1799_Vulpius_Rinaldini.html




        
                            Christian August Vulpius
                     Rinaldo Rinaldini der Räuberhauptmann
                             Romantische Geschichte
                                   Erster Teil
 Nunquam ad liquidum fama perducitur
                                                                      Q CURTIUS
 Ganz Italien spricht von ihm die Apenninen und die Täler Siziliens hallen wider
von dem Namen Rinaldini Er lebt in den Kanzonetten der Florentiner in den
Gesängen der Kalabresen und in den Romanzen der Sizilianer Er ist der Held der
Erzählungen in Kalabrien und Sizilien Am Vesuv und am Ätna unterhält man
Rinaldinis Taten Die geschwätzigen Städtebewohner Kalabriens versammeln sich
abends vor ihren Häusern und jeder in der Versammlung weiß ein Geschichtchen von
dem valoroso Kapitano Rinaldini zu erzählen Es ist ein Vergnügen sie darinnen
wetteifern zu hören Die Hirten in Siziliens Tälern unterhalten sich
wechselseits mit Rinaldinis Abenteuern und der einsilbige Landmann der des
Tages Last und Hitze trug wird belebt wenn er des Abends im Zirkel seiner
Bekannten von Rinaldini sprechen kann Weib und Mädchen Jünglinge und Knaben
hören mit Entzücken ihre Väter und Männer von Rinaldini sprechen Kein Schlaf
kommt in ihre Augen will der Hausvater bei der Arbeit sie munter erhalten und
erzählt von Rinaldini Er ist der Held der Erzählungen in den einsamen
Wachttürmen der verschlossenen Soldaten an der Küste und gibt den Seeleuten
Stoff zur Unterhaltung wenn die Langeweile eines müßigen Landlebens oder einer
Windstille auf dem Meere sie quält Von Verdecken wie von Berggipfeln in
Spinnstuben wie in blumigen Tälern ertönen die Kanzonetten die auf Rinaldini
gedichtet wurden und über so manche küssliche Lippe schleicht harmonisch der
Sang
»An der lauten Meeresküste
In dem Tal in Feld und Wald
In der öden Berge Wüste
Such ich deinen Aufenthalt
Rinaldini dich zu finden
Eil ich ängstlich durch die Flur
Und um mich Verlassne schwinden
Alle Reize der Natur«
Sanfte Rosa die Betrübte
Die ihn im Gefecht verlor
Ängstlich weinte die Geliebte
Die Rinaldo sich erkor
Sieh da glänzt im Mondenschimmer
Hell ein aufgespanntes Rohr
Rosa sah des Rohrs Geflimmer
Das in Büschen sich verlor
»Ach dahin Ich werd ihn finden
Sagt des Herzens Ahnung mir
Und wenn alle Sterne schwinden
Zeigt die Liebe Pfade mir
Saht ihr nicht ihr hellen Sterne
Saht ihr nicht den kühnen Mann
Den ich suche nah und ferne
Ach und ihn nicht finden kann
Husch und horch es rauscht dort drüben
Ha es pfeift Das ist sein Ton
Ja ich find ihn meinen Lieben
Seine Stimme hör ich schon« usw
Wollen wir sie nicht auch hören  Wenns gefällig ist herbei Hier ist
Rinaldinis Geschichte Die Abenteuer welche man von ihm erzählt sind
geordnet wie es die Zeitfolge fordert und wenn die Erzählung derselben meinen
Lesern nur halb soviel Vergnügen macht nur halb soviel Unterhaltung gewährt
als das bei Kalabriens und Siziliens Bewohnern als es bei Florentinern und
Römern ganz der Fall ist: so werden sie das Buch zu welchem Neugier oder
Langeweile sie führte nicht unbefriedigt aus den Händen legen  Das ist es
was ich wünsche
    Geschrieben am Rosalientage 1798 renoviert zur dritten Auflage an meinem
Geburtstage den 22 Jänner 1800 zur vierten Auflage an Helenens Namenstage
1801 Erneuert zur fünften rechtmäßigen Auflage die fremden Ausgaben
Nachdrucke Bearbeitungen und Übersetzungen ungerechnet neu bearbeitet von
dem Verfasser Geschrieben am Tage Mariä Himmelfahrt 1823
 
                                  Erstes Buch
 Die Liebe neckt im Aufenthalte
 Der Furcht wie sie im Freien neckt
 Was hat in Höhlen was im Walde
 Nicht schon ihr Rosenflug bedeckt
Stürmisch brauste der Wind tobend wie empörte Meereswogen über den Nacken der
hohen Apenninen schüttelte die Wipfel hundertjähriger Eichen und beugte das
schwankende Gesträuch der Flamme des Feuers zu an welchem nahe bei einer
steilen Felsenwand in einem kleinen Tale Rinaldo und Altaverde saßen Die
Nacht war dunkel dichte Wolken verschleierten den Mond und kein lächelnder
Stern funkelte am Himmel
    ALTAVERDE Ist das doch eine Sturmnacht wie ich kaum noch eine erlebt habe
 Rinaldo schläfst du
    RINALDO Ich sollte schlafen  Ich habe das Wetter gern so wie es jetzt ist
 O es stürmt hier und dort um uns neben uns in mir und überall
    ALTAVERDE Hauptmann du bist nicht mehr der der du warst
    RINALDO Wohl wahr  Einst war ich ein unschuldiger Knabe und jetzt 
    ALTAVERDE Bist du verliebt
    RINALDO Bin ich ein Räuberhauptmann
    ALTAVERDE Hat dir das deine Donna angesehen  Wer hält dich nicht wenn du
dich in großen Städten zeigst für den reichsten Marchese aus dem edelsten
Hause
    RINALDO Und dennoch setzt man Preise auf meinen Kopf
    ALTAVERDE Wer will sie verdienen
    RINALDO Vielleicht selbst einer der Unsrigen
    ALTAVERDE Pfui So handeln die nicht die dir den Eid der Treue geschworen
haben
    RINALDO O sie sind Menschen und böse Menschen Denn gut wirst du uns doch
alle beim Teufel nicht nennen wollen
    ALTAVERDE Dass ich mit dir jetzt darüber stritt Du hast üble Laune  Was
hilft jetzt das Grübeln und Grillisieren Nun ists zu spät
    RINALDO Wehe mir und dir und uns allen dass es zu spät ist  O Altaverde
welchen Tod werden wir sterben
    ALTAVERDE Den der uns zugedacht ist  Der Eingang ins Leben ist ein Pfad
den Könige und Bettler auf gleiche Art betreten Der Ausgang hat vielerlei
Pforten Ob wir durch die Mittel oder Seitentür hinauskommen ist einerlei
Hinaus lässt man uns gewiss  Hauptmann seit du verliebt bist ist mit dir gar
nicht zu sprechen  Wer zog dich unter uns
    RINALDO Mein Schicksal mein Leichtsinn
    ALTAVERDE So hadere mit diesem und wüte nicht gegen dich selbst  Wo du
stehst stehst du nun einmal Jetzt kannst du für dich nichts mehr tun als
aufmerksam sein vorsichtig zu stehen Stehst du so so hast du das deinige
getan Fällst du so ist es nicht deine Schuld  Gehe hin und diene einem
Staate mit Gut und Blut mit Leib und Leben mit Denken Wissen Wirken und
Wollen nach allen deinen Kräften und vermodere wenns Glück gut ist im
Kerker unschuldig Oder gibt es keine Beispiele Die alte und neue Geschichte
wird dir welche zeigen Wie so mancher Wohltäter eines Staates starb in Ketten
 Stirbst du so so kannst du wenigstens nicht über Undank klagen
    RINALDO Ich kenne dich wenn du ins Deraisonnieren kommst
    ALTAVERDE Und ich dich auch wenn du ins Grübeln kommst  Mein
Deraisonnieren wie du es nennst macht mich zum Stoiker Dein Grübeln taugt
nichts und macht dich unleidlich  Was wärst du denn jetzt wohl wenn du in
Ostiala geblieben wärst und deines Vaters Ziegen länger gehütet hättet
    RINALDO Was ich jetzt nicht bin Ein ehrlicher Mensch
    ALTAVERDE Du hast Handlungen ausgeübt um die dich die edelsten Menschen
beneiden müssen
    RINALDO Sie haben keinen Wert Ein Räuber übte sie aus
    ALTAVERDE Das kann wahrlich den edlen Handlungen nichts von ihrem Werte
benehmen 
    RINALDO Wer ein unedles Gewerbe treibt kann nebenbei kein edles treiben
    ALTAVERDE Verflucht was du da sagst  Sind dir nicht Freudentränen
geflossen Hat man dich nicht im Gebete eingeschlossen Hat man dich nicht
gesegnet
    RINALDO Ach man wusste nicht dass man einen Räuber segnete
    ALTAVERDE Martere dich nicht selbst ab
    RINALDO O mein Geschick hätten sie mich bei meinen Ziegen gelassen  Ich
sage dir ich kann mich meiner Taten weder rühmen noch freuen denn wenn auch
einige darunter gut gewesen sein sollten so waren doch der bösen weit mehrere
die mich einst noch zum Rabensteine führen werden
    ALTAVERDE Bist du schon dort  Lass mich schlafen  Gute Nacht
Altaverde schlief wirklich gleich ein Rinaldo ergriff seufzend seine Gitarre
spielte und sang
Ach wie war ich sonst so fröhlich
In der Unschuld Blumental
Kannte keine bangen Sorgen
Kannte weder Leid noch Qual
Frohe Unschuld scherzte traulich
Scherzte hold und sanft mit mir
Und umgeben mit Verbrechen
Sitz ich jetzo klagend hier
Heiter blickt ich sonst zum Himmel
Selbst wie er so klar und rein
Konnte meine sanfte Seele
Seiner Reinheit Spiegel sein
Und jetzt finster wie die Nächte
Die mein Unmut hier durchwacht
Hat das Laster meine Seele
Dunkler als die Nacht gemacht
Von mir floh mit bangem Beben
Von mir wich mein guter Geist
Ich empfinde voll Verzweiflung
Wie die Ruh sich von mir reißt
Blumenketten sind zerrissen
Und des Lasters Fessel drückt
Ach mit namenlosen Schmerzen
Nieder was mich sonst beglückt
Da schlug eine von den wachsamen Doggen die vor dem Feuer lagen an Altaverde
fuhr auf griff nach dem Rohre und Rinaldo hatte noch nicht sein Wer da
gerufen als er schon das Zeichen erhielt es nahe sich einer ihrer Kameraden
Die Hunde schwiegen und Nikolo trat herzu
    NIKOLO Ich habe euch melden sollen dass in der Ferne Maultierglocken gehört
werden
    ALTAVERDE Ihr liegt doch noch alle bei der Klause
    NIKOLO So ziemlich  Pietro und Giambattista ausgenommen die aufs
Kundschaften ausgegangen sind sind die andern dreißig noch alle beisammen
    ALTAVERDE Ist Girolamo bei euch
    NIKOLO Ja  Er freut sich schon auf die Maultiere
    RINALDO Altaverde wenn du doch zu ihm gingst Du kennst Girolamo und weißt
dass Behutsamkeit seine Sache nicht ist  Schicke mir Cintio Ich will ihn hier
erwarten  Ach wenn ihr Blut schonen könnt 
    ALTAVERDE Ja doch wenns sein kann
    Sie gingen  Rinaldo warf Holz ins Feuer legte sich unter einen Baum und
zog den Mantel über den Kopf Über ihn dahin brauste wild der Sturm und laut
auf knisterte das dürre Holz im Feuer
    »Ach«  seufzte er  »all ihr Heiligen und guten Engel beschützt mich
betete ich sonst mit Zuversicht wenn ich meine Augen schließen wollte Jetzt
kann ich nicht beten und kein Auge schließen O dass ich weinen könnte«
    Die Hunde schlugen an Er warf den Mantel von sich fuhr auf und griff nach
den Pistolen Die Hunde sprangen einen Menschen an Rinaldo rief sie zurück
trat näher und sah einen ehrwürdigen Greis mit weißem Haar und Barte in einem
braunen Gewande vor sich stehen Er hielt in der Rechten einen Stab in der
Linken eine ausgelöschte Laterne und ein kleines Hündchen kroch ängstlich an
ihn an
    »Wer bist du«  redete ihn Rinaldo an als die Doggen zum Schweigen
gebracht waren
    DER GREIS Ich bin unter dem Namen des Bruders vom Berge Oriolo bekannt
komme aus dem nächsten Städtchen wo ich mir wie gewöhnlich meinen kleinen
nötigen Proviant bestellt habe und wandere meiner Klause zu Der Sturm hat mir
das Licht meiner Laterne ausgelöscht und so gut ich auch sonst die Gegend
kenne bin ich doch wie ich jetzt merke auf einen Abweg geraten Erlaube mir
mein Licht anzuzünden Ich will mich dann schon wieder finden  Schlaf wohl
    RINALDO Alter wofür siehst du mich an
    DER GREIS Ich bin froh dich bei diesem Feuer gefunden zu haben weil ich
nun wieder Licht habe
    RINALDO Wer glaubst du wohl dass ich bin
    DER GREIS Es kann mir einerlei sein zu wissen wer du bist oder nicht
bist  Die Menschenkenntnis interessiert mich jetzt nicht mehr
    RINALDO Ich bin in Verlegenheit
    DER GREIS Die Menschen in der Welt sind das gewöhnlich  Ich beklage dich
    RINALDO Mein Schicksal zwingt mich in den Tälern der Appeninen
umherzuirren Und Rinaldini der berüchtigte Räuber soll diese Täler unsicher
machen
    DER GREIS So sagt man
    RINALDO Ich fürchte diesen grausamen Mann
    DER GREIS Grausam soll er eben nicht sein wie es heißt Ich bin ihm selbst
zu Gefallen gegangen Ich wollte ihn um einen Sicherheitsbrief für meine Hütte
bitten
    RINALDO Irre dich nicht in ihm
    DER GREIS So hat es auch nichts zu sagen  Die Handvoll Jahre die ich noch
zu leben habe mag er mir nehmen wenn es Gottes Wille ist Er wird sie dereinst
doch wieder bezahlen müssen  Steckt er meine Hütte in Brand so baue ich eine
andere Geld findet er bei mir nicht Und schlägt er mir mein Paar Ziegen tot
so beschenken mich die Bauern der Nachbarschaft die mich lieben gewiss wieder
mit einem Paar andern  Wie Gott will
    RINALDO Hast du Mangel
    DER GREIS Wer entbehren kann hat nie Mangel
    RINALDO Ich möchte gern eine gute Handlung ausüben Nimm diese Börse
    DER GREIS Ich mache nicht gern Schulden die ich nicht bezahlen kann Ich
brauche auch kein Geld  Schlaf wohl
    Er ging und Rinaldo wagte es nicht ihn länger aufzuhalten  Er warf sich
wieder unter dem Baume nieder Als die Hunde abermals anschlugen brach schon
der Morgen an und CINTHIO kam
    CINTHIO Hauptmann was fehlt dir Warum willst du nicht mehr gern bei deinen
Leuten sein Du suchst die Einsamkeit und fällst uns allen auf
    RINALDO Mir selbst am stärksten  Ich weiß nicht wie mir ist
    CINTHIO Altaverde nennt dich verliebt
    RINALDO Auch das bin ich
    CINTHIO Nun Das ist kein Unglück
    RINALDO Vor vier Tagen lustwandelte ich in einem kleinen Tale und sah ein
Mädchen  Ach Cintio es war ein Engel  Sie suchte Beeren Ich sprach mit ihr
Sie sprach mit mir So spricht die Unschuld mit dem Laster  Unsre Leute kamen
Ich musste sie verlassen habe sie seit der Zeit nicht wieder gesehen und weiß
nicht wer und wo sie zu finden ist
    CINTHIO So vergiss sie
    RINALDO Kann ich
    CINTHIO Der Mensch kann alles was er will
    RINALDO Das ist nicht wahr Sonst könnte ich ein ehrlicher Mann werden
    CINTHIO Mache durch dergleichen Reden die Unsrigen nicht missmutig Den
Schaden für dich selbst kannst du berechnen Rinaldo streckte sich schweigend
unter den Baum und entschlummerte endlich Als er erwachte schien die Sonne
Sturm und Wolken waren entflohen Cintios Gesellschaft hatte sich um zwei
seiner Kameraden vermehrt Sie saßen mit ihm am Feuer und kochten Schokolade
    CINTHIO Guten Morgen Hauptmann
    DIE ANDERN Guten Morgen
    RINALDO Ich danke euch  Gebt mir eine Tasse Schokolade
    GIROLAMO Echte Spanische Schokolade  Nun Hauptmann Altaverde lässt dich
grüßen Die Maultiere haben wir drei Stück Sie waren mit der Bagage eines
Neapolitanischen Prinzen beladen und wollten nach Florenz wohin sie nicht
gekommen sind Groß war die Beute eben nicht
    RINALDO Sind Menschen dabei geblieben
    GIROLAMO Alle drei Treiber  Die Kerle hätten plaudern können  Es gibt ja
mehrere Maultiertreiber in der Welt  Altaverde teilt jetzt In einem Kästchen
fand er diese Kapsel die er dir schickt
    Rinaldo nahm öffnete die Kapsel und fand das Portrait eines schönen
Frauenzimmers in Nonnentracht Auf die Rückseite war das Bild eines jungen
Mannes in Uniform gemalt Die Einfassung war nicht reich aber geschmackvoll
    Bald darauf kam Altaverde mit einem starken Trupp der Gesellschaft an Es
wurden Gezelte aufgeschlagen Feuer angemacht es wurde gekocht und gebraten
gegessen gespielt gesungen getanzt und getrunken
    Rinaldo verabredete mit Altaverde mehrere Sicherheitsmassregeln und als die
Trupps verteilt und die Posten gehörig besetzt waren zog sich Rinaldo über den
Berg in ein zweites kleines Tal zurück wo er sich bei einer Quelle unter
einigen Pappeln niederwarf
    Altaverde brachte ihm den Teilungszettel den er unterzeichnete und gegen
Mittag zu seinen lärmenden Kameraden zurückkehrte wo ihn ein stattliches
Mittagsmahl erwartete
»Hauptmann«  begann Girolamo  »deine Leute bemerken dass dir etwas fehlt Sie
wünschen zu wissen was das ist Hast du Sehnsucht nach irgend etwas das dir zu
verschaffen ist so sollst du es haben und sollten wir es mit Aufopferung
unseres Lebens für dich aufsuchen müssen Sind es aber nur Grillen die dich
plagen so bitten wir dich verbanne sie und mache uns nicht mit dir zugleich
missmutig«
    Einige Augenblicke sah Rinaldo sich schweigend in dem Kreise um der ihn
umgab dann sprach er »Habt ihr die Erklärungen der Republiken Venedig Genua
und Lucca gelesen Sie sind öffentlich bekanntgemacht worden Ein Preis steht
auf meinem Kopfe«
    »Lass ihn stehen Hauptmann«  schrien alle wie aus einem Munde  »es wird
ihn niemand erhalten«
    »Wer will dir ein Haar krümmen«  sagte Girolamo  »so lange wir bei dir
sind«
    Er sprachs und schwang den Säbel Alle folgten seinem Beispiele und
schrien
    »Blut und Leben für dich Hauptmann Treue bis in den Tod«
    Altaverde legte den Teilungszettel vor Man teilte und war zufrieden  Nach
Tische wurde wieder gespielt gesungen gelärmt und getanzt
    Rinaldo lag unter einem Baume als sich ihm Fiorilla eine Amazone seiner
Bande nahte Sie setzte sich bei ihm nieder und putzte ihre Pistolen
    SIE Der Preis den man auf deinen Kopf gesetzt hat Hauptmann ist es nicht
allein der dich unmutig macht Ein Mann wie du zittert nicht vor entfernten
Dingen Ich glaube das was dich drückt ist viel näher  Was dir fehlt
fehlt glaube ich deinem Herzen
    
    ER Dem fehlt freilich so mancherlei
    SIE Vor einem halben Jahre ging es mir ebenso  Jetzt wird es wohl vorüber
sein  Ich Törin hatte mich damals in dich verliebt
    ER In mich
    SIE Ich dächte doch du hättest es merken müssen
    Sie warf als sie das sagte die Pistolen auf die Erde und stand auf »Ich
dachte schlechterdings«  setzte sie hinzu  »ich müsste die Geliebte des
Hauptmanns sein«  und ging
    Rinaldo sah ihr nach erhob sich von seinem unsanften Lager und gab das
Zeichen nach welchem sich seine Leute sogleich um ihn herum versammelten
    »Es ist mein Plan«  sagte er  »in die Gebirge von Albonigo zu rücken
Wir brechen sogleich auf Zieht die Posten ein und lagert euch diesen Abend noch
ins Tal der Kapelle St Giakomo Morgen Mittag seid ihr in der Ebene der vier
Berge von la Cera Gelingt mir mein Vorhaben so führen wir einen kühnen Streich
aus«
    Alle jauchzten laut auf und packten zusammen Die Posten wurden eingezogen
und Girolamo ging mit dem Vortrab ab Dann folgte Altaverde mit dem Korps und
Cintio führte den Nachtrab an Bei welchem Zuge Rinaldo sein wollte wusste
niemand
    Er nahm seine Guitarre und sein Gewehr und ging in Begleitung zweier Hunde
der Gegend zu nach welcher vorige Nacht der Greis zugegangen war
Bald fand er einen Fußweg und erblickte als schon die Schatten länger wurden
zwischen Büschen nahe an einem Bergrücken ein kleines Hüttendach Er ging
darauf zu und hatte es noch nicht erreicht als er den bekannten Greis gewahr
ward der Wurzeln ausgrub
    Sie grüßten einander wie es schien beiderseits verlegen Endlich fragte
der Alte indem er sich zu fassen suchte
    »Hast du die Landstraße noch nicht gefunden«
    »Noch suchte ich sie nicht«  antwortete Rinaldo  »Aber dich habe ich
aufgesucht um dich um ein Nachtlager zu bitten«
    DER ALTE Du kannst bei mir übernachten aber  aber zu bequem wirst du eben
nicht ruhen
    RINALDO Wer ruhen kann ruht immer bequem  Ich bin kein Weichling Du hast
gesehen dass ich vorige Nacht ziemlich hart lag 
    DER ALTE Wenn du vorliebnehmen willst wie du mich findest so kannst du mir
folgen
    Rinaldo folgte ihm schweigend und sie kamen in die Klause  Reinlich und
nett war das enge Stübchen in welches Rinaldo geführt wurde Ein Paar Tischchen
und einige Stühle waren der ganze Hausrat der hier zu sehen war Auf dem einen
Tische lag eine Lateinische Bibel und ein Kruzifix stand darauf Auf dem andern
lag ein weibliches Strickzeug Das fiel Rinaldo anfangs auf aber dachte er
endlich es ist wohl auch möglich dass der Alte selbst strickt  Indes räumte
dieser doch das Strickzeug weg als er bemerkte dass sein Gast dasselbe mit
größerer als gewöhnlicher Aufmerksamkeit betrachtete Rinaldo wagte es nicht
ihn zu fragen ob dies seine eigene Arbeit sei und der Alte verließ auf einige
Zeit die Stube
    Als er mit einer angezündeten Lampe wiederkam zog Rinaldo ein paar
Bouteillen Wein aus den Taschen setzte sie auf den Tisch und sagte
    »Bei einem Glase Wein wollen wir uns näher kennenlernen«
    »Eine Bekanntschaft«  antwortete der Alte  »die von ein paar rechtlichen
Menschen bei einer Flasche Wein gemacht wird ist nicht selten so herzlich
geworden als der Wein selbst der herzlichste Trank ist den der Himmel den
Menschen gegeben hat  Er wird das Beste bei unserer Abendmahlzeit sein denn
ich kann meinem Gaste weiter nichts vorsetzen als ein Stück Käse und Brot etwas
Butter und eine Melone die ich eben heute erst abgeschnitten habe«
    »Genug lieber Alter für uns beide Auch genug wenn noch eine dritte
Person mit uns speisen sollte«  sagte Rinaldo
    Der Alte antwortete schnell
    »Eine dritte Person Ist noch jemand zurück der dir folgt«
    »Von mir ist niemand zurück Wenn aber etwa hier« 
    »Bei mir wohnt keine Seele als mein Hündchen und ein paar Turteltauben 
Wie kommst du aber auf die Vermutung hier außer mir noch eine Person zu
finden«
    Rinaldo schob den Tischkasten auf und zeigte auf das Strickzeug
    »Aha«  lächelte der Alte  »Ja dieses Strickzeug gehört wirklich einer
dritten Person die aber nicht bei mir wohnt Sie hat es vergessen und diesen
Morgen hier liegenlassen«
    Hierauf verließ der Alte seinen Gast sein frugales Mahl aufzutragen
    Indessen sah sich Rinaldo genauer um und öffnete eine Tür die in eine
kleine Kammer führte Hier war das Nachtlager des Alten über welchem ein paar
Pistolen zwischen zwei Ölgemälden hingen Er nahm die Lampe beleuchtete die
Gemälde und fuhr betroffen zurück
    Die Gemälde die er sah waren die nämlichen Bildnisse die ihm diesen
Morgen als Beute waren gegeben worden die Nonne und der Offizier Den kleineren
Portraits waren sie zum Sprechen ähnlich  Er verließ die Kammer und ging
nachdenkend in die Stube zurück
    Der Alte der sich Donato nannte trug seine Gerichte auf und setzte sich
als er ein kurzes Gebet recht herzlich gesprochen hatte mit seinem Gaste zu
Tisch
    Sie ließ es sich beide wohl schmecken und als die erste Bouteille geleert
und die zweite schon angebrochen war kam es zu einer uns auch nicht
gleichgültigen Unterhaltung
    RINALDO Nun ein Glas auf das Wohlsein der bewussten dritten Person sie sei
nun hier oder nicht
    DONATO Auf ihr Wohlsein aber hier ist sie nicht
    RINALDO Wo denn
    DONATO Ungefähr eine Stunde von hier außerhalb dem Gebirge liegt ein
Meierhof In diesem wohnt das Mädchen das ihr Strickzeug hier liegenliess  Sie
ist die Pflegetochter des Meiers ein gutes harmloses frohes Geschöpf Ich
liebe sie wie ein Vater seine Tochter liebt und sie ist meiner Liebe sie ist
der Liebe der ganzen Welt wert  Sie soll leben
    Sie stießen an und tranken Hierauf folgte eine Pause  Endlich knüpfte der
Alte den der Wein gesprächig machte die Unterhaltung wieder an
    DONATO Darf ich nach deinem Vaterlande fragen
    RINALDO Ich bin ein Römer
    DONATO Ein Römer In Rom selbst geboren
    RINALDO Auf dem Lande
    DONATO Die Hand Landsmann Auch ich bin ein geborener Römer Aber ich freue
mich meines Vaterlandes nicht Es ist ein undankbares Land  Ich bin schlimm
behandelt worden Selbst die unparteiische Rota und ihre Sprüche konnten mich
nicht  Genug  Hier lebe ich ruhig und habe meinen Feinden verziehen Rom
kann keine Männer mehr tragen Sie zu schätzen weiß es gar nicht Sie sind ein
üppiges grausames und ungerechtes Volk diese Römer  Wie haben sie dich
behandelt
    RINALDO Mein Unglück gebar meine eigene Schuld
    DONATO Dieser Vorwurf würde mein Trost sein wenn ich ihn mir machen könnte
Aber ich habe unschuldig gelitten
    Eben wollte Rinaldo antworten als man ganz deutlich Menschenstimmen vor der
Klause vernahm Sie kamen immer näher und endlich wurde an die Tür geklopft
    »Was ist das«  rief Rinaldo nicht ohne Bestürzung aus
    Donato öffnete ruhig das Fenster und fragte wer da sei
    »Mach auf«  schrie man draußen
    »Es stehen Bewaffnete vor der Tür«  sagte Donato  »Es können Sbirren
oder Soldaten sein Hast du dergleichen Leute zu fürchten so gehe in diese
Kammer Du kommst leicht aus derselben durch ein Fenster in meinen Garten
Übersteigst du den Zaun und wendest dich rechts so kommst du zu einem Felsen
in dessen Grotte linker Hand du dich verbergen kannst  Ich will die Tür
sogleich öffnen dass man nichts argwöhnt«
    Rinaldo lockte seine Hunde zu sich und begab sich in die Kammer  Donato
ging und öffnete die Tür seiner Klause
    Sechs Bewaffnete traten ein und kamen mit ihm in die Stube  Rinaldo
vernahm in der Kammer was gesprochen wurde
    »Wer bist du«
    »Ich bin der Klausner Donato«
    »Bist du hier allein«
    »Ich wohne allein hier«
    »Kennst du uns«
    »Wie sollte ich das«
    »Fürchtest du uns«
    »Seid ihr Diener der Gerechtigkeit so kann ein Unschuldiger euch nicht
fürchten«
    »Du irrst dich Wir sind keine Spürhunde der lendenlahmen Justiz  Wo hast
du dein Geld«
    »In diesem Beutel  Hier ist er«
    »Geh zum Teufel mit deinen paar Lumpenpfennigen Schaff mehr«
    »Dies ist mein ganzer Reichtum«
    »Kerl da steht Wein Du bist kein Bettler  Schaff mehr Wein her«
    »Dieser Wein ist ein Geschenk Ich habe weiter keinen«
    »Donnerwetter Hier haben ihrer zwei gegessen Du bist nicht allein Der
Schelm hat gelogen Knebelt den alten Sünder Er soll beichten«
    »Seid barmherzig und« 
    »Geld her«
    »Nehmt was ihr findet Geld habe ich nicht«
    »Verstockter Schurke Willst du noch nicht beichten«
    Jetzt fielen die Räuber über Donato her Er schrie laut auf nach Hilfe ohne
zu wissen oder zu ahnen woher sie kommen sollte und Rinaldo riss die Kammertür
auf Er zog eine Pistole und schrie mit donnernder Stimme
    »Was wollt ihr hier«
    »Himmel Element Der Hauptmann«  schrie einer aus der Rotte Alle zogen
die Hüte und ließ bebend den zitternden Klausner los
    Dieser taumelte auf einen Stuhl und wiederholte mit gebrochener Stimme
    »Der Hauptmann«
    »Sind das eure Heldentaten«  fuhr Rinaldo fort  »Schändet ihr meinen
Namen um elenden Plünderer Handlungen Seid ihr Rinaldinis Leute  Habt ihr
etwa so großen Mangel um sogar der Armut ihren letzten Pfennig abzupressen Ist
das eure Tapferkeit einen wehrlosen Mann zu knebeln  Wer war der Schurke der
die erste Hand an diesen kraftlosen Greis legte«
    Tiefes Schweigen fesselte die Zungen Rinaldo fuhr heftiger fort
    »Wer war der Schurke Nennt ihn mir oder ich schieße den ersten nieder der
vor mir steht«
    »Paolo war es«  murmelte der welcher Rinaldo am nächsten stand Ohne ein
Wort zu sprechen schoss Rinaldo nach dem genannten Unglücklichen Der Schuss
zerschmetterte ihm den Arm Er stürzte nieder und seine Kameraden standen ohne
Bewegung
    »Warum seid ihr von eurem Zuge abgegangen«  fragte Rinaldo mit wütendem
Blick
    »Wir suchten dich Hauptmann«  sagte der eine
    »Habt ihr meinen Wegen nachzuspüren  Fort zu dem Korps Ihr kennt unsere
Gesetze ihr wisst was ihr getan und verdient habt 
    Nehmt diesen schlechten Menschen mit fort der nicht zu Rinaldinis
Gesellschaft gehört und erwartet mich und eure Strafe morgen«
    Die Räuber gingen und trugen Paolo davon Donato blieb zitternd und ohne
Sprache auf seinem Stuhle
Rinaldo nahte sich ihm ergriff seine Hand drückte sie und sagte
    »Fasse dich guter Alter«
    »Öffne dieses Schränkchen«  stammelte Donato  »und gib mir das runde
Gläschen mit den roten Tropfen«
    Das tat Rinaldo goss auf sein Verlangen einen Löffel davon voll und gab ihm
die Tropfen Sie waren verschluckt und Donato schien wieder zu sich zu kommen
    DONATO Du bist also Rinaldini selbst
    RINALDO Leider der bin ich
    DONATO Ich verdanke dir mein Leben und kann mich deiner Bekanntschaft doch
nicht freuen Dein Name allein ist schon furchtbar und du selbst bist
schrecklich
    RINALDO Wehe mir dass es so sein muss
    DONATO Deine Handlung hier vor meinen Augen füllt mein Herz mit Schrecken
und Entsetzen
    RINALDO Das meinige mit Jammer  O dass ich dir und mir diese Szene hätte
ersparen können Aber du kennst diese abscheulichen Menschen nicht Nur Furcht
und Schrecken können sie in Zucht und Ordnung halten
    DONATO Und du fürchtest diese Unmenschen nicht selbst
    RINALDO Und wenn ich sie auch fürchte so dürften sie das doch nicht
glauben
    DONATO Unglücklicher in welche Verbindung bist du geraten
    RINALDO Freund zu dem mein Herz mich zieht du bist meines Vertrauens wert
Dir will ich meine Geschichte erzählen Nur jetzt nicht denn sie würde dich zu
heftig erschüttern Jetzt bedarfst du Ruhe Lass mich dich auf dein Lager
bringen Ich will auf diesem Stuhle den Morgen erwarten
    Er führte Donato auf sein Lager hüllte sich in seinen Mantel und warf sich
auf einen Stuhl Erst spät nach Mitternacht schlummerte er ein und war mit dem
ersten Strahle der Morgensonne wieder wach
»Ich bin sehr krank«  seufzte ihm Donato entgegen als er an sein Lager trat
und sich nach seinem Befinden erkundigte
    »Ich wollte dir nützlich sein«  sagte Rinaldo  »Ich kam hierher dir
Sicherheit zu geben und bin ohne Schuld der Urheber des Zustandes der dich
trifft der mir durch die Seele geht  Verkenne wenigstens meine gute Absicht
nicht«
    »Gewiss nicht«  antwortete Donato mit schwacher Stimme  »Ich danke
vielmehr dem Himmel dass er dich hierher gesendet hat Sonst hätte ich
wahrscheinlich vorige Nacht mein Leben unter Mörderhänden verblutet«
    Hierauf bat er ihn ihm die Arzneigläser aus dem Schränkchen zu bringen
Rinaldo holte sie herbei Donato bezeichnete ihm die Mischung der Tropfen
derselben und kaum hatte er einen Löffel davon zu sich genommen als ein
sanfter Schlaf ihm die Augen schloss
    Rinaldo verließ die Klause ging ins Freie und öffnete Herz und Augen der
Pracht der aufgehenden Sonne  Majestätisch stieg die Königin des Tages im
Feuerglanze über die dampfenden Berggipfel empor und senkte ihre erwärmenden
Strahlen in das kleine Tal in welchem Donatos Klause stand Die Vögel feierten
diese Prachterscheinung mit einer Hymne und Rinaldo bedeckte wehmütig sein
Gesicht
    »Auch mir scheint sie die goldene Sonne«  seufzte er  »Auch mir wie
sie allen Guten und Bösen scheint Ach und ihre wohltätigen Strahlen sind
treffende Blitze für mein schuldiges Herz«
    Da rauschte es dicht bei ihm an der Hecke Er schlug die Augen auf und das
schöne Mädchen das er einige Tage zuvor gesehen mit dem er gesprochen hatte
stand vor ihm
Betroffen standen beide einige Augenblicke sprachlos einander gegenüber Endlich
nahm Rinaldo das Wort
    »Bist du das gute Mädchen von dem benachbarten Meierhofe das zuweilen den
Klausner Donato besucht«
    AURELIA Dieses Mädchen bin ich
    RINALDO Wie nennt man dich
    AURELIA Aurelia ist mein Name  Ihr seid ja wohl eben der Herr der vor
einigen Tagen mit mir sprach als ich Erdbeeren suchte
    RINALDO Eben dieser Der Freund deines Freundes Donato
    AURELIA Wo ist er
    RINALDO Er schläft
    AURELIA Er schläft noch So muss er krank sein
    RINALDO Er ist auch wirklich nicht recht wohl Eine kleine Schwäche  Es
wird keine Folgen haben Wenn ihn der Schlaf erquickt hat wird es ihm besser
sein  Wir wollen ihn nicht wecken
    AURELIA Ich wills meinem Vater sagen Der arme Donato ist alt und schwach
Er braucht Beistand
    RINALDO Diesen wollen wir ihm leisten
    AURELIA Wir  Kenne ich Euch doch nicht um in Eurer Gesellschaft allein
hier bleiben zu können
    RINALDO Ich bin Donatos Freund
    AURELIA Das muss er mir erst selbst sagen Bis dahin bleibe ich nicht allein
mit Euch hier
    RINALDO Ehrenwort und Schwur Du hast gar nichts zu fürchten
    AURELIA Wer seid Ihr denn
    RINALDO Ein Reisender
    AURELIA Und haltet Euch schon so lange in dieser Gegend auf
    RINALDO Es gefällt mir hier in den Bergen wo so schöne Mädchen wohnen
    AURELIA Meint Ihr mich  Ihr wisst wohl nicht dass ich außerhalb den Bergen
wohne
    RINALDO O ja Das hat mir Donato gesagt
    Da rauschte es um die Hecke Rinaldo sah hin und erblickte Cintio der ihm
winkte  Aurelia sprang in die Einsiedelei
    »Hauptmann« sagte Cintio  »Deine Gegenwart ist bei uns durchaus
notwendig Es gibt Lärm«
    »Erwarte mich«  antwortete Rinaldo und ging in die Klause
    »Liebes Mädchen«  sagte er zu Aurelien  »bleibe bei Donato«
    SIE Das versteht sich Zumal da er krank ist
    ER Und wenn er erwacht sag ihm dass ich ihn bald wiedersehen würde
    SIE Wo geht Ihr denn jetzt hin
    ER Mein Bedienter ruft mich zu meinem Gepäck wo eine kleine Unordnung
vorgegangen ist  Leb wohl liebes Mädchen und bleib mir gewogen
    SIE Ich soll Euch gewogen bleiben  Wisst Ihr doch noch nicht ob ich es
bin
    ER Mir sagt es mein Herz
    SIE Glaube ihm nicht Es macht Euch nur etwas weiß  Lebt wohl
    Er drückte ihr die Hand und eilte fort  In Cintios Begleitung erreichte
er den Platz wo seine Leute sich gelagert hatten
»Gut dass du kommst Hauptmann«  schrien viele Stimmen durcheinander  »Wir
müssen wissen« 
    »Still«  donnerte Rinaldos Antwort  »Girolamo lies den fünften und
sechsten Punkt unserer Gesetze laut ab«
    Das geschah  Hierauf erzählte Rinaldo die Szene in der Klause und endigte
mit dem Ausrufe »Nun entscheide unser Vertrag und unser Gesetz«
    »Gnade Gnade Gnade für Paolo« schrien viele Stimmen
    Rinaldo schwieg  Paolo lag an der Erde ward eben wieder frisch verbunden
und bat mit schwacher Stimme um Gnade
    Rinaldo schwieg  Girolamo trat zu ihm und bat für Paolo um Gnade 
Rinaldo sagte kein Wort
    Jetzt trat Fiorilla zu ihm und begann
    »Hauptmann um der Leiden willen die mein Herz um deinetwillen erduldet
hat bitte ich um Gnade für Paolo den ich liebe um meine Liebe zu dir zu
unterdrücken«
    
    »Ich stehe wie ihr unter dem Gesetze«  antwortete Rinaldo  »und kann
nicht begnadigen«
    »Du sollst nicht mehr unter dem Gesetze stehen«  schrien alle  »Du
sollst Gesetzgeber sein und Gnade erteilen können«
    »Wenn ihr das wollt« 
    »Wir schwören es dir zu«
    »So sei Paolo begnadigt und seine Gesellen mit ihm Aber unter der einzigen
Bedingung dass dieser Fall der erste und letzte sei in welchem ich bei einem
solchen Betragen begnadige«
    »Es sei«
    »Übrigens  bestimme ich dass Paolo und seine Gefährten die den ehrwürdigen
armen Greis misshandelten demselben zwei Ziegen zwei Fässer Wein ein Dutzend
Stück Federvieh geben und ihn demütig um Verzeihung bitten sollen«
    »Bravo Bravo  Es lebe der Hauptmann«
Unter lautem Jubel unter Musik und Freudengeschrei nahm Rinaldo dann sein
Frühstück vor seinem Gezelte ein sah dem Gewühle eine Weile zu zeichnete
mancherlei in seine Schreibtafel schrieb einige Orders die er versiegelte und
ließ dann das Korps zusammenrufen welches sogleich still und lauschend in einem
weiten Kreis um ihn herum stand Rinaldo blieb auf seinem Sitze und begann
    »Hier Girolamo gebe ich dir eine Order die du in Borgo öffnen kannst Die
Lage der Dinge wird bestimmen ob du dann nach Arezzo gehen wirst oder nicht
Das Geschäft welches dich dorthin führen wird erfordert Vorsicht die ich dir
nicht besonders zu empfehlen brauche  Dich Fiorilla schicke ich nach
Bibiena Höre dort was man von uns spricht  Nikolo und Sebastiano
durchstreifen die Waldungen zu Bosina  Dir Amadeo empfehle ich die Waldungen
bei Anghiarto  Altaverde nimmt sechs bis acht Mann zu sich und sucht sich der
Person des Gerichtsvogts zu Brankolino zu bemächtigen Diese Order enthält
detaillierte Punkte über die Expedition  Gegen Abend rückt Matteo mit zwanzig
Mann in die südlichen Berggegenden und besetzt den Kaprilischen Pass  Alsotto
bleibt mit dreißig Mann bis auf weitere Order hier zurück  Cintio sucht
sich zwölf Mann aus und zieht sich links in das Pappeltal von Oriolo nach dem
Felsenpass zu  Aurelia ist das Losungswort  Die detaschierten Korps lagern
sich dann zusammengezogen womöglich binnen drei Tagen in der westlichen Ebene
vor dem Marcianischen Forste  Und nun ohne Zögern zur Ausführung meiner
Disposition«
    Alles geriet in Tätigkeit  Rinaldo bepackte seine beiden großen Hunde mit
einigen Arzneien und Victualien und nahm seinen Weg wieder nach Donatos Klause
zu
Aurelia war nicht mehr in der Einsiedelei aber ein junger Bauernbursch ein
Sohn des benachbarten Meiers stand neben Donatos Bette auf welchem dieser
erwacht lag und sich wie er sagte besser befand
    Donato entfernte seinen jungen Wärter und trug ihm auf Holz zu suchen
Rinaldo gab dem Alten einige Löffel von den stärkenden Arzneimitteln die er bei
sich hatte und wagte es nicht eine Unterhaltung zu eröffnen die Donato
endlich selbst einleitete
    DONATO Ich hoffe bald wieder ganz hergestellt zu sein
    RINALDO Was ich so herzlich wünsche
    DONATO Du kommst vielleicht Abschied von mir zu nehmen
    RINALDO Glaubst du das
    DONATO Ich wünsche es aufrichtig gesprochen  Ich weiß nun wer du bist
und möchte nicht gern dass man sagen könnte ich hätte Bekanntschaft mit dir 
Du weißt wie das ist Die Menschen hängen von öffentlichen Meinungen ab  Ich
danke dir die Rettung meines Lebens Es wird aber auch niemand von mir erfahren
dass der gefürchtete Rinaldini bei mir war auf dessen Kopf so hohe Preise
stehen  Aurelia hat mich zu ihrem Vertrauten gemacht
    RINALDO Hat sie das
    DONATO Du hättest dem Mädchen nicht sagen sollen was du ihr gesagt hast
    RINALDO Wenn ich dir nun sage dass ich sie liebe
    DONATO Darfst du das  Kannst du glauben Gegenliebe zu finden wenn
Aurelia erfährt wer du bist
    RINALDO Wie Wenn ich meiner Lebensart entsagte und 
    DONATO Das ist zu spät Aurelien wirst du nicht wieder sprechen Sie wird in
ein Kloster gebracht  Ich habe das veranstaltet
    RINALDO Wirklich  Nun so erwarte auch meine Gegenanstalten
    DONATO Unternimm nichts Räuberhaftes  Liebst du Aurelien wirklich wie
kannst du sie unglücklich machen wollen  Du liebst sie aber nicht mit der
Reinheit mit der dieses Mädchen geliebt zu werden verdient Du darfst du
kannst sie auf keine edle Art lieben und deine Begierden sind strafbar 
Aurelia muss deinen Blicken entzogen werden  Oder willst du sie unter deine
Bande führen und sie der Gerechtigkeit die doch über lang oder kurz dich zu
finden wissen wird als eine Mitverbrecherin überliefern  Unglück genug für
dich dass du das bist aber das Mädchen lass mit Ehren leben und sterben 
Willst du mich bald verlassen so wird es mir sehr lieb sein denn ich erwarte
Besuch
    RINALDO Nicht aus Furcht die ich nicht kenne sondern aus Gefälligkeit will
ich dich verlassen  Zuvor aber noch die Frage Wer sind die Personen deren
Bildnisse über deinem Bette hängen  Sie im Nonnengewande und er in Uniform 
    DONATO Dieses Mannes Besuch  dessen Bild du hier siehst  erwarte ich
soeben Er geht nach Florenz und seine Maultiere sind ihm mit seinem Gepäck
in dem Gebirge vermutlich von deinen Leuten genommen worden Die Treiber hat
man erschossen Nur ein MaultiertreiberJunge ist entronnen Er hat sich zu
Aureliens Pflegevater geflüchtet wo jetzt auch mein Freund ist dessen Bild du
hier siehst
    RINALDO Da er dein Freund ist so gib ihm dies zurück was er vielleicht
ungern vermisst
    Er gab ihm die Kapsel mit den Bildnissen die er wie wir wissen aus der
Beute von dem Gepäck der Maultiere erhalten hatte Donato nahm öffnete die
Kapsel und erblickte kaum die Bildnisse als er sie beide küsste
    DONATO Du hast mir ein sehr wertes Geschenk gemacht das seinen rechten
Herrn wiedererhalten soll
    RINALDO Willst du mir seinen Namen nicht nennen Vielleicht kann ich ihm um
Deinetwillen nützlich sein
    Donato wollte antworten als der Bauernbursch mit einem »Sie kommen«
hereinsprang
    Gleich nach ihm trat der Mann herein der soeben der Gegenstand der
Unterhaltung war Er trug Uniform und ein Malteserkreuz  Mit ihm kamen ein
paar Landleute der Meyer von dem so oft gesprochen wurde und sein Bruder
    Der Malteser fasste Rinaldo scharf ins Auge und dieser warf ihm einen Blick
zu auf welchen jener den seinigen von ihm abwandte
    Rinaldo reichte Donato die Hand und verließ mit einem »Baldige Besserung«
schnell die Einsiedelei
    Der Malteser ging ihm hastig nach Er trat in die Tür der Klause als
Rinaldo eben zurückblickte dies sah und sogleich stehenblieb  Jener ging
jetzt langsam auf ihn zu
    »Mein Herr«  sagte er  »wir müssen uns schon irgendwo einmal gesehen
haben«
    RINALDO Das ist leicht möglich
    MALTESER Seid Ihr eben der der sich Donatos Freund nannte und diesen Morgen
mit einem Mädchen sprach das Aurelia heißt
    RINALDO Der bin ich
    MALTESER Darf ich um Euren Namen bitten
    RINALDO Ihr sollt ihn erfahren wenn Ihr mir zuvor den Eurigen sagt
    MALTESER Mein Name ist weder ein Geheimnis noch eine verdächtige Sache 
Ich bin der Prinz della Roccella
    Ein paar von Rinaldos Leuten brachten jetzt eben die Ziegen das Federvieh
und den Wein die Paolo dem Klausner gleichsam als Sühngeld geben musste Rinaldo
überlieferte alles was gebracht war dem Bauernburschen und sagte
    »Es gehört dieses meinem Freunde Donato Er weiß schon davon Du kannst ihm
hernach sagen dass alles angekommen ist«
    Hierauf wandte er sich wieder zu dem Prinzen der seine Antwort und seinen
Namen erwartete
    RINALDO Da Ihr von dem Meierhofe kommt auf welchem Aurelia lebt so sagt
mir Ist sie noch dort
    PRINZ Ich weiß nicht wie 
    RINALDO Wie ich auf diese Frage komme da Ihr meinen Namen zu hören
erwartet
    PRINZ In der Tat! das wollte ich sagen
    RINALDO Wenn es möglich ist schenkt mir meinen Namen 
    PRINZ Sah ich euch nicht unter dem Namen Marchese Pepoli vor einem halben
Jahr ungefähr in Florenz  Wir sprachen uns auf dem Deutschen Hause und Ihr
wurdet sehr warm als man von dem berüchtigten Rinaldini eine Geschichte
erzählte die sehr zu seinem Vorteile gereichte
    Einer von Rinaldos Leuten winkte ihm sehr bedeutend Er verstand das
Zeichen näherte sich dem Prinzen ganz vertraulich und sagte »Nun dann so wisst
es Ich bin Rinaldini selbst« und eilte davon
Rinaldo fragte seine Gesellen was es gäbe und erhielt zur Antwort Cintio
finde Bedenken sich dem Pappeltale bei Oriolo zu nähern weil sich dort eine
Karawane von Reisenden gelagert habe
    Darauf eilte Rinaldo zu Cintio und fand ihn und sein Kommando in dem
Buschwerk eines lustigen Hügels Er erfuhr von ihm selbst was er jetzt gehört
hatte  Nach einigem Nachdenken erteilte er ihm folgende Order
    »Wende dich mit unseren Leuten rechts teile dich nach der Landstraße zu und
lass den Weg von Oriolo nach dem Nonnenkloster St Benedetto nicht aus dem
Gesicht Stösst euch dort etwa ein Wagen auf in welchem sich ein junges schönes
Mädchen befindet so wird der Wagen angehalten und das Mädchen für mich geraubt
Mit einbrechender Nacht finden wir uns hier auf diesem Platze wieder«
    Hierauf überzog er sein Gesicht mit einer braunen Farbe kleidete sich als
Jäger an nahm einen von seinen Gesellen Severo genannt auch als Jäger
gekleidet und wie er mit einem Doppelrohr einigen versteckten Terzerolen und
einem Hirschfänger bewaffnet mit sich und ging mit ihm in Begleitung seiner
Doggen auf das Pappeltal zu
    Als sie auf die Anhöhe kamen sahen sie in das Tal hinab und erblickten dort
ein Gezelt aufgeschlagen um welches herum Maultiere grasten und einige Menschen
hin und her gingen die ein Feuer angemacht hatten bei welchem sie ihre
Mahlzeit für den Abend zuzubereiten schienen
    Sie lauerten einige Zeit und wurden dann ein paar Damen in dem Gezelte
gewahr  Ein wenig entfernt von dem Gezelte lag abgeladenes Gepäck umher und
Maultiertreiber lagen bei demselben
    Ungefähr vierzig Schritte von dem Lagerplatze rieselte eine Quelle von der
Anhöhe hinab in das lustige Tal Hierher kam mit einem leeren Topfe Wasser zu
schöpfen ein flinker Bube der zu der Gesellschaft gehörte Diesem machte sich
Rinaldo sichtbar Der Bube erschrak und wollte fliehen Rinaldo aber rief ihm
zu
    »Bleib Bube  Gehörst du zu jener Gesellschaft«
    »Ja Zu der Gesellschaft gehöre ich«  stammelte derselbe
    »Wer sind die Damen unter dem Gezelte«
    »Meine gnädige Frau die Marchese Altanare und ihre Schwester  Wir kommen
von St Leo und gedenken nach Florenz zu gehen«
    Rinaldo winkte seinem Gefährten Dieser folgte ihm und beide gingen auf das
Gezelt zu  Die Leute der Marchese grüßten sie und gafften sie an Der
Stallmeister der Marchese trat ihnen aus dem Gezelt entgegen indes die Damen am
Eingange lauschten und redete sie an
    »Wohin aus liebe Freunde«
    Rinaldo nahm das Wort
    »Ich bin der Förster aus Sarsina und bin mit meinem Burschen auf dem
Heimwege Da sah ich eure Gesellschaft und dachte du musst doch sehen wer die
Herrschaften sind  Zugleich komme ich auch Euch einen kleinen Wink zu geben
Seid wachsam und vorsichtig Rinaldinis Bande haust in diesen Gebirgen«
    »Ach Gott«  rief die eine von den Damen aus  »das macht mich sehr
ängstlich«
    »Warum das«  sagte der Stallmeister  »Wir sind unserer ja genug um
Gewalt mit Gewalt zu vertreiben«
    »Hm«  lächelte Rinaldo  »das würde euch wenig helfen denn Rinaldinis
Leute haben so zu reden den Teufel im Leibe«
    DIE DAME Aber mein Gott warum lässt man denn diese Räuber hier so ruhig und
ungestört ihr Wesen treiben
    RINALDO Weil man sie fürchtet
    STALLMEISTER Wie stark mag wohl die Bande sein
    RINALDO Wer will das wissen  Rinaldini ist vogelfrei Es steht ein Preis
auf seinem Kopfe der gar nicht zu verachten ist  Unter uns gesagt Ich
schleiche schon seit acht Tagen dem Vogel zu Gefallen herum und möchte gern
etwas verdienen Käm er mir nur in den Schuss er sollte gewiss nicht wieder
aufstehen
    STALLMEISTER Kennt Ihr ihn denn
    RINALDO Er ist ja genau genug beschrieben worden
    STALLMEISTER Im Grunde  sagt man  soll er selbst eigentlich gar kein
Herz haben und weder Mut noch persönliche Tapferkeit besitzen Seine Leute
sollen alles für ihn tun
    RINALDO So  Da sind seine Leute Narren
    STALLMEISTER Ihr meint also er sei jetzt wirklich hier in der Nähe
    RINALDO Das weiß ich gewiss Es sind unserer achtzehn alle Jäger und gute
Schützen die wir ihm auf den Dienst lauern Haben wir ihn so teilen wir
    DIE DAME Was bekommt ihr denn wenn ihr den Galgenstrick liefert
    RINALDO In Venedig Genua Lucca und Florenz wird Geld für seinen Kopf
gezahlt Zusammen wirds immer ein Sümmchen von 4 bis 5000 Zechinen ausmachen 
So etwas nimmt unsereiner mit Die Zeiten sind schlecht  Aber freilich
Lebensgefahr ist dabei Einige von uns können auch ins Gras beißen
    DIE DAME Man sollte Truppen gegen den Beutelschneider ausschicken
    RINALDO s ist auch schon geschehen Madamchen aber es hat nichts fruchten
wollen Der Schlaukopf hat Schlupfwinkel setzt sich auch wohl gar zur Wehr
Davon kann die Miliz von Lucca ein Liedchen singen Dreihundert Mann wurden von
80 Mann unter Rinaldinis Anführung über Stock und Stein gejagt Sie ließ
noch dazu siebzig Tote auf dem Platze und haben es nie wieder versuchen mögen
gegen die Räuber anzurücken
    DIE DAME Es ist erschrecklich wie weit es so ein solcher Vagabund treiben
kann
    RINALDO Jawohl  Er soll sehr verwegen sein und auch wohl oft ganz allein
einen Streich ausführen der zum Totlachen ist
    DIE DAME So etwas möchte ich einmal sehen
    RINALDO Gesetzt Ihr steht hier ganz unbefangen Neben Euch steht der Herr
Stallmeister und alle eure Leute sind um euer Gezelt herum versammelt  So
setzt Rinaldini mit der Rechten dem Herrn Stallmeister die Pistolen auf die
Brust  indes sein Begleiter auf die Umstehenden anschlägt  und sagt Ich
bitte mir Eure Ringe Eure Uhr und 300 Stück Zechinen aus ich bin Rinaldini
    Was er hier als ein Gleichnis sagte tat er wirklich Die Marchese schrie
laut auf und der Stallmeister taumelte zurück
    STALLMEISTER Herr Förster keinen Spaß
    RINALDO Kein Spaß völliger Ernst Herr Stallmeister
    STALLMEISTER Wie  Ernst 
    DIE DAME Um Gottes Willen
    RINALDO Ihr wolltet einen Streich zum Totlachen von Rinaldini sehen Ihr
seht ihn jetzt
    DIE DAME Ihr seid wirklich 
    RINALDO Ich bin Rinaldini Nun weiter keine Vorrede Ich habe Euch Euren
Wunsch gewährt und Ihr gewährt mir den meinigen Dieses ist der Wunsch nach dem
Besitz Eurer Uhr Eurer Ringe und der kleinen Summe von 300 Zechinen  Dafür
gebe ich Euch eine Sicherheitskarte und bis nach Florenz werden Euch wenn Ihr
dieselbe vorzeigt meine Leute kein Haar krümmen
    Am ganzen Leibe zitternd zog die Marchese ihre Ringe ab und gab ihm Uhr
Börse und die verlangten 300 Zechinen
    Mit einem »Habt Ihr nun Rinaldini kennengelernt« ging er davon und keine
Seele getraute sich ihn zu verfolgen
Die Nacht brach herein und seine Gesellen fanden sich an dem bestimmten Ort
ein ohne eine Kutsche gesehen zu haben  Rinaldo wurde missmutig und legte
sich nach einer sehr frugalen Abendmahlzeit unter einer Pappel nieder Er
bedeckte sich mit dem Mantel und schlief bald ein Seine Gesellen machten Feuer
stellten Wachen aus und legten sich auch zur Ruh nachdem ihnen Severo Rinaldos
Schwank mit der Marchese erzählt hatte
    Gegen Morgen fuhren sie alle zugleich aus dem Schlafe auf geweckt von
wiederholten Schüssen Sie griffen zum Gewehr und vernahmen das Geschrei ihrer
Vorposten
    »Wir sind umringt«
    Sie zeigten auf die benachbarten Bergspitzen und in die Täler und
allenthalben blinkten ihnen Gewehre entgegen
    RINALDO Auf auf wir müssen von unseren Leuten herbeiziehen was wir nur
können Stosst in die Alarmhörner und ladet eure Gewehre doppelt
    Die Täler erklangen vom Schalle der Hörner und die Echos gaben den Ruf
zurück  Auf einmal ertönte ganz nahe der Schall eines Horns und bald sahen
sie Altaverde mit seinen Gesellen sich ihnen nähern
    »Kameraden wir sind umgangen Landmiliz und Truppen rücken gegen uns an
Unsere Kameraden Tonetto und Rispero sind der Miliz in die Hände gefallen«
    Bald darauf hörten sie in der Ferne Hörnerschall der sich immer mehr
näherte und endlich sahen sie Alsetto mit seinem Korps der durch das Tal
herauf ihnen zuzog
    Jetzt waren sie 69 Mann stark Alle schrien wie aus einem Munde
    »Hauptmann lass uns angreifen«
    Sogleich rief er ihnen zu sich links zu schwenken und zog ins Tal hinab
    Sie waren einige hundert Schritte weit marschiert als sie ein Papier auf
der Erde liegen sahen Altaverde hob es auf und gab es Rinaldo Dieser
entfaltete das Papier und las
    »Im Namen der Regierung wird hierdurch einem jeden von Rinaldinis Bande
Verzeihung und Freiheit angeboten der freiwillig zu den Truppen übergeht und
seinen Anführer verlässt Wer Rinaldinis Kopf mit sich bringt erhält noch außer
dem Geschenke seiner Freiheit eine Belohnung von 500 Stück Zechinen«
    Rinaldo steckte das Papier zu sich und sagte
    »Kameraden dieses Papier verspricht euch Freiheit und Verzeihung wenn ihr
zu den Truppen übergehen und euch auf Treu und Glauben selbst in ihre Hände
liefern wollt«
    »Hat es der Grossherzog unterschrieben«  fragte Alsetto
    »Es ist ein Wisch ohne Ort ohne Datum und Unterschrift«   antwortete
Rinaldo
    »Dass wir doch Narren wären«  schrie Altaverde  »und leichtgläubig auf
die Anforderung eines verzagten Unteroffiziers unser Leben in die Schanze
schlügen  Das hat ein Kerl geschrieben dem es bange wird gegen uns zu
fechten Kämen wir hinüber so wüsste kein Teufel etwas von dem Versprechen man
lachte uns aus und knüpfte uns zum Spasse auf was wir auch verdienten 
Hauptmann Zerreiss den Wisch in Stücke und lass uns Pfropfe daraus machen Wir
wollen die Versprecher mit ihren Versprechungen auf die Pelze brennen«
    »Kameraden«  begann Rinaldo  »Meine Meinung ist uns nach der Grenze des
Kirchenstaates zu wenden und uns durch die Miliz in die Marleischen Waldungen zu
schlagen«
    »Nur zu nur darauf los«  schrien alle
    Sie durchkreuzten das Tal und schlichen sich an dem entgegengesetzten Berge
hin Beinahe hatten sie ihn schon umgangen als sie nahe an der Grenze auf ein
Piket Miliz stießen Dieses griffen sie unvermutet und rasch an und warfen es
zurück Aber nun trafen sie auf ein Detaschement das über andertalbhundert
Mann stark rasch auf sie los rückte
    »Kameraden«  schrie Rinaldini  »jetzt wehrt euch wie brave Männer Mit
drei Schritten sind wir über der Grenze und die Waldungen liegen kaum hundert
Schritte weit von uns  Bekommen sie uns lebendig so verlieren wir unser Leben
auf der Marterbank oder unter Henkershänden Also lasst uns lieber als brave
Männer mit dem Säbel in der Faust sterben  Aber nur mutig Wir schlagen uns
gewiss durch  Frisch darauf los«
    Mit dem letzten Worte gab er das Signal mit einem Pistolenschusse stürzte
auf die Soldaten los und seine Gesellen ihm nach Die Furie mit der es geschah
machte die Soldaten anfangs bestürzt Sie fingen wirklich an zu weichen als
einer ihrer Offiziere ihnen ihre Feigheit vorwarf an die Spitze trat und sie
gegen die Wütenden führte
    Nun kam es zu einem fürchterlichen Gemetzel Alsette stürzte an Rinaldos
Seite nieder und drei seiner Gesellen zugleich mit ihm Altaverde Cintio
Severo und Rinaldo fochten wie Löwen
    Es regnete Kugeln und Hiebe fielen hageldicht Mit gespaltenem Schädel
stürzte Severo und zwölf seiner Kameraden von Kugeln und Hieben getroffen
neben ihm Rinaldo drängte sich mit seinem zusammengeschmolzenen Haufen auf die
Flanke der Truppen und erreichte endlich glücklich die Grenze aber getrennt von
den Seinigen  Hier fielen ihn zwei Dragoner an Er schoss den einen vom Pferde
und der zweite sprengte zurück  Matt und kraftlos erreichte Rinaldo den Wald
kroch in einen dichten Busch und sank atemlos mit hochaufklopfendem Herzen
beinahe ohne Bewusstsein nieder
Als er wieder zu sich kam war es hoch am Mittag und er fühlte sich gequält von
brennendem Durste Er raffte sich auf und wankte tiefer in den Wald hinein bis
zu einer Quelle wo er sich niederwarf und sich erquickte Er durchsuchte seine
Taschen und fand ein paar Stückchen Zwieback die er mit dem größten Hunger
verschluckte Dann kroch er einem Busche zu und stellte Überlegungen an  Der
Hunger aber trieb ihn bald wieder aus dem Busche Er machte sich auf
untersuchte sein Gewehr füllte seine Feldflasche mit Wasser und schlich weiter
fort
    Er war nicht lange gegangen als er Geräusch vernahm Er stellte sich auf
die Lauer und sah endlich einen Bauer mit einem Korbe ganz ruhig einhergehen
Diesem ging er entgegen und fragte ihn ob er etwas zu essen bei sich habe
    Der Bauer sah ihn mit großen Augen an und sagte endlich er trage Käse und
Würste in die benachbarte Stadt Rinaldo bot sich sogleich als Käufer an nahm
so viele Käse und Würste als in seine Jagdtasche gehen wollten und bezahlte sie
ohne zu handeln auch überließ ihm der Bauer ein Brot da er sah dass er so gut
für seine Victualien bezahlt ward
    »Was gibts Neues«  fragte endlich Rinaldo
    »Diesen Morgen«  antwortete der Bauer  »hats auf der Grenze viel Blut
gegeben  Die Toscanischen Soldaten haben den Spitzbuben Rinaldini erwischt 
Er hat sich mit seinen Leuten wie ein Teufel gewehrt Sie sind aber alle
zusammengehauen und niedergeschossen worden«
    »Rinaldini auch«
    »Auch mit  Der Spitzbube hatte längst den Galgen verdient s ist nur
jammerschade dass sie ihn nicht lebendig bekommen haben und dass er so ehrlich
gestorben ist Aber zum Teufel wird der Kerl doch gefahren sein Denn er ist ja
ohne Absolution in seinen verfluchten Sünden dahingestorben  Da stirbt
unsereiner doch ruhiger und honetter Nicht wahr«
    »Ei natürlich Wir beide sind ja aber auch keine Spitzbuben«
    »Nein« sagte der Bauer und ging Als Rinaldo ihn aus dem Gesichte hatte
schlich er waldein und hielt Tafel
Nach einem kleinen erquickenden Schlafe machte er sich auf und ging einige
Stunden tiefer in den Wald hinein Auf einmal sah er sich ganz unerwartet auf
einem freien Platze der einige hundert Schritte im Umfange haben mochte Vor
ihm lagen auf einem Hügel die Ruinen eines zerstörten Schlosses
    Er sah sich rund umher um und erblickte kein lebendes Wesen Die tiefste
Totenstille schien über die Gegend ausgegossen zu sein Nicht einmal ein Vogel
war in der Nähe zu hören Doch glaubte er Fußtritte in dem Grase zu sehen
    Er ging auf die Trümmer des Schlosses zu und trat in einen geräumigen Hof
der hoch mit Gras bewachsen war Vor einer verfallenen Kolonnade setzte er sich
auf eine umgestürzte Säule und überließ sich sonderbaren Betrachtungen
    Ein Geräusch schreckte ihn auf Ein Reh jagte vorüber  Er kam wieder zu
sich stieg auf und näherte sich einer Treppe die in die oberen Gegenden des
Schlosses führte
    Er stieg hinauf und kam in einen großen Saal  Seine Fußtritte erschallten
laut umher Alles war öde und leblos um ihn her
    Der Saal führte in ein geräumiges Gemach an dessen Hinterwand er zwei alte
hölzerne Türen erblickte die mit eisernen Riegeln verwahrt waren Hier blieb er
stehen lauschte und horchte und vernahm nichts als seine eigenen lauten
Atemzüge  Er klopfte an beide Türen an Alles blieb still
    Endlich zog er den Riegel der einen Tür zurück sie knarrte auf und er trat
in ein leeres Gemach das er sogleich wieder verließ  Als er die andere Tür
öffnete fand er auch hier wieder ein leeres Gemach  Er verriegelte beide
Türen und ging wieder zurück
    Jetzt ward er in der einen Ecke des Saals eine schmale Öffnung gewahr Es
war der Eingang in ein leeres Gemach welches in ein zweites und dieses in ein
drittes führte Hier trat er auf Holz und sah dass er auf einer verriegelten
Falltür stand Er schob den Riegel zurück hob die Falltür auf und sah in eine
dunkle Tiefe hinab wohin eine schmale steinerne Treppe führte Er ließ die Tür
nieder ging zurück und kam wieder in den Hof
    Die Dämmerung brach schon stark herein Er sah sich nach einem Baume um
erblickte eine majestätische Steineiche stieg hinauf und suchte in ihren
dichten Zweigen sein Nachtlager
Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht verließ Rinaldo sein hartes Lager
als der Tag anbrach und machte sich auf den Weg Wasser zu suchen das er auch
bald fand  Als er seinen Durst gestillt und seine Flasche gefüllt hatte ging
er weiter schnitt aber Merkzeichen in die Bäume um den Weg zu den Ruinen
wieder zurückfinden zu können
    Gegen Mittag nahte er sich der Fahrstrasse die durch den Wald ging und
lagerte sich hinter einem Busche
    Hier hatte er nicht lange gelegen als er in der Entfernung Menschenstimmen
und Glockengeklingel von Maultieren vernahm Beide näherten sich immer mehr und
endlich kam ein Zug Zigeuner zum Vorschein
    Die Gesellschaft bestand aus drei Männern zwei alten Weibern einem Paar
erwachsenen Mädchen vier Kindern einem bepackten Maultier zwei Hunden und
einigen Murmeltieren
    Sie schienen die Gegend zu kennen bogen waldein und zogen nach der Quelle
zu die Rinaldo eben verlassen hatte  Die Hunde witterten ihn kaum als sie
ein schreckliches Gebell erhoben und auf ihn losfuhren Der eine von den Männern
griff nach einer Flinte
    Rinaldo schlug auf die Hunde los und trat aus dem Busche hervor
    »Heda Wer bist du« schrie ihm der eine Zigeuner entgegen
    »Ruft eure Hunde zurück«  rief ihm Rinaldo zu  »oder ich schieße sie
nieder«
    Sie lockten die Hunde an sich und die Weiber nahmen sie fest  Rinaldo
trat ihnen näher und sagte ganz entschlossen
    »Wir werden schwerlich etwas von einander zu fürchten haben«
    »Wer bist du« fragte der Zigeuner wieder
    »Ein Mann der keine Furcht kennt«
    ZIGEUNER Ich weiß nicht was ich von dir denken soll
    RINALDO Gib mir einen Schluck Likör wenn du welchen hast
    ZIGEUNER Den kannst du bekommen wenn du ihn bezahlen willst
    RINALDO Schenk ein
    ZIGEUNER Donnerwetter Kerl du kommst mir vor wie einer der  etwas
begangen hat weshalb er mit der lieben Justiz in Unfrieden lebt
    RINALDO Schenk ein
    ZIGEUNER Ja ja Bursch Einer von Rinaldinis Bande bist du gewiss
    RINALDO Was geht uns beide Rinaldini an
    ZIGEUNER Mich wenigstens so viel wie ein paar tausend Zechinen wenn ich
seinen Kopf liefern könnte 
    RINALDO Ah so  Das ist aber zu spät
    ZIGEUNER Zu spät Ich denke er wird immer noch früh genug an den Galgen
kommen
    RINALDO Nun nicht da er in dem letzten Gefecht von Toscanischen Soldaten
niedergehauen worden ist Da war ich dabei
    ZIGEUNER Du bist also einer von seiner Bande
    RINALDO Donnerwetter Sag das noch einmal und ich schlage dir den Kopf ein
Was denkst du von mir  Ich bin der Förster des nächsten Grenzorts und war mit
meinen Leuten gegen Rinaldini aufgeboten Ich denke wir haben einen heißen Tag
gehabt und du Schuft willst da 
    ZIGEUNER Nun nun Ich bitte um Verzeihung man kann sich 
    RINALDO Raisonniere nicht und schenk ein  Das ist eins  Numero zwei
Zeigt eure Pässe vor Wir haben geschärfte Befehle erhalten euch Landstreichern
auf der Fährte zu sein
    EINE ZIGEUNERIN Ein deliziöses Likörchen  Für den Herrn Förster ganz
umsonst
    RINALDO Ich nehme nichts geschenkt und kenne meine Pflicht  Noch eins
Schenk ein alte Sibylle
    ZIGEUNERIN Mit Vergnügen allerliebster Herr Förster
    RINALDO Sind das deine Töchter alte Nachteule
    ZIGEUNERIN Die kleine ist meine Tochter Die große ist eine Anverwandte
Eine vater und mutterlose Waise  Sie heißt wie ihre Schutzpatronin Rosalie
ist eine gute Christin siebzehn Jahre alt und hat ein vortreffliches Herz 
Soll ich noch eins einschenken
    RINALDO Meinetwegen
    ZIGEUNERIN Rosalie Ein Stückchen Reiskuchen für den Herrn Förster
    ROSALIE Hier Herr Förster  Wohl bekomms
    RINALDO Höre Mädchen bist du denn wirklich getauft
    ZIGEUNERIN Vergebe Euch der Himmel diese Frage  Zu Macerata ist sie gar
schön und christlich getauft worden wie ihr Taufzeugnis besagt
    ROSALIE Ja gewiss und wahrhaftig
    RINALDO Nun Was bin ich schuldig
    ZIGEUNERIN Ah papperlapapp Nichts Wir werden dem Herrn Förster doch nicht
gar Geld abnehmen
    RINALDO Ich nehme nichts von euch geschenkt  Sucht eure Pässe herbei Was
habt ihr da alles in den Körben  Teufel und alle Wetter Wie kommt ihr denn zu
den großen Wachskerzen Die habt ihr gewiss gestohlen
    ZIGEUNERIN Gott bewahre Herr Förster was denkt Ihr von uns  Wir haben
sie gekauft Wir brauchen dieselben bei Sturmnächten im Walde
    RINALDO Ich will euch zwei Stück davon abkaufen
    ZIGEUNERIN Sie stehen zu Diensten
    RINALDO Das Brot kaufe ich euch auch ab
    ZIGEUNERIN Nach Belieben
    RINALDO Nun macht mir die Rechnung  Hurtig und die Pässe heraus  Wollt
ihr mir das ganze Fläschchen Likör lassen
    ZIGEUNERIN Warum nicht
    ZIGEUNER Der Herr Förster taugt gut auf einen Jahrmarkt
    RINALDO Ja ich kaufe alles was mir gefällt Ich kaufe euch auch das
Mädchen ab wenn ihr mir sie lassen wollt und wenn sie mit mir gehen will Ich
brauche so ein Mädchen in der Wirtschaft
    ROSALIE Wenn ich Lohn bekomme gehe ich mit
    RINALDO Das versteht sich
    ZIGEUNERIN Ihr könnt das arme Ding bekommen Aber  es ist eine Bedingung
dabei Ihr fragt nicht weiter nach unsern Pässen
    RINALDO Aha  Nun meinetwegen Aber nehmt euch in acht dass ihr nicht der
Miliz in die Hände fallt  Es wird heute gestreift
    ZIGEUNERIN So wollen wir machen dass wir aus dem Walde kommen
    RINALDO Das rate ich euch selbst  Hier ist Geld fürs Mädchen und ein Paar
Paoli für meine Zeche
    ZIGEUNERIN Nun  so bedanken wir uns
    ROSALIE Lebt wohl
    ZIGEUNERIN Führe dich hübsch auf und mache uns keine Schande  Wie heißt
der Ort wohin Ihr sie führt Herr Förster
    RINALDO Nach Sarsiglia wo ich Förster bin  Die ganze Gegend kennt mich
    ZIGEUNERIN s ist nur dass wir wissen wo wir uns nach dem Mädchen
erkundigen können
    RINALDO Schon recht Gott befohlen
    ROSALIE Nochmals lebt wohl
    Die Zigeuner machten sich sogleich auf den Weg
    Rosalie nahm ihr Bündelchen sprang neben Rinaldo her der den Weg nach den
Schlosstrümmern einschlug und war sehr aufgeräumt und munter
Sie bewunderte die Ruinen meinte hier müsse es sich gut für Zigeuner hausen
lassen und warf sich neben Rinaldo nieder der sich ins Gras streckte
    ER Bist du wirklich gern mit mir gegangen
    SIE Sonst würde ich ja nicht so freudig sein Das Leben das ich bisher
geführt habe hat mir schon längst nicht mehr gefallen wollen Ich hatte mir
auch vorgenommen einmal des Nachts davonzugehen Nur wusste ich nicht wohin 
Ach ein Zigeunermädchen ist gar ein armes Tier Man muss sich zu vielerlei
gebrauchen lassen hat doch zuweilen kaum das liebe Brot und wenn man einmal
etwa mit langen Fingern erwischt wird rips bekommt man zwischen Himmel und
Erde Quartier  Wenn ich aber Eure Wirtschafterin bin 
    ER Ich will dich nicht betrügen du gefällst mir zu sehr  Ich bin kein
Förster
    SIE Heilige Rosalie Was denn sonst
    ER Jetzt kannst du deine Gesellschaft noch einholen wenn du nicht Lust
hast bei mir zu bleiben Ich halte dich nicht zurück Ich stelle dir alles
frei Und damit du siehst wie aufrichtig ich gegen dich bin so will ich sogar
so unbesonnen sein dir zu sagen wer ich bin  Ich bin Rinaldini
    SIE Ach Rinaldini Wie bin ich erschrocken  weil  weil  Ihr ein so
berühmter Mann seid und weil ich 
    ER Zieh in Frieden zu deinen Zigeunern zurück  Hier sind zehn Dukaten
Ich schenke sie dir
    SIE Still Lasst mich einmal ein wenig nachdenken  So oder so   Hm 
Ich bleibe bei Euch
    ER Nun gut Du sollst sehen dass ich für dich sorgen will Und gehts mir
wohl so soll dirs auch wohl gehen Fehlen soll dirs an nichts was ich dir
verschaffen kann  Gib mir deine Hand und versprich mir bei mir zu bleiben
    SIE Hier ist meine Hand Ich verspreche es dir
    ER Dein offener Blick nahm mich gleich für dich ein und da ich dir mein
Zutrauen schenke so kannst du glauben das ich des deinigen wert zu werden
wünsche
    SIE Rinaldini und wenn du auch ein noch so furchtbarer Mann wärst ich will
mich nicht fürchten Aber bei dir bleiben will ich und dir getreu dienen  Ist
es mir doch als sei ich schon längst um dich herum und mit dir bekannt gewesen
    ER So ist es mir auch Daher kommt es dass du mir gefällst und dass ich so
viel Zutrauen zu dir habe
    SIE Das ist mir sehr lieb Je mehr du Zutrauen zu mir hast desto lieber bin
ich bei dir
    ER Ich will mich dir ganz entdecken  So wie du mich hier siehst bin ich
einem Gefechte mit Toscanischen Truppen entronnen aus welchem wenige der
Meinigen entkommen sein werden Ich bin jetzt hier ganz allein und sehne mich
auch nicht zu dem Überreste meiner Gesellschaft zurück Vielleicht hat mich das
Schicksal zu meinem Glücke von meinen Gesellen getrennt  Die Toscaner glauben
ich sei auf der Wahlstatt unter den Toten geblieben Es ist mir sehr lieb dass
sie das glauben Vielleicht sahen sie meinen Gesellen Severo der mit
gespaltenem Schädel neben mir niedersank und einige Ähnlichkeit mit mir hat für
mich an vielleicht gaben etwa einige der Meinigen die verwundet gefangen
wurden mich für tot aus um mich gegen Nachstellungen zu sichern oder wie dem
ist Genug ich wünsche ganz Italien glaube ich sei tot  Unter diesen Ruinen
will ich einige Tage verweilen bis die Soldaten wieder entfernt sind dann
wollen wir suchen uns gewissen Plätzen zu nähern wo ich Geld vergraben habe
Finden wir deren nur drei unbemerkt so haben wir zu leben suchen uns irgendwo
einzuschiffen verlassen Italien und leben mit und beieinander in Ruhe
    SIE Das ist ein herrlicher Plan
    ER Nun wohl so wollen wir suchen ihn auszuführen
    So ward das Bündnis geschlossen und mit einem Frühstücke besiegelt
    Nach demselben führte Rinaldo seine Gesellschafterin ins Innere des
ehemaligen Schlosses und zündete seine beiden erhandelten Kerzen an das Terrain
zu untersuchen zu welchem die Treppe unter der bewussten Falltür führte
    Sie stiegen hinab und kamen in ein geräumiges Gewölbe das gleichsam der
Vorhof eines weit größeren war welches sie durchsuchten und ganz leer fanden
Am Ende desselben kamen sie wieder zu einer Treppe die aufwärts führte oben
von einer Falltür bedeckt wurde die unverriegelt war und sich aufheben ließ
Sie kamen in einen kleinen mit Gras bewachsenen Vorhof und drängten sich durch
eine schmale Öffnung die ehemals eine Tür gehabt haben mochte in ein kleines
Gemach das verschlossene Fensterladen hatte Sie näherten sich einer
verriegelten Seitentür die sie öffneten als zwei Ottern nahe an ihnen vorbei
zischten Dann traten sie in ein enges Zimmer fuhren aber bald wieder zurück
als ein schrecklicher Geruch wie ein Dampfnebel ihnen entgegenschlug  Als
Rinaldo wieder eintrat fand er zwei Körper auf dem Boden die in Fäulnis
übergingen Sie waren ganz entkleidet und mit geronnenem Blute bedeckt
    »Hier hausen Mörder«  sagte er verließ das Gemach und verschloss die Tür
    Die schreckliche Entdeckung machte ihn unruhig Er wendete sich zu Rosalien
und sagte
    »Hier werden wir schwerlich lange bleiben Ich meinte diese Trümmer würden
nur ein Aufenthalt der Ottern und Eulen sein und finde dass sie von Mördern
besucht werden«
    Rosalie schauderte zurück Rinaldo bedachte sich nicht lange und ging mit
dem Mädchen wieder dahin woher sie gekommen waren Sie eilten ins Freie und
waren kaum auf dem offenen Schlossplatze angekommen als ein Schuss fiel dessen
Kugel zwischen beiden durchfuhr Rinaldo bedachte sich nicht lange legte sein
Rohr an und gab Feuer auf den Busch aus welchem der Schuss kam
    Er vernahm einen lauten Fluch ein Geräusch und im Augenblick stand ein
Bewaffneter vor ihm der ihn donnernd anredete
    »Hier keinen Widerstand wo Batistello ist der gefürchtete Anführer einer
furchtbaren Truppe von Männern die der Schrecken der ganzen Gegend sind«
    RINALDO Ha sehe ich dich endlich gefürchteter Batistello von dem ich so
viel schon gehört habe Du bist es selbst
    BATISTELLO Ich bin es
    RINALDO Nun so wisse dass ich dir um kein Haar breit weiche denn auch ich
bin gefürchtet wie du  Ich bin Rinaldini der Unerschrockene
    BATISTELLO Ha treffen wir uns hier  Wisse dass wir mit Worten nicht
auseinander kommen Ich bin eifersüchtig auf deinen Ruhm Unser Zusammentreffen
kann sich nur mit der Unterwerfung des einen von uns beiden enden  Dass ich
mich dir nicht unterwerfen werde kannst du denken also greif zum Säbel und lass
sehen ob du ihn zu führen verstehst
    RINALDO Das sollst du erfahren  Lass aber deine Leute aus dem Hinterhalt
treten
    BATISTELLO Ich bin hier jetzt ganz allein Wer von uns beiden fällt ist der
Erbe des andern
    RINALDO Der meinige ist dieses Mädchen
    BATISTELLO Das wird sich geben Sie soll ungehindert abziehen und eine gute
Zehrung von mir erhalten Lass deine Leute vortreten
    RINALDO Sie sind über eine halbe Stunde weit von hier entfernt
    BATISTELLO Nun gut so zieh
    Rinaldo entledigte sich seines Gewehrs und seiner Jagdtasche Rosalien
traten Tränen in die Augen Rinaldo sah sie nicht zog und ging auf Batistello
los Dieser empfing ihn mit Kälte und Mut Es fiel Hieb gegen Hieb von beiden
pariert und wiederholt Sie hackten ein paar Minuten aufeinander los Rinaldo
wurde immer hitziger Batistello blieb kalt und bei Fassung Rinaldo sah und
hörte nicht mehr stürmte immer wütender auf seinen Gegner los und dieser zog
unbemerkt mit der linken Hand ein Terzerol Die Hand hinter den Rücken gelegt
schoss er es auf Rinaldo ab und fehlte ihn
    »Ha Nichtswürdiger«  schrie Rinaldo ergrimmt zog eine Pistole aus dem
Gürtel und schoss ihm eine Kugel durch den Kopf  Batistello fiel Rosalie
schrie laut auf
    Ohne eine Wort zu sprechen gab der Bandit seinen Geist auf Rinaldo packte
ihn und warf seinen Körper in den Busch aus welchem er auf ihn geschossen
hatte
    Hier lag ein Päckchen Er hob es auf und gab es Rosalien  Einen schönen
Ring zog er dem Toten vom Finger und eine Katze gefüllt mit Goldstücken riss
er ihm vom Leibe
    »Jetzt Rosalie«  schrie er  »Auf und davon ehe des Nichtswürdigen
Gesellen kommen«
Nach einem Wege von anderthalb Stunden fanden sie ein heimliches Örtchen mitten
im tiefsten Walde einen mit Buschwerk umwachsenen Hügel an dessen Fuße ein
silberheller Quell in den Abhang der Gegend hinabmurmelte In der Mitte des
Hügels war ein freies Plätzchen Hier ließ sie sich nieder und sprachen über
den blutigen Vorfall
    Rinaldo zählte das Gold in der erbeuteten Geldkatze und fand über 200 Stück
Dukaten einige goldene Schaustücke ungerechnet Indessen durchstöberte Rosalie
das Bündel und fand eine Waldbruderkutte ein Paar falsche Nasen einen Bart und
Wäsche die beiden sehr gelegen kam
    Sie nahmen hierauf eine kleine Mahlzeit ein koseten noch mancherlei
miteinander und übernachteten auf dem Flecke wo sie waren
 
                                  Zweites Buch
 Der Zufall weilt wo Liebe weilet
 Er wirkt und schafft er führt zum Ziel
 Dort wird der süße Raub geteilet
 Und immer kühner wird das Spiel
Die Sonne war aufgegangen Unser Pärchen machte sich auf den Weg  Sie kamen
der Landstraße näher und sahen als sie eben dieselbe wieder verlassen wollten
einen Bauer auf sich zukommen der bei ihrem Anblicke seine Schritte
verdoppelte Rosalie sprang in den Wald zurück Rinaldo aber blieb stehen und
erwartete die Annäherung des Bauern der noch weiter als zehn Schritte von ihm
entfernt ihm laut entgegenjauchzte
    »Sei gegrüßt du glücklich Wiedergefundener«
    Da erkannte Rinaldo an der Stimme dass es der wackere Cintio war der ihn
so froh grüßte
    Sie eilten aufeinander zu und umarmten sich mit Frohlocken  Rosalie trat
schüchtern herbei
    RINALDO Sehe ich dich wieder braver Cintio  Und du bist dem Tode
entkommen
    CINTHIO Glücklich  Ich Altaverde und der Bube Steffano wir sind es
glaube ich nebst dir allein die von uns allen entkommen sind Wir dreie
verwundet aber ich am leichtesten wurden über die Gebirge getrieben Bei dem
Kaprilischen Passe war Mateo mit seinem Kommando von den Soldaten beängstigt
worden und zog sich der Grenze näher zu sein über die Perlenhöhen Dort trafen
wir uns und erzählten ihm unser Unglück Es war nicht zu zaudern Wir griffen
einen Milizposten an ließ acht Mann auf dem Platze und schlugen uns durch
bis in die Waldungen wo ich dich jetzt so glücklich gefunden habe Und hier
hausen wir
    RINALDO Führe mich zu den braven Burschen  Ich weiß einen guten Platz für
uns
    CINTHIO Wer ist das Mädchen
    RINALDO Sie gehört mir an
    CINTHIO So sei sie gegrüßt und willkommen
    Nun wanderten sie dem Platze zu wo Mateo und seine Gesellen ihr Lager
aufgeschlagen hatten  Rinaldo wurde mit lautem Jubel empfangen und erzählte
die Geschichte seines Kampfs mit Batistello
    »Das war recht Hauptmann« schrie Mateo »dass du den Kerl
niederschossest«
    Hierauf beschrieb ihnen Rinaldo die Ruinen und sie brachen sogleich auf
von denselben Besitz zu nehmen  Da quartierten sie sich ein und fingen an zu
kochen und braten
    Gegen Abend gaben die Wachen Signale Alle griffen zu den Waffen und zogen
einem Trupp von zehn Mann entgegen die von Batistellos Bande waren Es kam bald
zwischen beiden Parteien zum Handgemenge die Batistellianer zogen den kürzeren
Sechs Mann blieben auf dem Platze Die übrigen vier unterwarfen sich schwuren
Rinaldo den Eid der Treue und wurden unter seine Bande aufgenommen
»Es kommt nicht wenig darauf an«  sagte Rinaldo als sie einige Tage unter den
Ruinen verlebt hatten  »zu wissen wie es in dem Florentinischen steht Ich
habe mich entschlossen selbst Nachforschungen anzustellen und werde daher
morgen auf einige Zeit von euch gehen Ihr sollt mich aber bald wiedersehen
hoffe ich Bis dahin mag Altavede das Kommando über euch führen Als Beistände
gebe ich ihm Mateo und Cintio zu« Den folgenden Morgen bestieg er fein
gekleidet ein schönes Pferd und Rosalie folgte ihm in Bubentracht auf einem
Maultiere nach
    Er schlug den Weg nach Oriolo ein und die Leser können leicht denken dass
er in die Gebirge eilte seinem Freunde Donato einen Besuch abzustatten
    Die Soldaten waren wieder in ihre Quartiere zurückgekehrt glaubten
Rinaldinis Bande ganz zerstreut zu haben und die Grenzen waren unbesetzt
    Es war ein schwüler Morgen als er sich Donatos Klause näherte Der Alte saß
vor der Tür seiner Einsiedelei hörte Hufschlag und stand eben auf dem Geräusch
entgegenzugehen als Rinaldo vor ihm stand Donato erkannte ihn nicht gleich
denn er hatte sein Gesicht unkenntlich gemacht dennoch aber hatte er eine
gewisse Ahnung mit der er ihn scharf ins Auge fasste
    RINALDO Gott mit dir Ich freue mich sehr dich wohlauf zu sehen ehrlicher
Freund
    DONATO Du kennst mich
    RINALDO Wir kennen uns beide  Kannst du nicht erraten wer ich bin
    DONATO Ach meine Ahnung  Und du lebst wirklich noch Man sagt für gewiss
dich tot
    RINALDO Desto besser  Du siehst aber dass ich noch lebe
    DONATO Was willst du nun hier
    RINALDO Dich will ich noch einmal besuchen ehe ich Italien verlasse
    DONATO Das willst du  Und in andern Ländern 
    RINALDO Will ich in der Stille leben Gutes tun und keine Räuber mehr
anführen
    DONATO Segne der Himmel deinen Vorsatz
    RINALDO Jetzt bleibe ich bei dir und verlasse dich vor morgen nicht wieder
    Pferd und Maultiere wurden abgesattelt die Mantelsäcke in Donatos Stube
gebracht und die Gäste nahmen Quartier Was sie bei sich hatten wurde für die
Tafel hergegeben und Rosalie in ihrer jetzigen Tracht Rosetto genannt nahm
sich der Küche an
Gegen Abend saßen Donato und Rinaldo vor der Tür und beobachteten den Zug
donnerschwangerer Gewitterwolken die die Gipfel der Berge umhüllten Flammende
Blitze durchkreuzten den schwülen Horizont und das verdoppelte Echo gab die
entfernten Donnerschläge zurück Nach und nach fielen Tropfen endlich strömte
der Regen herab und trieb sie in die Klause  Sie setzten sich an den Tisch
und Rosalie kredenzte den aufgetragenen Wein
    RINALDO Nun Freund da es sehr wahrscheinlich ist dass wir uns jetzt zum
letztenmal sprechen so sage mir Wo ist Aurelia
    DONATO Ich sage dir bei Hand und Schwur sie ist nicht mehr in dieser
Gegend
    RINALDO Im Kloster
    DONATO Nein  Ihr Vater hat sie mit sich genommen
    RINALDO Wer ist ihr Vater
    DONATO Mein Freund der Mann den du kennenlerntest als du letzthin von mir
gingst der Malteser der Prinz della Roccela
    RINALDO Ach gewiss Die Dame im Nonnenschleier ist Aureliens Mutter
    DONATO So ist es  Sie ging nach der Geburt ihrer Tochter ins Kloster denn
 ihr Liebhaber der Vater ihres Kindes ist wie du weißt MalteserRitter Der
Prinz hat seine Tochter mit sich genommen und wird sie vermählen
    RINALDO Bist du mit ihm verwandt
    DONATO Ich bin sein Oheim
    RINALDO Du bist 
    DONATO Ich bin ein verbannter Römer aus einem vornehmen Geschlecht der dem
verderblichen Nepotismus weichen musste dessen Anmassungen er sich widersetzte
    RINALDO Kann ich dir gegen deine Feinde dienen Willst du sie zur
Rechenschaft gezogen sehen Das Racheschwert lag schon oft in meiner Hand Oft
werden selbst Strafbare strafende Werkzeuge des Himmels
    DONATO Ich habe meinen Feinden verziehen und überlasse meine Rache dem
Himmel selbst ohne ihm vorzugreifen
    RINALDO Mein Anerbieten soll dich nicht beleidigen  Brauchst du Geld
    DONATO Ich brauche keins Du hast mich ohnehin neulich ohne meine
Erlaubnis beschenkt Wir trinken jetzt von dem Weine den ich von dir erhielt
    Schweigend leerte Rinaldini sein Glas und nach einer starken Pause fragte
er mit beinahe wehmütiger Stimme
    »Wird Aurelia glücklich sein«
    DONATO Ich hoffe und glaube es  Fürchtest du nichts dass du dich so ganz
allein in ein Land wagst wo allenthalben deine Verräter lauern
    RINALDO Ich bin nie ohne Bedeckung wenn sie auch nicht um mich ist
    DONATO Du bist ein gefürchteter Mensch
    RINALDO Und fürchte mich nur vor mir selbst
    DONATO So ringst du mit einem sehr mächtigen Feinde den du nie besiegen
wirst
Mit Tagesanbruch verließ Rinaldo seinen Wirt ließ ihm eine Sicherheitskarte
zurück und suchte einen Platz auf welchem er Geld vergraben hatte das er auch
glücklich wiederfand und eben war er im Begriff sein Pferd zu besteigen als
er einen Kapuziner auf sich zukommen sah den er bald erkannte Es war Amadeo
der in dieser Verkappung umherschlich und seine Kameraden suchte Sie
bewillkommneten sich beide und hatten sich viel zu erzählen
    Während eines guten Frühstücks dessen der PseudoKapuziner gar sehr
bedurfte schrieb Rinaldo einen Brief an seine Leute den er durch Amadeo an
Altaverde sendete Er schrieb
    »Die Umstände zwingen mich weiterzugehen und ich werde euch so bald nicht
wiedersehen können Wird euch euer jetziger Aufenthalt lästig oder unsicher so
geht in die Apenninen zurück wo ihr jetzt wieder ruhig sein könnt Vermehrt die
Truppe und seid vorsichtig Ich bin auf dem Wege einen großen Streich
auszuführen Vor allen Dingen empfehle ich euch Einigkeit und die gänzliche
Vernichtung der Batistellischen Bande«
    Mit dieser Depesche ging Amadeo den bezeichneten Weg zu seinen Kameraden
und Rinaldo schlug die Straße über Benedetto nach Sarsina ein um nach Cesena zu
gehen Unterwegs traf er auf Nikolo und Sebastiano die aus den Basinischen
Waldungen mit gutem Glück entkommen waren und die Grenze erreicht hatten Nikolo
erhielt von ihm Weisung seine Gesellen zu finden und Sebastiano blieb als
Kutscher bei ihm Denn zu Sarsina kaufte er sich vier Zugmaultiere und einen
Wagen weil die Last seines Gepäcks durch seine aufgegrabenen und glücklich
gefundenen Schätze immer stärker wurde Rosalie saß bei ihm in dem Wagen Er
reiste als Graf Dalbrogo weiter
Zu Cesena fand er einen Bänkelsänger der Rinaldinis Taten auf einem offenen
Platze unter einer bemalten Leinwandtafel absang Das um ihn herum versammelte
Volk hörte diesem Manne mit großer Aufmerksamkeit zu und Rinaldo drängte sich
in den Kreis zu hören was man von ihm sang Eben sang der Bänkelsänger
folgende Stanzen
Da lag er hart verwundet
Und seufzte jämmerlich
»Ach wer erbarmt sich meiner
Wer kommt und rettet mich
Sind alle meine Leute
So schnell davon geflohn
Ach wär doch hier ein Priester
Die Zunge stammelt schon
Er möge meiner Sünden
Und meiner bangen Qual
Mich väterlich entbinden
Und trösten überall«
Hier zog der Bänkelsänger den Hut vom Kopfe und schrie »Lasst uns o lasst uns
meine Christen ein Vaterunser beten für den armen beichtenden Rinaldini«
    Alle zogen die Hüte ab und falteten die Hände Rinaldo tat um nicht
aufzufallen was die andern taten und betete für sich selbst Hierauf warf der
Bänkelsänger den Hut unter die Zuhörer und schrie ihnen zu
    »Mai e io sono un povero Christiano Selig sind die da geben« Einer hob
den Hut auf und es regnete Kupfermünzen in denselben Rinaldo warf Silbergeld
hinein das zog ihm von einem Nachbarn ein
    »Bravo Christiano«
zu  Als der Hut wieder zu seinem Herrn kam strich dieser das Geld zusammen
steckte es zu sich setzte den Hut auf und sang fort
So seufzte Rinaldini
Und sprach im großen Schmerz
»Ach brich doch mein getreues
Zu viel beschwertes Herz«
Er sprach »Ach Jungfrau reine
Du unbefleckte Magd
Dich bitt ich um Erbarmen
Dir sei mein Leid geklagt
Erbarme dich des Sünders
Und nimm ihn zu dir auf«
Drauf gab er mit Verzücken
Sein böses Leben auf
Erlös uns Herr vom Übel
Und nimm dich unsrer an
Damit wir nie betreten
Des Lasters breite Bahn
Die Zuhörer waren alle erbaut und gerührt nur Rinaldo nicht und gingen
auseinander Der Bänkelsänger aber packte seine Herrlichkeiten zusammen und zog
auf einen andern Platz seine Romanze zu wiederholen Viele folgten ihm nach
die Geschichte noch einmal zu hören
    Rinaldo aber wendete sich zu seinem Nachbarn der eine Art von
Stadtviertelsmeister oder so etwas zu sein schien und fragte
    »Also ist der Erzräuber Rinaldini wirklich tot«
    »Ja«  erwiderte dieser  »Gott sei seiner belasteten Seele gnädig Er ist
wirklich tot und geblieben in einem Gefechte gegen die Toscanische Miliz Sein
Kopf steckt vor dem Ratause zu Pienza dort kann ihn jedermann sehen auf einem
Pfahle«
    »Das ist sehr gut«
    »Jawohl  Er war der Schrecken von ganz Toscana und der Lombardei 
Schade ewig schade dass er seine Verstandeskräfte und seine Tapferkeit nicht
besser anwendete«
    Ein Franziskaner erbot sich ein paar Messen für Rinaldini zu lesen und
erhielt Geld Rinaldo selbst gab ihm etwas dazu und beförderte also seine
Exsequien bei lebendigem Leibe
Als er den folgenden Tag Cesena verlassen wollte erblickte er den bekannten
Malteser der ihm auf der Straße entgegenkam Es war unmöglich ihm
auszuweichen Er fasste sich schnell ging auf ihn zu nahm ihn bei der Hand und
sagte
    »Prinz ich bin in Eurer Gewalt«
    »Mein Gott«  rief dieser verwunderungsvoll aus  »Seid Ihr es wirklich
Seid Ihr vom Tode auferstanden«
    RINALDO Ihr seht mich lebendig vor Euch
    PRINZ Fürchtet nichts von mir Ich bin kein Sbirre
    RINALDO Wenn ich Euch einmal in meinem Leben auf irgendeine Art dienen kann

    PRINZ Ohne Umstände  Seht Euch wohl vor
    RINALDO Man glaubt mich tot und singt mein unglückliches Ende auf allen
Straßen ab
    PRINZ Gut für Euch  Aber dass Ihr hier so öffentlich und allein 
    RINALDO Glaubt nicht dass ich allein bin In hunderterlei Gestalten umgeben
mich die Meinigen Sich meiner Person zu bemächtigen würde Blut genug kosten
    PRINZ Wollt Ihr nicht einmal endigen
    RINALDO Das will ich In Deutschland will ich die Meinigen auseinandergehen
lassen wenn es mir gelingt dieses Land zu erreichen  Wohin geht Ihr
    PRINZ Jetzt nach Urbino
    RINALDO Dort sehe ich Euch wieder  Prinz erlaubt mir die Frage Ist Eure
Tochter glücklich
    PRINZ Wie Ihr wisst 
    RINALDO Donato hat mir alles gesagt
    PRINZ Ja  sie ist glücklich verheiratet hoffe ich
    RINALDO Gott segne sie  Prinz Eure Maultiere wurden einst von meinen
Leuten 
    PRINZ Still davon
    RINALDO Ich bitte Euch nehmt diesen Ring von mir
    PRINZ Als ein Andenken von einem so merkwürdigen Mann als Ihr seid nehme
ich diesen Ring an
    RINALDO Ich danke Euch  Und da Ihr viel zu reisen pflegt so bitte ich
Euch nehmt diese Karte von mir Meine Leute werden sie allenthalben und
unbeschränkt respektieren
    PRINZ Ich nehme auch dieses Euer Geschenk an 
    RINALDO Gehabt Euch wohl und gedenkt meiner
    Er ließ sogleich anspannen und ging auf einem andern Wege weiter
Er schickte Sebastiano als er seine Maultiere verkauft hatte voraus brachte
sein Geld wieder in Sicherheit und zog sich in die Apenninen rechts hinunter
    Hier fand er eine leere Klause die nicht längst verlassen zu sein schien
wie eine noch ziemlich frische Schrift bezeugte welche auf dem Tische des
einzigen Einsiedlerzimmers lag In dieser hieß es »Wer du auch sein magst der
du nach mir diese Klause zu deiner Wohnung wählst so wünsche ich dir dass du
ebenso glücklich als ich der ich dieselbe bewohnte und dieses schrieb dieselbe
wieder verlassen magst«
    Rinaldo hatte dieses kaum gelesen als es ihm einfiel hier einige Zeit ein
Eremitenleben zu führen Die Kutte war schnell übergeworfen und Rosalie nahm
sich der Haushaltung an die aber was besonders Tisch und Keller betraf weit
glänzender war als ein gewöhnlicher Klausner sie zu haben pflegt
Er hatte hier einige Tage verlebt und war eben einmal auf seinem
Morgenspaziergang als er auf einen Menschen stieß der auf einer Anhöhe saß und
zeichnete Diesem nahte er sich grüßte ihn redete ihn an und fragte was er da
zeichne
    »Ich zeichne diese Gegend« antwortete jener  »weil sie in unsern Tagen
merkwürdig geworden ist denn hier ist Rinaldini gefallen Unter jenem Baume hat
er mit gespaltenem Haupte seinen Geist aufgegeben  Ein Soldat der mit in dem
Gefecht war hat mir diesen Platz genau bezeichnet  Ist der Platz gezeichnet
radiere ich ihn und verkaufe ihn illuminiert wovon ich einen guten Profit zu
ziehen hoffe Eine zweite Platte enthält das Gefecht das auch Käufer finden
wird  Auf dem ersten Blatt wo ich das Tal leer lasse bringe ich neben dem
Baume wo Rinaldini fiel einen Galgen an und die Sache wird emblematisch«
    Lächelnd nickte seinem Unternehmen wie es schien der Mann von dem er eben
sprach Beifall und sagte ganz trocken
    »Das gibt eine gute Spekulation«
    Der spekulative Künstler fiel rasch ein
    »So muss es in der Welt gehen Dergleichen Vorfälle müssen die Kunst
ernähren für welche die Menschen so wenig tun«
    Schnell verließ Rinaldo diesen Spekulanten und wünschte ihm guten Absatz
seines Kunstwerks Heimlich aber ärgerte er sich doch ein wenig über den Galgen
der zum sprechenden Emblem seines Grabmals gemacht werden sollte
    Als er nach seiner Klause zurückkam hörte er Lärm in derselben Er
lauschte vernahm drohende Stimmen und hörte Rosalien weinen
    Schnell trat er in das Zimmer wo Rosalie weinend auf der Bank saß und zwei
Kerle von ziemlich ungeschlachtem Ansehen waren eben damit beschäftigt ein
Wandschränkchen zu erbrechen Sie waren so sehr auf ihre Arbeit erpicht dass sie
ihn nicht kommen hörten Er winkte Rosalie die ihn sah zu schweigen trat
rasch hinzu warf den einen Kerl zu Boden und bemächtigte sich einer Pistole des
Räubers die auf dem Tische lag Rosalie zog schnell eine Stutzbüchse hinter dem
Stuhle hervor sprang auf und legte auf den zweiten Kerl an der ganz betäubt
sein Werkzeug womit er an Erbrechung des Schrankes gearbeitet hatte fallen
ließ
    Indem Rinaldo dem Unterliegenden die Pistole auf die Brust setzte rief er
dem andern zu
    »Leg deine Waffen ab«
    Rosalie schrie ihm eben diesen Befehl zu und setzte hinzu
    »Leg ab oder ich schieße dich nieder«
    Beide Räuber wurden entwaffnet und Rinaldo fragte nun ganz gelassen
    »Was habt ihr hier zu tun und wer seid ihr«
    »Habt Respekt« antwortete der eine  »Wir gehören zu Rinaldinis Leuten«
    »Nimmermehr« sagte Rinaldo  »Dergleichen erlauben sich Rinaldinis Leute
nicht Ich behaupte ihr seid Gauner die Rinaldini ebensowenig als ihr ihn
selbst kennt  Schurken die ihr seid stürzt nieder  Ich  ich selbst bin
Rinaldini«
    Beide fielen erschrocken nieder und umfassten seine Knie
    »Vergebung Hauptmann«  stammelte der eine  »Wir kannten dich nicht
Aber seit drei Tagen gehören wir wirklich zu den Deinigen Altaverde und Cintio
haben uns selbst geworben  Wir haben Strafe nach deinen Gesetzen verdient
Züchtige uns nach Wohlgefallen«
    Eben wollte Rinaldo antworten als die Tür aufging und Cintio in das Zimmer
trat
    »Ihr habt schöne Hechte angeworben«  rief ihm Rinaldo entgegen
    CINTHIO Zum Teufel Du hier Hauptmann in einer Klausnerkutte  Da hätte
ich dich nicht gesucht  Wie freue ich mich dich wiederzusehen  Was diese
Kreuzbeine anbetrifft so sind sie noch Neulinge 
    RINALDO Kennen aber doch unsere Gesetze
    CINTHIO Die sind ihnen vorgelesen worden
    RINALDO Und sie haben sie beschworen
    CINTHIO Das haben sie
    RINALDO Das Mädchen war allein daheim und wie ich komme arbeiten sie
daran den Schrank aufzubrechen
    ROSALIE Und ich zeigte ihnen noch zum Überfluss eine Sicherheitskarte von
Rinaldini vor
    RINALDO Wie
    CINTHIO Tausend Schwerenot und ihr respektiertet diese Karte nicht  Heda
Kameraden bindet diese Nichtswürdigen an den Baum dort und schießt sie nieder
Sie haben des Hauptmanns Sicherheitskarte nicht respektiert
    »Alle Wetter über euch Schnapphähne Ihr seid schlechte Burschen« schrien
die Räuber durcheinander die jetzt auf Cintios Ruf hereintraten packten die
Unglücklichen an führten sie hinaus banden sie an den bezeichneten Baum und
bliesen ihnen mit acht Kugeln das Lebenslicht aus
    Dieser Vorfall machte dass Rinaldo die Klause verließ  Cintio zog seine
Leute zusammen Sie gingen zwanzig Köpfe stark in den Tälern hinab in die
Fortinischen Gebirge wo Altaverde mit sechzig Leuten stand weil sie Bewegungen
im Kirchenstaate bemerkten die auf ihre Aufhebung in den Waldungen wo sie
vorher lagen abzweckten
    Rinaldo ließ sein Gezelt auf der Spitze des höchsten Berges gegen Belforte
zu aufschlagen musterte seine Bande und verlegte sie rundherum in die Gebirge
bis vor Brandolino  Man war begierig zu sehen was er tun würde Alles blieb
ruhig
Einige Tage darauf kam Altaverde zu ihm 
    »Hauptmann  sprach er  es fängt nach und nach an an Lebensmitteln zu
fehlen«
    RINALDO Das ist schlimm
    ALTAVERDE Jawohl  Deine Leute murmeln auch schon und raisonnieren über
ihre Untätigkeit
    RINALDO So müssen wir sie beschäftigen
    ALTAVERDE Natürlich  Zudem wird auch das Geld bei einigen rar Sie spielen
und verlieren
    RINALDO Gut  Hier sind zweihundert Zechinen Diese will ich den Burschen
schenken Beschäftigung sollen sie auch bekommen Lass diesen Abend das ganze
Korps zusammenrücken Ich will die Rollen verteilen
    Der Abend kam und die Bande versammelte sich in dem bestimmten Tale 
Rinaldo trat in dem Schmucke seiner Hauptmannswürde unter sie und hieß sie einen
Kreis um ihn schließen Dann sprach er
    »Kameraden euer Proviant geht wie ich höre auf die Neige und es ist
billig dass wir Anstalten treffen frische Lebensmittel zu erhalten Bis dies
nun mit Klugheit geschehen kann verteile ich hier zweihundert Stück Zechinen
von meinem Eigentum unter euch«
    »Es lebe unser großmütiger Hauptmann«  jauchzten alle dass die Berge
widerhallten
    Er aber nachdem er den Hut gezogen und sich wieder bedeckt hatte sprach
weiter
    »Für dieses Geld sucht einstweilen in den benachbarten Orten Proviant
einzukaufen Einige von euch die der Gegend kundig sind mögen sich in
Eremitenkleidern diesem Geschäfte unterziehen Sie haben sich deshalb mit
Altaverde zu besprechen der das Ganze ordnen wird  Binnen fünf bis sechs
Tagen werde ich wieder mit euch sprechen und hoffe euch dann zu einem großen
Unternehmen anführen zu können  Cintio mag sich indessen mit zwölf Mann in
die Grenzwaldung nach der Heerstraße zu begeben und kommen Weinladungen
Früchte oder Öl vorüber so weiß er was er zu tun hat Ich gebe ihm hiermit
Geld den armen Fuhrleuten zu bezahlen was er ihnen abnimmt und sie unter
hohen Drohungen zur Verschwiegenheit zu ermahnen Wagen und Maultiere mögen den
Leuten gelassen werden Kommt aber ein reicher Müßiggänger ein Prälat oder so
etwas von dieser Art euch in den Wurf so nehmt ihm ab was er von Gelde und
Geldeswerte bei sich hat Gegen arme Wanderer und Klausner aber empfehle ich
euch nochmals Schonung Jede Plünderung dieser Art bestrafe ich mit dem Leben
wie ihr wisst  Nun begebt euch zurück auf eure Plätze und schlaft wohl«
    Er ging und ein lautes Freudengeschrei tönte ihm nach
Als er in sein Gezelt zurückkam fand er Rosalie ängstlich und erschrocken im
Winkel sitzen
    ER Was ist dir
    SIE Ach  Ich zittere am ganzen Leibe
    ER Was gibt es
    SIE Eine weiße Gestalt ist hier zweimal vorübergeschlüpft Sie sah das
zweitemal in das Gezelt herein erhob die Hand und drohte mit dem Finger  Ich
danke Gott dass du wieder da bist
    Ohne ein Wort zu sprechen gab Rinaldo das Signal und es kamen bald einige
von seinen Leuten herbei unter denen auch Cintio war
    Rinaldo erzählte was Rosalie gesehen hatte und befahl sogleich Wachen um
den Berg herum zu stellen auch schickte er Sebastiano an Altaverde ab dem er
Vorsicht empfehlen und das Geschehene melden ließ
    Alle gingen an ihre Posten und Rinaldo streckte sich auf sein Feldbett
nachdem er noch eine zweite Lampe hatte anzünden lassen
    Eben wollte er sprechen als die weiße Gestalt in das Gezelt trat  Rosalie
schrie laut auf
    »Jesus Maria da ist sie«
    Rinaldo richtete sich auf und fragte
    »Wer bist du«
    Er wiederholte diese Frage und als er keine Antwort erhielt ergriff er
seine Pistole schlug an und sagte
    »Wenn du ein Geist bis so erwarte diese Kugel«
    Die Figur drohte mit dem Finger Rinaldo drückte ab Sein gutes Gewehr
versagte Als er den Hahn wieder aufzog verschwand die Gestalt am Eingange des
Gezelts Er sprang auf und eilte hinaus Nichts war zu sehen und zu hören
Gleich darauf fiel im Tale ein Schuss dann ein zweiter und endlich ein dritter
    Drei seiner Leute hatten Feuer nach einer weißen Gestalt gegeben
    Auf diese Schüsse kam alles in Alarm Die Hörner ertönten die Pfeifchen
erklangen und schnell war das Korps beisammen
    Man erzählte sich was geschehen sei und ging als weiter nichts erfolgte
mit verschiedenen Gedanken auseinander
Rinaldo trank einen Becher Wein als er in sein Gezelt zurückkam und Rosalie
musste eben das tun Dann legten sich beide nieder Rosalie entschlief bald
Rinaldo aber sprach mit sich selbst
    »Die Geschichte erzählt uns Beispiele dass dergleichen Erscheinungen
berühmten Männern den Untergang weissagten  Brutus Gespenst sprach Diese
Erscheinung aber nicht Sie drohte mit dem Finger  Mir  Sie hat ja aber auch
Rosalien gedroht als sie allein im Gezelte war  Ihr zuerst Mir später 
Einbildung war es nicht Unserer fünf haben es gesehen  Mein gutes Gewehr
versagte das noch nie versagt hat  Die andern konnten schießen Sie wissen
ihren Mann mit ihren gezogenen Rohren fest zu fassen und trafen nichts  
Wunderbar  Doch wozu mache ich mich selbst furchtsam  Furchtsam  Das bin
ich nicht Bedenklich  Nein auch das will ich nicht sein Das hätte ich eher
sein müssen Jetzt wär es zu spät«
    Er konnte nicht schlafen sprang auf warf seinen Mantel um und ging hinab
ins Tal Er sprach und trank mit seinen Wachen und fing an über den Vorgang zu
scherzen
    Die Sonne ging eben auf Er weidete seine Augen an dem herrlichen Schauspiel
und seufzte
    »Sie geht mir doch nicht mehr so schön auf als damals da ich noch bei
meinen Ziegen war«
    Da kam Nikolo herbeigesprungen und jauchzte
    »Hauptmann wir haben einen Transport erbeutet der den reichen Mönchen zu
Mangolo gehörte Deshalb haben wir ihn nicht bezahlt  Was das Lustigste bei
der Sache ist Ein Pater der dabei war musste uns allen noch dazu Absolution
erteilen Er gab sie uns mit kläglicher Stimme und wir ließ ihn ziehen« »Der
Vorfall wird Aufsehen machen«  sagte Rinaldo und ging nachdenkend in sein
Gezelt zurück wo Rosalie eben aufgestanden war und Schokolade kochte
Er setzte sich mit seinem Frühstück vor das Gezelt und überschaute das dampfende
Tal Die Strahlen der Sonne wurden mächtiger der Nebel entfloh und die
herrliche Fläche lag in ihrer ganzen unbeschreiblichen Schönheit vor seinen
Augen Er überschaute durch sein Fernrohr die Landstraßen und sah sie alle leer
Nur auf der einen schien sich ein Fuhrwerk langsam fortzubewegen Er befahl
Sebastiano zuzusehen was es dort gebe Dieser flog davon
    Rinaldo fasste ein schönes nicht allzu entfernt gelegenes Schloss ins Auge
welches schon längst seine Aufmerksamkeit gereizt hatte ohne sich selbst ein
Warum deshalb angeben zu können Dasselbe in der Nähe zu besehen war jetzt
sein Vorsatz Er kleidete sich in ein grünes mit Gold besetztes Jagdkleid
setzte einen Federhut auf nahm sein Doppelrohr und ging in Begleitung eines
Windspiels den Berg hinab auf die Straße die zu dem Schloss führte
    Rechts lag ein Kloster besetzt mit wohlgenährten Benediktinern vor dessen
Pforte ein Mönch in einem Buche lesend auf und ab spazierte
    Nach einem Morgengrusse von beiden Seiten kamen sie ins Gespräch
    RINALDO Ihr seht mich wie es scheint verwunderungsvoll an Warum das
    PATER Ich wundere mich dass Ihr so allein hier umhergeht als sei gar nichts
zu fürchten
    RINALDO Was sollte denn auch zu fürchten sein
    PATER Ihr wisst das nicht  Es hausen Räuber in den Gebirgen
    RINALDO Wovon ich noch nichts gehört habe
    PATER Aber es ist Wahrheit Wir haben es empfunden Die Räuber haben uns
eine Ladung Wein genommen und P Bernhard der dabei war hat die Spitzbuben
noch dazu absolvieren müssen Eine solche Absolution ist aber erzwungen und
folglich ungültig Auch soll den Buschkleppern der Spaß nicht wohl bekommen
    RINALDO Wieso
    PATER Die bösen Buben sollen von uns nicht allein förmlich exkommuniziert
werden sondern wir werden auch ihr Begehen höheren Orts anzeigen und es wird
bald ein Aufgebot von Mannschaft gegen sie ergehen die sie aus ihren
Schlupfwinkeln jagen wird
    RINALDO Da wird Blut fließen
    PATER Es fliesse dessen soviel wie möglich zum Besten der beraubten
Menschheit
    RINALDO Kann ich für Geld und gute Worte ein Frühstück bei Euch bekommen
    PATER Warum das nicht Wollt Ihr eintreten
    RINALDO Ich will es hier im Freien genießen und mich dann wieder auf den
Rückweg machen weil Ihr mir sagt die Gegend sei nicht sicher
    Der Pater ging und kam bald mit einem Laienbruder wieder zurück der eine
Flasche Wein und etwas Gebackenes mit sich brachte
    PATER Um Vergebung Seid Ihr denn nicht hier herum wohnhaft
    RINALDO Ich bin als Gast bei einem Freunde dessen Schloss nicht weit von
hier liegt
    PATER Aha  Ihr habt also nichts von dem berüchtigten Rinaldini gehört
    RINALDO Und doch Er soll in einem Gefechte geblieben sein und zu Cesena
habe ich seinen Tod umständlich vernommen
    PATER So sagt man Indessen wollen doch einige behaupten dieser Proteus
lebe noch Denn ein wahrer Proteus soll er sein und in tausenderlei Gestalten
wandeln
    RINALDO Kennt Ihr ihn nicht
    PATER Gott bewahre  Indessen wenn wir gewiss wüssten wo er anzutreffen
wäre würden wir suchen von ihm eine Sicherheitskarte für uns und unser
Eigentum zu erhandeln
    RINALDO Was müsstet Ihr wohl dafür geben
    PATER Wir böten ihm 100 Zechinen und rückten zu wenn er mehr forderte
    RINALDO Wenn Ihr aber nun das Geld den Soldaten gäbt die gegen ihn
ausgeschickt würden 
    PATER Das würde wenig helfen Seine Bande wächst gleich wieder an wenn sie
auch zehnmal halb niedergehauen wird Sie soll ohnehin jetzt über 500 Mann stark
sein
    RINALDO Mein Gott Wovon der Mann nur diese Leute alle ernähren mag
    PATER Vom Raube Sie stehlen wie die Raben diese heillosen Buben
    RINALDO Ich dächte aber doch wenn man es klug anfing so müsste diesem
Unwesen zu steuern sein
    PATER Klug  Wie das
    RINALDO Es sind nur so meine Gedanken 
    PATER Ei nun jeder Mensch kann kluge Gedanken haben er sei Laie oder
Priester  Was meintet Ihr wohl dass zu tun sein könnte
    RINALDO Nach meinen Einsichten muss das die Regierung tun
    PATER Zum Beispiel
    RINALDO ZB ein allgemeiner Pardon für Rinaldini und seine Leute 
    PATER Gott bewahre
    RINALDO Eine Einladung zur Rückkehr in die Arme der bürgerlichen
Gesellschaft 
    PATER Gott stehe uns bei Wer wollte mit solchem Spitzbubenvolke in einer
Gesellschaft leben Man kann ja einen frommen Christen mit gutem Gewissen nicht
einmal neben einem solchen Galgenstrick begraben geschweige denn dass man ihm
sollte zumuten können neben und mit ihm zu leben  Nein damit ist es nichts
 Ihre Sünden kann man diesen Verworfenen allenfalls in der Todesstunde
vergeben wenn sie sich zu Gott bekehren aber hängen müssen sie ohne Gnade
Sterben sie in ihren Sünden und ohne Absolution so mag sie der Teufel holen 
Gemeinschaft aber muss man mit solchem Gesindel nicht haben
    RINALDO Ihr wollt ja aber doch selbst in Gemeinschaft mit ihnen treten
    PATER Wir  Davor bewahre uns Gott
    RINALDO Wollt Ihr nicht eine Sicherheitskarte erkaufen
    
