Karoline de la Motte Fouqué
Rodrich
Ein Roman in zwei Teilen
Erster Teil
Erstes Buch
Es war Abend als Rodrich in die Tore der Hauptstadt einfuhr Die erleuchteten
Straßen zeigten ihm das Getümmel vieler Tausende die des Lebens Spiel kreisend
hin und her trieb Glänzende Wagen ferne Citerklänge verworrenes Rufen und
Flistern alles rauschte durch seine Sinne und trieb ihn unruhig über die neue
Welt hinweg bis er endlich bei den hohen Pallästen verweilte in deren Inneres
er wie in einen magischen Spiegel flüchtig hinein schaute Der Zierrat der
Gemächer wie die reichen Diener entzückten ihn Oft hörte er lustige Musik sah
schwebende Gestalten längs den hellen Fenstern hingleiten und hätte die Welt
darum gegeben mitten unter ihnen zu sein Da gedachte er plötzlich seines
unscheinbaren Daseins und das widrige Gefühl in dem Strom gemeinen Wirkens
ungekannt unbeachtet mit fortzuschwimmen stellte sich recht feindselig
zwischen die aufgedeckte Herrlichkeit der Welt und ihn Wie erhaben er sich auch
den Mittelpunkt eines Staates den Hof und seine Umgebungen gedacht so stand er
selbst ohne es zu wissen unter den Hauptfiguren der bunten Gemälde Was dort
im Glanz einer lebendigen Phantasie in einander verschmolz stand jetzt einzeln
und abgerissen vor ihm da Die übersprungenen Stufen geselliger Verhältnisse
erschienen ihm plötzlich wie die unersteigliche Himmelsleiter und er blickte
zum erstenmal geringschätzig auf sich und die ärmlichen Mittel die seine
Ansprüche geltend machen sollten Voll Unmut schloss er die Augen und flüchtete
zu den Erinnerungen der Vorwelt in die er sich so oft versenkte um die eigne
Beschränkung in den weiten Kreisen menschlicher Tätigkeit zu vergessen Die
Heroen der Profan und Heiligengeschichte stiegen vor ihm auf Er hatte die
Letzteren immer geliebt um der Kraft willen mit der sie das einmal
Unternommene vollführten Ja rief er nach kurzem Sinnen die Welt bleibt ewig
dieselbe und wem die rechte Feuerkraft im Busen glüht der muss vom Schicksal
erzwingen was es ihm kärglich versagte
In dieser Stimmung betrat er den ziemlich ansehnlichen Gasthof vor welchem
sein Wagen hielt Der Trotz der noch in seinen Mienen lag und die etwas
gebieterische Stimme mit welcher er eingelassen zu werden forderte ließ auf
einen vornehmen Gast schließen Er bekam ein gutes Zimmer und anständige
Bedienung Indes war er viel zu bewegt um hier lange in müßiger Beschauung zu
verweilen Was ihm allein zu tun übrig blieb das sollte gleich geschehen
Überdem brannte er vor Begier irgend einen Menschen zu finden dem er
einigermaßen angehöre mit dem er reden und ihm seine Wünsche und Hoffnungen
mitteilen könne Er beschloss also noch diesen Abend zu dem Künstler zu gehen
an welchen sein Meister ihn gewiesen hatte und eilte bei dem Wirt die
nötigen Erkundigungen deshalb einzuziehen Ein Maler also fragte dieser und
blickte nachlässig zu ihm auf Nie hatte ihm dies Wort so seltsam und fremd
geklungen als in diesem Augenblick Er erschrack selbst darüber und wandte
sich mit dem verdrießlichen Ja von dem Neugierigen der ihm statt einer Antwort
eine Frage zurückgab O sagte dieser einlenkend wollten Sie nicht einige
Augenblicke verweilen Sie werden hier an der Abendtafel mehrere Kunstfreunde
finden die Ihnen vielleicht nähere Auskunft geben können Sie nannten gewiss
einen unserer berühmtesten Meister allein ich kann Ihnen seine Wohnung nicht
sogleich bezeichnen
Rodrich ging still im Zimmer auf und nieder Einer der Berühmtesten dachte
er und sie kennen seine Wohnung nicht einmal Ach wer kommt denn auch zu der
einsamen Werkstatt des Künstlers der in abgeschlossner Welt sich selbst und der
innern Gottheit lebt Er fühlte jetzt wie mühselig der Weg sei den er
eingeschlagen hatte und wie wenig er zu der unstäten Beweglichkeit seines
Gemütes passe Er gedachte der Worte seines Lehrers der ihm oftmals sagte dass
er die Kunst nicht um ihrer selbst willen liebe und sie alles Fleißes
ohnerachtet nur als Mittel betrachte Er hatte das immer bestritten und gemeint
der Wunsch durch die Kunst berühmt zu sein ließe sich von der Liebe zu ihr
nicht trennen Auch jetzt wollte er es sich nicht ganz gestehen und suchte den
schwankenden Willen mit aller Kraft zu befestigen So gelang es ihm denn
während er die innere Stimme durch tausend große Worte übertäubte und die
gesunkne Achtung für sein Gewerbe auf alle Weise anregte die alte Begeisterung
aufs neue zu entflammen Und um sich selbst zu entfliehen zögerte er nicht
länger den Maler aller Gegenrede des Wirtes ohnerachtet aufzusuchen
Er war lange Zeit gegangen ohne irgend jemand angeredet und um Auskunft
gebeten zu haben weil er überall nicht gern bat am wenigsten den gaffenden
Pöbel So kam er zu einer langen prachtvollen Brücke von deren jenseitigem Ende
sich ein breiter Kastaniengang längs dem Ufer hinwand Unzählige bunte
Schiffchen glitten noch über das stille Wasser hin während viele andere unfern
der Brücke landeten und dem dunklen Gange manch fröhliches Paar zuführten
Rodrich gesellte sich zu diesen indem er sich hier wo ihn nichts so drückend
auf die eigne Nichtigkeit zurückführte zum erstenmal wieder wohl und leicht
fühlte Das dumpfe Geräusch der Wagen wie das ganze Gewirr der Menge ward in
der einsameren Gegend von den lustigen Liedern der Schiffer übertäubt die längs
dem Ufer das dürftige Mahl an kleinen Feuern verzehrten Das seltsame Spiel des
Lichtes zwischen den dunklen Bäumen ergötzte ihn unendlich Er glaubte den
Zauber der Beleuchtung noch nie so gekannt zu haben und entwarf tausend Plane
die vor ihm schwebenden Gruppen darzustellen als er bei einer Beugung des
Ganges plötzlich vor einem geöffneten Gittertor stand das die Vorübergehenden
recht gastlich zum Eintreten einlud Die blühenden Ufer waren hier zum
kunstreichen Garten umgewandelt Zwischen duftigen Blumengewinden glänzten helle
Springbrunnen deren silberne Stralen sich in Marmorbecken ergossen Dunkle
Pinien und Cypressen beschatteten Kunstwerke der besten Meister Rodrich stand
wie in einem Zauberkreise vor den steinernen Gebilden die in der stillen Nacht
seltsam auf ihn herabblickten Mit innerem Grausen betrachtete er einen Lakoon
der auf einem hervorspringenden Hügel einsam am Ufer stand Ihm war als neige
sich jetzt erst das schmerzenvolle Haupt gegen den sterbenden Knaben Er glaubte
das Angstgeschrei zu hören und unwillkürlich schloss er den starren Marmor an
die bewegte Brust Da hörte er von fern leise Musik Die Töne zogen ihn fort zu
einem kleinen Pavillon der wie von Wellen getragen dicht am Wasser stand Aus
dem Innern erschollen die Worte
Blumen süßes Angedenken
Blumen meiner Liebsten Gabe
Seid ein Bild der kurzen Freuden
Die mit euch verblühend schwanden
Seh euch tot nun vor mir liegen
Muss mit Wehmut die betrachten
Deren reiches frisches Leben
Freudig meinen Sinn erlabte
Zaid nimmt die welken Blumen
Drückt sie gegen Mund und Wange
Will mit Tränen sie benetzen
Will mit Küssen sie erwarmen
Und der Tränen helle Perlen
Glänzen in des Mondes Stralen
Bebend so in Lichtes Wonne
Spielen sie viel tausend Farben
Blumen wollt auch ihr mich täuschen
Neu erblühnd im nächtgen Glanze
Wollt euch dem Gestirn verbünden
Das im Dunklen trügrisch waltet
Leben habt ihr mir gelogen
Will euch länger nicht bewahren
Denn für solch ein falsches Leben
Wähl ichs einsam zu verschmachten
Und er wirft die Liebespfänder
Von dem steilen Meeresstrande
Tief hinunter in die Fluten
Sie auf ewig zu begraben
Wie die Blumen dort verschwimmen
Gar vergessend aller Farben
Hat die Trän auf ihren Blättern
Bald zur Perle sich gestaltet
Hier fiel Rodrich ohne zu wissen was er tue ein und sang
Perlen sind ja Liebestränen
Denn von Wehmut süß umfangen
Ruht des Feuers ewger Funke
Mild verklärt im stillen Wasser
Plötzlich rauschten die seidenen Vorhänge auf und ein weiblicher Kopf beugte
sich aus dem geöffneten Fenster Rodrich war vergebens bemüht die zarten
Umrisse aufzufassen In der Dunkelheit schwankte alles verwirrt in einander
Tausend Erinnerungen flogen wie Schatten vorüber je fester er die Blicke heften
wollte desto beweglicher wogten die wechselnden Bilder auf dem dunklen Grunde
Zuletzt glaubte er die Züge des Lakoon wieder zu erkennen da sank der Vorhang
leise nieder und er wandte sich gedankenvoll zur Stadt
Als er sich dem Gasthofe nahete hörte er in den unteren Zimmern sehr lebhaft
sprechen und im Hineintreten fand er eine zahlreiche Tischgesellschaft in
allgemeinem Streite begriffen der indes bald durch seine Ankunft unterbrochen
ward Das Fremde und Stolze in seinen edlen Zügen die dunkel glühenden Augen
der hohe Wuchs alles erregte die Aufmerksamkeit der Anwesenden die ihn mit
neugierigen Blicken maßen während er ganz unbefangen einen leer gebliebenen
Platz einnahm und sich des günstigen Eindruckes freute der sichtlich bei
seiner Erscheinung aus jedem Auge sprach Diese stille Bewunderung in welcher
er sich zum erstenmal klarer als in einem Spiegel erkannte gab seinem Wesen
Haltung und Sicherheit und söhnte ihn mit der ungekannten Welt aus die ihm
Anfangs so fremd und abstoßend erschien Indes ward nach einigen lebhaften
Erkundigungen bei dem Wirte der eben mit Rodrich gesprochen hatte das vorige
Gespräch nach und nach wieder angeknüpft Je mehr ich nachdenke sagte ein Mann
der mit verschränkten Armen und niederhangendem Kopfe da saß je wahrer finde
ich was Sie vorher sagten es gibt in der Tat Worte deren Bedeutung wir auf
Treu und Glauben annehmen die uns eben deswegen niemals klar wird und dennoch
mit uns aufwächst sich uns anschmiegt und glauben lässt sie gehöre zu unserm
Wesen während es nur eines kräftigen Stosses bedarf um sie als etwas ganz
Fremdes uns Aufgedrungenes zu erkennen Zu diesen gehört die äußere Ehre in dem
Sinne wie sie allgemeingültig angenommen wird Welchen Unterschied ich bitte
Sie rief ein lebendiger Jüngling ihm zur Seite aus machen Sie denn zwischen
äußerer und innerer Ehre und was ist Ehre überhaupt nach ihren Begriffen
Ehre erwiderte ein Offizier der bis jetzt von seinem Nachbar verdeckt
Rodrich unbemerkt geblieben war Ehre ist freie Selbstständigkeit innere
Konsequenz des Willens die sich durch ein folgerechtes Leben behauptet Der
Zweck wie der Ausgangspunkt sind als freie Erzeugungen ganz individuel und es
ist nichts seltsamer als allgemeine Prinzipien über etwas aufstellen zu wollen
was seiner Natur nach auf der Eigentümlichkeit der Ansicht beruhet Dass die
Ihrige Ihnen allein angehört sehe ich fiel der junge Mann rasch ein denn sie
ist mir in der Tat fremd Nur tun Sie doch nicht gut die Individualitäten so
scharf von einander abzuschneiden wir könnten bei consequenter Folgerung auf
den Punkt kommen wo alle Ihre Worte verschwendet wären wo wir wirklich nichts
gar nichts von einander wüssten und Menschen so kalt gegenüber ständen wie
abgeschlossne Welten Indes könnte ich Sie fragen um mich auf einen
Erfahrungssatz zu berufen wie es kam dass Jahrhunderte hindurch eine Religion
und eine Ehre alle Gemüter beseelte und das Größte erzeugte was die Welt sah
wenn sich nicht das ewige Licht über Alle ergoss und die Glut einer Liebe jede
Brust entflammte Zeitalter antwortete der Offizier haben wie Menschen ihren
eigentümlichen Charakter Ich tadle diese nicht dass sie den ihrigen
durchführten nur finde ich es etwas lächerlich dass wir unaufhörlich auf
morschem verfallenem Grunde fortbauen ohne zu fragen was wir wollen und
können Hat Graf Alvarez dessen früher Tod unserm Gespräche neues Leben gab so
durchaus in der Glückseligkeit seiner Schwester gelebt dass sie ihm das Höchste
war und er die Treulosigkeit ihres Geliebten für eine Beschränkung seines
höchsten heiligsten Willens ansah so tat er recht mit einem verfehlten Leben
auch den frechen Störer desselben zu vernichten Hat ihn aber das bloß Formelle
der Ehre der verblichne Schein jener alten Ehrfurcht für die Reinheit und
Unverletzbarkeit des FamilienNamens hingerissen so opferte er einem
kränklichen Wahne ein sehr lebendiges Streben auf Kränklicher Wahn rief der
kecke junge Streiter was Sie so nennen ist im Grunde ganz Eins mit dem was
Sie selbst zuvor als Idee der Ehre aufstellten Die freie Selbstständigkeit des
Mannes ist von der Unbefleckteit seines Namens unzertrennlich Andre Zeiten
andre Sitten erwiderte der Offizier Die unsrigen fiel jener ein müssen
doch von der für Sie verrufenen Zeit nicht so absolut losgerissen sein weil
sich in eines jeden Brust der heiligste Zorn regt so bald sein Vaterland sein
Staat angegriffen wird um wie viel mehr denn der Name den er trägt Eine
Ausnahme sagte der Offizier lachend wirft Ihre ganze Regel über den Haufen
Ich gebe Ihnen meinen Namen für eine Hand voll tauber Nüsse hin mich selbst
aber verkaufe ich teuer das versichre ich Ihnen Es beruhet nur darauf hub
der langsame Denker nach einem kurzen Schweigen wieder an den Wendepunkt zu
finden in welchem die individuelle wie die allgemeine Ehre Eins wären Hier
fiel Ursprung und Zweck der Tat zusammen und es könnte nicht mehr von einer
augenblicklichen Erzeugung des Willens sondern einzig von einem innern
bleibenden Moralgesetz die Rede sein das wie für alle Zeiten auch für alle
Individuen gelten müsste Was für Alle gilt Herr Doktor sagte der Offizier
schließt alles Charakteristische alles was einem Dinge Gestalt und
Physiognomie gibt aus und so hätten wir unrecht über einen einzelnen Fall zu
streiten Das Einzelne erwiderte der Doktor ist auch überall nur wirklich
etwas in so fern es sich zur allgemeinen Idee erhebt Von diesem Standpunkt
müssen wir das Ganze betrachten dann lernen wir die Geschichte des Menschen als
unendliche Entwickelung eines Gedankens erkennen Dies zugegeben sagte der
Offizier so müssen Sie mir eingestehen dass keine Rückschritte zum Ziele
führen und dass jener Maßstab einer längst entwachsenen Zeit seltsame
Karikaturen erzeugt Warum Autoritäten aufrufen die alles produktive Vermögen
ersticken Trägheit ist es die den Menschen auf dem früher geebneten Wege
fortzieht und ihm weis macht es passe kein andrer für ihn
Rodrich hatte bis dahin schwankend zwischen den verschiedenen Meinungen da
gesessen Jetzt erregte der Offizier seine ungeteilte Aufmerksamkeit Die
letzten Worte trafen sein Inneres So hatte er immer gefühlt etwas Großes und
Neues sollte geschehen was gigantisch über den Trümmern der Vorzeit
hinschreitend eine nie gesehene Herrlichkeit offenbarte Er betrachtete noch
das seltsame Gesicht auf welchem die hellsten Blitze des Verstandes mit der
hingebendsten trägsten Ruhe wechselten und über dessen scharfe Züge sich
wiederum eine Milde ergoss die es unendlich anziehend machte als der junge
Mann der von den Anwesenden Ritter genannt wurde aufs neue mit verhaltnem
Unmut begann Wenn ich nur nicht hören müsste wie man die alten ehrenwerten
Formen antastet ohne zu erwägen dass unsre ganze äußere Existenz ein
stillschweigendes Anerkennen derselben ist indem wir durch Sprache Religion
Gesetze und gesellige Verhältnisse hinlänglich dartun dass sie uns wirklich
ungeteilt angehören Wenn Sie mich darauf zurückführen erwiderte der
Offizier dass der jetzige Zeitmoment in allen vorhergehenden bedingt ist so
vergessen Sie auch nicht das Charakteristische der Gegenwart zu betrachten
Das ist ohnmächtiges Wollen fiel jener ein kränkliches Zucken entschwindender
Kraft Seit der Blick verloren ging mit dem wir einst das Alte betrachteten
und der Mut es würdig zu behaupten überreden wir uns etwas Neues Unerhörtes
erzeugen zu müssen Kein Mensch weiß aber eigentlich was Es ist erstaunlich
bequem so ins Blaue hinein zu produciren und das unbekannte Ziel immer nur
ahnen zu lassen während man bei aller produktiven Kraft einschläft bis uns
das Alte über dem Kopf zusammenstürzt unterbrach ihn der Offizier da haben Sie
ganz recht Aber das liegt nicht daran dass wir es nicht wieder herstellen denn
das wäre am Ende doch nur Flickwerk und zerbröckelte wohl leicht in einer
kräftigen Hand die es derb anfasste eher indes weil es an Kraft und Genialität
fehlte aus dem Alten etwas Frisches und Lebendiges hervorgehen zu lassen Doch
sein Sie ganz ruhig es geschieht dennoch vieles was wir übersehen Was in der
Vergangenheit wie aus einem Guss geformt da steht ist in der Gegenwart ein
langsames Werden Der Wein gährt still im verschlossnen Dunkel ehe der Geist
sich frei macht und die Gemüter entzündet Er hob bei diesen Worten ein
schäumendes Champagnerglas in die Höhe und rief mit freudigen Blicken gute
Zeiten und lebendiger Mut Alle stießen an und der Ritter sagte bewegt wir
verstehen einander dennoch Solche die das Schwert und die höhere
Vaterlandsliebe verbindet sollten eigentlich nie über Ehre streiten Sie sind
in der Hauptsache gewiss einig Dies fiel wie ein Blitz in Rodrichs Seele das
war der ungekannte Magnet der ihn in die Welt zog Darum hatte er im Kloster
nur Augen und Sinn für den Erzengel Michael darum saß er Stunden lang vor dem
Bilde und zeichnete mit unsichrer Hand die kräftigen Züge bis es ihm gelang und
Alle über die Geschicklichkeit des Knaben staunten Jetzt war es als träte er
vor ihn hin gewapnet mit fliegendem Haar und eingelegter Lanze das breite
Schwert an der Hüfte wie die alten Götter über die Erde hinschreitend Seiner
nicht mehr mächtig rief er Alle gute Geister verbinde das Schwert Bravo
sagte der Offizier und flog auf ihn zu In Ihren Augen glüht etwas das mit
früher verkündete wie Sie Pinsel und Palette wohl am längsten würden geführt
haben Kommen Sie nur der Wein erschliesst die Herzen und der Mann darf dem
Manne ein freies Wort sagen
Sie waren bei diesen Worten in ein abgelegnes Zimmer getreten Der Ritter
hatte sich zu ihnen gesellt und alle drei setzten sich in eine kleine Nische
Den perlenden Wein zwischen hellen Kerzen vor sich auf einem Tischchen hub der
Ritter an Solche Momente sind die heiligsten wo der innere Lebensblitz
plötzlich angefacht einen flüchtigen Schein auf die dunkle Zukunft wirft und
ein prophetischer Laut uns die ganze Welt offenbart Sie wissen erwiderte
der Offizier ich halte in der Regel wenig von jenen mystischen Anklängen und
Offenbarungen Dass uns das Regen einer lichtellen Vernunft so oft nur dunkle
Ahnung bleibt liegt darin dass der Mensch überall wenig auf sein Inneres
achtet die verworrenen Strebungen selten scharf und bestimmt auffasst und mit
Besonnenheit vor sich hinstellt Ach sagte Rodrich der beleuchtende Verstand
tritt das Lebendigste im Menschen nieder Ich habe das wohl in der Kunst
erfahren und weiß wie das Gelungenste aus dem augenblicklichen Zusammenfallen
von Gedanken und Tat entsteht Auch im Leben will sich mir das so bewähren
Jene fast bewusstlos herausgestossenen Worte haben mir zwei Freunde gewonnen
zu denen ich endlich einmal aus voller Seele reden darf Wenn Ihr Gefühl Sie
nie auf schlimmere Wege führt sagte der Offizier so folgen Sie ihm nur
getrost Ja wohl setzte der Ritter hinzu Es ist nicht das Schlechteste im
Menschen dass er sich so ohne weitere Beglaubigung rücksichtslos hingeben und
das überfliessende Herz eröffnen kann So nehmen Sie mich denn hin sagte
Rodrich in höchster Bewegung ich gehöre ja ohnehin Niemand an Er hielt einen
Augenblick ein und kämpfte ob er seine dunkle Abkunft hier berühren und sich
selbst als ein Kind des Zufalls hinstellen sollte Doch bald fuhr er fort Es
wehet etwas Geheimnisvolles durch mein ganzes Leben das mich oft selbst mit
Bangigkeit erfüllte und schon da mit der Welt entzweite als sie mir noch fremd
war Meine frühesten Erinnerungen führen mich in ein Kloster an die Seite eines
Greises zurück der mit der zärtlichsten Sorge über mich wachte Ich kann nicht
sagen ob ich je andre Umgebungen gekannt allein oft vor dem Einschlafen und
wenn Eusebio die Laute spielte überfiel mich eine Sehnsucht dass ich weinend
nach einem hellen bunten Hause verlangte wo ich mit schönen Kindern spielen
könne Einst war ich mehrere Tage hindurch nicht zu beruhigen weil mir im Traum
eine Frau in weiße Tücher gehüllt auf einem Ruhebette liegend erschienen war
nach der ich vergebens die Arme ausgebreitet und sie zu erfassen gestrebt hatte
Eusebio weinte mit mir und schien mich mehr durch Liebkosungen als durch
Bestreitung meiner Wünsche zu beruhigen Nach und mach ward ich indes stiller
In der steten Einförmigkeit schwieg indes jedes unruhige Verlangen Meine
bescheidenen Wünsche drängten sich nicht über die kleine Zelle hinaus in deren
Innerem alle dürftigen Freuden meines Lebens blüheten Denn selbst der
fruchtreiche Klostergarten ward mir durch die Ängstlichkeit mit welcher ich in
die Steigen gebannt war zuwider So verlebte ich meine Tage unter Gesang und
Gebet lernte Heiligenbilder zeichnen und fromme Tiere in Holz schnizzen Die
erlöschende Kraft die nur in der Liebe zu Eusebio und beim Anblick des
Erzengels Michael der recht groß und hehr über dem Altar in unserer Kirche
hing aufblitzte gab dem Prior die besten Hoffnungen für die Zukunft Auch
hatte Eusebio strenge Befehle jede weltliche Anregung gewissenhaft zu
vermeiden Ich erfuhr das in einem Augenblick der mir jetzt noch wehmütige
Erinnerungen gibt Er hatte mir einst ein Pferd in Holz geschnitten und ich
weiß nicht war es Instinkt oder hatte ich sonst schon etwas ähnliches gesehen
genug ich besaß einen zierlichen heiligen Georg den ich auf das Pferd
befestigte und mit lautem Freudengeschrei auf und nieder hüpfen ließ Eusebio
blickte lächelnd auf mich hin während ein finsterer Mönch hereintrat mir mein
liebes kleines Spiel entriss und es unter Flüchen und Verwünschungen gegen die
gottlose Entweihung eines Heiligen in die Flammen warf Eusebio bekam einen
harten Verweis und wir trauerten beide über die gestörte Lust
So mochten wohl zehn Jahre verflossen sein als ich einst in der Nacht von
einem leisen Geräusch erwachte Ich blickte um mich und sah beim schwachen
Schein einer Lampe wie Eusebio sorgsam ein Kästchen unter seinem Lager
hervorzog es eröffnete und einen reichgestickten Mantel mit goldenem
Ordenskreutz daraus hervorzog Er breitete ihn vor sich hin blieb gedankenvoll
stehen und küsste dann ehrerbietig den Saum des Gewandes Ich hatte mich während
dem genahet und rief voll Entzücken Vater was hast du da für herrliche
Sachen Der Alte ließ erschrocken die Arme sinken und sagte mit wehmütigem
Tone Kind das sollte Dir ewig ein Geheimnis bleiben Musst Du so voreilig in
das bunte Gewebe deines Schicksals eingreifen Begierig nahm ich indes den
Mantel von der Erde hüllte mich hinein und trat so in höchster Lust vor
Eusebio hin der von dem Anblick überwältigt mich in seine Arme schloss und
weinend ausrief Ist mir doch als sehe ich deinen unglücklichen Vater als er
das letzte mal vor der Welt und seinem König erschien Ihn deckt die kalte Erde
während Du mit den Trümmern seiner Herrlichkeit spielst War es doch immer mein
Wunsch Dich so geschmückt zu sehen und fuhr er fort indem er mir die Hand
auf die Stirn legte ich ahnde es diese Flammen werden ihrer weltklugen
Weisheit spotten was vermag der allmächtige Geist des Menschen nicht Er sank
bei diesen Worten erschöpft auf sein Lager Ich kniete neben ihn und um ihn zu
erheitern wie ich es sonst wohl tat nahm ich die Laute die vor ihm auf einem
Tischchen lag und griff leise in die Saiten Von dem Klange wie begeistert
richtete er sich in die Höhe nahm mir das Instrument aus der Hand spielte und
sang folgendes Lied das mir wie mit Flammenzügen eingegraben blieb
Vergebens hab ich hier gerungen
Vergebens war der eitle Wahn
Es könne Leib und Geist durchdrungen
Auf Erden gleiche Lust empfahn
Ich fühlte Herz von Herz sich reißen
Und Angst und Schmerz in wunder Brust
Wollt ich dem Tod zu leben heißen
Und kämpft und rang in trüber Lust
Ich seh dich farbge Pracht erblassen
Es naht sich bleich und kalt der Tod
Ach süßes Kind dich muss ich lassen
Mich ruft ein göttlich ernst Gebot
So rauscht denn einmal noch ihr Saiten
Ihr dringt aus einer frischen Welt
Der leise Hauch soll euch begleiten
Der mich noch hier gefangen hält
Die letzten Worte zerrannen fast auf seinen Lippen und flossen so mit dem
Klange zusammen der immer leiser verhallte bis die Laute den starren Händen
entsank
Auf mein Angstgeschrei eilten die erschrockenen Mönche herzu Es währte
lange ehe sie mir begreiflich machen konnten dass Eusebio tot und für mich
verloren sei Von dem Augenblick ward ich so kalt und verschlossen wie die
geliebte Leiche die man mit Gewalt aus meinen Armen riss Jener furchtbare
Wechsel von Lust und Schmerz schien alle Lebenskraft in mir aufgezehrt zu haben
Der natürliche Trotz in meinem Gemüt lehnte sich gegen die ganze mir bekannte
Welt auf ich hasste alles was sich mir nahete da ich unter den erloschenen
abgezehrten Gesichtern nicht eins fand das meinem Eusebio glich und Niemand
als er mich je geliebt hatte Jede andre Erinnerung ward in das Grab meiner
höchsten Freude versenkt und erst sehr lange nachher unter freudigern
Umgebungen gedachte ich des Mantels und jener bedeutenden Worte die mich zuerst
über die Klostermauern hinaushoben
Als ich von Eusebios Begräbnis zurückkam ward ich in eine fremde Zelle
unter die Aufsicht eines jungen Mönches gebracht der in eigenen Schmerz
versenkt wenig auf mich achtete Ich fühle noch heute die entsetzliche Angst
die mich in dem Augenblick überfiel da man mich vor meinem alten geliebten
Zimmer vorbei in dies neue führte Mit innerer Wut schloss ich die Augen um
nichts zu sehen was mich so kalt und fremd abstiess Auch lernte ich nie meinen
neuen Aufseher lieben vor dessen achtlosen Blicken ich dennoch tun konnte was
ich wollte Überall bekümmerte sich Niemand sonderlich um mich man schien
hinreichende Sicherheit in meinem dumpfen trägen Sinn gefunden zu haben So kam
es denn dass man mich als einst Feuer im Kloster ausbrach mit anderem Gerät
in den Garten schleppte und dort allein ließ Ich war weder erschrocken noch
erfreut Nur fuhr es einmal wie ein Blitz in mir auf wenn die Flammen das
hässliche Gebäude verzehrten so müsse man mich wohl frei lassen und ich könne
dann hingehen wohin ich wolle Doch war das auch kein bleibender Wunsch ich
kannte ja nichts wonach ich mich hätte sehnen können So ging ich gleichgültig
auf und ab bis ich eine kleine Pforte die nach einem See hinaus führte und
durch welche man wohl in der allgemeinen Not Wasser herbeigeschaft hatte
offen fand Ich trat hinaus ohne etwas Bestimmtes zu wollen und ging Anfangs
den schmalen Fußsteig der den See hinauf führte ganz langsam fort Doch je
weiter ich ging desto freier hob sich meine Brust Das Wasser rauschte und
quoll so lebendig neben mir hin ich atmete zum erstenmal frisches Leben und
der Gedanke zu entfliehen ward mir nun erst deutlich Die erwachte Kraft
beflügelte meine Schritte Ich hatte bald die hohe Mauer im Rücken und kam auf
eine Wiese die sich wie ein bunter Teppich neben dem klaren Wasserspiegel
ausbreitete Jenseit sah ich hohe Bäume alles keimte und blühete nach einem
kurzen Winterschlaf Es ist unbeschreiblich wie mich das erste Wehen des
Frühlings in der reinen freien Natur ergriff Wie berauscht brach ich
Wasserlilien und lange zitternde Grashalme und sie in der Luft schwenkend lief
ich unter Jauchzen und Schreien den bunten Vögeln nach die sich auf den
Blumenkelchen wiegten und mich durch Feld und Wald nach sich zogen Alle
Lieder die ich kannte alle Gebete die ich je von Eusebio hörte alles rief
ich den Lüften den Bäumen den Blumen entgegen Ich wünschte ich wollte
nichts als ewig so leben
Mehrere Stunden mochte mich mein Entzücken so fortgetrieben haben und ich
weiß nicht welchen Raum ich durchlief als ich endlich bemerkte dass mein Weg
mich an einem steilen Gebirge hinaufführte Ich ging dennoch lustig weiter und
ergötzte mich an den farbigen Steinchen und hellen Krystallen die auf den
hervorragenden Spitzen glänzten So erreichte ich den Gipfel des Berges der mir
alle Pracht einer lange verschlossnen Welt aufdeckte In einem weiten
unermesslichen Tal sah ich Wälder Triften hohe Türme Häuser Alles leuchtete
und wogte im hellen Abendglanz Die untergehende Sonne vergoldete die roten
Dächer am Himmel glüheten Purpurwolken um und über mir war ein Flimmern und
Glänzen Da gedachte ich Eusebios und sank betend nieder Ich hatte keine
Worte aber in einen Laut hätte ich alle Seligkeit der klopfenden Brust
aushauchen mögen Nie ist mir wieder so zu Sinne gewesen
Nach einer Weile als die trunknen Blicke sich wieder auf einzelne
Gegenstände richteten bemerkte ich am jenseitigen Abhange des Berges kleine
zerstreut liegende Hütten Ich lenkte meine Schritte dorthin und stand bald vor
einer derselben aus deren Innerm die anmutigsten Flötentöne erschollen Ich
trat in die geöffnete Tür und begrüßte eine schöne junge Frau die mich
erstaunt ansah und nicht zu wissen schien was sie aus mir machen solle Die
gute Sara hat mir nachdem oft gesagt wie mein Anblick sie erschreckt und sie
mich für ein gespenstisch unnatürliches Wesen gehalten habe Ich hatte nämlich
gleich Anfangs um schneller laufen zu können meine Kleider abgeworfen und
trat nun so halb nackt mit langen Blütenzweigen um Haupt und Arme vor die
verwunderte Frau die in meinen seltsam glühenden Augen ein überirdisches Feuer
zu sehen meinte Ganz scheu fragte sie mich woher ich käm Die Frage
erschreckte mich ich hatte das Kloster bis dahin ganz vergessen jetzt
fürchtete ich mehr als jemals dahin zurückgebracht zu werden In der Angst sagte
ich halb Wahrheit halb Lüge wie mich die Flammen weit jenseit des Berges
vertrieben und ich schon längst als ein hülfloses Kind unter Fremden lebend
hier einen Zufluchtsort suchen wolle Die Frau sah mich noch immer misstrauisch
an und hieß mich in der Laube vor der Hütte ruhen während sie gutmütig einige
Erfrischungen herbei holte Indem kam ein lieblicher Knabe mit der Flöte in der
Hand zu mir heraus Wie ich ihn erblickte fiel ich ihm außer mir vor
Entzücken in die Arme und rief unter lautem Schluchzen ein Kind ein süßes
Kind so lieb und schön wie der heilige Johannes zu der Mutter Gottes Füßen
Sara die sich während dem genahet hatte sagte mit erheitertem Gesicht siehst
Du Florio sagte ich Dirs nicht immer dass Du dem Heiligen auf ein Haar
gleichest jetzt bekräftigts der Knabe dort auch Sie strich ihm die blonden
Locken von der Stirn und küsste ihn mit innerem Wohlbehagen Mir ward bei dem
Anblick unbeschreiblich wehmütig ich ergriff ihre Hand und blickte flehend zu
ihr auf Armer Junge sagte sie gerührt willst gern bei uns bleiben Nun es
trifft just dass wir einen Treiber bei der Heerde brauchen warte nur bis der
Vater zurück kommt er wird dich wohl behalten wenn du fein ordentlich bist
Der Vater kam und gestattete mein Dortbleiben Ich lernte mich bald in alles
fügen und trieb die Schäfchen sorgsam im Tale Florio begleitete mich überall
Wir saugen und spielten Ich schien mir selbst oft wie neu geboren so
verdrängte die lustige Gegenwart jede Erinnerung des Vergangenen und wenn ich
zuweilen des Klosters gedachte so schloss dennoch die innere Angst meine Lippen
dass ich nie mein voriges Leben verriet
Des Abends wenn wir zurückkehrten und die Mutter am hellen Kamin trafen
erzählte sie uns wohl manche seltsame Geschichte Am liebsten sprach sie von
einer wunderschönen Dame die im Tale in einem großen glänzenden Hause gewohnt
habe und von den Hirten wie eine Heilige verehrt worden sei Wie ein Engelsbild
wäre sie oft plötzlich dem Hülfsbedürftigen erschienen und hätte jedem Trost
und reiche Gaben gespendet Zu ihr durfte indes Niemand und man glaubte der
Garten dessen Gitter stets verschlossen blieb sei bezaubert Doch sei sie wie
allgegenwärtig im Tale gewesen und Niemand habe je vergebens ihren Beistand
gewünscht Nach und nach wäre sie indes selbst wie ein Schatten vergangen und
endlich mit ihrem Gemahle von dem man wunderliche Dinge erzählte verschwunden
Zwar wollten die Hirten diesen noch lange nachher des Nachts die Harfe im
Arme wie einen Geist zwischen den Bergen herumstreifend gesehen haben und
setzte sie leiser hinzu oft ist mir auch im Schlafe als höre ich die
Harfentöne von fern herüber schallen Das große Haus sagte sie dann klagend
steht nun verödet und leer Einst hat man viel Fahrens und Reitens dort in der
Nacht vernommen nachdem ward aber alles still und Niemand geht hinein
Ich hatte ein großes Verlangen nach dem Hause und lag der Mutter beständig
an mir den Weg dahin zu zeigen allein sie kannte ihn selbst nicht und der
alte Martin der bei diesen Erzählungen immer nachdenkend vor sich hin sah
verwies mir meine Neugier sehr ernst Wir blieben dann Alle einige Augenblicke
still und betrübt bis Florio ein Lied von einer lustigen Schifffahrt anstimmte
das die Herzen mit einem eignen Zauber belebte
Ich trug indes das Bild der schönen Dame immer mit mir herum und hoffte um
so eher sie solle mir einmal erscheinen da Florio behauptete sie komme oft im
Traume zu ihm und bringe ihm dann eine goldne Harfe und so wundervolle Blumen
wie er nie wachend gesehen habe
Voll von diesen Vorstellungen hatte ich mich einst im Gebirge verspätet und
trieb meine Heerde ängstlich die Klippen hinunter als ich ein Klingen aus dem
Innern des Berges vernahm Der Laut drang recht sehnsüchtig zu mir herauf
allein was ich zuvor ungeduldig wünschte erfüllte mich jetzt mit Bangigkeit
Mir grauete vor dem eignen Schatten und die abgestorbnen hohlen Bäume schienen
mir wie gewaltige Riesen lange dürre Arme entgegen zu breiten So stürzte ich
atemlos in die Hütte und erzählte dass der Berggeist mich gerufen und wie ein
Nebel über mich hingegangen sei als ich einen stattlichen Fremden am Kamin
erblickte der mir neugierig zuhörte und Martin nach der Bewandtnis jener
Erscheinungen fragte Weiber und Kindergeschwätz sagte dieser gleichgültig
was wirds sonst sein Er zog Florio an sich und fragte halb lachend halb
besorgt hast du nicht auch was gesehen Doch ohne seine Antwort abzuwarten
wandte er sich von ihm und ging geschäftig in der Hütte umher Der Fremde
blickte gedankenvoll in die Flamme während ich mit Kohle allerlei Gestalten an
die Wand zeichnete und eben einen stattlichen Ritter vollendet hatte als das
Feuer einen so seltsamen Schein auf das Bild warf dass des Ritters fliegender
Mantel von lauter Gold zu sein schien Ich gedachte jener Nacht und rief
plötzlich da steht er leibhaftig vor mir Sara dachte an den Berggeist und
verhüllte schreiend das Gesicht allein Martin rief mit fester Stimme wer Mein
Vater sagte ich ganz betäubt Er trat hinzu betrachtete mich einige
Augenblicke und sagte dann sich still abwendend heiliger Gott was ist es mit
dem Kinde
Der Fremde der dies wohl alles überhört oder anders ausgelegt hatte war
ganz im Anschauen der Zeichnungen verloren und wollte durchaus nicht glauben
dass Niemand dies Talent in mir geweckt und ausgebildet habe Er ließ sich bald
in ein Gespräch mit mir ein und ich erfuhr dass er ein Mahler und auf einer
weiten Reise nach seiner Heimat begriffen sei hier im Gebirge sein Fahrzeug
zerbrochen habe und für diese Nacht ein Obdach in unserer Hütte suche
Ich war damals nach Saras Schätzung ungefähr fünfzehn Jahre alt voll
der lebendigsten Sehnsucht nach der weiten regsamen Welt und wenn ich die
Erscheinung jener wundervollen Frau mit jedem Tage inniger wünschte so geschah
es nur durch ihre Macht dahin zu gelangen Ich ergriff daher des Mahlers
Anerbieten ihn nach seiner Vaterstadt zu begleiten und dort unter seiner
Leitung ein angesehener Künstler zu werden mit der lebhaftesten Freude Meine
Pflegeeltern gaben ihre Einwilligung und Sara in der sich wohl die alten
Zweifel wieder regen mochten sah mich gern von ihrem Herde weichen Nur Florio
hing weinend an meinem Halse und bat und flehete ich möchte nur noch einige
Jahre warten bis er groß genug sei mir überall folgen zu können Ich habe
lange das süße Stimmchen und das liebe bittende Auge nicht vergessen können
Ach und niemals wird die Seligkeit jener Frühlingstage wiederkehren die wir
mit einander verlebten Sein frommer Sinn strömte so mild über mich hin wie der
stille Abendglanz über die wilden Gluten des Tages Wohl hattest du recht mein
Florio wir durften nicht getrennt leben du bist der feste Stern der meine
unruhige Fahrt lenken sollte
Rodrich schwieg hier einige Augenblicke Der Ritter fasste gerührt seine
Hand indem er sagte wie liebe ich Sie dieser wehmütigen zärtlichen Aufwallung
wegen Vielleicht haben Sie in der ganzen Zeit Florios Andenken nicht so
lebendig gefühlt als eben jetzt da Ihnen sein Verlust unersetzlich erscheint
Das ist das Eigentümliche jener früheren kindlichen Verbindungen dass sie mit
tausend andern Erinnerungen verschwinden und dann plötzlich ungeahnet in dem
frischen Glanz der Jugend vor uns hintreten und das erschöpfte Herz mit trüber
Sehnsucht erfüllen Doch dahin sind Sie noch nicht Der Himmelsfunke in ihrer
Brust wird Florios Bild noch lange beleben und Sie werden ihn unter
wechselnden Erscheinungen aufsuchen und finden Finden wiederholte der
Offizier man findet in der Regel nie was man sucht Darum rate ich Ihnen
nicht zu ängstlich an einem Wunsche zu hangen Der Mensch büsst nicht selten
seine Freiheit darüber ein indem der klare Blick verloren geht mit dem man die
Welt um sich her betrachten soll Wen nicht irgend ein lebendiger Wunsch
durchs Leben begleitet fiel der Ritter schnell ein ihn drängt fortreisst bis
er das hohe Ziel errungen hat dessen Kraft wird sich in tausend zwecklosen
Anstrengungen zersplittern und er wird nichts vollbringen weil er alles
umfassen wollte Eine Idee soll den Menschen erleuchten erwiderte der
Offizier ein Wunsch darf ihn nicht fortreißen Oft glauben wir durch die
Erfüllung des Ersteren die Letztere realisirt zu sehen aber wer hintergeht sich
nicht in Augenblicken wo das Gefühl allein herrscht und wer darf sagen der
menschlichen Tätigkeit sei ein Ziel gesteckt Was sich absolut widersetzt das
lasse man fahren und ergreife das Nächste mit neuer Kraft Darin besteht eben
die Konsequenz der Allseitigkeit dass man das Eine in Vielem reflektirt Doch
wir geraten in unsern alten Streit und gleichwohl sagte er sich zu Rodrich
wendend erwartet uns das Ende einer interessanten Geschichte Was mir noch zu
sagen übrig bleibt erwiderte jener lässt sich in wenig Worten zusammen fassen
Ich reiste viele Tage und Nächte mit meinem freundlichen Meister durch das
fortgehende Gebirge bis wir am Fuße desselben in einem kleinen Städtchen
anlangten das mir damals von großem Umfang doch weniger glänzend als ich mir
überall eine Stadt dachte erschien Hier lebten wir in dem Hause einer sehr
bejahrten Frau der Mutter des Mahlers die den letzten Sonnenblick des Lebens
von der Liebe und dem Ruhme eines angebeteten Sohnes empfing Fünf Jahre
verflossen mir unter dem eifrigsten Bemühn und einer Anstrengung die durch
die Liebe meines Lehrers und die Aussicht auf ein ruhmvolles Leben immer wach
erhalten ward Ich lernte alte Sprachen und durch sie die Geschichte der
Vorzeit kennen Welch eine Welt sich mir nun eröffnete wie mein Gemüt bewegt
wie die innere Glut in mir angefacht wurde das ist unmöglich zu beschreiben
Der Wunsch etwas Großes ja Unerhörtes zu vollbringen ließ mir nun keine Ruhe
mehr er trieb mich hieher wo alle Plane alle Erwartungen alles vor einer
ganz fremden Wirklichkeit verschwindet und ich im Strudel widerstrebender
Gefühle nur durch Sie Haltung und Sicherheit gewinne Vor allem müssen Sie die
Welt in ihrer mannichfachen Gestaltung kennen lernen sagte der Offizier Was
Sie bis jetzt davon sahen war gerade hinreichend Ihre Erwartungen auf eine
Weise zu spannen dass Ihnen Vieles schaal und nüchtern erscheinen wird was
dennoch eine innere Bedeutung hat die Niemand übersehen darf Die Kunst die
eigentlich nichts anders ist als was das Leben überall sein sollte
Wiederschein einer innern erleuchteten Welt Schöpfung eines freien kräftigen
Geistes würde für Sie immer nur die eine Seite des Lebens ausmachen und zwar
die ideale Sie müssten daher sehr bald in Widerstreit mit der wirklichen Welt
geraten und in der quälenden Verwirrung sich selbst und ihr hohes Ziel
verlieren Wir finden nur zu oft den Künstler vom Menschen getrennt ein
Widerspruch der sich wenn die erste Frische des Gemütes verloren ging sicher
auch in der Kunst selbst offenbart Statt dass ein wahrhaft künstlerisches Gemüt
sich entweder freiwillig beschränkend in der eignen abgeschlossnen Welt still
fortwirkt oder mit einem Götterblick die ganze Natur durchdringt überall
denselben Geist ein und aushaucht das Einzelne und Getrennte in dem Brennpunkt
einer gotterfüllten Seele auffasst und wie die Kunst zum Leben so das Leben zur
Kunst erhebt Es ist sonst nicht Ihre Art unterbrach ihn der Ritter zu hohe
Anfoderung an die Menschen zu machen und das Vollendete als Norm Ihres Urteils
anzunehmen Indes wenn ich auch im Ganzen Ihrer Meinung bin so sind Sie doch
sicher im Einzelnen hier unbillig eine völlig durchgeführte Einheit als einzige
Beglaubigung eines ächten Künstlergenies aufzustellen Sie müssen mir zugeben
dass ein Blitz oft das vortreffliche erzeugte und wenn sich mehrere solche
Momente an einander reihen sie einen schönen Kreis bilden aus welchem jede
Lücke verschwindet
Wenn von dem Streben eines ganzen Lebens die Rede ist erwiderte der
Offizier so kann das Ziel wohl nicht hoch genug stehen Und wenn ich Ihnen auch
eingestehe dass oft das Vortreffliche aus einem gestörten Leben hervorging so
ist dieser Weg dennoch sicher nicht der wünschenswerte am wenigsten wird ihn
jemand mit Besonnenheit wählen Es ist dafür gesorgt dass keiner dem andern
etwas absolut nehmen oder geben könne und wenn Sie wirklich einen regen
Kunsttrieb in sich fühlen so werden meine Worte ihn nicht erlöschen allein Sie
ahneten es bei weitem früher wie Sie auf eine Sphäre der Tätigkeit angewiesen
sind die unmittelbar in die äußern Verhältnisse des Lebens eingreift darum
fassen Sie nur getrost das Schwert und ziehen Sie nach allen Himmelsstrichen
Radien die ihr kühner Geist durchfliegen möge Was Sie vergebens in der
Künstlerund Gelehrtenwelt suchen Gemeingeist Verbrüderung das finden Sie
hier allein Der Flachste unter uns ahnt ein inneres Band das Alle
zusammenhält und Niemand wagt es zu zerreißen ohne selbst unterzugehen Er war
bei diesen Worten aufgesprungen und die Hand an den Degen gelegt stand er mit
flammenden Blicken wie ein Heros vor Rodrich der im Begriff war vor ihm
niederzusinken und sich ihm wie einem Gottgesandten hinzugeben als er ruhig
seinen Platz wieder einnahm und gelassen sagte doch müssen Sie selbst sehen
und urteilen Es ist nur gut setzte er lächelnd hinzu dass hier der Egoismus
einen ganzen Stand umfasst sonst könnten Ihnen meine Worte leicht verdächtig
erscheinen Was braucht es da viel langsamen Erwägens fiel Rodrich ungeduldig
ein ich bin entschlossen sagen Sie nur wie es anzufangen sei da mir jedes
Mittel wie überall jede äußere Bedingung fremd ist Das wird sich alles ganz
leicht fügen erwiderte der Ritter wenn Sie mir erlauben meinen Oheim bei
dessen Regiment hier unser Freund Stephano dient einigermaßen mit ihrer
Geschichte bekannt zu machen und Sie bei ihm einzuführen Sie trauen mir zu
dass das Erstere auf eine Weise geschehen wird die Sie vor jedem unbescheidenen
Eindringen sichert und dass ich überall den Mann als geprüft und erkannt ehre
dem ich Ihr Geheimnis übergebe Ob ich gleich den Degen scheinbar zu einem
anderen Zwecke trage so gehöre ich dennoch zu dem edlen Stande dem ich Sie mit
recht brüderlichen Gesinnungen zuführe Rodrich umarmte den liebenswürdigen
Jüngling und nahm dankbar einen Vorschlag an der ihm so unerwartet die Kreise
eines freien beweglichen Lebens eröffnete
Nach kurzen Verabredungen und dem Versprechen den folgenden Mittag hier
wieder zusammenzutreffen trennten sich die neuen Freunde Rodrich verweilte
noch einige Augenblicke während er die seltsamen Bilder seines Lebens überflog
als ihn der Wirt höflich erinnerte einige Stunden dem Schlafe zu geben Er
blickte um sich und sah wie die niedergebrannte Kerze dem hereinbrechenden Tage
wich Die geleerten Flaschen der Wein in den halbgefüllten Gläsern alle
Gegenstände im Zimmer erschienen in dem Doppellichte so bleich und verstört ihn
selbst überfiel ein leichter Frost der ihn unangenehm aus seinem Traume weckte
Mein Gott sagte er verdrießlich muss mich denn der junge Morgen so kalt so
widrig anfassen da ihm doch so warme Herzen entgegenschlagen Er ging verstimmt
auf sein Zimmer und eröffnete sein Gepäck um Florios Bild dass ihm in einer
Stunde wehmütiger Erinnerungen wohl gelungen war unter andern Zeichnungen
hervorzusuchen als ihm die wenigen Goldstücke entgegenleuchteten die er als
Früchte seines Fleißes mit hieher brachte Er übersah den kleinen Reichtum und
fühlte schmerzlich dass er nicht zureichen werde die ersten notwendigsten
Bedürfnisse seiner neuen Lage zu befriedigen Daran hatte er bis jetzt nicht
einen Augenblick gedacht und nun zog es ihn plötzlich wie mit tausend Armen in
die Dunkelheit zurück Sollte er wie ein Bettler vor seinen Freunden erscheinen
oder alle freudige Erwartungen hingebend aus dem eröffneten Paradiese fliehen
Er saß die starren Blicke auf das Geld gerichtet da und ließ es nachlässig
durch die Finger gleiten als müsse es sich unter seinen Händen vermehren
Plötzlich rief er aus die Schlacken gehören der niederen Erde an dein Feuer
leuchtendes Metall erhebt mich zum Himmel ich will nicht betteln ich will
fordern was ich einst mit Wucher zurück zugeben denke Er beschloss sich
Stephano ohne Rückhalt zu entdecken und warf sich getröstet und von neuen
Hoffnungen belebt auf sein Lager Die innere Bewegung ließ ihn indes hier keine
Ruhe finden Zukunft und Vergangenheit verwirrte sich in seltsamen
Erscheinungen die ihn halb wachend halb schlafend peinlich fortrissen Zuweilen
glaubte er wieder als Hirtenknabe unter einem großen schattigen Baume zu ruhen
und mit einem langen Stabe die kleine Heerde zu überzählen dann waren es wieder
die Goldstücke die er zählte und in kleine Säulen vor sich hinstellte während
der Berggeist zwischen den Klippen vorüberging Florio wollte ihn zu ihm führen
und wie sie gingen öffnete sich der Berg zu einem langen dunkeln Gange
Rodrich hatte das Gold noch immer in Händen und zählte sehr ängstlich doch
unversehens fiel ein Stück auf den Boden und in demselben Augenblick ergoss sich
ein heller Glanz an den Wänden Er warf nun alles Gold von sich und die Hallen
wurden immer weiter und strahlender bis er in einen reich verzierten Saal trat
in dessen Mitte ihm Eusebio den glänzenden Mantel umhing während der Ritter und
Stephano ein goldenes Schwert zu seinen Füßen legten Er wollte sie umarmen da
fühlte er sich ängstlich gehalten und als er um sich sah lag er mit Florio in
einem engen Sarge der Mantel bedeckte beide das Schwert war ein friedlicher
Hirtenstab geworden von welchem eine schöne bleiche Frau mit heißen Tränen
einen Blutstropfen abzuwaschen bemüht war Rodrich strebte vergebens sich frei
zu machen Florios kalte Wange lag an seinem Herzen und er konnte sich mit
aller Gewalt nicht von ihm losreißen In der entsetzlichsten Anstrengung fuhr er
aus dem krankhaften Schlafe empor und erkannte Stephano der sich teilnehmend
über ihn hinbeugte und seine Hand auf die fliegende Brust legte um ihn zu
erwecken Ums Himmels willen ermuntern Sie sich rief er besorgt solch ein
Schlaf ist verzehrend streifen Sie nur schnell die schweren Wolken ab es ist
schon hoch am Tage Ihrer erwartet heut noch mancherlei wozu Sie Besonnenheit
und Klarheit bedürfen ihre Angelegenheiten sind eingeleitet und alles wird gut
gehen Ins Grab sagte Rodrich ganz verstört dahin also Mein Gott was
haben Sie denn rief Stephano ungeduldig Kann ein Traum Sie so erschüttern wie
werden des Lebens Wogen Sie dann hin und herwerfen Des Lebens Wogen
wiederholte Rodrich ach ich lebte ja auch wer kann hier eine Gränzlinie
zwischen Traum und Wahrheit ziehen Nun nun sagte Stephano lächelnd kommen
Sie nur ein Sonnenblick denk ich soll die freudige Wirklichkeit aufdecken
und die matten Sinne aufs neue erfrischen Junger Freund fuhr er ernstaft
fort als Rodrich noch immer im stummen Nachdenken verharrte hüten Sie sich vor
jener schlaffen Beweglichkeit die dem Manne alle Kraft zu ernstern Kämpfen
raubt Es gibt weiche kindliche Gemüter die in Freud und Schmerz gleich
hingebend sich selbst verlieren Die Natur formt nicht Alle auf gleiche Weise
Aber der Mensch kann viel gegen die Schwäche eigener Natur und wer sich nach
der ersten Erschütterung nicht wiederzufinden nicht in der eigenen Freiheit
wieder herzustellen vermag für den werde ich nie sonderliche Achtung hegen Er
reichte ihm hierbei die Hand um die Strenge seiner Worte zu mildern Rodrich
ging beschämt neben ihm her bis sie ins Freie kamen und die Schönheit und
Regelmäßigkeit der Gebäude die am vorigen Abend in dem gemeinsamen Eindruck des
Ganzen für ihn verloren ging jetzt seine Aufmerksamkeit erregte Sie sprachen
viel über alte Architektur Rodrich stimmte für die Klarheit und in sich
bedingte Größe griechischer Formen Hier ist überall Harmonie fuhr er fort
weil der Zweck nicht außerhalb zu suchen ist Dem Griechen erschliesst sich der
Himmel unmittelbar in der Anschauung, für ihn ist alles an sich ganz und
ungeteilt da Bei den Römern war das schon anders Die Kunst ward ihm Mittel
er wollte das Ungeheure und stellte sich selbst auf die Spitze Wie gut Sie
die Römernaturen verstehen sagte Stephano lächelnd fast glaube ich Sie haben
ihr eigenes Bild in dem Römischen Künstler aufgestellt Gewiss ist es dass
Korintus Blüten sehr bald in den Riesenmassen versteinten doch auch so sind
sie schön in ihrer Eigentümlichkeit Nur dass sie sich in dieser Hinsicht mehr
der Gotischen als der Griechischen Kunst nähern erwiderte Rodrich Legen Sie
doch nicht den Maßstab des Einen an um das Andere zu würdigen entgegnete
jener Durch solche Vergleiche verrückt man nur zu oft den Standpunkt von dem
jedes Einzelne betrachtet sein will In ihrer Erscheinung sind alle drei höchst
ehrenwert weil sie einen bestimmten Charakter aussprechen wodurch sie sich
allein schon von den heutigen Kunstwerken unterscheiden die uns nicht selten
zeigen wie man drei in einem vereinigt Glücklich genug wenn wir ein
gotisches Häuschen neben einem griechischen Tempel eng und zierlich nach dem
Gesichtskreis des Beschauers zugeschnitten erblicken oft ist es noch schlimmer
modische Pracht und antike Verzierung schmücken eine neu erbaute Rinne und so
umgekehrt Doch auch dies ist nicht charakterlos es spricht die allgemeine
Verwirrung des Zeitmoments aus und wer will behaupten dass nicht das
Herrlichste daraus hervorgehen könne Sie standen bei diesen Worten vor
demselben Gitter das Rodrich gestern offen fand Er fragte begierig nach dem
Besitzer des Gartens und erfuhr dass er zu dem Schloss der Prinzessin Terese
Schwester des Herzogs gehöre die seit dem Tode ihres Gemahls den kalten Norden
verlassend mit ihren beiden Töchtern zu dem kinderlosen Bruder zurückgekehret
sei und neues Leben über das verwaisete Land verbreite Stephano sprach noch
viel von der hohen Natur dieser Frau die aus einem freudeleeren Bund eine
seltene Heiterkeit gerettet habe und sie auch den verschlossensten Gemütern
mitteile Rodrich fühlte bald den Einfluss jenes stillen Geistes der überall in
den freudigen Umgebungen atmete Die beruhigten Sinne verweilten gern auf den
hellen Wasserspiegeln dem frischen Rasen der reichen Fülle der schattigen
Bäume Alles stand so anspruchslos da dass der dumpfe Mensch leicht daran
vorübergehen konnte ohne die ordnende Hand zu ahnden die so unscheinbar alle
einzelne Blüten zu einem vollen Kranze sammelte Nirgend war etwas
Hervorstechendes allein nirgend sah man auch der widerstrebenden Natur fremde
Stoffe aufgedrungen Umgebungen Erde und Himmel alles berührte sich in
ungestörtem Einklang Was ihm gestern im nächtlichen Schein so feierlich
begegnete trat jetzt leicht und erfreulich hervor Den Laokoon sah er nicht
