1798_Tieck_FranzSternbald.html




        
                                  Ludwig Tieck
                                Franz Sternbalds
                                  Wanderungen
                          Eine altdeutsche Geschichte
                                   Erstes Buch
                                  Erstes Kapitel
»So sind wir denn endlich aus den Toren der Stadt« sagte Sebastian indem er
stille stand und sich freier umsah
    »Endlich« antwortete seufzend Franz Sternbald sein Freund  »Endlich Ach
nur zu früh allzu früh«
    Die beiden Menschen sahen sich bei diesen Worten lange an und Sebastian
legte seinem Freunde zärtlich die Hand an die Stirne und fühlte dass sie heiß
sei  »Dich schmerzt der Kopf« sagte er besorgt und Franz antwortete »Nein
das ist es nicht aber dass wir uns nun bald trennen müssen«
    »Noch nicht« rief Sebastian mit einem wehmütigen Erzürnen aus »so weit
sind wir noch lange nicht ich will dich wenigstens eine Meile begleiten«
    Sie gaben sich die Hände und gingen stillschweigend auf einem schmalen Wege
nebeneinander
    Jetzt schlug es in Nürnberg vier Uhr und sie zählten aufmerksam die Schläge
obgleich beide recht gut wussten dass es keine andre Stunde sein konnte indem
warf das Morgenrot seine Flammen immer höher und es gingen schon undeutliche
Schatten neben ihnen und die Gegend trat rundumher aus der ungewissen Dämmerung
heraus da glänzten die goldenen Knöpfe auf den Türmen des heiligen Sebald und
Laurentius und rötlich färbte sich der Duft der ihnen aus den Kornfeldern
entgegenstieg
    »Wie alles noch so still und feierlich ist« sagte Franz »und bald werden
sich diese guten Stunden in Saus und Braus in Getümmel und tausend
Abwechselungen verlieren Unser Meister schläft wohl noch und arbeitet an seinen
Träumen seine Gemälde stehen aber auf der Staffelei und warten schon auf ihn Es
tut mir doch leid dass ich ihm den Petrus nicht habe können ausmalen helfen«
    »Gefällt er dir« fragte Sebastian
    »Über die Massen« rief Franz aus »es sollte mir fast bedünken als könnte
der gute Apostel der es so ehrlich meinte der mit seinem Degen so rasch bei
der Hand war und nachher doch aus Lebensfurcht das Verleugnen nicht lassen
konnte und sich von einem Hahn musste eine Buss und Gedächtnispredigt halten
lassen als wenn ein solcher beherzter und furchtsamer starrer und gutmütiger
Apostel nicht anders habe aussehen können als ihn Meister Dürer so vor uns
hingestellt hat Wenn er dich zu dem Bilde lässt lieber Sebastian so wende ja
allen deinen Fleiß darauf und denke nicht dass es für ein schlechtes Gemälde gut
genug sei Willst du mir das versprechen«
    Er nahm ohne eine Antwort zu erwarten seines Freundes Hand und drückte sie
stark Sebastian sagte »Deinen Johannes will ich recht aufheben und ihn
behalten wenn man mir auch viel Geld dafür böte«
    Mit diesen Reden waren sie an einen Fußsteig gekommen der einen nähern Weg
durch das Korn führte Rote Lichter zitterten an den Spitzen der Halme und der
Morgenwind rührte sich darin und machte Wellen Die beiden jungen Maler
unterhielten sich noch von ihren Werken und von ihren Planen für die Zukunft
Franz verließ jetzt Nürnberg die herrliche Stadt in der er seit zwölf Jahren
gelebt hatte und in ihr zum Jüngling erwachsen war aus diesem befreundeten
Wohnort ging er heut um in der Ferne seine Kenntnis zu erweitern und nach einer
mühseligen Wanderschaft dann als ein Meister in der Kunst der Malerei
zurückzukehren Sebastian aber blieb noch bei dem wohlverdienten Albrecht Dürer
dessen Name im ganzen Lande ausgebreitet war Jetzt ging die Sonne in aller
Majestät hervor und Sebastian und Franz sahen abwechselnd nach den Türmen von
Nürnberg zurück deren Kuppeln und Fenster blendend im Schein der Sonne
glänzten
    Die jungen Freunde fühlten stillschweigend den Druck des Abschieds der
ihrer wartete sie sahen jedem kommenden Augenblick mit Furcht entgegen sie
wussten dass sie sich trennen mussten und konnten es doch immer noch nicht
glauben
    »Das Korn steht schön« sagte Franz um nur das ängstigende Schweigen zu
unterbrechen »wir werden eine schöne Ernte haben«
    »Diesmal« antwortete Sebastian »werden wir nicht miteinander das Erntefest
besuchen wie seither geschah ich werde gar nicht hingehn denn du fehlst mir
und all das lustige Pfeifen und Schalmeigetöne würde nur ein bitterer Vorwurf
für mich sein dass ich ohne dich käme«
    Dem jungen Franz standen bei diesen Worten die Tränen in den Augen denn
alle Szenen die sie miteinander gesehen alles was sie in brüderlicher
Gesellschaft erlebt hatten ging schnell durch sein Gedächtnis als nun
Sebastian noch hinzusetzte »Wirst du mich auch in der Ferne noch immer lieb
behalten« konnte er sich nicht mehr fassen sondern fiel dem Fragenden mit
lautem Schluchzen um den Hals und ergoss sich in tausend Tränen er zitterte es
war als wenn ihm das Herz zerspringen wollte Sebastian hielt ihn fest in
seinen Armen und musste mit ihm weinen ob er gleich älter und von einer
härteren Konstitution war »Komme wieder zu dir« sagte er endlich zu seinem
Freunde »wir müssen uns fassen wir sehen uns ja wohl wieder«
    Franz antwortete nicht sondern trocknete seine Tränen ab ohne sein Gesicht
zu zeigen Es liegt im Schmerze etwas dessen sich der Mensch schämt er mag
seine Tränen auch vor seinem Busenfreunde auch wenn sie diesem gehören gern
verbergen
    Sie erinnerten sich nun daran wie sie schon oft von dieser Reise gesprochen
hätten wie sie ihnen also nichts weniger als unerwartet käme wie sehr sie
Franz gewünscht und sie immer als sein höchstes Glück angesehen habe Sebastian
konnte nicht begreifen warum sie jetzt so traurig wären da im Grunde nichts
vorgefallen sei als dass nun endlich der langgewünschte Augenblick wirklich
herbeigekommen sei Aber so ist das Glück des Menschen er kann sich dessen nur
freuen wenn es aus der Ferne auf ihn zuwandelt kommt es ihm nahe und ergreift
seine Hand so schaudert er oft zusammen als wenn er die Hand des Todes fasste
    »Soll ich dir die Wahrheit gestehen« fuhr Franz fort »du glaubst nicht wie
seltsam mir gestern abend zu Sinne war Ich hatte meinen Gedanken so oft die
Pracht Roms den Glanz Italiens vorgemalt ich konnte mich bei der Arbeit ganz
darin verlieren dass ich mir vorstellte wie ich auf unbekannten Fusssteigen
durch schattige Wälder wanderte und dann fremde Städte und niegesehene Menschen
meinem Blicke begegneten ach die bunte ewig wechselnde Welt mit ihren noch
unbekannten Begebenheiten die Künstler die ich sehen würde das hohe gelobte
Land der Römer wo einst die Helden wirklich und wahrhaftig gewandelt deren
Bilder mir schon Tränen entlockt hatten sieh alles dies zusammen hatte oft so
meine Gedanken gefangengenommen dass ich zuweilen nicht wusste wo ich war wenn
ich wieder aufsah Und das alles soll wirklich werden rief ich dann manchmal
aus es soll eine Zeit geben können sie tritt schon näher und näher in der du
nicht mehr vor der alten so wohlbekannten Staffelei sitzest eine Zeit wo du
in alle die Herrlichkeit hineinleben darfst und immer mehr sehen mehr erfahren
nie aufwachen wie es dir jetzt wohl geschieht wenn du so zuzeiten von Italien
träumst  ach wo wo bekömmst du Sinne Gefühle genug her um alles treu und
wahr lebendig und urkräftig aufzufassen  Und dann war es als wenn sich Herz
und Geist innerlich ausdehnten und wie mit Armen jene zukünftige Zeit erhaschen
an sich reißen wollten und nun «
    »Und nun Franz«
    »Kann ich es dir sagen« antwortete jener  »kann ich es selber ergründen
Als wir gestern abend um den runden Tisch unsers Dürers saßen und er mir noch
Lehren zur Reise gab als die Hausfrau indes den Braten schnitt und sich nach
dem Kuchen erkundigte den sie zu meiner Abreise gebacken hatte als du nicht
essen konntest und mich immer von der Seite betrachtetest o Sebastian es
wollte mir ganz mein armes ehrliches Herz zerreißen Die Hausfrau kam mir so gut
vor so oft sie auch mit mir gescholten so oft sie auch unsern braven Meister
betrübt hatte hatte sie mir doch selbst meine Wäsche eingepackt war sie doch
gerührt dass ich abreisen wollte Nun war unsre Mahlzeit geendigt und wir alle
waren nicht fröhlich gewesen sosehr wir es auch uns erst in vielen Worten
vorgesetzt hatten Jetzt nahm ich Abschied von Meister Albrecht ich wollte so
hart sein und konnte vor Tränen nicht reden ach mir fiel es zu sehr ein wie
viel ich ihm zu danken hatte was er ein vortrefflicher Mann ist wie herrlich
er malt und ich so nichts gegen ihn bin und er doch in den letzten Wochen immer
tat als wenn ich seinesgleichen wäre ich hatte das alles noch nie so zusammen
empfunden und nun warf es mich dafür auch gänzlich zu Boden Ich ging fort und
du gingst stillschweigend in deine Schlafkammer nun war ich auf meiner Stube
allein Keinen Abend werd ich mehr hier hereintreten sagte ich zu mir selber
indem ich das Licht auf den Boden stellte für dich Franz ist nun dieses Bette
zum letzten Male in Ordnung gelegt du wirfst dich noch einmal hinein und siehst
diese Kissen denen du so oft deine Sorgen klagtest auf denen du noch öfter so
süß schlummertest nie siehst du sie wieder  Sebastian geht es allen Menschen
so oder bin ich nur ein solches Kind Es war mir fast als stünde mir das
größte Unglück bevor das dem Menschen begegnen könnte ich nahm sogar die alte
Lichtschere mit Zärtlichkeit mit einem wehmütigen Gefühl in die Hand und putzte
damit den langen Docht des Lichtes Ich war überzeugt dass ich vom guten Dürer
nicht zärtlich genug Abschied genommen ich machte mir heftige Vorwürfe darüber
dass ich ihm nicht alles gesagt hatte wie ich von ihm denke welch ein
vortrefflicher Mann er in meinen Augen sei dass er nun von mir so entfernt
werde ohne dass er wisse welche kindliche Liebe welche brennende Verehrung
welche Bewunderung ich mit mir nähme Als ich so über die alten Giebel
hinübersah und über den engen dunkeln Hof als ich dich nebenan gehen hörte und
die schwarzen Wolken so unordentlich durch den Himmel zogen ach Sebastian wie
wenn ihr mich aus dem Hause würfet als wenn ich nicht mehr euer Freund und
Gesellschafter sein dürfte als wenn ich allein als ein Unwürdiger verstoßen
sei verschmäht und verachtet  so regte es sich in meinem Busen Ich hatte
keine Ruhe ich ging noch einmal vor Dürers Gemach und hörte ihn drinnen
schlafen o ich hätte ihn gern noch einmal umarmt alles genügte mir nicht ich
hätte mögen dableiben an kein Verreisen hätte müssen gedacht werden und ich
wäre vergnügt gewesen  Und noch jetzt sieh wie die fröhlichen Lichter des
Morgens um uns spielen und ich trage noch alle Empfindungen der dunkeln Nacht
in mir Warum müssen wir immer früheres Glück vergessen um von neuem glücklich
sein zu können  Ach lass uns hier einen Augenblick stille stehen horch wie
schön die Gebüsche flüstern wenn du mir gut bist so singe mir hier noch einmal
das alte Lied vom Reisen«
    Sebastian stand sogleich still und sang ohne alle Vorbereitung folgende
Verse
»Willt du dich zur Reis bequemen
Über Feld
Berg und Tal
Durch die Welt
Fremde Städte allzumal
Musst Gesundheit mit dir nehmen
Neue Freunde aufzufinden
Lässt die alten du dahinten
Früh am Morgen bist du wach
Mancher sieht dem Wandrer nach
Weint dahinten
Kann die Freud nicht wiederfinden
Eltern Schwester Bruder Freund
Auch vielleicht das Liebchen weint
Lass sie weinen traurig und froh
Wechselt das Leben bald so bald so
Nimmer ohne Ach und Oh
Heimat bleibt dir treu und bieder
Kehrst du nur als Treuer wieder
Reisen und Scheiden
Bringt des Wiedersehens Freuden«
Franz hatte sich ins hohe Gras gesetzt und sang die letzten Verse inbrünstig
mit er stand auf und sie kamen an die Stelle wo Sebastian hatte umkehren
wollen
    »Grüße noch einmal« rief Franz aus »alle die mich kennen und lebe du
recht wohl«
    »Und du gehst nun« fragte Sebastian »muss ich denn nun ohne dich umkehren«
    Sie hielten sich beide fest umschlossen »Ach nur eins noch« rief Sebastian
aus »es quält mich gar zu sehr und ich kann dich nicht lassen«
    Franz wünschte den Abschied im Herzen vorüber es war als wenn sein Herz
von diesen gegenwärtigen Minuten erdrückt würde er sehnte sich nach der
Einsamkeit nach dem Walde um dann von seinem Freunde entfernt seinen Schmerz
ausweinen zu können Aber Sebastian verlängerte die Augenblicke des Abschieds
weil er sich durch kein neues Leben durch keine neue Gegend konnte trösten
lassen er kannte alles genau wozu er zurückkehrte »Willst du mir
versprechen« rief er aus
    »Alles alles«
    »Ach Franz« fuhr jener klagend fort »ich lasse dich nun los und du bist
nicht mehr mein ich weiß nicht was dir begegnet ich kann dir nicht ins
Gesicht sehen und so setze ich deine Liebe ja dich selbst auf ein ungewisses
Spiel Wirst du auch noch in der weiten Ferne an deinen einfältigen Freund
Sebastian denken Ach wenn du nun unter klugen und vornehmen Leuten bist wenn
es nun schon lange her ist dass wir hier Abschied genommen haben willst du mich
auch dann nie verachten«
    »O mein liebster Sebastian« rief Franz schluchzend
    »Wirst du immer noch Nürnberg so lieben« fuhr jener fort »und deinen
Meister den wackeren Albrecht Wirst du dich nie klüger fühlen O versprich mir
dass du derselbe Mensch bleiben willst dass du dich nicht vom Glanz des Fremden
willst verführen lassen dass alles dir noch ebenso teuer ist dass ich dich noch
ebenso angehe«
    »O Sebastian« sagte Franz »mag die ganze Welt klug und überklug werden
ich will immer ein Kind bleiben«
    Sebastian sagte »O wenn du einst mit fremden abgebettelten Sitten
wiederkämst alles besser wüsstest und dir das Herz nicht mehr so warm schlüge
wenn du dann mit kaltem Blute nach Dürers Grabstein hinsehn könntest und du
höchstens über die Arbeit und Inschrift sprächest  o so möcht ich dich gar
nicht wiedersehen dich gar nicht für meinen Bruder erkennen«
    »Sebastian bin ich denn so« rief Franz heftig aus »ich kenne ja dich ich
liebe ja dich und mein Vaterland und die Stube worin unser Meister wohnt und
die Natur und Gott Immer werd ich daran hangen immer immer Sieh hier an
diesem alten Eichenbaum versprech ich es dir hier hast du meine Hand darauf«
    Sie umarmten sich und gingen stumm auseinander nach einer Weile stand Franz
still dann lief er dem Sebastian nach und umarmte ihn wieder »Ach Bruder«
sagte er »und wenn Dürer den Ecce homo fertig hat so schreibe mir doch recht
umständlich wie der geworden ist und glaube ja an die Göttlichkeit der Bibel
ich weiß dass du manchmal übel davon dachtest«
    »Ich will es tun« sagte Sebastian und sie trennten sich wieder aber nun
kehrte keiner um oft wandten sie das Gesicht ein Wald trat zwischen beide
 
                                Zweites Kapitel
Als Sebastian nach der Stadt zurückkehrte und Franz sich nun allein sah ließ er
seinen Tränen ihren Lauf »Lebe wohl tausendmal wohl« sagte er immer still vor
sich hin »wenn ich dich nur erst wiedersähe«
    Die Arbeiter auf den Feldern waren nun in Bewegung alles war tätig und
rührte sich Bauern fuhren ihm vorüber in den Dörfern war Getümmel
hochbeladene Wagen mit Heu wurden in die Scheuren gefahren Knechte und Mägde
sangen und schäkerten laut »Wie viele Menschen sind mir heute schon begegnet«
dachte Franz bei sich »und unter allen diesen weiß vielleicht kein einziger von
dem großen Albrecht Dürer der mit seinen Werken meinen ganzen Kopf einnimmt
den zu erreichen mein einziges Trachten ist Sie wissen vielleicht kaum dass es
eine Malerei gibt und doch fühlen sie sich nicht unglücklich Ich kann es nicht
einsehn wie man so fortleben könnte so einsam und verlassen und doch treibt
jeder emsig sein Geschäft und es ist gut dass es so ist und so sein muss«
    Die Sonne war indes hoch gestiegen und brannte heiß herunter die Schatten
der Bäume wurden kurz die Arbeiter gingen zum Mittagsessen nach ihren Häusern
Franz dachte daran wie sich nun Sebastian dem Albrecht Dürer gegenüber zu
Tische setze und wie man von ihm sprechen würde Er beschloss auch im nächsten
Gehölze still zu liegen und seinen mitgenommenen Vorrat zu genießen Wie
erquickend war der kühle Duft der ihm aus den grünen Blättern entgegenwehte
als er in das Wäldchen eintrat Alles war still und nur das Rauschen der Bäume
schallte und säuselte in abwechselnden Gängen über ihm weg durch die liebliche
Einsamkeit in dem Getöne und Murmeln eines Baches der entfernt durch das
Gehölz hinfloss Franz setzte sich auf den weichen Rasen und zog seine
Schreibtafel heraus um den Tag seiner Auswanderung anzumerken dann holte er
frischen Atem und ihm war leicht und wohl er war jetzt über die Abwesenheit
seines Freundes getröstet er fand alles gut so wie es war Er breitete seine
Tafel aus und aß mit Wohlbehagen von seinem mitgenommenen Vorrate er fühlte
jetzt nur die schöne Gegenwart die ihn umgab
    Indem kam ein Wandersmann die Straße gegangen und grüßte Franzen sehr
freundlich es war ein junger rotbackiger Bursche er schien müde und Franz bat
ihn daher sich neben ihn niederzusetzen und mit ihm vorliebzunehmen Der junge
Reisende nahm sogleich diesen Vorschlag an und beide verzehrten gutes Muts ihre
Mittagsmahlzeit und tranken den Wein den Franz aus Nürnberg mitgenommen hatte
Der Fremde erzählte hierauf unserm Freunde dass er ein Schmiedegeselle sei und
eben auf der Wanderschaft begriffen er gehe nun die hochberühmte Stadt
Nürnberg in Augenschein zu nehmen und da etwas Rechtes für sein Handwerk bei den
kunstreichen Meistern zu lernen »Und was treibt Ihr für ein Gewerbe« fragte
er indem er seine Erzählung geendigt hatte
    »Ich bin ein Maler« sagte Franz »und bin heute morgen aus Nürnberg
ausgewandert«
    »Ein Maler« rief jener aus »einer von denen die für die Kirchen und
Klöster die Bilder verfertigen«
    »Recht« antwortete Franz »mein Meister hat deren schon genug
ausgearbeitet«
    »Oh« sagte der Schmied »was ich mir schon oft gewünscht habe einem
solchen Mann bei seiner Arbeit zuzusehn denn ich kann es mir gar nicht
vorstellen Ich habe immer geglaubt dass die Gemälde in den Kirchen schon sehr
alt wären und dass jetzt gar keine Leute lebten die dergleichen zu machen
verstünden«
    »Gerade umgekehrt« sagte Franz »die Kunst ist jetzt höher gestiegen als
sie nur jemals war ich darf Euch sagen dass man jetzt so malt wie es die
frühern Meister nie vermocht haben die Manier ist jetzt edler die Zeichnung
richtiger und die Ausarbeitung bei weitem fleißiger so dass die jetzigen Bilder
den wirklichen Menschen ungleich ähnlicher sehen als die vormaligen«
    »Und könnt Ihr Euch denn davon ernähren« fragte der Schmied
    »Ich hoffe es« antwortete Franz »dass mich die Kunst durch die Welt bringen
wird«
    »Aber im Grunde nützt doch das zu nichts« fuhr jener fort
    »Wie man es nimmt« sagte Franz und war innerlich über diese Rede böse
»Das menschliche Auge und Herz findet ein Wohlgefallen daran die Bibel wird
durch Gemälde verherrliche die Religion unterstützt was will man von dieser
edlen Kunst mehr verlangen«
    »Ich meine« sagte der Gesell ohne sehr darauf zu achten »es könnte doch
zur Not entbehrt werden es würde doch kein Unglück daraus entstehen kein
Krieg keine Teurung kein Misswachs Handel und Wandel bliebe in gehöriger
Ordnung das alles ist nicht so mit dem Schmiedehandwerk der Fall als worauf
ich reise und darum dünkt mich müsst Ihr mit einiger Besorgnis so in die Welt
hineingehn denn Ihr seid immer doch ungewiss ob Ihr Arbeit finden werdet«
    Franz wusste darauf nichts zu antworten und schwieg still er hatte noch nie
darüber nachgedacht ob seine Beschäftigung den Menschen nützlich wäre sondern
sich nur seinem Triebe überlassen Er wurde betrübt dass nur irgend jemand an
dem hohen Werte der Kunst zweifeln könne und doch wusste er jetzt jenen nicht zu
widerlegen »Ist doch der heilige Apostel Lukas selbst ein Maler gewesen« fuhr
er endlich auf
    »Wirklich« sagte der Schmied und verwunderte sich »das hätt ich nicht
gedacht dass das Handwerk schon so alt wäre«
    »Möchtet Ihr denn nicht« fuhr Franz mit einem hochroten Gesichte fort
»wenn Ihr einen Freund oder Vater hättet den Ihr so recht von Herzen liebtet
und Ihr müsstet nun auf viele Jahre auf die Wanderschaft gehen und könntet sie in
der langen langen Zeit nicht sehen möchtet Ihr denn da nicht ein Bild
wenigstens haben das Euch vor den Augen stände und jede Miene jedes Wort
zurückriefe das sie sonst gesprochen haben Ist es denn nicht schön und
herrlich wenigstens so im gefärbten Schatten das zu besitzen was wir für teuer
achten«
    Der Schmied wurde nachdenkend und Franz öffnete schnell seinen Mantelsack
und wickelte einige kleine Bilder aus die er selbst vor seiner Abreise gemalt
hatte »Seht hieher« fuhr er fort »seht vor einigen Stunden habe ich mich von
meinem liebsten Freunde getrennt und hier trage ich seine Gestalt mit mir herum
der da ist mein teurer Lehrer Albrecht Dürer genannt gradeso sieht er aus
wenn er recht freundlich ist hier habe ich ihn noch einmal wie er in seiner
Jugend gestaltet war«
    Der Schmied betrachtete die Gemälde sehr aufmerksam und bewunderte die
Arbeit dass die Köpfe so natürlich vor den Augen ständen dass man beinahe
glauben könnte lebendige Menschen vor sich zu sehen »Ist es denn nun nicht
schön« sprach der junge Maler weiter »dass sich männiglich bemüht die Kunst
immer höher zu treiben und immer wahrer das natürliche Menschenangesicht
darzustellen War es denn nicht für die übrigen Apostel und für alle damaligen
Christen herrlich und eine liebliche Erquickung wenn Lukas ihnen den Erlöser
der nicht mehr unter ihnen wandelte wenn er ihnen Maria und Magdalena und die
übrigen Heiligen hinmalen konnte dass sie sie glaubten mit Augen zu sehen und
mit den Händen zu erfassen Und ist es denn nicht auch in unserm Zeitalter
überaus schön für alle Freunde des großen Mannes des kühnen Streiters den
wackeren Doktor Luther trefflich zu konterfeien und dadurch die Liebe der
Menschen und ihre Bewunderung zu erhöhn Und wenn wir alle längst tot sind
müssen es uns nicht Enkel und späte Urenkel Dank wissen wenn sie dann die
jetzigen Helden und großen Männer von uns gemalt antreffen O wahrlich sie
werden dann Albrecht segnen und mich auch vielleicht loben dass wir uns ihnen
zum Besten diese Mühe gaben und keiner wird dann die Frage aufwerfen wozu kann
diese Kunst nützen«
    »Wenn Ihr es so betrachtet« sagte der Schmied »so habt Ihr ganz recht und
wahrlich das ist dann ganz etwas anders als Eisen zu hämmern Schon oft habe
ich es mir auch gewünscht so irgend etwas zu tun das bliebe und wobei die
künftigen Menschen meiner gedenken könnten so eine recht überaus künstliche
Schmiedearbeit aber ich weiß immer noch nicht was es wohl sein könnte und ich
kann mich auch oft darin nicht finden warum ich das gerade will da keiner
meiner Handwerksgenossen darauf gekommen ist Bei Euch ist das auf die Art
freilich etwas Leichtes und Ihr habt dabei nicht einmal so saure Arbeit wie
unsereins Doch warum lieber Maler sieht man nur immer Kreuze und
Leidensgeschichten und Heiligen Warum findet Ihr es denn nicht auch der Mühe
wert Menschen wie wir sie in ihrem gewöhnlichen Wandel vor uns sehen selbst
mit ihren Possierlichkeiten und wunderlichen Gebärden abzuschildern Aber
freilich wird dergleichen wohl nicht gekauft auch malt Ihr ja meistens für
Kirchen und heilige Örter Doch darin denkt Ihr gerade wie ich ja mein Freund
Tag und Nacht wollt ich arbeiten und mich keinen Schweiß verdrießen lassen wenn
ich etwas zustande bringen könnte das länger dauerte wie ich das der Mühe wert
wäre dass man sich meiner dabei erinnerte und darum möcht ich gern etwas ganz
Neues und Unerhörtes erfinden oder entdecken und ich halte die für sehr
glückliche Menschen denen so etwas gelungen ist«
    Bei diesen Worten verlor sich der Zorn des Malers völlig er ward dem
Schmiedegesellen darüber sehr gewogen und erzählte ihm noch mancherlei von sich
und Nürnberg er erfuhr dass der junge Schmied aus Flandern komme »Wollt Ihr
mir einen großen Gefallen tun« fragte der Fremde
    »Gern« sagte Franz
    »So schreibt mir einige Worte auf und gebt sie mir an Euren Meister und
Euren jungen Freund mit ich will sie dann besuchen und sie müssen mich bei
ihrer Arbeit zusehen lassen weil ich es mir gar nicht vorstellen kann wie sich
die Farben so künstlich übereinanderlegen dann will ich auch nachsehen ob Eure
Bilder da ähnlich sind«
    »Das ist nicht nötig« sagte Franz »Ihr dürft nur so zu ihnen gehen von
mir erzählen und einen Gruß bringen so sind sie gewiss so gut und lassen Euch
einen ganzen Tag nach Herzenslust zuschauen Sagt ihnen dann dass wir viel von
ihnen gesprochen haben dass mir noch die Tränen in den Augen stehen«
    Sie schieden hierauf und ein jeder ging seine Straße Indem es gegen Abend
kam fielen dem jungen Sternbald viele Gegenstände zu Gemälden ein die er in
seinen Gedanken ordnete und mit Liebe bei diesen Vorstellungen verweilte je
röter der Abend wurde je schwermütiger wurden seine Träumereien er fühlte sich
wieder einsam in der weiten Welt ohne Kraft ohne Hilfe in sich selber Die
dunkelgewordenen Bäume die Schatten die sich auf dem Felde ausstreckten die
rauchenden Dächer eines kleinen Dorfes und die Sterne die nach und nach am
Himmel hervortraten alles rührte ihn innig alles bewegte ihn zu einem
wehmütigen Mitleiden mit sich selber
    Er kehrte in die kleine Schenke des Dorfes ein begehrte ein Abendessen und
eine Ruhestelle Als er allein war und schon die Lampe ausgelöscht hatte
stellte er sich an das Fenster und sah nach der Gegend hin wo Nürnberg lag
»Dich sollt ich vergessen« rief er aus »dich sollt ich weniger lieben O mein
liebster Sebastian was wäre dann aus meinem Herzen geworden Wie glücklich fühl
ich mich darin dass ich ein Deutscher dass ich dein und Albrechts Freund bin
ach wenn ihr mich nur nicht verstosst weil ich eurer unwert bin«
    Er legte sich nieder verrichtete sein Abendgebet und schlief dann
beruhigter ein
 
                                Drittes Kapitel
Am Morgen weckte ihn das muntere Girren der Tauben vor seinem Fenster die
manchmal in seine Stube hineinsahn und mit den Flügeln schlugen dann wieder
wegflogen und bald wiederkamen um mit dem Halse nickend vor ihm auf und nieder
zu gehen Durch einige Lindenbäume warf die Sonne schräge Strahlen in sein
Gemach und Franz stand auf und kleidete sich hurtig an er sah mit festen Augen
durch den reinen blauen Himmel und alle seine Plane wurden lebendiger in ihm
sein Herz schlug höher alle Gefühle seiner Brust erklangen geläuterter Er
hätte jetzt mit der Farbenpalette vor einer großen Tafel stehen mögen und er
hätte dreist die kühnen Figuren hingezeichnet die sich in seiner Brust
bewegten Der frische Morgen gibt dem Künstler Stärkung und in den Strahlen des
Frührots regnet Begeisterung auf ihn herab der Abend löst und schmelzt seine
Gefühle er weckt Ahndungen und unerklärliche Wünsche in ihm auf der Gerührte
fühlt dann näher dass jenseit dieses Lebens ein andres kunstreicheres liege und
sein inwendiger Genius schlägt oft vor Sehnsucht mit den Flügeln um sich frei
zu machen und hineinzuschwärmen in das Land das hinter den goldnen Abendwolken
liegt
    Franz sang ein Morgenlied und fühlte keine Müdigkeit vom gestrigen Wege
mehr er setzte mit frischen Kräften seine Reise fort Das rege Geflügel sang
aus allen Gebüschen das betaute Gras duftete und alle Blätter funkelten wie
Kristall Er ging mit schnellen Schritten über eine schöne Wiese und das
Geschmetter der Lerchen zog über ihn hinweg ihm war fast noch nie so wohl
gewesen
    »Das Reisen« sagte er zu sich selber »ist ein herrlicher Zustand diese
Freiheit der Natur diese Regsamkeit aller Kreaturen der reine weite Himmel und
der Menschengeist der alles dies zusammenfassen und in einen Gedanken
zusammenstellen kann  o glücklich ist der der bald die enge Heimat verlässt
um wie der Vogel seinen Fittich zu prüfen und sich auf unbekannten schöneren
Zweigen zu schaukeln Welche Welten entwickeln sich im Gemüte wenn die freie
Natur umher mit kühner Sprache in uns hineinredet wenn jeder ihrer Töne unser
Herz trifft und alle Empfindungen zugleich anrührt Ja ich glaube dass ich
einst ein guter Maler sein werde da mein ganzer Sinn sich so der Kunst
zuwendet da ich keinen andern Wunsch habe da ich gern alles übrige in dieser
Welt aufgeben mag Ich will nicht so zaghaft sein wie Sebastian ich will mir
selber vertrauen«
    Am Mittage ruhte er in einem Dorfe aus das eine sehr schöne Lage hatte
hier traf er einen Bauer der mit einem Wagen noch denselben Tag vier Meilen
nach seinem Wohnort zu fahren gedachte Der alte Mann erzählte unterwegs unserm
Freunde viel von seiner Haushaltung von seiner Frau und seinen Kindern Er war
schon siebzig Jahr und hatte im Laufe seines Lebens mancherlei erfahren er
wünschte jetzt nichts so sehnlich als vor seinem Tode nur noch die berühmte
Stadt Nürnberg sehen zu können wohin er nie gekommen war Franz ward durch die
Reden des alten Mannes sehr gerührt es war ihm sonderbar dass er erst am
gestrigen Morgen Nürnberg verlassen hatte und dieser alte Bauer davon sprach
als wenn es ein fremder wunderweit entlegener Ort sei so dass er die als
Auserwählte betrachtete denen es gelinge dorthin zu kommen
    Mit dem Untergange der Sonne kamen sie vor die Behausung des Bauers an
kleine Kinder sprangen ihnen entgegen die Erwachsenen arbeiteten noch auf dem
Felde die alte Mutter erkundigte sich eifrig nach den Verwandten die ihr Mann
besucht hatte sie wurde nicht müde zu fragen und er beantwortete alles überaus
treuherzig Dann ward das Abendessen zubereitet und alle im Hause waren sehr
geschäftig Franz bekam den bequemsten Stuhl um auszuruhen ob er gleich nicht
ermüdet war
    Das Abendrot glänzte noch im Grase vor der Tür und die Kinder spielten
darin wie niedergeregnetes Gold funkelte es durch die Scheiben und lieblich
rot waren die Angesichter der Knaben und Mädchen knurrend setzte sich die
Hauskatze neben Franz und schmeichelte sich vertraulich an ihn und Franz fühlte
sich so wohl und glücklich in der kleinen beengten Stube so selig und frei dass
er sich kaum seiner vorigen trüben Stunden erinnern konnte dass er glaubte er
könne in seinem Leben nie wieder betrübt werden Als nun die Dämmerung einbrach
fingen vom Herde der Küche die Heimchen ihren friedlichen Gesang an am
Wasserbach sang aus Birken eine Nachtigall heraus und noch nie hatte Franz das
Glück einer stillen Häuslichkeit einer beschränkten Ruhe sich so nahe
empfunden
    Die großen Söhne kamen aus dem Felde zurück und alle nahmen fröhlich und
gutes Muts die Abendmahlzeit ein man sprach von der bevorstehenden Ernte vom
Zustande der Wiesen Franz lernte nach und nach das Befinden und die
Eigenschaften jedes Haustiers aller Pferde und Ochsen kennen Die Kinder waren
gegen die Alten ehrerbietig man fühlte es wie der Geist einer schönen
Eintracht sie alle beherrschte
    Als es finster geworden war vermehrte ein eisgrauer Nachbar die
Gesellschaft um den sich besonders die Kinder drängten und verlangten dass er
ihnen wieder eine Geschichte erzählen solle die Alten mischten sich auch
darunter und baten dass er ihnen wieder von heiligen Märtyrern vorsagen möchte
nichts Neues sondern was er ihnen schon oft erzählt habe je öfter sie es
hörten je lieber würde es ihnen Der Nachbar war auch willig und trug die
Geschichte der heiligen Genoveva vor dann des heiligen Laurentius und alle
waren in tiefer Andacht verloren Franz war überaus gerührt Noch in derselben
Nacht fing er einen Brief für seinen Freund Sebastian an am Morgen nahm er
herzlich von seinen Wirten Abschied und kam am folgenden Tage in eine kleine
Stadt wo er den Brief an seinen Freund beschloss Wir teilen unsern Lesern
diesen Brief mit
Liebster Bruder
Ich bin erst seit so kurzer Zeit von Dir und doch dünkt es mir schon so lange zu
sein Ich habe Dir eigentlich nichts zu schreiben und kann es doch nicht
unterlassen denn Dein eigenes Herz kann Dir alles sagen was Du in meinem Briefe
finden solltest wie ich immer an Dich denke wie unaufhörlich das Bild meines
teuren Meisters und Lehrers vor mir steht Ein Schmiedegeselle wird Euch besucht
haben den ich am ersten Tage traf ich denke Ihr habt ihn freundlich
aufgenommen um meinetwillen Ich schreibe diesen Brief in der Nacht beim Schein
des Vollmonds indem meine Seele überaus beruhigt ist ich bin hier auf einem
Dorfe bei einem Bauer mit dem ich vier Meilen hiehergefahren bin Alle im Hause
schlafen und ich fühle mich noch so munter darum will ich noch einige Zeit
wach bleiben Lieber Sebastian es ist um das Treiben und Leben der Menschen
eine eigene Sache Wie die meisten so gänzlich ihres Zwecks verfehlen wie sie
nur immer suchen und nie finden und wie sie selbst das Gefundene nicht achten
mögen wenn sie ja so glücklich sind Ich kann mich immer nicht darin finden
warum es nicht besser ist warum sie nicht zu ihrem eigenen Glücke mit sich
einiger werden Wie lebt mein Bauer hier für sich und ist zufrieden und ist
wahrhaft glücklich Er ist nicht bloß glücklich weil er sich an diesen Zustand
gewöhnt hat weil er nichts Besseres kennt weil er sich findet sondern alles
ist ihm recht weil er innerlich von Herzen vergnügt ist und weil ihm
Unzufriedenheit mit sich etwas Fremdes ist Nur Nürnberg wünscht er vor seinem
Tode noch zu sehen und lebt doch so nahe dabei wie mich das gerührt hat
    Wir sprechen immer von einer goldenen Zeit und denken sie uns so weit weg
und malen sie uns mit so sonderbaren und buntgrellen Farben aus O teurer
Sebastian oft dicht vor unsern Füßen liegt dieses wundervolle Land nach dem
wir jenseit des Ozeans und jenseit der Sündflut mit sehnsüchtigen Augen suchen
Es ist nur das dass wir nicht redlich mit uns selber umgehen Warum ängstigen
wir uns in unsern Verhältnissen so ab um nur das bisschen Brot zu haben das wir
darüber selber nicht einmal in Ruhe verzehren können Warum treten wir denn
nicht manchmal aus uns heraus und schütteln alles das ab was uns quält und
drückt und holen darüber frischen Atem und fühlen die himmlische Freiheit die
uns eigentlich angeboren ist Dann müssen wir der Kriege und Schlachten der
Zänkereien und Verleumdungen auf einige Zeit vergessen alles hinter uns lassen
und die Augen davor zudrücken dass es in dieser Welt so wild hergeht und sich
alles toll und verworren durcheinanderschiebt damit irgendeinmal der himmlische
Friede eine Gelegenheit fände sich auf uns herabzusenken und mit seinen süßen
lieblichen Flügeln zu umarmen Aber wir wollen uns gern immer mehr in dem
Wirrwarr der gewöhnlichen Weltändel verstricken wir ziehen selber einen Flor
über den Spiegel der aus den Wolken herunterhängt und in welchem Gottheit und
Natur uns ihre himmlischen Angesichter zeigen damit wir nur die Eitelkeiten der
Welt desto wichtiger finden dürfen So kann der Menschengeist sich nicht aus dem
Staube aufrichten und getrost zu den Sternen hinblicken und seine Verwandtschaft
zu ihnen empfinden Er kann die Kunst nicht lieben da er das nicht liebt was
ihn von der Verworrenheit erlöst denn mit diesem seligen Frieden ist die Kunst
verwandt Du glaubst nicht wie gern ich jetzt etwas malen möchte was so ganz
den Zustand meiner Seele ausdrückte und ihn auch bei andern wecken könnte
Ruhige fromme Herden alte Hirten im Glanz der Abendsonne und Engel die in der
Ferne durch Kornfelder gehen um ihnen die Geburt des Herrn des Erlösers des
Friedefürsten zu verkündigen Kein wildes Erstarren keine erschreckten
durcheinandergeworfenen Figuren sondern mit freudiger Sehnsucht müssten sie nach
den Himmlischen hinschauen die Kindlein müssten mit ihren zarten Händlein nach
den goldnen Strahlen hindeuten die von den Botschaftern ausströmten Jeder
Anschauer müsste sich in das Bild hineinwünschen und seine Prozesse und Plane
seine Weisheit und seine politischen Konnexionen auf ein Viertelstündchen
vergessen und ihm würde dann vielleicht so sein wie mir jetzt ist indem ich
dieses schreibe und denke Lass Dich manchmal lieber Sebastian von der guten
freundlichen Natur anwehen wenn es Dir in Deiner Brust zu enge wird schau auf
die Menschen je zuweilen hin die im Strudel des Lebens am wenigsten bemerkt
werden und heiße die süße Frömmigkeit willkommen die unter alten Eichen beim
Schein der Abendsonne wenn Heimchen zwitschern und Feldtauben girren auf Dich
niederkömmt Nenne mich nicht zu weich und vielleicht phantastisch wenn ich Dir
dieses rate ich weiß dass Du in manchen Sachen anders denkst und vernünftiger
und eben darum auch härter bist
    Ein Nachbar besuchte uns noch nach dem Abendessen und erzählte in seiner
einfältigen Art einige Legenden von Märtyrern Der Künstler sollte nach meinem
Urteil bei Bauern oder Kindern manchmal in die Schule gehen um sich von seiner
kalten Gelehrsamkeit oder zu großen Künstlichkeit zu erholen damit sein Herz
sich wieder einmal der Einfalt auftäte die doch nur einzig und allein die wahre
Kunst ist Ich wenigstens habe aus diesen Erzählungen vieles gelernt die
Gegenstände die der Maler daraus darstellen müsste sind mir in einem ganz neuen
Lichte erschienen Ich weiß Kunstgemälde wo der rührendste Gegenstand von
unnützen schönen Figuren von Gemäldegelehrsamkeit und trefflich ausgedachten
Stellungen so eingebaut war dass das Auge lernte das Herz aber nichts dabei
empfand als worauf es doch vorzüglich abgesehn sein müsste So aber wollen
einige Meister größer werden als die Größe sie wollen ihren Gegenstand nicht
darstellen sondern verschönern und darüber verlieren sie sich in Nebendingen
Ich denke jetzt an alles das was uns der vielgeliebte Albrecht so oft vorgesagt
hat und fühle wie er immer recht und wahr spricht  Grüße ihn ich muss hier
aufhören weil ich müde bin Morgen komme ich nach einer Stadt da will ich den
Brief schließen und abschicken  
     Ich bin angekommen und habe Dir Sebastian nur noch wenige Worte zu sagen
und auch diese dürften vielleicht überflüssig sein Wenn nur das ewige Auf und
Abtreiben meiner Gedanken nicht wäre Wenn die Ruhe doch die mich manchmal wie
im Vorbeifliegen küsst bei mir einheimisch würde dann könnt ich von Glück
sagen und es würde vielleicht mit der Zeit ein Künstler aus mir den die Welt
zu den angesehenen zählte dessen Namen sie mit Achtung und Liebe spräche Aber
ich sehe es ein noch mehr fühl ich es das wird mir ewig nicht gegönnt sein
Ich kann nicht dafür ich kann mich nicht im Zaume halten und alle meine
Entwürfe Hoffnungen mein Zutrauen zu mir geht vor neuen Empfindungen unter
und es wird leer und wüst in meiner Seele wie in einer rauen Landschaft wo
die Brücken von einem wilden Waldstrome zusammengerissen sind Ich hatte auf dem
Wege so vielen Mut ich konnte mich ordentlich gegen die großen herrlichen
Gestalten nicht schützen und mich ihrer nicht erwehren die in meiner Phantasie
aufstiegen sie überschütteten mich mit ihrem Glanze überdrängten mich mit
ihrer Kraft und eroberten und beherrschten so sehr meinen Geist dass ich mich
freute und mir ein recht langes Leben wünschte um der Welt den Kunstfreunden
und Dir geliebter Sebastian so recht ausführlich hinzumalen was mich
innerlich mit unwiderstehlicher Gewalt beherrschte Aber kaum habe ich nun die
Stadt diese Mauern und die Emsigkeit der Menschen gesehen so ist alles in
meinem Gemüte wieder wie zugeschüttet ich kann die Plätze meiner Freude nicht
wiederfinden keine Erscheinung steigt auf Ich weiß nicht mehr was ich bin
mein Sinn ist gänzlich verwirrt Mein Zutrauen zu mir scheint mir Raserei meine
inwendigen Bilder sind mir abgeschmackt sie werden mir so unmöglich als wenn
sie sich nie wirklich fügen würden als wenn kein Auge Wohlgefallen daran finden
könnte Mein Brief verdriesst mich mein Stolz ist beschämt  Was ist es
Sebastian warum kann ich nicht mit mir einig werden Ich meine es doch so gut
und ehrlich  Lebe wohl und bleibe immer mein Freund und grüße unsern Meister
Albrecht
 
                                Viertes Kapitel
Franz hatte in dieser Stadt einen Brief an einen Mann abzugeben der der
Vorsteher einer ansehnlichen Fabrik war Er ging zu ihm und traf ihn gerade in
Geschäften so dass Herr Zeuner den Brief nur sehr flüchtig las und mit dem
jungen Sternbald nur wenig sprechen konnte ihn aber bat zum Mittagsessen
wiederzukommen
    Franz ging betrübt durch die Gassen der Stadt und fühlte sich ganz fremd
Zeuner hatte für ihn etwas Zurückstossendes und Kaltes und er hatte gerade eine
sehr freundliche Aufnahme erwartet da er einen Brief von seinem ihm so teuren
Lehrer überbrachte Als es Zeit zum Mittagsessen schien ging er nach Zeuners
Hause zurück das eins der größten in der Stadt war mit Bangigkeit schritt er
die großen Treppen hinauf und durch den prächtig verzierten Vorsaal im ganzen
Hause merkte man dass man sich bei einem reichen Manne befinde Er ward in einen
Saal geführt wo eine stattliche Versammlung von Herren und Damen alle mit
schönen Kleidern angetan nur auf den Augenblick des Essens zu warten schienen
Nur wenige bemerkten ihn und die zufälligerweise ein Gespräch mit ihm anfingen
brachen bald wieder ab als sie hörten dass er ein Maler sei Jetzt trat der
Herr des Hauses herein und alle drängten sich mit höflichen und freundlichen
Glückwünschen um ihn her jeder ward freundlich von ihm bewillkommt auch Franz
im Vorbeigehn Dieser hatte sich in eine Ecke des Fensters zurückgezogen und
sah mit Bangigkeit und schlagendem Herzen auf die Gasse hinunter denn es war
zum ersten Male dass er sich in einer solchen großen Gesellschaft befand Wie
anders kam ihm hier die Welt vor die er von anständigen wohlgekleideten und
unterrichteten Leuten über tausend nichtswürdige Gegenstände nur nicht über die
Malerei reden hörte ob er gleich geglaubt hatte dass sie jedem Menschen am
Herzen liegen müsse und dass man auf ihn als einen vertrauten Freund Albrecht
Dürers besonders aufmerksam sein würde
    Man setzte sich zu Tische er saß fast unten Durch den Wein belebt ward das
Gespräch der Gesellschaft bald munterer die Frauen erzählten von ihrem Putze
die Männer von ihren mannigfaltigen Geschäften der Hausherr ließ sich
weitläuftig darüber aus wie sehr er nun nach und nach seine Fabrik verbessert
habe und wie der Gewinn also um so einträglicher sei Was den guten Franz
besonders ängstigte war dass von allen abwesenden reichen Leuten mit einer
vorzüglichen Ehrfurcht gesprochen wurde er fühlte wie hier das Geld das
einzige sei was man achte und schätze er konnte fast kein Wort mitsprechen
Auch die jungen Frauenzimmer waren ihm zuwider da sie nicht so züchtig und
still waren wie er sie sich vorgestellt hatte alle setzten ihn in
Verlegenheit er fühlte seine Armut seinen Mangel an Umgang zum erstenmal in
seinem Leben auf eine bittere Art In der Angst trank er vielen Wein und ward
dadurch und von den sich durchkreuzenden Gesprächen ungemein erhitzt Er hörte
endlich kaum mehr darauf hin was gesprochen ward die groteskesten Figuren
beschäftigten seine Phantasie und als die Tafel aufgehoben ward stand er
mechanisch mit auf fast ohne es zu wissen
    Die Gesellschaft verfügte sich nun in einen angenehmen Garten und Franz
setzte sich etwas abseits auf eine Rasenbank nieder es war ihm als wenn die
Gesträuche und Bäume umher ihn über die Menschen trösteten die ihm so zuwider
waren Seine Brust ward freier er wiederholte in Gedanken einige Lieder die er
in seiner Jugend gelernt hatte und die ihm seit lange nicht eingefallen waren
Der Hausherr kam auf ihn zu er stand auf und sie gingen sprechend in einem
schattigen Gange auf und nieder
    »Ihr seid jetzt auf der Reise« fragte ihn Zeuner
    »Ja« antwortete Franz »vorjetzt will ich nach Flandern und dann nach
Italien«
    »Wie seid Ihr grade auf die Malerkunst geraten«
    »Das kann ich Euch selber nicht sagen ich war plötzlich dabei ohne zu
wissen wie es kam einen Trieb etwas zu bilden fühlte ich immer in mir«
    »Ich meine es gut mit Euch« sagte Zeuner »Ihr seid jung und darum lasst
Euch von mir raten In meiner Jugend gab ich mich auch wohl zuweilen mit
Zeichnen ab als ich aber älter wurde sah ich ein dass mich das zu nichts
führen könne Ich legte mich daher eifrig auf ernsthafte Geschäfte und widmete
ihnen alle meine Zeit und seht dadurch bin ich nun das geworden was ich bin
Eine große Fabrik und viele Arbeiter stehen unter mir zu deren Aufsicht so wie
zum Führen meiner Rechnungen ich immer treue Leute brauche Wenn Ihr wollt so
könnt Ihr mit einem sehr guten Gehalte bei mir eintreten weil mir grade mein
erster Aufseher gestorben ist Ihr habt ein sichres Brot und ein gutes
Auskommen Ihr könnt Euch hier verheiraten und sogleich antreffen was Ihr in
einer ungewissen zukünftigen Ferne sucht  Wollt Ihr also Eure Reise einstellen
und bei mir bleiben«
    Franz antwortete nicht
    »Ihr mögt vielleicht viel Geschick zur Kunst haben« fuhr jener fort »aber
was habt Ihr mit alledem gewonnen Wenn Ihr auch ein großer Meister werdet so
führt Ihr doch immer ein kümmerliches und höchst armseliges Leben Ihr habt ja
das Beispiel an Eurem Lehrer Wer erkennt ihn wer belohnt ihn Mit allem seinem
Fleiße muss er sich doch von einem Tage zum andern hinübergrämen er hat keine
frohe Stunde er kann sich nie recht ergötzen niemand achtet ihn da er ohne
Vermögen ist statt dass er reich angesehen und von Einfluss sein könnte wenn er
sich den bürgerlichen Geschäften gewidmet hätte«
    »Ich kann Euren Vorschlag durchaus nicht annehmen« rief Franz aus
    »Und warum nicht ist denn nicht alles wahr was ich Euch gesagt habe«
    »Und wenn es auch wahr ist« antwortete Franz »so kann ich es doch so
unmöglich glauben Wenn Ihr das Zeichnen und Bilden sogleich habt unterlassen
können als Ihr es wolltet so ist das gut für Euch aber so habt Ihr auch
unmöglich einen recht kräftigen Trieb dazu verspürt Ich wüsste nicht wie ich es
anfinge dass ich es unterliesse ich würde Eure Rechnungen und alles verderben
denn immer würden meine Gedanken darauf gerichtet bleiben wie ich diese
Stellung und jene Miene gut ausdrücken wollte alle Eure Arbeiter würden mir nur
ebenso viele Modelle sein Ihr wärt ein schlechter Künstler geworden so wie ich
zu allen ernstaften Geschäften verdorben bin denn ich achte sie zu wenig ich
habe keine Ehrfurcht vor dem Reichtum ich könnte mich nimmer zu diesem
kunstlosen Leben bequemen Und was Ihr mir von meinem Albrecht Dürer sagt
gereicht den Menschen nicht aber ihm zum Vorwurf Er ist arm aber doch in
seiner Armut glückseliger als Ihr Oder haltet Ihr es denn für so gar nichts
dass er sich hinstellen darf und sagen nun will ich einen Christuskopf malen
und das Haupt des Erlösers mit seinen göttlichen Mienen in kurzem wirklich vor
Euch steht und Euch ansieht und Euch zur Andacht und Ehrfurcht zwingt selbst
wenn Ihr gar nicht dazu aufgelegt seid Seht ein solcher Mann ist der
verachtete Dürer«
    Franz hatte nicht bemerkt dass während seiner Rede sich das Gesicht seines
Wirts zum Unwillen verzogen hatte er nahm kurz Abschied und ging mit weinenden
Augen nach seiner Herberge Hier hatte er auf seinem Fenster das Bildnis
Albrecht Dürers aufgestellt und als er in die Stube trat fiel er laut weinend
und klagend davor nieder und schloss es in seine Arme drückte es an die Brust
und bedeckte es mit Küssen »Ja mein guter lieber ehrlicher Meister« rief er
aus »nun lerne ich erst die Welt und ihre Gesinnungen kennen Das ist das was
ich dir nicht glauben wollte sooft du es mir auch sagtest Ach wohl wohl sind
die Menschen undankbar gegen dich und deine Herrlichkeit und gegen die Freuden
die du ihnen zu genießen gibst Freilich haben Sorgen und stete Arbeit diese
Furchen in deine Stirn gezogen ach ich kenne diese Falten ja nur zu gut
Welcher unglückselige Geist hat mir diese Liebe und Verehrung zu dir
eingeblasen dass ich wie ein lächerliches Wunder unter den übrigen Menschen
herumstehn muss dass ich auf ihre Reden nichts zu antworten weiß dass sie meine
Fragen nicht verstehen Aber ich will dir und meinem Triebe getreu bleiben was
tuts wenn ich arm und verachtet bin was weiter wenn ich auch am Ende aus
Mangel umkommen sollte Du und Sebastian ihr beide werdet mich wenigstens
deshalb lieben«
    Er hatte noch einen Brief von Dürers Freund Pirkheimer an einen angesehenen
Mann der Stadt abzugeben Er war unentschlossen ob er ihn selber hintragen
sollte Endlich nahm er sich vor ihn eilig abzugeben und noch an diesem Abend
die Stadt die ihm so sehr zuwider war zu verlassen
    Man wies ihn auf seine Fragen nach einem abgelegenen kleinen Hause in
welchem die größte Ruhe und Stille herrschte Ein Diener führte ihn in ein schön
verziertes Gemach in welchem ein ehrwürdiger alter Mann saß er war derselbe
an welchen der Brief gerichtet war »Ich freue mich« sagte der Greis »wieder
einmal Nachrichten von meinem lieben Freunde Pirkheimer zu erhalten aber
verzeiht junger Mann meine Augen sind so schwach dass Ihr so gut sein müsst
mir selber das Schreiben vorzulesen«
    Franz schlug den Brief auseinander und las unter Herzklopfen wie Pirkheimer
ihn als einen edlen und sehr hoffnungsvollen jungen Maler rühmte und ihn den
besten Schüler Albrecht Dürers nannte Bei diesen Worten konnte er kaum seine
Tränen zurückdrängen
    »So seid Ihr ein Schüler des großen Mannes meines teuren Albrechts« rief
der Alte wie entzückt aus »o so seid mir von Herzen willkommen« Er umarmte mit
diesen Worten den jungen Mann der nun seine schmerzliche Freude nicht mehr
mäßigen konnte laut schluchzte und ihm alles erzählte
    Der Greis tröstete ihn mit liebevollen und verständigen Worten und beide
setzten sich freundlich und vertraut nahe zueinander »O wie oft« sagte der
alte Mann »habe ich mich an den überaus köstlichen Werken dieses wahrhaft
einzigen Malers ergötzt als meine Augen noch in ihrer Kraft waren Wie oft hat
nur er mich über alles Unglück dieser Erde getröstet O wenn ich ihn doch einmal
wiedersehen könnte«
    Franz vergaß dass er noch vor Sonnenuntergang die Stadt hatte verlassen
wollen er blieb gern als ihn der Alte zum Abendessen bat Bis spät in die
Nacht musste er ihm von Albrechts Werken von ihm erzählen dann von Pirkheimer
und von seinen eigenen Entwürfen Franz ergötzte sich an diesem Gespräch und
konnte nicht müde werden dies und jenes zu fragen und zu erzählen er freute
sich dass der Greis die Kunst so schätzte dass er von seinem Lehrer mit gleicher
Wärme sprach
    Sehr spät gingen sie auseinander und Franz fühlte sich so getröstet und so
glücklich dass er noch lange in seinem Zimmer auf und ab ging den Mond
betrachtete und an großen Gemälden in Gedanken arbeitete
 
                                Fünftes Kapitel
Wir treffen unsern jungen Freund vor einem Dorfe an der Tauber wieder an Er
hatte einen Umweg durch das blühende Frankenland gemacht um einige Meilen von
Mergenteim seine Eltern zu besuchen Er war als ein Knabe von zwölf Jahren
zufälligerweise nach Nürnberg gekommen und auf sein inständiges Bitten bei
Meister Albrecht in die Lehre gebracht wenige Bekannte und wohlhabende
weitläuftige Verwandte ließ ihm einige Unterstützung zufliessen die er aber
kaum bei seinem großmütigen Meister bedurfte Es war schon lange gewesen dass er
von seinen Eltern schlichten Bauersleuten keine Nachricht bekommen hatte
    Es war noch am Morgen als er vor dem Wäldchen stand das sich vor dem Dorfe
ausbreitete Hier war sein Spielplatz gewesen hier hatte er oft in der stillen
Einsamkeit des Abends voll Nachdenken gewandelt indem die Schatten dichter
zusammenwuchsen und das Rot der sinkenden Sonne tief unten durch die Baumstämme
äugelte und mit zuckenden Strahlen um ihn spielte Hier hatte sich zuerst sein
Trieb zur Kunst entzündet und er trat in den Wald mit einer Empfindung wie man
einen heiligen Tempel betritt Er hatte vor allen einen Lieblingsbaum gehabt
von dem er sich oft kaum hatte trennen können diesen suchte er jetzt eifrig mit
zunehmender Rührung auf Es war eine dicke Eiche mit vielen weit ausgebreiteten
Zweigen welche Kühlung und Schatten gaben Er fand den Baum er war in seiner
alten Schönheit und der Rasen am Fuße desselben noch ebenso weich und frisch
als ehemals Wie vieler Gefühle aus seiner Kindheit erinnerte er sich an dieser
Stelle wie er gewünscht hatte oben in dem krausen Wipfel zu sitzen und von da
in das weite Land hineinzuschauen mit welcher Sehnsucht er den Vögeln
nachgesehn hatte die von Zweig zu Zweig sprangen und mit den dunkelgrünen
Blättern scherzten die nicht wie er nach einem Hause rückkehrten sondern im
ewig frohen Leben von glänzenden Stunden angeschienen die frische Luft
einatmeten und Gesang zurückgaben die das Abend und Morgenrot sahen die keine
Schule hatten und keinen strengen Lehrer Ihm fiel alles ein was er vormals
gedacht hatte alle kindischen Begriffe und Empfindungen gingen an ihm vorüber
reichten ihm die kleinen Hände und hießen ihn so herzlich willkommen dass er
heftig im Innersten erschrak dass er nun wieder unter dem alten Baume stehe und
wieder dasselbe denke und empfinde er noch derselbe Mensch sei Alle
zwischenliegenden Jahre und alles was sie an ihm vermocht hatten fiel in
einem Augenblicke von ihm ab und er stand wieder als Knabe da die Zeit seiner
Kindheit lag ihm so nahe dass er alles übrige nur für einen vorüberfliegenden
Traum halten wollte Ein Wind rauschte herüber und ging durch die großen Äste
des Baums und alle Gefühle die fernsten und dunkelsten Erinnerungen wurden mit
herübergeweht und wie Vorhänge fiel es immer mehr von seiner Seele zurück und
er sah nur sich und die liebe Vergangenheit Alle frommen Empfindungen gegen
seine Eltern der Unterricht den ihm seine ersten Bücher gaben sein Spielzeug
fiel ihm wieder bei und seine Zärtlichkeit gegen leblose Gestalten
    »Wer bin ich« sagte er zu sich selber und schaute langsam um sich her »Was
ist es dass die Vergangenheit so lebendig in meinem Innern aufsteigt Wie konnte
ich alles wie konnte ich meine Eltern so lange fast wenn ich wahr sein soll
vergessen Wäre es möglich dass uns die Kunst gegen die besten und teuersten
Gefühle verhärten könnte Und doch kann es nur das sein dass dieser Trieb mich
zu sehr beschäftigte sich mir vorbaute und die Aussicht des übrigen Lebens
verdeckte«
    Er stand in Gedanken und die Malerstube und Albrecht und seine Kopien
kamen ihm wieder in die Gedanken er setzte seinen Freund Sebastian sich
gegenüber und hörte schnell wieder durch was sie nur je miteinander gesprochen
hatten dann sah er wieder um sich und die Natur selbst der Himmel der
rauschende Wald und sein Lieblingsbaum schienen Atem und Leben zu seinen
Gemälden herzugeben Vergangenheit und Zukunft bekräftigten seinen Trieb und
alles was er gedacht und empfunden war ihm nur deswegen wert weil es ihn
dieser Liebe zugeführt hatte Er ging mit schnellen Schritten weiter und alle
Bäume schienen ihm nachzurufen aus jedem Busche traten Erscheinungen hervor und
wollten ihn zurückhalten er taumelte aus einer Erinnerung in die andere und
verlor sich in ein Labyrinth von seltsamen Empfindungen
    Er kam auf einen freien Platz im Walde und plötzlich stand er still Er
wusste selbst nicht warum er innehielt er verweilte um darüber nachzudenken
Ihm war als habe er sich hier auf etwas zu besinnen das ihm so lieb so
unaussprechlich teuer gewesen sei jede Blume im Grase nickte so freundlich als
wenn sie ihm auf seine Erinnerungen helfen wollte »Es ist hier gewisslich
hier« sagte er zu sich selber und suchte emsig nach dem glänzenden Bilde das
wie von schwarzen Wolken in seiner innersten Seele zurückgehalten wurde Mit
einem Male brachen ihm die Tränen aus den Augen er hörte vom Felde herüber eine
einsame Schalmei eines Schäfers und nun wusste er alles Als Knabe von sechs
Jahren war er hier im Walde gegangen auf diesem Platze hatte er Blumen gesucht
ein Wagen kam dahergefahren und hielt still eine Frau stieg ab und hob ein Kind
herunter und beide gingen auf dem grünen Plane hin und her dem kleinen Franz
vorüber Das Kind ein liebliches blondes Mädchen kam zu ihm und bat um seine
Blumen er schenkte sie ihr alle ohne selbst seine Lieblinge zurückzubehalten
indes ein alter Diener auf einem Waldhorne blies und Töne hervorbrachte die
dem jungen Franz damals äußerst wunderbar in das Ohr erklangen So verging eine
geraume Zeit indem er das volle Antlitz des Kindes betrachtete das ihn wie ein
voller Mond anschaute und anlächelte dann fuhren die Fremden wieder fort und
er erwachte wie aus einem Entzücken zu sich und den gewöhnlichen Empfindungen
den gewöhnlichen Spielen dem gewöhnlichen Leben von einem Tage zum andern
hinüber Dazwischen klangen immer die holden Waldhornstöne in seine Existenz
hinein und vor ihm stand glühend und blühend das holde Angesicht des Kindes dem
er seine Blumen geschenkt hatte nach denen er im Schlummer oft die Hände
ausstreckte weil ihn dünkte das Mädchen neige sich über ihn sie ihm
zurückzugeben Er wusste und begriff nicht warum ihm dieser Augenblick seines
Lebens so wichtig und glänzend war aber alles Liebe und Holde entlehnte er von
dieser Kindergestalt alles Schöne was er sah trug er in des Mädchens Bild
hinüber wenn er von Engeln hörte glaubte er einen zu kennen und sich von ihm
gekannt er war es überzeugt dass die Feldblumen einst ein Erkennungszeichen
zwischen ihnen beiden sein würden
    Als er so deutlich wieder an alles dieses dachte als ihm einfiel dass er es
in so langer Zeit gänzlich vergessen hatte setzte er sich in das grüne Gras
nieder und weinte er drückte sein heißes Gesicht an den Boden und küsste mit
Zärtlichkeit die Blumen Er hörte in der Trunkenheit wieder die Melodie eines
Waldhorns und konnte sich vor Wehmut vor Schmerzen der Erinnerung und süßen
ungewissen Hoffnungen nicht fassen »Bin ich wahnsinnig oder was ist es mit
diesem törichten Herzen« rief er aus »Welche unsichtbare Hand fährt so
zärtlich und grausam zugleich über alle Saiten in meinem Innern hinweg und
scheucht alle Träume und Wundergestalten Seufzer und Tränen und verklungene
Lieder aus ihrem fernen Hinterhalte hervor O mein Geist ich fühle es strebt
nach etwas Überirdischem das keinem Menschen gegönnt ist Mit magnetischer
Gewalt zieht der unsichtbare Himmel mein Herz an sich und bewegt alle Ahndungen
durcheinander die längst ausgeweinten Freuden die unmöglichen Wonnen die
Hoffnungen die keine Erfüllungen zulassen Und ich kann es keinem Menschen
keinem Bruder einmal klagen wie mein Gemüt zugerichtet ist denn keiner würde
meine Worte verstehen Daher aber gebricht mir die Kraft die den übrigen
Menschen verliehen ist und die uns zum Leben notwendig bleibt ich matte mich
ab in mir selber und keiner hat dessen Gewinn mein Mut verzehrt sich ich
wünsche was ich selbst nicht kenne Wie Jakob seh ich im Traum die Himmelsleiter
mit ihren Engeln aber ich kann nicht selbst hinaufsteigen um oben in das
glänzende Paradies zu schauen denn der Schlaf hat meine Glieder bezwungen und
was ich sehe und höre ahnde und hoffe und lieben möchte ist nur Traumgestalt
in mir«
    Jetzt schlug die Glocke im Dorfe Er stand auf und trocknete sich die Augen
indem er weiterging und nun schon die Hütten und die kleine Kirche durch das
grüne Laub schimmern sah Er ging an einem Garten vorbei über dessen Zaun ein
Zweig voll schöner roter Kirschen hing Er konnte es nicht unterlassen einige
abzubrechen und sie zu kosten weil die Frucht dieses Baumes ihn in der Kindheit
oft erfreut hatte es waren dieselben Zweige die sich ihm auch jetzt freundlich
entgegenstreckten aber die Frucht schmeckte ihm nicht wie damals »In der
Kindheit« sagte er zu sich selber »wird der Mensch von den blanken
glänzenden und vielfarbigen Früchten und ihrem süßen lieblichen Geschmacke
angelockt das Leben liebzugewinnen wie es die Schulmeister in den Schulen
machen die im Anbeginn mit Süßigkeiten dem Kinde Lust zum Lernen beibringen
wollen nachher verliert sich im Menschen dieses frohe Vorgefühl des Lebens der
Lehrer wird streng die Arbeit fängt an und die Lockung selbst verliert ihren
Wohlgeschmack«
    Franz ging über den Kirchhof und las die Kreuze im Vorbeigehn schnell aber
an keinem stand der Name seines Vaters oder seiner Mutter geschrieben und er
fühlte sich zuversichtlicher Die Mauer des Turms kam ihm nicht so hoch vor
alles war ihm beengter das Haus seiner Eltern kannte er kaum wieder Er
zitterte als er die Tür anfasste und doch war es ihm schon wieder wie
gewöhnlich diese Tür zu öffnen In der Stube saß die Mutter mit verbundenem
Kopf und weinte als sie ihn erkannte weinte sie noch heftiger der Vater lag
im Bette und war krank Er umarmte sie beide mit gepresstem Herzen er erzählte
ihnen sie ihm sie sprachen durcheinander und fragten sich und wussten doch
nicht recht was sie reden sollten Der Vater war matt und bleich Franz hatte
ihn sich ganz anders vorgestellt und darum war er nun so gerührt und konnte
sich gar nicht wieder zufriedengeben Der alte Mann sprach viel vom Sterben von
der Hoffnung der Seligkeit er fragte den jungen Franz ob er auch Gott noch so
treu anhange wie er ihm immer gelehrt habe Franz drückte ihm die Hand und
sagte »Haben wir in diesem irdischen Leben etwas anders zu suchen als die
Ewigkeit Ihr liegt nun da an der Grenze Ihr werdet nun bald in Eurer Andacht
nicht mehr gestört werden und ich will mir gewiss auch alle Mühe geben mich von
den Eitelkeiten zu entfernen«
    »Liebster Sohn« sagte der Vater »ich sehe mein Lehren ist an dir nicht
verlorengegangen Wir müssen arbeiten sinnen und denken weil wir einmal in
dieses Leben in dieses Joch eingespannt sind aber darum müssen wir doch nie
das Höhere aus den Augen verlieren Sei redlich in deinem Gewerbe damit es dich
ernährt aber lass nicht deine Nahrung deine Bekleidung den letzten Gedanken
deines Lebens sein trachte auch nicht nach dem irdischen Ruhme denn alles ist
doch nur eitel alles bleibt hinter uns wenn der Tod uns fordert Male wenn es
sein kann die heiligen Geschichten recht oft um auch in weltlichen Gemütern
die Andacht zu erwecken«
    Franz aß wenig zu Mittage der Alte schien sich gegen Abend zu erholen Die
Mutter war nun schon daran gewöhnt dass Franz wieder da sei sie machte sich
seinetwegen viel zu tun und vernachlässigte den Vater beinah Franz war
unzufrieden mit sich er hätte dem Kranken gern alle glühende Liebe eines guten
Sohnes gezeigt auf seine letzten Stunden gern alles gehäuft was ihn durch ein
langes Leben hätte begleiten sollen aber er fühlte sich so verworren und sein
Herz so matt dass er über sich selber erschrak Er dachte an tausend Gegenstände
die ihn zerstreuten vorzüglich an Gemälde von Kranken von trauernden Söhnen
und wehklagenden Müttern und darüber machte er sich dann die bittersten
Vorwürfe
    Als sich die Sonne zum Untergange neigte ging die Mutter hinaus einige
Gemüse aus ihrem kleinen Garten der in einiger Entfernung lag zur
Abendmahlzeit zu holen Der Alte ließ sich im Sessel von seinem Sohne vor die
Haustüre tragen um sich von den roten Abendstrahlen bescheinen zu lassen
    Es stand ein Regenbogen am Himmel und im Westen regnete der Abend in
goldnen Strömen nieder Schafe weideten gegenüber und Birken säuselten der
Vater schien stärker zu sein »Nun sterb ich gerne« rief er aus »da ich dich
noch vor meinem Tode gesehen habe«
    Franz konnte nicht viel antworten die Sonne sank tiefer und schien dem
Alten feurig ins Gesicht der sich wegwendete und seufzte »Wie Gottes Auge
blickt es mich noch zu guter Letzt an und straft mich Lügen ach wenn doch erst
alles vorüber wäre« Franz verstand diese Worte nicht aber er glaubte zu
bemerken dass sein Vater von Gedanken beunruhigt würde »Ach wenn man so mit
hinuntersinken könnte« rief der Alte aus »mit hinunter mit der lieben
GottesSonne O wie schön und herrlich ist die Erde und jenseit muss es noch
schöner sein dafür ist uns Gottes Allmacht Bürge Bleib immer fromm und gut
lieber Franz und höre mir aufmerksam zu was ich dir jetzt noch zu entdecken
habe«
    Franz trat ihm näher und der Alte sagte »Du bist mein Sohn nicht liebes
Kind«  Indem kam die Mutter zurück man konnte sie aus der Ferne hören weil
sie mit lauter Stimme ein geistliches Lied sang der Alte brach sehr schnell ab
und sprach von gleichgültigen Dingen »Morgen« sagte er heimlich zu Franz
»morgen«
    Die Herden kamen vom Felde mit den Schnittern alles war fröhlich aber
Franz war sehr in Gedanken versunken er betrachtete die beiden Alten in einem
ganz neuen Verhältnisse zu sich selber er konnte kein Gespräch anfangen die
letzten Worte seines vermeintlichen Vaters schallten ihm noch immer in den
Ohren und er erwartete mit Ungeduld den Morgen
    Es ward finster der Alte ward hineingetragen und legte sich schlafen Franz
aß mit der Mutter Plötzlich hörten sie nicht mehr den Atemzug des Vaters sie
eilten hinzu und er war verschieden Sie sahen sich stumm an und nur Brigitte
konnte weinen »Ach so ist er denn gestorben ohne von mir Abschied zu nehmen«
sagte sie seufzend »ohne Priester und Einsegnung ist er entschlafen  Ach wer
auf der weiten Erde wird nun noch mit mir sprechen da sein Mund stumm geworden
ist Wem soll ich mein Leid klagen wer wird mit mir davon reden dass die Bäume
blühen und ob wir die Früchte abnehmen sollen  Oh der gute alte Vater Nun
ist es also vorbei mit unserm Umgang mit unsern Abendgesprächen und ich kann
gar nichts dazu tun sondern ich muss mich nur so eben darin finden Unser aller
Ende sei ebenso sanft«
    Die Tränen machten sie stumm und Franz tröstete sie Er sah in Gedanken
betende Einsiedler die verehrungswürdigen Märtyrer und alle Leiden der armen
Menschheit gingen in mannigfaltigen Bildern seinem Geiste vorüber
 
                                Sechstes Kapitel
Die Leiche des Alten lag in der Kammer auf Stroh ausgebreitet und Franz stand
sinnend vor der Tür Die Nachbarn traten herzu und trösteten ihn Brigitte
weinte von neuem sooft darüber gesprochen wurde sein Herz war zu seine Augen
waren wie vertrocknet tausend neue Bilder zogen durch seine Sinne er konnte
sich selber nicht verstehen er hätte gern mit jemand sprechen mögen er wünschte
Sebastian herbei um ihm alles klagen zu können
    Am dritten Tage war das Begräbnis und Brigitte weinte und klagte laut am
Grabe als sie den nun mit Erde zudeckten den sie seit zwanzig Jahren so genau
gekannt hatte den sie fast einzig liebte Sie wünschte auch bald zu sterben um
wieder in seiner Gesellschaft zu sein um mit ihm die Gespräche fortzusetzen
die sie hier hatte abbrechen müssen Franz schweifte im Felde umher und
betrachtete die Bäume die sich in einem benachbarten Teiche spiegelten Er
hatte noch nie eine Landschaft mit diesem Vergnügen beschaut es war ihm noch
nie vergönnt gewesen die mannigfaltigen Farben mit ihren Schattierungen das
Süße der Ruhe die Wirkung des Baumschlages in der Natur zu entdecken wie er es
jetzt im klaren Wasser gewahr ward Über alles ergötzte ihn aber die wunderbare
Perspektive die sich bildete und der Himmel dazwischen mit seinen
Wolkenbildern das zarte Blau das zwischen den krausen Figuren und dem
zitternden Laube schwamm Franz zog seine Schreibtafel hervor und wollte
anfangen die Landschaft zu zeichnen aber schon die wirkliche Natur erschien
ihm trocken gegen die Abbildung im Wasser noch weniger aber wollten ihm die
Striche auf dem Papiere genügen die durchaus nicht das nachbildeten was er vor
sich sah Er war bisher noch nie darauf gekommen eine Landschaft zu zeichnen
er hatte sie immer nur als eine notwendige Zugabe zu manchen historischen
Bildern angesehen aber noch nie empfunden dass die leblose Natur etwas für sich
Ganzes und Vollendetes ausmachen könne und so der Darstellung würdig sei
Unbefriedigt ging er nach der Hütte seines Pflegevaters zurück
    Seine Mutter kam ihm entgegen die sich in der ungewohnten Einsamkeit nicht
zu lassen wusste Sie setzten sich beide auf eine Bank die vor dem Hause stand
und unterredeten sich von mancherlei Dingen Franz ward durch jeden Gegenstand
den er sah durch jedes Wort das er hörte niedergeschlagen die weidenden
Herden die ziehenden Töne des Windes durch die Bäume das frische Gras und die
sanften Hügel weckten keine Poesie in seiner Seele auf Er hatte Vater und
Mutter verloren seine Freunde verlassen er kam sich so verwaist und verachtet
vor besonders hier auf dem Lande wo er mit niemand über die Kunst sprechen
konnte dass ihn fast aller Mut zum Leben verließ Seine Mutter nahm seine Hand
und sagte »Lieber Sohn du willst jetzt in die weite Welt hineingehn wenn ich
dir raten soll tu es nicht denn es bringt dir doch keinen Gewinn Die Fremde
tut keinem Menschen gut wo er zu Hause gehört da blüht auch seine Wohlfahrt
fremde Menschen werden es nie ehrlich mit dir meinen das Vaterland ist gut und
warum willst du so weit weg und Deutschland verlassen und was soll ich indessen
anfangen Dein Malen ist auch ein unsicheres Brot wie du mir schon selber
gesagt hast du wirst darüber alt und grau deine Jugend vergeht und musst noch
obenein wie ein Flüchtling aus deinem Lande wandern Bleib hier bei mir mein
Sohn sieh die Felder sind alle im besten Zustande die Gärten sind gut
eingerichtet wenn du dich des Hauswesens und des Ackerbaues annehmen willst so
ist uns beiden geholfen und du führst doch ein sichres und ruhiges Leben du
weißt doch dann wo du deinen Unterhalt hernimmst Du kannst hier heiraten es
findet sich wohl eine Gelegenheit du lernst dich bald ein und die Arbeit des
Vaters wird dann von dir fortgesetzt Was sagst du zu dem allen mein Sohn«
    Franz schwieg eine Weile still nicht weil er den Vorschlag bei sich
überlegte sondern weil an diesem Tage alle Vorstellungen so schwer in seine
Seele fielen dass sie lange hafteten Ihm lag Herr Zeuner von neuem in den
Gedanken er sah die ganze Gesellschaft noch einmal und fühlte alle
Beängstigungen wieder die er dort erlitten hatte »Es kann nicht sein liebe
Mutter« sagte er endlich »Seht ich habe so lange auf die Gelegenheit zum
Reisen gewartet jetzt ist sie gekommen und ich kann sie nicht wieder aus den
Händen gehen lassen Ich habe mir ängstlich und sorgsam all mein Geld dessen
ich habhaft werden konnte dazu gesammelt was würde Dürer sagen wenn ich jetzt
alles aufgäbe«
    Die Mutter wurde über diese Antwort sehr betrübt sie sagte sehr
weichherzig »Was aber suchst du in der Welt lieber Sohn Was kann dich so
heftig antreiben ein ungewisses Glück zu erproben Ist denn der Feldbau nicht
auch etwas Schönes und immer in Gottes freier Welt zu hantieren und stark und
gesund zu sein Mir zuliebe könntest du auch etwas tun und wenn du noch so
glücklich bist kommst du doch nicht weiter als dass du dich satt essen kannst
und eine Frau ernährst und Kinder grossziehst die dich lieben und ehren Alles
dies zeitliche Wesen kannst du nun hier schon haben hier hast du es gewiss und
deine Zukunft ist noch ungewiss Ach lieber Franz und es ist denn doch auch eine
herzliche Freude das Brot zu essen das man selber gezogen hat seinen eigenen
Wein zu trinken mit den Pferden und Kühen im Hause bekannt zu sein in der
Woche zu arbeiten und des Sonntags zu rasten Aber dein Sinn steht dir nach der
Ferne du liebst deine Eltern nicht du gehst in dein Unglück und verlierst
gewiss deine Zeit vielleicht noch deine Gesundheit«
    »Es ist nicht das liebe Mutter« rief Franz aus »und Ihr werdet mich auch
gar nicht verstehen wenn ich es Euch sage Es ist mir gar nicht darum zu tun
Leinwand zu nehmen und die Farben mit mehr oder minder Geschicklichkeit
aufzutragen um damit meinen täglichen Unterhalt zu erwerben denn seht in
manchen Stunden kommt es mir sogar sündhaft vor wenn ich es so beginnen wollte
Ich denke an meinen Erwerb niemals wenn ich an die Kunst denke ja ich kann
mich selber hassen wenn ich zuweilen darauf verfalle Ihr seid so gut Ihr seid
so zärtlich gegen mich aber noch weit mehr als Ihr mich liebt liebe ich meine
Hantierung Nun ist es mir vergönnt alle die Meister wirklich zu sehen die ich
bisher nur in der Ferne verehrt habe Wenn ich dies erleben kann und beständig
neue Bilder sehen und lernen und die Meister hören wenn ich durch ungekannte
Gegenden mit frischem Herzen streifen kann so mag ich keines ruhigen Lebens
genießen Tausend Stimmen rufen mir herzstärkend aus der Ferne zu die ziehenden
Vögel die über meinem Haupte wegfliegen scheinen mir Boten aus der Ferne alle
Wolken erinnern mich an meine Reise jeder Gedanke jeder Pulsschlag treibt mich
vorwärts wie könnt ich da wohl in meinen jungen Jahren ruhig hier sitzen und
den Wachstum des Getreides abwarten die Einzäunung des Gartens besorgen und
Rüben pflanzen Nein lasst mir meinen Sinn ich bitte Euch darum und redet mir
nicht weiter zu denn Ihr quält mich nur damit«
    »Nun so magst du es haben« sagte Brigitte in halbem Unwillen »aber ich
weiß dass es dich noch einmal gereut dass du dich wieder hieherwünschest und
dann ists zu spät dass du dann das hoch und teuer schätzest was du jetzt
schmähst und verachtest«
    »Ich habe Euch etwas zu fragen liebe Mutter« fuhr Franz fort »Der Vater
ist gestorben ohne mir Rechenschaft davon zu geben er sagte mir ich sei sein
Sohn nicht und brach dann ab Was wisst Ihr von meiner Herkunft«
    »Nichts weiter lieber Franz« sagte die Mutter »und dein Vater hat mir
darüber nie etwas anvertraut Als ich ihn kennenlernte und heiratete warst du
schon bei ihm und damals zwei Jahr alt er sagte mir dass du sein einziges Kind
seist von seiner verstorbenen Frau Ich verwundere mich warum der Mann nun zu
dir anders gesprochen hat«
    Franz blieb also über seine Herkunft in Ungewissheit diese Gedanken
beschäftigten ihn sehr und er wurde in manchen Stunden darüber verdrießlich und
traurig Das Erntefest war indes herangekommen und alle Leute im Dorfe waren
fröhlich jedermann war nur darauf bedacht sich zu vergnügen die Kinder
hüpften umher und konnten den Tag nicht erwarten Franz hatte sich vorgenommen
diesen Tag in der Einsamkeit zuzubringen sich nur mit seinen Gedanken zu
beschäftigen und sich nicht um die Fröhlichkeit der übrigen Menschen zu
bekümmern Er war in der Woche die er hier bei seinen Pflegeeltern zugebracht
hatte überhaupt ganz in sich versunken nichts konnte ihm rechte Freude machen
denn er selbst war hier anders und alles ereignete sich so ganz anders als er
es vorher vermutet hatte Am Tage vor dem Erntefest erhielt er einen Brief von
seinem Sebastian denn es war vorher ausgemacht dass dieser ihm schreiben solle
während er sich hier auf dem Dorfe befinde Wie wenn nach langen Winternächten
und trüben Wochen der erste Frühlingstag über die starre Erde geht so
erheiterte sich Franzens Gemüt als er diesen Brief in der Hand hielt es war
als wenn ihn plötzlich sein Freund Sebastian selber anrühre und ihm in die Arme
fliege er hatte seinen Mut wieder er fühlte sich nicht mehr so verlassen er
erbrach das Siegel
    Wie erstaunte und freute er sich zu gleicher Zeit als er drinnen noch ein
anderes Schreiben von seinem Albrecht Dürer fand welches er nie erwartet hatte
Er war ungewiss welchen Brief er zuerst lesen sollte doch schlug er Sebastians
Brief auseinander welcher folgendermaßen lautete
Liebster Franz
Wir gedenken Deiner in allen unsern Gesprächen und so kurze Zeit Du auch
entfernt bist so dünkt es mich doch schon recht lange Ich kann mich immer noch
nicht in dem Hause ohne Dich schicken und fügen alles ist mir zu leer und doch
zu enge ich kann nicht sagen ob sich das wieder ändern wird Als ich von Dir
an jenem schönen und traurigen Morgen durch die Kornfelder zurückging als ich
alle die Stellen wieder betrat wo ich mit Dir gegangen war und der Stadt mich
nun immer mehr näherte o Franz ich kann es Dir nicht sagen was da mein Herz
empfand Es war mir alles im Leben taub und ohne Reiz und ich hätte vorher
niemals geglaubt dass ich Dich so liebhaben könnte Wie wollte ich jetzt mit den
Stunden geizen die ich sonst unbesehn und ungenossen verschwendete wenn ich
nur mit Dir wieder sein könnte Alles was ich in die Hände nehme erinnert mich
an Dich und meine Palette meine Pinsel alles macht mich wehmütig Als ich
wieder in die Stadt hineinkam als ich die gewohnten Treppen unsers Hauses
hinaufstieg und da wieder alles liegen und stehen sah wie ich es am frühen
Morgen verlassen hatte konnt ich mich der Tränen nicht enthalten ob ich gleich
sonst nie so weich gewesen bin Halte mich nicht für härter oder vernünftiger
lieber Franz wie Du es nennen magst denn ich bin es nicht wenn sich auch bei
mir mein Gefühl anders äußert als bei Dir Ich war den ganzen Tag verdrießlich
ich maulte mit jedermann was ich tat war mir nicht recht ich wünschte
Staffelei und das Porträt das ich vor mir hatte weit von mir weg denn mir
gelang kein Zug und ich spürte auch nicht die mindeste Lust zum Malen Meister
Dürer war selbst an diesem Tage ernster als gewöhnlich alles war im Hause
still und wir fühlten es dass mit Deiner Abreise eine andre Epoche unsers
Lebens anfing
    Dein Schmied hat uns besucht er ist ein lieber Bursche wir haben viel über
ihn gelacht uns aber auch recht an ihm erfreut Unermüdet hat er uns einen
ganzen Tag lang zugesehn er wunderte sich darüber dass das Malen so langsam von
der Stelle gehe Er setzte sich nachher selber nieder und zeichnete ein paar
Verzierungen nach die ihm ziemlich gut gerieten es gereut ihn jetzt dass er
das Schmiedehandwerk erlernt und sich nicht lieber so wie wir auf die Malerei
gelegt hat Meister Dürer meint dass viel aus ihm werden könnte wenn er noch
anfinge und er selber ist halb und halb dazu entschlossen Er hat Nürnberg
schon wieder verlassen von Dir hat er viel gesprochen und Dich recht gelobt
    Dass Du Dich von Deinen Empfindungen so regieren und zernichten lässest tut
mir sehr weh Deine Überspannungen rauben Dir Kräfte und Entschluss und wenn ich
es Dir sagen darf Du suchst sie gewissermaßen Doch musst Du darüber nicht
zornig werden jeder Mensch ist einmal anders eingerichtet als der andere Aber
strebe danach etwas härter zu sein und Du wirst ein viel ruhigeres Leben
führen wenigstens ein Leben in welchem Du weit mehr arbeiten kannst als in
dem Strom dieser wechselnden Empfindungen die Dich notwendig stören und von
allem abhalten müssen
    Lebe recht wohl und schreibe mir ja recht fleißig damit wir uns einander
nicht fremde werden wie es sonst gar zu leicht geschieht Teile mir alles mit
was Du denkst und fühlst und sei überzeugt dass in mir beständig ein
mitempfindendes Herz schlägt das jeden Ton des Deinigen beantwortet
    Ach wie lange wird es währen bis wir uns wiedersehen Wie traurig wird mir
jedesmal die Stunde vorkommen in welcher ich mit Lebhaftigkeit an Dich denke
und die schreckliche leere Nichtigkeit der Trennung so recht im Innersten fühle
Es ist um unser menschliches Leben eine dürftige Sache so wenig Glanz und so
viele Schatten so viele Erdfarben die durchaus keinen Firnis vertragen wollen
Lebe wohl Gott sei mit Dir 
    Der Brief des wackeren Albert Dürer lautete also
Mein lieber Schüler und Freund
Es hat Gott gefallen dass wir nun nicht mehr nebeneinander leben sollen ob mich
gleich kein Zwischenraum gänzlich von Dir wird trennen können So wie die
Abwechselungen des Lebens gehen so ist es nun unter uns dahin gekommen dass wir
nur aneinander denken aneinander schreiben können Ich habe Dir alle meine
Liebe alle meine herzlichsten Wünsche mit auf den Weg gegeben und der
allmächtige Gott leite jeden Deiner Schritte Bleib ihm und der Redlichkeit
treu und Du wirst mit Freuden dieses Leben überstehn können in welchem uns
mancherlei Leiden suchen irrezumachen Es freut mich dass Du der Kunst so
fleißig gedenkst und zwar Vertrauen aber kein übermütiges zu Dir selber hast
Das Zagen das Dich oft überfällt kommt einem in der Jugend wohl und ist viel
eher ein gutes als ein schlimmes Zeichen Es ist immer etwas Wunderbares
darinnen dass wir Maler nicht so recht unter die übrigen Menschen hineingehören
dass unser Treiben und unsre Geschäftigkeit die Weltändel und ihre Ereignisse so
um gar nichts aus der Stelle rückt wie es doch bei den übrigen Handwerken der
Fall ist; das befällt uns sehr oft in der Einsamkeit oder unter kunstlosen
Menschen und dann möchte uns schier aller Mut verlassen Ein einziges gutes
Wort das wir plötzlich hören ist aber auch wieder imstande alle schaffende
und wirkende Kraft in uns zurückzuliefern und Gottes Segen obendrein so dass
wir dann mit Grossherzigkeit wieder an unsere Arbeit gehen mögen Ach Lieber die
ganze menschliche Geschäftigkeit läuft im Grunde so auf gar nichts hinaus dass
wir nicht einmal sagen können dieser Mensch ist unnütz jener aber nützlich Es
ist die Erde zum Glück so eingerichtet dass wir alle darauf Platz finden mögen
groß und klein Vornehme und Geringe Mir ist es in meinen jüngeren Jahren oft
ebenso wie Dir ergangen aber die guten Stunden kommen doch immer wieder Wärst
Du ohne Anlage und Talent so würdest Du diese Leere in Deinem Herzen niemals
empfinden
    Mein Weib lässt Dich grüßen Bleib nur immer der Wahrheit treu das ist die
Hauptsache Deine fromme Empfindung so schön sie ist kann Dich zu weit leiten
wenn Du Dich nicht von der Vernunft regieren lässest Nicht eigentlich zu weit
denn man kann gewiss und wahrlich nicht zu fromm und andächtig sein sondern ich
meine nur Du dürftest endlich etwas Falsches in Dein Herz aufnehmen das Dich
selber hinterginge und so unvermerkt ein Mangel an wahrer Frömmigkeit entstehn
Doch sage ich dieses gar nicht um Dich zu tadeln sondern es geschieht nur
weil ich an manchen sonst guten Menschen dergleichen bemerkt habe wenn sie an
Gott und die Unsterblichkeit mit zu großer Rührung und nicht mit froher
Erhebung der Seele gedacht haben mit weichherziger Zerknirschung und nicht mit
erhabner Mutigkeit so sind sie am Ende in einen Zustand von Weichlichkeit
verfallen in welchem sie die tröstende wahre Andacht verlassen hat und sie
sich und ihrem Kleinsinn überlassen blieben Doch wie ich sage es gilt nicht
Dir denn Du bist zu gut zu herzlich als dass Du je darin verfallen könntest
und weil Du große Gedanken hegst und mit warmer brünstiger Seele die Bibel
liesest und die heiligen Geschichten so wirst Du auch gewisslich ein guter Maler
werden und ich werde noch einst stolz auf Dich sein
    Suche recht viel zu sehen und betrachte alle Kunstsachen genau und wohl
dadurch wirst Du Dich endlich gewöhnen mit Sicherheit selbst zu arbeiten und zu
erfinden wenn Du an allen das Vortreffliche erkennst und auch dasjenige was
einen Tadel zulassen dürfte Dein Freund Sebastian ist ein ganz melancholischer
Mensch geworden seit Du von uns gereist bist ich denke es soll sich wohl
wieder geben wenn erst einige Wochen verstrichen sind Gehab Dich wohl und
denke unsrer fleißig  
Durch Franzens Geist ergoss sich Heiterkeit und Stärke er fühlte wieder seinen
Mut und seine Kraft Albrechts Stimme berührte ihn wie die Hand einer stärkenden
Gottheit und er spürte in allen Adern seinen Gehalt und sein künftiges
arbeitreiches Leben Wie wenn man oft alte längst vergessene Bücher wieder
aufschlägt und in ihnen Belehrungen oder unerwarteten Trost im Leiden antrifft
so kamen vergangene Zeiten mit ihren Gedanken in seine Seele zurück alte
Entwürfe die ihm von neuem gefielen »Ja« sagte er indem er die Briefe
zusammenfaltete und sorgfältig in seine Schreibtafel legte »es soll schon mit
mir werden weiß ich doch dass mein Meister was von mir hält warum will ich
denn verzagen«
    Es war am folgenden Tage an welchem das Erntefest gefeiert werden sollte
Franz hatte nun keinen Widerwillen mehr gegen das frohe aufgeregte
Menschengetümmel er suchte die Freude auf und war darum auch bei dem Feste
zugegen Er erinnerte sich einiger guten Kupferstiche von Albrecht Dürer auf
denen tanzende Bauern dargestellt waren und die ihm sonst überaus gefallen
hatten er suchte nun beim Klange der Flöten diese possierlichen Gestalten
wieder und fand sie auch wirklich er hatte hier Gelegenheit zu bemerken
welche Natur Albrecht auch in diese Zeichnungen zu legen gewusst hatte
    Der Tag des Festes war ein schöner warmer Tag an dem alle Stürme und rauen
Winde von freundlichen Engeln zurückgehalten wurden Die Töne der Flöten und
Hörner gingen wie eine liebliche Schar ruhig und ungestört durch die sanfte Luft
hin Die Freude auf der Wiese war allgemein hier sah man tanzende Paare dort
scherzte und neckte sich ein junger Bauer mit seiner Liebsten dort schwatzten
die Alten und erinnerten sich ihrer Jugend Die Gebüsche standen still und waren
frisch grün und überaus anmutig in der Ferne lagen krause Hügel mit Obstbäumen
bekränzt »Wie« sagte Franz zu sich »sucht ihr Schüler und Meister immer nach
Gemälden und wisst niemals recht wo ihr sie suchen müsst Warum fällt es keinem
ein sich mit seiner Staffelei unter einen solchen unbefangenen Haufen
niederzusetzen und uns auch einmal diese Natur ganz wie sie ist darzustellen
Keine abgerissene Fragmente aus der alten Historie und Göttergeschichte die so
oft weder Schmerz noch Freude in uns erregen keine kalte Figuren aus der
Legende die uns oft gar nicht ansprechen weil der Maler die heiligen Männer
nicht selber vor sich sah und er ohne Begeisterung arbeitete Diese Gestalten
wörtlich so und ohne Abänderung niedergeschrieben damit wir lernen welche
Schöne welche Erquickung in der einfachen Natürlichkeit verborgen liegt Warum
schweift ihr immer in der weiten Ferne und in einer staubbedeckten
unkenntlichen Vorzeit herum uns zu ergötzen Ist die Erde wie sie jetzt ist
keiner Darstellung mehr wert und könnt ihr die Vorwelt malen wenn ihr gleich
noch so sehr wollt Und wenn ihr größere Geister nun auch hohe Ehrfurcht in
unser Herz hineinbannt wenn eure Werke uns mit ernster feierlicher Stimme
anreden warum sollen nicht auch einmal die Strahlen einer weltlichen Freude aus
einem Gemälde herausbrechen Warum soll ich in einer freien herzlichen Stunde
nicht auch einmal Bäuerlein und ihre Spiele und Ergötzungen lieben Dort werden
wir beim Anblick der Bilder älter und klüger hier kindischer und fröhlicher«
    So stritt Franz mit sich selber und unterhielt seinen Geist mit seiner
Kunst wenn er gleich nicht arbeitete Es konnte ihm überhaupt nicht leicht
etwas begegnen wobei er nicht an Malereien gedacht hätte denn es war schon
frühe Gewohnheit seine Beschäftigung in allem was er in der Natur oder unter
Menschen sah und hörte wiederzufinden Alles gab ihm Antworten zurück nirgend
traf er eine Lücke in der Einsamkeit sah ihm die Kunst zu und in der
Gesellschaft saß sie neben ihm und er führte mit ihr stille Gespräche darüber
kam es aber auch dass er so manches in der Welt gar nicht bemerkte was weit
einfältigern Gemütern ganz geläufig war weshalb es auch geschah dass ihn die
beschränkten Leute leicht für unverständig oder albern hielten Dafür bemerkte
er aber manches das jedem andern entging und die Wahrheit und Feinheit seines
Witzes setzte dann die Menschen oft in Erstaunen So war Franz Sternbald um
diese Zeit ich weiß nicht ob ich sagen soll ein erwachsenes Kind oder ein
kindischer Erwachsener O wohl dir dass dir das Auge noch verhüllt ist über die
Torheit und Armseligkeit der Menschen dass du dir und deiner Liebe dich mit
aller Unbefangenheit ergeben kannst Seliges Leben wenn der Mensch nur noch in
sich lebt und die übrigen umher nicht in sein Inneres einzudringen vermögen und
ihn dadurch beherrschen Es kommt bei den meisten eine Zeit wo der Winter
beständig in ihren Sommer hineinscheint wo sie sich selbst vergessen um es nur
den andern Menschen recht zu machen wo sie ihrem Geiste keine Opfer mehr
bringen sondern ihr eigenes Herz als Opfer auf den Altar der weltlichen
Eitelkeiten niederlegen
    Als es Abend geworden war und der rote Schimmer bebend an den Gebüschen
hing war seine Empfindung sanfter und schöner geworden Er wiederholte den
Brief Dürers in seinen Gedanken und zeichnete sich dabei die schönen
Abendwolken in seinem Gedächtnisse ab Er hatte sich im Garten in eine Laube zu
einem frischen Bauermädchen gesetzt das schon seit lange viel und lebhaft mit
ihm gesprochen hatte Jetzt lag das Abendrot auf ihren Wangen er sah sie an
sie ihn und er hätte sie gern geküsst so schön kam sie ihm vor Sie fragte ihn
wann er zu reisen gedächte und es war das erstemal dass er ungern von seiner
Reise sprach »Ist Italien weit von hier« fragte die unwissende Gertrud
    »O ja« sagte Franz »manche Stadt manches Dorf mancher Berg liegt
zwischen uns und Italien Es wird noch lange währen bis ich dort bin«
    »Und Ihr müsst dahin« fragte Gertrud
    »Ich will und muss« antwortete er »ich denke dort viel zu lernen für meine
Malerkunst Manches alte Gebäude manchen vortrefflichen Mann habe ich zu
besuchen manches zu tun und zu erfahren ehe ich mich für einen Meister halten
darf«
    »Aber Ihr kommt doch wieder«
    »Ich denke« sagte Franz »aber es kann lange währen und dann ist hier
vielleicht alles anders dann bin ich hier längst vergessen meine Freunde und
Verwandten sind vielleicht gestorben die Burschen und Mädchen die eben so
fröhlich singen sind dann wohl alt und haben Kinder Dass das Menschenleben so
kurz ist und dass in der Kürze dieses Lebens so viele und betrübte Verwandlungen
mit uns vorgehn«
    Gertrud ward von ihren Eltern abgerufen und sie ging nach Hause Franz blieb
allein in der Laube »Freilich« sagte er zu sich »ist es etwas Schönes ruhig
nur sich zu leben und recht früh das stille Land aufzusuchen wo wir
einheimisch sein wollen Wem die Ruhe gegönnt ist der tut wohl daran mir ist
es nicht so Ich muss erst älter werden denn jetzt weiß ich selber noch nicht
was ich will«
 