    PATER Das ist keine Gemeinschaft sondern Klugheit Man streckt sich nach
der Decke  Wir kaufen ihnen die Sauvegarde ab und exkommunizieren sie pleniter
hintennach Dergleichen Volk behandelt man wie die Heiden die nichts von Gott
wissen
    RINALDO Gesetzt nun ich wüsste das  und ich wär Rinaldini 
    PATER Wovor Euch Gott in Gnaden bewahren wolle
    RINALDO Es ist nur ein Fall 
    PATER Nun ja doch Aber 
    RINALDO So würde ich  als Rinaldini versteht sich 
    PATER Ja ja
    RINALDO So würde ich euch Herren schlimm über die Kronen kommen
    PATER Es ist gut dass es Rinaldini nicht weiß
    RINALDO Jawohl
    PATER Denn er soll ein rachgieriger Bursche sein  Vielleicht aber lebt er
doch wohl gar nicht mehr
    RINALDO Das ist sehr wahrscheinlich  Zu Pienza soll sein Kopf auf einem
Pfahle stecken sagt man
    PATER So  Aber ich fürchte seine Nachfolger ebensosehr wie ihn selbst
    RINALDO Wer weiß auch ob sie seinen Kopf haben
    PATER Kopf Hm daran kann nun so viel eben nicht sein Er war ja in seiner
Jugend bloß ein Ziegenhirt
    RINALDO Deshalb kann ihn aber doch die Natur besser als manchen Prälaten
bedacht haben
    PATER Er hat keine Studia gehabt Natur tuts nicht allein  Ihr habt doch
studiert
    RINALDO Auf drei hohen Schulen
    PATER Habt Vermögen
    RINALDO Ich bin reich
    PATER Reichtum ist eine Gabe Gottes Wen er lieb hat dem gibt er Geld und
 notabene  Verstandeskräfte dasselbe wohl anzuwenden  Wir sind eben so
reich nicht als wir scheinen Der Schein blendet Zu leben haben wir aber 
Überfluss ist nicht da
    RINALDO Taugt auch nichts Er macht faul träge untätig erschlafft und
entnervt  Euer Wein ist gut
    PATER O ja Wir haben ein gutes Glas Wein  für Fremde Für uns selbst
wächst so etwas nicht Da tuts etwas Geringeres auch
    RINALDO So trinkt mit mir
    PATER Danke
    RINALDO Ohne Umstände
    PATER Nun  wenn Ihr darauf besteht  wenn Ihr es durchaus haben wollt so 
Euer Wohlergehen edler Herr
    RINALDO Wohl bekomm es  Weil wir denn so wohlgemut hier beisammen sind
so wollen wir noch eine Flasche in Kompagnie leeren  Nicht
    PATER Je nun ich 
    RINALDO Ihr trinkt ja doch auch gern
    PATER Libenter Das eben nicht aber 
    RINALDO Keine Umstände  Sagt mir doch wem gehört denn das schöne Schloss
dort drüben
    PATER Seit nicht gar langer Zeit gehört es einem gewissen Baron Rovezzo der
es gekauft hat Vorher gehörte es der Familie Altieri
    RINALDO Der Baron bewohnt es
    PATER Er bewohnt es nebst seiner jungen liebenswürdigen Gemahlin Sie sind
nicht lange miteinander vermählt Sie soll eine stille christliche Dame sein
Der Baron ist ein wenig wild ein Jagdteufel und reitet wie man sagt auf Tod
und Leben  Was ich sagen wollte Dürfte ich auch um Euren Namen bitten
    RINALDO Graf Dalbrogo
    PATER Dalbrogo  Dalbrogo  Ein Geschlecht aus 
    RINALDO Aus der Italienischen Schweiz
    PATER Aha Aus der Schweiz  So so 
    Indem sie so sprachen kam Sebastiano einhergeschlichen und näherte sich
beiden Rinaldo gab ihm einen Wink den dieser verstand
    RINALDO Wandersmann wohinaus
    SEBASTIANO In die Berge wo ich wohne
    RINALDO Seid ihr dort sicher
    SEBASTIANO Warum nicht
    RINALDO Man spricht von Räubern
    SEBASTIANO Wo sie nichts finden können sie nichts nehmen Wir haben nicht
viel zum Besten Hinter solchen Mauern wie hier steckt mehr
    PATER Ach Gott was sagt ihr ihr unverständiger Mensch  Das wenige was
bei uns zu finden ist ist Kirchengut  Was uns selbst betrifft so ist bei uns
nichts zu suchen und zu finden als die liebe christliche Armut
    SEBASTIANO Die euch aber recht wohl nährt  Adio
    PATER Hört einmal an  Der Kerl sieht mir verdächtig aus  Er gehört
vielleicht gar selbst zu der infernalischen Räuberbande
    RINALDO Die Gebirgsbewohner sind meist wilden Ansehens  Indem ertönte die
Glocke Der Pater eilte ins Chor Rinaldo bezahlte seine Zeche und nahm seinen
Weg gerade auf das Schloss zu
Eine hohe Mauer umfing das Innere eines schönen Gartens nahe an dem Schloss
Eine Gittertür fand Rinaldo offen und ging in den Garten
    Er nahte sich eben einem Boskett als er ein Frauenzimmer gewahr ward das
kaum ein Geräusch von Fusstritten hinter sich vernahm als es sich herumdrehte 
Sie erblickte Rinaldo und schrie laut auf Dieser erkannte sie sogleich und
nahte sich ihr
    ER Ist es möglich Darf ich meinen Augen trauen Ist es Phantasie oder
Wirklichkeit  Aurelia die schöne Aurelia hier  Hier in diesem Schloss
    SIE Es ist das Schloss meines Gemahls
    ER Gemahls Also wirklich verheiratet
    SIE Ja  Leider
    ER Wie  Tränen in Aureliens Augen
    SIE O diese Zeugen meines Unglücks die mich überall hin durch dies Leben
begleiten werden können Euch mein Leid erklären
    ER Aurelia  Unglücklich verheiratet
    SIE Ach Gott
    ER Ach wenn der gute alte Donato 
    SIE O dass man mich bei ihm in seiner Einöde gelassen hätte Dass ich auf dem
Meierhofe meines Pflegevaters geblieben wär Wie glücklich wär ich noch Mein
guter Vater meinte es auch gut er wollte mich glücklich machen aber ich bin es
nicht
    ER Sollte Aurelia vielleicht den Stoff zu ihrem Unglück mit sich hierher
genommen haben
    SIE Wie meint Ihr das  Mein Herz war frei Unschuldig und rein war ich
als ich zu meinem Gemahl kam  Mein Vater gab mir eine sehr große Aussteuer
Nach dieser hat mein Mann gefreit  Ach Freund meines guten Donato sprecht
Ihr diesen ehrwürdigen Alten so sagt ihm wie unglücklich ich bin
    ER Wollt Ihr Euch mir ganz anvertrauen
    SIE Mein Vater kennt Euch auch und 
    ER Was hat Euch Euer Vater von mir gesagt Wisst Ihr wer ich bin
    SIE Als ich mich nach Euch erkundigte nannte er Euch einen berühmten Mann
aber Euren Namen sagte er mir nicht
    ER Nehmt mich für den Graf Dalbrogo Und ihr wisst doch dass ich Euers Vaters
Freund bin Noch vor kurzem haben wir zu Cesena freundschaftlich unsere Ringe
gewechselt Hat er Euch davon nichts gesagt
    SIE Ich habe ihn lange nicht gesehen und gesprochen
    ER Weiß er Euer Unglück
    SIE Wenn er meine Briefe erhalten hat muss er es wissen Aber ich zweifle
fast daran denn noch immer habe ich auf keinen dieser Briefe Antwort erhalten
oder mein Mann unterschlägt vielleicht durch seine Spione meine Briefe selbst
    ER Gut  Mich soll er weder bestechen noch unterschlagen können Ich werde
Euren Vater sprechen und werde ihm alles sagen was Ihr mir an ihn auftragen
wollt
    SIE Wollt Ihr das
    ER Ich gebe Euch mein Ehrenwort Welche Klagen habt Ihr gegen Euren Mann
    SIE Er ist mein Tyrann Er begegnet mir verächtlich Er bricht seine
eheliche Treue beinahe vor meinen Augen mit feilen Kreaturen die er im Schloss
unterhält
    ER Schlecht
    SIE Er peinigt und quält mich unaufhörlich mit Vorwürfen 
    ER Mit welchen
    SIE Ach Gott meine aussereheliche Geburt die   Ach er wusste das ja als
er mir seine Hand gab
    ER Liebt Ihr ihn
    SIE Ich habe ihn geliebt  Er hat sich mir selbst verhasst gemacht
    ER Ihr hasset ihn
    SIE Ich verabscheue ihn wie meine Sünden  Noch erst gestern gab er mich
dem Hohngelächter seiner Spiessgesellen preis und seine feilen Dirnen spotten
meiner allenthalben Man behandelt mich wie eine Dienstmagd
    ER Ihr sollt Genugtuung haben
    SIE Ich bin fest entschlossen wenn mein Vater sich meiner nicht bald
annimmt diesen schändlichen Ort der höchsten Ausgelassenheit zu verlassen zu
entfliehen
    ER Wohin wollt Ihr gehen
    SIE Zu meiner Mutter
    ER Wo ist sie
    SIE Sie ist Äbtissin des Klaren Klosters bei Montamara
    ER Als ich Aurelien das erstemal in jenem stillen Tale sah als ich sie
nachher bei Donatos friedlicher Hütte sprach sagte ich zu mir selbst Wie
beneidenswert wird der Mann sein dem Aurelia einst Herz und Hand geben wird
Und dieses gute edle Mädchen soll unglücklich sein  Nein wahrlich nicht 
Wenigstens soll sie Rache haben Dies schwört ihr feierlich  ein Mann der
Wort halten kann  Graf Dalbrogo
    SIE Ach Graf warum wollt Ihr Euch meinetwegen vielleicht in Verlegenheit
stürzen
    ER In die Hölle für Euch  Ich könnte für Aurelien mit Ungeheuern und
Teufeln kämpfen
    SIE Graf Dieses fürchterlich rollende Auge 
    ER Wie lerne ich den Nichtswürdigen kennen den Ihr Mann nennen müsst  Ist
er im Schloss
    SIE Er ist mit seinen Gesellen auf der Jagd
    ER Wer sind diese Menschen
    SIE Abenteurer aus allen Winkeln der Erde die sich um ihn herum versammelt
haben und mein Vermögen mit ihm verprassen verspielen vertrinken und  ach
Gott Es sind sehr schlechte Menschen Zwei Franzosen und ein Sizilianer die
vielleicht alle den Händen der Justiz entronnen sind Sie nennen sich Edelleute
aber das sind sie gewiss nicht Ihr solltet sehen wie sie mich mit
Unanständigkeiten misshandeln
    ER Bei Gott säh ich das so wäre es ihre letzte Misshandlung in der Welt
    SIE O Graf Ihr als ein fremder Mann wolltet 
    ER Meinen freiwilligen Schwur will ich lösen und Euch rächen Das schallende
Gelächter dieser Buben soll sich in Klagen verwandeln und Ihr sollt
fürchterliche Genugtuung haben oder ich will nicht  Dalbrogo heißen  Wessen
ist das Bild das Ihr auf Eurer Brust tragt
    SIE Das Portrait meines Mannes
    ER Zeigt es mir  Ist er getroffen
    SIE Ganz
    ER Gut  Nun kenne ich ihn  Herab mit dem Bilde von Eurem Busen
    SIE Um Gottes willen nicht Er würde mich misshandeln trüg ich es nicht
mehr hier
    ER Hat er es schon einmal gewagt Euch tätlich zu misshandeln
    SIE Ach Gott noch trage ich die Spuren seiner Grausamkeit an meinem Leibe
    ER O er soll Denkmale einer Vergeltung tragen die 
    SIE Um Gottes willen dort kommt mein Mann mit seinen Gesellen die Allee
herauf
    ER Es ist zu spät zu entfliehen Bleibt Ich bleibe auch Ich bin ein
Freund Euers Vaters der mir Grüße an Euch aufgetragen hat  In meiner
Gegenwart sollen sie nichts wagen Mit einem einzigen Worte kann ich sie zu
Boden schmettern wenn ich will Und ehe der morgige Tag anbricht sollt Ihr
gerettet sein
Der Baron und seine Begleiter kamen näher Rinaldo trat ihnen auf einige
Schritte entgegen und zog seinen Hut mit der Anrede »Es freut mich sehr Herr
Baron Eure Bekanntschaft zu machen Der Prinz Euer Schwiegervater lässt Euch
grüßen und Euch durch mich seinen nahen Besuch melden Ich bin sein Freund Graf
Dalbrogo ist mein Name«
    »Euer Diener« antwortete der Baron ganz kalt wendete sich darauf zu
Aurelien und sagte mit spöttischem Lächeln »Vermutlich auch ein alter Bekannter
von Euch Und Ihr habt diesen angenehmen Gast und Überbringer einer so frohen
Botschaft von Eurem Vater nicht in Eurem Zimmer empfangen« 
    »Verzeiht«  setzte er hinzu indem er sich gegen Rinaldo drehte »den
Fehler der Etikette meiner Frau Sie ist auf einem Meierhofe erzogen worden
Doch das wisst Ihr vielleicht schon«
    RINALDO Das weiß ich Sie hat unter sehr edlen und guten Menschen gelebt
    BARON Also mein Schwiegervater will uns besuchen  Hat der gute Herr den
Tag seines Besuchs nicht bestimmt
    RINALDO Ich glaube Ihr habt ihn mit jedem Tage zu erwarten
    BARON Ärgerlich Und ich habe auf Morgen eine Reise festgesetzt die ich
nicht aufschieben kann
    RINALDO Er wird Eure Rückkehr erwarten Er sagte er habe notwendig er habe
mancherlei mit Euch zu sprechen
    BARON So  Ja mein Gott es kann wohl sein dass ich einige Monate
wegbleibe  Ihr werdet den Prinzen vermutlich hier erwarten wollen
    RINALDO Nein  Ich habe dringende Geschäfte in Rom und werde mich sogleich
dahin auf den Weg machen Wärt Ihr nicht soeben gekommen so würde ich sogar das
Vergnügen haben entbehren müssen Eure Bekanntschaft zu machen Ich wollte schon
Abschied von Eurer Gemahlin nehmen als ich Eure Ankunft vernahm
    BARON Ein Mittagsbrot werdet Ihr doch wohl bei uns einnehmen
    RINALDO Ich muss danken
    BARON Ich bitte sehr
    RINALDO Es ist mir unmöglich Die Stunden sind mir zugezählt
    BARON Ich bedaure dass ich nicht das Vergnügen Eurer Bekanntschaft habe
früher genießen können Indessen hoffe ich meine Frau wird Euch wohl
unterhalten haben Sie müsste denn ihre fatale Laune gehabt haben was so ganz
gewöhnlich bei ihr der Fall ist.
    RINALDO In der Tat  verzeiht  hätte ich so wie ich Eure Gemahlin fand
mehr auf Kummer als auf üble Laune gerechnet Indessen wollte ich nicht
unbescheiden sein und 
    BARON Ja ja sie überwirft ihrer fatalen Laune gewöhnlich den Mantel des
Kummers und ihren Eigensinn nennt sie Gram
    RINALDO Sie war doch sonst so froh unbefangen und heiter 
    BARON Vielleicht ist sie nicht nach ihrem Geschmack verheiratet  Herr
Graf Ihr hättet sie nicht an mich sollen kommen lassen
    RINALDO Herr Baron Ihr scherzet
    BARON Wahrlich nicht Dieses Gänschen aus den Schäferfluren wäre vielleicht
in Eurer Hut besser gediehen So ist sie noch immer was sie war
    RINALDO Also gut edel und liebenswürdig
    BARON Für den Liebhaber
    RINALDO Herr Baron ich merke mit Erstaunen dass Eure Ehe  nicht glücklich
ist
    BARON Das wird Euch dieses Muster von Sanfteit schon selbst gesagt haben
Sie klagts ja der ganzen Dorfwelt
    RINALDO Bei Gott es tut mir leid  dass Euer Herr Schwiegervater das so
finden muss wie es ist
    BARON Er mag sie wieder mit sich nehmen oder sie zu ihrer ehrenfesten
Mutter stecken
    RINALDO Herr Baron diese Bitterkeit zeigt an 
    BARON Dass ich die Närrin los sein möchte Weiter nichts  Wollt Ihr sie
etwa gleich mitnehmen
    RINALDO Herr Baron keine Beleidigungen Ich höre sie nicht gelassen an
    BARON Diese Wärme für die Sache meiner Frau beweist 
    RINALDO Das was sie beweisen soll Nichts mehr und nichts weniger Ich bin
der Freund ihres Vaters der gewiss nicht zugeben wird 
    BARON Er kann ja das Kleinod wiederbekommen Ich mag es nicht mehr
    RINALDO Und Ihr verdient auch nicht es zu besitzen
    BARON Donnerwetter Herr Graf 
    RINALDO Was beliebt
    BARON Schert Euch zum Teufel und nehmt die MagdalenenFigur mit Euch dass
sie mir aus den Augen kommt
    RINALDO Eure Grobheit 
    BARON Ich bin hier Herr 
    RINALDO Werdet es von Euch selbst  Über alles was Ihr gesagt und getan
habt sollt Ihr mir gewiss die pünktlichste Rechenschaft ablegen
    BARON Nun so fordert sie mir nur ab
    RINALDO Heute noch
    BARON Lieber jetzt gleich Ich will Euch das Fazit machen
    RINALDO Ich werde es Dir machen Elender
    BARON Auf dergleichen Reden lasse ich durch meine Bedienten mit
Hetzpeitschen antworten
    RINALDO legt die Hand an den Säbel Zieht
    BARON Was wollt Ihr
    RINALDO Zieht oder ich haue Euch nieder
    AURELIA Um Gotteswillen Graf mässiget Euch Ihr kennt diese Menschen nicht
    BARON gibt ihr eine Ohrfeige Schweig  Und dies klage deinem Liebhaber
    RINALDO Baron Das kostet bei Gott Blut
    BARON Verlasst mein Schloss oder so wahr ich diese Hände mein nenne ich
lasse Euch von meinen Leuten hinauswerfen
    RINALDO Schlechter feiger Bösewicht Das wirst du gewiss nicht selbst zu tun
wagen  Aurelia Deine Rettung ist gewiss  Dich Buben der du dich ihren Mann
nennst spreche ich heute noch auf eine Art die dir sehr empfindlich sein
soll
    Der Baron und seine Gesellen lachten laut auf Rinaldo verließ den Garten
und die Herren schrien ihm nach
    »Wir wünschen glückliche Reise moderner Herr Don Quixote  Erzählt Euer
Abenteuer der Frau Mama«
In welcher Stimmung Rinaldo bei seinen Gefährten ankam kann man sich leicht
denken Er war außer sich Rosalie zitterte So hatte sie ihn noch nie gesehen
    Er sprach mit großer Bewegung mit Altaverde und Cintio und als es Abend
wurde rückte der erstere an der Spitze von zwanzig Mann den Berg hinab ins
Tal Cintio ging links mit sechzehn Mann und zehn Mann folgten Rinaldo 
Rosalie blieb im Lager zurück das unter Nikolos Aufsicht wohl bewacht wurde 
Als es dunkler wurde setzten die Korps sich in Bewegung und Sebastiano rückte
mit zwanzig Mann nach
    Cintio ging über den Fluss besetzte die Brücke und stellte seine Posten um
die Gartenmauer des Schlosses des Barons  Altaverde besetzte die Landstraße
den Weg nach dem Dorfe und stellte seine Posten um das Schloss bis an Cintios
Posten  Rinaldo ging mit seinen Gesellen auf das Schlosstor zu Es war
verschlossen Man schellte Ein Knecht riegelte auf und wollte fragen wer da
sei als man ihn bei der Kehle packte hinaus ins Freie zog und ihn Altaverdes
Leuten übergab Drei Mann besetzten das Tor und die andern folgten Rinaldo über
den Schlosshof nach  Die Haustür ward besetzt Zwei Mann traten mit gespannten
Pistolen in die Bedientenstube und geboten Stillschweigen welches die Leute
erschrocken und zitternd gelobten
    Rinaldo durchschnitt den Strang von der Turmglocke der ins Haus herabhing
mit dem Stilett und ging mit drei Mann die Treppe hinauf nach dem Saale zu wo
der Baron mit seinen Gesellen und Dirnen bei Tafel saß  Die Tür war halb
geöffnet Rinaldo lauschte und hörte dass er selbst als Graf Dalbrogo der
Gegenstand ihrer spöttischen Unterhaltung war Man schalt ihn eine Memme und
Aurelia die zur Tafel gezwungen worden war musste die kränkendsten Reden ihres
Mannes stillschweigend anhören um sich keinen Misshandlungen auszusetzen
    Des Barons Freudenmädchen neckten sie bitter über ihren vorgeblichen
Liebhaber und ihr Mann schrie laut
    »Wenn ich doch den Kerl nicht fortgelassen hätte«
    »Wir hätten ihn durch einen einzigen Schnitt dem Baron auf ewig können
unschädlich machen«  sagte einer von den beiden Franzosen  »und man hätte
dann Eurer Frau diesen Kombab zu Wächter gegeben«
    »Wenn er nur wieder käm« fuhr der Baron fort
    »Da ist er« sagte Rinaldo und trat in den Saal
    Indessen hatten Altaverdes Leute das Schlosstor besetzt und Sebastiano rückte
näher herbei  Drei Mann von Rinaldos Gefolge kamen nun zu den andern dreien
die vor der Saaltür standen und sechs Mann von Altaverdes Gesellen folgten
ihnen
    Diese Zwölf harrten des Signals und Rinaldo war noch allein im Saal
    Sein plötzliches Erscheinen hatte die Gesellschaft nicht wenig frappiert Er
sprach weiter
    »Hier bin ich wie ich versprochen habe um Wort zu halten Ihr seht doch
wohl wie pünktlich ich bin  Hier stehe ich und fordere Rechenschaft von Euch
Von dem Baron an bis auf den der den combabisschen Vorschlag tat werde ich euch
allen das Fazit machen«
    Jetzt fing der Baron an laut aufzulachen und schrie einem seiner
aufwartenden Bedienten zu seine Leute herbeizurufen
    Der Bediente setzte sich kaum in Bewegung als ihn Rinaldo packte und zu
Boden warf  Hierauf zog er eine Pistole streckte sie der Tafel entgegen und
sagte
    »Der erste der sich von euch von Ort und Stelle bewegt ist des Todes 
Ihr elenden nichtswürdigen Tagediebe Ihr wollt mir drohen Mir Zittert und
stürzt zusammen vor mir nieder Wisst ihr wer ich bin  Nieder auf die Knie 
Nieder  Ich bin Rinaldini«
    Wie vom Schlage getroffen stürzten alle mit einem Tempo von ihren Stühlen
auf die Knie vor ihm nieder
    Aurelia schrie laut auf und sank in Ohnmacht  Rinaldo nötigte die
Mädchen ihr beizustehen Hierauf gab er das Signal und seine zwölf Attachés
traten in den Saal
    Die Gesellschaft blieb auf den Knien und Rinaldo nahte sich Aurelien die
jetzt wieder zu sich kam  Er ließ sich vor ihr nieder und küsste ihr die Hände
    »Du bist es«  stammelte sie  »furchtbarer Mann Du der mich gerettet
hat O sei ebenso großmütig als du tapfer bist sei ebenso gütig als du
furchtbar bist handle edel gegen mich und bringe mich zu meiner Mutter
Missbrauche deine Gewalt nicht und mache meinen unbefleckten Namen nicht zum
Spotte der Welt«
    »O«  seufzte Rinaldini  »jetzt fühle ich wer ich bin«
    Rasch sprang er auf drehte sich herum als eben Sebastiano mit einigen
Helfershelfern in den Saal trat und sagte
    »Diese Rattenjagd hat noch kein Blut gekostet und so gar rein und stille
solls und kanns doch nicht abgehen  Diesen Burschen den Mann jenes
unglücklichen Engels züchtiget mit den schärfsten Geisselhieben Diesen
Franzosen und Sizilianer jagt ein paarmal Spiessruten auf und ab Die Mädchen
werft zum Schloss hinaus Und diesem guten Französischen Ratgeber geschehe wie
er wollte dass mir geschehen sollte Dann mit ihm vor die Pforte«
    Der zum Eunuch bestimmte Franzose lamentierte erschrecklich es blieb aber
bei dem Befehle Die Räuber schleiften ihre Delinquenten aus dem Saale
    Rinaldo aber nahte sich Aurelien wieder hieß ihr ihren Schmuck und ihre
Kostbarkeiten mitnehmen ließ einen Wagen anspannen und sie mit ihren
Kammerjungfern hineinsteigen Hierauf schwang er sich auf sein Ross und schrie
seinen Gesellen zu
    »Plündert das Schloss aus brennt es aber nicht ab«
und jagte der Kutsche nach  Eine Viertelstunde von dem Klarenkloster bei
Montamara ließ er anhalten Hier ritt er an den Kutschenschlag forderte
Aureliens Hand schob ihr als er sie erhielt einen Ring an den Finger küsste
ihre Hand und sagte mit Innigkeit
    »Aurelia lebe glücklicher als ich« gab dem Pferde die Sporen und jagte
seinem Lager zu wo er mit anbrechendem Tage ankam als seine Gesellen mit Beute
beladen soeben wieder zurückgekommen waren
Rinaldo saß vor seinem Gezelte und dachte eben nach welche Folgen die
Geschichte haben könnte als Rosalie sich ihm nahte sich bei ihm niedersetzte
ihr Guitarre ergriff spielte und sang
»O Almanzor willst du hören
Was Zaide wird gestehen
Soll Zaide bei dir bleiben
Oder soll sie von dir gehen
Wirst du sie nun stärker lieben
Wenn ihr Kind dich Vater nennt
Oder willst du dass sie scheidend
Weine nun von dir getrennt«
»Ach Rosalie«  unterbrach sie Rinaldo  »ich errate  ich weiß wer sie ist
diese Zaide und Almanzor wird sie nie von sich lassen«
    Rosalie umarmte und küsste ihn heftig Er sprach weiter
    »Was der Mutter Freude macht ihr oder ihres Lieben Ebenbild auf ihrem
Schoße zu haben das wird uns viel Kummer machen wenn wir dieses Leben nicht
verlassen können Aber bei Gott das soll und muss geschehen Ich will meinen
Sohn nicht dem Verbrechen entgegen erziehen  Und du bleibst bei mir«
    Sebastiano kam und unterbrach diese Unterhaltung Er meldete zwei ihrer
Leute wären in St Leo angehalten und ins Gefängnis geführt worden Der Dritte
sei entwischt und bringe die Nachricht dass durch des Barons Anzeige ein
Aufgebot gegen sie bewirkt werde
    Gegen Abend ließ Rinaldo das Lager abbrechen gab das Signal zum Aufbruch
zog weiter und rückte am dritten Tage in die Täler der Gebirge von Albano ein
Einige Tage hatte er hier gelegen als er Sebastiano befahl mit sechzehn
entschlossenen Gesellen unter mancherlei Gestalten sich über Kagli in die Gegend
von Montamara zu begeben Altaverde erhielt den Auftrag mit List oder Gewalt
die Befreiung der beiden Kameraden zu versuchen die man in St Leo festgehalten
hatte Rinaldo selbst nahm Nikolo und Alfonso zu sich und ging als ein
Reisender von seinen Bedienten begleitet zu Pferde ins Land und aufs
Spionieren aus Cintio blieb als Oberhaupt der Bande zurück und Rinaldo
empfahl ihm Rosalien die weinend von ihm Abschied nahm
    »Es ist mir«  jammerte sie  »als würden wir uns nie wiedersehen«
    Rinaldo suchte sie zu trösten Es wollte ihm aber nicht gelingen und er
verließ sie selbst sehr gerührt
    Schon hatte er Fossombrona erreicht und quartierte sich dort in das beste
Wirtshaus ein wo er ein paar Tage ausruhen und Sebastianos Gesellen Zeit lassen
wollte sich bei Montamara zu sammeln
    Den Tag nach seiner Ankunft besuchte er ein Weinhaus und fand in demselben
einige Bürger des Orts ein paar Advokaten und Notare die bei einer Flasche
Wein ein für ihn interessantes Gespräch führten
    EIN NOTAR Es wird ein sehr schlimmer Handel werden
    EIN ADVOKAT Die Baronin ist nun schon zum zweitenmal verhört worden Sie
besteht darauf sie habe zwar ehemals die Person des vorgeblichen Grafen
Dalbrogo gekannt aber in allen Ehren und habe nie gewusst nicht einmal geahnt
dass er der verrufene Rinaldini sei Erst wie er sich in jener Nacht selbst zu
erkennen gegeben habe habe sie das mit Schrecken gehört und erfahren  Der
Baron hingegen  er ist erschrecklich misshandelt worden  behauptet seine Frau
habe im Einverständnis mit dem gefürchteten Räuber gelebt und ihr Vater sei
einer seiner Bekannten der schon längst gegen die Gesetze gehandelt habe der
Obrigkeit eine Entdeckung nicht zu machen zu der er verbunden gewesen sei Der
Prinz hat zu Urbino Wache und wird scharf verhört
    NOTAR Der Baron gibt den Verlust seiner Habseligkeiten durch die Plünderung
der Räuber auf 6000 Dukaten an Er und seine Freunde sind misshandelt worden und
den einen von der großen Französischen Nation haben die Räuber sogar zum
Verschnittenen gemacht
    BÜRGER Das sind verteufelte Kerle
    NOTAR Mich dauert der Prinz Roccella Er ist ein braver Herr  Und im
Vertrauen meine Herren wer unter uns würde es wohl wagen Rinaldini
festzuhalten wenn er auch mitten unter uns wäre
    BÜRGER Ich nicht
    ADVOKAT Ach ja Man muss nur caute verfahren und auf Hilfe rechnen können
    BÜRGER Er drückt los ich stürze und wer belohnt dann meinen Diensteifer 
Einige Leichen liegen gewiss um ihn herum ehe man ihn festhalten kann
    NOTAR Ich möchte ihn nur einmal sehen
    RINALDO Um Vergebung meine Herren  Ich habe ihn gesehen
    ADVOKAT Wie Was Der Herr haben 
    RINALDO Ich bin der Marchese Soligno Meine Güter liegen in Savoyen und ich
bin auf Reisen  Vor sechs Tagen fiel ich in die Hände Rinaldinischer Räuber
Ich wurde mit meinen Leuten übermannt und erwartete schon ganz ausgeplündert zu
werden als Rinaldini selbst erschien
    BÜRGER Wie sieht er denn aus
    RINALDO Er ist ein kleiner untersetzter schwarzbrauner Mann hat blaue
Augen braunes Haar eine Habichtsnase und einen Knebelbart
    ADVOKAT Nach andern Nachrichten soll er groß und schlank gewachsen sein ein
glattes Kinn schwarze Augen und Haare und eine Griechische Nase haben 
Wiewohl ich sagen muss dass sich die Habichtsnase besser zu seinem Gewerbe
schicken möchte als die Griechische
    RINALDO Ich habe ihn ja selbst gesehen und gesprochen Wie ich ihn
beschrieb so sieht er aus  Er examinierte mich lange Ich musste meine ganze
Barschaft und alle Sachen von Wert angeben die ich bei mir hatte Hierauf
forderte er mir 100 Zechinen ab Dafür gab er mir diese Sicherheitskarte Sehen
die Herren da ist sie
    ADVOKAT Ach der Tausend liest »Viaggio seguro1  Rinaldini«  Wenig
Worte  Ein imponierender Monsignore
    RINALDO Es ist doch aber unverzeihlich dass die Obrigkeit dem Menschen nicht
das Handwerk legt
    ADVOKAT Nur Geduld  Ich weiß es von sicherer Hand Es werden 500 Mann
toscanische und 800 Mann päpstliche Truppen gegen Rinaldini ausrücken werden
ihn umringen von allen Seiten angreifen und ganz gewiss erhaschen
    BÜRGER Wie stark mag wohl die Bande sein
    RINALDO Wer will das wissen Einige sprechen von 200 Mann andere sagen sie
sei noch stärker Verwegene Kerle sind sie alle die dazu gehören
    Gegen Abend verließ Rinaldo den Ort Gab aber vorher Sebastiano den Befehl
den Baron Rovezzo zu fangen und tot oder lebendig an Cintio abzuliefern 
Sebastianos Begleiter ließ er in der Gegend von Montamara Er selbst wagte sich
in Pilgerkleidern nach Urbino
Hier vernahm er der Prinz Roccella sei zwar jetzt ohne Wache habe aber starke
Kaution machen müssen und werde noch immer verhört Er erfragte seine Wohnung
und hatte die Kühnheit einst des Abends in sein Zimmer zu treten
    RINALDO Ich bin an Euch abgeschickt  Rinaldini schickt mich zu Euch
    PRINZ Gott was höre ich  Du bist es selbst Ich erkenne dich
    RINALDO Ja ich bin es  Ich weiß in welche Verlegenheit ich Euch gebracht
habe und komme Euch meine Dienste anzubieten
    PRINZ Ich bin verloren wenn man entdeckt 
    RINALDO Besorgt nichts Sagt nur worinnen ich Euch dienen kann
    PRINZ Mann was hast du getan
    RINALDO Kann ich Euch und Aurelia mit meinem Leben retten so soll es
geschehen
    PRINZ Dein Tod kann uns unserer Verlegenheit nicht entreißen Man
beschuldigt uns eines Einverständnisses mit dir Die Ehre meines Kindes ist
verloren und ich habe mich der allgemeinen Meinung eben auch nicht zu erfreuen
Willst du mir eine Gefälligkeit erzeigen so verlass mich und die Stadt
    RINALDO Wollt Ihr Euch von dem Verdacht eines Einverständnisses mit mir
reinigen so überliefert mich der Justiz Ich will hier bleiben
    PRINZ Was könnte mir das helfen Verräterei ist keines echten Maltesers
Handwerk
    RINALDO So will ich mich der Obrigkeit selbst überliefern
    PRINZ Kann das meine Lage bessern
    RINALDO Helfen muss und will ich Euch aber nun einmal
    PRINZ Mein Onkel der Kardinal Legat hat sich der Sache unterzogen und die
Untersuchung gegen mich wird wie ich hoffe in Kürze geendigt sein
    RINALDO Ein Glück für Eure Richter
    PRINZ Rinaldini willst du den Lauf der Gerechtigkeit hemmen
    RINALDO Prinz wenn ich nichts für Euch tun kann so erlaubt mir wenigstens
etwas für Aurelia zu tun  Hier sind Wechselbriefe auf 10000 Zechinen Ich gebe
sie ihr zu einem neuen Heiratsgute
    PRINZ Zu einem Heiratsgute
    RINALDO Der Baron muss nun schon in den Händen der Meinigen sein Ist er
lebendig drinnen so wird er erschossen Aurelia ist wieder frei
    PRINZ Mann Was beginnst du  Frei oder nicht bleibt Aurelia nun auf immer
in dem Kloster  Verschenke dein Geld an die Armut Wir bedürfen desselben
nicht
    RINALDO Gute Nacht
    PRINZ Mann Wie willst du enden
    RINALDO Das weiß Gott Gehts aber mir nach gut
    PRINZ Das kannst du schwerlich erwarten
    RINALDO Wie Gott will  Gute Nacht
    PRINZ Der Weg auf welchem du in eingebildeter Sicherheit dahintaumelst 
    RINALDO Prinz Ihr kennt mich Selbstpeiniger nicht Meine Lage ist
schrecklich Wenn auch die Justiz keine Folter für mich hat so habe ich sie
selbst für mich  Gehabt Euch wohl
Rinaldo verließ die Stadt und zog sich in die Gegend von Montamara zurück wo er
seine Begleiter fand
    Den folgenden Tag erhielt er durch Nero den Sebastiano an ihn abschickte
die schriftliche Nachricht
    »Der vermaledeite Baron ist nach Rom gegangen und das Nest war leer Unser
guter Altaverde ist nebst dreien von unserer Gesellschaft zu St Leo erwischt
eingezogen und zu unseren Brüdern ins Gefängnis geworfen worden Cintio soll
ein Gefecht mit Toskanischen Truppen gehabt haben Wir ziehen ihm zu Komm uns
bald nach«
    Rinaldo fertigte Alfonso an Cintio ab mit dem Befehl Altaverdes Befreiung
zu versuchen und sollte es auch mit Gewalt geschehen An Rosalie schrieb er
sie möchte sich zu Donato in seine Einsiedelei begeben  Dann befahl er Nikolo
und Nero nach Rom zu gehen um dem Baron auf die Spur zu kommen und blieb
einige Tage lang unentschlossen was er selbst tun wollte
 
                                    Fußnoten
1 Statt sicuro oder secura  So waren Rinaldinis SicherheitsReiseKarten
bezeichnet
 
                                  Drittes Buch
 Getäuscht geblendet und vom Wahne
 Der wilden Eigenmächtigkeit
 Geworben für die stolze Fahne
 Steht er nun da und flieht den Streit
Rinaldo ging endlich noch immer als Pilger gekleidet auf das Kloster bei
Montamara zu in welchem sich Aurelia befand und verlangte die Äbtissin zu
sprechen
    »Sie ist soeben in einem Verhöre vor den Kommissarien die aus Urbino hier
sind«  sagte die Pförtnerin
    »Was hat denn die fromme Dame begangen«  fragte Rinaldo mit einem
andächtigen Seufzer
    »Ohne ihr Verschulden ist sie des berüchtigten Rinaldini wegen in einen
schlimmen Handel verwickelt worden  Übrigens ist auch bis nach geendigter
Untersuchung jedem Fremden der Eintritt in unser Kloster verboten« 
antwortete die Pförtnerin und schlug mit einer frommen Verbeugung die Pforte
zu
    Rinaldo umging die Klostermauern und fand dieselben sehr stark und hoch
    Bei einem Kapellchen der heiligen Klara geweiht das zwischen drei hohen
Pappeln stand warf er sich nieder überdachte seine Lage und deliberierte
wohin er sich wenden wollte  Darüber schlief er ein
    Als er erwachte sah er einen andern Pilger der ihm gegenüber saß und in
tiefes Nachdenken versunken zu sein schien Rinaldo gab sein Erwachen zu
erkennen Jener drehte sich herum und sagte
    »Und du konntest hier so sicher und so ruhig schlafen« Rinaldo erschrak
suchte sich aber gleich wieder zu fassen und fragte
    »Ist es denn hier unsicher«
    »Und du sprichst von Sicherheit«
    »Was hat ein armer Pilger wohl zu fürchten«
    »Der arme Pilger hat nichts zu fürchten Aber auch der nicht der des armen
Pilgers Kutte über seine reichen Missetaten geworfen hat«
    Rinaldo sprang auf fasste den Pilger recht ins Auge und schrie laut auf
    »Cintio«
    CINTHIO Ha erkennst du mich endlich
    RINALDO Wie kommst du hierher
    CINTHIO Mit meinem Willen wahrlich nicht
    RINALDO Was ist geschehen
    CINTHIO Wir sind völlig auseinandergesprengt  Von drei Seiten angegriffen
fochten wir wie Verzweifelnde streckten manchen braven Kerl nieder wurden aber
so zusammengenommen dass unserer gewiss kaum ein halbes Dutzend davongekommen
sind
    RINALDO Um Gotteswillen Wo ist Rosalie geblieben
    
    CINTHIO Das weiß ich nicht
    RINALDO Hast du meinen Brief durch Alfonso nicht erhalten
    CINTHIO Ich habe ihn nicht gesehen
    RINALDO Vor drei Tagen schickte ich ihn an dich ab
    CINTHIO Da waren wir schon auseinander
    RINALDO Altaverde sitzt mit mehreren unserer Brüder zu St Leo im Kerker
    CINTHIO So mag er auf ein seliges Sterbestündchen denken Wir retten ihn nun
nicht
    RINALDO Schlimm  Cintio was ist jetzt zu tun
    CINTHIO Zu fliehen so weit wir können  Rinaldo Hier ist es aus Wir
wollen nach Kalabrien Dort will ich eine neue Gesellschaft zusammenziehen In
Kalabriens Schluchten Gebirgen und Wäldern hausen wir sicherer und unser
Handwerk gedeiht gewiss gut  Und werden wir auch dort vertrieben so suchen wir
nach Sizilien zu kommen
    RINALDO O Cintio ist es nicht besser wir enden
    CINTHIO Nicht eher als bis es dem Schicksal gefällig ist einen Strich
durch unsere Rechnung zu machen  Du wirst wohl noch so lange hier
herumtaumeln bis dich die Sbirren erhaschen und dann  gute Nacht Kopf
Rinaldinis Auf deinen Torso steigt Cintio und setzt Länder in Schrecken und
Polizeien in Verlegenheit
    RINALDO Ein beneidenswertes Glück
    CINTHIO Kennst du für uns ein besseres  Jede andere Laufbahn ist für
Menschen unsers Treibens und Tuns mit einem Schlagbaum versehen Die schlechte
Bahn auf welcher wir uns befinden hätten wir gar nicht betreten sollen oder
wir müssen darauf fortwandeln
    RINALDO Ach Rosalie
    CINTHIO Deine Weiberaffären taugen nichts Sie haben uns schon in mancherlei
Verlegenheiten gebracht und dich werden sie noch um Kopf und Rumpf bringen 
Wenn man dich hier zwischen Kapellen und Klöstern umherwandeln sieht sollte man
dich eher für einen Betbruder als für einen Mann von Entschlossenheit halten 
Nenne mir den Ort wo ich unsere Brüder finde Ich gehe jetzt nach Rom Und wenn
du einmal durch Kalabrien reisen willst so will ich dir eine Sicherheitskarte
geben
    RINALDO Ich bleibe noch einige Zeit in dieser Gegend Finde ich Brüder so
schicke ich dir sie nach  Ich selbst folge dir in Kürze nach Kalabrien
Cintio verließ ihn bald darauf und Rinaldo ging nach Korinaldo Hier traf er
ganz unvermutet auf drei seiner Gesellen die er unverzüglich Cintio
nachschickte Der eine derselben meinte Rosalie müsse in die Gebirge geflohen
und entkommen sein Gewissheit konnte ihm keiner geben Er selbst wankte noch
immer nicht ganz entschlossen was er tun wollte auf Jesi zu
    Ein starker Volkszusammenlauf machte ihn aufmerksam Er fragte was es gebe
und erfuhr es werde eine verdächtige Person öffentlich mit Ruten ausgestrichen
werden Diese Nachricht vernahm er ganz gleichgültig und ging nach der
Pilgrimsherberge zu Aber er fand schon alle Straßen mit Menschen besetzt und
als er sich eben über einen offenen Platz drängen wollte kam der Exekutionszug
vorüber
    Mit Widerwillen warf er seine Augen auf das gestäupte Opfer der Justiz sah
in der Unglücklichen die Amazone Fiorilla von seiner Bande und fuhr heftig
zusammen
    Diese warf eben die Augen auf die Seite erkannte ihn und schrie vom
Schmerz gefoltert laut auf
    »O Rinaldini«
    Auf diesen unbesonnenen Ausruf erhob sich sogleich ein verwirrtes Geschrei
    »Rinaldini  Wo ist er  Haltet ihn fest«
    Alles kam in Bewegung Man fragte man lärmte und schrie nach Wache  Die
Sbirren durchbrachen mit gezogenen Säbeln die Reihen man drängte sich nach dem
Platze zu wo sich Rinaldini wirklich befand und dieser in der größten Gefahr
als ein unbekannter Fremdling ergriffen und angehalten zu werden konnte sich
nur durch einen schnellen Entschluss retten
    Er fasste einen neben ihm stehenden Kerl mit unerhörter Frechheit beim Arme
schleuderte denselben den Sbirren entgegen und schrie
    »Haltet ihn fest Er ist es«
    Die Diener der Gerechtigkeit umringten den Kerl sogleich Das Volk drängte
sich herzu und schrie frohlockend
    »Rinaldini Rinaldini«
    Man jauchzte und lärmte und der Kerl kam nicht zum Worte  Endlich
betrachtete man ihn genau und sah  was man in der ersten Hitze nicht gesehen
hatte  dass der arme Tropf ein der ganzen Stadt wohlbekannter Fleischerknecht
war
    »Seid ihr denn klug«  fragte er mit zitternder Stimme  »Kennt ihr mich
denn nicht Bin ich Rinaldini oder bin ich es nicht«
    Jetzt ertönte ein lautes Gelächter ein wildes Toben und Rufen
    »Es ist Giakomo der Fleischerknecht«
    Die Sbirren wurden wütend Sie schrien
    »Hier ist ein Betrug vorgegangen durchsucht die Stadt Rinaldini ist mitten
unter uns«
    »Durchsucht die Stadt«  lärmte das Volk und brachte den Exekutionszug in
Unordnung
    Rinaldini aber war in eine offene Kirche gesprungen warf hinter einem
Beichtstuhle sein Pilgergewand ab setzte sich schnell eine falsche Nase an und
ging in Bauerntracht die er unter der Pilgerkutte trug unangehalten aus dem
Orte
Ohne sich aufzuhalten eilte er Paterno vorüber und kam auf die Landstraße
hungrig und müde nach Torette
    Vor dem Orte stand ein einzelnes Häuschen Auf dieses ging er zu Zwei
Mädchen saßen vor der Haustür und strickten  Er redete sie an
    »Kann ich hier bis morgen früh Quartier bekommen«
    »Bei uns« fragten die Mädchen mit Verwunderung
    »Nun ja bei euch wenn ihr wollt«
    »Ihr wisst wohl nicht dass Ihr hier in ein Judenhaus kommt«
    »Nun was tut das«
    »Eure Glaubensgenossen fliehen unsere Wohnungen«
    »Daran tun sie nicht wohl  Ich bin sehr müde Lasst mich nicht weitergehen
und nehmt mich auf«
    Die Mädchen sahen einander verlegen an Endlich sagte die eine
    »Wir sind allein hier im Hause Unser Vater ist nach Ancona gegangen«
    ER Ich habe Lust euch Verschiedenes abzuhandeln wenn ihr habt was ich
suche Ich bin nicht was ich zu sein scheine und habe Geld
    SIE Nun wir wollens mit Euch wagen Kommt herein und nehmt vorlieb
    Sie führten ihn in ein enges Stübchen brachten Brot und Käse Feigen und
Äpfel und setzten auch Wein auf Rinaldo nötigte die Mädchen mit ihm zu
trinken und als eine Flasche geleert war hub er an
    »Ihr scheint ein Paar herzlich gute Mädchen zu sein und es verdriesst mich
dass ihr wie ich glaube arm seid Ich will eure Umstände verbessern  Ich bin
ein edler Venezianer bekam Händel mit einem Nebenbuhler und hatte das Unglück
ihn im Duell zu erlegen Deshalb floh ich in dieser Tracht und machte mich
unkenntlich«
    Hier nahm er seine falsche Nase ab und die Mädchen lachten  Er aber fuhr
fort
    »Habt ihr Kleider zu verkaufen«
    »Ein paar sind im Hause«  sagte Rahel die älteste der beiden Schwestern
    »Die andern«  setzte Silpa hinzu  »hat der Vater mitgenommen«
    »Zeigt her was ihr habt«  fuhr Rinaldo fort
    Sie brachten ihren Kleidervorrat herbei Eine Uniform war darunter die
nicht ganz schlecht war und diese wählte sich Rinaldo  Man setzte sich
hierauf wieder zu Tische und leerte noch ein paar Flaschen
    Dann schafften die Mädchen einige Polster herbei und wünschten ihrem Gaste
glückliche Ruhe aber er schlief nur wenig
    Als es tagte ward aufgestanden ein kleines Frühstück eingenommen und
Rinaldo kleidete sich in die erhandelte Uniform
    RAHEL Wahrhaftig jetzt da Ihr die Uniform anhabt sieht man es doch
gleich dass Ihr ein Kavalier seid Sie steht Euch allerliebst
    SILPA Ihr seht recht stattlich aus
    RAHEL Ei der Tausend Habt Ihr ein paar schöne Uhren
    SILPA Und die prächtigen Ringe
    RAHEL Ihr müsst ein reicher Herr sein
    RINALDO Diese Bauernkleider schenke ich euch Mein Nachtlager bezahle ich
euch mit einem Wechsel von 100 Zechinen  Für die Bewirtung und die Uniform
zahle ich euch 25 Zechinen bar  Ihr seid doch zufrieden
    RAHEL O Ihr seid gar zu großmütig So viel verdienen wir ein ganzes Jahr
hindurch nicht
    SILPA Jetzt kennen wir Euch und wollen ein andermal nicht wieder so viele
Umstände machen
    RINALDO Auch die Umstände haben ihr Angenehmes  Lebt wohl ihr guten
Mädchen und erinnert euch meiner
    Damit verließ er sein Nachtquartier und ging auf Poggia zu wo er sich ein
Pferd kaufte und ohne Aufenthalt der Grenze des Kirchenstaates zueilte 
Teramo im Gebiet des Königs von Neapel war der erste Ort wo er anhielt und
ausruhte
Als er sich in Aquila mit Kleidern versehen hatte nahm er dort einen jungen
munteren Burschen der Antonio hieß in seine Dienste ging weiter und kam unter
dem Namen Graf Mandochini in Neapel an
    In dieser glänzenden Stadt bezog er ein schönes Quartier wo er die Aussicht
auf den Hafen bei freundlichen Wirtsleuten hatte Er lebte sehr still las viel
dachte noch mehr machte sogar Verse komponierte seine Lieder und sang sie auch
selbst zur Guitarre ab Damit vertrieb er sich so ziemlich die Zeit  Nach und
nach aber schien die Langeweile doch bei ihm sich einfinden zu wollen er fing
daher an fleißiger auszugehen und besuchte die öffentlichen Häuser wo er viel
sprechen hörte Einigemal war er selbst  als Rinaldini  der Gegenstand
öffentlicher Gespräche und da gab er denn ganz getrost sein Wort auch mit dazu
    Einst brachte ein Fremder sogar die Nachricht Rinaldini sei zu Ferrara
erwischt und fest eingekerkert worden  So hörte er die Leute gern sprechen und
wurde dadurch in Neapel immer sicherer
    Unter allen Menschen die er täglich auf den öffentlichen Häusern sah fiel
ihm ein Mann besonders auf der eine Uniform trug wie er sagte ein Korse war
und Kapitän genannt wurde Dieser Mann saß bei seiner Tasse Schokolade oft den
ganzen halben Tag sprach kein Wort dankte wenn man ihn grüßte bloß durch
eine Verbeugung nahm nicht den geringsten Anteil an irgendeinem Gespräch
mischte sich in keine Unterredung und hätte sie auch sein Vaterland betroffen
sah immer gerade vor sich hin und schien beständig in das tiefste Nachdenken
verloren zu sein Er wurde von allen bemerkt schien aber keine Seele zu
bemerken und kein Mensch wusste wie er mit ihm daran war Diesem Manne näherte
sich Rinaldo absichtlich so viel wie möglich es wollte ihm aber nicht gelingen
ihn zur Sprache zu bringen Eines Tages nahte er sich ihm noch zudringlicher als
gewöhnlich
    »Mein Herr«  redete er ihn an  »verzeiht mir eine Bemerkung«
    KAPITÄN Über mich
    RINALDO Über Euch  Ihr fallt allgemein auf
    KAPITÄN Das ist möglich
    RINALDO Ihr wollt das vielleicht
    KAPITÄN Es kommt mir nicht in den Sinn
    RINALDO Vielleicht nagt irgendein geheimer Kummer an Eurem Herzen
    KAPITÄN Davon ich nichts weiß
    RINALDO Oder irgendeine Verlegenheit macht Euch sprachlos
    KAPITÄN Ich bin nie verlegen
    RINALDO Mitteilung macht den Menschen glücklich
    KAPITÄN Nicht immer
    RINALDO Unterhaltung vertreibt wenigstens die Langeweile
    KAPITÄN Diese kenne ich nicht
    RINALDO So seid ihr beneidenswert und müsst ein großer Philosoph sein
    KAPITÄN Philosoph kann jeder Mensch sein wenn er es sein will und er ist
wohl daran wenn er es ist
    RINALDO Das letztere glaube ich das erstere kann ich kaum glauben
    KAPITÄN In Glaubenssachen nimmt man es so genau nicht Und je mehr man sich
in diesem Punkt selbst täuscht desto glücklicher ist man
    RINALDO Täuschung ist Traum
    KAPITÄN Wohl dem der glücklich träumt
    RINALDO Und wenn er erwacht
    KAPITÄN So wünscht er gewiss selbst um des Traumes willen wieder
fortzuträumen
    RINALDO Und so macht die Nichterfüllung des Wunsches ihn unglücklich
    KAPITÄN Jeder Mensch ist glücklich sobald er es nur ernstlich will
    RINALDO Seid Ihr es
    KAPITÄN Ich bin es
    RINALDO So seid Ihr ein beneidenswerter Sterblicher
    KAPITÄN Das glaube ich selbst
    RINALDO Da aber jeder Mensch seine eigenen Begriffe von Glückseligkeit hat
so 
    KAPITÄN So wünscht Ihr zu wissen welches die meinigen sind  Sie liegen
etwas weiter außer dem Zirkel dieser menschlichen Welt
    RINALDO Ich verstehe Euch nicht
    KAPITÄN Das glaube ich  Es versteht und begreift in dieser Welt überhaupt
nicht leicht ein Mensch den andern Diese Missverständnisse machen aber die
Unterhaltung in Euren Gesellschaften aus sonst wären sie so einförmig und
ermüdend wie ein Kartäuser Chor  Das beste und schönste Einverständnis können
nur Seelen und Geister knüpfen
    RINALDO Kennt Ihr die Geisterwelt
    KAPITÄN Ich kenne sie
    RINALDO Wie
    KAPITÄN So gut wie ich Euch kenne
    RINALDO Ihr mich  Kenne ich mich doch selbst nicht
    KAPITÄN O ja  Auf einen gewissen Punkt wenigstens gewiss
    RINALDO Ihr wisst wer ich bin
    KAPITÄN Ich sage ja dass ich Euch kenne
    RINALDO Ich habe Euch doch nie gesehen seit ich in Neapel bin
    KAPITÄN Das weiß ich  Ich seh Euch hier auch zum erstenmal Aber ich kenne
Euch dennoch
    RINALDO So seid Ihr ein Hexenmeister  Wer sagte Euch wer ich bin
    KAPITÄN Meine Wissenschaft
    RINALDO Ihr schaut also ins Verborgene
    KAPITÄN Warum nicht
    RINALDO Ihr geht mit Geistern um
    KAPITÄN Jetzt spreche ich mit einem Menschen der sich wie ich hoffe
gebessert hat
    Als er das sagte stieg er auf bezahlte seine kleine Zeche und ging fort
Rinaldo hatte nicht Mut genug ihm zu folgen
Dass Rinaldo in nicht geringer Verlegenheit war lässt sich denken Er hatte so
lange mit dem sonderbaren Manne genauer bekannt zu werden gewünscht und jetzt
wünschte er ihn niemals gesprochen zu haben So hascht der Mensch beständig
nach Wünschen deren Erfüllung ihm oft weit bittere Entdeckungen macht als er
deren welche sich geträumt hat
    »Dieser Mann«  sprach Rinaldo bei sich selbst  »weiß wer ich bin  Wie
und die Entdeckung meines Namens ist in der Gewalt eines solchen Sonderlings 
Wer ist er dieser sonderbare Sterbliche der irdische Gesellschaft nicht die
seinige nennt  Ha er muss mir Rede stehen oder ich vernichte ihn diesen
Feind meiner Ruhe«
    Er durchstreifte einige Tage lang die Promenaden besuchte die öffentlichen
Häuser und fand den furchtbaren Wissenden nicht selbst nicht einmal da wo er
sonst täglich zu finden war Das machte ihn noch unruhiger
    Schon war er im Begriff Neapel zu verlassen als er eines Morgens den
gefürchteten Korsen auf der Promenade nach dem Hafen zu fand Er saß auf einer
Bank unter einer Statue an deren Postament er seinen Rücken gelehnt hatte
seine Augen waren über sich zum Himmel gekehrt und seine Hände lagen gefaltet
ineinander Man hätte glauben können einen Menschen zu sehen dessen ganze
Seele in ein zum Himmel gerichtetes Gebet ergossen sei
    Rinaldo stellte sich ihm gegenüber und wagte es nicht ihn in seinem
überirdischen Seelenvergnügen zu stören Nur zuweilen fing er an sich zu
räuspern zu husten und endlich brummte er die Melodie eines damals beliebten
Liedchens Der Kapitän regte sich nicht Er schien in einer überirdischen
Verzückung an einen Stein gelehnt selbst zu Stein geworden zu sein
    Des Harrens und Wartens überdrüssig ging endlich Rinaldo mit wankenden
Schritten auf ihn zu stellte sich an seine Seite legte seine Hand auf seine
Schulter und sagte kurzatmend
    »Herr Kapitän Ich freue mich Euch wiederzusehen«
    Der Kapitän ließ seine Augen fallen drehte seinen Kopf erblickte den
Grüssenden und fragte
    »Was seht Ihr über Euch«
    RINALDO Den reinen blauen Äther
    KAPITÄN Das Bild einer schuldlosen Seele die verschwisterte Farbe eines
reinen Geistes Durch die Augen dringt diese äterische Geistesform ins Herz
Hier ist der Sammelplatz der schönsten Freuden die außer uns und dennoch in uns
sind Wir machen sie uns eigen Der Himmel schenkt sie uns Was sind die
lachendsten Fluren gegen dieses azurne Meer der Reinheit und Klarheit Wer hier
den Anker wirft liegt in dem schönsten Port
    RINALDO Eure Begeisterung ist schön und groß Ich muss es mir zum Vorwurf
machen Euch in Euren erhabenen Betrachtungen gestört zu haben Aber verzeiht
das meiner Ungeduld mit der ich Euch zu sprechen wünschte
    KAPITÄN Ihr seid mehr verlegen als ungeduldig Gesteht es nur  Ihr
fürchtet mich  Ihr habt nichts zu fürchten Ich bin kein Inquisitor und weder
Fiscal noch Kriminalrichter Und das sind doch die Leute die Ihr zu fürchten
habt
    RINALDO Irrt Ihr Euch auch nicht
    KAPITÄN Nein
    RINALDO So sagt mir meinen Namen
    KAPITÄN Er kostet Geld
    RINALDO Wo
    KAPITÄN Bei jeder Obrigkeit Man könnte ihn verkaufen wie ein Kleinod wenn
man in Verlegenheit wäre
    RINALDO Herr Kapitän Es gibt eine gewisse Sprache die Beleidigung ist
sobald sie Ernst wird
    KAPITÄN Das weiß ich
    RINALDO Mit einem Worte Wer bin ich
    KAPITÄN Der geächtete und gefürchtete Mann der der Schrecken der Reisenden
und das Erblassen der Wanderer ist Der König der Schlupfwinkel und der
Beherrscher der Gebirgshöhlen  Du bist Rinaldini
    RINALDO Wer sagt dir das
    KAPITÄN Ich weiß es
    RINALDO Mit Gewissheit
    KAPITÄN Ebenso gewiss als ich weiß wer ich selbst bin
    RINALDO Leb wohl
    KAPITÄN Wohin gehst du
    RINALDO In den Hafen zu sehen ob dort ein segelfertiges Schiff liegt das
mich einnehmen kann
    KAPITÄN Warum willst du Neapel verlassen und die Ruhe fliehen die dich hier
umgibt
    RINALDO Weil ich dich fürchte
    KAPITÄN Wenn der Mann der du bist etwas fürchtet so muss auch wirklich
etwas zu fürchten sein  Dein Schicksal interessiert mich Ich will dir davon
einen entscheidenden Beweis geben der dich ganz sicherstellen soll Aber lass
mich dich nicht wieder auf deiner alten Bahn finden sonst wirst du den Freund
in einen Feind verwandelt finden
    Trommeln verkündigten den Anzug der Mannschaft die die Kastell und
Hafenwache bezog und endigten diese Unterhaltung Eine ganze Gesellschaft von
Offizieren spazierte einher und Rinaldo und der Kapitän sahen sich bald von
denselben umgeben Man kannte sich zum Teil aus öffentlichen Gesellschaften man
grüßte sich und die Unterhaltung begann
    »Wisst Ihr auch Herr Kapitän dass man sich über Eure Person in allen
Gesellschaften die Köpfe zerbricht Ihr seid die größte Neuigkeit des Tages«
    »O«  antwortete der Kapitän  »Ich will Euch wohl eine noch weit größere
Neuigkeit erzählen Ihr zerbrecht Euch ohne Erfolg die Köpfe über mein Ich 
Wisst hier in Neapel mitten unter euch lebt der berüchtigte Rinaldini«
    Rinaldo stand wie vom Donner gerührt Die Offiziere sahen sich verlegen an
Eine allgemeine Stille überfiel die Gesellschaft und band die geschwätzigsten
Zungen
    Der Kapitän zog die Dose heraus bot Prisen rundherum an schlug die Dose
zu drehte sich herum und ging nach dem Hafen zu Keiner hielt ihn auf Man sah
sich an und fragte
    »Wie ist das«
    Rinaldo schöpfte Atem und sagte als der Kapitän schon nicht mehr zu sehen
war »Nun meine Herren was meint Ihr Hat uns dieser sonderbare rätselhafte
Mann den niemand kennt nicht deutlich genug zu verstehen gegeben wer er ist«
    »Bei Gott«  schrien alle  »Er selbst ist Rinaldini«
    »Das ist auch meine Meinung«  sagte Rinaldo ganz gelassen Einer tat den
Vorschlag ihm nachzugehen
    Ein alter Obrist nahm das Wort und sagte
    »Wir sind keine Sbirren Es ist die Sache der Polizei sich Rinaldinis zu
bemächtigen Und ist dieser Unbekannte wirklich Rinaldini selbst so muss er auch
wissen wie weit er in seiner Selbstentdeckung gehen kann Indessen wollen wir
ein wachsames Auge auf diesen Menschen haben Doch muss ich offenherzig gestehen
dass sein bisheriges Betragen soweit ich ihn kenne mir etwas zu verraten
scheint das mit einem Kopfe der ganz in seiner Ordnung ist sich nicht recht
zusammenräumen lässt Wie wenn er nun etwa bei zerrüttetem Gehirne sich
einbildete jener furchtbare Räuber zu sein Gibt es nicht dergleichen Exempel
von Einbildungen verrückter Phantasien  Wir wollen also behutsam gehen Und
vor der Hand empfehle ich den Herren eine kleine Verschwiegenheit Wir wollen
den Unbekannten näher beobachten und dann erst bestimmen wie wir uns gegen ihn
verhalten wollen«
    Dieser Rede gaben alle ihren Beifall und nun ging die Gesellschaft in eine
Eisbude wo sie ganz vergnügt ihr Frühstück einnahm
Rinaldo war in einer Bewegung die sich nicht beschreiben lässt Er wusste nicht
was er tun sollte Sollte er gehen oder bleiben Wer war der Mann der sich
gleichsam für ihn aufzuopfern schien Seine Warnung tönte noch in Rinaldos
Ohren und sein Benehmen war ihm unerklärlich
    Er suchte ihn vergebens allenthalben auf Er war nirgends zu finden Niemand
sah ihn mehr in Neapel Er war verschwunden  Nun wurde das Gespräch von seiner
Entdeckung allgemein Die Sache kam zur Untersuchung Die Offiziere sagten aus
was sie gesehen und gehört hatten Die Polizei spürte ihm nach Vergebens war
all ihr Bemühen Er konnte nirgends aufgespürt werden Nun wurde die Sage zur
Gewissheit Dieser unbekannte Scheinsonderling war Rinaldini  Alle erzählten
sich jetzt Anekdoten von ihm man freute sich ihn gesehen zu haben und der
wahre Rinaldini entging den Blicken der Forscher  Das ist in der Welt der Lauf
der Dinge Man spricht von der Entfernung und vergisst die Nähe Man läuft nach
dem Schein und verabsäumet das Sein Die Gedanken folgten dem Unbekannten als
Rinaldini alle Menschen sprachen davon mit Überzeugung und Gewissheit und der
wahre wirkliche Gegenstand dieser Gespräche war mitten unter den Sprechenden
ohne ergriffen zu werden Nach und nach verhallte das Gespräch Andere
Neuigkeiten verdrängten die RinaldiniErscheinung und zuletzt sprach man gar
nicht mehr davon
Einst gegen Abend saß ungefähr vier Wochen nach dieser Begebenheit Rinaldo auf
seinem Zimmer klimperte auf der Guitarre und dichtete ein neues Lied als die
Tür seines Zimmers aufging und ein artiges Mädchen eintrat
    SIE Ich habe dieses Briefchen an den Herrn Grafen Mandochini abzugeben Es
kommt von schönen Händen
    
    Sie reichte ihm das Briefchen  Rinaldo las
    »Sowenig Ihr eine Person bemerkt haben mögt welche Ihr interessiert sosehr
hat sie Euch bemerkt Ist es Euch nicht gleichgültig sie kennenzulernen so
wird Euch die Überbringerin dieser Zeilen sagen wo Ihr sie sehen könnt«
    ER Du kennst also die Dame die mir diese Zeilen schrieb genau
    SIE Ich bin in ihren Diensten
    ER Wer ist sie
    SIE Ihr Name kann Euch wohl solange gleichgültig sein bis Ihr sie selbst
kennt Ihr Name wird Euch gewiss angenehmer klingen wenn sie ihn selbst nennt
    ER Aha Also deine Frau oder dein Fräulein  Wie soll ich sie nennen 
    SIE Nennt sie wie Ihr wollt Ich darf Euch weder sagen ob sie verheiratet
noch ob sie unverheiratet ist Ihr werdet das selbst erfahren
    ER Sie ist von Stande
    SIE Vom Stande der Liebe Wollt Ihr sie sehen oder nicht
    ER Wo soll ich sie sehen
    SIE Morgen in der Frühmesse zu St Lorenzo Sie wird ein grünes Kleid und
einen schwarzen Schleier tragen Eine goldene Kette umschlingt ihre Zone und
ein Orangenblütenstrauss ziert ihren Busen  Ihr werdet also kommen
    ER Ich werde kommen
    Das Mädchen ging und Rinaldo blieb seinem Nachdenken nicht lange
überlassen Die Zimmertür ging auf und ein Mann in einen roten Mantel gehüllt
trat ein
    »Rinaldo«  redete ihn dieser sogleich an  »die soeben erhaltene
Botschaft taugt nichts Du gehst morgen nicht nach St Lorenzo die Dame zu
sehen die von dir gesehen zu werden sich wünscht«
    »Wer bist du« fragte Rinaldo  »Gib dich mir näher zu erkennen wenn du
willst dass ich deinem Rate folgen soll«
    Jener nahm die Larve vom Gesicht schlug den Mantel auseinander und der
bekannte korsische Kapitän stand vor ihm
    Rinaldo fuhr erschrocken zusammen Der Kapitän sprach
    »Einem Manne der sich für dich aufgeopfert und dir die Ruhe verschafft hat
die du in Neapel geniessest kannst du doch wohl folgen«
    Er sprachs und verließ das Zimmer
    Rinaldo durchwachte die halbe Nacht stand früher als gewöhnlich auf und
ging nicht nach St Lorenzo die Schöne im Gewande der Hoffnung zu sehen
    Der Abend brach an und das Mädchen kam wieder
    »Ei«  sagte sie  »Ihr habt schlecht Wort gehalten Warum kamt Ihr
nicht«
    ER Ich werde nicht eher kommen bis ich den Namen der Dame weiß die ich
sehen soll
    SIE Ihr sollt sie ja nur sehen Gefällt sie Euch dann wird sie Euch sich
selbst nennen  Sie kommt morgen wieder in die Messe  Gute Nacht
    Das Mädchen ging und bald darauf trat der Kapitän abermals in das Zimmer
    »Du gehst nicht nach St Lorenzo«  sagte er
    RINALDO Edler Freund Lass mich aufrichtig sprechen Dein Verbieten ohne
Gründe erniedrigt mich  Ich bin kein Kind das blindlings folgen muss Wenn
ich deinem Rate folgen soll so musst du mir wie gesagt Gründe angeben
    KAPITÄN Du solltest mir aufs Wort glauben und nicht mit der Unbekannten eine
Bekanntschaft machen die zu keiner Gedeihlichkeit führen wird
    RINALDO Ich kenne dich ja selbst nicht
    KAPITÄN Du sollst mich kennenlernen Unter den Ruinen von Portici  Und
nach St Lorenzo gehst du nicht
    Er ging Rinaldo blieb nachdenklich zurück  Der Morgen kam er wankte
unentschlossen wollte gehen und ging endlich doch nicht nach St Lorenzo
    Des Abends erschien die artige Botschafterin wieder Sie neigte sich
stillschweigend und gab ihm ein Briefchen Er erbrach es und las
    »Ich bitte Euch zum letztenmal um eine Gefälligkeit die Ihr mir gar nicht
abschlagen könnt wenn Ihr Kavalier seid und die Höflichkeit nicht verletzen
wollt
                                                                       Aurelia«
Kaum hatte Rinaldo den Namen Aurelia gelesen als er dem Mädchen drei Zechinen
in die Hand drückte und halb außer sich ausrief »Sag der Dame dass ich so
gewiss kommen würde als ich Atem und Dasein habe Kein Teufel soll mich
abhalten sie zu sehen und sollte ich« 
    »Basta«  schrie der Kapitän der eben eintrat  »Keine Flüche und
Schwüre die du nicht erfüllen darfst«
    »Ich will sie erfüllen«
    »Ruhig«
    »Keine Macht dieser Welt« 
    »Ruhig Die Obrigkeit hat Sbirren«
    Rinaldo erschrak sah sich nach dem Mädchen um und sah dass sie unbemerkt
das Zimmer verlassen hatte
    KAPITÄN Du bist noch immer so trotzig und unbändig wie du es von jeher
gewesen bist Bedenk dass du jetzt nicht mehr kommandierst sondern dass du
kommandiert wirst
    RINALDO Wer gibt dir die Macht mir zu befehlen
    
    KAPITÄN Wer gab mir die Verbindlichkeit auf meine eigene Gefahr dich zu
retten
    RINALDO Du hast sie dir selbst auferlegt
    KAPITÄN Undankbarer  Eines so unbeständigen Wesens wegen wie ein Weib
ist willst du mit deinem Freunde brechen und beleidigest ihn um einer Figur
nachzulaufen die eines Spiegels bedarf Denn was kannst du von ihr erwarten
Wenn es köstlich und noch so köstlich istso ist es doch nur Liebe Und die
Weiber lieben in uns nur sich selbst Wir sind ihre Spiegel ihr Mond in dessen
Spiegelscheibe ihre Sonne wieder aufersteht
    RINALDO Du bist ein Weiberfeind
    KAPITÄN Noch bin ich dein Freund
    RINALDO So wirst du mich nicht abhalten die Dame zu sprechen
    KAPITÄN Bei den Haaren will ich dich nicht zurückziehen aber ich verbiete
dir es sie zu sprechen
    RINALDO Nur ein begründetes Warum wenn ich dir folgen soll 
    KAPITÄN Ich mache keinen Propheten aber der Erfolg rechtfertigt mich Ich
sehe weiter als du Meine Macht 
    RINALDO Deine Macht  Gib mir eine Probe deiner Macht
    KAPITÄN Die sollst du haben Stehe auf und folge mir unter die Ruinen von
Portici
    RINALDO Gib mir diese Probe hier
    KAPITÄN Bist du ehemals so unerschrockener Held der Nächte zum furchtsamen
Knaben geworden Zerbrich deine Klinge und lass dir eine Spindel reichen  Ich
durchblicke dich ganz Jetzt erlaube ich dir das Weib zu sehen das dich
aufsucht Lerne sie kennen und dann auch mich  Gute Nacht
Nach einer sehr unruhigen Nacht eilte Rinaldo um die bestimmte Stunde nach St
Lorenzo dort Aurelien zu sehen und sah sie nicht  Endlich ward er das
bekannte Mädchen gewahr Sie winkte ihm zu und er folgte ihr nach Vor der
Kirchtür sagte sie
    »Meine Gebieterin lässt sich entschuldigen Es wurde ihr unmöglich gemacht
Wort zu halten und heute hierher zu kommen Sie lässt Euch aber bitten mir zu
folgen Ich soll Euch zu ihr fuhren«
    Rinaldo folgte ihr ohne Bedenken  Sie führte ihn außerhalb der Stadt auf
eine reizende Gegend zu nach einem schönen Hause das mitten in einem Garten
stand  Sie traten ein Das Mädchen ging mit ihm im Erdgeschoss duch einen
schönen Saal in ein Zimmer dessen Fenstergardinen alle niedergelassen waren
Durch diese freundliche Dämmerung führte der Weg nach einem Kabinett das noch
dunkler war In diesem sagte ihm das Mädchen werde er die Dame finden und
schob ihn hinein
    Auf einem Sofa regte sich ein weibliches Wesen Rinaldo ging darauf zu warf
sich nieder ergriff eine weiche runde Hand bedeckte sie mit einigen Küssen
und sprach
    »O Aurelia wie glücklich macht mich dieser Augenblick«
    »Glücklich Wirklich glücklich«  wurde mit sanfter Stimme gefragt
    ER So glücklich als ich es nie zu werden hoffen konnte
    SIE Und dennoch wart Ihr so unentschlossen 
    ER Ich wusste ja nicht dass es Aurelia war die ich sehen sollte Sie deren
Bild ich ewig in meinem Herzen tragen werde Die kühnsten meiner Hoffnungen sind
jetzt zur schönsten Wirklichkeit geworden
    SIE Ich fürchte 
    ER Doch nichts von mir  Was könnte die fürchten die ich anbete
    SIE Was gewiss zu fürchten ist
    ER Und was
    SIE Dass hier eine Verwechslung vorgeht  Ihr sprecht mit mir wie mit einer
Längstbekannten und soviel ich weiß 
    ER Diese Stimme  Mein Gott  Nein Ihr seid Aurelia nicht
    SIE Aurelia bin ich Aber schwerlich werde ich die Aurelia sein die Ihr
meint
    ER Ja meine Phantasie hat mich getäuscht Ihr seid nicht Aurelia Rovezzo
    SIE Die bin ich leider nicht  Ach guter Graf wie sehr wünschte ich
diese Aurelia Rovezzo zu sein  Ich habe Euch gesehen bemerkt  mit
Wohlgefallen bemerkt  und daraus ist Zuneigung ich fürchte gar Liebe
geworden  Jetzt muss ich wünschen Euch nie gesehen zu haben  Verlasst mich
Huldigt Eurer geliebten Aurelia und überlasst mich meinen Gefühlen
    ER Soll diese neidische Dunkelheit die uns umgibt sich nicht in Licht
verwandeln
    SIE Was könnte Euch daran liegen das Gesicht eines Euch uninteressanten
Weibes zu sehen Bleibt um meines Namens willen der Freund einer Unbekannten
die es auf immer sein wird Eure Aurelia 
    ER Ach ich werde sie nie wiedersehen
    SIE Nie
    ER Wie konnte mich auch meine Phantasie so weit irreführen
    Aurelia schmachtet im Kloster
    SIE Ich beklage Euch  Lasst uns aber enden Wir haben beide angenehm
geträumt Unsre Trennung sei unser Erwachen Die Rückerinnerung wird uns
bleiben
    ER Ist der Traum verschwunden so schenkt mir eine süße Wirklichkeit Lasst
mich das schöne Gesicht sehen dessen Mund so entzückend spricht Der Klang
Eurer harmonischen Stimme 
    SIE Ist dem wirklich so so mag er Euch schadlos halten Nur mein Liebhaber
wird mein Gesicht sehen  Erspart mir eine Beschämung die der erste Schritt
den ich getan habe herbeiführte  Und nun genug von unserm Abenteuer Wir
wollen zuweilen darüber lachen  Lebt wohl Graf
    ER Lasst  o lasst mich Eure schönen Augen sehen
    SIE Ihr seid mein Liebhaber nicht
    ER O schöne Unbekannte mich hält der himmlische Ton Eurer harmonischen
Stimme fest Macht mit mir was ihr wollt ich gehe nicht von hier  Ich fühle
mich festgehalten 
    SIE Von mir
    ER Was ist es das mich an diese Stelle fesselt Ich weiß es nicht
    SIE Es ist Neugier Es ist Eigensinn
    ER Nein nein Es ist weit mehr als Neugier und Eigensinn  Ich huldige der
schönen Unbekannten 
    SIE Mit geteiltem Herzen
    ER Ich liebe Aurelien Rovezzo wie meine Schwester Ich werde sie nie
besitzen
    SIE Damit rechnet Ihr auf mich
    ER Jetzt kann ich gehen
    SIE So geht
    ER Ihr denkt nicht gut von mir
    SIE Das will ich nicht sagen  Aber wozu soll Euer Hierbleiben uns beiden
nützen
    ER Was kann meine huldigende Empfindung Euch schaden
    SIE O Graf ich bin so eitel nicht als Ihr vielleicht glaubt Dieser
Schritt den ich gewagt habe  Ich habe Euch schon gestanden was mich dazu
verleitet hat
    ER Ihr seid frei und ungebunden
    SIE Bis jetzt bin ich es noch
    ER Auch ich bin es
    Hier entstand eine Pause  Rinaldo küsste der Unbekannten die Hände er
drückte sie sanft und fühlte die seinigen noch sanfter wiedergedrückt Die
Unbekannte seufzte Rinaldos Seufzer folgten den ihrigen
    SIE Graf ich bitte Euch verlasst mich Ihr habt mich in eine Stimmung
gebracht in der ich nur  mit meinem Liebhaber zu sein wünschen könnte
    ER Was hindert es dies zu sein Mich nichts
    Die Unbekannte schwieg Rinaldos kühne Hand hob die Schleier und drückte
einen brennenden Kuss auf ihre Lippen Sie seufzte
    »O Dio dove sono«
    Nun wurde zwischen beiden kein Wort mehr gewechselt Kein redender Laut
unterbrach die schweigende Stille Nur tiefe Seufzer schwebende Küsse und das
laute Klopfen zweier in Entzücken verlorner Herzen belebten die stumme Szene
Jede Ader war zum klopfenden Pulse geworden und das süßeste Gefühl ging in das
seligste Unbewusstsein über das zärtlichste Bewusstsein verlor sich im süßen
Nichtgefühl
»Aber nun«  stammelte Rinaldo noch an ihren Lippen hängend  »werde ich so
glücklich sein dein schönes Auge zu sehen in welchem der Himmel meiner Freuden
lacht«
    Sie griff schweigend hinter sich zog an einer Schnur Zwei Fenstergardinen
flogen auf Des Tages sanftes Licht drang herein und Rinaldo sah dass eine
glänzende Schönheit in seinen Armen ruhte Ein feuriges Auge aus welchem das
heftigste Verlangen vereint mit dem sanftesten Dahingeben ihm entgegenstrahlte
blickte ihn an ihm lächelte sanft geöffnet ein frisches Lippenpaar und ein
elastischer Busen drängte sich seiner Brust strebend entgegen Er kam und floh
gleich der zärtlichen Geliebten die kommt um zu fliehen und flieht um wieder
zu kommen
    Rinaldo verlor sich ganz in den Genuss der Schätze die verschwenderisch ihm
Liebe und Gelegenheit darboten
    »O schöne Unbekannte«  seufzte er  »lass uns lieben und froh sein«
    »Das wollen wir«  sagte sie
    ER Nun ist Neapel für mich ein Paradies
    SIE Für mich der Ort wo du bist der Himmel Ich finde ihn in deiner
Umarmung Wir wollen uns allein und der Liebe leben wir wollen überschwenglich
glücklich sein O Liebe wer deine Freuden nicht kennt der kennt seines Lebens
schönsten Wert nicht wer deine Entzückungen nicht fühlt ist bei dem größten
Überfluss arm und wo er wandelt gehen Überdruss und Langeweile nur mit ihm
Unglücklich der der nicht liebt Sein Leben ist ihm ein Traum ihn ergötzt kein
Zephyr der die brennende Wange kühlt ihm entfliehen die Tage wie zögernde
Schatten und seiner Freuden größte ist nur Blendwerk und optischer Betrug Im
Liebesgenuss allein ruht die seligste Freude und wer diesen Pfad betritt
wandelt auf Rosen
    Die Tür flog auf Die Liebenden fuhren zusammen Sie blickten auf und der
korsische Kapitän stand vor ihnen
    »Ich kann über nichts jetzt zweifelhaft sein«  sagte er  »und ich
wünsche dass es Euch nie gereuen möge«
    Die Dame bedeckte mit den Händen ihr Gesicht  Der Kapitän wendete sich zu
ihr zog ihr gelassen die Hände von den Augen und sagte
    »Du hast dich von mir gerissen und hast dich diesem Manne ergeben Er fühle
den Wert und das Unglück von dir geliebt zu werden ganz Ich entsage dir und
fordere nichts von dir zurück als den Ring den ich dir zum Pfande meiner Treue
gab«
    Schweigend zog sie den Ring vom Finger und gab ihm denselben Der Kapitän
nahm ihn und sagte
    »Dieses Haus und diesen Garten wirst du heute noch verlassen«
    Hierauf verließ er das Kabinett und verschloss die Tür wieder
    »Wie soll ich mir all das erklären«  fragte Rinaldo bestürzt
    »Alles will ich dir selbst sagen«  sprach sie  »wenn wir uns
wiedersehen«
    »Und wann und wo wird das geschehen«
    »Mein Mädchen wird dich zu mir führen sobald ich dich wiedersehen kann«
    Rinaldo wankte auf und wusste nicht was er fragen oder sagen sollte Sie
sprang rasch auf fiel ihm um den Hals küsste ihn mit Ungestüm zog ihm einen
Ring von dem Finger steckte ihn an einen der ihrigen und sagte
    »Ich nenne diesen Ring wie dich selbst nun mein«
    ER O du weißt du ahnst nicht wie teuer ich vielleicht diese glücklichen
Augenblicke bezahlen muss
    SIE Sie haben keinen Preis Ich habe sie verschenkt  Schlagen wird sich
der Korse nicht mit dir
    ER Das ist es nicht was ich fürchten könnte
    SIE Und was denn sonst
    ER Er ist Herr meines größten Geheimnisses
    SIE Fürchte nichts Er wird kein Verräter sein  Ich bin ihm untreu
geworden und fürchte doch nichts von ihm  Hätte er mir das getan was ich ihm
getan habe mein Dolch hätte gewiss sein Herz gefunden Ich liebe grenzenlos
Werde ich aber betrogen so fliesse Blut so wahr ich Atem und Leben habe
    ER Du bist furchtbar
    SIE Nicht dir denn du liebst mich ja  Für Augenblicke spiele ich nicht
verschenke ich nicht was man nur dem Geliebtesten schenkt Dem Geliebten bleibe
ich treu den ich mir selbst wählte Den Kapitän habe ich nicht selbst gewählt
Mein Schicksal führte mich ihm zu Ich habe eine Gelegenheit gefunden meine
Ketten zu zerbrechen Ich liebe dich und bin ganz die deinige Aber ich hoffe
du wirst nicht wanken  O liebe mich wie ich dich liebe so sind wir beide
glücklich
    Sie sprach das mit himmlischer Stimme umschlang ihn fester und zog ihn zu
sich
Rinaldo kam wie ein Träumender in seine Wohnung zurück Er fürchtete einen
Besuch des Kapitäns und erhielt keinen  So verflossen drei Tage er sah den
Kapitän nicht und hörte nichts von der zärtlichen Unbekannten
    Am vierten Tage ging er gedankenvoll nach dem Hafen zu Das Donnern der
Kanonen verkündigte die Ankunft eines Schiffs Es setzte sein Boot aus die
Passagiere stiegen ans Land Er wandelte unter dem Gewühle der Fremden der
Matrosen und Lastträger umher und fühlte sich auf einmal von hinten umfangen Er
drehte sich herum und Rosalie in männlichen Kleidern warf sich in seine Arme
    Schrecken und Erstaunen fesselten ihm die Zunge Rosalien liefen Tränen über
die Wangen und freudig rief sie aus
    »Gott sei gelobt Ich habe dich gefunden«
    Um kein Aufsehen zu erregen führte sie Rinaldo in seine Wohnung Zwei
Koffer die sie mit sich gebracht hatte wurden ihr nachgetragen
    Rinaldo schickte seinen Diener aus und verschloss die Tür Als Rosalie zu
sich gekommen war fing sie an zu erzählen
    »An dem schrecklichen Tage an welchem wir von allen Seiten angegriffen
wurden hatte ich das Glück zu entkommen Ich floh in die Gebirge und kam
endlich nach Avezzo wo mich ein altes gutes Mütterchen zu sich nahm Schrecken
und Kummer wirkten so sehr auf mich dass eine frühzeitige Niederkunft mich aufs
Krankenlager warf Meine gute Natur siegte aber und ich war kaum auf den
Beinen als ich nach Livorno eilte wo ich zu Schiffe ging mit dem festen
Vorsatz den ganzen unteren Teil von Neapel zu durchstreifen wo ich dich gewiss
zu finden hoffte Und die heilige Jungfrau sei gelobt ich habe dich gefunden
 In diesen Koffern steckt so viel von deinen in den Apenninen vergrabenen
Schätzen als mir möglich war aufzufinden Ich freue mich herzlich dass ich es
dir geben kann«
    Rinaldo umarmte sie zärtlich und dankte ihr ihre Treue mit unzähligen
Küssen In diesem Augenblick beschloss er Neapel so bald wie möglich zu
verlassen
    »Jetzt bin ich reich und glücklich durch dich geliebtes Mädchen« 
jauchzte er laut  »und du sollst es mit mir werden«
    Von der Reise ermüdet hatte sich Rosalie zur Ruhe gelegt als das bekannte
hübsche Mädchen der schönen Unbekannten bei Rinaldo eintrat Sie brachte ihm
folgendes Briefchen
    »Die die dich herzlich liebt die du nicht mehr Aurelia aber deine dir
Ganzergebene deine zärtliche Olimpia nennen sollst wünscht so glücklich zu
sein dich bei sich zu sehen Das Mädchen wird dich zu ihr führen«
    Rinaldo bedachte sich ein wenig und beschloss endlich um dieser zärtlichen
Signora deren Rachegrundsätze er kannte keinen Verdacht zu geben dem Mädchen
zu folgen
    »Da du ohnehin Neapel bald verlassen wirst«  sprach er bei sich selbst 
»kannst du immer zu ihr gehen Es ist vielleicht ohnehin das letztemal dass dies
geschieht«
    Er ging mit der leitenden Iris und wurde von ihr kaum hundert Schritte von
seiner Wohnung in ein artiges Haus geführt wo ihn Olimpia erwartete Die
Kleidung in der sie ihm entgegenflog war keine Kleidung und ihr Empfang war
eine Art von wütendem Ansichreissen die den blödesten Schäfer von der Welt
unternehmend gemacht haben würde Rinaldo nahm sich soviel wie möglich zusammen
und setzte ihrem Ungestüm einen großen Grad von Kälte entgegen
    SIE Was ist das Erwiderst du auf diese Art meine Küsse
    ER Es sind vier Tage seit ich nicht das Glück haben konnte die schöne
Olimpia zu sehen
    SIE Es sind für mich vier Ewigkeiten gewesen
    ER Doch
    SIE Nicht in diesem Tone  Ich konnte dich nicht eher wiedersehen  Von
jetzt an ist keine Stunde mehr in meinem Leben die nicht dein wär 
Undankbarer wenn du wüsstest was ich getan habe 
    ER Lass mich wissen was das ist das du getan hast  Olimpia wird
verzeihen wenn ich 
    SIE Kein Wort weiter Dieser Ton gehört nicht hierher wo Glück und Liebe
dich erwarteten Ich kann auch wohl eines Mannes üble Laune ertragen wenn ich
ihn so liebe wie dich Aber Kälte und diese Sprache ertrage ich nicht  Ich
weiß welche Forderungen mir an dir zu machen erlaubt sind also darf ich dir
sagen dass dieser Ton in welchem du dir mit mir zu reden erlaubst mich
beleidigt  Jetzt verteidige dich
    ER Ich erwarte erst Olimpias Verteidigung Die meinige kann dann der ihrigen
leicht folgen Seit vier Tagen 
    SIE Sprich nicht von Tagen wenn von Liebe die Rede ist und taxiere meine
Empfindungen nicht nach dem Glockenschlage Was ins Unendliche reicht zählt man
nicht nach Zeiträumen von vierundzwanzig Stunden  Ich bestehe darauf deine
Verteidigung zu hören
    ER Und ich die deinige Mein Recht ist älter als das deinige weil die
Beleidigung von der ich zu sprechen habe älter ist
    SIE Bist du wirklich beleidigt
    ER Ich müsste dich nicht lieben wenn ich es nicht wäre
    SIE Kannst du mir Geheimnisse lassen
    ER Jetzt nicht
    SIE Hast du selbst keine für mich
    ER Die Zukunft wird diese Frage beantworten
    SIE So beantworte diese auch deine Forderungen an mich
    ER Da du mir ausweichst so vermehrst du meinen Verdacht selbst
    SIE Welchen kannst du haben
    ER Jeden den ein Verliebter haben kann dessen Blicken sich seine Geliebte
auch nur auf einige Sekunden geschweige denn auf vier Tage entzogen hat
    SIE Diese Notwendigkeit hängt mit meiner Geschichte zusammen
    ER Nun bin ich befriedigt
    SIE Dieses bittere Lächeln verstehe ich  Mann bringe mich nicht auf 
Deinetwegen habe ich 
    ER War alles was du getan hast dein freier Wille oder nicht
    SIE Leider war es mein freier Wille Aber du weißt wahrlich nicht was ich
meiner Leidenschaft für dich aufgeopfert habe
    ER Kann es nicht mit Gold ersetzt werden
    SIE Elender und Dich liebe ich Ich spreche von Liebe und du zählst mir
Gold auf Nimm mir was ich habe mache mich elend und bettelarm ich folge dir
mit bloßen Füßen nach Werde selbst arm und ich stehle für dich lasse mich zum
Schafott führen und ich freue mich dass du nicht darben darfst Du musst meine
Leidenschaft nach deinem eignen kärglichen Maßstabe messen wenn du so mit mir
sprechen kannst
    Sie warf sich als sie das sagte mit heftiger Bewegung auf ein Kanapee
Rinaldo ging schweigend im Zimmer auf und ab  Olimpiens Mädchen trat ein
besetzte einen Tisch mit Früchten Wein und kalten Speisen und verließ das
Zimmer
    Nach einer ziemlich langen Pause fragte Olimpia
    »Wollen der Herr Graf mit mir speisen«
    »Warum das nicht«  antwortete er
    Ohne ein Wort zu sprechen wurden Stühle an den besetzten Tisch geschoben
Man setzte sich und speiste  Olimpia schenkte die Gläser voll nahm eins davon
in die Hand und sagte mit sanfter Stimme »Auf unsere Versöhnung«
    ER Wenn Olimpia bekennen will dass sie Unrecht und dass sie mich durch ihre
letzte Rede beleidigt hat
    SIE Ich will alles tun was du haben willst Ich habe dich ja so
unaussprechlich lieb  Es gilt  Nun kein Wort weiter davon
    ER Die vier Tage müssen doch erst berichtet werden
    SIE Ich konnte dich nicht eher anständig empfangen als heute An jenem
Tage wo ich so glücklich mich aus deinen Armen wand verließ ich das Haus das
mir der Kapitän gemietet hatte brachte die Zeit in einer elenden Wohnung hin
und bewohne erst seit diesem Morgen dieses Zimmer
    ER Wo du warst war allenthalben Liebe Warum durfte ich nicht auch dort
sein
    SIE Ich schämte mich dich in ein Quartier zu führen 
    ER Wo du warst  Hat es dir an irgend etwas gefehlt so hättest du mir 
    SIE Kein Wort davon
    ER Hast du von der Güte des Kapitäns gelebt oder nicht
    SIE Einigermassen
    ER Du bist keine Neapolitanerin
    SIE Ich bin eine Genueserin von edler Geburt
    ER Und lebst hier
    SIE Die Erzählung meiner Geschichte soll dir sagen warum
    ER Ich höre sie doch bald
    SIE Sobald du dich meines Vertrauens wert gemacht hast
    ER Was weißt du von dem Kapitän
    SIE Dass er ein sonderbarer geheimnisvoller unergründlicher Mann ist der
sich hoher Wissenschaften rühmt
    ER Hast du davon dass er sie wirklich besitzt Beweise
    SIE Ich fürchte mich sie zu entdecken
    Rinaldo wollte weiter fragen als ein Verhüllter ohne Umstände in das Zimmer
trat auf ihn zuging und ihm ein Briefchen gab  Olimpia sah den Vermummten mit
zweifelhaften Blicken an der ein Glas Wein vom Tische nahm es ausleerte und
das Zimmer ohne ein Wort zu sprechen verließ
    Rinaldo öffnete das Briefchen las in demselben die Worte
    »Rinaldini ist in Gefahr«
zerriss das Papier in kleine Stückchen und sprang vom Tische auf
    »Um Gottes willen Graf«  fragte Olimpia ängstlich  »Was ist Euch«
    Rinaldo nahm seinen Degen küsste ihr die Hand sagte
    »Morgen gute Olimpia siehst du mich wieder«
und eilte nach der Tür  Sie sprang auf umschlang ihn und bat ihn zu bleiben
Er küsste sie heftig sagte mit zärtlicher Stimme
    »Beruhige dich Wir sehen uns morgen wieder«
machte sich los verließ das Zimmer stürzte die Treppe hinab und eilte in seine
Wohnung
Hier war er kaum angekommen als der Vermummte der ihm bei Olimpien den Brief
gab zu ihm ins Zimmer trat Sie sahen beide einander ohne ein Wort zu
sprechen eine Zeitlang an Endlich brach Rinaldo das Stillschweigen und sagte
    »Herr Kapitän ich habe Euren Wink verstanden«
    »Was zum Teufel Kapitän das bin ich nie gewesen«   sagte jener  »Aber
wir kennen uns sonst woher wo ihr Kapitän wart«
    Indem er das sagte nahm er die Larve vom Gesicht und Rinaldo erkannte in
ihm einen seiner ehemaligen Gesellen der Lodovico hieß
    Rinaldo drückte ihm die Hand und fragte
    »Wo kommst du her braver Junge«
    »Das will ich Euch sagen«  antwortete jener  »Gebt mir aber erst etwas
zu trinken Ich bin durstig wie ein Teufel«
    Rinaldo trug einige Flaschen Wein auf und Lodovico erzählte
    »Als wir das letztemal wo Ihr nicht bei uns wart angegriffen wurden
gings soll mich der Donner erschlagen so hart her wies noch nie hergegangen
ist S war straf mich Gott ein Gemetzel als würde Fleisch zur Bank gehackt
 Ich kam mit ein paar Circumflexen davon und schlich von einem Orte zum andern
bis ich mich hierher nach Neapel schlich Hier fand ich einen Vetter den die
Justiz auch von einem Orte zu dem andern jagte Der machte mich mit einer
Gesellschaft von Kerlen bekannt die dem Teufel die Nase aus dem Gesichte
stählen wenn er eine hätte Sie haben eine Art von Bündnis untereinander In
dieses ließ ich mich aufnehmen und verdiene nun so mein bisschen Brot auf
mancherlei Art und Weise  Vor einigen Wochen sah ich Euch und riss de Augen
mächtig auf Ich mochte hinsehen wie ich wollte Ihr wart und bliebt es unser
braver Hauptmann Donnerwetter dachte ich wie kommt der hierher Ich hätte
Euch gern selbst darum gefragt s war aber heller lichter Tag und unsereins
produziert sich nur am liebsten in der Nacht denn die verfluchten Sbirren haben
Falkenaugen  Wie ich nun so simulierte wart Ihr weg und ich hätte des
Teufels werden mögen dass ich Eure Wohnung nicht wusste  Seit der Zeit konnte
ich Euch nicht wieder auf die Spur kommen und wenn ich mir die Füße abgelaufen
hätte Ich dachte schon Ihr wärt wieder über alle Berge und ärgerte mich dass
ich hätte platzen mögen Da sehe ich Euch heute Abend ganz unvermutet mit einem
Mädchen gehen das ich gar wohl kenne«
    RINALDO Wie Du kennst das Mädchen
    LODOVICO Ich werde sie ja vorm Teufel kennen wenn ichs sage
    RINALDO Wer ist sie
    LODOVICO Jetzt dient sie bei der Signora bei der Ihr wart
    RINALDO Wenn du nicht mehr von ihr weißt so weißt du auch nicht mehr als
ich
    LODOVICO Basta Ich weiß auch dass sie gefällig und zärtlich ist
    RINALDO Das weiß ich nicht
    LODOVICO Und also weiß ich mehr von ihr als Ihr  Sie gleicht ihrer Signora
darinnen auf ein Haar
    RINALDO Wie die Signora Olimpia wär 
    LODOVICO Du mein Gott Ihr wärt wahrlich weder der erste noch der letzte
gewesen der zu ihr gekommen ist oder noch zu ihr gehen wird Aber jetzt ist
Gefahr dabei Darum dachte ich Halt Lodovico du musst deinen braven Herrn
warnen schrieb das Briefchen und überbrachte es auch selbst Es freut mich dass
Ihr meiner Warnung Gehör gegeben habt denn mich sollen gleich alle
MalefizRäder der ganzen Welt zermalmen der Prinz della Torre versteht keinen
Spaß Er hat schon manchem das liebe Nachtbrot geben lassen ehe er es hat haben
wollen
    RINALDO Aber wie kommt der Prinz ins Spiel
    LODOVICO Auf die natürlichste Art von der Welt Er hat sein Spiel mit der
Signora bei der Ihr wart und ist verdammt eifersüchtig
    RINALDO Lodovico kann ich dir glauben
    LODOVICO Nennt mich nicht wieder Kamerad wenn ich gelogen habe Ich muss das
am besten wissen Ich bekomme ja Monatsgeld von dem Prinzen und hätte vielleicht
gar selbst die Order erhalten können Euch ein paar Pillen beizubringen  Das
hätte ich aber doch hol mich der Teufel nicht getan und hätte ich sollen
betteln gehen oder gar selbst aufs Reff gebrannt werden
    RINALDO Die Signora kann aber nicht lange mit dem Prinzen bekannt sein
    LODOVICO Seit vier Tagen
    RINALDO Das ist möglich
    LODOVICO Das ist wahr  Das ist auch nicht ihr eigentliches Quartier in
welchem Ihr heute bei ihr wart  Sagt unterhaltet Ihr sie etwa auch
    RINALDO Bewahre  Ich kenne sie erst seit fünf Tagen
    LODOVICO So kennt Ihr sie gar nicht Ich glaube die lernt man in fünf mal
fünf Jahren nicht kennen Das ist ein TausendElementer von einem Weibsbild 
Einen gewissen Kapitän hat sie auch schlimm über die Ohren gehauen
    RINALDO Kennst du diesen Kapitän Wer ist er eigentlich
    LODOVICO Das mag der Teufel wissen Aber ich weiß manches von ihm
    RINALDO Zum Beispiel
    LODOVICO Er ist so ganz im stillen der gute Freund aller Kerle
meinesgleichen in ganz Neapel Sie hängen an ihm wie Kletten  Jetzt steckt er
im ServitenKloster und macht einmal Apparate
    RINALDO Welche Apparate
    LODOVICO Er zitiert Geister
    RINALDO Wirkliche Geister
    LODOVICO Das mag der Teufel wissen Ich bin nie dabei gewesen
    RINALDO Lodovico wir bleiben doch gute Freunde
    LODOVICO Donnerwetter Setzt Ihr Misstrauen in mich
    RINALDO Also  im Vertrauen  ich bin nicht ohne Gesellschaft
    LODOVICO Das wär Aber hier stecken die Burschen gewiss nicht
    RINALDO In Kalabrien
    LODOVICO Das lasse ich gelten Dort soll etwas zu machen sein
    RINALDO Ein prächtiges Land für uns  Cintio kommandiert in meiner
Abwesenheit
    LODOVICO Donnerwetter da muss ich hin  Und ich nehme noch ein halbes
Dutzend Kerle mit die straf mich Gott keinem von uns etwas nachgeben Hier
ists ohnehin ein Lumpenleben Kleines Geld und kleine Läppereien und dennoch
ein Lärm und ein Spektakel über jede Kleinigkeit als wärs wer weiß was Die
Sbirren beständig auf dem Nacken die Galgen und Galeeren vor den Augen Bei
solchen Aspekten lebt sichs miserabel  Hier ist meine Hand Ich gehe nach
Kalabrien
    RINALDO Gut und ich schenke dir Reisegeld Hier werbe ich
    LODOVICO Das Geschäft übertragt mir Ich bin besser mit dem Schlage von
Leuten bekannt die für uns passen
    RINALDO Nimm mit dir wen du kriegen kannst Cintio wartet auf Rekruten
    LODOVICO Die soll er bekommen
    RINALDO Und noch ein Wort im Vertrauen  Wär der bekannte Kapitän nicht 
    LODOVICO Er soll gleich daran
    RINALDO Nicht das  Ich meine ob er nicht auch etwa mit guter Manier nach
Kalabrien zu transportieren wäre
    LODOVICO Das wird schwerlich angehen Er steckt hier in zu großen
Konnexionen
    RINALDO Denke darüber nach
    Indes war Rosalie erwacht Rinaldo hörte dass sie munter war Er öffnete die
Tür des Kabinetts und hieß sie herausgehen Lodovico riss die Augen gewaltig auf
als er sie sah freute sich aber sie gesund wiederzufinden und lispelte Rinaldo
ins Ohr
    »Die Signora Olimpia ist doch schöner«
    Rinaldo lächelte gab ihm Geld und beurlaubte ihn  Lodovico tat noch
einige Fragen an Rosalien über ihre Rettung leerte sein letztes Glas versprach
bald wiederzukommen und ging halbberauscht davon
Als Rosalie ihren geliebten Rinaldo den folgenden Morgen ankleidete sagte sie
mit sanfter Stimme
    »Guter Rinaldo wenn du mich wirklich wenn du mich auch nur halb so sehr
liebst als ich dich ganz liebe so schenke meinen Bitten Gehör und meinen
frommen Wünschen Gewährung Gib dich nicht wieder mit Leuten von Lodovicos
Schlage ab und lass uns Neapel verlassen so bald wie möglich Wir wollen in ein
anderes Land gehen wo uns nicht mehr solche Bekannte aufstossen und wenn du
mich auch einst verlassen wolltest so sei es nur nicht in einem Lande wo ich
vielleicht noch zu einem entehrenden Tode verdammt werde  Ach ich habe ja
nichts getan als dass ich dich geliebt habe Das ist  wenn es eins ist  noch
jetzt mein Verbrechen und wird es auch bleiben Gib nur dass ich es mit in ein
ehrliches Grab nehmen kann«
    Tränen brachen aus ihren Augen Rinaldo war sehr gerührt Er umschlang
küsste sie und sagte
    »Ich weiß dein edles treues Herz zu schätzen ich fühle was deine Liebe
verdient Was du wünschest ist schon bei mir beschlossen Ehe der dritte Morgen
anbricht segeln wir wenn ich ein segelfertiges Schiff antreffe nach Spanien
Wollte eine solche Gelegenheit unsere Abreise verzögern so gehen wir
einstweilen nach Sizilien aber Neapel verlassen wir gewiss sobald wie möglich
Es liegt mir mehr daran als du selbst glauben kannst von hier zu gehen
Lodovicos Gesellschaft ist nicht mehr die meinige Aber solange ich noch an
einem Ort mit ihm bin bin ich in seiner Gewalt und muss ihm mehr schmeicheln
als mir lieb ist  Beruhige dich und erhalte mir deine Liebe«
    Er nahm als er das gesagt hatte den Degen und ging  Sein Weg ging gerade
nach Olimpias Wohnung zu
 
                                  Viertes Buch
 Des Schicksals Ball er fliegt zum Ziele
 Geschleudert durch des Zufalls Hand
 Wer nimmt aus diesem Zauberspiele
 Des Wahnes Schleier Stab und Band
Rinaldo fand die Wohnung der schönen Olimpia verschlossen  Das erinnerte ihn
an etwas das ihm Lodovico gesagt hatte und er wünschte sich von ihrem
Doppelquartier zu überzeugen Er ging die Promenade hinauf und dachte darüber
nach
    »Ei«  sprach er endlich ganz ungeduldig  »Mag sie doch wohnen wo sie
will Wie kann mich überhaupt etwas beschäftigen das dieses Weib betrifft Ich
will ja Neapel verlassen und weiß wenigstens  wie sie ist«
    Jetzt war er der LorenzoKirche nahegekommen und ging  vielleicht von einer
kleinen Ahnung dahin getrieben  hinein
    Der erste Gegenstand der ihm in der Kirche in die Augen fiel war Olimpia
Sie hatte gebetet schlug eben ihr Buch zu stand auf gab einem Kavalier der
ihr das Weihwasser reichte den Arm und verließ mit ihm die Kirche
    Rinaldo folgte ihr in der Entfernung und ging sogar ihr in das Haus in
welches ihr Begleiter sie führte  Auf der Treppe begegnete ihm Olimpias
Mädchen die heftig erschrak
    »Wohnt ihr auch hier« fragte Rinaldo bitter eilte ohne ihre Antwort zu
erwarten bei ihr vorbei öffnete die erste beste Tür und trat durch einen
kleinen Vorsaal in ein Zimmer in welchem Olimpia mit ihrem Begleiter auf einem
Sofa saß
    Olimpia entglühte sichtbar als sie den unerwarteten Gast eintreten sah Ihr
Begleiter sah wechselseits bald sie bald den kühnen Unbekannten mit großen
Augen an und Rinaldo kam erst jetzt wieder zu sich um zu fühlen wie
unbesonnen er gehandelt hatte  Indessen war es jetzt nicht Zeit Reflexionen
über etwas anzustellen das nun einmal geschehen war Er suchte sich also so gut
wie möglich zu fassen machte beiden ein stummes Kompliment gab Olimpien einen
bedeutenden Blick fixierte ihren Begleiter ein wenig stark und nahm mit einer
zweiten stummen Verbeugung wieder Abschied  Aber kaum hatte er die Tür des
Vorsaals erreicht als er die Tür des Zimmers öffnen und jenen Herrn sich
nachrufen hörte
    »Mein Herr Ein paar Worte«
    Rinaldo drehte sich herum und fragte gelassen
    »Was beliebt«
    »Was habt Ihr hier zu suchen«
    »Was ich gefunden habe«
    »Deutlicher  Was sucht Ihr hier«
    »Eine Überzeugung die ich wie gesagt auch gefunden habe«
    »Ohne Umschweife Ich fordere bestimmte Erklärung«
    »Prinz Ich bitte Euch«  schrie Olimpia  »lasst Euch von mir die Erklärung
geben«
    Die Leser erraten nun dass es der von Lodovico bezeichnete Prinz della Torre
war der jetzt so trotzig mit Rinaldo sprach
    PRINZ Hier waltet ein Geheimnis zu welchem ich den Schlüssel haben muss
    RINALDO Die Signora will ihn Euch ja geben
    OLIMPIA Dieser Herr 
    PRINZ Wer ist er
    OLIMPIA Er ist ein Bekannter des Kapitäns und will vermutlich mich sprechen
    Der Prinz warf ihr einen sehr sprechenden Blick zu Sie schien ihre Fassung
zu verlieren wurde blass und sank auf ein Sofa
    »Ihr habt doch nicht etwa gar eine Ohnmacht zu befürchten«  fragte der
Prinz spöttisch und warf sich heftig bewegt auf einen Stuhl
    Rinaldo fragte ganz gelassen
    »Kann ich gehen oder soll ich bleiben«
    »Tut was Euch beliebt«  antwortete der Prinz ebenso gelassen als gefragt
wurde
    Sogleich nahm Rinaldo beiden gegenüber auf einem dritten Stuhle Platz 
    Die Gruppe blieb stumm
    Endlich sprang der Prinz auf drückte seinen Hut tief ins Gesicht und
verließ das Zimmer der sonderbaren Konversation ohne eine Silbe zu sprechen
    OLIMPIA Was hast du getan
    RINALDO Du weißt was Du getan hast
    Du hast mich hintergangen getäuscht belogen betrogen und ich weiß mehr
als du glaubst  Signora ich erinnere Euch an jene Szene als uns der Kapitän
beisammen fand ich erinnere Euch an das was er sagte und bitte mir wie er
meinen Ring aus
    OLIMPIA Der Kapitän fand uns ganz anders als du uns gefunden hast
    RINALDO Euch nicht eben so zu finden lag an mir Ich hätte nur noch ein
wenig verziehen sollen  Ich bitte um meinen Ring Ich will ihn Euch abkaufen
    OLIMPIA Elender ich brauche dein Kaufgeld nicht solange andere noch
welches für dich selbst geben  Was ist mehr wert der Ring oder dein Kopf 
Beide sind in meiner Gewalt edler  Graf  Ich erwarte von Euch binnen
vierundzwanzig Stunden tausend Dukaten Denn nach diesem Vorfall muss ich Neapel
verlassen  Gebt Ihr mir das Geld nicht so gibt es mir ein anderer für Euch
Ihr versteht mich doch   Mein Mädchen soll das Geld bei Euch abholen Hier
ist Eurer Ring  Nochmals Ihr habt mich verstanden  Gott befohlen
    RINALDO Wenn Ihr glaubt 
    OLIMPIA Ohne Einwendungen Graf oder ich nenne Euch  bei einem andern
Namen
    RINALDO Doch nicht bei des Kapitäns eigentlichen Namen
    OLIMPIA Ein abgenutztes Stückchen Ihr entkommt mir nicht  Ich weiß wen
ich vor mir habe und wir sind jetzt in keinem Hohlwege  Es bleibt bei meiner
Forderung  Zahlt Ihr nicht so zahlt man anderswo für Euch
    RINALDO Ihr sollt das Geld haben  Gesteht mir aber dass Ihr mich
hintergangen habt
    OLIMPIA Wozu mein Geständnis wenn Ihr das glaubt Es kann Euch weder
beruhigen noch verlegener machen als Ihr schon wirklich seid Ich lasse das
Geld abholen und Ihr wünscht mir glückliche Reise Damit ist zwischen uns alles
abgetan Wenn Ihr klug seid so macht Ihr es wie ich und geht aus Neapel Der
Prinz möchte uns beiden ein Bad zubereiten das gewiss unser letztes sein würde
Auch habt Ihr den Kapitän zu fürchten Ihr seid sein sicherstes Kapital in
Neapel Weiß er sich einmal gar nicht mehr zu retten so greift er Euch wie
einen Sparpfennig an und macht Euch zu Gelde Auf dieser Spekulation des
Kapitäns ganz allein beruht Eure bisherige Sicherheit Ihr seid sein Notpfennig
 Jetzt komme ich ihm zuvor Ich greife den Schatz an Aber ich weiß mir auf
keine andere Art zu helfen  Wann kann ich mein Mädchen zu Euch schicken
    RINALDO Sobald es Euch beliebt  Ich wünsche Euch glückliche Reise
    OLIMPIA Ich Euch gleichfalls gefürchteter Beherrscher der Apenninischen
Schlupfwinkel  Ha ha ha Rinaldini s ist wahrlich ärgerlich dass ein so
gefürchteter Mann wie Ihr einer seid ein armseliges Weib fürchten muss die so
reich an Liebe als sie arm an Gelde ist und die die Notwendigkeit zwingen
könnte um ein paar lumpiger Dukaten willen Euch in Fesseln nach Toscana führen
zu sehen  Pfui wozu kann Geldmangel nicht zuweilen die besten Menschen
verleiten Mich zur Verräterei und Euch zum Stehlen
    RINALDO Wir beide Signora tun wohl am besten uns keine moralischen
Vorlesungen zu halten
    OLIMPIA Gut dann aber noch ein paar Worte über mich und mein Betragen von
mir selbst  Da ich durch den Kapitän wusste wer Ihr wart da ich seine
Absichten auf Euch genau kannte und Euch liebte  auch noch liebe  so lag mir
viel daran meinen Geliebten eines gewissen Schutzes zu versichern  In dieser
Voraussetzung liegt der Grund meiner Bekanntschaft mit dem Prinzen Ich hätte
Euch gelegentlich selbst miteinander bekannt gemacht Ihr selbst habt das Gewebe
zerrissen in welches ich mich so selbstwillig für Euch hineingesponnen hatte 
Es war Zufall dass es so kam dass es so kommen musste und  wir wollen einander
keine Vorwürfe machen
    RINALDO Demnach bin ich Euch ja aber noch Dank schuldig
    OLIMPIA Ich hoffe  Wisst Ihr sonst noch etwas das 
    RINALDO Ich wüsste weiter nichts zu sagen  als dass ich jetzt ein Stückchen
Menschenkenntnis mehr erobert habe
    OLIMPIA Nun so wendet es gut an
    RINALDO Es soll gewiss geschehen
    OLIMPIA Und sollten wir uns etwa einmal irgendwo wiedersehen so 
    RINALDO So kennen wir uns nicht mehr
    Er drehte sich langsam herum ging und eilte in den Hafen
Auf dem Wege dahin traf er ganz unvermutet auf den Kapitän der ihm einen Wink
gab und dem er unwillig an einen abgesonderten Platz folgte
    »Wir wollen«  sagte der Kapitän »nichts von alten Sachen sprechen und
was geschehen ist sei geschehen was vergangen ist sei vergangen Jetzt ist
die Rede von dem Gegenwärtigen Ich bedarf Geld und nehme in dieser
gegenwärtigen Angelegenheit meine Zuflucht zu Euch da ich weiß dass Ihr mit
dem was mir fehlt versehen seid Ihr leiht mir 2000 Stück Dukaten und ich
setze Euch meine Verschwiegenheit als Pfand ein  Die Sache sieht eigentlich
einer Prellerei so ähnlich wie ein Ei dem andern sie ists aber nicht 
Übrigens wenn Ihr die Signora Olimpia ebensogut zu benutzen versteht als sie
den Prinzen della Torre vermutlich benutzen wird so ist meine Forderung
wirklich nur eine Anleihe auf ein weit besseres Kapital«
    »Ich weiß«  antwortete Rinaldo  »was ich Euch zu verdanken habe und was
ich Euch schuldig bin Ich weiß welchen entschiedenen Anteil Ihr an mir und an
meinem Schicksal nehmt und bin Euer Schuldner Wenn ich Euch 2000 Dukaten gebe
so bitte ich Euch dieselben als ein kleines Geschenk meines lebhaften Dankes
anzunehmen Bis übermorgen sollt Ihr was Ihr verlangt haben«
    »Freund«  fuhr der Kapitän fort  »meine Bedürfnisse sind wie gesagt
dringend Die Summe hätte ich lieber heute noch als morgen oder übermorgen«
    »Nun so will ich zusehen Euch das Geld bis morgen Abend zu verschaffen da
ich Kostbarkeiten verwechseln muss wo ich Euch bei mir zu sehen hoffe«
    Er nahm mit einer stummen Verbeugung von dem Kapitän Abschied der ihm
schweigend nachsah und ging in den Hafen  Hier lag ein segelfertiges
Genuesisches Schiff das in einigen Stunden die Anker zur Abfahrt lichten
wollte Es wollte nach Malta  Rinaldo sprach mit dem Kapitän des Schiffes und
machte ihm sein Verlangen bei ihm an Bord zu gehen bekannt »Ich werde Euch«
 sagte der Schiffskapitän  »mit Vergnügen aufnehmen Erlaubt mir aber Euch
etwas zu sagen das Ihr vielleicht noch nicht wisst und das ich soeben erst
erfahren habe Es ist seit einer Stunde hier im Hafen der allgemeine Befehl
publiziert worden keinen Passagier bei Strafe der Konfiskation der
Schiffsladung aufzunehmen der nicht dazu einen Erlaubnisschein von der
Stadtpolizei vorzeigen kann Ich weiß nicht worauf das zielt Es muss sich etwa
eine verdächtige Person an der etwas gelegen ist in der Stadt befinden die
sich davonmachen will und der man nachspürt«
    »Das wirds auch sein«  antwortete Rinaldo anscheinend gelassen unter
heftigem Herzklopfen  »Ich werde mir also einen Erlaubnisschein geben lassen«
    Ängstlich und unruhig erreichte Rinaldo wankend und wie ein Träumender sein
Haus
    »Wird es denn«  sprach er bei sich selbst »auf einmal so hell um dich O
geh zurück und verbirg dich in das Dunkel deiner Höhlen und Wälder«
    Lodovico war auf seinem Zimmer Er fand ihn als er eintrat mit Rosalien im
Gespräch  Er erzählte was ihm in dem Hafen begegnet war Rosalie zitterte
Lodovico wurde verlegen Man sah sich an und sprach nicht
    Endlich begann Rinaldo und schien wieder zu Fassung gekommen zu sein
    »Lodovico du bist ein ehrlicher Kerl Dir vertraue ich das Mädchen und
diese Koffer an Bringe sie in Sicherheit Ich entferne mich in der größten
Stille aus Neapel Ihr kommt mir nach  Zu Kosenza ist der Sammelplatz wo wir
uns auf jeden Fall treffen  Ich weiß es gewiss dass mein Aufenthalt hier
verraten ist Meine Person muss ich also zu retten suchen Ihr werdet unbemerkt
reisen Ich hoffe mich durchzuschleichen«
    Hierauf warf er sich in Pilgerkleider nahm so viel Edelsteine als er
schicklich vernähen und verbergen konnte zu sich und verließ ohne Verzug seine
Wohnung
    Lodovico schwur ihm Treue zu Rosalie zerfloss in Tränen
Rinaldo verließ unangehalten die Stadt und nahm seinen Weg auf Salerno zu  Er
erlaubte sich keine langen Ruhepunkte und verfolgte seinen Weg bis Klavimonte
wo er auf das äußerste ermattet ankam und wider Willen ein bleibendes
Ruhelager aufschlagen musste  In einer elenden Herberge kämpfte er mit
Leibesschmerzen und Seelenangst Seine Füße waren wund durcheitert und
geschwollen und in seiner Brust tobte es heftig Er wünschte sich den Tod und
getraute sich nicht ihn herbeizurufen
    Ein rechtschaffener Arzt nahm sich seiner an stillte seine körperlichen
Schmerzen und suchte ihn durch freundschaftliche Unterhaltungen aufzuheitern
Das erstere gelang ihm ganz das letztere kaum zur Hälfte
    Rinaldo machte sich endlich wieder auf den Weg und eilte den Gebirgen von
Mormando zu durch welche er nach Kosenza gehen wollte Er ging an mancher
Klause vorüber und gedachte seines Freundes Donato Jedes Kloster erinnerte ihn
an Aurelia und jede wilde Gegend war ihm ein Schauplatz seines Lebens in den
Apenninen
    Einst warf er sich von der Hitze des Tages gedrückt bei einer Quelle unter
einigen Pappeln nieder und überließ sich stillen Betrachtungen als er ganz
unvermutet von einem nahen Geräusch aufgeschreckt wurde Er blickte auf und sah
ein paar Menschen neben sich stehen deren Äusserliches sehr mit dem Ansehen
seiner ehemaligen wilden Kameraden übereinstimmte
    »Wer bist du« fragte der eine
    »Wie ihr seht ein Pilger«  war Rinaldos Antwort
    