wohl aber den Pavillon mit seinen hohen Fenstern deren lichtblaue Vorhänge
glauben ließ der Himmel spiegle sich in dem chrystallenen Pallast der
Nereiden Hier sagte Stephano verlebt Prinzessin Miranda die schönsten Stunden
in der Erinnerung früherer Kindheit die ihr die Lage des Platzes das ferne
Gebirge die Beugung des Stromes alles wie sie sagt auf eine eigene Weise
zurückruft Miranda wiederholte Rodrich der Name dringt seltsam aus der Ferne
herauf mir ist als habe ich ihn einst wo gehört Wie sollten Sie nicht fiel
Stephano schnell ein Seit dieser Himmel unsre Erde erleuchtet ist jedes Herz
davon erfüllt Schon als Künstler setzte er hinzu kann Ihnen der Name nicht
fremd sein Die herrliche Gestalt ist von tausend alten Mahlern und Bildhauern
vergebens nach geformt indes Niemand das eigentliche Wesen das was ihrem
Gesicht den unwiderstehlichen Zauber gibt darzustellen weiß Die Heftigkeit
mit welcher Stephano dies alles sagte war Rodrich nicht entgangen Er gedachte
seiner gestrigen Erscheinung des Liedes das ihn so unwillkürlich fortriss und
beide gingen eine Zeitlang schweigend neben einander hin als der Ritter schnell
auf sie zukam und Rodrich bat ihn sogleich zu seinem Oheim zu begleiten der
von allem unterrichtet ihn ungeduldig erwarte Er selbst fuhr er fort war
früher durch Familienverhältnisse gezwungen fast auf ähnliche Weise in fremde
Dienste zu gehen Alle Widerwärtigkeiten seines reichen Lebens haben die
jugendliche Wärme nicht in ihm erlöschen können und ob ich ihm gleich nur im
Allgemeinen von Ihrer Flucht aus dem Kloster sprach so hat ihn dies allein
schon für Sie eingenommen Dieser Mann sagte Stephano als sie auf dem Rückwege
begriffen waren ist eine ganz eigne fast in sich widersprechende Erscheinung
Entschiedner Feind alles geregelten Formellen ist er dennoch bis zur
Übertreibung streng im Dienste Hier allein gilt ihm die feststehende Ordnung
über alles Es ist als trenne er den Soldaten durchaus vom Menschen und in
dieser Abgeschlossenheit erscheint er selbst völlig ein Andrer Es entspringt
dies nicht etwa aus einer bestimmten Ansicht des Lebens und seiner Verhältnisse
in deren innere Tiefe einzudringen er als höchst trübselig und jedem ächten
Genuße zuwider verwirft Es ist ihm wie sein übriges rücksichtsloses Wesen
ganz natürlich und er trägt es so wenig zur Schau als dass er es verbirgt Bei
aller dieser scheinbaren Unbestimmteit sagte der Ritter ist er der festeste
zuverlässigste Mann der wohl eher fähig wär äußere Wohlfahrt Freiheit und
Vaterland für den geliebten Freund hinzugeben weshalb er auch dem düstern
Herzog ewig fremd bleiben wird der ihn nur auf das dringende Gesuch der
Prinzessin Terese in seine Dienste nahm Sehr seltsam ist es dass dieser
leichtgesinnte Mann so ernsten tragischen Gemütern das Dasein gab Jener
Fernando Alvarez dessen Namen Sie gestern hörten war sein Sohn und die schöne
Rosalie das einzige ihm gebliebene Kind vertrauert ein blühendes Leben auf
einem nahe gelegenen Landgute wo sie seit dem Tode des Bruders fast Niemand als
die Miranda sieht deren Gespielin sie ehedem im Auslande war
Hat auch der Tod des Sohnes keinen tieferen Eindruck bei dem Grafen
zurückgelassen fragte Rodrich Nichts beschäftigt ihn dauernd was seine äußere
Tätigkeit hemmt erwiderte der Ritter Der erste Augenblick bewegte ihn
gewaltsam nur war der Schmerz der sonst die Sinne lähmt ihm ein neuer Sporn
zu den kräftigsten Maßregeln die erschütterte Familienruhe wiederherzustellen
und sich selbst Genugtuung zu verschaffen Er bestand mit Nachdruck auf der
Verbannung des Unglücklichen der mit Rosaliens Liebe auch ihres Lebens Freude
tödtete und obgleich Ludovico des Herzogs Günstling war so musste sich dieser
dennoch dem Willen eines Mannes fügen der ihm in der misslichen Lage seiner
äußern Angelegenheiten unentbehrlich ist Jetzt hat er seine ehemalige
Heiterkeit unverändert wieder erlangt und das Glück einer früher geschlossenen
zweiten Verbindung mit einer überaus reizenden ihm ganz gleich gesinnten
Gattin lässt ihn die Tränen der einsamen Tochter weniger empfinden deren
Schmerz er wie den Wahn einer frommen Träumerin schweigend ehrt Doch hat er
mehrmals versucht sie der Welt wiederzugeben und er sagte mir heute dass er
Hoffnung habe sie in kurzem hier in der Stadt zu sehen Dies verdankt er wohl
Mirandas zärtlichem Bemühen sagte Stephano die mit ihrer eignen Klarheit dies
zerstörte Gemüt aufzuhellen strebt
Sie waren während dem zu des Grafen Wohnung gekommen Stephano verließ sie
hier um den Mittag Rodrich mehrere Freunde zuzuführen mit denen er in der
Folge durch ein gleiches Verhältnis in nähere Verbindung treten sollte Ein
breiter Vorhof den eine Reihe schattiger Platanen und hohe Vasen mit blühenden
Sträuchern zu einem lustigen Garten bildeten führte sie in einen offenen
häuslich verzierten Saal Die Arbeit der Gräfin mehrere aufgeschlagene Bücher
eine Laute alles lag hier zerstreut auf einem Ruhebette von indischem Zitz Ein
kleiner Tisch mit mehreren angefangnen Zeichnungen stand zunächst der Tür
Rodrich entdeckte sogleich einen schönen weiblichen Kopf in welchem der Ritter
Rosaliens Bild mit sichtlicher Bewegung erkannte Die Gräfin sagte er seine
Verlegenheit verbergend hat viel Talent sie zeichnet vortrefflich spielt und
singt auf die anmutigste Weise überall ist sie nie unbeschäftigt nur schweift
sie wie eine Biene von einer Blüte zur andern Sie ist sogleich übersättigt
und der geliebte Gegenstand muss nicht selten das augenblickliche Entzücken das
er erregte durch einen dauernden Widerwillen büßen Diese Beweglichkeit die
sie im Ganzen äußerst anziehend macht bezieht sich indes nicht auf ihren
Gemahl dem sie mit unverletzter Treue zugetan bleibt Auch Rosalien liebt sie
zärtlich Nur sind sie freilich durch die ganz entgegengesetzte Sinnesart von
einander getrennt und finden wenig Berührungspunkte im Leben Während dem trat
ein phantastisch gekleideter Knabe herein und fragte mit vieler Zierlichkeit
ob sie bei der Gräfin vorgelassen zu werden wünschten Rodrich blickte ihn
befremdet an allein der Ritter nachdem er das Kind zurückgesandt sagte
lachend es ist einer von Seraphinens launigen Einfällen nur Kinder in ihrem
Dienste zu dulden die sie dann nach ihrem wechselnden Geschmack bald in dieser
bald in jener fremden Tracht auftreten lässt Der Graf weidet sich an dieser
schuldlosen Spielerei und es ist in der Tat ein reizender Anblick sie von den
bunten Figürchen wie fliegende Blumen umschwirrt zu sehen die sie mit
wahrhafter Feengewalt belebt und ihnen eine ganz eigne Lieblichkeit mitteilt
Aber was wird aus den Unglücklichen fragte Rodrich wenn Überdruss und
Langeweile sie aus ihrer Nähe verbannen Bis dahin lässt sie es nicht kommen
erwiderte der Ritter Sie ist zu gut um irgend jemand zu kränken und da sie
die Kleinen unaufhörlich unter der Anführung eines alten erfahrnen Aufsehers
beschäftigt so erwerben sie tausend Geschicklichkeiten die sie zu ernstern
Beschäftigungen fähig machen wofür sie denn auch mütterlich sorgt wenn sie
heranwachsen und sie wie sie sagt mit ihren nüchternen Augen und schläfrigem
Wesen zum Unwillen reizen
Rodrich blickte verlangend nach Seraphinens Zimmern Er wäre lieber dem
Knaben als dem Ritter gefolgt der ihn ernstlich antrieb zu dem wartenden
Grafen zu eilen Sie fanden ihn vor einer langen mit aufgerollten Karten
bedeckten Tafel Er durchflog die weiten Räume der Erde und entwarf manchen
Plan seinen Namen mit gewichtigem Arme auf die Nachwelt zu bringen als Rodrich
bescheiden vor ihn hintrat Aller Stolz alle Anmassung verschwand beim Anblick
des heitern benarbten Angesichts Sobald ihn der Graf bemerkte eilte er schnell
auf ihn zu Einen Augenblick betrachtete er ihn mit festem durchdringenden
Blick dann reichte er ihm vertraulich die Hand indem er sagte Sein Sie
willkommen wenn der rechte Ernst und die rechte Lust Sie zu mir führen und Sie
das Soldatenleben von ganzer Seele lieben Ich kenne wenig vom Leben sagte
Rodrich allein mein Herz bewegt sich freudig beim Gedanken eines mutigen
Streites und ich kenne nichts herrlicheres als dem Tode mit lebendigem
frischem Sinne zu trotzen Ich gäbe allen ruhigen Genuss kommender Tage für einen
herzhaften Kampf der den ganzen Menschen durchglüht so dass auch der Nüchterne
seine göttliche Natur nicht verleugnet Auf Rodrichs Stirn flammte die heilige
Wahrheit dieser Worte Der Ritter drückte ihn freudig an die Brust und der Graf
reichte ihm statt aller Antwort einen Degen den Rodrich mit Stolz und Wehmut
empfing und die hervorbrechenden Tränen nicht verbergend im Übermaass des
Gefühls ausrief heller Stahl lass die Welt in deinem Glanze leuchten oder
trinke nie ruflos versprjetztes Blut Das ist der rechte Kriegersinn sagte der
Graf Ich liebe Gemüter wie das darum verehre ich Ihnen das erste Zeichen
meiner Achtung Solch ein Führer lässt Niemand sinken und müsste er sich auch
zuletzt gegen die eigne Brust wenden und glauben Sie mir wer nur recht kräftig
durch die Welt hingeht mit Gefahr und Tod spielt dem kann das Schicksal nicht
viel anhaben es ermüdet endlich vor der unerschütterlichen Heiterkeit und lässt
den Menschen sein stilles Glück genießen
Rodrich war über den unschuldigen Sinn gerührt der sicher nur das Rechte
gewollt und so von aller Bitterkeit und feindlichen Gesinnungen rein geblieben
war
Sie sprachen bald weitläuftiger über das Nähere seiner künftigen Bestimmung
und der Graf sagte ihm dass der Herzog wenig Teil an der innern Oekonomie der
Armee nehmend ihm ziemlich freie Hand lasse und er daher im Stande sei das
Möglichste für ihn zu tun Indessen müsse er ihn schon noch vorstellen weil
seine Vertraulichkeit mit Stephano und dem Ritter Aufsehen erregt und die leeren
Köpfe hin und her bewegt habe die in seiner Erscheinung etwas Geheimnisvolles
und Wichtiges aufzufinden meinten Vorläufig fuhr er fort werde ich Sie als
Volontair bei meinem Regimente vorschlagen wogegen der Herzog wohl nichts
einwenden wird wenn ich mich für Sie verbürge Bis dies geschehen und alles
eingerichtet ist müssen Sie sich möglichst zurückziehen Sie dürfen nicht eher
in die Welt treten bis es mit allem Anstande und dem ihrer neuen Lage
gebührenden Glanze geschehen kann Noch Eins fuhr er fort als er in Rodrichs
Miene eine ängstigende Verlegenheit wahrnahm Sie sind wohl fremd mit den
Bedürfnissen des Lebens wollen Sie sich mir anvertrauen mich vor der Hand als
Ihren Sachwalter annehmen so tritt wohl einmal ein bequemer Zeitpunkt ein wo
wir mit einander Rechnung halten und Sie sehen werden dass ich auch meinen
Vorteil nicht dabei vergaß Rodrich war unbeschreiblich gerührt So väterlich
hatte Niemand seit Eusebios Tode mit ihm geredet Er glaubte die geliebte
Stimme wieder zu hören und beugte sich voll heiliger Ehrfurcht über des Grafen
Hand der ihn umarmte und mit innerem Wohlbehagen in sein nasses Auge blickte
Wenn ich Sie nur erst in der Uniform auf einem raschen gewandten Pferde sehe
hub er nach einer Weile an ja zu Pferde da geht dem Krieger erst das rechte
Leben auf wenn er so über der Erde hinfliegt und Berge Häuser und Bäume alles
ihm zu weichen scheint und das wilde Tier sich unter ihm bäumt und er es
dennoch mit einem Fingerdruck regiert dann sieht er in Not und Tod mit Stolz
auf die Menschen nieder die dem kühnen Reiter scheu ausweichen Ich hatte einen
Sohn fuhr er mit bebender Stimme fort nicht wahr Alexis der verstand zu
reiten Der Ritter bejahete es wehmütig lächelnd Ja ja sagte der Graf es
löst sich manches schöne Band darum muss man recht fest zusammen halten und die
wenigen Tage heiter mit allem was man liebt verleben Indem öffnete sich die
Türe schnell Seraphine trat mit einem aufgeschlagenen Brief herein Nach einem
flüchtigen Gruß rief sie ihrem Manne freudig entgegen Rosalie kommt Morgen
ist sie hier und verspricht einige Zeit bei uns zu bleiben Ich bin so voll von
dieser Nachricht dass ich schon das ganze Haus in Bewegung gesetzt habe die
Zimmer nach der Wasserseite werden für sie eingerichtet alles soll ein recht
festliches heiteres Ansehen bekommen ich denke sie wird sich bald mit dem
Leben versöhnen Rodrich betrachtete während sie sprach die zierliche Gestalt
das feine blonde Haar das sich um einen blendend weißen Nacken ringelte und zu
der lieblichen Unordnung ihres ganzen Wesens im Einklange stand Auch sie hatte
mehrere male auf ihn hingeblickt und die schönen Augen wendeten sich immer
wieder den Fremdling zu betrachten der ihr wie alles Neue eine willkommne
Erscheinung war Der Graf der Rosaliens Brief noch nicht gelesen hatte gab ihn
dem Ritter indem er sagte lies mir doch diese Zeilen es wird dir ja auch wohl
lieb sein zu wissen was sie eigentlich zu uns führt und Sie fuhr er fort
sich zu Rodrich wendend nehmen auch unbekannt Teil an meinem Kinde Rodrich
neigte sich und der Ritter las mit großer Bewegung folgendes
»Ich habe lange geglaubt die Einsamkeit solle die wunde Brust heilen aber
ich fühl es wohl seit mich die Liebe verließ und die Erde das treueste Herz
verbirgt musste ich hier in Sehnsucht vergehen wo sich alles so kalt und tot
von mir abwendet Wie manches habe ich versucht die ewige Leere eines
erschöpften Lebens auszufüllen Ich wollte Blumen ziehen Vögel abrichten ach
ich vergaß dass keine Blume unter kranken Händen gedeihet und keine Macht das
Widerstrebende fesselt Dann glaubte ich wieder die zerstreueten Sinne sammeln
und auf ernste Gegenstände lenken zu können Ich flüchtete zu den
Wissenschaften aber die strengen Göttinnen verschließen sich dem Unheiligen
der sich ihnen nicht ungeteilt hingibt Und welche Kleinigkeiten zogen mich
ab ein Wort eine Ähnlichkeit des Lautes ein groß gezeichneter Bubstab
Liebe gütige Freundin ich darf Ihnen diese Schwäche gestehen Sie fanden wohl
eher in Ihrem wohlwollenden Herzen Nachsicht für eine Unglückliche die zu Ihnen
zurückkehrt um in dem rosigen Schein Ihres Himmels das eigne quälende Dasein zu
vergessen Ja Liebe ich verlasse aufs neue den selbstgewählten Zufluchtsort
Plötzlich treibt mich alles von hier weg Mir ist nun als könne ich auch nicht
eine Stunde länger hier verweilen Schon Morgen bin ich bei dem besten Vater
der das einzige Kind gern mit der alten Liebe aufnehmen und in seiner Nähe
dulden wird«
Der Graf wandte sich gerührt ab und Seraphine sagte mit ihrer gewohnten
Heiterkeit Ihr seht wie sie selbst des lästigen Schmerzes müde sich nach
freudigem Genuße sehnt und wie wenig es der langweiligen Verstellungen bedarf
um eines Menschen gesunde Natur hervorzurufen Rosalie ist durch sich selbst
geheilt und es ist jetzt die Aufgabe sie durch etwas Neues Ungewohntes an die
Gegenwart zu fesseln um nach und nach alle trübe Erinnerungen in ihr zu
verwischen Es kommt darauf an erwiderte der Ritter wie nah oder fern ihr
diese Gegenwart steht Was sie jetzt zu uns führt ist das unendliche Bedürfnis
einer liebenden beweglichen Seele die in Allem das entschwundene Glück
aufsucht und sich dann mit Schauder von dem abwendet was sie am glühendsten
umfasste weil sie nirgend das Alte wiederfindet Wie sehr die scheinbare
Veränderlichkeit auf der Oberfläche ihres Wesens spielt sehen wir aus dem
steten Zurückkehren zu dem einen herrschenden Gefühle Was kann denn auch die
Leere einer verödeten Brust erfüllen Ihr Leben wird unter einseitigen Versuchen
und traurigen Behelfen verschwinden Nun wahrhaftig sagte die Gräfin lachend
Ihre eigene Mutlosigkeit schreibt der armen Rosalie das Todesurteil Ich hege
ganz andre Hoffnungen für sie Freilich wenn alle ihre Freunde so lässig und
trocken da stehen und Niemand recht herzhaft angreift so kann ich sie nicht
allein retten Ihren Beistand Alexis darf ich nun schon gar nicht in Anspruch
nehmen Sie würden das Lustigste mit so feierlichen Sonntagsmienen und so
trübseligem Ernst begleiten dass ich wohl selbst davon angesteckt werden könnte
Ihr Spott sagte der Ritter beleidigt trifft mich mehr als Sie es vielleicht
wollen Allein trauen Sie mir zu dass ich ein verletztes Gemüt nicht zur Schau
tragen am wenigsten Ihre heitre Feste schöne Gräfin damit trüben werde Der
Graf fasste hier gutmütig seine Hand indem er sagte Nimm nicht alles so ernst
was dort über die schönen Lippen fliegt und mische keine Bitterkeit in die
allgemeine Freude Lass ihn nur sagte Seraphine er muss alle Tage einigemal so
in sich selbst zurückgeschreckt werden um dann wieder aus voller Seele lachen
zu können Der Zorn ist ihm eine heilsame Erschütterung er ist nie witziger
als wenn der Ärger und die wiederkehrende Fröhlichkeit noch in ihm streiten Und
am Ende fuhr sie fort indem sie die kleinen Hände auf seine Schultern legte
müssen Sie mir es noch danken dass ich Ihnen zeige wie Sie sich selbst alles
verderben oft plötzlich den geebneten Weg durch einen mutwillig hingeworfenen
Stein versperren und alle kluge Maßregeln zu Schanden machen Maßregeln kenne
ich so wenig als ängstliche Rücksichten wenn es die Wahrheit meines Gefühls
gilt erwiderte der Ritter Es ist die Frage sagte die Gräfin ob diese
Wahrheit die rechte ist und ob Sie durch sie zum Ziele gelangen Das Erstre
wohl ganz gewiss entgegnete der Ritter denn ich empfinde wirklich so und nicht
anders es möchte Ihnen bei allem Zauber weiblicher Beredsamkeit dennoch schwer
fallen mich vom Gegenteil zu überzeugen und wenn das Zweite nicht die Folge
des Vorhergehenden ist so könnte es nur beweisen dass ich überall ein falsches
Ziel habe Ich weiß erwiderte Seraphine Sie folgen den unmittelbaren
Eingebungen Für Sie ist das Licht des Verstandes eine überflüssige Zugabe denn
ein Gott hat Ihnen gegeben in die verborgene Tiefe zu schauen Lassen Sie mich
ausreden fuhr sie schnell fort als der Ritter im Begriff war zu antworten die
Überlegung ist uns beiden gleich fremd nur dass ich einzulenken verstehe wenn
ich den Blüten des Augenblicks vorüberging die Sie nach der Frucht greifend
trotzig verschmähen Die Frucht erwiderte der Ritter muss sich mir in der
Blüte offenbaren sonst werfe ich den tauben Glanz hin Und doch entgegnete
die Gräfin wird Niemand gerade von diesem so sehr angezogen als Sie der im
einzelnen Moment höchst vornehm auf den Wahn befangener Gemüter blickt Wie
lange zählt Sie die kleine Prinzessin Elwira schon unter Ihre Verehrer und Sie
haben recht wer wird auch den Blütenstaub weghauchen um zu sehen was
darunter liegt nur sein Sie überall derselbe und fordern Sie heute nicht mehr
von dem flüchtigen Lebensgenuss als gestern Ihr Mutwille sagte der Ritter
halb lachend halb erbittert wird mich noch zur Verzweifelung bringen Wären Sie
nicht so schön oder ich keine Dame fiel Seraphine ein der blutigste Kampf
könnte nur zwischen uns entscheiden Gewiss lieber Alexis fuhr sie fort so
herzlich gut ich Ihnen bin so kann ich doch nie das Lachen lassen wenn ich Sie
so ernst und bedeutend über das Leben hinblicken und gleichwohl in der nächsten
Stunde durch höchst gewöhnliche Regungen gefesselt sehe Nicht eine
vorherrschende Stimmung ist bleibend bei Ihnen so willig geben Sie sich dem
bunten Spiele hin Dass Sie recht haben schöne Seraphine unterbrach sie der
Ritter beweise ich jetzt Allein wer beugt sich nicht vor solcher Gewalt Und
gewiss ich muss es Ihnen danken dass Sie mich eines so heitern Spieles würdigten
Der Graf der Seraphinens kleinen Neckereien immer wohlgefällig zuhörte
erinnerte sich jetzt dass es Zeit sei mit Ernst für Rodrichs Zukunft zu denken
weshalb er auch sogleich zum Fürsten gehen und ihn von dem Erfolg der
Unterredung benachrichtigen wolle Rodrich schied voll dankbarer Rührung und
hingerissen von Seraphinens Lieblichkeit deren Bild in Gestalt der flüchtigen
Horen vor ihm hinschwebte
Sie waren noch nicht weit gegangen als Stephano mit mehreren Offizieren zu
ihnen stieß Der Ritter schlug vor den Tag bei ihm zuzubringen was von Allen
gern angenommen ward da seine lebhafte Unterhaltung die kleine Gesellschaft
schon jetzt beschäftigte und eine freudige Bewirtung verhieß
Des Ritters Wohnung war mit mehreren Kunstwerken verziert die er auf seinen
Reisen sammelte Rodrich bemerkte unter diesen ein Bild von der Hand seines
Meisters das er mehrere male nachgezeichnet hatte Es war ein Einsiedler von
überaus schönem Ansehen der in einer dunkeln Höle vor einem Cruzifix kniete
von dessen Mitte ein Lichtstrahl ausging und des Einsiedlers Gesicht wundervoll
beleuchtete Er hatte das Bild immer sehr lieb gehabt und begriff nun warum
ihn der Anblick des Laokoon so bewegte es waren dieselben Züge die hier nur
weicher und verklärter erschienen Während er nachdenkend da stand trat
Stephano zu ihm und ergoss sich im Lobe des Künstlers der die individuellste
Wahrheit höchst poetisch aufgefasst und lebendig dargestellt habe Das Ganze
fuhr er fort hat etwas sehr rührendes um so mehr da eine geschichtliche
Wahrheit zum Grunde liegt die uns sehr nahe angeht Man sagt es sei des
Herzogs Vater der ein früher gebrochenes Gelübde eines Lieblingssohnes nur
durch die Entsagung der Welt zu lösen glaubte und vor kurzem als Einsiedler
starb Dann freilich sagte der Ritter lachend geht er Ihnen nahe genug an
Rodrich fragte nach der Bedeutung dieser Worte und erfuhr dass Stephano ein
natürlicher Sohn des Herzogs sei der außer ihm keine Kinder habe Mehrere der
Anwesenden neckten ihn mit der vornehmen Geburt und verhiessen ihm hohe Würden
sogar die mögliche Nachfolge der Regierung Er blickte indes finster auf das
Bild und beantwortete die Spöttereien mit einem erzwungenen Lächeln das Rodrich
unangenehm auffiel den überall die ganze Unterhaltung ängstete ohne dass er
sich einen Grund anzugeben wusste Der Ritter suchte indes auf alle Weise wieder
einzulenken indem er die Unterhaltung auf die verschiedenartigsten Gegenstände
führte und sich selbst mit unerschöpflicher Fülle in Anekdoten und
Geschichtchen ergoss Stephano blieb dennoch verschlossen und wenn Rodrich des
Ritters Beweglichkeit anstaunte so suchte er sie vergebens in dem Gleichmut
und der ruhigen Klarheit wieder die er gestern bewunderte Auch in seinen
Freunden erkannte er ihn nicht die allesammt willige Hörer aber schlechte
Redner zu sein schienen und deren Verdienst wohl allein darauf beruhete dass
sie sich an ihn anzuschließen verstanden Ein rüstiger Jüngling schien zwar mehr
absichtlich als aus Beschränktheit zu schweigen denn zuweilen drang ein ganz
lustiger Einfall über den Ritter hervor dessen lächerliche Seite er wie die
eines jeden Menschen immer bereit war aufzufassen ohne sich weiter um den
Zusammenhang des Ganzen oder die innere Bedeutung zu bekümmern Für ihn war die
Sache wie sie erschien und so fand er überall Stoff zu unendlicher
Belustigung Er selbst war wie Stephano sagte ganz ohne Bildung allein voll
natürlicher Anlagen die er sehr geschickt anwandte die Schwächen Andrer
herauszuheben ohne dass sie es merkten So wusste er dem Ritter eine
Lieblingsgeschichte nach der andern abzulocken während er die listigen Augen
voll Begier auf seine Lippen heftete und jedes Wort mit steigender Ungeduld zu
erwarten schien was diesen nur noch mehr anfeuerte und fast immer unaufhaltsam
fortriss Selbst Stephano der ihn ganz genau kannte ging nicht selten in die
Falle indem er durch ihn der nicht ein Wort davon verstand verleitet alle
seine spekulative Betrachtungen und scharfsinnige Definitionen zu Tage fördern
musste wobei er mit großer Ruhe ganz fremde Dinge trieb und wenig auf ihn
achtete Die schuldlose ja kindische Freude mit welcher er dies versteckte
Spiel immer aufs neue begann reizten jeden zur Teilnahme und ließ selbst den
Angeführten ohne Bitterkeit Rodrich gewann ihn bald lieb und als der Wein die
Gemüter freudiger stimmte trat auch Stephano aus seiner trüben Laune hervor
und riss alles durch die Kraft und den Reichtum seiner ausströmenden
Fröhlichkeit hin Ja es war als hätte er den Schmerz mit Gewalt niedergetreten
und wollte jetzt allen Mächten des Schicksals zum Trotz den Himmel erstürmen In
dem allgemeinen Taumel zeigte er kühn die Gewandheit und Sicherheit seines
Körpers Mit einer Art von Wut trug er ungeheure Lasten maß im Sprunge einen
Raum vor dem jeder sich entsetzte balanzirte Leichtes und Schweres gleich
geschickt kurz er zwang seinen bewundernden Freunden neues Erstaunen und neue
Achtung ab Bald führte man auch mutige schön verzierte Pferde auf den
geräumigen Hof und mancher der nun erst an seinem Platze war zeigte wie
selbst die flache Unbedeutenheit in der edlen Übung freier Kräfte liebenswert
erscheine Rodrichs Brust schwoll beim Anblick der herrlichen Tiere Er konnte
der Lust nicht widerstehen und schwang sich auf einen nahstehenden Rappen der
hoch mit ihm in die Lust stieg und in weiten Sätzen fortsprengte Rodrichs Mut
wuchs mit jedem Augenblick er fasste kühn die Zügel und flog im Kreise an seinen
Freunden vorüber deren lautes Bravo ihm wie Sphärenmusik erscholl Schäumend
stand das wilde Tier endlich auf seinen Wink und Rodrich sah erstaunt den
Grafen dessen Ankunft er nicht bemerkt hatte mit den freudigsten Mienen vor
ihn hintreten und ihm ein versiegeltes Papier überreichen indem er sagte so
gebe ich Ihnen mit doppelter Lust meines Fürsten Befehl und die Erfüllung meines
herzlichsten Wunsches Rodrich erbrach schnell das Siegel und das Offizierpatent
sah ihm recht feierlich mit des Fürsten Unterschrift entgegen Ganz außer sich
vor Freude fiel er dem Grafen in die Arme eilte dann zu Stephano dem Ritter
den übrigen Offizieren alle umfasste er in dem Augenblick mit gleicher Liebe
alle sollten gleich sehr empfinden wie glücklich er war Der Graf nahm ihn
darauf sehr ernst bei der Hand und stellte ihn den Übrigen in seiner neuen
Würde vor allein er war viel zu bewegt um ruhig unter Menschen auszuhalten Er
fühlte das und erbat sich die Freiheit diesen Abend allein zubringen zu
dürfen Der Graf gestattete ihm dies gern nur setzte er hinzu müssen Sie mich
morgen früh um 10 Uhr zum Herzoge begleiten der Sie durchaus sehen will
Die wechselnden Bilder seines wunderbaren Lebens Ahnungen einer hohen
Geburt einer glänzenden Zukunft der er wie mit Zaubergewalt entgegen eilte
wachsender Stolz und sehnsüchtige Regungen alles drängte Rodrich auf sein
stilles Zimmer Kaum war er indes hier angelangt so fand er es ganz seltsam
dass ihn die Freude von den Urhebern seines Glückes entfernt hieher in die
Einsamkeit trieb
Er begriff sich selbst nicht da er bei allem dem den innigsten Drang nach
Mitteilung und Liebe fühlte Da gedachte er des zärtlichen Florio und zog sein
Bild aus den zusammengerollten Papieren hervor Ach und wie ihn die weichen
kindlichen Züge so unschuldig anblickten hätte er in Tränen zerfließen mögen
so das fühlte er hatte nie eines Menschen Auge sein Herz berührt Was war des
verständigen Stephano und des phantastischen Ritters augenblickliche Teilnahme
gegen einen solchen Blick voll Liebe und unaussprechlicher Hingebung Er drückte
das Bild an seine Brust und entschlief bald in der stillen Erinnerung seliger
Kindheit
Als er am folgenden Morgen erwachte glaubte er zu träumen oder in die
Feenwelt versetzt zu sein als ein stattlicher Diener mit einem Kästchen voll
reicher Kleider an seinem Lager stand und ihn ehrerbietig fragte ob er sich
anzukleiden und dann in die neue Wohnung einzuziehen befehle Rodrich fühlte
nach einigem Besinnen die zarte Schonung des Grafen und fasste sehr bald den
Ton der solchen Verhältnissen geziemt
Nach einigen Augenblicken stand er geschmückt sich selbst unkenntlich
unaussprechlich schön da Er wollte nun zum Wirte gehen um alles zu
berichtigen als dieser hereintrat und ihm ein Packet mit Geld überreichte das
schon am vorigen Tage für ihn eingelaufen sei Rodrich war nie so reich gewesen
Die Welt war in dem Augenblicke sein und er verließ den Gasthof mit ganz andern
Erwartungen als er ihn vor einigen Tagen betrat Zwar fiel es ihm wohl ein ob
das Glück nicht ermüden werde ihn so ausgezeichnet zu begünstigen und ob er
diese ungeahnete Lust nicht einst werde teuer büßen müssen Der Traum flog
wieder an ihm vorüber und die bedeutsamen Bilder ängsteten ihn mehrere
Augenblicke hindurch doch siegte die frisch erblühete Hoffnung und et eilte
leicht und froh zu dem herzoglichen Schloss wohin ihn der Graf beschieden
hatte Wie er die breite Treppe hinauf stieg und ihn die weiten Säle mit ihrer
alten gediegnen Pracht empfingen überfiel ihn eine Angst die er vergebens
niederzukämpfen und den Stolz edler Naturen hervorzurufen bemüht war
Er ging unsicher durch die hohen Bogengänge und blickte halb scheu halb
verlangend nach der Erscheinung des gewaltigen Geistes der hier tronte Ein
seiner Mann trat auf ihn zu und bezeichnete ihm durch eine offen stehende
Gallerie das Zimmer wo ihn der Graf bereits erwarte Er folgte der Weisung
und kam an einer Reihe ernster Gemälde vorüber die allesammt in veralteter
Tracht die Stammväter des fürstlichen Hauses zu sein schienen Der Einsiedler
war darunter und er wollte ihn eben genauer in der weltlichen Kleidung
betrachten als sich eine Seitentür öffnete und der Herzog mit dem Grafen
erschien Die lang bekämpfte Scheu machte plötzlich einem Widerwillen Platz
dessen erster Anflug so unwillkürlich wie das Entstehen der Liebe ist Zwar
rechtfertigte ihn des Herzogs Anblick auf keine Weise Die zerstörten Blüten
schimmerten noch aus den Trümmern hervor und er galt überall für einen schönen
Mann Er begrüßte Rodrich mit Würde und hatte eben einige fürstliche Worte
unverständlich hingeworfen als er plötzlich schnell auf ihn zutrat die
unsicheren Blicke über ihn hingleiten ließ und ihn dann schärfer und immer
schärfer anstarrend totenbleich in des Grafen Arme sank Rodrich schauderte bei
dem furchtbaren Ereignis und ohnerachtet ihm der Graf und mehrere herzueilende
Diener versicherten dass er öfters diesem Zufalle ausgesetzt sei so wollte er
doch nicht länger in dem Schloss verweilen wo ihn alles so peinlich drückte
Auf dem Rückwege traf er den Ritter der bei seinem Anblicke erschrack und
als er die Veranlassung erfuhr ihn beruhigend manch ähnlichen Fall erzählte
und wie dieser krankhafte Zustand den Herzog in den liebsten Umgebungen an
Mirandas Seite die er anbete überfalle ohne dass er von außen die geringste
Anregung erhalte Das geschwätzige Volk fuhr er fort das ihn ohnehin nicht
liebt hat tausend Ursachen dieses Übels ersonnen Vor allem glaubt man ihn
nicht unschuldig an dem plötzlichen Tode seiner Gemahlin durch deren Hand ihm
als einem fremden Prinzen dies Land erst zugefallen ist Indessen hält ihn mein
Oheim der ihn seit langen Jahren kennt und auf dessen Schicksal er früher
einen bedeutenden Einfluss hatte solcher Tat nicht fähig Auch ist es gewiss
dass der schwankende Mensch zum Morde nicht reif ist wenn ihn der Augenblick
nicht fortreisst Diesen fiel Rodrich ein weiß nur der Starke herbeizuführen
der in der lebendigen Anschauung der Tat das Verbrechen zur Tugend adelt Er
dachte hier an Brutus und was diesen selbst vom Kassius unterschied Allein der
Ritter betrachtete ihn verwundert und er selbst erschrack über die Heftigkeit
mit welcher er eben gesprochen hatte Sie schwiegen beide einige Augenblicke Er
war verstimmt und wusste das Gespräch auf keine Weise wieder anzuknüpfen Doch
bald lud ihn sein Freund in Seraphinens Namen zu einem Konzert für diesen Abend
ein wo er Rosalien und viel schöne Frauen der Stadt sehen werde Seraphinens
Bild verscheuchte jeden ängstigenden Gedanken Er nahm die Einladung gern an
und trennte sich mit erheitertem Gemüt vom Ritter
Ungeduldig hatte er den Augenblick erwartet wo es ihm vergönnet war vor
der Gräfin zu erscheinen Endlich betrat er ihre freudige Wohnung und kam
durch eine Reihe ungewöhnlich bunt verzierter Gemächer zu einem Saale dessen
eine Hälfte ein halber Kreis glänzender Schönen auf grünen Polstern ruhend
einnahm die in dem wechselnden Farbenschmuck wie ein fortlaufendes
Blumengewinde auf dunklem Grunde prangten In dem andern Teile des Zimmers
waren die Herren mit verschiedenartigen Unterhaltungen beschäftigt als sich
oberhalb der Kuppel plötzlich eine Gallerie von einer beweglichen chrystallnen
Sonne beleuchtet eröffnete und Chöre von Knaben und Mädchen hinter bläulichem
Flor geisterartig schwebend Rosaliens Ankunft in weichen gleitenden Tönen
feierten Indem trat diese an der Gräfin Hand in die Versammlung Alle Blicke
waren auf sie gerichtet Sie erschien mit den bleichen Mienen des Kummers in
der einfachen Kleidung unendlich rührend Ihr dunkles Haar lag ganz schlicht
auf der Stirn und ward nur von einer Perlenschnur zusammen gehalten Ein
schwarz sammetnes Kleid von ungewöhnlichem Schnitt bildete den schönsten
Faltenwurf und während es sich der schlanken Gestalt anschmiegte erhob es den
seltenen Glanz ihrer Haut Sie neigte sich mit einiger Verlegenheit gegen die
Gesellschaft zu deren neugierigen Blicken sie ungern hinaufsah Indessen
wehrete Seraphine jedes unzarte Wort von ihr ab und als sie bemerkte wie sehr
die Musik sie bewege winkte sie mit der Hand die Sonne verschwand ein
frisches Laubdach überzog die Kuppel und breitete sich längs den Wänden
herunter Bald erschienen die kleinen Sänger in vielfacher Hirtentracht und
tanzten zu dem Klange der Flöten und Schalmeien wie Rodrich nur im Gebirge
hatte tanzen sehen Er ward lebhaft an seine Kindheit erinnert und teilte
vielleicht unter Allen Rosaliens Rührung am meisten
Die Gesellschaft hatte sich indessen immer bunter in einander gemischt Man
ging und kam aus anstoßenden geschmackvoll erleuchteten Kabinetten wo man
Erfrischungen Bücher Musikalien tausend klone Spiele kurz die mannichfachste
Unterhaltung fand Seraphine war überall und überall von ihrem kleinen Gefolge
umringt in dessen Mitte sie wie eine Feenköniginn erschien Der Ritter hatte
sich jetzt Rosalien genahet die ihn mit höflicher Kälte entfernte Sie schien
das zu fühlen und suchte es durch einige freundliche Worte wieder gut zu
machen die den armen Alexis aufs neue betörend unablässig an ihre Seite
fesselten Rodrich bemerkte mit innerer Angst wie sie sich in dem Maße von ihm
abwandte als er sie ungeteilt fesseln wollte Ihre Ungeduld wuchs in den
gespannten Zügen lag Widerwille und Ärger Er nahete sich um durch ein
verändertes Gespräch seinem Freunde diese Entdeckung zu ersparen Einige
allgemeine Höflichkeiten veranlassten bald die Frage ob er schon mit den
Umgebungen der Stadt bekannt sei und als er es verneinte erzählte sie ihm von
schönen Wasserfällen Tälern und überaus anziehenden Spaziergängen in den nahen
Gebirgswäldern Stephano der herzugekommen war sagte was indessen von allem
das Interessanteste und dennoch hier ganz ungekannt sein möchte ist ein altes
Bergschloss in dessen Trümmern eine Köhlerfamilie lebt Es ist unmöglich eine
prachtvollere Lage zu erdenken Von einer steilen Anhöhe sieht man auf der einen
Seite in einen dunklen dicht verwachsnen Wald den ein reissender Bach
durchschneidet während er mit dumpfem Rauschen eine ferne Mühle treibt Von der
andern Seite eröffnet sich eine ganz entgegengesetzte Welt Bebaute blühende
Felder Gärten Triften ruhig weidende Heerden kleine Landhäuser alles still
friedlich wenn Sie wollen gewöhnlich allein durch den Kontrast gehoben und
gleichsam da um die aufgeregten Sinne zu beruhigen Im Innern des Gebäudes
finden sich noch einige wohl erhaltene Zimmer vorzüglich eine Gallerie die zu
einem hervorspringenden Altane nach der Feldseite führt von wo sich erst die
rechte Herrlichkeit offenbart Rosalie bezeigte ein großes Verlangen das Schloss
zu sehen und die Gräfin die sich ein neues Fest davon versprach sah mit
Ungeduld einer Wanderung nach dem Walde entgegen Stephanos Beschreibung hatte
mehrere herbeigezogen und alle stimmten für den Plan nächstens dort ein
ländliches Mahl einzunehmen Wenn Sie die verwöhnten Sinne einmal mit einfacher
Kost reizen wollen sagte Stephano so will ich schon dafür sorgen dass die
Köhlerfrau mindestens Ihren Hunger stille Die jungen Leute sprachen viel von
dem Poetischen solcher Feste und verhiessen einander großen Genuss von den
lustigen Waldscenen Ich sagte eine junge Dame mit vielem Nachdruck ich liebe
nichts so sehr als das unmittelbare Leben in der Natur. Da streifen die
Menschen alles Konventionelle ab und zeigen sich in ihrer ganzen
Eigentümlichkeit Ach meine Liebe sagte die Gräfin das tun Sie in jedem
unbewachten Augenblick Es braucht dazu keiner Wälder und Ruinen um die
Gebrechlichkeit zu ahnen Verdammen Sie das Formelle nicht so absolut es
bedeckt manche Blöße und viele gehen in dem Festgewande noch ganz erträglich
einher die in den gewohnten Kleidern widerwärtig erscheinen würden Überdem
sagte ein Gelehrter der zu Seraphinens täglicher Gesellschaft gehörte ist es
noch die Frage ob sich die Menschen auch so wahr in der freien Natur zeigen
als Sie mein Fräulein es glauben oder ob nicht vielmehr die ungewohnten
Umgebungen dem Gemüte nur etwas neues aufdringen das gerade der Neuheit wegen
für das Rechte gehalten wird Die Unschuld des Sinnes das geheime Band zwischen
Mensch und Natur der eigentliche Schlüssel ihrer HieroglyphenSprache kann
sich wohl auch in conventionellen Verhältnissen erhalten und wo der einmal
verloren ging da wird ihn kein vorüberrauschendes Lüftchen wieder erzeugen
Sehr wahr sagte Alexis und ich sehe es nicht wohl ein warum man sich
unaufhörlich in Luft und Duft ertränken müsse um die Herrlichkeit der Welt zu
erkennen Im Gegenteil dünkt mich zeuge es von einer Beschränktheit alles
nur von außen zu erwarten Nun sagte die Dame empfindlich so fliehen Sie nur
gleich in eine Zelle und trennen Sie sich von einer Welt die Ihnen so
entbehrlich dünkt Wer den Mut hat erwiderte der Ritter freiwillig aus
einer angeborenen Lust eine Scheidewand zwischen sich und der Welt zu ziehen
der muss gewiss einen großen Reichtum in sich tragen Die Bären sagte
Stephano zehren auch von dem eignen Fette daher verschlafen sie auch die halbe
Lebenszeit Wer weiß fiel Alexis ein zeigt sich Ihnen im Traume nicht etwas
Besseres als wachend an ihnen vorübergeht Rodrich hatte einst die ganze Fülle
ausströmender Seeligkeit in der erwachten Natur empfunden unwiderstehlich zog
ihn alles zu ihr hin Er war nie besser nie gotterfüllter als wenn er in dem
reinen Luftmeere schwamm und die ewig bewegte Flut alle Bilder des Lebens an
ihm vorüberführte Jetzt hörte er das Klosterleben preisen das seine Jugend
verdunkelnd eine widrige Störung zurückgelassen hatte Er blickte unwillig auf
den Ritter indem er sagte ich zweifle nicht dass Sie in strenger Abgezogenheit
eine Welt in sich hervorrufen könnten die als ideale Anschauung für Sie keine
Spur der Mangelhaftigkeit an sich trüge ob indessen die lebendige Frische die
Beweglichkeit in ihr zu finden wäre die uns die stete Reibung gemeinsamer
Kräfte täglich offenbart ob der gesunde Sinn nicht dennoch einen kränklichen
Schimmer in ihr wahrnehme bleibt unentschieden bis Sie ihr Inneres in irgend
einem bleibenden Kunstwerke außer sich hinstellen Ihr seid seltsame Menschen
sagte die Gräfin Euch über den mannigfaltigen Lebensgenuss zu streiten und so
eigenmächtige Abteilungen darin vorzunehmen während ihr mit vollen Sinnen in
der Gegenwart lebt und Euch wie mich dünkt ganz wohl darin gefallt Und Sie
Alexis kommen trotz alle dem von der kleinen Wallfahrt nicht los so bitter
Sie sich auch über die milden Einflüsse der Natur auslassen Der Ritter küsste
ihr lachend die Hand indem er sagte womit verständen Sie nicht die
hartnäckigsten Gemüter auszusöhnen liebenswürdige Seraphine Ich werde den
dunklen Wald mit allen Schlangen und Kröten für ein Elysium halten und Mücken
und Käfer als eine Würze der Speisen tapfer mit hinunter schlucken Sie sind ein
feindseliges Gemüt sagte die Gräfin unwillig und wenig geschickt zu kleinen
Aufopferungen Weil ich erwiderte er ernst in den größeren zu streng geübt
werde Rosalie begann schnell ein anderes Gespräch und bald darauf ging man
unter frohen Erwartungen des lustigen Festes aus einander
Mehrere Tage waren Rodrich unter Beschäftigungen verflossen die seine neue
Lage herbei führte und deren edle Bedeutung ihn mit den freudigsten Aussichten
erfüllte als er eines Morgens zu der Gräfin beschieden ward um nach
eingenommenem Frühstück die verabredete Wanderung anzutreten Er folgte sogleich
ihrem Befehle und fand im Vorhofe schon Wagen und Pferde zur Abreise bereit
Seraphine trat ihm in einem dunkelgrünen Reitkleide freudig entgegen Der kleine
Hut mit weißen Federn gab ihrem zarten Gesichtchen etwas keckes wie überall der
halb männliche Anzug der zierlichen Gestalt sehr wohl stand Rodrich fand sie
jeden Augenblick reitzender ihre Bewegungen schienen ihm wie lustige Musik
jedes ihrer Worte zu begleiten er konnte die Augen nicht von ihr abwenden und
als er ihr nachher aufs Pferd half und sie sich vertraulich an ihn lehnte
fühlte er eine Unruhe die ihn für den ganzen Tag weich und reitzbar stimmte
Die übrige Gesellschaft machte sich nun auf den Weg der sie mehrere Stunden
leicht und angenehm über Wiesen und Felder führte Doch beim Eintritt in dem
Wald ward er uneben und manche Stöße und Schläge weckten die Reisenden aus
ihren Träumereien Stephano hatte dafür gesorgt dass ein Platz vor dem Schloss
geebnet und des Köhlers Reichtum an Stühlen Tischen Milch und Brodt
herbeigeschaft wurde Der Ritter und der Gelehrte sahen mit nüchternen Mienen
auf die ärmliche Kost Überdem war es drückend heiß Kein Lüftchen durchstrich
den dichten Wald und der gutmütig dargebrachte Honig der Köhlerinn der den
Durst nur noch mehr reizte war für die Feinde des Wassers und der Milch kein
erfreuliches Labsal Seraphine weidete sich einige Augenblicke an der innern
Unzufriedenheit der meisten die sich jedoch bei vielen hinter emphatischen
Ausbrüchen erzwungenen Entzückens verbarg dann winkte sie ihren Knaben und
Saumtiere mit Wein und Speisen wurden herbeigeführt Sie ordnete alles
geschäftig an und indem sie das Köstlichste vor Alexis und seinen Freund
hinstellte sagte sie Euch gebühren vor Allen die stärkenden Speisen denn
sonst lauft ihr Gefahr der Erde ohne Widerstand in den Schoss zu sinken
Alles erheiterte sich jetzt und viele gestanden dass es mit den gewohnten
Bequemlichkeiten doch eine schöne Sache sei und man sich ungern davon losmache
Wie wäre es aber Alexis sagte die Gräfin wenn Sie sich hier eine Einsiedelei
anlegten Der Wald die Trümmer der Vorzeit die Abgeschiedenheit der Welt hier
eine Quelle dort das Echo das Ihre frommen Seufzer nachhallt Wurzeln
Kräuter kurz alles was der genügsame Mensch bedarf Nur Ihr Anblick nicht
schöne Gräfin sagte Alexis wie könnte ich mich trösten Ihnen nicht mehr als
Gegenstand des heitersten Spottes zur Seite zu stehen Gewiss erwiderte
Seraphine herzlich Niemand lässt sich so willig auslachen und erwidert meinen
Spott mit dieser wohlwollenden Güte Sie reichte ihm hier die Hand und die
Gesellschaft folgte ihnen und Stephano über zerbrochne Stiegen und halb
verfallne Gewölbe in die oberen Zimmer des Schlosses Sie hatten lange Zeit vom
Altane die herrliche Aussicht genossen als ein dumpfes Rauschen im Walde sie
erschreckte Stephano trat hinaus und sah wie die Bäume ihre Wipfel bewegten
und das fliegende Gewölk sausend über ihnen hinzog Indem kam der Ritter lachend
heraus und sagte dass der Köhler ein entsetzliches Unwetter prophezeie und er
daher der Gesellschaft die vielleicht nie solche Gelegenheit zur Kontemplation
ähnlicher Naturscenen finden werde rate hier versammelt zu bleiben da des
Köhlers Stübchen ohnehin die Menschenzahl nicht fassen könne Während er sprach
blitzte es entsetzlich die Frauen liefen mit verhülltem Gesichte davon und
einige versicherten lieber in das unterste Gewölbe zwischen Molche und Kröten
zu flüchten als hier die Angst zu ertragen Seraphine trat beherzt unter sie
und stellte ihnen vor dass sie nirgend sichrer als gerade hier in der gewölbten
Gallerie sein könnten Lasst uns daher fuhr sie fort ruhig dort bleiben und
das gestörte Fest trotz allem drohenden Ungemach auf irgend eine erfreuliche
Weise enden Die geängsteten Schönen fügten sich widerstrebend der
Notwendigkeit Morsche Bänke wurden zusammen geschoben und alles drängte sich
in einen engen Kreis während das Gewitter immer schwerer heraufzog Der Wind
heulte furchtbar durch die zerbrochnen Türen Steine rollten krachend von den
Mauern herunter wie ein Feuerregen schossen die häufigen Blitze ihre Strahlen
durch die fensterreiche Gallerie Seraphine war keinesweges gleichgültig Sie
zitterte heftig und hielt sich in der innern Angst an Rodrich und Stephano die
ihr zur Seite saßen Plötzlich sprang sie auf lasst Musik kommen rief sie Wir
wollten ohnehin im Freien tanzen warum nicht hier Freudige Klänge verscheuchen
böse Geister
Die Knaben kamen mit ihren kleinen Instrumenten Seraphine nahm Rodrich bei
der Hand alles folgte unwillkürlich jeder übertäubte sich selbst in der
Todesangst Rosalie schweifte geisterbleich an des Ritters Arm durch die Reihen
In dem Augenblick fuhr ein Blitz schlängelnd durch das Gemach Das zitternde
Licht brach sich zischend an den Wänden und verschwand durch die Fenster Die
erschrocknen Tänzer blickten sich erstaunt an Alle glaubten Rosaliens Gestalt
doppelt gesehen und ein leises Wimmern vernommen zu haben sie selbst lag
ohnmächtig in Seraphinens Armen Rodrich trug sie schnell in ein Nebenzimmer
während der zerrüttete Alexis in einen Wald floh und seine Ahnungen und
Schmerzen in bittere Klagen ausströmte In der allgemeinen Verwirrung schwieg
die Musik der Tanz war aufgehoben man trat zusammen ohne dass jemand das Herz
hatte zu reden Endlich sagte Stephano mit leiser Stimme warum erschrecken wir
vor einer ganz natürlichen Begebenheit Der Hang zum Wunderbaren verblendet die
klarsten Menschen und reißt alle gesunde Überlegung mit sich fort Was ist es
denn das diese Bestürzung erregte Ein Blitz Rosaliens Ohnmacht und der
jammervolle Ton der während dem aus ihrer Brust drang Was wir sonst sahen oder
zu sehen glaubten ist nur eine Folge des Vorhergehenden Schon früher als der
Blitz uns verwirrte hatte Rosaliens sterbendes Auge Alle erschüttert Der
Schreck über sie und diese unerwartete Erscheinung treffen zusammen wir sahen
mit kranken Sinnen Ihrer Erklärung sagte der Gelehrte geht es wie allen
Erklärungen dieser Art sie sind unbefriedigend Dass nichts allein losgerissen
von mitwirkenden Ursachen deren jede wieder die Wirkung einer andern ist und
so ins Unendliche fort scheinen Sie auch beweisen zu wollen Diese mögen wir
indessen wohl nicht in einer Folgereihe aufstellen können Sichtbare und
unsichtbare Kräfte berühren sich wir sehen die Sternenwelt durch ihr Licht mit
der unsrigen verbunden ist der Schein anders und leichter zu erklären als der
Ton Und lassen Sie es einen Wahn sein der mindestens sehr ausfallend Alle
zugleich betörte was ist denn Wahn Ist es ein absoluter Gegensatz der
Wahrheit so sage ich dass er gar nicht statt finden und dem Menschen einwohnen
könne ist er nur das Zufällige der Wahrheit so lassen Sie uns das Bleibende
darin aufsuchen und dies ist Glaube an die Verwandtschaft aller Kräfte Liebe zu
jener innern Mystik Sehnsucht nach einer Offenbarung derselben Wenn Missgriffe
daraus hervorgehen so steigen Sie bis zum Grunde und Sie werden eine innere
Wahrheit empfinden Vieles hat sich dem menschlichen Geist aufgehellt und wir
werden die verborgenen Tiefen verstehen lernen Wenn Sie es so meinen sagte
Stephano sind wir einig ich bestritt auch nur die Missgriffe
Das tobende Unwetter hatte sich indessen mit dem letzten Ausbruch erschöpft
Es ward nach und nach stiller Der heraufkommende Abend wiegte die beruhigte
Natur in den seeligen Schlaf der Frommen Rosalie erholte sich und trat mit
ergebenem Sinn auf den Altan Rodrich den ihr Bild seit dem Augenblick da er
sie wie einen sterbenden Engel an seinem Herzen fühlte nicht mehr verließ war
ihr gefolgt und hörte sie mit leiser Stimme singen
Ich ging im bitteren Schmerze
Tief in der Berge Grund
Verklungen Lust und Scherze
Im Innern todeswund
Was Jugend mir gelogen
Was Liebe mir verhieß
Wie ich mich selbst betrogen
Vom Schein betören ließ
Und fort in schnellen Flügen
Das Rechte übersah
Das stand in Flammenzügen
Vor meiner Seele da
Mir war die Welt verschlossen
Gebleicht der frische Glanz
Aus Liebe Leid entsprossen
Zerrissen Blüt und Kranz
Da zog es mich zur Tiefe
Durch öder Felsen Spur
Der grausen Hieroglyphe
Umwandelnder Natur
Und über mir im Bogen
Sprang hell ein Wasserstrahl
Des Perlen niederflogen
Benetzend Fels und Tal
Da grünten frisch die Moose
Und aus dem kalten Stein
Wand eine weiße Rose
Sich einsam und allein
Ich weiß nicht welch ein Sehnen
Mich plötzlich überfiel
Es flossen meine Tränen
Als ständ ich hier am Ziel
Ach Rose süße Blume
Du nahst dich mir aufs neu
Im dunkeln Heiligtum
Bewahrt dich stille Treu
Du wirst mich neu beglücken
Dich färbt der Liebe Hauch
So rief ich voll Entzücken
Und nahte mich dem Strauch
Und wie ich sie berühre
So teilt sich schnell das Laub
Ich sah des Grabes Türe
Und alles sank in Staub
Ich kann den Fluch nicht lösen
So rauscht es fern herauf
Dich traf die Macht des Bösen
Im herben Lebenslauf
So walle nun von dannen
Im Leiden wirst Du groß
Was Lieb und Lust gewannen
Birgt nun der Erde Schoss
Rodrich weinte heftig zu ihren Füßen O um Gottes willen nicht diese stille
Verzweifelung rief er ich möchte meines Herzens Blut geben um Ihnen einen
freudigen Augenblick zu gewinnen Sie wollen mein Elend sagte der Ritter der
plötzlich hinter ihnen stand Mutwillig geben Sie sich der Erkältung dem Tode
hin oder fachen die Geister dieses Zauberschlosses neue Flammen in ihrem Busen
an Rodrich verstand ihn anfangs nicht doch als er den Sinn seiner Worte
ahnte sagte er bewegt Du zerreißt das edelste Herz das ohnehin in Kummer
vergeht Die welkende Blume sagte Rosalie blühet ihm noch zu frisch er muss
sie völlig in den Staub treten Sie ging stolz und empört an Alexis vorüber der
ihr schweigend nachsah dann sank er an Rodrichs Brust und rief schluchzend
ach hüte diesen Himmelsfunken wenn du ihn anzufachen verstandest ich werde
ungesehen mein Leid tragen Seraphine rief sie hier zur Rückreise ab Alles war
bereit und die muntere Gesellschaft kehrte erschöpft und verstimmt von dem
gehofften Feste zurück
Zweites Buch
Rodrich hatte die Nacht kein Auge geschlossen Des Ritters Worte erregten
Wünsche in ihm die seinem Herzen bis dahin sehr fremd waren Jetzt fiel es ihm
ein ob er nicht wirklich Rosaliens Liebe gesucht und den großmütigen Freund
beleidigt habe Er ward ungewiss über sich selbst und die innere Angst wuchs in
der einsamen Nacht Bald verscheuchte indessen Rosaliens Schmerz jedes andre
Gefühl Er sah sie wieder auf dem Altan wie eine schwankende Lilie in
Liebeshauch zerrinnen und begriff nicht wie der Ritter sie mit rauen Worten
berühren wie er es wagen könne dies gequälte Herz durch Vorwürfe zu verletzen
Welche Rechte sagte er mit steigender Bitterkeit darf er sich über sie
anmassen und gibt es etwas widersinnigeres als eine erzwungene Liebe Kann der
Verein zweier Seelen aus dem matten Hingeben erschöpfter Natur erblühen und
sollte nicht ein edles Gemüt diesen Sieg verschmähen Je mehr er nachdachte je
schuldiger fand er Alexis Zuletzt hielt er den Gedanken seines Unrechts so
fest dass er nichts als eigensüchtige ungestüme Torheit in ihm erblickte In
dieser Stimmung fanden ihn folgende Zeilen der Gräfin
»Rosalie ist krank Die unerwarteten Erschütterungen drohen sie umzuwerfen
Ich selbst bin matt unfähig zu erheiternder Unterhaltung Überdiess verschwimmt
jede freudige Aufwallung in diesem unversiegbaren Quell innerer Trauer und was
ich ihr reiche wird mir unter den Händen zu Gift Alle Freunde schweigen auch
Alexis Rosalie scheint deshalb beunruhigt Ist etwas zwischen ihnen
vorgefallen Eilen Sie doch dies liebe bewegliche Herz zu beruhigen und führen
Sie uns so bald als möglich den Ritter wieder zu mit dem ich gern zanken und so
die gute Laune wiedergewinnen möchte«
Rosaliens Krankheit weckte neue Schmerzen in Rodrichs Brust und versöhnte