                               Siebentes Kapitel
Franz hatte sich gleich bei seiner Ausreise vorgenommen seinem Geburtsorte ein
Gemälde von sich zum Angedenken zu hinterlassen Der Gedanke der Verkündigung
der Geburt Christi lag ihm noch im Sinn und er bildete ihn weiter aus und malte
fleißig Aber bei der Arbeit fehlte ihm diese Seelenruhe die er damals in
seinem Briefe geschildert hatte alles hatte ihn betäubt und die bildende Kraft
erlag oft den Umständen Er fühlte es lebhaft wieder wie es ganz etwas anders
sei in einer glücklichen Minute ein kühnes und edles Kunstwerk zu entwerfen
und es nachher mit unermüdeter Emsigkeit und dem nie ermattenden Reiz der
Neuheit durchzuführen Mitten in der Arbeit verzweifelte er oft an ihrer
Vollendung er wollte es schon unbeendigt stehen lassen als ihm Dürers Brief
zur rechten Zeit Kraft und Erquickung schenkte Jetzt endigte er schneller als
er erwartet hatte
    Wir wollen hier dem Leser dieses Bild kürzlich beschreiben Ein dunkles
Abendrot dämmerte auf den fernen Bergen denn die Sonne war schon seit lange
untergegangen in dem bleichroten Scheine lagen alte und junge Hirten mit ihren
Herden dazwischen Frauen und Mädchen die Kinder spielten mit Lämmern In der
Ferne gingen zwei Engel durch das hohe Korn und erleuchteten mit ihrem Glanze
die Landschaft Die Hirten sahen mit stiller Sehnsucht nach ihnen die Kinder
streckten die Hände nach den Engeln aus das Angesicht des einen Mädchens stand
völlig im rosenroten Schimmer vom fernen Strahl der Himmlischen erleuchtet Ein
junger Hirt hatte sich umgewendet und sah mit verschränkten Armen und
tiefsinnigem Gesichte der untergegangenen Sonne nach als wenn mit ihr die
Freude der Welt der Glanz des Tages die anmutigen und erquickenden Strahlen
verschwunden wären ein alter Hirt fasste ihn beim Arm um ihn umzudrehen und ihm
die Freudigkeit zu zeigen die von morgenwärts herschritt Dadurch hatte Franz
der untergegangenen Sonne gegenüber gleichsam eine neuaufgehende darstellen
wollen der alte Hirt sollte den jungen beruhigen und zu ihm sagen »Selig sind
die nunmehr sterben denn sie werden in dem Herrn sterben« Einen solchen
zarten trostreichen und frommen Sinn hatte Franz für den vernünftigen und
fühlenden Beschauer in das Gemälde zu bringen gesucht
    Er hatte es nun vollendet und stand lange nachdenkend und still vor seinem
Werke Er empfand eine wunderbare Beklemmung die er an sich nicht gewohnt war
es ängstete ihn von dem teuren Werke an dem er mehrere Wochen mit so vieler
Liebe gearbeitet hatte Abschied zu nehmen Das glänzende Bild der ersten
Begeisterung war während der Arbeit aus seiner Seele gänzlich hinweggelöscht
und er fühlte darüber eine trübe Leere in seinem Innern die er mit keinem neuen
Entwurfe mit keinem Bilde wieder ausfüllen konnte »Ist es nicht genug« sagte
er zu sich selber »dass wir von unsern lebenden Freunden scheiden müssen Müssen
auch noch jene befreundeten Lichter in unsrer Seele Abschied von uns nehmen So
gleicht unser Lebenslauf einem Spiele in dem wir unaufhörlich verlieren wo wir
halb verrückt stets etwas Neues einsetzen das uns kostbar ist und niemals
keinen Gewinn dafür austauschen Es ist seltsam dass unser Geist uns treibt die
innere Entzückung durch das Werk unsrer Hände zu offenbaren und dass wir wenn
wir vollendet haben in unserm Fleiß uns selbst nicht wiedererkennen«
    Das Malergeräte stand unordentlich um das Bild her die Sonne schien
glänzend auf den frisch aufgetragenen Firnis er hörte das taktmässige Klappen
der Drescher in den Scheuren in der Ferne das Vieh auf dem Anger brüllen und
die kleine Dorfglocke gab mit bescheidenen Schlägen die Zeit des Tages an alle
Tätigkeit alle menschliche Arbeit kam ihm in diesen Augenblicken so seltsam
vor dass er lächelnd die Hütte verließ und wieder seinem geliebten Walde
zueilte um sich von der innern Verwirrung zu erholen
    Im Walde legte er sich in das Gras nieder und sah über sich in den weiten
Himmel er überblickte seinen Lebenslauf und schämte sich dass er noch so wenig
getan habe Er betrachtete jedes Werk eines Künstlers als ein Monument das er
den schönsten Stunden seiner Existenz gewidmet habe um jedes wehen die
himmlischen Geister die dem bildenden Sinn die Entzückungen brachten aus jeder
Farbe aus jedem Schatten sprechen sie hervor »Ich bin nun schon dreiundzwanzig
Jahr alt« rief er aus »und noch ist von mir nichts geschehen das der Rede
würdig wäre ich fühle nur den Trieb in mir und meine Mutlosigkeit der frische
tätige Geist meines Lehrers ist mir nicht verliehen mein Beginnen ist zaghaft
und alle meine Bildungen werden die Spur dieses zagenden Geistes tragen«
    Er kehrte zurück als es Abend war und las seiner Pflegemutter einige fromme
Gesänge aus einem alten Buche vor das er in seiner Kindheit sehr geliebt hatte
Die frommen Gedanken und Ahndungen redeten ihn wieder an wie damals er
betrachtete sinnend den runden Tisch mit allen seinen Furchen und Narben die
ihm so wohlbekannt waren er fand die Figuren wieder die er manchmal am Abend
heimlich mit seinem Messer eingerjetzt hatte und er musste über die ersten
Versuche seiner Zeichenkunst lächeln »Mutter« sagte er zu der alten Brigitte
»am künftigen Sonntage wird nun mein Gemälde in unsrer Kirche aufgestellt da
müsst Ihr den Gottesdienst nicht versäumen« »Gewiss nicht mein Sohn« antwortete
die Alte »das neue Bild wird mir zu einer sonderlichen Erbauung dienen unser
Altargemälde ist kaum mehr zu erkennen das erweckt keine Rührung wenn man es
ansieht Aber sage mir was wird am Ende aus solchen alten Bildern«
    »Sie vergehen liebe Mutter« antwortete Franz seufzend »wie alles übrige in
der Welt Es wird eine Zeit kommen wo man keine Spur mehr von den jetzigen
großen Meistern antrifft wo die unerbittliche unkünstliche Hand der Zeit alle
Denkmale ausgelöscht hat«
    »Das ist aber schlimm« sagte Brigitte »dass alle diese mühselige Arbeit so
vergeblich ist so unterscheidet sich ja deine Kunst wie du es nennst von
keinem andern Gewerbe auf der Erde Der Mann dessen Altarblatt nun abgenommen
werden soll hat sich gewiss auch recht gefreut als seine Arbeit fertig war er
hat es auch gut damit gemeint und doch ist das alles umsonst denn nun wird das
vergessen und er hat vergeblich gearbeitet«
    »So geht es mit aller unsrer irdischen Tätigkeit« antwortete Franz »nichts
als unsre Seele ist für die Unsterblichkeit geschaffen unsre Gedanken an Gott
sind das Höchste in uns denn sie lernen sich schon in diesem Leben für die
Ewigkeit ein und folgen uns nach Sie sind das schönste Kunstwerk das wir
hervorbringen können und sie sind unvergänglich«
    Am Sonntage ging Franz mit einigen Arbeitsleuten früh in die Kirche Das
alte Bild wurde losgemacht Franz wischte den Staub davon ab und betrachtete es
mit vieler Rührung Es stellte die Kreuzigung vor und manche Figuren waren ganz
verloschen es war eins von denen Gemälden die noch ohne Öl gearbeitet waren
die Köpfe zeigten sich hart die Gewänder steif und Zettel mit Sprüchen
verbreiteten sich aus dem Munde der Personen Sternbald bemühte sich sehr den
Namen des Meisters zu entdecken aber vergebens er sorgte dann dafür dass das
Bild nicht weggeworfen wurde sondern er verschloss es selbst in einen Schrank
der Kirche damit auch künftig ein Kunstfreund dies alte Überbleibsel
wiederfinden könne
    Jetzt war sein Gemälde befestigt die Glocke fing zum ersten Male an durch
das ruhige Dorf zu läuten Bauern und Bäuerinnen waren in ihren Stuben und
besorgten emsig ihren festlichen Anzug Man hörte keinen Arbeiter ein schöner
heiterer Tag glänzte über die Dächer die alten Weiden standen ruhig am kleinen
See denn kein Wind rührte sich Franz ging auf der Wiese die hinter dem
Kirchhofe lag hin und her er zog die ruhige heitre Luft in sich und
stillentzückende Gedanken regierten seinen Geist Wenn er nach dem Walde sah
empfand er eine seltsame Beklemmung in manchen Augenblicken glaubte er dass
dieser Tag sehr merkwürdig für ihn sein würde dann verflog es aus seiner Seele
wie eine ungewisse Ahndung die zuweilen nächtlich um den Menschen wandelt und
beim Schein des Morgens schnell entflieht Es war jetzt nicht mehr sein Gemälde
was ihn beschäftigte sondern etwas Fremdes das er selbst nicht kannte
    So ist die Seele des Künstlers oft von wunderlichen Träumereien befangen
denn jeder Gegenstand der Natur jede bewegte Blume jede ziehende Wolke ist ihm
eine Erinnerung oder ein Wink in die Zukunft Heereszüge von Luftgestalten
wandeln durch seinen Sinn hin und zurück die bei den übrigen Menschen keinen
Eingang antreffen besonders ist der Geist des Dichters ein ewig bewegter Strom
dessen murmelnde Melodie in keinem Augenblicke schweigt jeder Hauch rührt ihn
an und lässt eine Spur zurück jeder Lichtstrahl spiegelt sich ab er bedarf der
lästigen Materie am wenigsten und hängt am meisten von sich selber ab er darf
in Mondschimmer und Abendröte seine Bilder kleiden und aus unsichtbaren Harfen
niegehörte Töne locken auf denen Engel und zarte Geister herniedergleiten und
jeden Hörer als Bruder grüßen ohne dass sich dieser oft aus dem himmlischen
Gruße vernimmt und nach irdischen Geschäften greift um nur wieder zu sich
selber zu kommen In jenen beklemmten Zuständen des Künstlers liegt oft der Wink
auf eine neue nie betretene Bahn wenn er mit seinem Geiste dem Liede folgt das
aus ungekannter Ferne herübertönt Oft ist jene Ängstlichkeit ein Vorgefühl der
unendlichen Mannigfaltigkeit der Kunst wenn der Künstler glaubt Leiden
Unglück oder Freuden zu ahnden
    Jetzt hatte die Glocke zum letzten Male geläutet die Kirche war schon
angefüllt Sternbalds Mutter hatte ihren gewöhnlichen Platz eingenommen Franz
stellte sich in die Mitte der kleinen Kirche und das Orgelspiel und der Gesang
hub an die Kirchtür ihm gegenüber war offen und das Gesäusel der Bäume tönte
herein Franz war in Andacht verloren der Gesang zog wie mit Wogen durch die
Kirche die ernsten Töne der Orgel schwollen majestätisch herauf und sprachen
wie ein melodischer Sturmwind auf die Hörer herab aller Augen waren während des
Gesanges nach dem neuen Bilde gerichtet Franz sah auch hin und erstaunte über
die Schönheit und rührende Bedeutsamkeit seiner Figuren sie waren nicht mehr
die seinigen sondern er empfand eine Ehrfurcht einen andächtigen Schauer vor
dem Gemälde Es schien als wenn sich unter den Orgeltönen die Farbengebilde
bewegten und sprächen und mitsängen als wenn die fernen Engel näher kämen und
jeden Zweifel jede Bangigkeit mit ihren Strahlen aus dem Gemüte
hinwegleuchteten er empfand eine unaussprechliche Wonne in dem Gedanken ein
Christ zu sein Von dem Bilde glitt dann sein Blick nach dem grünen Kirchhofe
vor der Türe hin und es war ihm als wenn Baum und Gesträuch außerhalb auch mit
Frömmigkeit beteten und unter der umarmenden Andacht ruhten Aus den Gräbern
schienen leise Stimmen der Abgeschiedenen herauszusingen und mit Geistersprache
den ernsten Orgeltönen nachzueilen die Bäume jenseit des Kirchhofs standen
betrübt und einsam da und hoben ihre Zweige wie gefaltete Hände empor und
freundlich legten sich durch die Fenster die Sonnenstrahlen weit in die Kirche
hinein Die unförmlichen steinernen Bilder an der Mauer waren nicht mehr stumm
die fliegenden Kinder mit denen die Orgel verziert war schienen in lieber
Unschuld auf ihrer Leier zu spielen um den Herrn den Schöpfer der Welt zu
loben
    Sternbalds Gemüt ward mit unaussprechlicher Seligkeit angefüllt er empfand
zum ersten Male den harmonischen Einklang aller seiner Kräfte und Gefühle ihn
ergriff und beschirmte der Geist der die Welt regiert und in Ordnung hält er
gestand es sich deutlich wie die Andacht der höchste und reinste Kunstgenuss
sei dessen unsre menschliche Seele nur in ihren schönsten und erhabensten
Stunden fähig ist Die ganze Welt die mannigfaltigsten Begebenheiten Unglück
und Glück das Niedre und Hohe alles schien ihm in diesen Augenblicken
zusammenzufliessen und sich selbst nach einem kunstmässigen Ebenmasse zu ordnen
Tränen flossen ihm aus den Augen und er war mit sich mit der Welt mit allem
zufrieden
    Schon in Nürnberg war es oft für ihn eine Erquickung gewesen sich aus dem
Getümmel des Marktes und des verworrenen geräuschvollen Lebens in eine stille
Kirche zu retten da hatte er oft gestanden die Pfeiler und das erhabene
Gewölbe betrachtet und das Gewühl vergessen er hatte es immer empfunden wie
diese heilige Einsamkeit auf jedes Gemüt gut wirken müsse aber noch nie hatte
er diese reine erhabene Entzückung genossen
    Die Orgel schwieg und man vernahm aus der Ferne über die Wiese her das
Schnauben von Pferden und einen schnellrollenden Wagen Franz hob seine Augen
auf in demselben Augenblick eilte das Fuhrwerk der Kirche vorüber ein Rad fuhr
ab der Wagen stürzte und zwei junge Mädchen und ein alter Mann waren im
Begriff zu fallen als Franz schon hinzugeeilt war und den Wagen hielt indem
der Fuhrmann die Pferde hemmte Die Schönste und wie es schien die Herrin der
übrigen lag in seinen Armen ihr Kopf ruhte an seinem Gesicht geringelte
blonde Haare die durch den plötzlichen Sturz sich unter einer reichen Goldhaube
losgemacht hatten waren wie ein glänzendes Netz um beide gespreitet aus dem
grünen Atlasmantel wogte nahe an ihm ein blendend weißer Busen in heftiger
Bewegung des Erschreckens Endlich erhob sie das durchdringlich blaue Auge und
dankte ihm lächelnd Alle stiegen ab und Franz war geschäftig die Fremden zu
bedienen indessen der Fuhrmann seinen Wagen wieder einrichtete Die schöne
Fremde betrachtete unsern Freund aufmerksam er schien mehr erschrocken als sie
er bat sie mir gerührtem Ton sich zu erholen Er wusste nicht was er sagen
sollte die blauen Augen des Mädchens begegneten ihm und er errötete der alte
Mann sprach mit der Dienerin Die Fremde lehnte sich auf seinen Arm wie
ermüdet und so traten sie in die Kirche ein sie ließ sich auf ein Knie nieder
und bekreuzte sich nach dem Altar gewendet sehr andächtig was der Gemeine
auffiel dann erhob sie sich und sagte »Welch ein herrliches rührendes
Altarbild« »Ja wohl« sagte Franz außer sich vor Entzücken und sie fuhr fort
»Gewiss von Dürer oder einem seiner Schüler herrliche Werke haben die Deutschen
hervorgebracht« Franz verstummte und zitterte Indes war der Wagen wieder
instand gesetzt sie schritten wieder aus der Kirche und Franz ängstete sich
dass sie nun wieder abreisen würde noch gingen sie unter den duftenden Bäumen
auf und ab und der Gesang scholl ihnen aus der Kirche entgegen Nun stiegen die
Fremden wieder auf der junge Maler fühlte sein Herz heftig schlagen die holde
Gestalt dankte ihm noch einmal und nun flog der Wagen fort Er sah ihnen nach
so weit er konnte jetzt nahten sie einem fernen Gebüsche der Wagen verschwand
er war wie betäubt
    Als er wieder zu sich erwachte sah er im Grase wo er gestanden hatte eine
kleine zierliche Brieftasche liegen Er nahm sie schnell auf und entfernte sich
damit es war kein Zweifel dass sie der Fremden gehören müsse Es war unmöglich
dem Wagen nachzueilen er hatte auch nicht gefragt wohin sie sich wenden wolle
und ebensowenig wusste er den Namen der Reisenden Alles dies beunruhigte ihn
erst jetzt als er die Brieftasche in seinen Händen hielt Er musste sie
behalten und wie teuer war sie ihm Er wagte es nicht sie zu eröffnen sondern
eilte mit ihr seinem geliebten Walde zu hier setzte er sich auf dem Platze
nieder der ihm so heilig war hier machte er sie mit zitternden Händen auf und
das erste was ihm in die Augen fiel war ein Gebinde wilder vertrockneter
Blumen Er blickte um sich her er besann sich ob es ein Traum sein könne er
konnte sich nicht zurückhalten er küsste die Blumen und weinte heftig innerlich
ertönte der Gesang des Waldhorns den er in der Kindheit gehört hatte
    Auf einem Blättchen stand geschrieben »Diese Blümchen erhielt ich von dem
schönsten und freundlichsten Knaben als ich sechs Jahr alt meine erste Reise
über Mergenteim machte«
    »So bist du es gewesen mein Genius mein schützender Engel« rief er aus
»Du bist mir wieder vorüber gegangen und ich kann mich nicht finden ich kann
mich nicht zufriedengeben Auf diesem Platze hier sind diese Blumen gewachsen
schon vierzehn Sommer sind indessen über die Erde gegangen und auf diesem
Platze halte ich nach so langer Zeit das teure Geschenk wieder in meinen Händen
Du warst es Botin des Himmels für die ich mein erstes Bild aufgestellt habe
dein Auge musste es erleuchten deinen Wohlgefallen hat es erregt und du hast
dein Knie in frommer Herzensdemut davor geneigt O wann werd ich dich
wiedersehen Kann es Zufall sein dass du mir wieder begegnet bist«
    Es gibt Stunden in denen das Leben einen gewaltsamen schnellen Anlauf
nimmt wo die Blüten plötzlich aufbrechen und alles sich in und um den Menschen
verändert Dieser Tag war für Sternbald ein solcher er konnte sich gar nicht
wieder erholen er wünschte nichts und dürstete doch nach den wunderbarsten
Begebenheiten er sah über seine Zukunft wie über ein glänzendes Blumenfeld hin
und doch genügte ihm keine Freude er war unzufrieden mit allem was da kommen
konnte und doch fühlte er sich so überselig
    Außerdem enthielt das Taschenbuch nichts woraus er den Namen oder den
Aufenthalt der wunderbaren Fremden mit der er doch so vertraut zu sein wähnte
hätte erfahren können Auf der einen Seite stand
          »zu Antwerpen ein schönes Bild von Lukas von Leiden gesehen«
und dicht darunter
»ebendaselbst ein unbeschreibliches schönes Kruzifix vom großen Albert Dürer«
Er küsste das Blatt zu wiederholten Malen er konnte heut seine Empfindungen
durchaus nicht bemeistern Es war ihm zu seltsam und zu erfreulich dass die
Engelsgestalt die er so fernab im Traume seiner Kindheit gesehen hatte seinen
Dürer verehrte den er so genau kannte dessen Freund er war dass sie ihn durch
ihr Lob seines ersten Gemäldes zum Künstler geweiht hatte Sein Schicksal schien
ein wunderbarer Einklang von Gesängen er konnte nicht genug darüber sinnen ja
er konnte an diesem Tage vor Entzücken nicht müde werden
 
                                 Achtes Kapitel
Franz hatte seinem Sebastian diese Begebenheiten geschrieben die ihm so
merkwürdig waren es war nun die Zeit verflossen die er seinem Aufenthalte in
seinem Geburtsorte gewidmet hatte und er besuchte nur noch einmal die Plätze
die ihm in seiner Kindheit so bekannt geworden waren dann nahm er Abschied von
seiner Mutter
    Er war wieder auf dem Wege und nach einiger Zeit schrieb er seinem Freunde
noch einen zweiten Brief
Liebster Bruder
Manchmal frage ich mich selbst mit der größten Ungewissheit was aus mir werden
soll Bin ich nicht plötzlich ohne mein Zutun in ein recht seltsames Labyrinth
verwickelt Meine Eltern sind mir genommen und ich weiß nicht wem ich angehöre
meine Freunde habe ich verlassen jenen glänzenden Engel habe ich nur wie ein
vorbeifliegendes Schimmerbild wahrgenommen Warum treten mir diese
Verwickelungen in den Weg und warum darf ich nicht wie die übrigen Menschen
einen ganz einfachen Lebenswandel fortsetzen 
    Ich glaube manchmal und schäme mich dieses Gedankens dass mir meine Kunst
zu meinem Glücke nicht genügen dürfte auch wenn ich endlich weiter und auf eine
höhere Stufe gekommen sein sollte Ich sage nur Dir dieses im Vertrauen mein
liebster Sebastian denn jeder andere würde mir antworten »Nun warum legst Du
nicht Palette und Pinsel weg und suchst durch gewöhnliche Tätigkeit den
Menschen nützlich zu werden und dein Brot zu erwerben« Es kann sein dass ich
besser täte aber alle dergleichen Gedanken fallen mir jetzt sehr zur Last Es
ist etwas Trübseliges darin dass das ganze große menschliche Leben mit allen
seinen unendlich scheinenden Verwickelungen durch den allerarmseligsten
Mechanismus umgetrieben wird die kümmerliche Sorge für morgen setzt sie alle in
Bewegung und die meisten dünken sich noch was Rechts wenn sie dieser
Beweggrund in recht heftige Tätigkeit ängstigt
    Ich weiß nicht wie Du diese Äußerungen ansehen wirst ich fühle es selbst
wie notwendig der Fleiß dem Menschen ist ebenso wie man ihn mit Recht edel
nennen kann Aber wenn alle Menschen Künstler wären oder Kunst verständen wenn
sie das reine Gemüt nicht beflecken und im Gewühl des Lebens zerquälen dürften
so wären doch gewiss alle um vieles glücklicher Dann hätten sie die Freiheit und
die Ruhe die wahrhaftig die größte Seligkeit sind Wie beglückt müsste sich dann
der Künstler fühlen der die reinsten Empfindungen dieser Wesen darzustellen
unternähme Dann würde es erst möglich sein das Erhabene zu wagen dann würde
jener falsche Enthusiasmus der sich an Kleinigkeiten und Spielwerk schließt
erst eine Bahn finden auf der er eine herrliche Erscheinung wandeln dürfte
Aber alle Menschen sind so gemartert so von Mühseligkeiten Neid Eigennutz
Planen Sorgen verfolgt dass sie gar nicht das Herz haben die Kunst und Poesie
den Himmel und die Natur als etwas Göttliches anzusehen In ihre Brust kommt
selbst die Andacht nur mit Erdensorgen vermischt und indem sie glauben klüger
und besser zu werden vertauschen sie nur eine Jämmerlichkeit mit der andern
    Du siehst ich führe noch immer meine alten Klagen und ich habe vielleicht
sehr unrecht Ich sehe wohl alles anders an wenn ich älter werde aber ich
wünsche es nicht Ach Sebastian ich habe manchmal eine unaussprechliche Furcht
vor mir selber ich empfinde meine Beschränktheit und doch kann ich es nicht
wünschen diese Gefühle zu verlieren die so mit meiner Seele verwebt scheinen
dass sie vielleicht mein eigentliches Selbst ausmachen Wenn ich daran denke dass
ich mich ändern könnte so ist mir ebenso als wenn Du sterben solltest 
    Wenn ich nur wenigstens mehr Stolz und Festigkeit hätte Denn ich muss doch
vorwärts und kann nicht immer ein weichherziges Kind bleiben wenn ich auch
wollte Ich glaube fast dass der Geist am leichtesten untersinkt und
verlorengeht der sich zu blöde und bescheiden betrachtet man muss mit kaltem
Vertrauen zum Altar der Göttin treten und dreist eine von ihren Gaben fordern
sonst drängt sich der Unwürdige vor und trägt über den Besseren den Sieg davon
Ich möchte manchmal darüber lachen dass ich alles in der Welt so ernstaft
betrachte dass ich so viel sinne wenn es doch nicht anders sein kann und mit
Schwingen der Seele das zu ereilen trachte wonach andere nur die Hand
ausstrecken Denn wohin führt mich meine Liebe meine Verehrung der Künstler und
ihrer Werke Viele große Meister haben sich gewiss recht kaltblütig vor die
Staffelei gesetzt so wie auch gewöhnlich unser Albrecht arbeitet und dann dem
Werke seinen Lauf gelassen überzeugt dass es so werden müsse wie es ihnen gut
dünkt
    Meine Wanderung bringt oft sonderbare Stimmungen in mir hervor Jetzt bin
ich in einem Dorfe und sehe den Nebel auf den fernen Bergen liegen matte
Schimmer bewegen sich im Dunste und Wald und Berg tritt aus dem Schleier oft
plötzlich hervor Ich sehe Wanderer zu Fuß und zu Pferde ihre Straße forteilen
und ferne Türme und Städte sind das Ziel wonach sie in mannigfaltiger Richtung
streben Ich befinde mich mit unter diesem Haufen und die übrigen wissen nichts
von mir sie gehen mir vorüber und ich kenne sie nicht jeder unsichtbare Geist
wird von einem andern Interesse beherrscht und jeder beneidet und bemitleidet
auf Geratewohl den andern Ich denke mir alle die mannigfaltigen Wege durch
Wälder über Berge an Strömen vorüber wie jeder Reisende sich umsieht und in
des andern Heimat sich in der Fremde fühlt wie jeder umherschaut und nach dem
Bruder seiner Seele sucht und so wenige ihn finden und immer wieder durch
Wälder und Städte bergüber an Strömen vorbei weiterreisen und ihn immer
nicht finden Viele suchen schon gar nicht mehr und diese sind die
Unglücklichsten denn sie haben die Kunst zu leben verlernt da das Leben nur
darin besteht immer wieder zu hoffen immer zu suchen der Augenblick wenn wir
dies aufgeben sollte der Augenblick unsers Todes sein So ist es auch
vielleicht und jene wahrhaft Elenden müssen dann an der Zeit hinsterben und
wissen und empfinden nicht woran sie das Leben verlieren
    Ich will daher immer suchen und erwarten ich will meine Entzückung und
Verehrung der Herrlichkeit in meinem Busen aufbewahren weil dieser schöne
Wahnsinn das schönste Leben ist Der Vernünftige wird mich immer als einen
Berauschten betrachten und mancher wird mir vielleicht furchtsam oder auch
verachtend aus dem Wege gehen  Welche Gegend ihr Blick wohl jetzt
durchwandert Ich schaue nach Osten und Westen um sie zu entdecken und
ängstige mich ab dass sie vielleicht in meiner Nähe ist ohne dass ich es
erfahren kann Nur einmal sehen nur einmal sprechen möcht ich sie noch ich kann
mein Verlangen danach nicht mit Worten ausdrücken und doch wüsst ich nicht was
ich ihr sagen sollte wenn ich sie plötzlich wiederfände Ich kann es nicht
sagen was meine Empfindung ist und ich weiß nicht ob Du nicht Deinen Freund
belächelst Aber Du bist zu gut um über mich zu spotten auch bin ich zu
ehrlich gegen Dich
    Wenn ich an die reizenden Züge denke an diese heilige Unschuld ihrer Augen
diese zarten Wangen  wenigstens möcht ich ein Gemälde ein treues einfaches
der jetzigen Gestalt besitzen Tod und Trennung sind es nicht allein die wir zu
bejammern haben sollte man nicht jeden dieser süßen Züge jede dieser sanften
Linien beweinen die die Zeit nach und nach vertilgt Der ungeschickte Künstler
der durch beständiges Nachmalen sein Bild verdirbt das er erst so schön
ausgearbeitet hatte Ich sehe sie vielleicht nach vielen vielen Jahren wieder
vielleicht auch nie Es gibt ein Lied eines alten Sängers ich schreibe Dir es
auf
Wohlauf und geh in den vielgrünen Wald
Da steht der rote frische Morgen
Entlade dich der bangen Sorgen
Und sing ein Lied das fröhlich durch die Zweige schallt
Es blitzt und funkelt Sonnenschein
Wohl in das grüne Gebüsch hinein
Und munter zwitschern die Vögelein 
 Ach nein ich gehe nimmer zum vielgrünen Wald
Das Lied der süßen Nachtigall schallt
Und Tränen
Und Sehnen
Bewegen die bange die strebende Brust
Im Walde im Walde wohnt mir keine Lust
Denn Sonnenschein
Und hüpfende Vögelein
Sind mir Marter und Pein
Einst fand ich den Frühling im grünenden Tal
Da blühten und dufteten Rosen zumal
Durch Waldesgrüne
Erschiene
Im Eichenforst wild
Ein süßes Gebild
Da blitzte Sonnenschein
Es sangen Vögelein
Und riefen die Geliebte mein
Sie ging mit Frühling Hand in Hand
Die Weste küssten ihr Gewand
Zu Füßen
Die süßen
Viol und Primeln hingekniet
Indem sie still vorüberzieht
Da gingen ihr die Töne nach
Da wurden alle Stimmen wach
Da girrte Nachtigall noch zärtlicher ihr Ach
Mich traf ihr wundersüsser Blick
Woher Wohin du goldnes Glück
Die Schöne
Die Töne
Die rauschenden Bäume
Wie goldene Träume
Ist dies noch der Eichengrund
Grüsst mich dieser rote Mund
Bin ich tot bin ich gesund
Da schwanden mir die alten Sorgen
Und neue kehrten bei mir ein
Ich traf die Maid an jedem Morgen
Und schöner grünte stets der Hain
Lieb wie süße Deine Küsse
Glänzend schönste Zier
Wohne stets bei mir
Im vielgrünen Walde hier 
Ich ging hinaus im Morgenlicht
Da kam die süße Liebe nicht
Vom Baume hernieder
Schrie Rabe seine heisern Lieder
Da weint und klagt ich laut
Doch nimmer kam die Braut 
Und Morgenschein
Und Vögelein
Nur Angst und Pein
Ich suchte sie auf und ab über Berge tälerwärts
Ich sah manche fremde Ströme fließen
Aber ach mein liebend banges Herz
Nimmer fands die Gegenwart der Süssen
Einsam blieb der Wald
Da kam der Winter kalt
Vöglein
Sonnenschein
Flohen aus dem Walde mein 
Ach schon viele Sommer stiegen nieder
Oftmals kam der Zug der Vögel wieder
Oft hat sich der Wald in Grün gekleidt
Niemals kam zurück die süße Maid
Zeit Zeit
Warum trägst du so grausamen Neid
Ach sie kommt vielleicht auf fremden Wegen
Ungekannter Weis mir bald entgegen
Aber Jugend ist von mir gewichen
Ihre schönen Wangen sind erblichen
Kömmt sie auch hinab zum Eichengrund
Kenn ich sie nicht mehr am roten Mund
O Leide
Fremd sind wir uns beide
Keiner kennt den andern
Im Wandern
Wer Jüngling ist der wandle munter
Den Wald hinunter
Wohl mags dass ihm Treulieb entgegenziehet
Dann blühet
Aus allen Knospen Frühling auf ihn ein 
Doch niemals treff ich die verlorne Jugend mein
Drum ist mir Sonnenschein
Die Nachtigall im Hain
Nur Qual und Pein
Ach Vielleicht ist für mich auch einst der vielgrüne Wald so abgestorben
    Oft möcht ich alles in Gedichten niederschreiben und ich fühle es jetzt
wie die Dichter entstanden sind Du vermagst das Wesen was Dein innerstes Herz
bewegt nicht anders auszusprechen
    Ich habe endlich einen neuen Kupferstich von unserm Albert gesehen den er
seit meiner Abwesenheit gemacht hat Du wirst ihn kennen es ist der lesende
Einsiedler Wie ich da wieder unter euch war Denn ich kannte die Stube den
Tisch und die runden Scheiben gleich wieder die Dürer auf diesem Bilde von
seiner eignen Wohnung abgeschrieben hat Wie oft habe ich die runden Scheiben
betrachtet die der Sonnenschein an der Täfelung oder an der Decke zeichnete
der teure Hieronymus sitzt an Dürers Tisch Es ist schön dass unser Meister in
seiner frommen Vorliebe für das was ihn so nahe umgibt der Nachwelt ein
Konterfei von seinem Zimmer gegeben hat wo alles so bedeutend ist und jeder
Zug Andacht und Einsamkeit ausdrückt
    Ich gehe auf meinem Wege oft in die kleinen Kapellen hinein und verweile
mich dabei die Gemälde und Zeichnungen zu betrachten Ob es meine
Unerfahrenheit oder meine Vorliebe für das Altertum macht ich sehe selten ein
ganz schlechtes Bild ehe ich die Fehler entdecke sehe ich immer die Vorzüge an
jedem Ich habe gemeiniglich bei jungen Künstlern die entgegengesetzte Gemütsart
gefunden und sie wissen sich immer recht viel mit ihrem Tadel Ich habe oft
eine fromme Ehrfurcht vor unsern treuherzigen Vorfahren die zuweilen recht
schöne und erhabene Gedanken mit so wenigen Umständen ausgedrückt haben
    Ich will meinen Brief schließen Möge der Himmel Dich und meinen teuren
Albert gesund erhalten Dieser Brief dürfte seinem ernsten Sinne schwerlich
gefallen Lass mich bald Nachrichten von Dir und von allen Bekannten hören
In die Ferne geht die Liebe
Ungekannt durch Nacht und Schatten
Ach wozu dass ich hier bliebe
Auf den vaterländschen Matten
Wie mit süßen Flötenstimmen
Rufen alle goldnen Sterne
»Weit muss manche Woge schwimmen
Deine Lieb ist in der Ferne
Jenes Bild vor dem du knietest
Dich ihm ganz zu eigen gabst
Ihm mit allen Sinnen glühtest
An dem Schatten dich erlabst 
Was dein Geist als Zukunft dachte
Dein Entzücken Kunst genannt
Was als Morgenrot dir lachte
Oft sich wieder abgewandt
Sie nur ist es Dein Verzagen
Hat sie fort von dir gescheucht
Willst du es nur männlich wagen
Wird das Ziel noch einst erreicht
Alle Ketten sind gesprungen
Und befreit ist dann dein Geist
Jeder Knechtschaft kühn entschwungen
Fühlst du dich nicht mehr verwaist
Rückwärts flieht das zage Bangen
Muse reicht dir dann die Hand
Und führt sicher dein Verlangen
In der Götter Himmelsland«  
Ja wer darf mit Kunst und Liebe
Von den Sterblichen sich messen
In dem schönvermählten Triebe
Wird der Himmel selbst besessen
Diese ungeschickten Zeilen habe ich gestern in einem angenehmen Walde gedichtet
meine ganze Seele war darauf hinge wandt und ich bin nicht errötet sie Dir
Sebastian niederzuschreiben denn warum sollte ich Dir einen Gedanken meiner
Seele verheimlichen  Lebe wohl 
 
                                  Zweites Buch
                                  Erstes Kapitel
Franz Sternbald war über Aschaffenburg und dem alten Mainz den schönen Rhein
hinunter nach den Niederlanden gereist Allentalben hatte er die Denkmale
deutscher und niederländischer Kunst aufgesucht und mit Teilnahme und
Bewunderung betrachtet Vor allen war er erstaunt über die alten Werke des
Johann van Eyck der schon vor langer Zeit die Kunst in Öl zu malen erfunden und
verbreitet hatte dann zogen ihn die gleichzeitigen Meister an wie die Werke
des Lukas von Leiden Engelbrecht und Johann von Mabuse Er fühlte in allen die
Verwandtschaft zu Dürers Kunstweise obgleich sich ihm viele Betrachtungen über
die Art aufdrängten wie jeder Künstler den Gegenstand den menschlichen Körper
oder die Natur betrachtete
    Es war gegen Mittag als er auf dem freien Felde unter einem mächtigen Baume
saß und die große Stadt Leiden betrachtete die vor ihm lag Er war an diesem
Tage schon sehr früh ausgewandert um sie noch zeitig zu erreichen jetzt ruhte
er aus die Sonne des Späterbstes schien warm er betrachtete das Bild der
Stadt nachsinnend die sich mit ihren Türmen vor ihm verbreitete
    Er hielt seine Schreibtafel in der Hand und neben ihm im Grase lag die
fremde gefundene Er hatte den Umriss eines Kopfes entworfen den er eben wieder
ausstrich weil er keine Ähnlichkeit hervorbringen konnte es sollte das Gesicht
der Fremden vorstellen welche wachend und träumend seine Phantasie
beschäftigte Er rief sich jeden Umstand jedes Wort das sie gesprochen hatte
in die Gedanken zurück er sah alle die lieblichen Mienen den süsslächelnden
Mund die unaussprechliche Anmut jeder Bewegung alles zog wieder durch sein
Gedächtnis und er fühlte sich darüber so entfremdet so entfernt von ihr so
auf ewig geschieden dass ihm der helle Tag das funkelnde Gras die klaren
Wasser trübselig und melancholisch wurden ihm blühten und dufteten nur die
wenigen verwelkten Blumen die er mit süßer Zärtlichkeit betrachtete dann
lehnte er sich an den Stamm des Baums der mit seinen Zweigen und Blättern über
ihm lispelte als wenn er ihm Trost zusprechen möchte als wenn er ihm dunkle
Prophezeiungen von der Zukunft sagen wollte Franz hörte aufmerksam hin als
wenn er die Töne verstände denn die Natur scheint uns mit ihren Klängen zwar in
einer fremden Sprache anzureden aber wir ahnden doch die Bedeutsamkeit ihrer
Worte und merken gern auf ihre wunderbaren Akzente
    Er hörte auf zu zeichnen da ihm keiner seiner Striche Ausdruck und Würde
genug hatte er betrachtete wieder die Türme der Stadt auf deren
Schieferdächern die Sonne hell glänzte »So werde ich jetzt deine Straßen
betreten« sagte er zu sich selber »so werde ich den berühmten Lukas sehen
dürfen von dem mir Albrecht Dürer mit so vieler Liebe gesprochen hat der schon
als Kind ein Künstler war dessen Namen man schon in seinem sechszehnten Jahre
kannte Ich werde ihn sprechen hören und von ihm lernen ich werde seine
neuesten Werke sehen ich werde ihm sagen können wie ich ihn bewundre«
    Bald über das Bildnis der Fremden bald über Gemälde sinnend indes in der
feierlichen Stille des Mittags die Bäume nur zuweilen rauschten überraschte ihn
in der Ermüdung der heutigen starken Tagereise ein süßer Schlummer Ein ferner
Bach murmelte ihm mit einförmig wiederkehrendem Plätschern ein Schlaflied Er
hörte alles noch leise in seinen Schlummer hinein und ihm dünkte als wenn er
über eine Wiese ginge auf welcher fremde Blumen standen die er bis dahin noch
niemals gesehen hatte Unter den Blumen waren auch die Feldblumen gewachsen die
er bei sich trug aber sie waren nun wieder frisch geworden und verdunkelten an
Farbe und Glanz alle übrigen Franz betrachtete sie mit Gram so schön sie auch
waren er wollte sie wieder pflücken als er am Ende der Wiese in einer Laube
sitzend seinen Lehrer Albert Dürer wahrnahm der nach ihm hinsah und ihm zu
winken schien Er ging schnell hinzu und als er näher kam bemerkte er
deutlich dass Albrecht emsig an einem Gemälde arbeitete es war der Kopf der
Fremden das Gesicht war zum Sprechen ähnlich Franz wusste nicht was er dem
Meister sagen sollte seine Augen waren auf das Gemälde hingeheftet und es war
ihm als wenn es über seine Verlegenheit und Aufmerksamkeit mit süßer Schalkheit
zu lächeln anfinge Indem er noch darüber sann war er in einem dunkeln Walde
und alles übrige verschwunden liebliche Stimmen riefen seinen Namen aber er
konnte sich aus dem Gebüsche nicht herausfinden der Wald ward immer grüner und
dunkler doch Sebastians Stimme und der Ton der Fremden wurden immer deutlicher
sie riefen ihn ängstlich als wenn irgendeine Gefahr ihm bevorstände Da
überfiel ihn Grauen und die dichten Bäume und Gebüsche umher erschienen ihm
entsetzlich er zagte weiterzugehn er wünschte das helle freie Feld wieder
anzutreffen Plötzlich war es Mondschein Wie vom holden Schimmer erregt klang
von allen silbernen Wipfeln ein süßes Getöne nieder da war alle Furcht
verschwunden der Wald brannte sanft im schönsten Glanze und Nachtigallen
wurden wach und flogen dicht an ihm vorüber dann sangen sie mit süßer Kehle
und blieben immer im Takte mit der Musik des Mondscheins Franz fühlte sein Herz
geöffnet als er in einer Klause im Felsen einen Waldbruder wahrnahm der
andächtig die Augen zum Himmel aufhob und die Hände faltete Franz trat näher
»Hörst du nicht die liebliche Orgel der Natur spielen« sagte der Einsiedel
»bete so wie ich« Franz war von dem Anblicke hingerissen aber er sah nun
Tafel und Palette vor sich und malte unbemerkt den Eremiten seine Andacht den
Wald mit seinem Mondschimmer ja es gelang ihm sogar und er konnte nicht
begreifen wie die Töne der Nachtigall in sein Gemälde hineinzubringen Er hatte
noch nie eine solche Freude empfunden und er nahm sich vor wenn das Bild
fertig sei sogleich damit zu Dürer zurückzureisen damit dieser es sehen und
beurteilen möge Aber im Augenblicke verließ ihn die Lust weiterzumalen die
Farben erloschen unter seinen Fingern ein Frost überfiel ihn und er wünschte
den Wald zu verlassen
    Franz erwachte mit einer unangenehmen Empfindung es war einer der letzten
warmen Tage im Herbst gewesen jetzt ging die Sonne in dunkelroten Wolken hinter
der Stadt unter und ein kalter Herbstwind strich über die Wiese Er schüttelte
sich in fieberhafter Stimmung und sah mit einer gewissen Bangigkeit zum Himmel
auf denn ungeheure kupferrote Wolken von Violett und dunklem Blau durchzogen
glänzten hinter der untergegangenen Sonne Im blutigen Widerschein wollte ihm
die Stadt selbst die im Mittagsglanze so anlockend vor ihm lag wie eine
furchtbare klippenvolle Einöde bedünken Er schritt vorwärts und hatte das
Gefühl als ob ein großes Unglück seiner wartete Plötzlich stand er mit einem
lauten Ausruf erschreckend still Er vermisste die fremde Brieftasche und
erinnerte sich deutlich dass er sie im Grase zurückgelassen haben müsse
Zitternd eilte er zurück Konnte er sie auch wiederentdecken Mochte nicht ein
fremder Wanderer ein Arbeiter auf dem Felde den glänzenden Fund indessen schon
aufgerafft haben Er kam dem großen Baume näher vor Anstrengung zu sehen war er
geblendet wie ein wilder Zauberwald erschien ihm das demütige Gras das
neidisch seinen Schatz verborgen hielt Da leuchtete ihm die goldne Einfassung
wie mit Lächeln entgegen er bückte sich und kniete nieder und drückte das
liebe Büchelchen an Mund Herz und Augen War es ihm doch als hätte er die
holdselige unbekannte Gestalt selbst wieder getroffen der Wunderglaube seiner
Liebe hielt dieses Wiederfinden für eine glückliche Vorbedeutung dass auch die
schöne Besitzerin ihm nicht auf immer verborgen bleiben werde
    Er ging nach der Stadt Das Gedränge am Tore war groß denn jedermann eilte
nun aus den Feldern und von den benachbarten Dörfern zur Stadt zurück er
beobachtete die mannigfaltigen Gesichter der Mond stand am hellen Himmel und
schien auf die Dächer der Kirchen und auf die freien Plätze endlich kehrte er
in eine Herberge ein
    Franz fühlte sich müde und ging bald zur Ruhe aber er konnte lange nicht
einschlafen Die Scheibe des Mondes stand seinem Kammerfenster gerade gegenüber
er betrachtete ihn mit sehnsüchtigen Augen er suchte auf dem glänzenden Runde
und in den Flecken Berge und Wälder wunderbare Schlösser und zauberische Gärten
voll fremder Blumen und duftender Bäume er glaubte Seen mit glänzenden Schwänen
und ziehenden Schiffen wahrzunehmen einen Kahn der ihn und die Geliebte trug
und umher reizende Meerweiber die auf krummen Muscheln Lieder bliesen und
Wasserblumen in die Barke hineinreichten »Ach dort dort« rief er aus »ist
vielleicht die Heimat aller Sehnsucht aller Wünsche darum fällt auch wohl so
süße Schwermut so sanftes Entzücken auf uns herab wenn das stille Licht voll
und golden den Himmel heraufschwebt und seinen silbernen Glanz auf uns
herniedergiesst Ja er erwartet uns er bereitet uns unser Glück und darum sein
wehmütiges Herunterblicken dass wir noch in dieser Dämmerung der Erde verharren
müssen«
    Er verschloss sein Auge um zu träumen da erschien ihm die Fremde mit allen
ihren Reizen sie winkte ihm und vor ihm lag ein schöner dunkler Lindengang
welcher blühte und den süßesten Duft verbreitete Sie ging hinein er folgte ihr
schüchtern er gab ihr die Blumen zurück und erzählte ihr wer er sei Da umfing
sie ihn mit ihren zarten Armen da kam der Mond mit seinem Glanze näher und
schien ihnen beiden hell ins Angesicht sie gestanden sich ihre Liebe sie waren
unaussprechlich glücklich  Diesen Traum setzte Franz fort die frühsten
Erinnerungen aus seinen Kinderjahren kamen zurück alle schönen Empfindungen
die er einst gekannt hatte zogen wieder an ihm vorüber und begrüßten ihn So
ist der Schlaf oft ein Ausruhen in einer schöneren Welt wenn die Seele sich von
diesem Schauplatz hinwegwendet so eilt sie nach jenem unbekannten magischen
auf welchem liebliche Lichter spielen und kein Leiden erscheinen darf dann
dehnt der Geist seine großen Flügel auseinander und fühlt seine himmlische
Freiheit die Unbegrenzteit die ihn nirgend beengt und quält Beim Erwachen
sehen wir oft zu voreilig mit Verachtung auf dieses schönere Dasein hin weil wir
unsre Träume nicht in unser Tagesleben hineinweben können weil sie nicht da
fortfahren wo unsre Menschentätigkeit am Abend aufhörte sondern ihre eigne
Bahn wandelten
 
                                Zweites Kapitel
Am Morgen erkundigte sich Franz nach der Wohnung des berühmten Lukas von Leiden
Man bezeichnete ihm die Straße und das Haus und er ging mit hochschlagendem
Herzen hin Er ward in eine ansehnliche Wohnung geführt eine Magd sagte ihm
dass der Herr sich schon in seiner Malerstube befinde und arbeite Franz bat dass
man ihn hineinführen möchte Die Tür öffnete sich und Franz sah einen kleinen
freundlichen ziemlich jungen Mann vor einem Gemälde sitzen an dem er fleißig
arbeitete um ihn her standen und hingen vielerlei Schildereien einige
Farbenkasten Zeichnungen und Anatomien aber alles in der besten Ordnung Der
Maler stand auf und ging Franzen entgegen der Schüler war jetzt mit seinen
Augen dem Gesicht des berühmten Meisters gegenüber und vermochte in der ersten
Verwirrung kein Wort hervorzubringen Endlich fasste er sich nannte seinen Namen
und den Namen seines Lehrers Lukas hieß ihn von Herzen willkommen und beide
setzten sich nun in der Werkstatt nieder und Franz erzählte ganz kurz seine
Reise und sprach von einigen merkwürdigen Gemälden die er unterwegs
angetroffen hatte Er beschaute während dem Sprechen aufmerksam das Bild an
welchem Lukas eben arbeitete es war eine Heilige Familie er traf darinnen
vieles von einigen Dürerschen Arbeiten an denselben Fleiß dieselbe Genauigkeit
im Ausmalen nur schien ihm an Lukas Bildern Dürers strenge Zeichnung zu
fehlen ihm dünkte als wären die Umrisse weniger dreist und sicher gezogen
dagegen hatte Lukas etwas Liebliches und Anmutiges in den Wendungen seiner
Gestalten ja auch in seiner Färbung das dem Dürer mangelte Dem Geiste nach
glaubte er müssten diese beiden großen Künstler sehr nahe verwandt sein er sah
hier dieselbe Einfalt in der Zusammensetzung dieselbe Verschmähung unnützer
Nebenwerke die rührende und echt deutsche Behandlung der Gesichter und
Leidenschaften dasselbe Streben nach Wahrheit
    Lukas war in seinem Gespräche ein muntrer fröhlicher Mann seine Augen
waren sehr lebhaft und seine schnell veränderlichen Mienen begleiteten und
erklärten jedes seiner Worte Franz konnte ihn noch immer nicht genug
betrachten denn in seiner Einbildung hatte er ihn sich ganz anders gedacht er
hatte einen großen starken ernstaften Mann erwartet und nun sah er eine
kleine sehr behende aber fast kränkliche Figur vor sich und die Gebärden und
Reden des Meisters trugen alle das Gepräge eines lustigen freien Gemütes
    »Es freut mich ungemein Euch kennenzulernen« rief Lukas mit seiner
Lebhaftigkeit aus »aber vor allen Dingen wünschte ich einmal Euren Meister zu
sehen ich wüsste nichts Erfreulicheres das mir begegnen könnte als wenn er so
wie Ihr heut tatet in meine Werkstatt hereinträte ich bin auf keinen andern
Menschen in der Welt so neugierig als auf ihn denn ich halte ihn für den
größten Künstler den die Zeiten hervorgebracht haben Er ist wohl sehr
fleißig«
    »Er arbeitet fast immer« antwortete Franz »und er kennt auch kein größeres
Vergnügen als seine Arbeit Seine Emsigkeit geht so weit dass er dadurch sogar
manchmal seiner Gesundheit Schaden tut«
    »Ich will es gern glauben« antwortete Lukas »es zeugen seine Kupferstiche
von einer fast unbegreiflichen Sorgfalt und doch hat er deren schon so viele
ausgehn lassen Man kann nichts Sauberers sehen als seine Arbeit und doch
leidet unter diesem Fleiße die Wahrheit und der Ausdruck seiner Darstellungen
niemals so dass seine Emsigkeit nicht bloß zufällige Zier sondern Wesen und
Sache selbst ist Und dann begreife ich kaum die mannigfaltigen Arten seiner
Arbeiten von den kleinsten und feinsten Gemälden bis zu den lebensgrossen
Bildern dann seine Kupferarbeiten seine sauberen Figuren die er auf Holz in
erhabener Arbeit geschnitten und die so leicht so zierlich sind dass man trotz
ihrer Vollendung die Arbeit ganz daran vergisst und gar nicht an die vielen
mühseligen Stunden denkt die der Künstler darüber zugebracht haben muss
Wahrlich Albert ist ein äußerst wunderbarer Mann und ich halte den Schüler für
sehr glücklich dem es vergönnt ist unter seinen Augen seine erste Laufbahn zu
eröffnen«
    Franz war immer gerührt wenn von seinem Lehrer die Rede war aber dies Lob
diese Verehrung seines Meisters aus dem Munde eines andern großen Künstlers
setzte sein Herz in die gewaltsamste Bewegung Er drückte Lukas Hand und sagte
mit Tränen »Glaubt mir Meister ich habe mich vom ersten Tage glücklich
geschätzt da ich Dürers Haus betrat«
    »Es ist eine seltsame Sache mit dem Fleiße« fuhr Lukas fort »so treibt es
auch mich Tag und Nacht zur Arbeit so dass mich manchmal jede Stunde ja jede
Minute gereut die ich nicht in dieser Stube zubringen darf Von Jugend auf ist
es so mit mir gewesen und ich habe auch nie an Spielen Erzählungen oder
dergleichen zeitvertreibenden Dingen Gefallen gefunden Ein neues Bild liegt mir
manchmal so sehr im Sinne dass ich davor nicht schlafen kann Ich weiß mir auch
keine größere Freude als wenn ich nun endlich ein Gemälde an dem ich lange
arbeitete zustande gebracht habe wenn nun alles fertig ist was mir bis dahin
nur in den Gedanken ruhte wenn man nun zugleich mit jedem Bilde merkt wie die
Hand geübter und dreister wird wie nach und nach alles das von selbst sich
einstellt was man anfangs mit Mühe erringen und erkämpfen musste seht das ist
eine Lust die andre Menschen vielleicht nur an Kindern die wohlgeraten oder
gar an gelungenen Eroberungen genießen können O mein lieber Sternbald ich
könnte manchmal stundenlang davon schwatzen wie ich nach und nach ein Maler
geworden bin und wie ich noch hoffe mit jedem Tage weiterzukommen«
    »Ihr seid ein sehr glücklicher Mann« antwortete Franz »Wohl dem Künstler
der sich seines Wertes bewusst ist der mit Zuversicht an sein Werk gehen darf
und es schon gewohnt ist dass ihm die Elemente gehorchen Ach mein lieber
Meister ich kann es Euch nicht sagen Ihr könnt es vielleicht kaum fassen
welchen Drang ich zu unsrer edlen Kunst empfinde wie es meinen Geist
unaufhörlich antreibt wie alles in der Welt die seltsamsten und fremdesten
Gegenstände sogar nur von der Malerei zu mir sprechen aber je höher meine
Begeisterung steigt je tiefer sinkt auch mein Mut wenn ich irgendeinmal an die
Ausführung gehen will Es ist nicht dass ich die Übung und den wiederholten Fleiß
scheue dass es ein Stolz in mir wäre gleich das Vortrefflichste
hervorzubringen das keinen Tadel mehr zulassen dürfte sondern es ist eine
Angst eine Scheu ja ich möchte es wohl eine Anbetung nennen beides der Kunst
wie des Gegenstandes den ich darzustellen unternehme«
    »Ihr erlaubt mir wohl« sagte Lukas »indem wir sprechen an meinem Bilde
weiterzumalen« Und wirklich zog er auch die Staffelei herbei und vermischte
auf der Palette die Farben die er auftragen wollte  »Wenn ich Euch mit meinem
Geschwätze nur nicht störe« sagte Franz »denn diese Arbeit da ist äußerst
kunstreich«  »Gar nicht« sagte Lukas »tut mir den Gefallen und fahrt fort«
    »Wenn ich mir also« sagte Franz »eine der Taten unsers Erlösers in ihrer
ganzen Herrlichkeit denke wenn ich die Apostel die Verehrungswürdigen die ihn
umgaben vor mir sehe wenn ich mir die göttliche Milde vorstelle mit der er
lehrte und sprach wenn ich mir einen der heiligen Männer aus der ersten
christlichen Kirche denke die mit so kühnem Mute das Leben und seine Freuden
verachteten und alles hingaben was den übrigen Menschen so viele Sehnsucht so
manche Wünsche ablockt um nur das innerste Bekenntnis ihres Herzens das
Bewusstsein der großen Wahrheit sich zu behaupten und andern mitzuteilen  wenn
ich diese erhabenen Gestalten in ihrer himmlischen Glorie vor mir sehe und nun
noch bedenke dass es einzelnen Auserwählten gegönnt ist dass sich ihnen das
volle Gefühl dass sich ihnen jene Helden und der Sohn Gottes in eigentümlichern
Gestalten und Farben als den übrigen Menschen offenbaren und dass sie durch das
Werk ihrer Hände schwächeren Geistern diese Offenbarungen wieder mitteilen
dürfen wenn ich mich dazu meiner Entzückungen vor herrlichen Gemälden erinnere
seht so entschwindet mir meist aller Mut so wage ich es nicht mich jenen
auserwählten Geistern zuzurechnen und statt zu arbeiten statt fleißig zu sein
verliere ich mich in ein leeres untätiges Staunen«
    »Ihr seid brav« sagte Meister Lukas ohne von seinem Bilde aufzusehn »aber
das wird sich fügen dass Ihr auch Mut bekommt«
    »Schon mein Lehrer« fuhr Franz fort »hat mich deshalb getadelt aber ich
habe mir niemals helfen können ich bin von Kindheit auf so gewesen Doch
solange ich in Nürnberg lebte in der Gegenwart des teuren Albrecht bei meinem
Freunde und von alle dem bekannten Geräte umgeben konnte ich mich doch immer
noch etwas aufrecht erhalten Ich lernte mich aus Gewohnheit ein den Pinsel zu
führen ich fühlte wie ich nach und nach weiterkam weil es immer derselbe Ort
war den ich wieder betrat weil dieselben Menschen mich aufmunterten und weil
ich nun auf einer gebahnten Straße geradeaus ging ohne mich weiter rechts oder
links umzusehn Freilich durfte ich keine neue Erzählung hören keinen neuen
verständigen Mann kennenlernen ohne etwas irre zu werden doch fand ich mich
bald wieder zurecht Aber seit meiner Abreise aus Nürnberg hat sich alles das
geändert Meine innerlichen Bilder vermehren sich bei jedem Schritte jeder
Baum jede Landschaft jeder Wandersmann Aufgang der Sonne und Untergang die
Kirchen die ich besuche jeder Gesang den ich höre alles wirkt mit quälender
und schöner Geschäftigkeit in meinem Busen und bald möcht ich Begebenheiten in
Landschaften bald heilige Geschichten bald einzelne Gestalten darstellen die
Farben genügen mir nun nicht die Abwechselung ist mir nicht mannigfaltig genug
ich fühle das Edle in den Werken anderer Meister aber mein Gemüt ist nunmehr so
verwirrt dass ich mich durchaus nicht unterstehen darf selber an die Arbeit zu
gehen«
    Lukas hielt eine Weile mit Malen inne und betrachtete Sternbald sehr
aufmerksam der sich durch Reden erhitzt hatte dann sagte er »Lieber Freund
ich glaube dass Ihr so auf einem ganz unrechten Wege seid Ich kann mir Eure
Verfassung wohl so ziemlich vorstellen aber ich bin niemals in solcher
Gemütsstimmung gewesen Von der frühsten Jugend habe ich einen heftigen Trieb in
mir empfunden zu bilden und ein Künstler zu sein aber von je an lag mir die
Nachahmung klar im Sinne dass ich nie zweifelhaft war oder zögerte was aus
einer Zeichnung werden sollte Schon während der Arbeit kam mir dann ein andrer
Entwurf ganz deutlich in die Vorstellung den ich ebenso schnell und ebenso
unverzagt als den vorigen ausführte und so sind meine zahlreichen Werke
entstanden ob ich gleich noch nicht alt bin Euer Zagen Eure zu große
Verehrung des Gegenstandes ist will mich dünken etwas Unkünstlerisches denn
wenn man ein Maler sein will so muss man doch malen man muss beginnen und
endigen Eure Entzückungen könnt Ihr ja doch nicht auf die Tafel tragen Nach
dem was Ihr mir gesagt habt müsst Ihr viele Anlagen zu einem Poeten haben nur
muss ein Dichter auch mit Ruhe arbeiten Ein Reisender hat mir kürzlich etwas
Ähnliches von dem großen Meister Leonard von Vinci erzählt dieser obgleich ihm
alle die geheimsten Tiefen und Hilfsmittel der Kunst zu Gebote standen war auch
oft unentschlossen und zaghaft grübelte verwarf und studierte von neuem und
ist es nicht zu beklagen dass er ungeachtet seiner Meisterschaft ungeachtet
seines langen Lebens nur so wenige Werke zustande gebracht hat Das wenige was
ich von ihm gesehen habe hat mir den Wunsch abgelockt dass er doch immer möchte
gemalt haben  Erlaubt mir dass ich Euch noch etwas sage Ich habe mich von
jeher über die Künstler gewundert die Wallfahrten nach Italien wie nach einem
gelobten Lande der Kunst anstellen aber nach dem was Ihr mir von Eurem Gemüt
erzählt habt muss ich mich billig über Euch noch mehr verwundern Warum wollt
Ihr Eure Zeit also verderben Mit Eurer Reizbarkeit wird Euch jeder neue
Gegenstand den Ihr erblickt zerstreuen die größere Mannigfaltigkeit wird Eure
Kräfte noch mehr niederschlagen sie werden alle verschiedene Richtungen suchen
und alle diese Richtungen werden für Euch nicht genügend sein Nicht als ob ich
die großen Künstler Italiens nicht schätzte und liebte aber man mag sagen was
man will so hat doch jedes Land seine eigne Kunst und es ist gut dass es sie
hat Ein Meister tritt dann in die Fußstapfen des andern und verbessert was bei
ihm etwa noch mangelhaft war was dem ersten schwer war wird dem zweiten und
dritten leicht und so wird die vaterländische Kunst endlich zur höchsten
Vortrefflichkeit hingeführt Wir sind einmal keine Italiener und ein Italiener
wird nimmermehr deutsch empfinden Darum soll man jedem Bilde gleich auf den
ersten Blick ansehen können wo es gewachsen ist man wird nur etwas wenn man es
ganz und nichts halb wird und so haben die echten italischen Meister auch
gedacht Wenn ich Euch also raten soll so stellt lieber Eure Reise nach Italien
ganz ein und bleibt im Vaterlande denn was wollt Ihr dort Meint Ihr Ihr
werdet die italischen Bilder mit einem andern als einem deutschen Auge sehen
können so wie auch kein Italiener die Kraft und Vortrefflichkeit Eures Albert
Dürer jemals erkennen wird es sind widerstrebende Naturen die sich niemals in
denselben Mittelpunkt vereinigen können Wenn Ihr hingeht so wird jedes neue
Gemälde jede neue Manier eine neue Lust in Euch erwecken Ihr werdet in ewiger
Abwechselung vielleicht arbeiten aber Euch niemals üben Ihr werdet kein
Italiener werden und könnt doch kein Deutscher bleiben Ihr werdet zwischen
beiden streben und die Mutlosigkeit und Verzagteit wird Euch am Ende nur noch
viel stärker als jetzt ergreifen Ihr findet meinen Ausspruch vielleicht hart
aber Ihr seid mir wert und darum wünsche ich Euer Bestes Glaubt mir jeder
Künstler wird was er werden kann wenn er ruhig sich seinem eigenen Geiste
überlässt und dabei unermüdet fleißig ist Seht nur Euren Albert Dürer an ist
er denn nicht ohne Italien geworden was er ist denn sein kurzer Aufenthalt in
Venedig kann nicht in Rechnung gebracht werden und denkt Ihr denn mehr zu
leisten als er Auch unsre besten Meister in den Niederlanden haben Italien
nicht gesehen sondern einheimische Natur und Kunst hat sie grossgezogen manche
mittelmäßige die dort gewesen sind haben eine fremde Manier nachahmen wollen
die ihnen nimmermehr gelingt und als etwas Erzwungenes herauskömmt das ihnen
nicht steht und sich in unsrer Gegend nicht ausnimmt Mein lieber Sternbald
wir sind gewiss nicht für die Bildsäulen die man jetzt entdeckt hat und immer
mehr entdeckt und aus denen viele die sich klug dünken was Sonderliches
machen wollen diese Antiken verstehen wir nicht mehr unser Fach ist die wahre
nordische Natur je mehr wir diese erreichen je wahrer und lieblicher wir diese
ausdrücken je mehr sind wir Künstler Und das Ziel wonach wir streben ist
gewiss ebenso groß als der poetische Zweck den sich die andern vorgestellt
haben«
    Franz war noch in seinem Leben nicht so niedergeschlagen gewesen Er glaubte
es zu empfinden wie er noch keine Verdienste habe diese Verehrung der Kunst
diese Begier Italien mit seinen Werken zu sehen hatte er immer für sein
einziges Verdienst gehalten und nun vernichtete ein verehrungswürdiger Meister
ihm auch dieses gänzlich Zum ersten Male erschien ihm sein ganzes Beginnen
töricht und unnütz »Ihr mögt recht haben Meister« rief er aus »ich bin nun
auch beinahe davon überzeugt dass ich zum Künstler verdorben bin je mehr ich
Eure Vortrefflichkeit fühle um so stärker empfinde ich auch meinen Unwert ich
führe ein verlorenes Leben in mir das sich an keine vernünftige Tätigkeit
hinaufranken wird ein unglückseliger Trieb ist mir eingehaucht der nur dazu
dient mir alle Freuden zu verbittern und mir aus den köstlichsten Gerichten
dieses Lebens etwas Albernes und Nüchternes zuzubereiten«
    »Es ist nicht so gemeint« sagte Lukas mit einem Lächeln das seinem
freundlichen Gesichte sehr gut stand »ich merke dass alles bei Euch aus einem
zu heftigen Charakter entspringt und freilich in so etwas kann sich der Mensch
nicht ändern wenn er es auch noch so sehr wollte Gebt Euch zufrieden meine
Worte sind immer nur die Worte eines einzelnen Mannes und ich kann mich ebenso
leicht irren als jeder andre«
    »Ihr seid nicht wie jeder andre« sagte Franz mit der größten Lebhaftigkeit
»das fühl ich zu lebendig in meinem Herzen Ihr solltet es nur einmal hören mit
welcher Verehrung mein Meister von Euch spricht Ihr solltet es nur wissen
können wie vortrefflich Ihr mir vorkommt welch Gewicht bei mir jedes Eurer
Worte hat Wie viele Künstler dürfen sich denn mit Euch messen Wer auf solche
Stimmen nicht hörte verdiente gar nicht Euch so gegenüberzusitzen mit Euch zu
sprechen und diese Freundschaft und Güte zu erfahren«
    »Ihr seid jung« sagte Lukas »und Euer Wesen ist mir ungemein lieb es gibt
wenige solcher Menschen die meisten betrachten die Kunst nur als ein Spielwerk
und uns als große Kinder die albern genug bleiben um sich mit derlei Possen zu
beschäftigen  Aber lasst uns auf etwas anderes kommen ich bin jetzt überdies
müde zu malen Ich habe einen Kupferstich von Eurem Albert erhalten der mir
bisher noch unbekannt war Es ist der heilige Hubertus der auf der Jagd einem
Hirsche mit einem Kruzifixe zwischen dem Geweih begegnet und sich bei diesem
Anblicke bekehrt und seine Lebensweise ändert Seht hierher es ist für mich ein
merkwürdiges Blatt nicht bloß der schönen Ausführung sondern vorzüglich der
Gedanken halber die für mich darin liegen Die Gegend ist Wald und Dürer hat
einen hohen Standpunkt angenommen weshalb ihn nur ein Unverständiger tadeln
könnte denn wenn auch ein dichter Wald wo wir nur wenige große Bäume
wahrnähmen etwas natürlicher beim ersten Anblicke in die Augen fallen dürfte
so könnte doch das nimmermehr das Gefühl der völligen Einsamkeit so ausdrücken
und darstellen wie es hier geschieht wo das Auge weit und breit alles
übersieht einzelne Hügel und lichte Waldgegenden und oben in der Ferne die
sonderbare Burg mit ihrer auffallenden Bauart Es ist als wenn die tote Natur
hier das ganze menschliche Leben überschaute Ich glaube auch dass manche Leute
die mehr guten Willen vernünftig zu sein als Verstand haben den gewählten
Gegenstand selbst als etwas Albernes tadeln dürften ein Rittersmann der vor
einer unvernünftigen Bestie kniet Aber das ist es gerade was mir so sehr daran
gefällt Es ist etwas so Unschuldiges Frommes und Liebliches darin wie der
Jagdmann hier kniet und das Hirschlein mit seiner kindischen Physiognomie so
unbefangen dreinsieht im Kontrast mit der heiligen Ehrfurcht des Mannes dies
erweckt ganz eigene Gedanken von Gottes Barmherzigkeit von dem grausamen
Vergnügen der Jagd und dergleichen mehr Nun beobachtet einmal die Art wie der
Ritter niederkniet es ist die wahrste frommste und rührendste mancher hätte
hier wohl seine Zierlichkeit gezeigt wie er Beine und Arme verschiedentlich zu
stellen wüsste so dass er durch Annehmlichkeit der Figur sich gleichsam vor jedem
entschuldige hätte dass er ein so törichtes Bild zu seinem Gegenstande gemacht
Denn manche zierliche Maler sind mir so vorgekommen dass sie nicht sowohl
verschiedentliche Bilder ausführen als vielmehr nur die Gegenstände brauchen
um immer wieder ihre Verschränkungen und Niedlichkeiten zu zeigen diese putzen
sich mit der edlen Malerkunst statt dass sie ihr freies Spiel und eine eigene
Bahn gönnen sollten So ist es nicht mit diesem Hubertus beschaffen Seine
zusammengelegten Beine auf denen er so ganz natürlich hinkniet seine
gleichförmig aufgehobenen Hände sind das Wahrste was man sehen kann aber sie
haben nicht die spielende Anmut die manche der heutigen Welt über alles
schätzen«
    Lukas ward durch den Besuch von einigen Freunden unterbrochen mit denen er
und Franz sich zu Tische setzten Man lachte und erzählte viel von der Malerei
ward nur wenig gesprochen
 