    »Wohin willst du«
    »Zum Gnadenbilde der heiligen Jungfrau nach Kosenza«
    »Kannst du nichts Klügeres tun«
    »Ich bin krank und schwach und hoffe dort Hilfe zu finden«
    »Wir wollen dir den Gang erleichtern Zieh deine Börse und liefere sie uns
aus«
    »Wer seid ihr«
    »Wir sind Menschen die sich auf eine kluge Art zu nähren suchen«
    »Ich habe nur wenig Geld bei mir«
    »Nicht lange expostuliert Wir haben keine Zeit uns in Gespräche
einzulassen«
    »Habt ihr von dem berühmten Rinaldini gehört«
    »O ja«
    »Dieser ließ keine armen Pilger plündern Sein Freund Cintio traf einst« 
    »Cintio«
    »Warum fällt euch dieser Name auf«
    »Warum sollte er uns nicht auffallen Eben so heißt unser Hauptmann«
    »Euer Hauptmann  Wo ist er Führt mich zu ihm Er kennt mich Ich habe ihm
einst einen Dienst erwiesen den er mir zu vergelten versprochen hat Jetzt ist
die Zeit da wo er Wort halten kann«
    Die beiden Staudenhechte sahen sich schweigend an und Rinaldo wankte auf
Er ergriff seinen Pilgerstab und machte sich marschfertig
    »Nicht vom Platze«  schrie ihm der eine zu und streckte ihm seine Pistole
entgegen
    »Ich verlange zu eurem Hauptmann geführt zu werden«  sagte Rinaldo gefasst
 »Dieser wird mich nicht bestehlen lassen«
    »Kerl rede nicht so frech«
    »Fürchtet ihr ich würde euch verklagen so gebe ich euch mein Wort es soll
nicht geschehen  Ihr schweigt  Bursche ich halte Wort  Ich ehre euch
hoch wenn ich euch bitte mich zu Cintio zu führen«
    »Oho über die hohe Ehre«
    »Ich schwöre es euch zu Cintio wird euch wohl belohnen wenn ihr mich zu
ihm bringt Ich bin ein Mann« 
    »Das sehen wir Aber zum Hauptmann führen wir dich nicht  Deine Börse
oder eine Kugel durchs Hirn Wähle«
    »Schiesst wenn ihr Mut habt Ich bin Rinaldini«
    Mit einem Tempo streckten beide ihre Gewehre und legten sie zu seinen Füßen
nieder
    »Ich halte Wort Führt mich zu eurem Hauptmann Überdies schenke ich einem
jeden von Euch zehn Dukaten«
    Die Kerle sprangen freudig hoch auf warfen die Hüte in die Luft küssten ihm
die Hände und führten ihn mit sich fort  Als sie sahen dass Rinaldo so matt
war schlugen sie ihre Hände ineinander ließ ihn sich auf ihre Arme setzen
und trugen ihn bis zu Cintios Residenz
Diese Residenz war eine geräumige Höhle vor welcher Cintio jetzt unter einem
Gezelte campierte Er hatte sich auf ein Feldbett gestreckt und dachte eben an
Rinaldo als er den seltsamen Zug ankommen sah Seine Leute setzten den
verkappten Pilger vor dem Feldbette nieder und der eine sagte
    »Hauptmann das war eine kostbare Last Diesen den wir dir hier bringen
hätten die Sbirren nicht so sanft getragen als wir Hier ist er Sieh ihn selbst
an und sage uns wer er ist«
    Cintio warf seine Augen auf Rinaldo und konnte kein Wort sprechen Eine
Ahnung flog durch seine Seele und eine unerklärbare Ungewissheit nahm ihm die
Sprache
    »Kennst du mich nicht mehr«  fragte Rinaldo mit schwacher Stimme
    Schnell flog Cintio auf ihn zu drückte ihn an seine Brust und eine Träne
zitterte aus seinem Auge über die braune Wange hinab Still und betroffen
standen seine Kameraden um ihn herum und er schrie laut auf
    »Sehe ich dich wieder Rinaldini mein Freund Höre ich dich wieder
sprechen Und es ist kein Traum«
    Wie aus einem Munde schrien die Umstehenden zugleich
    »Es lebe der große Rinaldini und Cintio sein Freund unser wackerer
Hauptmann«
Als es zu einer ruhigeren Unterhaltung unter vier Augen kam teilte Rinaldo
seinem Freunde seine Geschichtserzählung mit Dieser unterbrach ihn in seiner
Erzählung mit keinem Worte als aber dieselbe geendigt war begann er
    »Sieh Rinaldini nun wirst du endlich doch wohl glauben dass wir nicht mehr
unter die Menschen taugen«
    RINALDO Ich bin davon überzeugt und habe es empfunden
    CINTHIO Lass uns in einsamen Tälern und Wäldern leben und die hochgetürmten
belebten Städte fliehen Auf Kalabriens Boden gedeihen unsre Werke Die Natur
scheint dieses Land für uns geschaffen zu haben Je tiefer wir hineinkommen je
bessere Wohnung finden wir und an Unterhalt kann es uns nie fehlen Ich stehe
an der Spitze von achtzig Mann und kann deren mehrere haben wenn ich will Ich
trete dir meine Hauptmannstelle ab 
    RINALDO Behalte was dein ist  Mich lass als Klausner einen der
verstecktesten Winkel Kalabriens bewohnen
    CINTHIO Bist du klug  Könnte man dich nicht erkennen und dich so wehrlos
wie du dann bist in die Arme der holden Justiz werfen Aus deiner Erzählung
sehe ich dass du einen Feind hast der gewiss zu fürchten ist Spürt dich einer
aus so ist es der Kapitän der sich wie ich merke nun einmal vorgenommen hat
auf deine Unkosten zu leben Stehst du aber an der Spitze meiner Achtzig wird
er dir kein Härchen krümmen Als ein wehrloser Klausner bist du jedem Zufall der
Gewalt unterworfen Die Menschen verfolgen dich die Obrigkeiten haben dich
geächtet haben Preise auf deinen Kopf gesetzt überallhin geht dir dein eigener
Name als ein Verbrechen nach  Nur an der Spitze deiner Kameraden findest du
Ansehen und Sicherheit Kannst du noch wählen
    RINALDO Lass mich nur erst wieder zu mir selbst kommen und es wird sich
alles fügen  Hier ist Geld Teile es unter deine Leute aus und mich bringe zur
Ruh dass ich wieder Rinaldo werde denn mein Geist ist von mir gewichen und
meine Kräfte sind dahin
Cintio brach mit seinen Gesellen auf und zog den Ruinen eines Schlosses zu in
welchem er einige Plätze zu Zimmern eingerichtet hatte wo er seinen Freund in
das beste derselben einquartierte und wo sich dieser nach guter Pflege und
Wartung wieder nach und nach erholte
    Er belehrte Cintio dass und warum er nach Kosenza gehen müsse wo Lodovico
und Rosalie ihn zu erwarten Weisung hatten Cintio wollte dies nicht zugeben
verlangte nur einen Brief von ihm an Rosalien und entschloss sich selbst dahin
zu gehen Rinaldo konnte seinen Vorstellungen nichts entgegensetzen und musste es
endlich geschehen lassen dass sein Freund nach Kosenza ging Rinaldo übernahm
indessen das Kommando über Cintios Gesellen und erwartete mit Sehnsucht die
Zurückkunft seines Freundes
    Den achten Tag nach seiner Abreise brachten einige der Gesellschaft Rosalien
und Rinaldos Gepäcke und Koffer glücklich zu ihm Lodovico kam auch mit Er war
mit Ketten geschlossen Cintio war nicht bei der Gesellschaft Einer seiner
Leute übergab Rinaldo folgenden Brief von ihm
    »Rinaldo ich übergebe dir die Anführung meiner Gesellen Wenn du mich
wiedersehen wirst will ich dir sagen wo ich indes gewesen bin und was ich
getan habe Ich habe aus deinem Vorrat von Gelde 100 Dukaten genommen die ich
vielleicht zu meinem Vorhaben gebrauchen werde Ist es nicht so bekommst du das
Geld wieder Beruhige dich über alles  Warum ich dir Lodovico geschlossen
zuschicke wird er dir selbst sagen Du wirst wissen was mit ihm zu tun ist
Gott befohlen
                                                                       Cintio«
Rosalie lag noch an Rinaldos Halse als er befahl Lodovico vorzuführen  Er
kam
    RINALDO Warum trägst du diese Fesseln
    LODOVICO Um meiner Verräterei willen
    RINALDO Verräterei
    LODOVICO Ich bin ein Schurke und habe mich Cintio entdeckt Von dir erwarte
ich mein Urteil denn dich trifft meine Verräterei
    RINALDO Mich
    LODOVICO Höre mein Bekenntnis und richte mich nach Verdienst  In Neapel
habe ich dich verraten Durch mich wusste der verdammte Kapitän wer du warst
    RINALDO Ist es möglich
    LODOVICO Allwissend ist jener Betrüger nicht  Als ich wieder zu mir selbst
kam bereute ich was ich getan hatte und nahm mir vor alles
wiedergutzumachen Du weißt wie ich dir gedient habe Mit Rosalien bin ich mit
großer Gefahr aus Neapel entkommen und habe sie nach Kosenza gebracht Dein
Eigentum habe ich respektiert und mit Reue über meine verfluchte Entdeckung
habe ich mich zermartert wie ein Büssender mit der Geissel Endlich musste es
heraus Ich bekannte Cintio ließ mich schließen Das verdiente ich Aber er
hätte es nicht gebraucht Ich wär dennoch zu dir gekommen um mein Urteil aus
deinem Munde zu hören Sprich es aus Bestrafe mich
    RINALDO Ich vergebe dir
    LODOVICO Hauptmann
    RINALDO Ich vergebe dir alles
    LODOVICO Lass mich Schurken geisseln lass mich hängen Vergib mir nicht so
leicht Das zermalmt mich
    RINALDO Ich bin in Sicherheit Rosalie und meine Schätze sind gerettet Was
will ich mehr Du hast ehrlich an meinem Eigentum gehandelt das hast du mir
getan Ich vergebe dir  Und wenn du willst kannst du bei mir bleiben Du
wirst mich nie wieder verraten
    LODOVICO Wahrlich nicht  Sieh Hauptmann ich weine  Pfui über mich
Buben Lass mich windelweich schlagen Bestrafe mich nur mit etwas sonst kann
ich dir nicht wieder ins Gesicht sehen Ich kann nicht ruhig werden wenn du
mich so ganz frei ausgehen lässt
    RINALDO Nun gut dann du sollst bestraft werden
    LODOVICO Recht so Hauptmann Lass mir das Fell über die Ohren ziehen
    RINALDO Erinnere mich in vier Wochen wieder daran Bis dahin wird sich eine
Bestrafung für dich finden
    LODOVICO Gut Ich will dich gewiss daran erinnern
    RINALDO Jetzt gehe frei und losgesprochen zu meinen Leuten zu denen du
gehörst Ich rechne in Gefahren auf dich
    LODOVICO Jedem deiner Winke gehört mein Leben
    RINALDO Ich rufe meine Leute herbei so viele ihrer in der Nähe sind und
nehme dir die Fesseln selbst ab damit sie sehen dass ich dich für unschuldig
erkenne
    LODOVICO Hauptmann Wenn ich das je vergesse so will ich an jeder Feige den
Tod fressen
Rosaliens Entzücken zu beschreiben vermag keine Feder Sie lebte ganz in und
für ihren geliebten Rinaldo und dieser erholte sich zusehends wieder bei der
Pflege und Wartung des geliebten Mädchens Seine Seele wurde nach und nach
heiterer er genoss die schönen Szenen der Natur mit herzlicher Empfänglichkeit
und sanfte Ruhe schwebte über seinen so glücklich entschwindenden Tagen
    Aber diese Ruhe war seinen wilden Gesellen nicht so willkommen als ihm
selbst und einer derselben sagte ihm das endlich im Namen aller
    »Bist du der berühmte und tapfere Rinaldini«  sprach er  »und liegst
hier in schwärmerischer Untätigkeit nur deinem Mädchen im Schoße  Mute
wenigstens uns nicht zu eben das zu tun Willst du unser Hauptmann sein so gib
uns Beschäftigung«
    »Ich bin nicht gesonnen«  antwortete Rinaldo  »euch auf die Straßen zu
schicken um armen Wanderern ihre paar Zehrpfennige abzupressen denn soviel
kann ich euch selbst geben und es bedarf dazu keiner Dolchstiche Wenn ihr mir
aber ein Unternehmen nennen könnt das meiner wert ist so werde ich euch
zeigen dass ich Rinaldini bin«
    »Über so etwas zu urteilen«  fuhr Albonicorno dieser Sprecher der
Gesellschaft fort  »ist nicht unsere Sache Genug dass wir da sind um nicht
wie faule Ölgötzen die Hände in den Schoss zu legen Wir kommen nicht einmal aus
diesem Neste um uns frische Saiten auf unsere Guitarren kaufen zu können Sie
sind unbezogen und verstimmt Uns bezieht auch niemand und wir sind verstimmt
wie unsere Instrumente Sollen wir deshalb den berühmten Rinaldini zum Anführer
haben damit wir uns zwischen Felsen verschließen können Das könnten wir auch
ohne dein Kommando tun und unsere Weinschläuche blieben nicht ebenso leer als
unsere Taschen«
    RINALDO Nun so holt euch Wein aus dem Keller des ersten besten Klosters
    ALBONICORNO Wer mag mit Kuttenhelden fechten die dem Teufel das Brevier an
den Kopf werfen
    RINALDO Fürchtet ihr euch davor Seht das kann ganz ruhig zugehen Ihr
fangt den Abt des Klosters und ihr habt Wein Wollt ihr das nicht so will ich
mich im Tale umsehen Vielleicht finde ich etwas für euch  Ich stehe nicht
schlecht mit dem Zufall
Den folgenden Morgen ging Rinaldo in das Tal und näherte sich dem Flecken
Fiscaldo wo eben das Fest der Schutzpatronin des Ortes gefeiert wurde Es gab
da Tanz und Gesang Buden waren aufgeschlagen versehen und aufgeputzt mit
mancherlei Waren und Bühnen von welchen herab Mönche Amulette geweihte
Rosenkränze und andere kleine Heiligkeiten verkauften Die armen Kalabresen
drängten sich an diese Bühnen und brachten ihre kärglich ersparten Pfennige dar
die alle ohne Erlösung zu hoffen zu haben in die große Büchse der geistlichen
Empiriker fielen Und so groß der geistliche Warenvorrat dieser Herren auch war
so wenig schien er doch hinreichend zu sein die herbeiströmende Menge zu
befriedigen
    »Dieses Geld«  murmelte Rinaldo bei sich selbst  »sollen die Scharlatane
nicht mit nach Hause nehmen«
    Er schickte Lodovico zurück und ließ Albonicorno und einigen andern sagen
worauf sie aufmerksam sein sollten und was sie zu tun hätten der Geistlichkeit
die gefüllten Geldbüchsen abzunehmen  Und das geschah gegen Abend auch
wirklich
    An einer Ecke wo ein Marienbild stand brachten arme Kalabresen die sonst
weiter gar nichts zu geben hatten um ihre Andacht so gut wie möglich zu
bezeigen der heiligen Jungfrau ein Ständchen1 In diese glorifizierende
Gesellschaft mischte sich Rinaldo bezeigte den frommen Musikern seinen Beifall
und schenkte den armen Leuten Geld weil wie er sagte »ihm die heilige
Jungfrau offenbart habe sie verlange nichts umsonst und er solle für sie
zahlen«
    Die Musiker die auf eine irdische Belohnung gar nicht gerechnet hatten
bedankten sich verbindlich nahmen das Geld und trugen es an die geistlichen
Krämerbuden Dort wurde es auch in die Büchsen geworfen und so kam es wieder in
die Hände des milden Gebers
    Ein paar maskierte Damen die in Gesellschaft einiger Kavaliere auf dem
Markte umherspazierten zogen Rinaldos Aufmerksamkeit auf sich und er näherte
sich ihnen nicht so bald als die eine derselben ihn auch zu bemerken schien
Sie fixierte ihn stark und drängte sich absichtlich ihm immer näher bis sie ihm
endlich unbemerkt zulispeln konnte
    »Willkommen Graf Mandochini«
    Rinaldo erschrak fragte aber gleich zurück
    »Wer spricht mit mir«
    »Eine Bekannte«  war die Antwort und die Dame ging wieder zu ihrer
Gesellschaft zurück
    Rinaldo blieb stehen und verfolgte sie mit den Augen bis sie im Gedränge
der Menschen verschwand
    Er trat beiseite und visitierte seine Pistolen als er auf einmal von hinten
zu auf die Achsel geschlagen wurde  Er fuhr erschrocken herum und sah Cintio
vor sich stehen
    »Du hier«
    »Ich und noch einige Bekannte«
    RINALDO Wahrhaftig das habe ich soeben mit Verwunderung gehört  Eine
maskierte Dame nannte mich hier wie ich mich in Neapel nannte Graf Mandochini
    CINTHIO Nun Und du ahnst nichts  Höre In Kosenza kam ich deinen
Neapolitaner Bekannten auf die Spur Ich bin ihnen allenthalben hin nachgefolgt
Sie sind beide hier Ich wünsche sie möchten nun bald auch in unserer Gewalt
sein
    RINALDO Wer
    CINTHIO Wer  Wie du auch fragen kannst Wer anders als der kunstreiche
Kapitän und die wunderschöne Signora Olimpia
    RINALDO Ist es möglich
    CINTHIO Es ist Gewissheit  Sie scheinen in der Nähe bei einem Edelmann zu
leben dem sie vermutlich mit vereinigten Kräften den Beutel fegen werden  Wir
wollen sie auch fegen diese Beutelschneider dass sie an uns denken sollen
    Indem kam Bramante einer ihrer Gesellen eilig auf sie zu und sagte
    »Hauptmann dort sprach ein Herr in Gesellschaft einiger Herren und Damen
den Namen Rinaldini ganz deutlich aus Einer von der Gesellschaft winkte ein
paar Sbirren herbei und ein anderer sprach mit einem Offizier der Miliz Ich
eilte fort euch dies zu sagen«
    »Siehst du nun dass ich meiner Sache gewiss bin«  sagte Cintio  »Uns
werden sie nicht fangen Ich kenne hier herum die Wege Bramante spüre voraus
Wir gehen über die Klause St Sepolchro Triffst du welche der Unsrigen an so
ziehe sie an dich Bei dem Pappelwäldchen unter der Klause erwartet uns«
    Bramante sprang davon und Cintio zog Rinaldo durch einen zerfallenen
Aquädukt ins Freie vor Fiscaldo hinaus
Am Pappelwäldchen trafen sie Bramante und drei seiner Kameraden Sie erreichten
die Anhöhe St Sepolchro als sie in Fiscaldo die Trommel rühren hörten und
bald darauf hörten sie auch dass mit den Glocken gestürmt wurde worauf das
ganze Tal in Aufruhr kam  Sie schlichen über die Gebirgsrücken hin und trafen
nahe bei ihrem Lagerplatz auf die jubelnde Kolonne ihrer Leute welche den
geistlichen Wunderkrämern zwei gefüllte Geldbüchsen abgenommen hatten die
ziemlich schwer waren Gleich nach ihrer Ankunft ließ sie aufpacken und
brachen auf Sie gingen über die Gebirge ließ bei St Paolo und weiterhin
Wachen zurück und zogen sich auf die Anhöhen von St Lucito deren Zugänge sie
stark besetzten Zwischen fürchterlichen Felsen schlugen sie auf steinigem Boden
ihre Gezelte auf
Es war nach Mitternacht als sich Rinaldo höchst ermüdet auf sein Lager
streckte Rosalie goss vorsichtig noch Öl in die Lampe und legte sich an Rinaldos
Seite Dieser hatte eben die Augen geschlossen als ein lauter Schrei von
Rosalien ihn weckte  Rinaldo fuhr auf und wollte fragen was es gäbe als er
eine lange weiße Figur in der Tür seines Gezeltes stehen sah Sie drohte zweimal
mit der Hand und verschwand
    Rinaldo sprang vom Lager auf trat aus dem Gezelte fand die Wachen munter
und die nächsten an seinem Gezelte wussten ihm nichts zu antworten als er
fragte ob nichts vorgefallen sei Er ging zurück und fand Rosalien ängstlich
Sie erinnerte ihn an eine ähnliche Erscheinung in den Apenninen deren sich die
Leser auch noch erinnern werden und Rinaldo wurde nachdenkend  So schlief er
ein und erwachte von Cintio geweckt als der Tag anbrach
    »Ich nehme zwanzig Mann mit mir«  sprach dieser  »und will in den Tälern
rekognoszieren«
    Als er fort war rief Rinaldo Lodovico herbei und sagte
    »Jetzt Lodovico ist der Termin deiner dir erbetenen Strafe da  Der
bekannte Kapitän und die Signora Olimpia halten sich in der Gegend von Fiscaldo
irgendwo auf Du gehst und kommst nicht eher wieder zurück bis du mir die
Nachricht bringen kannst wo diese feine Brut ihr Nest hat damit wir sie
ausnehmen können denn ich denke sie sind flügge«
    »Das waren sie schon längst«  sagte Lodovico  »Ich danke dir Hauptmann
dass du dich endlich meiner Bestrafung erinnerst wiewohl diese ein wenig zu
leicht ist Aber du sollst sehen was ich tun will Erfahren sollst du wo die
Vögel stecken und der korsische Hahn soll sich kann ich ihn aufs Korn
bekommen gewiss am längsten haben füttern lassen«
    Das gesagt machte er sich auch sogleich auf den Weg
    Hierauf suchte Rinaldo versteckte Winkel auf und vergrub daselbst in
Rosaliens Gesellschaft seine erheblichsten Kostbarkeiten  Als das geschehen
war gab er das Signal zum Aufbruch musterte sein Korps fand es 86 Köpfe
stark mit Waffen wohl versehen gab das Losungswort und zog ins Tal hinab
    Er war noch nicht weit marschiert als er in der Entfernung Trommelwirbel
hörte Er machte halt und sicherte sich den Rückweg ins Gebirge  Bald hörte er
entfernt Schüsse fallen und schickte Kundschafter auf die Anhöhen
    Das Feuern kam näher und endlich kam die Nachricht von seinen
Kundschaftern Cintio sei mit seinen Leuten mit Miliz und Sbirren im Tale bei
St Lucito handgemein geworden  Er schickte sogleich zwölf Mann ab ihm
schnell zu Hilfe zu eilen und zog diesen langsam nach
    Das Feuern wurde heftiger und er kam endlich dem Tummelplatze näher Aber
noch kamen ihm keine Flüchtigen entgegen was ihm gute Hoffnung gab  Ganz
unbefahrt rückte er immer weiter vor als auf einmal von einer Anhöhe herab
auf sein Korps Feuer gegeben wurde Er sah hinauf und sah die Anhöhe mit Miliz
besetzt  Nun setzte er sich in den stärksten Marsch und kam endlich gerade
noch zu rechter Zeit auf dem Wahlplatze an
    Cintios Korps war sehr zusammengeschmolzen Noch fochten kaum zehn Mann als
Verzweifelte gegen eine ihnen mehr als zehnfach überlegene Macht Ja wären sie
keine Räuber gewesen man hätte sie wie sie jetzt kämpften Helden nennen
können
    Jetzt stürzte sich Rinaldo mit seinen Leuten den Soldaten und Sbirren mit
einer solchen Furie entgegen dass diese über den unvermuteten neuen Angriff
verlegen sich zurückzogen  Rinaldo folgte ihnen Schritt für Schritt 
Cintio sammelte indessen sein Häuflein suchte die Zerstreuten und verstärkte
sich wieder auf dreißig Mann
    Mit diesen eilte er Rinaldo nach und kam eben an als dieser sich
zurückziehen musste Die Miliz hatte ihre Kanonen vorgeführt und bediente sich
derselben mit so gutem Erfolg dass Rinaldo kaum noch zwanzig Mann um sich hatte
die Widerstand leisten konnten
    Als sich Cintio herbeidrängte vereinigten sich beide Korps und gingen dem
Feinde rasch wieder entgegen  Plötzlich brachen wohl vierzig Dragoner auf sie
los die von der Seite herbeigesprengt kamen Im Nu war Rinaldo mit einigen
seiner Gefährten von den Seinigen abgeschnitten und umzingelt Bei einem Hiebe
brach ihm der Säbel seine Pistolen waren abgeschossen Seine Gefährten fielen
von Kugeln durchbohrt an seiner Seite Er wurde zu Boden gedrückt und musste
sich ergeben Dieser Fang kostete sechsen von den Reitern das Leben
    Wütend über den Tod ihrer Kameraden schlugen die Reiter unbarmherzig auf
Rinaldo los der ohne einen Laut von sich zu geben die fürchterlichsten
Streiche empfing Zwei Reiter banden ihn endlich zwischen die Pferde und trabten
mit ihm auf ein Schloss zu
    Hier wurde er gleich in einen finsteren Kerker geworfen und bekam erst nach
einigen Stunden etwas Stroh zu einem Lager Brot und Wasser zur Nahrung
    Ermüdet sank er auf die elende Streu von Schmerzen und Kummer gepeinigt
und konnte weder weinen noch klagen Ganz ermattet entschlief er endlich Er
hatte lang geschlafen als ihm träumte Rosalie stünd an seiner Seite Sie
blickte ihn freundlich an reichte ihm die Hand und rief ihm zu Komm und folge
mir  Er erwachte fuhr auf sah Licht im Kerker und ein verschleiertes
Frauenzimmer stand an seiner Seite
    »Wer bist du« fragte Rinaldo
    »Fürchtet Euch nicht aber antwortet mir getrost mit Wahrheit und Offenheit
Es könnte Euch vielleicht gereuen es nicht getan zu haben«
    »Was wollt Ihr von mir wissen«
    »Seid Ihr der Graf Mandochini«
    »Der war ich«
    »So seid Ihr auch Rinaldini«  sagte das Frauenzimmer und verließ schnell
den Kerker
Rinaldo sann noch nach was dieses zu bedeuten haben möchte als die Tür des
Kerkers geöffnet ward ein alter Kerl hereintrat ihm Wasser und Brot hinsetzte
fortging und schweigend die Tür wieder verschloss
    Der Tag mochte mit der Nacht gewechselt haben und Rinaldo lag im stummen
Unbewusstsein auf dem kärglichen Strohlager als die Tür seines Kerkers wieder
aufging und die verschleierte Dame mit einem Lichte hereintrat
    ER Wer ist hier
    SIE Und du fragst noch  Was man einmal geliebt hat kann man so leicht
nicht hassen Wir sahen uns einst und waren glücklich Wie könnte ich das
vergessen
    ER Heiliger Gott ich kenne diese Stimme 
    SIE Um das Reisegeld hast du mich betrogen aber ich bin doch weiter
gekommen als Du
    ER Olimpia
    SIE Kennst du mich nun
    ER Was habe ich von Dir zu erwarten
    SIE Großmut
    ER Olimpia Darf ich meinen Hoffnungen trauen
    SIE Hört edler Graf  Ich sah Euch als man Euch hierher brachte und
erkannte Euch  Im Schloss weiß man nicht welchen kostbaren Vogel man im
Käfig hat sonst lägt Ihr gewiss wenigstens nicht ohne Ketten hier Es steht
bei mir sie Euch zu geben
    ER Gebt sie mir
    SIE Starrkopf
    ER Was wollt Ihr hier
    SIE Erratet es
    ER Mich quälen Das kann ich ertragen Mich beklagen Das verlange ich
nicht Mich morden lassen Das wünsche ich
    SIE Trotziger Mensch  Retten will ich dich
    ER Du  Olimpia
    SIE Die dich liebte ja die dich noch liebt  Aber ich bin nicht
uneigennützig
    ER Das glaube ich Ich kann aber jetzt nichts geben als diese Börse die ich
bei mir habe
    SIE Geld verlange ich nicht Die Zeiten haben sich geändert Ich habe jetzt
Börsen für dich  Ich verlange bloß die schriftliche Versicherung von dir dass
du mir Dank schuldig bist weil ich dich vom Tode gerettet habe
    ER Ist das schon geschehen
    SIE Es soll und wird geschehen so wie ich mir es ausgesonnen habe O
geliebter Verräter was tät ich nicht für dich  Ich führe dich jetzt selbst
aus diesem Kerker Vor dem Schloss erwartet dich ein berittener Diener mit
einem Pferde das mit Kleidern für dich bepackt ist Im Hafen liegt eine
genuesische Galeere die nach Sizilien segelt Mit dieser gehst du nach Messina
Du führst den Namen Ritter de la Cintra Hier ist ein Pass für dich auf diesen
Namen In Palermo meldest du dich im Hause des Marchese Romano und gibst ihm
diesen Brief Du wirst dort wohl aufgenommen werden  Hier ist eine Börse mit
hundert Dukaten 
    ER Geld brauche ich nicht
    SIE Gut so behalte ich mein Geld Aber das verlangte schriftliche
Bekenntnis muss ich erhalten Hier ist Bleistift und Papier schreibe es so gut
als es dir hier möglich ist
    ER Hat geschrieben Hier ist es Aber wie soll ich 
    SIE Keine Zögerungen Wir wollen schon einmal wenn es Zeit ist Abrechnung
halten
    ER Wenn ich aber 
    SIE Keinen Aufenthalt Du bist im Schloss des Prinzen della Torre den du
kennst Wird das geringste entdeckt so sind wir beide verloren  Ein paar
Küsse für mich  Und nun folge mir
    Sie führte ihn aus dem Kerker durch den Schlosshof an ein offenes Pförtchen
Hier küsste sie ihn noch einmal und schlüpfte hinaus
    Sechs Schritte vom Schloss fand er die Pferde und einen Reitknecht der ihn
erwartete Er stieg auf und trabte mit ihm rasch zu Sie erreichten bald den
Hafen Dem Begleiter drückte er Geld in die Hand und schnallte den Mantelsack
vom Pferde Der Knecht sprengte zurück und Rinaldo kleidete sich hinter einem
Busche in ein Reisekleid das er im Mantelsack fand Sein Rock nahm den Platz
desselben ein
    Die Sonne ging auf  Den Mantelsack unter dem Arme ging er nach dem Hafen
zu
    Dem Offizier von der Hafenwache der ihn anhielt zeigte er seinen Pass und
erhielt ohne Bedenken Erlaubnis seinen Weg fortzusetzen
    Es lag wirklich eine genuesische Galeere in dem Hafen die ihn aufnahm
    Die Anker wurden bald darauf gelichtet der Wind schwellte die Segel
Rinaldo seufzte nach dem Lande zu »Ach Rosalie« und das Schiff stach in die
See
Sie kamen nach Messina  Rinaldo hatte kaum Quartier gefunden und sich
anständig gekleidet als er zu dem Marchese Romano eilte seinen Brief von
Olimpien abzugeben
    Er fand ihn in großer Gesellschaft in seinem Palais  Sobald der Marchese
den Brief gelesen hatte wurde er sehr freundlich und stellte seinen Gast der
Gesellschaft vor welche aus Prinzen Grafen Gräfinnen und Baroninnen bestand
die sich höchlich seiner Bekanntschaft freuten und sich nichts weniger träumen
ließ als einen so verrufenen Räuberhauptmann in ihrem illustren Zirkel zu
sehen
    Der jetzige Herr Ritter hatte tausend Fragen zu beantworten beantwortete
dieselben zu allgemeiner Zufriedenheit und zog sogar die Blicke von einigen der
schönsten Damen der Gesellschaft auf sich Man gestand sich der Ritter sei ein
schöner Mann und die Herren fanden einen artigen weitgereisten Kavalier in
ihm Man erbot sich zuvorkommend zu hundert Gefälligkeiten und der Marchese
Romano ließ nicht eher nach als bis sein Gast versprach Quartier in seinem
Hause zu nehmen
    Wie sehr war jetzt die Szene um den nagelneuen Ritter herum verändert Sonst
unter Mördern und Räubern auf dem Rücken irgendeines unwirtbaren Felsens noch
vor kurzem in einem stinkenden Kerker und jetzt in einer der vornehmsten
Gesellschaften Siziliens in glänzenden Zimmern eines prachtvollen Hauses
    Und er schien hier ebensogut als dort zu Hause zu sein
    Ehe die Gesellschaft auseinanderging erhielt er verschiedene Einladungen
und dann bat sich sein Wirt seine Gesellschaft und eine Unterredung unter vier
Augen aus
Beide begaben sich in den Pavillon eines schönen Gartens der an dem Palais des
Marchese lag hier ließ sie sich nieder Als der Marchese die Weingläser
gefüllt hatte erhob er das seinige mit einem Gesundheitszuruf
    MARCHESE Herr Ritter unsre Freundin Olimpia hat Euch mir so vorteilhaft
empfohlen dass ich geradezu und ohne Umschweife Euch Freund nenne
    RINALDO Mir ungemein viel Ehre
    MARCHESE Ein Mann von Talenten und so vielen Kenntnissen wie Ihr kann
allerdings den gegründetsten Anspruch darauf machen mit einer Verbindung näher
bekannt zu werden die ihr zur Ehre und ihm zum Vorteil gereichen wird Alle
meine Gäste die Ihr gesehen und gesprochen habt Menschen von Kopf und Herz
werden sicher mit mir der guten Hoffnung leben in Euch ein Mitglied ihres
Bundes voll Mut und Geist zu finden
    RINALDO Ich bitte Euch deutlicher zu erklären
    MARCHESE Ich nehme keinen Anstand dies zu tun  Es gibt ein gewisses
allgemeines Band in der Welt welches Konvenienz und Verhältnisse nur allzuoft
zerrissen haben Dieses werde wieder hergestellt von Menschen von Geist und
Sinn es werde dann durch sie allgemeiner gemacht Im Kirchenstaate in den
Königreichen Neapel und Sizilien kennen sich eine große Anzahl Menschen mit
durch und für diesen Beruf  Ein gegenseitiges Bedürfnis schafft gegenseitigen
Beistand gegenseitige Teilnahme Schon genug zu wissen man kennt sich man
kann allenthalben auf Freunde rechnen2
    RINALDO Ein tröstlicher willkommener Gedanke Edler Mann Ihr wisst nicht 
    MARCHESE Ich weiß was ich wissen darf  Der Gesellschaft seid Ihr vor der
Hand nur der Ritter de la Cintra bis sie mehr von Euch erfährt
    RINALDO Herr Marchese Ihr wisst also 
    MARCHESE Ich grüße Euch als einen gefürchteten Mann  Das Geheimnis Eures
Namens bleibt bei mir so sicher wie bei Euch selbst verschlossen
    RINALDO Aber was kann Euch bewegen mich dessen Name und Tun so verrufen
ist einer Gesellschaft einzuverleiben deren Mitglieder so edel vornehm und
ohne bürgerlichen Tadel sind
    MARCHESE Was kann uns hindern Euch Freund zu nennen  Und wenn wir Euch
nun einen neuen Wirkungskreis anweisen dessen beabsichtigter Erfolg ganz für
unsern Plan berechnet ist   Alles das wird Euch mit der Zeit deutlicher
werden
    RINALDO Ich spiele glücklicher bei diesem Spiele als Ihr Ich kann dabei nur
gewinnen
    MARCHESE Durch Euch gewinnen auch wir Vorteil und Gewinn verketten sich bei
uns Darüber seid ohne Sorge  Ich gebe Euch den Bruderkuss
Rinaldo ging mit schweren Gedanken umher und hoffte auf Entwicklung eines
Rätsels dessen Deutung er trotz aller Anstrengung nicht finden konnte  Er
stattete Besuche ab machte Bekanntschaften und wohnte Tischgesellschaften und
Bällen bei die sehr glänzend waren
    Von einer Zerstreuung zur andern gerissen kam er so wenig zu sich dass er
nach und nach ganz vergaß Betrachtungen über sich und seine Lage anzustellen
    Unter den Damen die er kennenlernte waren ihrer zwei die seine
Aufmerksamkeit besonders fesselten Ein Fräulein von hoher Schönheit die
einzige Tochter des Barons Denongo genannt Laura eine der ersten und reichsten
Partien der Insel und eine Gräfin Martagno eine Dame von Geist voll des
feinsten einnehmenden Wesens nicht so schön als Laura aber dennoch ungemein
interessant Sie war in ihrem zweiundzwanzigsten Jahre Witwe und Besitzerin
eines ansehnlichen Einkommens von ererbten Gütern
    Diese beiden Damen interessierten wie gesagt unsern Ritter ungemein und
es war ausgemacht dass auch er von ihnen nicht mit Gleichgültigkeit gesehen
wurde Besonders schien die Gräfin dies an den Tag zu legen  Sie war eine
interessante Frau ein zartes feines Gebild das man wahrhaft reizend nennen
konnte Sie hatte viel Geist und ein sehr schnell einnehmendes Wesen Voll
sanftem Feuer waren ihre Augen zierlich von der Stirn herabsteigend ihre Nase
Ihr Kopf war üppig schön umlockt Um ihre Lippen schwebte stets ein heiterer Zug
Lächelnd gruben sich in Kinn und Wange zwei liebliche Grübchen ein Eine sehr
schön geformte Hand begleitete ihre Worte mit herrlichen Gesten Ausdruck war
ihr ganzes Wesen wenn sie sprach Ungemein edel war ihre Haltung schwebend ihr
Gang harmonisch ihre Stimme Eine wahrhaft hohe Sinnlichkeit schwebte über ihr
ganzes Wesen wirkliche Liebe in der schönsten Harmonie mit all ihren Reizen3
    Bei einer Fete wo die Damen sich singend hören ließ sang auch die Gräfin
zur Guitarre
                                      Lied
Wo Liebe sich bettet da ruht sichs gar weich
Da gründet die Freude ein fröhliches Reich
Da scherzt man so freundlich da kost man vertraut
Da findet die Liebe der Jüngling als Braut
Da findet das Liebchen der Freuden gar viel
Sie wandelt durch Blumen zum rosigen Ziel
Da kränzt sie die Liebe gar herzlich vertraut
Sie findet den Jüngling die zärtliche Braut
Es wiegen die Scherze der Liebe sie ein
Nun ruht sie so sicher um glücklich zu sein
Sie schlummert so friedlich so zärtlich vertraut
Im Arme des Lieben die glückliche Braut
Ein allgemeines Bravo belohnte die Sängerin Diese aber suchte den Beifall nur
in Rinaldos Augen Dann sprang sie auf und gab das Signal zum Tanz
    Darauf erklärte sie sie wünsche einen guten Tänzer zum Bolero zu finden
Ein niedliches Mädchen gekleidet als Jüngling trat als ihr Tänzer auf Die
Gräfin schwebte mit dem verkleideten Jüngling in des Tanzes wollüstigen Touren
dahin ohne Rinaldo aus den Augen zu verlieren  Die rauschende Musik ertönte
Aufeinander zu flogen die Tanzenden Sie suchten sie fanden sich Ausgebreitet
waren ihre Arme zärtlich geöffnet ihre Lippen ihre Küsse begegneten sich
Sanfte Trennung zärtliches Zurückkommen Beredter wurden ihre Blicke jeder
Muskel erzitterte Ihre Herzen erbebten  Zärtliche Pause  Endlich sanken
wonneberauscht sie einander in die Arme4
    Rinaldo stand unter den Zuschauern neben Laura die ihn fragte
    »Wie findet Ihr diesen Tanz«
    »So«  antwortete er  »dass ich um keinen Preis in der Welt meine Geliebte
ihn mit einem andern Manne als mit mir würde tanzen lassen«
    Die Gräfin warf sich auf einen Stuhl wehte sich Luft mit dem Tuche zu
Rinaldo lispelte »Wie reizend schön«  Die Gräfin lächelte mit einem Blick ihn
an der ihn durchdrang Der Tanz wurde allgemeiner Die Gräfin entfernte sich 
Umgekleidet erschien sie wieder ging auf Rinaldo zu und sagte
    »Ritter Man hat Depeschen an Euch bei mir abgegeben die ich Euch
überliefere und die Ihr hier in der besten Einsamkeit lesen könnt wenn Ihr Euch
nicht selbst stören wollt Auch könnt Ihr hier Euch ganz dem Nachdenken
überlassen wie Petrarch an seine Laura  Ich heiße nur Dianora und mein Name
ist nicht so schmelzend als jener  Lasst Euch nicht stören«
    Sie verließ das Zimmer Rinaldo erbrach den ihm gegebenen Brief
Er war von Olimpia mit beigelegten Einlagen an den Marchese Romano und den
Baron Malvento  Rinaldo öffnete seinen Brief und las
        »Geliebter Ritter«
    »Ich hoffe du befindest dich wohl  In den besten Händen von der Welt bist
du wenigstens Vermöge deines schriftlichen Versprechens bitte ich dich mir
deine Dankbarkeit dadurch zu bezeigen dass du dem Marchese Romano in allem
folgst Er wird dir sagen dass es Zeit wird dich mit dem Alten von Fronteja
bekannt zu machen Das darfst du nicht versäumen  Vielleicht sprechen wir uns
bald persönlich«
    »Als Neuigkeit muss ich dir schreiben Dass des berüchtigten Rinaldinis
Räuberbande wie man sagt ganz aufgerieben ist In St Lucito sind gestern neun
seiner Gesellen die man lebendig bekommen hatte erschossen worden Alle haben
ausgesagt Rinaldini selbst sei in Stücke zerhauen an ihrer Seite gefallen
Man ist sehr froh dass dieser gefährliche Mensch auf diese Art sein Leben
geendigt hat Ein gewisser Cintio soll sich aber doch mit einigen Kameraden
durch die Milizen durchgeschlagen haben Ihm wird jetzt nachgespürt«
    »Die zweite Neuigkeit ist dass ein gewisser dir wohlbekannter Kapitän von
einem gewissen dir gleichfalls bekannten Lodovico mit sechs Dolchstichen
beinahe ermordet worden ist Er liegt sehr schlecht darnieder Der Täter ist
entkommen«
    »Leb wohl Es bleibt dir die Liebe
                                                                Deiner Olimpia«
Rinaldo hatte gelesen und steckte die Briefe zu sich als Laura in das Zimmer
trat Sie suchte wie sie sagte hier eine Freundin da sie dieselbe aber nicht
fand blieb sie auch da
    Es entspann sich ein gleichgültiges Gespräch unter welchem beide ganz
unvermutet in die Galerie kamen welche an das Zimmer stieß  Sie gingen
sprechend immer weiter und kamen in einen glänzenden Saal in welchem die Tafel
serviert wurde
    LAURA Das muss man gestehen die Gräfin wohnt vortrefflich hier Ihr Haus ist
ohne Widerspruch eines der schönsten Häuser in Messina
    RINALDO Die Gräfin scheint 
    LAURA Sie ist eine Frau von viel Geschmack und Geist und sehr liebenswürdig
 Man sagt sie würde sich wieder vermählen
    Dergleichen sprechend waren sie durch die Galerie wieder in das Zimmer
zurückgekommen welches Laura schnell und unbemerkt verließ
Er blieb hier in Nachdenken verloren unbemerkt bis der Klang der Trompeten
ihn zur Tafel rief 
    Hier kam er als Fremder neben die Frau des Hauses die Gräfin zu sitzen
und Laura saß ihm gegenüber  Sein Nachdenken hatte ihn verstimmt und sein
Betragen wurde gegen seine Nachbarin sehr zeremoniös worüber Laura viel
heimliche Freude hatte
    Der Baron Malvento unterhielt die Gesellschaft mit Rinaldinis Untergang und
Schicksal in Kalabrien Die Unterhaltung über diesen Mann wurde allgemein Jedes
äußerte seine Meinung
    Laura meinte der Strassenräuber sei viel zu ehrenvoll gestorben er hätte
sein Leben auf dem Rade beschließen sollen Das gab Rinaldo einen starken Stich
ans Herz in welchem das unbarmherzige Fräulein sogleich ein wenig auf die Seite
geschoben wurde  Die Gräfin meinte Rinaldini sei doch ein bedeutender Mann
gewesen der nur an der Spitze eines Heeres hätte stehen sollen um sich seines
Nachruhms zu versichern Das gab der Gräfin Laurens ganzen Platz in Rinaldos
Herzen
    Der Marchese Romano sagte der Gesellschaft sein Freund der Herr Ritter
habe ihm versichert er habe Rinaldini gekannt Sogleich bestürmte ihn die
Gesellschaft mit Fragen Laura fragte
    »Wie fandet Ihr denn diesen Gaunerkönig«
    »Mich«  sagte Rinaldo  »hat er gut behandelt Ich war in seiner Gewalt
und er hat dieselbe nicht missbraucht«
    »Wie sah er denn aus«  fragte die Gräfin
    »Edler als es ihm sein Handwerk hätte erlauben sollen«
    Laura schimpfte auf Rinaldini fort bis sich das Gespräch der Gesellschaft
auf einen andern Gegenstand drehte was Rinaldo sehr gern hörte
Die Nacht verschwebte im Tanze und der Morgen brach an als Rinaldo nicht in
seine Wohnung sondern vor die Stadt in die Gegend der Gärten und Landhäuser
ging dort den schönen Morgen zu genießen der sich auf tauenden Schwingen in
die blühenden Täler senkte Seine Fußtritte ließ Streifen in den betauten
Wiesenmatten zurück und seine Blicke suchten einen Hügel von welchem herab er
die schöne Gegend übersehen konnte Farbig spiegelten sich der Sonne goldene
Strahlen im perlenden Tau Himmel und Erde waren erwacht Aurora hatte zugleich
mit ihren Rosenpforten Rinaldos Sinne aufgeschlossen Er lehnte sich an eine
Pinie und überschaute das glänzende Tal Seine Augen waren nass wie das Tal Auch
in seinen Tränen erglänzten der Sonne goldene Strahlen auf seinen Wangen
entglühte zurück das Purpurrot des Himmels
    Fernher ertönte das melodische Murmeln eines Wasserfalls und drüben auf den
Hügeln erklang hinter feisten Herden die ländliche Schalmei der frohen
Hirtenwelt
    »Ach«  seufzte Rinaldo  »dass auch ich noch hinter Herden einherging wie
ehemals in meinen väterlichen Fluren Dass auch ich noch froh und munter
schuldlos und unbefangen die Töne meiner Schalmei mit schmeichelnden Lüften
vermählen könnte Wie wenn ich in ein fernes Land gehen wieder zu meinem
Hirtenstabe greifen und mich in die Einöde Spanischer Triften verbergen könnte
O dass ich dieses Glücks teilhaftig würde Was hält mich im Taumelkreise der
Welt noch zurück wo ich von Gefahren umlagert gewiss noch ein Opfer eines
gerichtlichen Todes werde Fort fort aus Siziliens Tälern in Spaniens
duftende friedliche Auen«
    Er sprachs und Tränen begleiteten seine Worte
    »Ich Unglücklicher der ich bin«  seufzte er tief auf und verstummte
    Da kam ein Einsiedler den Hügel herauf grüßte ihn freundlich und sagte
    »Du bist ein Unglücklicher wie du seufzst Warum bist du unglücklich Bist
du es durch deine eigene oder durch fremde Schuld«
    »Beides« antwortete Rinaldo mit einem gepressten Seufzer
    »Lerne dulden und tragen«  fuhr der Einsiedler fort  »das ziemt dem
Manne Der Himmel hat Wege genug dir einen sanften anzuweisen wenn es dir
nicht heilsamer ist eine raue Straße zu wandeln Bedenke dass alles was
geschieht zu deinem Besten dient«
    »Nimmst du Almosen«  fragte Rinaldo rasch
    »Um es andern zu geben ja«  antwortete der Eremit  »Für mich habe ich
immer genug weil ich wenig bedarf Aber es gibt Menschen die auch dieses
Wenige nicht haben«
    »Diesen gib«  rief Rinaldo drückte ihm eine Börse in die Hand und eilte
in die Stadt zurück
Der Marchese sagte ihm dass er auf einige Tage verreisen werde und empfahl ihm
indessen die Unterhaltung seiner Frau und Töchter an
    Den Tag nach der Abreise des Marchese ging Rinaldo hinaus in die
Gartenfelder und suchte sein Lieblingsplätzchen auf
    Der Abend senkte sich über die Täler Die Streifen der fliehenden Sonne
zogen durch die Fluren färbten die Gipfel der Berge purpurrot und schwanden
Die Abendlüfte trugen Wohlgerüche auf balsamischen Flügeln über die Auen Die
Abendfliegen erwachten durchschwärmten summend die Gegend und in der Ferne
erklang des Hirten laute Schallmei in das Glockengeklingel seiner Herde
Schmachtend ertönte der Sang der liebeflötenden Nachtigallen und jeder Zweig
wurde zur Kehle
    Rinaldo stand an der Tür des Gartens einer geschmackvollen Villa Die Tür
war offen Er ging in den Garten Duftende Orangengerüche flogen ihm entgegen
laute Kehlen begrüßten ihn von blühenden Zweigen herab Er nahte sich einem
schönen Hause das mitten im Garten stand
    Hier begegnete ihm ein Gärtnermädchen leicht gekleidet und hochgeschürzt
Dieses fragte er »Wem gehört diese schöne Villa«
    »Der Gräfin Martagno« erhielt er zur Antwort
    »Ist die Gräfin hier«
    »Schon seit diesem Morgen«  antwortete das Mädchen und ging die Allee
hinunter
    Rinaldo hatte sich noch nicht entschlossen ob er gehen oder bleiben wollte
als er in einer Orangenlaube sich etwas Weibliches bewegen sah Er war noch
unentschlossen ob er weiter voroder weiter zurückgehen wollte als die Dame aus
der Laube trat und ihm zurief
    »Ritter Darf ich meinen Augen trauen Seid Ihr es selbst oder ist es Euer
Geist«
    Es war die Gräfin selbst die das sprach und nun wars für Rinaldo zu spät
fortzugehen Er nahte sich ihr mit einer stummen Verbeugung
    »Um aller Heiligen willen«  fuhr die Gräfin fort  »Wie habt Ihr meine
Villa gefunden«
    ER Wie man oft mehr in der Welt als eine Villa findet durch Zufall 
    SIE Der Zufall hätte Euch nur um ein paar Schritte weiter führen können so
wär Fräulein Laura die Schuldnerin dieses Zufalls geworden Ihre Villa liegt
neben der meinigen und sie ist dort eben anwesend  Oder habt Ihr Euch etwa
verirrt und seid zu galant es zu gestehen Ich will Euch zu rechte führen
lassen
    ER Wollt Ihr mich vom Zufall annehmen und behalten
    SIE Heißt der Zufall nicht Laura so seid Ihr mir willkommen
    Sie bot ihm als sie das sagte die Hand und führte ihn in die Laube wo auf
einem Tische eine Guitarre und ein Buch lagen Es waren Petrarchs Sonette  Die
Ottomane hatte Platz für beide Sie ließ sich nieder und es entstand eine
starke Pause  Endlich fragte die Gräfin ganz naiv
    »Wovon sprechen wir nun gleich«
    »Doch von dem schönen Abend«  lächelte Rinaldo
    Die Gräfin lachte laut auf
    Die Unterhaltung wollte nicht recht in Gang kommen Man stand auf wandelte
in dem Garten umher sprach von gleichgültigen Sachen und näherte sich endlich
einem Pavillon der der Standort einer weit interessanteren Unterhaltung werden
sollte
    SIE Ich freue mich recht sehr eben Euch und so unvermutet bei mir zu
sehen denn wahrhaftig nur Ihr Ritter seid es der die Laune die mich quält
verscheuchen kann
    ER Darf ich fragen was es ist das Euch so übel gelaunt macht
    SIE Ihr könnt es erfahren Ein unleidlicher Mensch dringt sich mir selbst
auf einen andern will mir meine Familie als Gemahl aufdringen 
    ER Und Ihr wollt nicht wieder heiraten
    SIE Diese beiden wenigstens nicht
    ER So nehmt einen dritten der sich Euch nicht aufdringt
    SIE Wenn ich wieder wählen soll so will ich einen haben der sich mir gibt
sonst keinen
    Sie hatte als sie das sagte ihre Hand von sich gestreckt und diese sank
auf Rinaldos Hand Sie zog sie schnell zurück aber Rinaldo haschte sie noch im
Fliehen schloss sie in die seinige drückte sie sanft und fühlte die seinige
wieder gedrückt  Von ungefähr fanden sich ihre Augen Im Augenblick lagen sich
beide in den Armen Die Verkettung wurde immer stärker und man hatte weder Lust
noch Kraft sie zu lösen
    Ein lautes Gespräch das die Allee herauf nach dem Pavillon zukam riss das
entzückte Paar aus einem der schönsten Träume dem die Wirklichkeit stets
vorhergeht Sie sprangen auf suchten sich zu sammeln und Laura trat in
Gesellschaft einiger Damen in den Pavillon
    Wie die BewillkommnungsKomplimente von beiden Seiten ausfielen kann man
sich denken Die Verlegenheit nahm Platz in der Gesellschaft und bis zur
Ankunft der Kutschen welche die Damen in die Stadt zurückbrachten konnte auch
nicht ein einziges zusammenhängendes Gespräch geführt werden
    Die Wagen kamen endlich Rinaldo hob die Damen hinein und Laura lispelte
ihm zu
    »Ich gratuliere«
 
                                    Fußnoten
1 Eine Beschreibung und Abbildung einer solchen andachtsvollen musikalischen
Szene findet man in der Voyage pittoresque en Naples et Sicile T I p 140
No 111
2 In wie weit dieses und das dahin Gehörige noch folgen wird sich beziehend auf
die Gesellschaft der Schwarzen der Karbonaria u dgl  davon ist zu lesen das
Buch welches nicht ungelesen bleiben muss Lionardo Monte Bello Fortsetzung der
Geschichte Rinaldinis Leipzig 1821 1 T S 220 ff
3 Lionardo Monte Bello 1 T S 224
4 Lionardo Monte Bello 2 T S 113
 
                                  Zweiter Teil
 Quisque suos patimur manes
                                                                          VIRGIL
 
                                  Fünftes Buch
 Wo suchst du Schutz Wie kannst du hoffen
 Am Ziel der Wünsche hier zu stehen
 Da stehst du staunend und betroffen
 Und wagsts kaum weiter fort zu gehen
Rinaldo setzte seine Besuche bei der Gräfin nun in ihrem Hause sowohl als auf
ihrer Villa fleißig fort und Laura hatten keinen Teil mehr an seinem Herzen
    Der Marchese kam von seiner Reise zurück und sprach viel von dem Alten von
Fronteja bei dem er Rinaldo einführen wollte Auf seine Frage wer denn
eigentlich dieser Alte von Fronteja sei antwortete der Marchese
    »Er ist vielleicht der Weiseste seiner Zeit Ein Philosoph der in die
geheimsten Mysterien der sogenannten Krata Repoa ganz eingedrungen ist und Dinge
entwickelt hat wovon bisher kein Mensch etwas Zuverlässiges wusste«
    »Ich verstehe aber nicht«  sagte Rinaldo  »was mir diese Bekanntschaft
helfen soll Ich werde doch nicht auch in die Mysterien der Krata Repoa
eindringen sollen Dazu habe ich weder Kopf noch Lust«
    »Der Zweck zu welchem wir uns vereinigen«  antwortete der Marchese 
»erfordert auch Kenntnisse dieser Sachen«
    Das ganze Haus war auf diesen Abend zu der Gräfin auf ihre Villa geladen
und Rinaldo war der erste der sich dort einfand
    Die Gesellschaft speiste im Pavillon man war sehr lustig und vergnügt 
Nach Tische setzte man sich auf die Bänke eines freien Platzes vor dem Pavillon
und wollte eben ein Gesellschaftsspiel anfangen als ein paar Diener mit
Windlichtern einen Fremden herbeiführten der wie sie sagten den Marchese zu
sprechen wünschte
    Der Marchese stieg auf und der Fremde trat herzu Kaum erblickte er
Rinaldo als er nach dem Degen griff und schrie
    »Ha Meuchelmörder Finde ich dich hier«
    »Wer sagt mir das«  fragte Rinaldo zog den Degen und erkannte in seinem
Gegner den bewussten Kapitän
    »Ich sag es«  knirschte dieser
    Sogleich waren die Klingen aneinander  In dem Augenblick fiel aus dem
Boskett ein Schuss und der Kapitän stürzte zu Boden
    Die Verwirrung wurde allgemein Man jammerte schrie lief durcheinander
Die Bedienten stürzten bewaffnet herbei alles kam in Aufruhr
    Die Gräfin hatte Gegenwart des Geistes genug den Ritter in den Pavillon zu
ziehen der von allen verlassen war und die Tür hinter ihm abzuschließen
    Rinaldo wusste nicht wie ihm geschehen war Er saß in banger Erwartung
einige Stunden allein und konnte sich nicht denken wie das enden sollte 
Endlich wurde die Tür des Pavillons geöffnet und die Gräfin trat ein
    »Ist der Kapitän tot« fragte Rinaldo
    »Er liegt schwer verwundet in der Villa«  antwortete die Gräfin und fuhr
fort  »Ohne zu untersuchen auf wessen Unkosten hier so blutig gespielt worden
ist suche ich Dich zu retten Tief in den Bergen von Remata habe ich ein
Schloss wo Dich keine Seele suchen oder finden wird Dorthin musst Du vorderhand
fliehen Hier ist ein Brief an den Kastellan des Schlosses in welchem ich Dich
Baron Tegnano meinen Verwandten nenne Ein Pferd steht gesattelt vor dem
Garten Gott geleite Dich Dur wirst Nachricht von mir erhalten und so bald als
möglich folge ich Dir selbst nach«
    Sie sprachs küsste ihn herzlich und benetzte seine Wangen mit Tränen
Endlich riss sie sich von ihm los und führte ihn zur Gartentür wo das Pferd
stand Rinaldo setzte sich auf und nahm seinen Weg auf eine ungewisse
Beschreibung gerade ins Land hinein
    Die Nacht war schön Der Vollmond glänzte hell hernieder Alles war still im
weiten Reiche der Luft und auf der Erde Auf der Anhöhe bewegte sich gleich
einem Schatten eine menschliche Gestalt hin und her Rinaldo hielt sein Pferd
an blickte hinauf und die Gestalt kam näher
    »Wer ist hier«  fragte er
    Von oben herab kam die Antwort
    »Einer der Euch kennt wenn Ihr Graf Mandochini seid  Ich weiß aber noch
einen Namen von Euch den ich auch nicht einmal der schweigenden Nacht
anvertrauen mag«
    RINALDO Aha Du bist Lodovico  Wie kommst du hierher
    LODOVICO Wohin kommt man nicht in der Welt  In Kalabrien hatte ich den
Kapitän derb getroffen aber Unkraut verdirbt nicht Der Spitzbube ist wieder
kuriert  Ich schiffte mich in Kalabrien ein und kam nach Messina Ich sah Euch
zweimal aber in viel zu vornehmer Gesellschaft um Euch sprechen zu können Wie
Ihr hier heißt wusste ich nicht und konnte Euch nicht erfragen Ich hätte vor
lauter Spekulationen zu Euch zu kommen schier des Teufels werden mögen
Missmutig gehe ich heute in den Hafen und sehe  denkt Euch meine Augen  den
elementischen Kapitän Lebt also der Kerl noch Tausend Wetter und alle Teufel
 Jetzt dachte ich könntest du doch deinen Hauptmann finden ihm zu sagen wer
dir erschienen ist  Ich schleiche allenthalben herum erblicke Euch wie Ihr
nach der Villa geht und gehe Euch nach Ich mache Bekanntschaft mit den
Bedienten gebe mich für einen reisenden Fechtmeister aus und erkundige mich in
wessen Eigentum ich bin Ich merkte wohl dass es in der Villa ein Traktamentchen
geben sollte  und als ich die Pasteten und Kuchen vorbeitragen sah dachte ich
ich müsste so auf alte Manier gleich zugreifen denn in meinem Magen siehts
aus wie in einer Armenbüchse Genug da ich das merkte dachte ich nun wirds
doch endlich einmal Gelegenheit geben deinen Hauptmann zu sprechen schlich
mich wieder in den Garten und versteckte mich in ein Boskett  Kommt da der
Teufelskerl von Kapitän auch angestochen Ich laure höre jedes Wort seh Eure
Degen blank  paff brenne ich los und der Korse liegt am Boden Getroffen habe
ich ihn Ist er nicht tot so ists nicht meine Schuld Aber alle Wetter wie
war ich aus dem Garten hinaus In der Entfernung sehe ich ein Pferd bringen Ihr
stiegt auf ich gehe Euch nach und seht da bin ich Euch zu folgen wohin Ihr
geht wenn Ihr mir es erlauben wollt 
    RINALDO Du gehst mit mir
    LODOVICO Gratias Wenns nur schon Tag und wenn nur ein Gasthof in der Nähe
wär ich habe Hunger wie ein Wolf Seht nun sind wir unserer zwei Da reist
sichs schon besser Ich habe ein paar gute Puffer bei mir und ehe sie Euch
totschlagen muss ich keinen Knochen mehr rühren können
    So schwadronierte Lodovico fort bis der Tag anbrach und sie sich in einem
Dorfe befanden wo sie Halt machten  Es wurde gegessen und getrunken und
Rinaldo kaufte ein Maultier für Lodovico Bald saßen sie auf und setzten ihren
Weg fort
Ohne Gefahr und Abenteuer kamen sie den sechsten Tag endlich glücklich an dem
Orte ihrer Bestimmung an
    Das Schloss lag mitten im Gebirge unter Bergen auf dem höchsten derselben
war mit Mauern und Gräben umgeben hatte Zugbrücken und war ziemlich fest  Der
Kastellan des Schlosses ein alter etwas mürrischer aber dabei ziemlich
guterziger Knabe ehemals Haushofmeister des Vaters der Gräfin hatte ihren
Brief gelesen und sagte ganz trocken
    »Dem Herrn Baron steht das ganze Schloss zu Befehl nach dem Willen der Frau
Gräfin«
    Rinaldo nahm Besitz von ein paar alten niedlichen altväterisch möblierten
Zimmern
    Der Kastellan seine Frau seine Tochter eine Magd und ein alter Invalid
der ehemals unter dem Vater der Gräfin Spanien gedient hatte und hier das
Gnadenbrot verzehrte das ihm die Gräfin reichte waren die Bewohner des
Schlosses deren Anzahl nun ganz unerwartet vermehrt wurde
    Um den Vorrat sah es in dem Schloss nicht zum besten aus Daher machte
Rinaldo sogleich Anstalt diesen Artikel in besseres Ansehen zu bringen
Lodovico der Invalid Giorgio und die Magd wurden ausgeschickt kauften ein
trieben beladene Esel herbei und verproviantierten Küche Schränke und
Vorratskammern der Kastellanin Der Schlosshof wurde bald mit Geflügel bevölkert
Der Weinkeller war in gutem Zustande Dazu überlieferte der Kastellan die
versiegelten Schlüssel  In kurzem kam mehr Leben ins Schloss und die alten
vormaligen stumpfen Bewohner desselben wurden tätig munter und aufgeräumt
    Rinaldo saß auf der alten Bergfeste überschaute rund umher die Gegend ging
spazieren durchlas alte Chroniken ließ sich von dem Kastellan Abenteuer aus
der Gegend und von Giorgio seine Feldzüge erzählen
    Einst saßen sie auch beisammen und hatten sich in Abenteuer vertieft die
ihren Weg geradezu ins verrufene Geisterreich nahmen als der Kastellan begann
    »Ach lieber lieber Herr Baron es lässt sich von dieser Art manches aus
unserer Gegend erzählen aber nicht allein aus unserer Gegend sondern auch
sogar aus unserm Schloss«
    GIORGIO Ja ja Das ist richtig
    RINALDO So  Und was gibt es hier Geisterspuk
    CASTELLAN In dem hinteren Saale vor dessen Tür die großen Schlösser hängen
ists traun nicht recht geheuer
    LODOVICO Habt ihr etwas gesehen
    GIORGIO Ich nicht aber gehört habe ich genug Aber da das Mädchen
Lisberta des Kastellans Tochter die hat etwas gesehen
    LISBERTA Ja  Voriges Jahr wollte die Frau Gräfin hierherkommen  da
putzten und fegten wir das Schloss Ich musste den großen Saal auskehren aus dem
eine verschlossene Treppe hinab ich weiß nicht wohin geht weil die untere
Treppentür beständig von innen verschlossen gewesen ist wie mein Vater gar
nicht anders weiß
    CASTELLAN Beständig  Es hat sich auch so lange ich hier bin kein Mensch
die Mühe genommen der Sache weiter nachzuspüren weil niemand zu uns kommt
Selbst die Frau Gräfin ist nur ein einzigesmal drei Tage lang hier gewesen
    LISBERTA Wie ich nun so den Saal ausgekehrt hatte stehe ich so ganz still
und putze im Fenster einen Wandleuchter ab Da höre ich Fußtritte Ich denke es
ist mein Vater oder sonst jemand und achte nicht weiter darauf Wie es aber
immer näher kommt drehe ich mich herum und sehe in der oberen Treppentür eine
große lange hagere Figur mit einem Barte stehen Weiter weiß ich nichts zu
sagen Ich sank ohnmächtig zu Boden und als ich wieder zu mir kam war die
Figur verschwunden  Das ist gewiss wahr und darauf kann ich jede Stunde das
Sakrament nehmen
    RINALDO Da wir jetzt Zeit und Musse dazu haben wollen wir doch gleich morgen
das SpukTerrain untersuchen
    CASTELLAN Mich nehmt nicht dazu Zu so etwas tauge ich nicht
    RINALDO Ich und mein Lodovico wollen das allein tun Giorgio müsste uns denn
auch etwa freiwillig begleiten wollen Er ist ja ein alter Soldat
    GIORGIO Ja ich bin dabei Ich mache diese Kampagne mit
    LISBERTA Herr Baron lassts ununtersucht Man kann nicht wissen wies
ausfällt
    RINALDO Sei ohne Sorge Ich verstehe mich ein wenig aufs Geisterbannen
    LISBERTA Wenn Ihr nur Eurer Sache gewiss seid dass es Euch nicht geht wie dem
Bruder Bonifaz dem Kapuziner ders Geisterbannen auch hat verstehen wollen und
es nicht recht verstand und den die Geister windelweich gedroschen haben
    LODOVICO Das sind handfeste Geister gewesen
    LISBERTA Ja gewiss der gute Herr hat ein Vierteljahr darüber zu Bette
gelegen Er lebt noch und Ihr könnt ihn jede Minute selbst fragen
    LODOVICO Nun Wir haben auch Fäuste und wo es Schläge setzt da fallen
unsere auch wieder hin
    RINALDO Du wirst mich doch warten und pflegen wenn ich abgeprügelt
zurückkomme
    LISBERTA Ach ja herzlich gern Und Ihr und Lodovico könnt wohl auch einen
Puff vertragen Wie es aber um Giorgio aussehen würde wenn man ihm über die
morschen Knochen käm das weiß ich nicht
    GIORGIO Jüngferchen sei sie nicht naseweis Meine Knochen sind noch gut
Hätte ich nur vor Barcelona nicht den fatalen Schuss in die Hüfte bekommen ich
wollte mit ihr noch einen Korso anstellen Ich habe eine eisenfeste Natur Aber
freilich der Schuss vor Barcelona und der Hieb bei Bellegarde in die rechte
Achsel  so etwas kann einen schon labet machen  Aber auf die Entdeckung nach
dem Geisterrevier im Schloss gehe ich doch mit Mein Sarras ist noch blank
Dies und dergleichen mehr wurde gesprochen Rinaldo aber nahm sich ernstlich
vor die Untersuchung anzustellen was auch den folgenden Tag geschah
    Die großen Schlösser an der Saaltür wurden aufgeschlossen die Riegel
fielen die Tür wurde geöffnet Ein paar Fledermäuse erblickten Licht flogen
dem Kastellan an den Kopf und dieser fiel zu Boden  Die Fledermäuse wurden
totgeschlagen und die Fensterladen des Saals geöffnet Der Kastellan nahm
Abschied von den drei Abenteurern Lisberta zündete drei Kerzen an und empfahl
die Herren dem Schutze der heiligen Jungfrau des heiligen Antonio und des
heiligen Florian Darauf begab sie sich gleichfalls weg versicherte aber sie
würde recht herzlich für sie alle beten
    Der Saal ein breites Viereck war mit alten Tapeten ausgeschlagen und
einige Bildnisse Familienstücke der Gräfin hingen an den Wänden Möbel waren
nirgends zu sehen
    Sie öffneten die Tür der Treppe und stiegen sechsunddreissig Stufen hinab
bis sie vor einer Tür standen die wie schon gesagt von innen verschlossen
war Die Tür schien alt und morsch zu sein und war es auch wirklich Sie legten
Brecheisen an und im Nu brach das alte Stück Arbeit zusammen aber die innern
starken Riegel waren nicht gewichen Mit dumpfem Schall gab das Echo eines
Gewölbes das krachende Getös zurück  Sie krochen unter den Riegeln hinweg und
befanden sich in einem etwas über manneshohen und halb so breiten gewölbten
Gange
    Etliche zwanzig Schritte weit waren sie gegangen als sie an einige Stufen
kamen die tiefer hinabführten Nach einer kleinen Strecke Gang kamen mehrere
Stufen und der Gang ging nun etwas niedriger schräg hinab und führte in ein
gewölbtes Rundteil dessen Ausgang wieder mit einer von außen verriegelten Tür
verschlossen war
    »Was ich aber nicht recht begreifen kann das ist dass die Türen alle von
außen verriegelt sind« sagte Rinaldo
    Sie legten eben Hand an auch diese Tür einzusprengen als sie von innen
her ganz deutlich und laut
    »Wehe wehe wehe«
rufen hörten  Giorgio stürzte bei diesen Tönen sogleich zusammen fing an am
ganzen Leibe zu zittern und klapperte mit den Zähnen  Lodovico schleifte ihn
durch den Gang zurück und brachte ihn mit Mühe auf den Saal wo der Held
Konvulsionen bekam  Lodovico machte Lärm im Schloss Man trug Giorgio auf ein
Bett wo ihm von Lodovico eine Ader geöffnet ward und die Kastellanin die sich
in der Angst nicht besser zu helfen wusste gab ihm Magentropfen ein 
    Der Kastellan der sich von seinem FledermausSchreck selbst noch nicht
recht erholt hatte kam herbeigekrochen betete und fluchte durcheinander
Lisberta und ihre Mutter sangen mit zitternden Stimmen einen Bussgesang Lodovico
leerte ganz gelassen schnell eine halbe Flasche Wein aus
Indessen stand Rinaldo an der Wehepforte nicht müßig Er klopfte an und schrie
    »Wer auch hier sein mag er öffne die Tür oder sie wird eingebrochen«
    Von drinnen heraus ertönte die Frage
    »Wer stört die Unterirdischen in ihrer stillen Beschäftigung«
    »Einer der sie kennenlernen will«
    »Wir verlangen ihn nicht zu sehen«
    »Macht auf oder die Tür wird eingebrochen«
    »Kannst du«  fragte man drinnen  »die Anblicke dessen was unterirdisch
ist ertragen so lass dir von dem Grafen Martagno die Schlüssel zu dieser Tür
geben«
    »Der Graf Martagno« sagte Rinaldo  »gibt mir keine Schlüssel Er lebt
nicht mehr«
    »Er ist tot«
    »Schon seit zwei Jahren tot«
    Hier entstand eine Pause die Rinaldo zu lange dauerte Er setzte ein
Brecheisen an und die Tür sprang auf
    Da stand er in einem finsteren Gewölbe Eine lange Figur schlüpfte schwebend
davon Rinaldo eilte ihr nach sie schlug eine eiserne Tür rasselnd hinter sich
zu Rinaldo stürzte über eine Bank und seine Kerze verlosch Aus einem Winkel
hervor jammerte eine weibliche Stimme
    »Gerechter Himmel ende meine Tage«
    Das fuhr Rinaldo durch Mark und Gebein Er raffte sich auf und fragte mit
bebender Stimme »Wer spricht hier«
    »Darf ich dich Retter nennen so wisse ein über alles unglückliches
Geschöpf fleht dich um Mitleid an Ja und wenn du selbst der grausame Graf
Martagno wärst so müsstest du sähst du mein Elend mich wieder aus diesem
Kerker an die schöne Sonne ziehen deren glänzenden Anblick ich nun schon so
lange entbehre«  antwortete die Stimme
    »Der Graf Martagno ist tot«
    »Tot  Gelobt sei Gott so wird sich mein Leiden endigen«
    Jetzt vernahm Rinaldo Fußtritte und hörte von weitem seinen Namen rufen Er
gab Antwort  Es war Lodovico dessen brennende Kerzen sehr gelegen kamen
Rinaldo suchte und fand seine Kerze zündete sie auch an und fragte »Stimme
die du mit mir sprachst wo ist dein Aufenthalt«
    Durch ein rundes etwa ellenhohes Seitenloch kam die Antwort »Hier  Ich
Unglückliche bin in einen engen Kerker vermauert und habe keine Öffnung als
dieses Loch durch welches mir meine kärgliche Kost gereicht wurde«
    Rinaldo leuchtete hin und sah ein kreideweisses eingefallenes Gesicht mit
geschlossenen Augen vor der Öffnung stehen Dieser Anblick fuhr wie ein Blitz
durch seine Nerven und versteinerte selbst Lodovico
    »Ach«  seufzte die Eingekerkerte und trat zurück   »meine Augen können
den Glanz des Lichtes nicht ertragen«
    Rinaldo bedachte sich ein wenig und um sich auf jeden Fall den Rücken zu
sichern untersuchte er die eiserne Tür die die fliehende Gestalt hinter sich
zugeschlagen hatte Er schickte Lodovico zurück einige Werkzeuge und große
Vorlegeschlösser zu holen denn er fand starke Kreuzriegel und Bänder die an
den Seiten der Tür herabhingen Von allem aber was er hier gesehen habe gebot
er ihm im Schloss keine Silbe zu sagen
    Als Lodovico fort war fragte Rinaldo die Eingekerkerte
    »Hast du hier nie Licht gesehen«
    SIE Zuweilen eine dunkelbrennende Lampe wenn mir Stroh oder Brot und Wasser
gebracht wurde
    ER Gewöhne deinen Blick nach und nach an den Schein der Kerzen damit du das
Tageslicht ertragen kannst
    SIE Willst du mich erlösen
    ER Ich will und werde
    SIE Endlich endlich Allmächtiger Gott ich danke dir auf den Knien
Belohne meinen Retter und schenk ihm deinen Segen Gib ihm die schönsten Freuden
eines glücklichen Lebens und sei Vergelter seiner guten Tat Erhöre erhöre mein
Gebet du gütiger Vater aller guten Menschen
    Rinaldo lehnte sich an die Mauer und seufzte
    »Ach Gott lehre mich wieder so herzlich zu beten wie ich in meiner Jugend
es konnte«
Als Lodovico zurückkam war er nicht allein mit Vorlegeschlössern belastet
sondern er brachte auch ein kleines Fläschchen guten Wein einige Früchte und
Gebackenes mit für »die unglückliche unbekannte leichenblasse Figur« wie er
sich ausdrückte
    »Das hast du wahrlich gut gemacht Lodovico«  sagte Rinaldo und teilte der
Eingekerkerten mit was ihr beschieden war
    Diese empfing es mit dem heißesten Dank und indes sie sich labte hoben
ihre Retter die hängenden Riegel der eisernen Tür hinauf und befestigten sie mit
Schlössern Dann machten sie sich an die Arbeit ergriffen Hacken und
Brecheisen legten Hand an und erweiterten das Kerkerloch bald so gut dass die
Eingekerkerte hindurchkriechen konnte Sie fiel auf die Knie und betete sobald
sie befreit war
    Himmel welch ein Anblick Eingefallen blass hager ein halbes Gerippe mit
vermoderten Lumpen umhüllt ihre Blöße zu decken Sie wankte an Rinaldo
gelehnt den Gang hinauf und bedeckte des Tageslichtes ungewohnt als sie in
den Saal kam ihr Gesicht mit der Hand Die frische Luft nicht gewohnt sank sie
zu Boden Rinaldo trug sie in sein Zimmer und legte sie auf ein Bett Hier fiel
sie ganz kraftlos sogleich in einen tiefen Schlummer und Rinaldo verschloss
hinter ihr die Tür
    Er schickte Lodovico in den benachbarten Ort weibliche Kleidungsstücke
einzukaufen  Mit Hilfe des Kastellans schaffte er eine andere Tür vor die
Treppe verwahrte sie wohl führte dann diesen in das Zimmer in welchem die
Befreite auf dem Bette lag legte die Hand auf seinen Mund führte ihn wieder
zurück und verschloss die Tür
    CASTELLAN Heiliger Gott was habe ich gesehen
    RINALDO Die Geheimnisse der Unterwelt  Herr Kastellan Ihr seid ein
verständiger Mann Was Ihr gesehen habt werdet Ihr zu verschweigen wissen bis
ich selbst es ratsam finde alles zu offenbaren  Die Gräfin und ihre Familie
ist bei der Sache im Spiele 
    CASTELLAN Herr Baron Ich bin ein Mann und kann schweigen
    RINALDO Darauf verlasse ich mich  Jetzt still von nichts weiter
gesprochen Wir reden morgen weiter davon
Lodovico kam zurück und brachte Kleider die der Befreiten gegeben wurden Sie
erhielt Speisen und wurde in ein Zimmer verschlossen wo sie anderthalb Tage
lang beinahe beständig schlief was sehr viel zu ihrer Erholung beitrug
    Giorgio und der Kastellan wurden von Lodovico wegen ihrer Furchtsamkeit sehr
geneckt Aber den letzteren plagte die Neugier wegen des Geheimnisses wovon er
nichts wusste ungleich mehr als Lodovicos Neckerei
    Rinaldo aber ging mit Lodovico auf weitere Entdeckungen in dem
unterirdischen Gange aus
    Sie hatten eben die Schlösser und Riegel der eisernen Türe gelöst bemühten
sich aber vergebens sie zu öffnen und ruhten ein wenig von ihrer Arbeit aus
als sie von außen Fußtritte vernahmen Bald wurden Riegel zurückgeschoben und
die Türe knarrte auf Eine Figur kam nur halb zum Vorschein als Rinaldo
aufsprang und ihr ein donnerndes »Halt« entgegenschrie
    Im Nu verschwand die Figur des Terrains besser kundig als Rinaldo und
Lodovico die ihr folgten Sie stolperten durch einen schmalen gewölbten Gang
der sich bei einer steinernen Treppe endigte die aufwärts führte und deren
Ausgang mit einer eisernen Falltür versehen war Sie erstiegen die Treppe und
kamen in einen Turm der mit einer Wendeltreppe versehen war Als auch diese
erstiegen war befanden sie sich auf den Zinnen des Turms und sahen dass dieser
ganz allein auf der äußersten Spitze des Berges stand auf welchem das Schloss
lag Der Turm war ohne Ausgang und sie konnten nicht begreifen wohin die Figur
gekommen sein mochte wenn nicht was sehr glaublich war eine Strickleiter am
Turme ihr ins Freie geholfen hatte
    Da also weiter keine Entdeckungen zu machen waren kehrten sie wieder um
untersuchten die Falltür fanden sie sehr stark schwer und von innen mit
Riegeln versehen die sie vorschoben verkeilten und mit starken Schlössern
versahen  So verschlossen sie auch die eiserne Tür von innen und gingen durch
den Saal in das Schloss zurück
Das gerettete Frauenzimmer hatte sich in ein paar Tagen sehr erholt und
Rinaldo dem viel daran lag zu wissen wen er gerettet habe tat nun deshalb
Fragen an sie  Sie erzählte was folgt
    »Ich bin Euch meinem Befreier eine getreue Erzählung meines Schicksals und
meines Unglücks schuldig diese sollt Ihr haben so aufrichtig als ich sie Euch
nur geben kann  Ich heiße Violanta und bin die Tochter eines gewissen Brotezza
de Noli der ein Vasall des Grafen von Martagno war Der Graf hatte eben durch
den Tod seine erste Gemahlin verloren als ich zu meinem Unglück mit ihm bekannt
wurde Er sprach mit mir von seiner Liebe Ich glaubte ihm nicht er beteuerte
mir seine reinen Absichten und warb um meine Hand Ich wies ihn an meinen Vater
Meine Mutter hatte ich in meiner frühsten Jugend verloren Mein Vater focht
damals in Spanien unter dem Banner seines Lehnsherrn und fiel bei der Belagerung
von Barcelona Ich war arm und verlassen und suchte Zuflucht bei einer Muhme
Wir machten zusammen was wir aufbringen konnten um mir eine Aussteuer zu
erwerben mit der ich in ein Kloster gehen konnte Nach und nach brachten wir
auch so viel zusammen als dazu nötig war und ich machte mich damit auf den Weg
Hier wurde ich überfallen gebunden und fortgeschleppt ich wusste nicht wohin
Es waren Leute des Grafen Martagno die mich angefallen hatten und mich hierher
auf dieses Schloss brachten Hier erschien der Graf und wiederholte seine alten
Liebesanträge Ich wies jede entehrende Zumutung mit Verachtung und
Standhaftigkeit ab und erklärte dass ich eher sterben als meine Tugend
preisgeben würde Der Graf versuchte mit List und Gewalt zu erhalten was ich
ihm verweigerte aber alles war vergebens Misshandeln konnte er mich aber nicht
bewegen seinen bösen Willen zu erfüllen Nur das Band der Ehe sagte ich ihm
würde ihm gewähren können was er zu erlangen wünsche Als er nun sah dass er
mich nicht besiegen konnte willigte er endlich ein und der Priester gab unsere
Hände zusammen«
    »Wie Ihr wart mit dem Graf Martagno verheiratet«
    »So ist es  Zu meinem Unglück ist es so Er lebte etwas über ein
Vierteljahr hier bei mir verreiste dann und kam nicht wieder Mich ließ der
Ehrvergessene Gott weiß warum in den Kerker schleppen wo Ihr mich gefunden
habt Ich erhielt keine Antwort auf meine Klagen und die Welt hörte mein
Angstgeschrei nicht Ein alter Bösewicht gab mir Wasser und Brot und brummte
täglich Willst du denn ewig leben«
    »Gerechter Himmel«  schrie Rinaldo  »Der Graf hatte sich indes ihr im
Kerker lagt zu Messina wieder verheiratet Noch lebt seine Witwe die gewiss von
diesem Bubenstück auch nicht die leiseste Ahnung gehabt hat«
    Sie sprachen noch als es im Schloss laut wurde  Rinaldo fuhr ans Fenster
und sah einen Wagen in den Schlosshof fahren in welchem die Gräfin saß Er eilte
ihr entgegen
Als Rinaldo mit der Gräfin allein war erzählte sie ihm man habe Hoffnung dass
der Kapitän wieder aufkommen werde
    »Von Euch Ritter«  setzte sie hinzu  »glaubt man dass Ihr auf
irgendeinem Schiffe Sizilien verlassen hättet Ich habe die Zeit benutzt in
welcher der Adel zu Messina auf seine Landgüter geht und bin wie Ihr seht
hier«
    Rinaldo dankte ihr verbindlich für ihre Güte für ihren Schutz und machte
sie dann so lange aufmerksam bis sie vorbereitet genug war seine Entdeckungen
und Violantens Geschichte zu hören
    Die Gräfin schauderte bei dieser Erzählung heftig zusammen und verlangte
Violanten zu sprechen was auch geschah Sie hörte die Geschichte aus ihrem
eigenen Munde versprach ihr Schutz und Beistand und bot sich ihr als Schwester
an
    Im Schloss wurde es nun lebhafter und der neugierige Kastellan bekam die
Weisung nach gewissen Erklärungen nicht weiter zu fragen Violanta galt für
eine Gesellschafterin der Gräfin und die wenigsten wussten und konnten
begreifen wie sie in das Schloss gekommen war
An einem der schönsten Sommerabende die Sizilien genießt saßen die Gräfin und
Rinaldo auf einem Balkon des Schlosses Hand in Hand nebeneinander Beide
schienen über etwas nachzudenken und sprachen wenig Endlich nahm die Gräfin das
Wort
    SIE Einmal lieber Freund muss es zwischen uns doch zur Erklärung kommen
Warum schieben wir diesen Augenblick auf und machen uns selbst so viele trübe
Stunden Also sei es jetzt  Sagt mir aufrichtig was gedenkt Ihr zu tun
    ER Was ich tun muss  Ich gedenke Sizilien zu verlassen
    SIE Allein
    ER Wer sollte mit mir gehen als mein Lodovico  Er verlässt mich nicht
    SIE Nur er  Ritter Ihr wollt allein gehen
    ER Ach Gräfin ich muss
    SIE Ihr müsst  Habt Ihr anderswo Verhältnisse die Euch 
    ER Schreckliche Verhältnisse
    SIE Habt Ihr  eine Gattin
    ER Weder Weib noch Kind weder Vater noch Vaterland
    SIE Und dennoch binden Euch Verhältnisse Man hat doch nicht Euch irgendwo
verbannt geächtet
    ER Allentalben
    SIE Allentalben  Wie ist das möglich Redet deutlich Ist la Cintra nicht
Euer wahrer Name
    ER Nein
    SIE Wie heißt Ihr
    ER Das lasst mich Euch nicht sagen  Wenn ich fort bin sollt Ihr erfahren
wen Ihr Eurer Freundschaft Eurer Liebe gewürdigt habt
    SIE Ihr macht mir bange  Der Marchese Romano gab vor Euch zu kennen
    ER Ja er kennt mich  Gräfin traut dem Marchese und seiner Gesellschaft
nicht Sie wollten mit mir ein böses Spiel treiben Jetzt sehe ich alles ein
Ich bin entkommen auch diesmal noch entkommen aber wer weiß 
    SIE Rätselhafter Mann sprich deutlicher
    ER O Dianora  Ich darf nicht
    SIE Wie Ich gab dir meine Liebe mich selbst alles was mir teuer und wert
war und du kannst Geheimnisse für mich haben Für mich  Ich will dir mehr
entdecken als du weißt Ich bin bereit mit dir zu gehen wohin du auch gehen
magst
    ER Bleib bleib Du kannst mich Unglücklichen nicht begleiten
    SIE Ich biete dir meine Hand an
    ER Unglückliche Deine Hand gehört einem edleren Manne als mir
    SIE Sie gehört dem Vater meines Kindes
    ER Allmächtiger Gott was sagst du  Werde Mutter und gib dem Kinde deinen
Namen Den meinigen kann es nicht mit Ehre führen
    SIE Großer Gott Mann wer bist du
    ER Ich bin  Ach Gott ich kann es dir nicht sagen
    SIE Sei wer du willst  Ich will es wissen
    ER Als du in meinen Armen lagst lagst du in den Armen des Abscheus von
Italien
    SIE Gerechter Gott
    ER Ich  Ich bin Rinaldini
    SIE Jesus Maria
    Die Gräfin sank vom Stuhle und war einer Ohnmacht nahe Rinaldo brachte sie
auf ihr Zimmer  Früh des andern Tages begehrte er sie zu sprechen Sie
schlief noch wie es hieß  Bald darauf brachte man ihm ein versiegeltes
Billett von der Gräfin Er erbrach es und las
    »Unglücklicher Du hast mich unaussprechlich unglücklich gemacht Ich kann
dich nicht wieder sprechen Überlass mich meinem Schicksal und geh dem deinigen
entgegen«
    Rinaldo ließ satteln setzte sich mit Lodovico auf und verließ mit ihm das
Schloss
Ihre Unterhaltung auf dem Wege war ziemlich einsilbig und sie waren schon zwei
Tage geritten ohne dass ein Hauptgespräch gehalten worden war Zwar Lodovico
hätte seinem Herzen herzlich gern über Verschiedenes Luft gemacht da aber
Rinaldo gar nicht gesprächig gelaunt war schwieg er auch und hatte seine
Gedanken für sich
    Sie ritten eben den dritten Tag seit ihrer Abreise aus dem Schloss der
Gräfin aus einer elenden Nachterberge mit Tagesanbruch fort um einen Pass über
eine Bergkette die mit Waldungen bewachsen ihnen sehr unsicher geschildert
worden war noch vor einbrechenden Abend hinter sich zu haben Rinaldo fühlte
selbst hier wie den Reisenden zu Mute sein möchte die den Anfällen von solchen
Strauchdieben ausgesetzt waren deren Anführer er gewesen war
    Sie erreichten den Pass gegen Mittag und waren kaum einige hundert Schritte
in demselben fortgeritten als sie fernher ein dumpfes Gemurmel und Geschrei
vernahmen in welches sich bald einige Schüsse mischten
    »Auf Lodovico«  sagte Rinaldo  »dort gibt es Gefahr Lass uns dorthin
eilen Vielleicht legen wir einigen Burschen das Handwerk von deren Gattung wir
sonst selbst waren«
    Sie sprengten darauf los und erblickten bald einen Wagen der von sechs bis
acht zerlumpten Gaunern angehalten wurde die eben jetzt im Begriff waren die
Maultiere abzuspannen
    »Haltet an«  schrie ihnen Rinaldo zu und zog eine Pistole
    Sogleich fiel ein Schuss nach ihm der aber fehlging  Lodovico trat in die
Bügel legte seine Stutzbüchse an zielte scharf und gab Feuer Einer der Gauner
stürzte zu Boden Einen zweiten traf ein Schuss von Rinaldo und als dieser mit
dem Säbel unter die andern stürzte flohen sie eilig nach dem Gebüsch zu
    »Das sind keine der unsrigen«  sagte Lodovico
    Rinaldo sprengte an die Kutsche und erblickte in derselben  den Baron
Denongo und seine uns bekannte Tochter die schöne Laura
    »Ritter  Gelobt sei Gott«  schrie diese als sie ihn erblickte
    Der Baron stammelte »Mein Herr Ich bin Euch die größte Verbindlichkeit
schuldig Ohne Eure mutige Entschlossenheit wären wir beraubt und vielleicht den
traurigsten Misshandlungen ausgesetzt gewesen«
    »Ein Mann von Ehre wie Ihr«  sagte Rinaldo  »würde in einem ähnlichen
Falle gewiss eben das für mich getan haben was ich für Euch tat Ich werde nur
ferner meine Schuldigkeit tun wenn ich mich erbiete Euch nebst meinem Diener
zu begleiten da ich sehe dass Eure Leute teils tot teils verwundet sind«
    »In der Tat, Herr Ritter«  fuhr der Baron fort  »Ihr kommt meiner Bitte
durch Eure Großmut und Euer gütiges Anerbieten zuvor Ich habe noch beinahe
sechs Stunden weit zu fahren ehe ich mein Schloss erreiche und bin wie Ihr
selbst bemerkt des Beistandes meiner Leute beraubt Ein alter Mann wie ich
überlässt sich gern dem Schutze eines jüngeren Mannes von Ehre wie Ihr einer
seid und ich darf wohl sagen ich habe es auch einigermaßen verdient denn in
meiner Jugend war ich eben ein solcher freudiger Ritter für andere wie Ihr
einer seid«
    Es fielen noch mehrere Worte von beiden Seiten und Laura schwieg
    Lodovico hatte indes den verwundeten Kutscher so gut es gehen wollte
verbunden und auf den Kutschersitz geschnallt Sein Maultier hängte er an den
Wagen setzte sich auf und fuhr fort Rinaldo ritt neben dem Wagen her
Es wurde scharf darauflos gejagt Sie kamen bei dem Schloss des Barons an
    »Jetzt Herr Ritter«  sagte der Baron  »Es ist an mir galant nicht
allein zu sein sondern als Euer Schuldner Euch den Retter meines Lebens zu
bitten mir das Vergnügen zu machen so gut es gehen will Euch von mir bewirten
zu lassen«
    »Ihr schlagt uns doch das nicht ab«  setzte Laura hinzu
    Rinaldo sprang vom Pferde und blieb  Lodovico kam das ganz gelegen
    »Herr Ritter«  sagte er  »Wir kommen wieder in weiche Hände Nun ists
gut Wir bleiben«
    RINALDO Ach nein 
    LODOVICO Hm  Ich kenne Euch besser Ein Paar schwarze Augen wie die des
Fräuleins lassen Euch nicht vom Platze Ich kann Euch auch gar nicht darum
verdenken Ich an Eurer Stelle machte es ebenso
    RINALDO Diesmal wirst du dich sicher betrügen
    LODOVICO Geschieht das so betrügt Ihr Euch zuerst
    RINALDO Oder ich werde betrogen
    LODOVICO Das kann auch sein denn Ihr habts mit einem Weibe zu tun
    RINALDO So  Du meinst also 
    LODOVICO Dass ich keiner traue und säh sie noch so ehrlich aus
    RINALDO Woher hast du diese Philosophie
    LODOVICO Aus der Welt auf der ich wohne wo ich lebe und webe höre und
sehe empfinde denke und mancherlei schon erlebt habe
    Lächelnd befahl ihm Rinaldo das Gepäck auf die Zimmer zu schaffen die der
Hausverwalter ihnen anwies
    Rinaldos Wirt der alte Baron war ein gar guter froher Mann schon hoch in
den Jahren mit mancherlei körperlichen Leiden geplagt aber dennoch nicht
mürrisch Er war freigebig gesprächig und gutwillig Lodovicos Bravour zu
belohnen fand er leicht Mittel Er schenkte ihm eine Börse mit Dukaten Aber
wie er seinen Gast den er nur als Ritter de la Cintra kannte belohnen sollte
ohne seine Delikatesse zu beleidigen das verursachte ihm viel Kopfzerbrechen
Er ging darüber mit seiner Tochter zu Rate die aber ebensowenig als er selbst
wusste wie die Schuld abzutragen sein möchte
    Rinaldo lebte nicht so unbefangen bei dem Baron wie er auf dem Schloss der
Gräfin gelebt hatte Er stellte Betrachtungen über seine Lage an und fand in
diesen Reflexionen mancherlei Veranlassungen seinen Aufenthalt abzukürzen Er
gab dies einst dem Fräulein deutlich zu verstehen Sie fasste es auf und sagte
    »Wir glaubten alle in Messina Ihr hättet nach jenem blutigen Vorfall die
Insel verlassen wie ich aber sehe scheint es dass Euch etwas auf derselben
zurückhält was Euch vielleicht auch den Aufenthalt bei uns langweilig und
unerträglich macht Oder zieht Euch ein Magnet anderswohin«
    ER Nennt Ihr mein unglückliches Schicksal einen Magnet
    SIE Euer unglückliches Schicksal Das kenne ich nicht
    ER Lasst es mich allein kennen Es treibt mich auch von hier fort Ja es
würde mich aus dem Paradiese selbst treiben
    SIE Habt Ihr Euch mit der Gräfin Martagno entzweit
    Da trat der Baron mit einem Briefe in der Hand ins Zimmer und sagte
    »Hört einmal Da wird mir eine sonderbare Neuigkeit aus Messina geschrieben
Man will dort ganz gewiss wissen der berüchtigte Rinaldini sei nicht tot
sondern befinde sich lebendig auf unserer Insel  Es kann wohl sein dass die
Gauner aus deren Händen uns der tapfere Ritter errettete Leute von seiner
Bande waren  Es wär verzweifelt schlimm wenn dieser ungebetene Gast in
unsern Tälern hausen sollte Ich werde alle meine Leute bewaffnen denn er
überfällt zuweilen sogar Schlösser und Festen«
    »Ich kann nicht glauben«  sagte Rinaldo »dass er sich in Sizilien
befindet Wäre dem so so hätte man gewiss schon von ihm gehört denn er soll
nicht gern lange stillsitzen«
    »Natürlich«  fiel der Baron ein  »denn er lebt ja von Unruhe und
Unglück«
    RINALDO Jawohl Von und mit Unruhe und Unglück
    BARON Der Vizekönig will in Messina die Milizen aufbieten und einen Preis
auf den Kopf des Gaunerkönigs setzen
    RINALDO Ich darf auf den Preis nicht rechnen Denn als ich einst in
Rinaldinis Händen war und er mich sehr edel behandelte musste ich ihm
versprechen nie heimtückisch gegen ihn zu handeln Und im offenen Felde mag ich
nicht gegen ihn stehen
    BARON In der Tat! ich fürchte für die Börsen unserer Barone und für die
meinige dazu  Ich bin alt und stumpf Zwölf Leute im Schloss was sind die
gegen einen Wagehals wie Rinaldini an der Spitze seiner tollkühnen Gesellen 
Ritter Ihr müsst mir es zur Freundschaft tun und noch einige Zeit bei uns
bleiben Ihr seid ein Mann von Mut und Entschlossenheit Euer Lodovico ist ein
Teufelskerl Ja wahrhaftig wär er nicht Euer Diener ich könnte wohl gar
glauben er sei selbst ein Rinaldinischer Buschkönig
    RINALDO Verwegen genug sieht er dazu aus Ich glaube aber nicht dass wir
etwas von ihm zu fürchten haben
    Indem trat der Haushofmeister des Barons der in Geschäften in dem
benachbarten Städtchen gewesen war in das Zimmer stattete von seinen besorgten
Aufträgen Relation ab und meldete zugleich dass mehrere Reisende von
Strassenräubern in der Nähe angefallen und geplündert worden wären
    »Da haben wirs«  sagte der Baron  »Das Ungewitter kommt uns immer
näher«
    Der Haushofmeister verließ das Zimmer wieder und der Baron sprach noch ein
langes und breites von seinen Besorgnissen Rinaldo suchte ihm vergebens seine
Furcht auszureden und Laura die befürchtete er möchte wirklich mit Manier auf
seiner Abreise bestehen nahm das Wort und sagte
    »Da es eine der ersten Ritterpflichten ist Damen zu beschützen und zu
verteidigen so ersuche ich Euch Ritter die Eurigen nicht zu vergessen und
wenigstens zu meinem Schutze hierzubleiben«
    RINALDO Ihr wisst doch aber dass der Schutz der galantesten Ritter auch immer
ein wenig eigennützig war
    BARON Recht gut Ritter dass Ihr sie daran erinnert Sie möchte sonst
vielleicht den Schutz umsonst verlangen
    LAURA Ich weiß nicht wie und womit ein solcher Schutz bezahlt wird
    RINALDO Das Schutzgeld steht in eigener Willkür Aber bezahlt muss nun einmal
werden
    LAURA So mag mein Vater für mich bezahlen
    BARON Das wird nicht geschehen Ich bin ohnehin noch Schuldner und habe für
mich selbst zu bezahlen
    LAURA Nun wohlan so will ich als eine wahre romantische RitterDame
bezahlen Nehmt diese Schleifen Ritter sie sind meine Farbe Tragt sie fühlt
Euch zu großen Taten entflammt und macht Euch dieses Geschenkes wert Werdet Ihr
Euch immer männlich wie es einem Ritter ziemt benehmen so sollt Ihr dann
vielleicht von mir erhalten was ich neben dieser Schleife trage
    BARON Wie Das wär ja dein Herz
    LAURA Nein lieber Vater Es ist mein Portrait
    Jetzt fing Rinaldo an mit sich selbst und seinen Absichten in Streit zu
geraten
    »Wozu kann es gut sein«  sprach er bei sich selbst  »länger auf dem
Schloss zu bleiben Welchen Nutzen kann es dir bringen Ziehe ihn selbst zu
den Knoten der dich mit einem Netz umstrickt in welches du schon gegangen
bist Wie kannst du dich mit falschen Hoffnungen täuschen Laurens Hand kannst
du nie erhalten  Und gesetzt du hättest sie auch als Ritter erschlichen wird
sie dir der Räuberhauptmann nicht wieder entreißen«
    So sprach er warf sich am Ufer des Flusses der sich durch blumige Wiesen
nach den Gebirgstälern zu schlängelte unter duftenden Aloen nieder wollte
nachdenken über sich und seine Lage wollte einen Entschluss fassen vermochte
beides nicht und sank von starken balsamischen Gerüchen betäubt in Schlummer
    Als er wieder erwachte sah er einige Schritte von sich unter einer Pinie
einen sonderbar gekleideten Mann in einem Buche lesend auf einem Steine
sitzen Dieses Mannes blühend rote Gesichtsfarbe widersprach seinem weißen
Haupt und Bartaar die ihn als Greis ankündigten Sein Gewand war lang und
faltig wie das Gewand der Pytagoräer von himmelblauer Farbe hochgeschürzt
mit einem feuerroten Gürtel Seine Arme waren in weiße Ärmel eines Unterkleides
gekleidet seine Füße nackt mit roten Riemen umwunden Er ging auf breiten
Sohlen
    Dieser sonderbar gekleidete Mann zog Rinaldos äußerste Aufmerksamkeit an
sich Er betrachtete ihn lange schweigend stand endlich auf näherte sich und
grüßte ihn
    Der muntere Alte sah ihn an und sagte
    »Wie kannst du so unvorsichtig sein in dieser Gegend wo es von giftigen
Tieren wimmelt dich so sorglos dem Schlafe zu überlassen«
    »Sollte wirklich hier etwas zu fürchten sein« fragte Rinaldo
    »Sieh dich um«  antwortete der Alte gelassen
    Rinaldo sah sich um und erblickte eine tote Schlange im Grase nicht weit
von seinem Schlafplatze Er erschrak und sah den Alten fragend an Dieser
verstand seinen fragenden Blick und sagte
    »Diese Schlange nahte sich dir als du schliefst«
    RINALDO Welchem Glück verdanke ich meine Rettung
    ALTER Ich kam eben dazu als die Schlange auf dich zuschoss und  sie ist
tot
    RINALDO Du hast sie getötet  Mit welchen Waffen Ich sehe dich ganz
unbewehrt
    ALTER Es gibt auch wohl Worte die die Kraft der Waffen doppelt ersetzen 
Ich setzte mich dir gegenüber damit dir solange du schliefst kein ähnliches
Unglück begegnen möchte
    RINALDO Nimm meinen besten Dank und schenke deinen Namen meiner dankbaren
Erinnerung
    ALTER Namen machen die Menschen weder merkwürdiger noch besser als sie
wirklich sind Erinnere dich meiner Gestalt und ich werde in deinem Andenken
auch ohne Namen fortleben
    RINALDO Du sprichst die neuere Sprache dieser Insel und dein Gewand zeigt
dich mir in der Gestalt der Weisen der Vorzeit dieses Landes Wie soll ich mir
das erklären
    ALTER So einfach wie möglich  Man ist nicht immer was man zu sein
scheint man scheint nicht immer zu sein was man ist
    RINALDO Nochmals wer bist du
    ALTER Was du ebensogut sein kannst als ich ein Freund der Weisheit
    RINALDO Ist die Weisheit eine so allgemeine Freundin
    ALTER Die Weisheit ist uns allen so wohltätig gemein wie die Sonne Ihre
Strahlen erwärmen jedes empfängliche Herz Doch die Seligkeit diese Wärme zu
fühlen erfordert freilich eine Organisation die nicht allen Menschen eigen
ist Ein böser Mensch ist nicht wert die Pfade zum Tempel der Weisheit zu
kennen denn was dem Frommen Segen der Menschheit in der Natur ist würde dem
Bösen Fluch der Welt werden Wer keinen Geruch hat dem duften diese blühenden
Matten vergebens So wie jedes Element von dem Geschöpfe welches dasselbe
bewohnt eine besondere Organisation fordert so fordert auch der Tempel der
Weisen eine gewisse Organisation dessen der sich ihm nahen der ihn bewohnen
will
    RINALDO Hier walten hohe Geheimnisse
    ALTER Der Tempel der Weisheit ist der Tempel der Natur und in der Natur
walten keine Geheimnisse Das was man gemeinhin Geheimnisse der Natur nennt
sind Gesetze die in dem Buche der Natur selbst zu lesen sind Dieses liegt
aufgeschlagen vor jedermanns Augen Lies in diesem Buch lies mit dem Auge der
Seele Dieses Auge ist Beobachtung Aber das Auge muss heiter sein Diese
Heiterkeit ist ein Kind der Ruhe von allen Leidenschaften Nur der reine Quell
zeigt dir das vollkommne Bild der allesbelebenden Sonne Trübe Bäche sind keine
Spiegel Ebenso ist es mit der Weisheit  Die Natur gleicht einer Schönen die
nachlässig zuweilen ihre kleinsten und verborgensten Reize zeigt und die übrigen
sorgfältig verhüllt Wer denken fühlen prüfen merken und ahnen kann der ist
wert sie ganz zu entschleiern Die Natur spricht nur mit dem der feine Organe
hat zu hören ihre Stimme Verfeinerung der Sinne ist Annäherung zu den
Geheimnissen der Natur Wer sich ihr mit reinem Herzen und mit scharfen Blicken
nähert den heißt sie die erhabene Priesterin wie eine freundliche Wirtin
willkommen und führt ihn in den Tempel ihres Heiligtums Dort fällt die Decke
von seinen Augen Das Unbegreifliche wird ihm begreiflich Alles Unbegreifliche
für diese Körperwelt liegt in der Kraft der Assimilation und diese Kraft ist
es welche die wenigsten Menschen kennen Der Magnet wirkt nur auf Ähnliches
und seine Ausströmung ist wunderbar Diese Kraft ist nur ein Wink es gibt
verborgene Kräfte  Kräfte der Seele und die Art ihrer Attraktion ist
wunderbarer als die des Magnets
    RINALDO Und diese Kraft liegt in jeder Menschenseele
    ALTER In jeder Aber sie muss geweckt werden Am besten sie weckt sie sich
selbst
    RINALDO Dies gehört in die Sphäre der Tätigkeit des Menschen
    ALTER Wohl bemerkt mein Sohn Jeder Mensch hat seine Bestimmung zum Ganzen
    RINALDO So liegt auch vieles außer ihm
    ALTER Er suche es zu sammeln
    RINALDO Zeit und Gelegenheit des menschlichen Daseins sind so beschränkt
dass der Mensch sich oft erst kennenlernen will wenn er schon aufhört zu sein
    ALTER Das Dasein der Menschen ist dem Dasein der Sonne ähnlich Sein
Erwachen ist der Morgen der Mittag ist sein irdisches tätiges Leben der Abend
ist sein Tod Die Sonne verlässt den Horizont und ihr Licht wird unsern Augen zur
Dämmerung Doch erleuchtet dieses Licht noch manche Hütte oder wird noch immer
gesehen von manchem der höhere Gegenden bewohnt So der Mensch im Verschwinden
Er wirkt rückwärts Ist diese Wirkung gleich schwächer so wird sie doch manchem
bemerkbar
    RINALDO Dies sagt wohl auch es gebe eine Rückwirkung Abgeschiedener auf
Lebende
    ALTER Was hindert dich das zu glauben Es gibt der Dinge so viele die
nicht einmal scheinen aber dennoch sind Dein schwaches Auge gestärkt durch
Gläser entdeckt deinen Blicken unbekannte Dinge was kann das Auge deiner Seele
dir nicht alles entdecken hast du die Kunst gelernt es zu verstärken
    Der Alte steckte sein Buch in den Busen und stieg auf Rinaldo sah ihn mit
zweifelhaften Blicken an Die Pause war kurz
    ALTER Gehabe dich wohl mein Sohn Lass die Kräfte die in dir liegen nicht
länger schlummern Erwecke sie Es bedarf eines Hauches und das Fünkchen wird
zur Flamme  Leb wohl
    RINALDO Wohin gehst du
    ALTER Woher ich gekommen bin In die Gebirgstäler zurück wo ich wohne
    RINALDO Darf ich dich besuchen
    ALTER Du bist gebeten
    RINALDO Wie werde ich deine Wohnung finden
    ALTER Du gehst dem Fluße nach Dort im Gebirge wandeln meine Schüler
beständig umher vertieft in das Studium der Natur Sie werden dir meine Wohnung
zeigen  Noch eins Öffne den Kopf dieser Schlange In ihrem Gehirne wirst du
einen kleinen grünlichen Stein finden Nimm ihn zu dir Er schützt gegen
Vergiftungen  Gott sei mit dir
    Der Alte ging Rinaldo sah ihm nach bis die Berge ihn seinen Blicken
entzogen  Er suchte und fand den bezeichneten Stein im Gehirn der Schlange und
ging nachdenkend ins Schloss zurück
Man schien zu bemerken dass Rinaldo jetzt noch nachdenkender als gewöhnlich sei
 Laura bat ihn nach der Abendtafel ihr einige Augenblicke auf ihrem Zimmer zu
schenken Das geschah sobald der Baron zur Ruhe war
    Sie war allein und schien verlegen zu sein Rinaldo wollte das nicht
bemerken Das fiel ihr auf
    SIE Ritter Ihr seid seit einigen Tagen auffallend nachdenklich und
zerstreut und heute mehr als jemals Ihr bemerkt jetzt nicht einmal dass ich
verlegen bin Kennte ich den Grund Eurer Zerstreuung so könnte ich vielleicht
jetzt noch verlegener sein als ich es schon wirklich bin  Indessen es sei
gewagt Ich bin ohne Furcht mit Euch allein und habe Euch etwas zu entdecken 
Vorher nehme ich Eure Großmut in Anspruch und bitte Euch mir meine Entdeckung
zu verzeihen und wenn sie auch sogar Euer Herz treffen sollte  Ihr verzeiht
mir diesen Ausdruck Ich kann mich irren aber Euer Benehmen seit einigen Tagen
lässt mich vielleicht mit Entschuldigung Eure Hoffnung fürchten
    ER Wenn Ihr mich Eures Vertrauens würdig glaubt so entdeckt Euch mir
    SIE Ich wage es
    ER Ihr wagt nichts
    SIE Wir wollens hören   Ich liebe
    ER Ist das Euer Geheimnis  Konntet oder musstet Ihr es nicht für Euch
behalten
    SIE Ich suche einen Vertrauten der mein Geheimnis bei sich aufnimmt und es
gleich dem seinigen wohl aufbewahrt
    ER Es ist verwahrt
    SIE Hört mich weiter an  Mein Vater hat Absichten meine Hand zu vergeben
das weiß ich gewiss An wen das weiß ich nicht Aber sei er auch wer er wolle
den mir mein Vater zum Gemahl bestimmt ich werde ihn nicht lieben können
    ER Das könnt Ihr ja nicht wissen
    SIE Ich weiß es gewiss Denn den den ich liebe wird er mir nicht geben
    ER Das ist die Frage
    SIE Nein das ist Gewissheit  Der den ich liebe ist unter meinem Stande
Er ist kein Edelmann
    ER Denkt er edel und verdient die Liebe eines edlen Herzens so ist er
zweifach zum Ritter geschlagen  Darf ich wissen wer er ist
    SIE O ja Ich fürchte mich nicht ihn Euch zu nennen Es ist meines Vaters
Sekretär
    ER Soviel ich ihn kenne scheint er ein braver Mann zu sein Ich kann Eure
Liebe nicht missbilligen
    SIE Nicht Wirklich nicht Auch dann nicht wenn 
    ER Ich verstehe Euch  Auch dann nicht wenn ich der selbst sein sollte
dem Euer Vater Eure Hand zugedacht hat
    Die Seitentür sprang auf der Sekretär trat in das Zimmer ergriff Rinaldos
Hand drückte sie an sein Herz und wollte sprechen als ihn dieser Lauren sanft
in die Arme schob und schnell das Zimmer verließ
Rinaldo schlief diese Nacht wenig und verließ mit Tagesanbruch das Schloss die
Wohnung des geheimnisvollen Alten aufzusuchen  Er ging an dem Fluße hinab
kam in ein schmales Tal das zwischen Bergen hin auf eine Ebene führte die im
breiten Kreise mit steilen Anhöhen umkränzt war  Vor ihm lag ein
Olivenwäldchen durch welches ein gebahnter Weg gerade auf drei Marmorsäulen
zuführte die mit Hieroglyphen geziert waren Hinter den Säulen stand ein Altar
mit einem schönen Basrelief Daran stand die Schrift
                                LIKASARABTALAM
Rinaldo war noch in das Anschauen dieser Schrift und der Figuren vertieft als
er einen auf griechische Art weissgekleideten langen hageren Mann auf sich
zukommen sah der einen Olivenkranz in den Haaren und ein hermetisches
Schlangenstäbchen in der Hand trug Dieser grüßte ihn
    »Sei willkommen ehrenwerter Fremdling der du gestern mit unserm erhabenen
vielgeliebten Meister sprachst«
    Rinaldo dankte ihm schweigend Jener aber redete also fort
    »Du betrachtest diese Figuren und diese Schrift so aufmerksam dass ich deine
Wissbegierde in deinen Blicken lese  Was diese Worte Lika Sarabtalam betrifft
so geben sie den Namen Weltenschöpfer eben das was das Viracocha der Peruaner
bezeichnete Die Figur aber die du hier siehst ist das Brustbild eines
Greises des Schöpfers der Welten des Ewigen des Allerschaffers die Einheit
Die drei Flammen welche sein Haupt umgeben sind die symbolische Zahl der
Vollkommenheit Seine Arme die ausgestreckt Welt und Sonne in den Händen
halten sind das symbolische Zeichen der ersten Zahl die aus der Einheit
entsteht die Zahl der Schöpfung das Symbol der Produktion Welt und Sonne
vereiniget eine Kette Der Körper ist das Symbol der Harmonie die himmlische
Lyra Er ruht auf sieben Büchern die die sieben Bücher der Geheimnisse der
Natur und mit sieben Siegeln verschlossen sind Die vier Saiten des Instruments
sind das Symbol des Tetracordon die Übereinstimmung der Harmonie in der Zahl
4 Diese ist auch das Symbol der Richtigkeit der Dinge als des mathematischen
Punkts der Linie des Plans und der Tiefe Diese Hieroglyphe drückt die ganze
Natur aus nämlich die Wesenheit die Beschaffenheit die Vielheit und die
Bewegung der Dinge«
    Rinaldo sah den Belehrenden mit großen Augen an und wollte eben nach dem ihm
bekannten Alten fragen als dieser selbst in eben der Tracht wie er ihn gestern
gesehen hatte erschien ihn freundlich grüßte ihm die Hand schüttelte und
sagte
    »Wohl mein Sohn Das heißt Wort gehalten«
    Er führte ihn hierauf mit sich fort durch blühende Fluren und sagte
    »Dieses ist das Tal welches ich bewohne Es hat noch immer seinen ältesten
Namen und man nennt mich davon in der Gegend den Alten von Fronteja Diese
Benennung ist auch mir so geläufig geworden dass ich mich nun oft selbst so
nenne«
    Wie diese Erklärung Rinaldo traf kann man sich leicht denken wenn man sich
an Olimpiens Brief und an die Nachricht erinnert welche ihm der Marchese Romano
von dem Manne gab mit welchem er so unvermutet bekannt geworden und jetzt im
Gespräch begriffen war  In diesem Augenblick standen Olimpia der Marchese und
der Kapitän vor seinen Augen Er wusste nicht ob er weiter mit dem Alten gehen
oder ob er wieder zurückeilen sollte Er fürchtete die genannten Personen
wirklich anzutreffen sah sich verraten und erblickte in dem Weisen einen
Verräter  Er wankte folgte aber dennoch seinem Führer
    Sie waren eben an einen kleinen Altar gekommen als der Alte zwei Rosen von
einem Strauche brach dieselben auf den Altar legte seine Augen gen Himmel und
laut seine Stimme erhob
    »Ewiges Wesen Ein Opfer der Freundschaft«  Er wendete sich zu Rinaldo und
sagte »Fremdling hier bist du sicher«
    »Was könnte ich fürchten«  fragte Rinaldo mit etwas trotziger Stimme
    »Die Menschen« antwortete der Alte gelassen und ging unbefangen weiter
fort
    »Menschen gibt es allenthalben«  sagte Rinaldo »und ich habe nichts zu
fürchten als was sie alle zu fürchten haben«
    »Bei uns bist du wie du gehört hast unter Freunden« fiel der Alte ein
    Rinaldo ging ohne ein Wort zu sprechen weiter mit seinem Führer fort und
dieser zeigte ihm seine Wohnung die in einem sehr edlen und antiken Stile
erbaut war  Auf den Bergen standen Klausen in welchen wie der Alte sagte
Jünger von ihm wohnten die sich besonderen Betrachtungen und Untersuchungen
widmeten
    »Ist die Anzahl deiner Jünger groß«  fragte Rinaldo
    »Dreimal sieben sind ihrer«  war des Alten Antwort
    Sie kamen in die bezeichnete Wohnung Unter der Mittelhalle derselben
bewirtete der Alte seinen Gast mit einem guten Frühstück Er selbst aß nur
einige Löffel Honig und etliche Stückchen dünn geschnittenes weißes Brot Wein
trank er nicht aber Milch
    »Lebst du lange hier«  fragte Rinaldo
    »Nicht lange« antwortete der Alte  »Doch länger als ein Menschenalter«
    Rinaldo sah ihn mit zweifelhaften Blicken an und fragte endlich »Du hast
das gewöhnliche Menschenalter schon überschritten«
    »Zweimal«  war seine Antwort
    Rinaldo sah ihn noch misstrauischer an Jener aber blieb ganz unbefangen und
als Rinaldo eben weiter fragen wollte vernahm er weibliche singende Stimmen
und sah ein paar verschleierte Frauenzimmer Hand in Hand vorübergehen
    »Wer sind diese« fragte er
    »Es sind ein paar meiner Schülerinnen« war des Alten Antwort
    »Also leben auch Weiber hier«
    »Jüngerinnen der Weisheit Priesterinnen im Tempel der Natur und Wahrheit«
    Rinaldo schwieg Der Alte ersuchte ihn ihm zu folgen  Er kam in ein
einfaches Zimmer und fand hier ein Polsterlager auf welches sich der Alte
niedersetzte dessen Beispiel er folgte
Der Alte nahm als er saß das Wort und sagte »Von den ersten Zeiten meiner
Jugendjahre an war ich ein Freund und ernstlicher Nachforscher aller Mysterien
und bis jetzt muss ich sagen ist es mir gelungen die Mysterien aller Zeiten
und Völker zu enthüllen«
    Rinaldo sah ihn aufmerksam an Der Alte fuhr fort »Ich studierte die
emblematische Mythologie der Griechen und Ägypter die Teogonie Kosmogonie und
die religiösen Lehren der ältesten Völker Ich studierte in dem Shestah der
Gentuser im Zenda Vesta der Parsen in der Edda der Isländer im Chouking und
Lyking der Chinesen Ich enthüllte die Wege der Kakosophia und Kakodämonia
studierte die Antrosophia und wurde endlich was ich noch bin ein wahrer
Teosoph Dieses Namens bediene ich mich auch gewöhnlich  Du kannst denken
dass Zeit dazu gehörte alles dies zu leisten Diese aber hat mir der Himmel
gewährt«
    Hier machte der Teosoph eine Pause und sagte »Freund warum bist du aus
dem Schloss gegangen ohne etwas davon zu sagen Man ist dort unruhig über
deinen Weggang«
    »Wer« fragte Rinaldo rasch
    Der Alte zeigte ohne ein Wort zu sprechen auf einen großen breiten
Spiegel der in dem Zimmer hing und aus einer glänzenden Metallplatte bestand
Rinaldo sah in den Spiegel und sah in demselben zu seinem größten Erstaunen
Lauren und Lodovico leibhaftig vor sich Die Bewegungen ihrer Hände und ihre
Gesichtszüge zeigten an dass sie sich über etwas Angelegenes miteinander
unterhielten
    »Ich höre sie sprechen« sagte der Alte
    »Sprechen« fragte Rinaldo
    »Du kannst sie nicht hören Ich höre sie aber mit dem Ohre der Seele
welches mir die Approximation ihrer Rede verschafft« antwortete der Alte
    »Was sprechen sie«
    »Die Dame ist ängstlich über dein Verschwinden Dein Diener meint du
möchtest bloß eine Exkursion gemacht haben Sie will sich bei dieser Erklärung
nicht beruhigen«
    Rinaldo schwieg einige Augenblicke Der Alte störte ihn nicht in seinem
Nachdenken  Als Rinaldo seine Augen wieder auf den Spiegel warf sah er in
demselben Lauren auf ihrem Zimmer und den Sekretär in ihren Armen Er wendete
sein Gesicht von dieser Szene und sagte
    »Freund du bist ein großer Mann«
    »Auch du kannst werden was ich bin«  sagte der Alte  »Ich bin nicht der
einzige dieser Art in der Welt«
    Mit einem tiefen Seufzer fragte Rinaldo »Kennst du mich«
    »Warum sollte ich dich nicht kennen« antwortete der Alte und zeigte auf den
Spiegel
    Rinaldo sah hinein und erblickte sich in der Räubertracht in den Apenninen
vor Donatos Klause  Er fuhr heftig zusammen und fragte
    »Kennst du auch diesen Donato«
    »Warum nicht«  fragte der Alte und zeigte wieder auf den Spiegel
    Dort stand Donato und arbeitete in seinem Gärtchen
    »Ich will dir noch einige Personen zeigen«  fuhr der Alte fort  »die du
auch kennst Sieh in den Spiegel sie sollen vorüber gehen«
    Rinaldo sah in den Spiegel und erblickte den Prinz della Roccella den Vater
der sanften Aurelia Er ging in einem Buche lesend im Zimmer auf und ab  Die
Szene verwandelte sich im Spiegel und Rinaldo sah das Innere einer
Klosterzelle in welcher Aurelia schlafend auf ihrem Bette lag  Er seufzte und
schlug seine Augen nieder Als er sie wieder erhob sah er die Gräfin Martagno
Sie saß in ihrer Gartenlaube und weinte  Rinaldo seufzte stärker  Die
Spiegelszene verwandelte sich In einer wüsten Gegend wandelte eine Pilgerin Es
war Rosalie
    »Lebt sie noch« schrie Rinaldo
    »Sie lebt« war des Alten Antwort
    »Werde ich sie wieder sprechen«
    Der Alte dachte nach und sagte
    »Heute kann ich dir darauf noch nicht mit Gewissheit antworten«
    Rinaldo schwieg  Der Alte fragte
    »Willst du mehrere deiner Bekannten sehen«
    »Nein« antwortete Rinaldo
    Ein blauseidener Vorhang rollte herab und bedeckte den Spiegel
    Rinaldo wiederholte
    »Freund du bist ein großer Mann«
    Der Alte lächelte und sagte
    »Bloß Kunst der Magie Auf dieser beruht mein Stolz nicht«
    Nach einer kleinen Pause fuhr er fort
    »Du sollst sehen wie tief ich in die Nacht der Mysterien eindrang Ich will
dir alle Grade der berühmten Krata Repoa zeigen die Ägyptens Heiligtum
verhüllte Ich habe sie entschleiert Meine Jünger und Jüngerinnen sollen das
Schauspiel aufführen das ich dir geben will Es dient zur Unterhaltung und zum
Nachdenken«
Als er das gesagt hatte stand er auf nahm Rinaldo bei der Hand und führte ihn
in einen schönen Saal dessen Wände mit Symbolen der Götter aller Nationen
bemalt waren Verschiedene allegorische Statuen standen an den Seiten der
Fenster Der Saal hatte eine Galerie und ein schönes Deckenstück welches Ödips
Lösung des Sphinginischen Rätsels darstellte
    In einem Seitenzimmer ertönte eine sanfte Musik begleitet von weiblichen
Stimmen  Der Alte ging mit Rinaldo schweigend im Saale auf und ab  Als die
Musik schwieg sagte der Alte
    »Der Mensch besteht aus Körper und Seele Beide wollen vergnügt und ergötzt
sein Ich gönne jedem auf erlaubte Art was er verlangt Harmonie ist die Kette
aller Wesen der Gang des Universums Du wirst wissen was man von der
Sphärenmusik geschrieben hat  Ich liebe Musik und Gesang Beides liegt in uns
Wir geben und nehmen wir schenken und empfangen es gern Die höchsten
Freudenausdrücke sind eine gar angenehme Musik für das Ohr des Kenners Das
Leiden hat auch seine Töne für akkordmässig gestimmte Herzen«
    Als er das sagte wurde eine Tafel in den Saal getragen die mit mancherlei
Speisen und Getränken besetzt war  Der Alte nötigte Rinaldo etwas zu sich zu
nehmen Er selbst aß nur einige dünne Scheiben weißes Brot ein paar Löffel
Honig eine Ananas und trank Milch
    Als die Tafel wieder abgetragen wurde nahm der sogenannte Teosoph seinen
Gast bei der Hand und führte ihn in einen zweiten Saal an dessen schwarz
marmornen Gesimsen mit goldenen Buchstaben die Inschrift prangte
                                  KRATA REPOA
»Hier sollst du«  sagte er  »das dir versprochene Schauspiel der Krata Repoa
sehen«  und ließ sich auf ein Polsterlager nieder  Rinaldo folgte seinem
Beispiel
 