ihn mit dem bekümmerten Freunde zu dem er ungesäumt hingehen wollte als
Stephano in sein Zimmer trat und ihm zurief was ist es denn mit dem Ritter Ich
komme aus seinem Hause wo ich bis auf einen alten Diener alles leer fand der
mir zwar versichern wollte sein Herr kehre in wenigen Tagen zurück allein ich
glaube daran nicht zu einer Lustreise sind die Anstalten zu ernstaft überdiess
kann ihn nichts Geringes zu diesem Entschluss gebracht haben Ist denn irgend
etwas Wichtiges geschehen Sie waren zuletzt mit ihm und Rosalien können Sie
mir keine nähere Auskunft geben Denn von dort her kann es nur kommen was ihn
so plötzlich forttreibt Rodrich war so erschrocken dass er lange keine Worte
finden konnte endlich erzählte er Stephano den Vorgang auf dem Altan und wie
Alexis hart und feindselig erschienen sei Seltsam sagte dieser wie er
Rosalien nur so wenig verstehen und die Tiefen ihres Gefühls hier ganz übersehen
konnte Überall kenne ich Niemand dessen Urteil sich augenblicklich so
verwirrt wenn er selbst in die Handlung eingreift und eine individuelle
Beziehung statt findet Wie sagte Rodrich ist es aber bei dem Reichtum seiner
Phantasie bei der innern Schwungkraft möglich sich der Gegenwart so
hinzugeben Weil erwiderte Stephano es ihm an Elastizität an Freiheit fehlt
die Wechselwirkung zwischen Innerem und Aeusserem lebendig zu erhalten Er gehört
entweder dem Einen oder dem Andern an Daher die Ungleichheit in seinem
Betragen die ungebundene Fröhlichkeit in einem und der feierliche Ernst im
andern Momente Die Sinnenwelt blendet ihn entrücken sie ihm diese so ist er
klar besonnen in sich fest Es ist gewiss fuhr er nach einigem Nachdenken
fort er kehrt entweder bald oder bei Rosaliens Leben nie wieder Nie
wiederholte Rodrich und wir sollten also Einen von Beiden aufgeben und für
immer von ihnen scheiden müssen Alle Liebe und Teilnahme des wohlwollenden
Alexis stellte sich plötzlich vor ihn hin Er fühlte es schmerzlich dass er die
Brust verwundet die sich ihm so vertrauend geöffnet hatte Lassen Sie uns
eilen rief er vielleicht ist er noch zu retten ich will mein Leben daran
setzen ihm seinen Argwohn zu benehmen Werden Sie ihn überzeugen fragte
Stephano und gesetzt es gelänge ihnen fuhr er fort was gewinnen wir Kann
in dieser Stimmung die nächste Stunde nicht dasselbe erzeugen Wo das Übel
nicht aus der Wurzel zu heilen ist da kann man die Wirkungen niemals berechnen
Lassen Sie uns nicht so eigenmächtig in den Willen eines Menschen eingreifen
man bewirkt wohl etwas andres selten aber das Bessere Ach sagte Rodrich mich
dünkt wir schläfern unsre Teilnahme mit allgemeinen Klugheitsregeln ein
während der Freund vor unsern Augen versinkt Stephano suchte ihn von ähnlichen
Vorstellungen abzulenken indem er ihn auf die Notwendigkeit aufmerksam machte
Rosalien diese Nachricht mitzuteilen ehe das allgemeine Gerücht sie erreiche
Woran erinnern Sie mich sagte Rodrich dies fehlte noch um sie ganz elend zu
machen Wie wird sie sich trösten können die dargereichte Hand so kalt und
fremd zurückgestoßen zu haben Musste Reue noch den innern Unfrieden mehren
Vielleicht erwiderte Stephano nimmt sie es auch weniger trübe auf vielleicht
glaubt sie dass im Laufe fortschreitender Ereignisse die Unabänderlichkeit des
Erfolgs auf dem Ursprung früherer Tat beruhet der selten dem Einzelnen allein
angehört Man sagt sich das so gern zum Trost wenn Neigungen uns fortreißen
und Zorn und Liebe mit unsrer Freiheit spielen Sie waren unter diesem Gespräch
zu des Grafen Wohnung gegangen und betraten Rosaliens Vorzimmer als ihnen die
Gräfin entgegen eilte und im bittersten Unmut zurief sie weiß alles Meine
Ungeduld hat die Entdeckung beschleunigt Ich bin außer mir über die kränkliche
Weichlichkeit der Männer Eine Träne zieht Euch aus Eurem Gleichgewicht und
wiegt das Bischen Besonnenheit auf das Euch zu Teil ward Geht nur fuhr sie
fort und helft bereuen was ihr verdarbt denn weiter versteht Ihr doch nichts
Ich bin recht unglücklich von lauter Männern umgeben zu sein Miranda ist
leider seit wenigen Tagen mit ihrer Mutter im Bade und ich traue mir selbst
nicht mehr seit alles solche Wendung nimmt Der Graf war indessen von Rosalien
gekommen und versicherte sie sei um vieles ruhiger seit sie Alexis Brief
gelesen den er ihr ohne Rückhalt mitgeteilt habe Sie gingen insgesamt zu ihr
hinein und fanden sie auf einem Ruhebette den Brief in der Hand den sie
Rodrich sogleich mit den Worten gab Sehen Sie das ist der Fluch der mich
traf dass mich alles wie eine giftige Blume flieht und ich das Liebste ins Grab
stürze Rodrich beugte sich in stummen Schmerze über ihre Hand während sie ihn
drängte folgende Zeilen zu lesen
»Tadlen Sie es nicht mein gütiger Beschützer wenn ich so plötzlich aus
Ihrem Kreise verschwinde und mich aufs neue dem ungewissen Spiele des Lebens
überlasse Sie fühlten es wohl eher wie schwer es dem Menschen wird von allem
was er liebt zu scheiden und in fremden Herzen die Teilnahme zu suchen die er
in der geliebten Heimat zurücklässt Aber gewiss es muss so sein Ich habe lange
mit wachen Sinnen die Träume der Kindheit fortgespielt und meine Arme sehnend
nach einem Schattenbilde ausgebreitet Ein heftiger Sturm zerriss die Nebel In
der Erschütterung findet der Mann sich am ersten wieder Ich tue endlich was
ich längst gesollt Nicht jeder darf erwarten hier seine Wünsche gekrönt zu
sehen und im fruchtlosen Kampfe gegen einen höheren Willen ermatten die besten
Kräfte Vielleicht war ich überall zu schweren Opfern bestimmt vielleicht
sollte ich das irdische Dasein hinwerfen um mich selbst zu behaupten Ich folge
der innern Stimme und eile meines Heilandes Ruhm auf fernen Küsten zu
verbreiten oder unterzugehen Tragen meine Wünsche mich einst zu Rosaliens
Füßen so wird sie den Helden im Märtyrer ehren und ihm die Achtung
wiederschenken die sie dem schwankenden Jünglinge versagte Ach mein geliebter
Vater könnte ich an ihrem Herzen alle Liebe und alle Sehnsucht ausweinen und
Ihren Seegen mit in die dunkle Zukunft nehmen Aber ich soll Sie nicht mehr
sehen Ich muss ich muss fort Ewig der Ihrige
Alexis«
Ich hätte es wissen sollen sagte Rosalie wie das zurückgeschreckte Gefühl
immer das Äußerste ergreift und sich selbst in der verlorenen Hoffnung
vernichtet Aber ich kannte nur den eignen Schmerz und sah überall nichts als
den Spott eines höhnenden Schicksals Warum musste ich auch gerade da mit
dieser ängstigenden Beständigkeit geliebt werden wo mein Herz unverändert
schwieg Die Gräfin die nur froh war dass Rosalie wieder sprach und im eignen
Unglück Trost und Entschuldigung für Alexis Schmerzen suchte fragte begierig
wie es zugegangen sei dass der Ritter bei so viel Liebenswürdigkeit und einem
fast demütigen Hingeben auch in frühern Kinderjahren nie einen günstigen
Eindruck auf sie habe machen können Ich weiß nicht erwiderte Rosalie warum
mir die Wünsche meiner Mutter die Alexis sehr liebte und die kleinen
Neckereien meiner Gespielinnen ehe ich sie noch ganz verstand Widerwillen
erregten und ich ein Glück verschmähete das mir von allen Seiten gezeigt ward
Das frei ausströmende Gefühl hätte sich vielleicht dahin gerichtet wohin man es
absichtlich zu lenken suchte allein jeder Schein von Zwang empört ein
jugendliches Herz und ich betrübte oft die gütige Mutter durch einen
Widerstand in welchem sie mehr Eigensinn als Abneigung erblickte Ach und sähe
sie mich jetzt Verstossen zernichtet den Unglücklichen den sie beschützte
elend durch mich die ihn beglücken sollte War es doch von jeher mein Loos die
Erwartungen derer zu täuschen die mit voller Seele an mir hingen Welche
Mutter sagte Stephano darf auch hoffen ihre frommen Wünsche gekrönt zu sehen
Darum blicken wir so wehmütig auf unsre Kindheit zurück weil der einsame
Mensch die goldnen Träume wieder erkennt die seine Wiege umflatterten und das
Paradies das ihm in der mütterlichen Liebe erblühete so unschuldig aus den
Trümmern eines zerbrochnen Lebens hervorsieht Rosalie die aufgestanden war
trat zum Klavier und sang folgendes Lied
Hier im Walde süßes Leben
Hier im Walde ruhe sanft
Sieh es neigen sich die Zweige
Flechten dir ein Blütendach
Und es rauschen durch die Blätter
Von den Lüften angefacht
Linde Töne dich zu wiegen
In den lang ersehnten Schlaf
Will dich auf den Rasen betten
An der frischen Quelle Rand
Wächter sind dir meine Sorgen
Schutz und Wehr der Mutter Arm
Blumen spriessen aus der Erde
Hüllen dich in farbge Pracht
Und die zarten Düfte weben
Luftge Schleier um dein Haar
Wie sich schon die Augen schließen
Und der Wimpern dunkles Schwarz
Auf dem rosgen Hauch der Wangen
Atmend auf und nieder wallt
Reitzend schmiegen sich die Glieder
Wie Crystalle licht und klar
Auf dem frischen Blütenteppich
Schimmernd in der Sterne Glanz
Lösst sich doch mein ganzes Innre
Seh ich dich so reich begabt
Und die Freudentränen fließen
Auf dich Engelsbild herab
Jesus schreit das Kind im Traume
Jesus sieh das Schlangenpaar
Wie es sich durch Blumen windend
Drohend aus dem Dickicht naht
Mutter nun hats mich ergriffen
Sieh die Ringel um den Hals
Blutge Tränen muss ich weinen
Wie es mich am Herzen fasst
Schlangen Kind sind goldne Reisen
Sagt sie lächelnd küsst es wach
Und die Tränen deuten Perlen
Dich zu schmücken am Altar
Sinnend ging das Kind von dannen
Bis es Traum und Wald vergaß
Ach ihm zeigte bald das Leben
Was die flüchtge Ahnung war
Alle fühlten sich auf eine eigene Weise durch das Lied bewegt Selbst die
Gräfin gedachte mit Rührung einzelner vorüberrauschender Anklänge ihrer
Kindheit und fühlte zum erstenmal schmerzlich niemand zu haben in dessen
aufblühendem Dasein sie jene entschwundene Hoffnungen und Freuden wiederfände
Ganz anders blickte Rodrich auf sein verlassenes Leben Hatte je eine Mutter
Freudentränen auf sein kümmerliches Lager vergossen oder waren die matten
Wünsche eines sterbenden Greises die einzigen Segnungen die für ihn zum Himmel
stiegen Warum musste er unter Tausenden so lossgerissen und verlassen da stehen
Was war alle Teilnahme fremder Menschen gegen das innige Zusammenhalten das
Ineinanderströmen aller Gefühle einer Familie Ach und wie durfte der
Glückliche klagen der in der bedrängten Gegenwart noch die Erinnerungen
seeliger Vergangenheit rettete War er nicht überall auch an Florios Seite
ein Fremdling gewesen und sah ihn die sorgsame Mutter aus ihrem Kreise treten
Drängt mich fragte er sich bitter das Schicksal etwa darum so gewaltsam in
mich selbst zurück dass die riesenhaften Wünsche übermäßig emporschiessen und ich
die Welt wie ein Atlas auf meinen Schultern tragen soll Die innern Schatten
gingen über sein düsteres Gesicht und Seraphine die ihn eine Zeit lang
angeblickt sagte lächelnd mir wird fast bange in dieser trüben Gesellschaft
Kinder ich bitte Euch lasst uns nur einmal wieder aus voller Seele lachen und
aller störenden Erinnerungen vergessen Was hilfe das sagte Rosalie der
Schmerz lebt immer wieder auf man wird ihn trotz allem Widerstande niemals los
Sagen Sie das nicht erwiderte Stephano es ist entweder überall oder nirgend
Glückseligkeit zu finden Wie verstehen Sie das fragte Rosalie Ich meine
erwiderte er wer es dahin gebracht hat die Bedeutung jeder Störung zu ahnen
müsse die innere Harmonie sogleich wiederherstellen und über jeder momentanen
Unterbrechung schweben können Das kann nur die Unschuld oder die göttliche
Weisheit erwiderte Rosalie was dazwischen liegt wird gleich einem Ball hin
und her getrieben und erliegt endlich der steten Anstrengung Ach und sagte
nicht der Heiland am Kreutze Herr wenn es sein kann so lass diesen Kelch an
mir vorübergehen Warum sollten wir uns mit einer störrigen Tugend brüsten die
jeder irgend einmal verleugnet Es ist doch eigen sagte der Graf der während
dem nachdenkend auf und ab gegangen war wie Familienähnlichkeiten so
wiederkehren Ich hatte einen älteren Bruder den mir Alexis lebhaft zurückruft
Er verschwand einem Freunde zu Liebe aus der Welt und sein verschollnes
Andenken lebt nur noch in meiner Brust Wir beide setzte er hinzu erregten den
Zorn der Geistlichkeit weil wir der Kirche einen Diener entzogen weshalb ich
auch mein Vaterland niemals wiedersah Auch Alexis Mutter traf das Schicksal
ihrer Brüder Eine schnell vollzogene Heirat rettete sie nur vor kränkenden
Verfolgungen So gewiss ist es sagte er halb vor sich dass der Einzelne wie er
sich selbst ungetreu wird alle Andre mit ins Verderben zieht Die Zeit fuhr
er nach einer Weile fort hatte nach und nach einen Teil unsrer zerstreuten
Familie hier wieder versammelt und wer weiß wo wir noch einst den teuren
Jüngling antreffen In der geliebten Heimat mein Vater sagte Rosalie wo die
beruhigten Herzen still an einander schlagen und alle Wünsche sich in einer
seligen Umarmung auflösen Der Graf blickte wehmütig auf ihr bleiches Gesicht
und drückte sie schweigend an die Brust Vergebens hatte Seraphine wiederholt
gesucht das Gespräch auf freudigere Gegenstände zu lenken sie stand endlich
ermüdet auf und begann hunderterlei kleine Geschäfte wobei sie unruhig nach
der Uhr sah und jedem vorüberrollenden Wagen verlangende Blicke nachsandte
Rosalie die es bemerkte sagte endlich Geliebte Seraphine Ihre Wünsche tragen
Sie nach dem Schauspiel Lassen Sie doch um alles durch mich die gewohnte
Lebensweise nicht unterbrechen ich wäre sehr unglücklich wenn meine Gegenwart
auch Ihre schuldlosen Freuden trübte Und glauben Sie nur setzte sie hinzu als
die Gräfin im Begriff war den Vorschlag abzulehnen ich bedarf der einsamen
Stunden um mich zu sammeln und Ihnen Allen ein heitres Gesicht zu zeigen Der
Graf war Rosaliens Meinung und fand es um so notwendiger gerade heute
öffentlich zu erscheinen um des Ritters schneller Abreise den Anschein des
Gewöhnlichen und Vorhergesehenen zu geben Du weißt sagte er wie sehr die
allgemeine Aufmerksamkeit auf unser Haus als Fremdlinge und Anhänger der neuen
herzoglichen Familie gerichtet ist und wie oft man sich schon der innern
Störungen gefreut hat Seraphine sah ihre Wünsche gern durch so triftige Gründe
gerechtfertigt und lud Rodrich und Stephano ein sie zu ihrer Loge zu begleiten
Rosalie reichte ihnen beim Abschiede die Hand und sagte gerührt geht nur Ihr
Glücklichen die noch alles freut und jede neue Lust eine frohe Zukunft
voraussagt was Euch bewegt glühete auch einmal in diesem verödeten Herzen
Als ihr Wagen an den Fenstern vorüberrollte wo die einsame Rosalie wie ein
Marmorbild an einer Säule lehnte hub der Graf an Wenn ich nur begreifen
könnte wie das tiefe Gefühl der Frauen so oft der kalten herzlosen Eitelkeit
der Männer erliegt und ihre leidenschaftliche Ausdauer allein das matte Spiel
erhält Dieser Ludovico war ein feiner anmutiger Jüngling voll kleiner
Talente für die Gesellschaft geschmeidig hingebend ohne Liebe und ohne Hass
leidenschaftlich so viel es braucht um ein Weiberherz zu berücken doch ohne
Zärtlichkeit und Mitgefühl Er wählte Rosalien wie er jede Andre gewählt haben
würde und verließ sie eben so Er folgte auch hier nur den willenlosen Regungen
verzärtelter Herzen und wollte ihr eigentlich nicht wehe tun Er meinte es
solle sich alles so fügen und es ist wohl nicht unbedeutend wie das Schicksal
so kurzsichtiger Plane spottet Der lächelnde schwankende Ludovico der nichts
als gefallen und der herrschenden Meinung jedes Opfer bringen wollte musste die
unsichre Hand in das edelste Blut tauchen und scheu das Vaterland fliehen Es
ist unbegreiflich sagte Rodrich wie Rosaliens hohe Natur sich bis zu ihm
neigen konnte Die gänzliche Charakterlosigkeit erwiderte Stephano hat dies
mit der reichsten Fülle gemein dass sich in beiden die ganze Welt spiegelt
Frauen wollen in der Regel im Einzelnen das Ganze umfassen In der
gränzenlosesten Hingebung vergessen sie dass sich der leere Grund flacher Seelen
wie eine Schraube nach allen Seiten dreht und nur den Schein des Bildes
aufnimmt Erwägen Sie noch sagte die Gräfin dass der erste Blick der ein
unbewachtes Herz berührt für das ganze Leben entscheidet und die spätere
Überlegung jenes Zusammenfallen keimender Gefühle nicht wieder aufhebt Tiefen
Gemütern bleibt dann der Schmerz indessen Leichtgesinntere mit der Liebe
spielen oder sie wie ein verzehrendes Gift scheuen Eine flüchtige Röte
überzog bei diesen Worten ihr Gesicht O sagte sie schnell als der Graf ihr
lächelnd die Hand reichte gedankenlose Tändeleien gehören nicht hieher Ich bin
leicht über das Leben hingegangen ohne je meine Eigentümlichkeit einzubüssen
und was mir Eitelkeit als wahr aufdringen wollte habe ich bald gegen etwas
edleres vertauscht setzte sie schmeichelnd hinzu und hüpfte als der Wagen
eben hielt zu dem breiten schönen Portal hinein an dessen Eingang der Gelehrte
stand und ihnen sagte dass der Herzog oben und das Spiel bereits angefangen
sei Was wird denn gegeben fragte Seraphine gleichgültig Alle lachten dass
Niemand bisher daran gedacht hatte und als der Gelehrte Macbet nannte sagte
die Gräfin ich hätte so etwas erwarten können da der Herzog zugegen ist
Liebt er das Tragische so ausschließend fragte Rodrich Ich weiß nicht
erwiderte Seraphine allein es ist als wolle er sich an den Riesengestalten
aufrichten und als bedürfe er es alle Schauer der Hölle außer sich zu sehen
um innerlich ruhiger zu werden Wieder das alte Misstrauen rief der Graf
unwillig ich dächte vorherrschende Neigungen sollten in Dir eine billige
Richterinn finden Nun mindestens erwiderte sie wollen die schlaffen Sinne
durch eine derbe Erschütterung gehoben sein denn so außer allem Zusammenhange
mit dem übrigen Menschen stehen seine Neigungen doch wohl nicht Ich weiß nicht
sagte der Gelehrte ob die Sehnsucht nach dem Gediegenen in sich Feststehenden
gerade von einer kraftlosen Seele zeugt oder ob nicht vielmehr dies Bedürfnis
selbst schon erweckte Kraft ist die sich nach einem Wiederschein von außen
sehnt Auch für Sie sagte die Gräfin lachend ist es genug dass man den
nordischen Dichter liebt um etwas Edles in dieser Vorliebe zu finden Gewiss
erwiderte er sind es nur befangene Menschen die sich in ihm so wenig als in
der reichen Gestaltung der Natur finden können Das Nationale der
Farbenmischung so wie alles dasjenige was dem Zeitmoment angehört sollte
billig für Niemand eine Störung sein der die mannichfache Bedeutung der Natur
aufsucht Und wie Shakespear auch in der bloß äußern Darstellung frühere
Zeitalter verstand wie südliche Glut in ihrer höchsten Fülle in der zartesten
Lieblichkeit ihn durchdrangen das sehen wir in den historischen Stücken und in
Romeo und Julie
Sie traten jetzt in die Loge und Rodrich ward durch den Anblick der
wogenden schimmernden Menge die das weite Haus umfasste wie durch den Glanz der
herzoglichen Umgebungen angenehm überrascht Er kannte bis jetzt nur einzelne
herumziehende Truppen und der hohe Maßstab römischer Amphiteater war zu dem
beschränkten Raum elender Breterbuden zusammen geschrumpft Jetzt eröffnete sich
ihm ein neuer ungeahneter Genuss Vergangenheit und Gegenwart traten lebendig vor
ihn hin und rissen ihn unaufhaltsam fort Die Schauspielerinn welche Lady
Macbet darstellte spielte mit einer erschütternden Wahrheit Rodrich fühlte
die Gewalt mit welcher sie den in seiner Grausamkeit schwankenden Gemahl zum
Ziele riss Und als nun die Tat geschehen war und die freche Sünde noch einmal
mit der Reue stritt bis diese sie gespenstisch anfasste und der bleiche Tod auf
den starren Zügen lag da überfiel ihn eine Angst dass er kaum aufzublicken
wagte Um sie los zu werden teilte er Macbets Trotz und focht in Gedanken
für ihn um den Thron bis sein blutiges Haupt die furchtbare Prophezeiung löste
und das Verderben der Rache die Hand bot
Rodrich saß mit klopfendem Herzen da auf allen Gesichtern lag Entsetzen
Zufällig blickte er nach der herzoglichen Loge Die tief gebrannten Lichter
warfen unsichere Schatten ihm war als schwankte der Herzog und wolle
niederfallen unwillkürlich sprang er auf als ihn Seraphine bei der Hand
fasste und unruhig sagte Lassen Sie uns fortgehen die blutigen Gestalten
ängsten mich Fühlen Sie wohl sagte der Gelehrte wie ächte Poesie durch alle
Zeiten fortschreitet und nach Jahrhunderten die innere Wahrheit sich in aller
Herzen behauptet Ich wünschte sagte die Gräfin sie nahete sich in
freundlichern Gebilden diese Verzerrungen bemächtigen sich wohl des Gefühls
lassen aber eine widrige Störung zurück Es kommt darauf an erwiderte er ob
man bei dieser stehen bleibt oder bis zur Idee des Gedichts hindurchdringt Das
Laster in dem verblichnen Schein matterziger Tugend auftreten zu lassen so wie
das Verbrechen auf den halben Weg zu führen um ein verpfuschtes Leben durch
ohnmächtiges Wollen und törichtes Vollbringen zu verwirren das war jenen
frühern Dichtern fremd die alles scharf und bestimmt außer sich hinstellten
und wie die Urkräfte der Natur das Chaos gewaltsam durchbrachen Das mag sein
sagte die Gräfin aber wir sind längst über den Zeitpunkt hinaus wo das rohe
Walten jener Kräfte dem Menschen so nahe lag dass er sein eigenes Dasein darin
wiederfand und wie Sie es auch stellen mögen die Erscheinungen heutiger Zeit
sind dennoch milder beruhigender kurz unserm Herzen verwandter Je
beschränkter der Kreis erwiderte der Gelehrte je näher berühren sich die
Gegenstände und dem ungeachtet könnten Sie plötzlich das allgemeine Band
einengender Rücksichten von den Herzen der Menschen lösen und mit ihm den
Schein des Gleichartigen weghauchen Sie würden jetzt wie damals das Hohe vom
Niedern getrennt im schärfsten Gegensatze erblicken Dass so oft das einzelne
Große in der allgemeinen Nichtigkeit verschwimmt dass liegt nicht sowohl daran
dass die Menschen nicht können was sie wollen sondern dass sie nicht wollen was
sie können Nun erwiderte Seraphine ich kann und will Ihnen gute Nacht sagen
und dem langweiligen Streite ein Ende machen wo jeder Recht behält denn ich
will nun einmal nicht die lustige Gegenwart für jene halb verwischte
unkenntlich gewordene Bilder der Vergangenheit hingeben Wer so frisch und
lebendig in ihr erscheint und alles um sich her verschönt sagte der Gelehrte
der hätte auch Unrecht eine so reitzende Einheit zu unterbrechen Gottlob
sagte sie lachend Sie ersetzen mir den Ritter nun wir wollen bald mehr
streiten jetzt schlafen Sie wohl Sie eilte an des Grafen Arm zum Wagen und
ließ Rodrich mit den beiden Andern zurück die das Gespräch noch weiter
fortsetzten Sie verkennen in der Tat das Streben heutiger Welt sagte
Stephano das sich gerade in der allgemeinen Verwirrung dartut Sehen Sie denn
nicht den Wunsch alles zu umfassen sowohl aus dunklen als erkannten Regungen
hervorleuchten Und ist es nicht natürlich dass seit die Richtungen
mannichfacher wurden der Einzelne den aufgeschlossnen Weg nicht mehr so streng
verfolgt sondern sich nach allen Seiten neigt und die Kräfte auf tausend Weisen
übt Mich dünkt aber sagte Rodrich der erweiterte Kreis werde den innern
Reichtum nicht schmälern so bald ein fester Punkt da ist wohin man
zurückkehrt und es ist ja nach früher geäusserten Grundsätzen auch wohl Ihre
Meinung dass darin die Konsequenz der Allseitigkeit bestehe in Vielem das Eine
aufzusuchen und zu reflektiren Ganz richtig erwiderte Stephano aber dies
Eine ist jetzt nicht sowohl der Mensch als die Menschheit überhaupt Dasselbe
sagte der Gelehrte war weit früher und auf eine weit würdigere Weise die
Tendenz des Christentums und ist die Aufopferung des Individuums im Staale bei
den Römern etwas anderes Ganz gewiss erwiderte Stephano denn Christentum und
Römischer Staat sind zwei abstrakte Begriffe die sich in der Idee der
Menschheit erst auffinden Daher die Einseitigkeit zu der beide ausarteten Und
was ist denn die jetzige Universalität fragte der Gelehrte Ich sage nicht dass
sie überall schon etwas ist erwiderte Stephano allein man darf ahnen wohin
alles führt Manches Licht glüht im Verborgnen und ein zerlumpter Knabe
nahete sich hier mit einer Laterne und fragte ob er ihnen zu Hause leuchten
sollte Sie sahen mit Erstaunen wie das alles leer und dunkel um sie war Der
wieder aufgezogene Vorhang zeigte ihnen die erloschnen Lampen und schmutziges
Gesindel das den Weihkessel der Prophetinnen Birnams Wald und Maebets
blutiges Schwert hin und her zerrte Das nackte Gerüst blickte sie frostig nach
dem lebendigen Spiele an der Zugwind strich durch die geöffneten Türen und
bewegte die halb sichtbare Talia auf dem Vorhange schauerlich hin und her das
letzte Licht erlosch und sie mussten des Knaben Anerbieten benutzen um die
langen Gänge hindurch zu finden Schweigend begrüßten sie einander im Vorhofe
und jeder ging den eignen Weg
In Rodrichs Seele stiegen dunkle Ahnungen auf und kämpften mit dem
unbezwinglichen Drange nach Größe und Herrlichkeit Was ist es denn mit den
Wünschen der Menschen sagte er mutlos wenn ihn am Ziele die vergeudete Kraft
und die hingeworfene Blüten unter Trümmern eines gescheiterten Glückes
begraben und alles was ihn hier bewegte in einen erstarrten Blutstropfen
zusammendringt Und wird nicht einem jeden wenn die Jugend zerronnen und der
frische Glanz verblichen ist die Wirklichkeit wie ein Gerippe erscheinen Täte
man denn nicht besser sich langsam vom Strom dahin treiben zu lassen wohin man
doch einmal gelangt als mit ängstlicher Hast die wohltätige Trägheit der Zeit
zu beflügeln Hier ging ein Mädchen mit einer Cyter vorbei von deren
vorüberrauschendem Gesange er nur folgende Worte erhaschte
Lass die Schatten ziehn und wandeln
Flüchtig Spiel fand nimmer Stillstand
Wünsche wechseln wie Gedanken
Bleibend Licht erfreut hier Niemand
Leben ist ein streitend Lieben
Lieb im Streit des Lebens Anfang
Wie sich Mut und Kraft entbinden
Strömt erst siegend kühler Balsam
Die schlanke Gestalt hüpfte so leicht über die Straße hinweg während sie mit
den zierlichsten Bewegungen den Takt der Musik angab dass ihr Rodrich noch lange
nachsah als die Töne schon in der Ferne verhallten und er nur noch ganz
schwach »Leben ist ein streitend Lieben« zu hören glaubte Worte die sein Herz
mit der wehmütigsten Sehnsucht erfüllten Er konnte sich viele Tage hindurch
nicht wiederfinden und die Geschäfte seines neuen Berufs ermüdeten ihn zum
erstenmale statt ihn aufzurichten selbst der Ernst des Grafen schien ihm
erkünstelt wie das ganze Treiben zwecklos Die weite Aussicht einer
tatenreichen Zukunft beschränkte sich immer mehr auf einzelne wiederholte
Übungen die mit dem Reitz der Neuheit auch jede anregende Kraft verloren
Rücksichten die er früher nicht geachtet dünkten ihn jetzt lästig Ja ihm war
als schlänge sich die Kette des Alltäglichen immer fester um ihn herum und
werde ihm zuletzt jede freie Bewegung rauben Die behagliche Wohlhabenheit
seiner Lage achtete er nicht mehr seit er sie besaß Der üppige Erguss des
Glückes hatte ihn überfüllt und er betrachtete die Welt wie jemand der in der
aufblühenden Jungfrau die erstorbenen Züge der Matrone erblickt Die innere
Unzufriedenheit wuchs da er immer auf demselben Punkt blieb und nirgends einen
Fortgang sah So lange er der Kunst gelebt erkannte er einen großen Zweck dem
er kräftig entgegenarbeitete Was er damals suchte war ihm plötzlich nahe
getreten er hatte es erfasst und glaubte mit einem raschen Anlauf das höchste
Ziel zu erschwingen Jetzt ging alles den gewöhnlichen Gang und was er wünschte
und hasste was er früher geträumt schwebte in verworrenen Bildern vor Ihm her
und verfinsterte seinen Weg Oft wollte er sich Stephand entdecken allein ihn
schreckte sein kalter Blick und die Verstandesruhe mit welcher er über
menschliche Verhältnisse hinaussah Rosalie war krank und ließ Niemand vor
sich Seraphine hatte einigemal sein langweiliges Gesicht belacht er verlor die
Lust an ihrer Gesellschaft seit er aufgehört hatte ihr neu und interessant zu
sein So verflossen ihm mehrere Wochen Die wechselnden Gegenstände erregten
seine Aufmerksamkeit nur schwach und er selbst ging unbeachtet als eine
gewohnte Erscheinung an den Menschen hin
Einst als ihn ein langer Spatziergang vor dem alten Schloss vorüberführte
gedachte er jenes Abends mit neuer Rührung Rosaliens Bild schwebte auf dem
Altane er begriff nicht wie er es je verkannt hatte dass sie in seinem Herzen
lebe und ihn von der Welt entfernt habe wo er sie längst nicht mehr fand
Alexis plötzliches Verschwinden hatte auch jene frühere Eindrücke betäubt und
die Worte der kleinen Sängerinn verwirrten seine Gefühle statt sie zu
entfalten Jetzt war ihm alles so klar er fühlte es bestimmt dass sie es war
die ihm fehlte Voll heiterer Erwartungen wandte er sich zur Stadt Er wollte
sogleich zu ihr gehen sie sollte in dem milden Schein der zartesten Liebe
genesen nie das gelobte er sich dürfe ein kühnes Wort ihr Gefühl verletzen
Im Verborgnen solle die Blüte reifen und einst die innigste Treue lohnen Alles
schien ihm leicht und sicher Sein Inneres wogte wie die reichen Kornfelder die
er froh durchstrich Er blickte heiter um sich her Überall ruhte ein seliges
Schweigen man hörte nur das Flistern der vollen Ähren die sich leise zu
einander neigten die ganze Flur schwamm im klaren Sonnenlichte und die
hochroten Dächer der Stadt glüheten wie eine Purpurwolke Ihm war fast wie an
jenem Morgen da er das Kloster verließ nur fühlte er sich stiller die Welt
hatte andre Erwartungen in ihm erregt und er lauschte sehnend auf jeden
Atemzug der Freude In dieser weichen zärtlichen Stimmung trat er unter die
Platanen wo er Seraphinen bei ihren Blumen antraf Kommen Sie Rosalien Glück zu
wünschen fragte sie heiter ihr die den ersten Tag außer dem Bette zubrachte
und wieder Zerstreuung sucht und findet Gehen Sie nur hinein sie wird Sie gern
empfangen Es war ihm nicht eingefallen dass Rosalie für ihn nicht sichtbar und
fortwährend krank sein könnte und dennoch ward er durch die Nachricht ihres
Wohlseins überrascht und sah sie als eine günstige Vorbedeutung seiner Wünsche
an Er fand Rosalien schöner als jemals Das zarteste Weiß umfloss wie ein Hauch
die edle Gestalt Sie saß an einem offenen Fenster und freute sich der milden
Luft die mit ihrem Haar spielte Die untergehende Sonne spiegelte sich in dem
Strom und färbte mit den letzten Strahlen die bleiche Wange der Kranken Vor ihr
stand ein offenes Kästchen in welchem sie beschäftigt war Briefe zu ordnen
Helfen Sie mir sagte sie lächelnd meine Liebe zu Grabe tragen Diesen Schatz
will ich in die Erde versenken damit kommende Geschlechter sehen wie geschickt
man einst heimlich zu morden wusste Nein fuhr sie nach einer Weile fort
Niemand ward je so unerhört betrogen Lesen Sie ich bitte Sie lesen Sie diese
beiden Briefe sie sind um wenige Tage aus einander Ach Gott ich müsste Ihnen
wohl mehr sagen nun ja Sie wissen ich liebte ein Strom von Tränen
benetzte ihr Gesicht ach ich habe ihn unbeschreiblich geliebt sagte sie
wehmütig unbeschreiblich Wenn ich der ersten süßen Regungen gedenke wie
alles so friedlich war und die bescheidenen Wünsche mich in selige Träume
wiegten und wie dann plötzlich alles die Gränzen überschritt und die gewichtige
Leidenschaft die heiligsten Bande zerriss Rodrich war in der peinlichsten Lage
Diesen Beweis ihres Vertrauens hätte er gerade heute gern entbehrt und sein
Herz ward durch die Ausbrüche ihres Schmerzes tausendfach zerrissen Mein
Bruder fuhr sie fort missbilligte meine Wahl Alexis verspottete sie während
der Herzog der damals um Seraphinens Liebe warb die Flamme auf alle Weise
anschürte Mein Vater blieb allein ruhig und meinte ich würde wohl selbst von
dieser Torheit wie er es nannte genesen Nach und nach erhielt indessen unser
Verhältnis eine Art von Gültigkeit vor der Welt nur ward Ludoviko fortgesetzt
kalt ja feindselig von meiner Familie behandelt was mich den bittersten
Kämpfen hingab und oft dahin trieb meine Wünsche und Hoffnungen hinzugeben um
ihm ähnliche Kränkungen zu ersparen In einem solchen Augenblick schrieb ich
ihm als er den Herzog auf einer Reise begleitete diese Worte die ich der
merkwürdigen Auslegung wegen späterhin wieder aufzeichnete und hier bewahre
»Wie lieb ich Dich mein Ludoviko der schonenden Ruhe wegen mit der Du
jede Unannehmlichkeit erträgst die Dich meinetwegen trifft Aber glaube nur
gerade was mich unauflöslich an Dich kettet das flösst mir oft den Gedanken ein
mich selbst aufzuopfern um Dich unter würdigern Umgebungen ein schöneres Glück
genießen zu lassen als Dir meine Liebe gibt Ach fühle es nur wie ich ganz
in Dir lebe um so etwas denken zu können und bist Du stark genug Dich
meinetwegen zu verleugnen so tödte die Schwäche nicht mit der ich dennoch
meinen Wünschen schmeichle«
Bald darauf erhielt ich folgende Antwort
»Dahin hat es also die kurze Trennung gebracht Rosalie so schnell konntest
Du den Gedanken fassen mich aufzugeben so geläufig ist er Dir geworden dass Du
mir ihn ohne Rückhalt mitteilst Will sich denn alles von mir wenden und soll
ich jede freudige Erscheinung meines Lebens schwinden sehen Aber Du hast Recht
Der Kampf der Dich zwischen Deinem Bruder und mir hin und her treibt fällt
Deiner sanften Seele zu schwer Einen von beiden musstest Du fahren lassen Ich
weiche Rosalie Du hast mich die Notwendigkeit einsehen gelehrt und ich muss
die zarte Hand segnen die mir so schonend diese Wunde schlug«
Ich war weit entfernt das Gift zu ahnen das hier verborgen lag und sah in
allem nur ein Übermaass leicht zu verletzender Zärtlichkeit In diesem Sinne und
in einem Gemisch von Unruhe und dankbarer Rührung schrieb ich ihm eines Morgens
als mein Bruder mit so verstörtem Gesicht zu mir hereintrat dass ich erschrocken
aufsprang ohne den Mut zu haben nach der Ursach seines Kummers zu fragen Er
ging schweigend auf und ab dann nahete er sich mir mit einem Blick in welchem
Tod und Verderben lag Rosalie sagte er mit zitternder Stimme wir sind
beschimpft Ludoviko hat dich verlassen und mich und uns Alle dem Gelächter
preisgegeben Ich weiß nicht deutlich was ich damals empfand allein ich
erinnere mich dass ich freier atmete seit ich wusste was ihn so gewaltsam
bewegte Ich hatte etwas Aergeres gefürchtet und sagte nur also ist er doch
nicht tot Wollte Gott er wär es erwiderte Fernando aber zweifle nicht
an seinem Untergang so lange ein Atemzug in mir ist soll er die Schmach
büßen Oder trauest du meinen Worten nicht Glaubst du man kennet mich nicht
genug um mir ein leicht ersonnenes Märchen aufzuheften Sieh ich schwöre dir
er ist für dich verloren Gestern war seine Verlobung mit einem schönen
unschuldigen Mädchen das sich ihm so vertrauend hingab wie du Aber ich will
diese Taube retten Der Weg zum Altar geht nur über meine Leiche Ich hatte
alles in dumpfer Verwirrung angehört und wusste nicht was ich glauben und
fürchten sollte Mein Bruder schloss mich ungestüm in die Arme und nachdem er
mich auf die Stirn geküsst sagte er so stähle ich dich gegen alle glattzüngige
Verführung und könntest du diesen Kuss vergessen so möge er dich brennend an
meine Worte mahnen Er stürzte außer sich zum Zimmer hinaus ach und niemals
fühlte ich das treue Herz wieder an dem meinigen schlagen Sie hielt einen
Augenblick ein dann sagte sie wenn ich einen Augenblick nachdenke wie alles
plötzlich so da stand wie es mir oft in Fieberträumen vorschwebte so ist mirs
unbegreiflich wie der Mensch die warnende Stimme überhört die oft so furchtbar
aus seinem Innern heraufdringt und wie die anschwellenden Wogen ungezügelten
Verlangens ihn von Klippe zu Klippe reißen bis das lang Gefürchtete Ungekannte
ihn aus tausend Augen ansieht und er in dumpfer Verwirrung dem Verderben in die
Arme sinkt Ich fasste auch damals mein Unglück nur halb Fernando hatte mich
erschüttert ohne mich zu überzeugen Welch schuldloses Herz ahnt auch diese
Verräterei Ludovikos Brief löste endlich jeden Zweifel und meines Bruders
blutige Gestalt drängte mich aus einer Welt wo mir nie eine Freude blühet
Sie nahm hier ein Blatt aus dem Kästchen und gab es Rodrich der in der
heftigsten Bewegung folgendes las
»Du hast es gewollt meine Rosalie Ich folgte Deinem Wink und fasste die
Hand eines frommen Kindes das auf der Welt Niemand hat als mich und dessen
freies Gefühl dem Manne unbedingt angehört der es zu beschützen und durchs
Leben zu führen verhieß Warum sollte ich es Dir verhehlen dass ich mich in
meiner jetzigen Lage ruhiger fühle wo ich auch dich frei von ängstlichen
Kämpfen und unsre Gefühle zu einer schönen Freundschaft veredelt sehe die sich
nach den Umständen modifizirend einen ganz eigentümlichen Dir angemessenen
Charakter behaupten wird Wie könntest Du auch ein Band lösen wollen das Du
selbst so fest knüpftest Wie könnte ich je die hohe edle Natur weniger in Dir
lieben Wir sagten es uns wohl früher mit Wahrheit dass solch ein Bund
unzerstörbar sei und so bleibst Du mir die treue Freundin und der schützende
Engel meiner Serena Sage Deinem Bruder dass ich ihm jetzt wie immer die Hand
zum Frieden reiche und wie ich hoffe dass er sie nicht verschmähen werde da
uns nichts Äußeres mehr trennt«
Wie ist es möglich sagte Rodrich dass Sie dieser feigen Halbheit nur eine
Träne schenken konnten Tadeln Sie nicht so streng erwiderte Rosalie
verletzt was Sie unter ähnlichen Umständen vielleicht nicht anders gemacht
hätten Es ist unglaublich wie sich der Mensch hintergeht und oft das ganz
Gemeine für eine große Tat erklärt Nein beim ewigen Gott rief Rodrich aus
ich würde den Mut haben zu sagen wie ich fühle ohne dem rücksichtslosen
Vertrauen eine Falle zu stellen und dem edelsten Gemüt die Schmach aufzulegen
einen Nichtswürdigen geliebt zu haben Sie sind wie Alexis sagte Rosalie
schmerzlich Ach dass doch Niemand ein krankes Herz zu schonen weiß Rodrich
gedachte seiner Vorsätze und fühlte sich fremd und befangen in der
Notwendigkeit so leise auftreten zu müssen So schwiegen beide einige
Augenblicke hindurch als Rosalie sich aufrichtete und erschöpft in Rodrichs
Arme sank Unwillkührlich drückte er sie an die Brust ach süßer Engel sagte
er im Übermaass des Gefühls lass mich dich so durchs Leben tragen lehne nur
dein schönes Haupt an dies Herz das so stolz und so selig ist seit es dein
Bild im Innern verschließt Rosalie blickte überrascht zu ihm auf dann sagte
sie wehmütig lassen Sie sich nicht durch flüchtige Regungen täuschen bewahren
Sie die frischen Blüten vor nächtigem Reif Rodrich meine Hand ist kalt und
starr wie der Tod sie hat den Druck der Liebe verlernt und was mich noch
zuweilen in die Welt zurückzieht das sind Aufwallungen einer sterbenden Jugend
Glauben Sie nur es gibt Menschen die so innig von ihrem Unglück überzeugt
sind dass sie auch in den Sonnenblicken ihres Lebens nur dies Geschenk einer
liebenden Mutter erkennen dem todtkranken Kinde die entsetzlichen Schmerzen zu
lindern Er hatte sie sanft auf das Ruhebette gelehnt und saß das Gesicht in
die Küssen verbergend weinend neben ihr als die Tür ausflog und eine
unendlich schöne Gestalt von Seraphinen und den phantastischen Knaben mit
brennenden Kerzen begleitet vor Rosalien hintrat Miranda rief diese so sehe
ich Sie noch einmal wieder Die Prinzessin neigte sich mit unbeschreiblicher
Lieblichkeit zu der kranken Freundin und die klaren Blicke schwammen in
Wohlwollen und Liebe als sie nach den ersten gegenseitigen Begrüßungen und den
allgemeinen Höflichkeiten zu denen Rodrichs Vorstellung sie zwang beruhigend
sagte ich finde Sie bei weitem besser als ich es nach den üblen Nachrichten
erwarten durfte Jetzt sehe ich dass alles gut gehen wird wenn sie nur den
Freunden vertrauen wollen Daher komme ich auch Sie zu meinem Pavillon zu
entführen wo es mir so oft gelang eine freudige Vergangenheit zurückzurufen
und bessere Erinnerungen mit Ihnen zu feiern Sie glauben gar nicht fuhr sie
fort wie oft ich jetzt an der Küste unsrer nordischen Winterabende gedachte
wenn die scharfe Meeresluft uns zwang das Zimmer zu hüten und wir Alle nach
Sonnenuntergang in Shawls und Tücher gehüllt um den Kamin saßen Es ist seltsam
wie man die bessere Gegenwart zuweilen gern für entschwundene Freuden hingäbe
Sie wissen wie oft wir mit trüben Blicken auf der erstarrten Natur ruheten und
uns nach der südlichen Herrlichkeit sehnten die uns Persische und Arabische
Märchen und der Mutter lachende Schilderungen kennen gelehrt wie wir dann bei
den ersten Frühlingslüftchen auflebend uns so gern überredeten wenn sich mein
Papagei auf den künstlich gezognen Orangen wiegte wir wandeln in Asiens
blühenden Haynen und gleichwohl streift jetzt ein kalter Ostwind wie ein
sehnender Ruf aus der Ferne an mir vorüber und mitten in der Blütenpracht
freue ich mich der leichten Schauer und der wogenden Nebel die mich im Fluge zu
der alten Heimat tragen Rodrich dachte hier an Florio wie er der Einzige sei
mit dem er in die einsame Kindheit zurückgehen könne und dass ihm dieser Eine
nun so fremd geworden und er nicht einmal wisse wo er ihn aufsuchen solle Er
war noch so bewegt von dem vorigen Gespräch er fühlte es jetzt so lebendig dass
ihm Rosalie nie etwas werden könne und dass er vergeblich suche dieser
herbstlichen Rose den FrühlingsGlanz seiner Liebe zu leihen so dass er gerührt
ausrief Wie glücklich sind Sie Rosalie sich so schöner Stunden mit einer
geliebten Gespielinn zu freuen Und wie ganz anders muss der Mensch die Welt
ansehen dem teilnehmende Freundschaft zur Seite steht Miranda betrachtete ihn
aufmerksam während er sprach In seinem Auge glänzte noch eine Träne und
Schmerz und Sehnsucht umwölkten das blühende Gesicht Es ist nur gut sagte sie
lächelnd dass es Niemand gibt zu dem nicht irgend ein verwandter Laut dränge
und die öde Brust mit Freude erfüllte Was sind vorüberrauschende Klänge
erwiderte Rodrich gegen die innere begleitende Musik des Lebens Die vollen
Accorde dünken uns nur schöner sagte Miranda je leiser sie verhallen und dem
unbefriedigten Herzen neue Genüsse verheißen Lassen Sie uns nicht so ängstlich
mit dem Schicksal über jede einzelne Unterbrechung rechten da es nur von uns
abhängt den Ton da wieder aufzunehmen wo wir ihn sinken ließ Das hinge von
uns ab fragte Rosalie Ach man sieht wohl wie der Himmel seinen Liebling jedes
dauernden Schmerzes überhob und aus der augenblicklichen Störung neue Blüten
erwachsen ließ Das ist wohl überall dasselbe sagte die Prinzessin nur glaubt
man oft ein trockenes Reis in den Händen zu halten wenn uns die sprossenden
Keime schon mit verhüllten Augen anlächeln Doch lassen Sie uns nicht über Lust
und Schmerz streiten Niemand glaubt dem Andern bis er selbst sieht Darum
möchte ich Sie so gern der Einsamkeit entreißen und in mein kleines Paradies
hinüberziehn wo die Blumen so lustig im Sonnenglanze spielen und alle Sorgen
vor der heitern Stille weichen Ihre Freunde suchen Sie dort auf und Sie genesen
in unsrer Aller Liebe Miranda umarmte sie hier und versprach den folgenden
Morgen wiederzukommen da sie jetzt zurückkehren müsse weil der Herzog sie bei
ihrer Mutter erwarte Im Weggehen sagte sie zu Rodrich und der Gräfin die sie
begleiteten es ist wohl eigentlich wenig für Rosalien zu hoffen sie betrachtet
alles in einem ganz eignen trüben Licht und so bald man ihr ein andres
aufdringen wollte würde sie in dem Streite untergehen Einzelne Blicke dürfen
nur an ihr vorüberfliegen die sie noch mehr reitzen und dem Schmerze Nahrung
geben Denn für Gemüter wie das ihrige wäre es ganz eigentlich der Tod wenn
sie je aufhören könnten zu trauren Daher muss man nur auf seiner Hut sein sich
in ihrer Nähe selbst zu behaupten und weder etwas erzwingen zu wollen noch sie
durch zu große Nachgiebigkeit zu erschöpfen Haben diese Wunden einmal
ausgeblutet so wird sich das innere Gift zerstörend gegen sie selbst wenden Es
ist sehr leicht setzte sie hinzu einen Unglücklichen zu verletzen und nicht
selten weckt das eifrigste Bemühen gehässige bittere Gefühle Sie sagte das so
anspruchslos so frei aus der innersten Seele heraus die zärtlichste Rührung
leuchtete dabei in ihren Augen so dass man deutlich sah wie angeborene Klarheit
sie über jede Verwirrung hinaus hob Rodrich fühlte sich stiller seit er sie
gesehen und tadelte selbst die Ungenügsamkeit die ihn zu törichten Wünschen
verleite Beschämt gestand er dass er sich selbst ungetreu die lang genährte
Störung öffentlich zur Schau getragen und das freundlichste Wohlwollen dadurch
von sich entfernt habe Seine anmassende Foderungen gemahnten ihn selbst
lächerlich und er konnte nicht begreifen wie ihm jener klare Blick über die
verschiedene Gestaltung des Glückes so lange fremd geblieben war So erschien ihm
nun alles weit anders und wie den trüben Sinn die eigne Dunkelheit gefangen
hält so erblühet dem heitern ein Licht nach dem andern bis er auf glänzenden
Schwingen die Welt überfliegt und überall nur Lust und Freude sieht Er gefiel
sich so wohl in dieser erhebenden Stimmung dass er sich recht angestrengt
bemühete jeden ängstigenden Ruf aus dem Innern zu überschreien und vor den
eignen Gespenstern zu fliehen Stephano fand ihn in diesem Lichtmeere
schwimmend und als er die Veranlassung erfuhr beredete er ihn sich bei der
Prinzessin Terese vorstellen zu lassen wodurch es ihm allein möglich sei
Rosalien öfter zu sehen und jene interessante Bekanntschaft fortzusetzen Er
willigte ein und betrat schon am folgenden Tage das leichte fast feenartige
Sommerhaus Eine Reihe weißer Marmorsäulen die es umgab trug ein reich
vergoldetes Dach Alle Zimmer stießen auf diese äußere Halle und zeigten durch
die geöffneten mit bunten Vorhängen gezierten Türen die Pracht der innern
Einrichtung Durch sie gelangte man zu einem Saale der den Mittelpunkt des
Gebäudes ausmachte und durch eine vielfarbige Glaskuppel die Beleuchtung
erhielt Nischen mit hohen Spiegeln versehen fingen die bunten Lichtstrahlen
auf und verbreiteten sie auf rosige Marmorwände und silberstoffne Polster Alles
wogte hier im blendendsten Glanz Er glaubte von verklärten Gestalten umgeben zu
sein als ihm die Prinzessin mit ihren Töchtern entgegen trat Doch bald zeigte
ihm Elwire die sich mit einer ihrer Damen verstohlne Zeichen bei seinem
Eintritte gab dass er wirkliche Gebilde vor sich habe Terese hatte von ihm
gehört und es war auf ihr Geheiß dass ihn Stephano hier einführte Sie redete
ihn sehr verbindlich an in ihrem Ton und Wesen lag eine unendliche Milde und
oft ruheten ihre Blicke wehmütig auf den seinen Indessen suchte sie
beunruhigende Gedanken durch allgemein herbeigeführte Gespräche zu entfernen
Miranda sagte ihm dass sie Rosalien vergebens erwartet habe deren wechselndes
Befinden sie unendlich beunruhige je weniger sie selbst davon ergriffen
scheine Elwire die während dessen unter vielem Lachen Stephanos Anzug
gemustert und oft ziemlich laut nach Alexis und dem Vorgange auf dem
Waldschlosse gefragt hatte sagte jetzt unverholen wie sie es nicht begreife
dass gerade Rosalie die treue Liebe des zierlichen Ritters so hartnäckig von sich
weise da sie in ihrer Lage wohl schwerlich auf einen ergebenern Anbeter rechnen
dürfe Man sieht aber setzte sie hinzu dass Kränklichkeit sie verstimmt und
das hat der gute Ritter auch wohl eingesehen und sich geschickt zurückgezogen
Stephano ließ sie gern reden und freute sich jedesmal über die Sicherheit mit
der sie ein falsches Urteil hinstellte ohne zu ahnen dass sie gleich von
irrigen Meinungen ausginge und dass sie selbst diesen Meinungen keine
sonderliche Aufmerksamkeit leihe Allein Rodrich den die gemeine Ansicht
verletzte wagte es ohnerachtet der geringen Bekanntschaft die Freunde in
Schutz zu nehmen und sprach mit Wärme über die Heiligkeit einer
unerschütterlichen Liebe die man wohl nie wahrer als in einer weiblichen Brust
antreffe Ach sagte er und was ist dem Menschen natürlicher als das
wegzudrängen was ihm das einzige Glück des Lebens eine seelige Erinnerung
trübt Ja erwiderte Elwire den Kopf schüttelnd da hat nun ein Jeder seine Art
zu sehen Ich für mein Teil fuhr sie ohne weitern Zusammenhang mit dem
Vorhergehenden fort ich habe den Ritter freilich oft sehr ermüdend gefunden
wenn er so in der grauen Vorwelt schwebte und die farblosen Gestalten an mir
vorüberziehen ließ während alles im frischesten Glanze um und neben mir lebte
und atmete Einmal wollte er mir auf einem Ball ein Märchen erzählen aber ich
versicherte ihm dass Märchen seit meiner Kindheit eine narkotische Kraft für
mich hätten und ich Gefahr liefe den Ball und alle ihm versprochene Tänze zu
verschlafen Alexis sagte Miranda setzt wie alle sehr lebendige Gemüter
voraus dass man nichts verschmähe was den eigentlichen Gesichtskreis erweitern
könne In dieser Voraussetzung spricht er ganz unbesorgt ob sich auch jedem die
Bedeutung seiner Worte aufschließen werde Und er hat im Allgemeinen nicht ganz
Unrecht wenn er auch im Einzelnen oft fehl greift Es kommt doch wohl einmal
eine Stunde wo sich die harte Schaale löst und der eigentliche Kern sichtbar
wird Wie schön dir der Schleier steht sagte Elwire und ordnete die länglichen
Perlen die zwischen braune Locken auf Mirandas Stirn fielen Terese blickte
lächelnd auf sie hin und schien sich der zierlichen Ungezogenheit zu freuen
Rodrich verstand nicht wie sie nur die leeren Worte ertragen könne Überall
fühlte er bald dass die Prinzessin aus Furcht die gesellige Freiheit
einzuengen oder irgend eine Störung zu veranlassen dem Gespräch keine
eigentliche Haltung wie dem herrschenden Tone keine Einheit gab und man sich in
dieser Schrankenlosigkeit sehr beschränkt gefühlt haben würde wenn Miranda
nicht alles an sich gezogen und den schwankenden Strebungen eine gemeinsame
Richtung gegeben hätte Sie schwebte wirklich wie ein Genius über dem Ganzen
und wusste auch den leersten Köpfen irgend ein gutes Wort abzulocken wie sie
überall einen seltenen Blick für das Bessere im Menschen hatte und dem Lichte
gleich das verborgene Gold heraufbeschwor weshalb ihr alle Herzen
entgegenflogen und der Gedrückte Tiefgebeugte in ihrer Nähe freier atmete
Stephano hing mit Entzücken an der edlen Gestalt und Rodrich sah recht wie
diese Liebe ihn über sich selbst erheben mit Verleugnung seiner widerstrebenden
Natur dahin zog wo Miranda frei in sich fest unbefangen da stand Sie
begegnete ihm wie einem lieben lang geehrten Freunde der überall als ein Glied
der Familie angesehen durch eine ehrende Vertraulichkeit ausgezeichnet ward
und als späterhin der Herzog kam und der Kreis immer größer ward sah Rodrich
mit steigender Bangigkeit mit welchen verheissenden Blicken sein Freund von den
meisten betrachtet ward ja wie selbst Miranda ein flüchtiges Erröten nicht
bergend den vielsagenden Gruß des Herzogs empfing und unruhig auf Stephano
blickte
Unter den vielfachen Gestalten die Theresens Rückkehr aus dem Bade für
diesen Abend herbeiführte zeichnete sich eine der hervorleuchtendsten
Physiognomien aus die Rodrich jemals sah Viormona Nichte der verstorbenen
Herzoginn hatte sich nach dem Tode ihrer Verwandten in den dunklen Privatstand
verloren und nur mit Mühe die Hand eines edlen Fremden angenommen um durch den
Glanz äußerer Umgebungen die Hoheit der Geburt zu behaupten Aller Stolz und
alle Bitterkeit zurückgedrängter Herrschsucht lag in den hohen Mienen und den
glühenden Augen die wie Feuerkreise über die Erde schweiften und alles zu
entzünden droheten Das seltsam geringelte Haar der reiche Faltenwurf langer
weißer Gewänder der blendende Glanz ihrer Haut alles gab ihr ein ganz eigenes
plastisches Ansehen so dass sich Rodrich wie vor einer Juno neigte und die
Flammenblicke kaum zu ertragen vermochte Miranda war ihr mit der feinen
Höflichkeit entgegen getreten wodurch eine edle Natur sich der andern
gleichstellt ohne Herablassung oder ängstliches Zuvorkommen zu verraten Und
sie schien in diesen heitren Sonnenblicken sich selbst und ihr beschränktes
Dasein zu vergessen als Elwire mit gutmütiger Redseligkeit von den Badefreuden
erzählte und ein Hirtenfest beschrieb bei welchem Miranda auf einen Rosentron
erhoben von einer jubelnden Menge als Herrscherinn begrüßt worden sei
Viormonas Herz bebte bei dieser Hindeutung auf die Zukunft Die gewaltsamen