                                Drittes Kapitel
Franz hielt sich längere Zeit in Leiden auf als er sich vorgenommen hatte denn
Meister Lukas hatte ihm einige Konterfeie zu malen übergeben die Franz zu
dessen Zufriedenheit beendigte Beide hatten sich oft von der Kunst unterhalten
Franz liebte den Niederländer ungemein aber doch konnte er in keiner Stunde das
Vertrauen zu ihm fassen das er zu seinem Lehrer hatte er fühlte sich in seiner
Gegenwart gedemütigt seine freiesten Gedanken waren gefesselt selbst Lukas
fröhliche Laune konnte ihn ängstigen weil sie von der Art wie er sich zu
freuen pflegte so gänzlich verschieden war Er kämpfte oft mit der Verehrung
die er vor dem niederländischen Meister empfand denn er schien ihm in manchen
Augenblicken nur ein Handwerker zu sein wenn er dann wieder den hurtigen
erfinderischen Geist betrachtete den nie rastenden Eifer die Liebe zu allem
Vortrefflichen so schämte er sich dieses Gedankens
    Er hatte eine Reisegesellschaft gefunden mit welcher er um ein Billiges
nach Antwerpen kommen konnte der folgende Tag war zur Abreise bestimmt er ging
jetzt zu Meister Lukas um ihm zu danken und Abschied von ihm zu nehmen und wie
erstaunte er als er die Tür der Malerstube öffnete und seinen Lehrer seinen
über alles geliebten Dürer neben dem niederländischen Maler sitzen sah Erst
schien es ihm nur ein Blendwerk seiner Augen zu sein aber Dürer stand auf und
schloss ihn herzlich in seine Arme Die drei Maler waren überaus fröhlich sich
zu sehen Fragen und Antworten durchkreuzten sich besonders hinderte der
lebhafte Lukas auf alle Weise dass das Gespräch nicht zu einer stillen Ruhe kam
denn er fing immer wieder von neuem an sich zu verwundern und zu freuen Er rieb
die Hände und lief mit großer Geschäftigkeit hin und wider bald zeigte er dem
Albert ein Bild bald hatte er wieder eine Frage worauf er die Antwort wissen
wollte Franz bemerkte wie gegen diese lebhafte Unruhe die Gelassenheit Alberts
und seine stille Art sich zu freuen schön kontrastierte Auch wenn sie
nebeneinander standen ergötzte sich Franz an der gänzlichen Verschiedenheit der
beiden Künstler die sich doch in ihren Werken so oft zu berühren schienen
Dürer war groß und schlank lieblich und majestätisch fielen seine lockige Haare
um seine Schläfe und Schultern sein Gesicht war ehrwürdig und doch freundlich
seine Mienen veränderten den Ausdruck nur langsam und seine schönen braunen
Augen sahen feurig aber sanft unter seiner edlen Stirn hervor Franz bemerkte
deutlich wie die Umrisse von Alberts Gesichte denen auffallend glichen mit
denen man oft den Erlöser der Welt zu malen pflegt Lukas erschien neben Albert
noch kleiner als er wirklich war sein Gesicht veränderte sich in jedem
Augenblicke seine Augen waren mehr lebhaft als ausdrucksvoll sein hellbraunes
Haar lag schlicht und kurz um seinen Kopf
    Albert erzählte wie er sich schon seit lange unpass gefühlt und die weite
Reise nach den Niederlanden nicht gescheut habe um seine Gesundheit
wiederherzustellen vorzüglich hätten ihn seine Freunde am meisten Pirkheimer
dazu gedrängt weil sie alle vielleicht übertrieben um ihn besorgt gewesen
von Sebastian gab er unserm Franz einen Brief der selber zwar nicht gefährlich
aber doch so krank sei dass er die Reise nicht habe unternehmen können weil er
sonst in dessen Begleitung würde gekommen sein »Euch Meister Lukas« so
beschloss er »zu sehen war der vornehmste Bewegungsgrund meiner Reise denn das
habe ich mir schon lange gewünscht ich weiß auch noch nicht ob ich einen
andern Maler besuche wenn der Wohnort mir aus dem Wege liegt denn soviel ich
sie kenne ist mir nach dem berühmten Meister Lukas keiner merkwürdig«
    Lukas dankte ihm und sprang wieder durch die Stube voller Freude den
großen Maler Dürer bei sich zu haben Dann zeigte er ihm einige seiner neuesten
Bilder und Albert lobte sie sehr verständig Dieser hatte einige neue
Kupferstiche bei sich die er dem Niederländer schenkte und Lukas suchte zur
Vergeltung auch ein Blatt hervor das er dem Albrecht in die Hände gab »Seht«
sagte er »dieses Blatt wird von einigen für meinen besten Kupferstich erklärt
es hat sich schon auch selten gemacht es ist nämlich die Familie des Till
Eulenspiegel er als Knabe die Eltern mit ihm reitend und gehend ich habe das
Werk mit besonderem Fleiße und Genauigkeit zu arbeiten gesucht Es wollen einige
jetzt die sich mit der Gelehrsamkeit befassen das Buch von seinen Schwänken
verachten und es als den Sitten und der Zucht zuwider verdammen vielleicht
möchte einiges darin besser mangeln können aber ich muss gestehen dass es mich
im ganzen immer sehr ergötzt hat Die Schalkheit des Knechtes ist so eigen
viele seiner Streiche geben zu so manchen kuriosen Gedanken Veranlassung dass
ich mich ordentlich dazu angetrieben fühlte seine erste Jugend in Kupfer zu
bringen«
    »Ihr habt es auch wacker ausgerichtet« sagte Albert Dürer lachend »und ich
danke Euch höchlich für Euer Geschenk«
    »Es verstehen wohl wenige Menschen« fuhr Lukas fort »sich an Tills
Narrenstreichen so zu freuen wie ich weil sie es sogar mit dem Lachen
ernstaft nehmen andern gefällt sein Buch wohl aber es kommt ihnen als etwas
Unedles vor dies Bekenntnis abzulegen andern fehlt es wieder an Übung das
Possierliche zu verstehen und zu fassen weil man sich vielleicht ebenso daran
gewöhnen muss wie es nötig ist viele Gemälde zu sehen ehe man über eins ein
richtiges Urteil fällen kann«
    »Ihr mögt sehr recht haben Meister« antwortete Dürer »die meisten Leute
sind wahrlich mit dem Ernstaften und Lächerlichen gleich fremd Sie glauben
immer das Verständnis von beiden müsse ihnen von selbst ohne ihr weiteres
Zutun kommen Sie überlassen sich daher mit Roheit dem Augenblicke und ihrem
dermaligen Gefühl und so tadeln und loben sie ohne Einsicht Ja sie gehen mit
der Malerkunst so um dass sie davon kosten wie man wohl ein Gemüse oder eine
Suppe zu kosten pflegt ob die Magd zu viel oder zu wenig Salz darangetan habe
und dann sprechen sie das Urteil ohne um die Kenntnisse die dazu gehören
besorgt zu sein Ich muss immer noch lachen sooft ich daran denke dass es mir
doch auch einmal auf ähnliche Weise erging Ohne etwas davon zu verstehen und
ohne die Anlagen von der Natur zu haben fiel ich einmal darauf ein Poet zu
sein Ich dachte in meinem einfältigen Sinne Verse müsse ja wohl jedermann
machen können und ich wunderte mich über mich selber dass ich nicht schon
früher auf die Dichtkunst verfallen sei Ich machte also ein zierlich großes
Kupferblatt und stach mühsam rundherum meine Verse mit Buchstaben ein sie
sollten ein moralisches Gedicht vorstellen und ich unterstund mich der ganzen
Welt darin gute Lehren zu geben Wie nun aber alles fertig war siehe da so war
es erbärmlich geraten Was ich da für Leiden von dem gelehrten Pirkheimer habe
ausstehen müssen der mir lange nicht meine Verwegenheit vergessen konnte Er
sagte immer zu mir Schuster bleib bei deinen Leisten Albert wenn du den
Pinsel in der Hand hast so kommst du mir als ein verständiger Mann vor aber
mit der Feder gebärdest du dich als ein Tor« 
    »Ihr müsst Euch doch einige Zeit in Leiden aufhalten« sagte Lukas »denn ich
möchte gar zu gern recht viel mit Euch sprechen und über so viele Dinge Euer
Urteil vernehmen denn ich wüsste keinen Menschen auf der Welt mit dem ich mich
lieber unterredete als mit Euch«
    »Ich bleibe gewiss wenigstens einige Tage« antwortete Dürer »seit Franz von
mir fortgezogen ist habe ich mir diese Reise vorgesetzt und alles Geld was
ich erübrigen konnte dazu aufgespart«
    Unter diesen Gesprächen war die Mittagsstunde herangekommen eine junge
hübsche Frau die Gattin des Niederländers trat herein sie erinnerte ihren
Mann mit freundlichem Gesichte dass es Zeit sei zu essen er möchte mit seinen
Gästen in die Speisestube treten Man setzte sich zu Tisch Lukas hatte einen
Freund aus der Stadt und dessen Frau eingeladen Der kleine behende Mann schien
nun bei Tische erst recht an seinem Platze zu sein er wusste so gutmütig zum
Essen und Trinken zu nötigen dass keiner seine Einladung auszuschlagen imstande
war dabei erwies er sich überaus artig gegen die Frauen Dürer war viel ernster
und unbeholfener die schöne junge Frau des Lukas setzte ihn eher in
Verlegenheit als dass sie ihn unterhalten hätte seine Sitten waren ernst und
deutsch und wenn sich ihm nicht ein Scherz von selber darbot so hielt er es
für eine unnütze Mühe ihn aufzusuchen Franz war in einer heiligen Stimmung es
war ihm nicht möglich seine Augen von seinem geliebten Lehrer abzuwenden da es
ihm beständig im Sinne lag dass er morgen früh abreisen müsse
    »Ihr müsst mir erlauben« rief Lukas fröhlich aus »Meister Albrecht
verzeiht mir dass ich so vertraut tue Euch bei Eurem Taufnamen zu nennen dass
ich Euer Konterfei abnehme ehe Ihr von hier reist denn es liegt mir gar zu
viel daran es zu besitzen und ich will mir alle Mühe geben es recht treu und
fleißig zu malen«
    »Und ich will Euch malen« sagte Albrecht »mir ist gewiss Euer Gesicht
ebenso lieb damit ich es mit mir nach Nürnberg nehmen kann«
    »Wisst Ihr wie wir es einrichten können« antwortete Lukas »Ihr malt Euer
eigenes Bildnis und ich das meinige und wir tauschen sie nachher gegeneinander
aus so besitzt noch jeder etwas von des andern Arbeit«
    »Es mag sein« sagte Dürer »ich weiß mit meinem Kopfe ziemlich Bescheid
denn ich habe ihn schon etlichemal gemalt und gestochen und man hat die Kopei
immer ähnlich gefunden Worüber ich mich aber billig wundern muss« fuhr er fort
»ist dass Ihr Meister Lukas noch so jung seid und dass Ihr doch schon so viele
Kunstsachen in die Welt habt ausgehen lassen und mit Recht einen so großen
Namen habt denn noch scheint Ihr keine dreißig Jahr alt zu sein«
    Lukas sagte »Ich bin auch noch nicht dreißig Jahr alt sondern kaum
neunundzwanzig Es ist wahr ich habe fleißig gemalt und fast ebensoviel in
Kupfer gestochen als Ihr aber mein lieber Albrecht ich habe auch schon sehr
früh angefangen Ihr wisst es vielleicht nicht dass ich schon im neunten Jahre
ein Kupferstecher war«
    »Im neunten Jahre« rief Franz Sternbald voll Verwunderung aus »ich glaubte
immer im sechszehnten hättet Ihr Euer erstes Werk begonnen und das hat schon
immer mein Erstaunen erregt«
    »Ich zeichnete schon Bilder und allerhand natürliche Sachen nach« erzählte
Lukas weiter »als ich kaum sprechen konnte Die Sprache und der Ausdruck durch
die Reisskohle schien mir natürlicher als die wirkliche Ich war unglaublich
fleißig und interessierte mich für gar nichts anders in der Welt denn die
übrigen Wissenschaften so wie die Sprachen und dergleichen waren mir völlig
gleichgültig ja es war mir verhasst meine Zeit mit solchem Unterrichte
zuzubringen Wenn ich auch nicht zeichnete so gab ich genau auf alle die Dinge
acht die mir vor die Augen kamen um sie nachher nachahmen zu können Die
größte Freude machte es mir wenn meine Eltern oder andere Menschen die Personen
wiedererkannten die ich kopiert hatte Kein Spiel machte mir Vergnügen andre
Knaben waren mir zur Last und ich verachtete sie und ging ihnen aus dem Wege
weil mir ihr Beginnen zu kindisch vorkam sie verspotteten mich auch deshalb
und nannten mich den kleinen alten Mann Ich erkundigte mich wie die
Kupferstiche entständen und einige eben nicht geschickte Leute machten mich mit
der Kunst bekannt soviel sie selbst begriffen hatten So machte ich im neunten
Jahre mein erstes Bild das ich öffentlich herausgab und das vielen Leuten
nicht missfiel bald darauf taten mich meine Eltern auf mein inständiges Bitten
zum Meister Engelbrecht in die Lehre ich fuhr fort zu arbeiten und im
sechszehnten Jahre war ich schon einigermaßen bekannt so dass meine Werke
gesucht wurden«
    »Ihr seid ein wahres Wunderkind gewesen Meister Lukas« sagte Albert Dürer
»und auf die Art muss man freilich nicht erstaunen wenn die Welt so viele
Arbeiten von Euch gesehen hat«
    »Wenn ich jetzt vielleicht etwas bin« sagte Lukas sehr lebhaft »so habe
ich es nur Euch zu verdanken Ihr wart mein Vorbild Ihr gabt mir immer neues
Feuer wenn ich manchmal den Mut verlieren wollte denn ich glaube es gibt auch
beim eifrigsten Künstler Stunden in denen er durchaus nichts hervorbringen mag
wo er sich in sich selber ausruht und ihm die Arbeit mit den Händen ordentlich
widersteht dann hörte ich wieder von Euch ich sah eins Eurer Kupferblätter
und der Fleiß kam mir mit frischer Anmut zurück Ich muss es gestehen dass ich
Euch meine meisten Erfindungen zu danken habe denn ich weiß nicht wie es
zugeht einzelne Figuren oder Sachen stehen mir immer sehr klar vor den Augen
aber das Zusammenfügen der wahre historische Zusammenhang der ein Bild erst
fertig macht will sich nie deutlich vor den Sinn hinstellen bis ich dann ein
andres Blatt in die Hand nehme da fällt es mir dann ein dass ich das auch
darstellen und hie und da wohl noch verbessern könnte aus dem Bilde das ich
vor mir sehe entwickelt sich ein neues in meiner Seele das mir dann nicht eher
Ruhe lässt als bis ich es fertig gemacht habe Am liebsten habe ich Eure Bilder
nachgemacht Albrecht weil sie alle einen ganz eigenen Sinn haben den ich in
andern nicht antreffe Ihr habt mich am meisten auf Gedanken geführt und Ihr
werdet es wissen dass ich viele Bilder die Ihr ausgearbeitet habt auch
darzustellen versucht habe Manchmal habe ich die Eitelkeit gehabt Ihr
verzeiht mir meinen freimütigen Stolz auch seid Ihr selbst ein grader guter
Mann Eure Vorstellung zu verbessern und dem Auge angenehmer zu machen«
    »Ich weiß es recht wohl« sagte Albert mit der gutmütigsten Freundlichkeit
»und ich versichere Euch ich habe viel von Euch gelernt Wie Ihr mit Eurem
Körper behende und gewandter seid so seid Ihr es auch mit dem Pinsel und
Grabstichel Ihr wisst eine gewisse Anmut mir Wendungen und Stellungen der Körper
in Eure Bilder zu bringen die mir oft fehlt so dass meine Zeichnungen gegen die
Eurigen hart und rau aussehen aber Ihr erlaubt mir auch zu sagen dass es mir
geschienen hat als wärt Ihr ein paarmal unnötigerweise von der wahren Einfalt
des Gegenstandes abgewichen So gedenke ich an ein paar Kupferstiche wo vorne
Leute mit großen Mänteln stehen die dem Zuschauer den Rücken zuwenden da sie
uns wohl natürlicher das Angesicht hätten zukehren dürfen Hier habt Ihr nach
meinem einfältigen Urteil nur etwas Neues anbringen und durch die großen
Mantelfiguren die Kontrastierung mit den übrigen Personen im Bilde verstärken
wollen aber es kommt doch etwas gezwungen heraus«
    »Ihr habt recht Albert« sagte Lukas »ich sehe Ihr seid ein schlauer
Kopf der mir meine Münzen wiederzugeben weiß Ich habe mich öfter darauf
ertappt dass ich ein Bild verdorben habe wenn ich es habe besser machen wollen
als ich es auf Euren Platten gesehen hatte Denn man verliert gar zu leicht den
ersten Gedanken aus den Augen der doch sehr oft der allerwahrste und beste ist
nun putzt man am Bilde herum und über lang oder kurz wird es ein Ding das einen
mit fremden Augen ansieht und sich auf dem Papiere oder der Tafel selber nicht
zu finden weiß Da seid Ihr glücklicher und besser daran dass Euch die Erfindung
immer zu Gebote steht denn so ist es Euch fast unmöglich in einen solchen
Fehler zu fallen  Wie macht Ihr es aber Albrecht dass Ihr so viele Gedanken
so viele Erfindungen in Eurem Kopfe habt«
    »Ihr irrt Euch an mir« sagte Albrecht »wenn Ihr mich für so
erfindungsreich haltet Nur wenige meiner Bilder sind aus dem bloßen Vorsatz
entstanden sondern es war immer eine zufällige Gelegenheit die sie veranlasste
Wenn ich irgendein Gemälde loben oder eine der heiligen Geschichten wieder
erzählen höre so regt sichs plötzlich in mir dass ich ein ganz neues Gelüst
empfinde gerade das und nichts anderes darzustellen Das eigentliche Erfinden
ist gewiss sehr selten es ist eine eigene und wunderbare Gabe etwas bis dahin
Unerhörtes hervorzubringen Was uns erfunden scheint ist gewöhnlich nur aus
älteren schon vorhandenen Dingen zusammengesetzt und dadurch wird es
gewissermaßen neu ja der eigentliche erste Erfinder setzt seine Geschichte oder
sein Gemälde doch auch nur zusammen indem er teils seine Erfahrungen teils was
ihm dabei eingefallen oder was er sich erinnert gelesen oder gehört hat in
eins fasst«
    »Ihr habt sehr recht« sagte Lukas »etwas im eigentlichsten Verstande aus
der Luft zu greifen wäre gewiss das Seltsamste das dem Menschen begegnen
könnte Es wäre eine ganz neue Art von Verrückung denn selbst der Wahnsinnige
erfindet seine Fieberträume nicht Die Natur ist also die einzige Erfinderin
sie leiht allen Künsten von ihrem großen Schatze wir ahmen immer nur die Natur
nach unsre Begeisterung unser Ersinnen unser Trachten nach dem Neuen und
Vortrefflichen ist nur wie das Achtgeben eines Säuglings der keine Bewegung
seiner Mutter aus den Augen lässt  Wisst Ihr aber wohl Albrecht welchen Schluss
man aus dieser Bemerkung ziehen könnte Dass es also in den Sachen selbst die
der Poet oder Maler oder irgendein Künstler darstellen wollte durchaus nichts
Unnatürliches geben könne denn indem ich als Mensch auf den allertollsten
Gedanken verfalle ist er doch an sich natürlich und der Darstellung und
Mitteilung fähig Von dem Felde des wahrhaft Unnatürlichen sind wir durch eine
hohe Mauer geschieden über die kein Blick von uns dringen kann Wo wir also in
irgendeinem Kunstwerk Unnatürlichkeiten Albernheit oder Unsinn wahrzunehmen
glauben die unsre gesunde Vernunft und unser Gefühl empören da müsste dies
immer nur daher rühren dass die Sachen auf eine ungehörige und unvernünftige Art
zusammengesetzt wären dass Teile daruntergemengt sind die nicht hineingehören
und die übrigen so verbunden wie es nicht sein sollte So müsste also ein
höherer Geist als derjenige war der es fehlerhaft gemacht hatte aus allem
Möglichen etwas Vortreffliches und Würdiges hervorbilden können«
    Dürer nickte mit dem Kopfe Beifall und wollte eben das Gespräch fortsetzen
als Lukas Frau ausrief »Aber lieben Leute hört endlich mit euren gelehrten
Gesprächen auf von denen wir Weiber hier kein Wort verstehen Wir sitzen hier so
ernstaft wie in der Kirche verspart alle eure Wissenschaften bis das
Mittagsessen vorüber ist«  Sie schenkte hierauf einem jeden ein großes Glas
Wein ein und erkundigte sich bei Dürer was er auf der Reise Neues gesehen und
gehört habe Albrecht erzählte und Franz Sternbald saß in tiefen Gedanken In
den letzten Worten des Lukas schien ihm der Schlüssel die Auflösung zu allen
seinen Zweifeln zu liegen nur konnte er den Gedanken nicht deutlich fassen er
hatte von seinem Lehrmeister noch nie eine ähnliche Äußerung über die Kunst
gehört es schien ihm sogar als wenn Dürer auf diesen Gedanken nicht so viel
gebe als er wert sei dass er die Folgen nicht alle bemerke die in ihm lägen
Er konnte auf das jetzige Gespräch nicht achtgeben vorzüglich da die
Niederländerin anfing sich nach allen Nürnbergischen Trachten der verschiedenen
Stände zu erkundigen und ihre Bemerkungen darüber zu machen
    Plötzlich sprang Lukas mit seiner Behendigkeit vom Tische auf fiel seiner
Frau um den Hals und rief aus »Mein liebstes Kind du musst es mir jetzt doch
schon vergönnen dass ich mit Meister Albrecht wieder etwas über die Malerei
anfange denn mir ist da eine Frage eingefallen Es wäre ja Sünde wenn ich den
Mann hier in meinem Hause hätte und nicht alles vom Herzen lossprechen sollte«
    »Meinetwegen magst du es halten wie du willst« antwortete sie »aber was
werden deine Gäste dazu sagen«
    »Darüber seid ohne Sorgen« sagte die fremde schöne Frau »können wir beide
doch miteinander sprechen denn mein Mann ist heut bloß des berühmten Deutschen
wegen hergekommen da er eigentlich dringende Geschäfte hat und er ist auch
einer von denen die nie von Kunst und Büchern genug können reden hören er
bekümmert sich nie was in der Welt vorfällt außer es müsste sich etwa wieder
mit Martin Luther etwas zugetragen haben«
    »Dass wir den Mann vergessen konnten« rief Dürer aus indem er sein volles
Glas in die Höhe hob »Er soll leben Noch lange soll der große Doktor Martin
Luther leben Der Kirche und uns allen zu Heil und Frommen«
    Der Fremde stieß gerührt und mit leuchtenden Blicken an auch Lukas welcher
lächelte »Es ist zwar eine ketzerische Gesundheit« sagte er »aber Euch zu
Gefallen will ich sie doch trinken Ich fürchte nur die Welt wird viele
Trübsale zu überstehen haben ehe die neue Lehre durchdringen kann«
    Albrecht antwortete »Wann wir im Schweiß unsers Angesichts unser Brot essen
müssen so verlohnt es ja wohl die Wahrheit dass wir Qual und Trübsal ihretwegen
aushalten«
    »Nun das sind alles Meinungen« antwortete Lukas »die eigentlich vor den
Theologen und Doktor gehören ich verstehe davon nichts  Ich wollte vorher
Meister Albrecht eine andre Frage an Euch tun  Es hat mir immer sehr an Euren
Bildern gefallen dass Ihr manchmal die neueren Trachten auch in alten Geschichten
abkopiert oder dass Ihr Euch ganz neue wunderliche Kleidungen ersinnt Ich habe
es ebenfalls nachgeahmt weil es mir sehr artlich dünkte«
    Albrecht antwortete »Ich habe dergleichen immer mit überlegtem Vorsatze
getan weil mir dieser Weg kürzer und besser schien als die antikischen
Trachten eines jeden Landes und eines jeden Zeitalters zu studieren Ich will ja
den der meine Bilder ansieht nicht mit längst vergessenen Kleidungsstücken
bekannt machen sondern er soll die dargestellte Geschichte empfinden Ich rücke
also die biblische oder heidnische Geschichte manchmal meinen Zuschauern dadurch
recht dicht vor die Augen dass ich die Figuren in den Gewändern auftreten lasse
in denen sie sich selber wahrnehmen Dadurch verliert ein Gegenstand das Fremde
besonders da unsre Tracht wenn man sie gehörig auswählt auch malerisch ist
Und denken wir denn wohl an die alte Kleidungsart wenn wir eine Geschichte
lesen die uns rührt und entzückt Würden wir es nicht gerne sehen wenn
Christus unter uns wandelte ganz wie wir selber sind Man darf also die
Menschen nur nicht an das sogenannte Kostüm erinnern so vergessen sie es gerne
Die Darstellung der fremden Gewänder wird überdies in unsern Gemälden leicht tot
und fremd denn der Künstler mag sich gebärden wie er will die Tracht setzt ihn
in Verlegenheit er sieht niemand so gehen er ist nicht in der Übung diese
Falten und Massen zu werfen sein Auge kann nicht mitarbeiten die Imagination
muss alles tun die sich dabei doch nicht sonderlich interessiert Ein Modell
auf dem man die Gewänder ausspannt wird nimmermehr das tun was dem Künstler
die Wirklichkeit leistet Außerdem scheint es mir gut wie ich auch immer
gesucht habe die Tracht der Menschen physiognomisch zu brauchen so dass sie den
Ausdruck und die Bedeutung der Figuren erhöht Daher mache ich oft aus meiner
Einbildung Gewand und Kleidung die vielleicht niemals getragen sind Ich muss
gestehen ich setze gern einem wilden bösen Kerl eine Mütze von seltsamer Figur
aufs Haupt und gebe ihm sonst im Äußeren noch ein Abzeichen denn unser höchster
Zweck ist ja doch dass die Figuren mit Hand und Fuß und dem ganzen Körper
sprechen sollen«
    »Ich bin darin völlig Eurer Meinung« sagte Lukas »Ihr werdet gefunden
haben dass ich diese Sitte auch von Euch angenommen habe nur habt Ihr wohl mehr
als ich darüber nachgedacht Auch in manchen Sachen die ich von Raffael Sanzius
gesehen habe habe ich etwas Ähnliches bemerkt«
    »Wozu« rief Albrecht aus »die gelehrte Umständlichkeit das genaue Studium
jener alten vergessenen Tracht die doch immer nur Nebensache bleiben kann und
muss Wahrlich ich habe einen zu großen Respekt vor der Malerei selbst um auf
derlei Erkundigungen großen Fleiß und viel Zeit zu verwenden vollends da wir
es doch nie recht akkurat erreichen mögen«
    »Trinkt trinkt« sagte Lukas indem er die leeren Gläser wieder füllte
»und sagt mir dann wie es kommt dass Ihr Euch mit so gar mancherlei Dingen
abgebt von denen man glauben sollte dass manche Eures hohen Sinnes unwürdig
sind Warum wendet Ihr so viele Mühseligkeit an Geschichten fein und zierlich
in Holz zu schneiden und dergleichen«
    »Ich weiß es selbst nicht recht wies zugeht« antwortete ihm Albrecht
»Seht Freund Lukas der Mensch ist ein wunderliches Wesen wenn ich darüber
zuweilen gedacht habe so ist mir immer zu Sinne gewesen als wenn der
wunderbarliche Menschengeist aus dem Menschen herausstrebte und sich auf
tausend mannigfaltigen Wegen offenbaren wollte Da sucht er nun herum und
trifft beim Dichter nur die Sprache beim Spielmann eine Anzahl Instrumente mit
ihren Saiten und beim Künstler die fünf Finger und Farben an Er probiert nun
wie es gelingt wenn er mit diesen unbeholfenen Werkzeugen zu hantieren anfängt
und keinmal ist es ihm recht und doch hat er immer nichts Besseres Mir hat der
Himmel ein gelassenes Blut geschenkt und darum werde ich niemals ungeduldig
Ich fange immer wieder etwas Neues an und kehre immer wieder zum Alten zurück
Wenn ich etwas Großes male so befällt mich gewöhnlich nachher das Gelüst etwas
recht Kleines und Zierliches in Holz zu schnitzeln und ich kann nachher
tagelang sitzen um die kleine Arbeit aus der Stelle zu fördern Ebenso geht es
mir mit meinen Kupferstichen Je mehr Mühe ich darauf verwende je lieber sind
sie mir Dann suche ich wieder freier und schneller zu arbeiten und so wechsele
ich in allerhand Manieren ab und jede bleibt mir etwas Neues Die Liebe zum
Fleiß und zur Mühseligkeit scheint mir überdies etwas zu sein was uns Deutschen
angeboren ist es ist gleichsam unser Element in dem wir uns immer
wohlbefinden Alle Kunstwerke die Nürnberg aufzuweisen hat tragen die Spuren
an sich dass sie der Meister mit sonderbarer Liebe zu Ende führte dass er keinen
Nebenzweig vernachlässigte und gering schätzte und ich mag dasselbe wohl von
dem übrigen Deutschlande und auch von den Niederlanden sagen«
    »Aber warum« fragte Lukas »habt Ihr nun Eurem Schüler Sternbald da nicht
abgeraten nach Italien zu gehen da er doch gewiss bei Euch seine Kunst so hoch
bringen kann als es ihm nur möglich ist«
    Franz war begierig was Dürer antworten würde Dieser sagte »Eben weil ich
an dem zweifle was Ihr da behauptet Meister Lukas Ich weiß es wohl dass ich
in meiner Wissenschaft nicht der Letzte bin aber es würde töricht sein wenn
ich dafürhalten wollte dass ich alles geleistet und entdeckt hätte was man in
der Kunst vollbringen kann Glaubt Ihr nicht dass es den künftigen Zeiten
möglich sein wird Sachen darzustellen und Geschichten und Empfindungen
auszudrücken auf eine Art von der wir jetzt nicht einmal eine Vorstellung
haben«
    Lukas schüttelte zweifelhaft mit dem Kopfe
    »Ich bin sogar davon überzeugt« fuhr Albrecht fort »denn jeder Mensch
leistet doch nur das was er vermag ebenso ist es auch mit dem ganzen
Zeitalter Erinnert Euch nur dessen was wir vorher über die Erfindung
gesprochen haben Dem alten Wohlgemut würde das Ketzerei geschienen haben was
ich jetzt male so würde Euer Lehrer Engelbrecht schwerlich wohl auf die
Erfindungen und Manieren verfallen sein die Euch so geläufig sind Warum sollen
unsre Schüler uns nun nicht wieder übertreffen«
    »Was hätten wir aber dann mit unsrer Arbeit gewonnen« rief Lukas aus
    »Dass sie ihre Zeit ausfüllt« sagte Dürer gelassen »und dass wir sie gemacht
haben Weiter wird es niemals einer bringen Jedes gute Bild steht da an seinem
eigenen Platze und kann eigentlich nicht entbehrt werden wenn auch viele andre
in andern Rücksichten besser sind wenn sie auch Sachen ausdrücken die man auf
jenem Bilde nicht antrifft Ja oft geht man rückwärts indem man vorschreitet
vor einiger Zeit sah ich ein altes Bild Wohlgemuts wieder und eine solche
Lieblichkeit und zarte Rührung glänzten mich daraus an wie ich mir nie getraue
hervorzubringen weil meine Weise wohl stärker und härter ist«
    »Ja ja« sagte Lukas still vor sich hin »da mag was dran sein hat doch
einer sogar einmal behauptet meine Bilder dürften sich mit denen des alten
Johann von Eyck nicht messen Wer weiß welche sonderbare Werke und kunterbunte
Meinungen nach uns in der Welt entstehen«
    »Ich habe mich immer darin gefunden« fuhr Dürer fort »dass vielleicht
mancher zukünftige Maler von meinen Gemälden verächtlich sprechen mag dass man
meinen Fleiß und auch wohl mein Gutes daran verkennt Viele machen es schon
jetzt mit denen Meistern nicht besser die vor uns gewesen sind sie sprechen
von ihren Fehlern die jedem in die Augen fallen und sehen ihr Gutes nicht ja
es ist ihnen unmöglich das Gute daran zu sehen Aber auch dieses Lästern rührt
bloß vom bessern Zustande unsrer Kunst her und darum müssen wir uns darüber
nicht erzürnen Und deshalb sehe ich es gerne dass mein lieber Franz Italien
besucht und alle seine denkwürdige Kunstsachen recht genau betrachtet eben
weil ich viel Anlage zur Malerei bei ihm bemerkt habe Aus wem ein guter Maler
werden soll der wird es gewiss er mag in Deutschland bleiben oder nicht Aber
ich glaube dass es Kunstgeister gibt denen der Anblick des Mannigfaltigen
ungemein zustatten kommt in denen selbst neue Bildungen entstehn wenn sie das
Neue sehen die eben dadurch vielleicht ganz neue Wege auffinden die wir noch
nicht betreten haben und es ist möglich dass Sternbald zu diesen gehört Lasst
ihn also immer reisen denn so viel älter ich bin wirkt doch jede Veränderung
jede Neuheit noch immer auf mich Glaubt nur dass ich selbst auf dieser Reise zu
Euch viel für meine Kunst gelernt habe Wenn Franz auch eine Zeitlang in
Verwirrung lebt und durch sein Lernen in der eigentlichen Arbeit gestört wird
und ich glaube wohl dass sein sanftes Gemüt dem ausgesetzt ist so wird er doch
gewiss dergleichen überstehn und nachher aus diesem Zeitpunkte einen desto
größeren Nutzen ziehen«  Dürer erzählte dass er über das Dorf gereist sei in
welchem Sternbalds Pflegemutter wohnte er hatte das neue Altarblatt betrachtet
und lobte bis auf einige Verzeichnungen alles vorzüglich den Gedanken der
doppelten Beleuchtung der ihm selber neu und unerwartet gewesen er erinnerte
sich die fromme Rührung die aus der stillen Lieblichkeit des Bildes hervorgehe
»Wahrlich« so beschloss er »mein lieber Franz du hast schon jetzt übertroffen
was ich von dir erwarten konnte und ich freue mich inniglich dass ich einen
solchen Schüler gezogen habe«
    So große Worte waren über den armen Franz noch niemals ausgesprochen darum
wurde er schamrot aber innerlich war er so erfreut so überglücklich dass sich
gleichsam alle geistigen Kräfte in ihm auf einmal bewegten und nach Tätigkeit
riefen Er empfand die Fülle in seinem Busen und ward von den mannigfaltigsten
Gedanken übermeistert
    Lukas nachdem er eine Weile geschwiegen hatte brach eine neue Weinflasche
an und ging selber mit lustigen Gebärden um den Tisch um allen einzuschenken
Fröhlich rief er aus »Lasst uns munter sein solange dies irdische Leben dauert
wir wissen ja so nicht wie lange es währt«
    Albrecht trank und lachte »Ihr habt ein leichtes Gemüt Meister« sagte er
scherzend »Euch wird der Gram niemals etwas anhaben können«
    »Wahrlich nicht« sagte Lukas »solange ich meine Gesundheit und mein Leben
fühle will ich guter Dinge sein mag es hernach werden wie es will Mein Weib
Essen und Trinken und meine Arbeit seht das sind die Dinge die mich beständig
vergnügen werden und nach etwas Höherem strebe ich gar nicht«
    »Doch« sagte Meister Albrecht ernstaft »die geläuterte wahre Religion
der Glaube an Gott und Seligkeit«
    »Davon spreche ich bei Tische niemals« sagte Lukas  »Aber so seid Ihr ein
größerer Ketzer als ich«  »Mag sein« rief Lukas »aber lasst die Dinge fahren
von denen wir ohnehin so wenig wissen können Oft mag ich gern arbeiten wenn
ich so recht fröhlich gewesen bin Wenn der Wein noch in den Adern und im Kopfe
lebendig ist so gelingt der Hand oft ein kühner Zug eine wilde Gebärde weit
besser als in der nüchternen Überlegung Ihr erlaubt mir wohl dass ich nach
Tische eine kleine Zeichnung entwerfe die ich schon seit lange habe ausarbeiten
wollen nämlich den Saul wie er seinen Spieß nach David wirft Mich dünkt ich
sehe den wilden Menschen jetzt ganz deutlich vor mir den erschrocken David die
Umstehenden und alles«
    »Wenn Ihr wollt« sagte Dürer »so mögt Ihr jetzt gleich an die Arbeit gehen
da Ihr den kühnen Entschluss einmal gefasst habt Mir vergönnt im Gegenteil einen
kleinen Schlaf denn ich bin noch müde von der Reise«
    Jetzt ward der Tisch aufgehoben  Lukas führte den Albrecht zu einem
Ruhebette die beiden Frauen gingen in ein anderes Zimmer um sich nun ungestört
allerhand zu erzählen der fremde Gast eilte in die Stadt an sein Geschäft und
Lukas begab sich nach seiner Werkstätte
 
                                Viertes Kapitel
Franz wünschte einsam zu sein und stieg mit Sebastians Briefe nach einem
kleinen Garten hinab der sich hinter dem Hause des Meister Lukas ausbreitete
Hier standen alle Sträuche und Gewächse in der besten Ordnung einige hatte der
Herbst schon entblättert andre waren noch frisch grün als wären sie eben
aufgebrochen die Gänge waren reinlich gehalten die letzten Herbstblumen
standen im schönsten Flor Franzens Gemüt war völlig erheitert er fühlte eine
holdselige Gegenwart um sich scherzen und die Zukunft sah ihn mit freundlichen
Gebärden an Er öffnete den Brief und las
Trauter Bruder
Wie weh tut es mir dass ich unsern Dürer nicht habe begleiten können um Dich in
den Niederlanden vielleicht noch anzutreffen Meine Krankheit ist nicht
gefährlich aber doch hält sie mich von dieser Reise ab Meine Sehnsucht nach
Dir wird auf meinem einsamen Lager in jeder Stunde lebendiger ich weiß nicht
ob Du an mich mit denselben Empfindungen denkst Wann die Blumen des Frühlings
wiederkommen bist Du vielleicht noch weiter von mir entfernt und dabei weiß
ich nicht einmal zuverlässig ob ich Dich auch jemals wiedersehe Wie mühevoll
und wie leer ist unser menschliches Leben ich lese jetzt Deine Briefe zu
wiederholten Malen und mich dünkt als wenn ich sie nun besser verstünde
wenigstens bin ich jetzt noch mehr als sonst Deiner Meinung Ich kann nicht
malen und darum lese ich auch wohl jetzt in Büchern fleißiger als ich sonst
tat und ich lerne manches Neue und manches das ich schon wusste erscheint mir
wiederum neu Übel ist es dass es dem Menschen oft so schwer ankömmt selbst das
Einfältigste recht ordentlich zu verstehen wie es gemeint sein mochte denn
seine jedesmalige Lebensart seine augenblicklichen Gedanken hindern ihn daran
wo er diese nicht wiederfindet da dünkt ihm nichts recht zu sein Ich möchte
Dich jetzt mündlich sprechen um recht viel von Dir zu hören um Dir recht viel
zu sagen denn je länger Du fort bist je mehr empfinde ich Deine Abwesenheit
und dass ich mit niemand selbst mit Dürer nicht das reden kann was ich Dir gern
sagen würde
    Die Helden des römischen Altertums wandeln jetzt mit ihrer Größe durch mein
Gemüt sowie ich genese will ich den Versuch anstellen aus ihren Geschichten
etwas zu malen Ich kann es Dir nicht beschreiben wie sich seit einiger Zeit
das Heldenalter so lebendig vor mir regt bis dahin sah ich die Geschichte als
eine Sache an die nur unsre Neugier angehe aber es ist mir daraus eine große
und neue Welt im Gemüt und Herzen aufgequollen Vorzüglich gern möchte ich aus
Cäsars Geschichte etwas bilden man nennt diesen Mann so oft und nie mit der
Ehrfurcht die er verdient Wenn er auf dem Nachen ausruft »Du trägst den Cäsar
und sein Glück« oder sinnend am Rubikon steht und nun noch einmal kurz sein
Vorhaben erwägt wenn er dann fortschreitet und die bedeutenden Worte sagt »
Der Würfel ist geworfen« so bewegt sich mein ganzes Herz vor Entzücken alle
meine Gedanken versammeln sich um den einen großen Mann und ich möchte ihn auf
alle Weise verherrlichen Am liebsten sehe ich ihn vor mir wenn er durch die
kleine Stadt in den Alpen zieht sein Gesellschafter ihn fragt ob denn hier
auch wohl Neid und Verfolgung und Plane zu Hause wären und er mit seiner
höchsten Größe die tiefsinnigen Worte ausspricht »Glaube mir ich möchte lieber
hier der Erste als in Rom der Zweite sein«
    Dies ist nicht bloßer Ehrgeiz oder wenn man es so nennen will so ist es
das Erhabenste wozu sich ein Mensch emporschwingen kann Denn freilich war
Rom das damals die ganze Welt beherrschte im Grunde etwas anders als jene
kleine unbedeutende Stadt Der höchste Ruhm die größte Verehrung des Helden
auch wenn ihm der ganze Erdkreis huldigt was ist es denn nun mehr Wird er
niemals wieder vergessen Ist vor ihm nicht etwas Ähnliches dagewesen Es ist
eine große Seele in Cäsars Worten die hier so kühn das anscheinend Höchste mit
dem scheinbar Niedrigsten zusammenstellt Es ist ein solcher Ehrgeiz der diesen
Ehrgeiz wieder als etwas Gemeines und Verächtliches empfindet der sein Leben
das er führt nicht höher anschlägt als das des unbedeutenden Bürgers der das
ganze Leben gleichsam nur so mitmacht weil es eine hergebrachte Gewohnheit ist
und der nun in der Fülle seiner Herrlichkeit wie als Zugabe als einen
angeworfenen Zierat seinen Ruhm seine glorwürdigen Taten sein erhabenes
Streben hineinlegt Wo die Wünsche der übrigen Menschen über ihre eigne Kühnheit
erstaunen da sieht er noch Alltäglichkeit und Beschränktheit wo andre sich vor
Wonne und Entzücken nicht mehr fassen können ist er kaltblütig und nimmt mit
zurückhaltender Verachtung an was sich ihm aufdrängt
    Mir fallen diese Gedanken bei weil viele jetzt von den wahrhaft großen
Männern mit engherziger Kleinmütigkeit sprechen weil diese es sich einkommen
lassen Riesen und Kolosse auf einer Goldwaage abzuwägen Eben diese können es
auch nicht begreifen warum ein Sylla in seinem höchsten Glanze das Regiment
plötzlich niederlegt und wieder Privatmann wird und so stirbt Sie können es
sich nicht vorstellen dass der menschliche Geist der hohe nämlich sich endlich
an allen Freuden dieser Welt ersättige und nichts mehr suche nichts mehr
wünsche Ihnen genügt schon das bloße Dasein und jeder Wunsch zerspaltet sich
in tausend kleine sie würden ohne Stolz in schlechter Eitelkeit Jahrhunderte
durchleben und immer weiterträumen und keinen Lebenslauf hinter sich lassen
    Jetzt ist es mir sehr deutlich warum Kato und Brutus gerne starben ihr
Geist hatte den Glanz verlöschen sehen der sie an dieses Leben fesselte  Ich
lese viel wozu Du mich sonst oft ermahntest in der Heiligen Schrift und je
mehr ich darin lese je teurer wird mir alles darin Unbeschreiblich hat mich
der Prediger Salomo erquickt der alle diese Gedanken meiner Seele so einfältig
und so erhaben ausdrückt der die Eitelkeit des ganzen menschlichen Treibens
durchschaut hat der alles erlebt hat und in allem das Vergängliche das
Nichtige entdeckt dass nichts unserem Herzen genüget und dass alles Streben nach
Ruhm nach Größe und Weisheit Eitelkeit sei der immer wieder damit schließt
»Darum sage ich dass nichts besser sei denn dass ein Mensch fröhlich sei in
seiner Arbeit denn das ist sein Teil«
    »Was hat der Mensch von aller seiner Mühe die er hat unter der Sonnen Ein
Geschlecht vergehet das andre kommt die Erde aber bleibt ewiglich Die Sonne
geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort dass sie daselbst wieder
aufgehe Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zu Mitternacht und
wiederum an den Ort da er anfing Alle Wasser laufen ins Meer noch wird das
Meer nicht völler an den Ort wo sie herfliessen fließen sie wieder hin Es ist
alles Tun so voll Mühe dass niemand ausreden kann Das Auge sieht sich nimmer
satt und das Ohr hört sich nimmer satt Was ists das geschehen ist Eben das
hernach geschehen wird Was ists das man getan hat Eben das man hernach
wieder tun wird und geschieht nichts Neues unter der Sonnen« 
    Und nachher sagt er »Ists nun nicht besser dem Menschen essen und
trinken und seine Seele guter Dinge sein in seiner Arbeit«
    »Wie es dem Guten geht so gehts auch dem Sünder Das ist ein böses Ding
unter allem das unter der Sonnen geschieht dass es einem geht wie dem andern
daher auch das Herz des Menschen voll Arges wird und Torheit in ihrem Herzen
dieweil sie leben danach müssen sie sterben  Denn die Lebendigen wissen dass
sie sterben werden aber die Toten wissen nichts sie verdienen auch nichts
mehr denn ihr Gedächtnis ist vergessen dass man sie nicht mehr liebt noch
hasset noch neidet und haben kein Teil mehr auf der Welt in allem was unter
der Sonnen geschieht So gehe hin und iss dein Brot mit Freuden trink deinen
Wein mit gutem Mut denn dein Werk gefällt Gott Lass deine Kleider immer weiß
sein und deinem Haupte Salbe nicht mangeln Brauche des Lebens mit deinem Weibe
das du liebhast solange du das eitel Leben hast das dir Gott unter der Sonnen
gegeben hat solange dein eitel Leben währet denn das ist dein Teil im Leben
und in deiner Arbeit die du tust unter der Sonnen Alles was dir vorhanden
kommt zu tun das tue frisch denn in dem Tode da du hinfährst ist weder Werk
Kunst Vernunft noch Weisheit« 
    Liebster Franz höher bringt es der Mensch gewiss niemals dies ist die
Weisheit
    Ich habe einen Nürnberger Hans Sachs kennengelernt einen wackeren Mann er
hat sich auf die Kunst der Meistersänger gelegt dabei ist er ein großer Freund
der Reformation er ist Bürger und Schuhmacher allhier Doch muss nach meinem
Dafürhalten die Dichtkunst anders aussehn als sie in seinen Versen erscheint
Wo find ich einmal in deutscher oder fremder Zunge was meine lechzende durstige
Brust so recht durch und durch erquickt und sättigt
    Lebe wohl und gib mir bald Nachrichten von Dir Deine Briefe können mir
niemals zu weitläuftig sein 
                                                                      Sebastian
Dieser Brief versetzte den jungen Maler in ein tiefes Nachsinnen er wollte
seinem Gemüte nicht recht eindringen und er fühlte fast etwas Fremdes in der
Schreibart das sich seinem Geiste widersetzte Es quälte ihn dass alles Neue
mit einem zu gewaltsamen Eindrucke auf seine Seele fiel und ihr dadurch die
freie Bewegung raubte So lag ihm auch wieder die Gesinnung und das Betragen des
Meister Lukas in den Gedanken manches in Sebastians Briefe schien ihm damit
übereinzustimmen und in solchen Augenblicken des Gefühls kam er sich oft in der
Welt ganz einsam vor er mochte sich es mit Gedanken nicht deutlich sagen aber
von Lukas Fröhlichkeit und Sebastians Weisheit und Trost wandte sich sein Herz
weg weil sie dessen Sehnsucht als Verzweiflung erschienen
    Wunderlich seltsam ist das Leben der Jugend die sich selbst nicht kennt
Sie verlangt dass die ganze übrige Welt wie ein einziges Instrument mit ihren
Empfindungen eines jeden Tages zusammenstimmen soll sie misst sich mit der
fremdartigsten Natur und ist nur zu oft unzufrieden weil sie allenthalben
Disharmonie zu hören glaubt Sich selbst genug sucht sie doch aussenwärts einen
freundlichen Widerhall der antworten soll und ängstigt sich wenn er
ausbleibt
    Er ging nach einiger Zeit in das Haus zurück Dürer war schon wieder munter
und beide suchten den Meister Lukas in seiner Malerstube auf Er saß bei seiner
Zeichnung Franz verwunderte sich sehr über den kunstreichen Mann der in so
kurzer Zeit so viel hatte arbeiten können die Zeichnung war beinah fertig und
mit großem Feuer entworfen Dürer betrachtete sie und sagte »Ihr scheint recht
zu haben Meister Lukas dass sich nach einem guten Trunke besser arbeiten lässt
ob ich es gleich noch nie versucht habe denn mir steigt der Wein in den Kopf
und verdunkelt mir den Gedanken«
    »Man muss sich nur nicht stören lassen« sagte Lukas »wenn einem auch
anfangs etwas wunderlich dabei wird sondern dreist fortfahren so findet man
sich bald in die Arbeit hinein und alsdann gerät sie gewisslich besser«
    Die drei Künstler blieben mit den Frauen auch am Abend zusammen und setzten
ihre Gespräche fort Franz war gedrückt von dem Gedanken dass er morgen abreisen
müsse so wie er unvermuteterweise seinen Dürer gefunden hatte sollte er ihn
jetzt ebenso plötzlich zum zweiten Male verlassen er sprach daher wenig mit
auch aus dem Grunde weil er zu bescheiden war
    Es war spät der Mond war eben aufgegangen als man sich trennte Franz nahm
von Lukas Abschied dann begleitete er seinen Lehrer nach seiner Herberge Dürer
kehrte vor dem Hause wieder um sie durchstrichen einige Straßen und kamen dann
auf einen Spaziergang der Stadt
    Der Mond schien schräge durch die Bäume die beinah schon ganz entblättert
waren sie standen still und Franz fiel seinem Meister mit Tränen an die Brust
»Was ist dir« fragte Dürer indem er ihn in seine Arme schloss »O liebster
liebster Albrecht« schluchzte Franz »ich kann mich nicht darüber
zufriedengeben ich kann es nicht aussprechen wie sehr ich Euch verehre und
liebe Ich hab es mir immer gewünscht Euch noch einmal zu sehen um es Euch zu
sagen aber nun habe ich doch keine Gewalt dazu O liebster Meister glaubt es
mir nur auf mein Wort glaubt es meinen Tränen«
    Franz war indem zurückgetreten und Dürer gab ihm die Hand und sagte »Ich
glaube es dir«
    »Ach« rief Franz aus »was seid Ihr doch für ein ganz andrer Mann als die
übrigen Menschen Das fühle ich immer mehr ich werde keinen Euresgleichen
wieder antreffen An Euch hängt mein ganzes Herz und wie ich Euch vertraue
werde ich keinem wieder vertrauen«
    Dürer lehnte sich nachdenkend an den Stamm eines Baumes sein Gesicht war
ganz beschattet »Franz« sagte er langsam »du machst dass mir deine
Abwesenheit immer trauriger sein wird denn auch ich werde niemals solchen
Schüler solchen Freund wieder antreffen Denn du bist mein Freund der einzige
der mich aus recht voller Seele liebt der einzige den ich ganz so wieder
lieben kann«
    »Sagt das nicht Albrecht« rief Franz »ich vergehe vor Euch«
    Dürer fuhr fort »Es ist nur die Wahrheit mein Sohn denn als solchen liebe
ich dich Meinst du deine getreue Anhänglichkeit von deiner Kindheit auf habe
mein Herz nicht gerührt O du weißt nicht wie mir an jenem Abend in Nürnberg
war und wie mir jetzt wieder ist wie ich damals den Abschied von dir abkürzte
und es jetzt gern wieder täte aber ich kann nicht«
    Er umarmte ihn freiwillig und Franz fühlte dass sein teurer Lehrer weinte
Sein Herz wollte brechen »Die übrigen Menschen« sagte Dürer »lieben mich
nicht wie du es ist zu viel Irdisches in ihren Gedanken Ich stelle mich oft
wohl äußerlich hart und tue wie die übrigen aber mein Herz weiß nichts davon
Pirkheimer ist ein Patrizier ein reicher Mann er ist brav aber er schätzt
mich nur der Kunst wegen und weil ich fleißig und aufgeräumt bin Mein Weib
kennt mich wenig und weil ich ihr im stillen nachgebe so meint sie sie mache
mir alles recht Sebastian ist gut aber sein Herz ist dem meinigen nicht so
verwandt als das deine Von den übrigen lass mich gar schweigen Ja wahrlich du
bist mir der Einzige auf der Erde«
    Franz sagte begeistert »O was könnte mir für ein größeres Glück begegnen
als dass Ihr die Liebe erkennt die ich so inniglich zu Euch trage«
    »Sei immer wacker« sagte Dürer »und lass dein frommes Herz allerwege so
bleiben als es jetzt ist Komm dann nach Deutschland und Nürnberg zurück wenn
es dir gut däucht ich wüsste mir keine größere Freude als künftig immer mit dir
zu leben«
    »Ich bin eine verlassene Waise ohne Eltern ohne Angehörigen« sagte Franz
»Ihr seid mir alles«
    »Ich wünsche« sagte Albrecht »dass du mich wiederfindest aber ich glaube
es nicht es ist etwas in meiner Seele was mir sagt dass ich es nicht lange
mehr treiben werde Ich bin in manchen Stunden so ernstaft und so betrübt dass
ich zu sterben wünsche wenn ich nachher auch oft wieder scherze und lustig
scheine Ich weiß auch recht gut dass ich zu fleißig bin und mir dadurch
Schaden tue dass ich die Kraft der Seele abstumpfe und es gewiss büßen muss aber
es ist nicht zu ändern Ich brauche dir liebster Franz wohl die Ursache nicht
zu sagen Meine Frau ist zu weltlich gesinnt sie quält sich ewig mit Sorgen für
die Zukunft und mich mit sie glaubt dass ich niemals genug arbeiten kann um
nur Geld zu sammeln und ich arbeite um in Ruhe zu sein oft mit unlustiger
Seele aber die Lust stellt sich während der Arbeit ein Meine Frau empfindet
nicht die Wahrheit der himmlischen Worte die Christus ausgesprochen hat Sorget
nicht für euer Leben was ihr essen und trinken werdet auch nicht für euren
Leib was ihr anziehen werdet Ist nicht das Leben mehr denn die Speise Und der
Leib mehr denn die Kleidung So denn Gott das Gras auf dem Felde kleidet das
doch heute steht und morgen in den Ofen geworfen wird sollte er das nicht
vielmehr euch tun O ihr Kleingläubigen Darum sollt ihr nicht sorgen und sagen
Was werden wir essen Was werden wir trinken Womit werden wir uns kleiden 
Nun lebe wohl mein liebster Freund ich will zurück und du sollst mich nicht
begleiten denn an einer Stelle müssen wir uns ja doch trennen«
    Franz hielt noch immer seine Hand »Ich sollte Euch nicht wiedersehen« sagte
er »warum sollte ich dann wohl nach Deutschland zurückkommen Nein Ihr müsst
leben noch lange lange Euch mir und dem Vaterlande«
    »Wie wir uns heut trennen müssen« sagte Dürer »so muss ich doch
irgendeinmal sterben es sei wenn es sei Je früher je weniger Lebensmühe je
später je mehr Sorgen Aber komm bald zurück wenn du kannst«
    Er segnete hierauf seinen jungen Freund und betete inbrünstig zum Himmel
Franz sprach in Gedanken seine Worte nach und war in einer frommen Entzückung
dann umarmten sich beide und Dürer ging wie ein großer Schatten von ihm weg
Franz sah ihm nach und der Mondschimmer und die Bäume dämmerten ungewiss um ihn
Plötzlich stand der Schatten still und bewegte sich wieder rückwärts Dürer
stand neben Franz nahm seine Hand und sagte »Und wenn du mir künftig
schreibst so nenne mich in deinen Briefen du und deinen Freund denn du bist
mein Schüler nicht mehr«  Mit diesen Worten ging er nun wirklich fort und
Franz verlor ihn gänzlich aus den Augen Die Nacht war kalt die Wächter der
Stadt zogen vorüber und sangen die Glocken schlugen feierlich Franz irrte noch
eine Zeitlang umher dann begab er sich nach seiner Herberge aber er konnte
nicht schlafen
 
                                Fünftes Kapitel
Der Morgen kam Franz hatte eine Gesellschaft gefunden die auf dem Kanal mit
einem Schiffe nach Rotterdam fahren wollte dort wollten sie dann ein größeres
nehmen um vollends nach Antwerpen zu kommen
    Es war helles Wetter als sie in das Boot stiegen die Gesellschaft schien
bei guter Laune Franz betrachtete sie nach der Reihe und keiner darunter fiel
ihm besonders auf außer ein junger Mensch der einige zwanzig Jahr alt zu sein
schien und ungemein schön von Gesicht und sehr anmutig in seinen Gebärden war
Franz fühlte sich immer mehr zu den jüngeren als zu den älteren Leuten hingezogen
er sprach mit den letztern ungern weil er nur selten in ihre Empfindungen
einstimmen konnte Bei alten Leuten empfand er seine Beschränkung noch
quälender und er merkte es immer dass er ihnen zu lebhaft zu jugendlich war
dass er sich gemeiniglich an Dingen entzückte die jenen immer fremd geblieben
und dass sie doch zuweilen mit einem gewissen Mitleiden mit einer hoffärtigen
Duldung auf ihn hinabblickten als wenn er endlich allen diesen Gefühlen und
Stürmen vorüberschiffen würde um in ihr ruhiges kaltes Land festen Fuß zu
fassen Vollends demütigte es ihn oft wenn sie dieselben Gegenstände liebten
die er verehrte Lob und Tadel Anpreisung und Nachsicht aber mit so scheinbarer
Gerechtigkeit austeilten dass von ihrer Liebe fast nichts übrigblieb Er dagegen
war gewohnt aus vollem Herzen zu zahlen seine Liebe nicht zu messen und
einzuschränken sondern es zu dulden dass sie sich in vollen Strömen durch das
Land der Kunst sein Land der Verheißung ergoss je mehr er liebte je wohler
ward ihm  Er konnte sein Auge von dem Jünglinge nicht zurückziehn die
lustigen hellen braunen Augen und das gelockte Haar eine freie Stirn und dazu
eine bunte fremdartige Tracht machten ihn zum Gegenstand seiner Neugier
    Das Schiff fuhr fort und man sah links weit in das ebene Land hinein Die
Gesellschaft schien nachdenkend oder vielleicht müde weil sie alle früh
aufgestanden waren nur der Jüngling schaute unbefangen mit seinen großen Augen
umher Ein ältlicher Mann zog ein Buch hervor und fing an zu lesen doch es
währte nicht lange so schlummerte er Die übrigen schienen ein Gespräch zu
wünschen
    »Der Herr Vansen schläft« sagte der eine zu seinem Nachbar »das Lesen ist
ihm nicht bekommen«
    »Er schläft nicht so Nachbar Peters dass er Euch nicht hören sollte« sagte
Vansen indem er sich ermunterte »Ihr solltet nur etwas erzählen oder ein
lustiges Lied singen«
    »Ich bin heiser« sagte jener »Ihr wisst es selber auch hab ich eigentlich
seit Jahr und Tag das Singen schon aufgegeben«
    Der fremde Jüngling sagte »Ich will mich wohl anbieten ein Lied zu singen
wenn ich nur wüsste dass die Herren es mit der Poesie nicht so genau nehmen
wollen«
    Sie versicherten ihn alle dass es nicht geschehen würde und jener sprach
weiter »Es ist auch nur dass man sich das bisschen Freude verbittert alle
Lieder die ich gern singe müssen sich hübsch geradezu und ohne Umschweife
ausdrücken Ich will also mit eurer Erlaubnis anfangen
Über Reisen kein Vergnügen
Wenn Gesundheit mit uns geht
Hinter uns die Städte liegen
Berg und Waldung vor mir steht
Jenseit jenseit ist der Himmel heiter
Treibt mich rege Sehnsucht weiter
Schau dich um und lass die trüben Blicke
Sieh da liegt die große weite Welt
In der Stadt blieb alles Graun zurücke
Das den Sinn gefangenhält
Endlich wieder Himmel grüne Flur
Groß und lieblich die Natur
Auch ein Mädchen muss dich nimmer quälen
Kömmst ja doch zu Menschen wieder hin
Nirgend wird es dir an Liebe fehlen
Ist dir Lieben ein Gewinn
Darum lass die trüben Blicke
Allentalben blüht dein Glücke
Immer munter Freunde munter
Denn mein Mädchen wartet schon
Treibt den Fluss nur rasch hinunter
Denn mich dünkt mich lockt ihr Ton
Günstig sind uns alle Winde
Stürme schweigen Lüfte säuseln linde
Siehst du die Sonne nicht
Glänzen im Bach
Wo du bist spielt das Licht
Freundlich dir nach
Durch den Wald Funkelschein
Sieht in den Quell
Kuckt in die Flut hinein
Lacht drum so hell
So auch der Liebe Licht
Wandelt mit dir
Löschet wohl nimmer nicht
Ist dorten bald hier
Liebst du die Morgenpracht
Wenn nach der schwarzen Nacht
Auf diamantner Bahn
Die Sonne ihren Weg begann
Wenn alle Vögel jubeln laut
Begrüssen fröhlich des Tages Braut
Wenn Wolken sich zu Füßen schmiegen
In Brand und goldnem Feuer fliegen
Auch wenn die Sonne nun den Wagen lenkt
Und hinter ihr das Morgenrot erbleicht
Lust Heiterkeit durch alle Welt hin fleugt
Bis sich zum Meer die Göttin senkt
Und dann funkeln neue Schimmer
Über See und über Land
Erd und Himmel im Geflimmer
Sich zu einem Glanz verband
Prächtig mit Rubinen und Saphiren
Siehst du dann den Abendhimmel prangen
Goldenes Geschmeide um ihn hangen
Edelsteine Hals und Nacken zieren
Und in holder Glut die schönen Wangen
Drängt sich nicht mit stillem Licht der Chor
Aller Sterne ihn zu sehen vor
Jubeln nicht die Lerchen ihre Lieder
Tönt nicht Fels und Meer Gesänge wider 
Also wenn die erste Liebe dir entschwunden
Musst du weibisch nicht verzagen
Sondern dreist dein Glücke wagen
Bald hast du die zweite aufgefunden
Und kannst du im Rausche dann noch klagen
Nie empfand ich was ich vor empfunden
Nie vergisst der Frühling wiederzukommen
Wenn Störche ziehen wenn Schwalben auf der Wiese sind
Kaum ist dem Winter die Herrschaft genommen
So erwacht und lächelt das goldene Kind
Dann sucht er sein Spielzeug wieder zusammen
Das der alte Winter verlegt und verstört
Er putzt den Wald mit grünen Flammen
Der Nachtigall er die Lieder lehrt
Er rührt den Obstbaum mit rötlicher Hand
Er klettert hinauf die AprikosenWand
Wie Schnee die Blüte rot unter die Blätter dringt
Er schüttelt froh das Köpfchen dass ihm die Arbeit gelingt
Dann geht er und schläft im waldigen Grund
Und haucht den Atem aus den süßen
Um seinen zarten roten Mund
Im Grase Viol und Erdbeer spriessen
Wie rötlich und bläulich lacht
Das Tal wann er erwacht
In den verschlossnen Garten
Steigt er übers Gitter in Eil
Mag auf den Schlüssel nicht warten
Ihm ist keine Wand zu steil
Er räumt den Schnee aus dem Wege
Er schneidet das Buchsbaumgehege
Und friert auch am Abend nicht
Er schaufelt und arbeitet im Mondenlicht
Dann ruft er Wo säumen die Spielkameraden
Dass sie so lange in der Erde bleiben
Ich habe sie alle eingeladen
Mit ihnen die fröhliche Zeit zu vertreiben
Die Lilie kommt und reicht die weißen Finger
Die Tulpe steht mit dickem Kopfputz da
Die Rose tritt bescheiden nah
Aurikelchen und alle Blumen vornehm und geringer
Der bunte Teppich ist nun gestickt
Die Liebe tritt aus Jasminlauben hervor
Da danken die Menschen da jauchzet der Vögel ganzes Chor
Denn alle fühlen sich beglückt
Dann küsst der Frühling die zarten Blumenwangen
Und scheidet und spricht Ich muss nun gehen
Da sterben sie alle am süßen Verlangen
Dass sie mit welken Häuptern stehen
Der Frühling spricht Vollendet ist mein Tun
Ich habe schon die Schwalben herbestellt
Sie tragen mich in eine andre Welt
Ich will in Indiens duftenden Gefilden ruhen
Ich bin zu klein das Obst zu pflücken
Den Stock der schweren Traube zu entkleiden
Mit der Sense das goldene Korn zu schneiden
Dazu will ich den Herbst euch schicken
Ich liebe das Spielen bin nur ein Kind
Und nicht zur ernsten Arbeit gesinnt
Doch seid ihr satt der Winterleiden
Komm ich zurück zu andern Freuden
Die Blumen die Vögel nehm ich mit mir
Wenn ihr erntet und keltert was sollen sie hier
Ade Ade ist die Liebe nur da
So bleibt euch der Frühling ewiglich nah«
»Ihr habt das Lied sehr schön gesungen« sagte Vansen »aber es ist wahr dass
man es mit dem Texte nicht so genau nehmen muss denn das letzte hängt gar nicht
mit dem ersten zusammen«
    »Ihr habt sehr recht« sagte der Fremde »indessen Ihr kennt das Sprichwort
Ein Schelm gibts besser als er es hat«
    »Ich habe einen guten und schönen Zusammenhang darin gefunden« sagte Franz
»Der Hauptgedanke ist der fröhliche Anblick der Welt das Lied will uns von
trüben Gedanken und Melancholie abziehen und so kommt es von einer Vorstellung
auf die andre Zwar ist nicht der Zusammenhang einer Rede darin aber es wandelt
gerade so fort wie sich unsre Gedanken in einer schönen heitern Stunde bilden«
    »Ihr seid wohl selber ein Poet« rief der Fremde aus
    Franz errötete und sagte dass er ein Maler sei der vor jetzt nach
Antwerpen und dann nach Italien zu gehen gesonnen sei
    »Ein Maler« schrie Vansen auf indem er Sternbald genau betrachtete »O so
gebt mir Eure Hand dann müssen wir näher miteinander bekannt werden«
    Franz war in Verlegenheit er wusste nichts zu erwidern der Niederländer
fuhr fort »Vor allen Künsten in der Welt ergötzt mich immer die Kunst der
Malerei am meisten und ich begreife nicht wie viele Menschen so kalt dagegen
sein können Denn was ist Poesie und Musik die so flüchtig vorüberrauschen und
uns kaum anrühren Jetzt vernehme ich die Töne und dann sind sie vergessen 
sie waren und waren auch nicht Klänge Worte von denen ich niemals recht weiß
was sie mir sollen sie sind nur Spielwerk das ein jeder anders handhabt
Dagegen verstehen es die edlen Malerkünstler mir Sachen und Personen unmittelbar
vor die Augen zu stellen mit ihren freundlichen Farben mit aller Wirklichkeit
und Lebendigkeit so dass das Auge der klügste und edelste Sinn des Menschen
gleich ohne Verzögern alles auffasst und versteht Je öfter ich die Figuren
wiedersehe je bekannter sind sie mir ja ich kann sagen dass sie meine Freunde
werden dass sie für mich ebensogut leben und da sind als die übrigen Menschen
Darum liebe ich die Maler so ungemein denn sie sind gleichsam Schöpfer und
können schaffen und darstellen was ihnen gelüstet«
    Von diesem Augenblicke bemühte sich Vansen sehr um Sternbald dieser nannte
ihm seinen Namen und ward von jenem dringend gebeten ihn in Antwerpen in
seinem Hause zu besuchen und etwas für ihn zu malen Auf der fortgesetzten Reise
geriet Franz mit dem unbekannten Jünglinge in ein näheres Gespräch und erfuhr
von ihm dass er sich Rudolph Florestan nenne dass er aus Italien sei jetzt
England besucht habe und nach seiner Heimat zurückzukehren denke Die Jünglinge
beschlossen die Reise in Gesellschaft zu machen denn sie fühlten beide einen
Zug der Freundschaft zueinander der sie schnell vereinigte »Wir wollen recht
vergnügt mitsammen sein« sagte Rudolph »ich bin schon mehr als einmal in
Deutschland gewesen und habe lange unter Euren Landsleuten gelebt ich bin
selbst ein halber Deutscher und liebe Eure Nation«
    Franz war erfreut diese Bekanntschaft gemacht zu haben Er äußerte seine
Verwunderung dass Rudolph in so früher Jugend schon von der Welt so viel gesehen
habe »Das muss Euch nicht erstaunen« sagte jener »mein unruhiger Geist treibt
mich immer umher und wenn ich eine Weile still in meiner Heimat gesessen habe
muss ich wieder reisen wenn ich nicht krank werden will Wenn ich auf der Reise
bin geschieht es mir wohl dass ich mich nach meinem Hause sehne und mir
vornehme nie wieder in der Ferne herumzustreifen indessen dauern dergleichen
Vorsätze niemals lange ich darf nur von fremden Ländern hören oder lesen
gleich ist die alte Lust in mir wieder aufgewacht So bin ich auch schon Spanien
durchstreift ich habe Valencia und das wundersame Granada gesehen mit seinem
herrlichen Schloss den fremden seltsamen Sitten und Trachten ich habe die
Luft der elysischen Gefilde von Malaga eingeatmet und kenne den Manserrate mit
seinen Klöstern und grünbewachsenen Klippen«
    Ein großer Teil der Gesellschaft kam jetzt darauf man solle um die Zeit
der Fahrt zu verkürzen Geschichten oder Märchen erzählen Alle trauten dem
Rudolph zu dass er am besten imstande sei ihr Begehren zu erfüllen sie
ersuchten ihn daher alle und auch Franz vereinigte sich mit ihren Bitten »Ich
will es gern tun« antwortete Rudolph »allein es geht mir mit meiner
Geschichte wie mit meinem Liede sie wird keinem recht gefallen« Alle
behaupteten dass er sie gewiss unterhalten werde er solle nur getrost anfangen
Rudolph sagte »Ich liebe keine Geschichte und mag sie gar nicht erzählen in
der nicht von Liebe die Rede ist Die alten Herren aber kümmern sich um
dergleichen Neuigkeiten nicht viel«
    »O doch« sagte Vansen »nur finde ich es in vielen Geschichten der Art
unnatürlich wie die ganze Erzählung vorgetragen wird gewöhnlich macht man doch
zu viel Aufhebens davon und das ist was mir missfällt Wenn es aber alles so
recht natürlich und wahr fortgeht so kann ich mich sehr daran ergötzen«
    »Das ist es gerade« rief Rudolph aus »was ich sagte Die meisten Menschen
wollen alles gar zu natürlich haben und wissen doch eigentlich nicht was sie
sich darunter vorstellen sie fühlen den Hang zum Seltsamen und Wunderbaren
aber doch soll das alles wieder alltäglich werden sie wollen wohl von Liebe und
Entzücken reden hören aber alles soll sich in den Schranken der Billigkeit
halten Doch ich will nur meine Geschichte anfangen weil ich sonst selber die
Schuld trage wenn ihr zu viel erwartet  
    Die Sonne ging eben auf als ein junger Edelmann den ich Ferdinand nennen
will auf dem freien Felde spazierte Er war damit beschäftigt die Pracht des
Morgens zu beschauen wie sich nach und nach das Morgenrot und das lichte Gold
des Himmels immer brennender zusammendrängten und immer höher leuchteten Er
verließ gewöhnlich an jedem Morgen sein Schloss auf dem er unverheiratet und
einsam lebte seine Eltern waren vor einiger Zeit gestorben Dann setzte er sich
gewöhnlich in dem benachbarten Wäldchen nieder und las einen der italienischen
Dichter die er sehr liebte
    Jetzt war die Sonne heraufgestiegen und er wollte sich eben nach dem
einsamen Waldplatze begeben als er aus der Ferne einen Reuter heransprengen
sah Auf dem Hute und Kleide des Reitenden glänzten Gold und Edelgesteine im
Schein des Morgens und als er näher kam glaubte Ferdinand einen vornehmen
Ritter vor sich zu sehen Der Fremde ritt eiligst vorüber und verschwand im
Walde kein Diener folgte ihm
    Ferdinand wunderte sich noch über diese Eile als er zu seinen Füßen im
Grase etwas Glänzendes wahrnahm Er ging hinzu und hob das Bildnis einer Dame
auf das mit kostbaren Diamanten eingefasst war Er ging damit nach dem Walde
indem er es aufmerksam betrachtete er setzte sich an der gewohnten Stelle
nieder und vergaß sein Buch herauszuziehen so sehr war er mit dem Bilde
beschäftigt«
    »Wie ich gesagt habe« fiel Vansen ein »die Malerei hat eine wunderbare
Kraft über uns das Bild wird gewiss trefflich gemalt gewesen sein Aber sagt mir
doch was war dieser Edelmann für ein Landsmann«
    »Je nun ich denke« antwortete Rudolph »er wird wohl ein Deutscher gewesen
sein und jetzt erinnere ich mich deutlich er war aus Franken«
    »Nun so seid so gut und fahrt fort«
    »Er kam nach Hause und aß nicht Leopold sein vertrautester Freund
besuchte ihn aber er sprach nur wenig mit diesem Warum bist du so in Gedanken
fragte Leopold Mir ist nicht wohl antwortete jener und mit dieser Antwort
musste der Freund zufrieden sein
    So verstrichen einige Wochen und Ferdinand ward mit seinen Worten immer
sparsamer Sein Freund wurde besorgt denn er bemerkte dass Ferdinand alle
Gesellschaften vermied dass er fast beständig im Walde oder auf der Wiese lebte
dass er jedem Gespräche aus dem Wege ging An einem Abende hörte Leopold
folgendes Lied singen Ihr habt wohl nichts dagegen dass ich es gleich selbst
absinge es nimmt sich dadurch besser aus
Soll ich harren Soll mein Herz
Endlich brechen
Soll ich niemals von dem Schmerz
Meines Busens sprechen
Warum Zittern Warum Zagen
Träges Weilen
Auf dein höchstes Glück zu wagen
Flügle deine Eile
Suchen werd ich werd ich finden
Nach der Ferne
Treibt das Herz durch blühnde Linden
Lächeln dir die Sterne
Leopold hörte aufmerksam dem rätselhaften Liede zu dann ging er in den Wald
hinein und traf seinen Freund in Tränen Er ward bei diesem Anblick erschüttert
und redete ihn so an Liebster warum willst du mich so bekümmern dass du mir
kein Wort von deinem Leiden anvertraust Ich sehe es täglich wie dein Leben
sich aufzehrt und unwissend muss ich mit dir leiden ohne dass ich raten und
trösten könnte Warum nennst du mich deinen Freund Ich bin es nicht wenn du
mich nicht deines Vertrauens würdig achtest Jetzt gilt es dass ich deine Liebe
zu mir auf die Probe stelle und was fürchtest du dich mir zu entdecken Wenn
du unglücklich bist wo findest du sichern Trost als im Busen eines Freundes
Bist du dich einer Schuld bewusst wer verzeiht dir williger als die Liebe
    Ferdinand sah ihn eine Weile an dann sagte er Keines von beiden mein
lieber Freund ist bei mir der Fall sondern eine wunderseltsame Sache belastet
mein Herz so gewaltsam die ich dir noch nicht habe anvertrauen wollen weil ich
mich vor dir schäme Ich fürchte deine Vernunft ich fürchte dass du mir das
sagst was ich mir selber täglich und stündlich sage ich fürchte dass du zwar
deinen Freund aber nicht seine unbegreifliche Torheit liebst Doch will ich dir
alles gestehen und nun erfahren welchen Rat welchen Trost du mir geben
kannst Sieh dieses Gemälde das ich vor einigen Wochen fand und das seitdem
meinen Sinn so gänzlich umgewandelt hat Mit ihm habe ich mein höchstes Glück
ja mich selber gefunden denn ich lebte vorher ohne Seele ich kannte mich und
die Seligkeit der Welt nicht denn ich wurde ohne alles Glück in der Welt
fertig Seitdem ist mir als wenn ein unbekanntes Wesen mir aus den Morgenwolken
die Hand gereicht und mich mit süßer Stimme bei meinem Namen genannt hätte
Aber zugleich habe ich in diesem Bilde meinen größten Feind gefunden der mir
keine Minute Ruhe lässt der mich auf jeden Schritt verfolgt der mir alle
übrigen Freuden dieser Erde als etwas Armseliges und Verächtliches darstellt
Ich darf mein Auge nicht davon hinwegwenden so befällt mich eine marternde
Sehnsucht und wenn ich nun daraufblicke und diesen süßen Mund und diese
schönen Augen antreffe so ergreift eine schreckliche Beklemmung mein Herz so
dass ich in unnützen Kämpfen in Streben und Wünschen vergehe und mein Leben
sich verzehrt wie du richtig gesagt hast Aber es muss sich nun endigen mit dem
kommenden Morgen will ich mich aufmachen und das Land durchziehen um diejenige
wirklich aufzufinden von der ich bis jetzt nur den Schatten besitze Sie muss
irgendwo sein sie muss meine Liebe kennenlernen und ich sterbe dann entweder in
öder Einsamkeit oder sie erwidert diese Liebe
    Leopold stand lange staunend und betrachtete seinen Freund endlich rief er
aus Unglücklicher Wohin hast du dich verirrt An diesen Schmerzen hat sich
vielleicht bisher noch keiner der Sterblichen verblutet Was soll ich dir sagen
Wie soll ich dir raten Der Wahnsinn hat sich deiner schon bemeistert und alle
Hilfe kommt zu spät Wenn nun das Original dieses Bildes auf der ganzen Erde
nicht zu finden ist und wie leicht kann es bloß die Imagination eines Malers
sein die dieses zierliche Köpfchen hervorgebracht hat Oder sie kann auch
gelebt haben und ist nun schon gestorben oder sie ist die Gattin eines andern
und Mutter vieler Kinder und Enkel so dass du sie vom Alter entstellt nicht
einmal kennst wenn du sie auch wirklich finden solltest Glaubst du dass sich
dir zu Gefallen das Wunder des Pygmalion erneuern werde Ist es nicht ebenso
gut als wenn du die Helena von Griechenland oder die ägyptische Kleopatra
lieben wolltest Bedenke dein Wohl und lass dich nicht von einer Leidenschaft
unterjochen die offenbar aberwitzig ist Deine Empfindung ist so widersinnig
dass hier oder nirgend deine Vernunft auftreten und dich aus dem Labyrinthe
erretten muss und mich wundert nur wie du sie schon so hast unterdrücken
können dass es so weit mit dir gekommen ist«
    »Nun der Mann hat doch wahrlich völlig recht« rief Vansen aus »und ich
bin neugierig was der verliebte Schwärmer wohl darauf wird antworten können«
    
    »Gewiss gar nichts« sagte Herr Peters »er wird einsehen wie gut es sein
Freund mit ihm meint und das wunderliche Abenteuer fahrenlassen«
    »Einiges getraute ich mir wohl zu sagen« versetzte Sternbald »wenn ich
nicht die Geschichte zu unterbrechen fürchtete«
    Rudolph sah ihn lächelnd an und fuhr fort »Ferdinand schwieg eine Weile
still dann sagte er Liebster Freund deine Worte können mich auf keine Weise
beruhigen und wenn du mich und mein Herz kenntest so würdest du auch darauf
gar nicht ausgehen wollen Ich gebe dir recht du hast vollkommen vernünftig
gesprochen allein was ist mir damit geholfen Ich kann dir nichts antworten
ich fühle nur dass ich elend bin wenn ich nicht gehe und jenes Bild aufsuche
das meine Seele ganz regiert Denn könnte ich vernünftig sein so würde ich
gewiss nicht einen Traum lieben könnt ich auf deinen Rat hören so würde ich
mich nicht in der Nacht schlaflos auf meinem Lager wälzen Denn wenn ich nun
auch wirklich die Helena oder die ägyptische Kleopatra liebte mit dieser
heißen brennenden Liebe des Herzens wenn ich nun auch ginge und sie in der
weiten Welt aufsuchte so wie ich jetzt ein Bild suche dass vielleicht nirgendwo
ist was könnte mir auch dann all dein Reden nützen Doch nein sie lebt mein
Herz sagt es mir dass sie für mich lebt und dass sie mich mit stiller Ahndung
erwartet Und wenn ich sie nun gefunden habe wenn die Sterne günstig auf mein
Tun herunterscheinen wenn ich sie in meinen Armen zurückbringe dann wirst du
mein Glück preisen und mein jetziges Beginnen nicht mehr unvernünftig schelten
So hängt es also bloß von Glück und Zufall ab ob ich vernünftig oder
unvernünftig handle ob die Menschen mich schelten oder loben wie kann also
dein Rat gut sein Wie könnte ich vernünftig handeln wenn ich ihm folgte Wer
nie wagt kann nie gewinnen wer nie den ersten Schritt tut kann keine Reise
vollbringen wer das Glück nicht auf die Probe stellt kann nicht erfahren ob
es ihm günstig ist Ich will also getrost diesen Weg einschlagen und sehen
wohin er mich führt Ich komme entweder vergnügt oder nicht zurück  Hast du
nie die wunderbare Geschichte von Gottfried Rudell gehört
    Nein sagte Leopold verwirrt So will ich sie dir erzählen sprach der
Liebende denn sie bestätigt mein Gefühl das dir so einzig und widersinnig
erscheint«
    »Halt« rief Vansen »die Sache neigt sich zum Verwirrten dass hier eine
neue Erzählung in die vorige eingeflochten wird«
    »Und was schadet es« sagte Florestan »wenn es Euch nur unterhält und die
Zeit vergeht«
    »Es steht nur zu besorgen« sagte Peters bedächtlich »dass es uns nicht
unterhalten werde denn man wird gar leicht konfuse und da die Sache an sich
selbst schon nicht sehr interessiert so wird diese Episode das Übel nur ärger
machen«
    »Was kann ich denn aber dafür« erwiderte Rudolph »dass der verliebte
Schwärmer seinem Freunde damals diese Historie wirklich erzählt hat Ich muss
doch der Wahrheit getreu bleiben«
    »Nun so erzählt wie Ihr wollt« sagte Vansen »tragt die neue Geschichte
vor aber nur unter der Bedingung dass in dieser Historie sich nicht wieder eine
neue entspinnt denn das könnte sonst bis ins Unendliche fortgesetzt werden«
    »Also denn« nahm Florestan wieder das Wort »fing der schwärmende Ferdinand
seinem vernünftigen Freunde Leopold mit diesen Worten die Geschichte des
Gottfried Rudell zu erzählen an Dieser Rudell mein teurer Freund war einer
von den Dichtern in der Provence in jener schönen Zeit als die Welt durch
Lieder und süße Sprache die Menschen durch Sehnsucht die Länder durch
Ritterschaft und der Orient mit Europa durch die heiligen Kriege verbunden
waren Dieser Sänger Gottfried aus adelichem Geschlecht machte sich durch
seine lieblichen Weisen so berühmt dass ihm Herren und Grafen gewogen waren und
ein großer Fürst sich um seine Freundschaft bewarb und ihn niemals von seiner
Seite lassen wollte Da fügte es sich dass Pilger die aus dem Heiligen Lande
zurückkehrten ihm unter den Wundern der fremden Länder auch die Gräfin von
Tripolis nannten und ihm ihre hohe Tugend ihre Schönheit und ihren Reiz
beschrieben Er sah andre Reisende die aus der Gegend zurückwanderten und
wieder fragte er und wieder rühmten sie entzückt die überirdische Schönheit des
Frauenbildes Seine Imagination ward von diesen Schilderungen so ergriffen dass
er begeistert das Lob der Dame in die Töne seiner Laute sang Ein Freund sagte
einmal scherzend indem er seinen Gesang bewunderte Du bist entzückt Dichter
kannst du denn so über Meere hinüber vielleicht lieben ohne den Gegenstand
deiner Leidenschaft zu kennen oder je mit irdischen Augen gesehen zu haben Wie
wenn sie mir nun selbst im Gemüte in meinem Innern wohnt besitze ich sie dann
nicht näher als jeder andre Sterbliche antwortete der Sänger mit einer andern
Scherzrede glaubt mir Freunde fuhr er fort von ähnlichen seltsamen
Erscheinungen könnte ich euch Wunder erzählen«
    Vansen räusperte sich Sternbald nickte dem Erzähler lächelnd zu der ohne
sich stören zu lassen so fortfuhr »Nur zu bald wurde ernste Wahrheit aus
diesen Reden Eine unbegreifliche Sehnsucht nach dem fernen niegesehenen Wesen
fasste und durchströmte die Brust des Dichters wie alle Quellen zu den Strömen
wie alle Ströme zum Meere unaufhaltsam fluten so zogen alle Kräfte seiner Seele
nur ihr der Einzigen Ungekannten zu Er konnte nicht mehr zurückbleiben er
musste die weite Reise unternehmen Seine Freunde baten der Fürst sein
Beschützer beschwur ihn aber umsonst wollten sie ihn nicht sterben sehen so
müssen sie ihn gewähren lassen Er stieg zu Schiffe Die Winde waren ihm zu
langsam mit den Liedern seiner Sehnsucht wollte er die Segel füllen und den
Lauf des Fahrzeuges mit Gedankenschnelle beflügeln Unendlich schöne Lieder sang
er von ihr er verglich und pries ihre Schönheit gegen alles was Himmel und
Erde Meer und Luft Reizendes und Lieblichest Aber sein Herz brach er sank
schwerkrank darnieder als die Schiffer vom Mast schon fern ganz fern das
ersehnte Ufer wie eine Nebelwolke erspähten Er raffte sich auf er spannte sein
Auge an seine Seele flog schon an das Gestade Das Schiff lief in den Hafen
ein das fremde Volk strömte herzu um Nachrichten aus der Christenheit zu
erfahren Auch die Prinzessin wandelte in der Nähe der Kühlung der Palmen Sie
hörte von dem Sterbenden sie stieg zum Schiff hernieder Da saß er an die
Schultern eines Freundes gelehnt und sah nun den Glanz der Augen die Schönheit
der Wangen die Frische der Lippe die Fülle des Busens die er so oft in seinen
Liedern gepriesen hatte O wie beglückt bin ich rief er aus dass doch mein
brechendes Auge noch wahrhaft sieht was ich ahndete und dass die Wahrheit meine
Ahndung übertrifft Ja so wird es mit aller Schönheit sein wenn sie sich einst
schleierlos unserm entkörperten Auge zeigt Der weinende Freund sagte ihr wer
sich anbetend zu ihren Füßen niedergeworfen hatte sie kannte seinen Namen und
manche seiner geflügelten Töne waren schon über das Meer zu ihrem Ohre gekommen
sie beugte sich nieder und hob ihn auf er lag in ihren Armen das süßeste
Lächeln schwebte im Andenken seiner Wonne auf seinem bleichen Antlitz denn er
war schon verschieden So liebt mich niemand mehr so liebt auf Erden niemand
seufzte die Fürstin küsste zum ersten und letztenmal den stummen sonst so
gesangreichen Mund und nahm den Nonnenschleier 
    Glaubst du denn eine Silbe von diesem alten Märchen fuhr Leopold auf
Dergleichen ist nicht möglich und gegen alle Natur es ist nur Dichtung und Lüge
eines Müssiggängers«
    »Der trifft den Nagel auf den Kopf« sagte Vansen »dergleichen hat sich nie
wirklich begeben«
    »Es ist unbegreiflich« merkte Peters an »wie der menschliche Geist nur auf
dergleichen Torheiten verfallen kann noch seltsamer aber dass sich ein andrer
Aberwitziger mit solchem Wahnsinn trösten will«
    »Und ist es denn nicht dasselbe« sagte Sternbald nicht ohne Rührung »diese
Geschichte mag wahr oder ersonnen sein Wer erfand sie denn wohl Niemand als
die Liebe selbst und diese ist ja doch wundervoller als alle Dichtungen und
Lieder sie darstellen können«
    »Wenn Ihr in der Malerei« sagte Vansen »ebensosehr für das Unnatürliche
eingenommen seid wo dann Farben und Figuren hernehmen junger Freund«
    »Nach dieser Erzählung« so fing Florestan von neuem an »nahm Ferdinand
seinen Freund herzlich in die Arme Lass mich gehen sagte er sei nicht traurig
denn du siehst mich gewiss wieder ich bleibe gewiss nicht aus Vielleicht ändert
sich auch unterwegs mein Gemüt wenn ich die mannigfaltige Welt mit ihren
wechselnden Gestalten erblicke wie sich dieses Gefühl wunderbarlich meines
Herzens bemeistert hat so kann es mich ja auch plötzlich wieder loslassen
    Sie gingen nach Hause und am folgenden Morgen trat Ferdinand wirklich seine
seltsame Wanderschaft an Leopold sah ihm mit Tränen nach denn er hielt die
Leidenschaft seines Freundes für Wahnsinn er hätte ihn gern begleitet aber
jener wollte durchaus nur allein das Ziel seiner Pilgerfahrt suchen
    Er wusste natürlich nicht wohin er seinen Weg richten sollte er ging daher
auf der ersten Straße fort auf welche er traf Seine Seele war unaufhörlich mit
dem geliebten Bilde angefüllt in der reizendsten Gestalt sah er es vor sich
hinschweben und folgte ihm wie unwillkürlich nach In den Wäldern saß er oft
still und dichtete ein Lied auf seine wunderbare Leidenschaft dann hörte er dem
Gesange der Nachtigallen zu und vertiefte und verlor sich so sehr in sich
selber dass er die Nacht im Walde bleiben musste
    Zuweilen erwachte er wie aus einem tiefen Schlafe und überdachte dann
seinen Vorsatz mit kälterem Blute alles was er wollte und wünschte kam ihm
dann wie eine Traumgestalt vor er bestrebte sich oft sich des Zustandes seiner
Seele zu erinnern ehe er das Bildnis im Grase gefunden hatte aber es war ihm
unmöglich So wandelte er fort und verirrte sich endlich von der Straße indem
er in einen dicken Wald geriet der gar kein Ende zu haben schien
    Er ging weiter und traf immer noch keinen Ausweg das Gehölz ward immer
dichter Vögel schrien und lärmten mit seltsamen Tönen durch die stille
Einsamkeit Jetzt dachte er an seinen Freund ihm schien selber sein Unternehmen
wahnsinnig und er nahm sich vor am folgenden Tage nach seinem Schloss
zurückzukehren Es wurde Nacht und wie wenn eine Verblendung eine Krankheit
eine träumende Betäubung plötzlich von ihm genommen sei so verschwand seine
Leidenschaft es war wie ein Erwachen aus einem schweren Traume Er wanderte
durch die Nacht weiter denn der Mond warf seinen Schimmer durch die Zweige er
sah schon seinen Freund vergnügt und versöhnt vor sich stehen er dachte sich
sein künftiges ruhiges Leben Unter diesen Betrachtungen brach der Morgen an
die Sonne senkte ihre frühen Strahlen durch das grüne Gebüsch und neuer Mut und
neue Heiterkeit ward in ihm wach Er betrachtete das Gemälde wieder und wusste
nicht was er tun sollte Alle seine Entschlüsse fingen an zu wanken jedes
andre Leben erschien ihm leer und nüchtern er wünschte und dachte nur sie Denn
aus der Farbe aus dem Schmuck blühte wie ein voller knospenschwerer Frühling
die Sehnsucht wieder auf ihn zu und umfing ihn mit duftenden blumenden Zweigen
Da war keine Rettung er musste sie wieder glauben sie von neuem wünschen und
suchen Wohin soll ich mich wenden rief er aus O Morgenrot zeige mir den Weg
ruft mir ihr Lerchen und zieht auf meiner Bahn voran damit ich wissen möge
wohin ich den irren Fuß setzen soll
    Meine Seele schwankt in Leid und Freude kein Entschluss kann Wurzel fassen
ich weiß nicht was ich bin ich weiß nicht was ich suche
    Indem er so mit sich selber sprach trat er aus dem Walde und eine schöne
Ebene mit angenehmen Hügeln lag vor ihm In der Ferne standen Kruzifixe und
kleine Kapellen im Glanz der Morgensonne Der Trieb weiterzuwandern und den
Inhalt seiner Gedanken aufzusuchen ergriff den Jüngling mit neuer Gewalt Da
sah er in der Entfernung eine Gestalt sich auf der Wiese bewegen und als er
weiterging unterschied er dass es eine Pilgerin sei Die Gegenwart eines
Menschen zog ihn nach der langen Einsamkeit an er verdoppelte seine Schritte
Jetzt war er näher gekommen als die Pilgerin vor einem Kruzifix am Wege
niederkniete die Hände in die Höhe hob und andächtig betete Indem kam ein
Reuter vom nächsten Hügel heruntergesprengt als er näher kam sah Ferdinand
dass es derselbe sei der ihm an jenem Morgen vorüberflog als er sein geliebtes
Bildnis fand Der Reuter stieg schnell ab und näherte sich der Betenden als er
sie mit einem genauen Blicke geprüft ergriff er sie mit einer ungestümen
Bewegung Sie streckte die Hände aus und rief um Hilfe Zwei Diener kamen mit
ihren Pferden und wollten sich auf Befehl ihres Herrn der Pilgerin bemächtigen
Ferdinands Herz ward bewegt er zog den Degen und stürzte auf die Räuber ein
die sich zur Wehre setzten Nach einem kurzen Gefechte verwundete er den Ritter
dieser sank nieder und die Diener nahmen sich erschreckt seiner an Da er in
Ohnmacht lag so trugen sie ihn zu seinem Pferde um im nächsten Orte Hilfe zu
suchen Die Pilgerin hatte die Zeit des Kampfes benutzt und war indessen
feldeinwärts geflohen Ferdinand erblickte sie in einer ziemlichen Entfernung
Er eilte ihr nach und sagte Ihr seid gerettet Pilgerin Ihr mögt nun
ungehindert Eures Weges fortziehen die Räuber haben sich entfernt Sie konnte
vor Angst noch nicht antworten sie dankte ihm mit einem scheuen Blicke Er
glaubte sie zu kennen doch konnte er sich nicht erinnern sie sonst schon
gesehen zu haben Ich bin Euch meinen herzlichsten Dank schuldig sagte sie
endlich ich wollte nach einem wundertätigen Bilde der Muttergottes wallfahrten
als jener Räuber mich überfiel
    Ich will Euch begleiten sagte Ferdinand bis Ihr völlig in Sicherheit seid
aber fürchtet nichts er ist schwer verwundet vielleicht tot Doch kehrt zur
Straße zurück denn auf diesem Wege gehen wir nur in der Irre
    Indem kam ein Gewitter heraufgezogen und ein Hagelschauer fiel nieder Die
beiden Wanderer retteten sich vor dem Platzregen in einer kleinen Kapelle die
dicht vor einem Walde stand Die Pilgerin war ängstlich indem die Donnerschläge
in den Bergen widerhallten und Ferdinand suchte sie zu beruhigen die Furcht
drückte sie an seine Brust seine Wange trank ihren Atem Endlich hörte das
Gewitter auf und ein lieblicher Regenbogen stand am Himmel der Wald war frisch
und grün und alle Blätter funkelten von Tropfen die Schwüle des Tages war
vorüber die ganze Natur durchwehte ein kühler Luftauch alle Bäume alle
Blumen waren fröhlich Sie standen beide und sahen in die erfrischte Welt
hinaus die Pilgerin lehnte sich an Ferdinands Schulter Da war es ihm als wenn
sich ihm alle Sinne auftäten als wenn auch aus seinem Gemüte die drückende
Schwüle fortzöge denn er erkannte nun das liebliche Gesicht das ihm
vertraulich so nahe war es war das Original jenes Gemäldes das er mit so
heftiger Sehnsucht gesucht hatte So freut sich der Durstende wenn er lange
schmachtend in der heißen Wüste umherirrte und nun den Quell in seiner Nähe
rieseln hört so der verirrte Wandersmann der nun endlich am späten Abend die
Glocken der Herden vernimmt das abendliche Getöse des nahen Dorfes und dem nun
vor allen Menschen ein alter Herzensfreund zuerst entgegentritt
    Ferdinand zog das Gemälde hervor die Pilgerin erkannte es Sie erzählte
dass derselbe junge Ritter von dem Ferdinand sie heute befreite und der in
ihrer Nachbarschaft lebe sie habe malen lassen sie sei elternlos und von armen
Leuten auferzogen aber sie habe sich entschließen müssen von dort der Liebe
des Ritters zu entfliehen weil seine Leidenschaft sein Lobpreisen ihrer
Schönheit nur ihren tiefsten Unwillen erweckte Drum hab ich so beschloss sie
nach dem heiligen wundertätigen Marienbilde eine Wallfahrt tun wollen und bin
dabei unter Euren Schutz geraten den ich Euch nie genug danken kann
    Ferdinand konnte erst vor Entzücken nicht sprechen er traute seiner eigenen
Überzeugung nicht dass er den gesuchten Schatz wirklich erbeutet habe er
erzählte der Fremden die sich Leonore nannte wie er das Bildnis gefunden und
wie es ihn bewegt habe wie er endlich den Entschluss gefasst sie in weiter Welt
aufzusuchen um zu sterben oder sein Gemüt zu beruhigen Sie hörte ihm geduldig
und mit Lächeln zu und als er geendigt hatte nahm sie seine Hand und sagte
Wahrlich Ritter ich bin Euch mein Leben schuldig und noch gegen niemand habe
ich die Freundschaft empfunden die ich zu Euch trage Aber kommt und lasst uns
irgendeine Herberge suchen denn der Abend bricht herein
    Die untergehende Sonne färbte die Wolken schon mit Gold und Purpur der Weg
führte sie durch den Wald in welchem ein kühler Abendwind sich in den nassen
Blättern bewegte Ferdinand führte die Pilgerin und drückte ihre Hand an sein
klopfendes Herz sie war stumm Die Nacht näherte sich mehr und mehr und noch
trafen sie kein Dorf und keine Hütte der Jungfrau ward bange der Wald wurde
dichter und einzelne Sterne traten schon aus dem blauen Himmel hervor Da
hörten sie plötzlich von abseits her ein geistliches Lied ertönen sie gingen
dem Schalle nach und sahen in einiger Entfernung die Klause eines Einsiedels
vor sich ein kleines Licht brannte in der Zelle und er kniete vor einem
Kreuze indem er mit lauter Stimme sang Sie hörten eine Weile dem Liede zu die
Nacht war hereingebrochen die ganze übrige Welt war still dann gingen sie Hand
in Hand näher Als sie vor der Zelle standen fragte Ferdinand das Mädchen
leise Liebst du mich Sie schlug die Augen nieder und drückte ihm die Hand er
wagte es und heftete einen Kuss auf ihren schönen Mund sie widersetzte sich
nicht Zitternd traten sie zum Eremiten hinein und baten um ein Nachtlager als
verirrte Wanderer Der alte Einsiedel hieß sie willkommen und ließ sie
niedersitzen dann trug er ihnen ein kleines Mahl von Milch und Früchten auf an
dem sie sich erquickten Ferdinand war sich vor Glückseligkeit kaum seiner
selbst bewusst er fühlte sich wie in einer neuen Welt alles was vor heute
geschehen war gehörte gleichsam nicht in seinen Lebenslauf von diesem
entzückenden Kusse der ihm alle Sinnen geraubt hatte begann ihm ein neues
Gestirn eine neue Sonne emporzuleuchten alles vorige Licht war nur Dämmerung
und Finsternis gewesen Der Einsiedel wies Leonoren ein Lager an und Ferdinand
musste sich gegenüber in eine kleine leere Hütte begeben
    Er konnte in der Nacht nicht schlafen seine glückliche Zukunft trat vor
sein Lager und erhielt seine Augen wach er ward nicht müde hinunterzusehn und
in dem glücklichen Reiche seiner Liebe auf und ab zu wandeln Leonorens Stimme
schien ihm beständig widerzutönen er glaubte sie nahe und streckte die Arme
nach ihr aus er rief sie laut und weinte indem er sich allein sah Als der
Mondschimmer erblasste und die Morgenröte nach und nach am Himmel heraufspielte
da verließ er die Hütte setzte sich unter einen Baum und träumte von seinem
Glücke
    Da sah er plötzlich den Ritter wieder aus dem Dickicht kommen den er
gestern auf dem Felde verwundet hatte zwei Diener folgten ihm Eben sollte der
Zweikampf von neuem beginnen als der Eremit aus seiner Klause trat Dieser
hörte den Verwundeten Bertram nennen und erkundigte sich nach dem Orte seines
Aufenthaltes und nach seinen Verwandten Der Fremde nannte beides und der
Einsiedel fiel ihm weinend um den Hals indem er ihn seinen Sohn nannte Er war
es wirklich als der Vater sich aus der Welt zurückzog übergab er diesen Sohn
seinem Bruder der nach einiger Zeit von den Unruhen des Krieges vertrieben
seinen Wohnort änderte und so den Sohn dem Einsiedler näher brachte als er es
ahnden konnte Wenn ich jetzt nur noch Nachrichten von meiner Tochter überkäme
rief der Einsiedler aus so wäre ich unaussprechlich glücklich Leonore trat aus
der Tür weil sie das Geräusch vernommen hatte Ferdinand ging auf sie zu und
Bertram stürzte sogleich herbei als er die Pilgerin gewahr ward Der Einsiedler
betrachtete sie aufmerksam woher schönes Kind fragte er zagend habt Ihr
diesen kunstreich gefassten Stein der Euer Ohr schmückt Leonore sagte Meine
Pflegeeltern haben mir schon früh dies Geschmeide eingehängt und mich
beschworen es wie einen Talisman zu bewahren indem es das Andenken von einem
höchst würdigen Manne sei
    Du bist meine Tochter sagte der alte Eremit ich übergab dich jenen Leuten
als ich von meinem Wohnsitze durch der Feinde siegreiches Heer vertrieben wurde
O wie glücklich macht mich dieser Tag«
    »Was kann das für ein Krieg gewesen sein« rief Vansen aus
    »O irgendeiner« antwortete Rudolph hastig »Ihr müsst die Sachen nie so
genau nehmen es ist mir in der Geschichte um einen Krieg zu tun und da müsst
Ihr gar nicht fragen Wie Wo Wann geschahe das Denn solche Erzählungen sind
immer nur aus der Luft gegriffen und man muss sich für die Geschichte aber für
nichts anders außer ihr interessieren«
    »Erlaubt« sagte Franz bescheiden »dass ich Euch widerspreche denn ich bin
hierin ganz andrer Meinung Wenn mir eine Erzählung sei sie auch nur ein
Märchen Zeit und Ort bestimmt so macht sie dadurch alles um so lebendiger die
ganze Erde wird dadurch mit befreundeten Geistern bevölkert und wenn ich
nachher den Boden betrete von dem mir eine liebe Fabel sagte so ist er dadurch
gleichsam eingeweiht jeder Stein jeder Baum hat dann eine poetische Bedeutung
für mich Ebenso ist es mit der Zeit Höre ich von einer Begebenheit werden
Namen aus der Geschichte genannt so fallen mir zugleich jene poetischen
Schatten dabei ins Gedächtnis und machen mir den ganzen Zeitraum lieber«
    »Nun das kann alles gut sein« sagte Rudolph »das andre ist aber auch nicht
minder gut und vernünftig dass man sich weder um Zeit noch Ort bekümmert So mag
es also wohl der Hussitenkrieg gewesen sein der alle diese Verwirrungen in
unsrer Familie angerichtet hat
    Der Schluss der Geschichte findet sich von selbst Alle waren voller Freude
Leonore und Ferdinand fühlten sich durch gegenseitige Liebe glücklich und der
Eremit blieb im Walde sosehr ihm auch alle zuredeten zur Welt zurückzukehren
    Es vermehrte noch eine Person die Gesellschaft und niemand anders als
Leopold der ausgereiset war seinen Freund aufzusuchen Ferdinand erzählte ihm
sein Glück und stellte ihm Leonoren als seine Braut vor Leopold freute sich mit
ihm und sagte Aber liebster Freund danke dem Himmel denn du hast bei weitem
mehr Glück als Verstand gehabt  Das begegnet jedem Sterblichen erwiderte
Ferdinand und wie elend müsste der Mensch sein wenn es irgendeinmal einen
solchen geben sollte der mehr Verstand als Glück hätte«
    Hier schwieg Rudolph Einige von den Herren waren während der Erzählung
eingeschlafen Franz war sehr nachdenkend geworden Fast alles was er hörte und
sah bezog er auf sich und so traf er in dieser Erzählung auch seine eigene
Geschichte an Sonderbar war es dass ihn der Schluss beruhigte dass er dem Glücke
vertraute dass es ihn seine Geliebte und seine Eltern würde finden lassen
    Franz und Rudolph wurden im Verfolg der Reise vertrauter sie beschlossen
miteinander nach Italien zu gehen Rudolph war immer vergnügt sein Mut verließ
ihn nie und das war für Franz in vielen Stunden sehr erquicklich der fast
beständig ein Misstrauen gegen sich selber hatte Es fügte sich dass einige
Meilen vor Antwerpen das Schiff eine Zeitlang stilliegen musste ein Boot ward
ausgesetzt und Franz und Rudolph nahmen sich vor den kleinen Rest der Reise zu
Lande zu machen
    Es war ein schöner Tag Die Sonne breitete sich hell über die Ebene aus
Rudolph war willens nach einem Dorfe zu gehen um ein Mädchen dort zu besuchen
das er vor sechs Monaten hatte kennen lernen »Du musst nicht glauben Franz«
sagte er »dass ich meiner Geliebten in Italien wahrhaft untreu bin oder dass ich
sie vergesse denn das ist unmöglich aber ich lernte diese Niederländerin auf
eine wunderliche Weise kennen wir wurden so schnell miteinander bekannt dass
mir das Andenken jener Stunden immer teuer sein wird«
    »Dein frohes Gemüt ist eine glückliche Gabe des Himmels« antwortete Franz
»dir bleibt alles neu keine Freude veraltet dir und du bist mit der ganzen
Welt zufrieden«
    »Warum sollte man es nicht sein« rief Rudolph aus »ist denn die Welt nicht
schön so wie sie ist Mir ist das ernsthafte Klagen zuwider weil die wenigsten
Menschen wissen was sie wollen oder was sie wünschen Sie sind blind und
wollen sehen sie sehen und sie wollen blind sein«
    »Bist du aber nie traurig oder verdrießlich«
    »O ja warum das nicht Es kehren bei jedem Menschen Stunden ein in denen
er nicht weiß was er mit sich selber anfangen soll wo er herumgreift und nach
allen seinen Talenten oder Kenntnissen oder Narrheiten sucht um sich zu
trösten und nichts will ihm helfen Oft ist unser eigenes närrisches Herz die
Quelle dieser Übel Aber bei mir dauert ein solcher Zustand nie lange So könnt
ich mich grämen wenn ich an Bianca denke sie kann krank sein sie kann
sterben sie kann mich vergessen und dann mache ich mir Vorwürfe darüber dass
ich mich zu dieser Reise drängte die auch jeder andre hätte unternehmen können
Doch was hilft alles Sorgen«
    Sie hatten sich unter einen Baum niedergesetzt jetzt stand Rudolph auf
»Lebe wohl« sagte er schnell »es ist zu kalt zum Sitzen ich muss noch weit
gehen das Mädchen wird auf mich warten ich sprach sie als ich nach England
hinüberging In Antwerpen sehen wir uns wieder«
    Er eilte schnell davon und Franz setzte seinen Weg nach der Stadt fort da
aber die Tage schon kurz waren musste er in einem Dorfe vor Antwerpen
übernachten
 
