir nahe genug Juliens Zustand
war jetzt so hilflos geworden dass ihre Pflege und die Aufsicht auf ihr armes
Kind obgleich ich nun in der ältesten Kampell eine Art Wärterin für dasselbe
bezahlte mir sehr wenige Zeit zu arbeiten ließ Die Kranke war so abgemagert
dass Bewegung und Stilleliegen ihr gleich schmerzhaft bedünkten meine ängstliche
Unruhe war das einzige Gefühl das der Tod noch nicht in ihr vertilgt hatte so
wie ein kindisches Bewusstsein ihrer Abhängigkeit von mir die letzte ihrer
menschlichen Empfindungen zu sein schien Die Furcht vor dem Tode war in
stumpfer Unterwürfigkeit unter die Notwendigkeit untergegangen und so sah ich
sie gleich unbedürftig und unfähig die große Stunde der sie entgegen ging
würdig zu bestehen vor meinen Augen verschmachten Mit tiefer Wehmut und
unaussprechlichem Danke zu Gott saß ich Tage und Nächte an diesem jammervollen
Todbette Ich war mit dieser Sterbenden jung und töricht gewesen mich hatte
eine Vaterhand aus dem Strom des Verderbens gerettet auf den Wogen des Unglücks
getragen und ich fühlte tief in meinem Herzen weinen konnte ich noch viel
fehlen noch oft aber so sterben so trost und hoffnungleer sterben würde ich
nie Dann sann ich nach was denn mein Verdienst sei dass ich nicht von jenem
Tage an wo mich meine Verkehrtheit in Lord Friedrichs Hände übergab gesunken
und zu Grunde gegangen sei wie meine unglückliche Gespielin und gedachte der
Demütigung die mich damals traf und des Jammers der ihr folgte mit tiefem
innigem Dank Denn wahrscheinlich hatten sie mich gerettet Diese Tage lehrten
mich welchen Schatz ich an Charlotte Graham gewonnen hatte Durch mein
Schicksal verschüchtert wehrte ich mich anfangs vor der Anziehungskraft ihres
Wesens und sagte mir oft um eine wahre Freundin zu sein bedarf es mehr wie
dieses liebenswürdige Äußere Aber nun da sie täglich Gesellschaften in denen
Beifall und Freude sie erwarteten hintansetzte um die Abende in meiner
ärmlichen Wohnung die Pflege einer Sterbenden zu teilen ward mir ihre Milde
ihre Geduld ihre Frömmigkeit klar und wir knüpften eine Freundschaft die
gewiss nur der Tod zu scheiden vermag Sie fühlte viel zu zart um mich so lange
Julie meiner bedurfte zu einer Veränderung meiner Lage zu bewegen allein mein
Besuch in Glen Eredine ward als eine so ausgemachte Sache angenommen dass sie
mich schon wie eine Bewohnerin von ihres Vaters Hause ansah Sie machte die
Einteilung unsrer Zeit für jede Stunde des Tags unsre wissenschaftlichen
Übungen unsre Lustwanderungen wurden verabredet alles was sie beschäftigte
führte sie auf Glen Eredine zurück sie beschrieb mir die Naturscenen die ich
zeichnen sollte den Felsen wo der Widerhall meiner Harfe sollte antworten und
wenn sie selbst sich auf ihren unablässlichen Träumereien über ihr Heimatstal
überraschte rief sie mit einem glänzenden Blick zum Himmel »ach es ist ja
auch nirgend so schön« und legte die gefalteten Hände auf die Brust
Bei diesem nur ihren edelen Landsleuten eigenen Enthusiasmus für ihr Land
bei der innigen Ehrfurcht mit der Miss Graham von ihrem Vater sprach der wie
sie gestand durch ihre Abwesenheit eine peinliche Leere empfände konnte ich
nicht begreifen was sie in Edinburg festhielt Geschäfte schienen es nicht zu
sein denn nie hörte ich solche von ihr erwähnen und Lustbarkeiten fesselten
sie nicht denn sie brachte ihre meiste Zeit in meiner kummervollen Wohnung zu
Endlich aber war unsre traurige Aufgabe gelöst Mit kaum merklicher Stufenfolge
sank Julie aus einem matten Schlummer in die Arme des Todes Ich fühlte ihren
unterbrochnen Puls bewachte ihre seltneren Atemzüge allein ihr Leben schwand
so leise dass mir der Augenblick seiner Flucht nicht bemerklich ward Ich
erfüllte die letzte Pflicht der Freundschaft an ihr ich bereitete sie mit
frommen Händen und mancher Träne der Wehmut zu ihrem Übergang ins Grab ins
unbeweinte Grab denn meine Tränen galten ihrem Leben nicht ihrem Tode und
ihr armer Knabe sah neugierig zu wie die Männer den ungeschmückten Sarg aus dem
Zimmer entfernten
Zwei Tage nach ihrem Tode empfing ich von ihrem Bruder die Versicherung die
Rechte von Lord Glendowers Erben verteidigen zu wollen zugleich auch die
Anweisung das Kind nach dem Tode seiner Mutter zu ihm nach London zu senden
Die Trennung von ihm ward mir unendlich schwer ja ohne Miss Grahams klare
Ansicht der Dinge hätte ich mich vielleicht von meinem weichen Herzen bewegen
lassen ihn seinem natürlichen Beschützer zu entziehen Sie bewies mir aber dass
des Knaben Wohl und meine weibliche Würde mir nicht erlaube ihn in meinen
Händen zu behalten dass sein Oheim eben das für ihn tun würde was mir zu tun
möglich sei er würde ihn in eine gute Pension tun Sie hatte recht aber mir
schien meine Liebe ein Gewicht das kein Vernunftgrund aufwiegen könnte Dennoch
erkannte ich die ihrigen an ich beredete meine gute Frau Kampell gegen eine
angemessene Belohnung meinen armen kleinen Liebling selbst nach London zu
bringen Seine Rechte wurden anerkannt und da Lord Glendower von Lady Maria nie
Kinder erhielt wurden Juliens Sohn alle die Vorteile des Glücks eingeräumt
die seine arme Mutter vergeblich um den Preis ihres Lebens hatte zu erlangen
gestrebt
Nun mich keine unerlässliche Obliegenheit mehr fesselte gab ich Miss Grahams
Bitten nach und ward ihre tägliche Gefährtin Edinburg mit seinen historischen
Merkwürdigkeiten und seinen Umgebungen voll der erhabensten Schönheiten der
Natur beschäftigte mich nun auf die anziehendste Weise unsre Morgen waren den
mannichfaltigsten Wanderungen geweiht und die Abende in Gesellschaften
zugebracht in denen ich ohne außerordentliche Vorzüge alle Annehmlichkeiten
vereint fand Viel feine Sitten also keine Sonderbarkeiten allgemeine Bildung
also keine Pedanterei viel guten Geschmack also keine auffallenden
Einzelnheiten Von Miss Graham eingeführt fand ich überall den
schmeichelhaftesten Empfang und die arme Fremde der es nicht gelingen wollte
Arbeit zu ihrem täglichen Unterhalt zu finden ward nun da sie ihren Beitrag
zur Kurzweil müßiger Stunden gab von allen Seiten aufgesucht und bewundert Nun
sah ich mich wieder in der Lage meinen alten Fehlern Raum zu vergönnen Wohl
nirgends hat weibliche Schönheit so große Geltung wie in der Hauptstadt von
Schottland Miss Grahams hohe Gestalt und meine Schlankheit traten als neue
Erscheinungen auf und fanden warme Bewunderer doch mein Geschmack an diesen
Huldigungen war vorüber mir war bei dieser meiner Rückkehr in die Gesellschaft
eine Schüchternheit vor meiner eignen Schwäche geblieben die mir Wachsamkeit
gegen mich selbst gebot Ein genugtuenderes Vergnügen wie der Beifall der
Männer gab mir Charlottens edle Uneigennützigkeit in der geteilten Bewunderung
der Menge sie erfreute sich des kleinen Gewichtes das meine Waagschaale
niederdrückte es entstand aus den sieben Jahren frischerer Jugend die ich vor
ihr voraus hatte Es gingen andre sieben Jahre vorüber und dann gebührte ihr
der Kranz der Schönheit denn ihre Züge von dem Zauber nie alternden Geistes
beseelt trotzten dem Einfluss der Zeit
Seit Juliens Tod war es zwischen uns ausgemacht worden dass ich Miss
Charlotte nach Glen Eredine begleiten würde mein Aufenthalt in Edinburg gefiel
mir aber so wohl dass ich nicht sehr ungeduldig auf unsere Abreise drang um so
weniger da meine Freundin so sehnsuchtsvoll ihre Blicke nach ihren Bergen
gerichtet waren sie doch täglich verschob Eines Abends wie wir die Sonne von
einer der romantischen Felshöhen um Edinburg untergehen sahen blickte sie
begeistert nach Westen und rief »Ach sie sinkt hinter Benarde hinab« »Man
sollte glauben Charlotte« sagte ich lächelnd »Sie hätten nicht weit von
Benarde Jemand bestellt der mit Ihnen diese letzten Strahlen zugleich begrüßen
sollte« »Das ist ein empfindsamer Einfall« rief sie lachend »den könnten
Sie gar nicht haben hätten Sie nicht selbst schon solche fantastische
Rendezvous gehabt Gestehen Sie Ellen Sie haben geliebt« »Ich nein ich
habe nicht« »Kind sehen Sie nicht so unschuldig aus Warten Sie nur bis Sie
Bruder Heinrich kennen lernen Dann wollen wir sehen wie es um die
Unverletzbarkeit Ihres Herzens aussehen wird« »Grade wie jetzt Hätte die
gefährdet werden können so wäre es schon vorlängst geschehen« »Das wäre
Was liebe Ellen hat Sie denn so unverletzbar gemacht« »Die Neigung eines
der edelsten und weisesten der Menschen meine Freundin Ich hatte einst das
Schicksal die Aufmerksamkeit Ihres Landsmanns des großmütigen beredten
Maitland auf mich zu ziehen« Miss Graham schreckte auf antwortete aber nicht
»Kannten Sie ihn« fragte ich sie ansehend Hohe Röte deckte ihr Gesicht
»ja ja ich kannte ihn« sagte sie zögernd und schien in tiefe Gedanken zu
sinken Wir schwiegen eine Weile Charlottens Fassung schien mir ein Geheimnis
zu verraten in das mein Schicksal verflochten war Es konnte mich nicht
befremden dass Maitland mit Miss Graham zusammengetroffen und dass er in ihr alle
die Vorzüge gefunden die sein männlicher Geist suchte und einst gütevoll sich
bemühen wollte in mir zu entwickeln Es kostete mir einen schweren aber nur
kurzen Kampf meinen unausgebildeten aber im lebendigen Keim stets noch in
meinem Busen schlummernden Hoffnungen zu entsagen Aber die Vernunft gebot es
die Entsagung gelang doch dem Schmerz um sie gebot ich nur augenblickliches
Schweigen er sollte mir jetzt die Selbsterrschaft nicht rauben Jetzt bedurfte
ich es den freimütigen Verkehr zwischen mir und Charlotten wiederherzustellen
es war mir unleidlich peinigend neben der Freundin die mich mit beispielloser
Großmut behandelt hatte in diesem Augenblick so abgeschieden zu stehen Den
Übergang zu finden ward mir schwer denn trotz der Freimütigkeit in
Charlottens Betragen hatte meine Vertraulichkeit mit ihr Grenzen wenn sie
einmal einen Punkt angedeutet hatte den sie nicht berührt haben wollte so
getraute ich mich nie mehr ihm zu nahen Wir wanderten noch stumm neben
einander als sie sagte »Ellen Sie sind beleidigt denn ich tat Ihnen eine
Frage die sich selbst die vertrauteste Freundin versagen soll« »Nicht doch
liebste Charlotte Sie dürfen alles fragen ich will Ihnen gern « »Nein