Regungen pressten ihr eine Träne aus die brennend in Rodrichs Seele fiel der
nach einigen flüchtigen Erkundigungen von ihren frühern Verhältnissen
unterrichtet die Schmerzen so bitterer Demütigung teilte Ein Thron schien ihm
das höchste Ziel menschlicher Strebungen Hier allein könne sich die innere
Unabhängigkeit dartun und im Glanze eigener Klarheit die enge Sorge des Lebens
lösen und die bedrängte Menschenbrust zu höheren Genüssen erschließen Wie konnte
nur ein edler Sinn die Schmach dulden scheu in den Vorhallen zu weilen
indessen eine fremde Hand im innern Heiligtum wühlte Sein Widerwille gegen
den Herzog wuchs in jedem Augenblick er vermied es ängstlich seinen forschenden
Blicken zu begegnen die sich unwillkürlich auf ihn zu richten schienen Alles
bis auf den Ton seiner Stimme jedes unbedeutende Wort war ihm an dem verhassten
Gegenstand zuwider Selbst als er sich der Schwester nahete und ihr die Ankunft
des Kardinals ankündigte zu dessen Empfang er recht glänzende Feste ersinne um
dem entfernten Verwandten die weite Reise vergessen zu machen fühlte sich
Rodrich unangenehm von dem ergriffen was alle Andre mit frohen Hoffnungen
erfüllte Sein Auge traf Viormona und es war als sei ihr Inneres in dem
flüchtigen Blick zusammengefallen Auch sie erfreueten die versprochnen Feste
nicht weil ihr die Veranlassung zuwider war und der Unmut in Rodrichs Mienen
schien ein stilles Einverständnis ihrer Gedanken zu sein Als sich daher die
Gesellschaft in die verschiedenen Gemächer und den Garten verteilte nahete sie
sich dem ungekannten Freunde und wusste geschickt die Vergangenheit
herbeizuführen wo man Feste andrer Art hier gekannt und ein freier
harmonischer Geist alle Herzen zu gleicher Freude gestimmt habe Die Schönheit
sagte Rodrich führte das goldene Zeitalter herauf aber das eiserne behauptet
seine Rechte in der verwirrten Menschenwelt und nur der Donner des Geschützes
teilt die Nebel des verfinsterten Horizontes Er hatte diese Worte ohne
sonderlich auf sie zu achten herausgestossen allein Viormona fasste sie begierig
auf und drückte nur noch mehr vergiftete Pfeile in sein offenes Herz Wüssten
Sie könnten Sie wissen sagte sie lebhaft wie alles zusammenfiel seit die
Sonne diesem Lande unterging wie sich die lockern Verhältnisse lösten und ein
Band nach dem Andern zerriss wie täglich tausend Dolche in den tödtenden Blicken
seiner Untertanen auf den Herzog gerichtet sind wie man die rücksichtslose
Heiterkeit des Grafen Mirandas versteckten Stolz und des Bastards Anmassungen
verachtet Sie hätten Ihre Dienste dem Volke und nicht dem Fürsten angetragen
Rodrich war im Begriff ihre Hand zu fassen und einen verräterischen Bund zu
schließen als Stephano nahete und ihn eilends fortzog Um alles in der Welt
sagte er als sie sich in einen Seitengang verloren was haben Sie mit dieser
Frau Sie ist die unversöhnlichste Feindin der herzoglichen Familie und ihre
Nähe jedem Anhänger derselben gefährlich So erwiderte Rodrich gespannt
dem Einen dünkt oft gefährlich was für tausend Andre heilbringend wäre Sie
waren bei diesen Worten zu einem freien Platz gelangt wo Miranda neben einem
Springbrunnen stand und dem Spiel der zerrinnenden Tropfen gedankenvoll zusah
Als sie beide wahrnahm heftete sie einen wehmütigen Blick auf Rodrich und
verschwand ins Gebüsch Als wenn plötzlich alle Fesseln der gepressten Brust
zersprängen so löste sich hier Rodrichs Schmerz in Tränenströme auf Er fiel
dem betroffnen Stephano in die Arme und sagte weich und ermattet ach leite
mich auf dem unsicheren Wege ich fürchte ich werde der Gewalt des Schicksals
erliegen oder die wunderbar verschlungnen Knoten eigenmächtig zerreißen Komm
nur sagte dieser gerührt wir wollen mit einander reden Freie Mitteilung soll
die Verwirrung lösen Das wild ausströmende Gefühl erhält im Gespräch wie im
Leben Maß und Ordnung Es ist wohl töricht dass man die vertrauenden
Ergiessungen so lange zurückdrängt bis sie der Augenblick herbeiführt Aber komm
nur es ist noch nicht zu spät Sie gingen schweigend zur Stadt und als sie an
die Brücke kamen wo jetzt wie an jenem ersten Abend viel lustige Wandrer mit
Rodrich den gleichen Weg gingen während die Lebenswege wohl scharf von einander
geschieden waren fiel es diesem auf wie die vorgezeichnete Richtung unzählige
gedankenlos zu dem gleichen Ziele triebe ohne dass Einer den Mut habe die
Gränze zu überspringen und die wogende Flut zu durchziehen Man tut den
Menschen Unrecht sagte er wenn man ihnen freche Willkür und Liebe zu dem
Ungebundnen Schrankenlosen vorwirft Sie sind in der Regel nur zu fügsam und
die hergebrachte Weise oder eine gefürchtete Rücksicht umstricken nicht selten
die lebendigsten Regungen Wie kommst du darauf fragte Stephano Ich weiß nicht
die Brücke erwiderte jener zerstreut Wolltest du sie hinter dir abbrechen
fiel Stephano ein Glaube nur dir entstände bei jedem Schritt eine neue Und es
ist wohl gut dass man so gar nicht von der Welt loskommt und der holde Leib uns
mit Liebesarmen umfängt bis wir uns in den weichen Schlingen gefallen und
leicht und lustig darin bewegen Dann sinkt die Hülle und die befreieten
Schwingen tragen uns zu unendlichen Fernen Aber bis dahin fragte Rodrich
Bis dahin sagte der mutige Krieger ringen und kämpfen wir getrost und die
zusammengestürzten Wünsche und Hoffnungen werden uns ein Fels auf dem wir
mitten im Sturme feststehen und die unverletzte Brust neuen Kämpfen hingeben
Ach ich sehe wohl fuhr er fort die Worte dieser Eris sind tiefer in dein Herz
gedrungen als ich glaubte Und was konnte sie dir gleichwohl entdecken was dir
nicht früher bekannt war Die innern Spaltungen konnten dir nicht fremd sein
Was ist es denn das dich plötzlich so erschüttert und zwischen früher gefassten
Neigungen und abgedrungenem Mitleid hin und her wirft Rodrich fühlte dass er
um dem Freunde verständlich zu sein dunklen halbverkannten Ahnungen Worte
leihen die eigne Schwäche offenbaren und selbst dann noch eine Saite berühren
müsse deren Missklang ihn vielleicht auf immer von Stephano entfernen konnte
Noch hatte er nie des Herzogs in seiner Gegenwart gedacht und es schien ihm
unzart den unbezwinglichen Widerwillen gegen ihn laut werden zu lassen der ihn
vom ersten Augenblick ängstete Alle diese Rücksichten traten kalt und fremd
zwischen die hervorbrechenden Flammen herzlichen Vertrauens und verschlossen
ihn für alles wodurch ihn Stephano zu gewinnen meinte Du schweigst sagte
dieser vielleicht hat dich die hohe Schönheit deiner neuen Gönnerinn bestochen
und ein unbewahrtes Herz widersteht solchem Zauber wohl nicht leicht Zwar
begreife ich kaum wie sie neben Miranda gefährlich sein könne Rodrich glaubte
hier eine Schlinge zu sehen um sein verborgnes Gefühl aufzudecken und sagte
gleichgültig warum wollen wir Vergleiche anstellen Ich hörte ja eher von dir
dass jedes in sich schön sei und man das Urteil nicht durch Verrückung des
Standpunktes verwirren müsse Du hast Recht erwiderte Stephano eine
Vergleichung ist hier so unmöglich wie ein Verein dieser Gemüter Ich glaubte
dich nur für das ganz Entgegengesetzte nicht so empfänglich Das ändert freilich
viel Unser Interesse ist geteilt und du wirst mich so wenig verstehen wollen
als ich dir verständlich sein kann Nimm es nicht so ernstlich sagte Rodrich
einlenkend aber gestehe mir dass ihr Schicksal hart ist und nichts den
menschlichen Stolz so empört als die Verletzung angeborner Rechte Wer kann
erwiderte Rodrich im steten Wechsel des Lebens das Fliehende aufhalten wollen
Und wie darf der Einzelne mit dem Schicksal rechten da seit Jahrtausenden das
ewige Spiel wiederkehrt und der verschollne Name ganzer Geschlechter deren
ehemalige Größe mit dem Staub ihrer Gräber verwehete in die spurlose
Vergangenheit sinkt Flüchte nicht so zu dem Allgemeinen sagte Rodrich wenn
das Leiden beschränkter Gegenwart uns nahe tritt Dieser Blick darf den Menschen
wohl über sich selbst erheben aber die lebendige Teilnahme soll er nicht
ersticken Was nennst du so fragte Stephano Wo das scheinbare Übel Segen
bereitet da kann ich die augenblicklichen Schmerzen lindern die fortlaufende
Kette der Begebenheiten aber niemals eines einzelnen Vorteils wegen zerreißen
wollen Jedes Übel entgegnete Rodrich ist von deinem Standpunkt aus
scheinbar und darf das kurzsichtige Menschenauge bestimmen wie nahe oder fern
das erwartete Ziel sei Ist es nicht frech so zermalmend hinzutreten und der
weinenden Menge neue Blüten aus den zusammengestürzten Trümmern zu verheißen
Wie warm du die Rechte der Menschheit vertrittst sagte Stephano seit ein
schönes Auge beredt in das deine sah Aber vergiss nicht dass du kurz zuvor über
dumpfes Hingeben Beschränktheit des Willens und Armut kräftiger Gedanken
klagtest dass dir die hergebrachte Weise erdrückend schien und dass dein
Urteil durch individuelle Beziehungen bestochen einseitig ausfällt Und
kannst du die alte Ordnung herstellen ohne die neue zu zertreten Und welches
blutige Zeichen müsstest du über ein Land aushängen das dich gastlich aufnahm
das Mirandas milder Sinn beherrschen wird Ist Miranda gewisse Erbin des
Reichs fragte Rodrich schnell Nicht ohne Widerstand sagte Stephano aber ich
habe auf dich wie auf die Bessern gerechnet und ich gelobe es fest diesem
hohen Ziele mein lebendigstes Streben ohne irgend eine anderweitige Rücksicht
zu weihen Rodrich bewunderte wie Stephano sich selbst täuschend die
Herzensschwäche hinter Vaterlandsliebe verberge Indessen konnte er nicht
leugnen dass er sich ihm wahr zeigen wolle und er schwankte ob er diese
Offenheit nicht durch die freieste Hingebung vergelten und jedes Missverständnis
lösen müsse als eine Botschaft des Grafen ihn eilends dahin abrief
Er hatte dem edlen Beschützer lange nur die gewohnte Achtung gezeigt zu
welcher sein äußeres Verhältnis ihn zwang ohne ihm die dankbare Liebe zu
beweisen die in den ersten Augenblicken sein Herz erfüllte Er schämte sich
jetzt vor ihm zu erscheinen und trat mit einiger Verlegenheit in dasselbe
Zimmer wo er das Schwert und die heilige Weihe seines Standes empfing Der Graf
trat ihm wie damals heiter entgegen und sagte nach den ersten Begrüßungen
junger Freund Sie wissen ich lasse jeden seinen Weg gehen ohne dass es mir
selbst bei denen die mir näher sind einfiele das Schicksal spielen und ihnen
eine eigenmächtige Richtung geben zu wollen indessen glaube ich ohne Anmassung
sagen zu können dass mir der Ihrige nicht gefällt Der innere Missmut leitet sie
abwärts mit halbem Herzen tut man auch nur das Halbe und der Soldat braucht
mehr als ein Anderer frischen Lebensmut um sich selbst anzugehören Das
Gewöhnliche darf ihn nicht ermüden weil es zu dem Ausserordentlichen führt und
wo die rechte Lust und Heiterkeit nicht obenauf schwimmen da wird der Bodensatz
des Gemeinen die schwerfällige Kraft bald erdrücken Auch im Kriege ist es nicht
viel anders Das Seltene und Große läuft einem auch hier nicht bei jedem Schritt
entgegen und muss man sich oft durch langweiliges mühseliges Harren
hinschleppen ehe der erste Augenblick eintritt Freilich setzte er beruhigend
hinzu als Rodrich beschämt zur Erde sah freilich bedarf der Eine einen größeren
Wirkungskreis als der Andere und so wird Sie die nahe Aussicht des Krieges
freuen Des Krieges fragte Rodrich aus allen drückenden Gefühlen plötzlich
emporgerissen O mein edler Wohltäter Sie sollen mich noch freudig in Ihre
Arme schließen und es nicht bereuen den Jüngling großmütig beschützt zu
haben der alle Glut eines lebendigen Lebens der Ehre und der Dankbarkeit
weihete Wann und wohin ziehen wir fragte er mit verlangenden Blicken So weit
sind wir noch nicht erwiderte der Graf lächelnd Es ist nur von der Aussicht
nicht von der Gewissheit des Krieges die Rede eine größere Macht bedroht die
Selbstständigkeit des Staats der Herzog kennt die Würde seines Namens und ehrt
sein Volk Er ist zu jedem Widerstande bereit Wir erwarten nur das Ende einer
Unterhandlung deren Zweck abzusehen ist um dem Feinde entgegen zu gehen Die
Grenzregimenter haben bereits geheime Ordre sich marschfertig zu halten und ich
werde Sie mit Aufträgen zu einem unsrer Generale schicken der bei der jetzigen
Lage der Dinge einen bedeutenden Posten hat Er ist mein Freund und seine
Bekanntschaft mag Ihnen einmal erspriesslich sein wenn im Laufe der Dinge sich
manches ändert und meine Hand Sie nicht mehr schützen kann Rodrich ergriff die
teure Hand und drückte sie gerührt an die Brust Mein Sohn sagte der Graf ich
hoffe du bist meines Vertrauens wert und meine zärtliche Vorliebe soll mich
nicht getäuscht haben Zügle dein strebend Gemüt und bewache dich in dunklen
Augenblicken Das Grösseste bist du fähig zu leisten aber das Kleine geht
unbeachtet an dir vorüber und darum hüte dich vor der steilen Höhe der du so
kühn ja ich möchte sagen so frech entgegen fliegst Die mitgeteilte Nachricht
sollte dich aus deiner dumpfen Gleichgültigkeit aufschrecken du bist aber so
gespannt dass ich vor meinem Geheimnisse fürchte Darum sammle dich und reise
morgen in aller Frühe Heute Abend erhältst du die nötigen Instruktionen Die
Reise soll dir denke ich in jeder Art gut sein Ach mein Vater sagte
Rodrich wie demütigt mich diese Güte und wie zerrinnen meine hochfliegenden
Plane vor dieser ruhigen Klarheit und der Sicherheit eines so schuldlosen
Gemütes Ich bin wohl recht unglücklich dass mein Gefühl so oft in mich
zurückgedrängt ward und der starre Trotz die mildesten Regungen gefangen nahm
Mir ist davon in manchen Stunden eine Kälte geblieben die mich oft selbst
geschreckt und die nur solcher Liebe weicht Der Graf umarmte ihn und bat ihn
zu Rosalien zu gehen die gern von Miranda und der Gesellschaft diesen Abend
hören wollte
Er fand sie äußerst matt durch Erschöpfung entstellt neben der Gräfin
sitzen die bemüht war aus verschiedenen vor ihr liegenden Büchern eine
leichte fast spielende Unterhaltung aufzufinden Mit großer Geduld nahm sie ein
Heft nach dem andern zur Hand wenn Rosaliens unruhige Blicke die innere
Langeweile verkündigten und lächelnd wie der Genius des Lebens verhieß sie
ihr von jedem Neuen Genuss Das ist noch mein größtes Elend sagte die Kranke
bei Rodrichs Eintritt dass ich zu dem Geist und Herzertödtendsten meine
Zuflucht nehmen muss um die innere Angst los zu werden So lange ich den Schmerz
liebte war ich eine seelige Martyrerinn Jetzt ist das weit anders Eine rechte
Sehnsucht nach dem freudigen Leben der Jugend drängt und quält mich Ich möchte
die Fesseln eignen Unvermögens zersprengen und mich der Lust der Welt hingeben
Die Briefe ach die unglückseeligen Briefe haben mich so verwirrt Seitdem
führen mich alle Träume in jenen Zauberkreis zurück und mir ist als müsse ich
das Fliehende erjagen Seraphine glaubte wirklich in diesem unstäten Verlangen
die ersten Regungen rückkehrender Lebenslust zu entdecken und freute sich
Rodrichs Ankunft dessen frühere Neigung ihr wie dem Grafen frohe Hoffnung
einflößte Aber in Rodrichs Innerem wogten die aufgefassten Bilder unruhig
durcheinander und die verworrenen Anklänge hemmten jedes stille
Ineinanderfliessen der Gefühle Jetzt insbesondere da sich die helleste Ferne
vor ihm auftat und alle ängstigenden Rücksichten vor einem freien beweglichen
Leben schwanden jetzt fühlte er sich in der Nähe dieser gestörten Natur
gedrückt und die Zuckungen ohnmächtigen Schmerzes legten sich erkältend an sein
Herz So kam es denn dass er ohne sonderlich auf Rosaliens Worte zu achten
einzig um quälende Gedanken zu verscheuchen von Theresens Bekanntschaft ihren
Umgebungen und dem Eindruck des Ganzen sprach Seraphine stimmte seinem Lobe
bei und setzte hinzu dass ihr nichts so auffallend gewesen sei als wie die
Prinzessin bei der fast verschwindenden Weichheit ihres Charakters ihrer
kleinen Zauberwelt diese Haltung und Einheit gegeben habe Freilich sagte sie
spricht alles die zarteste Milde aus aber auch diese hat ihren bestimmten
Charakter und man vermisst in ihrem ruhigen Schein den Mangel an großen
Gegenständen nicht da das Ganze weder farblos noch peinlich ist und in sich
einen großen Reichtum hat Es ist kaum zu begreifen wie sie hier so sicher
geht da sie oft im Leben durch zu zärtliches Nachgeben ein Ansehen von
Willenlosigkeit erhält das Mancher missbraucht Vor allen sagte Rodrich ist
mir diese Nachsicht bei Elwiren auffallend gewesen deren flache Unterhaltung
sie nicht einmal zu ermüden schien Nun Elwiren nehme ich in Schutz sagte die
Gräfin das ist ein zierliches Wiesenblümchen das an seinem Platz unendlich
reitzend sein würde Sie hat nur das Schicksal anzuklagen welches sie in diese
Kreise versetzte Ein Anflug halber Bildung wie der Wunsch neben Miranda nicht
ganz zu verschwinden heben sie zuweilen über sich selbst hinaus Sonst ist sie
die Güte die Sanftmut selbst und die ganz eigne Liebenswürdigkeit ihres
wohlwollenden Gemütes bricht frei hervor sobald der Wunsch zu glänzen nicht
mit der innern Unzulänglichkeit kämpft Es ist überall schwer den Punkt
anzugeben wo man eigentlich steht vorzüglich denen die nicht zu den höheren
Stufen gehören Und was ist denn am Ende hoch und niedrig wir sind mit dieser
Rangordnung sehr schnell bei der Hand indem wir uns selbst unbedingt auf die
Spitze stellen Rodrich war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt um irgend
einen Gedanken fest ins Auge zu fassen am wenigsten um ihn ruhig zu
bestreiten nur schien ihm Seraphine mehr wohlwollend als zärtlich und ihr
Urteil eher durch friedliche Gesinnungen als durch klare Einsicht bestimmt zu
sein Schon in frühern Streiten mit Alexis erkannte er diese behagliche Ruhe
die sich so gern mit allen befreunden und die scharfe Ecke aus dem Leben
verbannen möchte Es fehlte ihr keineswegs an Besonnenheit aber sie drängte das
Störende hinweg und hasste nichts so sehr als die schwerfälligen Gemüter
welche bei jeder Mangelhaftigkeit stehen bleiben und für welche die Sonne nur
scheint wenn sich kein Wölkchen am Himmel blicken lässt Es fiel ihr sehr selten
oder nie ein sich in den innern Zusammenhang der Dinge zu versenken und die
Bedeutung eines Übels aufzusuchen sondern sie eilte leicht darüber hinweg und
Wenige standen vielleicht so fest in der Gefahr Er hatte dies wohl eher im
nähern Umgange erkannt und sich willig dem reitzenden Leichtsinn hingegeben So
ließ er es denn auch jetzt geschehen dass sie seine Meinung bestritt während er
selbst ungewiss war ob er nicht vielleicht wirklich zu hohe Anforderungen im
Leben mache und zu wenig auf die verschiedene Natur und das seltsame Gemisch
menschlicher Gefühle achte Erwägen Sie noch fuhr die Gräfin fort dass die
Augenblicke so ungleich sind und dass es Zeiten gibt in welchen der Erhabenste
recht jämmerlich dasteht so wird im Ganzen Ihre Bewunderung weniger gespannt
und Ihr Tadel milder sein Rodrich ergriff diesen Gedanken begierig Er hatte
sich dem Grafen gegenüber beschämt gefühlt und es vermieden tiefer in sich
selbst zurückzugehen Die wechselnden Eindrücke dieser Tage hatten ihn zu den
leidenschaftlichsten Ausbrüchen hingerissen Er erkannte sich selbst nicht mehr
in der unstäten Sehnsucht dem Abstossen und Hinneigen seines Herzens und
flüchtete gern zu der allgemeinen Gebrechlichkeit um die eigne Schwäche zu
entschuldigen So blickte er beruhigt in Seraphinens Augen die ganz unbefangen
alle Vorgefühle höheren Strebens das kindliche Anstaunen wie die erhebende
Bewunderung einzelner großer Erscheinungen in Anspruch nahm um das
Gleichgewicht Leben im herzustellen
Rosalie die während dessen ermattet eingeschlafen war lächelte jetzt im
Traume und sagte halblaut sieh Ludoviko wie uns Fernando winkt ach er ist
wieder ein Kind geworden und spielt wie ehemals mit bunten Steinchen die in
seinen Händen Blumen werden um die Braut zu kränzen Siehst du den Stern in
seiner Brust wie er sich hin und her bewegt und die Strahlen sein schönes
Gesicht verklären Sie hatte die Augen geöffnet als sie die letzten Worte
sprach und beide überfiel ein Schauer und sie gedachten der Erscheinung im
Waldschlosse wie sie sich langsam aufrichtend eine Bewegung machte als
flechte sie Blumen durch das Haar Seraphine reichte ihr eilend stärkende
Essenzen und führte sie an ein geöffnetes Fenster wo sie kaum die frische Luft
anwehete als sie tief atmete und sich von einem ängstigenden Traume
loszumachen schien Bald verlangte sie aus dem Zimmer und zu Miranda gebracht
zu werden Die Gräfin machte sogleich die nötigen Anstalten und Rodrich
verließ sie in einem Zustand der ihn aufs neue aus seiner kaum gewonnenen Ruhe
aufschreckte
Am folgenden Morgen trat er mit den Aufträgen des Grafen versehen seine
Reise in aller Frühe an Als er durch die einsamen Straßen ritt wo schon längst
kein Wagen mehr rollte und die laute Freude zu stilleren Genüssen flüchtete
blickte er wehmütig auf die armen Menschen die das drängende Bedürfnis schon
wieder zu dem mühseligen Tagewerk jagte und deren ärmliches Ansehen wunderlich
gegen die Pracht der Gebäude abstach Er fühlte sich leichter als ihn sein Weg
endlich an den Gärten vorüberführte und die wohlhabenden Besitzer den Reichtum
überschauend seinen Morgengruß im behaglichen Wohlsein erwiederten Je weiter
er kam und die blühende Ebene sich vor ihm auftat je freier ward ihm ums
Herz und wie sein Pferd lustig forttrabte und die Morgenluft ihn so
erfrischend anwehete fühlte er sich zu jedem Geschäfte freudig gestimmt Er sah
recht wie er tätig ins Leben eingreifen und die träge Ruhe von sich
verscheuchen müsse
Alles was ihn in dieser Zeit gedrückt alle Fieberschauer die seine
kränkliche Heftigkeit entzündet hatten alles schwand vor dem hellen heitern
Leben der Natur Im freiesten Spiel seiner Kräfte sagte er froh unter steter
Anstrengung muss der Mensch den Genuss des Augenblicks erringen Was sich ihm so
ungesucht aufdringt und während es den Sinnen schmeichelt die lebendigste
Kraft gefangen nimmt das widersteht dem Übersättigten und die innere Lust
erkrankt in trüben Bildern Sich so recht in die wogende Flut zu tauchen zu
wagen und zu wirken die verschlossenen Quellen des Lebens zu eröffnen und im
Fluge das Glück zu erhaschen das zog ihn unwiderstehlich in die Welt das
reizte ihn zum freudigen Kriegerleben Und jetzt erweiterte sich so ungehofft
der beschränkte Kreis seines Wirkens Die ersten Schritte waren getan und er
sah in Gedanken die reiche gehaltvolle Zukunft Was konnte nicht alles
geschehen wenn der rechte Ernst die Herzen entflammte die oft bei einer
flüchtigen Anregung kräftig schlugen Jede bessere Aufwallung seiner Kameraden
kam ihm jetzt ins Gedächtnis Er liebte sie alle seit er hoffen konnte an
ihrer Seite zu fechten und die gleiche Lust und Gefahr mit ihnen zu teilen
Selbst an Stephano konnte er ohne Bangigkeit denken und es reuete ihn fast ihn
diesen Morgen nicht aufgesucht und durch einen freundlichen Abschied den
störenden Eindruck des gestrigen Gesprächs ausgelöscht zu haben So wohlwollend
hatte er noch nie auf die Menschen geblickt die ihm alle in dem erheiterten
Sinn gut und liebreich erschienen
So ritt er durch freudige Bilder fortgezogen immer schneller und
schneller als ihm sein Diener eine schön gebauete Kapelle zeigte die sich
hinter dunklem Gebüsch auf einem Hügel erhob Die Sonne stand in voller Pracht
über der glänzenden Kuppel und die nahe stehenden Silberpappeln zitterten wie
tausend lichte Flämmchen in ihrem Schein Er betrachtete sie noch aufmerksam
als die Messe eingeläutet ward und der helle Klang durch Berge und Klüfte
wiederhallte In dem Augenblick vernahm er auch einen volltönigen Gesang und ein
Trupp geschmückter Landleute ging aus einem nahen Dörfchen den Weg zur Kirche
hinan Vier Knaben mit langen Blütenzweigen und blendend weißen Tüchern die
sie hoch in der Lust flattern ließ eröffneten den Zug in ihrer Mitte ging
eine Jungfrau mit einem neugebohrnen Kinde dessen bunte Deckchen mit Blumen und
Bändern geziert den lustigsten Anblick gewährten Hinter ihnen kamen Männer und
Frauen im schönsten Festtagsputz Kruzifixe und Heiligenbilder tragend die sie
in frommer Andacht zum Himmel erhoben und bei jedem Schluße des Chors ein
freudiges Halleluja aus voller Brust anstimmten Rodrich hatte seit der Flucht
aus dem Kloster nie eine Kirche besucht Jene düstere Erinnerungen verschlossen
sein Herz für die Seligkeit heiliger hingebender Andacht Nur einmal hatte er
die Entzückungen des Gebets erkannt Wie ein himmlisch Licht hatte es seine
Seele durchdrungen hingerissen aufgelöst in Wonne hauchte er sein ganzes Wesen
in einem unaussprechlichen Ton der Liebe aus Was konnte ihm jenen Augenblick
zurückführen der das Ende seines Lebens hätte sein sollen Wie konnten schaale
Gebräuche ihn erheben deren tägliche Wiederholung seine Kindheit so
unbarmherzig trübten Mit wahrer Bitterkeit hatte er sich davon abgewandt und
es sorgfältig vermieden sein Inneres durch so gehässige Gefühle zu zerreißen
Hier in der Einsamkeit rührte ihn der einfache Gesang zum erstenmal und als die
frommen Knaben sich naheten wiederholte er unwillkürlich die Worte des Liedes
bis ihn der Ton immer mehr fortriss und er sich plötzlich am Eingange der
Kapelle befand Er stieg vom Pferde und trat in das weite herrliche Gebäude Ein
schöner Greis mit glänzenden Silberlocken stand vor dem Hochaltar vor welchem
drei weiße Grabsteine eingesenkt waren Auf einem derselben kniete die Mutter
mit dem Kinde das von ihren Lilienarmen umringt hell und verheissend über die
Gräber hinaus sah Rodrich hatte sich dem Altar gegenüber an ein Monument
gelehnt hinter welchem herbeigelaufene Kinder leise Versteck spielten Er
betrachtete jetzt das steinerne Bild näher das ihn halb verdeckte und erkannte
bald den Tod in der Gestalt eines schönen Jünglings dessen umgewandter Fackel
Blumen wie einem Füllhorne entströmten während sich auf den Mohnstengeln Genien
in einem Schlangenreise wiegten Rodrich glaubte dies Denkmal müsse Beziehung
auf die Grabsteine haben und als er dorthin sah war es gerade dass der
Geistliche das Kind aus des Mädchens Arm nahm und es schwebend über den
Weihkessel hielt Die vielfachen Bilder verwirrten sein Inneres Er glaubte die
Gräber hätten sich aufgetan und die Jungfrau träte mit dem Jesuskinde hervor
und reiche der harrenden Zeit noch einmal die ewigen Blüten des Lebens Und als
die Einsetzungsworte gesprochen und Alles andächtig zur Erde sank da kniete er
weinend nieder denn er sah die unaussprechlichen Martern und den Erlöser am
Kreutz ihm war als stehe das Elend und der Hohn und die Schmach schon bereit
ihn zu empfangen ach und die verkannte Liebe brach nun so plötzlich hervor
dass er sich lange nicht fassen konnte als die Knaben schon ihr Lied angestimmt
und die muntere Schaar an ihm vorüberzog Sein Diener den indessen weniger
heilige Dinge beschäftigten ging unruhig mit den Pferden unter den Bäumen auf
und ab und da er die Kirche leer sah und merkte und sein Herr nicht kam so
wagte er es sich zu nahen und den Kopf durch eine Seitentür zu stecken als
die Pferde plötzlich ungewöhnlich stampften und wieherten worauf Rodrich
erschrocken aus seinen Träumen aufsprang und durch ein Versehen den losgehakten
Degen mit großem Geräusch die Stufen des Monuments herunter fallen ließ Der
Kapellan der eben sein stilles Gebet geendet sah verwundert umher und als
sich Rodrich entschuldigend nahete sagte er heiter es geht den Kriegern nicht
anders die einmal fromm sein wollen die Welt ruft sie auf tausend Weisen
zurück und rächt ihr augenblickliches Vergessen durch irgend einen Hohn der
Kirche
Rodrich ließ sich bald in ein weitläuftigeres Gespräch mit ihm ein und
eilte ihn nach der Bedeutung des Denkmals und der Gräber zu fragen Hier sagte
der Geistliche ernst ruhen drei Herzen neben einander die sich im Leben durch
Hass und Liebe verfolgten Es waltet oft ein furchtbares Verhängnis über den
Sterblichen der es erkennt und geängstet in die Arme der Tugend flüchtet aber
die losgelassenen Wünsche ziehen ihn fort und fort ins Verderben Die Erbauerinn
dieser Kapelle fuhr er fort war aus fürstlichem Stamme Ihr leidenschaftlicher
Sinn umfasste alles mit einer Heftigkeit die sich bald in der Neigung zu einem
schönen Knaben offenbarte den ihr Vater im Pallast erziehen ließ Sie war nicht
fest genug diese Liebe auf Kosten des väterlichen Zornes geltend zu machen
daher beugte sie sich in die Notwendigkeit und das lockende Dunkel des
Geheimnisses barg und nährte ihre Flammen Wie denn aber Sicherheit und Gefahr
oft Hand in Hand gehen so nahete sich ihr die letzte ehe sie es ahnte Die
Entdeckung ihrer Liebe ließ ihr die Wahl zwischen dem Kloster oder der Hand
eines vornehmen Verwandten Der heitre Strom ihres Lebens war getrübt ihr Glück
zertrümmert und dennoch schauderte ihr vor der Einsamkeit Sie willigte also
nach den ersten Ausbrüchen des Schmerzes in die vorgeschlagne Verbindung Ihr
Geliebter wandte sich still von dem Schauplatz der seligsten Erinnerungen und
opferte ohne Klage ihrer Ruhe alle gehofften Freuden So verstrichen mehrere
Jahre während denen ihr verwöhntes Herz zwischen Pflicht und unbefriedigter
Sehnsucht schwankte Ein einziges Kind das in der verzehrenden Glut ihrer
Liebe aufwuchs erregte unaufhörlich ihre Sorgen und wenn sie sich einen
Augenblick den seligen Genuss seines Anschauens gewährte so erschrack sie über
die sorglose Ruhe und ahnte irgend ein Unglück das sie zu beschleichen drohe
Ihren Gemahl betrachtete sie wie das gewaltige Schicksal das mit eisernen
Schritten auf ihrem Wege hin und her gehe Daher erschreckte sie sein Anblick
jedesmal und sie erkrankte endlich bei der wachsenden Reitzbarkeit ihrer Sinne
Ihre Familie die das Übel von körperlicher Schwäche herleitete bot jedes
Mittel zu ihrer Herstellung vergeblich auf Ärzte und Heilige scheiterten an
der innern Unzugänglichkeit dieser zerrütteten Natur
Sie ward nach und nach immer stiller und man sah sie nur zuweilen mit ihrem
Kinde im Arme zu einem nahen Kloster wallen wo sie unter eifrigem Gebet oft
mehrere Stunden zubrachte Einst als sie dort in der heftigsten Anstrengung vor
einem Heiligenbilde kniete sank sie ohnmächtig nieder und wie sie die Augen
aufschlug stand ihr Geliebter an ihrer Seite Sie breitete sehnend die Arme
aus allein ihre Frauen durch dies plötzliche Übel erschreckt trugen sie ins
Freie wo sie in der süßesten Verwirrung alles um sich her anstaunte und selbst
nicht zu unterscheiden wusste ob ihr jenes Gesicht im Traume oder wirklich
erschienen sei Von diesem Augenblick an genass sie Die wiederkehrenden Blüten
ihrer Schönheit die Milde und die Weichheit in ihrem Betragen alles täuschte
ihre Freunde über den wahren Zustand ihres Herzens das durch neue Hoffnungen
belebt eine verderbliche Liebe hegte Das Kloster betrat sie nie mehr wohl
aber umfingen sie die dunklen Schatten dieser Bäume jeden Abend in deren
Geflister sie die Vergangenheit hervorrief Einst saß sie hier bis spät in der
Nacht da trat der schöne Jüngling reich geschmückt vor sie hin Schweigend
sanken sie einander in die Arme und keins wagte die entzückende Stille zu
unterbrechen Da stürzte ihr Gemahl aus dem Dickicht und nach einem kurzen
lautlosen Kampfe sanken beide zu Boden Starr und tot lagen sie auf derselben
Stelle die nun ihr Grab geworden Ich fand die Unglückliche ohne Zeichen des
Lebens wie eingewurzelt an einen Baum gelehnt während die kleine Viormona ruhig
zu ihren Füßen schlief Viormona rief Rodrich aus und seine Augen trafen die
Inschrift des Leichensteins die ihm bald sagte dass jene wundervolle Gestalt
die ihn so unwiderstehlich fortriss aus dem bitteren Streit der quälendsten
Gefühle hervorging
Diese lebt in Glanz und Herrlichkeit sagte der Greis und weiß wohl wenig
von den Leiden ihrer Mutter die nur noch ein Jahr lebte in welchem sie die
prächtige Villa niederreissen und diese Kapelle erbauen ließ die nun alle drei
in ihrem Schoss birgt Rodrich konnte sich von dem Anblick der Gräber und der
seltsamen Gedanken nicht losreißen ob ihn gleich der Geistliche durch
Berufsgeschäfte abgehalten bald verließ und die Winke und das halblaute
Flistern seines Dieners ihn zur Fortsetzung der Reise mahnten Alle Schmerzen
alle Kämpfe eines ganzen Lebens sagte er betrübt sinken so schnell in die
Vergessenheit dass sie nur noch bei äußeren Anregungen in dem Gedächtnis eines
verlebten Greises wieder erwachen Was die Unglückliche liebte und litt das
ruht mit dem armen herzen in der Erde Ach und Niemand selbst die verwaiste
Tochter ahnt ihre Qualen Es konnte ihn nicht trösten das nun alles vorüber
und das Leben wohl nur ein langer Traum sei Dies spurlose Vorüberziehen einer
großen Gegenwart war ihm schmerzlich und er konnte lange seine vorige Stimmung
nicht wiederfinden
Als er endlich wieder zu Pferde und auf dem Wege war fragte ihn Felix ob
er nicht lieber bei der großen Hitze in das Dorf einkehren wolle um etwas zu
genießen was ihnen dort nicht fehlen könne weil der Gastwirt wie er von den
Vorüberziehenden erfahren heute das Kindtaufsfest feiere und die allgemeine
Lust sicher groß sein werde
Rodrich sehnte sich wirklich nach Erholung und nahm den Vorschlag an Da
sie nun den schmalen Fußsteig zwischen den Weinbergen hinritten die vollen
Trauben lockend aus dem Laube winkten und die Wirklichkeit sich in tausend
üppigen Gestalten wieder vor seinen Augen verdichtete dachte er daran dass er
fast hier wieder wie so oft im Leben den Genuss des Augenblicks für eine
ungewisse Zukunft hingegeben hätte ohne zu erwägen dass sich die verschmähete
Freude dann gern in der getäuschten Erwartung räche
Er war jetzt in das Dorf eingeritten wo ihm fast aus jedem Hause Gesang und
Musik entgegen schallte Vor einem derselben war das Mädchen aus der Kirche
beschäftigt in einer weit vorgebaueten geräumigen Epheulaube Tische und Stühle
zu ordnen während ein kleiner Mann ihr zur Seite alles verbessernd musterte
und sie zur Eile antrieb Felix sagte mit großer Zuversicht dies sei unfehlbar
der Gasthof und er möchte nur getrost hier absteigen Rodrich trat unter das
grüne Dach und bat das Mädchen welches ihm in der Erinnerung noch so heilig
vorschwebte bescheiden um Milch und Früchte Allein der eilfertige Wirt ließ
ihr nicht Zeit zu antworten er flog den vornehmen Gast zu bedienen Rodrich
setzte sich indessen zwischen den blühenden Ranken und freute sich der lustigen
Geschäftigkeit die Groß und Klein in Bewegung setzte Überall sah man
Vorkehrungen zu dem morgenden Tage während die heutige Feier Geladne und
Ungeladne herbeizog und Alle auf irgend eine Weise daran Teil nahmen Vor einem
gegenüber stehenden Hause wiegten sich zwei zierliche Mädchen mit geschmückten
glänzenden Strohhütchen auf einem schmalen Bret das über einem abgehauenen
Baumstamm lag während sie mit großer Geschicklichkeit Körbe flochten die sie
öfters in die Höhe warfen und indem Eine die Andre hob auf einem Stäbchen
wieder auffingen Ein jedesmal trat dann eine keiffende Alte zur Türe heraus
und verhieß ihnen nicht die freundlichste Hilfe sie aber wiesen die fast
vollendete Arbeit und trieben das Spiel immer aufs neue bis plötzlich ein
feiner Knabe mitten auf das Bret sprang und ihnen die Körbe wegfing Auf ihr
Geschrei kam die Alte gelaufen und Rodrich klopfte wirklich das Herz bei ihrem
Anblick denn er sah alles Unheil was nun entstehen musste Der betretne Knabe
ließ die Körbe sogleich fahren und die Mädchen folgten willig in das Haus wo
sie Rodrichs Blicke lange vergebens suchte bis sie endlich aus einem
Dachfensterchen hervorguckten und den bunten Gasthof verlangend und neugierig
betrachteten Alle ihre Bewegungen drückten die höchste Lebhaftigkeit aus die
keine Unfälle beugen könnte im Gegenteil schien ihre Zuversicht nur zu
wachsen denn sie zeigten einander ihre Arbeit und klopften in die kleinen
Hände voll froher Erwartungen Bald kam auch der Knabe geschlichen und flisterte
ihnen etwas zu was Rodrich indessen nicht verstehen konnte Sie bogen sich aber
heraus und lachten heimlich indem sie ihm die Körbe hinhielten und ihn
unaufhörlich neckten als höchst unerwartet das Gesicht der Alten zwischen den
Cherubsköpfchen hervorsah doch die Körbe waren fertig und sie küssten die
dürren Wangen bis sie ein Strahl ihrer Freude belebte und Alle bald wieder vor
der Türe erschienen Rodrich war durch den kleinen Vorgang so gefesselt worden
dass er es nicht bemerkte wie es nach und nach immer lebendiger um ihn her ward
und Gäste und Reisende um die besetzten Tische Platz nahmen Die Emsigkeit des
Wirtes sein unaufhörliches Rufen »Marie hierher Marie Gläser o eilig
eilig ich wäre schon zehnmal wieder da« machte ihn endlich auf die Anwesenden
aufmerksam und schon zog die Mutter des neugebohrnen Kindes seine Blicke auf
sich Ein langer rötlicher Mantel in welchen sie das Kind eingeschlagen hatte
und der die eine Schulter deckte während er sich in den reichsten Falten um die
Hüften schlang gab ihrer übrigens ländlichen Kleidung etwas vornehmes und
phantastisches wie der leichte Anflug von Kränklichkeit und Erschöpfung über
ihre funkelnden Augen eine zauberische Milde ausgoss So oft sie das geliebte
Kind an die Brust drückte oder sich über dasselbe hin bog flog die schönste
Röte über ihr klares durchsichtiges Antlitz und sie blickte dann freudig auf
Marien die ihr Entzücken teilte während der unruhige Vater mit einem
flüchtigen Kuss und einer ungeschickten Liebkosung an dem zarten Kinde
vorüberflog Rodrich hatte sie lange Zeit mit Bewunderung angestaunt Alle
Madonnen die er je gezeichnet kamen ihm wieder ins Gedächtnis und er sah
recht wie diese Weichheit diese Demut und Zuversicht mütterlicher Liebe dies
reiche Spiel wechselnder Gefühle in den strahlenden Zügen unerreichbar sei als
er zufällig einen Mann erblickte dessen Augen von den aufgestützten Händen
beschattet unverwandt auf die Frau gerichtet waren als wolle er das schöne
Bild rein von allen störenden Umgebungen auffassen Wie einen das Bekannteste
bei unerwarteter Erscheinung oft fremd dünkt so konnte er sich im ersten
Augenblick nicht besinnen wen er vor sich habe doch plötzlich stürzte er voll
Freude in die Arme des betroffnen Mahlers der ihn zweifelhaft ansah und halb
froh halb betrübt sagte so schnell bist du der Kunst untreu geworden Rodrich
war wirklich verlegen was er antworten sollte denn er fühlte wohl dass seine
Gründe wenig Eingang bei dem eifrigen Künstler finden würden als dieser heftig
fortfuhr sieh hieher was kannst du herrlicheres vollbringen als diesen
ewigen Gedanken der Schöpfung diese Mensch gewordne Liebe in dem verklärten
Bilde was hier vor meinen trunknen Sinnen schwebt immer und immer wieder außer
dir hinzustellen und die Kunst in ihm zu verewigen Was kannst du noch anders
wollen und darfst du hoffen bei dem unruhigen Gewerbe das du ergreifst je
das Bleibende zu erfassen Was ist bleibend sagte Rodrich als der Gedanke des
Lebens und spiegelt sich der nicht in dem steten Wechsel wie in der ruhigen
Wirksamkeit des Menschen Mich reißt der Augenblick fort und ich muss mich dem
beweglichen Spiele hingeben oder in der innern Unzufriedenheit vergehen Und zu
was fragte der Mahler soll dies zwecklose Spiel führen Zwecklos wiederholte
Rodrich Nennen Sie so das freieste Ringen und Entfalten der Kräfte das wie
Himmelsklang das Innere durchrauscht und jede trübe Sorge von dem reinen Spiegel
einer mutigen Seele weghaucht Und was als dieses Entzücken wird fortleben
wenn die Zeit auch Ihre blühenden Träume verwischt und die Früchte einer
mühevollen Laufbahn verschwinden
Sie hatten sich gleich beim ersten Erkennen aus der Laube entfernt Rodrich
sprach mit vieler Heftigkeit denn es erbitterte ihn dass seine Freude so
ungeteilt blieb und der Freund nur auf die Verschiedenheit ihrer Wege achtete
Und wiederum konnte sich dieser gar nicht zufrieden geben so die besten
Erwartungen getäuscht und alle Sorge und Fleiß verschwendet zu sehen Er
betrachtete Rodrich mit unwilligen Blicken ohnerachtet dessen freier Anstand
und die edle Haltung dem künstlerischen Auge nicht zuwider sein konnte Tausend
Versuche ihn der Kunst wieder zu gewinnen glitten an der verschlossnen Seele des
gerejetzten Jünglings ab der endlich unwillig ausrief Ich kann nun einmal weder
die Ruhe noch die Freiheit erringen in den abgeschlossnen Bahnen eine Welt aus
mir hervorzurufen die reich und gehaltvoll genug wäre um mein Verlangen zu
stillen und ich will der Natur den Schimpf nicht antun zu glauben als führe
nur ein Weg zur Seligkeit Ich habe es immer gefühlt sagte der Mahler dass dir
die rechte Liebe fehle aber ich glaubte dich nun schon zu vertraut mit der
Kunst um je wieder von ihr lassen zu können Jetzt sehe ich wohl es war der
Ritter und das Schwert was dich an jenem Abend in der Hütte bewegte und nicht
die Freude am Bilde selbst wie ich töricht glaubte Und doch sagte Rodrich
durch jene Erinnerungen erweicht ich kann da nichts trennen und ich wollte
ich hätte diese Einheit dies Zusammenfallen oder Zusammenhalten der Gefühle in
allen Verzweigungen des Lebens bewahren können aber da spaltet und fächert sich
alles so seltsam von einander dass die rechte Lust in tausend Stückchen
zerbröckelt und nichts übrig bleibt als die dürre Überlegung die in
besonnenen Augenblicken das Gerippe zusammenhält
Der Mahler wandte sich verdrießlich von ihm ab und er blieb in dem Andenken
des hervorgerufnen Bildes und der Stunde versenkt die ihn zuerst der Welt
zuführte Alles was er dem gütigen Beschützer verdankte die edlere Bildung
äußeres Wohlsein die jetzigen Verhältnisse alles dies reihete sich unmittelbar
an jene Erinnerungen und es tat ihm leid sich so schroff und stolz gezeigt zu
haben da auch sein jetziger Tadel eine Teilnahme verrate welche die Liebe
für ihn und die Kunst so umfasse dass er sie vielleicht selbst nicht zu trennen
wusste Indessen war es ihm tröstlich dass ihm dieser Streit wieder neue
Anregungen gegeben und ihn klar einsehen lehrte wie nur das bewegliche
flüssige Licht des Geistes durch alle Zeiten fortströme und sich von Geschlecht
zu Geschlecht in den Herzen verjünge während die kleinen Werke der Menschen
zerfallen und ihr unscheinbares Dasein von der Erde verschwindet Und so rief
er ist auch die stille Liebe und Seligkeit der Unglücklichen deren Grab ich
heut betrat nicht gestorben denn alles was nur recht tief im Innern empfunden
wird das ist so gewiss ewig wie das Leben selbst Er sehnte sich mehr als
jemals nach dem Kriege wo die Gegensätze recht scharf hervorspringen und der
Mensch so groß über die Erde hinsieht und sich freudig vergisst in der Ehre und
dem Ruhm der ihn weit überleben soll Unter diesen Gedanken ging er mit raschen
Schritten auf und ab als ganz unerwartet die beiden Mädchen vor ihm standen
die ihn vor wenigen Augenblicken so ergötzten Es waren zwei zarte Röschen
deren nahes Erschliessen sich in den halb jungfräulichen halb kindischen Blicken
und Gebärden offenbarte Die Älteste sah schon recht listig aus dem Strohhütchen
hervor und als sie Rodrich umschlang wehrte sie den Kuss nur leicht ab der den
frischen Mund flüchtig berührte Die kleine Laura erzählte nun alles was sie
auf dem Herzen hatte und wünschte sehnlich die Aufmerksamkeit des schönen
Herrn auf sich zu ziehen Rodrich hörte auch willig zu und ließ sich gern von
dem Syrenenstimmchen in den süßesten Taumel hineinschwatzen Cyane trieb indes
zur Eile da die Musi klängst angefangen hätte und in der Laube schon getanzt
würde Als sie unter das Laubdach traten kam ihnen Marie mit einem Korbe der
schönsten Kränze entgegen die sie überall an den Ranken befestigte und das
bunte Gewinde in der Luft spielen ließ was den lustigsten Anblick gewährte
indes die bewegten Blumen erfrischenden Duft verbreiteten und die zarten Wangen
der Mädchen mit ihrem Glanze färbten Alles war wie berauscht und der Wirt
der es wirklich war lief mit lächerlichen Gebärden umher und indem er den
vollsten Kranz herunterriss und ihn auf die rote Stirn drückte glich er einem
Faun der mit seinen Bocksprüngen die Gesellschaft zum unversiegbaren Gelächter
reizte Rodrich hätte Cyanen die beim Tanzen den Strohhut ablegte des
Gegenstücks wegen die schönsten Blumen zwischen die braunen Locken geflochten
und fühlte als er die Reihen mit ihr hinunterflog nicht ohne Bewegung die
kleine Brust an der seinigen schlagen Die andern Mädchen hatten sich indessen
vertraulich genähert und sahen mit Wohlgefallen in die hellen Blicke des
vornehmen Fremden Der leichte Ton den er sich hier erlauben durfte die
ungezwungene Art des Tanzes die leichtfertigen freien Blicke seiner
Tänzerinnen alles riss ihn fort und er wiegte sich an der Hand einer schlanken
Blondine in lüsterne Träume als seine Augen denen der einsamen Mutter
begegneten die in dem Anschauen ihres Kindes versenkt in einer eignen Welt
lebte und nur zuweilen und flüchtig auf die wogende Flut blickte Er wusste
selbst nicht wie es geschah dass er an Miranda dachte und sich jeder
unheiligen Regung in tiefster Seele schämte Marie die dem Kinde auch ein
Blumenkettchen gewunden hatte kniete vor diesem nieder und schlang den Kranz
um die weißen Küssen Die schöne Frau küsste sie auf die Stirn und Rodrich der
sich genahet hatte hörte dass sie ihr leise zuflisterte bringe doch den Bruder
zur Ruhe die Torheiten ängstigen mich Großer Gott dachte er muss dieser
Himmel gerade von der gemeinsten Rohheit getrübt werden und ist denn nichts
rein in der Welt dass man sich an keinem Gebilde ohne wehmütige Störungen
erfreuen darf Ach es ist wahr das Glück und die Freude spielen nur auf der
Oberfläche des Lebens und wenn man sie fassen will so winken sie uns weit aus
der unerreichbaren Tiefe wo der Mensch schaudert hinabzusteigen Der Mahler
trat jetzt auf ihn zu und fragte spöttisch bist du so schnell mit der
Wirklichkeit zerfallen dass Du mit diesen trübseligen Mienen in die allgemeine
Freude hineinschauest Und dankt Dirs der fliehende Augenblick nicht besser
dem Du dich so gern hingiebst Wer hat ihn fesseln wollen fragte Rodrich
durch die Frage schnell zu sich selbst gebracht Dies Ziehen und Wandeln dieser
ewige Wechsel von Lust und Schmerz ist ja das rechte Leben dessen höchstes Ziel
wohl jedem gleich abwärts steht Dem Künstler nicht erwiderte jener der weiß
den Streit zu lösen und den Augenblick zu verewigen In den reinen Himmel
seiner Phantasie tritt nur das Urbildliche der Welt und die niedre
Mangelhaftigkeit schwindet vor dem ewigen Schönen das seinen Blick verklärt
Wenn ihn dieser Blick nicht durch das ganze Leben begleitet sagte Rodrich so
sind dies auch nur Erhebungen die er überall mit den höheren Menschen gemein
hat und was ist denn der Künstler anders als ein rüstiger Streiter dem die
Siegespalme aus der Ferne winkt Oder ist es nicht ein Streit zu nennen wenn
Gedanke und Tat mit einander ringen und die Schöpfung langsam ans Licht tritt
und oft ganz anders dem schaffenden Geiste fremd da steht und er das eigne
Kind widerstrebend anerkennt Ist es etwa keine Mangelhaftigkeit wenn der
zurückgezogne Blick aus der innern Welt hervortritt und die kleinen Sorgen des
Lebens ihm begegnen den frischen Mut anfallen an ihm nagen und zerren bis er
geängstet in seinen Himmel flüchtet und ihm das nur ein Zufluchtsort bleibt
was eigentlich gar nicht von dem Leben losgerissen sondern Eins mit ihm in der
innern und äußern Verklärung gedacht werden soll Wohl dem erwiderte der
Künstler der sich diesen Zufluchtsort nicht versperrte er ist ihm ein sichrer
Anker auf der tosenden Flut wo die meisten ohne Halt herumirren und
rettungslos untergehen Wer sich so frech dem Kampfe blosstellt und mit
Riesenarmen die ganze Fülle der Natur im bunten Wiederschein ihres wandelnden
Lebens umfassen will dem widersteht alles bis die Hand in der jede Lust
zerbrach dem törichten Herzen Fesseln schmiedet und ihm in der gänzlichen
Hoffnungslosigkeit erst die rechte Hoffnung erblühet So ging es manchem frommen
Einsiedler den ein mühevoller Weg doch nur zum verfehlten Ziele drängte Haben
Sie sagte Rodrich ihn schnell unterbrechend den Heiligen gekannt dessen Bild
Sie mit der hinreissenden Wahrheit auffassten so dass ihn Niemand ohne Rührung
sieht Ja sagte der Mahler ernst Mein keimendes Talent entfaltete sich unter
seinem Schutz Er stand zu hoch als dass ich in sein Inneres hätte dringen
sollen allein ich weiß wie das Opfer eines geliebten Kindes die schuldbeladne
Seele befreien sollte und darum ward er zum Märtyrer an des Sohnes Tat
Rodrich den diese Worte außerordentlich bewegten wollte weiter in ihn dringen
und sagte ihm was er selbst Näheres von dem Zusammenhange des Ganzen wusste
allein der Mahler bat ihn diese Erinnerungen nicht wieder aufzuwecken Hat
doch setzte er hinzu die Hand des Himmels jede Spur getilgt und es soll ja
vergessen sein
Ein allgemeiner Lärm zog sie hier zu der Menge hin Der Wirt hatte in der
Trunkenheit das Kind von dem Schoss der Mutter gerissen und sprang in den
gefährlichsten Stellungen mit ihm umher Niemand wagte sich zu nahen aus
Furcht ihn zu wildern Ausbrüchen zu reitzen Vergebens flehete Marie vergebens
streckte die weinende Mutter die Arme aus er schrie und jauchzte vor innerer
Lust und trieb sein tolles Spiel ungestört Rodrich kannte sich nicht vor Wut
er teilte schnell die gaffende Einfalt und rief mit fürchterlicher Stimme
steh Kobold und gib mir das Kind Wie gebannt ließ der Erschrockne die Arme
sinken und Rodrich fasste leicht und behend den zarten Liebling den er in der
heiligsten Rührung an das geängstete Mutterherz legte indem er sagte die Engel
der Unschuld mögen dich hier bewachen und jede Gefahr von dir abwenden und als
umfinge ihn diese Unschuldswelt neigte er sich vor der segnenden Hand der
bewegten Frau die ihm nur weinend dankte Der Mahler drückte ihn an das Herz
und konnte lange nicht sprechen dann sagte er lebe wohl mein liebes Kind ich
muss dich jetzt verlassen aber ich scheide ruhiger von dir als ich dich
begrüßte und wer weiß wie alles kommt du kehrst wohl noch einmal zu deiner
frühern Beschützerin zurück Rodrich dachte jetzt nicht an die Kunst und
freute sich nur der wiederkehrenden Liebe seines Wohltäters der sich seinen
Umarmungen entriss und forteilte Er wollte nun auch seinen Weg verfolgen da ihm
ohnehin die vorige Störung das kleine Fest verleidet hatte und als er hierzu
Anstalten machte sah er mit großer Beschämung den reich gekleideten Felix von
der schönen Blondine mehr als sich begünstigt Er ließ schnell die Pferde kommen
und ritt eiligst davon
Wie er nun endlich das Ziel seiner kleinen Reise erreichte und die alte
stark befestigte Stadt betrat fühlte er eine innere Scheu die sich beim
Anblick des etwas feierlichen Generals nur noch mehrte Er konnte Anfangs nicht
begreifen wie dieser für den heitern offenen Grafen passe und was sie
eigentlich verbinde Allein es offenbarte sich ihm bald eine ganz neue Seite
seines Standes die er bis jetzt noch nicht so beachtete und die der erfahrne
Graf wohl zu ehren verstand Es war nicht sowohl das freie mutige
Soldatenleben was er hier traf sondern der tiefere Kriegersinn das
Wissenschaftliche der edlen Kunst was sich im Laufe der ernsten Gespräche
verkündete und als Rodrich seine Unwissenheit hierin nicht bergen konnte
mahnte ihn der gebildete Feldherr zum Fleiß und strengen Studium an und gab ihm
mit vieler Güte selbst einige Anleitungen indem er ihm die reichen Hülfsquellen
seiner Büchersammlung eröffnete Ich sehe wohl sagte er es fehlt Ihnen nicht
an dem schnellen Blick der Gewandtheit und Kraft die das eigentliche Geniale
des Kriegers verkünden und was keine Kunst der verschlossnen Natur aufdringt
allein verschmähen Sie nichts was Sie tiefer in das Wesen der Sache einführt
und Ihren Gesichtskreis in jedem Augenblick erweitert Es ist nicht selten dass
die jugendliche Fülle sich ohne innern Halt früh erschöpft und das schnell
verströmte Feuer eine leere schlaffe Untätigkeit zurücklässt Ich habe
Jünglinge gekannt die wohl früher die Welt erstürmt hätten und sich dann in