                                Sechstes Kapitel
Die große Handelstätigkeit in Antwerpen war für Franz ein ganz neues Schauspiel
Es kam ihm wunderbar vor wie sich hier die Menschen untereinander verliefen
wie sie ein bewegtes Meer darstellten und jeglicher nur seinen Vorteil vor
Augen hatte Hier fiel ihm kein Kunstgedanke ein ja wenn er die Menge der
großen Schiffe sah die Betriebsamkeit Geld zu gewinnen die Spannungen aller
Gemüter auf den Handel die Versammlungen auf der Börse so kam es ihm als etwas
Unmögliches vor dass irgendein Mensch aus diesem verwirrten Haufen sich der
stillen Kunst ergeben könne Er hörte nichts anders als welche Schiffe gekommen
und abgegangen waren so wie die Namen der vornehmsten Kaufleute die jedem
Knaben geläufig waren es entging ihm nicht wie selbst auf den Spaziergängen
die Handelsleute ihre kaufmännischen Gespräche und Spekulationen fortsetzten
und er ward von diesem neuen Anblicke des Lebens zu sehr betrübt als dass er ihn
hätte niederschlagen können
    Vansen lebte hier als Kaufmann vom zweiten oder dritten Range der nicht
sehr bedeutende Geschäfte machte und daher nicht zu den bekannteren gehörte
der sich aber durch Aufmerksamkeit und gute Haushaltung ein ansehnliches
Vermögen erworben hatte Sternbald suchte ihn nach einigen Tagen auf und das
Haus seines neuen Freundes war ihm wie ein Schutzort wie ein stilles Asyl gegen
das tobende Gewühl der Stadt Vansen wohnte in einer entlegenen Gegend ein
kleiner Garten war hinter seinem Hause er sprach nur selten von seinen
kaufmännischen Geschäften und hatte nicht die Eitelkeit andern die nichts
davon begriffen seine Spekulationen mitzuteilen er liebte es im Gegenteil
sich von der Kunst zu unterhalten und er suchte eine Ehre darin für einen
Kenner zu gelten Sternbalds kindliches Gemüt schloss sich nach kurzer Zeit
diesem Manne an er hielt ihn in seiner Unbefangenheit für mehr als er wirklich
war denn Vansens Liebe zur Malerei war nichts als ein blinder Trieb der sich
zufälligerweise auf diese Kunst geworfen hatte Er hatte angefangen Gemälde zu
kaufen und nachdem er sich einige Kenntnisse erworben hatte war es nur
Eitelkeit und Sucht zu sammeln und aufzuhäufen dass er es nicht müde ward sich
um Gemälde und ihre Meister zu bekümmern So treiben viele Menschen irgendeine
Wissenschaft oder Beschäftigung und der wahre Künstler irrt sehr wenn er unter
diesen die verwandten Geister und die Verehrer der Kunst sucht
    Vansen hatte nur eine einzige Tochter die er ungemein liebte Sie galt in
der Nachbarschaft für schön und wirklich war ihr üppiger Wuchs ihr heitres
strahlendes Gesicht in seiner kindlichen Rundung und ihre klare weiße und rote
Farbe neben den sprechenden Augen reizend zu nennen Der Kaufmann bat unsern
jungen Maler sich mit dem Bildnis seiner Tochter zu versuchen und Franz machte
sich hurtig an die Arbeit Seine Phantasie war nicht gespannt er forderte nicht
zu viel von sich und das Bild rückte schnell fort und gelang ihm ungemein Auch
gefiel ihm das Antlitz und der volle blendende Busen um so mehr je länger er
daran malte
    Er bemerkte dass das Mädchen fast immer traurig war er suchte sie zu
erheitern und ließ oft wenn er malte auf einem Instrumente lustige Lieder
spielen aber es hatte gewöhnlich die verkehrte Wirkung sie wurde noch
trübseliger oder weinte gar vor dem Vater suchte sie ihre Melancholie
geflissentlich zu verbergen Franz war zu gut um sich in das Vertrauen eines
Leidenden einzudrängen er kannte auch die Künste nicht oder verschmähte sie
sich zum Teilnehmer eines Geheimnisses zu machen daher war er in ihrer
Gegenwart nur in Verlegenheit
    In Vansens Hause versammelten sich oft viele Menschen und zwar von den
verschiedensten Charakteren von denen der Wirt manche Redensart lernte mit
welchen er nachher wieder gegen andere glänzte Franz hörte diesen Gesprächen
mit großer Aufmerksamkeit zu denn bis dahin hatte er noch nie so verschiedene
Meinungen gehört wie er hier oft schnell hintereinander vernahm Vorzüglich
zog ihn ein alter Mann an dem er besonders gern zuhörte weil jedes seiner
Worte das Gepräge eines eigenen festen Sinnes trug An einem Abend fing der
Wirt wie er oft tat an über die Kunst zu reden und den herrlichen Genuss zu
preisen den er vor guten Gemälden empfände Alle stimmten ihm bei nur der Alte
schwieg still und als man ihn endlich um seine Meinung fragte sagte er
    »Ich mag ungern so sprechen wie ich darüber denke weil niemand meiner
Meinung sein wird aber es tut mir immer innerlich wehe ja ich spüre ein
gewisses Mitleiden gegen die Menschen wenn ich sie mit einer so ernstaften
Verehrung von der sogenannten Kunst reden höre Was ist es denn alles weiter
als eine unnütze Spielerei wo nicht gar ein schädlicher Zeitverderb Wenn ich
bedenke was die Menschen in einer versammelten Gesellschaft sein könnten wie
sie durch die Vereinigung stark und unüberwindlich sein müssten wie jeder dem
Ganzen dienen sollte und nichts da sein nichts ausgeübt werden dürfte was
nicht den allgemeinen Nutzen beförderte und ich betrachte dann die menschliche
Gesellschaft wie sie wirklich ist so möchte ich fast sagen es scheint dass
die Vereinigung nicht entstanden ist um allgemein besser zu werden sondern um
sich gegenseitig zu verschlimmern Da ist keine Aufmunterung zur Tugend keine
Abhärtung zum Kriege keine Liebe des Vaterlands und der Religion ja es ist
keine Religion und kein Vaterland da sondern jeder glaubt sich selbst der
nächste zu sein und häuft ohne auf den gemeinen Nutzen zu sehen die Güter auf
erlaubte und unerlaubte Art zusammen und vertändelt übrigens seine Zeit mit der
ersten besten Torheit Die Kunst vorzüglich scheint ordentlich dazu erfunden
die bessern Kräfte im Menschen zu erlahmen und nach und nach abzutöten Ihre
gaukelnde Nachäffung diese armselige Nachahmung der Wirklichkeit worauf doch
alles hinausläuft zieht den Menschen von allen ernsten Betrachtungen ab und
verleitet ihn seine angeborene Würde zu vergessen Wenn unser innerer Geist uns
zur Tugend antreibt so lehren uns die mannigfaltigen Künstler sie verspotten
wenn die Erhabenheit mich in ihrer göttlichen Sprache anredet so unterlassen es
die Reimer oder Poeten nicht sie mit Nichtswürdigkeiten zu überschreien Und
dass ich namentlich von der gepriesenen Malerei rede  Ich habe den Maler der
mir Figuren oder Bäume und Tiere auf Flächen hinzeichnet nie höher
angeschlagen als den Menschen der mit seinem Munde Vögel und Tiergeschrei
nachzuahmen versteht Es ist eine Künstelei die keinem frommt und die dabei
doch die Wirklichkeit nicht erreicht Jeder Maler erlernt von seinem Meister
eine gewisse Fertigkeit einige Handgriffe die er immer wieder anbringt und
wir sind dann gutmütige Kinder genug uns vor sein Machwerk hinzustellen und
uns darüber zu verwundern Wie da von Genuss der Kunst die Rede sein kann oder
von Schönheit begreife ich nicht da diese Menschen die Begeisterung nicht
kennen da ihre Schöpfungen nicht aus schönen Stunden hervorgehn sondern sie
sich des Gewinstes wegen niedersetzen und Farben über Farben streichen bis sie
nach und nach ihre Figuren zusammengebettelt haben und nun den Lohn an Geld
dafür empfangen Wie sollen diese knechtischen Arbeiter auf edle Seelen wirken
können da sie es selber nicht einmal wollen Sie dienen höchstens der
Sinnlichkeit und trachten vielleicht elende Begierden zu erwecken oder uns
ein Lächeln über ihre verzerrten Gestalten abzuzwingen damit sie doch irgendwas
hervorbringen Ich meine also dass man auf jeden Fall seine Zeit besser anwenden
könne als wenn man sich mit der Kunst beschäftigt«
    Franz konnte sich im Unwillen nicht länger halten sondern rief aus »Ihr
habt nur von unwürdigen Menschen gesprochen die keine Künstler sind die die
Göttlichkeit ihres Berufs selber nicht kennen und weil Ihr Euer Auge nur auf
diese wendet so wagt Ihr es alle übrigen zu verkennen O Albert Dürer wie
könnte ich es dulden dass man so von deinem schönsten Lebenslaufe sprechen darf
Ihr habt entweder noch keine guten Bilder gesehen oder die Augen sind Euch für
ihre Göttlichkeit verschlossen geblieben dass Ihr Euch erkühnt sie so zu
lästern Es mag gut sein wenn in einem Staate alles zu einem Zwecke dient es
mag in gewissen Zeiträumen nötig sein für das Wohl der Bürger für die
Unabhängigkeit dass sie nur ihr Vaterland nur die Waffen die bürgerliche
Freiheit und nichts weiter lieben aber Ihr bedenkt nicht dass in solchen
Staaten jedes eigene Gemüt zugrunde geht um nur das allgemeine Bild des Ganzen
aufrecht zu erhalten Die Güter um derentwillen dem Menschen die Freiheit teuer
sein muss die Regung aller seiner Kräfte die Entwickelung aller Schätze seines
Geistes diese kostbarsten Kleinodien müssen wieder aufgeopfert werden um nur
jene Freiheit zu bewahren Über die Mittel geht der Zweck verloren nach welchem
jene Mittel streben sollten Ist es nicht die herrlichste Erscheinung den
Menschengeist kühn in tausend Richtungen in tausend mannigfaltigen Strömen wie
die Röhren eines künstlichen Springbrunnens der Sonne entgegenspielen zu sehen
Eben dass nicht alle Geister ein und dasselbe wollen ist erfreulich Darum lasst
der unschuldigen kindischen Kunst ihren Gang denn sie ist es doch in der sich
am reinsten am lieblichsten und auf die unbefangenste Weise die Hoheit der
Menschenseele offenbart sie ist nicht ernst wie die Weisheit sondern ein
frommes Kind dessen unschuldige Spiele jedes reine Herz rühren und erfreuen
müssen Sie drückt den Menschen am deutlichsten aus sie ist Spiel mit Ernst
gemischt und Ernst durch Lieblichkeit gemildert Wozu soll sie dem Staate der
versammelten Gesellschaft nützen Wann hat sich je das Große und Schöne so tief
erniedrigt um zu nützen Ein neues Feuer facht der große Mann die edle Tat in
einem einzelnen Busen an der Haufe staunt dumm und begreift nicht und fühlt
nicht er betrachtet ebenso ein noch nie gesehenes Tier er belächelt die
Erhabenheit und hält sie für Fabel Wen verehrt die Welt und welchem Geiste
wird gehuldigt Nur das Niedrige versteht der Pöbel nur das Verächtliche wird
von ihm geachtet Zufälle und Nichtswürdigkeiten sind die Wohltäter des
Menschengeschlechts gewesen wenn du den häuslichen Nutzen dieser armen Welt so
hoch anschlägst Und was drückst du mit dem Worte Nutzen aus Muss denn alles auf
Essen Trinken und Kleidung hinauslaufen oder dass ich besser ein Schiff
regiere bequemere Maschinen erfinde wieder nur um besser zu essen Ich sage es
noch einmal das wahrhaft Hohe kann und darf nicht nützen dieses Nützlichsein
ist seiner göttlichen Natur ganz fremd und es fordern heißt die Erhabenheit
entadeln und zu den gemeinen Bedürfnissen der Menschheit herabwürdigen Denn
freilich bedarf der Mensch vieles aber er muss seinen Geist nicht zum Knecht
seines Knechtes des Körpers erniedrigen er muss wie ein guter Hausherr sorgen
aber diese Sorge für den Unterhalt muss nicht sein Lebenslauf sein So halte ich
die Kunst für ein Unterpfand unsrer Unsterblichkeit für ein geheimes Zeichen
an dem die ewigen Geister sich wunderbarlich erkennen Der Engel in uns strebt
sich zu offenbaren und trifft nur Menschenkräfte an er kann von seinem Dasein
nicht überzeugen und wirkt und regiert nun auf die lieblichste Weise um uns
wie in einem schönen Traum den süßen Glauben beizubringen So entsteht in der
Ordnung in wirkender Harmonie die Kunst Was der Weise durch Weisheit erhärtet
was der Held durch Aufopferung bewährt ja ich bin kühn genug es auszusprechen
was der Märtyrer durch seinen Tod besiegelt das kann der große Maler durch
seine Farben auswirken und bekräftigen Es ist der himmlische Strahl der diesen
Geistern nicht die müßige Ruhe erlaubt sondern sie zu einer glänzenden
Tätigkeit weckt Und daher sind es wohl die schönsten die erhabensten Stunden
die ein Meister vor seinem Werke zubringt er legt bildlich die Liebe hinein
mit der er die ganze Welt an sein Herz drücken möchte die Urschönheit die
Hoheit vor der er niederkniet Alles dies trifft der verwandte Geist in den
lieblichen Zügen wieder die dem Barbaren unverständlich sind er wird von
diesen Winken entzückt er fühlt seinen Geist in seiner Brust emporsteigen er
gedenkt alles Schönen alles Großen das ihn schon einst bewegte und es ist nun
nicht mehr das irdische Bild das ihn rührt liebliche Schatten vom Himmel herab
fallen in sein Gemüt und erregen eine bunte Welt von Wohllaut und süßer
Harmonie in ihm O wenn uns die holde Natur lieb ist wenn wir gern die Pracht
des Morgens die Schimmer des Abends sehen wenn die Schönheit in
Menschengestalten uns anspricht wie könnten wir uns dann gegen die
süssvertrauliche Kunst so unfreundlich bezeigen Gegen die Kunst die sich
bestrebt uns alles das noch werter und teurer zu machen uns mit uns selbst zu
befreunden die äussre Welt die oft so hart um uns steht mit unserm weichen
Herzen zu versöhnen Nein es ist unmöglich dass sich der Sinn irgendeines
Menschen freiwillig abwende es sind nur Missverständnisse die ihn vom
himmlischen Genuße zurückhalten dürfen Zweifelt nicht dass der Künstler in
seinem schönen Wahne die ganze Welt und jede Empfindung seines Herzens in seine
Kunst verflicht er führt sein Leben nur für die Kunst und wenn die Kunst ihm
abstürbe würde er nicht wissen was er mit seinem übrigen Leben beginnen
sollte Ihr erwähnt es als etwas Schändliches dass der arme Künstler sich
genötigt sieht um Lohn zu arbeiten dass er das Werk seines Geistes fortgeben
muss um seinem Körper dadurch fortzuhelfen er ist aber deshalb eher zu
beklagen als zu verachten Ihr kennt die Empfindung nicht wenn ein Mann sein
liebstes Werk mit dem er so innig vertraut geworden ist aus dem ihn sein
Fleiß und so viele mühevolle Stunden anlächeln wenn er es nun aufopfern muss
es verstoßen und von sich entfremden dass er es vielleicht niemals wiedersieht
bloß des schnöden Gewinstes wegen und weil eine Familie ihn umgibt die Nahrung
fordert Es ist zu bejammern dass in unserm irdischen Leben der Geist so von der
Materie abhängig ist O wahrlich kein größeres Glück könnte ich mir wünschen
als wenn mir der Himmel vergönnte dass ich arbeiten dürfte ohne an den Lohn zu
denken dass ich so viel Vermögen besäße um ganz ohne weitere Rücksicht meiner
Kunst zu leben denn schon oft hat es mir Tränen ausgepresst dass sich der
Künstler muss bezahlen lassen dass er mit den Ergiessungen seines Herzens Handel
treibt und oft von kalten Seelen in seiner Not die Begegnung eines Sklaven
erfahren muss«
    Franz hielt eine kleine Weile ein weil er sich wirklich die Tränen
abtrocknete dann fuhr er fort »Auch kann es der Kunst zu keinem Vorwurfe
gereichen dass ihr unwürdige Menschen zu nahe treten und sich ihr als Priester
aufdrängen Dass es in ihr Abwege und Irrtümer geben kann beweist eben ihre
Erhabenheit Der Handwerker kann nur auf eine Art vortrefflich sein in den
mechanischen Künsten ist eine Erfindung die beste nicht also mit der göttlichen
Malerei Je tiefer einige sinken um so höher steigen andre wenn es jenen
möglich ist den Weg zu verfehlen so ist es diesen dafür vergönnt das
Göttliche zu erreichen und uns wie durch himmlische Offenbarung mitzuteilen«
    »Ihr habt Eure Sache recht wacker verteidigt« sagte der Alte »ob ich
gleich noch manches dagegen einwenden könnte«
    Hier wurde das Gespräch durch die Nachricht unterbrochen dass Vansens
Tochter plötzlich krank geworden sei Der Vater war in der größten Unruhe er
schickte sogleich nach einem Arzte und besuchte seine geliebte Sara Der Arzt
kam und versicherte dass keine Gefahr zu besorgen sei es war spät und die
Gesellschaft ging auseinander
    Franz ging nicht nach seiner Wohnung sondern begleitete die übrigen Alle
hatten sich entfernt und er war mit dem alten Manne allein »Ihr vergebt mir
wohl« fing er an »meine Hitze da ich Euch heute als ein junger Mensch so
auffahrend widersprochen habe es kam ohne dass ich sagen könnte wie es
geschah«
    »Wenn Ihr es so nehmt« sagte der Alte »so müsste ich Euch auch um Vergebung
bitten ich habe Euch nichts zu vergeben Ihr seid ein wackerer Mensch und das
freut mich«
    »Ihr glaubt recht zu haben« sagte Franz
    »Lasst das« fiel ihm der Alte ein »haben nicht alle Zungen recht und alle
unrecht Jeder trachte danach dass er es wahr und redlich mit sich meine das
ist die Hauptsache«
    Franz sagte »Wenn Ihr mir also nicht böse seid so reicht mir zum Zeichen
Eure Hand denn mich gereut meine Heftigkeit«
    Der Alte drückte ihm die Hand herzlich dann umarmte er ihn und sagte »Sei
immer glücklich mein Sohn und bewahre diese Herzensliebe zu allem Guten«
Franz ging zufrieden nach seiner Herberge
 
                               Siebentes Kapitel
Rudolph war indessen nach Antwerpen gekommen und da der Winter fast verflossen
war hatten sie ihre baldige Abreise beschlossen Franz war damit beschäftigt
noch einige Bilder zu endigen die er übernommen hatte und unter diesen auch
das von Vansens Tochter die zwar wiederhergestellt aber doch nicht zufriedener
und heiterer war als er sie seit lange gesehen hatte
    Als man sich das nächstemal wieder bei Vansen versammelte rief dieser den
jungen Maler als er in das Haus trat beiseit und sagte zu ihm »Entfernt Euch
heute nicht mit den übrigen denn ich habe etwas Wichtiges mit Euch zu
sprechen« Als sie in den Saal traten war die Rede wieder von der Kunst und
der neulich so strenge Alte schien sich heute gern belehren zu lassen Ein
angesehener Mann der auch ein Sammler war sagte »Nicht ohne Rührung habe ich
an den neulichen Streit gedacht und mir ist ein alter Brief oder vielmehr die
Erzählung eines auswärtigen Freundes in die Hände gefallen den ich euch heute
mitteilen will weil er sich besonders über den Gedanken verbreitet der neulich
auch erörtert wurde wie schmerzlich es nämlich dem Künstler oft fallen müsse
sich von den geliebten Werken seines Fleißes auf immer zu trennen Mein Freund
ist ebenfalls ein Entusiast für die Kunst er sammelt viel und sandte mir
diese Erzählung weil wir uns oft unsre Gedanken über dergleichen Gegenstände
mitteilen schon vor mehreren Jahren und ich kann freilich nicht wissen
inwiefern sie Wahrheit enthält oder ob sie zum Teil eine Erfindung ist um eine
Vorstellung klarer ins Licht zu stellen«
    Der Alte so wie die übrigen baten sie mitzuteilen Sternbald besonders
war begierig und jener zog einige Blätter hervor und las folgendes
    »Ich war auf dem gewohnten Gange nach dem Walde begriffen und freute mich
schon im voraus dass nun das Gemälde von der Heiligen Familie vollendet sein
würde Es war mir verdrießlich dass der Maler so lange zögerte dass er immer
noch nicht meinen dringenden Bitten nachgab zu endigen Alle Gestalten die mir
begegneten einzelne Gespräche die ich unterwegs hörte nichts ging mich an
denn nichts davon hatte Bezug auf mein Gemälde die ganze aussenliegende Welt war
mir jetzt nur ein Anhang höchstens eine Erklärung zur Kunst meiner liebsten
Beschäftigung Einige alte arme Leute gingen vorbei aber es war keiner
darunter der zu einem Joseph getaugt hätte kein Mädchen hatte Spuren vom
Antlitz der göttlichen Jungfrau zwei Alte sahen mich an als ob sie sich nicht
unterständen ein Almosen zu begehren aber erst lange nachher fiel es mir ein
dass ich sie mit einer Kleinigkeit hätte fröhlich machen können
    Es war ein heiterer Tag die Sonne schien in die Dunkelheit sparsam hinein
nur an einzelnen Stellen sah ich die lichte Bläue des Himmels Ich dachte O wie
beglückt ist dieser Maler der hier in der Einsamkeit zwischen schönen Felsen
zwischen hohen Bäumen seinen Genius erwarten darf dem keine andre der
kleinlichen menschlichen Beschäftigungen nahetritt der nur seiner Kunst lebt
nur für sie Aug und Seele hat Er ist der glücklichste unter den Menschen denn
die Entzückungen die uns nur auf Augenblicke besuchen sind in seinem kleinen
Hause einheimisch die hohen Götter sitzen neben ihm geheimnisreiche Ahndung
zärtliche Erinnerung spielen unsichtbar um ihn Zauberkräfte lenken seine Hand
und unter ihr entsteht die wundervolle Schöpfung die er schon vorher kennt
befreundet tritt sie aus dem Schatten der sie dem Auge zurückhält
    Unter diesen Gedanken hatte ich mich der Wohnung genähert die abseits im
Holze lag Auf einem freien weiten Platze stand das Haus hohe Felsen erhoben
sich hinter seinem Rücken von denen Tannen rauschten und krauses Gebüsch sich
im Winde oben rührte
    Ich klopfte an die Hütte Die beiden Kinder des Malers waren zu Hause er
selbst war nach der Stadt gegangen um einzukaufen Ich setzte mich nieder das
Gemälde stand auf der Staffelei aber es war ganz vollendet Es übertraf meine
Erwartung meine Augen wurden auf den schönen Gestalten festgehalten die Kinder
spielten um mich her aber ich gab nicht sonderlich acht darauf sie erzählten
mir dann von ihrer kürzlich gestorbenen Mutter sie wiesen auf die Jungfrau ihr
sei sie ähnlich gewesen sie glaubten sie noch vor sich zu sehen Wie herrlich
ist diese Wendung des Kopfs rief ich aus wie überdacht wie neu Wie wohl ist
alles angeordnet Nichts Überflüssiges und doch welche herrliche Fülle
    Das Gemälde ward mir immer lieber ich sah es in Gedanken schon in meinem
Zimmer hängen meine entzückten Freunde davor versammelt Alle übrigen Bilder
die in der Malerstube umherstanden waren in meinen Augen gegen dieses
unscheinbar keine Gestalt war so innig beseelt so durch und durch mit Leben
und Geist angefüllt wie auf der Tafel die ich schon als die meinige
betrachtete Die Kinder beschauten indessen den fremden Mann sie verwunderten
sich über jede meiner Bewegungen Ihnen waren die Gemälde die Farben
alltäglich sie wussten sich davon nichts Sonderliches aber mein Kleid mein
Hut diese Gegenstände waren ihnen dafür desto merkwürdiger
    Nun kam der Alte mit einem Korbe voll Esswaren aus der Stadt er war böse
dass er die alte Frau aus dem benachbarten Dorfe noch nicht antraf die für ihn
und seine Kinder kochen musste Er teilte den Kindern einige Früchte aus er
schnitt ihnen etwas Brot und sie sprangen damit vor die Tür hinaus lärmten und
verloren sich bald in das Gebüsch
    Ich freue mich fing ich an dass Ihr das Bild fertig gemacht habt Es ist
über die Massen wohl geraten ich will es noch heute abholen lassen
    Der alte Mann betrachtete es aufmerksam er sagte mit einem Seufzer Ja es
ist nun fertig ich weiß nicht wann ich wieder ein solches werde malen können
lasst es aber bis morgen stehen wenn Ihr mir gefällig sein wollt dass ich es bis
dahin noch betrachten kann
    Ich war zu eifrig ich wollte es durchaus noch abholen lassen der Maler
musste sich endlich darin finden Ich fing nun an das Geld aufzuzählen als der
Maler plötzlich sagte Ich habe es mir seitdem überlegt ich kann es Euch
unmöglich für denselben geringen Preis lassen für den Ihr das letzte bekommen
habt
    Ich verwunderte mich darüber ich fragte ihn warum er bei mir grade
anfangen wolle seine Sachen teurer zu halten aber er ließ sich dadurch nicht
irremachen Ich sagte dass ihm das Gemälde wahrscheinlich stehnbleiben würde
wenn er seinem Eigensinne folgte da ich es bestellt habe und es kein andrer
nachher kaufen würde wie es ihm schon mit so manchen gegangen Er antwortete
aber ganz kurz die Summe sei klein ich möchte sie verdoppeln es sei nicht zu
viel übrigens möchte ich ihn nicht weiter quälen
    Es verdross mich dass der Maler gar keine Rücksichten auf meine Einwendungen
nahm ich verließ ihn stillschweigend und er blieb nachdenkend auf seinem
Sessel vor dem Bilde sitzen Ich begriff es nicht wie ein Mensch der von der
Armut gedrückt sei so hartnäckig sein könne wie er in seinem Starrsinne so
weit gehe dass er von seiner Arbeit keinen Nutzen ziehen wolle
    Ich strich im Felde umher um meinen Verdruss über diesen Vorfall zu
zerstreuen Als ich so herumging stieß ich auf eine Herde Schafe die friedlich
im stillen Tale weidete Ein alter Schäfer saß auf einem kleinen Hügel in sich
vertieft und ich bemerkte dass er sorgsam an einem Stocke schnitzelte Als ich
näher trat und ihn grüßte sah er auf wobei er mir sehr freundlich dankte Ich
fragte ihn nach seiner Arbeit und er antwortete lächelnd Seht mein Herr
jetzt bin ich mit einem kleinen Kunststücke fertig woran ich beinahe ein halbes
Jahr ununterbrochen geschnitzt habe Es fügt sich wohl dass reiche und vornehme
Herren sich meine unbedeutenden Sachen gefallen lassen und sie mir abkaufen um
mir mein Leben zu erleichtern und deshalb bin ich auf solche Erfindungen
geraten
    Ich besah den Stock als Knopf war ein Delphin ausgearbeitet mit recht
guter Proportion auf dem ein Mann saß welcher eine Zither spielte Ich merkte
dass er den Arian vorstellen solle Am künstlichsten war es dass der Fisch unten
wo er sich an den Stock schloss ganz fein abgesondert war es war zu bewundern
wie ein Finger die Geduld und Geschicklichkeit zugleich haben konnte die
Figuren und alle Biegungen so genau auszuhöhlen und doch so frei dabei zu
arbeiten es rührte mich dass das mühselige Kunststück nur einen Knopf auf einem
gewöhnlichen Stocke bedeuten solle
    Der alte Mann fuhr fort zu erzählen dass er unvermutet ein Lied von diesem
Delphin und Arian angetroffen das ihm seither so im Sinne gelegen dass er die
Geschichte fast wider seinen Willen habe schnitzen müssen Es ist recht
wunderbar und schön sagte er wie der Mann auf den unruhigen Wogen sitzt und
ihn der Fisch durch seinen Gesang so liebgewinnt dass er ihn sicher an das Ufer
trägt Lange habe ich mir den Kopf darüber zerbrochen auf welche Weise ich wohl
das Meer machen könnte so dass man auch die Not und das Elend des Mannes gewahr
würde aber dergleichen war pur unmöglich wenn ich auch die See mit Strichen
und Schnitzen hätte daran machen wollen so wäre es doch nachher nicht so
künstlich gewesen wie jetzt der Stock durch den feinen Schwanz des Fisches mit
dem oberen Bilde verbunden ist
    Er rief einen jungen Burschen seinen Enkel der mit dem Hunde spielte und
befahl ihm das Lied abzusingen worauf jener in einer einfachen Weise diese
Worte sang
Arian schifft auf Meereswogen
Nach seiner teuren Heimat zu
Er wird von Winden fortgezogen
Die See in stiller sanfter Ruh
Die Schiffer stehen von fern und flüstern
Der Dichter sieht ins Morgenrot
Nach seinen goldnen Schätzen lüstern
Beschliessen sie des Sängers Tod
Arian merkt die stille Tücke
Er bietet ihnen all sein Gold
Er klagt und seufzt dass seinem Glücke
Das Schicksal nicht wie vordem hold
Sie aber haben es beschlossen
Nur Tod gibt ihnen Sicherheit
Hinab ins Meer wird er gestoßen
Schon sind sie mit dem Schiffe weit
Er hat die Leier nur gerettet
Sie schwebt in seiner schönen Hand
In Meeresfluten hingebettet
Ist Freude von ihm abgewandt
Doch greift er in die goldnen Saiten
Dass laut die Wölbung widerklingt
Statt mit den Wogen wild zu streiten
Er sanft die zarten Töne singt
Klinge Saitenspiel
In der Flut
Wächst mein Mut
Sterb ich gleich verfehl ich nicht mein Ziel
Unverdrossen
Komm ich Tod
Dein Gebot
Schreckt mich nicht mein Leben ward genossen
Welle hebt
Mich im Schimmer
Bald den Schwimmer
Sie in tiefer nasser Flut begräbt
So klang das Lied durch alle Tiefen
Die Wogen wurden sanft bewegt
In Abgrunds Schlüften wo sie schliefen
Die Seegetiere aufgeregt
Aus allen Tiefen blaue Wunder
Die hüpfend um den Sänger ziehen
Die Meeresfläche weit hinunter
Beschwimmen die Tritonen grün
Die Wellen tanzen Fische springen
Seit Venus aus den Fluten kam
Man dieses Jauchzen Wonneklingen
In Meeresvesten nicht vernahm
Arian sieht mit trunknen Blicken
Lautsingend in das Seegewühl
Er fährt auf eines Delphins Rücken
Schlägt lächelnd in sein Saitenspiel
Des Fisches Sinn zum Dienst gezwungen
Naht schon mir ihm der Felsenbank
Er landet hat den Fels errungen
Und singt dem Fährmann seinen Dank
Am Ufer kniet er dankt den Göttern
Dass er entrann dem nassen Tod
Der Sänger triumphiert in Wettern
Ihn rührt Gefahr nicht an und Tod
Der Knabe sang das Lied mit einem sehr einfachen Ausdrucke indem er stets die
kunstreiche Arbeit seines Großvaters betrachtete Ich fragte den Hirten wieviel
er für sein Kunstwerk verlange und der geringe Preis den er forderte setzte
mich in Erstaunen Ich gab ihm mehr als er wollte und er war außer sich vor
Freuden aber noch einmal nahm er mir den Stock aus der Hand und betrachtete
ihn genau Er weinte fast indem er sagte Ich habe so lange an dieser Figur
geschnitzt und muss sie nun in fremde Hände geben es ist vielleicht meine
letzte Arbeit denn ich bin alt und die Finger fangen mir an zu zittern ich
kann nichts so Künstliches wieder zustande bringen Seit ich mich darauf geübt
habe sind viele Sachen von mir geschnitten aber noch nichts habe ich bisher
mit diesem Eifer getrieben es ist mein bestes Werk
    Es rührte mich ich nahm Abschied und begab mich auf den Weg zur Stadt Je
näher ich dem Tore kam je mehr fiel es mir auf je wunderlicher kam ich mir
vor dass ich mit einem so langen Stabe näher schritt Ich dachte daran wie es
allen Einwohnern der Stadt allen meinen Bekannten auffallen müsse wenn ich mit
dem langen Holze durch die Gassen zöge an dem oben ein großes Bild sich zeigte
Dem ist leicht vorzubeugen dachte ich bei mir selber und schon hatte ich meine
Faust angelegt den bunten Knopf herunterzubrechen um ihn in die Tasche zu
stecken und den übrigen Teil des Stocks dann im Felde fortzuwerfen
    Ich hielt wieder ein Wie viele mühevolle Stunden sagte ich hast du
Alter darauf verwandt um den künstlichen Fisch mit dem Stocke
zusammenzuhängen dir wäre es leichter gewesen ihn für sich zu schneiden und
wie grausam müsste es dir dünken dass ich jetzt aus falscher Scham die schwerste
Aufgabe deines mühseligen Werks durchaus vernichten will
    Ich warf mir meine Barbarei vor und war mit diesen Gedanken schon in das
Tor gekommen ohne es zu bemerken Es ängstete mich gar nicht dass die Leute
mich aufmerksam betrachteten wohlbehalten und unverletzt setzte ich in meinem
Zimmer den Stock unter andern Kunstsachen nieder Die Arbeit nahm sich zwar nun
nicht mehr so gut aus als im freien Felde aber innigst rührte mich immer noch
der unermüdliche Fleiß diese Liebe die sich dem lieblosen Holze der
undankbaren Materie so viele Tage hindurch angeschlossen hatte
    Indem ich das Werk noch betrachtete fiel mir der Maler wieder in die
Gedanken Es gereute mich nun recht herzlich dass ich so unfreundlich von ihm
gegangen war Ihm war die Bildung seiner Hand und seiner Phantasie auch so
befreundet die er nur für eine Nichtswürdigkeit einem Fremden auf immer
überlassen sollte Ich schämte mich zu ihm zu gehen und meine Reue zu bekennen
aber da standen die Gestalten der armen Kinder vor meinen Augen ich sah die
dürftige Wohnung den bekümmerten Künstler der von der ganzen Welt verlassen
die Bäume und benachbarten Felsen als seine Freunde anredete Wie einsam ist der
Künstler seufzte ich laut den man nur wie eine schätzbare Maschine behandelt
die die Kunstwerke hervorgibt die wir lieben den Urheber selbst aber
vernachlässigen es ist ein gemeiner verdammlicher Eigennutz
    Ich schalt meine Scham die mich an dem Tage fast zweimal grausam gemacht
hatte noch vor Sonnenuntergang ging ich nach dem Walde hinaus Als ich vor dem
Hause stand hörte ich den Alten drinnen musizieren es war eine wehmütige
Melodie die er spielte er sang dazu
Von aller Welt verlassen
Bist du Maria nah
Wenn Mensch und Welt mich hassen
Stehst du mir freundlich da
So bin ich nicht verlassen
Wenn ich dein Auge sah
Mein Herz klopfte ich riss die Tür auf und fand ihn vor seinem Gemälde sitzen
Ich fiel ihm weinend um den Hals und er wusste erst nicht was er aus mir machen
sollte Mein steinernes Herz rief ich aus hat sich erweicht verzeiht mir das
Unrecht das ich Euch heut morgen tat
    Ich gab ihm für sein Bild weit mehr als er gefordert als er erwartet
hatte er dankte mir mit wenigen Worten Ihr seid fuhr ich fort mein
Wohltäter nicht ich der Eurige ich gebe was Ihr von jedem erhalten könnt Ihr
schenkt mir die kostbarsten innersten Schätze Eures Herzens
    Der Maler sagte Wenn Ihr das Bild abholen lasst so erlaubt mir nur dass ich
manchmal wenn es Euch nicht stört oder Ihr nicht zu Hause seid in Eure
Wohnung kommen darf um es zu betrachten Eine unbezwingbare Wehmut nagt an
meinem Herzen alle meine Kräfte erliegen und das Bild ist vielleicht das
letzte das meine Hände erschaffen haben Dazu so trägt die Muttergottes die
Bildung meiner gestorbenen Gattin des einzigen Wesens das mich auf Erden
jemals wahrhaftig geliebt hat ich habe lange daran gearbeitet meine beste
Kunst mein herzlichster Fleiß ist in diesem Gemälde aufbewahrt
    Ich umarmte ihn wieder wie herzensarm wie verlassen wie gekränkt und
einsam schien mir nun derselbe Mann den ich am Morgen noch glaubte beneiden zu
können  Er wurde von diesem Tage mein Freund wir ergötzten uns oft indem wir
vor seinem Bilde Hand in Hand saßen
    Aber er hatte recht Nach einem halben Jahre war er gestorben er hatte
mancherlei angefangen aber nichts vollendet Seine übrigen Arbeiten wurden in
einer Versteigerung ausgeboten ich habe vieles an mich gehandelt
    Mitleidige Menschen nahmen die Kinder zu sich auch ich unterstütze sie Ein
Tägelöhner wohnt mit seiner Familie nun in der Hütte wo sonst die Kunst
einheimisch war wo sonst freundliche Gesichter von der Leinwand blickten Oft
gehe ich vorüber und höre einzelne Reden der Einwohner oft seh ich auch den
alten Hirten noch  Niemals kann ich an diesen Vorfall ohne heftige Rührung
denken« 
    Sternbald weinte und Vansen sagte »Ja wohl ist dergleichen zu bejammern
und ich habe immer gern Künstlern geholfen und von ihnen arbeiten lassen was
der Frühling der Welt ist die Kunst dem übrigen Menschenleben«
    »Neben jenem Punkte« sagte der Alte »den die Erzählung mag sie nun offen
da sein oder nicht erörtern soll lehrt sie auch wie selbstsüchtig diese
scheinbar zartesten Gefühle den Menschen machen können und so könnte ich wenn
ich streiten wollte sie als eine Bestätigung meiner natürlichen Behauptungen
ansehen da sie doch gegen diese hauptsächlich zu kämpfen scheint So ist das
meiste im Leben doppelt und vielfach und es ist gut sich zu gewöhnen die
Dinge von verschiedenen oft entgegengesetzten Seiten anzusehen«
    Als sich nach dem heitern Abendessen die übrigen Gäste entfernten blieb
Sternbald zurück und folgte dem Vansen auf dessen Wink in ein abgelegenes
Zimmer »Lange schon« fing der Alte an »habe ich über eine Sache mit Euch
sprechen wollen aber noch immer nicht die gelegene Zeit dazu treffen können«
    Sie setzten sich und Vansen fuhr in einem vertraulichen Tone fort »Je mehr
ich Euch kennenlerne lieber Sternbald je mehr muss ich Euch hochschätzen denn
die jugendliche Schwärmerei die Euch zuzeiten mit sich fortreisst wird sich
gewiss mit den Jahren verlieren Seht das ist das einzige was ich allenfalls
gegen Euch hätte aber sonst lieb ich Euch so sehr wie ich bis jetzt noch
keinen Menschen wertgehalten habe Dazu bekennt Ihr Euch zu einer Kunst die ich
von Jugend auf vorzüglich verehrt habe Ich will Euch näherkommen Ich weiß
nicht ob Ihr das sonderbare Betragen meiner Tochter bemerkt habt seit Ihr in
unserm Hause bekannt geworden seid meine Sara war sonst nie so melancholisch
sondern die Lustigkeit selbst seit sie Euch gesehen hat ist ihr ganzer Sinn
umgewandt Sagt mir aufrichtig wie gefällt sie Euch«
    Franz versicherte dass er sie sehr liebenswürdig finde und der Vater fuhr
fort »Seit vielen Jahren habe ich es mir fest vorgenommen und es ist ein
Vorsatz von dem ich gewiss nicht weiche dass niemand als ein geschickter Maler
mein Eidam werden soll Es kommt nun bloß auf Euch an ob ich in Euch meinen
Mann gefunden habe Ich weiß alles was Ihr mir antworten könnt aber lasst mich
ausreden Ich will Euch damit keinesweges von Eurer Reise zurückhalten sondern
ich muntere Euch vielmehr selber auf Italien zu besuchen und dort zu studieren
Meine Tochter liebt Euch Ihr versprecht Euch mit ihr und mein Vermögen macht
Euch die Reise bequemer und nützlicher Ihr kommt dann zurück und was ich
besitze sichert Euch vor dem Mangel Ihr könnt dann Eurer Kunst wie Ihr Euch
immer gewünscht habt mit allen Kräften obliegen Ihr braucht nicht des
Gewinstes wegen zu arbeiten was Ihr uns neulich mit so vieler Rührung als das
größte Unglück des Künstlers vorstelltet und wodurch ich selber bewegt wurde
Ihr werdet bekannt und berühmt meine Tochter ist mit Euch glücklich und alle
meine Wünsche sind erfüllt«
    Franz war heftig bewegt er dankte in den wärmsten Ausdrücken dem Kaufmann
für sein Wohlwollen er bat ihn noch jetzt keine entscheidende Antwort zu
verlangen und sein Zögern nicht übel zu deuten Er verließ ihn und schweifte
mit tausend Vorstellungen durch die Straßen umher So nahe auf ihn zu war das
wirkliche Leben noch nie getreten um sein inneres poetisches zu verdrängen und
doch war es ein weit höheres als seine Pflegemutter oder Zeuner ihm anbieten
konnten er fühlte sich angezogen und zurückgestoßen das schöne Bild seiner
Phantasie stand bald ganz hell vor ihm bald rückte es tief in den Hintergrund
hinab Hier bot sich ihm ganz unverhofft eine sichere Zukunft an eine
Lebensweise wie sie immer sein Wunsch gewesen war und man forderte nichts
weiter von ihm als einen Schatten ein Traumbild aufzuopfern das nicht sein
war Doch fürchtete er sich wieder so seinen Lebenslauf zu bestimmen und sich
selber Grenzen zu setzen die Sehnsucht rief ihn wieder in die Ferne hinein
seltsame Töne lockten ihn und versprachen ihm ein goldenes Glück das weit ab
seiner warte »Mein Leben fängt an ein Leben zu werden« rief er aus »sich so
zu gestalten wie ich es seit früher Kindheit nur mit Sehnsucht wünschen konnte
Liebe und Wohlwollen kommen mir entgegen und tragen das Füllhorn das mich gegen
Unglück und Demütigungen beschützen soll in reichen Händen Und was ist es
denn was sich in mir dagegen auflehnt Ein Nachtgebild ein Traumgespenst das
mit phantastischen fremden Wundern gekränzt ist Kann mich das Schicksal auf
gelindere Weise aus meinem Traume voll Unmöglichkeiten wecken Wäre ich nicht
wahnsinnig das gewisseste edelste Gut gegen jenen Schatten eines Schattens auf
das Spiel zu setzen«
    Er dachte wie sehnlich Sara seiner Antwort warten möchte und mit welchen
Leiden sie sich ihm so lange verborgen habe es schien ihm dass er es diesem
lieben Wesen schuldig sei ihr alle diese um ihn erduldeten Schmerzen zu
vergüten und in dieser Stimmung besuchte er am andern Morgen seinen Freund
Rudolph So vertraut er mit diesem war so konnte er ihm doch nie seine
Geschichte so wie seine wunderbare Liebe entdecken es war nur Sebastian dem
er dergleichen vertrauen durfte Aber er erzählte ihm jetzt Vansens Vorschlag
und bat um seinen Rat »Wie soll ich dir hierin raten« rief Rudolph lachend
aus »das Ratgeben ist überall eine unnütze Sache aber vollends bei der Ehe
jeder Mensch muss sein eigenes Glück machen und dann kommt auch deine Frage viel
zu früh denn du weißt ja nicht einmal ob dich das Mädchen auch wirklich haben
will«
    Franz stutzte Das Wort Ehe erweckte überdem mancherlei Vorstellungen bei
ihm Er sah alle die Szenen einer ruhigen Häuslichkeit vor sich Kinder die ihn
umgaben er hörte die Gespräche seines Schwiegervaters und der Freunde er
fühlte seine frische Jugend verschwunden und sich eingelernt in die ernsteren
Verhältnisse des Lebens seine wunderbaren Gefühle und Wünsche das zauberische
Bild seiner Geliebten alles hatte Abschied genommen und sein Herz hing an
nichts mehr glühend Es war wie ein klarer geschäftiger Tag der nach der Pracht
des Morgenrots erwacht wie eine Rede nach einem ausgeklungenen Liede Seine
Brust war beängstigt er wusste sich nicht zu fassen und verließ unmutig den
lachenden Florestan »Wie ist es mit dem Leben« dachte er bei sich selber
»irgendeinmal ist dieser Taumel der Jugend doch verflogen endlich einmal nimmt
mich doch jenes Leben in Empfang dem ich jetzt so scheu aus dem Wege trete Wie
wird mir sein wenn meine schönen Träume hinter mir liegen«
    Er nahm sich vor sich durch ein offenes Gespräch mit der Tochter selbst
bestimmen zu lassen Mit schwerem Herzen lenkte er in die Gasse ein und
zitterte als er das Haus erblickte und betrat doch schritt er mutiger die
Treppe hinan als wenn ihm eine frohe Ahndung entgegenkäme
 
                                 Achtes Kapitel
Als Franz in das Zimmer trat fand er die Tochter allein die die Zither
spielte sie dünkte ihm liebenswürdiger als je Sie lehnte sich wie in
Sehnsucht aufgelöst auf dem Ruhebette zurück und sang eben die letzten Verse
eines schmachtenden Liebesgedichtes Er nahte verlegen sie bemerkte ihn
endlich aber auch zugleich seine Ängstlichkeit sie stand auf fasste ihn
zärtlich bei der Hand und fragte ob er krank sei »O meine teure schöne mir
so freundlich liebe Sara« fing Franz an »in meinem Herzen ist ein Sturm eine
Verwirrung die Ihr vielleicht lösen und beruhigen könnt wenn ich Euch recht
aufrichtig meine sonderbaren Leiden vertraue und zugleich alles was mir
begegnet ist« »Setzt Euch mein lieber Freund« sagte Sara als die Magd
hereintrat auf welche Sara sogleich errötend zulief sie bei der Hand nahm und
sich mit ihr in den Bogen eines Fensters stellte um ein eifriges heimliches
Gespräch mit ihr zu führen Sara schien zu erschrecken und die Magd entfernte
sich wieder »Gott im Himmel« rief das Mädchen unter Tränen aus indem sie sich
auf das Ruhebett warf »also ist es nun gewiss Ich kann mich nicht mehr
täuschen Alles wird Wahrheit schreckliche Wahrheit was immer nur noch als
düstere Ahndung mich umschwebte« Tränen und Schluchzen erstickten ihre Sprache
und Franz trat freundlich zu ihr ihr einige tröstende Worte zu sagen und sich
nach der Ursach ihrer Wehklage zu erkundigen Sie ließ ihn neben sich
niedersitzen und richtete einen zärtlichen Blick auf ihn »Nein mein liebster
Freund« rief sie »ich habe mich nicht mehr in meiner Gewalt ich muss Euch mein
Leiden klagen Euch vertraue ich allein und Ihr werdet mein Vertrauen nicht
missbrauchen Seit acht Wochen leide ich unaussprechlich Ihr seid gut Ihr habt
Mitleid mit mir getragen ich habe es wohl bemerkt Was soll ich Euch sagen Ich
liebe ich bin unglücklich ohne Hoffnung Ein junger Mann in unserer
Nachbarschaft ohne Vermögen ohne Stand aber das liebevollste Herz die
biederste Treue  ach weiß ich es wie mein Auge und bald darauf meine ganze
Seele immer nach ihm gerichtet wurde Begreif ich es wie es kam dass wir uns
sprachen uns alles sagten Nun ist er krank geworden krank aus Liebe jetzt
ohne Trost und seit gestern ist sein Zustand gefährlich da ihm jemand erzählt
hat dass mein Vater mich verheiraten wolle Mein Vater kann es nicht wollen er
kann meinen Tod nicht wünschen Geht zu ihm Ihr mein liebster mein einziger
Freund beruhigt ihn tröstet ihn Ach wollt Ihr Euch mir so gütig erzeigen
Gewiss es glänzt eine himmlische Güte aus Euren Augen Er wird Euch rühren Ihr
werdet ihn auch lieben müssen gewiss wenn auch nicht so wie ich«
    Franz ließ sich das Haus bezeichnen und eilte atemlos dahin Er kam in eine
armselige Stube in welcher der Kranke in einem Bette lag und vor sich Papiere
hatte auf denen er zeichnete Als Sternbald näher kam erstaunte er den
Schmied vor sich zu sehen mit dem er vor Nürnberg am Tage seiner Auswanderung
gesprochen hatte »O mein lieber Freund« rief er aus »wie ist es möglich dass
ich Euch nicht früher irgendwo gesehen habe Jetzt führt mich das sonderbarste
Verhältnis der schönste Befehl zu Euch Längst hätte ich Euch aufgesucht wenn
ich nur ahnden konnte dass Ihr wieder in Antwerpen wärt« Der junge Schmied
erkannte den Maler auch sogleich wieder und hüllte sich weinend in die Kissen
als Franz von Sara sprach und er hörte welche zärtliche Botschaft sie ihm
sende »O Maler« rief er aus »Ihr glaubt nicht was ich ausgestanden habe
seitdem ich Euch damals gesprochen hatte Aber über Euch muss ich klagen denn
Ihr seid eigentlich schuld an allem ist es doch nicht anders als wäre damals
von Eurer Zunge Gift durch meine Ohren in meinen Körper geflossen dass sich
seitdem alle meine Sinne verdreht und verschoben haben und ich darüber ein ganz
anderer Mensch geworden bin Seit ich Euren Dürer sah hatte ich keine Ruhe mehr
in mir selber es war als wenn es an allen meinen Sinnen zöge und arbeitete
dass ich immer an Malereien und Zeichnungen denken musste an nichts in der Welt
fand ich mehr Gefallen die Schmiedearbeit war mir zur Last Ich zeichnete
täglich etwas und selbst in der Krankheit kann ich es nicht lassen seht da
habe ich eine herrliche Figur von Lukas von Leiden«
    Franz betrachtete sie der junge Mensch hatte sie sehr gut kopiert und
Franz verwunderte sich darüber dass er es ohne allen Unterricht so weit habe
bringen können Der Schmied fuhr fort »So kam ich nach Antwerpen zurück und
nichts war mir hier recht Ich hatte immer noch den Dürer und seine Werkstätte
im Kopf es kam so weit dass ich mich meines Hammers schämte ich verdarb die
Arbeit ich konnte nicht mehr fort Es lebt hier der alte Messys der Maler der
auch ein Schmied gewesen ist Ich wollte auch nicht mehr arbeiten denn jeder
Schlag auf dem Amboss ging mir durch Herz und Gehirn weil ich glaubte dass ich
mit jedem meine Hand schwerer und unbehülflicher machte und darüber noch
weniger würde zeichnen können Ich warf den Hammer weg wie meinen ärgsten
Feind Nun kamen und gingen mir Bilder hin und her und auf und ab alles wollte
ich in Gedanken malen ich träumte von großen Sälen die alle dicht voll
Schildereien hingen die ich gemacht hatte Das war aber noch nicht das größte
Unglück dass ich mich schon unter den übrigen Menschen wie ein Halbverrückter
umtrieb Bis dahin hatte es auf mir nur noch wie auf kaltem Eisen gehämmert
aber nun kam ich in die Glut und da wurde vollends mein altes Wesen aus mir
herausgebrannt und  geschlagen als wenn viele tausend Funken bei jedem Hiebe
aus Brust und Herzen flogen O Maler ich habe viel ausgestanden
    Seht Freund ich habe wohl sonst auch die Menschen und Weiber und Mädchen
mit einem scharfen guten Auge angesehen aber seit ich mich geübt hatte dass
ich in allen schönen Linien mit meiner Seele mitging seit ich gefühlt hatte
was die wundersame Farbe bedeuten könne und wie gleichsam ein ganzes Paradies
von Wangen und Lippen und ein ewiges Firmament aus den Augen leuchten könne da
war ich ein verlorener Mensch denn gerade um die Zeit als dies Gefühl mich
möcht ich doch sagen wie ein heißes Fieber befiel sah ich sie Sara bei
schönem Sommerwetter in der Türe stehen Ich hatte sie früher auch schon gesehen
und immer gedacht Ein schönes reiches Mädchen aber sie blieb die Fremde die
mich nichts anging  aber von jener Stunde an Malerdoch Ihr begreift es
nicht wenn ichs auch sagen wollte  von jenem Augenblick als ich sie so im
Vorbeigehn ansah und grüßte wie oft geschehen war und sie mich grüßte  seht
da flog aus ihrem Auge in meins und in meine Seele eine Angst eine Lust ein
ganzer Himmel hinein so dass mir mein ganzes Wesen zu enge wurde dass es wie
tausend und aber tausend Frühlingsbäume und Blumenbeete in mir aufging
knospete und mit allen Prachtfarben losbrach und mein Herz von den unzähligen
Blüten wie vom dichtesten Regen überschüttet wurde und meine Seele vor Duft
Farben und Glanz in süße matte Betäubung sank Und nun stand sie ganz aufrecht
in meinem Herzen und dehnte und dehnte sich und stellte sich auf die Zehen
und die goldenen Haare fielen herunter und so war ich darin wie eingewickelt in
meinem Fieberwahn und sie war noch größer als Himmel und alle Bäume und Blumen
Ich konnte nichts mehr zeichnen sie und immer nur sie saß mir im Blut und
quoll aus den Fingerspitzen und sah ich dann wie plump die knechtische grobe
Hand sie hingestellt hatte so warf ich das Blatt gegen die Wand dann riss ich
es wieder vom Boden auf und küsste die Züge mit meinen Lippen weg Nicht wahr
Maler der Mensch kann ein rechter Narr sein wenn es erst in ihm so recht reif
dazu wird
    Wunderbar ich wusste es dass auch in ihr was vorging denn der blaue ewige
Strahl war doch aus ihrer Seele in mich gegangen und sie musste fühlen wie viel
vom eigenen Herzen sie in mich gegossen hatte So dachte ich und so war es
auch Ich ging wieder vorüber sie stand wie im Glanz der sie rings umfloss und
es zog mich dass ich mich auch in die Röte hinein zu ihr stellte Wir sprachen
wir verstanden uns Bin ich doch kein einzigesmal verwundert gewesen über das
was sie mir sagte ich erschrak vor Wonnegefühl dass sie mich so liebte aber es
war mir nur als wenn ich es selbst gesagt hätte Seht Wandersmann ich spreche
etwas im Fieber die vernünftigen Leute wie Ihr verstehen das nicht recht
    Ihr Vater hatte in Leiden Geschäfte und reiste dorthin nun sah ich sie
öfter wir gingen heimlich miteinander spazieren Des Abends wenn ich sie nicht
sprechen konnte zeichnete ich ihr Bild oder stellte mich dem Hause gegenüber
und ließ so die Nacht heranrücken Ehe wir es uns versahen kam der Vater
zurück Nun war es mit unsern Zusammenkünften aus ich konnte sie nur manchmal
im Vorbeigehn grüßen Wie eine Decke fiel es mir von den Augen und mein Herz
wollte springen Ich sah nun wieder den Unterschied unter uns beiden wie mich
der reiche Vater verachten müsse wie ich so nichts gegen ihn sei Nun hörte ich
noch dazu Sara würde bald verheiratet werden ach und es geschieht auch gewiss
Was soll ich anfangen Mein Handwerk ist mir ein Abscheu alles worauf ich mich
sonst wohl freuen konnte Meister zu werden und bei Gelegenheit eine künstliche
Arbeit einen Springbrunnen Gitterwerk oder dergleichen zu unternehmen kommt
mir nun kläglich vor Ein Maler zu werden dazu bin ich nun zu alt Sara darf
ich nicht sehen nichts hoffen so geh ich zugrunde alles das zusammen hat mich
so krank und schwach gemacht dass ich bald zu sterben hoffe Warum begegnen nur
dem Menschen so sonderbare Gefühle Aber das sag ich Euch wer sie heiratet den
bring ich um und bin ich schon vorher tot so reißt mich die Verzweiflung gewiss
noch als Gespenst hervor um dem Bösewicht zu schaden Damit kann man sich doch
noch trösten O Maler helft mir doch zum Verstande oder zu Sara oder macht
dass mir Verstand und Leben gänzlich entweichen«
    Franz sagte mit Wehmut »Nein Ihr dürft nicht sterben glaubt mir dass Ihr
gewiss noch Zeit genug habt ein guter Maler zu werden wenn Ihr diese Liebe zur
Kunst behaltet Ihr zeichnet schon so gut als wenn Ihr lange in der Lehre
gewesen wäret und es kommt also nur auf Euch an ein Maler zu werden Dann
dürft Ihr auch auf Eure Geliebte hoffen denn der Vater achtet die Malerei und
will nur einen Malerkünstler zum Eidam haben darum hat er mir noch heut so arm
ich auch bin seine Tochter angetragen Deshalb tröstet Euch sammelt wieder
Lust zum Leben und Kräfte denn Ihr könnt noch recht glücklich werden«
    Der Kranke schüttelte mit dem Kopfe als wenn er nicht daran glauben könne
doch Franz fuhr so lange fort ihn zu trösten bis jener etwas beruhigt war
»Nun« sagte er endlich »Ihr habt mir versprochen sie nicht zu nehmen und es
könnte Euch auch nicht zum Gedeihn ausschlagen O Freund wenn ich mir das hätte
einbilden können als wir im Busch miteinander frühstückten so wärt Ihr mir
nicht so mit heiler Haut davongekommen Gebt mir noch einmal die Hand darauf
dass Ihr sie nicht wollt« Franz reichte sie ihm und jener drückte sie so stark
dass dem Maler ein Ausruf des Schmerzes entfuhr Er eilte sogleich zu Vansen den
er bei einer Flasche Wein und bei guter Laune antraf »Jetzt will ich Euch meine
Antwort bringen aber Ihr müsst mir mit Geduld zuhören« Er erzählte hierauf die
Geschichte seines Freundes und sprach von der gegenseitigen Liebe der beiden
jungen Leute »Ihr wolltet mir« schloss er »als einem armen Menschen der nicht
mehr als dieser Schmied besitzt Eure Tochter geben Ihr wolltet auf meine
Zurückkunft warten nun so tut es mit diesem um das Glück Eurer einzigen
Tochter zu begründen sie ist jung ich versichre Euch der Kranke ist in
wenigen Jahren ein guter Maler der Euch Ehre macht und so sind alle Eure
Wünsche erfüllt«
    »Und Ihr seid überzeugt dass er mit der Zeit gut malt« fragte Vansen
    »Gewiss« sagte Sternbald »seht nur diese Zeichnungen die wahrlich einen
guten Schüler verraten«
    Er zeigte ihm einige Bilder die er von Horstens Hand so hieß der Jüngling
mitgebracht hatte und Vansen betrachtete sie lange mit prüfenden Blicken doch
schien er endlich mit ihnen zufrieden zu sein »Ihr seid ein braver junger
Mensch« rief er aus »Ihr könntet mich zu allem bewegen So geht also zu dem
armen Teufel und grüßt ihn von mir sagt er soll nur gesund werden und wir
wollen dann weiter miteinander sprechen«
    Franz sprang auf Im Vorsaal begegnete ihm Sara der er mit wenigen Worten
alles erzählte dann eilte er zum Kranken »Seid getrost« rief er aus »alles
ist gut der Vater bewilligt Euch die Tochter wenn Ihr Euch auf die Malerei
legt Darum werdet gesund damit Ihr ihn selber besuchen könnt«
    Der Kranke wusste nicht ob er recht höre und sehe Franz musste ihm die
Versicherung öfters wiederholen Als er sich endlich überzeugte sprang er auf
und kleidete sich schnell an Dann tanzte er in der Stube herum wobei er alte
niederländische Bauernlieder sang bald umarmte und küsste er Sternbald dann
weinte er wieder und trieb ein seltsames Spiel mit seiner Freude das den
jungen Maler innig bewegte »Ist es so gekommen« rief er dann »so Ei so gibt
es ja da draußen auch noch was was ebenso gut wie die Trauer drinnen ist Aber
das soll auch dem langen breitschultrigen Burschen meinem Schwiegervater von
Gott und von mir vergolten werden Ich schwöre Maler sowie ich nur erst mit
den Farben umzugehn weiß dass ich ihn Euch hinstelle wie er leibt und lebt mit
seiner Erbse auf der Mitte der Nase wie er sein Geld zählt wie er die Stücke
prüfend betrachtet und die linke Hand den Geldhaufen vorsorglich und tastend
deckt alles wie er in seiner Schreibestube herumhantiert Die ganze
Schreibestube male ich ab auch seinen Handelsdiener mit seinem krummen
spitzigen Rücken und dem verfluchten Gesicht das man durch eine Nadel fädeln
könnte Auch seine rote gelbe Federmütze soll zu Ehren kommen Gott verzeih
mir die Bosheit wie oft wenn ich ihn über die Straße gehen sah und ich fühlte
so recht im Herzen seinen Hochmut trieb mich der Teufel an dass ich ihm die
Mütze abreißen und einen recht derben Schlag mit dem Hammer auf den Kopf geben
wollte Aber nein nun wird er gemalt ganz alles an ihm nun ist er mein
Schwiegervater und ich beweise ihm Liebe und Ehrfurcht Kommt lieber Franz
glaubt nicht dass ich so böse bin ich bin nur zu glücklich und dumme Gedanken
hat auch der beste Mensch Ihr kriegt dergleichen wohl auch noch einmal Kommt
nun«
    Sie machten sich auf den Weg nach Vansens Hause Auf der Straße taumelte der
Kranke als ihn die ungewohnte freie Luft umfing Franz unterstützte ihn und so
kamen sie hin Das erste was sie im Hause sahen war Sara und Horst gebärdete
sich wie ein Verrückter sie schrie laut auf da er plötzlich so unvermutet und
blass vor ihr stand Sie kamen in das Zimmer des Vaters der sehr freundlich war
Horst war verlegen und blöde »Ihr liebt meine Tochter« sagte der Kaufmann
»und Ihr versprecht Euch auf die Malerei zu legen so dass Ihr Euch in einigen
Jahren als ein geschickter Mann zeigen könnt unter dieser Bedingung verlobe ich
sie Euch aber dazu müsst Ihr reisen und trefflich studieren ich will Euch zu
diesem Endzweck auf alle Weise unterstützen Vor allen Dingen müsst Ihr suchen
gesund zu werden«
    Die beiden Liebenden kamen hierauf in Gegenwart ihres Vaters zusammen und
fühlten sich unaussprechlich glücklich Horst musste eine bessere Wohnung
beziehen und nach einigen Tagen war er fast ganz hergestellt Er wusste nicht
wie er unserm Freunde genug danken sollte
    Es waren jetzt die letzten Tage des Februars und die erste Sonnenwärme
brach durch die neblichte Luft Franz und Rudolph machten sich auf die Reise
Ehe sie Antwerpen verließen erhielt Franz von Vansen ein ansehnliches Geschenk
der Kaufmann liebte den jungen Maler zärtlich Sternbald und Florestan hatten
jetzt schon die Tore der Stadt weit hinter sich sie hörten die Glocken aus der
Ferne schlagen und Rudolph sang mit lauter Stimme
»Wohlauf es ruft der Sonnenschein
Hinaus in Gottes freie Welt
Geht munter in das Land hinein
Und wandelt über Berg und Feld
Es bleibt der Strom nicht ruhig stehen
Gar lustig rauscht er fort
Hörst du des Windes muntres Wehn
Er braust von Ort zu Ort
Es reist der Mond wohl hin und her
Die Sonne ab und auf
Guckt überen Berg und geht ins Meer
Nie matt in ihrem Lauf
Und Mensch du sitzest stets daheim
Und sehnst dich nach der Fern
Sei frisch und wandle durch den Hain
Und sieh die Fremde gern
Wer weiß wo dir dein Glücke blüht
So geh und such es nur
Der Abend kommt der Morgen flieht
Betrete bald die Spur
Lass Sorgen sein und Bangigkeit
Ist doch der Himmel blau
Es wechselt Freude stets mit Leid
Dem Glücke nur vertrau
So weit dich schließt der Himmel ein
Gerät der Liebe Frucht
Und jedes Herz wird glücklich sein
Und finden was es sucht«
 
                                  Drittes Buch
                                  Erstes Kapitel
O Jugend du lieber Frühling der du so sonnenbeschienen vorn im Anfange des
Lebens liegst wo mit zarten Äugelein die Blumen umher des Waldes neugrüne
Blätter wie mit fröhlicher Stimme dir winken dir zujauchzen Du bist das
Paradies das jeder der spätgebornen Menschen betritt und das für jeden immer
wieder von neuem verlorengeht
    Gefilde voll Seligkeit überhangend von Blüten durchirrt von Tönen
Sehnsucht weht und spielt in deinen süßen Hainen Vergangenheit so golden
Zukunft so wunderbar wie mit dem Sirenengesange der Nachtigall lockt es von
dorther mondliche Schimmer breiten sich auf dem Wege aus liebliche Düfte
ziehen aus dem Tale herauf vom Berge nieder der Silberquell O Jüngling in dir
glänzt Morgenröte sie rückt mit ihren Strahlen und wunderglänzenden
Wolkenbildern herauf dann folgt der Tag bis auf die Spur sogar verfliesst die
himmlische Sehnsucht alle Liebesengel ziehen fort und du bist mit dir allein
War alles nur Dunst und bunter Schatten wonach du brünstig die Arme
strecktest 
Aus Wolken winken Hände
An jedem Finger rote Rosen
Sie winken dir mit schmeichlerischem Kosen
Du stehst und fragst wohin der Weg sich wende
Da singen alle Frühlingslüfte
Da duften und klingen die Blumendüfte
Lieblich Rauschen geht das Tal entlang
»Sei mutig nicht bang
Siehst du des Mondes Schimmer
Der Quellen hüpfendes Geflimmer
In Wolken hoch die goldnen Hügel
Der Morgenröte himmelbreite Flügel
Dir entgegen ziehen so Glück als Liebe
Dich als Beute mit goldenen Netzen zu fahn
So leise lieblich dass keine Ausflucht bliebe
Umstellen sie dich bald ists um dich getan«
 Was will das Glück mit mir beginnen
O Frühlingsnachtigall singst du drein
Schon dringt die sehnende Lieb auf mich ein
Wie Mondglanz webts um meine Sinnen
Wie bang ist mirs gefangen mich zu geben
Sie nahn die Scharen der Wonne mit Heeresmacht
Verloren verträumt ist das fliehende Leben
Schon rüstet sich Lieb und Glück zur Schlacht
Der Kampf ist begonnen
Ich fühle die Wonnen
Durchströmen die Brust
O selge Gefilde
Ich komme wie milde
Erquickt und ermattet des Lebens Lust
Es sinket vom Himmel
Der Freuden Gewimmel
Und lagert sich hier
Im Boden ich fühle
Der Freuden Gewühle
Sie streben und drängen entgegen mir
Der Quellen Getöne
Der Blümelein Schöne
Ihr lieblicher Blick
Sie winken so eigen
Ich deute das Schweigen
Sie wünschen mir alle zum Leben Glück  
Nun wandelt das Kind auf grünen Wegen
Den goldglänzenden Strahlen entgegen
Im bangen Harren geht es weit
Es klopft das Herz es flieht die Zeit
Da ists als wenn die Quellen schwiegen
Ihm dünkt als dunkle Schatten stiegen
Und löschten des Waldes grüne Flammen
Es falten die Blumen den Putz zusammen
Die freundlichen Blüten sind nun fort
Und Früchte stehen an selbigem Ort
Die Nachtgall versteckt die Gesänge im Wald
Nur Echo durch Still und Einsamkeit schallt 
»Morgenröte bist du nach Haus gegangen«
Ruft das Kind und streckt die Händ und weint
»O komm ich bin erlöst vom Bangen
Du wolltest mich mit goldnen Netzen fangen
Du hast es gewiss nicht böse gemeint
Ich will mich gerne drein ergeben
Es kann und soll nicht anders sein
Ich opfre dir mein junges Leben
O komm zurück du Himmelsschein« 
Aber hoch und höher steigt das Licht
Und bescheint das tränende Gesicht
Die Nachtigall flieht waldwärts weiter
Quell wird zum Fluss und immer breiter
»Ach und ich kann nicht hinüberfliegen
Was mich erst lockte ist nun so weit
Der Morgenglanz die Töne müssen jenseits liegen
Ich stehe hier und fühle nur mein Leid« 
 Die Nachtigall singet aus weiter Fern
»Wir locken damit du lebest gern
Dass du dich nach uns sehnst und immer matter sehnst
Ist was du töricht dein Leben wähnst«  
Franz Sternbald und sein Freund Rudolph Florestan durchwanderten jetzt den
Elsass Es war die Zeit im Jahre wenn der Frühling in den Baumknospen schläft
und die Vögel ihn in den unbelaubten Zweigen aufwecken wollen Die Sonne schien
blass und gleichsam blöde auf die warme dampfende Erde hernieder die das erste
neue Gras aus ihrem Schoße gebar Sternbald erinnerte sich der Zeit als er
zuerst seine Pflegeeltern verließ um bei Albrecht Dürer in Nürnberg zu lernen
gerade in solchem Wetter hatte er sein friedliches Dorf verlassen Er gedachte
der kindischen Verwunderung mit der er von Hügeln und Waldhöhen die
schäumenden Schnee wälzenden Bäche im Glanze der ersten Wärme hatte rollen
sehen welch wundersamer Duft wie Lebenshauch ihm aus der locker gewordenen
Erde aufgestiegen und wie im ernsten Braun hie und da die grünen Streifen ihn
wie ein Lächeln angesehen und ihm schon vom Sommer und seinem Obst erzählt
hatten wie nach der Wanderung vieler Tage sich endlich dieses Märchen durch das
Wunder der großen Stadt im brennenden Abendgolde und beim Schein des Lichtes
mit Dürers edlem Antlitz beschlossen habe Sie gingen indem Rudolph fröhliche
Geschichten erzählte durch die schöne Gegend Strassburg lag hinter ihnen noch
sahen sie den erhabenen Münster in der nächsten Stadt wollten sie einen Mann
erwarten der auf der Rückreise von Italien begriffen war
    In Strassburg hatte Franz seinem Sebastian folgenden Brief geschrieben
Jetzt lieber Sebastian ist mir sehr wohl und Du wirst Dich darüber freuen
Meine Seele ergreift das Ferne und Nahe die Gegenwart und Vergangenheit mit
gleicher Liebe und alle Empfindung trage ich sorglich zu meiner Kunst hinüber
Warum quäle ich mich ab da ich mich doch am Ende überzeugen muss dass jeder nur
das leisten wird was er leisten kann Wie kurz ist das Leben und warum wollen
wir es mit unsern Beängstigungen noch mehr verkürzen Jeder Künstlergeist muss
sich ohne Druck und äußern Zwang wie ein edler Baum mit seinen mancherlei
Zweigen und Ästen ausbreiten er strebt von selbst durch eigne Kraft nach den
Wolken zu und so erzeugt sich die erhabene oder sinnige Pflanze sei es Eiche
Buche oder Zypresse Myrte oder Rosengesträuch je nachdem der Keim beschaffen
war aus dem sie zuerst in die Höhe sprosste So musiziert jedes Vögelein seine
eigentümlichen Lieder Freilich will es unter ihnen auch jezuweilen einer dem
andern nachund zuvortun aber sie verfehlen doch nie so sehr ihren Weg wie es
dem Menschen nur gar zu oft geschieht
    So will ich mich denn der Zeit und mir selber überlassen Mein Freund
Rudolph lacht täglich über meine unschlüssige Ängstlichkeit die sich auch nach
und nach verliert Im reinen Sinne spiegeln sich alle Empfindungen und lassen
nachher eine Spur zurück und selbst das was das Gemüt nicht aufbewahrt nährt
heimlicherweise den Sinn der Kunst und ist nicht verloren Das tröstet mich und
hemmt die Beklemmungen die mich sonst nur gar zu oft überwältigten
    Auf eine magische Weise zauberisch oder himmlisch denn ich weiß nicht
wie ich es nennen soll ist meine Phantasie mit dem Engelsbilde angefüllt von
dem ich Dir schon so oft gesprochen habe Es ist wunderbar Die Gestalt die
Blicke der Zug des Mundes alles steht deutlich vor mir und doch wieder nicht
deutlich denn es dämmert dann wie eine ungewisse vorüberschwebende Erscheinung
vor meiner Seele dass ich es festhalten möchte und Sinnen und Erinnerung
brünstig ausstrecke um es wirklich und wahrlich zu gewahren und zu meinem
Eigentum zu machen So ist es mir oft seitdem ergangen wenn ich die Schönheit
einer Landschaft so recht innigst empfinden wollte oder die Größe eines
Gedankens mir festhalten oder eine wundersame Empfindung oder Blicke in das
ÜberirdischSchöne oder den Glauben an Gott Es kommt und geht bald Dämmerung
bald Mondschein nur auf Augenblicke wie helles Tageslicht Der Geist ist in
Arbeit im rastlosen Streben sich aus den Ketten aufzurichten die ihn im
Körper zu Boden halten
    Oh mein Sebastian wie wohl ist mir und wie lieblich fühl ich in mir die
Regung der Lebenskraft und die heitre Jugend Es ist herrlich was mir die
Rheinufer die Berge um Bonn und die wunderbaren Krümmungen des Gewässers
verkündigt haben Von dem großen Münster in Strassburg von Köln und seinen
Herrlichkeiten will ich Dir ein andermal reden ich bin zu voll davon
    In Strassburg habe ich für einen reichen Mann eine Heilige Familie gemalt Es
war das erstemal dass ich meinen Kräften in allen Stunden vertraute und mich
begeistert und doch ruhig fühlte In der Muttergottes habe ich gesucht die
Gestalt hinzuzeichnen die mein Inneres erleuchtet die geistige Flamme bei der
ich mich selber sehe und alles was in mir ist und durch die alles vom
lieblichsten Widerscheine verschönt und strahlend lebt Es war beim Malen
derselbe Kampf zwischen Deutlichkeit und Ungewissheit in mir und darüber ist es
mir vielleicht nur gelungen Die Gestalten die wir wahrhaft anschauen sind
eben dadurch in uns schon zu irdisch und wirklich sie tragen zu viele Merkmale
an sich und vergegenwärtigen sich darum zu körperlich Geht man aber im
Gegenteil aufs Erfinden aus so bleiben die Gebilde gewöhnlich luftig und
allgemein und wagen sich nicht aus ihrer ungewissen Ferne heraus Aus dem
Mittel zwischen beiden habe ich wie etwas Übermenschliches gesucht und eine
Gestalt hervorgebracht die mich zauberisch von der Tafel anblickte Sollte die
Kunst vielleicht immer so verfahren um ÜberirdischUnsichtbares sichtbar zu
machen Und sonderbarer Gedanke kann ich vielleicht nur dichtend malen bis
ich sie wiederfinde und dann sollte wohl in ihrer Gegenwart mein Talent
erlöschen weil mein Geist sie nicht mehr zu suchen brauchte Nein ich will es
nicht glauben festen Mutes will ich in das Gebiet der Kunst vorrücken ich
fühle es ja wie mein Herz für das Edle und Schöne entzückt ist es ist also
mein Gebiet mein Eigentum ich darf darin schalten und mich einheimisch fühlen
    Wirf mir nicht Stolz vor Sebastian denn Du tätest mir Unrecht Ich bin und
bleibe wie ich war Der Himmel schenke Dir Gesundheit 
Nach einigen Tagen waren die Wälder Felder und Berge grün geworden und die
Obstbäume blühten der Himmel war heiter und blau sanfte Frühlingslüfte
spielten zum erstenmal durch den Sonnenschein und über die fröhliche Natur hin
Sternbald und Rudolph waren entzückt als sie von einem Hügel hinab in die
überschwengliche Pracht hineinschauten Das Herz ward ihnen groß und sie
fühlten sich beide neugeboren von Himmel und Erde mit Liebe magnetisch
angezogen
    »Oh mein Freund« rief Sternbald aus »wie liebreizend hat sich der
Frühling so plötzlich aufgeschlossen Wie ein melodischer Gesang wie
angeschlagene Harfensaiten sind diese Blüten diese Blätter herausgequollen und
strecken sich nun der liebkosenden warmen Luft entgegen Der Winter ist fort
wie eine Verfinsterung die ein Sonnenblick von der Natur hinweggehoben Sieh
alles keimt und sprosst und blüht die kleinsten Blumen unbemerkte Kräuter
drängen sich hinzu alle Vögel singen und jauchzen und flattern umher in
fröhlicher Ungeduld ist die ganze Schöpfung in Bewegung und wir sitzen hier als
Kinder und fühlen uns dem großen Herzen der mütterlichen Natur am nächsten«
    Rudolph nahm seine Flöte und blies ein lustiges Lied Es schallte fröhlich
den Berg hinunter und Lämmer im Tal fingen an zu tanzen
    »Wenn nur der Frühling nicht so schnell vorüberginge« sagte Rudolph »er
ist eine Morgenbegeisterung die die Natur selbst nicht lange aushält«
    »Oder dass es uns nur gegeben wäre« sagte Sternbald »diese Fülle diese
Allmacht der Lieblichkeit in uns zu saugen und im hellsten Bewusstsein diese
Schätze aufzubewahren Ich wünsche nichts mehr als dass ich in Tönen und
Gesängen den übrigen Menschen diese Gefühle geben könnte dass ich unter Musik
und Frühlingswehen dichtete und die höchsten Lieder sänge die der Geist des
Menschen bisher noch ausgeströmt hat Ich fühle es jedesmal wie Musik die Seele
erhebt und die jauchzenden Klänge wie Engel mit himmlischer Unschuld alle
irdischen Begierden und Wünsche fern abhalten Wenn man ein Fegefeuer glauben
will wo die Seele durch Schmerzen geläutert und gereinigt wird so ist im
Gegenteil die Musik ein Vorhimmel wo diese Läuterung durch wehmütige Wonne
geschieht«
    »Das ist« sagte Rudolph »wie du die Musik empfindest aber gewiss werden
wenige Menschen mir dir darin übereinstimmen«
    »Davon kann ich mich nicht überzeugen« rief Franz aus »Nein Rudolph sieh
alle lebendige Wesen wie die Töne der Harfe der Flöte und jedes
angeschlagenen Instrumentes sie ernst machen selbst die Gesänge die den Fuß
mit lebendiger Kraft zum Tanz ermuntern gießen eine schmachtende Sehnsucht
eine unbekannte Wehmut in das Gemüt Der Jüngling und das Mädchen mischen sich
dann in den Reigen aber sie suchen mit den Gedanken jenseit dem Tanze einen
andern geistigern Genuss«
    »Oh über die Einbildungen« sagte Rudolph lachend »eine augenblickliche
Stimmung in dir trägst du in die übrigen Menschen hinüber Wer denkt beim Tanze
etwas anders als dass er den Reigen durchführt dass er sich im hüpfenden Schwarm
auf eine lebendige Art ergötzt und in diesen fröhlichen Augenblicken
Vergangenheit und Zukunft durchaus vergisst Der Tänzer sieht nach dem blühenden
Mädchen sie nach ihm ihre Augen begegnen sich glänzend und wenn sie eine
Sehnsucht empfinden so ist es gewiss eine ganz andere als du sie geschildert
hast«
    »Du bist zu leichtsinnig« antwortete Franz »es ist nicht das erstemal dass
ich es bemerke wie du dir vorsätzlich das schönere Gefühl ableugnest um einer
sinnlichen Schwärmerei nachzuhängen«
    »Nur nicht wieder diese grellen Unterschiede« rief Rudolph aus »denn das
ist der ewige Punkt unseres Streites«
    »Aber ich verstehe dich nicht«
    »Mag sein« schloss Florestan »das Gespräch darüber ist mir jetzt zu
umständlich wir reden wohl ein andermal davon«
    Franz war ein wenig auf seinen Freund erzürnt denn es war nicht das
erstemal dass sie so miteinander stritten Florestan betrachtete alle
Gegenstände leichter und sinnlicher es war oft dieselbe Empfindung die Franz
nur mit andern Worten ausdrückte es fügte sich wohl dass Sternbald nach einiger
Zeit denselben Gedanken äußerte oft kam auch Rudolph später zu dem Gefühl dem
er kurz vorher an seinem Freunde widersprochen hatte Wenn die Menschen
Meinungen wechseln so entsteht nur gar zu oft ein blindes Spiel des Zufalls
daraus aus dem Wunsche sich mitzuteilen erwacht die Sucht zu streiten und wir
widersprechen oft statt uns zu bemühn die Worte des andern zu verstehen
    Nachdem Franz eine Weile geschwiegen hatte fuhr er fort »Oh mein
Florestan was ich mir wünsche in meinem eigentümlichen Handwerke das
auszudrücken was mir jetzt Geist und Herz bewegt diese Fülle der Anmut diese
ruhige scherzende Heiterkeit die mich umgibt Malen möchte ich es wie in dem
Luftraume sich edle Geister bewegen und durch den Frühling schreiten so dass
aus dem Bilde ein ewiger Frühling mit unverwelklichen Blüten prangte der jedem
Auge auch nach meinem Tode neu aufginge und den freundlichen Willkommen
entgegenbrächte Meinst du nicht dass es dem großen Künstler möglich sei in
einem Historiengemälde oder auch auf andere Weise einem fremden Herzen das
deutlich hinzugeben was wir jetzt empfinden«
    »Ich glaube es wohl« antwortete Florestan »und vielleicht gelingt es
manchem ohne dass er es sich gerade vorsetzt Geh nach Rom mein Freund und
dieser ewige Frühling nach dem du dich sehnst blüht dort im Gartensaale meines
Beschützers und Freundes des reichen Augustin Chigi Der göttliche Raffael hat
ihn dort hingezaubert und man nennt diese Bilder gewöhnlich die Geschichte des
Amor und der Psyche Diese Luftgestalten schweben dort vom blauen Äther
umgeben und bedeutungsvoll von großen frischen Blumenkränzen und Früchten
umschlungen Da ist alle Herrlichkeit der Erde und des Himmels die Leiden und
die Lust der Liebe und scherzend und wandelnd durch die Äterbläue Amor und
seine Geliebte trauernd und froh alle Götter im hohen Rat und aller Ernst in
milder Lieblichkeit und alle Lieblichkeit groß und göttlich ja die ewige
Jugend der nie verblühende Frühling das paradiesische Entzücken ist von dem
Jünglingsgeiste dem prophetischen Raffael in seiner schönsten Begeisterung
hingezaubert die Verkündigung der Liebe und der Blumenschönheit dass alle
Herzen der Liebe und der Sehnsucht dienen sollen das Göttlichste der Zauber
der den Himmel umflicht und die Erde mit ewiger Jugend umgürtet ist dem
Menschenherzen vertraulich nahe gerückt und den sterblichen Augen enthüllen
sich die Seligkeiten des Olympus Und dann im Nebenzimmer der verkörperte Traum
süssester Wollust Galatea im Meere auf ihrem Muschelwagen fahrend O mein
Franz gedulde dich bis du in Rom bist dann tu Augen und Herz auf und du
darfst nachher sterben«
    »Ach Raffael« sagte Franz Sternbald »wie viel hab ich nun schon von dir
reden hören wenn ich dich nur noch im Leben anträfe«
    »Ich will dir noch ein Lied vom Frühlinge singen« sagte Rudolph
    Sie standen beide auf und Florestan sang Er präludierte auf seiner Flöte
und zwischen jeder Strophe spielte er einige Töne die artig zum Liede passten
»Vöglein kommen hergezogen
Setzen sich auf dürre Äste 
Weit ach weit sind wir geflogen
Angelockt vom Frühlingsweste
Also klagen sie die Kleinen
Schmetterlinge schwärmen schon
Bienen sumsen ihren Ton
Suchen Honig finden keinen
Frühling Frühling komm hervor
Höre doch auf unsre Lieder
Gib uns unsre Blätter wieder
Horch wir singen dir ins Ohr
Kommt noch nicht das grüne Laub
Lass die kleinen Blättlein spielen
Dass sie warme Sonne fühlen
Keines wird dem Frost zu Raub 
Was singt so lieblich leise
Spricht drauf die Frühlingswelt
Es ist die alte Weise
Sie kommen von der Reise
Keine Furcht mich rückwärts hält
Auf tun sich grüne Äugelein
Die Knospen sich erschließen
Die Vögelein zu grüßen
Zu kosten den Sonnenschein
Durch alle Bäume geht der Waldgeist
Und sumst Auf Kinder der Frühling ist da
Storch Schwalbe die ich schon oftmals sah
Auch Lerch und Grasemück ist hergereist
Streckt ihnen die grünen Arm entgegen
Lasst sie wohnen wie immer im schattigen Zelt
Dass sie von Zweig zu Zweig sich regen
Und jubeln und singen in frischer Welt 
Nun regt sichs und quillt in allen Zweigen
Alle Quellen mit neuem Leben spielen
In den Ästen Lust und Kraft und Wühlen
Jeder Baum will sich vor dem andern zeigen
Nun rauscht es und alle stehen in grüner Pracht
Die Abendwolken über Wäldern ziehen
Und schöner durch die Wipfel glühn
Der grüne Hain vom goldnen Feuer angefacht
Gebiert das Tal die Blumen an das Licht
Die die holde Liebe der Welt verkünden
Es lächelt und winkt in stillen Gründen
Des sanften Veilchens Angesicht
Das sinnige Vergissmeinnicht
Sie sind die Winke die süßen Blicke
Die dem Geliebten das Mädchen reicht
Vorboten vom zukünftgen Glücke
Ein Auge das schmachtend entgegenneigt
Sie bücken sich mit schalkhaftem Sinn
Und grüßen wer vorübergeht
Wer ihren sanften Blick verschmäht
Dem reichen sie neckend die Finger hin
Doch nun erscheint des Frühlings Frühlingszeit
Wenn Liebe Gegenliebe findet
Und sich zu einer Lieb entzündet
Dann glänzt die Pracht der Blumen hell und weit
Die Rosen nun am Stock ins Leben kommen
Und brechen hervor mit liebreizendem Prangen
Die süße Röte ist angeglommen
Dass sie vereinter Schmuck dicht aneinander hangen
Dann ist des Frühlings Frühlingszeit
Mit Küssen mit Liebesküssen der Busch bestreut
Rose süße Blüte der Blumen Blum
Der Kuss ist auf deinen Lippen gemalt
O Ros auf deinem Munde strahlt
Der küssenden Lieb Andacht und Heiligtum
Höher kann das Jahr sich nicht erschwingen
Schöner als Rose der Frühling nichts bringen
Nun lässt Nachtigall Sehnsuchtslieder klingen
Bei Tage singt das ganze Vögelchor
Bei Nacht schwillt ihr Gesang hervor
Und wenn Rose süß Rose die Blätter neigt
Dem Sommer wohl das Vögelchor weicht
Nachtigall mit allen Tönen schweigt
Die Küsse sind im Tal verblüht
Dichtkunst nicht mehr durch Zweige zieht«
 