nein solche Fragen sollen nicht getan und nicht beantwortet werden Ist eine
Liebe glücklich so gesteht sie der Liebende gern ist sie unglücklich so ist
ihr Geständnis eine Herabwürdigung die kein Mensch von dem andern fordern
darf« Gott sollte das dein Loos sein dachte ich so soll dein edles Herz
wenigstens durch mich nicht leiden du sollst wissen dass ich dir nicht im Wege
bin Mit glühenden Wangen und klopfendem Herzen nahm ich wieder das Wort
»Charlotte« sagte ich »Sie müssen meine Beichte anhören sie ist sehr
demütigend wenn gleich nicht in der Art die Sie bezeichnen Ich muss Herrn
Maitland die Gerechtigkeit widerfahren lassen dass er mich nie in den Fall
setzte ihn ausschlagen zu können Er sah ein dass ich zu seiner Gattin nicht
geschickt war und in demselben Augenblick wo er seine Schwachheit eingestand
entsagte er ihr auf immer Sehen Sie nicht ungläubig aus Charlotte Weder ein
hübsches Gesicht noch ein großes Vermögen wie ich damals besaß konnten Herrn
Maitland verleiten seine Hand einem herz und gedankenlosen Doch seitdem
habe ich mich verändert sehr verändert Aber wahrlich Charlotte ich stehe
Niemandem im Wege der Maitland so glücklich machen möge wie ich « Ich
musste innehalten und Miss Graham ersparte mir das Ende meiner Rede indem sie
meine Hand liebevoll drückte und sich dann mit einem eben vorbeigehenden
Bekannten unterhielt
Von dieser Zeit an sprach sie so offen sie sich über alle Gegenstände
ausliess nie mehr von Maitland und sie gewann dadurch an Achtung bei mir denn
sie bewies damit nach meiner Ansicht sowohl ihre Herrschaft über ihre eigne
Empfindung als ihre Schonung für Andere Jedesmal wenn ich Charlotte
beobachtete ward es mir rätselhafter wie Maitland nicht mit ihr sympatetisch
empfinden musste Alle Anlagen die sich in ihm zu dem Mann ausgebildet hatten
den sein Vaterland ehrte der seine Freunde beglückte hatten sich in Charlotten
als weibliche Tugenden entwickelt die sie zur Führung des Hauswesens zum
erfreuenden Mittelpunct des gesellschaftlichen Kreises geschickt machten Ein
Gegenstand der ihr Gespräch um so häufiger betraf war ihr Bruder Heinrich der
mit ihr in dem innigsten Verhältnis zu stehen schien Da mir aus Cecilens
abenteuerlicher Erzählung ein Zweifel aufgestiegen war ob die Veranlassung
seiner frühern Auswanderung nicht nachteiliger für ihn und seine Angehörigen
gewesen sein möchte wie der Familienstolz der Hochländerin eingestehen konnte
war ich zu schüchtern über seinen Aufenthalt im Auslande seine Schicksale
nachzufragen da ich in Glen Eredine alle diese Umstände zu erfahren hoffte
begnügte ich mich auch immer mit dem was mir Charlotte zu sagen für gut fand
und wenn ich Herrn Heinrich hätte schildern sollen so wäre er als
funfzehnjähriger Knabe dagestanden wie er in Plaid gewickelt und den
Knotenstock in der Hand von Bouoghrin herabsteigend die Kühe von Glen Eredine
wiedergewann Dass dieses Bild nicht mehr zu dem Heinrich aus dessen Briefen mir
Charlotte oft vorlas passte bekümmerte mich wenig Er schrieb ihr wie ein
Freund dem Freunde und doch mit der Zartheit welche die Verschiedenheit des
Geschlechts dem Mann von Gefühl zur Pflicht macht Sie war seine
Almosenpflegerin und so wenig er seit langen Jahren in seinem Tale gelebt
hatte kannte er jeden Klansmann und bestimmte ihm die Gabe die ihm nützen
konnte Das Ansehen der Ton in dem er sie behandelte hatten etwas
Patriarchalisches und oft das gestehe ich konnte ich seine Befehle nicht mit
den englischen Begriffen von persönlicher Unabhängigkeit vereinigen Was er
gebot atmete Uneigennützigkeit und gerechtes Urteil er sprach wie ein
unumschränkter Fürst und handelte wie ein gütiger Vater Da Charlotte durch
seine Aufträge in den Angelegenheiten des Klans in die verschiedensten
Verhältnisse verwickelt ward und dabei das Schloss ihres Vaters durch die
herzlichste Gastfreundlichkeit einer Menge Besucher stets offen stand schien
mir der Aufenthalt daselbst die entgegengesetztesten Beschäftigungen zu
vereinigen und sehr begierig dieses alles mit eignen Augen zu sehen hörte ich
es sehr gern wie mir Charlotte endlich den Tag unserer Abreise verkündete
An einem schönen Septembermorgen machten wir uns auf den Weg Obgleich ich
mich an der Seite des Wesens befand das mir auf Erden das geliebteste war
konnte ich Edinburg doch nicht ohne eine dankbare Träne verlassen Ich hatte
dort die furchtbarsten Bedrängnisse erlebt mein Geist war dort gereift mein
Herz gereinigt und in der letzten Zeit hatte ich dort zum ersten Mal die
Freuden der guten Gesellschaft ohne den törichten Flitter der großen Welt
genossen
Während dem ersten Tag unsrer Reise kamen wir durch ein so reiches ebnes
Land dass ich hätte nicht ein dunkel gefärbter Streif den westlichen Horizont
bezeichnet würde geglaubt haben in England zu sein Ich bewunderte diese
Gegend nach meinem englischen Maßstab von einem schönen Lande »O wenn Sie erst
mein Tal werden sehen und meine felsigen Hügel« rief Charlotte und sah auf den
dunkelnden Wolkenstreif hin der alle die Herrlichkeit deckte Gegen den Abend
fing sich dieser Streif an in Hügelformen zu verteilen wo graue Felsen die
Höhen und tiefe Schatten die Täler ahnen ließ Am folgenden Morgen waren
alle Umgebungen verändert Kornfelder und Laubbäume hatten einförmigen Haiden
Platz gemacht hier und da von Schaaftriften unterbrochen oder da wo ein Bach
durch sie hinfloss durch das Grün welches an seinen Ufern entspross Nur selten
erblickte man kleine Birkenhäufchen gewöhnlich drei und drei deren bebendes
Laub in der stillen Öde flüsterte Wenn wir langsam die steilen Höhen
hinangefahren waren bot uns die Aussicht eben so eine Heide wie wir sie unten
verlassen hatten und stiegen wir in eine kleine Senkung hinab so war es um
sogleich noch viel höher zu klimmen Endlich in einem engen Tal das uns reich
und einladend empfing zeigten sich menschliche Wohnungen die Kleidung der
Einwohner bedeutete uns dass wir die Hochlande erreicht hatten »Mein nie
erobertes Land« nannte es Charlotte »Wie der Römer die kleinen Menschen in
Staub getreten hatte trieb ihn die Tapferkeit unsrer Väter hinter seine Mauern
zurück Willkommen meine Ellen in dem Hochland wo nie ein Freund einen
Verräter und nie ein Feind einen Feigling fand« setzte sie meine Hand
schüttelnd hinzu indes ich noch ungewöhnt an diese raue Natur etwas
verwundert ihr hochherziges Entzücken mit den uns umgebenden Naturschönheiten
zusammenstellte
Allein noch waren wir fast eine Tagereise von Charlottens Heimatstal
entfernt Die Berge wurden steiler die Täler bekleideten sich mit reicherem
Grün als Charlotte auf einige Gebäude zeigte den Ort wo wir sollten zu Mittag
speisen und unsern Reisewagen mit einem andern Fuhrwerk vertauschen weil jener
auf den uns nun bevorstehenden Wegen nicht weiter fortzukommen vermochte Dieser
Gasthof war noch einer der besten die aus Steinen und Rasen zusammengefügten
Mauern waren so niedrig dass ich von dem auf ihnen ruhenden Dach ohne Mühe die
schönsten Glockenblumen pflückte überhaupt bot dieses mit Moos und
Schlingpflanzen bedeckt von Herbstblumen einzeln durchwebt einen höchst
malerischen Anblick dar Der Schornstein bestand aus einem alten Fass dessen
abgesprungene Reifen mit dicken aus Haidegras gedrehten Bändern ersetzt waren
Dennoch zeichnete sich dieser Gasthof vor den ihn umgebenden Hütten durch ein
Glasfenster an der einen Seite der Tür und ein Schild an der andern aus Auf
diesem war eine Flasche nebst einem Glas gemalt und mit großen erst kürzlich
erneuten gelben Buchstaben auf schwarzem Grunde las man
Jeder Pilger ist willkommen
Mag er kommen oder gehen
Will er in dies Wirtshaus gehen
Wird er freundlich aufgenommen
Kaum hatten wir die Haustür erreicht so fuhr ein solcher Schwarm von Kindern
heraus dass es mir rätselhaft war wie sie darin hatten herbergen können Dass
sie alle barfuß waren wunderte mich da ich von dieser Landessitte schon
unterrichtet war nicht mehr besonders und ihr übriger Anzug war mehr
abgeschmackt als ärmlich Selbst der kleinste Knabe trug schon die kriegerische
Mütze der Bergschotten ihr Tartan oder kurzer Rock war an einem scharlachroten
oder blauen Kittel befestigt und auf dem Rücken zugeschnürt als wollte man
diesen Naturkindern die Versuchung ersparen sich dessen eigenmächtig zu
entledigen den Mädchen zeigte die Sitte in diesem Stück mehr Vertrauen denn
ihr Oberkleid das in einer weiten Jacke oder einem Stück farbigen um die
Schulter geworfenen Tuch bestand war unter dem Kinn vermittelst einer großen
metallnen Nadel oder hölzernem Pflock zugehalten Dieser abgeschmackte Anblick
ward durch den unpassenden Ernst ihres Benehmens noch erhöht Sie sahen vielmehr
ehrbaren alten Familiengemälden wie lebend jugendlichen Geschöpfen ähnlich
Schweigend und sich neigend sahen uns die Mädchen vorübergehen und die Knaben
ihre Mütze in der Hand haltend blickten uns ehrenvest nach Die Hütte war in
zwei Teile geschieden deren einer wie ich bald durch den Rauch unterschied
mit Bauern die um einen Haufen glühender Kohlen auf dem Fußboden gelagert
angefüllt war Miss Graham und ich begaben uns in den andern als Staatszimmer
geachteten Teil Man mochte um ihn uns einzuräumen erst so eben die Gäste
herausgeschickt haben denn auf dem gestampften Lehmboden und auf dem eichnen
Tische lagen noch die Käserinden Gerstenkuchen und angeschnittnen Zwiebeln um
kleine Landseen von Whisky gestreut Die gute Wirtin hob aber diesen kleinen
Übelstand zu ihrer völligen Beruhigung indem sie mit dem Zipfel ihrer Schürze
über den Tisch hinfuhr und mit sichtbarer Freude wahrnahm wie sogleich der
Haushund und ein paar Hühner den Boden von den nahrhaften Resten säuberten
Während dem begann sie mit Miss Graham ein Gespräch in welchem sie alle mögliche
Fragen anbrachte nur nicht die welche ich bei meinem Eintritt in jeden Gasthof
von jeher zuerst gehört hatte was wir zum Mittagsessen verlangten Allein das
wäre auch eine zwecklose Frage gewesen denn auf unser Nachforschen erfuhren
wir dass alle Möglichkeiten auf eine alte Henne beschränkt waren Alsobald
erschien eine rüstige Bäuerin mit roten bis an die Knie nackten Beinen und