den engen Kreis mechanischer Fertigkeiten zurückzogen um ein träges Leben
hinter einer gemeinen Wirksamkeit zu verbergen Und wer weiß ist die früh
geendigte Laufbahn vieler Helden nicht oft die Rettung ihres Ruhms gewesen
Manchem wollte das Schicksal nicht so wohl der dann eine glorreiche Jugend
durch kleine Rücksichten befleckte Es ist notwendig eine große innere
Tätigkeit in sich zu erhalten um den gewaltsamen Drang nach außen zu
beschränken der nicht immer das Rechte erzielt Nur da wo die Einsicht
Vorsicht wird und den eigentlichen prophetischen Blick erzeugt ohne welchen
der Feldherr nicht einen Schritt tun kann da soll sich die innere Kraft
ungemessen ergießen bei der wachsenden Gefahr immer stärker anschwellen und wie
ein gewaltiger Strom alles zu dem hohen erkannten Ziele fortreißen
Rodrich sah wohl dass ihm noch vieles mangele um mit Sicherheit den leicht
betretnen Weg fortzugehen und dass er wie es wohl mehrere tun die umfassende
Wirksamkeit zu flüchtig überschaute um sie gehörig zu würdigen Es beruhigte
ihn daher als der General fortfuhr Sie haben durch die Kenntnis alter Sprachen
vielfache Mittel in Händen alle Stufen der Kriegskunst zu durchlaufen Je
tiefer Sie sich in die großen Begebenheiten der Welt verlieren je herrlichere
Ideen strömen Ihnen von allen Seiten entgegen Dies weite Feld eigener
Nachforschungen und spekulativer Folgerungen kann nur der rohe Haufe zu
betreten verschmähen Ich dächte auch ein wenig entzündbares Gemüt müsse es
bewegen die großen Worte des Cäsar zu lesen und wer nimmt ohne Ehrfurcht die
Anabasis in die Hand und bleibt kalt bei den Beschreibungen der selbst erlebten
oft mitgefochtnen Schlachten großer Geschichtschreiber Es gehört
glücklicherweise zu den nicht mehr geltenden Gemeinplätzen dass dem Soldaten
Gelehrsamkeit unnütz sei und ich freue mich Ihretwegen dass Sie die größten
Schwierigkeiten überwunden haben
Mehrere Tage waren ihm auf die angenehmste Weise in dieser unterrichtenden
Gesellschaft verflossen als ein Brief des Grafen seine Rückreise beschleunigte
Er schied von seinem neuen Gönner und den leicht gewonnenen Kameraden in der
besten Hoffnung Sie Alle nächstens im Felde zu begrüßen und eilte der
Hauptstadt entgegen wo er Alles in Bewegung und zum Aufbruch bereit zu finden
meinte statt dessen aber Straßen und Häuser festlich geschmückt und viel Volk
vor den Fenstern des Schlosses stehen aus welchem laute freudige Klänge
erschallten Auf sein Nachfragen erfuhr er dass der Kardinal den Abend zuvor
eingezogen und heut seine Ankunft bei Hofe gefeiert werde Er blickte nicht ohne
Widerwillen zu dem Schloss auf wo die ersten unangenehmen Eindrücke seine
Freude trübten und ging dem Grafen seinen Bericht abzustatten Allein hier war
alles leer Die große Feierlichkeit hatte die schöne Seraphine und ihren Gemahl
notwendig herbeigezogen kaum erfuhr er noch was sie alle beschäftige da die
ansehnliche Dienerschaft sie fast insgesamt den Glanz zu vergrößern begleitet
hatte Er ging verdrießlich durch die leeren Zimmer und da der Auftrag des
Grafen einen Aufschub von wenigen Stunden litt und er ihn noch nicht zurück
erwarten konnte so beschloss er zu Stephano zu gehen wenn er nicht auch etwa
zu dem verhassten Feste geladen sei Im Hinausgehen bemerkte er indessen durch
eine Seitentür Rosalien die emsig schrieb während ihre Kammerfrau mit
Einpacken beschäftigt Anstalten zu einer Reise machte Er trat hinein um die
Veranlassung dieses unerwarteten Entschlusses zu erfahren Doch als er sich
nahete und sie die seltsam glänzenden Augen aufschlug ohne ihn eigentlich zu
sehen ohnerachtet ihre Blicke auf ihm ruheten fühlte er sich so befangen dass
er sie kaum anzureden wagte Nach einigem Besinnen schob sie indessen das
Geschriebene fort und sagte Sie sehen ich muss wieder fort Es geht hier auch
nicht Ich finde überall keine Ruhe und alles widersteht mir so leicht so gar
die Musik ich kann keinen Ton mehr finden der mir nicht die heftigsten
Schmerzen erregte Wenn ich nur so recht aus voller Seele reden könnte bis sich
alles löste und der Druck der furchtbare Druck verginge Aber die Worte
versagen mir und meine Freunde verstehen mich nicht mehr und sehen mich so
befremdet an dass mir gleich die Lust am Gespräche vergeht Darum will ich auch
in die Einsamkeit zurück und immer fort schreiben bis ich selbst nichts mehr
weiß Das Papier nimmt alle meine Gedanken so willig auf und ein leerer Bogen
sieht mich so lange lockend an bis ich ihm mein heiligstes Geheimnis vertraue
Ich könnte gar nicht mehr leben wenn ich die weiße Fläche nicht vor mir sehe
Nur fühle ich zuweilen hier auf der Stirn einen unerträglichen Schmerz dann
wird mir so seltsam alle meine Träume verschwinden ich kann dann gar nichts
denken Die Kammerfrau sagte jetzt dass alles bereit sei und der Wagen sie
erwarte Rodrich bat um die Erlaubnis sie in ihrem Schloss aufsuchen zu
dürfen und versicherte sie seiner zärtlichsten Teilnahme die jeden Augenblick
für ihr schönes Vertrauen dankbar sein werde allein sie schien auf nichts
anders zu achten als nur schnell fortzukommen und so entkräftet sie war eilte
sie mit ängstlicher Hast dem Wagen entgegen
Rodrich sah ihr wehmütig nach Die schöne Gestalt über die der Schmerz so
hinziehend alle Blüten eines edlen Geistes grausam abstreifte rührte ihn
unbeschreiblich Er sah mit Schmerzen wie das freie Spiel ihrer Gedanken sich
verwirrte und ihre Phantasie wie ein drehend Rad herumtrieb Die hellen Flammen
des Verstandes entzündeten wohl auch ihr Licht aber der Brennpunkt war
verschoben und es kreisete alles wild durcheinander Er hatte sich unter
wehmütigen Erinnerungen auf ihren Platz gesetzt als ihm jene Blätter in die
Augen fielen die sie ohnlängst beschrieb und ohne weiter einen Wert auf sie
zu legen hier vergaß Er konnte sich nicht erwehren hineinzusehn und fand
gleich zu Anfang folgende Worte
»Ich sehe die alte Liebe wieder in Deinen Augen glänzen Du verschmähst
nicht länger was Dir ewig angehört Wie könntest Du auch den schmeichelnden
Regungen widerstehen die Dich wie mich gefangen halten Ende darum nur bald
das ängstende Spiel und löse die Ketten die Dich halten«
Gleich darunter stand
»Niemand darf unsre Verbindung ahnen Die Toten sollen unser Glück
beschützen Ich fliehe aus der Stadt am Grabe meiner Mutter erwarte ich Dich
Da ist es still und heimlich«
Rodrich wusste kaum was er las die Sicherheit und der Zusammenhang dieser
Worte machte ihn zweifelhaft ob sie nicht mehr als einen glücklichen Traum
enthielten Doch bald riss ihn Folgendes aus allen Zweifeln
»Fernando weiß um unsre Liebe Er wird mich begleiten Fürchte Dich nur
nicht Der Stern in seiner Brust dreht sich zwar kreisend umher und berührt
mich oft mit seinen Strahlen dass es wie Flammen auf meiner Stirn brennt aber
er hat mir versprochen ihn zu verdecken und darum sei nur ruhig«
Rodrich hatte noch nie die Qualen seiner unglücklichen Freundin so lebendig
als heut empfunden Alle Kämpfe dieser geängsteten Brust das fruchtlose Ringen
und der arme Trost einer geträumten Liebe pressten ihm heiße Tränen aus Er lag
noch weinend vor ihrem Bilde in Seraphinens Kabinet als ein nahes Geräusch ihm
die Ankunft des Grafen verkündete Er sammelte sich so gut es gehen wollte um
mit Anstand vor ihm zu erscheinen Doch kaum gedachte er mit rechtem Ernste
seines Geschäfts und dessen Beziehung auf eine freudige Zukunft so blitzte die
alte Lust wieder in ihm auf und er ging rüstig und frei zu dem Grafen und
richtete seine Aufträge aus Nach einer kurzen Unterredung in welcher er mit
Freuden hörte dass die Entscheidung nahe und der Krieg mehr als wahrscheinlich
sei der Herzog aber die jetzige fröhliche Stimmung durch keine voreilige
Nachricht trüben wolle trat die Gräfin herein und berührte Rosaliens schnelle
Abreise die ihrem Gemahl noch unbekannt war mit aller ihr eignen Schonung
indem sie hinzusetzte dass der Arzt mit dieser Veränderung ihres Aufenthaltes
zufrieden sei und von der Stille und Ruhe ländlicher Einsamkeit wenigstens
körperliche Erholung erwarte Allein der Graf war diesmal nicht so leicht zu
beruhigen und verlor sich in vergeblichen Mutmaßungen über diesen unerwarteten
Entschluss Rodrich der wohl die tiefsten Blicke in ihr zerrüttetes Gemüt
getan wusste ihm nichts tröstliches zu sagen und so schwiegen sie alle
betrübt denn selbst Seraphine hatte nicht mehr das Herz ihre ewig blühenden
Hoffnungen laut werden zu lassen und blickte selbst mutlos in die Zukunft
Doch riss sie der Graf der sich nie dem Kummer ergab und den Schmerz als seinen
bittersten Feind hasste gegen den er schnell und immer ankämpfte aus der
augenblicklichen Verstimmung indem er selbst andre Gespräche herbeiführte und
sich mit vieler Laune über den Hof und seine ganz eigne Demut gegen den
Kardinal ausliess Ich weiß nicht sagte Seraphine welche seltsame Scheu er auch
mir einflößt es ist nicht Ehrfurcht nicht Andacht die ich bei seinem Anblick
empfinde aber mir ist als wenn die göttliche Verdammnis über der Erde
hinschritte und ich sinke ordentlich zerknirscht in mich zusammen jeder
lustige Gedanke erstirbt mir auf der Zunge wenn die scharfen Blicke so gerade
auf mich hinzielen und auf der glatten Fläche des kalten Gesichts keine Spur
von Teilnahme und Wohlwollen zu finden ist Ich begreife nur nicht wie man
noch seinetwegen Feste anstellen und freudige Menschen versammeln kann Er sieht
so gleichgültig darüber hinweg und steht da wie der rächende Engel dem das
Verderben von selbst in die Arme laufen müsse Miranda ist die Einzige die sich
in seiner Nähe gleich bleibt und welche die Achtung für seinen Stand mit der
eignen Würde zu behaupten weiß Alle Andern sind verändert und ich selbst
schäme mich meiner Furcht Mich hat er nicht gestört sagte der Graf ich kenne
ihn lange und sehe gern über ihn weg Diese Ruhe und lauernde Kälte ist ja
nichts Neues bei den Heiligen der Welt und mich befremdet nichts was von
dieser Seite kommt Nun sagte die Gräfin morgen werden Sie ihn ja sehen Es
ist eine Abendversammlung in Theresens Lustschloss Jedermann hat Zutritt im
Garten und es werden viel lustige Masken und Aufzüge dort erscheinen indessen
Sie und wir Alle die zum engeren Ausschuss gehören seine Heiligkeit umgeben
müssen
Rodrich war unaussprechlich erfreut Miranda wiederzusehen und hoffte ihre
ruhige Heiterkeit werde ihn vor jedem feindseligen Einflusse bewahren So
trennte er sich heiter vom Grafen und erwartete in stiller geheimnisvollen
Rührung den folgenden Abend
Der erleuchtete Garten glänzte ihm schon von fern entgegen Hohe duftende
Blumenranken verbanden die Gebüsche und trugen in vielfachen Bogen farbige
Lampen Statüen und Springbrunnen traten in dem spielenden Glanze recht freudig
hervor Überall hörte man unsichtbare Musik Auf dem Strome wiegten sich die
beleuchteten Schiffe wie bunte Flammen unzählige Masken drängten sich durch
einander Gesang Spiel und Tanz wechselten in den verschiedenen Gegenden des
Gartens ab und mitten aus der allgemeinen Verwirrung strahlte das Schloss auf
den hohen Terrassen wie ein fester Stern Von dort aus übersah man das Ganze mit
einem Blick die seltsamsten Erscheinungen drängten sich daran vorüber während
im Innern alles die Ruhe einer abgeschlossnen Welt atmete Rodrich trat in die
glänzende Versammlung deren leises Flistern und stilles Wesen seltsam gegen den
äußern Lärm abstach Wie er dem Kardinal vorgestellt ward fühlte er sich
keinesweges durch dessen Anblick überrascht Er war fest überzeugt ihn wo
gesehen zu haben Dies Bild hatte ihm immer vorgeschwebt und jedem Geistlichen
lieh er in der Erinnerung diese Züge und diese schreckende Kälte Er zog sich
indessen sogleich zurück und fand sich bald zwischen Miranda und Elwiren an
einem geöffneten Fenster das nach der Wasserseite sah Das lustige Spiel der
Menge nahm sie hier gefangen Sie weideten sich an dem Reichtum und der
geschmackvollen Anordnung prächtiger Masken Ein Triumph des Aurelian mit der
strahlenden Zenobia und dem gedemütigten Tetrikus zog mit allem ersinnlichen
Pomp vorüber Auf dem Strom schwamm dagegen ein künstliches Fahrzeug das einen
Neptun zwischen Tritonen und Nereiden zeigte Ein neckender Proteus stand am
Ufer und verwandelte Harlekin und Kolombinen in Meerkälber und Ungeheuer die er
dann unter lautem Jubel den Strand entlang trieb Alles drängte sich ihnen nach
während ein einsamer Sänger in wunderlicher alter Tracht aus dem Gebüsch trat
und folgende Worte sang
Blumen süßes Angedenken
Blumen meiner Liebsten Gabe
Seid ein Bild der kurzen Freuden
Die mit euch verblühend schwanden
Seh euch tot nun vor mir liegen
Muss mit Wehmut die betrachten
Deren reiches frisches Leben
Freudig meinen Sinn erlabte
Zaid nimmt die welken Blumen
Drückt sie gegen Mund und Wange
Will mit Tränen sie benetzen
Will mit Küssen sie erwarmen
Und der Tränen helle Perlen
Glänzen in des Mondes Strahlen
Bebend so in Lichtes Wonne
Spielen sie viel tausend Farben
Blumen wollt auch ihr mich täuschen
Neu erblühnd im mächtgen Glanze
Wollt euch dem Gestirn verbünden
Das im Dunkel trügrisch waltet
Leben habt ihr mir gelogen
Will nicht länger euch bewahren
Denn für solch ein falsches Leben
Wähl ichs einsam zu verschmachten
Und er wirft die Liebespfänder
Von dem steilen Meeresstrande
Tief hinunter in die Fluten
Sie auf ewig zu begraben
Wie die Blumen dort verschwimmen
Gar vergessend aller Farben
Hat die Trän auf ihren Blättern
Bald zur Perle sich gestaltet
Perlen sind ja Liebestränen
Denn von Wehmut süß umfangen
Ruht des Feuers ewger Funke
Mild verklärt im stillen Wasser
Ruhig atmeten die Wasser
Sonne glänzt im Liebeslichte
Und auf sanft bewegten Wellen
Floss daher ein leichtes Schiffchen
Schön gebaut aus seltnem Holze
Reich geziert mit bunten Wimpeln
Deren rot und weiße Streifen
Lieblich in der Sonne spielten
Auf den sammtnen Polstern ruhend
Unter seidnem Baldachine
Lacht in Jugend Pracht und Schönheit
Fatme des Alhambras Zierde
Muntre Fischer ihr zu Füßen
Ihres Hofes edle Diener
Die auf Fatmes Winken lauschend
Leicht geschürzte Netzchen hielten
Hell ertönten zu den Flöten
Viele männlich schöne Stimmen
Und die Zauberkraft der Töne
Drang hinunter in die Tiefe
Und es folgten gern dem Rufe
Grün und goldgesprengte Fische
Aus der Tiefe sich erhebend
Zu des Meeres oberen Spiegel
Doch der Ton war ihr Verderben
Denn auf Schiffesrand sich schwingend
Warf das Netz ein feiner Knabe
Leicht erspähnd der Herrin Willen
Nahm sie allzumahl gefangen
Die im frohen Liebesspiele
Sich erlabend an den Klängen
In den seidenen Kerker liefen
Er ihr Schrecken nicht beachtend
Öffnete behend die Schlinge
Und was sich zuerst ihm zeigte
War der schönsten Perle Schimmer
Lächelnd wandt er sich zur Herrin
Sprach mit höfisch feiner Sitte
Dir allein gebührt dies Kleinod
Sieh in ihm dein göttlich Bildnis
Fatme nahm entzückt die Perle
Drückte sie an glühnde Lippen
Perle mir vor allem teuer
Die so unversehns ich finde
Will in feines Gold dich fassen
Sollst das Haar mir glänzend zieren
Und du holder Knabe lese
Meinen Dank in meinen Blicken
Schöne Perle schöne Perle
Sieh mich weinend stehen am Ufer
Lass dich meine Klagen rühren
Folge meinem bangen Rufe
Du des reichen Schmuckes Zierde
Bist nun meinem Blick entschwunden
Und ich Arme muss vergebens
Dich am öden Strande suchen
Süßes Kleinod kehre wieder
Zier aufs neu mir Haupt und Busen
Lass in deinem Glanz mich leuchten
Leben nur in deinem Ruhme
Nein du bist in Nacht geboren
Bist ein Kind der schlimmsten Mutter
Trügrisch war dein sanftes Leuchten
Zu verlocken meine Jugend
Grausend steh ich hier alleine
Schäumend naht ihr wilde Fluten
Wollt auch mich hinunterreissen
Wie die Perl ihr habt verschlungen
Ihr entgegen klingen Stimmen
Wie aus tiefem Meeresgrunde
»Holder Perle süßes Leben
Blüht im stillen Heiligtum
Was der Tiefe ward entrissen
Kühn aus Tageslicht gerufen
Sinkt zurück in Liebesarme
Scheu vor euren wilden Gluten
Steig hinunter in die Wasser
Kühle deines Herzens Wunden
Und im feuchten Schoss finde
Neu erblüht die Wunderblume«
Alle drei blickten ihm schweigend nach als Elwire wie aus einem Traum
aufschreckte Mein Gott meine Lieblingsromanze wie kommt die hieher Sie
sprang vom Fenster und Miranda sagte nach einigem Besinnen Es ist sonderbar
vor kurzem ging es mir fast eben so Diese Lieder haben einen innern
Zusammenhang ich kannte sie sehr frühe schon und habe sie sonst niemals gehört
Rodrich wusste nicht was er denken sollte Er war Miranda gefolgt die in die
Halle trat und ging neben ihr ohne dass beide redeten so heilig und still war
es in ihrer Seele und keiner bemerkte dass der Weg immer einsamer ward und sie
plötzlich vor dem matt erleuchteten Pavllion der Prinzessin standen Sie traten
hinein und eine unbeschreibliche Wehmut ergriff sie als die vorigen Töne aufs
neue vorüber rauschten Sie mussten beide weinen und in der seeligsten Rührung
sanken sie einander in die Arme Als sie aufblickten stand der Sänger hinter
ihnen er hatte die Larve abgenommen und Rodrich rief voll Entzücken Florio
mein Florio so musste ich Dich wiederfinden Miranda hatte ihm die Hand
gereicht und sagte mit bewegter Stimme Bist Du der Engel der uns
zusammenführte so bewahre das Geheimnis dass es ewig in unsrer Brust
verschlossen bleibe Sie eilte hinaus und Rodrich zog den Wiedergefundenen
eilig an sein Herz das alle Seeligkeit der Welt auf einmal erfüllte Komm nur
sagte er jetzt kann ich noch alles nicht fassen aber ich werde mich
wiederfinden und mein unaussprechliches Glück begreifen lernen Sie stießen
hier auf Stephano der einsam an einem Baum lehnte und weit über den Strom
hinaus sah Rodrich eilte auf ihn zu schloss ihn stumm an die Brust und ging
unter Freudentränen an Florios Hand zurück in die Stadt
Zweiter Teil
Erstes Buch
Die Nacht fand beide Freunde in den seligsten Betrachtungen versenkt Florio
konnte sein Auge nicht von dem königlichen Jünglinge abwenden der nun so
anders und doch nicht fremd in seinen Armen lag Ihm war als träume er aufs
neue wie in so mancher wehmütigen Stunde den lang ersehnten durch Klang und
Worte heraufbeschwornen Augenblick des Wiedersehns Wie tausendmal hatte ihm
die herrliche Gestalt so grade so in alten Ritterliedern vorgeschwebt Ach und
wie tausendmal kehrte er dann mit trüben Blicken in sich selbst zurück und floh
die trügerischen Bilder die ihn von Land zu Land fortrissen und das
unbefriedigte Herz erschöpften Mit innrer Bangigkeit bog er sich jetzt über ihn
hin und drückte einen leisen Kuss auf seine Wange Da war ihm als flössen die
reinen kräftigen Züge milder in einander und als blicke ihn aus den weichen
Umrissen das kindische Gesichtchen seines Rodrichs wieder an Wie mit
Liebesarmen umfing ihn die Vergangenheit und führte ihn zu der kleinen Hütte
zurück die so lange seine stillen Freuden umfasste Er musste jener Nacht
gedenken wo er zuerst den Wunsch in sich aufkommen ließ den geliebten
Gespielen jenseit der Berge aufzusuchen und wie dann das Verlangen so
riesenmässig aufschoss dass es ihn alle andere Gefühle erdrückend vom Lager
fort zu den steinigen Klippen zog die ihm den Weg in die weite unbekannte Welt
eröffneten Hier den unersteiglichen Bergen gegenüber erschrak er über sein
Vorhaben Er blickte fragend zu ihnen auf Der Mond glänzte wie Gottes Auge über
ihren verhüllten Gipfeln hinter denen sich eine dunkle Wolke in Gestalt eines
gewapneten Mannes mit doppeltem Antlitz erhob Florios Herz schlug ängstlich
er betrachtete die Wolke die sich immer mehr dehnend zwei lange Arme über der
Erde ausbreitete und wie mit langsam ernstem Tritt aus der Tiefe heraufstieg
Das gewaltige Haupt bog sich über den Mond hin so dass das Gesicht gen Osten
bleich und zitternd über dem erschrockenen Jüngling schwebte Er wollte zur
Hütte zurück allein in der Dunkelheit hatte er den Weg dahin verloren und er
irrte bang und traurig zwischen ödem Gestein umher Endlich erfreuete ihn ein
Licht ganz weit aus der Ferne Er beflügelte seine Schritte und kam bald auf
ebnere Weg Er fühlte wieder weichen Rasen unter seinen Füßen und zuweilen
wehete ihm der herrlichste Blumenduft entgegen Indes musste er sich noch lange
zwischen dichten Gebüschen hindurchwinden ehe er dem Lichte näher kam Da
erblickte er plötzlich ein schönes Haus von dessen unteren Fenstern sich der
Schimmer ergoss Ein offenes halb verfallnes Gittertor führte ihn zwischen hohen
Blumenwänden zu einem Altan über welchem die rankenden Stauden wild durch
einander gebogen einen farbigen Schleier vor den Lichtschein zogen Florio
blieb betroffen stehen Die Sage des verzauberten Gartens kam mit allen Schauern
jener frühern Eindrücke wieder in sein Gedächtnis Er blickte in einem seltsamen
Gemisch von Furcht und kühnem Verlangen um sich her Alles was er in der
Dämmerung unterscheiden konnte sah wüst und traurig aus einer bessern
Vergangenheit herauf Sarois Klagen legten sich aufs neue wehmütig an sein
Herz da setzte er sich auf einen umgestürzten Baum und sah bekümmert zu den
zerbrochenen Fenstern hinauf hinter welchen herabgerollte Vorhänge ungehindert
hin und her flatterten Keines Menschen Hand hatte hier seit Jahren gewaltet
und dennoch brannte das Licht und zeugte von nächtigen unheimlichen Bewohnern
In der Todtenstille hörte Florio nichts als das Flüstern der Blumen die ihre
Blätter in seinen Schoss schütteten Eine unbeschreibliche Sehnsucht drängte
ihn den niederen Altan zu betreten aber als wollten ihm die Zweige den Eingang
verwehren so bogen sie sich in einander und er schwankte schon ob er dem
Winke folgen und umkehren solle als ein langer Schatten hinter dem grünen
Gewebe vorüber zog und ein leises Rauschen als striche der Wind über volle
Saiten hindurch drang Ohne länger zu weilen teilte er nun schnell die
Ranken und stand vor einer hohen Glastüre deren verblindete trübe Scheiben
das schwach erhellte Zimmer wie in einen Nebel hüllten Die wachsende Begier
irgend etwas zu entdecken trieb seine Blicke unstät umher Alles wogte und
flimmerte ihm vor den Augen Das Herz klopfte hörbar in seiner Brust sonst war
es still wie im Grabe Plötzlich hörte er eine Uhr zwölf schlagen und leise
Flöten ein Sterbelied spielen Unwillkührlich sank er auf die Knie nieder und
betete für die Erlösung der Seele Als er sich wieder ausrichtete bemerkte er
unterhalb der Tür eine ausgehobene Scheibe er sah hindurch in ein hellgraues
Gemach den Berggeist auf die Harfe gelehnt unbeweglich vor einem verhangenen
Ruhebette stehen dessen Decke sich zu bewegen schien als atmete jemand schwer
und langsam unter ihr Auf einem schwarzen Altar brannte die Lampe und erhellte
ein Cruzifix von weißem Marmor über welchem das Bild der schönen Dame aus dem
Traume hing nur trug sie weder goldene Harfe noch Blumen sondern einen
feurigen Reif in dessen Mitte eine rötliche Perle wie eine blutige Träne
schwamm Sie hatte ihn mit bitteren Leidensmienen vom Finger gezogen und schien
bereit ihn in das offene vor ihr liegende Meer zu werfen Florio betrachtete das
Bild mit steigender Wehmut Es waren die holden Züge die ihn träumend so oft
entzückten Der schöne Mund lächelte ihn so vertraut und lebendig an die ganze
Gestalt schien immer dichter und gerundeter aus dem Bilde hervor zu treten da
hörte er tief aus gepresster Brust seufzen seine Blicke flogen zu dem Ruhebette
er breitete die Arme aus er wollte die Scheidewand zersprengen indem erlosch
die Lampe und er stürzte halb sinnlos vor Schreck aus dem Garten Noch in
diesem Augenblick fasste ihn derselbe Schauer da jene Erinnerungen wieder
erwachten und dennoch wollte er sich nicht davon losmachen sondern versenkte
sich immer tiefer mit geheimer ahndungsvoller Lust hinein als Rodrich halb
träumend zu ihm aufblickte und leise wie im Schlafe fragte warum ist er nicht
bei dir geblieben da ich euch doch bei einander sah und er es war der dich
zu mir führte Florio fühlte bebend dass derselbe Gedanke sie beide erfüllte Er
wandte sich von dem schlaftrunkenen Freunde und sang still zur Harfe
Wenn die Nacht heraufbeschworen
Von der Erde stillem Ruf
Nieder ihre Schleier senkend
Zu verhüllen keusche Glut
Sterne bald als Liebesboten
Spielend auf der Tiefe Grund
Sich in duftge Perlen tauchen
Die entquellen innrer Lust
Alle Farben dann verschwimmen
Tragend auf bewegter Flut
Erd und Himmel im Vereine
Aufgelöst in selgem Kuss
Dann zerspringen alle Bande
Freiheit atmet die Natur
Aus den Wolken aus den Grüften
Dringt ein geistig leiser Gruß
Was der Sonne kreisend Walten
Frech getötet was der Sturm
Trüber Zeiten längst verwehte
Paradieses Blütenschmuck
Keimt aus wonnevollen Tränen
Zieht heran in Wolkenduft
Frei gegeben sind die Spiele
Frei im innern Heiligtum
Traum und Schatten ziehn im Fluge
Durch die offene Menschenbrust
Grüssen froh die alte Heimat
Wecken ahndend heißen Wunsch
Wünsche sind geheime Seufzer
Nach entflohner Götterlust
Sehnsucht ist die heilge Stimme
Die zum Paradiese ruft
Der Morgen war indes heraufgezogen und trieb nach und nach Theresens muntere
Gäste zur Stadt zurück Auf den Straßen wimmelte es bald von bunten Masken die
schwirrend durch einander hinzogen und ihr mutwilliges Spiel erst in den
stillen Wohnsitzen dürftiger Genügsamkeit endeten Rodrich war auf den
wachsenden Lärm herbeigekommen und lehnte an Florios Seite im offenen Fenster
Er konnte sich weder des augenblicklichen Rausches noch der phantastischen
Gestalten recht erfreuen Der Tag war zu nahe er wehete kühl herüber die ganze
Lust schien ihm ein mattes Spiel die armen Sinne zu betrügen die beim hellen
Licht den engen Kreis bald wieder erkennen und befangener als je darin atmen
würden Gedankenvoll lauschte er vorüberziehenden Klängen die endlich vor dem
eintönigen Treiben der nahen Werkstätte schwiegen und mit ihrem Verschwinden
fast jeden Zauber der Phantasie lösten Rodrich blickte auf sich und seinen
Freund der ihm in gewohnter herkömmlicher Tracht nichts als den wohlgebildeten
Jüngling dieser Welt zeigte Der lange Sängermantel hing mit dem weißen Barte
und der bleichen Larve neben ihm auf einem Sessel er spielte nachlässig mit dem
reichen Faltenwurf des altväterischen Gewandes als es unversehens herunterfiel
und wie ein Vorhang zusammenrollte In dem Augenblick war es Rodrich als wären
alle Träume dieser Nacht versunken Vergebens suchte er die erwachten Bilder der
Kindheit vergebens die Geliebte in seiner Brust Miranda war wieder die große
herrliche Fürstin zu der er kaum aufzublicken wagte Jener einzige
unbegreifliche Moment des Entzückens lag weit weit hinter ihm Wie ein Blitz
hatte ihn diese Seligkeit berührt Jetzt war alles anders Die gewohnte Ordnung
behauptete ihr Recht Der gemessne Gang des Lebens schritt langsam fort und er
stand wie gestern und alle vorhergehende Tage in den beschränkten durch fremde
Güte erschaffnen Umgebungen Mirandas Pallast gegenüber Kaum wagte er es die
schöne Erinnerung festzuhalten die so unschuldig zu ihm herübersah Er hatte
sich dem Zauber hingeben er hatte die Welt einen Augenblick vergessen können
ach und er würde gern gestorben sein um noch einmal so selig zu leben aber
der Wahn zerrann wie leise er ihn auch anfasste Was war er und was konnte er
wollen Das süße Geheimnis seines Glückes war ihm ein kränkender Vorwurf Frei
und festgestaltet sollte es in vollem Glanze des Tages leuchten in jedem Auge
wollte er den Wiederschein desselben lesen Mirandas Name sollte nicht bloß wie
ein geistiger Hauch durch sein Inneres ziehen er wollte ihn laut aussprechen
allen Lüften zurufen können O er fühlte sich gedrückter als je seit ihn die
heiligste Liebe einen Augenblick über sich selbst erhob
Wie er sich nun immer fester und fester an jede Widerwärtigkeit seines
Lebens hing und sie so lange betrachtete bis er aufs höchste gereizt die
Augen vor den Erscheinungen des wiederkehrenden Tages schloss rauschte noch der
letzte Trupp herumschwärmender Masken die Gasse herauf Unter tollen Gaukeleien
schwirrten sie an den Häusern vorüber und ehe es Rodrich bemerken konnte hatte
ihm eine derselben ein zusammengerolltes Blättchen in die Hand gesteckt Er
öffnete es schnell und Florio der wie ein gutes Kind in des Freundes
Hoffnungen und Wünschen lebte und schon längst die getrübten Augen mit Wehmut
betrachtete sah zutraulich über seine Schulter und beide lasen folgende Worte
»Ich wünsche Ihnen Glück Der Krieg ist entschieden In wenigen Tagen ist
alles aufgebrochen Ein neues Licht geht über Ihnen auf denn eine reiche Natur
fodert gewaltsam große und mannigfache Gegenstände um die immer brennende Frage
zu beantworten sonst erschöpft sich der gereizte Wille in zwecklosen
Ausbrüchen die oft den werdenden Helden in ihren engen Schranken begraben
Lösen Sie die Fesseln Das Schicksal gab Ihnen viel machen Sie sich alles zu
eigen Es ist Weisheit das Höchste aufs Spiel zu setzen um das Höchste zu
gewinnen Das Schwert werde eine Flamme in Ihrer Hand vor der sich Freund und
Feind beuge Schwanken Sie nie denn es gibt auf Erden nichts Herrlicheres als
einen Thron frei zu machen und das erkannte Recht behaupten«
Rodrich faltete das Blatt ohne etwas Bestimmtes zu denken Der ernste Zuruf
erschütterte ihn Es war als dränge ihn das Schicksal mit Gewalt zu einem
unbekannten Ziele Tausend verworrene Ahnungen trieben ihn unsicher umher
Endlich lösten sich die innern Nebel Er glaubte Mirandas Stimme in jenen
Worten ohnerachtet ihrer strengen Heftigkeit nicht zu verkennen Durch sie
ward ihm des Himmels Wille kund und seine früheren stolzen Hoffnungen
gerechtfertigt Zu sich hinauf wollte sie ihn heben durch die innere Kraft
seines Willens Was lag darin auch Unerhörtes Sagt nicht die Geschichte aller
Völker dass von jeher ein kühner Flug die armselige Stufenleiter zwerghafter
Wünsche hinter sich ließ Das Außerordentliche tritt die gemeine Ordnung nieder
und eine neue Folgereihe beginnt von dem lichten Punkt den ein kräftiger Geist
über der Erde heraufführt Der Krieg bahnt dahin den Weg Hier verschwinden
hergebrachte Verhältnisse vor der überwiegenden Gewalt einer großen Seele die
sich in Feuerströmen ergiessend alles wie Gottes Zorn mit sich fortreisst Darauf
deuteten auch die Worte des Briefes und doppelt war der Sinn zu nehmen in
welchem der Thron befreit werden sollte Musste die königliche Natur nicht
fühlen dass sie zum Herrschen geboren dass sie bestimmt sei das Wohl der
Menschen wenigstens über die zu verbreiten die ihr so nahe gerückt waren Und
sagte ihm jene Umarmung nicht dass er es sei den sie würdig hielt ihr zur
Seite zu stehen Er schlug das Blatt noch einmal auseinander und las immer und
immer wieder was ein leidenschaftliches Verlangen schon bei weitem früher in
sein Inneres grub
Während dieser Betrachtungen hatte er Miranda oftmals laut genannt Wie
sagte endlich Florio jene Heilige zu deren Füßen ich dich gestern fand hätte
diese Worte zu dir geredet Warum nicht fiel Rodrich schnell ein glaubst du
sie sei nicht reich genug alle Herrlichkeiten der Welt zu umfassen Ein Auge
das in die Himmel dringt will ihren Glanz auf Erden erblicken und soll sie den
heiligen Zorn weniger als die Liebe verstehen Kann sie den Frieden ohne den
Krieg wünschen oder glaubst du sie gehöre zu den engherzigen Gemütern die
meinen mit einem frommen Wunsche die ewige Seligkeit herbei zu rufen Das
nicht unterbrach ihn Florio sie hätte dasselbe fühlend doch anders
gesprochen Ich weiß es nicht warum der Klang dieser Worte ein Misslaut in
Mirandas Munde wäre Aber in dieser Beziehung fällt er widrig in mein Ohr und
zieht mir das Herz ängstlich zusammen ach und sie kann es ja nur zu den
herrlichsten Gefühlen eröffnen Hat sie dich so schnell entzündet fragte
Rodrich lächelnd Ich begreife es wohl fuhr er fort dass du sie nur auf deine
Weise verstehen und jedes strenge Wort in ihrem Munde für einen Frevel halten
musst Die kühnen männlich gesinnten Frauen passen in deinen Himmel nicht du
frommer Sänger O sagte Florio des Himmels Braut trug der Welt den Sohn mit
dem Schwerdte entgegen aber die Palme blühete in ihrer Hand und der Friede
strahlte aus ihren Augen Sie ist mir nicht fremd geblieben was rechter Art
ist offenbart sich dem Sänger von selbst
Hier stürzte Stephano wie ein freigelassener Löwe herein Es ist Krieg rief
er mit gepresster Stimme Die MarschOrdre ist da wir beide sind des Grafen
Adjutanten Ich bitte dich komm den Jubel der Regimenter zu sehen Die ganze
Stadt ist schon in Bewegung jedes Herz zittert vor Freude In der Nacht ist der
Kourier gekommen Man sagt laut der Fürst sei empört über die frechen
Anforderungen des Feindes Alles teilt sein Gefühl Jung und Alt strömt herbei
Niemand will zurückbleiben von allen Seiten erschallen Kriegslieder Herr Gott
im Himmel rief er mit zusammengeschlagenen Händen so habe ich es doch endlich
erlebt Es wird ein großer Tag über diesem Lande aufgehen Es ist als blitzte
Eine Flamme aus aller Augen sogar die Weiber fuhr er fort fühlen was ein
Vaterland sei Sogar die Weiber wiederholte Rodrich den Stephanos Glut
unwillkürlich erkaltete ich verstehe dich nicht wohl es gab eine Zeit wo du
mit Alexis über den Wahn so einseitiger Anhänglichkeit strittest und diese
Missgeburt veralteter Zeiten als längst abgefallen und verwittert ansahst Ich
erinnere mich genau von dir gehört zu haben dass jetzt weder von dem Menschen
noch dem Staate als Individuen die Rede sei sondern dass die allgemeinen
Strebungen das Ganze umfassten und das Leben daher weniger in hervorleuchtenden
Momenten als in einem gleichmäßigen Fortschreiten still in einander greifender
Kräfte bestehe Diese weltbürgerliche Gesinnungen halten dennoch wohl die Probe
bei ähnlichen Veranlassungen nicht aus das gleichgefühlte Recht des Eigentums
drängt jeden zu Verteidigung und Rache Ich bin zu befangen erwiderte
Stephano um mich jetzt vor dir behaupten zu können und ich gestehe dir auch
dass mir alles was ich sonst dachte und sprach in diesem Augenblick sehr schaal
und leer erscheint Ich mag gar nicht untersuchen was mich jetzt so über allen
Ausdruck bewegt was wie tausend zuckende Blitze meine Brust durchfährt und
mich in freudiger Wut fortreisst so dass ich nirgend Ruhe finde und selbst Hand
an mich legen möchte um die innern Vulkane auszuströmen Wer kann jetzt
motiviren und klügeln Es mag sein dass die bloße Kampflust mich und Alle
treibt dass die große Reibung gesammter Kräfte die innern Schwingen hebt und
Vaterlandsliebe und Eigentumsrecht weit überflügelt es mag auch anders sein
ich weiß nichts gar nichts als dass ich endlich einmal messen und prüfen will
was ich vermag Der Schneckengang nüchterner Tätigkeit trennte ja alle freie
Bewegung Niemand weiß was er soll und kann so lange die ungeübte Kraft wie ein
blödes Kind in die Welt hineinsieht und jede kühne Regung gefangen hält Jene
erschöpfenden Definitionen fallen von selbst sobald das rechte Leben anhebt
Die alten Helden sagte Florio mit bescheidener Stimme die noch einen Glauben
und eine Liebe kannten wussten meine ich trotz aller wilden Streitlust
dennoch warum sie fochten und ich dächte wer das Recht und die Wahrheit nicht
von Angesicht zu Angesicht schaute der könne nie auf Sieg hoffen Stephano
der in seiner Freude den Jüngling bis dahin nicht bemerkt hatte ward seltsam
durch die Milde seiner Stimme getroffen er betrachtete ihn aufmerksam dann
sagte er den Kopf in beide Hände stützend ich mag jetzt über nichts streiten
Gott weiß es wie verworren und wild es in meiner Brust tobt Sie sollten mit
uns gehen fuhr er nach einer Weile Florio die Hand reichend fort ihr Anblick
müsste jedem wohltun und die unruhigen Begierden sänftigen Ich folge meinem
Rodrich überall erwiderte dieser wohin sein Schicksal ihn führt Rodrich den
die letzten Worte wieder in seine gewohnte bessere Stimmung hinüberzogen
drückte ihn gerührt an sein Herz indem er sagte jetzt mein guter Junge
darfst du mich nicht begleiten das verbietet die hergebrachte Ordnung Manches
rohe Wort könnte dich treffen was mich und dich kränken würde Aber nahe wollen
wir einander dennoch bleiben und ich will zu dir wie zu meinem guten Engel
flüchten wenn das Leben mich wieder so kalt anfasst und die innere Lust
erstarrt Ein Himmelsbote sollst du mir in trüben Augenblicken erscheinen Mein
Florio sieh mich nicht so wehmütig an Gewiss du folgst mir bald recht bald
Wie könnte ich mich denn auch aufs neue von dir losreißen wollen dein frommer
Blick soll sich schirmend zwischen jeden wilden Gedanken legen und ihn auf ewig
von mir abhalten Jetzt erlaube mir indes dass ich dich zu einer Freundin führe
der du ein lieber Trost sein wirst und die dich wohl selbst wenn es sich
anders fügen will zu uns begleitet Bis dahin sei ruhig Lieber Seraphine wird
dich gern aufnehmen und du wirst bei diesem leichten tändelnden Gemüt deine
Kinderwelt am ersten wiederfinden Ach du fühlst es nicht sagte Florio mit
abgewandtem Gesicht wo meine Welt blühet du und wenige wissen wie ein Gedanke
das ganze Leben umfassen und jede andere Rücksicht vernichten kann darum
begreifst du auch nicht was mir es kostet ohne dich zurück zu bleiben Du
sprichst so ruhig davon als gälte es irgend einer andern Vorkehrung deiner
Reise Es muss ja wohl so sein Ich bleibe weil du es willst und wo du willst
Mir gilt jeder Ort gleich seit du mich aufs neue von dir verbannst O seht
doch seht rief Stephano auf eine nahe gelegene Hauptwache zeigend da wird
der Ausmarsch recht anmutig gefeiert Das Citermädchen saß in den Zweigen
einer schattigen Linde und sang und spielte während die Krieger im Kreise um
den Baum standen und still auf folgende Worte lauschten
Auf jener Wiese glühen
Die Blumen purpurrot
Die allesammt erblühen
Aus vieler Helden Tod
Es sind die blutgen Wunden
Die auf zum Himmel sehn
Im Sonnenlicht gesunden
Verkünden was geschehn
O sagt nun heilge Zungen
Wes Taten feiert ihr
Wer hat den Tod bezwungen
Wer ruht verklärt allhier
Da weht es in den Halmen
Da rauscht es in der Luft
Die Erde wills zermalmen
Es sprengen aus der Gruft
Die kühnen Reiter alle
Auf weiß und goldnem Ross
Die einst im herben Falle
Besiegt der Feinde Tross
Wir tönt es aus der Ferne
Der Länder Wehr und Zier
Glühn nun als Himmelssterne
Erblühn als Blumen hier
Der Zauber ist verschwunden
Die alte Schuld gelöst
Die haben Ruh gefunden
Die kämpfend sich erlöst
Als sie geendigt schallte es wie aus einem Munde
Die kühnen Reiter alle
Auf weiß und goldnem Ross
Die einst im herben Falle
Besiegt der Feinde Tross
Das Mädchen wiegte sich indes in den Zweigen und weigerte sich herunter zu
kommen Da schwang sich ein schlanker Cürassier zu ihr auf und sie umfassend
sang er
Der Krieg löst alle Bande
Der Krieg trennt Seel und Leib
Er zieht in ferne Lande
Den Mann vom Eheweib
Nun ist die Lust gestorben
Gewelkt der Myrtenkranz
Um sie hat Tod geworben
Im frischen Minneglanz
Da sitzt sie in der Kammer
Und weint in Todesnot
Ach und im herben Jammer
Glüht ihr das Morgenrot
Des Hauses Tür verschlossen
Seit jener trüben Zeit
Wo Tränen nur geflossen
Geschwiegen Gastlichkeit
Die hört sie jetzt erklingen
Die tut sich plötzlich auf
Wer mag ihr Freude bringen
Wer hemmt der Tränen Lauf
Ein Pilger tut sich neigen
Und spricht Euch grüße Gott
Wollt mir den Ring wohl zeigen
Den ihr jetzt tragt zum Spott
Und auch das Tuch von Seide
Gebleicht im Mondenschein
Das ihr im tiefen Leide
Bewahrt im goldnen Schrein
Es fodert diese Gaben
Der Eheherr zurück
Ich muss sie wieder haben
Spricht er mit zorngem Blick
Zu lösen das Verbrechen
Zu löschen wilde Glut
Die stummen Zeugen rächen
Zu laut den Wankelmut
Sie gibt den Ring ihm willig
Sie öffnet still den Schrein
Was er verlangt ist billig
Ich willge in Demut ein
Und wie sie dies gesprochen
Sinkt sie erbleichend hin
Das Herz ist ihr gebrochen
Entschwunden Welt und Sinn
O Jesus meine Wonne
Ruft laut der Pilgersmann
Blick auf du reine Sonne
Sieh Angst und Weh zerrann
Wirf ab wirf ab die Sorgen
Dein ist das treuste Herz
Auf Abend folgt der Morgen
Lust keimt aus Liebesschmerz
Die kleine Sängerin hatte sich vertraulich an ihn gelehnt und sah ihm zufrieden
in die freundlichen Augen aber die Alten lachten und meinten sie solle sich
darauf nur verlassen dann sei sie gut beraten das Herz habe im Kriege nicht
Platz für derlei Erinnerungen Solche weiße Täubchen wie sie flögen hinein und
heraus Das mache den rechten Soldaten dass er zu jeder Zeit mit frischem Herzen
liebe und hasse wie das veränderliche Leben es von ihm fodre Nun nun fuhr
der Eine fort und reichte ihr gutmütig die Hand werde nicht böse Kleine es
ist nicht so ernstlich gemeint und als sie ihm dennoch die Hand verweigerte
sang er im tiefen Bass
Hab ich dir was zu Leide getan
Rufe Dich um Vergebung an
Reiche mir deine Hände
Weil es geht zum Ende
Sie sprang behend auf seine Schulter und er trug sie unter lustigem Zuruf der
Andern davon
Wenn marschiren wir fragte Rodrich dessen Herz immer unruhiger klopfte
Übermorgen erwiderte Stephano Deine Frage setzte er hinzu erinnert mich an
alle die tausend Kleinigkeiten die uns in dieser Zwischenzeit genugsam
beschäftigen werden Nun es gehört ja auch dazu darum lass uns nur immer frisch
Hand anlegen Sie sprachen hier weitläuftig über die nötigen Einrichtungen und
trennten sich endlich damit jeder das Seinige besorge Vor allem musste Rodrich
zum Grafen Er eilte zu ihm und erhielt dort Aufträge die ihn eine Zeitlang
von sich und seinen schwankenden Vorstellungen der Zukunft abzogen
Florio sah ihn kommen und gehen ohne gleichwohl sein geschäftiges Treiben
durch irgend eine Beziehung auf sich zu unterbrechen Nur am Abend als Rodrich
einen Augenblick neben ihm ruhte und schweigend seine Hand drückte brach der
innere Schmerz hervor Wie seltsam sagte er spielt das Schicksal mit mir
Nachdem ich leichtgesinnt alle Hindernisse überflogen alles verlassen habe was
mich von dir zurückhielt unbekannte Gegenden durchstreifend die Welt wie eine
liebe Heimat begrüßte weil ich dich überall ahnte und sah muss ich dich
endlich finden um dich gleich darauf zu verlieren Soll denn das Leben wie ein
buntes Spiel an mir vorüberziehen und darf ich nie bei einer Freude verweilen
Rodrich eröffnete ihm beruhigend eine bessere Zukunft ohnerachtet er selbst
den eignen Wünschen keine bestimmte Richtung zu geben wusste Er bat ihn darauf
um nähere Auskunft seines vergangenen Lebens Darüber erwiderte jener weiß
ich wenig Deutliches anzugeben Das Meiste liegt wie ein Traum hinter mir wo
sich die Erscheinungen in einander verlieren und das dunkle Gefühl der Wehmut
oder Freude uns allein übrig bleibt Auch habe ich weniger mit Menschen als mit
der Natur gelebt Nicht dass ich jene nicht unaussprechlich liebte oder dass ich
kalt von ihnen zurückgewiesen wäre allein Vieles in ihren Verhältnissen ist mir
fremd geblieben oder erschien mir doch schwer und drückend Späterhin zogen
mich die Klöster ihres herrlichen Gesanges und der wundervollen Gemälde wegen
zu sich hin Die alten frommen Sagen die Gebilde der Vorzeit das heimliche
innerliche Leben das sich nur dann und wann in Klängen verkündet alles dies
fesselte mich oft viele Tage hindurch und ich verstand die Natur nie besser
als wenn ich so aus dieser abgeschlossenen Welt zu ihren wechselnden Spielen
zurückkehrte Ich erkannte hier den heiligen Ernst wie er in bunten Kleidern an
den Menschen vorübergeht die ihn lieben ohne ihn zu kennen und oft dachte ich
des Abends wenn der lustige Farbenschmuck zerrann und Hain und Wälder
schwiegen die frommen Brüder träten zu mir hin und sagten mir dasselbe was
jene zuvor in tausend Weisen verkündeten Mir ward es in solchen Augenblicken
klar dass wir so wie die Nacht auch das innere Walten des Geistes verträumen
und dass es recht schwer ist sich selbst in den einzelnen Lauten zu verstehen
die gerade wie der Traum zu uns heraufdringen und dann wieder lange Zeit
hindurch schweigen Ich habe in ähnlichen Stimmungen viel gedichtet aber es war
so lose und unzusammenhängend dass es dem Gedächtnis entfiel und ich darüber
die schönsten Erinnerungen einbüsste Ich verlor mich dann auch wieder in große
Städte bei festlichen Aufzügen Versammlungen überall wo ich dich zu finden
hoffte Gesang und Musik verschafte mir leicht Zutritt Dies sind Bande die
überall die Menschen vereinen Es ist wohl sicher Gottes Stimme die Niemand
überhört Viele reden freilich mehr davon als sie empfinden aber es geht ihnen
damit wie mit der Tugend Sie ahnen ihre Göttlichkeit und möchten sie doch zum
Scheine lieben und ohne dass sie es glauben werden sie wenigstens für
Augenblicke durch sie bezwungen Wie viel kalte Herzen sah ich durch die Gewalt
der Töne erweicht und belebt die sich dann wohl wieder verschlossen aber doch
eine Sehnsucht nach jenem seligen Vergessen ihrer einengenden Rücksichten
behielten So habe ich den Kardinal und durch ihn dich gefunden Wie
unterbrach ihn Rodrich diese Hand hätte dir den Weg zu mir gebahnt Ich weiß
nicht erwiderte jener wie es kam dass mich sein kalter Blick nicht schreckte
und ich darein willigte ihn hieher zu begleiten Mich bestimmte weder ein
lebhafter Gedanke an dich noch irgend eine andre Hoffnung Ich gab mich dem
Schicksale ganz rücksichtslos hin da mir überdies alles gleich unwichtig
schien so lange du mir fehltest Ach und sieh die Menschen denken und sinnen
erwägen und messen und am Ende tun sie doch auch nichts anders als sich
gläubig in Gottes Arme werfen Es gibt immer einen Punkt wo die menschliche
Klugheit nicht zureicht Zuweilen ahnen wir ganz dunkel dass diese uns überall
missleiten könne und werfen uns getrost in das offene Meer des Lebens Wie
töricht das auch von fern aussieht so ist es dennoch schön dass man sich
überall gehalten fühlt Mein Kardinal war wohl ein trocknes Reis aber es hielt
mich dennoch und ich kam bis zu dir Wer möchte auch über die Mittel rechten
die uns die Vorsehung sendet Fürchte übrigens nicht fuhr er fort als Rodrich
gedankenvoll vor sich hin sah dass mich irgend ein Band an ihn kettet Ich habe
immer die Freiheit über alles geschätzt Beschwerden achtete ich nie
Bedürfnisse kenne ich nicht was sollte mich daher fesseln wenn es nicht die
unendliche Liebe ist die ich von jeher zu dir im Herzen trug Wie kam es aber
sagte Rodrich noch immer das Bild des Kardinals festhaltend dass ihr euch
traft Süd und Nord dürfen die je einander berühren Es war um Mitternacht hub
Florio erzählend an als er eben die Messe gehalten und sein Herz vielleicht in
Demut zu Gott gewendet hatte dass er nicht eben weit von der Kirche vor einem
kleinen Hause vorüber ging an welchem ich singend lehnte Es war ein heilig
Lied das in frommer Andacht aus meinem Innern drang Er blieb einen Augenblick
mich betrachtend stehen Da schwieg ich ehrerbietig und er ging still vorüber
wandte indes mehreremale den Kopf und sah immer wieder zu mir hin Ich hatte
ihn schon vergessen als wir bald darauf einander in der Kirche trafen Ich weiß
nicht was er sich bei meinem Anblick denken mochte allein er stutzte anfangs
und doch konnte er seine Augen nicht von mir wenden Mir kam er seltsam vor Ich
hatte kein rechtes Herz zu ihm indes folgte ich wenige Tage darauf seiner
Einladung die mich zu ihm führte Er empfing mich mit mehr Güte als sein
stolzes Ansehen erwarten ließ doch sah er vornehmer als in der Kirche auf mich
hin Nach einigen Worten über mein Talent das wie er versicherte ihn
überrascht habe fragte er nach meinem Vaterlande meiner Herkunft den
Ursachen die mich zu dieser Stadt geführt hätten in welcher ich
augenscheinlich als Fremder ohne sonderlichen Anhang lebe Ich hatte viel Mut
allein ich empfand eine innere Scheu in seiner Gegenwart unsrer frühern
Verbindung meiner kindischen Wünsche und unsicheren Hoffnungen zu gedenken Es
wäre mir unmöglich gewesen deinen Namen auszusprechen und doch hing er mit
allen geheimnisvollen Regungen mit dem verwischten Glanz meiner Jugend ach
mit jedem Gedanken der mich von da an begleitete zusammen Ich sagte daher
mein einfaches Leben sei nicht wert von ihm beachtet zu werden Ein Hirtenknabe
wandre ich unstät durch die Welt die mir von meinen Tälern aus so lockend
erschienen sei Ich freue mich Sprache und Sitten der Völker in ihren Gesängen
zu erkennen und finde meine Heimat überall in der Zauberwelt der Klänge Er
schien unbefriedigt und ich fühlte mich unsicher und ängstlich Nach einem
augenblicklichen Schweigen trat er auf mich zu und fragte mit gespannten
zweideutigen Mienen ob ich meine früheren Jahre nicht in einem Kloster verlebt
habe Es war sichtlich dass ihn irgend eine falsche Vermutung missleite indes
war mir aller Irrtum von jeher zuwider mich befiel eine peinliche Angst und
ich mochte wohl betroffen aussehen als er mich gütig bei der Hand nahm und
sagte er wolle nicht in mich dringen wenn diese Erinnerungen mich schmerzten
er wisse überdem jetzt genug es würde sich alles aufklären Dies gab mir die
nötige Zuversicht wieder und ich versicherte ihm sehr unbefangen und ehrlich
dass ich wohl in Klöstern gelebt sie aber erst in späteren Jahren aufgesucht und
in ihnen gelernt habe dass die Wahrheit überall siegen müsse Er ließ meine Hand
fahren und ging schweigend im Zimmer aus und nieder In mir war alles wieder
ruhig und still und ich ergötzte mich an den reichen Verzierungen die uns
umgaben als er mit vieler Heftigkeit ein Seitenzimmer öffnete mir einen reich
gestickten Mantel mit goldnem Ordenskreuz zeigte und mich ernstaft fragte ob
ich dies Gewand nie als Kind gesehen und im Spiele getragen habe Mein Gott was
erwiedertest du sagte Rodrich in der heftigsten Bewegung Ich musste wirklich
lachen entgegnete Florio seine Unruhe nicht beachtend da unsre Hütte solchen
Reichtum wohl nie umfasste Der Kardinal konnte auch meine Aufrichtigkeit nicht
länger bezweifeln denn er sagte gerührt nein so lügt man nicht in der Jugend
Als wir bald darauf von einander schieden hörte ich im Weggehen dass er laut
ausrief es ist unbegreiflich dass diese Züge mich täuschen konnten Wir sahen
einander oftmals wieder Das Geheimnisvolle in seinem Betragen hatte etwas
Anziehendes für mich und da er sich immer bei meinem Anblick zu erweichen und
zufriedner zu sein schien so willigte ich ein ihn hieher zu begleiten Es
ist klar sagte Rodrich nach einem kurzen Schweigen mich mich will er haben O
jetzt treten die allerfrühesten Erinnerungen hervor So könnte ich denn mein
dunkles Schicksal aufdecken Gott weiß es welche peinliche Angst mich
zurückhält aber ich kann nur mit Schrecken daran denken den Schleier zu heben
Wer weiß was darunter liegt Ich zittere wie ein Kind etwas Außerordentliches
zu sehen und am Ende ist es wohl nichts als das Allergemeinste was mich
spottend ansieht und die stolzen Hoffnungen in den trüben Strom bedürftiger
Wünsche zurückwirft Jetzt nur jetzt muss ich den glänzenden Wahn noch
festhalten mögen dann die Zeiten alles zerstörend berühren wer kann wissen
wie es über kurz oder lang endet Was redest du für seltsame Dinge unterbrach
ihn Florio Dich suchte der Kardinal warst du denn jemals im Kloster und mich
soll er für dich angesehen haben Ach du weißt es nur nicht erwiderte jener
ich schwieg ja in eurer Gegenwart von allem was mir das Herz zusammenzog Ja
ich war im Kloster lange Jahre hindurch und wie auch der Kardinal mit meinem
Leben zusammenhängt ich glaube ihn dort gesehen zu haben doch so früh dass mir
nur das Schreckende seines Anblickes geblieben ist und er die kindischen Züge
leicht vergessend sie überall in jedem fremden Gesicht zu finden glaubt
Rodrich schüttete nun sein ganzes Herz vor ihm aus und wie er der
Vergangenheit gedachte konnte er nicht umhin prophetische Blicke in die
Zukunft zu werfen Florio bat ihn Gott zu vertrauen der sich niemals
widerspreche und der Natur eines Jeden gewähre was sie durch ihr lebendiges
Wollen verlange Ich werde es niemals glauben setzte er hinzu dass Mensch und
Welt in so argem Widerstreite gegen einander stehen und die Notwendigkeit sich
gegen den innern Ruf so auftürmen könne dass dieser unbeantwortet bliebe oder
der Geist in eigener Erniedrigung verschmachtend dahin getrieben würde sich