                                 Sechstes Buch
 Man sucht die Ruh sie nie zu finden
 Man findet sie genießt sie nicht
 Der Hoffnung hellste Sterne schwinden
 Die Dämmrung wird dann Sternenlicht
Rinaldo empfing von dem Alten einen kleinen Vorbericht über die Geheimnisse der
Ägyptischen Mysterien und sah dann ein ebenso merkwürdiges als glänzendes
Schauspiel aufführen in welchem der Einzuweihende alle sieben Grade der Krata
Repoa mit der größten Feierlichkeit durchging Er sah ihn unter Blitz und Donner
die heilige Leiter der sieben Sprossen ersteigen hörte die Rede des
Hierophanten sah das Tor der Menschen und die schwarze Kammer die
Versuchungsszene der schönen Priesterinnen denen der Einzuweihende widerstand
die Wasserszene und die Schlangenkammer den Greif und die Säulen Er sah den
Eingeweihten durch das Tor des Todes gehen sah ihn die Krone ausschlagen sah
ihn im Orkus und hörte welche Lehren ihm gegeben wurden Seinen Augen stellte
sich die Schlacht der Schatten dar die Höhle des Feindes und das gemordete
Frauenzimmer Er sah den Kampf mit Orus und Typhon und die große Feuerprobe Er
erblickte den Eingeweihten vor der Pforte der Götter sah den Priestertanz der
den Lauf der Gestirne bezeichnete sah dem Eingeweihten den Trank Oimellas
reichen und erblickte das Ende seiner Proben und seine förmliche feierliche
Aufnahme in das große Heiligtum
    Die Darstellung dieses Schauspiels hatte sehr lange gedauert Rinaldo wurde
wieder mit Trank und Speisen bewirtet und als er diese genossen hatte sagte
der Alte zu ihm
    »Jetzt mein Freund gehe auf das Schloss zurück welches du verlassen hast
wo diese Nacht deine Gegenwart nötig sein wird Gedenke deines Freundes zu
Fronteja und bewege was du gesehen und gehört hast wohl in deinem Herzen«
    Rinaldo ging in das Schloss zurück und vernichtete durch seine Ankunft alle
Ängstlichkeit die seine Abwesenheit verursacht hatte
Es war gegen Mitternacht und noch floh der Schlaf Rinaldos Augen als auf
einmal ein schreckliches Getümmel im Schloss entstand Er hörte Schwerter
klirren die Hunde bellten ein lautes Geschrei ertönte aus dem Schlosshofe
herauf und endlich fielen Schüsse
    Rinaldo sprang vom Lager warf einen Überrock über steckte seine Pistolen
zu sich ergriff den Säbel und eilte auf den Saal Hier standen Laura und ihr
Vater blass und zitternd die Zofen hielten Lichter in den bebenden Händen von
unten herauf wogte das Getümmel des Waffengeklirrs und Schüsse fielen lauter
und schneller
    »Was gibt es« fragte Rinaldo
    »Das Schloss ist von Räubern überfallen worden«  stammelte ein verwundeter
Diener  »Wir sind zu schwach zu widerstehen und einige meiner Kameraden
liegen schon tot darnieder gestreckt«
    Jetzt stürzte Lodovico mit gezogenem Säbel herbei und schrie »Lasst uns den
Eingang des Saals verteidigen«
    Rinaldo flog an die Saaltür Die Räuber drängten sich schon frohlockend die
breite Marmortreppe herauf
    »Haltet an«  schrie ihnen Rinaldo mit donnernder Stimme entgegen  »Sagt
wer ihr seid und was ihr wollt«
    »Wer hat uns hier zu gebieten« fragte einer aus der Schar
    »Ich«  antwortete Rinaldo
    »Aha über den gebietenden Junker Gehe er vom Platze oder es kostet sein
Leben«
    »Haltet an sage ich euch und seht zu mit wem ihr es zu tun habt«
    »Zurück und kein Wort weiter verloren«
    »Haltet an und lasst mit meinem Namen euch nicht zu Boden schmettern«
    Die Räuber lachten laut auf Einer antwortete »Männer die eure Schwerter
nicht fürchten verlachen eure Namen«
    »Den meinigen gewiss nicht«
    Sie lachten wieder und schrien »Vorwärts«
    Rinaldo rief ihnen mit erschütternder Kommandostimme zu »Haltet an das
gebietet euch Rinaldini«
    Die Schar stand betroffen Endlich sagte einer
    »Bursche entweihe diesen berühmten Namen nicht Ich diente unter Rinaldini
und kenne ihn«
    »Wenn du ihn kennst so tritt näher und gebiete deinen Kameraden
einzuhalten«
    Rinaldo trat von der Tür in die Mitte des Saals zurück und nahm einer Zofe
das Licht aus der Hand  Lodovico flog auf seinen Wink auf die andere Zofe zu
nahm ihr das Licht und zündete die Kerzen der Wandleuchter des Saals an
    Die Szene wurde hell  Rinaldo blieb in seiner Stellung Der Baron und
Laura erwarteten zitternd was geschehen würde
    Der eine der sich vermass Rinaldini zu kennen bat seine Kameraden jetzt
ruhig zu sein Diese drängten sich zur Tür Er ging mit ungewissen Schritten auf
Rinaldo zu blieb stehen sah ihn fest an legte seinen Säbel nieder und sprach
    »Großer Hauptmann Ich beuge meine Knie Du bist es Du bist Rinaldini mein
berühmter Hauptmann«
    Alsobald jauchzte laut auf die ganze Schar
    »Viva Rinaldini«
»Ich kann«  sagte Rinaldo  »euren Freudengruss nicht eher erwidern oder
annehmen als bis ich euch folgsam finde«
    »Fordere«  schrien alle  »Fordere berühmter Hauptmann Was wir dir zu
geben schuldig sind wirst du empfangen«
    »Nun dann«  begann Rinaldo  »so fordere ich von euch dass ihr dieses
Schloss sogleich verlasst«
    Nach dieser Forderung wurde es still Endlich begann ein Gemurmel und
zuletzt trat einer aus der Schar hervor und sprach »Wir haben kein Geld und
haben Mangel an Lebensmitteln Deshalb haben wir das Wagestück unternommen das
uns geglückt ist Du weißt berühmter Hauptmann wozu die Not treiben kann Aber
um dir zu zeigen wie groß die Hochachtung ist die wir für berühmte Männer
deinesgleichen haben so wollen wir dieses Schloss verlassen wenn du uns
versprichst zu uns zu kommen und bei uns wie ein Freund unter Freunden zu
weilen Schlägst du uns dies ab so gehen wir nicht So tapfer und berühmt du
auch bist so wirst du doch wohl einsehen dass Gewalt uns nicht von hier
vertreiben kann Zähle uns selbst Unserer sind achtzig die das Schwert führen
im Schloss Wir fürchten den Tod nicht und die Entschlossenheit ist unsere
Waffengefährtin Dreißig unserer Kameraden stehen vor dem Schloss sie sind des
Namens unserer Waffengesellen nicht unwert«
    »Bist du«  fragte Rinaldo  »der Anführer dieser Tapfern«
    »Der bin ich«
    »Dein Name«
    »Luigino«
    »Gut dann Tritt vor und rüste dich zum Kampfe  Dir wird die Ehre mit
Rinaldini zu fechten  Besiegst du mich so handle im Schloss nach Willkür
nur empfehle ich dir Menschlichkeit Liegst du unter so ziehst du mit deinen
Leuten sogleich aus dem Schloss ab Dieses sind des Kampfes Bedingungen«
    Luigino sah ihn mit großen Augen an und sagte
    »Ich fechte nicht mit dir«
    »So nenne ich dich im Angesicht deiner Leute einen feigen Beutelschneider«
 schrie Rinaldo
    »Bei Gott Hauptmann das bin ich nicht Und das lasse ich mir auch selbst
von dir nicht sagen«  antwortete Luigino und zog den Säbel
    Rasch wie vom Sturm ergriffen sprang Laura auf fiel Rinaldo in den Arm
und sprach
    »Du darfst dich nicht schlagen Für uns dein Leben auf dieses Spiel zu
stellen hast du keinen Beruf Wir wollen uns mit diesen Leuten abfinden und
ihnen geben was sie brauchen und fordern Ist es nicht schon genug dass wir dir
unser Leben zu verdanken haben Sollten wir auch noch unsern Wohltäter bluten
sehen«
    »Geh Luigino«  sagte Rinaldo  »und erzähle dass ein Mädchen dich um die
Ehre gebracht hat dich mit Rinaldini zu messen Ich erkenne dich für einen
tapferen Mann«
    Luigino warf sein Schwert in die Scheide und sagte
    »Wir ziehen ab«
    »Nicht so«  begann der Baron und holte eine Schatulle herbei
    »Hier nehmt dieses Reisegeld mit und kauft euch was ihr braucht«
    Rinaldo zog einen Ring vom Finger und sagte
    »Luigino trag diesen Ring mir zum Andenken«
    Luigino nahm den Ring und fragte fast weich
    »Und du willst uns nicht besuchen«
    »Ich will« antwortete Rinaldo
    Mit frohlockenden Donnerstimmen brüllte die Schar
    »Viva Rinaldini«
    »Lasst diesen Mann bei mir«  fuhr Rinaldini fort  »der in den Apenninen
mit mir gefochten hat Er wird mich zu euch bringen«
    Luigino wendete sich gegen ihn schüttelte ihm die Hand und sagte »Wackerer
Nero der du unter Rinaldinis Anführung gefochten hast bleib bei deinem
Hauptmann und bringe ihn bald zu uns«
    Hierauf nahm er Rinaldos Hand drückte sie an sein Herz und sagte
    »Diese Augenblicke bleiben mir unvergesslich«
    Dann drehte er sich herum gab seinen Gesellen einen Wink Im Sturm flogen
diese die Treppe hinab und zum Schloss hinaus Luigino mit ihnen
    Rinaldo gab Lodovico und Nero Winke sich zu entfernen eben das tat der
Baron gegen seine Leute Rinaldo blieb mit ihm und Laura allein
    »Ihr habt nun«  begann er  »das größte meiner Geheimnisse gehört eine
Menge Menschen haben es mit Euch gehört der Schleier ist gefallen dies gibt
mir den Scheidebrief von Euch Der verfolgte geächtete Räuberhauptmann kann
nicht mehr ein Glied Eurer Familie sein darf nicht mehr der Gegenstand Eurer
herzlichen Gastfreundschaft sein Das verbieten euch Verhältnisse und Gesetze
Die Nacht die so manches verdeckt verberge auch mich Euren Augen Lebt wohl
Ich ziehe von dannen«
    »Eure Großmut«  sagte der Baron  »entlockte Euch Euer Geheimnis und
rettete uns vom Tode Diese Nacht wird mir stets unvergesslich bleiben Ich
beklage nichts mehr als dass ich Euch nun muss scheiden sehen  Ihr rettetet mir
zweimal das Leben und ich bin Euer doppelter Schuldner Wie soll wie kann ich
bezahlen«
    RINALDO Ihr könnt es
    BARON So bin ich reicher als ich glaube Was ich kann will ich auch Ich
bezahle
    RINALDO Gewährt mir eine Bitte
    BARON Gewährt  Wohl mir dass ich mit Erfüllung einer Bitte bezahlen kann
    RINALDO Gut  So bitte ich gebt Laura Eurer Tochter den Mann den sie
liebt
    BARON erschrickt Was ist das
    RINALDO Ich habe Euer Wort
    BARON mit bebender Stimme Ihr habt mein Wort das ich nie gebrochen habe
nehmt sie hin
    RINALDO Ihr irrt Euch Ich bin nicht der Mann ihres Herzens
    BARON froh Wirklich hätte ich geirrt
    RINALDO Gebt Ihr den Mann den sie liebt Haltet Wort
    BARON Euer Schuldner zahlt Ich halte Wort Sie soll ihn haben
    RINALDO Laura ich scheide nun beruhigt Ich weiß Euch glücklich
    Laura fiel ihm um den Hals und dann ihrem Vater zu Füßen Rinaldo verließ
den Saal schickte den Sekretär hinauf befahl zu satteln und ritt mit Lodovico
und Nero zum Schloss hinaus
    Der Tag brach an Die Sonne ging auf in all ihrer Pracht Das Schloss des
Barons lag schon weit hinter den Reitern und war nicht mehr zu sehen Rinaldo
stieg vom Pferde und warf sich unter einen Baum  Lodovico und Nero taten in
einiger Entfernung was ihr Hauptmann tat Die Pferde gingen nach Futter
    Rinaldo seufzte tief auf und sprach wie er zu tun pflegte wenn sein Herz
voll war mit sich selbst
    »Was andere meiner Faust und meinem Namen verdanken wird mir zum Fluch Ich
bin gebannt geächtet ich werde verfolgt und habe doch so manches Unglück schon
verhütet  Aber Blut habe ich vergossen auf meinen Namen ist geraubt und
geplündert worden Wehe mir Wie viele sind gefallen Wie viele habe ich schon
in den Tod getrieben  Ach wer hätte mir das prophezeiend an meiner Wiege
gesungen Was riss mich aus meinem stillen Tale von dem Quell der mich labte
und meine Ziegen in friedlicher Einöde tränkte Wehe wehe mir«
    »Spricht der Hauptmann noch immer wie sonst mit sich selbst« fragte Nero
Lodovico bejahte es kopfnickend und winkte ihm zu schweigen Rinaldo sprach
weiter
    »Soll ich denn nirgends Ruhe finden Der Schiffer freut sich nach dem Sturme
des sichern Hafens und vergisst die Gefahren der Wellen die ihn umschwebten mir
aber lächelt kein freundlicher Port«
    Nach einer langen Pause fragte er »Nero wie kamst du nach Sizilien«
    »Als du mich nach Rom schicktest Hauptmann«  antwortete Nero  »suchte
mich und Nicolo unser Cintio dort auf Er nahm uns mit nach Kalabrien Dort
bekam ich einst Händel mit einem meiner Kameraden und spaltete ihm den Schädel
Weil Cintio diesen Menschen sehr liebte wagte ich es nicht ihm unter die
Augen zu kommen und ging nach Sizilien Hier hatte ich nichts zu leben und
ergriff mein altes Handwerk«
    »Wo hauset Luigino«
    »In den Gebirgen von Cerone«
    »Haben wir weit dahin«
    »Gegen Abend können wir dort sein«
    »Führe mich hin«
    Sie bestiegen die Pferde und trabten davon In einem schlechten Dorfe
hielten sie Mittag und ehe die Sonne unterging waren sie in den Ceronischen
Bergen
Sie waren kaum hundert Schritte weit geritten als sie einen Hornstoss vernahmen
dem bald ein zweiter dann ein dritter folgten Dies Signal gaben Luiginos
ausgestellte Wachen  Bald erreichten sie ein Tal Nero gab das Signal Einige
zwanzig Banditen umringten sie erhoben ein fürchterliches Freudengeschrei und
führten den willkommenen Gast unter einem jauchzenden
    »Viva valoroso Rinaldini valorosissimo Kapitano del mondo«
zu Luigino der aus seinem Gezelte ihm entgegen sprang und Rinaldo vom Pferde
hob
    Das Getümmel und die Freude den berühmten Rinaldini bei sich zu sehen war
unter der Bande sehr groß und selbst Luigino fühlte sich hochgeehrt dass der
berühmteste Räuberhauptmann seiner Zeit bei ihm in seinem Gezelt und auf seinem
Lager schlief
    Der Morgen brach an als Luigino der seinen Gast schon munter sah sich
demselben mit einer Proposition näherte welche die Frucht seiner nächtlichen
Überlegungen war Sie bestand in nichts Geringerem als in dem Antrage an seiner
Stelle das Kommando über seine Bande zu übernehmen und dieselbe wie er sich
ausdrückte »durch sich unsterblich zu machen«
    »Freund«  antwortete Rinaldo  »Ich bin dir herzlich für dein
uneigennütziges Anerbieten verbunden allein ich kann davon keinen Gebrauch
machen weil ich fest entschlossen bin Sizilien zu verlassen und mich in ein
anderes Land zu begeben wo ich im Stillen das Ende meiner Tage erwarten will«
    Umsonst bot Luigino seine ganze Beredsamkeit auf Rinaldo blieb bei seinem
Vorsatz Er blieb noch diesen Tag bei ihm und reiste den folgenden mit Lodovico
und Nero ab
    Gegen Abend erreichten sie den Gasthof eines Fleckens von welchem derselbe
mehrere hundert Schritte entfernt an der Landstraße lag
    Der Wirt kam ihnen am Tore entgegen und sagte sein Gasthof sei so sehr mit
Menschen besetzt dass er dem Herrn Kavalier schwerlich ein anständiges
Nachtlager anweisen könne Noch dazu wären eben ein Herr und eine Dame mit ihren
Leuten angekommen die nicht weitergehen wollten und das letzte Kämmerchen
seiner Wohnung in Beschlag genommen hätten
    Rinaldo der keine Lust hatte weiterzureiten erklärte er wolle mit jedem
Plätzchen vorliebnehmen das man ihm anweisen würde und sprengte in den Hof
Hier stieg er vom Pferde und warf seine Augen auf einen Wagen der soeben
ausgespannt wurde als er neben demselben mit Auspacken einiger Sachen
beschäftigt  wer schildert sein Erstaunen  die wohlbekannte Signora Olimpia
erblickte  Noch hatte er sich nicht gefasst als er an den Wagen von der
anderen Seite her den verrufenen Kapitän treten sah
    Dieser hatte ihn nicht so bald erblickt als er gleich einem Wütenden eine
Pistole aus dem Kutschenschlage zog und damit auf Rinaldo zustürzte indem er
schrie
    »Ha Bandit treffe ich dich endlich doch noch«
    Er sprachs gab Feuer und seine Kugel streifte Rinaldos linke Achsel 
Olimpia stürzte lautaufschreiend mit der Hälfte des Leibes in den Wagen zurück
 Lodovico sah kaum was geschah als er seinen Karabiner anlegte Feuer gab und
dem Kapitän den rechten Arm zerschmetterte
    Dieser sank zu Boden und schrie aus Leibeskräften
    »Schliesst das Tor Im Namen des Königs haltet diese Reiter fest Rinaldini
ist mitten unter uns«
    Auf dieses Geschrei kam alles in Aufruhr der Wirt seine Knechte des
Kapitäns Bediente einige Maultiertreiber Packknechte Fuhrleute und ein paar
Dragoner die eben als Patrouille in dem Wirtshause lagen brachen bewaffnet
mit Peitschen Knütteln Hacken Heugabeln und Säbeln auf Rinaldo und seine
Diener los
    Ein Knecht lief nach dem Tore um es zu sperren Nero schoss ihn durch die
Gurgel und jagte im schärfsten Galopp zum offenen Tore hinaus
    Rinaldo griff nach seinen Pistolen fühlte sich aber schnell von hinten
angegriffen und war zu Boden geworfen ehe er nur einen Schuss tun konnte Ihrer
Sechse waren über ihn her banden ihm die Füße und knebelten seine Hände auf den
Rücken
    Lodovico spaltete einem Bedienten des Kapitäns den Schädel und hackte dem
andern den halben Arm vom Leibe bekam aber mit einer Heugabel einen Schlag über
den Kopf und taumelte zu Boden wo es ihm wie seinem Herrn erging  Er
knirschte mit den Zähnen und ohnmächtige Wut verzerrte seine Gesichtszüge
    Rinaldo sah ihn ernstaft an und sagte
    »Pfui Lodovico Warum gebärdest du dich so Jeder Mensch hat sein Ziel
Unsere Stunde hat endlich auch geschlagen«
    »Das ist es nicht was mich wütend macht«  brüllte Lodovico  »Aber das
ist es dass eine Handvoll Lumpenkerle uns überwältigt hat und dass wir nicht
Mann gegen Mann im offenen Kampfe gefallen sind«
    »So wollte es das Schicksal«  antwortete Rinaldo  »Sei ruhig und
gelassen Wir stehen ja noch nicht auf dem Schaffott Sollen wir aber auch dort
unser Leben endigen so können wir mit unserer Ohnmacht es doch nicht ändern«
    Indessen hatte der Kapitän dem Wirt und den Dragonern die Gebundenen auf ihr
Gewissen empfohlen und ihnen den Preis genannt den sie von der Regierung für
ihre Heldentaten erhalten würden  Man beschloss also die Gefangenen diese
Nacht hindurch vorsichtig zu bewachen und sie morgen im Triumph dem nächsten
Kriminalrichter zu überliefern  Die Gebundenen wurden auf eine Kammer gebracht
und bekamen Wache
    Den Kapitän trug man auf ein Lager und verband ihn so gut man konnte bis
ein Wundarzt kam Olimpia war in einer größeren Verlegenheit als die Leser
vielleicht glauben
    Indessen versammelte der Wirt alle die um sich her die Anteil an dem Kampfe
und der Verhaftung der Räuber genommen hatten und sagte
    »Seht hierher auf den Tisch Hier stehts von mir mit Kreide angeschrieben
was ein jeder von uns auf seinen Anteil von dem Preise bekommt den die
Regierung auf Rinaldinis Kopf gesetzt hat Seht und hier steht das Fazit Es
trifft wie eine Kirchenrechnung  Überdies haben wir bei dieser Gelegenheit
auch großen Ruhm und hohe Ehre ja ich will sagen den Dank und die
Ehrerbietung der ganzen Insel erfochten Mein Gasthof wird durch diesen Fang
ebenso berühmt werden als der Ort eines Schlachtfeldes oder sonst ein Platz
auf welchem etwas zum Besten des Staates vorgegangen ist Gebt acht was
geschieht«
    »Aber«  fragte einer von den Maultiertreibern und schob die Mütze
bedenklich von dem rechten aufs linke Ohr  »aber wird nun Rinaldinis Bande
wohl einen Stein deines Gastofs auf dem andern lassen«
    Der Wirt wurde verlegen und fragte ängstlich »Hat er denn eine Bande«
    »Narr«  schrie der Maultiertreiber  »das kannst du dir einbilden Eine
Bande von Kerlen die die ganze versammelte Hölle nicht fürchten  Ich an
deiner Stelle hätte ihm alle Tore und Pforten geöffnet dass er entkommen wär
Er hätte dir gewiss ein besseres Fazit gemacht als dir nun seine Bande machen
wird«
    »Gut«  sagte der Wirt  »so ziehe ich von hier weg Mit dem Gelde das
ich bekomme kann ich allenthalben Wirtschaft treiben«
    »Daran tust du wohl«  sagte der Maultiertreiber  »denn die Rinaldinische
Kompanie macht dein Wirtshaus sicher der Erde gleich dabei ist gar keine Zeit
zu verlieren Ich fürchte die Kerle sitzen morgen schon hier  Ich sehe sie
schon hausen plündern sengen und brennen Und wenn sie dich erwischen so
ziehen sie dir sicher die Haut über die Ohren«
    Der Wirt wollte eben antworten als er zu der fremden Dame gerufen wurde Er
eilte zu ihr Olimpia zog ihn auf die Seite sprechend
    »Herr Wirt Ihr seid ein glücklicher Mann dass bei Euch der berühmte
Rinaldini seine Freiheit verloren hat Aber das was Ihr dabei verdient würde
Euch wohl doppelt von ihm gegeben werden fändet Ihr Mittel und Wege ihn
entwischen zu lassen«
    »Allerschönste Signora«  antwortete der Wirt  »das ist nun wohl keine
Möglichkeit Ja wenn die Teufelsdragoner nicht hier wären  Und dann meine
Pflicht meine Untertanenschuldigkeit« 
    »Recht so«  fiel Olimpia schnell ein  »Ihr seid ein braver Mann Ich
gestehe es Euch offenherzig dass ich bloß Eure Denkungsart erforschen wollte
Denn Ihr könnt doch wohl leicht denken dass mir viel daran gelegen sein muss
diesen Feind meines Bruders des Kapitäns bestraft zu wissen Ich wollte nur
fühlen ob meine Rache in guten Händen wäre Sie ist es und Ihr habt noch eine
Belohnung von mir selbst zu erwarten Jetzt schlafe ich ruhig und weiß dass ich
bei einem durchaus ehrlichen Manne übernachte«
    Sie ging  Der Wirt murmelte ihr nach »Eine außerordentlich brave Dame«
    Rinaldo verlangte Wein und Speisen Er erhielt was er forderte Lodovico
war wieder zu sich gekommen und war jetzt in eben dem Grade standhaft und
entschlossen geworden als sein Herr missmutig und niedergeschlagen war Sie
sprachen in ihrer rotwelschen Räubersprache miteinander wovon die Wache kein
Wort verstand unterhielten sich von ihrem Unglück und Zustand  Rinaldo
eröffnete Lodovico dass er willens sei sich zu vergiften Dieser riet ihm
nicht zu rasch zu Werke zu gehen er fange jetzt an auf Hilfe zu hoffen
    RINALDO Auf wessen Hilfe hoffst du
    LODOVICO Das weiß ich selbst nicht aber ich hoffe dennoch Der Mut ist mir
ganz unvermutet gewachsen und ich bin völlig überzeugt dass wir jetzt noch
nicht sterben werden Zum Vergiften habt Ihr noch Zeit Und es ist im Grunde
ganz einerlei ob man sich vom Gift die Eingeweide zerreißen lässt oder ob man
verbrannt wird Schmerz ist Schmerz
    RINALDO Wohl wahr
    LODOVICO Dreierlei Dinge ärgern mich abscheulich Erstens dass ich den
Kapitän nicht durch den Schädel getroffen habe zweitens dass uns Packknechte
Maultiertreiber und andere Lumpenkerle überwältigt haben und drittens dass uns
Nero wie eine feige Memme verlassen hat  Hätten wir alle drei nebeneinander
gestanden und hätten den Rücken frei gehabt das Lumpenvolk hätten den kürzeren
ziehen sollen oder ich will ein Hundekopf sein
So sprachen sie die Mitternacht herbei und entschlummerten endlich doch auf
ihrem Strohlager  Ein Gepolter weckte sie Sie fuhren auf sahen ein paar
Menschen in ihrer Kammer sahen Dolche blinken und ihre Wache lag röchelnd am
Boden
    »Was gibt es«  fragte Rinaldini
    »Ruhig Hauptmann Es gilt Eure Rettung«  war die Antwort
    »Bist du es Nero«
    »Ich bin es« antwortete dieser  »Das Haus ist umzingelt Ich und ein
braver Kamerad sind hereingeschlichen  Der Tag bricht an Munter auf dass wir
Euch in Sicherheit bringen«
    Damit machten sie sich über Rinaldos und Lodovicos Strickfesseln her
zerschnitten sie und halfen ihnen auf die Beine
    »Nero«  sagte Lodovico  »Ich habe dir Unrecht getan Ich hielt dich für
eine Memme Ich bitte dir alles ab braver Kamerad«
    »Aha«  antwortete Nero  »das habe ich vermutet s hat nichts zu sagen
 Ich machte mich davon traf auf Luiginos VorpostenKorps schickte einen davon
zu Luigino und ließ ihm melden was geschehen sei Die andern acht nahm ich mit
mir Wir stiegen über die Mauer zum Fenster herein und da sind wir Ich wette
darauf Luigino ist nun auch schon da«
    »Nero  Ich belohne dir und deinen Kameraden diesen Dienst gewiss
rechtschaffen«
    »Nur fort und mit uns die Treppe hinab Hier sind Waffen wenns etwa Lärm
gibt«
    Sie schlichen hinab Alles blieb still im Hause  Im Hofe warteten die
andern Sie zogen so viele Pferde und Maultiere aus dem Stalle als sie habhaft
werden konnten und da gabs Lärm Im Gasthofe wurden die Schlafenden munter
man hörte Alarm rufen
    Jetzt stieg vor dem Gasthofe eine Rakete in die Luft
    »Ha das ist Luiginos Signal«
    Nun waren die Kerle nicht mehr zu halten Sechs Schüsse geschahen
aufeinander in die Stube wo alles durcheinander lag und drinnen gabs ein
fürchterliches Geheul
    Auf die Schüsse wurde von außen das Tor eingebrochen und Luiginos Bande
flutete in den Hof  Da gabs Lärm auf allen Ecken und die Pferdeställe waren
im Nu ausgeleert
    Luigino als er hörte Rinaldini sei gerettet eilte auf ihn zu umarmte ihn
und gab sogleich das Zeichen zum Abzuge Die Räuber schossen ihre Pistolen noch
gegen Stube Stall und Mist ab und jagten mit der Beute davon  Kaum waren sie
hundert Schritte geritten als sie die Sturmglocken hörten Sie sahen hinter
sich und der Gasthof stand in Flammen
    Ein wildes Jauchzen durchtönte den zügellosen Haufen
    Rinaldo fuhrs durch die Seele Er verhüllte sein Gesicht und jagte dem
Gebirge zu
Wachend im Traume seiner Verhältnisse lag Rinaldo auf seinem Lager unter einem
Gezelte Der größte Teil der Bande war auf Streifereien ausgezogen mit ihr auch
Lodovico und Nero Luigino nahte sich Rinaldo sah ihn ein wenig an und sagte
    »Hauptmann Du siehst dass du nicht für die Menschen außer unserm Zirkel
taugst die polizierte Welt ist kein Aufenthalt mehr für dich bleib in den
unwirtbaren Tälern in Wäldern und Einöden gefürchtet und geehrt an der Spitze
deiner Kameraden Überlass dich nicht den Sorgen Wie es ist ist dein Los
gefallen«
    RINALDO Ich fühle die Wahrheit deiner Worte nur allzu lebhaft
    LUIGINO Das ist mir lieb Ich erneuere hiermit meinen alten Vorschlag
Übernimm das Kommando meiner Leute Ich will als zweiter Befehlshaber unter dir
dienen
    RINALDO Bei dir bleiben werde ich aber Anführer deiner Leute kann ich nicht
werden Doch rechne im Fall der Not auf mich wie auf jeden der Deinigen
    LUIGINO Nach deinem Willen  Auf jeden Fall wird deine Anwesenheit großen
Eindruck auf meine Leute machen Sie werden sich alle für die Deinigen halten
    Sie sprachen noch als die Signale die Rückkehr einer Streifpartie mit Beute
verkündigten
    Beinahe atemlos trat Lodovico in das Gezelt und sagte
    »Hauptmann wir haben einen herrlichen Fang getan einen Fang der dich
vergnügen wird Der verdammte Hund der Kapitän und die schöne Olimpia sind uns
in die Hände gefallen«
    Er sprach noch als man beide gebunden in das Gezelt brachte wobei der
ganze Haufe jubelte
    »Viva valorosissimo Kapitano Rinaldini«
    Rinaldo fuhr zusammen als er die Gebundenen erblickte Olimpia sah ihn
einige Augenblicke schweigend und mit fragenden Blicken an fiel dann vor ihm
nieder und sagte
    »Ich überlasse mich deiner Gnade«
    Rinaldo winkte ihr betroffen aufzustehen und antwortete
    »Ich bin nicht der Anführer derer die Euch beide zu Gefangenen gemacht
haben Dieser der neben mir steht ist es an ihn richtet Eure Bitten Ich bin
nicht Euer Richter  Aber da ich dir großmütige Freundin Olimpia mein Leben
verdanke und dir meine Freiheit in Kalabrien schuldig bin so bitte ich meinen
Freund Luigino dir um meinetwillen die Freiheit zu schenken«
    »Sie ist frei«  rief Luigino
    Sogleich wurde sie entfesselt Luigino aber fuhr fort
    »Was aber diesen sogenannten Kapitän betrifft so führt ihn in die Höhle zur
Haft bis ich mich durch Lodovico unterrichtet habe was er alles gegen meinen
Freund den großen Rinaldini getan hat«
    Der Kapitän der bisher unbeweglich gestanden hatte erhob jetzt seine
Stimme und sprach »Was ich gegen Rinaldini tat würde jeder gute Staatsbürger
getan haben der einen Gauner der ersten Größe unter seinen Mitbürgern sah«
    »Du bist strafbar«  sagte Rinaldo  »dass du diese deine Pflicht nicht
eher erfüllt hast Sie war dir aber für Geld feil  Deinetwegen konnten die
Staaten durch mich in Kontribution gesetzt werden wie es mir beliebte hätte
ich dir nur mich selbst als ein gewisses Kapital überlassen als einen
Notpfennig den du stets angreifen konntest sobald es dir beliebte« 
    »Wie würdest du Mann dem sogar seine Heldentaten feil waren«  fiel der
Kapitän ein  »wie würdest du an meiner Stelle gegen den Räuber Rinaldini
gehandelt haben«
    »Nicht so wie du«
    »Das gilt Erklärung und Beweise«
    Rinaldo sah Luigino an und fragte »Willst du mir auch diesen deinen
Gefangenen schenken«
    Schnell antwortete Luigino »Er ist dein«
    »Gut dann«  fuhr Rinaldo fort  »so gehe du mein ewiger Verfolger und
lerne mich kennen Du bist frei kannst gehen wohin du willst kannst sogar das
Vergnügen fort genießen mich von neuem zu verfolgen zu verraten und sogar
endlich  wie du sagst nach deiner Pflicht  mich der Obrigkeit zu
überliefern  Der Himmel hat Pest hat Feuer und Wasserplagen gegen die
Menschen Ich habe dich zu meiner Strafrute Geh und handle gegen mich wie
dein Herz dir gebietet  Ich will meinem Schicksal nicht vorgreifen und du 
wirst dem deinigen auch nicht entgehen«
    Als er dies gesagt hatte verließ Rinaldo das Gezelt  Der Kapitän sah keck
ihm nach Luigino kommandierte ergrimmt
    »Führt diesen AfterKorsen mir aus dem Gesicht und aus dem Lager« 
    Sogleich wurde Anstalt gemacht diesen Befehl zu vollziehen Trotzig folgte
der Kapitän Luigino rief ihm nach
    »Was Rinaldini tat tut Luigino nicht Nimm dich in acht und mir komme
nicht in den Weg«
    Er ging davon  Olimpia blieb im Gezelt bis Rinaldo dahin zurückkam
    OLIMPIA Berühmter Rinaldini Du der Schrecken und die Furcht der
italienischen Staaten Geächteter Mann  Wie edel wie groß hast du gehandelt
    RINALDO Nicht in diesem Tone
    OLIMPIA Sage mir die Wahrheit Bist du wirklich nicht mehr Anführer dieser
Menschen
    RINALDO Nein
    OLIMPIA Lebst aber doch unter ihnen
    RINALDO Das ist nicht meine Schuld Ich soll ich darf ja nicht in den Schoss
der polizierten Welt zurückkehren
    OLIMPIA Tut dir das leid O bleib in deinen Tälern lebe zwischen Felsen
ruhig und zwänge dich nicht in die bangen Scheidewände der Konvenienzen Was du
dort findest ist leicht zu entbehren  O dass es mir vergönnt sein möchte zu
leben in stiller Einsamkeit
    RINALDO Kannst du nicht in die Einsamkeit zu dem Alten von Fronteja gehen
    OLIMPIA Du kennst ihn
    RINALDO Wie wollte ich das sagen können Gesehen gesprochen habe ich ihn
er hat mir vielerlei gesagt und gezeigt ja die Szenen der berühmten Krata
Repoa habe ich sogar mit angesehen aber wie könnte ich mich vermessen zu
sagen ich kenne ihn  Kennst du ihn
    OLIMPIA Ich habe ihn nie gesprochen nie gesehen und glaube doch ihn zu
kennen
    RINALDO Diesen feierlichen geheimnisvollen allumfassenden Scharlatan
    OLIMPIA Er ist mehr als das Die Kette die er durch ganz Italien
geschlungen über Meere gezogen hat ist ein Kunstwerk das den Meister lobt Du
bist seit du anfingst Aufsehen zu erregen immer für ihn ein willkommenes
Augenmerk seines Wunsches gewesen Du warst ein Glied für seine Kette das er
suchte Er fand dich ehe du es glaubtest Du warst sein ehe ihr euch gesehen
hattet
    RINALDO Was sprichst du
    OLIMPIA Was ich weiß
    Sie lächelte als sie das sagte so wie die Zuverlässigkeit selbst lächeln
würde Rinaldo heftete seine Blicke an den Boden  Endlich fragte er
    »Gehörte der Kapitän auch mit zu der Kette des Alten von Fronteja«
    SIE Er war ein Abtrünniger  Er lebte von Spekulationen vom Spiele von
magischen Tändeleien
    ER Wie kamst du aber und auch jetzt wieder zu diesem Betrüger den du als
einen solchen kanntest
    SIE Ach glaube mir nur aus Geldmangel
    ER Aber deine vornehmen Verbindungen 
    SIE Von der Notwendigkeit geknüpft von der Laune zerrissen
    ER Was gedenkst du nun zu tun
    SIE Mich in deine Arme zu werfen bei dir zu bleiben mit dir allen
Gefahren selbst dem Tode entgegenzugehen An deiner Seite will ich stehen
selbst fechten 
    ER Ich fechte nicht mehr Meine Waffen will ich gegen Hacke und Spaten
vertauschen und ein Einsiedler werden
    SIE So begleite ich dich in die Klause als deine Einsiedlerin In meinen
Armen sollst du ruhen wenn du des Tages Schwüle und Last getragen hast
Erquicken will ich dich als eine sorgliche Wirtin mit Speis und Trank und in
unsrer Einsiedelei soll es nicht an stillen Freuden fehlen Komm lass uns
ziehen mein Rinaldo in die stille Freistätte des Glücks und der Ruhe Nichts
soll mir schwer nichts unbequem werden Die Liebe zu dir trägt leicht trägt
sicher und gern
    ER Du schwärmst
    SIE Ich bin ja bei dir mein Lieber
    Hier ließ sich recht gut einige psychologische Bemerkungen einstreuen Ob
sie aber wohl gelesen ob sie gefühlt würden werden  Olimpia war das Weib wie
sie sein wollte Übrigens war sie ein schönes Weib und Rinaldo ein Mann voll
Kraft und Leidenschaft So liebenswürdig stand er vor den Weibern Ein
herrliches Rot strahlte von seinen Wangen die hellsten braunen Augen lagen wie
sanfte Sterne in seinem Gesichte Sein Gang war edel fest und keck1 Über sein
ganzes Wesen und Benehmen war eine Haltung Feinheit und Waglichkeit
ausgegossen die ihm eben das gab was Weibern gefallen kann
Ein lautes Gespräch vor dem Gezelte brachte drinnen alles wieder in Ordnung
    Luigino hatte Lebensart Er ließ auftragen was Küche und Keller vermochten
Keine Aufwartung machte das Mahl beschwerlich Man blieb ohne Zeugen den
besten und gesuchtesten Gefühlen überlassen
    Da sprang der Pfropf von einer Champagnerflasche mit lautem Knall und flog
der holden Donna gerade an die Stirn Man lachte und  leerte die Flasche
    »Man kommt«  sagte Olimpia indem sie die Gläser füllte  »bei süßen
Genüssen doch selten ungeneckt davon das aber macht sie nur angenehmer
reizender sogar  begehrenswerter«
    Nicht ohne Geräusch trat Luigino in das Gezelt und sagte
    »Meine Leute haben eine Pilgerin aufgefangen die Lodovico kennt«
    »Das ist Rosalie« schrie Rinaldo ahnend sprang auf stürzte aus dem
Gezelte und flog wirklich Rosalien in die Arme
Die Freudenszene des Wiedersehens lässt sich nicht schildern  Rosalie jener
Blutnacht in Kalabrien entronnen hatte lange in Einöden gelebt war dann nach
Sizilien gegangen wo sie in Pilgerkleidern die einsamen Täler durchstreifte und
endlich ihres Herzenswunsches gewährt wurde des Wunsches ihren Rinaldo
wiederzufinden  Olimpia als eine sehr gewandte Liebende benahm sich bei der
Sache sehr klug aber Rosalie konnte ihren Argwohn nicht verbergen Sie gestand
Rinaldo was sie fürchtete und er suchte sie darüber so gut er konnte zu
beruhigen
    Luigino stellte Betrachtungen an und als er mit Rinaldo allein sprechen
konnte nahm er sich die Freiheit ihm seine Meinung zu sagen
    LUIGINO Ich sehe Hauptmann dass das Gerücht wahr redete wenn es dich als
einen erklärten Weiberfreund schilderte Man hat dir also in diesem Punkte nicht
zuviel getan
    RINALDO Vielleicht hat man es aber dennoch übertrieben
    LUIGINO Das will ich nicht entscheiden Ich halte mich an das was ich sehe
    RINALDO Und was denkst du dabei
    LUIGINO Das will ich dir offenherzig sagen Ich denke dass es sich nicht für
dich schickt deine Zeit mit Weibern zu vertändeln
    RINALDO Bist du ein Weiberfeind
    LUIGINO Das nicht Aber meine Freundschaft gehört ihnen nur für einzelne
Augenblicke in denen mich die Leidenschaft überrascht die uns angeboren ist
Damit ist aber alles bald abgetan Wir beiden leben nun einmal in einer Lage in
der wir einer Frau weder Haus noch Herd anweisen können Unsere Kinder können
wir nicht grossziehen Und wenn auch wozu Zu unserm Handwerk  In die Welt
können wir sie nicht schicken Sollen wir sie geradezu für Rabensteine erziehen
Das wollen wir doch wohl nicht
    RINALDO Lass uns also enden
    LUIGINO Der Weiber wegen doch nicht  Enden  Wir
    RINALDO Ich habe Schätze die sicher vergraben liegen Sie sind
wiederzufinden Auf den Kanarischen Inseln lächelt ein herrliches Klima
Reizende Täler stille Auen laden uns dort ein Nimm ein Weib und folge mir
    LUIGINO Ich kann mich nicht dazu entschließen  Ich fürchte die Ruhe und in
der Ruhe mein erwachendes Gewissen  Nicht auch du
    RINALDO Ich öffne der Reue mein Herz Ich höre ihre versöhnende Stimme und
folge ihrem Rufe
    LUIGINO Und was kann sie tun  Bereuen  Kann sie aber auch ungeschehen
machen was geschehen ist
    RINALDO Sie kann vergüten
    LUIGINO Lass ihr Kirchen und Altäre bauen sie schenkt dir dennoch keine
sanften Träume Der heitere Blick auf die entflohenen Tage deines Tatenlebens
wird dir von keiner Reue gegeben Du hast dich berauscht du erwachst wehe dir
Nur ein zweiter Rausch kann den ersten vertilgen Sieh das ist meine Meinung
Rausch auf Rausch bis es nichts mehr zu trinken gibt
    RINALDO Ach Luigino
    LUIGINO Im Weine liegt Wahrheit Höre meine Geschichte  Ich bin von Geburt
ein Korse Mein Vater war Gouverneur zu Bastia Luigino ist nicht mein wahrer
Name Mein Vater war ein rechtschaffener Mann er liebte sein Vaterland und
hasste seine Unterdrücker die Franzosen Seine Gesinnungen blieben nicht
unbekannt Der französische General beobachtete ihn genau  In den Tälern von
Ajaccioli gab es einst einen Auflauf Ein französischer Offizier war der Frau
eines Korsen zu nahe gekommen Dieser erschlug den Nichtswürdigen Der General
ließ den Korsen binden und verurteilte ihn zum Tode Die Korsen befreiten ihn
und ergriffen die Waffen Mein Vater sollte den Auflauf stillen Er war so
unvorsichtig zu sagen er führe die Waffen nur gegen die Feinde seines
Vaterlandes Das brachte ihn ins Gefängnis Der General ließ ihn in dem
Gefängnis als Hochverräter erdrosseln Meine Mutter nahm einen Eid von mir den
Tod meines Vaters zu rächen und stieß sich den Dolch in die Brust  Dieser
Dolch blieb mein Vermächtnis Mit eben diesem Dolch stieß ich den französischen
General nieder und entfloh in die Gebirge Auf einem englischen Schiffe kam ich
aus Korsika nach Sizilien Meine Güter waren eingezogen worden mein Name ward
an den Pranger geschlagen  Ich ergriff das Handwerk das ich noch treibe Dies
war Wahl und Plan  Ich zähle jetzt etliche Neunzig denen ich befehle Sie
wissen zu fechten Ihre Anzahl ist leicht zu vermehren Schiffe sind zu kaufen
 Rinaldini du hast Schätze lege sie gut an erwirb dir den Segen einer
misshandelten Nation
    RINALDO Luigino Wohin soll das führen
    LUIGINO Nach Korsika Zerbrich mit mir die Ketten meines Vaterlandes
Tausende fliegen uns zu vereinigen sich mit uns und dein jetzt so verrufener
Name glänzt dann gefeiert und hoch in den Jahrbüchern der Korsischen Geschichte
 Dieses Glück können dir deine Liebschaften nicht geben das Glück der
Befreier einer unterdrückten tapferen Nation zu sein Jetzt irrst du unstet und
flüchtig aus einem Winkel in den andern bist geächtet verfolgt dem geringsten
Missetäter gleich geachtet der im Hohlwege mordet und wenn du willst kannst
du auf den Fittichen des Ruhmes emporsteigen zu dem Tempel der Unsterblichkeit
Vergessen sind deine Räuberstreiche Die ganze Welt spricht dann von deinen
glorreichen Taten Münzen und Denkschriften Ehrenbogen und Statuen verewigen
deinen Namen deine Büste steht im Tempel des Nachruhms dein Name in der Reihe
der NationenRetter  Willst du enden so ende so und du endest beneidenswert
groß
    RINALDINI Luigino diesen Gedanken goss ein Gott in deine Seele
    LUIGINO Rinaldo fühlst du das
    RINALDO Ja Luigino der Klang der zerbrochenen Sklavenketten deines
Vaterlandes wird unser Gewissen beruhigen alle Vorwürfe werden vor der
angenehmen Harmonika zerbrochener Fesseln verstummen und uns bricht ein neuer
Tag des Lebens mit der wiedergeborenen Freiheit von Korsika an
    Marco erschien lispelte Luigino etwas in die Ohren Dieser sprang auf und
ging mit ihm davon
    Rinaldo sah sich nach Rosalien um und Olimpia kam auf ihn zu
    »Es ist nicht richtig«
    »Was ist nicht richtig«
    »Man spricht von Soldaten von einem Angriff von Gegenwehr«  antwortete
Olimpia
    Rinaldo verließ sein Gezelt ging hinaus suchte Luigino und fand Rosalien
mit roten Augen unter einem Baume Als sie Rinaldo kommen sah suchte sie ihre
Tränen zu verbergen aber das konnte ihr nicht gelingen
    RINALDO Du hast geweint Rosalie Warum
    ROSALIE Ich   die Freude dass  dass ich dich wiederhabe  dass ich bei dir
bin 
    ER Keine Verstellung kein Vorgeben Warum hast du geweint
    SIE Ich weiß es selbst nicht recht Ich dachte nur 
    ER Was dachtest du
    SIE Ich dachte wenn Rinaldo  Ach ich bin ein Kind
    ER Nur weiter
    SIE Wenn er dich nicht mehr liebte 
    ER Warum dachtest du das
    SIE Weil  Ich weiß es selbst nicht
    ER Ich will alles wissen
    SIE Die Signora 
    ER Soll dich nicht beunruhigen  Ich liebe dich
    SIE Ich liebe dich nur ganz allein und  Rinaldo heiß mich von dir gehen
oder sag das der Signora In ihrer Gesellschaft bleibe ich nicht hier
    ER Kleiner Trotzkopf
    SIE Ich liebe dich
    ER Wenn du gehst wird Olimpia bleiben Bleibst du so geht sie So wirds
wohl werden Und wenn ich dich bitte hierzubleiben so ist das ebensogut als
hieß ich die dir verhasste Signora gehen Verlangst du mehr
    SIE Deine Liebe allein und ungeteilt
    ER Du kennst mich ja bei Teilungen Habe ich je anders als großmütig
gehandelt wenn ich teilte
    Lodovico sprang herbei und brachte die Nachricht man vermute im Umfange von
einigen Stunden von Truppen eingeschlossen zu sein Luigino visitiere eben die
Vorposten und verstärke die Kommandos bei den Eingängen in das Gebirgstal 
Rinaldo ging mit Lodovico fort Sie suchten Luigino auf und fanden ihn Er
schien etwas verlegen zu sein Rinaldo fragte ihn was ihm sei
    LUIGINO Ich habe soeben sichere Nachricht erhalten dass wir umgeben sind
    RINALDO Korse kann dich das ängstigen
    LUIGINO Das nicht denn man kann sich durchschlagen aber wenn ich bedenke
dass vielleicht diese Nacht noch nachdem wir einen so schönen Plan gemacht
haben unserm Walten ein Ziel steckt  Wir sind sagt man von 400 Mann
umschlossen
    RINALDO Was denkst du zu tun
    LUIGINO Ich erwarte den Angriff
    RINALDO Mein Rat ist dich an der südlichen Gebirgsseite durchzuschlagen um
in die Berge von Larino zu kommen Dort hast du Waldungen im Rücken und die
Bergkette auf der Seite
    LUIGINO Ich bin es zufrieden wenn du mit uns fechten willst
    RINALDO Das werde ich Lies unter deinen Leuten mir etwa sechszehn der
kühnsten aus Ich nehme noch Nero und Lodovico zu mir Wir alarmieren die
Truppen Indessen schlägst du dich mit deinem ganzen Korps mit Weibern und
Gepäck durch Wir wollen dann den Weg zu euch schon finden
    Sogleich gab Luigino Befehl die Gezelte abzubrechen das Gepäck
zusammenzubringen und Weiber und Kinder auf einen Trupp in den Mittelpunkt des
Lagers zu führen Rinaldo erhielt die begehrten Wagehälse jeder derselben war
nebst Stilett und Säbel mit einem Doppelrohr und zwei Paar Pistolen bewaffnet
Lodovico und Nero fanden sich ein und Rinaldo der mit einem Händedruck von
Rosalien Abschied nahm nachdem er sie Luiginos besonderer Aufsicht empfohlen
hatte zog sich in den Gebirgspass wo er die Vorposten einzog und sie zu dem
Hauptcorps schickte Hier rückte er langsam vor breitete sich über die Ebene
aus und als die Dämmerung einbrach gab er das Signal zum Angriff
Das nächste feindliche Piket wurde umgangen das zweite beinahe ganz
zusammengehauen und nun gabs Alarm auf der ganzen Front
    Jetzt hörten sie das Feuern im Gebirge das immer weiter hin schwächer wurde
und endlich ganz verhallte Daraus schlossen sie es sei dem Korps gelungen
sich den Weg zu öffnen
    Rinaldo schlug sich rechts um die Berge im Rücken zu behalten und stieß
auf ein starkes TruppenKommando Hier kam es zu einem Gefechte Schon lagen
sechs Mann der Seinigen zu Boden gestreckt als das Kommando wankte noch
herzhafter angegriffen wurde und sich in völliger Unordnung endlich zurückzog
Sie erbeuteten Pferde und von zwölf Mann die Rinaldo noch bei sich hatte
wurden vier beritten gemacht Rinaldo selbst bestieg auch eins von den
erbeuteten Pferden  Nun zog er sich langsam gegen den Gebirgspass zurück Hier
schickte er acht Mann in die Berge Er selbst Lodovico Nero Marco und
Mangato alle beritten suchten die Pläne und schwenkten sich links feldein um
die Berge von Larino von der westlichen Seite zu erreichen
    Sie waren ungefähr eine halbe Stunde weit geritten als sie auf einen Trupp
von etwa dreißig Mann Soldaten stießen Hier galt kein Zögern Sie setzten an
brachen ein kamen durch und trafen auf eine KavalleriePatrouille von acht
Mann Es kam zu einem Gefechte Zwei Dragoner stürzten von den Pferden die
andern ritten davon Nero und Mangato wurden verwundet
    Jetzt vernahmen sie hinter sich ein Getümmel Die von Rinaldo in das Gebirge
abgeschickten Kameraden hatten den Pass tiefer drinnen besetzt gefunden und zogen
sich in die Ebene Hier fanden sie drei ihrer vom HauptKorps versprengten
Gesellen zogen sie an sich und Terlini ein Kerl von Mut und Kopf der sich an
ihre Spitze setzte griff beherzt das TruppenKommando an das Rinaldo im Rücken
hatte Dieser hörte an den Büchsenschüssen dass Kameraden im Gefecht waren
sprengte mit den Seinigen herbei kam dem Kommando in den Rücken und bald war
es zersprengt Von zehn Mann die Terlini anführte waren mit ihm selbst noch
zwei unverwundet Sechs lagen tot die andern tödlich blessiert auf dem Platze
Terlini erhielt ein erbeutetes Pferd Seine Gesellen Romato und Bellione
wurden von Lodovico und Marco mit auf ihre Rosse genommen und der Trupp
verfolgte seinen Weg Sie traten einige Stunden weit als ein starkes nahes
Feuern sie nötigte einen entgegengesetzten Weg einzuschlagen und so erreichten
sie mit Tagesanbruch einen Forst Tief in demselben sattelten sie bei einer
Quelle ab und überließen sich der Ruhe
Nach einer ziemlich langen Pause gab endlich Terlini Gelegenheit zu einer
Unterredung
    RINALDO Was ist dir Terlini Du scheinst ungeduldig zu sein  Worüber
    TERLINI Ich bin ungeduldig und bin es über unsere Ruhe
    RINALDO Und wenn wir derselben auch gar nicht bedürften so müssten wir sie
doch unsern Rossen gönnen wenn wir haben wollen dass sie uns weiter tragen
sollen
    TERLINI Wir haben hier auch nichts zu leben
    RINALDO Das vermisse ich selbst Wir werden also sobald es sein kann
aufbrechen Ich habe schon einen Plan entworfen indessen möchte ich aber doch
über unser Fortkommen und über das was nun zu tun sein möchte auch eure
Meinung hören denn daran zweifle ich gar nicht dass ein jeder von euch im
stillen darüber nachgedacht haben wird  Sprich also Terlini Was meinst du
    TERLINI Ich meine ganz kurz wir suchen in die Larinischen Berge zu kommen
wo wir Luigino gewiss antreffen werden
    BELLIONE Das ist auch meine Meinung
    ROMATO Auch die meinige Denn hier sind wir weder sicher noch stark genug
uns halten zu können da es uns noch dazu an Proviant und Munition fehlt
    RINALDO Das wär zu bekommen  Was meint ihr andern
    MARCO Ich habe keine Meinung als die deinige
    MANGATO Mir ist alles recht Geht hin wohin ihr wollt ich gehe mit  Aber
am liebsten wär ich freilich wieder bei unsern Kameraden
    NERO Es ist nur die Frage ist der Weg in die Larinischen Berge offen oder
nicht
    RINALDO Das ist es was vor allen Dingen untersucht werden muss
    LODOVICO Sicher ist er von Truppen besetzt
    TERLINI Unserer sind acht Mann 
    LODOVICO Über die Hälfte haben wir uns verschossen Ich habe nur noch vier
Patronen
    TERLINI Wir haben Fäuste und Säbel und sind beritten Wir kommen durch
    RINALDO Wenns möglich ist gewiss Aber Unmöglichkeiten kann auch der
höchste Mut nicht erzwingen Der Unserigen liegen viele um nie wieder
aufzustehen Sollen wir ihnen unser Leben hintennachwerfen
    TERLINI Nun wohl Hauptmann so lass auch deine Meinung hören
    RINALDO Meine Meinung ist Du schleichst mit Bellione und Romato auf
Kundschaft aus Eben das tun Marco und Mangato und suchen etwas Proviant zu
bekommen Wir andern durchstöbern den Forst Vor uns erheben sich die Trümmer
einer Burg mitten im Walde auf einem Hügel Dort ist der Sammelplatz wo wir
wieder zusammenkommen  Dies ist meine Meinung Gefällt sie euch nicht so mag
jeder tun was er will denn ich habe kein Recht unbedingten Gehorsam von euch
zu fordern Ihr seid Luiginos Leute Lodovico und Nero aber gehören mir an und
bleiben bei mir
    TERLINI So fordere ich die andern auf mit mir zu gehen Wir haben Weiber
und Kinder bei Luigino
    RINALDO Ihr habt euren freien Willen  Geht ihr so nehmt die Pferde mit
euch uns sind sie hier zur Last
    MARCO Ich gehe mit Terlini Es ist mir aber doch ärgerlich dass wir den
großen Rinaldini hier ohne Schutz lassen sollen
    RINALDO Ich habe Lodovico und Nero bei mir
    MARCO Sollte dir hier ein Zufall zustossen beim Teufel Luigino würde uns
schön anlachen
    RINALDO Seid ohne Sorge  Wir werden uns bald wiedersehen
    Es entstand eine Pause Nach derselben gab Terlini Rinaldo die Hand und nahm
Abschied Seinem Beispiele folgten Marco Romato Bellione und Margato Sie
nahmen die Pferde mit sich und Rinaldo blieb mit Lodovico und Nero zurück
Schweigend bestieg Rinaldo den Hügel auf welchem die Trümmer des zerfallenen
Schlosses lagen Lodovico und Nero folgten ihm schweigend nach
    »Ich sehe«  sagte Rinaldo  »hier Fußtritte im Grase Seid vorsichtig und
auf eurer Hut«
    Sie näherten sich den Ruinen Vögel flogen bei ihrer Annäherung auf aber
eine menschliche Gestalt war nirgends zu sehen  Sie kamen in einen großen
rund umbauten Hof sahen Eingänge ohne Türen und fanden eine Wendeltreppe
welche sie erstiegen Sie führte bis in den zweiten Stock der Ruinen Hier trat
Rinaldo auf einen mit Lorbeersträuchern umwachsenen Söller die Gegend zu
überschauen  Er übersah den Forst blickte links in ein schönes Tal sah
rechts Berge und  ach sah in eine bekannte Gegend
    »Lodovico«  rief er aus  »Kennst du die Gegend dort rechts noch«
    LODOVICO Sie kommt mir sehr bekannt vor
    RINALDO Sie ist es  Siehst du dort jenes Schloss
    LODOVICO Ja beim Teufel es ist das Schloss der guten Frau Gräfin von
Martagno
    RINALDO Es ist es  Ja es ist Dianorens Schloss O Lodovico erinnerst du
dich noch des Schlosses
    LODOVICO Ich werde mich ja noch des Schlosses erinnern Dort gings uns
wohl Und wir konnten nicht bleiben
    RINALDO Ach Lodovico so ist es nun einmal so wird es immer sein Wir
dürfen nirgends bleiben wo es uns wohl geht Die Verfolgung kettet sich an
unsere Fersen  Ach Dianora Weilst du noch zwischen jenen Mauern  Denkst du
an mich Unglücklichen  Deine Lage  O Gott  Lodovico du musst fort Du musst
kundschaften 
    LODOVICO Ich verstehe dich Hauptmann ohne dass du mir weiter ein Wort zu
sagen brauchst ganz Lass mich nur machen Du sollst Nachrichten haben so gut
sie nur zu haben sind  Adio Wir sehen uns bald wieder
    Er eilte davon Rinaldo blieb in tiefes Nachdenken versunken bis ihn Nero
durch die Bemerkung er sehe ein Haus im Walde aus seinem Traume weckte
    Rinaldo sah nach der bezeichneten Gegend und sah das Haus von welchem aber
nichts als das Dach zu sehen war  Sogleich war er entschlossen die Bewohner
des Hauses kennenzulernen und verließ die Ruinen des Schlosses Schweigend
folgte ihm Nero nach
    Sie kamen auf einen freien Platz und waren kaum noch zehn Schritte von dem
Hause entfernt als der Klang einer Guitarre ihren Fortschritten ein Ziel
setzte Sie lauschten und hörten singen konnten aber nichts genau als die
Worte
Und liebst du mich
So lieb ich dich
verstehen die der Refrain jeder Stanze des gesungenen Liedchens waren
    »Hier ist Saitenspiel und Sang«  sagte Rinaldo  »es ist die Rede von
Liebe Hier haben wir nichts zu fürchten Wo Fröhlichkeit und Liebe wandeln
wohnt keine Hinterlist«
    Er sprachs und ging auf das Haus zu
    Nero folgte ihm ganz mechanisch doch auf jeden schlimmen Fall bereit das
Rohr in der Hand mit gezogenem Hahne nach
    Vor der Tür des Hauses saß ein Mensch in einem braunen Waldbrudergewand der
kaum den unerwarteten Besuch erblickte als er seine Guitarre aus der Hand warf
einen Schritt vor sich sprang dann stehenblieb und ausrief
    »Ist es möglich  Täuschen mich meine Augen oder ist es Wahrheit Bist du
es wirklich Sehe ich dich wieder«
    »Diese Stimme«  fiel Rinaldo ein  »Gütiger Himmel Bist du es Cintio
bist du es wirklich«
    »Ich bin es«  schrie jener und flog in Rinaldos Umarmung
    »Ja beim Teufel s ist Cintio  Da muss das Wetter dreinschlagen« 
lachte Nero mit inniger Herzensfreude heraus
    RINALDO O mein Freund Mein Cintio  Sehen wir uns wieder
    CINTHIO Mein Wunsch ist erfüllt der heiße Wunsch dich wenn du noch
lebtest wiederzusehen Jetzt drücke ich dich an meine Brust und mein Herz
klopft dir freudig entgegen
    NERO Ihr kennt mich doch auch noch alter Kamerad
    CINTHIO Ha Nero  Tausendmal willkommen
    NERO Nun s freut mich herzlich dass Ihr noch lebt dass Ihr wohlauf seid
und singen und musizieren könnt
    CINTHIO Herein in meine Wohnung Becherklang feiere unser frohes
Wiedersehen
    NERO Beim Teufel so etwas fehlt uns Wir haben gefastet wie Kartäuser
Sie saßen am Tische besetzt mit Butter Käse Brot und Wein ließ sich es
trefflich schmecken und füllten und leerten die Gläser nach Herzenslust
    dabei kams zum Gespräch
    RINALDO Wie kommst du aber hierher In dieses Haus  Hast du es selbst
gebaut
    CINTHIO Höre an Jener Mordnacht in Kalabrien entronnen irrte ich in den
Gebirgen verwundet umher und kam endlich zu einem alten guten Waldbruder der
mich in seine Klause nahm und mich pflegte und wartete Diesem braven Manne
entdeckte ich mich und ließ mir so lange von ihm zureden bis ich ihm versprach
mein bisheriges Handwerk zu verlassen und in ein Kloster der strikten Observanz
zu gehen
    RINALDO Lass mich lachen
    CINTHIO Lache nicht Halb und halb war es und es wurde beinahe ganz mein
Ernst  Mein Wohltäter gab mir Briefe an ein Kloster mit und ich machte mich
auf den Weg
    RINALDO Ich sehe dich im Geiste auf dem Wege und in dem Kloster
    CINTHIO Dahin kam ich nicht Das Unglück ließ mich auf sechs unserer
Kameraden treffen die sich gerettet hatten Diese hatten sich in einen
gebirgigen Schlupfwinkel gesetzt hatten noch fünf Herumstreicher an sich
gezogen und trieben ihr Werk nach wie vor auf alte Firma fort  Ich ließ mich
überreden blieb bei ihnen und ging nicht ins Kloster Die Wirtschaft ging auf
den alten Fuß fort Ich zog mich tiefer ins Land hinab und schlug meine Residenz
in den Bergen von Girace auf Hier hatte sich mein Korps bald vermehrt und wir
waren schon wieder sechsundzwanzig Mann stark als ich einen Hauptstreich auf
ein reiches Kloster ausführen wollte Da kamen wir aber übel an
    NERO Wetter
    CINTHIO Ich weiß nicht wie unser Plan hatte verraten werden können oder
fügte es der Zufall so genug die Mönche hatten Miliz in der Nähe Wir wurden
schlimm empfangen und ich wurde beinahe gefangengenommen Doch mein Glück ließ
mich auch diesmal noch entkommen und führte mich sogar glücklich auf eine
Kornbarke die nach Malta segelte Mit dieser ging ich ab und als wir in
Sizilien anlegten ging ich davon und ins Land hinein Ich fand etliche Kerle
unsers Schlags wir vereinigten uns setzten uns fest und triebens im Kleinen
wie wirs sonst im Großen getrieben hatten  Wir hatten ein artiges Häufchen
Geld zusammengeschlagen als meine Burschen auf eine Teilung bestanden Diese
ging vor sich Nun nahmen sie Abschied von mir sagten sie hätten jetzt genug
um ein ehrliches Geschäft anfangen zu können und ließ mich allein  Der
kleinen Buschklepperei überdrüssig warf ich mich in Kleider und machte den
Reisenden Aber meine Vorliebe zu Handwerksgegenden machte dass ich alle
Schlupfwinkel aufsuchte wo ich glaubte vielleicht einmal wieder Leute meines
Schlages finden zu können Da war ich einst so glücklich zwei Säckchen mit
Goldstücken zu finden die gewiss keinem armen Teufel gehört hatten denn sie
waren mit einem großen Wappen versiegelt Diese eignete ich mir zu  Kaum war
ich Besitzer dieses Schatzes so fiel mir ein mich der Ruhe zu überlassen
    RINALDO Glücklicher Gedanke
    CINTHIO Ich warf diese Kutte über und kam in ein Dorf eine Stunde von hier
gelegen wo ich mich an den Förster des Orts wendete und ihm mein Vorhaben ein
Waldbruderleben zu führen bekanntmachte Dieser erzählte mir sein verstorbener
Baron habe drei Jahre vor seinem Tode auch ein solches Leben aus Neigung
angefangen habe sich ein Haus in den Forst gebaut und sei als Waldbruder
gestorben Sein Sohn lebe in der Stadt brauche immer Geld und werde mir das
Haus gewiss überlassen  Das tat er auch und ich kaufte es ihm ab  Seht so
bin ich zu dem Hause gekommen
    RINALDO Aber wie kamst du zu einer Geliebten
    CINTHIO Wer hat dir gesagt dass ich eine Geliebte habe
    RINALDO Dein Gesang
    CINTHIO Aha hat mich der verraten Nun gut Ja ich habe eine Geliebte ein
liebes gutes Mädchen das mich mit Milch Brot Eiern Butter und andern
Lebensmitteln versorgt und alle drei Tage zu mir kommt Es ist die Tochter des
Försters
    NERO Am Ende gibts wohl gar noch eine Heirat
    CINTHIO Warum nicht
    RINALDO Bravo Cintio So gefällst du mir
    CINTHIO Und so gefalle ich meinem Mädchen noch besser Wir haben schon ein
Plänchen gemacht Der Vater weiß um unsere Liebschaft und will mir seinen Dienst
abtreten will in meine Wohnung ziehen hier das Ende seiner Tage erwarten und
sein einziges Kind mit mir glücklich sehen
    RINALDO Lass dich küssen  Nimm und mache sie glücklich Freund  Wie heißt
sie
    CINTHIO Eugenia
    RINALDO Die Gläser gefüllt Eugenia soll leben  Du und Sie  Euer Glück
 Eure eheliche Liebe  Mein Glück wie das deinige braver Cintio
    CINTHIO Ich habe oft an dich gedacht Als einen Toten habe ich dich beklagt
aber deine Schwärmereien habe ich dann selbst mit deiner Asche geliebt so wie
ich jetzt die meinigen liebe
Ganz unvermutet fand sich Eugenia ein Sie erstaunte Gäste bei ihrem Liebhaber
zu finden Dieser machte ihr dieselben als seine Freunde bekannt Sie nahm
keinen besonderen Anteil an dieser Bekanntmachung und schien vielmehr über
irgend etwas in Verlegenheit zu sein Cintio sah das und bat sie zu sprechen
    CINTHIO Du brauchst meine Gäste nicht zu scheuen Sie sind wie ich schon
gesagt habe meine Freunde Und Geheimnisse hast du doch wohl nicht
    EUGENIA Geheimnisse habe ich nicht aber  in großer Verlegenheit bin ich
    CINTHIO Was hast du Weswegen bist du in Verlegenheit
    EUGENIA Deinetwegen
    CINTHIO Meinetwegen  Was droht mir
    EUGENIA Ach man kann nicht wissen 
    CINTHIO Sprich  Willst du mich auch ängstlich machen
    EUGENIA Du wirst doch auch wohl von dem großen Räuber Rinaldini gehört
haben  Der ist bei uns mitten im Lande
    CINTHIO Unmöglich
    EUGENIA Nein nein Es ist wahr Er muss ein schrecklicher Mensch sein  Die
Miliz hat seine Bande angegriffen Sie sind noch im Gefecht Nun sind auch
unsere Soldaten aufgeboten worden und die Jäger dazu Da meint nun mein Vater
du könntest dein Probestück ablegen und an seiner Stelle mit gegen die Räuber
ziehen  Ich kenne dich Du wirsts tun Und das ist es was mich so ängstlich
macht  Du kannst erschossen werden Und wenn sie dich nun tot in unser Haus
brächten  Ach das könnte ich nicht überleben
    CINTHIO Also wünschest du dein Vater möchte lieber selbst mit ausziehen
Nicht wahr
    EUGENIA Ja freilich
    CINTHIO Der arme alte Mann  Wenn sie ihn nun tot in sein Haus brächten 
    EUGENIA Ach heilige Mutter Gottes das würde mir das Herz zerreißen Aber
ich hätte doch dann dich noch Wenn du aber umkommen solltest  mein Vater ist
alt 
    CINTHIO Ich dächte ein anderer Liebhaber wär weit leichter
wiederzubekommen als ein anderer Vater
    EUGENIA Das wohl Aber doch kein Cintio
    CINTHIO Ich danke dir liebe Eugenia für deine Aufrichtigkeit  Aber was
ist nun zu tun
    EUGENIA O der hässliche Kerl Rinaldini
    CINTHIO Er soll ein artiger Mann sein
    EUGENIA Ei meinetwegen Wenn er nur schon in der Luft hinge dass du
hierbleiben könntest da wär er noch zehnmal artiger für mich
    RINALDO Ich will einen Vorschlag tun Statt Cintio schicke du mich gegen
Rinaldini ich will ihn dir zum Hochzeitsgeschenk bringen
    EUGENIA Behaltet ihn wenn Ihr ihn kriegen könnt Er wird teuer genug
bezahlt Ich gönne Euch alles und mag nichts davon haben Wenn ich meinen
Cintio behalte habe ich Überfluss in allen Ecken
    CINTHIO Gutes Mädchen
    EUGENIA Cintio stelle deinen Freund für dich weil er Lust dazu hat
    CINTHIO Dann wird er aber auch deines Vaters Dienst bekommen
    EUGENIA Das ist auch wahr
    CINTHIO Und was fangen wir dann an
    EUGENIA Je nun wir müssten zusehen wie wir durchkämen Wenn wir nur am
Leben bleiben so hat es nichts zu sagen Wir wollen uns schon rühren
    CINTHIO Und was würden die Leute von mir denken und sagen Ich sei ein
feiger Kerl  Willst du einen solchen elenden Burschen zum Manne haben
    EUGENIA Freilich wär das auch schlimm  Was ist also zu tun
    CINTHIO Ich ziehe mit aus
    Da fiel vor dem Hause ein Schuss Sie fuhren erschrocken zusammen Eugenia
schrie
    »Heilige Jungfrau mir sagts mein Herz Rinaldini ist hier«
    Sie sank auf einen Stuhl Cintio und seine Freunde griffen nach dem Gewehr
 
                                    Fußnoten
1 Leontino Monte Bello 1 T S 226
 
                                 Siebentes Buch
 Der Laune Ball Von allen Seiten
 Gedrängt verfolgt und ohne Ruh
 O wie so manche Erdenleiden
 Wirft dir zum Dolch dein Schicksal zu
Draußen blieb es nach dem Schusse still Eugenia kam wieder zu sich Cintio
trat in die Haustür Die andern folgten ihm Es war kein Mensch zu sehen und zu
hören Sie umgingen das Haus und fanden keine Seele in der Nähe  Als sie
wieder in das Haus zurückgehen wollten vernahmen sie menschliche Stimmen in der
Entfernung Sie verloren sich aber wieder und alles blieb ruhig Cintio
sendete Eugenien mit der Nachricht an ihren Vater zurück er werde für ihn bei
dem Aufgebot gegen Rinaldini erscheinen Eugenia verließ ihn ziemlich unruhig
    Nero wurde unter die Ruinen geschickt Er sah sich vergebens nach Lodovico
um Es wurde Abend Nero kam zurück und von Lodovico war nichts zu sehen und zu
hören
    Nach einer beinahe ganz durchwachten Nacht ging Rinaldo selbst unter die
Ruinen erstieg den Söller und blickte mit klopfendem Herzen rechts in die
Gegend wo sein Herz und seine Gedanken waren
    In majestätischer Pracht stieg die Sonne im Feuerglanze über die Berge
empor Schon funkelten die metallenen Turmspitzen und Kreuze des Schlosses auf
welchem seine Augen ruhten der Nebel entfloh lichter wurde das Tal  Jetzt
schwamm die Sonne im blauen Äther unverschleiert einher Wald und Tal erwachten
und tausend Kehlen frohlockten ihrer Erscheinung in frohem Morgengesange
entgegen  Rinaldo senkte sein Haupt und stürzte nieder auf seine Knie
überwältigt vom Gefühl hingerissen von Andacht Wehmut und Entzücken
    »Wie ist mir«  rief er aus  »Was empfinde ich Was schlägt mich zu Boden
und füllt mein Herz mit Wehmut Deine reinen Strahlen großes Licht der Welt
durchdringen mein Innerstes  O vernichte mich und lass mich anbetend hier
vergehen«
    Nach einer langen Pause schlug er seine Augen auf blickte gen Himmel und
seufzte Tränen entströmten seinen Augen Er sprach
    »Unglücklicher Hier liegst du in Wildnissen und Einöden musst die Menschen
fürchten und fliehen das schöne Licht der Sonne Alle deine Träume sind dahin
und die schrecklichste Wirklichkeit hält dich in ehernen Banden  O Rinaldo du
kannst nicht glücklich enden«
    Da rauschten Fußtritte durch die Büsche Rinaldo sprang auf Es fielen
Schüsse er ergriff sein Gewehr Er blickte hinab Terlini und seine Kameraden
stürzten auf die Ruinen zu Soldaten folgten den Fliehenden nach In den Ruinen
kam es zum Gefecht Die Klugheit verließ Rinaldo er schoss hinab auf die
Soldaten Diese vermehrten sich Terlini und seine Gesellen wurden
zusammengehauen und Rinaldo von acht Mann die die Ruinen erstiegen in eine
Ecke gedrängt musste sich ergeben »Ich will des Todes sein« schrie einer von
den Soldaten  »wenn dieser Vogel nicht Rinaldini selbst ist«
    »Bist du Rinaldini«  fragte ein Offizier
    Seiner sich selbst unbewusst wie das in schlimmen Fällen oft der Vorsicht
selbst geht antwortete Rinaldo seufzend
    »Ich bin es«
    Alsobald erhob sich ein lautes Frohlocken Man band dem Gefangenen die Hände
und legte Schlingen an seine Füße Langsam ging der Marsch nach dem Ausgange des
Waldes zu Jauchzend marschierten die Soldaten einher Rinaldo hob kein Auge von
der Erde
    Vor dem Walde lagerte man sich auf eine breite Ebene  Der Offizier ließ
Rinaldo Wein und Brot reichen Er nahm wenig davon zu sich
    »Aber«  sagte der Offizier  »so herzhaft warst du doch nicht dich
selbst zu entleiben Ich an deiner Stelle würde das gewiss getan haben denn
wie schimpflich wird der Tod sein der dich erwartet«
    Rinaldo sah ihn düster an und antwortete kein Wort
    »Der Kerl ist verstockt«  schrien die Soldaten  »Auf der Folterbank wird
er schon sprechen lernen«
    Bei dem Worte Folterbank erbebte Rinaldo Eine krampfartige Bewegung zuckte
wie ein elektrischer Schlag durch seine Nerven sie war heftig vermochte aber
nicht seine Banden zu zerreißen Er bat um einen Mantel erhielt ihn ließ ihn
über sich werfen verhüllte sein Gesicht und seine Tränen fielen auf das Gras
    »Endlich kommt sie die Stunde meiner Auflösung«  sprach er bei sich
selbst  »Das Schattenspiel meines Lebens naht sich dem Ende Fahre wohl
Rinaldo Deine Träume bleiben Träume Du bist in Banden und Korsika bleibt in
Fesseln Hinauf auf den Rabenstein Rinaldo dort ist dein Triumphbogen dort
ist das Ziel deiner glänzenden Taten«
    Einige Stunden darauf wurde er weitergeführt und als er über Müdigkeit
klagte auf einen Strohwagen gesetzt der mit einer starken Eskorte versehen
wurde So kam er gegen Abend zu Serdona an sollte hier der Justiz übergeben und
den folgenden Tag nach Messina abgeführt werden
Es war um Mitternacht als die Tür seines Kerkers geöffnet wurde Das Licht
einer Wachskerze strahlte ihm entgegen Er richtete sich auf und sah  wer
schildert sein Erstaunen  den Alten von Fronteja vor sich stehen
    RINALDO Was sehe ich  Dich  Bist du es wirklich  Der Weise von
Fronteja
    DER ALTE Wie du mich kennst  Ich komme als Freund zu dem Freunde durch
meine Macht
    RINALDO Kannst du Ketten brechen
    DER ALTE Das kann ich
    RINALDO So zerbrich die meinigen
    DER ALTE Mit Bedingung o ja  Warum nicht
    RINALDO Mit Bedingung Wie verstehst du das
    DER ALTE Ich bin eigennützig
    RINALDO So bist du ein ganz gewöhnlicher Mensch
    DER ALTE Nicht so sehr wie du meinst Mein Eigennutz ist verzeihlich weil
er planmässig ist
    RINALDO Was forderst du von mir als Lösegeld
    DER ALTE Deine gänzliche Ergebung an mich und meine Forderungen
    RINALDO Wahrlich viel
    DER ALTE Ich entziehe dich der Folter und dem Rade
    RINALDO Sehr viel
    DER ALTE Unerhört viel Die Justiz treibt mit solchen Gefangenen wie du
einer bist kein Spiel  Du bist ohne meinen Beistand gänzlich verloren 
Hast du noch zu wählen
    RINALDO Ich kann mich also nur dir oder den Raben übergeben
    DER ALTE Du weißt sonderbar zu paaren  Gute Nacht
    RINALDO Einem Weisen ziemt es nicht gegen einen Unglücklichen empfindlich
zu sein Lass hören wozu du meine Ergebung an dich und an deine Forderungen
forderst
    DER ALTE Ich bestimme keine einzelnen Fälle Wir handeln im Ganzen
miteinander Du ergibst dich mir unbedingt und ich rette dich aus dem Kerker
und vom Tode
    RINALDO Ich bin keine Maschine  Gute Nacht
    DER ALTE Unzeitiger Stolz Du bist seit Anbeginn deiner celebren Bahn nichts
als eine Maschine gewesen  Freilich ohne es zu wissen aber doch Maschine und
zwar die meinige  Du siehst mich verwunderungvoll an  Ich wiederhole es du
warst meine Maschine schon längst bist es noch und wirst es bleiben  so lange
ich will Von mir und meinem Planen hängt auch jetzt dein Verderben oder deine
Rettung ab Zwar deine Unglücksfälle waren nie mein Werk aber ich wusste dich
immer wieder zu retten wenn du dich gleich selbst oft verloren gabst
    RINALDO Nun dann du Hexenmeister so entlass jetzt deinen gebannten Teufel
    DER ALTE Das lasse ich wohl bleiben
    RINALDO Ich mag ich will dir nicht mehr dienen Was geschehen ist ist ohne
mein Wissen ist ohne meinen Willen geschehen Jetzt will ich frei sein und
sollte es auch nur sein um freiwillig sterben zu können
    DER ALTE Auch das kannst du nicht Dich richten Kriminalgesetze dabei hast
du keinen Willen
    RINALDO Ich kann den Atem zurückhalten und kann mich ersticken
    DER ALTE Du kannst es versuchen  Gute Nacht
    RINALDO Noch eine Frage  Wenn ich wirklich deine Maschine war bin und
noch ferner sein soll wenn du willst warum forderst du von mir eine
ausdrückliche Ergebung an deine Forderungen Wozu bedurftest du diese da ich
ohnehin in deiner Gewalt nur das Spielzeug deiner Laune war
    DER ALTE Du kannst glauben dass das nötig war sonst würde es nicht
geschehen sein Denn dass ich wenigstens nicht viel einfältiger bin als du
selbst bist kannst du denken
    RINALDO Deine Klugheit habe ich nie in Zweifel gezogen wohl aber die gute
Absicht deiner Sendung Auch kann ich nicht leugnen dass die Größe und Gewalt
deiner Machtkraft mir verdächtig ist
    DER ALTE Du kannst davon halten was du willst  Aber wie glaubst du wohl
dass ich durch deine Wachen bis hierher durch Schlösser und Riegel in deinen
Kerker gekommen bin
    RINALDO Durch Zauberei wahrlich nicht
    DER ALTE Das habe ich auch nicht gesagt Indessen   Doch wozu so viele
Worte Lass du dich jetzt auf einem armen Sünderkarren nach Messina führen Dein
Aufzug wird dem Volke viel Spaß und deinen vornehmen Bekannten dort große Freude
verschaffen Ich wette darauf eine gewisse Dianora 
    RINALDO Schweig Barbar Du spannst mich auf die Folter ohne das Recht und
Gesetz dir das erlauben Schaffe mich fort von hier aber 
    DER ALTE Du weißt die Bedingung
    RINALDO Ich will sterben
    Er drehte sich gegen die Wand Der Alte ging und die Tür schloss sich
wieder
    Rinaldo wurde des Morgens aus seinem Gefängnisse geholt um weitergeführt zu
werden Ein Offizier der Miliz übergab ihm versteckt ein Papier und nahm
dasselbe als er es gelesen hatte wieder zurück  Rinaldo las
    »Du hast die Probe überstanden Zweifele nun nicht an dem Beistande Deines
bekannten Freundes«
    Der Offizier entfernte sich ohne ein Wort zu sprechen Rinaldo aber wurde
auf einen bedeckten Wagen gebracht der mit starker Bedeckung versehen ihn
weiterführen sollte
    Sie reisten den ganzen Tag ohne Anstoß und kamen als die Sonne sank in ein
enges Tal dessen Mitte sie kaum erreicht hatten als einige Schüsse in der Nähe
von den Bergen herab auf Rinaldos Bedeckung fielen Bald zeigten sich Menschen
die mit einem wilden Geschrei auf die Miliz losbrachen Das Gefecht wurde
lebhaft Das enge Tal wurde mit Streitenden bedeckt Die Schüsse fielen rasch
hintereinander Säbel klirrten an Säbeln und endlich wurden die Soldaten die
nicht fielen von dem Wagen auf welchem Rinaldo saß abgedrängt und entfernt
Die Maultiere wurden angetrieben der Wagen rollte schnell davon Bald sprangen
einige mutige Burschen hinauf und lösten Rinaldos Banden Zwei Ritter führten
ein lediges Pferd hießen Rinaldo aufsitzen ihnen folgen und jagten mit ihm
rasch davon
Immer tiefer gings in die Berge hinein Der Mond ging auf und bestrahlte die
rauen Pfade Sie trabten ohne ein Wort zu sprechen noch immer rasch zu bis
an einen mit Strauchwerk bewachsenen Platz wo sie haltmachten Rinaldo
absteigen hießen ihm ein Felleisen übergaben sein Pferd bei dem Zügel nahmen
und ohne ein Wort zu sprechen davonjagten
    Vergebens rief ihnen Rinaldo nach Sie gaben keine Antwort und waren bald
seinen Augen entschwunden Endlich verlor sich auch der Schall des Hufschlags
ihrer Rosse und Rinaldo war in einer ihm unbekannten Einöde allein  Er dachte
dem Abenteuer seiner Errettung nach die er augenscheinlich dem Alten von
Fronteja zu verdanken hatte nahm das ihm übergebene Felleisen auf den Arm und
wanderte weiter
    Er war eine ziemliche Strecke gegangen als er endlich den Schein eines
Lichtes gewahr wurde Darauf wanderte er zu und kam zu der einsamen Wohnung
eines Klausners aus welcher ihm der Bewohner derselben mit einer Laterne
entgegentrat
    »Bist du da«  rief er ihm entgegen und beleuchtete ihn  »Ich wollte dir
eben entgegengehen«
    »Kennst du mich« fragte Rinaldo
    »Der Alte von Fronteja lässt dich grüßen«  antwortete jener  »und ersucht
dich bei mir zu übernachten Daraus wirst du sehen zu welcher Fahne ich
geschworen habe«
    Rinaldo ging in die Klause fand eine kleine Mahlzeit und ein gutes
Nachtlager
    Gesprochen wurde zwischen ihm und seinem Wirte nichts Rinaldo entschlief
bald ziemlich ermüdet
Als er erwachte sah er den wohlbekannten Teosophen von Fronteja vor seinem
Lager der in einem Buche las
    DER ALTE Du hast lange geruht und wie ich hoffe wohl geschlafen
wenigstens gewiss besser als in deinem vorigen Nachtquartier
    RINALDO Wo bin ich
    DER ALTE Unter Freunden wo du so lange bleiben wirst bis du ohne Gefahr
weiterreisen kannst
    RINALDO Wohin soll ich reisen
    DER ALTE Das muss überlegt werden  Du hast eine Probe meiner Gewalt und
meiner Freundschaft erhalten wie sie deine Standhaftigkeit verdient hat  Du
bist frei und ungebunden handle nach Einsicht und Belieben Verlangst du aber
guten Rat so soll er dir nicht fehlen Doch wird er dir nicht aufgedrungen
werden Es könnte leicht sein dass du hier ein paar Wochen verweilen müsstest
ehe du ohne Gefahr weitergehen könntest deshalb hat man für Gesellschaft für
dich in der Einöde gesorgt
    Er verließ als er das gesagt hatte die Kammer und gleich darauf trat
Olimpia ein
Sie breitete ihre Arme gegen ihn aus  Er sah sie schweigend an
    SIE Hast du keinen Gruß für deine Olimpia Freust du dich nicht der Ankunft
einer Freundin die sich freiwillig zu dir in eine Einöde verbannt
    ER Ich bewundere das was du tust
    SIE Mit bloßer Bewunderung speist man keine Freundin ab Ich kann mehr als
das verlangen  Du bist gerettet geborgen und hast nicht einmal Dank für deine
Freunde
    ER Ich danke Euch meine Rettung gewiss herzlich aber  lebt Luigino
    SIE Ich glaube gehört zu haben dass er noch lebt Aber wo das weiß ich
nicht
    ER Wo ist Rosalie
    SIE Vermutlich noch bei Luigino Ich habe darüber aber keine Gewissheit Ist
sie nicht mehr bei Luigino so hat er sie gewiss zu dem Alten von Fronteja
bringen lassen
    ER Kennen sich diese kennen sich Luigino und der Alte auch
    SIE Warum nicht Der Alte kennt uns alle
    ER Aber kennen wir ihn
    SIE Wenigstens von Person
    ER Ist er noch hier
    SIE Er ist fort als ich eintrat Er weiß dich ja nun in guten Händen
    ER Woher der Anteil den er an einem Manne nimmt den alle Menschen
verfolgen
    SIE Daher weil er verfolgt wird
    ER Das ist es nicht allein
    SIE Sei es mehr oder weniger was kümmert uns das Genug dass wir unter
seinem mächtigen Schutze stehen
    ER Ist er wirklich mächtig
    SIE Hast du das nicht gestern noch selbst erfahren Ohne seinen Beistand
warst du verloren
    ER Das Leben ist mir verhasst  Verdammt ewig in Einöden und Wäldern
umherzukriechen die Menschen zu fliehen zu fürchten und mich selbst am meisten
zu hassen kann mein Dasein mir nur zur Last und nie zur Freude werden
    SIE Ist Sizilien die Welt  In Korsikas fruchtbaren Auen 
    ER Woran erinnerst du mich  O dieser Traum 
    SIE Muss Wirklichkeit werden In dir umarme ich den Befreier der Korsen
    ER Ich bin es noch nicht
    SIE Du musst du wirst es werden Luigino rechnet darauf wir alle wünschen
eben das deine bekannten und dir unbekannten Freunde rechnen wie wir  Dein
mächtiger Beschützer dein Freund der Alte von Fronteja rechnet auch darauf
Er ist ein Korse wie Luigino  Und auch deine Olimpia ist eine Korsin
    ER In Neapel warst du eine Genueserin
    SIE Die Zeiten ändern sich Jetzt bin ich was ich wirklich bin deine
zärtlichste Freundin und eine Korsin Ich huldige dir als dem Befreier meines
Vaterlandes und als dem einzigen wahren Besitzer meines Herzens  Ich gehe
jetzt unsere kleine Haushaltung einzurichten Wir wollen keine Not leiden
»So weit wär ich denn endlich gekommen«  sprach Rinaldo mit sich selbst als
er allein war  »zu wissen dass ich bei all meiner vermeinten Selbständigkeit
nur ein Werkzeug wahrer oder erdichteter Pläne listiger Menschen bin Aber
Geduld auch sie sollen erfahren was ich wirklich bin oder nicht  Und doch
was will ich tun  Ist die Rolle die sie mich wollen spielen lassen nicht
ehrenvoll genug Mein Untergang ist gewiss Soll ich nicht lieber den Tod unter
den Waffen als am Hochgerichte suchen« Olimpia unterbrach dieses
Selbstgespräch Sie trug sehr geschäftig ein gutes Frühstück auf So wie sie
sich jetzt benahm schien sie zu einer Haushälterin geboren zu sein  Rinaldo
machte diese Bemerkung gegen sie Sie lachte und antwortete nur indem sie ging
    »Lass es dir wohl schmecken«
    Rinaldo ließ sich das Frühstück wirklich schmecken  Olimpia kam bald
zurück und leistete ihm Gesellschaft Sie sprach von nichts als von
Haushaltungsgeschäften so detailliert dass Rinaldo selbst Kenntnisse bewundern
musste die er nie bei ihr zu finden geglaubt hätte Er suchte sie aber bald
wieder auf ihr voriges Gespräch zurückzubringen und sie wiederholte nur was
sie schon gesagt hatte Dann wollte sie wie sie sagte Vorbereitungen zur
Mittagsmahlzeit zu machen aus dem Zimmer gehen Er hielt sie aber zurück und
fragte
    »Soll denn die edle Korsin nichts weiter sein als Rinaldinis Köchin«
    SIE Sie ist wohl mehr als dies Sie wünscht dem Befreier ihres Vaterlandes
alles zu sein und dazu gehört die Köchin und Haushälterin auch mit Ich habe
bei diesen häuslichen Geschäften Prinzessinnen zu Vorbildern und schäme mich
keiner Arbeit die ich aus so edlen Absichten übernehme Wenn der Name Rinaldini
im Marmor prangt schreibe ich den Namen seiner Köchin mit Kohle daneben und
setze dazu diese hat ihn mit Speisen erhalten damit er ihrem Vaterlande das
werden konnte was er ihm wirklich wurde Zwar dein Name steht dann fester als
der meinige auf der Säule des Ruhms aber ich kann ihn erneuern sooft ihn der
Regen verwischt hat  Wenn aber meine Tränen einst auf den Hügel fallen
sollten der deine Asche deckte so würde ich den Himmel bitten gib ihm um den
ich weine nicht nur meine Tränen gib mich ihm ganz wie ich ihm mich selbst
gegeben habe
    ER Olimpia diese Schwärmereien sind 
    SIE O keine Antwort so etwas will nicht beantwortet es will gefühlt sein
    ER Träume lassen kein Gefühl zurück
    SIE Die Rückerinnerung
    ER Auch jenseits des Grabhügels
    SIE Das hoffe ich
    ER Und weißt du gewiss dass der meinige sich in Korsikas Tälern erheben wird
    SIE Wo es auch sein mag nur immer so spät als möglich und kann es sein
neben dem meinigen denn ich gehe nicht wieder von dir bis das Schicksal mich
von dir reißt Mein Dasein ist an das deinige gekettet und ich kann sterben
aber von dir gehen dich verlassen kann ich nicht Hier hast du mein Bekenntnis

    ER Bei dem Alten von Fronteja meinst du sei Rosalie
    SIE In Sicherheit ist sie gewiss und in deinem Herzen ist sie auch das weiß
ich Daraus kann ich sie nicht vertreiben Ich verlange aber auch dort nur den
zweiten Platz die Stelle nach ihr Meine Forderung wird stets ebenso billig
sein als meine Liebe wahr und zärtlich ist Sie ist keine Korsin aber mein
Herz hat sich in meine Vaterlandsliebe gehüllt Willst du es enthüllen Ich
widerstrebe nicht Du sollst nicht von Schleiern hintergangen werden Sieh und
finde es wie es wirklich ist
    Sie legte als sie das sagte ihren Kopf an seine Brust umschlang ihn mit
beiden Armen und große Tropfen entstürzten ihren tränenschweren Augen Es wurde
kein Wort gesprochen Sie drückte ihn heftig an sich und ging schnell davon
»Ja so ist es«  sagte Rinaldo zu sich selbst  »Ein Spiel alter
Taschenspieler und listiger Weiber sollst du werden Darauf ist es angelegt Lass
sehen Rinaldo wie du dich halten wirst«
    Er ging vor das Haus und überschaute die enge begrenzte wilde Gegend
seines Aufenthaltes
    Olimpia war in der Küche beschäftigt und sang bei ihrer Arbeit in starken
Pausen Dies weckte Rinaldos Gesangsliebe Er fand eine Guitarre sein
Lieblingsinstrument nahm sie setzte sich vor die Tür seiner Wohnung spielte
und sang
Froh und heiter unbeklommen
Irrt ich sonst durch Feld und Wald
Und ein Sammelplatz der Leiden
Ist mir jetzt mein Aufenthalt
Mag ich durch die Felder wandern
Such ich einen kühlen Hain
Überall mit Gram und Kummer
Bin ich ohne Trost allein
Ruh und Freude lachten heiter
Mir in jedem Sonnenstrahl
Und ich find im Sonnenglanze
Jetzt nur ein Meer von Qual
O ihr frohen Morgenstunden
O du sanfter Abendstern
Ach ihr seid so schnell verschwunden
Seid mir nun auf ewig fern
An die Tage froher Freude
Knüpfte sich des Kummers Band
Ach es hat mich ganz umschlungen
Seit es mich als Jüngling fand
Wahnsinn trieb mich in die Wälder
Trieb mich in der Felsen Nacht
Und auf blutbesprjetzten Pfaden
Hat mir nie ein Stern gelacht
Was den müden Wandrer labet
Was ihm lächelt und entzückt
Hat umlagert von Verbrechern
Nie mein armes Herz erquickt
Fittiche des Totenengels
Rauschten fürchterlich um mich
Aber keines Westwinds Kühlen
Schlich um meine Locken sich
Fiel ein holder Strahl der Sonne
Hier und da auf meinen Pfad
Glänzt er blutig mir entgegen
Floh er eine Räubertat
Und im sanften Mondenschimmer
Hört ich keinen Grillensang
Hört ich nur das Mordgewimmer
Das aus Klüften zu mir drang
Ach wohin bist du geflohen
Meiner Jugend Heiterkeit
Ach wie schnell bist du entschwunden
Meines Lebens Rosenzeit
Einsam traurig und verachtet
Weil ich wo die Furcht mich deckt
Wo kein Glanz der Morgensonne
Mich zu Lebensfreuden weckt
»Rinaldo«  sagte Olimpia die herzugetreten war indem sie die Hand auf seine
Schulter legte  »Rinaldo nie wieder ein solches Lied oder ich vergehe 
Grausamer wozu diese Selbstpeinigung«
    »Sie ist meine Busse«  antwortete Rinaldo
    »Nein sie ist dein Verderben«  fuhr Olimpia fort  »Sie nimmt dir Mut
und Kraft und macht dich zaghaft In Gefahren wird dich dein Mut verlassen und
du wirst deinen Qualen eher als deinen Feinden unterliegen Mit diesen
Empfindungen kannst du nicht an die Spitze der Korsen treten und so selbst
zermartert wirst du den Kampf des Helden nie fechten«
    »Ich verlange nur einen ehrlichen Tod«  seufzte Rinaldo
    »Armes Vaterland«  stöhnte Olimpia und verließ ihn
    Er blieb lange nachdenkend sitzen stand endlich auf nahm die Guitarre mit
sich erkletterte einen Berg und warf sich unter einer hochbejahrten Fichte
nieder Hier überschaute er die Gegend Er wurde einen Menschen gewahr der auf
das Tal zuging und sich endlich seiner Wohnung nahte  Er ging in dieselbe und
bald darauf trat Olimpia in die Haustür und rief Rinaldo Dieser ging hinab und
fand einen Boten mit folgendem Briefe an sich
    »Deine Freunde freuen sich deiner Errettung und verehren deinen Erretter
Unsere Anzahl wächst täglich und Schiffe sind schon im Handel Wir treffen uns
alle dort wo dich Ruhm und Ehre und die Tapfersten ihres Vaterlandes erwarten«
    Rinaldo wollte den Boten sprechen und er war schon wieder fort  Bald
darauf lud ihn Olimpia zum Mittagsmahl ein Die Mahlzeit war klein aber gut
und herrlicher Wein strömte in die Becher
Drei Tage entflohen in dieser Einsamkeit Rinaldo im dumpfen Unbewusstsein seiner
selbst Olimpia schien ihn mehr bemerken als stören zu wollen Sie schrieb
Briefe Rinaldo war nicht neugierig sie zu lesen ob sie gleich oft offen
vielleicht absichtlich vor seinen Augen lagen Sie erhielt Briefe durch einen
Boten dem sie die ihrigen mitgab Rinaldo verlor kein Wort an den Boten
    Den vierten Tag gegen Abend saßen die Hüttenbewohner vor der Haustür still
und stumm wie ein paar verstimmte Eheleute nebeneinander als eine menschliche
Figur das Tal herauf auf ihre Wohnung zukam Sie kam näher trat dreist herzu
und grüßte sie mit den Worten
    »Friede sei mit euch im Namen des Alten von Fronteja dessen Jünger einer
ich bin«
    Es war ein hübscher Bursch der das sagte und zugleich Olimpia einen Brief
überreichte Indes sie las fragte Rinaldo
    »Wie befindet sich dein Meister«
    »Wie immer ist er wohl und auf das Glück seiner Freunde bedacht«  war die
Antwort
    Olimpia hatte gelesen Der Jünger des Alten von Fronteja klagte Durst
Hunger und Müdigkeit Sie trug sogleich Speise und Trank auf und wies dem Gaste
alsdann ein Nachtlager an
    Rinaldo saß noch vor der Haustür und hatte sich in Betrachtungen am
Firmament verloren als Olimpia wieder zu ihm trat Es kam jetzt zum Gespräch
    SIE Soeben erhalte ich Nachricht dass Freunde aus Korsika bei unserm Freunde
in Fronteja angekommen sind Sie brennen vor Begierde dich kennenzulernen und
werden uns in einigen Tagen besuchen Ich sage dir das mit besonderer Freude
denn mein Bruder ist mit unter den Korsen die gekommen sind und uns besuchen
werden  Luigino hat sich wieder verstärkt und hat eine vorteilhafte Position
genommen Binnen drei Wochen werden für uns vier Fregatten segelfertig sein
Alles lässt sich erwünscht an und nur der kühne Rinaldo auf den die Blicke der
Erwartung gerichtet sind ist nicht wie er sein sollte Er ist zurückhaltend
in sich selbst verloren 
    ER Da wo er sich braucht wird er sich schon wieder finden
    SIE O dass wir das hoffen könnten  Rosalie ist zu Fronteja  Ich werde
ihr schreiben du wünschtest sie hier zu sehen
    ER Das willst du tun
    SIE Und warum nicht Vielleicht  ja gewiss macht dich ihre Gegenwart
heiterer als die meinige Das ist ja Gewinn für uns alle Mit deiner Heiterkeit
wird dein unternehmender Geist wieder erwachen den deine üble Laune
eingeschläfert hat Ja Rosaliens Gegenwart wird ihn wecken Sie bleibt bei dir
und ich gehe nach Fronteja
    ER Warum das
    SIE Du wirst mir doch wohl nicht zumuten wollen hier zu bleiben wenn
Rosalie bei dir ist Nein Rinaldo so unempfindlich ist mein Herz nicht dass es
die Gegenwart einer glücklichen Nebenbuhlerin ohne Eifersucht ertragen könnte
Meine Entfernung wird mir deine Freundschaft erhalten und meine Liebe  will
ich zu verabschieden suchen
    Rinaldo schwieg Olimpia zündete Licht an wünschte ihm wohl zu ruhen und
ging  Er wankte vor dem Hause auf und ab ging ins Zimmer ging wieder ins
Freie kam wieder zurück und träumte wachend die Mitternacht herbei  Rasch
sprang er endlich auf nahm das Licht und eilte er wusste selbst nicht warum in
Olimpiens Kammer Er trat leise ein sah sie ruhen in den Armen des Jüngers des
Alten von Fronteja  und ging ebenso leise wieder zurück als er eingetreten
war
    Der Tag brach an Die Liebebeglückten waren noch nicht munter Rinaldo warf
eine Büchse über die Schulter und verließ die Wohnung »Lebt wohl«  murmelte
er und ging mit raschen Schritten davon
    Gegen Mittag erreichte er ein Dorf ruhte hier ein wenig und ging weiter
    Schon wurden die Schatten länger die Sonne ging unter Er verdoppelte seine
Schritte ein vor ihm liegendes Schloss zu erreichen Er erreichte es klopfte
und wurde eingelassen
    »Wer seid Ihr«  fragte ihn der Pförtner
    »Der Baron Tegnano bin ich und habe mich auf der Jagd verirrt« war Rinaldos
Antwort
    Der Pförtner sah ihn schweigend an wie einer der nicht weiß was er sagen
oder tun soll  Rinaldo fragte
    »Wem gehört dies Schloss«
    »Der Gräfin Martagno«
    »Der Gräfin Martagno«  fiel Rinaldo hastig ein  Ist sie hier
    »Nein sie ist nicht hier«  antwortete der Pförtner gedehnt
    »Wer bewohnt das Schloss«
    »Eine Freundin der Gräfin Madonna Violanta«
    »Madonna Violanta Ich kenne sie Sie kennt mich«
    Dies gesagt drängte er den Pförtner zurück eilte an ihm vorbei in das
Schloss die Treppen hinauf und traf auf eine Magd Dieser sagte er sie möchte
den Baron Tegnano bei ihrer Herrschaft anmelden
    Das Mädchen ging ihm viel zu langsam er eilte ihr vor und trat in ein
Vorzimmer
    Auf das Geräusch seines Eintritts wurde eine Zimmertür geöffnet und die uns
bekannte Signora Violanta stand vor ihm
    SIE Heilige Jungfrau Baron Tegnano  Seid Ihr es wirklich  Mein Gott wo
kommt Ihr her
    ER Ich suche hier ein Nachtlager
    Violanta sah ihn schweigend an und trat in das Zimmer zurück Er folgte ihr
nach Sie warf sich auf ein Sofa und stammelte
    »Vergönnt mir mich zu fassen«
    Er blickte im Zimmer umher und sah an der Wand das Bildnis der Gräfin
    »Dianora hier«  rief er aus  »Ach aber nur ihr Bild nicht sie selbst«
    Hastig griff er nach dem Portrait nahm es von der Wand und küsste es heftig
 Violanta sah ihm schweigend zu Er in das Anschauen des geliebten
Gegenstandes verloren bemerkte Violantens Aufmerksamkeit auf sein Betragen
nicht Nach einer langen Pause nahte er sich ihr ergriff ihre Hand und fragte
    »Wo ist Dianora Wie lebt sie«
    Violanta seufzte und schwieg Er fragte dringender
    »Wo ist Dianora meine geliebte Dianora«
    Violanta seufzte stärker und schlug die Augen nieder
    ER Ist sie tot
    SIE Noch lebt sie
    ER Sie lebt Sie lebt und wohl und glücklich
    SIE Ach Baron wie könnt ihr so fragen
    ER Ich verstehe Euch Mein Unglück ist auch das ihrige  Und wie könnte es
anders sein  Ihr wisst ja   Ihr kennt mich doch
    SIE Gesehen habe ich Euch ja oft Baron und 
    ER Ach nennt den Unglücklichen nur bei seinem wahren Namen Ihr beschämt
mein Herz nicht
    SIE Bei Eurem wahren Namen soll ich Euch nennen Heißt Ihr nicht Tegnano
    ER Wie und Ihr wüsstet nicht  Die Gräfin hätte euch nichts gesagt  Ach
Violanta Aufrichtig was wisst Ihr von mir  O gute von mir gerettete Frau
Liebe Freundin was weißt du
    SIE Dass Ihr mehr geliebt werdet als Ihr es verdient Dass Ihr ungetreu und 
kein Wort weiter Wenn Ihr Euch nicht selbst Vorwürfe machen könnt so 
    ER Sie gelten meinem Schicksal  Violanta ich habe dich gerettet aus der
schrecklichen Todesnacht die dich umfangen hielt ich entriss dich der
Finsternis des Kerkers und der Verzweiflung ich gab dir das freundliche
Tageslicht wieder  ich habe ein Recht auf deine Dankbarkeit Darf ich darauf
rechnen
    SIE Ihr dürft und könnt es
    ER So beschwöre ich Euch bei dieser mir schuldigen Dankbarkeit sagt mir
aufrichtig wie weit hat sich die Gräfin Euch entdeckt
    SIE Ich weiß dass sie Euch liebt und dass Ihr sie verlassen habt  Euer
Verschwinden brachte sie dem Tode nahe Sie überstand eine schreckliche
Krankheit und der Name einer unglücklichen Mutter ging mit der Wirklichkeit
verloren
    ER Wo ist sie wo lebt sie
    Violanta schwieg und blickte ihn mit forschenden Augen an  Rinaldo der
aus ihren Antworten schloss dass sie wirklich nicht wusste wer er eigentlich war
und dass ihr die Gräfin seinen wahren Namen verhehlt hatte um sich selbst
vielleicht eine Beschämung zu ersparen der sie bei der Entdeckung hätte
unterliegen müssen wurde dreister und da er sich mit Violanten allein glaubte
wendete er seine ganze Beredsamkeit an den Aufenthalt der Gräfin zu erfahren
aber vergebens Violanta wich ihm aus schwieg oder setzte seinen Fragen andere
entgegen die ihn von der Sache abbringen sollten es aber nicht vermochten
    Indem sie noch sprachen wurde auf einmal eine Glocke die in Violantens
Zimmer ging heftig angezogen Sie sprang auf nahm einen Schlüssel und ein
Licht und wollte das Zimmer verlassen Rinaldo war dreist genug sie
zurückzuhalten
    ER Wohin geht Ihr
    SIE Das  darf ich Euch nicht sagen
    ER Wohin ruft Euch diese Glocke  Ach gewiss zu Dianoren  Sie ist hier
    SIE Ihr irrt Euch
    ER Nein nein Mein Herz sagt es mir sie ist hier Ihr wollt zu ihr gehen
O sagt ihr dass ich hier bin dass   Nein ich gehe mit Euch ich folge Euch
ich muss sie sehen
    SIE Der Schreck würde sie töten
    ER Ha Ihr habt Euch verraten Sie ist hier  Fort fort zu ihr
    SIE Um aller Heiligen willen nicht
    ER Sie ist hier
    SIE Ja das Geheimnis ist verraten Sie ist hier Aber sehen dürft Ihr sie
nicht Sie lebt still und einsam gleich einer Büssenden Euer Anblick würde sie
vernichten
    ER O Violanta wenn Ihr je geliebt habt lasst sie mich sehen
    SIE Ich darf und kann es nicht tragen Ihre Gesundheit ist ganz zerrüttet
ihre Nerven sind abgespannt Eure Erscheinung würde sie zu Boden schmettern
    ER Kann ich sie nicht ungesehen von ihr sehen  Ich will sie ja nur
sehen nicht sprechen wenn es nicht sein darf O sie ist mir so teuer Ich
liebe sie Ihr Leben ist mir werter als das meinige 
    Die Glocke ertönte wieder schneller und stärker
    SIE Heiliger Gott es könnte ihr etwas zugestoßen sein Haltet mich nicht
auf
    ER Ich muss sie sehen
    SIE Ungestümer folgt mir aber hütet Euch ein Wort zu sprechen
    Sie ging Er folgte ihr durch eine Galerie in ein Zimmer Hier wies ihm
Violanta seinen Platz an einem kleinen Fenster an und ging von ihm
    Rinaldo sah in ein ganz schwarz dekoriertes Zimmer in welchem auf einem
Tische vor einem Kruzifix und einem Totenkopf zwei brennende Wachskerzen
standen die die Nacht des Zimmers nur schwach erhellten   In dem Zimmer
selbst wankte eine weibliche schwarz gekleidete Gestalt auf und ab bleich und
abgezehrt Rinaldo erkannte in ihr Dianoren Tränen entstürzten seinen Augen
seine Lippen bebten seine Hände zitterten seine Füße wankten
    Violanta trat in das Zimmer und nahte sich Dianoren Rinaldo hörte sie
sprechen
    »Ach wo bleibst du«  sagte Dianora indem sie ihr Gesicht auf Violantas
Schulter legte  »Ich war ein wenig eingeschlummert und hatte einen
schrecklichen Traum Es träumte mir Er war hier der Ehrvergessene nahte sich
und fuhr mit blutiger Hand mir über das Gesicht Das Blut rann von seiner Hand
über meinen Busen hinab auf mein Kleid und brannte wie Feuer durch alle meine
Glieder  Der Schreck machte mich wach ich dankte der gnadenreichen Jungfrau
dass ich nur geträumt hatte Aber der Traum hat mich sehr angegriffen  Ach dass
ich den Unglücklichen doch nie wieder säh«
    VIOLANTA Nie
    DIANORA Nie weder wachend noch im Traume
    VIOLANTA Meintet Ihr neulich nicht gewisse Anzeigen von seinem Tode zu
haben
    DIANORA Ja das war  Ich glaubte es  Und es wird auch wohl so sein
    VIOLANTA Wenn Ihr ihn nie wieder zu sehen wünscht so glaubt es Ist es aber
das nicht 
    DIANORA O ja es sei Um meinetwillen und um seinetwillen sei es
    VIOLANTA Auch um seinetwillen
    DIANORA Auch und noch mehr als um meinetwillen denn der Unglückliche ist
ein  Ungetreuer Untreue verdient den Tod Und er  hat ihn schon längst
verdient Er hat mich betrogen und sein Name ist   Ach nichts mehr von ihm
Es war ja alles nur ein Traum Er bleibe ewig von mir fern  Er wird nie wieder
zu mir kommen
    VIOLANTA Wenn aber nun 
    DIANORA Nein nein Er darf nicht wieder zu mir kommen Ich darf keine
Gemeinschaft mit ihm haben denn er ist ja  ein Ungetreuer
    VIOLANTA Und wenn nun seine Reue 
    DIANORA Seine Reue kann seine Verbrechen nicht ungeschehen machen Er ist
ein großer ein gefürchteter Verbrecher
    VIOLANTA O fürchtet ihn nicht Vielleicht liebt er Euch doch noch
    DIANORA Aber ich darf ihn nicht lieben  O Violanta wenn du wüsstest 
Genug Kein Wort weiter von ihm
    Sie setzte sich auf ein Sofa Violanta setzte sich zu ihr  Nach einer
langen Pause fragte Dianora
    »Weißt du nichts Neues aus der Welt«
    VIOLANTA Etwas aus der Nähe aus unserm Schloss
    DIANORA Was ist es
    VIOLANTA Ein Fremder ist hier und hat um ein Nachtlager gebeten
    DIANORA Er weiß doch nicht dass ich hier bin
    VIOLANTA Nein Ich habe ihm das Nachtlager zugesagt weil er ganz rechtlich
aussieht
    DIANORA Wer er ist weißt du nicht
    VIOLANTA Er hat seinen Namen noch nicht angegeben
    DIANORA Seht euch alle wohl vor Ihr wisst dass Räuber umherschweifen
    VIOLANTA Der Fremde hat nichts Räubermässiges an sich
    DIANORA Der Schein trügt Ich sage dir der Schein trügt Von dem Äußeren
schließe ja nicht zu rasch auf das Innere Ich selbst habe einmal  Die Räuber
verkleiden sich geben sich Titel und Namen und   Seid auf eurer Hut Selbst
der gefürchtete Rinaldini  Ach Gott  Wenn er 
    VIOLANTA Was ist Euch
    DIANORA Meine Augen  Ach  Mein Kopf 
    VIOLANTA Gräfin
    DIANORA Ruhig es wird vorübergehen  Ein Schwindel   Es ist schon wieder
gut  Ach der Traum der Traum  Bringe mich zu Bette
    Violanta führte sie in ein Seitenzimmer  Rinaldo ging über die Galerie in
Violantens Zimmer zurück wo er sich auf das Sofa warf und seinen Tränen freien
Lauf ließ Laut jammerte er
    »Dahin Unglücklicher hast du sie gebracht Nicht genug dass du selbst der
Unglücklichste der Unglücklichen bist musst du auch die reinsten Herzen die
sich dir nahen dir nach in den Abgrund ziehen der mit allen Schrecken des
Todes sich dir entgegendehnt«
Die Tür des Zimmers ging auf Er suchte sich zu sammeln  Ein Mädchen trat ein
und sagte
    »Herr Baron ich soll Euch Euer Zimmer anweisen«
    Er stand auf und folgte dem Mädchen die ihn in ein artiges Zimmer führte
Sie ließ ihm Licht ging kam wieder deckte den Tisch und besetzte ihn mit
kalten Speisen Früchten und Wein »Madonna Violanta lässt Euch wünschen wohl zu
ruhen«  sagte das Mädchen und verließ das Zimmer
    Rinaldo hatte weder Appetit noch Schlaf Die Stunde der Mitternacht nahte
sich schon und er war noch immer munter und wach  Da klopfte es leise an
seine Tür Er öffnete die Tür und Violanta stand vor ihm
    »Es ist mir sehr lieb«  sagte sie als sie ins Zimmer trat »dass ich Euch
noch wach und munter finde«
    ER O Ihr findet mich in einer Unruh in einer Bewegung die ich nicht zu
schildern vermag   Euer Gespräch  Alles habe ich gehört  O es hat mich
zermalmt
    SIE Was gedenkt Ihr zu tun
    ER Dianora wird gewiss endlich noch nachgeben mich zu sehen
    VIOLANTA O sie hat es schon
    ER Hat sie  Violanta Sie will mich sprechen O sagt Ja und macht mich
glücklich  Was will sie  Was sagte sie
    SIE Wir haben noch viel und lange von Euch gesprochen als ich sie zu Bette
gebracht hatte Ich habe sie halb und halb schon vorbereitet In einigen Tagen
hoffe ich sollt Ihr sie sehen und sprechen können
    ER O Violanta wenn ich 
    SIE Keinen Dank Ich bin Euch meine Rettung und das freundlichste Geschenk
des Daseins mein Leben schuldig  Morgen sprechen wir weiter davon  Nehmt
meine gute Nachricht mit aufs Lager zur sanften Ruh
    Sie ging Rinaldo blieb in einer heftigen Bewegung zurück  Er wollte
endlich sich entkleiden als er Fußtritte vernahm die auf sein Zimmer zukamen
Die Tritte waren männlich und stark Sie kamen näher Die Tür ging auf Eine
lange hagere schwarz gekleidete männliche Gestalt trat in das Zimmer Eine
schwarze Larve bedeckte das Gesicht der Figur und eine Kapuze war über ihren
Kopf gezogen Ein Knotenstrick umgürtete ihren Leib Füße und Hände waren bloß
Diese imponierende Gestalt stellte sich gerade vor ihn hin und drohte ihm mit
aufgehobenem Zeigefinger Rinaldo blieb fest stehen legte die rechte Hand an
ein Terzerol und fragte
    »Wer bist du Was willst du«
    Mit dumpfer Stimme gab die Gestalt ihm Antwort
    »Ich lade dich ein binnen 24 Stunden vor dem Richterstuhle der strengen
Richter der Wahrheit der Richter aller Verbrechen die im Verborgenen
schleichen ihnen aber aufgedeckt sind zu erscheinen Kommst du nicht so wird
man dich abholen«
    »Was habe ich mit Unbekannten zu schaffen«  sagte Rinaldo  »Und wer gab
Euch das Recht Euch meine Richter zu nennen«
    »Deine Vergehungen deine bösen Taten und Verbrechen gaben es uns welche
uns das Recht geben alle Menschen zu richten«
    »Du sprichst von Recht  Recht verkriecht sich nicht in Dunkel und Nacht«
    »Wohl dir wenn wir dich nicht ans Licht bringen denn dort erwartet dich
das Henkersschwert«
    Gelassen doch nicht ohne Bitterkeit fragte Rinaldo
    »Und was erwartet mich bei Euch«
    »Busse«
    Rinaldo lächelte wie einer lächelt der den andern einer Grosssprecherei
wegen etwa bemitleidet  Der Schwarze behielt seinen imponierenden Blick seine
gebietende Stellung und fragte
    »Keine Antwort«
    Schweigend wies ihm Rinaldo die Tür und lächelte
    »Keine Antwort«  fragte der Schwarze wieder
    Rinaldo wies ihm abermals die Tür und sagte »Dies ist meine Antwort«
    Der Schwarze trat einen Schritt näher fixierte ihn stark und fragte
    »Du wirst also nicht gutwillig zu uns kommen«
    »Nein«  antwortete Rinaldo entschlossen
    »So wird dich Gewalt zu uns bringen«
    »Die erwarte ich  Was könntet ihr tun Wie weit geht eure Gewalt gegen
Männer meinesgleichen«
    »Du wirst es erfahren«
    Damit verließ die sonderbare Gestalt trotzig das Zimmer  Rinaldo ergriff
das Licht ihr nachzueilen trat in das Vorzimmer fand es verschlossen und
konnte nicht begreifen wohin die Gestalt so schnell gekommen war Er
durchleuchtete alle Winkel und sah nichts er lauschte und hörte nichts
    Im Zurückgehen nach seinem Zimmer wurde er auf dem Vorsaale eine halboffene
Tür eines Schrankes gewahr glaubte die Gestalt etwa in dem Schranke zu finden
riss die Tür heftig auf sah ein Skelett bebte betroffen zurück und das Licht
fiel ihm aus der Hand
    Er eilte in sein Zimmer holte ein anderes Licht stürzte mit gespanntem
Terzerol auf die vorher offene Schranktür zu und fand sie jetzt fest
verschlossen Umsonst bemühte er sich sie zu öffnen sie war so fest eingepasst
und verschlossen als sei sie niemals geöffnet gewesen
    Er stand stutzte und wusste nicht wozu er sich entschließen sollte 
Unmutig und betroffen raffte er endlich das ihm entfallene Licht auf ging in
sein Zimmer verschloss die Tür und legte sich zu Bette
Kaum war er den folgenden Morgen dem Lager entstiegen als er zu Violanten
eilte die eben im Begriff war ihr Zimmer zu verlassen und zu Dianoren gehen
wollte
    »Die Gräfin ist gar nicht wohlauf«  sagte sie  »Ich darf sie heute
keinen Augenblick verlassen Es soll Euch aber an Eurer Bequemlichkeit nichts
abgehen Sobald ich Euch sprechen kann komme ich zu Euch Vielleicht kann es
heute Abend nur spät vielleicht gar nicht geschehen Lasst Euch das nicht
irremachen Morgen vielleicht sehen wir uns öfter vielleicht seht und sprecht
Ihr auch morgen schon Dianoren Wir wollen hoffen dass alles nach Wunsche gehen
kann«
    Mit dieser Erklärung wenig befriedigt ging Rinaldo nach seinem Zimmer
zurück  Als er an den mysteriösen Schrank kam blieb er stehen betrachtete
denselben genau und fand ihn noch immer wohlverschlossen Einige Gemälde auf dem
Saale fesselten seine Aufmerksamkeit Sie schienen die Folge einer
geheimnisvollen Geschichte in Bildern zu sein Auf zweien sah er die ihm
erschienene schwarze Richtergestalt abgebildet Einmal stand sie drohend mit
einem gezogenen Dolche vor einem liebenden Paare das sich fest umschlungen
hielt das zweitemal erschien sie in einer Kapelle und fasste ein Frauenzimmer
bei dem Arm das betend vor dem Altare lag
    Die Ankunft des Mädchens welches ihm ein Frühstück brachte störte ihn in
seinen keineswegs artistischen Betrachtungen
    »Habt ihr«  fragte er das Mädchen als sie im Zimmer waren 
»schwarzbekuttete Mönche in der Nachbarschaft«
    »Ja« antwortete das Mädchen  »Auf dem steilen Berge dort oben über dem
Dorfe liegt ein Kloster der Karmelitermönche und diese tragen schwarze
Kutten«
    »Kommen zuweilen welche von diesen schwarzen Mönchen hierher« 
    »Jährlich dreimal«  gab das Mädchen zur Antwort  »kommt der Terminierer
zu uns und sammelt die bestimmten Almosen ein«
    »Sind diese Karmeliter die Beichtväter des Schlosses«
    »Nein das sind Franziskaner Ihr Kloster liegt dem Schloss gleich
gegenüber  Mit den Karmelitern haben wir hier gar keinen Verkehr im Schloss«
    Rinaldo fragte nicht weiter Das Mädchen ging und er trat ans Fenster das
Karmeliterkloster genau in Augenschein zu nehmen
Die Zeit wurde ihm lang Er forderte etwas zu lesen Man brachte ihm eine alte
Chronik Er las und gähnte harrte und hoffte  Der Tag verging der Abend kam
und Violanta ließ sich nicht sehen  Endlich erhielt er durch das Mädchen ein
Billett von ihr Sie schrieb
    »Heute sprechen wir uns nicht Morgen werdet Ihr mehr von mir hören«
    Es wurde Nacht Er verschloss seine Tür Der schwarze Gerichtsbote kam nicht
    Als er früh aufgestanden war und zu Violanten gehen wollte kam ihm das
Mädchen mit einem Briefe von ihr entgegen Er riss ihn auf und las
    »Dianora hat von mir erfahren dass Ihr hier seid Sie hat ihr schreckliches
Geheimnis ganz in meinen Busen geschüttet und ich weiß nun wer und was Ihr
seid Verlasst eilig dieses Schloss Auch wir haben es verlassen Wenn Ihr diesen
Brief empfangt sind wir schon viele Stunden weit von hier entfernt Ihr werdet
uns nicht finden dazu sind unsere Maßregeln schon getroffen Flieht und rettet
Euch denn wenn die strengen Richter der Wahrheit Euren Aufenthalt
auskundschaften sollten werden sie Euch nicht lange Zeit gönnen Eure Freiheit
zu benutzen Lebt wohl Ihr furchtbarer verrufener unglücklicher Mann  Gott
bessere bekehre und schütze Euch
                                                                      Violanta«
    Bin ich denn überall ein Spiel der Verkappten Muss ich allenthalben nur im
Dunkeln schleichen Flieht auch selbst die Liebe meinen Namen wie ein
Verbrechen Nun dann hinab mit dir Unglücklicher in den Schoss deiner Mutter
schrie Rinaldo außer sich ergriff ein Terzerol spannte und setzte es an den
Mund
    Wie von einem elektrischen Schlage getroffen sank sein Arm und das
Terzerol entfiel seiner Hand Er wendete sich rasch herum und der schwarze
Forderer stand hinter ihm Er drohte ihm mit dem Finger und verließ das Zimmer
    Rinaldo erholte sich kaum nach und nach als er seine Büchse ergriff und das
Schloss verließ
Er schlug einen Hohlweg ein und war kaum hundert Schritte weit in demselben
gegangen als der Schwarze ihm entgegenkam und ihm zurief
    »Erscheine«
    »Wo trifft man euch«  fragte Rinaldo entschlossen
    »Rechts auf jener mit Pappeln bewachsenen Anhöhe wirst du eine Kapelle
sehen Dort trifft man uns«  sagte jener und ging gelassen an Rinaldo vorbei
    Dieser ging langsam weiter fort aber nicht nach der Kapelle zu »Eine
Spiegelfechterei von dem alten Scharlatan zu Fronteja«  sprach er zu sich
selbst  »dessen Maschine ich bin wie er mir selbst gesagt hat  Ich komme
nicht Und erscheint mir der Unglücksrabe noch einmal so« 
    Hier stand der Schwarze wieder vor ihm und fragte
    »Was willst du dann tun«
    Rasch riss Rinaldo seine Büchse von der Schulter sprang einige Schritte
zurück spannte legte an und drückte auf ihn ab Das Pulver brannte ab und der
Schuss versagte
    Der Schwarze lachte »Armer Schütze Schiess nach Raben aber nicht nach mir
Wagst du so etwas zum zweitenmal so zerschmettere ich dich«
    »Du mich« schrie Rinaldo wütend und außer sich warf die Büchse von sich
stürzte auf ihn los packte ihn bei der Brust und fühlte sich auf einmal von
gigantischen Armen umfasst gedrückt und so heftig zu Boden geworfen dass ihm
Hören und Sehen verging
    Als er wieder zu sich kam fand er seinen Kopf blutend und der Schwarze war
nicht mehr zu sehen  Seine Wut gestattete ihm keine Worte Er raffte sich auf
nahm sein Gewehr und eilte mit raschen Schritten davon
    Kaum war er etliche dreißig Schritte weit gegangen als er am Wege hinter
einem Strauche eine elende zerlumpte menschliche Figur erblickte die ihn kaum
gewahr wurde als sie aus vollem Halse ihm zuschrie
    »Ach mein lieber guter edler Hauptmann«
    Rinaldo stutzte ging näher und erblickte seinen getreuen Lodovico der sich
aufzuraffen suchte indem ihm die Freudentränen über die Wangen liefen
    RINALDO Um des Himmels Willen Lodovico wie siehst du aus
    LODOVICO Schrecklich muss ich aussehen Nicht wahr ich bin ein wahres
leibhaftiges Konterfei des menschlichen Elends ein Bild des Unglücks und der
Verzweiflung
    RINALDO Unglücklicher wie bist du in diesen Zustand geraten du siehst
fürchterlich aus
    LODOVICO Elend zerlumpt am ganzen Leibe zerrissen und zerschlagen
    RINALDO Rede nur was ist dir begegnet
    LODOVICO Ach hört mich an  Als Ihr mich in jenem Walde fortschicktet
mich in der Gegend des Schlosses der Frau Gräfin Martagno aufs Rekognoszieren zu
legen richtete ich meine Sache recht klug ein und erfuhr dass die Gräfin
dermalen nicht dort sondern auf einem andern Schloss sei das mir beschrieben
wurde Ich machte mich gleich dahin zu auf den Weg Schon hatte ich die Gegend
erreicht und war kaum noch hundert Schritte von dem Schloss entfernt als auf
einmal der Teufel weiß wo er herkam  ein ganz schwarz verkappter Mann vor
mir stand
    RINALDO Wie Ein schwarzer verkappter Mann
    LODOVICO Wie ich Euch sage  Er forderte mich in einem gebietenden Tone vor
den strengen Richterstuhl der Richter der Wahrheit im Verborgenen Ich lachte
darüber und als er grob wurde schlug ich ihn hinter die Ohren Das bekam mir
übel Der Kerl packte mich mit Riesenstärke an warf mich wie einen Sperling zu
Boden maulschellierte mich links und rechts so lange ab bis mir alle Sinne
vergingen warf mich dann wie ein Feldhuhn auf die Achsel und schleppte mich
fort bis vor eine Kapelle wo er mich wie einen Nusssack niederwarf  Sogleich
ging die Tür der Kapelle auf zwei schwarze Kerle kamen heraus zogen mich bei
den Beinen hinein wie eine abgeschlachtete Ziege und warfen mich wie einen
Tornister in eine finstere Kammer Da lag ich ein paar Tage auf einer Handvoll
Stroh und bekam Wasser und Brot und noch dazu sehr spärlich zur Kost 
Endlich wurde ich abgeholt und vor drei verkappte Figuren geführt die von
vielen natürlichen Skeletten umgeben an einer schwarzen Tafel saßen Diese
nannten sich meine Richter und sagten mir ich sei ein Schelm ein Spitzbube und
dergleichen mehr Ich war der Klügste und schwieg Endlich sagten sie ich hätte
schon längst den Strang verdient von ihnen sollte ich nicht gehängt werden für
meine begangenen Verbrechen aber zu einer TotalBusse verdammt sein Mit der
Sentenz wurde ich abgeführt von vier Henkersknechten entkleidet und bis aufs
Blut gegeisselt So gings alle Tage Die Kerle hieben so unbarmherzig auf mich
zu dass mir die Geisselhiebe bis auf die Knochen drangen Endlich war nichts mehr
an mir zu zerhauen und so warfen sie mich diesen Morgen zur Kapelle hinaus Ich
kroch bis hierher und weiter kann ich nicht
    RINALDO Wie und dieser Busse sollte ich mich auch unterwerfen
    LODOVICO Ihr Gott bewahre Euch und alle Menschen davor Hier erzählte ihm
Rinaldo was ihm begegnet sei Lodovico kreuzte und segnete sich und Rinaldo
schrie
    »Komm lass uns das infernalische Nest in Brand stecken«
    Kaum hatte er ausgesprochen als der schwarze Unhold vor ihm stand und ihm
entgegendonnerte
    »Elender Wurm Hast du die Kraft meines Armes noch nicht genug gefühlt Soll
ich dich ganz vernichten«
    Wie ein Rasender eilte Rinaldo ohne Antwort mit gezogenem Dolche auf ihn
zu Der Schwarze wich aus Rinaldo raffte alle seine Kräfte zusammen packte ihn
mit der rechten und stieß ihm mit der linken Hand den Dolch auf die Brust Der
Stoß gab einen dumpfen Schall und Rinaldo merkte dass er auf einen Panzer
gestoßen hatte er stieß zum zweitenmal und durchbohrte des Verkappten linken
Arm Laut aufbrüllend riss sich dieser mit Riesenkräften los schleuderte Rinaldo
so kräftig zurück dass er zu Boden taumelte und entfloh mit schnellen
Schritten
    »Mord und Wetter«  jammerte Lodovico  »wie wird es uns ergehen wenn der
Unhold seine Gesellen herbeiruft Sie schlagen uns bei Gott die Knochen zu
Brei«
    Indem vernahmen sie das Geklingel von Maultieren und wurden bald zwölf
Maultiertreiber gewahr die mit dreißig ledigen Maultieren die Anhöhe
herabkamen um in Saldona Salz zu holen Diese redete Rinaldo an und fragte
indem er auf Lodovico zeigte ob sie diesem Unglücklichen der von Räubern
misshandelt worden sei nicht vergönnen wollten Platz auf einem ihrer Maultiere
zu nehmen er wolle für ihn bezahlen
    
    »Will der Herr bezahlen«  antwortete der Anführer der Maultiertreiber 
»so mag sich der Bursch aufsetzen Das kann er aber auch tun wenn der Herr
nicht bezahlt denn wir sind Christen und haben Religion Das Teufelsgeschmeiss
von Rinaldinis Bande macht tausend Unglückliche Wir haben schon mehreren
Ausgeplünderten Beistand geleistet die oft nackend und bloß halbtot auf der
Straße lagen und die Spitzbuben verfluchten«
    Lodovico der sehr froh war sich in so guter Bedeckung zu sehen wurde auf
ein Maultier gebunden die Reise ging weiter und Rinaldo setzte sein Gespräch
mit den neuen handfesten Gesellschaftern die noch obendrein gut bewaffnet
waren fort
    RINALDO Ihr sprecht von Rinaldinis Bande Ist sie denn nicht ganz
aufgerieben
    MAULTIERTREIBER Den Teufel auch Nichts weniger als das Was ist das wenn
ein paar Dutzend solcher Gauner totgeschlagen werden Das ist so viel als
nichts Sie wachsen wie die Schwämme hinter allen Büschen hervor
    RINALDO Ist denn Rinaldini nicht schon längst selbst niedergeschossen
worden
    MAULTIERTREIBER Ja prosit Es heißt wohl immer so aber es ist nicht wahr
Sie werden ihm auch nichts anhaben
    RINALDO Warum nicht
    MAULTIERTREIBER Hm  Könnt Ihr das nicht erraten  Er ist fest Das ist
ganz sicher Ihm schadet weder Hieb noch Stich Und einige sagen gar er könne
sich unsichtbar machen Das will ich nun zwar nicht als gewiss behaupten aber
das ist doch wahr sie können ihn nicht festhalten Haben sie ihn auch einmal
witsch ist er wieder fort Es muss übrigens ein ganzer Kerl sein der Rinaldini
aber in seiner Haut möchte ich doch nicht stecken Was hat er davon Am Ende
kommt Herr Urian spricht die Zeit ist vorbei da ist der Kontrakt marsch mit
mir fort und dreht ihm den Hals auf den Rücken
    RINALDO Sollte er denn ganz und gar Teufels gewesen und ein Pactum 
    MAULTIERTREIBER Ja er hat ein Pactum mit dem Bösen denn sonst zappelte er
schon längst in der Luft Er ist also doch ein unglücklicher Mensch Wozu helfen
ihm alle Schätze der Welt wenn seine Seele verlorengeht Das ist ja doch das
teuerste was der Mensch hat Weiß er diesen Schatz nicht zu bewahren so gebe
ich ihm für all das andere keine Melone Redlich gelebt und selig gestorben das
ist das beste Bei Rinaldini heißts aber fröhlich gelebt und traurig
gestorben Das taugt nichts Er schläft einst auf seinen erstohlenen Geldkisten
doch nicht so sanft ein als ich auf meinen redlich erworbenen Maultierdecken
Das ist ein ganz anderes Lager
    RINALDO Er soll aber wie man sagt sehr wohltätig sein
    MAULTIERTREIBER Mitunter Aber hole ihn der Teufel mit seiner
Wohltätigkeit Erst stiehlt ers hernach verschenkt ers Ich mag nichts von
ihm haben Segne mir Gott mein redlich erworbenes Stückchen Brot Betrügen oder
bestehlen möchte ich keinen Menschen auch nur um eine Bohne
    RINALDO Es ist wahr er treibt ein elendes Handwerk
    MAULTIERTREIBER Ein Allerweltskammerdiener ist er und kommt ungerufen wie
der Rabe aufs Aas Er hätte doch wohl etwas Besseres lernen können denn er soll
gar nicht dumm sein Spitzbubenkniffe muss er genug im Kopfe haben Gott behüte
und bewahre jeden ehrlichen Christen vor solchen Kenntnissen und Wissenschaften
    RINALDO Er selbst soll nicht stehlen wie ich gehört habe
    MAULTIERTREIBER Aber er lässt stehlen Das ist gleich viel Kurz es ist kein
gutes Haar an ihm aber ein verzweifelter Kerl ist und bleibt er doch immer
Denn so wie er hat noch keiner die Justizen genarrt
    RINALDO Wie alt mag er wohl sein
    MAULTIERTREIBER Er soll noch nicht einmal sechsundzwanzig Jahre alt sein
sagen einige Andere aber wollen wissen er sei ein Dreissiger Das ist aber wohl
gleichviel Reif zum Galgen ist er schon längst gewesen  Sehen möchte ich ihn
wohl einmal Es müsste aber im Guten sein denn im Bösen mag ich nichts mit ihm
zu tun haben
    RINALDO Wo mag er jetzt wohl eigentlich stecken
    MAULTIERTREIBER Wer will das wissen Er ist wie Herr Niemand allenthalben
Gar oft spaziert er als Kavalier umher lebt sogar in Städten sponsiert unter
den vornehmen Damen herum und soll deren ein paar schon weidlich gezogen haben
Kommen sie ihm auf die Spur so ist er fort und kein Teufel weiß wohin Er zieht
beständig verkleidet im Lande umher und nimmt allerlei Gestalten an Heute ist
er da morgen dort und seine Bande umschwärmt ihn allenthalben Er ist mit
einem Worte ein Himmeltausend elementischer Kerl
    Jetzt wurde Lodovico auf der Anhöhe die bewusste Kapelle der Schwarzen
gewahr Ein kalter Schauer lief ihm durch alle Glieder Er seufzte tief auf und
gab seinem Herrn einen bedeutenden Wink Dieser blickte hinauf sah die Kapelle
und verstand ihn sogleich
 
                                  Achtes Buch
 Schweigend zwischen Traum und Hoffen
 Näherst du dich nie dem Ziel
 Von des Glückes Wankelmut betroffen
 Spielst du zaghaft auch des beste Spiel
»Die Kapelle dort oben«  sagte Rinaldo  »scheint ein altes Werk zu sein«
    »O ja«  antwortete der Maultiertreiber  »Es wird sich aber wohl keine
Seele die Mühe nehmen sie zu besuchen denn sie ist alt und baufällig und ohne
Bild und Altar Raben und Eulen werden sie vermutlich bewohnen wenn sie
zuweilen nicht gar eine Herberge für den Signor Rinaldini und seine Nachtvögel
abgibt«
    Rinaldo merkte dass von seinen Gefährten keine Nachricht wie er sie zu
haben wünschte einzuziehen sein würde und schwieg Sie kamen endlich nach
Saldona Rinaldo bezahlte Lodovicos Ritt reichlich und ließ sich zu einem Juden
bringen wo er seinen Gesellen neu kleidete Dann wurden Salben Wasser und
Pflaster in der Apotheke gekauft Proviant wurde nicht vergessen und eine Chaise
gemietet In dieser rollten sie nach gehaltener Siesta auf der Heerstraße weiter
fort
Unterwegs untersuchte Rinaldo seine Büchse und fand sie ungeladen Dies erklärte
ihm ganz natürlich das wunderbare Versagen derselben gegen den den Schwarzen
    »Man hat mir«  sprach er bei sich selbst  »im Schloss den Schuss aus
meinem Rohre gezogen um mich ungestraft misshandeln zu können  Wie wenn
Violanta einverstanden mit der schwarzen Gesellschaft zu irgendeinem Endzwecke
lebte der vielleicht Bezug auf die Gräfin hätte Sollte es nicht daher kommen
dass Lodovico so misshandelt wurde weil er den Aufenthalt der Gräfin zu
erkundschaften suchte  Die Bilder im Schloss auf welchen sich die schwarze
Figur befand  Das Skelett in dem Schranke und jene Skelette die Lodovico bei
den schwarzen Richtern sah  Hm das alles könnte zu mancherlei Vermutungen
führen Wie Wenn Dianora von einer gegen sie und ihr Vermögen verschworenen
Bande selbst misshandelt würde   O dass ich jetzt nur an der Spitze von
zwanzig der Meinigen stünde ich wollte alle diese Rätsel gewiss lösen«
    Vor Merona stiegen Rinaldo und Lodovico aus der Chaise schickten den
Fuhrmann zurück und schlugen einen Seitenweg ein  Hier kamen ihnen ein paar
Männer mit einigen Maultieren entgegen in denen Lodovico bald alte Bekannte
erkannte Es waren Luzo und Jordano zwei handfeste Gesellen von Luiginos Bande
    Die gegenseitige Freude sich zu finden war sehr groß und es kam bald zur
Unterhaltung die Rinaldo eröffnete
    RINALDO Wo ist Luigino
    JORDANO Soviel wir wissen hat er sein Korps geteilt halb steht es unter
seinen und halb unter Amalatos Befehlen Bei diesem waren wir Vor sechs Tagen
wurde unser Korps alarmiert und wir unserer Zwölf wurden von demselben
abgeschnitten Wir haben uns noch nicht wieder zum Ganzen finden können und
treiben indes in der Nähe unser Wesen so gut es gehen will für uns
    RINALDO Habt ihr sichere Plätze
    LUZO O ja  Wir stecken in Felsen und Forsten bis über die Ohren
    RINALDO Ich gehe mit euch
    JORDANO Wetter das gibt uns Ehre und Glück
    Die Maultiere wurden bestiegen und Rinaldo kam bei dem Häuflein an welches
sich nun dreifach so stark fühlte als es wirklich war da der gefürchtete
Räuberhauptmann an seiner Spitze stand
    RINALDO machte gleich Anordnungen sendete Einige aus teils zu werben
teils alte Kameraden herbeizuziehen und machte allen kund dass er gesonnen sei
einen Hauptstreich auszuführen Das machte die Burschen stolz und froh und das
Viva Rinaldini tönte in allen Klüften wieder
    Den vierten Tag brachte man schon zwei alte Gesellen aus Luiginos Haufen
die versprengt umherstrichen und sehr froh waren wieder Gesellschaft zu finden
Auch wurden drei neue Mitglieder hinter den Zäunen aufgerafft aufgenommen und
beeidigt und so sah Rinaldo mit sich selbst seinen Haufen schon neunzehn
Köpfe stark  Mit diesen schwenkte er sich rechts und brach über Saldona in die
Bergkette ein auf deren linken Seite die verrufene Kapelle stand
Rinaldo schlug in einem unwirtbaren Tale zwischen Felsen sein Lager auf und
erhielt Proben von der Geschicklichkeit seiner Leute sie schleppten reichlich
von allen Seiten herbei Es fehlte weder am Gelde noch an Proviant  Man
brachte auch noch ein paar Landstreicher ein die sich mit großem Vergnügen zu
der neu etablierten Gesellschaft begaben
    Nachdem alle gehörig mit Munition versehen waren und Lodovico wieder auf den
Beinen sein konnte brach Rinaldo mit seinem Schwarme auf besetzte den Pass und
kam in der Mitternachtsstunde bei der berüchtigten Kapelle an Sie war
verschlossen Die Tür wurde eingeschlagen Das Innere der Kapelle wurde mit
Fackeln durchsucht Man fand Gewölbe und Keller aber alle waren öde und leer
    Jetzt wurde wahr was der Maultiertreiber glaubte Rinaldo nahm Quartier in
der Kapelle
    Den folgenden Abend zog er ins Tal hinab und als die Nacht einbrach
marschierte er auf das Schloss der Gräfin Martagno los Da er alle Ausgänge
wohlbesetzt hatte wollte er sich mit Lodovico und Jordano in das Schloss selbst
begeben als ihm gemeldet wurde man vernehme von weitem das Pferdegetrappel von
einem nicht unbedeutenden KavallerieKorps  Er zog seine Leute zusammen und
schwenkte sich links in ein Buschholz welches er kaum erreicht hatte als die
Reiterei auf der Heerstraße näher herbeikam Seine Gesellen waren schussfertig
die Hunde lagen schweigend auf der Lauer Fernher blinkten ihnen brennende
Fackeln entgegen
    »Sonderbar« murmelte Lodovico  »ein KavallerieDetaschement reitet doch
sonst nicht mit Fackeln einher«
    Der Zug kam näher Es waren zwölf Reiter die einen mit Maultieren
bespannten Wagen umgaben Einige trugen Fackeln und alle waren schwarz genauso
vermummt wie jener Schwarze Lodovicos Schrecken und Rinaldos Gegner
    Jetzt waren sie dem Buschholze nah welches Rinaldo verließ und dem Zuge mit
gespanntem Rohre in den Weg trat Hinter ihm standen Lodovico Luzo Jordano und
noch zwei andere ihrer Gesellen schussfertig Der Überrest des Korps nahm den Zug
im halben Zirkel rechts in die Flanke
    »Haltet an«  donnerte ihnen Rinaldo entgegen  »Hier steht ein Mann der
euch näher kennenlernen will«
    »Wer ist der Mann«  fragte der Anführer  »Wer ist er der uns Befehle
geben kann Uns Gefürchteten Uns schreckbar Gewaltigen«
    »Nennt euch wie ihr wollt«  sagte Rinaldo  »Ich habe euch einen Namen
entgegenzusetzen der Staaten erschüttert und die Mündungen meiner Kugelbüchsen
liegen euch Gewaltigen und Gefürchteten entgegen Ich bin Rinaldini«
    »Dieser«  antwortete jener  »ist der Mann nicht der uns schrecken kann
ist nicht der Gewaltige der mit Erfolg uns drohen darf denn er selbst ist in
unserer Gewalt«
    »Das lügst du«  schrie Rinaldo erbittert  »Rinaldini ist in keines
Menschen Gewalt«
    »Törichter Brausekopf«  sagte jener  »Dein Drohen und Pochen könnte dir
bald gelegt werden wenn man nicht Mitleid mit dir hätte aber zu seiner Zeit
sollst du schon dafür büßen Hart fallen die Geisselstreiche der Gewaltigen auf
Frage nur deshalb Lodovico«
    »Ich hoffe«  schrie Lodovico  »Hieb mit Hieb vergelten zu können«
    Der schwarze Anführer fuhr weiter fort »Jetzt Rinaldini frage ich dich
warum trittst du uns in den Weg Was willst du«
    »Genugtuung will ich haben«  antwortete Rinaldo  »für unbefugte
Misshandlungen die ihr an Lodovico und an mir selbst verübt habt Ich erkenne
eure vorgebliche Macht nicht an Auch will ich wissen welche Heimlichkeit ihr
in dem Wagen mit euch umherführt«
    »Auf alles das«  antwortete der Schwarze  »habe ich dir kein Wort zu
antworten Wir geben keinem Menschen von unsern Handlungen Rechenschaft Gib
dein Vorhaben auf und stelle dich zur Busse ein sonst wird ein schweres Gericht
über dich ergehen«
    Ohne eine Silbe hierauf zu antworten gab Rinaldo das Signal und seine
Gesellen rückten dem Zuge näher
    »Noch ein Wort von mir«  sagte er  »und ihr liegt zu Boden gestreckt
Öffnet freiwillig die Geheimnisse eures Wagens und ergebt euch oder euer Blut
bezahlt eure Hartnäckigkeit«
    »Du kannst tun was dir beliebt Aber aufmerksam auf deine eigene Gefahr
will ich dich doch machen Du bist umzingelt Auf allen Anhöhen blinken Gewehre
zu deinem Verderben Ergib dich uns auf Gnade sonst ist dein Leben verloren«
    »Hauptmann«  lispelte Jordano ihm zu  »die Anhöhen sind wirklich mit
Menschen besetzt«
    Lodovico sagte ihm in ihrer Räubersprache
    »Der Schein von Gewehren blinkt durch die Nacht«
    »Die Würfel liegen«  antwortete Rinaldo  »Gewinne wer da will Der Wurf
ist gefallen Man bemächtigt sich unserer nicht so leicht und gewiss nicht ohne
Blut Angesetzt sobald ich das Zeichen gebe Wir schlagen uns durch«
    Hierauf wendete er sich zu seinem Gegner und fragte »Zum letztenmal wollt
ihr euch gutwillig ergeben«
    »Zum letztenmal nein«  war die Antwort
    Rinaldo löste seine Pistole gegen den schwarzen Anführer zwanzig Schüsse
seiner Leute fielen auf einmal drei der Schwarzen stürzten von den Pferden Die
andern zogen ihre Pistolen schossen ein paar von Rinaldos Gesellen nieder
drückten ihren Pferden die Sporen in die Seiten und sprengten feldein rechts
davon
    Rinaldo näherte sich dem Wagen riss den Schlag auf glaubte Dianoren in
seine Arme stürzen zu sehen und fand statt Menschen in dem Wagen  einen Sarg
    Jordano Lodovico und Luzo bemächtigten sich der Pferde der Gefallenen
Jetzt hörten alle von ferne Trompetenstösse und bald darauf ertönte die
Sturmglocke im nächsten Dorfe
    »Hurtig«  schrie Rinaldo  »hurtig mit dem Wagen nach dem Gebirge rechts
zu«
    Er warf sich auf ein Pferd das ihm Lodovico zuführte und jagte dem
Bergpasse zu Ihm folgten Jordano und Luzo
    Lodovico und noch einige seiner Gesellen sprangen auf und in den Wagen Die
andern schlossen sich dicht an und der ganze Zug rückte so schnell wie
möglich dem Hauptmann nach
Kaum hatte Rinaldo den engen Pass des Gebirges erreicht als er und seine
Gesellen von den Pferden stiegen und Posto fassten entschlossen den Eingang zu
ihrer Retirade auf das äußerste zu verteidigen Aber es erschienen keine Gegner
Sie wurden nicht angegriffen
    Bald darauf kam der Wagen an und nach und nach laufend die andern
Gesellen Sie zogen sich tiefer in die Gebirge und erreichten ein kleines Tal
als eben der Morgen anbrach Hier wurde haltgemacht Maultiere und Pferde wurden
der Weide des Tals überlassen und Rinaldo musterte seine Leute Außer den
beiden bei der Gegenwehr der Schwarzen gefallenen fehlte kein Mann
    Hierauf ließ Rinaldo den Sarg aus dem Wagen heben Er war außerordentlich
schwer und fest vernagelt Man zerschlug den Deckel und fand wohleingepackt eine
Menge goldene und silberne Gefäße aller Art Sie packten aus Leuchter
Schüsseln Teller Kannen Becher und Schmuck auch lagen in zwei Kästchen
einige Ringe Uhren und sechs Rollen jede mit 1000 Dukaten gefüllt
    »Ah siehe da«  sagte Rinaldo  »Nun kennen wir doch wohl die schwarzen
Herren Sie treiben unter einem gar sonderbaren Scheine unser Handwerk selbst
Daher ihre Erbitterung Brotneid ist es der sie gegen uns aufbringt  Gut dass
sie gesammelt haben Wir wollen uns wie frohe Erben in den Nachlass alter
Wucherer teilen Seht sie haben zusammengescharrt um uns frohe Tage zu
machen«
    Hierauf schritt er ohne Aufenthalt zur Teilung Er selbst behielt nur ein
Pferd und zwei Rollen mit Dukaten ausschließlich für sich
    Da es ihm sehr wahrscheinlich war dass er aufgesucht werden würde teilte er
seine Rotte und schrieb seinen Gesellen rechts und links Wege vor welche sie
einschlagen sollten um sich nach und nach dem Platze zu nähern wo wie er
meinte Luigino stand wohin er kommen wollte
    Als nun alles angeordnet und verabredet war setzte er sich zu Pferde Eben
das taten Lodovico und Jordano als seine Begleiter Alle drei schlugen die
Heerstraße nach Nisetto zu ein
Sie hatten kaum das Tal im Rücken als ihnen ein Bewaffneter begegnete der
ihnen ohne Anstand in den Weg trat und ohne ein Wort zu sprechen Rinaldo einen
Brief überreichte Rinaldo sah ihn misstrauisch an und gab seinen Begleitern
einen Wink den diese verstanden von den Pferden sprangen und den Kerl in die
Mitte nahmen Dieser blieb ohne sich zu regen und ohne anscheinliche Furcht
auf dem Platze wo er stand Rinaldo öffnete den Brief und las
        »Tapferer Rinaldini
    Deine Standhaftigkeit und dein Mut flössten uns Bewunderung ein Du hast uns
überwunden und aus Feinden zu deinen Freunden gemacht Noch mehr wir bieten dir
hiermit feierlich die Hand zu einer Vereinigung die du nicht ausschlagen wirst
da sie dir Männer bietet die furchtbar genug sind sich allenthalben Ehrfurcht
zu verschaffen Des Joches einer tyrannischen Regierung müde sind wir
entschlossen selbst zu herrschen1 Dies wird dir genug sein Du der du
verdientest an der Spitze eines Kriegsheeres zu stehen wirst den Platz
einnehmen der dir bestimmt ist Wir fragen dich Wo willst du dich finden
lassen damit wir dir mündlich mehr sagen können Dem Überbringer dieses Briefes
kannst du ohne Bedenken deine Antwort anvertrauen Wir erwarten sie so wie wir
sie wünschen
                                                    Deine Freunde die schwarzen
                                                                                