bloßem Kopf dessen Haar nur mit einem blauen Zwirnband aufgeknüpft war sie
legte Reisig in den Kamin denn mit diesem war das Gemach versehen kniete am
Boden fasste ihr kurzes Röckchen mit beiden Händen und fachte aufs geschickteste
die Flamme an Jetzt trat auch unser Wirt in seiner eigentümlichen
Landestracht ein Zu meinem Erstaunen reichte er Miss Graham seine Hand zum
freundschaftlichen Gruß setzte sich ohne Umstände zwischen uns nieder und
begann ein politisches Gespräch Eben so empört über seine Unverschämtheit als
über die Höflichkeit mit welcher Miss Graham sie duldete suchte ich jener durch
meine Bitte um ein Glas Wasser ein Ende zu machen Ohne sich zu rühren trug er
der Magd mein Verlangen auf und setzte seine Unterredung fort Sobald ich dazu
kommen konnte warf ich Charlotten ihre nachsichtige Gutmütigkeit vor sie sah
mich aber verwundert an und sagte »Nun was sollte ich denn tun Es ist ein
vernünftiger Mann und ein Gentleman dazu« »Gentleman« rief ich spottend
»Und warum das nicht Er ist meines Vaters Vetter im dritten Glied und mit der
besten Familie in Pertshire verwandt« Es war offenbar dass Miss Graham und
ich mit dem Worte Gentleman einen verschiedenen Sinn verbanden Vermöge seiner
Vorfahren musste ich aber dennoch diesem Gentleman Platz an unserm Esstisch
gestatten Unsre unglückliche Henne hatte ein großes Stück frischen Lachs zur
Begleitung von welchem Miss Graham mich bat um unsrer Wirtin willen zu kosten
Gegen das Ende der Mahlzeit schob die Wirtin eine große hölzerne Bettstatt von
der Wand öffnete einen Mauerschrank und nahm einen großen Käse nebst einem Topf
gesalzner Butter heraus welches beides sie vor uns auf den Tisch stellte dazu
brachte sie uns frische Haferkuchen die auf der wollnen Decke des besagten
Betts zum Abkühlen ausgebreitet gewesen waren Ich mochte meinen Ekel nicht
sorgfältig genug verbergen denn die junge Bäuerin sagte sogleich »Es ist
einzig um sie reinlich zu erhalten denn man ist nirgend sicher dass nicht
Russtropfen herabfallen als unter dem Bettimmel das Bett hatte oben eine
Bretterdecke die vor Alters Bettimmel hieß
Unerachtet dieser Entschuldigung hatte mich ein solcher Widerwille
ergriffen dass ich sehr froh war unsre Pferde ankommen zu hören und mit
Verlangen an die Tür lief um die uns vom Schloss Eredine entgegengeschickte
Begleitung zu sehen Sie bestand in drei kleinen Pferden zwei für Miss Graham
und mich und das dritte zum Fortbringen unsers Gepäcks Das letzte war
ungefähr wie ein Zigeuneresel auf jeder Seite mit einem Korbe versehen die
beide mittels ein paar Stricken über seinen Rücken gehängt waren Ein Packknecht
stopfte Miss Grahams Mantelsack in den einen und wie er wahrnahm dass der meine
für den gegenüberhängenden zu leicht sei füllte er den übrigen Raum mit einigen
Torfklösen aus um das Gleichgewicht zu erzwecken Außer diesem Packknecht waren
wir eine jede mit einer Art Laufer versehen der neben den Pferden herlief und
die Obliegenheit hatte sie bei beschwerlichen Stellen zu führen endlich
erblickte ich noch ein halbes Dutzend derbe Hochländer die ohne eine andre
Verbindlichkeit als die Liebe zu ihrem Häuptling diese vierzehn Meilen zu Fuß
hergekommen waren seine Tochter ins Vaterhaus zurück zu geleiten
Also gerüstet zogen wir aus Unsre Begleiter schienen ohne alle Anstrengung
Schritt mit den Pferden zu halten und mit ihnen allen unterhielt sich
gelegentlich Miss Graham in ihrer Landessprache sie antworteten ihr bereitwillig
und ohne alle Scheu doch keiner sprach sie unaufgefordert an noch willigte je
einer von ihnen ein so lange sie mit ihm sprach sein Haupt zu bedecken
Heinrichs Name ward so oft in allen diesen Gesprächen genannt dass ich sehr
neugierig wurde deren Gegenstand zu erfahren Obschon ich mit Charlottens Hilfe
mein Erlernen des Gaelischen fortgesetzt hatte war es mir doch zu wenig
geläufig um diese Landleute zu verstehen und Charlotte fing an über meine
Fragen um ihren Bruder so listig zu lachen dass ich sie um einen Aufschluss zu
bitten Bedenken trug Endlich konnte ichs aber doch nicht lassen ich sah so
unbefangen wie möglich aus und fragte »Charlotte von was spricht der Knecht
mit solchem Eifer« »Mein Freund Kennet« antwortete sie mit Nachdruck
»erinnert mich daran wie Heinrich einst seiner Amme Schaafe aus dem Schnee
rettete Fragen Sie ihn selbst er spricht englisch Kennet die arme Miss Percy
kann kein Gaelisch erzählt ihr die Geschichte auf Englisch Für euren Freund
Heinrich sprecht ihr ja gern ein gutes Wort« Der Mann grüßte ehrerbietig
doch ohne den Rücken zu beugen und sagte »wenn er hier wäre bedürfte er
keines Andern um einer jungen Dame ein gut Wort für sich zu sagen« Darauf
erzählte er sehr umständlich wie Heinrich und er die felsige Seite des Benarde
hinangestiegen seien um beim tiefsten Schnee von einem Felsen mitten in einem
rundum eingeschlossnen Abgrund die Schaafe eines Hüttenbewohners nach Hause zu
holen »Ist euch denn in den Hochlanden das Leben um einige wenige Schaafe
feil« fragte ich »Meint Ihr nicht Lady dass ich das Recht hatte für meiner
Mutter kleine Heerde das Leben zu wagen Und das wisst Ihr wohl dass es mir nicht
zukam dem jungen Herrn es zu verbieten Sein Leben Alle Schaafe in Argyll
wären nicht kostbar genug um ein Haar seines Hauptes zu erkaufen Darauf
wendete er sich zu meinem eigentlichen Begleiter und sagte mit großem Ausdruck
eine gaelische Phrase die ich ihn bat mir zu übersetzen sie besagte »Ein Mann
kann seinen Freund lieben aber sein Pflegbruder ist ein Teil seines Herzens«
»Meine Mutter« nahm Kennet wieder das Wort »würde an jenem Tage hätte Herr
Heinrich mich nicht begleitet das liebste Lamm ihrer Heerde verloren haben Die
Kälte packte mich ich wollte mit Gewalt einen Augenblick schlummern das litt
er nicht aber fürder zu gehen war ich zu betäubt da zog er mich er trug er
schleppte mich ich weiß nicht wie er mich großen Kerl die Felsen hinan mit
sich fortbrachte wie ich aber meine Augen wieder öffnete sah ich meine Mutter
vor mir die rief »»Er hat mir die Stütze meines Alters gerettet«« Nun Gott
segne es ihm um ihretwillen ohne seine Hilfe hätte eine fremde Hand ihr Grab
mit Rasen bedeckt« Kennet hatte seiner Lady Befehl erfüllt jetzt zog er sich
wieder bescheiden zurück als gebühre es ihm nicht die Aufmerksamkeit zu
fesseln
Wahrlich Charlotte rief ich bewegt Sie sind die glücklichste Schwester in
der Welt Wie innig wird dieser Ihr Bruder geliebt Aber wie glücklich ist auch
eine Lebensweise bei welcher der Mensch noch dem Menschen so nahe steht So
eine treue Anhänglichkeit hatte ich bisher nur in Romanen gekannt« Charlotte
sah mich mit ausdrucksvollem Erstaunen an sie mochte eben so wenig mich
beschuldigen wollen dass ich nie verstanden hätte wahre Anhänglichkeit
aufzuspüren noch meine Landsleute dass sie nicht fähig seien dergleichen für
einander zu empfinden »Wie sollten denn Heinrich und seine Freunde einander
vergessen können« sagte sie nach einer Pause in der ihr Blick einen
nachsinnenden Ausdruck annahm als suche sie sich meine Unwissenheit in der
Sache der bessern Menschheit zu erklären »Unsre herzliche Lebensweise mag wohl
dazu beitragen diese Gefühle zu erhalten und in Heinrichs Seele wo alles
Schöne doppelt kräftig ist glühten sie auch wohl vorzüglich lebendig Ich
erinnre mich unter andern dass er in einem Zeitpunct seines Lebens wo
Fehlschlagung und Arbeit ihn sehr schwer belasteten mir auftrug seiner alten
Amme ein neues Bett verfertigen zu lassen Er mochte in seinen schlaflosen
Nächten sich erinnert haben dass das Lager der Alten nicht zum bessten sein
möge« Das Letzte setzte sie seine Wohltätigkeit sich selbst erklärend
lächelnd hinzu »Wie konnte aber Ihr Bruder wie konnten Ihre Eltern zugeben
dass ein bloses Vorurteil ihn vom Vaterland entfernte Er konnte doch unmöglich
im Ernste sich ein Gewissen daraus machen gegen einen wirklichen Räuber einen
Taugenichts der sein Leben sogar angriff zu zeugen« »Doch wohl Neil Roy
war ein Gentleman und in mancher Rücksicht ein wackerer Mann Außerdem wenn die
Bestrafung mit dem Vergehen in gar keinem Verhältnis steht ist es widrig zu
ihr beizutragen Dennoch ist es nicht diese Begebenheit allein die Heinrich in
die Fremde trieb Cecile hat Sie nicht ganz gut unterrichtet Sie wissen meine
Mutter war eine Fremde und obschon eine der allerwürdigsten Frauen war es doch
natürlich dass sie ein günstiges Vorurteil für ihr Vaterland behielt mein
Vater wollte Heinrich eine Pachtung geben oder ihn zum Geistlichen machen
welches meiner Mutter aber ebenso schrecklich vorkam als wolle man ihn lebendig
begraben Allein ohne die Geschichte mit Neil Roy würde sie es doch haben über
sich ergehen lassen müssen diese gab ihr aber Mittel den Vater zu bereden dass
er ihn fortschickte Heinrich ward demnach ein Friedensopfer für meiner Mutter
Verwandten die seit ihrer Heirat mit einem hochländer Rebellen wie sie meinen
edelen Vater zu nennen beliebten keinen Verkehr mehr mit ihr hatten gestatten
wollen O Ellen oft drückt es mir schwer das Herz dass Heinrich diesen
Menschen die meinen Vater von oben herab anzusehen wagten die geringste
Verbindlichkeit gehabt haben soll Doch was auch geschehen mag Heinrich kann
nimmer seinen Gehorsam gegen seine Eltern bereuen«
Miss Graham sprach so unbesorgt als säßen wir im verschlossnen Zimmer denn
sobald unser Gefolge wahrnahm dass wir unsre Pferde nebeneinander haltend ein
Gespräch begonnen hatten hielt es sich in einer so ehrerbietigen Entfernung
dass keiner uns vernehmen konnte Jetzt nahten sich aber unsre Stallmeister
fassten unsre Pferde am Zügel und indem die andern Männer vor uns hergehend
die großen Steine aus dem Wege räumten führten sie uns um den Vorsprung eines
sehr steilen Hügels herum Unwillkürlich hefteten sich meine Augen auf die tiefe
Schlucht im Grunde des Tales neben dem Wege Ich sah dass ein falscher Schritt
meines Pferdes mich einige Hundert Fuß in sie hinabschleudern musste Die goldnen
Wolken die im Westen schwammen erhellten unsern Pfad die Schlucht aber lag in
tiefes Dunkel gehüllt Die Hochlandswege waren mir noch fremd und dieser