                                Zweites Kapitel
Franz hatte einen Brief aus Strassburg mitgenommen um ihn einem Manne in einer
nicht entfernten Stadt abzugeben dessen Bekanntschaft er zu machen wünschte
Sie waren im Begriff einen Seitenweg einzuschlagen um auf einem Umwege jene
Stadt zu besuchen als sie auf einem anmutigen Hügel ausruhend zwei Gestalten
auf jenem Wege auf sich zuschreiten sahen Der eine von diesen trug einen
schwarzen Mönchshabit der andre hatte fast das Ansehen eines Soldaten denn ihm
wankten Federn vom Hut er trug ein kurzes enges Kleid ohne Mantel und war mit
einem großen Schwert umgürtet sein Gang wie sein Ansehen waren fest und
trotzig Die Fremden ließ sich auch auf den Hügel nieder Nach den
gewöhnlichen Begrüßungen fragte derjenige welcher ein Geistlicher zu sein
schien mit freundlichem Wesen ob die Wanderer vielleicht von Strassburg
gekommen wären Franz sagte »Wir sind vor kurzem von dort aufgebrochen und
jetzt im Begriff einen Umweg über jenes Städtchen jenseit des Waldes zu machen
um einen deutschen Bildhauer aufzusuchen für welchen ich einen Brief mit mir
führe« »So« sagte der Trotzige »und sollte dieser Mann nicht vielleicht aus
Nürnberg sein und Bolz heißen« »Allerdings« sagte Franz »und ich verwundre
mich nur woher Ihr es wissen könnt« »Weil ich es selber bin« sagte jener
»man hat mir schon darüber geschrieben wie gut dass wir uns zufällig treffen
denn ich konnte dort nicht mehr verweilen und hätte mir den Brief müssen
nachsenden lassen« »Ihr kommt seit kurzem aus Italien« fragte Franz
    »Ja« sagte Bolz »ich gehe nun über Strassburg und von da nach Nürnberg
meiner Vaterstadt zurück«
    »O wie glücklich seid Ihr« rief Sternbald aus »Ihr seht die geliebte
Heimat den hochverehrten Dürer den edlen Mann in wenigen Wochen O bringt ihm
und meinem Freunde Sebastian meine herzlichsten Grüße«
    »Kann vielleicht geschehen« sagte der Bildhauer mit einer wegwerfenden Art
»Aber wer seid Ihr denn Denn noch weiß ich nichts von Euch nicht einmal Euren
Namen«
    Franz nannte sich ihm und seinen Beruf und fragte dann begierig »Was macht
der edle Raffael von Urbin Habt Ihr ihn gesehen«
    Der Mönch nahm das Wort »Nein« sagte er »leider hat diese schönste Zier
der edlen Malerkunst die Erde verlassen er ist im vorigen Jahre gestorben Mit
ihm ist die höchste Blüte der Kunst in Italien gewelkt«
    »Wie Ihr da sprecht« rief der Bildhauer Bolz »und was wäre dann der
unsterbliche Michel Angelo der die höchste Höhe der Kunst erreichte die
Raffael niemals gekannt hat Der uns gezeigt hat was Erhabenheit sei Dieser
lebt noch mein junger Freund und er steht als Sieger am Ziel der Skulptur
Malerei und Baukunst als ein hoher Genius der jedem Schüler sein Streben
andeutet und erleichtert«
    »So ist mir dieser Wunsch meines Herzens versagt« klagte Franz »den Mann
zu sehen der ein Freund meines Dürer war den Dürer so bewunderte und zu dem
seit Jahren ein unnennbares Sehnen mich hinzog«
    »Nun freilich« rief Bolz aus »der altfränkische gutherzige Dürer hat ihn
auch wohl bewundern dürfen und für ihn steht freilich Raffael auf einer Höhe
zu der er mit Schwindeln hinaufblicken muss Er ist aber auch nicht imstande
etwas von Angelos Größe zu verstehen wenn er ein Werk von diesem erblicken
sollte Dagegen müssen ihm die kleinen Bilder die mühsam und künstlich
ausgeführten Spielwerke Raffaels höchst willkommen und im ganzen verständlich
sein«
    »Erlaubt« sagte Florestan »ich bin kein Kenner der Kunst aber doch habe
ich von Tausenden gehört dass Raffael das Kleinod dieser Erde zu nennen sei und
wahrlich wenn ich meinen Augen und meinem Gefühle trauen darf so leuchtet eine
erhabene Göttlichkeit aus seinen Werken«
    »Und wie Ihr von Dürer sprecht« sagte Franz »dieser weiß wohl das Eigne
und Große an fremden Werken zu schätzen wie könnte er sonst selber ein so
großer Künstler sein Ihr liebt Euer deutsches Vaterland wenig wenn Ihr von
seinem ersten Künstler geringe denkt«
    »Erzürnt Euch nicht« sagte der Mönch »denn es ist seine raue wilde Art
dass er alles übertreibt Ihm dünkt nur das Riesenhafte und Ungeheure schön und
der Sinn für alles übrige scheint ihm versagt«
    »Nun was ist es denn auch mit Deutschland und mit unsrer einheimischen
Kunst« rief Bolz ergrimmt aus »Wie armselig und handwerksmässig wird sie
ausgeübt und geschätzt Noch kein wahrer Künstlergeist hat diesen unfruchtbaren
deutschen Boden diesen trüben Himmel besucht Was soll auch die Kunst hier
Unter diesen kalten gefühllosen Menschen die sie in dürftiger Häuslichkeit kaum
als Zierat achten Darum strebt auch keiner von den sogenannten Künstlern das
Höchste und Vollkommenste zu erreichen sondern sie begnügen sich der kalten
dürftigen Natur nahezukommen ihr hin und wieder einen Zug außer dem
Zusammenhange abzulauschen und glauben dann wenn sie ihr Machwerk in kahler
Unbedeutsamkeit stehen lassen was Rechtes getan zu haben So ist Euer
gepriesener Albrecht Dürer Euer Lukas von Leiden Euer Schoorel ob er gleich
in Italien gewesen ist der Schweizer Holbein und keiner von ihnen verdient zu
den Malern gezählt zu werden«
    »Ihr kennt sie nicht« rief Franz unwillig aus »oder Ihr wollt sie mit
Vorsatz verkennen Soll denn ein Mann allein die Kunst und alle Trefflichkeit
völlig bis zum letzten Grunde erschöpft haben so dass mit ihm nach ihm kein
anderer nach dem Kranze greifen darf Wie beengt und klein müsste dann das
himmlische Gebiet sein wenn es ein einziger Geist durchschwärmte und wie ein
Herkules an den Grenzen seine Säulen setzte um der Nachwelt zu sagen wie weit
sie gehen könne Mir scheint es Barbarei und Harterzigkeit Entwürdigung des
Künstlers selbst den ich vergöttern möchte wenn ich ihm ausschließlich alle
Kunst beilegen will Bisher scheint mir Dürer der erste Maler der Welt aber ich
kann es mir vorstellen und er hat es selbst oft genug gesagt wie viele
Herrlichkeiten in andern Gebieten glänzen Ich bin entzückt wenn ich daran
zurückdenke welchen reichen Bilderschatz welche Sammlung edler und lieblicher
Werke der Kunst ich allein auf meiner Reise in meinem geliebten Vaterlande
gesehen habe Von Nürnberg aus hat sich durch Franken bis zum Rhein Liebe und
Tätigkeit verbreitet es ist fast kein Ort der nicht etwas Denkwürdiges
aufzuweisen hätte und denke ich der Fülle des niederländischen Fleißes der
großen und alten Werke die allein das ehrwürdige Köln in seinen Mauern bewahrt
Malereien die wohl weit über den Johann von Eyck hinaufzusteigen scheinen und
Größe Kraft und tiefen Sinn aussprechen erinnre ich mich welche Meisterwerke
in GewandFiguren in hohem Ausdruck in Färbung und unbeschreiblicher
Lieblichkeit ich von diesem alten Johann gesehen habe und gedenke ich der
unzähligen reizenden und mühevollen Werke den Rhein hinunter in allen Städten
gehe von der früheren Zeit die Manieren in meiner Vorstellung durch und treffe
dann meinen hochverehrten Dürer am Schluss dieser deutschen Jahrhunderte mit der
Palme des Verdienstes in der Hand der gleichsam alle diese einzelnen
Bestrebungen in sich vereint oder geahndet und für die Zukunft noch vielfache
neue Erfindungen angedeutet hat so freue ich mich meiner Zeit und meines
Vaterlandes am meisten aber jenes edlen Mannes der mich ihn Freund zu nennen
vergönnt und wenn ich auch gerne glauben und zugeben will dass das südliche
Land und der hohe Michel Angelo noch ungekannte Herrlichkeiten bewahrt so werde
ich doch niemals wie Ihr dem deutschen Sinne ungetreu werden können«
    »Kommt nur nach Italien« sagte Bolz »und Ihr werdet anders sprechen«
    »Nein Augustin« fiel ihm der Mönch ein »So reich die Kunstwelt dort sein
mag so wird doch dieser junge Mann nachdem er sie kennengelernt hat
schwerlich anders sprechen Ihr gefallt Euch in Euren Übertreibungen in Eurer
erzwungenen Einseitigkeit und glaubt dass es keinen Enthusiasmus ohne
Verfolgungsgeist geben könne Sternbald wird gewiss auch in Rom und Florenz
seinem Dürer getreu bleiben und er wird gewiss Angelos Erhabenheit und Raffaels
Größe und Schöne mit gleicher Liebe umfassen können«
    »Und das soll er das muss er« rief Rudolph hier mit einem Ungestüm aus den
man sonst nicht an ihm bemerkte »Ihr mein ungestümer Herr Polz oder Stolz oder
wie Ihr Euch nennt habt wenig Ehre davon dass Ihr solche Gesinnungen und
Redensarten aus dem lieblichen Italien mit Euch bringt nach Norden nach den
Eisländern hättet Ihr reisen müssen Ihr sprecht von deutscher Barbarei und
fühlt nicht dass Ihr selber der größte Barbar seid Was habt Ihr in Italien
gemacht oder wo hat Euch das Herz gesessen als Ihr im Vatikanischen Palaste
vor Raffaels Unsterblichkeit standet«
    Alle mussten über den Ungestüm des Jünglings lachen und er selbst lachte von
Herzen mit obgleich ihm eine Träne im Auge stand »Ich bin ein Römer« sagte er
dann »und ich gestehe dass ich Rom unaussprechlich liebe Raffael ist es
besonders der Rom ausgeschmückt hat und seine hauptsächlichsten Gemälde
befinden sich dort Sagt nun was Ihr wollt ich werde Euch gewiss nicht noch
einmal so heftig widersprechen«
    »So ist denn dieser Raffael gestorben« fing Franz von neuem an »wie alt
ist er denn geworden«
    »Gerade neununddreissig Jahre« sagte der Mönch »Am Karfreitage an diesem
heiligen Tage ist er geboren und in diesen merkwürdigen Tag ist auch wieder die
Geburtsstunde seines neuen Lebens im Tode gefallen Er war und blieb sein
lebelang ein Jüngling und aus allen seinen Werken spricht ein milder kindlich
hoher Geist Sein letztes großes Gemälde war Christi Verklärung worin er seine
eigene Vergötterung gemalt hat denn vielleicht ist dieses Werk das Höchste und
Vollkommenste das seine Hand nur hervorbringen konnte Oben schwebt der Erlöser
in himmlischer Glorie neben ihm Elias und Moses vom Boden erhoben er in
verklärter Gestalt vom Glanz sind seine Lieblinge geblendet zu Boden gesunken
und unten am Berge sieht man die Apostel in ihnen den Glauben und die Kraft
welche die Erde noch verwandeln und erleuchten sollen aber noch ist um sie das
Menschenleben dunkel und sie können der entsetzlichen Not nicht abhelfen die
in Gestalt eines besessenen Knaben der ihnen zur Heilung herbeigeführt wird
wild und grässlich vor sie tritt In diesem Bilde ist auf die wundersamste Weise
alles vereinigt was heilig menschlich und furchtbar ist die Wonne der Seligen
mit dem Jammer der Welt und Schatten und Licht Körper und Geist Glaube
Hoffnung und Verzweiflung bildet auf tiefsinnige rührende und erhabene Weise
die schönste und vollendetste Dichtung Raffaels Sarg stand in der Malerstube
und dieses sein letztes vollendetes Gemälde daneben seine eigne Verklärung Der
Finger ruhte nun auf immer der diese Bilder in Leben und Bewegung gezaubert
hatte die bunte freundliche Welt die aus dem Gestorbenen hervorgegangen war
stand nun neben der blassen Leiche Ganz Rom war in Bewegung und keiner von
denen die es sahen konnte sich der Tränen enthalten«
    »Wessen Tränen« rief Franz aus »sollten wohl bei solchem Anblicke nicht
fließen Was können wir denn den großen Kunstgeistern zum Dank anders widmen
als unser volles entzücktes Herz unsre andächtige Verehrung Für diese
unbefangene kindliche Rührung für diese völlige Hingebung unsers
eigentümlichen Selbst für diesen vollen Glauben an ihre edle Trefflichkeit
haben sie gearbeitet dies ist ihr größter und ihr einziger Lohn Kommen mir
doch jetzt die Tränen in die Augen wenn ich mir den Abgeschiedenen da liegen
denke unter seinen Gemälden seine letzte Schöpfung neben ihm die noch vor
wenigen Tagen sein Kunstgeist bewegte und belebte Oh man sollte meinen alle
jene lebendigen Gestalten hätten sich verändern und nur Schmerz und
Verzweifelung über den entflohenen Raffael ausdrücken müssen«
    Der Bildhauer sagte »Nun gewiss Ihr habt eine lebhafte Imagination am Ende
meint Ihr gar sein gemalter Christus hätte ihn wieder vom Tode erwecken
können«
    »Und ist denn Raffael gestorben« rief Sternbald in seiner Begeisterung aus
»Wird Albrecht Dürer jemals sterben Nein kein großer Künstler verlässt uns
ganz er kann es nicht sein Geist seine Kunst bleibt freundlich unter uns
wohnen Der Name des Feldherrn wird auch vom späten Enkel noch genannt aber
größeren Triumph genießt der Künstler Raffael ruht neben seinen Werken
glänzender als der Sieger in seinem ehernen Grabmal denn er lässt die
Bewegungen seines edlen Herzens die großen Gedanken die ihn begeisterten in
sichtbaren Bildungen in lieblichen Klängen unter uns zurück und jede Gestalt
bietet schon jetzt dem noch ungebornen Enkel die Hand um ihn zu bewillkommnen
jedes Gemälde drückt den entzückten Beschauer an das Herz Raffaels und er
fühlt wie ihn der Geist des Malers liebevoll umfängt und erwärmt er glaubt das
Wehen des Atems zu fühlen die Stimme des Grusses zu vernehmen und ist durch
diese Stunde für seine ganze Lebenszeit gestärkt Und aus diesen Entzückungen
strömen neue Triebe und Bildungen die wieder wie Blüten oft ihres ersten
Stammes unbewusst späterhin als Frühling als Kunst als Unsterblichkeit und
himmlische Liebe vom großen Lebensbaum schwankend herniederleuchten und 
duften«
    Bolz sagte »Ihr werdet Euer lebelang kein großer Maler werden Ihr erhitzt
Euch über alles ohne Not und das wird Euch gerade von der Kunst abführen«
    »Darin mögt Ihr nicht ganz unrecht haben« sagte der Mönch »Mit welcher
Freude erinnre ich mich so mancher sinnvollen Gespräche mit jenem trefflichen
Manne den ich in den florentinischen Gebirgen kennenlernte Wahrlich nichts
hat mir seitdem noch so gemangelt als der Umgang mit diesem Geiste dessen
Gesinnungen wie seine Geschichte zu den lehrreichsten und sonderbarsten gehören
von denen ich noch vernommen habe und dieser wiederholte auch oft jene
Behauptung unsers stürmischen Freundes dass die Kunst einen ruhigen Geist
fordre«
    »Das ist wohl ausgemacht« sagte Rudolph »aber warum muss Euch ein alter
Herr den wir alle nicht kennen erst auf diesen Gedanken bringen der doch so
natürlich ist«
    »Ihr habt recht« sagte der höfliche Mönch »und ich verwundre mich selbst
dass ich an diesen so einleuchtenden Satz meine Erinnerung so gewaltsam
anknüpfte sein ungewöhnlicher Lebenslauf ist es der mir so oft im Sinne liegt
und ich musste an ihn denken seit ich Euren Freund Sternbald vor mir sah denn
so sehr als sich Jugend und Alter nur ähnlich sein können gleicht er in
Antlitz und Gebärde jenem meinen teuren Freunde«
    »Könnt Ihr uns nicht etwas von seiner Geschichte erzählen« fragte Franz
    Der Mönch wollte eben anfangen als sie Jagdhörner und Hundegebell hörten
Ein Trupp Reuter jagte bei ihnen vorüber und in den benachbarten Wald hinein
Die Berge gaben die Töne zurück und ein schönes musikalisches Gewirr lärmte
durch die einsame Gegend
    Bolz stand auf und sagte »Lasst um des Himmels willen Eure langweiligen
Erzählungen freut Euch doch an diesem Konzerte das nach meinem Gefühle jede
Brust erregen müsste Ich kenne nichts Schöneres als Jagdmusik den Hörnerklang
den Widerhall im Walde das wiederholte Gebell der Hunde und das hetzende Hallo
der Jäger Als ich auf meiner Rückreise über Palästina ging und nicht weit
davon in abgelegener Gegend einen Bekannten besuchen wollte war ich so
glücklich dort im dichten Walde dem schönsten Mädchen die ich noch gesehen
habe eine Jungfrau wie sie uns sonst unsre Phantasie nur edel und reizend
malt bei einer Jagd das Leben zu retten große Hirtenhunde hatten sich
aufgescheucht vom Getümmel an sie gemacht und ich kam eben hinzu als die
wilden Tiere die dort sehr gefährlich sind sie anfallen wollten und sie fast
ohnmächtig den Versuch machte einen Baum hinanzuklimmen Das Herr Maler war
eine Szene der Darstellung würdig Der grüne dunkelschattige Wald das
Getümmel der Jagd ein aufgescheuchtes Weib mit langem fliegenden Goldhaar das
Gewand in Unordnung der Busen fast frei Fuß und schönes Bein von der Stellung
entblößt Seht so habe ich Euch auch aus meiner Erinnerung eine Geschichte
erzählt denn dieses hohe himmlische Bild schwebt mir so vor dass sie allein
mich bewegen könnte nach Italien zurückzugehn«
    Franz dachte unwillkürlich an seine Unbekannte und der Mönch sagte »Ich
kann den Gegenstand so besonders malerisch nicht finden er ist alltäglich und
bedeutungslos«
    »Nachdem ihn der Maler nehmen dürfte« fiel Franz ein
    Sie waren einen Berg hinangestiegen und standen nun ermüdet still Indem sie
sich an der Aussicht ergötzten und den Krümmungen des Rheins durch die grünen
Gefilde folgten der sich glänzend um Hügel schmiegte wieder erschien und dann
von Schatten und Wald verschlungen plötzlich in entfernteren Biegungen von
neuem hervorleuchtete rief Franz aus »Mich dünkt ich sehe noch ganz in der
Ferne den Münster«
    Sie sahen alle hin und ein jeglicher glaubte ihn zu entdecken »Der
Münster« sagte Bolz »ist noch ein Werk das den Deutschen Ehre macht«
    »Das aber doch gar nicht zu Euren Begriffen vom Idealischen und Erhabenen
passt« antwortete Franz
    »Was gehen mich meine Begriffe an« sagte der Bildhauer »ich kniee in
Gedanken vor dem Geiste nieder der diesen allmächtigen Bau entwarf und
ausführte Wahrlich es war ein seltener Geist der es wagte diesen Baum mit
Ästen Zweigen und Blättern so hinzustellen immer höher den Wolken mit seinen
Felsmassen entgegenzugehn und ein Werk hinzuzaubern das gleichsam ein Bild der
Unendlichkeit ist«
    Sternbald sagte »Wie freue ich mich dass es mir so wohl geworden ist
dieses Denkmal deutscher Kunst und Seelenhoheit gesehen zu haben Mit welcher
lauten Stimme wird der Name Erwins durch die Welt gerufen und wie fühlen wir im
Anschauen dieses Monumentes die Unsterblichkeit des Menschengeistes Hier ist
eine Erhabenheit ausgesprochen für die kein andres Zeichen keine andre Kunst
ja selbst der unendliche Gedanke nicht genügte die Vollendung der Symmetrie
die kühnste allegorische Dichtung des menschlichen Geistes diese Ausdehnung
nach allen Seiten und über sich in den Himmel hinein das Endlose und in sich
selbst Geordnete die Notwendigkeit des Gegenüberstehenden welches die andere
Hälfte erläutert und vollendet so dass eins um des andern willen und alles um
die deutsche Größe und Herrlichkeit auszudrücken da ist Es ist ein Baum ein
Wald aber diese allmächtigen unendlich wiederholten Steinmassen drücken auch
wenn man will noch viel anderes im Bilde aus Es ist der Geist des Menschen
selbst seine unendliche Mannigfaltigkeit zur sichtbaren Einheit verbunden sein
kühnes Riesenstreben nach dem Himmel seine Dauer und Unbegreiflichkeit den
Geist Erwins selbst seh ich in einer furchtbar sinnlichen Anschauung vor mir
stehen Es ist zum Entsetzen dass der Mensch aus den Felsen und Abgründen sich
einzeln die Steine hervorholt und nicht rastet und ruht bis er diesen
ungeheuren Springbrunnen von lauter Felsenmassen hingestellt hat der sich ewig
ewig ergießt und wie mit der Stimme des Donners Anbetung vor uns selbst in
unsre sterblichen Gebeine hineinpredigt Und nun klimmt unbemerkt und
unkenntlich ein Wesen gleich dem Baumeister oben wie ein Wurm an den Zinnen
umher und immer höher und höher bis ihn der letzte Schwindel wieder zur
flachen sichern Erde hinunternötigt  wer hier nichts fühlt und entzückt ist o
wahrhaftig der begeht ein armer Sünder die Verleugnung Petri an der
Herrlichkeit des göttlichen Ebenbildes«
    Hier gab der Bildhauer dem Maler die Hand und sagte »So hör ich Euch
gerne«
    »Und ist es denn nun etwa« fuhr Sternbald fort »dass diese ungeheure Masse
uns Entsetzen oder Schauer erregt wie vielleicht die Pyramiden Ägyptens
verursachen mögen O vergönnt und verzeiht mir dass ich vielleicht ein zu kühnes
Gleichnis brauche Wie der Ewige Unendliche sich in die Liebe kleidete um uns
nicht zu schrecken und sich verständlich zu machen wie er als Kind und Freund
unter uns wandelte und der gläubige Christ so Trost und Zuflucht bei ihm
selbst vor jenem ungeheuren unermesslichen Bilde des Vaters findet so ist hier
auf ähnliche Art die Liebe in das Mittel getreten nun diese Erhabenheit wieder
in Blume in Pflanze in Licht und heiteres süßes Spiel aufzulösen Wohin das
Auge sieht und wohin es schweift begegnet ihm dieser zarte Scherz und schaukelt
sich in Wellen Rosen Knospen Bildern Bögen um den harten Stein und Felsen
wie in Musik und Wohllaut aufzulösen Daher das Unerklärliche dass wir ganz so
wie vor einem Wunder vor einem Traume stehen wenn dieses höchste Riesenwerk
zugleich wie ein zarter himmlischer Luftscherz vor uns schwebt In Steinen sehen
wir die geahndete Glorie des Himmels und auch der Fels hat seine starre Natur
brechen müssen um Hosianna und Heilig Heilig zu singen«
    »Phantasiert nur« sagte Bolz »aber wahr ist es dass diese Gebäude die
vielleicht allein den Deutschen angehören den Namen des Volkes unsterblich
machen müssen Der Dom zu Wien der unvollendete mächtige Bau in Köln und jener
in Strassburg sind die hellsten Sterne und wie lieblich ist der kleine Dom
drüben im breisgauschen Freiburg mancher andern in Esslingen oder Meissen und
an andern Orten nicht zu erwähnen Vielleicht erfahren wir auch noch einmal dass
alles was England Spanien und Frankreich von dieser Art Herrliches besitzt
von deutschen Meistern ist gegründet worden Dergleichen findet Ihr nun freilich
in Italien nicht denn der Italiener der alles verwirft was nicht sein ist
kennt nur als gotisch oder deutsch die unreifen rohen Steinmassen zu Mailand und
Pisa oder gar das unzusammenhängende Gebäude des Domes zu Lucca  Aber wir
müssen uns trennen Ihr kommt jetzt junger Mann nach Italien indem es
vielleicht seine glänzendste Epoche gefeiert hat Ihr werdet viele große und
verdiente Männer antreffen und was an ihnen das Schönste ist erkennen Die
meisten arbeiten in der Stille Vielleicht kommt aber bald die Zeit wo es mit
der wahren hohen Kunst zu Ende ist denn man fängt schon an zu schwatzen statt
zu handeln von manchen großen Meistern vererbt sich statt des Tiefsinns ein
unnützer Hang zum Grübeln der die Kraft erlahmt oder ein seichtes leeres
Spiel mit Gedanken und ein Tändeln mit der Kunst oder es entsteht wohl der
Afterentusiasmus die Lüge die das wahrhaft Edle herabwürdigen«
    Sie gingen auseinander und Franz überdachte die letzten Worte die ihm
nicht ganz verständlich waren
 
                                Drittes Kapitel
Indem Rudolph und Franz ihren Weg fortsetzten sprachen sie über ihre Begleiter
die sie verlassen hatten Franz sagte »Ich kann es mir nicht erklären warum
ich vom ersten Augenblicke einen unbeschreiblichen Widerwillen gegen diesen
Bildhauer empfunden habe der sich mit jedem Worte das er sprach vermehrte
selbst die freundliche Art mit der er am Ende Abschied nahm war mir recht im
Herzen zuwider«
    »Der Geistliche« antwortete Rudolph »hatte im Gegenteil etwas Anlockendes
das gleich mein Zutrauen gewann er schien ein sanfter freundlicher Mensch der
jedem wohlwollte Nur möchte ich glauben dass er dem Stande nicht angehört
dessen Kleidung er trägt denn sein Gang war zu frei und männlich«
    »Er hätte uns« fuhr Sternbald fort »die Geschichte des alten Mannes
erzählen sollen von dem er sprach eine sonderbare Neugier bemächtigte sich
meiner und es schmerzt mich so von ihm geschieden zu sein denn es gibt
Begebenheiten aus deren Erzählung man für sein ganzes Leben lernen kann«
    »Und ich begreife nicht« sagte Rudolph »was in jeder Geschichte anders
noch als Geschichte sein kann mir war es lieb dass es nicht zur Erzählung kam
denn schon in den Büchern ist es mir immer sehr verhasst gewesen wenn auf eine
ähnliche Frage und unnötige Veranlassung eine Novelle oder Historie vorgetragen
wird und in dem Augenblick als er sich zum Vortrage anschickte gemahnte es
mir gerade so als wenn ich ein solches Buch läse«
    Ein Fußsteig führte sie in einen dichten kühlen Wald hinein und sie
bedachten sich nicht lange ihm nachzugehen Eine erquickende Luft zog durch die
Zweige und der mannigfaltigste anmutigste Gesang von unzähligen Vögeln
erschallte Es war ein lebendiges Gewimmel in den Gebüschen die buntgefiederten
Sänger sprangen hier und dorthin die Sonne flimmerte nur an einzelnen Stellen
durch das dichte Grün
    Beide Freunde gingen schweigend nebeneinander indem sie des schönen
Anblicks genossen Endlich stand Rudolph still und sagte »Wenn ich ein Maler
wäre Freund Sternbald so würde ich vorzüglich Waldgegenstände studieren und
darstellen Schon der Gedanke eines solchen Gemäldes kann mich entzücken Wenn
ich mir unter diesen dämmernden Schatten die Göttin Diana vorübereilend denke
den Bogen gespannt das Gewand aufgeschürzt und die schönen Glieder leicht
umhüllt hinter ihr die Nymphen in Eil und die Jagdhunde springend so wird mir
dies von selbst zum Bilde Oder stelle dir vor dass dieser Fußweg sich immer
dichter in das Gebüsch hineinwindet die Bäume werden immer höher und
wunderbarer plötzlich steht eine Grotte ein kühles Bad vor uns und in ihm die
Göttin mir ihren Begleiterinnen entkleidet Da ist die Einsamkeit Grün
Felsen und Baum und die nackte Schönheit majestätischer hoher und
jungfräulicher Leiber vereinigt füge vielleicht den Aktäon hinzu so tritt
jener wundersame Schreck und die seltsame Freude noch in das Gemälde in seinen
Hunden kannst du schon die tierische Wut und den Blutdurst darstellen so ist
hier das Widersprechendste in ein poetisches Bild notwendig und schön
verknüpft«
    »Oder« sagte Franz »hier im tiefen Walde die Leiche eines schönen
Jünglings und über ihm ein Freund und die Geliebte im tiefsten Schmerz
vielleicht Venus und Adonis oder ein lieblicher Knabe von wilden Räubern
erschlagen die dunkelgrünen Schatten unter ihnen die blendenden
Jugendgestalten der frische Rasen die einzelnen zerspaltenen Sonnenstrahlen
von oben die nur das Gesicht und einzelne kleine Teile hell erleuchteten der
Eber oder die Räuber in der Ferne wie von Gewitterschatten eingehüllt alles
dies zusammen müsste ein vortreffliches Gemälde der Schwermut und Schönheit
ausbilden«
    »Fühlst du nicht oft« fuhr Rudolph fort »einen wunderbaren Zug deines
Herzens dem Wunderbaren und Seltsamen entgegen Man kann sich der Traumbilder
dann nicht erwehren man erwartet eine höchst sonderbare Fortsetzung unsers
gewöhnlichen Lebenslaufs Oft ist es als wenn der Geist von Ariosts Dichtungen
über uns hinwegfliegt und uns in seinen kristallenen Wirbel mit fassen wird
nun horchen wir auf und sind auf die neue Zukunft begierig auf alle die
Erscheinungen die an uns mit bunten Zaubergewändern vorübergehen sollen dann
ist es als wollte der Waldstrom seine Melodie deutlicher aussprechen als würde
den Bäumen die Zunge gelöst damit ihr Rauschen in verständlichern Gesang
dahinrinne Nun fängt die Liebe an auf fernen Flötentönen heranzuschreiten das
klopfende Herz will ihr entgegenfliegen die Gegenwart ist wie durch einen
mächtigen Bannspruch festgezaubert und die glänzenden Minuten wagen es nicht zu
entfliehen Ein Zirkel von Wohllaut hält uns mit magischen Kräften
eingeschlossen und ein neues verklärtes Dasein schimmert wie rätselhaftes
Mondlicht in unser wirkliches Leben hinein«
    »O du Dichter« rief Franz aus »wenn du nicht so leichtsinnig wärst
solltest du ein großes Wundergedicht erschaffen voll von gaukelndem Glanz und
wandelnden Klängen voll Irrlichter und Mondschimmer ich höre dir mit Freuden
zu und mein Herz ist schon wunderbar von diesen Worten ergriffen«
    Nun hörten sie eine rührende Waldmusik von durcheinanderspielenden Hörnern
aus der Ferne sie standen still und horchten ob es Einbildung oder
Wirklichkeit sei aber ein melodischer Gesang quoll durch die Bäume ihnen wie
ein rieselnder Bach entgegen und Franz glaubte die Geisterwelt habe sich wohl
plötzlich aufgeschlossen weil sie vielleicht ohne es zu wissen das große
zaubernde Wort gefunden hätten als habe nun der geheimnisvolle unsichtbare
Strom den Weg nach ihnen gelenkt und sie in seine Fluten aufgenommen Sie
gingen näher die Waldhörner schwiegen aber eine süße Stimme sang nun folgendes
Lied
»Waldnacht Jagdlust
Leis und ferner
Klingen Hörner
Hebt sich jauchzt die freie Brust
Töne töne nieder zum Tal
Freun sich freun sich allzumal
Baum und Strauch beim munteren Schall
Kling nur Bergquell
Efeuranken
Dich umschwanken
Riesle durch die Klüfte schnell
Fliehet flieht das Leben so fort
Wandelt hier dann ist es dort 
Hallt zerschmilzt ein luftig Wort
Waldnacht Jagdlust
Dass die Liebe
Bei uns bliebe
Wohnen blieb in treuer Brust
Wandelt wandelt sich allzumal
Fliehet gleich dem Hörnerschall 
Einsam einsam grünes Tal
Kling nur Bergquell
Ach betrogen 
Wasserwogen
Rauschen abwärts nicht so schnell
Liebe Leben sie eilen hin
Keins von beiden trägt Gewinn 
Ach dass ich geboren bin«
Die Stimme schwieg und die Hörner fielen nun wieder mit schmelzenden Akkorden
darein dann verhallten sie und eine männliche volle Stimme sang von einem
entfernteren Orte
»Treulieb ist nimmer weit
Nach Kummer und nach Leid
Kehrt wieder Lieb und Freud
Dann kehrt der holde Gruß
Händedrücken
Zärtlich Blicken
Liebeskuss
Treulieb ist nimmer weit
Ihr Gang durch Einsamkeit
Ist dir nur dir geweiht
Bald kommt der Morgen schön
Ihn begrüsset
Wie er küsset
Freudenträn«
Die Hörner schlossen auch diesen Gesang mit einigen überaus zärtlichen Tönen
    Franz und Rudolph waren indes näher geschritten und standen jetzt still an
einen alten Baum gelehnt der sie fast ganz beschattete Sie sahen eine
Gesellschaft von Jägern auf einem grünen Hügel gelagert einige darunter waren
diejenigen die vorher an ihnen vorübergeritten waren Auf der mittleren
Erhöhung des Hügels saß ein wundersam schöner Jüngling in einer Jagdkleidung
von grünem Samt von einem violetten Hute schwankten bunte Federn in einem
reichen Bandelier das über der erhabenen Brust hing trug er ein kurzes
Schwert er hatte das erste Lied gesungen aus dem Anstande der Schönheit und
dem Wuchse des Jünglings sah Franz dass er ein Mädchen sei sie glich indem
sich die schlanke Gestalt erhob und die Hitze der Jagd in ihrem Gesichte
glühte der Göttin der Wälder Alle Jäger sprangen auf die verschiedenen
ruhenden Gruppen wurden plötzlich lebendig und versammelten sich um sie her
die Hunde kamen herbei die bisher teils zu ihren Füßen schnaufend teils unter
den kühlen Bäumen gelegen hatten Ein Jagdruf der Hörner erklang und alles
machte sich zur Rückkehr fertig Die wiehernden Rosse wurden von Dienern aus dem
Schatten des Waldes herbeigeführt Jetzt ward sie die beiden Reisenden gewahr
und ging freundlich auf sie zu indem sie sich erkundigte auf welche Weise sie
dorthin gekommen wären Rudolph merkte nun erst dass sie sich verirrt haben
müssten denn sie sahen keinen Weg keinen Fußsteig vor sich Auf den Befehl der
Jägerin reichte man ihnen Wein in Bechern zur Erfrischung dann erzählten sie
von ihrer Wanderschaft Da die schöne Jägerin hörte dass Sternbald ein Maler
sei bat sie beide Freunde dem Zuge auf ihr nahe gelegenes Schloss zu folgen
Sternbald solle ausruhen und nachher etwas für sie arbeiten
    Franz war begeistert er wünschte nichts so sehr als in der Nähe dieser
herrlichen Erscheinung zu bleiben und ihr auf irgendeine Weise gefällig oder
nützlich sein zu können Die Jäger bestiegen ihre Pferde und zwei von ihnen
boten Franz und Rudolph ihre Hengste an Sie stiegen auf und Rudolph war immer
der vorderste im Zuge wobei sich seine ausländische Tracht seine vom Hute
flatternden Bänder gut ausnahmen Sternbald aber dem diese Übung noch neu war
schien ängstlich und blieb hinten er wünschte dass man ihn zu Fuß hätte folgen
lassen
    Jetzt eröffnete sich der Wald Eine schöne Ebene mit Gebüschen und krausen
Hügeln in der Ferne lag vor ihnen Die Pferde wieherten laut und fröhlich als
sie die Rückkehr zur Heimat merkten das Schloss der Gräfin lag mit glänzenden
Fenstern und Zinnen zur Rechten auf einer lieblichen Anhöhe Ein Jäger der mit
Rudolph den Zug angeführt hatte bot diesem an einen Wettlauf bis zum Schloss
anzustellen Rudolph war willig beide spornten ihre Rosse und flogen mit
gleicher Eile über die Ebene Rudolph jauchzte als er seinem Mitkämpfenden
Vorsprung abgewann die übrigen folgten langsam unter einer fröhlichen Musik der
Hörner
    Es war um die Mittagszeit als der Zug im Schloss ankam und die ganze
Gesellschaft setzte sich bald darauf zur Tafel die schöne Jägerin war aber
nicht zugegen Die Tischgesellschaft war desto lustiger Rudolph vom Reiten
erhitzt und da er überdies noch vielen Wein trank war er beinahe ausgelassen
um so mehr aber belustigte er die Gesellschaft die es nicht müde wurde seine
Einfälle zu belachen Franz fühlte sich gegen seine Leichtigkeit unbeholfen und
ohne alle Fähigkeit Scherz und Lachen zu vernehmen Ein ältlicher Mann der im
Hause aufbewahrt wurde galt für einen Dichter er sagte Verse her die ungemein
gefielen und noch mehr deswegen weil er sie ohne Vorbereitung singen oder
sprechen konnte Unter dem lautesten Beifall der Gesellschaft sang er folgendes
Trinklied
»Die Gläser sind nun angefüllt
Auf Freunde stosset an
Der edle Traubensaft entquillt
Für jeden braven Mann
Es geht von Mund zu Mund
Das volle Glas in die Rund
Wer krank ist trinke sich gesund
Es kommt vom Himmel Sonnenschein
Und schenkt uns Freud und Trost
Dann wächst der liebe süße Wein
Es rauschet uns der Most
Es geht von Mund zu Mund
Das volle Glas in die Rund
Wer krank ist trinke sich gesund«
Da alle das Talent des Mannes bewunderten sagte Rudolph im Unwillen »Es
geschieht dem Wein keine sonderliche Ehre dass Ihr ihn auf solche Art lobt denn
es klingt beinahe als wenn Ihr aus Not ein Dichter wäret der den lieben Wein
nur besingt weil er sich diesen Gegenstand einmal vorgesetzt hat es ist wie
ein Gelübde das jemand mit Widerwillen bezahlt Warum quält Ihr Euch damit
Verse zu machen Ihr könnt den Wein so durch funfzig Strophen verfolgen von
seiner Herkunft anfangen und seine ganze Erziehung durchgehn Ich will Euch auf
diese Art auch ein Gedicht über den Flachsbau durchsingen und über jedes
Manufakturprodukt«
    »Das hören wir sehr ungern« rief einer von den Jägern
    »Wir haben den Mann immer für einen großen Dichter gehalten« sagte ein
andrer »warum macht Ihr uns in unserm Glauben irre«
    »Es ist leichter tadeln als besser machen« rief ein dritter
    Der Poet selbst war sehr aufgebracht dass ihm ein fremder Ankömmling seinen
Lorbeer streitig machen wollte Er bot dem berauschten Florestan einen
dichterischen Zweikampf an den die Gesellschaft nachher entscheiden sollte
Florestan gab seine Zustimmung und der alte Sänger begann sogleich ein schönes
Lied auf den Wein das alle Gemüter so entzückte dass Franz für seinen Freund
wegen des Ausganges des Krieges in billige Besorgnis geriet
    Während dem Liede war die Tafel aufgehoben und Florestan bestieg nun den
Tisch indem er seinen Hut aufsetzte der mit grünem Laube geputzt war vorher
trank er noch ein großes Glas Wein dann nahm er eine Zither in die Hand auf
welcher er artig spielte und dazu sang
»Erwacht ihr Melodieen
Und tanzt auf den Saiten dahin
Ha meine Augen glühen
Alle Sorgen erdwärts fliehen
Himmelwärts entflattert der jauchzende Sinn
In goldenen Pokalen
Verbirget die Freude sich gern
Es funkeln in den Schalen
Ha des Weines liebe Strahlen
Es regt sich die Welle ein schimmernder Stern
In tiefen Bergesklüften
Wo Gold und der Edelstein keimt
In Meeres fernen Schlüften
In Adlers hohen Lüften
Nirgend Wein wie auf glücklicher Erde schäumt
Gern mancher sucht in Schlünden
Wo selber dem Bergmann graut
In felsigen Gewinden
Könnt er die Wonne finden
Die so freundlich uns aus dem Becher beschaut« 
Rudolph hielt inne »Ist es mir Herr Poet« fragte er bescheiden »nun wohl
vergönnt das Silbenmass ein wenig zu verändern«
    Der Dichter besann sich ein Weilchen dann nickte er mit dem Kopfe um ihm
diese Freiheit zuzugestehn Rudolph fuhr mit erhöhter Stimme fort
»Als das Glück von der Erde sich wandte
Das Geschick alle Götter verbannte
Da standen die Felsen so kahl
Es verstummten der Liebenden Lieder
Sah der Mond auf Betrübte hernieder
Vergingen die Blumen im Tal
Sorg und Angst und Gram ohne Ende
Nur zur Arbeit bewegten sich Hände
Trüb und tränend der feurige Blick
Sehnsucht selber war nun entschwunden
Keiner dachte der vorigen Stunden
Keiner wünschte sie heimlich zurück
Nicht wahr« unterbrach sich Rudolph selber »das war für die arme Menschheit
eine traurige Lage die so plötzlich das goldene Zeitalter verloren hatte Aber
hört nur weiter
Alle Götter ohn Erbarmen
Sahn hinunter auf die Armen
Ihr Verderben ihr Entschluss
Oh wer wäre Mensch verblieben
Ohne Götter ohne Lieben
Ohne Sehnsucht ohne Kuss 
Bacchus sieht ein junger Gott
Lächelnder Wang mit Blicken munter
Zur verlassenen Erd hinunter
Ihn bewegt der Menschheit Not
Und es spricht die Silberstimme
Meine Freunde sind zu wild
Ihrem eigensinngen Grimme
Unterliegt das Menschenbild
Dürfen sie die Welt verhöhnen
Weil kein Tod uns Göttern dräut
Sollen denn nur Angst und Stöhnen
Leben sein und bittres Leid
Aber meine Freunde ich bin des Singens und Trinkens überdrüssig« Und mit
diesen Worten sprang er vom Tische herunter
    Unter der berauschten Gesellschaft entstand ein Gemurmel weil sie stritten
welcher von den beiden Poeten den Preis verdiene Die meisten Stimmen schienen
für den alten Sänger einige aber die durch ihre Vorliebe für das Neue einen
bessern Verstand anzudeuten glaubten nahmen sich des Florestan mit vielem Eifer
an Auch Sternbald mischte sich scherzend in den Streit um seinem Freunde
beizustehen
    »Man weiß nicht recht was der junge Mensch mit seinem Gesange oder Liede
will« sagte einer von den ältesten »Ein gutes Weinlied muss seinen stillen Gang
für sich fortgehen damit man brav Lust bekommt mitzusingen weshalb auch oft
blinkt klingt und singt darin angebracht sein muss wie ich es auch noch
allenthalben gefunden habe Allein was sollen mir dergleichen Geschichten«
    »Freilich« sagte Florestan »kann es nichts sollen aber lieben Freunde
was soll euch denn der Wein selber Wenn ihr Wasser trinkt bleibt ihr auch um
vieles mäßiger und verständiger«
    »Nein« schrie ein andrer »auch im Weine kann und muss man mäßig sein der
Genuss ist dazu da dass man ihn genießt aber nicht so gänzlich ohne Verstand«
    Rudolph lachte und gab ihm recht wodurch viele ausgesöhnt wurden und zu
seiner Partei übergingen »Ich habe nur den Tadel« sagte Sternbald »dass dein
Gedicht durchaus keinen Schluss hat«
    »Und warum muss denn alles eben einen Schluss haben« rief Florestan »und nun
gar in der scherzenden fröhlichen Poesie Fangt ihr nur an zu spielen um
aufzuhören Denkt ihr euch bei jedem Spaziergange gleich das Zurückgehen Es ist
ja schöner wenn ein Ton leise nach und nach verhallt wenn ein Wasserfall immer
fortbraust wenn die Nachtigall nicht verstummt Müsst ihr denn Winter haben um
den Frühling zu genießen«
    »Es kann sein dass Ihr recht habt« antworteten einige »ein Weinlied nun
gar das nichts als die reinste Fröhlichkeit atmen soll kann eines Schlusses am
ersten entbehren«
    »Aber wie ihr nun wieder sprecht« rief Florestan im tollen Mute indem er
sich hastig rundherum drehte »Ohne Schluss ohne Endschaft ist kein Genuss kein
Ergötzen durchaus nicht möglich Wenn ich einen Baumgang hinuntergehe sei er
noch so schön so muss ich doch an den letzten Baum kommen können um
stillzustehn und zu denken Dort bin ich gegangen Im Leben wären Liebe Freude
und Entzücken nur Qualen wenn sie unaufhörlich wären dass sie Vergangenheit
sein können macht das zukünftige Glück wieder möglich ja zu jedem großen
Manne mit allen seinen bewundernswerten Taten gehört der Tod als unentbehrlich
zu seiner Größe damit ich nur imstande bin die wahre Summe seiner
Vortrefflichkeit zu ziehen und ihn mit Ruhe zu bewundern In der Kunst gar ist
der Schluss ja nichts weiter als eine Ergänzung des Anfangs«
    »Ihr seid ein wunderlicher Mensch« sagte der alte Poet »so singt uns also
Euren Schluss wenn er denn so unentbehrlich ist«
    »Ihr werdet aber damit noch viel weniger zufrieden sein« sagte Florestan
»doch es soll Euch ein Genüge geschehen« Er nahm die Zither wieder in die Hand
spielte und sang
»Bacchus lässt die Rebe spriessen
Saft durch ihre Blätter fließen
Lässt sie weiche Lüfte fächeln
Sonnet sie mit seinem Lächeln
Um die Ulme hingeschlungen
Steht die neue Pflanz im Licht
Heimlich ist es ihm gelungen
Denn die Götter merkens nicht
Lässt die Blüten rötlich schwellen
Und die Beeren saftig quellen
Fürchtend die Götter und das Geschick
Kommt er in Trauben verkleidet zur Welt zurück
Nun kommen die Menschlein hergegangen
Und kosten mit süßem Verlangen
Die neue Frucht den glühenden Most
und finden den Gott den himmlischen Trost
In der Kelter springt der mutwillige Götterknabe
Der Menschen allerliebste Habe
Sie trinken den Wein sie kosten das Glück
Es schleicht sich die goldene Zeit zurück
Der schöne Rausch erheitert ihr Gesicht
Sie genießen froh das neue Sonnenlicht
Sie spüren selber Götter und Zauberkraft
Die ihnen die neue Gabe schafft
Die Blicke feurig angeglommen
Zwingen sie die Venus zurückzukommen
Die Göttin ist da und darf nicht fliehn
Weil sie sie mächtig rückwärts ziehen
Da schauen die Götter herab mit staunendem Blick
Es kommt beschämt die ganze Schar zurück 
Wir wollen wieder bei euch wohnen
Ihr Menschen bauet unsre Tronen
Was brauchen wir euch und euer Geschick
So tönt von der Erde die Antwort zurück
Wir können euch ohne Gram entbehren
Wenn Wein und Liebe bei uns gewähren«
Nun schwieg er still und legte mit einer anständigen Verbeugung die Zither weg
»Das ist nun gar gottlos« riefen viele von den Zuhörern »Euer Schluss ist das
Unerlaubteste von allem was Ihr uns vorgesungen habt«
    Der Streit über den Wert der beiden Dichter fing von neuem an Sternbald
ward hitzig für seinen Freund und da er ihn einigemal bei seinem Namen
Florestan nannte so ward der andere Poet dadurch aufmerksam gemacht er fragte
er erkundigte sich das Gespräch nahm eine andere Wendung Man sprach von
Vettern Oheimen Basen in Deutschland Italien und Frankreich tausend Namen
wurden genannt viele Stammbäume entwickelt und endlich fand es sich dass die
beiden Streitenden Verwandte waren sie umarmten sich freuten sich einander so
unverhofft anzutreffen und es wurde nun weiter an keine Vergleichung ihrer
Talente gedacht
 
                                Viertes Kapitel
Die Gesellschaft zerstreute sich hierauf und Franz verließ nach dem Getümmel
gern das Haus um sich in den Schlossgarten zu begeben Hier gesellte sich der
Jäger zu ihm der im Walde die Antwort des Liedes mit einer schönen vollen
Stimme gesungen hatte er war ein junger Edelmann der einen der vornehmeren
Dienste bei der Herrschaft versah Arnold war sein Name Seine Miene hatte etwas
Schwermütiges und Leidendes auch hatte er an den Scherzen und Streitigkeiten
bei der Tafel keinen Anteil genommen Er ging mit Franz in den schattigen Gängen
auf und nieder indem sie sich vertraulich von der heutigen Jagd von Sternbalds
Reise und von der Schönheit der Gräfin unterhielten »Da kommt sie den
Lindengang heruntergeschritten« rief plötzlich der Jüngling mit einer lebhaften
Empfindung aus »seht wie sich das reiche Gewand um den edlen Leib schmiegt
und der Purpur des Kleides mit den goldenen Spangen in der grünen Dämmerung
schimmert schon fliegt der Strahl der himmlischen Augen um mich festzuhalten
aber heute wenigstens will ich einmal einer traurigen Freiheit genießen« Mit
diesen seltsamen Worten verließ er schnell den staunenden Maler Die geschmückte
Dame die er anfangs nicht wiedererkannt hatte schritt ihm im Gange freundlich
entgegen sie sah dem JägerJünglinge vom Morgen nur wenig ähnlich Sie begrüßte
ihn freundlich ihr Blick und ihre Rede waren holdselig nach einem kurzen
Gespräche entfernte sie sich wieder Franz lehnte sich sinnend an einen
künstlichen Springbrunnen der mit seinen kristallenen Strahlen die Luft
lieblich abkühlte und ein sanftes Geräusch ertönen ließ zu dem die nahen Vögel
williger und angenehmer sangen Er hörte auf den mannigfaltigen Wohllaut auf
den Wechselgesang den der spielende Quell gleichsam mit den Waldbewohnern
führte und sein Geist entfernte sich dann wieder in eine entfernte wunderbare
Zaubergegend
    »Bin ich getäuscht oder ist es wirklich« sagte er zu sich selber »ich
werde ungewiss ob mir allenthalben ihr süßes Bild begegnet oder sie meine
Phantasie nur in allen Gestalten wiedererkennt Diese Gräfin gleicht ihr die
ich nicht zu nennen weiß die ich suche und doch zögre für die ich nur lebe und
sie doch gewiss verliere«
    Eine Flöte ertönte aus dem Gebüsch und Franz setzte sich auf eine schattige
Rasenbank um den Tönen ruhiger zuzuhören Als der Spielende eine Weile
musiziert hatte sang eine wohlbekannte Stimme folgendes Lied
»Holdes holdes Sehnsuchtrufen
Aus dem Wald vom Tal herauf
Klimm herab die Felsenstufen
Folge diesem Locken Rufen
Hoffnung tut sich Glück dir auf
Wohl seh ich Gestalten wanken
Durch des Waldes grüne Nacht
Die bewegten Zweige schwanken
Sie entschimmern wie Gedanken
Die der Schlaf hinweggefacht
Komm Erinnrung liebe Treue
Die mir oft im Arm geruht
Singe mir dein Lied erfreue
Dieses matte Herz der Scheue
Fühlt dann Kraft und Lebensmut
Kinder lieben ja die Scherze
Und ich bin ein töricht Kind
Treu verblieb dir doch mein Herze
Leichtsinn nur im frohen Scherze
Bin noch so wie sonst gesinnt
Wald und Tal ihr grüne Hügel
Kennt die Wünsche meiner Brust
Wie ich gern mit goldnem Flügel
Von der Abendröte Hügel
Möchte ziehen zu meiner Lust
Erd und Himmel nun in Küssen
Wie mit Liebesscham entbrennt 
Ach ich muss den Frevel büßen
Lange noch die Holde missen
Die mein Herz mir ewig nennt
Morgenröte kommt gegangen
Macht den Tag von Banden frei
Erd und Himmel bräutlich prangen
Aber ach ich bin gefangen
Einsam hier im süßen Mai
Lieb und Mailust ist verschwunden
Ist nur Mai in ihrem Blick
Keine Rose wird erfunden 
Flieht und eilt ihr trägen Stunden
Bringt die Braut mir bald zurück«
Es war Rudolph der nun hervortrat und sich zu Sternbald an den Rand des
Springbrunnens niedersetzte »Ich erkannte dich wohl« sagte Franz »aber ich
wollte dich in deinem zärtlichen Gesange nicht stören doch siehst du muntrer
aus als ich dich erwartet hätte«
    »Ich bin recht vergnügt« sagte Florestan »der heutige Tag ist einer meiner
heitersten denn ich kenne nichts Schöneres als so recht viel und mancherlei
durcheinander zu empfinden und deutlich zu fühlen wie durch Kopf und Herz
gleichsam goldne Sterne ziehen und den schweren Menschen wie mit einer lieben
wohltätigen Flamme durchschimmern Wir sollten täglich recht viele Stimmungen
und frische Anklänge zu erleben suchen statt uns aus Trägheit in uns selbst und
die alltägliche Gewöhnlichkeit zu verlieren«
    »Gewiss« sagte Sternbald »nur muss es nicht geschehen bloß um mit uns selbst
ein Spiel zu treiben denn das Schöne und Erspriessliche ist dass diese
Stimmungen und Anregungen mit goldnem Schlüssel die Kammern unsers Geistes
eröffnen und uns die Schätze zeigen die wir selber noch nicht kannten So
entsteht ein reiches und vielseitiges Leben ein vertrauter und wohltuender
Umgang mit uns selbst und wir entfliehen jener abgeschlossenen Geistesarmut
die anfangs alles eigensinnig und spröde von sich weiset und endlich durch
nichts mehr gerührt und entzückt wird denn der Mensch soll nicht sagen Dieses
will und werde ich niemals denken und fühlen aber er soll auch die Entzückungen
seines Herzens nicht vergeuden bloß um die Zeit auszufüllen sonst verarmt er
ebenfalls und vielleicht noch schneller auf diesem Wege Darum hat mir auch
der Schluss deines heutigen Trinkliedes nicht gefallen wollen vielleicht ist mir
überhaupt der Scherz und Leichtsinn unverständlich der nicht zugleich Tiefsinn
und Ernst sein könnte«
    »Nun so suche den Schlüssel zu bekommen« rief Rudolph »der dir auch diese
Geisteskammer noch einmal eröffnet Wie bist du denn heute so gar schwerfällig
geworden dass du es mit einer augenblicklichen Begeisterung so ernst und strenge
nimmst Lass doch der unschuldigen Poesie ihren Gang wenn der klare Bach sich
einmal ergießt Liebster sollen wir denn nicht auch unsre Gedanken Fühlungen
Wünsche Tränen und Lachen zuzeiten in die spielende Natur der Töne auflösen
dürfen Ich kann der Flöte jedem Klange der Nachtigall dem Wasserfall dem
Baumgeräusch so innig zuhören dass mein Seele ganz Ton wird Man könnte sich
wenn man sonst Lust hätte ein ganzes Gesprächstück von mancherlei Tönen
aussinnen«
    »Es kann sein« antwortete Franz »von Blumen kann ich es mir gewissermaßen
vorstellen Es ist freilich immer nur ein Charakter in allen diesen Dingen wie
wir ihn als Menschen wahrzunehmen vermögen«
    »So geschieht alle Kunst« antwortete Florestan »die Tiere können wir schon
richtiger fühlen weil sie uns etwas näher stehen Ich hatte einmal Lust aus
Lämmern einigen Vögeln und andern Tieren eine Komödie zu formieren aus Blumen
ein Liebesstück und aus den Tönen der Instrumente ein Trauer oder wie ich es
lieber nennen möchte ein Geisterspiel«
    »Die meisten Leute würden es zu phantastisch finden« sagte Sternbald
    »Das würde gerade meine Absicht sein« antwortete Rudolph »wenn ich mir
Mühe geben wollte es niederzuschreiben Sieh es ist indes schon Abend
geworden Kennst du Dantes großes Gedicht«
    »Nein« sagte Franz
    »Auf eine ähnliche ganz allegorische Weise ließe sich vielleicht eine
Offenbarung über die Natur schreiben wenn es dem Dichter verliehen wäre so wie
der große Florentiner von Begeisterung und prophetischem Geiste durchdrungen zu
sein Aber lass das versuchen wir einmal einen Wechselgesang ob er uns heut so
ohne Vorbereitung gelingt da wir neulich unterbrochen wurden«
    »Wir können es wenigstens wagen« sagte Franz »aber du musst das Silbenmass
setzen«
    Rudolph fing an
Wer hat den lieben Frühling aufgeschlagen
Gleich wie ein Zelt
In blühnder Welt
Wer konnte Wolkennacht verjagen
Das Tal voll Sonne
Der Wald mit Wonne
Und Lied durchklungen 
Der Lieb ist nur so schönes Werk gelungen
                                     Franz
Der Lieb ist nur so schönes Werk gelungen
Dass Winter kalt
Entflohen bald
Die holde Macht hat ihn bezwungen
Die Blumen süße
Der Quell die Flüsse
Befreit von Banden
Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden
                                    Rudolph
Sind aus des Winters hartem Schlaf erstanden
Der Wechselsang
Der Echoklang
Dass sie im heitern Raum sich fanden
Die Nachtigallen 
Gesänge schallen
Die Lindendüfte
Umspielen liebekosend Frühlingslüfte
                                     Franz
Umspielen liebekosend Frühlingslüfte
Gras Blume Baum
Wie Liebestraum
Hängt Rosenblut um Felsenklüfte
Um Grotten schwanken
Die Geissblattranken
Des Himmels Ferne
Erhellen tausend goldne kleine Sterne
                                    Rudolph
Erhellen tausend goldne kleine Sterne
Die Nacht so hold
Der Brunnen Gold
Giesst strahlend sich zur Erde gerne
Mit Liebesblicken
Uns zu beglücken
Schaut hoch hernieder
Die Liebe gibt uns unsre Grüße wieder
                                     Franz
Die Liebe gibt uns unsre Grüße wieder
Drum Blumenwelt
Uns zugesellt
Gesandt von ihr des Waldes Lieder
Sie schickt die Rose
Dass sie uns kose
Wie uns zu danken
Glänzt sie daher und lacht aus Efeuranken
                                    Rudolph
Glänzt sie daher und lacht aus Efeuranken
Ja Lilienpracht
Scheint hell mit Macht
Ihr Glanz belebt den Liebeskranken
Und leise drücken
Wie Kuss Entzücken
Auf LilienWange
Dass hold die Liebe Dank von uns empfange
                                     Franz
Dass hold die Liebe Dank von uns empfange
Wird Mädchenmund
In trauter Stund
Geküsst bei Nachtigallgesange
Die Liebe hört
Was jeder schwöret
Sie wacht den Eiden
Sie straft den Frevelnden mit bitteren Leiden
                                    Rudolph
Sie straft den Frevelnden mit bitteren Leiden
Wann er erglüht
Das Mädchen flieht
Und selbst die Hässlichen ihn meiden
In Händen welken
Ihm Ros und Nelken
Die Himmelslichter
Erblassen ihm er singt als schlechter Dichter
»Und darum wollen wir lieber aufhören« sagte Rudolph indem er aufstand »denn
ich gehöre selbst nicht zu den unbescholtensten«
    Die beiden Freunde gingen zurück Der Abend hatte sich schon mit seinen
dichtesten Schatten über den Garten ausgestreckt und der Mond ging eben auf
Franz stand sinnend am Fenster seines Zimmers und sah nach dem
gegenüberliegenden Berge der mit Tannen und Eichen bewachsen war zu ihm hinauf
schwebte der Mond als wenn er ihn erklimmen wollte das Tal glänzte im ersten
funkelnd gelben Lichte der Strom ging brausend dem Berge und dem Schloss
vorüber eine Mühle klapperte und sauste in der Ferne und nun aus einem
entlegenen Fenster wieder die nächtlichen Hörnertöne die dem Monde
entgegengrüssten und drüben in der Einsamkeit des Bergwaldes verhallten
    »Müssen mich diese Töne durch mein ganzes Leben verfolgen« seufzte Franz
»wenn ich einmal zufrieden und mit mir zur Ruhe bin dann dringen sie wie eine
feindliche Schar in mein innerstes Gemüt und wecken die kranken Kinder
Erinnerung und unbekannte Sehnsucht wieder auf Dann drängt es mir im Herzen
als wenn ich wie auf Flügeln hinüberfliegen sollte höher über die Wolken
hinaus und von oben herab meine Brust mit neuem schöneren Klange anfüllen und
meinen schmachtenden Geist mit dem höchsten letzten Wohllaut ersättigen Ich
möchte die ganze Welt mit Liebesgesang durchströmen den Mondschimmer und die
Morgenröte anrühren dass sie mein Leid und Glück widerklingen dass die Melodie
Bäume Zweige Blätter und Gräser ergreife damit alle spielend mein Lied wie
mit Millionen Zungen wiederholen müssten« 
    In der Einsamkeit spielte und sang er in leisen Tönen folgendes Lied in
welchem er die heitre Beklemmung die süße Müdigkeit die Träume die schon die
Stunde der Nacht im voraus besuchen aussprechen wollte
                                 Mondscheinlied
Träuft vom Himmel der kühle Tau
Tun die Blumen die Kelche zu
Spätrot sieht scheidend nach der Au
Flüstern die Pappeln sinkt nieder die nächtige Ruh
Kommen und gehen die Schatten
Wolken bleiben noch spät auf
Und ziehen mit schwerem unbeholfnem Lauf
Über die erfrischten Matten
Schimmern die Sterne und schwinden wieder
Blicken winkend und flüchtig nieder
Wohnt im Wald die Dunkelheit
Dehnt sich Finster weit und breit
Hinterm Wasser wie flimmende Flammen
Berggipfel oben mit Gold beschienen
Neigen rauschend und ernst die grünen
Gebüsche die blinkenden Häupter zusammen
Welle rollst du herauf den Schein
Des Mondes rund freundlich Angesicht
Es merkts und freudig bewegt sich der Hain
Streckt die Zweig entgegen dem Zauberlicht
Fangen die Geister auf den Fluten zu springen
Tun sich die Nachtblumen auf mit Klingen
Wacht die Nachtigall im dicksten Baum
Verkündet dichterisch ihren Traum
Wie helle blendende Strahlen die Töne niederfliessen
Am Bergeshang den Widerhall zu grüßen
Flimmern die Wellen
Funkeln die wandernden Quellen
Streifen durchs Gesträuch
Die Feuerwürmchen bleich 
Wie die Wolken wandelt mein Sehnen
Mein Gedanke bald dunkel bald hell
Hüpfen Wünsche um mich wie der Quell
Kenne nicht die brennenden Tränen
Bist du nah bist du weit
Glück das nur für mich erblühte
Ach dass es die Hände biete
In des Mondes Einsamkeit
Kömmts aus dem Walde schleichts vom Tal
Steigt es den Berg vielleicht hernieder
Kommen alte Schmerzen wieder
Aus Wolken ab die entflohne Qual
Und Zukunft wird Vergangenheit
Bleibt der Strom nie ruhig stehen
Ach ist dein Glück auch noch so weit
Magst du entgegengehn
Auch Liebesglück wird einst Vergangenheit
Wolken schwinden
Den Morgen finden
Die Blumen wieder
Doch ist die Jugend einst entschwunden
Ach der Frühlingsliebe Stunden
Steigen keiner Sehnsucht nieder
 
                                Fünftes Kapitel
Am folgenden Morgen stand der junge Maler früh auf und durchstreifte die Säle
des Schlosses Er stand vor dem Bilde eines Mannes still das ihm bekannt
schien der Abgebildete war in Rittertracht und das Gesicht desselben hatte
einen anmutigen Ausdruck Indem er noch sann kam Rudolph zu ihm welcher ihn
aufsuchte um auf einige Tage Abschied von ihm zu nehmen weil er mit seinem
dichterischen Vetter eine Reise in das Land tun wollte um andre noch
entferntere Anverwandte zu besuchen Franz machte ihn auf das Bild aufmerksam
und glaubte nach längerer Betrachtung jenen Mönch wiederzuerkennen welcher ihn
so angezogen hatte doch Rudolph eilte nach seiner leichtsinnigen Art über diese
scheinbare Entdeckung weg und zog ihn zum Frühstück nach welchem er sogleich
abreisen wollte
    Franz trennte sich ungern von ihm weil er sich im weitläuftigen Hause unter
so vielen Menschen ohne ihn einsam fühlte Die Gräfin ließ ihn rufen um ihr
Bild anzufangen Sie war in einem leichten reizenden Morgenkleide und kam ihm
mit der lieblichsten Freundlichkeit entgegen »Ich habe Euch darum so früh rufen
lassen« fing sie an »weil ich wünsche dass Ihr mein Bild welches Ihr für mich
malen wollt mit der größten Lust ausführtet ich habe aber immer geglaubt dass
auf die Kleidung ihre Form und Farbe vieles ankomme und darum will ich mit
Euch wählen welche Ihr mir am zuträglichsten haltet Ihr als Maler müsst das
am besten verstehen und die Weiber welche gefallen wollen sollten die Künstler
öfter zu Rate ziehen«
    Sie ging mit ihm in ein anstossendes Zimmer dessen Fenster von außen mit
grünen verschränkten Zweigen bekleidet waren und ein dämmerndes Licht wie in
einer traulichen Kapelle bildeten hier erschien die Gräfin in ihren leichten
und anmutigen Bewegungen noch reizender Es waren Kleider von verschiedenen
Farben ausgebreitet Franz wählte ein grünes von Samt dessen Ausschnitte mit
Gold reich und prachtvoll geschmückt waren er entfernte sich wieder in den
Saal und nach wenigen Minuten stand sie vor ihm das grüne Gewand weit und
anmutig um sie fliessend Ärmel Saum und Busen von Golde glänzend und auf den
schweren niederhängenden Locken ein goldenes Netz das halb das Haupt von einer
Seite nur bedeckte mit grünem Bande wie mit Laub durchzogen Sie nahte ihm
lächelnd und Franz fühlte in diesem Augenblicke welche wunderbare Macht die
Schönheit über das Herz ausüben könne denn eine plötzliche Entzückung traf ihn
wie ein Blitz und er fühlte sich wie ohnmächtig Noch bestimmter glaubte er die
Unbekannte in diesem Schmucke vor sich zu sehen Er musste sich mit ihr vor einen
großen Spiegel stellen und er meinte in ein Zauberreich hineinzuschauen als
ihn im Spiegel die edle Gestalt mit den leuchtenden Augen und frischen Lippen
schalkhaft und vertraulich anlächelte »Nun« sagte sie indem sie sich in einen
Sessel warf und den entblößten runden Arm mit seinem weißen Glanze auf seiner
Schulter ruhen ließ  »wie findet Ihr mich so« Sternbald konnte erst keine
Antwort auf diese Frage finden endlich sagte er »Glaubt mir nur schönste
Frau dass ich noch nie geschmeichelt habe aber wie der der plötzlich zum
erstenmal die schönste Musik in seinem Leben hörte nicht gleich würde sagen
können wie und warum sie ihn entzückte und welche Töne ihn am meisten
hinrissen so ist es mir bei Eurem Anblick ich bin zu sehr von diesem Glanz
überschüttet und geblendet um wissen zu können wann Ihr am schönsten seid«
    Die Gräfin wurde still und nachdenkend sie ließ den reizenden Arm
herunterfallen und sah vor sich hin so dass die langen finsteren Augenwimpern die
feinen Wangen beschatteten »Warum nur« sagte sie endlich »immer wieder diese
Freude an solchem Worte und warum erschüttert es fast die Seele wenn es so
ernst und eindringlich gesprochen wird Ich muss und will Euch glauben dass Ihr
nicht lügt  und doch  auch die Schönheit ist Lüge Täuschung Traum sie
flieht wie der Frühling wie der Gesang wie die Liebe und nichts ist
beständig als diese unglückselige Unbeständigkeit« Mit einem tiefen Seufzer
entfernte sie sich sie sang drinnen einige wehmütige Töne und kam in einem
schwarzen Atlaskleide zurück indem noch ein Tränchen wie eine Perle in den
langen Wimpern hing Goldene Spangen umschlossen den Arm Perlen glänzten auf
dem weißen Halse und goldene Ketten wiegten sich auf dem Busen »Ich bin sehr
ernst« sagte sie »und will nicht Euer Lob und Eure Bewunderung zeichnet
jetzt bei der ersten Anlage des Bildes kommt es auch nicht so sehr darauf an
wie ich gekleidet bin« Der Maler machte sich an die Arbeit Der Ausdruck ihres
schönen Angesichtes war jetzt ein sehnsüchtig schwermütiger Indem er zeichnete
sah sie ihn oft lange stumm und bedeutend an als wenn sie mit der Seele
verlorenen Erinnerungen nachginge Ihm wurde ängstlich zu Sinne seine Hand
irrte oft und er war endlich froh als die Sitzung geendigt war »Morgen«
sagte die Gräfin »wollen wir heiterer sein« indem sie ihm die Hand zum Kusse
reichte
    Am andern Morgen fand er die Gräfin auf einem Ruhebette in Tränen aufgelöst
ein dunkler Purpur umhüllte den schönen Leib die reichen und lockigen Haare
schwellten in lieblicher Verwirrung auf Nacken Brust und Schultern der junge
Maler glaubte sie noch nie so schön gesehen zu haben er war von dem Anblicke
entzückt aber doch von ihren Schmerzen innigst bewegt Ein junges Mädchen saß
neben ihr die eine Laute in Händen hatte worauf sie eben gespielt zu haben
schien Die Gräfin setzte sich aufrecht strich ihr schweres Haar etwas zurück
und ließ das holdste Lächeln durch die weinenden Mienen scheinen »Vergebt mir«
sagte sie »meine Trauer wodurch ich Eure Arbeit erschweren werde es ist
überhaupt wohl kindisch dass ich dieses Bild wünsche um mich daran zu erfreuen
mich sollte gar nichts mehr freuen denn mein Leben ist verloren und doch geben
wir auch im höchsten Leid unser Herz immer wieder dem törichten Spiel der Lust
dem lügenden Trost der gaukelnden Hoffnung hin und vergessen dass nur in des
Schmerzes tiefster Innigkeit für uns die wehmütige Freude der Himmel der ewigen
Tränen wohnt«
    »Wie in Euch das Leid erscheint« sagte Sternbald »ist es etwas so
Herrliches dass ich mir wohl vorstellen kann viele möchten wünschen Euch
diesen Zauber nachspielen zu können und ich erlebe jetzt was ich keinem
Dichter geglaubt haben würde dass die Schönheit alles in Schönheit verwandelt
und dass aus Tränen und Weh der Reiz so süß hervorblicken kann als aus dem
schalkhaften Glanze der Augen«
    »Ihr malt« rief die Gräfin scherzhaft auffahrend »ich fürchte meine
Gegenwart verdirbt Euch da Ihr mit jedem Tage schlimmer schmeicheln lernt«
Indem Sternbald arbeitete sagte sie nach einer Pause »Singe jetzt Kind eins
von den Liedern die du kennst« »Welches« fragte das junge Mädchen »Was dir
zuerst einfällt« sagte die Gräfin »nur nichts Schweres etwas Leichtes
Schwebendes das nur in Tönen lebt«
    Das Mädchen sang mit zarter Stimme
»Laue Lüfte
Spielen lind
Blumendüfte
Trägt der Wind
Rötlich sich die Bäume kräuseln
Lieblich Wähnen
Zärtlich Sehnen
In den Wipfeln abwärts durch die Blätter säuseln
Rufst du mich
Süßes Klingen
Ach geheimnisvolles Singen
Bist nicht fremd ich kenne dich
Wie die Tauben
Zärtlich lachen girren kosen
Also mir im bangen Herzen
Schlagen Fittge Lust und Schmerzen
Zu den dunkeln Dämmerlauben
Zu den Blumenbeeten Rosen
Wandl ich ruf ich schau umher 
Und die ganze Welt ist leer
In die dichte Einsamkeit
Trag ich meiner Tränen Brand
Ach kein Baum tut mir bekannt
Setz mich an des Bronnens Rand
Vogel wild die Töne schreit
Echo hallt
Hirschlein springt im dunkeln Wald
Und es braust herauf herunter
Waldstrom klingt durch seine Klüfte
Seine jungen Wellen springen
Auf den Felsenstufen munter
Adler schwingt sich durch die Lüfte 
Tränen Rufen Klagen Singen
Könnt ihn nicht zurück mir zwingen
Garten Berge Wälder weit
Sind mir Grab und Einsamkeit«
Während des Liedes schien es dem Maler als wenn eine Verklärung mit süßem Glanz
durch alle Adern des Angesichtes sich verbreite und wie ein Licht aus der
schönen Stirn hervordringe alle Züge wurden noch sanfter und sinniger er
fühlte sich von dieser ausströmenden Klarheit wie geblendet Aber die Töne gaben
ihm Ruhe und Heiterkeit er konnte mit Sicherheit arbeiten indem die Schöne das
Lied noch einigemal wiederholen ließ
    »Nun lasst des Malens für heute genug sein« rief die Gräfin plötzlich »es
ermüdet nichts so sehr als dieses starre VorsichHinblicken ohne Gedanken und
Unterhaltung Kommt mein junger Freund und erzählt mir etwas von Euch von
Eurem Leben von Euren Reisen und dass es ja nur recht wichtig und lustig ist«
    Sternbalds Verlegenheit wurde erneuert er fing an von Dürer Sebastian und
Nürnberg zu sprechen dann von Florestan und ihrer Reise und mühte sich ab so
erheiternde Gegenstände aufzufinden als ihm seine Phantasie nur darbieten
wollte Die Gräfin hörte ihm freundlich zu und nach einiger Zeit sandte sie die
Sängerin mit einem Auftrage fort »Wenn es Euch gefällt« sagte sie »wieder an
die Arbeit zu gehen werdet Ihr mich erfreuen denn ich bin heut in der
Stimmung recht geduldig zu sitzen« Franz fing wieder an zu malen und bald
ließ sich vom Garten herauf Waldhörner mit munteren und sehnsüchtigen Melodieen
abwechselnd vernehmen Sie wurde sehr nachdenkend und verfiel nach einiger Zeit
wieder in ihre erste Trauer »Wie glücklich« dachte Franz bei sich selbst
»sind doch die Reichen dass Kunst und edler Genuss sie immerdar umgeben kann dass
ihr Leben sich in ein anmutiges Spiel verwandelt dass sie das Antlitz der Not
und die strenge drohende Miene des Lebens nur von Hörensagen und aus Erzählungen
kennen immer umduftet und umlacht sie ein heiterer Frühling und das ist es
auch wohl warum die Sterblichen nach Schätzen geizen und atemlos aber
unermüdet der blinden Glücksgöttin nachrennen um diese irdische Seligkeit zu
erschaffen obgleich die meisten nachher zu vergessen scheinen weshalb sie
ausgegangen waren« Indem er wieder von der Arbeit aufsah fand er die schöne
Gestalt in Schmerzen aufgelöst sie winkte ihm zu endigen er stand auf und
verbeugte sich aber als er in der Türe war rief sie ihn zurück »Kommt morgen
um diese Zeit wieder« sprach sie und reichte ihm freundlich die Hand »aber das
Bild wird nicht gelingen denn niemals kann ich wieder fröhlich sein in diesen
Tränen und Klagen werdet Ihr mich immer finden«
    Franz hatte geäußert dass er sie noch einmal in der Jägertracht als Jüngling
zu sehen wünsche und dass diese Kleidung sich vielleicht auf dem Bilde am
anmutigsten ausnehmen würde aber dennoch war er verwundert sie am folgenden
Tage so im Saale stehen zu sehen den Jagdspiess in der Hand das goldne Hiftorn
um die Schultern geworfen den Hut mutig in das Auge gedrückt und von der Seite
geschoben unter welchem sich quellend die braunen Locken von allen Seiten
hervordrängten »Gefalle ich Euch denn nun so« fragte sie ihn mit einem kecken
Ausdruck »So sehr dass ich die Worte dazu nicht finden kann« sagte Franz
lächelnd »wer fühlte sich nicht im voraus besiegt wenn Ihr so kriegerisch auf
ihn zuschreitet«
    Das Gemälde des Ritters war aufgestellt und die Gräfin fuhr fort »Diesen
Mann müsst Ihr neben mich malen aber so viel als möglich aus Eurer Phantasie und
nach meiner Beschreibung denn dieses Bild rührt von einem wahren Stümper in der
edlen Kunst her der es noch niemals gefühlt hatte welche Holdseligkeit
welcher Liebreiz und Ausdruck der Seele sich im menschlichen Antlitze abspiegeln
kann aber noch viel weniger diesen Zauber in den Farben nachzuschaffen wusste
drum sieht dieser Kopf freilich jenem Ritter immer noch ähnlicher als mir oder
Euch aber von des Entfernten Wesen selbst ist auch kein Schatten dargestellt
Könnt Ihr Euch nun vielleicht eine Klarheit des Auges denken das ebensoviel
Treue als Schalkheit auf Euch blitzt einen Mund der mit Witz und Scherz und
Liebesrede wie eine junge Morgenrose aufblüht eine ernste Stirn durch die es
wie ein Geist hervorleuchtet welcher allen gebietet Wangen und Kinn so
unschuldig und klug so zärtlich und wohlwollend und wieder wie ein Spielplatz
der feinen List und des harmlosen Spottes die wie junge Liebesgötter in Blumen
hüpfen und sich und andre verhöhnen im lieblichen Kriege Seht wie kalt ist
dagegen dieses Bild O freilich darin ihm jetzt ähnlich denn so kalt so tot
mir und meiner Liebe abgewandt ist er selbst«
    »Ihr verlangt aber auch etwas Unmögliches vom Maler« sagte Franz »O hättet
Ihr ihn nur gekannt« rief sie aus »dies bewegliche und doch so ruhige Gesicht
das so fein und ausdrucksvoll war dass jede Gemütsbewegung leuchtend
hindurchging wie ein ferner Blitz durch Wolken fährt Wenn ich nur den Pinsel
führen könnte so solltet Ihr sehen welch ein Gebild sich auf der Tafel
ausbreiten sollte Malt ihn an meiner Seite oder knieend oder mir zum Abschied
die Hand reichend Ach welche selige welche schmerzhafte Erinnerung Ich
glaube kein Mädchen hat noch so geliebt wie ich keine ist noch mit so
schnödem Undank betrogen worden  Aber nicht wahr Maler so ganz darf ich
nicht als Jüngling erscheinen wenn in dem Bilde ein Sinn sein soll Man muss es
doch fühlen und sehen dass er mein Geliebter ist darum malt ihn im Walde knieend
zu meinen Füßen auch muss in meiner Tracht einiges geändert werden«
    Mit diesen Worten warf sie den Hut vom Kopfe und die Fülle der schwarzen
Locken ringelte sich auf Brust und Schultern hinab sie lüftete den feinen
Spitzenkragen und das grünseidene Wams und machte den glänzenden Hals und Busen
etwas frei »Kommt« rief sie indem sie sich niedersetzte »Ihr habt mir noch
niemals die Haare geordnet um zu sehen welche Art sie zu tragen am besten zu
meinem Gesichte passt und Ihr als Künstler müsst damit vorzüglich gut Bescheid
wissen ringelt Sie jetzt wie es Euch gut dünkt oder steckt sie auf oder lasst
einzelne Locken schweben bedeckt die Stirn oder macht sie frei ganz nach
Eurem Gefallen«
    Franz dem dergleichen Übungen bei seinem Dürer nicht vorgekommen waren
näherte sich schüchtern und verlegen Die seidenen Haare wogen schwer in seiner
Hand er zitterte indem er den weißen Nacken berührte und von hinten stehend
sein Blick in den blendenden Glanz der Busenhügel fiel Sie hatte einen kleinen
Spiegel in der Hand und da sie sein Zaudern bemerkte sagte sie »Nun warum
könnt Ihr Euch nicht entschließen« Er ließ die langen dunkeln Haare von allen
Seiten schweben und stellte sich dann vor sie hin um sie zu betrachten dann
ringelte er sie in einzelnen Flechten und endlich hob er das Gelock über die
Stirne empor sie sah ihn freundlich und schalkhaft an und rief »Nicht wahr so
bin ich ein ganz anderes Wesen« Die reine Stirn glänzte die Augen funkelten
sie war bezaubernd schön in dieser Stellung »Wisst Ihr aber auch« fuhr sie
fort »dass Ihr wenn man Euch so nahe ansieht recht schöne und treuherzige
Augen habt« Sie stand auf legte ihm die Hand auf die Schulter betrachtete ihn
ganz nahe und sagte »Wirklich man muss Euch gut werden wenn man Euch recht
anschaut ich denke mir dass ein Mädchen Euch einmal recht muss lieben können«
Mit diesen Worten drückte sie ihm einen Kuss auf die Stirn und entfernte sich
    Franz ging unruhig auf und ab und sagte zu sich »Wahrlich ich hätte nie
geglaubt dass das Malen ein so beschwerliches Handwerk sei Auch habe ich nie
etwas von diesen Gefahren vernommen auf diesem Wege dürfte ich das wenige was
ich von der Kunst gefasst habe ganz wieder verlernen« Die Gräfin kam zurück und
hatte ein buntes seidenes Tuch nachlässig umgeschlagen ein Barett auf das
schöne Haupt gesetzt und sagte indem sie des Malers Hand nahm »Kommt Ihr
sollt mich auf einen Spaziergang begleiten Ihr seid es wert dass ich Euch meine
Geschichte vertraue« Er folgte ihr und sie gingen durch den Garten jenem
anmutigen Walde zu wo Sternbald sie zuerst gesehen hatte Der junge Arnold kam
ihnen nach um sich zu ihnen zu gesellen aber die Gräfin wies ihn mit einem
Winke zurück Als sie zu dem Hügel gekommen war wo die Jagd damals um sie
versammelt gewesen ließ sie sich nieder und Sternbald musste sich neben sie
setzen
    »Schon früh« so fing sie ihre Erzählung an »verlor ich meine Eltern Weil
mir dadurch eine große Erbschaft und der Besitz schöner Güter zugefallen war so
ward ich aus der Nachbarschaft wie aus der Ferne von vielen Menschen aufgesucht
die mir schmeichelten und allen meinen schnell wechselnden Launen
entgegenkommen wollten Jung wie ich war hielt ich mich wirklich bald für eine
seltene Erscheinung an Geist und Witz das übertriebene Lob meiner Bewunderer
überredete mich in kurzem dass meine Schönheit ganz außerordentlich sei Die
jungen wie die älteren Männer bewachten meine Schritte und jeder suchte mich auf
seine Art zu gewinnen Sie hatten mich erst stolz und übermütig gemacht und
nicht dabei überlegt dass eben dieser Stolz ihre kriechenden aber anmassenden
Bewerbungen ihre plumpe Heuchelei ihre Vergötterung meiner Gestalt und
Vorzüge hinter welcher ich nicht nur eine Geringschätzung meiner selbst
sondern des ganzen weiblichen Geschlechtes sah aus dem Felde schlagen würde
Ich verachtete bald alle diese eigennützigen Wesen ohne Herz und Empfindung und
meine Lust war es sie diese Verachtung fühlen zu lassen mein Triumph und Hohn
wurde endlich so deutlich dass sich einer nach dem andern zurückzog und ich in
den Ruf kam eine Feindin der Männer zu sein Seitdem näherten sich mir andere
und bessere und ich bemerkte an manchem Reize und Gaben des Geistes welche
mich anzogen doch konnte ich sie ebenso ruhig abreisen sehen wie ich sie froh
und freundlich aufgenommen hatte Diese Ruhe meines Herzens war mein größter
Stolz ich meinte was ich von Liebe gehört sei nur eine Erfindung begeisterter
Dichter Ja ich kann es nicht leugnen ich spielte wohl mit der bessern
Empfindung manches Jünglings und freute mich ihn von meinen Blicken abhängig
zu machen ohne dann seine Unruhe seine Heftigkeit und Trauer zu bemerken oder
zu erwidern Aber schon nahte derjenige den das Schicksal zu meiner Bestrafung
abgesant hatte Ein junger Ritter kam hieher der wie er sagte aus Franken
gebürtig war Ich hatte noch nie die Würde und die Liebenswürdigkeit des Mannes
gesehen sein stiller ernster und feuriger Blick sein holdseliges Lächeln
seine tönende Sprache und die Wahl seiner Worte sein Gang die Stellung die
Art sich zu kleiden alles alles an ihm versetzte mich außer mir selbst meine
Unruhe wenn er nicht zugegen meine süße Angst meine peinigende Wonne wenn er
mir gegenüber stand und saß waren unbeschreiblich meine ganze Seele gehörte
ihm schon noch ehe ich darauf fiel diese Empfindung die alle meine Kräfte
abwechselnd erhöhte und vernichtete Liebe zu nennen
    Ich erschrak und zitterte doch vor Freude als ich mir dieses Wort der
Wunder und des Zaubers in meinem Herzen ausgesprochen hatte
    Wie man an heißen Tagen schmachtend und ermüdet auf weitem Gefilde sich
des Haines liebliche Kühlung und seine rauschenden Schatten wünscht um sich
tief in der dunkeln Grüne zu ergehn und immer weiter in das dicht verflochtne
Labyrinth zu dringen wie im Durst wir die Felsenquelle ersehnen und uns den
Born lieblich springend und tönend vorstellen und meinen nicht voll genug
könnten wir das Labsal schöpfen so war es meiner heißen Seele die sich bei ihm
in die liebliche Kühle seines Innern in den Reichtum seiner himmlischen
Gedanken und Gefühle tief hineinzuretten suchte um aus dem Born des frischesten
Herzens den Durst zu stillen der mich bis dahin in leerer Welt gequält hatte
ohne gewusst zu haben dass ich an dieser Sehnsucht erstarb Wie holde Lauben mit
Vogelgesang und Blumenranken wie Felsentäler mit klingenden Wasserfällen wie
die Wunder ferner Welt die oft meine Phantasie geahndet hatte wie die reine
Entzückung die uns aus Liedern von Gemälden herabstrahlend umspielt so
allgenügend so vielfach so ganz erfüllend war mir seine Gegenwart Habe ich
denn bisher nicht gelebt sprach ich zu mir selber War es denn nicht dieselbe
Sigismunde die dachte und träumte und sang Ich habe ja doch nun erst meine
Seele mich selbst gefunden und hinter mir liegt mein voriges Leben wie eine
wüste Steppe oder verbrannte Heide und jetzt erst hat mich der holdseligste
Garten mit Blumen Bäumen rauschenden Brunnen Frühlingsschein und Stern und
Mondglanz in Empfang genommen O wie süß war mein Traumspiel das jetzt mein
Leben geworden war die ganze Welt war in rührende Zärtlichkeit aufgelöst
    Welch Entzücken durchströmte meine Seele als ich es fühlte wie unsre
Sehnsucht sich begegnete als er mir in einsamer Stunde seine Liebe gestand als
er beschämt erzählte wie sehr er gestrebt habe mir auszuweichen und sich mir zu
entfremden weil er arm und ohne Güter sei welch seliges Gefühl mich und alles
was ich besaß vor ihn als sein Eigentum hinzuwerfen Aber wie gefährlich ist das
Wort der Lippe wie unverstanden und rätselhaft der Ton Liebe und wie seltsam
zauberisch in seinen Wirkungen dass es schien als rinne der Quell der Wonne
schwächer in uns seit wir jenen Laut gesprochen als falle ein langsamer Tod
auf alle Blüten unsers reichen Innern Ich sah es wie er sich verzehrte eine
trostlose Bangigkeit wühlte in meinem Herzen Oft blitzte noch wieder die alte
Sehnsucht der Götterrausch auf aber nur dunkler schien nachher der Kerker des
Innern Wir sprachen Worte die wir nicht verstanden wir waren uns fern in der
nächsten Nähe der Engel der uns wie girrende junge Täubchen unter seine Flügel
genommen hatte war wieder hinweggeflogen und wir fühlten die kalte Trübsal der
Welt die tote Einsamkeit selbst in Blick und Händedruck Hier an dieser Stelle
sah ich ihn zum letztenmal hier schien noch einmal sein kindliches holdseliges
Lächeln mich an einen Freund wollte er besuchen so sprach sein Mund und ich
habe ihn nicht wiedergesehn
    O ihr neidischen Mächte seitdem war er mir zurückgegeben Die Kluft meiner
Seele fiel zu die Ströme der Liebe brachen den starren Fels und Wunderblumen
schauten wieder in die klaren Wellen ganz ganz war er wieder mein der volle
Frühling wieder hereingewachsen aber zugleich schritt nun der herbe Schmerz und
die Verzweiflung auf mich zu dass er mir verloren sei dass ich ihn vertrieben
dass er wohl mir ich aber nicht ihm gehöre weil sein innres Licht vielleicht
noch von jener finsteren Decke verhüllt werde die unsre Liebe zum Gespenst
gemacht hatte Nun rief ich dem Echo den Felsen und Wasserquellen die
ziehenden Vögel und Wolken und meine schnelleren Liebesgedanken sandte ich ihm
nach Ach in seltenen lieben Augenblicken war es als kehrten seine Wünsche aus
der Ferne gastlich bei mir ein dann ist eine Seligkeit in meinen fließenden
Tränen wie ich sie eben jetzt empfinde«
    Sternbald war hingerissen erstaunt und gerührt er suchte die
einschmeichelndsten lindesten Worte und sie wie Blumen um das Herz der schönen
Traurigkeit zu legen und erzählte von jenem verkleideten Mönche den er neulich
diesem Gebiete ganz nahe gesehen habe und der dem Ritter des Bildes so
auffallend ähnlich sehe »Er muss es sein« so schloss er »und was anders sollte
ihn wohl hiehergetrieben haben als die nämliche Sehnsucht die neue Kraft der
Liebe die auch in ihm durch die Schrecken der Ferne wieder aufgegangen ist Ja
jenes Lied hat Euch prophetisch geantwortet
Treulieb ist nimmer weit
Ihr Gang durch Einsamkeit
Ist dir nur dir geweiht«
»Es sei ich glaube daran« rief sie aus »ich nehme das liebe Kind Hoffnung von
neuem in meine Arme O welchen Trost habt Ihr mir aus der Ferne herübergebracht
So sandte der Himmel frommen Einsiedlern Brot in die Wüste durch das Geflügel
der Luft Ja wie ein Engel seid Ihr mit dieser Friedensbotschaft in mein
verwaistes Haus getreten O Waldrevier O grüner Rasenplatz O Felsenbach hört
ihr es wohl Er ist wieder in eurer Nähe Singt nun Nachtigallen mit doppler
Macht schlage du Herz nun freudiger fort«
    Sie lehnte sich in sich hineinlächelnd an den Baumstamm und sang dann mit
lauter Stimme
»Was halt ich hier in meinem Arm
Was lächelt mich an so hold und warm
Es ist der Knabe die Liebe
Ich wieg ihn und schaukl ihn auf Knie und Schoss
Wie hat er die Augen so hell und groß
O himmlische himmlische Liebe
Der Junge hat schön krausgoldenes Haar
Den Mund wie Rosen hell und klar
Wie Blumen die liebliche Wange
Sein Blick ist Wonne und Himmel sein Kuss
Red und Gelach Paradiesesfluss
Wie Engel die Stimm im Gesange
Und liebst du mich denn  Da küsst er ein Ja
Und wie ich ihm tief in die Augen nun sah
Da schlägt er mir grimmige Schmerzen
O böses Kind ei wie tückisch du
Wo ist deine Milde die liebliche Ruh
Wo deine Sanftmut dein Scherzen
Da geht ein süß Lächeln ihm übers Gesicht
Ich liebe dich nicht ich liebe dich nicht
Da setz ich ihn nieder zu Füßen
O weh mir so ruft nun und weinet das Kind
Du Böse o nimm mich auf geschwind
Ich will ich muss dich küssen
Ich heb ihn empor er schreiet nur fort
Er hört auf kein liebkosendes Wort
Er spreitelt mit Beinen und Händen
Mich ängstiget und betäubt sein Geschrei
Mich rühren die rollenden Tränen dabei
Er will die Unart nicht enden
Und größer die Angst und größer die Not
Ich wünsche mir selbst und dem Kleinen den Tod
Ich nehm ihn und wieg ihn zum Schlafe
Und wie er nur schweigt und wie er nur still
Vergass ich dass ich ihn züchtigen will
Meine Lieb seine ganze Strafe
Da schlummert er süß es hebt sich die Brust
Vom lieben Atem ich sättge die Lust
Und kann genug nicht schauen
Wie ist er so still Wie ist er so stumm
Er schlägt nicht und wirft sich nicht wild herum
Er tobt nicht es befällt mich ein Grauen
O könnte der Schlaf nicht Tod auch sein
Ich weck ihn mit Küssen nun hör ich ihn schrein
Nun schlägt er nun kost er meine Wonne mein Sorgen
Dann drückt er mich an die liebliche Brust
Nun bin ich sein Feind dann Freund ihm und Lust 
So gehts bis zum Abend vom Morgen«
Der Ausdruck war unbeschreiblich mit welchem sie diese Verse sang die sie im
Augenblicke zu erfinden schien Franz war in ihrem Anblick verloren Sie stand
auf und lehnte sich ermüdet an ihn er musste sie durch die Baumgänge bis nach
dem Garten des Schlosses zurückführen »Noch einmal dank ich Euch für die
tröstliche Nachricht« sagte sie mit einem Händedrucke verließ ihn und ging
hüpfend in das Haus Franz sah ihr lange nach dann setzte er sich in einer
abgelegenen Laube nieder und dachte über die wundersamen Gefühle die ihm ihr
wechselndes Betragen ihr Liebreiz und ihre Erzählung erregt hatten Der junge
Arnold gesellte sich zu ihm und da dieser ihn so tiefsinnig sah sagte er »Wie
nun mein junger Maler wie steht es um Euch Fühlt Ihr auch schon die
zauberischen Netze die sich um Euch her ziehen und denen Ihr bald nicht mehr
werdet entrinnen können wenn Ihr nicht kühn sie früh genug zerreißt Ich sah
Euch heut mit einem Gefühl von Eifersucht und Mitleid nach gesteht es nur dass
Ihr Euch an einem gefährlichen Abhange befindet«
    Franz erzählte ihm treuherzig was vorgefallen war und verschwieg ihm den
Eindruck nicht den die Schönheit und die reizende Beweglichkeit der Gräfin auf
ihn gemacht hatten »Ja« rief Arnold aus »es ist etwas Furchtbares in dieser
Schönheit wenn sie ohne Schonung so grausam mit ihrer Macht spielen will Ich
bin seit meiner frühen Jugend in diesem Hause und sah dieses sonderbare und
reizende Wesen sich bilden Sie ist die Freundlichkeit und Liebe selbst mit
Wohlwollen ja Zärtlichkeit kommt sie jedem entgegen sie weiß Vertrauen zu
erregen und bald meint der Getäuschte dass er ihr unentbehrlich sei Doch wie
ihm das lose Spiel sich in Ernst verwandelt wie sie es fühlt dass jener sie
sucht und wünscht dass das leichte Verhältnis sich fest und fester knüpfen soll
so zieht sie sich zurück doch ohne den Faden zu zerschneiden an welchem der
Gefangene flattert So hatten sich ihr viele Männer mancherlei Gemütes aus der
Nachbarschaft und Ferne genähert und alle waren in diese seltsame Jagd befangen
worden So gewöhnt aus dem Leben der Liebe der Rührung und dem süßen Wechsel
zarter Empfindungen ein Spiel zu machen und jeden neuen Gegenstand als Spiegel
zu gebrauchen in welchem sie sich selbst nur mit Wohlgefallen betrachtete
erschien ihr endlich jener Ritter aus Franken von dem sie Euch erzählt hat Er
war ein feingebildeter ja schöner Mann weich und poetisch wie sie selbst
ebenso in Träumen lebend und süßen Gefühlen schwelgend Sie wurden sich bald
unentbehrlich einer schien des andern nur bedurft zu haben um den ganzen
Reichtum seines innern Lebens zu erkennen und zu genießen Endlich war gefunden
was sie umsonst bisher gesucht hatte und sie erklärten laut ihre bevorstehende
Verbindung
    Das ernste Wort war ausgesprochen welches den Liebenden seines
unwandelbaren Glückes versichert beide aber schienen vor diesem Ernst des
Lebens zurückzuzittern der alle ihre Träume und ihr buntes Spielwerk zu
zerbrechen drohte Und gewiss hat die Leidenschaft nicht so alle Kräfte
ergriffen die tiefste Sehnsucht das ganze Herz so durchdrungen dass beide sich
wie zum Tode gern und willig opfern und keine Jugend mehr leben und keine
neuen Wünsche und Rührungen mehr finden wollen so darf die Seele die in den
Wogen des Wohllauts schwimmt und mit Träumen der Entzückungen gaukelt davor
erzittern dass nun das Höchste das letzte Ziel errungen werden soll hinter
welchem Wahrheit Ruhe stille Befriedigung wie ebenso viele graue Gespenster
hervorzudrohen scheinen So denke ich mir ihren Zustand um mir einigermaßen zu
erklären was geschah Er mochte in sich noch mehr aber im Gegenstande seiner
Liebe fühlen wie das Herz noch etwas anderes als dieser Liebe bedürfe wie sie
nicht ihn selbst sondern nur die Schimmer der Phantasie vergötterte die aus
ihr zu ihm hinüberleuchteten und darum erweckte er sich freiwillig aus seinem
Traume und entfloh
    Sie war tief gekränkt gestört aber wie ich sie kenne nicht wahrhaft
unglücklich Die Trauer und der Schmerz waren noch nie in ihre Seele gekommen
nun konnte sie sich an diesen üben und sie zu ihren Spielgefährten machen Sie
schmückte sie auch so reizend auf sie machte sie so schön dass man zugeben
musste dass sich neue wundersame Gaben und Bezauberungen an diesem
verführerischen Weibe durch sie entüllten und ich machte die Erfahrung dass
ich sie anbetete indem ich ihr zu zürnen glaubte dass alle jene Mängel die ich
zu kennen wähnte und in stolzer Sicherheit schalt sich plötzlich gegen mich
selbst umwandten und mir so holde Engelsangesichter zeigten dass ich verehrend
geblendet niederfiel und freudig meinem Verderben entgegeneilte
    Jetzt wurde ich ihr Vertrauter und tröstender Freund Entfliehe der Mann
doch diesen Klagen und Tränen eines schönen Weibes diese Flut der geschmolzenen
Perlen nimmt ihn unwiderstehlich mit er tritt in die Vorhalle zum Herzen seiner
Freundin und will bald selbst der Gegenstand ihrer Trauer und Tränen werden Sie
mochte sich nicht an dem gewöhnlichen Trost an Musik an Zerstreuung begnügen
ihr Leben selbst wollte sie zu einem Gedichte erhöhen und ich war derjenige
der ihr zum Dichter und Maler ihrer Szenen dienen musste Sie liest die
herrlichen Liebesgedichte unsrer Vorfahren sie kennt sie alle und ich trug sie
ihr von neuem vor und jeder rührende Vers jede Schilderung in der sie
Beziehung entdeckte ward wiederholt hergesagt auswendig gelernt und gesungen
Aber sie befriedigt sich damit nicht ich muss ihr eigne neue Lieder dichten die
wir abwechselnd singen wie Ihr denn neulich eins dergleichen bei Eurer Ankunft
gehört habt diese müssen einfach in wenigen Akzenten das Gefühl gleichsam mehr
anklingen als aussprechen So schweifen wir durch die Wälder jagen singen
und erfreuen uns der Natur und der Einsamkeit die Waldhörner müssen den Schmerz
mit ihren Tönen verherrlichen sie selbst ist schön geschmückt in vielen
abwechselnden Trachten bald als Frau bald als Jäger und Jüngling als Amazone
oder als Fürstin Zuweilen fällt es ihr ein als Isalde Sigune oder Enite
aufzutreten von denen sie in ihren Büchern liest in phantastischer Kleidung
schweift sie dann mit ihrer Gesellschaft durch die Täler und Haine und mir
Unglücklichen fällt es dann anheim den sehnlich erwarteten Tristan oder Iwein
darzustellen sie täuscht sich dann selbst mit ihrer Zärtlichkeit und ist
glücklich aber mir Armen ihr so nahe vor ihr knieend ihre Hände und Arme
fassend in ihren schönen Locken tändelnd leuchtet dann ein Paradies entgegen
und blitzend davor der Engel mit dem Feuerschwerte
    Nicht ist die Gefahr für die schuldlose Jungfrau so groß wenn sie auf
solche Weise mit dem Feuer scherzt das die Welt durchglüht und erhellt denn
nur Wohlwollen Vertrauen Freundschaft höchstens Zärtlichkeit erregen sich in
ihrem Gemüte und nur diese verlangt sie von dem Manne mit dem sie den Tanz
zwischen den bloßen Schwertern übt Aber wehe dem Manne Erst entzündet sich ein
süßes Wohlgefallen eine klare Heiterkeit in seiner Seele er schwebt leicht
durch die glänzenden Stunden wie der Schmetterling durch den Frühlingsschein
dann fasst ihn der stärkere Strom und im frischeren Leben fühlt er sich gebadet
und erquickt er triumphiert und jauchzt auf den Wogen die ihn heben und
tragen den blühenden Ufern den Traubenhügeln vorüber Bald aber genügt ihm
nicht diese Ruhe an sich und in sich will er reißen was ihn aus der Ferne
entzückt die Freude an der Schönheit wird im innigsten Verständnis Anbetung
Aufopferung seiner selbst nun blitzt das Erkennen in der tiefsten Seele auf
nicht mehr dass dieses Wesen schön und liebreizend sei sondern nur dass es dieses
einzelne bestimmte in Ewigkeiten nicht zum zweitenmal erscheinende Wesen ist
und die flammende Liebe erwacht mit den heiligen Glutaugen und sieht und fühlt
und denkt und weiß nichts anders als sie nur sie O Verzweiflung sie wendet
sich ab und will nur Schönheit und Lockung nicht diese Einzige sein da mischt
die Anbetung und Heiligkeit des Himmels sich mit den Greueln der Hölle die
liebliche Lockung wird heiße Begier im Genuss möchte der Unglückliche die
Verehrte entweihen und vernichten da sie ihm Liebe Unschuld und Himmel
versagt und wieder kämpft mit diesen schwefelgelben Gewittern das sanfte Licht
der Kindereinfalt die ehemalige Heiterkeit der Blumenfriede der glücklichen
Tage die man aber doch selbst um diese Qualen nicht zurückkaufen möchte Ihr
seht mich staunend an indem ich Euch diese Abgründe male ich fühle Ihr
versteht mich nicht und wohl Euch in diesem Seelenfrieden«
    Er verließ ungestüm den sinnenden Jüngling der ihm lange nachsah und die
sonderbaren Erscheinungen die an diesem Tage in ihm aufgestiegen waren nicht
genug mit Verwundern betrachten konnte die ihm in ihrer Seltsamkeit bekannt
und doch in ihrer Nähe so fremd und fern erschienen
 