                                                        Richter im Verborgenen«
Rinaldo riss ein Blatt Papier aus seiner Schreibtafel nahm Bleistift und
schrieb
    »Rinaldini mag euch nicht besser kennenlernen als er euch schon kennt Er
ist kein Rebell gegen den König und verachtet eure Anerbietungen Er weiß euch
zu verfolgen und mag sich nie von euch Freund nennen lassen«
    Er faltete das Billet und übergab es stillschweigend dem Boten der es
ebenso annahm und ohne ein Wort zu sprechen davonging
    Als er fort war teilte Rinaldo seinen Begleitern den Inhalt des Briefes
mit die sich höchlich darob verwunderten
    Sie waren noch über diese Sache im Gespräch begriffen als sie eine Kutsche
kommen sahen in der als sie näherkam Rinaldo zu seinem großen Erstaunen
Olimpien gewahr wurde die an der Seite eines Unbekannten saß der wie sein
starkes und wohlgekleidetes Gefolge vermuten ließ ein Mann von Ansehen und
Stande war  Sie entfärbte sich als sie Rinaldo erblickte sichtbar gab aber
kein Zeichen einer Bekanntschaft von sich und nickte als sie gegrüßt wurde
sehr vornehm ganz ohne Bezug mit dem Kopfe  Rinaldo hielt einen Diener an
der einige Schritte hinter dem Wagen herritt und fragte »Wer ist der Herr in
dem Wagen«
    »Der Stattalter von Nisetto« war die Antwort
    Lodovico sah Rinaldo an und sagte ganz lakonisch
    »Nicht wahr wir wollen diese Dame nicht kennen«
    »Natürlich«  lachte Rinaldo heraus  »sonst hätten wir uns ja anders
benommen«
    »Jetzt wird sie der Herr Stattalter kennenlernen sollen«  fuhr Lodovico
fort  »Das muss ich sagen die Signora kommt doch unter macherlei Hände Wenn
sie nur nicht auch etwa einmal die Schwarzen in die Klauen bekommen und ihr
weil sie uns kennt eine Busse auflegen wie die war die mir aufgelegt wurde
Mir haben sie den Kalender auf den Leib geprägt das kann ich wohl sagen«
    Jordano bemerkte es erhebe sich vor ihnen eine Staubwolke die von Reiterei
herzukommen scheine So war es auch Die Staubwolke kam näher und die Reiter
kamen zum Vorschein  Rinaldo ermahnte seine Begleiter ihre Waffen in
Bereitschaft zu halten und ritt gerade auf die Reiter zu
Ein DragonerKommando kam ihnen entgegen Der Offizier dankte sehr höflich als
er gegrüßt wurde und fragte ebenso
    »Darf ich Euren Namen wissen«
    Ohne Anstand zu nehmen antwortete Rinaldo
    »Ich bin ein Reisender Baron Tegnano ist mein Name Diese sind meine
Diener«
    »Ihr habt doch Pässe«  fragte der Offizier weiter
    »O ja«  antwortete Rinaldo ganz unbefangen  »Auch habe ich
Empfehlungsbriefe von dem Stattalter zu Nisetto dessen Anverwandter zu sein
ich die Ehre habe bei mir«
    »Das ist recht gut«  fuhr der Offizier fort  »denn Ihr werdet
allenthalben angehalten werden wo Ihr Militär antrefft was sehr häufig der
Fall sein wird«
    RINALDO Wie kommt denn das Besorgt man etwas von den Barbaresken
    OFFIZIER Dazu ist man hier zu weit von der Küste entfernt  Aber es streift
viel loses Gesindel umher und Rinaldini mit seiner Bande haust mitten unter
uns
    RINALDO Das habe ich auch gehört habe es aber kaum glauben können
    OFFIZIER Es ist Wahrheit  Auch existiert noch eine andere Gaunertruppe
von der man nicht einmal recht weiß ob sie mit zu Rinaldinis Bande gehört oder
nicht Ihre Mitglieder tragen schwarze Mönchskutten und haben sich sehr
furchtbar gemacht Es ist mir recht lieb Euch und Eure Leute so gut bewaffnet
zu sehen ich würde mich sonst schwächen und Euch Bedeckung mitgeben müssen
denn selbst ein Militärkommando wagt wenn es auf die Banditen trifft die ganz
verzweifelt fechten  Ihr geht doch nach Molano zu
    RINALDO Gerade nach Molano
    OFFIZIER Ich wünsche Euch glückliche Reise
    Sie schieden und ritten davon
    »Das hieß wohlfeil weggekommen«  sagte Lodovico  »Mir war immer bange
er möchte die Pässe und Empfehlungsschreiben sehen wollen«
    RINALDO Dann hätte ich meine Brieftasche herausgezogen hätte darin
geblättert gesucht und mich da ich nichts finden konnte bestürzt gestellt
»Meine Papiere sind liegengeblieben« wär meine Antwort gewesen Wir wären auf
mein Erbieten nach Nisetto zum Stattalter geritten und da Olimpia bei ihm war
meinst du denn dass diese uns würde haben stecken lassen
    LODOVICO Bravo Darauf wär ich straf mich Gott nicht so schnell gefallen
wie Ihr
    Sie trabten nun stark zu aber nicht nach Molano wie Rinaldo dem Offizier
gesagt hatte sondern sie hielten sich links an der Gebirgskette hin wo sie
gegen Mittag ein kleines Dörfchen erreichten bei welchem ein benachbartes
ServitenKloster eine Herberge für Reisende hielt Hier hielten sie an und
kehrten ein
Indes ein kleines Mittagsmahl zubereitet wurde packte Rinaldo das
Anforderungsschreiben welches er von der schwarzen Rotte erhalten hatte an den
Stattalter zu Nisetto ein überschickte es ihm durch einen Boten und legte
folgendes Schreiben dazu
        »Mein Herr Stattalter
    Beikommendes Schreiben einer Schwarzen Brüderschaft schickt Euch zur
Einsicht der Mann zu der eingeladen wurde einem Bunde beizutreten der gegen
den Herrn dieser Insel gerichtet ist Er fühlt keinen Beruf dazu mit diesen
Menschen gemeinschaftliche Sache zu machen und macht Euch aufmerksam auf eine
Pest die im Finsteren schleicht Ihr werdet Eure Maßregeln zu nehmen wissen Der
gebannte geächtete und verachtete Räuberhauptmann ist kein Rebell auch hat er
seinem Handwerk jetzt gänzlich entsagt und wird bald nicht mehr auf dieser Insel
sein Er wünscht Euch wohl und glücklich zu leben und unterzeichnet hier seinen
Namen
                                                             Rinaldo Rinaldini«
Nach der Besorgung dieses Geschäftes überließ er sich dem Anschauen der
romantischen Gegend in welcher er sich befand  Das Wirtshaus lag am Fuße
einer hohen Felsenmasse der Bergkette auf deren einer Spitze ein niedliches
Schloss stand umgeben mit hohen Mauern geschmückt mit mehreren Türmen Rinaldo
erinnerte sich des Bergschlosses der Gräfin Martagno und die Rückerinnerung
rief in seine Seele Bilder verflossener Tage zurück
    Er wandelte am Fuße der Felsen in stille Betrachtungen verloren auf und
ab und näherte sich gedankenvoll einem Gebüsch aus welchem plötzlich einige
handfeste Männer hervorsprangen ihn anpackten niederwarfen banden und ins
Gebüsch schleppten Hier gaben sie ein Zeichen Eine mit Rasen überlegte Falltür
ging auf und Rinaldo wurde einige Stufen hinab durch einen finsteren Gang
getragen Eine Treppe und zweite Falltür brachte ihn zurück über die Erde und
er befand sich als er wieder Tageslicht sah in einem ziemlich geräumlichen
Schlosshofe Hier band man ihn los
    Auf seine Frage wo er sei erhielt er zur Antwort er werde es mit der Zeit
erfahren
    Auf der Treppe kam ihm eine Gattung von Kastellan entgegen der ihm drei
Schlüssel überreichte und dabei sagte
    »Dies sind die drei Schlüssel zu den drei Zimmern welche Euch in diesem
Schloss zur Wohnung bestimmt sind«
    RINALDO Also doch Zimmer und keine Kerker
    CASTELLAN Bewahre Gott uns alle vor den Kerkern dieses Schlosses sie sind
fürchterlich  Aber wie sollten auch ein Kerker und der Herr Baron
zusammenkommen
    RINALDO Du weißt also wer ich bin
    CASTELLAN Von Euch weiß ich weiter nichts als dass man mir befohlen hat
Euch hier zu bedienen und dass Ihr ein Herr Baron seid dessen Namen ich nicht
weiß
    RINALDO Auf wessen Veranstaltung bin ich hier
    CASTELLAN Meine Instruktion lautet Du räumst dem Herrn Baron die
bezeichneten drei Zimmer ein bedienst ihn und leistest ihm Gesellschaft wenn
er es haben will wo nicht so bleibst du für dich Deine Frau wäscht und kocht
für den Herrn Baron und übrigens erwartest du weitere Befehle
    RINALDO Und den Namen des Besitzers dieses Schlosses erfahre ich nicht
    CASTELLAN Von mir nicht
    RINALDO Ich bin also doch wohl eine Art von Staatsgefangener
    CASTELLAN Das kann sein Ich weiß es nicht warum und weswegen Ihr hierher
gebracht worden seid
    Rinaldo schwieg und ließ sich seine Zimmer anweisen die sehr artig möbliert
waren Er fand Schreibzeug Papier Bücher ja sogar eine Guitarre Ein Beweis
dass die die ihn hierher hatten bringen lassen ihn und seine Bedürfnisse
kannten
    Die Aussicht aus seinen Zimmern ins Freie war romantisch schön Er trat an
ein Fenster sie zu genießen und ein Fernrohr gewährte ihm dieses Entzücken
doppelt
    Er sah hinab sah das Wirtshaus wo er noch kurz zuvor eingekehrt war und
erblickte seine Gefährten Jordano und Lodovico die sehr verlegen allenthalben
umherblickten und sich vermutlich das Verschwinden ihres Herrn nicht erklären
konnten Er rief und winkte Seine Stimme verhallte in den Felsen sein Winken
wurde nicht bemerkt Er beschrieb ein Papier und vertraute es der Luft an Es
irrte kreisend umher und blieb nahe vor dem Schloss in einem Dornstrauche
hängen
    Noch sann er nach wie er sich seinen Gesellen bemerkbar machen wollte als
er einige Reiter auf das Wirtshaus zusprengen sah  Lodovico und Jordano wurden
von den Reitern umzingelt es fielen Schüsse Säbel blitzten und bald waren die
Reiter und Rinaldos Gefährten verschwunden Links wölkte sich der Staub in die
Luft Die Gegend wurde menschenleer und öde
    Die scheidende Sonne traf Rinaldo noch nachdenkend am Fenster an und dort
sahen ihn der Mond und die nächtlichen Sterne
Drei Tage waren vergangen als den vierten Tag abends da Rinaldo eben in
tiefen Gedanken auf seinem Ruhebette saß die Tür seines Zimmers aufging und
eine verschleierte weibliche Gestalt ganz unvermutet erschien Sie blieb bei der
Tür stehen Rinaldo der sie einige Augenblicke schweigend betrachtet hatte
fragte
    »Wer ist da«
    Die Verschleierte kam näher trat dicht an Rinaldos Lager und streckte
schweigend ihre Hand aus
    ER Bekannt oder unbekannt
    SIE Rate wer ich bin
    ER Du bist Olimpia  Wie kommst du hierher zu mir
    SIE Auf eben dem Wege auf welchem du hierher kamst
    ER Du kennst also die Schlupfwinkel dieses Schlosses
    SIE Noch nicht Ich bin jetzt zum erstenmal hier
    ER Hast du von dem Stattalter abkommen können
    SIE Wie du siehst
    ER Er wird doch nicht argwöhnisch sein
    SIE Eine gute Haut
    ER Desto besser für dich
    SIE Und für dich Er ist der Unsrigen einer
    ER Das heißt doch er ist auch eine Maschine des Alten zu Fronteja
    Olimpia rückte einen Stuhl herbei und setzte sich
    Lächelnd fragte Rinaldo »Warum bin ich hier«
    SIE Zu deiner Sicherheit
    ER Wer ließ mich überfallen und hierher bringen
    SIE Dein Freund Der Alte
    ER Wem gehört dieses Schloss
    SIE Einem unsrer Freunde  Wärst du nicht hier du sässest jetzt im Kerker
Die Schwarzen sind mächtiger als du glaubst
    ER Wie Und die Schwarzen gehörten nicht auch zu den Eurigen
    SIE Ich weiß nichts davon  Wie könnten sie auch dann deine Feinde sein
    ER Wer sind sie diese imponierenden Strauchdiebe
    SIE Das was du gesagt hast Aber sie sind durch geheime Verbindungen
mächtig
    ER Sind sie mächtiger als der Alte und seine Ergebenen
    SIE Das wohl nicht aber sie sind dennoch sehr mächtig Indessen dein Brief
an den Stattalter hat ihnen einen starken Schlag versetzt Der Brief ist jetzt
in den Händen der Regierung die ohnehin schon auf diese Menschen aufmerksam
gemacht worden ist und nur noch etwas und ihr Untergang ist da  Doch das
wirst du hören Jetzt meine Botschaft die ich an dich habe  Man fragt dich
ob du entschlossen bist nach Korsika zu gehen Wir wollen deinen Entschluss von
deinem freien Willen haben  Du bist frei Der Alte überlässt dich deinem freien
Willen Auch wenn du nicht nach Korsika gehen willst kannst du dieses Schloss
verlassen sobald du willst kannst du gehen wohin es dir beliebt
    ER Ich nehme euch beim Worte
    SIE Du willst also nicht nach Korsika gehen
    ER Sobald ich den Alten von Fronteja gesprochen habe werde ich mich
bestimmter erklären
    SIE Gegen mich nicht  Gute Nacht
    Sie stand auf ging nach der Tür blieb stehen und schien etwas zu erwarten
Rinaldo wünschte ihr wohl zu ruhen  Sie ging zurück ergriff seine Hand
Schweigend zog sie Rinaldo zurück Sie blieb stehen
    SIE Ich habe dir noch etwas zu sagen
    ER Ist es etwas Unangenehmes
    SIE Noch mehr als das
    ER Nun was es auch sei darf und muss ich es wissen so sage es
    SIE Deine geliebte Rosalie ist krank
    Er seufzte und schwieg  Olimpia erwartete vergebens eine Antwort und ging
endlich wieder nach der Tür zu Hier blieb sie stehen
    SIE Hast du nichts an Rosalien zu bestellen
    ER Tausend Grüße und meine innigsten Wünsche für ihre Besserung
    SIE Aber wenn sie  Rinaldo Rosalie ist sehr krank
    ER O Gott Aber  Es ist kein beneidenswertes Los die Geliebte eines
verrufenen Räuberhauptmanns zu sein Welche Erdenglückseligkeit könnte das arme
Geschöpf auch mit gegründeter Hoffnung erwarten Die ihren Liebhaber auf dem
Rade und sich schon deswegen weil sie von ihm geliebt wurde am Pranger und
zeitlebens im Zuchthaus versorgt zu sehen
    SIE Rinaldo du vergisst die Lorbeeren die dir in Korsikas Tälern grünen
    ER Auch diese sogar sind kein Brautkranz für ein Mädchen Für mich aber
grünen sie nicht  Ein so edles Gewächs geschaffen für imperatorische
Siegerstirnen kühlt die Schläfe eines Räubers nicht Auf meinem Haupte würde
der Kranz welken und ich könnte ihn nun zur Satire für alle Helden der Nachwelt
machen
    SIE Unglücklicher Mann
    ER Jetzt nennst du mich bei meinem rechten Namen
    SIE Was wird und was könnte aus dir werden
    ER Was ich schon bin Ein Unglücklicher
    SIE Dein Unmut ist groß Wie willst du enden
    ER Wie es mir gebührt
    SIE Wehe dir dass du so sprechen kannst  Ermanne dich und bleib was du
immer warst ein großer Mann
    ER Beschimpfe die großen Männer nicht mit meiner Parallele  Ich weiß nur
allzugut was ich bin
    Olimpia schwieg und zog den Schleier über ihr Gesicht Rinaldo schlug sich
vor die Stirn und seufzte tief auf
    SIE Rinaldo Rinaldo
    ER Rosalie ist sehr krank
    SIE Ich kann dich nicht täuschen Sie ist tot
    ER Tot  Ach  Fahre wohl liebe gute Seele Wohl dir dass du geendet
hast  Olimpia Nicht wahr ihr ist sehr wohl  Auch mir muss es so wohl
werden wie es ihr ist Nur bald nur bald Er wendete sich gegen die Wand und
weinte Olimpia verließ das Zimmer
Aus einem schweren Traume entriss ihn ein Geräusch Er erwachte und sah das eine
seiner Zimmer erleuchtet Er rieb sich die Augen und sah An einem mit sieben
brennenden Wachskerzen besetzten Tische saßen hinter Bechern und Flaschen
Cintio Nero Lodovico Jordano Luigino Olimpia und Eugenia jedes hinter
einer Kerze Schweigend und wie in eine optische Maschine blickte Rinaldo in
die Gesellschaft die seines erwachten Daseins unbekümmert sich ihrer
Unterhaltung fortgesetzt überließ Er schwieg und hörte
    LODOVICO Sie hatten uns schon Handschellen angelegt und führten fatale
Reden zB von der Folter vom Köpfen Hängen und dergleichen Ausdrücke die
einem braven Kerl gar nicht behagen können Das machte uns wirklich ein wenig
bange und wir sahen schon unserm gewissen Lebensende auf der Folterbank
zerdehnt und zerzerrt entgegen als unvermutet Hilfe und Rettung kam
    JORDANO Das hieß in der Tat Hilfe in der Not Wir werden sie unserm
ehrlichen Alten zu Fronteja nie vergessen  Lasst uns anstossen und seine
Gesundheit trinken Er soll leben
    ALLE Er soll leben
    LODOVICO Unsern braven Rinaldini hat er auch schon verschiedenemal den
ungewaschenen Händen der misslaunischen Justiz entzogen Der wär vielleicht
schon längst eine Speise der Raben geworden hätte der gute Alte sich nicht
immer so freundschaftlich ins Spiel gemischt
    OLIMPIA Das ist gewiss wahr Rinaldini hat ihm sein Leben auf vielfache Art
zu verdanken
    CINTHIO Das wird er auch tun Mein Freund Rinaldo ist dankbar  Mir ist es
ein sehr großes Vergnügen den guten Alten und seine wackeren Freunde
kennengelernt zu haben Da säss ich wenn es recht köstlich gewesen wär als
Förster in einem Dorfneste und müsste Dachse und wilde Katzen verfolgen um nicht
zu verhungern Nun aber solls den übermütigen Korsen Feinden gelten
    LUIGINO Es soll ihnen gelten  Es leben die wackeren Korsen die unsrer
Ankunft die ihrer Retter harren
    ALLE Es leben die wackeren Korsen
    LODOVICO Wie stark sind wir nun aber eigentlich
    LUIGINO Es schiffen sich über vierhundert Mann ein und finden in Korsika
über dreitausend Freunde ohne die die sich zu uns schlagen werden sobald wir
den ersten Streich ausgeführt und uns eines haltbaren Platzes bemächtigt haben
werden Das Fort Ajalo wird zuerst genommen 
    LODOVICO Wetter es wird einen schönen Lärm geben wenn es heißt Das
unüberwindliche Korps des großen Rinaldini ist da Die Kerls sind wahre Teufel
gegen ihre Feinde und die grossmütigsten Menschen von der Welt gegen ihre
Freunde Sie vergießen ihr Blut für die Freiheit der unterdrückten und
misshandelten braven Korsen Freunde das bringt uns Ehre und Ruhm Schon sehe
ich unsere Namen an dem Obelisk glänzen der uns und unsern Siegen errichtet
werden wird und die Mitwelt und Nachwelt wird sagen Seht das taten Menschen
die man Räuber Männer die man Banditen nannte Da stehen ihre Namen mit
goldenen Buchstaben und obenan glänzt der Name Rinaldini Das gibt hohe Ehre
    NERO Geht denn unser Alter auch mit uns
    LUIGINO Das versteht sich Auch er ist ein Korse der das Wohl seines
Vaterlandes im Herzen trägt
    OLIMPIA Wir gehen alle mit  Viele unserer Schwestern werden fechten an der
Seite der tapfern Streiter mit Mannskraft und von Vaterlandsliebe beseelt
Andere winden Kränze für die Sieger und ihre Küsse belohnen die Tapfern
    Jetzt trat ein schöner Mann von edler Bildung und schlankem Wuchse in das
Zimmer Luigino nannte ihn Astolfo und Olimpia gab ihm den Namen Bruder Er
setzte sich zu ihr  Man zündete eine Wachskerze an und setzte sie vor ihn auf
den Tisch Sein Becher wurde gefüllt Es wurde gesprochen
    CINTHIO Nun Wie steht es Ist das Schloss bald voll
    ASTOLFO O dass es doch bis unter das Dach vollsteckte Es wär ein
gesegneter Aufenthalt wackerer Männer  Unserer neunzig sind nun hier
    LODOVICO Dass wir alle doch schon in Korsika wären Dem Klingenschmied oder
Büchsenmacher dessen Klinge oder Rohr den ersten Feind in den Sand streckt
will ich zehn Messen lesen lassen und seiner ganzen Familie soll wenn er fällt
eine ex profundis bei weißen Wachskerzen gesungen werden auf meine Kosten
    ASTOLFO Spätestens bis morgen früh muss Amalato mit dreißig Mann hier auch
eintreffen Malatesto schwenkt sich noch mit seinen Leuten im Tolonischen
Gebirge herum Er macht nun einmal so gern Jagd auf die Schwarzen
    LODOVICO Das vergelte ihm Gott Wenn er doch die ganze verfluchte Rotte mit
Stumpf und Stiel ausrotten könnte
    OLIMPIA Die Schwarzen nimmst du wohl oft in dein Gebet
    LODOVICO O ja so wie der Nachtwächter den Teufel Die verdammten Popanze
Sie haben mir die Erinnerung an ihre Existenz so fest eingegraben dass ich bei
jedem Stoß einer Windfahne die Rückerinnerung an ihre Bekanntschaft in allen
Gliedern und Nerven fühle
    JORDANO Jeder Neumond muss sie dir unvergesslich machen
    LODOVICO Jeder veränderte Windstoß sage ich Sie haben mir ein Kalendarium
perpetuum dergestalt aufs Leder geprägt dass ich die Buchstaben und Charaktere
in jeder Ader fühle wenn die Hähne musizieren Aber dem ersten dieser
Kalendermacher den ich unter die Fäuste bekomme will ich auch ein solches
Honorarium reichen dass er es als Zehrpfennig bis ins Fegefeuer mitnehmen soll
    Noch hörte Rinaldo dem Gespräch bei welchem die Becher fleißig geleert
wurden schweigend zu als die Tür aufging und der Alte von Fronteja ins Zimmer
trat Alle erhoben sich von ihren Sitzen und grüßten ihn ehrerbietig Er winkte
ihnen freundlich zu sie setzten sich Er nahm in dem Zirkel Platz Zwei
brennende Wachskerzen wurden vor ihn gesetzt und sein Becher wurde gefüllt Er
sprach
    DER ALTE So rein wie das Wachs und die Flamme dieser Kerzen ist die Absicht
aller derer die hier versammelt sind entschlossen den Boden eines Landes zu
betreten welches mit dem Blute seiner Tyrannen gedüngt uns eine reiche Ernte
des Ruhms schenken möge Wir säen und ernten für die Unterdrückten Wir sind die
wahren Ackerleute des Ruhms und der Gerechtigkeit Wir kommen die Ketten einer
unterdrückten tapfern Nation zu zerbrechen
    LUIGINO Ja wir kommen
    DER ALTE Der Tag der Rache der Tag der Rettung bricht an Eine neue Sonne
geht über Korsika auf  Geist des edlen unglücklichen Teodors2 erscheine den
Freunden des Landes das du liebtest und retten wolltest
    Er sprachs fuhr langsam im Kreuzschlag mit der Hand über den Becher und
schnell entbrauste der Wein in demselben wie gährender Most Die Blasen stiegen
hoch auf entschwebten dem Rande des Bechers türmten sich pyramidisch wurden
zum schäumenden Dunstkreis zerplatzten in der Luft und bildeten eine
aufsteigende Nebelgestalt in verwischter Menschenform Die Lichter verlöschten
die Gestalt schwebte wie ein geformter Nebel hell und durchsichtig über die
Tafel in die Höhe und verschwand Die Lichter entzündeten sich wieder Die
Gesellschaft saß sprachlos in feierlicher Stille da und der Alte leerte seinen
Becher auf König Theodors Wohl
    Noch saßen alle in erwartungsvoller Stille sprachlos als der Alte sich
gegen Rinaldo wendete und fragte
    »Hast du keine Rede für deine Freunde«
    RINALDO Wohl bekomme euch alles
    DER ALTE Ist das der ganze Anteil den du an unserm Vorhaben nimmst
    RINALDO Ich kann nicht mehr tun als euer Wohl zu wünschen
    DER ALTE Hat dich der große ruhmvolle Gedanke der edle Wunsch ein Retter
der Korsen zu sein verlassen
    RINALDO Ihre Sache liegt in guten Händen
    DER ALTE Entsagst du dem Ruhme diese gerechte Sache zu verteidigen
    RINALDO Ich entsage jedem Gedanken nach einem Ruhme der mir nicht gebührt
Für einen Räuberhauptmann wachsen keine Palmen des Ruhms grünen keine Lorbeern
der Unsterblichkeit
    DER ALTE Kleinmütiger du bist nicht mehr der kühne unerschrockene
Rinaldini Dein Geist ist von dir gewichen Du bist kaum noch der Schatten
deiner vorigen Wirklichkeit  O Freund was würde hörte er dich jetzt reden
dein ehemaliger Lehrer der wackere Onorio sagen Er der so oft mit dir in den
Zeiten der Helden der Vorzeit umherschwärmte was würde er sprechen  Wie
jammert uns dieser dein Zustand Was können wir für dich tun
    RINALDO Seid ihr wirklich meine Freunde so vergesst dass man mich Rinaldini
nannte Verbindet mit diesem Namen keine Erwartung an kühne Taten und lasst mich
unbekannt und ungenannt in Ruhe sterben
    CINTHIO Rinaldo Freund 
    RINALDO Ich beklage dich den man seiner ruhigen Einsamkeit entrissen hat
Du warst zu glücklich für einen Räuber darum konnte es nicht so bleiben
    DER ALTE Ich beklage dich
    RINALDO Verschaft mir ihr Allesvermögenden sichere Abfahrt aus dieser
Insel auf irgendein kleines unbedeutendes Eiland wo Platz für mich und Gras
für meine Ziegen ist Dort will ich in stiller Ruhe unter Hirten und Fischern
mein Leben endigen ungekannt und ungenannt
    DER ALTE Wie wird das möglich sein können Du bist zu allbekannt
    RINALDO Doch nicht in jedem Weltteile  Ich schenke euch meine vergrabenen
Schätze ich nenne euch die Plätze wo sie liegen sie werden euch bei eurem
Vorhaben nicht unwillkommen sein Mich führe unbemerkt ein Schiff über die
rollenden Fluten an den Küsten des Landes vorbei dessen Fesseln ihr zerbrechen
werdet
    DER ALTE Freund du bist krank Wir können dich nicht eher aus den Augen
lassen bis du genesen bist
    Rinaldo seufzte und verhüllte sein Gesicht Die Gesellschaft blieb
schweigend und stumm
    Der Alte gab Astolfo einen Wink Dieser verließ das Zimmer  Die Stille
wurde durch keinen Laut unterbrochen
    Auf einmal ertönten Trommeln im Schloss und Trompeten durchschmetterten die
Säle Man sprang auf
    »Wir sind überfallen«
ertönte es von allen Seiten ins Zimmer  Rinaldo sprang vom Lager auf ergriff
seinen Säbel und eilte nach der Tür Hier umfing ihn der Alte und rief entzückt
aus
    »Ja du bist noch der Unerschrockene der Tapfere wie sonst Trompetentöne
und Trommelwirbel haben dich dem Schlummer entrissen und der Mann stand vor
uns Diese Töne werden dich nach Korsika begleiten Der Donner unsres Geschützes
wird unsern Feinden entgegenbrüllen Der Rächer kommt«
    Rinaldo sah den Alten betroffen an und der Säbel entsank seiner Hand
    »Ha«  schrie er  »Ihr kennt das Spiel das ihr mit mir spielt und ich
kenne mich selbst nicht«
    Der Alte sah ihn bedeutend an und sagte
    »Wir haben nur geweckt was entschlummert war Jetzt wissen wir dass du noch
Rinaldini der Tapfere bist Trompeten und Trommeln mögen schweigen Dein Geist
spricht kräftiger und lauter als dein Mund Was du auch sagen magst wenn Missmut
und üble Laune dich quälen wir glauben dir nicht Wir kennen die Töne die dich
deinen Freunden geben wie du bist Was die Stimme der Freundschaft nicht
vermochte das vermochten die Töne der Trompeten Dies ist der Ruf der Ehre Wir
wissen nun dass du der Held bist den wir suchen und gefunden haben«
    RINALDO Ihr irrt Euch Den Tod wollte ich suchen im Gefecht 
    DER ALTE Den sucht keiner der unter Hirten und Fischern bei weidenden
Ziegen leben will Er sucht der Gefahr nur zu entfliehen aber der Tapfere
bietet ihr die Stirn
    RINALDO Verzweiflung ist nicht Tapferkeit Sie macht den Mutlosesten zum
Löwen
    DER ALTE Genug Rinaldo Wir kennen dich
    Auf einen Wink des Alten entfernten sich die Anwesenden nach und nach und
ohne Geräusch Auch der Alte verließ endlich das Zimmer und sagte
    »Wir überlassen dich der Ruhe«
    Rinaldo warf sich wieder auf sein Lager Die Rückerinnerung der ganzen Szene
seit seinem Erwachen gaukelte wie ein Traum vor seinen Sinnen vorüber
Den folgenden Tag verließ Rinaldo das Zimmer nicht und blieb ungestört und
allein Tages darauf verlangte er Cintio zu sprechen und erhielt die Antwort
dieser sei nicht mehr im Schloss Hierauf begehrte er eine Unterredung mit dem
Alten von Fronteja und auch dieser war nicht mehr hier Bald darauf erschien
Astolfo Diesem eröffnete Rinaldo sein Verlangen das Schloss zu verlassen
    »Das steht in deiner Willkür«  sagte Astolfo  »wiewohl ich es dir nicht
raten möchte du müsstest denn mit den Unsrigen ziehen wollen Die schwarze Rotte
lauert allenthalben auf dich und ohne Begleitung bist du immer in Gefahr dich
ihrer grenzenlosen Rache ausgesetzt zu sehen  Die Unsrigen ziehen sich nach
und nach an die Küste wo sie eingeschifft werden und nach Korsika absegeln
können Denn viel Zeit mögen wir nun nicht mehr verlieren um sobald wie möglich
den Ort unserer Bestimmung zu erreichen«
    Rinaldo schien nachdenkend zu werden fasste sich aber bald wieder und
fragte
    »Hast du zu Fronteja ein Mädchen gesehen das man Rosalie nannte«
    ASTOLFO Ich sah sie krank und im Tode
    RINALDO Sie starb also wirklich
    ASTOLFO So gewiss als wir beide noch leben
    RINALDO Nicht gewaltsam
    ASTOLFO Was willst du damit sagen Hast du Argwohn so ist er ungegründet
Der Alte liebte sie wie seine Tochter
    RINALDO Und doch hat er ihres Todes gegen mich mit keinem Worte gedacht
    ASTOLFO Das ist so seine Art Von Verstorbenen spricht er nicht gern
    RINALDO Rosalie war mir sehr wert Ich liebte sie
    ASTOLFO Das hat man gesagt   Auch ich verlasse morgen dieses Schloss
Willst du mit mir gehen so hast du Bedeckung Wir ziehen uns wie gesagt alle
nach und nach der Küste zu
    RINALDO Du bist Olimpiens wirklicher Bruder Ein Korse
    ASTOLFO Beides bin ich
    RINALDO Ist auch Luigino schon fort von hier
    ASTOLFO Auch er
    Hier entstand eine Pause Astolfo näherte sich langsam der Tür Rinaldo
wendete sich auf einmal rasch zu ihm und sagte
    »Ich verlasse morgen mit dir dieses Schloss«
    Astolfo freute sich dieses Entschlusses Ganz vergnügt verließ er das
Zimmer
Den folgenden Morgen bestieg Rinaldo ein Pferd und verließ in Astolfos
Begleitung das Schloss  Sie begegneten hier und da verschiedenen ihrer Leute
die sich zerstreut und in kleinen Trupps doch nicht allzu entfernt voneinander
über die Gebirge hinzogen  Die Unterhaltung auf dem Wege war sehr einsilbig
    In kurzen Tagesreisen erreichten sie Sutera wo sie einige Tage still lagen
und dann ihren Weg gerade auf Syracus zu nahmen Sie ließ die Stadt links
liegen blieben ein paar Tage auf einer Villa die wie es schien einem
Bekannten der Gesellschaft gehörte und reisten dann auf die Flächen von Marsala
zu
    Hier quartierten sie sich wieder in eine Villa ein und von hier aus machte
Astolfo eine Tagesreise allein  Als er zurückkam sagte er
    »Auf dieser Villa kannst du sicher und ruhig leben bis wir dich zum
Einschiffen abrufen Wird dir die Zeit lang so gehe zuweilen in die Gebirge von
Sambuca dort ist das Hauptlager unserer Leute  Ich reise jetzt zu dem Alten
und hoffe dich bald wiederzusehen«
    Astolfo reiste ab In der Villa fand Rinaldo alles zu seiner Bequemlichkeit
eingerichtet Ein Gärtner und seine Tochter waren seine Hausgenossen und
bedienten ihn Etliche Diener von der Gesellschaft gingen ab und zu
    Die Tochter des Gärtners Serena ein gutes Naturmädchen war seine
Gesellschafterin und die Gefährtin auf seinen einsamen Spaziergängen In ihr sah
er eine zweite Rosalie und gewöhnte sich nach und nach so sehr an ihre
Gesellschaft dass er sich nicht mehr von ihr trennen konnte Sie unterhielt ihn
mit kleinen Erzählungen von Geistern Nixen und Rittern und sang ihre und seine
Romanzen die er für sie dichtete ihm vor
    In diesem einfachen Unterhaltungskreise verfloss ihm ein Tag nach dem andern
so unbemerkt dass er schon drei Wochen auf der Villa war als er kaum glaubte
dahin gekommen zu sein
    Einst saß er mit Serenen in einer Gartenlaube und machte gegen sie die
Bemerkung dass er glaube seit ein paar Tagen sie nicht so heiter wie gewöhnlich
zu sehen
    SIE Das kann sein Ich bin wirklich auch nicht mehr so heiter wie sonst
Daran ist mein Vater schuld  Der sagte mir neulich Ihr könntet nun nicht
lange mehr hierbleiben Ihr würdet fortreisen und nicht wieder zu uns kommen
    ER Und das könnte dich missmutig machen
    SIE Warum sollte es nicht Ich habe mich nun an Euch gewöhnt Man sollte
sich in der Welt gar nicht kennenlernen wenn man sich wieder trennen muss Nach
meinem Sinn müsste alles hübsch beisammenbleiben was sich einmal kennt und sich
gut ist
    ER Du bist mir also gut
    SIE Ich dächte das hättet Ihr längst schon gemerkt
    ER Aber ob ich dir gut bin
    SIE Ich glaube es weil Ihr mich immer um Euch haben mögt Wenn man einem
Menschen nicht gut ist wird einem das zur Last Aber bei Euch ist das nicht der
Fall denn wenn ich nur einmal ein paar Stunden nicht bei Euch bin gleich ruft
Ihr Serena wo bist du denn  Und ich höre Euch mich gern rufen Ich habe es
schon einigemal darauf angelegt von Euch gerufen zu werden Das habt Ihr nicht
bemerkt aber es ist wahrhaftig wahr
    ER Was kann es dir aber helfen wenn ich dir auch wirklich gut bin
    SIE Ei das hilft mir gar viel Es macht mich fröhlich und froh munter und
leicht
    ER Da ich aber nicht hierbleiben kann 
    SIE Das ist freilich schlimm  Wo geht Ihr denn hin
    ER Fort aus dieser Insel in ein anderes Land
    SIE Ists dort auch so schön wie hier  Ist dort auch eine Serena die Euch
gut ist
    ER Vielleicht finde ich eine
    SIE Wenn Ihr sie erst suchen müsst warum bleibt Ihr nicht lieber hier wo
Ihr sie schon gefunden habt
    ER Ich habe Verhältnisse Geschäfte 
    SIE Das ist mir gar nicht lieb  Wenn Ihr fortgeht werde ich sehr traurig
sein
    ER Du wirst auch wieder heiter werden Das gibt sich alles
    SIE Nein das gibt sich nicht Es ist besser es bleibt so wie es ist
    ER Es lässt sich nicht tun
    SIE Das ist sehr ärgerlich  Ihr kommt also auch nicht wieder
    ER Schwerlich
    SIE Wenns auch ein Jahr währt ich wills überstehen Kommt nur wieder
    ER Gutes Mädchen du weißt nicht 
    SIE Ich weiß freilich nicht viel aber ich kann vielleicht noch manches
lernen besonders wenn Ihr mein Lehrer sein wollt Ach was lernte ich nicht
gern von Euch
    ER Lerne mich vergessen wenn ich fort bin
    SIE Das wird schwerlich gehen  Nein s geht nicht das weiß ich schon
Ihr kennt ja das Lied von dem schönen Fischermädchen und dem verliebten Grafen
Ich habe es Euch schon oft vorgesungen darin heißt es
Was ich liebe zu vergessen
Nein ach nein das kann ich nicht
Alles könnt ich wohl versprechen
Aber nur Vergessen nicht
Was man liebt zu vergessen
Nein ach nein das kann man nicht
    ER Liebst du mich denn
    SIE Ei jawohl
    ER Das ist nicht gut
    SIE Wie sollte es besser sein Und wer kann es mir wehren wenn ich Euch
liebe
    ER Was kannst du von deiner Liebe hoffen
    SIE Von Euch widergeliebt zu werden Wisst Ihr nicht wie es in dem Liede von
dem gefangenen Ritter heißt
Hoffnung ist der liebe Schwester
Und verlässt im Tod sie nicht
Schlingt die schönen Banden fester
Die die Freude um uns flicht
Hoffnung gibt der Liebe Leben
Mut und Kraft wenn Leiden drohn
Ach was kann sie bessres geben
Gab sie nicht das Beste schon
Ein Bote suchte Rinaldo auf und gab ihm einen Brief Er war von Cintio Dieser
machte ihm freundschaftliche Vorwürfe dass er noch nicht ein einzigesmal in das
Lager zu seinen Freunden in die Gebirge gekommen sei Er bat ihn dies recht
bald zu tun
    Rinaldo schrieb eine Antwort in welcher er versprach was man forderte und
ging als er den Boten abgefertigt hatte ans Ufer des Meeres wo er einige
Fischer in einer Bucht beschäftigt fand eine Barke mit Lebensmitteln zu
beladen  Er nahte sich ihnen grüßte sie wurde widergegrüsst und spann ein
Gespräch an
    RINALDO Wohin führt ihr diese Lebensmittel in der Barke
    FISCHER Nach Pantaleria
    RINALDO Nach Pantaleria
    FISCHER Kennt Ihr das Inselchen3 Pantaleria nicht
    RINALDO Wie sollte ich es kennen  Liegt es weit von hier
    FISCHER Sechzig Meilen Ein Katzensprung
    RINALDO Ist das Inselchen stark bevölkert
    FISCHER Ach lieber Himmel zählt mir außer den Bewohnern der kleinen Stadt
und des Kastells noch dreihundert Menschen dort so gewinne ich eine Wette Es
liegen ein paar Dörfchen auf der Insel und einige lustige Landhäuser Alles ist
rundherum von den Felsen des Ufers umschlossen Aber im Innern ist es ein
hübsches feines lustiges Inselchen In der Mitte ist ein vortreffliches
fruchtbares Tal und die Bergrücken sind alle gar sorgfältig bebaut Die Insel
hat Äcker Wein Öl Pomeranzen und eine kleine Schafzucht Was die Leute dort
nicht haben führen wir ihnen zu
    RINALDO Die Bewohner der Insel sind wohl arm
    FISCHER Reich sind sie freilich nicht aber sie sind gut arbeitsam und
menschenfreundlich Woran es ihnen am meisten fehlt das ist an Gelde Ein
Goldstück ist unter ihnen eine rare Sache und eine wahre Seltenheit Sie graben
aber zuweilen seltene Münzen aus auch wohl Antiken und dergleichen diese
machen sie in Sizilien zu Gelde Sie brauchen wenig und behelfen sich lange mit
ein paar Silberstückchen
    RINALDO Die guten Leute leben also dort wohl in wahrer patriarchalischer
Einfalt
    FISCHER Ja einfältig genug leben sie Sie haben außer drei Kirchen in der
Stadt auf dem ganzen Inselchen übrigens nur noch eine einzige Kirche
    RINALDO Sie sind aber deshalb doch wohl fromme Leute
    FISCHER O ja Sie haben außer einem KlarisserNonnenkloster in der Stadt
auch ein kleines Klösterchen im Lande das bewohnen etwa vier bis sechs
FranziskanerHerren mehrere können sie nicht ernähren Diese terminieren aber
auch in unserer Insel und schleppen was sie bekommen hinüber auf ihr
Inselchen
    RINALDO Ich hätte Lust das Inselchen zu besehen
    FISCHER Das kann leicht geschehen Der Herr darf ja nur mit uns
hinüberfahren Wir wollens schon billig machen  Morgen ein paar Stunden nach
Sonnenaufgang fahren wir ab
    RINALDO Ich fahre mit
    FISCHER Der Herr muss sich aber zeitig einstellen Warten können wir nicht
    RINALDO Sorgt nicht Ich werde frühzeitig genug hier sein Hier habt ihr
etwas auf Abschlag und morgen sehen wir uns wieder
    Er ging mit dem festen Vorsatz in seine Wohnung zurück nach Pantaleria mit
überzuschiffen und von dort nie wieder nach Sizilien zurückzukehren
    »Vielleicht«  sprach er bei sich selbst  »gelingt es mir endlich doch
noch unter guten unverdorbenen reinen Naturmenschen eine stille friedliche
Stätte zu finden und mir selbst ruhig und reuig für den Himmel zu leben«
 
                                    Fußnoten
1 Lionardo Monte Bello 1 T S 220
2 Der bekannte König der Korsen Baron Neuhof ein Deutscher  Seine Geschichte
hat der Verfasser dieses Buchs der deutschen Lesewelt mitgeteilt unter dem
Titel Theodor König der Korsen Rudolstadt 1801 3 Teile mK
3 Isoleta nämlich im Vergleich mit der großen Insel Sizilien Pantaleria hat
nur 7 bis 8 Meilen im Umkreis
 
                                 Dritter Teil
 Numquam simpliciter fortuna indulget
                                                                      Q CURTIUS
 
                                  Neuntes Buch
 Lächelt dir die Ruh in Friedensauen
 Lächelt dir der Hoffnung Zauberblick
 Fürchte Stille Ruh und Selbstvertrauen
 Dolche für erträumtes Erdenglück
Der Morgen brach an der Vorbote eines schönen heitern Tages
    »Lass guter Himmel«  flehte Rinaldo  »mich finden was ich suche Stoß
den Reuigen nicht von dir und gib mir eine stille ruhige Wohnung unter guten
Menschen«
    Schnell verließ er sein Lager nahm Wäsche mit steckte alles Geld was er
hatte und seine Kleinodien zu sich bewaffnete sich mit Säbel Rohr und
Pistolen schlich an Serenens Kammer vorbei lispelte ihr ein Lebewohl und eilte
aus der Villa in die Bucht wo die Fischer seiner warteten
    »Nun das heißt doch Wort gehalten«  schrien sie ihm entgegen grüßten ihn
und schüttelten ihm traulich die Hände
    »Sind wir nun alle beisammen«  fragte der eine und als mit Ja geantwortet
wurde nahm er seinen Hut ab und faltete die Hände Die andern folgten seinem
Beispiel
    Rinaldos Augen entstürzten Tränen auch er faltete seine Hände und
stammelte
    »Herr Erbarme dich des Räubers der zu dir fleht um eine glückliche Fahrt
nach dem Orte der Ruhe wohin seine Seele sich sehnt Lass es diesen guten Leuten
nicht entgelten dass sie ihre Barke unwissend mit einem Verbrecher beladen der
dir nirgends entfliehen kann Willst du mich bestrafen so strafe nicht mit mir
die Unschuldigen Bringe sie glücklich in den Hafen und lass sie die Früchte
ihres Fleißes ernten Auch wende dein Angesicht nicht von dem friedlichen
Eilande wohin ich schiffe strafe die Felder die mein Fuß betritt nicht mit
Misswachs wirf deine Blitze nicht auf schuldlose Hütten nimm meine Busse an und
lass unter guten Menschen mich ein guter Mensch werden«
    Die stille Andacht war geendigt die Barke ward bestiegen die Fischer
ergriffen die Ruder schlugen harmonisch im Takte eines Morgenliedes die Wellen
und das Schifflein durchschnitt im offenen Meere lustig die Wellen
    Rinaldo stand und schaute nach Siziliens Küste zurück die nach und nach
seinen Blicken immer ferner wurde Die Berge erschienen als Hügel Häuser und
Türme wurden zu Punkten alles schwand endlich im grauen Nebel dahin und nur
die glänzende Sonne blieb die treue Gefährtin der schwankenden Barke
    Die Fischer waren munter und froh scherzten und lachten sprachen viel und
sangen noch viel mehr Rinaldo hörte mit Wohlgefallen ihre Gesänge und bat sie
das eine ihrer Lieder welches ihm am besten gefiel zu wiederholen Sie taten
das gleich Er schrieb es sich auf und sang es hernach mit ihnen Hier ist es1
                                    Romanze
Früh am Sanct Johannistage
Stand ich auf und ging ans Meer
Dort sah ich ein Mädchen wandeln
An dem Ufer hin und her
Auszubreiten ihre Wäsche
Ging sie her und ging sie hin
Sie zu bleichen und zu trocknen
Legte sie die Wäsche hin
Unter einem Rosenbusche
Pflegte sie der süßen Ruh
Strählte sich die goldnen Haare
Strählte sie und sang dazu
»Wo soll ich den Lieben suchen
Auf der blauen Flutenbahn
Schiffer dass dich Gott bewahre
Trafst du wohl mein Liebchen an
Sahst du meinen Herzgeliebten
Sahst du ihn so sag es mir
Seiner harrt sein treues Liebchen
Ganz allein am Strande hier«
Eine Windstille nötigte die Fischer die Ruder nicht aus der Hand zu lassen
Selbst Rinaldo legte mit Hand an Das gefiel den Fischern und sie machten in
ihrer Art ihm viele Komplimente darüber  Gegen Abend erblickten sie die
Lichter im Kastell der Stadt und ein frischer Wind trieb sie dort vorbei an
die östliche Küste der Insel wo sie in eine Bucht einliefen und Ankergrund
fanden
    Mit Tagesanbruch stiegen sie ans Land Bald waren sie von Einwohnern
umringt die aus ihren zerstreut liegenden Wohnungen und aus dem einen Dorfe
herbeikamen die Herrlichkeiten zu besehen die ihnen im Kauf überlassen werden
sollten Da ging es rasch an ein lebhaftes Handeln und Einkaufen und als die
Fischer ein Gezelt aufgeschlagen hatten wurde die Gegend noch belebter Männer
Weiber Mädchen und Kinder strömten herbei und sogar etliche Musikanten kamen
Da gab es im Freien Tanz und Gesang Rund umher war Lust und Vergnügen
    Rinaldo entzog sich der lärmenden Freude und nahte sich einem entfernten
Olivenwäldchen Einige hundert Schritte davon lag rechts ein kleines artiges
Landhaus auf dieses ging er zu
    Er traf dort eine geschäftige muntere Frau bei ländlicher Arbeit an Diese
bat er um einen Trunk Milch und erhielt was er forderte Er wollte bezahlen
Sie aber wollte kein Geld nehmen Rinaldo drang es ihr auf Es war mehr als sie
hätte fordern können Sie setzte ihm Feigen Weintrauben und Reiskuchen vor
dabei kam es zur Unterhaltung und die gute Frau wurde sehr gesprächig Rinaldo
fragte nach ihrem Manne
    »Ach heilige Jungfrau«  antwortete sie  »der liegt nun schon seit zwei
Jahren unter der Erde und hat mir die Wirtschaft allein überlassen Ich habe
drei Kinder zwei Buben von sieben und fünf Jahren und ein Mädchen das neun
Jahr alt ist Die Nachbarn stehen mir bei meinem kleinen Feldbau bei Ich bin
frisch und gesund und will so lange arbeiten bis die Kinder größer werden wenn
mir Gott Kräfte und Gesundheit schenkt Hernach mögen die Kinder für mich
arbeiten«
    Rinaldo machte sie immer zutraulicher und als er sich endlich ihres Anteils
an seiner Person und ihres Wohlwollens ganz versichert hielt kam er der
Erklärung seines Endzweckes und der Entdeckung seines Wunsches und Verlangens
näher
    ER Es gefällt mir hier sehr wohl
    SIE Ei Es ist auch recht hübsch bei uns Wir leben zwar nicht im Überfluss
aber was wir brauchen hat uns der Himmel geschenkt So lange ich lebe weiß ich
nur in einem einzigen Jahre Misswachs bei uns Da versorgte uns Sizilien Wir
fühlten es hart das Unglück das uns traf Aber das sind nun schon acht Jahre
her und jetzt ist alles wieder verschmerzt
    ER Ich habe einen Einfall Wie wärs wenn ich mich ein paar Monate hier bei
euch aufhielt
    SIE Das muss der Herr am besten wissen ob es ihm zuträglich ist ob es sein
kann oder nicht
    ER Die Luft ist hier rein und gut der Himmel ist heiter warum sollte es
mir nicht zuträglich sein mich hier aufzuhalten Und sein kann es auch denn
ich bin frei und ungebunden und kann leben wo ich will
    SIE Nun Der Herr kanns versuchen und gefällt es ihm in die Länge nicht
so kann er ja gar leicht wieder nach Sizilien zurückkehren
    ER So sei es  Wo werde ich aber meine Wohnung aufschlagen Darf ich bei
euch wohnen
    SIE Warum nicht
    ER Das ist mein Wunsch
    SIE Es sind zwei leere Stübchen in meinem Hause die ich nicht brauche Da
kann der Herr wohnen Aber das sage ich ihm voraus gut aufführen muss er sich
sonst rufe ich die Nachbarn herbei und er kommt übel weg
    ER Gute Frau Du sollst keine Klage über mich haben Ich werde still und
einsam leben und will dir in mancherlei Arbeiten beistehen
    Frau Marta so hieß die Bäuerin führte ihren Mietmann ins Haus zeigte ihm
die Stübchen die ihm gefielen und der Mietkontrakt wurde gleich abgeschlossen
Rinaldo zahlte ihr zwei Monate Mietgeld voraus wofür sie sich bei den
Sizilianischen Fischern gleich Korn und Fleisch einkaufte
    Rinaldo machte den Fischern seinen Entschluss bekannt und diese fanden ihn
drollig genug
    »Nun«  sagte der eine  »in etlichen Wochen kommen wir wieder und wollen
hören wie es dem Herrn auf dem Inselchen gefällt Gefällts ihm nicht so kann
er wieder mit uns abfahren Denn Sizilien bleibt doch immer Sizilien und gegen
dieses Inselchen ist es noch mehr als ein Paradies«
    Rinaldo berichtigte seine Fracht reichlich und kaufte Wein und mancherlei
Lebensmittel ein die er in seine Wohnung bringen ließ von der er sogleich
Besitz nahm Und als den folgenden Tag seine Gefährten mit leichter Barke
davonsegelten machte er Anstalt sich zu metamorphosieren Er schnitt seine
langen Haare rundherum so ab wie sie die Landleute auf Pantaleria trugen und
warf sich auch in eine Kleidung nach Form und Schnitt des Landes So
ausgeschnitten glich er einem Landmann der Insel vollkommen und keiner seiner
Nachbarn ließ es sich gewiss auch nur entfernt einfallen den berüchtigten
Räuberhauptmann dessen Ruf ganz Italien durchflog auf dessen Kopf ein so
ansehnlicher Preis gesetzt war zum Nachbar zu haben
    Er unterzog sich mancher Arbeit im Garten im Weinberge in der Haushaltung
so dass Frau Marta gar nicht wusste wie sie mit ihrem Mietmann daran war
    »Ich hätte nie geglaubt«  sagte sie  »dass ein Herr wie Ihr sich so gut
in unsre ländliche Arbeiten würde schicken können Und dass Ihr sogar unsre
Tracht angenommen habt das kommt mir ebenso sonderbar vor als es mir gefällt
Man sollte wenn man Euch so sieht darauf schwören Ihr wärt hier als Landmann
auf der Insel gezogen und geboren worden«
    »Glaube das selbst liebe Frau«  antwortete Rinaldo  »und du tust mir
einen großen Gefallen«
    SIE Je nun den Gefallen kann ich Euch wohl tun Man muss ja so manches
glauben was auch nicht viel wahrscheinlicher als dies ist also wüsste ich
nicht warum ich es nicht tun sollte  Sagt mir aber nur wo Ihr das Geschick
zu den Arbeiten die Ihr verrichtet hernehmt
    ER Ich habe mich ehemals auch mit dergleichen Arbeiten abgegeben
    SIE Das muss sein Sonst wärs nicht möglich dass es Euch so anstehen und
flecken könnte  Seid ihr denn kein Sizilianer
    ER Nein Ich bin in der Italienischen Schweiz geboren und mein Vater hatte
Landgüter
    SIE Habt Ihr denn die Landgüter nicht geerbt
    ER Mein Bruder hat mich mit Geld abgefunden und ich habe die Welt
durchreist  Hier gefällt mirs Ich habe große Lust bis ans Ende meines
Lebens auf dieser Insel zu bleiben
    SIE So tut es  schafft Euch etwas Eigenes Haus und Herd an und nehmt
Euch eine Frau wenn Ihr noch ledig seid
    ER Ledig bin ich und das andere wird sich geben
    SIE Nur bitte ich mir aus dass ich Freiersfrau sein darf
    ER Ja ja  Für jetzt aber bleibe ich noch bei Frau Marten
    SIE Die Nachbarn werden zwar manches darüber munkeln aber das hat nichts zu
sagen Wir haben ja doch gute Gewissen
    ER In diesem Punkt ja
    SIE Nur in diesem Punkt Nein auch in andern Punkten Nicht wahr 
Wenigstens ich Ihr doch auch
    ER verlegen Warum nicht
    SIE Denn sonst  nehmt mirs nicht übel  sonst möchte ich nicht gern
unter einem Dache mit Euch wohnen Die bösen Gewissen bringen kein Glück ins
Haus
    Dies traf Rinaldo stark Er brach das Gespräch ab und griff zu einer Arbeit
Er bemerkte dass Frau Marta jeden Abend mit einem großen Milchtopfe wegging und
wohl erst eine Stunde darauf wieder zurückkam Eines Tages fragte er sie wohin
sie die Milch so entfernt trage
    »Ich trage die Milch«  antwortete sie  »in eine Villa die dort hinter dem
Wäldchen liegt«
    ER Wem gehört diese Villa
    SIE Einem Herrn in der Stadt
    ER Und dieser bewohnt sie
    SIE Nein  Vor ungefähr sechs Wochen sind ein paar Damen in die Villa
gezogen die wie man sagt übers Meer gekommen sind Man weiß nicht wer sie
sind Sie leben still und eingezogen und haben mit den Nachbarn keine
Gemeinschaft  Ich habe sie selbst noch nicht gesehen Eine alte Magd nimmt mir
die Milch ab und bezahlt sie Diese fragte ich einmal wer denn wohl die Damen
wären und sie sagte sie wisse es nicht Die Damen wären fremd hier und sie
sei aus Pantaleria
    ER Weiß die Nachbarschaft nichts von den Damen
    SIE Nichts  So wenig als ich Die meisten wissen gar nicht dass sie da
sind
    ER Gehen sie denn nicht aus
    SIE Das habe ich auch einmal gefragt und da antwortete mir die alte Magd
Zuweilen gingen sie in die Gärten und dann und wann gingen sie in das
Kreuzkapellchen das dort auf dem Berge steht ihrer Andacht wegen  Bei der
Sache muss es ein Geheimnis geben Wer weiß was sie angerichtet haben dass sie
so verschelmt sich verbergen müssen Entweder sie haben gemordet oder gestohlen
    ER Wenn sie schön sind Herzen vielleicht
    SIE s ist auch ein Diebstahl
    ER Auf diese Art ist Frau Marta wohl auch eine Diebin
    SIE Ich  Ach lieber heiliger Gervasio Das müsste ich sonderbar genug
angefangen haben  Mein seliger Mann nahm mich des bisschen Geldes wegen das
ich zur Aussteuer bekam Ich habe aber in meinem Leben nichts von
Herzensstehlereien gewusst  Jetzt ists nun ganz vorbei Drei Kinder und meine
Arbeit Da denkt man nicht an solche Dinge
Rinaldo hatte nun seine Gedanken beständig darauf gerichtet die Damen zu sehen
Er bemühte sich deshalb so sehr als man sich in einer solchen Angelegenheit nur
bemühen kann aber vergebens Die Nachbarn wollte er auf so etwas nicht
aufmerksam machen und berichten konnten sie ihm ohnehin nicht Er bat also
einmal Frau Marten ihn die Milch in die Villa tragen zu lassen was diese ihm
herzlich gern erlaubte und glaubte bei diesem Geschäft etwas Näheres von der
Existenz der Damen erfahren zu können  Er trug die Milch in die Villa und ließ
sich mit der alten Magd die sie ihm abnahm in ein Gespräch ein
    ER Meine Nachbarin Frau Marta ist nicht wohl und hat mich ersucht die
Milch hierher zu tragen Ich weiß nicht wer sie braucht oder bekommt
    SIE Ich nehme sie dir ab mein Sohn
    ER Aber Ihr verbraucht sie nicht allein  Ihr habt wohl Kinder
    SIE Gott bewahre Was denkst du Ich bin noch ledig und habe nie Kinder
gehabt
    ER So ist die Milch wohl für eure Herrschaft
    SIE Ja so für eine Art von Herrschaft ist sie Das weiß ja Frau Marta
schon längst
    ER Ich habe mein Abendbrot zu mir gesteckt Ihr erlaubt mir doch es hier zu
verzehren
    SIE Meinetwegen  So etwas zu erlauben ist mir nicht verboten
    ER Ich habe heute schon viel gearbeitet bin müde und matt und will da ein
Schlückchen Syrakuser zu mir nehmen
    SIE Syrakuser Ei Wo hast du denn den herbekommen
    ER Gekauft habe ich ihn von den Fischern aus Sizilien
    SIE Er ist wohl teuer
    ER Es geht noch an Aber er schmeckt herrlich
    SIE Das glaube ich  Unsereiner darf auf so etwas nicht rechnen  Die
Damen die ich bediene trinken nichts als Wasser und Schokolade
    ER So  Ist ein Schlückchen Syrakuser gefällig
    SIE Je nun wenn ich so frei sein darf
    ER Warum nicht Ich biete nichts an was ich nicht gern gebe  Getrunken
    Das tat die Alte und sie hatte kaum das Glas geleert als stark geschellt
wurde Sie sagte das gelte ihr lief fort und versprach bald wiederzukommen 
Das geschah auch Sie stürzte ängstlich die Treppe herab und schrie
    »Ach Heilige Jungfrau Der einen von den Damen ist eine Ohnmacht
zugestoßen Was fangen wir nun an Sie liegt ganz leblos da«
    Rinaldo besann sich nicht lange sprang die Treppe hinauf durch einen Saal
und kam in ein Zimmer wo sich die Damen befanden  Die eine kniete vor der
andern die aus einer Ohnmacht wieder zu sich zu kommen schien Unbemerkt blieb
Rinaldo an der Tür des Zimmers stehen
    Die kniende Dame stand eben auf erblickte Rinaldo fuhr heftig zusammen
fragte »Was willst du hier«
    Rinaldo trat näher und stand  wer schildert sein Erstaunen  vor
Violanten und Dianoren
Noch erkannte ihn Violanta nicht ganz in seiner Verkleidung und Dianora kam
eben wieder zu sich Sie bemerkte den Fremden im Zimmer und fragte wer er sei
 Rinaldo stand sprachlos und seine Blicke ruhten auf Dianoren  Violanta sah
ihn aufmerksam an und stammelte ängstlich
    »Freund Wer du auch sein durch welchen Zufall du auch hierher gekommen
sein magst um deines Gesichts willen verlass uns eilig«
    »Für keinen Preis«  antwortete Rinaldo
    Violanta betrachtete ihn genauer und rief erschrocken aus
    »Er ist es«
    »Er ist es«  wiederholte Dianora sank zurück und verbarg ihre Augen ins
Schnupftuch
    »O Dianora« stammelte Rinaldo  »soll der Zufall der mich hierher führte
nicht für mich entscheiden Willst du deine Blicke von mir wenden von mir den
das Schicksal so wunderbar auf dieses Eiland führte um dich zu finden Sei
nicht grausamer gegen mich als Schicksal und Zufall es sind«
    Es entstand eine Pause  Endlich enthüllte Dianora ihre Augen fragte
    »Unglücklicher wo kommst du her Ist es nicht genug dass dein Bild mich
allenthalben hin verfolgt musst du auch noch selbst kommen«
    »Der Zufall will es so«  antwortete Rinaldo  »und ich bin glücklich
Glücklicher auf dem kleinen Pantaleria als ich in der großen Welt es sein
durfte Beneiden könnte ich mich selbst um dieses Glück wolltest du Geliebte
es mir nicht missgönnen«
    Die alte Magd trat mit Wasser in das Zimmer Violanta ging auf sie zu nahm
sie bei der Hand und führte sie ins Vorzimmer
    Als Rinaldo sich mit Dianoren allein sah näherte er sich ihr ergriff ihre
Hand und stürzte vor ihr nieder Sie blickte mit Augen voll zärtlicher Wehmut
auf ihn herab und seufzte Er benetzte ihre Hand mit Tränen bedeckte sie mit
tausend Küssen und drückte sie an sein klopfendes Herz Dianorens Tränen flossen
schnell und stark Heftig arbeitete ihr klopfender Busen unter dem leichten
Flor Ihrer sich selbst nicht bewusst neigte sie sich hinab und ihre Wange
glühte an der seinigen Magnetisch flogen ihre Lippen aneinander Rinaldo
jauchzte laut
    »Dieser Kuss der Vergebung dieses herrliche Siegel der Verzeihung reiniget
mich von meinem Vergehen und segnet mich zu einem neuen Lebenswandel ein  Du
siehst geliebte Dianora ich bin abgeschieden von der geräuschvollen Welt Auf
dieses kleine Eiland floh ich um mir selbst und der Ruhe zu leben Ja der
Himmel selbst schenkt Wohlgefallen meinem frommen Entschluss Meine Bitten sind
erhört Er hat mir vergeben und zum Pfande der Versöhnung schenkt er dich mir
wieder Du bist wieder mein und ein neues Leben beginnt«
    »O Rinaldo«  seufzte Dianora  »Schläfere dich nicht selbst mit
Schmeicheleien ein Lass deine Träume dich nicht zu süßen Hoffnungen verführen
zu Hoffnungen die nie in Erfüllung gehen können«
    »Du raubst mir meine Überzeugung nicht«  fuhr Rinaldo fort  »Du selbst
bist das Pfand der Gewährung meiner Hoffnungen Das was ich hier umfasse ist
die schönste Wirklichkeit  Ich träume nicht mein Glück beginnt von neuem in
deinen Armen« Er legte sein Gesicht an ihren Busen umschloss sie mit seinen
Armen und verlor sich in süßes Entzücken Dianora hatte keine Worte Die Szene
blieb stumm und dennoch sprechend
    Violanta fand als sie wieder ins Zimmer trat beide noch in dieser
schweigend sprechenden Lage Sie machte ihr Dasein bemerkbar und ging in ein
Seitenzimmer Dianora drängte ihn sanft von sich ab Rinaldo stieg auf Er blieb
vor ihr stehen und ruhte mit fragenden Blicken auf ihren Augen
    SIE Rinaldo was sagen diese fragenden Blicke
    ER Sagt dir das dein Herz nicht  Der Himmel gab dich mir wieder doch
nicht um dich wieder verlassen zu müssen
    SIE Ach Rinaldo wie soll und kann wie darf ich dir diese Fragen
beantworten
    ER Wie es dein Herz verlangt
    SIE Nein die Herzen dürfen jetzt nicht unsere bestochenen Ratgeber sein
    ER Wer sonst
    SIE Vernunft und Überlegung
    ER Auch diese sind bestochen  Sind sie es nicht so fürchte diese kalten
Ratgeber die uns nicht glücklich machen können  In Abgeschiedenheit und Ruhe
wies beiden uns der Himmel die Freistätte dieses Eilandes an lass uns dankbar
den Wert des herrlichen Geschenkes erkennen und benutzen
    SIE Wohin könnte uns aber all das führen
    ER Wohin anders als zum Glück in der Einsamkeit und Verborgenheit durch
uns selbst
    Violanta kam wieder in das Zimmer zurück
    »Wenn Rinaldos Hiersein nicht Aufsehen selbst bei unserer alten Magd
erregen soll«  sagte sie  »so muss er sogleich wieder gehen und kann nicht
länger hier bleiben«
    »O Violanta«  sagte Rinaldo  »Du hast nie geliebt warst nie getrennt von
dem geliebten Gegenstande deines Herzens fandest nie wieder was du verloren
hattest und hast nie die Wonne eines unverhofften glücklichen Wiedersehens
genossen Darum spricht dein Mund einen so schrecklichen Befehl aus«
    »Dianora mag selbst entscheiden«  antwortete Violanta
    Dianora blickte ihn zärtlich an und sagte »O ja Rinaldo du musst uns jetzt
verlassen«
    RINALDO Um dich nicht wiederzusehen  Du wirst diese Insel verlassen 
    DIANORA Nein
    RINALDO Gewiss nicht
    DIANORA Nein Nein
    RINALDO Wenigstens nicht ohne mich
    DIANORA Nicht ohne dich
    RINALDO Nun gehe ich wenn du es verlangst  Und morgen sehe ich dich
wieder
    DIANORA Ja morgen
    Er schlang seine Arme um ihren Nacken drückte zärtliche Küsse auf ihre
Lippen und ging  Violanta begleitete ihn bis an die Haustür Er eilte seiner
selbst sich unbewusst in seine ländliche Wohnung zurück
Die goldene Königin des Tages die freundlich lächelnde Sonne entstieg dem
Meere Rinaldos Wirtin war schon ins Feld gegangen Er stand mit klopfendem
Herzen der Villa gegenüber in welcher der geliebte Gegenstand seiner
Empfindungen wohnte Ringsherum umging er diese Wohnung seines Glücks aber er
wusste selbst nicht warum er sich nicht hineinzugehen getraute  Jetzt fiel ihm
die einsame Kreuzkapelle in die Augen in welcher Dianora zuweilen betete Von
gleichem Gefühl ergriffen ging er dahin warf sich vor dem Bilde der
Hochgebenedeiten nieder und zerfloss in Andacht und Gebet
    Auf einmal rauschten hinter ihm Fußtritte Er sprang auf drehte sich herum
und erblickte Dianoren  Er flog ihr entgegen drückte sie an sein Herz und
sagte
    »Unsere Herzen begegneten sich einst und fanden sich unsere Seelen hielten
sich fest und finden sich jetzt hier in gleicher Absicht ein Ich habe gebetet
und gelobt Deine Andacht schöne Seele will ich nicht stören Bete auch du
und lass mich mit dir glücklich durch die Erhörung unserer gemeinschaftlichen
Bitten sein«
    Er führte sie zu dem Altar Sie warf sich betend nieder Er verließ die
Kapelle
    Unter einer himmelanstrebenden Zypresse fiel er auf die Knie streckte seine
Hände gen Himmel betete tränend und ohne Worte
    So fand ihn Dianora noch als sie aus der Kapelle zurückkam Sie näherte
sich ihm leise bog sich zu ihm herab umschlang ihn sanft und küsste seine
Andacht glühende Stirn
    »Gewiss Rinaldo«  sagte sie  »du bist ein guter Mensch geworden
Trostreich und herzerhebend war mein Gebet für mich Die Hochheilige lächelte
mir Erhörung Süsser Trost erfüllt mein Herz Hat der Himmel dich zu Gnaden
angenommen wie könnte Dianora dich verstoßen Mein Herz ist dein Die Liebe
wird uns nicht ohne Freuden nicht ohne Trost lassen«
    Er begleitete sie in die Villa Die alte Magd erfuhr dieser verkleidete
Bauer sei ein zufällig gefundener Verwandter ihrer Damen den Laune und Hang zur
Einsamkeit nach Pantaleria und der Zufall zu ihnen geführt habe  Eben dies
wurde auch Frau Marten entdeckt die sich darüber ebensosehr freute als
verwunderte
    Und nun nahm alles eine andere Gestalt an  Rinaldo blieb nicht mehr Frau
Martens Hausgenosse er zog zu den Damen in die Villa Das ganze Hauswesen
erhielt eine neue Einrichtung
    Einst erkundigte sich Rinaldo bei Violanten nach der wahren Ursache ihrer
schnellen Abreise aus dem Schloss der Gräfin wo ihm der Schwarze zum erstenmal
erschienen war und vernahm mit Erstaunen dass eine fürchterliche Drohung von
eben diesem schwarzen Abgesandten sie zu der Abreise bewogen habe Man erklärte
sich von beiden Seiten über die Vorfälle mit dem Schwarzen und seiner Rotte und
konnte endlich doch nicht anders vermuten als dass das Unerklärbare in der Sache
in einer Verbindung dieser Gesellschaft gegen den Staat liege und dass man sich
des gefürchteten Räuberhauptmanns nur als einer Maschine zur Ausführung eines
entworfenen Plans habe bedienen wollen dessen wahrer Endzweck ebenso verborgen
als die Vermutung der geheimen Machination beinahe unbezweifelt war Violanta
hatte anfangs sogar die Meinung gehegt die Schwarzen möchten verdeckt mit
Rinaldini zu einem Zwecke spielen und es sei ihren Plänen entgegen gewesen ihn
eine Bekanntschaft erneuern zu lassen deren Einverständnis ihren Endzwecken
ganz entgegen gewesen sei
    Rinaldo fand keinen Beruf sich über ein Geheimnis den Kopf zu zerbrechen
welches in seiner jetzigen Lage gar keinen Enträtselungsreiz für ihn haben
konnte er hielt sich viel zu glücklich an die Gegenwart die ihn alles leicht
vergessen lassen konnte was geschehen war Er stand jetzt als ein ganz anderer
Mensch in einem Kreise welchen Liebe und Freundschaft um ihn gezogen hatten
und verlor aus seinen Blicken die Aussicht nach den Gegenständen unangenehmer
Rückerinnerung Weder die Szenen der verübten Gewalttätigkeiten in den
Apenninen noch die Begebenheiten in Kalabrien und Sizilien konnten sein
Nachdenken fesseln alles war für ihn vergangen war ein Schauspiel welches er
ehemals hatte aufführen sehen in welchem er sogar selbst mitspielende Person
gewesen war aus welchem er aber seine Rolle vergessen hatte oder wenigstens
ganz vergessen wollte So wie er jetzt lebte wünschte er sich die ganze Zeit
seines Lebens gelebt zu haben und wenn er sich ja mit Wohlgefallen dem Andenken
an Szenen der Vergangenheit überließ so waren es jene die in die Tage seiner
frohen Jugendzeit fielen in denen er seine Zeit in ländlicher Einsamkeit auf
der Weide hinter seinen Ziegen zugebracht hatte
    Als dem Jüngsten seiner sechs Geschwister fiel ihm als er kaum 10 Jahre alt
war das Los die Ziegen seiner Eltern in nicht geringer Dürftigkeit zu hüten
Das Patriarchalische dieses Geschäfts fesselte ihn als er größer wurde nicht
mehr so sehr dass er sich nicht Wünschen anderer Art als Ziegenhirt zu bleiben
hätte überlassen sollen Er war sehr wissbegierig und fühlte Trieb in sich einst
mehr als seine Brüder im Weinberge oder Ackerfelde zu leisten Das brachte ihn
auch dazu den Umgang eines Eremiten zu suchen der in jener Gegend wohnte
wohin er seine Ziegen auf die Weide trieb Der Klausner Onorio genannt war ein
Mann von Einsicht und Menschenkenntnis der sein Einsiedlergewand nicht
beständig getragen hatte Er war der Welt erst entflohen als er sie wie er
sagte verachten gelernt hatte
    Dieser Mann nahm sich die Mühe den wissbegierigen Jüngling zu unterrichten
Er war sein Lehrer im Lesen und Schreiben er erzählte ihm viel und gab ihm
Bücher zu lesen die der junge Rinaldo in seiner Einsamkeit verschlang Diese
waren eine Übersetzung der Lebensbeschreibungen des Plutarch ein Livius ein
Curtius Ritterbücher und Geschichtsschreiber Italiens Alles was Rinaldo in
diesen Büchern las waren Taten die seiner empfänglichen Einbildungskraft einen
romantischen Heldenschwung gaben der den sichtbarsten Einfluss auf seine
Vorstellungen Entschlüsse und Handlungen hatte
    Siebzehn Jahre war er alt als Onorio sein Freund und Lehrer einst
unvermutet verschwand und in einem hinterlassenen Schreiben ihn zum Erben seiner
wenigen Habseligkeiten ernannte Alles was Rinaldo jetzt erhielt nur die
Bücher nicht machte er zu Gelde und ging damit unter die Soldaten Hier wollte
er sein Ideal realisieren Es war umsonst Die Maschinerie seines Heldenlebens
konnte ihn unter den päpstlichen Heerscharen nicht halten Er ging davon und
nahm Dienste in Venedig Auch hier blieb er nicht und ging unter die Truppen des
Königs von Sardinien Hier schien ihm das Glück zu lächeln Ein General bemerkte
ihn zog ihn hervor beförderte ihn bald zum Korporal und endlich wurde er gar
als Fähnrich mit nach Sardinien in Besatzung nach Kagliari geschickt Hier bekam
er Händel fehlte gegen die Subordination und wurde kassiert Das brachte ihn
auf Er rächte sich auf italienische Art durch den Dolch an seinem Chef und
entfloh Unstet und unsicher seines Verbrechens öffentlich angeklagt
durchirrte er Italien und fand nirgends eine bleibende Stätte
    So kam er unter die Räuber die er bald selbst beherrschte zu ordentlichen
Korps organisierte und als ihr Hauptmann mit unter ihnen lebte wie wir ihn
gefunden haben
In seiner neuen jetzigen Lage wurden nun von ihm und Dianoren Pläne wegen ihrer
künftigen Lebensart gemacht und endlich wurde beschlossen nach Spanien zu
gehen von da eine Reise auf die Kanarischen Inseln zu machen und dort in
stiller Verborgenheit glücklich und ruhig zu leben Violanta wollte ihnen
folgen
    So weit war nun alles in Richtigkeit gebracht und die schnellste Ausführung
des Plans beschäftigte alle mit der größten Tätigkeit Aber alles war im Rate
des Schicksals anders beschlossen
    Eines Morgens ging Rinaldo wie gewöhnlich ans Ufer sah eben eine
Fischerbarke in See zurückgehen folgte ihr in Gedanken nach Sizilien und
gedachte an seine dortigen Bekannten und an Serenen In diese Gedanken verloren
warf er sich unter einen Baum Aber er hatte nicht lange hier gelegen als er
hinter sich ein Geräusch vernahm Er sah sich um und erblickte in gewöhnlicher
Landestracht den Alten von Fronteja der sich ihm näherte Erschrocken sprang
Rinaldo auf und wollte entfliehen als ihm der Alte nachrief
    »Bleib  Wohin du auch gehen magst ich folge dir nach  Hier sind wir
allein«
    RINALDO Was verlangst du von mir Warum folgst du mir allentalten hin nach
wie das böse Gewissen einem Verbrecher Mag ich doch nichts von dir wissen
Warum störst du mich in meiner Ruh und vergiftest durch deine Gegenwart die
stillen Freuden meiner Einsamkeit  Bist du mein böser Geist so weiche von
mir Denn ich bin nicht mehr der der ich war und habe mit dir keine
Gemeinschaft
    DER ALTE Ei Du bist auf Pantaleria ein sehr gestrenger Herr geworden 
Glaubst du denn einen deiner ehemaligen Rottgesellen vor dir zu haben
    RINALDO O warum musst du um mir die Freuden meines Lebens zu vergiften
auch bis hierher mir in das stille Ländchen der Ruhe nachfolgen
    DER ALTE Hast du mich schon sprechen lassen
    RINALDO Sprich
    DER ALTE Du bist verschwunden In Sizilien weiß keiner deiner Freunde und
Bekannten wohin du gekommen bist Nur ich weiß es Und dass ich es wusste davon
ist dir mein Hiersein ein Beweis  Die schwarze Rotte ist hoffen wir genug
gedemütigt und du bist von deinen Freunden an deinen Verfolgern gerächt worden
Das haben sie nicht ohne Aufopferungen für dich getan  Jetzt ist alles zur
Abfahrt nach Korsika bereit und ein jeder fragt Wo ist der Anführer unseres
Zugs Wo ist der tapfere Rinaldini der uns an unserer Spitze zu fechten
versprach  Man sucht dich und findet dich nirgends Man wird ungeduldig setzt
selbst mich über dein plötzliches Verschwinden zur Rede und untersteht sich hie
und da sogar Mutmaßungen zu hegen die für mich entehrend sind  Ich wusste
wohin du gegangen warst ich weiß was du hier gefunden und wozu du dich
entschlossen hast  Du entsagst des Ruhmes und verlangst den Kranz nicht der
dir in Korsika grünt Du bist nicht mehr der der du warst das weiß das sehe
ich Deine Taten sind früh veraltet dein Ruhm wird eher zu Grabe gehen als du
deinen Jahren nach dahingehen könntest Du hast dir einen eigenen Weg
vorgezeichnet und hast deinen Freund verkannt  Ich werfe dir nicht vor was
ich zuweilen für dich getan habe ich rechne dir selbst das Leben nicht an
welches du mir zu verdanken hast Denn ohne meinen Beistand wär dein Körper
schon längst dem Himmel näher als der Erde Ich will dir deine Ruhe gönnen und
mich freuen dass du sie durch mich geniessest Bist du ruhig wirst du glücklich
so rechne ich auf deinen stillen Dank Öffentlich verlange ich ihn nicht Aber
das kannst du auch nicht verlangen dass ich um deinetwillen bei unsern Freunden
verlieren soll
    RINALDO Verlieren Um meinetwillen  Was könntest du verlieren du der
alles hat
    DER ALTE Noch habe ich nicht alles was ich mir um deinetwillen zu haben
wünschen muss
    RINALDO Das verstehe ich nicht
    DER ALTE Deine Freunde haben einen Argwohn auf mich geworfen der entehrend
ist Viele glauben dich sogar nicht mehr am Leben Ich hätte geschwiegen und
dich deiner Ruhe in Pantaleria überlassen aber ein großer Teil unserer
Angeworbenen will sich schlechterdings nicht eher einschiffen lassen als bis
Nachricht und Gewissheit von deinem Leben da ist Du musst meine Ehre retten du
musst dich diesen Zweiflern zeigen
    RINALDO Wie kannst du das von mir fordern
    DER ALTE Die Rettung meiner Ehre hängt davon ab
    RINALDO Ich kann deinen Wunsch nicht erfüllen Ich gehe nicht von hier
    DER ALTE Ich muss dich nochmals daran erinnern dass du mir dein Leben
schuldig bist
    RINALDO Du nimmst es mir wenn du mich meinem stillen Aufenthalte entreißen
willst Ich gehe nicht von hier
    DER ALTE Nun gut So mögen jene Zweifler hierherkommen und dich selbst noch
am Leben auf Pantaleria sehen  Ich kann mir nicht anders helfen
    RINALDO Rechne nicht darauf Ich kann weitergehen
    DER ALTE Wohin dass ich es nicht erfahren würde
    RINALDO O Gott Wie konntest du mich den Händen eines solchen Mannes
übergeben  Alter  Wie du auch heißen wer du auch sein magst  Ist dir je
das Glück die Ruhe eines Menschen heilig gewesen so sei barmherzig gegen mich
und lass mich ruhig in meiner Einsamkeit
    DER ALTE Das will ich Aber meine Ehre musst du retten und mich von einem
falschen Verdacht reinigen der mich mit Schande brandmarkt Habe ich das um
dich verdient  Soll ich den Verdacht eines Mordes an deinem Leben auf mir
sitzenlassen Sollen wir deshalb unser ganzes Unternehmen scheitern sehen und
die Edlen von Korsien umsonst auf versprochene Hilfe harren lassen  Das kannst
du nicht verlangen  Zeige dich deinen Freunden und dann gehe wohin du
willst
    RINALDO Wenn ich wüsste  dass das was du von mir forderst mir Ruhe
verschaffen könnte 
    DER ALTE Du wirst deine Ruhe allentalten hin mit dir selbst nehmen wenn du
welche hast Was du nicht hast kannst du nirgendhin verpflanzen
    RINALDO Ich hatte Ruhe bis du nun wiedergekommen bist sie mir neidisch zu
rauben  Aber wie konntest du das Bist du wirklich ein guter Mensch und hast
du uneigennützig mir das Leben einigemal gerettet so begreife ich nicht wie du
einem Unglücklichen das wieder rauben konntest was ihm der Himmel gab und was
ihm mehr wert ist als das elende Leben das du ihm als Geschenk vorwirfst  Ich
folge dir nach Sizilien
    DER ALTE Meine Dankbarkeit soll dir beweisen was ich für dich tun kann
    RINALDO Deine Ehre die Expedition nach Korsika und dich von dem Verdacht
eines Meuchelmords zu retten folge ich dir nach Sizilien Aber heute noch
nicht
    DER ALTE Du hast zwei Tage Zeit  Übermorgen sprechen wir uns an diesem
Orte wieder
    Der Alte ging schnell davon und verlor sich bald hinter dem Hügel auf dem
Wege nach der Stadt zu
    Rinaldo war nach langem Überlegen entschlossen den Alten zu hintergehen
und nicht mit ihm nach Sizilien zu reisen Er entdeckte Dianoren was ihr in
dieser Angelegenheit zu entdecken war und erzählte ihr soviel sie davon wissen
durfte alle seine Begebenheiten auf welche der Alte Einfluss gehabt hatte
Dianora wurde ängstlich und stimmte Rinaldos Entschlusse bei Nur war die
Verlegenheit um ein Fahrzeug welches sie auf eine von den nahegelegenen Inseln
und von dort nach Malta bringen sollte sehr groß
    Sie sprachen noch darüber als ein Brief aus der Stadt von dem Herrn der
Villa an Dianoren ankam Er meldete ihr dass noch diesen Abend eine Dame mit
ihrer Kammerjungfer auf der Villa eintreffen werde welche in dem Seitengebäude
derselben ihre Wohnung nehmen würde und die er ihrer Freundschaft empfahl
    Die Nachricht veränderte nichts in ihrem Plane Rinaldo ging aus um ein
Fahrzeug aufzusuchen kam wieder zurück und hatte keins angetroffen
    Gegen Abend kam die angekündigte Dame an Sie ließ Dianoren ihre Ankunft
wissen und kam gleich darauf selbst ihre Bekanntschaft zu machen Rinaldo
wollte eben das Zimmer verlassen als sie kam sie begegneten einander Er sah
die wohlbekannte Signora Olimpia  Das Mädchen welches sie als Kammerjungfer
bei sich hatte war Serena
Die Gegenwart dieser Personen in der bisher so ruhigen Villa setzte Rinaldo in
eine ziemlich lebhafte Verlegenheit Olimpia spielte in Dianorens Gegenwart
gegen Rinaldo die Rolle einer Unbekannten ziemlich natürlich Er wurde von ihr
mit keiner Silbe kompromittiert Serena aber wusste nichts von Verstellung und
wurde als sie Rinaldo in der Antichambre erblickte ziemlich lebhaft Sie
bestürmte ihn mit Fragen und mischte sogar kleine Vorwürfe in ihre Bitten Der
Verlegenheit öffentlicher Erklärungen entging Rinaldo nur mit genauer Not
    Olimpia als ihr Besuch bei Dianoren geendigt war suchte Gelegenheit ihren
verlegenen Bekannten allein zu sprechen und diese fand sich auf ihrem Zimmer
    Rinaldo suchte sie selbst auf Er wünschte durch vorläufige Erklärungen
ihrem beiderseitigen Verhalten gegeneinander wenigstens eine gefällige Richtung
geben zu können Es wurde viel gesprochen und kam nach und nach zu einer
lebhaften Unterhaltung
    ER Der Alte gab mir die Versicherung nur er ganz allein wisse unter allen
meinen Bekannten dass ich hier sei
    SIE Das glaube ich auch Wenigstens ich habe davon kein Wort gewusst Mein
Erstaunen als ich dich hier fand kannst du dir denken Ich denke aber mich so
betragen zu haben dass du keine Klage über mich zu führen hast
    ER Und was trieb dich nach Pantaleria
    SIE Not und Vorsicht  Die Hälfte von meinen Freunden und Bekannten ist
verhaftet
    ER Verhaftet
    SIE Auf Ansuchen des französischen Gesandten zu Neapel Wir sind verraten
und unser Plan auf Korsika ist entdeckt
    ER Wie  Was sagst du 
    SIE Die Wohnungen des Alten zu Fronteja sind mit Wachen besetzt und seine
Jünger sind verhaftet Er selbst weiß davon noch nichts Ich bringe ihm die
erste schreckliche Nachricht von der Verräterei gegen uns
    ER Konnte der mächtige Alte diesen Schlag nicht von sich und den Seinigen
abwenden Oder ging er vielleicht davon als er erfuhr was im Werke sei
    SIE Daran zweifle ich
    ER Wird er seine Freunde retten können Oder ist nun das Schauspiel seiner
Taschenspielereien geendigt
    SIE Ich weiß nicht was er tun wird  Gewiss aber etwas sehr Kluges und für
ihn das Beste  Ein so gewandter Mann und kluger Kopf
    ER Glaubst du ihn dich und mich auf diesem Eiland sicher
    Da trat der Alte von Fronteja in das Zimmer Er schien ganz ruhig zu sein
nahm Olimpien bei der Hand und hieß sie willkommen Olimpia sah ihn verlegen an
Er lächelte
    DER ALTE Tochter du bist verlegen
    OLIMPIA O Du weißt nicht 
    DER ALTE Ich weiß warum du hier bist ich weiß was in Sizilien vorgeht
    OLIMPIA Und kannst dabei so ruhig sein
    DER ALTE Ich kann es nicht ändern
    OLIMPIA Und du gibst das Unternehmen auf Korsika verloren
    DER ALTE Was glaubst du  Ich bin bereit nach Korsika abzugehen
    OLIMPIA Doch nach dem noch was geschehen ist
    DER ALTE Warum nicht  Willst du mir nicht dahin folgen
    OLIMPIA Und unsere Freunde 
    DER ALTE Sie werden uns bald nachkommen
    OLIMPIA Aber die Verhafteten  Wirst du diese Freunde befreien können
    DER ALTE Du wirst sehen was geschieht
    OLIMPIA Sind wir hier sicher
    DER ALTE Nein  Deshalb segle ich von hier ab
    RINALDO Kannst du das Unglück von den Deinigen nicht abwenden
    DER ALTE Dein ist die Schuld dass geschah was geschehen ist Wärst du in
Sizilien geblieben wir wären jetzt schon in Korsika Du trägst die Schuld des
Unglücks welches über deine Freunde kommt Dein Verschwinden machte sie
schwierig die Abfahrt musste aufgeschoben werden ich musste nach Pantaleria
gehen dich aufzusuchen und unsere Freunde wurden ergriffen Die Französische
Partei triumphiert Die Schwarzen frohlocken Mich sollen sie wenn ich nicht
will nicht in ihre Gewalt bekommen aber dich werden sie aufsuchen und werden
dich ohnmächtig ohne Beistand im schwachen Arm der Liebe finden Das Rad
deiner Taten ist abgelaufen Deine Freunde sind nicht mehr mächtig genug dich
zu schützen Du fällst ein Opfer deiner Unbesonnenheit  Aber was ich noch in
den letzten Augenblicken deines Lebens für dich tun kann werde ich selbst mit
Aufopferung meiner eigenen Sicherheit für dich tun Du sollst erfahren wie
sehr ich dein Freund war und noch bin
    RINALDO Gibst du mich so ganz gewiss und zuverlässig verloren
    DER ALTE Ich kann nicht anders  Du Olimpia wirst wissen was dir die
Klugheit raten muss
    Er ging davon und ließ beide verlegen und bestürzt zurück  Rinaldo fragte
Olimpien was sie zu tun gedenke
    »Ich folge dem Alten«
    Rinaldo verließ sie und ging zu Dianoren  Er entdeckte ihr was sie von
der Geschichte die ihn jetzt in Verlegenheit brachte wissen durfte und
beredete sie die Villa zu verlassen sobald es sich schicken würde Er selbst
ging zu seiner alten Wirtin und bezog sein verlassenes Quartier wieder
    Mit Tagesanbruch eilte er an den Strand und war endlich so glücklich eine
Fischerbarke zu finden Man versprach ihm binnen drei Tagen ihn auf die Insel
Limosa zu bringen wenn die Barke nötig ausgebessert sein würde
    Bis dahin gedachte er sich auf dem Meierhofe des Bruders seiner Wirtin
aufzuhalten der drei Meilen von der Villa entfernt lag Dianoren schrieb er und
bat sie ohne Aufsehen zu erregen mit Violanten die Villa zu verlassen und zu
ihm zu kommen
    Er selbst durchspürte die Gegend und sah sich vorsichtig nach einem
Schlupfwinkel um Er entdeckte einige Felsenhöhlen besah durchsuchte sie genau
und fand sie sehr bequem sich drinnen verborgen zu halten Deshalb schaffte er
auch Proviant und Gewehr dahin
    Er hatte eben seinen aufgesuchten Schlupfwinkel verlassen und ging nach
seiner Wohnung zurück als er seitwärts zwischen den Hügeln eine weiße
weibliche verschleierte Gestalt hinschweben sah die ihrer Kleidung nach kein
Landmädchen sein konnte
    Dies machte ihn aufmerksam  Er folgte ihren Schritten und kam ihr endlich
in der Ebene ganz nahe Sie ging auf eine Villa zu wo ihr ein einfach aber
nicht ländlich gekleideter Mann entgegenkam sie bei der Hand nahm und in das
Haus führte
    Rinaldo ging der Villa näher und traf ein Mädchen an das Gras mähte Dieses
fragte er
    »Gehörst du in die Villa«
    »Ja« antwortete das Mädchen
    »Der Herr und die Dame welche eben jetzt in die Villa gingen sind wohl
deine Herrschaft«
    »Ja«
    »Wie heißen sie«
    »Das weiß ich nicht«
    »Wie ist das möglich«
    »Weil ich es wie gesagt nicht weiß«
    »Wer sind sie«
    »Das weiß ich auch nicht«
    »Bist du auf dieser Insel geboren«
    »Ja in jener Villa wo mein Vater Gärtner ist«
    »Und deiner Herrschaft gehört die Villa«
    »Nein Sie gehört dem Signor Mandramo in der Stadt Der ist gar ein reicher
Herr und hat die Villa an meine jetzige Herrschaft vermietet«
    »Ist deine Herrschaft schon lange hier«
    »Die Pomeranzenbäume haben schon zweimal geblüht seit sie hier wohnt«
    »Die guten Leutchen sind also fremd hier«
    »Ja  Wollt Ihr etwas von dem Herrn oder von der Dame haben dass Ihr Euch
so genau nach ihnen erkundigt«
    »Ach nein  Es fiel mir nur auf Fremde zu sehen die man hier zu sehen gar
nicht gewohnt ist«
    Er gab dem Mädchen Geld und ging davon wieder nach seiner Wohnung zurück
    Hier fand er Frau Marten mit einem Briefe von Dianoren Sie billigte in
demselben seine Vorsicht glaubte aber es sei ratsamer für sie in der Villa zu
bleiben bis die Abfahrt der Barke bestimmt und gewiss sei
    Frau Marta war mit einer Antwort an Dianoren abgefertigt kaum
davongegangen als der Alte von Fronteja in Rinaldos Zimmer trat  Verdriesslich
fragte Rinaldo was ihn hierherbringe
    DER ALTE Meine Freundschaft
    RINALDO Kann ich denn nirgends vor dir und deiner Zudringlichkeit sicher
sein
    DER ALTE Nein solange du noch lebst nicht weil ich mehr als du das zu
schätzen weißt dein Freund bin
    RINALDO Wie hast du meinen Aufenthalt wieder ausgekundschaftet
    DER ALTE Das kann dir gleichviel sein  Genug dass ich hier und wenn du
mir folgen wenn du meinen Rat annehmen willst zu deinem Glück hier bin  Noch
bist du zu retten Ich bringe dich sicher nach Korsika
    RINALDO Doch
    DER ALTE Dieses spöttische Benehmen soll und kann mich nicht kränken denn
ich bin dein Freund O Rinaldo es wär zu spät wenn du das erst in den letzten
Augenblicken deines Lebens empfinden solltest  Jetzt sage ich dir bist du
noch zu retten Aber nur heute noch
    RINALDO Feind meiner Ruhe
    DER ALTE Gott weiß es wie sehr ich dein Freund bin  Ich bitte dich folge
mir Noch bist du zu retten Aber  wie gesagt  nur heute noch
    RINALDO Nur heute noch
    DER ALTE Wahrlich bei dem ewigen Wesen das über uns waltet nur heute
noch  Staune mich nicht an Ich spreche Wahrheit Folge dem Rufe deines
herzlichsten Freundes Gehe mit mir lieber Rinaldo Rette dich und erspare mir
die Tränen die ich auf deinen Grabhügel zu weinen habe
    RINALDO Morgen sagst du entscheidet sich mein Schicksal
    DER ALTE Morgen  und morgen auf immer Der Morgen der nach dieser Nacht
dir lächelt ist der letzte deines Lebens wenn du hier bleibst wenn du nicht
mit mir gehst
    RINALDO Gib mir Beweise
    DER ALTE Wie kann ich das
    RINALDO Ich will dir glauben Lass mich ein Wunder sehen
    DER ALTE Wie kann ich das
    RINALDO Gute Nacht
    DER ALTE Du glaubst mir nicht
    RINALDO rasch Nein morgen schlägt die Stunde meines Untergangs noch
nicht
    DER ALTE feierlich Sie schlägt Sie schlägt morgen bei dem allmächtigen
Gott und meiner unsterblichen Seele
    RINALDO Du willst mich nach Korsika locken Ich folge dir nicht Ich trotze
deinen Weissagungen Ich bleibe hier
    DER ALTE herzlich Nun dann Willst du die Hand die ich dir biete dich zu
retten nicht ergreifen so soll dir doch wenigstens meine Freundschaft bleiben
so sollen meine Tränen deine Begleiter sein in das Land aus welchem wir nie
wiederkehren
    Er senkte sein Haupt als er das sagte blieb einige Augenblicke in dieser
Stellung und ging dann auf die Tür zu als diese mit Geräusch aufsprang Das
Licht im Zimmer verlosch und eine weiße glänzende Gestalt schwebte herein
    Der Alte schrie
    »Heiliger Gott Rosalie« und stürzte aus dem Zimmer
    »Taschenspieler« rief Rinaldo ihm nach warf seine Augen auf die Gestalt
und erblickte wirklich Rosaliens Gesicht Er trat betroffen zurück Sie öffnete
ihre Arme schien etwas an ihre Brust zu drücken winkte ihm und verschwand
    Rinaldo blieb in einer starken Betäubung zurück sammelte sich aber bald
wieder und bitter lächelnd schrie er laut auf
    »Ein Taschenspieler und nichts als ein Taschenspieler bist du  Mich
sollst du an dir selbst nicht irre machen ich kenne dich«
Der erste Strahl des Tages fand Rinaldo wachend Er hatte wenig geschlafen
    »Der Tag ist da«  sprach er  »der Tag der allen künftigen Tagen meines
Lebens ein Ziel setzen soll Der letzte  Schreckliches Wort  Wer aber sagte
dem alten Taschenspieler mit Gewissheit dass dieser Tag eben dieser Tag mein
Leben enden soll und nur dann wenn ich auf diesem Eiland bleibe«
    Er sprang auf schrieb an Dianoren schickte den Brief in die Villa und
machte sich auf den Weg nach seinem Schlupfwinkel den er an diesem Tage nicht
verlassen wollte die Prophezeiung des Alten unwahr zu machen
    Eben näherte er sich dem Felsen als er am Gestade des Meeres in der
Entfernung nach der Seite seiner Höhle zu sizilianische Soldaten erblickte
Dieser Anblick schreckte ihn zurück und traf ihn heftig Erschrocken verließ er
den Pfad der ihn nach seinem Schlupfwinkel fuhren sollte und schlug den Weg
rechts nach einem Gebüsche zu ein
    Dieses hatte er kaum erreicht als er im Tale ein starkes Kommando Soldaten
gewahr wurde welches den Marsch auf seinen Aufenthaltsort zu nahm  Er verließ
das Gebüsch und ging auf die Villa zu in welche er tags vorher den unbekannten
Herrn und die Dame hatte gehen sehen
    Er fand die Tür des Gartens offen und ging hinein  Aus einem Pavillon trat
ihm der Unbekannte von gestern entgegen den er und der ihn sogleich erkannte
    »Mein Prinz«  rief ihm Rinaldo erschrocken entgegen
    »Unglücklicher Du hier«  sagte der Prinz und ging in den Pavillon zurück
    Rinaldo zitterte aber er wagte es ihm dahin zu folgen
    Der erkannte Unbekannte war der aus Rinaldos Geschichte bekannte Malteser
der Prinz della Roccella
    Rinaldo warf sich vor ihm nieder wollte sprechen vernahm einen Ausruf des
Schreckens und erblickte auf einem Sofa die schöne Aurelia  Dieser Anblick
übermannte ihn ganz Er zitterte heftiger und vermochte nicht aufzustehen
    Der Prinz ergriff seine Hand zog ihn auf und sagte
    »Bleibst du auf diesem Eiland so ist dieser Augenblick der letzte unseres
Aufenthalts hier«
    »Nein«  seufzte Rinaldo »Ich bleibe nicht hier Morgen schon verlasse ich
dieses Eiland und Ihr sollt mich nicht wiedersehen Gott sei gedankt dass ich
Euch noch am Leben sehe Dieser Augenblick ist einer der schönsten meines
unglücklichen Lebens«
    »Bist du hier noch in Verbindung mit den Deinigen«  fragte der Prinz
    »Nein«  stammelte Rinaldo »Ich bin nicht mehr in jener
verabscheuungswürdigen Verbindung Jene Banden der Verachtung die mich
umschlungen sind zerrissen und ich bin jetzt ein anderer Mensch«
    Aurelia wankte vom Sofa auf und wollte den Pavillon verlassen als der
Gärtner beinahe atemlos herbeistürzte und meldete die Villa und der Garten sei
mit sizilianischen Soldaten umringt
    »Das gilt mir«  rief Rinaldo mit gebrochener Stimme aus
    »Unglücklicher«  stammelte Aurelia und sank auf das Sofa zurück
    »Suche dich zu retten«  sagte der Prinz
    »Es ist zu spät«  seufzte Rinaldo  »Ich habe Freundes Rat und Warnung
verachtet  Es ist zu spät«
    Ein starkes Geräusch näherte sich Im Augenblick war der Pavillon von
Soldaten besetzt und ein Offizier trat ein
    »Hier ist er«  schrie eine Stimme
    Rinaldo wandte sich gegen diese Stimme und sein Todfeind der Schwarze
stand vor ihm
    »Habe ich Euch hintergangen« fragte er den Offizier zeigte auf Rinaldo und
fuhr fort »Dieser ist Rinaldini nehmt ihn fest«
    Hohnlächelnd blickte der Schwarze auf ihn nieder Rinaldo schlug zitternd
die Augen zu Boden
    »Bist du Rinaldini«  fragte der Offizier
    »Ich bin es« antwortete Rinaldo bebend und ohne Bewusstsein Da entstand ein
Gewühl vor dem Pavillon Der Alte von Fronteja drängte sich herein
    »Rinaldo«  sagte er »Ich habe dir meine Freundschaft bis in den Tod
versprochen Ich halte Wort Du bist nicht zu retten Fahre wohl«
    Er sprachs zog einen Dolch und bohrte denselben ehe es zu hindern war in
Rinaldos Brust
    Rinaldo stürzte bei Aurelien am Sofa nieder Er streckte seine Rechte nach
dem Alten aus ließ sie sinken und seufzte schwach »Ich danke dir«
    Aurelia sank ohnmächtig in ihres Vaters Arme
    Der Alte wandte sich gegen den Schwarzen und sagte
    »Jetzt bist du verloren«
    Hierauf warf er einen Blick auf Rinaldo und sprach
    »Dein Freund Onorio konnte seine unglücklichen Lehren nur mit deinem Tode
besiegeln Du solltest ein Held werden und wurdest ein Räuber Du wolltest die
Bahn auf der du wandeltest nicht verlassen Dein Freund aber der dich mehr
liebt als sich selbst konnte dich nicht auf dem Rabensteine sehen«
    Er trocknete Tränen aus den Augen wandte sich hierauf rasch zu dem Offizier
und sagte
    »Im Namen des Königs Diesen schwarzen Verräter haltet fest  Mich führt
nach Neapel Ich gehöre vor des Königs Gericht Dort werde ich mich zu
rechtfertigen wissen«
 
                                    Fußnoten
1 Das Original ist AltSpanisch und steht in dem Kanciouern de Romances Anvers
1568 p 241  Die Spanischen Romanzen sind unter der Herrschaft der Spanier
über Sizilien dahin gekommen und in die Landessprache übertragen worden
 
                                  Zehntes Buch
 Wunderbar gerettet und geborgen
 Hat das Glück zu neuer Not
 Den Verfolgten den der Morgen
 Jeden Tages neues Unglück droht
Tobend heulte die entfesselte Schar der Winde donnernd brachen sich die
empörten Wellen am Felsengestade flammende Blitze durchschnitten die finstre
Wolkennacht Himmel und Erde waren in Aufruhr
    Betend lag Onorio in der Kapelle seufzend und stöhnend ruhte Rinaldo auf
seinem Lager
    Unfern Malta liegt die kleine unbewohnte Insel Lampidosa meerumgürtet
traurig und einsam aber ihr sicherer Hafen gewährt den Schiffenden Aufenthalt
und Schutz wenn wütende Stürme sie verfolgen Mitten auf diesem Eilande steht
eine kleine Kapelle geweiht der heiligen Jungfrau Kein Schiffer sei er Christ
oder Muhameds Verehrer vergisst es für gewährten Schutz in der Kapelle als ein
dankbares Opfer Proviant oder Munition niederzulegen Wer davon etwas zur Zeit
der Not bedarf legt Geld dafür hin und jährlich kommen Galeeren von Malta die
dieses gemünzte Opfer nach Trapani in Sizilien zu unserer lieben Frau führen
    In der lieben FrauenKapelle auf Lampidosa lag Onorio betend vor dem Altar
der Hochgebenedeiten
    Rauschend entströmte der Regen den geborstenen Wolken stärker rollte der
Donner es erbebte die Erde
    Onorio erhob sein Gesicht streckte seine Arme gegen das Bildnis der
heiligen Jungfrau und sang mit sanfter Stimme
Du o Geberin des Guten
Quelle der Barmherzigkeit
Gib uns Menschen deinen Frieden
Schenk uns einst die Seligkeit
Zähme die empörten Fluten
Zeige deine Allgewalt
Gib auch du dem Meere Frieden
Sichre unsern Aufenthalt
Lächle gleich dem Morgensterne
Der dem müden Wandrer lacht
Zeige deine hohe Gnade
Zeige deine hohe Macht
Ein flammender Blitzstrahl durchzischte die Kapelle ein heftiger Donnerschlag
folgte Es erbebte die Kapelle Aneinander schlugen die geweihten Ampeln Das
Bild der heiligen Jungfrau schien sich zu bewegen   Onorio sprang auf und
eilte in die Klause zu Rinaldo
    Wie aber kam dieser auf die Insel Lampidosa  Das wollen wir soeben
erzählen
»Mich führt nach Neapel«  sagte der Alte von Fronteja ruhig und mit fester
Stimme  »Ich gehöre vor des Königs Gericht dort werde ich mich zu
rechtfertigen wissen«
    Sichtbar erbebte der Schwarze mit starren Blicken sah der Offizier dem
Alten ins ruhige Auge Staunen fesselte die Wache Außer sich stürzte Dianora
herbei »O Mein Rinaldo«  jammerte sie weinend warf sich auf den Blutenden
bedeckte seinen Mund mit unzähligen Küssen und küsste zurück ins Leben seinen
fliehenden Geist  Er atmete
    »Er lebt«  schrie sie »Er lebt« und schloss ihn fest in ihre Arme
    Einer leicht zu erklärenden Bewegung des Schwarzen kam der Offizier zuvor
Er wandte sich winkend zur Wache und blutend wurde Rinaldo Dianorens Armen
entrissen  Jammernd sank Dianora in Violantens Arme
    Der Alte folgte dem Verwundeten und den Soldaten  Rinaldo wurde verbunden
 Alle bestiegen eine Barke  Zu entkommen versuchte auf dem Wege nach dem
Hafen der Schwarze Er wurde gefesselt
»Wir fuhren«  sagte der Offizier zu seinen Leuten  »gute Beute und wichtige
Geheimnisse nach Sizilien Die Entwicklung sonderbarer Verbindungen umschließt
diese Barke Glücklich bringe uns der Himmel übers Meer in den Hafen«
    Der Anker wurde gelichtet gespannt die Segel das Fahrzeug entfloh dem
Hafen
    Geheimnisvolle Stille herrschte auf dem Schiffe hell glänzten Mond und
Sterne am blauen Himmel sanft umspülten die dunklen Wellen die Barke laut
knarrten die bewegten Ruder durch die Stille der Nacht
    »Ein Schiff Ein Schiff«  lief der Ruf von Munde zu Munde
    Schnell getrieben vom frischen Südost eilte das Schiff herbei Man rief die
Barke an sich zu ergeben Die Besatzung griff zu den Waffen  Geöffnet waren
die Schiesslöcher des feindlichen Schiffs der silberne Mond blinkte von den
grünen Flaggen
    »Tunesier«  schrie der Offizier  »Wir sind zu schwach Wir sind
verloren«
    Schon blitzte des Feindes Geschütz der Donner rollte über die Wellen Was
half Widerstand Die Barke wurde genommen Cintio Luigino und ihre Leute in
türkische Tracht gekleidet sprangen über die Soldaten und der Schwarze wurden
niedergehauen Nach Sizilien kam keiner zurück wieder sah keiner das liebliche
Vaterland
    Der Alte umarmte seine Freunde sie ihn und alle jauchzten
    »Das ist wohl gelungen«
    Vor Lampidosa gingen sie vor Anker Hier wurde Rinaldo ausgesetzt und
Onorios Pflege übergeben  Das Schiff stach in die See
Ungefähr hundert Schritte von der Kapelle auf Lampidosa lagen drei kleine
Einsiedeleien die vor vielen Jahren von drei Eremiten einem Christen einem
Griechen und einem Muhamedaner mit sonderbarer Einigkeit bewohnt worden waren
Sie starben und begruben einander neben ihren Klausen Der Christ überlebte
seine Freunde Ihn fand ein türkischer Meerräuber auf seinem Lager entschlafen
las seine und seiner Gefährten Geschichten die er hinterlassen hatte und ließ
ihn zur Ruhe bringen Die Nachrichten blieben zurück so wie die einfachen
Hausgeräte ein Inventarium der Klausen
    So fand es Onorio als er nach Lampidosa kam Hier wollte er sein Leben
beschließen Gott und heiligen Betrachtungen geweiht Er kannte den Alten von
Fronteja dieser kannte ihn wie die Folge dieser Geschichte lehren wird und
ihm übergab man den Verwundeten so lange bis es nötig sein würde ihn wieder
abzuholen
    Schon war Rinaldo ganz außer Lebensgefahr als der fürchterliche Sturm das
kleine Eiland erschütterte
    »O«  seufzte er  »Allentalben hin folgt der Zorn des Himmels dem
Verbrecher Wo könnte er ihn nicht finden«
    Sanft antwortete Onorio »Allentalben  Der Sturm ist schrecklich Solange
ich auch schon dieses einsame Eiland bewohne hörte ich noch nie ein solches
Ungewitter Wehe denen die dieses Wetter jetzt auf dem Meere trifft  Es folgt
allen die jetzt die Wogen durchschneiden so fromm und makellos sie auch immer
sein mögen Überall flammen die Blitze des strafenden Himmels der auch seine
Sonne scheinen lässt über Böse und Gute  Wer reinen Herzens ist und ein gutes
Gewissen hat sieht jedem Blitzstrahle ruhig entgegen«
    Rinaldo sah gedankenvoll seufzend vor sich nieder  Onorio sprach weiter
»In dieser Einsamkeit wo wir allein sind« 
    »Der Mensch«  fiel rasch Rinaldo ein  »ist nie allein Und wär alles um
ihn herum schweigend und stumm Sein Herz ist bei ihm«
    Onorio blickte ihn schweigend an Rinaldo fuhr fort
    »O das Herz das bewegliche Herz  Wie schwer trage ich an dieser leichten
Last Sie wird mich noch zu Boden drücken«
    Abbrechend sagte Onorio »Meine Ampeln brauchen Öl«  nahm den Ölkrug und
ging in die Kapelle
Über Nacht legte sich endlich der Sturm und als am Morgen die Sonne lachte
lief ein Schiff in den Hafen und warf die Anker aus
    Der Alte von Fronteja trat in die Klause Heiter war sein Blick sanft war
die Sprache seines Mundes
    »Grüße Euch Gott meine Freunde und gebe uns allen Heil und Glück Der
Sturm ist vorüber die Sonne lacht und glücklich liegt mein Schiff im sichern
Hafen«
    »Bist du«  fragte Rinaldo  »ebenso sicher als dein Schiff«
    »Unsicher«  lächelte der Alte  »bin ich nie«
    »Du hast viel Glück«  rief Rinaldo aus  »Doch bedenke dass das Glück
wankelmütig ist Zwar fasst es wohl doch sich fassen lässt es selten«
    »Verstehst du es aber auch mit Glück umzugehen   Stelle dich diesem
wankelmütigen Dinge als eine Kugel dar welche es hinrollen kann wohin es will
an der aber nirgends ein Fleck ist an welchem du festzuhalten bist Will das
Glück sich zu dir setzen wohl so reiche ihm die Hand breitet es seine Flügel
aus davonzufliegen so gib ihm seine Geschenke zurück und lass es fliegen  Das
Glück ist ein Weib Du weißt ja wie Weiber sind denn ich glaube du kennst
sie«
    »Weiber«  begann Onorio  »sind doppelte Menschen und ein einfacher
Mensch ist gewöhnlich schon nicht viel wert«
    Der Alte lächelte Onorio an und fuhr fort
    »Des Weibes Launen müssen uns ergötzen dürfen uns aber nie betrüben  Es
gibt Menschen die sich für glücklich halten weil sie sich weise dünken halte
du dich für weise wenn du dich glücklich fühlst«
    »Das werde ich nie können«  seufzte Rinaldo
    »Der Mensch«  antwortete der Alte bedächtig  »kann alles was er
ernstlich will   Ich bin gekommen dich zu fragen mein Freund willst du
hier auf diesem Eiland bleiben oder fühlst du Verlangen und Mut genug wieder
in die Welt zu gehen  Nur etwas Trotz weniger und du wirst unter den Menschen
dich ganz wohl befinden Trotz schickt sich nicht in die menschliche
Gesellschaft die Menschen ertragen ihn nicht Entweder man erwidert deinen
Trotz  dabei gewinnst du nichts  oder man flieht dich  und dabei gewinnst
du noch weit weniger Ich kenne Welt und Menschen Höre mich an aus mir spricht
die Erfahrung Ich will dir ein Geheimnis anvertrauen und dadurch entdecke ich
dir das Geheimnis aller klugen Menschen die in der Welt bedeutend worden sind
und es noch werden Nenne das was ich dir sage Philosophie des Lebens und
handle nach dem was du von mir hörst   Die Pflichten der menschlichen
Gesellschaft sind nur ein unaufhörlich fortgesetzter Tauschhandel Lass dich auf
nichts ein ohne zu erwarten dass es dir Vorteil bringe Deinen Verstand deine
Einsichten deinen Diensteifer und deine Gefälligkeiten alles lege im Handel
an Tue deinen Nebenmenschen keinen Schaden achte sie wenn du musst diene
ihnen wenn du kannst lass ihnen ihre Ansprüche und entschuldige ihre
Schwachheiten Sie sind nicht undankbar Deine Auslage wird dir immer mit
beträchtlichen Zinsen wieder erstattet werden«  »Unter diesen Menschen aber«
 fiel Rinaldo ein  »werden auch Freunde sein und die Freundschaft fordert
doch wohl«  »Die Freundschaft«  fiel ihm der Alte schnell in die Rede 
»betrachte stets als das schönste und als das gefährlichste Geschenk des
Himmels Ihre Guteit ist entzückend ihre Unbeständigkeit ist entsetzlich Und
wie willst du dass ein Weiser der Gefahr eines Verlustes sich aussetze dessen
Bitterkeit sein ganzes übriges Leben vergiften kann  Trifft deinen Freund ein
Unfall und du hast keine Hilfsmittel dafür so erspare dir den Schmerz ihn
leiden zu sehen«
    Rinaldo sah ihn mit bedeutenden Blicken an und sagte
    »Du hast nicht gehandelt wie du sprichst wenigstens gegen mich nicht«
    »Du bist mir mehr als Freund«
    »Mehr  Mehr als Freund  Ich dir  Und was  Was bin ich dir«
    Onorio sah den Alten bedenklich an dieser schwieg  Rinaldo wiederholte
die Frage
    »Was bin ich dir«
    »Ich liebe dich«  antwortete der Alte  »wie ein Vater seinen Sohn liebt
So will es mein Herz so will es die allgewaltige Sympatie die zwischen
Menschen waltet«
    Nach einer starken Pause fragte Rinaldo »Warst du seit wir uns nicht
sahen wieder in Sizilien«
    Zufrieden lächelnd antwortete der Alte »Ich war in meinen lieben Gefilden
von Fronteja  Man hat dort übel gehaust Die Pfaffen haben meine Jünger vor
ihr Tribunal gezogen und sind schlimm mit ihnen umgegangen Die meisten stecken
in Klöstern zu kirchlicher Busse verdammt und einige sind sogar auf der Folter
gestorben«
    »Gerechter Gott  Warum das«
    »Man wollte ihnen das Geständnis ihres vermeinten Heidentums auspressen 
Bei Gott Es ging den Meinigen wie es ehemals in Frankreich den unschuldigen
Tempelherren ging aber ich war nicht zur Rolle eines Molay zu bringen  
Übrigens glaubt man in Sizilien die Barke mit mir und dir und der königlichen
Wache sei entweder untergegangen oder von einem Meerräuber in den Grund gebohrt
worden«
    Nach einer Pause fuhr der Alte lächelnd weiter fort
    »Meine ganze Krata Repoa alle dazugehörigen Dekorationen und Bücher
befinden sich im heiligen Inquisitionsgericht als Studium wahrlich nicht  Ich
las zu Palermo und zu Messina gedruckte öffentlich angeschlagene Aufhebungen
des Preises auf deinen Kopf  hier ist ein Exemplar  weil Rinaldini von den
Wellen verschlungen worden sei  Doch werden vermutlich bald neue Preise
ausgesetzt werden denn Cintio und Luigino an der Spitze eines starken Korps
treiben es in Sizilien ein wenig arg«
    »Wie  Cintio Luigino« 
    »Was du tatst bleibt gegen das was diese tun nur Spielwerk«
    »Wohl mir  Wie stehts um das Unternehmen auf Korsika«
    »Aufgeschoben ist nicht aufgehoben«
    »Wo lebt Dianora«
    »Geh in die Welt du wirst sie finden«
    »Und was treibst du jetzt«
    »Handel  Als Kaufmann durchschiffe ich die Meere und werde reich«
    Noch sprachen sie als zwei Kanonenschüsse fielen und die Ankunft eines
Schiffs verkündigten  Onorio und der Alte verließen die Klause  Bald kamen
sie zurück und der Alte sagte
    »Rinaldo ein sizilianisches Schiff ist angekommen es hat im Sturm
gelitten man will es ausbessern Der Kapitän spricht davon einige Tage hier zu
verweilen Mein Schiff geht in die See  Willst du mit mir gehen«
    Onorio fiel ihm um den Hals und stammelte »Folge deinem Freunde Lass mich
allein hier ruhig sterben«
    »Ich fühle was du sagen willst«  stammelte Rinaldo wehmütig  »Ja Du
sollst ruhig sterben Lebe wohl  O Onorio wie sehr drückt die Last deiner
freundlichen Bitte mich nieder  Ich fühle was ich bin was ich dir und allen
Menschen sein muss  Fort in die Welt Fort aus der Welt zu meinen Räubern 
Alter  Ich folge dir«
Der Morgen war schön Das Schiff durchschnitt die See  Rinaldo stand auf dem
Verdeck überflog mit suchenden Blicken das Meer und rief endlich seufzend aus
»O Es ist ein schöner Morgen«
    Der Alte fiel sogleich ein »Ein schöner Morgen Er lächelt dir und mir und
uns allen  Was der Mensch an den Tageszeiten Schönes genießen kann genießt er
des Morgens und des Abends beim Kommen und Scheiden des Tages  So ist es auch
mit dem Menschen Sein Morgen und sein Abend lehrt ihn uns kennen und schätzen
Im Kommen und Scheiden kennt er keine Verstellung In der Mitte seines Lebens
nur wirft die Zeit ihm trügerische Schleier über  Unser Abend sei heiter Ein
schöner Wunsch  Gott gebe uns allen seine Erfüllung«
    Als die Wellen das schwankende Schiff in die See trugen flimmerten nur
wenige Sterne noch am Himmel  Auch diese verschwanden  Schon brachen die
ersten Strahlen des Tages durch des Himmels bläulichen Schleier die Nacht zog
gegen Westen sich zurück und die flüchtigen Schatten folgten ihr nach
    Im Osten wurde der Himmel immer röter Leuchtende Strahlen durchschossen die
reine Luft und überzogen das bläuliche Gewölbe mit purpurnen Streifen
    Rinaldo stand in sich selbst verloren noch auf dem Verdeck blickend gen
Himmel mit feuchten Augen Sein Gefühl war ein stummes Morgengebet  Ihn
beobachtend stand der Alte neben ihm
    Stärker wurde die Erhellung lichter wurden die Farben  O welch ein
herrliches Schauspiel öffnete sich den Blicken Tausend goldene Strahlenflammen
fuhren von einem einzigen Mittelpunkt aus und zerteilten sich in der Luft 
Ganz Osten stand in Feuer
    »Rinaldo siehst du das«  fragte rasch der Alte
    »Ich sehe und fühle«  antwortete er mit sehr bewegter Stimme
    Jetzt trat die Sonne hervor Ihre strahlende Scheibe schwebte über dem
Horizont Einen Augenblick schien sie noch auf dem Meere wie auf einem Throne
zu ruhen  und nun erhob sie sich in all ihrer Klarheit und Pracht die
glänzende Königin des Himmels  Wie prächtig sie sich über das Wasser erhob
Wie vielfach aus den Wellen ihr glänzendes Bild zurückstrahlte  Da stand sie
nun die leuchtende Sphäre die mit ihrer Klarheit die Welt erfüllt umgeben mit
flammender Pracht
    Von einem unwillkürlichen Gefühl ergriffen wie von einem elektrischen
Schlage getroffen stürzte Rinaldo auf die Knie erhob die Hände und stammelte
    »Großes Licht des Himmels Wie oft sahst du den Räuber auf blutbesprjetzten
Pfaden wie oft drang dein Blick in seine menschlichen Augen verborgene Winkel
 O blicke in mein Herz und sieh was ich leide«
    Rasch riss der Alte ihn auf ihn unterbrechend und sagte
    »Sieh Freund schon vermagst du es nicht mehr ohne Fernrohr Lampidosa zu
erblicken Die Insel liegt hinter uns So entschwinden die Taten der Menschen im
eiligen Laufe der Zeit so entschwindet das Andenken an Gutes und Böses«
    Die Schiffsglocke läutete zum Frühstück Die Matrosen verbreiteten sich auf
dem Verdeck und der Kapitän des Schiffs dessen Namenstag gefeiert werden
sollte gab Wein zum besten Ein hundertstimmiges Lebehoch tönte ihm zu Ehren
in die Lüfte und einige Guitarren Triangel und Geigen kamen zum Vorschein Es
wurden Lieder angestimmt und endlich sang die ganze Gesellschaft
                                    Romanze
In des Waldes finsteren Gründen
Und in Höhlen tief versteckt
Ruht der Räuber allerkühnster
Bis ihn seine Rosa weckt
»Rinaldini«  ruft sie schmeichelnd
»Rinaldini wache auf
Deine Leute sind schon munter
Längst ging schon die Sonne auf«
Und er öffnet seine Augen
Lächelt ihr den Morgengruß
Sie sinkt sanft in seine Arme
Sie erwidert seinen Kuss
Draußen bellen laut die Hunde
Alles flutet hin und her
Jeder rüstet sich zum Streite
Ladet doppelt sein Gewehr
Und der Hauptmann wohl gerüstet
Tritt nun mitten unter sie
»Guten Morgen Kameraden
Sagt was gibts denn schon so früh«
»Unsre Feinde sind gerüstet
Ziehen gegen uns heran«
»Nun wohlan sie sollen sehen
Ob der Waldsohn fechten kann«
»Lasst uns fallen oder siegen«
Alle rufen »Wohl es sei«
Und es tönen Berg und Wälder
Rundherum vom Feldgeschrei
Seht sie fechten seht sie streiten
Jetzt verdoppelt sich ihr Mut
Aber ach sie müssen weichen
Nur vergebens strömt ihr Blut
Rinaldini eingeschlossen
Haut sich mutig kämpfend durch
Und erreicht im finsteren Walde
Eine alte Felsenburg
Zwischen hohen düstern Mauern
Lächelt ihm der Liebe Glück
Es erheitert seine Seele
Dianorens Zauberblick
Rinaldini Lieber Räuber
Raubst den Weibern Herz und Ruh
Ach wie schrecklich in dem Kampfe
Wie verliebt im Schloss bist du
»Jetzt ist es aus mit ihm« sagte der Kapitän »Beim Teufel Das war ein Kerl
von dem man noch lange singen und sagen wird«
    »Jawohl« sagte der Alte und lächelte
    Der Kapitän fuhr fort »Er hatte es sozusagen verdammt weit gebracht Wenn
nur mehr Ehre dabei gewesen wäre Man hätte ihn begnadigen sollen und er würde
dem Staate gewiss mit dem Degen in der Faust gute Dienste geleistet haben 
Jetzt ist er wohl schon längst wer weiß in welchem Haifischmagen über die
Grenze geschifft«
    Alle lachten Rinaldo  musste natürlich auch mit lachen
    Bald kams wieder zu einem Wettgesang Ein Mädchen und ein junger Matrose
traten nun auf und sangen zur Musik
ER
Geh nicht in die Berge
Rinaldo wohnt dort
Er plündert beraubt dich
Und schleppt dich mit fort
SIE
Ich geh in die Berge
Rinaldo wohnt dort
Er kennt mich er liebt mich
Ich zieh mit ihm fort
ER
Ha Rosa du Röslein
In Wälder versteckt
Hat auch dich die Liebe
Im Freien geneckt
SIE
Es neckt mich die Liebe
Im Feld und im Wald 
Dort glänzen Gewehre
Wir wandern nun bald
Langsam schlich Rinaldo von dem Verdeck in die Kajüte Je lauter draußen der
Lärm wurde desto beklommener hörte er das Getöse an  Tausend Entwürfe und
Entschließungen durchkreuzten seine Seele welchen konnte er fassen Er musste
alles auf den Zufall ankommen lassen aber diesen aufs beste zu benutzen war
sein ernster Wille sein fester Entschluss Schon hatten sie Sizilien im Rücken
als auf einmal ganz unerwartet der Wind nach Südost umsprang Wütend warf er das
Schiff hin und her durch die tobenden Wellen die sich Bergen gleich dem
krachenden Kiele entgegentürmten  Die Nacht brach an und die dickste
Finsternis umlagerte das Schiff Nichts war zu sehen als der leuchtende Schaum
der wütenden Wogen die das Schiff so ungestüm umherschleuderten dass auch die
Kühnsten zaghaft wurden
    Rinaldo lag ruhig auf dem Lager fürchtete nichts und sah gelassen dem Tode
entgegen Er blieb allein auch der Alte kam nicht zu ihm
    Duftige Nebel sanken hernieder das Brausen des Windes glich dem stärksten
Donner des Geschützes Im Schiffe ertönten Angstgeschrei und Klagen  Ängstlich
harrte man des anbrechenden Tages  Nach Mitternacht stieß das Schiff auf eine
Klippe es borst und sank
    Ein schreckliches Wehklagen erfüllte die Lüfte  Rinaldo der bisher ruhig
den Tod erwartete ergriff einen Balken eine Welle schleuderte ihn ins Meer
eine zweite warf ihn ans Land wo er matt und entkräftet dem anbrechenden Tage
entgegensah
Der Sturm legte sich Es wurde Tag Rinaldo lag unter einem Baume Die Gegend
wurde heller Er blickte um sich und sah einen Fischer der nach dem Ufer ging
Diesem klagte er sein Unglück und der ehrliche Mann führte ihn in seine Hütte
wo er ihn so gut er es geben konnte mit Speise und Trank erquickte Bald wurde
der benachbarte Pfarrer herbeigerufen dieser fragte den Schiffbrüchigen aus und
erhielt eine Geschichtserzählung von Rinaldo die einer ganz gewöhnlichen
Erzählung glich Er war ein Kaufmann aus Ancona hatte Schiffbruch gelitten und
war in demselben um seine Habseligkeiten und Papiere gekommen »Und wo bin ich«
 fragte er Der Pfarrer gab zur Antwort »Dieses Eiland auf welchem Ihr Euch
befindet heißt Alicudi hat etwa fünfzehn Meilen im Umkreis ernährt gegen
achthundert Bewohner ist eine der Liparischen Inseln und liegt achtundvierzig
Meilen von Lipari entfernt wohin Ihr aber noch heute kommen könnt weil eine
Barke dorthin segelt und Wein holt«
    Dieser Gelegenheit bediente sich Rinaldo ließ sich nach Lipari führen und
kehrte in dem Hospitio bei den BernhardinerMönchen ein die Reisende weil es
dort keine Gastöfe gibt beherbergen
    »Wie«  sprach er bei sich selbst  »Wie wenn du hier dich in das Gewand
der frommen Einfalt und Verborgenheit hülltest Wenn du bliebst unter diesen
Mönchen«
    Mit diesem Selbstgespräch das er im Freien hielt nahte er sich einem
kleinen Landhause das sehr romantisch mitten in einem Blumengarten lag  Er
ging auf dasselbe zu dachte sich in seine Einsamkeit nach Pantaleria zurück
und seufzte
    »Dort war ich glücklich und durfte es nicht bleiben  Ach Dianora  O ihr
goldenen Tage meiner Ruh und meines Glücks Warum entfloht ihr so schnell«
    Da vernahm er Gesang der aus den nahen Gebüschen ihm entgegentönte Er
lauschte und hörte
Einsam wandl ich hier und weine
Nur mein Gram begleitet mich
Nicht im Sonn und Mondenscheine
Find ich Ruh ach Ruh für mich
Die Stimme kam näher Aus den Büschen trat die Sängerin Rinaldo fuhr erbebend
zurück Sie schrie laut auf als sie ihn erblickte lehnte sich zitternd gegen
einen Baum und stammelte mit gebrochener Stimme »Armer Geist Was quält dich
Was bringt deine irdische Gestalt mir vor die Augen«
    ER Kein Geist kein Geist  Ich bin es selbst bin wirklich hier
    SIE Kein Geist  Kein Traum  Kein Blendwerk
    ER Nicht Geist nicht Traum kein Blendwerk  Ich lebe Ich sehe dich
dich die ich über alles liebe Ich fasse deine Hand 
    SIE Du lebst
    ER Ich lebe und bin dein
    Er sprachs und schloss sie in seine Arme Ihre zitternden Hände falteten
sich auf seinem Rücken und ihre Lippen stammelten
    »Gelobt sei Gott und die heilige Jungfrau ich habe dich wieder geliebter
Unglücklicher  Und du bist mein«
    »Dein  dein auf ewig«
    Ich kann sie nicht schildern diese Szene des glücklichen unvermuteten
Wiederfindens Rinaldo umschlang entzückt seine geliebte Dianora und eilte mit
ihr in ihre Wohnung
»O Rinaldo«  rief Dianora aus  »und du entgingst dem Tode  Ich wähnte der
Gerechtigkeit dich übergeben öffentlich und mit Schande gemordet Krank
jammernd und elend verließ ich Pantaleria und floh in die Einsamkeit dieses
stillen Eilandes Hier beweinte ich dich und wollte hier mein Leben beschließen
Violanta meine treue Gefährtin und Freundin ist nach Sizilien gegangen meine
Angelegenheiten dort zu besorgen aber dennoch bin ich hier nicht allein und
die glückliche Szene des Wiedersehens soll frohe Zeugen haben«
    »Ist noch jemand hier der mich kennt«  fragte Rinaldo
    »Ein Wesen ist noch hier das dich nicht kennt und dennoch ist es dir so
nahe verwandt«
    Sie ging kam bald zurück und trug ein jähriges Knäbchen auf ihrem Arme ihm
entgegen
    »Mein Kind«  schrie Rinaldo und schloss es küssend mit der Mutter in
seine Arme
    »Dein Kind  Es lächelt dir entgegen Es lallt den Namen Vater«
    »Die Stimme des Blutes  O süßer Vatername  O Weib o Kind  Jetzt bin
ich glücklich«
    »Bist du das«  fragte eine raue Stimme hinter ihm
    Er drehte sich herum und trat erschrocken zurück  Dianora sank mit einem
lauten Schrei des Schreckens das Kind umklammernd aufs Sofa  Mitten im
Zimmer stand in die bekannte Kleidung des Schreckens gehüllt der korsische
Kapitän in der Tracht der Schwarzen und lächelte höhnisch die Betroffenen an
    »Kennst du mich«  fragte er
    Rinaldo schöpfte Atem fasste sich und sprach
    »Ich kenne dich weil du mich kennst Was willst du von mir  Unsere
Rechnung ist abgetan ich habe nichts mit dir zu tun«
    »Nichts«
    »Ich schenkte dir das Leben als es in meiner Gewalt war«
    »Ich hatte längst zuvor das deinige dir geschenkt«
    »So sind wir dennoch quitt«
    »Die Rechnung wird neu  Du kennst doch diese Tracht in der ich dir mich
zeige  Ich bin jetzt nicht mehr mein ich gehöre denen an die mich sandten«
    »Was wollen sie von mir Warum schleichen sie mir allenthalben hin nach«
    »Sie tun was dein Gewissen tut«
    »Gott richte mich nicht sie nicht du selbst der Sünder einer wohl noch
größer als ich«
    »Du rechtfertigst dich selbst  Das darf nicht sein«
    »Furie die mich quält wie einst die Erinnyen folgten auf allen seinen
Schritten dem fluchbelandenen Orest  Weiche  Wenn du mich auch in den Hütten
des Raubes aufsuchtest so solltest du doch an der friedlichen Hütte
vorübergehen an die der Engel des Friedens sein hohes Zeichen schrieb Was hat
der Würgeengel hier zu tun  Ich bin nicht mehr was ich war Ich bin
zurückgetreten aus dem weiten Kreise meines ehemaligen Wirkens und will hier
leben im engen Zirkel stiller Häuslichkeit Hier ist mein Weib mein Kind Diese
haben nichts Böses getan Unschuldig lächelt der Knabe den Feind seines Vaters
an Kommst du auch zum Verderben der Unschuld«
    »Ich hänge nicht von mir selbst ab«
    »Aber steht nicht mein Verderben bei dir  Du mordest in mir Gatten und
Vater Sind diese Namen dir nicht heilig«
    Kalt antwortete der Kapitän »Heilig sind mir jetzt nur die Befehle meiner
Obern«
    »Wollen diese meinen Tod  Gut dann so morde man mich hier unter den
Augen meiner Frau und meines Kindes Aber morden müsst ihr mich und mein Leben
werde ich teuer verkaufen  Du bist der erste der fällt«
    Schnell riss er ein paar Pistolen von der Wand und vertrat dem Kapitän den
Ausgang aus dem Zimmer
    »Was beginnst du«  fragte dieser bestürzt
    »Ich fechte für mein Eigentum Habt ihr den Räuberhauptmann wieder in mir
aufgesucht so sollt ihr ihn auch finden Dass Rinaldini zu fechten weiß wisst
ihr ihr sollt erfahren dass ich der noch bin den ihr suchen wollt«
    Der Kapitän suchte sich zu fassen und begann nach einer kleinen Pause
    »Dass ich nicht für mich selbst handle weißt du Die Not brachte mich in
Dienste anderer Für diese habe ich Pflichten  Was gibst du mir Womit
belohnst du mein Schweigen«
    »Mich hintergehst du nicht«  schrie Rinaldo  »Deine glatten Worte gibt
dir die Not ein Ich lasse dich gehen und ich bin verhaftet Du suchst mir
jetzt zu entkommen Das kann nicht sein  Die Klugheit dringt mir einen Mord
ab Gott verzeihe ihn mir Ich morde nur zu meiner Lebenssicherheit Es kann
nicht anders sein Ich rette mich mein Weib mein Kind Gott sei deiner Seele
gnädig«
    »Rinaldo  Um Gottes willen  Höre  Nur noch ein Wort«
    »Was hast du noch zu sagen«
    »Lass mich beten und morde mich im Gebet«
    Rinaldo blickte ihm forschend in die Augen Der Kapitän fiel vor ihm nieder
und faltete die Hände
    Draußen erhob sich ein Geräusch Die Tür ging auf Wache trat ins Zimmer
    Der Kapitän sprang auf Der Anführer der Wache redete ihn ganz trotzig an
    »Elender vermummter Verräter«
    Gelassen erwiderte der Kapitän
    »Gott hat Euch mir zum Retter gesandt«
    Der Offizier sah ihn fragend an er fuhr fort
    »Mein Leben konnte nicht mehr gerettet werden es stand in der Hand eines
Mannes der mich vernichten musste um nicht der Justiz in die Hände zu fallen«
    »Was soll das sagen«  fragte der Offizier ernstaft
    Der Kapitän sprach weiter
    »Wohin Ihr mich auch führen mögt wie mein Schicksal auch entschieden werden
mag so verdiene ich doch eine Belohnung des Staates wenn ich der
Landesregierung was hiermit geschieht einen Mann überliefere auf dessen Kopf
sie schon längst hohe Preise setzte der stets ihren Nachforschungen entging
den sie tot glaubt der aber noch hier steht lebt und Rinaldini heißt«
    »Wie«  fragte der Offizier heftig
    »Elender Bösewicht«  schrie Rinaldini  »willst du deiner Strafe durch
ein neues Verbrechen entgehen Welche Frechheit Willst du dich durch die
schändlichste Verleumdung mit der schamlosesten Lüge retten«
    Der Kapitän wollte sprechen Dianora sprang auf »Dieser ist mein Gemahl
und dass ich die Gräfin Martagno bin weiß der Stattalter der auch meinen
Gemahl kennt Dieser schwarze Bösewicht dessen Erdichtungen« 
    »Signora«  fiel der Offizier ein  »dass dieser Vermummte ein
Nichtswürdiger ist wissen wir er wird den Lohn erhalten der ihm und seiner
ganzen Brüderschaft gehört dennoch aber bin ich verbunden auf seine Angabe
Euren Gemahl zu ersuchen mir zum Stattalter zu folgen Ich kenne ihn nicht 
und muss meiner Pflicht gehorchen«
    »So folge«  sagte Dianora mit einem bedeutenden Blick
    Der Kapitän wollte sprechen der Offizier ließ ihn binden und sagte »Was du
sagen willst kannst du vor Gericht sagen Ich bin dein Richter nicht  Wache
führt ihn fort  Dieser Herr folgt mir zum Stattalter«
    Rinaldo umarmte Dianoren die ihm etwas sagen wollte welches der Offizier
höflich verbat Sie gab ihm sprechende Blicke die Rinaldo dennoch aber nicht
recht entziffern konnte und er folgte dem Offizier in die Stadt
Hier führte ihn dieser auf die Wache und ging zum Stattalter wo er Dianoren
fand Der Stattalter lächelte nach des Offiziers Rapport
    »Sonderbar Wie weit geht doch die Bosheit der Schwarzen  Man verfährt in
Sizilien und in allen Staaten unseres Königs aufs schärfste gegen alle
Mitglieder eines Bundes dessen Absichten man kennt der die Staatsverfassung
des Reichs vernichten und eine allgemeine Rebellion erregen wollte Ein
allgemeiner Urteilsspruch hat alle Teilnehmer an dieser Verschwörung schon
gerichtet Der Schwarze der sich nach Lipari schlich und sein schändliches
Gewand überwarf ehrliche Menschen zu schrecken der sich erkühnte verwegen
sich selbst so kennbar zu machen soll dem Schwerte der Gerechtigkeit nicht
entrinnen  Auf unserm friedlichen Eiland soll die Sache kein Aufsehen machen
Die Bewohner brauchen eine Sache gar nicht kennenzulernen die sie nicht kennen
ihre stillen Gemüter soll so etwas weder bewegen noch entflammen Ich werde
dafür sorgen Stille und Verborgenheit sind hier heilsam   Der Gemahl dieser
Dame kommt zu mir«
    Rinaldo kam zu dem Stattalter Er trat ins Zimmer bebte zurück drückte
die gefalteten Hände vor die Stirn sah in der Person des Stattalters den ihm
und uns bekannten Prinzen della Roccella und warf sich vor ihm nieder Mit
bebenden Lippen stammelte er »O mein Prinz«
    Der Prinz ging auf ihn zu
    »Mann  Sehe ich auch hier dich wieder   Ich brauche dir wohl nicht zu
sagen wie sehr deine Gegenwart mich in Verlegenheit setzt  Fühle das selbst«
    »O ich fühle es  Ich bitte nicht für mich ich bitte nur für Weib und
Kind  Stets großmütig war mein Prinz« 
    »Mein Schicksal quält mich durch dich«
    Er ging im Zimmer auf und nieder Rinaldo erhob sich wankte an ein Sofa und
stürzte sich mit gesenktem Blick mit beiden Händen auf dasselbe  Endlich
begann der Prinz
    »Nach langem Überlegen und Streiten zwischen Pflicht und Wohlwollen kann ich
mich zu weiter nichts entschließen als deine Flucht dir zu erleichtern Du
wirst aber fühlen dass das für dich sehr viel getan ist«
    »Alles  alles was nur die Großmut des Edelsten tun kann«
    »Ich kann und darf nicht mehr für dich tun«
    »Mich vernichtet diese Güte«
    »Eine englische Fregatte liegt segelfertig in dem Hafen diese wird dich
aufnehmen  Für Reisegeld ist gesorgt In meiner Verwahrung sind 1000 Stück
Dukaten die deinem Freunde dem Alten von Fronteja gehören «
    »Ach Ihn verschlang das Meer  Hätte es doch mich verschlungen«
    »Reise glücklich«
    »Und Dianora«
    »Kann nicht mit dir gehen Sie ist das sich selbst sie ist es ihrem Kinde
schuldig Fühlst du das«
    »O ich Unglücklicher  Ach Dianora  Mein Kind  Mein armes Kind« 
    »Es soll das meinige sein  Welche Erziehung welche Ansprüche auf Glück
und Fortkommen in der Welt könntest du dem Kinde geben Du der du geächtet
verfolgt der du ein Mann bist dessen Name schon ein Verbrechen ist Welche
Hoffnung könnte unter deiner Wartung und Pflege dem zarten Sprössling blühen ein
Baum zu werden der seine Äste frei emporstrecken könnte in die Lüfte Ewig
würde der Sohn nur das Kind eines Räubers bleiben  Diese Schmach will ich von
ihm nehmen Ich erkläre ihn für meinen Sohn«
    »Prinz« 
    »Ich gebe ihm einen Namen der durch kein Verbrechen befleckt ist und so
erhalte ich ihm seine mütterlichen Güter Er wachse heran unbefangen zum
Jüngling er werde ein Mann sei geehrt und erfahre nie wer sein Vater war«
    Ein Tränenstrom entstürzte Rinaldos Augen er jammerte laut »Grausames
Geschick  O mein Sohn mein Sohn Wo wird dein Vater endlich noch das Ziel
seiner mühseligen kummervollen Pilgrimschaft finden« 
    »Lass ihm« fiel der Prinz ein  »dein Grab ohne Erröten sehen und er kann
glücklich sein«
    »O warum mussten Dianorens Küsse mich wieder zurück ins Leben rufen«
    »Es ist geschehen  Unser Wissen Wirken und Wollen unsere Kräfte sind
menschlich Über uns waltet eine höhere Macht Wir können nicht widerstreben
Was sie beschlossen hat geschieht«
    »Und Dianora bleibt hier«
    »Das  weiß ich jetzt noch selbst nicht«
    »Ich darf sie nicht wiedersehen«
    »Erspare dir und ihr den Abschied  Sie leidet viel  Willst du die Leiden
vermehren die sie quälen«
    Ein Diener trat ein brachte einen Brief und verließ das Zimmer  Der Prinz
las und sagte
    »Der englische Kapitän will absegeln Er dringt auf die Ankunft des
Reisenden den ich ihm zuschicken will dieser bist du Eile in den Hafen
Verliere keine Zeit sie ist kostbar und jede Zögerung bringt dir Gefahr Hier
ist Geld dein Reisepass  Gott sei mit dir Sein heiliger Engel geleite dich 
Reise glücklich«
    Er entfernte sich schnell  Rinaldo blickte schluchzend ihm nach ward
abgeholt und in den Hafen geführt  Er ging zu Schiffe Die Anker wurden
gelichtet das Schiff stach in die See
»O Dianora O mein Sohn«  jammerte Rinaldo  »Diese rollenden Wellen tragen
mich von euch hinweg vielleicht sehe ich euch nie wieder  Der ärmste
Handarbeiter darf so glücklich sein am Busen seines Weibes zu ruhen Er
schaukelt sein Kind auf seinem Fuße und liebevoll umschlingt sein Weib seinen
Nacken Er vergisst seine beschränkte Lage sein Unglück sich selbst und die
Welt umschlungen mit Banden ehelicher Freuden und Liebe  Und ich
Unglücklicher muss mein Weib verlassen muss meinem Kinde von Fremden einen andern
Namen erbetteln damit es den seinigen nicht am Rabensteine erblickt  O mein
Weib  O mein Sohn mein Sohn Schenke der Himmel dir zweifach den Frieden und
die Ruhe die dein unglücklicher Vater entbehren muss er der dir das Leben gab
und dem du dafür nicht danken darfst   Wenn der Name deines Vaters genannt
wird wirst du mit andern Menschen zugleich deinen Abscheu nicht verbergen
können und wirst nicht wissen dass es dein Vater ist den du verabscheust 
Wohl dir  Guter Gott Schenke meinem Sohne deine Gnade gib dass er ein guter
Mensch werde und ich habe der Welt in ihm gegeben was ich ihr selbst nicht in
mir gab  In die Flammen mit dem Baume der so schlechte Früchte trug ein
anderer nehme seinen Platz ein   Ich weiche meinem Sohne«
    Das Schiff lief in den Hafen zu Melazzo ein  Rinaldo stand auf dem Verdeck
des Schiffs überschaute die reichen Felder die um die Stadt herliegen letzte
sich an dem Anblick der fruchtbaren Hügel die sich amphiteatralisch nach den
fernen Gebirgen erheben und versank ganz in den Genuss des süßen Schauens  Er
wurde von dem Kapitän angeredet und bestieg mit ihm das Boot das ihn ans Land
brachte Hier nahm er Abschied von dem Kapitän und suchte eine Wohnung die er
auch sehr bequem bald fand
    Im Stillen überließ er sich seinen Betrachtungen und machte Pläne Täglich
besuchte er die Kirche hörte eine Messe und vertrieb sich dann zu Hause die
Zeit mit Lektüre und bei der Guitarre
    Eben war er in Gedanken bei Dianoren Er spielte und sang
O was spricht so laut zum Herzen
Glücklich werden kannst du nicht
Selbst mein Glück will ich verscherzen
Wenn dies nicht die Wahrheit spricht
Wiege Liebe mich in Schlummer
Dass die Wahrheit wachend flieht
Dass mein Auge nicht voll Kummer
In der Wahrheit Spiegel sieht
Täusche mich mit süßen Träumen
Täusche mich mit sanftem Blick
Lass mich keinen Traum versäumen
Rufe Wahrheit mir zurück
Wiege mich mit sanften Worten
Fern vom Blick der Wahrheit ein
Öffne die geschmückten Pforten
Lass die goldnen Träume ein
Luftig rauschet ihr Gefieder
Über meine Schläfe hin
Bilder wanken auf und nieder
Und erfüllen Herz und Sinn
O wie sanft die holden Bilder
Allgemach vorüberziehn
Mild und sanft und immer milder
Wiederkommend selbst im Fliehn
Decke Liebe deine Schleier
Über diese Bilderwelt
Immer wird die Aussicht freier
Immer schöner wird das Feld
In dem Haine will ich wallen
Wo den Mohn die Liebe streut
Wo mit sanftem Wohlgefallen
Liebe jedes Herz erfreut
»Ja«  rief er aus  »Trennen können uns Menschen und Verhältnisse aber
hindern können sie uns doch nicht stets beieinander zu sein«
    Es wurde an die Tür geklopft sie ging auf und ein Franziskanermönch trat
ins Zimmer der sich selbst mit folgenden Worten einführte »Gott sei mit Euch
edler Herr Ich bin der Pater Amaro aus dem Orden des heiligen Franziskus«
    »Was bringt Euch zu mir«  fragte Rinaldo
    »Mein Herz«  war des Paters Antwort  »welches das Eurige sucht«
    »Ich verstehe Euch nicht«
    »Lasst Euch mit einer Explikation dienen  Ich mache mir ein Geschäft
daraus bei guten und mitleidigen Seelen Almosen einzusammeln nicht um damit
mich oder mein Kloster zu bereichern  denn was zu unserm schmalen Unterhalt
gehört sammeln unsere Terminierer ein  sondern um damit Notleidende zu
unterstützen denen Verhältnisse Stand oder Krankheiten nicht erlauben selbst
Almosen zu begehren  Die Not edler Herr ist da am größten wo sie am
verschwiegensten wo sie am heimlichsten drückt  Bei diesem meinem wohltätigen
Geschäfte nun welches ich durch Gottes Beistand schon einige Jahre mit
sonderlichem Segen treibe habe ich mir nach und nach Bemerkungen abstrahiert
welche ich aufgezeichnet dem hinterlassen werde der mein Nachfolger sein
wird  Unter diesen ist auch die Bemerkung dass Fremde sich weit wohltätiger
finden lassen als Einheimische Deshalb wende ich mich an Euch Das ist es was
mein Herz an das Eurige sendet und was es bei dem Eurigen sucht  Irre ich mich
nicht in den Gesichtszügen die Euch Gott geschenkt hat so wird mein Gang zu
Euch gesegnet sein«
    Rinaldo drückte dem humanen Almosensammler 10 Dukaten in die Hand und sagte
    »Ihr habt recht Herr Pater Die heimlichste und verschwiegenste Not ist und
bleibt immer die größte«
    Der Pater dankte im Namen der Notleidenden sehr verbindlich und gerührt
drückte Rinaldo ihm die Hand herzlich Freundlich rief ihm dieser zu
    »Nicht zu stark nicht zu stark Ihr zerdrückt mir sonst etwas Kostbares
das ich hier in der Hand habe«
    RINALDO Etwas Kostbares  Und das ist
    P AMARO Es ist ein Portrait
    RINALDO Das Bild eines Heiligen
    P AMARO Nein  Es ist das Bild  eines Frauenzimmers
    Rinaldo sah ihn lächelnd verwunderungsvoll an und fragte
    »Das Bild eines Frauenzimmers Und in Euren Händen«
    Gelassen und freundlich antwortete der Pater
    »Warum nicht  Ich habe auf meiner Zelle eine artige Sammlung von
Bildnissen  Ihr könnt sie sehen  unter denen sich viele weibliche
befinden«
    Rinaldo sah ihn fragend an er aber fuhr fort »Lasst Euch mit einer
Explikation dienen Meine Gemäldesammlung ist eine Galerie von Armenwohltätern
Die mir am willigsten und am meisten geben denen falle auch endlich ich mit
einer Bitte für mich selbst beschwerlich Ich bitte um ihre Portraits Diese
hänge ich dann in meiner einsamen Zelle in zierlicher Ordnung auf und unterhalte
mich mit ihnen wenn ich von menschlicher Gesellschaft entfernt bin Ich bin
wirklich in guter Gesellschaft ich bin unter Menschen darf ich dann mit
Gewissheit sagen«
    »Gewiss Herr Pater  Auch Ihr seid ein Mensch und ich  bin jetzt in guter
Gesellschaft«
    »Die guten Werke mein Herr geben eine hohe Menschlichkeit und das sei
unser Stolz voll Demut«
    »Und das Portrait in Eurer Hand«
    »Ist das Portrait einer vortrefflichen Armenwohltäterin es soll in meine
Gemäldesammlung kommen«
    Er zeigte es Rinaldo fragte betroffen
    »Wie nennt sich diese Dame«
    »Violanta de Noli«
    »Ja so heißt sie«
    »Kennt Ihr sie«
    »Ich kenne sie  Lebt sie jetzt hier in Melazzo«
    »Seit 14 Tagen Sie wartet auf ein Schiff und wird nach Lipari gehen«
    »Bringt mich zu ihr«
    »Ich will Euch ihre Wohnung zeigen«
    Rinaldo griff eilig nach Hut und Degen und folgte dem Pater
 