ängstigte mich so sehr dass ich gegen meinen Führer den Wunsch abzusteigen
äußerte In diesem Augenblick rief Charlotte mit einer Stimme des Entzückens
als habe sie eine längst ersehnte Erscheinung begrüßt »Benarde« Ich blickte
erschrocken auf und sah zwischen mir und dem glühenden Sonnenuntergang sich ein
hohes Felsenhaupt erheben indes bläuliche Dünste von seinen Abhängen in das
Tal herabflossen
Jetzt wand sich unser Weg rund um den Berg abwärts Reich in allen Farben
des Herbstes von dem Abendschimmer gemildert zeigte sich Glen Eredine unserm
Blick Charlotte sprach kein Wort wie eine Betende und sie mochte wohl beten
kreuzte sie ihre Hände über die Brust und blickte begeistert zum Himmel
Ergriffen von dem Schauspiel um mich her mochte ich nicht diese Stille
unterbrechen Zu unsern Füßen lag ein See unbeweglich als hätte nie ein
Lüftchen seine Gewässer gekräuselt alles war still wie die Erde bevor
Lebendiges sie bewohnte nur ein großer Adler schwebte majestätisch in gleichem
Fluge entlang dem Tal der Osten war noch immer vom Abendwiederschein erhellt
aber der Benarde zeichnete dunkel seiner Felsen Gipfel auf dem ruhigen See an
dessen einer Seite schimmerten die weisslichen Mauern des alten Kastells und
hinter ihnen in einem geschützten Tal schwebte der bläuliche Rauch aus den
Hütten des Dorfs deren bewachsne Dächer in der allgemeinen Schattirung der
Landschaft versanken
Unser Weg ging bergab und der Wald entzog uns die Aussicht Anfangs
erstanden Birken zwischen den dürren Felsenritzen dann streckten Krüppeleichen
ihre starken Wurzeln aus dem jugendlich grünen Moos allmälig ließ sich der
Ahorn und die Buche erblicken die sich endlich in schattige Gänge ordnend den
Weg zum Schloss aber auch in Nebenalleen zu niederern Wohnungen zeigten Zu
beiden Seiten kamen wir an mehreren derselben vorbei ihre Bewohner eilten
heraus Charlotten zu bewillkommnen Kein Geschrei kein zudringliches Grüssen
störte die Stille der Umgebung selbst die Kinder bückten ihre glühenden
Gesichtchen nieder und blickten nur seitwärts ob ihre Lady sie nicht übersähe
Eine Art natürliche Brücke eine Landzunge vielmehr führte endlich zu dem
Felsen auf welchem das Schloss Eredine lag Ich gestehe dass Cecilens
Erzählungen und das Entzücken mit dem Charlotte von diesem Sitz ihrer Vorfahren
sprach mir ein andres Bild von diesem Ort hatte auffassen lassen als ich in
der Wirklichkeit fand Ein viereckiger Turm mit einem gewölbten Eingang war
alles was von der ehemaligen Veste noch vorhanden war ihm schlossen sich eine
Reihe neuerer Gebäude an mit steilen Dächern und Fenstern die durch die
Beleuchtung im Innern ihre gemeinen Formen sichtbar machten und von der
Einrichtung der Wohnung kein günstiges Vorurteil erweckten Raum musste aber
darin sein denn wie wir anlangten strömten wenigstens dreißig Menschen
verschiedenen Alters und Geschlechts uns entgegen Der ihnen allen
voranschritt hätte meine Aufmerksamkeit erregt hätte ich ihn auch nicht an
Charlottens Freudenruf für ihren Vater erkannt Das Alter hatte weder auf seinen
festen Schritt noch die erhabene Haltung seines kräftigen Körpers gewirkt sein
Auge glänzte noch seine Wangen glühten von Leben nur die Silberlocken welche
unter seiner Mütze herabhingen verrieten dass er weit über die Jahre der
Jugend hinausgerückt sei Seine Kleidung zeichnete sich nur durch die Länge und
Schönheit der Federn seiner Kopfbedeckung aus übrigens trug er den
scharlachroten und blauen Tartan seines Klans Er begrüßte mich mit einem Kuss
erst auf die eine dann auf die andre Wange zum Willkommen in Eredine eben so
ungezwungen und fast so herzlich wie er seinen Liebling Charlotte begrüßt
hatte dann gab er einer jeden von uns einen Arm und führte uns in seine
Behausung ein Das Zimmer wo wir eintraten war ein großes getäfeltes Gemach
mit tiefen Fensterplätzen und mit Wandschränken versehen ein Kamin so groß
dass er ein kleines Zimmerchen hätte vorstellen können verbreitete jedoch durch
sein flammendes Holzfeuer in diesen dunkeln Wänden eine fröhliche Helle noch
mehr aber wie dieses luden die heitern wohlwollenden Gesichter aller seiner
Bewohner zu dem vertraulichsten Wohlbehagen ein Meine Gegenwart legte so
wenigen Zwang auf ich war in Eredine so willkommen Charlotte und alle
Hausgenossen weihten mich so schnell in die freundlichen Sitten dieses Hauses
ein dass ich bevor acht Tage vergingen so heimisch daselbst war als wäre ich
von Kindheit an gar nichts anders gewohnt
Charlotte die beständig bemüht war das Gefühl schwesterliche Rechte mit
ihr gemeinsam zu haben in mir zu erregen bat mich ihr Gemach unter dem
Vorwand dass es das modigste sei mit ihr zu teilen »Da ich Sie in unsre Berge
entführte ists wohl billig« sagte sie »dass ich Sie vor Ihnen schütze
Heinrich hat mir aber meine Zimmer so veranglisirt dass kein wahrhaft
hochländisches Gespenst den Fuß hineinsetzen mag« Es war wirklich eine höchst
angenehme Wohnung sie enthielt alles Gerät zu dem uns damals der Luxus
gewöhnt hatte was aber noch besser war eine Sammlung vortrefflicher Bücher
einen vollständigen Apparat zum Zeichnen und Malen und einen reichen Vorrat
der schönsten Wollen und SeidenGarne zu Stickarbeiten jeder Art Neben unserm
gemeinschaftlichen Wohn und Schlafzimmer befand sich ein drittes kleineres
Gemach wo eigentlich die Bücher aufgestellt waren mit einem Schreibtisch an
einem Fenster dessen Aussicht über den See reichte dieses wies mir meine
gütige Freundin als mein besondres Eigentum an
Wie wir uns zur Nachtruhe auf unser Zimmer begaben umfasste mich Charlotte
und sagte »Liebe Ellen ich muss Sie um eine Vorsicht bitten ja um eine Gunst
die mir vielen Wert hat« Ich antwortete wie mein von Dankbarkeit fast zu
überfülltes Herz mir gebot »Nun liebe Ellen vermeiden Sie sorgfältig in
meines Vaters Gegenwart je den Namen eines Mannes zu nennen eines Mannes
den wir beide kennen « »Herrn Maitlands Name« half ich ihr ein »Ihn
nennen Sie ihn nie vor meinem Vater« »Gewiss nie Meine Charlotte muss
triftige Gründe haben um gegen ihren Vater solche Vorsicht zu gebrauchen«
»Ja sie sind triftig« antwortete Charlotte nachdenkend »Vielleicht werden Sie
selbst sie einst dafür erkennen Ich möchte gern kein Geheimnis vor Ihnen haben
meine Ellen von diesem hängt aber jetzt mein ganzes Lebensglück ab« »Genug
Charlotte Ich brauche weiter nichts zu wissen Nur das lassen Sie mich nochmals
wiederholen Herr Maitland ist mir gar nichts gar nichts als der beste der
Menschen der uneigennützigste Freund ein Freund der von aller meiner
Unwürdigkeit sich nicht abschrecken ließ O Charlotte wenn Ihr Vater seinen
Wert kennte « Ich hielt inne denn ich fühlte wie die Lebhaftigkeit meiner
Gefühle mich hinriss Ein sanftes Lächeln spielte um Charlottens schönen Mund
als wenn eine schmeichelhafte Hoffnung sich in ihr Herz stähle allein meine
Hand drückend wendete sie sich ohne die Unterredung fortzusetzen von mir ab
In den Tagen des Elends wenn mein Nachsinnen für den Unterhalt des
folgenden Tags keine Auskunft hatte finden können neben dem beklommnen Aechzen
von Juliens Krankenbett von dem Weinen ihres unruhigen Knabens unterbrochen
hatte der Schlaf mein Auge geschlossen sobald mein Haupt ein oft recht hartes
Kissen gefunden Jetzt ruhte ich nun unter dem Dache des Frommen in dem Schutz
der Freundschaft morgen einen fröhlichen Tag heitre Umgebungen erwartend und
der Schlummer wollte sich lange mir nicht nahen Es war der Hoffnungslosen
leichter geworden bei dem dichtesten Dunkel ihres Schicksals sich am Abend
eines ermüdenden sorgenvollen Tages blindlings in ihres Vaters Arme zu
verbergen als der jetzt dem Sturm Entronnenen die neuen Bilder die dämmernden
Aussichten die möglichen Glücksfälle zu ordnen die ihre Einbildungskraft ihr
vorgaukelte Endlich verflossen die sich kreuzenden Gedanken in dem einzig
klaren Bewusstsein von Dank gegen Gott und der flehenden Bitte mir den rechten
Pfad zu zeigen in Glen Eredinens gastfreiem Tale wie er mich ihn in dem
freundlosen Edinburg wohl auf verwundend rauhem Wege geführt hatte
Das Frühstück des nächsten Tages verwirklichte mir das Bild dieses Mahls
wie es Reisende in Schottland oft beschrieben haben Eine Menge nahrhafter
Speisen mit Sauberkeit und Ordnung aufgestellt deckten den Tisch Eredine so
ward hier wie ich wahrnahm Charlottens Vater genannt wies mir meinen Platz
neben sich in einem großen mit hoher Rücklehne versehenen Armsessel an und
belud meinen Teller mit den verschiedensten Speisen Meine beschämte Bitte
meiner Unfähigkeit zu schonen schien ihm doch endlich zu Herzen zu gehen er
blickte auf mich herab als auf das wahre Bild von »den Söhnen kleiner
Menschen« und sagte lächelnd »wenn Ihnen das ein Überfluss scheint was hätten
Sie dann zu einem Frühstück zu der Zeit meiner Jugend gedacht« Sobald das
Mahl beendigt war übernahm Charlotte wieder die Führung des Haushalts mit dem
in ihrer Abwesenheit eine von ihren zahlreichen Kousinen beauftragt gewesen war
Um mir das Gefühl des Daheimseins recht einzuprägen übertrug sie mir einen
bestimmten Anteil an ihrem Geschäft und obschon die Zahl der eigentlichen
Hausgenossen seit MenschenGedenken nicht kleiner gewesen war wie jetzt hatten
wir dennoch genug zu tun Die alten Lehnsgebräuche wo ein großer Teil der
Verwandten unter den Augen ihres Stammhauptes lebte waren abgeschafft Eredine
hatte drei ältere Schwestern überlebt die fast ein Jahrhundert lang das Haus
wo sie geboren wurden bewohnt hatten nachdem zwei seiner jüngeren Brüder durch
eine dreissigjährige Landesverweisung ihre Anhänglichkeit an ihren erblichen
Fürsten gebüßt hatten kamen sie zurück um ihren Staub zu dem Staub ihrer Väter
zu fügen sein ältester Sohn war vor wenigen Monaten ein Raub des ungesunden
Himmelsstrichs in Westindien gestorben und der jüngste lebte wie ich gesagt
habe seit vielen Jahren im Bann Jetzt bestand nun die Familie einzig aus
Eredine seiner Tochter und mir vier männlichen und sieben weiblichen
Bedienten Charlottens Amme einem blinden Weibe das weil es sonst nichts zu
arbeiten vermochte die Strumpfstrickerin für das ganze Haus war und daneben