                                Sechstes Kapitel
Schon seit lange hatte Franz viel von einem wunderbaren Manne sprechen hören
der sich in den benachbarten Bergen aufhielt der halb wahnsinnig in der
Einsamkeit lebte und seinen öden Aufenthalt niemals verließ Was Franz besonders
anzog war dass dieser abenteuerliche Eremit ein Maler sein sollte der
gewöhnlich denen die ihn besuchten Bildnisse um einen billigen Preis
verkaufte Sternbald konnte der Begier nicht länger widerstehn ihn aufzusuchen
und da Florestan immer noch nicht zurückkam und die Gräfin wieder eine Jagd
ihre Lieblingsergötzung angeordnet hatte so machte er sich an einem schönen
Morgen auf den Weg um den bezeichneten Aufenthalt zu suchen
    Er stand bald oben auf dem Hügel und sah im Tale die versammelte Jagd die
vom Schloss ausritt und sich durch die Ebene verbreitete Es klangen wieder
die musikalischen Töne zu ihm hinauf die durch den frischen Morgen in den
Bergen widerschallten Bald verlor er die Jagd aus dem Gesicht die Musik der
Hörner verscholl und er wandte sich tiefer in das Gebirge hinein wo die Gegend
plötzlich ihren anmutigen Charakter verließ und wilder und verworrener ward
die Aussicht in das ebene Land schloss sich man verlor den vollen herrlichen
Strom aus dem Gesichte und die Berge und Felsen wurden kahl und unfreundlich
    Der Weg wand sich enge und schmal zwischen Felsen hindurch Tannengebüsch
wechselte auf dem nackten Boden und nach einer Stunde stand Franz auf dem
höheren Gipfel des Gebirges
    Nun war es wieder wie ein Vorhang niedergefallen seinen Blicken öffnete
sich die Ebene von neuem die kahlen Felsen unter ihm verloren sich lieblich in
dem grünen Gemisch der Wälder und Wiesen die unfreundliche Natur war
verschwunden sie war mit der lieblichen Aussicht eins von dem übrigen
verschönert diente sie selbst die andern Gegenstände zu verschönern Da lag die
Herrlichkeit der Ströme der Berge der Wälder vor ihm ausgebreitet er glaubte
vor dem plötzlichen Anblick der weiten unendlichen mannigfaltigen Natur zu
vergehen denn es war als wenn sie mit herzdurchdringender Stimme zu ihm
hinaufsprach als wenn sie mit feurigen Augen vom Himmel und aus dem glänzenden
Strom heraus nach ihm blickte und mit ihren Riesengliedern nach ihm hindeutete
Franz streckte die Arme aus als wenn er etwas Unsichtbares an sein ungeduldiges
Herz drücken wollte als möchte er nun erfassen und festhalten wonach ihn die
Sehnsucht so lange gedrängt Die Wolken zogen unten am Horizont durch den blauen
Himmel die Widerscheine und die Schatten streckten sich auf den Wiesen aus und
wechselten mit ihren Farben fremde Wundertöne gingen den Berg hinab und Franz
fühlte sich wie ein Gebannter festgehalten den die zaubernde Gewalt stehen
heißt und der sich dem unsichtbaren Kreise trotz allen Bestrebens nicht
entreißen kann
    »O unmächtige Kunst« rief er aus und setzte sich auf eine grüne Felsenbank
nieder »wie lallend und kindisch sind deine Töne gegen den vollen harmonischen
Orgelgesang der aus den innersten Tiefen aus Berg und Tal und Wald und
Stromesglanz in schwellenden steigenden Akkorden heraufquillt Ich höre ich
vernehme wie der ewige Weltgeist mit meisterndem Finger die furchtbare Harfe
mit allen ihren Klängen greift wie die mannigfaltigsten Gebilde sich seinem
Spiel erzeugen und über die ganze Natur mit geistigen Flügeln ausbreiten Die
Begeisterung meines kleinen Menschenherzens will hineingreifen und ringt sich
müde und matt im Kampfe mit dem Hohen der die Natur leise lieblich regiert und
mein Händeringen nach ihm mein Winken nach Hilfe in dieser Allmacht der
Schönheit still belächelt Die unsterbliche Melodie jauchzt jubelt und stürmt
über mich hinweg zu Boden geworfen schwindelt mein Blick und starren meine
Sinnen O ihr Törichten die ihr der Meinung seid die allgewaltige Natur lasse
sich verschönen wenn ihr mit Kunstgriffen und kleinlicher Hinterlist eurer
Ohnmacht zu Hilfe eilt Was könnt ihr anders als uns die Natur nur ahnden
lassen wenn uns die Natur die Ahndung der Gottheit gibt Nicht Ahndung nicht
Vorgefühl urkräftige Empfindung selbst sichtbar wandelt hier auf Höhen und
Tiefen die Religion empfängt und trägt mir gütigem Erbarmen auch meine
Anbetung Die Hieroglyphe die das Höchste die Gott bezeichnet liegt da vor
mir in tätiger Wirksamkeit in Arbeit sich selber aufzulösen und auszusprechen
ich fühle die Bewegung das Rätsel im Begriff zu schwinden  und fühle meine
Menschheit  Die höchste Kunst kann sich nur selbst erklären sie ist ein
Gesang deren Inhalt nur sie selbst zu sein vermag«
    Ungern verließ Sternbald seine Begeisterung und die Gegend die ihn
entzückt hatte ja er trauerte über diese Worte über diese Gedanken die er
ausgesprochen dass er sie nicht immer in frischer Kraft aufbewahren könne dass
neue Eindrücke und neue Gedanken diese Empfindungen vertilgen oder überschütten
würden
    Ein dichter Wald empfing ihn auf der Höhe er warf oft den Blick zurück und
schied ungern als wenn er das Leben verliesse Der einsame Schatten erregte ihm
gegen die freie Landschaft eine beklemmende Empfindung Als er kaum eine halbe
Stunde gegangen war stand er vor einer kleinen Hütte die offen war in der er
aber niemand traf Ermüdet warf er sich unter einen Baum und betrachtete die
beschränkte Wohnung das dürftige Gerät mit vieler Rührung eine alte Laute die
an der Wand hing und auf der eine Saite fehlte Paletten und Farben lagen und
standen umher so wie einige Kleidungsstücke Sternbald war wie in die uralte
Zeit versetzt von der wir so gern erzählen hören wo die Tür noch keinen Riegel
kennt wo noch kein Frevler des andern Gut betastet hat
    Nach einiger Zeit kam der alte Maler zurück er wunderte sich gar nicht
einen Fremdling vor seiner Schwelle anzutreffen sondern ging in seine Hütte
räumte auf und spielte dann auf der Zither als wenn niemand zugegen wäre
Franz betrachtete den Alten mit Verwunderung der indessen wie ein Kind in
seinem Hause saß und zu erkennen gab wie wohl ihm in seiner kleinen Heimat
sei unter den befreundeten wohlbekannten Tönen seines Instrumentes Als er
sein Spiel geendigt packte er Kräuter Moos und Steine aus seinen Taschen und
legte sie sorgfältig in kleine Schachteln zurecht indem er jedes aufmerksam
betrachtete Über manches lächelte er anderes schien er mit einiger
Verwunderung anzuschauen indem er die Hände zusammenschlug oder ernstaft den
Kopf schüttelte Immer noch sah er nach Sternbald nicht hin bis dieser endlich
in das kleine Haus trat und ihm seinen Gruß anbot Der alte Mann gab ihm die
Hand und nötigte ihn schweigend sich niederzusetzen indem er sich weder
verwunderte noch ihn als einen Fremden genauer beachtete
    Die Hütte war mit mannigfaltigen Steinen aufgeputzt Muscheln standen umher
durchmengt von seltsamen Kräutern ausgestopften Tieren und Fischen so dass das
Ganze ein höchst abenteuerliches Ansehen erhielt Stillschweigend holte der Alte
unserm Freunde einige Früchte die er ihm ebenfalls mit stummer Gebärde
vorsetzte Als Franz einige davon gegessen hatte indem er immer den sonderbaren
Menschen beobachtete fing er mit diesen Worten das Gespräch an »Ich habe mich
schon seit lange darauf gefreut Euch zu sehen ich hoffe Ihr zeigt mir auch
einige von Euren Malereien denn auf diese bin ich vorzüglich begierig da ich
mich selbst zur edlen Kunst bekenne«
    »Seid Ihr ein Maler« rief der Alte aus »nun wahrlich so freut es mich
Euch hier zu sehen seit lange ist mir keiner begegnet Aber Ihr seid noch sehr
jung Ihr habt wohl schwerlich schon den rechten Sinn für die große Kunst«
    »Ich tue mein Mögliches« antwortete Franz »und will immer das Beste aber
ich fühle freilich wohl dass das nicht zureicht«
    »Es ist immer schon genug« rief jener aus »freilich ist es nur wenigen
gegeben das Wahrste und Höchste auszudrücken eigentlich können wir alle uns
ihm nur nähern aber wir haben unsern Zweck gewisslich schon erreicht wenn wir
das wollen und erkennen was der Allmächtige in uns hineingelegt hat Wir können
in dieser Welt nur wollen nur in Vorsätzen leben das eigentliche Handeln liegt
jenseits und besteht gewiss aus den eigentlichsten wirklichsten Gedanken da in
dieser bunten Welt alles in allem liegt So hat sich der grossmächtige Schöpfer
heimlicherund kindlicherweise durch seine Natur unsern schwachen Sinnen
offenbart er ist es nicht selbst der zu uns spricht weil wir dermalen zu
schwach sind ihn zu verstehen aber er winkt uns zu sich und in jedem Moose in
jeglichem Gestein ist eine geheime Ziffer verborgen die sich nie hinschreiben
nie völlig erraten lässt die wir aber beständig wahrzunehmen glauben Fast
ebenso macht es der Künstler wunderliche fremde unbekannte Lichter scheinen
aus ihm heraus und er lässt die zauberischen Strahlen durch die Kristalle der
Kunst den übrigen Menschen entgegenspielen damit sie nicht vor ihm erschrecken
sondern ihn auf ihre Weise verstehen und begreifen Nun vollendet sich das Werk
und dem es offenbart ist liegt ein weites Land eine unabsehliche Aussicht da
mit allem Menschenleben mit himmlischem Glanz überleuchtet und heimlich sind
Blumen hineingewachsen von denen der Künstler selber nicht weiß die Gottes
Finger hineinwirkte und die uns mit äterischem Zauber anduften und uns still
den Künstler als einen Liebling Gottes verkündigen Seht so denke ich über die
Natur und über die Kunst«
    Franz erschrak vor sich selber dass er aus dem Munde eines Mannes den die
übrigen Leute wahnsinnig nannten seine eigensten Gedanken deutlich
ausgesprochen hörte so dass seine Ahndungen in anschaulichen Bildern vor ihm
schwebten
    »Wie willkommen ist mir dieser Ton« rief er aus »so habe ich mich denn
nicht geirrt wenn ich mit dem stillen Glauben hier anlangte dass Ihr mir
behilflich sein würdet mich aus der Irre zurechtzufinden«
    »Wir irren alle« sagte der Alte »wir müssen irren und jenseit dem Irrtume
liegt auch gewiss keine Wahrheit beide stehen sich auch gewiss nicht entgegen
sondern sind nur Worte die der Mensch in seiner Unbehülflichkeit dichtete um
etwas zu bezeichnen was er gar nicht meinte Versteht Ihr mich«
    »Nicht so ganz« sagte Sternbald
    Der Alte fuhr fort »Wenn ich nur malen singen oder sprechen könnte was
mein eigentlichstes Selbst bewegt dann wäre mir und auch den übrigen geholfen
aber mein Geist verschmäht die Worte und Zeichen die sich ihm aufdrängen und
da er mit ihnen nicht hantieren kann gebraucht er sie nur zum Spiel So
entsteht die Kunst so ist das eigentliche Denken beschaffen«
    Franz erinnerte sich dass Dürer einst diesen Gedanken mit fast den nämlichen
Worten ausgedrückt habe Er fragte »Was haltet Ihr denn nun für das Höchste
wohin der Mensch gelangen könne«
    »Mit sich zufrieden sein« rief der Alte »mit allen Dingen zufrieden sein
denn alsdann verwandelt er sich und alles um sich her in ein himmlisches
Kunstwerk er läutert sich selbst mit dem Feuer der Gottheit«
    »Können wir es dahin bringen« fragte Franz
    »Wir sollen es wollen« fuhr jener fort »und wir wollen es auch alle nur
dass vielen ja den meisten ihr eigener Geist auf dieser seltsamen Welt zu sehr
verkümmert wird Daraus entsteht dass man so selten den andern noch seltener
sich selber innewird«
    »Ich suche nach Euren Gemälden« sagte Sternbald »aber ich finde sie nicht
nach Euren Gesprächen über die Kunst darf ich etwas Großes erwarten«
    »Das dürft Ihr nicht« sagte der Alte mit einigem Verdruss »denn ich bin
nicht für die Kunst geboren ich bin ein verunglückter Künstler der seinen
eigentlichen Beruf nicht angetroffen hat Es ergreift manchen das Gelüste und
er macht sein Leben elend Von Kindheit auf war es mein Bestreben nur für die
Kunst zu leben aber sie hat sich unwillig von mir abgewendet sie hat mich
niemals für ihren Sohn erkannt und wenn ich dennoch arbeitete so geschah es
gleichsam hinter ihrem Rücken«
    Er öffnete eine Tür und führte den Maler in eine andere kleine Stube die
voller Gemälde hing Die meisten waren Köpfe einige Landschaften die wenigsten
Historien Franz betrachtete sie mit vieler Aufmerksamkeit indes der alte Mann
schweigend einen alten Vogelbauer ausbesserte In allen Bildern spiegelte sich
ein ernstes strenges Gemüt die Züge waren bestimmt die Zeichnung scharf auf
Nebendinge gar kein Fleiß gewendet aber auf den Gesichtern schwebte ein Etwas
das den Blick zugleich anzog und zurückstiess bei vielen sprach aus den Augen
eine Heiterkeit die man wohl grausam hätte nennen können andre waren
seltsamlich entzückt und erschreckten durch ihre furchtbare Miene Franz fühlte
sich unbeschreiblich einsam vollends wenn er aus dem kleinen Fenster über die
Berge und Wälder hinübersah wo er auf der fernen Ebene keinen Menschen kein
Haus unterscheiden konnte
    Als Franz seine Betrachtung geendigt hatte sagte der Alte »Ich glaube dass
Ihr etwas Besondres an meinen Bildern finden mögt denn ich habe sie alle in
einer seltsamen Stimmung verfertigt Ich mag nicht malen wenn ich nicht
deutlich und bestimmt vor mir sehe was ich darstellen will Wenn ich nun
manchmal im Schein der Abendsonne vor meiner Hütte sitze oder im frischen
Morgen der die Berge hinab über die Fluren geht dann rauschen oft die
Bildnisse der Apostel der heiligen Märtyrer hoch oben in den Bäumen sie sehen
mich mit allen ihren Mienen an wenn ich zu ihnen bete und fordern mich auf
sie abzuzeichnen Dann greife ich nach den Farben und mein bewegtes Gemüt von
der Inbrunst zu den hohen Männern von der Liebe zur verflossenen Zeit
ergriffen schattet die Trefflichkeiten mit irdischen Farben hin die in meinem
Sinn vor meinen Augen erglänzen«
    »So seid Ihr ein glücklicher Mann« sagte Franz der über diese Rede
erstaunte
    »Der Künstler« sagte der Alte »sollte nach meinem Urteile niemals anders
arbeiten und was ist seine Begeisterung denn anders Dem Maler muss alles
wirklich sein denn was ist es sonst das er darstellen will Sein Gemüt muss wie
ein Strom bewegt sein so dass sich seine innere Welt bis auf den tiefsten Grund
erschüttert dann ordnen sich aus der bunten Verwirrung die großen Gestalten
die er seinen Brüdern offenbart Glaube mir noch nie ist ein Künstler auf eine
andre Art begeistert gewesen man spricht von dieser Begeisterung so oft als
von einem natürlichen Dinge aber sie ist durchaus unerklärlich sie kommt sie
geht gleich dem ersten Frühlingslichte das unvermutet aus den Wolken
niederkömmt und oft ehe du es geniessest zurückgeflohen ist«
    Franz sah den Alten verlegen an er war ungewiss ob Wahnsinn oder die
Sprache der Begeisterung aus ihm rede
    »Zuweilen« fuhr der Alte fort »erregt mich auch die umgebende Natur dass
ich mich in der Kunst üben muss Es ist mir aber bei allen meinen Versuchen
niemals um die Natur zu tun sondern ich suche den Charakter oder die
Physiognomie herauszufühlen und irgendeinen frommen Gedanken hineinzulegen der
das Bild dadurch in eine schöne Historie verwandelt«
    Er machte hierauf den jungen Maler auf eine Landschaft aufmerksam die etwas
abseits hing Es war eine Nachtszene Wald Berg und Tal lag in fast
unkenntlichen Massen durcheinander schwarze Wolken tief vom Himmel herunter
Ein Pilgrim ging durch die Nacht an seinem Stabe an seinen Muscheln am Hute
kennbar um ihn zog sich das dichteste Dunkel er selber nur von verstohlenen
Mondstrahlen erschimmert ein finsterer Hohlweg deutete sich an oben auf einem
Hügel von fernher glänzte ein Kruzifix um das sich die Wolken teilten ein
Strahlenregen vom Monde ergoss sich und spielte um das heilige Zeichen
    »Seht« rief der Alte »hier habe ich das zeitliche Leben und die
überirdische himmlische Hoffnung malen wollen seht den Fingerzeig der uns aus
dem finsteren Tal herauf zur mondglänzenden Anhöhe ruft Sind wir etwas weiter
als wandernde verirrte Pilgrime Kann etwas unsern Weg erhellen als das Licht
von oben Vom Kreuze her dringt mit lieblicher Gewalt der Strahl in die Welt
hinein der uns belebt der unsere Kräfte aufrechtält Hier habe ich gesucht
die Natur wieder zu verwandeln und das auf meine menschliche künstlerische
Weise zu sagen was die Natur selber zu uns redet ich habe hier ein sanftes
Rätsel niedergelegt das sich nicht jedem entfesselt das aber doch leichter zu
erraten steht als jenes erhabene das die Natur als Bedeckung um sich schlägt«
    »Man könnte« antwortete Franz »dieses Gemälde ein allegorisches nennen«
    »Alle Kunst ist allegorisch« sagte der Maler »Was kann der Mensch
darstellen einzig und für sich bestehend abgesondert und ewig geschieden von
der übrigen Welt wie wir die Gegenstände vor uns sehen Die Kunst soll es auch
nicht wir fügen zusammen wir suchen dem einzelnen einen allgemeinen Sinn
aufzuheften und so entsteht die Allegorie Das Wort bezeichnet nichts anders
als die wahrhafte Poesie die das Hohe und Edle sucht und es nur auf diesem
Wege finden kann«
    Unter diesen Gesprächen war ein Hänfling unvermerkt aus seinem Käfige
entwischt denn der Alte hatte die Tür in der Zerstreuung offen gelassen Er
schrie erschreckend auf als er seinen Verlust bemerkte er suchte umher er
öffnete das Fenster und lockte pfeifend und liebkosend den Flüchtigen der
nicht wiederkam Er konnte sich auf keine Weise zufriedengeben und hörte auf
Sternbalds Worte nicht der ihn zu trösten suchte
    Sternbald sagte um ihn zu zerstreuen »Ich glaube es einzusehn wie Ihr
über diese Landschaft denkt und mir scheint Ihr habt recht Ich will nicht
Bäume und Berge abschreiben sondern mein Gemüt meine Stimmung die mich in
dieser Stunde regiert diese will ich mir selber festhalten und den übrigen
Verständigen mitteilen«
    »Ganz gut« rief der Alte aus »aber was kümmert mich das jetzt da mein
Hänfling auf und davon ist«
    »War er Euch denn so lieb« fragte Franz
    Der Alte sagte verdrießlich »So lieb wie mir alles ist was ich liebe ich
mache da eben nicht sonderliche Unterschiede Ich denke an seinen schönen
Gesang an seine Freundschaft die er mir immer bewies warum ich mir auch diese
Treulosigkeit um so weniger vermutete Nun ist sein Gesang nicht mehr für mich
sondern er durchfliegt den Wald und dieser einzelne mir so bekannte Vogel
vermischt sich mit den übrigen seines Geschlechts Ich gehe vielleicht einmal
aus und höre ihn und sehe ihn und kenne ihn doch nicht wieder sondern halte
ihn für eine ganz fremde Person So haben mich schon so viele Freunde verlassen
Ein Freund der stirbt tut auch nichts weiter als dass er sich wieder mit der
großen allmächtigen Erde vermischt und mir unkenntlich wird So sind sie auch
in den Wald hineingeflogen die ich sonst wohl kannte so dass ich sie nun nicht
wieder herausfinden kann Wir sind Toren wenn wir sie verloren wähnen Kinder
die schreien und jammern wenn die Eltern mit ihnen Versteckens spielen denn
das tun die Gestorbenen nur mit uns der kurze Augenblick zwischen Jetzt und dem
Wiederfinden ist nicht zu rechnen Und dass ich das Gleichnis vollende so ist
Freundschaft auch wohl einem Käfige gleich ich trenne den Vogel von den
übrigen um ihn zu kennen und zu lieben ich umgebe ihn mit einem Gefängnisse
um ihn mir so recht eigentlich abzusondern Der Freund sondert den Freund von
der ganzen übrigen Welt und hält ihn in seinen ängstlichen Armen
eingeschlossen er lässt ihn nicht zurück er soll nur für ihn so gut so
zärtlich so liebevoll sein die Eifersucht bewacht ihn vor jeder fremden Liebe
verlöre jener sich im Strudel der allgemeinen Welt so wäre er auch dem Freunde
verloren und abgestorben  Sieh her mein Sohn er hat sein Futter nicht einmal
verzehrt so lieb ist es ihm gewesen mich zu verlassen Ich habe ihn so
sorgfältig gepflegt und doch ist ihm die Freiheit lieber«
    »Ihr habt die Menschen gewisslich recht von Herzen geliebt« rief Sternbald
aus
    »Nicht immer« sagte jener »die Tiere stehen uns näher denn sie sind wie
kindische Kinder deren Liebe unterhalten sein will weil sie ungewiss und
unbegreiflich ist mit den Menschen rechnen wir gern und wenn wir Bezahlung
wahrnehmen vermissen wir schon die Liebe gegen Tiere sind wir duldend weil
sie unsre Trefflichkeiten nicht bemerken können und wir ihnen dadurch immer
wieder gleichstehn indem wir aber ihre dumpfe Existenz fühlen und einsehen
entsteht eine magische Freundschaft aus Mitleiden Zuneigung ja ich möchte
sagen aus Furcht gemischt die sich durchaus nicht erklären lässt Wollt Ihr mir
folgen junger Mensch so will ich Euch kürzlich etwas von mir erzählen damit
Ihr begreift wie ich hiehergeraten bin«
    Sie verließen die Hütte und setzten sich in den Schatten eines alten Baumes
und der Maler fing darauf mit folgenden Worten an
    »Ich bin in Italien geboren und heiße Anselm Weiter kann ich Euch eben von
meiner Jugend nichts sagen Meine Eltern starben früh und hinterliessen mir ein
kleines Vermögen das mir zufiel als ich mündig war Meine Jugend war wie ein
leichter Traum verflogen keine Erinnerung war in meinem Gedächtnisse gehaftet
ich hatte nicht eine Erfahrung gemacht Aber ich hatte die entflohene Zeit auf
meine Art genossen ich war immer zufrieden und vergnügt gewesen
    Jetzt nahm ich mir vor in das Leben einzutreten und auch wie andere
einen Platz auszufüllen damit von mir die Rede sei dass ich geachtet würde
Schon von meiner Kindheit hatte ich in mir einen großen Trieb zur Kunst gespürt
die Malerei war es die meine Seele angezogen hatte der Ruhm der damaligen
Künstler begeisterte mich Ich ging nach Perugia weil dort Pietro in besonderem
Rufe stand und seine Bilder in ganz Italien gesucht wurden ihm wollte ich mich
in die Lehre geben Aber bald ermüdete meine Geduld ich lernte junge Leute
kennen deren ähnliche Gemütsart mich zu ihrem vertrauten Freunde machte Wir
waren lustig miteinander wir sangen wir tanzten und scherzten an die Kunst
ward wenig gedacht«
    Franz fiel ihm in die Rede indem er fragte »Könnt Ihr Euch vielleicht
erinnern ob damals bei diesem Meister Pietro auch Raffael in der Lehre stand
Raffael Sanzio«
    »Mir dünkt« sagte der Alte »es kam in der letzten Zeit als ich dort war
ein unbedeutender Knabe dieses Namens zu ihm und ich verwundre mich dass Ihr
den Namen so eigentlich wisst«
    »Und ich erstaune über Eure Worte« rief Sternbald aus »So wisst Ihr es denn
gar nicht dass dieser Knabe seitdem der erste von allen Malern geworden ist dass
jedermann seinen Namen im Munde führt Er ist seit einem Jahre gestorben und
alle Künstler in Europa trauern über seinen Verlust wo Menschen wohnen die die
Kunst kennen da ist auch er gekannt denn noch keiner hat die Göttlichkeit der
Malerei so tief ergründet«
    Anselm war eine Weile in sich gekehrt dann brach er aus »O wunderbare
Vergangenheit Wo ist all mein Bestreben geblieben wie ist es gekommen dass
dieser mir Unbekannte meine innigsten Wünsche ergriffen und zu seinem Eigentume
gemacht hat Ja ich habe wahrlich umsonst gelebt Doch es sei weil es ist
ich will fortfahren von mir zu sprechen
    Damals schien die ganze Welt glänzend in mein junges Leben hinein ich
erblickte auf allen Wegen Freundschaft und Liebe Unter den Mädchen die ich
kennenlernte zog eine besonders meine ganze Aufmerksamkeit an sich ich liebte
sie innig nach einigen Wochen war sie meine Gattin Ich hemmte meine Freude und
Entzückungen durch nichts ein blendender ungestörter Strom war mein
Lebenslauf In der Gesellschaft der Freunde und der Liebe vom Wein erhitzt war
es mir oft als wenn sich wunderbare Kräfte in meinem Innersten entwickelten
als beginne mit mir die Welt eine neue Epoche In den Stunden die mir die
Freude übrigliess legte ich mich wieder auf die Kunst und es war zuweilen als
wenn vom Himmel herab goldene Strahlen in mein Herz hineinschienen und alle
meine Lebensgeister erläuterten und erfrischten Dann drohte ich mir gleichsam
mit ungebornen und unsterblichen Werken die meine Hand noch ausführen sollte
ich sah auf die übrige Kunst wie auf etwas Gemeines und Alltägliches hinab ich
wartete selber mit Sehnsucht auf die Malereien durch die sich mein hoher Genius
ankündigen würde Diese Zeit war die glücklichste meines Lebens Sie war die
meines wildesten Wahnsinns
    Indessen war mein kleines Vermögen aufgegangen Meine Freunde wurden kälter
meine Freude erlosch meine Gattin war krank und ihrer Entbindung nahe und ich
fing an an meinem Kunsttalent zu zweifeln Wie ein dürrer Herbstwind wehte es
durch alle meine Empfindungen wie ein Traum wurde mein frischer Geist von mir
entrückt Meine Not ward größer ich suchte Hilfe bei meinen Freunden die mich
verließen die sich bald ganz von mir entfremdeten Ich hatte geglaubt ihr
Enthusiasmus würde nie erlöschen es könne mir an Glück niemals mangeln und nun
sah ich mich plötzlich einsam Ich erschrak dass mir mein Streben als etwas
Törichtes erschien ja dass ich in meinem Innersten ahndete ich hätte die Kunst
niemals geliebt
    Ach wenn ich an jene drückenden Monate zurückdenke Wie sich nun in meinem
Herzen alles entwickelte wie grausam sich die Wirklichkeit von meinen
Phantasien losarbeitete und trennte Ich versuchte die schmählichsten Mittel
mir zu helfen und fristete mich dadurch kaum von einem Tage zum andern hin Nun
fühlte ich das Treiben der Welt nun lernte ich die Not kennen die meine armen
Brüder mit mir teilten Vorher hatte ich die menschliche Tätigkeit diese
mitleidswürdige Arbeitseligkeit verachtet mit Tränen in den Augen verehrte ich
sie jetzt ich schämte mich vor dem zerlumpten Tagelöhner der im Schweiße
seines Angesichtes sein tägliches Brot erwirbt und nicht höher hinaus denkt
als wie er morgen von neuem beginnen will Vorher hatte ich in der Welt die
schönen Formen mit lachenden Augen aufgesucht und mir eingeprägt jetzt sah ich
im angespannten Pferde und Stiere nur die Sklaverei die Dienstbarkeit die den
Landmann ernährte ich sah neidisch in die kleinen schmutzigen Fenster der
Hütten hinein nicht mehr um seltsame poetische Ideen anzutreffen sondern um
den Hausstand und das Glück dieser Familien zu berechnen Oh ich errötete wenn
man das Wort Kunst aussprach ich fühlte mich selbst unwürdig und dasjenige
was mir vorher als das Göttlichste erschien kam mir nun als ein müssiges
zeitverderbendes Spielwerk vor als eine Anmassung über die leidende und
arbeitende Menschheit Ich war meines Daseins überdrüssig
    Einer meiner Freunde der mir vielleicht geholfen hätte war in ferne Lande
weit weg verreist Ich überließ mich der Verzweiflung Meine Gattin starb im
Wochenbette das Kind war tot Ich lag in der Kammer nebenan und alles erlosch
vor meinen Augen Alles was mich geliebt hatte trat in einer fürchterlichen
Gleichgültigkeit auf mich zu alles was ich für mein gehalten hatte nahm wie
Fremdling von mir auf immer Abschied
    Die Gestalten der Welt alles was sich je in meinem Innern bewegt hatte
verwirrte sich verwildert durcheinander Es war als wenn ich mich verlor und
das Fremdeste mir bis dahin Verhassteste mein Selbst würde So rang ich im
Kampfe und konnte nicht sterben sondern verlor nur meine Vernunft Ich wurde
wahnsinnig wie ich nachher gehört habe Ich weiß nicht wo ich mich herumtrieb
was mir damals begegnet ist In einer kleinen Kapelle einige Meilen von hier
fand ich zuerst mich und meine Besinnung wieder Wie man aus einem Traume
erwacht und einen längst vergessenen Freund vor sich stehen sieht so seltsam
überrascht so durch mich erschreckt war ich selber
    Seitdem wohne ich hier Mein Gemüt ist dem Himmel gewidmet Ich habe alles
vergessen Ich brauche wenig und dies wenige besitze ich durch die Guteit
einiger Menschen
    Jetzt im ruhigen Alter« fuhr er nach einigem Stillschweigen fort »ist die
Natur mein vorzüglichstes Studium Ich finde allenthalben wunderbare
Bedeutsamkeit und rätselhafte Winke Jede Blume jede Muschel erzählt mir eine
Geschichte so wie ich Euch eine erzählt habe Seht diese wunderbaren Moose Ich
weiß nicht was alles dergleichen in der Welt soll und doch besteht daraus die
Welt So tröste ich mich über mich und die übrigen Menschen Die unendliche
Mannigfaltigkeit der Gestalten die sich bewegen die gleichsam mehr ein Leben
erstreben und andeuten als wirklich leben beruhigt mich dass auch ich
vielleicht so sein musste und mich von meiner Bahn niemals so sehr verirrt habe
als ich wohl ehemals wähnte« 
    Es war indessen spät geworden Franz wollte gehen ihm aber gern vorher
etwas abkaufen damit er ihm auf eine leichtere Art ein Geschenk machen könne
Er sah noch einmal umher und begriff es selber nicht wie ihm ein kleines Bild
habe entgehen können das er nun jetzt erst bemerkte Es war das genaue Bildnis
seiner Unbekannten jeder Zug jede Miene soviel er sich nur erinnern konnte
Er nahm es hastig herab und verschlang es mit den Augen sein Herz klopfte
ungestüm Als er danach fragte erzählte der Alte dass es eine junge Dame
vorstelle die er vor einem Jahre gemalt habe sie habe ihn besucht und ihr
holdseliges Gesicht habe sich seinem Gedächtnisse dermaßen eingeprägt dass er es
nachher mit Leichtigkeit habe zeichnen können Weitere Nachrichten konnte er von
der Unbekannten nicht geben
    Franz bat um das Bild das ihm der Alte gern bewilligte Franz drückte ihm
hierauf ein größeres Geschenk in die Hand als er ihm anfangs zugedacht hatte
Der Alte steckte es ein ohne die Goldstücke nur zu besehen dann umarmte er ihn
und sagte »Bleibe immer herzlich und treu gesinnt mein Sohn liebe deine Kunst
und dich dann wird es dir immer wohl gehen Der Künstler muss sich selber
lieben ja verehren er darf keiner nachteiligen Verachtung den Zugang zu sich
verstatten Sei in allen Dingen glücklich«
    Franz drückte ihn an seine Brust und ging dann den Berg hinunter
    Er war durch die Erzählung des alten Mannes wehmütig geworden es leuchtete
ihm ein dass es ihm möglich sei sich auch über seine Bestimmung zu irren dabei
war mit frischer Kraft das Andenken und das Bild seiner Geliebten in seine Seele
zurückgekommen Er langte im Schloss an indem er den Weg kaum bemerkt hatte
von der Gräfin war er schon vermisst sie war auf ihr Bildnis begierig und er
musste gleich am folgenden Morgen weitermalen Franz fand sie an diesem Tage
mutwilliger als je sie scherzte und lachte und auch Franz fühlte sich so
vertraulich zu ihr dass er ihr von seiner Wallfahrt zum alten Maler erzählte
dessen Geschichte er ihr kürzlich wiederholte Die Gräfin sagte »Nun wahrlich
der alte Einsiedler muss Euch auf eine ungemeine Art liebgewonnen haben da er so
viel mit Euch gesprochen hat denn es ist sonst schon eine große Gefälligkeit
wenn er dem Fragenden nur ein einziges Wort erwidert soviel ich aber weiß hat
er bisher noch keinem seine Geschichte erzählt«
    Franz zeigte ihr hierauf mir Zittern das Gemälde das er gekauft harte Die
Gräfin sagte erstaunt »Wie Mein eigenes Bild bringt Ihr mit herunter junger
Mann Die Aufmerksamkeit ist schmeichelhaft für mich« »Das Eurige« rief Franz
bestürzt und sich vergessend und jetzt wurde ihm die Ähnlichkeit noch
deutlicher und auf einen Augenblick ließ er sich durch den Gedanken entsetzen
dass es möglich sei »Ach« sagte die Gräfin plötzlich und seufzte tief »Nein
sie ist es meine arme unglückliche Schwester«
    »Eure Schwester« sagte Franz erschrocken »und Ihr nennt sie unglücklich«
    »Und mit Recht« antwortete die Gräfin »sie hat viel gelitten jetzt ist
sie seit neun Monaten tot«
    Franz verlor die Sprache seine Hand zitterte es war ihm unmöglich
weiterzumalen Jene fuhr fort »Sie trug und quälte sich mit einer unglücklichen
Liebe die ihr Leben wegzehrte vor einem Jahre machte sie eine Reise durch
Deutschland um sich zu zerstreuen und gesunder zu werden aber sie reiste in
ihre Heimat zurück und starb Der Alte hat sie damals gesehen und wie ich jetzt
erfahre nachher gemalt«
    Franz war durch und durch erschüttert Er stand auf und verließ den Saal Er
irrte umher und warf sich endlich weinend an der dichtesten Stelle des Gehölzes
nieder die Worte die ihn betäubt hatten schallten noch immer in sein Ohr 
»So ist sie denn auf ewig mir verloren die niemals mein war« rief er aus »O
wie hart ist die Weise mit der mich das Schicksal von meinem Wahnsinn heilen
will O ihr Blumen ihr süßen Worte die ihr mir so erfreulich wart Du
holdselige Schreibtafel ihr Erinnerungen ach nun ist alles vorüber Von
diesem Tage von heut ist meine Jugend beschlossen alle jungen Wünsche alle
liebreizenden Hoffnungen verlassen mich nun alles ruht tief im Grabe Nun ist
mein Leben kein Leben mein Ziel nach dem ich strebte ist hinweggenommen ich
bin einsam Das Haupt das meine Sonne war nach dem ich mich wie die Blume
wandte liegt nun unkenntlich im Grabe Ja Anselm sie ist nun auch in den
großen weiten Wald wieder hineingeflogen meine liebste Sängerin die ich so
gern an diesem Herzen beherbergt hätte aller Gesang erinnert mich nur an sie
die fließenden Waldbäche hier ermuntern mich immerfort zu weinen so wie sie
selber tun Was soll mir Kunst was Ruhm wenn sie nicht mehr ist der ich alles
zu Füßen legen wollte«
 
                               Siebentes Kapitel
Am folgenden Tage kam Rudolph zurück vor dem Franz sein Geheimnis nun noch
geflissentlicher verbarg er fürchtete den heitern Mutwillen seines Freundes
und mochte diese Schmerzen nicht seinen Spöttereien preisgeben Rudolph erzählte
ihm mit kurzen Worten die Geschichte seiner Wanderschaft wo er sich
herumgetrieben was er in diesen Tagen erlebt Franz hörte kaum darauf hin weil
er mit seinem Verluste zu innig beschäftigt war
    »Du hast ja hier einen Verwandten gefunden« sagte Sternbald endlich »aber
mich dünkt du freust dich darüber nicht sonderlich«
    »Meine Familie« sagte jener »ist ziemlich ausgebreitet ich bin noch
niemals lange an einem Orte geblieben ohne einen Vetter oder eine Muhme
anzutreffen Darum ist mir dergleichen nichts Ungewöhnliches Dieser da ist ein
guter langweiliger Mann mit dem ich nun schon alles gesprochen habe was er zu
sagen weiß Ihr führt aber übrigens hier ein recht langweiliges Leben und du
mein lieber Sternbald wirst darüber ganz traurig und verdrießlich so wie es
sich auch ziemt Ich habe also dafür gesorgt dass wir einige Beschäftigung
haben womit wir uns die Zeit vertreiben können«
    Er hatte alle Diener des Schlosses auf seine Seite gebracht und beredet
auch einige andre besonders Mädchen aus der Nachbarschaft eingeladen um am
folgenden Tage ein lustiges Fest im Walde zu begehn Franz entschuldigte sich
dass er ihm nicht Gesellschaft leisten könne aber Florestan hörte nicht darauf
»Ich werde nie wieder vergnügt sein« sagte Franz als er sich allein sah
»meine Jugend ist vorüber ich kann auch nicht mehr arbeiten wenn ich in der
Zukunft vielleicht auch geschäftig bin«
    Der folgende Tag erschien Florestan hatte alles angeordnet Man versammelte
sich nachmittags im Walde die Gräfin hatte allen die Erlaubnis erteilt der
kühlste schattigste Platz wurde ausgesucht wo die dicksten Eichen standen wo
der Rasen am grünsten war Rudolph empfing jeden Ankömmling mit einem fröhlichen
Schalmeiliede die Mädchen waren zierlich geputzt die Jäger und Diener mit
Bändern und bunten Zieraten geschmückt Nun kamen auch die Spielleute die
lustig aufspielten wobei Wein und verschiedene Kuchen in die Runde gingen Die
Hitze des Tages konnte an diesen Ort nicht dringen die Bäche und fernen
Gewässer spielten wie eine liebliche Waldorgel dazu alle Gemüter waren
fröhlich
    Im grünen Grase gelagert wurden Lieder gesungen die alle Fröhlichkeit
atmeten da war von Liebe und Kuss die Rede da wurde des schönen Busens erwähnt
und die Mädchen lachten fröhlich dazu Franz wehrte sich anfangs gegen die
Freude die alle beseelte er suchte seine Traurigkeit aber der helle
liebliche Strom ergriff auch ihn mit seinen kristallenen plätschernden Wellen
er genoss die Gegenwart und vergaß was er verloren hatte Er saß neben einem
blonden Mädchen mit der er bald ein freundliches Gespräch begonn und den
runden frischen Mund die lieblichen Augen den hebenden Busen heiter
betrachtete
    Als es noch kühler ward ordnete man auf dem runden Rasenplatze einen
lustigen Tanz an Rudolph hatte sich auf seine Art phantastisch geschmückt und
glich einer schönen idealischen Figur auf einem Gemälde Er war der
Ausgelassenste aber in ihm spiegelte sich die Fröhlichkeit am lieblichsten
Franz tanzte mit seiner blonden Emma die manchen Händedruck erwiderte wenn sie
den Reigen herunter ihm entgegenkam
    Da aber der Platz für den Tanz fast ein wenig zu eng war so sonderten sich
einige ab um auszuruhen unter diesen waren Florestan Sternbald und die
Blonde Abseits befestigten Franz und Rudolph ein Seil zwischen zwei dicken
nahestehenden Eichen ein Brett war bald gefunden und die Schaukel fertig Emma
setzte sich furchtsam hinein und flog nun nach dem Takte und Schwunge der Musik
im Waldschatten auf und ab Es war lieblich wie sie bald hinauf in den Wipfel
schwankte bald wieder wie eine Göttin herabkam und mit leichter Bewegung einen
schönen Zirkel beschrieb
    »Nun mein Freund« rief Rudolph öfter »bist du nun nicht vergnügt Lass
alle Grillen schwinden« Franz sah nur die reizende Gestalt die sich in der
Luft bewegte
    Als man des Tanzes überdrüssig war setzte man sich wieder nieder und
ergötzte sich an Liedern und aufgegebenen Rätseln Jetzt ertrug Sternbald den
Mutwillen der Poesie die in alten Reimen die Reize der Liebsten lobpries er
stimmte mit ein und verließ die blonde Emma niemals wenigstens mit den Augen
    Der Abend brach ein in gespaltenen Schimmern floss das Abendrot durch den
Wald die lieblichste stillste Luft umgab die Natur und bewegte auch nicht die
Blätter am Baume Rudolph dessen Phantasie immer geschäftig war ließ nun eine
lange Tafel bereiten auf die ebenso viele Blumen als Speisen gesetzt wurden
dazwischen die Lichter die kein Wind verlöschte sondern die ruhig
fortbrannten und einen zauberischen berauschenden Anblick gewährten Man aß
unter schallender Musik dann wurden die Tische auseinandergeschoben und umher
zwischen den Bäumen verteilt die Wachskerzen brannten auch hier Nun kam ein
mutwilliges Pfänderspiel in den Gang bei dem Sternbald manchen herzlichen Kuss
von seiner Blonden empfing wobei ihm jedesmal das Blut in die Wangen stieg
    Jetzt war es Nacht man musste sich trennen Die Leute aus dem Dorfe und der
kleinen Stadt gingen zurück Rudolph und Sternbald begleiteten den Zug Laternen
gingen voran dann folgten die Spielleute die fast beständig ihre Musik
erschallen ließ und dadurch den Zug im Takte erhielten  Jetzt standen sie
vor dem Dorfe er nahm mit einem herzlichen Kusse Abschied Emma war stumm er
konnte kein Wort hervorbringen
    Schweigend ging er mit Rudolph durch den Wald zurück als sie heraustraten
glänzte ihnen über die Ebene herüber der aufgehende Mond entgegen das Schloss
brannte in sanften goldenen Flammen
 
                                 Achtes Kapitel
Das Bildnis der Gräfin und des fremden Ritters war beendigt sie war sehr
zufrieden und belohnte den Maler reichlicher als es beide Freunde erwartet
hatten
    Franz erstaunte oft in einsamen Stunden über sich selber über die
Ungenügsamkeit die ihn peinigte Er betrachtete dann mit wehmütiger Ungeduld
das Bild seiner ehemaligen Geliebten er wollte sie seiner Phantasie in aller
vorigen Klarheit zurückzaubern aber sein Geist und seine Sinne waren wie mit
ehernen Banden in der Gegenwart festgehalten
    »Bravo« sagte an einem Morgen Rudolph zu seinem Freunde »du gefällst mir
denn ich sehe du lernst von mir Du ahmst mir nach dass du auch eine Liebschaft
hast die deine Lebensgeister in Tätigkeit erhält glaube mir man kann im Leben
durchaus nicht anders zurechtkommen So aber verschönert sich uns jede Gegend
der Name der Dörfer und Städte wird uns teuer und bedeutend unsre Einbildung
wird mit lieblichen Bildern angefüllt so dass wir uns allenthalben wie in einer
ersehnten Heimat fühlen«
    »Aber wohin führt uns dieser Leichtsinn« fragte Franz
    »Wohin« rief Rudolph aus »o mein Freund verbittere dir nicht mit
dergleichen Fragen deinen schönsten Lebensgenuss denn wohin führt dich das Leben
endlich«
    »Aber die Sinnlichkeit« sagte Franz »hörst du nicht jeden rechtlichen
Menschen schlecht davon sprechen«
    »Oh über die rechtlichen Menschen« sagte Florestan lachend »sie wissen
selbst nicht was sie wollen Der Himmel gibt sich die Mühe uns die Sinnen
anzuschaffen nun so wollen wir uns deren auch nicht schämen nach unserm
löblichen Tode wollen wir uns dann mit des Himmels Beistand zur Freude besser
gebärden«
    »Was war das für ein Mädchen« fragte Franz »das du in der Gegend von
Antwerpen besuchtest«
    »Oh das ist eine Geschichte« antwortete jener »die ich dir schon lange
einmal habe erzählen wollen Ich war vor einem Jahre auf der Reise und ritt
übers Feld um schneller fortzukommen Ich war müde mein Pferd fing an zu
hinken die Meile kam uns unendlich lang vor Ich sang ein Liedchen ich besann
mich auf hundert Schwänke die mich in vielen andern Stunden erquickt hätten
aber alles war vergebens Indem ich mich noch abquäle sehe ich eine hübsche
niederländische Bäuerin am Wege sitzen die sich die Augen abtrocknet Ich
frage was ihr fehlt und sie erzählt mir mit der liebenswürdigsten
Unbefangenheit dass sie schon so weit gegangen sei sich nun zu müde fühle noch
zu ihren Eltern nach Hause zu kommen und darum weine sie wie billig Die
Dämmerung war indes schon eingebrochen mein Entschluss war bald gefasst ohne
weiter um Rat zu fragen bot ich ihr das müde Pferd an um bequemer
fortzukommen Sie ließ sich eine Weile zureden dann stieg sie hinauf und
setzte sich vor mich ich hielt sie mit den Armen fest Nun fing ich an die
Meile noch länger zu wünschen der niedlichste Fuß schwebte vor mir von der
Bewegung entblößt die frische rote Wange dicht an der meinigen die
freundlichen Augen mir nahe gegenüber So zogen wir über das Feld indem sie mir
ihre Herkunft und Erziehung erzählte wir wurden bald vertrauter und sie
sträubte sich gegen meine Küsse nicht mehr
    Nun wurde es Nacht und die Bangigkeit die sie erfüllte erlaubte mir
dreister zu sein Endlich kamen wir in der Nähe ihrer Behausung sie stieg
behende herunter wir hatten schon unsre Abrede genommen Sie eilte voraus ich
blieb eine Weile zurück dann zwang ich mein Pferd in einer Art von Galopp mit
mir vor das Haus zu sprengen Es war ein altes weitläuftiges Gebäude das
abseits vom übrigen Dorfe lag das Mädchen kam mir entgegen ich trat als ein
verirrter Fremdling ein und bat demütig um ein Nachtlager Die Eltern
bewilligten es mir gern die Kleine spielte ihre Aufgabe gut durch sie zeigte
mir verstohlen dass sie neben der Kammer schlafen würde die man mir einräumte
sie wollte die Tür offen lassen Das Abendessen die umständlichen Gespräche
wurden mir sehr lang endlich ging alles schlafen meine Freundin aber hatte in
der Wirtschaft noch allerhand zu besorgen Ich betrachtete indessen meine
Kammer sie führte auf der einen Seite nach dem Schlafzimmer des Mädchens auf
der andern in einen langen Gang dessen äußerste Tür geöffnet war Freundlich
schien durch diese die runde Scheibe des Mondes das schöne Licht lockt mich
hinaus ein Garten empfängt mich Ich durchwandere auch diesen gehe durch ein
Gattertor und verliere mich voller Erwartungen im Felde
    Man ist indessen sorgsam gewesen alle Türen zu verschließen es war das
letzte Geschäft des Vaters nach allen Riegeln im Hause zu sehen Bestürzt komme
ich zurück die Gartentür ist verschlossen ich rufe ich klopfe niemand hört
mich ich versuche überzusteigen aber meine Mühe war vergebens Ich verwünsche
den Mond und die Schönheiten der Natur ich sehe die Freundliche vor mir die
mich erwartet und mein Zögern nicht begreifen kann
    Unter Verwünschungen und unnützen Bemühungen sah ich mich genötigt den
Morgen auf dem freien Felde abzuwarten alle Hunde wurden wach aber kein Mensch
hörte mich der mich eingelassen hätte Oh wie segnete ich die ersten Strahlen
des Frührots Die Alten bedauerten mein Unglück das Mädchen war so verdrießlich
dass sie anfangs nicht mit mir sprechen wollte ich versöhnte sie aber endlich
ich musste fort und versprach ihr auf meiner Rückreise von England sie gewiss
wieder zu besuchen Und du sahst damals dass ich ihr auch Wort hielt
    Ich kam an schon sah ich mit Verdruss und klopfendem Herzen den Garten mit
der mir so wohlbekannten Mauer schon suchte mein Auge das Mädchen aber die
Sachen hatten sich indessen sehr verändert Sie war verheiratet sie wohnte in
einem andern Hause und was das Schlimmste war sie liebte sogar ihren Mann als
ich sie besuchte bat sie mich mit der höchsten Angst doch ja je eher je lieber
wieder fortzugehn Ich gehorchte ihr um ihr Glück nicht zu stören  Siehst du
mein Freund das ist die unbedeutende Geschichte einer Bekanntschaft die sich
ganz anders endigte als ich erwartet hatte«
    »Dir geschieht schon recht« sagte Franz »wenn du manchmal für deinen
übertriebenen Mutwillen bestraft wirst«
    »Oh dass ihr allenthalben Übertreibungen findet« rief Florestan aus »ihr
seid immer besorgt euch in allen Gedanken und Gefühlen zu mäßigen Aber es
gelingt niemals und ist unmöglich in einem Gebiete zu messen und zu wägen wo
kein Maß und Gewicht anerkannt wird Es freut mich dich auch einmal verliebt zu
sehen«
    Franz sagte »Ich weiß nicht ob ich verliebt bin aber du ängstigest mich
mit deinen Reden wozu wäre es auch da wir so bald abreisen müssen«
    Florestan lachte und gab ihm gar keine Antwort  »Nun wie haben dir die
neulichen Lieder gefallen« sagte er »und die Lichter der Wald Nicht wahr es
war der Mühe wert fröhlich zu sein«
    »Du marterst mich nur« sagte Sternbald als Rudolph geendigt hatte »sprich
wie du willst ich werde niemals deiner Meinung sein Man kann sich in einem
leichtsinnigen Augenblicke vergessen aber wenn man freiwillig den Sinnen den
Sieg über sich selbst einräumt so erniedrigt man sich dadurch unter sich
selbst«
    »Du willst ein Maler sein und sprichst so« rief Rudolph aus »oh lass ja
die Kunst fahren wenn dir deine Sinnen nicht lieber sind denn durch diese
allein vermagst du die Rührungen hervorzubringen Was wollt ihr mit allen euren
Farben darstellen und ausrichten als die Sinnen auf die schönste Weise
ergötzen Durch nichts kann der Künstler unsre Phantasie so gefangennehmen als
durch den Reiz der vollendeten Schönheit das ist es was wir in allen Formen
entdecken wollen wonach unser gieriges Auge allenthalben sucht Wenn wir sie
finden so sind es auch nicht die Sinne allein die in Bewegung sind sondern
alle unsre Entzückungen erschüttern uns auf einmal auf die lieblichste Weise
Der freie unverhüllte Körper ist der höchste Triumph der Kunst denn was sollen
mir jene beschleierten Gestalten Warum treten sie nicht aus ihren Gewändern
heraus die sie ängstigen und sind sie selbst Gewand ist höchstens nur Zugabe
Nebenschönheit Das griechische Altertum verkündigt sich in seinen nackten
Figuren am göttlichsten und menschlichsten Die Dezenz unsers gemeinen
prosaischen Lebens ist in der Kunst unerlaubt dort in den heitern reinen
Regionen ist sie ungeziemlich sie ist unter uns selbst das Dokument unsrer
Gemeinheit und Unsittlichkeit Der Künstler darf seine Bekanntschaft mit ihr
nicht verraten oder er gibt zu erkennen dass ihm die Kunst nicht das Liebste
und Beste ist er gesteht dass er sich nicht ganz aussprechen darf und doch ist
sein verschlossenes Innerstes gerade das was wir von ihm begehren«
    In einigen Tagen war ihre Abreise beschlossen die Gräfin hatte den
versprochenen Brief an die italienische Familie geschrieben den Sternbald mit
großer Gleichgültigkeit in seine Brieftasche legte er zeigte ihn auch seinem
Freunde nicht sondern war sogar ungewiss ob er ihn abgeben solle
    Als sie das Schloss verlassen hatten als beide Freunde sich auf der weiten
Heerstraße befanden war Rudolph nachdenklich weniger fröhlich und
leichtsinnig als man ihn sonst sah er schien Erinnerungen zu bekämpfen die
ihn beinahe schwermütig machten
    »Kein Mensch« rief er endlich aus »kann seine frohe Laune verbürgen es
kommen Augenblicke und Empfindungen die ihn wie in einem Kerker verschließen
und ihn nicht wieder freigeben wollen Ich denke eben daran wie ohne Not und
ohne Zweck ich mich hier herumtreibe und indessen das vernachlässige was doch
das einzige Glück in der Welt ist Wahrlich ich könnte in manchen Augenblicken
so schwermütig sein dass ich weinte oder tiefsinnige Elegien niederschriebe
dass ich auf meinen Instrumenten Töne hervorsuchte die in Steine und Felsen
Mitleiden hineinzwängen Oh mein Freund wir wollen uns nicht mit unnützem Gram
den gegenwärtigen Augenblick verkümmern diese Gegenwart in der wir jetzt sind
kommt nicht zum zweiten Male wieder mag doch ein jeder Tag für das Seine
sorgen«
    Es wurde Abend ein schöner Himmel erglänzte mit seinen wunderbaren
buntgefärbten Wolkenbildern über ihnen »Sieh« fuhr Rudolph fort »wenn ihr
Maler mir dergleichen darstellen könntet so wollte ich euch oft eure
beweglichen Historien eure leidenschaftlichen und verwirrten Darstellungen mit
allen unzähligen Figuren erlassen Meine Seele sollte sich an diesen grellen
Farben ohne Zusammenhang an diesen mit Gold ausgelegten Luftbildern ergötzen
und genügen ich würde da Handlung Leidenschaft Komposition und alles gern
vermissen wenn ihr mir wie die gütige Natur heute tut so mit rosenrotem
Schlüssel die Heimat aufschließen könntet wo die Ahndungen der Kindheit wohnen
das glänzende Land wo in dem grünen azurnen Meere die goldensten Träume
schwimmen wo Lichtgestalten zwischen feurigen Blumen gehen und uns die Hände
reichen die wir an unser Herz drücken möchten Oh mein Freund wenn ihr doch
diese wunderliche Musik die der Himmel heute dichtet in eure Malerei
hineinlocken könntet Aber euch fehlen Farben und Bedeutung im gewöhnlichen
Sinne ist leider eine Bedingung eurer Kunst«
    »Ich verstehe wie du es meinst« sagte Sternbald »und die freundlichen
Himmelslichter entwanken und entfliehen indem wir sprechen Wenn du auf der
Harfe musizierst und mit den Fingern die Töne suchst die mit deinen Phantasien
verbrüdert sind so dass beide sich gegenseitig erkennen und nun Töne und
Phantasie in der Umarmung gleichsam entzückt immer höher immer mehr himmelwärts
jauchzen so hast du mir schon oft gesagt dass die Musik die erste die
unmittelbarste die kühnste von allen Künsten sei dass sie einzig das Herz habe
das auszusprechen was man ihr anvertraut da die übrigen ihren Auftrag immer
nur halb ausrichten und das Beste verschweigen ich habe dir so oft recht geben
müssen aber mein Freund ich glaube darum doch dass sich Musik Poesie und
Malerei oft die Hand bieten ja dass sie oft ein und dasselbe auf ihren Wegen
ausrichten können Freilich ist es nicht nötig dass immer nur Handlung
Begebenheit mein Gemüt entzücke ja es scheint mir sogar schwer zu bestimmen ob
in diesem Gebiete unsre Kunst ihre schönsten Lorbeern antreffe allein erinnere
dich nur selbst der schönen stillen heiligen Familien die wir angetroffen
haben liegt nicht in einigen unendlich viele Musik wie du es nennen willst
Ist in ihnen die Religion das Heil der Welt die Anbetung des Höchsten nicht
wie in einem Kindergespräche offenbart und ausgedrückt Ich habe bei den Figuren
nicht bloß an die Figuren gedacht die Gruppierung war mir nur Nebensache ja
auch der Ausdruck der Mienen insofern ich ihn auf die gegenwärtige Geschichte
auf den wirklichen Zusammenhang bezog Der Maler hat hier Gelegenheit die
Einbildung in sich selbst zu erregen ohne sie durch Geschichte durch Beziehung
vorzubereiten«
    »Am meisten ist mir das was ich so oft von der Malerei wünsche bei
allegorischen Gemälden einleuchtend« sagte Rudolph
    »Gut dass du mich daran erinnerst« rief Franz aus »hier ist recht der Ort
wo der Maler seine große Imagination seinen Sinn für die Magie der Kunst
offenbaren kann hier kann er gleichsam über die Grenzen seiner Kunst
hinausschreiten und mit dem Dichter wetteifern Die Begebenheit die Figuren
sind ihm nur Nebensache und doch machen sie das Bild es ist Ruhe und
Lebendigkeit Fülle und Leere und die Kühnheit der Gedanken der
Zusammensetzung findet erst hier ihren rechten Platz Ich habe es ungern gehört
dass man diesen Gedichten so oft den Mangel an Zierlichkeit vorrückt dass man
hier tätige Bewegung und schnellen Reiz einer Handlung fordert wenn sie statt
eines einzelnen Menschen die Menschheit ausdrücken statt eines Vorfalls eine
erhabene Ruhe Gerade diese anscheinende Kälte die Unbiegsamkeit im Stoffe ist
das was mir so oft einen wehmütigen Schauder bei der Betrachtung erregte dass
hier allgemeine Begriffe in sinnlichen Gestalten mit so ernster Bedeutung
aufgestellt sind Kind und Greis in ihren Empfindungen vereinigt dass das Ganze
unzusammenhängend erscheint wie das menschliche Leben und doch eins um des
andern notwendig ist wie man auch im Leben nichts aus seiner Verkettung reißen
darf alles dies ist mir immer ungemein erhaben erschienen«
    »Ich erinnere mich« antwortete Rudolph »eines alten Bildes in Pisa das
dir auch vielleicht gefallen wird wenn ich nicht irre ist es von Andrea
Orgagna gemalt Dieser Künstler hat den Dante mit besondrer Vorliebe studiert
und in seiner Kunst auch etwas Ähnliches dichten wollen Auf seinem großen Bilde
ist in der Tat das ganze menschliche Leben auf eine recht wehmütige Art
abgebildet Ein Feld prangt mit schönen Blumen von frischen und glänzenden
Farben geschmückte Herren und Damen gehen umher und ergötzen sich an der
Pracht Tanzende Mädchen ziehen mit ihrer munteren Bewegung den Blick auf sich
in den Bäumen die von Orangen glühn erblickt man Liebesgötter die schalkhaft
mit ihren Geschossen herunterzielen über den Mädchen schweben andre Amorinen
die nach den geschmückten Spaziergängern zur Vergeltung zielen Spielleute
blasen auf Instrumenten zum Tanz eine bedeckte Tafel steht in der Ferne 
Gegenüber sieht man steile Felsen auf denen Einsiedler Busse tun und in
andächtiger Stellung beten einige lesen einer melkt eine Ziege Hier ist die
Dürftigkeit des armutseligen Lebens dem üppigen glückseligen recht herzhaft
gegenübergestellt  Unten sieht man drei Könige auf die Jagd reiten denen ein
heiliger Mann eröffnete Gräber zeigt in denen man von Königen verweste
Leichname sieht  Durch die Luft fliegt der Tod mit schwarzem Gewand die
Sense in der Hand unter ihm Leichen aus allen Ständen auf die er hindeutet 
Dieses Gemälde hat immer in mir das Bild des großen menschlichen Lebens
hervorgebracht in welchem keiner vom andern weiß und sich alle blind und taub
durcheinander bewegen«
    Unter diesen Gesprächen waren sie an eine dichte Stelle im Walde gekommen
abseits an einer Eiche gelehnt lag ein Rittersmann mit dem sich ein Pilgrim
beschäftigte und ihm eine Wunde zu verbinden suchte Die beiden Wanderer eilten
sogleich hinzu sie erkannten den Ritter Franz zuerst es war derselbe den sie
vor einiger Zeit als Mönch gesehen hatten und den Sternbald im Schloss gemalt
hatte Der Ritter war in Ohnmacht gesunken er hatte viel Blut verloren aber
durch die vereinigte Hilfe kam er bald wieder zu sich Der Pilgrim dankte den
beiden Freunden herzlich dass sie ihm geholfen den armen Verwundeten zu
pflegen sie machten in der Eile eine Trage von Zweigen und Blättern worauf sie
ihn legten und so abwechselnd trugen Der Ritter erholte sich bald so dass er
bat sie möchten diese Mühe unterlassen er versuchte es auf die Füße zu
kommen und es gelang ihm dass er sich mit einiger Beschwerlichkeit und langsam
fortbewegen konnte die übrigen führten und unterstützten ihn Der Ritter
erkannte Franz und Rudolph ebenfalls er gestand dass er derselbe sei den sie
neulich in einer Verkleidung getroffen Der Pilgrim erzählte dass er nach Loreto
wallfahrte um ein Gelübde zu bezahlen das er in einem Sturm auf der See getan
    Es wurde dunkel als sie immer tiefer in den Wald hineingerieten und kaum
noch den Weg bemerken konnten Franz und Rudolph riefen laut um jemand
herbeizulocken der ihnen raten der sie aus der Irre führen könne aber
vergebens sie hörten nichts als das Echo ihrer eigenen Stimme Endlich war es
als wenn sie durch die Verworrenheit der Gebüsche ein fernes Glöcklein
vernähmen und sogleich richteten sie nach diesem Schalle ihre Schritte Der
Pilger insonderheit war sehr ermüdet und wünschte einen Ruheplatz anzutreffen
er gestand es ungern dass ihn sein übereiltes Gelübde schon oft gereut habe dass
er es aber nun schuldig sei zu bezahlen um Gott nicht zu irren Er seufzte fast
bei jedem Schritte und der Ritter konnte es nicht unterlassen so ermüdet er
selber war bisweilen über ihn zu spotten Franz und Rudolph sangen Lieder um
die Ermüdeten zu trösten und anzufrischen sehnten sich aber auch herzlich nach
einer ruhigen Herberge
    Jetzt sahen sie ein Licht ungewiss durch die Zweige schimmern und die
Hoffnung von allen wurde gestärkt das Glöcklein ließ sich von Zeit zu Zeit
wieder hören und viel vernehmlicher Sie glaubten sich in der Nähe eines Dorfs
zu befinden als sie aber noch eine Weile gegangen waren standen sie vor einer
kleinen Hütte in der ein Licht brannte das ihnen entgegenglänzte ein Mann saß
darin und las mit vieler Aufmerksamkeit in einem Buche ein großer Rosenkranz
hing an seiner Seite über der Hütte war eine Glocke angebracht die er
abwechselnd anzog und die den Schall verursacht hatte
    Er erstaunte als er von der Gesellschaft in seinen Betrachtungen gestört
wurde doch nahm er alle sehr freundlich auf Er bereitete schnell aus Kräutern
einen Saft mit dem er die Wunde des Ritters verband wonach dieser sogleich
Linderung spürte und zum Schlafe geneigt war Auch Franz war müde der Pilgrim
war schon in einem Winkel des Hauses eingeschlafen nur Rudolph blieb munter
und verzehrte einiges von den Früchten Brot und Honig das der Einsiedler
aufgetragen hatte »Ihr seid in meiner Einsamkeit willkommen« sagte dieser zu
Florestan »und es ist mein tägliches Gebet zu Gott dass er mir Gelegenheit
geben möge zuweilen einiges Gute zu tun und so ist sie mir denn heute wider
Erwarten gekommen Sonst bringe ich meine Zeit mit Andacht und Beten zu auch
lasse ich nach gewissen Gebeten immer mein Glöcklein erschallen damit die
Hirten und Bauern im Walde oder die Leute im nächsten Dorfe wissen mögen dass
ich munter bin und für sie dem Herrn danke das einzige was ich zur Vergeltung
für ihre Wohltaten zu tun imstande bin«
    Rudolph blieb mit dem Einsiedler noch lange munter sie sprachen allerhand
doch ließ sich der Alte nicht zu lange von seinen vorgesetzten Gebeten abwendig
machen sondern wiederholte sie während ihrer Erzählung Franz hörte im
Schlummer die beiden miteinander sprechen dann zuweilen das Glöcklein klingen
den Gesang des Alten und es dünkte ihm unter seinen Träumen alles höchst
wunderbar
    Gegen Morgen schlief Rudolph auch ein so viele Mühe er sich auch gab wach
zu bleiben
    Das Morgenrot brach liebreich herauf und schimmerte erst an den
Baumwipfeln an den hellen Wolken dann sah man die ersten Strahlen der Sonne
durch den Wald leuchten Die Vögel wurden rege die Lerchen jubelten aus den
Wolken herab der Morgenwind schüttelte die Zweige Die Schläfer wurden nach und
nach wieder wach der Ritter fühlte sich gestärkt und munter der Einsiedler
versicherte dass seine Wunde nichts zu bedeuten habe Franz und Rudolph machten
einen Spaziergang durch den Wald wo sie eine Anhöhe erstiegen und sich
niedersetzten
    »Sind die Menschen nicht wunderlich« fing Florestan an »dieser Pilgrim
kreuzt durch die Welt verlässt sein geliebtes Weib wie er uns selber erzählt
hat um Gott zu Gefallen die Kapelle zu Loreto zu besuchen Der Einsiedler hat
mir in der Nacht seine ganze Geschichte erzählt er hat die Welt auf immer
verlassen weil er unglücklich geliebt hat das Mädchen das ihn entzückte hat
sich einem andern ergeben und darum will er nun sein Leben in der Einsamkeit
beschließen mit seinem Rosenkranze Buche und Glocke beschäftigt«
    Franz dachte an das Bildnis an den Tod seiner Geliebten und sagte
seufzend »Oh lass ihn denn ihm ist wohl tadle nicht zu strenge die
Glückseligkeit andrer Menschen weil sie nicht die deinige ist Wenn er wirklich
geliebt hat was kann er nun noch in der Welt wollen In seiner Geliebten ist
ihm die ganze Welt abgestorben nun ist sein ganzes Leben ein ununterbrochenes
Andenken an sie ein immerwährendes Opfer das er der Schönsten bringt Ja
seine Andacht vermischt sich mit seiner Liebe seine Liebe ist seine Religion
und sein Herz bleibt rein und geläutert Sie strahlt ihm wie Morgensonne in sein
Gedächtnis  kein gewöhnliches Leben hat ihr Bild entweiht und so ist sie ihm
Madonna Gefährtin und Lehrerin im Gebet Oh mein Freund in manchen Stunden
möchte ich mich so wie er der Einsamkeit ergeben und von Vergangenheit und
Zukunft Abschied nehmen Wie wohl würde mir das Rauschen des Waldes tun die
Wiederkehr der gleichförmigen Tage der ununterbrochene leise Fluss der Zeit der
mich so unvermerkt ins Alter hineintrüge jedes Rauschen ein andächtiger
Gedanke ein Lobgesang Müssen wir uns denn nicht doch einst von allem irdischen
Glücke trennen Was ist dann Reichtum und Liebe und Kunst Die edelsten Geister
haben müssen Abschied nehmen warum sollen es die schwächern nicht schon früher
tun um sich einzulernen«
    Florestan verwunderte sich über seinen Freund doch bezwang er diesmal
seinen Mutwillen und antwortete mit keinem Scherze weil Franz zu ernstlich
gesprochen hatte Er vermutete im Herzen Sternbalds einen geheimen Kummer er
gab ihm daher schweigend die Hand und Arm in Arm gingen sie herzlich zur Hütte
des armen Klausners zurück
    Der Ritter stand angekleidet vor der Tür Die Röte war auf seine Wangen
zurückgekommen und sein Gesicht glänzte im Sonnenschein seine Augen funkelten
freundlich er war ein schöner Mann Der Pilgrim und der Einsiedler hatten sich
zu einer Andachtsübung vereinigt und saßen in tiefsinnigen Gebeten im kleinen
Hause
    Die drei setzten sich im Grase nieder und Rudolph fasste die Hand des
Fremden und sagte mit lachendem Gesicht »Herr Ritter Ihr dürft es mir wahrlich
nicht verargen wenn ich nun meine Neugier nicht mehr bezähmen kann Ihr seid
überdies auch ziemlich wiederhergestellt so dass Ihr wohl die Mühe des Erzählens
über Euch nehmen könnt Ich und mein Freund haben Euer Bildnis in dem Schloss
einer schönen Dame angetroffen sie hat uns vertraut wie sie mit Euch verbunden
ist Ihr könnt kein andrer sein Ihr dürft also gegen uns nicht weiter
rückhalten«
    »Ich will es auch nicht« sagte der junge Ritter »schon neulich als ich
Euch sah fasste ich ein recht herzliches Vertrauen zu Euch und Eurem Freunde
Sternbald daher will ich Euch recht gern erzählen was ich selber von mir weiß
denn noch nie habe ich mich in solcher Verwirrung befunden Ich bedinge es mir
aber aus dass Ihr niemand von dem etwas sagt was ich jetzt erzählen werde Ihr
dürft darum keine seltsamen Geheimnisse erwarten sondern ich bitte Euch bloß
darum weil ich nicht weiß in welche Verlegenheiten mich etwa künftig Euer
Mangel an Verschwiegenheit setzen dürfte
    Wisst also dass ich kein Deutscher bin sondern ich bin aus einer edlen
italienischen Familie entsprossen mein Name ist Roderigo Meine Eltern gaben
mir eine sehr freie Erziehung mein Vater der mich übermäßig liebte sah mir in
allen Wildheiten nach und als ich daher älter wurde und er mit seinem guten
Rate nachkommen wollte war es natürlich dass ich auf seine Worte gar nicht
achtete Seine Liebe zu mir erlaubte ihm aber nicht zu strengern Mitteln als
gelinden Verweisen seine Zuflucht zu nehmen und darüber wurde ich mit jedem
Tage wilder und ausgelassener Er konnte es nicht verbergen dass er über meine
unbesonnenen Streiche mehr Vergnügen und Zufriedenheit als Kummer empfand und
das machte mich in meinem seltsamen Lebenslaufe nur desto sicherer Er war
selbst in seiner Jugend ein wilder Bursche gewesen und dadurch hatte er eine
Vorliebe für solche Lebensweise behalten ja er sah in mir nur seine Jugend
glänzend wieder aufleben
    Was mich aber mehr als alles übrige bestimmte und begeisterte war ein
junger Mensch von meinem Alter der sich Ludovico nannte und bald mein
vertrautester Freund wurde Wir waren unzertrennlich wir streiften in Romanien
Kalabrien und Oberitalien umher denn die Reisesucht das Verlangen fremde
Gegenden zu sehen das in uns beiden fast gleich stark war hatte uns zuerst
aneinandergeknüpft Ich habe nie wieder einen so wunderbaren Menschen gesehen
als diesen Ludovico ja ich kann wohl sagen dass mir ein solcher Charakter auch
vorher in der Imagination nicht als möglich vorgekommen war Immer ebenso heiter
als unbesonnen auch in der verdriesslichsten Lage fröhlich und voll Mut jede
Gelegenheit ergriff er die ihn in Verwirrung bringen konnte und seine größte
Freude bestand darin mich in Not oder Gefahr zu verwickeln und mich nachher
steckenzulassen dabei war er so unbeschreiblich gutmütig dass ich niemals auf
ihn zürnen konnte So vertraut wir miteinander waren hat er mir doch niemals
entdeckt wer er eigentlich sei welcher Familie er angehöre sooft ich ihn
darum fragte wies er mich mit der Antwort zurück dass mir dergleichen völlig
gleichgültig bleiben müsse wenn ich sein wirklicher Freund sei Oft verließ er
mich wieder auf einige Wochen und schwärmte für sich allein umher dann
erzählten wir uns unsre Abenteuer wenn wir uns wiederfanden«
    »So gibt es doch noch so vernünftige Menschen in der Welt« fiel Rudolph
heftig aus »wahrlich das macht mir ganz neue Lust in meinem Leben auf meine
Art weiterzuleben Oh wie freut es mich dass ich Euch habe kennen lernen fahrt
um Gottes willen in Eurer vortrefflichen Erzählung fort«
    Der Ritter lächelte über diese Unterbrechung und fuhr mit folgenden Worten
fort »Es war fast kein Stand keine Verkleidung zu erdenken in der wir nicht
das Land durchstreift hätten als Bauern als Bettler als Künstler oder wieder
als Grafen zogen wir umher als Spielleute musizierten wir auf Hochzeiten und
Jahrmärkten ja der mutwillige Ludovico verschmähte es nicht zuweilen als eine
artige Zigeunerin herumzuwandern und den Leuten besonders den hübschen
Mädchen ihr Glück zu verkündigen Von den lächerlichen Drangsalen die wir oft
überstehen mussten so wie von den verliebten Abenteuern die uns ergötzten lasst
mich schweigen denn ich würde euch in der Tat ermüden«
    »Gewiss nicht« sagte Rudolph »aber macht es wie es Euch gefällt denn ich
glaube selbst Ihr würdet über die Mannigfaltigkeit Eurer Erzählungen müde
werden«
    »Vielleicht« sagte der Ritter »Von meinem Freunde glaubte ich heimlich
dass er seinen Eltern entlaufen sei und sich nun auf gut Glück in der Welt
herumtreibe Aber dann konnte ich wieder nicht begreifen dass es ihm fast
niemals an Gelde fehle mit dem er verschwenderisch und unbeschreiblich
großmütig umging Fast so oft er mich verließ kam er mit einer reichen Börse
zurück Unsre größte Aufmerksamkeit war auf die schönen Mädchen aus allen
Ständen gerichtet in kurzer Zeit war unsre Bekanntschaft unter diesen
außerordentlich ausgebreitet wo wir uns aufhielten wurden wir von den Eltern
ungern gesehen nicht selten wurden wir verfolgt oft entgingen wir nur mit
genauer Not der Rache der beleidigten Liebhaber den Nachstellungen der Mädchen
wenn wir sie einer neuen Schönheit aufopferten Aber diese Gefährlichkeiten
waren eben die Würze unsres Lebens wir vermieden mit gutem Willen keine
    Die Reiselust ergriff meinen Freund oft auf eine so gewaltsame Weise dass er
weder auf die Vernunft noch selber auf meine Einwürfe hörte der ich doch Tor
gern genug war Nachdem wir Italien genug zu kennen glaubten wollte er
plötzlich nach Afrika übersetzen Die See war von den Korsaren so beunruhigt
dass kein Schiff gern überfuhr aber er lachte als ich ihm davon erzählte er
zwang mich beinahe sein Begleiter zu sein und wir schifften mit glücklichem
Winde fort Er stand auf dem Verdecke und sang verliebte Lieder alle Matrosen
waren ihm gut jedermann drängte sich zu ihm die afrikanische Küste lag schon
vor uns Plötzlich entdeckten wir ein Schiff das auf uns zusegelte es waren
Seeräuber Nach einem hartnäckigen Gefechte in welchem mein Freund Wunder der
Tapferkeit tat wurden wir erobert und gefangen fortgeführt Ludovico verlor
seine Munterkeit nicht er verspottete meinen Kleinmut und die Korsaren
beteuerten dass sie noch nie einen so tollkühnen Wagehals gesehen hätten Was
soll mir das Leben sagte er dagegen in ihrer Sprache die wir beide gelernt
hatten heute ist es da morgen wieder fort jedermann sei froh so hat er seine
Pflicht getan keiner weiß was morgen ist keiner hat das Angesicht der
zukünftigen Stunde gesehen Spotte über die Falten über das Zürnen das uns
Saturn oft im Vorüberfliegen vorhält der Alte wird schon wieder gut er ist
wacker und lächelt endlich über seine eigne Verspottung er bittet euch wie
Alte Kindern tun nachher seine Unfreundlichkeit ab Heute mir morgen dir wer
Glück liebt muss auch sein Unglück willkommen heißen Das ganze Leben ist nicht
der Sorge wert
    So stand er mit seinen Ketten unter ihnen und wahrlich ich vergaß über
seinen Heldenmut mein eigenes Elend  Wir wurden ans Land gesetzt und als
Sklaven verkauft noch als wir getrennt wurden nickte Ludovico mir ein
freundliches Lebewohl zu
    Wir arbeiteten in zwei benachbarten Gärten ich verlor in meiner
Dürftigkeit in dieser Unterjochung allen Mut aber ich hörte ihn aus der Ferne
seine gewöhnlichen Lieder singen und wenn ich ihn einmal sah war er so
freundlich und vergnügt wie immer Er tat gar nicht als wäre etwas Besondres
vorgefallen Ich konnte innerlich über seinen Leichtsinn recht von Herzen böse
sein und wenn ich dann wieder sein lächelndes Gesicht vor mir sah war aller
Zorn verschwunden alles vergessen
    Nach acht Wochen steckte er mir ein Briefchen zu er hatte andre
Christensklaven auf seine Seite gebracht sie wollten sich eines Fahrzeugs
bemächtigen und darauf entfliehen er meldete mir dass er mich mitnehmen wolle
wenn dieser Vorsatz gleich seine Flucht um vieles erschwere ich solle den Mut
nicht verlieren
    Ich verließ mich auf sein gutes Glück dass uns der Vorsatz gelingen werde
Wir kamen in einer Nacht am Ufer der See zusammen wir bemächtigten uns des
kleinen Schiffs der Wind war uns anfangs günstig Wir waren schon tief ins Meer
hinein wir glaubten uns bald der italienischen Küste zu nähern als sich mit
dem Anbruche des Morgens ein Sturm erhob der immer stärker wurde Ich riet ans
nächste Land zurückzufahren um uns dort zu verbergen bis sich der Sturm gelegt
hätte aber mein Freund war andrer Meinung er glaubte wir könnten dann von
unsern Feinden entdeckt werden er schlug vor dass wir auf der See bleiben und
uns lieber der Gnade des Sturms überlassen sollten Seine Überredung drang
durch wir zogen alle Segel ein und suchten uns so viel als möglich zu
erhalten denn wir konnten überzeugt sein dass bei diesem Ungewitter uns niemand
verfolgen würde Der Wind drehte sich Sturm und Donner nahmen zu das empörte
Meer warf uns bald bis in die Wolken bald verschlang uns der Abgrund Alle
verließ der Mut ich brach in Klagen aus in Vorwürfe gegen meinen Freund
Ludovico der bis dahin unablässig gearbeitet und mit allen Elementen gerungen
hatte wurde nun zum ersten Male in seinem Leben zornig er ergriff mich und
warf mich im Schiffe zu Boden Bist du Elender rief er aus mein Freund und
unterstehst dich zu klagen wie die Sklaven dort Roderigo sei munter und
fröhlich das rat ich dir wenn ich dir gewogen bleiben soll denn wir können
ins Teufels Namen nicht mehr als sterben Und unter diesen Worten setzte er mir
mit derben Faustschlägen dermaßen zu dass ich bald alle Besinnung verlor und
den Donner die See und den Sturm nicht mehr vernahm
    Als ich wieder zu mir kam sah ich Land vor mir der Sturm hatte sich
gelegt ich lag in den Armen meines Freundes Vergib mir sagte er leutselig
wir sind gerettet dort ist Italien du hättest den Mut nicht verlieren sollen
 Ich gab ihm die Hand und nahm mir im Herzen vor den Menschen künftig zu
vermeiden der meinem Glücke und Leben gleichsam auf alle Weise nachstellte
aber ich hatte meinen Vorsatz schon vergessen noch ehe wir ans Land gestiegen
waren denn ich sah ein dass er mein eigentliches Glück sei«
    Rudolph der mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört hatte konnte
sich nun nicht länger halten er sprang heftig auf und rief »Nun bei allen
Heiligen Euer Freund ist ein wahrer Teufelskerl Wie lumpig ist alles was ich
erlebt habe und worauf ich mir wohl manchmal etwas zugute tat gegen diesen
Menschen Ich muss ihn kennenlernen wahrhaftig und sollte ich nach dieser
Seltenheit bis ans Ende der Welt laufen«
    »Wenn er nur noch lebt« antwortete Roderigo »denn nun ist es schon länger
als ein Jahr dass ich ihn nicht gesehen habe Ich habe euch diesen Vorfall nur
darum weitläuftiger erzählt um euch einigermaßen einen Begriff von seinem
Charakter zu geben Meine Eltern priesen sich glücklich als sie mich
wiedersahen aber Ludovico hatte mich bald wieder in neue Abenteuer verwickelt
Ich wollte die Schweiz und Deutschland besuchen er wollte ohne meine
Gesellschaft eine andre Reise unternehmen es war nichts Geringeres als dass er
nach Ägypten gehen wollte die seltsamen uralten Pyramiden das wunderbare Rote
Meer die Sandwüsten mit ihren Sphinxen der fruchtbare Nil diese Gegenstände
von denen man schon in der Kindheit so viel hört waren es die ihn dorthin
riefen Unser Abschied war überaus zärtlich er versprach mir in einem Jahre
nach Italien zurückzukommen ich nahm auf ebenso lange von meinen Eltern Urlaub
und trat meine Reise nach Deutschland an
    Ich fühlte mich ohne meinen Gefährten recht einsam und verlassen der Mut
wollte sich anfangs gar nicht einstellen der mich sonst aufrecht gehalten
hatte Die hohen Gebirge der Schweiz und in Tirol die furchtbare Majestät der
Natur alles stimmte mich auf lange Zeit traurig ich bereute es oft ihm nicht
wider seinen Willen gefolgt zu sein und an seinem Wahnsinne teilzunehmen
Einigemal war ich im Begriff zu meiner Familie zurückzukehren aber die Sucht
ein fernes Land fremde Menschen zu sehen trieb mich wieder vorwärts auch die
Scham einer Lebensart untreu zu werden die bis dahin mein höchstes Glück
ausgemacht hatte Ich will euch die einzelnen Vorfälle verschweigen und mich zu
der Begebenheit wenden die Ursache ist dass ihr mich hier angetroffen
    Nach manchen lustigen Abenteuern nach manchen angenehmen Bekanntschaften
langte ich in der Gegend des Schlosses an wo ihr gekannt seid Ich saß auf
einer Anhöhe und überdachte die Mannigfaltigkeiten meines Lebenslaufs als eine
fröhliche Jagdmusik mich aufmerksam machte Ein Zug von Jägern kam näher in
ihrer Mitte eine schöne Dame die einen Falken auf der Hand trug die
Einsamkeit ihr schimmernder Anzug alles trug dazu bei sie ungemein reizend
darzustellen Meine Sinne waren gefangengenommen ich konnte die Augen nicht von
ihr abwenden alle Schönheiten die ich sonst gesehen hatte schienen mir gegen
diese alltäglich es war nicht dieser und jener Zug der mich an ihr entzückte
nicht der Wuchs nicht die Farbe der Wangen oder der Blick der Augen sondern
auf geheimnisvolle Weise alles dies zusammen Es war ein Gefühl in meinem Busen
das ich bis dahin noch nicht empfunden hatte es durchdrang mich ganz nur sie
allein sah ich in der weiten Welt jenseit ihres Besitzes lag kein Wunsch mehr
in der Welt
    Ich suchte ihre Bekanntschaft ich verschwieg ihr meinen Namen Ich fand sie
meinen Wünschen geneigt ich war auf dem höchsten Gipfel meiner Seligkeit Wie
arm kam mir mein Leben bis dahin vor wie entsagte ich allen meinen
Schwärmereien Der Tag unsrer Hochzeit war festgesetzt
    Oh meine Freunde ich kann euch nicht beschreiben ich kann sie selber
nicht begreifen die wunderbare Veränderung die nun mit mir vorging Ich sah
ein bestimmtes Glück vor mir liegen aber ich war an diesem Glücke
festgeschmiedet wie wenn ich in Meeresstille vor Anker läge und nun sähe wie
Mast und Segel vom Schiffe heruntergeschlagen würden um mich hier nur hier
ewig festzuhalten
    Oh süße Reiselust sagte ich zu mir selber geheimnisreiche Ferne ich
werde nun von euch Abschied nehmen und eine Heimat dafür besitzen Lockt mich
nicht mehr weit weg denn alle eure Töne sind vergeblich ihr ziehenden Vögel
du Schwalbe mit deinen lieblichen Gesängen du Lerche mit deinen Reiseliedern
Keine Städte keine Dörfer werden mir mehr mit ihren glänzenden Fenstern
entgegenblicken und ich werde nun nicht mehr denken Welche weibliche Gestalt
steht dort hinter den Vorhängen und sieht mir den Berg herauf entgegen Bei
keinem fremden liebreizenden Gesichte darf mir nun mehr einfallen Wir werden
bekannter miteinander werden dieser Busen wird vielleicht am meinigen ruhen
diese Lippen werden vielleicht mit meinen Küssen vertraut sein
    Mein Gemüt ward hin und zurückgezogen häusliche Heimat rätselhafte
Fremde ich stand in der Mitte und wusste nicht wohin Ich wünschte die Gräfin
möchte mich weniger lieben ein anderer möchte mich aus ihrer Gunst verdrängen
dann hätte ich sie zürnend und verzweifelt verlassen um wieder umherzustreifen
und in den Bergen im Talschatten den frischen lebendigen Geist
wiederzusuchen der mich verlassen hatte Aber sie hing an mir mit allem Feuer
der ersten Liebe sie zählte die Minuten die ich nicht bei ihr zugebracht sie
haderte mit meiner Kälte Noch nie war ich so geliebt und die Fülle meines
Glücks übertäubte mich Sehnsüchtig sah ich jedem Wandersmann nach der auf der
Landstraße vorüberzog wie wohl ist dir sagte ich dass du dein ungewisses Glück
noch suchst ich habe es gefunden
    Ich ritt aus um mich zu sammeln Ich hielt mir in der Einsamkeit meinen
Undank vor Was willst du in der Welt als Liebe so redete ich mich selber an
siehe sie ist dir geworden sei zufrieden begnüge dich du kannst nicht mehr
erobern was du in einsamen Abenden mit aller Sehnsucht des Herzens
erwünschtest wonach du in Wäldern jagtest was die Bergströme dir
entgegensangen dies unnennbare Glück ist dir geworden ist wirklich dein die
Seele die du weit umher gesucht ist dir entgegengekommen
    Wie kam es dass die Dörfer mit ihren kleinen Häusern so seltsamlich vor mir
lagen dass mir jede Heimat zu enge und beschränkt dünkte Das Abendrot schien in
die Welt hinein da ritt ich vor einem niedrigen Bauernhause vorbei auf dem
Hofe stand ein Brunnen davor war ein Mägdlein das sich bückte den schweren
gefüllten Eimer heraufzuziehen Sie sah zu mir herauf indem ich stillhielt der
Abendschein lag auf ihren Wangen ein knappes Mieder schloss sich traulich um den
schönen vollen Busen dessen genaue Umrisse sich nicht verbergen ließ Wer ist
sie sagte ich zu mir warum hat sie dich betrachtet Ich grüßte sie dankte und
lächelte Ich ritt fort und rettete mich in die Dämmerung des Waldes hinein
mein Herz klopfte als wenn ich dem Tode entgegenginge als mir die Lichter aus
dem Schloss entgegenglänzten Sie wartet auf dich sagte ich zu mir freundlich
hat sie das Abendessen bereitet sie sorgt dass du müde bist sie trocknet dir
die Stirn Nein ich liebe sie rief ich aus wie sie mich liebt
    In der Nacht tönte der Lauf der Bergquellen in mein Ohr die Winde rauschten
durch die Bäume der Mond stieg herauf und ging wieder unter alles die ganze
Natur in freier willkürlicher Bewegung nur ich war gefesselt Die Sonne war
noch nicht aufgegangen als ich wieder durch das Dorf ritt es traf sich dass
das Mädchen wieder am Brunnen stand ich war meiner nicht mehr mächtig Ich
stieg vom Pferde sie war ganz allein sie antwortete so freundlich auf alle
meine Fragen ich war in meinem Leben zum erstenmal mit einem Weibe verlegen
ich machte mir Vorwürfe ich wusste nicht was ich sprach Neben der Tür des
Hauses war eine dichte Laube wir setzten uns nieder die schönsten blauen Augen
sahen mich an ich konnte den frischen Lippen nicht widerstehen die zum Kuss
einluden sie war nicht strenge gegen mich ich vergaß die Stunde Nachdenkend
ritt ich zurück ich wusste nun bestimmt dass ich in dieser Einschränkung in der
Ehe mit der schönen Gräfin nicht glücklich sein würde Ich hatte es sonst oft
belacht dass man mit dem gewechselten Ringe die Freiheit fortschenkte jetzt
erst verstand ich den Sinn dieser Redensart Ich vermied die Gräfin ihre
Schönheit lockte mich wieder an ich verachtete mich dass ich zu keinem
Entschlusse kommen konnte Der Hochzeitstag war indes ganz nahe herangerückt
meine Braut machte alle Anstalten ich hörte immer schon von den künftigen
Einrichtungen sprechen mein Herz schlug mir bei jedem Worte
    Man erzählt dass man vor dem letzten Unglück des Markus Antonius wunderbare
Töne wie von Instrumenten gehört habe wodurch sein Schutzgott Herkules von ihm
Abschied genommen so hört ich in jedem Lerchengesange in jedem Klang einer
Trompete jeglichen Instruments das Glück das mir seinen Abschied wehmütig
zurief Immer lag mir die gründämmernde Laube im Sinne das blaue Auge der
volle Busen Ich war entschlossen Nein Ludovico rief ich aus ich will dir
nicht untreu werden du sollst mich nicht als Sklav wiederfinden nachdem du
mich von der ersten Kette losgemacht hast Soll ich ein Ehemann werden weil ich
liebte Seltsame Folge
    Ich nahm Abschied von ihr ich versteckte mich in die Kleidung eines Mönchs
so streifte ich umher und so traf ich auf jenen Bildhauer Bolz der eben aus
Italien zurückkam
    Ich glaubte in ihm einige Züge von meinem Freunde anzutreffen und entdeckte
ihm meine seltsame Leidenschaft Er ward mein Begleiter Wie genau lernte ich
nun Laube Haus und Garten meiner Geliebten kennen Wie oft saßen wir da in den
Nachtstunden Arm in Arm geschlungen indem uns der Vollmond ins Gesicht schien
In der Kleidung eines gemeinen Bauern machte ich auch mit den Eltern
Bekanntschaft und schmeckte nun nach langer Zeit wieder die Süßigkeiten meiner
sonstigen Lebensweise
    Dann brach ich plötzlich wieder auf nicht weit von hier wohnt ein schönes
Mädchen die die Eltern dem Kloster bestimmt haben sie beweint ihr Schicksal
Ich war bereit sie in dieser Nacht zu entführen ich vertraute dem Gefährten
meinen Plan dieser Tückische der sie anbetet lockt mich hierher in den
dichten Wald und versetzt mir heimlich diese Wunde Darauf verließ er mich
schnell Seht das ist meine Geschichte
    