                                  Elftes Buch
 Gesehn gefunden und verloren
 Aus einem schönen Traum erwacht
 Der Wechsel hat sich dir verschworen
 Oh er dich wohl auch glücklich macht
Erschrocken bebte Violanta zurück als Rinaldo in ihr Zimmer trat ängstlich
schlug sie ein Kreuz und über ihre bebenden Lippen konnte sich kein Wort
drängen
    »Freundin«  begann Rinaldo  »Sehen wir uns doch wieder« Violanta kam
nach und nach zu sich und endlich fragte sie stammelnd
    »Ihr lebt«
    »Ich lebe um zu meinem Unglück Dianoren zu finden« 
    »Sie«
    »Die ich wieder verlassen musste«
    »Ist es möglich Ihr saht sie Ihr seid dem Tode entronnen  Ihr habt
Dianoren gesehen gefunden  Wo«
    »Auf Lipari«
    Er erzählte ihr was wir wissen Ihre Verwunderung stieg und die
Unterhaltung wurde herzlicher  Violanta wartete wie sie sagte und wie Rinaldo
durch den Pater schon wusste auf ein Schiff das sie nach Lipari bringen sollte
 Jetzt fragte sie
    »Und was wollt Ihr tun«
    »Ich wende mich«  antwortete Rinaldo  »mit der herzlichsten Bitte meines
Lebens an Euch an die Freundin die ich einst aus finsterer Kerkernacht ins
Licht des Lebens zog« 
    »Ich errate diese Bitte«  seufzte Violanta
    »Folgt mir Dianora so blüht mir das Glück meines Lebens  Ich bin fest
entschlossen mein Leben daran zu wagen meine vergrabenen Schätze aufzusuchen
und  dann nach Spanien zu gehen wohl weiter dorthin auf jene glücklichen
Inseln wo ein ewiger Lenz den frohen Bewohnern lacht Dort Violanta wollen
wir in stiller verträglicher Einsamkeit leben dort wollen wir froh und
glücklich sein«
    »Das war auch unser Wunsch auf Pantaleria  Das Glück erfüllte ihn nicht«
    »Vielleicht lächelt es uns günstiger in entfernteren Zonen«
    Noch sprachen sie weiter und Violanta versprach ihm endlich alles
anzuwenden Dianoren zu bereden  wenn es einer Überredung bedürfe  dem Rufe
der Liebe zu folgen Melazzo sollte der Ort der Versammlung bleiben und um
einen Mittelsmann zu haben der dies und jenes besorgte durch dessen Hände die
Briefe gingen ohne dass er selbst wüsste wozu er seine Hand biete ward der
Pater Amaro erlesen auf glückliche Rechnung für seine Notleidenden und seine
Portraitsammlung der hilfreiche vierte zwischen dreien zu sein  Beide wollten
die Sache gehörig überlegen und diesen Abend sollten bei einem frugalen Mahle
wozu Violanta ihren Gast bat alle Punkte festgesetzt und die nötigsten
Bedingungen Erklärungen etc bestimmt werden
Rinaldo ging eben aus Violantas Wohnung als dieser gegenüber aus einem
Weinhause einige betrunkene Matrosen auf ihn zu taumelten Er trat auf die
Seite sie vorüberzulassen als der eine stehenblieb und mit großen Augen ihn
angaffte
    »Straf mich Gott«  schrie er endlich  »wenn ich lüge Kameraden seht
diesen Mann hier an und ihr seht hole mich der Teufel den verrufenen
Rinaldini vor euch wie er leibt und lebt«
    Rasch trat Rinaldo auf ihn zu ergriff seine Hand drückte sie bedeutend und
fragte
    »Hast du den Mann den du eben nanntest gekannt«
    »Ja beim Teufel ich habe ihn gekannt«  sagte jener trotzig vielleicht
ohne die Bedeutung des Händedrucks zu erraten oder auch um sich nicht irre
machen lassen zu wollen
    »Was« schrie einer seiner Gesellen  »du hättest den berühmten Rinaldini
gekannt Berühme dich nicht solcher Dinge Der Wein lügt aus dir«
    »Kamerad«  stammelte jener »der Wein lügt nicht Der Wein spricht die
Wahrheit«
    Lächelnd sagte Rinaldo
    »Geh nach Hause und schlafe deinen Rausch aus«
    »Was«  schrie der Schreier  »Ich hätte einen Rausch  Ich  Mord und
Wetter brüllen will ich wie eine Gerichtsposaune schreien will ich dass es die
ganze Stadt hören soll So wie Ihr ausseht so sah er aus der vermaledeite
Räubersultan Rinaldini«
    Bald gab es ein Zusammentreten der Vorübergehenden es mischten sich endlich
Sbirren unter die Umstehenden und fragten was es gebe
    »Einen Trunkenbold gibt es hier«  sagte der Pater Amaro der eben
herbeitrat Rinaldo bei der Hand nahm ihn ins Kloster führte und die Pforte
schließen ließ
    Die Sbirren begnügten sich nicht mit des Paters unerbetener Antwort sie
examinierten den Schreier stärker und führten ihn endlich als er bei seiner
Aussage blieb vor den Polizeirichter
Der Pater Amaro führte den Geretteten durch den Klosterhof in den Klostergarten
schweigend bis an die hintere Pforte desselben Hier nahm er ihn bei der Hand
und sagte
    »Eine Liebe ist der andern wert ein Dienst des andern  Ihr kennt mich
nicht mehr Gram und Kummer haben mich entstellt aber ich kenne Euch noch 
Jetzt führe ich Euch aus diesem Garten in jenes Weinberghaus Dort seht Ihr mich
in kurzer Zeit wieder und dort  sollt Ihr mich auch wieder kennenlernen«
    Rinaldo wollte Erklärungen der Pater ließ sich auf nichts ein
    »Wir sehen uns bald wieder« war seine Antwort und so brachte er ihn in das
Weinberghaus dessen Tür er hinter ihm verschloss als er ihn verließ
    Rinaldo schwebte in bangen Erwartungen Er fürchtete Verrat und
Entdeckungen Seinen Dolch steckte er sich zur Hand und ein Plättchen Gift
welches er unter seinem Fingerringe führte hob er hervor es im äußersten
Notfalle zu gebrauchen  Ängstlich klopfte sein Herz er erwartete und
fürchtete des geheimnisvollen Paters Zurückkunft  Bekannter wurden ihm nach
langem Nachdenken seine Gesichtszüge dennoch aber konnte er sich seines Namens
und seiner Bekanntschaft nicht so wie er es wünschte erinnern  Er zog die
Uhr beinahe von Minute zu Minute Die schnell enteilenden Sekunden wurden ihm zu
Stunden
Endlich vernahm er Fußtritte Die Tür ging auf und Pater Amaro ein Päckchen
unterm Arme trat ein  Freudig fiel Rinaldo ihm um den Hals und fragte
ängstlich
    »Seid Ihr endlich da«
    Der Pater fasste seine Hand und sagte »Wie so sonderbar Ich musste Euch
retten Euch  der Ihr einst wie Ihr meintet mein Glück mir in die Hand gabt
mein Glück das mein Unglück wurde  wenn es ein Unglück ist in diesem Kleide
wenn auch nicht glücklich dennoch ruhig zu sein«
    Rinaldo staunte den Sprechenden an  Dieser fuhr nach einer kleinen Pause
also fort
    »Einst sahen wir uns als die Notwendigkeit Euch zu der Entdeckung zwang zu
sagen welchem Manne man Eure Hilfe verdankte auf dem Schloss des Barons
Denongo« 
    »Ha Jetzt erkenne ich Euch wieder«  schrie Rinaldo  »Ihr seid der
Sekretär des Barons Denongo der damals glückliche Liebhaber der schönen Laura«
    »Der bin ich«
    Hundert Fragen schwebten auf Rinaldos Lippen allen kam Amaro zuvor
    »Ich war«  sagte er »der Glückliche den damals Laura liebte  Eurer
Großmut verdankte ich es dass der Baron mir die Hand seiner Tochter versprach
aber schlau genug setzte er dem Ziele unsrer Wünsche einen Zeitraum von drei
Jahren entgegen Er kannte Weiberherzen  Laura liebte mich Die Zeit die böse
Räuberin der Zärtlichkeit raubte mir ihre Liebe oder  wenigstens ihre Hand
Sie gab die Hand die mir gehörte Grafen Lentini floh mich meine Klagen und
der Vater bot mir Geld« »Ihr seid beide wortbrüchig« sagte ich »nahm kein
Geld und ging nach Melazzo zu meinem Bruder der Prior des Klosters ist in
welchem ich mich als Mönch befinde  Dies ist meine Geschichte und dass ich
Euch kenne wisst Ihr  Ich erkannte Euch sogleich als ich Euch zum erstenmal
sah und wunderte mich der Kühnheit Eures unverstellten Gesichts  Allgemein
werdet Ihr totgeglaubt und ich  rette Euch jetzt denn schon ist Lärm in der
Stadt und Session bei dem Polizeigericht Vermutlich werde ich selbst
vorgefordert werden Diese Kutte lässt mich aber nichts fürchten und ich bin
ruhig Ich erfülle jetzt die Pflichten der Dankbarkeit«
    »Edler Mann«  stammelte Rinaldo
    Der Pater legte das mitgebrachte Päckchen auseinander und sagte
    »Hier sind Kleidungsstücke Ich schaffe Euch so gut es gehen will zum
Franziskaner um  Die Kapuze über den Kopf diese falsche Nase ins Gesicht
Farbe auf die Backen dieser falsche Bart ums Kinn und Ihr könnt getrost
weiterwandern«
    Rinaldo fiel ihm um den Hals und stammelte Worte des Dankes Der Pater half
ihn ankleiden nahm Aufträge an Violanten an die er pünktlich zu bestellen
versprach gab ihm den Segen zeigte ihm den Weg nach Achi zu in die Gebirge
und der metamorphosierte Freund wanderte seufzend von dannen
Kaum hatte er die Anhöhe erstiegen als von dem Kastell zu Melazzo ein
Kanonenschuss fiel das Signal die Tore zu sperren
    »Guter Amaro«  seufzte Rinaldo und eilte weiter
    In der Wohnung eines einsamen Bauerngutes wurde er als Franziskaner
versteht sich um Gottes willen gespeist und getränkt ja er erhielt auch noch
Proviant mit auf den Weg Damit wanderte er getrost weiter und als er gegen
Abend eine vom Wege etwas entlegene Kapelle der sieben Schmerzen nahe bei einer
Quelle fand entschloss er sich hinter derselben zu übernachten
    Als er erwachte und seine Morgenandacht verrichtet hatte ging er weiter
Schon hatte er Achi im Rücken und näherte sich dem Gebirgspasse als er ganz
unvermutet Gesellschaft bekam  Von der Seite her kamen ein ehrwürdiger
Kapuziner und ein artiges Harfenmädchen zu ihm
    »Wir beide«  sagte der Kapuziner nach den gewöhnlichen Begrüßungen 
»wandern selbander Ich ihr zum Schutz Sie mir zur Aufheiterung so wie uns das
Ungefähr zusammenführte  Nun aber tres faciunt collegium  Musik ist die
Freude der Menschen und Heiligen Ja eine Harfe ist das Instrument auf welchem
selbst König David sich die Grillen vertrieb«
    Rinaldo fragte wohin die Wanderschaft gehe Das Mädchen wollte wie sie
sagte über Galati nach Scaletta gehen der Pater aber gab Pezzolo als das Ziel
seiner Reise an
    Da es eben Mittag war wurde Platz bei einem Brunnen vor einem Pappelhaine
genommen Der Kapuziner öffnete seinen Brotsack und teilte mit was er hatte
Der Brunnen lieferte den Tischtrunk
    »Nun Annetta«  sagte der Pater  »spiele uns etwas«
    Annetta ergriff die Harfe spielte und sang dazu
Um des Menschen Wiege wanken
Freud und Leid mit gleichem Schritt
Sind die Amme seiner Tage
Wandeln durch sein Leben mit
Hüpft ihm Freude zu der Rechten
Schwebt zur Linken ihm das Leid
Bis sich beide selbst verlieren
In dem Ozean der Zeit
Der Pater faltete die Hände und seufzte Rinaldo wollte sprechen als Annetta
präludierte Sie spielte und sang
Letze dich am Duft der Rosen
Eh sie welken und verblühn
Lass der Liebe holde Blumen
Ungenossen nicht verglühn
Freude senkt im Rosenschimmer
Sich auf die beblumte Flur
Folge ihrem Freudenrufe
Folge ihrer sanften Spur
Rosa stand vor Rinaldos Sinnen Er sah sie mit der Guitarre singend in Wüsten
und Einöden an seiner Seite sitzen er hörte ihre Stimme dachte sich in
vergangene Zeiten und verlor sich in Betrachtungen  Der Pater hatte sein Haupt
gesenkt und entschlummerte Annetta klimperte auf der Harfe  Rinaldo kam
endlich zu sich Es entspann sich zwischen den Wachenden ein Gespräch
    RINALDO Du kommst wohl aus Melazzo
    ANNETTA Ich komme aus Rametta
    RINALDO Wanderst du stets allein umher
    ANNETTA Mein ältester Bruder begleitete mich Er spielt eine schöne Geige
In Messina hat er sich bei einer Kapelle engagieren lassen Nun gehe ich in
meinen Geburtsort nach Scaletta zurück und will meinen Jüngern Bruder der die
Flöte spielt bereden mit mir zu gehen
    RINALDO Trägt dir dein Spielen etwas ein
    ANNETTA Ach ja  Ich ernähre Vater und Mutter die arm alt und gebrechlich
sind
    RINALDO Das ist brav
    ANNETTA Die Eltern haben mich ja auch ernährt da ich noch nichts verdienen
konnte
    Jetzt erwachte der Pater Sogleich wurde aufgebrochen und weitergewandert
    Die Sonne sank die Schatten wurden länger rundherum wurde alles still nur
die geschäftigen Abendfliegen summten noch übers Feld da erreichten sie ein
einsames Wirtshaus Hier nahmen sie Nachtquartier
    Der Tag brach an Die Waller erwachten Der Pater stimmte einen Morgengesang
an Rinaldo fiel ein und Annetta akkompagnierte mit der Harfe  Die Wirtin war
sehr erbaut von diesem Gesange und bat sich noch einen zweiten aus womit wie
sie sagte die Zeche bezahlt sein sollte Ihr Wunsch wurde ihr sogleich gewährt
und sie trug sogar dankbar noch einen Krug Wein auf
    »Gott segne dich du frommes Weib die du die Wanderer labest und erquickst
und schenke dir für diesen irdischen den du uns so freundlich gibst dereinst
den Wein der himmlischen Freude«  sagte der Pater
    »Das gebe Gott so spät wie möglich«  seufzte die Wirtin mit gebrochenen
gen Himmel erhobenen Augen
    Rinaldo sah in diese gebrochenen Augen nicht ohne weltliche Rührung und
drückte ihr die Hand
    »Ach«  sagte die Wirtin  »wenn es Euch doch gefallen wollte auch diesen
Mittag noch bei mir zu verweilen Mein Mann ist nach Messina gegangen ich
erwarte seine Zurückkunft erst in einigen Tagen und ich bin gar nicht gern
allein Wenn nun solche frommen Männer bei mir bleiben wollten so würde ich in
sehr erwünschter Gesellschaft sein«
    »Meine Stunden liebe Frau sind gezählt«  antwortete der Pater  »Man
erwartet meine Ankunft sehnlich zu Pezzolo«
    »Was mich betrifft«  sagte Annetta  »so blieb ich gern hier wenn es in
Gesellschaft geschehen könnte einen Tag auszuruhen denn ich bin sehr müde«
    »Und Ihr Herr Pater«  fragte die Wirtin indem sie sich gegen den
Pseudopater Rinaldo wandte
    »Ich bleibe hier« antwortete dieser
    »Das ist mir sehr lieb«  sagte die Wirtin und eilte in die Küche
    »Mir auch«  setzte Annetta hinzu
    »Wenn dem so ist«  sagte der Pater bedächtig »und da ich einmal an
Reisegesellschaft gewöhnt bin so bleibe ich auch mit hier Morgen so Gott
will wandern wir weiter«
    Annetta ergriff sogleich die Harfe spielte und sang
Der Himmel streut Blumen
Auf dornigen Pfad
Der Himmel streut Dornen
Auf blumigen Pfad
Es welken die Blumen
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit
»Was mich betrifft«  sagte Annetta  »so halte ich es mit der freundlichen
Gegenwart«
    »Die Gegenwart«  erwiderte Rinaldo  »verschlingt das Vergangene Der
Sturm geht vorüber und helle Sonnenblicke erheitern das erschütterte Herz 
Der Mensch ist der Welt geboren er lebt mit der Zeit Die Freude mache ihn nie
übermütig Leiden dürfen ihn nicht zaghaft machen Der Nacht folgt Tag
Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont«
    Annetta sah ihn aufmerksam an und sagte »Euch möchte ich predigen hören
Herr Pater«
    »Ich auch«  sagte die Wirtin die eben herzutrat
    Annetta und die Wirtin fuhren fort
    »Wollt Ihr uns nicht etwas vorpredigen«
    Der Kapuziner schüttelte den Kopf aber Rinaldo bat sich einige Stunden
Bedenkzeit aus
Indessen kamen einige Maultiertreiber und hielten mit ihren beladenen Tieren in
dem Wirtshause an
    Der Pater kam sogleich mit ihnen ins Gespräch und erzählte einige
Wundergeschichten die von den Maultiertreibern und Annetten mit offenen Ohren
empfangen wurden  Rinaldo sah sich in dem Hause um und wurde von der Wirtin
eingeladen ihren Weinvorrat im Keller zu besehen Sie öffnete freigebig die
Schätze dieses Vorrats und der fromme Gast ließ es sich wohl schmecken
    »Ich bin«  sagte die Wirtin  »der Geistlichkeit von Jugend auf ganz
besonders gewogen gewesen und ich wär sogar selbst gern eine Nonne geworden
bloß des geistlichen Umganges wegen aber  es hat nicht sein sollen«
    Rinaldo tröstete sie deshalb Die Wirtin ließ sich recht gern trösten Ihre
Lebhaftigkeit nahm zu Je weniger sie sprach je lebhafter wurde sie
    Indessen wurde es über der Erde auch lebhafter  Die Maultiertreiber
wollten weiterziehen und schrien nach der Wirtin ihre Zeche zu bezahlen Sie
musste den Keller verlassen Rinaldo folgte ihr und die Gäste zogen von dannen
    Kaum waren sie fort als drei Bewaffnete eintraten und Wein forderten
Rinaldo musterte die Angekommenen und erinnerte sich an die Zeiten wo er mit
Kerlen dieses Schlags täglichen Umgang pflegte  Er zog die Wirtin auf die
Seite und fragte ob sie diese Gäste kenne
    »Herr Pater Was denkt ihr von mir und meinem Wirtshause« antwortete diese
 »Ich kenne die Leute so wenig als mich der Papst kennt  Seit einigen Tagen
murmelt man von einer Räuberbande die im Gebirge hausen soll vielleicht
gehören gar diese sauberen Gäste dazu«
    Die Bewaffneten wandten sich an den Kapuziner Der eine fragte »Was gibts
Neues«
    »Neuigkeiten«  antwortete der Pater  »interessieren bloß Weltleute Ich
weiß keine«
    »Man spricht von Räubern in der Gegend«
    »Meine Armut fürchtet sie nicht«
    Indessen war die Wirtin in die Stube getreten ihr folgte Rinaldo
    »Ei Frau Wirtin«  fing der Sprecher der Bewaffneten an  »Ihr seid ja
recht geistlich von beiden Seiten beschlagen Mitten drinnen sitzt Ihr in der
geistlichen Umgebung wie eine Rose zwischen Dornen«
    »Ei Wie spaßhaft«  lächelte die Wirtin und warf einen scherzhaft
sprechenden Blick auf den Pseudopater Rinaldo  Der Sprecher fragte weiter
    »Hat dieses Wirtshaus geräumige Stallung«
    »O ja«  erwiderte die Wirtin  »Wenn die Dragoner hier exerzieren
stallen wir oft 30 bis 40 Pferde«
    »Viel Gelass für Menschen«
    »Ziemlich  Habe ich etwa Besuch zu erwarten«
    »Vielleicht diese Nacht noch«
    »Mein Gott  Aber doch wohl« 
    Indem sprengten drei Dragoner in den Hof  Schnell saßen sie ab und zwei
davon traten in die Stube
    »Die Frau Wirtin«  hieß es  »gibt uns ein Glas Wein und diese
Gesellschaft zeigt ihre Pässe vor«
    Annetta griff sogleich nach ihrem Passe und eben das tat auch der
Kapuziner der sein Missiv hervorzog Die Dragoner fassten die Bewaffneten in die
Augen Der Sprecher schien ohne Verlegenheit zu sein 
    »Wir sind reisende Jäger«  sagte er  »wollen nach Melazzo und wollen uns
dort unter das FeldjägerKorps anwerben lassen Vorher waren wir als
Grenzschützen in Diensten des Prinzen von Policastro Hier sind unsre ehrlichen
Abschiede die man allenthalben als Pässe anerkannt hat«
    Die Dragoner sahen die Papiere durch und gaben sie wieder zurück Der eine
redete
    »Es ist in Melazzo ein verteufelter Streich passiert«
    DER GRENZSCHÜTZ Wieso
    DRAGONER Da ist auf einmal der Teufelskerl Rinaldini wieder sichtbar
geworden
    GRENZSCHÜTZ Was  Rinaldini 
    WIRTIN Der soll ja aber schon längst tot sein
    KAPUZINER Die Regierung hat ja die Nachricht von seinem Tode öffentlich
ausrufen gedruckt anschlagen und bekannt machen lassen
    GRENZSCHÜTZ Das habe ich selbst in Messina gelesen
    RINALDO Ich nicht weniger
    WIRTIN Alle Reisenden haben es bei uns erzählt
    DRAGONER Das kann alles nichts helfen  Er lebt und ist in Melazzo beinahe
erwischt worden Er hat sich ins Franziskanerkloster salviert und ist entkommen
    KAPUZINER Gott sei bei uns
    DRAGONER Zu Melazzo ist eine Untersuchung Es sind einige Personen arretiert
worden sogar ein Franziskaner sagt man
    RINALDO Das muss geschehen sein als ich Melazzo verlassen hatte Mir sind
das lauter Neuigkeiten  Vielleicht beruht aber die Sache auf einem Irrtum Ich
wenigstens glaube steif und fest dass Rinaldini nicht mehr unter den Lebendigen
ist denn  lasst euch erzählen  der fromme P Domenico ein Mann der schon
hienieden selig ist hat die Seele Rinaldinis im Fegefeuer erblickt wohin sein
geistliches Auge gar oft sieht Dort hat der Bösewicht gewinselt geklagt und um
Seelenmessen gebeten Ich habe deren selbst drei auf Befehl der Obern für den
Missetäter lesen müssen secundum faciem sanctorum aus christlicher Liebe und
Erbarmung
    WIRTIN Hat das aber der Bösewicht auch verdient
    RINALDO Sind wir nicht alle sündige Menschen  Gott mag richten
    DRAGONER Herr Pater Ihr habt gewiss das Geschäft die armen Sünder in hohe
Gegenden zu begleiten  Das hört man gleich an Euren Reden Ich habe
dergleichen Worte schon bei Exekutionen gehört
    Indem sprengten abermals sechs Dragoner in den Hof
    »Wisst ihr auch«  schrie der Wachtmeister als er in die Stube trat  »dass
das Dörfchen Norretto in Flammen steht«
    WIRTIN Norretto  Ach Gott  In Flammen
    WACHTMEISTER Von Räubern angesteckt
    WIRTIN Von Räubern
    WACHTMEISTER Es hat seine Richtigkeit  Rinaldini der Teufelsbraten lebt
ist entwischt steht an der Spitze einer Bande haust in den Gebirgen von Achi
sengt und brennt
    WIRTIN O Der schlechte Kerl
    KAPUZINER Den Gott züchtigen und verdammen möge  Der schlechterdings dem
Galgen nicht entrinnen will und darf
    WIRTIN O Der schlechte Mensch
    WACHTMEISTER Sind hier die Pässe aufgezeigt
    DRAGONER Es ist alles in seiner Ordnung wie es sich gehört
    WACHTMEISTER Sitzt auf Burschen Es wird gestreift
    Die Dragoner verließen die Stube und das Wirtshaus
Rinaldo stand vor der äußern Tür des Wirtshauses als der sogenannte Grenzschütz
auf ihn zukam ihm die Hand und ein Goldstück hineindrückte Rinaldo sah ihn
verwunderungsvoll an
    »Was soll das«
    »Zu Seelenmessen für Rinaldini«
    »Dein Name«
    »Morletto«
    »Dein Gewerbe«
    Morletto schwieg Rinaldo wiederholte die Frage Morletto nahm in bei der
Hand
    »Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge«
    »Herr Pater« 
    »Du gehörst zu der Gesellschaft im Gebirge  Kommandiert euch Cintio oder
Luigino«
    »Herr Pater  Ich weiß nicht wie Ihr«
    »Ohne Furcht ohne Zurückhaltung« 
    »Nun dann in Henkers Namen  Ja Ich stehe unter Cintios Kommando«
    »Gut  Nimm dein Goldstück zurück Die Seelenmessen lese ich gratis Deinem
Hauptmann Cintio gib diesen kleinen Siegelring Er kennt ihn er weiß wer ihm
den Ring schickt  Gott befohlen wackerer Grenzschütz«
Rinaldo entfernte sich schnell Er saß jetzt im Garten  Die Grenzschützen
hatten das Wirtshaus verlassen Rinaldo vertiefte sich in mancherlei
Spekulationen und Gedanken  Der Kapuziner umwandelte das Haus Annetta
klimperte auf der Harfe und die Wirtin hatte Küchengeschäfte  Unruhig
wanderte Rinaldo endlich über die Gartengrenze Ihn empfing eine schöne Wiese
Mitten auf derselben unter hohen Pappeln stand eine kleine Kapelle Er nahte
sich derselben Eine Dame lag betend vor dem Altar Er trat einige Schritte
zurück und als sie sich zum Aufstehen bewegte wandelte er vorüber  Sie
verließ die Kapelle Er drehte sich und kam ihr entgegen Sie neigte sich ganz
unbefangen gegen ihn und erschrocken erkannte Rinaldo in ihr  eine längst
Bekannte
    Sie wollte vorübergehen Rinaldo redete sie an und lobte sie ob ihrer
Andacht
    »Ach Herr Pater« sagte sie  »Ich bin eine schlimme Sünderin und eine
Unglückliche zugleich«
    »Viel auf einmal schöne Frau  Ein Fremder darf nicht so kühn sein sich
in Euer Vertrauen eindringen zu wollen aber fragen möchte ich doch wen ich vor
mir zu sehen das Glück habe«
    »Ich bin die Gräfin Lentini«
    Nun wissen die Leser aus der Erzählung des guten Portraitsammlers des P
Amaro in Melazzo dass diese Gräfin Lentini eben jene Laura Denongo war die
Rinaldini schon längst kannte
    Sie sprach weiter und nötigte den gleichfalls gesprächigen Pater höflich
auf ihrem nahegelegenen Schloss einzukehren
    »Mein Gemahl«  setzte sie hinzu  »ist schon seit drei Tagen abwesend Er
kommandiert als Oberster die Truppen des Königs die gegen eine starke
Räuberbande ausgerückt sind die unsägliches Unglück über die ganze Gegend umher
verbreiten«
    Davon erzählte sie einige Tatsachen Schweigend begleitete Rinaldo die
Erzählerin Sie kamen in das Schloss Rinaldo folgte der Einladung
In dem Schloss befand sich Leonore die Schwester des Grafen Lentini ein
Mädchen in der schönsten Blüte ihrer Jahre schlank und schön gewachsen
gefühlvoll mit sanftem Reiz geschmückt und mit einem Paar sehr feurig
sprechender Augen die sich in den lieblichsten Kreisen sanfter Anmut drehten
Dieser Schönheit stand der verkappte Pater eben nicht gar anmutig entgegen und
wurde mutwillig lächelnd von ihr willkommen geheißen
    »Verwünschte Larve«  seufzte Rinaldo bei sich selbst und sprach nicht ohne
Verlegenheit mit dem Fräulein die das Gespräch sehr bald endigte
    Laura saß nachdenkend am Fenster und blickte in die freie Gegend Rinaldo
sprach von ihrem Gemahl ihre Antworten begleiteten Seufzer
    Ein Bote brachte einen Brief von dem Grafen der seiner Gemahlin schrieb er
habe das Lager der Räuber umschlossen und man erwarte stündlich ein Gefecht
weil dem Anschein nach die Umringten entschlossen wären sich hartnäckig zu
verteidigen
    Das Gespräch fiel nun ganz natürlich auf die Räuber
    »Es scheint«  sagte Rinaldo  »der Mann der die Räuber anführt ist noch
einer aus Rinaldinis Schule«
    LAURA Ob er aber auch so großmütig ist als Rinaldini es war
    RINALDO Habt Ihr ihn gekannt
    LAURA Ich kann es nicht leugnen werde es auch nie leugnen Was ich seiner
Großmut verdankte sollt Ihr hören
    Sie erzählte ihm die Geschichte der Überrumpelung ihres Schlosses die wir
kennen und schilderte seine großmütige Aufopferung Ach sie wusste nicht wem
sie dieselbe erzählte Ihre Erzählung beschloss sie mit Tränen  Jetzt war
Rinaldo auf dem Punkte sich zu entdecken doch dachte er einen Augenblick nach
und hielt seine Entdeckung zurück Ziemlich keck aber fragte er ohne Einleitung
»Seid Ihr nicht glücklich vermählt«
    Laura schlug die Augen nieder und seufzte »Ich habe einen guten Menschen
hintergangen dem mein Herz dem meine Hand gehörte ich habe ihn ins Unglück
zur Verzweiflung ach vielleicht habe ich ihn in den Tod getrieben«
    Ein Tränenstrom endigte ihre Rede  Rinaldo ergriff ihre Hand und sagte
»Er lebt«
    »Er lebt«  schrie sie laut auf
    »Er lebt und liebt Euch noch«
    »Er liebt mich noch  Kennt Ihr ihn«
    »Ich kenne ihn und weiß um Eure Geschichte Ich erfuhr sie von ihm selbst«
    »Wo lebt er«
    »Zu Melazzo«
    »Wie geht es ihm«
    »Er kann Euch nie vergessen«
    »Womit  Ach Gott erratet diese Frage«
    »Ich errate sie  Er hat keinen Mangel«
    »Gelobt sei Gott«
    »Er trägt das Ordensband des heiligen Franziskus jetzt Pater Amaro
genannt«
    »Amaro  Ach Amaro« 
    Rinaldo wollte sprechen als Leonore ins Zimmer trat
    »Ich habe mir«  sagte sie  »von meinem Bruder ausgebeten gefesselt mir
den wilden Räuberhauptmann Cintio zu zeigen das hat er mir versprochen  Was
in aller Welt hätte ich nicht darum gegeben hätte ich so den kühnen Rinaldini
zu meinen Füßen sehen können«
    »Wie grausam Ihr seid«  rief Rinaldo nicht ohne Bewegung aus
    »Das bin ich gewiss nicht«  lächelte das Fräulein  »Aber das Eigene und
Einzige dieser Begebenheit macht dass ich ihre Erfüllung wünschte Doch da es
nun einmal Rinaldini nicht sein kann so soll es wenigstens sein Nachfolger
Cintio sein«
    Rinaldo lächelte und wollte eben antworten als Laura bemerkte ein Mädchen
mit einer Harfe komme außer Atem über den Schlosshof gesprungen  Es war wie
Rinaldo sogleich vermutete Annetta  Sie bat um Schutz
    »Was hast du vor  Was gibt es«  fragte Leonore
    »Ach« antwortete Annetta keuchend  »Das nächstgelegene Wirtshaus haben
Räuber überfallen Sie suchen Euch Herr Pater«
    »Mich«  fragte Rinaldo bestürzt  »Mich suchen die Räuber  Mich  Was
wollen sie von mir«
    »Wo ist der Franziskaner schrien sie dem dieser Ring gehört dabei zeigten
sie einen Ring vor und beschrieben Euch sehr deutlich«
    LAURA Was ist das mit dem Ringe
    RINALDO Zwar vermisse ich seit einigen Tagen einen mir sehr werten Ring
aber  wie sollten Räuber 
    ANNETTA Man suchte Euch im ganzen Hause und ich entfloh
    LEONORE Nun werden sie Euch auch hier bei uns suchen
    LAURA Kann der Verlust des Ringes Euch Nutzen oder Schaden bringen
    LEONORE Ihr müsst fliehen
    RINALDO Ich fliehen  Was hat ein Franziskaner zu furchten
    LEONORE Von Räubern  Alles so gut wie jeder Mensch
    RINALDO Und wenn ich nun gehe Euch hier ohne männlichen Beistand allein
lasse  Das kann ich nicht  Dieses Gewand ist heilig  Ich setze meinen Kopf
daran die Räuber sollen hier wo ich bin keine Gewalttätigkeit ausüben
    LAURA Herr Pater was Ihr sagt  der Ton die Stimme womit Ihr das sagt 
macht mich noch weit verlegener als ich es schon bin
    RINALDO Ohne Verlegenheit  Wir sind außer Gefahr
    LEONORE Durch Euer Gewand Herr Pater bei Gott nicht  Wenn Ihr nicht etwa
Bekannte gute Freunde unter den Räubern habt 
    RINALDO Ich 
    LEONORE Vergebt  Ohne diesen Umstand kann ich nicht glauben dass wir außer
Gefahr sind Ihr selbst könnt es nicht sein  Also flieht  Wir tun am besten
wir packen ein und erwarten den Besuch hier nicht  Da noch dazu mein Bruder
gegen die Räuber kommandiert so wird sicher ihre Rache schrecklich sein
    RINALDO Seid ruhig seid unbesorgt
    LAURA Herr Pater täuschet uns nicht mit falschen Hoffnungen  Ich habe
einst das Unglück erlebt dass meines Vaters Schloss von Räubern überfallen wurde
und weiß es noch gar zu wohl wie uns damals allen zumute war
    RINALDO Ich auch
    LAURA Ihr  Herr Pater Ihr  Was sagt Ihr  Wenn ich  Um aller Heiligen
willen lasst mich keine Wahrheit ahnen
    LEONORE Schwester was willst du sagen Welche Wahrheit 
    LAURA O was kann was will ich sagen  Auf unsre Rettung lasst uns denken
    RINALDO Ihr bleibt hier und fürchtet nichts  Ich will doch sehen 
    LEONORE Was wollt Ihr sehen Glaubt Ihr 
    RINALDO Ich kann Euch mich  ich will und kann uns alle schützen
    LEONORE Durch ein Wunder  Denn wodurch sonst
    RINALDO Durch mich selbst
    LAURA Allmächtiger Gott soll ich 
    RINALDO Ihr sollt erwarten was geschieht und sollt ohne Furcht sein
    LAURA Mann  Ich schwöre 
    RINALDO Keine Schwüre  Ruhig ruhig 
    LEONORE Ich kann mir nicht erklären 
    RINALDO Wozu Erklärung  Jetzt wie immer macht Euch nur der Glaube selig
Ich aber  weiß was ich sage stehe für alles was ich verspreche mit Leib und
Leben  Seid Ihr mit dieser Erklärung zufrieden  Seid Ihr beruhigt  Oder
soll ich Euch Zeichen und Wunder sehen lassen ehe es noch nötig  ja sogar
ehe es nur heilsam ist  Lasst die Suchenden gegen dieses Schloss anziehen lasst
sie den Franziskaner suchen  sie sollen ihn finden  Fliehen wird er nicht 
Hier stehe ich Euch deckt meine Hand und die Gräfin Lentini soll mich  
Nein weiter nicht Kein Wort keine Silbe keine Versprechungen weiter  Aber
Eurer Flucht widersetze ich mich durchaus Ihr sollt hierbleiben  um zu sehen 
    LEONORE Seid Ihr vielleicht der heilige Franziskus selbst   Schwester 
Eilig  Lass uns einpacken
    RINALDO Tut was Ihr wollt
    Ein Bedienter stürzte ins Zimmer und meldete der Turmwächter sehe Flammen
und einen Zug der sich dem Schloss nähere
    ANNETTA Heilige Jungfrau
    BEDIENTER Es brennt allenthalben Von Sesinetta her ertönt die Sturmglocke
    RINALDO Lasst sie ertönen  Fort  Zieht die Zugbrücke auf  Wir erwarten
die Kommenden wer sie auch sein mögen
    Der Bediente eilte davon Laura verbarg ihr Gesicht ins Schnupftuch Leonore
sah den Pater verlegen an er ging hastig im Zimmer auf und nieder Annetta
stand zitternd in einem Winkel  Rinaldo sprach »Ihr habt das Wort eines
Mannes und glaubt ihm nicht Ihr wollt fliehen und habt keine Kraft zum Fliehen
Ihr wollt meinen Worten nicht trauen weil diese Mönchskutte Euch das Vertrauen
raubt  aber ich will diese Kutte von mir werfen und Euch beweisen« 
    Indem sprengte ein Reitknecht in den Hof Laura schrie
    »Giorgio  Der Reitknecht meines Gemahls«
    »Kommt er«  fragte Leonore hastig und riss die Zimmertür auf
    »Giorgio«  rief Laura
    »Giorgio Wo ist dein Herr mein Bruder«  fragte Leonore
    Er stürzte atemlos die Treppe herauf durch den Saal ins Zimmer
    »Ach Gnädige Gräfin«  stammelte er  »Ich bin  Ach heiliger Gennaro
Kaum kann ich es sagen «
    LAURA Um des Himmels willen  Was ist es  Was hast du zu sagen
    LEONORE Rede  Wo ist 
    LAURA Mein Gemahl 
    GIORGIO Er ist  Verzeiht  O dass ich es sagen muss  Aber 
    LEONORE Ohne Umschweife
    GIORGIO Mein Herr  der Herr Graf  Euer Herr Gemahl  ist  Ach  Er ist
in der Gewalt der Räuber
    LEONORE Er 
    GIORGIO Beim Rekognoszieren haben sie ihn gefangengenommen Hier sind einige
Zeilen von ihm  Der Räuberhauptmann gab mir die Erlaubnis dieses Briefchen
hierherzubringen  Hier ist es
    Laura las
        »Liebe Laura
    Ich bin in Gefangenschaft geraten Giorgio wird dir sagen wie es zugegangen
ist  Der kühne Cintio erlaubt mir dir dies zu schreiben und missbraucht die
Gewalt nicht die der Zufall ihm über mich gegeben hat  Sende mir sogleich
3000 Stück Dukaten Dieses ist der Preis der auf meiner Freiheit steht je eher
du das Geld sendest desto eher siehst du wieder deinen Gemahl«
                                                                 Loisio Lentini
Laura faltete als sie den Brief gelesen hatte die Hände und sah gen Himmel
Leonore hieß Giorgio gehen und warf sich auf ein Sofa  Rinaldo ging rascher
noch als zuvor im Zimmer auf und ab
    LAURA Ich  3000 Stück Dukaten  Schwester  Ach  Schwester 3000 Stück
Dukaten
    LEONORE Der König muss den Bruder auslösen
    LAURA Aber ehe das geschieht 
    RINALDO Ihr habt kein Geld  Könnt kein Geld schaffen  Meine Gräfin Ich
glaubte die Tochter das einzige Kind die Erbin des reichen Barons Denongo
müsste  könnte nie um 3000 Dukaten verlegen sein
    LAURA Ach  Mein Gemahl  braucht viel Geld  Ich kann mich nicht
verstellen  Wir können ohne große Aufopferungen ohne langen Zeitverlust diese
Summe nicht herbeischaffen
    RINALDO So muss  der Räuberhauptmann warten Vielleicht wird er indessen
geschlagen und dann ist der Graf ohnehin frei  Zwar wird er  doch es kann 
Aber das wär denn wohl nur der Fall wenn alles verloren wär 
    LEONORE Welcher Fall 
    RINALDO Es sind freilich Räuber aber  Sie machen es nun einmal nicht
anders
    LEONORE Was tun sie
    RINALDO Es geschieht wohl auch nur im äußersten Notfall aber  dann  wenn
sie alles sich selbst verloren sehen ermorden sie ihre Gefangenen Und den
Damen geht es vorher übel
    LEONORE Großer Gott 
    Rasch sprang Laura auf und ging bedeutend und voll Entschlossenheit im
Zimmer auf und nieder wandte sich dann gegen Rinaldo und fragte
    »Herr Pater Wisst Ihr meinen Gemahl zu retten«
    RINALDO Ich  Ach heiliger Franziskus Wir dürfen ja keinen Karlino
geschweige denn Gold bei uns fuhren Und  3000 Stück Dukaten  Wie könnt Ihr
so viel bares Geld bei allen Franziskanerklöstern des ganzen Königreichs
geschweige denn bei einem armen einzelnen Franziskanermönche suchen
    LAURA Herr Pater  Ihr könnt uns retten
    RINALDO Beschützen kann ich Euch aber  Euren Gemahl  den mag Pater Amaro
retten
    LAURA Wahrhaftig diese Antwort  habe ich verdient
    RINALDO Vielleicht könnt Ihr schönes Fräulein Euren Bruder retten
    LEONORE Mit so viel Geld wahrhaftig nicht  Keinen Spott Herr Pater
    RINALDO Ich spotte nicht  Habt Ihr auch das Gold nicht so habt Ihr
dennoch Macht und Gewalt genug Euren Bruder zu retten
    LEONORE Ich habe Euch nichts mehr zu antworten
    RINALDO Seht da kommt schon die Nachricht dass die Zugbrücke des Schlosses
aufgezogen ist
    Ein Bedienter brachte wirklich diese Nachricht
    RINALDO Habt ihr Waffen
    BEDIENTER Acht Flinten zwei Büchsen einige Paare Pistolen und viele Säbel
sind im Schloss
    RINALDO Kanonen
    BEDIENTER Haben wir nicht
    RINALDO Schlimm  Wieviel Köpfe
    BEDIENTER Den lahmen Gärtner den blinden Stallmeister und den alten
Kastellan mit eingerechnet sind wir unsrer acht Männer im Schloss
    RINALDO Wenig genug
    BEDIENTER Jawohl
    RINALDO Dennoch wollen wir nicht verzagen und sollten auch Hunderte kommen
    BEDIENTER Aber  Herr Pater Wenn Ihr bedenkt 
    RINALDO Ich habe alles bedacht Bewaffnet euch haltet Wache und seid ohne
Sorgen  Jetzt wollen wir Musterung halten und uns ein wenig umsehen wie es
außerhalb des Schlosses aussieht
    Er ging der Bediente folgte ihm
Er bestieg die Warte besah die Mauern und verteilte die Posten Der kleinen
Besatzung flößte er Mut ein  Als er auf die Galerie zurück vom Rekognoszieren
kam trat Laura ihm entgegen
    »Ich habe«  sagte sie  »alles wohl überlegt und bedacht ich kann mich
in Euch nicht irren  Ja Ich weiß wer Ihr seid«
    »Ihr wisst es«  fragte Rinaldo lächelnd
    »Ihr selbst habt Euch verraten So spracht Ihr auch einst auf meines Vaters
Schloss in gleicher Gefahr  Und dieser Ton der Stimme  O ich kann ihn nie
vergessen Ihr habt Euer Gesicht verunstaltet Diese Farben können mich nicht
hintergehen Was könnte ich nicht fürchten kennte ich Euch nicht wüsste ich
nicht dass Ihr Eure Gewalt nicht missbrauchtet Ich wage es daher Euch zu
bitten nehmt Euch meiner an und verschafft meinem unglücklichen Gemahl die
Freiheit wieder«
    »Wie käm ich zu 3000 Stück Dukaten«
    »Euer gebietendes Wort« 
    »Nach dem Worte eines Franziskaners fragt kein Räuberhauptmann«
    »Habt Ihr uns nicht versprochen uns und dieses Schloss zu retten«
    »Euch und dieses Schloss zu retten habe ich versprochen aber nicht Euren
Gemahl auszulösen«
    Laura trat ihm näher ergriff seine Hand und sagte
    »Es war eine Zeit in der ich einen gewissen Ritter de la Cintra zu Messina
kannte Dieser Ritter «
    Sie schlug als sie das sagte die Augen nieder  Endlich nach einer
langen Pause fuhr sie fort
    »Dieser Ritter ist für mich tot und mein Gemahl  ist nicht von mir zu
retten«
    Schnell erhob sie ihre Blicke drückte mit Wärme ihm die Hand und sagte
»Wir sind in deiner Gewalt«
    Rinaldo konnte sich nicht mehr verstellen mit einem festen Blick fragte er
    »Will Laura in meiner Gewalt freiwillig sein«
    »Sie will«
    »So sage ich ihr Sie hat sich nicht in mir geirrt Sie kennt mich  Ja
Laura ich bin «
    »Du bist Rinaldini«
    »Der bin ich«
    Das Horn des Wächters auf der Warte ertönte Die Glocke erklang Die
Bewohner des Schlosses stürzten erschrocken herbei Alle versammelten sich auf
dem großen Saale
    Laura sagte dennoch aber mit bebender Stimme indem sie Leonoren bedenklich
ansah
    »Nun fürchte ich nichts«
 
                                 Zwölftes Buch
 Der Nebel flieht Nun schaust du wieder
 Hinaus in das bedrohte Land
 Was schlägt des Kühnen Hoffnung nieder
 Reicht sie dem Waller nicht Hand
Drei Bewaffnete verlangten ins Schloss gelassen zu werden  Rinaldo gab Befehl
sie einzulassen Sie wurden in ein Zimmer geführt in welchem sich Rinaldo
allein befand  Sie traten ein
    »Was«  fragte Rinaldo  »führt die Herren zu uns«
    »Vielleicht«  antwortete der eine der Bewaffneten  »ist leichter
gefunden als wir es glaubten was wir suchen«
    »Wieso«
    »Wir suchen einen Franziskaner «
    »So«
    »Der wenigstens wie ein Franziskaner aussieht und dem dieser Ring gehört«
    »Wer sucht den Gesuchten«
    »Der dem der Franziskaner diesen Ring geschickt hat Cintio nennt sich der
Suchende  Und der den wir suchen  Herr Pater Cintio hat keine Dummköpfe
abgesandt Wir gelten etwas bei ihm und zwei von uns  Nun Herr Pater wollt
Ihr denn Euren Lodovico nicht mehr kennen«
    Rinaldo trat rasch auf ihn zu nahm ihn bei der Hand und sagte
    »Willkommen Lodovico«
    »O«  schrie dieser  »Wär doch unser Cintio hier«
    Es wurde von den Dienern Wein aufgetragen
    »Hier ist Wein« jauchzte Lodovico  »Noch zwei Dinge und ich erkenne
meinen Hauptmann ganz wieder Ein Mädchen und eine Guitarre«
    »Auch diese sind im Schloss zu haben« lächelte Rinaldo
    Sie sprachen viel zusammen und nach geleerten Flaschen zog Lodovico mit
seinen Gesellen ab Sie nahmen Rinaldos Begehren an Cintio schriftlich mit
    Gegen Abend kam Lodovico zurück gab ein Paket an Rinaldo ab Den folgenden
Morgen trat dieser nicht mehr als Franziskaner sondern so elegant als einer
der elegantesten Männer Siziliens gekleidet in seiner wahren Gestalt mit
ungefärbtem Gesicht ins gewöhnliche Gesellschaftszimmer
Leonore sprang verwunderungsvoll vom Stuhle auf Seufzend und errötend schlug
Laura die Augen nieder
    LEONORE Was ist das  Herr Pater welche Verwandlung
    RINALDO Die Kutte hatte mich verwandelt Jetzt schönes Fräulein sieht mich
Euer holdes Augenpaar so wie ich wirklich bin
    LEONORE Schwester Was ist vorgegangen
    RINALDO Die schöne Leonore wünschte gestern sich den kühnen Rinaldini zu
ihren Füßen zu sehen Ihr Wunsch ist erfüllt Er liegt hier vor ihr und küsst
ihre sanfte Hand
    LEONORE Rinaldini
    LAURA Ja Schwester Er selbst
    LEONORE Ewiger Himmel  Was soll ich sagen  Wie kommt sie einem Traume so
nahe diese Wirklichkeit  Rinaldini hier Der Totgeglaubte lebend und zu
meinen Füßen  Steht auf steht aufl Das Schrecken soll nicht vor mir liegen
Es hat mich ganz ergriffen Meine Verlegenheit meine Ängstlichkeit wächst mit
jeder Sekunde
    RINALDO Nicht ängstlich nicht verlegen  Wir sprechen uns als gute Freunde
jetzt  vielleicht zum letztenmal  Überall hin verfolgt mich mein
unglückliches Schicksal Ich lebe noch  mir selbst zur Qual und zum Verderben
Für mich blühen in der Welt keine Blumen des Glücks mehr Zurück will ich in
meine Höhlen wandern dort  winken meines Lebens Herrlichkeiten Es ist kein
Glück der Mann zu sein der ich bin
    LAURA Beklagenswerter gefürchteter und doch guter Mann
    RINALDO Lebt wohl
    LEONORE Verlassen wollt Ihr uns
    RINALDO Darf ich hier bleiben Mich sucht ein böses Schicksal allenthalben
auf  Nur dort lebt es ruhig mit mir wo Mord und Schrecken sich um meine Höhle
lagern  In diesen Höhlen darf ich will ich an Euch denken Und hört Ihr
vielleicht bald Rinaldo ist gefallen so schenkt mir eine Träne und wünscht mir
Glück dass ich gefallen bin
    LEONORE O Gott und Rinaldini konnte ein Räuber werden
    RINALDO Wär ich es nicht gewesen ich würde nicht so sprechen wie ich
sprechen muss  Lebt wohl
    LAURA Und mein Gemahl 
    RINALDO Ein zweites Rinaldinisches Stückchen werde Euch damit Ihr damit
die Welt mich kennenlernt Euer Gemahl soll frei sein Meine Ankunft bei Cintio
gibt ihm die Freiheit Ich gebe darauf Euch mein Wort Man weiß dass ich mein
Wort nicht breche
    LEONORE Grossmütiger Mann Ach geht zu den Räubern nicht zurück
    RINALDO Es bleibt mir keine Wahl
    LEONORE Grausames Geschick
    RINALDO Es fordert gebietend streng sein Opfer Ich gebe es ihm selbst
    Da sprengte Lodovico in den Schlosshof neben sich ein lediges gesatteltes
schönes Pferd  Rinaldo ergriff Leonorens Hand er drückte sie mit einem tiefen
Seufzer Laura nahm seine Linke Tränen standen in aller Augen  Er machte
schnell sich los wollte seine Arme öffnen ließ sie sinken und eilte aus dem
Zimmer
    »Zu Rosse zu Rosse«  rief er Lodovico zu warf sich aufs Ross und jagte
schnell zum Schloss hinaus davon Lodovico ihm nach
»Ist es doch«  sagte Lodovico als endlich Rinaldo sein ermattetes Pferd
anhielt  »als wollten wir die ewige Ruhe erreiten so jagen wir darauflos Die
armen Pferde haben es empfunden  Hauptmann Mir kam es vor als flögen Euch
ein paar schöne Augensterne nach voran und zur Seite Ein Zwillingsschein so
wie die Schiffenden ihn sehen Nur scheinen diese Sterne immer eher vom Hafen
entfernt als demselben nahe zu sein«
    Rinaldo ohne sich auf Lodovicos Bemerkungen einzulassen sagte »Wie es
scheint bist du immer noch ebenso wie sonst bei guter Laune«
    »Solange es nur angehen will«  erwiderte dieser  »werde ich dabei
bleiben Gute Laune ist eine herrliche Freundin eine scharmante Gebieterin
kurz das liebenswürdigste Weib aller Weiber in der Welt und ich  wechsle
nicht gern Was ich habe behalte ich solange es mich behält Geht mir es denn
mit unserem Gewerbe anders als mit der guten Laune  Ich habe beiher schon mit
mancherlei mich beschäftigt aber  das weiß der Himmel  das alte Wesen zieht
mich doch immer wieder an sich und mir gefällts nirgends als da wo es mir
doch  nicht gefallen sollte wärs auch nur um meines Leibes willen«
    »Um deines Leibes willen«
    »Nun  Ich möchte ihn doch gern bei mir behalten  Wie viele meiner
Kameraden müssen ihre Leiber nicht auf Rädern und an dreibeinigen Obelisken
zusammensuchen  Ich weiß nicht wie es kommt dass man sich an etwas gewöhnen
kann das doch nie als Gewohnheit respektiert wird«
    Rinaldo schwieg Langsam ritten sie weiter  Gegen Mittag waren sie einem
Dorfe nahe auf welches zugeritten werden sollte Lodovico bat rechts feldein
nach dem Forste zu zu reiten
    »Dort«  sagte er  »treffen wir Leute von uns an Aber im Dorfe liegen
Soldaten«
    Kaum hatte er dies gesagt als querfeldein eine Reiterpatrouille auf sie
zusprengte
    »Alle Wetter«  schrie Lodovico  »Da kommen Dragoner«
    »Ruhig«  sagte Rinaldo  »Ich will schon mit den Dragonern fertig
werden«
    Die Dragoner hielten an Rinaldo ritt auf sie zu grüßte und wollte vorüber
als der Wachtmeister ihm ein »Haltet an« entgegenrief
    »Was gibt es«  fragte Rinaldo
    WACHTMEISTER Es gibt hier herum mancherlei was es nicht geben sollte
    RINALDO Wieso
    WACHTMEISTER Umsonst patrouillieren wir nicht herum  Vor allen Dingen die
Pässe aufgezeigt
    RINALDO Und wenn wir keine haben 
    WACHTMEISTER Zum Offizier ins Quartier
    RINALDO Auch das nicht  Ihr drei Mann wir zwei
    WACHTMEISTER Nun Da meint der Herr doch nicht etwa gar 
    RINALDO Was ich meine davon kann nicht die Rede sein sondern davon was
ich will
    WACHTMEISTER So  Und was will denn der Herr
    RINALDO Dass man mich ungestört meines Wegs reiten lassen soll  Wofür hält
der Herr Wachtmeister mich Bin ich ihm verdächtig
    WACHTMEISTER Meine Order lautet Wer keinen Pass hat wird angehalten und zum
kommandierenden Offizier gebracht
    RINALDO Wär es denn nicht möglich dass ein verdächtiger Mensch dennoch
einen Pass vorzeigen könnte indes ein ehrlicher Mann keinen hätte
    WACHTMEISTER Das wär gar wohl möglich aber  meine Order ist klar und
deutlich Der Soldat kann und darf nicht distinguieren er pariert befolgt
seine Order und bekümmert sich um weiter nichts
    RINALDO Liegt Graf Lentini in jenem Dorfe
    WACHTMEISTER Ach Gott Unser braver Graf Lentini ist in des elementischen
Cintios Händen  Das ganze Korps wird jetzt von seinem Nachfolger dem
Obristen Tornano kommandiert  Der Cintio ist ein verfluchter Kerl
    RINALDO Und Rinaldini ist auch wieder auf dem Platze
    WACHTMEISTER Rinaldini  Wo käm denn der her
    RINALDO Übers Meer
    WACHTMEISTER Da müsste der Teufel drinnen sitzen  Das kann ich nicht
glauben
    RINALDO Aufs Wort  Hier  sieht der Herr Wachtmeister  ist eine seiner
gewöhnlichen Sicherheitskarten Viaggio seguro Rinaldini  Er soll dergleichen
auch wohl sogar feindlichen Patrouillen geben wenn er eben dazu aufgelegt ist
    Der Wachtmeister sah ihn mit großen Augen an und brach endlich aus
    »Wie  Was  Patrouillen Soldaten Sicherheitskarten Da müsste ja das
Wetter dreinschlagen  Wenn zB mir das geschäh« 
    »Könnte das nicht sein«  fragte Rinaldo
    »Nein«  schrie der Wachtmeister  »Ich würde mich eher niederhauen
lassen als dass ich eine solche Erbarmungskarte annähm Dies könnte nie der
Fall sein«
    »Er ist es  Will der Herr Wachtmeister die Karte behalten«
    »Wie  Was«
    »Ich bin Rinaldini«
    »Ja«  schrie einer von den Dragonern indem er ihm zusprengte  »du bist
mein großer Hauptmann Rinaldini Unter dir habe ich in Kalabrien gedient Mit
Leib und Seele eile ich dir wieder zu  Ah Wer einmal von einem solchen Manne
wie du einer bist kommandiert wurde der lässt sich nicht mehr von einem
Wachtmeister kommandieren wenn er seinen alten Chef wiederfindet«
    »Willkommen Tolomeo«  sagte Rinaldo  »Ich kenne dich wohl noch Du hast
mit mir bei St Lucito gefochten und bei Lunaro warst du auch mit 
Willkommen«
    Der Wachtmeister wusste nicht was er tun sollte Rinaldo rief ihm zu
    »Behaltet die Karte sie könnte Euch vielleicht gute Dienste tun In wenigen
Minuten wird jenes Dorf von meinen Leuten alarmiert werden«
    Damit ritt er davon Tolomeo und Lodovico folgten ihm  Der Wachtmeister
außer sich griff nach den Pistolen Lodovico schoss ehe er gespannt hatte und
der Wachtmeister war verwundet
»Mord und Wetter«  sagte Lodovico  »Hauptmann Du hast eine Gegenwart des
Geistes die dir ganz allein eigen ist Das kann Cintio nicht so entschlossen
und brav er auch ist  Glück hast du auch wie keiner es hat das ist nicht zu
leugnen aber die Augenblicke kannst du fassen wie keiner sie fasst Das ist es
eben was dich so groß macht«
    »Ja Beim Teufel«  fiel Tolomeo ein  »Für einen solchen Mann lässt man
sich mit Vergnügen totschlagen«
    »Viva Rinaldini«  schrie Lodovico
    »Aber«  fuhr Tolomeo fort  »Cintio wird sehr ins Gedränge kommen
Morgen rücken 600 Mann Soldaten und 800 Mann Miliz gegen ihn an  Er muss Wind
davon haben denn diesen Morgen hat er sich eilig in die Berge zurückgezogen 
Und wie wollen wir nun zu ihm kommen«
    »Tolomeo«  sagte Rinaldo  »du musst uns von jetzt an als eine Salvegarde
gelten  Ich bin ein Reisender dich hat man mir zur Sicherheit mitgegeben so
sagst du wenn wir wieder auf eine Patrouille stoßen sollten und bleibst in
deinem Dragonerornat«
    »Sieh«  lispelte Lodovico ihm zu  »So weiß ein kluger Kopf jeden Umstand
für sich und zu seinem Vorteil zu benutzen Auch das macht unsern valoroso
Kapitano groß beliebt und bewundert«
Der Forst wurde erreicht Lodovico suchte ein ihm bekanntes Plätzchen auf und
scharrte versteckten Proviant und Wein aus der Erde
    »Dass Cintio«  sagte er  »hier nicht einmal einen Vorposten
zurückgelassen hat das ist ein Beweis dass er sich sehr weit zurückgezogen
haben muss und dass er Wind von dem Generalangriffe hat Sicher ist er über den
Grango gegangen und zieht sich in seine haltbarsten Plätze in die Berge bei
Rocella und S Domenicho zurück Dort haben wir einmal lange gesteckt bis uns
der Mangel an Proviant endlich aus den Löchern trieb Damals wurden uns aber die
Köpfe tüchtig gewaschen und ich bekam auch einen Zirkumflex der mir lange
genug besalbt beölt und beschmiert wurde«
    Rinaldo sann nach Endlich sagte er »Gehen wir auf Rocella oder S
Domenicho zu so sind wir in Gefahr der Miliz in die Hände zu geraten Rücken
die Soldaten vor so wirds uns im Rücken leer und rückwärts gehen wir dann
sicherer als vorwärts Dennoch möchte ich gern mit Cintio sprechen ihn zur
Loslassung des Grafen Lentini zu bewegen Doch sehe ich auch ein dass er jetzt
da er im Gebirge ist ihn als Geisel recht wohl wird brauchen können  Ich weiß
also noch nicht recht wozu ich mich entschließen soll«
    »Hauptmann«  begann Tolomeo  »Wie wärs wenn du mich an Cintio mit
mündlichen Aufträgen abschicktest denn etwas Schriftliches von dir bei mir zu
haben das möchte wohl nicht gut sein  Ich gelte für eine Ordonnanz und so
komme ich sicher durch die Milizen Die Gräfin Lentini will ihren Gemahl
auslösen sie handelt und schickt mich an Cintio Mit dieser Lüge komme ich bis
zu ihm«
    »Dein Vorschlag lässt sich hören Er ist gut klug und wahrscheinlich ist
es dass du deinen Zweck erreichst«
    Darüber wurde mehr gesprochen Tolomeo wurde genau unterrichtet und machte
sich auf den Weg  Rinaldo nahm Lodovicos Rat an im Walde zu übernachten
    »Wir haben in diesem Forste eine unterirdische Höhle«  sagte er  »die
oft wenn die Not groß war unserer zwölf bis sechzehn Mann aufgenommen hat
Freilich logierten wir ein wenig eng aber dennoch sicher«
    Diese Höhle wollten sie aufsuchen  Sie nahmen die Pferde bei den Zügeln
und wanderten darauf zu
    Lodovico trat auf die verborgene Feder der mit Rasen belegten Falltür der
Höhle Sie gab nicht nach
    »Wetter«  rief er aus  »die Feder gibt nicht nach Es sind Menschen in
der Höhle  Es müssen welche von den unsrigen sein«
    Er legte sich auf die Erde drückte das Ohr fest an den Boden und sagte
    »Ja ja In der Höhle stecken Menschen«
    Darauf legte er sich an eine Fichte zog den Dolch und gab das klingende
Waldsignal auf eine unter der Bande verabredete Art  Die Falltür wurde
gelüftet und eine Stimme fragte heraus »Wo wird getanzt gekocht und
getrunken«
    Lodovico antwortete schnell
    »Wir tanzen auf dem Schloss kochen auf dem Kirchplatze und trinken im
Kämmerlein bei der Mutter Eva«
    Dies waren Fragen und Antworten an denen man sich erkannte Die Falltür hob
sich Eine Stimme rief
    »Willkommen Lodovico«
    »Wie zum Teufel« fragte dieser  »kommt ihr denn in die Spelunke da
Cintio sich zurückgezogen hat Wer steckt denn drunten«
    »Wir sind«  war die Antwort  »verwundet zurückgeblieben Klaudiano und
ich Dazu haben wir noch die beiden Mädchen Loretta und Melissa bei uns die mit
wunden Füßen den Retirierenden nicht schnell genug folgen konnten«
    »Gut«  fiel Lodovico ein  »So finden wir noch Platz«
    »Wieviel Köpfe«
    »Zwei Menschen und zwei Pferdeköpfe  Es haben einmal vier Rosse mit unten
gesteckt«
    »Wer ist bei dir«
    »Cintios bester Freund«
    Die Tür ward gehoben die Pferde wurden den schräg hinablaufenden Weg
hinuntergeführt und die Ritter folgten
Alle hatten nun in der Höhle ihre bestimmten Plätze Die Höhlenbewohner
erfuhren wer unter ihnen war Staunend schwiegen sie und küssten dem vornehmen
Gaste die Hände Er streckte sich auf das beste vorhandene Lager und  machte
Grillen Alle schwiegen  Er unterbrach diese Stille
    »Mädchen  Ihr habt Guitarren wie ich sehe spielt und singt mir etwas
vor«
    Die Mädchen ergriffen die Guitarren spielten und sangen
                                 Wechselgesang
LORETTA
Wenn die Vöglein traulich scherzen
In dem neu begrünten Hain
Steigt es mir so froh zu Herzen
Wünsch ein Vöglein ich zu sein
MELISSA
Wenn die frohen Lämmer spielen
In dem bunten Wiesenklee
Wünsch ich so wie sie zu fühlen
Wird mirs ach so wohl so weh
LORETTA
O wer sagt mir was ich fühle
Was mich froh und glücklich macht
MELISSA
Das sind Liebe die Gefühle
Deiner sanften Zaubermacht
BEIDE
Ja das ist es was ich fühle
Was mich froh und traurig macht
Es sind Liebe die Gefühle
Deiner sanften Zaubermacht
»O ihr armen Mädchen«  sagte Rinaldo  »Werdet ihr je wirklich fühlen wie
glücklich Liebe macht In Höhlen und Wäldern versteckt zieht nie euch der Liebe
sanfte Zaubermacht an das freundliche Tageslicht  Wo seid ihr geboren«
    MELISSA Ich bin in Kalabrien in einer Höhle geboren worden
    LORETTA Ich in Sizilien im Walde Wir wurden beide zu solchem Höhlenleben
geboren unter den Leuten bei denen wir leben
    RINALDO Und es gefällt euch unter ihnen
    LORETTA O ja
    RINALDO Dann freilich darf ich euch nicht beklagen
    LORETTA War denn Rosa auch zu beklagen als sie bei ihrem Rinaldo in Höhlen
und Forsten liebevoll verweilte
    RINALDO Rosa war ein gutes Mädchen Ich beweinte ihren Tod aber um ihr
Leben konnte ich sie nie beneiden
    LORETTA Liebte sie nicht
    RINALDO Ist die Liebende beneidenswert
    LORETTA Ich war es
    RINALDO Und dein Glück hat dich verlassen
    LORETTA Mein Geliebter fiel vor sechs Wochen in die Hände der Miliz und 
    RINALDO  hängt jetzt
    LORETTA Vermutlich denn er war ein sehr verwegener Bursch und hatte schon
manchem Soldaten den Rest gegeben O er war ein rechter Kerl
    RINALDO Du verdienst die Braut eines Räubers zu sein
    LORETTA Rosa war doch glücklicher als ich denn sie wurde von dem
berühmtesten aller Räuber geliebt
    RINALDO Du bist ruhmsüchtig
    LORETTA Warum sollte ich es nicht sein Da ich glaubte Rinaldini sei tot
wünschte ich mir immer von Cintio geliebt zu werden Nun aber habe ich diesen
Wunsch aufgegeben
    RINALDO Und wünschest von mir geliebt zu werden
    LORETTA Darf ich nicht wünschen was Rosa was wie man erzählt Dianora
Olimpia und andere Weiber wünschten
    RINALDO Deine Aufrichtigkeit gefällt mir
    LORETTA Sie ist das Beste an mir
    RINALDO Und Melissa
    LORETTA Denkt darauf wette ich ebenso wie ich denke  aber  sie hat
noch keinen Liebeshandel gehabt soviel man weiß
    LODOVICO Ihr Stündlein wird schon auch noch schlagen
    RINALDO Ich beklage euch ihr guten Mädchen Euch fiel ein so zweideutiges
Los des Glücks dass selbst die Erfüllung eurer Wünsche schwerlich ein Glück zu
nennen ist
    LORETTA Man sagt  verzeihe mir Hauptmann es noch zu sagen  du seist
immer ein wenig gar zu düster gewesen unzufrieden mit deiner Lage und missmutig
    RINALDO Wer könnte auch in Höhlen fröhlich sein
    LORETTA Ich bin es oft gewesen
    MELISSA Ich habe bloß der Notwendigkeit nachgegeben und habe gedacht wie es
ist willst du es nehmen weil du es so nehmen musst
    RINALDO Bei euch stehts dennoch eurer jetzigen Lage aus dem Wege zu gehen
und dazu wollte ich euch raten Denn gesetzt ihr fallt der Gerechtigkeit in die
Hände so seid ihr verloren ohne etwas getan zu haben Genug dass sie euch in
einer Gesellschaft antrifft die in schlechtem Kredit steht  Ich biete euch
die Hände eurem Unglück zu entgehen Ein Brief von mir an die Gräfinnen Lentini
soll euch in Dienste bringen und dann  könnt ihr doch wenigstens ruhig und
über der Erde schlafen Klaudiano der indessen einen Gang vor die Höhle gemacht
hatte kam jetzt zurück und meldete er habe Pferde wiehern und viele Menschen
sprechen hören Sicher werde der Forst durchstreift  Sogleich wurden starke
Balken unter die Falltür gerammelt und die Gewehre wurden untersucht
    Gegen Abend schlich Lodovico sich ins Freie und brachte eine gefundene
Brieftasche mit Man fand eine Militärorder darinnen gegen S Domenicho
vorzurücken
    »Nun halte dich gut braver Cintio«  rief Lodovico aus  »und wehre dich
männlich«
    Gegen Morgen rekognoszierte Lodovico indem Rinaldo den beiden Mädchen einen
Brief an die Gräfinnen schrieb  Als Lodovico zurückkam wurde der Abzug aus
der Höhle beschlossen Rinaldo beschenkte die Mädchen und ritt mit Lodovico
davon
Im freien Felde wurde an einer Quelle unter Pappeln Mittag gehalten Rinaldo
warf sich von einer Seite auf die andere und wurde endlich laut
    »Lodovico«  sagte er  »ich habe mancherlei hin und her überlegt und
meine Lage auf alle Seiten gewendet Eine gute Seite will durchaus nicht zum
Vorschein kommen«
    »Bei mir auch nicht«
    »Endlich  habe ich beschlossen es darauf ankommen zu lassen ob uns das
Glück wieder in die Welt und durch die Welt helfen will«
    »Vielleicht  Das Glück ist eine Donna und mit den Weibern ist es Euch ja
immer gutgegangen Lasst sehen was Donna Fortuna für uns tun wird und lasst
hören was Ihr zu tun beschlossen habt Wollen wir wieder in die Welt nun gut
hier ist ein kleiner Vorrat von falschen Bärten und Nasen Wie so manchem wird
ein honestamentum faciei dieser Art angedreht oder von ihm andern angesetzt und
er geht seines Weges Non cuique datum est habere nasum Wir haben welche  In
der Gesichtsmalerei habe ich etwas getan Ein paar Striche und der Mund sitzt
mir krumm in der Larve einige Punkte und ein Auge steht hoch das andere tief
Ich kann mich alt und jung malen trotz dem geübtesten Schauspieler  Wie soll
es also werden«
    »Wir gehen nach Palermo«
    »Gut  In dem dortigen Gedränge verlieren wir uns leicht Die
Schutzpatronin von Palermo die heilige Rosalie ist ja auch eine Dame und die
Rosalien  sind Euch nicht ungünstig Dieser Umstand scheint mir schon von guter
Vorbedeutung zu sein und er bleibe es  Also frisch nach Palermo«
    »Von dort zu Schiffe nach Kalabrien  Das müssen wir wagen  In den
Gebirgen liegen meine Schätze vergraben«
    »Diese heben wir«
    »Und damit  in die Welt«
    »Ich wollte die Schätze wären schon in unserer Gewalt In die Welt wollten
wir leicht kommen«
    »So schwer wie möglich«
    »Gut   Wollen wir Palermo erreiten oder erwandern  Wir haben bis
dorthin noch eine artige Tour«
    Noch sprachen sie als aus dem naheliegenden Walde ein Trupp Reiter
hervorbrach
    »O heilige Rosalie  rette uns« schrie Lodovico
    »Lass dir«  sagte Rinaldo  »nur nicht ans Gewehr kommen und beobachte
meine Mienen und Zeichen genau«
    Sie sprangen auf und warfen sich auf die Pferde  Die Reiter hielten Der
Offizier ritt hervor Er wollte sprechen Rinaldo kam ihm zuvor
    »Mein Herr Offizier Ihr befreit mich aus einer großen Verlegenheit Diesen
Morgen entging ich einem Trupp Beutelschneidern mit genauer Not durch die
Schnelligkeit meines Pferdes Einige Kugeln flogen an mir vorbei und meines
Dieners Mantel wurde durchlöchert  Hier ruhten wir aus und überlegten welche
Straße wir einschlagen wollten denn der Berg vor uns scheint nicht ohne Höhlen
und Schlupflöcher zu sein Unter Eurem Schutze haben wir nichts zu fürchten
Vielleicht gehört Euch oder einem Eurer Bekannten diese Brieftasche die
verloren unter jenen Bäumen lag Dagegen aber bitte ich wenn einer Eurer Leute
etwa die meinige auf dem Wege gefunden haben sollte mir dieselbe aus ich habe
sie im Fliehen verloren«
    Der Offizier fragte seine Reiter ob einer eine Brieftasche gefunden habe
Alle verneinten es
    »Wisst Ihr«  fragte der Offizier  »dass sich ein Rinaldini wieder sehen
lässt Es sei nun ein falscher oder der wahre Rinaldini genug er hat sich so
genannt wie eine Patrouille aussagt von der der eine Reiter als einer seiner
alten Spiessgesellen zu ihm übergeritten ist und dadurch seine Übermacht über
die Patrouille vermehrt hat«
    »Sonderbar genug«
    »Er hat ein grünes Kleid und einen roten Mantel getragen wie Ihr tragt hat
einen Fuchs geritten wie Ihr reitet und sein Diener war der Beschreibung nach
ebenso gekleidet wie der Eurige ritt auch einen Rappen wie dieser«
    »Ein für mich sehr ungünstiger Zufall«
    »Gewiss«
    »Ich sehe ein  dass ich Euch überzeugen muss dass ich der Ritter de la
Cintra bin Da ich mein Portefeuille verloren habe so muss ich Personen stellen
die mich kennen Ich muss Euch also dringend bitten mich auf das Schloss der
Gräfin Lentini zurückzuführen woher ich komme Die Gräfin kennt mich«
    »Die Gräfin Lentini ist durch ihren Gemahl mir verwandt Ich nehme keinen
Anstand ihr Zeugnis zu respektieren«
    Dahin kam es  Den folgenden Morgen erreichten sie das Schloss  Der
Offizier ließ die Reiter zurück und ritt mit Rinaldo und Lodovico ein
    Die Gräfinnen erbebten Leonore verschloss sich in ihr Zimmer
    »Meine schöne Kousine«  sagte der Offizier  »Ihr werdet gebeten uns
beide aus einer Verlegenheit zu reißen«
    Rinaldo trug die Sache vor  Laura schien sich zu fassen
    »Ich muss«  sagte sie  »bekennen dass ich diesen Herrn schon längst als
Ritter de la Cintra kenne«
    Der Offizier empfahl sich sehr freundlich und sprengte mit seinen Reitern
davon
    Leonore kam herbei Sie erfuhr den Vorgang und nahm schweigend auf einem
Sofa Platz
LAURA Ich war Euch schuldig was ich jetzt abgezahlt habe
    RINALDO Grossmütige Freundin
    LAURA Ich weiß und erkenne dankbar dass Ihr einst mir und meinem Vater das
Leben gerettet habt  Dass ich nun in Verlegenheit kommen kann fühlt Ihr
    RINALDO Ich fühle es
    LEONORE Welche schwere Verantwortung
    LAURA Unglücklicher Mann Wie unglücklich machst du alle die dich auch nur
kennen
    RINALDO Seht das ist es was meinen Entschluss bekräftigt  Durch mich soll
niemand wieder in Verlegenheit kommen Es ist einmal Zeit zu enden
    Als er das sagte zog er eine Pistole aus der Tasche und fuhr rasch damit
nach dem Munde Leonore sprang schnell auf entriss ihm die Pistole schleuderte
sie in eine Ecke und fragte
    »Wisst Ihr was Ihr uns schuldig seid« Laura sank mit dem Ausruf »O
Rinaldo«  auf ein Sofa
    Rinaldo hob seine Blicke sie fielen auf Leonorens Auge er bedeckte sein
Gesicht mit den Händen stürzte auf ein Sofa und schrie mit dumpfer Stimme
    »Unglücklicher Wie so sehr unglücklich bist du«
    Leonore ging zu ihrer Schwägerin Tiefaufseufzend erhob sich diese und mit
gepresster Stimme rief sie
    »Meine Rechnung habe ich  ach Gott  wie redlich glaube ich bezahlt 
Wir dürfen und können uns nun nie wieder sehen Herr Ritter«
    Ein Bedienter stürzte mit dem Ausrufe »Der Herr Graf«  ins Zimmer
    »Mein Gemahl«  schrie Laura
    »Er selbst«  sagte der Graf indem er sie in seine Arme schloss Weinend
fiel sie ihm an den Busen und stammelte »O Heiliger Gott«
    GRAF Was ist dir
    LAURA Ach mein Gemahl
    GRAF Leonore  Was ist meiner Laura
    LEONORE Mich frage nicht Von mir erwarte keine Antwort
    GRAF Was ist das
    LEONORE Ich stehe hier wie vernichtet glaube zu träumen und kämpfe dennoch
mit einer schrecklichen Wirklichkeit
    GRAF Was ist hier vorgegangen
    LAURA O jetzt nur keine Antwort auf diese Frage
    GRAF Wie verlegen macht ihr mich
    LEONORE O wie sehr sind wir es
    GRAF Ich begreife nicht 
    RINALDO Ich will es lösen das Rätsel das sich 
    LEONORE Schweigt
    GRAF Mein Herr
    RINALDO Lasst mich sprechen
    LEONORE Nicht jetzt
    GRAF Euer Name
    RINALDO Rinaldini
    LAURA Gerechter Gott
    LEONORE Ewiger Himmel
    GRAF Rinaldini 
    LEONORE Er ist wahnsinnig
    RINALDO Wie edel  O Gräfin Ihr habt Euch verrechnet Ihr sollt mir nicht
zum zweitenmal das Leben retten  Graf Ich fordere Euch auf bei Gewissen und
Pflicht mich nicht entfliehen zu lassen Ich bin und bleibe in Eurer Gewalt
    GRAF Und ich in der Eurigen
    LEONORE Bruder
    RINALDO Graf
    LAURA Was sagst du
    GRAF Ich war in Cintios Gewalt Auf 3000 Stück Dukaten war mein Lösegeld
bestimmt
    LEONORE Wir wussten sie nicht herbeizuschaffen
    GRAF Das fürchtete ich selbst  »Graf sagte Cintio als ich mich mit
Sorgen quälte« »Ihr seid frei frei ohne Lösegeld«  Ich staunte »Wer hat für
mich bezahlt«  fragte ich »Rinaldini« war die Antwort  »Rinaldini«  »Er
hat auf Eurem Schloss übernachtet und zahlt seine Zeche mit 3000 Stück Dukaten
Bald hoffe ich ihn wiederzusehen Eure Güter sind ihm und mir empfohlen«  Ich
bin frei hier und  Rinaldini ist mein Retter
    RINALDO Wehe mir  Wehe Euch dass ich es bin Welcher Rechenschaft
unterwerft Ihr mich und Euch
    Er stürzte als er dieses sagte aus dem Zimmer in die Galerie hinweg über
diese und hinab in den Garten Leonore folgte ihm nach Er hörte sie nicht ihm
nachkommen In einer Laube erreichte sie ihn fasste ihn und forderte ihm sein
Gewehr ab
    »O Leonore Wie grausam seid Ihr«
    »Euer Gewehr«
    »Lasst doch den Unglücklichen sterben«
    »Ich forderte Euer Gewehr Hier bei uns sollt Ihr nicht sterben«
    »Nein«  sagte befehlend eine starke Stimme  »Hier sollst du nicht
sterben«
    Verlegen trat Leonore zurück Rinaldo ging aus der Laube Ein Mann warf den
Mantel ab und vor ihm stand der Alte von Fronteja
    »Wie«  fragte Rinaldo bestürzt  »Bist du auch hier bekannt«
    »Dem Menschen«  antwortete jener  »gehört die Welt und in diesem seinem
Eigentum muss er allenthalben bekannt nirgends darf er unbekannt sein«
    Jetzt trat der Graf in den Garten Der Alte ging ihm entgegen ergriff seine
Hand und schüttelte sie traulich so wie man es mit alten Bekannten tut Sie
umarmten küssten sich und gingen Hand in Hand den Garten hinauf
    Rinaldo sah den Alten bedeutend an und fragte
    »Kennt Ihr diesen Mann auch«
    »Der Bruder kennt ihn«  sagte Leonore  »Ich weiß nicht wer er ist Wir
nennen ihn nur den unbekannten Alten Mein Bruder aber nennt ihn Nicanor Nie
hat er uns gesagt wer er ist was er hier will und fragten wir darum so gab
er uns keine Antwort  Ihr aber scheint ihn ja auch zu kennen«
    »Ich kenne ihn dennoch aber weiß ich nicht wer er ist«
    Der Graf verließ den Garten der Alte kam wieder auf die Laube zu
    »Schöne Gräfin«  sagte er sehr freundlich  »Diesen Unglücklichen erbitte
ich mir auf einige Minuten«
    Leonore verneigte sich und verließ den Garten  Der Alte setzte sich und
das Gespräch begann
    »Ermorden also wolltest du dich«
    »O hätte ich es doch schon längst getan«
    »Der Mensch hat freien Willen Sein Leben steht in seiner Gewalt Darüber
kannst du im Seneca und Cicero gar viel pro und contra lesen Bürden legt man
ab was drückt wirft man hinter sich Indessen bei dem Selbstmorde ist doch
noch immer eine Art von Feigheit mit im Spiele Wer Mut hat seinem Schicksal
die Stirn zu bieten der erliegt im Kampf nicht so leicht als der Verzagte«
    »Wie stirbt man ehrenvoller durch eigene oder durch Henkershand«
    »So wie in der Welt die Begriffe einmal kursieren so ist die eigene Hand
der Hand des Henkers vorzuziehen Indessen  bis die letztere uns erreicht hat
man Zeit zur eigenen Hand zu greifen  Du wolltest nur in schöne Hände fallen
darum «
    »Keinen Spott«
    »Spott«
    »Keinen Scherz  Meine Lage ist zu ernstaft«
    »Und eben deswegen kann ein kleiner Scherz «
    »Ach keinen Scherz«
    »Nun also ernstlich Wunderst du dich nicht mich hier zu sehen«
    »Ich beneidete dich schon um das Glück den Tod in den Wellen gefunden zu
haben«
    »Ich beneide keinen Menschen um so etwas  Den Wellen entronnen finde ich
dich wieder und sehe  noch mehr als das  alles wieder was schön was
sehenswürdig ist« 
    »Du kennst Lentini«
    »Er ist ein Freund auch deines Freundes des Marchese Germano und der
meinige Darum hatte er auch nichts von Cintio zu fürchten«
    »Wie  Ihr alle steht noch immer miteinander in Verbindung«
    »Wir alle«
    »Habt ihr noch immer nicht die Expedition nach Korsika aufgegeben«
    »Nicht ganz  Vielleicht gelingt uns bald ein kühner Streich«
    »Gegen Korsika«
    »Gegen Korsika oder gegen  sonst einen Weltteil«
    »Du lebst von Plänen«
    »Für dieselben«
    »Glück zu«
    »Für mich und dich   Jetzt einige Worte an dich  Du bist so
unbedachtsam gewesen dich und deinen Namen selbst wieder zu promulgieren  was
ein wenig unklug war  und man ist dir überall auf dem Nacken  Das taugt
nichts  Du musst wieder verschwinden du musst versteckt werden bis der Sturm
vorüber ist«
    »Wohin«
    »In diesem Schloss kann man dich nicht lassen ob du gleich vielleicht gern
hier bliebst«
    »Gleichviel«
    »Hm  Gleichviel wohl nicht denn du hast doch einmal hier Bekanntschaft«
    »Mich darf kein rechtlicher Mensch kennen«
    »Oho«
    »Wenigstens darf er es nicht sagen«
    »Bin ich kein rechtlicher Mann«
    »Ich muss es dir verdenken dass du dich meiner Bekanntschaft freuen kannst«
    »Ich nicht  Doch wieder zu unserer Angelegenheit  Gegen Abend wird ein
Mann kommen der dir diesen Ring mit einer Maienblume den ich hier an diesem
Finger trage übergibt Diesem folge Die Nacht ist schön und mondhell Ihr
reitet fort Gegen Morgen seid ihr an Ort und Stelle«
    »Wo«
    »An einem Schloss wo man euch einlassen wird und wo du sicher bist«
    Rinaldo wollte sprechen Der Alte stand auf drückte ihm die Hand sagte
»Wir sehen uns bald wieder« und ging schnell davon
Leonore kam in einiger Zeit in den Garten zurück und fand Rinaldo nachdenkend in
der Laube  Sie nahte sich ihm 
    »Mein Bruder«  sagte sie  »ist mit Nicanor weggefahren Meine Schwägerin
wünscht Euch zu sprechen«
    Sie gingen ins Schloss zurück Laura fragte nach dem Alten konnte sich ihres
Gemahls Verbindung mit ihm nicht erklären und erhielt von Rinaldo auch darüber
keine Aufklärung
    Gegen Abend kam der Überbringer des Ringes von dem Alten Rinaldo schickte
sich zur Abreise an Er nahm Abschied Von Leonoren begehrte er ein Andenken
Sie gab ihm eine Busenschleife Er schob ihr schnell einen Ring an den Finger
eilte die Treppe hinab und schwang sich aufs Ross Vergebens rief Leonore ihm
nach Er sprengte zum Schlosshofe hinaus begleitet von seinem Führer und von
Lodovico  Sie ritten bei Mondenschein die ganze Nacht hindurch bis an den
folgenden Morgen Auf einem Felsen lag ein altes kleines Schloss zur
Verteidigung wohl versehen Dieses wurde erreicht  Der Führer gab ein Signal
Die Zugbrücke fiel Sie ritten ein Hier nannte sich Rinaldos Führer als
Kastellan des Schlosses und führte ihn herum sich selbst Zimmer zu seinem
Aufenthalt zu wählen  Er wählte und fragte
    »Wo bin ich«
    »Auf dem Schloss meiner gnädigen Frau«  antwortete Toronero der
Kastellan
    »Sie heißt«
    »Wisst Ihr das nicht«
    »Ich weiß nicht wo ich bin warum ich hier bin kenne die Besitzerin dieses
Schlosses nicht und weiß nicht wie sie heißt«
    »Sie aber kennt Euch  Sie hat mit mir selbst von Euch von dem Ritter de
la Cintra  so heißt Ihr doch« 
    »So heiße ich«
    » gesprochen ehe ich abreiste«
    »Sie ist hier«
    »Nein  Als ich abreiste reiste sie auch ab«
    »Wohin  Hierher« 
    »Das weiß ich nicht«
    »Ist sie nicht immer hier«
    »Nur selten und nie lange«
    »Wie heißt sie also«
    »Gräfin Ventimiglia«
    »Ventimiglia  Ich kenne sie nicht wenigstens  nicht unter diesem Namen«
    »So weiß ich nicht was ich denken und sagen soll   Doch es wird sich
gewiss alles aufklären«
    Der Kastellan ging Lodovico kam Er brachte einen Brief von dem Alten
Rinaldo wurde von demselben gebeten ihm Lodovico zuzuschicken dessen er
bedürfe  Es war ein Bote da Rinaldo befahl Lodovico bald wiederzukommen und
dieser versprach es indem er mit dem Boten davonritt
Der Kastellan von dem Rinaldo eine Guitarre begehrte brachte ihm dieselbe
entschuldigte sich zugleich dass er überhäufter Geschäfte wegen nicht immer
bei ihm sein könne versicherte aber zugleich seine Schwester Margalisa werde
oft zu ihm kommen und seine fleißige Gesellschafterin sein
    Margalisa ein ganz artiges rundes tätiges Geschöpf erschien bald und
sagte ganz treuherzig sie sei da dem Herrn die Zeit zu vertreiben  Rinaldo
unterhielt sich schäkernd mit ihr  Er pries die schöne Aussicht der Gegend
    SIE O ja Die Aussicht ist schön die Gegend ist reizend aber nach und nach
wird man sie auch gewohnt so wie alles was man täglich sieht seinen Spiegel
nicht ausgenommen
    ER Und in den Spiegel siehst du wohl gern
    SIE Täglich da müsste ich kein Mädchen sein Gewöhnlich zwar nur des
Morgens ich müsste mich denn etwa in der Küche schwarz gemacht haben Sonntags
aber geschiehts mehr als einmal wenn ich in die Kirche gehe
    ER Hast du weit in die Kirche zu gehen
    SIE In einer Stunde bin ich dort Ich bin aber eine gute Fussgängerin mein
Bruder endet den Weg in einer Stunde nicht
    Rinaldo ging im Zimmer auf und ab klimperte auf der Guitarre  Margalisa
fragte lächelnd »Könnt ihr auch spielen und singen«
    »Willst du etwas hören«
    »O ja  So etwas höre ich recht gern  Oder wollt Ihr etwas Gesungenes von
mir hören«
    Er gab ihr die Guitarre und bat sie etwas zu singen Sie spielte und sang
                                    Romanze
Am Bache lags Liebchen
Im lieblichen Traum
Sein Schlummer war ruhig
Er atmete kaum
Da sah ihn das Mädchen
Sie schlich sich herzu
Und freute sich innig
Der friedlichen Ruh
Sie küsste ihm leise
Das zärtliche Licht
Der zitternden Augen
Er regte sich nicht
Sie wand seine Locken
Um Finger und Hand
Und küsste behaglich
Dies ringelnde Band
Er atmete stärker
Sein Auge ging auf
Sie drückte ihn grüßend
Ein Küsschen darauf
»Was schlummert mein Liebchen
Am rauschenden Bach
Was küss ich im Grünen
Den Schlafenden wach
Im Arme der Liebe
Schläfts Liebchen so weich
Ach wechsle mein Trauter
Dein Lager doch gleich«
Rinaldo lobte Spiel und Gesang Sie dankte und gab ihm die Guitarre zurück
dabei fragte sie
    »Werdet Ihr lange hier auf dem Schloss bleiben«
    ER Noch weiß ich das selbst nicht
    SIE Es lebt sich gar zu einsam wenn die Frau Gräfin nicht hier ist Ich
mein Bruder seine Frau eine Magd zwei Kinder das ist die ganze
Schlossgesellschaft Da ist ein Tag wie der andere Das bisschen Arbeit ist bald
getan und dann  hat man Langeweile Es ist etwas Verwünschtes in einem
solchen Bergschlosse zu stecken  Ihr werdet das erfahren Bleibt Ihr lange
hier so werdet Ihr auch sicher viel Langeweile haben
    ER Aber  du bist ja hier
    SIE Das wird euch wenig helfen Wie könnte ich Euch die Langeweile
vertreiben
    ER Du wirst mir mancherlei erzählen
    SIE Wovon
    ER Von diesem Schloss
    SIE Was
    ER Allerlei
    SIE Von dem Schloss weiß ich selbst nicht viel Mein Bruder aber mag wohl
mehr davon wissen
    ER Was denn
    SIE Je nun Dies und jenes  Unser Schloss hat auch seine Heimlichkeiten
    ER So
    SIE Ich kenne sie aber nicht Und  ich rede auch nicht gern davon
    ER Warum nicht
    SIE Weil ich nichts Gewisses davon zu sagen weiß
    ER Ich habe auch mancherlei davon gehört
    SIE Wirklich  Was denn
    ER Man sagt es sei in dem Schloss nicht recht geheuer
    Margalisa sah sich besorgt um trat ihm näher legte ihre Hand auf seine
Schulter blickte ihn gutmütig an und sagte
    »Sagt nichts davon«
    Aufmerksam gemacht auf etwas woran er vorher nicht dachte nahm Rinaldo
eine noch freundlichere Miene an drückte Margalisen sanft die Hand und sagte in
eben dem Tone in welchem sie bat
    »Ich weiß  was ich weiß«
    Verlegen blickte sie ihn an und fragte mit gezogener Stimme
    »Was wisst Ihr denn«
    Bedeutend fuhr Rinaldo mit der Hand sich übers Gesicht und sagte
    »Ich weiß gar viel und mancherlei«
    Margalisa zog ihre Hand von seiner Schulter ergriff den Zipfel ihrer
Schürze zog ihn gegen die Brust schlug die Augen nieder und lispelte
    »Ich habe nichts gesagt Und«  setzte sie schnell hinzu  »ich weiß auch
nichts zu sagen Ihr wisst also auf jeden Fall mehr als ich weiß«
    Rinaldo griff ihr unters Kinn richtete ihr Gesicht auf und lächelte ihr zu
    »Das glaube ich selbst«
    Sie sah ihn an und fragte ganz naiv
    »Wie gefällt Euch denn die Frau Gräfin Ventimiglia«
    »Ich kenne sie gar nicht«
    »Ach Ich dachte gar«
    »Ich habe sie nie gesehen«
    »Und seid doch auf ihrem Schloss«
    »Ich bin auf ihrem Schloss und kenne sie dennoch nicht«
    Sie sah ihn an unterdrückte sichtbar ein Sonderbar und fuhr fort
    »Sie hat prächtige Kleider glänzende Ringe und schönes Geschmeide Man
steht nur so neben ihr wie ein Krokusblümchen neben einer Aloe  Vielleicht
kommt sie bald wieder da Ihr jetzt hier seid und da werdet ihr selbst sehen
wie wir aussehen wenn wir nebeneinander stehen«
    Mit einem Knicks sprang sie zur Tür hinaus Rinaldo rief ihr nach sie war
aber schon die Treppe hinab wie hinuntergeflogen  Er ging ins Zimmer zurück
und warf nachdenkend sich auf ein Sofa Endlich rief er laut aus »Sie spielen
mit mir das alte Spiel«
 