durch ihr seltnes Gedächtnis und patetisches Erzählen alter Familiengeschichten
noch die Stelle des ehemaligen Barden ersetzte Außerdem waren noch zwei kleine
Mädchen eine gebrechliche und eine kränkliche und drei Knaben von denen zwei
weil sie Waisen waren der dritte als Enkel von des Lairds ältestem Diener
unterhalten wurden Endlich muss ich noch Robert Goraich Cecilens armen
wahnsinnigen Liebhaber erwähnen dieser zäumte wenn es seine Laune gerade mit
sich brachte Herrn Heinrichs alten Schimmel auf wanderte in allen Kirchen der
Grafschaft umher oder saß stumm betrachtend unter der vom Blitzstrahl
zerschmetterten Eiche
Doch das waren nicht die einzigen Gäste an Eredines wirtlichem Tisch
mehrere greise Alten beiderlei Geschlechts denen er in dieser Absicht in der
nächsten Umgebung des Schlosses hatte Hütten bauen lassen Laufbuben Schaaf
Kuh Gänse Hirten Bettler und Wanderer alles fand Aufnahme und Nahrung und
zahlte mit Ehrerbietung und Segen Und das alles bestritt der Laird mit einem
Einkommen von nicht viel mehr als tausend Pfunden des Jahrs
In der ersten Zeit nach unserer Ankunft kamen zahlreiche Bekannte und
Nachbarinnen Miss Graham zu besuchen und eine der ersten war die wackre Cecile
die mich mit Freudentränen begrüssend ausrief »Ich sagte Euch wohl dass Ihr
nicht wüsstet wo Euch ein Stern aufgehen könnte und nun seht nun seid Ihr
nach Schloss Eredine gekommen Ich habe es prophezeit und ich prophezeie noch
mehr aber nicht eher bevor es Zeit ist« Auf meine Frage nach ihrem Gatten
erzählte sie mir dass er krank und dienstunfähig verabschiedet worden sei doch
ängstige sie das nicht sie habe ihm einen Krug Wasser aus der heiligen Quelle
von Breadalbane geholt das ihm gewiss helfen werde Nur das tue ihm weh dass er
nicht im Stande sei des Lairds Sichelfest beizuwohnen wovon sie jedoch Miss
Graham nichts sagen möchte denn seht Ihr er verlor seine Gesundheit indem
er Herrn Kennet auch in seiner Krankheit nicht verließ«
In den nächsten Tagen fand das Herbstfest dessen Cecile erwähnt hatte
statt Bei Tages Anbruch weckte mich ein gellender Dudelsack unter unserm
Fenster und wie ich aus dem Bett sprang um seine Absicht zu erforschen sah
ich einen Haufen von mehr wie hundert Männern und Weibern vor dem Hause
versammelt Es waren die Pächter von Eredine die zur Frohnde heute des Lairds
Korn schneiden sollten Doch nie sah ich bei einem Freudenfest so viel wahre
Fröhlichkeit wie bei dieser lohnlosen Arbeit Das Mähen dauerte den ganzen Tag
nach dem Tact der sich ablösenden Dudelsackpfeifer aber weder die Arbeit noch
die Pfeife tat dem Scherzen der Jüngern dem Erzählen der Alten einigen
Eintrag Eredine kam oft um sich unter die Arbeiter zu mischen mit den Alten
zu schwatzen mit den Jungen zu scherzen und wo er erschien fügte sich
Ehrerbietung in die freudenvolle Aufnahme des Lairds Alles was Kräfte hatte
war zur Arbeit geschickt Charlotte und ich von der alten Amme und der blinden
Strickerin unterstützt mussten die Küche für alle diese Gäste besorgen und das
war keine kleine Arbeit so einfach die Kost auch sein mochte die ihre gesunde
Esslust befriedigte
Da es wie mir Charlotte gesagt hatte Sitte war solche Feste mit Tanz zu
beschließen begab ich mich in der Zeit wo die Tänzer versammelt sein konnten
an den Platz der wie ich glaubte zu der Lustbarkeit bestimmt war Ein mit
großen Bäumen umgebner Rasenplatz im Hintergrund des Küchengartens war mir als
solcher genannt allein zu meiner Verwunderung war er ganz einsam nur ein
kränklicher abgezehrter Mann der über seinem Tartan einen verblichnen
Soldatenrock trug stand traurig an den Stamm eines Baumes gelehnt Da ich
glaubte mich in dem Orte geirrt zu haben fragte ich diesen Mann wo heute
getanzt würde »Glaubt Ihr denn Lady« antwortete er halb unwillig »dass heute
hier getanzt werden soll Ich hoffe so roh ist kein Erediner dass er hier
tanzen wolle so lange Eredines bestes Blut noch nicht im Grabe erkaltet ist«
Er deutete wie mir klar war auf Herrn Kennets vor kurzem erfolgten Tod und
ich bewunderte dieses zarte Anstandsgefühl diese innige Anhänglichkeit in
Leuten die wir für Wilde zu halten so geneigt sind Schon wollte ich mich mit
dem Mann in ein Gespräch einlassen als Charlotte sich nahte Teilnehmend
erzählte ich ihr was mir eben begegnet sei Sie war nicht verwundert aber
gerührt »das erwartete ich« sagte sie »armer Jamie es hätte ihm das Herz
gebrochen hätte man heute auf diesem Rasen getanzt Hier war vor fünfundzwanzig
Jahren sein und meiner Brüder Spielplatz und er schleicht alle Abende wenn die
Sonne ihn bescheint hierher und lebt eine Stunde in seiner frohesten
Erinnerung O der Mann hat viel für meinen Bruder getan Wie er hörte dass
Kennet ins Ausland beordert sei verließ er Weib und Kind und wanderte zu Fuß
quer durch Irland bis zum Hafen wo sein Regiment sich einschiffte Er ließ sich
anwerben und folgte ihm nach Westindien nach und wie meinen Bruder die
schreckliche Krankheit befiel bei welcher kein Wärter ausdauern mag verließ er
sein Bett weder bei Tag noch bei Nacht schon selbst von ihr ergriffen folgte
er ihm zur Gruft und wie die Grabbegleiter von der giftauchenden Stelle
forteilten blieb er dort liegen und weinte auf dem Hügel der das Haupt des
Edelsten barg Ach es ruht in fremder Erde und unsre Tränen netzten sie nie«
So oft ich mit Charlotten von ihrem Bruder gesprochen hatte war dieses die
erste Klage die ich von ihr hörte Ihr erschien das Andenken an ihre Toten
vielmehr wie ein heiteres Bild Sie sprach mit persönlicher Teilnahme von Lady
Eredines Freude beim Empfang ihres Sohnes und beschäftigte sich mit ihnen ganz
wie mit lebenden Personen deren Empfindung man in der weitesten Entfernung
dennoch mit Innigkeit teilt
In kurzer Zeit war ich in Eredine so eingewohnt als gehörte ich schon
längst zu der Familie Meine gütige Charlotte fand bald Mittel es mich als
meinen gegenwärtigen Wohnort ansehen zu machen sie fühlte in meiner Seele dass
ich mich nützlich mache sei zu meiner Befriedigung durchaus notwendig
wahrscheinlich vielmehr in der Absicht mir dieses zu gewähren als weil es ihr
sehr darum zu tun war Musik zu lernen verwendete sie sich alles Ernstes auf
die Erlernung der Harfe Bisher hatte sie es in der Tonkunst nicht weiter
gebracht als einige schottische Liederchen auf einem alten Klavier das sich im
Schloss vorfand zu klimpern jetzt langte aber eine herrliche Harfe an die
Herrn Heinrichs unermüdete Teilnahme an seiner Schwester Wünschen sobald er
ihre neue Kunstanstrengung erfahren in London hatte kaufen lassen Nun ward
recht ernstlich gelernt und Charlotte lohnte meinen Unterricht mit der
beharrlichsten Mühe mich in Besitz der gaelischen Sprache zu setzen Es glückte
mir so sehr dass ich den Beifall aller Schlossbewohner ärntete und die Landleute
mich bald eben so freundlich begrüßten als gehörte ich in ihr Tal Am mehrsten
freute sich aber der alte Laird meiner sprachkundigen Fortschritte besonders
wenn ich gaelische Liederchen sang rief er entzückt »sie singt fast so gut
wie meine liebe selige Mutter »»Möge es weiß um ihre Seele her sein««5 »Nur
sollte sie statt des ungeschickten großen Dinges der Harfe die leichte
weiblich niedliche Klarsaeh eine Art Mandoline im Arm halten aber die
verdammten Hannoveraner haben sie wie sie Glen Eredine plünderten verbrannt«
Die Musik so lieb sie mir war nahm aber doch jetzt einen ganz andern Platz
in der Anwendung meiner Zeit ein als ehemals wo sie die einzige Beschäftigung
war die mir Putz und Gesellschaft ersetzte Es hatte sich jetzt in meiner Seele
die Überzeugung entwickelt dass jeder Moment unsers Lebens in Arbeit und Lust
ein vernünftiges wohltätiges oder frommes Andenken zurücklassen müsse Bald
nahm ich wahr dass diese Ansicht welche ich anfangs mit etwas Ängstlichkeit
befolgte keine heitere Benutzung der Lebenszeit störte denn Heiterkeit
entsprosste nur auf dem Wege der Pflicht und diese führte mich Hand in Hand mit
dem Glück derer die neben mir schritten Ich begriff immer mehr dass die
Blüten des geistigen Lebens jedem Genuss entspriessen der unsrer Menschennatur
zugeteilt ist wenn wir ihn als geistige Wesen nicht nur mit der rohern Hälfte
unsrer Kräfte genießen Kaum kann es je einen glücklichern vielleicht keinen
fröhlichern Kreis gegeben haben als der das Kaminfeuer von Eredine umgab
Ich hatte manche Woche in diesem glücklichen Kreis verlebt als Charlotte
eines Tags atemlos vor Entzücken zu mir hereinstürzte und mir zurief »Er
kommt teure Ellen er kommt Er will alles aufgeben seine Gewohnheiten seine
Plane er gibt ihnen ihren Tand zurück und kehrt zu seinen Vätern heim heim zu
uns allen« »Wer Heinrich Heinrich kommt zurück Wenn« »Jetzt bald in
einer Woche Ach wenn diese Woche vorüber wäre« Sie konnte nicht an einem
Orte bleiben die Freude trieb sie fort und ich eilte ihr nach zu ihrem Vater
Der Greis schloss uns beide in seine Arme »Gott lasse mich« rief er »nur noch
diese Woche überleben und dann dann « Er zögerte halb beschämt über
seine Rührung »Ich sorge zuweilen« fing er wieder an als spräche er nun von
etwas anderm »ich sorge meine Augen sind angegriffen ich will sie in der Luft
stärken« Und damit ging er auf den Weg nach Edinburg aus als könne er schon
heute hoffen seinem Sohn zu begegnen und von heut an kehrte er unzählige Mal
auf diesen Weg zurück Zunächst bemühte er sich nun jeden Ruhepunct seiner Reise
zu berechnen er glaubte die Stunde seiner Ankunft bestimmen zu können und
machte eine endlose Menge Zubereitungen zu seinem Empfang Hatte er sich dann
recht müde gewirtschaftet so setzte er sich auf seinen großen eichnen
Armsessel kreuzte die Arme sann nach und ein seliges Lächeln spielte über
sein Gesicht »Er hat doch von jeher die Südleute nicht gehasst« rief er einst
im Selbstgespräch aus »obschon in ihm selbst kein südländischer Blutstropfen
war Hat er den krauspfotigen Hund seiner Mutter doch auch immer gern gehabt
und ich selbst mochte doch die Sachsen nicht leiden« Ich war im Begriff an
meinem Stickrahmen laut aufzulachen als mir eine Ahnung über die Bedeutung