durch freche Tat zu befreien Das hat noch Niemand groß gemacht dass er mehr
gewollt als er gedurft Wenn man recht zusieht bietet sich doch alles einander
die Hände und wer zu Gott will mit dem ist Gott auch sicherlich Rodrich hörte
nicht recht auf das was er sprach Sein Denken war überall unstät oder in
Einem Gegenstande befangen Beides traf hier zu Mirandas Besitz beschäftigte
ihn ausschließend und doch war es als wenn auf diesem höchsten Gipfel seines
Glückes noch tausend andre Wünsche wie Cristallspitzen anschössen die alle
Farben spielend seine Sinne unruhig umhertrieben Lass uns noch einmal nach
Theresens Garten gehen rief er aus ach es war so unbeschreiblich schön dort
Florio folgte ihm willig Allein da sie hinaustraten wehete ihnen ein feuchter
frischer Wind entgegen der Himmel war trübe hin und wieder fielen einzelne
Regentropfen die sich je weiter sie gingen verdoppelten und zuletzt in
Strömen ergossen Rodrich wollte sein Vorhaben nicht aufgeben bis er zu der
Gartentür kam die gerade jetzt wohl durch einen Zufall verschlossen war Er
blieb ganz erschrocken stehen Soll ich sie denn nicht wieder sehen sagte er so
leise als wäre selbst der Klang dieser Worte von übler Vorbedeutung Denn das
ist kein Sehen zu nennen fuhr er unwillig fort wenn ich morgen mit hundert
Andern dahin gelange einen kalten förmlichen Abschied in des Fürsten Gegenwart
von ihr zu nehmen dieses Menschen der mir doppelt widrig ist seit er sich
hinter alten Gebräuchen verschanzt um sein Heer nicht auf dem einzigen Wege zu
begleiten der ihn wenigstens zu einem würdigen Tode führen könnte Müssen die
verhassten Umgebungen so schneidend zwischen uns treten und soll ich mit Hass und
Widerwillen zu kämpfen haben wenn ich sie sehe Der Himmel sollte mir doch
wenigstens dies Eine Gefühl rein erhalten Schilt den Himmel nicht sagte
Florio sanft Könnte ein Gefühl deine Brust erfüllen glaube mir die Umgebungen
hinderten es nicht Manchem erscheint das Leben wohl nur so störend weil alles
leicht zerstörbar in ihm ist Komm nur fuhr er fort wir wollen die Stadt noch
ein wenig durchstreifen vielleicht zerstreuen dich die lustigen Kameraden die
alle Sorgen hinter sich lassen und im fröhlichen Rausch nur vorwärts Glück und
Wohlleben sehen
Sie waren noch nicht weit gegangen als sie Stephano trafen der in
unglaublicher Bewegung überall war und sich mit Entzücken in das neue Leben
verlor Es gibt sagte er als er sie erblickte in der Welt keinen kühnern
Idealisten als den Soldaten Auch der Erfahrenste tritt die oft empfundenen
Widerwärtigkeiten lachend nieder und sieht unverwandt in die Sonne des Ruhmes
Es ist als wären Mühe und Not Gefahr und Wunden gar nicht da so freudig
sieht er darüber hinaus Ich kann nicht beschreiben wie ich mich an allem
ergötze was mich umgibt Jeder Krieger ist sicher ein Märtyrer seines
unerkannten Gefühls und eben diese Bewusstlosigkeit gibt ihm das unbefangne
Kindliche die frische Heiterkeit die ein unversiegbarer Quell wohl ersonnener
Spässchen bleibt Ja wohl sagte ein Mann in Grau gekleidet den Stephano ganz
dreist für einen Schulmann erklärte ja wohl gleicht der Soldat dem Kinde das
hundertmal über einen Stein gefallen ist und ihn doch nicht sieht wenn die
lockende Frucht aus der Ferne winkt Das ist ja eben das herrliche in ihm fiel
Stephano schnell ein dass ihn keine niederträchtige Überlegung von einem
dreisten Schritt zurückhält Der Engel mit dem Schwerte leihet dem Krieger seine
Schwingen um ihn über die Erbärmlichkeiten des Lebens hinaus zu tragen Könnte
der Tollkühne fuhr der graue Mann fort das glänzende Elend durchschauen er
würde gedankenvoll und mit Weisheit die Bahn betreten oder mindestens dürften
seine Führer den Stein zu umgehen suchen Nun ich sehe zum Glücke sagte
Stephano dass ein letztes Fünkchen dieser Tollkühnheit jedem und auch ihnen
beiwohnet da sie so rücksichtslos mit und von den Soldaten reden Hüten sie
sich aber doch vor diesem Stein ihr kühner Geist möchte sie nicht bei allen auf
gleiche Weise empfehlen Sie wandten sich von dem friedliebenden Lehrer den ein
paar kecke Bursche spottend nötigten mit ins Feld zu ziehen Er werde meinten
sie in der Schlacht gut tun da er mit den kurzen Beinen nicht weit laufen
könne
Rodrichs Ahnungen hatten ihn indes nicht betrogen Er sah Miranda erst am
folgenden Abend in der großen Hofversammlung Die Stunden rollten dort quaalvoll
in kalter Förmlichkeit hin ohne dass sich der Augenblick fand in welchem ein
herzliches Wort zu ihm gedrungen wäre Miranda sprach wenig sie schien sehr
bewegt ihre Blicke senkten sich oft zur Erde und einmal glaubte Rodrich eine
Träne in den dunkeln Wimpern zu sehen Er wusste selbst nicht was ihn
zurückhielt sich ihr wie viele Andre zu nähern Er zögerte und kämpfte als
plötzlich alles aufbrach und er in einer kalten Verbeugung sein Blut erstarren
fühlte Die zurückgedrängte Leidenschaft drohte ihn zu ersticken Er hatte
nicht die Kraft den Fuß zu heben und verweilte in ängstlicher Betäubung einen
Augenblick als die Prinzessin schnell auf ihn zutrat Ihre Brust hob sich
unruhig als kämpfe sie mit zurückgehaltnen Tränen stockend sagte sie endlich
Ich habe vergessen sie von Rosalie zu grüßen bei der ich diesen Nachmittag
war Die Arme hoffte sie jeden Augenblick zu sehen um ihnen Lebewohl zu sagen
Ich habe recht mit ihr getrauert sie hätten sie nicht um diese letzte Freude
betrüben sollen Es war eine von den wenigen klaren Stunden in denen sie ihr
Leben mit Ruhe umfasst und still in sich selbst zurückgehet Vergessen sie es
nicht dass eine bekümmerte Freundin für sie betet die ihnen dies Andenken als
eine liebe Erinnerung schöner Augenblicke gibt Er empfing mit Entzücken einen
kleinen Ring aus ihrer Hand den er noch betrachtete als sich alles um ihn her
verloren und Miranda längst entfernt hatte So liebreiche Worte durfte er kaum
erwarten Er drückte das Zeichen stiller heiliger Zuneigung an seine Lippen
Ja meine fromme Geliebte sagte er leise bete nur dass ich immer so demütig
und rein wie in diesem Augenblick zu dir aufsehe Ist es doch wenn ich den
Ton ihrer Stimme höre als geböte sie den innern Wogen Stille Ich gebe mich
dann auch so willig hin und lasse sie walten als hätten ihr von Ewigkeit alle
meine Gedanken angehört Es war ihm fast lieb nicht bei Rosalien gewesen zu
sein so gewiss er auch glauben durfte dass Miranda ihn dort aufgesucht habe
Dieser plötzliche Wechsel der geheimnisvoll wehende Liebeshauch der ihn
anrührte als wolle er die Flammen aus dem Eismeere locken die unnennbare
Freude die plötzlich durch sein ganzes Wesen zitterte welche andre Wonnen
konnten diese aufwiegen
Er eilte zu Florio um in dies treue Herz sein Glück zu ergießen Als er ihn
sah schloss er ihn freudig in die Arme und zeigte ihm den Ring der ihm sein
stummes Entzücken erklären sollte Florio betrachtete gerührt das Kleinod Es
war eine große Perle die in einem Blumenkranz von feinstem Golde lag Je länger
er darauf verweilte je lebhafter ward er an den feurigen Reif auf dem Bilde der
Dame erinnert Er konnte sich kaum der Tränen erwehren und gab ihm den Ring
schweigend zurück Verzeihe sagte er als ihn Rodrich verwundert ansah wenn
ich dir kalt erscheine ich bin von allem was ich heute sehe auf eine
ängstliche Weise ergriffen Die ganze Welt scheint mir in einer peinlichen
Beklemmung zu liegen Es ist als wenn alle zurückgehaltene Tränen des nahen
Abschiedes auf meine Seele fielen Ich war bei der Gräfin wie du es wolltest
Sie empfing mich gütig und meinte wir müssen beide die Undankbaren vergessen
die uns jetzt mit freudiger Ungeduld verließen aber sie lächelte dabei so
wehmütig und sah so kummervoll auf den geschäftigen Grafen dass man wohl
fühlte was ihr jeder Scherz kostet Sie bittet dich die letzten Stunden dieses
Abends bei ihr zuzubringen Alle Freunde sind dort Sie versichert im voraus
dass sie eure Freude auf keine Weise stören sondern den Augenblick so fest
halten wolle als könne der morgende Tag niemals hereinbrechen Florio sagte
Rodrich sanft du entkömmst mir nicht trotz dem ungewohnten Strom deiner Worte
und den neuen Bildern die du ängstlich vorüberführst Beschäftigt auch dich der
Ring allein Sage doch mein guter Junge was bewegt dich dabei so seltsam Hast
du nicht in meine offene Seele gesehen war ich je bemüht dir selbst die trüben
Flecken darin zu verbergen und darfst du dich gleichwohl vor mir verschließen
Florio widerstand dem sanften Eindringen nicht Er fasste seine Hand und
vertraute ihm was er seit jenem Augenblick sorgfältig in seiner Brust
verschloss Sie betrachteten beide den Ring in dem rötlichen Schein der Perle
strahlte Florio jene nächtliche Erscheinung zurück er senkte den Kopf in beide
Hände und weinte still vor sich hin Lass nur sagte Rodrich die Zeit wird das
Rätsel lösen und mag auch eine blutige Träne auf die flammende Glut fallen
wer weiß was daraus hervorgeht
Bald darauf trafen sie bei Seraphinen ein die sie bleich und mit verweinten
Augen empfing Rodrich fasste gerührt ihre Hand O sagte sie halb lachend halb
weinend tun sie sich keine Gewalt an die Freude glänzt so unverschämt aus
ihren Augen dass jede Bemühung traurig zu scheinen vergeblich ist Nein nein
fuhr sie fort als Rodrich im Begrif war zu antworten lasst uns durch nichts
erweichen der Ton ist der rechte den ich eben angestimmt habe die dreiste
Fröhlichkeit soll den Schmerz wenigstens für heute verscheuchen Sie versuchte
bald dem Gespräch eine leichtere Wendung zu geben allein was sie auch tat die
Anstrengung war überall sichtbar und verbreitete eine ängstliche Unruhe jede
Lücke auszufüllen die das unterdrückte Gefühl nur noch stechender hervorrief
Ihr Kinder sagte endlich der Graf so geht es nicht Das Herz widersteht in
ernsten Augenblicken künstlichen Spielereien darum lasst uns das Übel recht
scharf ansehen man gewöhnt sich ja an den hässlichsten Anblick Seraphine lehnte
sich an ihn und weinte sanft während er fortfuhr mit Ernst über den Krieg zu
reden und die Herrlichkeit eines ehrenvollen Todes herauszuheben Die mutige
Seele meiner Seraphine sagte er sollte nicht vor dem schönsten Lohne
zurückbeben der einen tapfern Krieger erwartet Ich habe das Leben immer heiter
angesehen der letzte Augenblick wird mich ja auch nicht tauschen Gott weiß es
ich denke nicht leichtsinnig daran ich werde ihn auch nicht vermessen
herbeiführen allein überraschen sollte er wohl Niemand unter uns Darum lasst
uns recht still und innerlich froh sein wie Menschen die am Ziele einer langen
Fahrt noch einmal einander die Hände reichen und wehmütig und getrost auf die
getrennten Lebenswege blicken Ach setzte er hinzu es gibt Leiden ganz andrer
Art Ich habe gestern mein armes Kind gesehen das in dumpfem Jammer hinwelkt
und den Todeskampf wohl tausendmal besteht Jugend und Lebenslust ringen wie
Gewapnete mit den kalten Stürmen die über ihre Blüten hinfahren und zuweilen
dringt ein lauter Schrei aus der Tiefe ihres Elendes dass man wohl fühlt wie
die Seele noch nicht vom Leibe scheiden will Ich habe den Anblick nicht
ertragen können am wenigsten aber wenn in andern Stunden die erschöpfte Natur
so in sich abgeschlossen so kalt und gleichgültig in die dunkle Nacht
hinstarrte und alles alles in ihr schwieg Gott sagte er bewegt gib uns
einen klaren besonnenen Tod Alle Blicke richteten sich auf ihn wie er mit
gefaltnen Händen recht verklärt zum Himmel sah und eine große Träne über sein
glänzendes Angesicht rollte
Gewiss sagte die Gräfin nach einer Weile ich scheue die Schmerzen nicht
die mich jetzt fast auflösen Man fühlt in ihnen Gottes Hand und das Herz
wendet sich liebreich und ergeben zu Allem was einem auf Erden teuer ist
allein mich ängstet im voraus die Unlust das Einerlei die rechte innere
Müdigkeit die bei manchen Gemütern auf solche Erschütterung folgt und die ich
ganz von fern kommen sehe Denkt euch wie farbelos alles in dem grauen Winter
vor mich hintreten wird Kein lebendiger Odem kann die ermüdenden
Frauengesellschaften beleben in denen die Langeweile sich so gern als Kummer
und Trübsinn bewähren möchte wenn die schlaffen Züge nicht unverkennbar ihre
Spuren trügen Manche stille Seele weint dann wohl im Verborgenen und gedenkt
seliger Stunden aber das entzweiet vollends mit der Gegenwart die Blicke auf
das zu lenken was nicht mehr ist Oft sagte Stephano der während dem mit dem
Gelehrten gekommen war söhnt man sich aber auch mit ihr aus wenn man sich
lange in andre Zeiten verlor und nun plötzlich zu ihr wie zu der alten
Heimat zurückkehrt in der zwar wenig von der verlassenen Herrlichkeit zu
finden ist die indes zu uns gehört und der Leib unsrer Zeiten ist Nun
dieser Leib sagte der Gelehrte sieht freilich ziemlich zerbrechlich aus ich
wollte das dürre Gerippe zerfiele und der jugendliche lebendige Gott schritte
wieder wie ein starker und gläubiger Held durch die neuen Zeiten Das wird er
das wird er riefen die jungen Krieger Ja das wird er sagte der Graf glauben
sie nur das Alte wird wieder neu freilich anders aber was jetzt hier glüht
ist doch auch schön und Gott wohlgefällig Es regt sich in der Asche fuhr der
Gelehrte fort vieles kann wieder kommen was man oft töricht verloren gibt
ob jetzt das weiß Gott Allein gewiss ist es der Phönix hebt die Schwingen
durch einen kühnen Flug kann er sich frei machen Es ist Schade fiel Stephano
ein dass der Herzog nicht mitgeht Warum unterbrach ihn Rodrich schnell das
Volk liebt ihn nicht das Heer kennt ihn kaum was soll er nützen Nun
erwiderte der Graf sein Name deutet darauf in solcher Zeit ziehen sich alle
Bande fester das Vertrauen wächst mit der Gefahr und Herren Auge Gottes
Auge Sonst war es so erwiderte der Gelehrte und mich dünkt der gibt sein
Land verloren der die Armee verlassen kann Wirklich sagte Rodrich lächelnd
Der Kardinal habe ich gehört hat den Bruder auch heldenmütig zum Aufbruche
ermuntert und sich edel genug zur Verwaltung des Reiches erboten Wer weiß
erwiderte Stephano beleidigt stände es dann nicht gut Sein fester Blick würde
die Frechen und Kindischgesinnten zügeln die des Herzogs Gleichgültigkeit
unbeachtet lässt Es sind große Opfer für den Glanz dieses Hauses gefallen
sagte der Graf dem Kardinal ist nichts zu wert was er dieser Idee nicht gern
unterwürfe Gewiss ist es er bleibt den Winter über hier Ohne Absicht geschieht
das nicht Nun Gott möge alles nach seinem Willen lenken Der Herzog kann nicht
mitgehen die Stände wollen es nicht und er darf hoffen dass er auch unsichtbar
bei jedem unter uns ist
Seraphine hatte unterdes mit Florio geredet und konnte nicht genugsam ihr
Gefallen über ihn ausdrücken Nein sagte sie zu Rodrich es ist etwas so
Eigentümliches Fremdes ja Veraltetes in ihm dass ich bald ein Kind bald
einen Heiligen zu hören glaube so unschuldig und doch so besonnen so klar und
tief sieht er die Welt an Ich möchte zuweilen über ihn lachen und doch muss ich
ihn unwillkürlich verehren Er sagte nur wenige Worte aber das liegt so
rücksichtslos auf gesellschaftliche Formen so offen da dass es überall
anerkannt werden muss Ich glaube sie sollten alles von sich werfen und mit ihm
in ihre Berge flüchten Aber das Paradies ist nun wohl für sie verschlossen sie
können nicht mehr von der Welt lassen und doch sind sie weder heiter genug um
unbefangen noch fest genug um ruhig in ihr zu leben Sie wissen es ist nicht
meine Art Gemüter zu sichten und zu zerlegen um einen Beitrag meiner
Seelenkunde herauszuheben wobei die Eitelkeit gewöhnlich alle Liebe und
Teilnahme niedertritt und die natürlichsten Gefühle in Kunstworte zwängt aber
sie geben sich dem blödesten Auge preis Ich kann sagen es stört mich oft recht
wehmütig wie bei einem leisen Ruf von außen ihr wilder Sinn so flammend
losbricht und auch wenn sie nichts sagen so schwer und trübe in ihnen
arbeitet dass sie mir wie ein feuriger Berg erscheinen dessen frische grüne
Decke die Menschen vertrauend lockt sich an ihn zu lehnen bis er dann
unversehens alles in Asche und Glut verschüttet Ach und der Augenblick wird
kommen und sie werden mit verloren gehen Wenn ich denke fuhr sie nach einer
Weile fort in welcher beide schwiegen wie es sie und mich treffen kann wenn
ich den geliebten Mann niemals niemals wiedersehe Mein Gott was würde dann
auch aus ihnen werden Sie ständen ganz allein ach und ich könnte nicht mehr in
einer Welt leben die ohnehin immer trüber wird und die nur die sanfte
Heiterkeit des reinsten Gemütes erhellt Sie bog sich zurück und ließ ihre
Tränen still fließen während Rodrich halb erweicht halb erbittert über die
eigne feindselige Natur schweigend vor sich hinsah
Die Stunden waren indes unbemerkt entflohen Der letzte Augenblick nahete
ohne dass es Jemand unter ihnen einfiel den vertraulichen Kreis zu eröffnen
Stephano hörte zuerst das langsame Rollen der schwer bepackten Wagen die immer
häufiger durch die Straßen fuhren Bald ward nun alles lebendiger Niemand
konnte das verworrene Rufen das Klirren der Waffen länger überhören Die
Artillerie zog mit klingendem Spiele vorüber das Geschütz dröhnte dumpf auf dem
Steinpflaster Alle fühlten mit Angst und Freude dass auch ihre Zeit bald kommen
musste indes wagte Niemand die augenblickliche Stille zu unterbrechen die recht
ängstigend fast jede Bewegung gefangen hielt Endlich stellten sich die
Regimenter auf den Straßen Marketenderinnen und anderes Gesindel lärmte frech
vorüber ihre derben Späße fuhren schneidend durch Seraphinens heilige Wehmut
Sie verhüllte das Gesicht und kämpfte sichtlich die schickliche Haltung zu
gewinnen auch gelang es ihr bald sich ruhig zu erheben und mit erheiterten
Mienen an das Fenster zu treten Der dämmernde Morgen stritt noch mit dem
Mondenlichte Die Gestalten traten wunderbar aus dem magischen Scheine hervor
Seraphine ward von dem Anblick der rüstigen Schaaren überrascht die mit ihren
glänzenden Waffen so kampflustig da standen und jeder Trauer zu spotten
schienen Handwerker und Bürger Männer und Frauen hatten sich herzugedrängt
jeder brachte das Seinige sogleich herbei manche stille Träne mancher laute
Zuruf ward gefühlt und erwidert Die Offiziere flogen die Reihen herauf
während Blick und Gruß der gläubigen Geliebten Trost verhieß Alles sah schön
aus in dem Augenblick wo Torheiten und Fehler vor der beginnenden kräftigen
Tat verschwinden Solchen Reiz gibt der edle Wille und so tief lebt Freiheit
und Recht in der Menschen Brust Und als nun die Trommeln gerührt wurden und
ein langes lebt wohl lebt tausendmal wohl nebst dem lauten Hurrah der
jubelnden Knaben nachhallte als die betagten Mütter betend zu dem klaren Himmel
aufsahen und behagliche Krämer und Meister schon in Gedanken den ersten Bericht
von der Armee lasen sagte der Graf fest Lasst uns tun was sein muss die Reihe
ist nun an uns Seraphine wollte den letzten Moment durch keine Schwäche trüben
der Anblick so vieler Tapfern die heiter und vertrauend dem dunklen Ausgang
entgegen sahen hatte ihr Mut gegeben Sie wandte sich beherzt zu dem Gemahl
der sie still bewegt an sein Herz drückte ihre Tränen stockten sie hatte
keine Worte Alle schwiegen gerührt da schmetterten die Trompeten die Pferde
stampften wiehernd vor dem Hause Weiber und Kinder schrien in unvernehmlichen
herzzerreissenden Tönen Der Graf drückte noch einen Kuss auf Seraphinens bleiche
Wange und eilte ohne sich umzusehen aus dem Zimmer Stephano und der Gelehrte
reichten einander die Hände indem der erstere sagte es hat Punkte gegeben wo
wir von einander abwichen allein was mich jetzt durchdringt und fortreisst das
fühlen sie und das wollen wir in der Erinnerung festhalten und Freunde bleiben
Florio ging schweigend neben Rodrich nur einmal sagte er mit gefaltnen Händen
Ach nun fühle ich aufs neue wie sich Herz vom Herzen reißt und die Wunde so
still ausbluten muss bis sie in sich selbst heilt Lebe wohl sagte Rodrich
stockend schwang sich aufs Pferd und war bald mit Stephano den
Zurückbleibenden aus den Augen
Der lustige Gruß der Reiter verwehete schnell die leichten Wolken auf ihrer
Stirn Ihre Herzen waren weich und offen die klaren Luftströme zogen
erfrischend durch sie hin Alles blickte sie in dem herbstlichen Morgenglanz so
reif und kräftig und doch so scheidend an Die Erde dampfte und tauete in
unzähligen Tropfen nieder als weine sie ihren Kindern nach Da hoben die Reiter
folgendes Lied an das wie ein Gespräch von dem Einzelnen angefangen und von
der ganzen Schaar beantwortet wurde
Was zieht dich so lustig zum Tore hinaus
Was locket dich über die Brücke
Was reißt dich von Weib und Kind und Haus
Zu jagen nach schönerem Glücke
Der Krieg der Krieg der lustige Krieg
Der locket den Reiter der ruft ihn zum Sieg
Ach wende die Augen sieh jenseit dem Fluss
Sieh Wellen in Wellen sich kreisen
Es schäumet die Brandung es sprudelt der Guss
Lass schweigen die lustigen Weisen
Und schlängen die Wellen auch Habe und Gut
Der Reiter blickt vorwärts lacht spottend der Flut
Die Brücke sieh fallen zerbrechen den Steg
Kannst nimmer zur Heimat nun wandern
Die Kindlein sie jammern auf schlüpfrigem Weg
Die Mutter verhöhnt dich mit Andern
Lass brechen lass brechen was halten nicht kann
Verloren hat niemals der wieder gewann
Halt an die Zügel halt an um Gott
Sieh vor dir die TotenGebeine
Es öffnen die Türen dem Frevler zum Spott
Die Gräber im stummen Vereine
Wen kümmern die Gräber wer achtet den Tod
Es treibet den Krieger ein göttlich Gebot
Der Graf trabte indes munter vor seinem Regimente her welches ohne achtet er
das HauptKorps führte so selten und so spät als möglich von ihm entfernt sein
durfte Stephano und Rodrich ritten an seiner Seite Alle drei hörten dem Liede
zu als der Wind rauschend durch die trocknen Blätter fuhr und sie kreisend des
Grafen Wange streiften Das ist wohl gar der Tod sagte er lachend indem er ein
welkes Blatt zerdrückte nun setzte er hinzu das Lied hat Recht wer achtet
den Tod Die beiden konnten nicht lachen Seine Worte waren ihnen schwer aufs
Herz gefallen Rodrich dachte an Seraphinens prophetische Klagen seine Blicke
richteten sich wehmütig auf den heitern Greis Das mögliche Unglück schien ihm
gewiss schien ihm so nahe dass er kaum dem innern Drange widerstand ihn an sein
Herz zu drücken Lieber Sohn sagte der Graf der seine Bewegung wahrnahm lass
dich das nicht irre machen in der Jugend hält man viel auf solche Zeichen im
Alter weiß man dass sich der menschliche Verstand überall anhängt wo er nicht
hindurch kann und in den engen Schranken alles zu sehen meint was ihm Gottes
Hand verbarg Das Geheimnis deuten zu wollen führt auf böse Trugschlüsse oder
kindische Spielereien Wer nicht alles weiß darf niemals glauben die dunklen
Worte zu verstehen die wohl zuweilen in und um uns erschallen und die nur an
die unsichtbare Weisheit erinnern und zur Demut und Standhaftigkeit ermuntern
sollen Lass jetzt deine Gedanken sich lieber auf die tatenreiche Gegenwart
lenken Viel Sinnen in das Blaue hinein macht den Blick unsicher und die Tritte
schwankend Kinder ich kann euch nicht sagen fuhr er nach einer Weile fort
mit welchem Blick ich die Gegend umher betrachte Keine frühern Erinnerungen
knüpfen mich an sie ich bin nicht alt geworden mit diesen Bäumen ihr Schatten
und ihre Früchte haben erst spät den Fremdling erquickt und dennoch hält sie
mein ganzes Herz gefangen Ich könnte die Erde küssen die mich so gastlich
aufnahm wo mir so viel so viel Freuden erblüheten Ja ich will sie schützen
als mein köstlichstes Gut Wir wollen ihr eine Vormauer sein an der die
räuberischen Hände zerbrechen sollen Wachend und schlafend habe ich nur den
einen Gedanken Wohl tausendmal schlage ich den Feind im Traume Nun es wird
geschehen bei Gott es wird Jetzt dringen wir in Eilmärschen vor Rechts deckt
uns das Meer links die feste Gebürgskette so sind wir über den Gränzen in
Feindes Land ehe es die weisen Staatsräte noch ahnen Die Armee ist frisch
kräftig zu Anstrengungen gewöhnt von den Einwohnern geliebt In solchen Zeiten
wird es dem Landmanne erst anschaulich was der Soldat im Frieden bedeutet Sie
haben einen Respekt vor ihm der zugleich Liebe ist und Dankbarkeit Das fühlt
der Reiter besonders der überall einen gewissen Stolz hat der ihm wohl
ansteht und nur in einzelnen seltenen Fällen Übermut wird Rodrich glaubte
nichts Herrlicheres gesehen zu haben als dies wachsende Feuer das in den
schönen beweglichen Zügen des Grafen spielte Er selbst ward wie neugeboren
heiter in sich gewiss So ging es mehrere Tage Das tätige Leben der Wechsel
der Gegenstände die Neuheit der ungewohnten Verhältnisse alles tat ihm wohl
trieb ihn aus sich selbst heraus und gab seinen Gedanken einen äußern festen
Halt an dem sie wuchsen und reiften und eben deshalb beruhigter in sich selbst
zurück gingen Er stieß auf nichts was ihn zurück drängte oder feindlich
erbitterte Stephano war ein gefälliger Freund ihre beiderseitige Wünsche für
den Augenblick erfüllt des Grafen Achtung und Freundschaft zwischen ihnen
geteilt die Unterhaltung durch ihn bestimmt leicht und unterrichtend Alles
traf zu um das Verhältnis rein zu erhalten und Rodrich eine tätige Ruhe kennen
zu lehren die seiner Natur eigentlich fremd und nur durch die Umstände erzeugt
war
Nach mehreren Märschen mussten sie indes das Regiment verlassen um die
wechselnden Hauptquartiere schicklich und passend wählen zu können Es ward nun
immer reicher vollwichtiger um sie her Im buntesten Gewühl fremder und doch
innig verbundener Gemüter in der wilden Lustigkeit und dem Ernste
anstrengender Beratschlagungen in dem Zusammenklang alles dessen was den
Soldaten ausmacht dehnte sich Rodrichs Seele die Schranken traten immer weiter
und weiter zurück er umfasste die Weltgeschichte in dem lauten ans Herz
dringenden Ruf der Gegenwart Was längst gewesen ward ihm wieder neu Die nie
verschollnen Nahmen ewiger Helden erklangen in seiner Brust der allmächtige
Geist hob sich und trat die nichtigen Wünsche nieder Was seine Blicke bis
jetzt wie Irrlichter verlockt die schwankenden Vorstellungen unsichrer Größe
drängten sich hier in einen gewichtigen Gedanken zusammen Das Leben fasste ihn
recht herzhaft an und er begegnete der wohltuenden Erschütterung mit
wachsender Kraft Überall fühlte er sich wohl überall blitzten ihm die
versprüheten Funken göttlicher Herrlichkeit entgegen die hier in einer Flamme
aufloderten Er lernte die Welt wieder lieben die er nie recht kannte am
wenigsten wenn er sie aus dem Gesichte verlierend sich selbst überflog Es sah
ihn alles so groß so neu wie aus langem Schlaf erwacht mit frischen
lebendigen Augen an Alle Klagen über gesunkene Welterrlichkeit erkannte er als
erste Regung des Erwachens Er glaubte einzusehen wie das tiefe bis zum
Schmerz beschämender Erniedrigung empfundene Bedürfnis großer Wirksamkeit die
Tat notwendig herbei führen müsse und wie der Geist nie lange in der Hülle
schmachte ohne sie zu sprengen und gewaltsam zu fodern was ihm werden muss
sobald er es will
Noch war er nie so bleibend ruhig in sich selbst so versöhnlich mit der
Welt so zuversichtlich und heiter gewesen als in den stillen Abenden die er
mit Stephano allein bei dem Grafen zubrachte Alles bis auf die unbedeutenden
Beschränkungen äußerer Bequemlichkeit erinnerte sie an das erwünschte Ziel dem
sie mit jedem Tage näher rückten Der Graf schürte die Flamme noch mehr an
indem er sich selbst wohltätig erwärmte und seine Pläne an dem stillen
inneren Lichte reisen ließ
So waren sie über die Grenzen dem überraschten Feinde entgegen in sein
eigenes Gebiet gerückt Kaum hatte dieser so viel Zeit gewonnen sich vor die
Festungen zu werfen und das Innere des Landes mit allen Kräften überwiegender
Macht und allen Vorteilen wohlgelegener stark befestigter Plätze zu sichern
Der Graf sah mit Freuden wie sein Gegner immer stärker und stärker gegen
seinen rechten Flügel anrückend einen Hauptangriff von dieser Seite zu erwarten
schien indes er sich links nur schwach gegen das Gebirge lehnte das sich hier
stark erhebend weiteres Vordringen unwahrscheinlich machte Auch rechtfertigten
des Grafen Bewegungen diese Maßregeln eine Zeit lang und die Armee selbst
glaubte dass hier der Schlag fallen müsse bis er durch eine geschickte Stellung
den Kern der Truppen plötzlich links wandte während leichte Korps den Feind von
der andern Seite ungewiss hinhielten Die Regimenter zogen sich immer
vorrückend dichter und dichter zusammen Alles ging den festen Gang auf Leben
und Tod mit Zuversicht Endlich kam der große Tag des Grafen Pläne waren reif
alle Befehle in der Stille gegeben Maßregeln und Vorkehrungen getroffen Das
tiefste Geheimnis deckte die Zukunft Niemand wusste aber Jeder glaubte und
wollte das Beste darum blieben die Gemüter frei und sicher und die Herzen
voll Kampfeslust So stand es in und um den edlen Grafen als er am Abend vor
der Schlacht seinen jungen Freunden entdeckte dass noch in dieser Nacht ein
Scheinangriff die feindlichen Anführer täuschen werde indes sie wenige Stunden
darauf mit zusammengedrängter Kraft von der Gebirgsseite einbrechen und
wahrscheinlich alles aufreiben und sprengen würden ehe noch ein Mann zu Hilfe
eilen könne Stephano ward deshalb sogleich zur Avantgarde verschickt um jede
Bewegung zu beobachten und dem Grafen nötigen Bericht abzustatten Er hatte mit
gespannter Aufmerksamkeit jedes Wort in sich gesogen sein Herz zitterte vor
innerem Entzücken er konnte keine Sylbe hervorbringen so wogte und brauste es
in seiner Brust unwillkürlich fasste er Rodrichs Hand um doch etwas in der
gewaltsamen Anspannung zu ergreifen er schüttelte und drückte sie während große
Tränen über das glühende fast verschämte Antlitz des Jünglings rollten Nun
gehen sie mit Gott sagte der Graf bewegt und als wäre die Erde unter ihm
verschwunden so pfeilschnell war er ihnen aus dem Gesicht
Rodrich war heut still und innerlich wie Jemand dem das Größte im Leben
plötzlich ganz nahe tritt Der erwünschte Augenblick war anders als er sich ihn
gedacht hatte unendlich schön aber ernst und heilig Er spürte nichts von der
leidenschaftlichen Erschütterung die ihn über sich hinaus zu nie gesehenen
Taten treiben sollte Weit Geringeres hatte ihn sonst wohl heftiger
fortgerissen Jetzt war er ruhig und sicher seit sich die großen Bahnen vor ihm
erschlossen Er erschien sich selbst ungewohnt und was er tat und sah
erfüllte ihn mit unbekannter feierlicher Ehrfurcht
So war ihm ein Teil der Nacht verflossen als des Grafen Regiment
einrückte das im entscheidenden Augenblick den gewohnten Führer nicht entbehren
sollte Es ward nun alles lebendiger als der Graf sich auf sein Pferd
schwingend den Leuten zurief nun Kinder in Gottes Nahmen vorwärts Wie ein
freudiger Blitz fuhr es über alle Gesichter die Alten sahen so vertrauend
drein tausend Grüße flogen ihm zu sogar die an einander gewöhnten Pferde
wieherten sich lustig entgegen Doch bald ging es still und eilig vorwärts
Rodrichs Herz klopfte jetzt zum erstenmal heftiger Man hörte stark feuern des
Grafen Blicke flogen nach dem Gebirge hin Dampf und Rauch hüllten sie in dichte
Nebel Vor und hinter ihnen wimmelte es von heranrückenden Regimentern Rodrich
verlor sich immer mehr in die großen Erscheinungen Indem ward das Feuer
schwächer als zöge es sich weiter hin und sie sahen Stephano heransprengen
der ihnen zurief die Pässe sind frei die Höhen genommen der Feind ist
geworfen aufgerieben doch rechts wälzt es sich wie ein Gewitter heran
Vorwärts vorwärts rief der Graf und alles drang in schneller Ordnung vor
Bald zogen sie zwischen den Gebürgen an Leichen und Verwundeten vorüber Des
Grafen Pferd stutzte und bäumte sich bei dem blutigen Anblick auf Rodrichs
Lippen schwebten jene Worte
Halt an die Zügel halt an um Gott
Sieh vor dir die TotenGebeine
Der alte unerschrockne Held gab indes dem Pferde unwillig die Spornen und sie
gelangten schnell in die weite unabsehbare Ebne die sich nun vor ihnen
hindehnte Die Sonne drang am dunkeln Saum des Horizontes herauf über der Erde
schwebte und flimmerte es wie tausend Luftgestalten die ein klarer Morgen
verjagte die Trommeln schallten dumpf durch die tiefe Stille die Infanterie
marschirte auf hell glänzten die polirten Bajonette Die weißen Federbüsche der
Kavallerie wogten wie ein bewegtes Meer im frischen Morgenwinde alles stand in
fester geschlossener Ordnung zum Kampfe bereit während ein feindliches Korps
wild und verzweifelnd heranstürmte Da schmetterten die Trompeten wie Ein Leib
bewegte sich die dichte Schaar Sie stürzten auf einander ein der Sieg war
leicht der Widerstand schwach doch bald drängten sich die Haufen immer dichter
und dichter heran Rodrich sah alle Kräfte in einem furchtbaren Momente gegen
einander aufsteigen Der alte heilige Schoss der Erde bebte und nahm die
kreisenden Kugeln mit dumpfem Gestöhne auf um und neben ihm sank ein blühendes
Leben nach dem andern schwarze Rauchsäulen drängten sich zum Himmel und hüllten
die blutigen Gestalten in schattige Wolken das lichte Gewölbe über ihm war
umzogen die Erde mit Blut und Leichen bedeckt Unheimlich und beengend trat die
grause Wirklichkeit vor Rodrich hin Wie gebannt musste er neben dem Grafen
halten der von einer Anhöhe das Ganze scharf und ernst betrachtete Der Sieg
blieb eine Zeitlang ungewiss Not und Verzweiflung gaben dem Feinde
ungewöhnliche Kräfte Rodrich sah das und kämpfte mit der stechenden innern
Ungeduld und dem äußern Unvermögen etwas Entscheidendes zu unternehmen Jetzt
sagte der Graf ist es Zeit Die brennende Mittagssonne strahlt dem ermatteten
Feinde entgegen indes wir frisch und stark ihr den Rücken zuwenden Er eilte
voran und sandte Rodrich seinem fast umringten Regimente Unterstützung herbei
zu führen Wie eine Flamme riss dieser die Schaaren mit sich fort durchdrang die
Reihen entwand einem gefallnen sterbenden Jüngling die Standarte und stürzte
mit den jubelnden Reitern in die dichtesten Haufen Bald darauf sah man den
Feind wanken die Reihen waren durchbrochen die Ordnung nicht wieder
herzustellen die wilde Flut Gesetz und Maß überspringend rann unaufhaltsam
aus einander Mehrere Stunden wurden sie verfolgt viele gefangen und getötet
die Meisten retteten sich durch ungezügelte Flucht Endlich ward alles still
die wachsende Schlachtwut tobte nur noch im Innern der aufgeregten Gemüter
Bald lagerten sich die siegreichen Truppen auf einem frischen Anger den Dörfer
und klare Bäche durchschnitten Rodrich hatte indes mit steigender Angst den
Grafen vergeblich aufgesucht Auch Stephano fehlte Er eilte unzähligen Toten
und Verwundeten vorüber zitternd in jedem einen dieser Geliebten zu erkennen
Seine Unruhe ward bald allgemein gefühlt tausend kreuzende Gerüchte wo man den
Grafen zuletzt gesehen und gesprochen haben wollte verwirrten nur die Meinungen
und erhöheten die laut geäusserten Sorgen Der Abend brach unter ängstlichen
Nachforschungen herein da sah Rodrich aus der Ferne drei Gestalten langsam zu
Pferde herannahen Er eilte ihnen entgegen und erkannte im trüben
Dämmerlichte den schwer verwundeten Grafen von Stephano und einem Diener
unterstützt Zusammengesunken mit schlaffen herabhangenden Armen ließ er sich
fast bewusstlos von demselben Pferde schleichend forttragen das sonst nur in
raschen Sprüngen mit ihm über die blühende Erde hinflog Rodrich weinte laut
als ihn der Tod aus den edlen Zügen so bleich und zerstörend anblickte Er
umfasste den geliebten Kranken und wollte ihn still und behutsam in eine nahe
gelegene Hütte tragen allein der Graf verlangte in gebrochnen Tönen nach einem
Zelte bei seinen Reitern gebracht zu werden Stephano eilte voran die nötigen
Anstalten zu treffen und die Andern zogen schweigend an den bestürzten
Regimentern vorüber die den geliebten Feldherrn mit stummer Ehrfurcht
begrüßten Als sie nun aber vor dem Zelte anlangten und der Graf in einem
rückkehrenden Lebensblitz seine wackeren Kampfgenossen anredete und sich und
ihnen Glück zu dem wohlerfochtenen Siege wünschte da hielt sich keiner länger
tausend Tränen flossen Aller Herzen ergossen sich in Klagen über das teure
Opfer das nun so blutend vor ihnen lag Die alten Krieger drängten sich um ihn
her sie wollten noch einmal in das sterbende Auge blicken das ihnen so oft
Ehre und Sieg verhieß Er grüßte Alle mit erschöpfender Anstrengung und wurde
dann eilig von herzueilenden Ärzten auf ein bequemes Lager gebracht Rodrich
harrte am Eingange des Zeltes in dumpfer Erstarrung auf den entscheidenden
Ausspruch des Arztes Er kannte sein Unglück er hatte die tiefe Wunde in der
Brust gesehen er durfte nicht hoffen und dennoch zitterte er heftig als
Stephano herausstürzte und die zurückgehaltenen Tränen an seinem Busen
ausweinte Er wagte es nicht ihn zu fragen die Gewissheit war ihm
schrecklicher als jene betäubende hinhaltende Furcht Beide schwiegen der
Arzt ging wehmütig an ihnen vorüber Niemand sagte ihm ein Wort so traten sie
wieder an das Bett des Kranken der nach dem schmerzlichen Verbande einen
Augenblick schlief
Die Nacht war indes herauf gezogen Eine laue heitre Luft säuselte durch
die halb geöffneten ZeltVorhänge Auf der weiten Ebne brannten Wacht und
Lagerfeuer still und erschöpft ruheten die müden Krieger über ihnen glänzte
der Himmel im heiligen verklärten Lichte ewigen Friedens Rodrich und Stephano
lauschten auf die stockenden ungleichen Atemzüge des Grafen der sich öfter
regte und im Schlafe unzusammenhängende Worte und einzelne Nahmen laut werden
ließ Rodrich ward sehr erschüttert als er ihn mehreremale mit vieler
Anstrengung Eusebio Eusebio rufen hörte Die Vorstellungen verwirrten sich
er glaubte wieder ein Kind an des sterbenden Freundes Lager zu sitzen dunkle
Ahnungen durchflogen ihn er beugte sich über das bleiche Angesicht und ihm war
als lägen zwei Gestalten in dem engen Bette In dem Augenblick erwachte der
Graf Er schien gestärkt blickte klar und sicher um sich her verlangte dass
man das Zelt noch mehr öffnen solle und freute sich der Ruhe und Ordnung im
Lager Sein heiteres Gespräch goss einen Strahl von Hoffnung in die Herzen beider
Freunde doch bald ward er ganz still seufzte mehreremale tief und schien
aufs neue zu schlafen Rodrich hatte seine Hand gefasst und als er sah dass er
unverwandt nach dem Lager blickte wagte er es ihm einige leise Fragen zu tun
Mein Sohn erwiderte er der Tod ist viel mehr als man glaubt es sollten sich
die Fäden langsam lösen die uns an die Welt fesseln oft reißen sie aber
gewaltsam und die Sehnsucht und der Schmerz halten uns hier noch lange
gefangen Vieles bleibt so unvollendet und zerstückt hinter uns liegen und
scheint uns mit tausend Stimmen zurück zu rufen wenn gleich eine höhere Hand es
anders und besser beendigen kann Auch du liegst mir schwer auf dem Herzen Ich
kann nun wenig mehr für dich tun Nimm die Schreibtafel die dort in dem
Kästchen liegt Sie enthält Papiere die du meinem Freunde dem General
überbringen sollst er wird weiter für dich sorgen Rodrich sagte er nach einer
Weile als Alle um ihn her weinten den Krieger müssen heitre Blicke zum Grabe
geleiten lass dich nicht so gewaltsam beugen dir bleibt viel zu tun übrig
Dein Schicksal wird dich noch wunderbar führen Ich erkannte dich früher
Eusebio war mein Bruder Zerreisse das bunte Gewebe nicht lass die Zeiten an dir
vorüber gehen es waltet und wechselt die ewige Gottheit in wunderbarer Gestalt
neige dich vor ihrem unerforschlichen Willen und trachte nicht vermessen das
Dunkel aufzuhellen Ich habe in dieser Nacht viel erfahren Es ist wenig mit
diesem Leben und doch wieder so viel so unendlich viel Er schwieg Rodrich
glaubte nichts Neues zu erfahren ihm war als habe er immer Eusebios Bruder in
dem geliebten Wohltäter geehrt es kam ihm auch alles ganz gewohnt und
natürlich vor Er forschte nicht weiter nach alle Neugier ward durch den
heiligen verklärten Blick des Sterbenden zurück gedrängt Er wusste selbst nicht
deutlich was er fühlte und dachte er sah nichts als das Eine was diesen
bangen ängstigenden Augenblick ausfüllte
So hatten sie mehrere Stunden schweigend neben einander verweilt Da drang
die Trompete die im Lager zum Satteln rief schneidend durch die heilige tiefe
Stille Der Graf fuhr gewaltsam empor er winkte mit der Hand und blieb einen
Augenblick aufgerichtet in einer angestrengten Stellung als wolle er dem Rufe
folgen wie der schmetternde Ton verhallte sank er zurück und lag starr und
tot an Rodrichs blutendem Herzen
Zweites Buch
Viele Tage waren seit dem Tode des Grafen verflossen Der alte Held ruhte
längst in starrer winterlicher Erde Alle Klagen und Tränen waren in die
stille Gruft versenkt Wie ausgestorben lag die verödete Gegend Kein lebendiger
Hauch drang hindurch Stumm ging der Tod und das Elend hinter dem verscheuchten
Bewohner der unsicheren Trittes die Trümmer seiner Heimat aufsuchte Weit hin
vor trotzigen Festen lag das siegreiche Heer und erkrankte im ermüdenden
Belagerungskriege Rodrich sah mit erschöpftem Geiste auf die unerschütterliche
Ausdauer seines neuen Gönners In und um ihn war alles verwandelt Die geträumte
Lust reichte nicht über einzelne Momente der Erwartung hinaus Der Gedanke hatte
ihn erschüttert gehoben die Tat verblich in den schaalen Gebilden des Lebens
Wie er etwas anfasste so schwand der Zauber und das nackte Gerüst trat
schauerlich vor seine begehrlichen Sinne Spottend blickte er auf sich und die
Menschen die immer aufs neue die abgerissenen Fäden wieder anknüpfen um das
trügerische Labyrinth zu durchirren und dennoch war nirgend ein Stillstand und
alle Ruhe Ohnmacht überreizter Begier Er suchte das ewig Bleibende und
entsetzte sich vor dem abgeschlossenen Einerlei erfüllter Wünsche
Unwiderstehlich zog ihn der Wechsel an sich um ihn dann unsanft zurück zu
stoßen weil er niemals fand was überall ist oder nirgend Dieselbe
wiederkehrende Unzufriedenheit sagte ihm dass dies die eigentlich bleibende
Stimmung seines Geistes und eine Folge erkannter Täuschungen sei Er glaubte
tiefere Blicke als jemals über die Nichtigkeit menschlicher Strebungen getan zu
haben da nichts die innere Sehnsucht stille sondern den gläubigen Mut zerreisse
und erdrücke Was haben nun fragte er sich oft im bitteren Unmut die
unzähligen Opfer der große Aufwand von Kräften alle die äußern und innern
Erschütterungen bewirkt In kurzem ist es vergessen die neue Gestaltung wird
eben so spurlos von einer neueren verdrängt und während das kreisende Rad sich
unaufhaltsam dreht glauben wir töricht den Augenblick zu fesseln Tausende
haben dasselbe vor mir gewusst und empfunden und doch arbeitet sich jeder auf
seine Weise ab und wenn er die mühselige Bahn durchlaufen ist so wundert er
sich auf demselben Punkte zu stehen von wo er ausging Rodrich konnte aus den
Widersprüchen nicht heraus in denen er sich und die Welt gefangen sah Das
innere Drängen und Treiben und jene Verachtung menschlicher Tätigkeit
zerrissen ihn auf eine Weise dass er in jedem Augenblick in Ungewissheit über
sich selbst geriet Seraphinens Worte er sei weder unbefangen genug um
heiter noch fest genug um ruhig in der Welt zu leben fielen ihm wohl zuweilen
ein indes glaubte er auch in der Gräfin etwas Gezwungenes Systemartiges zu
erkennen Es kam ihm vor als wolle sie mit Gewalt die anraisonnirte Heiterkeit
auf Kosten eigener unangenehmer Gefühle oben auf spielen lassen während Missmut
und Widerwille sie im Innern folterten Die kleinen Spielereien die ihrem Leben
den frischen Glanz liehen schienen ihm künstliche Behelfe eine Unbefangenheit
geltend zu machen die längst dem Lichte reflektirender Betrachtungen weichen
musste Überhaupt kam es ihm vor als habe der Verstand alle eigentliche
Originalität verwischt und jedem nur ein Kleidchen aufgehängt wie es sich
gerade für Lage und Verhältnisse passen wolle Die Menschen meinte er dächten
im Grunde ziemlich einerlei das heißt an sich selbst. Über diese Sphäre gehe
selten etwas hinaus wie sich die Eitelkeit auch hinter bescheidner
Selbstverläugnung verstecke Er musste lachen wenn er seines frühern
Enthusiasmus der glühenden Bewunderung einzelner großer Erscheinungen und all
der tausend Irrlichter gedachte die den kindlich gläubigen Sinn blenden Am
wenigsten begriff er wie Stephano dessen Ansehen längst bei ihm gesunken war
diesen entscheidenden Eindruck auf ihn machen konnte Er glaubte ihn jetzt ganz
zu verstehen um so mehr da ihre gegenseitigen Neigungen Ansichten und
Gefühle unaufhörlich einander begegneten und Stephano nur da zu sein schien
um durch stäte Reibung alle Saiten in Rodrichs Seele zu berühren und die
verstecktesten Töne hervor zu rufen Dies unwillkührliche Ergreisen diese
Ähnlichkeit die keinesweges Gleichheit war und dennoch jenes schauerliche
Erkennen in fremder Gestalt drängte beide Freunde aus einander Rodrich wandte
sich ohne Schmerz von ihm ab Er hatte etwas Außerordentliches erwartet lange
die auffallenden Widersprüche wie geheimnisvolle Rätsel mystische Anklänge
einer unbegreiflich hohen Natur angestaunt jetzt entdeckte er kleinliche
Regungen die auch seine Brust anfüllten und verzieh es ihm um so weniger sich
vor einer Überlegenheit gedemütigt zu haben die nur die Beschränktheit eines
kleinen Kreises dafür erkannte Stephano ließ es geschehen ohne sonderliche
Empfindlichkeit zu äußern Rodrichs Freundschaft war ihm nie Zweck gewesen Er
empfand leicht ein bestechliches Wohlwollen für Menschen die sich ihm
anneigten und versuchte dann ungesäumt sie in seine Pläne hinüber zu ziehen
Wenige verstanden ihn und auch diese Wenigen ließ er durch inkonsequente
Maßregeln erkalten Rodrichs Abfall kam ihm nicht unerwartet Er beschwichtigte
das verletzte Gefühl mit einer Verstandesformel und hing dem großen
Hauptgedanken seines Lebens mit gereizter Leidenschaftlichkeit nach Es galt
nichts weniger als dem launenhaften Schicksal zum Trotz sein abgerissenes
zweideutiges Dasein zu begründen und die dunkle Hälfte desselben durch einen
gewichtigen Schlag zu überstrahlen Es war nie klar in ihm geworden was er
eigentlich wollte und vermochte Einzelne große Begebenheiten fuhren wie Blitze
durch sein Inneres und drängten ihn verworren nach allen Richtungen Mit einer
unglaublichen Leichtigkeit jede äußere Anregung aufzufassen arbeitete er sich
innerlich bis zur Erschöpfung ab ohne etwas Großes zu leisten Mut und Wille
zerbrachen leicht an den gewöhnlichen Widersprüchen des Lebens indes erschien
er in solchen Krisen originell kräftig und oft sogar mit einer gewissen
VerstandesKonsequenz die leicht imponirt und der Welt die demütigende Klage
auspresste dass es eine Schmach sei diesen gewaltigen Geist in den gemeinen
Umgebungen verschmachten zu lassen Stephano sagte dasselbe freilich etwas
bescheidner allein die einmal gefasste Verachtung aller hergebrachten
gesetzlichen Verhältnisse die unwillkürlich ein Fussschemel eigener Erhöhung
wird rechtfertigte genugsam das Misslingen seiner häufig geänderten Pläne Was
in Rodrich wie ein ungestümes Meer brauste und ihn mit zerschmetternder Gewalt
an die Brandung empörter Wünsche trieb das hatte in ihm eine dürftige Phantasie
und ein überlegner Verstand zu einem systemartigen Bau aufgetürmt über den die
ältere Erfahrung einen Schein von Weisheit ausgoss Dieser Schein indes war es
der Rodrich mehr als alles verletzte Er vermengte ganz natürliche Folgen mit
absichtlicher Heuchelei und während er das Unrecht zu bestrafen meinte wandte
er sich von einer Ruhe die ihm seine eigne Heftigkeit vorwarf
So war ihm ein Teil des Winters unter feindseligen Kämpfen verflossen die
das Langweilige und Freudenlose seiner Lage nur noch mehr erhöheten Vergebens
hatte er so wie die Armee auf eine Entscheidung gehofft Unbedeutende Plätze
waren in ihrer Gewalt während die Hauptfestung der eigentliche Schlüssel des
Landes den kühnsten Widerstand leistete und alles weitere Vordringen unmöglich
machte Rodrich konnte die ruhigen Maßregeln des Generals nicht begreifen und
tadelte sie um so strenger je weniger Berührungspunkte zwischen ihrer beider
Ansichten statt fanden und je sorgsamer der erfahrne Krieger sich in sich
selbst zurück zog In dieser finsteren Stimmung erhielt er einen Brief von
Florio der ihn wie ein milder Frühlingshauch anwehend einen Augenblick mit
der Welt versöhnte Sein Herz öffnete sich recht eigentlich während er folgende
Worte las
»Mein Rodrich warum kann ich nicht bei dir sein warum halten mich Bande
die ich gern anerkennen und selbst um den Preis deiner Umarmung nicht lösen
möchte Sage mir wie kann der Mensch so widersprechend und doch wieder so einig
und beruhigend fühlen In manchen Augenblicken überfällt mich eine Sehnsucht
nach dir die oft zur peinlichsten Unruhe anschwillt allein ich möchte dich
eher in unserer Mitte wissen als dort in dem verworrenen Getümmel aufsuchen Es
ist viel anders in mir geworden Die Welt lockt und reizt mich nicht mehr wie
sonst Ich habe es nie geglaubt dass man den Schmerz so lieben und sich mit den
schauerlichsten Erscheinungen befreunden könnte Es soll nicht gut sein sich
der Wehmut und allen süssern Regungen des Herzens so ohne Widerstand hinzugeben
als wolle man sich in dem wonnigen Meere auflösen Es ist wohl möglich und ich
glaube sogar dass man aus diesen Träumen mit matten Widerstreben zu den
kreisenden Bewegungen des Lebens erwacht aber ich kann dir nicht beschreiben
wie heilig und still alles in dieser Einsamkeit atmet und mit welcher
seltsamen Bangigkeit ich jeden Ruf naher Weltereignisse vernehme Wie ein feiges
Kind möchte ich mir die Ohren verstopfen um nichts von allem was draußen
vorgeht zu hören Ja ich kann sagen mir schlägt das Herz vor Angst wenn ich
denke dass man deinen Nahmen außerhalb dieses abgeschlossenen Kreises nennt
Wärst du nur hier Ich kann meine kindischen Sorgen durch nichts rechtfertigen
und doch könnte ich dich mit mir in diese Dunkelheit vergraben uns wäre wohl
allen besser Wüsstest du indes wie wir hier leben wie Schmerz und Wahnsinn mit
allen winterlichen Schauern unsre öden Tage erfüllen wie nur taube Blüten
kranker Phantasie unsre einförmigen Gespräche dann und wann anregen und selten
ein Sonnenblick über uns hinzieht du würdest nicht begreifen wie man solche
Umgebungen lieben wie man in ihnen frei atmen könne Und doch ist es so Seit
dem Tode des Grafen sind wir zu Rosalien gegangen die uns ungern und mit
sichtbarer Scheu aufnahm Ihr Anblick überraschte mich schmerzlich Die hagre
erloschne Gestalt umhüllte ein langer schwarzer Schleier der ihr Stirn und
Augen bedeckte unter demselben sah ein frischer Myrtenkranz wie zum Spott auf
ihr bleiches Gesicht herab So lag sie unter einem großen Bilde ihrer Mutter zu
deren Füßen sie und Fernando als Kinder spielen Der Knabe steht in einer
nachdenklichen Stellung über einen sprudelnden Quell gebeugt in welchem er
wie im Anschauen verloren einzelne Rosen fallen lässt Rosalie hat sich halb
gewandt und indem sie das volle Lockenköpfchen zu ihm neigt deutet sie auf die
verstreuten Rosen Die Mutter sieht mit unendlicher Liebe auf beide herab und
als könnte ihr Blick nicht ohne den ihrigen leben so spiegelt sich das
himmlische Gesicht auf den Fluten und dringt aus der Tiefe zu ihnen herauf
Dies volle beginnende Dasein im Bilde alle die frohen Hoffnungen die dazu
berechtigten und vor mir die welken Blüten Mein Herz zerriss in dem
schneidenden Widerspruch Ich fühlte mich beklommen und konnte kein Wort
hervorbringen um mein Erscheinen mit der Gräfin zu rechtfertigen Sie sah uns
lange mit unsicheren Blicken an dann winkte sie und sagte man solle ihre
stille Freuden nicht aufs neue trüben Seraphine deren Wunden heftiger als je
bluteten warf sich vor ihr nieder und beschwor sie ihrem heiligen Schmerz
hier eine Freistatt zu gönnen Sie schien gerührt und ließ es geschehen dass
wir blieben Doch sprach sie weiter nicht und wir sahen sie nachdem nur selten
Mich ängstete diese Abgeschlossenheit allein die Gräfin schien wenig
empfindlich dagegen und die Tage verflossen ohne dass einer den andern
erfreuete oder störte Eines Abends als ich in einem Kabinet das Seraphine
bewohnte mit ihr vor dem Kamine saß der das kleine Gemach halb dämmernd