                                Dreizehntes Buch
 Deckt die Ruh wohl ihr Gefieder
 Über dich mit sanfter Huld
 Nein doch sucht sie friedlich wieder
 Niemals die verhasste Schuld
Es kamen Boten mit Briefen auf das Schloss gesendet von dem Alten der dennoch
nie schrieb wo er sich aufhielt  Rinaldo war in seiner Einsamkeit in einer
sehr peinlichen Lage
    Der Kastellan schien ein sehr verschlossener Mann zu sein Er betrug sich
gegen seinen Gast sehr zurückhaltend Von Margalisen aber hoffte er nach und
nach mehr zu erfahren Deshalb tat er sehr artig gegen sie was ihm gar nicht
schwerfiel denn sie war wirklich ein hübsches Mädchen das noch dazu in der
Einsamkeit des einsamen Schlosses doppelte Reize erhielt Er beschenkte sie sehr
freigebig mit einer Halskette und einem Ringe Diese Kostbarkeiten wurden ebenso
gern genommen als sie gegeben wurden Rinaldo sah an der Aufmerksamkeit mit der
er bedient wurde dass die Dienstwilligkeit durch die goldene Kette stark an den
Geber gefesselt worden war
    Er war einige Wochen auf dem Schloss als er durch einen Boten einen Brief
an den Alten sandte in welchem er ihn dringend bat ihm Beschäftigung zu geben
Auch ersuchte er ihn Lodovico wieder zu ihm zu schicken
    Margalisens Zutraulichkeit wurde nach und nach immer herzlicher und sein
freundliches Entgegenkommen bestimmte das treuherzige Mädchen endlich sogar in
dem freundlichen Herrn mehr als den bloß freundlichen Herrn zu sehen Seine
Geschenke und die Einsamkeit taten auch das ihrige und so kam es denn dass der
Herr Ritter seine schönen Stunden ebenso gefällig als gern erhielt Das gefiel
dem Mädchen und gefiel dem Herrn So waren sie miteinander zufrieden
    Einst als sie so ganz traulich wie er recht liebevoll bei ihm saß fragte
sie lächelnd ganz naiv
    »Die Wievielte bin ich denn wohl die Ihr schon liebgehabt habt«
    Rinaldo freilich ein wenig gewandter als das gutherzige Schlossmädchen
wusste die Antwort dieser Frage durch eine Gegenfrage klüglich zu vermeiden 
Eine Methode die wir gelegentlich gesagt als sehr heilsam jedem empfehlen
wollen der in die Verlegenheit kommen sollte einem artigen Mädchen eine
ähnliche Frage zu beantworten  Er fragte also
    »Der Wievielste von denen die dich liebgehabt haben bin ich denn wohl«
    Darüber vergaß das gute Kind ihre eigene Frage wurde noch röter als sie
wirklich schon war schlug die Augen nieder und zupfte an ihrem Busentuche
sanft den Mund bewegend ohne zu sprechen
    Durch diese Verlegenheit der Verlegenen  so machens die Männer  noch
kecker gemacht verlor Rinaldo jeden Antwortspunkt aus dem Sinne und wiederholte
seine Frage sehr dreist indem er Margalisens Gesicht dem seinigen
entgegendrehte
    Sie wurde darüber fast empfindlich unterdrückte aber dennoch ihren Unwillen
und sagte weinerlich
    »Ihr seid der Dritte meiner Liebhaber aber der einzige der Küsse von mir
erhalten hat«
    Sie schwieg fuhr aber schnell auf und fragte fast erzürnt
    »Glaubt Ihr das«
    »Ich glaube dir es nicht allein«  antwortete Rinaldo gelassen  »sondern
ich bin sogar davon überzeugt«
    »Das lässt Euch der Himmel reden«  fiel sie rasch ein und schob etwas das
sie mit der rechten Hand gefasst hatte unter das Busentuch zurück
    »Was ist das«  fuhr Rinaldo fragend auf rang scherzend mir ihr und zog
einen Dolch aus ihrem Busen
    ER Das war es was du gefasst hattest und wieder zurückschobst O Margalisa
    SIE Ich habe Euch gegeben was ich keinem Manne wieder geben kann Hättet
Ihr so frech sein und dieses Geschenk ableugnen wollen so hätte ich Euch den
Mund auf ewig verschlossen damit Ihr undankbar nie in der Welt wieder etwas
hättet ableugnen können  Ich habe unbesonnen gehandelt das muss ich mit
Schmerzen tragen aber  verhöhnen lass ich mich nicht
    Rinaldo sah dass er es mit einem Mädchen zu tun hatte deren
Entschlossenheit seiner Keckheit die Waage hielt Er fand sich schnell in die
gehörige Rolle warf seine Arme um ihren Nacken küsste sie heftig und sagte
»Margalisa Jetzt liebe ich dich zweifach«
    Sie schwieg Einige große Tränen entstürzten ihren Augen Endlich sagte sie
beinahe trotzig
    »Dass ich nicht verdiene unglücklich zu sein weiß ich Aber das weiß ich
auch dass Ihr es mit mir sein werdet wenn Ihr es vergessen wollt dass Ihr es
seid der mich unglücklich machen kann«
    So hatte er noch kein Mädchen sprechen hören Seine Liebchen hatten ihm wohl
nachgeweint aber mit Dolchen war ihm noch keine nachgefolgt Er fasste sich aber
schnell küsste Margalisen zärtlich und sagte
    »Sei ruhig Margalisa Ich werde nie vergessen was ich dir schuldig bin da
ich von dir geliebt werde«
    Da tat es in dem verschlossenen Saale neben dem Zimmer in welchem sie sich
befanden einen starken Fall
    »Was ist das«  fragte Rinaldo
    Margalisa sprang auf schrie
    »Das ist ja eben der Unglückssaal« und verließ eilig das Zimmer
Betroffen blieb Rinaldo zurück Er lauschte und hörte nichts weiter Er legte
sein Ohr an die Saaltür Nichts bewegte sich in dem Saale
    Er wandelte aus dem Schloss ein Stündchen im Freien umher genoss das
prächtige Schauspiel der untergehenden Sonne ein Schauspiel welches immer
traurige Empfindungen in seiner Seele zurückließ und ging langsam und
gedankenvoll den Berg hinauf wieder ins Schloss zurück  An der Zugbrücke sah
er noch einmal ins Tal zurück das schon ganz im Schatten der Abenddämmerung
lag und seufzte
    »Es war eine Zeit da trieb ich wenn die Abenddämmerung auf die Täler sank
meine Ziegen in die kleine Wohnung zurück und damals war ich froh und heiter
Jetzt blicke ich von stolzen Schlössern hinab ins Tal und der Schleier der
Abenddämmerung umhüllt meine Seele mit Traurigkeit«
    Er wankte ins Schloss auf seine einsamen Zimmer zurück fand den Tisch
gedeckt und bald darauf trug Margalisa ihm das Abendbrot auf  Er leerte eine
Flasche Wein und schellte nach einer zweiten Margalisa brachte sie ihm
    »Du musst mit mir trinken«  sagte er »Du musst bei mir bleiben Es ist mir
zu einsam ich bin verstimmt« 
    SIE Das ist nicht gut  Kann Margalisa Euch aufheitern
    ER Du allein kannst es
    SIE Wenn meine Arbeit getan ist will ich wiederkommen Aber Ihr müsst mir
etwas vorsingen Ihr singt gar zu artig und könnt so schöne Lieder Einige habe
ich Euch schon abgelernt das Fischermädchen und den traurigen Rittersmann im
Felsentale
    ER Komm bald wieder liebes Mädchen Ich will dir Romanzen und Lieder
singen so viele du hören willst
    SIE In einer Stunde bin ich wieder bei Euch
    Sie hielt Wort setzte sich als sie wiederkam mit ihrem Strickzeug auf ein
Sofa indem Rinaldo auf der Guitarre klimpernd im Zimmer auf und ab ging
    »Hat Euch etwa«  fragte Margalisa ganz unbefangen  »die Frau Gräfin
geschrieben  Mein Bruder meinte sie würde wohl bald hierherkommen«
    »So  Ich habe keine Briefe bekommen«
    Eine Pause
    »Ihr erwartet sie doch«  fing Margalisa wieder an
    »Ich weiß von keiner Erwartung«
    »Nicht  Wirklich nicht Und Ihr seid hier«
    »Das hat einen andern Grund als diese Erwartung«
    »Das kann ich freilich nicht wissen«
    Eine zweite längere Pause  Er unterbrach sie
    »Gehören Dörfer zu dem Schloss der Gräfin«
    »Zwei  Das Dorf am Wäldchen und jenes rechts an dem großen Teiche«
    »Sind Klöster hier in der Nähe«
    »Eine Stunde von hier liegt ein Nonnenkloster vom Orden der heiligen Klara
zwei Stunden weit ist ein Kapuzinerkloster Weiter kenne ich keine Klöster in
der Nähe  In dem Klarenkloster habe ich eine Schwester Sie ist Pförtnerin«
    »Du besuchst sie wohl zuweilen«
    »Gewöhnlich des Jahrs dreimal an den hohen Festen  Es könnte mir in dem
Kloster gefallen  Einem armen Mädchen bleibt ja auch gewöhnlich nichts weiter
als ein Kloster übrig wenn sie keinen Mann bekommt«
    »Den wirst du schon bekommen«
    »Ei ja doch  Ihr denkt wohl die Männer sind bei uns auch nur so zu
haben«
    Hier entstand die dritte Pause
    Margalisa sagte endlich
    »Was klimpert Ihr Singt doch etwas Ihr habt mirs ja versprochen«
Margalisa ist das Liebchen
Das mir nur allein gefällt 
»Habt Ihr das Liedchen selbst gemacht«  fiel Margalisa fragend ein
    »Ich dichte es unterm Singen«
    »Aha  Wisst Ihr wohl wie es in einem Liede heißt das Ihr auch oft singt
Da singt Ihr
Nichts erdenken nichts erdichten
Darf ein Mund der Liebe schwört
Vom Erdenken vom Erdichten
Ward manch Liebchen schon betört«
Er lachte legte die Guitarre weg umschlang küsste Margalisen und sagte
    »So will ich die Wahrheit reden Ich liebe dich«
    Sie seufzte »Wie lange«
    Es wurden Fußtritte gehört  Margalisa sprang auf und setzte sich auf einen
Stuhl Er ergriff die Guitarre und stimmte  Der Kastellan trat ins Zimmer
    »Ich wollte Euch fragen«  sagte er  »ob Ihr etwas an den alten Herrn
Nicanor zu bestellen habt«
    Rinaldo schrieb an den Alten einen Brief in welchem er die Bitten seines
letzten Briefes wiederholte
    Margalisa die indessen mit ihrem Bruder das Zimmer verlassen hatte kam
als Rinaldo schellte wieder dahin zurück Er gab ihr den Brief und bat sie
wiederzukommen
    »Mein Bruder«  antwortete sie  »geht diese Nacht selbst mit dem Boten zu
dem alten Herrn Wenn er fort ist will ich kommen«
    Sie ging und Rinaldo dem ihre Gesellschaft jetzt beinahe unentbehrlich
geworden war erwartete ihre Zurückkunft wirklich mit Ungeduld
Gegen Mitternacht trat er ans Fenster und sah hinab ins Tal Der Mond erhellte
die ganze Gegend Er erblickte am Fuße des Berges einen stark bespannten Wagen
und einige Menschen hin und her gehen Diese kamen bald den Berg herauf ins
Schloss Als sie aus demselben zurück wieder hinabgingen trugen sie kleine
Fässer wie es schien mit nicht geringer Anstrengung ihrer Kräfte Sie kamen
noch einmal und gingen ebenso beladen wieder zurück  Der Kastellan ging mit
ihnen und führte sein Pferd den Berg hinab das er im Tale bestieg  Die Fässer
wurden auf den Wagen gelegt und der Zug ging im Tale rechts fort Die Begleiter
des Wagens waren bewaffnet
    Gleich darauf trat Margalisa ins Zimmer Es kam sogleich zum Gespräch
    »Was schaffte man in Fässern den Berg hinab«
    »Ich weiß es nicht«
    »Du bist nicht aufrichtig«
    »Eben weil ich aufrichtig bin sage ich dass ich es nicht weiß 
    Mein Bruder sagt uns nichts von seinen Geschäften Solche Fässerchen werden
oft von hier fortgeschaft Ich weiß nicht woher sie kommen und was darin ist
Sie sind sehr schwer Ihr wisst dass ich gewiss Stärke habe aber ich kann das
kleinste Fässchen kaum von der Erde erheben Ach in unserm Schloss gibts wohl
mancherlei sonderbare Dinge von denen ich nichts weiß  Mein Bruder ist gar
geheimnisvoll Wir Weiber erfahren nichts von seinen Geheimnissen«
    »Er hat also doch Geheimnisse«
    »Das will ich meinen«
    »Ich bin nicht neugierig aber die Fässer beschäftigen mich doch«
    »Mich haben sie schon längst beschäftigt Besonders da ich gar nicht weiß
wo sie herkommen Ich sehe sie nicht ins Schloss bringen und dennoch sind sie da
und werden fortgeschaft«
    Rinaldo warf sich aufs Kanapee Margalisa setzte sich zu ihm und spielte mit
seinen Locken
    SIE Ihr denkt nach Ich habe auch schon nachgedacht  gar oft  aber das
hat mir alles nichts geholfen
    ER Weißt du auch nichts von den Geheimnissen des Saals zu erzählen den du
den Unglückssaal nennst
    SIE Mein Bruder nennt ihn stets den Unglückssaal sagt aber nie warum und
hält ihn fest verschlossen Geheuer ist es nicht darin Wer weiß welcher Kobold
darin hauste
    ER Du glaubst Gespenster
    SIE Ei Wer wird die nicht glauben  In unsrem Lande gibts leider
Gespenster und Hexen vollauf
    ER Auch Hexen
    SIE Ja  Da will ich Euch einmal erzählen was ein Franziskanermönch selbst
erfahren gesehen und einem vornehmen Herrn entdeckt hat
    ER Nun Lass hören
    SIE Ein feiner artiger junger Mann fiel einem paar Hexen in die Hände die
ihm während er schlief das Herz aus dem Leibe nahmen Das ist eine
Leckerspeise welche sie gebraten essen Eben wollten sie das Herz sich
wohlschmecken lassen Er wurde seinen Verlust nicht gewahr weil er wie gesagt
schlief Als er aber aufwachte fing er an Schmerzen zu fühlen und entdeckte
endlich dass ihm sein Herz fehlte  Der Franziskanermönch der in eben der
Kammer lag aber nicht schlief hatte alles mitangesehen und wusste was die
Unholdinnen getan er konnte es aber nicht verhindern weil ihn die Hexen
bezaubert hatten Endlich als nun der arme Mensch erwachte löste sich die
ganze Bezauberung Die Hexen salbten sich mit einem Öle und flogen davon Der
Franziskaner aber nahm das Herz das schon gebraten war vom Roste und gab es
dem Jüngling zu essen und der wurde denn mit Gottes Hilfe wieder gesund
    ER Eine schreckliche Geschichte
    SIE Jawohl
    ER   Wie lange wird dein Bruder von hier wegbleiben
    SIE Zwei Tage
    ER Könntest du mir nicht die Schlüssel zu dem Saale verschaffen
    SIE Was mutet Ihr mir zu  Ich müsste Euch gar nicht ein bisschen gut sein
wenn ich Euch die Schlüssel verschaffen wollte
    ER Wenn du mir gut bist und mich liebst verschaffst du sie mir
    SIE Nein zu Eurem Unglück mag ich nichts beitragen
    ER Geht dein Bruder in den Saal
    SIE Ich glaube wohl
    ER Und es geschieht ihm nichts  Mir wird also auch nichts geschehen
    SIE Nein Ich gebe Euch die Schlüssel nicht  Wenn Ihr unglücklich sein
solltet ich wüsste nicht was ich anfangen sollte  Und wenn ich Euch auch die
Schlüssel wirklich geben wollte so weiß ich nicht wo ich sie finden soll Mein
Bruder wird sie gewiss verschlossen haben
    Indem vernahmen sie ein Geräusch Sie lauschten und hörten deutlich dass es
 in dem Saale war  Margalisa schmiegte sich zitternd an Rinaldo an Dieser
winkte ihr zu schweigen Sie zitterte und schwieg
    Er erhob sich langsam stieg auf schlich sich an die Saaltür und lauschte
 Es blieb ruhig
    Er ging zurück Margalisa erklärte ängstlich sie werde diese Nacht nicht
aus dem Zimmer gehen  Rinaldo lächelte und verließ mit ihr das Zimmer Sie
gingen durch das zweite ins dritte Zimmer Hier wurde Margalisa ruhiger
gleichsam als sei sie durch eine weitere Entfernung von dem Saale in größerer
Sicherheit als in dessen Nähe  Als sie ihn aber endlich verließ musste sie
Rinaldo die Treppe hinab bis vor ihre Kammer im untersten Stock des Schlosses
begleiten
Als er wieder in sein Zimmer zurückkam fielen seine Blicke auf seine Schatulle
Sogleich fiel ihm ein dass er in derselben sehr gute Schliessinstrumente habe 
Er öffnete die Schatulle nahm die Werkzeuge ehemaliger Geschicklichkeit heraus
und entschloss sich rasch die Geheimnisse des sogenannten Unglückssaals zu
untersuchen
    Ebenso rasch ging er dabei zu Werke nahm Gewehr zu sich und näherte sich
mit Wachskerzen dem Schloss der Saaltür
    Die Vortrefflichkeit seiner Instrumente krönte sogleich die erste Probe Die
Schlösser wurden geöffnet Die Saaltür ging auf  Im Saale war es still und
finster Die Fenster verdeckten Gardinen welche auch der feinste Strahl des
Mondes nicht durchbrach
    Er trat in den Saal der leer und ohne Möbel war Eine doppelte Flügeltür
war rechts Nur einfach verschlossen öffnete sie sich dem erfahrenen Schliesser
bald  Sie führte zu einer langen Galerie die auf beiden Seiten mit Bildern
geziert und mit Wandleuchtern versehen war Auf den Wandleuchtern steckten
Lichter die wie man deutlich sah angezündet gewesen waren
    »Also gibt es hier«  sprach Rinaldo bei sich selbst  »Menschen denn
Geister bedürfen dieser Lichter nicht«
    Mit festem Schritt und leisem Tritt ging er weiter und kam am Ende der
Galerie an eine gleichfalls verschlossene Tür Er öffnete sie und trat in einen
kleinen Saal dessen Wände auch mit Bildern und Leuchtern behängt waren Eine
Tür die nicht verschlossen war führte in ein Zimmer Dieses war möbliert und
zeigte Spuren dass es von Menschen besucht wurde  Nun ging er behutsam weiter
und kam aus dem Zimmer in einen schmalen dunklen gewölbten Gang
    Hier blieb er stehen und überlegte ob er jetzt weitergehen oder ob er seine
ferneren Untersuchungen bis morgen aufschieben wollte Zögernd ging er nur
langsam nach und nach weiter Er überlegte noch als er auf etwas Nachgebendes
trat worauf unter ihm laut eine Glocke ertönte und er langsam auf einer
Versenkung in die Tiefe hinabfuhr
    Als er festen Fuß fasste befand er sich in einem großen von einigen
schwebenden Lampen nur schwach erleuchteten Gewölbe und sah dass die Maschine
der Versenkung langsam wieder hinaufging  Nun war an kein Zurückgehen mehr zu
denken
    Er stand lauschte und hörte in der Entfernung ein Geräusch wie von einer
Pochmaschine und von Räderwerk das durch Wasser getrieben wird
    »Und sollte ich mich der rauschenden Arbeit der Danaiden dem Rade Ixions
und allen Schrecken des wahren oder eines Orkus der Krata Repoa nähern« sprach
er bei sich selbst  »ich gehe weiter«
    Er nahm die Lichter in die linke Hand in die rechte eine gespannte Pistole
und ging weiter fort  Je weiter er kam desto stärker wurde das Geräusch
    Eine Tür hemmte seine Schritte Er öffnete sie entschlossen und trat in ein
zweites stärker erleuchtetes und niedrigeres Gewölbe in welches er kaum den
Fuß gesetzt hatte als er eine Figur bemerkte die bei seiner Erscheinung laut
auf »Alarm« schrie und davonlief
    Nun blieb er stehen sicherte sich den Rücken setzte die Lichter neben sich
auf die Erde stellte sich in bewaffnete Positur und erwartete was geschehen
würde
Ein dunkel gekleideter Mann mit weißem Haar und Barte trat herbei und donnerte
ihm entgegen
    »Verwegener wer bist du Wie kommst du hierher Was suchst du hier«
    Gelassen antwortete Rinaldo »Ich frage dich Wer bist du Nach deiner
Antwort wird die meine folgen«
    Der Alte schwieg einige Augenblicke und fragte dann wieder »Bist du allein
hier«
    »Das wirst du erfahren« war die Antwort
    »Du bist mit allen den Deinigen soviel deren auch mit dir hier und in jenem
Gewölbe verborgen sein mögen in meiner Gewalt und ihr werdet lebendig nie
diesen Ort wieder verlassen wenn ich euch nicht freilassen will  Also
antworte Mensch wer bist du«
    »Ein Mensch wie du gesagt hast Oder glaubst du nicht dass es einen
Menschen gibt der ohne Furcht hierher kam«
    »Viel gewagt«
    »Noch nicht genug«
    »Was mehr«
    »Das sollst du erfahren«  schrie Rinaldo sprang auf ihn zu packte ihn
drängte ihn gegen die Wand und setzte ihm die Pistole auf die Brust
    Der Alte zitterte und schwieg  Rinaldo aber fragte wieder
    »Wer bist du«
    Der Alte gab keine Antwort  Rinaldo schüttelte ihn und schrie ihm zu
    »Beantworte meine Frage oder ich schieße dich nieder«
    »Das kannst du tun«  sagte der Alte  »wenn du dein Leben selbst verloren
geben willst Beantworte meine Fragen und ich will die deinigen beantworten
Ich sehe wohl dass ich es mit einem kühnen entschlossenen Manne zu tun habe
aber dennoch werde ich dich nicht furchten«
    »Gelogen«  schrie Rinaldo  »Du zitterst«
    »Ich bin«  fuhr der Alte fort  »ein alter schwacher Mann und du bist
mir an körperlicher Stärke überlegen aber es sind junge kraftvolle Männer in
unserer Nähe mit diesen musst du dich messen wenn du im Kampfe Ehre erwerben
willst«
    Rinaldo ließ ihn fahren und wollte eben sprechen als er drei starke Männer
mit blanken Säbeln auf sich zukommen sah
    »Greift«  schrie der Alte als er sie erblickte und sich frei sah 
»diesen Unbesonnenen«
    Zu Rinaldo sagte er »Wenn du dich zur Wehr setzest so lass ich dich
niederhauen«
    »Wenn du das bei der Gräfin Ventimiglia verantworten kannst deren Bruder
ich bin«  antwortete Rinaldo  »so kannst du mich niederhauen lassen ich
aber werde mich wehren solange ich noch ein Glied bewegen kann Wenn sich mir
einer naht so schiess ich dich zuerst nieder«
    »Haltet an«  schrie einer von den Dreien  »diese Stimme ist mir sehr
bekannt Diese Gestalt dieses Gesicht  Ich will des Teufels sein wenn du
nicht mein vom Tode erstandener geretteter Hauptmann wenn du nicht Rinaldini
bist«
    »Ich bin es  Du bist Nero  Ich bin dein Hauptmann und befehle dir und
deinen Kameraden die Waffen niederzulegen«
    »Lustig ihr feinen Gesellen«  schrie Nero  »Hört meines Hauptmanns
Befehl habt Respekt und streckt die Waffen Hier steht der große Rinaldini und
spricht mit euch«
    »Schweig«  donnerte der Alte
    »Was da  Was wollt Ihr  Ich trete auf meines Hauptmanns Seite ich
fechte und sterbe mit ihm Aber kommt uns einmal zu nahe wenn ihr erfahren
wollt wie es zugeht wenn man sich an den großen Rinaldini wagt«
    »Lass sie nur kommen  Nero« sagte Rinaldo  »wir wollen sie schon
empfangen Meine Leute im Schloss werden mich suchen Wir werden bald Succurs
erhalten«
    »Schliesst die Falltüren«  schrie der Alte
    »Unnütze Vorsicht«  fiel Rinaldo ein  »Meinen Leuten sind keine
Schlösser zu fest«
    »Das wollen wir erwarten« sagte der Alte
    Da stürzten einige Männer aus jenem Gewölbe durch welches Rinaldo gekommen
war herbei und schrien
    »Alarm Alarm Das Schloss ist überrumpelt Soldaten haben es besetzt Wir
sind verraten und verloren«
    »Rettet euch«  keuchte erschrocken der Alte und lief hinter jenen drein
    Nero nahm Rinaldo bei der Hand und schrie ihm zu
    »Nur mir nach  Uns sollen sie nichts tun Wir haben Schlupfwinkel  Nur
mir nach«
In den unterirdischen Winkeln war die Verwirrung allgemein Man schrie lärmte
und fluchte auch glaubte Rinaldo Weiberstimmen und Kindergeschrei zu hören 
Ohne sich das was um ihn herum vorging erklären zu können folgte er seinem
Führer getrost nach
    Es ging durch einige Keller durch eine Spelunke aufwärts und als sie hier
waren lispelte ihm Nero zu
    »Diesen Weg kenne nur ich allein Der Zufall hat ihn mir entdeckt und ich
habe diese Entdeckung für mich behalten weil ich schon längst dachte dass die
Wirtschaft hier einmal ein Ende mit Schrecken nehmen würde  Nun aber müsst Ihr
auf allen vieren kriechen«
    So krochen sie durch die Mündung einer fürchterlichen Felsenhöhle deren
Ausgang in äußerst raue Berggegenden führte Sie wälzten ein Felsenstück vor
die Schlucht und wanden sich in eine andere mit Gesträuch bedeckte Felsenhöhle
Nero küsste seinem Hauptmann die Hände und fing an zu erzählen
    »Mord und alle Wetter Wie freue ich mich dich endlich wiederzusehen
Hauptmann Dass du wieder hergestellt und ins Leben zurückgebracht worden warst
wusste ich schon aber es hieß  ich weiß nicht wer das einfältige Gerücht
verbreitet hatte  du seist in ein Kloster gegangen Das konnte und wollte ich
nicht glauben Da ich aber gar nichts wieder von dir hörte und sah dachte ich
zuletzt Es kann ja doch wohl möglich sein dass er den Säbel endlich gegen ein
Paternoster vertauscht hat um sich und uns alle mit dem Himmel wieder
auszusöhnen  Ich griff zum alten Handwerk aber es warf nicht viel ab Endlich
kam ich wieder zu unsrem Cintio Da ging es etwas besser Wir machten ganz
artige Geschäfte und führten oft tolle Streiche aus Du weißt ja wie das
zugeht«
    »Aber«  fragte Rinaldo einfallend  »wie kamst du denn in das Schloss der
Gräfin Ventimiglia«
    »Höre nur  Wir lagen eben bei Sarsona als mich Cintio mit einem Briefe
nach Marsala sandte Der Brief war adressiert An den Herrn Florio berühmten
Kaufmann aus Korfu dermalen zu Marsala Ich traf die beschriebene Wohnung
übergab den Brief und siehe da der berühmte Kaufmann Florio aus Korfu war 
unser lieber alter Herr Frontejaner«
    »Dieser«
    »Der nannte sich damals Florio Bei ihm war auch unsre wohlbekannte Signora
Olimpia «
    »Olimpia«
    »Sie selbst zwar ein wenig älter aber immer noch so angenehm wie sonst
Diese hatte wie ich erfuhr einem alten verliebten Narren das Seil über sein
erhabenes Ypsilon geworfen und hatte ihm die Hand gegeben «
    »Olimpia verheiratet«
    » und war dadurch Gräfin Ventimiglia geworden«
    »Was sagst du  Olimpia  Sie Olimpia die Gräfin Ventimiglia«
    »Ja ja Sie selbst  Der alte Herr ihr Gemahl war in ihrem Besitze recht
glücklich Kein Gedanke an einen korsischen Kapitän an einem Räuberhauptmann
an einen Stattalter zu Nisetto an alle guten Freunde des Alten von Fronteja
an  wer weiß woran noch vor und nachher  verbitterte ihm sein Glück Er
leerte den Becher den Olimpia ihm fühlte con amore und lag senza dolore
entzückt in ihren Armen so oft ihm das erlaubt war Kurz er war glücklich«
    »Wohl ihm«
    »Wie ging dirs zu Marsala«
    »Das sage ich auch Die Einbildung und der Glaube sind die beiden
herrlichsten Himmelsgeschenke für uns arme miserable Kreaturen  Denn was
haben wir sonst noch das so erfreulich wär wie sie«
    » Wie ging dirs zu Marsala«
    »Im Hause der Gräfin lebte ich herrlich und in Freuden und sehr mich gar
nicht wieder aus demselben  Endlich reiste die Frau Gräfin mit dem Herrn
Florio auf ihr Schloss wo wir vorher eben auch waren Sie nahmen mich mit
erteilten mir viele Lobsprüche und komplimentierten mich endlich ganz human mit
vielen Versprechungen in den Keller in welchem Ihr mich gefunden habt«
    »Und in diesem Keller« 
    »Da trieben wirs stark«
    »Was«
    »Wir münzten Geld«
    »Falsche Münzer wart ihr«
    »Wenigstens waren unsere Münzen nicht so gut wie sie sein sollten ob sie
gleich sehr schwer als falsch zu erkennen waren denn wir hatten es im
Anschein weit gebracht  Wir haben rechtschaffen darauf losgearbeitet das muss
ich sagen Die ganze Insel muss von unsern Gold und Silbermünzen angefüllt sein
wenn das Geld nicht weitergegangen ist Wappen und Bild Sr Maj des Königs
beider Sizilien wie auch Sr Heiligkeit wurden respektiert Alle unsere Münzen
tragen nur republikanische Wappen und Stempel und sind den Teufel nicht wert
Die Respublica Veneta mitsamt ihren unnatürlichen Löwen die liebe Libertas von
Luca und Ragusa das Genuesische Kreuz und Elend sogar liebe bisschen St
Marinosche Potestà  alle diese freien Herrlichkeiten wurden mit unendlich viel
Freiheit unsern Münzen aufgedrückt Sie erhielten dadurch Freiheit hinzugehen
wohin sie wollten und zu bleiben wo man sie behalten mochte  Wir haben eine
schöne Anzahl Geldfässerchen abgeschickt Toronero der Kastellan des Schlosses
nahm sie gewöhnlich in Empfang und spedierte sie weiter«
    Jetzt konnte Rinaldo sich jene Nachtszene erklären die er von den
Schlossfenstern aus sah worüber ihm Margalisa keine Auskunft geben konnte 
Nero fuhr fort
    »Diese Nacht erst ist ein solcher Transport wieder abgegangen«
    »Ich sah ihn abgehen konnte aber nicht erraten was in den Fässern stak«
    Die Versendung muss aber unrecht angekommen oder gar von ungebetenen Gästen
in Empfang genommen worden sein  Jetzt sitzen sicher einige Dutzend Köpfe
weniger fest zuvor
    »Und wie wird es unsrer lieben Gräfin gehen«
    Rinaldo sah schweigend vor sich hin suchte das ganze Negoz zu überschauen
und verlor sich darüber endlich so sehr in seinen Gedanken dass Nero ihn
gleichsam aus einem Traume weckte als er ihm zurief
    »Wollen wir hierbleiben oder wollen wir weitergehen«
Sie stiegen hinab und erreichten das Tal  Hier kroch aus dem Gebüsche ihnen
ein Vermummter entgegen der ihnen zuwinkte näherzukommen Sie folgten ihm in
eine Höhle wo er seinen Mantel abwarf Lodovico stand vor ihnen
    NERO Lodovico
    RINALDO Du hier
    LODOVICO Du hier
    LODOVICO Erwünscht  Ich kam aber vorhin zu einer verdammten Szene
    NERO Auf dem Schloss
    LODOVICO Dahin war ich noch nicht  Die Gräfin und der alte Herr schickten
mich ab Euch mein wertester Hauptmann ihre Ankunft auf morgen oder übermorgen
zu melden Ich eilte Euch wiederzusehen und kam eben dazu als die Soldaten
einen Transport Geld anhielten Ich hörte es sei falsche Münze und sie komme
aus dem Schloss Zugleich hieß es geradezu Rinaldini sei auf dem Schloss 
Ich machte mich davon bebte für Euer Leben und bin so glücklich Euch noch
frisch und gesund zu sehen
    Rinaldo empfing von ihm ein Päckchen Es enthielt Kostbarkeiten Geld und
Wechsel Olimpia und der Alte schrieben von herrlichen Aussichten und freuten
sich ihm dieselben bald mündlich mitteilen zu können  Er las überdachte
seine Lage und entschloss sich kurz
    Lodovico und Nero wurden von ihm abgeschickt zu erforschen wie es um den
Alten und seine Freundin stehe In Mascoli wollten sie sich wiederfinden wie er
ihnen sagte
    In Treno trennten sie sich Rinaldo steckte sich in Pilgerkleider und ging
als ein gebrechlicher Waller hinkend und verstellt auf Taormino zu  Hier lag
eben ein sardinisches Fahrzeug segelfertig im Hafen welches er bestieg indem
er das Gelübde einer Wallfahrt zum Gnadenbilde zu Saorsa auf Sardegna
herwinselte  Der Kapitän lobte seinen frommen Entschluss und nahm ihn willig
auf  Die Anker wurden gelichtet die Felucke stach in die See und erreichte
glücklich das Ziel ihrer Fahrt
Rinaldo warf seine Pilgerkutte ab und eilte nach dem ihm wohlbekannten Kagliari
Hier mietete er sich eine angenehme Wohnung und setzte seine Garderobe in
glänzenden Zustand
    Er besuchte die Kirchen Promenaden und öffentlichen Häuser fand
allenthalben fremde Gesichter und wenig Unterhaltung
    Einst schlich er wie gewöhnlich um die Gartenhäuser der Stadt herum es
wurde Abend und er wollte wieder in seine Wohnung zurückgehen als er an einem
Garten vorbeikam dessen Tür offenstand und in welchem er auf einer Guitarre
spielen und dazu singen hörte So etwas war wie wir wissen seine schwache
Seite  Er trat in die Tür ging nach und nach weiter und kam in den Garten 
Eben verstummten Musik und Gesang Bald darauf schlüpfte eine weibliche Figur
aus einer Laube die Allee hinauf in ein Gartenhaus
    Rinaldo wollte jetzt eben den Garten wieder verlassen als er bei einem
Blumenbeete ein Gärtnermädchen gewahr wurde Er sprach ihr zu und fragte ob sie
Blumen verkaufe
    »O ja«  sagte das Mädchen  »ich verdiene gern etwas Ihr sollt gleich
bedient werden«
    Sie sammelte einen schönen Blumenstrauß den er ihr gut bezahlte Sich
bedankend da sie sah dass der freigebige Blumenkäufer zu gehen zauderte fragte
sie
    »Wollt Ihr noch etwas«
    ER Ich wollte nur noch etwas fragen
    SIE Nun so sagt  Wer fragt sagt mein Vater wird berichtet
    ER Ich sah vorhin eine Dame aus jener Laube ins Haus gehen gehört ihr etwa
dieser Garten
    SIE So ist es
    ER Wer ist sie
    SIE Es ist die Signora Fiametta
    ER Ist sie verheiratet
    SIE Nein
    ER Ist sie schön
    SIE Das will ich meinen
    ER Unabhängig
    SIE Wie versteht Ihr das
    ER Hat sie Eltern Geschwister
    SIE Das weiß ich nicht
    ER Bekannte
    SIE O ja
    ER Liebhaber
    SIE Das weiß ich wieder nicht Aber sie ist ja hübsch  Und wenn sie auch
welche hat wird sie mirs doch nicht sagen So etwas behält man für sich  Ich
bin muss ich Euch sagen nur die Tochter ihres Gärtners aber nicht ihre
Vertraute  Gott befohlen
    Rinaldo wollte auch ihr nachgehen als ein alter Mann mit finsteren Blicken
in den Garten trat Er empfing seinen Gruß ziemlich kalt sah ihn mit einem
durchdringenden Blick an und ging an ihm vorbei nach dem Gartenhause zu  Auf
halbem Wege kehrte er sich um und fragte
    »Sucht der Herr etwas hier«
    »Was ich suchte«  antwortete Rinaldo  »habe ich schon gefunden« und
zeigte ihm seinen Blumenstrauß
    Der Alte schien noch etwas fragen zu wollen unterdrückte aber sichtbar die
Frage Rinaldo ging langsam nach der Gartentür zu  Eine Sänfte von zwei
Mohren getragen ward vor der Tür niedergesetzt geöffnet und eine Dame kam
heraus Sie schlug ihren Schleier zurück Rinaldo blickte in ein Paar Augen die
 ja wer kann solche Augen beschreiben
    Getroffen wie von einem elektrischen Strahl der ihm durch alle Nerven
zuckte trat er einige Schritte zurück riss den Hut vom Kopfe und machte eine
Verbeugung die eigentlich gar keine Verbeugung war Die Dame lächelte neigte
grüßend ihren Fächer gegen ihn und flog mehr als sie ging die Allee hinauf Im
fliegenden Gange rauschte ihr weissseidenes Gewand hoch auf und sie verlor eine
Busenschleife Rinaldo hob sie auf eilte ihr nach blieb stehen steckte die
Schleife zu sich und verließ den Garten
Im Freien besah er was er gefunden hatte genauer Es war eine hellblaue
Bandschleife aus der aber als er sie genauer besehen wollte ein kleines
zusammengerolltes beschriebenes Papier fiel
    Er bedachte sich ein wenig und zauderte das Papier zu entfalten »Was hast
du«  sprach er  »mit den Geheimnissen einer Dame zu tun die du nicht
kennst  Sind es aber auch Geheimnisse die dieses Papier enthält  Was geht
das dich an Du gibst ihr das Papier ungelesen zurück  Du kennst sie aber
nicht Wirst du sie ertragen und finden können Und wenn das auch geschehen
kann wird sie dir glauben wenn du sagst du hast nicht gelesen was in deiner
Gewalt war  Sie wird dich noch dazu auslachen wenn sie es glaubt«
    Als er das sagte entfaltete er schnell das Papier und fand  eine
Sicherheitskarte wie er sie als Räuberhauptmann Reisenden gab die von seinen
Leuten nicht ausgeplündert werden sollten Noch betrachtete er den
bedeutungsvollen sonderbaren Passport ausgestellt von einem Räuberhauptmann
als an seine Tür geklopft wurde Er steckte die Karte zu sich und öffnete die
Tür
 
                                  Vierter Teil
 Dolum ad virtutem addere oportet
                                                                         FLORUS
 
                                Vierzehntes Buch
 Was vergangen ist vergangen
 Bleibe es Die Gegenwart
 Schenket Wünsche und Verlangen
 Wenn man auf die Zukunft harrt
Ein Mädchen trat ins Zimmer Es war Lusette die Tochter seiner Hauswirtin
einer Krämerin Sie trug eine Schüssel belegt mit Zitronen und süssduftenden
Limonen die von einem so hübschen Mädchen getragen die angenehmsten
Nebenbegriffe von schönen schwellenden Limonien neben reizende Wirklichkeiten
stellten Blumen lagen über den goldenen Früchten
    »Meine Mutter schickt Euch diese Blumen und Früchte und lässt Euch bitten
sie ebenso gern anzunehmen als sie dieselben gibt«  sagte Lusette indem sie
sich verneigte und ihm die Schüssel überreichte
    Rinaldo nahm und dankte
    »Was uns«  sagte er  »ein hübsches freundliches Mädchen gibt hat einen
sehr angenehmen Wert«
    Lusette neigte sich errötend und verließ schnell das Zimmer
    Rinaldo war mit der Dame beschäftigt die die Busenschleife verloren hatte
 Von ihr träumte und mit ihr erwachte er  Er ging eine Messe zu hören dem
Dome zu  Hier lag betend die unbekannte Dame Mit hochklopfendem Herzen warf
er sich hinter ihr nieder
    Als sie den Betschemel verließ sprang er auf nahte sich ihr reichte mit
zitternder Hand ihr das Weihwasser und stammelte »Ich überreiche Euch schöne
Signora eine Schleife die Ihr gestern verloren habt als ich so glücklich war
Euch im Garten der Signora Fiametta zu sehen«
    Lächelnd nahm sie die Schleife und fragte
    »Als Ihr  wie sagt Ihr  so glücklich wart«
    »Ja ich war es und wurde es wieder «lispelte er
    Sie schlug die Augen nieder und ging langsam zur Kirchtür
    Hier blieb sie stehen und sah ihn freundlich an indem sie fragte
    »Ihr seid ein Fremder«
    Eine Verbeugung bejahte ihre Frage Sie fuhr fort
    »Auch ich bin eine Fremde«
    »Mein Herz hegt klopfend einen Wunsch der « stammelte Rinaldo
    »Was Herzen wünschen hoffen sie auch gewöhnlich«
    »Dürfen sie«
    »Wer kann es wehren«
    »Die Erfüllung ihrer Wünsche die nur umsonst gewünscht wurde«
    Schweigend sah sie vor sich nieder schlug den Schleier über ihr Gesicht und
ging langsam der Sänfte zu in welcher ihre Mohren sie in ein Haus trugen das
dem Dome gegenüber stand
    Rinaldo ging unter dem Säulengange auf und ab blickte nach dem Hause
überlegte beschloss  und ging endlich nach langem Deliberieren auf das Haus
zu  Hier blieb er stehen  Die Tür ging auf Er ging ins Haus Er fragte nach
der Dame ward gemeldet und vorgelassen
    Fächer und Handschuhe in der Hand trat ihm Fortunata  so hieß die
Unbekannte  entgegen Sprachlos blieb er ihr gegenüber stehen  Endlich kam es
aber doch zu Worten Er stammelte ein Kompliment heraus sprach von glücklichen
Augenblicken von der Schleife von Verlegenheit und schloss mit einem Seufzer
    Fortunata spielte mit dem Fächer und sagte
    »Hier sind wir beide fremd Dies gibt uns ein Recht zu Hoffnungen uns näher
kennenzulernen wenn wir  einander nicht etwa fremd bleiben wollen«
    »Wollt Ihr das«  fragte er indem er ihre Hand ergriff und sie küsste Nach
dem Kusse zog sie die Hand zurück und fragte
    »Wie nenne ich Euch«
    »Ich bin der Ritter de la Cintra«
    »Welch ein Stern leitete Euch nach Sardinien in das traurige Kagliari«
    »Ich bin  weil ich« 
    »So halb auf der Flucht erzählt man einander keine Lebensgeschichte Ich
bin eben im Begriff meinen Bankier zu besuchen  Wir müssen schon ein andermal
von unsern Reiseabenteuern miteinander sprechen Doch da es mich  noch weiß
ich nicht warum  so sehr interessiert den Finder einer verlorenen
Busenschleife die mich auch interessiert näher kennenzulernen so wollen wir
es nicht lange anstehen lassen uns wiederzusehen«
    »Ihr macht mich glücklich«
    »Glücklich  Wie viel gehört dazu einen Mann glücklich zu machen Genug
wenn Ihr zufrieden seid  Oder meint Ihr dass es mit uns Weibern wie mit den
Königen sei Indem sie glücklich machen wissen sie selbst nichts davon und sind
wohl gar dabei noch sehr unzufrieden«
    »O dies Los müsse Euch und mir nicht fallen   Wenn sich zwei Wanderer
von ungefähr einander fremd auf einem Wege treffen freuen sie sich dieses
Zusammentreffens und wandern miteinander«
    »Und diese Wanderer sind wir«
    »Wenn Ihr es wollt«
    »Treffen wir uns auch wirklich auf einem Wege  Dies wär zu untersuchen«
    »Und diese Untersuchung«
    »Wir wollen sie nicht aufschieben Erklärungen bei einer kleinen frugalen
Abendtafel «
    »Diesen Abend«
    »Schon  Doch gut Es sei  Diesen Abend also sehen wir uns wieder« »Wir
sehen uns und ich bin glücklich«
Es war noch lange bis zur Abendzeit  Wie waren bis dahin die Stunden
auszufüllen  Ein Spaziergang wie gewöhnlich und Rinaldo kam in Fiamettens
Garten
    Er ging die Hauptallee hinauf schlug einen Nebenweg ein und kam an einen
Pavillon Hier blieb er stehen  Die Tür war halb geöffnet Er nahte sich der
Öffnung und sah ein interessantes Mädchengesicht Das Mädchen selbst saß auf
einem Sofa windend einen Blumenkranz Sie sah ihn lächelte ganz unbefangen und
rief ihm zu
    »Nur herein«
    Verlegen fasste Rinaldo die Tür an und getraute sich kaum sie ganz zu
öffnen als von drinnen heraus ihm abermals ein freundliches
    »Nur herein«
entgegenschallte Dies gab ihm Mut Er trat in den Pavillon
    »Ich glaube Euch«  sagte das artige Mädchen  »schon in meinem Garten
bemerkt zu haben«
    »In der Tat!«  stammelte Rinaldo  »ich war gestern hier Aber dass ich das
Glück haben sollte von so schönen Augen bemerkt zu werden das konnte ich in
der Tat nicht hoffen«
    SIE Und warum nicht Habt Ihr meinen schönen Augen ein Kompliment gemacht
so lasst mich Eurer interessanten Figur eins machen Ein Mann wie Ihr wird immer
bemerkt werden Und ich wette darauf ich bin nicht die erste in der Welt die
Euch bemerkt  Ihr seid also hier fremd
    ER So ist es
    SIE Auch ich bin es Erst seit 10 Wochen lebe ich hier Ich hoffe aber hier
einheimisch zu werden Deshalb habe ich mir diesen Garten gekauft Gefällt er
Euch
    ER Der Garten ist schön doch seine Besitzerin 
    SIE Ist noch weit schöner  Natürlich 
    Hier entstand eine Pause  Rinaldo verlor die schöne Kranzwinderin nicht
aus den Augen diese aber arbeitete ohne aufzublicken emsig fort Er sah ihr
lange stillschweigend zu und wollte endlich eben sprechen als ein Mädchen
eintrat und Fiametten ein Briefchen brachte Sie las es lachte schrieb ein
paar Worte mit Bleistift dazu faltete das Papier und gab es zurück Das Mädchen
verließ den Pavillon Fiametta die eben ihre Kranzarbeit beendet hatte legte
den Kranz aufs Sofa und stand auf Indem sie aufstand fiel ihr ein Portrait
das an einem grünen Bande ihr um den Hals hing aus dem Busen auf die Brust
herab Sie bemerkte es und schob das Portrait in den Busen zurück
    »Das war ein böser Mann«  sagte sie »sein Bild gehört nicht vor
jedermanns Augen«
    Rinaldo stand ohne Sprache ihr gegenüber Fiametta drehte sich unbefangen
als sei sie ganz allein im Zimmer herum sang dazu und ergriff endlich eine
Guitarre Sie setzte sich präludierte ein wenig spielte und sang
                                    Romanze
»An der lauten Meeresküste
In dem Tal im Feld und Wald
In der öden Berge Wüste
Such ich deinen Aufenthalt
Rinaldini Dich zu finden
Eil ich ängstlich durch die Flur
Und um mich Bedrängte schwinden
Alle Reize der Natur«
Seufzte Rosa die Betrübte
Die ihn im Gefecht verlor
Ängstlich weinte die Geliebte
Die Rinaldo sich erkor
Sieh da glänzt im Mondenschimmer
Hell ein aufgespanntes Rohr
Rosa sah des Rohrs Geflimmer
Das in Büschen sich verlor
»Ach dahin ich werd ihn finden
Sagt des Herzens Ahnung mir
Und wenn alle Sterne schwinden
Zeigt die Liebe Pfade mir
Saht ihr nicht ihr hellen Sterne
Saht ihr nicht den kühnen Mann
Den ich suche nah und ferne
Ach und ihn nicht finden kann
Husch und horch es rauscht dort drüben
Ha es pfeift das ist sein Ton
Ja ich find ihn meinen Lieben
Seine Stimme hör ich schon«
»Halt Wer da Gib dich gefangen« 
»Längst gefangen hast du mich
Dich Rinaldo mein Verlangen
Sucht ich hier und finde dich«
»Sie hat ihn gefunden«  sagte Fiametta
    »Wie wir uns gefunden haben«  fiel Rinaldo schnell ein und ergriff ihre
Hand
    »Nicht ganz so«  lächelte Fiametta indem sie ihre Hand sanft zurückzog 
»Ich bin kein Zigeunermädchen und Ihr seid kein Räuberhauptmann ich kann nicht
wahrsagen und Ihr werdet mich schwerlich ausplündern«
    Sie schien weitersprechen zu wollen als ein Offizier in den Pavillon trat
Er grüßte Rinaldo gleichgültig legte Hut und Degen auf einen Tisch und setzte
sich ganz unbefangen zu Fiametten aufs Sofa Leichtin als ob er mit ihr ganz
allein im Zimmer sei fragte er »Ist nichts vorgefallen«
    »Nichts von Bedeutung«  antwortete Fiametta ebenso unbefangen
    Der Offizier fragte indem er ihn fixierte
    »Wer ist der Herr«
    »Ein Fremder«  war die Antwort
    »Wollt Ihr Euch nicht niederlassen«  fragte der Offizier aber in einem
Tone in welchem man weit eher fragen könnte Wollt Ihr bald gehen
    Das wollte Rinaldo auch wirklich tun als der Mann mit dem finsteren Blick
der ihm schon gestern im Garten begegnete in den Pavillon trat
    Er grüßte gar nicht behielt den Hut auf dem Kopf und setzte sich auf einen
Stuhl ihm gegenüber Indem er ihn bedeutungsvoll ansah sagte er
    »Ich habe Euch gestern schon mit Verwunderung und Bedauern betrachtet Ihr
habt ein unglückliches Gesicht«
    Rinaldo erschrak Fiametta lachte laut auf der Offizier lächelte und der
Physiognomist nahm Tabak
    »Was hat Euch mein Gesicht getan«  fragte Rinaldo verlegen
    »Das nicht was es Euch tut«  sagte der Alte
    »Es ist einmal die Art dieses alten Herrn«  sagte Fiametta  »jedem
Menschen etwas Unangenehmes zu sagen  Er ist zwar kein Engländer aber er hat
dennoch den Spleen Die Engländer haben die Korsen angesteckt«
    »Seid Ihr ein Korse«  fragte Rinaldo schnell
    »Ich bin einer«  sagte der grämliche Alte  »Das kann Euch aber nichts
verschlagen«
    Fiametta sprang schnell auf ergriff Rinaldos Hand und sagte
    »Empfehlt Euch diesen Herren Wir haben von andern Dingen als von Korsika
miteinander zu sprechen«
    Damit zog sie ihn aus dem Pavillon in den Garten um das Bosquet herum nach
einer Laube zu und in dieser saß Fortunata in einem Buche lesend
    Er war Impertinenzen entrissen worden und stand einem schönen Weibe
gegenüber die er in einigen Stunden in ihrer Wohnung sprechen sollte und die
er jetzt ganz unvermutet auf einem Platze fand der vielleicht ein Erklärungsort
über verschiedene Sachen zwischen ihm und einem artigen Mädchen geworden wär
hätte nicht eine andere Schöne denselben schon eingenommen gehabt Das alles
kam wenigstens ihm ebenso sonderbar als unerwartet und schnell Er konnte
nicht ohne Verlegenheit sein
    Fiametta flog auf die schöne Fortunata zu umarmte und küsste sie während
Rinaldo ein wenig Luft und Zeit sich zu sammeln bekam  Aber er durfte nicht
bei sich bleiben Fiametta drehte sich rasch herum nahm ihn beim Arme schob
ihn auf ihre Freundin zu lachte laut auf sagte
    »Da habt ihr euch«
damit flog sie lachend zur Laube hinaus
Rinaldo trat betroffen zurück wollte sprechen und konnte nicht Fortunata sah
auf die Erde und spielte mit ihrer Busenschleife Er glaubte zu bemerken dass es
eben die Busenschleife war die er gefunden und ihr diesen Morgen überreicht
hatte  Nach einer langen Pause kam es endlich zum Gespräch
    ER In der Tat! diese Szene 
    SIE Sie ist sonderbar genug
    ER Meine Verlegenheit 
    SIE Und die meinige dazu   Fiametta ist ein mutwilliges Geschöpf 
    ER Ich soll diesen Abend so glücklich sein Euch in Eurer Wohnung zu
sprechen und nun kommt der Zufall meinem Glücke zuvor
    SIE Das hat so sein sollen
    Er wollte weitersprechen aber Fiametta trat wieder in die Laube
    »Ich wünschte«  sagte sie  »dich liebe Freundin und diesen verlegenen
Herrn diesen Abend bei mir bewirten zu können aber es lässt sich nicht tun Der
grämliche Korse hat eine Gesellschaft hierher zusammengebeten« 
    »Hierher«  fragte Fortunata schnell
    »Ei freilich«  fuhr Fiametta fort  »und ich muss ich mag wollen oder
nicht die Rolle der Wirtin übernehmen Du weißt ja wie das ist  Es sind
schon einige Gäste angekommen« 
    Schnell stieg Fortunata auf sagte Fiametten etwas ins Ohr wendete sich
dann gegen Rinaldo bat ihn um seinen Arm und ließ sich von ihm aus dem Garten
zu ihrer Sänfte führen Fiametta begleitete beide bis an die Gartentür Als
Fortunata fortgetragen wurde ergriff sie Rinaldos Hand und sagte lächelnd
    »Nun haben wir sie fortgeschaft und Ihr bleibt hier«
    »Da Ihr Gesellschaft bekommt«
    SIE Nicht doch Mit der Gesellschaft wärs nur Scherz  Es steht bei Euch
ob Ihr hierbleiben oder ob Ihr der Sänfte folgen wollt Bleibt Ihr hier so sage
ich Ihr seid willkommen geht Ihr fort so rufe ich Euch ein Lebewohl nach
    ER Ich verstehe Euch nicht
    SIE Sonderbar  Aber noch deutlicher Dieser Augenblick entscheidet für
mich oder für meine Freundin Es geht alles ohne Groll ab Da wir aber wissen
möchten ob Ihr wirklich der seid für den wir Euch halten 
    ER Und wofür könntet Ihr mich halten
    SIE Für einen zärtlichen Abenteurer wenigstens wenn nicht gar für 
    ER Für
    SIE  einen Menschen der sich vom Grund seines Herzens aus verlieben kann
    ER O schöne Fiametta  Wenn ich so sprechen höre 
    SIE Fort Fort der Sänfte nach Dieser feierliche Ton sagt mir alles was
ich wissen will  Geht diesen Kuss bringt meiner Freundin und sagt ihr
Fiametta hat resigniert  Gott befohlen werdet glücklich aber denkt an mich
    Damit gab sie ihm einen Kuss schob ihn sanft zur Gartentür hinaus und sprang
rasch die Allee hinauf ohne sich umzusehen nach der Laube zu Er sah sie
gelassen davoneilen drückte den Hut in die Augen und lief der Sänfte nach In
der Stadt holte er sie ein öffnete Fortunaten die Tür die seiner Ankunft
heiter entgegenlächelte und führte sie auf ihr Zimmer
    Hier kam es zu einem gleichgültigen Gespräch auf Fiametten auf ihre Laune
und leichthin wurde ihr Auftrag berührt
    »Sie ist gut«  sagte Fortunata  »Ich zahle alles was sie auf mich
assigniert«
    Sie verließ das Zimmer sich umzukleiden wie sie sagte  Indessen suchte
sich Rinaldo zu orientieren und sah jetzt was er vorher nicht gesehen hatte
dass er sich in einem prächtig ausmöblierten Zimmer befand Was er sah zeigte
Wohlstand und Geschmack mit mehr als bürgerlicher Pracht vereint  Er
betrachtete ein schönes historisches Gemälde als Fortunata eintrat in ein
gefälliges Gewand gleichsam mehr geworfen als verschlossen ihn bei der Hand
nahm und in ein anderes Zimmer führte welches dem erstem nichts nachgab
    In diesem Zimmer kam es zu einer weit interessanteren Unterhaltung die aber
bald durch die Nachricht unterbrochen ward es sei aufgetragen Rinaldo wurde in
ein glänzendes Tafelzimmer geführt und aß an einer wohlbesetzten Tafel mit
seiner schönen Wirtin von zwei artigen Mädchen bedient allein Die
Unterhaltung wurde lebhafter die Becher wurden fleißig geleert und als der
Nachtisch aufgetragen war entfernten sich die aufwartenden Mädchen
    »Ich liebe«  sagte Fortunata  »die Freuden einer interessanten
Unterhaltung bei einer gut besetzten Tafel doch nur wenn ich sie mit einem
Freunde teilen kann Seit ich hier in Kagliari wohne habe ich Fiamettens
Gesellschaft ausgenommen größtenteils allein gegessen Es hat mir daher heute
alles viel besser als gewöhnlich geschmeckt und wenn Ihr einige Zeit hier
bleiben solltet so bitte ich mir Eure Gesellschaft recht oft aus«
    Sie füllte als sie das sagte einen Becher und brachte ihn ihrem Gast mit
der Gesundheit zu »Unsre Freundschaft«
    »Ein Band von der Farbe der Hoffnung hat sie geknüpft«  fuhr sie fort 
»Ich hoffe sie wird sich erhalten«
    Rinaldo küsste ihr schweigend die Hand und führte sie an sein klopfendes
Herz Ihre Blicke flogen beredt einander entgegen Ihre Lippen begegneten sich
Hier hatten sich ihre Gefühle verkettet Kein Laut entfloh den gepressten Lippen
Da flog mit einem lauten Knall der Pfropf von einer Champagnerbouteille an die
Decke Sie fuhren zusammen lächelten und lagen einander in den Armen
    SIE Mann dem ich mich in den ersten Augenblicken unserer Bekanntschaft so
schnell dahingebe  ich weiß nicht was es ist das mich so überraschend an
dich zieht  Missbrauche die Gewalt nicht die das was mir unerklärbar ist dir
über mich gibt Du könntest mich wohl unglücklich dich aber nicht glücklich
machen  Ich fühle ich empfinde es was du jetzt vielleicht von mir denkst
denken musst aber  ich schwöre es dir zu  du irrst dich Du weißt nicht was 
    ER Fortunata Lass mich dir alles das sagen was du mir gesagt hast Nicht
mein Argwohn soll mich unglücklich machen lass nur nie die Wirklichkeit auf
meine Unkosten spielen
    SIE Du glaubst 
    ER Ich glaube das am leichtesten und liebsten was ich wünsche
    SIE Was glaubst du jetzt
    ER Dass du mich lieben wirst
    SIE Ich liebte dich als ich dich sah Eine Liebe wie die meinige empfängt
alles was sie gibt und nimmt von Augenblicken Die Augenblicke meiner Liebe
sind gekommen Nun bleiben sie und werden zu Ewigkeiten Bei allem was mir
heilig ist im Himmel und auf Erden ich habe dich gefunden und kann nie wieder
von dir lassen Entreissen muss man dich mir Gutwillig gebe ich nie wieder her
was ich mit diesem Feuer in meine Arme schließe  Gib dich mir ganz und nimm
alles was mein ist nur dich nicht wieder zurück Meine Seele gebe ich dir in
meinen Küssen gib mir dein Herz
    Ein Geräusch im Vorzimmer riss sie auseinander  Die Tafel ward aufgehoben
sie gingen in ein anderes Zimmer
    Er warf sich nachdenkend auf ein Sofa So nahe war er dem ersehnten Glück
und dachte der Möglichkeit einer Wirklichkeit nach die er gewünscht hatte Bei
Fortunaten verschlang die Gegenwart jedes Nachdenken Sie war geboren um zu
lieben  Dahin bringt es auch nur das Weib selten der Mann Die Liebe ist ein
Becher gefüllt mit schäumendem Champagner Sie will im Moussieren genossen
sein Wer bedächtig trinkt genießt auch er wird es aber nie zur höchsten
Krisis eines alles verschlingenden Rausches bringen  So wer bedächtig liebt
liebt auch zu einem Liebesrausch bringt er es aber nie
    Jedoch dieser Rausch dessen Dauer zu berechnen zu sein scheint gibt er
uns wohl mehr als ein nur bloß momentanes Glück  Ach was gewinnt Liebe nicht
selbst auch nur durch Momente Nach Augenblicken rechnet die Liebe und für die
Zukunft hält sie sich in der Gegenwart schadlos Der Genuss dieser gegenwärtigen
Augenblicke ist der Triumph der Freude die uns glücklich macht  Die Freuden
unsers Lebens hängen an sehr dünnen Fäden und dennoch fesseln sie so stark was
willig sich fesseln lässt
    Fortunata kam zurück Das Gespräch wurde fortgesetzt
    »Du weißt nun«  sagte sie  »wie ich lieben kann wie ich lieben will und
werde Von dir verlange ich bloß so geliebt zu werden wie du mich lieben
kannst und wie du auch andere  nur bitte ich nach mir  lieben wirst Die
Beständigkeit ist ein Weib Sie zankt sich ewig mit ihren leichtgesinnten
Eheherrn  Die Männer lieben in der Regel so leichthin wie möglich So wie der
Mond der gute Freund der Erde diese liebt zuweilen gar nicht größtenteils
nur halb und nur auf einige Tage mit voller Ergebenheit  Was soll man aber
tun wenn man einen Mann liebt Man muss vorliebnehmen  Ihr könnt ja doch nur
geben was Ihr habt«
    »Du meinst also treue Liebe sei bei uns eine verrufene Münze«
    »Wenn auch nicht verrufen doch selbst ausgeprägt aber dennoch immer eine
Münzart Was die Männer geben lässt sich gleich wieder verwechseln und auf Agio
steht ihr Gold niemals«
    »Fortunata ist bei Laune«
    »Sie ist ja bei einem Manne dem sie soeben gestanden hat dass sie ihn
lieben kann«
    »Und wird«
    »Und will und wird  Schwüre gebe ich nicht aber mein Wort gebe ich dir
so wie es eine Korsin gibt«
    »Du eine Korsin«
    »Dies bringt mich nach Sardinien Mein Vaterland seufzt unter der Geissel der
Franzosen unter der Tyrannei ihrer übermütigen Satrapen und für jedes Herz
voll Freiheit und Vaterlandsliebe hat ihre Hand geschärfte Dolche  O mein
unglückliches Vaterland Ach Ritter Ich bin nur ein Weib aber könnte ich mein
Vaterland retten ich würde nicht mein Blut mein Leben ich würde selbst meine
Freiheit nicht achten In Ketten wollte ich in dem abscheulichsten Kerker
sterben dürfte ich rufen Korsika ist frei Ich bin eine Zondarini Schon unter
Theodors Fahnen focht mein Ahnherr für die Freiheit seines Vaterlandes Mein
Vater fiel für die Freiheit der Korsen meine Brüder sanken für ihr Vaterland
mit Ruhm und Ehre Mein Bräutigam ein Lampertini wurde meuchlings von
Franzosen gemordet und ich  bin eine Landflüchtige«
    »Und warum flohst du aus Korsika«
    »Höre  Eine Gesellschaft Verbundener unterhielt Gemeinschaft mit einem
Bunde der in Sizilien gestiftet wurde Korsika zu befreien An ihrer Spitze
stand der edle Prinz Nicanor« 
    »Der Prinz Nicanor«
    »So nannte er sich Seine Geburt ist ein Geheimnis«
    »Lebt er noch«
    »Das weiß ich nicht  Er warb für die Korsen Ein berühmter Mann wollte
sich an die Spitze der Retter meines Vaterlandes stellen« 
    »Wer war dieser Mann«
    »Sein Name mache dich nicht irre Es war Rinaldini  Er ist gefallen
Zerrissen wurde der Bund verraten das Geheimnis Ich eine Mitwissende um
alles was geschehen sollte eine tätige Freundin dieses Bundes entfloh zur
rechten Stunde noch und kam hierher wo ich auch mich nicht sicher glauben darf
Eine französische Requisition und ich werde ausgeliefert an meine Feinde die
in mir ihre unversöhnlichste Feindin kennen und auf das strengste bestrafen
werden«
    »Du kennst den Prinz Nicanor nicht«
    »Ich habe sein Bildnis Ihn selbst sah ich nie«
    Fortunata stieg auf nahm aus einer Schatulle ein Portrait und Rinaldo
erkannte in demselben das Bildnis des Alten von Fronteja  Fortunata sah ihn
aufmerksam an Er verriet sich ohne es zu wollen oder es zu ahnen
    SIE Du kennst ihn
    ER Wie
    SIE So sagt dein Blick
    ER Mein Blick
    SIE Keine Verstellung Du kennst ihn
    ER Ein diesem sehr ähnliches Gesicht kenne ich doch keinen Prinz Nicanor
    SIE So kennst du doch den Alten von Fronteja
    ER Fortunata
    SIE Oder nicht
    ER Ich kenne ihn
    SIE Und auch dich selbst
    Sie gab ihm ein zweites Portrait Es war das seinige  Er gab es eilig ihr
zurück bedeckte mit seinen Händen sein Gesicht und rief aus
    »Ach allenthalben hin verfolgt es mich mein eigenes Gesicht«
    »Auch zu mir«  fragte Fortunata indem sie seine Hand ergriff
    ER Nimm deine Versprechungen schnell zurück
    SIE Nicht eine
    ER Nimm sie zurück
    SIE Nimmer  Ich wusste ja wem ich sie gab
    ER Unglückliche
    SIE Ich folge Olimpien Lauren Dianoren 
    ER Für dich und sie kein Glück
    SIE Ich will geliebt von einem Manne mich wissen der es wagen durfte
voranzugehen der Fahne die flatternd Freiheit meinem Vaterlande
entgegenrauschte  Mit einem Kranze wollte ich frohlockend dir entgegeneilen
und siehe da es findet dich mein Herz Der Kranz bleibt dir dies Herz ist
dein
    ER Mir grünen keine Kränze  Wie könnten Herzen für den Räuber klopfen
    SIE So bescheiden wurdest du mir stets geschildert
    ER Die schöne Zondarini der Kranz dies Herz und  Rinaldini
    SIE Dem kühnen Manne das entschlossene Weib
    ER Meine Kühnheit liegt bei meinen Schätzen  Kalabriens Gebirge decken
beide
    SIE Du stehst auf deinen Monumenten
    ER O Fortunata Kränke mich nicht länger  Sprich ihn nicht aus den mir
verhassten Namen
    SIE Wo nennt man ihn nicht gern  Italien und seine Inseln Frankreich und
England spricht von dir In Deutschland trifft man ihn nicht minder oft den
Namen Rinaldini  Lies diese Briefe
    ER Empfinde was mich quält wenn du es kannst
    SIE Die Liebe nicht
    ER Mein Selbstgefühl  Die Welt bewundert einen Räuber das kränkt mich
tief Als Räuber könnt ich nur gefallen Dies ist der Stempel meines Ruhms 
Und ich 
    SIE Du nimmst was man dir gibt und schweigst du nicht so drücken
zärtliche Lippen den Mund dir zu
Fiametten fand Rinaldo den folgenden Morgen allein im Garten Sie saß am
Stickrahmen in der Laube Rinaldo trat ein Sie sprang auf griff nach der
Guitarre präludierte kurz spielte und sang
Es glühen im Haine
Die duftenden Rosen
Im silbernen Scheine
Erglänzen die Blüten
Zum lieblichen Kranz
Ich bringe dir Rosen
Sie gelten der Freundschaft
Die duftenden Rosen
Wie zieret die Myrte
Den lieblichen Kranz
Es gelten die Myrten
Den zärtlichen Freuden
Von allen Gesträuchen
Erkor sich die Liebe
Die Myrte allein
Rinaldo deutete den Sinn des Gesanges so wie ihn gewiss auch die Leser deuten
werden Lächelnd griff er nach der Guitarre spielte und sang
Anadyomene windet
Myrten in die braunen Locken
Und die schönsten Blumenglocken
Wanken um den Myrtenkranz
Rosen duften an dem Busen
Sanfter Krokus wankt bescheiden
Um das Meer der Lüsternheit
Und wo blüht Vergissmeinnicht
Nah am Herzen blüht dies Blümchen
Lächelt sanft im stillen Glanze
Weit entfernt vom Myrtenkranze
Doch dem schönsten Platze nah
»Bravo«  rief Fiametta und warf sich an seinen Hals Fortunata trat in die
Laube und auch ein »Bravo« rief sie beiden zu
    »Es bleibt alles unter uns«  lächelte Fiametta
    Fortunata fragte nach Fiamettens Gesellschaftern
    »Sie sind«  antwortete diese  »bei dem endlich erschienenen Prinzen
Nicanor«
    RINALDO Wie
    FORTUNATA Ist er hier
    FIAMETTA Seit gestern Abend Er hat die für ihn gemietete herrliche Villa
Massimi bezogen
    FORTUNATA So ist er denn endlich in der Nähe der Stern dem wir aus der
Ferne nachzogen
    FIAMETTA Alles ist in Bewegung  Aber unser Ritter ist stumm
    RINALDO Diese Nachricht hat mich überrascht
    FIAMETTA O lasst Euch ja nicht überraschen solange Ihr selbst noch
überraschen könnt
Bald darauf kamen Nachrichten und Einladungen von dem Alten von Fronteja an
der wie wir wissen jetzt als Prinz Nicanor auftrat Er wollte diesen Abend
seinen Freunden eine glänzende Fete geben Dazu waren sie eingeladen und dahin
gingen sie als es Abend wurde
    Sie traten in den prächtigen Garten der schönen Villa Eine sanfte
angenehme Musik tönte aus den Hecken ihnen entgegen  Der Alte von Fronteja
trat aus einer Laube hervor gekleidet in ein himmelblaues mit Sternen besätes
Kleid umwunden mit einem goldenen Gürtel Eine goldene Kette an welcher als
Schaustück ein Saphir mit Diamanten umfasst hing umschlang seinen Hals und
bedeckte seine Brust Ein Purpurmantel umwallte seine Schultern und ein
Lorbeerkranz umschlang seine Schläfe So im erhöhten und vermehrten Kostüm als
Demiurg1 geschmückt näherte er sich den Kommenden mit freundlichem Blick Seine
rechte Hand reichte er den Damen zum Kuss die Linke streckte er gegen Rinaldo
aus indem er sagte
    »Sei mir willkommen Gegrüsst sei von mir in meinem meiner und deiner
Freunde Namen  Ich reiche dir freundschaftlich die Hand des Grusses und des
frohen Empfanges Es ist die Linke es ist die Hand die dem Herzen näher ist
als die Rechte Es ist die Linke die  und wenn auch aus Freundschaft 
dennoch keinen Dolch gegen den Freund führte und die Rechte darf wohl wissen
was die Linke tut So ist es aber nicht im entgegengesetzten Falle  Umarme
mich mein Freund«
    Er umarmte ihn als eben Olimpia die Gräfin Ventimiglia herzutrat Sie
öffnete ihre Arme und Rinaldo lag ohne selbst zu wissen wie schnell an ihrer
Brust  Aus sanften melodischen Kehlen ertönte in die Musik der Gesang
Wiedersehen wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit
Wenn der Hoffnung Sterne schwinden
Wenn das rasche Rad der Zeit
Sich in engen Kreisen windet
Wenn der schönste Traum entschwindet
Nähert sich die Wirklichkeit
Wiedersehen wiederfinden
Wird sich Treu und Zärtlichkeit
Rinaldo war ohne Sprache Olimpia nahm ihn bei der Hand Der Alte führte
Fortunata Fiametta folgte  Im Freien war die Tafel serviert Die Gäste nahmen
Platz  Als sie saßen erhob sich der Alte breitete seine Arme gegen den
Himmel aus und sprach
    »Lass du ewiges gegen deine Geschöpfe stets gütiges Wesen über uns dieses
freundschaftliche Mahl uns gesegnet sein«
    Der Himmel war hell und die Luft so rein und still dass sie kaum die
Flammen der zwanzig großen Wachskerzen die die Tafel zierten und erleuchteten
bewegte Der widerstrahlende Lichtschimmer tingirte das Laub auf vielerlei Art
und gab bald helle bald dunkle Schattierungen Hier strahlten Blätter in einem
glänzenden Gelb dort verloren andere sich in dunkles Grün Da glänzten die
weißen Blüten die an langen Gewinden herabhingen auf goldgelbem Grunde dort
ließ zwei abstechende Blätter die Strahlen eines Sterns durchfallen der wie
ein Diamant funkelte Die kühle Nachtluft hielt die würzigen Düfte der Blüten an
der Erde gefangen und ließ sie zweifach genießen Der wankende Widerschein der
auf dem Laube spielte das abwechselnde Hell und Dunkel das Gestalt und Farben
der Blätter veränderte  dies alles gab dieser Tafelszene im Freien einen
unbeschreiblichen Reiz Der Alte ergriff einen Becher goss Wein aus demselben in
eine goldene Schale und gebrauchte sie zu einer feierlichen Libation mit den
Worten
    »Den Manen unsrer Freunde«
    Olimpia hob den strahlenden Becher hoch und sagte
    »Unsern lebenden Freunden«
    »Gott gebe uns Freuden«  setzte der Alte hinzu
    Ein feierlicher Chor ertönte
Die Vorsicht streut Blumen
Auf dornigen Pfad
Die Vorsicht streut Dornen
Auf rosigen Pfad
Es welken die Blumen
Die Dornen zerstreut
Ein freundliches Lüftchen
Der heilenden Zeit
Der Alte sagte sehr pathetisch in seinem gewöhnlichen Lehr und Ermahnungstone
    »Der Mensch der sein Leben genießen will lebe der Gegenwart Sie
verschlinge das Vergangene  Vorüber geht der Sturm und schöne Sonnenblicke
erheitern das erschütterte Herz Der Mensch ist der Welt geboren Er lebe mit
der Zeit welche die Welt wiegt und trägt Leiden dürfen uns nie zaghaft machen
Der Nacht folgt Tag Morgenröte und Abendröte glänzen an einem Horizont Was
können Unglück und Widerwärtigkeiten des Lebens einem Standhaften tun der mutig
diesen brausenden Wellen die Brust entgegenwirft  Sie können ihn umspülen und
er kann sie bekämpfen Dem Mutvollen riegelt die Natur selbst alle Pforten auf
Von der Erde blickt er gen Himmel Er kennt das Grab der Erde er sieht das
glänzende Haus der Sterne Sein Geist hat dort seine Heimat und überirdische
Strahlen nährt seine unsterbliche Seele in sterblicher Hülle«
    Die Musik fiel ein  Olimpia wendete sich zu Rinaldo dessen Aufmerksamkeit
ein ihm gegenübersitzendes Mädchen beschäftigte Lächelnd fragte sie
    »Kennt Ihr denn Eure Freundinnen so wenig«
    »Serena«  rief Rinaldo aus  »Ja es ist Serena«
    Sie war es das schöne Gärtnermädchen das uns aus dem achten Buche dieser
Geschichte bekannt ist
    Rinaldo reichte ihr die Hand Auf frohes Wiedersehen wurden von beiden die
Becher geleert Ihr winkte Olimpia Serena erhob sich und reichte ihm einen
Blumenkranz Der Alte lächelte
    »Dies ist das Angebinde der Freude das ein sanftes Herz reicht«
    »Beides weiß ich zu schätzen«  rief Rinaldo aus
    Der Alte wurde immer gesprächiger Die Freude glänzte auf seinem Gesichte
sichtbar Olimpia ergriff eine Schale und sagte
    »Wenn die Freude frohe Menschen glücklich macht sollen diese immer der
Unglücklichen gedenken und wo das Wohlleben tront finde die Armut wohltätige
Freunde«
    Sie warf Geld in die Schale die herumging und bald gefüllt wieder zu ihr
zurückkam
    »Die ersten Armen die ich morgen sehe«  sagte sie indem sie die Schale
leerte
    »Daran tust du sehr wohl wohltätige Freundin«  rief der Alte ihr zu
    Man brachte Fortunaten einen großen goldenen Becher geschmückt mit dem
Wappen von Korsika  Sie hob den Becher und ein Es leben die Korsen tönte
aus allen Kehlen ihrem Ausrufe nach
    »Gott gebe ihnen«  setzte der Alte hinzu  »Kraft und Mut und stärke ihre
Hoffnungen welche die schönste Erfüllung krönen möge«
    Musik und Gesang ertönten
    Darauf stand der Alte auf sprach ein kurzes Gebet und die Tafel ward
aufgehoben
Die Gesellschaft hatte sich zerstreut  Rinaldo wandelte in stille
Betrachtungen verloren gegen einen Wasserfall in die Mitte des Gartens hin Ein
Schatten wankte ihm zur Seite einer duftenden Jasminlaube zu Er sah sich um und
sah Serenen  Schweigend blieben beide einander gegenüber stehen Er fasste ihre
Hand Schweigend kamen sie in die Laube schweigend setzten sie sich nieder
Rinaldo spielte mit Serenens Fingern Er seufzte  Seufzend wurde Serena das
Echo dieses Seufzers  Er ergriff ihre andere Hand und lispelte
    »Serena«
    Sie seufzte tief auf  Glühende Wangen nahten sich glühenden Wangen
schweigend fanden sich küssende Lippen  Tiefe Stille herrschte rund umher 
In das laute Rauschen des Wasserfalls tönte nur sanft der Wechselschall
zärtlicher Küsse Des Mondes klares Antlitz spiegelte sich in den Wellen des
Wasserfalls und warf verstohlene Blicke in die Laube Hier spiegelte sich Auge
in Auge hier ruhten in langen Atemzügen Lippen auf Lippen und verschlungen
waren Arme in Arme  Tiefer sanken die Lippen des Entzückten sanft sträubte
sich das zitternde Mädchen Leise Seufzer kämpften kraftlos gegen brennendes
Ungestüm Kein Wort wurde gesprochen
    Es rauschten Fußtritte durch die Stille der Nacht Serena riss sich los und
entschlüpfte der Laube  Rinaldo sah ihr unentschlossen nach Eine Hecke entzog
sie seinen Blicken  Fortunata trat in die Laube
    »Ich suchte dich«  sagte sie und ließ sich neben ihm nieder Sanft
flöteteten die Nachtigallen laut rauschte im lieblichen Unisono der Wasserfall
girrende Vögel nisteten über der Laube nicht vergebens einander entgegen
Wie viel und vielerlei hatte Rinaldo nicht mit dem Alten und mit Olimpien zu
sprechen
    Mit tausend Fragen trat er in das Haus Er fragte nach dem Alten Dieser
hatte sich schon zur Ruhe begeben  Er wollte zu Olimpien
    Über die Galerie ging er auf ein ihm entgegenstossendes Zimmer zu Er öffnete
die Tür Eine schwebende Lampe erleuchtete ein geräumiges Zimmer Sechs
Totengerippe saßen um einen Tisch herum  Er trat betroffen zurück und verließ
schnell das Zimmer
    Serena kam ihm entgegen Er eilte auf sie zu fasste ihre Hand und wollte
sprechen als eine Glocke ertönte »Was ist das«  fragte er
    »Es ist die Mitternachtsglocke die uns gebietet zur Ruh zu gehen«  war
Serenas Antwort
    Arm in Arm kamen Fortunata und Olimpia Ein Knabe mit einer brennenden
Wachskerze ging voran Serena verschwand von der Galerie  Rinaldo ging auf die
Damen zu Schweigend zeigte er auf das so sonderbar dekorierte Zimmer
    Olimpia schien ihn zu verstehen aber sein fragendes Zeichen mochte sie
nicht beantworten Sie sagte
    »Morgen lieber Freund haben wir recht viel miteinander zu sprechen«
    »Warum nicht jetzt«  fragte er
    »Die Glocke ruft zur Ruh«
    »Ich verlange nur eine kleine Antwort auf eine kurze Frage die dieses
Zimmer betrifft«
    Olimpia winkte Der Knabe ging und Fortunata folgte dem Knaben  Rinaldo
fragte
    »Was will das Unwesen mit den Totengerippen sagen«
    »Unser Freund und Meister«  antwortete Olimpia  »der weise Alte sagte
schon mehr als einmal zu mir die Ägypter hatten die Gewohnheit die Leichen
geliebter Personen bei Gastmalen sogar auf ihren Tafeln zu haben Es war der
dritte Grad der Krata Repoa das Tor des Todes in welchem der Eingeweihte
Melanephoris genannt in ein Zimmer gebracht wurde das mit Vorstellungen von
einbalsamierten Körpern und Särgen besetzt war Alle Wände hingen von
dergleichen Zeichnungen voll«
    »Spielt ihr denn allenthalben die alte Komödie fort«
    »Ein wenig«
    »Die sechs Skelette in diesem Zimmer «
    »Sind die irdischen Überreste von Freunden und uns werten Menschen Besieh
sie selbst genauer und überzeuge dich  Morgen sprechen wir recht viel
miteinander Jetzt wünsche ich dir eine angenehme Ruh«
    »Bleibt Fortunata hier«
    »Bei mir«
    »Ihr kennt Euch«
    »Ein Zweck vereint uns alle zu einer Bekanntschaft«
    »Und wo bleibe ich  Wer fragt nach mir Wer zeigt mir einen Ort wo ich
ein Lager finde«
    »Von diesen Zimmern allen kannst du dir wählen welches du wählen willst 
Der Sohn des Hauses hat freie Wahl«
    »Den Sohn des Hauses nennst du mich«
    »Du weißt nicht was du bist weißt nicht wie sehr du geliebt wirst«
    »Auch noch von dir«
    »Von uns allen«
    Sie wollte gehen Er hielt sie zurück und fragte
    »Ist dein Gemahl auch hier«
    »Ich erwarte morgen seine Ankunft«
    »Olimpia«  
    »Was wolltest du sagen«
    »Ich bewundere dich«
    »Es waren schöne Augenblicke in denen du mir einst weit schönere Sachen
sagtest Wenn die Zeit der Bewunderung kommt ist die Zeit der Liebe dahin Der
Liebesrausch verschlingt gewöhnlich die Bewunderung  Auch Fortunata wird dies
noch erfahren  Doch sei du nur dem Ganzen unseres Bundes was wir wünschen
und du machst uns alle glücklich«
    Sie drückte ihm die Hand und ging schnell davon
    Rinaldo öffnete zum zweitenmal das geheimnisvolle Zimmer trat unter die
tote Gesellschaft ging näher hinzu und sah die Schädel der Skelette mit
Buchstaben bezeichnet Er nahte sich dem nächsten las  und las den Namen
Rosalie
    Er bebte zurück und seufzte tief auf
    »Ach Rosalie meine geliebte Freundin«
    Noch einmal las er diesen Namen verließ eilig das fürchterliche Gemach
schlug die Tür hinter sich zu und eilte in heftiger Bewegung über die Galerie
einem leeren Zimmer zu
 
                                    Fußnoten
1 Bei der den Lesern bekannten Krata Repoa die Benennung des Obersten und
Aufsehers dieser Gesellschaft und des Bundes der ägyptischen Mysterien
 
                                Fünfzehntes Buch
 Was dich fasste wird dich halten
 Kannst du dem Geschick entgehn
 Wo des Schicksals Sterne walten
 Werden sie auch untergehn
Die Sonne stand schon hoch als Rinaldo erwachte Er schlug die Augen auf
Serena saß mit weiblicher Arbeit beschäftigt in seinem Zimmer Sie wünschte
ihm einen guten Morgen und ging
    Als er angekleidet war kam sie zurück und fragte ob er im Garten
frühstücken wolle
    »Wo frühstückt Euer Prinz«
    »Er ist nicht hier«
    »Nicht hier«
    »Vor einer Stunde fuhr er von hier weg«
    »Wohin«
    »Das weiß ich nicht«
    »Wo ist Olimpia«
    »Sie begleitet den Prinzen Auch die Damen aus der Stadt sind mitgefahren«
    Rinaldo ließ sein Frühstück in den Garten tragen Hier wandelte er
überlegend und nachsinnend auf und ab Dann sprach er endlich mit sich selbst
    »Ja  Ich will allen diesen sogenannten Freunden entgehen  Mit keinem
Menschen will ich mein Schicksal nicht das seinige mit dem meinigen teilen
Allein will ich erwarten was mir geschieht Allein will ich stehen und 
fallen«
    Er ließ ein Pferd satteln stieg auf und ritt in die Stadt Hier brachte er
seine Sachen in Ordnung und verließ Kagliari fest entschlossen sich nach einem
Hafen zu begeben und die Insel zu verlassen Nach Spanien wollte er zu kommen
suchen und dort versteckt in einer Sierra leben oder nach den Kanarischen
Inseln segeln So hatte ers bei sich beschlossen  Rasch trabte er darauf los
und hoffte vor Abend noch Salano zu erreichen
    Gegen Mittag wurde die Luft drückend und schwül Der Himmel umzog sich
Blitze flammten durch die Nacht des Himmels fernher rollte der Donner Eine
Totenstille schwebte über der Gegend
    Rinaldo erreichte mit einem heftigen Platzregen ein Schloss das auf einer
Anhöhe lag Er ward eingelassen Man führte sein Pferd in den Stall und sagte
ihm er befinde sich in dem Schloss der Gräfin Orana die eben hier sei Seine
Ankunft ward ihr gemeldet Sie bat sich den Besuch ihres Gastes aus
    Sie war eine Dame von Geist und ihre Unterhaltung mit Rinaldo war sehr
lebhaft und interessant Seit zwei Jahren war sie wie sie sagte Witwe noch in
ihren besten Jahren fest entschlossen ihre Freiheit zu behaupten und sich
nicht wieder zu vermählen sie müsste denn wie sie sich ausdrückte von etwas
überrumpelt werden das interessanter wär als die Männer gemeiniglich zu sein
pflegten Sie war eine Dichterin und hatte eine Satire über die Männer
geschrieben die sie aber ihrem Gaste der darum bat doch nicht mitteilen
wollte Da sie aber wie sie versicherte viel Unterhaltung in seiner
Gesellschaft fand so bat sie ihn einige Tage bei ihr zu verweilen Dies konnte
ihr Rinaldo nicht abschlagen
    Sie hatte eine Kousine bei sich die bei der Abendtafel durch ihre Laune das
Gespräch noch unterhaltender machte und Rinaldo hatte mit einem Paar Damen zu
kämpfen die sehr systematisierte Männerfeindinnen zu sein schienen  Ihm waren
solche Weiber noch nicht vorgekommen
    Den Damen nur ein wenig das Gleichgewicht zu halten erklärte er dass er
entschlossen sei das Malteserkreuz zu nehmen weil er sich nicht überzeugen
könne durch eine zärtliche Verbindung mit einer Dame glücklich zu werden Jetzt
änderte sich die Szene Man wollte ihn vom Gegenteil überzeugen und stritt so
die Mitternacht herbei
    Ein Kammerdiener wies ihm sein Schlafzimmer an wo sich alles in bester
Ordnung befand und wo er sanft auf einem weichen Lager ruhte 
    Er erwachte so spät dass er die Damen schon bei dem Frühstück fand
    Eben war eine Bande reisender spanischer Tänzer angekommen Sie fanden sich
auf dem Schlosssaale ein die Zuschauer nahmen Platz die Musik begann ein
freundliches Mädchen und ein artiger junger Mann traten auf den zärtlichen
Bolero zu tanzen
    Beide in netter Andalusischer Tracht die zum Tanze erfunden ist eilten
sie im Fluge aufeinander zu als ob sie sich gesucht und gefunden hätten Schon
wollte der Jüngling die Geliebte umarmen schon schien sie in seine Arme zu
stürzen als sie sich plötzlich umdrehte er halb erzürnt tat eben das Das
Orchester machte eine Pause  Beide schienen unschlüssig zu sein aber die
wieder beginnende Musik riss ihre Bewegungen von neuem mit sich fort  Feuriger
suchte der Jüngling seine Wünsche auszudrücken und zärtlicher schien die
Geliebte ihn anzuhören Ihre Augen wurden schmachtender ihr Busen hob sich
stärker ihre Arme breiteten sich nach den seinigen aus vergebens sie wich
noch einmal schüchtern zurück aber die Pause gab beiden neuen Mut  Schneller
ertönte die Musik Beflügelter folgten sich ihre Schritte Außer sich vor
Verlangen eilte der Jüngling noch einmal auf das Mädchen zu mit gleichen
Empfindungen kam sie auch ihm entgegen Ihre Blicke verschlangen sich ihre
Lippen schienen sich zu öffnen nur süße Scham hielt sie noch schwach zurück
Aber stürmischer rauschten die Saiten und heftiger wechselten ihre Bewegungen
Ein Rausch ein Taumel eine Wollust wollte beide vereinigen jede Muskel schien
zum Genuße sich zu drängen jeder Augenblick demselben entgegenzufliegen 
Plötzlich schwieg die Musik und die Tanzenden verschwanden
    Die Kousine schlug die Augen nieder und spielte mit dem Blumenstrauß an
ihrem Busen Die Gräfin wendete sich lächelnd an Rinaldo und fragte
    »Was sagt Ihr zu diesem Tanze«
    »Ich sage es ist ein bezaubernd schöner Tanz«
    »Meint Ihr«
    »Ein Tanz der so lebhaft zu einem Gefühle spricht das die ganze Natur
belebt das allein den Egoismus der Menschen mildern kann sollte der nicht
bezaubernder als jeder andere sein«
    »Wie könnte auch«  lächelte die Gräfin  »ein Mann anders urteilen«
    »Dürfte er«  fragte Rinaldo
    »O«  rief die Kousine aus  »was glaubten die Männer nicht zu dürfen«
    Die BoleroTänzerin trat herzu Sie wurde von der Gräfin und von Rinaldo
reichlich beschenkt
Rinaldo schien seine Lage und sich selbst beinahe vergessen zu haben als er auf
eine unangenehme Art an alles wieder erinnert wurde  Die Gräfin lenkte bei
Tafel das Gespräch auf einen sonderbaren Vorfall Wir wollen es hören
    »Mein Jäger«  sagte sie  »den ich mit Aufträgen nach Kagliari geschickt
hatte ist soeben wieder zurückgekommen Er hat auf dem Wege etwas Kostbares
gefunden«
    »Etwas Kostbares«  fragte Rinaldo
    »Er will es Euch verhandeln«
    »An mich«
    »Weil Ihr sicher wisst wohin das Gefundene gehört«
    »Ich bin begierig «
    »Ihr nennt Euch fremd auf dieser Insel«
    »Das bin ich«
    »Doch wohl nicht ganz«
    »Ich verstehe nicht «
    »Wer trug dies Bild«
    Sie überreichte ihm sein eigenes Portrait Es war eben das welches
Fortunata ihm gezeigt hatte  Rinaldo fasste sich schnell
    »Dies Bild trug niemand Mein ist es Ich habe es verloren Meinen Dank soll
der Finder erhalten«
    »Dies Bild trug keine Dame Und dies sollen wir glauben«  fragte die
Kousine
    »Ja«  fuhr die Gräfin fort  »Es ist dies nicht das einzige Sonderbare
das größere kommt noch  Der Jäger hat den sonderbaren Wahn denn er behauptet
und beschwört dies Bild  verzeiht Herr Ritter  sei das Konterfei des
Räuberhauptmanns Rinaldini«
    »Lustig«  lächelte Rinaldo  »Ist dies sein Bild so bin ich der vom Tode
auferstandene furchtbare Mann den Ihr sogleich der Obrigkeit überliefern
müsst«
    Verlegen blickte ihn die Gräfin an Die Kousine lispelte
    »Ein sonderbarer Zufall«
    »Den Jäger muss ich sprechen«  rief Rinaldo aus
    Dieser kam
    RINALDO Wie du gesagt hast hast du den Räuberhauptmann Rinaldini gekannt
    JÄGEK O ja
    RINALDO Du hast ihn selbst gesehen
    JÄGER Selbst
    RINALDO Wo
    JÄGER Auf dem Wege von S Leo nach Florenz  Ich war damals in Diensten der
Marchese Altanaro Rinaldini kam als ein Jäger gekleidet foppte meine
Herrschaft bat sich zuletzt Ringe Uhren und 100 Zechinen aus nannte sich und
gab eine Sicherheitskarte
    RINALDO Und er glich diesem Portrait
    JÄGER Es scheint sein eigenes zu sein
    RINALDO Das Portrait gehört aber mir es ist mein Bildnis Ich muss also auch
dem Räuberhauptmanne gleichen
    JÄGER Wie ein Bruder seinem Bruder gleicht
    RINALDO Gut dass Rinaldini nicht mehr lebt  Aber ich war doch in Sizilien
und Neapel und kein Mensch hat meines Gesichtes wegen mich in Anspruch
genommen
    GRÄFIN Du wirst dich irren Korrado
    JÄGER Es könnte sein aber 
    RINALDO Er will sich nicht geirrt haben
    DIE COUSINE So scheint es  Aber er hat sich dennoch geirrt
    GRÄFIN Nichts ist sicherer
    RINALDO Er könnte mich in der Tat verlegen machen wüsste ich nicht am
besten wer ich bin  Hier mein Sohn  ist ein Trinkgeld für das Gefundene
    JÄGER Ich bin beschämt und weiß nicht was ich sagen wie ich danken soll
Ich bitte um Verzeihung dass ich 
    RINALDO Schon gut Mein Gesicht nimmt dich nicht in Anspruch Es soll und
kann auch keinen Toten erwecken Wir lassen ihn ruhen
    Der Jäger ging Die Damen badinierten  Nach aufgehobener Tafel empfahl
sich Rinaldo dankte für gegebene Herberge bestieg sein Ross und trabte davon
Aus einem Busche brach ein Mensch hervor Es war Fabio der Kammerdiener der
Gräfin Olimpia
    RINALDO Wie Fabio Du  und hier
    FABIO Verdeckt und entronnen
    RINALDO Wie das  Deutlicher
    FABIO Die Damen sind arretiert
    RINALDO Die Damen
    FABIO Meine Gräfin die Signora Fortunata ihre Gesellschafterin die andern
und die Herren dazu welche aus Korsika waren
    RINALDO Wo
    FABIO Auf der Villa Des Nachts wurde sie von Soldaten besetzt
    RINALDO Von Soldaten
    FABIO Die sämtliche Dienerschaft wurde zugleich mit arretiert Ich bin
glücklich entflohen
     Der Prinz war nicht bei uns ich glaube man hätte ihn sonst auch
festgehalten  Unter uns Herr Ritter Ich habe  nach meiner wenigen Einsicht
 dem ganzen Wesen immer nicht viel Gutes prophezeien können
    RINALDO Welchem Wesen
    FABIO Eine Art von Unwesen war es wohl eigentlich Was man aber
beabsichtigte oder im Schilde führte davon weiß ich nichts zu sagen  Meine
Kameraden nannten die Gesellschaft nur die Goldmachergesellschaft Der Prinz
soll wirklich ein geborner Ägypter ein Adept sein wie man sagte  Das ist
wahr von Ägypten und geheimen Dingen sprach er immer viel besonders bei Tafel
 Doch Ihr werdet ihn ohne Zweifel besser kennen als ich ihn kenne
    RINALDO Du irrst dich
    FABIO Geld hat er genug Er ist freigebig und gut Meine Gräfin ist es auch
Wenn ihr nur nichts Arges widerfährt
    RINALDO Was soll ihr widerfahren Ein Missverständnis das sich bald lösen
wird muss bei der Sache obwalten
    FABIO Das gebe der Himmel  Wenn ich nur wüsste wohin ich mich nun wenden
sollte
    RINALDO In Salonetta ist meine Wohnung Dort bin ich den Bernhardinern
gegenüber leicht zu erfragen Bis dahin ist hier ein kleines Zehrgeld Wenn du
rasch zugehst bist du gegen Abend an Ort und Stelle
Kaum war er ihm aus den Augen als er sich rechts wendete und einen andern Weg
einschlug  Er sann hin und her überlegte bedachte erwog und konnte nichts
ersinnen das ihm Sicherheit versprochen hätte Unmutig stieg er bei einem
Gebirgspass vom Pferde und warf sich nachdenkend unter einen Baum
    Hier hatte er nicht lange gelegen als sich ihm drei Bewaffnete nahten
denen er ihr Handwerk gleich ansah Seine Kameraden kamen ihm in den Sinn
Schnell bemächtigte sich seiner der Entschluss Sardegna zum neuen Schauplatz
seiner ehemaligen Taten zu machen und sich seiner Lage zu entreißen von der er
sich wenig Gutes versprechen konnte  Noch standen die Bewaffneten ratschlagend
in der Ferne Er winkte sie herbei Sie kamen näher Der eine fragte mit Laune
    »Der Herr verlangt unsren Besuch«
    »Ich habe mit euch zu reden«
    »Der Herr hat sich verirrt«
    »Zu euch«
    »Zu uns  Kennt Ihr uns«
    »Wir wollen uns kennenlernen«
    »Wisst Ihr ob uns etwas daran gelegen ist«
    »Mir liegt etwas daran«
    »Euch  Man sieht dass Ihr uns nicht kennt«
    »Dein Name«
    »Ein Verhör«
    RINALDO Dein Name
    SANARDO Ich heiße Sanardo
    RINALDO Wie heißt dein Hauptmann
    SANARDO Mein Hauptmann
    RINALDO Nun Einen Hauptmann werdet ihr beim Teufel doch haben
    SANARDO Nun sind wir aufs Reine Der Herr hält uns also für Leute die  auf
anderer Nebenchristen Unkosten nach eigener Willkür leben
    RINALDO So ist es  Bringt mich zu eurem Hauptmann
    SANARDO Wie  Hat man den Herrn genötigt uns aufzusuchen Ist die Justiz
hinter ihm her Oder was treibt ihn zu uns
    RINALDO Eine alte Bekanntschaft mit eurem löblichen Gewerbe
    SANARDO Wer sah Euch das an  Wo hat der Herr gelernt
    RINALDO In den Apenninen in Kalabrien bei dem bekannten Meister Rinaldini
    SANARDO Da muss der Herr etwas Rechtes können Rinaldini solls verstanden
haben Wir sprechen oft von ihm Unter uns sind zwei Teufelskerle Jordano und
Filippo diese haben bei dem nämlichen Meister gelernt Sie sprachen oft von
ihm Diese werden dich also auch kennen
    RINALDO Wohl möglich Wir waren oft gar zahlreich aber immer in mehrere
Korps verteilt  Wie stark seid ihr
    SANARDO Vor vier Wochen waren wir stärker Es hat aber starke Stöße gesetzt
Bei S Michiele hängen unserer achtzehn und zwölf Köpfe sitzen auf Rädern
meines Bruders Kopf in der Mitte  Jetzt gehen wir alle in eine Höhle Wir
zählen nicht mehr als achtzehn bis zwanzig Köpfe
    RINALDO Eine Lumperei
    SANARDO Freilich  Das Rekrutieren will auch nicht gehen Die Galgen sind
zu sehr gespickt Dergleichen Ansichten machen keinen Mut
    RINALDO Hat euer Hauptmann keinen Ruf
    SANARDO Unser Hauptmann sitzt in Taborgo in Ketten und Banden Jetzt haben
wir nur einen Interimskommandanten Wir wechseln monatlich im Kommando ab
    RINALDO Das taugt nichts  Überhaupt scheint ihr mir eben keine großen
Helden zu sein
    SANARDO Davon sprich nicht Wir stehen unseren Mann Aber freilich
furchtsam sind wir ein wenig geworden denn die KriminalGerichte haben uns die
Schnäbel derb abgeputzt
    RINALDO Rinaldini hatte Gefechte in denen er oft 50 bis 60 Mann verlor
Aber den Mut ließ der Überrest nicht sinken denn er selbst kannte keine Furcht
    Der eine Räuber bemerkte Reiter Sie kamen näher Es war eine
DragonerPatrouille von drei Mann  Sanardo riet sich eiligst zurückzuziehen
Rinaldo rief ihnen zu
    »Jetzt bleibt und zeigt mir dass ihr Männer seid die stehen können Ihr
sollt auch mich kennenlernen«
    Er schwang sich auf sein Pferd und Sanardo schrie
    »Wir stehen«
    Die Dragoner kamen näher Sie riefen ihnen zu die Waffen abzulegen Trotzig
fragte Rinaldo
    »Könnt ihr das fordern«
    »Wir befehlen es«  war die Antwort
    »Reitet zurück und sagt dass Rinaldini nie die Waffen gestreckt hat«
    Die Reiter stutzten »Rinaldini« murmelten sie einander zu Dieser fuhr
fort
    »Sucht ihr aber Kampf den sollt ihr haben  Burschen schlaget an«
    Die Büchsen lagen den Dragonern entgegen Rinaldo hatte eine Pistole
gezogen
    Die Reiter schwenkten sich und ritten davon Rinaldo wendete sich zu den
Räubern und fragte
    »Seid ihr nun mit mir zufrieden«
    »Aber«  fragte Sanardo  »Rinaldini bist du nicht«
    »Der bin ich«
    Mit einem Tempo streckten alle drei die Gewehre küssten ihm die Hand und
Sanardo sagte
    »Wir bitten dich unser Hauptmann zu sein«
    »Das will ich«  antwortete Rinaldo  »Euer Hauptmann will ich sein Zu
meinem alten Handwerke will ich wieder greifen und enden will ich wie ich enden
muss Es waltet über dem Menschen ein unbeugsames Schicksal Bestimmt ist ihm
sein Los Sein bestes Spiel spielt er verzagt und mutig wagt er um zu
verlieren  Fahrt hin ihr schönen Träume meines Lebens Ein anderer hege euch
in froher Brust Mein Schicksal will es anders  Es sei Ich will nicht länger
widerstreben  Voran Ich folge euch«
Jordano und Filippo sprangen hoch auf als sie ihren Hauptmann erblickten Sie
küssten ihm die Hände und weinten Tränen darauf  Die andern standen mit
entblößten Köpfen um ihn herum und nahten sich ihm nur auf seine Winke Er ließ
sie alle versammeln und als sie um ihn herum standen sprach er
    »Ich nehme euch hiermit alle zu Kameraden an und ihr schwört mir als eurem
Hauptmanne Treue Folgsamkeit und Gehorsam meinen Gesetzen die ihr von mir
erhalten werdet Sie werden euch bekanntgemacht Ihr habt sie zu befolgen Wer
dieselben einmal beschworen hat muss nach denselben leben denn jede bestimmte
Strafe wird unbedingt vollzogen  Seid ihr damit zufrieden«
    Ein allgemeines lautes Ja erscholl  Rinaldo sprach weiter
    »Wer mit mir leben will muss mit mir fechten muss mit mir sterben können
Doch wie könnte einer der alles zu wagen hat zaghaft sein Die Notwendigkeit
selbst muss ihm Mut geben Lieber das Leben als den Körper verloren Was ihr zu
erwarten habt wenn man euch lebendig fängt wisst ihr und jedes Hochgericht
legt euch die Vermahnung deutlicher ans Herz als es der beredteste Mund tun
könnte lasst euch nicht fangen   Furchtbar müssen wir uns machen und man
fürchtet uns Dies ist leicht möglich  Ihr alle wisst oder könnt es leicht
erfahren wie schwach die Garnisonen und regulären Truppen dieser Insel sind
Kaum reichen sie hin die Städte Kagliari Sassari und die Wachttürme an den
Küsten gehörig zu besetzen Was aber die Landmiliz betrifft so ist es ja
bekannt dass sie nicht sonderlich zu fürchten ist Die Sarden stehen auch nicht
wegen ihrer Herzhaftigkeit in großem Rufe  Ich habe mit den Meinigen in
geschlossenen Gliedern gegen Truppen der Florentiner und Römer der Neapolitaner
und gegen ihre Milizen gefochten Nie aber hat ihre Übermacht mich und meine
Leute zaghaft machen können  Ein stärkeres Korps als jetzt müssen wir werden
Dafür lasst uns sorgen Doch ist es nicht eine größere Anzahl von der ich alles
hoffe Wenige wenn sie herzhaft zu stehen und zu fechten wissen sind mir
lieber als Hunderte die keinen Mut haben die nur rauben aber sich nicht
wehren können Im Gebrauche der Waffen werdet ihr geübt und unerfahren führe
ich euch nicht ins Gefecht Aber nur dann fechten wir wenn es nötig ist  Ohne
Angriff falle kein Schuss Genug dass wohlhabende Reisende beraubt werden ihr
Leben ist kein Gewinn für uns Die Armut empfehle ich euch das Wenige was sie
hat behalte sie Der Arme ist ohnehin unglücklich Er ist auch dankbar und oft
dankt ihr wohl eure Rettung einem armen Teufel der sein Stückchen Brot mit euch
teilt statt dass ihr ihn zum Verzweifelten machen würdet wolltet ihr ihm
nehmen was er euch nicht freiwillig geben will Auch empfehle ich euch Schonung
gegen Weiber Kinder und Greise Ihre Schwachheit kann uns nicht reizen ihnen
unsren Mut zu zeigen Als Männer lasst uns allenthalben auftreten und gebt eurem
Handwerk so viel Edles als es ihm zu geben möglich ist  Das ist es was ich
euch rate was ich von euch verlange Wollt ihr es erfüllen«
    »Wir wollen«  schrien alle
    »Nun dann So bin ich euer Hauptmann«
    »Es lebe unser Hauptmann«
    »Hauptmann«  begann Sanardo  »lass dir die Gebräuche der Sarden gefallen
Auch wir haben unsre Schutzpatronin«
    »Sie sei auch die meinige«
    »Viva gloriosa Santa Arega«1
    Dieses wiederholte Rinaldo und die ganze Gesellschaft stimmte nach dem Tone
einer Sardinischen Pfeife und einigen Zitern den einzigen Instrumenten
gemeiner Sarden nach welchen auch ihre Volkstänze getanzt werden den Gesang
an
In Deximu bella Aurora
Nascis de gracia luxenti
Sias de sa devota genti
Santa Arega intercessora etc
Rinaldo fragte nach den verborgensten Schlupfwinkeln der Berge Dahin brach die
Gesellschaft auf
Auf einem schlechten Feldbette unter einem Strohdache einer Sardischen
Berghütte von vier Pfählen untererstützt lag Rinaldo mit sich selbst
beschäftigt Behaglich war ihm seine Lage keineswegs er suchte sich aber selbst
zu täuschen und wollte sie nun einmal behaglich finden
    Bekannt waren die Gesetze gemacht auch waren sie beschworen worden Es
wurden ihm einige Kerle zugeführt und in einigen Tagen zählte er zweiunddreissig
Köpfe die ihm gehorchten Alle wurden in den Waffen geübt Jordano und Filippo
machten dabei sich sehr verdient
    Rinaldo hatte die Berge besucht die Gegend rekognosziert und suchte sich
nun mit Proviant Gewehr und Munition zu versehen Jetzt schickte er
Streifpartien aus und ließ zusammenschleppen was zu bekommen war
    Auf der Spitze eines von den Bergen unter denen man hier hauste standen
von hohen Fichten beinahe ganz bedeckt die Ruinen einer kleinen Raubfeste in
der ehemals ein gewisser Wegelagerer Brancolino nistete und die Bewohner der
Täler hart bedrängte Endlich fiel er einmal im Gefechte gegen die spanischen
Soldaten und sein Nest ward zerstört dabei tat auch die Zeit das ihrige Weil
jetzt der Platz einmal leer war bevölkerte ihn die Furcht und die Liebe zum
Sonderbaren mit Geistern von deren Walten und Wesen die benachbarten
Dorfbewohner gar viel zu erzählen wussten Jedermann sprach von diesen Ruinen
aber keiner wagte es sie zu besuchen
    Rinaldo aber war so kühn sie sogar zu seiner Residenz zu wählen Was nur
herzustellen war wurde so gut wie möglich hergestellt So erhielt er mitten
unter Schutt und Trümmern drei Plätze die wieder für das gelten mussten was
sie ehemals gewesen waren für Zimmer  Er untersuchte genau und fand zu seinem
großen Vergnügen einen unterirdischen Gang der am Fuße des Berges hinaus ins
Freie in einen angrenzenden Forst führte Der Ausgang war von Büschen und
Dornen umwachsen Weit darin in einer schmalen Kluft durch die nur ein
einzelner Mensch sich drängen konnte verschloss ihn eine starke doppelte
eiserne Tür die bald wieder gangbar gemacht wurde Die Eulen und Fledermäuse
wurden delogiert Menschen bemächtigten sich ihrer bisherigen Residenz
    Der Eingang in die Ruinen wurde mit einer kleinen Zugbrücke versehen So
wohlverschlossen und verwahrt kampierte Rinaldo in seiner Burg wenn er allein
sein wollte
    In den Bergen umher wurden mehrere Höhlen bewohnbar gemacht man grub sich
ein so gut man konnte und machte sich nur sichtbar wenn man wollte Dies
alles waren die Früchte einer angestrengten Arbeit von acht Wochen bei deren
Vollendung nahe bei den Ruinen ein mit köstlichen Weinen wohlangefüllter
Keller entdeckt ward der vermutlich ehemals dem edlen Brancolino gehört hatte
Jetzt wurde er die Beute einer Gesellschaft die auch Wein trank und manchen
Becher auf seine Gesundheit leerte
    Neben diesem Keller wurde eine Kapelle ausgemauert ein Bild der heiligen
Arega ward aus einer benachbarten Klosterkirche auf gewöhnliche Art abgeholt
und in dieselbe gesetzt Das ordnete Rinaldo zu großer Freude seiner sardischen
Kameraden an die nun Wohnungen Wein und Andacht so gut und so nahe hatten als
sie dieselben nur schwer ehemals haben konnten oder sie zu erhalten Hoffnung
hatten
    Das Kloster welchem die heilige Arega entführt worden war entrüstete sich
sehr über diese kühne Tat zumal da die ehemaligen Besitzer die Entdeckung
machten dass man mit der Heiligen zugleich ihre besten goldenen und silbernen
Kirchenschätze geraubt hatte Der Prälat forderte die benachbarten Bauern auf
ihm die Räuber ausfindig machen zu helfen aber man suchte sie nicht auf dem
rechten Platze und fand sie also auch nicht
Es war ein schöner Morgen Himmel und Erde lachten in verjüngter Pracht Im
diamantenen Meere des reinen Morgentaues spiegelte ihr Antlitz die hehre
heitere Sonne und tausend Kehlen sangen ihr den Morgengruß Da nahm Rinaldo
sardisch gekleidet in Jägertracht sein Rohr verließ seine Mauern und ging
hinab ins Tal
    Bald traf er auf ein Mädchen das Futterkräuter in einen Korb sammelte Er
bekam Lust sich mit ihr zu unterhalten Es kam zum Gespräch
    ER Einen frohen guten Morgen einen heitern Tag und eine schöne Nacht
wünsche ich dir fleissiges Mädchen
    SIE Viel auf einmal  Wieder so viel von mir für Euch
    ER Der Morgen ist so heiter und du scheinst nur mit trüben Augen ihn zu
sehen
    SIE So ist es schon lange
    ER Was ist dir
    SIE Ich bin ein armes Mädchen und habe viel Kummer
    ER Verliebt
    SIE Das leugne ich gar nicht Ich wollte aber ich wär es nicht Dass ich es
bin das ist eben mein Unglück   Der schönste Bursch in unserm Dorfe ist mir
gut Er hat mir Ständchen gebracht er hat mich mit Limonen geworfen und ich
habe ihn mit Wasser begossen2 Damit wars entschieden dass wir uns beide
liebten Aber  der Edelmann wills nicht leiden
    ER Was geht es den Edelmann an
    SIE Wir sind seine Untertanen und er ist unser Herr
    ER Kann er auch über Herzen gebieten
    SIE Er muss es doch können weil er es tut
    ER Was sagen deine Eltern dazu
    SIE Die sagen was der Herr sagt und der Pater sagt es auch und jedermann
im Dorfe sagt wir dürften einander nicht lieben
    ER Sonderbar
    SIE Ich wollte ich wär gestorben
    ER Wie heißt dein Edelmann
    SIE Mein Herr ist der Herr Marquis Reali Er ist sagt man den Mädchen gar
gut aber mir nicht In unserm Dorfe verheiratet er die Mädchen beinahe nach
seinem Sinne und er beschenkt sie dann auch
    ER Er muss dich auch beschenken
    SIE Er will nicht und will auch nicht dass ich meinen Nicolo heiraten soll
    ER Wie nennt man dich
    SIE Maria  Mein Vater ist Aldonzo und hat schöne Felder Geschwister habe
ich nicht arm bin ich auch nicht aber  unglücklich
    Ihr Korb war gefüllt Sie schwang ihn auf den Rücken trocknete die Augen
und ging Rinaldo ging mit ihr Sie sah ihn mit fragenden Blicken an
    RINALDO Ist der Marquis Reali verheiratet
    MARIA Nein
    RINALDO Alt
    MARIA Ein Dreissiger
    RINALDO Hübsch
    MARIA Ziemlich aber doch nicht so hübsch wie mein Nicolo
    RINALDO Ist er gesellschaftlich
    MARIA Er gibt an Gastfreiheit keinem Sarden etwas nach
    RINALDO Er ist wohl reich
    MARIA Sein gutes Auskommen soll er haben soll auch etwas zurücklegen
können aber  das tut er nicht wie man sagt  Doch  sagt mir nun auch
warum Ihr mich so ausfragt
    RINALDO Weil ich wünsche dich glücklich zu sehen
    MARIA Können das Eure Fragen und meine Antworten bewirken Nein Dahinter
steckt sicher etwas ganz anderes  Aber seht dort kommen Leute lasst mich
allein meinen Weg gehen und bringt mich nicht in böse Mäuler
    Er sagte ihr ein Lebewohl und kehrte schnell in seine Burg zurück
Als er auf den gewöhnlichen Versammlungsplatz kam stellte man ihm einen
Rekruten vor Rinaldo examinierte ihn Seine Antworten waren
    »Ich bin desertiert von dem Deutschen Regimente welches in Kagliari in
Besatzung liegt Das Schultern stand mir nicht länger an Ich lief davon und
habe Lust ein Handwerk zu treiben das mir obwohl in anderer Art von jeher
sehr gefiel und behagte Mit einem Worte das Rauben war vorlängst schon meine
Sache Von Geburt bin ich ein Deutscher geboren in Reutlingen wo ich das
Zugreifen lernte Ein Buchdrucker von Profession erhob ich mich bald zum
Nachdrucker Es ist dies ein sehr leichtes Geschäft zwar unerlaubt trägt aber
etwas ein Man braucht nur zu vigilieren welches Buch Aufsehen macht und guten
Abgang verspricht Gleich fährt man darüber her druckt es auf Löschpapier mit
abgestumpften Lettern nach schickts in die Welt und streichts Geld ein dabei
lebt es sich gut und ruhig denn es ist bei uns erlaubt dies zu tun Man
fürchtet keine Strafe weil keine zu fürchten ist und lacht darüber dass man
uns Diebe Piraten Schufte Schurken und schlechte Menschen nennt Zwar weiß
man wohl dass man das ist aber man lacht dennoch und nachdrucket immer fort So
stiehlt sich es wirklich gut«
    »Warum aber«  fragte Sanardo  »bliebst du denn nicht bei deinem
eleganten Handwerke«
    Der Reutlinger fuhr mit der Hand übers Gesicht zuckte mit den Achseln und
sagte
    »Wie das nun geht Ich hatte Geld erworben und machte mich auf meinen
Kollegen in Bamberg Karlsruhe uaaO zuzusprechen Wir sahen sprachen uns
und lebten herrlich und in Freuden Einen allgemeinen NachdruckerKongress
schrieben wir aus und kamen im Bade zu Spa zusammen Hier führte mich der Böse
an eine Farobank und was ich mir erstohlen hatte ging in drei Abenden fort
Meine Kollegen waren großmütig bezahlten meine Zeche und reichten mir eine
Kollekte Sie verließen in Equipagen das Bad und ich verließ es zu Fuße Die
Kollekte war bald aufgezehrt Ich ließ mich unter die Soldaten anwerben Man
schickte mich nach Mailand Ich lief zu den Piemontesern über und ward mit nach
Kagliari abgeschickt  Jetzt komme ich zu euch denn ich will nun einmal meinen
Galgen haben«
    »Den sollst du haben«  rief Rinaldo und ging mit Sanardo auf die Seite
    Dieser kam zurück Rinaldo aber hatte kaum seine Burg erreicht als schon
der Reutlinger an einem Baume hing weil er meinten sie für ihre Gesellschaft
zu schlecht sei
Den folgenden Tag bestieg Rinaldo sein Ross und erreichte bald das Schloss des
Marquis Reali  Er selbst trat im Schlosshofe ihm entgegen und nötigte ihn sehr
höflich mit sardischer Gastfreiheit bei ihm einzusprechen
    Er zeigte ihm sein Münzkabinett und führte ihn in eine Galerie in welcher
eine ganz lange Reihe von Bauernmädchenportraits hing  Lächelnd fragte
Rinaldo
    »Was sagt wohl diese Suite«
    »Dies«  antwortete der Marquis  »sind Köpfe von Mädchen meiner Untertanen
auf meinen Gütern die ich ausgesteuert und verheiratet habe Es ist daraus so
nach und nach bei mir eine Art von Geschäft geworden«
    »Das aber doch wohl auch seine Zinsen trägt«
    »Zuweilen  Aber unter uns es geht mit den Weibern gemeinhin wie mit
bösen Schuldnern man verliert oft bei ihnen Zinsen und Kapital zugleich 
Indessen es macht mir Spaß die Suite zu vermehren und Platz ist dazu
vorhanden«
    »Aber doch wohl nur bis zu Eurer Vermählung«
    »Ich werde mich nie verheiraten Es ist dies einer meiner Grundsätze«
    »Wie oft wurden Grundsätze von schönen Augen umgestossen«
    »Ich lebe hier in einer artigen Kollektion von schönen Augen wie Ihr seht«
    »Sie sind unbeweglich«
    »Die Phantasie kann alles bewegen  Meine Vorfahren genossen bei den
Töchtern ihrer Untertanen das Recht der ersten Nacht Sie haben es sicher
redlich exerziert  Mein Vater eine Art von Philosoph fand dies Recht
ungerecht besonders da er meine Mutter außerordentlich zärtlich liebte Er
verwandelte das Recht in eine kleine jährliche Abgabe und hob es auf Seine
Untertanen setzten ihm eine Bildsäule die Ihr noch im Schlosshofe stehen seht 
Ich besitze nun kein Recht mehr aber ich erhandle mir zuweilen eine
Gefälligkeit dabei geht alles ohne Groll ab«
    »Ihr wählt die Männer für die Mädchen die Ihr aussteuern wollt«
    »Ich wähle sie«
    »Machtet Ihr Euch noch nie den Spaß und ihr die Herzensfreude ein Mädchen
auszusteuern die selbst sich einen Mann wählte«
    »Dies ist so viel ich weiß noch nie der Fall gewesen Doch sie betrügen
mich das merke ich Was meine Wahl zu sein scheint war oft schon ihre eigene
Wahl Das wissen die Mädchen gar schlau zu karten«
    »Ich wage eine Interzession«
    »Wieso«
    »Ein Mädchen hat mich gebeten für sie bei Euch zu bitten«
    »Was will sie«
    »Eine gewisse kleine artige Brünette Maria Aldonza wünscht ihren Nicolo
heiraten zu dürfen«
    »Wie kommt sie an Euch«
    »Ich fand sie weinend auf dem Felde Ich unterhielt mich mit ihr vernahm
die Ursache ihrer Tränen und ward von ihr gebeten ihr Vorsprecher zu sein«
    »Es ist die Bitte meines Gastes die erste dieser Art an mich  Maria soll
ihren Nicolo heiraten«
    »Kommt ihr Portrait dann auch in diese Reihe«
    »Nur dann wenn ich sie ausstatte«
    »Das tut Ihr doch«
    »Das verspreche ich nicht Doch  es kommt auf Marien an Ich handle nicht
gegen meinen Grundsatz«
    »Als Fremder wage ich es nicht Euch vorzugreifen  Das Mädchen hat mich
gerührt «
    »Wollt Ihr sie ausstatten«
    »Wenn ich darf «
    »Nun gut  Doch nicht eher als bis ich selbst ihr keine Ausstattung gebe«
    Die Zeit der Siesta war gekommen Beide begaben sich zur Ruh  Rinaldo
hatte länger als der Marquis geschlafen Als er ins Zimmer kam saß Maria einem
Maler der sie portraitierte  Der Marquis führte seinen Gast in ein anderes
Zimmer und lächelte »Maria wird von mir ausgestattet und Nicolo wird ihr
Mann«
    Das Gespräch wendete sich Man kam auf Kagliari und endlich erfuhr Rinaldo
etwas wobei er interessiert war
    »Auf Requisition aus Frankreich«  fuhr der Marquis im Verfolg seines
Gesprächs fort  »sind in Kagliari eine ganze Hecke missvergnügter Korsen und
ihre Freunde arretiert worden Man spricht von Anschlägen auf Korsika von einer
Landung daselbst von Truppen die Rinaldini hätte anführen sollen und
dergleichen  Ich glaube man vergrößert etwas sehr Unbedeutendes vielleicht
aus Politik«
    »Lebt denn Rinaldini noch«
    »Man sagt es«
    »So ist er sicher auch mit arretiert worden«
    »Ihn hat man nicht angetroffen Auch soll ein gewisser türkischer Prinz
entkommen sein der wie man sagt das Haupt der korsischen Verbindung war«
    »Sind die Verhafteten noch in Kagliari«
    »Nein  Man hat sie einem französischen Kommissar übergeben  Nun heißt es
aber das Schiff auf welchem sie sich befanden sei genommen worden Doch davon
spricht man unbestimmt Mir liegt nichts daran Das aber möchte ich wissen Ob
Rinaldini wirklich noch und ob er auf dieser Insel lebt«
    »Das möchte ich selbst wissen«
    »Und lebt er noch so wünsche ich ihn zu sehen«
    »Ihn zu sehen«
    »Ja ihn zu sehen Es kostete allenfalls eine Börse mit Zechinen ihm zu
begegnen und dafür wollte ich ihn recht beschauen«
    »Mit dieser Börse wären aber einige Mädchen auszustatten und dabei  gäb
es doch wohl mehr als nur etwas zu sehen«
    Maria trat ins Zimmer küsste dankend dem Marquis die Hand und bat ihn ihr
gnädiger Herr zu bleiben  Ein Bedienter trat ein und winkte dem Marquis der
mit ihm das Zimmer verließ Maria sagte
    »Euch habe ich sicher alles zu verdanken«
    »Dir selbst mein Kind«  sagte Rinaldo  »hast du deine Aussteuer zu
verdanken«
    »Wenn auch diese doch das nicht dass ich Nicolo heiraten darf Die
Aussteuer wär wohl längst schon zu bekommen gewesen aber Nicolo nicht mit
dazu«
    Rinaldo drückte ihr einige Goldstücke in die Hand Sie fragte
    »Wollt Ihr mich auch aussteuern«
    »Ich bin kein reicher Marquis«
    »Doch habt Ihr fein gegeben«
    »Wenigstens uneigennützig«
    »Das lobe ich verdenke es Euch aber Der Herr Marquis denkt anders als Ihr
 Ich danke Euch«
    »Geh grüße deinen Nicolo«
    »Der wird recht froh sein dass er mich heiraten darf und dass er nun auch
bald erfährt wie es sich in einem Bette liegt«3
    Sie sprang aus dem Zimmer wohin der Marquis nachkam Er bat um Verzeihung
ihn allein gelassen zu haben doch setzte er hinzu »Ich habe Euch doch nur
allein bei einem artigen Mädchen gelassen «
    »Die«  fiel Rinaldo ein  »ausgesteuert war«
    Der Marquis lachte laut auf und fuhr dann in einem andern Tone fort
    »Soeben habe ich durch einen reitenden Boten Briefe erhalten die mir Gäste
ansagen die diesen Abend noch eintreffen werden Darf ich Euch bitten so
erwartet Ihr sie mit mir Die Gesellschaft besteht aus vier Damen einer Tante
und drei Kousinen Ich allein würde gar zu isoliert unter Vieren stehen Ich
wiederhole also meine Bitte«
    »Ich bleibe«
    »Jetzt aber bitte ich um ihn den Damen vorstellen zu können um meines
Gastes Namen«
    »Ich bin der Jüngste des gräflichen Hauses Marliani im Veltelinerland
geboren Mein Onkel schickte mich auf Reisen und eine Reisenden erlaubte
anständige Neugier brachte mich auf diese Insel«
    Der Marquis gab seinem Haushofmeister Befehle Rinaldo ging in den
Schlossgarten
Er ging auf eine Hintertür des Gartens zu öffnete sie und trat ins Freie  In
einem Busche regte sichs Rinaldo griff nach dem Dolche  Jordano kam aus dem
Busche
    »Bist du hier«  fragte er
    »Wir waren deinetwegen in Verlegenheit«
    »Ich werde einige Tage auf diesem Schloss bleiben  In dieser Gegend wo
wir uns jetzt sprechen mögen immer einige der Unsrigen stecken damit ich sie
bei der Hand habe wenn ich sie brauche«
    »Gut  Wir haben auch eine Spekulation«
    »Welche«
    »Es kommt ein Wagen hier vorbei Diesen wollen wir ein wenig anhalten«
    »Nichts  Jetzt keinen Lärm so nahe bei einem Orte wo ich mich befinde
Wir könnten alle in Verlegenheit kommen Geht der Wagen aber weiter «
    »Gut gut  Nun weiß ich schon genug  Ich muss zu meinen Burschen«
    Er kroch in den Busch und Rinaldo ging in den Garten zurück Ein
freundliches Mädchen schnitt Blumen ab Rinaldo kam mit ihr ins Gespräch
    »Die Blumen«  sagte sie  »sollen Kränze geben für die Tafel und
Sträusschen für die Damen die der Herr Marquis erwartet«
    »Du gehörst ins Schloss«  fragte Rinaldo
    »Ich habe die Ehre dem Herrn Marquis zu dienen und bin Aufseherin über die
Wäsche und das Tafelgerät im Schloss«
    »Wenn du heiratest wird dich der Herr Marquis wohl auch ausstatten«
    »Er hat davon noch nichts gesagt und ans Heiraten wirds wohl sobald noch
nicht kommen«
    Der Marquis kam Rinaldo ging ihm entgegen zeigte auf das Mädchen und
sagte
    »Dort gibt es etwas Hübsches auszustatten«
    »Vielleicht«  antwortete der Marquis lächelnd
    Sie gingen nach der Hintertür des Gartens Ein Wagen rollte heran die
erwarteten Gäste saßen in dem Wagen
    Man war im Saale des Schlosses Die namentlichen und persönlichen
Bekanntschaften waren gemacht  Die Tante war eine lebhafte Vierzigerin sprach
viel und war sehr aufgeräumt Von den Kousinen des Marquis waren zwei
Schwestern beide noch sehr jung etwas verlegen und still Die dritte in den
Jahren der Forderung war lebhaft witzig und gesprächig Sie war es mit der
Rinaldo sich unterhielt Der Marquis scherzte mit der Tante Sie neckte ihn
seiner Mädchengalerie wegen und plaisantierte über seinen Geschmack
    Die Unterhaltung über Tafel war lebhaft genug Es wurde gescherzt gelacht
und endlich gar gesungen Der Marquis und die lebhafte Kousine Oriane
ergriffen Guitarren Sie spielten und sangen
                                 Wechselgesang
ER
Gib mir die Blumen
Gib mir den Kranz
Ich führ dich Liebchen
Morgen zum Tanz
SIE
Lass mir die Blumen
Lass mir den Kranz
Führ eine andre
Morgen zum Tanz
ER
Nein liebes Mädchen
Du nur allein
Sollst die erwählte
Tänzerin sein
SIE
Was kann mirs helfen
Sollt ich allein
Auch die erwählte
Tänzerin sein
ER
Ewige Liebe
Schwör ich nur dir
Gib mir die Blumen
Tanze mit mir
SIE
Schwörst du mir Liebe
Folg ich zum Tanz
Hier sind die Blumen
Hier ist der Kranz
ER
Und mit den Blumen
Schenk mir dein Herz
Ich mein es ernstlich
Treibe nicht Scherz
SIE
Meinst du es ernstlich
Treibst du nicht Scherz
So nimm die Blumen
Nimm auch mein Herz
»Wer wird dem Sänger trauen«  rief die Tante lächelnd aus
    »Ich nicht« sagte Oriane
    »Es blieb ja alles nur in der Freundschaft«  setzte der Marquis hinzu
    »Und wird zum Kabinettstück« fuhr die Tante fort
    »Nur nicht zum Galeriestück«  fiel Oriane ein
    MARQUIS Man sammelt für den Kenner
    ORIANE Und liebt die Kennerinnen bis zum Studio
    MARQUIS Nun ja Kann man wohl mehr tun
    TANTE Oft kann man nicht zu viel tun Die sogenannten Kenner verlieren sich
nicht selten so sehr in ihr Studium dass sie dieses Studium sogar selbst darüber
verlieren
    MARQUIS Der Mensch ist zum Verlieren geboren
    TANTE Und will dennoch stets gewinnen
    MARQUIS Seine Existenz privilegiert seine Hoffnungen
    TANTE Ei freilich Wer träumte nicht wenigstens gern angenehm
    RINALDO Aber das Erwachen
    TANTE Ist freilich nicht immer angenehm Unser Marquis aber träumt selten
glaube ich
    MARQUIS Er lebt ja Und was ist unser Leben anders als ein Traum
    TANTE Gute Nacht
    Sie schob den Stuhl Der Marquis protestierte gegen das Aufstehen Er gab
ein Zeichen Ein hübsches Mädchen und ein flinker Bursch traten ein Sie tanzten
den Fandango  Man klatschte ihnen Beifall zu und als sie abgetreten waren
wurde die Tafel aufgehoben
Den folgenden Morgen ward eine Spazierfahrt auf eine Villa des Marquis
beschlossen Man fuhr dahin divertierte sich wohl und fuhr gegen Abend zurück
 Durch einen Zufall war des Marquis Wagen weit vor dem Wagen voraus in welchem
Rinaldo Oriane und eine der beiden Nichten saßen Sie fuhren in einem Hohlwege
als plötzlich nahe am Wagen ein Schuss fiel
    »Haltet an«  donnerten einige Stimmen
    Sprachlos zitternd sahen die Damen ihren Begleiter an der still vor sich
hinsah und eine Verwünschung in den Bart murmelte  Der Wagen hielt Zwei
Verlarvte traten an die Kutschenschläge Sie sahen in den Wagen und baten sich
die Börsen aus
    »Wie«  fragte Rinaldo
    Auf diese Frage sprangen die Verlarvten sogleich zurück und schrien
    »Kutscher fahr zu  Gute Nacht schöne Damen«
    Der Wagen rollte davon Sie kamen ins Schloss Oriane erzählte was geschehen
war Der Marquis und die Tante fixierten den Fremden Lächelnd sagte Rinaldo
    »Ihr seht meine Damen welche Gewalt die Schönheit selbst über Räuber
ausübt Männer wären so wohlfeil sicher nicht davongekommen Kaum aber sahen die
rohen Kerle Damen als sie den Wagen mit einem Gute Nacht schöne Damen
verließen und ich meine Börse behielt«
    ORIANE Wie aber Herr Graf wenn ich nun das Glück bloß Eurem Wie
zuschrieb auf welches die Verlarvten so schnell sich zurückzogen
    RINALDO So müsstet Ihr voraussetzen ich sei ein Zauberer Wie könnte ein
bloßes Wie dergleichen Bewaffnete schrecken Wie könnte es sogar Börsen retten
Nein dies Wie konnte es nicht tun Aber die Schönheit der selbst Tribut
gehört gibt keinen
    TANTE Der Vorfall ist höchst sonderbar
    MARQUIS Gewiss
    ORIANE Er ist sogar unerklärbar Denn des Herrn Grafen Erklärung erklärt den
Vorfall nicht
    RINALDO Die Geschichte gibt meiner Erklärung hinreichende Belege
    ORIANE Eine gewisse Autorität musste doch die Räuber schrecken
    RINALDO Ehrfurcht vor der Schönheit wie gesagt
    ORIANE Uns sahen sie zuerst und forderten Börsen Sie sahen Euch vernahmen
Euer imponierendes Wie und standen ab von ihrer Forderung
    RINALDO Zuletzt wird es sich wohl gar zeigen dass mich die Verlarvten
kannten  Meint Ihr nicht
    ORIANE Ihr setzt eine Beleidigung voraus an die ich nicht dachte
    RINALDO So bleibts bei der Zauberei
    Man lachte und sprach nicht weiter von der Sache
Rinaldo ging in den Garten wo man in einem Pavillon desselben speisen wollte 
Er drehte sich um eine Hecke aus der Jordano hervortrat
    »Hauptmann«  redete er ihn an  »Ich lag hier und hörte hier den Herrn
des Schlosses mit seinem Haushofmeister sprechen
    Er sendet soeben einen reitenden Boten nach Perona und bittet dass morgen
früh ein Kommando Dragoner bei ihm einrücken möchte Dies befahl er dem
Haushofmeister an den Obristen dort zu schreiben  Das könnte wohl dir gelten«
    »Ich wurde angefallen«
    »Ich weiß die dumme Geschichte Sie kann dich verraten  Lieber hätte man
dir da die Sache einmal so weit war die Börse abnehmen sollen«
    »Ich wollte sie eben ziehen und das schnelle Wie war mir entflohen«
    »Der reitende Bote kommt nicht nach Perona dafür ist gesorgt  Es warten
ihrer viere auf ihn alle auf verschiedenen Plätzen Das habe ich schon besorgt
aber «
    »Es sei dennoch nicht zu trauen meinst du«
    »Willst du es wagen«
    »Fort muss ich«
    »Das ist auch meine Meinung«
    »Aber ich möchte doch auch der edlen Versammlung «
    »Ein kleines Schreckchen einjagen«
    »Nicht so ganz aber dennoch «
    »Halb«
    »Noch weiß ich selbst nicht recht was ich tun werde  Halte du dich mit
deinen Leuten bereit Gebe ich das gewöhnliche Signal so kommt ihr herbei 
Wir speisen dort in jenem Pavillon«
 
                                    Fußnoten
1 Novena de sa gloriosa Santa Arega Sarda Martirisada in deximu mannu Kasteddu
1771 Dieses führen die Sardischen Räuber bei sich Die eben angeführte Stanze
aus der Hymne an die Heilige gibt zugleich einen kleinen Begriff von der
Sardischen Sprache
2 Verliebter Sarden und Sardinnen Gebräuche auf dem Lande
3 Das Schlafen in Betten ist bei den Sarden nur ein Vorrecht verheirateter
Personen Die Junggesellen schlafen auf dem Boden höchstens auf Stroh und
Schilfmatten
 