seines Ideengangs einfiel die mich mit Beschämung zurückhielt
Heinrichs Ankunft konnte mir in keiner Rücksicht gleichgültig sein Seit ich
erfahren hatte dass ich ihm nicht Kennet die Rückzahlung der meinem
verewigten Vater gehörigen Summe schuldig war hatte ich ein Gefühl persönlicher
Dankbarkeit gegen den Mann in dem ich den Mittelpunct der Liebe und Achtung
dieses ganzen Tales kennen lernen sollte Aber seit Cecilens prophetischer Wink
von dem Glück was meiner in Glen Eredine warten könnte so schön in Erfüllung
gegangen war dass ich mich auf das unerwartetste als Tochter eines Hauses
aufgenommen sah dessen Name mir vor einem Jahre noch ganz fremd war seitdem
machte Heinrichs Name einen tiefen Eindruck auf mich Ich mochte mir ihn nicht
erklären und rechtfertigte ihn doch mit meinem traurigen Schicksal Arm und
freundlos wie ich war konnte ich das Wohl meiner Zukunft einzig durch Gottes
mir unbekannte Fügung erwarten Da nun Liebe Glück durch Liebe ein Bündnis aus
Liebe dieser versagt schien war es mein ängstlicher Wunsch einem Mann vertraut
zu werden gegen den Achtung und Gehorsam jede zärtlichere Neigung meines
Herzens ersetzte Lieben sollte dieses Herz nie Nachdem es Maitlands Neigung
verscherzt hatte waren Ergebenheit und Pflicht die fortan ihm geziemenden
Schranken
Schüchtern aber von Herzen teilte ich die allgemeine Freude und half bei
der allgemeinen Tätigkeit die Heinrichs Ankunft im Schloss verbreitete Jede
Hausmagd wollte sein Zimmer putzen die Spinnerinnen besangen bei dem Schnurren
ihrer Spindeln in selbst erfundnen Liedern seine Rückkehr Die Knechte schossen
Rehböcke Rotwild und Auerhähne genug um eine hungrige Einquartierung zu
speisen Charlottens Amme erzählte mir zahllose Züge aus Heinrichs Kindheit die
blinde Strickerin rühmte mit Salbung wie er sie die Wiese entlang zu dem
Tanzplatz geführt nur Robert Goraich Ceciles unglücklicher Liebhaber war
der Einzige dessen Freude sich nicht in fröhlichem Taumel verkündigte Bei
einer einsamen Wanderung wie ich sie so gern in der Nähe des Hauses machte
setzte ich mich einst auf einen meiner Lieblingsplätze einen Felsen der über
dem See hing und träumte von einem fantastischen Freundschaftsbund der noch
einst zwischen Charlotte Maitland Heinrich und mir bestehen könnte da sah ich
den armen Robert daherkommen dem Heinrichs alter Klepper so vertraulich wie ein
Hund folgte Er blieb mir gegenüber stehen sah mir mit ernster Freundlichkeit
ins Gesicht und sagte leise »Sie sagen Ihr wäret ihm bestimmt so möge Gott
Euer Antlitz erfreuen nehmt ihn in Frieden« Robert war nicht der Erste in
Glen Eredine der mir diese Zukunft prophezeite Aber heute traf mich diese Rede
so tief dass ich besonders gegen diesen armen Mann mein Gefühl unter einem
Scherz zu verbergen suchte »Wohl gut lieber Robert« rief ich »aber um des
Anstandes willen kann ich mich doch nicht so schnell dazu entschließen« »O
doch entschliesset Euch schnell denn der Mensch weiß nicht was morgen
geschieht« sagte er ernst und legte seine Hand bittend auf meinen Arm »Wie
würde es ihm sein wenn er Euch müsste die Wiese entlang und durch den Wald hin
gehen sehen eines andern Mannes Sohn auf dem Arm« dabei zeigte er auf den
Weg hin zu Ceciles Hütte Dann fuhr er sich ganz vergessend in seiner
Landessprache fort »Da würde ihm alles gleichgültig werden seine schöne goldne
Uhr und die Parks und die Städte von Eredine Alles wäre ihm nichts mehr gegen
die bloße Luft die ihm von ihr herüber weht« »Doch Robert« unterbrach ich
sein jammervolles Selbstgespräch »würdet Ihrs denn leiden mögen wenn eine
sächsische Lady auf dem Schloss hauste« »Wenn es also beschlossen wäre wie
könnte man da murren Und es könnte ja sehr gut sein Vergesst Ihr nur dass Ihr
eine Stiefmutter seid wir wollen gewiss nicht daran denken«
Wie ich nach Hause kam sagte man mir dass Cecile im Schloss gewesen um
Arznei für ihren sterbenskranken Gatten zu erbitten Sobald sie hörte welche
frohe Veranlassung den Schlossbewohnern Arbeit gäbe hatte sie sich enthalten
Miss Graham zu sprechen um ihre Freude durch ihr trauriges Anliegen nicht zu
trüben und war unverrichteter Sache wieder fortgegangen Sobald aber Charlotte
von ihrem Besuche hörte willigte sie in meinen Vorschlag ihr am Abend was sie
bedürfen könnte selbst zu überbringen
Cecile empfing uns an der Haustür und führte uns unter tausend
Glückwünschen in ihr Prunkzimmer denn in Glen Eredine konnte es dafür gelten
Es hatte Fenster und Sessel und einen Tisch ein Wandbret mit buntgemalten
Steinkrügen und Tellern auf denen fromme und lose Sprüchelchen zu lesen waren
wir verlangten aber Jemmy in seiner Krankenstube zu sehen worin uns sein gutes
Weib nach den höflichsten Entschuldigungen willfahrte Dieses bescheidnere
Gemach war von dem vorigen durch eine Breterwand getrennt das Bett stand in
einer Art von Verschlag der übrige Raum hatte das Dach zur Decke ein Loch in
diesem zum Rauchfang und ein Fenster von vier kleinen Scheiben um es zu
erhellen Der Feuerplatz in der Mitte des Gemachs unter der Öffnung des Daches
war allein gepflastert der Zimmerboden selbst bestand aus gestampfter Erde Auf
ihm lag Torf Küchengerät und Wasserzober umher Ceciles ältester Knabe ein
vierjähriger mit Tartane und Helmmütze bekleideter Kaledonier wenn es je einen
gab saß neben einem jungen Hammel mit dem er friedlich einen Haferkuchen
teilte der jüngste viel sorgloser bekleidet stritt sich mit dem Hahn um die
Reste eines Mehlbreis in einem schwarzen eisernen Topf Cecile riss sie beide vom
Boden auf und befahl ihnen die feinen Frauen zu grüßen und schalt sie aus dass
sie sitzen blieben wenn die »Edelen im Lande sie besuchten« Diesen Grundsatz
lehrte sie durch Beispiel denn nichts konnte sie bewegen sich in unsrer
Gegenwart zu setzen Miss Graham fragte den blassen stillen Kranken freundlich
wie es ihm ginge »O Sie sind gut also zu fragen« antwortete Cecile statt
seiner »er kann nicht besser werden und kaum schlechter als er schon ist«
Die Fassung mit welcher diese Frau in des Kranken Gegenwart über seinen
hoffnungslosen Zustand sprach empörte mich Ich zitterte vor dem Eindruck den
diese Herzlosigkeit auf den armen Kranken machen müsste Dieser sagte aber mit
heiterer Stimme »Das Übel will seine Zeit haben aber wir dürfen hoffen dass es
nicht mehr lange dauern kann« Dieser fromme Mut nötigte mich den
tröstenden Zuspruch zu dem ich mich gerüstet hatte in Beifall zu verändern
»Ja ich hoffe ich bin bereit zu scheiden« antwortete Jemmy »zuweilen habe ich
mich wohl davor gefürchtet zu andern Zeiten bin ich aber auch recht gefasst«
Jetzt überströmten seiner Gattin Augen »Wahrlich Lady« rief sie »er braucht
sich auch nicht zu fürchten denn er war lebelang ein guter Christ wie nur
einer und ein guter Ehemann war er auch und er braucht nicht zu sorgen dass
ihm nicht so eine feierliche Leichenbestattung werden sollte wie irgend einem
für den man ein Grab grub und das haben wir größtenteils Ihnen zu danken Miss
Percy und dafür segne Sie Gott und gebe Ihnen einst ebenfalls einen
friedenvollen Tod Ja Jemmy und wir müssen Gott danken dass du nicht nackt
eingescharrt wirst unter Fremden und Heiden und allem Abschaum der Erde«
»Nein James« nahm jetzt Miss Graham das Wort »unter Fremden sollt Ihr nicht
liegen Ihr sollt den Platz haben der Eurem Pflegbruder bestimmt war und Euer
Grabstein soll sein Denkmal sein und dessen was Ihr für ihn getan« Ein
Freudenstrahl leuchtete über des Sterbenden Gesicht Er wollte ihr danken aber
von Schwäche und Wehmut verstummt bewegte er nur seine Lippen Cecile aber
weinte laut und lächelte auch und verneigte sich für diese tröstliche Zusage
Charlotte aber fuhr fort »Und wenn Ihr meinen Bruder wiederseht James so
grüßt ihn und sagt dass es mein einziger Kummer ist seinem Staube gar keine
Ehre zu erweisen ihn so weit weit entfernt begraben zu sehen«
In diesem Augenblick ließ eine zufällige Veränderung meiner Stellung mich
durch das Fenster einen Menschen erblicken der sich halb hinter eine alte Esche
ganz nah an dem Fenster verbarg Jetzt kam er einen Schritt näher und ich
erkannte dass es Robert Goraich war er lehnte sich an den Baumstamm und blickte
aufmerksam auf das Fenster seine Arme hingen leblos herab seine ganze Gestalt
bewies die gänzliche Abwesenheit seiner Gedanken Ich war im Begriff Charlotte
auf diese Erscheinung aufmerksam zu machen als ein lauter Schrei des jüngsten
Kindes das Cecile so eben auf die Arme genommen hatte unser sonderbares
Gespräch unterbrach Cecile entschuldigte seine Unart und suchte ihn auf den
Armen wiegend durch den summenden Gesang zu beschwichtigen mit dem Wärterinnen
die Kinder einzuschläfern pflegen Dazwischen tröstete sie das Kind gaelisch und
entschuldigte sich bei uns auf englisch zugleich bemerkte ich dass sie in ihrem
Gesang und ihrer Zusprache oft die Worte »geh geh zur Ruh« aussprach wobei
sie das Kind weit von sich weghielt als wollte sie es von sich legen Nach und
nach ging ihr Gesumm und ihr Gesang in wirkliche Worte über die bald so
deutlich wurden dass ich sie trotz meiner wenigen Kenntnis des Gaelischen
völlig verstand Dieser Gesang hatte etwas unaussprechlich Ergreifendes es
war eine Leidensklage wenn es je eine gab Da ich sogleich nach meiner
Nachhausekunft den Sinn der Worte aufschrieb setze ich sie hier her
Geh zur Ruh gehe nun
Schmerzlich sind mir deine Klagen
Und des Vaters Zorn Geliebter weckest du
Geh zur Ruh
Meine Liebe schenkt ich dir
Doch nun nehm ich dich vom Busen
Dass mein Leiden ende geh in Frieden du
Geh zur Ruh
Klage nicht mehr lass mir Frieden
Bis nach langer Nacht am Morgen
Freudig wir uns wiedersehen geh du
Geh zur Ruh
Mir konnte der doppelte Sinn dieses Gesanges da ich Robert Goraich vor Augen
hatte nicht entgehen und weder der arme James noch Miss Graham konnten
Verdacht daraus schöpfen allein die Kunst in dieser Frau Benehmen erregten
einen so lebhaften Unwillen in mir dass ich sobald wir die Hütte verlassen
hatten ihn meiner Freundin zu verstehen gab Anstatt ihn zu teilen antwortete
sie sehr ruhig »Ich weiß dass Cecile sehr viel Klugheit und Geistesgegenwart
besitzt« Ich behauptete die Geschicklichkeit durch welche es dieser Frau