    Unaufhörlich schwebt das Bild der Gräfin nun vor meinen Augen Soll ich sie
lassen kann ich sie wiederfinden soll ich einem Wesen mein ganzes Leben
opfern«
    Franz sagte »Eure Geschichte ist seltsam die Liebe heilt Euch vielleicht
einmal dass Ihr Euch in der Beschränkung durchaus glücklich fühlt denn noch
habt Ihr die Liebe nicht gekannt«
    »Du bist zu voreilig mein Freund« sagte Florestan »nicht alle Menschen
sind wie du und genau genommen weißt du auch noch nicht einmal wie du
beschaffen bist«
    Der Einsiedler kam um nach der Wunde des Ritters zu sehen die sich sehr
gebessert hatte
    Franz Sternbald suchte den Ritter wieder auf nachdem Florestan ihn
verlassen hatte und sagte »Ihr seid vorher gegen meinen Freund so willfährig
gewesen dass Ihr mich dreist gemacht habt Euch um die Geschichte jenes alten
Mannes zu bitten dessen Ihr an dem Morgen erwähntet als wir uns hinter
Strassburg trafen«
    »So viel ich mich erinnern kann« sagte der Ritter »will ich Euch erzählen
 Auf einer meiner einsamen Wanderungen kam ich in ein Gehölz das mich bald zu
zwei einsamen Felsen führte die sich wie zwei Tore gegenüberstanden Ich
bewunderte die seltsame Symmetrie der Natur als ich auf einen schönen Baumgang
aufmerksam wurde der sich hinter den Felsen eröffnete Ich ging hindurch und
fand einen weiten Platz durch den die Allee von Bäumen gezogen war ein schöner
heller Bach floss auf der Seite Nachtigallen sangen und eine schöne Ruhe lud
mich ein mich niederzusetzen und auf das Plätschern einer Fontäne zu hören die
aus dichtem Gebüsche herausplauderte
    Ich saß eine Weile als mich der liebliche Ton einer Harfe aufmerksam
machte und als ich mich umsah ward ich die Büste Ariosts gewahr die über
einem kleinen Altar erhaben stand unter dieser spielte ein schöner Jüngling auf
dem Instrumente« 
    Hier wurde die Erzählung des Ritters durch einen sonderbaren Vorfall
unterbrochen
 
                                  Viertes Buch
                                  Erstes Kapitel
In der Klause entstand ein Geräusch und Gezänk gleich darauf sah man den
Eremiten und Pilgrim beide erhitzt heraustreten aus dem Walde kam ein großer
ansehnlicher Mann auf den Roderigo sogleich hinzueilte und ihn in seine Arme
schloss »Oh mein Ludovico« rief er aus »bist du wieder da Wie kommst du
hierher geht es dir wohl bist du noch wie sonst mein Freund«
    Jener konnte vor dem Entzücken Roderigos immer noch nicht zu Worte kommen
indessen die heiligen Männer in ihrem eifrigen Gezänk fortfuhren Da Florestan
den Namen Ludovico nennen hörte verließ er auch Sternbald und eilte zu den
beiden indem er aufrief »Gott sei gedankt wenn Ihr Ludovico seid Ihr seid
uns hier in der Einsamkeit unaussprechlich willkommen«
    Ludovico umarmte seinen Freund indem Sternbald voller Erstaunen verlassen
dastand dann sagte er lustig »Mich freut es dich zu sehen aber wir müssen
doch dort die streitenden Parteien auseinanderbringen«
    Als sie den fremden schönen Mann auf sich zukommen sahen der ganz so tat
als wenn es seine Sache sein müsste ihren Zwist zu schlichten ließ sie
freiwillig voneinander ab Sie waren von der edlen Gestalt wie bezaubert
Roderigo war vor Freude trunken seinen Freund wieder zu besitzen und Florestan
konnte kein Auge von ihm verwenden »Was haben die beiden heiligen Männer
gehabt« fragte Ludovico
    Der Eremit fing an seinen Unstern zu erzählen Der Pilger sei derselbe der
seine Geliebte geheiratet habe diese Entdeckung habe sich unvermutet während
ihrer Gebete hervorgetan er sei darüber erbittert worden dass er nun noch zum
Überfluss seinem ärgsten Feinde Herberge geben müsste
    Der Pilgrim verantwortete sich dagegen dass es seine Schuld nicht sei dass
jener gegen die Gastfreiheit gehandelt und ihn mit Schimpfreden überhäuft habe
    Ludovico sagte »Mein lieber Pilger wenn dir die Großmut recht an die Seele
geheftet ist so überlass jenem eifrigen Liebhaber deine bisherige Frau und
bewohne du seine Klause Vielleicht dass er sich bald hierher zurücksehnt und
du dann gewiss nicht zum zweiten Male den Tausch eingehen wirst«
    Rudolph lachte laut über den wunderlichen Zank und über diese lustige
Entscheidung Franz aber erstaunte dass Einsiedler heilige Männer so unheiligen
und gemeinen Leidenschaften als dem Zorne Raum verstatten könnten Der Pilgrim
war gar nicht willens seine Frau zu verlassen um ein Waldbruder zu werden der
Eremit schämte sich seiner Heftigkeit
    Alle Parteien waren ausgesöhnt und sie setzten sich mit friedlichen
Gemütern an das kleine Mittagsmahl
    »Du hast dich gar nicht verändert« sagte Roderigo
    »Und muss man sich denn immer verändern« rief Ludovico aus »nein auch
Ägypten mit seinen Pyramiden und seiner heißen Sonne kann mir nichts anhaben
Nichts ist lächerlicher als die Menschen die mit ernstaftern Gesichtern
zurückkommen weil sie etwa entfernte Gegenden gesehen haben alte Gebäude und
wunderliche Sitten Was ist es denn nun mehr Nein mein Roderigo hüte dich vor
dem Anderswerden denn an den meisten Menschen ist die Jugend noch das Beste
und was ich habe ist mir auf jeden Fall lieber als was ich erst bekommen soll
Eine Wahrheit die nur bei einer Frau eine Ausnahme leidet Nicht wahr mein
lieber Pilgrim Du selbst kommst mir aber etwas anders vor«
    »Und wie steht es denn in Ägypten« fragte Florestan der gern mit dem
seltsamen Fremden bekannter werden wollte
    »Die alten Sachen stehen noch immer am alten Fleck« sagte jener »und wenn
man dort ist vergisst man dass man sich vorher darüber verwundert hat Man ist
dann so eben und gewöhnlich mit sich und allem außer sich wie mir hier im Walde
ist Der Mensch weiß nicht was er will wenn er Sehnsucht nach der Fremde
fühlt und wenn er dort ist hat er nichts Das Lächerrlichste an mir ist dass
ich nicht immer an demselben Orte bleibe«
    »Habt Ihr die seltsamen Kunstsachen in Augenschein genommen« fragte Franz
bescheiden
    »Was mir vor die Augen getreten ist« sagte Ludovico »habe ich ziemlich
genau betrachtet Die Sphinxe sehen unsereins mit gar wunderlichen Auen an sie
stehen aus dem fernen Altertum gleichsam spöttisch da und fragen Wo bist du
her was willst du hier Ich habe in ihrer Gegenwart meiner Tollkühnheit mich
mehr geschämt als wenn vernünftige Leute mich tadelten oder andre mittleren
Alters mich lobten«
    »Oh wie gern möchte ich Euer Gefährte gewesen sein« rief Franz aus »die
Gegenden wirklich und wahrhaftig zu sehen die schon in der Imagination unsrer
Kindheit vor uns stehen die Örter zu besuchen die gleichsam die Wiege der
Menschheit sind Nun dem wunderbaren Laufe des alten Nils zu folgen von Ruinen
in fremder schauerlicher halbverständlicher Sprache angeredet zu werden
Sphinxe im Sande die hohen Pyramiden Memnons wundersame Bildsäule und immer
das Gefühl der alten Geschichten mit sich herumzutragen noch einzelne lebende
Laute aus der längst entflohenen Heldenzeit zu vernehmen übers Meer nach
Griechenland hinüberzublicken zu träumen wie die Vorwelt aus dem Staube sich
wieder emporgearbeitet wie wieder griechische Flotten landen  oh alles das in
unbegreiflicher Gegenwart nun vor sich zu haben könnt Ihr gegen Euer Glück
wirklich so undankbar sein« 
    »Ich bin es nicht« sagte Ludovico »und mir sind diese Empfindungen auch
oft auf den Bergen an der Seeküste durch die Brust gegangen Oft fasste ich aber
auch eine Handvoll Sand und dachte Warum bist du nun so mühsam mit so mancher
Gefahr so weit gereist um dies Teilchen Erde zu sehen das Sage und Geschichte
dir nun so lange nennt Ist denn die übrige Erde jünger Darfst du dich in
deiner Heimat nicht verwundern Sieh die ewigen Felsen dort an den Ätna in
Sizilien den alten Schlund der Charybdis Und musst du dich verwundern um
glücklich zu sein  Ich sagte dann zu mir selber Tor Tor und wahrlich ich
verachtete in eben dem Augenblicke den Menschen der diese Torheit nicht mit mir
hätte begehen können«
    Unter mancherlei Erzählungen verstrich auch dieser Tag der Einsiedel sagte
oft »Ich begreife nicht wie ich in eurer Gesellschaft bin ich bin wohl und
sogar lustig ja meine Lebensweise ist mir weniger angenehm als bisher Ihr
steckt uns alle mit der Reisesucht an ich glaubte über alle Torheiten des
Lebens hinüber zu sein und ihr weckt eine neue Lust dazu in mir auf«
    Am folgenden Morgen nahmen sie Abschied der Pilgrim hatte sich mit dem
Einsiedel völlig versöhnt sie schieden als gute Freunde Ludovico führte den
Zug an die übrigen folgten ihm
    Auf dem Wege erkundigte sich Ludovico nach Sternbald und seinem Gefährten
Florestan er lachte über diesen oft der sich alle Mühe gab von ihm bemerkt zu
werden Sternbald war still und begleitete sie in tiefen Gedanken Ludovico
sagte zu Franz als er hörte dieser sei ein Maler »Nun mein Freund wie
treibt Ihr es mit Eurer Kunst Ich bin gern in der Gesellschaft von Künstlern
denn gewöhnlich sind es die wunderlichsten Menschen auch fallen wegen ihrer
seltsamen Beschäftigung alle ihre Launen mehr in die Augen als bei andern
Leuten Ihr Stolz macht einen wunderlichen Kontrast mit ihrem übrigen Verhältnis
im Leben ihre poetischen Begeisterungen tragen sie nur zu oft in alle Stunden
über auch unterlassen sie es selten die Gemeinheit ihres Lebens in ihre
Kunstbeschäftigungen hineinzunehmen Sie sind schmeichelnde Sklaven gegen die
Großen und doch verachten sie alles in ihrem Stolze was nicht Künstler ist
Aus allen diesen Misshelligkeiten entstehen gewöhnlich Charaktere die lustig
genug ins Auge fallen«
    Franz sagte beschämt »Ihr seid ein sehr strenger Richter Herr Ritter«
    Ludovico fuhr fort »Ich habe noch wenige Künstler gesehen bei denen man es
nicht in den ersten Augenblicken bemerkt hätte dass man mit keinen gewöhnlichen
Menschen zu tun habe Fast alle sind unnötig verschlossen und zudringlich
offenherzig Ich habe mich selbst zuweilen geübt dergleichen Leute
darzustellen und es niemals unterlassen diese Seltsamkeiten in das hellste
Licht zu stellen Es fällt gewiss schwer Mensch wie die übrigen zu bleiben wenn
man sein Leben damit zubringt etwas zu tun und zu treiben wovon ein jeder
glaubt dass es übermenschlich sei in jedem Augenblicke zu fühlen dass man mit
dem übrigen Menschengeschlechte eben nicht weiter zusammenhänge Diese
Sterblichen leben nur in Tönen in Zeichen gleichsam in einem Luftreviere wie
Feen und Kobolde es ist nur scheinbar wenn man sie glaubt die Erde betreten zu
sehen«
    »Ihr mögt in einiger Hinsicht nicht unrecht haben« sagte Franz
    »Wer sich der Kunst ergibt« sagte jener weiter »muss das was er als Mensch
ist und sein könnte aufopfern Was aber das schlimmste ist so suchen jene
Leute die sich für Künstler wollen halten lassen noch allerhand Seltsamkeiten
und auffallende Torheiten zusammen um sie recht eigentlich zur Schau zu tragen
als Orden oder Ordenskreuz in Ermangelung dessen damit man sie in der Ferne
gleich erkennen soll ja sie halten darauf mehr als auf ihre wirkliche Kunst
Hütet Euch davor Herr Maler«
    »Man erzählt doch von manchem großen Manne« sagte Franz »der von
dergleichen Torheiten frei geblieben ist«
    »Nennt mir einige« rief Ludovico
    Sternbald sagte »Zum Beispiel der edle Malergeist Raffael Sanzio von
Urbin«
    »Ihr habt recht« sagte der heftige Ritter »und überhaupt« fuhr er nach
einem kleinen Nachdenken fort »lasst Euch meine Rede nicht so sehr auffallen
denn sie braucht gar nicht so ganz wahr zu sein Ihr habt mich mit dem einzigen
Namen beschämt und in die Flucht geschlagen und alle meine Worte erscheinen mir
nun wie eine Lästerung auf die menschliche Größe Ich bin selbst ein Tor das
wollen wir für ausgemacht gelten lassen«
    Roderigo sagte »Du hast manche Seiten von dir selbst geschildert«
    »Mag sein« sagte sein Freund »man kann nichts Bessers und nichts
Schlechters tun Lasst uns lieber von der Kunst selber sprechen Ich habe mir in
vielen Stunden gewünscht ein Maler zu sein«
    Sternbald fragte »Wie seid Ihr darauf gekommen«
    »Erstlich« antwortete der junge Ritter »weil es mir ein großes Vergnügen
sein würde manche von den Mädchen so mit Farben vor mich hinzustellen die ich
wohl ehemals gekannt habe dann mir andre noch schönere abzuzeichnen die ich
manchmal in glücklichen Stunden in meinem Gemüte gewahr werde Dann erleide ich
auch zuweilen recht sonderbare Begeisterung so dass mein Geist sehr heftig
bewegt ist dann glaube ich wenn mir die Geschicklichkeit zu Gebote stände ich
würde recht wunderbare und merkwürdige Sachen ausarbeiten können Seht mein
Freund dann würde ich einsame schauerliche Gegenden abschildern morsche
zerbrochene Brücken über zwei schroffen Felsen einem Abgrunde hinüber durch
den sich ein Waldstrom schäumend drängt verirrte Wandersleute deren Gewänder
im feuchten Winde flattern furchtbare Räubergestalten aus dem Hohlwege heraus
angefallene und geplünderte Wägen Kampf mit den Reisenden  Dann wieder eine
Gemsenjagd in einsamen furchtbaren Felsenklippen die kletternden Jäger die
springenden gejagten Tiere von oben herab die schwindelnden Abstürze Figuren
die oben auf schmalen überragenden Steinen Schwindel ausdrücken und sich eben
in ihren Fall ergeben wollen der Freund der jenen zu Hilfe eilt in der Ferne
das ruhige Tal Einzelne Bäume und Gesträuche die die Einsamkeit nur noch
besser ausdrücken auf die Verlassenheit noch aufmerksamer machen   Oder dann
wieder den Bach und Wassersturz mit dem Fischer der angelt mit der Mühle die
sich dreht vom Monde beschienen Ein Kahn auf dem Wasser ausgeworfene Netze 
Zuweilen kämpft meine Imagination und ruht nicht und gibt sich nicht zufrieden
um etwas durchaus Unerhörtes zu ersinnen und zustande zu bringen Äusserst
seltsame Gestalten würde ich dann hinmalen in einer verworrenen fast
unverständlichen Verbindung Figuren die sich aus allen Tierarten
zusammenfänden und unten wieder in Pflanzen endigten Insekten und Gewürme
denen ich eine wundersame Ähnlichkeit mit menschlichen Charakteren aufdrücken
wollte so dass sie Gesinnungen und Leidenschaften possierlich und doch furchtbar
äußerten ich würde die ganze sichtbare Welt aufbieten aus jedem das Seltsamste
wählen um ein Gemälde zu machen das Herz und Sinnen ergriffe das Erstaunen
und Schauder erregte und wovon man noch nie etwas Ähnliches gesehen und gehört
hätte Denn ich finde das an unsrer Kunst zu tadeln dass alle Meister ungefähr
nach einem Ziele hinarbeiten es ist alles gut und löblich aber es ist immer
mit wenigen Abänderungen das Alte«
    Franz war einen Augenblick stumm dann sagte er »Ihr würdet auf eine eigene
Weise das Gebiet unsrer Kunst erweitern mit wunderbaren Mitteln das
Wunderbarste erringen oder in Euren Bemühungen erliegen Eure Einbildung ist so
lebhaft und lebendig so zahlreich an Gestalt und Erfindung dass ihr das
Unmöglichste nur ein leichtes Spiel dünkt Oh wie viel billigere Forderungen
muss der Künstler aufgeben wenn er zur wirklichen Arbeit schreitet«
    Hier stimmte der Pilgrim plötzlich ein geistliches Lied an denn es war nun
die Tageszeit gekommen an welcher er es nach seinem Gelübde absingen musste Das
Gespräch wurde unterbrochen weil alle aufmerksam zuhörten ohne dass eigentlich
einer von ihnen wusste warum er es tat
    Mit dem Schluße des Gesanges traten sie in ein anmutiges Tal in dem eine
Herde weidete eine Schalmei tönte herüber und Sternbalds Gemüt ward so heiter
und mutig gestimmt dass er von freien Stücken Florestans Schalmeilied zum
Ergötzen der übrigen wiederholte als er geendigt hatte stieg der mutwillige
Ludovico auf einen Baum und sang von oben in den Tönen einer Wachtel eines
Kuckucks und einer Nachtigall herunter »Nun haben wir alle unsre Pflicht
getan« sagte er »jetzt haben wir es wohl verdient dass wir uns ausruhen
dürfen wobei uns der junge Florestan mit einem Liede erquicken soll«
    Sie setzten sich auf den Rasen nieder und Florestan fragte »Welcher Inhalt
soll denn in meinem Liede sein«
    »Welcher du willst« antwortete Ludovico »wenn es dir recht ist gar
keiner wir sind mit allem zufrieden wenn es dir nur gemütlich ist warum soll
eben Inhalt den Inhalt eines Gedichts ausmachen«
    Rudolph sang
»Durch den Himmel zieht der Vögel Zug
Sie sind auf Wanderschaft begriffen
Da hört man gezwitschert und gepfiffen
Von Groß und Klein der Melodien genug
Der Kleine singt mir feiner Stimm
Der Große krächzt gleich wie im Grimm
Und einge stottern andre schnarren
Und Drossel Gimpel Schwalbe Staren
Sie wissen alle nicht was sie meinen
Sie wissens wohl und sagens nicht
Und wenn sie auch zu reden scheinen
Ist ihr Gerede nicht von Gewicht
 Holla warum seid ihr auf der Reise 
Das ist nun einmal unsre Weise
 Warum bleibt ihr nicht zu jeglicher Stund
Die Erd ist allenthalben rund
Auf die armen Lerchen wird Jagd gemacht
Die Schnepfen gar in Dohnen gefangen
Dort sind die Vöglein aufgehangen
An keine Rückfahrt mehr gedacht
 Ist das die Art mit uns zu sprechen
Uns armen Vögeln den Hals zu brechen
 Verständlich ist doch diese Sprache
So ruft der Mensch sie dient zur Sache
In allen Natur die Sprache regiert
Dass eins mit dem andern Kriege führt
Man dann am besten räsoniert und beweist
Wenn eins vom andern wird aufgespeist
Die Ströme sind im Meere verschlungen
Vom Schicksal wieder der Mensch bezwungen
Den tapfersten Magen hat die Zeit
Ihr nimmermehr ein Essen gereut
Doch wie von der Zeit eine alte Fabel besagt
Macht auf sie das Jüngste Gericht einst Jagd
Ein andre Speise gibts nachher nicht
Heißt wohl mit Recht das letzte Gericht«
Rudolph sang diese tollen Verse mit so lächerlichen Bewegungen dass sich keiner
des Lachens enthalten konnte Als der Pilgrim wieder ernstaft war sagte er
sehr feierlich »Verzeiht mir man wird unter euch wie ein Trunkener wenn ihr
mich noch lange begleitet so wird aus meiner Pilgerschaft gleichsam eine
Narrenreise«
    Man verzehrte auf der Wiese ein Mittagsmahl das sie mitgenommen hatten und
Ludovico wurde nicht müde sich bei Roderigo nach allerhand Neuigkeiten zu
erkundigen Roderigo verschwieg ob aus einer Art von Scham oder weil er vor
den beiden die Erzählung nicht wiederholen mochte seine eigne Geschichte Er
kam durch einen Zufall auf Lutern und die Reformation zu sprechen
    »Oh schweig mir davon« rief Ludovico aus »denn es ist mir ein Verdruss zu
hören Jedweder der sich für klug hält nimmt in unsern Tagen die Partei dieses
Mannes der es gewiss gut und redlich meint der aber doch immer mit seinen Ideen
nicht recht weiß wo er hinaus will«
    »Ihr erstaunt mich« sagte Franz
    »Ihr seid ein Deutscher« fuhr Ludovico fort »ein Nürnberger es nimmt mich
nicht wunder wenn Ihr Euch der guten Sache annehmt wie sie Euch wohl
erscheinen muss Ich glaube auch dass Luther einen wahrhaft großen Geist hat
aber ich bin ihm darum doch nicht gewogen Es ist schlimm dass die Menschen
nichts einreissen können nicht die Wand eines Hofs ohne gleich darauf Lust zu
kriegen ein neues Gebäude aufzuführen Wir haben eingesehn dass Irren möglich
sei nun irren wir lieber noch jenseits als in der geraden lieblichen Straße zu
bleiben Ich sehe schon im voraus die Zeit kommen die die gegenwärtige Zeit
fast notwendig hervorbringen muss wo ein Mann sich schon für ein Wunder seines
Jahrhunderts hält wenn er eigentlich nichts ist Ihr fangt an zu untersuchen
wo nichts zu untersuchen ist ihr tastet die Göttlichkeit unsrer Religion an
die wie ein wunderbares Gedicht vor uns daliegt und nun einmal keinem andern
verständlich ist als der sie versteht hier wollt ihr ergrübeln und widerlegen
und könnt mit allem Trachten nicht weiter vorwärts dringen als es dem Blödsinne
auch gelingen würde da im Gegenteil die höhere Vernunft sich in der
Untersuchung wie in Netzen würde gefangen fühlen und lieber die edle Poesie
glauben als sie den Unmündigen erklären wollen«
    »Oh Martin Luther« seufzte Franz »Ihr habt da ein kühnes Wort über ihn
gesprochen«
    Ludovico sagte »Es geht eigentlich nicht ihn an auch will ich die
Missbräuche des Zeitalters nicht in Schutz nehmen gegen die er vornehmlich
eifert aber mich dünkt doch dass diese ihn zu weit führen dass er nun zu
ängstlich strebt das Gemeine zu sondern und darüber das Edelste mit ergreift
Wie es den Menschen geht seine Nachfolger mögen leicht ihn selber nicht
verstehen und so erzeugt sich statt der Fülle einer göttlichen Religion eine
dürre vernünftige Leerheit die alle Herzen schmachtend zurücklässt der ewige
Strom voll großer Bilder und kolossaler Lichtgestalten trocknet aus die dürre
gleichgültige Welt bleibt zurück und einzeln zerstückt und mit ohnmächtigen
Kämpfen muss das wiedererobert werden was verloren ist das Reich der Geister
ist entflohn und nur einzelne Engel kehren zurück«
    »Du bist ein Prophet geworden« sagte Roderigo »seht meine Freunde er hat
die ägyptische Weisheit heimgebracht«
    »Wie könnt Ihr nur« sagte der Pilgrim »so weise und so törichte Dinge in
einem Atem sprechen und verrichten Sollte man Euch diese frommen
Gemütsbewegungen zutrauen« 
    Rudolph stand auf und gab dem Ludovico die Hand und sagte »Wollt Ihr mein
Freund sein oder mich fürs erste nur um Euch dulden so will ich Euch
begleiten wohin Ihr auch geht seid Ihr mein Meister ich will Euer Schüler
werden Ich opfere Euch jetzt alles auf Braut und Vater und Geschwister«
    »Habt Ihr Geschwister« fragte Ludovico
    »Zwei Brüder« antwortete Rudolph »wir lieben uns von Kindesbeinen aber
seitdem ich Euch gesehen habe fühle ich gar keine Sehnsucht mehr Italien
wiederzusehn«
    Ludovico sagte »Wenn ich über irgend etwas in der Welt traurig werden
könnte so wäre es darüber dass ich nie eine Schwester einen Bruder gekannt
habe Mir ist das Glück versagt in die Welt zu treten und Geschwister
anzutreffen die gleich dem Herzen am nächsten zugehören Wie wollte ich einen
Bruder lieben wie hätte ich ihm mit voller Freude begegnen meine Seele in die
seinige fest hineinwachsen wollen wenn er schon meine Kinderspiele geteilt
hätte Aber ich habe mich immer einsam gefunden mein tolles Glück mein
wunderliches Landschwärmen sind mir nur ein geringer Ersatz für die Bruderliebe
die ich immer gesucht habe Zürne mir nicht Roderigo denn du bist mein bester
Freund Aber wenn ich ein Wesen fände in dem ich den Vater sein Temperament
seine Launen wahrnähme mit welchem Erschrecken der Freude und des Entzückens
würde ich darauf zueilen und es in meine brüderlichen Arme schließen Mich
selbst im wahrsten Sinn fände ich in einem solchen wieder  Aber ich habe
eine einsame Kindheit verlebt ich habe niemand weiter gekannt der sich um mein
Herz beworben hätte und darum kann es wohl sein dass ich keinen Menschen auf
die wahre Art zu lieben verstehe denn durch Geschwister lernen wir die Liebe
und in der Kindheit liebt das Herz am schönsten  So bin ich harterzig
geworden und muss mich nun selber dem Zufalle verspielen um die Zeit nur
hinzubringen Die schönste Sehnsucht ist mir unbekannt geblieben kein
brüderliches Herz weiß von mir und schmachtet nach mir ich darf meine Arme
nicht in die weite Welt hineinstrecken denn es kommt doch keiner meinem
schlagenden Herzen entgegen«
    Franz trocknete sich die Tränen ab er unterdrückte sein Schluchzen Es war
ihm als drängte ihn eine unsichtbare Gewalt aufzustehn die Hand des
Unbekannten zu fassen ihm in die Arme zu stürzen und auszurufen »Nimm mich zu
deinem Bruder an« Er fühlte die Einsamkeit die Leere in seinem eignen Herzen
Ludovico sprach die Wünsche aus die ihn so oft in stillen Stunden geängstigt
hatten er wollte seinen Klagen seinem Jammer den freien Lauf lassen als er
wieder innerlich fühlte Nein alle diese Menschen sind mir doch fremd er kann
ja doch nicht mein Bruder werden und vielleicht würde er nur meine Liebe
verspotten
    Unter allerhand Liedern gegen die der andächtige Gesang des Pilgers
wunderlich abstach gingen sie weiter Roderigo sagte »Mein Freund du hast nun
ein paarmal deines Vaters erwähnt willst du mir nicht endlich einmal seinen
Namen sagen«
    »Und wisst Ihr denn nicht« fiel Rudolph hastig ein »dass Euer Freund
dergleichen Fragen nicht liebt Wie könnt Ihr ihn nur damit quälen«
    »Du kennst mich schon besser als jener« sagte Ludovico »ich denke wir
sollen gute Kameraden werden Aber warum ist dein Freund Sternbald so betrübt«
    Sternbald sagte »Soll ich darüber nicht trauern dass der Mensch mich nun
verlässt mit dem ich so lange gelebt habe Denn ich muss nun doch meine Reise
fortsetzen ich habe mich nur zu lange aufhalten lassen Ich weiß selbst nicht
wie es kommt dass ich meinen Zweck fast ganz und gar vergesse«
    »Man kann seinen Zweck nicht vergessen« fiel Ludovico ein »weil der
vernünftige Mensch sich schon so einrichtet dass er gar keinen Zweck hat Ich
muss nur lachen wenn ich Leute so große Anstalten machen sehe um ein Leben zu
führen das Leben ist dahin noch ehe sie mit den Vorbereitungen fertig sind«
    Unter solchen Gesprächen zogen sie wie auf einem Marsche über Feld Rudolph
ging voran indem er auf seiner Pfeife ein munteres Lied blies seine Bänder
flogen vom Hute in der spielenden Luft in seiner Schärpe trug er einen kleinen
Säbel Ludovico war noch seltsamer gekleidet sein Gewand war hellblau ein
schönes Schwert hing an einem zierlich gewirkten Bandelier über seine Schulter
eine goldene Kette trug er um den Hals sein braunes Haar war lockig Roderigo
folgte in Rittertracht neben dem der Pilgrim mit seinem Stabe und einfachen
Anzuge gut kontrastierte Sternbald glaubte oft einen seltsamen Zug auf einem
alten Gemälde anzusehen
    Es war gegen Abend als sie alle sehr ermüdet waren und noch ließ sich
keine Stadt kein Dorf antreffen Sie wünschten wieder einen gutmütigen stillen
Einsiedel zu finden der sie bewirtete sie horchten ob sie nicht Glockenschall
vernähmen aber ihre Bemühung war ohne Erfolg Ludovico schlug vor im Walde das
Nachtlager aufzuschlagen aber alle außer Florestan waren dagegen der die
größte Lust bezeigte sein Handwerk als Abenteurer recht sonderbar und
auffallend anzufangen Der Pilgrim glaubte dass sie sich verirrt hätten und dass
alles vergebens sein würde bis sie den rechten Weg wieder angetroffen hätten
Rudolph wollte den längeren Streit nicht mit anhören sondern blies mit seiner
Pfeife dazwischen alle waren in Verwirrung und sprachen durcheinander jeder
tat Vorschläge und keiner ward gehört Während des Streites zogen sie in der
größten Eile fort als wenn sie vor jemand flöhen so dass sie in weniger Zeit
eine große Strecke Weges zurücklegten Der Pilgrim sank endlich fast atemlos
nieder und nötigte sie auf diese Weise stillezuhalten
    Als sie sich ein wenig erholt hatten glänzten die Wolken schon vom
Abendrot sie gingen langsam weiter  Sie zogen durch ein kleines angenehmes
Gehölz und fanden sich auf einem runden grünen Rasenplatz vor ihnen lag ein
Garten mit einem Stakete umgeben durch dessen Stäbe und Verzierungen man
hindurchblicken konnte Alles war artig eingerichtet das Geländer war
allenthalben durchbrochen gearbeitet eiserne Türen zeigten sich an etlichen
Stellen kein Palast war sichtbar Dichte Baumgänge lagen vor ihnen kühle
Felsengrotten Springbrunnen hörte man aus der Ferne plätschern Alle standen
still in dem zauberischen Anblicke verloren den niemand erwartet hatte späte
Rosen glühten ihnen von schlanken erhabenen Stämmen entgegen weiter ab standen
dunkelrote Malven die wie krause gewundene Säulen die dämmerndgrünen Gänge zu
stützen schienen Alles umher war still keine Menschenstimme war zu vernehmen
    »Ist dieser Feengarten« rief Roderigo aus »nicht wie durch Zauberei
hierhergekommen Wenn wir mit dem Besitzer des Hauses bekannt wären wie
erquicklich müsste es sein in diesen anmutigen Grotten auszuruhen in diesen
dunkeln Gängen zu spazieren und sich mit süßen Früchten abzukühlen Wenn wir
nur einen Menschen wahrnähmen der uns die Erlaubnis erteilen könnte«
    Indem wurde Ludovico einige Bäume mit sehr schönen Früchten gewahr die im
Garten standen große saftige Birnen und hochrote Pflaumen Er hatte einen
schnellen Entschluss gefasst »Lasst uns meine guten Freunde« rief er aus »ohne
Zeremonien über das Spalier dieses Gartens steigen uns in jener Grotte
ausruhen mit Früchten sättigen und dann den Mondschein abwarten um unsre
Reise fortzusetzen«
    Alle waren über seine Verwegenheit in Verwunderung gesetzt aber Rudolph
ging sogleich zu seiner Meinung über Sternbald und der Pilgrim widersetzten
sich am längsten aber indem sie noch sprachen war Ludovico ohne danach
hinzuhören schon in den Garten geklettert und gesprungen er half Florestan
nach Roderigo rief den Rückbleibenden ebenfalls zu Sternbald bequemte sich
und der Pilgrim den auch nach dem Obste gelüstete fand es bedenklich ganz
ohne Gesellschaft seine Reise fortzusetzen Er machte nachher noch viele
Einwendungen auf die niemand hörte denn Ludovico fing an aus allen Kräften die
Bäume zu schütteln die auch reichlich Obst hergaben das die übrigen mit vieler
Emsigkeit aufsammelten
    Dann setzten sie sich in der kühlen Grotte zum Essen nieder und Ludovico
sagte »Wenn uns nun auch jemand antrifft was ist es denn mehr Er müsste sehr
ungesittet sein wenn er auf unsre Bitte um Verzeihung nicht hören wollte und
sehr stark wenn wir ihm nicht vereinigt widerstehen sollten«
    Als der Pilger eine Weile gegessen hatte fing er an große Reue zu fühlen
aber Florestan sagte im lustigen Mute »Seht Freunde so leben wir im
eigentlichen Stande der Unschuld im goldenen Zeitalter das wir so oft
zurückwünschen und das wir uns eigenmächtig wenigstens auf einige Stunden
erschaffen haben O wahrlich das freie Leben das ein Räuber führt der jeden
Tag erobert ist nicht so gänzlich zu verachten wir verwöhnen uns in unsrer
Sicherheit und Ruhe zu sehr Was kann es geben als höchstens einen kleinen
Kampf Wir sind gut bewaffnet wir fürchten uns nicht wir sind durch uns selbst
gesichert«
    Sie horchten auf es war als wenn sie ganz in der Ferne Töne von
Waldhörnern vernähmen aber der Klang verstummte wieder »Seid unverzagt« rief
Ludovico aus »und tut als wenn ihr hier zu Hause wäret ich stehe euch für
alles«
    Der Pilgrim musste nach dem Springbrunnen um seine Flasche mit Wasser zu
füllen sie tranken alle nach der Reihe mit großem Wohlbehagen Der Abend ward
immer kühler die Blumen dufteten süßer alle Erinnerungen wurden im Herzen
geweckt »Du weißt nicht mein lieber Roderigo« fing Ludovico von neuem an
»dass ich jetzt in Italien in Rom wieder eine Liebe habe die mir mehr ist als
mir je eine gewesen war Ich verließ das schöne Land mit einem gewissen
Widerstreben ich sah mit unaussprechlicher Sehnsucht nach der Stadt zurück
weil Marie dort zurückblieb Ich habe sie erst seit kurzem kennengelernt und
ich möchte dir fast vorschlagen gleich mit mir zurückzureisen dann blieben wir
alle so wie wir hier sind in einer Gesellschaft O Roderigo du hast die
Vollendung des Weibes noch nicht gesehen denn du hast sie nicht gesehen all der
süße geheime Zauber der die Gestalt umschwebt das Heilige das dir aus blauen
verklärten Augen entgegenblickt die Unschuld der lockende Mutwille der sich
auf Wange in den liebreizenden Lippen abbildet  ich kann es dir nicht
schildern In ihrer Gegenwart empfand ich die ersten Jugendgefühle wieder es
war mir wieder als wenn ich mit dem ersten Mädchen spräche da mir die andern
alle als meinesgleichen vorkommen Es ist ein Zug zwischen den glatten schönen
Augenbraunen der die Phantasie in Ehrfurcht hält und doch stehen die Braunen
die langen Wimpern wie goldene Netze des Liebesgottes da um alle Seele alle
Wünsche alle fremde Augen wegzufangen Hat man sie einmal gesehen so sieht man
keinem andern Mädchen mehr nach kein Blick kein verstohlenes Lächeln lockt
dich mehr sie wohnt mir aller ihrer Holdseligkeit in deiner Brust dein Herz
ist wie eine treibende Feder die dich ihr nur ihr durch alle Gassen durch
alle Gärten nachdrängt und wenn dann ihr himmelsüsser Blick dich nur im
Vorübergehn streift so zittert die Seele in dir so schwindelt dein Auge von
dem Blick in das rote Lächeln der Lippen hinunter in die Lieblichkeit der
Wangen verirrt gern und ungern auf dem schönsten Busen festgehalten den du nur
erraten darfst O Himmel gib mir nur dies Mädchen in meine Arme und ich will
deine ganze übrige Welt mir allem allem was sie Köstliches hat ohne Neid
jedem andern überlassen«
    »Du schwärmst« sagte Roderigo »in dieser Sprache habe ich dich noch
niemals sprechen hören«
    »Ich habe die Sprache noch nicht gekannt« fuhr Ludovico fort »ich habe
noch nichts gekannt ich bin bis dahin taub und blind gewesen Was fehlt uns
hier als dass Rudolph nur noch ein Lied sänge Eins von jenen leichten
scherzenden Liedern die die Erde nicht berühren die mit luftigem Schritt über
den goldenen Fußboden des Abendrots gehen und von dort in die Welt hineingrüssen
Lass einmal alle Liebe die du je empfandest in deinem Herzen aufzittern und
dann sprich die Rätselsprache die nur der Eingeweihte versteht«
    »So gut ich kann will ich Euch dienen« sagte Rudolph »mir fällt soeben
ein Lied von der Sehnsucht ein das Euch vielleicht gefallen wird
Warum die Blume das Köpfchen senkt
Warum die Rosen so blass
Ach die Träne am Blatt der Lilie hängt
Vergangen das schön frische Gras
Die Blumen erbleichen
Die Farben entweichen
Denn sie denn sie ist weit
Die allerholdseligste Maid
Keine Anmut auf dem Feld
Keine süße Blüte am Baume mehr
Die Farben die Töne durchstreifen die Welt
Und suchen die Schönste weit umher
Unser Tal ist leer
Bis zur Wiederkehr
Ach bringt sie gefesselt in Schöne
Zurücke ihr Farben ihr Töne
Regenbogen leuchtet voran
Und Blumen folgen ihm nach
Nachtgall singt auf der Bahn
Rieselt der silberne Bach
Tun als wäre der Frühling vergangen
Doch bringen sie sie nur gefangen
Wird Frühling aus dem Herbst alsbald
Herrscht über uns kein Winter kalt
Ach ihr findet sie nicht ihr findet sie nicht
Habt kein Auge die Schönste zu suchen
Euch mangelt der Liebe Augenlicht
Ihr ermüdet über dem Suchen
Treibt wie Blumen die Sache als fröhlichen Scherz
Ach nehmt mein Herz
Damit nach dem holden Engelskinde
Der Frühling den Weg gewisslich finde
Und habt ihr Kinder entdeckt die Spur
Oh so hört oh so hört mein ängstlich Flehn
Müsst nicht zu tief in die Augen ihr sehen
Ihre Blicke bezaubern verblenden euch nur
Kein Wesen vor ihr besteht
Alls in Liebe vergeht
Mag nichts anders mehr sein
Als ihre Lieb allein
Bedenkt dass Frühling und Blumenglanz
Wo ihr Fuß wandelt immer schon ist
Kommt zu mir zurück mit leichtem Tanz
Dass Frühling und Nachtgall doch um mich ist
Muss dann spät und früh
Mich behelfen ohne sie
Mit bittersüssen Liebestränen
Mich einsam nach der Schönsten sehnen
Aber bleibt aber bleibt nur wo ihr seid
Mag euch auch ohne sie nicht wiedersehen
Blumen und Frühlingston wird Herzeleid
Will indes hier im bittersten Tode vergehen
Mich selber zu strafen
Im Grabe tief schlafen
Fern von Lied fern von Sonnenschein
Lieber gar ein Toter sein
Ach es bricht in der Sehnsucht schon
Heimlich mein Herz in der treusten Brust
Hat die Treu so schwer bitteren Lohn
Bin keiner Sünde mir innig bewusst
Muss die Liebste alles erfreun
Mir nur die quälendste Pein
Treulose Hoffnung du lächelst mich an
Nein ich bin ein verlorner Mann«
Es war lieblich wie die Gebüsche umher von diesen Tönen gleichsam erregt
wurden einige verspäteten Vögel erinnerten sich ihrer Frühlingslieder und
wiederholten sie jetzt wie in einer schönen Schläfrigkeit Roderigo war durch
seinen Freund beherzt geworden er erzählte nun auch sein Abenteuer mit der
schönen Gräfin und seine Freunde hörten ihn die Geschichte gern noch einmal
erzählen »Und nun was soll ich euch sagen« so schloss Roderigo »ich habe sie
verlassen und denke jetzt nichts als sie immer sehe ich sie vor meinen Augen
schweben und ich weiß mich in mancher Stunde vor peinigender Angst nicht zu
lassen Ihr edler Anstand ihr munteres Auge ihr braunes Haar alles alle ihre
Züge sah ich in meiner Einbildung So oft bin ich in den Nächten unter dem
hellgestirnten Himmel gewandelt von meinem Glücke voll zauberte ich mir dann
ihre Gestalt vor meine Augen und es war mir dann als wenn die Sterne noch
heller funkelten als wenn das Dach des Himmels nur mit Freude ausgelegt sei
Ich sage dir Freund Ludovico alle Sinne werden ihr wie dienstbare Sklaven
nachgezogen wenn das Auge sie nur erblickt hat jede ihrer sanften reizenden
Bewegungen beschreibt in Linien eine schöne Musik wenn sie durch den Wald geht
und das leichte Gewand sich dem Fuße der Lende geschmeidig anlegt wenn sie zu
Pferde steigt und im Galopp die Kleider auf und niederwogen oder wenn sie im
Tanz wie eine Göttin schwebt alles ist Wohllaut in ihr wie man sie sieht mag
man sie nie anders sehen und doch vergisst man in jeder neuen Bewegung die
vorige Es ist mehr Wollust sie mit den Augen zu verfolgen als in den Armen
einer andern zu ruhen«
    »Nur Wein fehlt uns« rief Florestan aus »die Liebe ist wenigstens im Bilde
zugegen«
    »Wenn ich mir denke« sprach Roderigo erhitzt weiter »dass sich ein andrer
jetzt um ihre Liebe bewirbt dass sie ihn mit freundlichen Augen anblickt ich
könnte unsinnig werden Ich bin auf jedermann böse der ihr nur vorübergeht ich
beneide das Gewand das ihren zarten Körper berührt und umschließt Ich bin
lauter Eifersucht und dennoch habe ich sie verlassen können«
    Ludovico sagte »Du darfst dich darüber nicht verwundern Ich bin nicht nur
bei jedem Mädchen das ich liebte eifersüchtig gewesen sondern auch bei jeder
andern wenn sie nur hübsch war Hatte ich ein artiges Mädchen bemerkt das ich
weiter gar nicht kannte das von mir gar nichts wusste so stand meine Begier vor
ihrem Bilde gleichsam Wache ich war auf jedermann neidisch und böse der nur
durch den Zufall zu ihr ins Haus ging der sie grüßte und dem sie höflich
dankte  Sprach einer freundlich mit ihr so konnte ich mir diesen Unbekannten
auf mehrere Tage auszeichnen und merken um ihn zu hassen Oh diese Eifersucht
ist noch viel unbegreiflicher als unsre Liebe denn wir können doch nicht alle
Weiber und Mädchen zu unserm Eigentum machen aber das lüsterne Auge lässt sich
keine Schranken setzen unsre Phantasie ist wie das Fass der Danaiden unser
Sehnen umfängt und umarmt jeglichen Busen«
    Indem war es ganz finster geworden der müde Pilgrim war eingeschlafen
einige Hörnertöne erschallten aber fast ganz nahe an den Sprechenden dann sang
eine angenehme Stimme
»Treulieb ist nimmer weit
Nach Kummer und nach Leid
Kehrt wieder Lieb und Freud
Dann kehrt der holde Gruß
Händedrücken
Zärtlich Blicken
Liebeskuss«
»Nun werden die Obstdiebe ertappt werden« rief Ludovico aus
    »Ich kenne diese Melodie ich kenne diese Worte« sagte Sternbald »und wenn
ich mich recht erinnere  «
    Wieder einige Töne dann fuhr die Stimme fort zu singen
»Treulieb ist nimmer weit
Ihr Gang durch Einsamkeit
Ist dir nur dir geweiht
Bald kommt der Morgen schön
Ihn begrüsset
Wie er küsset
Freudenträn«
Jetzt kamen durchs Gebüsch Gestalten zwei Damen gingen voran mehrere Diener
folgten Die fremde Gesellschaft war indes aufgestanden Roderigo trat vor und
mit einem Ausruf des Entzückens lag er in den Armen der Unbekannten Die Gräfin
war es die vor Freude erst nicht die Sprache wiederfinden konnte »Ich habe
dich wieder« rief sie dann aus »o gütiges Schicksal sei gedankt«
    Man konnte sich anfangs wenig erzählen Sie hatte um sich zu zerstreuen
eine Freundin ihrer Jugend besucht dieser gehörte Schloss und Garten Von dem
Unerlaubten des Übersteigens war gar die Rede nicht
    Die Abendmahlzeit stand bereit der Pilgrim ließ sich nach seiner mühseligen
Wanderschaft sehr wohl sein Franz ward von der Freundin Adelheids dies war der
Name der Gräfin sehr vorgezogen da sie die Kunst vorzüglich liebte Auch ihr
Gemahl sprach viel über Malerei und lobte den Albrecht Dürer vorzüglich von
dem er selbst einige schöne Stücke besaß
    Alle waren wie berauscht sie legten sich früh schlafen nur Roderigo und
die Gräfin blieben länger munter
    Franz konnte nicht bemerken ob Roderigo und die Gräfin sich so völlig
ausgesöhnt hatten um sich zu vermählen er wollte nicht länger als noch einen
Tag zögern um seine Reise fortzusetzen er machte sich Vorwürfe dass er schon
zu lange gesäumt habe Er härte gern von Roderigo sich die Erzählung fortsetzen
lassen die beim Eremiten in ihrem Anfange abgebrochen wurde aber es fand sich
keine Gelegenheit dazu Der Herr des Schlosses nötigte ihn zu bleiben aber
Franz fürchtete dass das Jahr zu Ende laufen und er noch immer nicht in Italien
sein möchte
    Nach zweien Tagen nahm er von allen Abschied Ludovico wollte bei seinem
Freunde bleiben auch Florestan blieb bei den beiden zurück Jetzt fühlte
Sternbald erst wie lieb ihm Rudolph sei auch ergriff ihn eine unerklärliche
Wehmut als er dem Ludovico die Hand zum Abschiede reichte Florestan war auf
seine Weise recht gerührt er versprach unserm Freunde ihm bald nach Italien zu
folgen ihn binnen kurzem gewiss in Rom anzutreffen Sternbald konnte seine
Tränen nicht zurückhalten als er zur Tür hinausging den Garten noch einmal mit
einem flüchtigen Blicke durchirrte Der Pilgrim war sein Gefährte
    Draußen in der freien Landschaft als er nach und nach das Schloss
verschwinden sah fühlte er sich erst recht einsam Der Morgen war frisch er
ging stumm neben dem Pilger hin erinnerte sich aller Gespräche die sie
miteinander geführt aller kleinen Begebenheiten die er in Rudolphs
Gesellschaft erlebt hatte Sein Kopf wurde wüst ihm war als habe er die Freude
seines Lebens verloren Der Pilgrim verrichtete seine Gebete ohne sich
sonderlich um Sternbald zu kümmern
    Nachher gerieten sie in ein Gespräch worin der Pilger ihm den genauen
Zustand seiner Haushaltung erzählte Sternbald erfuhr alle die Armseligkeiten
des gewöhnlichen Lebens wie jener ein Kaufmann von mittelmäßigen
Glücksumständen sei wie er danach trachte mehr zu gewinnen und seine Lage zu
verbessern Franz dem die Empfindung drückend war aus seinem leichten
poetischen Leben so in das wirkliche zurückgeführt zu werden antwortete nicht
und gab sich Mühe gar nicht danach hinzuhören Jeder Schritt seines Weges ward
ihm sauer er kam sich ganz einsam vor es war ihm wieder als wenn ihn seine
Freunde verlassen hätten und sich nicht um ihn kümmerten
    Sie kamen in eine Stadt wo Franz einen Brief von seinem Sebastian zu finden
hoffte von dem er seit lange nichts gehört hatte Er trennte sich hier von dem
Pilgrim und eilte nach dem bezeichneten Mann Es war wirklich ein Brief für ihn
da er erbrach ihn begierig und las
Liebster Franz
Wie Du glücklich bist dass Du in freier schöner Welt herumwanderst dass Dir nun
das alles in Erfüllung geht was Du sonst nur in Entfernung dachtest dieses
Dein großes Glück sehe ich nun erst vollkommen ein Ach lieber Bruder es will
mir manchmal vorkommen als sei mein Lebenslauf durchaus verloren aller Mut
entgeht mir so in der Kunst als im Leben fortzufahren Jetzt ist es dahin
gekommen dass Du mich trösten könntest wie ich Dir sonst wohl oft getan habe
    Unser Meister fängt an oft zu kränkeln er kam damals so gesund von seiner
Reise zurück aber diese schöne Zeit hat sich nun schon verloren Er ist in
manchen Stunden recht melancholisch dann wird er es nicht müde von Dir zu
sprechen und Dir das beste Schicksal zu wünschen
    Ich bin fleißig aber meine Arbeit will nicht auf die wahre Art aus der
Stelle rücken mir fehlt der Mut der die Hand beleben muss ein wehmütiges
Gefühl zieht mich von der Staffelei zurück  Du schreibst mir von Deiner
seltsamen Liebe von Deiner fröhlichen Gesellschaft ach Franz ich bin hier
verlassen arm vergessen oder verachtet ich habe die Kühnheit nicht Liebe in
mein trauriges Leben hineinzuwünschen Ich spreche zur Freude was machst du
und zum Lachen du bist toll  Ich kann es mir nicht vorstellen dass mich einst
ein Wesen liebte dass ich es lieben dürfte Ich gehe oft im trüben Wetter durch
die Stadt und betrachte Gebäude und Türme die mühselige Arbeit das künstliche
Schnitzwerk die gemalten Wände und frage dann Wozu soll es Der Anblick eines
Armen kann mich so betrübt machen dass ich die Augen nicht wieder aufheben mag
    Meine Mutter ist gestorben mein Vater liegt in der Vorstadt krank Sein
Handwerk kann ihn jetzt nicht nähren ich kann nur wenig für ihn tun Meister
Dürer ist gut er hilft ihm und auf die beste Art so dass er mich nichts davon
fühlen lässt ich werde es ihm zeitlebens nicht vergessen Aber warum kann ich
nicht mehr für ihn tun Warum fiel es mir noch im sechszehnten Jahre ein ein
Maler zu werden Wenn ich ein ordentliches Handwerk ergriffen hätte so könnte
ich vielleicht jetzt selber meinen Vater ernähren Es dünkt mir töricht dass ich
an der Ausarbeitung einer Geschichte arbeite und indessen alles wirkliche Leben
um mich her vergesse
    Lebe wohl bleibe gesund Sei in allen Dingen glücklich Liebe immer noch
                                                               Deinen Sebastian
Franz ließ das Blatt sinken und sah den Himmel an Sein Freund Dürer Nürnberg
und alle ehemaligen bekannten Gegenstände kamen mit frischer Kraft in sein
Gedächtnis »Ja ich bin glücklich« rief er aus »ich fühle es jetzt wie
glücklich ich bin Mein Leben spinnt sich wie ein goldener Faden auseinander
ich bin auf der Reise ich finde Freunde die sich meiner annehmen die mich
lieben meine Kunst hat mich wider Erwarten fortgeholfen was will ich denn
mehr Und vielleicht lebt sie doch noch vielleicht hat sich die Gräfin geirrt
 Leben nicht Rudolph und Sebastian noch Wer weiß wo ich meine Eltern finde O
Sebastian wärst du zugegen dass ich dir die Hälfte meines Mutes geben könnte«
 