                                Sechzehntes Buch
 Nicht Trompetenruf allein zum Streite
 Auch zur Tafel ruft ihr Feierton
 Ja der Freude höheres Geleite
 Rief dich in so manchen Tönen schon
Rinaldo ging auf den Pavillon zu Unweit davon bei der Fontana stand Oriane
und band Blumen in einen Strauss zusammen Sie fragte
    »Habt Ihr auch Blumen gesammelt  Wenigstens für mich hättet Ihr es tun
können denn ich habe mich empfindlich an einem Dorn geritzt Doch wollte ich
alles verschmerzen wenn ich nur wüsste wie ich mit Euch daran wär Denn seid
Ihr ein Zauberer so fürchte ich Euch und seid Ihr keiner so  fürchte ich
Euch auch«
    »Die Schönheit«  antwortete Rinaldo  »hat wie Ihr erfahren habt
überall nichts zu fürchten nicht einmal das was andere von ihr zu fürchten
haben«
    »Fürchtet Ihr mich«
    »Seid Ihr grausam«
    »Zuweilen«
    »So seid Ihr auch zu fürchten«
    »Jetzt will ich einmal nicht grausam ich will sogar was ich nur höchst
selten bin freigebig sein  Ich schenke Euch diesen Strauss in welchem eine
Rose glänzt die mit meinem Blute gefärbt ist wenn Ihr mir das Kunststück
dagegen mitteilen wollt mit einem Wie Börsen zu sichern«
    »Ihr besitzt es schon auch ohne ein Wie«
    »Ihr weicht aus  Vertraut Euch mir lieber Ich spiele gar zu gern die
Vertraute«
    »Was ich Euch vertrauen könnte« 
    »Ist es von Wichtigkeit«
    »Mein Herz sagt Ja«
    »Das Herz bleibt diesmal ganz aus dem Spiele«
    »Das meinige nicht«
    »Sicher aber das meinige«
    »So habe ich Euch auch nichts zu vertrauen«
    »Wir sind einander fremd sehen uns wenn Ihr abreiset vielleicht nie
wieder und noch dazu «
    »Ihr brecht ab«
    »Hört Ihr Die Trompete ruft zur Tafel«
    »Ach wohin riefen mich nicht schon Trompeten«
    »Auch ins Gefecht«
    »Nur allzuoft«
    »Ihr seid Soldat«
    Der Marquis trat herbei Man ging zur Tafel  Rinaldo vergaß sich war
zerstreut sah gedankenvoll oft vor sich hin und ward scharf beobachtet  Die
Tante schlug vor Geschichtchen zu erzählen Man loste Schon hatten Oriane und
der Marquis erzählt als die Reihe an die Tante kam  Diese begann
    »Ich will Euch ein Geschichtchen erzählen das mir mein Bruder erzählt hat
Aber erschrecken dürft ihr Mädchen nicht«
    ORIANE Es ist gewiss eine Gespenstergeschichte
    TANTE Nein
    ORIANE Oder ein Geschichtchen von einem alten Spukschlosse
    TANTE Auch nicht  Der Held meiner Erzählung ist der Räuberhauptmann
Rinaldini
    ORIANE Rinaldini
    TANTE Es ist ein spasshaftes Histörchen
    ORIANE So lasst es hören
    TANTE Rinaldini saß einst ohne dass man ihn kannte an einer Tafel 
    RINALDO Mit vier Damen in einem Pavillon Nicht wahr  O ich kenne das
Geschichtchen und weiß es auch zu erzählen
    TANTE Erzählt nur ein wenig weiter und ich will Euch gleich sagen ob Euer
Geschichtchen auch das meinige ist
    RINALDO Waren denn vier Damen an Eurer Tafel an der Rinaldini saß
    TANTE Die Anzahl weiß ich nicht Es war eine Gesellschaftstafel
    RINALDO In einem Pavillon
    TANTE Auch den Ort weiß ich nicht Man kannte ihn wie gesagt nicht und
sprach Verschiedenes von ihm Man lobte man schalt ihn Besonders aber
zeichnete sich ein Abbate aus der ihn mit Schimpfhamen aller Art belegte
Rinaldini ergrimmte und fragte den Abbate ob er es wohl wagen würde diese
Schimpfnamen dem Geschimpften ins Gesicht zu sagen »O ja«  erwiderte dieser
 »Wenn ich den Schuft nur einmal zu sehen bekommen könnte«  Hier steht er vor
Euch sagte Rinaldini indem er aufstand  Der Abbate erblasste sank vor ihm
auf die Knie nieder und bat demütig um Verzeihung  Lachend setzte sich
Rinaldini wieder nieder und sagte »Herr Abbate gut schimpfen könnt Ihr wohl
aber Ihr seid der Held nicht für den Ihr Euch ausgebt Ihr sankt sogleich zu
Boden als ich im Scherz mich Rinaldini nannte und ich sehe doch gewiss nichts
weniger als diesem furchtbaren Manne gleich Was würdet Ihr nicht erst getan
haben hätte sich Rinaldini Euch wirklich selbst gezeigt«  Die ganze
Gesellschaft lachte laut auf und der Abbate schlich sich beschämt davon Man
tadelte nun des Abbate Furchtsamkeit und alle machten sich über ihn lustig
Endlich erhob sich Rinaldini wieder und sagte »Meine Herren lacht nicht so
sehr Den Abbate neckte ich Euch aber sage ich die Wahrheit Rinaldini hat
wirklich mit Euch gegessen«  Er küsste als er das sagte seiner Nachbarin die
Hand die in Ohnmacht sank und verließ indem man teils dieser Dame zu Hilfe
sprang teils blass und zitternd unbeweglich saß schnell den Speisesaal
    MARQUIS Das Geschichtchen ist allerliebst Wie gefällt es
    ORIANE Dennoch wäre ich sicher ebenso wie jene Dame in Ohnmacht gesunken
hätten seine Lippen meine Hand berührt
    RINALDO Er hatte vielleicht sich gar in die Dame verliebt
    ORIANE Eine schöne Ehre  Ich würde meine Hand zwanzig Jahre lang gewaschen
und gerieben haben hätte sie das Unglück gehabt von einem Räuber geküsst zu
werden
    TANTE Man schildert ihn als einen schönen Mann
    ORIANE Wie kann ein Räuberhauptmann schön sein  Doch nun Euer
Geschichtchen Herr Graf  Ich weiß nicht wie es kommt dass man so gern
zuhört wenn etwas von dem bösen Kerl Rinaldini erzählt wird
    TANTE Er gefällt interessiert  Nun das Geschichtchen
    RINALDO Rinaldini  erzählte man mir in Neapel  war einst in einer
Kirche ich glaube in Messina oder wo es sonst war Genug in einer Kirche war
er Er kniete hinter einer schwarz verschleierten Dame die sehr emsig betete
die vergaß dass sie nicht allein war und in ihrer Andacht laut wurde Rinaldini
hörte dass sie den Himmel bat auf einer bevorstehenden Reise ihr Sicherheit und
Schutz zu geben auch gegen Rinaldinis Bande die damals der Schrecken aller
Reisenden war Er lispelte ihr ins Ohr »Ihr könnt das näher haben«  Sie
drehte sich herum er drückte ihr eine seiner Sicherheitskarten die er
gewöhnlich Reisenden gab die von seinen Leuten nicht beraubt werden sollten in
die Hand stand auf und verließ die Kirche
    TANTE Abermals ein Galanteriestück
    ORIANE Das ist aber nicht die Geschichte die Ihr vorhin erzählen wolltet
    RINALDO Sie ist nicht halb so spaßhaft und artig als die beiden die Ihr
schon gehört habt
    ORIANE Wenn auch das nicht so ist sie doch von dem Manne von dem man gern
erzählen hört
    RINALDO Bei dem Nachtisch will ich sie erzählen
    Die Nichten erzählten nun und der Marquis gab auch noch eine Geschichte
preis die sehr hübsch war  Nun aber legte Oriane einen Finger ihrer Rechten
auf Rinaldos Hand und bat ihn sein Versprechen zu erfüllen Er sah sie an
ergriff einen Becher nickte ihr eine Gesundheit zu und trank Sie erwiderte
seine Höflichkeit Er begann
    »Unter vier Damen saß einst in einem Pavillon an einer Tafel Rinaldini
Sie wussten nicht dass er es war und unterhielten sich mit ihm wie mit einem
Manne ihres Standes Er war galant und artig nur zuweilen sehr zerstreut
welches man auf die Nähe seiner reizenden Nachbarin schrieb in deren Augen er
wirklich gern den schönsten Erdenhimmel sah«  Man sprach man unterhielt sich
von ihm Er selbst tat das »Er ist ein Räuber«  sagte seine schöne Nachbarin
»Dies leugnet er nicht«  rief Rinaldini aus und raubte schnell ihr einen Kuss
    Er sagte dies und küsste Orianen Sie bog sich rasch zurück und schrie
entrüstet
    »Keinen solchen Spaß«
    »Ernst ist es«  sagte Rinaldo
    »Ernst«  schrie die Tante
    »Ernst«  fragte aufspringend der Marquis
    Ruhig blieb Rinaldo winkte ihnen zu sich zu setzen und sagte ganz
gelassen
    »Ich bin Rinaldini«
    Wie Bildsäulen saßen alle vor ihm so standen auch die Diener zu denen sich
Rinaldo wendete und sie lächelnd fragte
    »Greift ihr mich nicht«
    Erschrocken traten diese einige Schritte zurück Rinaldo warf sich vor
Oriane nieder
    »Verzeiht«  sagte er  »Euer Bild im Herzen Euren Kuss auf meinen Lippen
wandere ich in meine Einsamkeit zurück Dort lächelt keine Oriane mir dort
finde ich nur die Verzweiflung die dieses unglücklichen Herzens Braut sich
nennt«
    Er sprang auf und sagte zu dem Marquis
    »Ich weiß es und erkenne dankbar dass ich Eurer Gastfreundschaft verbunden
bin Erwidern kann ich sie nicht In meine Höhlen kommt kein Gast Dort bin ich
stets allein bewacht von Unruh Furcht und Sorgen Doch bitte ich Euch als ein
kleines Andenken mein Ross zu behalten und Euch meiner zuweilen zu erinnern«
    Noch wurde kein Wort gesprochen das nicht Rinaldo sprach Er ging zur Tür
und rief mit Ausdruck und Gefühl ein Lebewohl ihnen zu  Da sprang der
Marquis auf und sagte »Ich kann Euch nicht von hier lassen«
    »Nicht« fragte Rinaldo indem er wieder zurückkam
    »Wenigstens  nicht ohne Bedeckung«
    »Für diese ist gesorgt«
    Er gab sein Zeichen Jordano trat mit zehn Bewaffneten herbei  Der Marquis
sank auf seinen Stuhl zurück die Diener drängten sich zusammen Oriane drückte
beide Hände vor die Augen und jammerte laut die Nichten weinten die Tante
zitterte Rinaldo rief
    »Oriane Lebe wohl«
    So verließ er mit seinen Leuten den Garten
Oriane hielt Rechnung mit sich selbst  »Es hätte dir möglich sein können
diesen Mann zu lieben  Aber wusste ich denn wer er war  Da du es aber nun
weißt  Wie und du könntest dennoch   Schweige  Wohin willst du ihm
folgen Willst du ihn sehen in seinen Räuberhöhlen wo er als Regent unter
Banditen tront  Nein Auch nicht einmal dürfen deine Gedanken ihn dorthin
begleiten  Aber du trittst wieder zurück in deine Zirkel man nennt seinen
Namen du errötest man sagt dir wohl gar Auch dich hat er geküsst 
Unbesonnener was hast du getan Wie sehr hast du mich und dieses Herz
beleidigt«
    Rinaldo fühlte das Unbesonnene seiner Handlung selbst sehr lebhaft Er
schrieb an Orianen bat um Verzeihung und versicherte seine tiefste Reue Dieser
Brief blieb wie man leicht denken kann unbeantwortet
    Die Damen verließen nach einigen Tagen das Schloss des Marquis Er selbst
ging mit ihnen in die Stadt  Oriane besuchte eine Anverwandte die Äbtissin
des KlarenKlosters unweit Sesto war
    Dort durchstreifte sie ihren Gedanken hingegeben in der Einsamkeit die
herrlichen Fluren und reizenden Auen die das Kloster umzogen prangend mit
Schönheit und Reichtum des fruchtbringenden Herbstes
    Ein Pilger grüßte sie freundlich redete sie an und fuhr begeistert fort
    »O welch ein schönes Land welch frisches liebliches Grün erquickt das
Auge welch ein Zauber umschwebt diese Fluren Die schönen himmelanstrebenden
Bäume wie so brüderlich vereinigen sie ihre Äste So verschlingen sich Arme der
Liebenden so umarmt trotzen sie jedem Sturme  Jeden Baum umschlingen Reben
so dicht und innig wie der Liebende die Geliebte umschlingt In den Wipfeln der
Bäume glänzen die schönsten vollsten Trauben Sie schenken uns den Nektar der
uns labt und erquickt Sieh über dich freundliches Mädchen Wie unter einem
Tronhimmel stehst du hier und über dir glänzen in gelben purpurnen blauen
und rosenroten Farben gleich Gesteinen die herrlichen Trauben Hell und sanft
schleicht dahin der Fluss Ruhig spiegelt der bekränzende Wald sich in seinen
Silberwellen«
    ORIANE Du schwärmst umher in einer Dichterwelt
    PILGER Nur dichterisch in wirklichen Gefilden des Paradieses in welchem
ein Engel wandelt Ach Oriane 
    ORIANE Du nennst meinen Namen Kennst du mich
    PILGER Dieses Gesicht ist nicht mein wirkliches Gesicht es gehört der
Kunst Wenn ich mich dir zeige wie du mich schon sahst wirst du mich
wiedererkennen aber  dennoch mich fliehen
    ORIANE Was sagt mir mein ahnendes Herz
    PILGER Es sage dir was deine Augen dir sagen
    Er nahm die Larve vom Gesicht Laut auf schrie Oriane bedeckte mit den
Händen ihr Gesicht und konnte nicht entfliehen Rinaldo stand vor ihr
    ORIANE Was suchst du hier
    RINALDO Dich hier zu finden und ich habe dich gefunden
    ORIANE Du wusstest wo ich war
    RINALDO Ich weiß was in der ganzen Gegend hierherum geschieht Ich wollte
dich noch einmal sehen und sprechen ehe du den Schleier nimmst
    ORIANE Noch war ich dazu nicht entschlossen jetzt bin ich es wenn du mich
den Klostermauern überlassen willst
    RINALDO Was sagst du
    ORIANE Furchtbarer Bin ich nicht in deiner Gewalt
    RINALDO So nahm ichs nicht   Du in meiner Gewalt O nein Die Rollen
sind gewechselt Du befiehlst und ich gehorche
    ORIANE Verlass mich
    RINALDO So grausam kannst du sein
    ORIANE Darüber willst du klagen  Was hoffest du denn Was darfst du
hoffen Vergisst die Welt was du vergessen hast Schnell aus dem Busche trat
zwischen beide ein zweiter Pilger verlarvt und hochgegürtet Er ergriff
Rinaldos Hand erhob die andere drohend und sagte
    »Hüte dich«
    Rinaldo zog den Dolch Oriane floh laut aufschreiend dem Kloster zu Der
Pilger fuhr fort
    »Den Dolch steck ein«
    »Ich soll «
    »Mir droht kein Dolch«
    »Ich soll sie kennen «
    »Das Mädchen«
    »Deine Stimme«
    »Das glaube ich selbst«
    »Wer bist du«
    »Du bist doch hierherum zu Hause«
    »Nicht fern von hier«
    »In deiner Wohnung siehst du mich ohne diese Larve  Fort fort Hier ist
kein Zögern ratsam«
    Rinaldo verlarvte sich Schweigend ging der Pilger mit ihm Jener tat
verschiedene Fragen die dieser nur ganz kurz beantwortete  Sie kamen an die
Schlucht die zu dem Felsengange führte der wie wir wissen hinauf zu der
verfallenen Burg ging die Rinaldo bewohnte Er fragte
    »Kannst du ohne Furcht durch Schluchten mir und Felsengänge folgen«
    »Ich folge dir«  war die Antwort
    Er folgte  Sie erreichten die Ruinen Rinaldo stand still und sagte »Ehe
ich dich in meine Wohnung führe verlange ich von dir genannt zu sein damit ich
höre dass du mich wirklich kennst«
    »Ich will dich Ritter de la Cintra nennen«  war die Antwort
    »Jetzt nenne mich bei meinem wahren Namen«
    »Ich weiß dass du Rinaldini bist«
    »Am Tone deiner Stimme höre ich dass du Astolfo bist«
    »Der bin ich nicht«
    »So ist es Olimpia die sich in diese Kutte steckte«
    »Auch diese bin ich nicht«
    »Du bist Olimpia Ich kann mich gar nicht irren«
    »Du irrst dich Olimpia bin ich nicht  Führe mich nur auf dein Zimmer 
wenn es in diesen Ruinen Zimmer gibt  dort siehst du mein Gesicht«
    Rinaldo ging voran hinauf die alte Wendeltreppe Der Pilger folgte ihm Sie
traten in Rinaldos Gemach
    »Hier sieht es ja ganz artig aus«  sagte der Pilger
    Rinaldo legte Larve und Kutte ab Der Pilger hob die Finger und zeigte ihm
geläufig der korsischen Partei gewählte Murra1 indem er fragte
    »Kannst du noch nichts erraten«
    »Ich sehe nur«  antwortete Rinaldo  »dass du zu der unglücklichen
korsischen Partei gehörst«
    »Und weiter nichts«
    »Nichts weiter«
    »Hast du denn gar keine Ahnungen keine Vermutungen«
    »Entlarve dich wie du versprachst«
    »Du willst aber auch gar nichts tun etwas durch Raten zu erfahren So sieh
denn mein Gesicht«
    Der Pilger nahm die Larve ab Rinaldo sah den Gast betroffen an der vor ihm
stand und langsam drängte sich der verwunderungsvolle fragende Ausruf über
seine Lippen
    »Du bist es«
Es war Fiametta die vor ihm stand  Lächelnd fragte sie »Nun kennst du mich
doch  Aber siehst du mich auch gern bei dir«
    »Du dich bei mir«  fragte er zurück
    »Ich bin doch wohl hier in Sicherheit«
    »So sicher wie ich selbst«
    »Du bist es«
    »Ich glaube es zu sein  Doch nun erzähle mir was du mir zu erzählen hast
ohne meine Fragen zu erwarten«
    »Nun dann ganz kurz  Wir wurden überfallen wenn man das einen Überfall
nennen kann unvermutet arretiert zu werden Auf Ansuchen des französischen
Gesandten geschah alles Der Prinz Nicanor war nicht bei uns Ich war so
glücklich zu entkommen ehe wir noch nach Kagliari abgeführt wurden Ich kannte
einen geheimen Ausgang aus der Villa Durch diesen entkam ich  In Sorini ging
ich als Haushälterin bei einem Landpfarrer in Dienst wo mich die Gräfin Loriona
sah die mich zu ihrer Gesellschafterin erkor  Sie war Witwe lebte einsam auf
dem Lande und ich zufrieden bei ihr  Auf einmal durchflog der Ruf die Insel
Rinaldini steht an der Spitze einer «
    »Räuberbande«  fiel dieser ein
    » Gesellschaft entschlossener Männer«  fuhr Fiametta fort  »Dieses
Gerücht drang auch in unsren ländlichen Winkel Die Gräfin war Tag und Nacht in
Unruhe Stündlich befürchtete sie ausgeplündert wohl gar ermordet zu werden
Sie jammerte und betete und war in einer Angst die sich nicht schildern lässt«
    »Wie weit habe ich es gebracht Alten Weibern sogar presst mein Name
Angstschweiß aus und ermuntert zum Gebet«
    »Ich fürchtete mich nicht  Kommt er dachte ich so heissest du ihn
willkommen und gibst ihm was du hast wenn er es verlangt wo nicht so kannst
du es auch behalten«
    »Wie entschlossen«
    »Bei dir muss man es sein  So aber wie ich dachte meine Gräfin nicht sie
grämte sich und härmte sich aufs Krankenlager Hier lag sie lange und Rinaldini
kam nicht wie ich es wünschte«
    »Ei wenn er das gewusst hätte«
    »Über diesen Wünschen und Erwartungen starb die Gräfin und ich war so
verwegen den aufzusuchen der nicht kommen wollte Dies ist gelungen«
    »Und nun siehst du dich umfangen mit den Höhlen des Unglücks«
    »Wer weiß in welchem Kerker ich jetzt säss wär ich nicht entkommen Hier
finde ich doch wenigstens einen freundlichen Kerkermeister nicht wahr«
    »Wie aber wenn man dich nun in einer Gesellschaft findet mit der man gar
nicht lange prozessiert«
    »Mit der korsischen Gesellschaft wird man sich auch nicht in
Weitläufigkeiten einlassen Hat man besonders gewisse Papiere gefunden so sitzt
kein Kopf zu fest er fällt Vielleicht hat man unsere Freunde schon nach
Korsika abgeführt vielleicht bestiegen sie schon längst in Bastia das
Blutgerüst denn die Franzosen sehen nur gar zu gern Blut  Ob ich unter den
Sarden oder unter den Augen misshandelter Patrioten sterbe das ist gleichviel
Wenigstens spannt man in Kagliari mich gewiss nicht auf die Folter wie es unsere
Unterjocher in Bastia und S Fiorenza getan haben«
    Rinaldo ergriff rasch ihre Hand und sagte
    »Du bleibst bei mir«
    Sie fiel ihm um den Hals und rief »Ich bleibe bei dir«
Die Glocke an der Zugbrücke ertönte Rinaldo bat Fiametten in ein Nebengemach zu
treten und ließ die Brücke fallen  Jordano kam Er verlangte Befehle und das
Losungswort Ihm folgten Sanardo und Filippo
    Nebenan war Fiametta eine aufmerksame Zuhörerin des Gesprächs
    RINALDO Nun Sanardo bis du wieder aus den Bergen zurück
    SANARDO Hauptmann es sind treffliche Berge sie tragen Wein und Öl
    RINALDO Und auch wohl Früchte unseres wilden Gewächses
    SANARDO Ich habe nichts davon bemerkt Einige verwachsene Sprösslinge möchte
es wohl dort geben Früchte tragen sie aber gewiss nicht
    RINALDO Wir könnten also dort Pflanzungen anlegen
    SANARDO Treffliche sobald wir hier etwa delogiert werden sollten denn man
spricht verteufelt laut über uns und mit einer Lizenz die mir gar nicht behagen
will
    RINALDO Wer könnte es aber auch uns recht machen
    JORDANO Die es am wenigsten wollen Sie tun uns in den Bann und kriechen in
ihre Löcher Ihr Wein hat keine Eskorte und ihre Kirchen haben Fenster
    SANARDO Es heißt der Stattalter wolle uns zeigen wer er wär
    RINALDO Will er das
    SANARDO Dein Name rouliert im Lande wie Scheidemünze Man fürchtet dich und
dennoch wünscht jeder dich zu sehen
    RINALDO Ja ja  Welch ein Schauspiel voll Wonne für Kagliari mich auf der
Bühne zu sehen wo das Hochnotpeinliche den Knoten zerhaut Wie würde der
Schmied jubilieren der die Ketten zu fabrizieren hätte mit denen man mich an
den dreibeinigen Ehrenbogen mit einem Pendens cum latronibus heften würde Die
Inschrift über meinem Scheitel würde gewiss herzbrechend zu lesen sein
    JORDANO Ein Hic jacet könnte sie doch nicht haben
    FILIPPO An eine Fossa Uma et Ossa würde auch nicht zu denken sein
    JORDANO Leichensteine wirft man uns allen nicht auf den Leib
    FILIPPO Aber zu Leichen können uns wohl Steine machen
    RINALDO Mein Wunsch ist im Gefecht zu sterben
    FILIPPO Dann aber dürfen sie deinen Körper nicht finden sonst wirst du
dennoch zur Ausstellung gebracht
    SANARDO Ich habe sechs Galeerensklaven angeworben Kerle wie Riesen die
sich durchgebrochen hatten Sie waren sehr froh als ich ihnen unsere Höhlen
zeigte Sie nannten sie Paläste der Freiheit und benetzten die H Arega mit
Tränen Hauptmann wenn solche Kerle weinen da muss ihnen das Wasser bis an die
Kehle gehen
    FILIPPO Auf den Galeeren oft weit genug hinan
    SANARDO Diese fechten sicher für Herd und Höhle wie der Teufel für Pfuhl
und Stuhl und Hölle
    RINALDO Sie sollen uns ihre Kunst zeigen
    SANARDO Dazu kann es bald kommen In Kagliari gießt man schon Pillen zu
einem A is animas2 für uns Die Helden in den Wachttürmen drehen die
Pillenschachteln und der Erzbischof von Sassari hat seine HausArtillerie dem
Gouverneur gratis offeriert vermutlich um  die königlichen Kanonen zu
schonen deren Donner wir nicht wert sind
    FILIPPO Oder weil der geistliche Herr auch einmal donnern will
    RINALDO Da siehts schlimm aus
    JORDANO Das Gewitter zieht sich zusammen
    RINALDO Sorgt für Proviant und Munition und schärft eure Klingen
    SANARDO Außer den Galeerenhelden habe ich auch noch einen Herkules mit mir
hierher genommen Er ist vom Handwerk  Heda Kamerad tritt ein
    LODOVICO Mein Hauptmann
    RINALDO Lodovico
    LODOVICO Da hast du mich wieder wie ich gewachsen bin
    RINALDO Wie ist es dir ergangen
    LODOVICO Miserabel  Nach der entdeckten Münzaffäre dachte ich mich zu
Cintio zu schleichen aber  fort war er Ist er nicht entkommen so ist er
jetzt sicher dem Himmel näher als wir Die Soldaten haben seiner ganzen
Gesellschaft das Handwerk auf eine verteufelte Manier gelegt Nero hängt bei
Rizini in einer herrlichen Weingegend Ich sah ihn Das war für mich ein
trauriges Memento mori  Ein Schleichhändler nahm sich meiner an Mit einer
seiner Kornbarken kam ich nach Sardegna Hier hörte ich deinen Namen nennen Ha
dachte ich hat der Hauptmann die Fehdehandschuhe wieder angezogen so kann er
dich auch brauchen Ich quittierte meinen Dienst kroch in die Berge und suchte
dich auf Da stieß ich auf einen deiner Leute Männer vom Metier erkennen
einander sogleich und siehe da  ich bin nun bei dir
    RINALDO Wenn du anderswo nicht besser sein kannst so ist es mir lieb dass
du bei mir bist  Geht Kameraden macht euch lustig Bald bin ich bei euch im
Tale
»Du hast gehört«  sagte Rinaldo zu Fiametten als die andern fort waren 
»was wir zu hoffen haben Bleibst du bei mir so fällt dein Los mit dem
meinigen Wie es auch fallen mag glücklich fällt es gewiss nicht«
    »Was habe ich zu hoffen«  fragte Fiametta warf die Pilgerkutte ab und
setzte entschlossen hinzu »Ich gehe nicht mehr von hier«
    Rinaldo ließ sie in seiner Burg zurück und ging ins Tal zu seinen Leuten
Die Rekruten legten ihren Eid ab und das Korps exerzierte  Darauf visitierte
Rinaldo die Höhlen und befahl einen Weg der nach dem Tale führte unzugänglich
zu machen
    Einer von den ehemaligen Galeerensklaven präsentierte dem Hauptmann Proben
seiner Kunst in Verfertigung falscher Pässe und Siegel die ihn auf die Galeere
gebracht hatten Er hatte es darinnen so weit gebracht dass seine
Geschicklichkeit mit Vergnügen angesehen wurde Rinaldo beschäftigte ihn
sogleich mit Verfertigung einiger Pässe die er ihm angab
    Es wurden Streifpartien ausgeschickt Der Hauptmann schärfte allen
Behutsamkeit und Schonung der Armen ein  Seine Vorposten stellte er weiter vor
gegen das flache Land zu Den Hauptposten gegen Marmilla zu vertraute er Jordano
an Filippo stand unweit Baronia und gegen Mani zu lag Sanardo  Die Weinlese
war ergiebig Früchte wurden in großer Menge eingebracht
Der Winter war durchlebt schon schmolz der Schnee auf den Bergen und Lenz und
Lerchen kamen wieder  Rinaldo gebot jetzt 160 Köpfen und dehnte sich in den
Bergen bis gegen Kapra aus  Die Bewohner von Oristagni wurden verlegen man
plünderte vor ihren Mauern
    Sanardo war so kühn der Stadt selbst eine Brandschatzung von 4000 Stück
Dukaten anzufordern und drohte würde man diese Summe nicht binnen
vierundzwanzig Stunden bezahlen mit Brand  Der Bischof schrieb um Hilfe die
Bürger bewaffneten sich Sanardo wiederholte seine Forderung man trat in
Unterhandlung Es wurden 2000 Stück Dukaten bewilligt doch verlangte man
darüber eine von Rinaldini unterzeichnete Quittung Ganz lakonisch schrieb
dieser der Stadt
    »Soll Rinaldini selbst quittieren so zahlt ihr viel zu wenig Nur Sanardo
wird über 2000 Stück Dukaten quittieren«
    Diese kecke Antwort brachte die Bewohner von Oristagni auf sie ergriffen
die Waffen unterstützt von einigen Soldaten und gingen auf Kapra los 
Sanardo zog sich gegen Marmilla und vereinigte sich mit Jordano Lodovico stieß
zu ihnen Hundert Mann standen gegen dreihundert Bürger und Soldaten Der
Bischof segnete im Tale vor der Stadt die Seinigen ein und gab ihnen eine
geweihte Fahne So versehen rückten sie an Die Räuber hatten sich verschanzt
und erwarteten einen Angriff Rinaldo eilte ihnen zu kam an und führte sie
sogleich ins blache Feld Man gab das Signal zum Angriff Rinaldo blickte über
sich und seufzte
    »Jetzt lass mich enden«
    Das Gefecht begann und wurde hitzig Die Oristagner wichen Ein Trupp
Kavallerie sprengte herbei Filippo wurde zurückgetrieben Die Oristagner
sammelten sich rückten vor Sanardos Leute wichen umsonst bemühte er sich sie
zu sammeln sie zerstreuten sich und flohen Viele fielen
    Hartnäckig focht Rinaldo überallhin bahnte seine Klinge sich den Weg Wie
Löwen kämpften neben ihm seine Leute Viele fielen viele wurden verwundet
Rinaldo wich nicht  Ein Musketenschuss verwundete ihn die Klinge entfiel der
Hand blutend lag er mitten unter den Feinden Lodovico brach ein Ihm folgten
Sanardo Filippo und andere Entschlossene ihren Hauptmann zu retten Mit Wut
wurde um den Verwundeten gefochten Sie wollten ihn retten oder sterben
    Das Gefecht war mörderisch Hageldicht stürzten Streiche ein Kugelregen
umsauste die Kämpfenden Jene wollten behaupten was diese ihnen zu entreißen
suchten
    Endlich wichen die Oristagner Lodovico ergriff mit Jordanos Beistand den
Blutenden und nun flohen alle tief in die Berge in ihre Schlupfwinkel hinein
wohin die Oristagner sie nicht verfolgen mochten  Vierzig Mann von Rinaldinis
Leuten blieben auf dem Wahlplatz einige wurden gefangen nach Oristagni geführt
viele waren verwundet Aber auch die Oristagner beklagten sechzig Tote und mit
Wunden kehrten die meisten zurück
    Rinaldo wurde auf seine Burg gebracht wo Fiametta den Verwundeten mit
vieler Sorgfalt und Liebe wartete und pflegte Er seufzte
    »Warum konnte ich meines Wunsches nicht froh werden Warum blieb ich nicht
auf dem Wahlplatz«
    »Um unsere Scharte uns wieder auswetzen zu helfen«  sagte Sanardo
    »Um noch länger unser Hauptmann zu bleiben«  setzte Filippo hinzu
Das Gefecht bei Oristagni machte was man leicht denken kann in Kagliari
Aufsehen Zum Glück für die Geschlagenen die jetzt ganz ruhig in ihren Winkeln
sich verhielten hatten sie es mit dem grosssprecherischsten Stamm aller
Sardenstämme zu tun gehabt sonst würde ihr Untergang entschieden gewesen sein
Denn als der Gouverneur ernstliche Anstalten gegen die Räuber traf erhielt er
von den Bürgern aus Oristagni die Nachricht
    »Wir haben die Räuber geschlagen Es ist beinahe keiner dem scharftreffenden
Schwerte entflohen der da sagen könnte Die Bewohner von Oristagni haben uns
geschlagen Wir melden es dir daher Die Räuber sind vernichtet und Rinaldini
selbst ist in unserer Gewalt Respekt und Gruß«
    Die Oristagner wollten nun einmal den berühmten Räuberhauptmann in ihrer
Gewalt haben und so gaben sie einem der Gefangenen den Namen Rinaldini Dieser
selbst lächelte und ließ sich Rinaldini nennen Davon zog er Vorteil Jeder lief
zum Gefängnis den verrufenen allbekannten Räuber zu sehen und wer ihn sah
beschenkte ihn Die Damen wetteiferten miteinander dem vermeinten Held des
Tages Wein Kuchen Torten und Früchte zu senden und die Bewohner der
benachbarten Städte und Dörfer strömten herzu den Friedensstörer in Ketten zu
sehen Der Kerl welcher Rinaldinis Rolle spielte die er spielen musste benahm
sich dabei so ziemlich Ganz weislich sprach er nur wenig stellte sich aber
sehr demütig und unterhielt sich gern mit Franziskanern und Kapuzinern von dem
was droben ist
    Die Oristagner waren unentschlossen auf welche ausgezeichnete Art sie dem
Gefangenen sein Recht antun wollten Schwert Rad und Scheiterhaufen wollten
ihnen nicht genügen es sollte etwas ganz Sonderbares sein das dem vermeinten
Rinaldini den Garaus machen sollte Die Richter konnten darüber nicht einig
werden Man wendete sich an den Stattalter in Kagliari Dieser gab ihnen den
Rat den Verbrecher in Ketten aufzuhängen und dann seinen Kopf auf einen Pfahl
zu stecken  Man schob die Vollziehung dieses Urteils auf und fing wieder an zu
deliberieren
    Indessen hatte einer der Gefangenen sich durchgebrochen und war entkommen
Von diesem erfuhren die Räuber was in Oristagni vorging Sanardo hatte die
Verwegenheit in korsischer Tracht als ein Reisender nach Oristagni zu gehen Er
ließ sich in den Kerker führen sprach mit dem vermeinten Rinaldini der ihn gar
wohl erkannte und steckte ihm eine Lanzette zu Dieser wusste sie zu gebrauchen
öffnete sich die Pulsadern und eines Morgens fand man den Ungehängten tot auf
seinem Lager Dahin waren nun alle Erwartungen Ganz still begruben die
Oristagner den über dessen Todesart sie nicht hatten einig werden können Um
aber doch der Nachwelt zu sagen was sie wissen sollte legte man auf Unkosten
und Rechnung der Stadtkasse eine Platte auf sein Grab und bezeichnete sie mit
den Worten
Rinaldini Centurio Latronum
In Domino obdormivit
In tumulo habitat
In pace requiescat Amen
Darüber erhob sich ein großer Lärm Der Stattalter befahl die Platte
hinwegzuschaffen Der Magistrat wollte die Unkosten nicht umsonst gehabt haben
und belegte die steinerne Platte mit einer hölzernen
Rinaldo war hergestellt In den Bergen wurde es nach und nach wieder lebhaft
Man kam zu sich Die alte Wirtschaft begann wieder
    An einem schönen Morgen warf Rinaldo seine Doppelflinte auf die Schulter und
stieg als Jäger gekleidet hinab ins Tal  Bei einem Grenzsteine saß vor dem
nächsten Dorfe ein weinender Greis Mit diesem kam Rinaldo ins Gespräch Er
fragte was ihm fehle Der Greis jammerte »Ach lieber Herr mir fehlt nur
wenig aber ich habe auch das Wenige nicht«
    »Rede«
    »Ich bin ein alter schwacher Mann habe weder Frau noch Kinder und ein
Hüttchen und ein Gärtchen sind mein ganzer Reichtum Zu schwach und kraftlos
etwas verdienen zu können borgte ich von einem reichen Nachbar eine kleine
Summe nach der andern wovon ich spärlich lebte bis mein Hüttchen und mein
Gärtchen aufgezehrt war Ich dachte bis dahin wird der liebe Gott dich wohl zu
sich genommen haben aber er hats nicht getan Ich lebe noch und habe nichts
mehr wovon ich leben könnte Morgen wird mein Hüttchen und mein Gärtchen meinem
Gläubiger gerichtlich übergeben und ich weiß nicht wovon ich mich ernähren
soll Ach ich soll betteln Das kann ich nicht Deshalb weine ich und rufe den
Himmel an mich zu sich zu nehmen«
    »Wieviel bist du deinem Nachbar schuldig«
    »Es sind leider 20 Dukaten  Ich bin ein unglücklicher Mensch Auch der
liebe Gott will mich nicht haben«
    »Er will dir helfen«
    »Mir  Wie  Gott wird für mich kein Wunder tun«
    »Er wird dir helfen«
    »Womit«
    »Hier sind 30 Dukaten bezahle deinen Gläubiger Von dem Übrigen lebe
dankbar gegen Gott Für mich aber bete«
    »Ach Herr seid Ihr ein Engel«
    »Ich bin ein unglückseliger Mensch Hier ist das Geld  Lebe wohl«
    Er gab ihm die Börse und eilte davon
Einige hundert Schritte weiterhin fand er ein Bauernmädchen schlafend auf ihrem
Graskorbe liegen Er nahm den Blumenstrauß von ihrem Busen und legte ein
Goldstück auf den beraubten Platz Sie erwachte fuhr auf und schrie
    »Mein Strauss Mein Strauss«
    »Ich habe ihn bezahlt«  sagte Rinaldo auf das Goldstück zeigend das von
seinem hohen Platze herab auf die Erde gefallen war
    »Den Strauss bezahlt man mir nicht Ich habe ihn geschenkt bekommen und
verkaufe ihn nicht«
    »Wenns so ist  Hier ist dein Strauss«
    Er gab ihr den Strauss hob das Goldstück auf und steckte es zu sich Das
Mädchen sah ihn an und sagte
    »Wenn der Herr es mir recht hätte machen wollen so musste er mir den Strauss
wiedergeben und dennoch das Goldstück auch lassen«
    »Ich gebe nichts umsonst«
    »Ich aber nehme es  Diesen Strauss kann ich nicht verkaufen aber einen
Strauss den ich selbst binde den kann ich dem Herrn geben  Wollt ihr den«
    »Zu einem solchen Geschenk gehört auch noch ein Kuss«
    »Verschenkt wird nichts Aber bezahlt ihn der Herr so kann er auch den Kuss
bekommen«
    »Küsse bezahle ich nicht«
    »So habe ich auch keine wegzugeben«
    »Küsse bekommt man allenthalben umsonst«
    »Bei mir nicht Entweder ich nehme andere dafür oder Geld«
    »So werden wir des Handels nicht einig«
    »Wer ist denn der Herr«
    »Das siehst du mir nicht an«
    »Er sieht so aus  wie ein Jäger Aber die Herren Edelleute tragen zuweilen
auch solche Kleider wenn sie mit uns Bauernmädchen ihren Scherz treiben wollen
dabei kommt aber nichts Gutes heraus  Hebe Er mir den Korb auf den Rücken
wenn Er so gut sein will«
    »Herzlich gern«
    Das geschah das Mädchen ging nach dem Dorfe zu Rinaldo ging mit ihr  Sie
sprachen mancherlei und das Mädchen erzählte ihm morgen sei bei ihrem Dorfe
großer Markt
    »Es ist«  sagte sie  »die Jahresfeier des Namenstages der H Klaudia Auf
der großen langen Wiese auf der ihre Kapelle steht ist Markt Da gibt es
allerlei zu kaufen und da hätte ich Euer Geld recht gut anwenden können«
    »Du sollst mich«  antwortete Rinaldo  »morgen auf dem Markte finden und
wenn du freundlich bist und artig kaufe ich dir etwas«
    »Es wär doch besser wenn ich es selbst kaufen könnte Mein Schatz ist gar
eifersüchtig Ein Fremder darf sich mir nicht nahen das leidet er nicht Das
Goldstück aber hätte ich gefunden gehabt und er wüsste nicht wie ich dazu
gekommen war«
    Es kamen Bauern Rinaldo drückte dem Mädchen die Hand und verließ sie indem
er sagte
    »Ich halte Wort«
    Er ging den Rain hinunter nach einem Wäldchen zu wo er auf eine Eiche stieg
und sanft in ihren dichten Zweigen ruhte
Aus seinem Schlummer weckte ihn ein ziemlich lautes Gespräch Zwei dem
Anscheine nach ziemlich verwegene Kerle saßen unter der Eiche auf welcher sich
ein ungebetener Lauscher befand und instruierten einander sehr laut Man hörte
sie im Doppelgespräch
    »Also  der Marquis hat pränumeriert«
    »Die Hälfte wie ich dir sage Hier ist dein Anteil  Die andere Hälfte
bekommen wir sobald wir ihm den Schatz überliefern«
    »Du musst mir den ganzen Zusammenhang der Affäre kundmachen«
    »Was ist dabei groß kundzumachen Der Marquis liebt das Fräulein und weil
sie nicht auf eine andere Art zu haben ist so lässt er sie entführen  Morgen
ist der KlaudiensMarkt auf der großen Wiese bei Lienzo Dahin kommt gewöhnlich
der ganze benachbarte Adel und dahin kommt auch wie schon ausgekundschaftet
ist das Fräulein mit ihrer Mutter Gegen Abend passiert sie auf dem Rückwege
das Wäldchen und dort wird sie entführt«
    »Wenn ich der Marquis Lomanieri wär ich ließ das Fräulein unentführt«
    »Das will er aber nicht Sie ist schön ihr Vater der alte Baron Moniermi
ist der reichste Edelmann in der ganzen Gegend und  da ist es schon der Mühe
wert ein Fischchen dieser Art zu erangeln«
    »Es wird einen schönen Lärm geben«
    »Was geht das uns an  Für die Folgen haftet der Marquis«
    »Gesetzt aber das Fräulein hat Bedeckung«
    »Die hat sie nicht«
    »Es reitet etwa ein Liebhaber neben ihrem Wagen her  Dergleichen Herren
haben besonders im Angesicht ihrer Liebchen verteufelt viel Kourage«
    Sie sprangen auf und liefen schnell davon  Einige Kohlenbrenner gingen
vorüber und sprachen von den morgenden Vergnügungen auf dem Markte zu Lienzo
    Als sie vorüber waren stieg Rinaldo von der Eiche und schlenderte seinen
Ruinen wieder zu Er hatte mancherlei im Kopfe Besonders schien er etwas darauf
setzen zu wollen das Fräulein zu retten und die Entführung zu vereiteln
    Er ließ Lodovico und Sanardo kommen und sprach mit ihnen über den Markt zu
Lienzo
    SANARDO Den Markt müssen wir allerdings besuchen Aber zu diesem Besuche
dürfen nur die Behutsamsten von uns gewählt werden
    RINALDO Diese magst du selbst wählen
    SANARDO Gut  Die meisten können als Pilger passieren denn deren kommen
eine große Menge nach Lienzo Andere sind Kohlenbrenner Bauern und einige sind
als Zigeuner da Bei diesem Zuge stecken wir auch einige in Weiberkleider die
welche die längsten Finger haben
    RINALDO Du instruierst die Burschen
    SANARDO Gut  Sie sollen ihre Sache schon machen
    RINALDO Ich habe auch etwas vor  Du Lodovico wirst dich immer etwas nahe
zu mir halten
    LODOVICO Soll geschehen
    RINALDO Du wirfst dich in KavaliersKleider was auch ich tun werde Und
weil Fiametta mir täglich anliegt sie doch auch einmal zu einem kleinen Spasse
mitzunehmen so mag sie dich in Pagentracht begleiten
    FIAMETTA Allerliebst
    RINALDO Ihr seid zu Pferde wie ich und beide wohlbewaffnet  Nun wollen
wir einmal sehen wenn etwa Schüsse fallen müssten ob der Page nicht vom Pferde
fällt
    FIAMETTA Keine Sorge Sie wird sitzen und auch schießen
    RINALDO Winke ich dir Sanardo so müssen zehn Mann sich fertig halten
dahin zu gehen wohin ich sie schicke
    SANARDO Diese zehn sollen die Pilger sein
    RINALDO Ordnet an und setzt alles in Bereitschaft damit die Expedition gut
abläuft Jordano und Filippo mögen die Pässe besetzen und wachsam sein damit
wir wissen wo Hilfe steht und dass keine Bönhasen sich in unsere leeren Nester
schleichen können
 
                                    Fußnoten
1 La Murra eine Zeichensprache mit Händen und Fingern
2 Aufruf der Saiden für die armen Seelen im Fegefeuer
 
                                Siebzehntes Buch
 In den Kreis erwünschter Träume
 Tritt die holde Wirklichkeit
 Führt durch blumenvolle Räume
 Zu dem Port der Sicherheit
Aus den benachbarten Städten Flecken und Dörfern von Schlössern und aus Hütten
strömten Menschen herbei auf den Wiesenmarkt von Lienzo Käufer Verkäufer
Pfaffen Pilger Edelleute Damen Bauern Zigeuner und Beutelschneider
wandelten wie auf einem Karneval in buntem Gewühle durcheinander und
nebeneinander Hier wurde gekauft hier wurde gegessen und getrunken dort tönte
die sardische Pfeife hier erklangen Zither und Triangel und tanzlustige Füße
stampften den Boden Hier standen schöne Gezelte und unter denselben webte die
vornehme Welt dort loderten Feuer und dampfende Kessel standen darüber
gefüllt mit mancherlei Speisen leckerhaft und einladend für sardische Gaumen
und Magen Bretterne Baracken und grüne Hütten waren mit Zechenden besetzt In
der Kapelle der heiligen Klaudia gabs Messen geweihte Blumen und Absolutionen
Hier stand ein Wurmdoktor auf einer bretternen Bühne verkaufte Kräuter Salben
und Öle indes sein Lustigmacher die Käufer mit derben Schwänken unterhielt und
die wunderbarsten Kuren seines Herrn auf Unkosten aller Könige in Europa
erzählte Dort hörte man Bänkelsänger schreckliche Balladen herkreischen Nahe
dabei bat sich ein lebendes FranziskanerGeripp etwas zu Seelenmessen aus die
er für noch unerlöste Seelen zu lesen versprach Kurz das bunte Bild der
belebten Welt schwebte auf dieser Wiese im kleinen
    Rinaldos Leute fanden sich zeitig ein und kaum waren sie angekommen als
schon mancher Marktgast seine Börse nicht mehr sah Sanardo hinkte als Bettler
an Krücken einher Er bettelte selbst seinen Hauptmann an der eben in ein
Gezelt treten wollte von dem er Geld erhielt ohne dass er erkannt worden wär
Das erfreute des Gauners Herz
    Rinaldo forderte Wein und kam mit einem jungen Manne ins Gespräch der
Uniform trug und in der vornehmen anwesenden Welt bekannt war Von diesem erfuhr
er die Namen der Edelleute und ihrer Damen Endlich ward ihm auch die Baronin
Moniermi nebst ihrer Tochter gezeigt  Diese waren es ja die er kennenlernen
wollte und nun ließ er sie nicht aus den Augen
    Er ging zwischen einer Reihe von Buden hin als er das Bauernmädchen sah
mit der er Tages vorher gesprochen hatte Er zupfte sie und fragte
    »Habe ich nicht Wort gehalten«
    Liana so hieß das Mädchen sah ihn an musterte ihn vom Kopf bis auf die
Füße und sagte lächelnd
    »Habe ich es doch gleich gesagt dass der Herr kein gemeiner Jäger ist«
    »Es gibt auch vornehme Jäger«
    »O ja  Warum nicht«
    »Ich bin da Wort zu halten und dir etwas zu kaufen Ist dein Schatz in der
Nähe«
    »Nein Der ist unter der Miliz die den Platz bewacht und Ordnung hält
Nachmittag aber wird er abgelöst dann wird er bei mir sein«
    »Wähle dir etwas Was willst du haben«
    »Diese seidenen Tücher gefallen mir«
    »Das beste ist dein Welches möchtest du haben«
    »Dieses«
    Rinaldo kaufte das bezeichnete Tuch und gab es ihr Liana nahm es sah es an
und sagte
    »Das Tuch ist recht schön Aber  wie soll ich nun dazu gekommen sein«
    »Du wirst schon was zu erdenken wissen Du bist ja ein Mädchen«
    »Hinter der Kapelle bedanke ich mich«
    Sie warf das Tuch über und ging davon Rinaldo folgte ihr nach Hinter der
Kapelle stand Liana ergriff seine Hand küsste sie und sagte
    »Ich erfülle mein Versprechen und danke für das schöne Tuch«
    »Rinaldo drückte lächelnd ihr die Hand zog sie zu sich und küsste indem sie
sich wendete ihr die Wange«  Ein Kapuziner trat herbei er drohte mit dem
Finger Liana schrie
    »Da haben wirs«
und sprang davon
    Der Kapuziner kam näher und sagte
    »Ei ei So hinter dem Rücken der Heiligen der diese Kapelle geweiht ist
Das ist nicht gut So etwas kann nicht erlaubt werden«
    »Es ist nun einmal geschehen«  antwortete Rinaldo lächelnd
    »So gebe man wenigstens einen Sühnpfennig in den Almosenstock der Kapelle«
    »Das soll geschehen«
    »Und  tue dergleichen nicht wieder«
    »Sie ist ja fort«
    »Kann aber wiederkommen«
    »Jetzt nicht«
    »Nie wieder  Mein Sohn sei genügsam Wiederholter Genuss erweckt endlich
Reue und Ekel«
    Er ging und Rinaldo trat in die Kapelle Nach angehörter Messe bedachte er
den Opferstock und sah sich hinter der Kapelle um sah aber weder den Kapuziner
noch was ihm weit lieber gewesen wär die schalkhafte Liana
    Er fand sie endlich bei der Bude des Marktschreiers Leise nahte er sich ihr
und zwickte sie sanft Sie sah sich um und lachte Bald war sie aus dem
Gedränge und am Ende der Wiese fand er sie wieder Sie sah sich fragend um
    »Es ist doch kein ehrwürdiger Herr in der Nähe«
    »Ich sehe keinen als mich«
    »Ich bin recht erschrocken als wir vorhin überrascht wurden Wir wollen uns
hier nicht wieder sprechen Wenn Ihr aber fleißig auf den Platz kommen wollt
auf welchem ihr mich gestern saht so könnt Ihr mich wohl einmal wiederfinden
Doch vorher müsst Ihr mir sagen wer Ihr seid«
    »Ich bin ein Fremder und lange werde ich in dieser Gegend nicht mehr
bleiben«
    Sie sah zur Erde und zupfte an dem Busentuche Schweigend nahm sie den
Strauss vom Busen gab ihm denselben und sah ihn seufzend an indem sie sagte
    »Dieser Seufzer gilt Eurer Abreise Lebt wohl«
    Damit eilte sie rasch davon und verschwand in dem Menschengedränge
    Auf einmal entstand ein Lärm Man hatte einen von Rinal dos sauberen Gesellen
auf der Tat ertappt als er eben einer Beutel kapern wollte Man hielt ihn fest
Die Miliz eilte herbei und nahm ihn in Empfang Sanardo hinkte hinzu und gab
einem entschlossenen Burschen einen Wink Die andern kamen das Gedränge wurde
vermehrt man presste die Miliz hart an den Arrestanten und ehe dieser es sich
versah wurde er so geschickt mit einem Stilett getroffen dass er tot zu Boden
sank Man schrie lärmte fluchte schimpfte schlug aufeinander los der Kerl
blieb tot und die Miliz trug den Kadaver davon
Trompeten riefen zur Prozession Die heilige Klaudia wurde auf einem hohen
Gerüste sitzend einhergefahren Freundliche Mädchen streuten Blumen Weihrauch
dampfte in die Luft geweihte Kerzen flammten und Hymnen ertönten der Heiligen
zu Ehren Der feierliche Zug ging über die Wiese von der Kapelle aus bis zum
Dorfe Die Zuschauer standen dicht auf beiden Seiten mitten darunter die
Baronin Moniermi ihre Tochter Erminia und neben ihr Rinaldo ganz absichtlich
    Es konnte nicht an Bemerkungen fehlen eine gab die andere Den
Blumenstreuerinnen wurden mancherlei Beifallsbezeugungen zugerufen Rinaldo
bemerkte
    »Die Mädchen machen Glück«
    »Sie entzücken«  sagte Erminia  »dreifach Durch ihr Amt durch ihre
Blumen und durch sich selbst Seht nur wie artig sogar wie schön einige dieser
Mädchen sind«
    »Die Nähe«  versetzte Rinaldo etwas leise  »verdunkelt die Ferne«
    Erminia schlug die Augen nieder und sagte noch etwas leiser als er
    »Die Nähe ist nie so gefährlich als die Ferne«
    »Sie täuscht nicht«
    »Sie gibt sich wie sie sich geben muss dabei bleibt ihr kein Verdienst«
    »Sich selbst bleibt sie mit jedem holden Zauber ihrer Gegenwart«
    »Wir sind hier auf dem Lande«
    »Wo die Natur in schöner kunstloser Fülle prangt«
    Erminia zeigte schnell auf einen Greis und rief aus
    »O welch ein schöner ApostelKopf Wär ich ein Maler der Kopf stünd
heute noch auf einem PetrusRumpfe« »Und ich«  setzte Rinaldo hinzu  »würde
als Maler auch meine Madonna gefunden haben«
    »Doch unter jenen Mädchen«
    »Auch jetzt noch näher«
    »Ein Künstler darf kein Schmeichler sein«
    Sie sprach etwas zu ihrer Mutter  Der Zug war vorüber die Zuschauer
gingen auseinander
    In den Gezelten wurden die Tafeln gedeckt Rinaldo verlor seine Schöne nicht
aus dem Gesichte  Man setzte sich zu Tische Erminia sah sich um Rinaldo
stand hinter ihr Sie griff nach einem Stuhle sie saß Rinaldo neben ihr sie
neben ihrer Mutter Bei Tische wurde viel gesprochen Erminia sprach wenig noch
weniger ihr Nachbar  Der Nachtisch kam
    »Wir haben viel gehört«  sagte Erminia
    »Ich«  antwortete Rinaldo  »war so glücklich mit meinen Augen zu hören«
    Sie schwieg  Die Tafel ward aufgehoben Die Gesellschaft zerstreute sich
    Das Fräulein trat an eine Glücksbude Er folgte ihr auch dahin Sie
lächelte
    »Ich bin im Spiele nicht glücklich und dennoch wage ich gern etwas im
Spiele des Glücks«
    Sie nahmen beide Lose Erminia gewann ein Paar Pistolen Rinaldo einen
schönen Fächer
    »Wie sonderbar«  lächelte das Fräulein
    Rinaldo bot ihr einen Tausch an der auch sogleich getroffen ward
    »Um zu verwunden«  sagte er  »bedürft Ihr keines Gewehrs Auch
Anadyomene ist unbewaffnet und ihr gehorcht der Erdkreis  Ich nehme diese
Pistolen und weihe sie Eurer Verteidigung«
    ERMINIA Vielen Dank edler Ritter  Doch hoffe ich es wird so arg nicht
kommen
    RINALDO Ich halte Wort
    ERMINIA Aber ich muss meinen Ritter auch kennen Aus dieser Insel seid Ihr
nicht
    RINALDO Ich bin ein Römer
    ERMINIA Und ein Ritter
    RINALDO So ist es Ostiala ist mein Name
    ERMINIA Schon lange auf der Insel
    RINALDO Einige Wochen
    ERMINIA In Geschäften
    RINALDO Auf Reisen
    ERMINIA Doch habt Ihr wohl an Höfen viel gelebt Wenigstens sagt dies Euer
Ton
    RINALDO Ich liebe das Land die Natur und verehre die Schönheit
    Das Gespräch war geendigt  Der Abend nahte sich Sanardo machte sich
kenntlich
    »Die Pilger sind bereit«  sagte er
    Rinaldo bestimmte den Platz auf den sie sich begeben sollten und
bezeichnete den Wagen und die Personen die zu beobachten waren Lodovico und
Fiametta fanden sich ein Filippo hatte Händel mit einigen Vagabunden gehabt
Sanardo zog seine Leute zusammen Sie gingen nach ihren Bergen Lodovico und
Fiametta folgten ihnen wie Rinaldo befahl
Der Wagen stand angespannt Die Baronin und Erminia stiegen ein Rinaldo ließ
sich nicht sehen  Schon war der Wagen ihm aus den Augen als er sein Ross
bestieg und davonjagte  Vor dem Walde holte er den Wagen ein
    Es wurde dunkler Erminia hörte Hufschlag Sie blickte aus dem Wagen
Rinaldo erschien am rechten Kutschenschlage das Fräulein rief
    »Ei seht doch Mutter meinen Ritter«
    »Ich halte Wort«  sagte er  »Der Wald ist lang es wird dunkler und
meine und Eure mir geschenkten Pistolen sind geladen«
    Mutter und Tochter dankten sehr höflich Das Fräulein fuhr fort
    »Schon glaubte ich Euch verschwunden«
    Die Mutter aber fragte sehr naiv
    »Ihr reitet aber doch nicht um«
    »Ein Fremder ist allenthalben daheim«  antwortete Rinaldo
    Es erfolgte eine Pause  Im Walde wurde laut gepfiffen Die Damen fuhren
erschrocken zusammen Rinaldo hörte das ihm bekannte Zeichen Er wusste nun dass
seine Leute ihm zur Seite im Walde waren
    »Was war das«  stammelte Erminia
    »Ein Wanderer vielleicht«  sagte Rinaldo  »der sich die Zeit vertreibt«
    »O nein Es war ein Schreckenston für jedes Wanderers Ohr«
    »Fürchtet nichts«
    Ein nahes Geräusch Es rauschte durch die dürren Blätter des Bodens wie
menschliche Fußtritte es kam näher zwei Kerle wurden sichtbar  Sie nahten
sich dem Wagen
    »Legt die Waffen ab«  schrie Rinaldo indem er mit gezogenem Gewehr auf
sie zu ritt
    Der eine wollte Feuer geben Das Pulver flog von der Pfanne auf der Schuss
versagte
    Besser traf Rinaldo Der Kerl stürzte sogleich zu Boden Der andere fiel
bittend auf die Knie Rinaldo ließ ihn von den Bedienten binden und auf den
Wagen setzen Ein Bedienter den Rinaldo bewaffnete saß neben ihm dem Kutscher
rief er zu rasch darauf loszufahren und seine Gesellen im Walde erhielten von
ihm das Zeichen ihrer Entlassung
Der Wagen hielt vor dem Schloss des Barons Moniermi Man stieg aus  Die Damen
klagten dem Baron ihren Unfall und stellten ihm ihren Retter vor  Der Baron
empfing ihn herzlich Rinaldo nahm bescheiden jede Lobeserhebung an die man ihm
zollte
    Der Gebundene ward vorgeführt Er sagte aus was wir schon wissen und ward
ins Schlossgefängnis gebracht  Man legte sich spät zur Ruhe und stieg des
Morgens sehr spät auf
    Rinaldo fand den Baron seine Frau und Tochter beim Frühstück in einem
Pavillon des Gartens
    BARON Mein Herr Ritter indem ich Euch nochmals danke bezeige ich Euch
zugleich meine Verlegenheit denn ich muss Euer Schuldner bleiben und weiß nicht
womit ich 
    RINALDO Ohne Verlegenheit Herr Baron Jeder Mann von Ehre würde getan
haben was ich tat Ein Reisender muss dergleichen Auftritte beständig vor Augen
haben Es konnten mich Räuber anfallen und ich würde mich auch gewehrt haben
    ERMINIA Aber ihr wagtet Euer Leben für eine Unbekannte die 
    RINALDO Für eine Dame zu kämpfen ist Ritterpflicht gleichviel sei sie
auch eine Unbekannte
    ERMINIA Ihr seid auf Reisen wir sehen einander vielleicht nie wieder aber
immer wird mein Herz dankbar für meinen Retter schlagen
    BARONIN Mutter und Vater danken Euch die Rettung ihres einzigen Kindes
    Man lustwandelte im Garten umher und kaum sah Rinaldo sich mit dem Fräulein
allein als es zu einer wechselseitigen Unterhaltung kam
    ER Noch habe ich eine Bitte an Euch mein Fräulein
    SIE An mich Geschwind die Bitte
    ER Stellt dem mich vor für den ich Euch rettete
    SIE Ihr kennt schon meine Eltern
    ER Doch den nicht dem Euer Herz 
    SIE Mein Herz ist noch mein so wie meine Hand
    ER Ich darf nicht zweifeln weil Ihrs sagt wie gern ich auch zweifeln
möchte
    SIE Ich wiederhole es mein Herz ist frei und meine Hand ist mein
    ER Wenn Ihr dereinst diese teuren Pfänder Eurer Liebe verschenkt so 
    SIE Ihr brecht ab
    ER Mein Fräulein Das was ich sagen wollte darf ich als  Die Mutter kam
 Rinaldo zog die Uhr und sprach von seiner Abreise
    »Wir meinten«  sagte die Baronin  »unsern uns so werten Gast einige Tage
bewirten zu können«
    »Ich muss«  versetzte Rinaldo  »zu meinem Gepäck zu meinen Leuten Doch
das Vergnügen mich unter so guten Menschen länger zu sehen kann ich mir
unmöglich rauben Wir sehen uns wieder Ich komme zurück«
    Das musste er versprechen  Schon als er auf dem Pferde saß wurden Bitte
und Versprechen wiederholt Erminia bestimmte sogar die Zeit des Wiedersehens
Rinaldo kam bei seinen Gesellen an Der Markt hatte etwas eingetragen Die
Teilung ging wie gewöhnlich gewissenhaft vor sich  Einige Tage blieb es
ruhig
    Liana fiel dem Hauptmann wieder ein Er ging aus sie zu sprechen und fand
sie wirklich da wo er das erstemal sie gefunden hatte Sie lächelte ihm
entgegen
    »Da sehen wir uns ja doch wieder«
    Im Grünen saßen sie  Liana sprach von dem Markt und erzählte ihm wie sie
sich divertiert habe Darauf bemerkte sie »Ich sah Euch wohl mit einem schönen
Fräulein fleißig sprechen Die hat sicher etwas mehr als ich von Euch bekommen«
    »Auch nicht einmal wie du ein seidenes Tuch«
    »Das macht Ihr mir nicht weis  Ich denke immer «
    »Was denkst du«
    »Sie wird es denke ich mit Euch wie ich mit meinem Lorenzo machen«
    »Wie«
    »Zu meinem Manne mache ich ihn«
    »Und wozu machst du mich«
    »Euch mache ich wenn Ihr noch dann in der Gegend seid zu einem
Hochzeitsgast«
    Sie stieg auf nahm ihren Korb und wollte gehen Eine Frage schwebte ihr auf
den Lippen die sie aber sichtbar unterdrückte Endlich sagte sie
    »Übers Jahr um diese Zeit wollen wir sehen wie es mit uns aussieht«
    Rinaldo seufzte  Liana lächelte
    »Wohin wohl dieser Seufzer flog«
    »Dir nach«
    »Ich nehme ihn mit und gebe Euch einen andern dafür«
    Schnell ging sie fort doch zweimal blieb sie auf dem Wege stehen und sah
sich nach ihm um
Rinaldo streckte sich ins Gras Seine Phantasie trug ihn zu der schönen Erminia
Lange verweilte er bei ihr Unmutig begann er endlich
    »Was willst du tun  Du willst sie wiedersehen  Du willst sie täuschen 
Musst du das nicht  Wirst du nie dich ändern  Schämst du dich nicht  Ende
ende«
    Er sprang auf Langsam ging er seinem Aufenthalte zu  Fiametta in
männlicher Tracht kam ihm entgegen
    »Man fragt nach dir und sucht dich allenthalben«  sagte sie
    Jordano kam
    »Hauptmann« begann er  »Wir suchen dich  Es kann viel geben«
    »Wieso«
    »Ich habe es ausgekundschaftet Als Bettler verkleidet schlich ich nach
Oristagni und dort erfuhr ich es  Ein Schiff ist eingelaufen und hat drei
Fässer mit Geld ausgeladen Dies Geld wird morgen früh zu dem Stattalter nach
Kagliari gebracht  Nun frage ich dich in meinem und deiner Leute Namen Soll
der Stattalter diese Geldfässer bekommen oder nicht  Was uns betrifft so
meinen wir alle er soll sie nicht bekommen«
    »Ihr wollt euch also die Hunde selbst an den Leib hetzen«
    »Über lang oder kurz spüren sie uns doch wieder einmal auf«
    »So nehmt das Geld«
    Jordano zog sogleich seine Gesellen zusammen Gegen Abend rückten sie in die
Weinberge vor Marmilla  Der Tag brach an sie zogen der Landstraße zu Alle
Büsche und Gräben waren belegt  Die Geldwagen kamen begleitet von 20 Reitern
 Jordano brach hervor Es kam zu einem hartnäckigen Gefecht Zuletzt
behaupteten die Räuber den Platz und führten die Geldwagen in die Gebirge
    Dieses Wagestück brachte ganz Oristagni und Kagliari in Bewegung  Der
Stattalter ließ Soldaten ausrücken Die Oristagner bewaffneten sich eilig
    Am dritten Tage waren die Berge von dreihundert Soldaten und fünfhundert
Mann Miliz umsetzt Diesen konnte Rinaldo kaum achtzig Mann entgegenstellen
    Die Soldaten drangen gegen die Pässe vor Sie fanden einen Widerstand den
sie nicht zu finden geglaubt hatten doch ihr Geschütz entschied und die Pässe
wurden forciert Jetzt zogen alle Truppen sich in das Gebirg hinein Rinaldinis
Leute flohen in ihre Löcher
    Rinaldo sah dass er sich nicht halten konnte Er gab Fiametten Geld und
Edelsteine Er bat sie sich zu retten  In eine Pilgerkutte gehüllt floh sie
In Lode hoffte sie ein Schiff zu finden und Malta war der Platz den Rinaldo
ihr bestimmte ihn dort käm er in dem bevorstehenden Gefecht davon zu
erwarten
In einem kleinen Tale mitten im Gebirge zog Rinaldo sein Häuflein zusammen Hier
ward er angegriffen Drei Stunden dauerte das Gefecht er musste weichen und floh
mit zwanzig Mann auf seine Burg
    Hier verteilte er was von Werte noch zu verteilen war um sie mutig zu
machen für den Besitz ihrer Schätze zu streiten und erklärte ihnen dass er
entschlossen sei bis auf den letzten Atemzug sich zu verteidigen  Alle
schwuren ihm zu mit ihm zu leben und zu sterben  Wie war aber auf Menschen zu
rechnen die sich selbst keinen Glauben keine Treue abgewinnen konnten
    Rinaldo mochte wohl selbst ebenso denken denn er wurde sehr vorsichtig und
beobachtete seine Gesellen genau
    Eines Abends schlich er dem verborgenen unterirdischen Gange zu der ein
Geheimnis für seine Gesellen blieb wo er seine Kostbarkeiten verborgen hatte
um sein getreues Ross zu füttern das dort versteckt war Als er zurückkam hörte
er bei einem Schuttaufen im Schlosshofe sprechen Er kroch hinter eine Mauer Da
wurde er Zuhörer einer sonderbaren Unterredung zwischen einigen seiner sauberen
Kameraden
    »Ich will euch alles«  sagte der eine derselben der der Sprecher zu sein
schien  »ganz kurz darstellen Wozu sollen unsere Verteidigungsanstalten
dienen Unsren Schuttaufen werden die Soldaten bald erstürmen Wir sitzen dann
alle auf Rädern Der Hauptmann selbst ist verloren Lasst uns an unsere
Selbstrettung denken Wir wollen akkordieren den Hauptmann liefern wir aus und
erhalten Freiheit und Pardon Dann können wir unser Geld anwenden wozu wir
wollen und entgehen dem Galgen auf die beste Manier«
    Man sprach hin und her und endlich gab man dem Sprecher Beifall
    Rinaldo der so etwas schon längst befürchtet hatte zog sich in seinen Gang
zurück führte sein gesatteltes Ross sich nach nahm seine Kostbarkeiten zu sich
setzte sich auf trabte davon und überließ die Verräter ihrem Schicksal
Auf dem Schloss des Barons Moniermi treffen wir den Entflohenen wieder an wohl
aufgenommen freundlich bewirtet in Gesellschaft der schönen Erminia die es
sich selbst gestehen musste dass sie gern in der seinigen war
    In das Schloss kam die Nachricht in einer zerstörten Feste sei endlich
Rinaldini mit dem Überrest seiner Leute gefangengenommen und nach Oristagni
geführt worden
    »Ich habe«  sagte der Baron  »ob er gleich ein Räuber ist dennoch
Mitleid mit Rinaldini Er hat wie man erzählt auch eine sehr großmütige Seite
gehabt und ist gegen Arme mitleidig gewesen Das ist es was mir an ihm gefallen
hat«
    »Nur ein großmütiger Mann Herr Baron«  begann Rinaldo  »kann selbst an
einem Räuber etwas bewundern das großmütigen Handlungen ähnlich sieht
Wenigstens hat sicher Rinaldini die meisten derselben mit Eigennutz ausgeübt Da
Tausend so schlecht von dir sprechen  sagte er vielleicht bei sich selbst 
so sollen doch wenigstens auch einige Wenige gut von dir reden dies könnte doch
wohl einigen Eindruck machen einige Entschuldigung geben  So nehme ich die
Sache«
    BARON So werden sie die meisten Menschen nehmen Ich aber habe noch eine
Seite von der ich sie betrachte  Vielleicht war Rinaldini durch irgendeinen
Unglücksfall in seine Lage gekommen Die Bahn des Lasters ist breit er wandelte
dieselbe mit Bequemlichkeit Als er aber dennoch endlich zu sich kam und
zurückgehen wollte war es zu spät
    RINALDO Ja ja
    BARON Um also nur in etwas gleichsam sich selbst zu entsündigen  wenn man
so reden darf  wurde er edelmütig
    RINALDO Das ist sehr möglich
    BARON Mir ist es äußerst wahrscheinlich und ich glaube es sogar
    RINALDO Wenn er aber nun wie man erzählt von jeher ehe er sich am Ziele
seiner Räubertaten sah so handelte
    BARON So brachte er ein gutes Herz mit in seine Wälder und Gutes zu tun
war ihm gleichsam angeboren
    RINALDO Er soll wirklich mitleidig gewesen sein
    ERMINIA Wenigstens sehr zärtlich  Von seinen Liebschaften erzählt man
viel
    RINALDO Man weiß allenthalben viel von ihm zu erzählen In Florenz in Rom
in Neapel und in ganz Sizilien spricht man von ihm Und was das Sonderbare ist
man erzählt größtenteils nur Gutes von ihm
    ERMINIA Die Menschen sind sehr gefällig wenn man nur ihre Aufmerksamkeit zu
erhalten weiß
    BARON Mein Vater war ein Florentiner Er verließ sein Vaterland  Ich hatte
in Florenz Familienangelegenheiten zu berichtigen und als ich dahin ging
machte ich einst in den Apenninen eine merkwürdige Bekanntschaft mit einem
Klausner Donato genannt Dieser kannte Rinaldini genau Er hat mit mir viel von
ihm gesprochen  Diese Nachrichten haben mich ich kann es nicht leugnen sehr
für ihn eingenommen und ich glaube ich hätte beinahe selbst gewünscht seine
Bekanntschaft zu machen wenn er allein und ohne Gesellen zu sehen gewesen wär
In unserer Nähe will man ihn allenthalben gesehen haben doch bis zu meinem
Schloss hat er sich nicht verirrt
    Ganz unvermutet gab Rinaldo diesem Gespräch eine andere Wendung indem er
Erminias Stickerei bewunderte
Nach Tische sprach man von einem Besuche den man erhalten würde und ehe
Rinaldo noch den Namen des Gastes erfuhr trat dieser selbst ins Zimmer Es war
der Marquis Reali den wir kennen  Betroffen trat er einen Schritt zurück
fasste sich aber schnell ging auf Rinaldo zu und fragte »Treffen wir uns hier«
    »Eine Bekanntschaft«  fragte der Baron
    »Eine interessante Bekanntschaft«  antwortete der Marquis lächelnd und
wendete sich zu den Damen
    Der Baron fixierte den vermeinten Ritter Ostila und dieser war nicht ganz
ohne Verlegenheit  Der Marquis stattete Erminien seine Glückwünsche wegen
ihrer Befreiung ab und erzählte der Marquis Lomanieri habe die Insel verlassen
    »Es war«  fuhr er fort  »in der Tat ein Unternehmen welches dem Marquis
Lomanieri teuer würde zu stehen gekommen sein Er ist sagt man nach Turin
gegangen um dort bei dem König um Gnade zu bitten«
    BARON Meine Berichte an den König werden eher dort eintreffen als er Ich
verlange Satisfaktion und muss und werde sie erhalten
    MARQUIS Gewiss
    BARON Der Marquis darf ungestraft meine Ehre nicht angetastet haben
    MARQUIS Natürlich
    ERMINIA Ohne den tapferen Beistand dieses Herrn den Ihr kennt  wär das
abscheuliche Unternehmen sicher geglückt
    MARQUIS O es durfte nicht glücken Der Himmel hält stets sein schützendes
Schild über Schönheit und Tugend
    Der Marquis nahte sich einem Fenster Rinaldo trat schnell hinzu  Die
Damen zogen sich zurück Erminiens Augen blieben bei den Sprechenden der Baron
wurde nachdenkend
    »Herr Marquis«  sagte Rinaido  »Ihr kennt mich Ihr wisst wer ich bin
Hier kennt man mich als den Retter des Fräuleins und nennt mich Ritter Ostiala
Es steht bei Euch meinen wahren Namen zu entdecken ich kann nichts dagegen
haben da ich dies selbst bei meiner Abreise tun wollte Was ich für den Baron
tat berechtigt mich Anspruch auf seine Dankbarkeit zu machen Ihr habt gegen
mich keine Verbindlichkeit Aber ich bitte Euch bringt uns alle nicht in
Verlegenheit Meine Leute sind in der Nähe und die Not könnte uns etwas
erlauben was wir und ihr alle bereuen würden«
    »Ich habe Pflichten gegen den Staat«  erwiderte der Marquis  »die ich
erfüllen muss will ich nicht selbst schuldig erscheinen Das Wenigste was ich
tun kann ist  dem Baron zu sagen wer sein Gast ist«
    »Ihr wollt ihn also in Verlegenheit setzen«
    »Kennt Ihr die Befehle der Regierung«
    »Sie werden Euch gebieten mich ihr zu überliefern«
    »So ist es«
    »Wie könnt Ihr das«
    »Wie«
    »Wagt Ihr nicht Euer Leben  Ich kann mit Euch nicht scherzen wenn Ihr es
ernstlich meint Ihr fallt zuerst«
    »Was wagt Ihr mir zu sagen«  schrie der Marquis laut und griff an den
Degen
    »Mich treibt die Not«
    Der Baron trat herzu
    »Ich will nicht hoffen«  sagte er  »dass zwischen Euch ein Missverständnis
«
    MARQUIS Kein Missverständnis Wir kennen uns und mir gebietet die Pflicht 
    RINALDO Was sie jetzt da die Sache so weit gekommen ist mir selbst
gebietet Euch meinen wahren Namen zu nennen
    BARON Ihr habt uns hintergangen
    ERMINIA Ihr seid der Ritter Ostiala nicht
    RINALDO Der bin ich nicht
    BARON Ihr gabt Euch einen falschen Namen
    MARQUIS Es ist der erste nicht Der letzte aber kann es sein  Baron Ich
bin verbunden diesen Mann 
    RINALDO Nun bedarf es weiter keiner Umschweife  Ich bin Rinaldini
    Das Fräulein sank auf ein Sofa laut auf schrie die Baronin Der Baron trat
betroffen zurück indem er sagte
    »Marquis Ihr habt uns allen keinen Gefallen getan«
    MARQUIS Ihr kennt wie ich die Befehle der Regierung Ich kenne sie auch
und weiß was ich zu tun habe
    RINALDO Tut was Ihr tun müsst
    BARON Marquis  In welche Verlegenheit stürzt Ihr uns alle Meine
Dankbarkeit kämpft mit der Pflicht den Retter meiner Tochter der Obrigkeit zu
überliefern
    RINALDO Herr Baron Ich kann nur mit Gewalt Euch Eurer Verlegenheit
entreißen  Ich öffne dieses Fenster Ein Schuss und meine Leute dringen ins
Schloss Mein Leben verkaufe ich teuer Der Marquis fällt wenn man sich mir
feindlich naht Furcht kenne ich nicht und jetzt heißt die Not mich morden
    BARONIN Mein Gott lässt sich kein Ausweg treffen
    RINALDO Nur einen Ausweg wüsste ich
    BARONIN O nennt ihn gebt ihn an
    RINALDO Lasst von meinen Leuten mich hier abholen Ihr weicht dann der Gewalt
und habt keine Verantwortung zu fürchten
    MARQÜIS Ihr schwört dass Eure Leute sich keine Gewalttätigkeiten erlauben
    RINALDO Das kann ich nicht selbst um Euretwillen nicht Gewalt muss mich
befreien sonst könnte man das Ganze für Spiegelfechterei erklären Der Marquis
lässt sein Leben und um das meinige wird gekämpft  So weit habt Ihr es selbst
getrieben Herr Marquis Ich habe keine Schuld
    Er spannte als er dies sagte ein gezogenes Terzerol und riss das Fenster
auf
    »Haltet ein«  schrie Erminia
    BARON Keine Übereilung
    RINALDO Ich werde was ich tun muss ewig bereuen Aber zwingt man mich
nicht es zu tun
    BARON Marquis  Nur Ihr könnt uns alle retten
    MARQÜIS Wie könnte ich das
    BARON Unter uns bleibt alles Ihr gebt Euer Ehrenwort von diesem
unglückseligen Vorfalle nie zu sprechen  Wer könnte uns verraten
    Der Marquis wollte sprechen als der Kammerdiener der Baronin eintrat und
meldete der Gärtner habe zwei verdächtige Vermummte um die Gartenmauer
schleichen sehen
    Dieser glückliche Zufall machte dem Gedrängten Luft  Der Baron stammelte
    »Der Gärtner soll die Vermummten genau beobachten«
    Der Kammerdiener ging Rinaldo redete
    »Meine Leute haben den Marquis gesehen sie ahnen was mir bevorsteht Ihr
seht sie sind wachsam Zum Unglück kommandiert sie Jordano der unbändigste
meiner Gesellen der mir schon oft großen Kummer durch seine Wildheit verursacht
hat«
    BARONIN Er wird doch nichts ohne Order unternehmen
    RINALDO Ich hoffe und wünsche es nicht Wie kann ichs aber ändern wenn es
geschieht
    BARONIN Gebietet ihm sich zu entfernen
    RINALDO Ich kann ich darf das nicht
    BARONIN Marquis  Ich fordere von Euch 
    MARQÜIS Wenn ich 
    BARONIN Ihr könnt uns retten
    ERMINIA Gebt Euer Wort
    Der Jäger trat ein Man sehe sagte er Bewaffnete im Wäldchen hinter dem
Garten
    »Beobachtet sie«  sagte der Baron ängstlich
    Der Jäger ging Rinaldo sah den Marquis fragend an Dieser erklärte sich
sein Wort zu geben wenn Rinaldo ihm das seinige geben wolle sich nicht an ihm
oder an seinen Gütern zu rächen
    ERMINIA Das wird er nicht tun
    RINALDO Ich gebe Euch was Ihr verlangt Nie werde ich mich an Euch oder an
Euren Gütern rächen solange Ihr schweigt Wolltet Ihr aber 
    MARQÜIS Ich brach noch nie mein Wort  Es bleibt alles unter uns
    RINALDO Herr Baron Lasst mein Pferd vorführen Ich scheide von Euch mit
dankbarem Herzen Ihr wisst was Ihr von mir gesprochen habt ehe Ihr mich
kanntet Ach was empfand ich als ich Euch so sprechen hörte  Der
Räuberhauptmann hat ein Herz und weiß dankbar zu sein Lebt wohl Mein
unglückliches Schicksal treibt mich von allen meinen schönen Plätzen aus allen
Wohnungen des Friedens Ach wo schöne edle Seelen weilen darf ich nur im
Geiste sein So bin ich stets bei Euch Beklaget mich verdammt mich aber nicht
Schenkt Euer Mitleid einem Unglücklichen der nirgends sicher ist der nie sich
zeigen darf ohne Schrecken und Verwirrung zu verbreiten Diese Gefühle drücken
mich zu Boden Schenkt wenn Ihr dürft mir Eure Freundschaft und lebt wohl
    Tränen in den Augen verließ er das Zimmer Ihm folgte der Baron
Im Wäldchen hinter dem Schloss wurde geschossen Dragoner wurden sichtbar
    »Der rechte Flügel meines Schlosses«  sagte der Baron  »ist an ein altes
Gebäude angebaut das ich aus mehr als einer Ursache noch nicht habe abreißen
lassen Dorthin bringe ich Euch Dort seid Ihr sicher Ich selbst werde es weder
an Nachfrage noch an Verpflegung fehlen lassen Den Soldaten jage ich Euch nicht
entgegen Ist der Marquis abgereist und die Gegend ist von Soldaten geräumt
dann  mögt Ihr reisen«
    Rinaldo dankte dem Baron schweigend mit Blick und Händedruck und folgte
ihm über den Hof  Sie kamen in das alte Gebäude Der Baron verschloss die Türen
und ging zur Gesellschaft zurück
    Der Marquis war sehr verstimmt und nahm mit Wiederholung seines
Versprechens Abschied Erminia ließ sich zu Bette bringen Die Baronin klagte
Kopfweh
Rinaldo befand sich in einem getäfelten mit gemaltem und vergoldetem
Schnitzwerke verzierten Zimmer versehen mit wenigen und alten Möbeln Auf
einigen Wandleuchtern staken Wachslichter welche die Zeit ihres Nichtgebrauchs
ganz braun gemacht hatte Die Seitentür des Zimmers führte in einen Saal dessen
Wände mit Familiengemälden rundherum umhangen waren
    Diese Gemälde betrachtete Rinaldo eben aufmerksam als der Baron eintrat
    »In diesem Saale«  sagte er  »bin ich oft Dies sind die Bilder meiner
Ahnherren und ihrer Weiber das meinige schließt diese Reihe Ich sterbe ohne
Sohn Seit vierhundert Jahren blühte mein Geschlecht unter der Republik und
unter den Herzögen von Florenz Mein Vater verließ sein Vaterland mit seinen
Schätzen kaufte dieses Schloss und hängte hier die Bilder einer Familie auf 
Dieser hier focht als General der Florentiner gegen die Venetianer dieser
diente unter Doria bei Lepanto  Dieser war mein Vater Ihm zur Seite hängen
die Bildnisse seiner beiden Weiber Die erste gab ihm eine Tochter und einen
Sohn der nicht mehr lebt die zweite gebar mich  Ehemals lebte hier die
ausgestorbene Familie Sestino Hier ist ihre Hauskapelle«
    Er öffnete die Tür Sie traten hinein  Es rauschte hinter einem seidenen
Vorhange Rinaldo sah den Baron an Dieser nahm ihn bei der Hand und ging mit
ihm in den Saal zurück
    Schweigend kamen beide in das Zimmer  Der Baron ging kam bald zurück und
trug einen Korb mit Speisen und Wein  Sie setzten sich Der Baron begann
    »Das Geräusch in der Kapelle machte Euch aufmerksam«
    RINALDO Ist die Kapelle bewohnt
    BARON Die Zimmer hinter der Kapelle sind es
    RINALDO Wie
    BARON Seid unbesorgt  Dort wohnt ein Wesen das Ihr nicht zu fürchten
habt Ich bitte Euch aber sie nicht zu beunruhigen
    RINALDO Sie
    BARON Meine unglückliche Schwester wohnt dort
    RINALDO Eure Schwester
    BARON Ein Geheimnis von dem selbst meine Frau und meine Tochter nichts
wissen   Euch teile ich es mit Warum sollt Ihr nachher erfahren  Meine
Schwester Isotta war durch ein Gelübde ihrer Mutter zum Klosterleben bestimmt
zu dem sie keine Neigung fühlte Sie wurde mit einem Prinzen bekannt und ihre
Bekanntschaft hatte Folgen Ihr Bruder suchte den Liebhaber seiner Schwester auf
Befehl der Mutter auf Vergebens waren Vorstellungen und Bitten er verlangte
Blut Der Prinz musste sich mit ihm schlagen und war so unglücklich seinen
Gegner zu erstechen Die Mutter starb der Vater vermählte sich zum zweitenmal
und verließ Florenz  Isotta ward hierhergebracht Ihren Sohn hat sie nie
wieder gesehen Er wurde auf dem Lande erzogen ging verloren und man weiß
nicht hat es nie erfahren können wohin er gekommen ist
    RINALDO Und der Vater
    BARON Hat heißt es sein Grab in den Morgenländern gefunden  Ich liebe
meine unglückliche Schwester Isotta herzlich und der Zufall will dass Ihr
dieser Schwester sehr ähnlich seht  Ich denke jetzt nicht daran dass Ihr
Rinaidini seid Ich sehe in Euch nur den Fremden der meine Tochter gerettet
hat  Wo seid Ihr geboren
    RINALDO In Ostiala Der Jüngste meiner sechs Geschwister bin ich eines
Bauern Sohn Ein Klausner in jener Gegend wo ich die Ziegen hütete war mein
Lehrer Ihm verdanke ich jeden Unterricht den ich erhielt Seine Bücher
besonders die Biographien des Plutarch erhitzen meine Phantasie und die Welt
der Ritterbücher war meine Lieblingswelt Wär ich edler geboren gewesen wer
weiß welche glänzende Rolle ich gespielt hätte
    Der Baron schwieg  Er ging endlich zu seiner Schwester und blieb lange bei
ihr Spät trennte er sich von seinem Gaste
Die Sonne weckte früh den Schläfer der gegen Morgen erst entschlummert war
Rinaldo stand auf öffnete ein Fenster und blickte in die schön erleuchteten
Fluren Der Nebel wallte schnell in hohen Wirbeln die Berge hinauf Ein
Diamantenmeer flimmerte im Tale Ergriffen von einem wehmütigen Gefühle warf
sich Rinaldo mit nassen Augen vor dem offenen Fenster nieder Er seufzte tief
auf hob seine Augen gen Himmel und rief aus
    »O Gottes Sonne leuchtet dieser Flur so schön  Auch ich genieße ihre
milden Blicke und dennoch dringt kein Strahl der Freude in dieses klopfende
Herz  Ach  Ach überallhin werden diese Strahlen mich begleiten und
überallhin trage ich mein Herz mit mir«
    »Klage nicht«  ertönte eine Stimme hinter ihm
    Er wendete sich sprang auf die Tür der Kapelle war geöffnet Eine
schwarzgekleidete Dame stand vor ihm Er blickte sie betroffen an Sie hob die
Hand und bedeckte die Augen indem sie sagte
    »O dieser Spiegel blendet mich«
    Rinaldo stammelte
    »Ach gönnt mir Eure Blicke wie mir die wohltätige Sonne ihre Strahlen
gönnt«
    Sie zog die Hand von den Augen und sagte
    »Seit beinahe dreißig Jahren sah ich kein so freundliches Bild als das
deinige Fremdling Es tut so wohl und dennoch schmerzt es Diese Augen sehen
mich selbst In dir sieht sich Isotta  Verweile hier bei mir Ich spreche so
selten mit einem Menschen Ach und in ein Gesicht wie in das deinige habe ich
noch nie gesehen  Ich hatte einen Sohn  Nur wenige Stunden lächelte er mir
 Wie du so müsste er jetzt aussehen  Mein Herz will mich täuschen  Nein
Ich weiß es ja dass du nicht mein Sohn bist  Mein Bruder sagte mir du seist
ein Reisender ein unglücklicher Zweikampf halte dich hier verborgen  Ach
auch mein Bruder fiel einst im Zweikampf   Solange du noch hier bist musst du
noch viel recht viel mit mir sprechen Denn wenn du fortgehst bin ich wieder
allein und spreche nur zuweilen meinen Bruder und einen Klausner  er wohnt auf
jenem Berge  der durch einen verdeckten Gang den mein Bruder ihm gezeigt hat
zweimal in jeder Woche zu mir kommt«
    Rinaldo ergriff ihre Hand und benetzte sie küssend mit seinen Tränen
    SIE Du weinst
    ER Mein Herz mein Herz
    SIE Sonst habe ich viel geweint Jetzt kann ich nicht mehr weinen Die
Quellen meiner Tränen sind vertrocknet Ich habe keine Tränen mehr die das Herz
erleichtern Nur Seufzer sind mir noch geblieben Ich sende sie vergebens meinem
Grabe zu
    ER Auch ich
    SIE Auch du
    ER O ja Auch ich
    SIE So bist du gewiss nicht glücklich
    ER Ich war es nie
    SIE Ich beklage dich Auch ich bin sehr unglücklich und kann nie wieder
glücklich werden Mein Gatte mein Sohn mein Unglück  Ach   O dieser
Blick von dir  Ach keinen dieser Blicke mehr Doch dieser Händedruck soll  
Gerechter Gott 
    ER Was ist dir
    SIE Was sehe ich  Täusche ich mich nicht  Nein Ich sehe  O Gott
    ER Rede 
    SIE Auf deiner rechten Hand dies sonderbare Mal 
    ER Ich habe es mit auf die Welt gebracht
    SIE Dieses ach so sonderbare Mal  trug auch mein Sohn auf seiner rechten
Hand Ich war so froh als ich es sah dereinst ihn daran wiederzuerkennen Ein
zweites Mal auch diesem gleich trug mein Kind auf seinem linken Knie
    ER Hier ist das Mal Ich trage es
    SIE Heilige Jungfrau  Bist du deiner Mutter gewiss
    ER Eine Bäuerin Nie nannte man mir eine andere
    SIE Nein Sie war deine Mutter nicht Zwei Tage warst du auf der Welt als
man dich mir entriss und dich ich weiß es nicht wohin brachte  Du bist mein
Sohn Nicht diese Zeichen allein auch mein Herz sagt es noch lauter O fühle
diesen Schlag An meine Brust Du bist mein Sohn
    Der Baron trat ein Betroffen sah er die Umarmung blieb stehen und konnte
nicht sprechen
    ISOTTA O Gott  Ich habe wieder Tränen Du bringst sie mir diese
Freudentränen  Der Mutter gibst du alles wieder auch Tränen und  dich
selbst dich selbst 
    BARON Schwester
    ISOTTA Mein Sohn
    RINALDO Meine Mutter
    BARON Ewiger Gott
    ISOTTA Er ist es Ja er ist es Die Zeichen sind an ihm er ist mein
Ebenbild für ihn schlägt dieses Herz  O guter Gott Du gabst mir Tränen
wieder und den geliebten Sohn  Wie mächtig ist dein Zauberruf Natur O wer
dies nie empfand der kanns auch nicht begreifen So belehrt der Himmel nur so
kann der Schöpfer nur belehren O halte dich mein Herz  O Gott wie ist 
Sie sank in Ohnmacht  Als sie nach mancherlei Bemühungen wieder zu sich
gebracht wurde bat sie der Baron auf ihrem Zimmer ein wenig zu ruhen Sie
brachten sie dahin
Als der Baron und Rinaldo wieder in den Saal zurückkamen warf dieser sich
zitternd auf ein Sofa und stöhnte tief auf
    »O wie ist mir«
    Der Baron ging schweigend auf und nieder sagte endlich mit gepresster
Stimme
    »Ich muss mich sammeln  In einigen Stunden seht Ihr mich wieder«
    Er verließ den Saal  Rinaldo ging auf sein Zimmer warf sich aufs Lager
und weinte laut
    Als der Baron zurückkam ging er ganz heiter auf Rinaldo zu ergriff seine
Hand und sagte
    »Was mich betrifft so habe ich guten Rat für euch alle Mir folgt ein Mann
der dich auch kennt und der dich sprechen will«
    »Wer ist er«  fragte Rinaldo und dachte an den Alten von Fronteja
    Dieser aber war es nicht Onorio trat ein  Er war der Klausner dessen
Isotta erwähnte der zuweilen sie besuchte  Rinaldo flog auf ihn zu Onorio
schloss ihn in seine Arme
    ONORIO Du bist glücklich
    RINALDO Meine Mutter habe ich gefunden
    ONORIO Sie ist es
    RINALDO Du weißt es
    ONORIO Die Bäuerin die du für deine Mutter hieltst die dich erzog war
nicht deine Mutter Das hat sie mir einst selbst gesagt
    Übers Gebirg warst du ihr zur Erziehung zugetragen worden Deine
Pflegeeltern waren arme Leute sie waren gezwungen die Kostbarkeiten die du um
dich hattest zu Gelde zu machen Sie fürchteten Nachfrage und flohen nach
Ostiala als du zwei Jahre alt warst So konnte deine Mutter nichts von dir
erfahren und du bliebst der Sohn eines armen Mannes der aus Not an deinem
Eigentume sich vergriffen hatte und dies nicht zu gestehen wagte  Ich erfuhr
dies zu spät Mein Verdruss trieb mich aus jener Klause in der du Unterricht von
mir empfingst
    RINALDO Und meinen Vater kennst du nicht
    ONORIO Ich hoffe dein Glück wird dich ihn finden lassen
    RINALDO Du wolltest ja auf Lampidosa bleiben
    ONORIO Ich wollte aber es sollte nicht sein  Barbaren störten mich in
meiner Ruh und ich entfloh ihren Nachstellungen nur mit äußerster Gefahr Dies
hat mich bewogen Lampidosa zu verlassen Ein Schiff brachte mich auf diese
Insel Der Zufall führte mich in eine Klause die ich noch bewohne  Der Baron
ist mein Freund er würdigte mich seines Zutrauens und Isotta schenkte mir ihr
Vertrauen
    RINALDO O gute Menschen Ach hier steht der Räuber zwischen euch
    BARON Behutsam  Isotta darf nie wissen nie erfahren dass du warst was du
nie hättest werden sollen   Schone deine Mutter
    ONORIO Schone sie uns alle und dich selbst  Wir haben keinen Umgang mit
dem Räuber wir lieben unsren Freund Wir wollen sein voriges Leben nicht
kennen
    RINALDO Ach ich kann ja doch nicht bei euch bleiben
    BARON Nun kommt mein Rat mein Vorschlag  Weit entfernt von Italien musst
du der Mutter leben Sie glaubt dich flüchtig eines Zweikampfs wegen sie glaube
auch dass du deswegen diese Insel verlassen musst Sie gehe mit dem Sohne
    RINALDO Wohin
    BARON Ewiger Frühling lächelt auf den glücklichen Kanarischen Inseln 
    RINALDO Dorthin  O dass wir doch schon auf dem Meere wären dass ich die
teure Last in meinen Armen fröhlich ans Land spräng und ausrief Ihr lachenden
Gefilde ein Glücklicher führt Euch seine Mutter zu  Hinter mir läge dann der
Schauplatz meiner Verbrechen und vor mir lachte mich das Land meiner
Entsündigung an Ein neues Leben hätte einer neuen Welt mich wiedergeboren
Erst gegen Abend sah Rinaldo seine Mutter wieder die gleichsam neu verjüngt
in seinen Armen lag weidend sich an seinen Blicken  Die Stunde der
Mitternacht trennte endlich beide
    Onorio und der Baron hatten den folgenden Tag mit Isotta alles abgeredet
Diese willigte mit Vergnügen darein mit ihrem Sohne Sardinien zu verlassen Der
Zweikampf blieb der Vorwand der Verkleidung mit der Rinaldo sich umgeben musste
Auch Isotta nahm Pilgerkleider Beide gaben eine Wallfahrt vor zum Wunderbilde
der hochheiligen Helferin zu Babato auf Malta
    Der Baron besorgte Kleider und füllte die Kasse seiner Schwester wohl 
Endlich hatte er auch ein englisches Schiff gefunden und der Tag zur Abreise
war festgesetzt
    Schmerzlich war die Trennung der Geschwister Onorios matte Augen glänzten
in Tränen man schluchzte laut und hatte keine Worte als ein dumpfes Lebewohl
    »Reiset glücklich«  schluchzte endlich der Baron und riss sich aus den
Armen los die ihn scheidend umfingen »Reiset glücklich«  wiederholte Onorio
    »Lebet wohl«  schluchzte Isotta
    »Lebet wohl«  stöhnte Rinaldini
 
                                Achtzehntes Buch
 Wenn nun alle Sterne prangen
 Die dir glänzen sollen sinkt
 Deine Sonne aufgegangen
 Ist der Mond die Sichel winkt
Schon waren Isotta und Rinaldini auf dem Schiffe Die Anker wurden gelichtet
ein günstiger Wind schwellte die Segel das Schiff flog aus dem Hafen ins Meer
Das Kastell lag in der Ferne die Türme wurden kleiner das Land verschwand
    Einer Wolke gleich lag die Insel den Schiffenden im Rücken Rund umfangen
mit der unermesslichen Fläche des Meers umgeben mit dem ausgedehnten Gewölbe des
Himmels schwebte lustig dahin das Schiff über die glatten Wellen ein frischer
SüdOstwind blies in die runden Segel Schnell durchschnitt der Kiel die braunen
Fluten
    Rinaldo ergriff die Guitarre Jetzt erwachte sie wieder in ihm die Liebe
zum Gesang er fühlte sich begeistert er spielte und sang
Wie ein Schiff durch MeeresWellen
Schwebt das Leben durch die Zeit
Dieses Schiffes Segel schwellen
Zufall und Gelegenheit
Wünsche sitzen an dem Steuer
Hoffnung hält den Anker fest
Der ersehnten Liebe Feuer
Wird dem Schifflein sanfter West
Doch des Unglücks Stürme brechen
Bald herein von Ost und Nord
Wellen drohen zu zerbrechen
Des bedrohten Schiffes Bord
Endlich lächelt doch der Hafen
Und das längst ersehnte Land
Wenn sich Wunsch und Hoffnung trafen
Gab der Zufall oft die Hand
Stille Sehnsucht blickt zum Strande
Und die Freude schwebt zum Port
Beide finden nun am Lande
Den gewünschten FreudenOrt
Ha die klaren ZwillingsSterne
Lächeln an dem Äther mir
Fremdes Land in schöner Ferne
Such ich meinen Port in dir
»In der Tat«  sagte der Kapitän  »das Liedchen hat mir gefallen und der Herr
Passagier singt recht gut Mein God save the King schnurre ich wohl auch mit
weg aber so künstlich brächte ich keinen Gesang heraus  Wir müssen eine
Bouteille Zypernwein miteinander ausstechen«
    Das geschah und der Kapitain erzählte seine SeeAbenteuer  Im Schiffe war
die ganze Mannschaft munter und vergnügt Diese Freude dauerte aber nur einige
Tage Ganz unerwartet brach eines Tages gegen Abend wütend der Sturm los und
schleuderte das Schiff von seinem Laufe weit ab  Es flog zwischen den
Liparischen Inseln durch nahe an Palmaria vorbei Umsonst versuchte man
einzulaufen Drei Tage schwebte das Schiff im Sturme umher Endlich gelang es
aber nur mit großer Anstrengung bei Kapo di Kalaro auf Sizilien die Anker
auszuwerfen das Schiff festzumachen
Isotta war seekrank Sie musste ans Land gebracht werden Bekümmert folgte ihr
Rinaldo nach Sinagra in eine ihm bekannte Gegend
    »So bin ich denn wieder wo ich war«  rief er aus  »Hierher soll ich die
Mutter führen wo mein Fuß so oft schon wandelte und ach in welcher Gestalt 
Wieder in Sizilien Wieder in Gegenden die mich einst als Räuber sahen  Und
hier sollte ich unerkannt bleiben können   Die Mutter kann ich nicht
verlassen Es komme über mich was beschlossen ist«
    Er konnte nicht zu Schiffe gehen Der Kapitän musste nach zwei Tag ohne ihn
wieder in die See stechen
    Isotta wurde kränker Sinagra lag zu nahe an der Küste die Kranke musste
tiefer ins Land gebracht werden
    »Ach«  seufzte Rinaldo  »Dieses sind die mir so wohlbekannten Berge von
Remata«
    Er mietete sich in einem kleinen Landhause ein und nahm eine Wärterin für
seine kranke Mutter an
    Täglich schweifte er umher und konnte es sich nicht verwehren auf bekannten
Plätzen zu verweilen  Zitternd bestieg er die bekannten Berge und blickte nach
dem Schloss aus welchem sein Bekenntnis einst ihn trieb als Dianora glücklich
sich an seiner Seite wähnte
    »Dort liegt das Schloss«  seufzte er  »Ich erblicke die bekannten Mauern
die Brücke den Turm  und ach sehe mich dem allen gegenüber in Angst
Verlegenheit und Besorgnis«
    Langsam ging er weiter und nahte sich schon dem Berge auf dessen Scheitel
das Schloss sich erhob Die goldenen Fähnchen auf den Türmen blitzten ihm
entgegen  Am Fuße des Berges warf er unter einem Baume sich nieder und wagte
es nicht weiterzugehen In tiefe Betrachtungen verloren schlummerte er endlich
ein Ängstliche Träume quälten ihn Er sah Dianoren sah seinen Sohn und dieser
zückte gegen ihn den Dolch Er schrie
    »Halt ein Ich bin dein Vater Lass mich leben Für meine Mutter lass mich
leben«
    Er erwachte trocknete den Schweiß sich von der Stirn erhob seine Augen 
sprang erschrocken auf und schrie
    »Was ist das  Heiliger Gott  Dich  dich sehe ich hier«
    Vor ihm stand der Alte von Fronteja in ländlicher Landestracht Er nahte
sich ihm
    »Ich kenne diese Stimme«
    »O ja Du kennst auch mich wie ich dich kenne«
    »Jetzt weiß ich wer du bist«
    »Ich weiß es leider auch«
    »Sehr unkenntlich hast du dich gemacht Nur ich konnte dich erkennen«
    »Und du bist in Sizilien«
    »So frage ich dich«
    »Sturm und Unglück trieben mich hierher«
    »Ich hoffe  in den Hafen Wenigstens in Freundes Arme führe dich das ewig
über uns waltende Geschick  Kaum zwanzig Schritte weit von hier liegt meine
kleine Wohnung Dorthin folge mir«
»Mein Sohn«  begann der Alte als sie in seiner Wohnung angekommen waren 
»In diesem kleinen Hause heiße ich auch jetzt dich willkommen ebenso herzlich
als ich in Palästen dich sonst willkommen hieß Wie hat mein Herz sich nach dir
gesehnt Deinetwegen habe ich viele Tränen vergossen die aber alle nun
vertrocknen da ich dich wieder in meine Arme schließen kann  Wir sehen uns
wieder«
    »O dass wir uns glücklich nennen könnten«  seufzte Rinaldo
    »Sind wir es nicht«
    »Ach wer weiß welch ein neues Unglück uns beweist dass wir es nicht sind«
    »Was man nicht wünscht muss man nicht denken Ich lebe etwas länger schon
als du und weiß was der Mensch zu tun hat um ruhig zu leben  Du siehst mich
hier als Landmann was mich umgibt ist ländlich Hier denke ich oder
wenigstens doch in diesem Zustande wenn auch anderswo zu sterben ob ich
gleich seit meiner Geburt mehr auf seidenen Polstern als auf dem einfachen Lager
eines Landsmanns lag«
    »Bist du ein Prinz wie man sagt«
    »Höre meine Geschichte und erfahre wer ich bin erfahre was du jetzt
erfahren kannst und nimm mein Wort dass du die reinste Wahrheit hörst Ich will
dir nichts verhehlen du sollst alles wissen  Höre«
 
                       Geschichte des Alten von Fronteja
»Gegen seines Vaters Wissen und Willen trieb den Prinz Anselmo Sansovini sein
Mut in den Krieg Ungestüm klopfte sein Herz den Waffentaten entgegen Er diente
und focht ein Edelmann ohne sich zu erkennen zu geben als Volontair gegen die
Türken In einer heißen Schlacht ward er verwundet und gefangengenommen 
Zufällig sah ihn der Seraskier Seine Bildung gefiel ihm er nahm sich seiner
an ließ ihn kurieren und schickte ihn dem Grosswesir zu  Dieser fand
ebensoviel Vergnügen an seinem Gefangenen als der Seraskier unterhielt sich oft
mit ihm bewunderte seine Kenntnisse seinen Verstand und wurde ganz zu seinem
Vorteile von ihm eingenommen«
    »Der Grossherr kam eben damals selbst zur Armee Der Wesir stellte seinen
Gefangenen seinem Souverän vor Auch dieser schenkte demselben seine Gnade und
nahm ihn als er die Armee verließ mit nach Konstantinopel«
    »Ich vermeide alle Weitläufigkeiten und sage daher nur ganz kurz dass
Anselmo der Liebling des Großherrn und endlich sogar sein Vertrauter wurde«
    »In Adrianopel erhielt er Gelegenheit eine von den Schwestern des Sultans
genauer kennenzulernen als es hätte sein sollen Dieser verbotene Umgang drohte
bald mit einem lauten Zeugen und erhöhte die Verlegenheit der Liebenden auf den
höchsten Grad Sie wagten endlich einen kühnen Schritt den besten den sie wie
sie meinten wagen konnten und mussten  Anselmo und Fardina warfen sich dem
Sultan zu Füßen Sie machten ihn selbst zum Vertrauten ihres Glücks und ihres
Unglücks«
    »Der Grossherr wollte sich anfangs den Ausbrüchen des höchsten Zorns
überlassen und fuhr schon nach dem Säbel sie beide selbst zu bestrafen als
Fardina mit den Worten des Korans ihm zurief Gott ist barmherzig und die
Menschen sind sein Ebenbild  Der Grossherr hörte die Worte des Propheten fasste
sich zog die Hand von dem Säbel und kündigte ihnen ihr Urteil an«
    »Anselmo der seinen Stand entdeckt hatte ward einem venetianischen Schiffe
übergeben Er ging nach Malta wo er das Kreuz annahm«
    »Fardina ward nach Syrien verwiesen  Zu Damaskus gebar sie einen Sohn den
der Bassia einem griechischen Priester übergab der ihn erziehen ließ und als
er acht Jahre alt war ihn nach Griechenland schickte Hier ward der Knabe einem
weisen Manne übergeben der die Weisheit der alten und neuen Zeit in sich
vereinigte und der seinen Zögling so gelehrig fand als er es sich nur wünschen
konnte«
    »Siebzehn Jahre alt war der Knabe als er mit seinem Lehrer auf Reisen ging
Beide durchreisten ganz Griechenland gingen nach Ägypten durchstreiften die
Sandwüsten besuchten die Oasis des Ammonstempels bewunderten die Pracht der
Pyramiden und studierten unter Tebens Ruinen die Überbleibsel der Mysterien der
Ceres und Proserpina«
    »Dieser Knabe den du jetzt auf Reisen siehst ist der Mann der mit dir
spricht Ich bin es  Ich bin Nicanor der Sohn der Sultanin Fardina«
    Hier entstand eine kurze Pause nach welcher der Alte in seiner Erzählung
fortfuhr
    »Zwanzig Jahre war ich alt als mich mein Lehrer nach Damaskus führte und
mich dem Bassa übergab Dieser erklärte mir das Geheimnis meiner Geburt und
brachte mich zu meiner Mutter« Rinaldo seufzte tief auf Der Alte sah ihn
fragend an Aber erzählte endlich weiter
    »Wie zärtlich empfing mich diese gute Mutter  Ach ich fand sie krank« 
    »Krank«  rief Rinaldo aus
    Der Alte sah vor sich nieder und sprach mit gebrochener Stimme weiter
    »Sie starb in meinen Armen  Ich küsste ihre brechenden Augen und begleitete
die Entseelte zu ihrem kostbaren Mausoleum bei der Moschee der Sultane  Sie
hinterließ mir ihre Schätze«
    Er verhüllte sein Gesicht und als er es wieder enthüllte glänzten Tränen
in seinen Augen  Rinaldos Augen waren nass er blickte tief gerührt zur Erde 
Endlich fasste der Alte sich wieder und sprach weiter
    »Ich verließ Syrien durchzog Indien und Persien studierte die Theologie
der Brahminen und die Lehrsätze des Zenda Vesta der Parsen Selbst China habe
ich durchzogen Ich kannte nun die emblematische Mythologie verschiedener Völker
und ging nach Europa zurück«
    »In meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahre kam ich nach Malta und warf mich
in die Arme meines Vaters Dieser versah mich mit Empfehlungen und sendete mich
nach Rom  Leider folgte mir dahin bald die Nachricht von seinem Tode nach
Mir blieb nun von meinen Eltern nichts mehr übrig als ihr mir noch immer
heiliges Andenken und ihre Schätze«
    »Rom war kein Ort für meinen Geist für meine Wissenschaften Ich ging nach
Florenz Dort wurde ich mit einem Fräulein bekannt das ihre Eltern zum Kloster
bestimmt hatten Wir sahen wir liebten uns  Die Wachsamkeit der Eltern wurde
hintergangen Wir waren glücklich um unglücklich zu werden  Ihr Bruder nahm
sich der verletzten Ehre seines Hauses an er hörte nicht auf meine Vorschläge
verwarf meine Bitten mit seiner Schwester ehelich mich zu vereinigen und zwang
mich zum Zweikampf Er fiel  Ich floh in die Schweiz um den Nachstellungen
der Familie zu entgehen  Ich durchreiste Frankreich durchzog Spanien und
Portugal und ging endlich nach sechs Jahren nach Italien zurück  In Venedig
erfahr ich meine Geliebte sei Mutter eines Sohnes geworden Ihr Vater hatte
Florenz verlassen  Ich eilte dahin Eine alte Wärterin meiner Geliebten gab
mir die Versicherung mein Sohn werde auf dem Lande erzogen wohin die Mutter
gekommen war wusste sie nicht  Vergebens suchte ich zwölf Jahre hindurch Weib
und Kind und fand sie nicht  Allentalben suchte ich meinen Sohn auf mit
Vaterliebe und endlich  fand ich ihn«
    »Du fandest ihn«  fragte Rinaldo schnell mit sichtbarer Unruhe
    Der Alte fuhr fort
    »Ja  Ich fand ihn  Aber wo«
    »Wo«
    »Ach ich fand ihn an der Spitze einer Räuberbande«
    »Großer Gott«  schrie Rinaldo Gelassen sagte der Alte »Du  du selbst
bist mein Sohn«
    RINALDO »Ich bin dein Sohn«
    NICANOR Dies erklärt dir alles was ich für dich tat und was ich nicht für
dich tun konnte
    RINALDO Mein Vater
    NICANOR Mein Sohn  In meinen Armen starb meine gute Mutter  Das
Schicksal wills ich soll in meines Sohnes Armen sterben
    RINALDO Ach mein Vater Du weißt nicht kannst nicht ahnen 
    NICANOR Ich hoffe es dass wir uns nun nie wieder trennen werden Ein Etwas
sagt mir deine Hände werden meine Augen schließen
    RINALDO Nein Vater nein  Der Sohn reifte früher dem Tode
    NICANOR Sei ruhig Du kannst nun nur in Vaterarmen sterben Ich drücke dich
an dieses Herz entsage allen Gaukelspielen meines bunten abenteuerlichen
Wallens in dieser Welt und trenne mich nun auch selbst im Tode nicht mehr von
dir
    RINALDO O Mutter
    NICANOR Ach
    RINALDO Isotta
    NICANOR Wie  Isotta nennst du deine Mutter
    RINALDO Isotta Moniermi
    NICANOR Dies ist ihr Name  Wer sagte dir den Namen deiner Mutter
    RINALDO Sie selbst
    NICANOR Sie selbst Isotta selbst
    RINALDO O meine gute Mutter
    NICANOR Wo sprachst du sie  Lebt sie noch 
    RINALDO Sie lebt
    NICANOR Wo
    RINALDO Nicht weit von hier  Mit mir kam sie hierher
    NICANOR Nach Sizilien Hierher  Und sie lebt  O sieh Die Freude macht
mich jung Ich denke nicht mehr an den Tod Isotta lebt Für sie will ich leben
 O führe mich zu ihr  Ich übersteige die Gebirge ich eile ihr zu ich
drücke sie an meine Brust Isotta meine Liebe Dich dich soll Nicanor
wiederfinden Dich Totgeglaubte soll er sehen an sein Herz soll er dich
drücken  O zaudre nicht Du fühlst es nicht was ich empfinde Du hast sie
schon gefunden ich aber suche sie noch  Fort Fort zu ihr
    RINALDO O fasse dich  Lass mich zu Worte kommen und höre mich
    Rinaldo erzählte seinem Vater alles was wir schon wissen schilderte ihm
den Zustand seiner Mutter und bat ihn durch seine schnelle Erscheinung ihr
nicht den Tod zu geben  Nicanor sah wohl ein dass er seiner Ungeduld Isotta
jetzt zu sehen entsagen müsse Beide redeten nun ab wie sie auf eine solche
Erscheinung und Zusammenkunft vorzubereiten sei
    So schieden sie und Rinaldo eilte zu seiner Mutter
    Er fand sie über seine lange Abwesenheit unruhig Mit der Erzählung einen
alten Bekannten getroffen zu haben beruhigte er sie
    Den folgenden Morgen kam ihm Nicanor auf halbem Wege entgegen Er gab ihm
Kräuter und einen Trank
    »Diesen Trank«  sagte er  »zu verfertigen lernte ich von einem alten
koptischen Priester der noch die koptische Sprache sprechen konnte und
verborgen unter den Ruinen von Teben lebte Dort suchten ihn nur Kranke auf Er
half denselben Die Kräuter die ich dir gebe wachsen in Hennas blumenreichen
Feldern aber sie wachsen auch um die Quellen des Nils Ein Abessinier den ich
in Mecca kennenlernte machte mich mit ihren Kräften bekannt  Gebrauche
beides stärke deine Mutter bereite sie vor und lass mich bald wieder meine
liebe Isotta umarmen  Hoffnungen und Wünsche beleben meine Brust wie die Brust
eines Jünglings Des Lebens schönster Traum schlingt seinen Mohnkranz aufs neue
um meine Sinne ich spreche das Zauberwort Liebe mit Entzücken aus und alle
meine Sinne wiegen sich in sanfter Zärtlichkeit  O mein Sohn die Sehnsucht
tötet mich wenn ich die Treugeliebte nicht bald an diesen klopfenden Busen
drücken kann  Eile bringe der Geliebten diese heilsamen Tropfen Gegen Abend
sprechen wir uns hier auf diesem Platze wieder«
    Rinaldo erfüllte den Willen seines Vaters Isotta nahm den Trank und fiel in
einen tiefen Schlaf Gestärkt erwachte sie in einigen Stunden wieder und befand
sich wohl  Mit dieser Nachricht eilte der frohe Sohn zum harrenden Vater
Freudig ergriff dieser seine Hand und rief aus »Bald werde ich glücklich sein«
    Rinaldo hob seine Blicke zu dem bekannten Schloss und seufzte »Auch ich
war einst glücklich«
    NICANOR Die Rückerinnerung schenkt schöne Freuden Sie ist dem Monde gleich
der uns die Sonne gibt
    RINALDO Ist dieses Schloss jetzt bewohnt
    NICANOR Ich glaube wohl doch weiß ich es nicht gewiss  Lass uns von deiner
Mutter sprechen  Morgen wird sie ihr Lager verlassen du bereitest sie ein
wenig vor und ich erscheine
    RINALDO Nur nicht zu rasch
    NICANOR Sei ohne Sorge Ich kenne die Kräfte des Trankes und hier gebe ich
dir noch ein Elixir Dieses wird alles vollenden Nichts Kräftigeres hat die
Natur es ist die Quintessenz von allen ihren heilenden Kräften
    So fand es sich  Isotta verließ am folgenden Morgen ihr Lager und wusste
nichts von Krankheit mehr
    ISOTTA O mein Sohn woher hast du diese Wundertropfen
    RINALDO Es gab sie mir ein alter Freund den ich ganz unvermutet in diesen
Bergen fand
    ISOTTA Gott segne ihn er ist der Retter meines Lebens er gab dir deine
Mutter wieder  Ich muss ihm danken führe mich zu ihm  Der gerettete Kranke
versteht es am besten seinem Arzte zu danken Wie nennt sich dieser Freund
    RINALDO Nicanor
    ISOTTA Nicanor  Wie Nicanor  Ach dieser Name sagt mir schon dass er
mein Retter sein konnte  Nicanor hieß der Mann der dieses Herzens schönste
Freude war Nicanor hieß dein Vater  Um dieses Namens willen liebe ihn mein
Sohn
    RINALDO Er ist ein sehr erfahrner Mann Seine Wissenschaft stammt aus den
Morgenländern
    ISOTTA Die kannte auch dein Vater Sie waren seine Wiege Dort wuchs er auf
und dort  ruhen auch  sagt man  seine Gebeine
    RINALDO Das wisst Ihr nicht gewiss
    ISOTTA Gewissheit habe ich nicht
    RINALDO Vielleicht lebt er noch in jenen Ländern
    ISOTTA Das wünscht mein Herz und glaubt es doch nicht
    RINALDO Wenn wir ihn nun irgendwo fänden wenn er auf jenen glücklichen
Inseln 
    ISOTTA Ich hoffe nichts
    RINALDO Du hast den Sohn gefunden lass mir gib dir ihn selbst den süßen
Wahn den Vater auch zu finden
    ISOTTA O nähre du diese Hoffnung allein  Ich habe ihr entsagt  Zu
deinem Freunde führe mich
    RINALDO Er kommt zu uns Er will die Kranke sehen
    ISOTTA Nicanor der süße Zufall gab dir diesen Namen und deine Wissenschaft
ein Gott  Stammt dieser Mann aus diesem Lande Nennt er sich nur Nicanor
    RINALDO Nicanor Sansovini
    ISOTTA Sansovini  Nicanor Sansovini   Mein Sohn  Er ist dein Vater
    RINALDO Er ist es
    ISOTTA O Gott  Ach Sansovini  Sie sank in ihres Sohnes Arme Der Vater
trat herein bei ihrer letzten Rede Er drückte sprachlos sie an seine Brust
Tränen rollten über seine Wangen Isotta weinte Freudentränen und mit ihr der
gerührte Sohn  Stumm blieb die ganze Szene bis Nicanor endlich sprach
    »Die Mutter weinte als sie den Sohn wiederfand sie weint da sie den
Gatten rindet wir weinen mit ihr Es sind Tränen des Entzückens Die Wahrheit
unserer Empfindungen beglaubigt sich in Tränen Sie sind das älteste Siegel der
Wahrheit ein Pfandbrief der im Herzen gelöst und mit den Augen ausgeliefert
wird«
Nicanor und Isotta waren nun allein Rinaldo schweifte auf den Bergen umher
    »Darf ich mit frohem Herzen o goldene Sonne«  rief er aus »dich wieder
begrüßen Beleben diese mächtigen Strahlen mit frohen Hoffnungen mein Herz oder
sind es bange Erwartungen die es heben  Du lächelst ja so mild freundliches
Licht der Welt Ach ja du lächelst auch mir«
    Er stieg hinab ins Tal Dann erstieg er mit zitternden Füßen den Berg auf
welchem das Schloss lag  Schon war er an der Zugbrücke  Dort spielte ein
freundlicher Knabe mit bunten Steinchen ein schäkerndes Windspiel neben ihm
    Beherzt sah der Knabe den Fremden an und fragte »Was willst du fremder
Mann«
    Rinaldo konnte nicht antworten Tränen erstickten die Sprache sein Herz
drohte den Busen zu zersprengen  Der Knabe wurde freundlich und sagte
    »Weine nicht  Ich hole dir Brot und Geld«
    Damit sprang er über die Zugbrücke ins Schloss Rinaldo warf sich zu Boden
und schluchzte laut
    »O brich mein Herz Ihr Augen schmelzt in Tränen  Ihr saht meinen
Sohn«
    Er wankte auf lehnte sich an einen Baum und blickte gen Himmel sprachlos
mit bebenden Lippen  Der Knabe kam zurück brachte ihm ein Stück Brot und
Geld und sagte freundlich »Da nimm  Weine nicht mehr Gott wird dir helfen
Er verlässt keinen Menschen«
    »O guter lieber Knabe«  stammelte Rinaldo  »Ich danke dir  Ach du
weißt nicht wem du diese Gabe gibst  Ich danke dir«
    KNABE Du bist ein armer Mann 
    RINALDO Jawohl ein armer Mann bin ich Doch dieser Augenblick macht mich
sehr reich
    KNABE Es ist nur wenig Geld was ich dir geben kann es ist das letzte aus
meiner Sparbüchse Morgen bekomme ich erst wieder Geld und wenn du morgen
wiederkommen willst sollst du mehr bekommen
    RINALDO Gutes Kind Dies ist schon allzuviel für mich um mich glücklich zu
machen
    KNABE Wo kommst du her
    RINALDO Weit übers Meer
    KNABE Was suchst du hier
    RINALDO Einen Sohn
    KNABE Ist er noch klein
    RINALDO So groß und alt wie du
    KNABE Der muss sich weit verlaufen haben Ich bleibe fein vor unserm Schloss
und gehe nicht weg von hier
    RINALDO Aber doch zuweilen mit der Mutter
    »Lionardo«  rief eine weibliche Stimme
    »Die Tante ruft«  sagte der Knabe und sprang über die Brücke ins Schloss
zurück
    Wie verfolgt eilte Rinaldo hinab ins Tal über die Berge in seine Wohnung
zurück
    Isotta schlummerte Nicanor trat ihm fragend entgegen
    »Was hast du«
    »Ach Vater«
    »Was ist dir  Du zitterst «
    »Vater Was ich gesehen habe «
    »Was«
    »Vater Ich habe meinen Sohn gesehen«
    »Deinen Sohn«
    »Dieses Brot dieses Geld reichte er mir hielt mich für einen Bettler und
wusste nicht wie reich ich war in diesem Augenblick«
    »Du sahst den Sohn allein«
    »Allein  Gott sah sein Herz O wohltätiger guter Knabe«
    »Gingst du ins Schloss«
    »Nein  Ich sprach den Knaben vor der Zugbrücke  O Vater mein Herz 
Ich sah den Sohn«
    »Werde ruhig«
    »Wie kann ich dieses Herz beruhigen Es klopft nach meinem Kinde«
    »Fasse dich«
    »Ist das möglich«
    »Übereile dich nicht«
    »Kann Vaterliebe sich übereilen«
    »In deiner Lage ja  Entdecke dich dem Knaben nicht du könntest ihn
verlieren du könntest deine schönsten Hoffnungen vernichten«
    »O mein Lionardo Dich soll ich nicht an meinen Busen drücken«
    »Nur nicht zu rasch  Der Knabe ist nicht dein allein«
    »Ich bin Vater«
    »Ist dies des Knaben Glück«
    »Das meinige«
    »So störe das seinige nicht  Fasse dich werde ruhig und dann wollen wir
zusammen von den Maßregeln sprechen die du zu nehmen hast  Jetzt keine
Übereilung  Dir ist es nicht vergönnt hier rasch einherzutreten Dein Schritt
sei sicher und nicht übereilt Hier ist ein rasches Spiel verloren Gehst du
langsam so ist vielleicht noch alles zu gewinnen  Noch einmal Sohn
überlege und übereile dich nicht«
Rinaldo konnte kaum den Morgen erwarten Er eilte nach dem Schloss
    Der liebe Lionardo saß spielend mit seinem Windspiel vor der Brücke 
Rinaldo nahte sich ihm kaum als er aufsprang zu ihm trat und ihm Geld gab
    »Da hast du mehr als ich dir gestern geben konnte«  sagte er Rinaldo
dankte sah auf die Erde und sagte »Du spielst mit schönen bunten glänzenden
Steinen«
    »Willst du sie haben«  fragte der Knabe schnell
    »Ach nein«  antwortete Rinaldo  »aber ich mag solche Steinchen gern
sehen«
    Indem er das sagte und unter den Steinchen wühlte schob er einen der
ehemaligen Besitzerin wohlbekannten Ring unter dieselben ein Saphir umgeben
mit Diamanten drüber auf Golde zwischen einem doppelten Triangel die Devise
Nuestro Amor Es Immortal welche auch der Siegelring des Alten von Fronteja
hatte in der Mitte das Zeichen des Schweigens die Rose  Hierauf unterhielt
er sich mit ihm bis der Knabe des Fragens und Antwortens müde wieder nach
seinen Steinchen griff Er fand den Ring sah ihn verwunderungsvoll an und
fragte
    »Was ist das  Das ist ja ein Ring«
    »Den musst du deiner Tante bringen«  sagte Rinaldo  »Die wird sich sehr
darüber freuen«
    »Das ist auch wahr«  rief der Knabe aus und eilte ins Schloss Rinaldo zog
ein Pulver aus der Tasche und machte sich dadurch noch unkenntlicher als er
schon war  Lionardo kam mit der Tante zurück Er zeigte auf den Unbekannten
der vor der Brücke lag und sagte
    »Der Mann war dabei  Der Ring lag unter meinen Steinchen«
    »Guter Freund«  rief die Dame  »kommt doch näher«
    Rinaldo blickte auf Es war Violanta die mit dem Knaben kam Gelassen sagte
er
    »Ich habe es gesehen Der Kleine hat den Ring unter diesen bunten Steinchen
gefunden«
    Violanta trat näher sah ihn forschend an und fragte »Der Knabe fand den
Ring«
    »Er fand ihn«
    »Und du  machtest keine Ansprüche daran«
    »Er gehörte nicht mir«
    »Auch nicht an das Nuestro es amor immortal an den Saphir und die
Diamanten Wie kamst du dazu  Du scheinst doch arm zu sein«
    »Arm bin ich und ich bin auch reich Wer wenig braucht hat stets
Überfluss«
    »Wer bist du«
    »Ein Waller«
    LIONARDO Er sucht seinen Sohn
    VIOLANTA Seinen Sohn
    LIONARDO Ja  Weit kommt er übers Meer ihn aufzusuchen Das hat er mir
gestern schon erzählt
    VIOLANTA Gestern schon  Mein Freund rede er selbst  Was sucht er hier
Was hat er mit dem Kinde zu sprechen  Warum kam er heute wieder hierher Wir
haben Mittel ihn zum Geständnis zu bringen wenn er nicht sprechen will Es
gibt viel schlechtes Gesindel hier herum und sein Aufzug  verkündet eben
nichts Erfreuliches
    LIONARDO Liebe Tante sei nicht so zornig Der arme Mann ist ja unglücklich
Gib ihm etwas und lass ihn gehen
    VIOLANTA Will Er nicht sprechen
    RINALDO Was soll ich sprechen
    VIOLANTA Er ist verdächtig
    RINALDO Ich  Ach Gott  Signora ist das Unglück verdächtig Ihr wisst
nicht wie mir zumute ist  Seid nicht so hart
    LIONARDO Er weint  Der arme Mann Ich will ihm noch etwas geben  Sieh
Tante sieh  Er weint
    VIOLANTA Verstellung
    Sie sah hinter sich winkte und zwei Diener kamen herbei
    »Nehmt diesen Bettler fest«  sagte sie
    »Lasst ihn gehen«  schrie der Knabe indem er sich von Violanten losmachte
und zwischen Rinaldo und die Bedienten trat
    »Was willst du«  fragte Violanta zornig indem sie ihn zurückzog
    »Das Kind«  sagte Rinaldo  »weiß wohl was es tut Der Himmel gibt ihm es
ein die Unschuld zu verteidigen  Signora übereilt Euch nicht Die Menschen
sind nicht immer was sie zu sein scheinen So ist es auch mit mir«
    VIOLANTA Ihr habt Geheimnisse
    RINALDO Habt Ihr keine
    VIOLANTA Warum eine solche Gegenfrage
    RINALDO Erlaubt sie mir  Wenn ich Eure Geheimnisse ehre so ehret auch die
meinigen Es sind Geheimnisse eines Unglücklichen der aber das nicht ist wofür
Ihr ihn haltet
    VIOLANTA Von Euch kommt dieser Ring
    RINALDO Der Knabe fand ihn
    VIOLANTA Wer kann das glauben
    Der Alte von Fronteja trat herzu in prächtiger spanischer Tracht wendete
sich gegen Rinaldo und sagte
    »Nun weiß ich wer du bist Du folgst ohne Widerrede meinen Leuten oder du
bist verloren«
    Der Knabe bat »Ach tut dem armen Manne nichts«
    Nicanor küsste den Knaben und sagte freundlich »Auf deine Vorbitte soll er
ohne die verdiente Strafe davonkommen«
    »Ihr kennt ihn«  fragte Violanta
    »Ich kenne ihn«  sagte Nicanor und streckte die Hand gegen die Gebirge aus
    Rinaldo verstand diesen Befehl Er ging langsam davon Lionardo rief ihm
nach »Lebe wohl du armer Mann«1
    Rinaldo streckte seine Hand nach ihm aus und schluchzte »Gott segne dich«
    Nicanor nahm Violantens Arm und ging mit ihr ins Schloss  Rinaldo sah ihnen
nach  Die Zugbrücke ward aufgezogen
Er kam in seine Wohnung reinigte sein Gesicht und sprach ganz gelassen doch
sehr zerstreut wie diese selbst bemerkte mit seiner Mutter Bald aber suchte
er das Feuer setzte sich unter einen Baum der vor seiner Wohnung stand und
sah in Gedanken verloren hinaus in die Ferne  So bemerkte er kaum dass ein
Mann neben ihm stand der ihn genau besah  Endlich fielen Rinaldos Blicke auf
den Gaffer Er fragte »Was suchst du hier«
    »Ich suche nichts«  war die Antwort  »als einen Schatz«
    »Den wirst du hier wohl schwerlich finden«
    »Es träumte mir in voriger Nacht der Schatz stehe unter diesem Baume und
ich sollte ihn heben«
    »So musst du nachgraben«
    »Erst will ich darüber mit einem Kapuziner sprechen Ist ein Teufel dabei
so muss er beschworen werden sonst bekomme ich nichts«
    Damit ging er fort Rinaldo sprang auf seinem Vater entgegen der eben
wieder in seine ländliche Tracht gekleidet auf ihn zukam
    »O Vater«  rief Rinaldo ihm entgegen  »Ihr wart im Schloss bekannt
wusstet alles und sagtet mir nichts davon«
    NICANOR Zu seiner Zeit hättest du alles erfahren
    RINALDO Ist Dianora in dem Schloss
    NICANOR Sie ist im Schloss  Seit dem Tode des Prinzen della Roccella
verließ sie Lipari und begab sich hierher
    RINALDO Weiß sie dass ich hier bin
    NICANOR Nein  Sie wird es aber erfahren
    RINALDO Doch bald
    NICANOR Binnen drei Tagen wirst du sie sprechen  Ich habe ihr meinen
wahren Namen und Stand entdeckt ich habe ihr gesagt dass ich meine Gattin
gefunden habe und habe die gute Seele bereitwillig gefunden sich mit uns nach
den Kanarischen Inseln einzuschiffen  Morgen führe ich deine Mutter aufs
Schloss Violanten habe ich alles vertraut Morgen wirst du sie sprechen  Jetzt
lass uns zu deiner Mutter gehen Noch darf sie von allem was vorgeht nichts
erfahren Alles bleibt unter uns
Nicanor führte den folgenden Tag seine Gattin auf Dianorens Schloss  Vor der
Brücke erschien Violanta Freudig eilte Rinaldo auf sie zu ergriff ihre Hand
und drückte sie an sein Herz
    ER Freundin  Hier sehen wir uns wieder In diesem Schloss fand ich Euch
einst gab Euch der Welt zurück und einer Freundin die Eure Freundschaft
erprobt und bewährt gefunden hat
    SIE O Mann des Unglücks wie rühren mich deine Leiden Du durftest dich
nicht Vater nennen und empfingst Almosen von deinem Sohne Die Stimme der Natur
sprach laut er trat zwischen mich und dich und nahm sich deiner mit kindlicher
Wärme an Er wusste nicht wer es war den er verteidigte Sein Gefühl sprach für
einen Unglücklichen und dieser  war sein Vater
    ER Er hat ein gutes Herz  Ach hätte er nichts als dies wie zu beneiden
wär er  O denkt Euch wie ich gerührt war  Bald wird er mich Vater nennen
dürfen und seine Mutter werde ich wieder an dieses klopfende Herz drücken
    Etliche Jäger gingen über die Berge  Violanta trat ins Schloss
    Rinaldo folgte ihr
    Sprechend standen sie im Schlosshofe als Lionardo der am Fenster stand
seiner Mutter zurief »Dort steht der arme Mann und spricht mit der Tante«
    Dianora trat ans Fenster ehe es Nicanor verhindern konnte Sie sah hinaus
schrie laut auf »Er ists« und sank in Isottens Arme Nicanor rief Violanten
Rinaldo ging ihr nach Lionardo jammerte
    »Die Mutter ist erschrocken«
    Sich seiner selbst unbewusst trat Rinaldo ins Zimmer als eben Dianora
wieder zu sich kam  Nicanor winkte allen zu das Zimmer zu verlassen Er
selbst folgte und ließ die Zugbrücke aufziehen Rinaldo und Dianora waren allein
im Zimmer  Er lag vor ihr Sie sah zärtlich auf ihn herab Heftig klopfte ihr
Herz Endlich sprach sie »So sehen wir uns dennoch wieder« Schnell und unruhig
trat Violanta ein indem sie sagte »Man sieht Soldaten im Tale Sie beobachten
wie es scheint das Schloss«
    Rinaldo sprang auf und rief »Nun da ich glücklich bin fehlt Eurem Glücke
nichts als mein Tod«
    »Was sprichst du«  fragte Dianora bestürzt
    Nicanor kam Er fragte ihn
    »Hast du dich einem Menschen außer uns entdeckt«
    Rinaldo erzählte was ihm gestern mit einem Unbekannten begegnete
    NICANOR Und du ahntest nichts  Der Kerl hat dich gekannt war vielleicht
einst einer deiner Leute und der Schatz von dem er sprach bist du Dich will
er heben
    RINALDO Er hat sich verrechnet  Ich fühle dass mein Dasein Euch stets zum
Unglück gereichen wird und weiß zu sterben
    DIANORA Unglücklicher
    NICANOR Nicht zu rasch Ein Augenblick darf nichts entscheiden
    Er verließ das Zimmer Ihm folgte Violanta  Dianora lag in Rinaldos Armen
Stumm und dennoch sprechend blieb die Szene
Die Soldaten standen vor dem Schloss Ein Kapuziner und der Kerl als
Verräter der den Schatz heben wollte waren bei ihnen Der Offizier verlangte
eingelassen zu werden  Man fragte was er suche  Er antwortete er habe
Order das Schloss zu durchsuchen und werde seine Befehle vorzeigen
    Nicanor trat auf die Warte und ließ sich mit dem Offizier in eine
Unterredung ein
    »Wir wissen«  sagte dieser endlich  »dass Rinaldini sich in dieses Schloss
geflüchtet hat Ihn suchen wk Bei uns sind Leute die ihn kennen«
    »Mein Sohn«  sagte Nicanor indem er ins Zimmer trat  »du bist verraten
Ich weiß jetzt nicht was zu tun ist Sammle dich und überlege«
    Dianora sank auf ein Sofa Violanta und Isotta eilten herbei
    Nicanor und Rinaldo gingen in den Saal
    »Was willst du tun«  fragte Nicanor
    »Ich will sterben«  war Rinaldos Antwort
    »Der Tod bleibt dir noch wenn alles verloren ist«
    Violanta stürzte herbei Schlüssel klirrten an ihrer Seite zwei brennende
Wachskerzen trug sie in den Händen Rinaldo erblickte sie kaum so als er
ausrief
    »Wie konnte ich auch etwas vergessen das Violanta nicht vergaß  Vater
öffne das Schloss Die Soldaten finden mich nicht«
    »Fort fort«  schrie Violanta
    Rinaldo nahm ihr die Schlüssel ab Der Alte fragte
    »Wir lassen also die Zugbrücke fallen«
    »Sie falle«  sagte Rinaldo  »Mich finden sie nicht«
    Violanta reichte ihm ein Päckchen mit Proviant und kurzem Gewehr gab ihm
Feuerzeug Kerzen und eine Brechstange begleitete ihn bis an die Treppe und
ging dann dem Alten nach
Die Leser kennen die unterirdischen Gänge dieses Schlosses in denen einst
Rinaldo Violanten fand  Hier befand er sich wieder Die Tür des Eingangs hatte
er hinter sich verschlossen und verriegelt Eben das geschah mit der Tür die
sich an dem Ausgange des Gewölbes befand  er kam durch das zweite Gewölbe an
Violantens Kerker vorbei hob die eiserne Falltür stieg die Wendeltreppe hinauf
und kam in den einsamen Turm der allein auf der äußersten Spitze des Berges
stand auf welchem das Schloss lag
    Zwischen den Zinnen dieses Turms hervor überblickte er die Gegend Alles war
rund herum öde und still Nur das Blöken und Brüllen der weidenden Herden tönte
zu ihm hinauf und in der Entfernung erklangen die Schallmeien der Hirten 
Endlich ertönten die AbendmettenGlocken der benachbarten Klöster Es schwebte
die goldene Sonne in Feuerpracht dem Meere zu  Jetzt wurde es noch stiller
Leichte Abendwölkchen schwebten die Berge hinan  Rinaldo blickte nach dem
Schloss zurück und seufzte »O Dianora Ach mein Lionardo«
    Am Fuße des Berges wandelten menschliche Gestalten umher  Der Mond ging
auf trat hell und rein an den hellen Äther und versilberte die Bäche des Tals
 In den Schiesslöchern der Warte nisteten Turteltauben Ihr sanfter Flügelschlag
durchtönte die Stille der Nacht
    »Da girrt der Gatte bei der Gattin«  seufzte Rinaldo  »da deckt er die
liebliche Brut mit sanften Flügeln und stille Ruhe umschwebt das liebende
Pärchen«
    Er blickte über sich
    »Dort schwebst du stiller Gefährte der Nacht Heiter ist dein Antlitz
Deine sanften Strahlen erquicken die Fluren Warum umleuchtest du nicht meine
Pfade in den friedlichen Gefilden der glücklichen Inseln wo man den Verbannten
nicht kennt« Er sah hinab Unten am Berge blinkten Gewehre  Er verließ die
Warte und stieg in die finsteren unterirdischen Gänge zurück durch die er
gekommen war  Vor der zweiten Tür hörte er Geräusch Man sprach
    »Noch eine Tür  Sie ist auch von innen verschlossen  Brecht sie auf«
    Man setzte die Werkzeuge an  Rinaldo floh die Treppe hinauf warf die
Falltür hinter sich zu und kam in den Turm zurück  Hier zog er aus dem
Päckchen welches Violanta ihm gegeben hatte eine Strickleiter hervor
befestigte dieselbe ließ sich an dem Turme hinab und zog die Leiter nach
»Sehen Sie mein lieber fremder Herr«  sagte der Führer der die Fremden
umherführt  »Sehen Sie dieses ist das Schloss der Gräfin Martagno die so
unglücklich war den Räuberhauptmann Rinaldini zu lieben  Hier steht die
Warte an der er sich hinabliess als man ihn suchte  Hinter diesem
Dornenbusche wo die Aloen stehen fiel er und gab seinen Geist auf  Er wollte
den Berg hinab Die Soldaten am Fuße des Berges sahen bei Mondenlicht sich etwas
hier bewegen sie schossen herauf er sank und verblutete hier sein Leben Da
sich weiter nichts regte glaubten sie vermutlich nach einem Berghöhlentier
geschossen zu haben und suchten nicht nach  Als die Soldaten vom Schloss
abgezogen waren und nicht gefunden hatten was sie zu finden hofften suchten
Rinaldinis Freunde umher glaubten ihn vielleicht in einer Berghöhle verborgen
und fanden ihn entseelt hinter jenem Busche«
    Der Führer zieht den Hut faltet die Hände und bewegt die Lippen Dieses
Gebet gilt der Seele des Verschiedenen Dann fährt er fort
    »Hier an dieser Seite des Turms bemerken Sie ein Kreuz in diesen Stein
gehauen und hier wo wir stehen unter uns liegt Rinaldini Der Boden ist
gleichgemacht kein Grabeshügel erhebt sich über seinen Gebeinen Sein Leichnam
ruht nicht in geweihter Erde«
    »Unglücklicher«
    »Jawohl unglücklich«
    »Und sein Vater seine Mutter seine Gattin sein Kind Wo blieben diese«
    »Sie haben sich eingeschifft in einen entfernten Weltteil zu gehen2 
Dieses Schloss bleibt unbewohnt wird verfallen und endlich zum Steinhaufen
werden dieser Turm wird zusammenstürzen und endlich des Unglücklichen Grabhügel
sein  Ruhig modere sein Gebein Friede sei mit seiner Seele«
 
                                    Fußnoten
1 Die Erzählung seiner nachherigen Schicksale das Leben Weben und Streben
dieses Knaben finden die Leser in dem Buche Lionardo Monte Bello oder der
KarbonariBund Leipzig 1823 Dahin muss ich hier dieselben verweisen
2 Eine ausführlichere Erzählung der Schicksale und Begebenheiten dieser Personen
werden in dem Buche Nicanor der Alte von Fronteja die Leser finden und gewiss
nicht ohne Teilnahme lesen