gelungen sei vor unsern und ihres sterbenden Ehemanns Augen mit ihrem Liebhaber
zu verkehren verdiene den Namen von Ränkeschmiederei Charlotte sah mich
erschrocken und höchst missbilligend an Der Verdacht dass eine Gattin fähig sein
könnte unter diesen Umständen aus pflichtwidrigen Bewegungsgründen zu handeln
erfüllte sie mit Abscheu »Wie« rief sie »Sie könnten mutmaßen Sie könnten
voraussetzen dass ein Weib alle Schaam also zu vergessen vermöchte dass sie ihre
Kinder könnte zu Landstreichern machen wollen ihren Namen mit der Schmach
bedecken wollen die Erste in Glen Eredine zu sein die ihren Stamm je befleckt
O nein nein lieber würde Cecile sich unterm Benarde begraben O nein eher
stiege Robert so verrückt er ist selbst in die Gruft Nein Miss Percy was
Ihnen auch die übrige Welt für Beispiele aufgestellt hat in Glen Eredine werden
Sie solche Abscheulichkeit nicht finden« Ich schwieg beschämt denn selbst
wenn sich Charlotte über die Tugenden der Erediner geirrt hätte so wäre so ein
Irrtum schon der Hochachtung wert
Jetzt schlich Robert eine Weile schweigend hinter uns her endlich sagte er
bittend zu Miss Graham »Wollt Ihr nicht so gut sein ihr zu sagen sie soll mich
nur drei Garben für sie dreschen lassen Ich verspreche so wahr ich lebe ihrer
Hüttentür nicht zu nahen ich will in der Scheune bleiben und sie keineswegs
plagen« »Es wäre ja töricht Robert Euch also für eine Frau zu mühen die
Euch gar nicht ansieht« »Ich weiß wohl dass ich töricht bin« antwortete der
arme Mensch mit einem wehmütigen Lächeln Nach einigem Stillschweigen indem er
ehrerbietig hinter uns herging wiederholte er seine Bitte und noch einmal und
noch einmal weil er die Abwehr immer vergessen zu haben schien Nur andre
Ursachen setzte er zu seiner Dienstleistung hinzu »damit die Frau kann ihren
Kleinen pflegen« sagte er einmal »und damit sie nicht in der Nacht zu dreschen
braucht ach Schlafen tut so gut« »Nun so schlaft Ihr guter Robert«
entgegnete Charlotte Er blickte mit irrem Lächeln vor sich hin »Ich schlafe
nicht mehr« rief er leise und geduldig »O Charlotte« sagte ich und ergriff
bittend meiner Freundin Hand »ich habe Robert und Ihr Tal beurteilt wie die
elende Welt in der ich aufwuchs Verzeiht ihr beide nur ein tugendhaftes Weib
kann so eine bescheidne Liebe einflößen« »So ists meine Ellen Schlaffe
Moral und ungeordnete Sinne sind nie der Boden aus dem eine ernste dauernde
Leidenschaft erwächst« Schweigend und ernst ging sie nun neben mir her
Endlich erschien der Tag der so sehnsuchtsvolle Hoffnungen erfüllen sollte
Alle Stunden waren gezählt worden den Abend wo Heinrich das erste Nachtlager
auf schottischem Boden halten sollte ging sein greiser Vater mit einer Art
Feierlichkeit in sein Schlafzimmer sein Sohn betrat diesen Boden heute auch
und endlich sprach er Charlotten und mich beim Schlafengehn umarmend »morgen
um diese Zeit« und sein Blick suchte den Himmel als das Einzige was er noch
Höheres wie Heinrich erkenne Außerdem aber war seine Freude seit ihrem ersten
Ausbruch still doch sah man dass er mit keinem andern Gegenstand beschäftigt
war auch an alles was er aus der Vergangenheit erwähnte hing er eine
Bemerkung die ihn betraf »damals war Heinrich noch ein Kind« oder »Heinrich
hatte eben sein erstes Hochwild geschossen« und so waren Heinrichs Lebensstufen
sein Kalender Dazwischen drückte er von Zeit zu Zeit Charlottens und meine
Hände mit glänzend glückwünschendem Blick Bis Aberfoyl ihm entgegen zu reiten
war sein herzlicher Wunsch er hatte nur einigen Zweifel ob sich das mit seiner
väterlichen Würde vertrage doch »Heinrich ist ja nie ein verzogner Knabe
gewesen« bemerkte er und sonach entschloss er sich zu dem Ritt
An dem großen Tage war die ganze Familie schon beim Morgengrauen munter Wen
ich zuerst erblickte war Eredine in voller NationalKleidung mit jugendlichem
Schritt im Hof umherschreitend »Charlotte heute gilts ein derbes Frühstück«
rief er an den Tisch sich setzend der geschäftigen Tochter zu »wer zehn
Stunden reiten will darf nicht nüchtern bleiben« und mit diesen Worten langte
er fröhlich zum Glase Der Laird hatte beschlossen ohne andre Begleitung mit
seinem Hausgesinde allein fortzureiten allein der alte Sackpfeifer wusste sich
auf andre Weise zu entschädigen Er zog den »Grahams Aufruf« pfeifend durch
das ganze Tal aus allen Hütten schlossen sich alle männliche Bewohner ihm an
und mit diesem zahlreichen Zug rückten sie gegen Aberfoyl vor Die Weiber des
ganzen Klans blieben in der Bezeigung ihrer Teilnahme nicht zurück von früh an
kamen die Hausmütter still und ehrbar brachten sie was ihr Vorrat an
Schinken Eiern Geflügel ihnen darbot »zum freundlichen Gruß« und kehrten
ruhig in ihre Wohnung zurück Der Tag schien uns von endloser Länge Charlotte
war stumm und ruhelos sie wollte nähen es gelang nicht sie nahm ein Buch
es war vergebens sie ging wieder und immer wieder in ihres Bruders Zimmer um
sich zu überzeugen dass dort nichts fehle aber eigentlich nur um von dort aus
dem Fenster zu schauen da der äußerste Punkt der AberfoylStraße dort zu sehen
war Endlich fing sie an zu sorgen ob er auch heute ankommen möge und zürnte
mir fast wie ich die Möglichkeit des Gegenteils zugeben musste Gegen den Abend
stellte sie sich an das Fenster und blickte zuweilen ihre Augen trocknend
bewegungslos in die dunkelnde Ferne Der Abend sank und verkündete eine frostige
Nacht Charlotte zog mich mit sich vor das Schlosstor alles war still endlich
bellte fern im Tale ein Hund »ich höre die Pfeife« rief Charlotte und fasste
meinen Arm Ich horchte leise schwirrte der Ton erstarb und tönte wieder nach
und nach ward er bis zur Deutlichkeit stark Grahams Kriegslied der Hufschlag
der Rosse der Fußtritt der Menge die Stimmen der Menschen wurden deutlich
Charlotte flog den Weg hinab kehrte um und rief »Nein vor dieser Menge kann
ich ihn nicht empfangen« und eilte zurück in das Haus
Ich erblickte durch das Dunkel die zwei stattlichen Gestalten der
Häuptlinge die am Tor von ihren Pferden gestiegen waren und sich jetzt zu Fuß
dem Schloss näherten und begab mich in das Zimmer besorgt dieses erste
Wiedersehen zu stören aber bald eilten die Schritte herbei ich hörte meinen
Namen die Tür flog auf und Maitland stand vor mir
Wie ich am Schluss eines glücklichen von dem Vater und Charlotten in stillem
Rausch der Freude die zum Gebet wird hingebrachten Abends endlich mit meiner
Freundin allein war machte ich ihr Vorwürfe meinen Irrtum über Heinrich und
Maitland vorsätzlich genährt und mich dadurch zu Geständnissen verleitet zu
haben die mich jetzt in ihre Hand gäben Wohl erkannte ich das Glück an von
diesem verehrten Mann im Schoose seiner Familie als dem Liebling seiner
Geliebtesten wiedergefunden zu werden nachdem er mich einst im Wirbel der
Torheit zurückließ Ich war deshalb weit entfernt mir mädchenhafte Ziererei zu
erlauben aber ich suchte meiner Freundin zu beweisen dass sie mein Vertrauen
durch die falsche Rolle die sie dem vorgeblichen Maissand aufgetragen hatte
gemissbraucht zu haben schien Anfangs lachte die in ihr Glück verlorne
Charlotte bald legte sie mir aber die Gründe durch die sie ihr Betragen
gerechtfertigt hielt vor Augen »Nach dem was ich von Ihnen wusste« sagte sie
»konnte ich nicht hoffen dass sie sich würden von meinem Bruder Ihr Geld
zurückzahlen lassen sobald ich Sie aber gesehen und liebgewonnen hatte begriff
ich meines Bruders Schicksal und verstand seine Teilnahme an Ihnen Auch dass
Sie Maitlands Schwester nie Ihr Vertrauen würden geschenkt haben wurde mir
klar und Sie zu mir zu ziehen und an mich zu fesseln war doch mein Wunsch es
war mein Wunsch Sie unter meines Vaters Augen zu bringen und es ist alles
gelungen wie ich gewollt habe und nun werde ich für meinen Bruder keinen
Schritt weiter tun« Es war so viel Edelmut in den Bewegungsgründen ihrer
Handlungsweise es war eine so kühne Offenheit in diesem Bekenntnis lang
fortgesetzter Heimlichkeit dass mein Unwille verstummte mein natürlicher
Abscheu vor Hinterlist und Larve hielt mich aber von einer gänzlichen Versöhnung
zurück Ich sprach von der Unvorsichtigkeit einer Intrigue die einzig durch den
Umstand gesichert war dass Maitlands Name nicht im Schloss genannt wurde »O
nein« rief Charlotte »dieser gemeine Krämername ist im Schloss kaum bekannt
Mein südländer Oheim machte es den Graham zur Bedingung ihn zu tragen und
wahrlich Eredine konnte den Namen seines Schwagers nicht verachten aber nie
ward Heinrich so genannt mein Vater überschrieb nie seine Briefe mit ihm und
Gott sei Dank er hat ihn nicht in sein Vaterland zurückgebracht er ist
Heinrich Graham wie seine Mutter ihn geboren Nicht Ellen als wenn ich den
Handelsstand verachtete davor bewahrt mich mein Bruder der zwanzig Jahr ihn
durch seine Betriebsamkeit ehrte jeder Erwerb verdient Achtung aber mir
däucht ein Edelmann sollte ihn denen überlassen die Geld bedürfen um sich
Auszeichnung zu verschaffen« Nun musste ich lächeln über die hochgeborne
Schottin die dem handelführenden Südländer Hohn sprach und eines
handelführenden Südländers Tochter aus dem Abgrund der Armut gerettet hatte um
sie in die Heimat der Grahams zu verpflanzen Und während meines Lächelns und
Nachdenkens hatte sich der Schlaf auf Charlottens Augen gesenkt
Ich stand früh auf und es war mir lieb dass Charlotte noch früher an ihre
Geschäfte gegangen war Mein Gemüt war sehr bewegt Meine alte Schwachheit war
aber nicht gänzlich unterjocht denn mit den ernstesten Betrachtungen im Kopf
mit überwältigenden Gefühlen im Herzen blickte ich mehr wie einmal in den
Spiegel und war mir bewusst dass Ellen Percy in der schmucklosen Hauskleidung
Maitlands Augen nicht minder gefallen dürfe wie Ellen in der ersten
Jugendblüte und im Flitterstaate des Luxus und der Mode Wie ich in das Zimmer
trat war die Familie schon beim Frühstück versammelt Maitland führte mich an
einen Stuhl und setzte sich mit den Worten »ich muss zwischen meinen beiden
Schwestern sitzen« zwischen mir und Charlotte Die Güte seines Betragens färbte
meine Wangen bei der Erinnerung wie unverzeihlich ich ihn bei unsrer ehemaligen