erhellte öffnete sich die Tür und ehe wir noch Zeit hatten uns zu besinnen
trat Rosalie mit zurück geworfnem Schleier im bräutlichen Schmuck vor uns hin
Ihre Augen rollten wild umher das Haar von Regen und Sturm aufgelöst ringelte
sich um Hals und Brust sie deutete auf die Stirn und sagte mit furchtbarer
Stimme seht ihr die Flamme die nun hell brennt Sie schlug die Hände heftig
zusammen und fiel unter wiederholten Zuckungen ohnmächtig in meine Arme
Seraphine rief mit ihrem gewohnten Mut ohne Weiteres um Hilfe Auf ihr
wiederholtes Nachfragen erfuhren wir dass die Kranke jeden Abend um dieselbe
Stunde in dem nämlichen Aufzuge nach dem Grabe ihrer Mutter gehe und jedesmal
still und betrübt wiederkehre Der Arzt den man davon benachrichtigte befahl
ihr kein Hindernis in den Weg zu legen und man sei auch so sehr an diese
nächtliche Wallfahrt gewöhnt dass niemand weiter darauf geachtet habe Nur heute
müsse etwas Außerordentliches vorgefallen sein was sie so heftig bewege Sie
lag noch immer starr und bewusstlos vor uns da der Ausdruck gewaltsamer innerer
Erschütterung in den gespannten Zügen die Todtenblässe das feuchte
anschmiegende Gewand der reiche Schmuck alles gab ihr ein so ängstlich
widersprechendes Ansehen dass ich nur mit heimlichem Grausen meine Blicke auf
sie richtete Seraphine glaubte indes der rauen Witterung diesen Unfall allein
zuschreiben zu müssen und hoffte getrost von den angewandten Mitteln die
sicherste Wirkung Ihr Mut belebte uns alle wir waren noch um sie beschäftigt
als ein Fremder die Gräfin allein zu sprechen verlangte Wie eine dunkle
Ahnung flog es hier über Seraphinens Gesicht sie wandte sich verlegen zu mir
und bat mich sie zu begleiten Wir gingen schweigend in ein abgelegenes Zimmer
Ich setzte das Licht das diese unerwartete Erscheinung beleuchten sollte mit
einem Gemisch von Angst und Neugier in den Hintergrund und sah unverwandt nach
der gegenüber stehenden Tür Die Gräfin warf sich unruhig in einen Sessel und
schien neuen Schrecken mit erschöpfter Kraft entgegen zu sehen So blieben wir
mehrere Augenblicke als sich endlich die Tür öffnete und ein schlanker
schöner Mann zu Seraphinens Füßen stürzte Ludowiko schrie diese und verhüllte
mit Entsetzen das Gesicht Haben Sie mir auch geflucht fragte er mit einer
überaus einschmeichelnden biegsamen Stimme Können Sie ein Herz verdammen fuhr
er fort das so unwillkürlich erkaltete als es einst entbrannte und fühlen
Sie nicht dass dieser einzige Missgriff mein ganzes Leben verwirrt Was führt Sie
hieher unterbrach ihn Seraphine unwillig Sind Sie Bösewicht genug hier einen
Triumph zu suchen Wollten Sie noch mit den abgerissenen Blüten spielen oder
gelüstete es Sie zu sehen wie ein treues Herz unter Ihren weltklugen
Künsteleien zerbrach Ich bin kein Bösewicht sagte Ludowiko sanft Sie
zerreißen mein Herz in einem Augenblick wo ich Trost bei Ihnen suche Trost
wiederholte die Gräfin O mein Gott fiel er schnell ein es ist jetzt nicht
Zeit zu untersuchen ob ich ein Recht darauf habe sagen Sie mir nur ob sie
lebt und ob ihr Zustand immer so ist wie ich sie heute fand Sie haben sie
also gesehen fragte Seraphine der nun alles klar ward Ewiger Gott erwiderte
Ludowiko der Tod hat mich in ihren Armen gefasst und alle gespenstische Schauer
rissen mich aus meinem Träumen ihrem Wahnsinne nach Seraphinens Blicke lagen
noch immer forschend auf den seinigen und er fuhr fort ich kam auf Rosaliens
dringenden Ruf hieher Ein Brief den ich auf eine seltsam geheime Weise in
meinem Zimmer fand zog mich unwiderstehlich zu ihr hin Ich war so weit
entfernt ihre Zerrüttung zu ahnen dass ich in dem Unzusammenhängenden und
Phantastischen ihrer Einladung nur die Stimme lange bekämpfter Leidenschaft
erkannte Ich trotzte den Gefahren der Verbannung und kam unerkannt zu dem
stillen Grabe das sie zum Ort unseres Wiedersehens festgesetzt hatte Sie
trat mir entgegen ihr Anblick griff wie glühende Zangen in mein Inneres
Unwillkührlich schloss ich sie in meine Arme Sie ließ es still geschehen
plötzlich wand sie sich los und mit einem Schrei des Entsetzens rief sie
Fernando dein Kuss brennt wie eine dreizackige Flamme auf der Stirn der
Sünderin Ich bemühete mich vergebens sie zu beruhigen sie stieß mich von
sich ihr wilder Blick flog unstät umher und als jagten sie alle Furien der
Hölle so lief sie plötzlich vor mir her Ich hatte sie bald aus dem Gesichte
verloren und irrte in tödtlicher Angst um das Haus ohne mich gleichwohl hinein
zu wagen als ich endlich Ihre Stimme liebste Seraphine vernahm und nun
beschwöre ich Sie wenn noch eine menschliche Regung für einen Unglücklichen
sprechen kann sagen Sie mir was ist aus ihr geworden Die Gräfin war tief
erschüttert Lieber Himmel sagte sie wer darf mit dem Andern rechten Ich
beklage Sie von ganzer Seele Wenn Sie noch irgend eine Anhänglichkeit für die
Unglückliche erhielten so werden Sie viel leiden Rosaliens Wahnsinn hat durch
Ihre Erscheinung nur eine andre Richtung genommen sie gehörte sich längst nicht
mehr an Die Drohung ihres Bruders und die unbezwingliche Leidenschaft für Sie
wogten ringend in ihr auf und ab und entzündeten allmählig ihr Gehirn Sie kann
nur der Tod retten Ludowiko weinte still seine Liebe schien gewaltsam erweckt
zu sein Die Gräfin versprach ihm Nachricht zu bringen und ließ uns allein Ich
hatte nicht den Mut seinen stummen Schmerz durch eine unzeitige Anrede zu
unterbrechen Diese schwachen beweglichen Gemüter haben bei allen dem einen
eignen Reiz Ihr willenloses Hingeben ist selten ohne Liebenswürdigkeit und wie
viel Unheil sie auch anrichten man kann ihnen nicht feind sein Ich empfand
wirklich eine zärtliche Teilnahme für den schönen bekümmerten Mann und schloss
ihn ohne ein Wort zu sagen an mein Herz Er verstand mein Gefühl und schmiegte
sich so vertrauend an mich als wolle er sein ganzes Inneres in meinen Busen
ausschütten Ach Gott sagte er nach einer Weile ich erscheine wohl als ein
großer Sünder und doch bin ich gewiss nicht ganz schlimm Das kommt und geht so
mit unsern Gefühlen ohne dass man es wehren kann und die Folgen ziehen uns dann
unvermeidlich mit sich fort Ich drückte ihm schweigend die Hand Seine
Philosophie war freilich ziemlich leicht indes mochte sie ihm für den
Augenblick wohltun und ich konnte ihm das gönnen Die Gräfin war indes zurück
gekommen sie versicherte Rosalie sei besonnen und ruhig erwacht spreche
zusammenhängend und scheine gerührt bei jeder ihr bezeigten Aufmerksamkeit nur
leide sie nicht dass man sie zu Bett bringe aus Furcht etwas anzuzünden so
sitze sie auch ganz frei mitten im Zimmer mit unbedecktem Haupt und offener
Stirn Seraphine drang jetzt auf Ludowikos Abreise da der Zustand der Kranken
mehr bleibend als gefährlich zu sein schiene allein er war durch nichts dahin
zu bringen Allen unsern Gründen setzte er die schmeichelndsten Bitten entgegen
und wirklich hat er es durchgesetzt bis zu dieser Stunde verborgen im Schloss
zu bleiben So leben wir denn alle Vier ein ganz eigenes von der übrigen Welt
losgerissenes Leben indem sich jeder mehr oder weniger in die schwankenden
Vorstellungen des Andern verliert oder die Bilder eignen Wahnsinns außer sich
zu sehen glaubt Rosalie spricht mit vieler Ruhe von dem letzten Ereignis Sie
sagt nun ängste sie nichts mehr da alles eingetroffen sei wie sie es unter
tausend Quaalen geahnt habe Dies sei der letzte Schlag des Schicksals den sie
hätte herbei führen müssen Nun sei es wahr geworden und sie büsse gern und
willig Diese Flamme reinige auch die Seele ihres Bruders von Hass und Rache und
Ludowiko sei in dem Augenblick ein Engel geworden der immer um sie bleiben und
sie trösten dürfe Es ist unbeschreiblich welche Gewalt ihre Worte über uns
ausüben Ludowiko der die meiste Zeit von ihr ungesehen verborgen im Zimmer
weilt lebt und atmet nur in dem Zauber ihrer Stimme Oft sitzen wir die
dunkeln Abende so neben einander und begleiten ihr Lieblingslied mit tiefer
Rührung Es klingt recht wehmütig wenn sie mit der matten kranken Stimme
singt
Die bangen Stunden winden
Sich langsam auf und ab
Tod soll ich nie dich finden
Bleibst mir verschlossen Grab
Ich seh des Tages Neigen
Ich seh der Nächte Lauf
Verworrne Bilder steigen
Aus mattem Streit herauf
Der Kindheit fromme Spiele
Der Jugend banges Flehn
Ach und der Leiden viele
Muss ich nun kommen sehn
Zieh still an mir vorüber
Du süße Kinderwelt
Mein Blick reicht nicht hinüber
In jenes bunte Feld
Verhüll in dunkle Schleier
Dein Hoffen armes Herz
Der Jugend Liebesfeuer
Erblich in dumpfem Schmerz
Doch ihr nahmt mich gefangen
Ihr drohnde Schatten dort
Nach euch trag ich Verlangen
Reisst mich umschlingend fort
Nun steht das Grab mir offen
Nun winkt der Tod herbei
Und all mein süßes Hoffen
Giebst du mir sterbend frei
Neulich unterbrach sie sich selbst und meinte Ludowikos Stimme deutlich gehört
zu haben Es ist mir oft schauerlich wie Wahrheit und Täuschung hier so in
einander spielen dass wir selbst nicht wissen was das Rechte sei Übrigens ist
ihr Lied prophetisch denn sie neigt sichtlich dem Grabe entgegen und erblickte
sie Ludowiko ein zweites mal so würde das sicher ihr letzter Augenblick sein
Er fühlt das auch und gibt sich mit einer Art phantastischem Wohlbehagen ihren
Träumen hin in denen er sich selbst gereinigt und verklärt erscheint
Ich kann nicht sagen mit welcher Sehnsucht mich diese geheimnisvolle
dunkle Liebe erfüllt Ich beneide Ludowikos Loos und muss oft stundenlang zu
Seraphinens Füßen weinen Zuweilen ist mir als wären wir Alle Schatten einer
andern Welt und ich betrachte mich und die Andern mit Bangigkeit Wollte Gott
es wäre so allein Elwire die jetzt öfter zu uns herüber schweift reißt unsre
ideale kleine Welt mit Gewalt in die wirkliche hinein Es ist sichtlich dass
die Begier etwas Näheres über die letzten Vorfälle zu erfahren sie hieher
lockt indes kehrt sie jedesmal unbefriedigt zurück Sie ist wie ein Kind und
neckt und schwatzt und quält uns oft bis zur Ermüdung Besonders drängt sie
mich sie nach der Hauptstadt zu begleiten von der sie nach Kinder Art alles
in einander vermengend erzählt Miranda schweigt ganz Elwire lacht zweideutig
so oft man nach ihr fragt und meint es würden bald große Dinge geschehen
Niemand wird aus ihr klug
Ach mein Rodrich könntest du hier sein Ich darf das vielleicht
deinetwegen nicht wünschen du bist wohl auf deine Weise glücklich O sage mir
bald wie dirs ergeht und ob du meiner noch mit Liebe gedenkst Ewig der
Deine Florio«
Rodrich ward wie mit einem Zauberschlage zu jenen verworrnen Auftritten
hingezogen Die frühesten Regungen seines erwachenden Daseis sein dunkler
Eintritt in die Welt der trotzige Unmut das wechselnde Glück der Graf
Seraphine Rosalie all jene Lichtblicke die in sein Inneres fielen flossen
jetzt in dem Schmerz über die früh getrübte Herrlichkeit zusammen Er konnte es
sich nicht ableugnen er dankte jenen beiden weiblichen Wesen die süßesten
Ahnungen Was er jetzt für Miranda fühlte war anders in manchen Augenblicken
heiliger und doch wieder mit einer ängstigenden Unbestimmteit vermischt
Überall war sein Denken und Fühlen so schwankend und zerstückt dass er eine
Scheu hatte in sich selbst zurück zu gehen
Um dieselbe Zeit erhielt Stephano ebenfalls Briefe vom Hofe Rodrich wusste
das und bemerkte nicht ohne Unruhe wie er immer zurückhaltender und
gezwungener ward Er fragte ihn einmal nachlässig ob er nichts Lustiges von der
geistlichen Regierung zu erzählen wisse O ja erwiderte jener Viormona
verteilt die Rollen du hast ja früher ihr Talent erprobt und kannst denken
welch reiches Leben nun beginnt Viormona fragte Rodrich Nun ja sagte
Stephano ihr gewaltiger Geist begegnete dem Kardinal oder umgekehrt wie du
willst genug es ist jetzt alles einig und friedlich und Terese und ihre
Töchter der Hof die Stadt alles gibt sich den neuen Führern hin Rodrichs
Herz zog sich unwillkürlich bei diesen Worten zusammen Es lag dahinter etwas
das ihn ängstete und er hatte gleichwohl weder den Mut noch das Recht in den
vernachlässigten Freund zu dringen der auch weiter nicht auf ihn zu achten und
nur mit eignen Sorgen zu kämpfen schien
Beide hatten indes nicht lange Zeit ihren Träumen nachzuhängen Der General
beschloss die Festung durch einen Überfall einzunehmen und bestimmte dazu die
folgende Nacht Das tiefe Geheimnis die Erwartung der unbestimmte Ausgang
alles lockte sie aus dem langen Winterschlafe hervor und strömte erfrischend
durch den heitern Soldatensinn Stephano konnte kaum den entscheidenden
Augenblick erwarten Er maass mit klopfendem Herzen Mauern und Wälle Ihm war
als schwebe er unaufhörlich auf der letzten Sprosse der Leiter Endlich rückte
die Stunde heran Alles war vorbereitet die Nacht dunkel wie das Grab Der Wind
fuhr heulend durch die Wolken und trieb Schnee und Regen vor den anrückenden
Truppen her Kein andrer Laut drang durch das dumpfe Geräusch hindurch Niemand
wagte zu atmen So erstiegen sie mühsam den Hauptwall den der herabströmende
Regen schlüpfrig und ungleich gemacht hatte Rodrich rückte indes mit der
Kavallerie nach dem Tore zu Noch war alles still Die Bataillons drangen
schweigend herauf einzelne Posten wurden geräuschlos niedergemacht Plötzlich
fiel ein Schuss dann noch einer man hörte wild durch einander rufen der Lärm
nahm zu Rodrich trabte mutig heran indem wurde das Tor gesprengt die
Kavallerie fuhr wie ein Blitz hinein durch die Straßen hin und hieb nieder
was sich widersetzte indes die schwache Besatzung am Tore geworfen und der
Posten von der Infanterie genommen wurde Bald darauf folgte die zweite und
dritte Division Der Tumult in den Straßen war furchtbar alles drängte nach der
Hauptwache Hier begann ein neuer verzweifelter Kampf Viele mussten bluten ehe
der Platz gewonnen war Stephano traf ein Schuss durch die rechte Schulter er
sank ohnmächtig nieder und sah nicht wie die Seinen endlich siegten und alles
in ihre Gewalt kam Eine augenblickliche zweifelhafte Stille folgte auf den
schauderhaften Lärm Die geängsteten Bewohner lauschten furchtsam in den
dunkelsten Winkeln ihrer Häuser die Ordnung schien indes hergestellt man wagte
hin und her ein Licht anzuzünden und sah beruhigt auf die überstandne Gefahr
da flog mit einemmal der losgelassne Schwarm über Tote und Verwundete an die
verschlossenen Türen Riegel und Bollwerk mussten der Gewalt weichen und wo
dies nicht glückte da sprangen die Fenster klirrend auseinander und öffneten
den Eindringenden so den Zugang Alle Schranken zerfielen die freigegebene
Plünderung trieb Laster und freche Begier über sich selbst hinaus Das Geheul
der Misshandelten rang schneidend mit dem wilden Geschrei des Üebermutes Jedes
Band der Menschheit schien sich in dem Augenblicke zu lösen Der zitternde
Bürger musste den Widerstand der Festung büßen Frohlockend schwelgten Alt und
Jung in dem mühsam errungenen wohlgeordneten Hausrat auch das Liebste
zerbrach in den rohen Händen Ehre Glück frohe Zukunft alles alles
befleckte zertrümmerte die wilde Wut Rodrich ging mit empörtem Herzen an dem
Lärme vorüber Er war durch und durch erschüttert zerrissen so nahe war ihm
die ruchlose Willkür nie getreten Sitte und Gesetz hatten bis dahin das
Gemeinste von ihm abgehalten Er erschrack vor dem Tierischen im Menschen und
als habe er sich selbst in jener unverhüllten Niedrigkeit erkannt so ängstlich
suchte er sich in einem edleren höheren Sinne wiederzufinden Er bemühte sich
vergebens Stephano zu entdecken den er unter den Verwundeten wusste Man sagte
ihm endlich viele derselben seien gleich in die nächste Kirche getragen um sie
vor den Gefahren des ausbrechenden Tumultes zu sichern Er eilte sogleich dahin
Die hohen dunkeln Pforten standen weit offen auf der Schwelle lagen Gewehre
blutige Kleider Stroh überall Spuren allgemeiner Zerstörung Aus dem
Hintergrunde dämmerte ein mattes Licht Rodrich schritt nachdenkend durch die
gewölbten Gänge allein das Gestöhn der Kranken riss ihn bald aus seinen Träumen
Er nahm die Laterne die das Bild der Auferstehung Christi flackernd erhellte
vom Hochaltar und ging suchend umher Stephano lag in einer Ecke den Kopf auf
einen reich beschlagenen Sarg gestützt Die kalten Steine der schneidende
Zugwind und sein starker Blutverlust hatten sein Übel schlimmer gemacht
Rodrich bedeckte ihn sogleich mit seinem Mantel und eilte alles Stroh
herbeizuschaffen um ihn weicher zu betten bis anderweitige Hilfe möglich war
Beim hin und her gehen bemerkte er ein seltsames Rauschen als spiele der Wind
mit einem seidenen Gewande Er blieb einen Augenblick stehen das anmutige
Flüstern schien ihm ganz nahe er bog sich hinter einen Pfeiler und entdeckte
den Eingang zu einer kleinen Kapelle Ohne weiter viel zu erwägen trat er
hinein und erblickte eine weibliche Gestalt die starr und leblos auf einem
Grabsteine kniete Die kleinen Händchen lagen verschlungen auf dem Marmor und
schienen den Oberteil des zarten Leibes wie den gesenkten Kopf zu tragen
Schauerliche Grabesluft zog über ihr hin und wogte spielend in den reichen
Locken und dem flatternden Kleide Dies fremde Leben was sie so bewusstlos
berührte gab der lieblichen Erscheinung etwas Rührendes das Rodrich noch
schneller zu ihr hinzog Er glaubte ein schlafendes Kind in Todesarmen zu sehen
Kaum wagte er es sie zu erwecken doch umfasste er sie leise und fühlte mit
Entzücken üppiges jugendliches Leben in ihren Adern glühen Bald regte sie sich
in seinen Armen er hob sie vollends empor und konnte die Augen nicht mehr von
dem holden Gesichtchen wenden sie flüsterte wie im Schlafe unvernehmliche
Worte endlich sagte sie deutlich sich fester an ihn schmiegend rette mich
mein Bruder rette mich vor den wilden Kriegern Rodrich zitterte vor ihrem
völligen Erwachen er teilte im voraus ihre Angst und dennoch konnte er sie
unmöglich so hilflos verlassen Bei einer leichten Bewegung mit der Hand ließ
er das Licht hell in ihre Augen fallen sie schlug sie plötzlich auf Unschuld
Furcht Sehnsucht Vertrauen alles spiegelte sich in den himmlischen Blicken
Sie fühlte sich sanft gehalten und während sie noch immer von unsichtbaren
Banden umschlungen zu sein glaubte wagte sie in einem Gemisch von Scheu und
Ergebung nicht den Kopf zu wenden Rodrich hütete sich wohl das Schweigen zu
brechen doch indem rief ihn Stephano den sein plötzliches Verschwinden
befremdete Sie fuhr erschrocken auf als sie Rodrich erblickte blieb sie wie
betäubt stehen und schien mit banger ängstigender Ungewissheit zu ringen
Fürchten sie nichts sagte er ehrerbietig vor sie hintretend während ihn
Stephano noch immer wiederholt rief ich hänge von ihren Winken ab gebieten sie
über mich wohin soll ich sie führen Ach um der Täuschung willen sagte sie
weinend die mich so lange bei ihnen fesselte um der süßen Erinnerung eines
geliebten Bruders willen retten Sie mich vor jedem fremden Auge das ich jetzt
mehr als den Tod scheue Erwartet sie vielleicht eine Mutter fiel Rodrich
schnell ein oder sonst eine geliebte Verwandte Ach Gott meine Mutter rief
sie bewegt meine arme Mutter wie wird sie ihre Aline suchen Was hast du denn
hier sagte Stephano der sich mühsam bis zum Eingang der Kapelle geschleppt
hatte aha rief er lächelnd und wandte sich von beiden ab Dies Lächeln ging
Rodrich durch die Seele er sah auf Alinen die sich zitternd an ihn hielt und
kein Wort hervorbringen konnte Sie sagen mir wohl hob er ernstaft an wohin
ich sie so schnell als möglich führen darf um sie vor Beleidigung zu sichern
Aline weinte still ohne aufzusehen Mein Gott sagte sie nach einer Weile ich
bin wohl recht kindisch gewesen aber ich konnte wirklich nicht anders es zog
mich unwiderstehlich hieher zu meinem Bruder bei dem ich durch mein ganzes
Leben gewohnt war Trost und Rat zu suchen Wir wohnen ganz nahe bei der
Kirche an welcher mein Oheim Geistlicher ist Meine Mutter und ich leben seit
vielen Jahren bei ihm lieber Himmel er ist wohl ein recht braver Mann aber
wie der Bruder ist er doch nicht der ein Schwert trug wie Sie und uns wohl
alle beschützt hätte Die Mutter sagte das auch als wir in der Todesangst so
hin und her liefen und niemand wusste wohin er sich verbergen sollte Die
Heiligen dachte ich haben ja wohl öfter ihre Lieblinge beschirmt und Benedikt
war sicher ein Heiliger Ich eilte hieher und weinte und betete auf seinem
Grabe da ward es plötzlich so laut um und neben mir ich wollte fliehen aber
es hielt mich fest und ich sank bewusstlos nieder Ihr Vertrauen hat sie nicht
getäuscht sagte Stephano dem ein Blick auf Alinen jeden Schein von Verdacht
nahm Wollen sie den Schutz eines Todtkranken annehmen so geleiten wir beide sie
zu den Ihrigen und sie gönnen mir wohl für diese eine unruhige Nacht ein
Plätzchen in ihrem Hause Aline betrachtete ihn mit teilnehmenden Blicken Ihre
eignen Sorgen hatte sie über dem bleichen erschöpften Gesicht und dem
blutenden schlecht verbundenen Arm vergessen Was säumen wir denn sagte sie
schnell kommen sie doch ich werde ihnen den Weg zeigen Sie nahm die Laterne
und sorgte dass Rodrich den Kranken unterstützte Eine Seitentür führte sie in
wenigen Schritten durch einen kleinen Garten zu einem stillen abgelegenen
Häuschen Aline sprang wie ein Reh hinein Bald darauf kam man ihnen mit Licht
entgegen und führte sie in ein bequemes gastliches Zimmer Die Mutter eine
feine sittige Frau war entzückt über Alinens Ankunft die sie indes mit
ruhigem Vertrauen bei einer reichen ihr wohlwollenden Verwandten in Sicherheit
glaubte Wenige Worte machten sie mit dem Vorgange bekannt sie bezeigte den
Eintretenden ihre herzliche Dankbarkeit und war doppelt bemüht Stephanos
Zustand zu erleichtern Rodrich verlor sich in Alinens anmutigen
Geschäftigkeit die sie wie im Spiele an ihm vorüber trieb ohne irgend eine
schwerfällige Sorge ahnen zu lassen Diese leichte Beweglichkeit in den
beschränkten Kreisen hob sie bewusstlos darüber hinaus und gab dem ganz
Gewöhnlichen einen eignen Zauber Überall fühlte er sich unendlich wohl Die
harmloseste Ruhe wehte ihm hier in den einfachen in Lieb und Eintracht
geordneten Umgebungen entgegen Seine aufgeregten Sinne schlossen sich behaglich
an die Einförmigkeit des Ganzen Er vermisste keine Pracht und weidete sich an
jedem Gegenstand der vom innern häuslichen Frieden zeugte Bald trat auch der
nunmehr beruhigte Geistliche herein Er erschien beiden Freunden mild und
angenehm so sichtlich man auch wahrnahm dass er kein Streiter dieser Welt sei
Sein stiller Wohnsitz war von den Plündernden übersehen und er hatte nichts
als die Ruhe dieser Nacht bei dem allgemeinen Schrecken eingebüßt
Während dessen hatte sich der Aufruhr in den Straßen gänzlich verloren
Stephano bedurfte der Ruhe und Rodrich fühlte dass er sich von seinen neuen
Bekannten losreißen müsse um nicht lästig zu werden So schied er denn von der
herzlichen Bitte recht bald wieder zu kommen begleitet
Er fand sein Quartier bei einem reichen Ratsherrn der mit ängstigender
Förmlichkeit seinen Wünschen zuvorkam Auch Stephano erwartete ein ähnliches
Loos allein Rodrich sah voraus dass er es vorziehen werde bei seinem
liebreichen Wirte zu bleiben wenn er ihn anders behalten wolle
Am folgenden Tage erhielt er von allen Seiten Glückwünsche über sein
ausgezeichnetes besonnenes Betragen bei der Einnahme der Stadt und wie man ihm
vorzüglich die Besetzung der wichtigsten Posten verdanke Auch der General sagte
ihm etwas Verbindliches Rodrich sah sich geehrt ohne sonderlich darüber
erfreut zu sein Angenehmer war es ihm zu erfahren dass der Feind um Frieden
bitte und dass die Unterhandlungen schon im Gange seien was indes Zeit und
längeren Aufenthalt in dieser Stadt erfodre Ohne irgend eine Ursach anzugeben
oder sein Gefühl näher zu betrachten strebte er sich der Freude länger in
Alinens Nähe zu bleiben ganz ungestört zu überlassen und ergötzte sich im
Voraus an dem heitern Umgang der ihn aller anderweitigen Sorgen auf kurze Zeit
entrücken sollte Er glaubte längst darüber mit sich einig zu sein dass man
vergebens nach Glückseligkeit verlange und die einzelnen vorüberfliegenden
Momente sorgsam auffassen und an einander reihen müsse um ein erträgliches
Ganzes heraus zu bringen Der Genuss meinte er wie jeder gewünschte Erfolg
fliehe der Absichtlichkeit nur was sich so ungesucht nahe das solle man
getrost auf sich zu kommen lassen Es werde sich bald zeigen in wie weit es zu
einem gehöre oder nicht Alles Streben und Widerstreben lasse die Dinge
ziemlich beim Alten man werde auch gewöhnlich sein eigener Narr bei einer
geträumten Konsequenz die ein unbewachter Augenblick zu Schanden mache So im
Kampfe mit Sinn und Verstand aller klügelnden Reflexion entfliehend und doch
in ihr verstrickt Höheres verachtend und kindlicher Sorglosigkeit entwachsen
ging er in schmeichelnden Träumen zu Stephano Es war ein heller anmutiger
Wintertag Die Sonne schien warm in Alinens Fenster an welchem sie unter Blumen
und bunten Vögeln auf einem niederen Sessel bei ihrer Arbeit saß Auf das
Geräusch bei seinem Eintritt legte sie schnell den Finger auf den Mund und
zeigte auf den schlafenden Stephano der am andern Ende des Zimmers in einem
Lehnstuhl lag Rodrich trat leise zu ihr hin Sie glühete wie ein frisches
Röschen in dem blendenden Schnee des weißen Gewandes Freudige schuldlose
Überraschung sprach aus Blick und Mienen Er beugte sich über ihren Sessel und
beide begannen kaum hörbar mit einander zu reden Aline ward bald unbefangener
und als Rodrich nach den ersten Erkundigungen Stephanos Wohlsein betreffend
das Gespräch auf den geliebten Benedikt lenkte erzählte sie mit süßer
Vertraulichkeit ihren ganzen kleinen Lebenslauf Rodrich hörte kaum was sie
sprach das sanfte Wehen ihres Odems das berauschende Flüstern und all die
Unschuld und Lieblichkeit nahm seine ganze Seele hin Er fühlte nur wie wahr
und anspruchslos sie ihr Inneres aufdecke und wie nichts nichts in dem reinen
Herzen lebe was den Blick eines Menschen scheue Die feste heilige Liebe für
den Bruder brach oft recht ernst aus dem spielenden Wesen hervor und zeigte
wie die kindischen Schwingen den Himmel wohl zu erreichen wussten Er hätte gern
ewig so bei ihr gesessen und sich in ihre Welt hinüber ziehen lassen allein
Stephano erwachte und bei seiner ersten Bewegung flog Aline an sein Lager Sie
fand ihn bei weitem kränker als zuvor Brennende Fieberhitze und stechende
Schmerzen im Arm machten ihn aufs höchste ungeduldig und verdrießlich Rodrich
nahete sich ihm teilnehmend Sein Herz war offen und warm Die alten halb
zerrissenen Bande schienen sich aufs neue fester zu schürzen es reuete ihn
jede Härte gegen den kranken Freund der ihm so gar nicht im Wege war dessen
Schwächen ihm sehr verzeihlich ja von tausend herrlichen Eigenschaften
überstralt dünkten Er hätte ihm in diesem Augenblicke gern seine Schuld und
seine Reue bezeigt und so die frühere Vertraulichkeit wieder hergestellt
allein Stephano begnügte sich die hervorbrechenden herzlichen Worte mit einem
stummen Händedruck zu beantworten und sich lächelnd von ihm abzuwenden
Aline kam und ging und war sorglich um den Kranken bemüht Bald erschien
auch die Mutter welche häusliche Geschäfte bis dahin entfernt hielten Rodrich
entdeckte heute eine auffallende Ähnlichkeit zwischen ihr und ihrem Kinde Alter
und Erfahrung hatten den rosigen Hauch jugendlicher Sorglosigkeit nicht in ihr
verwischen können Wie bei Alinen Ernst und Leichtsinn in den blühenden Zügen
spielte so leuchtete beides aus dem Wesen der alternden Matrone hervor
Dasselbe Vertrauen derselbe einfältig fromme Blick über alle ausgedehnteren
Verhältnisse des Menschen die gleiche gefällige Redseligkeit und das
gänzliche Verlieren in den einzigen merkwürdigen Hauptmoment ihres Lebens den
Tod des blühenden geliebten Jünglings alles fand man in Beiden auf gleiche
Weise Wenn Worte und Gedanken auch nicht über die abgeschlossenen Kreise ihrer
einfachen fröhlichen Wirksamkeit hinaus reichten so lag dennoch hierin eine
Welt von Gefühl Alles Tun und Treiben erschien wie das bewusstlose Walten der
Natur Man gab sich willig hin und ließ sich wie beim Erwachen des Frühlings
allmählig in die harmlosen Erinnerungen der Kindheit hinüber spielen Gleichwohl
fühlte Rodrich einen gewissen Zwang seit er nicht mehr mit Alinen ohne Zeugen
war Ihre Aufmerksamkeit wurde unwillkürlich geteilt sie durfte nicht einzig
bei ihm verweilen sie fühlte das und sehnte sich wie Rodrich nach der
stillen vertraulichen Stunde zurück Indes blieb mehrere Tage hindurch alles
auch Stephanos Befinden unverändert Rodrich hatte daheim bei seinem
Ratsherrn eine ganz stattliche Familie der er täglich einige Stunden geben
musste Der Mann führte einen guten Tisch alten Wein und besaß die
vortreffliche Gewohnheit beides um eines höflichen Lobes willen Freund und
feindlichen Gästen preis zu geben Überdem hatte er zwei Töchter von denen die
eine verheiratet die gute Mutter und die andere unverheiratet die
Gebildete nicht ohne Gewandtheit und mit tiefer innerer Überzeugung spielten
Beide verstanden es einen Kreis von Bewunderern um sich her zu ziehen unter
denen sich Erwin ein genialer ganz frisch auf Universitäten erblüheter
Philosoph am meisten hervortat Er war ganz ausgebildet so dass wirklich kein
einziges festes Bild in ihm Bestand hatte Die große Ansicht des Universums
dehnte wogend und flimmernd die inneren Schwingen und hob ihn auf einen
Standpunkt vor welchem Hohes und Niederes gleich verschwanden Die bunte
Gestaltung der Welt war ihm nichts als die Unterbrechung absoluter Einheit
deren wechselndes Spiel er wie der Arzt das Zucken der Nerven mit
Anteilnehmendem Lächeln durchdrang Überhaupt sah man ihn immer lächeln nichts
durfte das ruhige Gleichgewicht unterbrechen er fand sich überall wieder weil
er sich ganz verlor und kannte weder einen bestimmten Freund noch eine
Geliebte indem er einzig der Unendlichkeit angehörte Ihm zunächst stand ein
Künstler der mit hagerer Gestalt und matten Blicken die Fülle göttlicher
Sinnlichkeit in jedem Teetropfen in sich sog und mit frechen oft unkeuschen
Worten laut werden ließ wie er sein ganzes Dasein dem wahnsinnigen Rausche
hingebe und die Muse erst in den üppigen glühenden Umarmungen der frischen
Sinnenwelt erzeuge Die völlige rotwangige Laura neigte sich bei ähnlichen
Worten zu ihrem jüngsten Kinde und drückte es mit viel Empfindung an den
unverhüllten Busen Ihre Schwester Beate hasste den unsittigen Schwätzer und
verfehlte nie ihn mit giftigen Pfeilen ihres Witzes zu verwunden Überall war
sie das anregende Prinzip dieses kleinen Zirkels und ohnerachtet man sie mehr
hasste als sie es wohl verdienen mochte so trieb und drängte jeder so lange
bis sie die Rolle der anerkannt Geistreichen in tausend gesuchten Wendungen
durch einen ganzen Abend behauptete Die Familie nickte dann einander beifällig
zu und jedes sonnte sich behaglich in dem trüben Schein Ziemlich abgesondert
von den Übrigen und gewöhnlich mit einem großen Windhunde beschäftigt saß ein
ältlicher Offizier der den biederen Hausfreund machte und mit einigen
polternden Spässen die Wahrheit ziemlich hart traf Da er indes gern Wein trank
die Pferde liebte den Damen huldigte und einige veraltete nach Romanzenart in
sich unzusammenhängende Kriegslieder sang so gesellte sich der Neffe des Hauses
zu ihm ein Jüngling der sich mit der Welt nicht mehr vertragen konnte und die
altväterlichen Sitten hier zu finden meinte Beide sprachen ganz
entgegengesetzte Dinge und glaubten einander doch zu verstehen Der junge
Mensch sah dabei auf ein schönes unbedeutendes Mädchen das ihn für etwas toll
hielt und seine verschollene Galanterie mit sichtlicher Scheu ablehnte Rodrich
glaubte zuweilen mitten unter einer Sammlung Karikaturen zu stehen in denen er
bei genauer Betrachtung bekannte Züge entdeckte die verworren und schwankend
an ihm vorüber fuhren und ihm irgend einen befreundeten Nahmen oft seinen
eignen zuriefen Er war zu stolz und vornehm um sich hier mitzuteilen oder
das Ganze für etwas anders als ein flaches Spiel anzusehen Wenn er indes über
die grotesken Teaterkünste lachte mit welchen einer den andern zu täuschen
suchte so fühlte er ganz dunkel dass auch er dabei eine Rolle spiele und zwar
die des unteilnehmenden kalten Zuschauers der gleichwohl alle Augenblicke
einmal auf die Bühne trat und Eitelkeit durch Eitelkeit parodirte Überhaupt
begegnete es ihm so oft gerade das was ihm bei Andern aus voller Seele zuwider
war in sich selbst wieder zu finden Er stritt und kämpfte wohl dagegen aber
die nichtswürdigen Regungen waren dennoch da kamen immer wieder und
behaupteten ihr Recht in tausend verkappten Gestalten in denen er sie nicht
selten hegte und pflegte bis die Hülle unversehens herabfiel und die Fratze
ihn höhnisch ansah Oft glaubte er das müsse alles so sein um ihm die
Schlechtigkeit menschlicher Natur recht anschaulich zu machen und ihn mit Kraft
und Verachtung dagegen auszurüsten Er hielt sich wirklich berufen das goldne
Netz zu zerreißen womit Torheit und Eitelkeit die Welt umspinnen Er griff in
jedem Augenblick danach und verwirrte sich unwillkürlich in das glänzende
Gewebe Er fühlte das mit feindlichem Unwillen gegen sich und Andere und konnte
dennoch die fruchtlose Arbeit nicht aufgeben Umsonst meinte er habe ihn der
rächende Erzengel nicht so in seiner Kindheit angezogen Die mahnende Stimme
kehre immer wieder und er müsse das Recht zu Tage fördern Nur bei Alinen
spührte er nichts von ähnlichen Auffoderungen Hier war ihm von selbst alles
ergeben Warmer süßer Liebeshauch wehete ihm überall entgegen Das Anneigen und
Erschliessen einer schuldlosen Seele strömte berauschend in die seinige über
Stolz und Ehrgeiz schwiegen zum erstenmal Alles gefiel ihm wie es sich eben
zeigte in einfacher Herzlichkeit Wenn er aus dem überbildeten Kreise in die
stille behagliche Wohnstube trat wo Mutter und Tochter ihn mit unverstellter
Freude empfingen und ihn alles anlachte bis auf die zierliche Magd die dann
gern und eilig den Tisch zu Vieren deckte dann ging sein ganzes Herz auf er
fühlte die Nähe reiner Menschlichkeit und nichts konnte ihn stören selbst der
einsylbige Geistliche nicht den doch hin und wieder ein wohlwollender Blick auf
Alinen verschönte Nur Stephano blieb krank und mit sich selbst beschäftigt
Nach mehreren Tagen fand er bei seiner Ankunft das ganze Haus in großer Bewegung
Der Kranke war plötzlich schlimmer geworden selbst die Ärzte fürchteten für
sein Leben Er lag in heftigen Krämpfen die er sich durch eine Erkältung
zugezogen hatte Aline weinte aus voller Seele Sie kannte nichts
Schrecklicheres als den Tod der ihr einst das Liebste auf Erden entriss jede
Hindeutung auf diesen einzigen Schmerz ihres Lebens bewegte sie aufs
gewaltsamste Rodrich ward sehr erschüttert als Stephanos heftige Natur in die
furchtbarsten Zuckungen ausbrach Bis nach Mitternacht blieb jeder in banger
Ungewissheit Endlich strömte ihm das Blut aus den Adern ohne dass man sie
geöffnet hätte und wenig Minuten darauf ward er ruhig und besonnen Die Ärzte
erklärten dies für eine wohltätige Crisis und nachdem sie noch einige Mittel
verordnet hatten empfahlen sie den Kranken der Obhut seiner Pfleger und
verließen ihn mit der Versicherung baldiger Genesung Alles um ihn her atmete
jetzt freier die Mutter konnte ihre Teilnahme nicht rührend genug ausdrücken
Niemand sollte ihn die Nacht über verlassen sie selbst wollte ihn genau
beobachten und schickte sich an in einem gemächlichen Sessel an seinem Lager
zu wachen Aline saß müde und erschöpft auf einer kleinen Bank zu ihren Füßen
die Arme über einander geschlagen senkte sich das zierliche Köpfchen auf die
Brust und schwankte ohne weiteren Gegenhalt im Schlafe hin und her Rodrich
betrachtete sie mit unnennbarem Entzücken und als Stephano und die Mutter
endlich auch schliefen neigte er sich über sie hin und fragte leise ob er sie
zu einem bequemeren Sitze tragen dürfe Sie lehnte den Kopf an seine Brust und
sich nach KinderArt dehnend umschlang sie ihn fest mit beiden Armen indem sie
schlaftrunken versicherte sie sei gar nicht müde Rodrich fühlte sie an seinem
Herzen ihr erstes unerwartetes Erscheinen trat wieder vor ihn hin Unbewusst
wie damals lag sie jetzt in seinen Armen so ward sie ihm aufs neue wieder
gegeben er zog sie fester an sich sie war sein kein lebendes Wesen machte sie
ihm streitig die unsichtbaren Mächte führten sie ihm selbst zu er hielt sich
länger nicht und hauchte alle Liebe und Sehnsucht auf ihre glühende Lippen
Liebe liebe Aline rauschte es an ihr vorüber sie blickte wie im Traume zu ihm
auf und als er sie noch feuriger küsste füllten sich ihre Augen mit heiligen
wonnevollen Tränen Liebst du mich fragte er schmeichelnd O Gott möge es mir
verzeihen sagte sie fromm und wahr wie du schon lange mein einziger Gedanke
bist und wie ich den guten Benedikt oft darüber vergaß Sie waren beide an ein
Fenster getreten Die Sterne leuchteten und funkelten in der hellen Nacht wie
tausend geheimnisvolle Blicke Aline hob betend ihre Hände zu ihnen auf ihre
ganze Seele löste sich in einem wehmütigen Blicke mit dem sie wie bewusstlos
über die Erde hinsah und sich dann schweigend an Rodrichs Busen verbarg Wie
ist dir fragte dieser über den Ernst des lieblichen Kindes erstaunt Ich
fühle sagte sie bewegt wie ich jetzt von der ganzen Welt scheide wie alles
alles mit einemmal ganz anders ist Ich kann dir das nicht so sagen aber meine
liebsten Hoffnungen und Freuden sehen mich jetzt so tot an wie ehemals das
alte zerbrochene Spielzeug am hellen Weihnachtsabend Ich komme mir ganz seltsam
vor ich möchte immer weinen mir ist so wohl und doch so wehmütig fast wie
am Tage da Benedikt seine segnende Hand auf mich legte und unter stillem Gebet
verschied Sieh nur fuhr sie fort wie die Mutter und alles um uns schläft wir
sind wohl ganz allein auf der weiten Erde Sie schmiegte sich vertrauend an ihn
Rodrich fühlte mit Entzücken ihr Herz an dem seinigen schlagen Die schuldlose
Liebe brach wie ein Maienglöckchen durch die dunkeln Schatten seiner Seele
Süsser süßer Engel rief er fast eben so weich und gerührt als Aline lass nur
deine kleine Welt zusammenstürzen meine Liebe soll dich in den Himmel tragen
Er wusste nicht was er sprach Sein ganzes voriges Leben stand außer aller
Verbindung mit diesem Augenblick Er glaubte wenigstens sich selbst nicht wieder
zu erkennen und begrüßte diesen neuen heranbrechenden Morgen in Alinens frommen
Blicke
So innig beglückt in die heitre Stille eines ruhigen für den Augenblick
befriedigten Herzens versenkt eilte er heut nach seiner Wohnung zurück Von
tausend lieblichen Bildern begleitet öffnete er eine Seitentür derselben die
durch eine schmale Gallerie zunächst nach seinem Zimmer führte Es war noch
dunkel er trat leise und behutsam auf um niemand im Hause zu stören und hielt
sich von Zeit zu Zeit an die Wand dem Körper bei den unsicheren Tritten das
Gleichgewicht zu geben als plötzlich eine schattenartige Gestalt unter seinen
Armen hinschlüpfte Ohne sonderlichen Schreck fasste er ganz mechanisch nach dem
fremden Körper und trug ihn sicher und geräuschlos zu der brennenden Ampel am
Haupteingange Er musste laut auflachen als er in dem kleinen zappelnden sich
sträubenden Wesen Erwin erkannte der in einen bräunlichen Mantel gewickelt
vor Angst und Frost zitternd auf Liebesabenteuer ausging Ein schwacher
Lichtstrahl der aus Lauras halb geöffneter Tür drang zeigte Rodrich in
welcher verborgenen Blume der geheimnissreiche Forscher heut das Universum
gefunden hatte Doch konnte er sich eines innern Unwillens nicht enthalten
indem er bemerkte dass sie beide hier als beglückte Liebende einander gegenüber
standen und dass sein lieblichstes Entzücken so grob und gemein in dem
verzerrten Bilde ausgesprochen sei Fast war ihm als treffe er hier im Hause
unaufhörlich auf ein gespenstisches Höhnen seiner innersten Natur Er ließ den
frierenden Nachtwandler gleichgültig fahren und ging verdrießlich nach seinem
Zimmer
Die folgenden Tage waren indes reich an Freuden die nur Liebe erzeugt und
versteht Das geheimnissreiche Anneigen und Berühren die flammende Ungeduld wie
das stille Beieinandersein all die Wonne und das innerliche Leben zweier
liebeatmender Herzen wogte in Rodrich auf und ab Er schmiegte sich hingebend
in süße Bande und schloss die Augen vor dem Gewebe dass sich immer dichter über
ihm zusammenzog Aline ging ruhig an seiner Hand auf dem blühenden Teppich der
vor ihr ausgebreitet lag Sie sann und forschte nicht was die bunte Hülle
verbarg Wie sollte sie die Zukunft bedächtig herauf führen da die Gegenwart
sie wie ein lächelndes Kind aus hellen Augen ansah Beide begnügten sich lange
mit dem flüchtigen verstohlnen Genuss den eine beschränkte Lage und wachsende
Aufmerksamkeit für die erweiterten Umgebungen ihnen gönnte Indes hatte
Stephanos wiederkehrende Genesung nach und nach so viele seiner Kameraden zu
ihm geführt und diese wieder so manche von Alinens Verwandten angezogen dass
endlich alles Eigentümliche des ehemaligen häuslichen Zirkels bis auf die
geräuschlose milde Heiterkeit daraus verbannt war Fade Scherze und
kleinstädtische Prätensionen rangen hier nicht immer zum zierlichsten mit
einander Manches fiel Rodrich unangenehm auf was gegen einen natürlichen Takt
feiner Sitte stritt Er war vergebens bemüht in den allgemeinen Ton einzugehen
Der kleine Vorrat flacher Späße erschöpfte sich um so eher je sichtlicher das
Verlangen danach bei den Andern hervorleuchtete Es war ihm unmöglich sich
wie seine Freunde in das grob geschürzte Netz roher Koketterie hineinziehen zu
lassen Jeder Aufflug von Gemeinheit jede Hindeutung dürftigen Herkommens war
ihm eine ärgerliche Störung und trieb seine Ungeduld oft so weit dass er im
Begriff war Alinen in seine Arme zu schließen und mit ihr außerhalb jeder
lästigen Schranke zu fliehen Sie gehörte wirklich keinem bestimmten Kreise an
Ihr eigentümliches kindliches Wesen trieb sie leicht zwischen den hölzernen
dürr ausgesprochnen Gestalten hindurch zu Rodrichs innerer Flammenwelt in der
sich ihr ganzes Dasein liebend auslöste Sie teilte seinen Unmut weil er
unmittelbar aus den trüben Blicken in ihre offene Seele überging und bemühete
sich durch zarte Aufmerksamkeit jede aufsteigende üble Laune zu sänftigen
Indes gelang ihr dies nur halb und als er einst mehrere Stunden gegen alle
äußere Unannehmlichkeiten ankämpfend vergebens einen flüchtigen Moment zu
erhaschen hoffte in welchem die leidenschaftlichen Gluten sich auf Alinens
rosigen Lippen kühlen sollten da hielt er sich nicht länger er entfernte sich
einen Augenblick und schrieb mit klopfendem Herzen folgende Worte welche er
geschickt in Alinens Hände spielte
»Tadle es nicht meine Aline wenn dein sanfter flehender Blick die inneren
Stürme nur noch mehr anregt wenn ich vergebens ringe mich in die stillen
Fluten deiner frommen Seele zu tauchen wenn alles alles mein Verlangen
glühend hinauf treibt Ich bebe wenn du an mir vorüber streifst meine Arme
zucken unwillkürlich ich widerstehe dem inneren Zuge nicht länger lass mich
ich bitte dich lass mich nur einmal wieder deine süße Nähe berauschend fühlen
lass mich deinen Atem trinken der wie Himmelsduft um die innern Flammen spielt
Bei Gott Aline ich muss dich an meine Brust drücken oder ich zertrete alle
Schranken die dich und mich fesseln«
Sie flog mit dem geheimnissreichen Blättchen in ihre Kammer und kam bald
darauf mit verweinten Augen und in sichtlicher Bewegung zurück indem sie
Rodrich ein ähnliches Papier folgenden Inhalts zusteckte
»Fodre nur Ungestümer du wusstest ja wohl dass ich keinen andern Willen als
den deinigen kenne Gott weiß indes ob es so recht ist Ich habe gebetet und
Benedikt recht aus voller Seele gefragt aber es blieb alles wie es war Meine
Augen fielen dabei auf die brennenden Zeilen die mein ganzes Inneres anfachten
dein Nahme tönte laut aus jedem Worte und ich tue was du willst
Komm denn diesen Abend gegen 12 Uhr nach der Kapelle wo wir uns zuerst
trafen Rodrich ich ahnte es wohl dass sich alle andere Bande von meiner Seele
lösen und ich allein in deiner Liebe atmen würde Es ist so gekommen Mir ist
doch recht wehmütig dabei zu Sinne Zum erstenmal in meinem Leben tue ich
widerstrebend was ich dennoch so gern tue Wenn es nur erst Morgen wäre Angst
und Sehnsucht treiben mich wie ein Kind hin und her Lieber lieber Rodrich
fühle doch nur wie unendlich ich dich liebe und wie alle Unruhe und alles
wankende Wollen sich sogleich in deinen Armen tröstend auflösen muss«
Rodrich übersah den kleinen Streit der Alinens Gefühle noch höher hinauf
trieb und sie mit unauflöslichen Banden an ihn kettete Er wusste noch nicht
wie ein weibliches Gemüt die überwundene Scheu mit der sie gegen ein
gänzliches Hingeben ringt in der festesten unendlichsten Liebe abzubüssen
strebt und wie viel ein Mann gewinnt der es bei der Geliebten bis zur
Uneinigkeit mit sich selbst gebracht hat Er dachte und empfand überall nichts
als sein nahes Glück Jede überlegende Absichtlichkeit war weit von seiner
Seele Im fröhlichsten Taumel rauschte ihm die Zeit bis zur zwölften Stunde hin
Fast zugleich stand er mit Alinen am Eingange der Kapelle Sie schlüpften beide
hinein Zitternd ohne ein Wort zu sagen kniete sie neben ihm auf die Stufen
eines kleinen Altars Die kalten Steine schienen zu ihrem Herzen zu dringen und
es peinlich zusammen zu ziehen Rodrich küsste sie sanft Sie weinte an seiner
Brust halb aus Schaam halb aus Freude Fürchte nichts Aline sagte er
beruhigend die Gräber sind stumme Zeugen und wir im Schutze frommer Geister
Jesus rief sie was war das Aline erwiderte er halb unwillig mein Herz
klopft dem deinigen ungestüm entgegen sonst hörst du nichts glaube mir Nein
nein sagte sie es ist gewiss etwas anderes höre nur Der Wind rauschte hohl
und tief zwischen einigen veralteten Bäumen die sich vor den Fenstern hin und
her neigten die Zweige warfen bei dem hereinbrechenden Mondenlicht lange
Schatten in die Kapelle Aline sah mit halben Blicken ihr flimmerndes Spiel an
den dunkeln Wänden Ihr war als bewege sich der frische Epheukranz über dem
Grabe ihres Bruders indem hörten sie jemand husten und ein schallendes
Gelächter flog an ihnen vorüber Rodrich sprang zur Tür Ertappt ertappt
riefen mehrere rohe Stimmen du willst wohl Geister beschwören oder gibt es
sonst etwas Geheimes hier abzumachen Nur heraus damit jetzt gilt kein
Heucheln mehr Lasst mich sagte ein Anderer ich wills ja sagen plagt mich nur
nicht mit eurem Geschrei Ich habe in dieser Kirche ein Bündelchen Zeug etwas
Geld und eine Uhr in der Nacht versteckt als wir Verwundete hier hinein
gebracht wurden und konnte immer nicht dazu kommen es abzuholen ich wollte
jetzt versuchen ohne viel Geräusch zu der kleinen Tür hinein zu kommen Das
ist gestohlen Gut riefen aufs neue alle insgesamt das muss kameradschaftlich
geteilt und zusammen verzehrt werden Der Lärm ward immer größer zog indes
bald die Wache herbei die sie schnell aus einander trieb Lieber sterben sagte
Aline bebend als hier einen Augenblick länger verweilen Umsonst versicherte
Rodrich dass nun alles ruhig und sie vollkommen sicher wären sie entwand sich
seinen Umarmungen und eilte angstvoll vor ihm her Er folgte schweigend bis vor
des Hauses Tür Liebe Aline sagte er jetzt bittend fodre nicht dass ich dich
in dieser Stimmung verlasse Du zitterst und weinst wie könnte ich ohne dich
ruhig sein lieber Engel lass mich mit hinein gehen Aline war so verwirrt so
durch und durch erschüttert dass sie es still geschehen ließ Sie traten in die
warme duftende Wohnstube Rodrich führte sie zu dem kleinen Sitz unter ihren
Blumen nein rief sie sich besinnend hier darfst du nicht bleiben Stephano
schläft ganz nahe Nun erwiderte Rodrich so lass uns hinauf zu deinem
Zimmerchen gehen Da ist wieder die Mutter nicht weit fiel sie ein Ach die
schläft wohl sagte Rodrich und zog sie sanft zur Tür Sie blieb einen
Augenblick unschlüssig stehen Rodrich rief sie weich und hingebend er schloss
sie fest an sich und trug sie leicht die wenigen Stufen hinauf
Der Morgen dämmerte schon als sich Rodrich endlich von Alinens glühendem
Herzen riss und durch die kalten feuchten Nebel zu seinem einsamen Lager eilen
wollte Ein Blick auf jene üppige in Liebe und Sehnsucht hinsterbende Gestalt
fesselte ihn noch mehrere Augenblicke Die großen blauen Augen senkten sich
keusch und verschämt unter dunkle Wimpern indes Mund und Wangen von seinen
Küssen glüheten Einzelne Löckchen quollen aus dem purpurnen Netz hervor das
den reichen Schmuck gefesselt hielt und schienen mit den zarten Gliedern zu
kosen die durchsichtig und klar im rosigen Hauche der Liebe wogten Als wage
sie nicht sich zu regen so lag sie in sich selbst zurück gezogen unbeweglich
und doch voll innern unendlichen Lebens vor ihm da Doch plötzlich sank sie
unter einem Strom von Tränen zu seinen Füßen sich fest an ihn schmiegend rief
sie nicht wahr nun verstösst du mich nicht nun kannst du dich nie wieder von
mir losreißen Aline Aline sagte Rodrich bewegt wenn du nicht willst dass ich
sterben soll so sieh mich so nicht an Du fühlst ja wohl wie ich ewig dein
bin Ihre kleinen Händchen lagen gefaltet in den seinigen Engel rief er sie
noch einmal küssend und flog zur Tür hinaus
Er konnte sich den ganzen Tag über von dem lieblichen Bilde nicht losmachen
alle seine Sinne nahm es gefangen und trieb ihn im Zauber der Erinnerung halb
träumend umher Zufällig traf er auf einem einsamen Spazierritt Stephano der
zum erstenmal die frische Luft mit wieder auflebenden gesunden Sinnen
begrüßte Sie trabten eine Zeitlang schweigend neben einander her Rodrich
fühlte sich verlegen gestört sie waren lange nicht so allein gewesen wovon
sollte er überdies jetzt reden wenn es nicht das Eine betraf was seine ganze
Seele erfüllte und wer konnte und durfte hier sein Entzücken teilen Dass wir
in kurzem Frieden haben und in Gottes Nahmen zu Hause gehen weißt du wohl
schon hob endlich Stephano an Rodrich erinnerte sich davon gehört zu haben
Ja ja sagte jener aufs neue das ist nun auch wieder vorbei Vorbei fragte
Rodrich der in diesem Augenblick nicht recht wusste wohin dies ziele Nun ja
erwiderte Stephano wie überhaupt mit aller geträumten Herrlichkeit der Welt
Hm sagte Rodrich nachlässig und schmiegte sich in Gedanken in Alinens
Lilienarme oft ist in den abgefallenen Blüten ein Saamenkorn verborgen aus
welchem unerwartet ein neues Reis emporschiesst Man muss das kommen lassen wie
es eben will und kann Stephano betrachtete ihn einen Augenblick dann sagte er
lächelnd wir haben wohl heute die Rollen vertauscht du gehst ja recht ergeben
und ausgesöhnt mit dem Schicksale Hand in Hand ohne dass es so viel ich weiß
sonderlich viel für dich getan hätte denn das Spielchen mit Alinen hält doch
wohl nicht über einige Stunden vor Rodrichs Blut kochte er hätte den lästigen
Spötter zerreißen können und dennoch verschmähete er es die innere Wahrheit
zur Schau zu tragen Er starrte unentschlossen in die öde Gegend und konnte kein
Wort hervorbringen Zwar sagte Stephano jenen Unwillen wenig beachtend hat
dich das gute unbedeutende Kind ganz artig unterhalten und in dieser Zeit ist
jede dürftige Freude willkommen doch verstehe ich deine Ruhe ja dein
gleichgültiges abgeschlossenes Wesen immer noch nicht Du wirst mich nicht
überreden wollen dass ein paar frische Lippen so große Weltansichten so
vollwichtige Plane weghauchen könnten Vollwichtige Plane wiederholte Rodrich
der in Stephanos Annäherung irgend eine Absichtlichkeit vermutete ich möchte
wissen wie mein unzusammenhängendes Dasein solche gestattete Schlage doch ich
bitte dich einige elektrische Blitze die ein unerwarteter Stoß von außen hin
und her erzeugt so hoch nicht an Wer nicht wenigstens die Richtung des Hafens
kennt der treibt Zeitlebens auf offener See umher Mir ist der große Anlauf der
mehrsten Jünglinge schon tausendmal sehr lächerlich vorgekommen Meine eignen