                                Zweites Kapitel
Als Sternbald durch die Stadt streifte glaubte er einmal in der Ferne den
Bildhauer Bolz zu bemerken aber die Person die er dafür hielt verlor sich
wieder aus den Augen Franz ergötzte sich wieder in einem Gewühl von
unbekannten Menschen herumzuirren Es war Jahrmarkt und aus den benachbarten
kleinen Städten und Dörfern hatten sich Menschen aller Art versammelt um hier
zu verkaufen und einzukaufen Sternbald freute sich an der allgemeinen
Fröhlichkeit die alle Gesichter beherrschte die so viele verworrene Töne laut
durcheinander erregte
    Er stellte sich etwas abseits und sah nun die Ankommenden oder die schon
mit ihren eingekauften Waren zurückgingen Alle Fenster am Markte waren mit
Menschen angefüllt die auf das verworrene Getümmel heruntersahn Franz sagte
zu sich selbst »Welch ein schönes Gemälde und wie wäre es möglich es
darzustellen Welche angenehme Unordnung die sich aber auf keinem Bilde
nachahmen lässt Dieser ewige Wechsel der Gestalten dies mannigfaltige sich
durchkreuzende Interesse dass diese Figuren nie auch nur auf einen Augenblick in
Stillstand geraten ist es gerade was es so wunderbar schön macht Alle Arten
von Kleidungen und Farben verirren sich durcheinander alle Geschlechter und
Alter Menschen dicht zusammengedrängt von denen keiner am Nächststehenden
Teil nimmt sondern nur für sich selber sorgt Jeder sucht und holt das Gut das
er sich wünscht mit lachendem Mute als wenn die Götter plötzlich ein großes
Füllhorn auf den Boden ausgeschüttet hätten und emsig nun diese Tausende
herausraffen was ein jeder bedarf«
    Leute zogen mit Bildern umher die sie erklärten und zu denen sich eine
Menge Volks versammelte Es waren schlechte grobe Figuren auf Leinwand gemalt
Das eine war die Geschichte eines Handwerkers der auf seiner Wanderschaft den
Seeräubern in die Hände geraten war und in Algier schmähliche Sklavendienste
hatte tun müssen Er war dargestellt wie er mit andern Christen im Garten den
Pflug ziehen musste und sein Aufseher ihn mit einer fürchterlichen Geissel dazu
antrieb Eine zweite Vorstellung war das Bild eines seltsamlichen Ungeheuers
von dem der Erklärer behauptete dass es jüngst in der mittelländischen See
gefangen sei Es hatte einen Menschenkopf und einen Panzer auf der Brust seine
Füße waren wie Hände gebildet und große Flossfedern hingen herunter hinten war
es Pferd
    Alles Volk war erstaunt »Dies ist es« sagte Franz zu sich »was die Menge
will was einem jeden gefällt Ein wunderbares Schicksal wovon ein jeder
glaubt es hätte auch ihn ergreifen können weil es einen Menschen trifft
dessen Stand der seinige ist Oder eine lächerliche Unmöglichkeit Seht dies
muss der Künstler erfüllen diese abgeschmackten Neigungen muss er befriedigen
wenn er gefallen will«
    Ein Arzt hatte auf der andern Seite des Marktes sein Gerüst aufgeschlagen
und bot mit kreischender Stimme seine Arzneien aus Er erzählte die
ungeheuersten Wunder die er vermittelst seiner Medikamente verrichtet hatte
Auch er hatte großen Zulauf die Leute verwunderten sich und kauften
    Er verließ das Gewühl und ging vors Tor um recht lebhaft die ruhige
Einsamkeit gegen das lärmende Geräusch zu empfinden Als er unter den Bäumen auf
und ab ging begegnete ihm wirklich Bolz der Bildhauer Jener erkannte ihn
sogleich sie gingen miteinander und erzählten sich ihre Begebenheiten Franz
sagte »Ich hätte niemals geglaubt dass Ihr imstande wäret einen Mann zu
verletzen der Euch für seinen Freund hielt Wie könnt Ihr die Tat
entschuldigen«
    »Oh junger Mann« rief Augustin aus »Ihr seid entweder noch niemals
beleidigt oder habt sehr wenig Galle in Euch Roderigo ruhte mit seinen
Schmähworten nicht eher bis ich ihm den Stoß versetzt hatte es war seine
eigene Schuld Er reizte mich so lange bis ich mich nicht mehr zurückhalten
konnte«
    Franz der keinen Streit anfangen wollte ließ die Entschuldigung gelten
und Bolz fragte ihn wie lange er sich in der Stadt aufzuhalten gedächte »Ich
will morgen abreisen« antwortete Sternbald »Ich rate Euch etwas zu bleiben«
sagte der Bildhauer »und wenn Ihr denn geneigt seid kann ich Euch eine
einträgliche Arbeit nachweisen Hier vor der Stadt liegt ein Nonnenkloster in
dem Ihr wenn Ihr wollt ein Gemälde mit Öl auf der Wand erneuern könnt Man hat
schon nach einem ungeschickten Maler senden wollen ich will Euch lieber dazu
vorschlagen«
    Franz nahm den Antrag an er hatte schon lange gewünscht seinen Pinsel
einmal an größeren Figuren zu üben Bolz verließ ihn mit dem Versprechen ihn
noch am Abend wiederzusehn
    Bolz kam zurück als die Sonne schon untergegangen war Er hatte den Vertrag
mit der Äbtissin des Klosters gemacht Sternbald war damit zufrieden Sie gingen
wieder vor die Stadt hinaus Bolz schien unruhig und etwas zu haben das er dem
jungen Maler gern mitteilen möchte er brach aber immer wieder ab und
Sternbald der im Geiste schon mit seiner Malerei beschäftigt war achtete nicht
darauf
    Es wurde finster Sie hatten sich in die benachbarten Berge hineingewendet
ihr Gespräch fiel auf die Kunst »Ihr habe mich« sagte Sternbald »auf die
unsterblichen Werke des großen Michael Angelo sehr begierig gemacht Ihr haltet
sie für das Höchste was die Kunst bisher hervorgebracht hat«
    »Und hervorbringen kann« rief Bolz aus »es ist bei ihnen nicht von der
oder der Vortrefflichkeit von dieser oder jener Schönheit die Rede sondern sie
sind durchaus schön durchaus vortrefflich Alle übrigen Künstler sind gleichsam
als die Vorbereitung als die Ahndung zu diesem einzig großen Manne anzusehen
vor ihm hat noch keiner die Kunst verstanden noch gewusst was er mit ihr
ausrichten soll«
    »Aber wie kommt es denn« sagte Sternbald »dass auch noch andere außer ihm
verehrt werden und dass noch niemand nach dieser Vollkommenheit gestrebt hat«
    »Das ist leicht einzusehn« sagte der Bildhauer »Die Menge will nicht die
Kunst sie will nicht das Ideal sie will unterhalten und gereizt sein und es
versteht sich dass die niedrigern Geister dies weit besser ins Werk zu richten
wissen weil sie selber mit den Geistesbedürfnissen der Menge der Liebhaber und
Unkenner vertraut sind Sie erblicken wohl gar beim echten Künstler Mangel und
glauben über seine Fehler und Schwächen urteilen zu können weil er vorsätzlich
das verschmäht hat was ihnen an ihren Lieblingen gefällt Warum kein Künstler
noch diese Größe erstrebt hat Wer hat denn richtigen Begriff von seiner Kunst
um das Beste zu wollen Ja wer von den Künstlern will denn überhaupt irgendwas
Sie können sich ja nie von ihrem Talente Rechenschaft geben das sie blindlings
ausüben sie sind ja zufrieden wenn sie den leichtesten Wohlgefallen erregen
auf welchem Wege es auch sei Sie wissen ja gar nicht dass es eine Kunst gibt
woher sollen sie denn erfahren dass diese Kunst eine höchste letzte Spitze
habe Mit Michael Angelo ist die Kunst erst geboren worden und von ihm wird
eine Schule ausgehn die die erste ist und bald die einzige sein wird«
    »Und wie meint Ihr« fragte Franz »dass dann die Kunst beschaffen sein
wird«
    »Man wird« sagte Bolz »die unnützen Bestrebungen die schlechten Manieren
ganz niederlegen und nur dem allmächtigen Buonarotti folgen Es ist in jeder
ausgeübten Kunst natürlich dass sie sich vollendet wenn nur ein erhabener Geist
aufgestanden ist der den Irrenden hat zurufen können dorthin meine Freunde
geht der Weg Das hat Buonarotti getan und man wird nachher nicht mehr zweifeln
und fragen was Kunst sei In jeglicher Darstellung wird dann ein großer Sinn
liegen und man wird die gewöhnlichen Mittel verschmähen um zu gefallen Jetzt
nehmen fast alle Künstler die Sinnen in Anspruch um nur ein Interesse zu
erregen dann wird das Ideal verstanden werden«
    Indem war es ganz dunkel geworden Der Mond stieg eben unten am Horizont
herauf sie hatten schon fernher Hammerschläge gehört jetzt standen sie vor
einer Eisenhütte in der gearbeitet wurde Der Anblick war schön die Felsen
standen schwarz umher Schlacken lagen aufgehäuft dazwischen einzelne grüne
Gesträuche fast unkenntlich in der Finsternis Vom Feuer und dem funkenden
Eisen war die offene Hütte erhellt die hämmernden Arbeiter ihre Bewegungen
alles glich bewegten Schatten die von dem hellglühenden Erzklumpen angeschienen
wurden Hinten war der wildbewachsene Berg so eben sichtbar auf dem alte Ruinen
auf der Spitze vom aufgehenden Monde schon beschimmert waren gegenüber waren
noch einige leichte Streifen des Abendrots am Himmel
    Bolz rief aus »Seht den schönen bezaubernden Anblick«
    Auch Sternbald war überrascht er stand eine Weile in Gedanken und schwieg
dann rief er aus »Nun mein Freund was könntet Ihr sagen wenn Euch ein
Künstler auf einem Gemälde diese wunderbare Szene darstellte Hier ist keine
Handlung kein Ideal nur Schimmer und verworrene Gestalten die sich wie fast
unkenntliche Schatten bewegen Aber wenn Ihr dies Gemälde sähet würdet Ihr Euch
nicht mit mächtiger Empfindung in den Gegenstand hineinsehnen Würde er die
übrige Kunst und Natur nicht auf eine Zeitlang aus Eurem Gedächtnisse
hinwegrücken und was wollt Ihr mehr Diese Stimmung würde dann so wie jetzt
Euer ganzes Inneres durchaus ausfüllen Euch bliebe nichts zu wünschen übrig
und doch wäre es nichts weiter als ein künstliches fast tändelndes Spiel der
Farben Und doch ist es Handlung Ideal Vollendung weil es das im höchsten
Sinne ist was es sein kann und so kann jeder Künstler an sich der Trefflichste
sein wenn er sich kennt und nichts Fremdartiges in sich hineinnimmt Wahrlich
es ist als hätte die alte Welt sich mit ihren Wundern aufgetan als ständen
dort die fabelhaften Zyklopen vor uns die für Mars oder Achilles die Waffen
schmieden Die ganze Götterwelt kommt dabei in mein Gedächtnis zurück ich sehe
nicht nur was vor mir ist sondern die schönsten Erinnerungen entwickeln sich
im Innern meiner Seele alles wird lebendig und wach was seit lange schlief
Nein mein Freund ich bin innigst überzeugt die Kunst ist wie die Natur sie
hat mehr als eine Schönheit«
    Bolz war still beide Künstler ergötzten sich lange an dem Anblick dann
suchten sie den Rückweg nach der Stadt Der Mond war indes heraufgekommen und
glänzte ihnen im vollen Lichte entgegen durch die Hohlwege die sie
durchkreuzten über die feuchte Wiese herüber von den Bergen in zauberischen
Widerscheinen Die ganze Gegend war in eine Masse verschmolzen und doch waren
die verschiedenen Gründe leicht gesondert mehr angedeutet als ausgezeichnet
keine Wolke war am Himmel es war als wenn sich ein Meer mit unendlichen
goldenen Glanzwogen sanft über Wiese und Wald ausströmte und herüber nach den
Felsen bewegte
    »Könnten wir nur die Natur genau nachahmen« sagte Sternbald »oder
begleitete uns diese Stimmung nur so lange als wir an einem Werke arbeiten um
in frischer Kraft in voller Neuheit das hinzustellen was wir jetzt empfinden
damit auch andre so davon ergriffen würden wahrlich wir könnten oft Handlung
und Komposition entbehren und doch eine große herrliche Wirkung
hervorbringen«
    Bolz wusste nicht recht was er antworten sollte er mochte nicht gern
nachgeben und doch konnte er Franz jetzt nicht widerlegen sie stritten hin und
her und verwunderten sich endlich dass sie die Stadt nicht erscheinen sahen
Bolz suchte nach dem Wege und ward endlich inne dass er sich verirrt habe
Beide Wanderer wurden verdrießlich denn sie waren müde und sehnten sich nach dem
Abendessen aber es schoben sich immer mehr Gebüsche zwischen sie immer neue
Hügel und der blendende Schimmer des Mondes erlaubte ihnen keine Aussicht Der
Streit über die Kunst hörte auf sie dachten nur darauf wie sie sich wieder
zurechtfinden wollten Bolz sagte »Seht mein Freund über die Kunst haben wir
die Natur vernachlässigt wollt Ihr Euch noch so in eine Gegend hineinsehnen
aus der wir uns so gern wieder herauswickeln möchten Jetzt gäbt Ihr alle Ideale
und Kunstwörter für eine gute Ruhestelle hin«
    »Wie Ihr auch sprecht« sagte Sternbald »davon kann ja gar nicht die Rede
sein Wir haben uns durch Eure Schuld verirrt und es steht Euch nicht zu nun
noch zu spotten«
    Sie setzten sich ermüdet auf den Stumpf eines abgehauenen Baumes nieder
Franz sagte »Wir werden hier wohl übernachten müssen denn ich sehe noch keinen
möglichen Ausweg«
    »Gut denn« rief Bolz aus »wenn es die Not so haben will so wollen wir uns
auch in die Not finden Wir wollen sprechen Lieder singen und schlafen so gut
es sich tun lässt Mit dem Aufgange der Sonne sind wir dann wieder munter und
kehren zur Stadt zurück Fanget Ihr an zu singen«
    Sternbald sagte »Da wir nichts Besseres zu tun wissen will ich Euch ein
Lied von der Einsamkeit singen es schickt sich gut zu unserm Zustande
Über mir das hellgestirnte Himmelsdach
Alle Menschen dem Schlaf ergeben
Ruhend von dem mühevollen Leben
Ich allein allein im Hause wach
Trübe brennt das Licht herunter
Soll ich aus dem Fenster schauen
nüber nach den fernen Auen
Meine Augen bleiben munter
Soll ich mich im Strahl ergehen
Und des Mondes Aufgang suchen
Sieh er flimmert durch die Buchen
Weiden am Bach im Golde stehen
Ist es nicht als käme aus den Weiden
Ach ein Freund den ich lange nicht gesehen
Ach wie viel ist schon seither geschehen
Seit dem qualenvollen bitteren Scheiden
An den Busen will ich ihn mächtig drücken
Sagen was so ofte mir gebangt
Wie mich inniglich nach ihm verlangt
Und ihm in die süßen Augen blicken
Aber der Schatten bleibt dort unter den Zweigen
Ist nur Mondenschein
Kömmt nicht zu mir herein
Sich als Freund zu zeigen
Ist auch schon gestorben und begraben
Und vergess es jeden Tag
Weil ichs so übergerne vergessen mag
wie kann ich mich an seinem Anblick laben
Geht der Fluss murmelnd durch die Klüfte
Sucht die Ferne nach eigener Melodie
Unermüdet sprechend spat und früh
Wehn vom Berge schon Septemberlüfte
Töne fallen von oben in die Welt
Lustge Pfeifen fröhliche Schalmein
Ach sollten es Bekannte sein
Sie wandern zu mir übers Feld
Fernab erklingt es keiner weiß von mir
Alle meine Freunde mich verlassen
Die mich liebten jetzt mich hassen
Kümmert sich keiner dass ich wohne hier
Ziehn mit Netzen oft lustig zum See
Höre oft das ferne Gelach
Seufze mein kümmerlich Ach
Tut mir der Busen so weh
Ach wo bist du Bild geblieben
Engelsbild vom schönsten Kind
Keine Freuden übrig sind
Unterstund mich dich zu lieben
Hast den Gatten längst gefunden 
Wie der fernste Schimmerschein
Fällt mein Name dir wohl ein
Nie in deinen guten Stunden
Und das Licht ist ausgegangen
Sitze in der Dunkelheit
Denke was mich sonst erfreut
Als noch Nachtigallen sangen
Ach und warst nicht einsam immer
Keiner der dein Herz verstand
Keiner sich zu dir verband 
Geh auch unter Mondesschimmer
Lösche lösche letztes Licht
Auch wenn Freunde mich umgeben
Führ ich doch einsames Leben
Lösche lösche letztes Licht
Der Unglückliche braucht dich nicht«
Indem hörten sie nicht weit von sich eine Stimme singen
»Wer lustgen Mut zur Arbeit trägt
Und rasch die Arme stets bewegt
Sich durch die Welt noch immer schlägt
Der Träge sitzt weiß nicht wo aus
Und über ihm stürzt ein das Haus
Mit vollen Segeln munter
Fährt der Frohe das Leben hinunter«
Der Singende war ein Kohlenbrenner der jetzt näher kam Bolz und Sternbald
gingen auf ihn zu sie standen seiner Hütte ganz nahe ohne dass sie es bemerkt
hatten Er war freundlich und bot ihnen von freien Stücken sein kleines Haus zum
Nachtlager an Die beiden Ermüdeten folgten ihm gern
    Drinnen war ein kleines Abendessen zurechtgemacht kein Licht brannte aber
einige Späne die auf dem Herde unterhalten wurden erleuchteten die Hütte Eine
junge Frau war geschäftig den Fremden einen Sitz auf einer Bank zu bereiten
die sie an den Tisch schob Alle setzten sich nieder und aßen aus derselben
Schüssel Franz saß neben der Frau des Köhlers die ihn mit lustigen Augen zum
Essen nötigte Er fand sie artig und bewunderte die Wirkung des Lichtes auf die
Figuren
    Der Köhler erzählte viel vom nahen Eisenhammer für den er die meisten
Kohlen lieferte er hatte noch so spät einen Weiler besucht Ein kleiner Hund
gesellte sich zu ihnen und war äußerst freundlich die Frau die lebhaft war
spielte und sprach mit ihm wie mit einem Kinde Sternbald fühlte in der Hütte
wieder die ruhigen frommen Empfindungen die ihn schon so oft beglückt hatten
er prägte sich die Figuren und Erleuchtung seinem Gedächtnisse ein um einmal
ein solches Gemälde darzustellen
    Als sie mit dem Essen beinahe fertig waren klopfte noch jemand an die Tür
und eine klägliche Stimme flehte um nächtliche Herberge Alle verwunderten sich
der Köhler öffnete die Hütte und Sternbald erstaunte als er den Pilgrim
hereintreten sah Der Köhler war gegen den Wallfahrter sehr ehrerbietig es
wurde Speise herbeigeschaft die Stube heller gemacht Der Pilgrim erschrak
als er hörte dass er der Stadt so nahe sei er hatte sie schon seit zwei Tagen
verlassen sich auf eine unbegreifliche Art verirrt und bei allen
Zurechtweisungen immer den unrechten Weg ergriffen so dass er jetzt kaum eine
halbe Meile von dem Orte entfernt war von dem er ausging
    Der Wirt erzählte noch allerhand die junge Frau war geschäftig der Hund
war gegen Sternbald sehr zutunlich Nach der Mahlzeit wurde für die Fremden eine
Streu zubereitet auf der sich der Wallfahrter und Bolz sogleich ausstreckten
Franz war gegen sein Erwarten munter Der Köhler und seine Frau gingen nun auch
zu Bette der Hund ward nach seiner Behausung auf den kleinen Hof gebracht
Sternbald blieb bei den Schlafenden allein
    Der Mond sah durch das Fenster in der Einsamkeit fiel des Bildhauers
Gesicht dem Wachenden auf es war eine Physiognomie die Heftigkeit und Ungestüm
ausdrückte Franz begriff es nicht wie er seinen anfänglichen Widerwillen gegen
diesen Menschen so habe überwinden können dass er jetzt mit ihm umgehe dass er
sich ihm sogar vertraue
    Bolz schien unruhig zu schlafen er warf sich oft umher ein Traum ängstigte
ihn Franz vergaß beinahe wo er war denn alles umher erhielt eine sonderbare
Bedeutung Seine Phantasie ward erhitzt und es währte nicht lange so glaubte
er sich unter Räubern zu befinden die es auf sein Leben angesehen hätten jedes
Wort des Kohlenbrenners dessen er sich nur erinnerte war ihm verdächtig er
erwartete es ängstlich wie er mit seinen Spiessgesellen wieder aus der Tür
herauskommen würde um sie im Schlafe umzubringen und zu plündern Über diese
Betrachtungen schlief er ein aber ein fürchterlicher Traum ängstigte ihn noch
mehr er sah die entsetzlichsten Gestalten die seltsamsten Wunder er erwachte
unter drückenden Beklemmungen
    Am Himmel sammelten sich Wolken auf die die Strahlen des Mondes fielen die
Bäume vor der Hütte bewegten sich Um sich zu zerstreuen schrieb er folgendes
in seiner Schreibtafel nieder
                                 Die Phantasie
Wer ist dort der alte Mann
In einer Ecke festgebunden
Dass er sich nicht rührt und regt
Vernunft hält über ihn Wache
Sieht und erkundet jede Miene
Der Alte ist verdrießlich
Um ihn in tausend Falten
Ein weiter Mantel geschlagen
Es ist der launige Phantasus
Ein wunderlicher Alter
Folgt stets seiner närrischen Laune
Sie haben ihn jetzt festgebunden
Dass er nur seine Possen lässt
Vernunft im Denken nicht stört
Den armen Menschen nicht irrt
Dass er sein Tagsgeschäft
In Ruhe vollbringe
Mit dem Nachbar verständig spreche
Und nicht wie ein Tor erscheine
Denn der Alte hat nie was Kluges im Sinn
Immer tändelt er mit dem Spielzeug
Und kramt es aus und lärmt damit
Sowie nur keiner auf ihn sieht und achtet
Der alte Mann schweigt und runzelt die Stirn
Als wenn er die Rede ungern vernähme
Schilt gern alles langweilig
Was in seinen Kram nicht taugt
Der Mensch handelt denkt die Pflicht
Wird indes treu von ihm getan
Fällt in die Augen das Abendrot hinein
Stehn Schlummer und Schlaf aus ihrem Winkel auf
Da sie den Schimmer merken
Vernunft muss ruhen und wird zu Bett gebracht
Schlummer singt ihr ein Wiegenlied
Schlaf ruhig mein Kind morgen ist auch noch ein
Tag
Musst nicht alles auf einmal denken
Bist unermüdet und das ist schön
Wirst auch immer weiter kommen
Wirst deinem lieben Menschen Ehre bringen
Er schätzt dich auch über alles
Schlaf ruhig schlaf ein 
»Wo ist meine Vernunft geblieben« sagt der Mensch
»Geh Erinnrung und such sie auf«
Erinnrung geht und trifft sie schlafend
Gefällt ihr die Ruhe auch
Nicht über der Gefährtin ein
»Nun werden sie gewiss dem Alten die Hände frei machen«
Denkt der Mensch und fürchtet sich schon
Da kommt der Schlaf zum Alten geschlichen
Und sagt »Mein Bester du musst erlahmen
Wenn dir die Glieder nicht aufgelöset werden
Pflicht Vernunft und Verstand bringen dich ganz herunter
Und du bist gutwillig wie ein Kind« 
Indem macht der Schlaf ihm schon die Hände los
Und der Alte schmunzelt »Sie haben mir viel zu danken
Mühsam hab ich sie erzogen
Aber nun verachten sie mich alten Mann
Meinen ich würde kindisch
Sei zu gar nichts zu gebrauchen
Du mein Liebster nimmst dich mein noch an
Wir beide bleiben immer gute Kameraden«
Der Alte steht auf und ist der Banden frei
Er schüttelt sich vor Freude
Er breitet den weiten Mantel aus
Und aus allen Falten stürzen wunderbare Sachen
Die er mit Wohlgefallen ansieht
Er kehrt den Mantel um und spreitet ihn weit umher
Eine bunte Tapete ist die untre Seite
Nun hantiert Phantasus in seinem Zelte
Und weiß sich vor Freuden nicht zu lassen
Aus Glas und Kristallen baut er Schlösser
Lässt oben aus den Zinnen Zwerge kucken
Die mit dem großen Kopfe wackeln
Unten gehen Fontänen im Garten spazieren
Aus Röhren sprudeln Blumen in die Luft
Dazu singt der Alte ein seltsam Lied
Und klimpert mit aller Gewalt auf der Harfe
Der Mensch sieht seinen Spielen zu
Und freut sich vergisst dass Vernunft
Ihn vor allen Wesen herrlich macht
Spricht »Fahre fort mein lieber Alter«
Und der Alte lässt sich nicht lange bitten
Schreiten Geistergestalten heran
Zieht die kleinen Marionetten an Fäden
Und lässt sie aus der Ferne größer scheinen
Tummeln sich Reiter und Fußvolk
Hängen Engel in Wolken oben
Abendröten und Mondschein gehen durcheinander
Verschämte Schönen sitzen in Lauben
Die Wangen rot der Busen weiß
Das Gewand aus blinkenden Strahlen gewebt
Ein Heer von Kobolden lärmt und tanzt
Alte Helden kommen von Troja wieder
Achilles der weise Nestor versammeln sich zum Spiel
Und entzweien sich wie die Knaben 
Ja der Alte hat daran noch nicht genug
Er spricht und singt »Lass deine Taten fahren
Dein Streben Mensch deine Grübelein
Sieh ich will dir goldne Kegel schenken
Ein ganzes Spiel und silberne Kugeln dazu
Männerchen die von selbst immer auf den Beinen stehen
Warum willst du dich des Lebens nicht freun
Dann bleiben wir beisammen
Vertreiben mit Gespräch die Zeit
Ich lehre dich tausend Dinge
Von denen du noch nichts weißt« 
Das blinkende Spielwerk sticht dem Menschen in die Augen
Er reckt die Hände gierig aus
Indem erwacht mit dem Morgen die Vernunft
Reibt die Augen und gähnt und dehnt sich
»Wo ist mein lieber Mensch
Ist er zu neuen Taten gestärkt« so ruft sie
Der Alte hört die Stimme und fängt an zu zittern
Der Mensch schämt sich lässt Kegel und Kugel fallen
Vernunft tritt ins Gemach
»Ist der alte Wirrwarr schon wieder los geworden«
Ruft Vernunft aus »lässest du dich immer wieder locken
Von dem kindschen Greise der selber nicht weiß
Was er beginnt« 
Der Alte fängt an zu weinen
Der Mantel wieder umgekehrt
Ihm um die Schultern gehängt
Arm und Beine festgebunden
Sitzt wieder grämlich da
Sein Spielzeug eingepackt
Ihm alles wieder ins Kleid gesteckt
Und Vernunft macht ne drohende Miene
Der Mensch muss an die Geschäfte gehen
Sieht den Alten nur von der Seite an
Und zuckt die Schultern über ihn
»Warum verführt ihr mir den lieben Menschen«
Grämelt der alte Phantasus
»Ihr werdet ihn matt und tot noch machen
Wird vor der Zeit kindisch werden
Sein Leben nicht genießen
Sein bester Freund sitzt hier gebunden
Der es gut mit ihm meint
Er verzehrt sich und möcht es gern mit mir halten
Aber ihr Überklugen
Habt ihm meinen Umgang verleidet
Und wisst nicht was ihr mit ihm wollt
Schlaf ist weg und keiner steht mir bei«
Der Morgen brach indessen an die übrigen im Hause wurden munter und Franz las
dem Bildhauer seine Verse vor der darüber lachte und sagte »Auch dies Gedicht
mein Freund rührt vom Phantasus her man sieht es ihm wohl an dass es in der
Nacht geschrieben ist dieser Mann hat wie es scheint Spott und Ernst gleich
lieb«
    Das dunkle Gemach wurde erhellt der Köhler trat mit seiner Frau herein
Franz lächelte über seine nächtliche Einbildung er sah nun die Tür die er
immer gefürchtet hatte deutlich vor sich stehen nichts Furchtbares war an ihr
sichtbar Die Gesellschaft frühstückte wobei der muntere Köhler noch allerhand
erzählte Er sagte dass in einigen Tagen eine Nonne im benachbarten Kloster ihr
Gelübde ablegen würde und dass sich dann zu dieser Feierlichkeit alle Leute aus
der umliegenden Gegend versammelten Er beschrieb die Zeremonien die dabei
vorfielen er freute sich auf das Fest Sternbald schied von ihm und dem
Pilgrim und ging mit dem Bildhauer zur Stadt zurück
    Sternbald ließ sich im Kloster melden er ward der Äbtissin vorgestellt er
betrachtete das alte Gemälde das er auffrischen sollte Es war die Geschichte
der heiligen Genoveva wie sie mit ihrem Sohne unter einsamen Felsen in der
Wildnis sitzt und von freundlichen liebkosenden Tieren umgeben ist Das Bild
schien alt er konnte nicht das Zeichen eines ihm bekannten Künstlers entdecken
Denksprüche gingen aus dem Munde der Heiligen ihres Sohnes und der Tiere die
Komposition war einfach und ohne Künstlichkeit das Gemälde sollte nichts als
den Gegenstand auf die einfältigste Weise ausdrücken Sternbald war willens die
Buchstaben zu verlöschen und den Ausdruck der Figur zu erhöhen aber die
Äbtissin sagte »Nein Herr Maler Ihr müsst das Bild im ganzen so lassen wie es
ist und um alles ja die Worte stehenlassen Ich mag es durchaus nicht wenn ein
Gemälde zu zierlich ist«
    Franz machte ihr deutlich wie diese weißen Zettel alle Täuschung aufhöben
und unnatürlich wären ja wie sie gewissermaßen das ganze Gemälde vernichteten
aber die Äbtissin antwortete »Dies alles ist mir sehr gleich aber eine
geistliche bewegliche Historie muss durchaus nicht auf eine ganz weltliche Art
ausgedrückt werden Reiz und was ihr Maler Schönheit nennt gehört gar nicht in
ein Bild das zur Erbauung dienen und heilige Gedanken erwecken soll Mir ist
hier das Steife Altfränkische viel erwünschter dies schon trägt zu einer
gewissen Erhebung bei Die Worte sind aber eigentlich die Erklärung des
Gemäldes und diese gottseligen Betrachtungen könnt Ihr nimmermehr durch den
Ausdruck der Mienen ersetzen An der sogenannten Wahrheit und Täuschung liegt
mir sehr wenig wenn ich mich einmal davon überzeugen kann dass ich hier in der
Kirche diese Wildnis mit Tieren und Felsen antreffe so ist es mir ein kleines
auch anzunehmen dass diese Tiere sprechen und dass ihre Worte hingeschrieben
sind wie sie selbst nur gemalt sind Es entsteht dadurch etwas Geheimnisvolles
wovon ich nicht gut sagen kann worin es liegt Die übertriebenen Mienen und
Gebärden aber sind mir zuwider Wenn die Maler immer bei dieser alten Methode
bleiben so werden sie sich auch stets in den Schranken der guten Sitten halten
denn dieser Ausdruck mit Worten führt gleichsam eine Aufsicht über ihr Werk Ein
Gemälde ist und bleibt eine gutgemeinte Spielerei und darum muss man sie auch
niemals zu ernstaft treiben«
    Franz ging betrübt hinweg er wollte am folgenden Morgen anfangen Das
Gerüst wurde eingerichtet die Farben waren zubereitet als er in der Kirche
oben allein stand und in die trüben Gitter hineinsah fühlte er sich
unbeschreiblich einsam er lächelte über sich selber dass er den Pinsel in der
Hand führe Er fühlte dass er nur als Handwerker gedungen sei etwas zu machen
wobei ihm seine Kunstliebe ja sein Talent völlig überflüssig war »Was ist bis
jetzt von mir geschehen« sagte er zu sich selber »in Antwerpen habe ich einige
Konterfeie ohne sonderliche Liebe gemacht die Gräfin und Roderigo nachher
gemalt weil sie in ihn verliebt war und nun stehe ich hier um Denksprüche
schlecht geworfene Gewänder Hirsche und Wölfe neu anzustreichen«
    Indem hatten sich die Nonnen zur Hora versammelt und ihr feiner
wohlklingender Gesang schwung sich wundersam hinüber die erloschene Genoveva
schien danach hinzuhören die gemalten Kirchenfenster ertönten Eine neue Lust
erwachte in Franz er nahm Palette und Pinsel mit frischem Mut und färbte
Genovevens dunkles Gewand »Warum sollte ein Maler« sagte er zu sich »nicht
allenthalben auch am unwürdigen Orte Spuren seines Daseins lassen Er kann
allenthalben ein Monument seiner schönen Existenz schaffen vielleicht dass doch
ein seltener zarter Geist ergriffen und gerührt wird ihm dankt und aus den
Trübseligkeiten sich eine schöne Stunde hervorsucht« Er nahm sich nämlich vor
in dem Gesichte der Genoveva das Bildnis seiner teuren Unbekannten
abzuschildern so viel es ihm möglich war Die Figuren wurden ihm durch diesen
Gedanken teurer die Arbeit lieber
    Er suchte in seiner Wohnung das Bildnis hervor das ihm der alte Maler
gegeben hatte er sah es an und Emma stand unwillkürlich vor seinen Augen Sein
Gemüt war wunderbar beängstigt er wusste nicht wofür er sich entscheiden solle
Dieser Liebreiz diese Heiterkeit seiner Phantasie bei Emmas Angedenken die
lüsternen Bilder und Erinnerungen die sich ihm offenbarten und dann das
Zauberlicht das ihm aus dem Bildnisse des teuren Angesichts aus herrlicher
Ferne entgegenleuchtete die Gesänge von Engeln die ihn dorthin riefen die
schuldlose Kindheit die wehmütige Sehnsucht das Goldenste Fernste und
Schönste was er erwünschen und erlangen konnte daneben Sebastians Freude und
Erstaunen dazwischen das Grab
    Die Verworrenheit aller dieser Vorstellungen bemächtigte sich seiner so
sehr dass er zu weinen anfing und keinen Gedanken erhaschte der ihn trösten
konnte Ihm war als wenn seine innerste Seele in den brennenden Tränen sich aus
seinen Augen hinausweinte als wenn er nachher nichts wünschen und hoffen
dürfte und nur ungewisse irrende Reue ihn verfolgen könne Seine Kunst sein
Streben ein edler Künstler zu werden sein Wirken und Werden auf der Erde
erschien ihm als etwas Armseliges Kaltes und jämmerlich Dürftiges In Dämmerung
gingen die Gestalten der großen Meister an ihm vorüber er mochte nach keinem
mehr die Arme ausstrecken alles war schon vorüber und geendigt wovon er noch
erst den Anfang erwartete
    Er schweifte durch die Stadt und die bunten Häuser die Brücken die
Kirchen mit ihrer künstlichen Steinarbeit nichts reizte ihn es genau zu
betrachten es sich einzuprägen wie er sonst so gern tat in jedem Werke
schaute ihn Vergänglichkeit und zweckloses Spiel mit trüben Augen mit
spöttischer Miene an Die Mühseligkeit des Handwerkers die Emsigkeit des
Kaufmanns das trostlose Leben des Bettlers daneben schien ihm nun nicht mehr
wie immer durch große Klüfte getrennt sie waren Figuren und Verzierungen von
einem großen Gemälde Wald Bergstrom Gebirge Sonnenaufgang waren Anhang zur
trüben dunkeln Historie die Dichtkunst die Musik machten die Worte und
Denksprüche die mit ungeschickter Hand hineingeschrieben wurden »Jetzt weiß
ich« rief er im Unmute aus »wie dir zumute ist mein vielgeliebter Sebastian
erst jetzt lese ich aus mir selber deinen Brief erst jetzt entsetze ich mich
darüber dass du recht hast So kann keiner dem andern sagen und sprechen was er
denkt wenn wir selbst wie tote Instrumente die sich nicht beherrschen können
so angeschlagen werden dass wir dieselben Töne angeben dann glauben wir den
andern zu vernehmen«
    Die Melodie des Liedes von der Einsamkeit kam ihm ins Gedächtnis er konnte
es nicht unterlassen das Gedicht leise vor sich hinzusingen wobei er immer
durch die Straßen lief und sich endlich in das Getümmel des Marktes verlor
    Er stand im Gedränge still und ihm fiel bei dass vielleicht keiner von den
hier bewegten unzähligen Menschen seine Gedanken und seine Empfindungen kenne
dass er schon oft selbst ohne Arg herumgewandert sei dass er auch vielleicht in
wenigen Tagen alles vergessen habe was ihn jetzt erschüttre und er sich dann
wohl wieder klüger und besser als jetzt vorkomme Wenn er so in sein bewegtes
Gemüt sah so war es als wenn er in einen unergründlichen Strudel hinabschaute
wo Woge Woge drängt und schäumt und man doch keine Welle sondern kann wo alle
Fluten sich verwirren und trennen und immer wieder durcheinanderwirbeln ohne
Stillstand ohne Ruhe wo dieselbe Melodie sich immer wiederholt und doch immer
neue Abwechselung ertönt kein Stillstand keine Bewegung ein rauschendes
tosendes Rätsel eine endlose endlose Wut des erzürnten stürzenden Elements
    Käufer und Verkäufer schrien und lärmten durcheinander Fremde die sich
zurechtfragten Wagen die sich gewaltsam Platz machten Alle Arten von Esswaren
umher gelagert Kinder und Greise im Gewühl alle Stimmen und Zungen zum
verwirrten Unisono vereinigt Nach der andern Seite drängte sich das Volk voll
Neugier und Franz ward von dem ungestümen Strome mit ergriffen und fortgezogen
er bemerkte es kaum dass er von der Stelle kam
    Als er näher stand hörte er durch das Geräusch der Stimmen durch die
öftere Unterbrechung Fragen Antworten und Verwunderung folgendes Lied singen
»Wie über Matten
Die Wolke zieht
So auch der Schatten
Vom Leben flieht
Die Jahre eilen
Kein Stillestand
Und kein Verweilen
Sie hält kein Band
Nur Freude kettet
Das Leben hier
Der Frohe rettet
Die Zeiten schier
Ihm sind die Stunden
Was Jahre sind
Sind nicht verschwunden
Wer so gesinnt
Ihm sind die Küsse
Der goldne Wein
Noch mal so süße
Im Sonnenschein
Ihm naht kein Schatten
Vergänglichkeit
Für ihn begatten
Sich Freud und Zeit
Drum nehmt die Freude
Und sperrt sie ein
Dann müsst ihr beide
Unsterblich sein«
Es war ein Mädchen die dieses Lied absang indem kam Franz durch eine
unvermutete Wendung dicht an die Sängerin zu stehen das Gedränge presste ihn an
sie und indem er sie genau betrachtete glaubte er Ludovico zu erkennen Jetzt
hatte ihn der Strom von Menschen wieder entfernt und er konnte daher seiner
Sache nicht gewiss sein ein Leierkasten fiel ihm mit seinen schwerfälligen Tönen
in die Ohren und eine andre Stimme sang
»Aus Wolken kommt die frohe Stunde
O Mensch gesunde
Lass Leiden sein und Bangigkeit
Wenn Liebchens Kuss dein Herz erfreut
In Küssen webt ein Zaubersegen
Drum sei verwegen
Was schadets wenn der Donner rollt
Wenn nur der rote Mund nicht schmollt«
Franz war erstaunt denn er glaubte in diesem begleitenden Sänger Florestan zu
erkennen Er war wie ein alter Mann gestaltet und verstellte wie Sternbald
glaubte auch seine Stimme doch war er noch zweifelhaft  In kurzer Zeit hatte
er beide aus den Augen verloren sosehr er sich auch bemühte sich durch die
Menschen hindurchzudrängen
    Die beiden Gestalten lagen ihm immer im Sinne er ging zum Kloster zurück
aber er konnte sie nicht vergessen er wollte sie wieder aufsuchen aber es war
vergebens Indem er malte kam die Äbtissin mit einigen Nonnen hinzu um ihm bei
der Arbeit zuzusehn die größte von ihnen schlug den Schleier zurück und Franz
erschrak über die Schönheit über die Majestät eines Angesichts die ihm
plötzlich in die Augen fielen Diese reine Stirn diese großen dunkeln Augen
das schwermütige unaussprechlich süße Lächeln der Lippen nahm sein Auge
gleichsam mit Gewalt gefangen sein Gemälde jede andre Gestalt kam ihm gegen
diese Herrlichkeit trübe und unscheinbar vor Er glaubte auch noch nie einen so
schlanken Wuchs gesehen zu haben ihm fielen ein paar Stellen aus alten
Gedichten ein wo der Dichter von der siegenden Gewalt der Allerholdseligsten
sprach von der unüberwindlichen Waffenrüstung ihrer Schöne  Ein altes Lied
sagte
Lass mich los um Gottes willen
Gib mich armen Sklaven frei
Lass die Augen dir verhüllen
Dass ihr Glanz nicht tödlich sei
Musst du mich in Ketten schleifen
Stärker als von Demantstein
Muss das Schicksal mich ergreifen
Ich ihr Kriegsgefangner sein 
»Wie« dachte Sternbald »muss dem Manne sein dem sich diese Arme freundlich
öffnen dem dieser heilige Mund den Kuss entgegenbringt Die Grazie dieser
übermenschlichen Engelsgestalt ganz sein Eigentum«
    Die Nonne betrachtete das Gemälde und den Maler in einer nachdenklichen
Stellung keine ihrer Bewegungen war lebhaft aber wider Willen ward das Auge
nachgezogen wenn sie ging wenn sie die Hand erhob das Auge war entzückt in
den Linien mitzugehn die sie beschrieb Franz gedachte an Roderigos Worte der
von der Gräfin gesagt hatte dass sie in Bewegungen Musik schriebe dass jede
Biegung der Gelenke ein Wohllaut sei
    Sie gingen fort der Gesang der Nonnen erklang wieder Franz fühlte sich
verlassen dass er nicht neben der schönen Heiligen knien konnte ganz in Andacht
hingegossen die Augen dahin gerichtet wohin die ihrigen blickten er glaubte
dass das allein schon ein höchst seliges Gefühl sein müsse nur mit ihr dieselben
Worte zu singen zu denken Wie widerlich waren ihm die Farben die er
auftragen die Figuren die er neu beleben sollte
    Auf den Abend sprach er den Bildhauer Er schilderte ihm die Schönheit die
er gesehen hatte Augustin schien beinahe eifersüchtig Er erzählte wie es
dasselbe Mädchen sei das in kurzem das Gelübde ablegen werde von der der
Köhler gesprochen habe sie sei mit ihrem Stande unzufrieden müsse sich aber
dem Willen der Eltern fügen »Ihr habt recht« fuhr er gegen Franz fort »wenn
Ihr sie eine Heilige nennt ich habe noch nie eine Gestalt gesehen die etwas so
Hohes so Überirdisches ausgedrückt hätte Und nun denkt Euch diesen züchtigen
Busen entfesselt diese Wangen mit Scham und Liebe kämpfend diese Lippen in
Küssen entbrannt das große Auge der Trunkenheit dahingegeben dies Himmlische
des Weibes im Widerspruch mit sich selbst und doch ihre schönste Bestimmung
erfüllend  oh wer auf weiter Erde ist denn glückseliger und gebenedeiter als
dieser ihr Geliebter Höhere Wonne wird auf dieser mageren Erde nicht reif und
wem diese bescheret ist vergisst die Erde und sich und alles«
    Er schien noch weitersprechen zu wollen aber plötzlich brach er ab und
verließ Sternbald der im unnützen Nachsinnen verloren war
    Franz hatte noch keine seiner Arbeiten mit dieser Unentschlossenheit und
Beklemmung gemacht er schämte sich eigentlich seines Malens an diesem Orte
besonders in Gegenwart der majestätischen Gestalt Sie besuchte ihn regelmäßig
und betrachtete ihn genau Ihre Gestalt prägte sich jedesmal tiefer in seine
Phantasie er schied immer weniger gern
    Die Malerei ging rascher fort als er sich gedacht hatte Die Genoveva
machte er seiner teuren Unbekannten ähnlich er suchte den Ausdruck ihrer
Physiognomie zu erhöhen und den geistreichen Schmerz gut gegen die unschuldigen
Gesichter der Tiergestalten abstechen zu lassen Wenn die Orgel zuweilen
ertönte fühlte er sich wohl selbst in schauerliche Einsamkeit entrückt dann
fühlte er Mitleid mit der Geschichte die er darstellte ihn erschreckte dann
der wehmütige Blick den die Unbekannte von der Wand herab auf ihn warf die
Tiere mit ihren Denksprüchen rührten ihn innerlich Aber fast immer sehnte er
sich zu einer andern Arbeit hin
    Manchmal glaubte er dass die schöne Nonne ihn mit Teilnahme und Rührung
betrachte denn es schien zuweilen als wenn sie jeden seiner Blicke
aufzuhaschen suchte sooft er die Augen auf sie wandte begegnete er ihrem
bedeutenden Blicke Er wurde rot der Glanz ihrer Augen traf ihn wie ein Blitz
Die Äbtissin hatte sich an einem Morgen auf eine Weile entfernt die übrigen
Nonnen waren nicht zugegen und Sternbald war gerade unten am Gemälde
beschäftigt als das schöne Mädchen ihm plötzlich ein Papier in die Hand
drückte Er wusste nicht wie ihm geschah er verbarg es schnell Die
wunderbarste Zeit des Altertums mit allen ihren ungeheuren Märchen dünkte ihm
wäre ihm nahegetreten hätte ihn berührt und sein gewöhnliches Leben sei auf
ewig völlig entschwunden Seine Hand zitterte sein Gesicht glühte seine Augen
irrten umher und scheuten sich den ihrigen zu begegnen Er schwur ihr im
Herzen Treue und feste Kühnheit er unternahm jegliche Gefahr ihm schien es
Kleinigkeit das Grässlichste um ihrentwillen zu unternehmen Er sah im Geiste
Entführung und Verfolgung vor sich er flüchtete sich schon in Gedanken zu
seiner Genoveva in die unzugängliche Wüste
    »Wer hätte das gedacht« sagte er zu sich »als ich zuerst den steinernen
Fußboden dieses Klosters betrat dass hier mein Leben einen neuen Anfang nehmen
würde dass mir das gelingen könne was ich für das Unmöglichste hielt«
    Indem versammelten sich die Nonnen auf dem Chor die Glocke schlug ihre
Töne die ihm ins Herz redeten man ließ ihn allein und der herzdurchdringende
einfache Gesang hob wieder an Er konnte kaum atmen so schienen ihn die Töne
wie mit mächtigen Armen zu umfassen und sich dicht an seine entzückte Brust zu
drücken
    Als alles wieder ruhig war als er sich allein befand nahm er den Brief
wieder hervor seine Hand zitterte als er ihn erbrechen wollte aber wie
erstaunte er als er die Aufschrift An Ludovico las  Er schämte sich vor
sich selber er stand eine Weile tief nachsinnend dann arbeitete er mit neuer
Inbrunst am Antlitz seiner Heiligen weiter er konnte den Zusammenhang nicht
begreifen alle seine Sinne verwirrten sich Das Gemälde schien ihn mit seinen
alten Versen anzureden Genoveva ihm seine Untreue seinen Wankelmut
vorzuwerfen
    Es war Abend geworden als er das Kloster verließ Er ging über den Kirchhof
nach dem Felde zu als ihm wieder die dumpfen Leiertöne auffielen Der Alte kam
auf ihn zu und nannte ihn bei Namen Es war niemand anders als Florestan
    Sternbald konnte sich vor Erstaunen nicht finden aber jener sagte »Sieh
mein Freund dies ist das menschliche Leben wir nahmen vor kurzem so wehmütig
Abschied voneinander und nun triffst du mich so unerwartet und bald wieder und
zwar als alten Mann Sei künftig niemals traurig wenn du einen Freund
verlässest Aber hast du nichts an Ludovico abzugeben«
    Sternbald ahndete nun den Zusammenhang mit zitternder Hand gab er ihm den
Brief den er von der Nonne empfangen hatte Florestan empfing ihn freudig Als
Franz ihn weiter befragte antwortete er lustig »Sieh mein Freund wir sind
jetzt auf Abenteuer Ludovico liebt sie sie ihn in wenigen Tagen will er sie
entführen alle Anstalten dazu sind getroffen ich führe bei ihm ein Leben wie
im Himmel alle Tage neue Gefahren die wir glücklich überstehn neue Gegenden
neue Lieder und neue Gesinnungen«
    Franz wurde empfindlich »Wie« sagte er im Eifer »soll auch sie ein
Schlachtopfer seiner Verführungskunst seiner Treulosigkeit werden Nimmermehr«
    Rudolph hörte darauf nicht sondern bat ihn nur einen Augenblick zu
verweilen er müsse Ludovico sprechen würde aber sogleich zurückkommen Vor
allen Dingen aber solle er dem Bildhauer Bolz nicht ein Wort davon entdecken
    Franz blieb allein und konnte sich über sich selbst nicht zufriedengeben er
wusste nicht was er zu allem sagen solle Er setzte sich unter einem Baume
nieder und Rudolph kam nach kurzer Zeit zurück »Hier mein liebster Freund«
sagte dieser »diesen Zettel musst du morgen deiner schönen Heiligen übergeben
er entscheidet ihr Schicksal«
    »Wie« rief Franz bewegt aus »soll ich mich dazu erniedrigen das
herrlichste Geschöpf vernichten zu helfen Und du Rudolph kannst mit diesem
Gleichmute ein solches Unternehmen beginnen Nein mein Freund ich werde sie
vor dem Verführer warnen ich werde ihr raten ihn zu vergessen wenn sie ihn
liebt ich werde ihr erzählen wie er gesinnt ist«
    »Sei nicht unbesonnen« sagte Florestan »denn du schadest dadurch dir und
allen Sie liebt ihn sie zittert vor dem Tage ihrer Einkleidung die Flucht ist
ihr freier Entschluss was geht dich das übrige an Und Ludovico wird und kann
ihr nicht niedrig begegnen  Seit er sie kennt ist er möchte ich sagen
durchaus verändert Er betet sie an wie ein himmlisches überirdisches Wesen
er will sie zu seiner Gattin machen und ihr die Treue seines Lebens widmen
Aber lebe wohl ich habe keine Zeit zu verlieren sprich zum Bildhauer kein
Wort ich lasse dir den Brief denn du bist mein und Ludovicos Freund und wir
trauen dir beide keine Schändlichkeit zu«
    Mit diesen Worten eilte Florestan fort und Sternbald ging zur Stadt zurück
Er wich dem Bildhauer aus um sich nicht zu verraten Am folgenden Morgen
erwartete er mit Herzklopfen die Gelegenheit mit der er der schönen Nonne das
Billet zustecken könne Sie nahm es mit Erröten und verbarg es im Busen Über
ihr lilienweisses Gesicht legte sich ein so holdes Schamrot ihre gesenkten Augen
glänzten so hell dass Franz ein vom Himmel verklärtes Wesen vor sich zu sehen
glaubte Sie schien nun ein Vertrauen zu Franz zu haben und doch seine Augen zu
fürchten ihre Majestät war sanfter und um so lieblicher Franz war im innersten
Herzen bewegt
    Die Zeit verging die Arbeit am Gemälde nahte sich ihrer Vollendung Bolz
schien mit einem großen Unternehmen schwanger zu gehen seinem Freunde Sternbald
sich aber nicht ganz vertrauen zu wollen An einem Morgen als er wieder zum
Malen ging es war der letzte Tag seiner Arbeit fand er das ganze Kloster in
der größten Bewegung Alle liefen unruhig durcheinander man suchte man fragte
man erkundigte sich die schöne Novize ward vermisst der Tag ihrer Einkleidung
war ganz nahe Sternbald ging schnell an seine Arbeit sein Herz war unruhig er
war ungewiss ob er sich etwas vorzuwerfen habe
    Wie freute er sich als er nun das Gemälde vollendet hatte als er wusste
dass er das Kloster nicht mehr zu besuchen brauche in welchem die Schönheit
nicht mehr war die seine Augen nur zu gern aufgesucht hatten Er erhielt von
der Äbtissin seine Bezahlung betrachtete das Gemälde noch einmal und ging dann
übers Feld nach der Stadt zurück
    Er zitterte für seine Freunde für die schöne Nonne er suchte den Bildhauer
auf der aber nirgends anzutreffen war Er verließ schon am folgenden Morgen die
Stadt um sich endlich Italien zu nähern und Rom den erwünschten Ort zu sehen
    Gegen Mittag fand er am Wege den Bildhauer Bolz liegen der ganz entkräftet
war Franz erstaunte nicht wenig ihn dort zu finden Mit Hilfe einiger
Vorüberwandernden brachte er ihn ins nahe Städtchen er war verwundet
entkräftet und verblutet aber ohne Gefahr
    Franz sorgte für ihn und als sie allein waren sagte Augustin »Ihr trefft
mich hier mein Freund gewiss gegen Eure Erwartung an ich härte Euch mehr
vertrauen und mich früher Eurer Hilfe bedienen sollen so wäre mir dies Unglück
nicht begegnet Ich wollte die Nonne die man in wenigen Tagen einkleiden
wollte entführen ich beredete Euch deshalb Euch im Kloster dort zu verdingen
Aber man ist mir zuvorgekommen In der verwichenen Nacht traf ich sie in
Gesellschaft von zwei unbekannten Männern ich fiel sie an und ward überwältigt
Ich zweifle nicht dass es ein Streich von Roderigo ist der sie kannte und sie
schon vor einiger Zeit rauben wollte«
    Franz blieb einige Tage bei ihm bis er sich gebessert hatte dann nahm er
Abschied und ließ ihm einen Teil seines Geldes zur Pflege des Bildhauers
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                                Drittes Kapitel
Aus Florenz antwortete Franz seinem Freunde Sebastian folgendermaßen
Liebster Sebastian
Ich möchte zu Dir sagen sei gutes Muts wenn Du jetzt imstande wärest auf
meine Worte zu hören Aber leider ist es so beschaffen dass wenn der andre uns
zu trösten vermöchte wir uns auch selber ohne weiteres trösten könnten Darum
will ich lieber schweigen liebster Freund weil überdies wohl bei Dir die
trüben Tage vorübergegangen sein mögen
    In jedem Falle lieber Bruder verliere nicht den Mut zum Leben bedenke
dass die traurigen Tage ebenso gewiss als die fröhlichen vorübergehen dass auf
dieser veränderlichen Welt nichts eine dauernde Stelle hat Das sollte uns im
Unglück trösten und unsre übermütige Fröhlichkeit dämpfen
    Wenn ich Dich doch mein Liebster auf meiner Reise bei mir hätte Wie ich
da alles mehr und inniger genießen würde Wenn ich Dir nur alles sagen könnte
was ich lerne und erfahre und wie viel Neues ich sehe und schon gesehen habe
Es überschüttet und überwältigt mich oft so dass ich mich ängstige wie ich
alles im Gedächtnis in meinen Sinnen aufbewahren will Die Welt und die Kunst
ist viel reicher als ich vorher glauben konnte Fahre nur eifrig fort zu malen
Sebastian damit Dein Name auch einmal unter den würdigen Künstlern genannt
werde Dir gelingt es gewiss eher und besser als mir Mein Geist ist zu unstet
zu wankelmütig zu schnell von jeder Neuheit ergriffen ich möchte gern alles
leisten und darüber werde ich am Ende gar nichts tun können
    So ist mein Gemüt aufs heftigste von zwei neuen großen Meistern bewegt vom
venezianischen Tizian und von dem allerlieblichsten Antonio Allegri von
Korreggio Ich habe möcht ich sagen alle übrige Kunst vergessen indem diese
edlen Künstler mein Gemüt erfüllen doch hat der letztere auch beinahe den
ersteren verdrängt Ich weiß mir in meinen Gedanken nichts Holdseligers
vorzustellen als er uns vor die Augen bringt die Welt hat keine so liebliche
so vollreizende Gestalten als er zu malen versteht Es ist als hätte der Gott
der Liebe selber in seiner Behausung gearbeitet und ihm die Hand geführt
Wenigstens sollte sich nach ihm keiner unterfangen Liebe und Wollust
darzustellen denn keinem andern Geiste hat sich so das Glorreiche der
Sinnenwelt offenbart
    Es ist etwas Köstliches Unbezahlbares Göttliches dass ein Maler was er in
der Natur nur Reizendes findet was seine Imagination nur veredeln und vollenden
kann uns nicht in Gleichnissen in Tönen in Erinnerungen oder Nachahmungen
aufbewahrt sondern es auf die kräftigste und fertigste Weise selber hinstellt
und gibt Darum ist auch in dieser Hinsicht die Malerei die erste und
vollendeteste Kunst das Geheimnis der Farben ist anbetungswürdig Der Reiche
der Korreggios Gemälde seine Leda seine badenden schönsten Nymphen besitzt
hat sie wirklich sie blühen in seinem Palaste in ewiger Jugend der
allerhöchste Reiz ist bei ihm einheimisch wonach andre mit glühender Phantasie
suchen was Stumpfere mit ihren Sinnen sich nicht vorstellen können lebt und
webt bei ihm wirklich ist seine Göttin seine Geliebte sie lächelt ihn an sie
ist gern in seiner Gegenwart
    Wie ist es möglich wenn man diese Bilder gesehen hat dass man noch vom
Kolorit geringschätzend sprechen kann Wer würde nicht von der Allmacht der
Schönheit besiegt werden wenn sie sich ihm nackt und unverhüllt ganz in Liebe
hingegeben zu zeigen wagte  Das Studium dieser himmlischen Jugendgeister hat
die große Zauberei erfunden dies und noch mehr unsern Augen möglich zu machen
    Was die Gesänge des liebenden Petrarka wie aus der Ferne herüberwehen
Schattenbilder im Wasser die mit den Wogen wieder wegfliessen was Ariosts
feuriger Genius nur lüstern und in der Ferne zeigen kann wonach wir sehen und
es doch nicht entdecken können im Walde fernab die ungewissesten Spuren die
dunkeln Gebüsche verhüllen es sosehr wir danach irren und suchen alles das
steht in der allerholdseligsten Gegenwart dicht vor uns Es ist mehr als wenn
Venus uns mit ihrem Knaben selber besuchte der Genuss an diesen Bildern ist die
hohe Schule der Liebe die Einweihung in die höchsten Mysterien wer diese
Gemälde nicht verehrt versteht und sich an ihnen ergötzt der kann auch nicht
lieben der muss nur gleich sein Leben an irgendeine unnütze mühselige
Beschäftigung wegwerfen denn ihm ist es verborgen was er damit anfangen kann
    Eine Zeichnung mag noch so edel sein die Farbe bringe erst die Lebenswärme
und ist mehr und inniger als der körperliche Umfang der Bildsäule
    Auch in seinen geistlichen Kompositionen spiegelt sich eine liebende Seele
der Gürtel der Venus ist auch hier verborgen und man weiß immer nicht welche
seiner Figuren ihn heimlich trägt Auge und Herz bleiben gern verweilend
zurückgezogen der Mensch fühlt sich bei ihm in der Heimat der glücklichsten
Poesie er denkt ja das war es was ich suchte was ich wollte und es immer zu
finden verzweifelte Vulkans künstliches Netz zieht sich unzerreissbar um uns
her und schließt uns eng und enger an Venus die vollendete Schönheit an
    Es herrscht in seinen Bildern nicht halbe Lüsternheit die sich verstohlen
und ungern zu erkennen gibt die der Maler erraten lässt der sich gleich darauf
gern wieder zurückzöge um viel zu verantworten zu haben sich aber auch
wirklich zu verantworten es ist auch nicht gemeine Sinnlichkeit die sich gegen
den edleren Geist empört um sich nur blosszustellen um in frecher Schande zu
triumphieren sondern die reinste und hellste Menschheit die sich nicht schämt
weil sie sich nicht zu schämen braucht die in sich selbst durchaus glückselig
ist Es ist so möcht ich sagen der Frühling die Blüte der Menschheit alles
im vollen schwelgenden Genuss alle Schönheit emporgehoben in vollster
Herrlichkeit alle Kräfte spielend und sich übend im neuen Leben im frischen
Dasein Herbst ist weitab Winter ist vergessen und unter den Blumen unter den
Düften und grünglänzenden Blättern wie ein Märchen von Kindern erfunden
    Es ist als wenn ich mit der weichen ermattenden und doch erfrischenden
Luft Italiens eine andere Seele einzöge als wenn mein inneres Gemüt auch einen
ewigen Frühling hervortriebe wie er von außen um mich glänzt und schwillt und
sich treibend blüht Der Himmel hier ist fast immer heiter alle Wolken ziehen
nach Norden so auch die Sorgen die Unzufriedenheit Oh liebster Bruder Du
solltest hiersein die Harfenstimmen der Geister die Blumenhände der
unsichtbaren Engel würden auch Dich berühren und heilen
    
    In wenigen Tagen reise ich nach Rom Ein verständiger Mann der die Kunst
über alles liebt ist mein Begleiter er und seine junge schöne Frau reisen
ebenfalls nach Rom Er heißt Kastellani
    Ich habe mancherlei unterdessen gearbeitet womit ich aber nicht sonderlich
zufrieden bin doch erleichtert mir mein Verdienst die Reise Lass es mir doch
niemals an Nachrichten von Dir mangeln Lebe wohl liebe immer wie sonst
                                                         Deinen Franz Sternbald
 
                                Viertes Kapitel
Franz blieb länger in Florenz als er sich vorgenommen hatte sein neuer Freund
Kastellani ward krank und Sternbald war gutherzig genug ihm Gesellschaft zu
leisten da jener zu Florenz fast ganz fremde war Er konnte den Bitten seiner
jungen Frau der freundlichen Lenore sich nicht widersetzen und da er in
Florenz für seine Kunst noch genug zu lernen fand so gereute ihn auch dieser
Abschub nicht
    Es ereignete sich außerdem noch ein sonderbarer Vorfall Es fügte sich oft
dass er bei seinen Besuchen seinen Freund nicht sprechen konnte Lenore war dann
allein und noch ehe er es bemerken konnte war er an sie gefesselt Er kam bald
nur um sie zu sehen Lenore schien gegen Franz sehr gefällig ihre schalkhaften
Augen sahen ihn immer lustig an ihr mutwilliges Gespräch war immer belebt An
einem Morgen entdeckte sie ihm unverhohlen dass Kastellani nicht mit ihr
verheiratet sei sie reise sie lebe nur mit ihm in Turin habe sie ihn
kennengelernt und er sei ihr damals liebenswürdig vorgekommen Franz war sehr
verlegen was er antworten solle ihn entzückte der leichte flatterhafte Sinn
dieses Weibes obgleich er ihn verdammen musste ihre Gestalt ihre
Freundlichkeit gegen ihn Sie sahen sich öfter und waren bald einverstanden
Franz machte sich Vorwürfe aber er war zu schwach dies Band wieder zu
zerreißen
    Es gelang ihm mit einem Maler in Florenz in Bekanntschaft zu geraten der
niemand anders war als Franz Rustici der damals in dieser Stadt und Italien in
großem Ansehen stand Dieser verschafte ihm ein Bild zu malen und schien an
Sternbald Anteil zu nehmen Sie sahen sich öfter und Franz ward in Rusticis
Freundschaft aufgenommen
    Dieser Maler war ein lustiger offener Mann der ernst sein konnte wenn er
wollte aber immer für leichten Scherz Zeit genug übrigbehielt Franz besuchte
ihn oft um von ihm zu lernen und sich an seinen sinnreichen Gesprächen zu
ergötzen Rustici war ein angesehener Mann in Florenz aus einer guten Familie
der bei Andrea Verocchio und dem berühmten Leonard da Vinci seine Kunst erlernt
hatte Franz bewunderte den großen Ausdruck an seinen Bildern die
wohlüberdachte Komposition
    Nachdem sich beide oft gesehen hatten sagte Rustici an einem Tage zu
Sternbald »Mein lieber deutscher Freund besucht mich am künftigen Sonnabend in
meinem Garten vor dem Tore wir wollen dort lustig miteinander sein wie es sich
für Künstler ziemt Wir machen oft eine fröhliche Gesellschaft zusammen zu der
der Maler Andrea gehört den Ihr kennt und den man immer del Sarto von seinem
Vater her zu nennen pflegt dieser wird auch dort sein Die Reihe einen Schmaus
zu geben ist nun an mich gekommen Ihr mögt auch Eure Geliebte mitbringen denn
wir wollen tanzen lachen und scherzen«
    »Wenn ich nun keine habe die ich mitbringen kann« antwortete Franz
    »Oh mein Freund« sagte der Florentiner »ich würde Euch für keinen guten
Künstler halten wenn es Euch daran fehlen sollte Die Liebe ist die halbe
Malerei sie gehört mit zu den Lehrmeistern in der Kunst Vergesst mich nicht
und seid in meiner Gesellschaft recht fröhlich«
    Franz verließ ihn Kastellani war nach Genua gereist um dort einen Arzt
seinen Freund zu sehen seine Geliebte war in Florenz zurückgeblieben Franz
bat um ihre Gesellschaft auf den kommenden Schmaus die sie ihm auch zusagte da
sie sich wenig um die Reden der Leute kümmerte
    Der Tag des Festes war gekommen Lenore hatte ihren schönsten Putz angelegt
und war liebenswürdiger als gewöhnlich Franz war zufrieden dass sie
Aufmerksamkeit und Flüstern erregte als er sie durch die Straßen der Stadt
führte Sie schien sich auch an seiner Seite zu gefallen denn Franz war jetzt
in der blühendsten Periode seines Lebens sein Ansehen war munter sein Auge
feurig seine Wangen rot sein Schritt und Gang edel beinahe stolz Er hatte
die Demut und Schüchternheit fast ganz abgelegt die ihn bis dahin immer noch
als einen Fremden kennbar machte Er geriet nun nicht mehr so wie sonst in
Verlegenheit wenn ein Maler seine Arbeiten lobte weil er sich auch daran mehr
gewöhnt hatte
    Sternbald fand schon einen Teil der Gesellschaft versammelt die ganz aus
jungen Männern und Mädchen oder schönen Weibern bestand Er grüßte den Meister
Andrea freundlich der ihn schon kannte und der ihm mit seiner gewöhnlichen
leichtsinnigen und doch blöden Art dankte Man erwartete den Wirt von dem sein
Schüler Bandinelli erzählte dass er nur noch ein fertiges Gemälde in der Stadt
nach dem Eigentümer gebracht habe und eine ansehnliche Summe dafür empfangen
werde
    Der Garten war anmutig mit Blumengängen geschmückt mit schönen grünen
Rasenplätzen dazwischen und dunkeln schattigen Gängen Das Wetter war schön
ein erfrischender Wind spielte durch die laue Luft und erregte ein stetes
Flüstern in den bewegten Bäumen Die großen Blumen dufteten alle Gesichter
waren fröhlich
    Francesco Rustici kam endlich nachdem man ihn lange erwartet hatte er
näherte sich der Gesellschaft freundlich und hatte das kleine Körbchen in der
Hand in dem er immer seine Barschaft zu tragen pflegte Er grüßte alle höflich
und bewillkommte Franz vorzüglich freundschaftlich Andrea ging aufgeräumt auf
ihn zu und sagte »Nun Freund du hast noch vorher ein ansehnliches Geschäft
abgemacht lege deinen Schatz ab der dir zur Last fällt vergiss deine
Malereien und sei nun ganz mit uns fröhlich«
    Francesco warf lachend den leeren Korb ins Gebüsch und rief aus »Oh mein
Freund heute fallen mir keine Geldsummen zur Last ich habe nichts mehr«
    »Du bist nicht bezahlt worden« rief Andrea aus »ja ich kenne die
vornehmen und reichen Leute die es gar nicht wissen und nicht zu begreifen
scheinen in welche Not ein armer Künstler geraten kann der ihnen nun endlich
seine fertige Arbeit bringt und doch mit leeren Händen wieder zurückgehen muss
Ich bin manchmal schon so böse geworden dass ich Pinsel und Palette nachher in
den Winkel warf und die ganze Malereikunst verfluchte Sei nicht böse darüber
Francesco du musst dich ein paar unnütze Gänge nicht verdrießen lassen«
    »Er ist bezahlt« sagte ein junger Mann der mit dem Maler gekommen war
    »Und wo hat er denn sein Geld gelassen« fragte Andrea verwundert
    »Ihr kennt ja seine Art« fuhr jener fort »wie er keinen Armen vor sich
sehen kann ohne ihn zu beschenken wenn er Geld bei sich hat Kaum sahen sie
ihn daher heute aus dem Palast kommen und seinen bekannten Korb an seinem Arm
als ihm auch alle Bettler folgen die mit seiner Gutherzigkeit bekannt sind Er
gab jedem reichlich und nahm es nicht übel dass einige darunter waren denen er
erst gestern gegeben hatte als ich es ihm heimlich sagte antwortete er
lachend Mein Freund sie wollen aber heute wieder essen Ein alter Mann stand
von der Seite und sah dem Austeilen zu er heftete die Augen aufmerksam auf den
Korb und seufzte für sich Ach Gott wenn ich doch nur das Geld hätte das in
diesem Korbe ist Francesco hatte es unvermuteterweise gehört Er geht auf den
Alten zu und frägt ob es ihn glücklich machen würde Oh mich und meine
Familie ruft jener aber seid nicht böse ich dachte nicht dass Ihr es hören
würdet  Sogleich kehrt mein launiger Francesco den ganzen Korb um und
schüttet ihn dem alten Bettler in seine lederne Mütze geht davon ohne auch nur
den Dank abzuwarten«
    »Ihr seid ein edler Mann« rief Sternbald aus
    »Oh Ihr irrt« sagte der Maler »es ist gar nichts Besonderes ich kann den
Armen nicht sehen es jammert mich und so gebe ich ihm wenigstens da ich nicht
mehr tun kann Bei diesem Alten fiel mir ein wie manche unnütze Ausgaben ich in
meinem Leben schon gemacht hätte wie wenig ich aufopfre wenn ich mir eine
Tapete oder ein kostbares Hausgerät versage Ich dachte Wenn du nun kein Geld
bekommen wenn du das Gemälde gar nicht gemalt hättest Ich sah Kinder und seine
alte zerlumpte Gattin in Gedanken vor mir die mit so heißer Sehnsucht seine
Rückkehr erwarteten«
    »Aber wenn du so handeln willst« sagte Andrea »so kannst du deinem Geben
gar keinen Einhalt tun«
    »Das ist es eben was mich betrübt« fuhr Rustici fort »dass ich meine
Gutherzigkeit einschränken muss dass alles was wir an Wohltaten tun können
nichts ist weil wir nicht immer weil wir nicht alles geben können Es ist eine
sonderbare Fügung des Schicksals dass Überfluss und Pracht und drückender Mangel
dicht nebeneinander bestehen müssen die Armut auf Erden kann niemals aufgehoben
werden und wenn alle Menschen gleich wären müssten sie alle betteln und keiner
könnte geben Das allein tröstet mich auch oft darüber wenn mir einfällt dass
ich mich bei meiner Kunst wohl befinde indessen andre die weit härtere
Arbeiten tun die weit fleißiger sind Mangel leiden müssen Hier ist auf Erden
See und Weltmeer hier strömen große Flüsse dort leiden die heißen Ebenen die
wenigen Pflanzen ersterben aus Mangel am nötigen Wasser Einer soll gar nicht
dem andern nützen jedes Wesen in der Natur ist um sein selbst willen da 
Doch wir müssen über das Gespräch nicht unsers Gastmahls vergessen«
    Er versammelte hierauf die Gesellschaft Ein schöner Knabe ging mit einem
Korbe voll großer Blumenkränze herum jeder musste einen davon nehmen und ihn
sich auf die Stirn drücken Nun setzte man sich um einen runden Tisch der auf
einem schattigen kühlen Platze im Garten gedeckt war an allen Orten standen
schöne Blumen die Speisen wurden aufgetragen Die Gesellschaft nahm sich sehr
malerisch aus mit den großen vollen bunten Kränzen jeder saß bei seiner
Geliebten Wein ward herumgegeben aus den Gebüschen erschallten Instrumente von
unsichtbaren Musikanten
    Rustici stand auf und nahm ein volles Glas »Nun zuerst« rief er aus »dem
Stolze von Toskana dem größten Manne den das florentinische Vaterland
hervorgebracht hat dem großen Michael Agnolo Buonarotti«  Alle stießen an
alle ließ ihr »Er lebe« ertönen
    »Schade« sagte Andrea »dass unser wahnsinniger Kamillo uns verlassen hat
und jetzt in Rom herumwandert er würde uns eine Rede halten die sich gut zu
dieser Gelegenheit schickt«
    Muntere Trompeten ertönten zu den Gesundheiten und Flöten mit Waldhörnern
gemischt klangen wenn sie schwiegen vom entfernten Ende des Gartens Die
Schönen wurden erheitert sie legten nun auch den Schleier ab sie lösten die
Locken aus ihren Fesseln der Busen war bloß Franz sagte »Nur ein Künstler
kann die Welt und ihre Freuden auf die wahre und edelste Art genießen er hat
das große Geheimnis erfunden alles in Gold zu verwandeln In Italien ist es wo
die Wollust die Vögel zum Singen antreibt wo jeder kühle Baumschatten Liebe
duftet wo es dem Bache in den Mund gelegt ist von Wonne zu rieseln und zu
scherzen In der Fremde im Norden ist die Freude selbst eine Klage man wagt
dort nicht den vorüberschwebenden Engel bei seinem großen goldenen Flügel
herunterzuziehen«
    Ein Mädchen gegenüber nahm den Blumenstrauß von der weißen Brust und warf
ihn Franzen nach den Augen indem sie ausrief »Ihr solltet ein Dichter sein
Freund und kein Maler dann solltet Ihr lieben und Euch täglich in einem neuen
Sonette hören lassen«
    »Nehmt mich zu Eurem Geliebten an« rief Sternbald aus »so mögt Ihr mich
vielleicht begeistern Diese Blumen will ich als ein Andenken an Eure Schönheit
aufbewahren«
    »Sie welken« sagte jene »der liebliche Brunnquell aus dem ihr Duft
emporsteigt versiegt sie fallen zusammen sie lassen die Häupter sinken und
freilich vergeht alles so was schön genannt wird«
    Franz war von der wundervollen Versammlung von den Blumen den schönen
Mädchen Musik und Wein begeistert er stand auf und sang
»Warum Klagen dass die Blume sinkt
Und in Asche bald zerfällt
Dass mir heut ein lüstern Auge winkt
Und das Alter diesen Glanz entstellt
Ihm mit allen Kräften nachzuringen
Fest zu halten unsrer Schönen Hand 
Ja die Liebe leiht die mächtgen Schwingen
Von Vergänglichkeit sie knüpft das Band
Sagt was wäre Glück was Liebe
Keiner betete zu ihr
Wenn sie ewig bei uns bliebe
Schönheit angefesselt hier
Aber wenn auch keine Trennung droht
Eifersucht und Ungetreue schweigen
Alle sich der Liebe neigen
Fürchten gleich Geliebte keinen Tod 
Ach Vergänglichkeit knüpft schon die Ketten
Denen kein Entrinnen möglich bleibt
Lieb und Treue können hier nicht retten
Wenn die harte Zeit Gesetze schreibt
Darum geizen wir nach Küssen
Beugen Schönen unser Knie
Winke Lippen Lächeln grüßen
Allzuoft zur Freude nie«
Als er geendigt hatte schämte er sich seines Rausches und Rustici rief aus
»Seht meine Landsleute da einen Deutschen der uns Italiener beschämt Er wird
uns alle unsre Schönen abtrünnig machen«
    Andrea sagte »Ein Glück dass ich noch Bräutigam bin für meine Frau würd
ich sehr besorgt sein Aber seht ihn nur an jetzt sitzt er so ernstaft da als
wenn er auf eine Leichenrede dächte Mir fällt dabei mein Lehrer Piero di Kosimo
ein der immer von so vielen recht trübseligen Gedanken beunruhigt wurde der
sich vor dem Tode über alle Massen fürchtete der sich unter sonderbaren
Phantomen abängstigte und sich doch wieder an recht reizenden ja ich möchte
beinahe sagen leichtfertigen Phantasien ergötzte«
    Rustici sagte »Er war gewiss eins der seltsamsten Gemüter die noch auf
Erden gelebt haben seine Bilder sind zart und vom Geiste der Wollust und
Lieblichkeit beseelt und er saß gleich einem Gefangenen in sich selber
eingeschlossen seine Hand nur ragte aus dem Kerker hervor und hatte keinen
Teil an seinem übrigen Menschen Seine Kunst lustwandelte auf grüner Wiese
indem seine Phantasie den Tod herbeirief und tolle schwermütige Maskeraden
erfand«
    Das Gespräch der Maler ward hier unterbrochen denn die Mädchen und jungen
Leute sprachen von allerhand lustigen Neuigkeiten aus der Stadt wodurch die
Sprechenden überstimmt wurden Das lebhafte Mädchen das Laura hieß erzählte
von einigen Nachbarinnen aus der Stadt überaus fröhliche Geschichten die keiner
als Franz anstößig fand Er saß ihren schwarzen Augen gegenüber die ihn
unablässig verfolgten bei jeder lebhaften Bewegung wenn sie sich vorüberbog
machte sie den schönsten Busen sichtbarer ihre Arme wurden ganz frei und
zeigten die weisseste Rundung  Lenore ward etwas eifersüchtig und entblößte
ihre Arme um sie mit denen ihrer Gegnerin zu vergleichen die übrigen Mädchen
lachten
    Andrea und Francesco hatten sich abseits unter einen Baum gesetzt und
führten ein ernsthaftes Gespräch beide waren von Wein begeistert »Du verstehst
mich nicht« sagte Rustici mit vielem Eifer »der Sinn dafür ist dir
verschlossen ich gebe aber darum doch meine Bemühungen nicht auf Glaube nur
mein Bester dass zu allen großen Dingen eine Offenbarung gehört wenn sie sich
unsern Sinnen mitteilen sollen ein Gast muss plötzlich herabsteigen der unsern
Geist mit seinem fremden Einfluss durchdringt So ist es auch mit der erhabenen
Kunst der Alchimie beschaffen«
    »Es ist und bleibt immer unbegreiflich« sagte der langsamere Andrea »dass
du durch Zeichen und wunderbare unverständliche Verbindungen so viel ausrichten
willst«
    »Lass mich nur erst zum Ende kommen« eiferte Francesco »so sind diese
Verbindungen nicht mehr wunderbar so erscheint alles einfach und klar vor
unsern Augen Die anscheinende Verwirrung muss uns nur nicht abschrecken es ist
die Ordnung selbst die in diesen Buchstaben in diesen unverständlichen
Hieroglyphen uns gleichsam stammelnd oder wie aus der Ferne anredet Treten wir
nur dreist näher hinzu so wird jede Silbe deutlicher und wir verwundern uns
denn nur darüber dass wir uns vorher verwundern konnten Ein guter Geist hat dem
Sternbald eingegeben zu sagen dass sich alles unter der Hand des Künstlers in
Gold verwandle Wie schwierig ist der Anfang zu jeglicher Kunst Und wird nicht
alles in dieser Welt verwandelt und aus unkenntlichen Massen zu fremdartigen
Massen erzogen Warum soll es mit den Metallen anders sein Schweben nicht über
die ganze Natur wohltätige Geister die nur Seltsamkeiten aushauchen nur in
einer Atmosphäre von Unbegreiflichkeiten leben und so wie der Mensch alles sich
gleich oder ähnlich macht sie ebenso alle Elemente umher wenn sie noch so
feindselig sind noch so träge in der Alltäglichkeit sich herumbewegen anrühren
und in Wunder umschaffen An diese Geister müssen wir glauben um auf sie zu
wirken du musst der Begeisterung beim Malen vertrauen und du weißt nicht was
sie ist woher sie kommt die Geisteratmosphäre umweht dich und es geschieht 
mit unserm innerlichen Seelenotem müssen wir jene Geisterwelt herbeisaugen
unser Herz muss sie magnetisch an sich reißen und siehe sie muss ihrer Natur
nach durch ihre bloße Gegenwart das unbegreifliche Wunder wirken«
    Andrea wollte etwas antworten als die Trompeten laut ertönten und ihr
sonderbares Gespräch unterbrachen »Ihr seid« sagte die schalkhafte Laura
»sehr ernstaft geworden«
    »Verzeiht« antwortete der freundliche Rustici »ich kann meine Natur nicht
immer ganz beherrschen und alle süßen Töne der Instrumente und der Sängerin
ziehen sie zur Melancholie Ich habe mich oft gefragt woher warum aber ich
kann mir selber keine Rechenschaft geben«
    »Ihr werdet vielleicht dadurch an trübselige Gegenstände erinnert« sagte
Laura
    »Nein das ist es nicht« fuhr der Maler fort »sondern mir ist im Gegenteil
innerlich dann sehr wohl meine Freude die wie ein gefangener Adler in Ketten
gesessen hat schlägt nun mit einem Male die munteren tapfern Schwingen
auseinander Ich fühle wie die Kette zerreißt die mich noch an der Erde hielt
über die Wolken hinaus über die Bergspitzen hinüber der Sonne entgegen mein
Flug gewendet Aber nun verlieren sich unter mir die Farben und die
Abwechselungen und Absonderungen der bunten Welt Ich bin frei aber die
Freiheit genügt mir nicht ich kehre zurück und reiße mich von neuem empor Es
ist als wenn Stimmen mich erinnerten dass ich schon einst viel glücklicher
gewesen sei und dass ich auf dieses Glück von neuem hoffen müsse Die Musik ist
es nicht selbst die so zu mir spricht aber ich höre sie wie abgebrochene Laute
aus einer ehemaligen verlorenen Welt die ganz und durchaus nur Musik war die
nicht Teile Abgesonderheit hatte sondern wie ein einziger Wohllaut lauter
Biegsamkeit und Glück dahinschwebte und meinen Geist auf ihren weichen
Schwanenfedern trug statt dass er auch jetzt noch auf den süßesten Tönen wie auf
Steinen liegt und sein Unglück fühlt und beklagt«
    »So ist Euch nicht zu helfen phantastischer lieber Maler und Freund« sagte
Laura lachend indem sie ihm die weiße Hand reichte die er ehrerbietig küsste
Dann drehte sie sich von ihm und sprach im Getümmel der übrigen Mädchen umher
sie hatten beschlossen dass sie nun da es kühl geworden war einen munteren Tanz
aufführen wollten wie ihn die fröhlichen Landleute in Italien zu tanzen
pflegen
    Der Tanz ging vor sich aber Sternbald und Lenore blieben zurück weil er es
nicht wagen mochte diese leichten schnellen und ihm ungewöhnlichen Bewegungen
mitzumachen um die übrigen nicht durch seine Ungeschicklichkeit zu verwirren
Laura tanzte von allen am zierlichsten ohne alle Bemühung gelangen ihr die
schwierigsten Stellungen und die schnellsten Veränderungen Franz ergötzte sich
an den leichten flatternden Gewändern an den schön verschlungenen Figuren Die
zierlichsten Füße schwebten trippelten und sprangen auf und ab im Schwunge des
Rocks ward das leichte wohlgeformte Bein sichtbar weiße Arme und Busen üppige
Hüften die das Gewand deckte und verriet zogen das Auge nach sich und
verwirrten es in dem fröhlichen Tumult Laura und einige andre junge Mädchen
waren ausgelassen wenn sie im Sprunge in den Arm ihres Tänzers flogen hob
dieser sie im Schwunge hoch und in der Luft schwebend sangen sie Stellen aus
Liebesliedern in die Musik hinein
    Der wilde bacchantische Taumel war beschlossen ein andrer Tanz der
Zärtlichkeit ausdrückte wurde angeordnet auch Lenore und Sternbald schlossen
sich dem Reihen an  Eine sanfte Musik erklang die Paare umschlangen sich und
schwebten hinauf und hinab die Hände und Arme begegneten sich wieder und Busen
an Busen geschmiegt begann eine neue Wendung Da sah man die verführerischsten
Stellungen knüpfen alle Gelenke wurden biegsamer Franz war wie in Trunkenheit
verloren Die Luft duftete ihnen Wonne und Freude entgegen wie auf den Wellen
der Musik schwebte er an Lauras oder Lenorens Arm einher in jedem tanzenden
Gesicht kam ihm ein schalkhafter Engel entgegen der ihm Entzücken predigte Er
drückte Lauras Hand die seine Zärtlichkeit erwiderte
    Man ruhte im Schatten der Bäume aus Knaben gaben kühlende wohlschmeckende
Früchte herum die Schönen lagerten sich im Grase Andrea war vom Tanz erhitzt
und sagte »Seht mein Freund Sternbald so müsst ihr Deutsche erst nach Italien
kommen um zu lernen was schön sei hier erst offenbart sich euch Natur und
Kunst In eurem trüben Norden ist es der Imagination unmöglich ihre Flügel
auszudehnen und das Edle zu empfinden«
    »Mein Lehrmeister Albrecht Dürer« sagte Franz »den Ihr doch für einen
großen Mann erkennen müsst ist nicht hier gewesen«
    Andrea sagte »Wie sehr wünschen aber auch alle Kunstfreunde dass er sich
möchte hierherbemüht haben um erst einzusehn wie viel er ist und dann zu
lernen was er mit seinem großen Talente ausrichten könne So aber wie er ist
ist er merkwürdig genug doch ohne Bedeutung für die Kunst der Italiener mit
weit geringerem Talente wird doch immer den Sieg über ihn davontragen«
    »Ihr seid unbillig« fuhr Sternbald auf »ja undankbar denn ohne ihn ohne
seine Erfindungen würden sich manche Eurer Gemälde ohne Figuren behelfen
müssen«
    »Ihr müsst nicht heftig werden« sagte der lindernde Francesco »wahr ist es
Dürer ist Andreas hülfreicher Freund und vielleicht verlästert er ihn eben
darum weil er sich der Dienste zu gut bewusst ist die jener ihm geleistet hat
Aber wir wollen lieber ein Gespräch abbrechen das Euch nur erhitzt«
    Die Musik lärmte dazwischen Andrea der wenig streitsüchtig war gab seine
Meinung auf die Tänze fingen von neuem an Es wurde Abend manche von der
Gesellschaft gingen nach Hause einigen wurden von ihren Dienern Pferde
gebracht Rustici ließ eins der schönsten Pferde in den Garten kommen und
setzte sich hinauf indem er durch die Baumgänge ritt die mutwillige Laura ließ
sich zu ihm hinaufheben und in einem leichten Galopp ritt sie hin und her
indem sie vor dem Maler saß der sie mit seinen Armen festhielt Franz
bewunderte das schöne Gemälde er glaubte den Raub der Dejanire vor sich zu
sehen der Kranz in ihren Haaren schwankte und drohte herabzufallen leicht saß
sie oben und doch von einer kleinen Ängstlichkeit beunruhigt die sie noch
schöner machte das Pferd hob sich majestätisch auf seine Beute stolz Zwei
Trompeten bliesen einen mutigen Marsch die prächtigen Töne begleiteten die
Bewegungen des Rosses und der gewandte und starke Rustici saß wie ein Gott
oben
    Die zurückgebliebenen Freunde führte Francesco nun nach einem andern Teile
seines Gartens Hier war ein runder Zirkel von Bäumen und Festons und Girlanden
von allerhand Blumen hingen in den Zweigen und schaukelten im Abendwinde
farbige Lampen brannten dazwischen dämmernde Lauben waren in den Baumnischen
angelegt Wein und Früchte wurden genossen die zärtlichen Paare saßen
nebeneinander Musik ermunterte sie ihr Liebesgespräch zu führen
 
                                Fünftes Kapitel
Kastellani war zurückgekommen Franz hatte in seiner und Lenorens Gesellschaft
Florenz verlassen Jetzt waren sie vor Rom die Sonne ging unter alle stiegen
aus dem Wagen um den erhabenen Anblick zu genießen Eine mächtige Glut hing
über der Stadt das Riesengebäude die Peterskirche ragte über allen Häusern
hervor alle Gebäude sahen dagegen nur wie Hütten aus  Sternbalds Herz
klopfte er hatte nun das was er von Jugend auf immer mit so vieler Inbrunst
gewünscht hatte er stand nun an der Stelle die ihm so oft ahndungsvoll
vorgeschwebt war die er schon in seinen Träumen gesehen hatte
    Sie fuhren durchs Tor sie stiegen in ihrem Quartiere ab Sternbald fühlte
sich immer begeistert die Straßen die Häuser alles redete ihn an
    Kastellani war ein großer Freund der Kunst er studierte sie unablässig und
schrieb darüber sprach auch viel mit seinen Freunden Sternbald war sein
Liebling dem er gern alle seine Gedanken mitteilte dem er nichts verbarg Er
hatte in Rom viele Bekannte meistens junge Leute die sich an ihn schlossen
ihn oft besuchten und gewissermaßen eine Schule oder Akademie um ihn bildeten
Auch ein gewisser Kamillo dessen Andrea del Sarto schon erwähnt hatte besuchte
ihn Dieser Kamillo war ein Greis lang und stark der Ausdruck seiner Mienen
hatte etwas Seltsames seine großen feurigen Augen konnten erschrecken wenn er
sie plötzlich herumrollte Seine Art zu sprechen war ebenso auffallend er galt
bei allen seinen Bekannten für wahnsinnig sie behandelten ihn als einen
Unverständigen den man schonen müsse weil er der Schwächere sei Er sprach
wenig und hörte nur zu Kastellani war freundlich gegen ihn nahm aber sonst
mit ihm wenige Rücksicht
    Sternbald besuchte die Kirchen die Gemäldesammlungen die Maler Er konnte
nicht zur Ruhe kommen er sah und erfuhr so viel dass er nicht Zeit hatte seine
Vorstellungen zu ordnen dabei gab er sich Mühe mit jedem Tage in seinen
Begriffen weiterzukommen und in das eigentliche Wesen und die Natur der Kunst
einzudringen Er fühlte sich zu Kastellani freundschaftlich hingezogen weil er
durch diesen am meisten in seiner Ausbildung in der Erkenntnis gewann er
besuchte die Gesellschaften fleißig und bestrebte sich kein Wort nichts was
er dort lernte wieder zu verlieren
    Kastellanis Begriffe von der Kunst waren so erhaben dass er keinen der
lebenden oder gestorbenen Künstler für ein Musterbild für vollendet wollte
gelten lassen Er belächelte oft Sternbalds Heftigkeit der ihm Raffael
Buonarotti oder gar Albrecht Dürer nannte der sich ungern in Vergleichungen
einließ und meinte jeder sei für sich der Höchste und Trefflichste »Ihr seid
noch jung« sagte dann sein älterer Freund »wenn Ihr weiterkommt werdet Ihr
statt der Künstler die Kunst verehren und einsehn wie viel noch einem jeden
gebricht«
    Sternald gewöhnte sich mit einiger Überwindung an seine Art zu denken er
zwang sich nicht heftig zu sein nicht seine Gefühle sprechen zu lassen wenn
sein Verstand und Urteil in Anspruch genommen wurden Er sah jetzt mehr als
jemals ein wie weit er in der Kunst zurück sei ja wie wenig die Künstler
selbst von ihrer Beschäftigung Rechenschaft geben könnten
    Es ward so eingerichtet dass sich die Gesellschaft zweimal in der Woche
versammelte und jedesmal wurde über die Kunst disputiert wobei sich Kastellani
besonders mit seinen Reden hervortat Sie waren an einem Nachmittage wieder
versammelt auch Kamillo war zugegen der abseits in einer Ecke stand und kaum
hinzuhören schien
    »Wenn man« sprach Kastellani »erst mehr die Frage untersuchen wird Was
soll Kunst sein was kann sie sein so werden wir auf diesem Wege weiterkommen
Ich bin gar nicht in Abrede und es wäre töricht von mir dergleichen zu
leugnen dass Michael Angelo ein ausgezeichneter Geist ist nur ist es wohl
Übereilung des Zeitalters ihn und Raffael über alle übrigen Sterblichen
hinüberzuheben und zu sagen seht sie haben die Kunst erfüllt
    Jegliche Kunst hat ihr eigentümliches Gebiet ihre Grenzen über die sie
nicht hinausschreiten darf ohne sich zu versündigen So die Poesie Musik
Skulptur und Malerei Keiner muss in das Gebiet des andern streifen jeder
Künstler muss seine Heimat kennen Dann muss jeglicher die Frage genau
untersuchen was er mit seinen Mitteln für vernünftige Menschen zu leisten
imstande ist Er wird seine Historie wählen er wird den Gegenstand überdenken
um sich keine Unwahrscheinlichkeiten zuschulden kommen zu lassen um nicht durch
Einwürfe des kalten richtenden Verstandes seinen Zauber der Komposition wieder
zu zerstören Den Gegenstand gut zu wählen ist aber nicht genug auch den
Augenblick seiner Handlung muss er fleißig überdenken damit er den größten
interessantesten heraushebe und nicht am Ende male was sich nicht darstellen
lässt Dazu muss er die Menschen kennen er muss sein Gemüt und fremde Gesinnungen
beobachtet haben um den Eindruck hervorzubringen dann wird er mit gereinigtem
Geschmacke das Bizarre vermeiden er wird nur täuschen und hinreißen rühren
aber nicht erstaunen wollen Nach meinem wohlüberdachten Urteil hat noch keiner
unsrer Maler alle diese Forderungen erfüllt und wie könnte es irgendeiner da
sich noch keiner der erstgenannten Studien beflissen hat Diese müssen erst in
einem hohen Grade ausgebildet sein ehe die Künstler nur diese Forderungen
anerkennen werden
    Um namentlich von Buonarotti zu sprechen so glaube ich dass er durch sein
Beispiel die Kunst um viele wichtige Schritte wieder zurückgebracht hat statt
ihr weiterzuhelfen denn er hat gegen alle Erfordernisse eines guten Kunstwerks
gesündigt Was will die richtige Zeichnung seiner einzelnen Figuren seine
Gelehrsamkeit im Bau des menschlichen Körpers wenn seine Gemälde selbst so gar
nichts sind Was soll ich aber genießen und fühlen wenn die Ausführung auch gar
keinen Tadel verdiente«
    »Nichts« rief Kamillo aus indem er mit dem höchsten Unwillen hervortrat
»Glaubt Ihr dass der große der übergrosse Buonarotti daran gedacht hat Euch zu
entzücken als er seine mächtigen Werke entwarf Oh ihr Kurzsichtigen die ihr
das Meer in Bechern erschöpfen wollt die ihr dem Strome der Herrlichkeit seine
Ufer macht welcher unselige Geist ist über euch gekommen dass ihr also verwegen
sein dürft Ihr glaubt die Kunst zu ergründen und ergründet nur eure
Engherzigkeit nach dieser soll sich der Geist Gottes richten der jene erhabene
Ebenbilder des Schöpfers beseelt Ihr lästert die Kunst wenn ihr sie erhebt
sie ist nur ein Spiel eurer nichtigen Eitelkeit Wie der Allmächtige den Sünder
duldet so erlaubt auch Angelos Größe seine unsterblichen Werke seine
Riesengestalten dulden es dass ihr so von ihnen sprechen dürft und beides ist
wunderbar«
    Er verließ im Zorne den Saal und alle erhuben ein lautes Lachen »Was er
nicht versteht« sagte Sternbalds Nachbar »hält er für Unsinn« Sternbald aber
war von den Worten und den Gebärden des Greises tief ergriffen dieser
entusiastische Unwille hatte ihn mit angefasst er verließ schnell die
Gesellschaft ohne sich zu entschuldigen ohne Abschied zu nehmen
    Er ging dem Alten durch die Straßen nach und traf ihn in der Nähe des
Vatikans »Verzeiht« sagte Sternbald »dass ich Euch anrede ich gehöre nicht zu
jenen meine Meinung ist nicht die ihrige immer hat sich mein Herz dagegen
empört so mit dem Ehrwürdigsten der Welt umzugehn«
    »Ich war ein Tor« sagte der Greis »dass ich mich wieder wie mir oft
geschieht von meiner Hitze übereilen ließ Wozu Worte Wer versteht die Rede
des andern«
    Er nahm Franz bei der Hand sie gingen durch das große Vatikan der Alte
eilte nach der Kapelle des Sixtus Schon fiel der Abend und seine Dämmerung
herein die großen Säle waren nur ungewiss erleuchtet Er stellte ihn vor die
Propheten und Sibyllen und ging schweigend wieder fort
    In der ruhigen Einsamkeit schaute Sternbald das erhabene Gedicht mit
demütigen Augen an Die großen Gestalten schienen sich von oben herabzubewegen
Er stand da und bat den Figuren dem Geiste Michael Angelos seine Verirrung ab
    Die großen Apostel an der Decke sahen ihn ernst mit ihren ewigen Zügen und
Mienen an die Schöpfungsgeschichte lag wunderbar da der Allmächtige auf dem
Sturmwinde herfahrend Er fühlte sich innerlich neu verändert neu geschaffen
noch nie war die Kunst so mit Heeresmacht auf ihn zugekommen
    »Hier hast du dich verklärt Buonarotti großer Eingeweihter« sagte Franz
»hier schweben deine furchtbaren Rätsel du kümmerst dich nicht darum wer sie
versteht«
 
                                Sechstes Kapitel
Franz fand den bisherigen Leichtsinn seiner Lebensweise nüchtern und ungenügend
er bereute manche Stunde er nahm sich vor sich inniger der Kunst zu widmen Er
brach den Umgang mit der schönen Lenore ab er fühlte es innig dass er sie nicht
liebe Sein Freund Kastellani verspottete ihn und bedauerte seine Anlagen die
nun notwendig verderben müssten aber Franz empfand die Leerheit dieses Menschen
und achtete jetzt nicht darauf
    Eine neue Liebe zur Kunst erwachte in ihm sein Jugendleben in Nürnberg
sein Freund Sebastian traten mit frischer Lieblichkeit vor seine Seele Er
machte sich Vorwürfe dass er bisher so oft Dürer und Sebastian aus seinem
Gedächtnisse verloren Er nahm seine geliebte Schreibtafel hervor und küsste
sie die verwelkten Blumen rührten ihn zu Tränen »Ach du bist nun auch
verwelkt und dahin« seufzte er Auch das Bildnis das er vom Berge mitgenommen
hatte stellte er vor sich  Ihm fiel der Brief der Gräfin in die Hände den er
bis dahin ganz vergessen hatte
    Er beschloss die Familie noch an diesem Tage aufzusuchen er fühlte ein
Bedürfnis nach neuen Freunden Franz nahm den Brief und erkundigte sich nach der
Wohnung sie ward ihm bezeichnet Die Leute die er suchte lebten vor der Stadt
in einem Garten Ein Diener empfing ihn und leitete ihn durch angenehme
Baumgänge der Garten war nicht groß aber voller Obst und Gemüse In einem
kleinen niedlichen Gartenhause sagte der Diener würde er die Tochter finden
die Mutter sei ausgegangen der Vater schon seit sechszehn Jahren tot Franz
bemerkte durch das Fenster einen weißen runden Arm eine schöne Hand die auf
einer Zither spielte Indem begegnete ihm ein alter Mann der fast achtzig Jahre
alt zu sein schien er verließ das Gartenhaus und ging durch den Garten nach
dem Wohnhause zurück Franz trat in das Zimmer Das Mädchen legte die Zither
weg als sie ihn bemerkte sie ging ihm entgegen
    Beide standen sich gegenüber und erstaunen beide erkannten sich im
Augenblicke Franz zitterte er konnte die Sprache nicht wiederfinden die
Stunde die er so oft als die seligste seines Lebens herbeigewünscht hatte
überraschte ihn zu unerwartet Es war das Wesen dem er nachgeeilt war die er
in seinem Geburtsdorfe gesprochen die er mit aller Seele liebte die er
verloren glaubte Sie schien fast ebenso bewegt er gab ihr den Brief der
Gräfin sie durchflog ihn schnell sie sprach nur von dem Orte wo sie ihn vor
anderthalb Jahren gesehen und gesprochen Er nahm die teure Brieftasche er
reichte sie ihr hin und indem hörte man durch den Garten ein Waldhorn spielen
Nun konnte sich Franz nicht länger aufrecht halten er sank vor der schönen
bewegten Gestalt in die Knie weinend küsste er ihre Hände Die wunderbare
Stimmung hatte auch sie ergriffen sie hielt die vertrockneten Blumen schweigend
und staunend in Händen sie beugte sich zu ihm hinab  »Oh dass ich Euch
wiedersehe« sagte sie stammelnd »allenthalben ist mir Euer Bild gefolgt« 
»Und diese Blumen« rief Sternbald aus »erinnert Ihr Euch des Knaben der sie
Euch gab Ich war es ich weiß mich nicht zu fassen«  Er sank mit dem Kopfe in
ihren Schoss ihr holdes Gesicht war auf ihn herabgebeugt das Waldhorn
phantasierte mit herzdurchdringenden Tönen er drückte sie an sich und küsste
sie sie schloss sich fester an ihn beide verloren sich im staunenden Entzücken
    Franz wusste immer noch nicht ob er träume ob alles nicht Einbildung sei
Das Waldhorn verstummte er sammelte sich wieder Ohne dass sie es gewollt
hatten fast ohne dass sie es wussten hatten beide sich ihre Liebe gestanden 
»Was denkt Ihr von mir« sagte Marie mit einem holdseligen Erröten »Ich
begreife es ewig nicht aber Ihr seid mir wie ein längstgekannter Freund Ihr
seid mir nicht fremde«
    »Ist unsre eigne Seele ist unser Herz uns fremd« rief Sternbald aus
»Nein von diesem Augenblicke an erst beginnt mein Leben oh es ist so
wunderbar und doch so wahr Warum wollen wirs begreifen  Seid Ihr glücklich
 Bist du meine süße Geliebte Bin ich der den du suchtest Findest du mich
gern wieder«
    Sie gab ihm beschämt die Hand und drückte sie Der alte Mann kam zurück und
meldete dass er ausgehn müsse Franz betrachtete ihn mit Erstaunen er erriet
dass es derselbe sein müsse der musiziert habe den er schon in der Kindheit auf
dem grünen Rasenplatze gesehen Die Bäume rauschten draußen so wunderbar er
hörte aus der Ferne das Geräusch auf der Landstraße jedes andre Leben erschien
ihm traurig nur sein Dasein war das freudigste und glorreichste
    Er ging weil er die Rückkehr der Mutter nicht erwarten wollte er
versprach seine Geliebte am folgenden Tage zu besuchen
    Durchs Feld schweifte er umher er sah noch immer sie den Garten ihr
Zimmer vor sich Er war in der Stadt und konnte sich nicht besinnen welchen
Weg er gekommen war In seiner Stube nahm er seine Zither und küsste sie er
griff in die Töne hinein und Liebe und Entzücken antwortete ihm in der Sprache
der Musik In der ganzen Natur vernahm er Gruß und Glückwunsch Er wollte seinem
Sebastian schreiben aber er konnte nicht zur Ruhe kommen Er fing an aber
seine Gedanken verließen ihn er schrieb folgendes nieder
Sanft umfangen
Vom Verlangen
Abendwolken ziehen
Oh gegrüßt sei holdes Glücke
Endlich endlich meinem Blicke
Längst gepflanzte Blumen blühn
Abendröte winkt herunter
Hoffe auf den Morgen munter
Winde eilen verkündens der Ferne
Blicken auf mich nieder die freundlichen Sterne
Keiner der nicht grüßend niederschaute
Ist es singen sie dir gelungen
Welche Töne rühren sich in der Laute
Von unsichtbarer Geisterhand durchklungen
Von selbst erregt sie sich zum Spiele
Will ihre Worte gern verkünden
Kennst du Vertraute die Gefühle
Die quälend beglückend mein Herz entzünden
O töne ich kann das Lied nicht finden
Das Leid das Glück das mich bewegt
Und Klang und Lust in mir erregt
Will ich von Glück von Freude singen
Von alten wonnevollen Stunden
Es ist nicht da und fern verschwunden
Mein Geist von Entzücken festgebunden
Beengt beschränkt die goldnen Schwingen
Geht die Liebe wohl auf deinem Klange
Ist sies die deine Töne rührt
Und dieses Herz mit strebendem Drange
Auf deinen Melodien entführt
Mit Ziterklang kam sie mir entgegen
Mein Geist in Netzen von Tönen gefangen
Ich fühlte schon dies Beben dies Bangen
Entzücken überströmte ein goldner Regen
Sie saß im Zimmer wartete mein
Die Liebe führte mich hinein
Erklang das alte Waldhorn drein
Dein voller Klang
Mein Herz schon oft durchdrang
Meiner Liebe vertraut
Von deinem Ton mein Herz durchschaut
Nun verstummen nie die Töne
Lautenklang mein ganzes Leben
Herz verklärt in schönster Schöne
Wundervollem Glanz und Weben
Hingegeben
 
                                    Nachrede
So weit hatte ich vor sechsundvierzig Jahren dies Jugendwerk geführt Es sollte
nun nach einigen Monden die Bestürmung und Eroberung von Rom erfolgen Der
Bildhauer Bolz der auch nach Rom gekommen sollte beim Sturm die Geliebte des
Sternbald entführen dieser aber trifft sie im Gebirge und entreisst sie dem
Bildhauer nach einem hartnäckigen Kampfe Sie retten sich in die Einsamkeit von
Olevani
    Nachher auf einer Reise durch das florentinische Gebiet trifft in Bergen
auf einem reichen Landhause Franz seinen Vater Ludovico ist sein Bruder den er
als Gemahl der schönen Nonne wiederfindet Alle sind glücklich in Nürnberg auf
dem Kirchhofe wo Dürer begraben liegt sollte in Gesellschaft Sebastians die
Geschichte endigen
Oft hatte ich in dieser langen Reihe von Jahren die Feder wieder angesetzt um
das Buch fortzusetzen und zu beendigen ich konnte aber immer jene Stimmung die
notwendig war nicht wiederfinden
    Aus der kurzen Nachrede die ich in meiner Jugend dem ersten Teile des Buchs
hinzufügte haben viele Leser entnehmen wollen als wenn mein Freund Wackenroder
wirklich teilweise daran geschrieben hätte Dem ist aber nicht also Es rührt
ganz wie es da ist von mir her obgleich der Klosterbruder hie und da
anklingt Mein Freund ward schon tödlich krank als ich daran arbeitete
    Berlin im Julius 1843
                                                                       L Tieck