Trennung behandelt mit hoher Schaamröte aber er behandelte mich so
achtungsvoll der Kreis dieser Menschen war so einfach und liebend dass ich in
ihrer Freundschaft das Pfand meiner Veredlung las und mich bald so unbefangen in
Maitlands Gegenwart bewegte als hätte er mir nichts zu verzeihen Der Tag
verfloss ohne dass ein bittres Andenken ihn verdunkelte dieser und mancher andre
nach ihm Fortschreitende Arbeiten war ihr Beruf vereintes Lesen und Gespräche
ihre Erholung vollendete Arbeiten ihre Feste Eredine brachte trotz seines
hohen Alters wie ein wahrer Nordlandsheld mit seinem edelen Sohn die Vormittage
auf der Jagd hin Charlotte und ich hatten genug zu tun um nach unsrer
Hausarbeit in allen Familien von Glen Eredine unsern Beruf als
Kinderlehrerinnen Ratgeberinnen und Krankenpflegerinnen zu erfüllen Welche
zahl und endlose Familiengeschichten musste ich anhören Da war keine Hütte im
Tal deren Ahnherrn und gegenwärtiger Mitglieder Schicksal mir nicht mit den
geringsten Umständen anvertraut und in vielen Fällen noch ein prophetischer
Blick in ihre Zukunft vergönnt wurde Unsre Abende waren entzückend Wenn der
alte Vater sich aus seinem beeisten Plaid gewickelt Maitland die Windspiele in
ihre Hütte geschmeichelt hatte und wir alle um das Kaminfeuer saßen der
rüstige Jäger wind nun der feine Gesellschafter der dankbaren Schwestern er
las erzählte ließ sich abstreiten belehrte und der verehrte Alte hörte zu
oder nickte bei dem Glück seiner Kinder mit seligem Lächeln ein und wachte unter
ihrem lebendigen Geschwätz mit noch seligerm wieder auf Wie oft in dieser
glücklichen Zeit war ich erstaunt Maitland je für kalt und förmlich gehalten
zu haben Sein ernster und nach Wirksamkeit strebender Geist fühlte sich
freilich bei zweckmässiger Zeitanwendung am wohlsten aber in einem geläuterten
Herzen wie das seine wird die Freude zum Gottesdienst und also versagt es
sich derselben nie Wir scherzten wie glückliche Kinder und im Kreis
jugendlicher Nachbarn konnte der reife Mann oft noch wie ein fröhlicher Jüngling
erscheinen
Der Frühling brach an und nie seit der Frühling Edens erglühte konnte
diese Jahreszeit zauberischer sein Seine Farben waren so mild seine Lüfte so
balsamisch so rein sein Mondlicht so friedlich Nie werde ich die köstliche
Kühlung vergessen die eines Tags in einem leichten Regenschauer herabtaute und
den ruhigen See mit zitternden Lichtpuncten bedeckte Ich stand mit Graham
denn mit diesem Namen den sein Land segnet und die Freunde des Rechts und der
Wahrheit verehren muss ich doch endlich den unlieben Namen Maitland vertauschen
ich stand mit Charlotte und Graham schutzsuchend unter einer Fichte kein Laut
ward gehört als das Rieseln der Tropfen im See und dann und wann der Ruf eines
fernen Wasservogels »Wie oft wachend und schlafend habe ich hiervon
geträumt« sagte Graham leise als wollte er die Stille nicht stören »und noch
jetzt ist mir was mich umgibt wie ein Traum Diese tiefe Ruhe Jeder Schatten
liegt noch auf eben der Bucht auf eben dem Abhange wie damals wenn ich so oft
dastand und erstaunte wie die unermessliche Tiefe des Wassers die grenzenlose
Höhe des Himmels also abbilden könne Und nun nach meiner langen Verbannung so
vereint zu sein mit allem was mir am teuersten ist seine Nähe zu empfinden
« Ich fühlte mich plötzlich unendlich beklommen Ich glaubte seit einiger Zeit
hoffen zu dürfen das Schicksal habe meine Erziehung durch Unglück beendigt und
wolle sie nun durch friedliches Glück so weit es Menschen vergönnt ist
vollenden Dass ich mir nur in Vereinigung mit den Geliebten die jetzt mich
umgaben Glück denken konnte leugnete ich mir nicht aber dieses Glück von Gott
zu erbitten hatte ich mir in jungfräulicher Zucht und kindlicher Ergebung immer
versagt Heinrichs Worte sagten deutlicher wie je was mich nicht mehr
überraschen konnte denn das freudenreiche Beisammensein eines ganzen Winters
hatte mir bewiesen was ich jetzt in einem bestimmtern Sinn mit der
Überraschung der ersten Liebe vernahm Unwillkürlich trat ich einen Schritt von
Graham zurück und sein ernst auf mich gehefteter Blick konnte mir meine
Unbefangenheit nicht wiedergeben
Den folgenden Tag kam ich von einem Gang in das Dorf zurück und wollte eben
in das gemeinschaftliche Zimmer treten als ich durch die angelehnte Tür
Grahams Stimme in dem festen bestimmten Ton hörte wie er ihn nur bei Dingen
die seinem Herzen sehr nahe waren zu gebrauchen pflegte »Ist es so« verstand
ich jetzt deutlich »so geh ich morgen fort und hier muss sich alles
verändern« Fort morgen fort und ohne einen Gedanken an mich oder dieses
»verändern« drückte den vernichtendsten Gedanken aus Halb entseelt wankte ich
auf mein Zimmer zu Charlotte begegnete mir auf der Treppe »heilger Gott was
ist Ihnen geschehen« rief sie bei meinem Anblick Ich eilte neben ihr vorbei
und verschloss mich in mein Zimmer Ich war nicht mehr das ungestüme seine
Wünsche ertrotzende Geschöpf ich wollte aufrichtig was Gott wolle ertragen
aber in diesem Augenblick vermochte ich nichts als mir zu gebieten »ruhig
armes Herz« und nichts zu beschließen so lange es das nicht war Doch
Charlotten die so flehend um Einlass bat musste ich die Tür öffnen ich musste
zum Tee herabgehen und wie sie alle so zutraulich mir anrieten zur
Erleichterung des von mir vorgeschützten Kopfschmerzens ins Freie zu gehen
musste ich Graham und Charlotte an das Seeufer begleiten Heinrich bot mir seinen
Arm ich musste ihn wohl annehmen aber fern von ihm ging ich und stützte mich
nicht Er fragte so teilnehmend nach meinem Befinden er sprach so zärtlich
achtungsvoll mit mir dass meine Angst mehr als meine Zurückhaltung wich
und ich zwar mit Herzklopfen aber ohne törichte Heftigkeit vernahm dass
Charlotte uns anwies unsern Weg allein fortzusetzen weil sie in einer
benachbarten Hütte einen Krankenbesuch abzulegen gedenke Er führte mich auf ein
kleines schattiges Tal zu ich versuchte anfangs mit Lebhaftigkeit zu
schwatzen aber es gelang mir nicht halb beschämt dass ich versucht hatte
unwahr zu sein versank ich in ein Stillschweigen das Graham nicht störte nur
hie und da teilten wir uns eine Bemerkung mit die gleichgültige Vorgänge
betraf In einem Augenblick wo ich mich zufällig umsah fiel mir die Schönheit
der Aussicht auf die uns jetzt am Ausgang des kleinen Tals durch ein paar
Felsabhänge den See im Sonnenglanz zeigte »O weilen wir hier und blicken
zurück« rief ich meinen Begleiter aufhaltend »Ja« antwortete Graham mit
einem leichten Lächeln »weilen wir hier und blicken einen Augenblick rückwärts
vielleicht für lange lange Zeit zum letzten Mal Kommen Sie Miss Percy lassen
Sie mir den lieben Arm lehnen Sie sich auf mich wie sonst lassen Sie mich
glücklich sein so lange ich darf« Er schwieg aber mein Mund war verstummt
ich hätte kein Wort über meine Lippen bringen können Graham begann von neuem
»Dieser Abend diese Stunde vielleicht kann diese reiche herrliche Natur für
mich in ewige Trauer kleiden oder ihre Schönheit über allen Wechsel erheben
Ehe wir heute scheiden Ellen muss ich endlich erfahren ob es meinem Leben nie
verliehen sein soll Pflicht und Glückseligkeit zu verbinden Sie wissen Ellen
wie lange Sie begreifen aber nicht wie zärtlich ich Sie geliebt habe Der
Mann wird Herr seiner Gefühle aber diese Herrschaft kostet ihm dennoch sein
Glück Wenn ich Sie nun so innig liebte wie Irrtum Sie entstellte wie
Gleichgültigkeit und Übermut mich von Ihnen zurückwies was muss ich jetzt
empfinden da Sie alles in sich vereinen was den Mann im Weibe entzücken muss
Mich jetzt von Ihnen trennen jetzt Ellen da hier jeder Gegenstand Sie mir
zurückruft O Ellen dazu verurteilen Sie mich nicht Kann meine Liebe dich
gewinnen kann meine Beständigkeit dir Zutrauen geben kann dein unschuldiges
Herz sich mit dem Glück befriedigen das ich dir hier biete kann eines greisen
Vaters Segen Der starke Mann wollte vor der Geliebten nicht in Tränen
ausbrechen darum schwieg er mit zitternden Lippen Ich fand aber jetzt Kraft
wahr zu sein und Worte es zu äußern »Heinrich« sprach ich »sagen Sie mir
was Sie wünschen deuten Sie mir an was Sie glücklich macht ich darf es Ihnen
versprechen« Das sprach ich glaub ich wenigstens verstand er mich recht
Er verstand dass ich nicht mehr das töricht herzlose Geschöpf war das der
Beifall eines Gecken über die Verdienste eines edelen Mannes verblendete nicht
das gedankenlose Wesen dessen Wünsche und Bestrebungen sich um die flüchtigsten
Täuschungen des Augenblicks drängten Er erkannte das kindlich dankbare Herz
das vom Schicksal erzogen ertragen lieben und genießen gelernt hatte Ellen
war nun würdig an seiner Hand in ein bessres Dasein zu pilgern war fähig die
Blumen des Weges zu pflücken dessen Stürme zu bestehen
Ich bin nun schon manches Jahr ein glückliches Weib und nie seit dieser
Zeit habe ich Schloss Eredine verlassen noch es zu verlassen gewünscht Graham
ist noch immer gewissermaßen mein Liebhaber und wenn mir gleich von Ellen
Percys Mutwillen immer noch ein kleiner Anstrich blieb gestehe ich doch mit
stolzklopfendem Herzen dass er mir teurer ist wie je und ich stolzer wie je
auf den Mann blicke den Alle verehren und der mich als die geliebte Mutter
seiner Kinder begrüßt
Noch immer leben wir unter den Augen unsers ehrwürdigen Vaters noch immer
teilt unsre Charlotte seine Liebe und unser Glück Wir sehen Wechsel in diesem
seligen Leben voraus allein wir kennen ein noch seligeres und diesem gehen
wir mit der Zuversicht entgegen wie wir im Schimmer der Abendröte der Sonne
nachblickend freudig denken bis morgen und ihres schöneren Aufgehens gewiss
sind
Fußnoten
1 Aus Youngs Nachtgedanken
2 Der Gaelische Ausdruck heißt Du lieber Hund
3 Noch vor wenigen Jahren wurden die Begräbnissfeierlichkeiten in den Hochlanden
mit Tänzen beschlossen
4 Ellen Percy hatte für Juliens Lage eine Ansicht die wir unsrer Ansicht der
Ehe gemäß nicht teilen können Sie hielt Julie für Glendowers gesetzliche
Gattin und das Kind für seinen rechtmäßigen Erben wie späterhin die Gesetze
dasselbe auch zu sein erklärten
5 Schottische Redensart