hohen Weltansichten haben mich lästerlich gefoppt Manches trat freilich im
großen Stil auf dem Koturn zu mir hin allein ich sah die Maske immer noch
fallen und das Pygmäengeschlecht blieb was es war So sagte Stephano und
klopfte seinem Pferde gleichgültig den Hals Ja sage mir fiel Rodrich immer
heftiger ein fandest du nicht in allem was sich so groß ankündigte
Verworrenheit der Begriffe geschraubtes vornehmes Wesen höchstens gutmütige
Selbsttäuschung und nirgend herzliches ehrliches Wollen wie es ein gesunder
Sinn fodert Dies bewusstlose tiefe Gefühl was vor sich selber so gar nichts
sein will und überall den Ton anschlägt den es treffen muss wo ich bitte
dich wo fandest du dies wo den kindlichen Menschen den nicht irgend ein
Schulsystem oder flache VerstandesKonsequenz zu seinem eignen Narren machte
Warum sagte Stephano kalt bliebst du nicht in der Kinderstube wenn du mit
Kindern leben wolltest O täusche dich nicht unterbrach ihn Rodrich schnell
als wenn du überall bei Kindern den kindlichen Sinn fändest Das was ich so
nenne das rein Menschliche die Empfindung die mit unnachahmlicher Anmut
Wort Tat und Gebärde wird kurz dies freie kunstlose Bewegen von Innen nach
Außen dies offenbart sich in sehr wenigen Gemütern und wo es ist da
behauptet es sich auch durch ein ganzes Leben es widersteht den Formen und
gehört eben darum keinem Zeitmomente an Der stille Bach sagte Stephano der
flach und spielend über weißen Sand rinnt ergötzt freilich dann und wann unser
Auge Du stehst davor und vergisst das tiefe gewaltige Meer mit seinen
Brandungen und schäumenden Wogen Nun es wird auch wieder anders werden wie so
vieles im Laufe deiner Gefühle und Ansichten Rodrich unterdrückte unwillig die
beschämende Wahrheit dieser Worte in der inneren Verlegenheit riss er heftig an
einem überhangenden Ulmenzweig unter welchem er eben hinritt Bei der schnellen
Bewegung streifte sich Mirandas Ring vom Finger und rollte weit hin auf den
trocknen Boden Ehe ihn seine Blicke noch trafen hatte ihn Stephano mit vieler
Gewandheit auf die Spitze des Degens aufgefangen indem er lachend sagte ist
das auch so ein verschollnes Andenken das sich fliehend noch einmal meldet
Rodrich war als führe eine eiskalte Hand über sein Herz er hatte nicht den
Mut irgend einen Gedanken festzuhalten Mit sichtlicher Verwirrung nahm er den
Ring und ließ ihn gedankenlos zwischen seinen Fingern spielen Du siehst ja
heute gewaltig schwerfällig in den unbedeutendsten Scherz sagte Stephano nach
einer Weile Ich merke wohl wo das hinaus will Die Welt ging an dir wie die
Bilder eines optischen Kastens vorüber du stehst am Ende wie zu Anfang in der
engen dunkeln Stube und lässest die übersättigten Blicke auf alltäglichen
Umgebungen ausruhen nun Gott befohlen über kurz oder lang fährst du wohl
einmal wieder wie die Flamme durch das niedre Dach und kämpfst mit den
Elementen Für jetzt lass dir wohl sein Mit diesen Worten wandte er sein Pferd
und ritt einen andern Weg Lächerlich sagte Rodrich halb trotzig halb
verlegen steckte den Ring an den Finger und eilte bei Alinen jede lästige
Störung zu vergessen Das holde Kind empfing ihn mit einer wehmütigen
Innigkeit die sein ganzes Wesen durchdrang Er hatte nie etwas Reizenderes
gesehen als jenen Streit zarter Schaam und wachsender Zärtlichkeit in welchem
sie sichtlich gefangen war In heiliger hingebender Selbstverläugnung ruheten
ihre Blicke auf den seinen einzelne Tränen rannen ihr selbst unbewusst über
die frischen Wangen ihre Stimme zerrann fast in leisen Bebungen die wie
abgerissne Töne einer Harfe die innern Akkorde bewegter Natur offenbaren
Der Geistliche war indes bei seinem Eintritt zum erstenmale mürrisch an ihm
vorüber gegangen und hatte die Mutter in einer ähnlichen Stimmung zurück
gelassen Es ist Friede sagte diese endlich ihr augenblickliches Schweigen mit
losbrechender Redseligkeit ersetzend nun lieber Gott ich freue mich gewiss von
ganzer Seele darüber aber sagen werde ich doch wohl dürfen dass es nun recht
tot und weitläuftig in unserem Häuschen sein wird und dass wir uns alle ungern
von so lieben Gästen trennen Was liegt denn darin Gottloses und Sündliches
Meine Klagen werden überdies nichts ändern und was man einmal recht aus
Herzensgrunde fühlt das kann man auch ohne Schaam vor aller Welt bekennen Und
lieber Gott jeder hat seine Weise muss man denn gleich in so anzüglichen Worten
die Meinung Andrer bestreiten Ich will wahrhaftig nicht Hader und Zwietracht
unter die Menschen säen und wie der Bruder meint törichte Wünsche durch das
allgemeine Verderben befriedigen Ich bin nicht hoffärtig und stolz ich
wirtschafte in De und Wehmut und halte das bisschen Armut zusammen aber ich
will andre Gesichter sehen und andre Begebenheiten erleben als die ich nun
seit drei Jahren Tag ein Tag aus in den trübseligen Legenden und
Märtyrergeschichten zu Gesicht bekomme So manchmal ist die Selbstverläugnung
und Ergebung der heiligen Männer wohl recht tröstlich und man sieht und fühlt
wie alles Irdische weicht aber die Welt ist doch kein offenes Grab und das
blühende Kind da soll mir doch nicht immer wie in ein Leichentuch gehüllt
erscheinen Er hat gut reden er steht allein von ihm geht kein neues Leben
aus wie er altert und welkt so erbleicht auch alles um ihn her ihn zieht
nichts in die frische Jugend zurück Im Grunde ist er zu bedauern solch ein
Mann der niemals liebte wird am Ende so schroff allen Weltfreuden
abgestorben dass man sich nicht mehr eines gesunden Appetits und Schlafs von ihm
erfreuen darf Hier trat der Bruder unvermutet herein und der breite Strom der
Rede stockte plötzlich Aline hob er nach einer Weile an stelle nur die
nächtlichen Wanderungen zur Kapelle ein Menschen oder Geister duldeten es so
wohl nicht du musstest wahrscheinlich entfliehen denn ich fand am Eingange dies
Kettchen mit Benedikts Locke und die Perlenschnur aus deinem Haar so etwas
gibt ärgerliche Gerüchte Aline nahm zitternd die zerbrochene KristalKapsel
aus seiner Hand während die Mutter mit unsichrer Stimme sagte nun Beten ist
doch keine Sünde Wenn es aus reinem Herzen zu Gott und seinen Heiligen dringt
erwiderte der Geistliche sicher nicht wenn aber irdische Wünsche die Gott
geweihete Stätte beflecken dann ist es dem Herrn ein Gräuel Ich bitte dich
Aline flüsterte Rodrich dem weinenden Mädchen zu fasse dich doch jetzt nur
und suche den keimenden Argwohn durch ein ruhiges Betragen zu ersticken Warum
sagte sie matt und ergeben Gott und Benedikt kennen mein Unrecht mögen es die
Menschen denn auch wissen Ach Mutter Mutter rief sie aus gepresster Brust
ich bin sehr unglücklich Der Geistliche trat gerührt zu ihr hin legte die Hand
auf ihre Stirn und sagte Gott gibt uns allen Frieden In dem reinen Herzen
der Mutter stieg eine trübe Ahnung aus sie blickte fragend umher aller Augen
senkten sich Rodrich strebte vergebens unteilnehmend und ruhig zu erscheinen
er fiel aufs neue aus allen seinen Himmeln in die fest gestaltete notwendige
Ordnung der Dinge die ihn mit allen Quaalen peinigender Gegenwart gefangen
hielt Zagend stand er neben Alinen deren trübes Auge schmerzlich aus den alten
geliebten Umgebungen ruhte als sagten sie ihr nun werden unzählige Tränen
hier fließen und wir alle werden unbeachtet vergehen Er fühlte dass ein Wort
die inneren Zweifel lösen und Glück und Ruhe verbreiten könne aber dies eine
Wort drang nicht über die widerstrebenden Lippen Indem trat Stephano herein
mehrere Briefe in der Hand haltend von welchen er Rodrich zwei gab und sich
dann die übrigen zu lesen in eine Ecke des Zimmers niederließ Rodrich
erkannte sogleich Florios Hand er öffnete schnell das Siegel und las um sich
selbst allen zweifelhaften Regungen zu entziehen begierig folgende Worte
»Der Tod lieber Rodrich ist nun wirklich an uns vorüber gegangen und hat
Rosalien entführt Seitdem ist mir unaufhörlich als schritte er auf mich zu
und spottete meiner Wünsche und Hoffnungen Alles um mich her erscheint mir so
schattenartig und vergänglich und was ich sage und tue es gemahnt mich wie
ein Spiel Der rechte Ernst lauert doch nur im Hinterhalte und macht zuletzt
allen Träumen ein Ende Dies ist gewiss nicht die rechte Ansicht des Lebens Der
gesunde Sinn greift frisch in die Kette ein und fühlt dass sie sich ewig
ununterbrochen fortschlingt Ich muss auch wohl krank sein denn niemand außer
mir ist so ergriffen selbst Ludowiko kehrte vor einigen Tagen ruhig ja
erleichtert zu den Seinigen zurück Es war als habe er dem Schmerz wie allen
innigern Gefühlen einen gewissen Tribut zollen müssen dessen letzter Rest mit
Rosaliens Leib in die kalte Erde verschüttet ward Ach Rodrich Rodrich ich
würde glauben die meisten Menschen seien leblose Instrumente über welche die
Hand des Schicksals hinfährt und ihnen von Zeit zu Zeit einen Ton entlockt der
eine Weile fortrauscht und dann in das innere Nichts verhallt aber sind wir
denn anders und wühlt die Welt nicht mit tausend Händen in den Saiten unsers
Herzens und schlägt eine nach der andern an ohne dass wir es selbst ahnen
Sonderbar war es dass Rosalie ganz verständig unter höchst einfachen ja ich
möchte sagen kalten Betrachtungen verschied Ludowikos Bild schien immer mehr
von ihr zu weichen sie nannte ihn wenig und gab sich mit sichtlichem Behagen
der wiederkehrenden Stille ihres Gemütes hin Der Gelehrte der vor einigen
Tagen bei Seraphinen war meinte Rosalie sei ihm unendlich heftig aber nicht
gefühlvoll erschienen Dieser Mangel an Tiefe und eine große Phantasielosigkeit
habe so lange mit dem Streben sich einen höheren ungewöhnlichen Schwung zu
geben gerungen bis sie dies über sich selbst hinaus zwischen frostigen
Verzerrungen zum Wahnsinne hingetrieben habe Nichts setzte er hinzu ist so
gefährlich als wenn der bloß reizbare wenig schöpferische Sinn äußere Bilder
für die seinigen aufnimmt und sich aus die Art in eine ganz fremde Welt
verirrt Ludowiko sagte er sei vollends ein kalter Geck der sich in jeder
Kappe gefalle Dies letzte tat mir wehe Ich hatte ihn doch so wahr und innig
gesehen seine Tränen waren in mein Herz gefallen so bemächtigt sich der bloße
Schein nicht der Seele eines Andern Es mag wohl sein dass man Erscheinungen und
Motife richtig aufstellen und Eines durch das Andere entwickeln könne allein
im Menschen ist noch vieles was sich so nicht auffassen lässt und was
gleichwohl alles verändert Man sage immer die Liebe sei blind ich glaube es
nicht Sie bindet nur das Einzelne zum Ganzen und füllt die Lücken die der
Verstand mühsam gräbt Daher spreche ich auch lieber mit Seraphinen über die
letzten Vorfälle Die Frauen sind milder bei ihnen herrscht das Gefühl und
wenn sie auch oft ohne Grund lieben und hassen so wird ihnen doch der Mensch
nie zu einem bloßen Rechenexempel das sich nach gewissen Regeln auflösen lässt
Ich dachte jetzt recht ungestört in dieser Einsamkeit deine Rückkehr zu
erwarten allein es hat sich aufs neue alles geändert Vor einigen Tagen trat
der Ritter ganz unerwartet mit einer hübschen jungen Frau bei uns ein Rosaliens
Tod war ihm noch fremd er glaubte sie durch die glückliche Wendung seines
Schicksals freudig zu überraschen und eine milde Freundin in ihr zu gewinnen
Es war uns unendlich peinlich ihn in diesem Irrtum zu wissen Der Gräfin
gebrach es fast an Mut ihm die Wahrheit zu gestehen Das Lächeln eines
Menschen dem der ungekannte Schmerz so nahe steht hat etwas überaus Rührendes
Indes entging ihm unsere Verlegenheit nicht und er drang uns bald das
Geständnis seines Unglücks ab Du kannst denken wie sehr es ihn erschütterte
Doch gelang es der schönen blühenden Gattin ihn nach und nach zu beruhigen
Jetzt weint er wohl noch an Rosaliens Grabe und bringt manche Stunde dort zu
allein er willigt dennoch ein in wenigen Tagen nach der Stadt zu gehen wohin
Seraphine ihm folgt Diese findet Geschmack an ihrer jungen Nichte und freut
sich durch irgend ein Familienband aufs neue an die Welt geknüpft zu sein Ich
sollte sie begleiten Alexis drang deshalb in mich er ist liebenswert und
offen und erwiderte meine Teilnahme mit der kindlichsten Innigkeit allein
ich fühle mich doch losgerissen in diesem geschlossnen Kreise Halte mich nicht
für eitel und anmassend wenn ich dir gestehe dass mir dies freundliche Dulden
die ehrenwerte Anhänglichkeit gutmütiger Menschen nicht genügt dass ich es
schmerzlich fühle für niemand eigentlicher Zweck des Lebens zu sein dass alles
ohne mich gerade eben so ist und fortgeht ich nur neben nicht mit meinen
Freunden lebe ach und dass keiner ahnt oder ahnen will welche eine Welt voll
Liebe ich in meinem Herzen trage Ich bleibe allen fremd auch dir Rodrich
glaube nicht ich wolle dir einen Vorwurf machen du kannst nicht anders daher
kehre ich auch in meine Berge zurück da leben die frommen Eltern und alle
freudigen Erinnerungen der Kindheit Vielleicht suchst du mich dort auf wenn
dir alles einmal misslingt und die Welt dir keinen Ersatz bietet«
Rodrich mochte nicht lange bei den wehmütigen Klagen seines Freundes
verweilen Er scheuete in diesem Augenblick jede tiefere Rührung und eilte
daher zu dem andern Briefe dessen Ausschrift ihn lebhaft an das geheimnisvolle
Billet nach dem Maskenballe erinnerte Allein wie erstaunte er als er
Viormonas Unterschrift entdeckte und Blick und Mienen ihm sogleich aus den
ersten Worten entgegen blitzten Der Karnaval schrieb sie ist vorüber eine
Larve nach der andern fällt so mögen Sie mich denn in diesen Zügen immerhin
erkennen Es war ein Augenblick in welchem wir uns verstanden Sie fühlten
meine Schmach und der Flug unserer Gedanken berührte sich Damals erkannte ich
in dem grossherzigen Jüngling nur das Mittel meine Pläne durchzusetzen ich
musste Ihnen noch unbekannt bleiben Jetzt ist es bei weitem anders Ihr
beschimpftes bis auf den Schein vernichtetes Dasein wird Zweck meines Lebens
Könnte ich doch in ein Wort alles zusammendrängen was mich seit zwölf Stunden
unaufhörlich mit Abscheu Lust Rache ja mit allen gewaltigen Leidenschaften
erfüllt aber ich darf nicht Fliegen Sie zu mir die Brieftasche des Kardinals
ist in meinen Händen ohne dass er sie vermisst Rodrich ich kann so nicht
schließen was sind alle abgemessene Regeln der Klugheit gegen die tosende Flut
eines überwallenden Herzens Nun denn mein Unglücksgefährte ich grüße in Ihnen
den Neffen des Herzogs Um Gotteswillen bezähmen Sie die losbrechenden Flammen
Sie brauchen Besonnenheit die Gewalt ist in den Händen Ihrer Feinde List und
Gewandheit können es allein rächen dass man Sie über zwanzig Jahr um den stolzen
Genuss hoher Geburt betrog und den Zweig königlichen Stammes in die Gemeinheit
niederer Naturen verstiess
Rodrich schlug hier zähneknirschend den Brief zusammen Aline fuhr in die
Höhe er bemerkte erst jetzt dass sie weinend zu seinen Füßen lag und niemand
als sie im Zimmer war Armes armes Kind rief er bewegt Ja wohl sagte sie
die Mutter wird nun alles erfahren sie ist bei dem Onkel der uns zuverlässig
in der Nacht gesehen hat Lass nur erwiderte Rodrich gedankenlos es kann ja
noch alles gut werden Ja fragte sie halb getröstet und drückte seine Hand an
ihr Herz ach mein lieber lieber Rodrich könntest du die Angst fühlen die
mich ich fühle sie Aline unterbrach er sie heftig ich fühle sie daher lass
mich fort ich könnte mich sonst in Gegenwart deiner Familie verraten Er
reichte ihr flüchtig die Hand und eilte ohne ihre Antwort abzuwarten zur
Tür So willst du gehen fragte Aline betroffen Lebe wohl Engel rief er
schnell ich höre draußen Jemand Ach Gott sagte sie und wandte sich langsam
von ihm ab Er stürzte fort ohne noch zu wissen was er eigentlich wollte und
durfte Es kochte und wütete in seiner Brust Alles was er je erlebte träumte
und fühlte ging verwirrend an ihm vorüber Nur vorwärts vorwärts sagte er
halb laut es muss jetzt alles klar werden Er beschloss noch in dieser Nacht zu
reisen und da der Friede unterzeichnet war so hielt es weiter nicht schwer
Urlaub nach der Hauptstadt zu bekommen Als er deshalb von dem General
zurückkehrte fand er Stephano auf einem freien Platz der Stadt gedankenvoll auf
und niedergehen Er wollte ihn Anfangs nicht bemerken indes sein Blick in
welchem eine Träne glänzte traf ihn und er rief unwillkürlich ist dir etwas
begegnet Nein es ist alles schön und gut sagte Stephano halb bitter halb
ergeben uns erwarten Friedensfeste und Hochzeitfeiern Hochzeitfeiern
wiederholte Rodrich Ja ja was denkst du denn erwiderte jener soll der
Herzog etwa den Staat noch länger ohne Erben lassen Mirandas schöne Hand wird
ihn beglücken Der Kardinal betreibt es recht angelegentlich und es kann ja
auch nicht fehlen wer wird ein Herzogtum ausschlagen Du träumst sagte
Rodrich halb sinnlos drückte den Hut in die Stirn und eilte in seine Wohnung
Mehrere Stunden saß er hier ohne einen zusammenhängenden Gedanken zu fassen Die
innere Angst stieg fast in jedem Augenblick Die Zeit ist gekommen rief er
endlich voll Grimm bei Gott und allen Heiligen er soll mir Rechenschaft geben
Er rief seine Leute sie mussten schnell das Gepäck ordnen und er ging
seinem Wirte einen flüchtigen Besuch zu machen um bei den Alltagsgesichtern
Gleichmut für die letzten Augenblicke zu gewinnen Mitternacht kam indes heran
In einer Stunde wollte er reisen Sein Herz klopfte bang er öffnete das
Fenster überall war es still Ob Aline wohl schläft dachte er mit wehmütiger
Rührung Die Kirche neben ihrer Wohnung ragte so fest und ernst über die übrigen
Gebäude hervor ihm war als bewegten sich die langen Fenster der Kapelle und
Aline breite ihm flehend die weißen Arme entgegen Unglückseliger rief er ist
denn nun alles alles vorbei soll die unschuldige hingebende Liebe nie wieder
dies Herz berühren und ist nicht vielleicht hier und dort alles verloren
Rodrich sagte eine weiche Stimme du entgehst mir nicht glaube mir ich weiß
du willst dich von mir losreißen er blickte erschrocken auf Aline stand bleich
wie ein Geist hinter ihm Du hier sagte er sich fassend Ich bitte dich fuhr
sie fort lass uns jetzt nicht untersuchen ob ich zu viel wage jede ruhige
Überlegung gehörte einer frühern Zeit an ich komme bloß dich zu fragen wie du
es über dich gewinnen konntest mich heimlich zu verlassen Rodrich wolltest du
mich schonen oder übersahst du mich ganz Liebe Aline sagte er ausweichend
O um alles unterbrach sie ihn nur jetzt keine Ausflüchte schäme dich nicht
zu sagen was du fühltest ich bin dir nichts Rodrich gar nichts ich empfand
das diesen Nachmittag du sahst meine Todesangst ein einziges Wort hätte mich
in den Himmel gehoben du hast es nicht ausgesprochen Ich glaube es gern dass
ich nur eine unbedeutende Erscheinung deines Lebens sein konnte aber warum
stehst du an mich ganz zu vernichten Glaubst du es sei besser mir ein
dumpfes ödes Dasein zu lassen das Niemand beglücken kann Friede und Vertrauen
sind aus unserm Häuschen geflohen die Mutter hat zum erstenmal in die Welt
gesehen ihr frommer Blick kehrt scheu und getrübt in sich zurück ich bin alt
geworden lieber Rodrich die Jugend ja die Welt stürzte mir in einem
Augenblicke zusammen habe Erbarmen rief sie mit einem zerreissenden Ton indem
sie vor ihm niedersank nimm mir dies quaalvolle Leben Hier klopfte es leise an
die Tür Verzeihen Sie sagte Beate im Hereintreten fuhr aber als sie Alinen
bemerkte laut schreiend zurück Bleiben Sie sagte Rodrich mit Blick und
Stimme die ihr fast jede weitere Bewegung unmöglich machte was führt Sie
hierher fuhr er fort Diese Bücher sagte sie gefasster ihm mehrere
überreichend die ich unter den meinigen fand und die ich über ihre plötzliche
Abreise beinahe vergessen hätte Nun erwiderte Rodrich dasselbe Geschäft
führte die gütige Aline hierher Ich zweifle doch fiel Beate vornehm und
beleidigt ein dass wir einander auf gleichen Wegen treffen können Sie neigte
sich spöttisch und ging Ich danke dir Lieber sagte Aline du wolltest mich
vor den Menschen retten aber das ist nun doch alles vorbei Meine liebe liebe
Aline rief er aufs höchste gerührt sieh nicht so verzweifelnd in die Zukunft
glaube nur ich kann nicht anders mein verworrenes Schicksal umstrickt mich mit
tausend Schlingen und ich darf sie nicht so zerreißen wie ich wohl möchte
ohne alles mit mir in den Abgrund zu ziehen Ich tadle dich auch nicht sagte
sie ruhiger es war wohl unrecht so klagend und wimmernd vor dir zu erscheinen
gewiss ich will dich nicht quälen aber könntest du sie stand einen Augenblick
schweigend vor ihm da Was foderst du meine Aline fragte Rodrich nichts rief
sie unter heißen Tränen ach du kannst mir nichts selbst den Tod nicht geben
Lebe wohl sieh ich kam ach mein unaussprechlich geliebter Rodrich
stammelte sie und sank ohnmächtig in seine Arme Er trug sie leise in Lauras
Zimmer Sorgen sie für die Unglückliche rief er der erschrockenen Frau
entgegen Sie sind Mutter in Ihrer Brust lebt ein menschliches Gefühl dulden
Sie nicht dass man den Engel beleidige ich warne sie sie und Erwin sind in
meinen Händen Er drückte einen Kuss auf Alinens Stirn und flog zum Hause
hinaus
Ohne Aufenthalt und Ruhe eilte er nun der Hauptstadt entgegen Alle
Herrlichkeiten des erwachenden Frühlings die lachendsten Gegenden nichts
konnte ihn aus sich selbst herausziehen Seine Gedanken kreisten unaufhörlich um
einen Punkt ohne ihn gleichwohl zu erfassen So in sich versenkt dumpf und
befangen kam er an das Tor Hier spannten sich alle seine Gefühle zur höchsten
Erwartung Er glaubte sein Anblick müsse die Menschen ungewöhnlich erschüttern
und jedes Auge an dem seinen entzünden Statt dessen ging alles den gewohnten
Gang Niemand außer der Schildwache am Tore bemerkte ihn In tatenloser
Geschäftigkeit eilte Jung und Alt an ihm vorüber Ein Jeder hatte sein kurzes
Ziel vor Augen und kümmerte sich wenig um die ausgedehntern Plane Anderer
Ich werde euch nicht lange fremd bleiben dachte er und eilte zu Viormona
Schon hier rief diese nun ich konnte es denken Ihr guter Engel führte sie im
rechten Augenblicke hieher Das Schicksal hat vorgearbeitet Der Herzog ist
weich und erschüttert wie ein Kind Sie wissen vielleicht dass er Miranda mit
seiner Hand beglücken wollte Vor einigen Tagen ist diese mit ihrer Mutter und
Elwire in ein fernes Kloster geflohen und droht den Schleier zu nehmen Den
Schleier unterbrach sie Rodrich Nun lassen wir sie fiel sie ungeduldig
ein sie passte ohnehin nicht hieher Wichtiger ist dass der Herzog in seinen
gescheiterten Hoffnungen eine Strafe des Himmels sieht und sie um so leichter
Eingang finden werden Wollen sie sich mit langsamen Gifte nähren fuhr sie
fort einige Papiere aus einem Kästchen langend oder soll ich doch besser
sie lesen selbst Nehmen sie zuerst diesen angefangenen Brief des Kardinals dem
er wohl noch mehreres hinzufügen wollte
Rodrich las mit flammenden Blicken
»Ihre früheren Vermutungen sind eingetroffen Der Knabe lebt und tritt
jetzt sehr unberufen als Mann in meinen Weg Der dumpfe Trotz mit dem er sich
einst Ihren Händen entwand hat sich zur frechen Verachtung aller gesetzlichen
Ordnung und hergebrachten Weise entwickelt Er ist zu klug um genügsam zu sein
und wird eben deshalb furchtbar Zum Glück besitzt er noch etwas von jener
schwankenden Reizbarkeit die man Herz und Gemüt nennt und die uns kältern
Naturen die Welt unterwirft Sonst ist er stolz es regt sich so etwas von
Herrschersinn in ihm er könnte vielleicht an der Hand eines Gewaltigen höheren
Stufen entgegen reifen allein er muss in die Dunkelheit zurück Sie wissen wie
ich bemüht war jede Spur eines beschämenden Ereignisses zu verwischen und den
Hohn der Kirche im eignen Blute zu rächen Das Dasein des Knaben wandte sich
indes wie ein Dolch gegen die eigne Brust Ich war nicht ruhig seit er ihnen
entwich Sie erinnern sich des Fehlgriffes mit dem Sänger ich forschte
vergebens Ganz unerwartet fand ich endlich hier was ich suchte Die
abenteuerliche Erscheinung eines jungen Mannes der unter dem Schutze des alten
Alwarez plötzlich Offizier wird bei dessen Anblick der Herzog ohnmächtig
niedersinkt der durch ein gebieterisches vornehmes Wesen jede Nachfrage zurück
drängt und so alles bis auf die Neugier der Menschen unterjocht musste
notwendig tausend Mutmaßungen erregen mit denen man mich sogleich bei meiner
Ankunft bekannt machte Ich ward begierig mehr zu erfahren In einer
Abendversammlung trat er vor mich hin Ich glaubte fünf und zwanzig Jahr jünger
zu sein und den Bruder des Herzogs zu sehen Nur in Vater und Sohn kann sich
die Natur so wiederholen Derselbe Blick Mienen und Gebehrden Ich konnte nicht
länger zweifeln Dazu kam die enge Verbindung mit dem Grafen der
augenscheinlich mehr von seinem Schicksale weiß Ich setzte alles in Bewegung
um der Sache auf den Grund zu kommen und erfuhr dass er in einem Gasthofe
mehreren jungen Leuten seine Geschichte nach JugendArt laut genug mitgeteilt
hatte um den Wirt mit einigen Zügen derselben bekannt zu machen die mir
weiter keinen Zweifel übrig lassen Die Erinnerung des Mantels lebt noch frisch
in seiner Seele und er würde sicher nicht anstehen ihn von den Schultern
seines herzoglichen Oheims zu reißen wenn er eine Ahnung der Wahrheit hätte
Dies ist hinreichend um ihn bald wieder in Ihre Hände zu liefern Vorerst habe
ich ihn ruhig in den Krieg ziehen lassen vielleicht gebietet das Schicksal ohne
meine Hilfe über ihn Seine Entfernung tut dem Herzoge wohl Dieser schwache
Mensch sitzt ohnehin unsicher auf dem fremden Thron Ich kam um ihm eine
schickliche Haltung zu geben Es wird mir gelingen Seine Feinde sind nicht
gefährlich Trägheit und Furcht augenblicklicher Störung halten die meisten
Menschen in der misslichsten Lage gefangen Ein rachsüchtiges eitles Weib steht
an ihrer Spitze Sie ist in meinen Schlingen indem ich ihr glauben ließ sie
könne mich als Mittel ihrer Plane gebrauchen Der Herzog soll sich vermählen
Der Bastard darf ihm nicht in der Regierung folgen aus diesem könnte etwas
werden wenn er nicht alles sein wollte Leben sie wohl Vielleicht sende ich
ihnen bald ihren Flüchtling zurück Entgehen wird er uns schwerlich Sind sie
gewiss dass der andere Knabe in Martins Hütte starb«
Rodrich wollte hier losbrechen Halten sie sich noch einige Augenblicke
sagte Viormona ihm das Blatt entwindend lesen sie erst diesen zweiten Brief
des Herzogs an den Kardinal der hebt die Decke und lässt in ein weites Feld
menschlicher Verirrungen sehen
Er gehorchte ohne sich irgend einer deutlichen Vorstellung bewusst zu sein
und las Folgendes
»Sie haben von jeher meinen Willen gelenkt und in unsicheren Augenblicken
meinem Gefühl die Richtung gegeben die Sie notwendig hielten Ich kenne ihre
Gewalt und flüchte zu ihr jetzt da alle Wunden aufs neue aufspringen und
die alten Quaalen mich foltern Reue sagt man sei ohnmächtiges Wollen Es kann
wahr sein allein die Menschen haben das so auf Treu und Glauben angenommen
weil jeder Rückblick Anstrengung kostet und der Wille lieber erzeugt als
herstellt Ich möchte gern nicht bereuen aber wenn nun die Wahrheit so vor mich
hintritt und mich mit ihrer zermalmenden Gewalt anfasst dass ich schreien
möchte wie kann ich ihr wie kann ich mir selber entfliehen In solchen
Augenblicken verliere ich auch den Glauben an Ihre Unfehlbarkeit und das ist
von allem das Schrecklichste Warum ließ sie mich meiner frühern Bestimmung
gemäß nicht in einem Kloster still und unbeachtet verblühen Ich brauchte es
so ein scharf ausgesprochenes dürres Ziel vor mir zu sehen Die Mauer wäre
meinen schwankenden Vorstellungen eine selige Gränze geblieben Hätten sie sich
wirklich in mir geirrt Ich glaube es nicht Rache war es gegen meinen Vater
der einst im tollen Übermute einige Klosterfrauen entführte die Sakramente
verspottete und das Hochamt entweihen half Darum überredeten sie ihn ein
zweiter Abraham seinen Liebling zu opfern darum schürten sie die dürftige
Flamme in mir an damit ich den ernsten Bruder überstrahlen und die Welt glauben
machen sollte ich gehöre ihr an Musste das ganze Erdenglück eines Menschen in
meinen Händen zerbrechen damit ich ungeniessend darbe Mich knüpfte kein Band an
die Menschen nüchtern und leer blickte ich auf ihr buntes Treiben Ja meiner
Brust lag die Welt unberührt und tot und dennoch dennoch konnte ich den
Bruder opfern Nehmen sie mir die Erinnerung jenes Augenblickes in welchem er
mir zuerst sein großes Herz eröffnete Mit glühenden Blicken bekannte er mir
seine Liebe zu Mathilden beschwor mich alles zu nehmen und ihm nur so viel zu
lassen dass er still an ihrer Seite leben könne seine Brust schlug zum
erstenmal an der meinigen ja er sank zu meinen Füßen und ich verriet ihn
zwang beide schimpflich zu fliehen und ihr Glück und ihre Schande in der
Dunkelheit zu verbergen Und als nun ihr spähender Blick sie auch hier
entdeckte die schöne Matilde starb mein Bruder aufs neue verschwand und
seine unglücklichen Kinder in niedrer Vergessenheit verschmachteten da schwieg
ich da bewahrte ich das tiefe Geheimnis da vermochten feige Rücksichten mehr
als die heiligste Liebe Sagen sie mir ich beschwöre sie dass ich ein
kindischer Tor sei schleudern sie alle Blitze ihres Zornes auf mich nieder
zertreten zermalmen sie mich damit ich wieder in der alten Demut an sie
glauben lerne und ruhig werde So kann ich es nicht sein meine kurzsichtigen
Blicke verwirren sich in dem Erfolge jener Taten Es ist nirgend ein Punkt wo
sie freudig ruhen könnten nichts was die erwachenden Zweifel beschwichtigte
Mein Vater starb in herbem Leide sein finstrer Sohn herrscht in seinen
blühenden Staaten indes ich allein ungeliebt und verlassen unter fremden
Gesichtern vergebens ein Auge suche das dem meinigen begegne Verstossen sie
mich nicht lehren sie mich tiefere Blicke in die verworrnen Ereignisse des
Lebens werfen und die Bedeutung der Dinge erkennen Ich stehe auf halbem Wege
der Erkenntnis und weiß nicht wohin ich mich wenden soll«
Rodrich ließ das Blatt fallen und eilte ohne ein Wort zu sagen aus dem
Zimmer indes ihm Viormona in höchster Unruhe nachsah und sich vergebens
bemühete ihn zurück zu rufen In wenigen Augenblicken war er im Schloss Er
flog die Treppen hinauf niemand redete ihn an der Anblick eines Offiziers ließ
in dieser Zeit auf irgend eine wichtige Sendung schließen So kam er durch die
Vorzimmer zum Eingang der Gallerie Der Tag neigte sich schon alle Gegenstände
verschwammen in ein schauerliches Halbdunkel Gedankenvoll blieb er stehen
seine Blicke hefteten sich gerührt auf die alten Bilder in denen er zuerst
seine Ahnherrn begrüßte er suchte den Einsiedler und bemerkte den Kardinal
der ihm gegenüber nachdenklich an einem Pfeiler lehnte In dem Augenblicke
öffnete sich dieselbe Tapetentür aus welcher ihm der Herzog zuerst entgegen
trat Er erschien aufs neue indem er dem Kardinal sehr heiter zurief sie wird
mein Terese schreibt sie sei bei weitem ruhiger und füge sich immer mehr
ihren Bitten sie hatten Recht ich kann dennoch glücklich werden Nein das
sollst du nicht feiger Bösewicht schrie Rodrich und stieß ihn wütend nieder
Ewiger Gott stammelte der Kardinal ist das deine Rache Rodrich wandte sich
langsam und ging wie im Traume durch die weiten Hallen zu Viormonas Wohnung
Haben sie sich anders besonnen fragte diese über seine schnelle Rückkehr
erfreut Besonnen wiederholte er vor sich hin Ich glaubte wirklich fuhr sie
fort sie wären in dieser Stimmung zum Herzoge gegangen Der ist ja tot sagte
Rodrich Tot schrie sie tot um Gotteswillen wer hat jetzt ich
erwiderte er dumpf und gedankenlos Viormona betrachtete ihn einen Augenblick
zweifelhaft Wahnsinniges Kind rief sie endlich musste ich meine Rache ihren
Händen anvertrauen so plump und zwecklos konnte sie nur durch einen Mann
vollführt werden Nun ist alles verloren der gemeine Mörder bleibt verachtet
wie sehr die Tat auch den meisten willkommen sein möge Mussten sie sich so
freventlich bloß stellen glaubten sie wirklich mit blutigen Händen das Zepter
zu ergreifen War denn ihre Phantasie so arm dass sie diesen letzten Triumph
nicht fest halten dass sie ihn wegen einer schwächlichen Aufwallung hingeben
konnten Jetzt gehen sie nur ich will nicht das Ansehen haben als teile ich
ihre Schuld Recht gern erwiderte Rodrich und schwankte zur Tür Ach
Rodrich Rodrich sagte sie ahnt ihnen nicht was sie verloren war denn keine
andere Regung in ihrer Brust als die Rache Glauben sie nur so zum bloßen
Werkzeuge wollte ich sie nicht herabwürdigen das konnte ich entbehren Er stand
noch immer unteilnehmend und kalt vor ihr da Fühlst du nicht rief sie sich
an seine Brust stürzend dass ich hier mein höchstes Glück suchte dass ich hier
allen Schmerz und alle Wut der Liebe kühlen und meinen Stolz in deiner Glorie
erhöhen wollte Du solltest siegen durch die Gewalt hoher Natur den Mord
musstest du Andern überlassen Sie haben sich geirrt sagte Rodrich kalt meine
Hand war zu grob zu dem feinen Gewebe ich habe sie nicht verstanden oder
besser sie gar nicht gehört ich fühlte nichts als mich mich selbst sie
waren mir gar nichts Es ist nun auch mit mir vorbei darum lassen sie mich Er
ging in seinen Mantel gehüllt weit hin zur Stadt hinaus Sein Herz schlug matt
und krank er wusste nicht wohin ihn die unsicheren Schritte führten und dennoch
lief er dass ihm der kalte Schweiß über die Stirn rann Die Nacht brach endlich
herein er sank erschöpft auf einer Anhöhe nieder Seine Augen richteten sich
unwillkürlich gen Himmel kein Stern leuchtete die Wolken zogen schwer und
langsam über ihn hin alles um ihn war stumm und unbeweglich die Natur schwieg
als habe sie ihm nichts mehr zu sagen In der düstern Stille erwachte sein
Inneres wie aus einem bangen Traume Es stand alles einzeln und zerrissen vor
ihm da er konnte kein Ganzes zusammen finden Warum gerade ihn fragte er
sich laut warum nicht den Kardinal Dahin also dahin sollte es kommen ach
du armes törichtes Herz wie hast du dich betrogen rief er wehmütig das
Gesicht unter heißen Tränen am Boden verbergend Er weinte so heftig als wolle
sich die wunde Seele in Tränen auflösen Endlich schlossen sich seine Augen er
schlief ein und begrüßte im Traume fast alle freudigen Momente seines Lebens
Seraphinens lustige Umgebungen nahmen ihn wie in den ersten Tagen gefangen Er
ging hier an den lieblichsten Gestalten vorüber Aline war unter ihnen Der Graf
führte sie durch die Reihen sie reichte ihm zutraulich die Hand und er steckte
ihr Mirandas Ring an den Finger Als er erwachte stand der Mond hell am
Himmel und beleuchtete die Türme der Stadt dass sie glänzend vor ihm da lagen
Er konnte sich lange nicht besinnen ihm war als wenn er dahin zurück müsse er
ängstete sich dass man ihn vermissen könne und stand eilig auf um sich auf den
Weg zu machen Plötzlich fiel ihm die Wahrheit wie ein Stein aufs Herz Ach
Gott sagte er es ist ja alles vorbei Sie hatte Recht der gemeine Mörder
bleibt ewig verachtet Wer wird mir es jetzt glauben dass ich der Neffe des
Herzogs sei Viormona verläugnet mich und ich muss wie ein Wahnsinniger
erscheinen Er wusste lange nicht wohin er sich wenden sollte Endlich dachte er
an Florio Ja ja du frommes Kind ich suche dich wieder rief er es ist alles
misslungen mit einem Schlage alles zertrümmert die Welt bietet mir keinen
Ersatz ich flüchte zu dir Er wandte sich noch einmal mit nassem Blicke zur
Stadt Alle Wünsche und Hoffnungen sagte er liegen in dir zertrümmert so
trage ich mich denn selbst mit diesem erschöpften Herzen zu Grabe Er ging
langsam die Anhöhe hinunter die nun mit einemmale wie eine Scheidewand
zwischen ihm und seiner Welt da stand Schweigend breitete er ihr zum
letztenmale die Arme entgegen und wanderte so verlassen weiter
Nach vielen Tagen und Nächten kam er in das Gebirge Er hatte gehofft die
Erinnerung jener schuldlosen frommen Zeit sollte sein Herz wohltuend berühren
allein was er sah schien ihm so klein und ärmlich die dürftigen Umgebungen so
drückend dass er vor dem Gedanken zurück schreckte hier seine Tage zu
beschließen Er nahete sich indes Martins Hütte die er an einem Ziehbrunnen
erkannte an dessen Rande er wohl mit Florio zu spielen pflegte Eine hagere
zusammengefallene Gestalt trat ihm entgegen Es war Sara Sie blickte ihn starr
und fremd an und hieß ihn leise hineintreten da eine Kranke in ihrem
Kämmerchen schlummere Ihr Anblick drängte ihn vollends in sich zurück Er
folgte ihr schweigend in das enge Stübchen Alles war hier wie ehemals aber es
konnte ihn nichts erfreuen er fühlte schmerzlich dass ihn nur der Fluch seines
Schicksals dahin zurück triebe von wo er einst mit so stolzen Hoffnungen
schied Ist euer Sohn nicht bei euch fragte er nach einer Weile Nein
erwiderte Sara mürrisch er ist verreist und es ist auch uns gut denn ich
habe so Wunder genug im Hause Die Kranke dort musste auch gerade hierher kommen
Wer ist sie denn fragte Rodrich weiß ich es erwiderte sie Ein geistlicher
Herr kam in voriger Nacht mit ihr an um sie in ein nahes Kloster zu einer
Verwandten zu führen Plötzlich erkrankte sie und er musste nur eilen einen
Arzt herbei zu schaffen Aber es ist mehrere Stunden Weges bis zur Stadt sie
werden nicht vor Nacht ankommen und derweil habe ich nun die Sorge allein Es
ist sonst ein liebes feines Kind und es geht einem durchs Herz sie so leiden
zu sehen Mich dünkt indes da wird wohl kein Arzt helfen denn sie weint gar zu
viel und wünscht sich den Tod in den herzbrechendsten Worten Hört ihr wie sie
betet die fromme Seele Rodrich beugte sich zur halb geöffneten Kammertür
Jesus schrie er meine Aline und stürzte an ihr Bett Rodrich ach mein
Rodrich rief sie ihn erkennend Gott hat mein Gebet erhört er tut ein
Wunder und lässt mich in deinen Armen sterben Rodrich drückte sie freudig an
sein Herz nein süßer Engel sagte er du sollst leben sieh es ist nun alles
gut alle andere Bande sind gelöst ich gehöre einzig dir an Gewiss fragte sie
unter wonnigen Tränen Gewiss meine Aline sagte er und eröffnete ihr die
tröstlichsten Aussichten für die Zukunft Er glaubte einen Augenblick selbst
daran und meinte einen Wink des Himmels in dem unerwarteten Zusammentreffen mit
dem geliebten Kinde zu sehen vielleicht sollte sie ihn mit dem Leben aussöhnen
und ihm in glücklicher Verborgenheit alle geträumte Lust schenken In dem
freudigen Taumel umschlang er auch die herzu eilende Sara Kennt ihr mich denn
nicht fragte er sie ich bin ja euer Pflegekind Rodrich Hätte ich es doch an
dem Ungestüm merken sollen mit dem ihr alles anfasst erwiderte sie nun ihr
seht ja recht stattlich aus ihr seid wohl ein vornehmer Mann geworden wie ihr
es sonst schon in euren Spielen wart Diese Worte schleuderten ihn aufs neue
in seine ganze Nichtigkeit zurück er unterdrückte mühsam den aufsteigenden
Unwillen und sagte sich ängstlich zu Alinen wendend lasst das gute Mutter
seht nur hier auf die schönste Gabe die mir der Himmel verlieh Ja wohl ja
wohl erwiderte die Alte wenn es nur alles ist wie es sein soll Aline
schmiegte sich zärtlich an seine Brust und zog ihn für Augenblicke in ein
glückliches Vergessen seines schmerzlichen Daseins hinüber Sie genas recht
eigentlich an seinem Blicke und konnte schon am Abend gestärkt und erheitert
neben ihm am Kamine sitzen dessen spielende Flammen Rodrichs Blicke wie
ehemals fesselten Sara spann an ihrer Seite und erzählte mancherlei was beide
überhörten als sie indes Martin erwähnte bezeigte Rodrich seine Verwunderung
ihn nicht hier zu finden Gott weiß was der treibt sagte sie nachdenklich er
hatte schon immer solch heimliches Wesen aus dem niemand klug ward Seit
Florios Rückkehr ist es ärger als je Sie gehen ihre Wege und niemand tut
als ob ich in der Welt wäre Ei nun mögen sie doch der Florio ist mir auch
fremd geworden Es ist wahr dass ich nicht seine Mutter bin aber ich habe ihn
doch auferzogen und gepflegt und es oft darüber vergessen dass es nicht so
ist Freilich freilich sagte Rodrich dem das ganz bekannt vorkam ohnerachtet
er es zum erstenmale hörte Wie seid ihr denn zu ihm gekommen Darüber ließe
sich manches sagen erwiderte sie Martin brachte ihn mir eines Abends als er
wohl noch wenige Stunden das Licht der Welt erblickt hatte Frau sagte er nimm
dich des Kindes an es hat keine Mutter mehr glaube und lass die paar Menschen
um uns her glauben was sie wollen Tue du nur deine Pflicht und bekümmere
dich sonst um nichts Schwatze nicht viel die Leute fragen nicht wenn sie
nicht merken dass man gern reden möchte Ich tat wie er sagte und hatte nur
im Stillen meine Gedanken Das Kind ward mir lieb und dann hoffte ich immer es
solle einmal ein reicher Mann in unsere Hütte treten und es zurückfodern wie
man es sonst wohl gehört hat Ich sah mich und Martin zu Ehren kommen und
meinte uns so das Glück zuzuführen Von dem allen ist nun freilich nichts
geschehen Zum Lohne lassen sie mich hier in der Unwissenheit sitzen und
abquälen dass ich Blut weinen möchte Aber sie mögen sich stellen wie sie
wollen ich weiß doch was ich weiß Nun was wisst ihr denn fragte Rodrich
begierig Das öde Haus im Tale sagte sie leise denkt an mich der Florio
gehört hinein Aline war indes an Rodrichs Brust eingeschlafen Er lehnte sie
sanft zurück Es ist wohl Zeit sagte er dass wir alle ruhen Sara schob
gedankenvoll ihr Rad bei Seite und wies ihm seine alte Schlafstelle in einem
Seitenkämmerchen an Kaum sah er sich hier allein so stiegen Wünsche und
Gedanken in ihrer gewohnten Gestalt in ihm auf Er warf sich ängstlich auf dem
Lager hin und her Alle Ruhe war von ihm gewichen Saras letzte Worte rauschten
unaufhörlich in seinem Ohre Wie oft dachte er haben mich meine stolzen Träume
von hier fort in die Welt geführt was glaubte ich nicht alles zu erleben und
so nahe so nahe lag die Entwickelung meines Schicksals Seine Augen fielen auf
das offene Fensterchen durch welches man die nahen Berge sah Ich will hinüber
zu dir mein Florio rief er und lehnte sich weit hinaus die laue Nacht
begrüssend Da hörte er wie ehemals Sara den Abendsegen beten Unwillkührlich
wiederholte er ihre Worte und trat mit ergebenem Sinn aus der Hütte Ohne lange
zu erwägen welchen Weg er wählen solle drang er die steinigen Klippen hinan
Längs unermesslichen Abgründen wand sich ein schmaler Pfad den herabgerollte
Steine fast durchgehends verschüttet Rodrich schritt behutsam darüber hin und
kam endlich über einen schmalen Abhang zu einer Wiese aus deren Hintergrunde
ihm ein Licht entgegen leuchtete Er beflügelte seine Schritte und stand
endlich mit klopfendem Herzen vor dem ersehnten Hause Hier also ach hier rief
er und sank weinend auf die Schwelle nieder Bald darauf drangen leise
Harfentöne aus dem Innern die folgende Worte begleiteten
Schöne Perle schöne Perle
Sieh mich weinend stehn am Ufer
Lass dich meine Klagen rühren
Folge meinem bangen Rufe
Du des reichen Schmuckes Zierde
Bist nun meinem Blick entschwunden
Und ich Arme muss vergebens
Dich am öden Strande suchen
Süßes Kleinod kehre wieder
Zier aufs neu mir Haupt und Busen
Lass in deinem Glanz mich leuchten
Leben nur in deinem Ruhme
Nein du bist in Nacht geboren
Bist ein Kind der schlimmsten Mutter
Trügrisch war dein sanftes Leuchten
Zu verlocken meine Jugend
Grausend steh ich hier alleine
Schäumend naht ihr wilde Fluten
Wollt auch mich hinunter reißen
Wie die Perl ihr habt verschlungen
Ihr entgegen klingen Stimmen
Wie aus tiefem Meeresgrunde
Holder Perle süßes Leben
Blüht im stillen Heiligtum
Was der Tiefe ward entrissen
Kühn ans Tageslicht gerufen
Sinkt zurück in Liebesarme
Scheu vor euren wilden Gluten
Steig hinunter in die Wasser
Kühle deines Herzens Wunden
Und im feuchten Schoss finde
Neu erblüht die Wunderblume
Rodrich war indes immer weiter gegangen und lehnte an einer verfallnen Türe
aus welcher ihm der Ton entgegen drang Die Erinnerung der Perle nahm ihm alle
Sinne gefangen er stand noch in sich versunken da als Martin mit einer kleinen
Laterne an ihm vorüber zur Türe hineinging indem er sagte Miranda ist wohl
sie wird kommen wie ihr es wünscht Miranda wiederholte Rodrich laut und
folgte ihm schnell in das anstossende Gemach O ewiger Gott da ist er schrie
Florio in seine Arme stürzend Mein Bruder mein geliebter Bruder Rodrich war
so erschüttert dass er stumm an sein Herz sank und heftig weinte Als er
aufblickte kniete ein schöner Mann in EinsiedlerTracht vor dem Bilde der
wundervollen Dame in der Rodrich seine sterbende Mutter erkannte Das lang
Vergessne ward wieder neu die dunkelsten Vorstellungen klärten sich plötzlich
auf Hier hatte er einst gestanden das wusste er gewiss und der geliebten Leiche
vergebens die Arme entgegen gebreitet Das war das helle Haus nach dem er sich
so bang im Kloster sehnte Du weißt nicht sagte Florio ach du weißt nicht
dass wir Geschwister sind und dass jene Sehnsucht nach dem Berggeist die tiefe
unerkannte Liebe zu unserm Vater war Ich weiß alles erwiderte Rodrich hätte
ich es doch hier zuerst erfahren Der Einsiedler hob sich langsam zu ihnen auf
Meine Kinder sagte er gerührt Rodrich bebte bei dem Ton seiner Stimme er
glaubte den Herzog zu hören und dennoch lag eine so süße Gewalt in ihr dass
sich alle Bande seiner Seele lösten und er wie neu geboren vor dem Heiligen
kniete Ich wollte sagte dieser alles zerreißen was mich an die Welt fesselt
aber was die Liebe knüpft löst sich niemals So legt euch nur Alle an mein
Herz ich kann es nicht länger wehren Warum sind die Schwestern nicht hier
rief Florio aus Die Schwestern fragte Rodrich Ja du Armer Lieber erwiderte
jener Miranda Elwire ahnte dir es nicht Die ferne Terese durfte ihre
Mutter sein sie waren nicht gefährlich ihnen gönnte man es frei in der Welt
zu leben Ich verstehe sagte Rodrich aber wo sind sie Im nächsten Kloster
erwiderte Florio morgen sollst du sie sehen Rodrich war als sei er
gestorben so plötzlich zerfielen alle trügerische Verhältnisse der Welt vor
seinen erwachten Sinnen sein Herz erweiterte sich und er fühlte dass ihn
nichts als die reinste Liebe erfülle Er dachte an Aline und dass er noch
glücklich sein könne Da trat Martin herzu und mahnte sie zur Rückkehr an Nun
dann zu Morgen sagte der Einsiedler lasst uns gehen Sie traten alle
schweigend den Rückweg an Am Abhange des Berges trennten sie sich Der fromme
Vater ging in seine Klause indes die Übrigen den Berg hinanstiegen Auf dem
Gipfel desselben setzte sich Rodrich ermüdet nieder Der Tag zog herauf und
wie er die Gegenstände erhellte sah Rodrich dass er auf derselben Stelle saß
wo er als Knabe aus dem Kloster entfliehend zuerst sein Gefühl zu Gott erhob
Es rührte ihn unbeschreiblich dass er so nahe an dem Vaterherzen das reinste
Glück empfunden habe Jetzt war es doch weit anders In der höchsten Freude
mischte sich das Gefühl seiner Schuld und trübte jede Erinnerung Martin nahm
ihn bei der Hand so lebtet ihr denn in meiner Hütte sagte er ohne dass ich
euch kannte Jetzt besinne ich mich auf alles Ihr habt euch wenig geändert
Zuweilen kamt ihr mir damals freilich wunderbar genug vor allein wer konnte das
denken Ja wohl guter Martin sagte Rodrich und ich spielte hier in bunten
Träumen während mir die Wirklichkeit so nahe lag Sie sollte euch nicht nahe
liegen sagte Martin darum musstet ihr sie suchen Euer Vater hatte euch alle
aus seinem Herzen gerissen Er wollte einzig in Gott leben und glaubte jedes
andere Band auflösen zu müssen Gott wollte das nicht Ich dachte es immer Nun
führt er ihm die Kinder unversehens wieder zu und lohnt die strenge Busse
reichlich Florio erzählte darauf wie ihn die Sehnsucht nach dem
geheimnisvollen Garten dorthin zurück gezogen und wie sich alles so ganz von
selbst aufgeklärt habe Die stillen Nächte verlebe der Vater immer dort im
Anschauen trüber Vergänglichkeit und dieser Blick sei es der ihn immer mehr in
der gänzlichen Abgeschiedenheit von der Welt bestärkt habe Dies Gefühl sei ihm
schon sehr früh gegenwärtig geblieben mit einer Art von Schmerz habe er sich
von allem abgewandt was Andere reize und selbst die zärtlichsten Regungen
seien mit einem Gemisch von Wehmut und Unzulänglichkeit menschlicher
Empfindungen verbunden gewesen Daher fiel Martin ein erschien er kalt
Eusebio und ich wussten es besser Ich wartete ihn seit seiner zartesten
Kindheit und hatte ihn oft im Gebet belauscht wie sich da Herz und Seele
hingab und er durch und durch glühete In der Liebe zu Matilde brach es denn
auch endlich hervor Er hatte diese Leidenschaft oft eine Verirrung genannt Der
Himmel mag es wissen Glücklich war er nie Matilde hing an der Welt und der
hergebrachten Weise Wie sie sich auch bekämpfte Reue und Missmut quälten sie
unaufhörlich Sie starb so allmälig hin bis der rechte Friede bei Florios
Geburt über sie kam und ihre Augen schloss Euer Vater ward auch ganz still und
innerlich klar Er küsste euch Alle und ging mit der Harfe im Arme davon
Niemand wusste wo er geblieben sei Des Kardinals Spione waren schon früher bis
hieher gedrungen Jetzt trat er hervor und bemächtigte sich eurer ohne dass es
jemand wehren konnte Eusebio hatte euren Vater nie verlassen er begleitete
auch seinen Rodrich ins Kloster Florio blieb in meinen Händen Seine
Schwächlichkeit ließ seinen Tod erwarten überdies versprach ich ihn für meinen
Sohn auszugeben und als solchen zu erziehen Späterhin verbreitete sich der
Ruf eines heiligen Mannes hier in der Gegend Ich ahnte die Wahrheit ging zu
ihm und erkannte meinen geliebten Herrn Miranda sagte Florio ist ihrerseits
vom Kloster aus ebenfalls zur stillen Klause gewallt um dort in der innern
Bedrängnis Rat und Hilfe zu suchen Der Anblick erschütterte den Vater über
alles Sie enthüllte ihm ihr reines Leben in seinen seltsamsten Verhältnissen
und er erkannte sein Kind Rodrich saß während dessen nachdenklich zwischen den
Erzählenden als ein Wagen vorüber rollte aus welchem sich Aline weit
herausbog und ihm mit schmerzlicher Gebehrde die Arme entgegen breitete Er
geriet ganz außer sich und wollte ihr sogleich folgen allein Florio stellte
ihm vor dass es besser sei erst zu Sara zurück zu kehren um dort das Nähere zu
erfragen Er gab endlich nach und sie machten sich eilends auf den Weg Sara
erzählte bei ihrer Ankunft dass der Geistliche durch nichts zu bereden gewesen
sei Alinen in der Hütte zu lassen und dass ihre wiederkehrende Gesundheit ihn
bestimmt habe sogleich mit ihr zum Kloster zu eilen War das auch ein Traum
sagte Rodrich betrübt und alles was ich sah und fühlte das ganze Leben ach
und mein trügerisches Dasein auch Florio schloss ihn teilnehmend an sein herz
allein Rodrich blieb den ganzen Tag über still und in sich gekehrt Die Nacht
führte alle wieder zu dem verwaisten Hause zurück Sie fanden Miranda und Elwire
an des Einsiedlers Seite Es war ein stiller heiliger Moment in welchem sie
einander in die Arme sanken Miranda zog leise den Ring von Rodrichs Finger das
ist die wiedergefundne Perle mein Vater sagte sie sanft lächelnd Der
Einsiedler betrachtete sie aufmerksam als sich die Tür ungestüm öffnete und
Stephano und der Kardinal hereintraten Mörder schrie der erstere auf Rodrich
eindringend verteidige dich Stoß nur zu erwiderte jener ich habe keine
Waffen Was zaudern sie sagte der Kardinal es ist göttliche Rache Wie ein
Blitz durchbohrte Stephanos Schwert beide Brüder die sich fest umschlingend
zu des Vaters Füßen stürzten Mein Traum der Laokoon stammelte Rodrich
Miranda sah mit einem zerreissenden Blick auf Stephano der das Schwert fallen
ließ und wild hinausstürmte Das ist die wiedergefundne Perle sagte der
Einsiedler sich über beide Kinder neigend Der Kardinal wandte sich langsam
zur Tür und trat schweigend hinaus Ach mein edler Herr rief Martin seinen
zerrissenen Mantel über die Toten breitend so ärmlich sollten eure Kinder zur
Erde bestattet werden Lasst nur sagte Miranda wir gehen nun alle zu Grabe Der
Schleier soll mich auf ewig vor der Welt verbergen Der Einsiedler hatte sich
matt auf das Ruhebett gelehnt und sang wie in innrer Verzückung
Was der Tiefe ward entrissen
Kühn ans Tageslicht gerufen
Sinkt zurück in Liebesarme
Scheu vor euren wilden Gluten
Steig hinunter in die Wasser
Kühle deines Herzens Wunden
Und im feuchten Schoss finde
Neu erblüht die Wunderblume